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| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-07 15:51:10 -0800 |
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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Von Wundern und Tieren - Neue naturwissenschaftliche Plaudereien - -Author: Wilhelm Bölsche - -Release Date: September 16, 2017 [EBook #55559] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON WUNDERN UND TIEREN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - - Das Original ist in Fraktur gedruckt. Im Original gesperrter Text - ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist - ~so markiert~. - - Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des - Buches. - - - - -Von Wundern und Tieren - - - - - Von _Wilhelm Bölsche_ erschien früher im gleichen Verlage: - - Stunden im All. - - Naturwissensschaftliche Plaudereien. - - 11. u. 12. Auflage. Geb. M 14.-- - - - - - Von - Wundern und Tieren - - Neue naturwissenschaftliche Plaudereien - - von - - Wilhelm Bölsche - - 10. bis 12. Auflage - - - [Illustration] - - Deutsche Verlags-Anstalt - Stuttgart und Berlin 1920 - - - - - Alle Rechte vorbehalten - - ~Copyright 1915 - by Deutsche Verlags-Anstalt. - Stuttgart~ - - Druck der Deutschen Verlags-Anstalt - in Stuttgart - - - - -Inhalt - - - Seite - - Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau 1 - - Amadinens illuminierte Kinderstube 12 - - Die Vorfahren des Schmetterlings 21 - - Der Kampf um den Maulwurf 30 - - Das unheimliche Gila-Tier 42 - - Die drei Augen der Blindschleiche 51 - - Neues von den Wundern des Olm 59 - - Die unsterbliche Amöbe 70 - - Goldene Tiere 82 - - Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke 92 - - Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier 102 - - Der Gespensterzug der Lemminge 111 - - Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge 121 - - Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas 131 - - Tendaguru und der Rekord der Saurier 143 - - Der Schatz von Halberstadt 154 - - Sirenen 164 - - Die Entdeckung des Riesenklippdachses 175 - - Die Mammutschnitzer von Predmost 184 - - Die Furcht vor dem Menschen 195 - - Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen - schlug 206 - - Tiere als Schützen 216 - - Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere 226 - - Aus der Flottenkunst der Tiere 235 - - Das älteste Festungstor 256 - - Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan 266 - - - - -Vorwort - - -Es ist über hundert Jahre her, da kam Alexander von Humboldt von -seinen Orinoko- und Kordillerenfahrten zurück, aller Wunder der -Tropenlandschaft voll und wie verklärt von der ungeheuren Schau auf die -Herrlichkeiten der Natur an einer ihrer irdisch größten Stellen. Daheim -aber brannte der Krieg in roten Flammen zum Himmel. Eisern lag die -Hand der Fremdherrschaft auf seinem deutschen Volke, und nur ein neuer -furchtbarer Kampf verhieß, sie zu brechen. Damals erschienen dem edeln -Manne gegen den Sturm dieser Stunde seine Urwälder und Tiere, bei denen -er so lange gelebt und mit denen er so manches Abenteuer ausgefochten, -plötzlich wie ein fernes blaues Reich des Friedens. Und so widmete er -das wundervolle Werk, das er schrieb, die »Ansichten der Natur«, den -bedrängten Gemütern, deren Sehnsucht nach den Bergen ging, wo nach -den Worten des Dichters die Freiheit wohnen sollte und der Hauch der -Grüfte nicht in die reineren Lüfte drang. Die kleinen Naturskizzen -meines Büchleins hier sollen selbstverständlich nicht mit den Blättern -Humboldts verglichen werden, die heute mit Recht für klassisch gelten. -Höchstens, daß man eben an ihnen sehen kann, wie leicht es uns heute -gemacht ist, von der Natur zu erzählen, nachdem solche Vorbilder uns -den Weg gewiesen haben. Aber mein Büchlein fällt äußerlich in eine -ähnliche Zeit. Wieder ist der Himmel blutesrot, und noch ganz anders -als damals ringen wir um das Wurzelrecht und Kronenrecht unseres -Volksbaumes. Fast ist die Stunde zu groß sogar für das Eingeständnis -der Sehnsucht im bedrängten Gemüt. Dennoch meine ich, es trifft etwas -zu, das wohl auch Humboldt meinte. Selbst im furchtbarsten eigenen -Kampfe hat der Blick auf die große unerschütterliche Ewigkeitslinie -der Natur eine beruhigende Macht. Gewiß, daß kein größeres Wunder ist -als der Mensch selbst. Aber wenn aus diesem Wunder so die dämonischen -Züge glühen wie heute, so sucht der Gedanke das Rätsel der Natur, -das uralte, -- und er fühlt in ihm die starke Hand, die, wie du sie -nun nennen magst, zuletzt doch auch allen Dämon wieder zurückzwingt -zu der Ackerscholle und dem Pfluge heilig stillen Werdens auf immer -bessere Fernen zu. Um das zu erkennen und sich zu sagen auch in solcher -Sturmesstunde, kann kein Bild und Wunder zu klein sein, und wäre es -auch nur das Summen einer Mücke oder das leise Geigen des Heimchens -hinter dem Herd daheim, für dessen Friedensflamme unsere Helden draußen -streiten. - - * * * * * - -Die meisten Blätter des kleinen Bilderbuchs, die ich hier vereine und -die eine unmittelbare Fortsetzung meiner »Stunden im All« bilden, lagen -bereits bei Ausbruch des Weltkrieges gedruckt vor. Nur in den letzten -wird man leise das Gewitter vom düstern Horizont rollen hören. Zu der -Scherzstelle vom Regenwurm sei hier noch nachgetragen, daß dieser -merkwürdige Geselle gleich mehreren andern Tieren, deren Genuß dadurch -vorübergehend beeinträchtigt wird, gewisse Zeiten im Leben zu haben -scheint, wo er einigermaßen giftig wirken könnte. - -_Friedrichshagen_, 1. November 1915 - - Wilhelm Bölsche - - - - -Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau - - -Der Mensch mit seinen sonnenhaften Augen ist von Natur ein geborenes -Lichtgeschöpf. Dennoch hat ihn seine Kultur vielfältig genötigt, im -Finstern zu hantieren, lange hat er in Höhlen hausen müssen, und -nachher ersetzten die Höhle die düsteren Gänge und Verliese enger -Burgen, die Korridore und Treppen finsterer Schlösser und Häuser. -Selbst unsere höchste Technik von heute muß noch im Bergwerk graben, -muß Tunnels bohren. - -Die Phantasie hat das aber immer mit einem gewissen Grauen empfunden. - -Aus den schwarzen Schlünden krochen ihr Drachen und Scheusale aller Art -ungesehen auf den Eindringling los; in jedem Bergwerk läßt die Sage -gespenstische Bergmönche und schwarze Männer umgehen, die den armen -Grubenleuten den Hals umdrehen, und im alten Schloßkorridor spukt die -weiße Frau. Wo die Dinge aber real bleiben, da bleibt mindestens doch -die unheimliche Romantik der »Räuberhöhle« als fester Begriff. - -Und doch besaßen wir seit alters wenigstens die Gabe, künstliches Licht -da unten mit hineinzuführen. Was würden Wahrheit und Dichtung erst -für Grauen geschaffen haben, wenn uns Menschen im ganzen das Los für -unser Gesellschaftsleben getroffen hätte, das einem anderen, kleineren, -ebenfalls überaus geselligen und tatkräftigen Geschöpf unseres -Planeten zugefallen ist -- das Los: in den Ländern der hellsten, -glühendsten Sonne doch fast sein ganzes unsagbar verwickeltes, -millionenköpfiges Staatsleben, fast alle Wunder seines patriarchenhaft -gesegneten Liebeslebens in künstlich hergestellten finsteren, von -keinerlei Kunstlicht erhellten Schachtgängen auszuleben, ja da drinnen -selbst das zu treiben, was das Untrennbarste scheint von Sonne und -Licht: seinen ganzen Ackerbau ... - -Zu den Charaktergebilden tropischer Sonnenlandschaft gehören mitten -zwischen der üppigsten sonnenfrohen Vegetation gewisse künstliche -Hügel, manchmal bis sieben Meter hoch, steinhart, durchweg von außen -abgeschlossen gegen diese Sonnenwelt wie mit solidesten Klostermauern, -die finstere Verborgenheit des Innern zu wahren. - -Das sind die Bauten der Termiten, seltsamster Insekten, von denen erst -allmählich und neuerdings entscheidend bekannt geworden ist, daß die -geradezu märchenhaften Taten ihres Soziallebens und »Kulturwesens« fast -alles bisher von Ameisen und Bienen Berichtete noch in den Schatten -stellen. - -Die Termiten sind nach gangbarer Systematik engste Verwandte unserer -Küchenschaben oder Schwaden, also körperlich weder den Bienen noch den -Ameisen näher vergleichbar. - -In solchem, wie gesagt, mehrmillionenköpfigen Staat der auffälligsten -tropischen Arten lebt normal nur ein einziges eierlegendes -Riesenweibchen, die Termitenkönigin. Bis zu dreißigtausend Eier kann -sie an einem Tage legen, ewig so der wimmelnden Volksmasse Abrahams -Segen garantierend. Zehn, vielleicht sogar bis fünfzehn Jahre kann -sie das so treiben. Und ihr zur Seite steht dabei ebenso lange der -ebenfalls nur als einmalige nationale Kostbarkeit vorhandene König. - -Zusammen haben die beiden einst den Staat, der später den Hügel -bewohnt, individuell neu begründet, indem sie aus einem anderen Staate -eines Tages wie zwei Handwerksburschen fortwanderten, sich einten -und eine erste schlichte kleine Hütte bauten, in der ihre Hochzeit -stattfand und erste Kinderwiege stand. Aber aus dem Segen, der wachsend -auf ihnen ruhte, ergab sich bald ein ungeheures Volk um sie, in -Kasten geteilt, geschäftige kleine Arbeiter und wehrhafte Soldaten. -Dieses »Volk« schützte und fütterte von gewissem Zeitraum an auch das -ehrwürdige Elternpaar der Nation, und es fügte durch Unterkellern und -Überbauen zu der alten Hütte den kolossalen Staatspalast oder besser: -das Staatsbergwerk -- bis diese Hütte, in der nach wie vor der Urvater -und die Urmutter hausten und die Nation weiter und weiter ergänzten -und vergrößerten, nur noch ein einzelnes kleines dunkles Kämmerchen im -ganzen, die »Königszelle«, darstellte. - -Große Schachte ventilieren diesen Gesamtbau, ohne ihn doch im Innern -zu beleuchten. Denn wenn die Termiten auch wenigstens zum Teil selber -nicht so unbedingt lichtscheu sind, wie man früher wohl meinte, -und mehr als die hellende Sonne die trockenheiße Außenluft ihrer -Heimatländer scheuen, so bleibt doch tatsächlich ihr Leben ein extremes -Dunkelmännerdasein, dem nicht einmal das winzigste Grubenlämpchen -glüht. - -Allenthalben in das düstere Staatslabyrinth aber lagern sich -kellerartige Sonderräume ein, in denen als der eigentliche -Nationalwohlstand tatsächlich der eifrigste Ackerbau getrieben wird, -ein regelrechter Bergwerksackerbau, der in Wahrheit nichts anderes ist -als eine ebenso raffinierte wie dem Volkswohl ergiebige Pilzkultur -größten Stils. Das unterirdische Nährgeflecht der Pilze wird auf -besonders präparierten Mistbeeten künstlich gezüchtet und liefert vor -allem den »Kinderbrei« für die beständig wie Sand am Meer sich mehrende -Jugend des Volkes. - -Noch nicht anderthalb Jahrhunderte ist es her, daß wir auch nur ein -weniges von diesen Geheimnissen der Termite in ihrem finsteren Hades -wissen. Genauere Beobachtung setzte erst neuerlich ein, und ganz -besonders ist es der ausgezeichnete Münchener Professor K. Escherich -gewesen, der in den letzten Jahren durch Zusammenfassung des älteren -und reiche Sammlung neuen Materials unsere Kenntnis aufs glücklichste -erweitert hat. Je heller jetzt aber wenigstens das Licht unserer -Forschung in den Hades leuchtet, desto seltsamer, desto unerhörter -werden seine teils lustigen, teils grausigen Mysterien. Und ein -besonders unheimliches Kapitel betrifft da die »Gespenster« im Bau. - -Auch im Termitenbergwerk gehen graue Gespenster um, die den braven -Arbeiter in seiner Nacht bedrohen, kriechen gräßliche Drachen aus -unsichtbarem Höhlengang, die ihn als Beute fortschleppen. - -Bald sind diese »Gespenster« fremde Termiten, die in das Labyrinth -der normalen Bergwerksgänge ein noch feineres, für gewöhnlich -streng getrenntes Laufnetz für sich eingesponnen haben, von dem -aus sie diebische Vorstöße in die Vorratskammern der rechtmäßigen -Grubenbesitzer machen. - -Bald sind es echte Ameisen, die ebenso aus Geheimgängen, sozusagen aus -Wandschränken und unbekannten Hintertreppen, wie langbeinige Spinnen -jählings huschend auftauchen und nicht bloß stehlen, sondern auch -schon den kleinen hilflosen Termitenarbeiter selbst, dem gerade kein -wehrhafter »Soldat« beisteht, gelegentlich überfallen und als Mordbeute -verschleppen. - -Kleine Käferchen aus der Gruppe der Staphyliniden gleiten wie Gnomen -blitzschnell im Finstern vorbei, Kopf und Glieder tief unter einem -aalglatten Deckschild verborgen, das die Dienste einer Tarnkappe -tut; so unfaßbar wie allgegenwärtig, spielen sie die Hasen in den -unterirdischen Kohlfeldern der Pilzgärten. - -Ganz scheußlich aber sind die wirklichen »Drachenhöhlen« der -Abgrundsnacht da unten, auf die zuerst Escherich bei seinen Studien auf -Ceylon aufmerksam gemacht hat. - -Besonders in der Nähe der Pilzbeete, wo es stets von Termitenkindern -und ammenhaft wartenden und fütternden Arbeitstermiten wimmelt, finden -sich flaschenförmige Geheimgelasse, die mit schmaler Pforte in den -großen Pilzkeller, der solches Beet umschließt, einmünden. In jeder -dieser Extrahöhlen aber lauert ein fettes Ungetüm, das mit seinem -flaschenhaft verdickten Bauche genau in die Wölbung paßt. - -Dem Blick des Zoologen enthüllt es sich als die wunderlich -aufgeschwollene weiße Larve eines karabusähnlichen Käfers namens -Orthogonius -- also im Sinne unseres Maikäfers als ein »Engerling«. -Hier im Termitenschacht aber haben diese Engerlinge sich zu -regelrechten Drachen ausgebildet. - -Bei Homer lesen wir von der gräßlichen Scylla, die aus engem Felsspalt -plötzlich ihre Freßmäuler streckt, um sich am Menschenfleisch harmloser -Passanten zu mästen. Und so streckt auch der feiste engerlinghafte -Bewohner unseres Geheimschachts nur eben seine spitzen Kiefern aus dem -unsichtbaren Hinterhalte seiner Flaschenhöhle vor -- wehe aber dem -harmlos in die Nähe kommenden Termitenkinde, wehe der nichts ahnend -vorbeihastenden treuen Termitenamme! Unerbittlich werden sie gepackt, -hereingezogen und bestialisch abgeschlachtet. - -Die tückische Falle hat dabei eine ganz frappante Ähnlichkeit mit einer -anderen, die bei uns zulande der sogenannte Ameisenlöwe den Ameisen -stellt. Bekanntlich wühlt dieser Ameisenlöwe, der ebenfalls bloß die -räuberische Larve eines großen, äußerlich libellenähnlichen Fluginsekts -ist, im losen Sande zierliche Trichter aus, in deren Mitte er als böser -kleiner Minotaurus auf hinabstürzende Ameisen lauert. Das Hinabstürzen -befördert er dabei selber durch geschickt zielende Sandwürfe von unten. -Auch die kühnste Phantasie würde aber nicht zu erfinden wagen, daß -ein Heer solcher Ameisenlöwen ihre Fallgruben mitten im Ameisenhaufen -selbst etablierten. Die Engerlinge im Termitenbau haben in ihrer Weise -selbst diese tollste Überbietung erreicht! - -Kein Wunder, wenn sie an so vorzüglichem Fleck Schmerbäuche bekommen. -Fast wie die alte Termitenkönigin selber sehen sie endlich aus. Dabei -spielt aber offenbar noch etwas Besonderes mit. - -Diese staatserhaltende Dame, die Königin, wird, wie gesagt, in allen -späteren Semestern ihres gesegneten Daseins von ihren Vasallen, den -Termitenarbeitern, künstlich mit einem besonderen Futter ernährt, -das diese Arbeiter in ihrem eigenen Leibe wie in einer natürlichen -Milchflasche heranbringen und ihr einfüttern. Dabei aber schwillt -nun ihr Leib zu vielfach geradezu kolossalen Maßen an, die sie als -wahre Riesin über ihrem Volke thronen lassen. Dieser Umfang spielt im -ferneren bei ihr ja wieder seine gute Rolle für die doch ebenfalls bei -ihr so märchenhaft kolossale nationale Mutterpflicht. Offenbar aber -muß in dem Futter, das man ihr eintrichtert, schon etwas stecken, was -gerade auf ihn hinwirkt. - -Die bösen Engerlinge haben nun auf ihrer Lebensstufe keinerlei eigene -Mutterpflichten; hätten sie sie, so würden sie ohnehin ja doch nur -wieder neue Drachen erzeugen, sehr zum Unheil des Termitenvolks. -Gleichwohl wirkt auch auf sie offenbar jene Kraft des Futters, das sie -vielfältig beim Verzehren ganzer Termiten, die gerade ihre Milchflasche -im Leibe gefüllt trugen, einfach mitfressen mußten: sie werden -nicht nur wohlgenährt überhaupt, sondern sie bekommen regelrechten -künstlichen Königinnenumfang im Sinne königlicher Spezialmast -- genau -so, als wenn sie selbst gutwillig auf »Königin« von den Termiten -gefüttert würden. - -Von hier aus ist aber nun wiederum ein höchst wunderbarer Schachzug in -diesem verwegenen Spiel möglich geworden. - -Zu den Eigenarten, die das königliche Spezialfutter bei der -Termitenkönigin hervorbringt, scheint nämlich auch allgemein zu -gehören, daß der ungeheure, schließlich einer kleinen Kartoffel -vergleichbare Leib dieser Königin einen _narkotischen Saft_ absondert, -den die pflegenden Termitenarbeiter mit höchster Wonne schlürfen. Die -Lust daran ist so groß, daß es vielfach fast aussieht, als pflegten -sie die alte Dame nur deshalb so heiß, weil sie ihnen zugleich diesen -Kneiptisch, diese wahre königliche Staatskneipe, eröffnet. Mindestens -sind der Trieb zum Pflegen und die Freude an dieser Kneiperei aufs -engste bei ihnen aneinander angeschlossen. - -Wie aber nun, wenn dieses Narkotikum sich auch bei den Drachen in ihren -Höhlen einstellte? - -Es ließe sich etwas ganz Nichtswürdiges denken. - -Die Engerlingsdrachen kröchen einfach in das offene Termitengewimmel, -ja bis in das Heiligtum gar der Königszelle selber hinaus. Äußerlich -der Königin höchst ähnlich in der Leibesgestalt, würden sie von den -Termitenarbeitern, die sie nicht sehen, sondern nur fühlen können, -für wahre Königinnen gehalten, deren gelegentlich auch einmal mehrere -nebeneinander nach dem termitischen Hausgesetz nicht ganz unmöglich -sind. Man ginge ihnen also gar nicht mehr aus dem Wege, -- und -ungestört könnten sie ihr scheußliches Räuberhandwerk sozusagen mitten -auf der offenen Straße fortsetzen. - -Der bekannte Jesuitenpater Wasmann, dessen Philosophie nicht eben -jedermanns Sache ist, der aber als Spezialforscher auf diesen Gebieten -sich mit Recht allgemeiner Sympathie erfreut, hat gelegentlich da schon -von tapferen Orthogoniusengerlingen selbst vermutet, daß sie solche -freien Spaziergänge in Königinnenmaske probierten; Escherich hat es -gerade von dieser Sorte Käferlarven indessen nicht bestätigen können. - -Aber nehmen wir einmal an, andere »Drachen« da drinnen hätten -es wirklich gemacht. So mußte die Absonderung auch noch eines -königinhaften Narkotikums durch die verkappten Herren Räuber die -Situation nochmals ins ganz Tolle weitertreiben. - -Die Kneipgelüste der Termitenarbeiter mußten sich nämlich bei -Begegnungen mit höchstem Eifer auch diesen Räubern zuwenden. Während -die Scheusale rechts und links in die Schar der kleinen Kneipanten -im Dunkeln mit Scyllamäulern hineingriffen und nach Herzenslust ihre -Opfer massakrierten, strömte die Menge selbst ihnen immer begeisterter -entgegen. Da aber der Kneiptrieb so eng mit dem Füttertrieb hier -verschwistert war, boten sich die andrängenden Termiten, wenn sie genug -gekneipt hatten, gar auch noch den fremden Ungeheuern als freundliche -Fütterer dar, suchten sie zu nähren und zu pflegen wie wahrhaftige -Königinnen -- sie, die im nächsten Moment stets bereit waren, den -naiven Fütterer selbst oder irgendeinen seiner Nebenmänner leibhaftig -samt dem Futtertopf aufzufressen. - -Groteskes Bild: Rausch, sorgende Liebe und rücksichtsloser Mord, alles -bunt durcheinander waltend. - -Nun ist aber kein Zweifel, daß gerade diese letzte Station der Dinge -_wirklich_ existiert. - -Gewisse fertige Käfer (also nicht bloß Engerlinge) aus der Gruppe der -schon genannten Staphyliniden leben genau so im Termitenbau. Sie haben -Riesenbäuche wie Königinnen, laufen frei zwischen dem Termitenvolk -herum, schwitzen narkotische Kneipsäfte aus und werden von den -Termitenarbeitern mit Königinnenfutter genährt. Letzteres lassen sie -sich schon lange ganz gewohnheitsmäßig gefallen, so daß sich sogar ihre -Zunge durch Verbreiterung direkt daran angepaßt hat. Und doch sind -sie ihrem grundlegenden Wesen nach alte Räuber und Termitenfresser -geblieben nach wie vor! - -Einen Moment könnte man ja versucht sein, zu hoffen, das letzte Stück -dieses ungeheuerlichen Weges sei von selber bestimmt, doch noch wieder -auf einen Friedenspfad zu führen. - -Wenn nämlich jede Termite, die dem Räuber vor den Mund kam, ihn fortan -freiwillig fütterte, so brauchte er ja schließlich keine mehr zu -fressen! - -Die Beobachtungen sprechen bisher aber gegen diesen letzten Schluß. - -Bei den Ameisen, wo ganz ähnliche »lebendige Kneipen« in Gestalt -kleiner Käferchen vielfältig im Bau gehalten und ebenfalls gefüttert -werden, haben sich diese zweifelhaften Existenzen doch durchweg -nebenher noch als arge Räuber auch so erwiesen, und nicht viel -anders scheint es bei den Termiten zu stehen. Die allgemeine und -extreme Staatskneiperei, bei der echten Königin anscheinend noch -eine gemütliche, ja förderliche Zutat, hat eben zur regelrechten -Drachenzucht in diesem sonst so wohlgeordneten Staat verleitet. - -Ob die amüsante Geschichte aus Mutter Naturs Skizzenbuch hier am -Ende doch noch eine besondere Nutzanwendung hat? »Hingegen soll -der Branntewein um Mitternacht nicht schädlich sein.« Die Wahrheit -dieses ehrwürdigen Satzes wird beim Menschen neuerdings bekanntlich -öfter bestritten. Ob auch in der ewigen Mitternacht des dunklen -Termitenbaues die Kneiperei, selbst die staatlich konzessionierte, sich -schließlich doch nicht recht bewährt hat, indem sie zu solchen fatalen -Extravaganzen führte ...? - - - - -Amadinens illuminierte Kinderstube - - -Aus unseren Kinderstuben pflegt uns fürs Leben eine kleine Gespensterei -nachzufolgen, die unausrottbar fest bleibt. Im Märchen kommt es vor: -das Kind geht durch den finstern Wald, da funkeln plötzlich aus der -Dunkelheit ein paar rotglühende Augen. Alle dämonischen Schauer der -Nacht vereinigen sich in diesem Zuge. Wölfe und Teufel haben solche -Augen. - -Später lernt man dann, daß allerhand Tieraugen wirklich so leuchten, -gefährliche wie ganz harmlose; Katzen und Eulen sind das bekannteste -Beispiel, aber der Schmetterlingssammler merkt mit Staunen, wie auch -die Augen seiner Schwärmer, die abends so wild um Winde und Geißblatt -gaukeln, aufglühen gleich kleinen brennenden Kohlen, und im Berliner -Aquarium habe ich das unheimliche Phänomen in seltener Kraft an den -großen Glotzern der dicken Ochsenfrösche beobachten können. Unheimlich -bleibt es aber immer. - -Wie oft habe ich von schönen und sehr gebildeten Lippen gehört, daß -die Katzenaugen sich wirklich selber ihr Licht dabei anstecken, -daß sie irgendwie »phosphoreszieren«, wie die gangbare Meinung es -den Johanniswürmchen oder den winzigen Erzeugern des herrlichen -Meerleuchtens zuschreibt. - -Von solchen Leuchtkäfern und Leuchtinfusorien weiß man zwar heute, daß -auch ihr nächtlicher Glanz mit wirklichem Phosphorschein nichts zu -tun hat, sondern auf gewissen Stoffwechselprodukten dieser Lebewesen -beruht, die bei ihrer Verbindung mit Sauerstoff Licht hervorbringen. -Aber es bleibt hier doch wirklich bei »Eigenlicht«, und warum sollte -also das Katzenauge nicht eine ähnliche Kraft bewähren? Und wenn -wir von gewissen leuchtenden Fischen, die es in der ewig dunkeln -Tiefsee gibt, gar hören, daß ihre Leuchtorgane an besondere Nerven -angeschlossen sind, also willkürlich bald in Kraft gesetzt und bald -wieder »abgedreht« werden können, so scheint uns auch Frau Kätzin sehr -deutlich etwas derart zur Verfügung zu haben, denn jeder merkt, wie -auch ihre Glühäugelchen, wenn sie im Dämmer schleicht, bald aufglänzen, -bald wieder verlöschen. - -Es ist jetzt etwas über hundert Jahre her, daß Prevost zum erstenmal -die damals für die ganze Medizin und Zoologie nicht nur kühne, sondern -geradezu ungeheuerliche Behauptung aufstellte, das Leuchten des -Katzenauges sei nur eine ganz zufällige Reflexerscheinung für den -Beschauer, die durchaus nichts mit eigener Leuchtkraft oder gar Willkür -des Tieres selbst zu tun habe. Katzenaugen leuchteten überhaupt niemals -im absolut Dunkeln, sondern es bedürfe dazu stets eines (wenn auch ganz -schwachen) einfallenden Dämmerlichtes, das dann vom tiefen Grunde des -Auges je nach Stellung für den Zuschauer zurückgeworfen (reflektiert) -würde. - -Noch mehr als drei Jahrzehnte später mußte unser damals größter -deutscher Physiolog, Johannes Müller, diese richtige Deutung gegen -ernsthafte wissenschaftliche Gegner verteidigen, und es ist amüsant, -heute seine eigenen Worte darüber zu hören, die zugleich die -Sinnestäuschungen berühren, denen jeder ungeübte Urteiler bei so -delikaten Dingen zu unterliegen pflegt. - -»Wer,« sagt Müller, »für das Leuchten der Katzenaugen aus Neigung -eingenommen, dem empfehlen wir, wie wir getan haben, eine Katze in -einen absolut dunkeln Raum mit sich zu nehmen und sich vom Gegenteil zu -überzeugen, dabei aber die durch eine schnelle Bewegung unserer eigenen -Augen und durch Zerrung des Sehnerven entstehende, bloß subjektive -Lichtempfindung nicht zu verwechseln. Ein neuerer Versuch, den ich mit -einer Katze in einem absolut dunkeln Raum, in einem Keller der hiesigen -Anatomie, in Gegenwart mehrerer angestellt, fiel ganz negativ aus. Eine -Person hielt die Katze. Diese Person wurde von mir im Dunkeln an einen -Ort gestellt, den die anderen Anwesenden nicht kannten, den sie aber -wahrnehmen mußten, falls die Katze Licht aus den Augen ausströmte. Alle -sahen nichts, bis auf einen, dieser wollte zwei feurige Kreise gesehen -haben. Sogleich ließ ich diesen seinen Arm nach der Gegend ausstrecken, -wo er die Kreise gesehen haben wollte. Dann wurde die Tür geöffnet, -und nun zeigte sich, daß der Arm nach der entgegengesetzten Seite von -derjenigen, wo die Katze gehalten wurde, hinwies, zu nicht geringer -Belustigung. Offenbar hatte derjenige, der die zwei feurigen Kreise -sah, seine eigene Empfindung gesehen. Bei rascher Wendung der Augen im -Dunkeln sieht man wegen Zerrung der Sehnerven sehr leicht zwei feurige -Kreise, welche nichts als die gesteigerten Empfindungen der Sehnerven -sind.« - -Die Sache wurde aber wissenschaftlich erst ganz sicher, als der -Nachweis glückte, daß zwar bei Katzen, Eulen und Konsorten das -Augeninnere besonders gut reflektierte, tatsächlich aber bei richtiger -Einstellung auch bei jedem beliebigen anderen Auge der Erfolg im Sinne -der Theorie herausgezaubert werden könne, und zwar schließlich auch -beim Menschen selbst. Brücke, einer der genialsten Schüler Müllers, -konnte zum erstenmal zeigen, daß das menschliche Auge, wenn man es -in dunklem Raum mit einer Blendlaterne bestrahlte und dann einen -Beobachter an dieser Lichtquelle vorbei hineinblicken ließ, für -diesen Beobachter leuchtete! Und es war eigenartigerweise ein dritter -Physiolog ersten Ranges und anderer großer Schüler Johannes Müllers, -dessen Auge zum erstenmal zu diesem Experiment benutzt wurde, also zum -erstenmal ein Menschenauge mit »Katzenlicht« zeigen sollte: Emil du -Bois-Reymond. - -Der eigenartige Fund, der jetzt endgültig eine Jahrtausende alte -Volksmeinung umwarf, ist damals (auf der Wende zu den fünfziger Jahren) -in Fachkreisen besonders noch berühmt geworden, weil sich an ihn -unmittelbar einer der größten medizinischen Fortschritte aller Zeiten -anschloß: nämlich die Erfindung des sogenannten Augenspiegels durch -Helmholtz -- dieses wunderbaren Apparates, der es dem Arzt fortan -ermöglichte, ein vollkommenes Bild der Netzhaut am lebendigen Auge zu -gewinnen. Helmholtz kam einfach darauf, als er seinen Schülern eben -jene Brückesche Theorie des menschlichen Augenleuchtens in möglichst -anschaulicher Form vortragen wollte: er konstruierte in Zeit von acht -Tagen einen kleinen optischen Hilfsapparat dazu, und plötzlich erschien -etwas noch viel Bedeutsameres als bloß das Katzenleuchten eines -Menschenauges -- zum erstenmal hatte, wie er selbst berichtet, ein -Mensch die Freude, eine lebendige menschliche Netzhaut mit all ihren -verzweigten Blutgefäßen und der Eintrittsstelle des Sehnervs in der -eigenen natürlichen Vergrößerung durch ihre zugehörige natürliche Linse -klar vor sich liegen zu sehen. - -Hier aber sei nun ein kleiner Sprung erlaubt. - -Von den Wundern des Katzen- und Menschenauges wenden wir uns zu einem -der lieblichsten Schönheitswunder der Natur -- einem kleinen Vögelchen -von juwelenhafter Herrlichkeit. - -Mancher wird es kennen, denn obwohl seine Heimat der ferne -Eukalyptuswald Australiens ist, sieht man es doch seit Mitte der -achtziger Jahre nicht selten in unseren Liebhaberkäfigen. Ein altes -Volksmärchen läßt den lieben Gott, nachdem er alle Tiere hübsch -angemalt, den Stieglitz noch aus den letzten übriggebliebenen -Farbkleckschen zusammenstoppeln. Nun, in diesem Sinne möchte man -vermuten, er habe umgekehrt sein gesamtes Werk mit frischesten Farben -bei der Amadine, wie das Vöglein heißt, begonnen, denn mit solcher -genialen Pracht und zugleich doch solcher edlen Einfachheit der -Pinselführung ist kaum ein zweiter Vogel im großen Erdenatelier bedacht -worden. Die schönste Abart der sogenannten Frau-Goulds-Amadine, getauft -nach der Gattin des großen Spezialisten der australischen Vogelwelt, -Gould, wirkt bei einfachster Gestalt eines kleinen Sperlingsvogels -durch die Folge ihrer Farben, die in ungetrübter Schöne wie ein vom -Prisma gebrochenes Lichtspektrum über ihren zierlichen Körper gehen. -Rücken und Flügel vom durchsichtigsten Grasgrün, das gegen die dunkeln -Schwanzspitzen in ein zartes Himmelblau verdämmert; am Halse durch ein -ähnliches Blauband und einen schwarzen Samtstrich davon getrennt, eine -leuchtend blutrote Kopfkappe, die tief bis über die Wangen herabfällt -und prachtvoll gegen das Elfenbeinweiß des Schnabels und die schwarze -Kehle steht; wiederum zu diesem Grün und Rot aber die Brust mit einem -breiten Felde des unvergleichlichsten Lila, und ganz scharf wieder -dagegen abgesetzt, aber herrlich in der Farbenharmonie zugleich -einklingend, der Bauch mit dem sattesten Dottergelb. - -Seiner engeren Verwandtschaft nach gehört dieses Farbenwunder zu -den sogenannten Webefinken, jener Vogelgruppe, zu der unter anderen -auch der berühmte Siedelweber oder Siedelsperling zählt, eines der -merkwürdigsten »sozialen Tiere« der Erde. Er lebt nämlich nicht nur -gesellig in großen Scharen, die ihre Nester dicht gedrängt in den -gleichen Baum bauen, sondern die Schutzdächer dieser Nester werden -zu einem gemeinsamen Dach verschmolzen, das, allmählich immer mehr -verstärkt, zuletzt wie ein ungeheurer Heuschober in den afrikanischen -Buschbäumen hängt und die darunter liegenden, immer wieder neu -eingebauten Nesterkolonien gleich einer alten Zyklopenmauer beschirmt, -in deren Schutz die Generationen eines Dorfs aufwachsen. Solche -Leistung läßt wohl auf manches Verblüffende auch sonst in dem Liebes- -und Gesellschaftsleben dieser Vetternschaft der Weber schließen, aber -was von den Amadinen gerade hier bekannt geworden, das schießt doch im -eigentlichen Sinne »den Vogel ab«. - -Schon seit längerer Zeit war es den Anatomen aufgefallen, daß -die kleinen, noch nicht flüggen Nestjungen dieser und verwandter -Prachtfinken (wie der Liebhaber dieses zumeist farbenschöne Völklein im -ganzen zu benennen pflegt) in ihren »Spatzenecken«, wie der Volksmund -das wohl bei Menschenkindern bezeichnet, nämlich in den Mund- oder -Schnabelwinkeln, beiderseitig gewisse dick vorspringende Kugeln -zeigten. Bei den jungen Frau-Goulds-Amadinen saß jederseits genau ein -Paar solcher Anhängsel, und jede Kugel war schön blau mit einem dunkeln -Ring -- eine so auffällige Färbung bei einem solchen Nestling, daß sie -klärlich irgend etwas Bedeutsames markieren mußte. Wuchs das Junge sich -aus, so verschwand der ganze Spuk wieder vollkommen -- es mußte sich -also um etwas handeln, das speziell nur die Kinderstube anging. - -Nun, in die Kinderstube des Tieres spielt ja so manches für sich -hinein. Bald müssen die kleinen Lebensanfänger nach urgegebenem Gesetz -in ihr noch einmal Züge der Ahnen wiederholen, sozusagen Großvaters -Maske aufsetzen, ehe sie ihr eignes Gesicht endgültig bekommen. -Vielfach aber unterliegen sie auch besonderen Anpassungen dort, die nur -den Nutzzwecken der Kinderstube selbst dienen, gleichsam Wiegen- und -Windelanpassungen darstellen, wenn man es menschlich ausdrücken soll. -Sorgsame Beobachtung wies nun nach, daß es sich bei den jungen Amadinen -um einen Fall der letzteren Art allein handle, aber um einen ganz -unerwarteten. - -Wir alle kennen ein Bild aus dem trauten Leben der Mutter bei uns. -Es ist tiefe Nacht, alles weithin still und dunkel. Nur in der -Kinderstube dämmert ein blasser Schein. Dort läßt die treue Mutter -ein Nachtlichtlein brennen, um sogleich orientiert zu sein, wenn das -Kleine etwas braucht. Dunkel, immerzu recht dunkel ist es aber auch in -der Kinderstube solchen niedlichen Webervögelchens, -- in seinem fast -ganz geschlossenen Webernest. Und wenn der alte Vogel durch die kleine -Öffnung einfliegt und die hungrigen Kleinen atzen soll, so wäre auch -ihm wohl zu gönnen, daß er da drinnen ein Nachtlichtchen finden könnte, -das ihm den Weg zu den sperrenden Schnäbelchen wiese. Es ist aber in -der Tat dafür gesorgt, daß er es findet! - -Sobald er seine Kinderstube besucht, _leuchtet_ es ihm nämlich von -da drinnen entgegen wie kleine Lämpchen. Und diese Lämpchen sitzen -sogar höchst sinnreich gerade da, wo sie wirklich am besten auf den -Weg weisen: nämlich eben in den Schnabelwinkeln der kleinen Schnäbel -selbst. Es ist, als trage jede Jungamadine dort einige winzige, aber -vollkommen wirksame Glühbirnen angeheftet, deren Glanz das finstere -Stübchen illuminiert. Nichts anderes als solche angewachsenen -Glühbirnen sind eben die bewußten geheimnisvollen Kugeln mit ihrem Blau --- Leuchtorgane der Nestjungen zur Orientierung des fütternden Vogels -im finsteren Nest. - -Das war nun, als man endlich darauf kam, eine Entdeckung, wie sie -die Tierkunde selten erlebt hat. Leuchtende Vögel, und zwar zu so -sinnreichem Zweck! - -Auch hier mußte die Frage entstehen: konnte es ein echtes Leuchten -sein wie bei den Johanniswürmchen oder Tiefseefischen? Prinzipiell -hätte schließlich nichts im Wege gestanden, daß es selbst das war, -die Nestjungen hätten dann in ihren Glühbirnen eine echte oxydierende -Leuchtsubstanz produzieren müssen. Chun, der jüngst verstorbene -treffliche Leipziger Zoologe, hat nach sorgfältigster Analyse indessen -anders entschieden. - -Amadinens blaue Leuchtkugeln leuchten tatsächlich nach der Methode -des Katzenauges. Ohne selber Augen zu sein, wirken sie doch als -raffinierter Reflektierapparat. Sie fangen, konzentrieren und strahlen -hell zurück die schwachen Stäubchen Dämmerlicht der nicht absolut -schwarzen Neststube, genau wie das Katzenauge aus der Dämmernacht, die -uns als vollkommenes Dunkel erscheint, doch noch gleichsam einen roten -Funken sammelt. Das Wunderbarste aber ist, daß auch dieses reflektierte -Licht hier in den Dienst eines bestimmten Nutzzweckes tritt. Und -daß es ausdrücklich in einem besonderen Leuchtorgan nur für diesen -Zweck erzeugt wird, anstatt nebenbei zu entstehen wie im funkelnden -Katzenauge! - -Das macht Amadinens illuminierte Kinderstube zum Exempel einer -Lebensleistung, die bisher einzig in ihrer Art ist und mit der -gleichsam ein neues Kapitel der Naturgeschichte beginnt. - - - - -Die Vorfahren des Schmetterlings - - -In dem lieblichen Schöpfungsbilde der Bibel sehen wir, wie die junge -Erde sich mit allerlei Getier belebt. Vögel schwingen sich in die -Lüfte, Fisch und Walfisch tummeln sich im Meer, das Vieh geht zur -Weide, und der Wurm wühlt sich durch den Grund. Aber einen hat der -Chronist vergessen: den Schmetterling, der über die Blüten gaukelt. -Wieviel fehlte der irdischen Landschaft, wenn er nicht wäre! - -Goethe hat bei Gelegenheit seiner Metamorphose der Pflanzen einmal -gesagt, der Schmetterling sei selber eigentlich nur eine Blüte, die -sich eines Tages vom Stengel gelöst habe und frei fortgeflattert sei. -Er dachte dabei wohl an die wunderbare Wasserpflanze Vallisneria, bei -der sich die männlichen Blüten in der Tat selbsttätig von den Stielen -ablösen, um sich durch das Wasser zu den weiblichen tragen zu lassen. -Aber noch in einem tieferen Sinn hatte er recht. - -Die Raupe, die träg im Blattwerk der Pflanze hängt, immer nur auf -Fressen und Wachsen bedacht und in der Farbe oft grün wie das Blatt, -das sie verzehrt, hat in ihrem Stande etwas von der Pflanze selbst, die -bloß erst emporwachsend Sprossen und Blätter treibt. Der Schmetterling -aber, der aus dieser Raupe durch das Knospenstadium der Puppe eines -Tages ersteht, gleicht der Blütenbildung an solcher Pflanze. Wie sie, -tritt er in reifer Entfaltung gleich ganz hervor. Wie sie, lebt er -wesentlich nur der Liebe. Wie sie, prangt er durchweg in herrlichen -Formen und Farben. Der Kenner weiß sogar, daß Schmetterlinge nach -Vanille und anderem Aroma -- lebhaft duften können. Und zum Überfluß -ist der Schmetterling verknüpft mit dem Leben der Blume. Seit grauen -Zeiten ist er ihr Liebesbote geworden, der ihr selber unentbehrlich -ist, den sie mit Näschereien füttert, dem sie ihren Duft und ihre -Farben entgegenbringt. - -Seit grauen Zeiten! Aber auch das Graueste muß zuletzt einmal -angefangen haben. Auch unser Schmetterling mit all seiner Blumenschöne -und Blumenliebe muß zuletzt auch einmal auf Erden entstanden sein. - -Solange Menschen sich erinnern, war er da, aber das ist doch nur -eine ganz kurze Zeit. Wir blicken zurück in die wunderbaren Wälder -der Urwelt, durch die noch kein Menschenschatten mit Menschengröße -und Menschenqual ging. Und wir sehen im Steinkohlenwald, diesem -Sumpfforste gigantischer Schachtelhalme und Bärlappe, noch keine -leiseste Spur eines gaukelnden Schmetterlings. Wohl war das fliegende -Insekt als solches schon da. Sei es nun, wie die einen wollen, aus -einem trilobitenhaften Krebs damals hervorgegangen, der sich mit -schwerfälligem Erstlingsfluge aus einer austrocknenden Pfütze so zur -nächsten besseren rettete, -- sei es, wie andere vermuten, auf einem -langen Wege vom Tausendfuß gekommen: genug, es schwirrte, obwohl -in wirklich noch einigermaßen mühseliger Form, im kleinen unseren -Aeroplanen von heute noch vergleichbar, die auch vielleicht erst bei -unseren Enkeln einmal schmetterlingshaft zierlich werden. - -Seltsam freilich: in der relativen Größe, an Insektenmaßen selbst -gemessen, waren diese ersten lebenden »Aeroplane« des Steinkohlensumpfs -die Riesen ihres Geschlechts. Nie wieder sind Insekten auf Erden -überhaupt so kolossal geworden. Da flog mit »halbstarrem System«, das -sich erst nach oben aufrichten, aber noch nicht nach hinten gefaltet -übereinanderlegen ließ, der Koloß Meganeura, dessen Flügel zusammen -an dreiviertel Meter spannten. Aber Meganeura war kein Schmetterling, -näher verwandt war der Riese den heute noch in jener Methode fahrenden -Libellen. - -Lange noch auch in der mittleren Urwelt hat es prachtvolle Flieger aus -den Kreisen dieser Nichtschmetterlinge gegeben, wenn auch keine ganz so -kolossalen in der Folge mehr -- so flog noch in der berühmten Lagune -von Solnhofen zur Jurazeit die herrliche ~Kaligramma Haeckeli~, bei der -jeder Vorderflügel über 12 Zentimeter maß und auf allen Flügeln riesige -Kreisflecken wie bei unsern Pfauenaugen standen; sie war keine Libelle, -sondern eine Nächstverwandte jenes hübschen Insekts, das aus unserm -allbekannten »Ameisenlöwen« als seiner häßlichen Larve steigt. - -All diese Urweltler lehren uns aber nichts über den engeren Werdegang -unseres Schmetterlings. Überschlagen wir ungeheure geologische -Zeiträume nach jenen Steinkohlensümpfen und ihren riesigen Meganeuren -und machen erst wieder halt in jenen viel näheren, obwohl immer noch -urweltlichen Wäldern der Tertiärzeit, wo der Bernstein als Harzträne -von den Fichtenstämmen perlte und gerade Spuren des Insektenlebens -wie in einem Archiv aufbewahrte, so finden wir dort in der Tat schon -den Schmetterling vollendet. Der niedliche Bläuling gaukelte schon am -Tage um die Bernsteinbäume, der dicke Schwärmer nahte sich abends den -Waldblüten. Noch war auch damals die Zahl nicht groß, die grenzenlose -Prachtentfaltung muß erst in unseren eigenen Tagen liegen; aber die -Stunde war erfüllt, darüber ist kein Zweifel. Zwischen damals und jenem -nebelfeuchten Farnwalde von so viel früher muß die Schöpfungsstunde des -Schmetterlings gelegen haben, da er nicht einzeln wie jeder von heute -aus seiner Puppe, sondern im ganzen gleichsam aus einem anderen Insekt -hervorgekrochen war. Was könnte das aber für ein Insekt gewesen sein? - -Wir betrachten einen Moment genauer den heutigen Falter, irgendeinen -Admiral oder Trauermantel des Tals oder den wundervollen Apollo -der Hochgebirgsmatte, und zweierlei erscheint uns als sein -Charakteristisches im Gegensatz zu allem sonst vertrauten Insektenvolk. -Seine Mundwerkzeuge bilden statt harter und roher Beißer eben -jenen feinen Saugrüssel, mit dem er den Blütennektar nascht. Und -eben seine blütenhaft bunte Farbenpracht entsteht durch eine Art -köstlichen Pelzes, dessen schuppenförmigen Haare lose in dem zugrunde -liegenden nackten Glasflügel wurzeln. In der Herkunft dieser beiden -Besonderheiten muß das Geheimnis der Schmetterlingsherkunft stecken. -Hier mag uns aber ein kleines Erlebnis bedeutsam werden, das wohl ein -jeder von uns einmal durchgemacht hat. - -Wir haben als Kinder im flachen Schilfgrund gegründelt oder das -angeschwemmte Genist des Ufers zerteilt. Da geriet uns ein sonderbares -kleines Futteral aus zäh verknüpften Rohrstückchen, Sandkörnchen oder -gar Schneckenhäuschen in die Hand, das wir nicht zu deuten wußten. -Indem wir es aber drückten, schaute vorne ein unwillig gestörter -häßlicher Kopf vor: in der Hülse wohnte als ihr Verfertiger ein langer -wurmhafter Geselle. Das jetzt aber war kein echter Wurm, sondern auch -eine Insektenlarve, entsprechend dem Raupenstande beim Schmetterling. -Köcherfliege oder Köcherjungfrau heißt das fertige Insekt, das später -aus ihr hervorgeht, ein Flügelinsekt, das auf sehr viel gelenkigerem, -schon hinterwärts kunstvoll zusammenfaltbarem Luftschiff dahinfahren -wird, als es etwa eine Libelle besitzt. Aber bezeichnenderweise wird -solche Köcherjungfrau auch »Wassermotte« genannt. Wirklich trägt sie, -einzig unter allen nicht schmetterlingshaften Insekten der Jetztzeit, -auch auf ihren Flügelchen einen deutlichen bunten Pelzbesatz, obwohl -von etwas primitiverem Haarstande. Und ebenso erscheint auch ihr -kleiner Mund verkümmert zum derben Beißen, er bietet bereits den -deutlichen Anfang eines zarten Blütensaugers. Wie ein Doppelgänger -taucht dieses Wasserkind neben dem Schmetterling auf, eine leichte -Bleistiftskizze gleichsam zu dem dort glänzend vollendeten Kunstwerk. - -Schon früh ist es also denkenden Beobachtern aufgeblitzt: hier müsse -noch etwas bis heute fortleben aus dem ursprünglichen Werdegang des -Schmetterlings, und, einmal angeschlagen, hat das dann zu einem weiten -Gewebe der Möglichkeiten gelockt. - -Jene Köcherfliegen oder Phryganeiden verknüpfen sich selber heute -ziemlich ersichtlich noch mit einem anderen Insektengeschlecht. Das -sind die sogenannten Skorpionfliegen oder Panorpaten. Sie führen -keinen Flügelpelz und keinen sanften Honigheber. Ein wildes Räubervolk -sind sie, mit einem bösen Beißschnabel, der unerbittlich über anderes -Insektenvolk herfällt; die bekannteste Sorte führt beim Männchen -hinten eine zum Rücken umgeschlagene Zange, die an den gefürchteten -Stachel des Skorpions gemahnt. Zweifellos ist solche Skorpionfliege -ein niedrigeres und altertümlicheres Insekt, zugleich aber deuten -mancherlei Indizien darauf, daß gerade sie einst die Ahnfrau der -schon viel feiner organisierten Köcherjungfrau war. Skorpionfliege, -Köcherjungfrau, Schmetterling -- hier lebte also heute noch etwas wie -der Schatten eines Stammbaumes ... - -Gehen wir damit aber wieder in die Urwelt selber zurück. Da ist es -nun sehr interessant jetzt, daß die Skorpionfliegen gar sehr eines -beträchtlich hohen Alters verdächtig sind. Sie tauchen in zahlreichen -unmittelbaren Resten (Abdrücken von Flügeln) etwas vor der Mitte -zwischen jenen schmetterlingsleeren Steinkohlensümpfen und den schon -von Schmetterlingen besuchten Bernsteinforsten auf: zu Anfang der vom -Ichthyosaurus allbekannten Jurazeit. Feine Indizien aber verknüpfen -sie dort wieder rückwärts noch bis zu den wirklichen Urinsekten des -Steinkohlensumpfes selbst, so daß man wohl annehmen darf, sie mit -ihren bis heute ja noch so viel roheren Beißorganen sind ursprünglich -doch auch von dort hergekommen. Nun aber sehen wir des weiteren -etwas geradezu verblüffend an jenen geahnten höheren Stammbaum auch -urweltlich Anschließendes. - -Schon in den Gesteinsschichten jenes untersten Jura finden sich neben -den deutlichen Flügeln von Skorpionfliegen auch bereits einzelne Flügel -noch erkennbar abgeprägt, die heutigen Flügeln der Köcherjungfrau -gleichen. Und schon im mittleren und oberen Jura gesellen sich dazu -einzelne noch weitere Flügel, die jetzt gar schon stark an den echten -Schmetterlingsflügel von heute gemahnen. An sehr verschiedenen Orten -ist man bisher auf diesen ersten Schatten des Urschmetterlings -gestoßen: in England, in Sibirien und im berühmten lithographischen -Kalkstein von Solnhofen in Franken. Im letzteren hatte man allerdings -lange die Abdrücke von Holzwespen mit Schmetterlingen verwechselt, -aber nachdem dieser Irrtum erledigt war, gab es doch auch echte -Schmetterlingsflügel dort. Und da scheint nur ein schlichter Schluß -möglich. - -Schon zu Anfang der Jurazeit hatte sich ein Teil der alten -Skorpionfliegen in Köcherjungfrauen verwandelt, und im Verlauf der -Juraperiode dann gingen wieder aus einem Teil der Köcherjungfrauen -die echten Schmetterlinge hervor. Immer wandelte sich nur ein Teil, -wohlbemerkt, denn es leben ja heute neben den Schmetterlingen auch noch -(allerdings wenige) Skorpionfliegen und ein gut Teil Köcherjungfrauen -fort; das ist die alte Sache wie fast immer im Stammbaum; neben dem -Neffen lebt der Onkel auch noch weiter. Indessen ist hier noch eine -Erwägung nötig, die zugleich das Bild des Hergangs noch farbiger macht. - -Frühlingsfliege sowohl wie noch viel vollkommener der Schmetterling -selbst besitzen heute durchweg einen reinen Blütensaugapparat. Dazu -aber sind höhere Blüten nach Art unserer heutigen von Insekten -besuchten nötig. - -Nun hat es aber solche Blüten in jener Juraperiode noch gar nicht -gegeben, sie entstanden erst in der folgenden Kreidezeit, die noch -zwischen den Jurawäldern und dem Bernsteinforst liegt. - -Wir müssen also annehmen, daß, der Not der Zeit gehorchend, auch -die erst erstandenen Köcherjungfrauen der Jurazeit noch beißende -Mundwerkzeuge gleich den älteren Insekten besaßen. - -Auf dieser Stufe aber müssen zunächst doch die Flügel bei einem Teil -ihres Urvölkleins schon mehr oder minder schmetterlingshaft geworden -sein, so daß man mit einigem Recht schon von diesen Vertretern -damals hätte sagen können, es waren bereits Schmetterlinge, doch -Schmetterlinge auch noch mit beißenden Kiefern ohne Honigrüssel. - -Es ist dabei wieder interessant zu bemerken, daß noch heute einige -wenige Schmetterlinge uns lebend beinahe noch diese Urstufe vor Augen -bringen; so hat der primitivste aller lebenden Schmetterlinge, von -dem die Art ~Micropteryx~ oder ~Eriocephalus Calthella~ bei uns in -Europa vorkommt, noch regelrechte kauende Mundteile mit wohlerhaltenem -Oberkiefer anstatt des Saugrüssels. - -Und erst in der Kreidezeit selber werden wir dann annehmen dürfen, -daß sowohl die echt verbleibenden Köcherjungfrauen wie die Partei der -schon werdenden Schmetterlingsflügler unter ihnen fast auf der ganzen -Linie sich wirklich den entstehenden Blumen (und die Blumen ihnen) -auch im Mundbau anschlossen, womit für den Schmetterling erst das -ganz Ätherische, vom Brutalen Abgelöste seines endgültigen Schicksals -gegeben war. - -Nachdem zuerst in der langsam prägenden Urweltshand sein farbenfroher -Flügel sorgsam fertiggestellt worden war, folgte jetzt der Honigmund. - -Und so ist er bereits in den sonnendurchhellten Bernsteinwald -eingeschwebt, so ist er als lieblichstes Schöpfungsmärchen -heraufgegaukelt bis zu uns. - - - - -Der Kampf um den Maulwurf - - Da liegt der schwarze Bösewicht - Und wühlte gern und kann doch nicht, - Denn hinderlich, wie überall, - Ist hier der eigne Todesfall. - - -Diese klassischen Worte Wilhelm Buschs charakterisieren den Kampf _mit_ -dem Maulwurf. - -Wenn es aber eine ausgleichende Gerechtigkeit in dieser zweideutigen -Welt gibt, so hat sie offensichtlich zur Sühne uns Menschen den Kampf -_um_ den Maulwurf auferlegt. - -Unsere Menschheit fängt gegenwärtig an, so ungeheuer klug zu werden, -daß man fast mit einigen Ängsten an das Wort denkt, daß allzukluge -Kinder nicht alt werden. Wir wissen, was für Stoffe in den Sonnen des -Andromedanebels glühen, wir erzählen uns, daß der Lichtdruck Tröpfchen -von 0,00016 Millimeter Durchmesser bewegt und daß auf jedes solcher -Tröpfchen 96 Millionen Moleküle gehen, und wir werden demnächst wohl -über den Gaurisankar fliegen ... in solchen Momenten ist es aber -nützlich und spricht doch für eine etwas längere Lebensdauer, daß wir -noch immer nicht genau die Geheimnisse des Maulwurfshaufens kennen. - -In einer geordneten und sozusagen approbierten Wissenschaft ist der -Maulwurf trotz seines blauen Fellchens immerzu bis heute der roteste -Revolutionär. - -Mit seinem heimischen Genossen, dem Igel, hat er im System so lange -rumort, bis man ihm und seinen Vettern glücklich eine ganze eigene -Säugetierordnung hat einräumen müssen, die der »Insektenfresser«, -deren Name besonders gut auf den Maulwurf paßt, indem er nämlich -hauptsächlich Regenwürmer, die bekanntlich keine Insekten sind, frißt. - -Auch dann aber noch sind mit ihm immerfort ärgerliche, wie Fontane -sagen würde: genierliche Sachen passiert. - -Das ganze so sehr zu preisende neunzehnte Jahrhundert hindurch ist -eine (immer dieselbe) Abbildung seiner unterirdischen Burg durch alle -Fachwerke gegangen, die nach Ansicht neuester Kritiker nur den einen -Fehler hatte, daß sie mindestens als Regel verkehrt war. Auch mußte -gerade bei ihm der doch gewiß nicht alltägliche Fall sich ereignen, daß -die Anatomen eine Zeitlang die Weibchen mit den Männchen verwechselten, -eine mindestens unhöfliche Geschichte. Doch der eigentliche »Fall -Maulwurf« beginnt erst mit einer dritten Situation, nämlich bei der -Frage, ob er ein Racker oder ein Engel in seinem Verhältnis zu uns sei. - -In der besagten hübschen Geschichte bei dem stets unparteiisch -warmherzigen Altmeister Busch setzt der brave Gärtner sich bei dem -vernichtenden Schaufelstoß gegen den Mull zugleich hinterrücks in -die Spitzen der Gartenharke. Und das ist gewissermaßen ein Symbol -der Maulwurfsfrage im ganzen. So leicht wir den kleinen Samtkerl -hochprellen und aufs rote Näschen hauen können -- dieses rote -Näschen, das ein so unfaßbar feiner Fühlapparat für die leisesten -Zitterbewegungen des Erdreichs ist, daß man es schon ernstlich unseren -großen menschlichen Seismographen oder Erdbebenmessern vergleichen -möchte --: das Problem ist, inwieweit wir uns dabei alle miteinander -dauernd auf eine Gartenharke in unserer Kultur setzen könnten, die uns -tückisch ins gegenseitige Fleisch sticht. - -Der Bauer, das »Volk« überhaupt, ist seit alters der zähen Meinung, -daß der Maulwurf ein unleidlicher Schädling sei. Die Dorfgemeinden -stellten, wie Kreuzotterfänger, so besondere Maulwurfsfänger an, -in manchen Gegenden »Schärmäuser« genannt nach dem süddeutschen -Maulwurfsnamen »Schärmaus«, der auf ~scero~ zurückgeht und mit dem -Anschluß an die Maus deutlich schon das Böse hineinschmuggelt; denn was -eine echte Maus ist, ist immer ein Unnutz. - -Wer nun Volkesstimme ohne weiteres in der Naturgeschichte für -Gottesstimme zu halten geneigt ist, der wird darin einen vollgültigen -Beweis sehen, und das Volk hat ja gewiß so manche alte Weisheit, von -der auch Forscher noch lernen können. Aber daneben flattern durch die -Volksnaturgeschichte auch ebenso sicher allerhand Gespenster. Der -Bauer, der die Fledermaus für ein verderbliches Scheusal hält, das -in die Haare fliegt und ihm im Schornstein den Speck wegfrißt, oder -der die nützliche Eule als Unhold übers Scheunentor nagelt, wird uns -schwerlich für den Nutzen und Schaden des Mulls, wenn er ihn für eine -wurzelfressende Maus hält, kompetent sein können. - -Die erste Tat des Forschers war also auch der Nachweis, daß unser Mull -kein Nagergebiß habe, sondern ein Raubtiergebiß, das in seiner Weise -sogar das der echten Raubtiere noch übertrumpfe und jedenfalls, wie es -im Märchen heißt, in seinem Reich »Vieh und Leut« fresse, aber nicht -Rüben. - -Wie alles Wissenschaftliche auch immer einmal wieder angezweifelt zu -werden pflegt (an sich kein Schaden!), so hat man diese Räubernatur -gelegentlich zwar bestritten, aber ohne Glück. Wollte doch gar einer -(wie Meister Heck im neuen Brehm erzählt) den leibhaftigen Maulwurf -gesehen haben, wie der niederträchtige Kerl halb aus seinem Loch vorkam -und ein Rübenblatt nach dem anderen abknabberte. Hier aber möchte man -wohl den alten Satz anwenden: es hat einer manches gesehen, und es -ist doch nicht wahr. Mit einer Einzelbeobachtung auf falscher Fährte -kann man auch beweisen, daß der Hund Gras fresse, und ein so famoser -Beobachter wie der alte Adolf Müller hat allen Ernstes einmal sogar den -Kuckuck brüten »sehen«. - -Wenn aber unser Mull wirklich ein »Tierfresser« ist, so scheint doch -seine Nützlichkeit erwiesen; denn was soll er in seinen unterirdischen -Labyrinthen, wo er das Erdreich auf wahren Atlasschultern im kleinen -trägt und wälzt, anders fressen als wirkliche Schädlinge des Landmanns, --- mit den bösesten, den Engerlingen, voran? - -Indessen hier kamen die Gärtner und verwiesen auf den »Wühler«. - -Was er schließlich fresse oder nicht fresse, das sei das ganz -Nebensächliche. Aber mit seinem unterirdischen Pflügen und -oberirdischen Bergbauen kreuze er immerfort das Werk des Menschen -an den Stellen, wo die Erde ein Schmuck -- etwa in einer prächtigen -Parkwiesenfläche -- und nicht ein schmutziges Bergwerk mit Stollen und -Halden sein solle. Gerade hier aber war nun wieder und erst recht etwas -auch nach der anderen Seite Hochbedeutsames angeschlagen. - -Für die schöne Außenseite des Parks, dessen Ideal eine smaragdene -Grasfläche ohne Makel ist, oder im Beet mit seinem kleinen -Pflanzenvolk, das in der Wurzel nicht gelockert sein will, mag der -Bergmann im Samtröcklein verpönt bleiben. Aber wir verdammen doch nicht -in Bausch und Bogen unseren menschlichen Grubenbetrieb bloß deshalb, -weil es nicht hübsch wäre, wenn er vermöge deplacierter Wahl seines -Arbeitsfeldes die Peterskirche zum Einsturz brächte oder den Berliner -Tiergarten mit schmutzigem Schutt durchsetzte. Gerade als Bergarbeiter -ist unser Maulwurf wirklich noch etwas ganz anderes als bloß ein -Fresser und Nutzfresser, und dieses andere scheint zunächst erst seinen -_eigentlichen_ Wert zu berühren. - -Mit kurzem Wort gesagt: der Maulwurf gehört hier zu den »geologischen -Tieren«. - -Geologische Tiere sind Tiere, die nicht bloß auf der gegebenen -Erdscholle leben, lieben und herumfahren, sondern es sind solche, die -an der Bildung und Umbildung unserer Erdrinde selber aktiven Anteil -nehmen, also im recht eigentlichen Sinne »geologisch« für jene anderen -mit wirksam sind. - -Tiere dieser Art hat es seit den ältesten Tagen der Erdgeschichte -immer wieder in Masse gegeben, und durchweg war ihre Arbeit von der -allergrößten Bedeutung. - -Die Korallentiere gehörten dazu, die schon in der Urwelt Kalkriffe -gebaut haben, deren Ruinen jetzt hohe Berge bilden, und die heute -noch im Stillen Ozean die Umrisse längst versunkener Inseln in zähem -Konservativismus durch ihre aufgesetzten Mauern erhalten, als sei alle -geologische Elementarbeit zu schwach, ihre eigenen und eigensinnigen -Wege zu hemmen. - -Nicht alle »geologischen Tiere« aber bauen selber in Korallenweise -neuen Grund. Andere verarbeiten nur das Vorhandene -- gerade das aber -kann wieder für dritte, gleichsam bloß genießende Wesen erst recht -von höchstem Nutzen sein. Sie arbeiten mit an der Umwandlung der -ursprünglich mehr oder minder starren Gesteinsrinde unseres Planeten -in eine dem übrigen Leben, vor allem dem Pflanzenleben brauchbare -Erdkrume. In der vorhandenen Krume lockern und lüften, karren und -fahren und bewässern sie unablässig, als wären sie selber angestellte -Gärtner und Bauern im Dienste des großen Naturparks oben, ohne Wissen -natürlich von dem Nutzen im irdischen Gesamtspiel, bloß auf ihren -eigenen Gewinn bedacht, aber durch die Verkettung der Dinge immerfort -ein reger Faktor von höchstem Wert für alles, was mit Wohl und Weh des -großen Erdengartens zusammenhängt. - -Und auf diesem letzteren Felde schafft nun auch der Maulwurf. - -Mit seinem Wühlen und Hochstoßen durchlüftet er den Grund und -Boden aufs glücklichste und schafft auch der Feuchtigkeit besseren -Eingang, so daß er überall da, wo es nicht auf das schöne Aussehen -der Oberfläche oder eine sehr zarte Kultur ankommt, ein unentwegter -Förderer des Pflanzenwuchses wird, dessen sich auch der Mensch in -unzähligen Fällen freuen muß. Das hat schon der alte Tierkundige Gesner -im sechzehnten Jahrhundert geahnt, wenn er sagte: »Ich hab von etlichen -bauleuthen vernommen, daß sie kein Schärmauß auß den wisen oder matten -schlagen, vermeinen, der boden in den wisen müsse also gleich wol unten -erbauwen werden als das väld mit dem Pflug.« - -Nimmt man nun hinzu, daß der unterirdische kleine Pflüger zugleich aus -jeder Furche, die er ritzt, die wirklichen Pflanzenverderber, wie den -bösen Engerling, absucht und vertilgt, so meint man, es könne nicht -leicht einen braveren Helfer für uns geben. - -Aber der wahre Naturhaushalt ist ein verwickeltes Ding -- immer noch -wieder um ein Geheimfach verwickelter, als wir auf rascher Suche ahnen. - -Eben als solches »geologisches Tier« kommt unser Mull auf seiner -unterirdischen Jagd nämlich in Konflikt mit einem anderen »geologischen -Tier«, das jetzt als solches _noch_ weit nützlicher für das -Pflanzenleben und damit für uns ist -- mit dem wirksamsten und zugleich -nützlichsten, das es von echten Tieren da unten in der Scholle -überhaupt gibt -- nämlich mit dem Regenwurm. - -Hoch klingt heute das Lied vom Regenwurm in unserer Bodenkultur. -Der alte Darwin, den die meisten nur von seiner Abstammungstheorie -kennen, der in Wahrheit aber auch hunderterlei anderes in unsagbarem -Beobachterfleiß ergründet hat, ist zuerst sein Prophet geworden. - -Der Regenwurm treibt zunächst ganz das gleiche als praktischer Geologe -wie der Maulwurf, bloß noch gründlicher und weniger stürmisch. Er -lockert den Boden, durchsetzt ihn mit senkrechten Röhrchen, die -den Pflanzenwurzeln erwünschten Raum bieten, er durchlüftet und -durchfeuchtet ihn, läßt das Wasser und die Kohlensäure auch an die -tieferen Schichten heran. - -Aber noch unvergleichlich viel mehr tut er als der Maulwurf. Indem er -in der bekannten Weise welkes Laub in seine Erdhöhlen zieht, düngt er -regelrecht auch den Grund, in dem er lebt. In der harten Erde weiß er -aber dieses Düngens noch einen praktischeren Weg. - -Wie der Märchenjunge im Breiberg frißt er sich durch diese Erde einfach -durch, indem er sie aufweicht, in sich aufnimmt und die innerlich -verarbeitete dann oben auf der Decke in natürlicher Weise wieder -absetzt. Nicht ganz im Rahmen parlamentarischer Redeformen tut er das, -aber nützlich, unendlich nützlich für die Güte und Ertragskraft des -Bodens! - -Geradeso entsteht erst die allerfeinste, weichste Pflanzenerde. -Zugleich wird das Erdreich unablässig von oben nach unten gearbeitet. -Der Wiesenboden oben wird beständig erneuert, er glättet sich, da auf -die Dauer jeder störende Stein bei dieser konsequenten Umkrempelung in -die Tiefe absinken muß, ja zuletzt sind diese armen Würmer im Lauf -der Jahrtausende regelrechte Erdbaumeister, die das ganze Bild da oben -bestimmen, die begraben und versenken und überschütten, den Granitblock -wie die gefallene Tempelsäule. Immer aber bleibt ihr Geschenk an uns -die köstliche Erdkrume in vollendetster Gestalt. - -Ja wohl nun: der Maulwurf frißt Engerlinge und andere Schädlinge, aber -viel mehr noch und zumeist frißt er eben diese seine geologischen -Mitarbeiter, die Regenwürmer! - -Seine wie ein unterirdisches Spinnennetz ausgebreiteten Labyrinthgänge -pflegen gerade so zu liegen, daß die Würmer sie bei ihrem Tagewerk -immerfort durchschneiden müssen, wobei sie dann wie die Fliegen unter -das Messergebiß des kleinen Minotaurus fallen, während die Engerlinge -nur gelegentlich einmal hineingeraten. Unglaubliche Massen von Würmern -werden so vertilgt. Und der barbarische Zyklop kerkert sich sogar ganze -Wintervorräte lebender Wurmopfer ein, deren ein sicherster neuerer -Beobachter, Dahl, in einem einzigen Maulwurfsbau 1280 Stück in einem -Gewicht von 2,13 Kilogramm gefunden hat. Und so sänke der Kurs des -Maulwurfs abermals. - -Mancher ausgezeichnete moderne Tierkundige ist da wieder ganz und gar -zum Zweifler geworden. Der treffliche Züricher Nutztierforscher Conrad -Keller möchte schon die alten Schärmäuser bei den Flurkommissionen -wieder anerkannt sehen, und auch Heck hat wenigstens seine Bedenken. -Ich aber meine, es langt noch wieder nicht zum hochnotpeinlichen -Beschluß. - -Zunächst ist die Zahl der Regenwürmer derartig Legion, daß das -Dezimieren im Einzelfall meines Erachtens gar keine Rolle spielt -- -abgesehen davon, daß im Einzelfall ihrer auch in einer Kultur zu viele -werden können, also ein gewisses natürliches »Abschießen« sogar eher -nützt. Eine Rechnung von Hensen setzt auf ein Hektar Gartenland mehr -als 100000 Würmer an, das gibt 130 Kilo Fleisch. (Schade, daß wir uns -nicht daran gewöhnt haben, Regenwürmer zu essen. Oder sollten wir nicht -einmal ... wer fängt an?) Auf dieses arbeitende Stück Geologie sind -jetzt seit etwa drei Millionen Jahren (diese Insektenfresser reichen -sehr wahrscheinlich bis in den Ausgang der Kreidezeit zurück) die -Maulwürfe gehetzt, und doch ist die Zahl und auch offensichtliche Macht -der Würmer heute noch in solchem Flor. Aller Vermutung nach wird die -Sache also darauf hinauslaufen, daß im bestehenden, von Menschenhand -nicht veränderten Naturhaushalt die Massenproduktion des Regenwurms -auch den Maulwurf noch erträgt. - -Vielleicht, wenn man an darwinistische Anpassungen denken will, hat -sie sich im Laufe der Zeiten unmittelbar auf eine Überproduktion -eingestellt, die den dort entfallenden Abzug im Gesamtspiel schon -gleichsam vorsorgend ersetzt; bei einer Menge von Tieren, wo zum -Beispiel die Jungen stark bedroht sind, glaubt man ja ganz deutlich -solche Regulierung wahrzunehmen, die sich in einer ungeheuren -Überproduktion von Jungen kundgibt auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß -von unzähligen doch nur so und so viele erhalten bleiben -- wobei aber -diese »so und so vielen« vollauf zur Erhaltung der Art genügen. Auf der -anderen Seite ersetzt aber der Maulwurf durch seine eigene nützliche -geologische Arbeit selbsttätig wohl auch noch das, was eventuell dort -bei den Regenwürmern als Manko durch ihn ausfallen könnte. Und so -rückte sich dieses Konto doch wieder wenigstens ins Reine, wenn auch -ohne Überschuß. Darüber hinaus aber vertilgt der gleiche Maulwurf nun -doch _auch_ Engerlinge und andere Schädlinge, und hier beginnt also -wieder sein positiver Nutzen, wenn der auch vielleicht nicht so groß -ist, wie man im Überschwang der ersten Entdeckung geglaubt hatte. - -Das Fazit ist einfach. - -Man wird unseren Mull nicht verfolgen (abgesehen von feiner -Schmuckkultur im Garten) wegen seiner Wühlarbeit, denn die ist nützlich. - -Man wird ihn nicht verfolgen wegen seiner Nahrungsweise, denn die ist -zum Teil auch nützlich, zum Teil indifferent. - -Man wird ihn vielleicht nicht eben fördern, sondern den gegebenen -Naturhaushalt an dieser Ecke möglichst lassen, wie er ist. - -Aber ganz gewiß wird man nicht zulassen, daß er willkürlich ausgerottet -werde -- zumal heute nicht aus Motiven, die etwa gar überhaupt mit -Landwirtschaft nichts zu tun haben, die aber, wenn sie irgendein armes -Vieh erreichen, prompter das ganze Geschlecht zu bedrohen pflegen -als alle Schärmäuser von ehemals die Mulle oder alle Mulle von je -die Regenwürmer -- also zum Beispiel Verwertung des Fells für einen -Modezweck; der Versuch ist bei unserem Mull schon gemacht worden, -hat sich aber zunächst wieder zum Glück etwas verzogen, da das arme -Samtfellchen nicht genug brachte. - -Hier käme vor allem auch der allgemeine Heimatschutz in Frage, dem der -Mull doch _auch_ gehört und der verhindern muß, daß wir ein heimisches -Geschöpf verlieren, von dem zweifellos noch eine Menge zu lernen ist -und das sicherlich zu den eigenartigsten unseres Landes, ja unseres -ganzen Planeten gehört. - - - - -Das unheimliche Gila-Tier - - -Durch die Wüsten des Mondes, diese vollkommenen Wüsten, über denen -nicht einmal bläuliche Luft zittert und spiegelt, in denen nicht einmal -ein ausgetrocknetes, versandetes Flußbett von alten Wassern zeugt, -auf denen nicht einmal eine gespenstische Riesenwüstenpflanze wie die -Welwitschia unserer Kalahari kriecht -- durch diese Öden ziehen sich -ungeheure Spalten, die sogenannten Rillen. Bald schnurgerade, bald in -scharfem Zickzack durchqueren sie weite, weite Strecken des Mondlandes. -Sie sind keine Stromläufe, keine künstlichen Kanäle. Ja, was sind sie? -Niemand weiß es genau. Vielleicht ist die Mondrinde hier geplatzt in -den letzten Zuckungen des Mondinnern. Vielleicht haben die furchtbaren -Kontraste von nicht abgeblendeter Sonnenglut und eisiger Weltraumkälte -das Gestein zerbersten lassen. Eine ungelöste Frage da oben, wie so -viele. - -Gewiß aber ist, daß es nur eine einzige Landschaft auf unserer Erde -gibt, die äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit zeigt mit einer solchen -Rillengegend des Mondes: das ist das Wunderland von Arizona in -Nordamerika mit seinen berühmten Cañons, den »Röhren«, wie sie der -Spanier nennt. - -Auch hier senken sich in einem wild zerfressenen, vielfach mondhaften -Wüstenplateau noch einmal besondere Spaltenabgründe in die Tiefe, -wahre »Rillen«, deren größte bei sechzig Meilen Länge sich bis -zweitausend Meter tief in den untersten Fels einschneidet, einen -exakten Querschnitt durch die ganzen älteren geologischen Schichten der -Erdrinde bis zu den entlegensten hinab eröffnend. - -Gern möchte man auch bei solchem Cañon an furchtbare revolutionäre -Ereignisse dieser Erdrinde denken, die sie so bis ins Herz hier -zerrissen. Aber wir wissen, daß es ein viel unscheinbarerer -Titan gewesen ist, der diesmal seine Macht bewährt hat, nämlich -wühlendes Wasser, das sich langsam, langsam in den Block des großen -Wüstenplateaus eingefressen und die Cañonrillen eingetieft hat -- -die gleiche Macht also zuletzt, die nach einem einfachen Regen das -Sandhäufchen eines Kinderspielplatzes mit kleinen Furchen durchzieht. -Kleinste Wirkung, größter Erfolg! - -In diesem wilden Lande, diesem Stück Mond auf Erden, aber lebt das -Gila-Tier, das unheimliche, das verdächtige, wie der Naturforscher es -genannt hat, seit sich von ihm eine bedenkliche Kunde verbreitet hatte. - -Wenn in stiller Nacht das Silberlicht des wirklichen Mondes um den Rand -einer solchen Arizonarille fließt, in deren schwarzem Grunde tief, tief -unten unsichtbar der Coloradostrom geht, so möchte man von Ungeheuern -träumen, die sich diesen Höllenschlund zur Höhle gewählt. Die alten -Riesensaurier möchte man noch einmal aus den zernagten Schichten des -Urweltgesteins hervorkriechen sehen. Aber sie lagen schon längst -eingesargt in ähnlichem Fels, als auch nur der erste Spatenstich -des wühlenden Wassertitanen einsetzte, der diese zweitausend Meter -aushöhlen sollte. - -Man muß sich von dem Mondzauber in eine andere, uns sehr viel nähere, -obwohl auch höchst seltsame Geschichtszeit verzaubern lassen, um auf -die erste Kunde vom wirklichen Monstrum dieser Arizonawüsten zu kommen. - -An Arizona grenzt nach Süden Mexiko. Vor rund vierhundert Jahren war's, -bei den alten Mexikanern. Von ihnen vernimmt man zum erstenmal einen -Namen für das geheimnisvolle Tier des Cañonlandes, das auch bis in ihr -Landgebiet hinüberkroch: Tola-Chini. - -Sagendunst aber wob sich seither immer erneut darum. - -Tatsächlich eine Art Drachensage. - -Wenn es auch kein Drache in der Größe sein sollte, so doch einer in -der Gefährlichkeit. Ein »männermordendes« Tier, würde der alte Homer -gesagt haben. Die späteren Arizonakolonisten tauften es nach dem Ödland -im Bereich des Nebenflusses des Colorado, des bald ganz vertrocknendem -bald zu Hochwassern schwellenden Wüstenstroms Gila, das »Gila-Tier«. - -Und wie dieser Strom, so stiegen und versiegten auch bei ihnen immer -wieder abwechselnd die Nachrichten und Legenden über den unheimlichen -Gast der unheimlichsten Gegend, bis endlich ganz langsam in neuerer -Zeit die Forschung, der vor keinem Gespenst graute, auch hier sozusagen -polizeilich feststellen durfte, um was für einen »Bauernschreck« es -sich denn eigentlich handle. - -Das Gila-Tier existierte tatsächlich. Und es war ein Reptil, also -immerhin verschwägert mit den alten Drachen. Eine ziemlich ansehnliche, -bald meterlange Eidechse steckte hinter ihm -- eine Eidechse aber, die -sich -- das war das erste Merkwürdige, das sofort auffiel -- ausgespart -wie ein ganz himmelweit anderes Tier trug, das auch genügend von je der -Sage Stoff geboten, nämlich wie ein Feuersalamander. - -Wer an Mimikry glaubte, der mußte annehmen, hier mache eine Eidechse -einfach bis zur vollendetsten Täuschung den Salamander nach. - -Ein solcher Molch hat eine feuchte, schlüpfrige, kellerhafte Nacktheit, -sein Leib gleicht einem feisten Wurm, den vier winzige Beinchen -nur mühsam dahinschleppen, Warzen und Pusteln bedecken seine Haut, -dazwischen aber liegen auf ihrer schwarzen Negernacktheit hochgelbe -oder rötliche Flecken wie brennende Striemen auf. - -Dagegen ist das Sonnenkind Eidechse durchweg ein feiner, schlanker -Ritter im zierlichsten Schuppenhemd, der in allerlei trockener und -sauberer Buntheit und schönen Ornamenten zu kokettieren liebt und flott -mit graziöser Taille dahintänzelt. - -Ein solches Schuppenkleid hat nun auch das Gila-Tier. Aber seine -Schuppen sind zu unregelmäßigen Körnern geworden, die ebenfalls Warzen -und Drüsen zu bilden scheinen, und indem einzelne größere Körnerbrocken -ein schmutziges fleischhaftes Gelbrot vordrängen, entsteht auch -hier der vollkommene Eindruck von rohen Farbpusteln auf einer ekeln -schwarzbraunen Nackthaut. Gleichzeitig hat sich der Leib in eine -unförmliche, schlecht gestopfte Walze verwandelt, in deren Quellung -Kopf und Beinchen fast verloren gehen. Gerollt wie ein wirklicher -Wurm liegt das Scheusal so in seinem Wüstenversteck, zweifellos der -allerhäßlichsten Tiere eines. Wer es plötzlich aufdeckt, könnte es für -einen modernden Pflanzenrest halten, auf dessen verwester Rinde sich -eine hochgelbe Pilzvegetation angesiedelt hat. - -Es möchte aber nicht ratsam sein, solches unvorsichtige Aufdecken -und Aufwecken. Denn jetzt beginnt das unheimliche Phänomen, dem das -Geschöpf der arizonischen Mondwüste seinen eigentlichen Ruf verdankt. - -Unter heftigem Zischen hebt das Maul an zu geifern, so heftig, als -wolle sich das entwickeln, was bei der afrikanischen Speischlange, -einer bösen Najaart, die Regel ist, die auf ein Meter Entfernung -dem Angreifer ihren Speichel direkt ins Gesicht bläst, eine lange -bestrittene, aber endlich doch bestätigte scheußliche Methode. Doch -schon kommt der Biß des Gila-Tiers, ein sehr herzhafter. Die langen -krummen Zähne, die für gewöhnlich fast ganz im Zahnfleisch versteckt -liegen, werden bei dem Druck selbst erst eigentlich frei und schlagen -sich nun nahezu zentimetertief ein. Jetzt aber die Wirkung dieses -Bisses ... Alles Gräßliche, was dem Monstrum seit alters nachgesagt -worden ist, konzentrierte sich von je auf den einen Punkt, daß der Biß -die verheerendste, die unmittelbar tötende Wirkung besitze, indem er -nämlich in der schauerlichsten Weise vergiftet sei. - -Wirkliche Forscher mußten gerade das aber zunächst mit rechtem -Befremden hören. - -Die Volkssage macht ja gern alle nur denkbaren Tiere, wofern sie nur -sonst etwas Verfängliches zeigen, auch zu Giftbeißern. Der Zoologe aber -legt hier ein zunächst ganz unanfechtbares Veto ein. - -Ein wirklich giftiger Biß als dauernde Angriffs- oder -Verteidigungswaffe eines Tieres setzt bestimmte Giftdrüsen voraus, -die das Gift liefern. Solche Giftdrüsen kennt man im Reptilienbereich -von den Schlangen. Sie treten dort durchweg in Verbindung auf mit -besonderen Vorrichtungen an den Zähnen. Gewisse Schlangenzähne sind -durchbohrt oder wenigstens zu einer Rinne gefurcht zum Injizieren oder -Einlöffeln der giftigen Drüsenabsonderung beim Biß. Hier ist also alles -klar. - -Eine Schlange aber ist nun keine Eidechse. Von keinem anderen Reptil, -also auch von keiner Eidechse, war in vieljährigen anatomischen -Untersuchungen je ein solcher schlangenhafter Giftapparat, weder -Drüse noch Hohl- oder Furchenzahn, jemals festgestellt worden. Und so -schien es zunächst geradezu ein Widersinn, der sich über grundlegende -systematische Unterschiede hinwegsetzen wollte, wenn einer mit einer -»giftigen Eidechse« kam -- mochte sie auch noch so verdächtig aussehen -und an einen Molch erinnern (der immerhin in der Haut etwas Gift führt, -wenn er auch nie giftig beißen kann), und mochte sie aus noch so -verwunschener Gegend stammen. - -Eine Weile eröffnete sich also folgerichtig ein heftiger Kampf der -wissenschaftlichen Theorie, ehern begründet, wie sie schien, und etwas -selbstbewußt, wie einer guten Theorie zukommt, mit der Praxis des -unentwegt weiter geifernden und beißenden Gila-Tieres. - -Gila-Tier, da half kein Mittel, behielt aber auf die Dauer die Oberhand. - -Gila-Tier biß Hühner und andere Tiere, und sie starben prompt wie von -Schlangenbiß. Die Vergiftungserscheinungen gingen über Lähmung des -Atmungsapparats -- ganz wie bei Schlangengift. - -Gila-Tier biß auch Menschen, und sie hatten ebenfalls fatale Folgen -davon. Der Biß brauchte ja nicht immer gleich tödlich zu sein; das ist -aber auch der Biß schlimmster Ottern nicht immer. - -Das alles aber passierte nicht mehr bloß in der mondhaften -Arizonawüste, sondern auch im Zoologischen Garten, ja beim planmäßigen -wissenschaftlichen Experiment. Der Theorie aber wurde schließlich -leicht gemacht, klein beizugeben. - -Denn anatomische Zergliederung des häßlichen Gilakopfs erwies eines -Tages gerade das, was sie zur hartnäckigen Voraussetzung genommen. -Gila-Tier _hatte_ tatsächlich im Unterkiefer zwei dicke, schlangenhafte -Drüsen, und seine Zähne waren ganz genau wie die Furchenzähne vieler -Giftschlangen mit einer Rinne versehen, durch die der ausgequetschte -Drüsengeifer direkt in die Bißwunde eingeträufelt werden mußte. Diese -Eidechse _hatte_ eben einen Schlangenapparat, und damit war das Wunder -der Wirkung sehr einfach aufgeklärt. - -Immerhin war es ein großer Fund. Bis zum heutigen Tage ist keine -zweite »Gifteidechse« mehr zu der einen hinzuentdeckt worden. Auch ein -unmittelbarer Verwandter des Gila-Tiers, der seltsamerweise himmelweit -entfernt auf Borneo lebt, besitzt die höllische Waffe nicht. Die -Mondwüste am Gila hat hier wirklich etwas ganz Besonderes aus sich -geboren. - -Warum aber gleicht das Gila-Tier nun auch dem Feuersalamander? - -Von einer Nachahmung, die Schutz gewährte, kann dabei wohl nicht die -Rede sein, denn das große Scheusal ist selber doch ein ganz anders -wirksamer Gifter als der kleine, beißunfähige, bloß auf der Haut etwas -ätzende Molch. - -Eher könnte man meinen, die Gifteidechse ahme den Molch nach, um bei -ihren nächtlichen Raubzügen im Revier gerade umgekehrt harmloser zu -erscheinen als sie ist. - -Man hat aber die grellgelben Pustelflecken des Molchs auch so gedeutet, -daß sie mit ihrer Auffälligkeit größere Angreifer »warnen«, also schon -von fern aufmerksam machen sollten, daß es sich um ein giftiges, also -auf jeden Fall für sie ungenießbares Tier handle. Da aber nicht nur -hier, sondern auch bei anderen giftigen oder sonst ungenießbaren Tieren -stets als solche »Warnfarbe« gerade ein ähnliches Gelb oder Gelbrot -auftaucht, so wird man zunächst wohl auch an einen direkten chemischen -Zusammenhang zwischen Gift und diesem Gelb denken müssen, unbeschadet, -daß nachher auch noch solche Nutzzwecke sich mehr oder minder daran -angeknüpft haben könnten. - -Warum diese natürliche Giftlivree die unheimliche Eidechse nun aber -wieder dazu gebracht haben sollte, ihre Schuppen auch in warzenhafte -Körner zu verwandeln, die vollends an nackte Molche und Kröten, die -Hautgifter und nicht Beißgifter sind, erinnern: das bleibt auch so noch -ein Rätsel. - -Die Wunder des Gila-Tiers sind offenbar noch nicht zu Ende! - -Im kürzlich vollendeten Berliner Aquarium, dieser größten neuen -Sehenswürdigkeit unserer Reichshauptstadt, ist es inzwischen lebend zu -schauen -- in seiner ganzen Scheußlichkeit gelagert auf einem Stückchen -künstlichen gelben Wüstenbodens seiner Mondwüste. - - - - -Die drei Augen der Blindschleiche - - -Es hat so manches Menschenkind gegeben, dessen wahre Taten im Guten wie -im Bösen längst vergessen sind, das aber unsterblich fortlebt in dem, -was von ihm gelogen worden ist. - -Von einem der zierlichsten und, wenn man ihn nur genauer besehen will, -hübschesten Vertreter unserer heimischen Tierwelt gilt in stärkstem -Maße, daß seit alters sein Ruhm, Name und Wert durchaus nur der Legende -verdankt wird -- nämlich von unserer Blindschleiche. - -Drei Volkslegenden sind es, die sich an sie heften, und alle drei sind -erstklassiger zoologischer Unsinn. - -Eine Schlange soll sie sein, immerhin ein verzeihlicher Irrtum; in -Wahrheit ist sie eine echte Eidechse, die aber nach Schlangenart ihre -vier Beine abgeschafft hat und auf dem Bauche kriecht. - -Giftig soll sie sein; ich erinnere mich des köstlichen Anblicks, wie -die sämtlichen Dienstleute eines großen Kuhstalls, ein ganzer Haufen -starker erwachsener Menschen, unter wildem Lärm mit Stöcken und -Mistgabeln gegen ein harmlos dahinkriechendes Blindschleichlein zu -Felde zogen, als gelte es einen Drachen zu erlegen; tatsächlich ist -diese kleine fußlose Eidechse unserer Heimat sowenig giftig wie die -andern Echsen, die sich dort am Rain oder auf dem Gemäuer sonnen. - -»Blindschleiche« aber heißt der friedliche Geselle, weil die kopflose -Angst, die vor ihm davonlief, sich nicht Zeit nahm, zu beachten, was -er für zwar kleine, aber vollkommen wohlentwickelte zwei Äugelchen an -seinem Eidechsenkopf führt. - -Gerade dieser dritte und letzte Irrglaube sollte in neuesten Tagen -von allen aber noch einmal der eigenartigste, der paradoxeste werden. -Denn eben diese »Blindschleiche«, der man gar keine Augen angedichtet -hatte, sollte mit zum besten Exempel werden bei einer höchst -absonderlichen Entdeckung, die auf dem Gebiete der Sehmöglichkeiten zu -den großartigsten gehört, die jemals gemacht worden sind. - -Die Blindschleiche besitzt nicht nur jene zwei Augen, sondern sie hat -in Benutzung noch ein drittes, höchst geheimnisvolles Sehwerkzeug, das -uns Menschen fehlt! - -Die erfinderische halbzoologische Sagenphantasie hat ja gern auch mit -der Zahl der Augen gespielt. Fabelwesen sollten Augen am ganzen Leibe -haben, wobei vielleicht die vage Kunde von herrlichen Vögeln unter -ferner Sonne mitspielte, wie dem Argusfasan, dessen Federn augenartig -aussehende Kugelflecken von berückendem Zauber zieren. Dem Neunauge -gab die Fischerphantasie »neun Augen«, wobei in Wahrheit Saugmund -und Kiemenlöcher mitgezählt auf die hohe Ziffer bringen mußten. Das -groteskeste Bild aber ist der Zyklop, der nur ein einziges Rundauge -mitten auf der Stirn führen sollte. - -Für das einfache bestmögliche Sehen nach vorn ist die Lage unserer zwei -natürlichen Menschenaugen so gut, daß eine Verlagerung auf die Stirn -mit Wiederzusammenziehen in ein einziges Auge gewiß nicht als Vorteil -gelten könnte. Aber unwillkürlich drängt das Zyklopenauge auf etwas -Drittes. - -Angenommen, das gewöhnliche Augenpaar ist neben ihm auch noch vorhanden -und genügt dem Blick in der Frontlinie; das Zyklopenauge aber rückt -noch etwas höher von der Stirn bis an die Scheitelwölbung: so entstände -plötzlich ein sehr großer Vorteil. Ein Wesen mit der Zutat eines -solchen »Scheitelauges« könnte nämlich (vorausgesetzt, daß es keine -Hüte trägt) bei Frontstellung auch noch nach oben oder (bei hoher -Scheitellage) einigermaßen sogar nach hinten sehen. Es beherrschte -ein weites Sehfeld mehr. In der Bedrängnis des Lebens aber bedeutet -Mehrsehen (auch den Feind noch sehen, der von oben oder hinterrücks -kommt) auf jeden Fall eine gute Schutzchance mehr. - -Und wieder: was so mehr schützt und nützt, das hat die Natur immer -gern auch einmal wirklich gemacht. Seltsam also, daß es nicht da, -dort einmal einen Versuch wenigstens auch im wahren Naturhaushalt -gegeben haben sollte zu einem »Zyklopenauge« dieser brauchbaren Art --- wenn nicht bei Menschen, so doch anderswo bei schädelbesitzenden -Wirbeltieren. - -In den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, das -in der Tierkunde so ungeheure Fortschritte gebracht hat, verbreitete -sich in engsten Fachkreisen die Kunde, es könne vielleicht wenigstens -für ferne Urweltstage etwas dahin Gehendes wirklich vermutet werden. - -Der ausgezeichnete Anatom Leydig hatte auf dem Scheitel über dem -Zwischengehirn junger Eidechsen von heute ein kleines Gebilde entdeckt, -das wie ein verkümmertes Restchen irgendeines ehemals hier sitzenden -Organs aussah. Andere deuteten es auf das Rudiment irgendeines -Sinnesorgans. Und man brachte es in irgendeine Verbindung mit einem -stummelhaften, verkümmerten, durchaus heute rätselhaften Gehirnteil, -der sogenannten Zirbeldrüse. - -Dieser »Gehirnstummel« findet sich noch bei den höchsten Säugetieren, -ja bei uns Menschen erhalten, und er ist gelegentlich in der -menschlichen Gehirnforschung interessant oder, besser gesagt, amüsant -dadurch geworden, daß Philosophen in ihm den Sitz der »Seele« gesucht -hatten, nach dem Rezept: was wir im Gehirn mit gar keinem Zweck mehr zu -verbinden wissen, das muß wohl das Uhrrädchen für die »Seele« sein. - -Jetzt schien es aber, als sei diese problematische Zirbeldrüse in -Wahrheit die alte Zentrale am Hirn für irgend etwas, das einmal hier in -der Scheitelgegend Anschluß gehabt hatte, heute aber zum toten Gleise -geworden war. - -Bei den Säugetieren bis zu uns hatte man noch die Ruine der Zentrale, -bei den Eidechsen schien selbst das tote Gleis noch als solches -nachweisbar. Dirigieren und fahren aber tat heute anscheinend nirgendwo -mehr etwas dort. - -Nun aber: die heutigen Tiere sind Enkel der Urweltstiere. Manches, -das hier heute nur mehr verfallenes Haus, zugemauertes Fenster, -»rudimentäres Organ« ist, war dort einst noch belebte Burg, offene -Schau, funktionierender Körperteil. - -Findige Vorweltkenner konstatierten also, daß eine ganze Menge der -berühmten urweltlichen Saurier an ihren erhaltenen Schädeln noch ein -höchst charakteristisches Scheitelloch gerade an diesem verdächtigen -Fleck zeigten, so der berühmte Ichthyosaurus, die riesigen, -seeschlangenhaften Mosasaurier, die säugetierähnlichen Theromorphen vom -Kapland und andere mehr. Hier könnte ein sehr respektables Organ damals -gesessen haben -- ein Organ, das damals wohl noch funktionierte in -irgendeinem entsprechend respektabeln Lebenszweck. Was aber konnte das -für ein Organ gewesen sein? - -Ein Forscher meinte, es sei vielleicht ein besonderes Wärmeorgan -gewesen, dessen sich diese alten Saurier, wenn sie faul in der -Tropensonne lagen, bedienten, um gleichsam ein Warnsignal gegen -Sonnenstich bei zu hoch steigender Scheiteltemperatur zu erhalten. - -Das Vorhandensein des Organs gerade bei extrem wasserbewohnenden -Sauriern (wie dem Ichthyosaurus), andererseits das Fehlen seines Restes -bei unsern Krokodilen, die mit so besonderer Liebe in der Sonnenglut -duseln, sprach gegen diese kühne Vermutung. - -Dagegen führte die genaue Untersuchung des heutigen Restes, wo er bei -Reptilien wirklich noch bestand, allmählich mit wachsender Sicherheit -auf eine andere Spur, nämlich daß es sich um ein Lichtorgan, also ein -Auge, gehandelt habe. Ein Scheitelauge (Parietalauge, wie der Forscher -in seiner Sprache sagt), das bei jenem alten Drachenvolk als drittes -Auge neben den beiden andern irgendwie in Tätigkeit gewesen wäre! - -Man konnte an der heutigen Ruine noch mehr oder minder deutlich die -ursprüngliche Linse und die Netzhaut feststellen, und der alte Sehnerv -schien in der Tat wenigstens gegen die Nähe der heutigen Zirbeldrüse -verlaufen zu sein. Besonders wertvoll wurde bei diesen Studien die noch -auffällig gute Erhaltung des Organrestes bei dem einzigen heute noch -überlebenden Ursaurier der Triaszeit, der merkwürdigen Brückeneidechse -(Sphenodon) von Neuseeland. - -Längere Zeit machte die Forschung hier halt. - -Das »Scheitelauge« kam als Besitztum der Urweltler, an das heute noch -geringe Reste, obwohl in völlig gebrauchsunfähigem Zustande, gemahnen -sollten, in alle Lehrbücher, vor allem die am nächsten interessierten -geologischen. - -Bis es dann in jüngster Zeit endlich einem Privatdozenten in Moskau, -Nowikoff, gelang, die ganze interessante Frage noch einmal neu -aufzurollen und auf eine unerwartete höhere Stufe zu bringen. - -Nowikoff stellte nämlich nichts Geringeres fest, als daß bei unseren -bekanntesten heimischen Eidechsen, insbesondere unserer Blindschleiche, -das Scheitelauge auch heute noch gar nicht als unbrauchbarer Rest, -sondern in energischer Leistung vorhanden ist! - -Verdächtig erschien Nowikoff, daß die Bindegewebsschicht, die das alte -Organ zudeckte, deutlich noch glasartig, also lichtdurchlässig war. Das -Organ nahm also heute noch Licht in sich auf. Es hatte auch eine Linse, -wenn schon eine schlechte. Es hatte einen Glaskörper, es hatte eine -(gar nicht so üble) Netzhaut, und es hatte einen Sehnerv zum Gehirn. - -Vor so vollkommenem Apparat mußte die Frage akut werden, ob das lebende -Tier nicht tatsächlich das einfallende Licht noch »sehend« erfasse -- -heute noch. - -Anfangs mißlangen die Versuche, dem gefangenen Tier irgendeine Äußerung -abzulocken, ob es (bei Verdeckung der Seitenaugen) mit dem Scheitelauge -mindestens allgemein Licht empfinde. Schließlich aber glückte ein -anatomischer Beweis. - -Auf der Netzhaut der seitlichen Augen trat bei diesen Reptilien (wie -anderswo) stets eine Änderung einer gewissen Pigmentverteilung ein, je -nachdem das Auge sehend Licht aufnahm oder im Dunkeln blieb; im Dunkeln -stellte sich die Netzhaut damit auf möglichste Ausnutzung auch des -schwächsten Dämmerlichts ein, bei greller Belichtung umgekehrt suchte -sie etwas abzublenden. Ganz genau die _gleiche_ Reaktion zeigte nun -die Netzhaut des Scheitelauges: auch sie _regulierte_ automatisch ihre -Lichtaufnahme, mußte also sehen! - -Nach der ganzen Sachlage schließt Nowikoff, daß das »dritte Auge« -immerhin schlechter sieht als die beiden Seitenaugen. Die schlechte -Linse gibt wohl keine eigentlichen Bilder der Dinge. Doch unterscheidet -das Organ noch sehr deutlich Licht und Schatten. Und es unterscheidet -auch an der verschiedenartigen Reizung der halbkugeligen Netzhaut die -Richtung und Bewegung äußerer Abwechslungen von Dunkel und Hell. - -In diesem Sinne hat das immer geöffnete Scheitelauge für ein -schwaches, sonst sehr schutzloses Tier, das gern auf hellbelichteten -Stellen ruht und dabei im Hitzedusel die Seitenaugen schließt, -immer noch einen ganz gewaltigen Vorteil. Es verrät ihm das Nahen -lichtabschwächender, anders belichteter, schattenwerfender Körper von -Angreifern. Man versteht, daß eine fest schlafende Blindschleiche durch -den Lichtwechsel geweckt wird und sogleich in der entgegengesetzten -Richtung flieht, wenn sich ein Mensch auch nur von fern ihrem Ort -nähert. Das Scheitelauge ist nur ein halbes Auge heute, aber es dient -noch immer einem ganzen Zweck! - -Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, daß es bei den urweltlichen -Sauriern _noch besser_ funktionierte als jetzt. So ist auch bei -Nowikoffs Studien wieder bestätigt worden, was andere schon vor ihm -vermutet hatten: es scheint auch an dieser Stelle ursprünglich ein -Augen_paar_ gelegen zu haben, so daß die echten Urweltler im ganzen -nicht weniger als vier Augen besaßen. Noch heute bemerkt man hinter -dem sehenden Scheitelauge einen zweiten Augenrest, der noch enger zur -Zirbeldrüse anlenkt, aber gegenwärtig wirklich ganz verkrüppelt bleibt. -Manches in der Lage und dem Gehirnanschluß spricht aber dafür, daß -ursprünglich auch diese beiden Scheitelaugen _nebeneinander_ anstatt -hintereinander lagen: erst bei Verkümmerung des einen scheint das -übrigbleibende sich vorgedrängt zu haben, so daß es jetzt die Spitze -der Reihe bildet. - -Die Sage gab dem Schlangenscheitel ein funkelndes Krönlein. Vielleicht -ist die Wahrheit doch noch niedlicher, die hier das Haupt eines Reptils -mit einem feinen Lichtdeuter krönt, dessen Funkeln schutzbringend in -sein eigenes Gehirn glänzt. - - - - -Neues von den Wundern des Olm - - -Wer je einmal durch eine echte, ganz enge Gesteinsklamm -- etwa in -unserer Sächsischen Schweiz -- gewandert ist, der wird einen gewissen -beängstigenden Gedanken kennen. - -Immer schmaler wird gelegentlich der tief eingesägte Spalt, immer -kleiner der Ausschnitt Himmelsblau darüber; eine einzige größere -Felsennase, ein einziger alter Fichtenstamm, der sich dort fast im -rechten Winkel von seiner zäh in einen Riß der Wand eingeklammerten -Wurzel dem kargen Licht entgegen abbiegt, scheint die Öffnung schon -fast ganz versperren zu können. Wie, wenn der Raum oben noch enger -würde, wenn eine ganz feste Decke sich zusammenschlösse? Dann würde der -Maulwurfsgang, den das Wasser sich im leicht löslichen, spaltenreichen -Kreidegestein hier unten genagt, ganz finster liegen. Keine Sonne, -kein Stern schauten mehr hinein. Kein Baum grünte mehr. Gespenstig nur -murmelten die schwarzen Wasser durch den schwarzen Tunnel. Wasser, die -irgendwo in einem abgrundtiefen Loch niederstürzend sich geheimnisvoll -hier hineingefunden und jetzt Stunde um Stunde in absoluter Finsternis -dahingingen, im größeren Gewölbe schwarze Seen bildend, im engsten bis -zur Decke den ganzen Schacht erfüllend. - -Es ist die wahre Situation der unterirdischen Höhlenflüsse und gänzlich -geschlossenen Höhlenklammen des Karstgebirges im adriatischen -Küstengebiet Österreichs, was die ängstliche Phantasie sich hier -ausmalt. - -Das wühlende, den morschen Stein zerfressende Wasser hat dort nicht -bloß von oben Rinnen und Kessel getieft: es hat ganz im Unterirdischen -selbst Labyrinthe angelegt, die nur bei künstlichem Licht besucht -werden können. - -Als zum erstenmal eine Sage im Lande von diesem Tartarus der Tiefe -entstand, knüpfte sich aber gleich auch der Glaube an scheußliche -Drachenbrut daran, die da unten hausen sollte. Wir denken heute mit -einigem Lächeln, aber doch auch etwas unwillkürlichem Gruseln an -Jules Vernes Erfindung, daß in solchen nachtverhangenen Urwassern -des Erdengrundes noch die Ichthyosaurier der Urwelt fortlebten. -Davon ist nun leider nichts wahr gewesen. Aber ein Tier vom alten -amphibisch-reptilischen Drachenstamm, soweit ihn auch der Naturforscher -kennt, wurde wirklich in der Folge da drinnen im schwärzesten Styx -gefunden, ein körperlich kleines Geschöpf, aber darum vielleicht das -größte Tierwunder unseres ganzen Erdteils. - -In unseren offenen Gebirgsklammen begegnet man auf dem feuchten Moos -wohl jenem wie schwarzes Leder mit goldgelben Pusteln glänzenden -Feuersalamander. Dieser ebenfalls kleine, aber sagenumwobene -Drachenverwandte liebt Regen und Nässe, aber in seinem gewöhnlichen -Lebensbrauch ist er doch ein Landtier und Freiluftatmer. Nur -seine Wiege steht im reinen Wasser. Dort macht er, ehe er als das -schwarzgoldene Wappentier ans Ufer kriecht, ein Kinderstadium -der zierlichen Wasserlarve durch, die mit einem Ruderschwanz -dahinschwänzelt, erst nach und nach Beinchen bildet und am Halse -jederseits wie einen kleinen Federbüschel noch die Kiemen des echten -fischhaften Wasseratmers führt. - -Einer solchen Molchlarve nun, die aber überhaupt nie zum Landtier -wird, ewig im Wasser, und zwar im schlechterdings finsteren der -unterirdischen Karsthöhlen verharrt, gleicht das Wunderwesen von -Adelsberg -- der Olm. - -Langgestreckt wie ein Wurm oder Aal ist des Olms Gestalt, mit -spatelförmiger Langschnauze und vier winzigsten Beinchen. Wie -neueste Forschung lehrt, ist das eine Anpassungsform seines Leibes, -entsprechend der Gewohnheit, sich am Boden des Seichtwassers seiner -Höhlenschlünde in den nachgiebigen Schlamm einzugraben, wobei die -Schnauze bohrt und die Beinstummelchen bloß nachschieben. - -Das »Menschenfischlein« nennen ihn die Grottenfischer, denn dieser -Wurmleib ist fleischfarben-farblos, ohne dunklere Pigmentschicht wie -ein nackter europäischer Mensch: eine Wirkung der ewigen Nacht. - -Mit Staunen aber sahen die ersten wissenschaftlichen Olmforscher -diese Nacht auch waltend noch in einem ganz besonderen Zuge seiner -Organisation. Sven Hedin erzählt uns von den büßenden Einsiedlern in -Tibet, die sich bei karger Nahrung vierzig und mehr Jahre in dunkler -Zelle einschließen lassen; als solcher Eremit im Alter noch einmal -ans Licht gekommen, sei sein Auge farblos und blind gewesen. Und ein -ähnlicher Kerkerheiliger erscheint uns auch der Olm. - -Beim erwachsenen Tier erweist sich das Auge als verkümmert, die Linse -fehlt, und ihr Platz ist durch eine Wucherung der Netzhaut ausgefüllt, -während gleichzeitig die äußere Körperhaut in voller Dicke das ganze -Auge bedeckt, ihm also dauernd den Charakter eines »geschlossenen -Auges« ohne Möglichkeit eines Lidaufschlagens verleiht. - -Seit über hundert Jahren bemüht sich die Wissenschaft jetzt um diesen -Olm und seine Wunder. - -Nur einen einzigen Genossen auf der großen Erde hat er hinsichtlich -seiner Lebensweise in der Zeit bekommen: beim Anbohren eines -artesischen Brunnens in Texas in Nordamerika kam gelegentlich auch dort -rein zufällig ein olmartig blinder, farbloser Höhlenlurch, ~Typhlomolge -rathbuni~, zutage, ohne daß sich doch aus dieser Entdeckung bisher viel -weitere Aufschlüsse ergeben hätten. Der systematischen Stellung nach -schloß sich dieser Amerikaner nicht an den Olm selbst, sondern die -unten noch zu besprechenden lungenlosen Spelerpesmolche an. - -Die außerordentliche Schwierigkeit, die aus der ganz absonderlichen -Lebensart dieser Höhlengäste zu erwachsen schien, wollte lange den -Fortschritt unserer Olmkenntnis trotz eifrigster Arbeit immer wieder -lähmen. In letzter Zeit aber ist das nun doch endgültig anders -geworden. Zu Wien, mitten im lustigen Prater mit all seinen Wurstbuden -und Schießbuden und Schaukeln steht ein stilles Haus, das der -bedeutsamsten Forschung geweiht ist: die Biologische Versuchsanstalt. -In eifriger Feinarbeit werden dort durch das Experiment am lebendigen -Tierkörper Fragen an die Natur gestellt. Ob erworbene Abänderung der -Färbung sich vererbe, ob ein in der freien Natur fest eingebürgerter -Instinkt sich umzüchten lasse unter künstlich veränderten Bedingungen -und ob auch das schon vererbungsfähig sei und so weiter. Hinter dem -Ganzen steht als treibende Idee wesentlich jene Forschungsart, die -von dem großen Physiologen von Halle, Wilhelm Roux, als sogenannte -»Entwicklungsmechanik« mit wachsendem Glück begründet worden ist. -Erstaunlich über alle Erwartung scheinen auch die Erfolge schon des -kleinen Hauses im Prater, insbesondere durch die rastlose Tätigkeit -Paul Kammerers dort. Und vor dem planmäßigen Angriff Kammerers hat nun -neuerdings auch der kleine zähe Finsterling, der Olm, endlich einiges -mehr von seinen Geheimnissen ausplaudern müssen. - -In einer alten Zisterne des Hauses, das ursprünglich öffentlichen -Aquariumszwecken gedient hatte, wurde gewissermaßen eine künstliche -Adelsberger oder Kanzianer Grotte geschaffen. Fünf Meter wenigstens -taucht man auch hier unter den sonnigen Praterboden in einen schwarzen -nassen Schlund hinab, den nur ein rotes Glühlämpchen gespenstisch -erhellen darf, und den Schreiber dieser Zeilen, der nicht eben der -geschickteste Kletterer auf schlüpfrig-schwindligem Terrain ist, mutete -der Besuch schon einigermaßen wie eine wirkliche Höhlenpartie an. - -Was aber sonst nicht immer als bauliches Ideal gelten dürfte, wird da -drunten zum Segen: durch die gemauerte Decke tropft das Sickerwasser -so reichlich, daß es schon zu richtigen Stalaktitenbildungen gekommen -ist, von unten aber überschwemmt das Grundwasser beständig den defekten -Zementboden. Das verdunstende Wasser hält die Luft sozusagen im Bad, -ewige natürliche Finsternis waltet, keine Erschütterung bewegt den -Spiegel, und die Temperatur bleibt unabhängig von allem Wechsel der -Jahreszeiten bei 12 bis 14 Grad Celsius. - -Als menschliches Gefängnis wäre das die greulichste Folterkammer, -vergleichbar der römischen, wo sie den Sonnenkönig Jugurtha einst -verschmachten ließen. Der Olm aber findet hier sein Paradies. Hier -läßt er sich in vollkommener »Naturtreue« studieren, womit zugleich -dann für abändernde Experimente in oberirdischen, erhellten und anders -temperierten Aquarien die nötige Kontrolle gegeben ist. - -Das erste, was Kammerer enträtselte, war die Fortpflanzungsgeschichte -des Olm. Die Grottenführer in Adelsberg und St. Kanzian hatten stets -behauptet, der Olm bringe lebendige Junge zur Welt. Eine älteste, -genau protokollierte Beobachtung schien das zu bestätigen. Andere -Befunde aber widersprachen ebenso entschieden. In den achtziger -Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erlebte eine höchst vorzügliche -wissenschaftliche Beobachterin, Fräulein von Chauvin, daß ihre Olme -im Aquarium Eier legten, und ein anderer Forscher sah aus solchen -Eiern auch die jungen Tiere hervorgehen. Neuerdings aber war in einem -solchen Aquarium rein unbegreiflicherweise auch wieder vorgekommen, -daß ein Weibchen statt der zahlreichen Eier einen einzelnen, schon -recht stattlichen Olm lebendig zur Welt gebracht hatte. Findige Köpfe -hatten also schon die Vermutung aufgestellt, es gebe zwei verschiedene -Olmarten, die sich in dem Punkte entgegengesetzt verhielten. Kammerer -konnte dagegen jetzt folgendes als sicher festlegen. - -Die Fortpflanzungsform des Olm ist abhängig von der Temperatur -des Wassers, in dem man ihn hält. Hielt man ihn bei weniger als -15 Grad Celsius (also in der besagten unterirdischen Zisterne der -Versuchsanstalt), so brachte er unter allen Umständen lebende Junge -zur Welt und zwar normalerweise nur je zwei, die bereits ziemlich groß -waren und schon alle vier Beine besaßen. Diese zwei hoffnungsvollen -Sprößlinge hatten sich bereits im Mutterleibe als die alleinigen Sieger -bewährt, indem sie den ganzen nicht entwickelten Rest der Eier dort -einfach aufgefressen hatten, ein Kampf ums Dasein und embryonaler -Kannibalismus schon vor der Geburt, den man nur mit einigem Grausen -verzeichnet! - -Hielt man den Olm dagegen in Aquarien mit Wasser, das wärmer war als 15 -Grad Celsius, so legte er ebenso konsequent stets Eier und zwar diesmal -bis zu 60 an der Zahl, aus denen entsprechend viele noch fußlose Junge -erst nachträglich auskrochen; diese Jungen dauernd am Leben zu erhalten -gleich den anderen, gelang aber nicht. - -Und schon letzteres deutete darauf, wo der _natürliche_ Fall liegt: in -ihren heimischen Grotten entspricht die Temperatur stets nur der in -der Wiener Zisterne -- der Olm bringt also auch dort unabänderlich nur -seine zwei lebendigen Jungen hervor, während das Eierlegen nur eine -Aquariumskünstelei ohne weiteren Erfolg ist. - -Daß es sich nicht um zwei verschiedene Arten des Olm handeln kann, -wurde ebenso evident, als bei Kammerers Versuchen ein uraltes, schon -über zwanzig Jahre in der Gefangenschaft gehaltenes Olmweibchen zuerst -im warmen Becken Eier legte und dann selber, in die kühle Zisterne -zurückversetzt, dort wieder zwei lebendige Jung-Olme brachte. Licht -oder Dunkelheit beeinflußt die ganze Sache nicht. Wohl aber beginnen -hier für sich wieder interessante Versuche Kammerers, die jetzt die -persönliche Abänderung des künstlich belichteten Olms betrafen. - -Wenn man erwägt, daß die Olme doch höchstwahrscheinlich schon seit -Jahrtausenden Generation um Generation ihr Wesen in stygischer -Finsternis treiben, so wäre es wahrlich naheliegend, zu denken, daß ein -erzwungenes Leben im hellen Licht jeden Olm notwendig töten müsse. Das -gerade Gegenteil ist der Fall. - -Will man den Olm in seinen Naturbedingungen studieren, so muß man -ihn natürlich möglichst dunkel halten. Man _kann_ ihn aber ebensogut -ans Tageslicht gewöhnen. Bloß bekommt er dann Pigmenteinlagen in der -Haut: das heißt, er wird nach einer gewissen Zeit individuell aus -einem Weißen zum Neger mit dunkler, zuletzt blauschwarzer Haut. Diese -Umfärbung vererbt sich bei richtiger Stärke auch auf die Jungen, und -zwar auch dann, wenn diese Jungen selber wieder im Dunkeln geboren -worden sind und sich dort entwickelt haben -- wobei im Sinne moderner, -sehr kniffliger Vererbungstheorien allerdings noch offen bleibt, ob -hier ein echter Fall von Vererbung einer erworbenen Elterneigenschaft -vorliegt oder ob die Lichtstrahlen, die den Elternleib äußerlich -schwärzten, durch ihn hindurch auch schon die Eier und mit ihnen alles, -was je daraus werden sollte, für immer mitgeschwärzt hatten. Viel -wunderbarer als dieses erzwungene Negertum aber ist, was Kammerer -durch Belichtung beim Olm_auge_ erzielte. - -Wie gesagt, ist das im Finstern unbenutzte Auge des erwachsenen Olms -hochgradig verkümmert; es entspricht in unserem normalen Menschensinne -einem linsenlosen, höchst defekten und ewig im Lid geschlossenen Auge. -Beim neugeborenen Jung-Olm ist das nun noch nicht ganz so. Das Auge -ist hier schon äußerlich deutlicher, erscheint als schwarzer Punkt; -innerlich besitzt es noch eine Linse, und es ist noch nicht so dick -von der Haut überwachsen. Man hat den Fall wie so oft: das Jungtier -spiegelt noch deutlicher die Ahnenstufe, die einmal für das Leben im -Licht taugliche Augen besessen hatte, während das erwachsene Dunkeltier -das Auge mehr auf der jetzt gültigen Stufe des Nichtgebrauchs -verkümmert weist. Kammerer stellte sich nun als Problem, was wohl mit -dem Auge werde, wenn man solche Jung-Olme im hellen Licht erzöge. - -Der Versuch ergab zunächst eine Schwierigkeit. Die rasch im Licht -einsetzende Negerfärbung verdunkelte nämlich auch das schwache Häutchen -des Jungauges sofort so, daß eine tiefere Lichtwirkung darunter nicht -ferner möglich wurde. Alsbald aber half die Entdeckung, daß das Licht -einer roten Lampe nicht zu jener dunkeln Pigmentbildung führt, so daß -durch geschickte Abwechslung mit solchem roten Licht wenigstens der -Hauptschaden beseitigt werden konnte. Jetzt aber ergab sich das in -dieser Stärke denn doch überraschendste Resultat. - -Junge Olme wurden während der ersten fünf Jahre ihres Lebens konsequent -in dieser Weise belichtet. Im ersten Jahre verharrten ihre Augen -einfach auf dem Jugendstadium, ohne sich in der sonst hier schon -eintretenden Weise weiter rückzubilden. Im zweiten Jahre schwoll das -Auge unter seiner Haut merkbar an. Im dritten wölbte es die ganz -dünn gewordene Deckhaut uhrglasartig vor. Im vierten schien eine -unverkennbare Hornhaut entstanden zu sein. Im fünften Jahre wurden -die Augen automatisch genau untersucht, und es zeigte sich folgender -Sachverhalt. - -Die Deckhaut war so verdünnt, daß das Auge fast vollkommen an die -Oberfläche gerückt war. Die reine Größe des Augapfels hatte sich um -mehr als das Doppelte des im Finstern normalen Maßes verstärkt. Über -die Existenz einer Hornhaut konnte kein Zweifel sein. Geblieben, nicht -wie sonst stets beim erwachsenen Olm rückgebildet, war die Linse; -im Gegensatz zum Jugendstand hatte sie sich vielmehr noch um das -Achtzehnfache an Länge vergrößert. Als eine völlige Neubildung, die -noch nie, weder bei einem jugendlichen noch bei einem alten Olmauge, -sonst gesehen worden war, hatte sich aber sogar ein Glaskörper -entwickelt. Ebenso war eine Iris jetzt da, die eine deutliche Pupille -umschloß. Die Netzhaut war flächenhaft ausgebreitet und verdünnt, wobei -die Sehzellen gleichzeitig eine beträchtliche Vervollkommnung erfahren -hatten. - -Mit einem Satz: man hatte ein _Lichtauge_ vor sich statt eines -Dunkelauges. - -Entspricht der fertige Olm im ganzen einer kiemenatmenden Larve unseres -Feuersalamanders, so kann man sagen: diese neuen Augen des Lichtolms -entsprachen ebenfalls jetzt den zum dauernden, lebenslänglichen Sehen -bestimmten Augen einer solchen Feuersalamanderlarve. - -Über den Grad der Sehfähigkeit selbst wagte Kammerer anfangs kein -Urteil, doch scheinen die neuesten Experimente die Bestätigung zu -bringen, daß dem fertigen Apparat schließlich eben auch der Gebrauch, -den man erwartet, wirklich zukommt. Und so schenkt uns das glänzende -Gelingen des ganzen Versuchs eigentlich einen neuen Olm: eine Lichtform -des Dunkelmolchs, die nicht mehr auf die finstere Grotte eingestellt -ist, sondern sich vollwertig neben die anderen Molche in diesem Punkte -fügt -- die in jedem sonnendurchglänzten Teich ebensogut leben könnte -wie irgendeine unsrer kiemenatmenden Lurchformen sonst. - -Man ahnt aber, daß, was der Experimentator hier künstlich vollbracht -hat, auch die Natur wohl auf ähnlichen Wegen aus dem so bildsamen -Geschöpf hätte herausarbeiten können -- etwa wenn die dunkeln Decken -seiner Grotten sich gelegentlich durch irgendeine geologische Wandlung -wieder zur offenen, belichteten Klamm aufgetan hätten. - -So schauen wir auf wirkliche Möglichkeiten geschichtlicher Umwandlungen -der Arten, und der schlichte Einzelversuch erhebt sich bis zu der Höhe -umfassendster biologischer wie philosophischer Fragen. - - - - -Die unsterbliche Amöbe - - -Der treffliche Burmeister, eine Prachtgestalt älteren deutschen -Gelehrtentums von echtem Schrot und Korn und ein Original dazu, -war in späteren Jahren dauernd nach Südamerika übergesiedelt, ganz -eingesponnen dort in seine Studien über das heutige kleine und das -ehemalige Riesengetier dieses seltsamen Stücks Erde. Als jüngere -deutsche Freunde ihn dort besuchten, mit ihm beim goldenen Wein saßen -und etwas verwundert waren, den uralten Patriarchen immer noch so -rüstig als Pionier auf der Schanze zu finden, meinte er wohl launig: -seine geistige Unsterblichkeit sei ihm ja ein Problem, aber woran er -nachgerade wirklich glaube, das sei seine körperliche Unsterblichkeit. - -Der alte Herr hat zuletzt doch auch diese äußerste Forschungsreise -antreten müssen. An seinen Ausspruch aber muß ich denken bei einer -wissenschaftlichen Streitfrage, die jetzt auch schon über rund dreißig -Jahre zurückgeht. - -Es war zu einer Zeit damals, als in der Naturphilosophie gerade einmal -besonders lebhaft wieder über geistige Unsterblichkeit debattiert -wurde. Da aber kam einer der allerbesten Köpfe unter den strengen -Fachnaturforschern (kürzlich hat auch er auf die große dunkle Wanderung -müssen) und stellte ganz friedlich den Satz auf: auf jeden Fall gebe es -auf unserem merkwürdigen Planeten körperlich unsterbliche Wesen. - -Nicht der Mensch gehöre dazu, von dem das schwermütige polynesische -Liedchen singt, daß die Palme wachse, die Koralle sich breite, er aber -dahingehen müsse. Auch die Palme nicht und die Koralle nicht. Wohl aber -ein unsichtbares Reich, das lange in der Phantasie der Völker geradezu -mit Gespenstern bevölkert worden war. - -Wenn früher die Pest oder eine ähnliche Masseninfektion durch die -Kulturmenschheit ging, so erschien sie wie ein böser Dämon, der -uns heimsuchte. Unsere Zeit hat diesen Dämon entlarvt. In unseren -Mikroskopen hat er sich als jenes Heer kleinster der kleinen, -einfachster der einfachen Lebewesen ausweisen müssen, als Geschöpfe vom -Bakterien- und Infusorienschlage. - -Wir wissen jetzt, daß es auf unserer Erde zwei Hauptgruppen lebendiger -Organismen gibt: die einen, zu denen alle höheren Pflanzen wie Tiere -gehören, zusammengesetzt aus vielen, oft unfaßbar vielen Zellen; die -anderen zeit ihres Lebens nur bestehend aus einer einzigen solchen -Zelle. Unter diesen »Einzellern« aber befinden sich jene Massenmörder, -Massengifter, die bei jenen Krankheiten gegen uns wüten und deren wir -gerade jetzt in den schlimmsten Fällen Herr zu werden beginnen oder -doch hoffen. - -Eben von diesen Einzellern aber stellte nun der große Forscher August -Weismann den verblüffenden Satz auf: sie hätten vor all den sonst so -viel höher entwickelten Vielzellern doch ein ungeheures voraus: nämlich -die Gabe körperlicher Unsterblichkeit. - -Was kein Stein der Weisen, kein wundertätiger Quell Bimini uns jemals -hatte geben können, das sollte jede armselige mikroskopische Amöbe -besitzen seit Urtagen irdischen Lebens! - -An sich ist wohl kaum je etwas Verblüffenderes streng wissenschaftlich -behauptet worden. Noch verblüffender aber wirkte die schlichte -Logik der Beweisführung, die ihren Faden vom allereinfachsten und -bekanntesten Sachverhalt zu spinnen schien. - -Zunächst durfte man die Behauptung selbst ja nicht verkehrt fassen. - -So ein Bazillus oder eine Amöbe oder ein Malariaparasit sind nicht -einfach todesfest im Sinne, daß man sie nicht gewaltsam umbringen -könnte. Sonst stände es schlimmer als schlimm um den großen Feldzug -unserer heutigen Medizin. Natürlich kann man auch sie gewaltsam -vergiften, verbrennen und so weiter. Was aber Weismann meinte, ist, daß -solcher Einzeller keinen _natürlichen_ Tod kenne. - -Wir alle wissen um den gewöhnlichen, den so oft als tragisch -empfundenen Hergang bei dem höheren Wesen. Es wächst auf, es erreicht -eine gewisse Blüte seines Lebens -- dann, nach einer rund abgemessenen -Zeit, altert es wieder und stirbt endlich, auch wenn keinerlei -Gewalt es bedroht hat; inmitten auch des höchsten Glücks endet es an -Altersschwäche wie eine abgelaufene Uhr. Wohl mag es auf der Höhe -seiner Tage eine neue, lebenskräftige, wieder junge Generation von sich -haben ausgehen lassen, aber der neue, morgenfrische Aufstieg dieser -jungen Welt des Kindes ändert nichts an dem Altern und Sterben des -Vaters, der Mutter. So ist es bis zu uns. Der große Held, die edelste -Frau, der geniale Forscher oder Künstler, der Krösus und der Bettler: -sie schrumpfen und verfallen endlich wie ein welkes Blatt, wenn ihre -gewisse kurze Spanne erfüllt ist. - -Ganz anders aber bei der Amöbe. - -Auch ihr Leib, der nur aus einer Zelle besteht, wächst zunächst frisch -ins Leben hinein. Wenn ihm dieses Leben aber sonst kein besonderes -gewaltsames Ungemach bringt, so ist der weitere normale Verlauf, daß -dieser Leib auf der Höhe seiner Reife und Gesundheit sich einfach in -zwei lebendige Hälften teilt, von denen jede sich alsbald wieder zu -einem vollkommenen Geschöpf auswächst. Die so entstandenen zwei Amöben -stellen die Kinder dar, die das alte Leben mit frischer Kraft beginnen. -Zugleich aber ist das elterliche Wesen restlos in sie aufgegangen: es -ist keine Mutter etwa geblieben, die jetzt zu Altern und Tod bestimmt -wäre -- keine Leiche liegt auf dem Plan. - -Die beiden Jungamöben aber werden es zu ihrer Zeit genau ebenso wieder -machen, werden wieder teilen und damit restlos in ihr Jungbad gehen, -ohne daß jemals ein natürlicher Tod sich einstellte. - -Wenn nur einmal im Anfang der Zeit Leben auf der Erde entstanden ist -und die heute noch lebenden Amöben die Nachkommen der damals schon -gebildeten sind, so hat sich in Wahrheit in ihnen kraft dieser Methode -leibliches Leben bereits über hundert und mehr Millionen Jahre fort -weitergegeben ohne Todesriß. - -Im einzelnen mag die Teilung selbst komplizierter sein, als man sich -früher dachte, auch recht verschiedenartig bei den verschiedenen -Einzellertypen, aber das Schlußergebnis bleibt immer das gleiche: -die körperliche Unsterblichkeit. Unfaßbar viele Pechvögel des -Einzellervolkes mögen auch in jener langen Zeit gewaltsam ihr Ende -gefunden haben. Aber die zahllosen, die noch immer überleben, überleben -auf Grund dieser Unsterblichkeit. - -Der verblüffende Gedanke war aber kaum ausgesprochen, da begann auch -schon das hitzigste Turnier um ihn. Den meisten erschien er zu paradox, -als daß er wahr sein könnte. - -Ein erster Gegenstoß ging davon aus, daß bei solcher restlosen -Aufteilung einer alten Amöbe in zwei verjüngte doch die alte -Individualität sich auflöse, also gewissermaßen mit ihr doch etwas -sterbe. - -Aber diese Individualitätsfrage führt strenggenommen schon ins -seelische Gebiet, und Weismann hatte sehr geschickt immer nur von der -körperlichen Unsterblichkeit gesprochen. Mit der »Individualität« -erlebt man ja auch bei so manchen schon etwas höheren Tieren noch -die sonderbarsten Sachen. Noch einen Süßwasserpolypen kann ich in -zwölf Schnitzelchen zerhacken, und jedes Schnitzelchen ergänzt sich -prompt zu einem ganzen neuen Polypen; jetzt was ist auch hier mit der -Individualität des alten Polypen geschehen? Unser Denken kommt da -einstweilen nicht durch. - -Gewiß aber ist, daß der alte Polyp, körperlich genommen, dabei nicht -getötet worden ist, denn zum Tode gehört eine Leiche, und keines der -zwölf Hackstücke ist als Leiche liegengeblieben. Genau so fehlte aber -die Leiche bei unserer Amöbe. - -Vorsichtigere Kritiker wagten sich denn auch nicht auf dieses heikle -Gebiet, sondern versuchten einen wesentlich substantielleren Weg, um zu -prüfen, ob Weismanns Idee selber unsterblich sei: sie rückten ihr mit -dem unmittelbaren Experiment auf den Leib. - -Wenn Weismann recht hatte, durfte sich auch in einer unabsehbaren Kette -genau kontrollierter Einzellergenerationen niemals ein natürliches -Altern, ein Altersverfall einstellen, der endlich doch noch zum -körperlichen Zusammenbruch dieser Kette führte. - -Der Franzose Maupas züchtete also Hunderte von Generationen eines -gewissen Infusoriums und kam zunächst zu einem höchst bedenklichen -Resultat. - -Die betreffenden Liliputaner teilten anfangs glatt, teilten wieder und -wieder, als liefe die Sache anstandslos auch hier in die Ewigkeit. -Aber nach einer Weile fielen sie ab, degenerierten, gerieten in -greisenhaften Stillstand, der das Ganze unvermeidlich doch noch auf den -Tod losführte. - -Hätte man das Experiment hier für immer abgebrochen, so wäre Weismanns -Idee für immer widerlegt gewesen, die Leiche im Spiel war gefunden, -wenn sie auch erst nach hundert und mehr Teilungen erschien. - -Aber Maupas mußte einen weitereren Sachverhalt feststellen, der alles -wieder umwarf. - -Wenn man diese Infusorien nicht unter unnatürliche Bedingungen brachte, -sondern sich selbst überließ, so fanden sie, ehe noch jener scheinbare -Altersverfall sich geltend machte, aus eigener Kraft ein untrügliches -Mittel, ihm vorzubeugen. - -Nach einer Reihe einfacher Teilungen veränderten sie nämlich plötzlich -ihr Fortsetzungsprinzip: sie verschmolzen zu je zwei und zwei, und -wenn jetzt aus dieser Mischzelle neue Teilungen weiter erfolgten, so -bewährten diese erneut die alte Jugend ohne jede senile Gefahr. - -Der Vorgang war an sich sehr interessant, weil er schon eine Vorstufe -des Prinzips darstellte, das nachher im Liebesleben der höheren Tiere -und Pflanzen eine so kolossale und entscheidende Rolle spielen sollte. -Zur Sache zeigte er aber eine Regulierung, die Weismanns Idee erneut -glänzend zu rechtfertigen schien: denn ob nun Teilung oder Mischung: es -blieb dabei, daß keine Leiche das Spiel unterbrach. - -Emsigste Kritiker wurden indessen nicht müde, nach dieser »Leiche« -weiter zu suchen. - -Der Mischungsvorgang, hochinteressant wie er war, wurde selbst enger -aufs Korn genommen. - -Es zeigte sich, daß die verschmelzenden Infusorien gleichsam einen Teil -ihres Eigengerüstes dabei abbrachen und erst neu wieder aufbauten. -Dieses Abbrechen wurde als versteckte Leichenbildung gefaßt, als sterbe -in jedem der beiden Geschöpfchen gleichsam seine eine eigene Hälfte -erst ab, ehe die andere zu neuer Lebenskraft sich mit der anderen von -drüben vereinige -- ein unsagbar raffiniertes Durcheinanderspiel von -Liebe und Tod fast im gleichen Moment. - -Die Frage, ob das nicht wieder zu spitzfindig ausgelegt sei, machten -aber erneute Massenexperimente belanglos. - -Calkins züchtete abermals lange Infusorienkulturen und konnte wiederum -feststellen, daß nach einer gewissen Kette einfacher Teilungen -die Lebenskraft haperte und die Uhr, bildlich gesprochen, anfing -nachzugehen. Zur neuen Regulierung auf das richtige Tempo bedurfte -es aber, so wurde diesmal offenbar, nicht immer jener Mischung von -Individuen. In vielen leichteren Fällen genügte Abänderung der Nahrung -und ähnliches schon. - -Von da aber war nur noch ein kleiner Schritt zu der Möglichkeit -überhaupt, das Senilwerden der Teilgenerationen auch durch reine -Sorgfalt der Pflege und systematische Abwehr störender Außeneinflüsse -dauernd zu verhindern. Und auch diese Möglichkeit ist, soweit -menschliches Ermessen zurzeit reichen kann, inzwischen von Jennings und -Woodruff wirklich erwiesen worden. - -Sie haben Infusorien durch 2500 Generationen gezüchtet und -kontrolliert. In diesem Falle trat weder Altersverfall ein noch -Vermischung. Angemessene Diät, die jede Störung der Lebenshaltung -ausschloß, genügte offenbar allein zur Selbstregelung der Lebensuhr. -Man konnte natürlich annehmen, daß bei der millionsten oder billionsten -Generation doch noch die Dinge haperten. Aber diese Annahme wäre eine -durchaus willkürliche, die einstweilen dem schlichten Sachverhalt nicht -entspricht. - -August Weismann ist also bis zu seinem Tode der Ansicht geblieben, -daß er trotz aller Fehden das Spiel gewonnen habe. Der Sieg seiner -Grundthese bedeutete für ihn aber zugleich Sieg einer Folgerung, die er -daran geknüpft. - -Wenn die einzelligen Wesen noch keinen natürlichen Tod kennen und -kannten, so muß dieser Tod also erst innerhalb der organischen -Entwicklung bei den vielzelligen Wesen entstanden sein. Er wäre keine -Ureigenschaft des Lebens, sondern erst eine spätere Zutat. Was aber -könnte diese »Zutat« bewirkt haben? Eine unheimlich gewaltige Frage! - -Weismann war aber nun der Ansicht, daß unser menschliches Denken -so konstruiert sei, daß es rein wissenschaftlich alle solche -Entwicklungsfragen in der Natur nur lösen könne nach dem Begriff -»Nützlich« oder »Unnützlich«. - -Bei den höheren Pflanzen und Tieren ist jenes Amöbenprinzip, das -elterliche Wesen restlos in die Jungen ausgehen zu lassen, verworfen -worden. In der Reife ihres Lebens produzieren sie bloß noch Keimzellen, -aus denen die junge Generation erwächst. Sie selbst bleiben auch danach -noch selbständig stehen. Warum leben auch sie als Eltern aber nun nicht -unsterblich fort? - -Weil sie fernerhin überflüssig für die Erhaltung der Art sind, -meint Weismann. Alles Überflüssige ist aber zuletzt unnützlich im -Naturhaushalt und wird im Daseinskampfe endlich weggezüchtet, Jede -Funktion und jedes Organ schwinden, wenn sie für die Erhaltung der -betreffenden Lebensform überflüssig werden. - -Franz Doflein, nach dem Rücktritt des ehrwürdigen alten Meisters jetzt -Weismanns Nachfolger auf dem Freiburger Lehrstuhl für Zoologie, hat -dagegen versucht, der Grundthese eine freundlichere Konsequenz für uns -selbst zu geben. - -Wenn das Altern und der Tod keine Grundeigenschaften aller lebendigen -Substanz sind, sondern bloß eine mehr oder minder äußerliche Zutat, die -(wie jene Infusorienexperimente zu beweisen scheinen) wesentlich doch -nur eine Abnutzungserscheinung durch Ungunst der äußeren Verhältnisse -im unmittelbaren Effekt darstellt, so ließe sich ein erneutes änderndes -Eingreifen durch unsere Intelligenz denken. Es werde zwar ein Phantom -bleiben, das Menschenleben ins Unendliche zu verlängern. »Aber indem -durch genaue Erforschung eine Anzahl der günstigen Bedingungen -ausfindig gemacht werden und für ihre Wirksamkeit während der -Entwicklung des Lebens des Individuums gesorgt wird, während möglichst -viele Schädigungen ausgeschaltet werden, muß es möglich sein, die -Abnützung des Körpers hinauszuschieben, seine Leistungen länger auf der -Höhe zu erhalten und das Leben als Ganzes zu verlängern.« In diesem -Sinne seien die bekannten Ideale Metschnikoffs von einer gewissen -Verlängerung des individuellen menschlichen Lebens wirklich würdige -Ziele für den Forschergeist. - -In der Tat ist ja kein Zweifel, daß sich beim Menschen, selbst wenn -wir auch ihn in diesem Zusammenhang als bloßes Naturprodukt unter dem -Nützlichkeitssinn ansehen wollen, an dieser Stelle wieder etwas ganz -entscheidend verschoben hat. - -Der »Nutzwert« des Individuums auch über den Neuzeugungsakt hinaus ist -schier ins Unendliche bei ihm gestiegen. - -Schon im höheren Tier überhaupt sehen wir die Bedeutung des noch -eine Weile fortlebenden Elterntiers zum Schutz der Jungen und damit -der Art rapid zunehmen. Im Menschen treten dazu aber nun die enormen -Fortschrittsleistungen des Einzelnen für das Ganze, die unabhängig von -aller körperlichen Fortpflanzung in Forschung, Kunst, Gemeinarbeit -jeder Art, in Vorbildlichkeit des Charakters und so fort sich bewähren -und durch Lehre, Tradition, geleistetes Werk selbständig fortzeugend -in einer anderen Linie für sich weiter wirken. Von einem »fernerhin -Überflüssigen« in Weismanns Sinne kann hier also unmöglich mehr geredet -werden. - -Jede Förderung dieser individuellen Leistung muß fortan wieder -eminent wichtig für die »Menschenart« sein -- in tausend und tausend -Einzelfällen kann sie sogar wichtiger sein als die Neuzeugung selbst, -wenn auch letztere natürlich ihre eigene Notwendigkeit daneben stets -wahrt. Zu diesen Forderungen könnte aber natürlich auch eine rein -zeitlich vermehrte Dauer gehören, die ein stärkeres Ausspielen und -Ausstrahlen der individuellen Kräfte ermöglichte. Wer denkt hier nicht -an Goethe, dem vergönnt war, über achtzig Jahre in Kraft auszuleben und -der mit zweiundachtzig noch an seinem »Faust« arbeitete, an Humboldt, -der mit neunzig Jahren noch bei seinem »Kosmos« saß. - -Das Nützlichkeitsgesetz, das im niederen organischen Wesen nach Darwins -und Weismanns Auffassung als blind ausmerzende oder begünstigende -Zuchtwahl waltete, ist für den Menschen aber jetzt überall in seine -eigene Intelligenz eingegangen. »Nehmt die Gottheit auf in euren -Willen,« sagt (nur mit etwas anderen Worten) Schiller. Mit seiner -Intelligenz überschaut der Mensch jetzt die Dinge und leitet sie bewußt -in die _ihm_ günstigere Bahn. Und so mag auch an dieser Stelle die -fortschreitende Intelligenz resolut den Wechsel begreifen und mag im -Maß ihrer wachsenden Kräfte erneut einzugreifen suchen. Wie weit, das -verliert sich freilich in blauen Zukunftsschleiern. - - - - -Goldene Tiere - - -Wer von uns hat nicht in phantasiefroher Kinderzeit einmal gebebt unter -den Schauern der Sage vom Argonautenzug! - -Wie Jason mit seinem Heldenschiff gen Kolchis fährt, um das goldene -Widderfell zu holen, das von einem Drachen bewacht an einer Eiche im -Areshain hängt ... - -Kolchis ist die Kaukasusecke des Schwarzen Meeres, damals für einen -Griechen ein so fernes Sagenland wie uns Europäern von heute etwa das -Innere von Neuguinea. Die Argonautenfabel ist wilder und menschlich -kleiner als Ilias und Odyssee, denen man, aller Homerkritik zum -Trotz, eben doch auf Schritt und Tritt die läuternde Hand einer ganz -großen Dichterpersönlichkeit anmerkt, während dort nur noch die rohe -Mythe zu uns spricht. Aber um so packender für die Jugend schlägt -die reine Abenteuerlichkeit der Handlung durch. Und dabei ist auch -hier charakteristisch, wie die Sage mit naiven Effekten das Stärkste -erreicht. - -Ein Häuflein Gold in der Größe und Dicke eines Widdervlieses ist gewiß -noch kein besonders großer Schatz. Aber das Aparte, das Verblüffende -ist, daß ein lebendiges Säugetier Gold am Leibe getragen haben soll. -Dieses Tierfell lohnte schon die verwegenste Heldenarbeit! - -Zugleich aber fehlt auch der Zug nicht, daß in allem bunten Märchenspuk -die dunkle Kunde von einer nüchtern realen Sache gleichsam das -Gebein zu bilden pflegt. Wo immer wir heute naturgeschichtliche oder -historisch-geographische Forschung an diese Griechenlegenden wenden, -kommen solche Wirklichkeitsgebeine zutage, ohne daß der Duft der Sage -sich deshalb zu verlieren brauchte. An dem Fleck des alten Labyrinths -auf Kreta, wo der Stiermensch Minotaurus gewütet haben sollte, ist -vor kurzem die Stätte alter Kampfspiele der mykenischen Kulturepoche -ausgegraben worden; zoologisch bestimmbare Knochen beweisen, daß der -heute ausgestorbene riesige Urstier dort noch vorgeführt wurde, und ein -Wandgemälde aus der Zeit verewigt noch solchen gefährlichen Stierkampf -in anschaulichster Form. - -Und so erfahren wir auch aus den späteren Quellen griechischer -Wissenschaft selbst noch von einer althergebrachten Sitte der -Kaukasusbewohner, daß sie zottige Schaffelle in ihre Bäche hingen, um -die natürlichen Goldteilchen, die von den Wassern dieses metallreichen -Gebirges geführt wurden, aufzufangen -- eine nüchterne Praxis, den -mancherlei Methoden unserer Arbeiter in Silberseifen und Goldwäschen -damals schon durchaus ähnlich. - -Was aber kein antiker Grieche wußte, ist die Tatsache, daß es wirklich -auf unserer Erde Säugetiere gibt, die ein »goldenes Vlies« tragen. - -Freilich kein Vlies, aus dem man echte Goldstücke prägen kann. - -Als das Leben sich seine zwölf bis zwanzig mineralischen Elemente -aneignete, die teils notwendig, teils hilfsweise seine wunderbaren -Zellenbauten zusammensetzen, war Gold nicht dabei. Wenn es sich ab -und zu einmal in organischen Restbeständen auch von Lebewesen chemisch -nachweisen läßt, in Austernschalen, Pflanzenholz und so weiter, so -war es dort doch nur zufällig durch das Wasser eingeschleppt worden, -das ja für jegliches Leben eine absolute Notwendigkeit ist, in dem -aber vielfältig (zum Beispiel im Ozean durchweg) feinste Goldrestchen -auf Grund selbsttätiger Goldwäsche der Natur herumschweben. Zu einer -wirklichen Macht im Leben hat auch dieses schöne Element erst die -menschliche Intelligenz gebracht: vom Zahlgold in der Hosentasche bis -zur Goldplombe im hohlen Zahn! - -Das tierische Goldvlies, das ich meine, ist dagegen ein Fell, das -äußerlich im wundervollsten Goldglanz gleißt, als sei jedes Härchen -einzeln in Schaumgold getaucht gleich einer Weihnachtsnuß. - -Das erste wirklich dem Fachzoologen bekannt gewordene Tier, das -ein ganz unzweideutiges goldenes Vlies wenigstens für den Anblick -trägt, ist ein Geschöpf im tropischen Afrika, dessen Anblick aber für -gewöhnlich einfach unmöglich gemacht ist, weil es nämlich nach der Art -unseres Maulwurfs unter der Erde lebt. - -Jedermann kennt unseren heimischen Wühler, den Maulwurf. Er selber hat -schon ein recht hübsches, bläulich bereiftes Fellchen. Dieser Mull -gehört, wie wir schon besprochen haben, systematisch weder zu den -echten Raubtieren noch den Nagetieren, sondern zu jener uralten, heute -nur spärlich noch fortlebenden Stammgruppe der höheren Säugetiere, -die man die Insektenfresser zu nennen pflegt. Diese Insektenfresser -haben aber in ihrer Entwicklung offenbar von früh an eine Neigung oder -besser einen Zwang gehabt, gewisse Formen doppelt hervorzubringen. -So haben sie den Typus des Igels zum Beispiel zweimal geschaffen, -einmal als wirklichen Igel und dann noch einmal ganz unabhängig davon -im Borstenigel der fernen Insel Madagaskar. Und entsprechend gibt es -bei ihnen auch zweimal den Mull: das eine Mal in unserem echten und -das zweite Mal (auch hier vollkommen unabhängig) in einem ebenfalls -erdgrabenden Sprößling jener Borstenigel, den man den »Goldmull« -getauft hat. - -Dieser Goldmull lebt vom Kap bis zum Kongo, und zwar ebenso extrem -unterirdisch, wenn auch meist nicht sehr tief. Auch ihm ist dabei der -kleine fette Leib in richtiger Anpassung zur Walze oder Wurst geworden, -die schon bald gar nicht mehr nach einem Säugetier ausschaut. Da gibt -es keinen Schwanz mehr und keine Ohrmuscheln, ja für den äußeren -Anblick fast keine Gliedmaßen mehr; nur die Hände stehen noch als -starre krumme Haken vor, und auf dem Näschen sitzt eine kleine Schaufel -in Gestalt eines Hornschildes; das alles dient ersichtlich der Technik -des Sicheinbohrens und Vorwärtsdrängelns im trockenen Steppensande, in -dem der passionierte Unterweltler auf die still verborgene Suche nach -Würmern und Insektenlarven geht. Mögen in dieser afrikanischen Steppe -so viel böse Räuber oben über ihn weglaufen wie wollen: er ist in -seinen Sandstollen sicher, und was sich hier unten herumtreibt, dessen -ist er selber Herr. - -Nun aber die Verschwendung. Diesem ewigen Gast der Finsternis gerade -hat die Natur den Argonautenzauber des Goldvlieses verliehen! - -Jedes Härchen seines Maulwurfsfellchens ergleißt wirklich und -wahrhaftig im schönsten Goldschein. Je nach der Lichtbrechung mischen -sich in dieses Grundgold noch einzelne goldig angehauchte Farben, die -dann gleich Edelsteinen aus der Goldfassung glühen, bald grün wie von -Smaragden, bald ein unbeschreiblich schönes Violett gleich Amethysten. -Wenn dieser wahre »Dorado«, wie die südamerikanischen Indianer einst -ihren vergoldeten Sagenkönig nannten, bei uns lebte, so ist gewiß, -daß er längst um seines Königsmantels willen vernichtet wäre, während -ihn jetzt bloß ab und zu ein Kaffer seines Landes zum schmucken -Tabaksbeutel verarbeitet. - -Wozu aber der Glanz gerade in dieser Hütte -- oder in diesem -schmutzigen finsteren Bergwerk, muß man besser sagen? - -Und der Fall wird um so seltsamer, als auch der zweite Träger eines -goldenen Vlieses, den man unter den Säugetieren kennt, ein mindestens -ebenso ausgesprochener mullhafter Erdgräber im Finstern ist. - -Um ihn zu finden, muß man den dürren Sandboden diesmal der -zentralaustralischen Wüste aufschaufeln. In ihm steckt und bohrt er -genau so verborgen wie der Goldmull in der afrikanischen Steppe. -Australien hat aber nie Borstenigel gehabt, die dort zu Mullen werden -konnten. Der Hauptstamm seiner eigentümlichen Tierwelt gehört zu der -wohl noch altertümlicheren Gruppe der Beuteltiere, und folgerichtig ist -also auch sein einheimisch seit alters zugehöriger Mull ein solches -Beuteltier, ein »Beutelmull«. Im übrigen hat aber auch er die ganz -entsprechenden Hackenhände und auf der Nase seine eigene Hornschaufel. -Die Bergwerke dieses Beutelmulls liegen so versteckt in ihrer Wüste, -daß man erst in neuerer Zeit und nachdem Australien gerade auf -sonderbare Tiere schon reichlich abgesucht war, seiner zum erstenmal -habhaft geworden ist. - -Nun: auch dieser Beutelmull schimmert in Gold, wobei auch bei ihm das -Fell bald mehr reines Gelbgold zeigt, bald mehr Silber oder irisierende -Edelsteinfarbe. Abermals das goldene Vlies als Arbeitskleid eines -Tunnelarbeiters! - -Es ist ein ungemein fesselndes Problem, wie gerade diese -lichtscheuesten Gesellen unter unserem Säugervolk an das im Lichte -herrlichste Gewand gekommen sind. - -Eine Reihe gebräuchlicher Erklärungen versagt hier vollkommen. - -Es kann sich nicht um eine den Tieren nützliche Anpassungsfarbe -handeln, also etwa um einen Schutz, wie ihn dem grünen Laubfrosch -auf grünem Laube sein Grün gewährt. In der finsteren Sandröhre da -unten wird der goldene Rock dem Mull weder als Jägerrock noch als -Jagdwildverkleidung helfen können; um diesen Vorteil zu genießen, müßte -er schon in künstlich tagheller Goldhöhle hausen, die es doch nicht -gibt. - -Gleichermaßen versagt aber die berühmte Darwinsche Deutung, daß gewisse -gleißende Prachtfarben bei Tieren so herangezüchtet sein könnten, -daß die Tiere selbst an der Pracht ihre Freude gehabt und bei der -Liebeswahl von jeher die farbenprächtigsten Exemplare begünstigt -hätten. Abgesehen davon, daß durch diese Methode immer nur eine schon -vorhandene glänzende Farbe (also hier der Goldglanz) gesteigert, aber -nicht erst die Farbe selbst geschaffen worden sein kann, ist dazu -mindestens doch nötig, daß die verliebten und farbenfrohen Tiere sich -_sehen_ können. - -Schon unser heimischer Maulwurf hat aber stark verkümmerte Augen, was -bei seiner Finsterlingsart und Dreckwühlerei ja gut genug zu verstehen -ist; nötigenfalls ans Licht gebracht, sieht er zwar noch, aber seine -Hauptmittel im eigentlichen Jagdgebiet sind schon Tasten, Riechen und -Hören. - -Bei dem Goldmull aber zieht sich geradezu das Haarfell auch über die -Augen fort, sie verharren also dauernd im Schlafzustande der fest -geschlossenen Lider. Und erst recht beim Beutelmull liegt außer der -Haut auch noch ein Muskel unmittelbar auf dem völlig verkümmerten -Augenpünktchen, so daß hier auch nur vom schwächsten Erfassen eines -Lichtscheins keine Rede mehr sein kann. Diese Nachtwächter haben -eben einfach ihr Sehen abgeschafft -- folgerichtig ist es aber auch -nicht möglich, daß sie sich, mögen sie in ihrem Tartarus sonst so -verliebt sein, wie sie wollen, auf »Gold« hin selber durch Liebeswahl -heraufgezüchtet haben könnten. - -So sehr das Goldvlies uns eine Hauptsache erscheint: es macht den -Eindruck, als sei es nur eine indirekte Folge von etwas anderem. - -Haben die Fellhaare dieser Unterweltler irgendeine nützliche Struktur -sonst sich angeeignet, die als Begleiterscheinung ohne eigenen -Nutzzweck den Goldschein mit sich brachte, etwa im Sinne, wie unser -Blut zufällig seine schöne rote Farbe hat? - -Oder frißt der Mull da unten irgend etwas, das ihm besonders gut -bekommt, das aber sein Haar nebenbei irgendwie chemisch vergoldet, ohne -daß diese Vergoldung selbst ihn weiter förderte oder störte? - -Für den letzteren Fall könnte man wirklich nun auf allerlei verwegene -Gedanken kommen. - -Vom afrikanischen Goldmull wie vom australischen Beutelmull wird -berichtet, daß sie als echte »Insektenfresser« besonders gern und -massenhaft gewisse Schmetterlingsraupen und Engerlinge (Larven) von -Bockkäfern ihrer Heimat verzehren. Speziell vom Goldmull des Kaplandes, -der dort den Gärtnern genau so vertraut und, je nachdem, verhaßt wegen -des Wühlens, erwünscht wegen des Insektenvertilgens ist wie bei uns der -Maulwurf, hören wir, daß er hauptsächlich von Raupen lebt, und zwar -besonders denen einer sogenannten Plusiaeule, die sich tagsüber an den -Wurzeln ihrer eignen Futterpflanze verkriechen. - -Nun spielt aber bei Käfern und Schmetterlingen der Goldglanz -selber wieder seine Rolle. Jeder weiß von »Goldkäfern«. Gewisse -tropische Bockkäfer erscheinen wie in eine Goldlösung getaucht. Auf -Schmetterlingspuppen schimmern die schönsten Goldflecken. Ausgespart -aber jene Plusiaeulen, von denen ungefähr zwanzig Arten auch bei uns -vorkommen, führen seit alters geradezu den Namen »Goldeulen«! - -Die meist kleinen Schmetterlinge, die man »Eulen« nennt, wirken -in ihren langen Sammlungsreihen durchweg sonst unscheinbar, -ja langweilig, sofern man nicht auf die feinen Ornamente ihrer -Deckflügel achtet. Plötzlich aber bei den Plusiaeulen wird das -anders. In die schlichte Flügelzeichnung fließt plötzlich Gold ein in -verschwenderischer Fülle. Nicht roh hinzugemischt, sondern sorgsam -aufgenommen in den feinen Rhythmus der Ornamente. Bald färbt es rein in -den Umriß eingewebt gewisse Bänder, die anderswo bloß in Sepiazeichnung -den Flügel belebten, bald schwimmt es als Spiegel in Rundflecken, bald -bildet es ganz eigene, schön gezackte Felder auf dem dunkeln Grunde von -hoher stilistischer, jedes Künstlerauge entzückender Durchbildung. Sie -sind ja auch sonst geheimer Zeichen und Wunder voll, diese Eulenflügel, -sobald man genau hinsieht. Eine der bekanntesten Plusiaeulen führt -den griechischen Buchstaben Gamma aufs deutlichste dort, daher ihr -Name Gammaeule. Wo nun Gold hinzutrat, da schmiegte es sich ebenfalls -durchaus diesem Arabesken- und Hieroglyphenspiel organisch ein. - -Warum aber hat gerade solche Plusiaeule vor so viel anderen Gold zur -Verfügung? Lebt sie von Pflanzenstoffen, die das chemisch begünstigen? -Und könnten jene grabenden Säugetiere zu ihrem eigenen Schmuck -unwillkürlich gelangt sein, weil sie gewohnheitsmäßig wieder solche -Goldfabrikanten als Nahrung benutzen? - -Die Erklärung hat etwas Verführerisches, nur muß man sich vor Augen -halten, daß sie selber noch lange nicht alles erklärt, zum Beispiel -noch ganz und gar nicht, wie es kommt, daß nun etwa bei solcher -Plusiaeule der als Nahrung aufgenommene Stoff sich gerade in -derartigen köstlichen Mustern und Ornamenten von hoher rhythmischer -Stilisierung betätigt, während er beim Goldmull einfach das ganze Fell -gleichmäßig vergoldet. - -Hier mischen sich offenbar noch wieder besondere, vorläufig unbekannte -Gesetzmäßigkeiten ein, die das einfache Wort »chemischer Einfluß« nicht -erschöpft. - -Sicher aber ist es eine Sache zu reichem Nachdenken, dieses »goldene -Vlies«. - - - - -Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke - - -Der Weise, der alles auf die Nützlichkeit ansieht, versichert uns, -daß man beim Freimarkensammeln Geographie, Geschichte, Politik, eine -gewisse juristische Findigkeitstechnik und wer weiß was noch für -vortreffliche Sachen lernen könne. - -Ich bin nun der Ansicht, daß das Sammeln hier wie überall in erster -Linie eine Glücksquelle sei, und alle Nützlichkeit des Herrn Professors -in Ehren, halte ich doch stark auf den Wert jedweder Vergnüglichkeit -in dieser Welt als Selbstzweck. Wenn aber durchaus auch hier gelernt -werden soll, so läßt sich sogar vor dem Freimarkenalbum eine -Zoologiestunde geben. - -Zwar an den älteren mythologischen Wappentieren ist nicht viel mit -wirklicher Tierkunde zu fassen: den Löwen, die wie muntere Pudel -ausschauen, dem Braunschweiger Weihnachtspferdchen, dem steifen -Mecklenburger oder gar dem alten Moldauer Ochsenkopf, der schon mehr -nach mykenischer Urkunst schmeckt als nach 1858. - -Ob der chinesische Markendrache wirklich auf den Alligator des -Jangtsekiang zurückgeht, weiß ich nicht, jedenfalls könnte er der -Gestalt nach ebensogut von der berühmten Seeschlange abstammen. - -Wenn das südamerikanische Paraguay nicht den heimischen Jaguar, sondern -den Löwen (und zwar auf neueren Marken einen naturgeschichtlich -treuen, nicht stilisierten) führt, so will es offenbar direkt betonen, -daß es _nicht_ zoologisch echt kommt, denn in Amerika gibt es keinen -echten Löwen. - -Aber in so manchem überseeischen Reich oder Kolonialland blüht wachsend -jetzt ein wirkliches Stück »zoologischen Gartens« auf den Marken, und -man merkt die Hilfe des tierkundigen Fachmannes. - -Französisch-Guiana zeigt den Yurumi, den großen Ameisenbären -mit riesigem Buschschweif, Guatemala den altheiligen Vogel des -mexikanischen Sonnengottes und Königshabits, den herrlichen goldgrünen -Quesal oder Prachttrogon. - -Peru hat sein braves Lama, Nordamerika den schönen weißköpfigen -Seeadler und eine Jagd noch auf den Bison, was schon bald wie -prähistorisch wirkt, Neufundland seinen unschätzbaren Kabeljau, eine -Robbenkolonie und das Ptarmigan, das beliebte Schneehuhn seiner -Sportleute, Kanada auch ein aussterbendes Tier: den Biber. - -Neukaledonien führt stolz seinen landeseigentümlichen Rallenkranich, -den seltsamen Kagu, vor, Neuseeland den flügellosen Zwergstrauß Kiwi, -den Houia (Hopflappenvogel), bei dem Männchen und Weibchen verschieden -gebaute Schnabel besitzen, und den fleischfressenden Alpenpapagei -Nestor, Neusüdwales den australischen Emustrauß, den edeln Leiervogel -und das Känguruh, Westaustralien seinen berühmten schwarzen Schwan, -Tasmanien auf einer allerdings nicht ganz vollwertigen Stempelmarke gar -das geheimnisvoll eierlegende Schnabeltier. - -Die bekannteste und technisch schönste Menagerie gibt das englische -Nordborneo -- alles Bedeutende, das es hat, ist darauf: der -Samburhirsch und der Argusfasan, das kolossale Leistenkrokodil und -der Orang-Utan, der groteske Nashornvogel und der possierliche -Malaienbär, der Schabrackentapir, der indische Elefant und das lange -so sagenhafte Doppelnashorn Südasiens, selbst der geographisch hier -nur noch anklingende Kasuar. In Afrika hat der Kongostaat einen wilden -Elefantenbullen, das portugiesische Nyassa Giraffen, Kamele und Zebras -in wahrhaft monumentalen Maßen. - -Keine moderne Briefmarke aber erscheint mir interessanter als die -Ausgabe 1906 mit der Wertziffer 75 Cents der Negerrepublik Liberia an -der westafrikanischen Pfefferküste. - -In alten Jahrgängen führte Liberia auf heute seltenen Marken stets -hübsch die Gestalt der Freiheit mit der Mütze, respektabel und etwas -langweilig anzusehen wie alles Symbolische. Mehr und mehr ist es -aber dann auch zoologisch geworden, ist zu Eidechsen, Elefanten und -Schimpansen übergegangen. - -Auf jener hübschen braun und schwarzen Marke aber erkenne ich in -gutem Umriß sein allermerkwürdigstes Landesprodukt, ein bislang -auch fast mythisches Tier, das doch angetan ist, den Namen dieser -kleinen Republik für alle Zeiten in den Annalen der Naturgeschichte -festzuhalten und mit einem gewissen Glanz zu umgeben, eine nützliche -Verewigung auf jeden Fall im wechselnden Schicksalslauf politischer -Konstellationen. - -Ich meine die einzige noch lebende Nebenform und Zwergform des -populärsten afrikanischen Tierriesen, des Flußpferdes oder Nilpferdes, -die sich hier in diesem kleinen Küstenländchen durch irgendein -besonderes Stück Weltlauf erhalten hat. - -Wie der Elefant, wie die Giraffe, wie das Erdferkel oder das -Schnabeltier gehört das gigantische Flußpferd heute zu den -Vereinzelten, Vereinsamten im Tierbereich. Man weiß von ihm nur, daß -es, alles eher als ein echtes Pferd, einen uralten stehengebliebenen -Ausläufer des Stammbaumzweiges, der einst von den Schweinen zu den -Hirschen und Rindern lief, darstellt; am nächsten steht es wohl noch -den Schweinen. - -Sein Lebensbereich aber hat sich noch in junger geologischer Zeit -arg eingeengt; kam es doch um den Beginn der Diluvialzeit noch im -Florentiner Arno und in der Londoner Themse vor, während es heute -auf das (immerhin ja für sich noch kolossale) tropische Afrika -beschränkt und selbst in Ägypten völlig fremd geworden ist. Jene -früheren europäischen Nilpferde gehörten dabei durchweg einer noch -etwas größeren Art an. Aber gelegentlich hat man im Mittelmeergebiet -in Knochenhöhlen doch auch Spuren einer wesentlich winzigeren -Sorte von damals entdeckt, so auf der Insel Samos einen wahren -Pygmäenhippopotamus, der kaum so groß wurde wie ein wirkliches Schwein. - -Man hat dieses örtliche und zeitweise Herabgehen in der Körpergröße -dort damit zu erklären versucht, daß es sich um Flußpferde handelte, -die durch Zerreißen und Versinken großer Landgebiete im damaligen -Gebiet des heutigen Mittelmeeres plötzlich auf Inseln isoliert wurden. -Inselsäugetiere haben auf die Dauer meist eine Tendenz, klein zu -werden; auf Sardinien zum Beispiel sind heute der Edelhirsch, der -Damhirsch und das Wildschwein merkbar verzwergt. Bei noch stärkerem -Abbröckeln ihres Heimatbodens und Versiegen größerer Ströme und -Landseen hätten dann freilich auch diese Miniaturnilpferdchen -sich überhaupt nicht mehr halten können, so daß wir heute auf den -betreffenden Inselresten nur mehr ihre Knochen finden. - -Hier aber wurde nun der ferne Weltwinkel Liberia bedeutsam. - -1844 gab ein Kolonialarzt dort, Morton, die erste unsichere Kunde, daß -in den noch ganz unerforschten, unwegsamen Binnenwäldern der kleinen -Republik ein solches Zwergnilpferd noch lebend existiere. - -Zuerst erschien das ganz als Pygmäensage, die ja auch für Menschen -immer im dunkelsten Afrika geblüht hat, bis sie doch eines Tages in -Gestalt der wirklichen Zwergenvölker dort wahr wurde. Als ein emsiger -Museumssammler, Büttikofer, endlich Haut und Skelett nach Europa -brachte, konnte man auch an dem flußpferdischen Zwerg nicht länger -zweifeln. Er wurde nur so lang wie ein stattlicher Mensch, etwa 1,80 -Meter, was besonders klein wirkte, wenn man den Kopf des gewöhnlichen -großen Hippopotamus danebenstellte, der bei Exemplaren von 4 Meter -und noch mehr Gesamtlänge allein über 80 Zentimeter mißt. Der Zahnbau -wich so vom großen Bruder ab, daß man schon seinetwegen einen neuen -Gattungsnamen erfinden mußte; »Choeropsis« wurde der Kleine benannt -anstatt des alten »Hippopotamus«. - -Fast noch seltsamere Mär kam aber zugleich von seiner Lebensweise. -Während der Riese bekanntlich den größten Teil seiner Zeit wie eine -Seekuh im tiefen Binnensee- und Stromwasser verbringt und dabei ein -geselliges Beisammenleben liebt, bei dem die tauchende Herde bald da, -bald dort einen ihrer ungeschlachten Köpfe prustend und luftschöpfend -sehen läßt, sollte der Zwerg einsiedlerisch im dichten Walde hausen. - -Ein paar beste Museen konnten sich dank jenem Sammler ein schlecht -und recht ohne Lebenskenntnis montiertes Fell leisten, sonst aber -schliefen alle Nachrichten bald wieder auf lange Jahrzehnte ein, und -das Tier rechnete in den Büchern nach wie vor unter die Halbbekannten, -die Erwünschten, aber wie im Zauberwald für uns Verschlossenen -- -immer eine unbehagliche Sache für einen letzten Mohikaner auf so -winzig umschränkter Scholle, dem eine einzige Epidemie oder sportliche -Flintenschießerei wissenschaftlich indifferenter »Afrikaner« den Garaus -machen konnte. - -Und auch nach dem Tage, da Choeropsis den Ruhm erlebte, auf einer -Freimarke seines Landes sozusagen national wie international -aufzutreten, sollten noch sechs weitere Jahre vergehen, bis endlich -auch in dieses zoologische Geheimnis volles Licht fiel. - -Wirklich noch rechtzeitig, denn Choeropsis lebte, und der erste, der -endgültig jetzt den Schleier von ihm lüftete, stand im Dienste der -zoologischen Sachforschung und nicht der tiermordenden Sonntagsjägerei; -Sonntagsjäger heißt in den wertvollsten Tierasylen der Erde heute -nämlich leider nicht, wer nicht schießen kann, sondern wer so gut -schießt, daß er in einem »Sonntag« mehr zwecklos verderben kann, als -der Tierforschung in Jahren wieder gutzumachen ist. Der alte Hagenbeck -sollte es einmal wieder sein, auf den das spannende Abenteuer gewartet -hatte. Man kennt die glückliche Mischung von Geschäftsgeist und -Chancen für die Wissenschaft, die dort bestand. Solches Unikum, lebend -zum erstenmal nach Europa gebracht, gibt dem Tierpark in Stellingen -jedesmal eine große Sensation und erzielt im Verkauf an einen anderen -Garten Liebhaberpreise, die selber nichts vom Zwerg haben; zugleich -aber besteht das Faktum, daß mit solchem geschickten Fang und Import -des lebenden Tieres durchweg auch die zunächst wichtigste Tat im Sinne -der wirklichen Wissenschaft getan zu sein pflegt; für den Rest sorgen -dann schon die Professoren selber. - -Bei Hagenbeck ging so etwas aber stets im großen Stil. Er schickte also -auch diesmal einen tüchtigen Mann, Hans Schomburgk, eigens nach Liberia -mit der strikten Order, so viel lebende Zwergnilpferde wie möglich zu -fangen und nach Stellingen zu bringen; wie einst der selige Bennett zu -Stanley sagte: »Finden Sie irgendwo in Innerafrika Herrn Livingstone.« - -Und Schomburgk drang mit außerordentlicher Zähigkeit in die schwierigen -Flußwälder Liberias ein, ließ Hunderte von Fallgruben herstellen und -erreichte planmäßig wirklich sein Ziel. Vor einiger Zeit sind in -Stellingen fünf lebende Zwergnilpferde, dabei ein alter Bulle und ein -junges Pärchen, programmäßig eingelaufen. Ein Exemplar lebt jetzt im -Berliner Zoologischen Garten, dieser herrlichen Lehrstätte moderner -Tierkunde, die unter Ludwig Hecks Leitung eine immer umfassendere -wissenschaftliche Bedeutung erlangt hat. Seitdem kennt man die wahre -Gestalt, den Charakter und die heimische Lebensart des so überaus -merkwürdigen Geschöpfes; dieses Kapitel der Naturgeschichte ist -gerettet. - -Unser großer Hippopotamus ist, niemand bestreitet es, im eigentlichen -Sinne ein Scheusal. Er hat jenes Zerflossene, sozusagen in den -Proportionen Aufgelöste, das alle Säugetiere zuletzt im Wasser -annehmen. Der ungeheuerliche Kopf geht auf den Pottfisch, der Leib wird -zur schleifenden Walze, die Beine degenerieren. - -Dem kleinen Bruder sieht man dagegen sofort an, daß er niemals so -extrem Wassertier geworden ist. Er bleibt dem Tapir (übrigens keinem -Verwandten, sondern einem Pferdevetter), der auch, aber mit Maß, badet, -darin ähnlicher. Ganz ohne Bad kann ja auch der Zwerg nicht leben, so -bewiesen die Gefangenen. Aber in ihren dichten Urwäldern genügen ihnen -dazu schon die kleinen Bäche. Ausgesprochen lichtscheue Nachttiere, -bergen sie sich auch tagsüber nicht etwa im Wasser, sondern verstecken -sich in selbstgegrabenen Erdlöchern. Und wenn er dann im Dunkeln in -seinem Dickicht auftaucht, der Zwerg, kommt er in der Tat, wie schon -Büttikofer berichtete, durchweg allein. Ein Einsiedler ist er, der -aber auf seiner einsamen Streife weithin durch den Forst wechselt, -friedlich und harmlos von Wesen, wie die überaus geduldigen, leicht zu -meisternden Gefangenen dartaten. Kautschukhaft glatt ist auch seine -Livree, wenn er so dahertrabt, doch tragen die Beinchen viel höher, -der Bauch hängt nicht so schleppend wie beim Riesenbruder, und am -besser proportionierten Kopf fehlen völlig die ungeheuren Augenringel -und Nasenwülste, so daß das flunderhafte Hippopotamusprofil zu einer -einfachen Dicknase mit wieder richtig seitlich abgerückten Augen -gemildert erscheint. Der Fuß, der beim Riesennilpferd rein vierzehig -aufpatscht, zeigt schon eine entschiedene Neigung, beim raschen Gang -bloß eine Schweinespur zu hinterlassen, also hauptsächlich die beiden -Mittelzehen zu benutzen, eine Sache, die für die Stellung im Stammbaum -der Paarhufer außerordentlich interessant ist. Und gänzlich fehlt das -»Bluten« des echten Hippopotamus, eine höchst kuriose Hautabsonderung, -die durch einen weinroten Farbstoff die Sage erzeugt hat, das Ungetüm -schwitze buchstäblich Blut; wahrscheinlich hängt eben auch diese -Absonderlichkeit mit dem langen Wasserleben zusammen und ist also bei -dem Zwerge nicht vonnöten. - -Wie aber kam es, so legt man sich vor dem eigenartigen Gesellen zuletzt -wieder die Frage vor, daß gerade in diesem Liberiawinkelchen ein -solcher Zwerg des alten Geschlechts saß und sogar bis heute fortleben -konnte, während sonst das ganze große Afrika durchweg nur den Riesen -erhielt? - -Der Zoologe Trouessart hat auch hier auf jene Inseltheorie -zurückgegriffen. Liberia mit seinen kurzen Flüßchen und seinem starken -Gebirgsriegel gegen das tiefere Afrika bilde auch ohne Wassereinschnitt -eine Art Insel zum übrigen Afrika, in der auch diese Nilpferdchen seit -alters abgeschnitten, isoliert und verzwergt sein könnten. - -Vielleicht ist das doch etwas kühn erdacht, bloß um die Theorie zu -rechtfertigen, zumal da nach Schomburgk die Beschränkung nur auf den -liberianischen Küstenstrich nicht feststeht. - -Man könnte aber auch an Einwanderung von einer etwa heute -untergegangenen Insel des Meerbusens von Guinea denken. In sehr alten -geologischen Tagen zog sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus dieser -Gegend eine Landverbindung bis nach Südamerika hinüber, von der -immerhin zur frühesten Nilpferdzeit noch einzelne größere Inselpfeiler -fortbestanden haben könnten. Damals lag aber umgekehrt auch noch der -ganze Nordwestteil der Sahara zeitweise unter Wasser, und auch aus -diesem Saharameer konnten Inseln ragen, die Zwergnilpferde begünstigten. - -So führt uns das harmlose kleine Geschöpf zuletzt noch in die weite -Flut geographischer Fragen, und vielleicht wird man um seinetwillen -noch einmal die Karte der Vorzeit verändern müssen. Der Sammler -aber mag seine Briefmarke in Ehren halten: über dieses Markentier -von Liberia und seine anknüpfenden Rätsel wird noch manche Schrift -geschrieben werden. - - - - -Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier - - -In einem der schönen Flugkäfige für Enten und andere Wasservögel im -Berliner Zoologischen Garten hausten jüngst ein paar seltsame Vögel. - -Ihr Gesamtanblick verriet eine Sorte des Ibis, des allbekannten -heiligen Vogels der alten Ägypter, dessen langer Krummschnabel in -jedem Kinderbuch bis heute die Aufmerksamkeit fesselt. Aber ganz -schwarz, nur mit schön buntem Metallschimmer, war diesmal der »Ibis«, -rot prangten nur Schnabel und Beine sowie der größte Teil des Kopfs, -der eigentümlicherweise fast ganz in einer runzligen Greisenhaut -ohne Federn steckte, dafür aber tief noch im Genick mit einem langen -vielfederigen Schopf gar auffällig stolzierte. - -Alles in allem schon für die einfache Schau ein recht kurioser Geselle, -von dem man gern Näheres hörte. - -Wenn aber Vögel romantischen Empfindungen nach Menschenart zugänglich -wären und von der Geschichte ihres Volkes mehr besäßen als ein paar -altüberkommene dunkle Instinkte, so würde durch den kahlen Kopf dieses -scheuen Gastes dahinten im Gebüsch seiner Voliere ein eigenartiger -Traum gezogen sein. - -Der Schopfibis (~Geronticus~ lautet der lateinische Name) kommt heute -aus fernem fremdem Erdteil zu uns, vom asiatischen Euphrat oder aus -dem afrikanischen Abessinien oder Marokko. In Europa ist seine Stätte -nur noch im Zoologischen Garten unter ausländischem Getier. Und doch -war dieser Fremdling einst ein echter und rechter Bürger nicht nur -europäischer, sondern deutscher Erde! - -Gute deutsche Namen hat er einmal in allen südlicheren Teilen des -großen deutschen Sprachgebiets geführt, von denen »Waldrapp«, eine -speziell schweizerische Bezeichnung, die hochdeutsch »Waldrabe« gibt, -sich in der Schriftsprache ihrer Zeit am stärksten durchgesetzt hatte. -Und die Leute, die ihn so nannten, sind nicht etwa alte Alemannen -und Helvetier oder gar Pfahlbauer oder Mammutjäger der Diluvialzeit -gewesen, sondern Renaissance- und Reformationsmenschen. - -Ein allbekanntes Tier war der Waldrapp damals im Volke. Chroniken und -Naturgeschichten sowohl wie Gerichte und ihre Urkunden kannten und -nannten ihn, der Koch und der Feinschmecker wußten von ihm zu sagen, -stellenweise bildete er geradezu ein Charaktertier der Landschaft. - -Die eigentliche wissenschaftliche Tierkunde hatte damals ja noch nicht -entfernt so viele Vertreter wie heute; aber um so zahlreicher gab es -Praktiker, die als Jäger oder sonst bei ihrem gefiederten Mitvolk im -Lande Bescheid wußten -- nicht vom Hörensagen wußten, sondern weil sie -die Tiere selbst alle Tage sahen; und die alle müssen -- vielerlei -Anzeichen als Stichproben beweisen es noch klärlich genug -- auch den -deutschen Waldrapp gekannt haben. - -Dieser _deutsche_ Waldrapp aber ist verschollen seither! - -In Zeit weniger Jahrhunderte. - -Einer der wunderbarsten, fast möchte man sagen beängstigendsten Fälle -aus der Besitzgeschichte unseres Vaterlandes liegt hier vor: ein -lebendiges Tier geht in Seiten hellster Kultur, unter den Augen -- -nein, nicht unter den Augen, denn gesehen hatte es zunächst niemand -- -unserer Naturforscher einfach im Lande unter wie in Urtagen das Mammut --- bis auf den letzten Kopf, hoffnungslos, für immer. - -Diese Geschichte ist wert, daß jeder sie näher kennen lernt, denn sie -enthält ein Menetekel. Sie predigt mehr für die Notwendigkeit von -Tierschutz und Heimatschutz, als ganze Bände vermögen. Das gleiche Los -hätte die Nachtigall treffen können in der Zeit. Es kann morgen da, -dort eingreifen, uns dieses, jenes Stück Altdeutschland, deutscher -Natur herausgreifen und in die Versenkung werfen, wenn wir nicht -Gegenmittel ergreifen. - -Nein, sie hatten zunächst schlechterdings nichts gemerkt, die -Naturkundigen; hinter ihnen aber ebensowenig das ganze unabsehbare Heer -der Jäger, Förster, Landschaftsschilderer, alle, alle, bis zum Koch -herab. - -Der Schopfibis wurde im Jahr 1832 von Wagler als _neue_ Entdeckung, -als eine »neue Tierart aus Ägypten«, beschrieben, und das war sein -tatsächlicher Eintrittsmoment in die _moderne_ Wissenschaft. Also -wohlverstanden: als ein Vogel Afrikas, bisher von keinem europäischen -Forscher gesehen, in Europa selbst völlig unbekannt. Er erhielt einen -neuen lateinischen Namen, kam in Lehrbücher und Museen -- als Exote, -den sich die Museen mit mancherlei Mühen von weither jetzt übers Meer -beschaffen mußten, nachdem er einmal im Verzeichnis der Arten stand. -Nach diesem Datum vergingen nochmals 65 Jahre bis zu der denkwürdigen -Stunde, da 1897 drei ausgezeichnete, noch lebende Vogelkenner, die -Herren Hartert, Kleinschmidt und Walther Rothschild, ganz zufällig bei -einem Gespräch im schönen Rothschildschen Museum in London eine der -sonderbarsten zoologischen Feststellungen machten, die jemals möglich -geworden ist: nämlich eben die Feststellung daß dieser heute nur noch -exotisch fortlebende Schopfibis identisch sei mit dem alten deutschen -Waldrapp des sechzehnten Jahrhunderts, den damals an vielen Orten -jedermann bei uns gekannt hatte. - -Die Entdeckung war an sich nicht schwer. In jenem sechzehnten -Jahrhundert hatte wenigstens ein einziger wirklich großer Tierforscher -und Sachkenner der deutschen Tierwelt gelebt und geschrieben: Konrad -Gesner zu Zürich. In seinen ursprünglich lateinisch verfaßten, dann -aber gleich auch deutsch bearbeiteten Folianten ist der deutsche -Waldrapp sowohl ganz vortrefflich beschrieben, wie auch gut abgebildet. - -Der Holzschnitt zeigt auf den ersten Blick, daß man den heutigen -exotischen Schopfibis und nicht eine echte Rabenart vor sich hat. Der -Text sagt auch nur, daß der Vogel einem Raben in Größe und Farbe »fast -ähnlich« sei. Im übrigen sehen wir den krummen roten Ibisschnabel und -wehenden Nackenschopf, wir hören von der Kahlheit des Kopfes und dem -schwarzen sonstigen Gefieder, auf dem damals wie jetzt der metallische -Spiegel ergleißte. - -Daß der gemeine Mann ihn aber damals mit einem Raben verglich (er, der -ja keinen Ibis zum Vergleich kannte), wird uns vollends verständlich, -wenn Gesner uns berichtet, daß der Waldrapp nicht nur in »einöden -Wäldern« wohnte, sondern besonders gern »in hohen Schroffen oder -alten einöden Türmen und Schlössern« nistete, »dannenher er auch ein -Steinrapp genannt wird und anderswo in Bayern und Steurmarck ein -Klaußrapp, von den Felsen und engen Klausen, darinn dann er sein Nest -macht« (Schweizer Deutsch des sechzehnten Jahrhunderts!). So steil und -unzugänglich lägen oft seine Niststätten, daß »er dann etwan von einem -Menschen, so an einem Seil hinab gelassen, außgenommen und für einen -Schleck gehalten wird, wie er auch bey uns in etlichen hohen Schroffen -bey dem bad Pfäfers (Bad Pfäffers!) gefunden wirt, da sich auch etliche -Weydleut hinab gelassen haben«. - -Hier allerdings scheint sich eine Schwierigkeit einzudrängen. - -Der Ibis, wie er uns geläufig ist, der schwarz-weiße der alten Ägypter -wie der braunrote oder schwärzliche der Mittelmeerländer oder der schön -rosenrot flamingofarbige Amerikas: er ist uns doch als Sumpfvogel -geläufig. Aber ausgespart bestätigt der Fall Waldrapp die Ausnahme von -dieser Regel: denn eben der Schopfibis nistet auch heute in seiner -fernen Gegend noch mit Vorliebe hoch in Felsen und altem Gemäuer, -- -zum Beispiel traf man ihn am Euphrat scharenweise so in den Ruinen -eines alten Sarazenenschlosses. Also das erledigt sich von selbst. - -Gesners Vogelbuch mit seinen zum Teil ganz ausgezeichneten Bildern war -aber nun als ein Grundwerk neuerer Tierkunde selber niemals vergessen -worden. Wohl aber hatte das Kapitel »Vom Waldrapp« darin in der -Zwischenzeit auch sein eigenartiges Schicksal erlebt. - -Der große Linné, als er im achtzehnten Jahrhundert das tat, was -eigentlich Vater Adam im Paradiese schon besorgt haben sollte, nämlich -den ganzen Inhalt der großen Erdenarche mit dauernd gültigen Etiketten -versah -- er glaubte selber noch so viel an Gesners Autorität, daß er -dessen Waldrapp als deutschen Vogel ins System nahm, anfangs als eine -Art Wiedehopf, später als wirklichen Raben; sonst wissen tat er von ihm -aber schon nichts mehr. - -Der treffliche Vogelforscher Bechstein in der Wende zum neunzehnten -Jahrhundert wagte dagegen einen entscheidenden Schritt. Er prüfte -Gesners Bild, gab selber noch ein anderes altes wieder, konstatierte -aber zugleich, daß es einen so aussehenden Vogel in ganz Europa ja doch -nicht gebe. Nicht mehr gebe -- darauf kam er zunächst nicht. Nein, -überhaupt nie gegeben habe, meinte er. Man habe den guten alten Gesner -genarrt mit dem irgendwie verunstalteten Balg einer Alpenkrähe. - -Und auf diese voreilige Skepsis hin wurde wirklich jetzt von der -ganzen nächstfolgenden Forschung auch das Gesnersche Bild abgelehnt -und ignoriert -- der deutsche Waldrapp war also gleichsam doppelt -verschollen. Und es bedurfte erst des Zufalls, daß jene drei -Vogelkundigen im Rothschildmuseum gerade das Gesnerbild, das -Bechsteinbild und endlich ein Bild und einen Balg des längst inzwischen -unabhängig entdeckten exotischen Schopfibis von heute nebeneinander zu -sehen bekamen, womit denn natürlich augenblicklich Bechsteins Schluß -als falsch erkannt, Gesner wieder anerkannt und zugleich konstatiert -war, daß es sich um einen wirklichen, aber heute auf deutscher Erde -ausgestorbenen Vogel handeln müsse. - -Einmal das Eis gebrochen, ist dann unsre Kunde vom wenigstens -historisch wiedererstandenen Waldrapp rasch erweitert worden noch über -Gesner hinaus. Neuerdings hat besonders Robert Lauterborn, der so -eifrige und glückliche Arbeiter in der Geschichte deutscher Tierkunde, -das Material gesichtet und vervollständigt. - -Wir wissen aus den verschiedensten Quellen jetzt, daß dieser dohlenhaft -auf Burgruinen nistende deutsche Ibis außer in der Schweiz auch im -Salzburgischen, im weiteren Österreich, im bayerischen Donaugebiet bei -Kelheim und Passau im sechzehnten Jahrhundert durchaus nicht selten -war. Als Vertilger widerwärtigen Ungeziefers, das sein krummer Schnabel -leicht aus den tiefsten Löchern zog, wurde er gelegentlich schon -damals in Steiermark und zu Zürich urkundlich geschützt. Nach Stumpfs -berühmter Schweizer Chronik war er um 1606 noch ein »gemein Wildpret«. -Und zum Überfluß verglichen ihn wenigstens die Gelehrten schon damals -selber mit einem Ibis, wobei einer eine alte Stelle bei Plinius -ausgrub, die der Existenz des Ibis in den Schweizer Alpen gedenkt. -Dieses alte Zitat ist an sich wieder höchst interessant, denn es ist -die einzige antike Quelle über den deutschen Waldrapp. - -Plinius, in der besten Zeit der römischen Cäsaren, Zeitgenosse des -Tacitus, war als Naturgeschichtschreiber nicht eben ein Mann, dem es -auf ein derbes Teil Tierfabeln ankam. Aber in seinen Tagen begann -man sich aus Staatsräson und sozusagen Kolonialpolitik in Rom sehr -ernst mit der Schweiz und Süddeutschland zu befassen, und bei dieser -Gelegenheit wurde in Amtsberichten offenbar doch vielerlei über die -Natur gerade dieser Gegenden bekannt, das den Stempel der Echtheit -trägt. Von einem Alpenpräfekten seiner Zeit, Egnatius Calvinus, -hatte nun Plinius gehört, er habe den eigentlich für Ägypten -heimatberechtigten Ibis auch in den Alpen gesehen. Kaum ist ein Zweifel -möglich, daß das wirklich auf unsern Waldrapp geht, der also in den -Römertagen schon an den Felsen der Alpenstraßen genistet haben muß, -genau wie zu Gesners Zeit. - -Warum aber ging ein so lange dem Lande treuer Vogel ein? - -Man hat an eine Klimaverschlechterung gedacht, die das heute auf -durchaus warme Länder beschränkte Tier, dessen meiste Verwandte -sogar Tropenbewohner sind, vom Rhein und der Donau vertrieb; in -Wahrheit spricht dafür aber nichts. Viel deutlichere Sprache dagegen -spricht »der Schleck«, den nach Gesner das »liebliche Fleisch und -weich Gebein« seiner Nestküken den Feinschmeckern gewährt hätten -und um dessentwillen die Nestplünderer mit Lebensgefahr sich an den -steilsten Felsen herabließen. Wehe dem Vogel, der in Tagen mangelnden -Vogelschutzes durch die Gesetzgebung und den Natursinn seines Volkes in -die Schußlinie eines »Schlecks« kommt! Der alte Gesner selber weiß ja -noch zu berichten, daß die Leute seiner Zeit, die die Waldrappjungen -aus ihrem Nest nahmen, »in einem jeglichen eins liegen (ließen), damit -sie am nachgehenden Jahr desto lieber wiederkommen«. Das war in der -geordneten Schweiz von 1500 und so und so viel. Anderswo und später -auch dort las man's offenbar anders, und zwar so gründlich, daß die -Waldrappen, Zugvögel, wie sie gleich Storch und Nachtigall waren, eben -allmählich nicht mehr wiederkamen. Um die Zinnen flatterten Dohlen und -Tauben, aber kein Ibis mehr. Der deutsche Ibis war ein ausgeträumter -Traum deutscher Landschaft. - -Wird ihm der Storch, wird ihm wer weiß was noch alles von den Tieren, -die in Sage und Naturschau um die Wiege unserer deutschen Volkskraft -gestanden haben, in unseren Tagen folgen? Oder werden wir den -Heimatsinn finden, der wenigstens jetzt solche nicht mehr zu sühnenden -Sünden an unserem Heimatsbilde endgültig bannt? - - - - -Der Gespensterzug der Lemminge - - -In den letzten zehn Jahren hat sich in Skandinavien mehrfach -hintereinander wieder ein uraltes Volksgespenst sehen lassen: der -mysteriöse Massenzug der Lemminge. - -Heute geschieht ja da drüben besonders viel für die Bauernbildung, und -ich weiß nicht, ob man sich im Winkel noch als echt weitererzählt, was -mindestens in früheren Jahrhunderten dort für eine unerschütterliche -Wahrheit galt. Da aus der alten Gespenstergeschichte aber bis heute -eine heftige wissenschaftliche Streitfrage ausgegangen ist, mag es an -der Zeit sein, einmal wieder davon zu reden. - -Des grausen Märchens Inhalt war, daß es in diesem doch durchweg nicht -allzu üppigen Lande eine besondere Landplage gebe, die alle paar Jahre -zum Verdruß auf die Bauern fiele. Über Nacht zögen Wolken auf und -ließen regnen, und wenn der Tag den Schaden besähe, habe es tausend und -aber tausend lebendige große Mäuse geregnet, hübsche Tierchen in Gelb -und Schwarz wie die überseeischen Meerschweinchen, aber gefräßig wie -nur irgendeine Feldmaus, ja den orientalischen Heuschreckenschwärmen -gleich, vor denen alles Laubgrün bekanntlich im Nu vergeht wie unter -einem Gifthauch. Entsprechend ihrer unerhörten Herkunft flössen diese -Tiermassen wie ein reißendes Wasser von der Höhe zu Tal durch das -Land, rasten und fräßen sich fort über jedes Hindernis, bis sie endlich -auch gleich einem regengeschwellten Bach in einen See oder das große -Meer einmündeten, wo sie dann allesamt jämmerlich ertrinken müßten. - -Dieser wilde Tierstrom war der berühmte und berüchtigte »Lemmingzug«. - -Die ersten einheimischen Geographen und Zoologen da oben, im -sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, nahmen die Sache noch ganz so -als buchstäblich wahr und stritten sich bloß zunächst über das Problem, -ob die betreffende Wolke jedesmal Lemminge aus sich selbst erzeuge oder -ob das kleine Plagevolk irgendwo in ferner Gegend vom Sturm mitgerissen -und dann erst wieder am Fleck herabgeschüttelt werde. Dem Geist der -Zeit von damals erschien das erste meist als das Amüsantere und deshalb -als das Wahrscheinlichere. - -Dieser im ganzen leider allzu amüsanten Legende aber machte im Jahre -der Thronbesteigung unseres großen Friedrich der naturgeschichtlich -nicht minder große Linné ein Ende. Nach ihm, der sein eignes Land -schließlich doch kennen mußte, handelte es sich um eine wirkliche Sorte -Maus, die nicht nur in der Gefräßigkeit, sondern auch sonst durchaus -irdisch-realistischer Natur war. Die Wolke, die sie ins Tiefland -spie, war aber in Wahrheit das Gebirge. Dort lebten die Lemmingmäuse -für gewöhnlich im kärglichsten Gebiet. Ab und zu aber kamen sie als -großer Wanderzug von dort zu Tal, und dieses plötzliche Auftreten der -stets nächtlich vorrückenden Tiere erzeugte die abgeschmackte Sage vom -Lemmingregen. Das klang nun recht ernüchternd, ja fast langweilig, -wenn nicht doch ein interessanter Punkt auch so geblieben wäre. Er -betraf die Wanderung selbst. - -Mit stärksten Farben erzählte auch Linné von ihr: wie das -vieltausendköpfige Volk tatsächlich einem reißenden Strom an Zähigkeit -und Folgerichtigkeit gleich daherkomme, einem Menschen nicht ausweiche, -sondern sich zwischen seinen Beinen durchzuwälzen suche, durch einen -im Wege liegenden Heuschober ein Loch fresse, anstatt ihn zu umgehen, -über Bäche und Ströme unter tollsten Opfern setze und, fahre ein -Nachen darin vorbei und kreuze die schwimmende Masse, diesen Nachen -erklettere, um auf der anderen Seite wieder ins Wasser zurückzuspringen. - -Was sollte dieser Mäusekatarakt? Wenn man hörte, daß der lebendige -Strom nicht etwa eine dauernde Besiedelung des Flachlandes bedeute, -daß die Tiere sich durch ihren fortgesetzten Weiterzug gleichsam -selber umbrächten, in Gegenden eindrängen, wo sie gar nicht leben -könnten, sich sinnlosen Krankheiten und Gefahren in den Arm würfen, -in Hekatomben beim Durchqueren von Seen oder gar im Meer ertränken -und zuletzt einfach alle miteinander auf solcher tollen Fahrt ins -Blaue zugrunde gingen, ohne daß auch nur ein Stück die liebe Heimat -wieder erreichte -- so schien das zwar kein Wunder, aber doch einen -Gipfel zweckwidriger Unvernunft in der sonst so zweckschönen Natur zu -bedeuten, der in seiner Art an ein Wunder grenzte. Und an diesem Faden -wurde der Lemming jetzt für weitere anderthalb Jahrhunderte zu einer -Art von fachzoologischem Gespenst, mit dem bald das, bald jenes, aber -nie etwas Rechtes bewiesen werden sollte. - -Eine Weile freilich konnte es scheinen, als solle auch dieser Nimbus -jämmerlich fallen. Linnés Zeugnis wurde allmählich auch etwas -altersgrau -- aus neuerer, ganz heller Zeit aber blieb es lange -merkwürdig still von neuen Lemmingzügen. Und als gar der treffliche -Brehm in Lappland und Finnland überall herumgefragt, kein Mensch dort -aber etwas vom reisenden und rasenden Lemming gewußt hatte, da meinte -schon mancher, man dürfe auch diese Wanderlegende nachgerade zu der -anderen schreiben und aus den ernsthaften Naturgeschichten streichen. - -Das aber war wieder zu viel. Der Lemming, schon fast totgesagt, -erlaubte sich doch wieder zu schwärmen, und noch in den letzten Jahren, -wie gesagt, ist er wieder von seinen Bergen zu Tal gerast wie zu Linnés -Tagen. So blieb denn nichts übrig, als den Kampf mit diesem Gespenst -auf die richtige Waffe zu stellen: nämlich es zu bannen mit einer -vernünftigen Erklärung des rätselhaften Todeszugs. - -Darwin hat einmal gesagt, seine ganze Zweckmäßigkeitslehre mit all -ihren Folgerungen müsse einpacken, wenn ihm einer einen tierischen -Instinkt nachweisen könne, der einfach sinnlos darauf ausgehe, die -betreffende Tierart, die ihn besäße, selber zu schädigen. Es mußte sich -also wesentlich darum handeln, in dem »Unsinn« des Lemmingzuges doch -mehr oder minder auch noch eine »Methode« zu finden. - -Der erste klärende Schritt dazu war, daß man den seltsamen Kerl in -seiner normalen Heimat genau studierte. Obwohl eine echte Wühlmaus, -also nächstverwandt unseren Feldmäusen, lebt er im skandinavischen -Gebirge nach Art des Murmeltiers. Die »Tundra« zwischen dem tieferen -Bereich des Fichtenforstes und dem ewigen Schnee ganz oben ist seine -Welt dort, jener karge Pflanzengürtel, wo der Wacholder und die -Zwergbirke, die ~Betula nana~, die nur mehr als eine Art Heidelbeere am -Boden kriecht, einen Liliputanerwald bilden. Üppiger Tisch ist da oben -gewiß nicht, zumal unser Lemming nicht die echte Murmeltiergewohnheit -besitzt, den Winter zu verschlafen. Immerhin findet er sein Auskommen, -und Gefahr entsteht, scheint es, gerade nur durch etwas mehr -gelegentlichen Luxus der armen Natur um ihn her. - -Ab und zu kommt nämlich einmal ein besonders mildes Jahr, und -in solchem fetten Stande schwillt die Nachkommenproduktion der -kleinen Tundralemminge ins Ungemessene an. Im folgenden macht sich -das unheimlich in der großen Kopfzahl geltend, und wenn jetzt in -erklärlicher klimatischer Folgerichtigkeit ein besonders dürrer Sommer -eintritt, so entsteht ernstliche und wachsende wirkliche Not. In -solchen Tagen, heißt es, werde das jahrelang still da oben seßhafte -Völklein unruhig. Es strebe nach Erweiterung seines Nährgebiets, -wandere vor allem in den Waldgürtel unterhalb seiner gewöhnlichen -erhabeneren Sitze massenhaft aus. - -Soweit ist die Sache plausibel und fügt sich lückenlos aneinander. Nun -aber soll wieder daran die große Wanderung hängen. - -In dem tieferen Forst finde der Nager, der aus seiner Welt der -Flechten und Birkenwurzeln kommt, andersartige und ihm unbehagliche -Bedingungen. Und da fasse ihn der Trieb, abwärts noch weiter zu -sondieren -- diesmal aber nicht in entsprechend langsamer Ausbreitung, -sondern sozusagen explosionshaft, in einem ohnemaßen verwegenen Vorstoß -ins Ferne und immer Fernere, der aber bei der geographischen Situation, -die anstatt in neues Gebirge in eine immer tiefere Ebene mit tausend -Feinden und Hemmnissen, ja endlich ans Meer als das wahre »Ende der -Welt« führe, jedesmal im allgemeinen Verderben enden müsse. - -In diesem Teil der Beweisführung bleibt eine Lücke. - -Es wird nämlich nicht eigentlich erklärt, wie gerade dieser explosive -Wandertrieb entsteht. Es wird nur gezeigt, wie er ausgelöst werden -könnte -- wenn er in den Tieren vorhanden ist. Und auch dazu gibt es -nun noch mancherlei zu denken und zu bedenken. - -Man hat beobachtet, daß die Wanderexplosion nicht bloß vom Waldgürtel -des Gebirges zu Tal, sondern auch vom eigentlichen Lemminggebiet nach -oben in die Schnee- und Gletscherwelt erfolgt, wo natürlich die armen -Weltfahrer noch rascher elendiglich absterben müssen als unten. Von -Anfang an muß also die Wucht des Wandertriebes enorm sein, die selbst -in diese unmittelbare Öde jagen kann. - -Dann aber hat man an dem Zuge selbst gewisse merkwürdige Einzelheiten -wahrgenommen. Die ziehenden Tiere kommen wohl in großen Scharen daher, -zäh jedesmal im Absteigen den gleichen, nämlich wohl den geographisch -bequemsten Straßen folgend, aber im Trupp geht jeder Einzellemming -streng für sich, mit ordentlichem Zwischenraum zum nächsten, und wenn -zwei Pilger sich doch zufällig nähern, so gibt es stets eine böse -Beißerei. Ein bissiges, zänkisches Gesindel sind sie ja durchweg auch -sonst, und ein Beobachter wollte das ganze Wandern noch mehr aus dieser -wachsenden Unverträglichkeit bei größerer Menge erklären anstatt aus -der eigentlichen Nahrungsnot. Vielleicht aber hängt eben mit dieser -hochgradigen Wanderfeindschaft, die immerhin doch etwas Sonderbares -hat, wieder etwas zusammen, das von verschiedenen Beobachtern -einstimmig erwähnt wird: es sollen nämlich bei den skandinavischen -Lemmingen die großen Explosionszüge fast ganz aus jüngeren Männchen -bestehen. Tiermännchen unter sich sind ja stets beißwütiger. Nun -ist aber wiederum dieses einseitige Geschlechtsverhältnis aus der -Nahrungsfrage nicht erklärt, und es sieht nach einem besonderen -Geheimnis noch hinter allem aus. - -Ist die treibende Kraft der eigentlichen Explosion etwa unerfüllte -Liebe? Stellt sich bei der Überproduktion ein Mißverhältnis der -Geschlechter mit zahlreichen zwangsweisen Junggesellen, die nicht zur -Heirat kommen können, ein, und ist es der ungestillte Trieb dieser -»Supernumerare«, der eigentlich in dem Wanderfieber steckt? - -Das würde erklären, warum dieses wie ein entfesselter Strom -dahinfließende Wandervolk auch vor keinen »Fleischtöpfen« unten -mehr zum Stillstand kommen kann, sondern rastlos gepeitscht immer -weiter sucht und sucht bis ins eigne Verderben. Das Drauflosgehen bis -zum Sinnlosen würde, wenn man es erotisch, aus einer ungestillten -Leidenschaft, erklären könnte, wohl seine gute Analogie im Benehmen -der meisten anderen Tiere in der »Liebesraserei« finden. - -Schließlich bleibt aber auch bei dieser erotischen Hilfe, daß auch -sie doch offenbar einen sonst schon geregelten Instinkt auslösen -muß. Daß die Wanderlemminge sich nicht einzeln regellos da und dort -zerstreuen, daß sie, obwohl knurrend von Pilger zu Pilger, im ganzen -zusammenhaltende Trupps bilden, die zusammen aufgebrochen sein müssen -und eine gemeinsame Richtung wahren, und daß diese geregelte Zugform -immer wieder, solange man die Erscheinung kennt, die gleiche gewesen -ist, obwohl es sich doch bei den Wiederholungen um weit voneinander -getrennte Generationen handelt, das alles spricht deutlich für einen -solchen festen Instinkt, der jedesmal in Kraft tritt, wenn die äußere -Auslösung, das Stichwort gleichsam, gegeben wird. - -Aber ein Instinkt zum Verderben der Art? - -Hier wird man sich über das Einzelbild gerade dieses Tieres und das -engere geographische Bild des heutigen Skandinavien hinaus einen -freieren Blick schaffen müssen. - -Ähnliche gelegentliche explosive Massenwanderungen kommen nämlich -auch bei anderen Tieren vor, zum Beispiel bei verschiedenen Insekten. -Sie sind wohl zu unterscheiden von regelmäßigem, friedlichem Wandern, -das an den Heimatort wieder zurückführt (wie bei unseren Zugvögeln), -wie von wirklichem Auswandern oder Vorrücken einer ganzen Art. Stets -handelt es sich dabei um eine Abstoßung von Überproduktion in die Weite -hinaus, während die eigentliche alte Normalziffer der Bevölkerung ruhig -an ihrem Sitz verharrt. - -Unwillkürlich wird man dabei an menschliche Dinge erinnert. An die -alte Geschichte vom »~Ver sacrum~«, dem Weihefrühling. Bei antiken -Völkern wurde gelobt, eine ganze Kindergeneration in den Reifejahren -auszustoßen, in die ungewisse Ferne zu schicken. Die Samniter in -der römischen Geschichte sollten so entstanden sein. Die Sache wird -religiös erzählt, aber sie könnte auch sehr praktische Gründe bei -Übervölkerung gehabt haben. - -Bei jenen Tierabstößen aber könnte in diesem Sinne nun ein doppelter -Nutzzweck für die Art herauskommen. - -Einmal, wenn die Abgestoßenen wirklich alle zugrunde gingen. Die -Zurückbleibenden blieben dann ohne erhöhten und vielleicht zerstörenden -Daseinskampf im alten Statusquo. Es wäre ein grausiges Mittel -- ein -besonderer Wanderinstinkt, bei so und so viel Einzeltieren der Art -zeitweise ausgelöst, damit sie sich zugunsten der Art opferten, indem -sie ins Blaue rasten, dem sicheren Tode zu. - -Aber ich glaube, es gibt einen zweiten und milderen Fall, der wohl -auch bei jenem menschlichen ~Ver sacrum~ eigentlich als das Normale -vorgesehen war. Der abgestoßene Schwarm findet auf seinem Wege eine -neue Heimat. Eine andere günstige Stelle, wo die Art sich neu ansiedeln -kann oder wenigstens Artgenossen leben, denen eine Blutauffrischung -günstig zustatten kommt. Hier hätte die Art rein positiven Vorteil -durch stärkere Ausbreitung und erhöhte Kraft. Und diesem Sinn würde -auch das rasend Schnelle des Zuges besonders gut dienen, während es für -den reinen Todeszweck belangloser wäre: es gälte in kürzester Frist -möglichst große Strecken zu überqueren, ob der Zufall ein gutes Neuland -zeige, -- je weiter hinaus, desto größer die Chance. - -Nun freilich: bei den skandinavischen Lemmingen von heute kommt es -immer nur zu einem Todeszug: sie vergehen alle in der Ebene oder im -Meer. Hier scheint also unabänderlich heute wenigstens nur der erste -Fall zu gelten. - -Indessen wir erinnern uns an Geologisches. Solche Tierarten mit ihren -Instinkten leben ungeheure Zeiträume hindurch. In solchen Zeiten aber -ändern sich Festländer und Meere. Skandinavien ist nicht immer so zu -größten Teilen inselhaft gegen das Meer geöffnet gewesen und wird -es schwerlich in Ewigkeit sein. Wenn eine Landbrücke über Nord- und -Ostsee es heute mit Deutschland verknüpfte, könnten auch die rasenden -Lemmingzüge zuletzt wieder auf wirklich geeignetes Gebirgsland stoßen; -solche Zustände haben aber in geologischen Tagen geherrscht. In der -Diluvialzeit ist durch die großen eiszeitlichen Klimastürze zeitweise -sogar die Tundra selber bis tief nach Mitteleuropa hinein gekommen, und -entsprechend findet man Lemmingknochen aus diesen Tagen dort überallhin -wirklich verbreitet. - -Also andere Zeit, ein anderes Lied. Am »Sinn« aber werden wir auch hier -noch lange nicht zu verzweifeln brauchen! - - - - -Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge - - -In der guten alten Zeit hatte man noch viel lustige Hoffnungen -hinsichtlich naturgeschichtlicher Entdeckungen. Man erwartete und -fabulierte Menschen mit Kranichköpfen oder einem einzigen Riesenfuß, -der so groß war, daß er bei Sonnenhitze dem ganzen Körper Schatten -geben konnte. - -Aber ein Wesen, Tier oder Mensch, das nicht als Fisch im Wasser, -sondern richtig auf dem Lande in offener Atemluft lebte und doch weder -eine Fischkieme noch auch eine Lunge, sondern in diesem Sinne überhaupt -gar nichts zum Atmen hatte und dennoch lebte -- das haben auch die -problematischen Geographen und Naturhistoriker, die von der Indienfahrt -des Apollonius von Tyana oder den wunderbaren Reisen weiland Herzogs -Ernst schrieben, nicht zu erfinden gewagt ... - -Wer ist nicht einmal an der Riviera gewandert und hat in diesem -unsagbar köstlichen Paradies den melancholischen Gedanken gedacht: -was für ein Schlachtfeld unter all diesen Herrlichkeiten des blauen -Himmels und der sonnenüberglänzten Palmenerde sich dehne von unfaßbar -tragischem Menschenkampf mit dem Unvermeidlichen. - -Um den Atemzug des Menschen ging dieser Kampf, um die Lunge, die ihn -gewährte. Wie ist hier vom einzelnen gerungen worden mit äußerster -heiliger Seelenkraft! Wie klangen und klingen hier die langsamen, -tastenden Fortschritte der modernen Medizin als Paradieseshoffnungen -bald, bald wieder als Resignationen an. - -Aber in aller Not denkt man dort doch auch an die wunderbaren -Widerstände, die geheimnisvollen Selbstregulierungen der Natur. Wie -lange der Mensch vielfach den Kampf aushält selbst mit einem stark -herabgesetzten Organ! Ist es doch, als sei unser Körper schon in -gesundem Stande gleich auf das Doppelte angelegt mit seinen zwei -Lungenflügeln, zwei Gehirnhalbkugeln, zwei Nieren: damit bei Zerstörung -der einen Hälfte doch noch der Rest das Ganze einstweilen trage. - -Doch wenn zuletzt die gesamte Innenfläche schwindet, auf der Luft -und Leben sich nach uraltem Pakt, der allein das Leben in der Luft -garantierte, begegnen, dann sinken doch die großen Schleier. Ganz ohne -Lunge hat auch die Natur in uns, die um Erhaltung ihres Gebildes ringt -bis zum letzten Atemzuge, keine Selbsthilfe, keine Regulierung mehr. - -Wohl weiß der Arzt, der zugleich den geschichtlichen Entwicklungsgang -dieses Organs überschaut, uns noch etwas Merkwürdiges dazu zu erzählen, -das bei vielen heute noch überraschend wirkt. - -Diese Lunge ist auch als Ganzes nur wieder ein Teilstück eines anderen, -viel größeren und gegen Zerstörungen durchweg viel widerstandsfähigeren -Organs in uns. Sie ist ursprünglich nämlich nichts als ein Stück -Darm, eine Ausstülpung am vorderen Teil des Verdauungskanals. Eine -Seitentasche dieses Darms ist sie, die durch besonderen Anschluß von -Blutbahnen in der Arbeitsteilung der Ernährung sich speziell darauf -eingestellt hat, nicht flüssige und feste Nahrung zu verarbeiten, -sondern die in der Luft enthaltene. - -Wenn es wahr ist, daß sich im darwinistischen Sinne die Landwirbeltiere -aus fischartigen Wassertieren einmal entwickelt haben, so ist -der engere Hergang wahrscheinlich so gewesen, daß ein gewisses -Darmanhängsel, das bei den Fischen ganz anderen Zwecken (dem Auf- -und Absteigen im Wasser) diente, die sogenannte »Schwimmblase«, sich -nachträglich zum »Luftdarm« als Atmungsorgan auf dem Lande an Stelle -der Wasserkiemen des Fisches ausgewachsen hat. Die Darmnatur aber hat -die Lunge auch so und gerade so erst recht niemals ablegen können. - -Wollte man nun einmal ganz kühn sein, so könnte man folgern: die -Natur hätte auch bei vollkommener Zerstörung der Lunge noch _einen_ -Rettungsausweg. Wenn nämlich rechtzeitig der ganze übrige Darm für sein -zerstörtes Teilstück einzutreten begänne, gewisse Blutgefäße dick und -leicht durchlässig vordrängte und so Ersatz schüfe. - -Ja, theoretisch könnte man sich die Maschine so reguliert denken. Aber -in der Praxis fehlt es bei uns eben doch offenbar -- leider -- an der -Möglichkeit und Schnelligkeit der Umschaltung, und so fällt auch dieser -Traum unter die Resignationen der Wirklichkeit -- es sei denn, daß die -Medizin noch einmal ganz andere Mittel und Wege fände, unseren Körper -überhaupt umzuzüchten und ihm alles tatsächlich zu entlocken, was in -den Anlagen der Natur auch in ihm schlummert. - -Gewiß aber bleibt, daß zu solchen oder ähnlichen waghalsigen Ideen -nicht leicht etwas stärker Anklingendes entdeckt werden konnte, als vor -nicht langer Zeit eben auf der so schönen und so tragischen Erde der -italienischen Riviera selbst geschehen ist. - -Man hat ein Tier dort entdeckt, das ein Wirbeltier ist gleich uns. Und -zwar ein Landwirbeltier, also kein Fisch. Dieses Tier aber besitzt -keine Spur von einer Lunge und atmet doch Luft, genau wie wir. Es atmet -sie nämlich wirklich ein und aus mit einer weit umfassenderen Fläche -seines Leibes, in diesem Falle allerdings auch nicht mit dem ganzen -Darm, sondern, unverkennbar noch praktischer, gleich mit der Außenhaut -des Körpers. - -Dieses, man kann wohl mit Grund sagen, nunmehr wirklich wunderbarste -Wirbeltier ganz Italiens ist ein äußerlich schon lange bekannter, -noch nicht handlanger Salamander, auf braunem Grunde gelbrot fleckig -mit etwas allgemeinem Goldglanz, also nicht unähnlich einem kleinen -Exemplar unserer heimischen Feuersalamander, die jeder Schuljunge -kennt, der in den Sammeljahren steckt. - -Man hat ihn als den »braunen Höhlensalamander« (~Spelerpes fuscus~) -bezeichnet, denn wie unser gelbschwarzer Landsmann liebt er Dunkelheit -und feuchte Verstecke, was bei ihm aber bis dahin gediehen ist, daß -er gewohnheitsmäßig in kühlen und finsteren Höhlen der nord- und -mittelitalischen Gebirge als ein möglichst scheuer Sonderling haust, -der dort auf die uns widerwärtigste Jagd, zum Beispiel auf die der -kleinen Skorpione des Landes, geht. - -Eine ungeheuerlich weit vorschnellbare Zunge, wie sie beim Chamäleon -wiederkehrt, erleichtert ihm das Jagdvergnügen zwischen diesem -bedenklichen Wildstand seines fast unzugänglichen Reviers. Wie so -mancher weltabgeschiedene Eigenbrötler im Amphibienvolk, scheint er -eigentliches Wasser nicht einmal für seine Jungen mehr nötig zu haben, -sondern auch sie werden gleich landfertig und nach Abschluß ihres -Kaulquappenstandes geboren. - -Um so sicherer aber hätte man aller zoologischen Folgerichtigkeit nach -nun damit rechnen sollen, daß der kleine Geselle von solcher Geburt an -zeit seines ganzen fertigen Molchlebens ein paar tüchtig entwickelte -Lungenflügel im Leibe führe. - -Denn das wissen wir ja von seinen allbekannten Genossen bei uns, -Feuersalamander wie Teichmolch: diese amphibischen Langschwänzer sind -zwar darin »Amphibien«, also »beidlebige Tiere«, daß sie als freie -Kaulquappe im Wasser mit fischhaften Kiemen Wasserluft atmen können, -_wenn_ sie aber dann als reifes Geschöpf aufs Land gehen, haben sie so -gut Lungen zu freier Luftatmung wie nur irgendein Vogel oder Säugetier -oder wie wir Menschen selber. - -Und eine solche Lunge ist auch bei einem Lurch solchen Schlages keine -bloße »Tätigkeit«: sie ist ein sichtbares Gebild im Leibe, das man -greifen kann; eine Froschlunge zum Beispiel sieht, abgesehen von ihrer -etwas kurzen Verankerung, äußerlich gar nicht so sehr viel anders aus -als eine menschliche. Um so überraschender aber mußte jetzt die Kunde -klingen, daß findige Anatomen beim genauen Zergliedern des italischen -Spelerpesmolchs auch nicht das allerkleinste Substanzzipfelchen -gefunden hätten, das auf eine solche Lunge gedeutet werden könnte. Ein -alter Haruspex, der bei einem seiner Opfertiere das unerwartete Fehlen -eines so scheinbar unumgänglich nötigen Organs festgestellt hätte, -würde mindestens den Untergang der Welt daraus prophezeit haben! Der -Fall hatte diesmal aber noch eine viel weitere Perspektive als die -einer vereinzelten Abnormität. - -Das zweideutige Höhlenkind Italiens ist, rein geographisch betrachtet, -ein höchst seltsamer Fremdling in unserem Erdteil. Alle seine Genossen -von der engeren Spelerpesgattung wie einem anschließenden größeren -Kreise wohnen (Werner hat jüngst die Tatsachen darüber anschaulich -zusammengestellt) sonst jenseits des Großen Wassers in Nord- und -Südamerika. Irgendein Urweltweg (einst hat es ja Tage gegeben, wo -Europa enger mit Nordamerika zusammenhing als selbst mit Asien) muß es -vereinzelt so weit hinausgelockt haben. - -Dabei ist es aber durchaus nur dem treu geblieben, was auch drüben -Trumpf war. Diesem ganzen Geschlecht von mehr als einem Halbhundert -verschiedener Arten fehlt ganz gleichermaßen jede Spur von einer -Lunge im Leibe! Dabei ist es im übrigen ein äußerst vielgestaltiges -Völklein. Da gibt es Molche, die hoch auf Bäume klettern; Molche, die -weite Sprünge vollführen können; Molche, die einen Greifschwanz haben, -an dem sie sich eine Weile schwebend erhalten können; Molche, die im -Gegensatz zu der sonstigen Wehrlosigkeit des heutigen Lurchgeschlechts -lange Zähne führen und damit an gewisse riesige krokodilhaft bissige -Riesenlurche der Vorwelt (Labyrinthodonten) gemahnen. Manche aus jenem -Stamm leben gleich unserem Italiener streng auf dem Lande, andere gehen -auch ins Wasser. Allen aber gemeinsam ist das große Mirakel ihrer -Familie: der bedingungslose Verzicht auf die Lunge ebenso wie auf jedes -besondere andere Atmungsorgan. - -Und die entscheidende Frage muß sein, wie dieser Mangel ausreichend -ersetzt werden konnte von einem Wirbeltier, das unter allen Umständen -doch an das große Gesetz der Atmung gebunden war wie alle übrigen. - -Schaut man nun einem solchen lungenlosen Salamander eine Weile zu, -so gewahrt man mit Befremden ein unablässiges schnelles Schwingen -der Kehlhaut, das ganz und gar doch wieder nach sogar sehr heftiger -Lungenarbeit ausschaut. Aber der Anatom löst dieses Rätsel und damit -zugleich das andere. - -Unser geheimnisvoller Lurch atmet in Wahrheit nicht vom Mund in den -Lungenschlund, sondern er _atmet mit der Mundhöhle selber_. Hier schon -treten die Blutgefäße zum nötigen Gasaustausch unmittelbar heran. Und -entsprechend geht das Atmungsfeld, wenn man sich so ausdrücken soll, -auch von innen nach außen und nicht umgekehrt weiter, indem es sich -von der Mundhöhle nun ausbreitet über die gesamte äußere Körperfläche -bis in ihre entlegensten Ausläufer. Merkwürdigerweise sind es ganz -besonders _die Zehen_, die oft durch ein sehr starkes oberflächliches -Blutnetz am erfolgreichsten diesem Zweck dienen, ein Sachverhalt, der -weit fort von allem Wirbeltierbrauch geradezu an die Krebse erinnert, -wo die kiemenhaften Atmungsapparate ebenfalls an den Beinen sitzen als -der Stelle, die am besten mit frisch anströmendem Wasser in Berührung -kommt. - -Obwohl die Lebensweise der heutigen »lungenlosen Molche« keine -einheitliche mehr ist, wird man doch kaum fehlgehen, wenn man -diese ihre kurioseste und schlechtweg einzigartige »Anpassung« auf -ursprüngliche Verhältnisse zurückführt, wie sie wohl gerade der -italienische Höhlensalamander noch mit am deutlichsten spiegelt. - -Dieses Molchvolk wird lange Zeit weder rein auf dem Trockenen noch -rein im wirklichen Wasser gelebt haben. Es war vielmehr vermutlich ein -gewohnheitsmäßiger Bewohner der »Dusche«. An feuchten Grottenwänden -kletternd, erhielt es einen immerwährenden feinen Sprühregen und -Kellerschwaden auf Maul und Haut, der die Atmung dieser äußeren Haut -(etwas atmet ja jede tierische Nackthaut und ganz besonders stark auch -sonst schon die amphibische, zum Beispiel beim Frosch) in eben dem -Maß durch feine Reizung verstärkte, wie er beim Eindringen in eine -wirkliche innere Lunge vielleicht umgekehrt zu grob wirkte. - -Jedenfalls wird man kaum darum kommen, daß die Lunge erst wieder -nachträglich abgeschafft und durch die Mund- oder Fingerhaut ersetzt -worden ist; denn zu der gesamten Organisationshöhe des echten Molchs, -die doch sonst auch hier schon überall erreicht ist, gehörte normal -zweifellos auch der ursprüngliche Besitz bereits einer Lunge in reifem -Zustande. - -Also es ginge im Spielbereich der Natur: wir könnten auch mit dem -Gaumen oder mit den Fingerspitzen atmen -- die Maschine ließe sich -theoretisch auch hier anschalten. Nur daß diese Natur immer ihre Zeit -gebraucht hat, solchen Anpassungswechsel durchzusetzen. Nicht am -einzelnen Individuum hat sie es vollbracht, sondern an Generationen. - -Obwohl wir aus den ganz alten Urweltstagen nur Reste jener erwähnten -krokodilhaften Panzeramphibien besitzen, gehen doch auch die -nackthäutigen Lurche, zu denen ein solcher Molch von heute gehört, -über Millionen von Jahren zurück; schon in der Jurazeit gab es den -echten Frosch, also wohl die Krone auch dieses jüngeren Stammes. Da -konnte sich viel vollenden, auch wenn es langsam ging, viel konnte da -die Natur, wenn wir einmal so menschlich reden wollen, experimentieren -nach allen Richtungen, und wundervoll konnte sich die tatsächliche -Biegsamkeit und Schmiegsamkeit des Lebensprinzips bewähren. War dann -die Anpassung geglückt, so überdauerte sie auch wohl wieder unfaßbare -weitere Generationen in starrem Bann. - -Was wir Menschen uns wünschten, ist hier weniger zugleich und mehr. - -Nicht die Menschenart im ganzen möchten wir für jede Einzelhilfe -verwandeln. Dafür aber möchten wir im individuellen Falle einen Ausweg -schaffen, der ein krankes Organ durch ein anderes ersetzte, jetzt -gleich, im einzelnen. Und hier liegt einstweilen unser Gegensatz -noch zu den grandiosen Auswegen und Erfolgen der dunkel schaffenden -Naturzüchtung unter uns, der uns Menschen in all unserem bewußten -Erfassen der Dinge heute noch wie einen Tantalus erscheinen läßt, zu -dem sich die goldenen Früchte herabsenken und der sie doch nicht zu -erfassen weiß. - -Wenn es aber irgendeinen Erfolgsweg gibt, so heißt er: Lernen von der -Natur. - - - - -Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas - - -Alte indische Weisheit lehrt, daß jeder Mensch sich irgendwo -»dahinten«, im kosmisch-mystischen Storchteich, sein eigenes irdisches -Leben freiwillig gewählt, erfunden und gedichtet habe. - -All unsre unterschiedlichen und nicht immer ganz wohltuenden Abenteuer -hier unten seien nur die Autosuggestionen eines Poeten, der eine Weile -seine eigene Phantasie für Wahrheit nimmt -- einzelnen Abenteuern -gegenüber doch eine etwas unheimliche Vorstellung. - -Inzwischen wäre es aber hübsch, wenn wir gelegentlich wirklich wählen -dürften, wann und wo wir noch einmal wiederkommen wollen. Jeder würde -da seine sehr speziellen Wünsche haben; ich aber weiß gewiß, daß ich -unter den Zeiten und Orten der Vergangenheit mir keinen lieberen Fleck -zum Wiedermiterleben wählen könnte als -- Gondwanaland. - -Zwei Dutzend Millionen Jahre vielleicht möchte ich meine Uhr -zurückdrehen -- nicht vordrehen, nicht in die gespenstische Zukunft -hinein, sondern historisch dorthin, wo der Mensch selber noch als eine -ferne Zukunftsüberraschung im Storchteich der Erdentwicklung schlief -- -und wissen, wie es eigentlich wirklich in Gondwanaland ausgesehen hat. - -Gondwanaland ist ein verschollener, verklungener, zerfetzter, -versunkener Erdteil der Urwelt, der aber dokumentarisch sehr viel -besser beglaubigt ist als die angeblich noch von Menschen bewohnte -sagenhafte Atlantis. - -In einer sonst belanglosen Landschaft des heutigen Indien ist man -wissenschaftlich zuerst auf seine Spur gekommen -- daher der Name, der -im übrigen nicht viel mehr Bezug zu ihm hat als der des ehrenwerten -Herrn Amerigo zu Amerika. - -Gondwanaland ragte, als sich bei uns im Norden die roten Wüsten -dehnten, denen wir unseren auffälligst gefärbten Bausandstein verdanken. - -Gondwanaland ragte, als sich in weitem Waldmoorgürtel dort aus -sterbenden Farnbeständen die Ursubstanz unserer Steinkohle bildete. - -Gondwanaland verband damals auf der Südhalbkugel Afrika mit Indien, -es erfüllte den Indischen Ozean und schob sich westlich in den -Atlantischen; Australien und Südamerika lagen als zugehörige -Dependenzen oder Halbinseln neben ihm; wie weit es sich zur Antarktis -südpolar erstreckte, das eben möchte ich unter anderem wissen, wenn ich -noch einmal dahin geboren würde. - -Aber noch mehr würde ich dann wissen. - -Gondwanaland verschwand als Kontinent, versank größtenteils in der -Jurazeit; damals entstand als junges Meer über seinem Hauptgrabe erst -der Indische Ozean. Aber lange vorher muß Gondwanaland der Schauplatz -des merkwürdigstem des rätselhaftesten Vorgangs gewesen sein, den die -geologische Vergangenheit, soweit wir ihr ahnend noch folgen können, -überhaupt enthalten hat. - -Seine Gelände bedeckten sich »eines Tages« (geologisch gesprochen) -in den Breiten Indiens und Südafrikas mit Schnee, und zwar so tief -herab, wie es heute dort ganz unmöglich wäre. Von ungeheuren weißen -Firnfeldern schoben sich ungeheure blaue Gletscher bis ans Meer, -regelrechte Grundmoränen mit poliertem oder geschrammtem Gestein -dabei bildend. Die Schlammufer dieses Meeres erstarrten in Indien -zeitweise zu hartem Eisboden, als lägen sie in Nordsibirien. Eine -Eiszeit, die über den Äquator zog! Was kann sie erzeugt haben? Fragen! -Wie entstanden überhaupt Eiszeiten auf der Erde? Wie entstanden sie -periodisch im Laufe der Erdgeschichte -- mehrfach? An diesem Rätsel -quälen sich heute tausend sehr kluge und sehr mäßige Menschenköpfe, -aber den Schlüssel hat noch keiner gefunden. - -Dann -- nach langer Dauer, während die Oberflächengesteine unter ihrer -Vereisung größtenteils zu Schutt zerfallen waren -- änderte sich -der Feuchtigkeitsgehalt der Luft wieder, die abnormen Schneeflächen -schmolzen fort, und auf den nackten Moränenfeldern der alten Gletscher -siedelte sich eine fremdartige Pflanzenwelt an, die inzwischen irgendwo -entstanden war -- völlig andersartige Farnwälder, als sie sonst und im -Norden der Steinkohlenwelt entsprochen hatten. - -Durch diesen neuen Wald aber kroch eine Tierwelt daher, Geschöpfe, wie -sie nie vorher so wunderlich, so äußerlich scheußlich gesehen worden -waren. Teils glichen sie Reptilien, teils Säugetieren, teils war es, -als wolle sich mit ihnen ein ganz neuer dritter Typus neben beiden -bilden. Die einen liefen auf ganz kurzen, aber unerhört massigen -Teckelbeinen, während ihr Knochengerüst eine Tendenz zeigte, zu groben -Klötzen zusammenzuwachsen, wie es in manchem noch das unserer heutigen -Schildkröten tut. Andere führten an Drachenleibern wilde Tigerköpfe -mit einem echten, fast völlig säugetierhaften Raubtiergebiß. Wieder -andere glichen in der Größe und Lebensart Nilpferden, die aber auf -Krokodilklauen watschelten und denen aus dem schnabelartigen Maul zwei -riesige Stoßzähne wie beim Elefanten ragten. - -Viel Wunderbares hat die zeitlich erst folgende große Saurierzeit -noch hervorgebracht. Wer möchte nicht einen Ichthyosaurus noch einmal -lebend gesehen haben? Vielleicht hätte er uns enttäuscht: er glich zu -sehr unseren Delphinen. Diese Gondwanatiere aber, die wie aus drei -Tierklassen zusammengestückelt waren, hätten allen Anforderungen -groteskester Phantasie standgehalten. - -Als dieser Ichthyosaurus sich bei uns in Schwaben tummelte, war aber -Gondwanaland bereits als Ganzes dahin. Zwischen all den Wundern der -Urwelt steht es noch einmal besonders wie ein Märchen, das kam und -ging, aus dem Blau stieg und im Blau versank. Wie seine Schneefelder -heruntergeschmolzen waren, so tauchte zuletzt auch sein Sockel wieder -unter den Ozean. - -Nur ein paar Klippen blieben stehen, der unterste Zipfel von -Südamerika, das Kapland, ein Stück Indien. Sie verschmolzen später mit -von Norden heranrückenden Kontinentmassen, so daß sie fortan als deren -Südecken in die freien Weiten der Südozeane vorzuspringen schienen; -so zeigen sie heute unsere Karten, jedem vertraut; aber wo sie heute -abbrechen, da träumt unter den blauen Wassern in Wahrheit tief -versenkt das Märchen von Gondwanaland. - -Und nur Australien, einst auch eine verschneite Insel oder Halbinsel -neben den Gletschern des Hauptlandes, liegt noch jetzt fast unverändert -an seinem Fleck. Deutlich erkennt man auch in seinem alten Gestein noch -die Moränen, die Eisschliffe der großen Gondwanakatastrophe. Nie in -aller Folge sind Australien und seine nächstgelagerten Inseln von einer -späteren nördlichen Kontinentzunge erfaßt und »nördlich« einverleibt -worden. Wenn irgendwo noch ein letztes Abendrot der Wunder von -Gondwanaland hätte fortglühen können, so wäre es also nur hier gewesen. -Und nur hier in Australien bestände bis heute eine loseste Möglichkeit, -daß noch irgendein letzter Rest fortlebte von jenen Wundertieren, die -einst dort den neuen Farnwald und die Schmelzseen belebt hatten, als -der geheimnisvolle äquatoriale Schneewinter schwand ... - -Tiere aus Gondwanaland in unseren zoologischen Gärten! - -In diese Gärten ist in den letzten Jahren ja so manches gekommen, das -man nicht für denkbar gehalten hätte. Das diluviale Wildpferd, das die -Menschen der Steinzeit in Europa gejagt hatten, ist noch lebend aus -der Wüste Gobi zu uns gelangt. Dann hat Hagenbeck jenes Zwergnilpferd -von Liberia eingeführt, das einst seine Miniaturgenossen auf Malta -und Kreta hatte. So zur rechten Stunde taucht nun auch ein ganz neues -Geschöpf gerade bei uns auf, das aus dem eng zu Australien gehörigen -Paradiesvogellande, aus Neuguinea, stammt. - -Neuguinea, immer noch weit weniger erforscht als das eng zugehörige -Festland von Australien, ist einer der letzten größeren Erdenwinkel, -von denen wir noch wirkliche zoologische Überraschungen erwarten -dürfen. Fort und fort werden noch neue und immer herrlichere -Paradiesvögel dort entdeckt, während es gleichzeitig mit immer mehr -Glück gelingt, diese farbenfrohen »Kunstwerke der Natur« auch lebend -zu uns herüber zu bringen; im Berliner Zoologischen Garten lebten -kürzlich nicht weniger als vier der schönsten Arten nebeneinander; und -auch auf Schutz dieser Paradiesier vor dem bösen Raubtier, das ihnen -im mörderischen Damenhut unserer Mode erstanden ist, läßt sich ja -nächstens hoffen. - -Da aber war es nun eine der echtesten Freudennachrichten für die -Tierkundigen, als es hieß, in den schwer wegsamen Wäldern dieses -Neuguinea habe auch das merkwürdigste Tier des australischen Kontinents -noch ein zweites großes Asyl: nämlich das sagenumwobene Schnabeltier. - -Ein einzelner Schädel wies schon vor Jahren die erste Spur, daß -auch dort große Landschnabeltiere vorkämen, die der bestachelten -australischen Form, die man den »Schnabeligel« nennt, entsprächen, aber -weit imposanter und im Besitz weit größerer Schnäbel, also in jedem -Betracht noch interessantere Tiere wären. Nach und nach hat sich das -dann dahin geklärt, daß tatsächlich nicht das australische Festland, -sondern dieses Neuguinea heute recht eigentlich das Entfaltungsgebiet -dieser Landschnabeltiere ist. Neben einem echten kleinen Verwandten -der Landaustralier bewohnen es mehrere jener großen Sorten, für die -man den besonderen Namen »Vliesigel« erfunden hat. Vliesigel wäre ein -Igel (oder hier ein äußerlich igelähnliches Schnabeltier), der mehr -weiches »Vlies«, also mehr einfaches Wollhaar als wirkliche Stacheln -besitzt. Gerade dieses Merkmal scheint aber nur auf eine der großen -Arten dort zuzutreffen, während eine andere, noch weit größere, sogar -extrem borstig und langstachelig ist. Immerhin lehrt das Schwanken -im Grade der Stacheln, daß diese äußerliche Wehr überhaupt nur etwas -Nebensächliches bei diesen Schnablern darstellt, das ebensogut ganz -fehlen könnte, ohne ihre übrige Absonderlichkeit zu berühren. - -Eben jener lang- und dickstachelige Vliesigel (~Proechidna -nigroaculeata~) ist es nun, der in einem Prachtexemplar neuerlich zum -ersten Male lebend in den schönen Zoologischen Garten zu Amsterdam -gelangt ist, während andere Vliesigel auch sonst in Tiergärten, so -den Berliner, gekommen sind. Und das jetzt ist ein ganz einzigartig -kurioser Geselle. In der Gestalt möchte man ihn durchaus einem -kleinen Elefanten vergleichen (natürlich auch ohne bescheidenste -Elefantenmaße): der Schnabel biegt sich zum verhältnismäßig -ungeheuren krummen Rüssel wie ein Pfeifenrohr ein, und während die -kleinen Australier platt am Boden dahinwackeln, hebt sich bei diesem -Stachelelefanten der Leib auf hohe, wirklich mehr elefantenhafte -Säulenbeine herauf. Denkt man sich die Größe dazu, so möchte im -ganzen etwa ein alter karthagischer Kriegselefant herauskommen, dem -sie zu besserer Wehr in der Schlacht eine künstliche Lederdecke mit -Wollpolster und vielen eingesetzten derben Metallzylindern über Rücken -und Kopf gestülpt haben. - -Aber dieser »Elefant von Neuguinea« hat in Wahrheit nichts mit -Elefanten und Elefantengenossen zu tun. Lebend, wie er heute noch in -seinem holländischen Neuguinea durch den Nachtwald streift und nun -auch bis zu uns ins Kulturland gekommen ist, trägt er doch einen ganz -eigentümlichen zoologischen Duft, einen geologischen Zauber über sich: -er und seinesgleichen stehen nämlich heute tatsächlich noch im Abendrot -von Gondwanaland. - -Es sind keine echten Säugetiere, diese Schnabeltiere. Das weiß man, -seit feststeht, daß sie regelrechte Eier legen, die äußerlich denen -der Schildkröten ähneln, und daß ihre Bluttemperatur in weitem Maße je -nach der äußeren Luftwärme steigt oder fällt, wie es den wechselwarmen -Reptilien im Gegensatz zu den dauerwarmen Säugetieren allgemein eigen -ist. - -Freilich führen sie bereits das Haar des Säugetiers (auch die Stacheln -sind nur verklebte Haargebilde), und ihre Jungen werden noch im Ei -durch Säfte des Mutterleibes, später aber durch eine Art Muttermilch -selbst genährt. Das sind Züge bei ihnen, die, wenn nicht auf das -vollendete, so doch auf das werdende Säugetier weisen, und so ist es -eine wohlbegründete Vermutung, daß von Tieren, die ihnen in diesen -Punkten glichen, in Urweltstagen einmal wirklich diese Säugetiere sich -geschichtlich heraufentwickelt haben. - -Aber wenn wir sie selber nun unabhängig von dieser immerhin noch in -manchem verschleierten Möglichkeit geologisch und systematisch irgendwo -angliedern und einordnen wollen, so ergibt sich nur eine einzige -bedeutsame Stelle dafür im weiten Bereich aller bekannten Tierheit. -Sie gleichen den alten Gondwanatieren, jenen Sauriern oder doch -saurierähnlichen Wesen, in denen Reptil und Säugetier im Knochenbau -gleichsam miteinander rangen, daneben aber ein drittes neben beiden her -sich durchzukämpfen schien. - -Schon den ersten Anatomen, die das Skelett des Schnabeltieres -beschrieben, war aufgefallen, wieviel echt saurierhafte Züge es -(besonders im Schultergürtel) wies. Umgekehrt die ersten Deuter der -Knochen jener Gondwanatiere aus den Gesteinen des heutigen Kaplandes -staunten über die schnabeltierhaften Züge, die hier überall im -speziellen auffielen. Eine Weile schrak man ja doch noch zurück vor zu -enger Vergleichung. Aber je genauer gerade in letzter Zeit durch die -emsige Forschung der Engländer das Gesamtgerippe der uralten Gondwaner -bekannt wurde bis in fast jede Einzelheit, desto sieghafter wurden die -Übereinstimmungen. - -Einmal fand sich ein Gondwanaschädel, der unbedingt schon auf ein -Säugetier zu deuten schien. Man bestritt es: es sollte doch ein -Reptil gewesen sein. Doch die Säugetiernatur setzte sich durch, sie -mußte zugegeben werden. Die Backenzähne gerade dieses Schädels aber -stimmten aufs genaueste überein mit dem Milchgebiß des lebenden -Wasserschnabeltieres! - -Eine Weile machte der Unterkieferansatz der Schnabeltiere Not; hier -sollte ein himmelweiter Unterschied gegen die Gondwanatiere liegen; -auch da sind kürzlich wenigstens Übergänge nachgewiesen worden. Und -auch von dem völligen Abirren von Reptil wie Säugetier, das viele -jener Gondwaner verraten, boten die lebenden Schnabler Züge. So -besitzen ihre Männchen sämtlich einen absolut eigenartigen Sporn -am Hinterfuß, der durchbohrt ist wie der Giftzahn einer Schlange -und zu einer Drüse führt, die etwas absondert; noch heute steht -nicht ganz sicher fest, ob hier ein Giftapparat oder ein erotischer -Erregungsapparat für das Weibchen vorliegt, gewiß aber ist (auch wenn -das letztere sich als wahrscheinlicher ergeben sollte), daß kein Reptil -noch Säugetier, das wir kennen, sonst so etwas führt. - -So überwältigend schwillt im Augenblick das Material, daß ernstlich -schon (durch Jaekel in Greifswald) der Vorschlag laut geworden ist, es -sollten irgendwie im System die Gondwanatiere mit den Schnabeltieren in -einer neuen Klasse der Wirbeltiere vereinigt werden, einer Klasse, die -dann gleichwertig neben Reptilien, Vögeln und Säugetieren stehen müßte. - -Vor so auffälligen und immer eindeutigeren körperlichen Indizien aber -kann es nun schwerlich ein Zufall sein, daß auch die geographische -Sachlage bei den heutigen Schnabeltieren so energisch nach der gleichen -Richtung weist. - -Nur Australien und sein nächstzugehöriges Inselland (Neuguinea, -Tasmanien) beherbergen lebende Schnabeltiere. Nur dort aber befinden -sie sich heute noch auf der letzten geologisch intakten Scholle von -Gondwanaland selbst. Ihre heutige Isolierung auf dem einen einzigen -Fleck der großen Erdkugel weist schlagend eben auf ihren alten, ihren -ehemaligen Zusammenhang mit dem großen Urweltserdteil, der nur noch -hier erhalten, überall sonst dagegen entweder im Ozean versunken oder -doch durch Anschluß seiner Restklippen an andere Erdteile seither in -der ursprünglichen Eigenart verwischt worden ist. - -Gern möchte man ja aus den alten Gesteinsschichten Neuguineas oder -Festlandaustraliens selbst noch etwas über die Geschichte der Schnabler -in diesem ihrem Asyl erfahren. Aber die Versteinerungskunde von -Neuguinea harrt noch ihrer Auferstehung; wer weiß, was sie auch sonst -noch Schönes bergen mag. In Australien dagegen haben Knochenfunde -bisher nur ergeben, daß noch in der Diluvialzeit auch dort, auf dem -Kontinent, sehr viel größere Landschnabeltiere als heute lebten. -Sie sind vermutlich untergegangen durch die gleiche merkwürdige -Katastrophe, die auch die damals hier noch vorhandenen elefantengroßen -Riesenbeuteltiere dahingerafft hat. - -Australien erfuhr im Verlauf der Diluvialperiode eine zunehmende -Austrocknung, die weite Gebiete seines Innern aus einem feuchten -Waldlande in traurige Wüsten verwandelte. Dieses Ausdörren wirkte auf -die großen Tiere des Landes in geradezu katastrophaler Weise ein. -In ganzen Herden gingen sie an den versumpfenden und endlich ganz -vertrocknenden Seen durch Nahrungs- und Wassermangel zugrunde, wovon -noch heute die in wahren Massengräbern beisammen liegenden Skelette -der riesigen Diprotodonten (Verwandten des kleinen lebenden Wombat) -gelegentlich beredte Kunde geben. - -Eine geringe Steigerung noch dieses späten und unerwarteten -Verhängnisses, die auch die kleineren Tiere des Landes bedroht hätte --- und wir wären auch in diesem letzten Refugium keinem lebenden -gondwanahaften Tier, keinem Schnabeltier, mehr begegnet. Die Natur -fährt mit rauher Hand durch ihre Schöpfungen. Der Untergang eines -ganzen Kontinents ist vor ihr nur wie eine Nachtwache. Baut sie doch -ebenso rasch wieder auf. Aus den zermahlenen Sandkörnchen des alten -einen neuen Erdteil. Nach Gondwanatieren Menschen -- Menschen, deren -Gehirn das alte versunkene Gondwanaland noch einmal zu _denken_ -versucht. - - - - -Tendaguru und der Rekord der Saurier - - -Nordamerika und Deutschland lebten in Frieden. Selbst ihr streitbarstes -Material tauschten sie zur beruhigenden Abschleifung gegenseitig aus: -den Professor. Indessen man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Im -Schoß der Dinge regte sich ein furchtbares Geheimnis. Wurde es endlich -ruchbar: wer wußte, was die Folgen sein konnten. Deutschland hatte -Nordamerika den Rekord der Dinosaurier abgewonnen! - -Nordamerika wahrt nicht mehr den Ruhm, das Vaterland des größten und -interessantesten Scheusals zu sein, das die feste Erde je getragen hat. -Auf deutschem Kolonialboden ist ein noch größeres gefunden worden ... - -Es ist jetzt einige Jahre her, daß ein paar unserer schönsten -europäischen Museen durch das Geschenk des Herrn Carnegie in den -Besitz eines vollständigen Abgusses des Skeletts jenes Urweltdrachen -Diplodokus kamen, der bisher als der beste Vertreter des -nordamerikanischen Rekords gegolten hatte. Das Ungetüm maß 25 Meter -und erzeugte zunächst räumlich etwas von der Situation des bekannten -armen Studenten, der in einer Bodenkammer wohnte und in der Lotterie -einen lebendigen Elefanten gewann mit der Pflicht, ihn bei Androhung -immenser Futterkosten sofort abzuholen. In Wien stellten sie es ins -Treppenhaus, in Berlin räumten sie Walfische fort, um Platz zu machen. -Als der Koloß endlich verstaut war, wurde er aber rasch populär. -Neben Scheffels altem Lied vom Ichthyosaurus kann man wohl sagen, daß -dieses Geschenk Carnegies die stärkste volkstümliche Anregung für das -Interesse an der Paläontologie gewesen ist, die bisher geglückt ist. - -Inzwischen fehlte es aber schon diesem Skelett auf seiner Wanderschaft -nicht an einigen Abenteuern. Vom Berliner Museum aus wurde behauptet, -daß es nicht ganz richtig zusammengesetzt sei. Die Natur liefert uns -ja in diesem Falle nur die losen Knochen. Das Wiederzusammensetzen -des Ganzen ist Gelehrtenarbeit, bei der jeder sein Bestes gibt, aber -Unfehlbarkeit nicht erwartet werden kann. Es ist also eine völlig -unberechtigte Voraussetzung im Publikum, daß der Wert und die Sensation -eines solchen Fundes litten, wenn hier wie überall der Fortschritt -sich dadurch dokumentierte, daß er Einzelheiten berichtigte. Der -Ichthyosaurus sieht heute in unseren Lehrbüchern wesentlich anders -aus, als man ihn in Scheffels Tagen malte; das Dinotherium, das früher -Flossen führte, hat heute Elefantenfüße; fast alle die Vorwelttiere, -die einst der unbedingt bedeutendste Fachkenner der Zeit, der alte -Owen in London, in Sydenham naturgroß wiederhergestellt hatte, waren -zunächst falsch rekonstruiert. Damit verzeichnet man keine Schlappen -der Forschung, sondern eben selbstgewollte Fortschritte; man muß eben -nur eine Ahnung haben, was alles an Wissen, Glück, solider Arbeit und -Genie nötig ist, um so ein paar Knochen richtig zu setzen. - -Nun also wird von dem Berliner Zoologen Tornier auf Grund vorzüglicher -anatomischer Detailkenntnis gerade auf dem Kriechtiergebiet (und jene -Drachen waren Reptile) behauptet, auch im Diplodokus stecke einstweilen -noch ein Fehler. Er habe nicht so steil auf den Beinen gestanden -wie ein Säugetier, sondern sei mehr grätschbeinig wie ein Krokodil -gekrochen; so habe auch sein ungeheurer Schwanz flacher gelegen, -andererseits aber sei der Hals normal nach oben in die Höhe gekrümmt -worden. Die Gründe, die dafür vorgebracht werden, haben sehr viel -Überzeugendes, jedenfalls ist es eine fruchtbare Debatte. Wird vorerst -einmal wenigstens das Berliner Modell auf das neue Prinzip hin umgebaut -(der Kaiser, an den seinerzeit zunächst Carnegies Prachtgeschenk ging, -hat bereits persönlich die Erlaubnis erteilt), so wird der gewöhnliche -Beschauer vor seinem »Drachen« wohl einerseits etwas Nachteil gegen -früher haben, aber dafür ebensoviel Vorteil nach anderer Richtung. - -Der Laie denkt bei jedem großen Skelett ja unwillkürlich zunächst an -ein Säugetier, baut also ganz von selbst hochbeinig im Sinne etwa -eines Elefanten; da wird ihm nun jetzt etwas abgetan, aber schließlich -muß auch er doch lernen, daß diese Dinosaurier eben Saurier, das -ist Verwandte von Krokodil und Eidechse, waren und keine Elefanten. -Dafür wird er bei niedrigerer Stellung diesmal besser in die wahre -Zyklopenmauer der unglaublich großen Wirbel und in das burghafte -Zinnenwerk der Rückenfortsätze hineinsehen. Und im sensationellen -Sinne entschädigt sicher die Aufreckung des Halses, mit der das -relativ winzige Köpfchen diesmal kühn und imposant gegen die Decke -aufbiegt, anstatt sich schlapp beinahe auf den Boden zu senken, zu dem -es doch keinen wahren Schwerpunkt bildet. Das Tier wird lebendiger -so aussehen, wenn schon auch so nicht eigentlich wahrscheinlicher -im schlichten Sinne; denn das wird nun einmal die Eigenart dieser -Monstra bleiben, daß wir sie physiognomisch mit nichts Heutigem recht -vergleichen können und auch technisch immer unter dem Eindruck der -nicht ausgeklärten wirklichen Monstrosität sehen müssen. Gar nicht -berührt aber wird die schließlich doch allergrößte Sensation: nämlich -die Länge und Dicke der Einzelknochen wie der Gesamtmasse zwischen dem -wahren Spatzenköpfchen vorn und der endlosen Schwanzpeitsche hinten. - -Doch während hier noch das Gefecht der Sachkenner dauern mag, ist über -jenes andere kein Zweifel mehr: auch diese wahre Größe, die da bleibt, -schlägt eben zur Stunde überhaupt nicht mehr den wahren Saurierrekord. -Nicht ein Kollegium von Gelehrten, sondern die Natur selber hat sich -hier berichtigt. Und in ihrer Laune, unvorhergesehen genug, hat sie -deutscher Erde, allerdings auch in fernem Welterdteil, den Preis -zuerkannt. - -Um den ragenden amerikanischen Drachen in der Walfischhalle des -Berliner Museums sammelt es sich zur Stunde wie ein seltsamer stummer -Chor. Drachensaat, neue, noch unheimlichere, in einzelnen Stücken -vorerst, gelbe Knochenblöcke, wie sie frisch aus der Erde kamen, aber -diesmal nicht Abguß, sondern Original. Einzelne Quadern zu einer neuen -Zyklopenmauer, einzelne Strebepfeiler und Säulen zu neuen Trägern einer -Drachenlast. - -Manches ist noch sorgsam eingewickelt von langer Fahrt. Was aber -bereits sichtbar ausliegt oder an der Fundstelle photographiert -erscheint, das verrät eine kommende Auferstehung in Dimensionen, wie -sie selbst für urweltliches Gigantenvolk keine üppigste Phantasie je zu -ahnen gewagt hatte. Da liegt ein einzelnes Vorderbein, wohl erhalten -(die Knochen sind alle erstaunlich wenig zerdrückt) und oberflächlich -erst einmal in den Hauptstücken aneinandergelegt: ein Kind kann aber -schon ausmessen, daß das rund die _doppelten_ Größenmaße wie bei dem -aufmontierten Carnegieschen Diplodokus sind. Der zugehörige Hals, -höre ich, wird 12 Meter Länge ergeben; der Amerikaner hat dort nur -5. Bereits jetzt, da vorläufig nichts zusammengesetzt ist, schwillt -der Segen als eine Art Sintflut durch das Haus. Die Gelehrten klagen, -daß man in den Gängen des Paläontologischen Instituts schon über die -Knochen buchstäblich stolpere. Da es sich um die Reste zahlreicher -Individuen und Arten handelt, liegen zurzeit im ganzen Knochen im -Gesamtgewicht von mehr als 100000 Kilogramm vor! Und dabei scheint -gerade jener neue Rekordriese fast vollständig zu sein, so daß er -eventuell wirklich als Ganzes aufmontiert werden kann; vielleicht -geschähe es allerdings besser gleich in einem Abguß, damit die -zerbrechlichen Originalteile nicht den Gefahren eines Baues ausgesetzt -zu werden brauchen; auch dieser Abguß wird aber eine neue Museumshalle -fordern, ein einziges Tier vielleicht ein ganzes neues Haus. - -Berlin hat schon einmal Glück mit Giganten gehabt, die ihm unverhofft -aus ferner Gegend zukamen -- damals bei dem herrlichen Fries von -Pergamon. Menschliche Kunst hatte dort dämonische Mischwesen, halb -Menschen-, halb Schlangenleiber, mit denen die Götter kämpften, -ersonnen und köstlich in Marmor gebildet. In einem anderen, noch viel -groteskeren Natursinne erzählen nun auch diese neuen hunderttausend -Kilogramm Saurierknochen von einer furchtbaren »Gigantomachie«, die -sich mehrere Millionen Jahre vor aller Menschenzeit abgespielt. - -In weit entlegenen Urweltstagen hing die Seite Afrikas, auf der heute -unsere ostafrikanische Kolonie liegt, noch mit Indien zusammen. Quer -über den Indischen Ozean zog sich damals jenes wunderbare Gondwanaland. -In der Blütezeit des Ichthyosaurus, in der Juraperiode, begann dieses -Land dann allmählich dem Meere zu erliegen. Lange hielt sich noch ein -einzelner Streifen von ihm, der etwa vom Kapland über Madagaskar nach -Vorderindien lief. Rechts und links davon aber strömte schon jetzt frei -der Ozean ein. Und so kam dieser Ozean auch in der Kreidezeit bereits -an die Küstengegend des heutigen Deutsch- und Portugiesisch-Ostafrika -heran, ja er überflutete periodisch diese heutige Küste damals -selbst noch weit ins Land hinein. Schlamm lagerte sich aus ihm ab. -Charakteristische Meertiere jener Kreideepoche schwammen herzu (so -Belemniten oder Donnerkeiltintenfische) und betteten absterbend ihre -harten Körperteile in diesen Schlamm. Nur einzelne große Klippen -trotzten, scheint es, der schäumenden Flut. In diesem Gebiet damals nun -vollzog sich die Gigantomachie, die ich meine. - -Dort in der Nähe lebten jene Saurier, deren größte Exemplare heute den -Rekord der Nordamerikaner brechen. Verschiedene Sorten, neben den -größeren auch kleinere. Die größten dem Diplodokus eng verwandt. Eine -kleinere Sorte (Stegosaurier) mit einer wilden Wehr oder Ornamentzier -ragender Knochenstacheln, die Riesen wohl einfach nackt. - -Sie lebten in Herden beisammen, wie die Häufung der Knochen von fünfzig -und mehr Exemplaren der gleichen Art an der gleichen Stelle, dabei -ersichtlich von jungen und alten Tieren, noch heute erweist. - -Eigentlich waren sie Landtiere. Aber sie müssen das Ufer bevorzugt -haben. Wenn sie auch wohl nicht, wie man früher vom Diplodokus meinte, -unmittelbar Meeralgen abgeweidet haben, so dürften sie doch auf -Meertiere gegründelt und gefischt haben. Eine Art besaß sogar ganz -energische Raubzähne. Vielleicht watschelten sie gewohnheitsmäßig weit -in die Watten hinaus, trieben sich im Seichtmeer herum, aus dem die -langhalsigen Arten ihre Schlangenhälse bequem zum Atmen heraufstrecken -konnten, erkletterten und bewohnten auch wohl die Klippen, die für -gewöhnlich von der höchsten Flut nicht bedeckt wurden. Bei solchen -Gepflogenheiten jetzt muß es gelegentlich zu örtlichen Katastrophen -gekommen sein. - -Das Wasser überraschte, verschlang, ersäufte ab und zu einmal in wilder -Gigantenschlacht eine solche ganze Herde der stumpfsinnigen Gesellen, -schnitt sie ab oder schwemmte sie von ihren Klippen und begrub sie im -Schlick. Die ungeschlachten Kadaver verfaulten, die Knochen, meist in -einem gewissen Umkreis herumgeworfen, bildeten große Beinhügel und -Schädelstätten, wobei freilich gerade die verhältnismäßig so winzigen -Schädel selber am ehesten dem Los verfielen, ganz fortverspült zu -werden, so daß sie heute bei den großen Knochenlagern am seltensten -noch zu finden sind. Über die Gigantengräber aber wälzte der Sieger -Ozean im Laufe der Jahrtausende Bergeslasten neuen und immer neuen -Kreideschlammes. - -Bis endlich eine neue Wende der Dinge kam ... - -Durch hebende Kräfte der Erdrinde stieg dieses ganze heutige -ostafrikanische Küstengebiet wieder endgültig aus den Wassern -empor. Die alten Schlammbänke wurden zum hohen Plateau, auf dem -die Tropensonne brannte und Ströme flossen. Gegen die Oberfläche -des Plateaus aber arbeitete fortan die Verwitterung. Die uralten -versteinerten Schlammassen wurden von ihr neu zernagt und -aufgeschlossen, endlich auch bis in solche Tiefen hinein, wo die -Katakomben der Saurier lagen. Längst gab es kein lebendes Ungeheuer -dieser Sorte mehr auf Erden. Aber gerade jetzt erschienen da, dort -mitten im Gras und Buschwald von heute noch einmal aus ihrem alten Sand -der Kreidezeit herausgewittert die gespenstischen Arme, Rippen, Wirbel -der scheusäligen Opfer von ehemals, zusammengehäuft noch immer auf -engem Bezirk, preisgegeben der hellen Tropensonne jetzt auch sie, die -einst in einer Schauerstunde den allzu wilden Wassern erlegen waren. - -Das Material, das unsere geologische Forschungsarbeit enthält, hängt -an dünnen Fäden. Wenn die Saurierkatakombe, die gerade in unsere -Tage hinein auf solchem Wege in Ostafrika, vier Tagemärsche von dem -Hafen Lindi und in Sichtweite des jetzt paläontologisch unsterblichen -Tendaguruberges, herauszuwittern begann, nicht durch einen Zufall -von kundigen Europäern entdeckt worden wäre, so wäre sie, einmal -angeschnitten und damit auf den kritischen Punkt gebracht, wie sie -war, selber still weiter verwittert und in mehr oder minder absehbaren -Zeiten spurlos zu Staub wieder dahingeweht. - -Aber der Fleck war inzwischen deutscher Kolonialboden geworden; ganz -südlich nahe unserer Grenze gegen das portugiesische Afrika. Ein schon -glatt herausgewitterter Riesenknochen spielt den Kobold: ein Ingenieur -Sattler muß über ihn stolpern und erkennt ihn dabei. Unser famoser -Stuttgarter Paläontolog Fraas erfährt davon und bringt Belegstücke mit, -daß das, was man bisher nur im Lande Carnegie für denkbar gehalten, -auch in Ostafrika »buchstäblich am Wege liege«, nämlich diplodokushafte -Gigantenknochen in größter Pracht. - -Das war vor jetzt sieben Jahren. Fraas war selber nicht imstande, den -Schatz zu heben. »Ihr Berliner müßt es machen,« schrieb er. Es hat aber -noch verzweifelte Mühe gekostet -- auch den Berlinern. Ehe der Spaten -zu seinem Recht kam, mußte der Klingelbeutel umgehen. Staatsmittel -waren auch in Berlin zunächst für die Sache nicht zu haben. Das -erste Verdienst erwarb sich also die treffliche »Gesellschaft -naturforschender Freunde« in Berlin. Sie gab 23000 Mark. Dann kam -die Akademie der Wissenschaften und endlich ein besonderes Komitee. -Als (wesentlich also doch durch Privathilfe) 180000 Mark beisammen -waren, konnte man darangehen, der tropischen Verwitterung eine Beute -wenigstens teilweise zu entreißen, die (mag man in solchen geologischen -Fragen nun jenen eigentlichen nationalen »Rekorden« auch mit einem -stillen Lächeln gegenüberstehen) mindestens doch den speziellen Wert -haben mußte, uns zu zeigen, was unsere Kolonien an glänzenden und -sensationellen Überraschungen bieten konnten. Mit dem Gelde wurden zwei -jüngere Gelehrte, Janensch und Hennig, auf drei Jahre zu Ausgrabungen -nach Afrika geschickt; später gesellte sich ihnen als dritter noch -Hans von Staff zu. Das Menschenmögliche ist von den dreien geleistet -worden. Unter den schwierigsten Umständen haben sie zeitweise bis 500 -Neger als Arbeiter beschäftigt. Das bereits an die freie Oberfläche -herangewitterte Knochenmaterial erwies sich zwar als reich, aber -naturgemäß auch schon als (Menetekel der Sachlage!) vielfach verdorben. -Man mußte also für bessere Stücke tiefer gehen, im äußersten bis 10 -Meter, mußte wirklich graben, anstatt bloß aufzulesen. Das Verpacken -der zerbrechlichen Knochen im tropischen Milieu war auch keine -Kleinigkeit. 4500 einzelne Lasten sind schließlich zur Küste geschleppt -worden, wobei es allerdings eine kleine Freude war, wie die schwarzen -Leute, vielfach interessiert, mithalfen. Sogar Rekonstruktionen der -Ungetüme haben sie nach ihrer eigenen Phantasie entworfen, die lustig -wirken, aber tatsächlich doch nicht so sehr viel schlechter sind als -das etwa, was um 1660 noch der brave Jesuitenpater Athanasius Kircher -als Fachpaläontolog von damals geliefert hat. - -Die drei Jahre sind um, die Leistung liegt jetzt im Berliner Museum. -Ihr Wert besteht ganz besonders auch darin, daß wir im Sinne des -oben umrißhaft Erzählten diesmal ein wesentliches mehr auch über -Lebensart und Untergang jenes alten Drachenvolkes gehört haben -- also -keineswegs bloß in Rekordmetern auf Hals oder Schwanz. Die Forderung, -die bleibt, sind aber weitere Geldmittel. Lange ist nicht alles getan. -Die Fundstätte bietet noch die reichsten ferneren Möglichkeiten, sie -ist tatsächlich selbst so noch erst auf eine Stichprobe sondiert. -Wertvollste Neuheiten sind weiter möglich, mindestens Reichtum für -all unsere anderen deutschen Museen. Wer wird helfen? Ein gewisser -Staatszuschuß ist ja jetzt, nach so beispiellosem Erfolg durch private -Entschlossenheit, der Sache gewiß, aber er wird allein nicht entfernt -langen. Sollen wir uns an Herrn Carnegie wenden -- auf unserem eigenen -Grund und Boden ...? - - - - -Der Schatz von Halberstadt - - -Aus meinen jungen Jahren ist mir ein kleines zoologisches Ereignis -unvergeßlich. Es schwebt mir noch vor Augen wie ein ganz großes Glück, -und der Leser wird einigermaßen erschreckt sein, wenn er hört, worin -dieses Glück bestand. - -Passionierte Sammler, wie ich einer mein Leben lang gewesen bin, -haben eben ihre besonderen Glücksquellen, die übrigens unverwüstliche -sind und also jedem zu gönnen wären, auch wenn es sich um den -absonderlichsten Gegenstand dabei handeln mag. Also ich besuchte -durch Zufall eine Ziegelei in der damals noch sehr schlichten -und ländlichen Umgebung meiner Vaterstadt Köln. In den künstlich -ausgestochenen, steilwandigen Vertiefungen des Bodens dort aber -hatte sich eine erstaunliche Masse von Kröten angesammelt, und ich -erkannte darunter zum ersten Male und am gleichen Fleck vereint die -drei charakteristischsten Arten unseres Krötengeschlechts -- neben -der gewöhnlichen Erdkröte die prächtig grüngefleckte Wechselkröte -und als ganz besondere Merkwürdigkeit die Kreuzkröte, die einen -schwefelgelben Strich längelang über den Rücken trägt und statt zu -hüpfen, wie andere Froschlurche, pfeilschnell auf kurzen Beinchen wie -eine Eidechse dahinläuft und auch famos zu klettern versteht. War das -ein Fest, die drei einmal alle beisammen zu haben ~in natura~, wie -sie auf dem Bilde bei Brehm standen! Auf dem platten und nackten -Boden erschienen die einzelnen Tiere riesengroß, und heute noch, wenn -ich an solche Ziegelgrube denke oder an einer vorbeifahre, sehe ich -sie im Geiste bevölkert mit solchem lustigen Quaquarium mächtiger -humpelnder und trabender Krötenprinzen in brauner, grüner oder -schwefelgelb gestreifter Livree. Die Erinnerung übertreibt ja gern die -Größenverhältnisse noch. Aber das habe ich doch nicht ahnen können, daß -mein altes Bildchen mir wirklich noch einmal so ins Gigantisch-Groteske -auferstehen sollte, wie jetzt bei den Wundern der Ziegelgrube von -Baerecke und Limpricht bei Halberstadt geschehen ist ... - -An und für sich gibt es wohl auch für den kapitalsten Naturschwärmer -nicht leicht etwas Einförmig-Langweiligeres als so eine Ziegelgrube, -deren Naturbild so öde ist wie der brave Bauziegel selbst, den die -Technik daraus gewinnt; man schaut auf die Entwicklung der Natur zur -Mietkaserne, und diese Art der Vergeistigung scheint doch eine der -- -minder gelungenen auf unserem Planeten zu sein. - -Am guten alten Fleck aber, wo Vater Gleim seine zweifellos höchst -vortrefflichen Lieder dichtete und Vater Broyhan, wenn die Sage -recht berichtet, eines jener segensreichen Getränke erfand, die -selbst Mietkasernen und mäßige Verse erträglich machen können in -dieser schlechten Welt -- hier zu Halberstadt an der Straße gen -Quedlinburg ist es der ganz gewöhnlichen Tongrube einer solchen -Ziegelei wirklich geglückt, sich im Lauf von ein paar Jahren zu einem -der naturgeschichtlich merkwürdigsten Orte unseres ganzen deutschen -Vaterlandes auszuwachsen -- einem Orte, der gerade der üppigsten -Naturphantasie eine der grandiosesten Perspektiven eröffnet hat. -Otto Jaekel, der treffliche Forscher zu Greifswald, ist der Zauberer -gewesen, dessen Stab aus diesem Loch schmutzigen Tons eine Welt -gezaubert hat, die sich hinter die uns bekannten Landschaftsbilder -unserer deutschen Heimat von heute schiebt wie das Märchen eines -fremden Sterns, in dessen Sonne, Farben und völlig fremdartiges Leben -uns plötzlich zu schauen vergönnt ist. - -Über diesen Fleck Erde hier ging vor Zeiten einmal ein ungeheures -verschlammendes und versandendes Flußdelta. Der Fluß war nicht die nahe -Elbe, nicht die Weser von heute; dieses ganze gegenwärtige deutsche -Stromnetz kam für diese Tage überhaupt noch nicht in Betracht. Das -Meer, in das der Strom sich mit träger, zeitweise fast stagnierender -Übergangszone ergoß, muß schon ziemlich in der Nähe hier gewesen -sein, und der uralte Gleim, wenn er das hätte erleben dürfen, wäre -allen Ernstes ein Sänger von der »Waterkant« gewesen. Aber auch -dieses Meer war nicht unsere Nordsee -- es war irgendein namenloses -Stück Urweltozean, wie dieser riesige Strom ein namenloser deutscher -Mississippi oder Ganges von damals gewesen ist. - -Haifische aus der entfernteren Verwandtschaft des Cestracionhaies, -der heute nur noch in der Südsee bei Japan und Australien lebt, -besuchten von diesem Meere her das Flußdelta, aber mit ihnen kamen -auch schwimmende Plesiosaurier, von Gestalt dem sagenhaften Drachen -vergleichbar, wie er uns auf den Holzschnitten in Athanasius Kirchers -alten Folianten überliefert ist. - -Daran merkt man, wie lange das her ist. Und es war sogar erst die -Morgenrötezeit dieser schlangenhalsigen Meerdrachen. Gleichwohl -hatte sich allgemein in Deutschland und auch nahe diesem Fleck schon -Unendliches vorher zugetragen gehabt. - -Eine gewaltige Gebirgskette hatte sich längelang durch das deutsche -Land aufgetürmt, zu der auch der Harz, den man vom Rande der -Halberstädter Grube heute blauen sieht, schon einmal gehört hatte. -In den Flanken und Mulden dieser mitteldeutschen Alpen hatten die -Steinkohlenwälder gegrünt. Dann war dieses Gebirge zunächst fast -ganz wieder heruntergewittert. Wüste hatte weithin mit ihren roten -Schutthalden das Land überzogen, die prächtigsten farbigen Sandsteine -von heute schaffend. Zweimal war in diese Wüste das Meer wieder -eingebrochen, einmal von Nordosten als Zechsteinmeer, einmal von -Süden als Muschelkalkmeer. Wiederum waren diese Wasser zu Salzpfannen -verdampft und in Wanderdünen langsam erstickt. Bis endlich zu Ausgang -der zweiten solchen Wechselepoche von roter Wüste und einschwemmendem -Meer auf längere Zeit eine Art Interregnum von Halbland und Halbwasser -eintrat, mit vielen Flüssen und Seen, breiten Deltabildungen und -Brackwasserneigungen, recht eine Epoche des Schlicks, Wattenmeeres und -Morastes, geeignet für beidlebiges Tiervolk, das in Wasser wie Land -gleichmäßig daheim war. - -Trias, die Dreigeteilte, nennt der Geologe diese zweite Zeit, und -den besagten letzten Abschnitt bezeichnet er nach einem fränkischen -Dialektwort als die Zeit des »Keuper«. Was aus dieser Keuperzeit an -altem Schlick und Brackwasserabsatz bis heute erhalten geblieben und -zufällig Oberfläche für uns geworden ist, das hat durchweg noch eine -ganz besondere kulturelle Bedeutung für uns gewahrt, da es in weiten -Strecken deutscher Landschaft die gesegnete Scholle unseres Kornbaues -geliefert hat. Jene beidlebige Art damaliger Tierwelt verriet sich -deutlich genug aber auch in unserem Stromdelta von Halberstadt. - -Da hauste als fester Gast darin der Molchfisch Ceratodus, ausgestattet -mit Kiemen und Lunge zugleich, wie er heute noch in bald üppigem bald -fast versiegenden Flüßchen Australiens in eben dieser gleichen Gattung -und Lebensart noch fortgedeiht: zu fetter Zeit atmet er Wasserluft wie -ein echter Fisch, zu karger, im engen und luftverdorbenen Resttümpel, -hilft er sich dagegen mit offenem Luftschnappen wie ein Landtier. - -Da trieben sich auf dem annoch frischen Wattenschlick und Flußsand -jetzt wirklich amphibische, meist wohl riesigen Salamandern gleichende -Unholde herum, zur Gruppe der sogenannten Stegocephalen gehörig, von -denen eine kleinere Sorte aber ganz und gar auch schon die Kopfform -einer immerhin auch noch ziemlich mächtigen Kröte gehabt haben muß, -bloß daß sich damit noch eine krokodilartige Verpanzerung und Bezahnung -verband. Mein kühnstes Phantasiebild aus der Kölnischen Krötengrube war -hier also reichlich überboten! - -Da fanden sich ferner, wohl aus dem Fluß selber schon herabkommend, -sonderbare Schildkröten und echte Krokodile hinzu. Die Schildkröten -noch höchst altertümlich gebaut, wie es so früher Zeit entspricht, der -Rückenpanzer mit großen Buckeln und Zacken umkränzt, der Bauchpanzer -aber noch erkennbar aus verbreiterten und miteinander verwachsenen -Bauchrippen zusammengekittet. Die Krokodile dem stattlichen Urkrokodil -Belodon nahe verwandt, das im Stuttgarter Naturalienkabinett so -prächtig noch zu sehen ist, weil es auch in Schwaben ein ganz -gewöhnlicher deutscher Gast zur Keuperzeit gewesen sein muß. - -Die zahlreichsten und zugleich unheimlichsten Landgäste, die sich -in diese Wattengründe hinaus wagten, aber waren offenbar mächtige -Watschelsaurier aus jener heute gänzlich verschwundenen Ordnung der -Dinosaurier, zu der auch die so oft abgebildeten kolossalen belgischen -Iguanodonten gehört haben. - -Bisher nahm man allgemein an, daß diese Iguanodonten und einige andere -Vertreter dieser wahrhaft phänomenalen Scheusale regelmäßig auf steilen -Hinterbeinen nach Känguruhart dahingehüpft wären -- bei doppelter -Elefantenlänge eine dämonische Vorstellung. Neuerdings ist man gegen -diese wohl etwas »allzuleicht beschwingte« Bewegungsmethode skeptischer -geworden, immerhin aber glaubt Jaekel doch von den Halberstädter -Gesellen, daß wenigstens die im Oberkörper aufgerichtete Stellung ihre -normale gewesen sei. Nicht so groß wie die belgischen Riesen, aber -immer auch noch stattlich genug, möchten sie bald auf den Hinterbeinen -und dem Hinterleibe gehockt haben, bald schwerfällig mit vorgebeugtem -Halse und breitspurig auf ganzen Hintersohlen dahingewatschelt sein, -immer doch die Vorderbeine mehr als Arm und Pfote zum gelegentlichen -Nachstützen, Greifen und Scharren verwertend. Äußerst biegsam war -der Hals, klein der Kopf, mächtig der Schwanz. So kamen sie in das -Sumpfdelta hinaus -- noch viel tollere »Kröten« des Bildes als jene -wirklich amphibischen. Vielleicht wagten sie sich heran auf der Jagd -nach kleinem weichem Getier, zu dem ihr Zahnbau besser paßte als zu -reiner Pflanzenkost; manchmal mögen sie aber auch selber gehetztes Wild -des bissigeren Raubzeugs aus dem damaligen Reptilvolke gewesen sein. -Und gar manches Mal wird ein solcher plumper Watschler im allzuweichen -Brei versunken sein, daß sein Gerippe später fest mit der trocknend -sich härtenden Masse verbuk. - -Von all diesen Dingen dort aber wüßten wir tatsächlich nicht das -geringste, wenn jene schlichte Ziegelgrube bei Halberstadt nicht wäre. - -Unfaßbare Zeiten sind hingerauscht seit den Tagen jenes geheimnisvollen -Flußdeltas mitten im Herzen deutschen Landes -- die ganze Jura- und -Kreidezeit, in denen diese Saurier in immer wachsender Hochblüte noch -emporgingen, um ganz zuletzt um so hoffnungsloser zusammenzubrechen, -die ganze Tertiär- und Diluvialzeit, in denen der Mensch langsam ins -Licht kam. Und dann eines Tages entstand jene Dampfziegelei, die zu -ihrem Bedarf Ton brauchte und eine heute etwa 100 Meter lange und 15 -Meter tiefe Grube in den Grund schnitt. Kaum aber war der oberste -aufgelagerte Humus und Diluvialstaub durchschnitten, so sägte eben -diese Grube sich Meter um Meter der Tiefe in nichts anderes wieder ein -als in das uralte Flußdelta von dazumal. - -Sie durchquerte die Sande, die zu Zeiten eines etwas lebhafteren -Gefälles der große Keuper-Ganges hier herausgeschwemmt, und erreichte -eben mit dem technisch des Abbaues werten eigentlichen kompakten Ton -darunter den ehemaligen Dauergrund des gemächlich verschlammenden -Deltas selbst, dessen gehäufter Schlick diesen Ton geliefert. Die -Arbeit blühte, 100000 Kubikmeter wurden allmählich zu Ziegeln zermahlen --- keiner aber, der dabei war, ahnte, in was er grub und was außer -Ziegeln hier für die Zwecke einer höheren Schicht Geistesmenschheit -noch mehr zu ergraben war. - -Da steht im Sommer 1909 der Zahnarzt Torger aus Halberstadt bei der -Grube am geschlossenen Schlagbaum der Eisenbahn und wartet den Zug ab, -und neben ihm warten ebenfalls ein paar Arbeiter, und sie erzählen -ihm, wie man so beim Warten plaudert, von Knochen, die in der Grube -gelegentlich gefunden worden wären. Torger erwirbt ein paar Splitter -und sendet sie zum Bestimmen an den Paläontologen Jaekel in Greifswald, -und der erfaßt sogleich das Bedeutende: eine Fundstätte großer -Dinosaurierknochen auf deutscher Heimaterde. - -Es ist eben erzählt, was Nordamerika und neuerdings noch erfolgreicher -Deutsch-Ostafrika hier geliefert haben. Jetzt aber lag der Schatz -endlich auch daheim sozusagen vor der Tür und wartete nur des -planmäßigen Hebens. - -Mit geschicktestem Feldherrntalent (Paläontologen müssen immer -Diplomaten sein) wurde von Jaekel zunächst der »Acker« gesichert: der -preußische Staat erwarb das Recht auf alle Fossilfunde in der Grube, -Finderlöhne wurden ausgesetzt, ministerielle, kaiserliche und private -Mittel zusammengebracht. Gefährliche Abbaumethoden durch Sprengschüsse -in der Grube wurden eingestellt. Die Härtung und Zusammensetzung der -Skelettteile nahmen Jaekel und seine Helfer und Helferinnen (besonders -letztere zeichneten sich aus) selbst in die Hand. Und nun kam Schlag -auf Schlag eine Ausbeute, die selbst die verwegenste Erwartung übertraf. - -Laut dem ersten wissenschaftlichen Bericht sind in der kurzen Zeit -bisher schon nicht weniger als vierzig Dinosaurierskelette geborgen -worden, zum Teil in prachtvollster Erhaltung und Individuum für -Individuum für sich gesondert. Noch nie sind auch die Schädel in -solcher Vollkommenheit bisher irgendwo zutage gekommen. Von dem -schönsten Stück hat (Laune des Zufalls!) bloß ein Wiesel, das in der -Nacht nach der Freilegung gerade hier ein paar Mäuse verzehrte, ein -Stückchen vom Zungenbeinbogen verschleppt. In anderen Fällen fehlten -allerdings derbere Skeletteile schon durch Räuberarbeit der Keuperzeit -selbst, so einmal die ganzen Vordergliedmaßen, die bei einem solchen -wehrlos »versumpften« Unhold wohl damals schon einem Krokodil zur Beute -geworden waren. - -Was die systematische Stellung anbetrifft, so handelt es sich in -der wesentlichsten Art um einen Plateosaurus, der eine vermittelnde -Stellung zwischen dem rein raubtierhaften Megalosaurus und jenen -Iguanodonten einnimmt. Es ist die Gruppe, wo auch der schöne Name -»Greßlyosaurus« vorkommt, der aber mit der naheliegenden Gräßlichkeit -nichts zu tun hat, sondern auf den originellen Schweizer Geologen -Greßly geht. - -Ganz besonders wertvoll macht den imposanten Fund, der zu den -glänzendsten paläontologischen aller Zeiten bisher gerechnet -werden muß, auch die Zeitbestimmung. Jene belgischen wie die neuen -afrikanischen Dinosaurier gehören zur Kreideperiode. Hier im -Halberstädter Delta steht man noch in der Trias, also eine ganze Reihe -von Jahrmillionen früher. - -Die ersten fertig aufmontierten Halberstädter Skelette sind jetzt schon -in ganzer Pracht im Berliner Museum für Naturkunde neben den Afrikanern -vom Tendaguru zu sehen. Unabsehbar scheint aber der noch zu erwartende -weitere Reichtum dieser Glücksgrube, nachdem vor Beginn der Rettung für -die Wissenschaft doch sicher wohl schon hundert oder noch mehr Skelette -zu Ziegeln vermahlen worden waren! - -Halberstadt mag stolz sein: zu seinem Dom und Gleim und Broyhanbier -tritt ihm der Ruhm, fortan die »echteste« Drachenstadt Deutschlands zu -sein in der Zeit wissenschaftlicher Rehabilitierung dieses Drachens. - - - - -Sirenen - - -Als der homerische Dichter das Abenteuer des Odysseus mit den -Sirenen schilderte, benutzte er stofflich wohl ein damals schon -altes Schiffermärchen. Die unvergleichliche Eigenart, die aus diesen -fünfunddreißig Versen eines der herrlichsten Gedichte der Weltliteratur -gemacht hat, liegt in der Schilderung. Das Schiff des umgetriebenen -Dulders kommt herangeschwebt, von freundlichem Winde getrieben. -Plötzlich dann, ehe noch die Sireneninsel selber auftaucht, ist es, -als gehe ein Zauber von ihr aus. Der Wind ruht. Die stille See glänzt -von heiterer Bläue des Himmels, ein Himmlischer scheint die Wasser zu -senken. Jetzt, als der bedenkliche Fels auf Hörweite nahe ist, der -Sirenengesang selbst. Nur acht Verse, aber vielleicht das Klangvollste, -was in Ilias wie Odyssee vorkommt. Man merkt dem Dichter ordentlich -die Verantwortung an, dieses Lied, das selbst den schlauen Odysseus -verführen soll, wörtlich zu geben, und doch hat er es gewagt. Aber die -Genossen des Dulders, die ihre Ohren mit Wachs verstopft und ihn selber -zur Vorsicht an den Mast gebunden haben, rudern vorbei. »Leiser, immer -leiser verhallte der Singenden Lied und Stimme.« - -Es ist eine arge Sache, wie mit Namen umgesprungen wird. - -Den scheußlichsten, rohesten Lärmapparat, den der spätere Kulturmensch -erfunden hat, nennt er eine Sirene. Ein Tiergeschlecht aber von so -unerhörter Unform, daß ein Schwein dagegen die leichtfüßige Eleganz -verkörpert, hat der moderne Naturforscher sozusagen amtlich als das der -Sirenen bezeichnet, nämlich die mit anderem Wort sogenannten Seekühe. - -Wenn man sich eine Kuh denkt, die mit derselben unerschütterlichen -maschinenhaften Konsequenz, mit der eine richtige Alpenkuh rupfend und -rückend tagaus tagein ihre Matte dezimiert, Seegras statt Wiesengras -abweidet; wenn man diese Kuh für das Wasserleben hinten abhackt und -in eine plattliegende Fischflosse auswalzt, ihr auch gleich dabei -die Hinterbeine fortschneidet und die Vorderbeine in runde Paddeln -verbreitert, so kommt man auf die Seekuh. In dieser Gestalt liegt -sie ihr Leben lang faul über ihrer unterseeischen Küstenmatte und -äst, wobei sie im Vorschreiten gelegentlich ihrer Weide auch in die -großen, zur See mündenden Flüsse hinein nachpaddelt und so bis tief ins -Binnenland kommt. - -Ihre Weide ist fett, und das Wasser trägt -- so darf sie alle Kuhmaße -überbieten und als kolossale Fleischwalze von fünf oder gar zehn Metern -Länge über ihrer Wasserwiese schaukeln. - -Dabei ist sie gleich der richtigen Kuh ein Säugetier. Ihre milchgebende -Mutterbrust hat sogar etwas ganz Menschliches in Lage und Form, und -hier steckt die halbwegs gangbare Begriffsbrücke, die zur Vergleichung -mit einer homerischen »Sirene« geführt hat; denn es wird behauptet, daß -diese Seekühe, im Indischen und Roten Meer gelegentlich schon vor den -ältesten Seefahrern beim Luftschöpfen auftauchend und solche Büste -produzierend, geradezu die Fabel von Meerweibchen, also doch irgendwie -der Verwandtschaft wenigstens der echten sirenischen Fräuleins, erzeugt -hätten. - -Die meisten Säugetiere aber, die nachträglich (denn alle echten -Säuger waren geschichtlich wohl zunächst Landtiere) wieder ins Wasser -gegangen sind, haben dort eine Art Zersetzungs- und Zerfließungsprozeß -ihrer Leibesformen erlebt. Während der Fisch als ursprüngliches -Wasserkind durchweg (selbst im riesigsten Hai) eine gewisse Grazie -der vollkommenen Anpassungsform bewahrt hat, stößt man beim -Wassersäuger auf die greuliche, verschwommene und zerhackte Mißform -des Nilpferdmauls oder die Monstra der großen Wale und Pottfische, die -jeder geordneten Linienführung im Umriß spotten. Und so ist auch die -Seekuh auf ihrer Wasserweide an »Nichtform« ein echtes und rechtes -Meerwunder geworden, so ungeschlacht wie nur möglich, wie einer, der -sich gehen lassen kann und es nicht mehr nötig hat, auf nettes Äußeres -und adrette Umgangsform zu sehen. - -Gleich für die ersten klaren Ordnungsgenies in der neueren Tierkunde -mußte es dabei aber eine wichtige Frage werden, zu welcher engeren Ecke -des großen Säugervolks nun dieser Vetter Wanst eigentlich gehöre. Vom -Lande war er gekommen; an was für eine Landform aber sollte man ihn -dort systematisch anreihen? - -War es etwa wirklich die Kuh gewesen, die, gefräßig ihrer Weide -nachrückend, in irgendwelchen Urweltstagen so ganz allmählich sich ins -Seichtwasser hinein verloren hatte und endlich dort zur regelrechten -Taucherin geworden war, wo die Grasnarbe sich allzu tief unters Wasser -verlor? - -Ganz so seltsam, wie es sich anhört, wäre solcher Vorgang nicht. So -ist das allbekannte Nilpferd ja wirklich nichts viel anderes als ein -in die weiten Binnenseegründe voller Lotosweide dauernd verlocktes -altertümliches Schwein, das bei Sansibar sogar schon wie eine rechte -Seekuh kühn ins Meer hinausschwimmt. - -Längere Zeit indessen war unsere wissenschaftliche Tierkunde zu solchen -Ableitungen deshalb nicht recht mutig, weil ihr überhaupt zweifelhaft -geworden war, ob sich eine Tierform aus einer anderen »entwickelt« -haben könnte. So gesellte man einstweilen die Seekuh gar nicht zu -irgendeinem Landtier im System, sondern rückte sie mit zwei anderen -ausgesprochenen Wassersäugern, dem Seehund und dem Walfisch, zu einer -engeren Gemeinschaft der Fisch- oder Seesäugetiere zusammen. So haben -wir's noch aus dem alten, wirklich noch vom Manne dieses Namens -verfaßten »Brehm« gelernt, und der älteren Generation sitzt's noch in -Fleisch und Blut. Es hilft aber nichts, die Welt läuft, und der Mensch -muß mitlaufen und immer wieder umlernen. - -Schon als der erste Darwinismus hochkam, wurde klar, daß einer aus -diesem künstlichen, bloß dem Aufenthaltsort nach vereinten Trio -unbedingt woanders hinkommen müsse, nämlich der Seehund. Er war -wirklich ein Stück »Hund«, nämlich lediglich ein für die ergiebige -Wasserjagd umgepaßtes ursprüngliches Landraubtier. - -Ein Räuber, das heißt ein absoluter Fleischfresser, ist aber auch -der Walfisch, und so entstand vor ihm bald ein zoologischer Argwohn, -daß er, obwohl ersichtlich viel weiter fürs offene Meer umgeformt, -irgendwie doch auch zuletzt und in grauen Entwicklungsurtagen an die -Raubtiere anschließe. Das ist in neuester Zeit durch geologische -Funde auch immer wahrscheinlicher, wenn auch noch nicht ganz zur -Gewißheit geworden; die Landväter sind in diesem Falle wohl noch wahre -Urraubtiere (sogenannte Kreodonten) gewesen. - -Blieben zuletzt also wieder als vereinsamter Rest unsere Seekühe. - -Diesmal schien aber ihre »Kuhnatur« zunächst wieder zur Anerkennung -kommen zu wollen. - -Bei Haeckel, dessen Systematik jetzt für eine neue Generation zu -einer Art zoologischen Breviers wurde, las man, daß die Seekuh -höchstwahrscheinlich ein Wasserableger des paarhufigen Huftiers sei, -also eben der Gruppe, zu der unter anderem auch die Kuh gehört. - -Solche entwicklungsgeschichtlichen Vermutungen sind nun bei umsichtiger -Handhabung der Theorie stets sehr wertvolle Fingerzeige, und Haeckels -provisorische »Stammbäume« haben trotz allen wohlfeilen Gegnerspotts -eine wahre neue Ära der ganzen zoologischen Systematik eingeleitet, in -der praktisch heute auch alle die leben und weben, die Haeckels Namen -nachträglich undankbar verleugnen. Auf der anderen Seite bleibt aber -ebenso wahr, daß alle noch so geschickte Theorie arm ist, wenn nicht -das Glück wirkliche Neuentdeckungen hinzubringt, -- in diesem Falle -also den Fund wirklicher vorweltlicher Skelette von Übergangsformen, -die etwa den Schritt von einem nilpferdisch und noch weiter wasserlieb -gewordenen Zweihufer aus der Kuhverwandtschaft zur Seekuh leibhaftig -vor Augen stellten. - -Nun fanden sich zwar versteinerte Seekühe. Seekuhweiden bieten sich -heute in den verschiedensten Meeren und Strömen, von Florida und -dem Orinoko bis Afrika und dem Indischen Ozean; eine riesige Seekuh -bei Kamtschatka, das sogenannte Borkentier, ist erst in junger -geschichtlicher Zeit vom Menschen ausgerottet worden. Wie aber in der -Urwelt alle geographischen Grenzen durchweg auf den Kopf gestellt -scheinen, so mußte man sich auch hier mit dem Bilde befreunden, daß -noch in der Epoche der Tertiärzeit, als unser allbekannter Bernstein -als frisches Harz von Waldbäumen des Landes tropfte, über die Gegend -bei Mainz und Darmstadt ein Meeresarm ging, dessen Seegraswiesen -auch dort damals schon von zahlreichen, mäßig großen (etwa drei -Meter langen) Seekühen abgeweidet wurden. Diese alten Darmstädter -Meerweibchen zeigten, wie es scheint, äußerlich noch ein verkümmertes -Hinterbeinchen, das heute ganz fehlt, sozusagen ein Abzeichen noch mehr -ihrer sicheren ehemaligen Landverwandtschaft. Aber das war auch alles: -im übrigen waren sie schon genau so mißgeformt und wasserfroh wie ihre -Genossen unseres Tages etwa in ihrem fernen Roten Meer. Die sirenische -Übergangskuh hatte man jedenfalls in ihnen noch nicht vor Augen. - -Inzwischen gab es aber eine alte Stimme aus der Tierkunde selbst, fast -vergessen wie der Mann, von dem sie hauptsächlich ausgegangen war, -der schon fast zehn Jahre vor Darwins Auftreten verstorbene Franzose -Blainville. - -Sie mahnte an die höchst seltsamen Zahnverhältnisse dieser Sirenen, in -denen offenbar noch ein separates Geheimnis stecke. - -Wenn von den homerischen Sirenenmädchen die böse Kunde gilt, daß ihr -süßer Sängermund in verschwiegenen Stunden Menschenfresserei trieb, zu -der neben verminderten ethischen Hemmungen mindestens ein gutes Gebiß -gehörte, so hatten einzelne der wirklichen Sirenenkühe überhaupt keine -Zähne oder doch nur spärlichste Reste solcher. Doch das war offenbar -wieder Wasseranpassung für sich; auch der ungeheure Grönlandwal -ist zahnlos und seiht nur winziges weiches Meergetier durch seine -Gaumenbarten, die uns das bekannte Fischbein liefern. Was aber noch -vorhanden war von sirenischem Normalgebiß, das war wirklich bedeutsam -genug. - -Bald zeigte sich ausgesprochene Neigung, die oberen Schneidezähne -unter der fetten Wulstlippe in regelrechte Stoßzähne zu verwandeln. -Bald wuchsen die Backzähne beständig neu nach, und zwar so, daß -der vorderste immer nach einer Weile ausfiel, von hinten her aber -die Zahnreihe ergänzt nachrückte. Diese Zahnwunder aber erinnerten -auffällig jetzt an einen zweiten Fall im Säugerbereich, der ganz und -gar nichts mit der Kuh zu tun hatte, sondern mit dem -- Elefanten. - -Auch die riesigen Stoßzähne unseres lebenden Elefanten sind obere -Schneidezähne, und auch bei den Backzähnen dieses Elefanten herrscht -ein mindestens sehr ähnliches System von streng geregeltem Verfall und -Ersatz. - -Kein Zweifel: die Sirenen hatten auch im übrigen Bau ihres Skelettes -mit den schweren, nicht gehöhlten Knochen mancherlei Züge vom -Elefanten. Trotzdem schien der notwendig hier auftauchende Ideengang -selbst den kühnsten Stammbaumtheoretikern zu kühn. - -Unglücklicherweise wußte man lange Zeit gerade von der eigenen -Urverwandtschaft der Elefanten gar nichts. Sie standen bis heute -auf dem Lande, und doch wußte man nicht, wo sie auf diesem Lande -hergekommen sein sollten. Kein anderes Säugetier glich ihnen genug -zur Anknüpfung. Die Gegner der Deszendenztheorie liebten es, lächelnd -hierher mit Fingern zu weisen. Hier waren Tiere, die riesengroß waren, -schon in Urweltsperioden massenhaft gelebt und massenhaft versteinerte -Knochen hinterlassen hatten; und doch hatten sie anscheinend keine -»Ahnen«. - -Eines Tages indessen sollte das ein recht jähes Ende nehmen. Im -untersten Ägypten, im Hinterlande des sogenannten Fayum, entdeckten -die Geologen vor einigen Jahren eine geradezu fabelhaft glänzende -Fundstätte vorweltlicher Säugetiere. Nie werde ich den Anblick -vergessen, als ich im Londoner Naturhistorischen Museum beim Eintritt -in die große Halle vor dem ersten frisch ausgestellten Prachtstück -von dort stand: dem grotesken Riesenschädel eines sogenannten -Arsinoitherium, eines elefantenähnlichen Ungetüms, das auf der Nase -zwei enorme, nebeneinander gestellte knöcherne Zapfen, die an die -Zipfel einer kolossalen Narrenkappe erinnerten, getragen hatte. Schon -dieses jedenfalls nah verwandte neue Tier bewies, daß man hier in die -Urverwandtschaft des Elefanten geraten war. Schlag auf Schlag folgten -sich dazu dann die weiteren Entdeckungen an dieser Glücksstelle. - -Es zeigte sich ein Vormastodon, das die Entstehungsgeschichte des -späteren Elefantenrüssels enträtselte. Die Krone aller Entdeckungen -aber war der Ahne des ganzen Elefantengeschlechts überhaupt. Er -erschien in trefflicher Erhaltung schon in einer Schicht der -Tertiärzeit, die geologisch noch ein Stück älter war als jene der -Arsinoitherien und Vormastodons. Da erschien ein Tier, auch etwa so -groß wie ein Tapir, also gegen den heutigen Elefanten relativ klein. -Die Gliedmaßen schlank; ein langer Schwanz; im flachen, keineswegs -elefantenhaft steil getürmten Schädel ein altertümliches Gebiß, in dem -doch aber die Schneidezähne schon eine Tendenz zeigten, hauerhafte -Stoßzähne zu werden. Im Umriß also ganz gewiß kein Elefant. Und doch -durch soundso viel feine anatomische Details einzig und allein an die -Elefanten anzuschließen. Die Sachkenner waren sich bald einig: man -hatte den so lange vermißten »Elefantenvater« vor sich. Ein durchaus -altertümliches Landtier, selber noch den ältesten, sehr indifferenten -Huftieren der Vorwelt nahe, das aber den Ausgangspunkt der seltsamen -Entwicklung zu den elefantischen Kolossen, all den Dinotherien, -Mastodons, Mammuten und wie sie hießen, gebildet hatte. Da in -Altägypten in dieser Fayumgegend der berühmte Mörissee gelegen hat, -wurde das einzigartige Geschöpf Möritherium getauft. Kaum aber hatte -man sich mit seiner Existenz abgefunden, so sollte es den Tierkundigen -noch eine Überraschung bereiten, die zu den größten gehört, die alle -Tierkunde je erlebt hat. An der Küste des urafrikanischen Kontinents, -wo sich zu ihrer Zeit die Möritherien herumtrieben, lebten damals, -vom Wasser her in die Flußmündung aufsteigend, auch schon Seekühe. -Auch ihre Knochen kamen in den heute erhärteten Schichten des alten -Uferschlamms von ehemals für uns zutage. Und nun zeigte sich das -Unerwartete. Diese uralten Seekühe hatten fast genau den Schädel und -das Gebiß des Möritheriums gehabt. Auch in den Beckenknochen glichen -sie ihm noch frappant. Und doch waren sie sonst schon Seekühe! Seekühe -aber, die zugleich schwimmende Elefantenväter waren! Kein Zweifel: in -jenen Anfangstagen war ein Zweig möritherienhafter Urelefanten auf die -Wasserweide gegangen und hatte sich dort zu Seekühen umgestaltet. Als -Wasserelefanten kamen diese Seekühe fortan in die Seichtbuchten der -Ufer und die Flußmündungen, über denen auf dem Festlande dröhnenden -Schrittes die Landelefanten dahinstampften. Wie das Nilpferd zum -Schwein, der Seehund zum echten Hund oder Bär, so stehen die »Sirenen« -zum Elefanten: sie sind seine Wasseranpassung. Nun gilt es ein Umräumen -in allen Museen. Die Elefanten, lange so vollkommen isoliert, bekommen -Nachbarn. - -Die große Seekuh des Roten Meeres, so hören wir, wird bei Nacht -dort bei den Korallenriffen von den Beduinen in ungeheuren Netzen -gefangen, durch langes Untertauchen (das sie als Säugetier ja nicht -unbegrenzt verträgt) erstickt und mit großen Mühen endlich gehoben. -Das Bild erhält eine neue Farbe, wenn man sich sagt, daß es sich -hier um eine nächtliche Elefantenjagd handelt. Ein Wasserelefant, -noch ein Meter in der Länge größer als der größte lebende Elefant im -Kilimandjarobuschwald, dickhäutig und ungeschlacht über alle Begriffe, -im Netz gefangen und zappelnd wie ein Fisch, bei Fackelschein auf der -Kante einer Korallenbank -- wahrlich eine packende Situation mehr im -Märchen der Tierwelt. - - - - -Die Entdeckung des Riesenklippdachses - - -In meiner Bibliothek stehen ein paar kleine alte Bände mit zierlicher -Rückenvergoldung -- die erste Ausgabe von Cuviers »Tierreich« von 1817. - -Nach solchem alten, ehrwürdigen Bändchen greift man heute nicht leicht, -um sich über laufende Fragen der Tierkunde zu unterrichten. Es muß -schon mehr in Sonntagslaune sein, wenn man sich einmal an der Stimmung -einer Zeit ergötzen will, die zwar weit hinter uns an zoologischem -Wissen stand, die aber eines immerzu noch erleben durfte, das uns -fremder wird: nämlich ganz große Sensationen, Überraschungen dieses -Wissens. - -Eine solche Sensation ersten Ranges steht dort bei Cuvier beschrieben, -wenn er von dem Tier spricht, das nach einem übertragenen Namen der -»Klippdachs« heißt; mit unserem bärenartigen Raubtier Dachs hat es -nichts zu tun; man nennt es auch »Klippschliefer«, das heißt: einen, -der in engen Klippenspalten gern unterschlüpft (schlieft). In Luthers -Bibelübersetzung figuriert es als das »Kaninchen« der palästinensischen -Felsen. - -Die Klippdachse sind kleine, dick bepelzte Geschöpfchen vom Habitus -mittlerer Häschen oder großer Meerschweinchen, die von Syrien bis zum -Kap teils so in Höhlen »schliefen«, teils hoch im Urwaldgezweige fast -affenhaft ihr Wesen treiben. Kein Mensch, der sie so sieht, wird sie -wirklich für etwas viel anderes halten als Karnickel oder Eichhörner, -zumal wenn er aus ihrem Mäulchen auch noch die spitzen oberen -Vorderzähne anscheinend völlig nagetiergemäß vorstehen sieht. - -Als Nagetiere waren sie denn auch von den Zoologen bis auf Cuvier -verrechnet worden. Er aber mußte jetzt den inhaltschweren Satz -drucken lassen, diese Klippdachse seien eine »~sorte de rhinocéros en -miniature~«; sie hätten die Backzähne des Nashorns und trügen an den -meisten ihrer Zehen kleine Hufe! - -Man muß in den Quellen der Zeit die Entrüstungsrufe der übrigen -Zunftgelehrten von damals lesen, daß so etwas möglich sein sollte: ein -Nashorn von der Größe eines Kaninchens! - -Aber Cuviers Ansehen war zu gewichtig, um dauernden Widerspruch -aufkommen zu lassen. Der Klippdachs ist wirklich fortan bei den -Huftieren und versuchsweise immer wieder in der Nähe des riesigen -Nashorns in den Listen der Tierforscher geführt worden, so schwer's -auch fallen wollte; aber man wurde das Gefühl eines Rätsels dabei nicht -los, das seiner wahren Lösung noch harrte. - -Inzwischen wurden sein Leibesbau und seine Lebensweise von vielen und -immer eingehender studiert. Man stellte jene Tatsache fest, daß er auch -auf Bäume klettern konnte, was dann für ein Rhinozeros noch grotesker -wirken mußte. Unser großer deutscher Reisender Schweinfurth sah ihn -an steilen, glatten Felsen in so unmöglichen Lagen auf und ab turnen, -ja todeswund noch wie angeklebt haften, daß er auf eine besondere -laubfroschartige Saugkraft seiner Füßchen raten mußte, die in der -Tat beim Einziehen und Ausdehnen eines Spalts im Sohlenpolster durch -Luftverdünnung zustande kommt -- ein Rhinozeros mit Laubfroschfüßen auf -polierten Rutschflächen! - -Im übrigen Körperbau kamen aber auch immer neue Seltsamkeiten ans -Licht. Die Hufe waren eine Vereinigung von affen- oder menschenhaften -Nägeln mit dem echten, die Fingerbeere ganz umgreifenden Sohlenhorn -des Hufs. Aus dem Pelz ragten überall einzelne lange Tasthaare vor, -deren Gebrauch unklar blieb. Im Rückenfell umschloß eine abweichend -gefärbte Flocke eine kleine Tonsur, deren Zweck ebenfalls im Geheimnis -verharrte. Wiederkäuen wurde behauptet, dann wieder abgeleugnet; -jedenfalls paßte der Magen nicht dazu. - -Je mehr man aber allmählich anfing, Tiere überhaupt -entwicklungsgeschichtlich, im Bilde eines Stammbaumes, zu ordnen, desto -dringlicher mußte die Frage werden, an was für einen Ast des großen -Stammbaumes man diesen verdrehten Gesellen mit seinen Saugfüßchen denn -nun tatsächlich kleben solle? - -Das Nashorn selber kam dort zweifellos zu Pferd und Tapir. Unter den -Pferdeahnen waren vorgeschichtlich auch kleine Geschöpfe gewesen. Aber -ihre speziellen Knochenreste, als man sie fand und zusammensetzte, -wollten wieder gar nicht zum Klippdachs stimmen. - -Viele Jahrzehnte galt es als eine Hoffnung der Versteinerungskundigen, -endlich einmal vom Klippdachs selber urweltliche Reste zu entdecken -- -ob die den Schleier lüfteten. Würden auch sie uns kleine Tiere weisen, -so daß der lebende Schliefer ein echtes Überbleibsel wenigstens -der allgemeinen Zeit wäre, in der alle Huftiere, auch die größten, -auch Nilpferd und Nashorn, klein angefangen hatten? Oder würden sie -wirklich jetzt nashornhafte Riesen von Klippdachsgestalt zeigen, eine -Ahnenschaft der entsprechend Großen, von der unser lebender Freund spät -erst und jämmerlich zu seinem Zwergenmaß wieder heruntergesunken wäre? - -Lange aber wollte kein einziges Knöchelchen dartun, daß überhaupt schon -Klippdachse in der tierreichen Vorwelt gelebt hätten. - -Merkwürdige Verwandte unserer Nashörner von heute fanden sich ja -unter dem Urweltsvolk genug. Da hatte es in Nordamerika (wo heute -überhaupt kein Nashorn mehr existiert) Rhinozerosse gegeben mit ganz -kurzen Beinchen wie ein Teckelhund; andre, die überhaupt kein Horn -auf der Nase trugen, dafür aber Dickköpfe mit gewaltigen Eckhauern -führten wie ein Nilpferd und auch nilpferdhaft amphibisch lebten; und -noch wieder andere, die ihren hornlosen Nashornkopf auf langen Hälsen -trugen und die gewandtesten schlanken Galoppierbeine des Pferdes -anzunehmen begannen. In den nah verwandten sogenannten »Titanentieren« -(~Titanotheria~) hatten die Hörner umgekehrt wahre Orgien wilder -Gestaltungskraft gefeiert, je zwei nebeneinander (nicht nacheinander) -hatten sich auf festen Knochenzapfen nach Art eines Ochsengehörns -aus der Nase erhoben, und zuletzt waren hier aus den Zapfenhörnern -regelrechte Masken mit weithin vorspringender Knochengabel geworden, -die den alten Bullen nicht mehr geschützt, sondern eher wehrlos gemacht -haben müssen. Ein Nebenzweig dieser Titanentiere (also immer doch noch -im Nashornanschluß) hatte es in dem Wunderwesen Chalikotherium gar zu -einer nicht mehr trabenden, sondern grabenden Form gebracht, die bei -Rhinozerosmaßen des Körpers statt Hufen mächtige krumme Grabkrallen wie -ein Riesengürteltier besaß. Aber kein echtes Klippdachsnashorn fand -sich dazu, so sorgsam man auch gerade darauf fahndete. - -Unterdessen lenkte der Zahnbau des lebenden Klippdachses gelegentlich -aber noch einmal auf einen ganz anderen Gedanken. - -Aus dem Maul ragten, wie erwähnt, oben die beiden vordersten -Schneidezähne gleich kleinen scharfen Stoßzähnen (beim Männchen -kräftiger als beim Weibchen) vor. Diese Stößer waren immerwachsende -Zähne mit Emailbelag, die trotz ihrer Ähnlichkeit mit Nagezähnen von -dem rein blätter- oder kräuterfressenden Tier doch nie zum wirklichen -Nagen benutzt wurden. Dagegen hatten sie eine in jedem Betracht -frappante Ähnlichkeit mit den allbekannten Elfenbeinstoßzähnen des -- -Elefanten. - -Der Elefant ist nun auch ein großes altertümliches Huftier und als -solches im weitesten Sinne natürlich auch mit dem Nashorn urverwandt; -im engeren aber wissen wir ja jetzt (wir haben eben davon gesprochen), -daß sein Stammbaum später ganz eigene Wege, unabhängig sowohl von -der Nashorn- und Pferdelinie wie auch von der Nilpferd-, Schwein- -und Wiederkäuerlinie, genommen hat. Sollte auch der Klippdachs in -seiner dunkeln Vorgeschichte am Ende mit dem Elefanten noch näher -zusammengegangen sein als dem Nashorn? - -Lange tappte auch diese Idee für sich im Dunkeln, da man die -Elefantenvorfahren in wirklichen Knochenresten selbst zunächst ja nicht -finden konnte. Erst in letzter Zeit ist das, wie gesagt, in Ägypten -endlich geschehen. Gerade jetzt aber mischte recht ärgerlich sich auch -noch ein grober Fehlschluß in den Fall Klippdachs ein. - -Der höchst eifrige, aber etwas voreilige Paläontologe Ameghino in -Südamerika beschrieb nämlich plötzlich die angeblichen Ahnen des -Klippdachses aus angeblich so uralten Gesteinsschichten Patagoniens, -daß sie gar noch in der großen Saurierzeit, in der Kreideperiode, -gelebt hätten. Beides war aber falsch, sowohl die Zeitbestimmung wie -die Sache selbst; es hatte eine Verwechslung mit echt südamerikanischen -Huftieren stattgefunden, die selber, wie in allem, was aus ihnen -je geworden ist, niemals über Südamerika hinausgekommen sind und -nicht einmal entfernt den Klippdachsen geglichen haben. Leider -wurden die betreffenden Tiere in der ersten Hitze »Urklippschliefer« -(~Archeohyrax~) benannt, und dieser Name erbt nun nach dem Gesetz der -Erstgeburt in unseren Lehrbüchern fort, obwohl er völlig in die Irre -führt. Das Gesetz hat schon manche Not dieser Art gebracht, diesmal -aber sollte es ein besonders mißliches Exempel werden. Denn kaum, daß -der falsche Urklippdachs im Buche stand (mit dem Vermerk, daß er falsch -sei!), so meldete sich wie zum Tort gerade der so lange Gesuchte selbst. - -Jenes Fayumgebiet in Unterägypten gab bei Gelegenheit der erfolgreichen -Suche nach den dort begrabenen Vorfahren der Elefanten nun doch -plötzlich eine Fülle auch echter urweltlicher Klippdachsknochen frei. -Und das lief jetzt auf eine wirklich große Überraschung hinaus. - -Um das Ende des ersten Drittels der Tertiärzeit haben die sumpfigen -Waldungen des damaligen nordafrikanischen Kontinents offenbar auch -schon sehr zahlreiche Klippdachse bewohnt. Unter ihnen aber wandelte -als auffälligste Gestalt damals noch der wahre Riesenklippdachs -(~Megalohyrax~). - -In der Größe nahm er es mit dem stärksten Bären oder, wenn wir beim -Nashorn bleiben wollen, ungefähr mit einem mittelgroßen Sumatranashorn -auf. Ein solcher entsprechend schwerer Riese kletterte natürlich -nicht auf Bäume, sowenig er in engen Felsspalten »schliefte« oder -sich an glattes Gestein klebte. Das Wasser dürfte er mit seinem -schwachen Schwanz auch nicht geliebt haben. Seine kurzen, bei solcher -Größe jedenfalls noch nicht so springflinken Klippdachsbeine machten -ihn vielmehr wohl zu einem ruhigen Waldgänger, der behaglich das -üppige Laub abweidete. Im ganzen Habitus muß er aber sonst schon -ein durchaus echter Klippdachs gewesen sein, bloß daß alle Eigenart -viel imponierender hervortrat: der dicke Pelz als große bären- oder -mammuthafte Wollgestalt, die emaillierten Stoßzähne als wirkliche -starke Elefantenstößer. Recht unheimlich muß der Riese ausgesehen -haben, obwohl gewiß auch er kein besonderer Angreifer war und von den -bösen Raubtieren dieses urafrikanischen Waldes sicherlich viel Not -gelitten hat. - -Entscheidend aber löst er uns die oben gestellte Frage. Also auch die -Klippdachse hatten einmal ihre »große Zeit«. Ganz früh hatten sie -diese Zeit schon, in Tagen, wo das Pferd sogar noch klein war. Aber -dieser frühe Glanz erlosch auch um so rascher. - -Im letzten Drittel der Tertiärzeit hat, wie wir jetzt aus nachträglich -richtiger Deutung von Knochenresten auch glücklich wissen, auf -der Insel Samos und dem griechischen Festlande noch ein einzeln -verspäteter, relativ großer Altklippdachs jener Glanztage fortgelebt. - -Auf unsre Zeit aber kam das Geschlecht nur mehr in kaninchenhafter -Verzwergung. Bedeutsam aber ist dabei wieder der alte Ort des Glanzes: -Afrika. - -Offenbar haben die Klippdachse zum ältesten Stamm ursprünglich -afrikanischer, in Afrika landes- und geburtseigentümlicher -Hufsäugetiere unserer Erde gehört. - -Im Gebiß wesentlich noch urtümlicher, weniger einseitig gebaut, -verraten jene großen Altformen ihres Geschlechts uns auf der einen -Seite jetzt noch deutlich auch ihren Anschluß an die Stammgruppe der -Huftiere überhaupt, von der auch alle die geographisch entfernteren -(selbst die nordamerikanischen) Formen ursprünglich einmal ausgegangen -sein müssen. - -So erklären sich die Beziehungen, die den kleinen Schliefer von heute -noch in seinem Zahnbau mit dem Nashorn verknüpfen; einzelne jener alten -Fayumer gemahnen ebenso und stärker hier auch noch an das Schwein, das -heute doch wieder vom Nashorn so weit fernsteht. - -Das sind aber eben ganz allgemeine Altersreminiszenzen. - -Andererseits muß dagegen für ihre engere afrikanische Fortbildung und -Nächstverwandtschaft jetzt entscheidend werden, daß sie in dieser ihrer -engeren geographischen Wurzelung wirklich nur noch einen einzigen -uns erkennbaren, ebenfalls damals hochsteigenden Genossen gehabt -haben, nämlich tatsächlich das alte große Wundertier der Sage wie -Naturgeschichte -- den Elefanten. - -In jenen gleichen nordafrikanischen Sumpfwäldern der älteren -Tertiärzeit sind ja auch die Elefanten damals hochgekommen aus den -relativ kleinen, wirklich sumpfbewohnenden Urelefanten (Möritherien) zu -den späteren Riesen. - -Wenn nun im Bau der Stoßzähne wie in mehreren Einzelheiten des Fußbaues -eine unverkennbare engere Ähnlichkeit auch von Klippdachs und Elefant -heute noch besteht, so legt diese geographische Einheit einen solchen -Stein jetzt dazu in die Wagschale, daß es fast zwingend zu des Märchens -wie der Weisheit letztem Schluß wird: Klippdachs und Elefant gehörten -ursprünglich auch körperlich noch länger zusammen, bildeten eine -Einheit -- und erst in ihrem Afrika selber haben sie sich allmählich -getrennt: der Urelefant, indem er zuletzt auf Mastodon und Mammut -ins Kolossale ging -- der Klippdachs, indem er zum Kaninchenzwerge -später sank. Nicht ein Miniaturnashorn lebt uns also heute in diesem -Klippdachs fort, wohl aber ein _Miniaturelefant_. - - - - -Die Mammutschnitzer von Predmost - - -Sie kommen -- da hilft nun nichts mehr! - -Lange genug haben wir uns ehrlich gewehrt, nun ist es Zeit, daß wir uns -ehrlich für besiegt erklären. - -Nämlich jene wunderbaren Menschen der Diluvialzeit, die so viele -Jahrtausende vor Beginn unserer geschichtlichen Überlieferung gelebt -haben, daß den Historiker, dem schon ein Tag ein Wert ist, mit Recht -dabei ein Gruseln überläuft. - -Wie auf dem Bilde Kaulbachs über dem Schlachtfelde noch die Geister der -Gefallenen weiter bekämpft werden, so haben wir mit ihren unheimlichen -Schatten gerungen, als sie zuerst vereinzelt aus den feuchtkalten -Kellergewölben ihrer Höhlen aufzusteigen begannen. Aber aus den -Schemen sind ganze Völker geworden, und die Gespenster haben, was das -Entscheidende für ihre Aufnahme in die wirkliche Geschichte sein muß, -für uns eine Seele bekommen. - -Keine Tradition wußte von diesen Menschen. Sie haben für uns keine -Namen, keine Sprache, vielleicht auch keine Heimat, denn sie tauchen -als schweifende Jägerstämme bei uns in Europa auf, die wer weiß wie -weit herkommen konnten. Aber sie tauchen auf in der Eiszeit. Mit nicht -schlechten, aber ganz einseitigen Waffen (Stein, Horn, Bein, Holz) -jagen sie die märchenhaften Tiere jener Erdepoche, auf europäischem -Boden Löwen und Panther, riesenhafte Bären, Elefanten und Nashörner, -das Urwildpferd und den Präriebison. - -Nie wieder hat Europa solche Jagd gesehen. Wie verschwinden alle -Herkulessagen der Griechen dagegen! Zu den Ungetümen, die sie -bezwangen, möchte man sich schauerlich wilde Vormenschen denken, die -selber noch halbe Ungeheuer waren. Zumal in so endlos ferner Zeit. Aber -gerade das sind sie auch nicht gewesen, und daß sie es nicht waren, ist -wohl das allverblüffendste an ihnen, vor dem auch die energischsten -Heißsporne, die zuerst für ihre Existenz eintraten, noch haben umlernen -müssen. - -Sie hatten schon eine hochentwickelte Kunst! In unzähligen Denkmälern, -die in Südfrankreich und Spanien neuerdings fast Monat für Monat neu -aus den alten Höhlen und Kulturschichten hervorgezogen werden, ersteht -diese Kunst augenblicklich imposant vor unserem Blick. Schnitzereien, -Gravierungen, Reliefplastik und farbige Malereien, die Jagdszenen, -Tierbilder, Ornamente darstellen, geben ein nie erwartetes, ein -überwältigendes Bild. Diese Menschen begannen nicht erst mit der Kunst: -sie besaßen sie bereits. Sie waren vielfach Meister der Darstellung. -Die Prachtwerke über diluviale Höhlenmalereien, die gegenwärtig unter -der Ägide des Fürsten von Monako erscheinen, riesige Quartbände mit -Farbentafeln, enthüllen nicht nur wissenschaftliche Dokumente zur -Kunstgeschichte, sondern sie geben (besonders aus der Wunderhöhle -von Altomira in Spanien, deren ganze Decke ein figurenreiches und -farbenprächtiges prähistorisches Freskogemälde bedeckt) einzelne -Blätter, die fortan die Freude jedes künstlerisch empfindenden Auges -sein müssen wie nur irgendeine große Höhenleistung sonst der älteren -Kunst. Und erst seit wir in diese Kunst der Mammutjäger schauen, läßt -sich wirklich jenes eben gebrauchte Wort anwenden: daß wir jetzt auch -diese Menschen _seelisch_ besitzen im Inhalt unserer Kulturgeschichte. - -Von Mammutjägern also zu Mammutmalern und Mammutschnitzern! - -Die amüsante kleine Episode, die ich hier an diese mächtige neue -Melodie knüpfen möchte, beweist indessen mit ihrem Anfang klärlich, daß -man auch heute noch, in unseren (bekanntlich) sehr hellen Tagen, bei -einem Mammut zunächst an etwas wesentlich anderes denken kann als an -Kunst. - -So geschah es nämlich Herrn Chrometschek, Gutsbesitzer zu Predmost, -einem kleinen Flecken bei Prerau in Mähren, der vor einer Reihe von -Jahrzehnten hinter seinem Garten graben ließ und dabei in einer alten -verbackenen Staubschicht des ehemaligen diluvialen Steppenbodens dieser -Gegend auf eine Katakombe gewaltiger Knochen stieß. Die meisten und -größten stammten eben vom Mammut, und nie bisher ist eine großartigere -Anhäufung von Gebeinen dieses verschollenen europäischen Elefanten -zutage gekommen. Die Reste von fast tausend Individuen sind noch in -der Folge geborgen worden, junge und alte dabei, vom Urvater bis zum -Embryo. Daneben Knochen des Nashorns, des Urstiers, des heute noch in -Grönland existierenden Moschusochsen, des Elchs, des Wildpferdes, der -Gemse, vermischt mit denen von Löwe, Leopard, Wolf, Vielfraß und Biber. - -Herr Chrometschek aber als umsichtiger Landwirt ließ diesen ganzen -reichen Segen, so oft er sich beim Abbau des alten Steppensandes -wiederholte, reinlich zu Pulver zerstampfen und düngte seine Felder -damit -- lange Jahre hindurch. Und dann erst fanden ein paar -hinzukommende ausgezeichnete Gelehrte (zunächst Wankel, nachher -Maska und Kriz), daß dieser Dünger doch für Kohlköpfe oder Rüben -entschieden etwas zu kostbar sei und besser menschlichen Gehirnen und -wissenschaftlichen Theorien zugewendet werde. - -Als das ganz besonders Interessante ergab sich nämlich, daß es sich -hier nicht bloß um ein zufälliges Massengrab vorweltlicher Tiere, etwa -auf Grund zusammengeschwemmter oder in einem Staubsturm gemeinsam -begrabener Kadaver, handelte. Vorgeschichtliche Menschen hatten schon -einmal die Hand dabei im Spiel gehabt. Zu vielen Tausenden lagen ihre -Steinwerkzeuge am Fleck, auch einzelne Skelettreste. An Holzkohlen -und Asche erkannte man, daß sie Feuer gebrannt hatten. Viele der -Tierknochen waren künstlich zerschlagen, angebrannt, bekritzelt, rot -gefärbt. Stellenweise lagerten die Mammutgebeine in hübsch sortierten -Haufen: hier lauter Beckenknochen, dort Schulterblätter, Zähne oder -Gelenkköpfe zueinander gesammelt. Kein Zweifel: Menschen hatten mit -dem Material gewirtschaftet, und wenn irgend etwas nahelag, so war es -die Annahme, daß es sich um eine Jägerstation handelte, wo frisches -Jagdwild abgehäutet, verarbeitet, zum Teil gebraten und gegessen, -zum Teil in seinen brauchbaren Knochenteilen ausgeschlachtet worden -war. Wohlverstanden: hauptsächlich Mammutwild. Eine Art Abdeckerei -oder Schlachthaus aus der Mammutzeit selber stand vor Augen, und der -Schlächter war schon der Mensch gewesen! - -Es war eine gar gewaltige Triebkraft, was dieses Mammutlager von -Predmost damals, in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, -in die annoch junge prähistorische Wissenschaft hineinzubringen schien. - -Zum ersten Male faßte man davor den ganzen Mut, den Menschen der alten -Steinzeit wirklich zusammen zu sehen mit diesen schauerlichen letzten -Urweltsgestalten der Tierwelt, die alle ältere Geologie noch durch -die furchtbarste Erdenkatastrophe von jeglicher Menschennähe getrennt -gedacht hatte. - -Aber der Geistesboden war zu glänzend damit gedüngt, um nicht eine ganz -unerwartete Riesenrübe noch hervorzutreiben in Gestalt eines genialen -Gedankens, der so genial war, daß er tatsächlich noch einmal die ganze -Geschichte in die Luft fliegen ließ. - -Der Gedanke wuchs im durch und durch gescheiten Kopfe des alten Japetus -Steenstrup aus Kopenhagen, der, damals schon bald achtzigjährig, eigens -herangepilgert war, um sich auch von dem Wunder zu überzeugen. - -Steenstrup, Zoologe von Haus aus, dann selber Prähistoriker, hatte die -gründlichsten allgemein geachteten Forschungen hinter sich -- über das -Liebesleben jener wundersamen Seetiere, die stets in einer Generation -wirkliche Liebespärchen, in der nächsten dagegen nur ein einziges -pflanzenhaft ausschlagendes Elternwesen hervorbringen; über die -verschrobenen Augen der Flundern; über die geschichtlichen Geheimnisse -der dänischen Torfmoore und Muschelbänke und anderes mehr. Meister -Steenstrup befand sich aber kaum im Angesicht des Mammutfeldes, so gab -er auch schon die überraschendste Lösung. - -Jedermann kennt die berühmte Geschichte von den sibirischen Eiskadavern -von Mammuten, die, vor ungezählten Jahrtausenden in Gletscherspalten -eingefroren, heute noch gelegentlich mit Haut und Haaren heraustauen. -Wenn solches Tauen geschieht, kommen die hungrigen Wölfe heute -noch hinzu und fressen von dem derben Brocken vorgeschichtlichen -Gefrierfleisches, nicht minder aber besuchen die armen Tungusenjäger da -oben die Stätte, um sich der famosen Elfenbeinhauer zu bemächtigen. - -Wer beweist uns nun, fragte der alte Steenstrup, daß ein solcher -Hergang nicht auch den Fall Predmost selber erklären kann? Bis ans -Ende der Eiszeit reichten nordsibirische Verhältnisse tief nach Europa -hinein. Wenn nun schon damals im gefrorenen Boden oder Gletschereis -solche Gefriermumien gesteckt haben? Bloß eben damals bis in Gegenden -noch hinein, die so weit südlich lagen wie dieses mährische Predmost? -Und wenn schon damals einmal ein solcher ganzer Eisschrank gerade hier -aufgetaut war, seine uralten Mammutbraten in nicht ganz delikatem -Zustande wieder herausgebend? Wenn dann Menschen von damals in der Nähe -vorbeizogen, werden nicht auch sie sich brauchbare Zähne und Knochen -herausgesucht haben? Die ekle Stätte wird jedenfalls gründlich von -ihnen durchwühlt worden sein. Wölfe werden von dem Fleisch gefressen -haben. Wer weiß: am Ende sogar halb verhungerte Menschen selber. -Steinzeitmenschen natürlich. Aber deshalb doch noch lange nicht -Zeitgenossen des _lebenden_ Mammuts. Keine Mammutjäger! Unabsehbare -Zeiträume mögen die Zeit, da diese Mammute wirklich gelebt hatten, -schon damals getrennt haben von der Stunde, da ihre Gefrierleichen -heraustauend so in Menschenhand kamen. Sibirien in Predmost, nichts -weiter, aber nicht lebende Menschen vor lebendigen europäischen -Elefanten. - -Wenn je ein Gedanke mit seiner Logik bezwang, so war es dieser. Ich -weiß selbst noch genau, wie er mich absolut sieghaft gefangennahm, -als ich ihn zum ersten Male las. Es gab keine Widerrede. Für einen -so geistvollen und eminent kenntnisreichen Kopf wie Virchow ist er -damals entscheidend für seine ganze Stellungnahme zu diesen Fragen -bis an sein Lebensende geworden. Er schien berufen, pädagogisch eine -wahre Warnungstafel zu werden, wie heillos vorsichtig man beim Gehen -auf diesem schwankenden Staub und Schnee der Vorwelt sein müsse. Nach -solchem Fiasko an der eklatantesten Stelle mußte man auch alle anderen -angeblichen Beweise für das Zusammenleben von Mensch und Mammut mit -neuen und zwar mit sehr, sehr kühlen Augen ansehen. Virchow kam mit -solchen Augen zu dem festen Schluß, daß es trotz aller Rederei und -Flunkerei bisher keinen diluvialen »Mammutmenschen« gebe, sowenig wie -einen tertiären Affenmenschen. - -Die Franzosen besaßen allerdings damals längst in einer ihrer -Sammlungen ein vielbewundertes Stück Mammutelfenbein -- gefunden im -Vézèretal in der Dordogne, wo das wahre Pompeji diluvialer Kultur und -Kunst ist -- mit einem wohl erkennbar eingravierten Bilde eines Mammut -darauf. Das mußte jetzt eine »Fälschung« sein. Wenn einige tüchtigste -deutsche Forscher, die damals aburteilten, dort Direktor gewesen -wären, wer weiß, in was für einer Müllgrube das unschätzbare Stück -verschwunden wäre. Wer aber ja noch so leichtgläubig sein wollte, es -für echt zu halten, der mußte sich sagen lassen, daß es selbst dann -nichts beweise; denn wenn die Steinzeitmenschen noch Eiskadaver mit -erhaltenen Rüsseln und Mähnen aufgefunden hatten, so mochten sie danach -auch ein echtes behaartes Elefantenbild, wie es jene Platte wies, -konstruiert haben, ohne doch je ein lebendes Mammut gesehen zu haben; -auch dieser Schluß hat mir selber lange imponiert. - -Das unschätzbare Stück ...! Denn das ist schließlich doch der Witz und -die wahre Nutzanwendung der ganzen Geschichte geworden, daß der alte -Steenstrup sich trotz- und alledem gründlich verhauen hatte. - -Seine Idee stand und fiel mit der einen Möglichkeit, daß jene -Steinzeitler zu ihrer Zeit in Mähren mit uralten, in undenklichen -Zeitfernen rückwärts niemals aufgetauten Eismassen und Gefrierböden -in Berührung kommen konnten. Die nähere geologische Untersuchung der -Stelle hat diese Möglichkeit aber rund verneint. Predmost ist überhaupt -niemals in der Diluvialzeit derartig vereist gewesen, konnte also auch -keine Mammute konservieren. - -Die Menschen jener Tage lebten nicht auf Dauereisboden, sondern in -weiten Grassteppen, wie sie für große Landgebiete und Zeitperioden der -langen Diluvialzeit vielfach in Mitteleuropa charakteristisch gewesen -sind, Steppen, durch die die Saigaantilope streifte wie heute noch im -südöstlichen Rußland. Ihrer Kultur und ihrem Körperbau nach gehörten -diese Predmoster Jäger wahrscheinlich zu jenem diluvialen Volk, das -man heute nach dem Fundort Solutré bei Lyon benennt; die Solutréenser -waren in Frankreich besonders eifrige Jäger auf die zahllosen, auch -für die Grassteppe charakteristischen Herden von Wildpferden, wie sie -ähnlich heute die Wüste Gobi bewohnen. Man schiebt gegenwärtig diese -Solutréenser zeitlich ziemlich weit in die Diluvialzeit hinein und -läßt sie wesentlich älter sein als die sogenannten Magdalenier, die -das hauptsächlichste Volk jener französischen Kunsthöhlen im Vézèretal -gewesen sind. Nun wissen wir aber, seit wir diesen Volksanschluß -ungefähr haben, aus zahlreichen anderen Funden, daß in die Jagdsteppe -der Solutréenser tatsächlich auch das Mammut noch allenthalben lebend -gekommen ist. Ein _Nicht_zusammentreffen mit dem Menschen, dem -jagdfrohen von damals, müßte also geradezu ein Wunder gewesen sein! - -Und so ergibt sich der alte Schluß für Predmost diesmal als die -selbstverständlichste Folgerung: auch in dieser mährischen Steppe -müssen die Mammute besonders zahlreich gewesen sein, und speziell in -Predmost haben die mährischen Solutréenser besondere Jagdtriumphe über -das Riesenvolk gefeiert. - -Damit aber werden auch alle weiteren Schlüsse wieder hinfällig. - -Jenes von der Hand eines Diluvialmenschen gezeichnete Mammutbild kann -echt und noch nach dem lebenden Original gezeichnet sein. Es ist von -einem Magdalenier gefertigt, also von einem Diluvialmenschem dessen -Volk, wie gesagt, erst einer späteren Epoche der Diluvialzeit als die -Solutréenser angehört. Es beweist also nur, daß das Mammut über die -Predmoster Tage fort noch lange in Europa hinaus weitergelebt haben -muß. Inzwischen zweifelt aber an der vollwiegenden Echtheit dieses -schönen Fundstücks auch deshalb längst kein Mensch mehr, weil man in -den Höhlen des Vézèretales seither die prachtvollsten magdalenischen -Malereien entdeckt hat, die zahlreiche Mammute in den lebendigsten -Stellungen mitten unter den anderen zweifellosen Jagdtieren von -damals darstellen. Da hört jeder Gedanke wie an Fälschung, so auch an -Rekonstruktion nach Eisfleisch auf! - -Gerade an dieser Stelle aber hat die Geschichte neuerlich nun noch eine -besondere Krönung erfahren, die erst den ganz würdigen Schluß gibt. - -Bereits sehr zu Anfang hatte man auf den Predmoster Knochen leise -Kunstspuren entdeckt, Zickzackornamente, Wellenlinien, konzentrische -Kreise, Dreiecke. Später kamen Elfenbeinschnitzereien zutage, darunter -das Bild einer sehr rundlichen, anscheinend tätowierten Dame. 1895 -stieß nun Herr Kriz auf ein mehrfach zerbrochenes Stück Mammutzahn, das -ihm immerhin auch als ein unvollendeter Kunstversuch erschien, ohne -daß er der Sache Bedeutung beilegte. Und erst 1909 faßte der andere -treffliche Bearbeiter der Schätze, Maska, den wahren Sachverhalt: -die richtig aneinander gepaßten Stücke zeigten ein höchst famoses -Schnitzbild des Mammut -- ein zeitgenössisches Bild also des so viel -umstrittenen Mammut von Predmost nunmehr in höchsteigener Gestalt. - -Die unbedeutend fragmentarische Figur mißt 116 Millimeter in der Länge. -Das stark behaarte Tier ist auch hier in lebhafter Bewegung, wohl -heranschreitend, erfaßt, die charakteristische Elefantenstirn erhoben, -die (beim Mammut kleinen) Ohren schlagend, Rüssel und Beine in rascher -Schrittstellung. Ganz besonders lebendig wirkt die Schwanzquaste, die -die linke Flanke peitscht. Solche Lage ergab sich aus kluger Ausnutzung -des Platzes, der gleichzeitig die Stoßzähne zum Opfer fielen; aber das -Vorbild dieser Möglichkeit konnte nur aus dem lebenden Tier in der -Seele des Künstlers sein -- des Mammutschnitzers von Predmost. - - - - -Die Furcht vor dem Menschen - - -Auf die menschliche Phantasie hat von je der Anblick ferner duftig -blauer Inseln mit einer ganz besonderen Magie gewirkt. - -Noch heute empfindet man das, wenn man vom Schiff eine solche -dämmernde Küste aufsteigen und dämmernd wieder verschwinden sieht. -Eine unendliche Sehnsucht mischt sich mit unendlicher Neugier: als -müsse gerade dort die Erfüllung aller Märchen wohnen. Und so war es -in jüngeren und romantischeren Tagen der Erdgeschichte auch ein gern -geglaubter Traum, es werde eine solche Insel einmal neu aus dem blauen -Glast tauchen, die uns noch ein Stück des alten Paradieses bewahrt -habe. Mit jungfräulichem Wald, wo der Löwe neben dem Lamm ruhte und -die Tiere den Menschen als Bruder begrüßten. Vielleicht floß dort auch -der Wunderquell, der die Menschen selber wieder verjüngte. Aber diese -selige Insel ist nie gefunden worden ... - -Dagegen gab es eine andere Erfahrung, die wirklich wiederholt und immer -deutlicher gemacht wurde. - -Ganz rohes Matrosenvolk machte sie zuerst in rohen Zeiten, Leute, die -gewiß das Paradies sowenig brachten, wie sie es zu finden verdienten, -die auf einsamen Inseln im Meere sich als wüste Schlächter etablierten -und zu ihren Proviantzwecken ganze Tiergenerationen massakrierten. -Sie bestaunten, und ihre Kapitäne schrieben es ins Schiffsjournal, daß -die Tiere auf solchem noch nie vorher vom Menschen betretenen Eiland -wirklich keine Angst vor dem Menschen hätten. Als Lämmer nahten sie dem -Löwen Mensch, der ihnen dann allerdings gründlich genug das Paradies -austrieb. - -Die eigentliche Hochflut solcher Inselentdeckungen im weiten Weltmeer -liegt ja im allgemeinen noch in recht unkritischen Zeiten der -Beobachtung. So könnte auch diese Geschichte in den älteren Quellen -also oft wie ein Schiffermärchen aussehen, bei dem die alten Schlächter -dort in einer Art unbewußten Kehrbildes zu ihrer eigenen Gefühlsroheit -die Legende vom »ethischen Tier« erfunden hätten. - -Aber die Sache ist wahr geblieben. An den Hauptstätten der alten -Verwüster ließ sie sich freilich durchweg später nicht mehr -kontrollieren, aus dem einfachen Grunde, weil die Tierwelt, um die es -sich handelte, dort längst vernichtet war, als die strenge Forschung -nachkam. Aber es blieb doch noch einzelnes Neuland, und hier machten -jetzt auch kritische Gelehrte von moderner Schulung den gleichen Fund. - -Darwin hat ihm zuerst die Gewähr seines großen Beobachternamens -gegeben. Zweimal trat ihm auf seiner Weltfahrt die Paradiesesunschuld -solcher Inseltiere gegenüber dem Menschen überwältigend entgegen: -einmal auf den Galapagosinseln, diesem weit in den Stillen Ozean hinaus -verschlagenen Rest von Südamerika, dann auf den Falklandinseln, diesem -umgekehrten Vorposten der südamerikanischen Spitze im Atlantischen Meer. - -Auf den Galapagosinseln kannte kein Vogel Furcht vor dem Menschen. Man -konnte kleine Vögel -- Darwin war alles eher als ein Tierschlächter -alten Stils, immerhin aber doch ein passionierter Sammler -- mit der -Mütze totschlagen, so gänzlich naiv kamen sie heran. Zum erstenmal -durfte der Kulturjäger, dessen Vorgänger es daheim mit viel Bemühen -bis zum Schießgewehr gebracht, wieder zurückkehren zum Schlagwerkzeug -prähistorischer Zeiten: ein Falke ließ sich einfach mit dem Flintenlauf -vom Zweige eines Baumes stoßen. Eines Tages, erzählt Darwin wörtlich, -kam, während er am Boden lag, eine Spottdrossel, setzte sich am Rande -eines aus der Schale einer Schildkröte gefertigten Eimers, den er -in der Hand hielt, nieder und begann ganz ruhig von dem Wasser zu -schlürfen. An einer Quelle traf der Reisende einen Jungen, der vor -sich einen Haufen von Tauben und Finken für sein Mittagessen liegen -hatte; er hatte weiter nichts getan, als mit einer Rute im Sitzen das -heruntergeschlagen, was ohne jede Scheu vor ihm an der gleichen Quelle -trinken wollte. - -Auf den Falklandinseln liefen die Wildgänse, deren Vorsicht man sonst -zur Genüge kennt, dem Jäger überall in die Hand, und ein kleiner -Strandvogel war wenigstens zu den ersten Besuchern vor Darwin noch -so zahm gewesen, daß er sich beinahe auf ihren vorgehaltenen Finger -gesetzt hatte und zu zehn Stück in einer halben Stunde mit dem Stock -erschlagen werden konnte; natürlich erschlagen -- anders ging's zum -Lohn für seine Paradiesesneigungen nicht! - -Darwin reiste in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, -und seitdem ist die Zahl dieser »naiven Inseln« natürlich noch kleiner -geworden. Wie geographisch die letzte große ~Terra incognita~ aber die -Antarktis, die Südpolarwelt, auch dann noch bis auf unsere Tage bleiben -sollte, so sollten sich auch hier in der Nähe die letzten Bestätigungen -des alten Wunders konservieren, glücklich begünstigt durch den Umstand, -daß es in dieser ganzen Antarktis auch keinen einheimischen Menschen im -Sinne des nordischen Eskimo gibt und wohl je gegeben hat. - -Selber noch nicht eigentlich polar, aber doch schon recht -weit hinausgerückt dort, wo die unendlichen Wasser des freien -Indischen Ozeans gegen den südlichen Polarkreis fluten, ragen die -Kergueleninseln, eine Art Spitzbergen dieser Südwelt, mit wilden -Fjorden und Gletscherschliffen, mit Eis und Basalt, alter Glut und -jungem Frost, dazwischen mit sommerlich grünen Matten und reicher -Tierwelt. Freilich wunderlichen Pflanzen und wunderlicher Tierwelt. -Hier und fast nur hier wächst der rätselhafte Kerguelenkohl, eine -Gemüsepflanze mit meterhohen Blütenständen, die zur ganzen übrigen -Vegetation der Erde so fremd steht, als stamme sie von der Kante eines -seit Urtagen abgesonderten Kontinentes. Zwischen den Blättern dieses -antarktischen Kohls aber kriechen wie Blattläuse flügellose Fliegen -und zu flugunfähiger Mißgestalt verkümmerte Schmetterlinge, die -aussehen, als seien sie vorzeitig aus der Puppe geschält. Rüsselkäfer -scheinen anzudeuten, daß einst auch diesen öden Fels Wälder geschmückt -haben dürften. Den Hauptteil der Fauna aber bestreiten riesige Robben -und zahllose Vögel -- und gerade sie waren es, bei denen auch in -unseren Tagen noch ein vielleicht letztes Mal die »Paradiesunschuld« -festgestellt werden konnte. - -Als die Gelehrten der deutschen Valdiviaexpedition am Weihnachtstage -1898 dort landeten, umflogen sogleich Schwärme von Seeschwalben die -Dampfbarkasse und ließen sich auf ihrem Zeltdach nieder. - -Von allen Seiten trippelten dann, wie der Reisebericht erzählt, auf den -vom Wogenschlag abgeschliffenen Basaltkuppen die hühnergroßen weißen -Scheidenschnäbel heran, eine seltsame Sorte antarktischer Regenpfeifer, -die eine besondere Scheide am Schnabel zum Schutz ihrer Nasenlöcher -führen. Sie brauchen diesen Schutz beim Verschmausen des klebrigen -Inhalts stibitzter Pinguineier -- in diesem Punkte sind dieselben -nämlich ohne paradiesische Manieren. Um so lebhafter aber trat in jener -Stunde auch ihre vollkommene Unbefangenheit gegenüber dem Menschen -zur Schau: neugierig pickten sie Herrn Chun aus Leipzig, der sie mit -Zoologenblick musterte, mit ihren kuriosen Schnäbeln auf dem Schuhwerk, -ja selbst dem Gewehrkolben herum und schlossen sich dann als treue -Begleiter dem Wanderer an, als sollten sie ihm auf dem fremden Terrain -Führerdienste leisten. - -Als die Reisenden Rast machten, setzten sich zwei mächtige, stahlblau -und weiß mit roten Schnäbeln gefärbte Kormorane behaglich zu ihnen -auf das gleiche Rasenstück und reckten wie zu lustiger Frage die -Köpfe. Ungeheure Robben, sogenannte See-Elefanten, deren alte Bullen -mit ihren aufgeblasenen Rüsselnasen und mächtigen Hauern martialisch -genug ausschauen, so daß man sie daheim auf Tierbuchbildern für die -grauenhaftesten Angreifer halten möchte, blieben ruhig im Wege liegen, -äugten mit ihren großen braunen Augen bloß die Fremden gemütlich einen -Augenblick an und duselten und schnarchten dann wieder in ihrer Sonne -weiter. Bald war man sich gewiß, daß es zum Bewältigen auch dieser -Kolosse keiner Feuergewehre bedurfte, wenn man ihre Felle und Skelette -für die heimischen Museen wünschte. - -Und vollends die Pinguine, diese drolligsten Südpolarler, behandelten -das Menschenvolk völlig wie ihresgleichen. Sie traten herzu, hielten -lange und eindringliche Reden in ihrer unverständlichen Sprache, -versetzten auch Schnabelhiebe und Flossenpüffe, wenn man ihre eng -gedrängte Kolonie durchschritt, aber offenbar auch das nur nach -den Regeln eines gewissen derben Anstandskomments, den sie ebenso -unaufhörlich untereinander übten. Der Leipziger Professor machte -sich gelegentlich den Spaß, eine ganze Herde solcher ein Meter -hohen Königspinguine eine halbe Stunde lang vor sich herzutreiben -oder, besser gesagt, zu einem gemeinsamen Spaziergang zu animieren. -Gravitätisch watschelten sie mit ihm dahin, anzuschauen wie die -Rektoren der Hochschulen im Ornate, die, »jeder von dem eigenen Werte -genügend durchdrungen, zur Audienz antreten«. Gegen zu rasches Tempo -lehnten sie sich sanft auf, fröhlich dagegen stimmten sie mit ihrem -»Kräh! Kräh!« ein, als der menschliche Führer einen Wandergesang -intonierte. Die lustige Tour endete leider auch diesmal etwas traurig, -denn am Ufer griffen die Matrosen die schönsten Exemplare heraus und -schleppten sie lebendig an Bord. - -Nach diesen Angaben, die nicht romantischen Fabulierern, -sondern ernsten, sogar hervorragend kritisch veranlagten -Naturforschern verdankt werden, kann über die Grundtatsache der -»Menschenfreundlichkeit« nichtgejagter Tiere kein Zweifel sein. - -Diese Tatsache aber muß nun auch für unsere Zeit und Denkrichtung vom -allerhöchsten Interesse sein. - -Es gibt, so zeigt sie, keinen allgemeinen »Urinstinkt« des Tieres, der -_gegen_ den Menschen gerichtet wäre. - -Im Zeitalter Darwins mit seiner Lehre vom Kampf ums Dasein denken wir -ja unwillkürlich zunächst, das Feindliche müsse allemal das Erste und -Ursprüngliche sein. Wir vergessen aber dabei, was für eine ungeheure -Rolle auch in der sich selbst überlassenen Natur die gegenseitige -Freundschaft und Hilfe längst und von früh an gespielt haben und -noch spielen. Wir vergessen den urgeborenen Trieb der Tiere zur -Geselligkeit, und wie aus ihm zunächst keineswegs Kampf und Flucht -einem neuen Wesen gegenüber resultieren. Daseinskampf im Sinne, daß -die Wesen um ihre Existenz ringen mußten, ist ja gewiß eine uralte -Erscheinung auf Erden. Aber die engere Form, daß dabei gerade das -lebendige Mitwesen befehdet und gefürchtet wurde, ist keineswegs -eine absolute, sondern vielfach erst eine ganz nachträgliche, -sekundäre gewesen. Mächtiger als sie war von Beginn an der Versuch, -durch Zusammenhalten Vieler und gegenseitige Hilfe die _gemeinsame_ -Not des Daseins zu ertragen und das Glück des Daseins positiv zu -vermehren. Daher schon die Zellenstaaten, dann die Liebesbünde, die -Tiergenossenschaften und Tierstaaten, all diese unendlichen Wege und -Ziele, deren höchste Krönung ja schließlich eben auch die unendlichen -Regungen und Segnungen des menschlichen Gesellschaftslebens selber -sind, _ohne_ die der Kulturmensch gar nicht denkbar ist und denen bei -uns das entspringt, was wir Ethik nennen. - -Daß die Robbe, daß der Pinguin, die von Haus aus bereits extrem -gesellige Tiere sind, den neu erscheinenden Menschen nicht als Gegner -nehmen, ist also nur das Nächstliegende. Der »Feind« ist ihnen ein -in ein paar bestimmten Formen präzisierter leidiger Einzelfall -- -das Anschlußfähige, Anschmiegsame, Mittuende dagegen sozusagen die -Normalsache. Soll man die traditionelle Auffassung eines solchen Tiers -menschlich ausdrücken, so würde sie wohl ungefähr lauten: es gibt ein -paar Spitzbuben in der Welt, die diese oder jene bestimmte Livree -tragen, jenseits dieser Ausnahmen aber ist die Masse treu, und was -neu ist, wird zunächst nicht eben für eine Ausnahme, sondern für die -Regel gewertet werden. Der Begriff des allen Mittieren und Neutieren -gegenüber wahnsinnig verscheuchten und absolut mißtrauischen Wesens, -wie ihn eine falsche Konsequenz der Darwinschen Ideen erzeugt hat, wird -von uns erst künstlich in den Normalzustand hineingedacht. Wohl aber -ist natürlich auch ein Weiteres wahr. - -Wenn der Mensch sich solchen an sich gesellschaftlich wohlwollenden -Tieren gegenüber eine Weile als obstinate Räuberausnahme geriert, -so fängt auch das Tier an, ihn als solche individuelle _Ausnahme_ -einzuschätzen, und gewisse Schutzorganisationen seiner Natur schaffen -das in kürzerer oder längerer Frist zu einem festen Instinkt um. - -In unglücklichen Fällen kommt die Bedrohung ja rascher, als daß diese -Selbsthilfe nachkommen kann. So waren die guten dicken Drontenvögel -von Mauritius, truthahngroße Tauben, die jeden fremden Matrosen auch -zuerst als Genossen begrüßt hatten, im Nu von den proviantbedürftigen -Holländern bis auf den letzten Kopf hingemordet, ehe sich von innen -heraus irgend etwas bei ihnen auflehnen konnte. Bei ein wenig Spielraum -aber wird der Instinkt, der das Menschenwesen fürchten lehrt, nicht -ausbleiben. - -Auf was für einem Wege er sich durchsetzt, das ist ja heute eine -Streitfrage für sich. Die einen nehmen schlicht an, daß die Tiere -einzeln allmählich durch Schaden klug werden und den Gegner kennen -lernen, und daß sich diese Erfahrung allmählich schon als zwingender -Instinkt auf die Jungen vererbt; andern ist gerade das nicht genehm, -und sie suchen verwickeltere Erklärungspfade; aber das sind Nebendinge, -die das Faktum nicht ändern. - -Darwin selbst merkte schon, daß die Vögel auf den Falklandinseln -zu seiner Zeit nicht mehr _ganz_ so zahm waren wie siebzig Jahre -früher. Ein Zugvogel der Inseln, der schöne schwarzhalsige Schwan, -hatte aber schon damals überhaupt keine Menschenfreundschaft gezeigt: -seine Vorfahren hatten auf ihren Wanderungen offenbar längst anderswo -gelernt, daß der Mensch ein Feind sei, und brachten diese Weisheit -schon mit ins »Paradies«. - -Ebenso beobachteten die Gelehrten von der »Valdivia« mit Staunen, -daß _ein_ Tier der Kerguelen in ausgesprochenster Weise die Flucht -vor dem Menschen ergriff: nämlich das Kaninchen. Aber auch diese -Kerguelenkaninchen waren erst junger Import, eine englische Expedition -hatte sie nicht lange vorher ausgesetzt. Wohl hatten sie sich auf -dem guten Boden ins Unbegrenzte vermehrt, so daß jener interessante -Kerguelenkohl ihrem vereinten Appetit bereits bedenklich zu erliegen -begann. Aber noch war auch in ihnen mit ganzer Kraft der Instinkt -ihrer wahren Heimat lebendig -- der Instinkt der Flucht vor dem -Menschenfeinde, den ihre Ahnen in langer Notzeit dort sich ausgebildet. - -Wen ergreift es nicht mit einer gewissen Tragik, wenn er von diesem -»Umlernen« des Tieres hört! - -Der Mensch trat eines Tages auf diese Erde, zwischen die Tiere mit -ihren unverwüstlichen Geselligkeitstrieben. Die Blüte seiner Kultur -verdankte auch er der Existenz solcher Geselligkeitsformen seines -eigenen Lebens. Auf ihnen beruhen Sitte, Recht und Staat, Mitleid und -Menschenliebe und die Idee aufopfernder Hingabe, die zuletzt die Wurzel -unseres ganzen Ideallebens bildet, bei ihm. Der schwarzhalsige Schwan -und das Kaninchen aber haben ihn bloß als bösen Feind in den Kodex -ihrer natürlichen Schutzzüchtungen aufnehmen müssen! - -Aber unwillkürlich denken wir, daß sich doch auch hier schon wieder -etwas ändert. Hat sich im Tier etwas ändern müssen, so ändert sich -jetzt wieder allmählich etwas im Menschen. Indem wir uns auf Tierschutz -besinnen, einsehen, daß es nicht so fortgehen könne mit dem wüsten -Hinmetzeln und Zerstören, indem wir plötzlich einen neuen Standpunkt -der Freude und der Achtung auch vor dem Tier uns zu erringen beginnen, -bahnt sich von uns aus ein neuer entscheidender Umschwung an. - -Wo das Tier sich nur im Notzwange anpassen konnte, da bewähren wir -Menschen eine neue und edlere Entwicklung aus eigener Kraft. - -Und es wird die Zeit kommen, wo auch diese veränderte Front sich -im Tier selbst geltend machen wird. Seine Geselligkeitstriebe zum -Menschen, der ihm in neuer Weise entgegenkommt, werden neu erstarken. -Und es wird ein Triumph für uns selbst sein, wenn wir das eines Tages -im ganzen zu bemerken beginnen -- wie es heute schon hier und da ein -paar zusammenhaltende Nachbarn erleben, die in ihren Gärten die kleinen -Vögel nicht abschießen, sondern hegen und zutraulicher zu machen -suchen und die in diesen Gärten bereits wieder diese verscheuchten -Vögelchen sich versammeln sehen wie in einem Asyl --, ein erster blauer -Schein wieder von der neuen Insel des Paradieses, die diesmal nicht in -Wolkenkuckucksheim, noch in entlegenen Polarbreiten liegt, sondern in -der erstarkenden Wärme des Menschenherzens selbst. - - - - -Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen schlug - - »Hier steht Aurikel in der Schenke - Und zapft den Gästen das Getränke.« - - -Wie lange ist es her, aus stillen Tagen ohne Kriegssturm, daß Meister -Busch dieses niedliche Idyll schuf, wie Aurikelchen, die Kellnerin, im -sonnigen Frühlingsgärtchen den dicken Käfern und leichten Immen aus -Münchner Deckelkrügen süßen Honigmet verzapft und ihr dabei verstohlen -ein Liebesbriefchen zugesteckt wird. Das Spiel symbolisierte die -einfache naturgeschichtliche Tatsache aus dem großen Liebesgarten der -Natur, daß solche kokett bunte kleine Blüte das lüsterne Insektenvolk -wirklich mit einer harmlosen Honigschenke lockt und daß die Insekten -dafür ihre Liebesboten durch Übertragung des Blumenstaubes bilden -müssen. - -Aber Meister Busch, der alte treue Einsiedler im bienenumsummten -Pfarrhaus der deutschen Heide, ist selber nie in den Tropen gewesen --- dort, wo alle leisen Melodien unseres Lebens daheim zu gewaltigem -Sturm anschwellen in der Üppigkeit des Urwaldes. So konnte er nicht -erfahren, was der große Erforscher der tropischen Sundainseln, Herr -Alfred Russell Wallace, erfuhr, als er um die Mitte der fünfziger Jahre -den Berg Ophir auf Malakka bestieg, durch Haine herrlicher Baumfarne -wanderte und sich plötzlich Rankpflanzen gegenübersah, die ihm von -allen Seiten wirkliche ganz regelrechte Krüge kredenzten, sogar mit -einem richtigen, halb offenen Deckel daran -- Krüge, zierlich aus -Blattsubstanz gebaut, die zwar nicht Münchner Bier, aber doch eine -trinkbare Flüssigkeit enthielten. Er war etwas warm, der Trank und ohne -sich offenbar viel dabei zu denken, erwähnt Herr Wallace, daß er voll -ertrunkener Insekten lag; trotzdem erwies er sich als sehr schmackhaft, -und alle, hören wir, löschten ihren »Durst aus diesen natürlichen -Krügen«. - -Ohne sich viel dabei zu denken! - -Seit rund hundert Jahren gab es zwar damals schon eine dunkle Sage -in der Welt, -- von etwas ganz unerhört Dämonischem im stillen -Pflanzenreich, das wir so gern als das Reich bloß friedlicher Duldung -ansehen. - -Dem alten Linné hatte man schon von ähnlichen Blattgebilden in -Nordamerika berichtet, die in schönen altertümlichen Deckelgläsern -edles Naß darboten, doch er träumte dabei bloß das freundliche Bild -der Pflanze, die sich selber an geschickt gespartem Trunk in der -Hitzestunde labte, und des Vogels, der sich an diesem lebendigen -Wasser erquickte im anmutig geregelten Naturhaushalt. Aber schon hatte -daneben der Blick des einen oder anderen auch an den Insekten gehaftet, -die jedesmal in diesen Naturpokalen ertränkt lagen. Man hatte sie -verglichen mit anderen, die man immer und immer wieder an den klebrigen -Haarborsten gewisser Blätter angeleimt oder in selbsttätig gefalteter -Blattklappe eingeklemmt fand, und man hatte vor ihnen herumgetastet an -einem dunkeln Sinn, einem dunkeln Geheimnis, das doch vielleicht auch -hier, wie so oft in der wilden Unterschicht des Naturkampfes, irgend -etwas höchst Schauerliches mit dem Idyll eines fröhlichen Kneiptisches -überdeckte. - -Immerhin wußte man aber mit der Sache zunächst nichts Rechtes -anzufangen. Die Naturseidel der »Kannenpflanzen«, wie man jene -indischen Tropenkinder geradezu benannt hatte, zeigten oft die -herrlichsten Farben, und ihr Krugrand sonderte köstlichen Honig -ab. Kein Zweifel, daß hier Insekten unmittelbar angelockt wurden, -genau wie in den Liebeskneipen der Kellnerin Aurikel und anderer -Blüten. Aber in solcher Blüte war eben die erste Voraussetzung, daß -der Kneipant, das Insekt, lebendig wieder in die nächste Kneipe -kam, um dort den Liebesbrief, den lebenskräftigen Blütenstaub der -Pflanze, weiterzugeben. Auf Leben war dort alles aufgebaut -- hier -aber herrschte der Tod. Das große Faß unter dem Schenktisch lag -voller Leichen. Wer den Krug angesetzt hatte, den schien er zu seinem -Verderben in den furchtbaren Schlund zu ziehen. Das Wirtshaus im -Spessart schien hier gebaut, nicht eine gemütliche Animierkneipe. - -Fast zwei Jahrzehnte erst, nachdem Herr Wallace auf dem Berge Ophir aus -den Naturkannen seinen Durst gelöscht, löste Darwin des bangen Rätsels -Siegel. - -Das lustige Deckelseidel der Kannenpflanze ist ein greulicher -Sphinxabgrund, in dem die Pflanze das arme, verleitete, herabgestürzte -Kneipopfer, das Insekt, frißt. Eine uralte Fügung des Lebenskampfes -auf Erden hat hier ihre wohl eigenartigste letzte Wende genommen. -Einst, in Anfängen der Entwicklung, war die grüne Pflanze dem Tier -voraufgegangen. Sie hatte es erst möglich gemacht. Als eine Art -Schmarotzerwesen an der Pflanze war das Tier zuerst entstanden. Es -konnte nur bestehen, indem es Pflanzen fraß. In unsagbarer Arbeit hatte -sich die Pflanze gegen diese Invasion gewehrt, mit Stacheldraht und -Gift, am besten schließlich doch mit ihrer ungeheuren Produktionskraft -selbst, die alle Repressalien ersetzte. Bis auf jenen Friedensschluß, -an einer Ecke, eines Tages, der das lebendige Tier gerade als Insekt -in den Liebesdienst der lebendigen Pflanze stellte, zu Ehren jener -edleren Form des Aufgehens im anderen, die weit über dem Ziel des rohen -Fressens die Feinform der Liebe vertritt. Aber hart im Raume stoßen -sich die Dinge. Gerade hier setzte ein letzter grausiger Gegenzug der -Pflanze ein. Eine kleine Partei drehte den uralten Spieß um: sie fraß -das gelockte Insekt auf. Und so die Kannenpflanze. - -Ihre weit hinausgereckten Deckelkrüge sind infame Tierfallen. -Äußerst kunstvoll ist das ganze Pflanzenblatt dazu umgearbeitet. Die -eigentliche grüne Blattarbeit für das Leben der Pflanze sonst ist auf -gewisse Teile des Blattstiels abgewälzt. Die Spitze dieses Stiels -gestaltet dann auch noch das Bäuchlein der Kanne. Und als Deckel darauf -liegt erst das eigentliche Blatt. Anfangs schützt es die noch werdende -Kanne. Erst wenn es sich hebt, ist die Falle fertig. Jetzt quillt aus -dem Seidelrand und der inneren Deckelfläche wie von süßem Honigmund der -Zuckersaft, dessen Anwesenheit zugleich weithin prangende Farben wie -mit schreiend buntem Wirtshausschild verkünden: »Frisch angezapft.« - -Alsbald sind Käfer und Heuschrecken, Wanzen und Spinnen, vor allem -aber die berufensten Süßmäuler, die Ameisen, da. Gibt es doch bei -diesen Tropenameisen so unersättliche Honigschlecker, daß sie mit den -heimgebrachten Schätzen einzelne lebende Mitglieder ihres Staates -gewohnheitsmäßig randvoll füttern, um sie so zunächst zu lebendigen -Vorratsflaschen zu machen, aus denen später nach Bedarf wieder -abgezapft werden kann. Doch der Kneipenrand der Kannenpflanze ist -glatt, rasch stürzt bald der, bald jener der sorglosen Kneipanten ab; -in der Kanne steht hohe Flüssigkeit wie in einem Brunnenschacht, ein -Hinaufklettern gibt's nicht mehr, da ein besonderer Kranz grimmer -Zähne, von unten gesehen, herabbleckt -- und so geht's auf Tod und -Leben. Über das Ende kann kein Zweifel sein. - -Was aber Darwin entscheidend hinzu entdeckte, war eben, daß die Pflanze -jetzt die abgestürzten Opfer regelrecht frißt. In die Flüssigkeit des -Seidels hinein gießt sie verdauenden Pepsinsaft, der die genießbaren -Teile der Insekten löst und verdaut wie nur je ein regelrechter -Tiermagen. Zu einem Magen und Darm im buchstäblichen Sinne ist jedes -der Münchner Seidel geworden, Fleisch frißt die Pflanze. Menschen -streiten sich, ob reines Vegetariertum vielleicht bekömmlicher und auch -ethischer sei. Die Kannenpflanze hat sich entschieden: sie ist nicht -Vegetarierin und würde, wenn die nötige Größe gegeben werden könnte, -zweifellos auch Menschen fressen; in die halbmeterlangen Kannen einer -Art von Borneo ginge schon ohne Mühe ein Vogel von der Größe einer -Taube hinein. - -So weit war unsere Weisheit bis vor ein paar letzten Jahren. - -Aber es ist im Natur- wie Menschenleben immer das gleiche: auf -jeden Schlag kommt wieder ein Gegenschlag, jedem Schach bietet -sich ein kühnes Gegenschach. Das stolzeste Kriegsschiff erliegt -dem Unterseeboot, die dickste Festungsmauer der Neuerfindung des -42-Zentimeter-Geschosses. Und so hat die Naturzüchtung im Tier nicht -geruht, bis sie auch hier wieder vom Tier aus den Gegenzug tun konnte. - -Die Pflanze hatte keck genug noch einmal spät für sich den Magen -erfunden. Wie bewältigt, wie verkehrt man in sein Gegenteil jetzt den -Freßmagen: das war das neue, dem Tier gestellte Problem. Nun, und da -gab's eine alte Erfahrung. Wir Tiere hatten den Magen seit alters, -gewiß. Alle höhere Tierentwicklung, Tierkultur, Tiergutbürgerlichkeit -hatte sogar wohl geradezu angefangen mit der korrekten Ausgestaltung -des Magens auf der sogenannten Gasträastufe. Aber wir Tiere in -unserem Entwicklungsmärchen hatten auch seit längst den Gassenjungen, -der diesem Magen ein Schnippchen schlug: das war der Bandwurm, -der Eingeweidewurm, der sich einfach in den Magen, die fressende -Zyklopenhöhle, lebendig hineinschmuggelte, gegen die verdauende -Pepsinapotheke da drinnen das dickste Fell hatte, ja sich einfach immun -erwies und nun den Spieß so drehte, daß er selber als ungebetener Gast -sich über den eingehamsterten Proviant da drinnen hermachte und nach -Leibeskräften »mitaß« vom gedeckten Fremdtisch. - -Unzerkaut und unverdaut im Magen weiterleben und dann diesen Magen -als seinen benutzen: das war die geniale Lösung, war der gewonnene -Gegenschlag. - -Wenn aber nun der Magen in der Pflanze ist? - -Was hilft's, dann muß die Kannenpflanze den Bandwurm bekommen ... - -Eine der ersten Andeutungen des überaus sensationellen Fundes, der hier -nahen sollte, las man 1905 in dem trefflichen Reisewerke der Vettern -Sarasin über Celebes. »Die Untersuchung einer der großen Kannen (von -~Nepenthes maxima~) zeigte sie mit trüber Flüssigkeit halb angefüllt. -In dieser schwammen Reste einer verdauten Schnecke, ~Nanina cincta -(Lea)~, nämlich das Ende der Fußsohle und die Schale, auch diese -letztere schon stark angegriffen, ferner Überbleibsel von Spinnen, -Heuschrecken und Ameisen. Merkwürdig war aber, daß lebende Mückenlarven -und Fliegenmaden in der Brühe ihr Wesen trieben, offenbar ohne von -der verdauenden Wirkung Schaden zu nehmen, ganz analog wie Parasiten -im Magen und Darm ihrer Wirte.« Also lebende Tiere im Sphinxabgrund -selber, die fröhlich dort weiterlebten! - -In der berühmten Naturforscherstation von Buitenzorg auf Java rückte -man der zunächst schier unglaublichen Sache rasch näher auf den -Leib, und den Schlußstein konnte einstweilen durch eigene wichtigste -Entdeckungen unser ausgezeichneter Freiburger Zoologe Konrad Guenther -(bekannt auch im weitesten Kreise besonders durch sein so überaus -wertvolles Anschauungswerk zur Entwicklungslehre »Vom Urtier zum -Menschen«) bei Gelegenheit eines Aufenthalts auf Ceylon setzen. - -Jeder von uns kennt unsere lieben Stechmücken, berufen offenbar, -uns nicht zu sehr zu Schlemmern im still beschaulichen Naturgenuß -am idyllischen Schilfufer werden zu lassen, und interessant durch -ihren Bezug zur Frauenfrage, indem es nur ihr Damengeschlecht ist, -dessen kriegerischen Angriffen wir ausgesetzt sind, während die -Männchen nicht stechen. Ihre kleinen Lärvchen nehmen mit jedem -bescheidensten Tümpelchen vorlieb, wo sie köpflings, mit der Atemröhre -zum Wasserspiegel gereckt, hängen wie kleine Würste am Rauchfang. -Im Tropenland ist erst recht kein Mangel an dieser allgegenwärtigen -Plagerbande, und was Wunder, daß sie noch emsiger jede feuchte -Gelegenheit für ihre Wasserbrut auszunutzen suchen, somit auch auf die -Wasserkrüge unserer Kannenpflanzen geführt wurden. - -Ertrinken würden gerade die Mückenlarven da drinnen ja nicht, wohl aber -wäre im hergebrachten Lauf, daß die zersetzenden Verdauungssäfte des -pflanzlichen Magens auch sie erbarmungslos vernichteten. Hier aber trat -prompt der Gegenschachzug, trat die Regulierung ein. - -Die Mückenbrut in der verderblichen Kanne entwickelt, wie genaue -Experimente gezeigt haben, sogenannte Antifermente in ihrem Leibe, -eigene chemische Stoffe, die jene chemische Zersetzungswirkung des -Magenpepsins aufheben. Man kann die Probe außerhalb der Kanne mit -Würfelchen Eiweiß machen. Setzt man ihnen Pepsin, also normal wirkenden -Verdauungssaft zu, so lösen sie sich in gewisser Zeit darin auf. Fügt -man aber zerquetschte Mückenlarven aus Kannenpflanzen bei, so hört -alsogleich die Pepsinwirkung auf, man hat ein Gegengift gleichsam aus -der Mücke gepreßt, und vor ihm bleibt jetzt auch das fremde Eiweiß -intakt. - -Einmal so gegen die Gefahr der Kanne gefeit, hat das kleine Rackerzeug -da drinnen nun seinerseits aber offenbar großen Vorteil von dem -Aufenthalte gerade in dieses Walfischs Bauch. In ganzen Massen stürzt -immerfort auch ihm Nahrung in seinen Tümpel herab, und die zersetzende -Magenbrühe, in der es schwimmt, liefert ihm diese Opfer sogar schon -handlich zerkleinert, ja halbverdaut in den Mund, während andererseits -kein lebendiger Angreifer, kein Fisch, kein Molch, kein Raubinsekt sein -Behagen stört und der Tümpel sich ewig von selber nachfüllt ohne Gefahr -des Versiegens. - -Kein Zweifel, die Mückenlarve hat hier durchaus im Lebensbrauch den -Charakter eines wohlig geborgenen fetten Eingeweidewurms, also im -gangbarsten Bilde eines Bandwurms, angenommen, wozu auch stimmt, daß -ihre Farbe grellweiß geworden ist wie solcher Dunkelschmarotzer im -Tierbauch. - -Daß auch Fliegenmaden das gleiche Kunststück fertiggebracht haben, in -den Deckelkannen auszudauern, kann um so weniger wundernehmen, als -gerade die Fliegenbrut auch sonst schon gern echte Parasiten bildet, -die wie Eingeweidewürmer sich in tierische Organe einschmuggeln. -Guenther hat aber auch eine Milbe (also ein spinnenähnliches Tier) -als Kannenbewohner näher bekanntgemacht, die im Gegensatz zu anderen, -gefressenen Arten als einzige pepsinfest ist. Und als seltsamsten aller -Funde: er hat eine Schmetterlingsraupe in gleicher Lage bei seinen -Kannen von Ceylon nachweisen können. Hier könnte zuerst unglaublich -erscheinen, wie eine Schmetterlingsraupe im Wasser leben, also den -Kannenbauch als Bruttümpel suchen soll gleich dem Mückenvolk, wenn es -nicht wirklich auch sonst ein paar solcher Wasserraupen gäbe, z. B. -die Zünslerraupe Nymphula in unseren Tümpeln. Speziell die pepsinfeste -Kannenraupe Guenthers, die er als Kannenfreund (~Nepenthophilus~) -bezeichnet hat, gehört aber zu den Psychiden oder Sackschmetterlingen. -Dieses eigenartige Volk führt seinen Namen nach den selbstgefertigten -und mit Holz oder Sandkörnchen oder Blattresten bekleideten Säcken, in -denen die Raupe lebt. Und solchen Sack baut sich nun auch die besagte -Kannenraupe in ihrem absonderlichen Magentümpel: sie benutzt aber dazu -in erster Linie Material von den getöteten Insekten der Sphinxhöhle, -also vor allem Ameisenbeine, die sie für ihren Zweck noch besonders -zurechtbeißt. - -Seltsames Bild, wenn man sich ausmalt, wie eines Tages aus -solchem unheimlichen fressenden Pflanzenbauch kleine lustige -Schmetterlinge heraufgaukeln werden oder ein Mückenschwarm zu seiner -Zeit herausdampfen wird wie ein Rauchwölkchen, das die bauchige -Pflanzenpfeife hervorpafft. Wie manches Mirakel mag da noch in der -Folge hinzukommen! Mich sollte es nicht wundern, wenn einer der -niedlichen tropischen Laubfrösche, die so viel Not mit der Erhaltung -ihrer Eier und Kaulquappen haben und erfinderisch jedes Wassereckchen -ihres Baumbereichs auszunutzen verstehen, irgendwo auch seine zarte -Brut pepsinfest gemacht und der Drachenhöhle einer Kannenpflanze -anvertraut hätte. - - - - -Tiere als Schützen - - -Wann ist es gefährlich, in den Garten zu gehen? Wenn die Bäume -ausschlagen und die Spargel schießen. - -An dieser alten Vexierfrage erfreuen sich immer neue Generationen von -Kinderherzen. In gewaltiger Stunde, da Land und Meer vom Donner der -wirklichen Geschütze hallen, legt man sich aber wohl einmal die Frage -vor, wer zuerst auf dieser unruhigen Erde geschossen hat. - -Der Mensch treibt es sicher seit einigen dreißigtausend Jahren: etwa so -alt oder noch älter mögen spanische Höhlenbilder sein, auf denen man -nackte Jäger der Diluvialzeit riesige Bogen spannen sieht. - -Aber der kluge Mensch wiederholte zunächst damals mit seiner ganzen -Werkzeugtechnik nur, was die Natur seit undenklichen Zeiten bereits -allerhand niederem Tiervolk in Gestalt gewisser Organe und gewisser -Instinkte, die diese Organe zu lenken wußten, auf den Leib gezüchtet -hatte. Ob nun auf solchen Tierstufen auch schon regelrecht geschossen -worden ist? - -Der Tierkenner, der etwas in alten Naturgeschichten Bescheid weiß, -lächelt bei der Frage trotz allen Ernstes der Zeit, denn er erinnert -sich an eine lustige Überlieferung. - -Kommt abermals hervor, ihr ehrwürdigen alten Folianten des 16. -Jahrhunderts, hinter deren schweinsledernem Panzer in Riesenschrift -und mit handkolorierten Holzschnitten die Tierweisheit von damals sich -eingekapselt hat mit all ihren köstlichen Märchen. Laut Vater Gesner -und seinen Verdeutschern lebte Anno dazumal in Italien offenbar noch -ein wahrhaft fürchterliches Geschöpf, das man lieber bei den Greueln -der Urwelt gesucht hätte -- nämlich das »Dornschwein«. - -Von dieses Ungeheuers »natürlicher Anmut und Art«, wie es dort heißt, -erfährt man, daß, »so es gejagt wird, so bringt es mit seiner Stimm -zuwege, daß alle andern seinesgleichen Dornschwein zusammenrüchlen, -ihren Balg erschütten und zu den Hunden und Jägern ganz trutzlich mit -ihren Stacheln schießen; ist auch seiner Schüssen ganz und gar gewiß«. - -Der treffliche Holzschnitt läßt aber keinen Zweifel, was für ein -böser Gast der Wildnis in Wahrheit gemeint sei: es ist unser braves -Stachelschwein, das in dieser Weise Tier und Mensch über den Haufen -schießen soll. Die mächtigen Stachelkiele dieses großen Nagers, der -nächtlich durch die römische Campagna trollt, kennt ja wohl jeder. -Wer sich aber jemals die Mühe gemacht hat, solches Stachelschwein im -Zoologischen Garten genauer zu beobachten und (im Gegensatz zu den -ernsthaften Anweisungen der verehrlichen Direktion) zu »reizen«, der -weiß auch, daß es zu den ausgesprochenen »Schrecktieren« gehört -- -das heißt jener Gruppe von Tieren, die es verstehen, dem, der sie zu -erschrecken gedachte, selber einen guten Schreck einzujagen. - -Kaum geneckt, klopft es auf wie ein Kapellmeister, der sein Signal -gibt, und im gleichen Augenblick setzt auch wirklich schon sein -ganzes Orchester ein: hoch auf sträuben sich unter lautem Gerassel -seine Stacheln bis zur vollen Breitenverdopplung des ganzen Tiers und -konzentrieren sogar ersichtlich ihren willkürlich beweglichen Speerwall -genau in der Richtung des Angreifers. Während vorne die langen gelben -Zähne fletschen, wendet sich die unheimliche rückseitige Phalanx -blitzschnell gegen alles, was von hinten oder seitwärts kommt, und -dieser rückstoßende Angriff ist kein Spaß. Einem Menschen, dem solcher -»Igel«, wie der alte Soldatenausdruck für einen derartigen gestrafften -Lanzenklumpen lautet, gegen die Beine fährt, geht es unerbittlich durch -Hose und Fleisch, und die Wunden sind so fatal, daß man sogar an eine -Art Vergiftung durch den Hauttalg dabei gedacht hat. In der Größe etwa -eines wirklichen starken Schweins wäre solcher Stacheler zweifellos -einer der furchtbarsten Angreifer der ganzen Tierwelt. - -Nun, hinter dem Gitter im Zoo kann man die Sache ja behaglich sich -ansehen. Wehe dir aber, wenn die Legende recht hätte! Vom sterbenden -Cäsar hören wir, daß er zuletzt noch mit seinem Schreibgriffel sich -der Mörder zu erwehren suchte. Vom erzürnten Stachelschwein aber liest -man nicht bloß beim alten Gesner, nein, man kann es noch heute überall -im Süden vom gemeinen Mann bestätigen hören: daß es im äußersten -Wutanfall vermöchte, seine wie Glas so harten und scharfen natürlichen -Schreibkiele durch wildeste Muskelspannung aus ihren Hauttaschen -herauszuschleudern und dem Feinde regelrecht in den Leib zu schießen. - -Nach den alten Autoren soll solcher Schuß gar ein dickes Brett -durchbohren können. Und seltsam nur: in keinem Zoo-Zwinger hat der -Unhold seit je gerade diese angebliche Freikunst betätigen wollen. So -schloß also schon der gute Buffon im 18. Jahrhundert, der sonst für -Fabeln noch manchen Bedarf hatte, das »schießende Dornschwein« sei -wirklich nur ein zoologisches Märchen. - -Indessen wie es wunderlich hergeht. In unsern Tagen hat ein bester -Zoologe und Tiergärtner, Vosseler vom schönen Hamburger Garten, auch -für das wirkliche und wahrhaftige Schießen dieses »lanzenkundigen -Königs« erneut eine ernsthafte Lanze gebrochen. - -Er hat zunächst theoretisch wahrscheinlich gemacht, daß das -Stachelvieh, wenn auch wohl nicht gewohnheitsmäßig, so doch -gelegentlich in der höchsten Wut schießen könne. Ein Taschentuch, -das auf die Stacheln geworfen worden war, wurde beim jähen Ruck -der Trutzstellung volle zwei Meter weit fortgeschleudert. Da die -Stachelkiele leicht ausfallen und im Affekt durch besondere Muskeln in -wildesten Kurven herumgeschwungen werden, erschien es also durchaus -nicht unmöglich, daß der eine oder andere auch in solche Weite -tatsächlich hinausschwirren und sich drüben irgendwo tief einbohren -könnte. Und dazu wird nun ein anscheinend einwandfreier Bericht -beigebracht, wonach ein in der Falle gefangenes wildes Stachelschwein -den Baumstamm über seinem Fangeisen bis über Manneshöhe mit -solchergestalt abgeschossenen Pfeilen bespickt hätte. - -Im Zoo müßte den Stachlern für gewöhnlich wohl die Leidenschaft zu -solcher äußersten Tat abhanden gekommen sein, was aber an sich nicht -ganz außergewöhnlich wäre, da zum Beispiel auch das berüchtigte -Stinktier hier von seiner gemeingefährlichen »Stinkpistole« keinen -Gebrauch zu machen pflegt, selbst wenn man es ärgert. Immerhin gestehe -ich, daß ich seither vor dem Stachelschweinkäfig merklich tugendhafter -geworden bin und mich geneigt fühle, das Direktionsgebot zu achten, -nach dem man kein Tier reizen soll, das beißt, spuckt oder gar -- -schießt. - -Bleibt inzwischen hier immer noch etwas Problematisches, so fehlt jeder -Zweifel in einem andern Fall. - -Unsere ganz gewöhnlichen Weinberg- und Gartenschnecken schießen, -schießen vollkommen regelrecht und zielgemäß mit einem Apparat, -der eigentlich drei Waffen zugleich vorwegnimmt: die Armbrust, das -Pusterohr und die pneumatische Pistole. - -Seltsame Vorstellung gewiß, eine Schnecke, die schießt. Man kann sich -einen Seehund und einen Elefanten abgerichtet denken, daß sie eine -Pistole abfeuern; aber ausgesucht eine Schnecke! - -Das Schießorgan der Schnecke (diesmal ist es ein wirkliches Organ zum -Zweck) sitzt auf der rechten Seite vor dem Atemloch, das bei diesen -landbewohnenden Sorten die hier vorhandene Lungenatmung ermöglicht; -bekanntlich gibt es bei diesem sonderbaren Volk genau wie bei den -Wirbeltieren fischartige Kiemenatmer, Amphibien mit Doppelatmung -und echte Lungenatmer. Das Organ hat durchaus den Bau eines kleinen -Pistolenlaufs, in ihm aber steckt ein regelrechter spitzer Pfeil aus -harter Kalkmasse. Für gewöhnlich verharrt der Pfeil ruhig in dem Lauf -wie in einem hüllenden Etui. Wenn die Schnecke aber schießen will, -so richtet sie den Lauf durch besondere Muskeleinstellung, zielt und -entsendet den Pfeil in kraftvollem Stoß aus der Mündung, indem zugleich -dabei ein weißes Wölkchen zerstiebender Flüssigkeit wie der Dampfstrahl -des Schusses aufpufft. - -Bloß Blitz und Knall fehlen -- sonst ist es ein regelrechter -Pistolenschuß, und über die Absicht des Schießens kann diesmal -keinerlei Zweifel, wie gesagt, mehr sein. Wird eine zweite, gerade in -der Nähe befindliche Schnecke von dem Pfeil oder Bolzen getroffen, -so zeigt sich auch die genügend energische Wirkung: er bohrt sich -in die Haut ein, ja manchmal geht er noch durch sie hindurch, und -die Getroffene zuckt merkbar dabei zusammen. Das Merkwürdige wieder -aber ist hier, daß stets nur eine zweite Schnecke so zum Schußziel -genommen wird und nichts sonst, und das Allermerkwürdigste ist, daß -sich die Schnecken mit solchen Pistolenschüssen nicht zu jederseitiger -Verteidigung bedrohen, obwohl der Treffer ersichtlich etwas schmerzt, -sondern daß sie sich beschießen -- man kann nicht gut anders sagen, als -weil es ihnen im Gegenteil Spaß macht. - -Es handelt sich um eine Art Salonschießerei, die das Liebeswerben der -Schnecken einleitet. Wie der Pfau vor dem Weibchen sein Rad schlägt, -wie der Paradiesvogel seine herrlichen Schmuckfedern als eine Art -Strahlenkrone auf der Liebesbalz um sich entfaltet, wie die sehnende -Nachtigall singt und das verliebte Heimchen geigt -- so scheint -auch der Schuß der Schnecke nichts anderes zu sein als das stumme -Bekenntnis ihres Werbens. »Liebespfeil« nennt der Naturforscher -folgerichtig den kleinen Kalkstift, der dabei versandt wird. Es ist ein -wunderliches Ding um die Natur in der Unerschöpflichkeit ihrer Mittel -an dieser Ecke. Technisch entscheidend aber ist, daß zu dem spielenden -Zweck auf alle Fälle hier die regelrechte Schußwaffe schon erfunden ist. - -Zwar der Knall des Schusses fehlt. Was verschlüge es aber der alten -Meisterin, auch das hinzuzubringen? Hat sie es doch an anderer Stelle -separat vollbracht. - -In manchen Teilen Deutschlands begegnet man unter Steinen oder Wurzeln -kleinen, kokett gefärbten Käferchen aus dem Laufkäfergeschlecht, die, -wenn man sie nachher aus dem Buch bestimmt, verwunderliche Namen -ergeben: ~crepitans~, der Kracher, ~explodens~, der Explodierer. Und -in der Tat, wenn solcher hübsche Kerl ernstlich in die Enge getrieben -wird, so pufft auch hier ein bläuliches oder weißliches Gaswölkchen -auf, und es gibt einen hörbaren Knall dazu. Ein Tröpfchen Drüsensaft -des Mastdarms enthielt eine Säure, die an der Luft nach Art der -Salpetersäure explodiert. Der tapfere Gesell hat auf dich geschossen -wie die Schnecke. Und diesmal war es ein richtiger Schreckschuß, -freilich ungeladen: der unvermutete Knall ist es, worauf diese -»Bombardierkäfer« das Entscheidende legen. Gegen Verfolger aus der -eigenen Käferverwandtschaft muß das Geräusch in Verbindung mit etwas -stechendem Pulverdampf mit Ätzwirkung wohl schon genügen. - -Da es aber eine Menge Tiere gibt, die Leuchtapparate besitzen und -darunter auch solche (zum Beispiel gewisse Fische in der dunkeln -Tiefsee), bei denen die Laterne unmittelbar an das Nervensystem -angeschlossen ist, also willkürlich vom Nerv aus abgedreht oder zum -jähen Aufblitzen gebracht werden kann, so stände prinzipiell nichts -im Wege, daß solcher Schuß auch noch von einem Blitz begleitet wäre. -Vielleicht wird auch das noch einmal gelegentlich irgendwo beobachtet. - -Und da noch wieder Tiere existieren (Welse, Zitteraale, Rochen), die -elektrische Schläge austeilen, so wäre denkbar, daß solcher Puff und -Blitz gar mit einer empfindlichen elektrischen Entladung verbunden wäre. - -Ja für den Kampf zwischen Mensch und Tier möchte man es geradezu als -ein Glück bezeichnen, daß das Gesamtprinzip offenbar noch nicht bis -zur vollkommenen Ausnutzung gediehen war, ehe wir selbst Schußwaffen -erfanden. Denn beispielsweise als Zieler haben die Tiere auch schon -fast Fabelhaftes erreicht: man muß das Chamäleon beobachten, wie -es, unbewegt und scheinbar nur mit dem verstellbaren Auge lebendig, -dasitzt, jäh aber auf eine weit entfernte Fliege seine endlose -Klebzunge ausschleudert und dabei mit einer Sicherheit stundenlang -immer und immer wieder trifft, daß einem graut vor der Idee, solches -Chamäleon sollte bei solcher Treffkraft auch noch wirklich etwa mit -vergifteten Pfeilen schießen. Denn warum sollte der Pfeil nicht -schließlich lebensgefährlich vergiftet sein gleich den Brennborsten -der Brennessel ~Urtica mentissima~ von der Insel Timor, die in der -Stichwunde wie eine Kanüle wirken und ein Gift eingießen, dessen -Wirkung Starrkrämpfe und ähnliche Folgen auslöst gleich einem giftigen -Schlangenbiß? - -Will man aber schließlich den Unterschied von tierischer und -menschlicher Schußwaffe doch darauf hinauslenken, daß das Tier stets -sozusagen mit seinem Leibe schieße, aber nicht unter Zuhilfenahme -äußerlichen toten Materials, so ist selbst das nicht richtig. - -Einen gewissen Übergang bilden da schon handlange Barsche in Siam, die -sogenannten Schützenfische (~Toxotes~), die in fast unglaublicher und -doch fest erwiesener Weise aus dem Fluß ans Ufer mit Wasser schießen. -Sie zielen gleich dem Chamäleon auf Fliegen und andere Insekten, -die in einigermaßen erreichbarer Nähe auf den Pflanzen oberhalb des -Wasserspiegels sitzen, senden ihnen jäh einen dicken Wassertropfen -zu und verschmausen vergnüglich dann das Opfer, das so getroffen ins -Wasser gefallen ist. In Ermanglung der Chamäleonzunge, die einen Lasso -mit Klebevorrichtung darstellt, muß auch der Fisch dabei wirklich -»schießen« -- er legt sich horizontal nahe unter den Wasserspiegel, -äugt scharf hinauf und schnellt dann, vermutlich durch besondern -Muskeldruck, bei geschlossenem Munde von der etwas vorstehenden -Unterkieferspitze eine Wasserperle geradlinig über die Fläche empor -aufs nichts ahnende Ziel. Schützenfische im Zimmeraquarium wissen so -auch das Auge des Menschen, das sie wohl ebenfalls für ein glänzendes -Insekt halten, auf etwa drei Fuß Entfernung mit erstaunlichster -Sicherheit blitzschnell zu treffen. - -Ist es hier schon fremdes Wasser, das benutzt wird, so zeigt aber ein -Landtier vollends drastisch die Stufe des »Fremdmaterials« beim Schuß. - -An den sonnenwarmen kahlen Sandhängen unserer Kiefernwälder haust, mir -auf gewohnten Spaziergängen am märkischen Müggelsee zur rechten Zeit -ein alltäglicher Anblick, der »Ameisenlöwe«, die gefräßige Larve eines -äußerlich libellenhaften Insekts, in selbstgeschaffenen Sandtrichtern. -Gerät eine Ameise oder ein ähnliches Kleintier auf den losen Rand -dieser bösen Falle und droht ohnehin schon abzurutschen, so eröffnet -der fette Unhold der Tiefe in seinem Schützengraben alsbald eine -regelrechte Beschießung von unten nach oben, indem er Sandgarbe um -Sandgarbe nach dem strauchelnden Opfer schleudert, bis es verloren ganz -hinabstürzt. - -Kein Zweifel, daß hier schon mit fremdem Material geschossen wird, -wenn schon in plumperer Form. Und erwägt man nun, daß zum Beispiel -unsere Flußkrebse nach jeder Häutung wieder fremde Sandkörnchen, also -ebensolches Material, in ihre Gehörorgane aufnehmen, wo sie eine -bestimmte notwendige Rolle spielen, so ließe sich unschwer denken, -daß auch bei jenen feinen Pistolen der Schnecken mit ähnlich von -außen geholtem »Schrot« geschossen würde -- dann aber hätten wir -bis zu gewissem Grade auch diesen Fremdschuß schon beim Tier in der -verfeinerten Form. - -»~Natura artis magistra~«, sagt ein altes Wort: »die Natur Lehrerin der -Kunst«; sie ist mehr: ihre Vorläuferin. - - - - -Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere - - -Das Tier im Kriege -- wieviel läßt sich davon erzählen! - -Wieviel dämonisches Schicksal liegt schon in der einen Tatsache, daß -das Pferd mit uns in die Schlacht zieht! Seine Ahnen waren scheue -Geschöpfe, ihr Heil vor jeder Gefahr lag in der ungestümen Flucht. Zum -Fluchtorgan allerersten Ranges wuchs ihr Fuß mit dem einen schlagenden -Huf auf durchrastem Plan sich aus. Die Angst brachte diese berufenen -Durchgänger dazu, in Scharen zusammenzuhalten und sich als solche -Schar um ein Leittier zu drängen, dessen Fluchtsignal das scheue Volk -davonbrausen ließ wie eine Staubwolke vor dem Orkan. Eben diese Treue -zu einem Anführer, einem Leiter, dem unbedingt gehorcht werden mußte, -Jahrtausende um Jahrtausende geübt in der eigenen Sippe, ist aber -zweifellos der Grund gewesen, der dieses gewaltige Tier eines Tages in -die Gefolgschaft, in die unlösbare Zaubermacht des Menschen gebracht -hat. Dieser Mensch aber wieder war bestimmt, kein feiger Ausreißer -zu sein. Wer ihm folgte, der mußte mit in die wilde Schlacht, den -offenen Blick gegen die offene Front des Feindes. Und so ist das Wunder -geschehen, das schon der Hiobsänger der Bibel bestaunt hat: daß dieses -scheueste Wild das symbolische Tier des Krieges und des Angriffs werden -sollte in der Zucht seines großen Meisters. - -Aber umgekehrt auch -- wie werden uns Kriege des Menschen zum -deutlichsten Bilde, wenn wir an kleine Züge der Tierwelt darin denken. - -Wenn der Karthager Hannibal mit Elefanten über einen Alpenpaß zieht, -um die Römer zu bekriegen: wie gewaltig zeigt der eine Zug, daß hier -Afrika noch einmal den Versuch machte, Europa zu unterwerfen -- und -wenn die Elefanten trompetend in den Abgrund stürzten, so fühlen -wir, daß der Versuch mißlingen mußte. Oder wie schaurig malt es den -Dreißigjährigen Krieg, wenn wir hören, daß bei seinem Ausgang die -Wölfe erschreckend überhand genommen hatten, herrenlose Hunde überall -fast wieder zu Wölfen geworden waren und Pferde sich verwildert in den -Wäldern herumtrieben. - -Unser Kampf heute geht zum Teil um Küste und Meer; schon lesen wir -gelegentlich als kleine Staffagebilder, die sich aber sogleich -einprägen, daß der Geschützdonner an der belgischen Küste alle Seevögel -der Dünen zu wildem Aufruhr gebracht hat und in unzähligen Scharen die -Luft mit ihrem Gekreisch erfüllen läßt -- oder daß ein toter Walfisch -angetrieben ist, den eine findige englische Kanonenkugel auf der Suche -nach bösen Unterseebooten als unschuldiges Opfer getroffen. - -Unwillkürlich habe ich bei der letzteren Nachricht aber doch noch an -etwas anderes denken müssen. - -Lange ehe es auch nur den Traum eines Unterseeboots und seiner -furchtbaren Angriffsart gab, hat die Seemannsphantasie der -verschiedensten fahrenden Nationen immer wieder etwas ausgekostet von -den Schauern solchen urplötzlichen verderbendrohenden Tiefenangriffs, -bei dem ein ganzes Schiff zuschanden werden sollte, ohne daß sich -eine Sturmwelle dabei zu rühren brauchte. Wenn der Matrose daheim von -so etwas erzählte, so dachte er nicht bloß an tückische Klippen; die -konnten zur Not mit Lotse und Karten vermieden werden; er dachte auch -nicht bloß an ein schwimmendes Wrack oder einen perfiden Eisberg. Ganz -etwas unberechenbar Bewegliches sollte es sein, das zu jeder Stunde und -an jedem Ort sich aus dem dunkeln Abgrund heben und wie im wirklichen -Krieg einen absichtlichen unterseeischen Angriff ausführen könnte -- so -abscheulich, daß man gar nur den Stoß spürte und die Schrecken eines -Lecks auf offener See erlebte, aber noch nicht einmal feststellen -könnte, was sich da unten den Stich erlaubt habe. - -Dieser Dämon des Untermeeres konnte nur irgend etwas Lebendiges sein, -etwa ein riesiges Tier, das eine greuliche Stoßwaffe führte, der keine -dickste Schiffsplanke standhielt. Immer und immer wieder sollte so -etwas vorgekommen sein. Wer es als »selbsterlebt« berichtete, der -hatte natürlich den Glückstreffer gehabt, daß das Leck rasch entdeckt -wurde und sich noch verstopfen ließ; aber wieviel schöne Schiffe waren -immer wieder ganz spurlos verloren gegangen, ohne daß ein Sturm gerade -gewütet hatte oder im gewohnten Kurs Klippen lagen. Was aber konnte -dieser Unhold für ein Tier sein? - -Der berühmte Kraken nicht, denn der ist, wofern er in seiner legendären -Größe existiert, nur ein übergroßer Tintenfisch, und der wieder ist -fast nur eine mehr oder minder knorpelig weiche Masse. Auch von -einfachen boxenden Dickköpfen mögen wir absehen, wie dem Pottwal, -der nur als vom Schiffe selber schwer gereizter Bulle ab und zu -angreift, während im allgemeinen die Historien von attackierenden -Riesenwalfischen wüst übertrieben sind; das Grundwesen dieser -vielbehelligten Kolosse ist eine beinahe ängstliche Friedfertigkeit, -und außerdem besitzen sie nicht die zu jener Geschichte unumgängliche -Spitzwaffe. Mustert man also unsere Sammlungen möglicher Seemonstra -durch, so bleiben zuletzt wesentlich nur drei verdächtige Unterseeler -mit solchen Waffen oder waffenähnlichen Zutaten übrig. - -Zunächst steht da im Schrank auch kleiner Museen wohl stets ein -schraubenförmig gefurchter, ziemlich dicker Spieß von über Manneslänge, -der zum sogenannten Narwal gehört, einem an Körper noch einmal etwa -doppelt so langen, also gegen jene Zwanzig- und Dreißigmeterriesen -immerhin mäßigen delphinartigen Walfischverwandten. Der Spieß ist -in diesem Falle der linke Eckzahn des Bullen, und da er mit seiner -tüchtigen Länge und Spitze einmal da ist, ist auch von ihm wirklich -schon erzählt worden, sein Besitzer spieße gewohnheitsmäßig darauf -Fische und ramme damit Schiffe. In Wahrheit hat noch nie ein -wissenschaftlicher Beobachter an dem hochgradig friedlichen Gesellen -irgendeine böse Absicht zu beidem bemerkt, sondern der speerhafte, -übrigens schwache Zahn ist wohl eines jener Geschlechtsabzeichen des -Männchens, in deren romantischer Übertreibung die Natur bekanntlich -Meisterin ist. - -Ein zweites Objekt hat vielleicht der eine oder andere Leser sich -selbst schon mitgebracht, auch wenn er nicht Professionssammler ist: -es wird jedem Vergnügungsreisenden einer Tropenfahrt in Aden von -handelnden Arabern zum Kauf angeboten als eine der ersten Proben einer -märchenhaften neuen Welt. Und es ist nicht zu leugnen, daß es, als -Bestandteil eines Seetieres bezeichnet, das vollkommene Ansehen einer -höchst perfiden Waffe von unheimlicher Kraft besitzt -- es gleicht -nämlich einem langen platten Schwert oder, vielleicht besser gesagt, -einem Tomahawk, der an beiden Seiten mit einer Reihe spitzer Hauzähne -besetzt ist, mit denen man offenbar gründlich hauen oder auch sägen -oder zum Zweck scheußlicher Fetzwunden stechen könnte, so wie das Ding -aussieht. - -In diesem Falle handelt es sich sozusagen um die bezahnte Nase eines -echten Fisches, eines Rochens, der aber auch kein Größter seines -Geschlechtes ist, nämlich nicht über vier Meter Länge erreicht. -Genauer gesagt ist die »Säge« dieses Sägefisches, wie das häßliche -Wunder direkt heißt, ein Knorpelauswuchs seiner Oberschnauze, der zu -Zähnen gekommen ist im Sinne, daß bei diesen Fischen das Ding, das wir -Zahn nennen, nicht auf den Beißapparat im Munde beschränkt zu sein -braucht, sondern beliebig auch in mehr oder minder schuppenartiger -Gestalt aus der ganzen Haut wachsen kann. Wer solche einzelne Säge -nun später hübsch an seiner Wand zwischen allerlei gekreuzten fremden -Waffenstücken stecken hat, der mag gut und gern sich ausdenken, daß -unser Fisch damit Walfischbäuche zerfleische, noch schlimmer aber, -Schiffswände ansäge, und erzählt worden ist naturgemäß auch das, denn -wenn ein Fisch schon eine Säge hat, so muß er doch damit auch Streiche -vollführen und sägen. Schade inzwischen: auch der Sägefisch tut laut -aller Kenntnis niemand etwas zuleide und benutzt seine phantastische -Naturgabe wahrscheinlich nur als ganz harmlose Schaufel beim Gründeln -im Schlamm, falls er sie überhaupt praktisch irgendwo benutzt. In -Wahrheit besitzen zahllose Tiere zahllose oft höchst martialische -Abzeichen, die eben nur »ornamental« sind ohne Nutzzweck, und dazu kann -auch die Säge gehören. Hier liegt ja ein schweres Kapitel für jeden, -der die ganze Lebenswelt auf purem Nutzen aufbauen möchte -- wert, daß -man sich allein ausführlich darüber unterhielte; jedenfalls aber muß -genügen, daß die Säge, wenn sie in dieses Feld verrechnet ist, sowenig -Schiffe ansägen wird, wie wir Menschen uns mit Schmucksachen oder mit -Statuen prügeln. - -Bleibt nur der dritte Fall. - -Alle unsere Meere durchstreift gelegentlich, die nördlicheren bis zur -Ostsee (also auch den Kanal) besonders zur Sommerszeit, ein riesiger -Fisch von stolzer Schönheit. Purpurblau ist sein Rücken, silbern der -Bauch, schwarzblau die imposante Schwanzflosse, dunkelblau das mächtige -Auge. In dieser Pracht kommt der »Schwertfisch« oder das Schwert der -Schwerter, wie der alte Linné-Name ~Xiphias gladius~ es ausdrückt, -durch die offene See daher. - -Die größten alten Herren schätzt man bis fünf Meter an Länge, doch geht -die Sage von noch weit stärkeren Kolossen. Wer den Fisch nur an den -Schuppen kennen will, kommt bei dem nicht auf die Rechnung, denn seine -Farben schillern nur von der schuppenlosen rauhen Haut selbst. Das -eigentliche Wunder dieses Riesen aber ist sein wirkliches »Schwert«. - -Auch bei ihm springt es als enorme Spitze mit scharf schneidenden -Kanten vom Kopf aus vor. Der verlängerte Oberkiefer steckt als -Knochenmasse darin, aber auch noch Teile sonst der Schädelknochen geben -ihm gleichsam den festen Griff. Und diesmal hat man tatsächlich den -sicheren Eindruck einer Waffe. - -Zum Riesenfisch gehört ein Riesenappetit, und wenn man hört, daß es -sich um der allergewandtesten Fische einen handelt, der Jagd auf andere -Fische betreibt, so erscheint selbstverständlich, daß das spitze -Schwert dabei eine Rolle spielen muß. In der Tat wirft sich nach treuem -Bericht der wilde Schwimmer mitten in Fischschwärme hinein, haut mit -dem Degen rücksichtslos um sich, bis weithin alles sich krümmt von -mitten durchschnittenen Heringen oder Makrelen, und sättigt sich dann -behaglich aus dem Überfluß dieses Blutbades. Wo aber das geschieht, -da kann auch ein badender Mensch gegenüber solchem tollen Draufgänger -von doppelter Menschengröße wohl in Gefahr kommen. Fischer wissen -Geschichten genug, wo einer einen Stich dieses Schwertes selbst von -kleinen Exemplaren erhielt, der durch Arm oder Bein ging. Doch ist das -alles noch nicht das eigentliche Märchen des Schwertfisches. - -Der Schwertfisch in seiner größten, legendär noch ins weiteste -gesteigerten Gestalt soll es sein, der, jäh im Zorn von unten -anrennend, wirklich große Schiffe einstößt, leck macht, in äußerste -Gefahr oder wirkliches Verderben bringt. - -Viel ist seit alters darüber spintisiert worden, ob das wahr, ob es -überhaupt möglich sei. Die Wand eines richtigen Ozeanschiffs -- und -ein anrennender Berserker von Fisch -- es schien immer wieder zu kühn. -Otto Steche, dem neuen trefflichen Bearbeiter des Fischbandes in Brehms -Tierleben, gebührt das Verdienst, die sozusagen amtlichen Angaben -darüber erneut kritisch gesichtet zu haben; das Ergebnis aber ist -überraschend. Der Schwertfisch ist weit schlimmer, als jemals erwartet -werden konnte! - -Ein paar schlichte Daten, die durch die zoologische Kritik jetzt -einwandfrei durchgegangen sind, mögen das besser als alle Reden -erläutern. Bei einem alten britischen Kriegsschiff hatte das (im Holz -schließlich abgebrochene) Schwert des Fisches die 2,5 Zentimeter der -Verschalung, 7,5 Zentimeter Holz einer Planke durchstoßen und war -dann noch mehr als 11 Zentimeter weit in einen Pfosten eingedrungen. -In einem Walfischfänger waren in gleicher Weise der Kupferbelag, die -2,5-Zentimeter-Verschalung, eine 7,5 Zentimeter dicke Planke und -ein 30 Zentimeter starker Eichenbalken durchlocht worden, und die -scheußliche Spitze hatte zum Schluß noch dem Boden eines Tranfasses -im Schiffsraum ein besonderes Leck geschlagen. Der Stoß erschütterte -in solchem Fall das ganze Schiff so, daß alles auf Deck rannte. Auf -einem großen englischen Indienfahrer konnte man den unterseeischen -Angriff unmittelbar in seinem Anlaß verfolgen: man hatte den ungeheuren -Fisch mit der Angel geködert, worauf aber die Leine riß und der -wütende Unhold sofort einen furchtbaren Unterwasserstoß wagte. Das -Schiff wurde leck und kam mit Not in den Hafen zurück, von dem es -ausgegangen war; es entwickelte sich dann eine Schadenersatzklage, -bei der zoologische Sachverständige die Kraft des Fisches zu -solcher Leistung gerichtlich festlegen mußten und schließlich die -Versicherungsgesellschaft 12000 Mark dafür zahlen mußte, daß sich -solche lebendigen Unterseeboote im Ozean herumtreiben. - -Was ein einfaches Boot bei solcher Sachlage erfahren kann, erhellt -von selbst: schon ein kleinerer Schwertfisch stieß gelegentlich beide -Bootsseiten durch und das dazwischen befindliche Bein eines Rudernden -mit. Der bekannte Zoologe Peschuel-Loesche ist um ein Haar bei solchem -Angriff, bei dem der Fisch sich mit Schwert und noch einem Stück Kopf -durch den Bootsboden schlug, ums Leben gekommen. - -Nach diesen Angaben kann also nicht bestritten werden, daß der -Schwertfisch eine wirkliche Gefahr für die Schiffahrt ist, an der -tatsächlich Schiffe verunglückt sein können, ohne daß man je etwas von -ihrem genaueren Schicksal mehr gehört hat. Und es ist gewiß ein Gedanke -von seltsamer Romantik: der einsame, wilde Fisch in seinem Element, -der den Kampf gegen die ganze Kultur wagt, die da hinter ihren paar -Zentimetern Holzplanken über den weiten Ozean fährt. Aber was will's in -unserer ungeheuren Zeit, wo das feurige Schwert des Menschen in seiner -Not Schiff um Schiff in den schwarzen Abgrund senkt, aus dem keine -Wiederkehr ... - - - - -Aus der Flottenkunst der Tiere - - -I - -Unter fremder Flagge - -Vom See, dessen lichtblauer Spiegel zwischen dem weißen und rosenroten -Blütenschnee meines Gartens durchlugt, schallt ein eigentümliches, bald -mehr summendes, bald mehr rollendes Geräusch. - -Ich weiß: sie proben wieder da draußen. In diesen Zeiten des -Weltensturmes nicht wie sonst zum anmutigen technischen Spiel, sondern -mit dem ganzen furchtbaren Ernst der Stunde. Und doch kommt es so von -weitem daher blank und elegant wie ein Spielzeug aus dem Laden: ein -Wasserflugzeug. Erst saust es mit seiner Schaumbrust in die glänzende -Wasserfläche hinein wie ein riesiger Fisch; gleich, denkt man, wird -er untertauchen. Aber ehe der Blick es noch ganz fest gefaßt hat, ist -der Fisch zum fliegenden Fisch geworden: mit seinen Flossen gleichsam -schwebt er auf einmal hoch über dem Seeplan im freien, durchsichtigen -Element, und nur sein Schatten läuft noch gespenstisch als Fisch unten -weiter. Und jäh wird der Fisch zum Vogel, majestätisch schraubt das -prachtvolle Wunderwerk menschlichen Erfindergeistes sich zu Adlerhöhen -hinauf und wieder hinab, um endlich pfeilschnell und treffsicher wie -der Adler zum Horst bei seiner Halle am Ufer wieder einzuschlüpfen. - -Wie viele Wege der Natur, uraltes, jahrmillionenlanges Proben, hat -der große Magier, der alles noch einmal jetzt neu für seine Zwecke -heraufzaubert, der Mensch, hier zusammengefaßt! - -Die gleiche Not des Kampfes, die uns heute diese technischen -Experimente mit so fieberhafter Eile weiter und weiter treiben -läßt, hat in grauen Tagen schon das Tier gedrängt, das Flugzeug zu -»erfinden«, und zwar hat es dieses Flugzeug ganz in der Form zunächst -erfunden, die hier vor Augen steht: als Wasserflugzeug. - -Im Wasser, so seltsam es klingen mag, ist in der Natur das Fliegen -zuerst erfunden worden. Vom Meeresboden herauf hat das Tier zuerst -lernen müssen, wie man im freien Wasserraum selber sich schwebend -in Balance hält, sich wie auf Fallschirmen tragen läßt, endlich das -Wasser mit Rudern und Rädern schlägt zu eigenmächtiger Bewegung. Und -erst als man so im Wasser frei fliegen konnte, da wurde dieses Prinzip -auch auf die noch freiere, noch gewagtere Schicht jenseits des Wassers -ausgedehnt, die Luft. - -Auf seinen großen Wasserflügeln, den Brustflossen, sehen wir noch -heute den fliegenden Fisch wie im ersten tastenden Versuch 200 Meter -weit reglos, bloß nach dem Fallschirmprinzip, über dem Meeresspiegel -dahinschweben. Auf Java gleitet der fliegende Frosch so auf den -gespreizten Flächen seiner Schwimmhäute zwischen den Zehen vom hohen -Ast durch die Luft zur Erde. Bis dann im Adler endlich auch für die -Luft das große Problem eigener zwecktätiger Steuerbewegung glänzend -durchgeführt war. - -Und doch will ein Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen stören. - -In dem Wasserflugzeug des großen Magiers Mensch sitzt ein wirklicher -Mensch und leitet eine riesige summende Maschine; der Vogel fliegt -»sich selbst«, sein Leib mit seinen organischen Bewegungen ist zugleich -sein eigener angewachsener Flugapparat. Und überall, wo ich über meinen -blauen See hier blicke, sehe ich scheinbar auf diesen Gegensatz. - -Im schmucken goldbraunen Boot dort sitzen weiße Ruderer und schlagen -den Plan mit fremdem Ruder. Wenn ein Unterseeboot hier führe: es -schlösse auch Menschen ein in einem Kunstbau fremden Materials. -Der schmucke Haubentaucher dort aber rudert nur mit den eigenen -Beinen, und das Fischlein, das eben aufschnellend mit einem Blitz -die untere Blankheit seines sinnreichen Unterseeboots verrät, fährt -nicht in solchem Boot, sondern ist es zugleich selber. Das scheint -so selbstverständlich als Gegensatz. Und doch ist es, wie so manches -Selbstverständliche, auch einmal wieder nicht wahr. - -Die Flottenkunst auch des Tieres hat sich durchaus nicht bloß darauf -beschränkt, im »Selbstschiff« zu fahren. Auch das Tier sitzt unter -Umständen vergnüglich im fremden Schifflein und dirigiert bloß als -Kapitän. Hier beginnen freilich absonderliche Tiere, die nicht gleich -jeder beachtet hat. - -Zunächst als Übergang mag da das Tier gelten, das überhaupt mit -Menschenschiffen fährt. Ich meine jetzt nicht die Ratte im Kielraum -oder den Floh der Matrosenkabine, das wäre ein zu billiges Beispiel -ohne echten Sinn. Aber es gibt eine Gruppe kleiner und mittelgroßer -Fische, die der Tierforscher als »Schiffshalter« bezeichnet. Um zu -verstehen, was diese höchst verwunderlichen Gesellen vollbracht haben -und täglich noch vollbringen, muß man einen Augenblick dabei verweilen, -wie der Mensch selber als Schiffbauer angefangen hat. - -All unsere Flottenkunst bis zum herrlichsten Kriegsschiff heute geht -zuletzt zurück auf den »Einbaum«. Der Mensch merkte, daß Holz auf -Wasser schwamm, und wenn er übers Wasser wollte, so ließ er sich von -einem Baumstamm tragen. Als Wesen mit Luftatmung setzte er sich oben -darauf, klammerte sich an und trieb so dahin. Indem er den gegebenen -fremden Holzstamm sich künstlich zum Sitzen höhlte und zu dirigieren -lernte, war dann die ungeheure, so endlos folgenreiche Erfindung des -Schiffs im Prinzip vollbracht. Warum aber wollte der Mensch übers -Wasser? - -Gerade wir erleben heute wieder, was sich ergibt, wenn man -Menschen von der Schiffahrt absperren will. Es ergeben sich -Verproviantierungsfragen. Alle Schiffahrt der Menschheit ist zuletzt -und im umfassendsten Sinn immer eine Verproviantierungsfrage gewesen. - -Von diesen Grundpunkten aus aber versteht sich nun auch das Problem des -Fisches, den sie den »Schiffshalter« nennen. - -Es war einmal ein kleiner Fisch, um die Geschichte wie im Märchen zu -beginnen; es ist aber der Zoologe, der ganz ohne Märchen spricht. -Dieser kleine Kerl brauchte als Wasserluftatmer keinen Holzklotz, -um über das Wasser zu kommen, und sein eigener Fischleib war längst -ein gegebenes treffliches Unterseeboot, ein »Selbstschiff«. Indessen -auch hier kam die Proviantfrage. Sie kam schon in Urweltstagen, so -weit gehen unsere Kenntnisse der Geschichte zurück, und sie bewirkte -irgendeines Urwelttages (sie pflegen bekanntlich lang zu sein, -diese Tage), daß der betreffende Fisch sich daran gewöhnte, als ein -kleiner hungriger Köter seines Elements sich in der Nähe größerer -Fresser dort zu halten, von deren Herrentisch immer auch einmal ein -paar Brosamen für ihn abfielen. Auf dem Lande folgen so Schakale dem -Löwen oder Panther, im Ozean ergaben sich die mächtigen Haifische als -Herrenräuber, die besonders in Urweltsmeeren lange die oberste Rolle -spielten. - -Aber der kleine freche Tafeldieb machte die Sache, wieder eines -Entwicklungstages, noch praktischer. Wenn auch nicht wie Jonas in des -Riesenfisches Bauch, so klammerte er sich doch gern unter des Haies -Bauch an unfaßbare Stellen, wobei die rauhe Haifischhaut gute Stütze -gab. - -Und wieder nach einer Weile führte das, wie so oft, zu einer festen -körperlichen Anpassung bei ihm. Seine erste Rückenflosse verwandelte -sich in eine große Saugwarze, mit der er sich oberwärts an den -Haifischbauch wie mit einem Schröpfkopf unmittelbar ansaugen konnte, -während gleichzeitig sein gieriger kleiner Kötermund darunter frei -und freßfroh blieb -- der Schakal verankert am Löwen und von ihm -unfreiwillig fortan herumgeschleppt. - -Die Sache war, wie gesagt, zunächst eine Freßfrage, sie wurde dann aber -folgerichtig auch schon eine Vehikelfrage. Der kleine Fisch brauchte -mit dem großen nicht mühsam Tempo zu halten, wenn solcher große seine -weiten Raubzüge wie ein alter Normanne veranstaltete: immer war er von -selbst gleich mit zur Stelle, wo immer es zur Beute kam. - -Schließlich aber mußte der Fremdtransport, einmal so billig gemacht, -auch von Wert sein, wo gar kein Hai da war. Man hängte sich irgendwo -an und ließ sich auf gut Glück treiben, ob der Zufall eine eigene oder -fremde Beute in den Schoß warf. - -Die kleinen Frechen hefteten sich, wo es sich gab, auch an tote, aber -mit Wellenschlag und Strömung treibende Gegenstände an, und da bewährte -sich ganz von selber auch hier schon der Segen des Holzes, das weit, -weit dahinfuhr, ohne zu sinken. - -Zeiten schwanden, da zeigte sich aber im Ozean eine ganz besondere neue -Sorte »Holz«. Menschenschiffe aus Holz fuhren übers Wasser. Und die -Fischlein klebten sich auch an diese Menschenplanken, nichts konnte -bequemer sein. Zumal da sich rasch herausstellte, daß diese neuen -Seeungeheuer in ihrer Art den »blinden Passagier« auch noch selber -fütterten. Denn vom Schiffe fiel mancherlei Abfall, den diese wenig -Wählerischen gern als ihren Schakalsanteil begrüßten. - -Seither reisen die »Schiffshalter« gewohnheitsmäßig in Scharen mit den -Menschenschiffen. Sie sitzen nicht oben darauf, wie sollten sie, ihnen -ist ja im Wasser wohl und nicht in der Luft. Gleichwohl: sie fahren -Fremdboot statt Eigenboot. Und nur das trennt sie immer scheinbar noch -endlos vom Menschen selber, daß sie das Holz, an dem sie hängen, nicht -selber dirigieren können, wohin es fahren soll, und daß sie es auch -nicht künstlich zum Fahrzweck umgestaltet haben. - -Aber es war am 17. Februar 1899. - -Jenes prächtige deutsche Naturforscherschiff, die »Valdivia«, näherte -sich, von Ceylon kommend, dem Äquator. Da trieb vor dem Schiff -im Indischen Ozean eine schwimmende Schale dahin, eine jener als -Zierstück auf unseren Kaminen so oft beliebten Nautilusschalen, die -von einem höchst seltsamen, tintenfischähnlichen Weichtier körperlich -abgeschieden werden und auch nach dem Tode ihres Besitzers vermöge -ihrer vielen geschlossenen Luftkammern auf der offenen See schwimmend -bleiben. - -Gewisse Anzeichen erweckten in diesem Falle zuerst den Glauben, das -lebende Tier sitze noch angewachsen in seinem Gehäuse und leite sein -Selbstschiffchen; dann aber zeigte sich: es war doch auch nur eine -verlassene Schale -- in dieser Schale aber hatten sich wunderbarerweise -eine Anzahl kleiner barschartiger Fische (Riffische, ~Glyphidodon~) -eingenistet, die regelrecht als in einem Fremdschiffchen in ihr wohnten -und »fremd fuhren«. Scheu hineingeduckt, wurden ihrer mehrere in dem -Nautilusboot mit heraufgefischt, ja als man zur Probe die leere Schale -noch einmal ins Wasser warf, schwammen sogleich verschiedene andere -der kleinen Bande auf das wiedergegebene Wasserhaus zu und schlüpften -hinein, wobei sie durch die Fähigkeit, ihren Rückenstachel in eine -Furche einzuklappen, unterstützt wurden. - -Offensichtlich handelte es sich auch hier um eine bereits -alteingebürgerte Gewohnheit, die vielfach dort treibenden -Fremdschiffchen des Nautilus so zu benutzen, eine Gewohnheit, -die vielleicht bei dem zähen Durchhalten solcher Dinge bei jenen -Fischen bis auf Urweltstage zurückgeht, wo solche nautilusähnlichen -Tiere in unfaßbaren Mengen alle Meere bewohnten und ganze Felder -solcher schaukelnden Leergehäuse in allen Formen und Größen eine -Alltagserscheinung gewesen sein müssen. - -Wohlverstanden: hier wohnen die Tiere schon im fremden Schiff, und bei -kluger, beweglicher und ungestümer Bande wie solchem Fischvolk liegt -nahe genug, daß sie gegebenenfalls ihr Schiff auch schon willkürlich -nach einer ihnen genehmen Richtung durch Stöße dirigieren. - -Unmittelbar beobachtet aber wurde dieser letztere Fall bei einer -anderen Gelegenheit von einem unserer besten neueren Beobachter, -Richard Semon, dem berühmten Verfasser der Mnemetheorie. - -Auf den Korallenbänken der Sundainsel Ambon versuchte er eine prächtige -Qualle lebend mit einem eingetauchten Glase zu erwischen. Immer wieder -mißlang es, denn die Qualle wich in sehr geschickten selbständigen -Bewegungen aus. Solches raffinierte, auf starke Intelligenzleistung -deutende Verhalten erschien nun bei einer Qualle durchaus ungewöhnlich, -ja unmöglich. Und wie erstaunte der Forscher, als er wirklich -feststellen konnte, daß in diesem Falle die dumme Qualle in der Tat -einen klugen Kapitän hatte, der sich in ihrem lebendigen Kristallschiff -verbarg. - -Es war auch diesmal ein kleiner Fisch vom Makrelenschlage, der -gewohnheitsmäßig in solchen Quallen hauste. Noch in dem Eimer, in -den Semon seine endlich gefangene Qualle gesetzt hatte, trieb der -verwegene kleine Kapitän seine Arbeit unermüdlich weiter, indem er sein -lebendiges Boot durch fortgesetzte zielbewußte Stöße in bestimmter -Richtung fortzutreiben suchte und zu unausgesetztem Herumschwimmen -zwang -- natürlich in dem umgrenzten Raum ohne jeden Erfolg. - -Ähnlicher Fischbrauch, gerade in den schwimmenden Glaspalästen der -Quallen zu leben, ist auch sonst vielfältig beobachtet worden. - -Der Fisch findet in diesem Falle nicht bloß ein fremdes Schiff, sondern -er fährt auch in einem guten Kriegsschiff zugleich: die Qualle führt -nämlich furchtbare Nesselorgane, wahre Giftbomben, die im Wasser jeden -tierischen Angreifer böse abfallen lassen. Der Fisch selber aber wird -von dieser Quallenbatterie nicht geschädigt. Nach gangbarer Ansicht -ist auch das stumpfe Geistesleben solcher Qualle doch immer noch -empfänglich genug gewesen, um sich einem festen Genossenschaftsinstinkt -vor offenkundigem Vorteil nicht zu verschließen: sie schont den fremden -Insassen, eben weil er sich in Gefahr als intelligenter Steuermann -erweist. - -Andere Meinung vertritt allerdings, daß diese Quallenkapitäne einfach -selber gegen das brennende Quallengift »immun« geworden seien, es nicht -mehr fühlten. Ihre Vorfahren sollen trotz der Batterie so manches -Quallenschiff im Sturm genommen und ausgefressen haben, und dabei wären -sie als Piraten durch die Ernährung mit Quallenfleisch schließlich -ganz giftfest geworden wie der hörnene Siegfried der Sage, der sich -mit Drachenfett salbte. Daß ja Tiere gelegentlich in dieser Weise -wirklich immun werden, zeigen unsere Schmetterlingsraupen des Admiral -und kleinen Fuchs, die gewohnheitsmäßig ganz gemütlich die Blätter -der Brennessel abweiden. Wer aber nun recht habe in der Deutung: das -gewaltsame Ausfressen solches Quallenschiffs ist jedenfalls an sich -wieder interessant. - -Wir alle haben von Münchhausens armem Pferde vernommen, in das sich -ein Bär einfraß; als er es ganz gefressen, saß er selber an Deichsel -und Riemen, und Münchhausen kutschierte vergnügt mit ihm heim. Fast -so geht es bei gewissen kleinen Krebschen des Ozeans aus der Gruppe -der hüpfenden Flohkrebse. Ihre Weibchen fallen als böse Piraten über -die zierlichen glashellen Schifflein her, die sich gewisse andere -Seetiere aus der weit entfernten Gruppe der Manteltiere (Tunikaten), -die in vielem an Würmer, in manchem aber sogar an niedrigste -Wirbeltiere erinnern, geschaffen haben. Indem sie die berechtigten -Insassen herausfressen, bleibt von dem fremden Schiffe nur ein hohles -schwimmendes Tönnchen übrig, dessen durchscheinende Wand ausgespart -nach dem Brauch dieser Manteltiere auch noch aus der sonst nur im -Pflanzenreich üblichen Zellulose, also aus regelrechtem Holzstoff, -besteht. - -In diesem Holzfäßlein als Fremdschiff aber sitzt jetzt wirklich -beinahe wie Münchhausens Bär der Fresser selber, der Krebs. Hier -erlebt er Mutterfreuden. Und da der alte Bewegungsapparat des Schiffs -geschwunden ist, muß er es fernerhin selber lenken: so reckt er -sein hinteres Leibesende vorsichtig aus dem vorne festgehaltenen -schwimmenden Faß hervor und rudert sich und seine Kinderstube -geschickt, wohin er will. - -Daß er dabei unter falscher Flagge segelt, Krebsinhalt im -Manteltierschiff, das macht ihm so wenig aus, wie dem Schiffshalter -daran liegt, was für Farben über seinem Menschenschiff wehen. - -Wie wenig aber fehlt bei dem Tier, das sein hölzernes Fremdschiff nicht -nur selbsttätig lenkt, sondern auch selber sich zum bequemen Sitzraum -gehöhlt hat, bis zu jenem »Einbaum« des Menschen? - - -II - -Das Unterseeboot aus Luft - -»Im November 1803 begegneten wir zum erstenmal den großen Seeblasen im -Atlantischen Meer, einige Grade nördlich vom Äquator; sie erscheinen -wie rosenrote Glaskugeln über dem Wasser, blähen sich stolz auf wie -ein Pfau und verändern unaufhörlich ihre Gestalt. Alle Leute auf dem -Schiff wurden aufmerksam auf diese sonderbaren Tiere und wünschten sie -in der Nähe zu betrachten, so daß endlich ein Matrose ins Meer sprang, -glücklich eine erhaschte und, indem er die Finger und Arme schmerzhaft -verbrannt fühlte, aufs Verdeck brachte. Sie schleppte lange Fäden -hinter sich her, die sehr schleimig waren, überall anklebten und, wenn -man sie auseinanderlösen wollte, an den Fingern brannten.« - -So liest man in weiland Krusensterns Reisen von einem Meerwunder, -das bereits die ersten Ozeanfahrer, auch wenn sie nur ungebildete -Schiffsleute waren, gefesselt und zu den kühnsten Namenserfindungen -verlockt hatte. - -Die »Karavelle« hießen es die Spanier und Postugiesen, wenn sie es so -in ganzen Flotten sein Kolumbusschifflein über die uferlose Wasserwüste -treiben sahen, den ~Man of War~, das Kriegsschiff, die englischen -Matrosen. - -Es bedurfte aber noch saurer Zoologenarbeit bis tief in das neunzehnte -Jahrhundert hinein, ehe man heraus hatte, was diese »Seeblase«, die -Physalia, wie der Name schließlich stehenblieb, eigentlich für ein -Geschöpf sei, -- bis man erkannte, daß zum Vergleich mit einer Flotte -hier gar nicht ein Schwarm solcher roten Karavellen nötig war, sondern -daß jede einzelne schon eine Art Flotte für sich darstellte, ein Bündel -nämlich zusammengewachsener quallenhafter Tiere, die mit Hilfe eines -stolz geblähten Purpursegels aufrecht dahinfuhren. - -Dieses Segel brauchte in Wahrheit nicht bloß der Wind aufzublähen, -sondern es war bei der Fahrt schon von sich heraus dick ausgeblasen, -indem es einen riesigen hohlen Luftsack enthielt. An ihm aber nach -unten ins Wasser hinein hingen in krausem Gewimmel die Einzeltiere, -in sinnreicher Arbeitsteilung auch sie in solche gesondert, die -bloß fraßen oder bloß tasteten oder bloß für die Jungmannschaft -sorgten, also sozusagen Küchenschiffe, beobachtende Admiralsschiffe -und Kadettenschiffe im Flottenverband bildeten, während schreckliche -Brennbatterien das Ganze verteidigten. - -Nun, ich will hier jetzt nicht von den sozialen Wundern solcher -Röhrenquallen (Siphonophoren), wie man die ganze Gruppe nennt, -des engeren sprechen, wie es mir auch fern sei, mich etwa ganz im -allgemeinen über Flotten zu verbreiten, deren Hauptteil sich, näher -besehen, als eitel luftige Blase erweist ... Sondern was interessiert, -ist die Methode in solcher Physalienblase. - -Kein Zweifel, daß hier Luftballon und Unterseeboot in sinnreichster -Weise kombiniert sind. In dem Ballon sitzt eine besondere »Gasdrüse« -und füllt nach Bedarf eine »Luftflasche«. Bei verwandten Arten führt -das eigentliche Unterseeboot noch besondere Bewegungsapparate, -sogenannte »Lokomotiven«, in denen hohle offene Quallenglocken -heftig pulsend arbeiten. Der Ballon aber, durch ein richtiges Ventil -reguliert, läßt das Ganze beliebig auf- und absteigen und gibt ihm -Haltung. Bei der Karavelle ist es, als wolle er sich ernstlich ganz aus -dem Wasser erheben, aber das Tiefenboot hält ihn als Fesselballon genau -in der Fläche fest. - -Unwillkürlich denkt man daran, was Tiere auch sonst schon alles gerade -auf diesem scharfen Rain zwischen Wasser und Luft angestellt haben, -- -wie sie herumbalancieren auf dieser schier mathematischen Scheide des -Elements. - -In der gleichen hohen See, wo die Purpursegel der Karavellen -stolzieren, laufen (unser Chamisso hat es mit zuerst gesehen) -langbeinige Wasserwanzen regelrecht auf dem blanken Wellenspiegel -selber Schlittschuh. - -Sie machen's wenigstens von oben, aber unsere ganz gewöhnliche -Schlammschnecke, die Limnäa, vollführt gar das Kunststück, von unten -sozusagen am Luftspiegel entlang zu kriechen, wobei sie mit ihrem -ganzen Hause huckepack nach unten hängt; eine ganze Literatur -existiert darüber, bald sollen abgesonderte Schleimbänder, bald -kahnartige Höhlung der scheinbar an der Luft Schlittschuh laufenden -Sohle das Unmögliche möglich machen, während mir die Sache immer noch -etwas von Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog, -bewahrt, so sicher auch das Faktum feststeht. - -Jedenfalls aber sind auch so die Naturleistungen der Karavelle in -zwei menschliche Technikgebiete zugleich hinein unwiderleglich. Aber -wieder auch mag man das alte Argument anbringen. Der Karavelle ist -ihr Ballonboot schon natürlich gewachsen am Leibe, ihre Gasdrüse und -Luftflasche hat sie von Kindheit an als Erbe mitbekommen. Um die -Analogie zur Menschentechnik wirklich zu finden, möchte man aber ein -Tier sehen, das selber erst mit Luft wirtschaftet als Material, das -sich ein Unterseeboot selbsttätig baut und nun damit das Prinzip -des Ballons kombiniert. Das äußerlich noch einmal schafft, was die -Karavelle, wer weiß woher, einfach bekommen hat. Nun, wenn die Frage so -liegt, so läßt sie sich doch auch noch wieder ihr Stück im Tierreich -weitertreiben. - -Da sind wir im Teich, und es tauchen allerhand dicke Käfer auf, -Schwimmkäfer verschiedener Sorten. Ein Käfer ist auf jeden Fall bereits -ein weit höher entwickeltes Tier als eine Qualle. Man wird erwarten -dürfen, daß manches bei ihm auch entsprechend schon beweglicher, im -rechten Sinne gesagt, schon vergeistigter eingerichtet sei; auch in dem -höheren Tier muß man ja noch mit gewissen vererbten Instinkten für das -Geistige rechnen, die dem einzelnen sozusagen die Schule ersetzen, -aber auch so läuft alles doch über eine weit vertiefte Bahn, daran ist -kein Zweifel. - -Nun sind die Käfer ersichtlich von Ursprung Landbewohner gewesen und -hatten also für ihre Organe der Atmung Freiluftatmen als Methode -mitbekommen. Nachher aber sind einige im stillen Teichwinkel wieder -ins Wasser gegangen, ohne daß sich doch ihr Organ dazu wieder ganz -mitumgewandelt hätte. Und so brauchen sie da unten Luft; da das Organ -sie ihnen aber nicht nach Art der Fischkiemen aus dem Wasser selber -zieht, müssen sie sie nachträglich erst sozusagen durch ihrer Hände -Arbeit beschaffen, -- damit begann aber für sie zunächst wirklich schon -ein sehr viel freieres Wirtschaften mit dem Luftstoff. - -Sie holen sich nämlich händeweise oder, um es mit der Freiheit -des Naturforschers gerader herauszusagen, teils kopf-, teils -hinterteilweise kleine Portionen Freiluft von der Oberfläche, aus der -sie die betreffenden Körperteile einen Augenblick herausstrecken, ins -tiefe Wasser hinunter, stets einen Schluck direkt in die Atemröhren, -aber außerdem auch noch einen mehr oder minder dicken zur Reserve, -der unter den Flügeldecken wie in ein Fläschchen gefüllt oder mit -dem Haarfilz um den Bauch gebunden wird. Auch der Reserveschluck in -der Flasche dient in diesem Falle zur eigenen Luftatzung. Daß er an -und für sich gleich dem Ballon der Qualle mit ihrer Luftflasche den -Körper des Schwimmers etwas leichter macht, ist dem Käfer sogar gar -nicht immer genehm, denn er muß es ersetzen durch verstärkte Arbeit -beim Wiederhinabtauchen. Aber das Bedeutsame bleibt diesmal: das Tier -holt sich, einerlei zu was für einem Zweck, ein Stück fremder Luft -äußerlich hinunter, es beginnt wirklich zu wirtschaften mit Luft wie -mit einem fremden Material, das man aufgreift, wie einer sich ein Stück -Butterbrot in die Tasche steckt oder ein beliebiges Stück Holz oder -Stein von dort fortnimmt, wo es sich bot. - -Was verschlüge es, wenn unser Wasserkäfer das, was er jetzt noch als -Püllchen oder Stüllchen bloß zu sich gesteckt hat, eines anderen Tages -doch auch selber verwertete für irgendeinen luftgefüllten Unterseebau? -Eines anderen Tages -- eines Entwicklungstages heißt das wieder, -natürlich. - -Hier ist aber nun wiederum kein Zweifel, daß solcher Käfer etwas kann, -was die Karavellenquallen unbedingt noch nicht konnten: er kann nämlich -überhaupt schon eine Sache selbsttätig bauen. - -Der riesige schwarze Kolbenwasserkäfer unserer Teiche, den jeder -sammelnde Schulknabe schon kennen lernt, bewährt diese Kunst zwar noch -nicht eben an Häusern, aber er hat sich eine Spezialität ausgesucht: -er ist berufsmäßiger Hersteller von Kinderwiegen. Da auch er ins -Wasser gegangen ist (an und für sich ist er kein besonders glänzender -Schwimmer und stammesgeschichtlich ist er auch kein »verwässerter« -Karabide wie die anderen, besseren Schwimmkünstler dort, die noch -bekannteren Gelbränder), müssen seine Kinderwiegen aber zugleich -Mosesschifflein sein, also auf alle Fälle mit Wassertechnik gebaut -werden. - -Seit langem sind diese Mosesschiffchen als eine der niedlichsten -Naturleistungen bekannt. Der große satansschwarze Kerl treibt im -werdenden Mutterstande aus Warzen seines Hinterleibes eine zu weißen -Fäden erstarrende Substanz hervor nach ungefährer Art der Spinne. -Sonderte er sie bloß ab, so bliebe die Sache beim einfach Organischen, -wie bei den Taten der Qualle. Aber darin eben bewährt sich nun das -Prinzip des Selbstbauens, daß der Produzent oder, besser gesagt, die -Produzentin aus den Fäden sich selber eine hübsche, hinten geschlossene -Hose um den Hinterleib webt. In dieses Büchschen als Nest legt sie dann -Ei um Ei, bis deren eine tüchtige Fracht in den sicheren Hosenboden -hinabgesackt sind. Jetzt läßt sie den Rest des Raumes leer, indem -sie sich selber ganz herauszieht, an der ledigen Hose wickelt sie -auch noch die offene Seite mit einem richtigen langen Zipfel zu, und -das Mosesschiffchen ist fertig. Die Eier im Fond, die Zipfelspitze -emporgerichtet, so liegt es als kleiner Ballon im Wasser, sei es an -schwimmenden Blättern verankert oder auch frei schwimmend, aber immer -doch gestellt, daß es nicht dauernd aus der Balance geschaukelt werden -kann. - -Es ist nur eine Kinderwiege, und wenn er sie vollendet hat, überläßt -der Käfer sie ihrem Schicksal wie in der Mosesgeschichte. Aber wie -wenig Arbeit erforderte es mehr: und der gleiche große schwarze Satan -würde sich aus dieser Hose einen dauernden eigenen Schlafsack bauen, -oder er würde auch den weiten zu einem großen Unterschlupf im ganzen, -einem Unterseeboot, in dem er aus und ein gehen und wohnen könnte. - -Und warum sollte er, der gewohnheitsmäßig Luft sozusagen stückweise -in seinen Teichgrund hinabzuholen weiß -- warum sollte er dieses -unterseeische Haus nicht selber erfüllen mit solcher herangeschleppten -Luft, tragen lassen durch Luft, wohnlich und bekömmlich für sich machen -durch angesammelte, darein eingesperrte Luft? - -Argyroneta, die Silberumsponnene, heißt sie, die das alles wirklich -vollbringt, die ihr Mosesschifflein zum silbernen, aus Duft und Luft -gewebten Nixenhause ausgebaut hat. - -Sie gehört einem anderen, uralten Parallelstamme der -Insektenentwicklung an, der wenigstens in diesem Falle aber recht -eigentlich als der erfinderische alte Onkel neben dem täppischeren -Neffen steht. Argyroneta, deren Name wie ein Vers Homer klingt, ist -nämlich im gleichen Käferteiche unsere kunstreiche Wasserspinne. - -Sie steht im Ruf, etwas liebenswürdiger zu sein als andere Spinnen, ihr -Weibchen frißt das Männchen nicht nach den Flitterstunden auf, wie das -sonst in diesem Pfui-Spinnenreiche öfters Brauch ist; aber vor allem -ist ihre Spezialität noch unvergleichlich weit über den Käfer hinaus -das »Luftfangen«. - -Der brave Schildbürger, so hören wir, gedachte das Licht brockenweise -in einer Mausefalle zu fangen. Das Silberkind vom Spinnenlande weiß das -in seiner Art wenigstens mit der Luft zu machen, sie sperrt Brocken -Luft in eine Falle und benutzt sie dann -- als Bausteine. Auch sie -muß wie der Käfer immer Atemluft mit ins Wasser nehmen, denn auch -sie ist nur ein zum Nix verzaubertes Sonnenkind von da oben. Solche -mitgeholte Perle Atemluft ist es, von der ihr Leib immer so wie mit -Silber umflossen erscheint, wenn sie ihren Nixenteich durchquert. Und -auch sie hat, ist sie doch nicht umsonst selber Spinne, noch vermehrt -die Spinnfähigkeit des schwarzen Käfers. Indem sie aber beides jetzt -kombiniert, schafft sie aus umsponnener Luft sich den wunderbaren -Baustein ihres Hauses. - -Angeklebt an ihre Spinndrüsen, werden mächtige Perlen Luft noch -unabhängig von der silbernen Atemrüstung von ihr in die Tiefe -hinabgerissen. Solche Perle aber wird mit dem Klebstoff umfirnißt, vom -Wasser abgeschlossen, und nun ist sie Baustein. Nun wird an geschützten -Fleck zwischen Wasserpflanzen Luftstein um Luftstein dieser Art -hinabgezaubert, vereint und verankert im ganzen, bis das wunderbarste -Lufthäuslein fertig ist, eine Taucherglocke, aus Spinndunst und -Luft ätherisch gewebt, an Spinnwebankern ruhend, ein durchsichtiges -Unterseeboot, das der Silbernixe oder Silberhexe (denn ein böser Räuber -bleibt sie ja in all ihren Zauberkünsten) nun alles in einem gibt: -Unterschlupf und die sehr erwünschte ungestörte Schlafkammer, das -Försterhäuschen, wohin sie ihr Jagdwild bringen kann, ihr Brautgemach -und in vielen Fällen auch ihre Kinderstube, zu deren Zweck sie noch -einen besonderen undurchsichtigen Gespinstvorhang über die Kuppel ihres -schimmernden Kristallhauses hängt. Von diesem verankerten Unterseekahn -läuft sie seiltänzerisch auf schwindelnden Planken ihrer Spinnfäden in -die Jagdgründe hinaus, angetan dann mit dem silbernen Hinterhelm ihrer -Jagdtaucherglocke; zu ihm kehrt sie immer wieder als dem behaglichen -Heim zurück nach vollbrachter Arbeit. Die Liebespaare aber legen ihre -Unterseekähne nahe nebeneinander vor Anker und bauen von Kahn zu Kahn -einen gedeckten Gang -- so wie sich in menschlichem Idyll auf abendlich -ruhendem Kanal wohl eine Planke von liebender Hand von Apfelkahn zu -Apfelkahn legt oder vorzeiten die Pfahlbauerliebe sich nächtlich -in ihrem Einbaum geräuschlos unter den Pfählen des Wasserdorfs -hindurchstahl. - -So wunderbar wie die Meisterin Argyroneta hat die Technik, mit Luft -Unterseewohnungen zu bauen, keiner mehr erlernt. Auf das Prinzip des -Bauens mit gefirnißten Luftsteinen sind aber doch mehrere auch sonst -gekommen. - -Die Labyrinthfische, zu denen unsere beliebten Makropoden der -Aquarienfreunde gehören, haben sie speziell wieder für Mosesschiffchen -ausgebildet. Obwohl diesmal eigentlich Wasserluft atmende Kiementiere, -holen sich diese merkwürdigen Fische doch regelmäßig auch Freiluft -brockenweise von der Oberfläche für besondere Kammern (Labyrinthe) -neben ihren Kiemenhöhlen herab, und dabei mögen auch sie auf das Bauen -mit Luftstein geführt worden sein. Es dient ihrer Kinderpflege, indem -sie große Schaumschiffe aus im Maul herangetragenen Luftperlen, die -mit einem Firnishäutchen aus Speichel umgeben sind, herstellen. Unter -diesen am Wasserspiegel ruhenden Luftkähnen legt nun das Weibchen seine -Eier ab. Meist steigen die Eier schon vermöge eigenen Leichtgewichts -zum Spiegel empor, sonst hilft das besorgte Männchen nach. Sie müssen -nämlich nahe zur reichen Sauerstoffschicht oben, sonst gehen sie ein. -Unmittelbar dem grellen Sonnenlicht dort ausgesetzt, würden sie aber -wiederum Gefahr leiden, auch leicht Feinden zum Opfer fallen. Und hier -schützt nun äußerst sinnreich, daß sie von unten gegen das Schaumschiff -prallen, das sie zugleich festhält und deckt und dessen gefangene -Luftperlen den Sonnenglanz durch starkes Reflektieren sozusagen wieder -ausschalten. - -Wer aber zum Schluß auch noch fordert, daß der Erbauer selbst mit -seinem Unterseeboot aus Luft dahinfahre, anstatt es bloß wie einen -ruhenden Apfelkahn zu verankern, der muß die Blauschnecke Janthina im -freien Meere aufsuchen. - -Blau ist ihr Reich, das sie durchfährt im Meeresblau, blau wie das Meer -ihre Schale. Aber nicht durch diese blaue Schale fährt sie dahin. Der -Ballon, an dem sie hängt, ihr luftgewebtes Ballonschiff, ist abermals -ein mächtiges schwebendes Schaumschiff, das sie sich selber erbaut -hat, indem sie mit ihrem ungefügen Schneckenfuß (oder was man bei -Schneckenleibern so nennt) Luftperle um Luftperle gleichsam aus der -Freiluft herunterschlug und dann ebenfalls mit Schleimkleister ins -Wasser hinein absperrte und verkittete. Auch ihr dient das Luftboot -zugleich als Mosesschiffchen, an dessen Unterseite die Mutter ihre Eier -hängt. - -Wir sind wieder am Ort, von dem wir ausgingen. Im gleichen schönen -Meeresblau wie die Blauschnecke segeln die Quallenflotten mit ihren -Luftflaschen. Aber was dort Organ war, ist hier eigene Arbeit: das Boot -aus Luft. - - - - -Das älteste Festungstor - - -In unseren Tagen des Weltkriegs ist die Ilias ein aktuelles Buch. - -Um eine einzelne Burgstadt wird dort gerungen, und doch weiß der -Dichter uns den Eindruck zu erwecken, daß es ein Entscheidungskampf der -ganzen Menschheit sei. Alle Götter beschäftigen sich nur mit Ilion und -den Griechen, als hinge das Schicksal von Recht und Kultur, von Himmel -und Erde zuletzt davon ab. Und gerade das ist die ungeheure Stimmung, -die wir heute verstehen, wo wirklich die ganze Erde brennt, während es -damals nur um ein paar Mauern und Tore an der Schwelle Asiens ging. - -Schliemann hat erst so viel später die Stätte selbst wieder -ausgegraben, um die der Efeu der Trojasage webte, und es wurde nun -doch auch ein starkes geschichtliches Bild -- ein Zeugnis menschlicher -Zähigkeit, die nicht bloß ein Jahrzehnt ausdauerte. Acht- oder neunmal -haben sie immer wieder eine Burg auf den gleichen, durch eigene Trümmer -wachsenden Hügel hier gesetzt und ihre Mauern und Tore verteidigt, -viele, viele Jahrhunderte lang, und dabei auch einmal wohl (wenn auch -in anderer Schicht, als Schliemann meinte) als wirkliche Trojaner. - -Es hat doch immer wieder etwas Bezauberndes, wie der kühne Gräber kurz -nach dem siebziger Kriege zum erstenmal auf die alten Pflasterplatten -unter dem Brandschutt seiner »Goldstadt« stieß, nahe dem uralten -Hause, das ihm den wunderbaren Schatz bot, den er den »Schatz des -Priamos« nannte; wie er eine lange gespenstische Reihe mannshoher Krüge -aufdeckte, groß, daß wirklich ein Mensch hineinkriechen konnte, die -Proviantkammer irgendeiner dieser verschollenen Burgen; und wie er -dann, dicht vor dem entscheidenden Goldfund, an den Unterbau zweier -großer Festungstore geriet, in deren jedem noch der lange kupferne -Riegel steckte, der einst die hölzernen Türflügel gegen Nacht und Feind -schließen mußte. - -Unwillkürlich verweilt die Phantasie bei solchem uralten Tor. - -Einerlei, wer nun gerade hier gestürmt hat: an Güte oder Bruch solchen -Tors hing einmal das Schicksal dieser ganzen Burg, bange Menschenherzen -schlugen dahinter, ob es halte, rohe Siegesjauchzer schallten, wenn -es splitterte. Sie ist verbrannt, die Stadt, und ihr Tor muß also -gebrochen sein. Aber in ihrem Schutt fand Schliemann die scharfkantigen -Trümmerteile vom Gehäuse eines im ganzen Altertum vielbegehrten -Tieres, einer Purpurschnecke. In ihrer Weise bewohnt auch solche -kleine Purpurschnecke eine Burg, deren Tor sie verteidigen muß. Und -wie man an alten Burgtoren noch die unten offenen »Pechnasen« sieht, -aus denen siedendes Pech auf die Angreifer herabgeträufelt wurde, so -überschwemmt auch die gereizte Purpurschnecke ihren Gegner mit einem -scheußlichen Stinksaft aus ihrem Tor. Er hat aber die Eigenschaft, -am Lichte trocknend in herrliche Farbtöne auszuklingen, mit denen -heute noch spanische Fischer ihre Hemden zeichnen, während einst -hier der schlichte Ausgangspunkt der großen Purpurindustrie lag, der -diesem eigentlich recht zuwideren Stinkschneckenvolk im alten Byzanz -sogar einmal den offiziellen Titel der »kaiserlichen Purpurschnecken« -eingetragen hat. - -Er ist nie bis in ihre eigene dämmernde Seele eingedrungen, der pompöse -Name, und wenn diese Purpurkinder in ihrer schwachen Burg überhaupt ein -Bild des Menschenwesens führen, so wird es auch nur das eines großen -Ungeheuers sein, das ab und zu durch ihr Tor will oder ihre ganze Burg -schleifen will -- wert aller Stinktöpfe dieser Burg. Solches Tier hatte -aber nicht nur lange vor Schliemanns Goldstadt und ihren Schicksalen -die Burg und die Pechnasen gefunden in seiner Art. Es hat in äußerst -kunstvoller Weise, durchaus voraufeilend der Menschentechnik, an -seine Burgen auch schon gelegentlich Türen gesetzt, regelrechte -Festungstore, hinter denen es auch in gespannter Sorge stand, wie die -Helden und Mädchen von Troja, und deren Splittern oder Bestehen auch -ihm Glück oder Tod bedeutete. Den Weg dazu in höherer Ähnlichkeit zum -Menschenwerk finden wir allerdings zunächst auch beim Tier nur, indem -wir den Begriff der Burg selber bei ihm noch etwas vertiefen -- das -aber können wir leicht. - -Das Haus unserer Purpurschnecke ist wohl eine kleine Burg, insofern es -den weichen Körper hinter einer Art Zementmauer aus kohlensaurem Kalk -einmauert bis auf die einzige nötige Türöffnung. Aber abgesehen vom -Material dauern doch noch alle Zeichen dabei des rein persönlichen -Panzers: es ist nur sozusagen ein steinerner Mauerpanzer, der immer am -Leibe mit herumgetragen wird. - -Auf dieser Stufe blieb indessen die organische Technik der Natur nicht -überall stehen. - -Lebhaft gedenke ich noch daran, wie mir selber einst aus antikem Schutt -in Syrakus ein solcher Harnisch einer Purpurschnecke in die Hand -fiel. Ordentlich gespenstisch hauchte es wie noch umgehendes Altertum -daraus an. Zugleich aber rührten die Finger an eigentümliche lange -äußere Dornen des Gehäuses, Zinnen gewissermaßen dieser kleinen Burg, -wie ich sie im großen eben an der Menschenburg von Syrakus gesehen. -Im Leben des Tieres mochten auch diese spitzen Auswüchse irgendeine -Hilfe geboten haben neben Kalkwand und Stinktopf. Gerade das aber -erinnerte lebhaft an ein anderes, nicht direkt molluskenhaftes, aber -auf ähnlicher Mittelstufe stehendes Geschöpf der gleichen Gewässer, das -auch in ähnlichem Mauerharnisch steckte und dazu noch diesen ganzen -Mauerumfang mit dem wirksamsten Stacheldraht überzogen hatte: den -Seeigel. - -Wenn man solchem Seeigel in seiner bekanntesten Gestalt am Seestrande -begegnet, so erscheint er als das wahre Ideal eines uneinnehmbaren -kleinen Forts. Es zeigt nicht einmal das große Ausfalltor der -Schneckenburg, sondern nur winzige Schießscharten, durch die feinste -Saugfüßchen geschoben werden, wenn es gilt, das starre Fort in eine -Art beweglichen Panzerautomobils zu verwandeln. Der Stacheldraht -selber ist bisweilen vergiftet, und zwischen seinen Spitzen sitzen -perfide Greifzangen, die im kleinen an die Wundermaschinen zum Packen -der feindlichen Krieger erinnern, mit denen einst Meister Archimedes -Syrakus verteidigt haben soll. Solcher Seeigel ist selber meist ein -Räuber, und man ahnt nicht, was seinem so verbarrikadierten Raubnest -gefährlich werden könnte. Und doch bemerkt man, daß diesen lebendigen -Stacheldrahtfestungen vielfach ihr Fort allein nicht genügt und daß -sie danach streben, es noch einmal unter den Schutz einer größeren -Befestigungslinie zu stellen. - -Mit Staunen sieht man die Seeigel an der harten unterseeischen -Felsküste die Pfade der alten Diluvialmenschen gehen, die sich in -Höhlen bargen. Diese Urmenschen suchten sich die natürlichen Höhlen -ihres Landes aus. Die Seeigel, resoluter noch als sie, schaffen sich -die Höhlen selber erst, indem sie das eisenharte Gestein buchstäblich -anfressen, aufnagen mit den allerdings auch stahlharten Zähnen ihres -mächtigen Kauapparats, den man die »Laterne des Aristoteles« nennt. -Doflein, unserer prächtigsten Tierbeobachter und Tierschilderer einer, -hat sie am Vulkanfels der japanischen Küste so bei der Arbeit gefunden, -den Darm noch erfüllt mit den abgefressenen Gesteinssplittern dieses -ungeheuerlichen Mahls. Ist das verwegene Werk aber geglückt, der Fels -tunnelartig geöffnet, so fahren sie mit ihrem Panzerautomobil erst -als zu ihrer fortan eigentlichen Schutz- und Trutzburg ein. Wer aber -sind die Eroberer, die solche Stachelkugel zu solcher Doppelverwahrung -zwingen könnten? - -Hier beginnt das Kapitel von der vielleicht schrecklichsten Waffe der -ganzen Natur. - -Wir kehren noch einmal zur Schnecke selbst zurück. In der gangbaren -Meinung ist Schnecke wie Muschel das harmloseste, hilfloseste Wesen, -das weder Mensch noch Mittier zu schaden vermag. Als es einmal hieß, -Hollands ganzer Schutz, das Holz seiner Dammpfähle, sei vom Bohrwurm -(in Wahrheit einer Bohrmuschel) bedroht, konnte man mindestens im -ersten Punkte doch stutzig werden. Ähnliche Bohrmuscheln wühlen aber -nicht bloß im Holz, sondern sie graben auch ganz nach Seeigelart Höhlen -in den härtesten Stein. Berühmt sind die antiken Säulen von Pozzuoli -bei Neapel, die vermutlich einst aus einem Fischbassin ragten und -damals an der Basis von solchen zähen Bohrern tief durchlöchert worden -sind. In der Regel wird auch hier einfach mechanisch geraspelt. Wo aber -reiner Kalkstein beliebt, da taucht noch ein unheimlicheres Mittel auf. - -Das Molluskentier sondert eine scharfe Säure ab, die den Stein -unmittelbar anätzt, löst, sozusagen chemisch verbrennt. Wir wissen, -was das für Säuren sein müssen, denen selbst der Kalkstein einer -Marmorsäule unterliegt, etwa Schwefelsäure. Vor rund sechzig Jahren -hat der Bonner Zoologe Troschel denn auch zuerst festgestellt, daß -gewisse Schnecken in ihrem Speichel in der Tat freie Schwefelsäure -ausspritzten, so stark, daß sie den Marmor italischer Fußböden angriff. -Eine kühne Sache, aber ein glänzendster Kunstgriff der Natur für ein -Tier, das Felsen anbohren sollte. Gewisse Bohrmuscheln bewähren's denn -auch, und gern möchte man es dem Seeigel drüben selber so gönnen. Aber -gerade hier mischt sich ein neuer, überraschender Gedanke ein. - -Wenn der schönste bunte Cipollinmarmor der himmelragenden Säule, die -sonst der Jahrtausende spottet, machtlos zerfällt, verbrennt vor -der Schwefelsäurespritze des Molluskentieres -- wie hoffnungslos -muß solcher furchtbaren Chemie die gewöhnliche Panzerwand eben auch -des Seeigels verfallen sein, die doch auch ihre Stärke nur in der -Kalkeinlage hat. Wie Wachs an der Sonne müßten ihre Platten vor einem -Angriff dieser Art dahinschmelzen, die wehrlose Blöße des Insassen -nackt offenbarend. Nun aber wissen wir: die vom Molluskenvolk sind -keineswegs auch im Verhalten zu ihren Mitvölkern da unten alle sanfte -Lämmer. Gewaltige Schnecken, jene allbekannten, oft als Kriegstrompeten -verwendeten Tritonshörner, Ungetüme von selber schier uneinnehmbarer -Burg, haben sich der Schwefelsäurespritze wirklich bemächtigt, nicht -als harmloser Technik zum Einbrennen in den Fels, sondern als einer -verheerenden Waffe. - -Alle schauerlichsten Sagen kommen kaum gegen das Bild auf, das hier -entsteht: der Drache, der mit seinem sengenden Atem und Geifer Wald -und Haus verheert -- die Teufelsspinne, die sich dem Ritter durch den -Helm bis ins Hirn brennt. Unerbittlich, wo sie ihm im freien Wasser -begegnen, halten diese Schwefelsäuredrachen den auf seinen Saugseilen -und beweglichen Stacheln kunstvoll heranbugsierten Panzerwagen des -Seeigels an, begießen ihn mit ihrer infamen Säure, öffnen die angeätzte -Stelle vollends mit der Raspel ihrer Zunge und fressen den armen -nackten Passagier heraus. Und auf der Flucht vor diesen Scheusalen -geschah es also, daß die Seeigel sich noch einmal in besonderen -Höhlenburgen wie in gesicherten Automobilschuppen zu bergen begannen, -bereit, lieber harte Steinsplitter zu zerkauen, als sich dauernd den -chemischen Stichflammen der Schwefeldrachen preiszugeben. - -Sobald aber Tiere in künstliche Höhlen einfuhren, mußte auch das -Problem gegeben sein, die Höhle durch eine künstliche Tür beliebig -abzuschließen. - -Den Diluvialmenschen wird das früh bewegt haben, wenn draußen der -grimme Höhlenlöwe durch die Nacht brüllte. Der halbtierische Zyklop -bei Homer wälzt wenigstens einen rohen Steinblock vor. Freilich, der -Seeigel selber hat's noch nicht. Wenn man ihn herausziehen will, stemmt -er sich mit aller Gewalt seines beweglichen Stacheldrahts gegen die -Höhlenwände, als müsse das genügen. Aber er so gut wie die Schnecke -haben ihren eigenen Leibespanzer doch aus Kalkmaterial körperlich -selber aufgebaut, sozusagen ausgeschwitzt. Nun sitzt der Panzer noch -einmal im Überpanzer, dem engen Höhlenhals. Sollte einer da drinnen -nicht ebenso, wie die Schwefelsäureschnecke nach außen ins Fremde -hinein zerstören konnte, so nach außen ins Fremde auch etwas weiter -aufbauen? Etwa auch etwas absondern, das zeitweise den verdächtigen -Höhleneingang ganz zubaute? - -Am eigenen Häuslein kennt die Schnecke ja schon so etwas auf -Widerruf. Nach zwei Methoden. Bald scheidet sie für ihre ungestörte -Winterschlafzeit oder auch allzu dörrende Wüstenhitze einfach eine -provisorische, wieder lösbare spanische Wand vor ihrer Schalentür -aus ähnlichem Kalkschleim ab, wie er die Schale selbst erzeugt hat. -Oder sie verwertet ein altes Schildbürgerprinzip: wie der dort -sich ein Stück Blech in den Hinterboden der Hose als die im Kampf -gefährdetste Stelle einnähen ließ, so führt sie vorsorgend schon ein -hartes Schildstück in ihren sonst weichen Fußrücken, und das klemmt sie -gegebenenfalls einfach wie ein Monokel in die Türrundung. - -Zunächst das letztere Prinzip hat dann mehrfach Freunde gefunden. -Bekanntlich lieben es manche Krebse, sozusagen auf Raub und Schummel -sich nachträglich in leere Schneckenhäuser einzunisten. Solche -Aftermieter bevorzugen nun auch, so gut es ihnen gegeben ist (sie -können nicht so leicht Kalk sabbern wie der echte Hausherr, die -Schnecke), die Schildbürgermethode -- sie klemmen, oft doch auch höchst -kunstgerecht, ihre Scheren und Beine in die ledige Türöffnung, zum -Zeichen, daß sie nicht zu sprechen sind, und es langt auch so. - -Aber in der selbstgegrabenen Burghöhle wird diese Methode doch schon -schwerer. Gehen muß sie im Notfall ja auch. Bei den Kolobopsisameisen, -die in hohlen Zweigen wohnen, muß stets ein treuer Soldat des Volkes -sich mit dem vorne genau abgestutzten Dickkopf wie ein Pfropfen in die -Tür zum Bau klemmen, wobei der lebendige Verschluß so gut paßt und -in Farbe und Rauhigkeit der Oberfläche so genau von außen die Rinde -fortsetzt, daß so leicht keiner hier eine Tür überhaupt ahnt. Bei einer -Spinne (~Cyclosoma~), die sich senkrechte Erdschachte gräbt, wird gar -das eigene Hinterteil so benutzt, das, aufgeblasen und dann ganz jäh -völlig platt abgeschnitten, eine Art natürlichen Sektpfropfens bildet. - -Aber wenn schon die Höhle ein selbstgefertigtes Fremdding an sich -sein soll, wieviel besser wäre es, auch diese äußerliche Höhlentür -wäre zuletzt wieder ein Fremdwerk, erst zweiter Hand aus irgendeinem -gegebenen Material gezimmert. Und diese letzte praktische Folgerung -hat endlich die sogenannte Minier- oder Tapezierspinne (Nemesia- und -Cteniza-Arten Südeuropas) im Bann der Entwicklung gezogen. Sie gräbt -sich Schutzschachte horizontal in Abhänge hinein, vor allem auch als -wohlverwahrte Kinderstuben. Hier hat es Zweck, die Tür hinter sich zu -schließen, auch wenn sie selber ausgeht. Ihre große Naturtechnik ist -aber das Spinnen. Mit dichter Spinnseide hat sie schon den Schacht -selber wie mit einer Tapete, die dem Abbröckeln der Wände wehrt, ganz -ausgeklebt. Was kann es dieser Meisterin verschlagen, auch einen -kreisförmigen Vorhang zu weben, der den Eingang deckt. Aber sie webt -ihn nicht ganz zu, sie schafft ihn als lose bewegliche Platte, die -bloß oben in einem Scharnier hängt. Sie webt Erde darein, so daß er -selber auch als Tür von außen das Loch nicht verrät. Und sie klappt den -Deckel auf, wenn sie hinaus will, hinter ihr fällt er an dem schrägen -Hang dann von selber wieder zu. Ist sie aber daheim, so wendet sie für -den, der doch das Versteck entdeckt hat, die gleiche Art noch obenein -an wie jene Ameisenwache: sie krallt ihre Klauen in kleine Löcher der -Türfüllung, stemmt sich fest im Schacht auf und hält krampfhaft die -Pforte zu. - -Es fehlte bloß noch, daß sie einen Riegel vorschöbe, so wären wir ganz -wieder in Troja ... - - - - -Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan - - -Zwei neue volkstümliche Heldentypen hat uns der Weltkrieg geschenkt: -den Luftfahrer und den Unterseebootfahrer. - -Bisher hing an beiden etwas sozusagen Wissenschaftliches, wie meist -zuerst bei neuer Technik. Jetzt sind sie in die Romantik der Volksseele -eingewachsen: junge Prachtgestalten in der Überfülle sehniger Kraft, -mit eisernen Nerven, die, mit der Kinderruhe des Selbstverständlichen -im blauen Auge, das Unmögliche möglich machen, leuchtend siegen und, -wenn es sein muß, leuchtend untergehen. Die Liebesliteratur der Folge -wird sie finden, wenn sie einen modernen Helden braucht. - -Bei uns wird eben Technik, was sonst Märchenzauber war. Die Sage -hat sie ja zu allen Zeiten und bei allen Völkern schon gehabt, die -Wunderbaren, die zwischen uns traten und freiten bloß wie ein schöner -Mensch -- die aber plötzlich sich dann wieder aus dem Arm der Liebe -lösten, ihr Schwanenkleid anzogen und durch die Lüfte davonfuhren oder -als Nix in den dunkeln Wassern untertauchten. - -Wieder in der Sage selbst aber lag es wie ein tiefes Erinnern, daß -der Mensch, Geisteskönig dieser Welt, eigentlich auch das alles -beherrschen, besitzen müsse in geweihter Stunde, was Fisch und Vogel -bereits einmal hatten. Aber nur einzelnen Auserwählten gelang es. Den -anderen blieb nichts als unendliche Sehnsucht, wenn der Schwanenritter -auffuhr oder Melusine wieder versank. So enden auch die Liebesmärchen -von diesen Wundermenschen neuer Elemente durchweg tragisch -- das -Element, dessen Grenze kühn überschritten war, trennt die Liebenden -doch wieder zuletzt, und der Verlassene bleibt der Erde, wenn der -andere wieder in seine Wolken oder Wellen kehrt. - -Ich weiß nicht, ob es irgendwo eine Sage gibt, wo der Flieger eine Nixe -liebt -- das Wunderbare das Wunderbare selber; es müßte aber, meine -ich, wohl eine besonders traurige Geschichte sein von Himmel und Tiefe, -die unmöglich dauernd zueinander können. Und doch hat ihn die Natur -auch schon einmal verwirklicht, diesen kühnsten Traum ... - -Wenn vor dem grauen Nebelhimmel heute eine Schar Wildgänse hoch über -uns dahinsteuert -- zu jener charakteristischen Keilform geordnet, -von der auch unsere Aviatiker sagen, daß sie bei einer Fliegergruppe -hinter einem Leitflieger die einzig richtige zur Vermeidung des -Luftwirbels vom Vordermann sei --, oder wenn im tiefen grünen Rhein -die Pilgerschaft der Lachse still hinauffährt vom fernen Meer bis zum -ragenden Alpenfels, -- so wissen wir wieder, wie sie früh schon bei -Aeroplan und Unterseeboot angelangt war, diese proteisch schaffende -Natur. Und wo ihr einer großer Lebensinhalt unerbittlich waltet, der -harte Daseinskampf, da gewahren wir auch, wie solches natürliche -Luftboot gelegentlich mit dem natürlichen Wasserboot sich wenigstens -begegnet im Zusammenstoß solcher Fehde. - -Auf dem sonnenüberglänzten märkischen See vor meinem Fenster ist es -mir ein alltäglicher Anblick, wie eine der großen schwarzgrauen Krähen -urplötzlich ihr gespenstisches Naturluftschiff wie einen Stein lotrecht -auf die Wasserfläche herabsausen läßt, um dann beim Wiederaufsteigen im -Schnabel weithin leuchtend den weißen Unterseebootskiel eines Fisches -in die Lüfte zu entführen. Nicht immer läuft das so einseitig glücklich -ab. Wiederholt hat man alte starke Karpfen oder Hechte gefangen, die -im Rücken eingewachsen die eisenharten Klauen des Fischadlers trugen: -das Boot des Fisches hatte hier, rechtzeitig noch untertauchend, das -Flugzeug des Vogels an seiner Harpune mit in die Tiefe gezogen und dann -mit der wunderbaren Heilkraft der Natur das furchtbare eigene Leck -wieder ausgeheilt. - -Um aber auf meine Liebesgeschichte zu kommen, so muß ich zuerst ein -Wintermärchen erzählen. Es ist kurz und spielt im Apfelbaum. - -In der eisigen Dezembernacht, wenn sonst alles Kerbtiervolk zur -Rüste gegangen ist, zeigt sich dort die seltsame Cheimatobia, der -Frostschmetterling. In schwankendem Aeroplan von unscheinbarem Grau -umkreist er die kahlen Stämme wie der abgeschiedene Geist dieser frohen -Sommerkinder vom Falterreich, der in den kalten Tartarus verbannt -ist. Er -- wohlverstanden aber nur er, der Liebhaber. _Sie_ hat kein -Flugzeug. Sie ist ein armselig verkümmertes Wesen in dem Punkt, -das in solcher Nacht des Frostes und der Naturöde auf den eigenen -Zappelbeinchen irgendwo an einem Stamm emporklettern mußte. Da sitzt -es nun und wartet geduldig, bis der Schwanenritter aus dem Dunkel -auftaucht und zu ihm niederschwebt. - -Wie er es überhaupt finden mag? Die Natur hat ja für solche -verwickelten Wege ihres Liebeslebens so manchen raffinierten -Ariadnefaden. Bei unseren niedlichen Glühwürmchen, jenen kleinen -Käfern, wo auch der Jüngling auf etwas unbeholfenem Aeroplan das -Luftmeer durchkreuzt, während die ungeflügelte Maid ohne Schwanengürtel -an der Küste ihres Moosbodens seiner harren muß, stellt diese Maid -ein natürliches Lämpchen bei sich heraus wie Hero ihrem nächtlich -anschwimmenden Leander. Die Sage ist nicht so kühn gewesen, im -letzteren Falle ihrem schönen Mädchen Locken zu verleihen, die so -süß dufteten, daß sie allein in finsterer Nacht den Weg über den -Hellespont hätten weisen können. Zu solcher Wirkung denken wir uns kein -schönes Mädchen mehr, sondern es müßte wohl schon ein ganzes Land voll -aromatischer Düfte sein, wie man die blühenden Küsten der tropischen -Gewürzländer oder gewisser Mittelmeerinseln tatsächlich schon über das -Meer hin riecht, ehe die Feste selber sichtbar wird. Und doch tut's -gerade bei Schmetterlingen wirklich schon das schöne Mädchen allein. -Auf zwei Kilometer weit, über alle Qualmfabriken, Wurst- und Käseläden -einer ganzen Stadt hinweg (weiß Gott, was das besagen will!) lockt der -Duft gefangen gehaltener Pfauenaugenmädchen die jungen Bewerber heran, -wie ganz einwandfreie Beobachtungen festgestellt haben. Und so wird -wohl auch die verliebte Cheimatobia der Winternacht ihren heimlichen -Magnet haben. - -Aber diese ganze Winterliebe zwischen Erdenmädchen und Luftfahrer -bildet doch nur ein schüchternes Vorspiel zu dem, was in abgeschiedener -Stille deutscher Gewässer, wo nächtlich die Sterne sich im schwarzen -Grunde spiegeln und schwankes Wasserkraut, wie bewegt von unsichtbaren -Nixenhänden, mit der dunklen Strömung auftaucht und wieder versinkt, -das einzigartige Tier Acentropus vollbringt. In gewissem Sinne das -wunderbarste Geschöpf unserer ganzen Heimat! Wenigen erst ist es -vergönnt gewesen, bisher einen Zipfel vom Schleier seiner Geheimnisse -zu lüften, so unter anderen Zeller und unserem trefflichen Stuttgarter -Meister Kurt Lampert, die ihr Studienmaterial an besonders bedeutsamem -deutschen Fleck fanden. - -Solange wir Menschen von Luftschiffahrt singen und sagen werden, so -lange wird uns der Bodensee in der Erinnerung ein geweihtes Stück Erde -bleiben. Den alten Reiter traf der Schlag, weil er sich versehentlich -über das Eis gewagt. Den bewußten Menschengeist, der sich gerade hier -selbstwillig zum erstenmal durch die freie Luft gesteuert, hat kein -Schlag beirren können. Viele Jahrtausende aber, ehe der ungeheure -Schatten des ersten Zeppelin über diesen schönen Sonnenspiegel ziehen -sollte, ist hier wohl schon ein kleiner Schmetterling vom Volk der -Zünsler oder Lichtmotten zu verborgener Nachtstunde in seiner Weise -nahe dem Wasser hin mit lenkbarem Luftschiff gefahren -- nach jener -uralten Weise, die das schwache Insektengeschlecht einst in den Sümpfen -der Steinkohlenzeit sich mit kühner Neuerung errungen, indem es -plattenartige Anhängsel seines Brustrückens zu mächtigen Luftrudern -ausgestaltete. Er ist dahingefahren und hat etwas gesucht -- auch er -ein Schwanenritter -- eine Braut, die gleich dem Mädchen im Apfelbaum -selber nicht fliegen konnte. Aber was irrt er gerade über den Wassern -dabei herum? - -Es hat immer etwas Rührendes für den Menschen, auch das einfachste -Gemüt, gehabt, wenn er weitab vom Lande auf grauer Wasserwüste solchem -einsam verflatterten Schmetterling begegnete. Dem Seefahrer erschien -er wie ein Gruß aus der Heimat, aber zugleich auch als ein armer -Verirrter, den das Spiel der Winde ins Verderben trieb. Lenau, dessen -düsterer Geist hier ein Sinnbild des eigenen zerrissenen Lebens sah, -verglich ihn auf solcher Fahrt einem verwegenen Denker, der sich dem -Tode voraus ins »Geistermeer« gewagt und nun in der Wüste verloren -gehe, »von wannen keine Wiederkehr«. - -Aber keinem dort ist wohl je der Gedanke gekommen, daß der zarte -Luftfahrer auf seinen zitternden Flügelchen wirklich da draußen etwas -suchen könne -- in den Wassern selber, über die er mühsam steuerte. -Der Schwanenjüngling Acentropus über seinem nächtlich stillen Bodensee -aber sucht wirklich und wahrhaftig eben in den Wellen unter sich nichts -Geringeres als seine in ein anderes Element verzauberte Braut. - -Der Naturspuk hat sie ihm, dem Luftkinde, dem Flieger, verkehrt in -ein ewiges Wasserkind, eine Nixe. Diesmal geht der Gegensatz nicht -bloß darauf, daß das geflügelte Männchen eines Schmetterlings -ein ungeflügeltes Weibchen suchen muß. Sondern wenn der männliche -Acentropus ein regelrechter Luftschmetterling gleich anderen ist, so -ist, mag es noch so unglaublich klingen, sein zugehöriges Weiblein -der einzige bisher bekannt gewordene Fall eines Wasserschmetterlings --- eines regelrechten Unterwasserschmetterlings. Fisch und Vogel, -Unterseeboot und Aeroplan, Nix und Schwanenritter -- und diese -Gegensätze verteilt auf ein Liebespaar der gleichen Art! - -Vom Wesen eines Schmetterlings, der unter Wasser lebt, sich ein Bild zu -machen, ist ja schon an und für sich ein gewisses Kunststück. Von der -ersten bis zur letzten Stunde seines Daseins haust das Nixenweibchen -vom Hause Acentropus ausschließlich in seinem Kristallschloß der -Wassertiefe. Nie verläßt es sein feuchtes Reich, auf nichts anderes -versteht es sich als auf das Wasser. Im Wasser ist es selber aus seinem -Puppenschrein gekrochen. Wenn der gewöhnliche Schmetterling da oben -im rosigen Licht, irgendein Admiral oder Fuchs, aus der Puppe kommt, -so sind seine Aeroplanflügelchen ja auch zuerst noch eingefaltet und -feucht und er muß abwarten und proben, bis er sozusagen »trocken hinter -den Ohren« ist, dann aber schwingt er sich frei davon und freut sich -ihres prächtigen Tragens. Die Schmetterlingsnixe braucht das alles -nicht. Ihre verkümmerten Flügel werden überhaupt nie trocken und reif. -Mit den Vorderbeinchen hält sie sich an Wasserpflanzen fest, ganz wie -das Frostmädchen an seinem Apfelbaum, während sie die anderen stark -befiederten Glieder beständig wie kleine Schaufelrädchen lebhaft -schwingend bewegt. - -Und wie sie es geworden, so werden auch ihre Kinder zunächst alle -wieder echte Nixenkinder. Unter dem Wasserspiegel im Kristallreich -der Mutter kriechen sie als niedliche Wasserräupchen aus den -Eiern, leben in kleinen Gehäusen aus Wasserblättern, denen die -untergetauchte Pflanze selber Luft gibt, und schlafen ihre Puppenzeit -in wohlverankerten, schön silberglänzenden, da auch mit Luft erfüllten -Mosesschifflein aus eigenem Seidengewebe aus. - -Dann aber kommt das Wunder im Nixenreich. - -Aus solcher Nixenpuppe steigt, wenn es ein Töchterchen werden -soll, ganz folgerichtig weiter auch wieder ein der Mutter gleicher -Wasserschmetterling, eine Nixenbraut, die in der Tiefe verharrt. Da, -dort aber ringt sich etwas ganz anderes vor: jeder Jüngling erscheint -wieder mit dem alten stolzen Schwanenkleide seines Stammes. Sogleich -strebt er auch aus dem Nixengrunde wieder in die freie Lufthöhe hinauf. -Er entfaltet dort die Ruderflügel seines schönen natürlichen Aeroplans -und könnte nun fern dahinschweben, den Sonnenhalden seiner entfernteren -Brüder am Lande zu, weitab vom vergessenen Storchteich der Nixenheimat. -Und doch sehen wir auch ihn diesen Weg nicht ganz einschlagen. - -Ein dunkler Bann scheint ihn auch jetzt doch noch an die Nähe des -Wasserspiegels zu fesseln wie jenen Geisterschmetterling Lenaus. -Sein Leben ist kurz. Und doch steckt in ihm noch der große Sinn, dem -alles Schmetterlingsdasein zu tiefst geweiht ist: die Liebe. Aber die -Nixenmädchen seines Volkes sind ja im Kristallgrunde verblieben. Und -das nun bestimmt unabwendbar auch des freien Luftfahrers Tun. In den -kurzen Abendstunden, die ihm nur vergönnt sind, muß auch er rastlos -über dem verlassenen Kinderteiche schweben, ob nicht doch eine solche -Nixe irgendwo auftauche. - -Und sie schwimmen in solcher Feierstille der Nacht wirklich dicht zur -Oberfläche heran, die Nixenmädchen, auch sie im dunkeln ererbten Wissen -des Naturwillens, daß für ihr Geschlecht umgekehrt die Liebe von oben, -aus den Himmeln niedersteige. - -Und nun vollendet sich, was sonst nur der wilde Kampf vollbrachte, im -Frieden der Liebesharmonie. - -Das Unterseeboot taucht zur äußersten Grenze seines Wasserbereichs. Der -Aeroplan senkt sich bis hart auf den Spiegel. So im Kuß der Elemente -finden sich die Liebenden. - -In der Sage steigt Perseus auf seinem Flügelpferde herab und erlöst -die am Felsen über den Wassern angekettete Braut. Oder in der anderen -taucht Leander aus den Wassern zu seinem schönen Mädchen Hero empor. -Hier aber vermischen sich alle Legenden. Hero selber taucht aus dem -Hellespont, und zu ihr nieder senkt sich im Mondlicht der Schatten des -Flügelreiters. - -Aber im Märchen von der schönen Melusine stirbt auch der Ritter zuletzt -im Nixenkuß zur Sühne einer freventlichen Störung des Geheimnisses -im Bund der fremden Elemente. Der strenge Geschichtschreiber der -Natur vermerkt hier, daß auch im Hause Acentropus bisweilen, wenn -auch ungewollt, der Nixenleib bei jäher Störung der verschwiegenen -Liebesstunde den kühnen Flieger ganz in die Wasser hinabziehen soll, -also daß der Liebhaber elendiglich ertrinken muß. Auch die Natur -scheint der Tragik der vertauschten Elemente also ihren Tribut zu -zahlen ... - -Und vielleicht hat gerade die Gefahr, die hier liegen könnte, den -Naturwillen oder die Naturzüchtung (wie man's nun ausdrücken mag -- -Menschenausdruck bleibt ja immer nur Stückwerk) noch zu dem letzten -Wunder genötigt, das uns Acentropus zeigt. - -Zu gewissen, angeblich genau geregelten Zeiten entwickelt dieser -seltsamste Schmetterling nämlich neben den geflügelten Männchen -_zwei_ verschiedene Sorten von Weibchen, von denen die eine ebenfalls -beflügelt und zur freien Luftfahrt und reinen Aeroplanliebe geeignet -ist. Zu den regelrechten Nixenmädchen und Schwanenrittern erscheint -diese Nebengeneration wie eine Art hilfsweisen dritten Geschlechts. -Aus den Puppenwiegen steigt mit ihr eine bestimmte Anzahl bevorzugter -Bräute auf, die regelrechte Walküren sind, auf ebenso schönen -Aeroplanflügeln sich emporschwingen können wie die Schwanenritter -selbst und nunmehr in freier Seeluft hoch über den Wassern ihre Helden -vom gleichen Element suchen und finden mögen. - -Es ist, als gehe hier auch durch das wilde Naturmärchen der -Schatten der Erlösung, der den Frosch doch wieder zum Prinzen, den -Nixenschmetterling wieder zum Luftfahrer befreit ... - -Wir aber beugen uns vor den Schauern und Geheimnissen dieses Alls, -das immer groß bleibt, ob Du nun zu flammenden Sonnen gehst oder zu -der Liebesnacht eines Schmetterlings auf stillem See -- und aus dem -immer etwas klingt -- -- etwas klingt -- -- -- als wenn es in unseren -innigsten Träumen wäre -- und doch auch im kältesten Raum da draußen --- -- -- etwas, von dem wir aber eigentlich noch kaum angefangen -hätten, es zu begreifen -- -- - - - - - Weitere Anmerkungen zur Transkription - - - Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. - - Korrekturen: - - S. 63: konnte → könnte - Hier {könnte} ein sehr respektables Organ - - - - - - -End of Project Gutenberg's Von Wundern und Tieren, by Wilhelm Bölsche - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON WUNDERN UND TIEREN *** - -***** This file should be named 55559-0.txt or 55559-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/5/5/55559/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Von Wundern und Tieren - Neue naturwissenschaftliche Plaudereien - -Author: Wilhelm Bölsche - -Release Date: September 16, 2017 [EBook #55559] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON WUNDERN UND TIEREN *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - - - - - - -</pre> - - -<div class="transnote"> -<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Das Original ist in Fraktur gedruckt. -Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>. -Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p> - -<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich -am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="h2">Von Wundern und Tieren</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> - -<p class="center">Von <em class="gesperrt">Wilhelm Bölsche</em> erschien früher im gleichen Verlage:</p> - -<p class="h2">Stunden im All.</p> - -<p class="center">Naturwissensschaftliche Plaudereien.</p> - -<p class="center">11. u. 12. Auflage. Geb. M 14.–</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h1>Von<br /> -Wundern und Tieren</h1> -<p class="center"> -Neue naturwissenschaftliche Plaudereien</p> -<p class="center smaller"> -von</p> -<p class="h2">Wilhelm Bölsche</p> -<p class="center"> -10. bis 12. Auflage</p> - -<div class="figcenter"> -<img src="images/signet.png" alt="Signet" /> -</div> - -<p class="center"> -Deutsche Verlags-Anstalt<br /> -Stuttgart und Berlin 1920</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<p class="center"> -Alle Rechte vorbehalten</p> -<p class="center antiqua">Copyright 1915<br /> -by Deutsche Verlags-Anstalt.<br /> -Stuttgart</p> -<p class="center"> -Druck der Deutschen Verlags-Anstalt<br /> -in Stuttgart</p> -<hr class="chap" /> -</div> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2> -</div> - -<table summary="Inhalt"> -<tr> -<td></td> - <td class="tdr">Seite</td> -</tr> -<tr> -<td>Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau</td> - <td class="tdr"><a href="#Eine_Raeubergeschichte_aus_dem_Termitenbau">1</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Amadinens illuminierte Kinderstube</td> - <td class="tdr"><a href="#Amadinens_illuminierte_Kinderstube">12</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Vorfahren des Schmetterlings</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Vorfahren_des_Schmetterlings">21</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Kampf um den Maulwurf</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Kampf_um_den_Maulwurf">30</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das unheimliche Gila-Tier</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_unheimliche_Gila-Tier">42</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die drei Augen der Blindschleiche</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_drei_Augen_der_Blindschleiche">51</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Neues von den Wundern des Olm</td> - <td class="tdr"><a href="#Neues_von_den_Wundern_des_Olm">59</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die unsterbliche Amöbe</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_unsterbliche_Amoebe">70</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Goldene Tiere</td> - <td class="tdr"><a href="#Goldene_Tiere">82</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke</td> - <td class="tdr"><a href="#Liberia_und_das_seltenste_Tier_auf_der">92</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Waldrapp_ein_verschollenes_deutsches">102</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Gespensterzug der Lemminge</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Gespensterzug_der_Lemminge">111</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Entdeckung_von_Landwirbeltieren">121</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Vliesigel_das_seltsamste_Tier_Neuguineas">131</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Tendaguru und der Rekord der Saurier</td> - <td class="tdr"><a href="#Tendaguru_und_der_Rekord_der_Saurier">143</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Der Schatz von Halberstadt</td> - <td class="tdr"><a href="#Der_Schatz_von_Halberstadt">154</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Sirenen</td> - <td class="tdr"><a href="#Sirenen">164</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Entdeckung des Riesenklippdachses</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Entdeckung_des_Riesenklippdachses">175</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Mammutschnitzer von Predmost</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Mammutschnitzer_von_Predmost">184</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Die Furcht vor dem Menschen</td> - <td class="tdr"><a href="#Die_Furcht_vor_dem_Menschen">195</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen schlug</td> - <td class="tdr"><a href="#Wie_das_Tier_der_fleischfressenden_Pflanze">206</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Tiere als Schützen</td> - <td class="tdr"><a href="#Tiere_als_Schuetzen">216</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere</td> - <td class="tdr"><a href="#Unterseeische_Schiffsangriffe_durch_Tiere">226</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Aus der Flottenkunst der Tiere</td> - <td class="tdr"><a href="#Aus_der_Flottenkunst_der_Tiere">235</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Das älteste Festungstor</td> - <td class="tdr"><a href="#Das_aelteste_Festungstor">256</a></td> -</tr> -<tr> -<td>Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan</td> - <td class="tdr"><a href="#Eine_Liebesgeschichte_zwischen_Unterseeboot">266</a></td> -</tr> -</table> -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<h2 id="Vorwort">Vorwort</h2> -</div> - -<p class="drop">Es ist über hundert Jahre her, da kam Alexander -von Humboldt von seinen Orinoko- und Kordillerenfahrten -zurück, aller Wunder der Tropenlandschaft voll -und wie verklärt von der ungeheuren Schau auf die Herrlichkeiten -der Natur an einer ihrer irdisch größten Stellen. -Daheim aber brannte der Krieg in roten Flammen zum -Himmel. Eisern lag die Hand der Fremdherrschaft auf -seinem deutschen Volke, und nur ein neuer furchtbarer -Kampf verhieß, sie zu brechen. Damals erschienen dem -edeln Manne gegen den Sturm dieser Stunde seine Urwälder -und Tiere, bei denen er so lange gelebt und mit -denen er so manches Abenteuer ausgefochten, plötzlich -wie ein fernes blaues Reich des Friedens. Und so widmete -er das wundervolle Werk, das er schrieb, die »Ansichten -der Natur«, den bedrängten Gemütern, deren -Sehnsucht nach den Bergen ging, wo nach den Worten -des Dichters die Freiheit wohnen sollte und der Hauch -der Grüfte nicht in die reineren Lüfte drang. Die kleinen -Naturskizzen meines Büchleins hier sollen selbstverständlich -nicht mit den Blättern Humboldts verglichen werden, -die heute mit Recht für klassisch gelten. Höchstens, daß -man eben an ihnen sehen kann, wie leicht es uns heute -gemacht ist, von der Natur zu erzählen, nachdem solche -Vorbilder uns den Weg gewiesen haben. Aber mein -Büchlein fällt äußerlich in eine ähnliche Zeit. Wieder -ist der Himmel blutesrot, und noch ganz anders als damals -ringen wir um das Wurzelrecht und Kronenrecht -unseres Volksbaumes. Fast ist die Stunde zu groß sogar -für das Eingeständnis der Sehnsucht im bedrängten -Gemüt. Dennoch meine ich, es trifft etwas zu, das -wohl auch Humboldt meinte. Selbst im furchtbarsten -eigenen Kampfe hat der Blick auf die große unerschütterliche -Ewigkeitslinie der Natur eine beruhigende Macht. -Gewiß, daß kein größeres Wunder ist als der Mensch -selbst. Aber wenn aus diesem Wunder so die dämonischen -Züge glühen wie heute, so sucht der Gedanke -das Rätsel der Natur, das uralte, – und er fühlt in -ihm die starke Hand, die, wie du sie nun nennen magst, -zuletzt doch auch allen Dämon wieder zurückzwingt zu -der Ackerscholle und dem Pfluge heilig stillen Werdens -auf immer bessere Fernen zu. Um das zu erkennen und -sich zu sagen auch in solcher Sturmesstunde, kann kein -Bild und Wunder zu klein sein, und wäre es auch nur -das Summen einer Mücke oder das leise Geigen des -Heimchens hinter dem Herd daheim, für dessen Friedensflamme -unsere Helden draußen streiten.</p> - -<hr class="tb" /> - -<p>Die meisten Blätter des kleinen Bilderbuchs, die ich -hier vereine und die eine unmittelbare Fortsetzung meiner -»Stunden im All« bilden, lagen bereits bei Ausbruch -des Weltkrieges gedruckt vor. Nur in den letzten wird -man leise das Gewitter vom düstern Horizont rollen -hören. Zu der Scherzstelle vom Regenwurm sei hier -noch nachgetragen, daß dieser merkwürdige Geselle gleich -mehreren andern Tieren, deren Genuß dadurch vorübergehend -beeinträchtigt wird, gewisse Zeiten im Leben zu -haben scheint, wo er einigermaßen giftig wirken könnte.</p> - -<p><em class="gesperrt">Friedrichshagen</em>, 1. November 1915</p> - -<p class="right"> -<b>Wilhelm Bölsche</b> -</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p> - -<h2 id="Eine_Raeubergeschichte_aus_dem_Termitenbau">Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau</h2> -</div> - -<p class="drop">Der Mensch mit seinen sonnenhaften Augen ist von -Natur ein geborenes Lichtgeschöpf. Dennoch hat -ihn seine Kultur vielfältig genötigt, im Finstern zu hantieren, -lange hat er in Höhlen hausen müssen, und nachher -ersetzten die Höhle die düsteren Gänge und Verliese -enger Burgen, die Korridore und Treppen finsterer -Schlösser und Häuser. Selbst unsere höchste Technik -von heute muß noch im Bergwerk graben, muß Tunnels -bohren.</p> - -<p>Die Phantasie hat das aber immer mit einem gewissen -Grauen empfunden.</p> - -<p>Aus den schwarzen Schlünden krochen ihr Drachen -und Scheusale aller Art ungesehen auf den Eindringling -los; in jedem Bergwerk läßt die Sage gespenstische -Bergmönche und schwarze Männer umgehen, die den -armen Grubenleuten den Hals umdrehen, und im alten -Schloßkorridor spukt die weiße Frau. Wo die Dinge -aber real bleiben, da bleibt mindestens doch die unheimliche -Romantik der »Räuberhöhle« als fester Begriff.</p> - -<p>Und doch besaßen wir seit alters wenigstens die Gabe, -künstliches Licht da unten mit hineinzuführen. Was -würden Wahrheit und Dichtung erst für Grauen geschaffen -haben, wenn uns Menschen im ganzen das Los -für unser Gesellschaftsleben getroffen hätte, das einem -anderen, kleineren, ebenfalls überaus geselligen und tatkräftigen<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span> -Geschöpf unseres Planeten zugefallen ist – das -Los: in den Ländern der hellsten, glühendsten Sonne doch -fast sein ganzes unsagbar verwickeltes, millionenköpfiges -Staatsleben, fast alle Wunder seines patriarchenhaft gesegneten -Liebeslebens in künstlich hergestellten finsteren, -von keinerlei Kunstlicht erhellten Schachtgängen auszuleben, -ja da drinnen selbst das zu treiben, was das Untrennbarste -scheint von Sonne und Licht: seinen ganzen -Ackerbau …</p> - -<p>Zu den Charaktergebilden tropischer Sonnenlandschaft -gehören mitten zwischen der üppigsten sonnenfrohen Vegetation -gewisse künstliche Hügel, manchmal bis sieben -Meter hoch, steinhart, durchweg von außen abgeschlossen -gegen diese Sonnenwelt wie mit solidesten Klostermauern, -die finstere Verborgenheit des Innern zu wahren.</p> - -<p>Das sind die Bauten der Termiten, seltsamster Insekten, -von denen erst allmählich und neuerdings entscheidend -bekannt geworden ist, daß die geradezu märchenhaften -Taten ihres Soziallebens und »Kulturwesens« -fast alles bisher von Ameisen und Bienen Berichtete -noch in den Schatten stellen.</p> - -<p>Die Termiten sind nach gangbarer Systematik engste -Verwandte unserer Küchenschaben oder Schwaden, also -körperlich weder den Bienen noch den Ameisen näher -vergleichbar.</p> - -<p>In solchem, wie gesagt, mehrmillionenköpfigen Staat -der auffälligsten tropischen Arten lebt normal nur ein -einziges eierlegendes Riesenweibchen, die Termitenkönigin. -Bis zu dreißigtausend Eier kann sie an einem Tage -legen, ewig so der wimmelnden Volksmasse Abrahams<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span> -Segen garantierend. Zehn, vielleicht sogar bis fünfzehn -Jahre kann sie das so treiben. Und ihr zur Seite steht -dabei ebenso lange der ebenfalls nur als einmalige nationale -Kostbarkeit vorhandene König.</p> - -<p>Zusammen haben die beiden einst den Staat, der -später den Hügel bewohnt, individuell neu begründet, -indem sie aus einem anderen Staate eines Tages wie -zwei Handwerksburschen fortwanderten, sich einten und -eine erste schlichte kleine Hütte bauten, in der ihre Hochzeit -stattfand und erste Kinderwiege stand. Aber aus dem -Segen, der wachsend auf ihnen ruhte, ergab sich bald -ein ungeheures Volk um sie, in Kasten geteilt, geschäftige -kleine Arbeiter und wehrhafte Soldaten. Dieses -»Volk« schützte und fütterte von gewissem Zeitraum an -auch das ehrwürdige Elternpaar der Nation, und es -fügte durch Unterkellern und Überbauen zu der alten -Hütte den kolossalen Staatspalast oder besser: das Staatsbergwerk -– bis diese Hütte, in der nach wie vor der -Urvater und die Urmutter hausten und die Nation weiter -und weiter ergänzten und vergrößerten, nur noch ein -einzelnes kleines dunkles Kämmerchen im ganzen, die -»Königszelle«, darstellte.</p> - -<p>Große Schachte ventilieren diesen Gesamtbau, ohne -ihn doch im Innern zu beleuchten. Denn wenn die -Termiten auch wenigstens zum Teil selber nicht so unbedingt -lichtscheu sind, wie man früher wohl meinte, -und mehr als die hellende Sonne die trockenheiße Außenluft -ihrer Heimatländer scheuen, so bleibt doch tatsächlich -ihr Leben ein extremes Dunkelmännerdasein, dem -nicht einmal das winzigste Grubenlämpchen glüht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p> - -<p>Allenthalben in das düstere Staatslabyrinth aber -lagern sich kellerartige Sonderräume ein, in denen als -der eigentliche Nationalwohlstand tatsächlich der eifrigste -Ackerbau getrieben wird, ein regelrechter Bergwerksackerbau, -der in Wahrheit nichts anderes ist als eine -ebenso raffinierte wie dem Volkswohl ergiebige Pilzkultur -größten Stils. Das unterirdische Nährgeflecht der Pilze -wird auf besonders präparierten Mistbeeten künstlich gezüchtet -und liefert vor allem den »Kinderbrei« für die -beständig wie Sand am Meer sich mehrende Jugend -des Volkes.</p> - -<p>Noch nicht anderthalb Jahrhunderte ist es her, daß -wir auch nur ein weniges von diesen Geheimnissen der -Termite in ihrem finsteren Hades wissen. Genauere Beobachtung -setzte erst neuerlich ein, und ganz besonders -ist es der ausgezeichnete Münchener Professor K. Escherich -gewesen, der in den letzten Jahren durch Zusammenfassung -des älteren und reiche Sammlung neuen Materials -unsere Kenntnis aufs glücklichste erweitert hat. -Je heller jetzt aber wenigstens das Licht unserer Forschung -in den Hades leuchtet, desto seltsamer, desto unerhörter -werden seine teils lustigen, teils grausigen Mysterien. -Und ein besonders unheimliches Kapitel betrifft -da die »Gespenster« im Bau.</p> - -<p>Auch im Termitenbergwerk gehen graue Gespenster -um, die den braven Arbeiter in seiner Nacht bedrohen, -kriechen gräßliche Drachen aus unsichtbarem Höhlengang, -die ihn als Beute fortschleppen.</p> - -<p>Bald sind diese »Gespenster« fremde Termiten, die -in das Labyrinth der normalen Bergwerksgänge ein noch<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span> -feineres, für gewöhnlich streng getrenntes Laufnetz für -sich eingesponnen haben, von dem aus sie diebische Vorstöße -in die Vorratskammern der rechtmäßigen Grubenbesitzer -machen.</p> - -<p>Bald sind es echte Ameisen, die ebenso aus Geheimgängen, -sozusagen aus Wandschränken und unbekannten -Hintertreppen, wie langbeinige Spinnen jählings -huschend auftauchen und nicht bloß stehlen, -sondern auch schon den kleinen hilflosen Termitenarbeiter -selbst, dem gerade kein wehrhafter »Soldat« -beisteht, gelegentlich überfallen und als Mordbeute verschleppen.</p> - -<p>Kleine Käferchen aus der Gruppe der Staphyliniden -gleiten wie Gnomen blitzschnell im Finstern vorbei, Kopf -und Glieder tief unter einem aalglatten Deckschild verborgen, -das die Dienste einer Tarnkappe tut; so unfaßbar wie -allgegenwärtig, spielen sie die Hasen in den unterirdischen -Kohlfeldern der Pilzgärten.</p> - -<p>Ganz scheußlich aber sind die wirklichen »Drachenhöhlen« -der Abgrundsnacht da unten, auf die zuerst -Escherich bei seinen Studien auf Ceylon aufmerksam gemacht -hat.</p> - -<p>Besonders in der Nähe der Pilzbeete, wo es stets -von Termitenkindern und ammenhaft wartenden und -fütternden Arbeitstermiten wimmelt, finden sich flaschenförmige -Geheimgelasse, die mit schmaler Pforte in den -großen Pilzkeller, der solches Beet umschließt, einmünden. -In jeder dieser Extrahöhlen aber lauert ein fettes -Ungetüm, das mit seinem flaschenhaft verdickten Bauche -genau in die Wölbung paßt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p> - -<p>Dem Blick des Zoologen enthüllt es sich als die -wunderlich aufgeschwollene weiße Larve eines karabusähnlichen -Käfers namens Orthogonius – also im Sinne -unseres Maikäfers als ein »Engerling«. Hier im Termitenschacht -aber haben diese Engerlinge sich zu regelrechten -Drachen ausgebildet.</p> - -<p>Bei Homer lesen wir von der gräßlichen Scylla, die -aus engem Felsspalt plötzlich ihre Freßmäuler streckt, -um sich am Menschenfleisch harmloser Passanten zu -mästen. Und so streckt auch der feiste engerlinghafte -Bewohner unseres Geheimschachts nur eben seine spitzen -Kiefern aus dem unsichtbaren Hinterhalte seiner Flaschenhöhle -vor – wehe aber dem harmlos in die Nähe kommenden -Termitenkinde, wehe der nichts ahnend vorbeihastenden -treuen Termitenamme! Unerbittlich werden sie -gepackt, hereingezogen und bestialisch abgeschlachtet.</p> - -<p>Die tückische Falle hat dabei eine ganz frappante -Ähnlichkeit mit einer anderen, die bei uns zulande der -sogenannte Ameisenlöwe den Ameisen stellt. Bekanntlich -wühlt dieser Ameisenlöwe, der ebenfalls bloß die -räuberische Larve eines großen, äußerlich libellenähnlichen -Fluginsekts ist, im losen Sande zierliche Trichter aus, -in deren Mitte er als böser kleiner Minotaurus auf -hinabstürzende Ameisen lauert. Das Hinabstürzen befördert -er dabei selber durch geschickt zielende Sandwürfe -von unten. Auch die kühnste Phantasie würde aber -nicht zu erfinden wagen, daß ein Heer solcher Ameisenlöwen -ihre Fallgruben mitten im Ameisenhaufen selbst -etablierten. Die Engerlinge im Termitenbau haben in -ihrer Weise selbst diese tollste Überbietung erreicht!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p> - -<p>Kein Wunder, wenn sie an so vorzüglichem Fleck -Schmerbäuche bekommen. Fast wie die alte Termitenkönigin -selber sehen sie endlich aus. Dabei spielt aber -offenbar noch etwas Besonderes mit.</p> - -<p>Diese staatserhaltende Dame, die Königin, wird, wie -gesagt, in allen späteren Semestern ihres gesegneten Daseins -von ihren Vasallen, den Termitenarbeitern, künstlich -mit einem besonderen Futter ernährt, das diese -Arbeiter in ihrem eigenen Leibe wie in einer natürlichen -Milchflasche heranbringen und ihr einfüttern. Dabei -aber schwillt nun ihr Leib zu vielfach geradezu kolossalen -Maßen an, die sie als wahre Riesin über ihrem Volke -thronen lassen. Dieser Umfang spielt im ferneren bei -ihr ja wieder seine gute Rolle für die doch ebenfalls -bei ihr so märchenhaft kolossale nationale Mutterpflicht. -Offenbar aber muß in dem Futter, das man ihr eintrichtert, -schon etwas stecken, was gerade auf ihn -hinwirkt.</p> - -<p>Die bösen Engerlinge haben nun auf ihrer Lebensstufe -keinerlei eigene Mutterpflichten; hätten sie sie, so -würden sie ohnehin ja doch nur wieder neue Drachen -erzeugen, sehr zum Unheil des Termitenvolks. Gleichwohl -wirkt auch auf sie offenbar jene Kraft des Futters, -das sie vielfältig beim Verzehren ganzer Termiten, die -gerade ihre Milchflasche im Leibe gefüllt trugen, einfach -mitfressen mußten: sie werden nicht nur wohlgenährt -überhaupt, sondern sie bekommen regelrechten künstlichen -Königinnenumfang im Sinne königlicher Spezialmast – -genau so, als wenn sie selbst gutwillig auf »Königin« -von den Termiten gefüttert würden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p> - -<p>Von hier aus ist aber nun wiederum ein höchst -wunderbarer Schachzug in diesem verwegenen Spiel -möglich geworden.</p> - -<p>Zu den Eigenarten, die das königliche Spezialfutter -bei der Termitenkönigin hervorbringt, scheint nämlich -auch allgemein zu gehören, daß der ungeheure, schließlich -einer kleinen Kartoffel vergleichbare Leib dieser Königin -einen <em class="gesperrt">narkotischen Saft</em> absondert, den die pflegenden -Termitenarbeiter mit höchster Wonne schlürfen. Die -Lust daran ist so groß, daß es vielfach fast aussieht, als -pflegten sie die alte Dame nur deshalb so heiß, weil sie -ihnen zugleich diesen Kneiptisch, diese wahre königliche -Staatskneipe, eröffnet. Mindestens sind der Trieb zum -Pflegen und die Freude an dieser Kneiperei aufs engste -bei ihnen aneinander angeschlossen.</p> - -<p>Wie aber nun, wenn dieses Narkotikum sich auch bei -den Drachen in ihren Höhlen einstellte?</p> - -<p>Es ließe sich etwas ganz Nichtswürdiges denken.</p> - -<p>Die Engerlingsdrachen kröchen einfach in das offene -Termitengewimmel, ja bis in das Heiligtum gar der -Königszelle selber hinaus. Äußerlich der Königin -höchst ähnlich in der Leibesgestalt, würden sie von den -Termitenarbeitern, die sie nicht sehen, sondern nur -fühlen können, für wahre Königinnen gehalten, deren -gelegentlich auch einmal mehrere nebeneinander nach -dem termitischen Hausgesetz nicht ganz unmöglich sind. -Man ginge ihnen also gar nicht mehr aus dem Wege, -– und ungestört könnten sie ihr scheußliches Räuberhandwerk -sozusagen mitten auf der offenen Straße fortsetzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p> - -<p>Der bekannte Jesuitenpater Wasmann, dessen Philosophie -nicht eben jedermanns Sache ist, der aber als -Spezialforscher auf diesen Gebieten sich mit Recht allgemeiner -Sympathie erfreut, hat gelegentlich da schon -von tapferen Orthogoniusengerlingen selbst vermutet, daß -sie solche freien Spaziergänge in Königinnenmaske probierten; -Escherich hat es gerade von dieser Sorte Käferlarven -indessen nicht bestätigen können.</p> - -<p>Aber nehmen wir einmal an, andere »Drachen« da -drinnen hätten es wirklich gemacht. So mußte die Absonderung -auch noch eines königinhaften Narkotikums -durch die verkappten Herren Räuber die Situation nochmals -ins ganz Tolle weitertreiben.</p> - -<p>Die Kneipgelüste der Termitenarbeiter mußten sich -nämlich bei Begegnungen mit höchstem Eifer auch diesen -Räubern zuwenden. Während die Scheusale rechts und -links in die Schar der kleinen Kneipanten im Dunkeln -mit Scyllamäulern hineingriffen und nach Herzenslust -ihre Opfer massakrierten, strömte die Menge selbst ihnen -immer begeisterter entgegen. Da aber der Kneiptrieb so -eng mit dem Füttertrieb hier verschwistert war, boten -sich die andrängenden Termiten, wenn sie genug gekneipt -hatten, gar auch noch den fremden Ungeheuern als -freundliche Fütterer dar, suchten sie zu nähren und zu -pflegen wie wahrhaftige Königinnen – sie, die im nächsten -Moment stets bereit waren, den naiven Fütterer selbst -oder irgendeinen seiner Nebenmänner leibhaftig samt dem -Futtertopf aufzufressen.</p> - -<p>Groteskes Bild: Rausch, sorgende Liebe und rücksichtsloser -Mord, alles bunt durcheinander waltend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p> - -<p>Nun ist aber kein Zweifel, daß gerade diese letzte -Station der Dinge <em class="gesperrt">wirklich</em> existiert.</p> - -<p>Gewisse fertige Käfer (also nicht bloß Engerlinge) -aus der Gruppe der schon genannten Staphyliniden leben -genau so im Termitenbau. Sie haben Riesenbäuche wie -Königinnen, laufen frei zwischen dem Termitenvolk herum, -schwitzen narkotische Kneipsäfte aus und werden von -den Termitenarbeitern mit Königinnenfutter genährt. -Letzteres lassen sie sich schon lange ganz gewohnheitsmäßig -gefallen, so daß sich sogar ihre Zunge durch Verbreiterung -direkt daran angepaßt hat. Und doch sind sie -ihrem grundlegenden Wesen nach alte Räuber und -Termitenfresser geblieben nach wie vor!</p> - -<p>Einen Moment könnte man ja versucht sein, zu -hoffen, das letzte Stück dieses ungeheuerlichen Weges sei -von selber bestimmt, doch noch wieder auf einen Friedenspfad -zu führen.</p> - -<p>Wenn nämlich jede Termite, die dem Räuber vor -den Mund kam, ihn fortan freiwillig fütterte, so brauchte -er ja schließlich keine mehr zu fressen!</p> - -<p>Die Beobachtungen sprechen bisher aber gegen diesen -letzten Schluß.</p> - -<p>Bei den Ameisen, wo ganz ähnliche »lebendige -Kneipen« in Gestalt kleiner Käferchen vielfältig im Bau -gehalten und ebenfalls gefüttert werden, haben sich diese -zweifelhaften Existenzen doch durchweg nebenher noch als -arge Räuber auch so erwiesen, und nicht viel anders -scheint es bei den Termiten zu stehen. Die allgemeine -und extreme Staatskneiperei, bei der echten Königin anscheinend -noch eine gemütliche, ja förderliche Zutat, hat<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span> -eben zur regelrechten Drachenzucht in diesem sonst so -wohlgeordneten Staat verleitet.</p> - -<p>Ob die amüsante Geschichte aus Mutter Naturs -Skizzenbuch hier am Ende doch noch eine besondere Nutzanwendung -hat? »Hingegen soll der Branntewein -um Mitternacht nicht schädlich sein.« Die Wahrheit -dieses ehrwürdigen Satzes wird beim Menschen neuerdings -bekanntlich öfter bestritten. Ob auch in der ewigen -Mitternacht des dunklen Termitenbaues die Kneiperei, -selbst die staatlich konzessionierte, sich schließlich doch nicht -recht bewährt hat, indem sie zu solchen fatalen Extravaganzen -führte …?</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p> - -<h2 id="Amadinens_illuminierte_Kinderstube">Amadinens illuminierte Kinderstube</h2> -</div> - -<p class="drop">Aus unseren Kinderstuben pflegt uns fürs Leben -eine kleine Gespensterei nachzufolgen, die unausrottbar -fest bleibt. Im Märchen kommt es vor: das -Kind geht durch den finstern Wald, da funkeln plötzlich -aus der Dunkelheit ein paar rotglühende Augen. Alle -dämonischen Schauer der Nacht vereinigen sich in diesem -Zuge. Wölfe und Teufel haben solche Augen.</p> - -<p>Später lernt man dann, daß allerhand Tieraugen -wirklich so leuchten, gefährliche wie ganz harmlose; Katzen -und Eulen sind das bekannteste Beispiel, aber der -Schmetterlingssammler merkt mit Staunen, wie auch die -Augen seiner Schwärmer, die abends so wild um Winde -und Geißblatt gaukeln, aufglühen gleich kleinen brennenden -Kohlen, und im Berliner Aquarium habe ich das -unheimliche Phänomen in seltener Kraft an den großen -Glotzern der dicken Ochsenfrösche beobachten können. -Unheimlich bleibt es aber immer.</p> - -<p>Wie oft habe ich von schönen und sehr gebildeten -Lippen gehört, daß die Katzenaugen sich wirklich selber -ihr Licht dabei anstecken, daß sie irgendwie »phosphoreszieren«, -wie die gangbare Meinung es den Johanniswürmchen -oder den winzigen Erzeugern des herrlichen -Meerleuchtens zuschreibt.</p> - -<p>Von solchen Leuchtkäfern und Leuchtinfusorien weiß -man zwar heute, daß auch ihr nächtlicher Glanz mit<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span> -wirklichem Phosphorschein nichts zu tun hat, sondern -auf gewissen Stoffwechselprodukten dieser Lebewesen beruht, -die bei ihrer Verbindung mit Sauerstoff Licht -hervorbringen. Aber es bleibt hier doch wirklich bei -»Eigenlicht«, und warum sollte also das Katzenauge nicht -eine ähnliche Kraft bewähren? Und wenn wir von -gewissen leuchtenden Fischen, die es in der ewig dunkeln -Tiefsee gibt, gar hören, daß ihre Leuchtorgane an besondere -Nerven angeschlossen sind, also willkürlich bald -in Kraft gesetzt und bald wieder »abgedreht« werden -können, so scheint uns auch Frau Kätzin sehr deutlich -etwas derart zur Verfügung zu haben, denn jeder merkt, -wie auch ihre Glühäugelchen, wenn sie im Dämmer -schleicht, bald aufglänzen, bald wieder verlöschen.</p> - -<p>Es ist jetzt etwas über hundert Jahre her, daß -Prevost zum erstenmal die damals für die ganze Medizin -und Zoologie nicht nur kühne, sondern geradezu ungeheuerliche -Behauptung aufstellte, das Leuchten des -Katzenauges sei nur eine ganz zufällige Reflexerscheinung -für den Beschauer, die durchaus nichts mit eigener Leuchtkraft -oder gar Willkür des Tieres selbst zu tun habe. -Katzenaugen leuchteten überhaupt niemals im absolut -Dunkeln, sondern es bedürfe dazu stets eines (wenn auch -ganz schwachen) einfallenden Dämmerlichtes, das dann -vom tiefen Grunde des Auges je nach Stellung für den -Zuschauer zurückgeworfen (reflektiert) würde.</p> - -<p>Noch mehr als drei Jahrzehnte später mußte unser -damals größter deutscher Physiolog, Johannes Müller, -diese richtige Deutung gegen ernsthafte wissenschaftliche -Gegner verteidigen, und es ist amüsant, heute seine<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span> -eigenen Worte darüber zu hören, die zugleich die -Sinnestäuschungen berühren, denen jeder ungeübte Urteiler -bei so delikaten Dingen zu unterliegen pflegt.</p> - -<p>»Wer,« sagt Müller, »für das Leuchten der Katzenaugen -aus Neigung eingenommen, dem empfehlen wir, -wie wir getan haben, eine Katze in einen absolut -dunkeln Raum mit sich zu nehmen und sich vom Gegenteil -zu überzeugen, dabei aber die durch eine schnelle -Bewegung unserer eigenen Augen und durch Zerrung -des Sehnerven entstehende, bloß subjektive Lichtempfindung -nicht zu verwechseln. Ein neuerer Versuch, den -ich mit einer Katze in einem absolut dunkeln Raum, in -einem Keller der hiesigen Anatomie, in Gegenwart -mehrerer angestellt, fiel ganz negativ aus. Eine Person -hielt die Katze. Diese Person wurde von mir im Dunkeln -an einen Ort gestellt, den die anderen Anwesenden nicht -kannten, den sie aber wahrnehmen mußten, falls die Katze -Licht aus den Augen ausströmte. Alle sahen nichts, bis -auf einen, dieser wollte zwei feurige Kreise gesehen haben. -Sogleich ließ ich diesen seinen Arm nach der Gegend -ausstrecken, wo er die Kreise gesehen haben wollte. Dann -wurde die Tür geöffnet, und nun zeigte sich, daß der -Arm nach der entgegengesetzten Seite von derjenigen, -wo die Katze gehalten wurde, hinwies, zu nicht geringer -Belustigung. Offenbar hatte derjenige, der die zwei -feurigen Kreise sah, seine eigene Empfindung gesehen. -Bei rascher Wendung der Augen im Dunkeln sieht man -wegen Zerrung der Sehnerven sehr leicht zwei feurige -Kreise, welche nichts als die gesteigerten Empfindungen -der Sehnerven sind.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p> - -<p>Die Sache wurde aber wissenschaftlich erst ganz sicher, -als der Nachweis glückte, daß zwar bei Katzen, Eulen -und Konsorten das Augeninnere besonders gut reflektierte, -tatsächlich aber bei richtiger Einstellung auch bei -jedem beliebigen anderen Auge der Erfolg im Sinne -der Theorie herausgezaubert werden könne, und zwar -schließlich auch beim Menschen selbst. Brücke, einer der -genialsten Schüler Müllers, konnte zum erstenmal zeigen, -daß das menschliche Auge, wenn man es in dunklem -Raum mit einer Blendlaterne bestrahlte und dann einen -Beobachter an dieser Lichtquelle vorbei hineinblicken ließ, -für diesen Beobachter leuchtete! Und es war eigenartigerweise -ein dritter Physiolog ersten Ranges und -anderer großer Schüler Johannes Müllers, dessen Auge -zum erstenmal zu diesem Experiment benutzt wurde, also -zum erstenmal ein Menschenauge mit »Katzenlicht« -zeigen sollte: Emil du Bois-Reymond.</p> - -<p>Der eigenartige Fund, der jetzt endgültig eine Jahrtausende -alte Volksmeinung umwarf, ist damals (auf -der Wende zu den fünfziger Jahren) in Fachkreisen besonders -noch berühmt geworden, weil sich an ihn unmittelbar -einer der größten medizinischen Fortschritte -aller Zeiten anschloß: nämlich die Erfindung des sogenannten -Augenspiegels durch Helmholtz – dieses -wunderbaren Apparates, der es dem Arzt fortan ermöglichte, -ein vollkommenes Bild der Netzhaut am lebendigen -Auge zu gewinnen. Helmholtz kam einfach darauf, als -er seinen Schülern eben jene Brückesche Theorie des -menschlichen Augenleuchtens in möglichst anschaulicher -Form vortragen wollte: er konstruierte in Zeit von acht<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span> -Tagen einen kleinen optischen Hilfsapparat dazu, und -plötzlich erschien etwas noch viel Bedeutsameres als bloß -das Katzenleuchten eines Menschenauges – zum erstenmal -hatte, wie er selbst berichtet, ein Mensch die Freude, -eine lebendige menschliche Netzhaut mit all ihren verzweigten -Blutgefäßen und der Eintrittsstelle des Sehnervs -in der eigenen natürlichen Vergrößerung durch ihre -zugehörige natürliche Linse klar vor sich liegen zu sehen.</p> - -<p>Hier aber sei nun ein kleiner Sprung erlaubt.</p> - -<p>Von den Wundern des Katzen- und Menschenauges -wenden wir uns zu einem der lieblichsten Schönheitswunder -der Natur – einem kleinen Vögelchen von -juwelenhafter Herrlichkeit.</p> - -<p>Mancher wird es kennen, denn obwohl seine Heimat -der ferne Eukalyptuswald Australiens ist, sieht man es -doch seit Mitte der achtziger Jahre nicht selten in unseren -Liebhaberkäfigen. Ein altes Volksmärchen läßt den lieben -Gott, nachdem er alle Tiere hübsch angemalt, den Stieglitz -noch aus den letzten übriggebliebenen Farbkleckschen zusammenstoppeln. -Nun, in diesem Sinne möchte man -vermuten, er habe umgekehrt sein gesamtes Werk mit -frischesten Farben bei der Amadine, wie das Vöglein -heißt, begonnen, denn mit solcher genialen Pracht und -zugleich doch solcher edlen Einfachheit der Pinselführung -ist kaum ein zweiter Vogel im großen Erdenatelier bedacht -worden. Die schönste Abart der sogenannten Frau-Goulds-Amadine, -getauft nach der Gattin des großen -Spezialisten der australischen Vogelwelt, Gould, wirkt -bei einfachster Gestalt eines kleinen Sperlingsvogels -durch die Folge ihrer Farben, die in ungetrübter Schöne<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span> -wie ein vom Prisma gebrochenes Lichtspektrum über -ihren zierlichen Körper gehen. Rücken und Flügel vom -durchsichtigsten Grasgrün, das gegen die dunkeln Schwanzspitzen -in ein zartes Himmelblau verdämmert; am Halse -durch ein ähnliches Blauband und einen schwarzen -Samtstrich davon getrennt, eine leuchtend blutrote Kopfkappe, -die tief bis über die Wangen herabfällt und -prachtvoll gegen das Elfenbeinweiß des Schnabels und -die schwarze Kehle steht; wiederum zu diesem Grün und -Rot aber die Brust mit einem breiten Felde des unvergleichlichsten -Lila, und ganz scharf wieder dagegen -abgesetzt, aber herrlich in der Farbenharmonie zugleich -einklingend, der Bauch mit dem sattesten Dottergelb.</p> - -<p>Seiner engeren Verwandtschaft nach gehört dieses -Farbenwunder zu den sogenannten Webefinken, jener -Vogelgruppe, zu der unter anderen auch der berühmte -Siedelweber oder Siedelsperling zählt, eines der -merkwürdigsten »sozialen Tiere« der Erde. Er lebt -nämlich nicht nur gesellig in großen Scharen, die ihre -Nester dicht gedrängt in den gleichen Baum bauen, sondern -die Schutzdächer dieser Nester werden zu einem -gemeinsamen Dach verschmolzen, das, allmählich immer -mehr verstärkt, zuletzt wie ein ungeheurer Heuschober -in den afrikanischen Buschbäumen hängt und die darunter -liegenden, immer wieder neu eingebauten Nesterkolonien -gleich einer alten Zyklopenmauer beschirmt, in deren -Schutz die Generationen eines Dorfs aufwachsen. Solche -Leistung läßt wohl auf manches Verblüffende auch sonst -in dem Liebes- und Gesellschaftsleben dieser Vetternschaft -der Weber schließen, aber was von den Amadinen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span> -gerade hier bekannt geworden, das schießt doch im -eigentlichen Sinne »den Vogel ab«.</p> - -<p>Schon seit längerer Zeit war es den Anatomen aufgefallen, -daß die kleinen, noch nicht flüggen Nestjungen -dieser und verwandter Prachtfinken (wie der Liebhaber -dieses zumeist farbenschöne Völklein im ganzen zu benennen -pflegt) in ihren »Spatzenecken«, wie der Volksmund -das wohl bei Menschenkindern bezeichnet, nämlich -in den Mund- oder Schnabelwinkeln, beiderseitig gewisse -dick vorspringende Kugeln zeigten. Bei den jungen -Frau-Goulds-Amadinen saß jederseits genau ein Paar -solcher Anhängsel, und jede Kugel war schön blau mit -einem dunkeln Ring – eine so auffällige Färbung bei -einem solchen Nestling, daß sie klärlich irgend etwas Bedeutsames -markieren mußte. Wuchs das Junge sich -aus, so verschwand der ganze Spuk wieder vollkommen – -es mußte sich also um etwas handeln, das speziell nur -die Kinderstube anging.</p> - -<p>Nun, in die Kinderstube des Tieres spielt ja so -manches für sich hinein. Bald müssen die kleinen Lebensanfänger -nach urgegebenem Gesetz in ihr noch einmal Züge -der Ahnen wiederholen, sozusagen Großvaters Maske -aufsetzen, ehe sie ihr eignes Gesicht endgültig bekommen. -Vielfach aber unterliegen sie auch besonderen Anpassungen -dort, die nur den Nutzzwecken der Kinderstube selbst -dienen, gleichsam Wiegen- und Windelanpassungen darstellen, -wenn man es menschlich ausdrücken soll. Sorgsame -Beobachtung wies nun nach, daß es sich bei den -jungen Amadinen um einen Fall der letzteren Art allein -handle, aber um einen ganz unerwarteten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p> - -<p>Wir alle kennen ein Bild aus dem trauten Leben -der Mutter bei uns. Es ist tiefe Nacht, alles weithin -still und dunkel. Nur in der Kinderstube dämmert ein -blasser Schein. Dort läßt die treue Mutter ein Nachtlichtlein -brennen, um sogleich orientiert zu sein, wenn -das Kleine etwas braucht. Dunkel, immerzu recht -dunkel ist es aber auch in der Kinderstube solchen niedlichen -Webervögelchens, – in seinem fast ganz geschlossenen -Webernest. Und wenn der alte Vogel durch -die kleine Öffnung einfliegt und die hungrigen Kleinen -atzen soll, so wäre auch ihm wohl zu gönnen, daß er -da drinnen ein Nachtlichtchen finden könnte, das ihm -den Weg zu den sperrenden Schnäbelchen wiese. Es ist -aber in der Tat dafür gesorgt, daß er es findet!</p> - -<p>Sobald er seine Kinderstube besucht, <em class="gesperrt">leuchtet</em> es -ihm nämlich von da drinnen entgegen wie kleine Lämpchen. -Und diese Lämpchen sitzen sogar höchst sinnreich -gerade da, wo sie wirklich am besten auf den -Weg weisen: nämlich eben in den Schnabelwinkeln der -kleinen Schnäbel selbst. Es ist, als trage jede Jungamadine -dort einige winzige, aber vollkommen wirksame -Glühbirnen angeheftet, deren Glanz das finstere -Stübchen illuminiert. Nichts anderes als solche angewachsenen -Glühbirnen sind eben die bewußten geheimnisvollen -Kugeln mit ihrem Blau – Leuchtorgane -der Nestjungen zur Orientierung des fütternden Vogels -im finsteren Nest.</p> - -<p>Das war nun, als man endlich darauf kam, eine -Entdeckung, wie sie die Tierkunde selten erlebt hat. -Leuchtende Vögel, und zwar zu so sinnreichem Zweck!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p> - -<p>Auch hier mußte die Frage entstehen: konnte es ein -echtes Leuchten sein wie bei den Johanniswürmchen oder -Tiefseefischen? Prinzipiell hätte schließlich nichts im -Wege gestanden, daß es selbst das war, die Nestjungen -hätten dann in ihren Glühbirnen eine echte oxydierende -Leuchtsubstanz produzieren müssen. Chun, der jüngst -verstorbene treffliche Leipziger Zoologe, hat nach sorgfältigster -Analyse indessen anders entschieden.</p> - -<p>Amadinens blaue Leuchtkugeln leuchten tatsächlich -nach der Methode des Katzenauges. Ohne selber Augen -zu sein, wirken sie doch als raffinierter Reflektierapparat. -Sie fangen, konzentrieren und strahlen hell zurück die -schwachen Stäubchen Dämmerlicht der nicht absolut -schwarzen Neststube, genau wie das Katzenauge aus der -Dämmernacht, die uns als vollkommenes Dunkel erscheint, -doch noch gleichsam einen roten Funken sammelt. -Das Wunderbarste aber ist, daß auch dieses reflektierte -Licht hier in den Dienst eines bestimmten Nutzzweckes -tritt. Und daß es ausdrücklich in einem besonderen -Leuchtorgan nur für diesen Zweck erzeugt wird, anstatt -nebenbei zu entstehen wie im funkelnden Katzenauge!</p> - -<p>Das macht Amadinens illuminierte Kinderstube zum -Exempel einer Lebensleistung, die bisher einzig in ihrer -Art ist und mit der gleichsam ein neues Kapitel der -Naturgeschichte beginnt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Vorfahren_des_Schmetterlings">Die Vorfahren des Schmetterlings</h2> -</div> - -<p class="drop">In dem lieblichen Schöpfungsbilde der Bibel sehen -wir, wie die junge Erde sich mit allerlei Getier -belebt. Vögel schwingen sich in die Lüfte, Fisch und -Walfisch tummeln sich im Meer, das Vieh geht zur -Weide, und der Wurm wühlt sich durch den Grund. -Aber einen hat der Chronist vergessen: den Schmetterling, -der über die Blüten gaukelt. Wieviel fehlte der -irdischen Landschaft, wenn er nicht wäre!</p> - -<p>Goethe hat bei Gelegenheit seiner Metamorphose -der Pflanzen einmal gesagt, der Schmetterling sei selber -eigentlich nur eine Blüte, die sich eines Tages vom -Stengel gelöst habe und frei fortgeflattert sei. Er dachte -dabei wohl an die wunderbare Wasserpflanze Vallisneria, -bei der sich die männlichen Blüten in der Tat selbsttätig -von den Stielen ablösen, um sich durch das Wasser -zu den weiblichen tragen zu lassen. Aber noch in einem -tieferen Sinn hatte er recht.</p> - -<p>Die Raupe, die träg im Blattwerk der Pflanze -hängt, immer nur auf Fressen und Wachsen bedacht -und in der Farbe oft grün wie das Blatt, das sie verzehrt, -hat in ihrem Stande etwas von der Pflanze -selbst, die bloß erst emporwachsend Sprossen und Blätter -treibt. Der Schmetterling aber, der aus dieser Raupe -durch das Knospenstadium der Puppe eines Tages ersteht, -gleicht der Blütenbildung an solcher Pflanze. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span> -sie, tritt er in reifer Entfaltung gleich ganz hervor. Wie -sie, lebt er wesentlich nur der Liebe. Wie sie, prangt -er durchweg in herrlichen Formen und Farben. Der -Kenner weiß sogar, daß Schmetterlinge nach Vanille -und anderem Aroma – lebhaft duften können. Und zum -Überfluß ist der Schmetterling verknüpft mit dem Leben -der Blume. Seit grauen Zeiten ist er ihr Liebesbote -geworden, der ihr selber unentbehrlich ist, den sie mit -Näschereien füttert, dem sie ihren Duft und ihre Farben -entgegenbringt.</p> - -<p>Seit grauen Zeiten! Aber auch das Graueste muß -zuletzt einmal angefangen haben. Auch unser Schmetterling -mit all seiner Blumenschöne und Blumenliebe muß -zuletzt auch einmal auf Erden entstanden sein.</p> - -<p>Solange Menschen sich erinnern, war er da, aber -das ist doch nur eine ganz kurze Zeit. Wir blicken zurück -in die wunderbaren Wälder der Urwelt, durch die noch -kein Menschenschatten mit Menschengröße und Menschenqual -ging. Und wir sehen im Steinkohlenwald, diesem -Sumpfforste gigantischer Schachtelhalme und Bärlappe, -noch keine leiseste Spur eines gaukelnden Schmetterlings. -Wohl war das fliegende Insekt als solches schon da. -Sei es nun, wie die einen wollen, aus einem trilobitenhaften -Krebs damals hervorgegangen, der sich mit schwerfälligem -Erstlingsfluge aus einer austrocknenden Pfütze -so zur nächsten besseren rettete, – sei es, wie andere vermuten, -auf einem langen Wege vom Tausendfuß gekommen: -genug, es schwirrte, obwohl in wirklich noch -einigermaßen mühseliger Form, im kleinen unseren Aeroplanen -von heute noch vergleichbar, die auch vielleicht<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span> -erst bei unseren Enkeln einmal schmetterlingshaft zierlich -werden.</p> - -<p>Seltsam freilich: in der relativen Größe, an Insektenmaßen -selbst gemessen, waren diese ersten lebenden -»Aeroplane« des Steinkohlensumpfs die Riesen ihres -Geschlechts. Nie wieder sind Insekten auf Erden überhaupt -so kolossal geworden. Da flog mit »halbstarrem -System«, das sich erst nach oben aufrichten, aber noch -nicht nach hinten gefaltet übereinanderlegen ließ, der -Koloß Meganeura, dessen Flügel zusammen an dreiviertel -Meter spannten. Aber Meganeura war kein -Schmetterling, näher verwandt war der Riese den heute -noch in jener Methode fahrenden Libellen.</p> - -<p>Lange noch auch in der mittleren Urwelt hat es -prachtvolle Flieger aus den Kreisen dieser Nichtschmetterlinge -gegeben, wenn auch keine ganz so kolossalen in -der Folge mehr – so flog noch in der berühmten Lagune -von Solnhofen zur Jurazeit die herrliche <em class="antiqua">Kaligramma -Haeckeli</em>, bei der jeder Vorderflügel über 12 Zentimeter -maß und auf allen Flügeln riesige Kreisflecken wie bei -unsern Pfauenaugen standen; sie war keine Libelle, sondern -eine Nächstverwandte jenes hübschen Insekts, das -aus unserm allbekannten »Ameisenlöwen« als seiner -häßlichen Larve steigt.</p> - -<p>All diese Urweltler lehren uns aber nichts über den -engeren Werdegang unseres Schmetterlings. Überschlagen -wir ungeheure geologische Zeiträume nach jenen -Steinkohlensümpfen und ihren riesigen Meganeuren und -machen erst wieder halt in jenen viel näheren, obwohl -immer noch urweltlichen Wäldern der Tertiärzeit, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span> -der Bernstein als Harzträne von den Fichtenstämmen -perlte und gerade Spuren des Insektenlebens wie in -einem Archiv aufbewahrte, so finden wir dort in der -Tat schon den Schmetterling vollendet. Der niedliche -Bläuling gaukelte schon am Tage um die Bernsteinbäume, -der dicke Schwärmer nahte sich abends den -Waldblüten. Noch war auch damals die Zahl nicht -groß, die grenzenlose Prachtentfaltung muß erst in -unseren eigenen Tagen liegen; aber die Stunde war -erfüllt, darüber ist kein Zweifel. Zwischen damals und -jenem nebelfeuchten Farnwalde von so viel früher muß -die Schöpfungsstunde des Schmetterlings gelegen haben, -da er nicht einzeln wie jeder von heute aus seiner -Puppe, sondern im ganzen gleichsam aus einem anderen -Insekt hervorgekrochen war. Was könnte das aber für -ein Insekt gewesen sein?</p> - -<p>Wir betrachten einen Moment genauer den heutigen -Falter, irgendeinen Admiral oder Trauermantel des -Tals oder den wundervollen Apollo der Hochgebirgsmatte, -und zweierlei erscheint uns als sein Charakteristisches -im Gegensatz zu allem sonst vertrauten -Insektenvolk. Seine Mundwerkzeuge bilden statt harter -und roher Beißer eben jenen feinen Saugrüssel, mit -dem er den Blütennektar nascht. Und eben seine -blütenhaft bunte Farbenpracht entsteht durch eine -Art köstlichen Pelzes, dessen schuppenförmigen Haare -lose in dem zugrunde liegenden nackten Glasflügel -wurzeln. In der Herkunft dieser beiden Besonderheiten -muß das Geheimnis der Schmetterlingsherkunft -stecken. Hier mag uns aber ein kleines Erlebnis bedeutsam<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span> -werden, das wohl ein jeder von uns einmal -durchgemacht hat.</p> - -<p>Wir haben als Kinder im flachen Schilfgrund gegründelt -oder das angeschwemmte Genist des Ufers zerteilt. -Da geriet uns ein sonderbares kleines Futteral -aus zäh verknüpften Rohrstückchen, Sandkörnchen oder -gar Schneckenhäuschen in die Hand, das wir nicht zu -deuten wußten. Indem wir es aber drückten, schaute -vorne ein unwillig gestörter häßlicher Kopf vor: in der -Hülse wohnte als ihr Verfertiger ein langer wurmhafter -Geselle. Das jetzt aber war kein echter Wurm, sondern -auch eine Insektenlarve, entsprechend dem Raupenstande -beim Schmetterling. Köcherfliege oder Köcherjungfrau -heißt das fertige Insekt, das später aus ihr hervorgeht, -ein Flügelinsekt, das auf sehr viel gelenkigerem, schon -hinterwärts kunstvoll zusammenfaltbarem Luftschiff dahinfahren -wird, als es etwa eine Libelle besitzt. Aber bezeichnenderweise -wird solche Köcherjungfrau auch »Wassermotte« -genannt. Wirklich trägt sie, einzig unter allen -nicht schmetterlingshaften Insekten der Jetztzeit, auch auf -ihren Flügelchen einen deutlichen bunten Pelzbesatz, -obwohl von etwas primitiverem Haarstande. Und ebenso -erscheint auch ihr kleiner Mund verkümmert zum derben -Beißen, er bietet bereits den deutlichen Anfang eines -zarten Blütensaugers. Wie ein Doppelgänger taucht -dieses Wasserkind neben dem Schmetterling auf, eine -leichte Bleistiftskizze gleichsam zu dem dort glänzend -vollendeten Kunstwerk.</p> - -<p>Schon früh ist es also denkenden Beobachtern aufgeblitzt: -hier müsse noch etwas bis heute fortleben aus<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span> -dem ursprünglichen Werdegang des Schmetterlings, und, -einmal angeschlagen, hat das dann zu einem weiten Gewebe -der Möglichkeiten gelockt.</p> - -<p>Jene Köcherfliegen oder Phryganeiden verknüpfen -sich selber heute ziemlich ersichtlich noch mit einem anderen -Insektengeschlecht. Das sind die sogenannten Skorpionfliegen -oder Panorpaten. Sie führen keinen Flügelpelz -und keinen sanften Honigheber. Ein wildes Räubervolk -sind sie, mit einem bösen Beißschnabel, der unerbittlich -über anderes Insektenvolk herfällt; die bekannteste -Sorte führt beim Männchen hinten eine zum Rücken -umgeschlagene Zange, die an den gefürchteten Stachel -des Skorpions gemahnt. Zweifellos ist solche Skorpionfliege -ein niedrigeres und altertümlicheres Insekt, zugleich -aber deuten mancherlei Indizien darauf, daß gerade sie -einst die Ahnfrau der schon viel feiner organisierten -Köcherjungfrau war. Skorpionfliege, Köcherjungfrau, -Schmetterling – hier lebte also heute noch etwas wie -der Schatten eines Stammbaumes …</p> - -<p>Gehen wir damit aber wieder in die Urwelt selber -zurück. Da ist es nun sehr interessant jetzt, daß die -Skorpionfliegen gar sehr eines beträchtlich hohen Alters -verdächtig sind. Sie tauchen in zahlreichen unmittelbaren -Resten (Abdrücken von Flügeln) etwas vor der -Mitte zwischen jenen schmetterlingsleeren Steinkohlensümpfen -und den schon von Schmetterlingen besuchten -Bernsteinforsten auf: zu Anfang der vom Ichthyosaurus -allbekannten Jurazeit. Feine Indizien aber verknüpfen -sie dort wieder rückwärts noch bis zu den wirklichen Urinsekten -des Steinkohlensumpfes selbst, so daß man wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span> -annehmen darf, sie mit ihren bis heute ja noch so viel -roheren Beißorganen sind ursprünglich doch auch von -dort hergekommen. Nun aber sehen wir des weiteren -etwas geradezu verblüffend an jenen geahnten höheren -Stammbaum auch urweltlich Anschließendes.</p> - -<p>Schon in den Gesteinsschichten jenes untersten Jura -finden sich neben den deutlichen Flügeln von Skorpionfliegen -auch bereits einzelne Flügel noch erkennbar abgeprägt, -die heutigen Flügeln der Köcherjungfrau gleichen. -Und schon im mittleren und oberen Jura gesellen sich -dazu einzelne noch weitere Flügel, die jetzt gar schon -stark an den echten Schmetterlingsflügel von heute gemahnen. -An sehr verschiedenen Orten ist man bisher -auf diesen ersten Schatten des Urschmetterlings gestoßen: -in England, in Sibirien und im berühmten lithographischen -Kalkstein von Solnhofen in Franken. Im letzteren -hatte man allerdings lange die Abdrücke von Holzwespen -mit Schmetterlingen verwechselt, aber nachdem dieser -Irrtum erledigt war, gab es doch auch echte Schmetterlingsflügel -dort. Und da scheint nur ein schlichter Schluß -möglich.</p> - -<p>Schon zu Anfang der Jurazeit hatte sich ein Teil -der alten Skorpionfliegen in Köcherjungfrauen verwandelt, -und im Verlauf der Juraperiode dann gingen -wieder aus einem Teil der Köcherjungfrauen die echten -Schmetterlinge hervor. Immer wandelte sich nur ein -Teil, wohlbemerkt, denn es leben ja heute neben den -Schmetterlingen auch noch (allerdings wenige) Skorpionfliegen -und ein gut Teil Köcherjungfrauen fort; das -ist die alte Sache wie fast immer im Stammbaum;<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span> -neben dem Neffen lebt der Onkel auch noch weiter. -Indessen ist hier noch eine Erwägung nötig, die zugleich -das Bild des Hergangs noch farbiger macht.</p> - -<p>Frühlingsfliege sowohl wie noch viel vollkommener -der Schmetterling selbst besitzen heute durchweg einen -reinen Blütensaugapparat. Dazu aber sind höhere -Blüten nach Art unserer heutigen von Insekten besuchten -nötig.</p> - -<p>Nun hat es aber solche Blüten in jener Juraperiode -noch gar nicht gegeben, sie entstanden erst in der folgenden -Kreidezeit, die noch zwischen den Jurawäldern und -dem Bernsteinforst liegt.</p> - -<p>Wir müssen also annehmen, daß, der Not der Zeit -gehorchend, auch die erst erstandenen Köcherjungfrauen der -Jurazeit noch beißende Mundwerkzeuge gleich den älteren -Insekten besaßen.</p> - -<p>Auf dieser Stufe aber müssen zunächst doch die -Flügel bei einem Teil ihres Urvölkleins schon mehr -oder minder schmetterlingshaft geworden sein, so daß -man mit einigem Recht schon von diesen Vertretern -damals hätte sagen können, es waren bereits Schmetterlinge, -doch Schmetterlinge auch noch mit beißenden -Kiefern ohne Honigrüssel.</p> - -<p>Es ist dabei wieder interessant zu bemerken, daß noch -heute einige wenige Schmetterlinge uns lebend beinahe -noch diese Urstufe vor Augen bringen; so hat der primitivste -aller lebenden Schmetterlinge, von dem die Art -<em class="antiqua">Micropteryx</em> oder <em class="antiqua">Eriocephalus Calthella</em> bei uns in -Europa vorkommt, noch regelrechte kauende Mundteile -mit wohlerhaltenem Oberkiefer anstatt des Saugrüssels.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p> - -<p>Und erst in der Kreidezeit selber werden wir dann -annehmen dürfen, daß sowohl die echt verbleibenden -Köcherjungfrauen wie die Partei der schon werdenden -Schmetterlingsflügler unter ihnen fast auf der ganzen -Linie sich wirklich den entstehenden Blumen (und die -Blumen ihnen) auch im Mundbau anschlossen, womit -für den Schmetterling erst das ganz Ätherische, vom -Brutalen Abgelöste seines endgültigen Schicksals gegeben -war.</p> - -<p>Nachdem zuerst in der langsam prägenden Urweltshand -sein farbenfroher Flügel sorgsam fertiggestellt worden -war, folgte jetzt der Honigmund.</p> - -<p>Und so ist er bereits in den sonnendurchhellten Bernsteinwald -eingeschwebt, so ist er als lieblichstes Schöpfungsmärchen -heraufgegaukelt bis zu uns.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Kampf_um_den_Maulwurf">Der Kampf um den Maulwurf</h2> - -<p class="titlepoem"> -Da liegt der schwarze Bösewicht<br /> -Und wühlte gern und kann doch nicht,<br /> -Denn hinderlich, wie überall,<br /> -Ist hier der eigne Todesfall. -</p> -</div> - -<p class="drop">Diese klassischen Worte Wilhelm Buschs charakterisieren -den Kampf <em class="gesperrt">mit</em> dem Maulwurf.</p> - -<p>Wenn es aber eine ausgleichende Gerechtigkeit in -dieser zweideutigen Welt gibt, so hat sie offensichtlich -zur Sühne uns Menschen den Kampf <em class="gesperrt">um</em> den Maulwurf -auferlegt.</p> - -<p>Unsere Menschheit fängt gegenwärtig an, so ungeheuer -klug zu werden, daß man fast mit einigen -Ängsten an das Wort denkt, daß allzukluge Kinder nicht -alt werden. Wir wissen, was für Stoffe in den Sonnen -des Andromedanebels glühen, wir erzählen uns, daß der -Lichtdruck Tröpfchen von 0,00016 Millimeter Durchmesser -bewegt und daß auf jedes solcher Tröpfchen -96 Millionen Moleküle gehen, und wir werden demnächst -wohl über den Gaurisankar fliegen … in solchen -Momenten ist es aber nützlich und spricht doch für -eine etwas längere Lebensdauer, daß wir noch immer -nicht genau die Geheimnisse des Maulwurfshaufens -kennen.</p> - -<p>In einer geordneten und sozusagen approbierten -Wissenschaft ist der Maulwurf trotz seines blauen Fellchens -immerzu bis heute der roteste Revolutionär.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span></p> - -<p>Mit seinem heimischen Genossen, dem Igel, hat er -im System so lange rumort, bis man ihm und seinen -Vettern glücklich eine ganze eigene Säugetierordnung -hat einräumen müssen, die der »Insektenfresser«, deren -Name besonders gut auf den Maulwurf paßt, indem -er nämlich hauptsächlich Regenwürmer, die bekanntlich -keine Insekten sind, frißt.</p> - -<p>Auch dann aber noch sind mit ihm immerfort ärgerliche, -wie Fontane sagen würde: genierliche Sachen -passiert.</p> - -<p>Das ganze so sehr zu preisende neunzehnte Jahrhundert -hindurch ist eine (immer dieselbe) Abbildung -seiner unterirdischen Burg durch alle Fachwerke gegangen, -die nach Ansicht neuester Kritiker nur den einen -Fehler hatte, daß sie mindestens als Regel verkehrt -war. Auch mußte gerade bei ihm der doch gewiß -nicht alltägliche Fall sich ereignen, daß die Anatomen -eine Zeitlang die Weibchen mit den Männchen -verwechselten, eine mindestens unhöfliche Geschichte. -Doch der eigentliche »Fall Maulwurf« beginnt erst -mit einer dritten Situation, nämlich bei der Frage, ob -er ein Racker oder ein Engel in seinem Verhältnis zu -uns sei.</p> - -<p>In der besagten hübschen Geschichte bei dem stets -unparteiisch warmherzigen Altmeister Busch setzt der -brave Gärtner sich bei dem vernichtenden Schaufelstoß -gegen den Mull zugleich hinterrücks in die Spitzen der -Gartenharke. Und das ist gewissermaßen ein Symbol -der Maulwurfsfrage im ganzen. So leicht wir den -kleinen Samtkerl hochprellen und aufs rote Näschen<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span> -hauen können – dieses rote Näschen, das ein so unfaßbar -feiner Fühlapparat für die leisesten Zitterbewegungen -des Erdreichs ist, daß man es schon ernstlich unseren -großen menschlichen Seismographen oder Erdbebenmessern -vergleichen möchte –: das Problem ist, inwieweit wir -uns dabei alle miteinander dauernd auf eine Gartenharke -in unserer Kultur setzen könnten, die uns tückisch ins -gegenseitige Fleisch sticht.</p> - -<p>Der Bauer, das »Volk« überhaupt, ist seit alters -der zähen Meinung, daß der Maulwurf ein unleidlicher -Schädling sei. Die Dorfgemeinden stellten, wie Kreuzotterfänger, -so besondere Maulwurfsfänger an, in manchen -Gegenden »Schärmäuser« genannt nach dem süddeutschen -Maulwurfsnamen »Schärmaus«, der auf <em class="antiqua">scero</em> -zurückgeht und mit dem Anschluß an die Maus deutlich -schon das Böse hineinschmuggelt; denn was eine echte -Maus ist, ist immer ein Unnutz.</p> - -<p>Wer nun Volkesstimme ohne weiteres in der Naturgeschichte -für Gottesstimme zu halten geneigt ist, der -wird darin einen vollgültigen Beweis sehen, und das -Volk hat ja gewiß so manche alte Weisheit, von der -auch Forscher noch lernen können. Aber daneben flattern -durch die Volksnaturgeschichte auch ebenso sicher allerhand -Gespenster. Der Bauer, der die Fledermaus für -ein verderbliches Scheusal hält, das in die Haare fliegt -und ihm im Schornstein den Speck wegfrißt, oder der -die nützliche Eule als Unhold übers Scheunentor nagelt, -wird uns schwerlich für den Nutzen und Schaden des -Mulls, wenn er ihn für eine wurzelfressende Maus -hält, kompetent sein können.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span></p> - -<p>Die erste Tat des Forschers war also auch der Nachweis, -daß unser Mull kein Nagergebiß habe, sondern -ein Raubtiergebiß, das in seiner Weise sogar das der -echten Raubtiere noch übertrumpfe und jedenfalls, wie -es im Märchen heißt, in seinem Reich »Vieh und Leut« -fresse, aber nicht Rüben.</p> - -<p>Wie alles Wissenschaftliche auch immer einmal wieder -angezweifelt zu werden pflegt (an sich kein Schaden!), so -hat man diese Räubernatur gelegentlich zwar bestritten, -aber ohne Glück. Wollte doch gar einer (wie Meister -Heck im neuen Brehm erzählt) den leibhaftigen Maulwurf -gesehen haben, wie der niederträchtige Kerl halb -aus seinem Loch vorkam und ein Rübenblatt nach dem -anderen abknabberte. Hier aber möchte man wohl den -alten Satz anwenden: es hat einer manches gesehen, -und es ist doch nicht wahr. Mit einer Einzelbeobachtung -auf falscher Fährte kann man auch beweisen, daß -der Hund Gras fresse, und ein so famoser Beobachter -wie der alte Adolf Müller hat allen Ernstes einmal sogar -den Kuckuck brüten »sehen«.</p> - -<p>Wenn aber unser Mull wirklich ein »Tierfresser« -ist, so scheint doch seine Nützlichkeit erwiesen; denn was -soll er in seinen unterirdischen Labyrinthen, wo er das -Erdreich auf wahren Atlasschultern im kleinen trägt und -wälzt, anders fressen als wirkliche Schädlinge des Landmanns, -– mit den bösesten, den Engerlingen, voran?</p> - -<p>Indessen hier kamen die Gärtner und verwiesen auf -den »Wühler«.</p> - -<p>Was er schließlich fresse oder nicht fresse, das sei das -ganz Nebensächliche. Aber mit seinem unterirdischen<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span> -Pflügen und oberirdischen Bergbauen kreuze er immerfort -das Werk des Menschen an den Stellen, wo die -Erde ein Schmuck – etwa in einer prächtigen Parkwiesenfläche -– und nicht ein schmutziges Bergwerk mit -Stollen und Halden sein solle. Gerade hier aber war -nun wieder und erst recht etwas auch nach der anderen -Seite Hochbedeutsames angeschlagen.</p> - -<p>Für die schöne Außenseite des Parks, dessen Ideal -eine smaragdene Grasfläche ohne Makel ist, oder im -Beet mit seinem kleinen Pflanzenvolk, das in der -Wurzel nicht gelockert sein will, mag der Bergmann -im Samtröcklein verpönt bleiben. Aber wir verdammen -doch nicht in Bausch und Bogen unseren -menschlichen Grubenbetrieb bloß deshalb, weil es nicht -hübsch wäre, wenn er vermöge deplacierter Wahl -seines Arbeitsfeldes die Peterskirche zum Einsturz -brächte oder den Berliner Tiergarten mit schmutzigem -Schutt durchsetzte. Gerade als Bergarbeiter ist unser -Maulwurf wirklich noch etwas ganz anderes als -bloß ein Fresser und Nutzfresser, und dieses andere -scheint zunächst erst seinen <em class="gesperrt">eigentlichen</em> Wert zu -berühren.</p> - -<p>Mit kurzem Wort gesagt: der Maulwurf gehört -hier zu den »geologischen Tieren«.</p> - -<p>Geologische Tiere sind Tiere, die nicht bloß auf der -gegebenen Erdscholle leben, lieben und herumfahren, sondern -es sind solche, die an der Bildung und Umbildung -unserer Erdrinde selber aktiven Anteil nehmen, also im -recht eigentlichen Sinne »geologisch« für jene anderen -mit wirksam sind.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p> - -<p>Tiere dieser Art hat es seit den ältesten Tagen der -Erdgeschichte immer wieder in Masse gegeben, und -durchweg war ihre Arbeit von der allergrößten Bedeutung.</p> - -<p>Die Korallentiere gehörten dazu, die schon in der -Urwelt Kalkriffe gebaut haben, deren Ruinen jetzt hohe -Berge bilden, und die heute noch im Stillen Ozean die -Umrisse längst versunkener Inseln in zähem Konservativismus -durch ihre aufgesetzten Mauern erhalten, als -sei alle geologische Elementarbeit zu schwach, ihre eigenen -und eigensinnigen Wege zu hemmen.</p> - -<p>Nicht alle »geologischen Tiere« aber bauen selber in -Korallenweise neuen Grund. Andere verarbeiten nur -das Vorhandene – gerade das aber kann wieder für -dritte, gleichsam bloß genießende Wesen erst recht von -höchstem Nutzen sein. Sie arbeiten mit an der Umwandlung -der ursprünglich mehr oder minder starren -Gesteinsrinde unseres Planeten in eine dem übrigen -Leben, vor allem dem Pflanzenleben brauchbare Erdkrume. -In der vorhandenen Krume lockern und lüften, -karren und fahren und bewässern sie unablässig, als -wären sie selber angestellte Gärtner und Bauern im -Dienste des großen Naturparks oben, ohne Wissen natürlich -von dem Nutzen im irdischen Gesamtspiel, bloß auf -ihren eigenen Gewinn bedacht, aber durch die Verkettung -der Dinge immerfort ein reger Faktor von höchstem -Wert für alles, was mit Wohl und Weh des großen -Erdengartens zusammenhängt.</p> - -<p>Und auf diesem letzteren Felde schafft nun auch der -Maulwurf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p> - -<p>Mit seinem Wühlen und Hochstoßen durchlüftet er -den Grund und Boden aufs glücklichste und schafft auch -der Feuchtigkeit besseren Eingang, so daß er überall da, -wo es nicht auf das schöne Aussehen der Oberfläche -oder eine sehr zarte Kultur ankommt, ein unentwegter -Förderer des Pflanzenwuchses wird, dessen sich auch der -Mensch in unzähligen Fällen freuen muß. Das hat -schon der alte Tierkundige Gesner im sechzehnten Jahrhundert -geahnt, wenn er sagte: »Ich hab von etlichen -bauleuthen vernommen, daß sie kein Schärmauß auß den -wisen oder matten schlagen, vermeinen, der boden in den -wisen müsse also gleich wol unten erbauwen werden als -das väld mit dem Pflug.«</p> - -<p>Nimmt man nun hinzu, daß der unterirdische kleine -Pflüger zugleich aus jeder Furche, die er ritzt, die wirklichen -Pflanzenverderber, wie den bösen Engerling, absucht -und vertilgt, so meint man, es könne nicht leicht -einen braveren Helfer für uns geben.</p> - -<p>Aber der wahre Naturhaushalt ist ein verwickeltes -Ding – immer noch wieder um ein Geheimfach verwickelter, -als wir auf rascher Suche ahnen.</p> - -<p>Eben als solches »geologisches Tier« kommt unser -Mull auf seiner unterirdischen Jagd nämlich in Konflikt -mit einem anderen »geologischen Tier«, das jetzt als -solches <em class="gesperrt">noch</em> weit nützlicher für das Pflanzenleben und -damit für uns ist – mit dem wirksamsten und zugleich -nützlichsten, das es von echten Tieren da unten in der -Scholle überhaupt gibt – nämlich mit dem Regenwurm.</p> - -<p>Hoch klingt heute das Lied vom Regenwurm in -unserer Bodenkultur. Der alte Darwin, den die meisten<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span> -nur von seiner Abstammungstheorie kennen, der in -Wahrheit aber auch hunderterlei anderes in unsagbarem -Beobachterfleiß ergründet hat, ist zuerst sein Prophet -geworden.</p> - -<p>Der Regenwurm treibt zunächst ganz das gleiche -als praktischer Geologe wie der Maulwurf, bloß noch -gründlicher und weniger stürmisch. Er lockert den Boden, -durchsetzt ihn mit senkrechten Röhrchen, die den Pflanzenwurzeln -erwünschten Raum bieten, er durchlüftet und -durchfeuchtet ihn, läßt das Wasser und die Kohlensäure -auch an die tieferen Schichten heran.</p> - -<p>Aber noch unvergleichlich viel mehr tut er als der -Maulwurf. Indem er in der bekannten Weise welkes -Laub in seine Erdhöhlen zieht, düngt er regelrecht -auch den Grund, in dem er lebt. In der harten -Erde weiß er aber dieses Düngens noch einen praktischeren -Weg.</p> - -<p>Wie der Märchenjunge im Breiberg frißt er sich -durch diese Erde einfach durch, indem er sie aufweicht, -in sich aufnimmt und die innerlich verarbeitete dann oben -auf der Decke in natürlicher Weise wieder absetzt. Nicht -ganz im Rahmen parlamentarischer Redeformen tut er -das, aber nützlich, unendlich nützlich für die Güte und -Ertragskraft des Bodens!</p> - -<p>Geradeso entsteht erst die allerfeinste, weichste Pflanzenerde. -Zugleich wird das Erdreich unablässig von oben -nach unten gearbeitet. Der Wiesenboden oben wird -beständig erneuert, er glättet sich, da auf die Dauer -jeder störende Stein bei dieser konsequenten Umkrempelung -in die Tiefe absinken muß, ja zuletzt sind diese<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span> -armen Würmer im Lauf der Jahrtausende regelrechte -Erdbaumeister, die das ganze Bild da oben bestimmen, -die begraben und versenken und überschütten, den Granitblock -wie die gefallene Tempelsäule. Immer aber bleibt -ihr Geschenk an uns die köstliche Erdkrume in vollendetster -Gestalt.</p> - -<p>Ja wohl nun: der Maulwurf frißt Engerlinge und -andere Schädlinge, aber viel mehr noch und zumeist -frißt er eben diese seine geologischen Mitarbeiter, die -Regenwürmer!</p> - -<p>Seine wie ein unterirdisches Spinnennetz ausgebreiteten -Labyrinthgänge pflegen gerade so zu liegen, daß -die Würmer sie bei ihrem Tagewerk immerfort durchschneiden -müssen, wobei sie dann wie die Fliegen unter -das Messergebiß des kleinen Minotaurus fallen, während -die Engerlinge nur gelegentlich einmal hineingeraten. -Unglaubliche Massen von Würmern werden -so vertilgt. Und der barbarische Zyklop kerkert sich sogar -ganze Wintervorräte lebender Wurmopfer ein, deren -ein sicherster neuerer Beobachter, Dahl, in einem einzigen -Maulwurfsbau 1280 Stück in einem Gewicht von -2,13 Kilogramm gefunden hat. Und so sänke der Kurs -des Maulwurfs abermals.</p> - -<p>Mancher ausgezeichnete moderne Tierkundige ist da -wieder ganz und gar zum Zweifler geworden. Der -treffliche Züricher Nutztierforscher Conrad Keller möchte -schon die alten Schärmäuser bei den Flurkommissionen -wieder anerkannt sehen, und auch Heck hat wenigstens -seine Bedenken. Ich aber meine, es langt noch wieder -nicht zum hochnotpeinlichen Beschluß.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p> - -<p>Zunächst ist die Zahl der Regenwürmer derartig -Legion, daß das Dezimieren im Einzelfall meines Erachtens -gar keine Rolle spielt – abgesehen davon, daß -im Einzelfall ihrer auch in einer Kultur zu viele werden -können, also ein gewisses natürliches »Abschießen« sogar -eher nützt. Eine Rechnung von Hensen setzt auf ein -Hektar Gartenland mehr als 100 000 Würmer an, das -gibt 130 Kilo Fleisch. (Schade, daß wir uns nicht -daran gewöhnt haben, Regenwürmer zu essen. Oder -sollten wir nicht einmal … wer fängt an?) Auf dieses -arbeitende Stück Geologie sind jetzt seit etwa drei Millionen -Jahren (diese Insektenfresser reichen sehr wahrscheinlich -bis in den Ausgang der Kreidezeit zurück) die -Maulwürfe gehetzt, und doch ist die Zahl und auch -offensichtliche Macht der Würmer heute noch in solchem -Flor. Aller Vermutung nach wird die Sache also darauf -hinauslaufen, daß im bestehenden, von Menschenhand -nicht veränderten Naturhaushalt die Massenproduktion -des Regenwurms auch den Maulwurf noch -erträgt.</p> - -<p>Vielleicht, wenn man an darwinistische Anpassungen -denken will, hat sie sich im Laufe der Zeiten unmittelbar -auf eine Überproduktion eingestellt, die den dort entfallenden -Abzug im Gesamtspiel schon gleichsam vorsorgend -ersetzt; bei einer Menge von Tieren, wo zum -Beispiel die Jungen stark bedroht sind, glaubt man ja -ganz deutlich solche Regulierung wahrzunehmen, die sich -in einer ungeheuren Überproduktion von Jungen kundgibt -auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß von unzähligen -doch nur so und so viele erhalten bleiben – wobei aber<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span> -diese »so und so vielen« vollauf zur Erhaltung der Art -genügen. Auf der anderen Seite ersetzt aber der Maulwurf -durch seine eigene nützliche geologische Arbeit selbsttätig -wohl auch noch das, was eventuell dort bei den -Regenwürmern als Manko durch ihn ausfallen könnte. -Und so rückte sich dieses Konto doch wieder wenigstens -ins Reine, wenn auch ohne Überschuß. Darüber hinaus -aber vertilgt der gleiche Maulwurf nun doch <em class="gesperrt">auch</em> -Engerlinge und andere Schädlinge, und hier beginnt -also wieder sein positiver Nutzen, wenn der auch vielleicht -nicht so groß ist, wie man im Überschwang der -ersten Entdeckung geglaubt hatte.</p> - -<p>Das Fazit ist einfach.</p> - -<p>Man wird unseren Mull nicht verfolgen (abgesehen -von feiner Schmuckkultur im Garten) wegen seiner -Wühlarbeit, denn die ist nützlich.</p> - -<p>Man wird ihn nicht verfolgen wegen seiner Nahrungsweise, -denn die ist zum Teil auch nützlich, zum -Teil indifferent.</p> - -<p>Man wird ihn vielleicht nicht eben fördern, sondern -den gegebenen Naturhaushalt an dieser Ecke möglichst -lassen, wie er ist.</p> - -<p>Aber ganz gewiß wird man nicht zulassen, daß er -willkürlich ausgerottet werde – zumal heute nicht aus -Motiven, die etwa gar überhaupt mit Landwirtschaft -nichts zu tun haben, die aber, wenn sie irgendein armes -Vieh erreichen, prompter das ganze Geschlecht zu bedrohen -pflegen als alle Schärmäuser von ehemals die -Mulle oder alle Mulle von je die Regenwürmer – -also zum Beispiel Verwertung des Fells für einen<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span> -Modezweck; der Versuch ist bei unserem Mull schon -gemacht worden, hat sich aber zunächst wieder zum -Glück etwas verzogen, da das arme Samtfellchen nicht -genug brachte.</p> - -<p>Hier käme vor allem auch der allgemeine Heimatschutz -in Frage, dem der Mull doch <em class="gesperrt">auch</em> gehört und -der verhindern muß, daß wir ein heimisches Geschöpf -verlieren, von dem zweifellos noch eine Menge zu lernen -ist und das sicherlich zu den eigenartigsten unseres Landes, -ja unseres ganzen Planeten gehört.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p> - -<h2 id="Das_unheimliche_Gila-Tier">Das unheimliche Gila-Tier</h2> -</div> - -<p class="drop">Durch die Wüsten des Mondes, diese vollkommenen -Wüsten, über denen nicht einmal bläuliche Luft -zittert und spiegelt, in denen nicht einmal ein ausgetrocknetes, -versandetes Flußbett von alten Wassern zeugt, -auf denen nicht einmal eine gespenstische Riesenwüstenpflanze -wie die Welwitschia unserer Kalahari kriecht – -durch diese Öden ziehen sich ungeheure Spalten, die -sogenannten Rillen. Bald schnurgerade, bald in scharfem -Zickzack durchqueren sie weite, weite Strecken des Mondlandes. -Sie sind keine Stromläufe, keine künstlichen -Kanäle. Ja, was sind sie? Niemand weiß es genau. -Vielleicht ist die Mondrinde hier geplatzt in den letzten -Zuckungen des Mondinnern. Vielleicht haben die furchtbaren -Kontraste von nicht abgeblendeter Sonnenglut -und eisiger Weltraumkälte das Gestein zerbersten lassen. -Eine ungelöste Frage da oben, wie so viele.</p> - -<p>Gewiß aber ist, daß es nur eine einzige Landschaft -auf unserer Erde gibt, die äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit -zeigt mit einer solchen Rillengegend des Mondes: -das ist das Wunderland von Arizona in Nordamerika -mit seinen berühmten Cañons, den »Röhren«, wie sie -der Spanier nennt.</p> - -<p>Auch hier senken sich in einem wild zerfressenen, -vielfach mondhaften Wüstenplateau noch einmal besondere -Spaltenabgründe in die Tiefe, wahre »Rillen«, deren<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span> -größte bei sechzig Meilen Länge sich bis zweitausend -Meter tief in den untersten Fels einschneidet, einen -exakten Querschnitt durch die ganzen älteren geologischen -Schichten der Erdrinde bis zu den entlegensten hinab -eröffnend.</p> - -<p>Gern möchte man auch bei solchem Cañon an furchtbare -revolutionäre Ereignisse dieser Erdrinde denken, die -sie so bis ins Herz hier zerrissen. Aber wir wissen, daß -es ein viel unscheinbarerer Titan gewesen ist, der diesmal -seine Macht bewährt hat, nämlich wühlendes Wasser, -das sich langsam, langsam in den Block des großen -Wüstenplateaus eingefressen und die Cañonrillen eingetieft -hat – die gleiche Macht also zuletzt, die nach einem -einfachen Regen das Sandhäufchen eines Kinderspielplatzes -mit kleinen Furchen durchzieht. Kleinste Wirkung, -größter Erfolg!</p> - -<p>In diesem wilden Lande, diesem Stück Mond -auf Erden, aber lebt das Gila-Tier, das unheimliche, -das verdächtige, wie der Naturforscher es genannt -hat, seit sich von ihm eine bedenkliche Kunde -verbreitet hatte.</p> - -<p>Wenn in stiller Nacht das Silberlicht des wirklichen -Mondes um den Rand einer solchen Arizonarille fließt, -in deren schwarzem Grunde tief, tief unten unsichtbar der -Coloradostrom geht, so möchte man von Ungeheuern -träumen, die sich diesen Höllenschlund zur Höhle gewählt. -Die alten Riesensaurier möchte man noch einmal -aus den zernagten Schichten des Urweltgesteins hervorkriechen -sehen. Aber sie lagen schon längst eingesargt -in ähnlichem Fels, als auch nur der erste Spatenstich<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span> -des wühlenden Wassertitanen einsetzte, der diese zweitausend -Meter aushöhlen sollte.</p> - -<p>Man muß sich von dem Mondzauber in eine andere, -uns sehr viel nähere, obwohl auch höchst seltsame Geschichtszeit -verzaubern lassen, um auf die erste Kunde -vom wirklichen Monstrum dieser Arizonawüsten zu -kommen.</p> - -<p>An Arizona grenzt nach Süden Mexiko. Vor rund -vierhundert Jahren war's, bei den alten Mexikanern. -Von ihnen vernimmt man zum erstenmal einen Namen -für das geheimnisvolle Tier des Cañonlandes, das auch -bis in ihr Landgebiet hinüberkroch: Tola-Chini.</p> - -<p>Sagendunst aber wob sich seither immer erneut -darum.</p> - -<p>Tatsächlich eine Art Drachensage.</p> - -<p>Wenn es auch kein Drache in der Größe sein sollte, -so doch einer in der Gefährlichkeit. Ein »männermordendes« -Tier, würde der alte Homer gesagt haben. -Die späteren Arizonakolonisten tauften es nach dem Ödland -im Bereich des Nebenflusses des Colorado, des -bald ganz vertrocknendem bald zu Hochwassern schwellenden -Wüstenstroms Gila, das »Gila-Tier«.</p> - -<p>Und wie dieser Strom, so stiegen und versiegten -auch bei ihnen immer wieder abwechselnd die Nachrichten -und Legenden über den unheimlichen Gast der -unheimlichsten Gegend, bis endlich ganz langsam in -neuerer Zeit die Forschung, der vor keinem Gespenst -graute, auch hier sozusagen polizeilich feststellen durfte, -um was für einen »Bauernschreck« es sich denn eigentlich -handle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p> - -<p>Das Gila-Tier existierte tatsächlich. Und es war ein -Reptil, also immerhin verschwägert mit den alten Drachen. -Eine ziemlich ansehnliche, bald meterlange Eidechse steckte -hinter ihm – eine Eidechse aber, die sich – das war -das erste Merkwürdige, das sofort auffiel – ausgespart -wie ein ganz himmelweit anderes Tier trug, das auch -genügend von je der Sage Stoff geboten, nämlich wie -ein Feuersalamander.</p> - -<p>Wer an Mimikry glaubte, der mußte annehmen, hier -mache eine Eidechse einfach bis zur vollendetsten Täuschung -den Salamander nach.</p> - -<p>Ein solcher Molch hat eine feuchte, schlüpfrige, -kellerhafte Nacktheit, sein Leib gleicht einem feisten -Wurm, den vier winzige Beinchen nur mühsam dahinschleppen, -Warzen und Pusteln bedecken seine Haut, -dazwischen aber liegen auf ihrer schwarzen Negernacktheit -hochgelbe oder rötliche Flecken wie brennende -Striemen auf.</p> - -<p>Dagegen ist das Sonnenkind Eidechse durchweg ein -feiner, schlanker Ritter im zierlichsten Schuppenhemd, -der in allerlei trockener und sauberer Buntheit und -schönen Ornamenten zu kokettieren liebt und flott mit -graziöser Taille dahintänzelt.</p> - -<p>Ein solches Schuppenkleid hat nun auch das Gila-Tier. -Aber seine Schuppen sind zu unregelmäßigen -Körnern geworden, die ebenfalls Warzen und Drüsen -zu bilden scheinen, und indem einzelne größere Körnerbrocken -ein schmutziges fleischhaftes Gelbrot vordrängen, -entsteht auch hier der vollkommene Eindruck von rohen -Farbpusteln auf einer ekeln schwarzbraunen Nackthaut.<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span> -Gleichzeitig hat sich der Leib in eine unförmliche, schlecht -gestopfte Walze verwandelt, in deren Quellung Kopf -und Beinchen fast verloren gehen. Gerollt wie ein wirklicher -Wurm liegt das Scheusal so in seinem Wüstenversteck, -zweifellos der allerhäßlichsten Tiere eines. Wer -es plötzlich aufdeckt, könnte es für einen modernden -Pflanzenrest halten, auf dessen verwester Rinde sich eine -hochgelbe Pilzvegetation angesiedelt hat.</p> - -<p>Es möchte aber nicht ratsam sein, solches unvorsichtige -Aufdecken und Aufwecken. Denn jetzt beginnt das unheimliche -Phänomen, dem das Geschöpf der arizonischen -Mondwüste seinen eigentlichen Ruf verdankt.</p> - -<p>Unter heftigem Zischen hebt das Maul an zu geifern, -so heftig, als wolle sich das entwickeln, was bei der afrikanischen -Speischlange, einer bösen Najaart, die Regel -ist, die auf ein Meter Entfernung dem Angreifer ihren -Speichel direkt ins Gesicht bläst, eine lange bestrittene, -aber endlich doch bestätigte scheußliche Methode. Doch -schon kommt der Biß des Gila-Tiers, ein sehr herzhafter. -Die langen krummen Zähne, die für gewöhnlich -fast ganz im Zahnfleisch versteckt liegen, werden bei dem -Druck selbst erst eigentlich frei und schlagen sich nun -nahezu zentimetertief ein. Jetzt aber die Wirkung dieses -Bisses … Alles Gräßliche, was dem Monstrum seit -alters nachgesagt worden ist, konzentrierte sich von je auf -den einen Punkt, daß der Biß die verheerendste, die -unmittelbar tötende Wirkung besitze, indem er nämlich -in der schauerlichsten Weise vergiftet sei.</p> - -<p>Wirkliche Forscher mußten gerade das aber zunächst -mit rechtem Befremden hören.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p> - -<p>Die Volkssage macht ja gern alle nur denkbaren -Tiere, wofern sie nur sonst etwas Verfängliches zeigen, -auch zu Giftbeißern. Der Zoologe aber legt hier ein -zunächst ganz unanfechtbares Veto ein.</p> - -<p>Ein wirklich giftiger Biß als dauernde Angriffs- oder -Verteidigungswaffe eines Tieres setzt bestimmte Giftdrüsen -voraus, die das Gift liefern. Solche Giftdrüsen -kennt man im Reptilienbereich von den Schlangen. Sie -treten dort durchweg in Verbindung auf mit besonderen -Vorrichtungen an den Zähnen. Gewisse Schlangenzähne -sind durchbohrt oder wenigstens zu einer Rinne gefurcht -zum Injizieren oder Einlöffeln der giftigen Drüsenabsonderung -beim Biß. Hier ist also alles klar.</p> - -<p>Eine Schlange aber ist nun keine Eidechse. Von -keinem anderen Reptil, also auch von keiner Eidechse, -war in vieljährigen anatomischen Untersuchungen je ein -solcher schlangenhafter Giftapparat, weder Drüse noch -Hohl- oder Furchenzahn, jemals festgestellt worden. Und -so schien es zunächst geradezu ein Widersinn, der sich -über grundlegende systematische Unterschiede hinwegsetzen -wollte, wenn einer mit einer »giftigen Eidechse« kam – -mochte sie auch noch so verdächtig aussehen und an einen -Molch erinnern (der immerhin in der Haut etwas Gift -führt, wenn er auch nie giftig beißen kann), und mochte -sie aus noch so verwunschener Gegend stammen.</p> - -<p>Eine Weile eröffnete sich also folgerichtig ein heftiger -Kampf der wissenschaftlichen Theorie, ehern begründet, -wie sie schien, und etwas selbstbewußt, wie einer guten -Theorie zukommt, mit der Praxis des unentwegt weiter -geifernden und beißenden Gila-Tieres.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p> - -<p>Gila-Tier, da half kein Mittel, behielt aber auf die -Dauer die Oberhand.</p> - -<p>Gila-Tier biß Hühner und andere Tiere, und sie -starben prompt wie von Schlangenbiß. Die Vergiftungserscheinungen -gingen über Lähmung des Atmungsapparats -– ganz wie bei Schlangengift.</p> - -<p>Gila-Tier biß auch Menschen, und sie hatten ebenfalls -fatale Folgen davon. Der Biß brauchte ja nicht -immer gleich tödlich zu sein; das ist aber auch der Biß -schlimmster Ottern nicht immer.</p> - -<p>Das alles aber passierte nicht mehr bloß in der mondhaften -Arizonawüste, sondern auch im Zoologischen -Garten, ja beim planmäßigen wissenschaftlichen Experiment. -Der Theorie aber wurde schließlich leicht gemacht, -klein beizugeben.</p> - -<p>Denn anatomische Zergliederung des häßlichen Gilakopfs -erwies eines Tages gerade das, was sie zur -hartnäckigen Voraussetzung genommen. Gila-Tier <em class="gesperrt">hatte</em> -tatsächlich im Unterkiefer zwei dicke, schlangenhafte -Drüsen, und seine Zähne waren ganz genau wie die -Furchenzähne vieler Giftschlangen mit einer Rinne -versehen, durch die der ausgequetschte Drüsengeifer -direkt in die Bißwunde eingeträufelt werden mußte. -Diese Eidechse <em class="gesperrt">hatte</em> eben einen Schlangenapparat, -und damit war das Wunder der Wirkung sehr einfach -aufgeklärt.</p> - -<p>Immerhin war es ein großer Fund. Bis zum heutigen -Tage ist keine zweite »Gifteidechse« mehr zu der -einen hinzuentdeckt worden. Auch ein unmittelbarer Verwandter -des Gila-Tiers, der seltsamerweise himmelweit<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span> -entfernt auf Borneo lebt, besitzt die höllische Waffe nicht. -Die Mondwüste am Gila hat hier wirklich etwas ganz -Besonderes aus sich geboren.</p> - -<p>Warum aber gleicht das Gila-Tier nun auch dem -Feuersalamander?</p> - -<p>Von einer Nachahmung, die Schutz gewährte, kann -dabei wohl nicht die Rede sein, denn das große Scheusal -ist selber doch ein ganz anders wirksamer Gifter als der -kleine, beißunfähige, bloß auf der Haut etwas ätzende -Molch.</p> - -<p>Eher könnte man meinen, die Gifteidechse ahme den -Molch nach, um bei ihren nächtlichen Raubzügen im -Revier gerade umgekehrt harmloser zu erscheinen als -sie ist.</p> - -<p>Man hat aber die grellgelben Pustelflecken des Molchs -auch so gedeutet, daß sie mit ihrer Auffälligkeit größere -Angreifer »warnen«, also schon von fern aufmerksam -machen sollten, daß es sich um ein giftiges, also auf -jeden Fall für sie ungenießbares Tier handle. Da aber -nicht nur hier, sondern auch bei anderen giftigen oder -sonst ungenießbaren Tieren stets als solche »Warnfarbe« -gerade ein ähnliches Gelb oder Gelbrot auftaucht, so -wird man zunächst wohl auch an einen direkten chemischen -Zusammenhang zwischen Gift und diesem Gelb denken -müssen, unbeschadet, daß nachher auch noch solche Nutzzwecke -sich mehr oder minder daran angeknüpft haben -könnten.</p> - -<p>Warum diese natürliche Giftlivree die unheimliche -Eidechse nun aber wieder dazu gebracht haben sollte, ihre -Schuppen auch in warzenhafte Körner zu verwandeln,<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span> -die vollends an nackte Molche und Kröten, die Hautgifter -und nicht Beißgifter sind, erinnern: das bleibt auch -so noch ein Rätsel.</p> - -<p>Die Wunder des Gila-Tiers sind offenbar noch nicht -zu Ende!</p> - -<p>Im kürzlich vollendeten Berliner Aquarium, dieser -größten neuen Sehenswürdigkeit unserer Reichshauptstadt, -ist es inzwischen lebend zu schauen – in seiner -ganzen Scheußlichkeit gelagert auf einem Stückchen künstlichen -gelben Wüstenbodens seiner Mondwüste.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p> - -<h2 id="Die_drei_Augen_der_Blindschleiche">Die drei Augen der Blindschleiche</h2> -</div> - -<p class="drop">Es hat so manches Menschenkind gegeben, dessen -wahre Taten im Guten wie im Bösen längst vergessen -sind, das aber unsterblich fortlebt in dem, was -von ihm gelogen worden ist.</p> - -<p>Von einem der zierlichsten und, wenn man ihn -nur genauer besehen will, hübschesten Vertreter unserer -heimischen Tierwelt gilt in stärkstem Maße, daß seit -alters sein Ruhm, Name und Wert durchaus nur der -Legende verdankt wird – nämlich von unserer Blindschleiche.</p> - -<p>Drei Volkslegenden sind es, die sich an sie heften, -und alle drei sind erstklassiger zoologischer Unsinn.</p> - -<p>Eine Schlange soll sie sein, immerhin ein verzeihlicher -Irrtum; in Wahrheit ist sie eine echte Eidechse, die aber -nach Schlangenart ihre vier Beine abgeschafft hat und -auf dem Bauche kriecht.</p> - -<p>Giftig soll sie sein; ich erinnere mich des köstlichen -Anblicks, wie die sämtlichen Dienstleute eines großen -Kuhstalls, ein ganzer Haufen starker erwachsener Menschen, -unter wildem Lärm mit Stöcken und Mistgabeln -gegen ein harmlos dahinkriechendes Blindschleichlein zu -Felde zogen, als gelte es einen Drachen zu erlegen; -tatsächlich ist diese kleine fußlose Eidechse unserer Heimat -sowenig giftig wie die andern Echsen, die sich dort am -Rain oder auf dem Gemäuer sonnen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p> - -<p>»Blindschleiche« aber heißt der friedliche Geselle, -weil die kopflose Angst, die vor ihm davonlief, sich nicht -Zeit nahm, zu beachten, was er für zwar kleine, aber -vollkommen wohlentwickelte zwei Äugelchen an seinem -Eidechsenkopf führt.</p> - -<p>Gerade dieser dritte und letzte Irrglaube sollte in -neuesten Tagen von allen aber noch einmal der eigenartigste, -der paradoxeste werden. Denn eben diese »Blindschleiche«, -der man gar keine Augen angedichtet hatte, -sollte mit zum besten Exempel werden bei einer höchst -absonderlichen Entdeckung, die auf dem Gebiete der Sehmöglichkeiten -zu den großartigsten gehört, die jemals gemacht -worden sind.</p> - -<p>Die Blindschleiche besitzt nicht nur jene zwei Augen, -sondern sie hat in Benutzung noch ein drittes, höchst -geheimnisvolles Sehwerkzeug, das uns Menschen fehlt!</p> - -<p>Die erfinderische halbzoologische Sagenphantasie hat -ja gern auch mit der Zahl der Augen gespielt. Fabelwesen -sollten Augen am ganzen Leibe haben, wobei -vielleicht die vage Kunde von herrlichen Vögeln unter -ferner Sonne mitspielte, wie dem Argusfasan, dessen -Federn augenartig aussehende Kugelflecken von berückendem -Zauber zieren. Dem Neunauge gab die Fischerphantasie -»neun Augen«, wobei in Wahrheit Saugmund -und Kiemenlöcher mitgezählt auf die hohe Ziffer -bringen mußten. Das groteskeste Bild aber ist der -Zyklop, der nur ein einziges Rundauge mitten auf der -Stirn führen sollte.</p> - -<p>Für das einfache bestmögliche Sehen nach vorn ist -die Lage unserer zwei natürlichen Menschenaugen so gut,<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span> -daß eine Verlagerung auf die Stirn mit Wiederzusammenziehen -in ein einziges Auge gewiß nicht als Vorteil -gelten könnte. Aber unwillkürlich drängt das Zyklopenauge -auf etwas Drittes.</p> - -<p>Angenommen, das gewöhnliche Augenpaar ist neben -ihm auch noch vorhanden und genügt dem Blick in der -Frontlinie; das Zyklopenauge aber rückt noch etwas -höher von der Stirn bis an die Scheitelwölbung: so -entstände plötzlich ein sehr großer Vorteil. Ein Wesen -mit der Zutat eines solchen »Scheitelauges« könnte nämlich -(vorausgesetzt, daß es keine Hüte trägt) bei Frontstellung -auch noch nach oben oder (bei hoher Scheitellage) -einigermaßen sogar nach hinten sehen. Es beherrschte -ein weites Sehfeld mehr. In der Bedrängnis -des Lebens aber bedeutet Mehrsehen (auch den Feind -noch sehen, der von oben oder hinterrücks kommt) auf -jeden Fall eine gute Schutzchance mehr.</p> - -<p>Und wieder: was so mehr schützt und nützt, das hat -die Natur immer gern auch einmal wirklich gemacht. -Seltsam also, daß es nicht da, dort einmal einen Versuch -wenigstens auch im wahren Naturhaushalt gegeben -haben sollte zu einem »Zyklopenauge« dieser brauchbaren -Art – wenn nicht bei Menschen, so doch anderswo bei -schädelbesitzenden Wirbeltieren.</p> - -<p>In den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten -Jahrhunderts, das in der Tierkunde so ungeheure -Fortschritte gebracht hat, verbreitete sich in engsten -Fachkreisen die Kunde, es könne vielleicht wenigstens -für ferne Urweltstage etwas dahin Gehendes wirklich -vermutet werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p> - -<p>Der ausgezeichnete Anatom Leydig hatte auf dem -Scheitel über dem Zwischengehirn junger Eidechsen von -heute ein kleines Gebilde entdeckt, das wie ein verkümmertes -Restchen irgendeines ehemals hier sitzenden Organs -aussah. Andere deuteten es auf das Rudiment -irgendeines Sinnesorgans. Und man brachte es in -irgendeine Verbindung mit einem stummelhaften, verkümmerten, -durchaus heute rätselhaften Gehirnteil, der -sogenannten Zirbeldrüse.</p> - -<p>Dieser »Gehirnstummel« findet sich noch bei den -höchsten Säugetieren, ja bei uns Menschen erhalten, -und er ist gelegentlich in der menschlichen Gehirnforschung -interessant oder, besser gesagt, amüsant dadurch geworden, -daß Philosophen in ihm den Sitz der »Seele« gesucht -hatten, nach dem Rezept: was wir im Gehirn mit gar -keinem Zweck mehr zu verbinden wissen, das muß wohl -das Uhrrädchen für die »Seele« sein.</p> - -<p>Jetzt schien es aber, als sei diese problematische Zirbeldrüse -in Wahrheit die alte Zentrale am Hirn für irgend -etwas, das einmal hier in der Scheitelgegend Anschluß -gehabt hatte, heute aber zum toten Gleise geworden war.</p> - -<p>Bei den Säugetieren bis zu uns hatte man noch die -Ruine der Zentrale, bei den Eidechsen schien selbst das tote -Gleis noch als solches nachweisbar. Dirigieren und fahren -aber tat heute anscheinend nirgendwo mehr etwas dort.</p> - -<p>Nun aber: die heutigen Tiere sind Enkel der Urweltstiere. -Manches, das hier heute nur mehr verfallenes -Haus, zugemauertes Fenster, »rudimentäres Organ« ist, -war dort einst noch belebte Burg, offene Schau, funktionierender -Körperteil.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p> - -<p>Findige Vorweltkenner konstatierten also, daß eine -ganze Menge der berühmten urweltlichen Saurier an -ihren erhaltenen Schädeln noch ein höchst charakteristisches -Scheitelloch gerade an diesem verdächtigen Fleck -zeigten, so der berühmte Ichthyosaurus, die riesigen, -seeschlangenhaften Mosasaurier, die säugetierähnlichen -Theromorphen vom Kapland und andere mehr. Hier -<span id="corr063">könnte</span> ein sehr respektables Organ damals gesessen -haben – ein Organ, das damals wohl noch funktionierte -in irgendeinem entsprechend respektabeln Lebenszweck. -Was aber konnte das für ein Organ gewesen -sein?</p> - -<p>Ein Forscher meinte, es sei vielleicht ein besonderes -Wärmeorgan gewesen, dessen sich diese alten Saurier, -wenn sie faul in der Tropensonne lagen, bedienten, um -gleichsam ein Warnsignal gegen Sonnenstich bei zu hoch -steigender Scheiteltemperatur zu erhalten.</p> - -<p>Das Vorhandensein des Organs gerade bei extrem -wasserbewohnenden Sauriern (wie dem Ichthyosaurus), -andererseits das Fehlen seines Restes bei unsern Krokodilen, -die mit so besonderer Liebe in der Sonnenglut -duseln, sprach gegen diese kühne Vermutung.</p> - -<p>Dagegen führte die genaue Untersuchung des heutigen -Restes, wo er bei Reptilien wirklich noch bestand, allmählich -mit wachsender Sicherheit auf eine andere Spur, -nämlich daß es sich um ein Lichtorgan, also ein Auge, -gehandelt habe. Ein Scheitelauge (Parietalauge, wie -der Forscher in seiner Sprache sagt), das bei jenem -alten Drachenvolk als drittes Auge neben den beiden -andern irgendwie in Tätigkeit gewesen wäre!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p> - -<p>Man konnte an der heutigen Ruine noch mehr oder -minder deutlich die ursprüngliche Linse und die Netzhaut -feststellen, und der alte Sehnerv schien in der Tat wenigstens -gegen die Nähe der heutigen Zirbeldrüse verlaufen -zu sein. Besonders wertvoll wurde bei diesen Studien -die noch auffällig gute Erhaltung des Organrestes bei -dem einzigen heute noch überlebenden Ursaurier der -Triaszeit, der merkwürdigen Brückeneidechse (Sphenodon) -von Neuseeland.</p> - -<p>Längere Zeit machte die Forschung hier halt.</p> - -<p>Das »Scheitelauge« kam als Besitztum der Urweltler, an -das heute noch geringe Reste, obwohl in völlig gebrauchsunfähigem -Zustande, gemahnen sollten, in alle Lehrbücher, -vor allem die am nächsten interessierten geologischen.</p> - -<p>Bis es dann in jüngster Zeit endlich einem Privatdozenten -in Moskau, Nowikoff, gelang, die ganze interessante -Frage noch einmal neu aufzurollen und auf eine -unerwartete höhere Stufe zu bringen.</p> - -<p>Nowikoff stellte nämlich nichts Geringeres fest, als -daß bei unseren bekanntesten heimischen Eidechsen, insbesondere -unserer Blindschleiche, das Scheitelauge auch -heute noch gar nicht als unbrauchbarer Rest, sondern in -energischer Leistung vorhanden ist!</p> - -<p>Verdächtig erschien Nowikoff, daß die Bindegewebsschicht, -die das alte Organ zudeckte, deutlich noch glasartig, -also lichtdurchlässig war. Das Organ nahm also -heute noch Licht in sich auf. Es hatte auch eine Linse, -wenn schon eine schlechte. Es hatte einen Glaskörper, -es hatte eine (gar nicht so üble) Netzhaut, und es hatte -einen Sehnerv zum Gehirn.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p> - -<p>Vor so vollkommenem Apparat mußte die Frage -akut werden, ob das lebende Tier nicht tatsächlich das -einfallende Licht noch »sehend« erfasse – heute noch.</p> - -<p>Anfangs mißlangen die Versuche, dem gefangenen -Tier irgendeine Äußerung abzulocken, ob es (bei Verdeckung -der Seitenaugen) mit dem Scheitelauge mindestens -allgemein Licht empfinde. Schließlich aber glückte -ein anatomischer Beweis.</p> - -<p>Auf der Netzhaut der seitlichen Augen trat bei diesen -Reptilien (wie anderswo) stets eine Änderung einer gewissen -Pigmentverteilung ein, je nachdem das Auge -sehend Licht aufnahm oder im Dunkeln blieb; im -Dunkeln stellte sich die Netzhaut damit auf möglichste -Ausnutzung auch des schwächsten Dämmerlichts ein, bei -greller Belichtung umgekehrt suchte sie etwas abzublenden. -Ganz genau die <em class="gesperrt">gleiche</em> Reaktion zeigte nun die Netzhaut -des Scheitelauges: auch sie <em class="gesperrt">regulierte</em> automatisch -ihre Lichtaufnahme, mußte also sehen!</p> - -<p>Nach der ganzen Sachlage schließt Nowikoff, daß das -»dritte Auge« immerhin schlechter sieht als die beiden -Seitenaugen. Die schlechte Linse gibt wohl keine eigentlichen -Bilder der Dinge. Doch unterscheidet das Organ -noch sehr deutlich Licht und Schatten. Und es unterscheidet -auch an der verschiedenartigen Reizung der halbkugeligen -Netzhaut die Richtung und Bewegung äußerer -Abwechslungen von Dunkel und Hell.</p> - -<p>In diesem Sinne hat das immer geöffnete Scheitelauge -für ein schwaches, sonst sehr schutzloses Tier, das -gern auf hellbelichteten Stellen ruht und dabei im Hitzedusel -die Seitenaugen schließt, immer noch einen ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span> -gewaltigen Vorteil. Es verrät ihm das Nahen lichtabschwächender, -anders belichteter, schattenwerfender -Körper von Angreifern. Man versteht, daß eine fest -schlafende Blindschleiche durch den Lichtwechsel geweckt -wird und sogleich in der entgegengesetzten Richtung -flieht, wenn sich ein Mensch auch nur von fern ihrem -Ort nähert. Das Scheitelauge ist nur ein halbes Auge -heute, aber es dient noch immer einem ganzen Zweck!</p> - -<p>Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, daß es bei -den urweltlichen Sauriern <em class="gesperrt">noch besser</em> funktionierte -als jetzt. So ist auch bei Nowikoffs Studien wieder -bestätigt worden, was andere schon vor ihm vermutet -hatten: es scheint auch an dieser Stelle ursprünglich ein -Augen<em class="gesperrt">paar</em> gelegen zu haben, so daß die echten Urweltler -im ganzen nicht weniger als vier Augen besaßen. -Noch heute bemerkt man hinter dem sehenden Scheitelauge -einen zweiten Augenrest, der noch enger zur Zirbeldrüse -anlenkt, aber gegenwärtig wirklich ganz verkrüppelt -bleibt. Manches in der Lage und dem Gehirnanschluß -spricht aber dafür, daß ursprünglich auch diese beiden -Scheitelaugen <em class="gesperrt">nebeneinander</em> anstatt hintereinander -lagen: erst bei Verkümmerung des einen scheint das -übrigbleibende sich vorgedrängt zu haben, so daß es jetzt -die Spitze der Reihe bildet.</p> - -<p>Die Sage gab dem Schlangenscheitel ein funkelndes -Krönlein. Vielleicht ist die Wahrheit doch noch niedlicher, -die hier das Haupt eines Reptils mit einem feinen -Lichtdeuter krönt, dessen Funkeln schutzbringend in sein -eigenes Gehirn glänzt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p> - -<h2 id="Neues_von_den_Wundern_des_Olm">Neues von den Wundern des Olm</h2> -</div> - -<p class="drop">Wer je einmal durch eine echte, ganz enge Gesteinsklamm -– etwa in unserer Sächsischen Schweiz – -gewandert ist, der wird einen gewissen beängstigenden -Gedanken kennen.</p> - -<p>Immer schmaler wird gelegentlich der tief eingesägte -Spalt, immer kleiner der Ausschnitt Himmelsblau darüber; -eine einzige größere Felsennase, ein einziger alter -Fichtenstamm, der sich dort fast im rechten Winkel von -seiner zäh in einen Riß der Wand eingeklammerten -Wurzel dem kargen Licht entgegen abbiegt, scheint die -Öffnung schon fast ganz versperren zu können. Wie, -wenn der Raum oben noch enger würde, wenn eine ganz -feste Decke sich zusammenschlösse? Dann würde der Maulwurfsgang, -den das Wasser sich im leicht löslichen, -spaltenreichen Kreidegestein hier unten genagt, ganz finster -liegen. Keine Sonne, kein Stern schauten mehr hinein. -Kein Baum grünte mehr. Gespenstig nur murmelten -die schwarzen Wasser durch den schwarzen Tunnel. -Wasser, die irgendwo in einem abgrundtiefen Loch niederstürzend -sich geheimnisvoll hier hineingefunden und -jetzt Stunde um Stunde in absoluter Finsternis dahingingen, -im größeren Gewölbe schwarze Seen bildend, im -engsten bis zur Decke den ganzen Schacht erfüllend.</p> - -<p>Es ist die wahre Situation der unterirdischen Höhlenflüsse -und gänzlich geschlossenen Höhlenklammen des<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span> -Karstgebirges im adriatischen Küstengebiet Österreichs, -was die ängstliche Phantasie sich hier ausmalt.</p> - -<p>Das wühlende, den morschen Stein zerfressende Wasser -hat dort nicht bloß von oben Rinnen und Kessel getieft: -es hat ganz im Unterirdischen selbst Labyrinthe angelegt, -die nur bei künstlichem Licht besucht werden können.</p> - -<p>Als zum erstenmal eine Sage im Lande von diesem -Tartarus der Tiefe entstand, knüpfte sich aber gleich auch -der Glaube an scheußliche Drachenbrut daran, die da -unten hausen sollte. Wir denken heute mit einigem -Lächeln, aber doch auch etwas unwillkürlichem Gruseln -an Jules Vernes Erfindung, daß in solchen nachtverhangenen -Urwassern des Erdengrundes noch die Ichthyosaurier -der Urwelt fortlebten. Davon ist nun leider -nichts wahr gewesen. Aber ein Tier vom alten amphibisch-reptilischen -Drachenstamm, soweit ihn auch der -Naturforscher kennt, wurde wirklich in der Folge da -drinnen im schwärzesten Styx gefunden, ein körperlich -kleines Geschöpf, aber darum vielleicht das größte Tierwunder -unseres ganzen Erdteils.</p> - -<p>In unseren offenen Gebirgsklammen begegnet man -auf dem feuchten Moos wohl jenem wie schwarzes Leder -mit goldgelben Pusteln glänzenden Feuersalamander. -Dieser ebenfalls kleine, aber sagenumwobene Drachenverwandte -liebt Regen und Nässe, aber in seinem gewöhnlichen -Lebensbrauch ist er doch ein Landtier und -Freiluftatmer. Nur seine Wiege steht im reinen Wasser. -Dort macht er, ehe er als das schwarzgoldene Wappentier -ans Ufer kriecht, ein Kinderstadium der zierlichen -Wasserlarve durch, die mit einem Ruderschwanz dahinschwänzelt,<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span> -erst nach und nach Beinchen bildet und am -Halse jederseits wie einen kleinen Federbüschel noch die -Kiemen des echten fischhaften Wasseratmers führt.</p> - -<p>Einer solchen Molchlarve nun, die aber überhaupt -nie zum Landtier wird, ewig im Wasser, und zwar im -schlechterdings finsteren der unterirdischen Karsthöhlen verharrt, -gleicht das Wunderwesen von Adelsberg – der Olm.</p> - -<p>Langgestreckt wie ein Wurm oder Aal ist des Olms -Gestalt, mit spatelförmiger Langschnauze und vier winzigsten -Beinchen. Wie neueste Forschung lehrt, ist das -eine Anpassungsform seines Leibes, entsprechend der Gewohnheit, -sich am Boden des Seichtwassers seiner Höhlenschlünde -in den nachgiebigen Schlamm einzugraben, wobei -die Schnauze bohrt und die Beinstummelchen bloß -nachschieben.</p> - -<p>Das »Menschenfischlein« nennen ihn die Grottenfischer, -denn dieser Wurmleib ist fleischfarben-farblos, -ohne dunklere Pigmentschicht wie ein nackter europäischer -Mensch: eine Wirkung der ewigen Nacht.</p> - -<p>Mit Staunen aber sahen die ersten wissenschaftlichen -Olmforscher diese Nacht auch waltend noch in einem -ganz besonderen Zuge seiner Organisation. Sven Hedin -erzählt uns von den büßenden Einsiedlern in Tibet, die -sich bei karger Nahrung vierzig und mehr Jahre in dunkler -Zelle einschließen lassen; als solcher Eremit im Alter -noch einmal ans Licht gekommen, sei sein Auge farblos -und blind gewesen. Und ein ähnlicher Kerkerheiliger erscheint -uns auch der Olm.</p> - -<p>Beim erwachsenen Tier erweist sich das Auge als -verkümmert, die Linse fehlt, und ihr Platz ist durch eine<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span> -Wucherung der Netzhaut ausgefüllt, während gleichzeitig -die äußere Körperhaut in voller Dicke das ganze Auge -bedeckt, ihm also dauernd den Charakter eines »geschlossenen -Auges« ohne Möglichkeit eines Lidaufschlagens verleiht.</p> - -<p>Seit über hundert Jahren bemüht sich die Wissenschaft -jetzt um diesen Olm und seine Wunder.</p> - -<p>Nur einen einzigen Genossen auf der großen Erde -hat er hinsichtlich seiner Lebensweise in der Zeit bekommen: -beim Anbohren eines artesischen Brunnens in -Texas in Nordamerika kam gelegentlich auch dort rein -zufällig ein olmartig blinder, farbloser Höhlenlurch, -<em class="antiqua">Typhlomolge rathbuni</em>, zutage, ohne daß sich doch aus -dieser Entdeckung bisher viel weitere Aufschlüsse ergeben -hätten. Der systematischen Stellung nach schloß sich -dieser Amerikaner nicht an den Olm selbst, sondern die -unten noch zu besprechenden lungenlosen Spelerpesmolche -an.</p> - -<p>Die außerordentliche Schwierigkeit, die aus der ganz -absonderlichen Lebensart dieser Höhlengäste zu erwachsen -schien, wollte lange den Fortschritt unserer Olmkenntnis -trotz eifrigster Arbeit immer wieder lähmen. In letzter -Zeit aber ist das nun doch endgültig anders geworden. -Zu Wien, mitten im lustigen Prater mit all seinen -Wurstbuden und Schießbuden und Schaukeln steht ein -stilles Haus, das der bedeutsamsten Forschung geweiht -ist: die Biologische Versuchsanstalt. In eifriger Feinarbeit -werden dort durch das Experiment am lebendigen -Tierkörper Fragen an die Natur gestellt. Ob erworbene -Abänderung der Färbung sich vererbe, ob ein in der -freien Natur fest eingebürgerter Instinkt sich umzüchten<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span> -lasse unter künstlich veränderten Bedingungen und ob -auch das schon vererbungsfähig sei und so weiter. Hinter -dem Ganzen steht als treibende Idee wesentlich jene -Forschungsart, die von dem großen Physiologen von -Halle, Wilhelm Roux, als sogenannte »Entwicklungsmechanik« -mit wachsendem Glück begründet worden ist. -Erstaunlich über alle Erwartung scheinen auch die Erfolge -schon des kleinen Hauses im Prater, insbesondere durch -die rastlose Tätigkeit Paul Kammerers dort. Und vor -dem planmäßigen Angriff Kammerers hat nun neuerdings -auch der kleine zähe Finsterling, der Olm, endlich einiges -mehr von seinen Geheimnissen ausplaudern müssen.</p> - -<p>In einer alten Zisterne des Hauses, das ursprünglich -öffentlichen Aquariumszwecken gedient hatte, wurde gewissermaßen -eine künstliche Adelsberger oder Kanzianer -Grotte geschaffen. Fünf Meter wenigstens taucht man -auch hier unter den sonnigen Praterboden in einen -schwarzen nassen Schlund hinab, den nur ein rotes Glühlämpchen -gespenstisch erhellen darf, und den Schreiber -dieser Zeilen, der nicht eben der geschickteste Kletterer -auf schlüpfrig-schwindligem Terrain ist, mutete der Besuch -schon einigermaßen wie eine wirkliche Höhlenpartie -an.</p> - -<p>Was aber sonst nicht immer als bauliches Ideal -gelten dürfte, wird da drunten zum Segen: durch die -gemauerte Decke tropft das Sickerwasser so reichlich, daß -es schon zu richtigen Stalaktitenbildungen gekommen ist, -von unten aber überschwemmt das Grundwasser beständig -den defekten Zementboden. Das verdunstende Wasser -hält die Luft sozusagen im Bad, ewige natürliche Finsternis<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span> -waltet, keine Erschütterung bewegt den Spiegel, und -die Temperatur bleibt unabhängig von allem Wechsel -der Jahreszeiten bei 12 bis 14 Grad Celsius.</p> - -<p>Als menschliches Gefängnis wäre das die greulichste -Folterkammer, vergleichbar der römischen, wo sie den -Sonnenkönig Jugurtha einst verschmachten ließen. Der -Olm aber findet hier sein Paradies. Hier läßt er sich -in vollkommener »Naturtreue« studieren, womit zugleich -dann für abändernde Experimente in oberirdischen, erhellten -und anders temperierten Aquarien die nötige Kontrolle -gegeben ist.</p> - -<p>Das erste, was Kammerer enträtselte, war die Fortpflanzungsgeschichte -des Olm. Die Grottenführer in -Adelsberg und St. Kanzian hatten stets behauptet, der -Olm bringe lebendige Junge zur Welt. Eine älteste, -genau protokollierte Beobachtung schien das zu bestätigen. -Andere Befunde aber widersprachen ebenso entschieden. -In den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts -erlebte eine höchst vorzügliche wissenschaftliche Beobachterin, -Fräulein von Chauvin, daß ihre Olme im Aquarium -Eier legten, und ein anderer Forscher sah aus solchen -Eiern auch die jungen Tiere hervorgehen. Neuerdings -aber war in einem solchen Aquarium rein unbegreiflicherweise -auch wieder vorgekommen, daß ein Weibchen -statt der zahlreichen Eier einen einzelnen, schon recht -stattlichen Olm lebendig zur Welt gebracht hatte. Findige -Köpfe hatten also schon die Vermutung aufgestellt, -es gebe zwei verschiedene Olmarten, die sich in dem -Punkte entgegengesetzt verhielten. Kammerer konnte dagegen -jetzt folgendes als sicher festlegen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p> - -<p>Die Fortpflanzungsform des Olm ist abhängig von -der Temperatur des Wassers, in dem man ihn hält. -Hielt man ihn bei weniger als 15 Grad Celsius (also -in der besagten unterirdischen Zisterne der Versuchsanstalt), -so brachte er unter allen Umständen lebende Junge -zur Welt und zwar normalerweise nur je zwei, die bereits -ziemlich groß waren und schon alle vier Beine besaßen. -Diese zwei hoffnungsvollen Sprößlinge hatten -sich bereits im Mutterleibe als die alleinigen Sieger bewährt, -indem sie den ganzen nicht entwickelten Rest der -Eier dort einfach aufgefressen hatten, ein Kampf ums -Dasein und embryonaler Kannibalismus schon vor der -Geburt, den man nur mit einigem Grausen verzeichnet!</p> - -<p>Hielt man den Olm dagegen in Aquarien mit Wasser, -das wärmer war als 15 Grad Celsius, so legte er ebenso -konsequent stets Eier und zwar diesmal bis zu 60 an -der Zahl, aus denen entsprechend viele noch fußlose -Junge erst nachträglich auskrochen; diese Jungen dauernd -am Leben zu erhalten gleich den anderen, gelang aber -nicht.</p> - -<p>Und schon letzteres deutete darauf, wo der <em class="gesperrt">natürliche</em> -Fall liegt: in ihren heimischen Grotten entspricht -die Temperatur stets nur der in der Wiener Zisterne -– der Olm bringt also auch dort unabänderlich nur -seine zwei lebendigen Jungen hervor, während das Eierlegen -nur eine Aquariumskünstelei ohne weiteren Erfolg -ist.</p> - -<p>Daß es sich nicht um zwei verschiedene Arten des Olm -handeln kann, wurde ebenso evident, als bei Kammerers -Versuchen ein uraltes, schon über zwanzig Jahre in der<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span> -Gefangenschaft gehaltenes Olmweibchen zuerst im warmen -Becken Eier legte und dann selber, in die kühle Zisterne -zurückversetzt, dort wieder zwei lebendige Jung-Olme -brachte. Licht oder Dunkelheit beeinflußt die ganze Sache -nicht. Wohl aber beginnen hier für sich wieder interessante -Versuche Kammerers, die jetzt die persönliche Abänderung -des künstlich belichteten Olms betrafen.</p> - -<p>Wenn man erwägt, daß die Olme doch höchstwahrscheinlich -schon seit Jahrtausenden Generation um Generation -ihr Wesen in stygischer Finsternis treiben, so wäre -es wahrlich naheliegend, zu denken, daß ein erzwungenes -Leben im hellen Licht jeden Olm notwendig töten müsse. -Das gerade Gegenteil ist der Fall.</p> - -<p>Will man den Olm in seinen Naturbedingungen -studieren, so muß man ihn natürlich möglichst dunkel -halten. Man <em class="gesperrt">kann</em> ihn aber ebensogut ans Tageslicht -gewöhnen. Bloß bekommt er dann Pigmenteinlagen -in der Haut: das heißt, er wird nach einer gewissen Zeit -individuell aus einem Weißen zum Neger mit dunkler, -zuletzt blauschwarzer Haut. Diese Umfärbung vererbt -sich bei richtiger Stärke auch auf die Jungen, und zwar -auch dann, wenn diese Jungen selber wieder im Dunkeln -geboren worden sind und sich dort entwickelt haben – -wobei im Sinne moderner, sehr kniffliger Vererbungstheorien -allerdings noch offen bleibt, ob hier ein echter -Fall von Vererbung einer erworbenen Elterneigenschaft -vorliegt oder ob die Lichtstrahlen, die den Elternleib -äußerlich schwärzten, durch ihn hindurch auch schon die -Eier und mit ihnen alles, was je daraus werden sollte, -für immer mitgeschwärzt hatten. Viel wunderbarer als<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span> -dieses erzwungene Negertum aber ist, was Kammerer -durch Belichtung beim Olm<em class="gesperrt">auge</em> erzielte.</p> - -<p>Wie gesagt, ist das im Finstern unbenutzte Auge des -erwachsenen Olms hochgradig verkümmert; es entspricht -in unserem normalen Menschensinne einem linsenlosen, -höchst defekten und ewig im Lid geschlossenen Auge. -Beim neugeborenen Jung-Olm ist das nun noch nicht ganz -so. Das Auge ist hier schon äußerlich deutlicher, erscheint -als schwarzer Punkt; innerlich besitzt es noch eine Linse, -und es ist noch nicht so dick von der Haut überwachsen. -Man hat den Fall wie so oft: das Jungtier spiegelt -noch deutlicher die Ahnenstufe, die einmal für das Leben -im Licht taugliche Augen besessen hatte, während das erwachsene -Dunkeltier das Auge mehr auf der jetzt gültigen -Stufe des Nichtgebrauchs verkümmert weist. Kammerer -stellte sich nun als Problem, was wohl mit dem -Auge werde, wenn man solche Jung-Olme im hellen -Licht erzöge.</p> - -<p>Der Versuch ergab zunächst eine Schwierigkeit. Die -rasch im Licht einsetzende Negerfärbung verdunkelte nämlich -auch das schwache Häutchen des Jungauges sofort -so, daß eine tiefere Lichtwirkung darunter nicht ferner -möglich wurde. Alsbald aber half die Entdeckung, daß -das Licht einer roten Lampe nicht zu jener dunkeln Pigmentbildung -führt, so daß durch geschickte Abwechslung -mit solchem roten Licht wenigstens der Hauptschaden beseitigt -werden konnte. Jetzt aber ergab sich das in dieser -Stärke denn doch überraschendste Resultat.</p> - -<p>Junge Olme wurden während der ersten fünf Jahre -ihres Lebens konsequent in dieser Weise belichtet. Im ersten<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span> -Jahre verharrten ihre Augen einfach auf dem Jugendstadium, -ohne sich in der sonst hier schon eintretenden -Weise weiter rückzubilden. Im zweiten Jahre schwoll -das Auge unter seiner Haut merkbar an. Im dritten -wölbte es die ganz dünn gewordene Deckhaut uhrglasartig -vor. Im vierten schien eine unverkennbare Hornhaut -entstanden zu sein. Im fünften Jahre wurden die -Augen automatisch genau untersucht, und es zeigte sich -folgender Sachverhalt.</p> - -<p>Die Deckhaut war so verdünnt, daß das Auge fast -vollkommen an die Oberfläche gerückt war. Die reine -Größe des Augapfels hatte sich um mehr als das Doppelte -des im Finstern normalen Maßes verstärkt. Über -die Existenz einer Hornhaut konnte kein Zweifel sein. -Geblieben, nicht wie sonst stets beim erwachsenen Olm -rückgebildet, war die Linse; im Gegensatz zum Jugendstand -hatte sie sich vielmehr noch um das Achtzehnfache -an Länge vergrößert. Als eine völlige Neubildung, die -noch nie, weder bei einem jugendlichen noch bei einem -alten Olmauge, sonst gesehen worden war, hatte sich -aber sogar ein Glaskörper entwickelt. Ebenso war eine -Iris jetzt da, die eine deutliche Pupille umschloß. Die -Netzhaut war flächenhaft ausgebreitet und verdünnt, wobei -die Sehzellen gleichzeitig eine beträchtliche Vervollkommnung -erfahren hatten.</p> - -<p>Mit einem Satz: man hatte ein <em class="gesperrt">Lichtauge</em> vor -sich statt eines Dunkelauges.</p> - -<p>Entspricht der fertige Olm im ganzen einer kiemenatmenden -Larve unseres Feuersalamanders, so kann man -sagen: diese neuen Augen des Lichtolms entsprachen<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span> -ebenfalls jetzt den zum dauernden, lebenslänglichen -Sehen bestimmten Augen einer solchen Feuersalamanderlarve.</p> - -<p>Über den Grad der Sehfähigkeit selbst wagte Kammerer -anfangs kein Urteil, doch scheinen die neuesten -Experimente die Bestätigung zu bringen, daß dem fertigen -Apparat schließlich eben auch der Gebrauch, den man -erwartet, wirklich zukommt. Und so schenkt uns das -glänzende Gelingen des ganzen Versuchs eigentlich einen -neuen Olm: eine Lichtform des Dunkelmolchs, die nicht -mehr auf die finstere Grotte eingestellt ist, sondern sich -vollwertig neben die anderen Molche in diesem Punkte -fügt – die in jedem sonnendurchglänzten Teich ebensogut -leben könnte wie irgendeine unsrer kiemenatmenden -Lurchformen sonst.</p> - -<p>Man ahnt aber, daß, was der Experimentator hier -künstlich vollbracht hat, auch die Natur wohl auf ähnlichen -Wegen aus dem so bildsamen Geschöpf hätte -herausarbeiten können – etwa wenn die dunkeln Decken -seiner Grotten sich gelegentlich durch irgendeine geologische -Wandlung wieder zur offenen, belichteten Klamm -aufgetan hätten.</p> - -<p>So schauen wir auf wirkliche Möglichkeiten geschichtlicher -Umwandlungen der Arten, und der schlichte Einzelversuch -erhebt sich bis zu der Höhe umfassendster biologischer -wie philosophischer Fragen.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p> - -<h2 id="Die_unsterbliche_Amoebe">Die unsterbliche Amöbe</h2> -</div> - -<p class="drop">Der treffliche Burmeister, eine Prachtgestalt älteren -deutschen Gelehrtentums von echtem Schrot und -Korn und ein Original dazu, war in späteren Jahren -dauernd nach Südamerika übergesiedelt, ganz eingesponnen -dort in seine Studien über das heutige kleine -und das ehemalige Riesengetier dieses seltsamen Stücks -Erde. Als jüngere deutsche Freunde ihn dort besuchten, -mit ihm beim goldenen Wein saßen und etwas verwundert -waren, den uralten Patriarchen immer noch so -rüstig als Pionier auf der Schanze zu finden, meinte -er wohl launig: seine geistige Unsterblichkeit sei ihm ja -ein Problem, aber woran er nachgerade wirklich glaube, -das sei seine körperliche Unsterblichkeit.</p> - -<p>Der alte Herr hat zuletzt doch auch diese äußerste -Forschungsreise antreten müssen. An seinen Ausspruch -aber muß ich denken bei einer wissenschaftlichen Streitfrage, -die jetzt auch schon über rund dreißig Jahre zurückgeht.</p> - -<p>Es war zu einer Zeit damals, als in der Naturphilosophie -gerade einmal besonders lebhaft wieder über -geistige Unsterblichkeit debattiert wurde. Da aber kam -einer der allerbesten Köpfe unter den strengen Fachnaturforschern -(kürzlich hat auch er auf die große dunkle -Wanderung müssen) und stellte ganz friedlich den Satz -auf: auf jeden Fall gebe es auf unserem merkwürdigen -Planeten körperlich unsterbliche Wesen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p> - -<p>Nicht der Mensch gehöre dazu, von dem das schwermütige -polynesische Liedchen singt, daß die Palme wachse, -die Koralle sich breite, er aber dahingehen müsse. Auch -die Palme nicht und die Koralle nicht. Wohl aber ein -unsichtbares Reich, das lange in der Phantasie der -Völker geradezu mit Gespenstern bevölkert worden war.</p> - -<p>Wenn früher die Pest oder eine ähnliche Masseninfektion -durch die Kulturmenschheit ging, so erschien sie -wie ein böser Dämon, der uns heimsuchte. Unsere Zeit -hat diesen Dämon entlarvt. In unseren Mikroskopen -hat er sich als jenes Heer kleinster der kleinen, einfachster -der einfachen Lebewesen ausweisen müssen, als Geschöpfe -vom Bakterien- und Infusorienschlage.</p> - -<p>Wir wissen jetzt, daß es auf unserer Erde zwei -Hauptgruppen lebendiger Organismen gibt: die einen, -zu denen alle höheren Pflanzen wie Tiere gehören, zusammengesetzt -aus vielen, oft unfaßbar vielen Zellen; -die anderen zeit ihres Lebens nur bestehend aus einer -einzigen solchen Zelle. Unter diesen »Einzellern« aber -befinden sich jene Massenmörder, Massengifter, die bei -jenen Krankheiten gegen uns wüten und deren wir gerade -jetzt in den schlimmsten Fällen Herr zu werden beginnen -oder doch hoffen.</p> - -<p>Eben von diesen Einzellern aber stellte nun der große -Forscher August Weismann den verblüffenden Satz auf: -sie hätten vor all den sonst so viel höher entwickelten -Vielzellern doch ein ungeheures voraus: nämlich die -Gabe körperlicher Unsterblichkeit.</p> - -<p>Was kein Stein der Weisen, kein wundertätiger Quell -Bimini uns jemals hatte geben können, das sollte jede<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span> -armselige mikroskopische Amöbe besitzen seit Urtagen irdischen -Lebens!</p> - -<p>An sich ist wohl kaum je etwas Verblüffenderes streng -wissenschaftlich behauptet worden. Noch verblüffender -aber wirkte die schlichte Logik der Beweisführung, die -ihren Faden vom allereinfachsten und bekanntesten Sachverhalt -zu spinnen schien.</p> - -<p>Zunächst durfte man die Behauptung selbst ja nicht -verkehrt fassen.</p> - -<p>So ein Bazillus oder eine Amöbe oder ein Malariaparasit -sind nicht einfach todesfest im Sinne, daß man -sie nicht gewaltsam umbringen könnte. Sonst stände es -schlimmer als schlimm um den großen Feldzug unserer -heutigen Medizin. Natürlich kann man auch sie gewaltsam -vergiften, verbrennen und so weiter. Was aber -Weismann meinte, ist, daß solcher Einzeller keinen -<em class="gesperrt">natürlichen</em> Tod kenne.</p> - -<p>Wir alle wissen um den gewöhnlichen, den so oft -als tragisch empfundenen Hergang bei dem höheren -Wesen. Es wächst auf, es erreicht eine gewisse Blüte -seines Lebens – dann, nach einer rund abgemessenen -Zeit, altert es wieder und stirbt endlich, auch wenn -keinerlei Gewalt es bedroht hat; inmitten auch des höchsten -Glücks endet es an Altersschwäche wie eine abgelaufene -Uhr. Wohl mag es auf der Höhe seiner Tage eine -neue, lebenskräftige, wieder junge Generation von sich -haben ausgehen lassen, aber der neue, morgenfrische Aufstieg -dieser jungen Welt des Kindes ändert nichts an -dem Altern und Sterben des Vaters, der Mutter. So -ist es bis zu uns. Der große Held, die edelste Frau,<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span> -der geniale Forscher oder Künstler, der Krösus und der -Bettler: sie schrumpfen und verfallen endlich wie ein -welkes Blatt, wenn ihre gewisse kurze Spanne erfüllt ist.</p> - -<p>Ganz anders aber bei der Amöbe.</p> - -<p>Auch ihr Leib, der nur aus einer Zelle besteht, -wächst zunächst frisch ins Leben hinein. Wenn ihm -dieses Leben aber sonst kein besonderes gewaltsames Ungemach -bringt, so ist der weitere normale Verlauf, daß -dieser Leib auf der Höhe seiner Reife und Gesundheit -sich einfach in zwei lebendige Hälften teilt, von denen -jede sich alsbald wieder zu einem vollkommenen Geschöpf -auswächst. Die so entstandenen zwei Amöben stellen -die Kinder dar, die das alte Leben mit frischer Kraft -beginnen. Zugleich aber ist das elterliche Wesen restlos -in sie aufgegangen: es ist keine Mutter etwa geblieben, -die jetzt zu Altern und Tod bestimmt wäre – keine -Leiche liegt auf dem Plan.</p> - -<p>Die beiden Jungamöben aber werden es zu ihrer Zeit -genau ebenso wieder machen, werden wieder teilen und -damit restlos in ihr Jungbad gehen, ohne daß jemals -ein natürlicher Tod sich einstellte.</p> - -<p>Wenn nur einmal im Anfang der Zeit Leben auf -der Erde entstanden ist und die heute noch lebenden -Amöben die Nachkommen der damals schon gebildeten -sind, so hat sich in Wahrheit in ihnen kraft dieser Methode -leibliches Leben bereits über hundert und mehr -Millionen Jahre fort weitergegeben ohne Todesriß.</p> - -<p>Im einzelnen mag die Teilung selbst komplizierter -sein, als man sich früher dachte, auch recht verschiedenartig -bei den verschiedenen Einzellertypen, aber das<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span> -Schlußergebnis bleibt immer das gleiche: die körperliche -Unsterblichkeit. Unfaßbar viele Pechvögel des Einzellervolkes -mögen auch in jener langen Zeit gewaltsam ihr -Ende gefunden haben. Aber die zahllosen, die noch -immer überleben, überleben auf Grund dieser Unsterblichkeit.</p> - -<p>Der verblüffende Gedanke war aber kaum ausgesprochen, -da begann auch schon das hitzigste Turnier um -ihn. Den meisten erschien er zu paradox, als daß er -wahr sein könnte.</p> - -<p>Ein erster Gegenstoß ging davon aus, daß bei solcher -restlosen Aufteilung einer alten Amöbe in zwei verjüngte -doch die alte Individualität sich auflöse, also gewissermaßen -mit ihr doch etwas sterbe.</p> - -<p>Aber diese Individualitätsfrage führt strenggenommen -schon ins seelische Gebiet, und Weismann hatte sehr geschickt -immer nur von der körperlichen Unsterblichkeit gesprochen. -Mit der »Individualität« erlebt man ja auch -bei so manchen schon etwas höheren Tieren noch die -sonderbarsten Sachen. Noch einen Süßwasserpolypen -kann ich in zwölf Schnitzelchen zerhacken, und jedes -Schnitzelchen ergänzt sich prompt zu einem ganzen neuen -Polypen; jetzt was ist auch hier mit der Individualität -des alten Polypen geschehen? Unser Denken kommt da -einstweilen nicht durch.</p> - -<p>Gewiß aber ist, daß der alte Polyp, körperlich genommen, -dabei nicht getötet worden ist, denn zum Tode -gehört eine Leiche, und keines der zwölf Hackstücke ist -als Leiche liegengeblieben. Genau so fehlte aber die -Leiche bei unserer Amöbe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p> - -<p>Vorsichtigere Kritiker wagten sich denn auch nicht auf -dieses heikle Gebiet, sondern versuchten einen wesentlich -substantielleren Weg, um zu prüfen, ob Weismanns -Idee selber unsterblich sei: sie rückten ihr mit dem unmittelbaren -Experiment auf den Leib.</p> - -<p>Wenn Weismann recht hatte, durfte sich auch in -einer unabsehbaren Kette genau kontrollierter Einzellergenerationen -niemals ein natürliches Altern, ein Altersverfall -einstellen, der endlich doch noch zum körperlichen -Zusammenbruch dieser Kette führte.</p> - -<p>Der Franzose Maupas züchtete also Hunderte von -Generationen eines gewissen Infusoriums und kam zunächst -zu einem höchst bedenklichen Resultat.</p> - -<p>Die betreffenden Liliputaner teilten anfangs glatt, -teilten wieder und wieder, als liefe die Sache anstandslos -auch hier in die Ewigkeit. Aber nach einer Weile -fielen sie ab, degenerierten, gerieten in greisenhaften -Stillstand, der das Ganze unvermeidlich doch noch auf -den Tod losführte.</p> - -<p>Hätte man das Experiment hier für immer abgebrochen, -so wäre Weismanns Idee für immer widerlegt -gewesen, die Leiche im Spiel war gefunden, wenn sie -auch erst nach hundert und mehr Teilungen erschien.</p> - -<p>Aber Maupas mußte einen weitereren Sachverhalt -feststellen, der alles wieder umwarf.</p> - -<p>Wenn man diese Infusorien nicht unter unnatürliche -Bedingungen brachte, sondern sich selbst überließ, so -fanden sie, ehe noch jener scheinbare Altersverfall sich -geltend machte, aus eigener Kraft ein untrügliches -Mittel, ihm vorzubeugen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p> - -<p>Nach einer Reihe einfacher Teilungen veränderten -sie nämlich plötzlich ihr Fortsetzungsprinzip: sie verschmolzen -zu je zwei und zwei, und wenn jetzt aus -dieser Mischzelle neue Teilungen weiter erfolgten, so -bewährten diese erneut die alte Jugend ohne jede senile -Gefahr.</p> - -<p>Der Vorgang war an sich sehr interessant, weil er -schon eine Vorstufe des Prinzips darstellte, das nachher -im Liebesleben der höheren Tiere und Pflanzen eine so -kolossale und entscheidende Rolle spielen sollte. Zur -Sache zeigte er aber eine Regulierung, die Weismanns -Idee erneut glänzend zu rechtfertigen schien: denn ob -nun Teilung oder Mischung: es blieb dabei, daß keine -Leiche das Spiel unterbrach.</p> - -<p>Emsigste Kritiker wurden indessen nicht müde, nach -dieser »Leiche« weiter zu suchen.</p> - -<p>Der Mischungsvorgang, hochinteressant wie er war, -wurde selbst enger aufs Korn genommen.</p> - -<p>Es zeigte sich, daß die verschmelzenden Infusorien -gleichsam einen Teil ihres Eigengerüstes dabei abbrachen -und erst neu wieder aufbauten. Dieses Abbrechen wurde -als versteckte Leichenbildung gefaßt, als sterbe in jedem -der beiden Geschöpfchen gleichsam seine eine eigene Hälfte -erst ab, ehe die andere zu neuer Lebenskraft sich mit der -anderen von drüben vereinige – ein unsagbar raffiniertes -Durcheinanderspiel von Liebe und Tod fast im gleichen -Moment.</p> - -<p>Die Frage, ob das nicht wieder zu spitzfindig ausgelegt -sei, machten aber erneute Massenexperimente belanglos.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p> - -<p>Calkins züchtete abermals lange Infusorienkulturen -und konnte wiederum feststellen, daß nach einer gewissen -Kette einfacher Teilungen die Lebenskraft haperte und -die Uhr, bildlich gesprochen, anfing nachzugehen. Zur -neuen Regulierung auf das richtige Tempo bedurfte -es aber, so wurde diesmal offenbar, nicht immer jener -Mischung von Individuen. In vielen leichteren Fällen -genügte Abänderung der Nahrung und ähnliches schon.</p> - -<p>Von da aber war nur noch ein kleiner Schritt zu -der Möglichkeit überhaupt, das Senilwerden der Teilgenerationen -auch durch reine Sorgfalt der Pflege und -systematische Abwehr störender Außeneinflüsse dauernd -zu verhindern. Und auch diese Möglichkeit ist, soweit -menschliches Ermessen zurzeit reichen kann, inzwischen -von Jennings und Woodruff wirklich erwiesen worden.</p> - -<p>Sie haben Infusorien durch 2500 Generationen gezüchtet -und kontrolliert. In diesem Falle trat weder -Altersverfall ein noch Vermischung. Angemessene Diät, -die jede Störung der Lebenshaltung ausschloß, genügte -offenbar allein zur Selbstregelung der Lebensuhr. Man -konnte natürlich annehmen, daß bei der millionsten -oder billionsten Generation doch noch die Dinge haperten. -Aber diese Annahme wäre eine durchaus willkürliche, -die einstweilen dem schlichten Sachverhalt nicht -entspricht.</p> - -<p>August Weismann ist also bis zu seinem Tode der -Ansicht geblieben, daß er trotz aller Fehden das Spiel -gewonnen habe. Der Sieg seiner Grundthese bedeutete -für ihn aber zugleich Sieg einer Folgerung, die er -daran geknüpft.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p> - -<p>Wenn die einzelligen Wesen noch keinen natürlichen -Tod kennen und kannten, so muß dieser Tod also erst -innerhalb der organischen Entwicklung bei den vielzelligen -Wesen entstanden sein. Er wäre keine Ureigenschaft des -Lebens, sondern erst eine spätere Zutat. Was aber -könnte diese »Zutat« bewirkt haben? Eine unheimlich -gewaltige Frage!</p> - -<p>Weismann war aber nun der Ansicht, daß unser -menschliches Denken so konstruiert sei, daß es rein wissenschaftlich -alle solche Entwicklungsfragen in der Natur -nur lösen könne nach dem Begriff »Nützlich« oder »Unnützlich«.</p> - -<p>Bei den höheren Pflanzen und Tieren ist jenes -Amöbenprinzip, das elterliche Wesen restlos in die -Jungen ausgehen zu lassen, verworfen worden. In der -Reife ihres Lebens produzieren sie bloß noch Keimzellen, -aus denen die junge Generation erwächst. Sie selbst -bleiben auch danach noch selbständig stehen. Warum -leben auch sie als Eltern aber nun nicht unsterblich fort?</p> - -<p>Weil sie fernerhin überflüssig für die Erhaltung der -Art sind, meint Weismann. Alles Überflüssige ist aber -zuletzt unnützlich im Naturhaushalt und wird im Daseinskampfe -endlich weggezüchtet, Jede Funktion und jedes -Organ schwinden, wenn sie für die Erhaltung der betreffenden -Lebensform überflüssig werden.</p> - -<p>Franz Doflein, nach dem Rücktritt des ehrwürdigen -alten Meisters jetzt Weismanns Nachfolger auf dem -Freiburger Lehrstuhl für Zoologie, hat dagegen versucht, -der Grundthese eine freundlichere Konsequenz für uns -selbst zu geben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p> - -<p>Wenn das Altern und der Tod keine Grundeigenschaften -aller lebendigen Substanz sind, sondern bloß -eine mehr oder minder äußerliche Zutat, die (wie jene -Infusorienexperimente zu beweisen scheinen) wesentlich -doch nur eine Abnutzungserscheinung durch Ungunst der -äußeren Verhältnisse im unmittelbaren Effekt darstellt, -so ließe sich ein erneutes änderndes Eingreifen durch -unsere Intelligenz denken. Es werde zwar ein Phantom -bleiben, das Menschenleben ins Unendliche zu verlängern. -»Aber indem durch genaue Erforschung eine Anzahl der -günstigen Bedingungen ausfindig gemacht werden und -für ihre Wirksamkeit während der Entwicklung des Lebens -des Individuums gesorgt wird, während möglichst viele -Schädigungen ausgeschaltet werden, muß es möglich sein, -die Abnützung des Körpers hinauszuschieben, seine Leistungen -länger auf der Höhe zu erhalten und das Leben -als Ganzes zu verlängern.« In diesem Sinne seien die -bekannten Ideale Metschnikoffs von einer gewissen Verlängerung -des individuellen menschlichen Lebens wirklich -würdige Ziele für den Forschergeist.</p> - -<p>In der Tat ist ja kein Zweifel, daß sich beim Menschen, -selbst wenn wir auch ihn in diesem Zusammenhang -als bloßes Naturprodukt unter dem Nützlichkeitssinn -ansehen wollen, an dieser Stelle wieder etwas ganz -entscheidend verschoben hat.</p> - -<p>Der »Nutzwert« des Individuums auch über den -Neuzeugungsakt hinaus ist schier ins Unendliche bei ihm -gestiegen.</p> - -<p>Schon im höheren Tier überhaupt sehen wir die Bedeutung -des noch eine Weile fortlebenden Elterntiers<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span> -zum Schutz der Jungen und damit der Art rapid zunehmen. -Im Menschen treten dazu aber nun die -enormen Fortschrittsleistungen des Einzelnen für das -Ganze, die unabhängig von aller körperlichen Fortpflanzung -in Forschung, Kunst, Gemeinarbeit jeder Art, in -Vorbildlichkeit des Charakters und so fort sich bewähren -und durch Lehre, Tradition, geleistetes Werk -selbständig fortzeugend in einer anderen Linie für sich -weiter wirken. Von einem »fernerhin Überflüssigen« in -Weismanns Sinne kann hier also unmöglich mehr geredet -werden.</p> - -<p>Jede Förderung dieser individuellen Leistung muß -fortan wieder eminent wichtig für die »Menschenart« -sein – in tausend und tausend Einzelfällen kann sie -sogar wichtiger sein als die Neuzeugung selbst, wenn -auch letztere natürlich ihre eigene Notwendigkeit daneben -stets wahrt. Zu diesen Forderungen könnte aber natürlich -auch eine rein zeitlich vermehrte Dauer gehören, die -ein stärkeres Ausspielen und Ausstrahlen der individuellen -Kräfte ermöglichte. Wer denkt hier nicht an Goethe, -dem vergönnt war, über achtzig Jahre in Kraft auszuleben -und der mit zweiundachtzig noch an seinem »Faust« -arbeitete, an Humboldt, der mit neunzig Jahren noch bei -seinem »Kosmos« saß.</p> - -<p>Das Nützlichkeitsgesetz, das im niederen organischen -Wesen nach Darwins und Weismanns Auffassung als -blind ausmerzende oder begünstigende Zuchtwahl waltete, -ist für den Menschen aber jetzt überall in seine eigene -Intelligenz eingegangen. »Nehmt die Gottheit auf in -euren Willen,« sagt (nur mit etwas anderen Worten)<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span> -Schiller. Mit seiner Intelligenz überschaut der Mensch -jetzt die Dinge und leitet sie bewußt in die <em class="gesperrt">ihm</em> günstigere -Bahn. Und so mag auch an dieser Stelle die -fortschreitende Intelligenz resolut den Wechsel begreifen -und mag im Maß ihrer wachsenden Kräfte erneut einzugreifen -suchen. Wie weit, das verliert sich freilich -in blauen Zukunftsschleiern.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span></p> - -<h2 id="Goldene_Tiere">Goldene Tiere</h2> -</div> - -<p class="drop">Wer von uns hat nicht in phantasiefroher Kinderzeit -einmal gebebt unter den Schauern der Sage -vom Argonautenzug!</p> - -<p>Wie Jason mit seinem Heldenschiff gen Kolchis fährt, -um das goldene Widderfell zu holen, das von einem -Drachen bewacht an einer Eiche im Areshain hängt …</p> - -<p>Kolchis ist die Kaukasusecke des Schwarzen Meeres, -damals für einen Griechen ein so fernes Sagenland wie -uns Europäern von heute etwa das Innere von Neuguinea. -Die Argonautenfabel ist wilder und menschlich -kleiner als Ilias und Odyssee, denen man, aller Homerkritik -zum Trotz, eben doch auf Schritt und Tritt die -läuternde Hand einer ganz großen Dichterpersönlichkeit -anmerkt, während dort nur noch die rohe Mythe zu uns -spricht. Aber um so packender für die Jugend schlägt -die reine Abenteuerlichkeit der Handlung durch. Und -dabei ist auch hier charakteristisch, wie die Sage mit -naiven Effekten das Stärkste erreicht.</p> - -<p>Ein Häuflein Gold in der Größe und Dicke eines -Widdervlieses ist gewiß noch kein besonders großer Schatz. -Aber das Aparte, das Verblüffende ist, daß ein lebendiges -Säugetier Gold am Leibe getragen haben soll. -Dieses Tierfell lohnte schon die verwegenste Heldenarbeit!</p> - -<p>Zugleich aber fehlt auch der Zug nicht, daß in allem -bunten Märchenspuk die dunkle Kunde von einer nüchtern<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span> -realen Sache gleichsam das Gebein zu bilden pflegt. -Wo immer wir heute naturgeschichtliche oder historisch-geographische -Forschung an diese Griechenlegenden -wenden, kommen solche Wirklichkeitsgebeine zutage, ohne -daß der Duft der Sage sich deshalb zu verlieren brauchte. -An dem Fleck des alten Labyrinths auf Kreta, wo der -Stiermensch Minotaurus gewütet haben sollte, ist vor -kurzem die Stätte alter Kampfspiele der mykenischen -Kulturepoche ausgegraben worden; zoologisch bestimmbare -Knochen beweisen, daß der heute ausgestorbene -riesige Urstier dort noch vorgeführt wurde, und ein Wandgemälde -aus der Zeit verewigt noch solchen gefährlichen -Stierkampf in anschaulichster Form.</p> - -<p>Und so erfahren wir auch aus den späteren Quellen -griechischer Wissenschaft selbst noch von einer althergebrachten -Sitte der Kaukasusbewohner, daß sie zottige -Schaffelle in ihre Bäche hingen, um die natürlichen -Goldteilchen, die von den Wassern dieses metallreichen -Gebirges geführt wurden, aufzufangen – eine nüchterne -Praxis, den mancherlei Methoden unserer Arbeiter in -Silberseifen und Goldwäschen damals schon durchaus -ähnlich.</p> - -<p>Was aber kein antiker Grieche wußte, ist die Tatsache, -daß es wirklich auf unserer Erde Säugetiere gibt, -die ein »goldenes Vlies« tragen.</p> - -<p>Freilich kein Vlies, aus dem man echte Goldstücke -prägen kann.</p> - -<p>Als das Leben sich seine zwölf bis zwanzig mineralischen -Elemente aneignete, die teils notwendig, teils hilfsweise -seine wunderbaren Zellenbauten zusammensetzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span> -war Gold nicht dabei. Wenn es sich ab und zu einmal -in organischen Restbeständen auch von Lebewesen -chemisch nachweisen läßt, in Austernschalen, Pflanzenholz -und so weiter, so war es dort doch nur zufällig durch -das Wasser eingeschleppt worden, das ja für jegliches -Leben eine absolute Notwendigkeit ist, in dem aber vielfältig -(zum Beispiel im Ozean durchweg) feinste Goldrestchen -auf Grund selbsttätiger Goldwäsche der Natur -herumschweben. Zu einer wirklichen Macht im Leben -hat auch dieses schöne Element erst die menschliche Intelligenz -gebracht: vom Zahlgold in der Hosentasche bis -zur Goldplombe im hohlen Zahn!</p> - -<p>Das tierische Goldvlies, das ich meine, ist dagegen -ein Fell, das äußerlich im wundervollsten Goldglanz -gleißt, als sei jedes Härchen einzeln in Schaumgold getaucht -gleich einer Weihnachtsnuß.</p> - -<p>Das erste wirklich dem Fachzoologen bekannt gewordene -Tier, das ein ganz unzweideutiges goldenes -Vlies wenigstens für den Anblick trägt, ist ein Geschöpf -im tropischen Afrika, dessen Anblick aber für -gewöhnlich einfach unmöglich gemacht ist, weil es -nämlich nach der Art unseres Maulwurfs unter der -Erde lebt.</p> - -<p>Jedermann kennt unseren heimischen Wühler, den -Maulwurf. Er selber hat schon ein recht hübsches, -bläulich bereiftes Fellchen. Dieser Mull gehört, wie -wir schon besprochen haben, systematisch weder zu den -echten Raubtieren noch den Nagetieren, sondern zu jener -uralten, heute nur spärlich noch fortlebenden Stammgruppe -der höheren Säugetiere, die man die Insektenfresser<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span> -zu nennen pflegt. Diese Insektenfresser haben aber -in ihrer Entwicklung offenbar von früh an eine Neigung -oder besser einen Zwang gehabt, gewisse Formen doppelt -hervorzubringen. So haben sie den Typus des Igels -zum Beispiel zweimal geschaffen, einmal als wirklichen -Igel und dann noch einmal ganz unabhängig davon -im Borstenigel der fernen Insel Madagaskar. Und -entsprechend gibt es bei ihnen auch zweimal den Mull: -das eine Mal in unserem echten und das zweite Mal -(auch hier vollkommen unabhängig) in einem ebenfalls -erdgrabenden Sprößling jener Borstenigel, den man den -»Goldmull« getauft hat.</p> - -<p>Dieser Goldmull lebt vom Kap bis zum Kongo, und -zwar ebenso extrem unterirdisch, wenn auch meist nicht -sehr tief. Auch ihm ist dabei der kleine fette Leib in -richtiger Anpassung zur Walze oder Wurst geworden, -die schon bald gar nicht mehr nach einem Säugetier -ausschaut. Da gibt es keinen Schwanz mehr und keine -Ohrmuscheln, ja für den äußeren Anblick fast keine -Gliedmaßen mehr; nur die Hände stehen noch als starre -krumme Haken vor, und auf dem Näschen sitzt eine -kleine Schaufel in Gestalt eines Hornschildes; das alles -dient ersichtlich der Technik des Sicheinbohrens und -Vorwärtsdrängelns im trockenen Steppensande, in dem -der passionierte Unterweltler auf die still verborgene -Suche nach Würmern und Insektenlarven geht. Mögen -in dieser afrikanischen Steppe so viel böse Räuber oben -über ihn weglaufen wie wollen: er ist in seinen Sandstollen -sicher, und was sich hier unten herumtreibt, dessen -ist er selber Herr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p> - -<p>Nun aber die Verschwendung. Diesem ewigen Gast -der Finsternis gerade hat die Natur den Argonautenzauber -des Goldvlieses verliehen!</p> - -<p>Jedes Härchen seines Maulwurfsfellchens ergleißt -wirklich und wahrhaftig im schönsten Goldschein. Je -nach der Lichtbrechung mischen sich in dieses Grundgold -noch einzelne goldig angehauchte Farben, die dann gleich -Edelsteinen aus der Goldfassung glühen, bald grün wie -von Smaragden, bald ein unbeschreiblich schönes Violett -gleich Amethysten. Wenn dieser wahre »Dorado«, wie -die südamerikanischen Indianer einst ihren vergoldeten -Sagenkönig nannten, bei uns lebte, so ist gewiß, daß er -längst um seines Königsmantels willen vernichtet wäre, -während ihn jetzt bloß ab und zu ein Kaffer seines -Landes zum schmucken Tabaksbeutel verarbeitet.</p> - -<p>Wozu aber der Glanz gerade in dieser Hütte – -oder in diesem schmutzigen finsteren Bergwerk, muß man -besser sagen?</p> - -<p>Und der Fall wird um so seltsamer, als auch der -zweite Träger eines goldenen Vlieses, den man unter -den Säugetieren kennt, ein mindestens ebenso ausgesprochener -mullhafter Erdgräber im Finstern ist.</p> - -<p>Um ihn zu finden, muß man den dürren Sandboden -diesmal der zentralaustralischen Wüste aufschaufeln. In -ihm steckt und bohrt er genau so verborgen wie der Goldmull -in der afrikanischen Steppe. Australien hat aber -nie Borstenigel gehabt, die dort zu Mullen werden -konnten. Der Hauptstamm seiner eigentümlichen Tierwelt -gehört zu der wohl noch altertümlicheren Gruppe -der Beuteltiere, und folgerichtig ist also auch sein einheimisch<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span> -seit alters zugehöriger Mull ein solches Beuteltier, -ein »Beutelmull«. Im übrigen hat aber auch er -die ganz entsprechenden Hackenhände und auf der Nase -seine eigene Hornschaufel. Die Bergwerke dieses Beutelmulls -liegen so versteckt in ihrer Wüste, daß man erst -in neuerer Zeit und nachdem Australien gerade auf -sonderbare Tiere schon reichlich abgesucht war, seiner zum -erstenmal habhaft geworden ist.</p> - -<p>Nun: auch dieser Beutelmull schimmert in Gold, -wobei auch bei ihm das Fell bald mehr reines Gelbgold -zeigt, bald mehr Silber oder irisierende Edelsteinfarbe. -Abermals das goldene Vlies als Arbeitskleid -eines Tunnelarbeiters!</p> - -<p>Es ist ein ungemein fesselndes Problem, wie gerade -diese lichtscheuesten Gesellen unter unserem Säugervolk -an das im Lichte herrlichste Gewand gekommen sind.</p> - -<p>Eine Reihe gebräuchlicher Erklärungen versagt hier -vollkommen.</p> - -<p>Es kann sich nicht um eine den Tieren nützliche Anpassungsfarbe -handeln, also etwa um einen Schutz, wie -ihn dem grünen Laubfrosch auf grünem Laube sein Grün -gewährt. In der finsteren Sandröhre da unten wird der -goldene Rock dem Mull weder als Jägerrock noch als -Jagdwildverkleidung helfen können; um diesen Vorteil -zu genießen, müßte er schon in künstlich tagheller Goldhöhle -hausen, die es doch nicht gibt.</p> - -<p>Gleichermaßen versagt aber die berühmte Darwinsche -Deutung, daß gewisse gleißende Prachtfarben bei Tieren -so herangezüchtet sein könnten, daß die Tiere selbst an -der Pracht ihre Freude gehabt und bei der Liebeswahl<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span> -von jeher die farbenprächtigsten Exemplare begünstigt -hätten. Abgesehen davon, daß durch diese Methode -immer nur eine schon vorhandene glänzende Farbe (also -hier der Goldglanz) gesteigert, aber nicht erst die Farbe -selbst geschaffen worden sein kann, ist dazu mindestens -doch nötig, daß die verliebten und farbenfrohen Tiere -sich <em class="gesperrt">sehen</em> können.</p> - -<p>Schon unser heimischer Maulwurf hat aber stark -verkümmerte Augen, was bei seiner Finsterlingsart und -Dreckwühlerei ja gut genug zu verstehen ist; nötigenfalls -ans Licht gebracht, sieht er zwar noch, aber seine Hauptmittel -im eigentlichen Jagdgebiet sind schon Tasten, -Riechen und Hören.</p> - -<p>Bei dem Goldmull aber zieht sich geradezu das Haarfell -auch über die Augen fort, sie verharren also dauernd -im Schlafzustande der fest geschlossenen Lider. Und erst -recht beim Beutelmull liegt außer der Haut auch noch -ein Muskel unmittelbar auf dem völlig verkümmerten -Augenpünktchen, so daß hier auch nur vom schwächsten -Erfassen eines Lichtscheins keine Rede mehr sein kann. -Diese Nachtwächter haben eben einfach ihr Sehen abgeschafft -– folgerichtig ist es aber auch nicht möglich, daß -sie sich, mögen sie in ihrem Tartarus sonst so verliebt -sein, wie sie wollen, auf »Gold« hin selber durch Liebeswahl -heraufgezüchtet haben könnten.</p> - -<p>So sehr das Goldvlies uns eine Hauptsache erscheint: -es macht den Eindruck, als sei es nur eine indirekte -Folge von etwas anderem.</p> - -<p>Haben die Fellhaare dieser Unterweltler irgendeine -nützliche Struktur sonst sich angeeignet, die als Begleiterscheinung<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span> -ohne eigenen Nutzzweck den Goldschein mit -sich brachte, etwa im Sinne, wie unser Blut zufällig -seine schöne rote Farbe hat?</p> - -<p>Oder frißt der Mull da unten irgend etwas, das -ihm besonders gut bekommt, das aber sein Haar nebenbei -irgendwie chemisch vergoldet, ohne daß diese Vergoldung -selbst ihn weiter förderte oder störte?</p> - -<p>Für den letzteren Fall könnte man wirklich nun auf -allerlei verwegene Gedanken kommen.</p> - -<p>Vom afrikanischen Goldmull wie vom australischen -Beutelmull wird berichtet, daß sie als echte »Insektenfresser« -besonders gern und massenhaft gewisse Schmetterlingsraupen -und Engerlinge (Larven) von Bockkäfern ihrer -Heimat verzehren. Speziell vom Goldmull des Kaplandes, -der dort den Gärtnern genau so vertraut und, je nachdem, -verhaßt wegen des Wühlens, erwünscht wegen des Insektenvertilgens -ist wie bei uns der Maulwurf, hören wir, -daß er hauptsächlich von Raupen lebt, und zwar besonders -denen einer sogenannten Plusiaeule, die sich tagsüber an -den Wurzeln ihrer eignen Futterpflanze verkriechen.</p> - -<p>Nun spielt aber bei Käfern und Schmetterlingen der -Goldglanz selber wieder seine Rolle. Jeder weiß von -»Goldkäfern«. Gewisse tropische Bockkäfer erscheinen -wie in eine Goldlösung getaucht. Auf Schmetterlingspuppen -schimmern die schönsten Goldflecken. Ausgespart -aber jene Plusiaeulen, von denen ungefähr zwanzig -Arten auch bei uns vorkommen, führen seit alters geradezu -den Namen »Goldeulen«!</p> - -<p>Die meist kleinen Schmetterlinge, die man »Eulen« -nennt, wirken in ihren langen Sammlungsreihen durchweg<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span> -sonst unscheinbar, ja langweilig, sofern man nicht -auf die feinen Ornamente ihrer Deckflügel achtet. Plötzlich -aber bei den Plusiaeulen wird das anders. In -die schlichte Flügelzeichnung fließt plötzlich Gold ein -in verschwenderischer Fülle. Nicht roh hinzugemischt, -sondern sorgsam aufgenommen in den feinen Rhythmus -der Ornamente. Bald färbt es rein in den Umriß -eingewebt gewisse Bänder, die anderswo bloß in -Sepiazeichnung den Flügel belebten, bald schwimmt es -als Spiegel in Rundflecken, bald bildet es ganz eigene, -schön gezackte Felder auf dem dunkeln Grunde von -hoher stilistischer, jedes Künstlerauge entzückender Durchbildung. -Sie sind ja auch sonst geheimer Zeichen und -Wunder voll, diese Eulenflügel, sobald man genau hinsieht. -Eine der bekanntesten Plusiaeulen führt den -griechischen Buchstaben Gamma aufs deutlichste dort, -daher ihr Name Gammaeule. Wo nun Gold hinzutrat, -da schmiegte es sich ebenfalls durchaus diesem Arabesken- -und Hieroglyphenspiel organisch ein.</p> - -<p>Warum aber hat gerade solche Plusiaeule vor so -viel anderen Gold zur Verfügung? Lebt sie von -Pflanzenstoffen, die das chemisch begünstigen? Und -könnten jene grabenden Säugetiere zu ihrem eigenen -Schmuck unwillkürlich gelangt sein, weil sie gewohnheitsmäßig -wieder solche Goldfabrikanten als Nahrung benutzen?</p> - -<p>Die Erklärung hat etwas Verführerisches, nur muß -man sich vor Augen halten, daß sie selber noch lange -nicht alles erklärt, zum Beispiel noch ganz und gar -nicht, wie es kommt, daß nun etwa bei solcher Plusiaeule<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span> -der als Nahrung aufgenommene Stoff sich gerade -in derartigen köstlichen Mustern und Ornamenten von -hoher rhythmischer Stilisierung betätigt, während er -beim Goldmull einfach das ganze Fell gleichmäßig vergoldet.</p> - -<p>Hier mischen sich offenbar noch wieder besondere, -vorläufig unbekannte Gesetzmäßigkeiten ein, die das einfache -Wort »chemischer Einfluß« nicht erschöpft.</p> - -<p>Sicher aber ist es eine Sache zu reichem Nachdenken, -dieses »goldene Vlies«.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p> - -<h2 id="Liberia_und_das_seltenste_Tier_auf_der">Liberia und das seltenste Tier auf der -Briefmarke</h2> -</div> - -<p class="drop">Der Weise, der alles auf die Nützlichkeit ansieht, -versichert uns, daß man beim Freimarkensammeln -Geographie, Geschichte, Politik, eine gewisse juristische -Findigkeitstechnik und wer weiß was noch für vortreffliche -Sachen lernen könne.</p> - -<p>Ich bin nun der Ansicht, daß das Sammeln hier -wie überall in erster Linie eine Glücksquelle sei, und -alle Nützlichkeit des Herrn Professors in Ehren, halte -ich doch stark auf den Wert jedweder Vergnüglichkeit -in dieser Welt als Selbstzweck. Wenn aber durchaus -auch hier gelernt werden soll, so läßt sich sogar vor dem -Freimarkenalbum eine Zoologiestunde geben.</p> - -<p>Zwar an den älteren mythologischen Wappentieren -ist nicht viel mit wirklicher Tierkunde zu fassen: den -Löwen, die wie muntere Pudel ausschauen, dem Braunschweiger -Weihnachtspferdchen, dem steifen Mecklenburger -oder gar dem alten Moldauer Ochsenkopf, der -schon mehr nach mykenischer Urkunst schmeckt als nach 1858.</p> - -<p>Ob der chinesische Markendrache wirklich auf den -Alligator des Jangtsekiang zurückgeht, weiß ich nicht, -jedenfalls könnte er der Gestalt nach ebensogut von der -berühmten Seeschlange abstammen.</p> - -<p>Wenn das südamerikanische Paraguay nicht den -heimischen Jaguar, sondern den Löwen (und zwar auf<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span> -neueren Marken einen naturgeschichtlich treuen, nicht -stilisierten) führt, so will es offenbar direkt betonen, daß -es <em class="gesperrt">nicht</em> zoologisch echt kommt, denn in Amerika gibt -es keinen echten Löwen.</p> - -<p>Aber in so manchem überseeischen Reich oder Kolonialland -blüht wachsend jetzt ein wirkliches Stück »zoologischen -Gartens« auf den Marken, und man merkt die Hilfe des -tierkundigen Fachmannes.</p> - -<p>Französisch-Guiana zeigt den Yurumi, den großen -Ameisenbären mit riesigem Buschschweif, Guatemala den -altheiligen Vogel des mexikanischen Sonnengottes und -Königshabits, den herrlichen goldgrünen Quesal oder -Prachttrogon.</p> - -<p>Peru hat sein braves Lama, Nordamerika den schönen -weißköpfigen Seeadler und eine Jagd noch auf den Bison, -was schon bald wie prähistorisch wirkt, Neufundland -seinen unschätzbaren Kabeljau, eine Robbenkolonie und -das Ptarmigan, das beliebte Schneehuhn seiner Sportleute, -Kanada auch ein aussterbendes Tier: den Biber.</p> - -<p>Neukaledonien führt stolz seinen landeseigentümlichen -Rallenkranich, den seltsamen Kagu, vor, Neuseeland -den flügellosen Zwergstrauß Kiwi, den Houia (Hopflappenvogel), -bei dem Männchen und Weibchen verschieden -gebaute Schnabel besitzen, und den fleischfressenden -Alpenpapagei Nestor, Neusüdwales den australischen -Emustrauß, den edeln Leiervogel und das Känguruh, -Westaustralien seinen berühmten schwarzen Schwan, -Tasmanien auf einer allerdings nicht ganz vollwertigen -Stempelmarke gar das geheimnisvoll eierlegende Schnabeltier.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p> - -<p>Die bekannteste und technisch schönste Menagerie -gibt das englische Nordborneo – alles Bedeutende, das -es hat, ist darauf: der Samburhirsch und der Argusfasan, -das kolossale Leistenkrokodil und der Orang-Utan, -der groteske Nashornvogel und der possierliche Malaienbär, -der Schabrackentapir, der indische Elefant und das -lange so sagenhafte Doppelnashorn Südasiens, selbst -der geographisch hier nur noch anklingende Kasuar. In -Afrika hat der Kongostaat einen wilden Elefantenbullen, -das portugiesische Nyassa Giraffen, Kamele und Zebras -in wahrhaft monumentalen Maßen.</p> - -<p>Keine moderne Briefmarke aber erscheint mir interessanter -als die Ausgabe 1906 mit der Wertziffer 75 Cents der -Negerrepublik Liberia an der westafrikanischen Pfefferküste.</p> - -<p>In alten Jahrgängen führte Liberia auf heute seltenen -Marken stets hübsch die Gestalt der Freiheit mit -der Mütze, respektabel und etwas langweilig anzusehen -wie alles Symbolische. Mehr und mehr ist es aber -dann auch zoologisch geworden, ist zu Eidechsen, Elefanten -und Schimpansen übergegangen.</p> - -<p>Auf jener hübschen braun und schwarzen Marke -aber erkenne ich in gutem Umriß sein allermerkwürdigstes -Landesprodukt, ein bislang auch fast mythisches Tier, -das doch angetan ist, den Namen dieser kleinen Republik -für alle Zeiten in den Annalen der Naturgeschichte -festzuhalten und mit einem gewissen Glanz zu umgeben, -eine nützliche Verewigung auf jeden Fall im wechselnden -Schicksalslauf politischer Konstellationen.</p> - -<p>Ich meine die einzige noch lebende Nebenform und -Zwergform des populärsten afrikanischen Tierriesen, des<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span> -Flußpferdes oder Nilpferdes, die sich hier in diesem -kleinen Küstenländchen durch irgendein besonderes Stück -Weltlauf erhalten hat.</p> - -<p>Wie der Elefant, wie die Giraffe, wie das Erdferkel -oder das Schnabeltier gehört das gigantische Flußpferd -heute zu den Vereinzelten, Vereinsamten im Tierbereich. -Man weiß von ihm nur, daß es, alles eher als ein -echtes Pferd, einen uralten stehengebliebenen Ausläufer -des Stammbaumzweiges, der einst von den Schweinen -zu den Hirschen und Rindern lief, darstellt; am nächsten -steht es wohl noch den Schweinen.</p> - -<p>Sein Lebensbereich aber hat sich noch in junger geologischer -Zeit arg eingeengt; kam es doch um den Beginn -der Diluvialzeit noch im Florentiner Arno und in -der Londoner Themse vor, während es heute auf das -(immerhin ja für sich noch kolossale) tropische Afrika -beschränkt und selbst in Ägypten völlig fremd geworden -ist. Jene früheren europäischen Nilpferde gehörten dabei -durchweg einer noch etwas größeren Art an. Aber -gelegentlich hat man im Mittelmeergebiet in Knochenhöhlen -doch auch Spuren einer wesentlich winzigeren -Sorte von damals entdeckt, so auf der Insel Samos -einen wahren Pygmäenhippopotamus, der kaum so groß -wurde wie ein wirkliches Schwein.</p> - -<p>Man hat dieses örtliche und zeitweise Herabgehen -in der Körpergröße dort damit zu erklären versucht, daß -es sich um Flußpferde handelte, die durch Zerreißen und -Versinken großer Landgebiete im damaligen Gebiet des -heutigen Mittelmeeres plötzlich auf Inseln isoliert wurden. -Inselsäugetiere haben auf die Dauer meist eine Tendenz,<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span> -klein zu werden; auf Sardinien zum Beispiel sind heute -der Edelhirsch, der Damhirsch und das Wildschwein -merkbar verzwergt. Bei noch stärkerem Abbröckeln -ihres Heimatbodens und Versiegen größerer Ströme und -Landseen hätten dann freilich auch diese Miniaturnilpferdchen -sich überhaupt nicht mehr halten können, so daß -wir heute auf den betreffenden Inselresten nur mehr -ihre Knochen finden.</p> - -<p>Hier aber wurde nun der ferne Weltwinkel Liberia -bedeutsam.</p> - -<p>1844 gab ein Kolonialarzt dort, Morton, die erste -unsichere Kunde, daß in den noch ganz unerforschten, -unwegsamen Binnenwäldern der kleinen Republik ein -solches Zwergnilpferd noch lebend existiere.</p> - -<p>Zuerst erschien das ganz als Pygmäensage, die ja -auch für Menschen immer im dunkelsten Afrika geblüht -hat, bis sie doch eines Tages in Gestalt der wirklichen -Zwergenvölker dort wahr wurde. Als ein emsiger -Museumssammler, Büttikofer, endlich Haut und Skelett -nach Europa brachte, konnte man auch an dem flußpferdischen -Zwerg nicht länger zweifeln. Er wurde nur -so lang wie ein stattlicher Mensch, etwa 1,80 Meter, -was besonders klein wirkte, wenn man den Kopf des -gewöhnlichen großen Hippopotamus danebenstellte, der -bei Exemplaren von 4 Meter und noch mehr Gesamtlänge -allein über 80 Zentimeter mißt. Der Zahnbau -wich so vom großen Bruder ab, daß man schon seinetwegen -einen neuen Gattungsnamen erfinden mußte; -»Choeropsis« wurde der Kleine benannt anstatt des alten -»Hippopotamus«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p> - -<p>Fast noch seltsamere Mär kam aber zugleich von seiner -Lebensweise. Während der Riese bekanntlich den größten -Teil seiner Zeit wie eine Seekuh im tiefen Binnensee- -und Stromwasser verbringt und dabei ein geselliges -Beisammenleben liebt, bei dem die tauchende Herde bald -da, bald dort einen ihrer ungeschlachten Köpfe prustend -und luftschöpfend sehen läßt, sollte der Zwerg einsiedlerisch -im dichten Walde hausen.</p> - -<p>Ein paar beste Museen konnten sich dank jenem -Sammler ein schlecht und recht ohne Lebenskenntnis -montiertes Fell leisten, sonst aber schliefen alle Nachrichten -bald wieder auf lange Jahrzehnte ein, und das -Tier rechnete in den Büchern nach wie vor unter die -Halbbekannten, die Erwünschten, aber wie im Zauberwald -für uns Verschlossenen – immer eine unbehagliche -Sache für einen letzten Mohikaner auf so winzig umschränkter -Scholle, dem eine einzige Epidemie oder sportliche -Flintenschießerei wissenschaftlich indifferenter »Afrikaner« -den Garaus machen konnte.</p> - -<p>Und auch nach dem Tage, da Choeropsis den Ruhm -erlebte, auf einer Freimarke seines Landes sozusagen -national wie international aufzutreten, sollten noch sechs -weitere Jahre vergehen, bis endlich auch in dieses zoologische -Geheimnis volles Licht fiel.</p> - -<p>Wirklich noch rechtzeitig, denn Choeropsis lebte, und -der erste, der endgültig jetzt den Schleier von ihm lüftete, -stand im Dienste der zoologischen Sachforschung und -nicht der tiermordenden Sonntagsjägerei; Sonntagsjäger -heißt in den wertvollsten Tierasylen der Erde heute nämlich -leider nicht, wer nicht schießen kann, sondern wer so gut<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span> -schießt, daß er in einem »Sonntag« mehr zwecklos verderben -kann, als der Tierforschung in Jahren wieder -gutzumachen ist. Der alte Hagenbeck sollte es einmal -wieder sein, auf den das spannende Abenteuer gewartet -hatte. Man kennt die glückliche Mischung von Geschäftsgeist -und Chancen für die Wissenschaft, die dort -bestand. Solches Unikum, lebend zum erstenmal nach -Europa gebracht, gibt dem Tierpark in Stellingen jedesmal -eine große Sensation und erzielt im Verkauf an -einen anderen Garten Liebhaberpreise, die selber nichts -vom Zwerg haben; zugleich aber besteht das Faktum, -daß mit solchem geschickten Fang und Import des lebenden -Tieres durchweg auch die zunächst wichtigste Tat -im Sinne der wirklichen Wissenschaft getan zu sein pflegt; -für den Rest sorgen dann schon die Professoren selber.</p> - -<p>Bei Hagenbeck ging so etwas aber stets im großen -Stil. Er schickte also auch diesmal einen tüchtigen -Mann, Hans Schomburgk, eigens nach Liberia mit der -strikten Order, so viel lebende Zwergnilpferde wie möglich -zu fangen und nach Stellingen zu bringen; wie -einst der selige Bennett zu Stanley sagte: »Finden Sie -irgendwo in Innerafrika Herrn Livingstone.«</p> - -<p>Und Schomburgk drang mit außerordentlicher Zähigkeit -in die schwierigen Flußwälder Liberias ein, ließ -Hunderte von Fallgruben herstellen und erreichte planmäßig -wirklich sein Ziel. Vor einiger Zeit sind in Stellingen -fünf lebende Zwergnilpferde, dabei ein alter Bulle -und ein junges Pärchen, programmäßig eingelaufen. -Ein Exemplar lebt jetzt im Berliner Zoologischen Garten, -dieser herrlichen Lehrstätte moderner Tierkunde, die unter<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span> -Ludwig Hecks Leitung eine immer umfassendere wissenschaftliche -Bedeutung erlangt hat. Seitdem kennt man -die wahre Gestalt, den Charakter und die heimische -Lebensart des so überaus merkwürdigen Geschöpfes; dieses -Kapitel der Naturgeschichte ist gerettet.</p> - -<p>Unser großer Hippopotamus ist, niemand bestreitet -es, im eigentlichen Sinne ein Scheusal. Er hat jenes -Zerflossene, sozusagen in den Proportionen Aufgelöste, -das alle Säugetiere zuletzt im Wasser annehmen. Der -ungeheuerliche Kopf geht auf den Pottfisch, der Leib -wird zur schleifenden Walze, die Beine degenerieren.</p> - -<p>Dem kleinen Bruder sieht man dagegen sofort an, -daß er niemals so extrem Wassertier geworden ist. Er -bleibt dem Tapir (übrigens keinem Verwandten, sondern -einem Pferdevetter), der auch, aber mit Maß, badet, -darin ähnlicher. Ganz ohne Bad kann ja auch der -Zwerg nicht leben, so bewiesen die Gefangenen. Aber -in ihren dichten Urwäldern genügen ihnen dazu schon -die kleinen Bäche. Ausgesprochen lichtscheue Nachttiere, -bergen sie sich auch tagsüber nicht etwa im Wasser, -sondern verstecken sich in selbstgegrabenen Erdlöchern. -Und wenn er dann im Dunkeln in seinem Dickicht auftaucht, -der Zwerg, kommt er in der Tat, wie schon -Büttikofer berichtete, durchweg allein. Ein Einsiedler -ist er, der aber auf seiner einsamen Streife weithin durch -den Forst wechselt, friedlich und harmlos von Wesen, -wie die überaus geduldigen, leicht zu meisternden Gefangenen -dartaten. Kautschukhaft glatt ist auch seine -Livree, wenn er so dahertrabt, doch tragen die Beinchen -viel höher, der Bauch hängt nicht so schleppend wie<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span> -beim Riesenbruder, und am besser proportionierten Kopf -fehlen völlig die ungeheuren Augenringel und Nasenwülste, -so daß das flunderhafte Hippopotamusprofil zu -einer einfachen Dicknase mit wieder richtig seitlich abgerückten -Augen gemildert erscheint. Der Fuß, der -beim Riesennilpferd rein vierzehig aufpatscht, zeigt schon -eine entschiedene Neigung, beim raschen Gang bloß eine -Schweinespur zu hinterlassen, also hauptsächlich die beiden -Mittelzehen zu benutzen, eine Sache, die für die Stellung -im Stammbaum der Paarhufer außerordentlich interessant -ist. Und gänzlich fehlt das »Bluten« des echten -Hippopotamus, eine höchst kuriose Hautabsonderung, die -durch einen weinroten Farbstoff die Sage erzeugt hat, das -Ungetüm schwitze buchstäblich Blut; wahrscheinlich hängt -eben auch diese Absonderlichkeit mit dem langen Wasserleben -zusammen und ist also bei dem Zwerge nicht vonnöten.</p> - -<p>Wie aber kam es, so legt man sich vor dem eigenartigen -Gesellen zuletzt wieder die Frage vor, daß gerade -in diesem Liberiawinkelchen ein solcher Zwerg des alten -Geschlechts saß und sogar bis heute fortleben konnte, -während sonst das ganze große Afrika durchweg nur -den Riesen erhielt?</p> - -<p>Der Zoologe Trouessart hat auch hier auf jene Inseltheorie -zurückgegriffen. Liberia mit seinen kurzen Flüßchen -und seinem starken Gebirgsriegel gegen das tiefere -Afrika bilde auch ohne Wassereinschnitt eine Art Insel -zum übrigen Afrika, in der auch diese Nilpferdchen seit -alters abgeschnitten, isoliert und verzwergt sein könnten.</p> - -<p>Vielleicht ist das doch etwas kühn erdacht, bloß um -die Theorie zu rechtfertigen, zumal da nach Schomburgk<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span> -die Beschränkung nur auf den liberianischen Küstenstrich -nicht feststeht.</p> - -<p>Man könnte aber auch an Einwanderung von einer -etwa heute untergegangenen Insel des Meerbusens von -Guinea denken. In sehr alten geologischen Tagen zog -sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus dieser Gegend eine -Landverbindung bis nach Südamerika hinüber, von der -immerhin zur frühesten Nilpferdzeit noch einzelne größere -Inselpfeiler fortbestanden haben könnten. Damals lag -aber umgekehrt auch noch der ganze Nordwestteil der -Sahara zeitweise unter Wasser, und auch aus diesem -Saharameer konnten Inseln ragen, die Zwergnilpferde -begünstigten.</p> - -<p>So führt uns das harmlose kleine Geschöpf zuletzt -noch in die weite Flut geographischer Fragen, und vielleicht -wird man um seinetwillen noch einmal die Karte -der Vorzeit verändern müssen. Der Sammler aber mag -seine Briefmarke in Ehren halten: über dieses Markentier -von Liberia und seine anknüpfenden Rätsel wird -noch manche Schrift geschrieben werden.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Waldrapp_ein_verschollenes_deutsches">Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches -Tier</h2> -</div> - -<p class="drop">In einem der schönen Flugkäfige für Enten und -andere Wasservögel im Berliner Zoologischen -Garten hausten jüngst ein paar seltsame Vögel.</p> - -<p>Ihr Gesamtanblick verriet eine Sorte des Ibis, des -allbekannten heiligen Vogels der alten Ägypter, dessen -langer Krummschnabel in jedem Kinderbuch bis heute -die Aufmerksamkeit fesselt. Aber ganz schwarz, nur -mit schön buntem Metallschimmer, war diesmal der -»Ibis«, rot prangten nur Schnabel und Beine sowie -der größte Teil des Kopfs, der eigentümlicherweise fast -ganz in einer runzligen Greisenhaut ohne Federn steckte, -dafür aber tief noch im Genick mit einem langen vielfederigen -Schopf gar auffällig stolzierte.</p> - -<p>Alles in allem schon für die einfache Schau ein -recht kurioser Geselle, von dem man gern Näheres hörte.</p> - -<p>Wenn aber Vögel romantischen Empfindungen nach -Menschenart zugänglich wären und von der Geschichte -ihres Volkes mehr besäßen als ein paar altüberkommene -dunkle Instinkte, so würde durch den kahlen Kopf dieses -scheuen Gastes dahinten im Gebüsch seiner Voliere ein -eigenartiger Traum gezogen sein.</p> - -<p>Der Schopfibis (<em class="antiqua">Geronticus</em> lautet der lateinische -Name) kommt heute aus fernem fremdem Erdteil zu -uns, vom asiatischen Euphrat oder aus dem afrikanischen<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span> -Abessinien oder Marokko. In Europa ist seine Stätte -nur noch im Zoologischen Garten unter ausländischem -Getier. Und doch war dieser Fremdling einst ein echter -und rechter Bürger nicht nur europäischer, sondern deutscher -Erde!</p> - -<p>Gute deutsche Namen hat er einmal in allen südlicheren -Teilen des großen deutschen Sprachgebiets geführt, -von denen »Waldrapp«, eine speziell schweizerische -Bezeichnung, die hochdeutsch »Waldrabe« gibt, sich in -der Schriftsprache ihrer Zeit am stärksten durchgesetzt -hatte. Und die Leute, die ihn so nannten, sind nicht -etwa alte Alemannen und Helvetier oder gar Pfahlbauer -oder Mammutjäger der Diluvialzeit gewesen, sondern -Renaissance- und Reformationsmenschen.</p> - -<p>Ein allbekanntes Tier war der Waldrapp damals -im Volke. Chroniken und Naturgeschichten sowohl wie -Gerichte und ihre Urkunden kannten und nannten ihn, der -Koch und der Feinschmecker wußten von ihm zu sagen, -stellenweise bildete er geradezu ein Charaktertier der -Landschaft.</p> - -<p>Die eigentliche wissenschaftliche Tierkunde hatte damals -ja noch nicht entfernt so viele Vertreter wie heute; -aber um so zahlreicher gab es Praktiker, die als Jäger -oder sonst bei ihrem gefiederten Mitvolk im Lande Bescheid -wußten – nicht vom Hörensagen wußten, sondern -weil sie die Tiere selbst alle Tage sahen; und die alle -müssen – vielerlei Anzeichen als Stichproben beweisen -es noch klärlich genug – auch den deutschen Waldrapp -gekannt haben.</p> - -<p>Dieser <em class="gesperrt">deutsche</em> Waldrapp aber ist verschollen seither!</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p> - -<p>In Zeit weniger Jahrhunderte.</p> - -<p>Einer der wunderbarsten, fast möchte man sagen beängstigendsten -Fälle aus der Besitzgeschichte unseres -Vaterlandes liegt hier vor: ein lebendiges Tier geht in -Seiten hellster Kultur, unter den Augen – nein, nicht -unter den Augen, denn gesehen hatte es zunächst niemand -– unserer Naturforscher einfach im Lande unter -wie in Urtagen das Mammut – bis auf den letzten -Kopf, hoffnungslos, für immer.</p> - -<p>Diese Geschichte ist wert, daß jeder sie näher kennen -lernt, denn sie enthält ein Menetekel. Sie predigt mehr -für die Notwendigkeit von Tierschutz und Heimatschutz, -als ganze Bände vermögen. Das gleiche Los hätte die -Nachtigall treffen können in der Zeit. Es kann morgen -da, dort eingreifen, uns dieses, jenes Stück Altdeutschland, -deutscher Natur herausgreifen und in die Versenkung -werfen, wenn wir nicht Gegenmittel ergreifen.</p> - -<p>Nein, sie hatten zunächst schlechterdings nichts gemerkt, -die Naturkundigen; hinter ihnen aber ebensowenig -das ganze unabsehbare Heer der Jäger, Förster, -Landschaftsschilderer, alle, alle, bis zum Koch herab.</p> - -<p>Der Schopfibis wurde im Jahr 1832 von Wagler -als <em class="gesperrt">neue</em> Entdeckung, als eine »neue Tierart aus -Ägypten«, beschrieben, und das war sein tatsächlicher -Eintrittsmoment in die <em class="gesperrt">moderne</em> Wissenschaft. Also -wohlverstanden: als ein Vogel Afrikas, bisher von -keinem europäischen Forscher gesehen, in Europa selbst -völlig unbekannt. Er erhielt einen neuen lateinischen -Namen, kam in Lehrbücher und Museen – als Exote, -den sich die Museen mit mancherlei Mühen von weither<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span> -jetzt übers Meer beschaffen mußten, nachdem er einmal -im Verzeichnis der Arten stand. Nach diesem Datum -vergingen nochmals 65 Jahre bis zu der denkwürdigen -Stunde, da 1897 drei ausgezeichnete, noch lebende Vogelkenner, -die Herren Hartert, Kleinschmidt und Walther -Rothschild, ganz zufällig bei einem Gespräch im schönen -Rothschildschen Museum in London eine der sonderbarsten -zoologischen Feststellungen machten, die jemals -möglich geworden ist: nämlich eben die Feststellung daß -dieser heute nur noch exotisch fortlebende Schopfibis -identisch sei mit dem alten deutschen Waldrapp des sechzehnten -Jahrhunderts, den damals an vielen Orten -jedermann bei uns gekannt hatte.</p> - -<p>Die Entdeckung war an sich nicht schwer. In jenem -sechzehnten Jahrhundert hatte wenigstens ein einziger -wirklich großer Tierforscher und Sachkenner der deutschen -Tierwelt gelebt und geschrieben: Konrad Gesner zu -Zürich. In seinen ursprünglich lateinisch verfaßten, -dann aber gleich auch deutsch bearbeiteten Folianten -ist der deutsche Waldrapp sowohl ganz vortrefflich beschrieben, -wie auch gut abgebildet.</p> - -<p>Der Holzschnitt zeigt auf den ersten Blick, daß man -den heutigen exotischen Schopfibis und nicht eine echte -Rabenart vor sich hat. Der Text sagt auch nur, daß -der Vogel einem Raben in Größe und Farbe »fast -ähnlich« sei. Im übrigen sehen wir den krummen roten -Ibisschnabel und wehenden Nackenschopf, wir hören von -der Kahlheit des Kopfes und dem schwarzen sonstigen -Gefieder, auf dem damals wie jetzt der metallische Spiegel -ergleißte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p> - -<p>Daß der gemeine Mann ihn aber damals mit einem -Raben verglich (er, der ja keinen Ibis zum Vergleich -kannte), wird uns vollends verständlich, wenn Gesner -uns berichtet, daß der Waldrapp nicht nur in »einöden -Wäldern« wohnte, sondern besonders gern »in hohen -Schroffen oder alten einöden Türmen und Schlössern« -nistete, »dannenher er auch ein Steinrapp genannt wird -und anderswo in Bayern und Steurmarck ein Klaußrapp, -von den Felsen und engen Klausen, darinn dann -er sein Nest macht« (Schweizer Deutsch des sechzehnten -Jahrhunderts!). So steil und unzugänglich lägen oft -seine Niststätten, daß »er dann etwan von einem Menschen, -so an einem Seil hinab gelassen, außgenommen -und für einen Schleck gehalten wird, wie er auch bey -uns in etlichen hohen Schroffen bey dem bad Pfäfers -(Bad Pfäffers!) gefunden wirt, da sich auch etliche -Weydleut hinab gelassen haben«.</p> - -<p>Hier allerdings scheint sich eine Schwierigkeit einzudrängen.</p> - -<p>Der Ibis, wie er uns geläufig ist, der schwarz-weiße -der alten Ägypter wie der braunrote oder schwärzliche -der Mittelmeerländer oder der schön rosenrot flamingofarbige -Amerikas: er ist uns doch als Sumpfvogel geläufig. -Aber ausgespart bestätigt der Fall Waldrapp -die Ausnahme von dieser Regel: denn eben der Schopfibis -nistet auch heute in seiner fernen Gegend noch mit -Vorliebe hoch in Felsen und altem Gemäuer, – zum -Beispiel traf man ihn am Euphrat scharenweise so in -den Ruinen eines alten Sarazenenschlosses. Also das -erledigt sich von selbst.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p> - -<p>Gesners Vogelbuch mit seinen zum Teil ganz ausgezeichneten -Bildern war aber nun als ein Grundwerk -neuerer Tierkunde selber niemals vergessen worden. -Wohl aber hatte das Kapitel »Vom Waldrapp« darin -in der Zwischenzeit auch sein eigenartiges Schicksal -erlebt.</p> - -<p>Der große Linné, als er im achtzehnten Jahrhundert -das tat, was eigentlich Vater Adam im Paradiese schon -besorgt haben sollte, nämlich den ganzen Inhalt der -großen Erdenarche mit dauernd gültigen Etiketten versah -– er glaubte selber noch so viel an Gesners Autorität, -daß er dessen Waldrapp als deutschen Vogel ins System -nahm, anfangs als eine Art Wiedehopf, später als -wirklichen Raben; sonst wissen tat er von ihm aber schon -nichts mehr.</p> - -<p>Der treffliche Vogelforscher Bechstein in der Wende -zum neunzehnten Jahrhundert wagte dagegen einen -entscheidenden Schritt. Er prüfte Gesners Bild, gab -selber noch ein anderes altes wieder, konstatierte aber -zugleich, daß es einen so aussehenden Vogel in ganz -Europa ja doch nicht gebe. Nicht mehr gebe – darauf -kam er zunächst nicht. Nein, überhaupt nie gegeben -habe, meinte er. Man habe den guten alten Gesner -genarrt mit dem irgendwie verunstalteten Balg einer -Alpenkrähe.</p> - -<p>Und auf diese voreilige Skepsis hin wurde wirklich -jetzt von der ganzen nächstfolgenden Forschung auch das -Gesnersche Bild abgelehnt und ignoriert – der deutsche -Waldrapp war also gleichsam doppelt verschollen. Und -es bedurfte erst des Zufalls, daß jene drei Vogelkundigen<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span> -im Rothschildmuseum gerade das Gesnerbild, das Bechsteinbild -und endlich ein Bild und einen Balg des längst -inzwischen unabhängig entdeckten exotischen Schopfibis -von heute nebeneinander zu sehen bekamen, womit denn -natürlich augenblicklich Bechsteins Schluß als falsch erkannt, -Gesner wieder anerkannt und zugleich konstatiert -war, daß es sich um einen wirklichen, aber heute auf -deutscher Erde ausgestorbenen Vogel handeln müsse.</p> - -<p>Einmal das Eis gebrochen, ist dann unsre Kunde -vom wenigstens historisch wiedererstandenen Waldrapp -rasch erweitert worden noch über Gesner hinaus. Neuerdings -hat besonders Robert Lauterborn, der so eifrige -und glückliche Arbeiter in der Geschichte deutscher Tierkunde, -das Material gesichtet und vervollständigt.</p> - -<p>Wir wissen aus den verschiedensten Quellen jetzt, daß -dieser dohlenhaft auf Burgruinen nistende deutsche Ibis -außer in der Schweiz auch im Salzburgischen, im weiteren -Österreich, im bayerischen Donaugebiet bei Kelheim und -Passau im sechzehnten Jahrhundert durchaus nicht selten -war. Als Vertilger widerwärtigen Ungeziefers, das sein -krummer Schnabel leicht aus den tiefsten Löchern zog, -wurde er gelegentlich schon damals in Steiermark und -zu Zürich urkundlich geschützt. Nach Stumpfs berühmter -Schweizer Chronik war er um 1606 noch ein »gemein -Wildpret«. Und zum Überfluß verglichen ihn wenigstens -die Gelehrten schon damals selber mit einem Ibis, wobei -einer eine alte Stelle bei Plinius ausgrub, die der Existenz -des Ibis in den Schweizer Alpen gedenkt. Dieses -alte Zitat ist an sich wieder höchst interessant, denn es -ist die einzige antike Quelle über den deutschen Waldrapp.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p> - -<p>Plinius, in der besten Zeit der römischen Cäsaren, -Zeitgenosse des Tacitus, war als Naturgeschichtschreiber -nicht eben ein Mann, dem es auf ein derbes Teil Tierfabeln -ankam. Aber in seinen Tagen begann man sich -aus Staatsräson und sozusagen Kolonialpolitik in Rom -sehr ernst mit der Schweiz und Süddeutschland zu befassen, -und bei dieser Gelegenheit wurde in Amtsberichten -offenbar doch vielerlei über die Natur gerade dieser -Gegenden bekannt, das den Stempel der Echtheit trägt. -Von einem Alpenpräfekten seiner Zeit, Egnatius Calvinus, -hatte nun Plinius gehört, er habe den eigentlich -für Ägypten heimatberechtigten Ibis auch in den Alpen -gesehen. Kaum ist ein Zweifel möglich, daß das wirklich -auf unsern Waldrapp geht, der also in den Römertagen -schon an den Felsen der Alpenstraßen genistet -haben muß, genau wie zu Gesners Zeit.</p> - -<p>Warum aber ging ein so lange dem Lande treuer -Vogel ein?</p> - -<p>Man hat an eine Klimaverschlechterung gedacht, die -das heute auf durchaus warme Länder beschränkte Tier, -dessen meiste Verwandte sogar Tropenbewohner sind, -vom Rhein und der Donau vertrieb; in Wahrheit spricht -dafür aber nichts. Viel deutlichere Sprache dagegen -spricht »der Schleck«, den nach Gesner das »liebliche -Fleisch und weich Gebein« seiner Nestküken den Feinschmeckern -gewährt hätten und um dessentwillen die Nestplünderer -mit Lebensgefahr sich an den steilsten Felsen -herabließen. Wehe dem Vogel, der in Tagen mangelnden -Vogelschutzes durch die Gesetzgebung und den Natursinn -seines Volkes in die Schußlinie eines »Schlecks« kommt!<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span> -Der alte Gesner selber weiß ja noch zu berichten, daß -die Leute seiner Zeit, die die Waldrappjungen aus ihrem -Nest nahmen, »in einem jeglichen eins liegen (ließen), -damit sie am nachgehenden Jahr desto lieber wiederkommen«. -Das war in der geordneten Schweiz von 1500 -und so und so viel. Anderswo und später auch dort -las man's offenbar anders, und zwar so gründlich, daß -die Waldrappen, Zugvögel, wie sie gleich Storch und -Nachtigall waren, eben allmählich nicht mehr wiederkamen. -Um die Zinnen flatterten Dohlen und Tauben, -aber kein Ibis mehr. Der deutsche Ibis war ein ausgeträumter -Traum deutscher Landschaft.</p> - -<p>Wird ihm der Storch, wird ihm wer weiß was noch -alles von den Tieren, die in Sage und Naturschau um -die Wiege unserer deutschen Volkskraft gestanden haben, -in unseren Tagen folgen? Oder werden wir den Heimatsinn -finden, der wenigstens jetzt solche nicht mehr zu -sühnenden Sünden an unserem Heimatsbilde endgültig -bannt?</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Gespensterzug_der_Lemminge">Der Gespensterzug der Lemminge</h2> -</div> - -<p class="drop">In den letzten zehn Jahren hat sich in Skandinavien -mehrfach hintereinander wieder ein uraltes Volksgespenst -sehen lassen: der mysteriöse Massenzug der -Lemminge.</p> - -<p>Heute geschieht ja da drüben besonders viel für die -Bauernbildung, und ich weiß nicht, ob man sich im -Winkel noch als echt weitererzählt, was mindestens in -früheren Jahrhunderten dort für eine unerschütterliche -Wahrheit galt. Da aus der alten Gespenstergeschichte -aber bis heute eine heftige wissenschaftliche Streitfrage -ausgegangen ist, mag es an der Zeit sein, einmal wieder -davon zu reden.</p> - -<p>Des grausen Märchens Inhalt war, daß es in diesem -doch durchweg nicht allzu üppigen Lande eine besondere -Landplage gebe, die alle paar Jahre zum Verdruß auf -die Bauern fiele. Über Nacht zögen Wolken auf -und ließen regnen, und wenn der Tag den Schaden besähe, -habe es tausend und aber tausend lebendige große -Mäuse geregnet, hübsche Tierchen in Gelb und Schwarz -wie die überseeischen Meerschweinchen, aber gefräßig wie -nur irgendeine Feldmaus, ja den orientalischen Heuschreckenschwärmen -gleich, vor denen alles Laubgrün bekanntlich -im Nu vergeht wie unter einem Gifthauch. -Entsprechend ihrer unerhörten Herkunft flössen diese Tiermassen -wie ein reißendes Wasser von der Höhe zu Tal<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span> -durch das Land, rasten und fräßen sich fort über jedes -Hindernis, bis sie endlich auch gleich einem regengeschwellten -Bach in einen See oder das große Meer -einmündeten, wo sie dann allesamt jämmerlich ertrinken -müßten.</p> - -<p>Dieser wilde Tierstrom war der berühmte und berüchtigte -»Lemmingzug«.</p> - -<p>Die ersten einheimischen Geographen und Zoologen -da oben, im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, -nahmen die Sache noch ganz so als buchstäblich wahr -und stritten sich bloß zunächst über das Problem, ob die -betreffende Wolke jedesmal Lemminge aus sich selbst -erzeuge oder ob das kleine Plagevolk irgendwo in ferner -Gegend vom Sturm mitgerissen und dann erst wieder -am Fleck herabgeschüttelt werde. Dem Geist der Zeit -von damals erschien das erste meist als das Amüsantere -und deshalb als das Wahrscheinlichere.</p> - -<p>Dieser im ganzen leider allzu amüsanten Legende -aber machte im Jahre der Thronbesteigung unseres großen -Friedrich der naturgeschichtlich nicht minder große Linné -ein Ende. Nach ihm, der sein eignes Land schließlich -doch kennen mußte, handelte es sich um eine wirkliche -Sorte Maus, die nicht nur in der Gefräßigkeit, sondern -auch sonst durchaus irdisch-realistischer Natur war. Die -Wolke, die sie ins Tiefland spie, war aber in Wahrheit -das Gebirge. Dort lebten die Lemmingmäuse für gewöhnlich -im kärglichsten Gebiet. Ab und zu aber kamen -sie als großer Wanderzug von dort zu Tal, und dieses -plötzliche Auftreten der stets nächtlich vorrückenden Tiere -erzeugte die abgeschmackte Sage vom Lemmingregen. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span> -klang nun recht ernüchternd, ja fast langweilig, wenn -nicht doch ein interessanter Punkt auch so geblieben -wäre. Er betraf die Wanderung selbst.</p> - -<p>Mit stärksten Farben erzählte auch Linné von ihr: -wie das vieltausendköpfige Volk tatsächlich einem reißenden -Strom an Zähigkeit und Folgerichtigkeit gleich daherkomme, -einem Menschen nicht ausweiche, sondern sich -zwischen seinen Beinen durchzuwälzen suche, durch einen -im Wege liegenden Heuschober ein Loch fresse, anstatt -ihn zu umgehen, über Bäche und Ströme unter tollsten -Opfern setze und, fahre ein Nachen darin vorbei und -kreuze die schwimmende Masse, diesen Nachen erklettere, -um auf der anderen Seite wieder ins Wasser zurückzuspringen.</p> - -<p>Was sollte dieser Mäusekatarakt? Wenn man hörte, -daß der lebendige Strom nicht etwa eine dauernde Besiedelung -des Flachlandes bedeute, daß die Tiere sich -durch ihren fortgesetzten Weiterzug gleichsam selber umbrächten, -in Gegenden eindrängen, wo sie gar nicht leben -könnten, sich sinnlosen Krankheiten und Gefahren in den -Arm würfen, in Hekatomben beim Durchqueren von -Seen oder gar im Meer ertränken und zuletzt einfach -alle miteinander auf solcher tollen Fahrt ins Blaue zugrunde -gingen, ohne daß auch nur ein Stück die liebe -Heimat wieder erreichte – so schien das zwar kein -Wunder, aber doch einen Gipfel zweckwidriger Unvernunft -in der sonst so zweckschönen Natur zu bedeuten, -der in seiner Art an ein Wunder grenzte. Und an -diesem Faden wurde der Lemming jetzt für weitere anderthalb -Jahrhunderte zu einer Art von fachzoologischem<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span> -Gespenst, mit dem bald das, bald jenes, aber nie etwas -Rechtes bewiesen werden sollte.</p> - -<p>Eine Weile freilich konnte es scheinen, als solle auch -dieser Nimbus jämmerlich fallen. Linnés Zeugnis wurde -allmählich auch etwas altersgrau – aus neuerer, ganz -heller Zeit aber blieb es lange merkwürdig still von neuen -Lemmingzügen. Und als gar der treffliche Brehm in -Lappland und Finnland überall herumgefragt, kein -Mensch dort aber etwas vom reisenden und rasenden -Lemming gewußt hatte, da meinte schon mancher, man -dürfe auch diese Wanderlegende nachgerade zu der anderen -schreiben und aus den ernsthaften Naturgeschichten streichen.</p> - -<p>Das aber war wieder zu viel. Der Lemming, schon -fast totgesagt, erlaubte sich doch wieder zu schwärmen, -und noch in den letzten Jahren, wie gesagt, ist er wieder -von seinen Bergen zu Tal gerast wie zu Linnés Tagen. -So blieb denn nichts übrig, als den Kampf mit diesem -Gespenst auf die richtige Waffe zu stellen: nämlich es -zu bannen mit einer vernünftigen Erklärung des rätselhaften -Todeszugs.</p> - -<p>Darwin hat einmal gesagt, seine ganze Zweckmäßigkeitslehre -mit all ihren Folgerungen müsse einpacken, -wenn ihm einer einen tierischen Instinkt nachweisen könne, -der einfach sinnlos darauf ausgehe, die betreffende Tierart, -die ihn besäße, selber zu schädigen. Es mußte sich -also wesentlich darum handeln, in dem »Unsinn« des -Lemmingzuges doch mehr oder minder auch noch eine -»Methode« zu finden.</p> - -<p>Der erste klärende Schritt dazu war, daß man den -seltsamen Kerl in seiner normalen Heimat genau studierte.<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span> -Obwohl eine echte Wühlmaus, also nächstverwandt -unseren Feldmäusen, lebt er im skandinavischen Gebirge -nach Art des Murmeltiers. Die »Tundra« zwischen -dem tieferen Bereich des Fichtenforstes und dem ewigen -Schnee ganz oben ist seine Welt dort, jener karge -Pflanzengürtel, wo der Wacholder und die Zwergbirke, -die <em class="antiqua">Betula nana</em>, die nur mehr als eine Art Heidelbeere -am Boden kriecht, einen Liliputanerwald bilden. Üppiger -Tisch ist da oben gewiß nicht, zumal unser Lemming -nicht die echte Murmeltiergewohnheit besitzt, den Winter -zu verschlafen. Immerhin findet er sein Auskommen, -und Gefahr entsteht, scheint es, gerade nur durch etwas -mehr gelegentlichen Luxus der armen Natur um ihn her.</p> - -<p>Ab und zu kommt nämlich einmal ein besonders -mildes Jahr, und in solchem fetten Stande schwillt die -Nachkommenproduktion der kleinen Tundralemminge ins -Ungemessene an. Im folgenden macht sich das unheimlich -in der großen Kopfzahl geltend, und wenn jetzt in erklärlicher -klimatischer Folgerichtigkeit ein besonders dürrer -Sommer eintritt, so entsteht ernstliche und wachsende -wirkliche Not. In solchen Tagen, heißt es, werde das -jahrelang still da oben seßhafte Völklein unruhig. Es -strebe nach Erweiterung seines Nährgebiets, wandere vor -allem in den Waldgürtel unterhalb seiner gewöhnlichen -erhabeneren Sitze massenhaft aus.</p> - -<p>Soweit ist die Sache plausibel und fügt sich lückenlos -aneinander. Nun aber soll wieder daran die große Wanderung -hängen.</p> - -<p>In dem tieferen Forst finde der Nager, der aus seiner -Welt der Flechten und Birkenwurzeln kommt, andersartige<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span> -und ihm unbehagliche Bedingungen. Und da -fasse ihn der Trieb, abwärts noch weiter zu sondieren – -diesmal aber nicht in entsprechend langsamer Ausbreitung, -sondern sozusagen explosionshaft, in einem ohnemaßen -verwegenen Vorstoß ins Ferne und immer Fernere, -der aber bei der geographischen Situation, die anstatt -in neues Gebirge in eine immer tiefere Ebene mit tausend -Feinden und Hemmnissen, ja endlich ans Meer als das -wahre »Ende der Welt« führe, jedesmal im allgemeinen -Verderben enden müsse.</p> - -<p>In diesem Teil der Beweisführung bleibt eine Lücke.</p> - -<p>Es wird nämlich nicht eigentlich erklärt, wie gerade -dieser explosive Wandertrieb entsteht. Es wird nur gezeigt, -wie er ausgelöst werden könnte – wenn er in den -Tieren vorhanden ist. Und auch dazu gibt es nun noch -mancherlei zu denken und zu bedenken.</p> - -<p>Man hat beobachtet, daß die Wanderexplosion nicht -bloß vom Waldgürtel des Gebirges zu Tal, sondern -auch vom eigentlichen Lemminggebiet nach oben in die -Schnee- und Gletscherwelt erfolgt, wo natürlich die armen -Weltfahrer noch rascher elendiglich absterben müssen als -unten. Von Anfang an muß also die Wucht des -Wandertriebes enorm sein, die selbst in diese unmittelbare -Öde jagen kann.</p> - -<p>Dann aber hat man an dem Zuge selbst gewisse -merkwürdige Einzelheiten wahrgenommen. Die ziehenden -Tiere kommen wohl in großen Scharen daher, zäh jedesmal -im Absteigen den gleichen, nämlich wohl den geographisch -bequemsten Straßen folgend, aber im Trupp -geht jeder Einzellemming streng für sich, mit ordentlichem<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span> -Zwischenraum zum nächsten, und wenn zwei Pilger sich -doch zufällig nähern, so gibt es stets eine böse Beißerei. -Ein bissiges, zänkisches Gesindel sind sie ja durchweg auch -sonst, und ein Beobachter wollte das ganze Wandern -noch mehr aus dieser wachsenden Unverträglichkeit bei -größerer Menge erklären anstatt aus der eigentlichen -Nahrungsnot. Vielleicht aber hängt eben mit dieser -hochgradigen Wanderfeindschaft, die immerhin doch etwas -Sonderbares hat, wieder etwas zusammen, das von verschiedenen -Beobachtern einstimmig erwähnt wird: es -sollen nämlich bei den skandinavischen Lemmingen die -großen Explosionszüge fast ganz aus jüngeren Männchen -bestehen. Tiermännchen unter sich sind ja stets beißwütiger. -Nun ist aber wiederum dieses einseitige Geschlechtsverhältnis -aus der Nahrungsfrage nicht erklärt, -und es sieht nach einem besonderen Geheimnis noch -hinter allem aus.</p> - -<p>Ist die treibende Kraft der eigentlichen Explosion etwa -unerfüllte Liebe? Stellt sich bei der Überproduktion ein -Mißverhältnis der Geschlechter mit zahlreichen zwangsweisen -Junggesellen, die nicht zur Heirat kommen können, -ein, und ist es der ungestillte Trieb dieser »Supernumerare«, -der eigentlich in dem Wanderfieber steckt?</p> - -<p>Das würde erklären, warum dieses wie ein entfesselter -Strom dahinfließende Wandervolk auch vor keinen »Fleischtöpfen« -unten mehr zum Stillstand kommen kann, sondern -rastlos gepeitscht immer weiter sucht und sucht bis -ins eigne Verderben. Das Drauflosgehen bis zum -Sinnlosen würde, wenn man es erotisch, aus einer ungestillten -Leidenschaft, erklären könnte, wohl seine gute<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span> -Analogie im Benehmen der meisten anderen Tiere in -der »Liebesraserei« finden.</p> - -<p>Schließlich bleibt aber auch bei dieser erotischen Hilfe, -daß auch sie doch offenbar einen sonst schon geregelten -Instinkt auslösen muß. Daß die Wanderlemminge sich -nicht einzeln regellos da und dort zerstreuen, daß sie, -obwohl knurrend von Pilger zu Pilger, im ganzen zusammenhaltende -Trupps bilden, die zusammen aufgebrochen -sein müssen und eine gemeinsame Richtung -wahren, und daß diese geregelte Zugform immer wieder, -solange man die Erscheinung kennt, die gleiche gewesen -ist, obwohl es sich doch bei den Wiederholungen um -weit voneinander getrennte Generationen handelt, das -alles spricht deutlich für einen solchen festen Instinkt, -der jedesmal in Kraft tritt, wenn die äußere Auslösung, -das Stichwort gleichsam, gegeben wird.</p> - -<p>Aber ein Instinkt zum Verderben der Art?</p> - -<p>Hier wird man sich über das Einzelbild gerade dieses -Tieres und das engere geographische Bild des heutigen -Skandinavien hinaus einen freieren Blick schaffen müssen.</p> - -<p>Ähnliche gelegentliche explosive Massenwanderungen -kommen nämlich auch bei anderen Tieren vor, zum Beispiel -bei verschiedenen Insekten. Sie sind wohl zu unterscheiden -von regelmäßigem, friedlichem Wandern, das an -den Heimatort wieder zurückführt (wie bei unseren Zugvögeln), -wie von wirklichem Auswandern oder Vorrücken -einer ganzen Art. Stets handelt es sich dabei um eine -Abstoßung von Überproduktion in die Weite hinaus, -während die eigentliche alte Normalziffer der Bevölkerung -ruhig an ihrem Sitz verharrt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p> - -<p>Unwillkürlich wird man dabei an menschliche Dinge -erinnert. An die alte Geschichte vom »<em class="antiqua">Ver sacrum</em>«, -dem Weihefrühling. Bei antiken Völkern wurde gelobt, -eine ganze Kindergeneration in den Reifejahren -auszustoßen, in die ungewisse Ferne zu schicken. Die -Samniter in der römischen Geschichte sollten so entstanden -sein. Die Sache wird religiös erzählt, aber sie könnte -auch sehr praktische Gründe bei Übervölkerung gehabt -haben.</p> - -<p>Bei jenen Tierabstößen aber könnte in diesem Sinne -nun ein doppelter Nutzzweck für die Art herauskommen.</p> - -<p>Einmal, wenn die Abgestoßenen wirklich alle zugrunde -gingen. Die Zurückbleibenden blieben dann ohne erhöhten -und vielleicht zerstörenden Daseinskampf im alten -Statusquo. Es wäre ein grausiges Mittel – ein besonderer -Wanderinstinkt, bei so und so viel Einzeltieren -der Art zeitweise ausgelöst, damit sie sich zugunsten der -Art opferten, indem sie ins Blaue rasten, dem sicheren -Tode zu.</p> - -<p>Aber ich glaube, es gibt einen zweiten und milderen -Fall, der wohl auch bei jenem menschlichen <em class="antiqua">Ver sacrum</em> -eigentlich als das Normale vorgesehen war. Der abgestoßene -Schwarm findet auf seinem Wege eine neue -Heimat. Eine andere günstige Stelle, wo die Art sich -neu ansiedeln kann oder wenigstens Artgenossen leben, -denen eine Blutauffrischung günstig zustatten kommt. -Hier hätte die Art rein positiven Vorteil durch stärkere -Ausbreitung und erhöhte Kraft. Und diesem Sinn -würde auch das rasend Schnelle des Zuges besonders gut -dienen, während es für den reinen Todeszweck belangloser<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span> -wäre: es gälte in kürzester Frist möglichst große -Strecken zu überqueren, ob der Zufall ein gutes Neuland -zeige, – je weiter hinaus, desto größer die Chance.</p> - -<p>Nun freilich: bei den skandinavischen Lemmingen von -heute kommt es immer nur zu einem Todeszug: sie vergehen -alle in der Ebene oder im Meer. Hier scheint -also unabänderlich heute wenigstens nur der erste Fall -zu gelten.</p> - -<p>Indessen wir erinnern uns an Geologisches. Solche -Tierarten mit ihren Instinkten leben ungeheure Zeiträume -hindurch. In solchen Zeiten aber ändern sich -Festländer und Meere. Skandinavien ist nicht immer -so zu größten Teilen inselhaft gegen das Meer geöffnet -gewesen und wird es schwerlich in Ewigkeit sein. Wenn -eine Landbrücke über Nord- und Ostsee es heute mit -Deutschland verknüpfte, könnten auch die rasenden -Lemmingzüge zuletzt wieder auf wirklich geeignetes Gebirgsland -stoßen; solche Zustände haben aber in geologischen -Tagen geherrscht. In der Diluvialzeit ist durch -die großen eiszeitlichen Klimastürze zeitweise sogar die -Tundra selber bis tief nach Mitteleuropa hinein gekommen, -und entsprechend findet man Lemmingknochen -aus diesen Tagen dort überallhin wirklich verbreitet.</p> - -<p>Also andere Zeit, ein anderes Lied. Am »Sinn« -aber werden wir auch hier noch lange nicht zu verzweifeln -brauchen!</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Entdeckung_von_Landwirbeltieren">Die Entdeckung von Landwirbeltieren -ohne Lunge</h2> -</div> - -<p class="drop">In der guten alten Zeit hatte man noch viel lustige -Hoffnungen hinsichtlich naturgeschichtlicher Entdeckungen. -Man erwartete und fabulierte Menschen -mit Kranichköpfen oder einem einzigen Riesenfuß, der -so groß war, daß er bei Sonnenhitze dem ganzen Körper -Schatten geben konnte.</p> - -<p>Aber ein Wesen, Tier oder Mensch, das nicht als -Fisch im Wasser, sondern richtig auf dem Lande in -offener Atemluft lebte und doch weder eine Fischkieme -noch auch eine Lunge, sondern in diesem Sinne überhaupt -gar nichts zum Atmen hatte und dennoch lebte -– das haben auch die problematischen Geographen und -Naturhistoriker, die von der Indienfahrt des Apollonius -von Tyana oder den wunderbaren Reisen weiland Herzogs -Ernst schrieben, nicht zu erfinden gewagt …</p> - -<p>Wer ist nicht einmal an der Riviera gewandert und -hat in diesem unsagbar köstlichen Paradies den melancholischen -Gedanken gedacht: was für ein Schlachtfeld -unter all diesen Herrlichkeiten des blauen Himmels und -der sonnenüberglänzten Palmenerde sich dehne von unfaßbar -tragischem Menschenkampf mit dem Unvermeidlichen.</p> - -<p>Um den Atemzug des Menschen ging dieser Kampf, -um die Lunge, die ihn gewährte. Wie ist hier vom<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span> -einzelnen gerungen worden mit äußerster heiliger Seelenkraft! -Wie klangen und klingen hier die langsamen, -tastenden Fortschritte der modernen Medizin als Paradieseshoffnungen -bald, bald wieder als Resignationen an.</p> - -<p>Aber in aller Not denkt man dort doch auch an die -wunderbaren Widerstände, die geheimnisvollen Selbstregulierungen -der Natur. Wie lange der Mensch vielfach -den Kampf aushält selbst mit einem stark herabgesetzten -Organ! Ist es doch, als sei unser Körper schon -in gesundem Stande gleich auf das Doppelte angelegt -mit seinen zwei Lungenflügeln, zwei Gehirnhalbkugeln, -zwei Nieren: damit bei Zerstörung der einen Hälfte doch -noch der Rest das Ganze einstweilen trage.</p> - -<p>Doch wenn zuletzt die gesamte Innenfläche schwindet, -auf der Luft und Leben sich nach uraltem Pakt, der -allein das Leben in der Luft garantierte, begegnen, dann -sinken doch die großen Schleier. Ganz ohne Lunge hat -auch die Natur in uns, die um Erhaltung ihres Gebildes -ringt bis zum letzten Atemzuge, keine Selbsthilfe, -keine Regulierung mehr.</p> - -<p>Wohl weiß der Arzt, der zugleich den geschichtlichen -Entwicklungsgang dieses Organs überschaut, uns noch -etwas Merkwürdiges dazu zu erzählen, das bei vielen -heute noch überraschend wirkt.</p> - -<p>Diese Lunge ist auch als Ganzes nur wieder ein -Teilstück eines anderen, viel größeren und gegen Zerstörungen -durchweg viel widerstandsfähigeren Organs in -uns. Sie ist ursprünglich nämlich nichts als ein Stück -Darm, eine Ausstülpung am vorderen Teil des Verdauungskanals. -Eine Seitentasche dieses Darms ist sie,<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span> -die durch besonderen Anschluß von Blutbahnen in der -Arbeitsteilung der Ernährung sich speziell darauf eingestellt -hat, nicht flüssige und feste Nahrung zu verarbeiten, -sondern die in der Luft enthaltene.</p> - -<p>Wenn es wahr ist, daß sich im darwinistischen Sinne -die Landwirbeltiere aus fischartigen Wassertieren einmal -entwickelt haben, so ist der engere Hergang wahrscheinlich -so gewesen, daß ein gewisses Darmanhängsel, das bei -den Fischen ganz anderen Zwecken (dem Auf- und Absteigen -im Wasser) diente, die sogenannte »Schwimmblase«, -sich nachträglich zum »Luftdarm« als Atmungsorgan -auf dem Lande an Stelle der Wasserkiemen des -Fisches ausgewachsen hat. Die Darmnatur aber hat -die Lunge auch so und gerade so erst recht niemals ablegen -können.</p> - -<p>Wollte man nun einmal ganz kühn sein, so könnte -man folgern: die Natur hätte auch bei vollkommener -Zerstörung der Lunge noch <em class="gesperrt">einen</em> Rettungsausweg. -Wenn nämlich rechtzeitig der ganze übrige Darm für -sein zerstörtes Teilstück einzutreten begänne, gewisse -Blutgefäße dick und leicht durchlässig vordrängte und so -Ersatz schüfe.</p> - -<p>Ja, theoretisch könnte man sich die Maschine so -reguliert denken. Aber in der Praxis fehlt es bei -uns eben doch offenbar – leider – an der Möglichkeit -und Schnelligkeit der Umschaltung, und so fällt -auch dieser Traum unter die Resignationen der Wirklichkeit -– es sei denn, daß die Medizin noch einmal -ganz andere Mittel und Wege fände, unseren Körper -überhaupt umzuzüchten und ihm alles tatsächlich zu entlocken,<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span> -was in den Anlagen der Natur auch in ihm -schlummert.</p> - -<p>Gewiß aber bleibt, daß zu solchen oder ähnlichen -waghalsigen Ideen nicht leicht etwas stärker Anklingendes -entdeckt werden konnte, als vor nicht langer Zeit -eben auf der so schönen und so tragischen Erde der italienischen -Riviera selbst geschehen ist.</p> - -<p>Man hat ein Tier dort entdeckt, das ein Wirbeltier -ist gleich uns. Und zwar ein Landwirbeltier, also kein -Fisch. Dieses Tier aber besitzt keine Spur von einer -Lunge und atmet doch Luft, genau wie wir. Es atmet -sie nämlich wirklich ein und aus mit einer weit umfassenderen -Fläche seines Leibes, in diesem Falle allerdings -auch nicht mit dem ganzen Darm, sondern, unverkennbar -noch praktischer, gleich mit der Außenhaut -des Körpers.</p> - -<p>Dieses, man kann wohl mit Grund sagen, nunmehr -wirklich wunderbarste Wirbeltier ganz Italiens ist ein -äußerlich schon lange bekannter, noch nicht handlanger -Salamander, auf braunem Grunde gelbrot fleckig mit -etwas allgemeinem Goldglanz, also nicht unähnlich einem -kleinen Exemplar unserer heimischen Feuersalamander, -die jeder Schuljunge kennt, der in den Sammeljahren -steckt.</p> - -<p>Man hat ihn als den »braunen Höhlensalamander« -(<em class="antiqua">Spelerpes fuscus</em>) bezeichnet, denn wie unser gelbschwarzer -Landsmann liebt er Dunkelheit und feuchte -Verstecke, was bei ihm aber bis dahin gediehen ist, daß -er gewohnheitsmäßig in kühlen und finsteren Höhlen der -nord- und mittelitalischen Gebirge als ein möglichst<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span> -scheuer Sonderling haust, der dort auf die uns widerwärtigste -Jagd, zum Beispiel auf die der kleinen Skorpione -des Landes, geht.</p> - -<p>Eine ungeheuerlich weit vorschnellbare Zunge, wie -sie beim Chamäleon wiederkehrt, erleichtert ihm das -Jagdvergnügen zwischen diesem bedenklichen Wildstand -seines fast unzugänglichen Reviers. Wie so mancher -weltabgeschiedene Eigenbrötler im Amphibienvolk, scheint -er eigentliches Wasser nicht einmal für seine Jungen -mehr nötig zu haben, sondern auch sie werden gleich -landfertig und nach Abschluß ihres Kaulquappenstandes -geboren.</p> - -<p>Um so sicherer aber hätte man aller zoologischen -Folgerichtigkeit nach nun damit rechnen sollen, daß der -kleine Geselle von solcher Geburt an zeit seines ganzen -fertigen Molchlebens ein paar tüchtig entwickelte Lungenflügel -im Leibe führe.</p> - -<p>Denn das wissen wir ja von seinen allbekannten Genossen -bei uns, Feuersalamander wie Teichmolch: diese -amphibischen Langschwänzer sind zwar darin »Amphibien«, -also »beidlebige Tiere«, daß sie als freie Kaulquappe -im Wasser mit fischhaften Kiemen Wasserluft -atmen können, <em class="gesperrt">wenn</em> sie aber dann als reifes Geschöpf -aufs Land gehen, haben sie so gut Lungen zu freier -Luftatmung wie nur irgendein Vogel oder Säugetier -oder wie wir Menschen selber.</p> - -<p>Und eine solche Lunge ist auch bei einem Lurch solchen -Schlages keine bloße »Tätigkeit«: sie ist ein sichtbares -Gebild im Leibe, das man greifen kann; eine -Froschlunge zum Beispiel sieht, abgesehen von ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span> -etwas kurzen Verankerung, äußerlich gar nicht so sehr -viel anders aus als eine menschliche. Um so überraschender -aber mußte jetzt die Kunde klingen, daß findige -Anatomen beim genauen Zergliedern des italischen -Spelerpesmolchs auch nicht das allerkleinste Substanzzipfelchen -gefunden hätten, das auf eine solche Lunge -gedeutet werden könnte. Ein alter Haruspex, der bei -einem seiner Opfertiere das unerwartete Fehlen eines so -scheinbar unumgänglich nötigen Organs festgestellt hätte, -würde mindestens den Untergang der Welt daraus prophezeit -haben! Der Fall hatte diesmal aber noch eine -viel weitere Perspektive als die einer vereinzelten Abnormität.</p> - -<p>Das zweideutige Höhlenkind Italiens ist, rein geographisch -betrachtet, ein höchst seltsamer Fremdling in -unserem Erdteil. Alle seine Genossen von der engeren -Spelerpesgattung wie einem anschließenden größeren -Kreise wohnen (Werner hat jüngst die Tatsachen darüber -anschaulich zusammengestellt) sonst jenseits des -Großen Wassers in Nord- und Südamerika. Irgendein -Urweltweg (einst hat es ja Tage gegeben, wo Europa -enger mit Nordamerika zusammenhing als selbst mit -Asien) muß es vereinzelt so weit hinausgelockt haben.</p> - -<p>Dabei ist es aber durchaus nur dem treu geblieben, -was auch drüben Trumpf war. Diesem ganzen Geschlecht -von mehr als einem Halbhundert verschiedener -Arten fehlt ganz gleichermaßen jede Spur von einer -Lunge im Leibe! Dabei ist es im übrigen ein äußerst -vielgestaltiges Völklein. Da gibt es Molche, die hoch -auf Bäume klettern; Molche, die weite Sprünge vollführen<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span> -können; Molche, die einen Greifschwanz haben, -an dem sie sich eine Weile schwebend erhalten können; -Molche, die im Gegensatz zu der sonstigen Wehrlosigkeit -des heutigen Lurchgeschlechts lange Zähne führen und -damit an gewisse riesige krokodilhaft bissige Riesenlurche -der Vorwelt (Labyrinthodonten) gemahnen. Manche aus -jenem Stamm leben gleich unserem Italiener streng auf -dem Lande, andere gehen auch ins Wasser. Allen aber -gemeinsam ist das große Mirakel ihrer Familie: der -bedingungslose Verzicht auf die Lunge ebenso wie auf -jedes besondere andere Atmungsorgan.</p> - -<p>Und die entscheidende Frage muß sein, wie dieser -Mangel ausreichend ersetzt werden konnte von einem -Wirbeltier, das unter allen Umständen doch an das große -Gesetz der Atmung gebunden war wie alle übrigen.</p> - -<p>Schaut man nun einem solchen lungenlosen Salamander -eine Weile zu, so gewahrt man mit Befremden -ein unablässiges schnelles Schwingen der Kehlhaut, das -ganz und gar doch wieder nach sogar sehr heftiger -Lungenarbeit ausschaut. Aber der Anatom löst dieses -Rätsel und damit zugleich das andere.</p> - -<p>Unser geheimnisvoller Lurch atmet in Wahrheit nicht -vom Mund in den Lungenschlund, sondern er <em class="gesperrt">atmet -mit der Mundhöhle selber</em>. Hier schon treten die -Blutgefäße zum nötigen Gasaustausch unmittelbar heran. -Und entsprechend geht das Atmungsfeld, wenn man sich -so ausdrücken soll, auch von innen nach außen und nicht -umgekehrt weiter, indem es sich von der Mundhöhle nun -ausbreitet über die gesamte äußere Körperfläche bis in -ihre entlegensten Ausläufer. Merkwürdigerweise sind es<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span> -ganz besonders <em class="gesperrt">die Zehen</em>, die oft durch ein sehr starkes -oberflächliches Blutnetz am erfolgreichsten diesem Zweck -dienen, ein Sachverhalt, der weit fort von allem Wirbeltierbrauch -geradezu an die Krebse erinnert, wo die kiemenhaften -Atmungsapparate ebenfalls an den Beinen sitzen -als der Stelle, die am besten mit frisch anströmendem -Wasser in Berührung kommt.</p> - -<p>Obwohl die Lebensweise der heutigen »lungenlosen -Molche« keine einheitliche mehr ist, wird man doch kaum -fehlgehen, wenn man diese ihre kurioseste und schlechtweg -einzigartige »Anpassung« auf ursprüngliche Verhältnisse -zurückführt, wie sie wohl gerade der italienische -Höhlensalamander noch mit am deutlichsten spiegelt.</p> - -<p>Dieses Molchvolk wird lange Zeit weder rein auf -dem Trockenen noch rein im wirklichen Wasser gelebt -haben. Es war vielmehr vermutlich ein gewohnheitsmäßiger -Bewohner der »Dusche«. An feuchten Grottenwänden -kletternd, erhielt es einen immerwährenden feinen -Sprühregen und Kellerschwaden auf Maul und Haut, -der die Atmung dieser äußeren Haut (etwas atmet ja -jede tierische Nackthaut und ganz besonders stark auch -sonst schon die amphibische, zum Beispiel beim Frosch) -in eben dem Maß durch feine Reizung verstärkte, wie -er beim Eindringen in eine wirkliche innere Lunge vielleicht -umgekehrt zu grob wirkte.</p> - -<p>Jedenfalls wird man kaum darum kommen, daß die -Lunge erst wieder nachträglich abgeschafft und durch die -Mund- oder Fingerhaut ersetzt worden ist; denn zu der -gesamten Organisationshöhe des echten Molchs, die doch -sonst auch hier schon überall erreicht ist, gehörte normal<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span> -zweifellos auch der ursprüngliche Besitz bereits einer -Lunge in reifem Zustande.</p> - -<p>Also es ginge im Spielbereich der Natur: wir -könnten auch mit dem Gaumen oder mit den Fingerspitzen -atmen – die Maschine ließe sich theoretisch auch -hier anschalten. Nur daß diese Natur immer ihre Zeit -gebraucht hat, solchen Anpassungswechsel durchzusetzen. -Nicht am einzelnen Individuum hat sie es vollbracht, -sondern an Generationen.</p> - -<p>Obwohl wir aus den ganz alten Urweltstagen nur -Reste jener erwähnten krokodilhaften Panzeramphibien -besitzen, gehen doch auch die nackthäutigen Lurche, zu -denen ein solcher Molch von heute gehört, über Millionen -von Jahren zurück; schon in der Jurazeit gab es -den echten Frosch, also wohl die Krone auch dieses -jüngeren Stammes. Da konnte sich viel vollenden, auch -wenn es langsam ging, viel konnte da die Natur, wenn -wir einmal so menschlich reden wollen, experimentieren -nach allen Richtungen, und wundervoll konnte sich die -tatsächliche Biegsamkeit und Schmiegsamkeit des Lebensprinzips -bewähren. War dann die Anpassung geglückt, -so überdauerte sie auch wohl wieder unfaßbare weitere -Generationen in starrem Bann.</p> - -<p>Was wir Menschen uns wünschten, ist hier weniger -zugleich und mehr.</p> - -<p>Nicht die Menschenart im ganzen möchten wir für -jede Einzelhilfe verwandeln. Dafür aber möchten wir -im individuellen Falle einen Ausweg schaffen, der ein -krankes Organ durch ein anderes ersetzte, jetzt gleich, im -einzelnen. Und hier liegt einstweilen unser Gegensatz<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span> -noch zu den grandiosen Auswegen und Erfolgen der -dunkel schaffenden Naturzüchtung unter uns, der uns -Menschen in all unserem bewußten Erfassen der Dinge -heute noch wie einen Tantalus erscheinen läßt, zu dem -sich die goldenen Früchte herabsenken und der sie doch -nicht zu erfassen weiß.</p> - -<p>Wenn es aber irgendeinen Erfolgsweg gibt, so heißt -er: Lernen von der Natur.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Vliesigel_das_seltsamste_Tier_Neuguineas">Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas</h2> -</div> - -<p class="drop">Alte indische Weisheit lehrt, daß jeder Mensch sich -irgendwo »dahinten«, im kosmisch-mystischen Storchteich, -sein eigenes irdisches Leben freiwillig gewählt, erfunden -und gedichtet habe.</p> - -<p>All unsre unterschiedlichen und nicht immer ganz -wohltuenden Abenteuer hier unten seien nur die -Autosuggestionen eines Poeten, der eine Weile seine -eigene Phantasie für Wahrheit nimmt – einzelnen -Abenteuern gegenüber doch eine etwas unheimliche Vorstellung.</p> - -<p>Inzwischen wäre es aber hübsch, wenn wir gelegentlich -wirklich wählen dürften, wann und wo wir noch -einmal wiederkommen wollen. Jeder würde da seine -sehr speziellen Wünsche haben; ich aber weiß gewiß, -daß ich unter den Zeiten und Orten der Vergangenheit -mir keinen lieberen Fleck zum Wiedermiterleben wählen -könnte als – Gondwanaland.</p> - -<p>Zwei Dutzend Millionen Jahre vielleicht möchte ich -meine Uhr zurückdrehen – nicht vordrehen, nicht in die -gespenstische Zukunft hinein, sondern historisch dorthin, -wo der Mensch selber noch als eine ferne Zukunftsüberraschung -im Storchteich der Erdentwicklung schlief – -und wissen, wie es eigentlich wirklich in Gondwanaland -ausgesehen hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p> - -<p>Gondwanaland ist ein verschollener, verklungener, zerfetzter, -versunkener Erdteil der Urwelt, der aber dokumentarisch -sehr viel besser beglaubigt ist als die angeblich -noch von Menschen bewohnte sagenhafte Atlantis.</p> - -<p>In einer sonst belanglosen Landschaft des heutigen -Indien ist man wissenschaftlich zuerst auf seine Spur -gekommen – daher der Name, der im übrigen nicht -viel mehr Bezug zu ihm hat als der des ehrenwerten -Herrn Amerigo zu Amerika.</p> - -<p>Gondwanaland ragte, als sich bei uns im Norden -die roten Wüsten dehnten, denen wir unseren auffälligst -gefärbten Bausandstein verdanken.</p> - -<p>Gondwanaland ragte, als sich in weitem Waldmoorgürtel -dort aus sterbenden Farnbeständen die Ursubstanz -unserer Steinkohle bildete.</p> - -<p>Gondwanaland verband damals auf der Südhalbkugel -Afrika mit Indien, es erfüllte den Indischen Ozean -und schob sich westlich in den Atlantischen; Australien -und Südamerika lagen als zugehörige Dependenzen oder -Halbinseln neben ihm; wie weit es sich zur Antarktis -südpolar erstreckte, das eben möchte ich unter anderem -wissen, wenn ich noch einmal dahin geboren würde.</p> - -<p>Aber noch mehr würde ich dann wissen.</p> - -<p>Gondwanaland verschwand als Kontinent, versank -größtenteils in der Jurazeit; damals entstand als junges -Meer über seinem Hauptgrabe erst der Indische Ozean. -Aber lange vorher muß Gondwanaland der Schauplatz -des merkwürdigstem des rätselhaftesten Vorgangs gewesen -sein, den die geologische Vergangenheit, soweit wir ihr -ahnend noch folgen können, überhaupt enthalten hat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p> - -<p>Seine Gelände bedeckten sich »eines Tages« (geologisch -gesprochen) in den Breiten Indiens und Südafrikas -mit Schnee, und zwar so tief herab, wie es heute -dort ganz unmöglich wäre. Von ungeheuren weißen -Firnfeldern schoben sich ungeheure blaue Gletscher bis -ans Meer, regelrechte Grundmoränen mit poliertem oder -geschrammtem Gestein dabei bildend. Die Schlammufer -dieses Meeres erstarrten in Indien zeitweise zu hartem -Eisboden, als lägen sie in Nordsibirien. Eine Eiszeit, -die über den Äquator zog! Was kann sie erzeugt haben? -Fragen! Wie entstanden überhaupt Eiszeiten auf der -Erde? Wie entstanden sie periodisch im Laufe der Erdgeschichte -– mehrfach? An diesem Rätsel quälen sich -heute tausend sehr kluge und sehr mäßige Menschenköpfe, -aber den Schlüssel hat noch keiner gefunden.</p> - -<p>Dann – nach langer Dauer, während die Oberflächengesteine -unter ihrer Vereisung größtenteils zu Schutt zerfallen -waren – änderte sich der Feuchtigkeitsgehalt der Luft -wieder, die abnormen Schneeflächen schmolzen fort, und -auf den nackten Moränenfeldern der alten Gletscher -siedelte sich eine fremdartige Pflanzenwelt an, die inzwischen -irgendwo entstanden war – völlig andersartige -Farnwälder, als sie sonst und im Norden der Steinkohlenwelt -entsprochen hatten.</p> - -<p>Durch diesen neuen Wald aber kroch eine Tierwelt -daher, Geschöpfe, wie sie nie vorher so wunderlich, so -äußerlich scheußlich gesehen worden waren. Teils glichen -sie Reptilien, teils Säugetieren, teils war es, als wolle -sich mit ihnen ein ganz neuer dritter Typus neben beiden -bilden. Die einen liefen auf ganz kurzen, aber unerhört<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span> -massigen Teckelbeinen, während ihr Knochengerüst eine -Tendenz zeigte, zu groben Klötzen zusammenzuwachsen, -wie es in manchem noch das unserer heutigen Schildkröten -tut. Andere führten an Drachenleibern wilde -Tigerköpfe mit einem echten, fast völlig säugetierhaften -Raubtiergebiß. Wieder andere glichen in der Größe -und Lebensart Nilpferden, die aber auf Krokodilklauen -watschelten und denen aus dem schnabelartigen Maul -zwei riesige Stoßzähne wie beim Elefanten ragten.</p> - -<p>Viel Wunderbares hat die zeitlich erst folgende große -Saurierzeit noch hervorgebracht. Wer möchte nicht einen -Ichthyosaurus noch einmal lebend gesehen haben? Vielleicht -hätte er uns enttäuscht: er glich zu sehr unseren -Delphinen. Diese Gondwanatiere aber, die wie aus drei -Tierklassen zusammengestückelt waren, hätten allen Anforderungen -groteskester Phantasie standgehalten.</p> - -<p>Als dieser Ichthyosaurus sich bei uns in Schwaben -tummelte, war aber Gondwanaland bereits als Ganzes -dahin. Zwischen all den Wundern der Urwelt steht es -noch einmal besonders wie ein Märchen, das kam und -ging, aus dem Blau stieg und im Blau versank. Wie -seine Schneefelder heruntergeschmolzen waren, so tauchte -zuletzt auch sein Sockel wieder unter den Ozean.</p> - -<p>Nur ein paar Klippen blieben stehen, der unterste -Zipfel von Südamerika, das Kapland, ein Stück Indien. -Sie verschmolzen später mit von Norden heranrückenden -Kontinentmassen, so daß sie fortan als deren Südecken -in die freien Weiten der Südozeane vorzuspringen -schienen; so zeigen sie heute unsere Karten, jedem vertraut; -aber wo sie heute abbrechen, da träumt unter den<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span> -blauen Wassern in Wahrheit tief versenkt das Märchen -von Gondwanaland.</p> - -<p>Und nur Australien, einst auch eine verschneite Insel -oder Halbinsel neben den Gletschern des Hauptlandes, -liegt noch jetzt fast unverändert an seinem Fleck. Deutlich -erkennt man auch in seinem alten Gestein noch die -Moränen, die Eisschliffe der großen Gondwanakatastrophe. -Nie in aller Folge sind Australien und seine -nächstgelagerten Inseln von einer späteren nördlichen -Kontinentzunge erfaßt und »nördlich« einverleibt worden. -Wenn irgendwo noch ein letztes Abendrot der Wunder -von Gondwanaland hätte fortglühen können, so wäre es -also nur hier gewesen. Und nur hier in Australien bestände -bis heute eine loseste Möglichkeit, daß noch irgendein -letzter Rest fortlebte von jenen Wundertieren, die -einst dort den neuen Farnwald und die Schmelzseen -belebt hatten, als der geheimnisvolle äquatoriale Schneewinter -schwand …</p> - -<p>Tiere aus Gondwanaland in unseren zoologischen -Gärten!</p> - -<p>In diese Gärten ist in den letzten Jahren ja so -manches gekommen, das man nicht für denkbar gehalten -hätte. Das diluviale Wildpferd, das die Menschen der -Steinzeit in Europa gejagt hatten, ist noch lebend aus -der Wüste Gobi zu uns gelangt. Dann hat Hagenbeck -jenes Zwergnilpferd von Liberia eingeführt, das -einst seine Miniaturgenossen auf Malta und Kreta hatte. -So zur rechten Stunde taucht nun auch ein ganz neues Geschöpf -gerade bei uns auf, das aus dem eng zu Australien -gehörigen Paradiesvogellande, aus Neuguinea, stammt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p> - -<p>Neuguinea, immer noch weit weniger erforscht als -das eng zugehörige Festland von Australien, ist einer -der letzten größeren Erdenwinkel, von denen wir noch -wirkliche zoologische Überraschungen erwarten dürfen. -Fort und fort werden noch neue und immer herrlichere -Paradiesvögel dort entdeckt, während es gleichzeitig mit -immer mehr Glück gelingt, diese farbenfrohen »Kunstwerke -der Natur« auch lebend zu uns herüber zu bringen; -im Berliner Zoologischen Garten lebten kürzlich nicht -weniger als vier der schönsten Arten nebeneinander; und -auch auf Schutz dieser Paradiesier vor dem bösen Raubtier, -das ihnen im mörderischen Damenhut unserer Mode -erstanden ist, läßt sich ja nächstens hoffen.</p> - -<p>Da aber war es nun eine der echtesten Freudennachrichten -für die Tierkundigen, als es hieß, in den schwer -wegsamen Wäldern dieses Neuguinea habe auch das merkwürdigste -Tier des australischen Kontinents noch ein zweites -großes Asyl: nämlich das sagenumwobene Schnabeltier.</p> - -<p>Ein einzelner Schädel wies schon vor Jahren die -erste Spur, daß auch dort große Landschnabeltiere vorkämen, -die der bestachelten australischen Form, die man -den »Schnabeligel« nennt, entsprächen, aber weit imposanter -und im Besitz weit größerer Schnäbel, also in -jedem Betracht noch interessantere Tiere wären. Nach -und nach hat sich das dann dahin geklärt, daß tatsächlich -nicht das australische Festland, sondern dieses Neuguinea -heute recht eigentlich das Entfaltungsgebiet dieser -Landschnabeltiere ist. Neben einem echten kleinen Verwandten -der Landaustralier bewohnen es mehrere jener -großen Sorten, für die man den besonderen Namen<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span> -»Vliesigel« erfunden hat. Vliesigel wäre ein Igel (oder -hier ein äußerlich igelähnliches Schnabeltier), der mehr -weiches »Vlies«, also mehr einfaches Wollhaar als wirkliche -Stacheln besitzt. Gerade dieses Merkmal scheint -aber nur auf eine der großen Arten dort zuzutreffen, -während eine andere, noch weit größere, sogar extrem -borstig und langstachelig ist. Immerhin lehrt das -Schwanken im Grade der Stacheln, daß diese äußerliche -Wehr überhaupt nur etwas Nebensächliches bei diesen -Schnablern darstellt, das ebensogut ganz fehlen könnte, -ohne ihre übrige Absonderlichkeit zu berühren.</p> - -<p>Eben jener lang- und dickstachelige Vliesigel (<em class="antiqua">Proechidna -nigroaculeata</em>) ist es nun, der in einem Prachtexemplar -neuerlich zum ersten Male lebend in den -schönen Zoologischen Garten zu Amsterdam gelangt -ist, während andere Vliesigel auch sonst in Tiergärten, -so den Berliner, gekommen sind. Und das jetzt ist -ein ganz einzigartig kurioser Geselle. In der Gestalt -möchte man ihn durchaus einem kleinen Elefanten vergleichen -(natürlich auch ohne bescheidenste Elefantenmaße): -der Schnabel biegt sich zum verhältnismäßig ungeheuren -krummen Rüssel wie ein Pfeifenrohr ein, und -während die kleinen Australier platt am Boden dahinwackeln, -hebt sich bei diesem Stachelelefanten der Leib auf -hohe, wirklich mehr elefantenhafte Säulenbeine herauf. -Denkt man sich die Größe dazu, so möchte im ganzen -etwa ein alter karthagischer Kriegselefant herauskommen, -dem sie zu besserer Wehr in der Schlacht eine künstliche -Lederdecke mit Wollpolster und vielen eingesetzten derben -Metallzylindern über Rücken und Kopf gestülpt haben.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span></p> - -<p>Aber dieser »Elefant von Neuguinea« hat in Wahrheit -nichts mit Elefanten und Elefantengenossen zu tun. -Lebend, wie er heute noch in seinem holländischen Neuguinea -durch den Nachtwald streift und nun auch bis -zu uns ins Kulturland gekommen ist, trägt er doch einen -ganz eigentümlichen zoologischen Duft, einen geologischen -Zauber über sich: er und seinesgleichen stehen -nämlich heute tatsächlich noch im Abendrot von Gondwanaland.</p> - -<p>Es sind keine echten Säugetiere, diese Schnabeltiere. -Das weiß man, seit feststeht, daß sie regelrechte Eier -legen, die äußerlich denen der Schildkröten ähneln, und -daß ihre Bluttemperatur in weitem Maße je nach der -äußeren Luftwärme steigt oder fällt, wie es den wechselwarmen -Reptilien im Gegensatz zu den dauerwarmen -Säugetieren allgemein eigen ist.</p> - -<p>Freilich führen sie bereits das Haar des Säugetiers -(auch die Stacheln sind nur verklebte Haargebilde), und -ihre Jungen werden noch im Ei durch Säfte des Mutterleibes, -später aber durch eine Art Muttermilch selbst -genährt. Das sind Züge bei ihnen, die, wenn nicht auf -das vollendete, so doch auf das werdende Säugetier -weisen, und so ist es eine wohlbegründete Vermutung, -daß von Tieren, die ihnen in diesen Punkten glichen, -in Urweltstagen einmal wirklich diese Säugetiere sich geschichtlich -heraufentwickelt haben.</p> - -<p>Aber wenn wir sie selber nun unabhängig von dieser -immerhin noch in manchem verschleierten Möglichkeit -geologisch und systematisch irgendwo angliedern und einordnen -wollen, so ergibt sich nur eine einzige bedeutsame<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span> -Stelle dafür im weiten Bereich aller bekannten Tierheit. -Sie gleichen den alten Gondwanatieren, jenen Sauriern -oder doch saurierähnlichen Wesen, in denen Reptil und -Säugetier im Knochenbau gleichsam miteinander rangen, -daneben aber ein drittes neben beiden her sich durchzukämpfen -schien.</p> - -<p>Schon den ersten Anatomen, die das Skelett des -Schnabeltieres beschrieben, war aufgefallen, wieviel echt -saurierhafte Züge es (besonders im Schultergürtel) wies. -Umgekehrt die ersten Deuter der Knochen jener Gondwanatiere -aus den Gesteinen des heutigen Kaplandes -staunten über die schnabeltierhaften Züge, die hier überall -im speziellen auffielen. Eine Weile schrak man ja doch -noch zurück vor zu enger Vergleichung. Aber je genauer -gerade in letzter Zeit durch die emsige Forschung -der Engländer das Gesamtgerippe der uralten Gondwaner -bekannt wurde bis in fast jede Einzelheit, desto -sieghafter wurden die Übereinstimmungen.</p> - -<p>Einmal fand sich ein Gondwanaschädel, der unbedingt -schon auf ein Säugetier zu deuten schien. Man bestritt -es: es sollte doch ein Reptil gewesen sein. Doch die -Säugetiernatur setzte sich durch, sie mußte zugegeben -werden. Die Backenzähne gerade dieses Schädels aber -stimmten aufs genaueste überein mit dem Milchgebiß -des lebenden Wasserschnabeltieres!</p> - -<p>Eine Weile machte der Unterkieferansatz der Schnabeltiere -Not; hier sollte ein himmelweiter Unterschied gegen -die Gondwanatiere liegen; auch da sind kürzlich wenigstens -Übergänge nachgewiesen worden. Und auch von dem -völligen Abirren von Reptil wie Säugetier, das viele<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span> -jener Gondwaner verraten, boten die lebenden Schnabler -Züge. So besitzen ihre Männchen sämtlich einen absolut -eigenartigen Sporn am Hinterfuß, der durchbohrt -ist wie der Giftzahn einer Schlange und zu einer Drüse -führt, die etwas absondert; noch heute steht nicht ganz -sicher fest, ob hier ein Giftapparat oder ein erotischer -Erregungsapparat für das Weibchen vorliegt, gewiß aber -ist (auch wenn das letztere sich als wahrscheinlicher ergeben -sollte), daß kein Reptil noch Säugetier, das wir -kennen, sonst so etwas führt.</p> - -<p>So überwältigend schwillt im Augenblick das Material, -daß ernstlich schon (durch Jaekel in Greifswald) -der Vorschlag laut geworden ist, es sollten irgendwie im -System die Gondwanatiere mit den Schnabeltieren in -einer neuen Klasse der Wirbeltiere vereinigt werden, -einer Klasse, die dann gleichwertig neben Reptilien, -Vögeln und Säugetieren stehen müßte.</p> - -<p>Vor so auffälligen und immer eindeutigeren körperlichen -Indizien aber kann es nun schwerlich ein Zufall -sein, daß auch die geographische Sachlage bei den heutigen -Schnabeltieren so energisch nach der gleichen Richtung -weist.</p> - -<p>Nur Australien und sein nächstzugehöriges Inselland -(Neuguinea, Tasmanien) beherbergen lebende Schnabeltiere. -Nur dort aber befinden sie sich heute noch auf -der letzten geologisch intakten Scholle von Gondwanaland -selbst. Ihre heutige Isolierung auf dem einen einzigen -Fleck der großen Erdkugel weist schlagend eben auf ihren -alten, ihren ehemaligen Zusammenhang mit dem großen -Urweltserdteil, der nur noch hier erhalten, überall sonst<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span> -dagegen entweder im Ozean versunken oder doch durch -Anschluß seiner Restklippen an andere Erdteile seither -in der ursprünglichen Eigenart verwischt worden ist.</p> - -<p>Gern möchte man ja aus den alten Gesteinsschichten -Neuguineas oder Festlandaustraliens selbst noch etwas -über die Geschichte der Schnabler in diesem ihrem Asyl -erfahren. Aber die Versteinerungskunde von Neuguinea -harrt noch ihrer Auferstehung; wer weiß, was sie auch -sonst noch Schönes bergen mag. In Australien dagegen -haben Knochenfunde bisher nur ergeben, daß noch in -der Diluvialzeit auch dort, auf dem Kontinent, sehr viel -größere Landschnabeltiere als heute lebten. Sie sind vermutlich -untergegangen durch die gleiche merkwürdige -Katastrophe, die auch die damals hier noch vorhandenen -elefantengroßen Riesenbeuteltiere dahingerafft hat.</p> - -<p>Australien erfuhr im Verlauf der Diluvialperiode -eine zunehmende Austrocknung, die weite Gebiete seines -Innern aus einem feuchten Waldlande in traurige -Wüsten verwandelte. Dieses Ausdörren wirkte auf die -großen Tiere des Landes in geradezu katastrophaler -Weise ein. In ganzen Herden gingen sie an den versumpfenden -und endlich ganz vertrocknenden Seen durch -Nahrungs- und Wassermangel zugrunde, wovon noch -heute die in wahren Massengräbern beisammen liegenden -Skelette der riesigen Diprotodonten (Verwandten des -kleinen lebenden Wombat) gelegentlich beredte Kunde -geben.</p> - -<p>Eine geringe Steigerung noch dieses späten und unerwarteten -Verhängnisses, die auch die kleineren Tiere -des Landes bedroht hätte – und wir wären auch in<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span> -diesem letzten Refugium keinem lebenden gondwanahaften -Tier, keinem Schnabeltier, mehr begegnet. Die Natur -fährt mit rauher Hand durch ihre Schöpfungen. Der -Untergang eines ganzen Kontinents ist vor ihr nur wie -eine Nachtwache. Baut sie doch ebenso rasch wieder -auf. Aus den zermahlenen Sandkörnchen des alten -einen neuen Erdteil. Nach Gondwanatieren Menschen -– Menschen, deren Gehirn das alte versunkene Gondwanaland -noch einmal zu <em class="gesperrt">denken</em> versucht.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p> - -<h2 id="Tendaguru_und_der_Rekord_der_Saurier">Tendaguru und der Rekord der Saurier</h2> -</div> - -<p class="drop">Nordamerika und Deutschland lebten in Frieden. -Selbst ihr streitbarstes Material tauschten sie zur -beruhigenden Abschleifung gegenseitig aus: den Professor. -Indessen man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. -Im Schoß der Dinge regte sich ein furchtbares Geheimnis. -Wurde es endlich ruchbar: wer wußte, was die Folgen -sein konnten. Deutschland hatte Nordamerika den Rekord -der Dinosaurier abgewonnen!</p> - -<p>Nordamerika wahrt nicht mehr den Ruhm, das Vaterland -des größten und interessantesten Scheusals zu sein, -das die feste Erde je getragen hat. Auf deutschem Kolonialboden -ist ein noch größeres gefunden worden …</p> - -<p>Es ist jetzt einige Jahre her, daß ein paar unserer -schönsten europäischen Museen durch das Geschenk des -Herrn Carnegie in den Besitz eines vollständigen Abgusses -des Skeletts jenes Urweltdrachen Diplodokus -kamen, der bisher als der beste Vertreter des nordamerikanischen -Rekords gegolten hatte. Das Ungetüm maß -25 Meter und erzeugte zunächst räumlich etwas von der -Situation des bekannten armen Studenten, der in einer -Bodenkammer wohnte und in der Lotterie einen lebendigen -Elefanten gewann mit der Pflicht, ihn bei Androhung -immenser Futterkosten sofort abzuholen. In -Wien stellten sie es ins Treppenhaus, in Berlin räumten -sie Walfische fort, um Platz zu machen. Als der Koloß<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span> -endlich verstaut war, wurde er aber rasch populär. Neben -Scheffels altem Lied vom Ichthyosaurus kann man wohl -sagen, daß dieses Geschenk Carnegies die stärkste volkstümliche -Anregung für das Interesse an der Paläontologie -gewesen ist, die bisher geglückt ist.</p> - -<p>Inzwischen fehlte es aber schon diesem Skelett auf -seiner Wanderschaft nicht an einigen Abenteuern. Vom -Berliner Museum aus wurde behauptet, daß es nicht ganz -richtig zusammengesetzt sei. Die Natur liefert uns ja in -diesem Falle nur die losen Knochen. Das Wiederzusammensetzen -des Ganzen ist Gelehrtenarbeit, bei der jeder -sein Bestes gibt, aber Unfehlbarkeit nicht erwartet werden -kann. Es ist also eine völlig unberechtigte Voraussetzung -im Publikum, daß der Wert und die Sensation -eines solchen Fundes litten, wenn hier wie überall der -Fortschritt sich dadurch dokumentierte, daß er Einzelheiten -berichtigte. Der Ichthyosaurus sieht heute in unseren -Lehrbüchern wesentlich anders aus, als man ihn in -Scheffels Tagen malte; das Dinotherium, das früher -Flossen führte, hat heute Elefantenfüße; fast alle die -Vorwelttiere, die einst der unbedingt bedeutendste Fachkenner -der Zeit, der alte Owen in London, in Sydenham -naturgroß wiederhergestellt hatte, waren zunächst -falsch rekonstruiert. Damit verzeichnet man keine Schlappen -der Forschung, sondern eben selbstgewollte Fortschritte; -man muß eben nur eine Ahnung haben, was alles an -Wissen, Glück, solider Arbeit und Genie nötig ist, um -so ein paar Knochen richtig zu setzen.</p> - -<p>Nun also wird von dem Berliner Zoologen Tornier -auf Grund vorzüglicher anatomischer Detailkenntnis gerade<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span> -auf dem Kriechtiergebiet (und jene Drachen waren -Reptile) behauptet, auch im Diplodokus stecke einstweilen -noch ein Fehler. Er habe nicht so steil auf den Beinen -gestanden wie ein Säugetier, sondern sei mehr grätschbeinig -wie ein Krokodil gekrochen; so habe auch sein ungeheurer -Schwanz flacher gelegen, andererseits aber sei der -Hals normal nach oben in die Höhe gekrümmt worden. -Die Gründe, die dafür vorgebracht werden, haben sehr -viel Überzeugendes, jedenfalls ist es eine fruchtbare Debatte. -Wird vorerst einmal wenigstens das Berliner -Modell auf das neue Prinzip hin umgebaut (der Kaiser, -an den seinerzeit zunächst Carnegies Prachtgeschenk ging, -hat bereits persönlich die Erlaubnis erteilt), so wird der -gewöhnliche Beschauer vor seinem »Drachen« wohl einerseits -etwas Nachteil gegen früher haben, aber dafür -ebensoviel Vorteil nach anderer Richtung.</p> - -<p>Der Laie denkt bei jedem großen Skelett ja unwillkürlich -zunächst an ein Säugetier, baut also ganz von -selbst hochbeinig im Sinne etwa eines Elefanten; da wird -ihm nun jetzt etwas abgetan, aber schließlich muß auch -er doch lernen, daß diese Dinosaurier eben Saurier, das -ist Verwandte von Krokodil und Eidechse, waren und -keine Elefanten. Dafür wird er bei niedrigerer Stellung -diesmal besser in die wahre Zyklopenmauer der unglaublich -großen Wirbel und in das burghafte Zinnenwerk -der Rückenfortsätze hineinsehen. Und im sensationellen -Sinne entschädigt sicher die Aufreckung des Halses, mit -der das relativ winzige Köpfchen diesmal kühn und imposant -gegen die Decke aufbiegt, anstatt sich schlapp beinahe -auf den Boden zu senken, zu dem es doch keinen<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span> -wahren Schwerpunkt bildet. Das Tier wird lebendiger -so aussehen, wenn schon auch so nicht eigentlich wahrscheinlicher -im schlichten Sinne; denn das wird nun einmal -die Eigenart dieser Monstra bleiben, daß wir sie physiognomisch -mit nichts Heutigem recht vergleichen können -und auch technisch immer unter dem Eindruck der nicht -ausgeklärten wirklichen Monstrosität sehen müssen. Gar -nicht berührt aber wird die schließlich doch allergrößte -Sensation: nämlich die Länge und Dicke der Einzelknochen -wie der Gesamtmasse zwischen dem wahren Spatzenköpfchen -vorn und der endlosen Schwanzpeitsche hinten.</p> - -<p>Doch während hier noch das Gefecht der Sachkenner -dauern mag, ist über jenes andere kein Zweifel mehr: -auch diese wahre Größe, die da bleibt, schlägt eben zur -Stunde überhaupt nicht mehr den wahren Saurierrekord. -Nicht ein Kollegium von Gelehrten, sondern die Natur -selber hat sich hier berichtigt. Und in ihrer Laune, unvorhergesehen -genug, hat sie deutscher Erde, allerdings -auch in fernem Welterdteil, den Preis zuerkannt.</p> - -<p>Um den ragenden amerikanischen Drachen in der -Walfischhalle des Berliner Museums sammelt es sich -zur Stunde wie ein seltsamer stummer Chor. Drachensaat, -neue, noch unheimlichere, in einzelnen Stücken vorerst, -gelbe Knochenblöcke, wie sie frisch aus der Erde -kamen, aber diesmal nicht Abguß, sondern Original. -Einzelne Quadern zu einer neuen Zyklopenmauer, einzelne -Strebepfeiler und Säulen zu neuen Trägern einer -Drachenlast.</p> - -<p>Manches ist noch sorgsam eingewickelt von langer -Fahrt. Was aber bereits sichtbar ausliegt oder an der<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span> -Fundstelle photographiert erscheint, das verrät eine kommende -Auferstehung in Dimensionen, wie sie selbst für -urweltliches Gigantenvolk keine üppigste Phantasie je zu -ahnen gewagt hatte. Da liegt ein einzelnes Vorderbein, -wohl erhalten (die Knochen sind alle erstaunlich wenig -zerdrückt) und oberflächlich erst einmal in den Hauptstücken -aneinandergelegt: ein Kind kann aber schon ausmessen, -daß das rund die <em class="gesperrt">doppelten</em> Größenmaße wie -bei dem aufmontierten Carnegieschen Diplodokus sind. -Der zugehörige Hals, höre ich, wird 12 Meter Länge -ergeben; der Amerikaner hat dort nur 5. Bereits jetzt, -da vorläufig nichts zusammengesetzt ist, schwillt der Segen -als eine Art Sintflut durch das Haus. Die Gelehrten -klagen, daß man in den Gängen des Paläontologischen -Instituts schon über die Knochen buchstäblich stolpere. -Da es sich um die Reste zahlreicher Individuen und -Arten handelt, liegen zurzeit im ganzen Knochen im Gesamtgewicht -von mehr als 100 000 Kilogramm vor! -Und dabei scheint gerade jener neue Rekordriese fast vollständig -zu sein, so daß er eventuell wirklich als Ganzes -aufmontiert werden kann; vielleicht geschähe es allerdings -besser gleich in einem Abguß, damit die zerbrechlichen -Originalteile nicht den Gefahren eines Baues ausgesetzt -zu werden brauchen; auch dieser Abguß wird aber eine -neue Museumshalle fordern, ein einziges Tier vielleicht -ein ganzes neues Haus.</p> - -<p>Berlin hat schon einmal Glück mit Giganten gehabt, -die ihm unverhofft aus ferner Gegend zukamen – damals -bei dem herrlichen Fries von Pergamon. Menschliche -Kunst hatte dort dämonische Mischwesen, halb<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span> -Menschen-, halb Schlangenleiber, mit denen die Götter -kämpften, ersonnen und köstlich in Marmor gebildet. In -einem anderen, noch viel groteskeren Natursinne erzählen -nun auch diese neuen hunderttausend Kilogramm Saurierknochen -von einer furchtbaren »Gigantomachie«, die sich -mehrere Millionen Jahre vor aller Menschenzeit abgespielt.</p> - -<p>In weit entlegenen Urweltstagen hing die Seite -Afrikas, auf der heute unsere ostafrikanische Kolonie -liegt, noch mit Indien zusammen. Quer über den Indischen -Ozean zog sich damals jenes wunderbare Gondwanaland. -In der Blütezeit des Ichthyosaurus, in der -Juraperiode, begann dieses Land dann allmählich dem -Meere zu erliegen. Lange hielt sich noch ein einzelner -Streifen von ihm, der etwa vom Kapland über Madagaskar -nach Vorderindien lief. Rechts und links davon -aber strömte schon jetzt frei der Ozean ein. Und so kam -dieser Ozean auch in der Kreidezeit bereits an die Küstengegend -des heutigen Deutsch- und Portugiesisch-Ostafrika -heran, ja er überflutete periodisch diese heutige Küste damals -selbst noch weit ins Land hinein. Schlamm lagerte -sich aus ihm ab. Charakteristische Meertiere jener Kreideepoche -schwammen herzu (so Belemniten oder Donnerkeiltintenfische) -und betteten absterbend ihre harten Körperteile -in diesen Schlamm. Nur einzelne große Klippen -trotzten, scheint es, der schäumenden Flut. In diesem -Gebiet damals nun vollzog sich die Gigantomachie, die -ich meine.</p> - -<p>Dort in der Nähe lebten jene Saurier, deren größte -Exemplare heute den Rekord der Nordamerikaner brechen.<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span> -Verschiedene Sorten, neben den größeren auch kleinere. -Die größten dem Diplodokus eng verwandt. Eine kleinere -Sorte (Stegosaurier) mit einer wilden Wehr oder Ornamentzier -ragender Knochenstacheln, die Riesen wohl einfach -nackt.</p> - -<p>Sie lebten in Herden beisammen, wie die Häufung -der Knochen von fünfzig und mehr Exemplaren der gleichen -Art an der gleichen Stelle, dabei ersichtlich von jungen -und alten Tieren, noch heute erweist.</p> - -<p>Eigentlich waren sie Landtiere. Aber sie müssen das -Ufer bevorzugt haben. Wenn sie auch wohl nicht, wie -man früher vom Diplodokus meinte, unmittelbar Meeralgen -abgeweidet haben, so dürften sie doch auf Meertiere -gegründelt und gefischt haben. Eine Art besaß sogar -ganz energische Raubzähne. Vielleicht watschelten -sie gewohnheitsmäßig weit in die Watten hinaus, trieben -sich im Seichtmeer herum, aus dem die langhalsigen -Arten ihre Schlangenhälse bequem zum Atmen heraufstrecken -konnten, erkletterten und bewohnten auch wohl -die Klippen, die für gewöhnlich von der höchsten Flut -nicht bedeckt wurden. Bei solchen Gepflogenheiten jetzt -muß es gelegentlich zu örtlichen Katastrophen gekommen -sein.</p> - -<p>Das Wasser überraschte, verschlang, ersäufte ab und -zu einmal in wilder Gigantenschlacht eine solche ganze -Herde der stumpfsinnigen Gesellen, schnitt sie ab oder -schwemmte sie von ihren Klippen und begrub sie im -Schlick. Die ungeschlachten Kadaver verfaulten, die -Knochen, meist in einem gewissen Umkreis herumgeworfen, -bildeten große Beinhügel und Schädelstätten, wobei freilich<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span> -gerade die verhältnismäßig so winzigen Schädel -selber am ehesten dem Los verfielen, ganz fortverspült -zu werden, so daß sie heute bei den großen Knochenlagern -am seltensten noch zu finden sind. Über die Gigantengräber -aber wälzte der Sieger Ozean im Laufe -der Jahrtausende Bergeslasten neuen und immer neuen -Kreideschlammes.</p> - -<p>Bis endlich eine neue Wende der Dinge kam …</p> - -<p>Durch hebende Kräfte der Erdrinde stieg dieses ganze -heutige ostafrikanische Küstengebiet wieder endgültig aus -den Wassern empor. Die alten Schlammbänke wurden -zum hohen Plateau, auf dem die Tropensonne brannte -und Ströme flossen. Gegen die Oberfläche des Plateaus -aber arbeitete fortan die Verwitterung. Die uralten -versteinerten Schlammassen wurden von ihr neu zernagt -und aufgeschlossen, endlich auch bis in solche Tiefen hinein, -wo die Katakomben der Saurier lagen. Längst gab -es kein lebendes Ungeheuer dieser Sorte mehr auf Erden. -Aber gerade jetzt erschienen da, dort mitten im Gras und -Buschwald von heute noch einmal aus ihrem alten Sand -der Kreidezeit herausgewittert die gespenstischen Arme, -Rippen, Wirbel der scheusäligen Opfer von ehemals, -zusammengehäuft noch immer auf engem Bezirk, preisgegeben -der hellen Tropensonne jetzt auch sie, die einst -in einer Schauerstunde den allzu wilden Wassern erlegen -waren.</p> - -<p>Das Material, das unsere geologische Forschungsarbeit -enthält, hängt an dünnen Fäden. Wenn die -Saurierkatakombe, die gerade in unsere Tage hinein auf -solchem Wege in Ostafrika, vier Tagemärsche von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span> -Hafen Lindi und in Sichtweite des jetzt paläontologisch -unsterblichen Tendaguruberges, herauszuwittern begann, -nicht durch einen Zufall von kundigen Europäern entdeckt -worden wäre, so wäre sie, einmal angeschnitten und -damit auf den kritischen Punkt gebracht, wie sie war, -selber still weiter verwittert und in mehr oder minder -absehbaren Zeiten spurlos zu Staub wieder dahingeweht.</p> - -<p>Aber der Fleck war inzwischen deutscher Kolonialboden -geworden; ganz südlich nahe unserer Grenze gegen -das portugiesische Afrika. Ein schon glatt herausgewitterter -Riesenknochen spielt den Kobold: ein Ingenieur -Sattler muß über ihn stolpern und erkennt ihn dabei. -Unser famoser Stuttgarter Paläontolog Fraas erfährt -davon und bringt Belegstücke mit, daß das, was man -bisher nur im Lande Carnegie für denkbar gehalten, -auch in Ostafrika »buchstäblich am Wege liege«, nämlich -diplodokushafte Gigantenknochen in größter Pracht.</p> - -<p>Das war vor jetzt sieben Jahren. Fraas war selber -nicht imstande, den Schatz zu heben. »Ihr Berliner -müßt es machen,« schrieb er. Es hat aber noch verzweifelte -Mühe gekostet – auch den Berlinern. Ehe -der Spaten zu seinem Recht kam, mußte der Klingelbeutel -umgehen. Staatsmittel waren auch in Berlin -zunächst für die Sache nicht zu haben. Das erste Verdienst -erwarb sich also die treffliche »Gesellschaft naturforschender -Freunde« in Berlin. Sie gab 23 000 Mark. -Dann kam die Akademie der Wissenschaften und endlich -ein besonderes Komitee. Als (wesentlich also doch durch -Privathilfe) 180 000 Mark beisammen waren, konnte -man darangehen, der tropischen Verwitterung eine Beute<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span> -wenigstens teilweise zu entreißen, die (mag man in solchen -geologischen Fragen nun jenen eigentlichen nationalen -»Rekorden« auch mit einem stillen Lächeln gegenüberstehen) -mindestens doch den speziellen Wert haben -mußte, uns zu zeigen, was unsere Kolonien an glänzenden -und sensationellen Überraschungen bieten konnten. -Mit dem Gelde wurden zwei jüngere Gelehrte, Janensch -und Hennig, auf drei Jahre zu Ausgrabungen nach -Afrika geschickt; später gesellte sich ihnen als dritter noch -Hans von Staff zu. Das Menschenmögliche ist von -den dreien geleistet worden. Unter den schwierigsten Umständen -haben sie zeitweise bis 500 Neger als Arbeiter -beschäftigt. Das bereits an die freie Oberfläche herangewitterte -Knochenmaterial erwies sich zwar als reich, -aber naturgemäß auch schon als (Menetekel der Sachlage!) -vielfach verdorben. Man mußte also für bessere -Stücke tiefer gehen, im äußersten bis 10 Meter, mußte -wirklich graben, anstatt bloß aufzulesen. Das Verpacken -der zerbrechlichen Knochen im tropischen Milieu war -auch keine Kleinigkeit. 4500 einzelne Lasten sind schließlich -zur Küste geschleppt worden, wobei es allerdings -eine kleine Freude war, wie die schwarzen Leute, vielfach -interessiert, mithalfen. Sogar Rekonstruktionen der -Ungetüme haben sie nach ihrer eigenen Phantasie entworfen, -die lustig wirken, aber tatsächlich doch nicht so -sehr viel schlechter sind als das etwa, was um 1660 noch -der brave Jesuitenpater Athanasius Kircher als Fachpaläontolog -von damals geliefert hat.</p> - -<p>Die drei Jahre sind um, die Leistung liegt jetzt im -Berliner Museum. Ihr Wert besteht ganz besonders auch<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span> -darin, daß wir im Sinne des oben umrißhaft Erzählten -diesmal ein wesentliches mehr auch über Lebensart und -Untergang jenes alten Drachenvolkes gehört haben – -also keineswegs bloß in Rekordmetern auf Hals oder -Schwanz. Die Forderung, die bleibt, sind aber weitere -Geldmittel. Lange ist nicht alles getan. Die Fundstätte -bietet noch die reichsten ferneren Möglichkeiten, sie ist -tatsächlich selbst so noch erst auf eine Stichprobe sondiert. -Wertvollste Neuheiten sind weiter möglich, mindestens -Reichtum für all unsere anderen deutschen Museen. -Wer wird helfen? Ein gewisser Staatszuschuß ist ja -jetzt, nach so beispiellosem Erfolg durch private Entschlossenheit, -der Sache gewiß, aber er wird allein nicht -entfernt langen. Sollen wir uns an Herrn Carnegie wenden -– auf unserem eigenen Grund und Boden …?</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p> - -<h2 id="Der_Schatz_von_Halberstadt">Der Schatz von Halberstadt</h2> -</div> - -<p class="drop">Aus meinen jungen Jahren ist mir ein kleines zoologisches -Ereignis unvergeßlich. Es schwebt mir -noch vor Augen wie ein ganz großes Glück, und der -Leser wird einigermaßen erschreckt sein, wenn er hört, -worin dieses Glück bestand.</p> - -<p>Passionierte Sammler, wie ich einer mein Leben lang -gewesen bin, haben eben ihre besonderen Glücksquellen, -die übrigens unverwüstliche sind und also jedem zu gönnen -wären, auch wenn es sich um den absonderlichsten Gegenstand -dabei handeln mag. Also ich besuchte durch Zufall -eine Ziegelei in der damals noch sehr schlichten und -ländlichen Umgebung meiner Vaterstadt Köln. In den -künstlich ausgestochenen, steilwandigen Vertiefungen des -Bodens dort aber hatte sich eine erstaunliche Masse von -Kröten angesammelt, und ich erkannte darunter zum -ersten Male und am gleichen Fleck vereint die drei -charakteristischsten Arten unseres Krötengeschlechts – -neben der gewöhnlichen Erdkröte die prächtig grüngefleckte -Wechselkröte und als ganz besondere Merkwürdigkeit -die Kreuzkröte, die einen schwefelgelben Strich -längelang über den Rücken trägt und statt zu hüpfen, -wie andere Froschlurche, pfeilschnell auf kurzen Beinchen -wie eine Eidechse dahinläuft und auch famos zu klettern -versteht. War das ein Fest, die drei einmal alle beisammen -zu haben <em class="antiqua">in natura</em>, wie sie auf dem Bilde bei<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span> -Brehm standen! Auf dem platten und nackten Boden -erschienen die einzelnen Tiere riesengroß, und heute noch, -wenn ich an solche Ziegelgrube denke oder an einer -vorbeifahre, sehe ich sie im Geiste bevölkert mit solchem -lustigen Quaquarium mächtiger humpelnder und trabender -Krötenprinzen in brauner, grüner oder schwefelgelb -gestreifter Livree. Die Erinnerung übertreibt ja gern -die Größenverhältnisse noch. Aber das habe ich doch -nicht ahnen können, daß mein altes Bildchen mir wirklich -noch einmal so ins Gigantisch-Groteske auferstehen -sollte, wie jetzt bei den Wundern der Ziegelgrube von -Baerecke und Limpricht bei Halberstadt geschehen ist …</p> - -<p>An und für sich gibt es wohl auch für den kapitalsten -Naturschwärmer nicht leicht etwas Einförmig-Langweiligeres -als so eine Ziegelgrube, deren Naturbild so öde -ist wie der brave Bauziegel selbst, den die Technik daraus -gewinnt; man schaut auf die Entwicklung der Natur -zur Mietkaserne, und diese Art der Vergeistigung scheint -doch eine der – minder gelungenen auf unserem Planeten -zu sein.</p> - -<p>Am guten alten Fleck aber, wo Vater Gleim seine -zweifellos höchst vortrefflichen Lieder dichtete und Vater -Broyhan, wenn die Sage recht berichtet, eines jener -segensreichen Getränke erfand, die selbst Mietkasernen -und mäßige Verse erträglich machen können in dieser -schlechten Welt – hier zu Halberstadt an der Straße -gen Quedlinburg ist es der ganz gewöhnlichen Tongrube -einer solchen Ziegelei wirklich geglückt, sich im Lauf von -ein paar Jahren zu einem der naturgeschichtlich merkwürdigsten -Orte unseres ganzen deutschen Vaterlandes<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span> -auszuwachsen – einem Orte, der gerade der üppigsten -Naturphantasie eine der grandiosesten Perspektiven eröffnet -hat. Otto Jaekel, der treffliche Forscher zu Greifswald, -ist der Zauberer gewesen, dessen Stab aus diesem -Loch schmutzigen Tons eine Welt gezaubert hat, die sich -hinter die uns bekannten Landschaftsbilder unserer deutschen -Heimat von heute schiebt wie das Märchen eines -fremden Sterns, in dessen Sonne, Farben und völlig -fremdartiges Leben uns plötzlich zu schauen vergönnt ist.</p> - -<p>Über diesen Fleck Erde hier ging vor Zeiten einmal -ein ungeheures verschlammendes und versandendes Flußdelta. -Der Fluß war nicht die nahe Elbe, nicht die -Weser von heute; dieses ganze gegenwärtige deutsche -Stromnetz kam für diese Tage überhaupt noch nicht in -Betracht. Das Meer, in das der Strom sich mit träger, -zeitweise fast stagnierender Übergangszone ergoß, muß -schon ziemlich in der Nähe hier gewesen sein, und der -uralte Gleim, wenn er das hätte erleben dürfen, wäre -allen Ernstes ein Sänger von der »Waterkant« gewesen. -Aber auch dieses Meer war nicht unsere Nordsee – es -war irgendein namenloses Stück Urweltozean, wie dieser -riesige Strom ein namenloser deutscher Mississippi oder -Ganges von damals gewesen ist.</p> - -<p>Haifische aus der entfernteren Verwandtschaft des -Cestracionhaies, der heute nur noch in der Südsee bei -Japan und Australien lebt, besuchten von diesem Meere -her das Flußdelta, aber mit ihnen kamen auch schwimmende -Plesiosaurier, von Gestalt dem sagenhaften Drachen -vergleichbar, wie er uns auf den Holzschnitten in Athanasius -Kirchers alten Folianten überliefert ist.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p> - -<p>Daran merkt man, wie lange das her ist. Und es -war sogar erst die Morgenrötezeit dieser schlangenhalsigen -Meerdrachen. Gleichwohl hatte sich allgemein in Deutschland -und auch nahe diesem Fleck schon Unendliches vorher -zugetragen gehabt.</p> - -<p>Eine gewaltige Gebirgskette hatte sich längelang durch -das deutsche Land aufgetürmt, zu der auch der Harz, -den man vom Rande der Halberstädter Grube heute -blauen sieht, schon einmal gehört hatte. In den Flanken -und Mulden dieser mitteldeutschen Alpen hatten die -Steinkohlenwälder gegrünt. Dann war dieses Gebirge -zunächst fast ganz wieder heruntergewittert. Wüste hatte -weithin mit ihren roten Schutthalden das Land überzogen, -die prächtigsten farbigen Sandsteine von heute -schaffend. Zweimal war in diese Wüste das Meer -wieder eingebrochen, einmal von Nordosten als Zechsteinmeer, -einmal von Süden als Muschelkalkmeer. Wiederum -waren diese Wasser zu Salzpfannen verdampft und -in Wanderdünen langsam erstickt. Bis endlich zu Ausgang -der zweiten solchen Wechselepoche von roter Wüste -und einschwemmendem Meer auf längere Zeit eine Art -Interregnum von Halbland und Halbwasser eintrat, mit -vielen Flüssen und Seen, breiten Deltabildungen und -Brackwasserneigungen, recht eine Epoche des Schlicks, -Wattenmeeres und Morastes, geeignet für beidlebiges -Tiervolk, das in Wasser wie Land gleichmäßig daheim -war.</p> - -<p>Trias, die Dreigeteilte, nennt der Geologe diese zweite -Zeit, und den besagten letzten Abschnitt bezeichnet er -nach einem fränkischen Dialektwort als die Zeit des<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span> -»Keuper«. Was aus dieser Keuperzeit an altem Schlick -und Brackwasserabsatz bis heute erhalten geblieben und -zufällig Oberfläche für uns geworden ist, das hat durchweg -noch eine ganz besondere kulturelle Bedeutung für -uns gewahrt, da es in weiten Strecken deutscher Landschaft -die gesegnete Scholle unseres Kornbaues geliefert -hat. Jene beidlebige Art damaliger Tierwelt verriet sich -deutlich genug aber auch in unserem Stromdelta von -Halberstadt.</p> - -<p>Da hauste als fester Gast darin der Molchfisch Ceratodus, -ausgestattet mit Kiemen und Lunge zugleich, wie -er heute noch in bald üppigem bald fast versiegenden -Flüßchen Australiens in eben dieser gleichen Gattung -und Lebensart noch fortgedeiht: zu fetter Zeit atmet er -Wasserluft wie ein echter Fisch, zu karger, im engen -und luftverdorbenen Resttümpel, hilft er sich dagegen -mit offenem Luftschnappen wie ein Landtier.</p> - -<p>Da trieben sich auf dem annoch frischen Wattenschlick -und Flußsand jetzt wirklich amphibische, meist wohl riesigen -Salamandern gleichende Unholde herum, zur Gruppe -der sogenannten Stegocephalen gehörig, von denen eine -kleinere Sorte aber ganz und gar auch schon die Kopfform -einer immerhin auch noch ziemlich mächtigen Kröte -gehabt haben muß, bloß daß sich damit noch eine krokodilartige -Verpanzerung und Bezahnung verband. Mein -kühnstes Phantasiebild aus der Kölnischen Krötengrube -war hier also reichlich überboten!</p> - -<p>Da fanden sich ferner, wohl aus dem Fluß selber schon -herabkommend, sonderbare Schildkröten und echte Krokodile -hinzu. Die Schildkröten noch höchst altertümlich<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span> -gebaut, wie es so früher Zeit entspricht, der Rückenpanzer -mit großen Buckeln und Zacken umkränzt, der -Bauchpanzer aber noch erkennbar aus verbreiterten und -miteinander verwachsenen Bauchrippen zusammengekittet. -Die Krokodile dem stattlichen Urkrokodil Belodon nahe -verwandt, das im Stuttgarter Naturalienkabinett so -prächtig noch zu sehen ist, weil es auch in Schwaben ein -ganz gewöhnlicher deutscher Gast zur Keuperzeit gewesen -sein muß.</p> - -<p>Die zahlreichsten und zugleich unheimlichsten Landgäste, -die sich in diese Wattengründe hinaus wagten, -aber waren offenbar mächtige Watschelsaurier aus jener -heute gänzlich verschwundenen Ordnung der Dinosaurier, -zu der auch die so oft abgebildeten kolossalen belgischen -Iguanodonten gehört haben.</p> - -<p>Bisher nahm man allgemein an, daß diese Iguanodonten -und einige andere Vertreter dieser wahrhaft phänomenalen -Scheusale regelmäßig auf steilen Hinterbeinen -nach Känguruhart dahingehüpft wären – bei doppelter -Elefantenlänge eine dämonische Vorstellung. Neuerdings -ist man gegen diese wohl etwas »allzuleicht beschwingte« -Bewegungsmethode skeptischer geworden, immerhin aber -glaubt Jaekel doch von den Halberstädter Gesellen, daß -wenigstens die im Oberkörper aufgerichtete Stellung ihre -normale gewesen sei. Nicht so groß wie die belgischen -Riesen, aber immer auch noch stattlich genug, möchten -sie bald auf den Hinterbeinen und dem Hinterleibe gehockt -haben, bald schwerfällig mit vorgebeugtem Halse -und breitspurig auf ganzen Hintersohlen dahingewatschelt -sein, immer doch die Vorderbeine mehr als Arm und<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span> -Pfote zum gelegentlichen Nachstützen, Greifen und -Scharren verwertend. Äußerst biegsam war der Hals, -klein der Kopf, mächtig der Schwanz. So kamen sie -in das Sumpfdelta hinaus – noch viel tollere »Kröten« -des Bildes als jene wirklich amphibischen. Vielleicht -wagten sie sich heran auf der Jagd nach kleinem weichem -Getier, zu dem ihr Zahnbau besser paßte als zu reiner -Pflanzenkost; manchmal mögen sie aber auch selber gehetztes -Wild des bissigeren Raubzeugs aus dem damaligen -Reptilvolke gewesen sein. Und gar manches -Mal wird ein solcher plumper Watschler im allzuweichen -Brei versunken sein, daß sein Gerippe später fest mit -der trocknend sich härtenden Masse verbuk.</p> - -<p>Von all diesen Dingen dort aber wüßten wir tatsächlich -nicht das geringste, wenn jene schlichte Ziegelgrube -bei Halberstadt nicht wäre.</p> - -<p>Unfaßbare Zeiten sind hingerauscht seit den Tagen -jenes geheimnisvollen Flußdeltas mitten im Herzen -deutschen Landes – die ganze Jura- und Kreidezeit, in -denen diese Saurier in immer wachsender Hochblüte noch -emporgingen, um ganz zuletzt um so hoffnungsloser zusammenzubrechen, -die ganze Tertiär- und Diluvialzeit, -in denen der Mensch langsam ins Licht kam. Und dann -eines Tages entstand jene Dampfziegelei, die zu ihrem -Bedarf Ton brauchte und eine heute etwa 100 Meter -lange und 15 Meter tiefe Grube in den Grund schnitt. -Kaum aber war der oberste aufgelagerte Humus und -Diluvialstaub durchschnitten, so sägte eben diese Grube -sich Meter um Meter der Tiefe in nichts anderes wieder -ein als in das uralte Flußdelta von dazumal.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span></p> - -<p>Sie durchquerte die Sande, die zu Zeiten eines etwas -lebhafteren Gefälles der große Keuper-Ganges hier -herausgeschwemmt, und erreichte eben mit dem technisch -des Abbaues werten eigentlichen kompakten Ton darunter -den ehemaligen Dauergrund des gemächlich verschlammenden -Deltas selbst, dessen gehäufter Schlick -diesen Ton geliefert. Die Arbeit blühte, 100 000 Kubikmeter -wurden allmählich zu Ziegeln zermahlen – keiner -aber, der dabei war, ahnte, in was er grub und was -außer Ziegeln hier für die Zwecke einer höheren Schicht -Geistesmenschheit noch mehr zu ergraben war.</p> - -<p>Da steht im Sommer 1909 der Zahnarzt Torger aus -Halberstadt bei der Grube am geschlossenen Schlagbaum -der Eisenbahn und wartet den Zug ab, und neben ihm -warten ebenfalls ein paar Arbeiter, und sie erzählen ihm, -wie man so beim Warten plaudert, von Knochen, die -in der Grube gelegentlich gefunden worden wären. -Torger erwirbt ein paar Splitter und sendet sie zum -Bestimmen an den Paläontologen Jaekel in Greifswald, -und der erfaßt sogleich das Bedeutende: eine Fundstätte -großer Dinosaurierknochen auf deutscher Heimaterde.</p> - -<p>Es ist eben erzählt, was Nordamerika und neuerdings -noch erfolgreicher Deutsch-Ostafrika hier geliefert haben. -Jetzt aber lag der Schatz endlich auch daheim sozusagen -vor der Tür und wartete nur des planmäßigen Hebens.</p> - -<p>Mit geschicktestem Feldherrntalent (Paläontologen -müssen immer Diplomaten sein) wurde von Jaekel zunächst -der »Acker« gesichert: der preußische Staat erwarb -das Recht auf alle Fossilfunde in der Grube, Finderlöhne -wurden ausgesetzt, ministerielle, kaiserliche und<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span> -private Mittel zusammengebracht. Gefährliche Abbaumethoden -durch Sprengschüsse in der Grube wurden eingestellt. -Die Härtung und Zusammensetzung der Skelettteile -nahmen Jaekel und seine Helfer und Helferinnen -(besonders letztere zeichneten sich aus) selbst in die Hand. -Und nun kam Schlag auf Schlag eine Ausbeute, die -selbst die verwegenste Erwartung übertraf.</p> - -<p>Laut dem ersten wissenschaftlichen Bericht sind in der -kurzen Zeit bisher schon nicht weniger als vierzig Dinosaurierskelette -geborgen worden, zum Teil in prachtvollster -Erhaltung und Individuum für Individuum für sich gesondert. -Noch nie sind auch die Schädel in solcher Vollkommenheit -bisher irgendwo zutage gekommen. Von -dem schönsten Stück hat (Laune des Zufalls!) bloß ein -Wiesel, das in der Nacht nach der Freilegung gerade -hier ein paar Mäuse verzehrte, ein Stückchen vom Zungenbeinbogen -verschleppt. In anderen Fällen fehlten allerdings -derbere Skeletteile schon durch Räuberarbeit der -Keuperzeit selbst, so einmal die ganzen Vordergliedmaßen, -die bei einem solchen wehrlos »versumpften« Unhold -wohl damals schon einem Krokodil zur Beute geworden -waren.</p> - -<p>Was die systematische Stellung anbetrifft, so handelt -es sich in der wesentlichsten Art um einen Plateosaurus, -der eine vermittelnde Stellung zwischen dem rein raubtierhaften -Megalosaurus und jenen Iguanodonten einnimmt. -Es ist die Gruppe, wo auch der schöne Name -»Greßlyosaurus« vorkommt, der aber mit der naheliegenden -Gräßlichkeit nichts zu tun hat, sondern auf den originellen -Schweizer Geologen Greßly geht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p> - -<p>Ganz besonders wertvoll macht den imposanten Fund, -der zu den glänzendsten paläontologischen aller Zeiten bisher -gerechnet werden muß, auch die Zeitbestimmung. -Jene belgischen wie die neuen afrikanischen Dinosaurier -gehören zur Kreideperiode. Hier im Halberstädter Delta -steht man noch in der Trias, also eine ganze Reihe von -Jahrmillionen früher.</p> - -<p>Die ersten fertig aufmontierten Halberstädter Skelette -sind jetzt schon in ganzer Pracht im Berliner Museum -für Naturkunde neben den Afrikanern vom Tendaguru -zu sehen. Unabsehbar scheint aber der noch zu erwartende -weitere Reichtum dieser Glücksgrube, nachdem vor Beginn -der Rettung für die Wissenschaft doch sicher wohl schon -hundert oder noch mehr Skelette zu Ziegeln vermahlen -worden waren!</p> - -<p>Halberstadt mag stolz sein: zu seinem Dom und Gleim -und Broyhanbier tritt ihm der Ruhm, fortan die »echteste« -Drachenstadt Deutschlands zu sein in der Zeit wissenschaftlicher -Rehabilitierung dieses Drachens.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p> - -<h2 id="Sirenen">Sirenen</h2> -</div> - -<p class="drop">Als der homerische Dichter das Abenteuer des Odysseus -mit den Sirenen schilderte, benutzte er stofflich -wohl ein damals schon altes Schiffermärchen. Die unvergleichliche -Eigenart, die aus diesen fünfunddreißig -Versen eines der herrlichsten Gedichte der Weltliteratur -gemacht hat, liegt in der Schilderung. Das Schiff des -umgetriebenen Dulders kommt herangeschwebt, von -freundlichem Winde getrieben. Plötzlich dann, ehe noch -die Sireneninsel selber auftaucht, ist es, als gehe ein -Zauber von ihr aus. Der Wind ruht. Die stille See -glänzt von heiterer Bläue des Himmels, ein Himmlischer -scheint die Wasser zu senken. Jetzt, als der bedenkliche -Fels auf Hörweite nahe ist, der Sirenengesang selbst. -Nur acht Verse, aber vielleicht das Klangvollste, was in -Ilias wie Odyssee vorkommt. Man merkt dem Dichter -ordentlich die Verantwortung an, dieses Lied, das selbst -den schlauen Odysseus verführen soll, wörtlich zu geben, und -doch hat er es gewagt. Aber die Genossen des Dulders, die -ihre Ohren mit Wachs verstopft und ihn selber zur Vorsicht -an den Mast gebunden haben, rudern vorbei. »Leiser, -immer leiser verhallte der Singenden Lied und Stimme.«</p> - -<p>Es ist eine arge Sache, wie mit Namen umgesprungen -wird.</p> - -<p>Den scheußlichsten, rohesten Lärmapparat, den der -spätere Kulturmensch erfunden hat, nennt er eine Sirene.<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span> -Ein Tiergeschlecht aber von so unerhörter Unform, daß -ein Schwein dagegen die leichtfüßige Eleganz verkörpert, -hat der moderne Naturforscher sozusagen amtlich als -das der Sirenen bezeichnet, nämlich die mit anderem -Wort sogenannten Seekühe.</p> - -<p>Wenn man sich eine Kuh denkt, die mit derselben unerschütterlichen -maschinenhaften Konsequenz, mit der -eine richtige Alpenkuh rupfend und rückend tagaus tagein -ihre Matte dezimiert, Seegras statt Wiesengras abweidet; -wenn man diese Kuh für das Wasserleben -hinten abhackt und in eine plattliegende Fischflosse auswalzt, -ihr auch gleich dabei die Hinterbeine fortschneidet -und die Vorderbeine in runde Paddeln verbreitert, so -kommt man auf die Seekuh. In dieser Gestalt liegt sie -ihr Leben lang faul über ihrer unterseeischen Küstenmatte -und äst, wobei sie im Vorschreiten gelegentlich -ihrer Weide auch in die großen, zur See mündenden -Flüsse hinein nachpaddelt und so bis tief ins Binnenland -kommt.</p> - -<p>Ihre Weide ist fett, und das Wasser trägt – so -darf sie alle Kuhmaße überbieten und als kolossale -Fleischwalze von fünf oder gar zehn Metern Länge -über ihrer Wasserwiese schaukeln.</p> - -<p>Dabei ist sie gleich der richtigen Kuh ein Säugetier. -Ihre milchgebende Mutterbrust hat sogar etwas ganz -Menschliches in Lage und Form, und hier steckt die -halbwegs gangbare Begriffsbrücke, die zur Vergleichung -mit einer homerischen »Sirene« geführt hat; denn es -wird behauptet, daß diese Seekühe, im Indischen und -Roten Meer gelegentlich schon vor den ältesten Seefahrern<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span> -beim Luftschöpfen auftauchend und solche Büste -produzierend, geradezu die Fabel von Meerweibchen, -also doch irgendwie der Verwandtschaft wenigstens der -echten sirenischen Fräuleins, erzeugt hätten.</p> - -<p>Die meisten Säugetiere aber, die nachträglich (denn -alle echten Säuger waren geschichtlich wohl zunächst -Landtiere) wieder ins Wasser gegangen sind, haben dort -eine Art Zersetzungs- und Zerfließungsprozeß ihrer -Leibesformen erlebt. Während der Fisch als ursprüngliches -Wasserkind durchweg (selbst im riesigsten Hai) eine -gewisse Grazie der vollkommenen Anpassungsform bewahrt -hat, stößt man beim Wassersäuger auf die greuliche, -verschwommene und zerhackte Mißform des Nilpferdmauls -oder die Monstra der großen Wale und -Pottfische, die jeder geordneten Linienführung im Umriß -spotten. Und so ist auch die Seekuh auf ihrer Wasserweide -an »Nichtform« ein echtes und rechtes Meerwunder -geworden, so ungeschlacht wie nur möglich, wie -einer, der sich gehen lassen kann und es nicht mehr -nötig hat, auf nettes Äußeres und adrette Umgangsform -zu sehen.</p> - -<p>Gleich für die ersten klaren Ordnungsgenies in der -neueren Tierkunde mußte es dabei aber eine wichtige -Frage werden, zu welcher engeren Ecke des großen -Säugervolks nun dieser Vetter Wanst eigentlich gehöre. -Vom Lande war er gekommen; an was für eine Landform -aber sollte man ihn dort systematisch anreihen?</p> - -<p>War es etwa wirklich die Kuh gewesen, die, gefräßig -ihrer Weide nachrückend, in irgendwelchen Urweltstagen -so ganz allmählich sich ins Seichtwasser hinein verloren<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span> -hatte und endlich dort zur regelrechten Taucherin geworden -war, wo die Grasnarbe sich allzu tief unters -Wasser verlor?</p> - -<p>Ganz so seltsam, wie es sich anhört, wäre solcher -Vorgang nicht. So ist das allbekannte Nilpferd ja -wirklich nichts viel anderes als ein in die weiten Binnenseegründe -voller Lotosweide dauernd verlocktes altertümliches -Schwein, das bei Sansibar sogar schon wie eine -rechte Seekuh kühn ins Meer hinausschwimmt.</p> - -<p>Längere Zeit indessen war unsere wissenschaftliche -Tierkunde zu solchen Ableitungen deshalb nicht recht -mutig, weil ihr überhaupt zweifelhaft geworden war, ob -sich eine Tierform aus einer anderen »entwickelt« haben -könnte. So gesellte man einstweilen die Seekuh gar -nicht zu irgendeinem Landtier im System, sondern rückte -sie mit zwei anderen ausgesprochenen Wassersäugern, -dem Seehund und dem Walfisch, zu einer engeren Gemeinschaft -der Fisch- oder Seesäugetiere zusammen. So -haben wir's noch aus dem alten, wirklich noch vom -Manne dieses Namens verfaßten »Brehm« gelernt, -und der älteren Generation sitzt's noch in Fleisch und -Blut. Es hilft aber nichts, die Welt läuft, und der -Mensch muß mitlaufen und immer wieder umlernen.</p> - -<p>Schon als der erste Darwinismus hochkam, wurde -klar, daß einer aus diesem künstlichen, bloß dem Aufenthaltsort -nach vereinten Trio unbedingt woanders -hinkommen müsse, nämlich der Seehund. Er war wirklich -ein Stück »Hund«, nämlich lediglich ein für die ergiebige -Wasserjagd umgepaßtes ursprüngliches Landraubtier.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p> - -<p>Ein Räuber, das heißt ein absoluter Fleischfresser, -ist aber auch der Walfisch, und so entstand vor ihm bald -ein zoologischer Argwohn, daß er, obwohl ersichtlich viel -weiter fürs offene Meer umgeformt, irgendwie doch auch -zuletzt und in grauen Entwicklungsurtagen an die Raubtiere -anschließe. Das ist in neuester Zeit durch geologische -Funde auch immer wahrscheinlicher, wenn auch noch -nicht ganz zur Gewißheit geworden; die Landväter sind -in diesem Falle wohl noch wahre Urraubtiere (sogenannte -Kreodonten) gewesen.</p> - -<p>Blieben zuletzt also wieder als vereinsamter Rest -unsere Seekühe.</p> - -<p>Diesmal schien aber ihre »Kuhnatur« zunächst wieder -zur Anerkennung kommen zu wollen.</p> - -<p>Bei Haeckel, dessen Systematik jetzt für eine neue -Generation zu einer Art zoologischen Breviers wurde, -las man, daß die Seekuh höchstwahrscheinlich ein -Wasserableger des paarhufigen Huftiers sei, also eben -der Gruppe, zu der unter anderem auch die Kuh gehört.</p> - -<p>Solche entwicklungsgeschichtlichen Vermutungen sind -nun bei umsichtiger Handhabung der Theorie stets sehr -wertvolle Fingerzeige, und Haeckels provisorische »Stammbäume« -haben trotz allen wohlfeilen Gegnerspotts eine -wahre neue Ära der ganzen zoologischen Systematik -eingeleitet, in der praktisch heute auch alle die leben und -weben, die Haeckels Namen nachträglich undankbar verleugnen. -Auf der anderen Seite bleibt aber ebenso -wahr, daß alle noch so geschickte Theorie arm ist, wenn -nicht das Glück wirkliche Neuentdeckungen hinzubringt, -– in diesem Falle also den Fund wirklicher vorweltlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span> -Skelette von Übergangsformen, die etwa den -Schritt von einem nilpferdisch und noch weiter wasserlieb -gewordenen Zweihufer aus der Kuhverwandtschaft -zur Seekuh leibhaftig vor Augen stellten.</p> - -<p>Nun fanden sich zwar versteinerte Seekühe. Seekuhweiden -bieten sich heute in den verschiedensten Meeren -und Strömen, von Florida und dem Orinoko bis Afrika -und dem Indischen Ozean; eine riesige Seekuh bei -Kamtschatka, das sogenannte Borkentier, ist erst in -junger geschichtlicher Zeit vom Menschen ausgerottet -worden. Wie aber in der Urwelt alle geographischen -Grenzen durchweg auf den Kopf gestellt scheinen, so -mußte man sich auch hier mit dem Bilde befreunden, -daß noch in der Epoche der Tertiärzeit, als unser allbekannter -Bernstein als frisches Harz von Waldbäumen -des Landes tropfte, über die Gegend bei Mainz und -Darmstadt ein Meeresarm ging, dessen Seegraswiesen -auch dort damals schon von zahlreichen, mäßig großen -(etwa drei Meter langen) Seekühen abgeweidet wurden. -Diese alten Darmstädter Meerweibchen zeigten, wie es -scheint, äußerlich noch ein verkümmertes Hinterbeinchen, -das heute ganz fehlt, sozusagen ein Abzeichen noch -mehr ihrer sicheren ehemaligen Landverwandtschaft. Aber -das war auch alles: im übrigen waren sie schon genau -so mißgeformt und wasserfroh wie ihre Genossen unseres -Tages etwa in ihrem fernen Roten Meer. Die sirenische -Übergangskuh hatte man jedenfalls in ihnen noch nicht -vor Augen.</p> - -<p>Inzwischen gab es aber eine alte Stimme aus der -Tierkunde selbst, fast vergessen wie der Mann, von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span> -sie hauptsächlich ausgegangen war, der schon fast zehn -Jahre vor Darwins Auftreten verstorbene Franzose -Blainville.</p> - -<p>Sie mahnte an die höchst seltsamen Zahnverhältnisse -dieser Sirenen, in denen offenbar noch ein separates -Geheimnis stecke.</p> - -<p>Wenn von den homerischen Sirenenmädchen die böse -Kunde gilt, daß ihr süßer Sängermund in verschwiegenen -Stunden Menschenfresserei trieb, zu der neben verminderten -ethischen Hemmungen mindestens ein gutes Gebiß -gehörte, so hatten einzelne der wirklichen Sirenenkühe -überhaupt keine Zähne oder doch nur spärlichste -Reste solcher. Doch das war offenbar wieder Wasseranpassung -für sich; auch der ungeheure Grönlandwal ist -zahnlos und seiht nur winziges weiches Meergetier durch -seine Gaumenbarten, die uns das bekannte Fischbein -liefern. Was aber noch vorhanden war von sirenischem -Normalgebiß, das war wirklich bedeutsam genug.</p> - -<p>Bald zeigte sich ausgesprochene Neigung, die oberen -Schneidezähne unter der fetten Wulstlippe in regelrechte -Stoßzähne zu verwandeln. Bald wuchsen die Backzähne -beständig neu nach, und zwar so, daß der vorderste immer -nach einer Weile ausfiel, von hinten her aber die Zahnreihe -ergänzt nachrückte. Diese Zahnwunder aber erinnerten -auffällig jetzt an einen zweiten Fall im Säugerbereich, -der ganz und gar nichts mit der Kuh zu tun -hatte, sondern mit dem – Elefanten.</p> - -<p>Auch die riesigen Stoßzähne unseres lebenden Elefanten -sind obere Schneidezähne, und auch bei den Backzähnen -dieses Elefanten herrscht ein mindestens sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span> -ähnliches System von streng geregeltem Verfall und -Ersatz.</p> - -<p>Kein Zweifel: die Sirenen hatten auch im übrigen -Bau ihres Skelettes mit den schweren, nicht gehöhlten -Knochen mancherlei Züge vom Elefanten. Trotzdem -schien der notwendig hier auftauchende Ideengang selbst -den kühnsten Stammbaumtheoretikern zu kühn.</p> - -<p>Unglücklicherweise wußte man lange Zeit gerade von -der eigenen Urverwandtschaft der Elefanten gar nichts. -Sie standen bis heute auf dem Lande, und doch wußte -man nicht, wo sie auf diesem Lande hergekommen sein -sollten. Kein anderes Säugetier glich ihnen genug zur -Anknüpfung. Die Gegner der Deszendenztheorie liebten -es, lächelnd hierher mit Fingern zu weisen. Hier waren -Tiere, die riesengroß waren, schon in Urweltsperioden -massenhaft gelebt und massenhaft versteinerte Knochen -hinterlassen hatten; und doch hatten sie anscheinend keine -»Ahnen«.</p> - -<p>Eines Tages indessen sollte das ein recht jähes Ende -nehmen. Im untersten Ägypten, im Hinterlande des -sogenannten Fayum, entdeckten die Geologen vor einigen -Jahren eine geradezu fabelhaft glänzende Fundstätte -vorweltlicher Säugetiere. Nie werde ich den Anblick vergessen, -als ich im Londoner Naturhistorischen Museum -beim Eintritt in die große Halle vor dem ersten frisch -ausgestellten Prachtstück von dort stand: dem grotesken -Riesenschädel eines sogenannten Arsinoitherium, eines -elefantenähnlichen Ungetüms, das auf der Nase zwei -enorme, nebeneinander gestellte knöcherne Zapfen, die an -die Zipfel einer kolossalen Narrenkappe erinnerten, getragen<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span> -hatte. Schon dieses jedenfalls nah verwandte -neue Tier bewies, daß man hier in die Urverwandtschaft -des Elefanten geraten war. Schlag auf Schlag folgten -sich dazu dann die weiteren Entdeckungen an dieser -Glücksstelle.</p> - -<p>Es zeigte sich ein Vormastodon, das die Entstehungsgeschichte -des späteren Elefantenrüssels enträtselte. Die -Krone aller Entdeckungen aber war der Ahne des ganzen -Elefantengeschlechts überhaupt. Er erschien in trefflicher -Erhaltung schon in einer Schicht der Tertiärzeit, -die geologisch noch ein Stück älter war als jene der -Arsinoitherien und Vormastodons. Da erschien ein Tier, -auch etwa so groß wie ein Tapir, also gegen den heutigen -Elefanten relativ klein. Die Gliedmaßen schlank; -ein langer Schwanz; im flachen, keineswegs elefantenhaft -steil getürmten Schädel ein altertümliches Gebiß, -in dem doch aber die Schneidezähne schon eine Tendenz -zeigten, hauerhafte Stoßzähne zu werden. Im Umriß -also ganz gewiß kein Elefant. Und doch durch soundso -viel feine anatomische Details einzig und allein an die -Elefanten anzuschließen. Die Sachkenner waren sich -bald einig: man hatte den so lange vermißten »Elefantenvater« -vor sich. Ein durchaus altertümliches Landtier, -selber noch den ältesten, sehr indifferenten Huftieren der -Vorwelt nahe, das aber den Ausgangspunkt der seltsamen -Entwicklung zu den elefantischen Kolossen, all -den Dinotherien, Mastodons, Mammuten und wie sie -hießen, gebildet hatte. Da in Altägypten in dieser -Fayumgegend der berühmte Mörissee gelegen hat, -wurde das einzigartige Geschöpf Möritherium getauft.<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span> -Kaum aber hatte man sich mit seiner Existenz abgefunden, -so sollte es den Tierkundigen noch eine Überraschung -bereiten, die zu den größten gehört, die alle Tierkunde -je erlebt hat. An der Küste des urafrikanischen Kontinents, -wo sich zu ihrer Zeit die Möritherien herumtrieben, -lebten damals, vom Wasser her in die Flußmündung -aufsteigend, auch schon Seekühe. Auch ihre -Knochen kamen in den heute erhärteten Schichten des -alten Uferschlamms von ehemals für uns zutage. Und -nun zeigte sich das Unerwartete. Diese uralten Seekühe -hatten fast genau den Schädel und das Gebiß des Möritheriums -gehabt. Auch in den Beckenknochen glichen -sie ihm noch frappant. Und doch waren sie sonst schon -Seekühe! Seekühe aber, die zugleich schwimmende Elefantenväter -waren! Kein Zweifel: in jenen Anfangstagen -war ein Zweig möritherienhafter Urelefanten auf -die Wasserweide gegangen und hatte sich dort zu Seekühen -umgestaltet. Als Wasserelefanten kamen diese -Seekühe fortan in die Seichtbuchten der Ufer und die -Flußmündungen, über denen auf dem Festlande dröhnenden -Schrittes die Landelefanten dahinstampften. -Wie das Nilpferd zum Schwein, der Seehund zum -echten Hund oder Bär, so stehen die »Sirenen« zum -Elefanten: sie sind seine Wasseranpassung. Nun gilt -es ein Umräumen in allen Museen. Die Elefanten, -lange so vollkommen isoliert, bekommen Nachbarn.</p> - -<p>Die große Seekuh des Roten Meeres, so hören wir, -wird bei Nacht dort bei den Korallenriffen von den -Beduinen in ungeheuren Netzen gefangen, durch langes -Untertauchen (das sie als Säugetier ja nicht unbegrenzt<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span> -verträgt) erstickt und mit großen Mühen endlich gehoben. -Das Bild erhält eine neue Farbe, wenn man sich sagt, -daß es sich hier um eine nächtliche Elefantenjagd handelt. -Ein Wasserelefant, noch ein Meter in der Länge -größer als der größte lebende Elefant im Kilimandjarobuschwald, -dickhäutig und ungeschlacht über alle Begriffe, -im Netz gefangen und zappelnd wie ein Fisch, bei -Fackelschein auf der Kante einer Korallenbank – wahrlich -eine packende Situation mehr im Märchen der -Tierwelt.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Entdeckung_des_Riesenklippdachses">Die Entdeckung des Riesenklippdachses</h2> -</div> - -<p class="drop">In meiner Bibliothek stehen ein paar kleine alte -Bände mit zierlicher Rückenvergoldung – die erste -Ausgabe von Cuviers »Tierreich« von 1817.</p> - -<p>Nach solchem alten, ehrwürdigen Bändchen greift -man heute nicht leicht, um sich über laufende Fragen -der Tierkunde zu unterrichten. Es muß schon mehr in -Sonntagslaune sein, wenn man sich einmal an der -Stimmung einer Zeit ergötzen will, die zwar weit hinter -uns an zoologischem Wissen stand, die aber eines immerzu -noch erleben durfte, das uns fremder wird: nämlich -ganz große Sensationen, Überraschungen dieses Wissens.</p> - -<p>Eine solche Sensation ersten Ranges steht dort bei -Cuvier beschrieben, wenn er von dem Tier spricht, das -nach einem übertragenen Namen der »Klippdachs« heißt; -mit unserem bärenartigen Raubtier Dachs hat es nichts -zu tun; man nennt es auch »Klippschliefer«, das heißt: -einen, der in engen Klippenspalten gern unterschlüpft -(schlieft). In Luthers Bibelübersetzung figuriert es als -das »Kaninchen« der palästinensischen Felsen.</p> - -<p>Die Klippdachse sind kleine, dick bepelzte Geschöpfchen -vom Habitus mittlerer Häschen oder großer Meerschweinchen, -die von Syrien bis zum Kap teils so in -Höhlen »schliefen«, teils hoch im Urwaldgezweige fast -affenhaft ihr Wesen treiben. Kein Mensch, der sie so -sieht, wird sie wirklich für etwas viel anderes halten als<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span> -Karnickel oder Eichhörner, zumal wenn er aus ihrem -Mäulchen auch noch die spitzen oberen Vorderzähne anscheinend -völlig nagetiergemäß vorstehen sieht.</p> - -<p>Als Nagetiere waren sie denn auch von den Zoologen -bis auf Cuvier verrechnet worden. Er aber mußte -jetzt den inhaltschweren Satz drucken lassen, diese Klippdachse -seien eine »<em class="antiqua">sorte de rhinocéros en miniature</em>«; -sie hätten die Backzähne des Nashorns und trügen an -den meisten ihrer Zehen kleine Hufe!</p> - -<p>Man muß in den Quellen der Zeit die Entrüstungsrufe -der übrigen Zunftgelehrten von damals lesen, daß -so etwas möglich sein sollte: ein Nashorn von der -Größe eines Kaninchens!</p> - -<p>Aber Cuviers Ansehen war zu gewichtig, um dauernden -Widerspruch aufkommen zu lassen. Der Klippdachs -ist wirklich fortan bei den Huftieren und versuchsweise -immer wieder in der Nähe des riesigen Nashorns -in den Listen der Tierforscher geführt worden, so -schwer's auch fallen wollte; aber man wurde das Gefühl -eines Rätsels dabei nicht los, das seiner wahren Lösung -noch harrte.</p> - -<p>Inzwischen wurden sein Leibesbau und seine Lebensweise -von vielen und immer eingehender studiert. Man -stellte jene Tatsache fest, daß er auch auf Bäume klettern -konnte, was dann für ein Rhinozeros noch grotesker -wirken mußte. Unser großer deutscher Reisender Schweinfurth -sah ihn an steilen, glatten Felsen in so unmöglichen -Lagen auf und ab turnen, ja todeswund noch wie -angeklebt haften, daß er auf eine besondere laubfroschartige -Saugkraft seiner Füßchen raten mußte, die in der<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span> -Tat beim Einziehen und Ausdehnen eines Spalts im -Sohlenpolster durch Luftverdünnung zustande kommt – -ein Rhinozeros mit Laubfroschfüßen auf polierten -Rutschflächen!</p> - -<p>Im übrigen Körperbau kamen aber auch immer neue -Seltsamkeiten ans Licht. Die Hufe waren eine Vereinigung -von affen- oder menschenhaften Nägeln mit -dem echten, die Fingerbeere ganz umgreifenden Sohlenhorn -des Hufs. Aus dem Pelz ragten überall einzelne -lange Tasthaare vor, deren Gebrauch unklar blieb. Im -Rückenfell umschloß eine abweichend gefärbte Flocke eine -kleine Tonsur, deren Zweck ebenfalls im Geheimnis verharrte. -Wiederkäuen wurde behauptet, dann wieder -abgeleugnet; jedenfalls paßte der Magen nicht dazu.</p> - -<p>Je mehr man aber allmählich anfing, Tiere überhaupt -entwicklungsgeschichtlich, im Bilde eines Stammbaumes, -zu ordnen, desto dringlicher mußte die Frage werden, -an was für einen Ast des großen Stammbaumes man -diesen verdrehten Gesellen mit seinen Saugfüßchen denn -nun tatsächlich kleben solle?</p> - -<p>Das Nashorn selber kam dort zweifellos zu Pferd -und Tapir. Unter den Pferdeahnen waren vorgeschichtlich -auch kleine Geschöpfe gewesen. Aber ihre speziellen -Knochenreste, als man sie fand und zusammensetzte, -wollten wieder gar nicht zum Klippdachs stimmen.</p> - -<p>Viele Jahrzehnte galt es als eine Hoffnung der -Versteinerungskundigen, endlich einmal vom Klippdachs -selber urweltliche Reste zu entdecken – ob die den -Schleier lüfteten. Würden auch sie uns kleine Tiere -weisen, so daß der lebende Schliefer ein echtes Überbleibsel<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span> -wenigstens der allgemeinen Zeit wäre, in der -alle Huftiere, auch die größten, auch Nilpferd und Nashorn, -klein angefangen hatten? Oder würden sie wirklich -jetzt nashornhafte Riesen von Klippdachsgestalt -zeigen, eine Ahnenschaft der entsprechend Großen, von -der unser lebender Freund spät erst und jämmerlich zu -seinem Zwergenmaß wieder heruntergesunken wäre?</p> - -<p>Lange aber wollte kein einziges Knöchelchen dartun, -daß überhaupt schon Klippdachse in der tierreichen Vorwelt -gelebt hätten.</p> - -<p>Merkwürdige Verwandte unserer Nashörner von -heute fanden sich ja unter dem Urweltsvolk genug. Da -hatte es in Nordamerika (wo heute überhaupt kein Nashorn -mehr existiert) Rhinozerosse gegeben mit ganz -kurzen Beinchen wie ein Teckelhund; andre, die überhaupt -kein Horn auf der Nase trugen, dafür aber Dickköpfe -mit gewaltigen Eckhauern führten wie ein Nilpferd -und auch nilpferdhaft amphibisch lebten; und noch -wieder andere, die ihren hornlosen Nashornkopf auf -langen Hälsen trugen und die gewandtesten schlanken -Galoppierbeine des Pferdes anzunehmen begannen. In -den nah verwandten sogenannten »Titanentieren« (<em class="antiqua">Titanotheria</em>) -hatten die Hörner umgekehrt wahre Orgien wilder -Gestaltungskraft gefeiert, je zwei nebeneinander (nicht -nacheinander) hatten sich auf festen Knochenzapfen nach -Art eines Ochsengehörns aus der Nase erhoben, und -zuletzt waren hier aus den Zapfenhörnern regelrechte -Masken mit weithin vorspringender Knochengabel geworden, -die den alten Bullen nicht mehr geschützt, sondern -eher wehrlos gemacht haben müssen. Ein Nebenzweig<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span> -dieser Titanentiere (also immer doch noch im -Nashornanschluß) hatte es in dem Wunderwesen Chalikotherium -gar zu einer nicht mehr trabenden, sondern -grabenden Form gebracht, die bei Rhinozerosmaßen des -Körpers statt Hufen mächtige krumme Grabkrallen wie -ein Riesengürteltier besaß. Aber kein echtes Klippdachsnashorn -fand sich dazu, so sorgsam man auch gerade -darauf fahndete.</p> - -<p>Unterdessen lenkte der Zahnbau des lebenden Klippdachses -gelegentlich aber noch einmal auf einen ganz -anderen Gedanken.</p> - -<p>Aus dem Maul ragten, wie erwähnt, oben die beiden -vordersten Schneidezähne gleich kleinen scharfen Stoßzähnen -(beim Männchen kräftiger als beim Weibchen) -vor. Diese Stößer waren immerwachsende Zähne mit -Emailbelag, die trotz ihrer Ähnlichkeit mit Nagezähnen -von dem rein blätter- oder kräuterfressenden Tier doch -nie zum wirklichen Nagen benutzt wurden. Dagegen -hatten sie eine in jedem Betracht frappante Ähnlichkeit -mit den allbekannten Elfenbeinstoßzähnen des – Elefanten.</p> - -<p>Der Elefant ist nun auch ein großes altertümliches -Huftier und als solches im weitesten Sinne natürlich auch -mit dem Nashorn urverwandt; im engeren aber wissen -wir ja jetzt (wir haben eben davon gesprochen), daß sein -Stammbaum später ganz eigene Wege, unabhängig sowohl -von der Nashorn- und Pferdelinie wie auch von -der Nilpferd-, Schwein- und Wiederkäuerlinie, genommen -hat. Sollte auch der Klippdachs in seiner dunkeln Vorgeschichte -am Ende mit dem Elefanten noch näher zusammengegangen -sein als dem Nashorn?</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p> - -<p>Lange tappte auch diese Idee für sich im Dunkeln, -da man die Elefantenvorfahren in wirklichen Knochenresten -selbst zunächst ja nicht finden konnte. Erst in -letzter Zeit ist das, wie gesagt, in Ägypten endlich geschehen. -Gerade jetzt aber mischte recht ärgerlich sich -auch noch ein grober Fehlschluß in den Fall Klippdachs -ein.</p> - -<p>Der höchst eifrige, aber etwas voreilige Paläontologe -Ameghino in Südamerika beschrieb nämlich plötzlich die -angeblichen Ahnen des Klippdachses aus angeblich so -uralten Gesteinsschichten Patagoniens, daß sie gar noch -in der großen Saurierzeit, in der Kreideperiode, gelebt -hätten. Beides war aber falsch, sowohl die Zeitbestimmung -wie die Sache selbst; es hatte eine Verwechslung -mit echt südamerikanischen Huftieren stattgefunden, -die selber, wie in allem, was aus ihnen je -geworden ist, niemals über Südamerika hinausgekommen -sind und nicht einmal entfernt den Klippdachsen geglichen -haben. Leider wurden die betreffenden Tiere in der ersten -Hitze »Urklippschliefer« (<em class="antiqua">Archeohyrax</em>) benannt, und dieser -Name erbt nun nach dem Gesetz der Erstgeburt in -unseren Lehrbüchern fort, obwohl er völlig in die Irre -führt. Das Gesetz hat schon manche Not dieser Art -gebracht, diesmal aber sollte es ein besonders mißliches -Exempel werden. Denn kaum, daß der falsche Urklippdachs -im Buche stand (mit dem Vermerk, daß er falsch -sei!), so meldete sich wie zum Tort gerade der so lange -Gesuchte selbst.</p> - -<p>Jenes Fayumgebiet in Unterägypten gab bei Gelegenheit -der erfolgreichen Suche nach den dort begrabenen<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span> -Vorfahren der Elefanten nun doch plötzlich eine Fülle auch -echter urweltlicher Klippdachsknochen frei. Und das lief -jetzt auf eine wirklich große Überraschung hinaus.</p> - -<p>Um das Ende des ersten Drittels der Tertiärzeit -haben die sumpfigen Waldungen des damaligen nordafrikanischen -Kontinents offenbar auch schon sehr zahlreiche -Klippdachse bewohnt. Unter ihnen aber wandelte -als auffälligste Gestalt damals noch der wahre Riesenklippdachs -(<em class="antiqua">Megalohyrax</em>).</p> - -<p>In der Größe nahm er es mit dem stärksten Bären -oder, wenn wir beim Nashorn bleiben wollen, ungefähr -mit einem mittelgroßen Sumatranashorn auf. Ein solcher -entsprechend schwerer Riese kletterte natürlich nicht auf -Bäume, sowenig er in engen Felsspalten »schliefte« -oder sich an glattes Gestein klebte. Das Wasser dürfte -er mit seinem schwachen Schwanz auch nicht geliebt -haben. Seine kurzen, bei solcher Größe jedenfalls noch -nicht so springflinken Klippdachsbeine machten ihn vielmehr -wohl zu einem ruhigen Waldgänger, der behaglich -das üppige Laub abweidete. Im ganzen Habitus muß -er aber sonst schon ein durchaus echter Klippdachs gewesen -sein, bloß daß alle Eigenart viel imponierender -hervortrat: der dicke Pelz als große bären- oder mammuthafte -Wollgestalt, die emaillierten Stoßzähne als wirkliche -starke Elefantenstößer. Recht unheimlich muß der Riese -ausgesehen haben, obwohl gewiß auch er kein besonderer -Angreifer war und von den bösen Raubtieren dieses urafrikanischen -Waldes sicherlich viel Not gelitten hat.</p> - -<p>Entscheidend aber löst er uns die oben gestellte Frage. -Also auch die Klippdachse hatten einmal ihre »große<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span> -Zeit«. Ganz früh hatten sie diese Zeit schon, in Tagen, -wo das Pferd sogar noch klein war. Aber dieser frühe -Glanz erlosch auch um so rascher.</p> - -<p>Im letzten Drittel der Tertiärzeit hat, wie wir jetzt -aus nachträglich richtiger Deutung von Knochenresten -auch glücklich wissen, auf der Insel Samos und dem -griechischen Festlande noch ein einzeln verspäteter, relativ -großer Altklippdachs jener Glanztage fortgelebt.</p> - -<p>Auf unsre Zeit aber kam das Geschlecht nur mehr -in kaninchenhafter Verzwergung. Bedeutsam aber ist -dabei wieder der alte Ort des Glanzes: Afrika.</p> - -<p>Offenbar haben die Klippdachse zum ältesten Stamm -ursprünglich afrikanischer, in Afrika landes- und geburtseigentümlicher -Hufsäugetiere unserer Erde gehört.</p> - -<p>Im Gebiß wesentlich noch urtümlicher, weniger einseitig -gebaut, verraten jene großen Altformen ihres Geschlechts -uns auf der einen Seite jetzt noch deutlich -auch ihren Anschluß an die Stammgruppe der Huftiere -überhaupt, von der auch alle die geographisch entfernteren -(selbst die nordamerikanischen) Formen ursprünglich einmal -ausgegangen sein müssen.</p> - -<p>So erklären sich die Beziehungen, die den kleinen -Schliefer von heute noch in seinem Zahnbau mit dem -Nashorn verknüpfen; einzelne jener alten Fayumer gemahnen -ebenso und stärker hier auch noch an das Schwein, -das heute doch wieder vom Nashorn so weit fernsteht.</p> - -<p>Das sind aber eben ganz allgemeine Altersreminiszenzen.</p> - -<p>Andererseits muß dagegen für ihre engere afrikanische -Fortbildung und Nächstverwandtschaft jetzt entscheidend -werden, daß sie in dieser ihrer engeren geographischen<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span> -Wurzelung wirklich nur noch einen einzigen uns erkennbaren, -ebenfalls damals hochsteigenden Genossen gehabt -haben, nämlich tatsächlich das alte große Wundertier -der Sage wie Naturgeschichte – den Elefanten.</p> - -<p>In jenen gleichen nordafrikanischen Sumpfwäldern -der älteren Tertiärzeit sind ja auch die Elefanten damals -hochgekommen aus den relativ kleinen, wirklich sumpfbewohnenden -Urelefanten (Möritherien) zu den späteren -Riesen.</p> - -<p>Wenn nun im Bau der Stoßzähne wie in mehreren -Einzelheiten des Fußbaues eine unverkennbare engere -Ähnlichkeit auch von Klippdachs und Elefant heute noch -besteht, so legt diese geographische Einheit einen solchen -Stein jetzt dazu in die Wagschale, daß es fast zwingend -zu des Märchens wie der Weisheit letztem Schluß -wird: Klippdachs und Elefant gehörten ursprünglich auch -körperlich noch länger zusammen, bildeten eine Einheit – -und erst in ihrem Afrika selber haben sie sich allmählich -getrennt: der Urelefant, indem er zuletzt auf Mastodon -und Mammut ins Kolossale ging – der Klippdachs, -indem er zum Kaninchenzwerge später sank. Nicht ein -Miniaturnashorn lebt uns also heute in diesem Klippdachs -fort, wohl aber ein <em class="gesperrt">Miniaturelefant</em>.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Mammutschnitzer_von_Predmost">Die Mammutschnitzer von Predmost</h2> -</div> - -<p class="drop">Sie kommen – da hilft nun nichts mehr!</p> - -<p>Lange genug haben wir uns ehrlich gewehrt, -nun ist es Zeit, daß wir uns ehrlich für besiegt erklären.</p> - -<p>Nämlich jene wunderbaren Menschen der Diluvialzeit, -die so viele Jahrtausende vor Beginn unserer geschichtlichen -Überlieferung gelebt haben, daß den Historiker, -dem schon ein Tag ein Wert ist, mit Recht -dabei ein Gruseln überläuft.</p> - -<p>Wie auf dem Bilde Kaulbachs über dem Schlachtfelde -noch die Geister der Gefallenen weiter bekämpft -werden, so haben wir mit ihren unheimlichen Schatten -gerungen, als sie zuerst vereinzelt aus den feuchtkalten -Kellergewölben ihrer Höhlen aufzusteigen begannen. Aber -aus den Schemen sind ganze Völker geworden, und die -Gespenster haben, was das Entscheidende für ihre Aufnahme -in die wirkliche Geschichte sein muß, für uns eine -Seele bekommen.</p> - -<p>Keine Tradition wußte von diesen Menschen. Sie -haben für uns keine Namen, keine Sprache, vielleicht -auch keine Heimat, denn sie tauchen als schweifende -Jägerstämme bei uns in Europa auf, die wer weiß wie -weit herkommen konnten. Aber sie tauchen auf in -der Eiszeit. Mit nicht schlechten, aber ganz einseitigen -Waffen (Stein, Horn, Bein, Holz) jagen sie die märchenhaften -Tiere jener Erdepoche, auf europäischem Boden<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span> -Löwen und Panther, riesenhafte Bären, Elefanten und -Nashörner, das Urwildpferd und den Präriebison.</p> - -<p>Nie wieder hat Europa solche Jagd gesehen. Wie -verschwinden alle Herkulessagen der Griechen dagegen! -Zu den Ungetümen, die sie bezwangen, möchte man sich -schauerlich wilde Vormenschen denken, die selber noch -halbe Ungeheuer waren. Zumal in so endlos ferner -Zeit. Aber gerade das sind sie auch nicht gewesen, und -daß sie es nicht waren, ist wohl das allverblüffendste -an ihnen, vor dem auch die energischsten Heißsporne, -die zuerst für ihre Existenz eintraten, noch haben umlernen -müssen.</p> - -<p>Sie hatten schon eine hochentwickelte Kunst! In -unzähligen Denkmälern, die in Südfrankreich und -Spanien neuerdings fast Monat für Monat neu aus -den alten Höhlen und Kulturschichten hervorgezogen -werden, ersteht diese Kunst augenblicklich imposant vor -unserem Blick. Schnitzereien, Gravierungen, Reliefplastik -und farbige Malereien, die Jagdszenen, Tierbilder, Ornamente -darstellen, geben ein nie erwartetes, ein überwältigendes -Bild. Diese Menschen begannen nicht erst -mit der Kunst: sie besaßen sie bereits. Sie waren vielfach -Meister der Darstellung. Die Prachtwerke über -diluviale Höhlenmalereien, die gegenwärtig unter der -Ägide des Fürsten von Monako erscheinen, riesige -Quartbände mit Farbentafeln, enthüllen nicht nur wissenschaftliche -Dokumente zur Kunstgeschichte, sondern sie -geben (besonders aus der Wunderhöhle von Altomira -in Spanien, deren ganze Decke ein figurenreiches und -farbenprächtiges prähistorisches Freskogemälde bedeckt)<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span> -einzelne Blätter, die fortan die Freude jedes künstlerisch -empfindenden Auges sein müssen wie nur irgendeine große -Höhenleistung sonst der älteren Kunst. Und erst seit -wir in diese Kunst der Mammutjäger schauen, läßt sich -wirklich jenes eben gebrauchte Wort anwenden: daß wir -jetzt auch diese Menschen <em class="gesperrt">seelisch</em> besitzen im Inhalt -unserer Kulturgeschichte.</p> - -<p>Von Mammutjägern also zu Mammutmalern und -Mammutschnitzern!</p> - -<p>Die amüsante kleine Episode, die ich hier an diese -mächtige neue Melodie knüpfen möchte, beweist indessen -mit ihrem Anfang klärlich, daß man auch heute noch, -in unseren (bekanntlich) sehr hellen Tagen, bei einem -Mammut zunächst an etwas wesentlich anderes denken -kann als an Kunst.</p> - -<p>So geschah es nämlich Herrn Chrometschek, Gutsbesitzer -zu Predmost, einem kleinen Flecken bei Prerau -in Mähren, der vor einer Reihe von Jahrzehnten hinter -seinem Garten graben ließ und dabei in einer alten verbackenen -Staubschicht des ehemaligen diluvialen Steppenbodens -dieser Gegend auf eine Katakombe gewaltiger -Knochen stieß. Die meisten und größten stammten eben -vom Mammut, und nie bisher ist eine großartigere Anhäufung -von Gebeinen dieses verschollenen europäischen -Elefanten zutage gekommen. Die Reste von fast -tausend Individuen sind noch in der Folge geborgen -worden, junge und alte dabei, vom Urvater bis zum -Embryo. Daneben Knochen des Nashorns, des Urstiers, -des heute noch in Grönland existierenden Moschusochsen, -des Elchs, des Wildpferdes, der Gemse, vermischt<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span> -mit denen von Löwe, Leopard, Wolf, Vielfraß -und Biber.</p> - -<p>Herr Chrometschek aber als umsichtiger Landwirt ließ -diesen ganzen reichen Segen, so oft er sich beim Abbau -des alten Steppensandes wiederholte, reinlich zu Pulver -zerstampfen und düngte seine Felder damit – lange -Jahre hindurch. Und dann erst fanden ein paar hinzukommende -ausgezeichnete Gelehrte (zunächst Wankel, -nachher Maska und Kriz), daß dieser Dünger doch für -Kohlköpfe oder Rüben entschieden etwas zu kostbar sei -und besser menschlichen Gehirnen und wissenschaftlichen -Theorien zugewendet werde.</p> - -<p>Als das ganz besonders Interessante ergab sich nämlich, -daß es sich hier nicht bloß um ein zufälliges Massengrab -vorweltlicher Tiere, etwa auf Grund zusammengeschwemmter -oder in einem Staubsturm gemeinsam begrabener -Kadaver, handelte. Vorgeschichtliche Menschen hatten -schon einmal die Hand dabei im Spiel gehabt. Zu vielen -Tausenden lagen ihre Steinwerkzeuge am Fleck, auch einzelne -Skelettreste. An Holzkohlen und Asche erkannte man, -daß sie Feuer gebrannt hatten. Viele der Tierknochen -waren künstlich zerschlagen, angebrannt, bekritzelt, rot -gefärbt. Stellenweise lagerten die Mammutgebeine in -hübsch sortierten Haufen: hier lauter Beckenknochen, -dort Schulterblätter, Zähne oder Gelenkköpfe zueinander -gesammelt. Kein Zweifel: Menschen hatten mit dem -Material gewirtschaftet, und wenn irgend etwas nahelag, -so war es die Annahme, daß es sich um eine Jägerstation -handelte, wo frisches Jagdwild abgehäutet, verarbeitet, -zum Teil gebraten und gegessen, zum Teil in<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span> -seinen brauchbaren Knochenteilen ausgeschlachtet worden -war. Wohlverstanden: hauptsächlich Mammutwild. Eine -Art Abdeckerei oder Schlachthaus aus der Mammutzeit -selber stand vor Augen, und der Schlächter war schon -der Mensch gewesen!</p> - -<p>Es war eine gar gewaltige Triebkraft, was dieses -Mammutlager von Predmost damals, in den achtziger -Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, in die annoch -junge prähistorische Wissenschaft hineinzubringen schien.</p> - -<p>Zum ersten Male faßte man davor den ganzen Mut, -den Menschen der alten Steinzeit wirklich zusammen zu -sehen mit diesen schauerlichen letzten Urweltsgestalten der -Tierwelt, die alle ältere Geologie noch durch die furchtbarste -Erdenkatastrophe von jeglicher Menschennähe getrennt -gedacht hatte.</p> - -<p>Aber der Geistesboden war zu glänzend damit gedüngt, -um nicht eine ganz unerwartete Riesenrübe noch -hervorzutreiben in Gestalt eines genialen Gedankens, der -so genial war, daß er tatsächlich noch einmal die ganze -Geschichte in die Luft fliegen ließ.</p> - -<p>Der Gedanke wuchs im durch und durch gescheiten -Kopfe des alten Japetus Steenstrup aus Kopenhagen, -der, damals schon bald achtzigjährig, eigens herangepilgert -war, um sich auch von dem Wunder zu überzeugen.</p> - -<p>Steenstrup, Zoologe von Haus aus, dann selber -Prähistoriker, hatte die gründlichsten allgemein geachteten -Forschungen hinter sich – über das Liebesleben jener -wundersamen Seetiere, die stets in einer Generation -wirkliche Liebespärchen, in der nächsten dagegen nur ein -einziges pflanzenhaft ausschlagendes Elternwesen hervorbringen;<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span> -über die verschrobenen Augen der Flundern; -über die geschichtlichen Geheimnisse der dänischen Torfmoore -und Muschelbänke und anderes mehr. Meister -Steenstrup befand sich aber kaum im Angesicht des -Mammutfeldes, so gab er auch schon die überraschendste -Lösung.</p> - -<p>Jedermann kennt die berühmte Geschichte von den -sibirischen Eiskadavern von Mammuten, die, vor ungezählten -Jahrtausenden in Gletscherspalten eingefroren, -heute noch gelegentlich mit Haut und Haaren heraustauen. -Wenn solches Tauen geschieht, kommen die -hungrigen Wölfe heute noch hinzu und fressen von dem -derben Brocken vorgeschichtlichen Gefrierfleisches, nicht -minder aber besuchen die armen Tungusenjäger da oben die -Stätte, um sich der famosen Elfenbeinhauer zu bemächtigen.</p> - -<p>Wer beweist uns nun, fragte der alte Steenstrup, -daß ein solcher Hergang nicht auch den Fall Predmost -selber erklären kann? Bis ans Ende der Eiszeit reichten -nordsibirische Verhältnisse tief nach Europa hinein. Wenn -nun schon damals im gefrorenen Boden oder Gletschereis -solche Gefriermumien gesteckt haben? Bloß eben -damals bis in Gegenden noch hinein, die so weit südlich -lagen wie dieses mährische Predmost? Und wenn schon -damals einmal ein solcher ganzer Eisschrank gerade hier -aufgetaut war, seine uralten Mammutbraten in nicht -ganz delikatem Zustande wieder herausgebend? Wenn -dann Menschen von damals in der Nähe vorbeizogen, -werden nicht auch sie sich brauchbare Zähne und Knochen -herausgesucht haben? Die ekle Stätte wird jedenfalls -gründlich von ihnen durchwühlt worden sein. Wölfe<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span> -werden von dem Fleisch gefressen haben. Wer weiß: -am Ende sogar halb verhungerte Menschen selber. Steinzeitmenschen -natürlich. Aber deshalb doch noch lange -nicht Zeitgenossen des <em class="gesperrt">lebenden</em> Mammuts. Keine -Mammutjäger! Unabsehbare Zeiträume mögen die Zeit, -da diese Mammute wirklich gelebt hatten, schon damals -getrennt haben von der Stunde, da ihre Gefrierleichen -heraustauend so in Menschenhand kamen. Sibirien in -Predmost, nichts weiter, aber nicht lebende Menschen -vor lebendigen europäischen Elefanten.</p> - -<p>Wenn je ein Gedanke mit seiner Logik bezwang, so -war es dieser. Ich weiß selbst noch genau, wie er mich -absolut sieghaft gefangennahm, als ich ihn zum ersten -Male las. Es gab keine Widerrede. Für einen so -geistvollen und eminent kenntnisreichen Kopf wie Virchow -ist er damals entscheidend für seine ganze Stellungnahme -zu diesen Fragen bis an sein Lebensende geworden. Er -schien berufen, pädagogisch eine wahre Warnungstafel -zu werden, wie heillos vorsichtig man beim Gehen auf -diesem schwankenden Staub und Schnee der Vorwelt -sein müsse. Nach solchem Fiasko an der eklatantesten -Stelle mußte man auch alle anderen angeblichen Beweise -für das Zusammenleben von Mensch und Mammut -mit neuen und zwar mit sehr, sehr kühlen Augen ansehen. -Virchow kam mit solchen Augen zu dem festen -Schluß, daß es trotz aller Rederei und Flunkerei bisher -keinen diluvialen »Mammutmenschen« gebe, sowenig -wie einen tertiären Affenmenschen.</p> - -<p>Die Franzosen besaßen allerdings damals längst in -einer ihrer Sammlungen ein vielbewundertes Stück<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span> -Mammutelfenbein – gefunden im Vézèretal in der -Dordogne, wo das wahre Pompeji diluvialer Kultur -und Kunst ist – mit einem wohl erkennbar eingravierten -Bilde eines Mammut darauf. Das mußte jetzt -eine »Fälschung« sein. Wenn einige tüchtigste deutsche -Forscher, die damals aburteilten, dort Direktor gewesen -wären, wer weiß, in was für einer Müllgrube das unschätzbare -Stück verschwunden wäre. Wer aber ja noch -so leichtgläubig sein wollte, es für echt zu halten, der -mußte sich sagen lassen, daß es selbst dann nichts beweise; -denn wenn die Steinzeitmenschen noch Eiskadaver -mit erhaltenen Rüsseln und Mähnen aufgefunden hatten, -so mochten sie danach auch ein echtes behaartes Elefantenbild, -wie es jene Platte wies, konstruiert haben, -ohne doch je ein lebendes Mammut gesehen zu haben; -auch dieser Schluß hat mir selber lange imponiert.</p> - -<p>Das unschätzbare Stück …! Denn das ist schließlich -doch der Witz und die wahre Nutzanwendung der ganzen -Geschichte geworden, daß der alte Steenstrup sich trotz- -und alledem gründlich verhauen hatte.</p> - -<p>Seine Idee stand und fiel mit der einen Möglichkeit, -daß jene Steinzeitler zu ihrer Zeit in Mähren mit -uralten, in undenklichen Zeitfernen rückwärts niemals -aufgetauten Eismassen und Gefrierböden in Berührung -kommen konnten. Die nähere geologische Untersuchung der -Stelle hat diese Möglichkeit aber rund verneint. Predmost -ist überhaupt niemals in der Diluvialzeit derartig vereist -gewesen, konnte also auch keine Mammute konservieren.</p> - -<p>Die Menschen jener Tage lebten nicht auf Dauereisboden, -sondern in weiten Grassteppen, wie sie für<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span> -große Landgebiete und Zeitperioden der langen Diluvialzeit -vielfach in Mitteleuropa charakteristisch gewesen sind, -Steppen, durch die die Saigaantilope streifte wie heute -noch im südöstlichen Rußland. Ihrer Kultur und ihrem -Körperbau nach gehörten diese Predmoster Jäger wahrscheinlich -zu jenem diluvialen Volk, das man heute nach -dem Fundort Solutré bei Lyon benennt; die Solutréenser -waren in Frankreich besonders eifrige Jäger auf die -zahllosen, auch für die Grassteppe charakteristischen Herden -von Wildpferden, wie sie ähnlich heute die Wüste Gobi -bewohnen. Man schiebt gegenwärtig diese Solutréenser -zeitlich ziemlich weit in die Diluvialzeit hinein und läßt -sie wesentlich älter sein als die sogenannten Magdalenier, -die das hauptsächlichste Volk jener französischen Kunsthöhlen -im Vézèretal gewesen sind. Nun wissen wir -aber, seit wir diesen Volksanschluß ungefähr haben, -aus zahlreichen anderen Funden, daß in die Jagdsteppe -der Solutréenser tatsächlich auch das Mammut -noch allenthalben lebend gekommen ist. Ein <em class="gesperrt">Nicht</em>zusammentreffen -mit dem Menschen, dem jagdfrohen -von damals, müßte also geradezu ein Wunder gewesen -sein!</p> - -<p>Und so ergibt sich der alte Schluß für Predmost -diesmal als die selbstverständlichste Folgerung: auch in -dieser mährischen Steppe müssen die Mammute besonders -zahlreich gewesen sein, und speziell in Predmost haben -die mährischen Solutréenser besondere Jagdtriumphe über -das Riesenvolk gefeiert.</p> - -<p>Damit aber werden auch alle weiteren Schlüsse wieder -hinfällig.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p> - -<p>Jenes von der Hand eines Diluvialmenschen gezeichnete -Mammutbild kann echt und noch nach dem -lebenden Original gezeichnet sein. Es ist von einem -Magdalenier gefertigt, also von einem Diluvialmenschem -dessen Volk, wie gesagt, erst einer späteren Epoche der -Diluvialzeit als die Solutréenser angehört. Es beweist -also nur, daß das Mammut über die Predmoster Tage -fort noch lange in Europa hinaus weitergelebt haben -muß. Inzwischen zweifelt aber an der vollwiegenden -Echtheit dieses schönen Fundstücks auch deshalb längst -kein Mensch mehr, weil man in den Höhlen des Vézèretales -seither die prachtvollsten magdalenischen Malereien -entdeckt hat, die zahlreiche Mammute in den lebendigsten -Stellungen mitten unter den anderen zweifellosen Jagdtieren -von damals darstellen. Da hört jeder Gedanke -wie an Fälschung, so auch an Rekonstruktion nach Eisfleisch -auf!</p> - -<p>Gerade an dieser Stelle aber hat die Geschichte -neuerlich nun noch eine besondere Krönung erfahren, die -erst den ganz würdigen Schluß gibt.</p> - -<p>Bereits sehr zu Anfang hatte man auf den Predmoster -Knochen leise Kunstspuren entdeckt, Zickzackornamente, -Wellenlinien, konzentrische Kreise, Dreiecke. -Später kamen Elfenbeinschnitzereien zutage, darunter das -Bild einer sehr rundlichen, anscheinend tätowierten Dame. -1895 stieß nun Herr Kriz auf ein mehrfach zerbrochenes -Stück Mammutzahn, das ihm immerhin auch als ein -unvollendeter Kunstversuch erschien, ohne daß er der -Sache Bedeutung beilegte. Und erst 1909 faßte der -andere treffliche Bearbeiter der Schätze, Maska, den<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span> -wahren Sachverhalt: die richtig aneinander gepaßten -Stücke zeigten ein höchst famoses Schnitzbild des Mammut -– ein zeitgenössisches Bild also des so viel umstrittenen -Mammut von Predmost nunmehr in höchsteigener -Gestalt.</p> - -<p>Die unbedeutend fragmentarische Figur mißt 116 Millimeter -in der Länge. Das stark behaarte Tier ist auch -hier in lebhafter Bewegung, wohl heranschreitend, erfaßt, -die charakteristische Elefantenstirn erhoben, die -(beim Mammut kleinen) Ohren schlagend, Rüssel und -Beine in rascher Schrittstellung. Ganz besonders lebendig -wirkt die Schwanzquaste, die die linke Flanke peitscht. -Solche Lage ergab sich aus kluger Ausnutzung des Platzes, -der gleichzeitig die Stoßzähne zum Opfer fielen; aber -das Vorbild dieser Möglichkeit konnte nur aus dem -lebenden Tier in der Seele des Künstlers sein – des -Mammutschnitzers von Predmost.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p> - -<h2 id="Die_Furcht_vor_dem_Menschen">Die Furcht vor dem Menschen</h2> -</div> - -<p class="drop">Auf die menschliche Phantasie hat von je der Anblick -ferner duftig blauer Inseln mit einer ganz -besonderen Magie gewirkt.</p> - -<p>Noch heute empfindet man das, wenn man vom -Schiff eine solche dämmernde Küste aufsteigen und -dämmernd wieder verschwinden sieht. Eine unendliche -Sehnsucht mischt sich mit unendlicher Neugier: als müsse -gerade dort die Erfüllung aller Märchen wohnen. Und -so war es in jüngeren und romantischeren Tagen der -Erdgeschichte auch ein gern geglaubter Traum, es werde -eine solche Insel einmal neu aus dem blauen Glast -tauchen, die uns noch ein Stück des alten Paradieses -bewahrt habe. Mit jungfräulichem Wald, wo der -Löwe neben dem Lamm ruhte und die Tiere den Menschen -als Bruder begrüßten. Vielleicht floß dort auch -der Wunderquell, der die Menschen selber wieder verjüngte. -Aber diese selige Insel ist nie gefunden -worden …</p> - -<p>Dagegen gab es eine andere Erfahrung, die wirklich -wiederholt und immer deutlicher gemacht wurde.</p> - -<p>Ganz rohes Matrosenvolk machte sie zuerst in rohen -Zeiten, Leute, die gewiß das Paradies sowenig brachten, -wie sie es zu finden verdienten, die auf einsamen Inseln -im Meere sich als wüste Schlächter etablierten und zu -ihren Proviantzwecken ganze Tiergenerationen massakrierten.<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span> -Sie bestaunten, und ihre Kapitäne schrieben es -ins Schiffsjournal, daß die Tiere auf solchem noch nie -vorher vom Menschen betretenen Eiland wirklich keine -Angst vor dem Menschen hätten. Als Lämmer nahten -sie dem Löwen Mensch, der ihnen dann allerdings -gründlich genug das Paradies austrieb.</p> - -<p>Die eigentliche Hochflut solcher Inselentdeckungen im -weiten Weltmeer liegt ja im allgemeinen noch in recht -unkritischen Zeiten der Beobachtung. So könnte auch diese -Geschichte in den älteren Quellen also oft wie ein Schiffermärchen -aussehen, bei dem die alten Schlächter dort in -einer Art unbewußten Kehrbildes zu ihrer eigenen Gefühlsroheit -die Legende vom »ethischen Tier« erfunden hätten.</p> - -<p>Aber die Sache ist wahr geblieben. An den Hauptstätten -der alten Verwüster ließ sie sich freilich durchweg später nicht -mehr kontrollieren, aus dem einfachen Grunde, weil die -Tierwelt, um die es sich handelte, dort längst vernichtet -war, als die strenge Forschung nachkam. Aber es blieb doch -noch einzelnes Neuland, und hier machten jetzt auch kritische -Gelehrte von moderner Schulung den gleichen Fund.</p> - -<p>Darwin hat ihm zuerst die Gewähr seines großen -Beobachternamens gegeben. Zweimal trat ihm auf seiner -Weltfahrt die Paradiesesunschuld solcher Inseltiere gegenüber -dem Menschen überwältigend entgegen: einmal auf -den Galapagosinseln, diesem weit in den Stillen Ozean -hinaus verschlagenen Rest von Südamerika, dann auf -den Falklandinseln, diesem umgekehrten Vorposten der -südamerikanischen Spitze im Atlantischen Meer.</p> - -<p>Auf den Galapagosinseln kannte kein Vogel Furcht -vor dem Menschen. Man konnte kleine Vögel –<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span> -Darwin war alles eher als ein Tierschlächter alten Stils, -immerhin aber doch ein passionierter Sammler – mit -der Mütze totschlagen, so gänzlich naiv kamen sie heran. -Zum erstenmal durfte der Kulturjäger, dessen Vorgänger -es daheim mit viel Bemühen bis zum Schießgewehr -gebracht, wieder zurückkehren zum Schlagwerkzeug prähistorischer -Zeiten: ein Falke ließ sich einfach mit dem -Flintenlauf vom Zweige eines Baumes stoßen. Eines -Tages, erzählt Darwin wörtlich, kam, während er am -Boden lag, eine Spottdrossel, setzte sich am Rande eines -aus der Schale einer Schildkröte gefertigten Eimers, den -er in der Hand hielt, nieder und begann ganz ruhig -von dem Wasser zu schlürfen. An einer Quelle traf -der Reisende einen Jungen, der vor sich einen Haufen -von Tauben und Finken für sein Mittagessen liegen -hatte; er hatte weiter nichts getan, als mit einer Rute -im Sitzen das heruntergeschlagen, was ohne jede Scheu -vor ihm an der gleichen Quelle trinken wollte.</p> - -<p>Auf den Falklandinseln liefen die Wildgänse, deren -Vorsicht man sonst zur Genüge kennt, dem Jäger überall -in die Hand, und ein kleiner Strandvogel war wenigstens -zu den ersten Besuchern vor Darwin noch so zahm gewesen, -daß er sich beinahe auf ihren vorgehaltenen Finger -gesetzt hatte und zu zehn Stück in einer halben Stunde -mit dem Stock erschlagen werden konnte; natürlich erschlagen -– anders ging's zum Lohn für seine Paradiesesneigungen -nicht!</p> - -<p>Darwin reiste in den dreißiger Jahren des neunzehnten -Jahrhunderts, und seitdem ist die Zahl dieser -»naiven Inseln« natürlich noch kleiner geworden. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span> -geographisch die letzte große <em class="antiqua">Terra incognita</em> aber die -Antarktis, die Südpolarwelt, auch dann noch bis auf -unsere Tage bleiben sollte, so sollten sich auch hier in -der Nähe die letzten Bestätigungen des alten Wunders -konservieren, glücklich begünstigt durch den Umstand, daß -es in dieser ganzen Antarktis auch keinen einheimischen -Menschen im Sinne des nordischen Eskimo gibt und -wohl je gegeben hat.</p> - -<p>Selber noch nicht eigentlich polar, aber doch schon -recht weit hinausgerückt dort, wo die unendlichen Wasser -des freien Indischen Ozeans gegen den südlichen Polarkreis -fluten, ragen die Kergueleninseln, eine Art Spitzbergen -dieser Südwelt, mit wilden Fjorden und Gletscherschliffen, -mit Eis und Basalt, alter Glut und jungem -Frost, dazwischen mit sommerlich grünen Matten und -reicher Tierwelt. Freilich wunderlichen Pflanzen und -wunderlicher Tierwelt. Hier und fast nur hier wächst -der rätselhafte Kerguelenkohl, eine Gemüsepflanze mit -meterhohen Blütenständen, die zur ganzen übrigen Vegetation -der Erde so fremd steht, als stamme sie von der -Kante eines seit Urtagen abgesonderten Kontinentes. -Zwischen den Blättern dieses antarktischen Kohls aber -kriechen wie Blattläuse flügellose Fliegen und zu flugunfähiger -Mißgestalt verkümmerte Schmetterlinge, die -aussehen, als seien sie vorzeitig aus der Puppe geschält. -Rüsselkäfer scheinen anzudeuten, daß einst -auch diesen öden Fels Wälder geschmückt haben -dürften. Den Hauptteil der Fauna aber bestreiten -riesige Robben und zahllose Vögel – und gerade sie -waren es, bei denen auch in unseren Tagen noch ein<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span> -vielleicht letztes Mal die »Paradiesunschuld« festgestellt -werden konnte.</p> - -<p>Als die Gelehrten der deutschen Valdiviaexpedition -am Weihnachtstage 1898 dort landeten, umflogen sogleich -Schwärme von Seeschwalben die Dampfbarkasse -und ließen sich auf ihrem Zeltdach nieder.</p> - -<p>Von allen Seiten trippelten dann, wie der Reisebericht -erzählt, auf den vom Wogenschlag abgeschliffenen -Basaltkuppen die hühnergroßen weißen Scheidenschnäbel -heran, eine seltsame Sorte antarktischer Regenpfeifer, die -eine besondere Scheide am Schnabel zum Schutz ihrer -Nasenlöcher führen. Sie brauchen diesen Schutz beim -Verschmausen des klebrigen Inhalts stibitzter Pinguineier -– in diesem Punkte sind dieselben nämlich ohne -paradiesische Manieren. Um so lebhafter aber trat in -jener Stunde auch ihre vollkommene Unbefangenheit -gegenüber dem Menschen zur Schau: neugierig pickten -sie Herrn Chun aus Leipzig, der sie mit Zoologenblick -musterte, mit ihren kuriosen Schnäbeln auf dem Schuhwerk, -ja selbst dem Gewehrkolben herum und schlossen -sich dann als treue Begleiter dem Wanderer an, als -sollten sie ihm auf dem fremden Terrain Führerdienste -leisten.</p> - -<p>Als die Reisenden Rast machten, setzten sich zwei -mächtige, stahlblau und weiß mit roten Schnäbeln gefärbte -Kormorane behaglich zu ihnen auf das gleiche -Rasenstück und reckten wie zu lustiger Frage die Köpfe. -Ungeheure Robben, sogenannte See-Elefanten, deren -alte Bullen mit ihren aufgeblasenen Rüsselnasen und -mächtigen Hauern martialisch genug ausschauen, so daß<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span> -man sie daheim auf Tierbuchbildern für die grauenhaftesten -Angreifer halten möchte, blieben ruhig im -Wege liegen, äugten mit ihren großen braunen Augen -bloß die Fremden gemütlich einen Augenblick an und -duselten und schnarchten dann wieder in ihrer Sonne -weiter. Bald war man sich gewiß, daß es zum Bewältigen -auch dieser Kolosse keiner Feuergewehre bedurfte, -wenn man ihre Felle und Skelette für die heimischen -Museen wünschte.</p> - -<p>Und vollends die Pinguine, diese drolligsten Südpolarler, -behandelten das Menschenvolk völlig wie -ihresgleichen. Sie traten herzu, hielten lange und eindringliche -Reden in ihrer unverständlichen Sprache, versetzten -auch Schnabelhiebe und Flossenpüffe, wenn man -ihre eng gedrängte Kolonie durchschritt, aber offenbar -auch das nur nach den Regeln eines gewissen derben -Anstandskomments, den sie ebenso unaufhörlich untereinander -übten. Der Leipziger Professor machte sich -gelegentlich den Spaß, eine ganze Herde solcher ein Meter -hohen Königspinguine eine halbe Stunde lang vor sich -herzutreiben oder, besser gesagt, zu einem gemeinsamen -Spaziergang zu animieren. Gravitätisch watschelten sie -mit ihm dahin, anzuschauen wie die Rektoren der Hochschulen -im Ornate, die, »jeder von dem eigenen Werte -genügend durchdrungen, zur Audienz antreten«. Gegen -zu rasches Tempo lehnten sie sich sanft auf, fröhlich -dagegen stimmten sie mit ihrem »Kräh! Kräh!« ein, -als der menschliche Führer einen Wandergesang intonierte. -Die lustige Tour endete leider auch diesmal -etwas traurig, denn am Ufer griffen die Matrosen<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span> -die schönsten Exemplare heraus und schleppten sie lebendig -an Bord.</p> - -<p>Nach diesen Angaben, die nicht romantischen Fabulierern, -sondern ernsten, sogar hervorragend kritisch veranlagten -Naturforschern verdankt werden, kann über die -Grundtatsache der »Menschenfreundlichkeit« nichtgejagter -Tiere kein Zweifel sein.</p> - -<p>Diese Tatsache aber muß nun auch für unsere Zeit -und Denkrichtung vom allerhöchsten Interesse sein.</p> - -<p>Es gibt, so zeigt sie, keinen allgemeinen »Urinstinkt« -des Tieres, der <em class="gesperrt">gegen</em> den Menschen gerichtet wäre.</p> - -<p>Im Zeitalter Darwins mit seiner Lehre vom Kampf -ums Dasein denken wir ja unwillkürlich zunächst, das -Feindliche müsse allemal das Erste und Ursprüngliche -sein. Wir vergessen aber dabei, was für eine ungeheure -Rolle auch in der sich selbst überlassenen Natur die -gegenseitige Freundschaft und Hilfe längst und von früh -an gespielt haben und noch spielen. Wir vergessen -den urgeborenen Trieb der Tiere zur Geselligkeit, und -wie aus ihm zunächst keineswegs Kampf und Flucht -einem neuen Wesen gegenüber resultieren. Daseinskampf -im Sinne, daß die Wesen um ihre Existenz -ringen mußten, ist ja gewiß eine uralte Erscheinung auf -Erden. Aber die engere Form, daß dabei gerade das -lebendige Mitwesen befehdet und gefürchtet wurde, ist -keineswegs eine absolute, sondern vielfach erst eine ganz -nachträgliche, sekundäre gewesen. Mächtiger als sie war -von Beginn an der Versuch, durch Zusammenhalten -Vieler und gegenseitige Hilfe die <em class="gesperrt">gemeinsame</em> Not -des Daseins zu ertragen und das Glück des Daseins<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span> -positiv zu vermehren. Daher schon die Zellenstaaten, -dann die Liebesbünde, die Tiergenossenschaften und -Tierstaaten, all diese unendlichen Wege und Ziele, deren -höchste Krönung ja schließlich eben auch die unendlichen -Regungen und Segnungen des menschlichen Gesellschaftslebens -selber sind, <em class="gesperrt">ohne</em> die der Kulturmensch -gar nicht denkbar ist und denen bei uns das entspringt, -was wir Ethik nennen.</p> - -<p>Daß die Robbe, daß der Pinguin, die von Haus -aus bereits extrem gesellige Tiere sind, den neu erscheinenden -Menschen nicht als Gegner nehmen, ist also nur -das Nächstliegende. Der »Feind« ist ihnen ein in ein -paar bestimmten Formen präzisierter leidiger Einzelfall -– das Anschlußfähige, Anschmiegsame, Mittuende dagegen -sozusagen die Normalsache. Soll man die traditionelle -Auffassung eines solchen Tiers menschlich ausdrücken, -so würde sie wohl ungefähr lauten: es gibt ein -paar Spitzbuben in der Welt, die diese oder jene bestimmte -Livree tragen, jenseits dieser Ausnahmen aber -ist die Masse treu, und was neu ist, wird zunächst nicht -eben für eine Ausnahme, sondern für die Regel gewertet -werden. Der Begriff des allen Mittieren und -Neutieren gegenüber wahnsinnig verscheuchten und absolut -mißtrauischen Wesens, wie ihn eine falsche Konsequenz -der Darwinschen Ideen erzeugt hat, wird von uns erst -künstlich in den Normalzustand hineingedacht. Wohl -aber ist natürlich auch ein Weiteres wahr.</p> - -<p>Wenn der Mensch sich solchen an sich gesellschaftlich -wohlwollenden Tieren gegenüber eine Weile als obstinate -Räuberausnahme geriert, so fängt auch das Tier an,<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span> -ihn als solche individuelle <em class="gesperrt">Ausnahme</em> einzuschätzen, -und gewisse Schutzorganisationen seiner Natur schaffen -das in kürzerer oder längerer Frist zu einem festen Instinkt -um.</p> - -<p>In unglücklichen Fällen kommt die Bedrohung ja -rascher, als daß diese Selbsthilfe nachkommen kann. So -waren die guten dicken Drontenvögel von Mauritius, -truthahngroße Tauben, die jeden fremden Matrosen auch -zuerst als Genossen begrüßt hatten, im Nu von den -proviantbedürftigen Holländern bis auf den letzten Kopf -hingemordet, ehe sich von innen heraus irgend etwas -bei ihnen auflehnen konnte. Bei ein wenig Spielraum -aber wird der Instinkt, der das Menschenwesen fürchten -lehrt, nicht ausbleiben.</p> - -<p>Auf was für einem Wege er sich durchsetzt, das ist -ja heute eine Streitfrage für sich. Die einen nehmen -schlicht an, daß die Tiere einzeln allmählich durch Schaden -klug werden und den Gegner kennen lernen, und daß sich -diese Erfahrung allmählich schon als zwingender Instinkt -auf die Jungen vererbt; andern ist gerade das nicht -genehm, und sie suchen verwickeltere Erklärungspfade; -aber das sind Nebendinge, die das Faktum nicht ändern.</p> - -<p>Darwin selbst merkte schon, daß die Vögel auf den -Falklandinseln zu seiner Zeit nicht mehr <em class="gesperrt">ganz</em> so zahm -waren wie siebzig Jahre früher. Ein Zugvogel der Inseln, -der schöne schwarzhalsige Schwan, hatte aber schon damals -überhaupt keine Menschenfreundschaft gezeigt: seine -Vorfahren hatten auf ihren Wanderungen offenbar längst -anderswo gelernt, daß der Mensch ein Feind sei, und -brachten diese Weisheit schon mit ins »Paradies«.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span></p> - -<p>Ebenso beobachteten die Gelehrten von der »Valdivia« -mit Staunen, daß <em class="gesperrt">ein</em> Tier der Kerguelen in ausgesprochenster -Weise die Flucht vor dem Menschen ergriff: -nämlich das Kaninchen. Aber auch diese Kerguelenkaninchen -waren erst junger Import, eine englische Expedition -hatte sie nicht lange vorher ausgesetzt. Wohl -hatten sie sich auf dem guten Boden ins Unbegrenzte -vermehrt, so daß jener interessante Kerguelenkohl ihrem -vereinten Appetit bereits bedenklich zu erliegen begann. -Aber noch war auch in ihnen mit ganzer Kraft der -Instinkt ihrer wahren Heimat lebendig – der Instinkt -der Flucht vor dem Menschenfeinde, den ihre Ahnen in -langer Notzeit dort sich ausgebildet.</p> - -<p>Wen ergreift es nicht mit einer gewissen Tragik, -wenn er von diesem »Umlernen« des Tieres hört!</p> - -<p>Der Mensch trat eines Tages auf diese Erde, zwischen -die Tiere mit ihren unverwüstlichen Geselligkeitstrieben. -Die Blüte seiner Kultur verdankte auch er der Existenz -solcher Geselligkeitsformen seines eigenen Lebens. Auf -ihnen beruhen Sitte, Recht und Staat, Mitleid und -Menschenliebe und die Idee aufopfernder Hingabe, die -zuletzt die Wurzel unseres ganzen Ideallebens bildet, -bei ihm. Der schwarzhalsige Schwan und das Kaninchen -aber haben ihn bloß als bösen Feind in den Kodex -ihrer natürlichen Schutzzüchtungen aufnehmen müssen!</p> - -<p>Aber unwillkürlich denken wir, daß sich doch auch -hier schon wieder etwas ändert. Hat sich im Tier etwas -ändern müssen, so ändert sich jetzt wieder allmählich etwas -im Menschen. Indem wir uns auf Tierschutz besinnen, -einsehen, daß es nicht so fortgehen könne mit dem wüsten<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span> -Hinmetzeln und Zerstören, indem wir plötzlich einen -neuen Standpunkt der Freude und der Achtung auch -vor dem Tier uns zu erringen beginnen, bahnt sich von -uns aus ein neuer entscheidender Umschwung an.</p> - -<p>Wo das Tier sich nur im Notzwange anpassen -konnte, da bewähren wir Menschen eine neue und edlere -Entwicklung aus eigener Kraft.</p> - -<p>Und es wird die Zeit kommen, wo auch diese veränderte -Front sich im Tier selbst geltend machen wird. -Seine Geselligkeitstriebe zum Menschen, der ihm in -neuer Weise entgegenkommt, werden neu erstarken. Und -es wird ein Triumph für uns selbst sein, wenn wir das -eines Tages im ganzen zu bemerken beginnen – wie -es heute schon hier und da ein paar zusammenhaltende -Nachbarn erleben, die in ihren Gärten die kleinen Vögel -nicht abschießen, sondern hegen und zutraulicher zu machen -suchen und die in diesen Gärten bereits wieder diese verscheuchten -Vögelchen sich versammeln sehen wie in einem -Asyl –, ein erster blauer Schein wieder von der neuen -Insel des Paradieses, die diesmal nicht in Wolkenkuckucksheim, -noch in entlegenen Polarbreiten liegt, sondern -in der erstarkenden Wärme des Menschenherzens selbst.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span></p> - -<h2 id="Wie_das_Tier_der_fleischfressenden_Pflanze">Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze -ein Schnippchen schlug</h2> - -<p class="titlepoem"> -»Hier steht Aurikel in der Schenke<br /> -Und zapft den Gästen das Getränke.« -</p> -</div> - -<p class="drop">Wie lange ist es her, aus stillen Tagen ohne Kriegssturm, -daß Meister Busch dieses niedliche Idyll -schuf, wie Aurikelchen, die Kellnerin, im sonnigen Frühlingsgärtchen -den dicken Käfern und leichten Immen aus -Münchner Deckelkrügen süßen Honigmet verzapft und -ihr dabei verstohlen ein Liebesbriefchen zugesteckt wird. -Das Spiel symbolisierte die einfache naturgeschichtliche -Tatsache aus dem großen Liebesgarten der Natur, daß -solche kokett bunte kleine Blüte das lüsterne Insektenvolk -wirklich mit einer harmlosen Honigschenke lockt und daß -die Insekten dafür ihre Liebesboten durch Übertragung -des Blumenstaubes bilden müssen.</p> - -<p>Aber Meister Busch, der alte treue Einsiedler im -bienenumsummten Pfarrhaus der deutschen Heide, ist -selber nie in den Tropen gewesen – dort, wo alle leisen -Melodien unseres Lebens daheim zu gewaltigem Sturm -anschwellen in der Üppigkeit des Urwaldes. So konnte -er nicht erfahren, was der große Erforscher der tropischen -Sundainseln, Herr Alfred Russell Wallace, erfuhr, als -er um die Mitte der fünfziger Jahre den Berg Ophir -auf Malakka bestieg, durch Haine herrlicher Baumfarne -wanderte und sich plötzlich Rankpflanzen gegenübersah,<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span> -die ihm von allen Seiten wirkliche ganz regelrechte Krüge -kredenzten, sogar mit einem richtigen, halb offenen Deckel -daran – Krüge, zierlich aus Blattsubstanz gebaut, die -zwar nicht Münchner Bier, aber doch eine trinkbare -Flüssigkeit enthielten. Er war etwas warm, der Trank -und ohne sich offenbar viel dabei zu denken, erwähnt -Herr Wallace, daß er voll ertrunkener Insekten lag; -trotzdem erwies er sich als sehr schmackhaft, und alle, -hören wir, löschten ihren »Durst aus diesen natürlichen -Krügen«.</p> - -<p>Ohne sich viel dabei zu denken!</p> - -<p>Seit rund hundert Jahren gab es zwar damals schon -eine dunkle Sage in der Welt, – von etwas ganz unerhört -Dämonischem im stillen Pflanzenreich, das wir so -gern als das Reich bloß friedlicher Duldung ansehen.</p> - -<p>Dem alten Linné hatte man schon von ähnlichen -Blattgebilden in Nordamerika berichtet, die in schönen -altertümlichen Deckelgläsern edles Naß darboten, doch -er träumte dabei bloß das freundliche Bild der Pflanze, -die sich selber an geschickt gespartem Trunk in der Hitzestunde -labte, und des Vogels, der sich an diesem lebendigen -Wasser erquickte im anmutig geregelten Naturhaushalt. -Aber schon hatte daneben der Blick des einen -oder anderen auch an den Insekten gehaftet, die jedesmal -in diesen Naturpokalen ertränkt lagen. Man hatte sie -verglichen mit anderen, die man immer und immer wieder -an den klebrigen Haarborsten gewisser Blätter angeleimt -oder in selbsttätig gefalteter Blattklappe eingeklemmt -fand, und man hatte vor ihnen herumgetastet an einem -dunkeln Sinn, einem dunkeln Geheimnis, das doch vielleicht<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span> -auch hier, wie so oft in der wilden Unterschicht -des Naturkampfes, irgend etwas höchst Schauerliches mit -dem Idyll eines fröhlichen Kneiptisches überdeckte.</p> - -<p>Immerhin wußte man aber mit der Sache zunächst -nichts Rechtes anzufangen. Die Naturseidel der -»Kannenpflanzen«, wie man jene indischen Tropenkinder -geradezu benannt hatte, zeigten oft die herrlichsten Farben, -und ihr Krugrand sonderte köstlichen Honig ab. -Kein Zweifel, daß hier Insekten unmittelbar angelockt -wurden, genau wie in den Liebeskneipen der Kellnerin -Aurikel und anderer Blüten. Aber in solcher Blüte -war eben die erste Voraussetzung, daß der Kneipant, das -Insekt, lebendig wieder in die nächste Kneipe kam, um -dort den Liebesbrief, den lebenskräftigen Blütenstaub -der Pflanze, weiterzugeben. Auf Leben war dort alles -aufgebaut – hier aber herrschte der Tod. Das große -Faß unter dem Schenktisch lag voller Leichen. Wer den -Krug angesetzt hatte, den schien er zu seinem Verderben -in den furchtbaren Schlund zu ziehen. Das Wirtshaus -im Spessart schien hier gebaut, nicht eine gemütliche -Animierkneipe.</p> - -<p>Fast zwei Jahrzehnte erst, nachdem Herr Wallace -auf dem Berge Ophir aus den Naturkannen seinen Durst -gelöscht, löste Darwin des bangen Rätsels Siegel.</p> - -<p>Das lustige Deckelseidel der Kannenpflanze ist ein -greulicher Sphinxabgrund, in dem die Pflanze das arme, -verleitete, herabgestürzte Kneipopfer, das Insekt, frißt. -Eine uralte Fügung des Lebenskampfes auf Erden hat -hier ihre wohl eigenartigste letzte Wende genommen. -Einst, in Anfängen der Entwicklung, war die grüne<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span> -Pflanze dem Tier voraufgegangen. Sie hatte es erst -möglich gemacht. Als eine Art Schmarotzerwesen an -der Pflanze war das Tier zuerst entstanden. Es konnte -nur bestehen, indem es Pflanzen fraß. In unsagbarer -Arbeit hatte sich die Pflanze gegen diese Invasion gewehrt, -mit Stacheldraht und Gift, am besten schließlich -doch mit ihrer ungeheuren Produktionskraft selbst, die -alle Repressalien ersetzte. Bis auf jenen Friedensschluß, -an einer Ecke, eines Tages, der das lebendige Tier gerade -als Insekt in den Liebesdienst der lebendigen Pflanze -stellte, zu Ehren jener edleren Form des Aufgehens im -anderen, die weit über dem Ziel des rohen Fressens die -Feinform der Liebe vertritt. Aber hart im Raume stoßen -sich die Dinge. Gerade hier setzte ein letzter grausiger -Gegenzug der Pflanze ein. Eine kleine Partei drehte -den uralten Spieß um: sie fraß das gelockte Insekt auf. -Und so die Kannenpflanze.</p> - -<p>Ihre weit hinausgereckten Deckelkrüge sind infame -Tierfallen. Äußerst kunstvoll ist das ganze Pflanzenblatt -dazu umgearbeitet. Die eigentliche grüne Blattarbeit -für das Leben der Pflanze sonst ist auf gewisse Teile -des Blattstiels abgewälzt. Die Spitze dieses Stiels gestaltet -dann auch noch das Bäuchlein der Kanne. Und -als Deckel darauf liegt erst das eigentliche Blatt. Anfangs -schützt es die noch werdende Kanne. Erst wenn -es sich hebt, ist die Falle fertig. Jetzt quillt aus dem -Seidelrand und der inneren Deckelfläche wie von süßem -Honigmund der Zuckersaft, dessen Anwesenheit zugleich -weithin prangende Farben wie mit schreiend buntem -Wirtshausschild verkünden: »Frisch angezapft.«</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p> - -<p>Alsbald sind Käfer und Heuschrecken, Wanzen und -Spinnen, vor allem aber die berufensten Süßmäuler, die -Ameisen, da. Gibt es doch bei diesen Tropenameisen -so unersättliche Honigschlecker, daß sie mit den heimgebrachten -Schätzen einzelne lebende Mitglieder ihres -Staates gewohnheitsmäßig randvoll füttern, um sie so -zunächst zu lebendigen Vorratsflaschen zu machen, aus -denen später nach Bedarf wieder abgezapft werden kann. -Doch der Kneipenrand der Kannenpflanze ist glatt, rasch -stürzt bald der, bald jener der sorglosen Kneipanten ab; in -der Kanne steht hohe Flüssigkeit wie in einem Brunnenschacht, -ein Hinaufklettern gibt's nicht mehr, da ein besonderer -Kranz grimmer Zähne, von unten gesehen, -herabbleckt – und so geht's auf Tod und Leben. Über -das Ende kann kein Zweifel sein.</p> - -<p>Was aber Darwin entscheidend hinzu entdeckte, war -eben, daß die Pflanze jetzt die abgestürzten Opfer regelrecht -frißt. In die Flüssigkeit des Seidels hinein gießt -sie verdauenden Pepsinsaft, der die genießbaren Teile -der Insekten löst und verdaut wie nur je ein regelrechter -Tiermagen. Zu einem Magen und Darm im buchstäblichen -Sinne ist jedes der Münchner Seidel geworden, -Fleisch frißt die Pflanze. Menschen streiten sich, ob -reines Vegetariertum vielleicht bekömmlicher und auch -ethischer sei. Die Kannenpflanze hat sich entschieden: sie -ist nicht Vegetarierin und würde, wenn die nötige Größe -gegeben werden könnte, zweifellos auch Menschen fressen; -in die halbmeterlangen Kannen einer Art von Borneo -ginge schon ohne Mühe ein Vogel von der Größe einer -Taube hinein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p> - -<p>So weit war unsere Weisheit bis vor ein paar letzten -Jahren.</p> - -<p>Aber es ist im Natur- wie Menschenleben immer das -gleiche: auf jeden Schlag kommt wieder ein Gegenschlag, -jedem Schach bietet sich ein kühnes Gegenschach. Das -stolzeste Kriegsschiff erliegt dem Unterseeboot, die dickste -Festungsmauer der Neuerfindung des 42-Zentimeter-Geschosses. -Und so hat die Naturzüchtung im Tier nicht -geruht, bis sie auch hier wieder vom Tier aus den Gegenzug -tun konnte.</p> - -<p>Die Pflanze hatte keck genug noch einmal spät für -sich den Magen erfunden. Wie bewältigt, wie verkehrt -man in sein Gegenteil jetzt den Freßmagen: das war -das neue, dem Tier gestellte Problem. Nun, und da -gab's eine alte Erfahrung. Wir Tiere hatten den Magen -seit alters, gewiß. Alle höhere Tierentwicklung, Tierkultur, -Tiergutbürgerlichkeit hatte sogar wohl geradezu -angefangen mit der korrekten Ausgestaltung des Magens -auf der sogenannten Gasträastufe. Aber wir Tiere in -unserem Entwicklungsmärchen hatten auch seit längst -den Gassenjungen, der diesem Magen ein Schnippchen -schlug: das war der Bandwurm, der Eingeweidewurm, -der sich einfach in den Magen, die fressende -Zyklopenhöhle, lebendig hineinschmuggelte, gegen die -verdauende Pepsinapotheke da drinnen das dickste Fell -hatte, ja sich einfach immun erwies und nun den Spieß -so drehte, daß er selber als ungebetener Gast sich -über den eingehamsterten Proviant da drinnen hermachte -und nach Leibeskräften »mitaß« vom gedeckten -Fremdtisch.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p> - -<p>Unzerkaut und unverdaut im Magen weiterleben und -dann diesen Magen als seinen benutzen: das war die -geniale Lösung, war der gewonnene Gegenschlag.</p> - -<p>Wenn aber nun der Magen in der Pflanze ist?</p> - -<p>Was hilft's, dann muß die Kannenpflanze den Bandwurm -bekommen …</p> - -<p>Eine der ersten Andeutungen des überaus sensationellen -Fundes, der hier nahen sollte, las man 1905 in -dem trefflichen Reisewerke der Vettern Sarasin über -Celebes. »Die Untersuchung einer der großen Kannen -(von <em class="antiqua">Nepenthes maxima</em>) zeigte sie mit trüber Flüssigkeit -halb angefüllt. In dieser schwammen Reste einer -verdauten Schnecke, <em class="antiqua">Nanina cincta (Lea)</em>, nämlich das -Ende der Fußsohle und die Schale, auch diese letztere -schon stark angegriffen, ferner Überbleibsel von Spinnen, -Heuschrecken und Ameisen. Merkwürdig war aber, daß -lebende Mückenlarven und Fliegenmaden in der Brühe -ihr Wesen trieben, offenbar ohne von der verdauenden -Wirkung Schaden zu nehmen, ganz analog wie Parasiten -im Magen und Darm ihrer Wirte.« Also lebende Tiere -im Sphinxabgrund selber, die fröhlich dort weiterlebten!</p> - -<p>In der berühmten Naturforscherstation von Buitenzorg -auf Java rückte man der zunächst schier unglaublichen -Sache rasch näher auf den Leib, und den Schlußstein -konnte einstweilen durch eigene wichtigste Entdeckungen -unser ausgezeichneter Freiburger Zoologe Konrad Guenther -(bekannt auch im weitesten Kreise besonders durch -sein so überaus wertvolles Anschauungswerk zur Entwicklungslehre -»Vom Urtier zum Menschen«) bei Gelegenheit -eines Aufenthalts auf Ceylon setzen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p> - -<p>Jeder von uns kennt unsere lieben Stechmücken, -berufen offenbar, uns nicht zu sehr zu Schlemmern im -still beschaulichen Naturgenuß am idyllischen Schilfufer -werden zu lassen, und interessant durch ihren Bezug zur -Frauenfrage, indem es nur ihr Damengeschlecht ist, dessen -kriegerischen Angriffen wir ausgesetzt sind, während die -Männchen nicht stechen. Ihre kleinen Lärvchen nehmen -mit jedem bescheidensten Tümpelchen vorlieb, wo sie köpflings, -mit der Atemröhre zum Wasserspiegel gereckt, -hängen wie kleine Würste am Rauchfang. Im Tropenland -ist erst recht kein Mangel an dieser allgegenwärtigen -Plagerbande, und was Wunder, daß sie noch emsiger -jede feuchte Gelegenheit für ihre Wasserbrut auszunutzen -suchen, somit auch auf die Wasserkrüge unserer Kannenpflanzen -geführt wurden.</p> - -<p>Ertrinken würden gerade die Mückenlarven da drinnen -ja nicht, wohl aber wäre im hergebrachten Lauf, daß die -zersetzenden Verdauungssäfte des pflanzlichen Magens -auch sie erbarmungslos vernichteten. Hier aber trat -prompt der Gegenschachzug, trat die Regulierung ein.</p> - -<p>Die Mückenbrut in der verderblichen Kanne entwickelt, -wie genaue Experimente gezeigt haben, sogenannte -Antifermente in ihrem Leibe, eigene chemische Stoffe, -die jene chemische Zersetzungswirkung des Magenpepsins -aufheben. Man kann die Probe außerhalb der Kanne -mit Würfelchen Eiweiß machen. Setzt man ihnen Pepsin, -also normal wirkenden Verdauungssaft zu, so lösen sie -sich in gewisser Zeit darin auf. Fügt man aber zerquetschte -Mückenlarven aus Kannenpflanzen bei, so hört -alsogleich die Pepsinwirkung auf, man hat ein Gegengift<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span> -gleichsam aus der Mücke gepreßt, und vor ihm bleibt -jetzt auch das fremde Eiweiß intakt.</p> - -<p>Einmal so gegen die Gefahr der Kanne gefeit, hat -das kleine Rackerzeug da drinnen nun seinerseits aber -offenbar großen Vorteil von dem Aufenthalte gerade -in dieses Walfischs Bauch. In ganzen Massen stürzt -immerfort auch ihm Nahrung in seinen Tümpel herab, -und die zersetzende Magenbrühe, in der es schwimmt, -liefert ihm diese Opfer sogar schon handlich zerkleinert, -ja halbverdaut in den Mund, während andererseits kein -lebendiger Angreifer, kein Fisch, kein Molch, kein Raubinsekt -sein Behagen stört und der Tümpel sich ewig von -selber nachfüllt ohne Gefahr des Versiegens.</p> - -<p>Kein Zweifel, die Mückenlarve hat hier durchaus im -Lebensbrauch den Charakter eines wohlig geborgenen -fetten Eingeweidewurms, also im gangbarsten Bilde eines -Bandwurms, angenommen, wozu auch stimmt, daß ihre -Farbe grellweiß geworden ist wie solcher Dunkelschmarotzer -im Tierbauch.</p> - -<p>Daß auch Fliegenmaden das gleiche Kunststück fertiggebracht -haben, in den Deckelkannen auszudauern, kann -um so weniger wundernehmen, als gerade die Fliegenbrut -auch sonst schon gern echte Parasiten bildet, die -wie Eingeweidewürmer sich in tierische Organe einschmuggeln. -Guenther hat aber auch eine Milbe (also -ein spinnenähnliches Tier) als Kannenbewohner näher -bekanntgemacht, die im Gegensatz zu anderen, gefressenen -Arten als einzige pepsinfest ist. Und als seltsamsten aller -Funde: er hat eine Schmetterlingsraupe in gleicher Lage -bei seinen Kannen von Ceylon nachweisen können. Hier<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span> -könnte zuerst unglaublich erscheinen, wie eine Schmetterlingsraupe -im Wasser leben, also den Kannenbauch als -Bruttümpel suchen soll gleich dem Mückenvolk, wenn es -nicht wirklich auch sonst ein paar solcher Wasserraupen -gäbe, z. B. die Zünslerraupe Nymphula in unseren Tümpeln. -Speziell die pepsinfeste Kannenraupe Guenthers, -die er als Kannenfreund (<em class="antiqua">Nepenthophilus</em>) bezeichnet -hat, gehört aber zu den Psychiden oder Sackschmetterlingen. -Dieses eigenartige Volk führt seinen Namen -nach den selbstgefertigten und mit Holz oder Sandkörnchen -oder Blattresten bekleideten Säcken, in denen die Raupe -lebt. Und solchen Sack baut sich nun auch die besagte -Kannenraupe in ihrem absonderlichen Magentümpel: sie -benutzt aber dazu in erster Linie Material von den getöteten -Insekten der Sphinxhöhle, also vor allem Ameisenbeine, -die sie für ihren Zweck noch besonders zurechtbeißt.</p> - -<p>Seltsames Bild, wenn man sich ausmalt, wie eines -Tages aus solchem unheimlichen fressenden Pflanzenbauch -kleine lustige Schmetterlinge heraufgaukeln werden -oder ein Mückenschwarm zu seiner Zeit herausdampfen -wird wie ein Rauchwölkchen, das die bauchige Pflanzenpfeife -hervorpafft. Wie manches Mirakel mag da noch -in der Folge hinzukommen! Mich sollte es nicht wundern, -wenn einer der niedlichen tropischen Laubfrösche, -die so viel Not mit der Erhaltung ihrer Eier und Kaulquappen -haben und erfinderisch jedes Wassereckchen ihres -Baumbereichs auszunutzen verstehen, irgendwo auch seine -zarte Brut pepsinfest gemacht und der Drachenhöhle -einer Kannenpflanze anvertraut hätte.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span></p> - -<h2 id="Tiere_als_Schuetzen">Tiere als Schützen</h2> -</div> - -<p class="drop">Wann ist es gefährlich, in den Garten zu gehen? -Wenn die Bäume ausschlagen und die Spargel -schießen.</p> - -<p>An dieser alten Vexierfrage erfreuen sich immer neue -Generationen von Kinderherzen. In gewaltiger Stunde, -da Land und Meer vom Donner der wirklichen Geschütze -hallen, legt man sich aber wohl einmal die Frage -vor, wer zuerst auf dieser unruhigen Erde geschossen hat.</p> - -<p>Der Mensch treibt es sicher seit einigen dreißigtausend -Jahren: etwa so alt oder noch älter mögen spanische -Höhlenbilder sein, auf denen man nackte Jäger der -Diluvialzeit riesige Bogen spannen sieht.</p> - -<p>Aber der kluge Mensch wiederholte zunächst damals -mit seiner ganzen Werkzeugtechnik nur, was die Natur seit -undenklichen Zeiten bereits allerhand niederem Tiervolk in -Gestalt gewisser Organe und gewisser Instinkte, die diese -Organe zu lenken wußten, auf den Leib gezüchtet hatte. -Ob nun auf solchen Tierstufen auch schon regelrecht geschossen -worden ist?</p> - -<p>Der Tierkenner, der etwas in alten Naturgeschichten -Bescheid weiß, lächelt bei der Frage trotz allen Ernstes -der Zeit, denn er erinnert sich an eine lustige Überlieferung.</p> - -<p>Kommt abermals hervor, ihr ehrwürdigen alten -Folianten des 16. Jahrhunderts, hinter deren schweinsledernem<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span> -Panzer in Riesenschrift und mit handkolorierten -Holzschnitten die Tierweisheit von damals sich -eingekapselt hat mit all ihren köstlichen Märchen. Laut -Vater Gesner und seinen Verdeutschern lebte Anno dazumal -in Italien offenbar noch ein wahrhaft fürchterliches -Geschöpf, das man lieber bei den Greueln der -Urwelt gesucht hätte – nämlich das »Dornschwein«.</p> - -<p>Von dieses Ungeheuers »natürlicher Anmut und Art«, -wie es dort heißt, erfährt man, daß, »so es gejagt wird, -so bringt es mit seiner Stimm zuwege, daß alle andern -seinesgleichen Dornschwein zusammenrüchlen, ihren Balg -erschütten und zu den Hunden und Jägern ganz trutzlich -mit ihren Stacheln schießen; ist auch seiner Schüssen -ganz und gar gewiß«.</p> - -<p>Der treffliche Holzschnitt läßt aber keinen Zweifel, was -für ein böser Gast der Wildnis in Wahrheit gemeint -sei: es ist unser braves Stachelschwein, das in dieser -Weise Tier und Mensch über den Haufen schießen soll. -Die mächtigen Stachelkiele dieses großen Nagers, der -nächtlich durch die römische Campagna trollt, kennt ja -wohl jeder. Wer sich aber jemals die Mühe gemacht -hat, solches Stachelschwein im Zoologischen Garten genauer -zu beobachten und (im Gegensatz zu den ernsthaften -Anweisungen der verehrlichen Direktion) zu »reizen«, der -weiß auch, daß es zu den ausgesprochenen »Schrecktieren« -gehört – das heißt jener Gruppe von Tieren, die es -verstehen, dem, der sie zu erschrecken gedachte, selber einen -guten Schreck einzujagen.</p> - -<p>Kaum geneckt, klopft es auf wie ein Kapellmeister, -der sein Signal gibt, und im gleichen Augenblick setzt<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span> -auch wirklich schon sein ganzes Orchester ein: hoch -auf sträuben sich unter lautem Gerassel seine Stacheln -bis zur vollen Breitenverdopplung des ganzen Tiers -und konzentrieren sogar ersichtlich ihren willkürlich beweglichen -Speerwall genau in der Richtung des Angreifers. -Während vorne die langen gelben Zähne -fletschen, wendet sich die unheimliche rückseitige Phalanx -blitzschnell gegen alles, was von hinten oder seitwärts -kommt, und dieser rückstoßende Angriff ist kein Spaß. -Einem Menschen, dem solcher »Igel«, wie der alte -Soldatenausdruck für einen derartigen gestrafften Lanzenklumpen -lautet, gegen die Beine fährt, geht es unerbittlich -durch Hose und Fleisch, und die Wunden sind so -fatal, daß man sogar an eine Art Vergiftung durch -den Hauttalg dabei gedacht hat. In der Größe etwa -eines wirklichen starken Schweins wäre solcher Stacheler -zweifellos einer der furchtbarsten Angreifer der ganzen -Tierwelt.</p> - -<p>Nun, hinter dem Gitter im Zoo kann man die -Sache ja behaglich sich ansehen. Wehe dir aber, wenn -die Legende recht hätte! Vom sterbenden Cäsar hören -wir, daß er zuletzt noch mit seinem Schreibgriffel -sich der Mörder zu erwehren suchte. Vom erzürnten -Stachelschwein aber liest man nicht bloß beim alten -Gesner, nein, man kann es noch heute überall im Süden -vom gemeinen Mann bestätigen hören: daß es im -äußersten Wutanfall vermöchte, seine wie Glas so harten -und scharfen natürlichen Schreibkiele durch wildeste -Muskelspannung aus ihren Hauttaschen herauszuschleudern -und dem Feinde regelrecht in den Leib zu schießen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p> - -<p>Nach den alten Autoren soll solcher Schuß gar ein -dickes Brett durchbohren können. Und seltsam nur: in -keinem Zoo-Zwinger hat der Unhold seit je gerade diese -angebliche Freikunst betätigen wollen. So schloß also -schon der gute Buffon im 18. Jahrhundert, der sonst -für Fabeln noch manchen Bedarf hatte, das »schießende -Dornschwein« sei wirklich nur ein zoologisches Märchen.</p> - -<p>Indessen wie es wunderlich hergeht. In unsern Tagen -hat ein bester Zoologe und Tiergärtner, Vosseler vom -schönen Hamburger Garten, auch für das wirkliche und -wahrhaftige Schießen dieses »lanzenkundigen Königs« -erneut eine ernsthafte Lanze gebrochen.</p> - -<p>Er hat zunächst theoretisch wahrscheinlich gemacht, daß -das Stachelvieh, wenn auch wohl nicht gewohnheitsmäßig, -so doch gelegentlich in der höchsten Wut schießen könne. -Ein Taschentuch, das auf die Stacheln geworfen worden -war, wurde beim jähen Ruck der Trutzstellung volle -zwei Meter weit fortgeschleudert. Da die Stachelkiele -leicht ausfallen und im Affekt durch besondere Muskeln -in wildesten Kurven herumgeschwungen werden, erschien -es also durchaus nicht unmöglich, daß der eine oder -andere auch in solche Weite tatsächlich hinausschwirren -und sich drüben irgendwo tief einbohren könnte. Und -dazu wird nun ein anscheinend einwandfreier Bericht -beigebracht, wonach ein in der Falle gefangenes -wildes Stachelschwein den Baumstamm über seinem -Fangeisen bis über Manneshöhe mit solchergestalt abgeschossenen -Pfeilen bespickt hätte.</p> - -<p>Im Zoo müßte den Stachlern für gewöhnlich wohl -die Leidenschaft zu solcher äußersten Tat abhanden gekommen<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span> -sein, was aber an sich nicht ganz außergewöhnlich -wäre, da zum Beispiel auch das berüchtigte Stinktier -hier von seiner gemeingefährlichen »Stinkpistole« -keinen Gebrauch zu machen pflegt, selbst wenn man es -ärgert. Immerhin gestehe ich, daß ich seither vor dem -Stachelschweinkäfig merklich tugendhafter geworden bin -und mich geneigt fühle, das Direktionsgebot zu achten, -nach dem man kein Tier reizen soll, das beißt, spuckt oder -gar – schießt.</p> - -<p>Bleibt inzwischen hier immer noch etwas Problematisches, -so fehlt jeder Zweifel in einem andern Fall.</p> - -<p>Unsere ganz gewöhnlichen Weinberg- und Gartenschnecken -schießen, schießen vollkommen regelrecht und -zielgemäß mit einem Apparat, der eigentlich drei Waffen -zugleich vorwegnimmt: die Armbrust, das Pusterohr und -die pneumatische Pistole.</p> - -<p>Seltsame Vorstellung gewiß, eine Schnecke, die schießt. -Man kann sich einen Seehund und einen Elefanten abgerichtet -denken, daß sie eine Pistole abfeuern; aber ausgesucht -eine Schnecke!</p> - -<p>Das Schießorgan der Schnecke (diesmal ist es ein wirkliches -Organ zum Zweck) sitzt auf der rechten Seite vor -dem Atemloch, das bei diesen landbewohnenden Sorten die -hier vorhandene Lungenatmung ermöglicht; bekanntlich -gibt es bei diesem sonderbaren Volk genau wie bei den -Wirbeltieren fischartige Kiemenatmer, Amphibien mit -Doppelatmung und echte Lungenatmer. Das Organ hat -durchaus den Bau eines kleinen Pistolenlaufs, in ihm -aber steckt ein regelrechter spitzer Pfeil aus harter Kalkmasse. -Für gewöhnlich verharrt der Pfeil ruhig in dem<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span> -Lauf wie in einem hüllenden Etui. Wenn die Schnecke -aber schießen will, so richtet sie den Lauf durch besondere -Muskeleinstellung, zielt und entsendet den Pfeil in kraftvollem -Stoß aus der Mündung, indem zugleich dabei -ein weißes Wölkchen zerstiebender Flüssigkeit wie der -Dampfstrahl des Schusses aufpufft.</p> - -<p>Bloß Blitz und Knall fehlen – sonst ist es ein -regelrechter Pistolenschuß, und über die Absicht des -Schießens kann diesmal keinerlei Zweifel, wie gesagt, -mehr sein. Wird eine zweite, gerade in der Nähe -befindliche Schnecke von dem Pfeil oder Bolzen getroffen, -so zeigt sich auch die genügend energische -Wirkung: er bohrt sich in die Haut ein, ja manchmal -geht er noch durch sie hindurch, und die Getroffene zuckt -merkbar dabei zusammen. Das Merkwürdige wieder -aber ist hier, daß stets nur eine zweite Schnecke so zum -Schußziel genommen wird und nichts sonst, und das -Allermerkwürdigste ist, daß sich die Schnecken mit solchen -Pistolenschüssen nicht zu jederseitiger Verteidigung bedrohen, -obwohl der Treffer ersichtlich etwas schmerzt, -sondern daß sie sich beschießen – man kann nicht gut -anders sagen, als weil es ihnen im Gegenteil Spaß -macht.</p> - -<p>Es handelt sich um eine Art Salonschießerei, die -das Liebeswerben der Schnecken einleitet. Wie der -Pfau vor dem Weibchen sein Rad schlägt, wie der -Paradiesvogel seine herrlichen Schmuckfedern als eine -Art Strahlenkrone auf der Liebesbalz um sich entfaltet, -wie die sehnende Nachtigall singt und das verliebte -Heimchen geigt – so scheint auch der Schuß der Schnecke<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span> -nichts anderes zu sein als das stumme Bekenntnis ihres -Werbens. »Liebespfeil« nennt der Naturforscher folgerichtig -den kleinen Kalkstift, der dabei versandt wird. Es -ist ein wunderliches Ding um die Natur in der Unerschöpflichkeit -ihrer Mittel an dieser Ecke. Technisch -entscheidend aber ist, daß zu dem spielenden Zweck auf alle -Fälle hier die regelrechte Schußwaffe schon erfunden ist.</p> - -<p>Zwar der Knall des Schusses fehlt. Was verschlüge -es aber der alten Meisterin, auch das hinzuzubringen? -Hat sie es doch an anderer Stelle separat vollbracht.</p> - -<p>In manchen Teilen Deutschlands begegnet man unter -Steinen oder Wurzeln kleinen, kokett gefärbten Käferchen -aus dem Laufkäfergeschlecht, die, wenn man sie -nachher aus dem Buch bestimmt, verwunderliche Namen -ergeben: <em class="antiqua">crepitans</em>, der Kracher, <em class="antiqua">explodens</em>, der Explodierer. -Und in der Tat, wenn solcher hübsche Kerl -ernstlich in die Enge getrieben wird, so pufft auch hier -ein bläuliches oder weißliches Gaswölkchen auf, und es -gibt einen hörbaren Knall dazu. Ein Tröpfchen Drüsensaft -des Mastdarms enthielt eine Säure, die an der -Luft nach Art der Salpetersäure explodiert. Der tapfere -Gesell hat auf dich geschossen wie die Schnecke. Und diesmal -war es ein richtiger Schreckschuß, freilich ungeladen: -der unvermutete Knall ist es, worauf diese »Bombardierkäfer« -das Entscheidende legen. Gegen Verfolger aus -der eigenen Käferverwandtschaft muß das Geräusch in -Verbindung mit etwas stechendem Pulverdampf mit Ätzwirkung -wohl schon genügen.</p> - -<p>Da es aber eine Menge Tiere gibt, die Leuchtapparate -besitzen und darunter auch solche (zum Beispiel<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span> -gewisse Fische in der dunkeln Tiefsee), bei denen die -Laterne unmittelbar an das Nervensystem angeschlossen -ist, also willkürlich vom Nerv aus abgedreht oder zum -jähen Aufblitzen gebracht werden kann, so stände prinzipiell -nichts im Wege, daß solcher Schuß auch noch von einem -Blitz begleitet wäre. Vielleicht wird auch das noch einmal -gelegentlich irgendwo beobachtet.</p> - -<p>Und da noch wieder Tiere existieren (Welse, -Zitteraale, Rochen), die elektrische Schläge austeilen, -so wäre denkbar, daß solcher Puff und Blitz gar -mit einer empfindlichen elektrischen Entladung verbunden -wäre.</p> - -<p>Ja für den Kampf zwischen Mensch und Tier möchte -man es geradezu als ein Glück bezeichnen, daß das -Gesamtprinzip offenbar noch nicht bis zur vollkommenen -Ausnutzung gediehen war, ehe wir selbst Schußwaffen -erfanden. Denn beispielsweise als Zieler haben -die Tiere auch schon fast Fabelhaftes erreicht: man -muß das Chamäleon beobachten, wie es, unbewegt -und scheinbar nur mit dem verstellbaren Auge lebendig, -dasitzt, jäh aber auf eine weit entfernte Fliege seine -endlose Klebzunge ausschleudert und dabei mit einer -Sicherheit stundenlang immer und immer wieder trifft, -daß einem graut vor der Idee, solches Chamäleon sollte -bei solcher Treffkraft auch noch wirklich etwa mit vergifteten -Pfeilen schießen. Denn warum sollte der Pfeil -nicht schließlich lebensgefährlich vergiftet sein gleich den -Brennborsten der Brennessel <em class="antiqua">Urtica mentissima</em> von der -Insel Timor, die in der Stichwunde wie eine Kanüle -wirken und ein Gift eingießen, dessen Wirkung Starrkrämpfe<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span> -und ähnliche Folgen auslöst gleich einem giftigen -Schlangenbiß?</p> - -<p>Will man aber schließlich den Unterschied von tierischer -und menschlicher Schußwaffe doch darauf hinauslenken, -daß das Tier stets sozusagen mit seinem Leibe schieße, -aber nicht unter Zuhilfenahme äußerlichen toten Materials, -so ist selbst das nicht richtig.</p> - -<p>Einen gewissen Übergang bilden da schon handlange -Barsche in Siam, die sogenannten Schützenfische -(<em class="antiqua">Toxotes</em>), die in fast unglaublicher und doch -fest erwiesener Weise aus dem Fluß ans Ufer mit -Wasser schießen. Sie zielen gleich dem Chamäleon -auf Fliegen und andere Insekten, die in einigermaßen -erreichbarer Nähe auf den Pflanzen oberhalb -des Wasserspiegels sitzen, senden ihnen jäh einen -dicken Wassertropfen zu und verschmausen vergnüglich -dann das Opfer, das so getroffen ins Wasser gefallen -ist. In Ermanglung der Chamäleonzunge, die einen -Lasso mit Klebevorrichtung darstellt, muß auch der Fisch -dabei wirklich »schießen« – er legt sich horizontal -nahe unter den Wasserspiegel, äugt scharf hinauf und -schnellt dann, vermutlich durch besondern Muskeldruck, -bei geschlossenem Munde von der etwas vorstehenden -Unterkieferspitze eine Wasserperle geradlinig -über die Fläche empor aufs nichts ahnende Ziel. -Schützenfische im Zimmeraquarium wissen so auch das -Auge des Menschen, das sie wohl ebenfalls für ein -glänzendes Insekt halten, auf etwa drei Fuß Entfernung -mit erstaunlichster Sicherheit blitzschnell zu -treffen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p> - -<p>Ist es hier schon fremdes Wasser, das benutzt wird, -so zeigt aber ein Landtier vollends drastisch die Stufe -des »Fremdmaterials« beim Schuß.</p> - -<p>An den sonnenwarmen kahlen Sandhängen unserer -Kiefernwälder haust, mir auf gewohnten Spaziergängen -am märkischen Müggelsee zur rechten Zeit ein alltäglicher -Anblick, der »Ameisenlöwe«, die gefräßige -Larve eines äußerlich libellenhaften Insekts, in selbstgeschaffenen -Sandtrichtern. Gerät eine Ameise oder ein -ähnliches Kleintier auf den losen Rand dieser bösen -Falle und droht ohnehin schon abzurutschen, so eröffnet -der fette Unhold der Tiefe in seinem Schützengraben -alsbald eine regelrechte Beschießung von unten nach -oben, indem er Sandgarbe um Sandgarbe nach dem -strauchelnden Opfer schleudert, bis es verloren ganz -hinabstürzt.</p> - -<p>Kein Zweifel, daß hier schon mit fremdem Material -geschossen wird, wenn schon in plumperer Form. Und -erwägt man nun, daß zum Beispiel unsere Flußkrebse -nach jeder Häutung wieder fremde Sandkörnchen, also -ebensolches Material, in ihre Gehörorgane aufnehmen, -wo sie eine bestimmte notwendige Rolle spielen, so ließe -sich unschwer denken, daß auch bei jenen feinen Pistolen -der Schnecken mit ähnlich von außen geholtem »Schrot« -geschossen würde – dann aber hätten wir bis zu gewissem -Grade auch diesen Fremdschuß schon beim Tier in der -verfeinerten Form.</p> - -<p>»<em class="antiqua">Natura artis magistra</em>«, sagt ein altes Wort: »die -Natur Lehrerin der Kunst«; sie ist mehr: ihre Vorläuferin.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p> - -<h2 id="Unterseeische_Schiffsangriffe_durch_Tiere">Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere</h2> -</div> - -<p class="drop">Das Tier im Kriege – wieviel läßt sich davon erzählen!</p> - -<p>Wieviel dämonisches Schicksal liegt schon in der einen -Tatsache, daß das Pferd mit uns in die Schlacht zieht! -Seine Ahnen waren scheue Geschöpfe, ihr Heil vor jeder -Gefahr lag in der ungestümen Flucht. Zum Fluchtorgan -allerersten Ranges wuchs ihr Fuß mit dem einen -schlagenden Huf auf durchrastem Plan sich aus. Die -Angst brachte diese berufenen Durchgänger dazu, in -Scharen zusammenzuhalten und sich als solche Schar um -ein Leittier zu drängen, dessen Fluchtsignal das scheue -Volk davonbrausen ließ wie eine Staubwolke vor dem -Orkan. Eben diese Treue zu einem Anführer, einem -Leiter, dem unbedingt gehorcht werden mußte, Jahrtausende -um Jahrtausende geübt in der eigenen Sippe, -ist aber zweifellos der Grund gewesen, der dieses gewaltige -Tier eines Tages in die Gefolgschaft, in die unlösbare -Zaubermacht des Menschen gebracht hat. Dieser -Mensch aber wieder war bestimmt, kein feiger Ausreißer -zu sein. Wer ihm folgte, der mußte mit in die wilde -Schlacht, den offenen Blick gegen die offene Front des -Feindes. Und so ist das Wunder geschehen, das schon der -Hiobsänger der Bibel bestaunt hat: daß dieses scheueste -Wild das symbolische Tier des Krieges und des Angriffs -werden sollte in der Zucht seines großen Meisters.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p> - -<p>Aber umgekehrt auch – wie werden uns Kriege des -Menschen zum deutlichsten Bilde, wenn wir an kleine -Züge der Tierwelt darin denken.</p> - -<p>Wenn der Karthager Hannibal mit Elefanten über -einen Alpenpaß zieht, um die Römer zu bekriegen: wie -gewaltig zeigt der eine Zug, daß hier Afrika noch einmal -den Versuch machte, Europa zu unterwerfen – und -wenn die Elefanten trompetend in den Abgrund stürzten, -so fühlen wir, daß der Versuch mißlingen mußte. Oder -wie schaurig malt es den Dreißigjährigen Krieg, wenn -wir hören, daß bei seinem Ausgang die Wölfe erschreckend -überhand genommen hatten, herrenlose Hunde überall -fast wieder zu Wölfen geworden waren und Pferde sich -verwildert in den Wäldern herumtrieben.</p> - -<p>Unser Kampf heute geht zum Teil um Küste und -Meer; schon lesen wir gelegentlich als kleine Staffagebilder, -die sich aber sogleich einprägen, daß der Geschützdonner -an der belgischen Küste alle Seevögel der Dünen -zu wildem Aufruhr gebracht hat und in unzähligen -Scharen die Luft mit ihrem Gekreisch erfüllen läßt – -oder daß ein toter Walfisch angetrieben ist, den eine -findige englische Kanonenkugel auf der Suche nach bösen -Unterseebooten als unschuldiges Opfer getroffen.</p> - -<p>Unwillkürlich habe ich bei der letzteren Nachricht aber -doch noch an etwas anderes denken müssen.</p> - -<p>Lange ehe es auch nur den Traum eines Unterseeboots -und seiner furchtbaren Angriffsart gab, hat die -Seemannsphantasie der verschiedensten fahrenden Nationen -immer wieder etwas ausgekostet von den Schauern -solchen urplötzlichen verderbendrohenden Tiefenangriffs,<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span> -bei dem ein ganzes Schiff zuschanden werden sollte, ohne -daß sich eine Sturmwelle dabei zu rühren brauchte. Wenn -der Matrose daheim von so etwas erzählte, so dachte er -nicht bloß an tückische Klippen; die konnten zur Not -mit Lotse und Karten vermieden werden; er dachte auch -nicht bloß an ein schwimmendes Wrack oder einen perfiden -Eisberg. Ganz etwas unberechenbar Bewegliches -sollte es sein, das zu jeder Stunde und an jedem Ort -sich aus dem dunkeln Abgrund heben und wie im wirklichen -Krieg einen absichtlichen unterseeischen Angriff ausführen -könnte – so abscheulich, daß man gar nur den -Stoß spürte und die Schrecken eines Lecks auf offener -See erlebte, aber noch nicht einmal feststellen könnte, was -sich da unten den Stich erlaubt habe.</p> - -<p>Dieser Dämon des Untermeeres konnte nur irgend -etwas Lebendiges sein, etwa ein riesiges Tier, das eine -greuliche Stoßwaffe führte, der keine dickste Schiffsplanke -standhielt. Immer und immer wieder sollte so etwas -vorgekommen sein. Wer es als »selbsterlebt« berichtete, -der hatte natürlich den Glückstreffer gehabt, daß das -Leck rasch entdeckt wurde und sich noch verstopfen ließ; -aber wieviel schöne Schiffe waren immer wieder ganz -spurlos verloren gegangen, ohne daß ein Sturm gerade -gewütet hatte oder im gewohnten Kurs Klippen lagen. -Was aber konnte dieser Unhold für ein Tier sein?</p> - -<p>Der berühmte Kraken nicht, denn der ist, wofern er -in seiner legendären Größe existiert, nur ein übergroßer -Tintenfisch, und der wieder ist fast nur eine mehr oder -minder knorpelig weiche Masse. Auch von einfachen -boxenden Dickköpfen mögen wir absehen, wie dem Pottwal,<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span> -der nur als vom Schiffe selber schwer gereizter -Bulle ab und zu angreift, während im allgemeinen die -Historien von attackierenden Riesenwalfischen wüst übertrieben -sind; das Grundwesen dieser vielbehelligten -Kolosse ist eine beinahe ängstliche Friedfertigkeit, und -außerdem besitzen sie nicht die zu jener Geschichte unumgängliche -Spitzwaffe. Mustert man also unsere Sammlungen -möglicher Seemonstra durch, so bleiben zuletzt -wesentlich nur drei verdächtige Unterseeler mit solchen -Waffen oder waffenähnlichen Zutaten übrig.</p> - -<p>Zunächst steht da im Schrank auch kleiner Museen -wohl stets ein schraubenförmig gefurchter, ziemlich dicker -Spieß von über Manneslänge, der zum sogenannten -Narwal gehört, einem an Körper noch einmal etwa -doppelt so langen, also gegen jene Zwanzig- und Dreißigmeterriesen -immerhin mäßigen delphinartigen Walfischverwandten. -Der Spieß ist in diesem Falle der linke -Eckzahn des Bullen, und da er mit seiner tüchtigen Länge -und Spitze einmal da ist, ist auch von ihm wirklich schon -erzählt worden, sein Besitzer spieße gewohnheitsmäßig -darauf Fische und ramme damit Schiffe. In Wahrheit -hat noch nie ein wissenschaftlicher Beobachter an dem -hochgradig friedlichen Gesellen irgendeine böse Absicht zu -beidem bemerkt, sondern der speerhafte, übrigens schwache -Zahn ist wohl eines jener Geschlechtsabzeichen des Männchens, -in deren romantischer Übertreibung die Natur bekanntlich -Meisterin ist.</p> - -<p>Ein zweites Objekt hat vielleicht der eine oder andere -Leser sich selbst schon mitgebracht, auch wenn er nicht -Professionssammler ist: es wird jedem Vergnügungsreisenden<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span> -einer Tropenfahrt in Aden von handelnden -Arabern zum Kauf angeboten als eine der ersten Proben -einer märchenhaften neuen Welt. Und es ist nicht zu -leugnen, daß es, als Bestandteil eines Seetieres bezeichnet, -das vollkommene Ansehen einer höchst perfiden -Waffe von unheimlicher Kraft besitzt – es gleicht nämlich -einem langen platten Schwert oder, vielleicht besser gesagt, -einem Tomahawk, der an beiden Seiten mit einer -Reihe spitzer Hauzähne besetzt ist, mit denen man offenbar -gründlich hauen oder auch sägen oder zum Zweck scheußlicher -Fetzwunden stechen könnte, so wie das Ding -aussieht.</p> - -<p>In diesem Falle handelt es sich sozusagen um die -bezahnte Nase eines echten Fisches, eines Rochens, der -aber auch kein Größter seines Geschlechtes ist, nämlich -nicht über vier Meter Länge erreicht. Genauer gesagt -ist die »Säge« dieses Sägefisches, wie das häßliche -Wunder direkt heißt, ein Knorpelauswuchs seiner Oberschnauze, -der zu Zähnen gekommen ist im Sinne, daß bei -diesen Fischen das Ding, das wir Zahn nennen, nicht auf -den Beißapparat im Munde beschränkt zu sein braucht, -sondern beliebig auch in mehr oder minder schuppenartiger -Gestalt aus der ganzen Haut wachsen kann. Wer -solche einzelne Säge nun später hübsch an seiner Wand -zwischen allerlei gekreuzten fremden Waffenstücken stecken -hat, der mag gut und gern sich ausdenken, daß unser -Fisch damit Walfischbäuche zerfleische, noch schlimmer -aber, Schiffswände ansäge, und erzählt worden ist naturgemäß -auch das, denn wenn ein Fisch schon eine Säge -hat, so muß er doch damit auch Streiche vollführen und<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span> -sägen. Schade inzwischen: auch der Sägefisch tut laut -aller Kenntnis niemand etwas zuleide und benutzt seine -phantastische Naturgabe wahrscheinlich nur als ganz -harmlose Schaufel beim Gründeln im Schlamm, falls -er sie überhaupt praktisch irgendwo benutzt. In Wahrheit -besitzen zahllose Tiere zahllose oft höchst martialische -Abzeichen, die eben nur »ornamental« sind ohne Nutzzweck, -und dazu kann auch die Säge gehören. Hier liegt -ja ein schweres Kapitel für jeden, der die ganze Lebenswelt -auf purem Nutzen aufbauen möchte – wert, daß -man sich allein ausführlich darüber unterhielte; jedenfalls -aber muß genügen, daß die Säge, wenn sie in dieses -Feld verrechnet ist, sowenig Schiffe ansägen wird, wie -wir Menschen uns mit Schmucksachen oder mit Statuen -prügeln.</p> - -<p>Bleibt nur der dritte Fall.</p> - -<p>Alle unsere Meere durchstreift gelegentlich, die nördlicheren -bis zur Ostsee (also auch den Kanal) besonders -zur Sommerszeit, ein riesiger Fisch von stolzer Schönheit. -Purpurblau ist sein Rücken, silbern der Bauch, -schwarzblau die imposante Schwanzflosse, dunkelblau das -mächtige Auge. In dieser Pracht kommt der »Schwertfisch« -oder das Schwert der Schwerter, wie der alte -Linné-Name <em class="antiqua">Xiphias gladius</em> es ausdrückt, durch die -offene See daher.</p> - -<p>Die größten alten Herren schätzt man bis fünf Meter -an Länge, doch geht die Sage von noch weit stärkeren -Kolossen. Wer den Fisch nur an den Schuppen kennen -will, kommt bei dem nicht auf die Rechnung, denn seine -Farben schillern nur von der schuppenlosen rauhen Haut<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span> -selbst. Das eigentliche Wunder dieses Riesen aber ist -sein wirkliches »Schwert«.</p> - -<p>Auch bei ihm springt es als enorme Spitze mit scharf -schneidenden Kanten vom Kopf aus vor. Der verlängerte -Oberkiefer steckt als Knochenmasse darin, aber auch noch -Teile sonst der Schädelknochen geben ihm gleichsam den -festen Griff. Und diesmal hat man tatsächlich den -sicheren Eindruck einer Waffe.</p> - -<p>Zum Riesenfisch gehört ein Riesenappetit, und wenn -man hört, daß es sich um der allergewandtesten Fische -einen handelt, der Jagd auf andere Fische betreibt, so -erscheint selbstverständlich, daß das spitze Schwert dabei -eine Rolle spielen muß. In der Tat wirft sich nach -treuem Bericht der wilde Schwimmer mitten in Fischschwärme -hinein, haut mit dem Degen rücksichtslos um sich, -bis weithin alles sich krümmt von mitten durchschnittenen -Heringen oder Makrelen, und sättigt sich dann behaglich -aus dem Überfluß dieses Blutbades. Wo aber -das geschieht, da kann auch ein badender Mensch gegenüber -solchem tollen Draufgänger von doppelter Menschengröße -wohl in Gefahr kommen. Fischer wissen Geschichten -genug, wo einer einen Stich dieses Schwertes selbst von -kleinen Exemplaren erhielt, der durch Arm oder Bein -ging. Doch ist das alles noch nicht das eigentliche -Märchen des Schwertfisches.</p> - -<p>Der Schwertfisch in seiner größten, legendär noch ins -weiteste gesteigerten Gestalt soll es sein, der, jäh im Zorn -von unten anrennend, wirklich große Schiffe einstößt, -leck macht, in äußerste Gefahr oder wirkliches Verderben -bringt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p> - -<p>Viel ist seit alters darüber spintisiert worden, ob das -wahr, ob es überhaupt möglich sei. Die Wand eines -richtigen Ozeanschiffs – und ein anrennender Berserker -von Fisch – es schien immer wieder zu kühn. Otto -Steche, dem neuen trefflichen Bearbeiter des Fischbandes -in Brehms Tierleben, gebührt das Verdienst, die sozusagen -amtlichen Angaben darüber erneut kritisch gesichtet -zu haben; das Ergebnis aber ist überraschend. -Der Schwertfisch ist weit schlimmer, als jemals erwartet -werden konnte!</p> - -<p>Ein paar schlichte Daten, die durch die zoologische -Kritik jetzt einwandfrei durchgegangen sind, mögen das -besser als alle Reden erläutern. Bei einem alten britischen -Kriegsschiff hatte das (im Holz schließlich abgebrochene) -Schwert des Fisches die 2,5 Zentimeter der -Verschalung, 7,5 Zentimeter Holz einer Planke durchstoßen -und war dann noch mehr als 11 Zentimeter weit -in einen Pfosten eingedrungen. In einem Walfischfänger -waren in gleicher Weise der Kupferbelag, die 2,5-Zentimeter-Verschalung, -eine 7,5 Zentimeter dicke Planke und -ein 30 Zentimeter starker Eichenbalken durchlocht worden, -und die scheußliche Spitze hatte zum Schluß noch dem -Boden eines Tranfasses im Schiffsraum ein besonderes -Leck geschlagen. Der Stoß erschütterte in solchem Fall -das ganze Schiff so, daß alles auf Deck rannte. Auf -einem großen englischen Indienfahrer konnte man den -unterseeischen Angriff unmittelbar in seinem Anlaß verfolgen: -man hatte den ungeheuren Fisch mit der Angel -geködert, worauf aber die Leine riß und der wütende Unhold -sofort einen furchtbaren Unterwasserstoß wagte. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span> -Schiff wurde leck und kam mit Not in den Hafen zurück, -von dem es ausgegangen war; es entwickelte sich dann -eine Schadenersatzklage, bei der zoologische Sachverständige -die Kraft des Fisches zu solcher Leistung gerichtlich -festlegen mußten und schließlich die Versicherungsgesellschaft -12 000 Mark dafür zahlen mußte, daß sich solche -lebendigen Unterseeboote im Ozean herumtreiben.</p> - -<p>Was ein einfaches Boot bei solcher Sachlage erfahren -kann, erhellt von selbst: schon ein kleinerer Schwertfisch -stieß gelegentlich beide Bootsseiten durch und das -dazwischen befindliche Bein eines Rudernden mit. Der -bekannte Zoologe Peschuel-Loesche ist um ein Haar bei -solchem Angriff, bei dem der Fisch sich mit Schwert und -noch einem Stück Kopf durch den Bootsboden schlug, -ums Leben gekommen.</p> - -<p>Nach diesen Angaben kann also nicht bestritten werden, -daß der Schwertfisch eine wirkliche Gefahr für die Schiffahrt -ist, an der tatsächlich Schiffe verunglückt sein -können, ohne daß man je etwas von ihrem genaueren -Schicksal mehr gehört hat. Und es ist gewiß ein Gedanke -von seltsamer Romantik: der einsame, wilde Fisch -in seinem Element, der den Kampf gegen die ganze -Kultur wagt, die da hinter ihren paar Zentimetern Holzplanken -über den weiten Ozean fährt. Aber was will's -in unserer ungeheuren Zeit, wo das feurige Schwert -des Menschen in seiner Not Schiff um Schiff in den -schwarzen Abgrund senkt, aus dem keine Wiederkehr …</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p> - -<h2 id="Aus_der_Flottenkunst_der_Tiere">Aus der Flottenkunst der Tiere</h2> - -<h3>I<br /> -Unter fremder Flagge</h3> -</div> - -<p class="drop">Vom See, dessen lichtblauer Spiegel zwischen dem -weißen und rosenroten Blütenschnee meines Gartens -durchlugt, schallt ein eigentümliches, bald mehr -summendes, bald mehr rollendes Geräusch.</p> - -<p>Ich weiß: sie proben wieder da draußen. In diesen -Zeiten des Weltensturmes nicht wie sonst zum anmutigen -technischen Spiel, sondern mit dem ganzen furchtbaren -Ernst der Stunde. Und doch kommt es so von weitem daher -blank und elegant wie ein Spielzeug aus dem Laden: ein -Wasserflugzeug. Erst saust es mit seiner Schaumbrust -in die glänzende Wasserfläche hinein wie ein riesiger -Fisch; gleich, denkt man, wird er untertauchen. Aber -ehe der Blick es noch ganz fest gefaßt hat, ist der -Fisch zum fliegenden Fisch geworden: mit seinen -Flossen gleichsam schwebt er auf einmal hoch über -dem Seeplan im freien, durchsichtigen Element, und nur -sein Schatten läuft noch gespenstisch als Fisch unten -weiter. Und jäh wird der Fisch zum Vogel, majestätisch -schraubt das prachtvolle Wunderwerk menschlichen -Erfindergeistes sich zu Adlerhöhen hinauf und -wieder hinab, um endlich pfeilschnell und treffsicher -wie der Adler zum Horst bei seiner Halle am Ufer -wieder einzuschlüpfen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span></p> - -<p>Wie viele Wege der Natur, uraltes, jahrmillionenlanges -Proben, hat der große Magier, der alles noch -einmal jetzt neu für seine Zwecke heraufzaubert, der -Mensch, hier zusammengefaßt!</p> - -<p>Die gleiche Not des Kampfes, die uns heute diese -technischen Experimente mit so fieberhafter Eile weiter -und weiter treiben läßt, hat in grauen Tagen schon das -Tier gedrängt, das Flugzeug zu »erfinden«, und zwar -hat es dieses Flugzeug ganz in der Form zunächst erfunden, -die hier vor Augen steht: als Wasserflugzeug.</p> - -<p>Im Wasser, so seltsam es klingen mag, ist in der -Natur das Fliegen zuerst erfunden worden. Vom Meeresboden -herauf hat das Tier zuerst lernen müssen, wie man -im freien Wasserraum selber sich schwebend in Balance -hält, sich wie auf Fallschirmen tragen läßt, endlich das -Wasser mit Rudern und Rädern schlägt zu eigenmächtiger -Bewegung. Und erst als man so im Wasser frei -fliegen konnte, da wurde dieses Prinzip auch auf die -noch freiere, noch gewagtere Schicht jenseits des Wassers -ausgedehnt, die Luft.</p> - -<p>Auf seinen großen Wasserflügeln, den Brustflossen, -sehen wir noch heute den fliegenden Fisch wie im ersten -tastenden Versuch 200 Meter weit reglos, bloß nach -dem Fallschirmprinzip, über dem Meeresspiegel dahinschweben. -Auf Java gleitet der fliegende Frosch so auf -den gespreizten Flächen seiner Schwimmhäute zwischen -den Zehen vom hohen Ast durch die Luft zur Erde. -Bis dann im Adler endlich auch für die Luft das große -Problem eigener zwecktätiger Steuerbewegung glänzend -durchgeführt war.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p> - -<p>Und doch will ein Unterschied zwischen dem Alten -und dem Neuen stören.</p> - -<p>In dem Wasserflugzeug des großen Magiers Mensch -sitzt ein wirklicher Mensch und leitet eine riesige summende -Maschine; der Vogel fliegt »sich selbst«, sein Leib -mit seinen organischen Bewegungen ist zugleich sein eigener -angewachsener Flugapparat. Und überall, wo ich über -meinen blauen See hier blicke, sehe ich scheinbar auf -diesen Gegensatz.</p> - -<p>Im schmucken goldbraunen Boot dort sitzen weiße -Ruderer und schlagen den Plan mit fremdem Ruder. -Wenn ein Unterseeboot hier führe: es schlösse auch -Menschen ein in einem Kunstbau fremden Materials. -Der schmucke Haubentaucher dort aber rudert nur mit -den eigenen Beinen, und das Fischlein, das eben aufschnellend -mit einem Blitz die untere Blankheit seines -sinnreichen Unterseeboots verrät, fährt nicht in solchem -Boot, sondern ist es zugleich selber. Das scheint so -selbstverständlich als Gegensatz. Und doch ist es, wie so -manches Selbstverständliche, auch einmal wieder nicht -wahr.</p> - -<p>Die Flottenkunst auch des Tieres hat sich durchaus -nicht bloß darauf beschränkt, im »Selbstschiff« zu fahren. -Auch das Tier sitzt unter Umständen vergnüglich im -fremden Schifflein und dirigiert bloß als Kapitän. Hier -beginnen freilich absonderliche Tiere, die nicht gleich jeder -beachtet hat.</p> - -<p>Zunächst als Übergang mag da das Tier gelten, das -überhaupt mit Menschenschiffen fährt. Ich meine jetzt -nicht die Ratte im Kielraum oder den Floh der Matrosenkabine,<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span> -das wäre ein zu billiges Beispiel ohne -echten Sinn. Aber es gibt eine Gruppe kleiner und -mittelgroßer Fische, die der Tierforscher als »Schiffshalter« -bezeichnet. Um zu verstehen, was diese höchst -verwunderlichen Gesellen vollbracht haben und täglich -noch vollbringen, muß man einen Augenblick dabei verweilen, -wie der Mensch selber als Schiffbauer angefangen -hat.</p> - -<p>All unsere Flottenkunst bis zum herrlichsten Kriegsschiff -heute geht zuletzt zurück auf den »Einbaum«. Der -Mensch merkte, daß Holz auf Wasser schwamm, und -wenn er übers Wasser wollte, so ließ er sich von einem -Baumstamm tragen. Als Wesen mit Luftatmung setzte -er sich oben darauf, klammerte sich an und trieb so dahin. -Indem er den gegebenen fremden Holzstamm sich künstlich -zum Sitzen höhlte und zu dirigieren lernte, war dann -die ungeheure, so endlos folgenreiche Erfindung des Schiffs -im Prinzip vollbracht. Warum aber wollte der Mensch -übers Wasser?</p> - -<p>Gerade wir erleben heute wieder, was sich ergibt, -wenn man Menschen von der Schiffahrt absperren will. -Es ergeben sich Verproviantierungsfragen. Alle Schiffahrt -der Menschheit ist zuletzt und im umfassendsten Sinn -immer eine Verproviantierungsfrage gewesen.</p> - -<p>Von diesen Grundpunkten aus aber versteht sich nun -auch das Problem des Fisches, den sie den »Schiffshalter« -nennen.</p> - -<p>Es war einmal ein kleiner Fisch, um die Geschichte -wie im Märchen zu beginnen; es ist aber der Zoologe, -der ganz ohne Märchen spricht. Dieser kleine Kerl<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span> -brauchte als Wasserluftatmer keinen Holzklotz, um über -das Wasser zu kommen, und sein eigener Fischleib war -längst ein gegebenes treffliches Unterseeboot, ein »Selbstschiff«. -Indessen auch hier kam die Proviantfrage. Sie -kam schon in Urweltstagen, so weit gehen unsere Kenntnisse -der Geschichte zurück, und sie bewirkte irgendeines -Urwelttages (sie pflegen bekanntlich lang zu sein, diese -Tage), daß der betreffende Fisch sich daran gewöhnte, -als ein kleiner hungriger Köter seines Elements sich in -der Nähe größerer Fresser dort zu halten, von deren -Herrentisch immer auch einmal ein paar Brosamen für -ihn abfielen. Auf dem Lande folgen so Schakale dem -Löwen oder Panther, im Ozean ergaben sich die mächtigen -Haifische als Herrenräuber, die besonders in Urweltsmeeren -lange die oberste Rolle spielten.</p> - -<p>Aber der kleine freche Tafeldieb machte die Sache, -wieder eines Entwicklungstages, noch praktischer. Wenn -auch nicht wie Jonas in des Riesenfisches Bauch, so -klammerte er sich doch gern unter des Haies Bauch an -unfaßbare Stellen, wobei die rauhe Haifischhaut gute -Stütze gab.</p> - -<p>Und wieder nach einer Weile führte das, wie so oft, -zu einer festen körperlichen Anpassung bei ihm. Seine -erste Rückenflosse verwandelte sich in eine große Saugwarze, -mit der er sich oberwärts an den Haifischbauch -wie mit einem Schröpfkopf unmittelbar ansaugen konnte, -während gleichzeitig sein gieriger kleiner Kötermund -darunter frei und freßfroh blieb – der Schakal verankert -am Löwen und von ihm unfreiwillig fortan herumgeschleppt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span></p> - -<p>Die Sache war, wie gesagt, zunächst eine Freßfrage, -sie wurde dann aber folgerichtig auch schon eine Vehikelfrage. -Der kleine Fisch brauchte mit dem großen nicht -mühsam Tempo zu halten, wenn solcher große seine -weiten Raubzüge wie ein alter Normanne veranstaltete: -immer war er von selbst gleich mit zur Stelle, wo immer -es zur Beute kam.</p> - -<p>Schließlich aber mußte der Fremdtransport, einmal -so billig gemacht, auch von Wert sein, wo gar kein Hai -da war. Man hängte sich irgendwo an und ließ sich -auf gut Glück treiben, ob der Zufall eine eigene oder -fremde Beute in den Schoß warf.</p> - -<p>Die kleinen Frechen hefteten sich, wo es sich gab, auch -an tote, aber mit Wellenschlag und Strömung treibende -Gegenstände an, und da bewährte sich ganz von selber -auch hier schon der Segen des Holzes, das weit, weit -dahinfuhr, ohne zu sinken.</p> - -<p>Zeiten schwanden, da zeigte sich aber im Ozean eine -ganz besondere neue Sorte »Holz«. Menschenschiffe aus -Holz fuhren übers Wasser. Und die Fischlein klebten -sich auch an diese Menschenplanken, nichts konnte bequemer -sein. Zumal da sich rasch herausstellte, daß diese -neuen Seeungeheuer in ihrer Art den »blinden Passagier« -auch noch selber fütterten. Denn vom Schiffe fiel -mancherlei Abfall, den diese wenig Wählerischen gern -als ihren Schakalsanteil begrüßten.</p> - -<p>Seither reisen die »Schiffshalter« gewohnheitsmäßig -in Scharen mit den Menschenschiffen. Sie sitzen nicht -oben darauf, wie sollten sie, ihnen ist ja im Wasser wohl -und nicht in der Luft. Gleichwohl: sie fahren Fremdboot<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span> -statt Eigenboot. Und nur das trennt sie immer -scheinbar noch endlos vom Menschen selber, daß sie das -Holz, an dem sie hängen, nicht selber dirigieren können, -wohin es fahren soll, und daß sie es auch nicht künstlich -zum Fahrzweck umgestaltet haben.</p> - -<p>Aber es war am 17. Februar 1899.</p> - -<p>Jenes prächtige deutsche Naturforscherschiff, die »Valdivia«, -näherte sich, von Ceylon kommend, dem Äquator. -Da trieb vor dem Schiff im Indischen Ozean eine -schwimmende Schale dahin, eine jener als Zierstück auf -unseren Kaminen so oft beliebten Nautilusschalen, die -von einem höchst seltsamen, tintenfischähnlichen Weichtier -körperlich abgeschieden werden und auch nach dem Tode -ihres Besitzers vermöge ihrer vielen geschlossenen Luftkammern -auf der offenen See schwimmend bleiben.</p> - -<p>Gewisse Anzeichen erweckten in diesem Falle zuerst -den Glauben, das lebende Tier sitze noch angewachsen -in seinem Gehäuse und leite sein Selbstschiffchen; dann -aber zeigte sich: es war doch auch nur eine verlassene -Schale – in dieser Schale aber hatten sich wunderbarerweise -eine Anzahl kleiner barschartiger Fische (Riffische, -<em class="antiqua">Glyphidodon</em>) eingenistet, die regelrecht als in einem -Fremdschiffchen in ihr wohnten und »fremd fuhren«. -Scheu hineingeduckt, wurden ihrer mehrere in dem Nautilusboot -mit heraufgefischt, ja als man zur Probe die -leere Schale noch einmal ins Wasser warf, schwammen -sogleich verschiedene andere der kleinen Bande auf das -wiedergegebene Wasserhaus zu und schlüpften hinein, -wobei sie durch die Fähigkeit, ihren Rückenstachel in eine -Furche einzuklappen, unterstützt wurden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p> - -<p>Offensichtlich handelte es sich auch hier um eine bereits -alteingebürgerte Gewohnheit, die vielfach dort treibenden -Fremdschiffchen des Nautilus so zu benutzen, eine -Gewohnheit, die vielleicht bei dem zähen Durchhalten -solcher Dinge bei jenen Fischen bis auf Urweltstage -zurückgeht, wo solche nautilusähnlichen Tiere in unfaßbaren -Mengen alle Meere bewohnten und ganze Felder -solcher schaukelnden Leergehäuse in allen Formen und -Größen eine Alltagserscheinung gewesen sein müssen.</p> - -<p>Wohlverstanden: hier wohnen die Tiere schon im -fremden Schiff, und bei kluger, beweglicher und ungestümer -Bande wie solchem Fischvolk liegt nahe genug, -daß sie gegebenenfalls ihr Schiff auch schon willkürlich -nach einer ihnen genehmen Richtung durch Stöße dirigieren.</p> - -<p>Unmittelbar beobachtet aber wurde dieser letztere Fall -bei einer anderen Gelegenheit von einem unserer besten -neueren Beobachter, Richard Semon, dem berühmten -Verfasser der Mnemetheorie.</p> - -<p>Auf den Korallenbänken der Sundainsel Ambon versuchte -er eine prächtige Qualle lebend mit einem eingetauchten -Glase zu erwischen. Immer wieder mißlang es, -denn die Qualle wich in sehr geschickten selbständigen -Bewegungen aus. Solches raffinierte, auf starke Intelligenzleistung -deutende Verhalten erschien nun bei einer -Qualle durchaus ungewöhnlich, ja unmöglich. Und wie -erstaunte der Forscher, als er wirklich feststellen konnte, -daß in diesem Falle die dumme Qualle in der Tat einen -klugen Kapitän hatte, der sich in ihrem lebendigen Kristallschiff -verbarg.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p> - -<p>Es war auch diesmal ein kleiner Fisch vom Makrelenschlage, -der gewohnheitsmäßig in solchen Quallen hauste. -Noch in dem Eimer, in den Semon seine endlich gefangene -Qualle gesetzt hatte, trieb der verwegene kleine -Kapitän seine Arbeit unermüdlich weiter, indem er sein -lebendiges Boot durch fortgesetzte zielbewußte Stöße in -bestimmter Richtung fortzutreiben suchte und zu unausgesetztem -Herumschwimmen zwang – natürlich in dem -umgrenzten Raum ohne jeden Erfolg.</p> - -<p>Ähnlicher Fischbrauch, gerade in den schwimmenden -Glaspalästen der Quallen zu leben, ist auch sonst vielfältig -beobachtet worden.</p> - -<p>Der Fisch findet in diesem Falle nicht bloß ein -fremdes Schiff, sondern er fährt auch in einem guten -Kriegsschiff zugleich: die Qualle führt nämlich furchtbare -Nesselorgane, wahre Giftbomben, die im Wasser jeden -tierischen Angreifer böse abfallen lassen. Der Fisch selber -aber wird von dieser Quallenbatterie nicht geschädigt. -Nach gangbarer Ansicht ist auch das stumpfe Geistesleben -solcher Qualle doch immer noch empfänglich genug -gewesen, um sich einem festen Genossenschaftsinstinkt vor -offenkundigem Vorteil nicht zu verschließen: sie schont -den fremden Insassen, eben weil er sich in Gefahr als -intelligenter Steuermann erweist.</p> - -<p>Andere Meinung vertritt allerdings, daß diese Quallenkapitäne -einfach selber gegen das brennende Quallengift -»immun« geworden seien, es nicht mehr fühlten. Ihre -Vorfahren sollen trotz der Batterie so manches Quallenschiff -im Sturm genommen und ausgefressen haben, und -dabei wären sie als Piraten durch die Ernährung mit<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span> -Quallenfleisch schließlich ganz giftfest geworden wie der -hörnene Siegfried der Sage, der sich mit Drachenfett -salbte. Daß ja Tiere gelegentlich in dieser Weise wirklich -immun werden, zeigen unsere Schmetterlingsraupen des -Admiral und kleinen Fuchs, die gewohnheitsmäßig ganz -gemütlich die Blätter der Brennessel abweiden. Wer -aber nun recht habe in der Deutung: das gewaltsame -Ausfressen solches Quallenschiffs ist jedenfalls an sich -wieder interessant.</p> - -<p>Wir alle haben von Münchhausens armem Pferde -vernommen, in das sich ein Bär einfraß; als er es ganz -gefressen, saß er selber an Deichsel und Riemen, und -Münchhausen kutschierte vergnügt mit ihm heim. Fast -so geht es bei gewissen kleinen Krebschen des Ozeans -aus der Gruppe der hüpfenden Flohkrebse. Ihre Weibchen -fallen als böse Piraten über die zierlichen glashellen -Schifflein her, die sich gewisse andere Seetiere aus der -weit entfernten Gruppe der Manteltiere (Tunikaten), die -in vielem an Würmer, in manchem aber sogar an -niedrigste Wirbeltiere erinnern, geschaffen haben. Indem -sie die berechtigten Insassen herausfressen, bleibt von -dem fremden Schiffe nur ein hohles schwimmendes -Tönnchen übrig, dessen durchscheinende Wand ausgespart -nach dem Brauch dieser Manteltiere auch noch aus der -sonst nur im Pflanzenreich üblichen Zellulose, also aus -regelrechtem Holzstoff, besteht.</p> - -<p>In diesem Holzfäßlein als Fremdschiff aber sitzt jetzt -wirklich beinahe wie Münchhausens Bär der Fresser -selber, der Krebs. Hier erlebt er Mutterfreuden. Und -da der alte Bewegungsapparat des Schiffs geschwunden<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span> -ist, muß er es fernerhin selber lenken: so reckt er sein -hinteres Leibesende vorsichtig aus dem vorne festgehaltenen -schwimmenden Faß hervor und rudert sich und -seine Kinderstube geschickt, wohin er will.</p> - -<p>Daß er dabei unter falscher Flagge segelt, Krebsinhalt -im Manteltierschiff, das macht ihm so wenig aus, -wie dem Schiffshalter daran liegt, was für Farben über -seinem Menschenschiff wehen.</p> - -<p>Wie wenig aber fehlt bei dem Tier, das sein hölzernes -Fremdschiff nicht nur selbsttätig lenkt, sondern auch -selber sich zum bequemen Sitzraum gehöhlt hat, bis zu -jenem »Einbaum« des Menschen?</p> - -<h3>II<br /> -Das Unterseeboot aus Luft</h3> - -<p>»Im November 1803 begegneten wir zum erstenmal -den großen Seeblasen im Atlantischen Meer, einige -Grade nördlich vom Äquator; sie erscheinen wie rosenrote -Glaskugeln über dem Wasser, blähen sich stolz auf -wie ein Pfau und verändern unaufhörlich ihre Gestalt. -Alle Leute auf dem Schiff wurden aufmerksam auf diese -sonderbaren Tiere und wünschten sie in der Nähe zu -betrachten, so daß endlich ein Matrose ins Meer sprang, -glücklich eine erhaschte und, indem er die Finger und -Arme schmerzhaft verbrannt fühlte, aufs Verdeck brachte. -Sie schleppte lange Fäden hinter sich her, die sehr -schleimig waren, überall anklebten und, wenn man sie -auseinanderlösen wollte, an den Fingern brannten.«</p> - -<p>So liest man in weiland Krusensterns Reisen von -einem Meerwunder, das bereits die ersten Ozeanfahrer,<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span> -auch wenn sie nur ungebildete Schiffsleute waren, gefesselt -und zu den kühnsten Namenserfindungen verlockt -hatte.</p> - -<p>Die »Karavelle« hießen es die Spanier und Postugiesen, -wenn sie es so in ganzen Flotten sein Kolumbusschifflein -über die uferlose Wasserwüste treiben sahen, den -<em class="antiqua">Man of War</em>, das Kriegsschiff, die englischen Matrosen.</p> - -<p>Es bedurfte aber noch saurer Zoologenarbeit bis tief -in das neunzehnte Jahrhundert hinein, ehe man heraus -hatte, was diese »Seeblase«, die Physalia, wie der Name -schließlich stehenblieb, eigentlich für ein Geschöpf sei, – -bis man erkannte, daß zum Vergleich mit einer Flotte -hier gar nicht ein Schwarm solcher roten Karavellen -nötig war, sondern daß jede einzelne schon eine Art -Flotte für sich darstellte, ein Bündel nämlich zusammengewachsener -quallenhafter Tiere, die mit Hilfe eines stolz -geblähten Purpursegels aufrecht dahinfuhren.</p> - -<p>Dieses Segel brauchte in Wahrheit nicht bloß der -Wind aufzublähen, sondern es war bei der Fahrt schon -von sich heraus dick ausgeblasen, indem es einen riesigen -hohlen Luftsack enthielt. An ihm aber nach unten ins -Wasser hinein hingen in krausem Gewimmel die Einzeltiere, -in sinnreicher Arbeitsteilung auch sie in solche gesondert, -die bloß fraßen oder bloß tasteten oder bloß für -die Jungmannschaft sorgten, also sozusagen Küchenschiffe, -beobachtende Admiralsschiffe und Kadettenschiffe im -Flottenverband bildeten, während schreckliche Brennbatterien -das Ganze verteidigten.</p> - -<p>Nun, ich will hier jetzt nicht von den sozialen Wundern -solcher Röhrenquallen (Siphonophoren), wie man die<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span> -ganze Gruppe nennt, des engeren sprechen, wie es mir -auch fern sei, mich etwa ganz im allgemeinen über Flotten -zu verbreiten, deren Hauptteil sich, näher besehen, als -eitel luftige Blase erweist … Sondern was interessiert, -ist die Methode in solcher Physalienblase.</p> - -<p>Kein Zweifel, daß hier Luftballon und Unterseeboot -in sinnreichster Weise kombiniert sind. In dem Ballon -sitzt eine besondere »Gasdrüse« und füllt nach Bedarf -eine »Luftflasche«. Bei verwandten Arten führt das -eigentliche Unterseeboot noch besondere Bewegungsapparate, -sogenannte »Lokomotiven«, in denen hohle offene -Quallenglocken heftig pulsend arbeiten. Der Ballon -aber, durch ein richtiges Ventil reguliert, läßt das Ganze -beliebig auf- und absteigen und gibt ihm Haltung. Bei -der Karavelle ist es, als wolle er sich ernstlich ganz aus -dem Wasser erheben, aber das Tiefenboot hält ihn als -Fesselballon genau in der Fläche fest.</p> - -<p>Unwillkürlich denkt man daran, was Tiere auch sonst -schon alles gerade auf diesem scharfen Rain zwischen -Wasser und Luft angestellt haben, – wie sie herumbalancieren -auf dieser schier mathematischen Scheide des -Elements.</p> - -<p>In der gleichen hohen See, wo die Purpursegel der -Karavellen stolzieren, laufen (unser Chamisso hat es mit -zuerst gesehen) langbeinige Wasserwanzen regelrecht auf -dem blanken Wellenspiegel selber Schlittschuh.</p> - -<p>Sie machen's wenigstens von oben, aber unsere ganz -gewöhnliche Schlammschnecke, die Limnäa, vollführt gar -das Kunststück, von unten sozusagen am Luftspiegel entlang -zu kriechen, wobei sie mit ihrem ganzen Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span> -huckepack nach unten hängt; eine ganze Literatur existiert -darüber, bald sollen abgesonderte Schleimbänder, bald -kahnartige Höhlung der scheinbar an der Luft Schlittschuh -laufenden Sohle das Unmögliche möglich machen, -während mir die Sache immer noch etwas von Münchhausen, -der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog, -bewahrt, so sicher auch das Faktum feststeht.</p> - -<p>Jedenfalls aber sind auch so die Naturleistungen der -Karavelle in zwei menschliche Technikgebiete zugleich -hinein unwiderleglich. Aber wieder auch mag man das -alte Argument anbringen. Der Karavelle ist ihr Ballonboot -schon natürlich gewachsen am Leibe, ihre Gasdrüse -und Luftflasche hat sie von Kindheit an als Erbe mitbekommen. -Um die Analogie zur Menschentechnik wirklich -zu finden, möchte man aber ein Tier sehen, das -selber erst mit Luft wirtschaftet als Material, das sich -ein Unterseeboot selbsttätig baut und nun damit das -Prinzip des Ballons kombiniert. Das äußerlich noch -einmal schafft, was die Karavelle, wer weiß woher, einfach -bekommen hat. Nun, wenn die Frage so liegt, so -läßt sie sich doch auch noch wieder ihr Stück im Tierreich -weitertreiben.</p> - -<p>Da sind wir im Teich, und es tauchen allerhand dicke -Käfer auf, Schwimmkäfer verschiedener Sorten. Ein -Käfer ist auf jeden Fall bereits ein weit höher entwickeltes -Tier als eine Qualle. Man wird erwarten -dürfen, daß manches bei ihm auch entsprechend schon -beweglicher, im rechten Sinne gesagt, schon vergeistigter -eingerichtet sei; auch in dem höheren Tier muß man ja -noch mit gewissen vererbten Instinkten für das Geistige<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span> -rechnen, die dem einzelnen sozusagen die Schule ersetzen, -aber auch so läuft alles doch über eine weit vertiefte -Bahn, daran ist kein Zweifel.</p> - -<p>Nun sind die Käfer ersichtlich von Ursprung Landbewohner -gewesen und hatten also für ihre Organe -der Atmung Freiluftatmen als Methode mitbekommen. -Nachher aber sind einige im stillen Teichwinkel wieder -ins Wasser gegangen, ohne daß sich doch ihr Organ dazu -wieder ganz mitumgewandelt hätte. Und so brauchen sie -da unten Luft; da das Organ sie ihnen aber nicht nach -Art der Fischkiemen aus dem Wasser selber zieht, müssen -sie sie nachträglich erst sozusagen durch ihrer Hände Arbeit -beschaffen, – damit begann aber für sie zunächst wirklich -schon ein sehr viel freieres Wirtschaften mit dem -Luftstoff.</p> - -<p>Sie holen sich nämlich händeweise oder, um es mit -der Freiheit des Naturforschers gerader herauszusagen, -teils kopf-, teils hinterteilweise kleine Portionen Freiluft -von der Oberfläche, aus der sie die betreffenden Körperteile -einen Augenblick herausstrecken, ins tiefe Wasser -hinunter, stets einen Schluck direkt in die Atemröhren, -aber außerdem auch noch einen mehr oder minder dicken -zur Reserve, der unter den Flügeldecken wie in ein -Fläschchen gefüllt oder mit dem Haarfilz um den Bauch -gebunden wird. Auch der Reserveschluck in der Flasche -dient in diesem Falle zur eigenen Luftatzung. Daß er -an und für sich gleich dem Ballon der Qualle mit ihrer -Luftflasche den Körper des Schwimmers etwas leichter -macht, ist dem Käfer sogar gar nicht immer genehm, -denn er muß es ersetzen durch verstärkte Arbeit beim<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span> -Wiederhinabtauchen. Aber das Bedeutsame bleibt diesmal: -das Tier holt sich, einerlei zu was für einem Zweck, -ein Stück fremder Luft äußerlich hinunter, es beginnt -wirklich zu wirtschaften mit Luft wie mit einem fremden -Material, das man aufgreift, wie einer sich ein Stück -Butterbrot in die Tasche steckt oder ein beliebiges -Stück Holz oder Stein von dort fortnimmt, wo es -sich bot.</p> - -<p>Was verschlüge es, wenn unser Wasserkäfer das, -was er jetzt noch als Püllchen oder Stüllchen bloß zu -sich gesteckt hat, eines anderen Tages doch auch selber -verwertete für irgendeinen luftgefüllten Unterseebau? -Eines anderen Tages – eines Entwicklungstages heißt -das wieder, natürlich.</p> - -<p>Hier ist aber nun wiederum kein Zweifel, daß solcher -Käfer etwas kann, was die Karavellenquallen unbedingt -noch nicht konnten: er kann nämlich überhaupt schon eine -Sache selbsttätig bauen.</p> - -<p>Der riesige schwarze Kolbenwasserkäfer unserer Teiche, -den jeder sammelnde Schulknabe schon kennen lernt, bewährt -diese Kunst zwar noch nicht eben an Häusern, -aber er hat sich eine Spezialität ausgesucht: er ist berufsmäßiger -Hersteller von Kinderwiegen. Da auch er -ins Wasser gegangen ist (an und für sich ist er kein -besonders glänzender Schwimmer und stammesgeschichtlich -ist er auch kein »verwässerter« Karabide wie die anderen, -besseren Schwimmkünstler dort, die noch bekannteren -Gelbränder), müssen seine Kinderwiegen aber zugleich -Mosesschifflein sein, also auf alle Fälle mit Wassertechnik -gebaut werden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p> - -<p>Seit langem sind diese Mosesschiffchen als eine der -niedlichsten Naturleistungen bekannt. Der große satansschwarze -Kerl treibt im werdenden Mutterstande aus -Warzen seines Hinterleibes eine zu weißen Fäden erstarrende -Substanz hervor nach ungefährer Art der -Spinne. Sonderte er sie bloß ab, so bliebe die Sache -beim einfach Organischen, wie bei den Taten der Qualle. -Aber darin eben bewährt sich nun das Prinzip des -Selbstbauens, daß der Produzent oder, besser gesagt, -die Produzentin aus den Fäden sich selber eine hübsche, -hinten geschlossene Hose um den Hinterleib webt. In -dieses Büchschen als Nest legt sie dann Ei um Ei, -bis deren eine tüchtige Fracht in den sicheren Hosenboden -hinabgesackt sind. Jetzt läßt sie den Rest des -Raumes leer, indem sie sich selber ganz herauszieht, an -der ledigen Hose wickelt sie auch noch die offene Seite -mit einem richtigen langen Zipfel zu, und das Mosesschiffchen -ist fertig. Die Eier im Fond, die Zipfelspitze -emporgerichtet, so liegt es als kleiner Ballon im Wasser, -sei es an schwimmenden Blättern verankert oder auch -frei schwimmend, aber immer doch gestellt, daß es nicht -dauernd aus der Balance geschaukelt werden kann.</p> - -<p>Es ist nur eine Kinderwiege, und wenn er sie vollendet -hat, überläßt der Käfer sie ihrem Schicksal wie in -der Mosesgeschichte. Aber wie wenig Arbeit erforderte -es mehr: und der gleiche große schwarze Satan würde -sich aus dieser Hose einen dauernden eigenen Schlafsack -bauen, oder er würde auch den weiten zu einem großen -Unterschlupf im ganzen, einem Unterseeboot, in dem er -aus und ein gehen und wohnen könnte.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p> - -<p>Und warum sollte er, der gewohnheitsmäßig Luft -sozusagen stückweise in seinen Teichgrund hinabzuholen -weiß – warum sollte er dieses unterseeische Haus nicht -selber erfüllen mit solcher herangeschleppten Luft, tragen -lassen durch Luft, wohnlich und bekömmlich für sich -machen durch angesammelte, darein eingesperrte Luft?</p> - -<p>Argyroneta, die Silberumsponnene, heißt sie, die das -alles wirklich vollbringt, die ihr Mosesschifflein zum -silbernen, aus Duft und Luft gewebten Nixenhause ausgebaut -hat.</p> - -<p>Sie gehört einem anderen, uralten Parallelstamme -der Insektenentwicklung an, der wenigstens in diesem -Falle aber recht eigentlich als der erfinderische alte Onkel -neben dem täppischeren Neffen steht. Argyroneta, deren -Name wie ein Vers Homer klingt, ist nämlich im gleichen -Käferteiche unsere kunstreiche Wasserspinne.</p> - -<p>Sie steht im Ruf, etwas liebenswürdiger zu sein als -andere Spinnen, ihr Weibchen frißt das Männchen nicht -nach den Flitterstunden auf, wie das sonst in diesem -Pfui-Spinnenreiche öfters Brauch ist; aber vor allem -ist ihre Spezialität noch unvergleichlich weit über den -Käfer hinaus das »Luftfangen«.</p> - -<p>Der brave Schildbürger, so hören wir, gedachte das -Licht brockenweise in einer Mausefalle zu fangen. Das -Silberkind vom Spinnenlande weiß das in seiner Art -wenigstens mit der Luft zu machen, sie sperrt Brocken -Luft in eine Falle und benutzt sie dann – als Bausteine. -Auch sie muß wie der Käfer immer Atemluft -mit ins Wasser nehmen, denn auch sie ist nur ein zum -Nix verzaubertes Sonnenkind von da oben. Solche mitgeholte<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span> -Perle Atemluft ist es, von der ihr Leib immer -so wie mit Silber umflossen erscheint, wenn sie ihren -Nixenteich durchquert. Und auch sie hat, ist sie doch nicht -umsonst selber Spinne, noch vermehrt die Spinnfähigkeit -des schwarzen Käfers. Indem sie aber beides jetzt kombiniert, -schafft sie aus umsponnener Luft sich den wunderbaren -Baustein ihres Hauses.</p> - -<p>Angeklebt an ihre Spinndrüsen, werden mächtige -Perlen Luft noch unabhängig von der silbernen Atemrüstung -von ihr in die Tiefe hinabgerissen. Solche Perle -aber wird mit dem Klebstoff umfirnißt, vom Wasser abgeschlossen, -und nun ist sie Baustein. Nun wird an -geschützten Fleck zwischen Wasserpflanzen Luftstein um -Luftstein dieser Art hinabgezaubert, vereint und verankert -im ganzen, bis das wunderbarste Lufthäuslein -fertig ist, eine Taucherglocke, aus Spinndunst und Luft -ätherisch gewebt, an Spinnwebankern ruhend, ein durchsichtiges -Unterseeboot, das der Silbernixe oder Silberhexe -(denn ein böser Räuber bleibt sie ja in all ihren -Zauberkünsten) nun alles in einem gibt: Unterschlupf -und die sehr erwünschte ungestörte Schlafkammer, das -Försterhäuschen, wohin sie ihr Jagdwild bringen kann, -ihr Brautgemach und in vielen Fällen auch ihre Kinderstube, -zu deren Zweck sie noch einen besonderen undurchsichtigen -Gespinstvorhang über die Kuppel ihres schimmernden -Kristallhauses hängt. Von diesem verankerten -Unterseekahn läuft sie seiltänzerisch auf schwindelnden -Planken ihrer Spinnfäden in die Jagdgründe hinaus, -angetan dann mit dem silbernen Hinterhelm ihrer Jagdtaucherglocke; -zu ihm kehrt sie immer wieder als dem behaglichen<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span> -Heim zurück nach vollbrachter Arbeit. Die -Liebespaare aber legen ihre Unterseekähne nahe nebeneinander -vor Anker und bauen von Kahn zu Kahn einen -gedeckten Gang – so wie sich in menschlichem Idyll auf -abendlich ruhendem Kanal wohl eine Planke von liebender -Hand von Apfelkahn zu Apfelkahn legt oder -vorzeiten die Pfahlbauerliebe sich nächtlich in ihrem Einbaum -geräuschlos unter den Pfählen des Wasserdorfs -hindurchstahl.</p> - -<p>So wunderbar wie die Meisterin Argyroneta hat die -Technik, mit Luft Unterseewohnungen zu bauen, keiner -mehr erlernt. Auf das Prinzip des Bauens mit gefirnißten -Luftsteinen sind aber doch mehrere auch sonst -gekommen.</p> - -<p>Die Labyrinthfische, zu denen unsere beliebten Makropoden -der Aquarienfreunde gehören, haben sie speziell -wieder für Mosesschiffchen ausgebildet. Obwohl diesmal -eigentlich Wasserluft atmende Kiementiere, holen sich -diese merkwürdigen Fische doch regelmäßig auch Freiluft -brockenweise von der Oberfläche für besondere Kammern -(Labyrinthe) neben ihren Kiemenhöhlen herab, und dabei -mögen auch sie auf das Bauen mit Luftstein geführt -worden sein. Es dient ihrer Kinderpflege, indem sie -große Schaumschiffe aus im Maul herangetragenen Luftperlen, -die mit einem Firnishäutchen aus Speichel umgeben -sind, herstellen. Unter diesen am Wasserspiegel -ruhenden Luftkähnen legt nun das Weibchen seine Eier -ab. Meist steigen die Eier schon vermöge eigenen Leichtgewichts -zum Spiegel empor, sonst hilft das besorgte -Männchen nach. Sie müssen nämlich nahe zur reichen<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span> -Sauerstoffschicht oben, sonst gehen sie ein. Unmittelbar -dem grellen Sonnenlicht dort ausgesetzt, würden sie aber -wiederum Gefahr leiden, auch leicht Feinden zum Opfer -fallen. Und hier schützt nun äußerst sinnreich, daß sie -von unten gegen das Schaumschiff prallen, das sie zugleich -festhält und deckt und dessen gefangene Luftperlen -den Sonnenglanz durch starkes Reflektieren sozusagen -wieder ausschalten.</p> - -<p>Wer aber zum Schluß auch noch fordert, daß der -Erbauer selbst mit seinem Unterseeboot aus Luft dahinfahre, -anstatt es bloß wie einen ruhenden Apfelkahn zu -verankern, der muß die Blauschnecke Janthina im freien -Meere aufsuchen.</p> - -<p>Blau ist ihr Reich, das sie durchfährt im Meeresblau, -blau wie das Meer ihre Schale. Aber nicht durch -diese blaue Schale fährt sie dahin. Der Ballon, an dem -sie hängt, ihr luftgewebtes Ballonschiff, ist abermals ein -mächtiges schwebendes Schaumschiff, das sie sich selber -erbaut hat, indem sie mit ihrem ungefügen Schneckenfuß -(oder was man bei Schneckenleibern so nennt) Luftperle -um Luftperle gleichsam aus der Freiluft herunterschlug -und dann ebenfalls mit Schleimkleister ins Wasser hinein -absperrte und verkittete. Auch ihr dient das Luftboot -zugleich als Mosesschiffchen, an dessen Unterseite die -Mutter ihre Eier hängt.</p> - -<p>Wir sind wieder am Ort, von dem wir ausgingen. Im -gleichen schönen Meeresblau wie die Blauschnecke segeln -die Quallenflotten mit ihren Luftflaschen. Aber was dort -Organ war, ist hier eigene Arbeit: das Boot aus Luft.</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p> - -<h2 id="Das_aelteste_Festungstor">Das älteste Festungstor</h2> -</div> - -<p class="drop">In unseren Tagen des Weltkriegs ist die Ilias ein -aktuelles Buch.</p> - -<p>Um eine einzelne Burgstadt wird dort gerungen, -und doch weiß der Dichter uns den Eindruck zu erwecken, -daß es ein Entscheidungskampf der ganzen Menschheit -sei. Alle Götter beschäftigen sich nur mit Ilion und -den Griechen, als hinge das Schicksal von Recht und -Kultur, von Himmel und Erde zuletzt davon ab. Und -gerade das ist die ungeheure Stimmung, die wir heute -verstehen, wo wirklich die ganze Erde brennt, während -es damals nur um ein paar Mauern und Tore an der -Schwelle Asiens ging.</p> - -<p>Schliemann hat erst so viel später die Stätte selbst -wieder ausgegraben, um die der Efeu der Trojasage -webte, und es wurde nun doch auch ein starkes geschichtliches -Bild – ein Zeugnis menschlicher Zähigkeit, die -nicht bloß ein Jahrzehnt ausdauerte. Acht- oder neunmal -haben sie immer wieder eine Burg auf den gleichen, -durch eigene Trümmer wachsenden Hügel hier gesetzt -und ihre Mauern und Tore verteidigt, viele, viele Jahrhunderte -lang, und dabei auch einmal wohl (wenn auch -in anderer Schicht, als Schliemann meinte) als wirkliche -Trojaner.</p> - -<p>Es hat doch immer wieder etwas Bezauberndes, -wie der kühne Gräber kurz nach dem siebziger Kriege<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span> -zum erstenmal auf die alten Pflasterplatten unter dem -Brandschutt seiner »Goldstadt« stieß, nahe dem uralten -Hause, das ihm den wunderbaren Schatz bot, den er -den »Schatz des Priamos« nannte; wie er eine lange -gespenstische Reihe mannshoher Krüge aufdeckte, groß, -daß wirklich ein Mensch hineinkriechen konnte, die -Proviantkammer irgendeiner dieser verschollenen Burgen; -und wie er dann, dicht vor dem entscheidenden Goldfund, -an den Unterbau zweier großer Festungstore geriet, -in deren jedem noch der lange kupferne Riegel -steckte, der einst die hölzernen Türflügel gegen Nacht -und Feind schließen mußte.</p> - -<p>Unwillkürlich verweilt die Phantasie bei solchem uralten -Tor.</p> - -<p>Einerlei, wer nun gerade hier gestürmt hat: an Güte -oder Bruch solchen Tors hing einmal das Schicksal -dieser ganzen Burg, bange Menschenherzen schlugen -dahinter, ob es halte, rohe Siegesjauchzer schallten, -wenn es splitterte. Sie ist verbrannt, die Stadt, und -ihr Tor muß also gebrochen sein. Aber in ihrem Schutt -fand Schliemann die scharfkantigen Trümmerteile vom -Gehäuse eines im ganzen Altertum vielbegehrten Tieres, -einer Purpurschnecke. In ihrer Weise bewohnt auch -solche kleine Purpurschnecke eine Burg, deren Tor sie -verteidigen muß. Und wie man an alten Burgtoren -noch die unten offenen »Pechnasen« sieht, aus denen -siedendes Pech auf die Angreifer herabgeträufelt wurde, -so überschwemmt auch die gereizte Purpurschnecke ihren -Gegner mit einem scheußlichen Stinksaft aus ihrem Tor. -Er hat aber die Eigenschaft, am Lichte trocknend in<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span> -herrliche Farbtöne auszuklingen, mit denen heute noch -spanische Fischer ihre Hemden zeichnen, während einst -hier der schlichte Ausgangspunkt der großen Purpurindustrie -lag, der diesem eigentlich recht zuwideren Stinkschneckenvolk -im alten Byzanz sogar einmal den offiziellen -Titel der »kaiserlichen Purpurschnecken« eingetragen -hat.</p> - -<p>Er ist nie bis in ihre eigene dämmernde Seele eingedrungen, -der pompöse Name, und wenn diese Purpurkinder -in ihrer schwachen Burg überhaupt ein Bild des -Menschenwesens führen, so wird es auch nur das eines -großen Ungeheuers sein, das ab und zu durch ihr Tor -will oder ihre ganze Burg schleifen will – wert aller -Stinktöpfe dieser Burg. Solches Tier hatte aber nicht -nur lange vor Schliemanns Goldstadt und ihren Schicksalen -die Burg und die Pechnasen gefunden in seiner -Art. Es hat in äußerst kunstvoller Weise, durchaus -voraufeilend der Menschentechnik, an seine Burgen auch -schon gelegentlich Türen gesetzt, regelrechte Festungstore, -hinter denen es auch in gespannter Sorge stand, wie -die Helden und Mädchen von Troja, und deren Splittern -oder Bestehen auch ihm Glück oder Tod bedeutete. Den -Weg dazu in höherer Ähnlichkeit zum Menschenwerk -finden wir allerdings zunächst auch beim Tier nur, indem -wir den Begriff der Burg selber bei ihm noch -etwas vertiefen – das aber können wir leicht.</p> - -<p>Das Haus unserer Purpurschnecke ist wohl eine kleine -Burg, insofern es den weichen Körper hinter einer Art -Zementmauer aus kohlensaurem Kalk einmauert bis auf -die einzige nötige Türöffnung. Aber abgesehen vom<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span> -Material dauern doch noch alle Zeichen dabei des rein -persönlichen Panzers: es ist nur sozusagen ein steinerner -Mauerpanzer, der immer am Leibe mit herumgetragen -wird.</p> - -<p>Auf dieser Stufe blieb indessen die organische Technik -der Natur nicht überall stehen.</p> - -<p>Lebhaft gedenke ich noch daran, wie mir selber einst -aus antikem Schutt in Syrakus ein solcher Harnisch -einer Purpurschnecke in die Hand fiel. Ordentlich gespenstisch -hauchte es wie noch umgehendes Altertum daraus -an. Zugleich aber rührten die Finger an eigentümliche -lange äußere Dornen des Gehäuses, Zinnen gewissermaßen -dieser kleinen Burg, wie ich sie im großen eben -an der Menschenburg von Syrakus gesehen. Im Leben -des Tieres mochten auch diese spitzen Auswüchse irgendeine -Hilfe geboten haben neben Kalkwand und Stinktopf. -Gerade das aber erinnerte lebhaft an ein anderes, nicht -direkt molluskenhaftes, aber auf ähnlicher Mittelstufe -stehendes Geschöpf der gleichen Gewässer, das auch in -ähnlichem Mauerharnisch steckte und dazu noch diesen -ganzen Mauerumfang mit dem wirksamsten Stacheldraht -überzogen hatte: den Seeigel.</p> - -<p>Wenn man solchem Seeigel in seiner bekanntesten -Gestalt am Seestrande begegnet, so erscheint er als das -wahre Ideal eines uneinnehmbaren kleinen Forts. Es -zeigt nicht einmal das große Ausfalltor der Schneckenburg, -sondern nur winzige Schießscharten, durch die feinste -Saugfüßchen geschoben werden, wenn es gilt, das starre -Fort in eine Art beweglichen Panzerautomobils zu verwandeln. -Der Stacheldraht selber ist bisweilen vergiftet,<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span> -und zwischen seinen Spitzen sitzen perfide Greifzangen, -die im kleinen an die Wundermaschinen zum Packen der -feindlichen Krieger erinnern, mit denen einst Meister -Archimedes Syrakus verteidigt haben soll. Solcher Seeigel -ist selber meist ein Räuber, und man ahnt nicht, -was seinem so verbarrikadierten Raubnest gefährlich werden -könnte. Und doch bemerkt man, daß diesen lebendigen -Stacheldrahtfestungen vielfach ihr Fort allein nicht genügt -und daß sie danach streben, es noch einmal unter -den Schutz einer größeren Befestigungslinie zu stellen.</p> - -<p>Mit Staunen sieht man die Seeigel an der harten -unterseeischen Felsküste die Pfade der alten Diluvialmenschen -gehen, die sich in Höhlen bargen. Diese Urmenschen -suchten sich die natürlichen Höhlen ihres Landes -aus. Die Seeigel, resoluter noch als sie, schaffen sich -die Höhlen selber erst, indem sie das eisenharte Gestein -buchstäblich anfressen, aufnagen mit den allerdings auch -stahlharten Zähnen ihres mächtigen Kauapparats, den -man die »Laterne des Aristoteles« nennt. Doflein, unserer -prächtigsten Tierbeobachter und Tierschilderer einer, hat -sie am Vulkanfels der japanischen Küste so bei der Arbeit -gefunden, den Darm noch erfüllt mit den abgefressenen -Gesteinssplittern dieses ungeheuerlichen Mahls. Ist das -verwegene Werk aber geglückt, der Fels tunnelartig geöffnet, -so fahren sie mit ihrem Panzerautomobil erst als -zu ihrer fortan eigentlichen Schutz- und Trutzburg ein. -Wer aber sind die Eroberer, die solche Stachelkugel zu -solcher Doppelverwahrung zwingen könnten?</p> - -<p>Hier beginnt das Kapitel von der vielleicht schrecklichsten -Waffe der ganzen Natur.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span></p> - -<p>Wir kehren noch einmal zur Schnecke selbst zurück. -In der gangbaren Meinung ist Schnecke wie Muschel -das harmloseste, hilfloseste Wesen, das weder Mensch -noch Mittier zu schaden vermag. Als es einmal hieß, -Hollands ganzer Schutz, das Holz seiner Dammpfähle, -sei vom Bohrwurm (in Wahrheit einer Bohrmuschel) -bedroht, konnte man mindestens im ersten Punkte doch -stutzig werden. Ähnliche Bohrmuscheln wühlen aber nicht -bloß im Holz, sondern sie graben auch ganz nach Seeigelart -Höhlen in den härtesten Stein. Berühmt sind -die antiken Säulen von Pozzuoli bei Neapel, die vermutlich -einst aus einem Fischbassin ragten und damals -an der Basis von solchen zähen Bohrern tief durchlöchert -worden sind. In der Regel wird auch hier einfach -mechanisch geraspelt. Wo aber reiner Kalkstein beliebt, -da taucht noch ein unheimlicheres Mittel auf.</p> - -<p>Das Molluskentier sondert eine scharfe Säure ab, -die den Stein unmittelbar anätzt, löst, sozusagen chemisch -verbrennt. Wir wissen, was das für Säuren sein müssen, -denen selbst der Kalkstein einer Marmorsäule unterliegt, -etwa Schwefelsäure. Vor rund sechzig Jahren hat der -Bonner Zoologe Troschel denn auch zuerst festgestellt, -daß gewisse Schnecken in ihrem Speichel in der Tat freie -Schwefelsäure ausspritzten, so stark, daß sie den Marmor -italischer Fußböden angriff. Eine kühne Sache, aber ein -glänzendster Kunstgriff der Natur für ein Tier, das -Felsen anbohren sollte. Gewisse Bohrmuscheln bewähren's -denn auch, und gern möchte man es dem Seeigel -drüben selber so gönnen. Aber gerade hier mischt -sich ein neuer, überraschender Gedanke ein.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p> - -<p>Wenn der schönste bunte Cipollinmarmor der himmelragenden -Säule, die sonst der Jahrtausende spottet, machtlos -zerfällt, verbrennt vor der Schwefelsäurespritze des -Molluskentieres – wie hoffnungslos muß solcher furchtbaren -Chemie die gewöhnliche Panzerwand eben auch -des Seeigels verfallen sein, die doch auch ihre Stärke -nur in der Kalkeinlage hat. Wie Wachs an der Sonne -müßten ihre Platten vor einem Angriff dieser Art dahinschmelzen, -die wehrlose Blöße des Insassen nackt offenbarend. -Nun aber wissen wir: die vom Molluskenvolk -sind keineswegs auch im Verhalten zu ihren Mitvölkern -da unten alle sanfte Lämmer. Gewaltige Schnecken, jene -allbekannten, oft als Kriegstrompeten verwendeten Tritonshörner, -Ungetüme von selber schier uneinnehmbarer Burg, -haben sich der Schwefelsäurespritze wirklich bemächtigt, -nicht als harmloser Technik zum Einbrennen in den Fels, -sondern als einer verheerenden Waffe.</p> - -<p>Alle schauerlichsten Sagen kommen kaum gegen das -Bild auf, das hier entsteht: der Drache, der mit seinem -sengenden Atem und Geifer Wald und Haus verheert – -die Teufelsspinne, die sich dem Ritter durch den Helm -bis ins Hirn brennt. Unerbittlich, wo sie ihm im freien -Wasser begegnen, halten diese Schwefelsäuredrachen den -auf seinen Saugseilen und beweglichen Stacheln kunstvoll -heranbugsierten Panzerwagen des Seeigels an, begießen -ihn mit ihrer infamen Säure, öffnen die angeätzte Stelle -vollends mit der Raspel ihrer Zunge und fressen den -armen nackten Passagier heraus. Und auf der Flucht -vor diesen Scheusalen geschah es also, daß die Seeigel -sich noch einmal in besonderen Höhlenburgen wie in gesicherten<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span> -Automobilschuppen zu bergen begannen, bereit, -lieber harte Steinsplitter zu zerkauen, als sich dauernd -den chemischen Stichflammen der Schwefeldrachen preiszugeben.</p> - -<p>Sobald aber Tiere in künstliche Höhlen einfuhren, -mußte auch das Problem gegeben sein, die Höhle durch -eine künstliche Tür beliebig abzuschließen.</p> - -<p>Den Diluvialmenschen wird das früh bewegt haben, -wenn draußen der grimme Höhlenlöwe durch die Nacht -brüllte. Der halbtierische Zyklop bei Homer wälzt -wenigstens einen rohen Steinblock vor. Freilich, der -Seeigel selber hat's noch nicht. Wenn man ihn herausziehen -will, stemmt er sich mit aller Gewalt seines beweglichen -Stacheldrahts gegen die Höhlenwände, als -müsse das genügen. Aber er so gut wie die Schnecke -haben ihren eigenen Leibespanzer doch aus Kalkmaterial -körperlich selber aufgebaut, sozusagen ausgeschwitzt. Nun -sitzt der Panzer noch einmal im Überpanzer, dem engen -Höhlenhals. Sollte einer da drinnen nicht ebenso, wie -die Schwefelsäureschnecke nach außen ins Fremde hinein -zerstören konnte, so nach außen ins Fremde auch etwas -weiter aufbauen? Etwa auch etwas absondern, das -zeitweise den verdächtigen Höhleneingang ganz zubaute?</p> - -<p>Am eigenen Häuslein kennt die Schnecke ja schon -so etwas auf Widerruf. Nach zwei Methoden. Bald -scheidet sie für ihre ungestörte Winterschlafzeit oder auch -allzu dörrende Wüstenhitze einfach eine provisorische, -wieder lösbare spanische Wand vor ihrer Schalentür aus -ähnlichem Kalkschleim ab, wie er die Schale selbst erzeugt -hat. Oder sie verwertet ein altes Schildbürgerprinzip:<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span> -wie der dort sich ein Stück Blech in den Hinterboden -der Hose als die im Kampf gefährdetste Stelle einnähen -ließ, so führt sie vorsorgend schon ein hartes Schildstück -in ihren sonst weichen Fußrücken, und das klemmt sie -gegebenenfalls einfach wie ein Monokel in die Türrundung.</p> - -<p>Zunächst das letztere Prinzip hat dann mehrfach -Freunde gefunden. Bekanntlich lieben es manche Krebse, -sozusagen auf Raub und Schummel sich nachträglich in -leere Schneckenhäuser einzunisten. Solche Aftermieter -bevorzugen nun auch, so gut es ihnen gegeben ist -(sie können nicht so leicht Kalk sabbern wie der echte -Hausherr, die Schnecke), die Schildbürgermethode – sie -klemmen, oft doch auch höchst kunstgerecht, ihre Scheren -und Beine in die ledige Türöffnung, zum Zeichen, daß -sie nicht zu sprechen sind, und es langt auch so.</p> - -<p>Aber in der selbstgegrabenen Burghöhle wird diese -Methode doch schon schwerer. Gehen muß sie im Notfall -ja auch. Bei den Kolobopsisameisen, die in hohlen -Zweigen wohnen, muß stets ein treuer Soldat des Volkes -sich mit dem vorne genau abgestutzten Dickkopf wie ein -Pfropfen in die Tür zum Bau klemmen, wobei der -lebendige Verschluß so gut paßt und in Farbe und -Rauhigkeit der Oberfläche so genau von außen die -Rinde fortsetzt, daß so leicht keiner hier eine Tür überhaupt -ahnt. Bei einer Spinne (<em class="antiqua">Cyclosoma</em>), die sich -senkrechte Erdschachte gräbt, wird gar das eigene Hinterteil -so benutzt, das, aufgeblasen und dann ganz jäh völlig -platt abgeschnitten, eine Art natürlichen Sektpfropfens -bildet.</p> - -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p> - -<p>Aber wenn schon die Höhle ein selbstgefertigtes -Fremdding an sich sein soll, wieviel besser wäre es, -auch diese äußerliche Höhlentür wäre zuletzt wieder ein -Fremdwerk, erst zweiter Hand aus irgendeinem gegebenen -Material gezimmert. Und diese letzte praktische -Folgerung hat endlich die sogenannte Minier- oder -Tapezierspinne (Nemesia- und Cteniza-Arten Südeuropas) -im Bann der Entwicklung gezogen. Sie gräbt sich -Schutzschachte horizontal in Abhänge hinein, vor allem -auch als wohlverwahrte Kinderstuben. Hier hat es -Zweck, die Tür hinter sich zu schließen, auch wenn sie -selber ausgeht. Ihre große Naturtechnik ist aber das -Spinnen. Mit dichter Spinnseide hat sie schon den -Schacht selber wie mit einer Tapete, die dem Abbröckeln -der Wände wehrt, ganz ausgeklebt. Was kann es dieser -Meisterin verschlagen, auch einen kreisförmigen Vorhang -zu weben, der den Eingang deckt. Aber sie webt ihn -nicht ganz zu, sie schafft ihn als lose bewegliche Platte, -die bloß oben in einem Scharnier hängt. Sie webt Erde -darein, so daß er selber auch als Tür von außen das -Loch nicht verrät. Und sie klappt den Deckel auf, wenn -sie hinaus will, hinter ihr fällt er an dem schrägen Hang -dann von selber wieder zu. Ist sie aber daheim, so wendet -sie für den, der doch das Versteck entdeckt hat, die gleiche -Art noch obenein an wie jene Ameisenwache: sie krallt -ihre Klauen in kleine Löcher der Türfüllung, stemmt sich -fest im Schacht auf und hält krampfhaft die Pforte zu.</p> - -<p>Es fehlte bloß noch, daß sie einen Riegel vorschöbe, -so wären wir ganz wieder in Troja …</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="chapter"> -<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p> - -<h2 id="Eine_Liebesgeschichte_zwischen_Unterseeboot">Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot -und Aeroplan</h2> -</div> - -<p class="drop">Zwei neue volkstümliche Heldentypen hat uns der -Weltkrieg geschenkt: den Luftfahrer und den Unterseebootfahrer.</p> - -<p>Bisher hing an beiden etwas sozusagen Wissenschaftliches, -wie meist zuerst bei neuer Technik. Jetzt -sind sie in die Romantik der Volksseele eingewachsen: -junge Prachtgestalten in der Überfülle sehniger Kraft, -mit eisernen Nerven, die, mit der Kinderruhe des Selbstverständlichen -im blauen Auge, das Unmögliche möglich -machen, leuchtend siegen und, wenn es sein muß, leuchtend -untergehen. Die Liebesliteratur der Folge wird -sie finden, wenn sie einen modernen Helden braucht.</p> - -<p>Bei uns wird eben Technik, was sonst Märchenzauber -war. Die Sage hat sie ja zu allen Zeiten und -bei allen Völkern schon gehabt, die Wunderbaren, die -zwischen uns traten und freiten bloß wie ein schöner -Mensch – die aber plötzlich sich dann wieder aus dem -Arm der Liebe lösten, ihr Schwanenkleid anzogen und -durch die Lüfte davonfuhren oder als Nix in den dunkeln -Wassern untertauchten.</p> - -<p>Wieder in der Sage selbst aber lag es wie ein -tiefes Erinnern, daß der Mensch, Geisteskönig dieser -Welt, eigentlich auch das alles beherrschen, besitzen müsse<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span> -in geweihter Stunde, was Fisch und Vogel bereits einmal -hatten. Aber nur einzelnen Auserwählten gelang -es. Den anderen blieb nichts als unendliche Sehnsucht, -wenn der Schwanenritter auffuhr oder Melusine wieder -versank. So enden auch die Liebesmärchen von diesen -Wundermenschen neuer Elemente durchweg tragisch – -das Element, dessen Grenze kühn überschritten war, -trennt die Liebenden doch wieder zuletzt, und der Verlassene -bleibt der Erde, wenn der andere wieder in seine -Wolken oder Wellen kehrt.</p> - -<p>Ich weiß nicht, ob es irgendwo eine Sage gibt, wo -der Flieger eine Nixe liebt – das Wunderbare das -Wunderbare selber; es müßte aber, meine ich, wohl -eine besonders traurige Geschichte sein von Himmel und -Tiefe, die unmöglich dauernd zueinander können. Und -doch hat ihn die Natur auch schon einmal verwirklicht, -diesen kühnsten Traum …</p> - -<p>Wenn vor dem grauen Nebelhimmel heute eine -Schar Wildgänse hoch über uns dahinsteuert – zu jener -charakteristischen Keilform geordnet, von der auch unsere -Aviatiker sagen, daß sie bei einer Fliegergruppe hinter -einem Leitflieger die einzig richtige zur Vermeidung des -Luftwirbels vom Vordermann sei –, oder wenn im -tiefen grünen Rhein die Pilgerschaft der Lachse still -hinauffährt vom fernen Meer bis zum ragenden Alpenfels, -– so wissen wir wieder, wie sie früh schon bei -Aeroplan und Unterseeboot angelangt war, diese proteisch -schaffende Natur. Und wo ihr einer großer Lebensinhalt -unerbittlich waltet, der harte Daseinskampf, da -gewahren wir auch, wie solches natürliche Luftboot gelegentlich<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span> -mit dem natürlichen Wasserboot sich wenigstens -begegnet im Zusammenstoß solcher Fehde.</p> - -<p>Auf dem sonnenüberglänzten märkischen See vor -meinem Fenster ist es mir ein alltäglicher Anblick, wie -eine der großen schwarzgrauen Krähen urplötzlich ihr -gespenstisches Naturluftschiff wie einen Stein lotrecht -auf die Wasserfläche herabsausen läßt, um dann beim -Wiederaufsteigen im Schnabel weithin leuchtend den -weißen Unterseebootskiel eines Fisches in die Lüfte zu -entführen. Nicht immer läuft das so einseitig glücklich -ab. Wiederholt hat man alte starke Karpfen oder Hechte -gefangen, die im Rücken eingewachsen die eisenharten -Klauen des Fischadlers trugen: das Boot des Fisches -hatte hier, rechtzeitig noch untertauchend, das Flugzeug -des Vogels an seiner Harpune mit in die Tiefe gezogen -und dann mit der wunderbaren Heilkraft der -Natur das furchtbare eigene Leck wieder ausgeheilt.</p> - -<p>Um aber auf meine Liebesgeschichte zu kommen, so -muß ich zuerst ein Wintermärchen erzählen. Es ist kurz -und spielt im Apfelbaum.</p> - -<p>In der eisigen Dezembernacht, wenn sonst alles Kerbtiervolk -zur Rüste gegangen ist, zeigt sich dort die seltsame -Cheimatobia, der Frostschmetterling. In schwankendem -Aeroplan von unscheinbarem Grau umkreist er -die kahlen Stämme wie der abgeschiedene Geist dieser -frohen Sommerkinder vom Falterreich, der in den kalten -Tartarus verbannt ist. Er – wohlverstanden aber nur -er, der Liebhaber. <em class="gesperrt">Sie</em> hat kein Flugzeug. Sie ist ein -armselig verkümmertes Wesen in dem Punkt, das in -solcher Nacht des Frostes und der Naturöde auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span> -eigenen Zappelbeinchen irgendwo an einem Stamm -emporklettern mußte. Da sitzt es nun und wartet geduldig, -bis der Schwanenritter aus dem Dunkel auftaucht -und zu ihm niederschwebt.</p> - -<p>Wie er es überhaupt finden mag? Die Natur hat -ja für solche verwickelten Wege ihres Liebeslebens so -manchen raffinierten Ariadnefaden. Bei unseren niedlichen -Glühwürmchen, jenen kleinen Käfern, wo auch der -Jüngling auf etwas unbeholfenem Aeroplan das Luftmeer -durchkreuzt, während die ungeflügelte Maid ohne -Schwanengürtel an der Küste ihres Moosbodens seiner -harren muß, stellt diese Maid ein natürliches Lämpchen -bei sich heraus wie Hero ihrem nächtlich anschwimmenden -Leander. Die Sage ist nicht so kühn gewesen, im letzteren -Falle ihrem schönen Mädchen Locken zu verleihen, die -so süß dufteten, daß sie allein in finsterer Nacht den -Weg über den Hellespont hätten weisen können. Zu -solcher Wirkung denken wir uns kein schönes Mädchen -mehr, sondern es müßte wohl schon ein ganzes Land -voll aromatischer Düfte sein, wie man die blühenden -Küsten der tropischen Gewürzländer oder gewisser Mittelmeerinseln -tatsächlich schon über das Meer hin riecht, -ehe die Feste selber sichtbar wird. Und doch tut's gerade -bei Schmetterlingen wirklich schon das schöne Mädchen -allein. Auf zwei Kilometer weit, über alle Qualmfabriken, -Wurst- und Käseläden einer ganzen Stadt -hinweg (weiß Gott, was das besagen will!) lockt der Duft -gefangen gehaltener Pfauenaugenmädchen die jungen -Bewerber heran, wie ganz einwandfreie Beobachtungen -festgestellt haben. Und so wird wohl auch die verliebte<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span> -Cheimatobia der Winternacht ihren heimlichen Magnet -haben.</p> - -<p>Aber diese ganze Winterliebe zwischen Erdenmädchen -und Luftfahrer bildet doch nur ein schüchternes Vorspiel -zu dem, was in abgeschiedener Stille deutscher Gewässer, -wo nächtlich die Sterne sich im schwarzen Grunde spiegeln -und schwankes Wasserkraut, wie bewegt von unsichtbaren -Nixenhänden, mit der dunklen Strömung auftaucht -und wieder versinkt, das einzigartige Tier Acentropus -vollbringt. In gewissem Sinne das wunderbarste Geschöpf -unserer ganzen Heimat! Wenigen erst ist es -vergönnt gewesen, bisher einen Zipfel vom Schleier -seiner Geheimnisse zu lüften, so unter anderen Zeller -und unserem trefflichen Stuttgarter Meister Kurt Lampert, -die ihr Studienmaterial an besonders bedeutsamem -deutschen Fleck fanden.</p> - -<p>Solange wir Menschen von Luftschiffahrt singen und -sagen werden, so lange wird uns der Bodensee in der -Erinnerung ein geweihtes Stück Erde bleiben. Den alten -Reiter traf der Schlag, weil er sich versehentlich über -das Eis gewagt. Den bewußten Menschengeist, der sich -gerade hier selbstwillig zum erstenmal durch die freie -Luft gesteuert, hat kein Schlag beirren können. Viele -Jahrtausende aber, ehe der ungeheure Schatten des ersten -Zeppelin über diesen schönen Sonnenspiegel ziehen sollte, -ist hier wohl schon ein kleiner Schmetterling vom Volk -der Zünsler oder Lichtmotten zu verborgener Nachtstunde -in seiner Weise nahe dem Wasser hin mit lenkbarem -Luftschiff gefahren – nach jener uralten Weise, die das -schwache Insektengeschlecht einst in den Sümpfen der<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span> -Steinkohlenzeit sich mit kühner Neuerung errungen, indem -es plattenartige Anhängsel seines Brustrückens zu -mächtigen Luftrudern ausgestaltete. Er ist dahingefahren -und hat etwas gesucht – auch er ein Schwanenritter – -eine Braut, die gleich dem Mädchen im Apfelbaum -selber nicht fliegen konnte. Aber was irrt er gerade über -den Wassern dabei herum?</p> - -<p>Es hat immer etwas Rührendes für den Menschen, -auch das einfachste Gemüt, gehabt, wenn er weitab vom -Lande auf grauer Wasserwüste solchem einsam verflatterten -Schmetterling begegnete. Dem Seefahrer erschien er -wie ein Gruß aus der Heimat, aber zugleich auch als -ein armer Verirrter, den das Spiel der Winde ins -Verderben trieb. Lenau, dessen düsterer Geist hier ein -Sinnbild des eigenen zerrissenen Lebens sah, verglich ihn -auf solcher Fahrt einem verwegenen Denker, der sich -dem Tode voraus ins »Geistermeer« gewagt und nun -in der Wüste verloren gehe, »von wannen keine Wiederkehr«.</p> - -<p>Aber keinem dort ist wohl je der Gedanke gekommen, -daß der zarte Luftfahrer auf seinen zitternden Flügelchen -wirklich da draußen etwas suchen könne – in den Wassern -selber, über die er mühsam steuerte. Der Schwanenjüngling -Acentropus über seinem nächtlich stillen Bodensee -aber sucht wirklich und wahrhaftig eben in den Wellen -unter sich nichts Geringeres als seine in ein anderes -Element verzauberte Braut.</p> - -<p>Der Naturspuk hat sie ihm, dem Luftkinde, dem -Flieger, verkehrt in ein ewiges Wasserkind, eine Nixe. -Diesmal geht der Gegensatz nicht bloß darauf, daß das<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span> -geflügelte Männchen eines Schmetterlings ein ungeflügeltes -Weibchen suchen muß. Sondern wenn der -männliche Acentropus ein regelrechter Luftschmetterling -gleich anderen ist, so ist, mag es noch so unglaublich -klingen, sein zugehöriges Weiblein der einzige bisher -bekannt gewordene Fall eines Wasserschmetterlings – -eines regelrechten Unterwasserschmetterlings. Fisch und -Vogel, Unterseeboot und Aeroplan, Nix und Schwanenritter -– und diese Gegensätze verteilt auf ein Liebespaar -der gleichen Art!</p> - -<p>Vom Wesen eines Schmetterlings, der unter Wasser -lebt, sich ein Bild zu machen, ist ja schon an und für -sich ein gewisses Kunststück. Von der ersten bis zur -letzten Stunde seines Daseins haust das Nixenweibchen -vom Hause Acentropus ausschließlich in seinem Kristallschloß -der Wassertiefe. Nie verläßt es sein feuchtes -Reich, auf nichts anderes versteht es sich als auf das -Wasser. Im Wasser ist es selber aus seinem Puppenschrein -gekrochen. Wenn der gewöhnliche Schmetterling -da oben im rosigen Licht, irgendein Admiral oder Fuchs, -aus der Puppe kommt, so sind seine Aeroplanflügelchen -ja auch zuerst noch eingefaltet und feucht und er -muß abwarten und proben, bis er sozusagen »trocken -hinter den Ohren« ist, dann aber schwingt er sich frei -davon und freut sich ihres prächtigen Tragens. Die -Schmetterlingsnixe braucht das alles nicht. Ihre verkümmerten -Flügel werden überhaupt nie trocken und -reif. Mit den Vorderbeinchen hält sie sich an Wasserpflanzen -fest, ganz wie das Frostmädchen an seinem -Apfelbaum, während sie die anderen stark befiederten<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span> -Glieder beständig wie kleine Schaufelrädchen lebhaft -schwingend bewegt.</p> - -<p>Und wie sie es geworden, so werden auch ihre Kinder -zunächst alle wieder echte Nixenkinder. Unter dem Wasserspiegel -im Kristallreich der Mutter kriechen sie als niedliche -Wasserräupchen aus den Eiern, leben in kleinen -Gehäusen aus Wasserblättern, denen die untergetauchte -Pflanze selber Luft gibt, und schlafen ihre Puppenzeit in -wohlverankerten, schön silberglänzenden, da auch mit Luft -erfüllten Mosesschifflein aus eigenem Seidengewebe aus.</p> - -<p>Dann aber kommt das Wunder im Nixenreich.</p> - -<p>Aus solcher Nixenpuppe steigt, wenn es ein Töchterchen -werden soll, ganz folgerichtig weiter auch wieder -ein der Mutter gleicher Wasserschmetterling, eine Nixenbraut, -die in der Tiefe verharrt. Da, dort aber ringt -sich etwas ganz anderes vor: jeder Jüngling erscheint -wieder mit dem alten stolzen Schwanenkleide seines -Stammes. Sogleich strebt er auch aus dem Nixengrunde -wieder in die freie Lufthöhe hinauf. Er entfaltet dort -die Ruderflügel seines schönen natürlichen Aeroplans -und könnte nun fern dahinschweben, den Sonnenhalden -seiner entfernteren Brüder am Lande zu, weitab vom -vergessenen Storchteich der Nixenheimat. Und doch sehen -wir auch ihn diesen Weg nicht ganz einschlagen.</p> - -<p>Ein dunkler Bann scheint ihn auch jetzt doch noch -an die Nähe des Wasserspiegels zu fesseln wie jenen -Geisterschmetterling Lenaus. Sein Leben ist kurz. Und -doch steckt in ihm noch der große Sinn, dem alles Schmetterlingsdasein -zu tiefst geweiht ist: die Liebe. Aber die -Nixenmädchen seines Volkes sind ja im Kristallgrunde<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span> -verblieben. Und das nun bestimmt unabwendbar auch -des freien Luftfahrers Tun. In den kurzen Abendstunden, -die ihm nur vergönnt sind, muß auch er rastlos über dem -verlassenen Kinderteiche schweben, ob nicht doch eine solche -Nixe irgendwo auftauche.</p> - -<p>Und sie schwimmen in solcher Feierstille der Nacht -wirklich dicht zur Oberfläche heran, die Nixenmädchen, -auch sie im dunkeln ererbten Wissen des Naturwillens, -daß für ihr Geschlecht umgekehrt die Liebe von oben, -aus den Himmeln niedersteige.</p> - -<p>Und nun vollendet sich, was sonst nur der wilde Kampf -vollbrachte, im Frieden der Liebesharmonie.</p> - -<p>Das Unterseeboot taucht zur äußersten Grenze seines -Wasserbereichs. Der Aeroplan senkt sich bis hart auf -den Spiegel. So im Kuß der Elemente finden sich die -Liebenden.</p> - -<p>In der Sage steigt Perseus auf seinem Flügelpferde -herab und erlöst die am Felsen über den Wassern angekettete -Braut. Oder in der anderen taucht Leander -aus den Wassern zu seinem schönen Mädchen Hero empor. -Hier aber vermischen sich alle Legenden. Hero selber -taucht aus dem Hellespont, und zu ihr nieder senkt sich -im Mondlicht der Schatten des Flügelreiters.</p> - -<p>Aber im Märchen von der schönen Melusine stirbt -auch der Ritter zuletzt im Nixenkuß zur Sühne einer -freventlichen Störung des Geheimnisses im Bund der -fremden Elemente. Der strenge Geschichtschreiber der -Natur vermerkt hier, daß auch im Hause Acentropus -bisweilen, wenn auch ungewollt, der Nixenleib bei jäher -Störung der verschwiegenen Liebesstunde den kühnen<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span> -Flieger ganz in die Wasser hinabziehen soll, also daß der -Liebhaber elendiglich ertrinken muß. Auch die Natur -scheint der Tragik der vertauschten Elemente also ihren -Tribut zu zahlen …</p> - -<p>Und vielleicht hat gerade die Gefahr, die hier liegen -könnte, den Naturwillen oder die Naturzüchtung (wie -man's nun ausdrücken mag – Menschenausdruck bleibt -ja immer nur Stückwerk) noch zu dem letzten Wunder -genötigt, das uns Acentropus zeigt.</p> - -<p>Zu gewissen, angeblich genau geregelten Zeiten entwickelt -dieser seltsamste Schmetterling nämlich neben den -geflügelten Männchen <em class="gesperrt">zwei</em> verschiedene Sorten von -Weibchen, von denen die eine ebenfalls beflügelt und -zur freien Luftfahrt und reinen Aeroplanliebe geeignet -ist. Zu den regelrechten Nixenmädchen und Schwanenrittern -erscheint diese Nebengeneration wie eine Art hilfsweisen -dritten Geschlechts. Aus den Puppenwiegen steigt -mit ihr eine bestimmte Anzahl bevorzugter Bräute auf, -die regelrechte Walküren sind, auf ebenso schönen Aeroplanflügeln -sich emporschwingen können wie die Schwanenritter -selbst und nunmehr in freier Seeluft hoch über den -Wassern ihre Helden vom gleichen Element suchen und -finden mögen.</p> - -<p>Es ist, als gehe hier auch durch das wilde Naturmärchen -der Schatten der Erlösung, der den Frosch doch -wieder zum Prinzen, den Nixenschmetterling wieder zum -Luftfahrer befreit …</p> - -<p>Wir aber beugen uns vor den Schauern und Geheimnissen -dieses Alls, das immer groß bleibt, ob Du -nun zu flammenden Sonnen gehst oder zu der Liebesnacht<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span> -eines Schmetterlings auf stillem See – und aus -dem immer etwas klingt – – etwas klingt – – – -als wenn es in unseren innigsten Träumen wäre – und -doch auch im kältesten Raum da draußen – – – etwas, -von dem wir aber eigentlich noch kaum angefangen hätten, -es zu begreifen – –</p> - -<hr class="chap" /> - -<div class="transnote chapter" id="tnextra"> - -<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p> - -<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p> - -<p>Korrekturen:</p> -<div class="corr"> -<p> -S. 63: konnte → könnte<br /> -Hier <a href="#corr063">könnte</a> ein sehr respektables Organ</p> -</div></div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of Project Gutenberg's Von Wundern und Tieren, by Wilhelm Bölsche - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON WUNDERN UND TIEREN *** - -***** This file should be named 55559-h.htm or 55559-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/5/5/5/55559/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. 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