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-The Project Gutenberg EBook of Von Wundern und Tieren, by Wilhelm Bölsche
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Von Wundern und Tieren
- Neue naturwissenschaftliche Plaudereien
-
-Author: Wilhelm Bölsche
-
-Release Date: September 16, 2017 [EBook #55559]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON WUNDERN UND TIEREN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gedruckt. Im Original gesperrter Text
- ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist
- ~so markiert~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich am Ende des
- Buches.
-
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-
-Von Wundern und Tieren
-
-
-
-
- Von _Wilhelm Bölsche_ erschien früher im gleichen Verlage:
-
- Stunden im All.
-
- Naturwissensschaftliche Plaudereien.
-
- 11. u. 12. Auflage. Geb. M 14.--
-
-
-
-
- Von
- Wundern und Tieren
-
- Neue naturwissenschaftliche Plaudereien
-
- von
-
- Wilhelm Bölsche
-
- 10. bis 12. Auflage
-
-
- [Illustration]
-
- Deutsche Verlags-Anstalt
- Stuttgart und Berlin 1920
-
-
-
-
- Alle Rechte vorbehalten
-
- ~Copyright 1915
- by Deutsche Verlags-Anstalt.
- Stuttgart~
-
- Druck der Deutschen Verlags-Anstalt
- in Stuttgart
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- Seite
-
- Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau 1
-
- Amadinens illuminierte Kinderstube 12
-
- Die Vorfahren des Schmetterlings 21
-
- Der Kampf um den Maulwurf 30
-
- Das unheimliche Gila-Tier 42
-
- Die drei Augen der Blindschleiche 51
-
- Neues von den Wundern des Olm 59
-
- Die unsterbliche Amöbe 70
-
- Goldene Tiere 82
-
- Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke 92
-
- Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier 102
-
- Der Gespensterzug der Lemminge 111
-
- Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge 121
-
- Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas 131
-
- Tendaguru und der Rekord der Saurier 143
-
- Der Schatz von Halberstadt 154
-
- Sirenen 164
-
- Die Entdeckung des Riesenklippdachses 175
-
- Die Mammutschnitzer von Predmost 184
-
- Die Furcht vor dem Menschen 195
-
- Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen
- schlug 206
-
- Tiere als Schützen 216
-
- Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere 226
-
- Aus der Flottenkunst der Tiere 235
-
- Das älteste Festungstor 256
-
- Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan 266
-
-
-
-
-Vorwort
-
-
-Es ist über hundert Jahre her, da kam Alexander von Humboldt von
-seinen Orinoko- und Kordillerenfahrten zurück, aller Wunder der
-Tropenlandschaft voll und wie verklärt von der ungeheuren Schau auf die
-Herrlichkeiten der Natur an einer ihrer irdisch größten Stellen. Daheim
-aber brannte der Krieg in roten Flammen zum Himmel. Eisern lag die
-Hand der Fremdherrschaft auf seinem deutschen Volke, und nur ein neuer
-furchtbarer Kampf verhieß, sie zu brechen. Damals erschienen dem edeln
-Manne gegen den Sturm dieser Stunde seine Urwälder und Tiere, bei denen
-er so lange gelebt und mit denen er so manches Abenteuer ausgefochten,
-plötzlich wie ein fernes blaues Reich des Friedens. Und so widmete er
-das wundervolle Werk, das er schrieb, die »Ansichten der Natur«, den
-bedrängten Gemütern, deren Sehnsucht nach den Bergen ging, wo nach
-den Worten des Dichters die Freiheit wohnen sollte und der Hauch der
-Grüfte nicht in die reineren Lüfte drang. Die kleinen Naturskizzen
-meines Büchleins hier sollen selbstverständlich nicht mit den Blättern
-Humboldts verglichen werden, die heute mit Recht für klassisch gelten.
-Höchstens, daß man eben an ihnen sehen kann, wie leicht es uns heute
-gemacht ist, von der Natur zu erzählen, nachdem solche Vorbilder uns
-den Weg gewiesen haben. Aber mein Büchlein fällt äußerlich in eine
-ähnliche Zeit. Wieder ist der Himmel blutesrot, und noch ganz anders
-als damals ringen wir um das Wurzelrecht und Kronenrecht unseres
-Volksbaumes. Fast ist die Stunde zu groß sogar für das Eingeständnis
-der Sehnsucht im bedrängten Gemüt. Dennoch meine ich, es trifft etwas
-zu, das wohl auch Humboldt meinte. Selbst im furchtbarsten eigenen
-Kampfe hat der Blick auf die große unerschütterliche Ewigkeitslinie
-der Natur eine beruhigende Macht. Gewiß, daß kein größeres Wunder ist
-als der Mensch selbst. Aber wenn aus diesem Wunder so die dämonischen
-Züge glühen wie heute, so sucht der Gedanke das Rätsel der Natur,
-das uralte, -- und er fühlt in ihm die starke Hand, die, wie du sie
-nun nennen magst, zuletzt doch auch allen Dämon wieder zurückzwingt
-zu der Ackerscholle und dem Pfluge heilig stillen Werdens auf immer
-bessere Fernen zu. Um das zu erkennen und sich zu sagen auch in solcher
-Sturmesstunde, kann kein Bild und Wunder zu klein sein, und wäre es
-auch nur das Summen einer Mücke oder das leise Geigen des Heimchens
-hinter dem Herd daheim, für dessen Friedensflamme unsere Helden draußen
-streiten.
-
- * * * * *
-
-Die meisten Blätter des kleinen Bilderbuchs, die ich hier vereine und
-die eine unmittelbare Fortsetzung meiner »Stunden im All« bilden, lagen
-bereits bei Ausbruch des Weltkrieges gedruckt vor. Nur in den letzten
-wird man leise das Gewitter vom düstern Horizont rollen hören. Zu der
-Scherzstelle vom Regenwurm sei hier noch nachgetragen, daß dieser
-merkwürdige Geselle gleich mehreren andern Tieren, deren Genuß dadurch
-vorübergehend beeinträchtigt wird, gewisse Zeiten im Leben zu haben
-scheint, wo er einigermaßen giftig wirken könnte.
-
-_Friedrichshagen_, 1. November 1915
-
- Wilhelm Bölsche
-
-
-
-
-Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau
-
-
-Der Mensch mit seinen sonnenhaften Augen ist von Natur ein geborenes
-Lichtgeschöpf. Dennoch hat ihn seine Kultur vielfältig genötigt, im
-Finstern zu hantieren, lange hat er in Höhlen hausen müssen, und
-nachher ersetzten die Höhle die düsteren Gänge und Verliese enger
-Burgen, die Korridore und Treppen finsterer Schlösser und Häuser.
-Selbst unsere höchste Technik von heute muß noch im Bergwerk graben,
-muß Tunnels bohren.
-
-Die Phantasie hat das aber immer mit einem gewissen Grauen empfunden.
-
-Aus den schwarzen Schlünden krochen ihr Drachen und Scheusale aller Art
-ungesehen auf den Eindringling los; in jedem Bergwerk läßt die Sage
-gespenstische Bergmönche und schwarze Männer umgehen, die den armen
-Grubenleuten den Hals umdrehen, und im alten Schloßkorridor spukt die
-weiße Frau. Wo die Dinge aber real bleiben, da bleibt mindestens doch
-die unheimliche Romantik der »Räuberhöhle« als fester Begriff.
-
-Und doch besaßen wir seit alters wenigstens die Gabe, künstliches Licht
-da unten mit hineinzuführen. Was würden Wahrheit und Dichtung erst
-für Grauen geschaffen haben, wenn uns Menschen im ganzen das Los für
-unser Gesellschaftsleben getroffen hätte, das einem anderen, kleineren,
-ebenfalls überaus geselligen und tatkräftigen Geschöpf unseres
-Planeten zugefallen ist -- das Los: in den Ländern der hellsten,
-glühendsten Sonne doch fast sein ganzes unsagbar verwickeltes,
-millionenköpfiges Staatsleben, fast alle Wunder seines patriarchenhaft
-gesegneten Liebeslebens in künstlich hergestellten finsteren, von
-keinerlei Kunstlicht erhellten Schachtgängen auszuleben, ja da drinnen
-selbst das zu treiben, was das Untrennbarste scheint von Sonne und
-Licht: seinen ganzen Ackerbau ...
-
-Zu den Charaktergebilden tropischer Sonnenlandschaft gehören mitten
-zwischen der üppigsten sonnenfrohen Vegetation gewisse künstliche
-Hügel, manchmal bis sieben Meter hoch, steinhart, durchweg von außen
-abgeschlossen gegen diese Sonnenwelt wie mit solidesten Klostermauern,
-die finstere Verborgenheit des Innern zu wahren.
-
-Das sind die Bauten der Termiten, seltsamster Insekten, von denen erst
-allmählich und neuerdings entscheidend bekannt geworden ist, daß die
-geradezu märchenhaften Taten ihres Soziallebens und »Kulturwesens« fast
-alles bisher von Ameisen und Bienen Berichtete noch in den Schatten
-stellen.
-
-Die Termiten sind nach gangbarer Systematik engste Verwandte unserer
-Küchenschaben oder Schwaden, also körperlich weder den Bienen noch den
-Ameisen näher vergleichbar.
-
-In solchem, wie gesagt, mehrmillionenköpfigen Staat der auffälligsten
-tropischen Arten lebt normal nur ein einziges eierlegendes
-Riesenweibchen, die Termitenkönigin. Bis zu dreißigtausend Eier kann
-sie an einem Tage legen, ewig so der wimmelnden Volksmasse Abrahams
-Segen garantierend. Zehn, vielleicht sogar bis fünfzehn Jahre kann
-sie das so treiben. Und ihr zur Seite steht dabei ebenso lange der
-ebenfalls nur als einmalige nationale Kostbarkeit vorhandene König.
-
-Zusammen haben die beiden einst den Staat, der später den Hügel
-bewohnt, individuell neu begründet, indem sie aus einem anderen Staate
-eines Tages wie zwei Handwerksburschen fortwanderten, sich einten
-und eine erste schlichte kleine Hütte bauten, in der ihre Hochzeit
-stattfand und erste Kinderwiege stand. Aber aus dem Segen, der wachsend
-auf ihnen ruhte, ergab sich bald ein ungeheures Volk um sie, in
-Kasten geteilt, geschäftige kleine Arbeiter und wehrhafte Soldaten.
-Dieses »Volk« schützte und fütterte von gewissem Zeitraum an auch das
-ehrwürdige Elternpaar der Nation, und es fügte durch Unterkellern und
-Überbauen zu der alten Hütte den kolossalen Staatspalast oder besser:
-das Staatsbergwerk -- bis diese Hütte, in der nach wie vor der Urvater
-und die Urmutter hausten und die Nation weiter und weiter ergänzten
-und vergrößerten, nur noch ein einzelnes kleines dunkles Kämmerchen im
-ganzen, die »Königszelle«, darstellte.
-
-Große Schachte ventilieren diesen Gesamtbau, ohne ihn doch im Innern
-zu beleuchten. Denn wenn die Termiten auch wenigstens zum Teil selber
-nicht so unbedingt lichtscheu sind, wie man früher wohl meinte,
-und mehr als die hellende Sonne die trockenheiße Außenluft ihrer
-Heimatländer scheuen, so bleibt doch tatsächlich ihr Leben ein extremes
-Dunkelmännerdasein, dem nicht einmal das winzigste Grubenlämpchen
-glüht.
-
-Allenthalben in das düstere Staatslabyrinth aber lagern sich
-kellerartige Sonderräume ein, in denen als der eigentliche
-Nationalwohlstand tatsächlich der eifrigste Ackerbau getrieben wird,
-ein regelrechter Bergwerksackerbau, der in Wahrheit nichts anderes ist
-als eine ebenso raffinierte wie dem Volkswohl ergiebige Pilzkultur
-größten Stils. Das unterirdische Nährgeflecht der Pilze wird auf
-besonders präparierten Mistbeeten künstlich gezüchtet und liefert vor
-allem den »Kinderbrei« für die beständig wie Sand am Meer sich mehrende
-Jugend des Volkes.
-
-Noch nicht anderthalb Jahrhunderte ist es her, daß wir auch nur ein
-weniges von diesen Geheimnissen der Termite in ihrem finsteren Hades
-wissen. Genauere Beobachtung setzte erst neuerlich ein, und ganz
-besonders ist es der ausgezeichnete Münchener Professor K. Escherich
-gewesen, der in den letzten Jahren durch Zusammenfassung des älteren
-und reiche Sammlung neuen Materials unsere Kenntnis aufs glücklichste
-erweitert hat. Je heller jetzt aber wenigstens das Licht unserer
-Forschung in den Hades leuchtet, desto seltsamer, desto unerhörter
-werden seine teils lustigen, teils grausigen Mysterien. Und ein
-besonders unheimliches Kapitel betrifft da die »Gespenster« im Bau.
-
-Auch im Termitenbergwerk gehen graue Gespenster um, die den braven
-Arbeiter in seiner Nacht bedrohen, kriechen gräßliche Drachen aus
-unsichtbarem Höhlengang, die ihn als Beute fortschleppen.
-
-Bald sind diese »Gespenster« fremde Termiten, die in das Labyrinth
-der normalen Bergwerksgänge ein noch feineres, für gewöhnlich
-streng getrenntes Laufnetz für sich eingesponnen haben, von dem
-aus sie diebische Vorstöße in die Vorratskammern der rechtmäßigen
-Grubenbesitzer machen.
-
-Bald sind es echte Ameisen, die ebenso aus Geheimgängen, sozusagen aus
-Wandschränken und unbekannten Hintertreppen, wie langbeinige Spinnen
-jählings huschend auftauchen und nicht bloß stehlen, sondern auch
-schon den kleinen hilflosen Termitenarbeiter selbst, dem gerade kein
-wehrhafter »Soldat« beisteht, gelegentlich überfallen und als Mordbeute
-verschleppen.
-
-Kleine Käferchen aus der Gruppe der Staphyliniden gleiten wie Gnomen
-blitzschnell im Finstern vorbei, Kopf und Glieder tief unter einem
-aalglatten Deckschild verborgen, das die Dienste einer Tarnkappe
-tut; so unfaßbar wie allgegenwärtig, spielen sie die Hasen in den
-unterirdischen Kohlfeldern der Pilzgärten.
-
-Ganz scheußlich aber sind die wirklichen »Drachenhöhlen« der
-Abgrundsnacht da unten, auf die zuerst Escherich bei seinen Studien auf
-Ceylon aufmerksam gemacht hat.
-
-Besonders in der Nähe der Pilzbeete, wo es stets von Termitenkindern
-und ammenhaft wartenden und fütternden Arbeitstermiten wimmelt, finden
-sich flaschenförmige Geheimgelasse, die mit schmaler Pforte in den
-großen Pilzkeller, der solches Beet umschließt, einmünden. In jeder
-dieser Extrahöhlen aber lauert ein fettes Ungetüm, das mit seinem
-flaschenhaft verdickten Bauche genau in die Wölbung paßt.
-
-Dem Blick des Zoologen enthüllt es sich als die wunderlich
-aufgeschwollene weiße Larve eines karabusähnlichen Käfers namens
-Orthogonius -- also im Sinne unseres Maikäfers als ein »Engerling«.
-Hier im Termitenschacht aber haben diese Engerlinge sich zu
-regelrechten Drachen ausgebildet.
-
-Bei Homer lesen wir von der gräßlichen Scylla, die aus engem Felsspalt
-plötzlich ihre Freßmäuler streckt, um sich am Menschenfleisch harmloser
-Passanten zu mästen. Und so streckt auch der feiste engerlinghafte
-Bewohner unseres Geheimschachts nur eben seine spitzen Kiefern aus dem
-unsichtbaren Hinterhalte seiner Flaschenhöhle vor -- wehe aber dem
-harmlos in die Nähe kommenden Termitenkinde, wehe der nichts ahnend
-vorbeihastenden treuen Termitenamme! Unerbittlich werden sie gepackt,
-hereingezogen und bestialisch abgeschlachtet.
-
-Die tückische Falle hat dabei eine ganz frappante Ähnlichkeit mit einer
-anderen, die bei uns zulande der sogenannte Ameisenlöwe den Ameisen
-stellt. Bekanntlich wühlt dieser Ameisenlöwe, der ebenfalls bloß die
-räuberische Larve eines großen, äußerlich libellenähnlichen Fluginsekts
-ist, im losen Sande zierliche Trichter aus, in deren Mitte er als böser
-kleiner Minotaurus auf hinabstürzende Ameisen lauert. Das Hinabstürzen
-befördert er dabei selber durch geschickt zielende Sandwürfe von unten.
-Auch die kühnste Phantasie würde aber nicht zu erfinden wagen, daß
-ein Heer solcher Ameisenlöwen ihre Fallgruben mitten im Ameisenhaufen
-selbst etablierten. Die Engerlinge im Termitenbau haben in ihrer Weise
-selbst diese tollste Überbietung erreicht!
-
-Kein Wunder, wenn sie an so vorzüglichem Fleck Schmerbäuche bekommen.
-Fast wie die alte Termitenkönigin selber sehen sie endlich aus. Dabei
-spielt aber offenbar noch etwas Besonderes mit.
-
-Diese staatserhaltende Dame, die Königin, wird, wie gesagt, in allen
-späteren Semestern ihres gesegneten Daseins von ihren Vasallen, den
-Termitenarbeitern, künstlich mit einem besonderen Futter ernährt,
-das diese Arbeiter in ihrem eigenen Leibe wie in einer natürlichen
-Milchflasche heranbringen und ihr einfüttern. Dabei aber schwillt
-nun ihr Leib zu vielfach geradezu kolossalen Maßen an, die sie als
-wahre Riesin über ihrem Volke thronen lassen. Dieser Umfang spielt im
-ferneren bei ihr ja wieder seine gute Rolle für die doch ebenfalls bei
-ihr so märchenhaft kolossale nationale Mutterpflicht. Offenbar aber
-muß in dem Futter, das man ihr eintrichtert, schon etwas stecken, was
-gerade auf ihn hinwirkt.
-
-Die bösen Engerlinge haben nun auf ihrer Lebensstufe keinerlei eigene
-Mutterpflichten; hätten sie sie, so würden sie ohnehin ja doch nur
-wieder neue Drachen erzeugen, sehr zum Unheil des Termitenvolks.
-Gleichwohl wirkt auch auf sie offenbar jene Kraft des Futters, das sie
-vielfältig beim Verzehren ganzer Termiten, die gerade ihre Milchflasche
-im Leibe gefüllt trugen, einfach mitfressen mußten: sie werden
-nicht nur wohlgenährt überhaupt, sondern sie bekommen regelrechten
-künstlichen Königinnenumfang im Sinne königlicher Spezialmast -- genau
-so, als wenn sie selbst gutwillig auf »Königin« von den Termiten
-gefüttert würden.
-
-Von hier aus ist aber nun wiederum ein höchst wunderbarer Schachzug in
-diesem verwegenen Spiel möglich geworden.
-
-Zu den Eigenarten, die das königliche Spezialfutter bei der
-Termitenkönigin hervorbringt, scheint nämlich auch allgemein zu
-gehören, daß der ungeheure, schließlich einer kleinen Kartoffel
-vergleichbare Leib dieser Königin einen _narkotischen Saft_ absondert,
-den die pflegenden Termitenarbeiter mit höchster Wonne schlürfen. Die
-Lust daran ist so groß, daß es vielfach fast aussieht, als pflegten
-sie die alte Dame nur deshalb so heiß, weil sie ihnen zugleich diesen
-Kneiptisch, diese wahre königliche Staatskneipe, eröffnet. Mindestens
-sind der Trieb zum Pflegen und die Freude an dieser Kneiperei aufs
-engste bei ihnen aneinander angeschlossen.
-
-Wie aber nun, wenn dieses Narkotikum sich auch bei den Drachen in ihren
-Höhlen einstellte?
-
-Es ließe sich etwas ganz Nichtswürdiges denken.
-
-Die Engerlingsdrachen kröchen einfach in das offene Termitengewimmel,
-ja bis in das Heiligtum gar der Königszelle selber hinaus. Äußerlich
-der Königin höchst ähnlich in der Leibesgestalt, würden sie von den
-Termitenarbeitern, die sie nicht sehen, sondern nur fühlen können,
-für wahre Königinnen gehalten, deren gelegentlich auch einmal mehrere
-nebeneinander nach dem termitischen Hausgesetz nicht ganz unmöglich
-sind. Man ginge ihnen also gar nicht mehr aus dem Wege, -- und
-ungestört könnten sie ihr scheußliches Räuberhandwerk sozusagen mitten
-auf der offenen Straße fortsetzen.
-
-Der bekannte Jesuitenpater Wasmann, dessen Philosophie nicht eben
-jedermanns Sache ist, der aber als Spezialforscher auf diesen Gebieten
-sich mit Recht allgemeiner Sympathie erfreut, hat gelegentlich da schon
-von tapferen Orthogoniusengerlingen selbst vermutet, daß sie solche
-freien Spaziergänge in Königinnenmaske probierten; Escherich hat es
-gerade von dieser Sorte Käferlarven indessen nicht bestätigen können.
-
-Aber nehmen wir einmal an, andere »Drachen« da drinnen hätten
-es wirklich gemacht. So mußte die Absonderung auch noch eines
-königinhaften Narkotikums durch die verkappten Herren Räuber die
-Situation nochmals ins ganz Tolle weitertreiben.
-
-Die Kneipgelüste der Termitenarbeiter mußten sich nämlich bei
-Begegnungen mit höchstem Eifer auch diesen Räubern zuwenden. Während
-die Scheusale rechts und links in die Schar der kleinen Kneipanten
-im Dunkeln mit Scyllamäulern hineingriffen und nach Herzenslust ihre
-Opfer massakrierten, strömte die Menge selbst ihnen immer begeisterter
-entgegen. Da aber der Kneiptrieb so eng mit dem Füttertrieb hier
-verschwistert war, boten sich die andrängenden Termiten, wenn sie genug
-gekneipt hatten, gar auch noch den fremden Ungeheuern als freundliche
-Fütterer dar, suchten sie zu nähren und zu pflegen wie wahrhaftige
-Königinnen -- sie, die im nächsten Moment stets bereit waren, den
-naiven Fütterer selbst oder irgendeinen seiner Nebenmänner leibhaftig
-samt dem Futtertopf aufzufressen.
-
-Groteskes Bild: Rausch, sorgende Liebe und rücksichtsloser Mord, alles
-bunt durcheinander waltend.
-
-Nun ist aber kein Zweifel, daß gerade diese letzte Station der Dinge
-_wirklich_ existiert.
-
-Gewisse fertige Käfer (also nicht bloß Engerlinge) aus der Gruppe der
-schon genannten Staphyliniden leben genau so im Termitenbau. Sie haben
-Riesenbäuche wie Königinnen, laufen frei zwischen dem Termitenvolk
-herum, schwitzen narkotische Kneipsäfte aus und werden von den
-Termitenarbeitern mit Königinnenfutter genährt. Letzteres lassen sie
-sich schon lange ganz gewohnheitsmäßig gefallen, so daß sich sogar ihre
-Zunge durch Verbreiterung direkt daran angepaßt hat. Und doch sind
-sie ihrem grundlegenden Wesen nach alte Räuber und Termitenfresser
-geblieben nach wie vor!
-
-Einen Moment könnte man ja versucht sein, zu hoffen, das letzte Stück
-dieses ungeheuerlichen Weges sei von selber bestimmt, doch noch wieder
-auf einen Friedenspfad zu führen.
-
-Wenn nämlich jede Termite, die dem Räuber vor den Mund kam, ihn fortan
-freiwillig fütterte, so brauchte er ja schließlich keine mehr zu
-fressen!
-
-Die Beobachtungen sprechen bisher aber gegen diesen letzten Schluß.
-
-Bei den Ameisen, wo ganz ähnliche »lebendige Kneipen« in Gestalt
-kleiner Käferchen vielfältig im Bau gehalten und ebenfalls gefüttert
-werden, haben sich diese zweifelhaften Existenzen doch durchweg
-nebenher noch als arge Räuber auch so erwiesen, und nicht viel
-anders scheint es bei den Termiten zu stehen. Die allgemeine und
-extreme Staatskneiperei, bei der echten Königin anscheinend noch
-eine gemütliche, ja förderliche Zutat, hat eben zur regelrechten
-Drachenzucht in diesem sonst so wohlgeordneten Staat verleitet.
-
-Ob die amüsante Geschichte aus Mutter Naturs Skizzenbuch hier am
-Ende doch noch eine besondere Nutzanwendung hat? »Hingegen soll
-der Branntewein um Mitternacht nicht schädlich sein.« Die Wahrheit
-dieses ehrwürdigen Satzes wird beim Menschen neuerdings bekanntlich
-öfter bestritten. Ob auch in der ewigen Mitternacht des dunklen
-Termitenbaues die Kneiperei, selbst die staatlich konzessionierte, sich
-schließlich doch nicht recht bewährt hat, indem sie zu solchen fatalen
-Extravaganzen führte ...?
-
-
-
-
-Amadinens illuminierte Kinderstube
-
-
-Aus unseren Kinderstuben pflegt uns fürs Leben eine kleine Gespensterei
-nachzufolgen, die unausrottbar fest bleibt. Im Märchen kommt es vor:
-das Kind geht durch den finstern Wald, da funkeln plötzlich aus der
-Dunkelheit ein paar rotglühende Augen. Alle dämonischen Schauer der
-Nacht vereinigen sich in diesem Zuge. Wölfe und Teufel haben solche
-Augen.
-
-Später lernt man dann, daß allerhand Tieraugen wirklich so leuchten,
-gefährliche wie ganz harmlose; Katzen und Eulen sind das bekannteste
-Beispiel, aber der Schmetterlingssammler merkt mit Staunen, wie auch
-die Augen seiner Schwärmer, die abends so wild um Winde und Geißblatt
-gaukeln, aufglühen gleich kleinen brennenden Kohlen, und im Berliner
-Aquarium habe ich das unheimliche Phänomen in seltener Kraft an den
-großen Glotzern der dicken Ochsenfrösche beobachten können. Unheimlich
-bleibt es aber immer.
-
-Wie oft habe ich von schönen und sehr gebildeten Lippen gehört, daß
-die Katzenaugen sich wirklich selber ihr Licht dabei anstecken,
-daß sie irgendwie »phosphoreszieren«, wie die gangbare Meinung es
-den Johanniswürmchen oder den winzigen Erzeugern des herrlichen
-Meerleuchtens zuschreibt.
-
-Von solchen Leuchtkäfern und Leuchtinfusorien weiß man zwar heute, daß
-auch ihr nächtlicher Glanz mit wirklichem Phosphorschein nichts zu
-tun hat, sondern auf gewissen Stoffwechselprodukten dieser Lebewesen
-beruht, die bei ihrer Verbindung mit Sauerstoff Licht hervorbringen.
-Aber es bleibt hier doch wirklich bei »Eigenlicht«, und warum sollte
-also das Katzenauge nicht eine ähnliche Kraft bewähren? Und wenn
-wir von gewissen leuchtenden Fischen, die es in der ewig dunkeln
-Tiefsee gibt, gar hören, daß ihre Leuchtorgane an besondere Nerven
-angeschlossen sind, also willkürlich bald in Kraft gesetzt und bald
-wieder »abgedreht« werden können, so scheint uns auch Frau Kätzin sehr
-deutlich etwas derart zur Verfügung zu haben, denn jeder merkt, wie
-auch ihre Glühäugelchen, wenn sie im Dämmer schleicht, bald aufglänzen,
-bald wieder verlöschen.
-
-Es ist jetzt etwas über hundert Jahre her, daß Prevost zum erstenmal
-die damals für die ganze Medizin und Zoologie nicht nur kühne, sondern
-geradezu ungeheuerliche Behauptung aufstellte, das Leuchten des
-Katzenauges sei nur eine ganz zufällige Reflexerscheinung für den
-Beschauer, die durchaus nichts mit eigener Leuchtkraft oder gar Willkür
-des Tieres selbst zu tun habe. Katzenaugen leuchteten überhaupt niemals
-im absolut Dunkeln, sondern es bedürfe dazu stets eines (wenn auch ganz
-schwachen) einfallenden Dämmerlichtes, das dann vom tiefen Grunde des
-Auges je nach Stellung für den Zuschauer zurückgeworfen (reflektiert)
-würde.
-
-Noch mehr als drei Jahrzehnte später mußte unser damals größter
-deutscher Physiolog, Johannes Müller, diese richtige Deutung gegen
-ernsthafte wissenschaftliche Gegner verteidigen, und es ist amüsant,
-heute seine eigenen Worte darüber zu hören, die zugleich die
-Sinnestäuschungen berühren, denen jeder ungeübte Urteiler bei so
-delikaten Dingen zu unterliegen pflegt.
-
-»Wer,« sagt Müller, »für das Leuchten der Katzenaugen aus Neigung
-eingenommen, dem empfehlen wir, wie wir getan haben, eine Katze in
-einen absolut dunkeln Raum mit sich zu nehmen und sich vom Gegenteil zu
-überzeugen, dabei aber die durch eine schnelle Bewegung unserer eigenen
-Augen und durch Zerrung des Sehnerven entstehende, bloß subjektive
-Lichtempfindung nicht zu verwechseln. Ein neuerer Versuch, den ich mit
-einer Katze in einem absolut dunkeln Raum, in einem Keller der hiesigen
-Anatomie, in Gegenwart mehrerer angestellt, fiel ganz negativ aus. Eine
-Person hielt die Katze. Diese Person wurde von mir im Dunkeln an einen
-Ort gestellt, den die anderen Anwesenden nicht kannten, den sie aber
-wahrnehmen mußten, falls die Katze Licht aus den Augen ausströmte. Alle
-sahen nichts, bis auf einen, dieser wollte zwei feurige Kreise gesehen
-haben. Sogleich ließ ich diesen seinen Arm nach der Gegend ausstrecken,
-wo er die Kreise gesehen haben wollte. Dann wurde die Tür geöffnet,
-und nun zeigte sich, daß der Arm nach der entgegengesetzten Seite von
-derjenigen, wo die Katze gehalten wurde, hinwies, zu nicht geringer
-Belustigung. Offenbar hatte derjenige, der die zwei feurigen Kreise
-sah, seine eigene Empfindung gesehen. Bei rascher Wendung der Augen im
-Dunkeln sieht man wegen Zerrung der Sehnerven sehr leicht zwei feurige
-Kreise, welche nichts als die gesteigerten Empfindungen der Sehnerven
-sind.«
-
-Die Sache wurde aber wissenschaftlich erst ganz sicher, als der
-Nachweis glückte, daß zwar bei Katzen, Eulen und Konsorten das
-Augeninnere besonders gut reflektierte, tatsächlich aber bei richtiger
-Einstellung auch bei jedem beliebigen anderen Auge der Erfolg im Sinne
-der Theorie herausgezaubert werden könne, und zwar schließlich auch
-beim Menschen selbst. Brücke, einer der genialsten Schüler Müllers,
-konnte zum erstenmal zeigen, daß das menschliche Auge, wenn man es
-in dunklem Raum mit einer Blendlaterne bestrahlte und dann einen
-Beobachter an dieser Lichtquelle vorbei hineinblicken ließ, für
-diesen Beobachter leuchtete! Und es war eigenartigerweise ein dritter
-Physiolog ersten Ranges und anderer großer Schüler Johannes Müllers,
-dessen Auge zum erstenmal zu diesem Experiment benutzt wurde, also zum
-erstenmal ein Menschenauge mit »Katzenlicht« zeigen sollte: Emil du
-Bois-Reymond.
-
-Der eigenartige Fund, der jetzt endgültig eine Jahrtausende alte
-Volksmeinung umwarf, ist damals (auf der Wende zu den fünfziger Jahren)
-in Fachkreisen besonders noch berühmt geworden, weil sich an ihn
-unmittelbar einer der größten medizinischen Fortschritte aller Zeiten
-anschloß: nämlich die Erfindung des sogenannten Augenspiegels durch
-Helmholtz -- dieses wunderbaren Apparates, der es dem Arzt fortan
-ermöglichte, ein vollkommenes Bild der Netzhaut am lebendigen Auge zu
-gewinnen. Helmholtz kam einfach darauf, als er seinen Schülern eben
-jene Brückesche Theorie des menschlichen Augenleuchtens in möglichst
-anschaulicher Form vortragen wollte: er konstruierte in Zeit von acht
-Tagen einen kleinen optischen Hilfsapparat dazu, und plötzlich erschien
-etwas noch viel Bedeutsameres als bloß das Katzenleuchten eines
-Menschenauges -- zum erstenmal hatte, wie er selbst berichtet, ein
-Mensch die Freude, eine lebendige menschliche Netzhaut mit all ihren
-verzweigten Blutgefäßen und der Eintrittsstelle des Sehnervs in der
-eigenen natürlichen Vergrößerung durch ihre zugehörige natürliche Linse
-klar vor sich liegen zu sehen.
-
-Hier aber sei nun ein kleiner Sprung erlaubt.
-
-Von den Wundern des Katzen- und Menschenauges wenden wir uns zu einem
-der lieblichsten Schönheitswunder der Natur -- einem kleinen Vögelchen
-von juwelenhafter Herrlichkeit.
-
-Mancher wird es kennen, denn obwohl seine Heimat der ferne
-Eukalyptuswald Australiens ist, sieht man es doch seit Mitte der
-achtziger Jahre nicht selten in unseren Liebhaberkäfigen. Ein altes
-Volksmärchen läßt den lieben Gott, nachdem er alle Tiere hübsch
-angemalt, den Stieglitz noch aus den letzten übriggebliebenen
-Farbkleckschen zusammenstoppeln. Nun, in diesem Sinne möchte man
-vermuten, er habe umgekehrt sein gesamtes Werk mit frischesten Farben
-bei der Amadine, wie das Vöglein heißt, begonnen, denn mit solcher
-genialen Pracht und zugleich doch solcher edlen Einfachheit der
-Pinselführung ist kaum ein zweiter Vogel im großen Erdenatelier bedacht
-worden. Die schönste Abart der sogenannten Frau-Goulds-Amadine, getauft
-nach der Gattin des großen Spezialisten der australischen Vogelwelt,
-Gould, wirkt bei einfachster Gestalt eines kleinen Sperlingsvogels
-durch die Folge ihrer Farben, die in ungetrübter Schöne wie ein vom
-Prisma gebrochenes Lichtspektrum über ihren zierlichen Körper gehen.
-Rücken und Flügel vom durchsichtigsten Grasgrün, das gegen die dunkeln
-Schwanzspitzen in ein zartes Himmelblau verdämmert; am Halse durch ein
-ähnliches Blauband und einen schwarzen Samtstrich davon getrennt, eine
-leuchtend blutrote Kopfkappe, die tief bis über die Wangen herabfällt
-und prachtvoll gegen das Elfenbeinweiß des Schnabels und die schwarze
-Kehle steht; wiederum zu diesem Grün und Rot aber die Brust mit einem
-breiten Felde des unvergleichlichsten Lila, und ganz scharf wieder
-dagegen abgesetzt, aber herrlich in der Farbenharmonie zugleich
-einklingend, der Bauch mit dem sattesten Dottergelb.
-
-Seiner engeren Verwandtschaft nach gehört dieses Farbenwunder zu
-den sogenannten Webefinken, jener Vogelgruppe, zu der unter anderen
-auch der berühmte Siedelweber oder Siedelsperling zählt, eines der
-merkwürdigsten »sozialen Tiere« der Erde. Er lebt nämlich nicht nur
-gesellig in großen Scharen, die ihre Nester dicht gedrängt in den
-gleichen Baum bauen, sondern die Schutzdächer dieser Nester werden
-zu einem gemeinsamen Dach verschmolzen, das, allmählich immer mehr
-verstärkt, zuletzt wie ein ungeheurer Heuschober in den afrikanischen
-Buschbäumen hängt und die darunter liegenden, immer wieder neu
-eingebauten Nesterkolonien gleich einer alten Zyklopenmauer beschirmt,
-in deren Schutz die Generationen eines Dorfs aufwachsen. Solche
-Leistung läßt wohl auf manches Verblüffende auch sonst in dem Liebes-
-und Gesellschaftsleben dieser Vetternschaft der Weber schließen, aber
-was von den Amadinen gerade hier bekannt geworden, das schießt doch im
-eigentlichen Sinne »den Vogel ab«.
-
-Schon seit längerer Zeit war es den Anatomen aufgefallen, daß
-die kleinen, noch nicht flüggen Nestjungen dieser und verwandter
-Prachtfinken (wie der Liebhaber dieses zumeist farbenschöne Völklein im
-ganzen zu benennen pflegt) in ihren »Spatzenecken«, wie der Volksmund
-das wohl bei Menschenkindern bezeichnet, nämlich in den Mund- oder
-Schnabelwinkeln, beiderseitig gewisse dick vorspringende Kugeln
-zeigten. Bei den jungen Frau-Goulds-Amadinen saß jederseits genau ein
-Paar solcher Anhängsel, und jede Kugel war schön blau mit einem dunkeln
-Ring -- eine so auffällige Färbung bei einem solchen Nestling, daß sie
-klärlich irgend etwas Bedeutsames markieren mußte. Wuchs das Junge sich
-aus, so verschwand der ganze Spuk wieder vollkommen -- es mußte sich
-also um etwas handeln, das speziell nur die Kinderstube anging.
-
-Nun, in die Kinderstube des Tieres spielt ja so manches für sich
-hinein. Bald müssen die kleinen Lebensanfänger nach urgegebenem Gesetz
-in ihr noch einmal Züge der Ahnen wiederholen, sozusagen Großvaters
-Maske aufsetzen, ehe sie ihr eignes Gesicht endgültig bekommen.
-Vielfach aber unterliegen sie auch besonderen Anpassungen dort, die nur
-den Nutzzwecken der Kinderstube selbst dienen, gleichsam Wiegen- und
-Windelanpassungen darstellen, wenn man es menschlich ausdrücken soll.
-Sorgsame Beobachtung wies nun nach, daß es sich bei den jungen Amadinen
-um einen Fall der letzteren Art allein handle, aber um einen ganz
-unerwarteten.
-
-Wir alle kennen ein Bild aus dem trauten Leben der Mutter bei uns.
-Es ist tiefe Nacht, alles weithin still und dunkel. Nur in der
-Kinderstube dämmert ein blasser Schein. Dort läßt die treue Mutter
-ein Nachtlichtlein brennen, um sogleich orientiert zu sein, wenn das
-Kleine etwas braucht. Dunkel, immerzu recht dunkel ist es aber auch in
-der Kinderstube solchen niedlichen Webervögelchens, -- in seinem fast
-ganz geschlossenen Webernest. Und wenn der alte Vogel durch die kleine
-Öffnung einfliegt und die hungrigen Kleinen atzen soll, so wäre auch
-ihm wohl zu gönnen, daß er da drinnen ein Nachtlichtchen finden könnte,
-das ihm den Weg zu den sperrenden Schnäbelchen wiese. Es ist aber in
-der Tat dafür gesorgt, daß er es findet!
-
-Sobald er seine Kinderstube besucht, _leuchtet_ es ihm nämlich von
-da drinnen entgegen wie kleine Lämpchen. Und diese Lämpchen sitzen
-sogar höchst sinnreich gerade da, wo sie wirklich am besten auf den
-Weg weisen: nämlich eben in den Schnabelwinkeln der kleinen Schnäbel
-selbst. Es ist, als trage jede Jungamadine dort einige winzige, aber
-vollkommen wirksame Glühbirnen angeheftet, deren Glanz das finstere
-Stübchen illuminiert. Nichts anderes als solche angewachsenen
-Glühbirnen sind eben die bewußten geheimnisvollen Kugeln mit ihrem Blau
--- Leuchtorgane der Nestjungen zur Orientierung des fütternden Vogels
-im finsteren Nest.
-
-Das war nun, als man endlich darauf kam, eine Entdeckung, wie sie
-die Tierkunde selten erlebt hat. Leuchtende Vögel, und zwar zu so
-sinnreichem Zweck!
-
-Auch hier mußte die Frage entstehen: konnte es ein echtes Leuchten
-sein wie bei den Johanniswürmchen oder Tiefseefischen? Prinzipiell
-hätte schließlich nichts im Wege gestanden, daß es selbst das war,
-die Nestjungen hätten dann in ihren Glühbirnen eine echte oxydierende
-Leuchtsubstanz produzieren müssen. Chun, der jüngst verstorbene
-treffliche Leipziger Zoologe, hat nach sorgfältigster Analyse indessen
-anders entschieden.
-
-Amadinens blaue Leuchtkugeln leuchten tatsächlich nach der Methode
-des Katzenauges. Ohne selber Augen zu sein, wirken sie doch als
-raffinierter Reflektierapparat. Sie fangen, konzentrieren und strahlen
-hell zurück die schwachen Stäubchen Dämmerlicht der nicht absolut
-schwarzen Neststube, genau wie das Katzenauge aus der Dämmernacht, die
-uns als vollkommenes Dunkel erscheint, doch noch gleichsam einen roten
-Funken sammelt. Das Wunderbarste aber ist, daß auch dieses reflektierte
-Licht hier in den Dienst eines bestimmten Nutzzweckes tritt. Und
-daß es ausdrücklich in einem besonderen Leuchtorgan nur für diesen
-Zweck erzeugt wird, anstatt nebenbei zu entstehen wie im funkelnden
-Katzenauge!
-
-Das macht Amadinens illuminierte Kinderstube zum Exempel einer
-Lebensleistung, die bisher einzig in ihrer Art ist und mit der
-gleichsam ein neues Kapitel der Naturgeschichte beginnt.
-
-
-
-
-Die Vorfahren des Schmetterlings
-
-
-In dem lieblichen Schöpfungsbilde der Bibel sehen wir, wie die junge
-Erde sich mit allerlei Getier belebt. Vögel schwingen sich in die
-Lüfte, Fisch und Walfisch tummeln sich im Meer, das Vieh geht zur
-Weide, und der Wurm wühlt sich durch den Grund. Aber einen hat der
-Chronist vergessen: den Schmetterling, der über die Blüten gaukelt.
-Wieviel fehlte der irdischen Landschaft, wenn er nicht wäre!
-
-Goethe hat bei Gelegenheit seiner Metamorphose der Pflanzen einmal
-gesagt, der Schmetterling sei selber eigentlich nur eine Blüte, die
-sich eines Tages vom Stengel gelöst habe und frei fortgeflattert sei.
-Er dachte dabei wohl an die wunderbare Wasserpflanze Vallisneria, bei
-der sich die männlichen Blüten in der Tat selbsttätig von den Stielen
-ablösen, um sich durch das Wasser zu den weiblichen tragen zu lassen.
-Aber noch in einem tieferen Sinn hatte er recht.
-
-Die Raupe, die träg im Blattwerk der Pflanze hängt, immer nur auf
-Fressen und Wachsen bedacht und in der Farbe oft grün wie das Blatt,
-das sie verzehrt, hat in ihrem Stande etwas von der Pflanze selbst, die
-bloß erst emporwachsend Sprossen und Blätter treibt. Der Schmetterling
-aber, der aus dieser Raupe durch das Knospenstadium der Puppe eines
-Tages ersteht, gleicht der Blütenbildung an solcher Pflanze. Wie sie,
-tritt er in reifer Entfaltung gleich ganz hervor. Wie sie, lebt er
-wesentlich nur der Liebe. Wie sie, prangt er durchweg in herrlichen
-Formen und Farben. Der Kenner weiß sogar, daß Schmetterlinge nach
-Vanille und anderem Aroma -- lebhaft duften können. Und zum Überfluß
-ist der Schmetterling verknüpft mit dem Leben der Blume. Seit grauen
-Zeiten ist er ihr Liebesbote geworden, der ihr selber unentbehrlich
-ist, den sie mit Näschereien füttert, dem sie ihren Duft und ihre
-Farben entgegenbringt.
-
-Seit grauen Zeiten! Aber auch das Graueste muß zuletzt einmal
-angefangen haben. Auch unser Schmetterling mit all seiner Blumenschöne
-und Blumenliebe muß zuletzt auch einmal auf Erden entstanden sein.
-
-Solange Menschen sich erinnern, war er da, aber das ist doch nur
-eine ganz kurze Zeit. Wir blicken zurück in die wunderbaren Wälder
-der Urwelt, durch die noch kein Menschenschatten mit Menschengröße
-und Menschenqual ging. Und wir sehen im Steinkohlenwald, diesem
-Sumpfforste gigantischer Schachtelhalme und Bärlappe, noch keine
-leiseste Spur eines gaukelnden Schmetterlings. Wohl war das fliegende
-Insekt als solches schon da. Sei es nun, wie die einen wollen, aus
-einem trilobitenhaften Krebs damals hervorgegangen, der sich mit
-schwerfälligem Erstlingsfluge aus einer austrocknenden Pfütze so zur
-nächsten besseren rettete, -- sei es, wie andere vermuten, auf einem
-langen Wege vom Tausendfuß gekommen: genug, es schwirrte, obwohl
-in wirklich noch einigermaßen mühseliger Form, im kleinen unseren
-Aeroplanen von heute noch vergleichbar, die auch vielleicht erst bei
-unseren Enkeln einmal schmetterlingshaft zierlich werden.
-
-Seltsam freilich: in der relativen Größe, an Insektenmaßen selbst
-gemessen, waren diese ersten lebenden »Aeroplane« des Steinkohlensumpfs
-die Riesen ihres Geschlechts. Nie wieder sind Insekten auf Erden
-überhaupt so kolossal geworden. Da flog mit »halbstarrem System«, das
-sich erst nach oben aufrichten, aber noch nicht nach hinten gefaltet
-übereinanderlegen ließ, der Koloß Meganeura, dessen Flügel zusammen
-an dreiviertel Meter spannten. Aber Meganeura war kein Schmetterling,
-näher verwandt war der Riese den heute noch in jener Methode fahrenden
-Libellen.
-
-Lange noch auch in der mittleren Urwelt hat es prachtvolle Flieger aus
-den Kreisen dieser Nichtschmetterlinge gegeben, wenn auch keine ganz so
-kolossalen in der Folge mehr -- so flog noch in der berühmten Lagune
-von Solnhofen zur Jurazeit die herrliche ~Kaligramma Haeckeli~, bei der
-jeder Vorderflügel über 12 Zentimeter maß und auf allen Flügeln riesige
-Kreisflecken wie bei unsern Pfauenaugen standen; sie war keine Libelle,
-sondern eine Nächstverwandte jenes hübschen Insekts, das aus unserm
-allbekannten »Ameisenlöwen« als seiner häßlichen Larve steigt.
-
-All diese Urweltler lehren uns aber nichts über den engeren Werdegang
-unseres Schmetterlings. Überschlagen wir ungeheure geologische
-Zeiträume nach jenen Steinkohlensümpfen und ihren riesigen Meganeuren
-und machen erst wieder halt in jenen viel näheren, obwohl immer noch
-urweltlichen Wäldern der Tertiärzeit, wo der Bernstein als Harzträne
-von den Fichtenstämmen perlte und gerade Spuren des Insektenlebens
-wie in einem Archiv aufbewahrte, so finden wir dort in der Tat schon
-den Schmetterling vollendet. Der niedliche Bläuling gaukelte schon am
-Tage um die Bernsteinbäume, der dicke Schwärmer nahte sich abends den
-Waldblüten. Noch war auch damals die Zahl nicht groß, die grenzenlose
-Prachtentfaltung muß erst in unseren eigenen Tagen liegen; aber die
-Stunde war erfüllt, darüber ist kein Zweifel. Zwischen damals und jenem
-nebelfeuchten Farnwalde von so viel früher muß die Schöpfungsstunde des
-Schmetterlings gelegen haben, da er nicht einzeln wie jeder von heute
-aus seiner Puppe, sondern im ganzen gleichsam aus einem anderen Insekt
-hervorgekrochen war. Was könnte das aber für ein Insekt gewesen sein?
-
-Wir betrachten einen Moment genauer den heutigen Falter, irgendeinen
-Admiral oder Trauermantel des Tals oder den wundervollen Apollo
-der Hochgebirgsmatte, und zweierlei erscheint uns als sein
-Charakteristisches im Gegensatz zu allem sonst vertrauten Insektenvolk.
-Seine Mundwerkzeuge bilden statt harter und roher Beißer eben
-jenen feinen Saugrüssel, mit dem er den Blütennektar nascht. Und
-eben seine blütenhaft bunte Farbenpracht entsteht durch eine Art
-köstlichen Pelzes, dessen schuppenförmigen Haare lose in dem zugrunde
-liegenden nackten Glasflügel wurzeln. In der Herkunft dieser beiden
-Besonderheiten muß das Geheimnis der Schmetterlingsherkunft stecken.
-Hier mag uns aber ein kleines Erlebnis bedeutsam werden, das wohl ein
-jeder von uns einmal durchgemacht hat.
-
-Wir haben als Kinder im flachen Schilfgrund gegründelt oder das
-angeschwemmte Genist des Ufers zerteilt. Da geriet uns ein sonderbares
-kleines Futteral aus zäh verknüpften Rohrstückchen, Sandkörnchen oder
-gar Schneckenhäuschen in die Hand, das wir nicht zu deuten wußten.
-Indem wir es aber drückten, schaute vorne ein unwillig gestörter
-häßlicher Kopf vor: in der Hülse wohnte als ihr Verfertiger ein langer
-wurmhafter Geselle. Das jetzt aber war kein echter Wurm, sondern auch
-eine Insektenlarve, entsprechend dem Raupenstande beim Schmetterling.
-Köcherfliege oder Köcherjungfrau heißt das fertige Insekt, das später
-aus ihr hervorgeht, ein Flügelinsekt, das auf sehr viel gelenkigerem,
-schon hinterwärts kunstvoll zusammenfaltbarem Luftschiff dahinfahren
-wird, als es etwa eine Libelle besitzt. Aber bezeichnenderweise wird
-solche Köcherjungfrau auch »Wassermotte« genannt. Wirklich trägt sie,
-einzig unter allen nicht schmetterlingshaften Insekten der Jetztzeit,
-auch auf ihren Flügelchen einen deutlichen bunten Pelzbesatz, obwohl
-von etwas primitiverem Haarstande. Und ebenso erscheint auch ihr
-kleiner Mund verkümmert zum derben Beißen, er bietet bereits den
-deutlichen Anfang eines zarten Blütensaugers. Wie ein Doppelgänger
-taucht dieses Wasserkind neben dem Schmetterling auf, eine leichte
-Bleistiftskizze gleichsam zu dem dort glänzend vollendeten Kunstwerk.
-
-Schon früh ist es also denkenden Beobachtern aufgeblitzt: hier müsse
-noch etwas bis heute fortleben aus dem ursprünglichen Werdegang des
-Schmetterlings, und, einmal angeschlagen, hat das dann zu einem weiten
-Gewebe der Möglichkeiten gelockt.
-
-Jene Köcherfliegen oder Phryganeiden verknüpfen sich selber heute
-ziemlich ersichtlich noch mit einem anderen Insektengeschlecht. Das
-sind die sogenannten Skorpionfliegen oder Panorpaten. Sie führen
-keinen Flügelpelz und keinen sanften Honigheber. Ein wildes Räubervolk
-sind sie, mit einem bösen Beißschnabel, der unerbittlich über anderes
-Insektenvolk herfällt; die bekannteste Sorte führt beim Männchen
-hinten eine zum Rücken umgeschlagene Zange, die an den gefürchteten
-Stachel des Skorpions gemahnt. Zweifellos ist solche Skorpionfliege
-ein niedrigeres und altertümlicheres Insekt, zugleich aber deuten
-mancherlei Indizien darauf, daß gerade sie einst die Ahnfrau der
-schon viel feiner organisierten Köcherjungfrau war. Skorpionfliege,
-Köcherjungfrau, Schmetterling -- hier lebte also heute noch etwas wie
-der Schatten eines Stammbaumes ...
-
-Gehen wir damit aber wieder in die Urwelt selber zurück. Da ist es
-nun sehr interessant jetzt, daß die Skorpionfliegen gar sehr eines
-beträchtlich hohen Alters verdächtig sind. Sie tauchen in zahlreichen
-unmittelbaren Resten (Abdrücken von Flügeln) etwas vor der Mitte
-zwischen jenen schmetterlingsleeren Steinkohlensümpfen und den schon
-von Schmetterlingen besuchten Bernsteinforsten auf: zu Anfang der vom
-Ichthyosaurus allbekannten Jurazeit. Feine Indizien aber verknüpfen
-sie dort wieder rückwärts noch bis zu den wirklichen Urinsekten des
-Steinkohlensumpfes selbst, so daß man wohl annehmen darf, sie mit
-ihren bis heute ja noch so viel roheren Beißorganen sind ursprünglich
-doch auch von dort hergekommen. Nun aber sehen wir des weiteren
-etwas geradezu verblüffend an jenen geahnten höheren Stammbaum auch
-urweltlich Anschließendes.
-
-Schon in den Gesteinsschichten jenes untersten Jura finden sich neben
-den deutlichen Flügeln von Skorpionfliegen auch bereits einzelne Flügel
-noch erkennbar abgeprägt, die heutigen Flügeln der Köcherjungfrau
-gleichen. Und schon im mittleren und oberen Jura gesellen sich dazu
-einzelne noch weitere Flügel, die jetzt gar schon stark an den echten
-Schmetterlingsflügel von heute gemahnen. An sehr verschiedenen Orten
-ist man bisher auf diesen ersten Schatten des Urschmetterlings
-gestoßen: in England, in Sibirien und im berühmten lithographischen
-Kalkstein von Solnhofen in Franken. Im letzteren hatte man allerdings
-lange die Abdrücke von Holzwespen mit Schmetterlingen verwechselt,
-aber nachdem dieser Irrtum erledigt war, gab es doch auch echte
-Schmetterlingsflügel dort. Und da scheint nur ein schlichter Schluß
-möglich.
-
-Schon zu Anfang der Jurazeit hatte sich ein Teil der alten
-Skorpionfliegen in Köcherjungfrauen verwandelt, und im Verlauf der
-Juraperiode dann gingen wieder aus einem Teil der Köcherjungfrauen
-die echten Schmetterlinge hervor. Immer wandelte sich nur ein Teil,
-wohlbemerkt, denn es leben ja heute neben den Schmetterlingen auch noch
-(allerdings wenige) Skorpionfliegen und ein gut Teil Köcherjungfrauen
-fort; das ist die alte Sache wie fast immer im Stammbaum; neben dem
-Neffen lebt der Onkel auch noch weiter. Indessen ist hier noch eine
-Erwägung nötig, die zugleich das Bild des Hergangs noch farbiger macht.
-
-Frühlingsfliege sowohl wie noch viel vollkommener der Schmetterling
-selbst besitzen heute durchweg einen reinen Blütensaugapparat. Dazu
-aber sind höhere Blüten nach Art unserer heutigen von Insekten
-besuchten nötig.
-
-Nun hat es aber solche Blüten in jener Juraperiode noch gar nicht
-gegeben, sie entstanden erst in der folgenden Kreidezeit, die noch
-zwischen den Jurawäldern und dem Bernsteinforst liegt.
-
-Wir müssen also annehmen, daß, der Not der Zeit gehorchend, auch
-die erst erstandenen Köcherjungfrauen der Jurazeit noch beißende
-Mundwerkzeuge gleich den älteren Insekten besaßen.
-
-Auf dieser Stufe aber müssen zunächst doch die Flügel bei einem Teil
-ihres Urvölkleins schon mehr oder minder schmetterlingshaft geworden
-sein, so daß man mit einigem Recht schon von diesen Vertretern
-damals hätte sagen können, es waren bereits Schmetterlinge, doch
-Schmetterlinge auch noch mit beißenden Kiefern ohne Honigrüssel.
-
-Es ist dabei wieder interessant zu bemerken, daß noch heute einige
-wenige Schmetterlinge uns lebend beinahe noch diese Urstufe vor Augen
-bringen; so hat der primitivste aller lebenden Schmetterlinge, von
-dem die Art ~Micropteryx~ oder ~Eriocephalus Calthella~ bei uns in
-Europa vorkommt, noch regelrechte kauende Mundteile mit wohlerhaltenem
-Oberkiefer anstatt des Saugrüssels.
-
-Und erst in der Kreidezeit selber werden wir dann annehmen dürfen,
-daß sowohl die echt verbleibenden Köcherjungfrauen wie die Partei der
-schon werdenden Schmetterlingsflügler unter ihnen fast auf der ganzen
-Linie sich wirklich den entstehenden Blumen (und die Blumen ihnen)
-auch im Mundbau anschlossen, womit für den Schmetterling erst das
-ganz Ätherische, vom Brutalen Abgelöste seines endgültigen Schicksals
-gegeben war.
-
-Nachdem zuerst in der langsam prägenden Urweltshand sein farbenfroher
-Flügel sorgsam fertiggestellt worden war, folgte jetzt der Honigmund.
-
-Und so ist er bereits in den sonnendurchhellten Bernsteinwald
-eingeschwebt, so ist er als lieblichstes Schöpfungsmärchen
-heraufgegaukelt bis zu uns.
-
-
-
-
-Der Kampf um den Maulwurf
-
- Da liegt der schwarze Bösewicht
- Und wühlte gern und kann doch nicht,
- Denn hinderlich, wie überall,
- Ist hier der eigne Todesfall.
-
-
-Diese klassischen Worte Wilhelm Buschs charakterisieren den Kampf _mit_
-dem Maulwurf.
-
-Wenn es aber eine ausgleichende Gerechtigkeit in dieser zweideutigen
-Welt gibt, so hat sie offensichtlich zur Sühne uns Menschen den Kampf
-_um_ den Maulwurf auferlegt.
-
-Unsere Menschheit fängt gegenwärtig an, so ungeheuer klug zu werden,
-daß man fast mit einigen Ängsten an das Wort denkt, daß allzukluge
-Kinder nicht alt werden. Wir wissen, was für Stoffe in den Sonnen des
-Andromedanebels glühen, wir erzählen uns, daß der Lichtdruck Tröpfchen
-von 0,00016 Millimeter Durchmesser bewegt und daß auf jedes solcher
-Tröpfchen 96 Millionen Moleküle gehen, und wir werden demnächst wohl
-über den Gaurisankar fliegen ... in solchen Momenten ist es aber
-nützlich und spricht doch für eine etwas längere Lebensdauer, daß wir
-noch immer nicht genau die Geheimnisse des Maulwurfshaufens kennen.
-
-In einer geordneten und sozusagen approbierten Wissenschaft ist der
-Maulwurf trotz seines blauen Fellchens immerzu bis heute der roteste
-Revolutionär.
-
-Mit seinem heimischen Genossen, dem Igel, hat er im System so lange
-rumort, bis man ihm und seinen Vettern glücklich eine ganze eigene
-Säugetierordnung hat einräumen müssen, die der »Insektenfresser«,
-deren Name besonders gut auf den Maulwurf paßt, indem er nämlich
-hauptsächlich Regenwürmer, die bekanntlich keine Insekten sind, frißt.
-
-Auch dann aber noch sind mit ihm immerfort ärgerliche, wie Fontane
-sagen würde: genierliche Sachen passiert.
-
-Das ganze so sehr zu preisende neunzehnte Jahrhundert hindurch ist
-eine (immer dieselbe) Abbildung seiner unterirdischen Burg durch alle
-Fachwerke gegangen, die nach Ansicht neuester Kritiker nur den einen
-Fehler hatte, daß sie mindestens als Regel verkehrt war. Auch mußte
-gerade bei ihm der doch gewiß nicht alltägliche Fall sich ereignen, daß
-die Anatomen eine Zeitlang die Weibchen mit den Männchen verwechselten,
-eine mindestens unhöfliche Geschichte. Doch der eigentliche »Fall
-Maulwurf« beginnt erst mit einer dritten Situation, nämlich bei der
-Frage, ob er ein Racker oder ein Engel in seinem Verhältnis zu uns sei.
-
-In der besagten hübschen Geschichte bei dem stets unparteiisch
-warmherzigen Altmeister Busch setzt der brave Gärtner sich bei dem
-vernichtenden Schaufelstoß gegen den Mull zugleich hinterrücks in
-die Spitzen der Gartenharke. Und das ist gewissermaßen ein Symbol
-der Maulwurfsfrage im ganzen. So leicht wir den kleinen Samtkerl
-hochprellen und aufs rote Näschen hauen können -- dieses rote
-Näschen, das ein so unfaßbar feiner Fühlapparat für die leisesten
-Zitterbewegungen des Erdreichs ist, daß man es schon ernstlich unseren
-großen menschlichen Seismographen oder Erdbebenmessern vergleichen
-möchte --: das Problem ist, inwieweit wir uns dabei alle miteinander
-dauernd auf eine Gartenharke in unserer Kultur setzen könnten, die uns
-tückisch ins gegenseitige Fleisch sticht.
-
-Der Bauer, das »Volk« überhaupt, ist seit alters der zähen Meinung,
-daß der Maulwurf ein unleidlicher Schädling sei. Die Dorfgemeinden
-stellten, wie Kreuzotterfänger, so besondere Maulwurfsfänger an,
-in manchen Gegenden »Schärmäuser« genannt nach dem süddeutschen
-Maulwurfsnamen »Schärmaus«, der auf ~scero~ zurückgeht und mit dem
-Anschluß an die Maus deutlich schon das Böse hineinschmuggelt; denn was
-eine echte Maus ist, ist immer ein Unnutz.
-
-Wer nun Volkesstimme ohne weiteres in der Naturgeschichte für
-Gottesstimme zu halten geneigt ist, der wird darin einen vollgültigen
-Beweis sehen, und das Volk hat ja gewiß so manche alte Weisheit, von
-der auch Forscher noch lernen können. Aber daneben flattern durch die
-Volksnaturgeschichte auch ebenso sicher allerhand Gespenster. Der
-Bauer, der die Fledermaus für ein verderbliches Scheusal hält, das
-in die Haare fliegt und ihm im Schornstein den Speck wegfrißt, oder
-der die nützliche Eule als Unhold übers Scheunentor nagelt, wird uns
-schwerlich für den Nutzen und Schaden des Mulls, wenn er ihn für eine
-wurzelfressende Maus hält, kompetent sein können.
-
-Die erste Tat des Forschers war also auch der Nachweis, daß unser Mull
-kein Nagergebiß habe, sondern ein Raubtiergebiß, das in seiner Weise
-sogar das der echten Raubtiere noch übertrumpfe und jedenfalls, wie es
-im Märchen heißt, in seinem Reich »Vieh und Leut« fresse, aber nicht
-Rüben.
-
-Wie alles Wissenschaftliche auch immer einmal wieder angezweifelt zu
-werden pflegt (an sich kein Schaden!), so hat man diese Räubernatur
-gelegentlich zwar bestritten, aber ohne Glück. Wollte doch gar einer
-(wie Meister Heck im neuen Brehm erzählt) den leibhaftigen Maulwurf
-gesehen haben, wie der niederträchtige Kerl halb aus seinem Loch vorkam
-und ein Rübenblatt nach dem anderen abknabberte. Hier aber möchte man
-wohl den alten Satz anwenden: es hat einer manches gesehen, und es
-ist doch nicht wahr. Mit einer Einzelbeobachtung auf falscher Fährte
-kann man auch beweisen, daß der Hund Gras fresse, und ein so famoser
-Beobachter wie der alte Adolf Müller hat allen Ernstes einmal sogar den
-Kuckuck brüten »sehen«.
-
-Wenn aber unser Mull wirklich ein »Tierfresser« ist, so scheint doch
-seine Nützlichkeit erwiesen; denn was soll er in seinen unterirdischen
-Labyrinthen, wo er das Erdreich auf wahren Atlasschultern im kleinen
-trägt und wälzt, anders fressen als wirkliche Schädlinge des Landmanns,
--- mit den bösesten, den Engerlingen, voran?
-
-Indessen hier kamen die Gärtner und verwiesen auf den »Wühler«.
-
-Was er schließlich fresse oder nicht fresse, das sei das ganz
-Nebensächliche. Aber mit seinem unterirdischen Pflügen und
-oberirdischen Bergbauen kreuze er immerfort das Werk des Menschen
-an den Stellen, wo die Erde ein Schmuck -- etwa in einer prächtigen
-Parkwiesenfläche -- und nicht ein schmutziges Bergwerk mit Stollen und
-Halden sein solle. Gerade hier aber war nun wieder und erst recht etwas
-auch nach der anderen Seite Hochbedeutsames angeschlagen.
-
-Für die schöne Außenseite des Parks, dessen Ideal eine smaragdene
-Grasfläche ohne Makel ist, oder im Beet mit seinem kleinen
-Pflanzenvolk, das in der Wurzel nicht gelockert sein will, mag der
-Bergmann im Samtröcklein verpönt bleiben. Aber wir verdammen doch nicht
-in Bausch und Bogen unseren menschlichen Grubenbetrieb bloß deshalb,
-weil es nicht hübsch wäre, wenn er vermöge deplacierter Wahl seines
-Arbeitsfeldes die Peterskirche zum Einsturz brächte oder den Berliner
-Tiergarten mit schmutzigem Schutt durchsetzte. Gerade als Bergarbeiter
-ist unser Maulwurf wirklich noch etwas ganz anderes als bloß ein
-Fresser und Nutzfresser, und dieses andere scheint zunächst erst seinen
-_eigentlichen_ Wert zu berühren.
-
-Mit kurzem Wort gesagt: der Maulwurf gehört hier zu den »geologischen
-Tieren«.
-
-Geologische Tiere sind Tiere, die nicht bloß auf der gegebenen
-Erdscholle leben, lieben und herumfahren, sondern es sind solche, die
-an der Bildung und Umbildung unserer Erdrinde selber aktiven Anteil
-nehmen, also im recht eigentlichen Sinne »geologisch« für jene anderen
-mit wirksam sind.
-
-Tiere dieser Art hat es seit den ältesten Tagen der Erdgeschichte
-immer wieder in Masse gegeben, und durchweg war ihre Arbeit von der
-allergrößten Bedeutung.
-
-Die Korallentiere gehörten dazu, die schon in der Urwelt Kalkriffe
-gebaut haben, deren Ruinen jetzt hohe Berge bilden, und die heute
-noch im Stillen Ozean die Umrisse längst versunkener Inseln in zähem
-Konservativismus durch ihre aufgesetzten Mauern erhalten, als sei alle
-geologische Elementarbeit zu schwach, ihre eigenen und eigensinnigen
-Wege zu hemmen.
-
-Nicht alle »geologischen Tiere« aber bauen selber in Korallenweise
-neuen Grund. Andere verarbeiten nur das Vorhandene -- gerade das aber
-kann wieder für dritte, gleichsam bloß genießende Wesen erst recht
-von höchstem Nutzen sein. Sie arbeiten mit an der Umwandlung der
-ursprünglich mehr oder minder starren Gesteinsrinde unseres Planeten
-in eine dem übrigen Leben, vor allem dem Pflanzenleben brauchbare
-Erdkrume. In der vorhandenen Krume lockern und lüften, karren und
-fahren und bewässern sie unablässig, als wären sie selber angestellte
-Gärtner und Bauern im Dienste des großen Naturparks oben, ohne Wissen
-natürlich von dem Nutzen im irdischen Gesamtspiel, bloß auf ihren
-eigenen Gewinn bedacht, aber durch die Verkettung der Dinge immerfort
-ein reger Faktor von höchstem Wert für alles, was mit Wohl und Weh des
-großen Erdengartens zusammenhängt.
-
-Und auf diesem letzteren Felde schafft nun auch der Maulwurf.
-
-Mit seinem Wühlen und Hochstoßen durchlüftet er den Grund und
-Boden aufs glücklichste und schafft auch der Feuchtigkeit besseren
-Eingang, so daß er überall da, wo es nicht auf das schöne Aussehen
-der Oberfläche oder eine sehr zarte Kultur ankommt, ein unentwegter
-Förderer des Pflanzenwuchses wird, dessen sich auch der Mensch in
-unzähligen Fällen freuen muß. Das hat schon der alte Tierkundige Gesner
-im sechzehnten Jahrhundert geahnt, wenn er sagte: »Ich hab von etlichen
-bauleuthen vernommen, daß sie kein Schärmauß auß den wisen oder matten
-schlagen, vermeinen, der boden in den wisen müsse also gleich wol unten
-erbauwen werden als das väld mit dem Pflug.«
-
-Nimmt man nun hinzu, daß der unterirdische kleine Pflüger zugleich aus
-jeder Furche, die er ritzt, die wirklichen Pflanzenverderber, wie den
-bösen Engerling, absucht und vertilgt, so meint man, es könne nicht
-leicht einen braveren Helfer für uns geben.
-
-Aber der wahre Naturhaushalt ist ein verwickeltes Ding -- immer noch
-wieder um ein Geheimfach verwickelter, als wir auf rascher Suche ahnen.
-
-Eben als solches »geologisches Tier« kommt unser Mull auf seiner
-unterirdischen Jagd nämlich in Konflikt mit einem anderen »geologischen
-Tier«, das jetzt als solches _noch_ weit nützlicher für das
-Pflanzenleben und damit für uns ist -- mit dem wirksamsten und zugleich
-nützlichsten, das es von echten Tieren da unten in der Scholle
-überhaupt gibt -- nämlich mit dem Regenwurm.
-
-Hoch klingt heute das Lied vom Regenwurm in unserer Bodenkultur.
-Der alte Darwin, den die meisten nur von seiner Abstammungstheorie
-kennen, der in Wahrheit aber auch hunderterlei anderes in unsagbarem
-Beobachterfleiß ergründet hat, ist zuerst sein Prophet geworden.
-
-Der Regenwurm treibt zunächst ganz das gleiche als praktischer Geologe
-wie der Maulwurf, bloß noch gründlicher und weniger stürmisch. Er
-lockert den Boden, durchsetzt ihn mit senkrechten Röhrchen, die
-den Pflanzenwurzeln erwünschten Raum bieten, er durchlüftet und
-durchfeuchtet ihn, läßt das Wasser und die Kohlensäure auch an die
-tieferen Schichten heran.
-
-Aber noch unvergleichlich viel mehr tut er als der Maulwurf. Indem er
-in der bekannten Weise welkes Laub in seine Erdhöhlen zieht, düngt er
-regelrecht auch den Grund, in dem er lebt. In der harten Erde weiß er
-aber dieses Düngens noch einen praktischeren Weg.
-
-Wie der Märchenjunge im Breiberg frißt er sich durch diese Erde einfach
-durch, indem er sie aufweicht, in sich aufnimmt und die innerlich
-verarbeitete dann oben auf der Decke in natürlicher Weise wieder
-absetzt. Nicht ganz im Rahmen parlamentarischer Redeformen tut er das,
-aber nützlich, unendlich nützlich für die Güte und Ertragskraft des
-Bodens!
-
-Geradeso entsteht erst die allerfeinste, weichste Pflanzenerde.
-Zugleich wird das Erdreich unablässig von oben nach unten gearbeitet.
-Der Wiesenboden oben wird beständig erneuert, er glättet sich, da auf
-die Dauer jeder störende Stein bei dieser konsequenten Umkrempelung in
-die Tiefe absinken muß, ja zuletzt sind diese armen Würmer im Lauf
-der Jahrtausende regelrechte Erdbaumeister, die das ganze Bild da oben
-bestimmen, die begraben und versenken und überschütten, den Granitblock
-wie die gefallene Tempelsäule. Immer aber bleibt ihr Geschenk an uns
-die köstliche Erdkrume in vollendetster Gestalt.
-
-Ja wohl nun: der Maulwurf frißt Engerlinge und andere Schädlinge, aber
-viel mehr noch und zumeist frißt er eben diese seine geologischen
-Mitarbeiter, die Regenwürmer!
-
-Seine wie ein unterirdisches Spinnennetz ausgebreiteten Labyrinthgänge
-pflegen gerade so zu liegen, daß die Würmer sie bei ihrem Tagewerk
-immerfort durchschneiden müssen, wobei sie dann wie die Fliegen unter
-das Messergebiß des kleinen Minotaurus fallen, während die Engerlinge
-nur gelegentlich einmal hineingeraten. Unglaubliche Massen von Würmern
-werden so vertilgt. Und der barbarische Zyklop kerkert sich sogar ganze
-Wintervorräte lebender Wurmopfer ein, deren ein sicherster neuerer
-Beobachter, Dahl, in einem einzigen Maulwurfsbau 1280 Stück in einem
-Gewicht von 2,13 Kilogramm gefunden hat. Und so sänke der Kurs des
-Maulwurfs abermals.
-
-Mancher ausgezeichnete moderne Tierkundige ist da wieder ganz und gar
-zum Zweifler geworden. Der treffliche Züricher Nutztierforscher Conrad
-Keller möchte schon die alten Schärmäuser bei den Flurkommissionen
-wieder anerkannt sehen, und auch Heck hat wenigstens seine Bedenken.
-Ich aber meine, es langt noch wieder nicht zum hochnotpeinlichen
-Beschluß.
-
-Zunächst ist die Zahl der Regenwürmer derartig Legion, daß das
-Dezimieren im Einzelfall meines Erachtens gar keine Rolle spielt --
-abgesehen davon, daß im Einzelfall ihrer auch in einer Kultur zu viele
-werden können, also ein gewisses natürliches »Abschießen« sogar eher
-nützt. Eine Rechnung von Hensen setzt auf ein Hektar Gartenland mehr
-als 100000 Würmer an, das gibt 130 Kilo Fleisch. (Schade, daß wir uns
-nicht daran gewöhnt haben, Regenwürmer zu essen. Oder sollten wir nicht
-einmal ... wer fängt an?) Auf dieses arbeitende Stück Geologie sind
-jetzt seit etwa drei Millionen Jahren (diese Insektenfresser reichen
-sehr wahrscheinlich bis in den Ausgang der Kreidezeit zurück) die
-Maulwürfe gehetzt, und doch ist die Zahl und auch offensichtliche Macht
-der Würmer heute noch in solchem Flor. Aller Vermutung nach wird die
-Sache also darauf hinauslaufen, daß im bestehenden, von Menschenhand
-nicht veränderten Naturhaushalt die Massenproduktion des Regenwurms
-auch den Maulwurf noch erträgt.
-
-Vielleicht, wenn man an darwinistische Anpassungen denken will, hat
-sie sich im Laufe der Zeiten unmittelbar auf eine Überproduktion
-eingestellt, die den dort entfallenden Abzug im Gesamtspiel schon
-gleichsam vorsorgend ersetzt; bei einer Menge von Tieren, wo zum
-Beispiel die Jungen stark bedroht sind, glaubt man ja ganz deutlich
-solche Regulierung wahrzunehmen, die sich in einer ungeheuren
-Überproduktion von Jungen kundgibt auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß
-von unzähligen doch nur so und so viele erhalten bleiben -- wobei aber
-diese »so und so vielen« vollauf zur Erhaltung der Art genügen. Auf der
-anderen Seite ersetzt aber der Maulwurf durch seine eigene nützliche
-geologische Arbeit selbsttätig wohl auch noch das, was eventuell dort
-bei den Regenwürmern als Manko durch ihn ausfallen könnte. Und so
-rückte sich dieses Konto doch wieder wenigstens ins Reine, wenn auch
-ohne Überschuß. Darüber hinaus aber vertilgt der gleiche Maulwurf nun
-doch _auch_ Engerlinge und andere Schädlinge, und hier beginnt also
-wieder sein positiver Nutzen, wenn der auch vielleicht nicht so groß
-ist, wie man im Überschwang der ersten Entdeckung geglaubt hatte.
-
-Das Fazit ist einfach.
-
-Man wird unseren Mull nicht verfolgen (abgesehen von feiner
-Schmuckkultur im Garten) wegen seiner Wühlarbeit, denn die ist nützlich.
-
-Man wird ihn nicht verfolgen wegen seiner Nahrungsweise, denn die ist
-zum Teil auch nützlich, zum Teil indifferent.
-
-Man wird ihn vielleicht nicht eben fördern, sondern den gegebenen
-Naturhaushalt an dieser Ecke möglichst lassen, wie er ist.
-
-Aber ganz gewiß wird man nicht zulassen, daß er willkürlich ausgerottet
-werde -- zumal heute nicht aus Motiven, die etwa gar überhaupt mit
-Landwirtschaft nichts zu tun haben, die aber, wenn sie irgendein armes
-Vieh erreichen, prompter das ganze Geschlecht zu bedrohen pflegen
-als alle Schärmäuser von ehemals die Mulle oder alle Mulle von je
-die Regenwürmer -- also zum Beispiel Verwertung des Fells für einen
-Modezweck; der Versuch ist bei unserem Mull schon gemacht worden,
-hat sich aber zunächst wieder zum Glück etwas verzogen, da das arme
-Samtfellchen nicht genug brachte.
-
-Hier käme vor allem auch der allgemeine Heimatschutz in Frage, dem der
-Mull doch _auch_ gehört und der verhindern muß, daß wir ein heimisches
-Geschöpf verlieren, von dem zweifellos noch eine Menge zu lernen ist
-und das sicherlich zu den eigenartigsten unseres Landes, ja unseres
-ganzen Planeten gehört.
-
-
-
-
-Das unheimliche Gila-Tier
-
-
-Durch die Wüsten des Mondes, diese vollkommenen Wüsten, über denen
-nicht einmal bläuliche Luft zittert und spiegelt, in denen nicht einmal
-ein ausgetrocknetes, versandetes Flußbett von alten Wassern zeugt,
-auf denen nicht einmal eine gespenstische Riesenwüstenpflanze wie die
-Welwitschia unserer Kalahari kriecht -- durch diese Öden ziehen sich
-ungeheure Spalten, die sogenannten Rillen. Bald schnurgerade, bald in
-scharfem Zickzack durchqueren sie weite, weite Strecken des Mondlandes.
-Sie sind keine Stromläufe, keine künstlichen Kanäle. Ja, was sind sie?
-Niemand weiß es genau. Vielleicht ist die Mondrinde hier geplatzt in
-den letzten Zuckungen des Mondinnern. Vielleicht haben die furchtbaren
-Kontraste von nicht abgeblendeter Sonnenglut und eisiger Weltraumkälte
-das Gestein zerbersten lassen. Eine ungelöste Frage da oben, wie so
-viele.
-
-Gewiß aber ist, daß es nur eine einzige Landschaft auf unserer Erde
-gibt, die äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit zeigt mit einer solchen
-Rillengegend des Mondes: das ist das Wunderland von Arizona in
-Nordamerika mit seinen berühmten Cañons, den »Röhren«, wie sie der
-Spanier nennt.
-
-Auch hier senken sich in einem wild zerfressenen, vielfach mondhaften
-Wüstenplateau noch einmal besondere Spaltenabgründe in die Tiefe,
-wahre »Rillen«, deren größte bei sechzig Meilen Länge sich bis
-zweitausend Meter tief in den untersten Fels einschneidet, einen
-exakten Querschnitt durch die ganzen älteren geologischen Schichten der
-Erdrinde bis zu den entlegensten hinab eröffnend.
-
-Gern möchte man auch bei solchem Cañon an furchtbare revolutionäre
-Ereignisse dieser Erdrinde denken, die sie so bis ins Herz hier
-zerrissen. Aber wir wissen, daß es ein viel unscheinbarerer
-Titan gewesen ist, der diesmal seine Macht bewährt hat, nämlich
-wühlendes Wasser, das sich langsam, langsam in den Block des großen
-Wüstenplateaus eingefressen und die Cañonrillen eingetieft hat --
-die gleiche Macht also zuletzt, die nach einem einfachen Regen das
-Sandhäufchen eines Kinderspielplatzes mit kleinen Furchen durchzieht.
-Kleinste Wirkung, größter Erfolg!
-
-In diesem wilden Lande, diesem Stück Mond auf Erden, aber lebt das
-Gila-Tier, das unheimliche, das verdächtige, wie der Naturforscher es
-genannt hat, seit sich von ihm eine bedenkliche Kunde verbreitet hatte.
-
-Wenn in stiller Nacht das Silberlicht des wirklichen Mondes um den Rand
-einer solchen Arizonarille fließt, in deren schwarzem Grunde tief, tief
-unten unsichtbar der Coloradostrom geht, so möchte man von Ungeheuern
-träumen, die sich diesen Höllenschlund zur Höhle gewählt. Die alten
-Riesensaurier möchte man noch einmal aus den zernagten Schichten des
-Urweltgesteins hervorkriechen sehen. Aber sie lagen schon längst
-eingesargt in ähnlichem Fels, als auch nur der erste Spatenstich
-des wühlenden Wassertitanen einsetzte, der diese zweitausend Meter
-aushöhlen sollte.
-
-Man muß sich von dem Mondzauber in eine andere, uns sehr viel nähere,
-obwohl auch höchst seltsame Geschichtszeit verzaubern lassen, um auf
-die erste Kunde vom wirklichen Monstrum dieser Arizonawüsten zu kommen.
-
-An Arizona grenzt nach Süden Mexiko. Vor rund vierhundert Jahren war's,
-bei den alten Mexikanern. Von ihnen vernimmt man zum erstenmal einen
-Namen für das geheimnisvolle Tier des Cañonlandes, das auch bis in ihr
-Landgebiet hinüberkroch: Tola-Chini.
-
-Sagendunst aber wob sich seither immer erneut darum.
-
-Tatsächlich eine Art Drachensage.
-
-Wenn es auch kein Drache in der Größe sein sollte, so doch einer in
-der Gefährlichkeit. Ein »männermordendes« Tier, würde der alte Homer
-gesagt haben. Die späteren Arizonakolonisten tauften es nach dem Ödland
-im Bereich des Nebenflusses des Colorado, des bald ganz vertrocknendem
-bald zu Hochwassern schwellenden Wüstenstroms Gila, das »Gila-Tier«.
-
-Und wie dieser Strom, so stiegen und versiegten auch bei ihnen immer
-wieder abwechselnd die Nachrichten und Legenden über den unheimlichen
-Gast der unheimlichsten Gegend, bis endlich ganz langsam in neuerer
-Zeit die Forschung, der vor keinem Gespenst graute, auch hier sozusagen
-polizeilich feststellen durfte, um was für einen »Bauernschreck« es
-sich denn eigentlich handle.
-
-Das Gila-Tier existierte tatsächlich. Und es war ein Reptil, also
-immerhin verschwägert mit den alten Drachen. Eine ziemlich ansehnliche,
-bald meterlange Eidechse steckte hinter ihm -- eine Eidechse aber, die
-sich -- das war das erste Merkwürdige, das sofort auffiel -- ausgespart
-wie ein ganz himmelweit anderes Tier trug, das auch genügend von je der
-Sage Stoff geboten, nämlich wie ein Feuersalamander.
-
-Wer an Mimikry glaubte, der mußte annehmen, hier mache eine Eidechse
-einfach bis zur vollendetsten Täuschung den Salamander nach.
-
-Ein solcher Molch hat eine feuchte, schlüpfrige, kellerhafte Nacktheit,
-sein Leib gleicht einem feisten Wurm, den vier winzige Beinchen
-nur mühsam dahinschleppen, Warzen und Pusteln bedecken seine Haut,
-dazwischen aber liegen auf ihrer schwarzen Negernacktheit hochgelbe
-oder rötliche Flecken wie brennende Striemen auf.
-
-Dagegen ist das Sonnenkind Eidechse durchweg ein feiner, schlanker
-Ritter im zierlichsten Schuppenhemd, der in allerlei trockener und
-sauberer Buntheit und schönen Ornamenten zu kokettieren liebt und flott
-mit graziöser Taille dahintänzelt.
-
-Ein solches Schuppenkleid hat nun auch das Gila-Tier. Aber seine
-Schuppen sind zu unregelmäßigen Körnern geworden, die ebenfalls Warzen
-und Drüsen zu bilden scheinen, und indem einzelne größere Körnerbrocken
-ein schmutziges fleischhaftes Gelbrot vordrängen, entsteht auch
-hier der vollkommene Eindruck von rohen Farbpusteln auf einer ekeln
-schwarzbraunen Nackthaut. Gleichzeitig hat sich der Leib in eine
-unförmliche, schlecht gestopfte Walze verwandelt, in deren Quellung
-Kopf und Beinchen fast verloren gehen. Gerollt wie ein wirklicher
-Wurm liegt das Scheusal so in seinem Wüstenversteck, zweifellos der
-allerhäßlichsten Tiere eines. Wer es plötzlich aufdeckt, könnte es für
-einen modernden Pflanzenrest halten, auf dessen verwester Rinde sich
-eine hochgelbe Pilzvegetation angesiedelt hat.
-
-Es möchte aber nicht ratsam sein, solches unvorsichtige Aufdecken
-und Aufwecken. Denn jetzt beginnt das unheimliche Phänomen, dem das
-Geschöpf der arizonischen Mondwüste seinen eigentlichen Ruf verdankt.
-
-Unter heftigem Zischen hebt das Maul an zu geifern, so heftig, als
-wolle sich das entwickeln, was bei der afrikanischen Speischlange,
-einer bösen Najaart, die Regel ist, die auf ein Meter Entfernung
-dem Angreifer ihren Speichel direkt ins Gesicht bläst, eine lange
-bestrittene, aber endlich doch bestätigte scheußliche Methode. Doch
-schon kommt der Biß des Gila-Tiers, ein sehr herzhafter. Die langen
-krummen Zähne, die für gewöhnlich fast ganz im Zahnfleisch versteckt
-liegen, werden bei dem Druck selbst erst eigentlich frei und schlagen
-sich nun nahezu zentimetertief ein. Jetzt aber die Wirkung dieses
-Bisses ... Alles Gräßliche, was dem Monstrum seit alters nachgesagt
-worden ist, konzentrierte sich von je auf den einen Punkt, daß der Biß
-die verheerendste, die unmittelbar tötende Wirkung besitze, indem er
-nämlich in der schauerlichsten Weise vergiftet sei.
-
-Wirkliche Forscher mußten gerade das aber zunächst mit rechtem
-Befremden hören.
-
-Die Volkssage macht ja gern alle nur denkbaren Tiere, wofern sie nur
-sonst etwas Verfängliches zeigen, auch zu Giftbeißern. Der Zoologe aber
-legt hier ein zunächst ganz unanfechtbares Veto ein.
-
-Ein wirklich giftiger Biß als dauernde Angriffs- oder
-Verteidigungswaffe eines Tieres setzt bestimmte Giftdrüsen voraus,
-die das Gift liefern. Solche Giftdrüsen kennt man im Reptilienbereich
-von den Schlangen. Sie treten dort durchweg in Verbindung auf mit
-besonderen Vorrichtungen an den Zähnen. Gewisse Schlangenzähne sind
-durchbohrt oder wenigstens zu einer Rinne gefurcht zum Injizieren oder
-Einlöffeln der giftigen Drüsenabsonderung beim Biß. Hier ist also alles
-klar.
-
-Eine Schlange aber ist nun keine Eidechse. Von keinem anderen Reptil,
-also auch von keiner Eidechse, war in vieljährigen anatomischen
-Untersuchungen je ein solcher schlangenhafter Giftapparat, weder
-Drüse noch Hohl- oder Furchenzahn, jemals festgestellt worden. Und so
-schien es zunächst geradezu ein Widersinn, der sich über grundlegende
-systematische Unterschiede hinwegsetzen wollte, wenn einer mit einer
-»giftigen Eidechse« kam -- mochte sie auch noch so verdächtig aussehen
-und an einen Molch erinnern (der immerhin in der Haut etwas Gift führt,
-wenn er auch nie giftig beißen kann), und mochte sie aus noch so
-verwunschener Gegend stammen.
-
-Eine Weile eröffnete sich also folgerichtig ein heftiger Kampf der
-wissenschaftlichen Theorie, ehern begründet, wie sie schien, und etwas
-selbstbewußt, wie einer guten Theorie zukommt, mit der Praxis des
-unentwegt weiter geifernden und beißenden Gila-Tieres.
-
-Gila-Tier, da half kein Mittel, behielt aber auf die Dauer die Oberhand.
-
-Gila-Tier biß Hühner und andere Tiere, und sie starben prompt wie von
-Schlangenbiß. Die Vergiftungserscheinungen gingen über Lähmung des
-Atmungsapparats -- ganz wie bei Schlangengift.
-
-Gila-Tier biß auch Menschen, und sie hatten ebenfalls fatale Folgen
-davon. Der Biß brauchte ja nicht immer gleich tödlich zu sein; das ist
-aber auch der Biß schlimmster Ottern nicht immer.
-
-Das alles aber passierte nicht mehr bloß in der mondhaften
-Arizonawüste, sondern auch im Zoologischen Garten, ja beim planmäßigen
-wissenschaftlichen Experiment. Der Theorie aber wurde schließlich
-leicht gemacht, klein beizugeben.
-
-Denn anatomische Zergliederung des häßlichen Gilakopfs erwies eines
-Tages gerade das, was sie zur hartnäckigen Voraussetzung genommen.
-Gila-Tier _hatte_ tatsächlich im Unterkiefer zwei dicke, schlangenhafte
-Drüsen, und seine Zähne waren ganz genau wie die Furchenzähne vieler
-Giftschlangen mit einer Rinne versehen, durch die der ausgequetschte
-Drüsengeifer direkt in die Bißwunde eingeträufelt werden mußte. Diese
-Eidechse _hatte_ eben einen Schlangenapparat, und damit war das Wunder
-der Wirkung sehr einfach aufgeklärt.
-
-Immerhin war es ein großer Fund. Bis zum heutigen Tage ist keine
-zweite »Gifteidechse« mehr zu der einen hinzuentdeckt worden. Auch ein
-unmittelbarer Verwandter des Gila-Tiers, der seltsamerweise himmelweit
-entfernt auf Borneo lebt, besitzt die höllische Waffe nicht. Die
-Mondwüste am Gila hat hier wirklich etwas ganz Besonderes aus sich
-geboren.
-
-Warum aber gleicht das Gila-Tier nun auch dem Feuersalamander?
-
-Von einer Nachahmung, die Schutz gewährte, kann dabei wohl nicht die
-Rede sein, denn das große Scheusal ist selber doch ein ganz anders
-wirksamer Gifter als der kleine, beißunfähige, bloß auf der Haut etwas
-ätzende Molch.
-
-Eher könnte man meinen, die Gifteidechse ahme den Molch nach, um bei
-ihren nächtlichen Raubzügen im Revier gerade umgekehrt harmloser zu
-erscheinen als sie ist.
-
-Man hat aber die grellgelben Pustelflecken des Molchs auch so gedeutet,
-daß sie mit ihrer Auffälligkeit größere Angreifer »warnen«, also schon
-von fern aufmerksam machen sollten, daß es sich um ein giftiges, also
-auf jeden Fall für sie ungenießbares Tier handle. Da aber nicht nur
-hier, sondern auch bei anderen giftigen oder sonst ungenießbaren Tieren
-stets als solche »Warnfarbe« gerade ein ähnliches Gelb oder Gelbrot
-auftaucht, so wird man zunächst wohl auch an einen direkten chemischen
-Zusammenhang zwischen Gift und diesem Gelb denken müssen, unbeschadet,
-daß nachher auch noch solche Nutzzwecke sich mehr oder minder daran
-angeknüpft haben könnten.
-
-Warum diese natürliche Giftlivree die unheimliche Eidechse nun aber
-wieder dazu gebracht haben sollte, ihre Schuppen auch in warzenhafte
-Körner zu verwandeln, die vollends an nackte Molche und Kröten, die
-Hautgifter und nicht Beißgifter sind, erinnern: das bleibt auch so noch
-ein Rätsel.
-
-Die Wunder des Gila-Tiers sind offenbar noch nicht zu Ende!
-
-Im kürzlich vollendeten Berliner Aquarium, dieser größten neuen
-Sehenswürdigkeit unserer Reichshauptstadt, ist es inzwischen lebend zu
-schauen -- in seiner ganzen Scheußlichkeit gelagert auf einem Stückchen
-künstlichen gelben Wüstenbodens seiner Mondwüste.
-
-
-
-
-Die drei Augen der Blindschleiche
-
-
-Es hat so manches Menschenkind gegeben, dessen wahre Taten im Guten wie
-im Bösen längst vergessen sind, das aber unsterblich fortlebt in dem,
-was von ihm gelogen worden ist.
-
-Von einem der zierlichsten und, wenn man ihn nur genauer besehen will,
-hübschesten Vertreter unserer heimischen Tierwelt gilt in stärkstem
-Maße, daß seit alters sein Ruhm, Name und Wert durchaus nur der Legende
-verdankt wird -- nämlich von unserer Blindschleiche.
-
-Drei Volkslegenden sind es, die sich an sie heften, und alle drei sind
-erstklassiger zoologischer Unsinn.
-
-Eine Schlange soll sie sein, immerhin ein verzeihlicher Irrtum; in
-Wahrheit ist sie eine echte Eidechse, die aber nach Schlangenart ihre
-vier Beine abgeschafft hat und auf dem Bauche kriecht.
-
-Giftig soll sie sein; ich erinnere mich des köstlichen Anblicks, wie
-die sämtlichen Dienstleute eines großen Kuhstalls, ein ganzer Haufen
-starker erwachsener Menschen, unter wildem Lärm mit Stöcken und
-Mistgabeln gegen ein harmlos dahinkriechendes Blindschleichlein zu
-Felde zogen, als gelte es einen Drachen zu erlegen; tatsächlich ist
-diese kleine fußlose Eidechse unserer Heimat sowenig giftig wie die
-andern Echsen, die sich dort am Rain oder auf dem Gemäuer sonnen.
-
-»Blindschleiche« aber heißt der friedliche Geselle, weil die kopflose
-Angst, die vor ihm davonlief, sich nicht Zeit nahm, zu beachten, was
-er für zwar kleine, aber vollkommen wohlentwickelte zwei Äugelchen an
-seinem Eidechsenkopf führt.
-
-Gerade dieser dritte und letzte Irrglaube sollte in neuesten Tagen
-von allen aber noch einmal der eigenartigste, der paradoxeste werden.
-Denn eben diese »Blindschleiche«, der man gar keine Augen angedichtet
-hatte, sollte mit zum besten Exempel werden bei einer höchst
-absonderlichen Entdeckung, die auf dem Gebiete der Sehmöglichkeiten zu
-den großartigsten gehört, die jemals gemacht worden sind.
-
-Die Blindschleiche besitzt nicht nur jene zwei Augen, sondern sie hat
-in Benutzung noch ein drittes, höchst geheimnisvolles Sehwerkzeug, das
-uns Menschen fehlt!
-
-Die erfinderische halbzoologische Sagenphantasie hat ja gern auch mit
-der Zahl der Augen gespielt. Fabelwesen sollten Augen am ganzen Leibe
-haben, wobei vielleicht die vage Kunde von herrlichen Vögeln unter
-ferner Sonne mitspielte, wie dem Argusfasan, dessen Federn augenartig
-aussehende Kugelflecken von berückendem Zauber zieren. Dem Neunauge
-gab die Fischerphantasie »neun Augen«, wobei in Wahrheit Saugmund
-und Kiemenlöcher mitgezählt auf die hohe Ziffer bringen mußten. Das
-groteskeste Bild aber ist der Zyklop, der nur ein einziges Rundauge
-mitten auf der Stirn führen sollte.
-
-Für das einfache bestmögliche Sehen nach vorn ist die Lage unserer zwei
-natürlichen Menschenaugen so gut, daß eine Verlagerung auf die Stirn
-mit Wiederzusammenziehen in ein einziges Auge gewiß nicht als Vorteil
-gelten könnte. Aber unwillkürlich drängt das Zyklopenauge auf etwas
-Drittes.
-
-Angenommen, das gewöhnliche Augenpaar ist neben ihm auch noch vorhanden
-und genügt dem Blick in der Frontlinie; das Zyklopenauge aber rückt
-noch etwas höher von der Stirn bis an die Scheitelwölbung: so entstände
-plötzlich ein sehr großer Vorteil. Ein Wesen mit der Zutat eines
-solchen »Scheitelauges« könnte nämlich (vorausgesetzt, daß es keine
-Hüte trägt) bei Frontstellung auch noch nach oben oder (bei hoher
-Scheitellage) einigermaßen sogar nach hinten sehen. Es beherrschte
-ein weites Sehfeld mehr. In der Bedrängnis des Lebens aber bedeutet
-Mehrsehen (auch den Feind noch sehen, der von oben oder hinterrücks
-kommt) auf jeden Fall eine gute Schutzchance mehr.
-
-Und wieder: was so mehr schützt und nützt, das hat die Natur immer
-gern auch einmal wirklich gemacht. Seltsam also, daß es nicht da,
-dort einmal einen Versuch wenigstens auch im wahren Naturhaushalt
-gegeben haben sollte zu einem »Zyklopenauge« dieser brauchbaren Art
--- wenn nicht bei Menschen, so doch anderswo bei schädelbesitzenden
-Wirbeltieren.
-
-In den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, das
-in der Tierkunde so ungeheure Fortschritte gebracht hat, verbreitete
-sich in engsten Fachkreisen die Kunde, es könne vielleicht wenigstens
-für ferne Urweltstage etwas dahin Gehendes wirklich vermutet werden.
-
-Der ausgezeichnete Anatom Leydig hatte auf dem Scheitel über dem
-Zwischengehirn junger Eidechsen von heute ein kleines Gebilde entdeckt,
-das wie ein verkümmertes Restchen irgendeines ehemals hier sitzenden
-Organs aussah. Andere deuteten es auf das Rudiment irgendeines
-Sinnesorgans. Und man brachte es in irgendeine Verbindung mit einem
-stummelhaften, verkümmerten, durchaus heute rätselhaften Gehirnteil,
-der sogenannten Zirbeldrüse.
-
-Dieser »Gehirnstummel« findet sich noch bei den höchsten Säugetieren,
-ja bei uns Menschen erhalten, und er ist gelegentlich in der
-menschlichen Gehirnforschung interessant oder, besser gesagt, amüsant
-dadurch geworden, daß Philosophen in ihm den Sitz der »Seele« gesucht
-hatten, nach dem Rezept: was wir im Gehirn mit gar keinem Zweck mehr zu
-verbinden wissen, das muß wohl das Uhrrädchen für die »Seele« sein.
-
-Jetzt schien es aber, als sei diese problematische Zirbeldrüse in
-Wahrheit die alte Zentrale am Hirn für irgend etwas, das einmal hier in
-der Scheitelgegend Anschluß gehabt hatte, heute aber zum toten Gleise
-geworden war.
-
-Bei den Säugetieren bis zu uns hatte man noch die Ruine der Zentrale,
-bei den Eidechsen schien selbst das tote Gleis noch als solches
-nachweisbar. Dirigieren und fahren aber tat heute anscheinend nirgendwo
-mehr etwas dort.
-
-Nun aber: die heutigen Tiere sind Enkel der Urweltstiere. Manches,
-das hier heute nur mehr verfallenes Haus, zugemauertes Fenster,
-»rudimentäres Organ« ist, war dort einst noch belebte Burg, offene
-Schau, funktionierender Körperteil.
-
-Findige Vorweltkenner konstatierten also, daß eine ganze Menge der
-berühmten urweltlichen Saurier an ihren erhaltenen Schädeln noch ein
-höchst charakteristisches Scheitelloch gerade an diesem verdächtigen
-Fleck zeigten, so der berühmte Ichthyosaurus, die riesigen,
-seeschlangenhaften Mosasaurier, die säugetierähnlichen Theromorphen vom
-Kapland und andere mehr. Hier könnte ein sehr respektables Organ damals
-gesessen haben -- ein Organ, das damals wohl noch funktionierte in
-irgendeinem entsprechend respektabeln Lebenszweck. Was aber konnte das
-für ein Organ gewesen sein?
-
-Ein Forscher meinte, es sei vielleicht ein besonderes Wärmeorgan
-gewesen, dessen sich diese alten Saurier, wenn sie faul in der
-Tropensonne lagen, bedienten, um gleichsam ein Warnsignal gegen
-Sonnenstich bei zu hoch steigender Scheiteltemperatur zu erhalten.
-
-Das Vorhandensein des Organs gerade bei extrem wasserbewohnenden
-Sauriern (wie dem Ichthyosaurus), andererseits das Fehlen seines Restes
-bei unsern Krokodilen, die mit so besonderer Liebe in der Sonnenglut
-duseln, sprach gegen diese kühne Vermutung.
-
-Dagegen führte die genaue Untersuchung des heutigen Restes, wo er bei
-Reptilien wirklich noch bestand, allmählich mit wachsender Sicherheit
-auf eine andere Spur, nämlich daß es sich um ein Lichtorgan, also ein
-Auge, gehandelt habe. Ein Scheitelauge (Parietalauge, wie der Forscher
-in seiner Sprache sagt), das bei jenem alten Drachenvolk als drittes
-Auge neben den beiden andern irgendwie in Tätigkeit gewesen wäre!
-
-Man konnte an der heutigen Ruine noch mehr oder minder deutlich die
-ursprüngliche Linse und die Netzhaut feststellen, und der alte Sehnerv
-schien in der Tat wenigstens gegen die Nähe der heutigen Zirbeldrüse
-verlaufen zu sein. Besonders wertvoll wurde bei diesen Studien die noch
-auffällig gute Erhaltung des Organrestes bei dem einzigen heute noch
-überlebenden Ursaurier der Triaszeit, der merkwürdigen Brückeneidechse
-(Sphenodon) von Neuseeland.
-
-Längere Zeit machte die Forschung hier halt.
-
-Das »Scheitelauge« kam als Besitztum der Urweltler, an das heute noch
-geringe Reste, obwohl in völlig gebrauchsunfähigem Zustande, gemahnen
-sollten, in alle Lehrbücher, vor allem die am nächsten interessierten
-geologischen.
-
-Bis es dann in jüngster Zeit endlich einem Privatdozenten in Moskau,
-Nowikoff, gelang, die ganze interessante Frage noch einmal neu
-aufzurollen und auf eine unerwartete höhere Stufe zu bringen.
-
-Nowikoff stellte nämlich nichts Geringeres fest, als daß bei unseren
-bekanntesten heimischen Eidechsen, insbesondere unserer Blindschleiche,
-das Scheitelauge auch heute noch gar nicht als unbrauchbarer Rest,
-sondern in energischer Leistung vorhanden ist!
-
-Verdächtig erschien Nowikoff, daß die Bindegewebsschicht, die das alte
-Organ zudeckte, deutlich noch glasartig, also lichtdurchlässig war. Das
-Organ nahm also heute noch Licht in sich auf. Es hatte auch eine Linse,
-wenn schon eine schlechte. Es hatte einen Glaskörper, es hatte eine
-(gar nicht so üble) Netzhaut, und es hatte einen Sehnerv zum Gehirn.
-
-Vor so vollkommenem Apparat mußte die Frage akut werden, ob das lebende
-Tier nicht tatsächlich das einfallende Licht noch »sehend« erfasse --
-heute noch.
-
-Anfangs mißlangen die Versuche, dem gefangenen Tier irgendeine Äußerung
-abzulocken, ob es (bei Verdeckung der Seitenaugen) mit dem Scheitelauge
-mindestens allgemein Licht empfinde. Schließlich aber glückte ein
-anatomischer Beweis.
-
-Auf der Netzhaut der seitlichen Augen trat bei diesen Reptilien (wie
-anderswo) stets eine Änderung einer gewissen Pigmentverteilung ein, je
-nachdem das Auge sehend Licht aufnahm oder im Dunkeln blieb; im Dunkeln
-stellte sich die Netzhaut damit auf möglichste Ausnutzung auch des
-schwächsten Dämmerlichts ein, bei greller Belichtung umgekehrt suchte
-sie etwas abzublenden. Ganz genau die _gleiche_ Reaktion zeigte nun
-die Netzhaut des Scheitelauges: auch sie _regulierte_ automatisch ihre
-Lichtaufnahme, mußte also sehen!
-
-Nach der ganzen Sachlage schließt Nowikoff, daß das »dritte Auge«
-immerhin schlechter sieht als die beiden Seitenaugen. Die schlechte
-Linse gibt wohl keine eigentlichen Bilder der Dinge. Doch unterscheidet
-das Organ noch sehr deutlich Licht und Schatten. Und es unterscheidet
-auch an der verschiedenartigen Reizung der halbkugeligen Netzhaut die
-Richtung und Bewegung äußerer Abwechslungen von Dunkel und Hell.
-
-In diesem Sinne hat das immer geöffnete Scheitelauge für ein
-schwaches, sonst sehr schutzloses Tier, das gern auf hellbelichteten
-Stellen ruht und dabei im Hitzedusel die Seitenaugen schließt,
-immer noch einen ganz gewaltigen Vorteil. Es verrät ihm das Nahen
-lichtabschwächender, anders belichteter, schattenwerfender Körper von
-Angreifern. Man versteht, daß eine fest schlafende Blindschleiche durch
-den Lichtwechsel geweckt wird und sogleich in der entgegengesetzten
-Richtung flieht, wenn sich ein Mensch auch nur von fern ihrem Ort
-nähert. Das Scheitelauge ist nur ein halbes Auge heute, aber es dient
-noch immer einem ganzen Zweck!
-
-Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, daß es bei den urweltlichen
-Sauriern _noch besser_ funktionierte als jetzt. So ist auch bei
-Nowikoffs Studien wieder bestätigt worden, was andere schon vor ihm
-vermutet hatten: es scheint auch an dieser Stelle ursprünglich ein
-Augen_paar_ gelegen zu haben, so daß die echten Urweltler im ganzen
-nicht weniger als vier Augen besaßen. Noch heute bemerkt man hinter
-dem sehenden Scheitelauge einen zweiten Augenrest, der noch enger zur
-Zirbeldrüse anlenkt, aber gegenwärtig wirklich ganz verkrüppelt bleibt.
-Manches in der Lage und dem Gehirnanschluß spricht aber dafür, daß
-ursprünglich auch diese beiden Scheitelaugen _nebeneinander_ anstatt
-hintereinander lagen: erst bei Verkümmerung des einen scheint das
-übrigbleibende sich vorgedrängt zu haben, so daß es jetzt die Spitze
-der Reihe bildet.
-
-Die Sage gab dem Schlangenscheitel ein funkelndes Krönlein. Vielleicht
-ist die Wahrheit doch noch niedlicher, die hier das Haupt eines Reptils
-mit einem feinen Lichtdeuter krönt, dessen Funkeln schutzbringend in
-sein eigenes Gehirn glänzt.
-
-
-
-
-Neues von den Wundern des Olm
-
-
-Wer je einmal durch eine echte, ganz enge Gesteinsklamm -- etwa in
-unserer Sächsischen Schweiz -- gewandert ist, der wird einen gewissen
-beängstigenden Gedanken kennen.
-
-Immer schmaler wird gelegentlich der tief eingesägte Spalt, immer
-kleiner der Ausschnitt Himmelsblau darüber; eine einzige größere
-Felsennase, ein einziger alter Fichtenstamm, der sich dort fast im
-rechten Winkel von seiner zäh in einen Riß der Wand eingeklammerten
-Wurzel dem kargen Licht entgegen abbiegt, scheint die Öffnung schon
-fast ganz versperren zu können. Wie, wenn der Raum oben noch enger
-würde, wenn eine ganz feste Decke sich zusammenschlösse? Dann würde der
-Maulwurfsgang, den das Wasser sich im leicht löslichen, spaltenreichen
-Kreidegestein hier unten genagt, ganz finster liegen. Keine Sonne,
-kein Stern schauten mehr hinein. Kein Baum grünte mehr. Gespenstig nur
-murmelten die schwarzen Wasser durch den schwarzen Tunnel. Wasser, die
-irgendwo in einem abgrundtiefen Loch niederstürzend sich geheimnisvoll
-hier hineingefunden und jetzt Stunde um Stunde in absoluter Finsternis
-dahingingen, im größeren Gewölbe schwarze Seen bildend, im engsten bis
-zur Decke den ganzen Schacht erfüllend.
-
-Es ist die wahre Situation der unterirdischen Höhlenflüsse und gänzlich
-geschlossenen Höhlenklammen des Karstgebirges im adriatischen
-Küstengebiet Österreichs, was die ängstliche Phantasie sich hier
-ausmalt.
-
-Das wühlende, den morschen Stein zerfressende Wasser hat dort nicht
-bloß von oben Rinnen und Kessel getieft: es hat ganz im Unterirdischen
-selbst Labyrinthe angelegt, die nur bei künstlichem Licht besucht
-werden können.
-
-Als zum erstenmal eine Sage im Lande von diesem Tartarus der Tiefe
-entstand, knüpfte sich aber gleich auch der Glaube an scheußliche
-Drachenbrut daran, die da unten hausen sollte. Wir denken heute mit
-einigem Lächeln, aber doch auch etwas unwillkürlichem Gruseln an
-Jules Vernes Erfindung, daß in solchen nachtverhangenen Urwassern
-des Erdengrundes noch die Ichthyosaurier der Urwelt fortlebten.
-Davon ist nun leider nichts wahr gewesen. Aber ein Tier vom alten
-amphibisch-reptilischen Drachenstamm, soweit ihn auch der Naturforscher
-kennt, wurde wirklich in der Folge da drinnen im schwärzesten Styx
-gefunden, ein körperlich kleines Geschöpf, aber darum vielleicht das
-größte Tierwunder unseres ganzen Erdteils.
-
-In unseren offenen Gebirgsklammen begegnet man auf dem feuchten Moos
-wohl jenem wie schwarzes Leder mit goldgelben Pusteln glänzenden
-Feuersalamander. Dieser ebenfalls kleine, aber sagenumwobene
-Drachenverwandte liebt Regen und Nässe, aber in seinem gewöhnlichen
-Lebensbrauch ist er doch ein Landtier und Freiluftatmer. Nur
-seine Wiege steht im reinen Wasser. Dort macht er, ehe er als das
-schwarzgoldene Wappentier ans Ufer kriecht, ein Kinderstadium
-der zierlichen Wasserlarve durch, die mit einem Ruderschwanz
-dahinschwänzelt, erst nach und nach Beinchen bildet und am Halse
-jederseits wie einen kleinen Federbüschel noch die Kiemen des echten
-fischhaften Wasseratmers führt.
-
-Einer solchen Molchlarve nun, die aber überhaupt nie zum Landtier
-wird, ewig im Wasser, und zwar im schlechterdings finsteren der
-unterirdischen Karsthöhlen verharrt, gleicht das Wunderwesen von
-Adelsberg -- der Olm.
-
-Langgestreckt wie ein Wurm oder Aal ist des Olms Gestalt, mit
-spatelförmiger Langschnauze und vier winzigsten Beinchen. Wie
-neueste Forschung lehrt, ist das eine Anpassungsform seines Leibes,
-entsprechend der Gewohnheit, sich am Boden des Seichtwassers seiner
-Höhlenschlünde in den nachgiebigen Schlamm einzugraben, wobei die
-Schnauze bohrt und die Beinstummelchen bloß nachschieben.
-
-Das »Menschenfischlein« nennen ihn die Grottenfischer, denn dieser
-Wurmleib ist fleischfarben-farblos, ohne dunklere Pigmentschicht wie
-ein nackter europäischer Mensch: eine Wirkung der ewigen Nacht.
-
-Mit Staunen aber sahen die ersten wissenschaftlichen Olmforscher
-diese Nacht auch waltend noch in einem ganz besonderen Zuge seiner
-Organisation. Sven Hedin erzählt uns von den büßenden Einsiedlern in
-Tibet, die sich bei karger Nahrung vierzig und mehr Jahre in dunkler
-Zelle einschließen lassen; als solcher Eremit im Alter noch einmal
-ans Licht gekommen, sei sein Auge farblos und blind gewesen. Und ein
-ähnlicher Kerkerheiliger erscheint uns auch der Olm.
-
-Beim erwachsenen Tier erweist sich das Auge als verkümmert, die Linse
-fehlt, und ihr Platz ist durch eine Wucherung der Netzhaut ausgefüllt,
-während gleichzeitig die äußere Körperhaut in voller Dicke das ganze
-Auge bedeckt, ihm also dauernd den Charakter eines »geschlossenen
-Auges« ohne Möglichkeit eines Lidaufschlagens verleiht.
-
-Seit über hundert Jahren bemüht sich die Wissenschaft jetzt um diesen
-Olm und seine Wunder.
-
-Nur einen einzigen Genossen auf der großen Erde hat er hinsichtlich
-seiner Lebensweise in der Zeit bekommen: beim Anbohren eines
-artesischen Brunnens in Texas in Nordamerika kam gelegentlich auch dort
-rein zufällig ein olmartig blinder, farbloser Höhlenlurch, ~Typhlomolge
-rathbuni~, zutage, ohne daß sich doch aus dieser Entdeckung bisher viel
-weitere Aufschlüsse ergeben hätten. Der systematischen Stellung nach
-schloß sich dieser Amerikaner nicht an den Olm selbst, sondern die
-unten noch zu besprechenden lungenlosen Spelerpesmolche an.
-
-Die außerordentliche Schwierigkeit, die aus der ganz absonderlichen
-Lebensart dieser Höhlengäste zu erwachsen schien, wollte lange den
-Fortschritt unserer Olmkenntnis trotz eifrigster Arbeit immer wieder
-lähmen. In letzter Zeit aber ist das nun doch endgültig anders
-geworden. Zu Wien, mitten im lustigen Prater mit all seinen Wurstbuden
-und Schießbuden und Schaukeln steht ein stilles Haus, das der
-bedeutsamsten Forschung geweiht ist: die Biologische Versuchsanstalt.
-In eifriger Feinarbeit werden dort durch das Experiment am lebendigen
-Tierkörper Fragen an die Natur gestellt. Ob erworbene Abänderung der
-Färbung sich vererbe, ob ein in der freien Natur fest eingebürgerter
-Instinkt sich umzüchten lasse unter künstlich veränderten Bedingungen
-und ob auch das schon vererbungsfähig sei und so weiter. Hinter dem
-Ganzen steht als treibende Idee wesentlich jene Forschungsart, die
-von dem großen Physiologen von Halle, Wilhelm Roux, als sogenannte
-»Entwicklungsmechanik« mit wachsendem Glück begründet worden ist.
-Erstaunlich über alle Erwartung scheinen auch die Erfolge schon des
-kleinen Hauses im Prater, insbesondere durch die rastlose Tätigkeit
-Paul Kammerers dort. Und vor dem planmäßigen Angriff Kammerers hat nun
-neuerdings auch der kleine zähe Finsterling, der Olm, endlich einiges
-mehr von seinen Geheimnissen ausplaudern müssen.
-
-In einer alten Zisterne des Hauses, das ursprünglich öffentlichen
-Aquariumszwecken gedient hatte, wurde gewissermaßen eine künstliche
-Adelsberger oder Kanzianer Grotte geschaffen. Fünf Meter wenigstens
-taucht man auch hier unter den sonnigen Praterboden in einen schwarzen
-nassen Schlund hinab, den nur ein rotes Glühlämpchen gespenstisch
-erhellen darf, und den Schreiber dieser Zeilen, der nicht eben der
-geschickteste Kletterer auf schlüpfrig-schwindligem Terrain ist, mutete
-der Besuch schon einigermaßen wie eine wirkliche Höhlenpartie an.
-
-Was aber sonst nicht immer als bauliches Ideal gelten dürfte, wird da
-drunten zum Segen: durch die gemauerte Decke tropft das Sickerwasser
-so reichlich, daß es schon zu richtigen Stalaktitenbildungen gekommen
-ist, von unten aber überschwemmt das Grundwasser beständig den defekten
-Zementboden. Das verdunstende Wasser hält die Luft sozusagen im Bad,
-ewige natürliche Finsternis waltet, keine Erschütterung bewegt den
-Spiegel, und die Temperatur bleibt unabhängig von allem Wechsel der
-Jahreszeiten bei 12 bis 14 Grad Celsius.
-
-Als menschliches Gefängnis wäre das die greulichste Folterkammer,
-vergleichbar der römischen, wo sie den Sonnenkönig Jugurtha einst
-verschmachten ließen. Der Olm aber findet hier sein Paradies. Hier
-läßt er sich in vollkommener »Naturtreue« studieren, womit zugleich
-dann für abändernde Experimente in oberirdischen, erhellten und anders
-temperierten Aquarien die nötige Kontrolle gegeben ist.
-
-Das erste, was Kammerer enträtselte, war die Fortpflanzungsgeschichte
-des Olm. Die Grottenführer in Adelsberg und St. Kanzian hatten stets
-behauptet, der Olm bringe lebendige Junge zur Welt. Eine älteste,
-genau protokollierte Beobachtung schien das zu bestätigen. Andere
-Befunde aber widersprachen ebenso entschieden. In den achtziger
-Jahren des neunzehnten Jahrhunderts erlebte eine höchst vorzügliche
-wissenschaftliche Beobachterin, Fräulein von Chauvin, daß ihre Olme
-im Aquarium Eier legten, und ein anderer Forscher sah aus solchen
-Eiern auch die jungen Tiere hervorgehen. Neuerdings aber war in einem
-solchen Aquarium rein unbegreiflicherweise auch wieder vorgekommen,
-daß ein Weibchen statt der zahlreichen Eier einen einzelnen, schon
-recht stattlichen Olm lebendig zur Welt gebracht hatte. Findige Köpfe
-hatten also schon die Vermutung aufgestellt, es gebe zwei verschiedene
-Olmarten, die sich in dem Punkte entgegengesetzt verhielten. Kammerer
-konnte dagegen jetzt folgendes als sicher festlegen.
-
-Die Fortpflanzungsform des Olm ist abhängig von der Temperatur
-des Wassers, in dem man ihn hält. Hielt man ihn bei weniger als
-15 Grad Celsius (also in der besagten unterirdischen Zisterne der
-Versuchsanstalt), so brachte er unter allen Umständen lebende Junge
-zur Welt und zwar normalerweise nur je zwei, die bereits ziemlich groß
-waren und schon alle vier Beine besaßen. Diese zwei hoffnungsvollen
-Sprößlinge hatten sich bereits im Mutterleibe als die alleinigen Sieger
-bewährt, indem sie den ganzen nicht entwickelten Rest der Eier dort
-einfach aufgefressen hatten, ein Kampf ums Dasein und embryonaler
-Kannibalismus schon vor der Geburt, den man nur mit einigem Grausen
-verzeichnet!
-
-Hielt man den Olm dagegen in Aquarien mit Wasser, das wärmer war als 15
-Grad Celsius, so legte er ebenso konsequent stets Eier und zwar diesmal
-bis zu 60 an der Zahl, aus denen entsprechend viele noch fußlose Junge
-erst nachträglich auskrochen; diese Jungen dauernd am Leben zu erhalten
-gleich den anderen, gelang aber nicht.
-
-Und schon letzteres deutete darauf, wo der _natürliche_ Fall liegt: in
-ihren heimischen Grotten entspricht die Temperatur stets nur der in
-der Wiener Zisterne -- der Olm bringt also auch dort unabänderlich nur
-seine zwei lebendigen Jungen hervor, während das Eierlegen nur eine
-Aquariumskünstelei ohne weiteren Erfolg ist.
-
-Daß es sich nicht um zwei verschiedene Arten des Olm handeln kann,
-wurde ebenso evident, als bei Kammerers Versuchen ein uraltes, schon
-über zwanzig Jahre in der Gefangenschaft gehaltenes Olmweibchen zuerst
-im warmen Becken Eier legte und dann selber, in die kühle Zisterne
-zurückversetzt, dort wieder zwei lebendige Jung-Olme brachte. Licht
-oder Dunkelheit beeinflußt die ganze Sache nicht. Wohl aber beginnen
-hier für sich wieder interessante Versuche Kammerers, die jetzt die
-persönliche Abänderung des künstlich belichteten Olms betrafen.
-
-Wenn man erwägt, daß die Olme doch höchstwahrscheinlich schon seit
-Jahrtausenden Generation um Generation ihr Wesen in stygischer
-Finsternis treiben, so wäre es wahrlich naheliegend, zu denken, daß ein
-erzwungenes Leben im hellen Licht jeden Olm notwendig töten müsse. Das
-gerade Gegenteil ist der Fall.
-
-Will man den Olm in seinen Naturbedingungen studieren, so muß man
-ihn natürlich möglichst dunkel halten. Man _kann_ ihn aber ebensogut
-ans Tageslicht gewöhnen. Bloß bekommt er dann Pigmenteinlagen in der
-Haut: das heißt, er wird nach einer gewissen Zeit individuell aus
-einem Weißen zum Neger mit dunkler, zuletzt blauschwarzer Haut. Diese
-Umfärbung vererbt sich bei richtiger Stärke auch auf die Jungen, und
-zwar auch dann, wenn diese Jungen selber wieder im Dunkeln geboren
-worden sind und sich dort entwickelt haben -- wobei im Sinne moderner,
-sehr kniffliger Vererbungstheorien allerdings noch offen bleibt, ob
-hier ein echter Fall von Vererbung einer erworbenen Elterneigenschaft
-vorliegt oder ob die Lichtstrahlen, die den Elternleib äußerlich
-schwärzten, durch ihn hindurch auch schon die Eier und mit ihnen alles,
-was je daraus werden sollte, für immer mitgeschwärzt hatten. Viel
-wunderbarer als dieses erzwungene Negertum aber ist, was Kammerer
-durch Belichtung beim Olm_auge_ erzielte.
-
-Wie gesagt, ist das im Finstern unbenutzte Auge des erwachsenen Olms
-hochgradig verkümmert; es entspricht in unserem normalen Menschensinne
-einem linsenlosen, höchst defekten und ewig im Lid geschlossenen Auge.
-Beim neugeborenen Jung-Olm ist das nun noch nicht ganz so. Das Auge
-ist hier schon äußerlich deutlicher, erscheint als schwarzer Punkt;
-innerlich besitzt es noch eine Linse, und es ist noch nicht so dick
-von der Haut überwachsen. Man hat den Fall wie so oft: das Jungtier
-spiegelt noch deutlicher die Ahnenstufe, die einmal für das Leben im
-Licht taugliche Augen besessen hatte, während das erwachsene Dunkeltier
-das Auge mehr auf der jetzt gültigen Stufe des Nichtgebrauchs
-verkümmert weist. Kammerer stellte sich nun als Problem, was wohl mit
-dem Auge werde, wenn man solche Jung-Olme im hellen Licht erzöge.
-
-Der Versuch ergab zunächst eine Schwierigkeit. Die rasch im Licht
-einsetzende Negerfärbung verdunkelte nämlich auch das schwache Häutchen
-des Jungauges sofort so, daß eine tiefere Lichtwirkung darunter nicht
-ferner möglich wurde. Alsbald aber half die Entdeckung, daß das Licht
-einer roten Lampe nicht zu jener dunkeln Pigmentbildung führt, so daß
-durch geschickte Abwechslung mit solchem roten Licht wenigstens der
-Hauptschaden beseitigt werden konnte. Jetzt aber ergab sich das in
-dieser Stärke denn doch überraschendste Resultat.
-
-Junge Olme wurden während der ersten fünf Jahre ihres Lebens konsequent
-in dieser Weise belichtet. Im ersten Jahre verharrten ihre Augen
-einfach auf dem Jugendstadium, ohne sich in der sonst hier schon
-eintretenden Weise weiter rückzubilden. Im zweiten Jahre schwoll das
-Auge unter seiner Haut merkbar an. Im dritten wölbte es die ganz
-dünn gewordene Deckhaut uhrglasartig vor. Im vierten schien eine
-unverkennbare Hornhaut entstanden zu sein. Im fünften Jahre wurden
-die Augen automatisch genau untersucht, und es zeigte sich folgender
-Sachverhalt.
-
-Die Deckhaut war so verdünnt, daß das Auge fast vollkommen an die
-Oberfläche gerückt war. Die reine Größe des Augapfels hatte sich um
-mehr als das Doppelte des im Finstern normalen Maßes verstärkt. Über
-die Existenz einer Hornhaut konnte kein Zweifel sein. Geblieben, nicht
-wie sonst stets beim erwachsenen Olm rückgebildet, war die Linse;
-im Gegensatz zum Jugendstand hatte sie sich vielmehr noch um das
-Achtzehnfache an Länge vergrößert. Als eine völlige Neubildung, die
-noch nie, weder bei einem jugendlichen noch bei einem alten Olmauge,
-sonst gesehen worden war, hatte sich aber sogar ein Glaskörper
-entwickelt. Ebenso war eine Iris jetzt da, die eine deutliche Pupille
-umschloß. Die Netzhaut war flächenhaft ausgebreitet und verdünnt, wobei
-die Sehzellen gleichzeitig eine beträchtliche Vervollkommnung erfahren
-hatten.
-
-Mit einem Satz: man hatte ein _Lichtauge_ vor sich statt eines
-Dunkelauges.
-
-Entspricht der fertige Olm im ganzen einer kiemenatmenden Larve unseres
-Feuersalamanders, so kann man sagen: diese neuen Augen des Lichtolms
-entsprachen ebenfalls jetzt den zum dauernden, lebenslänglichen Sehen
-bestimmten Augen einer solchen Feuersalamanderlarve.
-
-Über den Grad der Sehfähigkeit selbst wagte Kammerer anfangs kein
-Urteil, doch scheinen die neuesten Experimente die Bestätigung zu
-bringen, daß dem fertigen Apparat schließlich eben auch der Gebrauch,
-den man erwartet, wirklich zukommt. Und so schenkt uns das glänzende
-Gelingen des ganzen Versuchs eigentlich einen neuen Olm: eine Lichtform
-des Dunkelmolchs, die nicht mehr auf die finstere Grotte eingestellt
-ist, sondern sich vollwertig neben die anderen Molche in diesem Punkte
-fügt -- die in jedem sonnendurchglänzten Teich ebensogut leben könnte
-wie irgendeine unsrer kiemenatmenden Lurchformen sonst.
-
-Man ahnt aber, daß, was der Experimentator hier künstlich vollbracht
-hat, auch die Natur wohl auf ähnlichen Wegen aus dem so bildsamen
-Geschöpf hätte herausarbeiten können -- etwa wenn die dunkeln Decken
-seiner Grotten sich gelegentlich durch irgendeine geologische Wandlung
-wieder zur offenen, belichteten Klamm aufgetan hätten.
-
-So schauen wir auf wirkliche Möglichkeiten geschichtlicher Umwandlungen
-der Arten, und der schlichte Einzelversuch erhebt sich bis zu der Höhe
-umfassendster biologischer wie philosophischer Fragen.
-
-
-
-
-Die unsterbliche Amöbe
-
-
-Der treffliche Burmeister, eine Prachtgestalt älteren deutschen
-Gelehrtentums von echtem Schrot und Korn und ein Original dazu,
-war in späteren Jahren dauernd nach Südamerika übergesiedelt, ganz
-eingesponnen dort in seine Studien über das heutige kleine und das
-ehemalige Riesengetier dieses seltsamen Stücks Erde. Als jüngere
-deutsche Freunde ihn dort besuchten, mit ihm beim goldenen Wein saßen
-und etwas verwundert waren, den uralten Patriarchen immer noch so
-rüstig als Pionier auf der Schanze zu finden, meinte er wohl launig:
-seine geistige Unsterblichkeit sei ihm ja ein Problem, aber woran er
-nachgerade wirklich glaube, das sei seine körperliche Unsterblichkeit.
-
-Der alte Herr hat zuletzt doch auch diese äußerste Forschungsreise
-antreten müssen. An seinen Ausspruch aber muß ich denken bei einer
-wissenschaftlichen Streitfrage, die jetzt auch schon über rund dreißig
-Jahre zurückgeht.
-
-Es war zu einer Zeit damals, als in der Naturphilosophie gerade einmal
-besonders lebhaft wieder über geistige Unsterblichkeit debattiert
-wurde. Da aber kam einer der allerbesten Köpfe unter den strengen
-Fachnaturforschern (kürzlich hat auch er auf die große dunkle Wanderung
-müssen) und stellte ganz friedlich den Satz auf: auf jeden Fall gebe es
-auf unserem merkwürdigen Planeten körperlich unsterbliche Wesen.
-
-Nicht der Mensch gehöre dazu, von dem das schwermütige polynesische
-Liedchen singt, daß die Palme wachse, die Koralle sich breite, er aber
-dahingehen müsse. Auch die Palme nicht und die Koralle nicht. Wohl aber
-ein unsichtbares Reich, das lange in der Phantasie der Völker geradezu
-mit Gespenstern bevölkert worden war.
-
-Wenn früher die Pest oder eine ähnliche Masseninfektion durch die
-Kulturmenschheit ging, so erschien sie wie ein böser Dämon, der
-uns heimsuchte. Unsere Zeit hat diesen Dämon entlarvt. In unseren
-Mikroskopen hat er sich als jenes Heer kleinster der kleinen,
-einfachster der einfachen Lebewesen ausweisen müssen, als Geschöpfe vom
-Bakterien- und Infusorienschlage.
-
-Wir wissen jetzt, daß es auf unserer Erde zwei Hauptgruppen lebendiger
-Organismen gibt: die einen, zu denen alle höheren Pflanzen wie Tiere
-gehören, zusammengesetzt aus vielen, oft unfaßbar vielen Zellen; die
-anderen zeit ihres Lebens nur bestehend aus einer einzigen solchen
-Zelle. Unter diesen »Einzellern« aber befinden sich jene Massenmörder,
-Massengifter, die bei jenen Krankheiten gegen uns wüten und deren wir
-gerade jetzt in den schlimmsten Fällen Herr zu werden beginnen oder
-doch hoffen.
-
-Eben von diesen Einzellern aber stellte nun der große Forscher August
-Weismann den verblüffenden Satz auf: sie hätten vor all den sonst so
-viel höher entwickelten Vielzellern doch ein ungeheures voraus: nämlich
-die Gabe körperlicher Unsterblichkeit.
-
-Was kein Stein der Weisen, kein wundertätiger Quell Bimini uns jemals
-hatte geben können, das sollte jede armselige mikroskopische Amöbe
-besitzen seit Urtagen irdischen Lebens!
-
-An sich ist wohl kaum je etwas Verblüffenderes streng wissenschaftlich
-behauptet worden. Noch verblüffender aber wirkte die schlichte
-Logik der Beweisführung, die ihren Faden vom allereinfachsten und
-bekanntesten Sachverhalt zu spinnen schien.
-
-Zunächst durfte man die Behauptung selbst ja nicht verkehrt fassen.
-
-So ein Bazillus oder eine Amöbe oder ein Malariaparasit sind nicht
-einfach todesfest im Sinne, daß man sie nicht gewaltsam umbringen
-könnte. Sonst stände es schlimmer als schlimm um den großen Feldzug
-unserer heutigen Medizin. Natürlich kann man auch sie gewaltsam
-vergiften, verbrennen und so weiter. Was aber Weismann meinte, ist, daß
-solcher Einzeller keinen _natürlichen_ Tod kenne.
-
-Wir alle wissen um den gewöhnlichen, den so oft als tragisch
-empfundenen Hergang bei dem höheren Wesen. Es wächst auf, es erreicht
-eine gewisse Blüte seines Lebens -- dann, nach einer rund abgemessenen
-Zeit, altert es wieder und stirbt endlich, auch wenn keinerlei
-Gewalt es bedroht hat; inmitten auch des höchsten Glücks endet es an
-Altersschwäche wie eine abgelaufene Uhr. Wohl mag es auf der Höhe
-seiner Tage eine neue, lebenskräftige, wieder junge Generation von sich
-haben ausgehen lassen, aber der neue, morgenfrische Aufstieg dieser
-jungen Welt des Kindes ändert nichts an dem Altern und Sterben des
-Vaters, der Mutter. So ist es bis zu uns. Der große Held, die edelste
-Frau, der geniale Forscher oder Künstler, der Krösus und der Bettler:
-sie schrumpfen und verfallen endlich wie ein welkes Blatt, wenn ihre
-gewisse kurze Spanne erfüllt ist.
-
-Ganz anders aber bei der Amöbe.
-
-Auch ihr Leib, der nur aus einer Zelle besteht, wächst zunächst frisch
-ins Leben hinein. Wenn ihm dieses Leben aber sonst kein besonderes
-gewaltsames Ungemach bringt, so ist der weitere normale Verlauf, daß
-dieser Leib auf der Höhe seiner Reife und Gesundheit sich einfach in
-zwei lebendige Hälften teilt, von denen jede sich alsbald wieder zu
-einem vollkommenen Geschöpf auswächst. Die so entstandenen zwei Amöben
-stellen die Kinder dar, die das alte Leben mit frischer Kraft beginnen.
-Zugleich aber ist das elterliche Wesen restlos in sie aufgegangen: es
-ist keine Mutter etwa geblieben, die jetzt zu Altern und Tod bestimmt
-wäre -- keine Leiche liegt auf dem Plan.
-
-Die beiden Jungamöben aber werden es zu ihrer Zeit genau ebenso wieder
-machen, werden wieder teilen und damit restlos in ihr Jungbad gehen,
-ohne daß jemals ein natürlicher Tod sich einstellte.
-
-Wenn nur einmal im Anfang der Zeit Leben auf der Erde entstanden ist
-und die heute noch lebenden Amöben die Nachkommen der damals schon
-gebildeten sind, so hat sich in Wahrheit in ihnen kraft dieser Methode
-leibliches Leben bereits über hundert und mehr Millionen Jahre fort
-weitergegeben ohne Todesriß.
-
-Im einzelnen mag die Teilung selbst komplizierter sein, als man sich
-früher dachte, auch recht verschiedenartig bei den verschiedenen
-Einzellertypen, aber das Schlußergebnis bleibt immer das gleiche:
-die körperliche Unsterblichkeit. Unfaßbar viele Pechvögel des
-Einzellervolkes mögen auch in jener langen Zeit gewaltsam ihr Ende
-gefunden haben. Aber die zahllosen, die noch immer überleben, überleben
-auf Grund dieser Unsterblichkeit.
-
-Der verblüffende Gedanke war aber kaum ausgesprochen, da begann auch
-schon das hitzigste Turnier um ihn. Den meisten erschien er zu paradox,
-als daß er wahr sein könnte.
-
-Ein erster Gegenstoß ging davon aus, daß bei solcher restlosen
-Aufteilung einer alten Amöbe in zwei verjüngte doch die alte
-Individualität sich auflöse, also gewissermaßen mit ihr doch etwas
-sterbe.
-
-Aber diese Individualitätsfrage führt strenggenommen schon ins
-seelische Gebiet, und Weismann hatte sehr geschickt immer nur von der
-körperlichen Unsterblichkeit gesprochen. Mit der »Individualität«
-erlebt man ja auch bei so manchen schon etwas höheren Tieren noch
-die sonderbarsten Sachen. Noch einen Süßwasserpolypen kann ich in
-zwölf Schnitzelchen zerhacken, und jedes Schnitzelchen ergänzt sich
-prompt zu einem ganzen neuen Polypen; jetzt was ist auch hier mit der
-Individualität des alten Polypen geschehen? Unser Denken kommt da
-einstweilen nicht durch.
-
-Gewiß aber ist, daß der alte Polyp, körperlich genommen, dabei nicht
-getötet worden ist, denn zum Tode gehört eine Leiche, und keines der
-zwölf Hackstücke ist als Leiche liegengeblieben. Genau so fehlte aber
-die Leiche bei unserer Amöbe.
-
-Vorsichtigere Kritiker wagten sich denn auch nicht auf dieses heikle
-Gebiet, sondern versuchten einen wesentlich substantielleren Weg, um zu
-prüfen, ob Weismanns Idee selber unsterblich sei: sie rückten ihr mit
-dem unmittelbaren Experiment auf den Leib.
-
-Wenn Weismann recht hatte, durfte sich auch in einer unabsehbaren Kette
-genau kontrollierter Einzellergenerationen niemals ein natürliches
-Altern, ein Altersverfall einstellen, der endlich doch noch zum
-körperlichen Zusammenbruch dieser Kette führte.
-
-Der Franzose Maupas züchtete also Hunderte von Generationen eines
-gewissen Infusoriums und kam zunächst zu einem höchst bedenklichen
-Resultat.
-
-Die betreffenden Liliputaner teilten anfangs glatt, teilten wieder und
-wieder, als liefe die Sache anstandslos auch hier in die Ewigkeit.
-Aber nach einer Weile fielen sie ab, degenerierten, gerieten in
-greisenhaften Stillstand, der das Ganze unvermeidlich doch noch auf den
-Tod losführte.
-
-Hätte man das Experiment hier für immer abgebrochen, so wäre Weismanns
-Idee für immer widerlegt gewesen, die Leiche im Spiel war gefunden,
-wenn sie auch erst nach hundert und mehr Teilungen erschien.
-
-Aber Maupas mußte einen weitereren Sachverhalt feststellen, der alles
-wieder umwarf.
-
-Wenn man diese Infusorien nicht unter unnatürliche Bedingungen brachte,
-sondern sich selbst überließ, so fanden sie, ehe noch jener scheinbare
-Altersverfall sich geltend machte, aus eigener Kraft ein untrügliches
-Mittel, ihm vorzubeugen.
-
-Nach einer Reihe einfacher Teilungen veränderten sie nämlich plötzlich
-ihr Fortsetzungsprinzip: sie verschmolzen zu je zwei und zwei, und
-wenn jetzt aus dieser Mischzelle neue Teilungen weiter erfolgten, so
-bewährten diese erneut die alte Jugend ohne jede senile Gefahr.
-
-Der Vorgang war an sich sehr interessant, weil er schon eine Vorstufe
-des Prinzips darstellte, das nachher im Liebesleben der höheren Tiere
-und Pflanzen eine so kolossale und entscheidende Rolle spielen sollte.
-Zur Sache zeigte er aber eine Regulierung, die Weismanns Idee erneut
-glänzend zu rechtfertigen schien: denn ob nun Teilung oder Mischung: es
-blieb dabei, daß keine Leiche das Spiel unterbrach.
-
-Emsigste Kritiker wurden indessen nicht müde, nach dieser »Leiche«
-weiter zu suchen.
-
-Der Mischungsvorgang, hochinteressant wie er war, wurde selbst enger
-aufs Korn genommen.
-
-Es zeigte sich, daß die verschmelzenden Infusorien gleichsam einen Teil
-ihres Eigengerüstes dabei abbrachen und erst neu wieder aufbauten.
-Dieses Abbrechen wurde als versteckte Leichenbildung gefaßt, als sterbe
-in jedem der beiden Geschöpfchen gleichsam seine eine eigene Hälfte
-erst ab, ehe die andere zu neuer Lebenskraft sich mit der anderen von
-drüben vereinige -- ein unsagbar raffiniertes Durcheinanderspiel von
-Liebe und Tod fast im gleichen Moment.
-
-Die Frage, ob das nicht wieder zu spitzfindig ausgelegt sei, machten
-aber erneute Massenexperimente belanglos.
-
-Calkins züchtete abermals lange Infusorienkulturen und konnte wiederum
-feststellen, daß nach einer gewissen Kette einfacher Teilungen
-die Lebenskraft haperte und die Uhr, bildlich gesprochen, anfing
-nachzugehen. Zur neuen Regulierung auf das richtige Tempo bedurfte
-es aber, so wurde diesmal offenbar, nicht immer jener Mischung von
-Individuen. In vielen leichteren Fällen genügte Abänderung der Nahrung
-und ähnliches schon.
-
-Von da aber war nur noch ein kleiner Schritt zu der Möglichkeit
-überhaupt, das Senilwerden der Teilgenerationen auch durch reine
-Sorgfalt der Pflege und systematische Abwehr störender Außeneinflüsse
-dauernd zu verhindern. Und auch diese Möglichkeit ist, soweit
-menschliches Ermessen zurzeit reichen kann, inzwischen von Jennings und
-Woodruff wirklich erwiesen worden.
-
-Sie haben Infusorien durch 2500 Generationen gezüchtet und
-kontrolliert. In diesem Falle trat weder Altersverfall ein noch
-Vermischung. Angemessene Diät, die jede Störung der Lebenshaltung
-ausschloß, genügte offenbar allein zur Selbstregelung der Lebensuhr.
-Man konnte natürlich annehmen, daß bei der millionsten oder billionsten
-Generation doch noch die Dinge haperten. Aber diese Annahme wäre eine
-durchaus willkürliche, die einstweilen dem schlichten Sachverhalt nicht
-entspricht.
-
-August Weismann ist also bis zu seinem Tode der Ansicht geblieben,
-daß er trotz aller Fehden das Spiel gewonnen habe. Der Sieg seiner
-Grundthese bedeutete für ihn aber zugleich Sieg einer Folgerung, die er
-daran geknüpft.
-
-Wenn die einzelligen Wesen noch keinen natürlichen Tod kennen und
-kannten, so muß dieser Tod also erst innerhalb der organischen
-Entwicklung bei den vielzelligen Wesen entstanden sein. Er wäre keine
-Ureigenschaft des Lebens, sondern erst eine spätere Zutat. Was aber
-könnte diese »Zutat« bewirkt haben? Eine unheimlich gewaltige Frage!
-
-Weismann war aber nun der Ansicht, daß unser menschliches Denken
-so konstruiert sei, daß es rein wissenschaftlich alle solche
-Entwicklungsfragen in der Natur nur lösen könne nach dem Begriff
-»Nützlich« oder »Unnützlich«.
-
-Bei den höheren Pflanzen und Tieren ist jenes Amöbenprinzip, das
-elterliche Wesen restlos in die Jungen ausgehen zu lassen, verworfen
-worden. In der Reife ihres Lebens produzieren sie bloß noch Keimzellen,
-aus denen die junge Generation erwächst. Sie selbst bleiben auch danach
-noch selbständig stehen. Warum leben auch sie als Eltern aber nun nicht
-unsterblich fort?
-
-Weil sie fernerhin überflüssig für die Erhaltung der Art sind,
-meint Weismann. Alles Überflüssige ist aber zuletzt unnützlich im
-Naturhaushalt und wird im Daseinskampfe endlich weggezüchtet, Jede
-Funktion und jedes Organ schwinden, wenn sie für die Erhaltung der
-betreffenden Lebensform überflüssig werden.
-
-Franz Doflein, nach dem Rücktritt des ehrwürdigen alten Meisters jetzt
-Weismanns Nachfolger auf dem Freiburger Lehrstuhl für Zoologie, hat
-dagegen versucht, der Grundthese eine freundlichere Konsequenz für uns
-selbst zu geben.
-
-Wenn das Altern und der Tod keine Grundeigenschaften aller lebendigen
-Substanz sind, sondern bloß eine mehr oder minder äußerliche Zutat, die
-(wie jene Infusorienexperimente zu beweisen scheinen) wesentlich doch
-nur eine Abnutzungserscheinung durch Ungunst der äußeren Verhältnisse
-im unmittelbaren Effekt darstellt, so ließe sich ein erneutes änderndes
-Eingreifen durch unsere Intelligenz denken. Es werde zwar ein Phantom
-bleiben, das Menschenleben ins Unendliche zu verlängern. »Aber indem
-durch genaue Erforschung eine Anzahl der günstigen Bedingungen
-ausfindig gemacht werden und für ihre Wirksamkeit während der
-Entwicklung des Lebens des Individuums gesorgt wird, während möglichst
-viele Schädigungen ausgeschaltet werden, muß es möglich sein, die
-Abnützung des Körpers hinauszuschieben, seine Leistungen länger auf der
-Höhe zu erhalten und das Leben als Ganzes zu verlängern.« In diesem
-Sinne seien die bekannten Ideale Metschnikoffs von einer gewissen
-Verlängerung des individuellen menschlichen Lebens wirklich würdige
-Ziele für den Forschergeist.
-
-In der Tat ist ja kein Zweifel, daß sich beim Menschen, selbst wenn
-wir auch ihn in diesem Zusammenhang als bloßes Naturprodukt unter dem
-Nützlichkeitssinn ansehen wollen, an dieser Stelle wieder etwas ganz
-entscheidend verschoben hat.
-
-Der »Nutzwert« des Individuums auch über den Neuzeugungsakt hinaus ist
-schier ins Unendliche bei ihm gestiegen.
-
-Schon im höheren Tier überhaupt sehen wir die Bedeutung des noch
-eine Weile fortlebenden Elterntiers zum Schutz der Jungen und damit
-der Art rapid zunehmen. Im Menschen treten dazu aber nun die enormen
-Fortschrittsleistungen des Einzelnen für das Ganze, die unabhängig von
-aller körperlichen Fortpflanzung in Forschung, Kunst, Gemeinarbeit
-jeder Art, in Vorbildlichkeit des Charakters und so fort sich bewähren
-und durch Lehre, Tradition, geleistetes Werk selbständig fortzeugend
-in einer anderen Linie für sich weiter wirken. Von einem »fernerhin
-Überflüssigen« in Weismanns Sinne kann hier also unmöglich mehr geredet
-werden.
-
-Jede Förderung dieser individuellen Leistung muß fortan wieder
-eminent wichtig für die »Menschenart« sein -- in tausend und tausend
-Einzelfällen kann sie sogar wichtiger sein als die Neuzeugung selbst,
-wenn auch letztere natürlich ihre eigene Notwendigkeit daneben stets
-wahrt. Zu diesen Forderungen könnte aber natürlich auch eine rein
-zeitlich vermehrte Dauer gehören, die ein stärkeres Ausspielen und
-Ausstrahlen der individuellen Kräfte ermöglichte. Wer denkt hier nicht
-an Goethe, dem vergönnt war, über achtzig Jahre in Kraft auszuleben und
-der mit zweiundachtzig noch an seinem »Faust« arbeitete, an Humboldt,
-der mit neunzig Jahren noch bei seinem »Kosmos« saß.
-
-Das Nützlichkeitsgesetz, das im niederen organischen Wesen nach Darwins
-und Weismanns Auffassung als blind ausmerzende oder begünstigende
-Zuchtwahl waltete, ist für den Menschen aber jetzt überall in seine
-eigene Intelligenz eingegangen. »Nehmt die Gottheit auf in euren
-Willen,« sagt (nur mit etwas anderen Worten) Schiller. Mit seiner
-Intelligenz überschaut der Mensch jetzt die Dinge und leitet sie bewußt
-in die _ihm_ günstigere Bahn. Und so mag auch an dieser Stelle die
-fortschreitende Intelligenz resolut den Wechsel begreifen und mag im
-Maß ihrer wachsenden Kräfte erneut einzugreifen suchen. Wie weit, das
-verliert sich freilich in blauen Zukunftsschleiern.
-
-
-
-
-Goldene Tiere
-
-
-Wer von uns hat nicht in phantasiefroher Kinderzeit einmal gebebt unter
-den Schauern der Sage vom Argonautenzug!
-
-Wie Jason mit seinem Heldenschiff gen Kolchis fährt, um das goldene
-Widderfell zu holen, das von einem Drachen bewacht an einer Eiche im
-Areshain hängt ...
-
-Kolchis ist die Kaukasusecke des Schwarzen Meeres, damals für einen
-Griechen ein so fernes Sagenland wie uns Europäern von heute etwa das
-Innere von Neuguinea. Die Argonautenfabel ist wilder und menschlich
-kleiner als Ilias und Odyssee, denen man, aller Homerkritik zum
-Trotz, eben doch auf Schritt und Tritt die läuternde Hand einer ganz
-großen Dichterpersönlichkeit anmerkt, während dort nur noch die rohe
-Mythe zu uns spricht. Aber um so packender für die Jugend schlägt
-die reine Abenteuerlichkeit der Handlung durch. Und dabei ist auch
-hier charakteristisch, wie die Sage mit naiven Effekten das Stärkste
-erreicht.
-
-Ein Häuflein Gold in der Größe und Dicke eines Widdervlieses ist gewiß
-noch kein besonders großer Schatz. Aber das Aparte, das Verblüffende
-ist, daß ein lebendiges Säugetier Gold am Leibe getragen haben soll.
-Dieses Tierfell lohnte schon die verwegenste Heldenarbeit!
-
-Zugleich aber fehlt auch der Zug nicht, daß in allem bunten Märchenspuk
-die dunkle Kunde von einer nüchtern realen Sache gleichsam das
-Gebein zu bilden pflegt. Wo immer wir heute naturgeschichtliche oder
-historisch-geographische Forschung an diese Griechenlegenden wenden,
-kommen solche Wirklichkeitsgebeine zutage, ohne daß der Duft der Sage
-sich deshalb zu verlieren brauchte. An dem Fleck des alten Labyrinths
-auf Kreta, wo der Stiermensch Minotaurus gewütet haben sollte, ist
-vor kurzem die Stätte alter Kampfspiele der mykenischen Kulturepoche
-ausgegraben worden; zoologisch bestimmbare Knochen beweisen, daß der
-heute ausgestorbene riesige Urstier dort noch vorgeführt wurde, und ein
-Wandgemälde aus der Zeit verewigt noch solchen gefährlichen Stierkampf
-in anschaulichster Form.
-
-Und so erfahren wir auch aus den späteren Quellen griechischer
-Wissenschaft selbst noch von einer althergebrachten Sitte der
-Kaukasusbewohner, daß sie zottige Schaffelle in ihre Bäche hingen, um
-die natürlichen Goldteilchen, die von den Wassern dieses metallreichen
-Gebirges geführt wurden, aufzufangen -- eine nüchterne Praxis, den
-mancherlei Methoden unserer Arbeiter in Silberseifen und Goldwäschen
-damals schon durchaus ähnlich.
-
-Was aber kein antiker Grieche wußte, ist die Tatsache, daß es wirklich
-auf unserer Erde Säugetiere gibt, die ein »goldenes Vlies« tragen.
-
-Freilich kein Vlies, aus dem man echte Goldstücke prägen kann.
-
-Als das Leben sich seine zwölf bis zwanzig mineralischen Elemente
-aneignete, die teils notwendig, teils hilfsweise seine wunderbaren
-Zellenbauten zusammensetzen, war Gold nicht dabei. Wenn es sich ab
-und zu einmal in organischen Restbeständen auch von Lebewesen chemisch
-nachweisen läßt, in Austernschalen, Pflanzenholz und so weiter, so
-war es dort doch nur zufällig durch das Wasser eingeschleppt worden,
-das ja für jegliches Leben eine absolute Notwendigkeit ist, in dem
-aber vielfältig (zum Beispiel im Ozean durchweg) feinste Goldrestchen
-auf Grund selbsttätiger Goldwäsche der Natur herumschweben. Zu einer
-wirklichen Macht im Leben hat auch dieses schöne Element erst die
-menschliche Intelligenz gebracht: vom Zahlgold in der Hosentasche bis
-zur Goldplombe im hohlen Zahn!
-
-Das tierische Goldvlies, das ich meine, ist dagegen ein Fell, das
-äußerlich im wundervollsten Goldglanz gleißt, als sei jedes Härchen
-einzeln in Schaumgold getaucht gleich einer Weihnachtsnuß.
-
-Das erste wirklich dem Fachzoologen bekannt gewordene Tier, das
-ein ganz unzweideutiges goldenes Vlies wenigstens für den Anblick
-trägt, ist ein Geschöpf im tropischen Afrika, dessen Anblick aber für
-gewöhnlich einfach unmöglich gemacht ist, weil es nämlich nach der Art
-unseres Maulwurfs unter der Erde lebt.
-
-Jedermann kennt unseren heimischen Wühler, den Maulwurf. Er selber hat
-schon ein recht hübsches, bläulich bereiftes Fellchen. Dieser Mull
-gehört, wie wir schon besprochen haben, systematisch weder zu den
-echten Raubtieren noch den Nagetieren, sondern zu jener uralten, heute
-nur spärlich noch fortlebenden Stammgruppe der höheren Säugetiere,
-die man die Insektenfresser zu nennen pflegt. Diese Insektenfresser
-haben aber in ihrer Entwicklung offenbar von früh an eine Neigung oder
-besser einen Zwang gehabt, gewisse Formen doppelt hervorzubringen.
-So haben sie den Typus des Igels zum Beispiel zweimal geschaffen,
-einmal als wirklichen Igel und dann noch einmal ganz unabhängig davon
-im Borstenigel der fernen Insel Madagaskar. Und entsprechend gibt es
-bei ihnen auch zweimal den Mull: das eine Mal in unserem echten und
-das zweite Mal (auch hier vollkommen unabhängig) in einem ebenfalls
-erdgrabenden Sprößling jener Borstenigel, den man den »Goldmull«
-getauft hat.
-
-Dieser Goldmull lebt vom Kap bis zum Kongo, und zwar ebenso extrem
-unterirdisch, wenn auch meist nicht sehr tief. Auch ihm ist dabei der
-kleine fette Leib in richtiger Anpassung zur Walze oder Wurst geworden,
-die schon bald gar nicht mehr nach einem Säugetier ausschaut. Da gibt
-es keinen Schwanz mehr und keine Ohrmuscheln, ja für den äußeren
-Anblick fast keine Gliedmaßen mehr; nur die Hände stehen noch als
-starre krumme Haken vor, und auf dem Näschen sitzt eine kleine Schaufel
-in Gestalt eines Hornschildes; das alles dient ersichtlich der Technik
-des Sicheinbohrens und Vorwärtsdrängelns im trockenen Steppensande, in
-dem der passionierte Unterweltler auf die still verborgene Suche nach
-Würmern und Insektenlarven geht. Mögen in dieser afrikanischen Steppe
-so viel böse Räuber oben über ihn weglaufen wie wollen: er ist in
-seinen Sandstollen sicher, und was sich hier unten herumtreibt, dessen
-ist er selber Herr.
-
-Nun aber die Verschwendung. Diesem ewigen Gast der Finsternis gerade
-hat die Natur den Argonautenzauber des Goldvlieses verliehen!
-
-Jedes Härchen seines Maulwurfsfellchens ergleißt wirklich und
-wahrhaftig im schönsten Goldschein. Je nach der Lichtbrechung mischen
-sich in dieses Grundgold noch einzelne goldig angehauchte Farben, die
-dann gleich Edelsteinen aus der Goldfassung glühen, bald grün wie von
-Smaragden, bald ein unbeschreiblich schönes Violett gleich Amethysten.
-Wenn dieser wahre »Dorado«, wie die südamerikanischen Indianer einst
-ihren vergoldeten Sagenkönig nannten, bei uns lebte, so ist gewiß,
-daß er längst um seines Königsmantels willen vernichtet wäre, während
-ihn jetzt bloß ab und zu ein Kaffer seines Landes zum schmucken
-Tabaksbeutel verarbeitet.
-
-Wozu aber der Glanz gerade in dieser Hütte -- oder in diesem
-schmutzigen finsteren Bergwerk, muß man besser sagen?
-
-Und der Fall wird um so seltsamer, als auch der zweite Träger eines
-goldenen Vlieses, den man unter den Säugetieren kennt, ein mindestens
-ebenso ausgesprochener mullhafter Erdgräber im Finstern ist.
-
-Um ihn zu finden, muß man den dürren Sandboden diesmal der
-zentralaustralischen Wüste aufschaufeln. In ihm steckt und bohrt er
-genau so verborgen wie der Goldmull in der afrikanischen Steppe.
-Australien hat aber nie Borstenigel gehabt, die dort zu Mullen werden
-konnten. Der Hauptstamm seiner eigentümlichen Tierwelt gehört zu der
-wohl noch altertümlicheren Gruppe der Beuteltiere, und folgerichtig ist
-also auch sein einheimisch seit alters zugehöriger Mull ein solches
-Beuteltier, ein »Beutelmull«. Im übrigen hat aber auch er die ganz
-entsprechenden Hackenhände und auf der Nase seine eigene Hornschaufel.
-Die Bergwerke dieses Beutelmulls liegen so versteckt in ihrer Wüste,
-daß man erst in neuerer Zeit und nachdem Australien gerade auf
-sonderbare Tiere schon reichlich abgesucht war, seiner zum erstenmal
-habhaft geworden ist.
-
-Nun: auch dieser Beutelmull schimmert in Gold, wobei auch bei ihm das
-Fell bald mehr reines Gelbgold zeigt, bald mehr Silber oder irisierende
-Edelsteinfarbe. Abermals das goldene Vlies als Arbeitskleid eines
-Tunnelarbeiters!
-
-Es ist ein ungemein fesselndes Problem, wie gerade diese
-lichtscheuesten Gesellen unter unserem Säugervolk an das im Lichte
-herrlichste Gewand gekommen sind.
-
-Eine Reihe gebräuchlicher Erklärungen versagt hier vollkommen.
-
-Es kann sich nicht um eine den Tieren nützliche Anpassungsfarbe
-handeln, also etwa um einen Schutz, wie ihn dem grünen Laubfrosch
-auf grünem Laube sein Grün gewährt. In der finsteren Sandröhre da
-unten wird der goldene Rock dem Mull weder als Jägerrock noch als
-Jagdwildverkleidung helfen können; um diesen Vorteil zu genießen, müßte
-er schon in künstlich tagheller Goldhöhle hausen, die es doch nicht
-gibt.
-
-Gleichermaßen versagt aber die berühmte Darwinsche Deutung, daß gewisse
-gleißende Prachtfarben bei Tieren so herangezüchtet sein könnten,
-daß die Tiere selbst an der Pracht ihre Freude gehabt und bei der
-Liebeswahl von jeher die farbenprächtigsten Exemplare begünstigt
-hätten. Abgesehen davon, daß durch diese Methode immer nur eine schon
-vorhandene glänzende Farbe (also hier der Goldglanz) gesteigert, aber
-nicht erst die Farbe selbst geschaffen worden sein kann, ist dazu
-mindestens doch nötig, daß die verliebten und farbenfrohen Tiere sich
-_sehen_ können.
-
-Schon unser heimischer Maulwurf hat aber stark verkümmerte Augen, was
-bei seiner Finsterlingsart und Dreckwühlerei ja gut genug zu verstehen
-ist; nötigenfalls ans Licht gebracht, sieht er zwar noch, aber seine
-Hauptmittel im eigentlichen Jagdgebiet sind schon Tasten, Riechen und
-Hören.
-
-Bei dem Goldmull aber zieht sich geradezu das Haarfell auch über die
-Augen fort, sie verharren also dauernd im Schlafzustande der fest
-geschlossenen Lider. Und erst recht beim Beutelmull liegt außer der
-Haut auch noch ein Muskel unmittelbar auf dem völlig verkümmerten
-Augenpünktchen, so daß hier auch nur vom schwächsten Erfassen eines
-Lichtscheins keine Rede mehr sein kann. Diese Nachtwächter haben
-eben einfach ihr Sehen abgeschafft -- folgerichtig ist es aber auch
-nicht möglich, daß sie sich, mögen sie in ihrem Tartarus sonst so
-verliebt sein, wie sie wollen, auf »Gold« hin selber durch Liebeswahl
-heraufgezüchtet haben könnten.
-
-So sehr das Goldvlies uns eine Hauptsache erscheint: es macht den
-Eindruck, als sei es nur eine indirekte Folge von etwas anderem.
-
-Haben die Fellhaare dieser Unterweltler irgendeine nützliche Struktur
-sonst sich angeeignet, die als Begleiterscheinung ohne eigenen
-Nutzzweck den Goldschein mit sich brachte, etwa im Sinne, wie unser
-Blut zufällig seine schöne rote Farbe hat?
-
-Oder frißt der Mull da unten irgend etwas, das ihm besonders gut
-bekommt, das aber sein Haar nebenbei irgendwie chemisch vergoldet, ohne
-daß diese Vergoldung selbst ihn weiter förderte oder störte?
-
-Für den letzteren Fall könnte man wirklich nun auf allerlei verwegene
-Gedanken kommen.
-
-Vom afrikanischen Goldmull wie vom australischen Beutelmull wird
-berichtet, daß sie als echte »Insektenfresser« besonders gern und
-massenhaft gewisse Schmetterlingsraupen und Engerlinge (Larven) von
-Bockkäfern ihrer Heimat verzehren. Speziell vom Goldmull des Kaplandes,
-der dort den Gärtnern genau so vertraut und, je nachdem, verhaßt wegen
-des Wühlens, erwünscht wegen des Insektenvertilgens ist wie bei uns der
-Maulwurf, hören wir, daß er hauptsächlich von Raupen lebt, und zwar
-besonders denen einer sogenannten Plusiaeule, die sich tagsüber an den
-Wurzeln ihrer eignen Futterpflanze verkriechen.
-
-Nun spielt aber bei Käfern und Schmetterlingen der Goldglanz
-selber wieder seine Rolle. Jeder weiß von »Goldkäfern«. Gewisse
-tropische Bockkäfer erscheinen wie in eine Goldlösung getaucht. Auf
-Schmetterlingspuppen schimmern die schönsten Goldflecken. Ausgespart
-aber jene Plusiaeulen, von denen ungefähr zwanzig Arten auch bei uns
-vorkommen, führen seit alters geradezu den Namen »Goldeulen«!
-
-Die meist kleinen Schmetterlinge, die man »Eulen« nennt, wirken
-in ihren langen Sammlungsreihen durchweg sonst unscheinbar,
-ja langweilig, sofern man nicht auf die feinen Ornamente ihrer
-Deckflügel achtet. Plötzlich aber bei den Plusiaeulen wird das
-anders. In die schlichte Flügelzeichnung fließt plötzlich Gold ein in
-verschwenderischer Fülle. Nicht roh hinzugemischt, sondern sorgsam
-aufgenommen in den feinen Rhythmus der Ornamente. Bald färbt es rein in
-den Umriß eingewebt gewisse Bänder, die anderswo bloß in Sepiazeichnung
-den Flügel belebten, bald schwimmt es als Spiegel in Rundflecken, bald
-bildet es ganz eigene, schön gezackte Felder auf dem dunkeln Grunde von
-hoher stilistischer, jedes Künstlerauge entzückender Durchbildung. Sie
-sind ja auch sonst geheimer Zeichen und Wunder voll, diese Eulenflügel,
-sobald man genau hinsieht. Eine der bekanntesten Plusiaeulen führt
-den griechischen Buchstaben Gamma aufs deutlichste dort, daher ihr
-Name Gammaeule. Wo nun Gold hinzutrat, da schmiegte es sich ebenfalls
-durchaus diesem Arabesken- und Hieroglyphenspiel organisch ein.
-
-Warum aber hat gerade solche Plusiaeule vor so viel anderen Gold zur
-Verfügung? Lebt sie von Pflanzenstoffen, die das chemisch begünstigen?
-Und könnten jene grabenden Säugetiere zu ihrem eigenen Schmuck
-unwillkürlich gelangt sein, weil sie gewohnheitsmäßig wieder solche
-Goldfabrikanten als Nahrung benutzen?
-
-Die Erklärung hat etwas Verführerisches, nur muß man sich vor Augen
-halten, daß sie selber noch lange nicht alles erklärt, zum Beispiel
-noch ganz und gar nicht, wie es kommt, daß nun etwa bei solcher
-Plusiaeule der als Nahrung aufgenommene Stoff sich gerade in
-derartigen köstlichen Mustern und Ornamenten von hoher rhythmischer
-Stilisierung betätigt, während er beim Goldmull einfach das ganze Fell
-gleichmäßig vergoldet.
-
-Hier mischen sich offenbar noch wieder besondere, vorläufig unbekannte
-Gesetzmäßigkeiten ein, die das einfache Wort »chemischer Einfluß« nicht
-erschöpft.
-
-Sicher aber ist es eine Sache zu reichem Nachdenken, dieses »goldene
-Vlies«.
-
-
-
-
-Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke
-
-
-Der Weise, der alles auf die Nützlichkeit ansieht, versichert uns,
-daß man beim Freimarkensammeln Geographie, Geschichte, Politik, eine
-gewisse juristische Findigkeitstechnik und wer weiß was noch für
-vortreffliche Sachen lernen könne.
-
-Ich bin nun der Ansicht, daß das Sammeln hier wie überall in erster
-Linie eine Glücksquelle sei, und alle Nützlichkeit des Herrn Professors
-in Ehren, halte ich doch stark auf den Wert jedweder Vergnüglichkeit
-in dieser Welt als Selbstzweck. Wenn aber durchaus auch hier gelernt
-werden soll, so läßt sich sogar vor dem Freimarkenalbum eine
-Zoologiestunde geben.
-
-Zwar an den älteren mythologischen Wappentieren ist nicht viel mit
-wirklicher Tierkunde zu fassen: den Löwen, die wie muntere Pudel
-ausschauen, dem Braunschweiger Weihnachtspferdchen, dem steifen
-Mecklenburger oder gar dem alten Moldauer Ochsenkopf, der schon mehr
-nach mykenischer Urkunst schmeckt als nach 1858.
-
-Ob der chinesische Markendrache wirklich auf den Alligator des
-Jangtsekiang zurückgeht, weiß ich nicht, jedenfalls könnte er der
-Gestalt nach ebensogut von der berühmten Seeschlange abstammen.
-
-Wenn das südamerikanische Paraguay nicht den heimischen Jaguar, sondern
-den Löwen (und zwar auf neueren Marken einen naturgeschichtlich
-treuen, nicht stilisierten) führt, so will es offenbar direkt betonen,
-daß es _nicht_ zoologisch echt kommt, denn in Amerika gibt es keinen
-echten Löwen.
-
-Aber in so manchem überseeischen Reich oder Kolonialland blüht wachsend
-jetzt ein wirkliches Stück »zoologischen Gartens« auf den Marken, und
-man merkt die Hilfe des tierkundigen Fachmannes.
-
-Französisch-Guiana zeigt den Yurumi, den großen Ameisenbären
-mit riesigem Buschschweif, Guatemala den altheiligen Vogel des
-mexikanischen Sonnengottes und Königshabits, den herrlichen goldgrünen
-Quesal oder Prachttrogon.
-
-Peru hat sein braves Lama, Nordamerika den schönen weißköpfigen
-Seeadler und eine Jagd noch auf den Bison, was schon bald wie
-prähistorisch wirkt, Neufundland seinen unschätzbaren Kabeljau, eine
-Robbenkolonie und das Ptarmigan, das beliebte Schneehuhn seiner
-Sportleute, Kanada auch ein aussterbendes Tier: den Biber.
-
-Neukaledonien führt stolz seinen landeseigentümlichen Rallenkranich,
-den seltsamen Kagu, vor, Neuseeland den flügellosen Zwergstrauß Kiwi,
-den Houia (Hopflappenvogel), bei dem Männchen und Weibchen verschieden
-gebaute Schnabel besitzen, und den fleischfressenden Alpenpapagei
-Nestor, Neusüdwales den australischen Emustrauß, den edeln Leiervogel
-und das Känguruh, Westaustralien seinen berühmten schwarzen Schwan,
-Tasmanien auf einer allerdings nicht ganz vollwertigen Stempelmarke gar
-das geheimnisvoll eierlegende Schnabeltier.
-
-Die bekannteste und technisch schönste Menagerie gibt das englische
-Nordborneo -- alles Bedeutende, das es hat, ist darauf: der
-Samburhirsch und der Argusfasan, das kolossale Leistenkrokodil und
-der Orang-Utan, der groteske Nashornvogel und der possierliche
-Malaienbär, der Schabrackentapir, der indische Elefant und das lange
-so sagenhafte Doppelnashorn Südasiens, selbst der geographisch hier
-nur noch anklingende Kasuar. In Afrika hat der Kongostaat einen wilden
-Elefantenbullen, das portugiesische Nyassa Giraffen, Kamele und Zebras
-in wahrhaft monumentalen Maßen.
-
-Keine moderne Briefmarke aber erscheint mir interessanter als die
-Ausgabe 1906 mit der Wertziffer 75 Cents der Negerrepublik Liberia an
-der westafrikanischen Pfefferküste.
-
-In alten Jahrgängen führte Liberia auf heute seltenen Marken stets
-hübsch die Gestalt der Freiheit mit der Mütze, respektabel und etwas
-langweilig anzusehen wie alles Symbolische. Mehr und mehr ist es
-aber dann auch zoologisch geworden, ist zu Eidechsen, Elefanten und
-Schimpansen übergegangen.
-
-Auf jener hübschen braun und schwarzen Marke aber erkenne ich in
-gutem Umriß sein allermerkwürdigstes Landesprodukt, ein bislang
-auch fast mythisches Tier, das doch angetan ist, den Namen dieser
-kleinen Republik für alle Zeiten in den Annalen der Naturgeschichte
-festzuhalten und mit einem gewissen Glanz zu umgeben, eine nützliche
-Verewigung auf jeden Fall im wechselnden Schicksalslauf politischer
-Konstellationen.
-
-Ich meine die einzige noch lebende Nebenform und Zwergform des
-populärsten afrikanischen Tierriesen, des Flußpferdes oder Nilpferdes,
-die sich hier in diesem kleinen Küstenländchen durch irgendein
-besonderes Stück Weltlauf erhalten hat.
-
-Wie der Elefant, wie die Giraffe, wie das Erdferkel oder das
-Schnabeltier gehört das gigantische Flußpferd heute zu den
-Vereinzelten, Vereinsamten im Tierbereich. Man weiß von ihm nur, daß
-es, alles eher als ein echtes Pferd, einen uralten stehengebliebenen
-Ausläufer des Stammbaumzweiges, der einst von den Schweinen zu den
-Hirschen und Rindern lief, darstellt; am nächsten steht es wohl noch
-den Schweinen.
-
-Sein Lebensbereich aber hat sich noch in junger geologischer Zeit
-arg eingeengt; kam es doch um den Beginn der Diluvialzeit noch im
-Florentiner Arno und in der Londoner Themse vor, während es heute
-auf das (immerhin ja für sich noch kolossale) tropische Afrika
-beschränkt und selbst in Ägypten völlig fremd geworden ist. Jene
-früheren europäischen Nilpferde gehörten dabei durchweg einer noch
-etwas größeren Art an. Aber gelegentlich hat man im Mittelmeergebiet
-in Knochenhöhlen doch auch Spuren einer wesentlich winzigeren
-Sorte von damals entdeckt, so auf der Insel Samos einen wahren
-Pygmäenhippopotamus, der kaum so groß wurde wie ein wirkliches Schwein.
-
-Man hat dieses örtliche und zeitweise Herabgehen in der Körpergröße
-dort damit zu erklären versucht, daß es sich um Flußpferde handelte,
-die durch Zerreißen und Versinken großer Landgebiete im damaligen
-Gebiet des heutigen Mittelmeeres plötzlich auf Inseln isoliert wurden.
-Inselsäugetiere haben auf die Dauer meist eine Tendenz, klein zu
-werden; auf Sardinien zum Beispiel sind heute der Edelhirsch, der
-Damhirsch und das Wildschwein merkbar verzwergt. Bei noch stärkerem
-Abbröckeln ihres Heimatbodens und Versiegen größerer Ströme und
-Landseen hätten dann freilich auch diese Miniaturnilpferdchen
-sich überhaupt nicht mehr halten können, so daß wir heute auf den
-betreffenden Inselresten nur mehr ihre Knochen finden.
-
-Hier aber wurde nun der ferne Weltwinkel Liberia bedeutsam.
-
-1844 gab ein Kolonialarzt dort, Morton, die erste unsichere Kunde, daß
-in den noch ganz unerforschten, unwegsamen Binnenwäldern der kleinen
-Republik ein solches Zwergnilpferd noch lebend existiere.
-
-Zuerst erschien das ganz als Pygmäensage, die ja auch für Menschen
-immer im dunkelsten Afrika geblüht hat, bis sie doch eines Tages in
-Gestalt der wirklichen Zwergenvölker dort wahr wurde. Als ein emsiger
-Museumssammler, Büttikofer, endlich Haut und Skelett nach Europa
-brachte, konnte man auch an dem flußpferdischen Zwerg nicht länger
-zweifeln. Er wurde nur so lang wie ein stattlicher Mensch, etwa 1,80
-Meter, was besonders klein wirkte, wenn man den Kopf des gewöhnlichen
-großen Hippopotamus danebenstellte, der bei Exemplaren von 4 Meter
-und noch mehr Gesamtlänge allein über 80 Zentimeter mißt. Der Zahnbau
-wich so vom großen Bruder ab, daß man schon seinetwegen einen neuen
-Gattungsnamen erfinden mußte; »Choeropsis« wurde der Kleine benannt
-anstatt des alten »Hippopotamus«.
-
-Fast noch seltsamere Mär kam aber zugleich von seiner Lebensweise.
-Während der Riese bekanntlich den größten Teil seiner Zeit wie eine
-Seekuh im tiefen Binnensee- und Stromwasser verbringt und dabei ein
-geselliges Beisammenleben liebt, bei dem die tauchende Herde bald da,
-bald dort einen ihrer ungeschlachten Köpfe prustend und luftschöpfend
-sehen läßt, sollte der Zwerg einsiedlerisch im dichten Walde hausen.
-
-Ein paar beste Museen konnten sich dank jenem Sammler ein schlecht
-und recht ohne Lebenskenntnis montiertes Fell leisten, sonst aber
-schliefen alle Nachrichten bald wieder auf lange Jahrzehnte ein, und
-das Tier rechnete in den Büchern nach wie vor unter die Halbbekannten,
-die Erwünschten, aber wie im Zauberwald für uns Verschlossenen --
-immer eine unbehagliche Sache für einen letzten Mohikaner auf so
-winzig umschränkter Scholle, dem eine einzige Epidemie oder sportliche
-Flintenschießerei wissenschaftlich indifferenter »Afrikaner« den Garaus
-machen konnte.
-
-Und auch nach dem Tage, da Choeropsis den Ruhm erlebte, auf einer
-Freimarke seines Landes sozusagen national wie international
-aufzutreten, sollten noch sechs weitere Jahre vergehen, bis endlich
-auch in dieses zoologische Geheimnis volles Licht fiel.
-
-Wirklich noch rechtzeitig, denn Choeropsis lebte, und der erste, der
-endgültig jetzt den Schleier von ihm lüftete, stand im Dienste der
-zoologischen Sachforschung und nicht der tiermordenden Sonntagsjägerei;
-Sonntagsjäger heißt in den wertvollsten Tierasylen der Erde heute
-nämlich leider nicht, wer nicht schießen kann, sondern wer so gut
-schießt, daß er in einem »Sonntag« mehr zwecklos verderben kann, als
-der Tierforschung in Jahren wieder gutzumachen ist. Der alte Hagenbeck
-sollte es einmal wieder sein, auf den das spannende Abenteuer gewartet
-hatte. Man kennt die glückliche Mischung von Geschäftsgeist und
-Chancen für die Wissenschaft, die dort bestand. Solches Unikum, lebend
-zum erstenmal nach Europa gebracht, gibt dem Tierpark in Stellingen
-jedesmal eine große Sensation und erzielt im Verkauf an einen anderen
-Garten Liebhaberpreise, die selber nichts vom Zwerg haben; zugleich
-aber besteht das Faktum, daß mit solchem geschickten Fang und Import
-des lebenden Tieres durchweg auch die zunächst wichtigste Tat im Sinne
-der wirklichen Wissenschaft getan zu sein pflegt; für den Rest sorgen
-dann schon die Professoren selber.
-
-Bei Hagenbeck ging so etwas aber stets im großen Stil. Er schickte also
-auch diesmal einen tüchtigen Mann, Hans Schomburgk, eigens nach Liberia
-mit der strikten Order, so viel lebende Zwergnilpferde wie möglich zu
-fangen und nach Stellingen zu bringen; wie einst der selige Bennett zu
-Stanley sagte: »Finden Sie irgendwo in Innerafrika Herrn Livingstone.«
-
-Und Schomburgk drang mit außerordentlicher Zähigkeit in die schwierigen
-Flußwälder Liberias ein, ließ Hunderte von Fallgruben herstellen und
-erreichte planmäßig wirklich sein Ziel. Vor einiger Zeit sind in
-Stellingen fünf lebende Zwergnilpferde, dabei ein alter Bulle und ein
-junges Pärchen, programmäßig eingelaufen. Ein Exemplar lebt jetzt im
-Berliner Zoologischen Garten, dieser herrlichen Lehrstätte moderner
-Tierkunde, die unter Ludwig Hecks Leitung eine immer umfassendere
-wissenschaftliche Bedeutung erlangt hat. Seitdem kennt man die wahre
-Gestalt, den Charakter und die heimische Lebensart des so überaus
-merkwürdigen Geschöpfes; dieses Kapitel der Naturgeschichte ist
-gerettet.
-
-Unser großer Hippopotamus ist, niemand bestreitet es, im eigentlichen
-Sinne ein Scheusal. Er hat jenes Zerflossene, sozusagen in den
-Proportionen Aufgelöste, das alle Säugetiere zuletzt im Wasser
-annehmen. Der ungeheuerliche Kopf geht auf den Pottfisch, der Leib wird
-zur schleifenden Walze, die Beine degenerieren.
-
-Dem kleinen Bruder sieht man dagegen sofort an, daß er niemals so
-extrem Wassertier geworden ist. Er bleibt dem Tapir (übrigens keinem
-Verwandten, sondern einem Pferdevetter), der auch, aber mit Maß, badet,
-darin ähnlicher. Ganz ohne Bad kann ja auch der Zwerg nicht leben, so
-bewiesen die Gefangenen. Aber in ihren dichten Urwäldern genügen ihnen
-dazu schon die kleinen Bäche. Ausgesprochen lichtscheue Nachttiere,
-bergen sie sich auch tagsüber nicht etwa im Wasser, sondern verstecken
-sich in selbstgegrabenen Erdlöchern. Und wenn er dann im Dunkeln in
-seinem Dickicht auftaucht, der Zwerg, kommt er in der Tat, wie schon
-Büttikofer berichtete, durchweg allein. Ein Einsiedler ist er, der
-aber auf seiner einsamen Streife weithin durch den Forst wechselt,
-friedlich und harmlos von Wesen, wie die überaus geduldigen, leicht zu
-meisternden Gefangenen dartaten. Kautschukhaft glatt ist auch seine
-Livree, wenn er so dahertrabt, doch tragen die Beinchen viel höher,
-der Bauch hängt nicht so schleppend wie beim Riesenbruder, und am
-besser proportionierten Kopf fehlen völlig die ungeheuren Augenringel
-und Nasenwülste, so daß das flunderhafte Hippopotamusprofil zu einer
-einfachen Dicknase mit wieder richtig seitlich abgerückten Augen
-gemildert erscheint. Der Fuß, der beim Riesennilpferd rein vierzehig
-aufpatscht, zeigt schon eine entschiedene Neigung, beim raschen Gang
-bloß eine Schweinespur zu hinterlassen, also hauptsächlich die beiden
-Mittelzehen zu benutzen, eine Sache, die für die Stellung im Stammbaum
-der Paarhufer außerordentlich interessant ist. Und gänzlich fehlt das
-»Bluten« des echten Hippopotamus, eine höchst kuriose Hautabsonderung,
-die durch einen weinroten Farbstoff die Sage erzeugt hat, das Ungetüm
-schwitze buchstäblich Blut; wahrscheinlich hängt eben auch diese
-Absonderlichkeit mit dem langen Wasserleben zusammen und ist also bei
-dem Zwerge nicht vonnöten.
-
-Wie aber kam es, so legt man sich vor dem eigenartigen Gesellen zuletzt
-wieder die Frage vor, daß gerade in diesem Liberiawinkelchen ein
-solcher Zwerg des alten Geschlechts saß und sogar bis heute fortleben
-konnte, während sonst das ganze große Afrika durchweg nur den Riesen
-erhielt?
-
-Der Zoologe Trouessart hat auch hier auf jene Inseltheorie
-zurückgegriffen. Liberia mit seinen kurzen Flüßchen und seinem starken
-Gebirgsriegel gegen das tiefere Afrika bilde auch ohne Wassereinschnitt
-eine Art Insel zum übrigen Afrika, in der auch diese Nilpferdchen seit
-alters abgeschnitten, isoliert und verzwergt sein könnten.
-
-Vielleicht ist das doch etwas kühn erdacht, bloß um die Theorie zu
-rechtfertigen, zumal da nach Schomburgk die Beschränkung nur auf den
-liberianischen Küstenstrich nicht feststeht.
-
-Man könnte aber auch an Einwanderung von einer etwa heute
-untergegangenen Insel des Meerbusens von Guinea denken. In sehr alten
-geologischen Tagen zog sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus dieser
-Gegend eine Landverbindung bis nach Südamerika hinüber, von der
-immerhin zur frühesten Nilpferdzeit noch einzelne größere Inselpfeiler
-fortbestanden haben könnten. Damals lag aber umgekehrt auch noch der
-ganze Nordwestteil der Sahara zeitweise unter Wasser, und auch aus
-diesem Saharameer konnten Inseln ragen, die Zwergnilpferde begünstigten.
-
-So führt uns das harmlose kleine Geschöpf zuletzt noch in die weite
-Flut geographischer Fragen, und vielleicht wird man um seinetwillen
-noch einmal die Karte der Vorzeit verändern müssen. Der Sammler
-aber mag seine Briefmarke in Ehren halten: über dieses Markentier
-von Liberia und seine anknüpfenden Rätsel wird noch manche Schrift
-geschrieben werden.
-
-
-
-
-Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier
-
-
-In einem der schönen Flugkäfige für Enten und andere Wasservögel im
-Berliner Zoologischen Garten hausten jüngst ein paar seltsame Vögel.
-
-Ihr Gesamtanblick verriet eine Sorte des Ibis, des allbekannten
-heiligen Vogels der alten Ägypter, dessen langer Krummschnabel in
-jedem Kinderbuch bis heute die Aufmerksamkeit fesselt. Aber ganz
-schwarz, nur mit schön buntem Metallschimmer, war diesmal der »Ibis«,
-rot prangten nur Schnabel und Beine sowie der größte Teil des Kopfs,
-der eigentümlicherweise fast ganz in einer runzligen Greisenhaut
-ohne Federn steckte, dafür aber tief noch im Genick mit einem langen
-vielfederigen Schopf gar auffällig stolzierte.
-
-Alles in allem schon für die einfache Schau ein recht kurioser Geselle,
-von dem man gern Näheres hörte.
-
-Wenn aber Vögel romantischen Empfindungen nach Menschenart zugänglich
-wären und von der Geschichte ihres Volkes mehr besäßen als ein paar
-altüberkommene dunkle Instinkte, so würde durch den kahlen Kopf dieses
-scheuen Gastes dahinten im Gebüsch seiner Voliere ein eigenartiger
-Traum gezogen sein.
-
-Der Schopfibis (~Geronticus~ lautet der lateinische Name) kommt heute
-aus fernem fremdem Erdteil zu uns, vom asiatischen Euphrat oder aus
-dem afrikanischen Abessinien oder Marokko. In Europa ist seine Stätte
-nur noch im Zoologischen Garten unter ausländischem Getier. Und doch
-war dieser Fremdling einst ein echter und rechter Bürger nicht nur
-europäischer, sondern deutscher Erde!
-
-Gute deutsche Namen hat er einmal in allen südlicheren Teilen des
-großen deutschen Sprachgebiets geführt, von denen »Waldrapp«, eine
-speziell schweizerische Bezeichnung, die hochdeutsch »Waldrabe« gibt,
-sich in der Schriftsprache ihrer Zeit am stärksten durchgesetzt hatte.
-Und die Leute, die ihn so nannten, sind nicht etwa alte Alemannen
-und Helvetier oder gar Pfahlbauer oder Mammutjäger der Diluvialzeit
-gewesen, sondern Renaissance- und Reformationsmenschen.
-
-Ein allbekanntes Tier war der Waldrapp damals im Volke. Chroniken und
-Naturgeschichten sowohl wie Gerichte und ihre Urkunden kannten und
-nannten ihn, der Koch und der Feinschmecker wußten von ihm zu sagen,
-stellenweise bildete er geradezu ein Charaktertier der Landschaft.
-
-Die eigentliche wissenschaftliche Tierkunde hatte damals ja noch nicht
-entfernt so viele Vertreter wie heute; aber um so zahlreicher gab es
-Praktiker, die als Jäger oder sonst bei ihrem gefiederten Mitvolk im
-Lande Bescheid wußten -- nicht vom Hörensagen wußten, sondern weil sie
-die Tiere selbst alle Tage sahen; und die alle müssen -- vielerlei
-Anzeichen als Stichproben beweisen es noch klärlich genug -- auch den
-deutschen Waldrapp gekannt haben.
-
-Dieser _deutsche_ Waldrapp aber ist verschollen seither!
-
-In Zeit weniger Jahrhunderte.
-
-Einer der wunderbarsten, fast möchte man sagen beängstigendsten Fälle
-aus der Besitzgeschichte unseres Vaterlandes liegt hier vor: ein
-lebendiges Tier geht in Seiten hellster Kultur, unter den Augen --
-nein, nicht unter den Augen, denn gesehen hatte es zunächst niemand --
-unserer Naturforscher einfach im Lande unter wie in Urtagen das Mammut
--- bis auf den letzten Kopf, hoffnungslos, für immer.
-
-Diese Geschichte ist wert, daß jeder sie näher kennen lernt, denn sie
-enthält ein Menetekel. Sie predigt mehr für die Notwendigkeit von
-Tierschutz und Heimatschutz, als ganze Bände vermögen. Das gleiche Los
-hätte die Nachtigall treffen können in der Zeit. Es kann morgen da,
-dort eingreifen, uns dieses, jenes Stück Altdeutschland, deutscher
-Natur herausgreifen und in die Versenkung werfen, wenn wir nicht
-Gegenmittel ergreifen.
-
-Nein, sie hatten zunächst schlechterdings nichts gemerkt, die
-Naturkundigen; hinter ihnen aber ebensowenig das ganze unabsehbare Heer
-der Jäger, Förster, Landschaftsschilderer, alle, alle, bis zum Koch
-herab.
-
-Der Schopfibis wurde im Jahr 1832 von Wagler als _neue_ Entdeckung,
-als eine »neue Tierart aus Ägypten«, beschrieben, und das war sein
-tatsächlicher Eintrittsmoment in die _moderne_ Wissenschaft. Also
-wohlverstanden: als ein Vogel Afrikas, bisher von keinem europäischen
-Forscher gesehen, in Europa selbst völlig unbekannt. Er erhielt einen
-neuen lateinischen Namen, kam in Lehrbücher und Museen -- als Exote,
-den sich die Museen mit mancherlei Mühen von weither jetzt übers Meer
-beschaffen mußten, nachdem er einmal im Verzeichnis der Arten stand.
-Nach diesem Datum vergingen nochmals 65 Jahre bis zu der denkwürdigen
-Stunde, da 1897 drei ausgezeichnete, noch lebende Vogelkenner, die
-Herren Hartert, Kleinschmidt und Walther Rothschild, ganz zufällig bei
-einem Gespräch im schönen Rothschildschen Museum in London eine der
-sonderbarsten zoologischen Feststellungen machten, die jemals möglich
-geworden ist: nämlich eben die Feststellung daß dieser heute nur noch
-exotisch fortlebende Schopfibis identisch sei mit dem alten deutschen
-Waldrapp des sechzehnten Jahrhunderts, den damals an vielen Orten
-jedermann bei uns gekannt hatte.
-
-Die Entdeckung war an sich nicht schwer. In jenem sechzehnten
-Jahrhundert hatte wenigstens ein einziger wirklich großer Tierforscher
-und Sachkenner der deutschen Tierwelt gelebt und geschrieben: Konrad
-Gesner zu Zürich. In seinen ursprünglich lateinisch verfaßten, dann
-aber gleich auch deutsch bearbeiteten Folianten ist der deutsche
-Waldrapp sowohl ganz vortrefflich beschrieben, wie auch gut abgebildet.
-
-Der Holzschnitt zeigt auf den ersten Blick, daß man den heutigen
-exotischen Schopfibis und nicht eine echte Rabenart vor sich hat. Der
-Text sagt auch nur, daß der Vogel einem Raben in Größe und Farbe »fast
-ähnlich« sei. Im übrigen sehen wir den krummen roten Ibisschnabel und
-wehenden Nackenschopf, wir hören von der Kahlheit des Kopfes und dem
-schwarzen sonstigen Gefieder, auf dem damals wie jetzt der metallische
-Spiegel ergleißte.
-
-Daß der gemeine Mann ihn aber damals mit einem Raben verglich (er, der
-ja keinen Ibis zum Vergleich kannte), wird uns vollends verständlich,
-wenn Gesner uns berichtet, daß der Waldrapp nicht nur in »einöden
-Wäldern« wohnte, sondern besonders gern »in hohen Schroffen oder
-alten einöden Türmen und Schlössern« nistete, »dannenher er auch ein
-Steinrapp genannt wird und anderswo in Bayern und Steurmarck ein
-Klaußrapp, von den Felsen und engen Klausen, darinn dann er sein Nest
-macht« (Schweizer Deutsch des sechzehnten Jahrhunderts!). So steil und
-unzugänglich lägen oft seine Niststätten, daß »er dann etwan von einem
-Menschen, so an einem Seil hinab gelassen, außgenommen und für einen
-Schleck gehalten wird, wie er auch bey uns in etlichen hohen Schroffen
-bey dem bad Pfäfers (Bad Pfäffers!) gefunden wirt, da sich auch etliche
-Weydleut hinab gelassen haben«.
-
-Hier allerdings scheint sich eine Schwierigkeit einzudrängen.
-
-Der Ibis, wie er uns geläufig ist, der schwarz-weiße der alten Ägypter
-wie der braunrote oder schwärzliche der Mittelmeerländer oder der schön
-rosenrot flamingofarbige Amerikas: er ist uns doch als Sumpfvogel
-geläufig. Aber ausgespart bestätigt der Fall Waldrapp die Ausnahme von
-dieser Regel: denn eben der Schopfibis nistet auch heute in seiner
-fernen Gegend noch mit Vorliebe hoch in Felsen und altem Gemäuer, --
-zum Beispiel traf man ihn am Euphrat scharenweise so in den Ruinen
-eines alten Sarazenenschlosses. Also das erledigt sich von selbst.
-
-Gesners Vogelbuch mit seinen zum Teil ganz ausgezeichneten Bildern war
-aber nun als ein Grundwerk neuerer Tierkunde selber niemals vergessen
-worden. Wohl aber hatte das Kapitel »Vom Waldrapp« darin in der
-Zwischenzeit auch sein eigenartiges Schicksal erlebt.
-
-Der große Linné, als er im achtzehnten Jahrhundert das tat, was
-eigentlich Vater Adam im Paradiese schon besorgt haben sollte, nämlich
-den ganzen Inhalt der großen Erdenarche mit dauernd gültigen Etiketten
-versah -- er glaubte selber noch so viel an Gesners Autorität, daß er
-dessen Waldrapp als deutschen Vogel ins System nahm, anfangs als eine
-Art Wiedehopf, später als wirklichen Raben; sonst wissen tat er von ihm
-aber schon nichts mehr.
-
-Der treffliche Vogelforscher Bechstein in der Wende zum neunzehnten
-Jahrhundert wagte dagegen einen entscheidenden Schritt. Er prüfte
-Gesners Bild, gab selber noch ein anderes altes wieder, konstatierte
-aber zugleich, daß es einen so aussehenden Vogel in ganz Europa ja doch
-nicht gebe. Nicht mehr gebe -- darauf kam er zunächst nicht. Nein,
-überhaupt nie gegeben habe, meinte er. Man habe den guten alten Gesner
-genarrt mit dem irgendwie verunstalteten Balg einer Alpenkrähe.
-
-Und auf diese voreilige Skepsis hin wurde wirklich jetzt von der
-ganzen nächstfolgenden Forschung auch das Gesnersche Bild abgelehnt
-und ignoriert -- der deutsche Waldrapp war also gleichsam doppelt
-verschollen. Und es bedurfte erst des Zufalls, daß jene drei
-Vogelkundigen im Rothschildmuseum gerade das Gesnerbild, das
-Bechsteinbild und endlich ein Bild und einen Balg des längst inzwischen
-unabhängig entdeckten exotischen Schopfibis von heute nebeneinander zu
-sehen bekamen, womit denn natürlich augenblicklich Bechsteins Schluß
-als falsch erkannt, Gesner wieder anerkannt und zugleich konstatiert
-war, daß es sich um einen wirklichen, aber heute auf deutscher Erde
-ausgestorbenen Vogel handeln müsse.
-
-Einmal das Eis gebrochen, ist dann unsre Kunde vom wenigstens
-historisch wiedererstandenen Waldrapp rasch erweitert worden noch über
-Gesner hinaus. Neuerdings hat besonders Robert Lauterborn, der so
-eifrige und glückliche Arbeiter in der Geschichte deutscher Tierkunde,
-das Material gesichtet und vervollständigt.
-
-Wir wissen aus den verschiedensten Quellen jetzt, daß dieser dohlenhaft
-auf Burgruinen nistende deutsche Ibis außer in der Schweiz auch im
-Salzburgischen, im weiteren Österreich, im bayerischen Donaugebiet bei
-Kelheim und Passau im sechzehnten Jahrhundert durchaus nicht selten
-war. Als Vertilger widerwärtigen Ungeziefers, das sein krummer Schnabel
-leicht aus den tiefsten Löchern zog, wurde er gelegentlich schon
-damals in Steiermark und zu Zürich urkundlich geschützt. Nach Stumpfs
-berühmter Schweizer Chronik war er um 1606 noch ein »gemein Wildpret«.
-Und zum Überfluß verglichen ihn wenigstens die Gelehrten schon damals
-selber mit einem Ibis, wobei einer eine alte Stelle bei Plinius
-ausgrub, die der Existenz des Ibis in den Schweizer Alpen gedenkt.
-Dieses alte Zitat ist an sich wieder höchst interessant, denn es ist
-die einzige antike Quelle über den deutschen Waldrapp.
-
-Plinius, in der besten Zeit der römischen Cäsaren, Zeitgenosse des
-Tacitus, war als Naturgeschichtschreiber nicht eben ein Mann, dem es
-auf ein derbes Teil Tierfabeln ankam. Aber in seinen Tagen begann
-man sich aus Staatsräson und sozusagen Kolonialpolitik in Rom sehr
-ernst mit der Schweiz und Süddeutschland zu befassen, und bei dieser
-Gelegenheit wurde in Amtsberichten offenbar doch vielerlei über die
-Natur gerade dieser Gegenden bekannt, das den Stempel der Echtheit
-trägt. Von einem Alpenpräfekten seiner Zeit, Egnatius Calvinus,
-hatte nun Plinius gehört, er habe den eigentlich für Ägypten
-heimatberechtigten Ibis auch in den Alpen gesehen. Kaum ist ein Zweifel
-möglich, daß das wirklich auf unsern Waldrapp geht, der also in den
-Römertagen schon an den Felsen der Alpenstraßen genistet haben muß,
-genau wie zu Gesners Zeit.
-
-Warum aber ging ein so lange dem Lande treuer Vogel ein?
-
-Man hat an eine Klimaverschlechterung gedacht, die das heute auf
-durchaus warme Länder beschränkte Tier, dessen meiste Verwandte
-sogar Tropenbewohner sind, vom Rhein und der Donau vertrieb; in
-Wahrheit spricht dafür aber nichts. Viel deutlichere Sprache dagegen
-spricht »der Schleck«, den nach Gesner das »liebliche Fleisch und
-weich Gebein« seiner Nestküken den Feinschmeckern gewährt hätten
-und um dessentwillen die Nestplünderer mit Lebensgefahr sich an den
-steilsten Felsen herabließen. Wehe dem Vogel, der in Tagen mangelnden
-Vogelschutzes durch die Gesetzgebung und den Natursinn seines Volkes in
-die Schußlinie eines »Schlecks« kommt! Der alte Gesner selber weiß ja
-noch zu berichten, daß die Leute seiner Zeit, die die Waldrappjungen
-aus ihrem Nest nahmen, »in einem jeglichen eins liegen (ließen), damit
-sie am nachgehenden Jahr desto lieber wiederkommen«. Das war in der
-geordneten Schweiz von 1500 und so und so viel. Anderswo und später
-auch dort las man's offenbar anders, und zwar so gründlich, daß die
-Waldrappen, Zugvögel, wie sie gleich Storch und Nachtigall waren, eben
-allmählich nicht mehr wiederkamen. Um die Zinnen flatterten Dohlen und
-Tauben, aber kein Ibis mehr. Der deutsche Ibis war ein ausgeträumter
-Traum deutscher Landschaft.
-
-Wird ihm der Storch, wird ihm wer weiß was noch alles von den Tieren,
-die in Sage und Naturschau um die Wiege unserer deutschen Volkskraft
-gestanden haben, in unseren Tagen folgen? Oder werden wir den
-Heimatsinn finden, der wenigstens jetzt solche nicht mehr zu sühnenden
-Sünden an unserem Heimatsbilde endgültig bannt?
-
-
-
-
-Der Gespensterzug der Lemminge
-
-
-In den letzten zehn Jahren hat sich in Skandinavien mehrfach
-hintereinander wieder ein uraltes Volksgespenst sehen lassen: der
-mysteriöse Massenzug der Lemminge.
-
-Heute geschieht ja da drüben besonders viel für die Bauernbildung, und
-ich weiß nicht, ob man sich im Winkel noch als echt weitererzählt, was
-mindestens in früheren Jahrhunderten dort für eine unerschütterliche
-Wahrheit galt. Da aus der alten Gespenstergeschichte aber bis heute
-eine heftige wissenschaftliche Streitfrage ausgegangen ist, mag es an
-der Zeit sein, einmal wieder davon zu reden.
-
-Des grausen Märchens Inhalt war, daß es in diesem doch durchweg nicht
-allzu üppigen Lande eine besondere Landplage gebe, die alle paar Jahre
-zum Verdruß auf die Bauern fiele. Über Nacht zögen Wolken auf und
-ließen regnen, und wenn der Tag den Schaden besähe, habe es tausend und
-aber tausend lebendige große Mäuse geregnet, hübsche Tierchen in Gelb
-und Schwarz wie die überseeischen Meerschweinchen, aber gefräßig wie
-nur irgendeine Feldmaus, ja den orientalischen Heuschreckenschwärmen
-gleich, vor denen alles Laubgrün bekanntlich im Nu vergeht wie unter
-einem Gifthauch. Entsprechend ihrer unerhörten Herkunft flössen diese
-Tiermassen wie ein reißendes Wasser von der Höhe zu Tal durch das
-Land, rasten und fräßen sich fort über jedes Hindernis, bis sie endlich
-auch gleich einem regengeschwellten Bach in einen See oder das große
-Meer einmündeten, wo sie dann allesamt jämmerlich ertrinken müßten.
-
-Dieser wilde Tierstrom war der berühmte und berüchtigte »Lemmingzug«.
-
-Die ersten einheimischen Geographen und Zoologen da oben, im
-sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, nahmen die Sache noch ganz so
-als buchstäblich wahr und stritten sich bloß zunächst über das Problem,
-ob die betreffende Wolke jedesmal Lemminge aus sich selbst erzeuge oder
-ob das kleine Plagevolk irgendwo in ferner Gegend vom Sturm mitgerissen
-und dann erst wieder am Fleck herabgeschüttelt werde. Dem Geist der
-Zeit von damals erschien das erste meist als das Amüsantere und deshalb
-als das Wahrscheinlichere.
-
-Dieser im ganzen leider allzu amüsanten Legende aber machte im Jahre
-der Thronbesteigung unseres großen Friedrich der naturgeschichtlich
-nicht minder große Linné ein Ende. Nach ihm, der sein eignes Land
-schließlich doch kennen mußte, handelte es sich um eine wirkliche Sorte
-Maus, die nicht nur in der Gefräßigkeit, sondern auch sonst durchaus
-irdisch-realistischer Natur war. Die Wolke, die sie ins Tiefland
-spie, war aber in Wahrheit das Gebirge. Dort lebten die Lemmingmäuse
-für gewöhnlich im kärglichsten Gebiet. Ab und zu aber kamen sie als
-großer Wanderzug von dort zu Tal, und dieses plötzliche Auftreten der
-stets nächtlich vorrückenden Tiere erzeugte die abgeschmackte Sage vom
-Lemmingregen. Das klang nun recht ernüchternd, ja fast langweilig,
-wenn nicht doch ein interessanter Punkt auch so geblieben wäre. Er
-betraf die Wanderung selbst.
-
-Mit stärksten Farben erzählte auch Linné von ihr: wie das
-vieltausendköpfige Volk tatsächlich einem reißenden Strom an Zähigkeit
-und Folgerichtigkeit gleich daherkomme, einem Menschen nicht ausweiche,
-sondern sich zwischen seinen Beinen durchzuwälzen suche, durch einen
-im Wege liegenden Heuschober ein Loch fresse, anstatt ihn zu umgehen,
-über Bäche und Ströme unter tollsten Opfern setze und, fahre ein
-Nachen darin vorbei und kreuze die schwimmende Masse, diesen Nachen
-erklettere, um auf der anderen Seite wieder ins Wasser zurückzuspringen.
-
-Was sollte dieser Mäusekatarakt? Wenn man hörte, daß der lebendige
-Strom nicht etwa eine dauernde Besiedelung des Flachlandes bedeute,
-daß die Tiere sich durch ihren fortgesetzten Weiterzug gleichsam
-selber umbrächten, in Gegenden eindrängen, wo sie gar nicht leben
-könnten, sich sinnlosen Krankheiten und Gefahren in den Arm würfen,
-in Hekatomben beim Durchqueren von Seen oder gar im Meer ertränken
-und zuletzt einfach alle miteinander auf solcher tollen Fahrt ins
-Blaue zugrunde gingen, ohne daß auch nur ein Stück die liebe Heimat
-wieder erreichte -- so schien das zwar kein Wunder, aber doch einen
-Gipfel zweckwidriger Unvernunft in der sonst so zweckschönen Natur zu
-bedeuten, der in seiner Art an ein Wunder grenzte. Und an diesem Faden
-wurde der Lemming jetzt für weitere anderthalb Jahrhunderte zu einer
-Art von fachzoologischem Gespenst, mit dem bald das, bald jenes, aber
-nie etwas Rechtes bewiesen werden sollte.
-
-Eine Weile freilich konnte es scheinen, als solle auch dieser Nimbus
-jämmerlich fallen. Linnés Zeugnis wurde allmählich auch etwas
-altersgrau -- aus neuerer, ganz heller Zeit aber blieb es lange
-merkwürdig still von neuen Lemmingzügen. Und als gar der treffliche
-Brehm in Lappland und Finnland überall herumgefragt, kein Mensch dort
-aber etwas vom reisenden und rasenden Lemming gewußt hatte, da meinte
-schon mancher, man dürfe auch diese Wanderlegende nachgerade zu der
-anderen schreiben und aus den ernsthaften Naturgeschichten streichen.
-
-Das aber war wieder zu viel. Der Lemming, schon fast totgesagt,
-erlaubte sich doch wieder zu schwärmen, und noch in den letzten Jahren,
-wie gesagt, ist er wieder von seinen Bergen zu Tal gerast wie zu Linnés
-Tagen. So blieb denn nichts übrig, als den Kampf mit diesem Gespenst
-auf die richtige Waffe zu stellen: nämlich es zu bannen mit einer
-vernünftigen Erklärung des rätselhaften Todeszugs.
-
-Darwin hat einmal gesagt, seine ganze Zweckmäßigkeitslehre mit all
-ihren Folgerungen müsse einpacken, wenn ihm einer einen tierischen
-Instinkt nachweisen könne, der einfach sinnlos darauf ausgehe, die
-betreffende Tierart, die ihn besäße, selber zu schädigen. Es mußte sich
-also wesentlich darum handeln, in dem »Unsinn« des Lemmingzuges doch
-mehr oder minder auch noch eine »Methode« zu finden.
-
-Der erste klärende Schritt dazu war, daß man den seltsamen Kerl in
-seiner normalen Heimat genau studierte. Obwohl eine echte Wühlmaus,
-also nächstverwandt unseren Feldmäusen, lebt er im skandinavischen
-Gebirge nach Art des Murmeltiers. Die »Tundra« zwischen dem tieferen
-Bereich des Fichtenforstes und dem ewigen Schnee ganz oben ist seine
-Welt dort, jener karge Pflanzengürtel, wo der Wacholder und die
-Zwergbirke, die ~Betula nana~, die nur mehr als eine Art Heidelbeere am
-Boden kriecht, einen Liliputanerwald bilden. Üppiger Tisch ist da oben
-gewiß nicht, zumal unser Lemming nicht die echte Murmeltiergewohnheit
-besitzt, den Winter zu verschlafen. Immerhin findet er sein Auskommen,
-und Gefahr entsteht, scheint es, gerade nur durch etwas mehr
-gelegentlichen Luxus der armen Natur um ihn her.
-
-Ab und zu kommt nämlich einmal ein besonders mildes Jahr, und
-in solchem fetten Stande schwillt die Nachkommenproduktion der
-kleinen Tundralemminge ins Ungemessene an. Im folgenden macht sich
-das unheimlich in der großen Kopfzahl geltend, und wenn jetzt in
-erklärlicher klimatischer Folgerichtigkeit ein besonders dürrer Sommer
-eintritt, so entsteht ernstliche und wachsende wirkliche Not. In
-solchen Tagen, heißt es, werde das jahrelang still da oben seßhafte
-Völklein unruhig. Es strebe nach Erweiterung seines Nährgebiets,
-wandere vor allem in den Waldgürtel unterhalb seiner gewöhnlichen
-erhabeneren Sitze massenhaft aus.
-
-Soweit ist die Sache plausibel und fügt sich lückenlos aneinander. Nun
-aber soll wieder daran die große Wanderung hängen.
-
-In dem tieferen Forst finde der Nager, der aus seiner Welt der
-Flechten und Birkenwurzeln kommt, andersartige und ihm unbehagliche
-Bedingungen. Und da fasse ihn der Trieb, abwärts noch weiter zu
-sondieren -- diesmal aber nicht in entsprechend langsamer Ausbreitung,
-sondern sozusagen explosionshaft, in einem ohnemaßen verwegenen Vorstoß
-ins Ferne und immer Fernere, der aber bei der geographischen Situation,
-die anstatt in neues Gebirge in eine immer tiefere Ebene mit tausend
-Feinden und Hemmnissen, ja endlich ans Meer als das wahre »Ende der
-Welt« führe, jedesmal im allgemeinen Verderben enden müsse.
-
-In diesem Teil der Beweisführung bleibt eine Lücke.
-
-Es wird nämlich nicht eigentlich erklärt, wie gerade dieser explosive
-Wandertrieb entsteht. Es wird nur gezeigt, wie er ausgelöst werden
-könnte -- wenn er in den Tieren vorhanden ist. Und auch dazu gibt es
-nun noch mancherlei zu denken und zu bedenken.
-
-Man hat beobachtet, daß die Wanderexplosion nicht bloß vom Waldgürtel
-des Gebirges zu Tal, sondern auch vom eigentlichen Lemminggebiet nach
-oben in die Schnee- und Gletscherwelt erfolgt, wo natürlich die armen
-Weltfahrer noch rascher elendiglich absterben müssen als unten. Von
-Anfang an muß also die Wucht des Wandertriebes enorm sein, die selbst
-in diese unmittelbare Öde jagen kann.
-
-Dann aber hat man an dem Zuge selbst gewisse merkwürdige Einzelheiten
-wahrgenommen. Die ziehenden Tiere kommen wohl in großen Scharen daher,
-zäh jedesmal im Absteigen den gleichen, nämlich wohl den geographisch
-bequemsten Straßen folgend, aber im Trupp geht jeder Einzellemming
-streng für sich, mit ordentlichem Zwischenraum zum nächsten, und wenn
-zwei Pilger sich doch zufällig nähern, so gibt es stets eine böse
-Beißerei. Ein bissiges, zänkisches Gesindel sind sie ja durchweg auch
-sonst, und ein Beobachter wollte das ganze Wandern noch mehr aus dieser
-wachsenden Unverträglichkeit bei größerer Menge erklären anstatt aus
-der eigentlichen Nahrungsnot. Vielleicht aber hängt eben mit dieser
-hochgradigen Wanderfeindschaft, die immerhin doch etwas Sonderbares
-hat, wieder etwas zusammen, das von verschiedenen Beobachtern
-einstimmig erwähnt wird: es sollen nämlich bei den skandinavischen
-Lemmingen die großen Explosionszüge fast ganz aus jüngeren Männchen
-bestehen. Tiermännchen unter sich sind ja stets beißwütiger. Nun
-ist aber wiederum dieses einseitige Geschlechtsverhältnis aus der
-Nahrungsfrage nicht erklärt, und es sieht nach einem besonderen
-Geheimnis noch hinter allem aus.
-
-Ist die treibende Kraft der eigentlichen Explosion etwa unerfüllte
-Liebe? Stellt sich bei der Überproduktion ein Mißverhältnis der
-Geschlechter mit zahlreichen zwangsweisen Junggesellen, die nicht zur
-Heirat kommen können, ein, und ist es der ungestillte Trieb dieser
-»Supernumerare«, der eigentlich in dem Wanderfieber steckt?
-
-Das würde erklären, warum dieses wie ein entfesselter Strom
-dahinfließende Wandervolk auch vor keinen »Fleischtöpfen« unten
-mehr zum Stillstand kommen kann, sondern rastlos gepeitscht immer
-weiter sucht und sucht bis ins eigne Verderben. Das Drauflosgehen bis
-zum Sinnlosen würde, wenn man es erotisch, aus einer ungestillten
-Leidenschaft, erklären könnte, wohl seine gute Analogie im Benehmen
-der meisten anderen Tiere in der »Liebesraserei« finden.
-
-Schließlich bleibt aber auch bei dieser erotischen Hilfe, daß auch
-sie doch offenbar einen sonst schon geregelten Instinkt auslösen
-muß. Daß die Wanderlemminge sich nicht einzeln regellos da und dort
-zerstreuen, daß sie, obwohl knurrend von Pilger zu Pilger, im ganzen
-zusammenhaltende Trupps bilden, die zusammen aufgebrochen sein müssen
-und eine gemeinsame Richtung wahren, und daß diese geregelte Zugform
-immer wieder, solange man die Erscheinung kennt, die gleiche gewesen
-ist, obwohl es sich doch bei den Wiederholungen um weit voneinander
-getrennte Generationen handelt, das alles spricht deutlich für einen
-solchen festen Instinkt, der jedesmal in Kraft tritt, wenn die äußere
-Auslösung, das Stichwort gleichsam, gegeben wird.
-
-Aber ein Instinkt zum Verderben der Art?
-
-Hier wird man sich über das Einzelbild gerade dieses Tieres und das
-engere geographische Bild des heutigen Skandinavien hinaus einen
-freieren Blick schaffen müssen.
-
-Ähnliche gelegentliche explosive Massenwanderungen kommen nämlich
-auch bei anderen Tieren vor, zum Beispiel bei verschiedenen Insekten.
-Sie sind wohl zu unterscheiden von regelmäßigem, friedlichem Wandern,
-das an den Heimatort wieder zurückführt (wie bei unseren Zugvögeln),
-wie von wirklichem Auswandern oder Vorrücken einer ganzen Art. Stets
-handelt es sich dabei um eine Abstoßung von Überproduktion in die Weite
-hinaus, während die eigentliche alte Normalziffer der Bevölkerung ruhig
-an ihrem Sitz verharrt.
-
-Unwillkürlich wird man dabei an menschliche Dinge erinnert. An die
-alte Geschichte vom »~Ver sacrum~«, dem Weihefrühling. Bei antiken
-Völkern wurde gelobt, eine ganze Kindergeneration in den Reifejahren
-auszustoßen, in die ungewisse Ferne zu schicken. Die Samniter in
-der römischen Geschichte sollten so entstanden sein. Die Sache wird
-religiös erzählt, aber sie könnte auch sehr praktische Gründe bei
-Übervölkerung gehabt haben.
-
-Bei jenen Tierabstößen aber könnte in diesem Sinne nun ein doppelter
-Nutzzweck für die Art herauskommen.
-
-Einmal, wenn die Abgestoßenen wirklich alle zugrunde gingen. Die
-Zurückbleibenden blieben dann ohne erhöhten und vielleicht zerstörenden
-Daseinskampf im alten Statusquo. Es wäre ein grausiges Mittel -- ein
-besonderer Wanderinstinkt, bei so und so viel Einzeltieren der Art
-zeitweise ausgelöst, damit sie sich zugunsten der Art opferten, indem
-sie ins Blaue rasten, dem sicheren Tode zu.
-
-Aber ich glaube, es gibt einen zweiten und milderen Fall, der wohl
-auch bei jenem menschlichen ~Ver sacrum~ eigentlich als das Normale
-vorgesehen war. Der abgestoßene Schwarm findet auf seinem Wege eine
-neue Heimat. Eine andere günstige Stelle, wo die Art sich neu ansiedeln
-kann oder wenigstens Artgenossen leben, denen eine Blutauffrischung
-günstig zustatten kommt. Hier hätte die Art rein positiven Vorteil
-durch stärkere Ausbreitung und erhöhte Kraft. Und diesem Sinn würde
-auch das rasend Schnelle des Zuges besonders gut dienen, während es für
-den reinen Todeszweck belangloser wäre: es gälte in kürzester Frist
-möglichst große Strecken zu überqueren, ob der Zufall ein gutes Neuland
-zeige, -- je weiter hinaus, desto größer die Chance.
-
-Nun freilich: bei den skandinavischen Lemmingen von heute kommt es
-immer nur zu einem Todeszug: sie vergehen alle in der Ebene oder im
-Meer. Hier scheint also unabänderlich heute wenigstens nur der erste
-Fall zu gelten.
-
-Indessen wir erinnern uns an Geologisches. Solche Tierarten mit ihren
-Instinkten leben ungeheure Zeiträume hindurch. In solchen Zeiten aber
-ändern sich Festländer und Meere. Skandinavien ist nicht immer so zu
-größten Teilen inselhaft gegen das Meer geöffnet gewesen und wird
-es schwerlich in Ewigkeit sein. Wenn eine Landbrücke über Nord- und
-Ostsee es heute mit Deutschland verknüpfte, könnten auch die rasenden
-Lemmingzüge zuletzt wieder auf wirklich geeignetes Gebirgsland stoßen;
-solche Zustände haben aber in geologischen Tagen geherrscht. In der
-Diluvialzeit ist durch die großen eiszeitlichen Klimastürze zeitweise
-sogar die Tundra selber bis tief nach Mitteleuropa hinein gekommen, und
-entsprechend findet man Lemmingknochen aus diesen Tagen dort überallhin
-wirklich verbreitet.
-
-Also andere Zeit, ein anderes Lied. Am »Sinn« aber werden wir auch hier
-noch lange nicht zu verzweifeln brauchen!
-
-
-
-
-Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge
-
-
-In der guten alten Zeit hatte man noch viel lustige Hoffnungen
-hinsichtlich naturgeschichtlicher Entdeckungen. Man erwartete und
-fabulierte Menschen mit Kranichköpfen oder einem einzigen Riesenfuß,
-der so groß war, daß er bei Sonnenhitze dem ganzen Körper Schatten
-geben konnte.
-
-Aber ein Wesen, Tier oder Mensch, das nicht als Fisch im Wasser,
-sondern richtig auf dem Lande in offener Atemluft lebte und doch weder
-eine Fischkieme noch auch eine Lunge, sondern in diesem Sinne überhaupt
-gar nichts zum Atmen hatte und dennoch lebte -- das haben auch die
-problematischen Geographen und Naturhistoriker, die von der Indienfahrt
-des Apollonius von Tyana oder den wunderbaren Reisen weiland Herzogs
-Ernst schrieben, nicht zu erfinden gewagt ...
-
-Wer ist nicht einmal an der Riviera gewandert und hat in diesem
-unsagbar köstlichen Paradies den melancholischen Gedanken gedacht:
-was für ein Schlachtfeld unter all diesen Herrlichkeiten des blauen
-Himmels und der sonnenüberglänzten Palmenerde sich dehne von unfaßbar
-tragischem Menschenkampf mit dem Unvermeidlichen.
-
-Um den Atemzug des Menschen ging dieser Kampf, um die Lunge, die ihn
-gewährte. Wie ist hier vom einzelnen gerungen worden mit äußerster
-heiliger Seelenkraft! Wie klangen und klingen hier die langsamen,
-tastenden Fortschritte der modernen Medizin als Paradieseshoffnungen
-bald, bald wieder als Resignationen an.
-
-Aber in aller Not denkt man dort doch auch an die wunderbaren
-Widerstände, die geheimnisvollen Selbstregulierungen der Natur. Wie
-lange der Mensch vielfach den Kampf aushält selbst mit einem stark
-herabgesetzten Organ! Ist es doch, als sei unser Körper schon in
-gesundem Stande gleich auf das Doppelte angelegt mit seinen zwei
-Lungenflügeln, zwei Gehirnhalbkugeln, zwei Nieren: damit bei Zerstörung
-der einen Hälfte doch noch der Rest das Ganze einstweilen trage.
-
-Doch wenn zuletzt die gesamte Innenfläche schwindet, auf der Luft
-und Leben sich nach uraltem Pakt, der allein das Leben in der Luft
-garantierte, begegnen, dann sinken doch die großen Schleier. Ganz ohne
-Lunge hat auch die Natur in uns, die um Erhaltung ihres Gebildes ringt
-bis zum letzten Atemzuge, keine Selbsthilfe, keine Regulierung mehr.
-
-Wohl weiß der Arzt, der zugleich den geschichtlichen Entwicklungsgang
-dieses Organs überschaut, uns noch etwas Merkwürdiges dazu zu erzählen,
-das bei vielen heute noch überraschend wirkt.
-
-Diese Lunge ist auch als Ganzes nur wieder ein Teilstück eines anderen,
-viel größeren und gegen Zerstörungen durchweg viel widerstandsfähigeren
-Organs in uns. Sie ist ursprünglich nämlich nichts als ein Stück
-Darm, eine Ausstülpung am vorderen Teil des Verdauungskanals. Eine
-Seitentasche dieses Darms ist sie, die durch besonderen Anschluß von
-Blutbahnen in der Arbeitsteilung der Ernährung sich speziell darauf
-eingestellt hat, nicht flüssige und feste Nahrung zu verarbeiten,
-sondern die in der Luft enthaltene.
-
-Wenn es wahr ist, daß sich im darwinistischen Sinne die Landwirbeltiere
-aus fischartigen Wassertieren einmal entwickelt haben, so ist
-der engere Hergang wahrscheinlich so gewesen, daß ein gewisses
-Darmanhängsel, das bei den Fischen ganz anderen Zwecken (dem Auf-
-und Absteigen im Wasser) diente, die sogenannte »Schwimmblase«, sich
-nachträglich zum »Luftdarm« als Atmungsorgan auf dem Lande an Stelle
-der Wasserkiemen des Fisches ausgewachsen hat. Die Darmnatur aber hat
-die Lunge auch so und gerade so erst recht niemals ablegen können.
-
-Wollte man nun einmal ganz kühn sein, so könnte man folgern: die
-Natur hätte auch bei vollkommener Zerstörung der Lunge noch _einen_
-Rettungsausweg. Wenn nämlich rechtzeitig der ganze übrige Darm für sein
-zerstörtes Teilstück einzutreten begänne, gewisse Blutgefäße dick und
-leicht durchlässig vordrängte und so Ersatz schüfe.
-
-Ja, theoretisch könnte man sich die Maschine so reguliert denken. Aber
-in der Praxis fehlt es bei uns eben doch offenbar -- leider -- an der
-Möglichkeit und Schnelligkeit der Umschaltung, und so fällt auch dieser
-Traum unter die Resignationen der Wirklichkeit -- es sei denn, daß die
-Medizin noch einmal ganz andere Mittel und Wege fände, unseren Körper
-überhaupt umzuzüchten und ihm alles tatsächlich zu entlocken, was in
-den Anlagen der Natur auch in ihm schlummert.
-
-Gewiß aber bleibt, daß zu solchen oder ähnlichen waghalsigen Ideen
-nicht leicht etwas stärker Anklingendes entdeckt werden konnte, als vor
-nicht langer Zeit eben auf der so schönen und so tragischen Erde der
-italienischen Riviera selbst geschehen ist.
-
-Man hat ein Tier dort entdeckt, das ein Wirbeltier ist gleich uns. Und
-zwar ein Landwirbeltier, also kein Fisch. Dieses Tier aber besitzt
-keine Spur von einer Lunge und atmet doch Luft, genau wie wir. Es atmet
-sie nämlich wirklich ein und aus mit einer weit umfassenderen Fläche
-seines Leibes, in diesem Falle allerdings auch nicht mit dem ganzen
-Darm, sondern, unverkennbar noch praktischer, gleich mit der Außenhaut
-des Körpers.
-
-Dieses, man kann wohl mit Grund sagen, nunmehr wirklich wunderbarste
-Wirbeltier ganz Italiens ist ein äußerlich schon lange bekannter,
-noch nicht handlanger Salamander, auf braunem Grunde gelbrot fleckig
-mit etwas allgemeinem Goldglanz, also nicht unähnlich einem kleinen
-Exemplar unserer heimischen Feuersalamander, die jeder Schuljunge
-kennt, der in den Sammeljahren steckt.
-
-Man hat ihn als den »braunen Höhlensalamander« (~Spelerpes fuscus~)
-bezeichnet, denn wie unser gelbschwarzer Landsmann liebt er Dunkelheit
-und feuchte Verstecke, was bei ihm aber bis dahin gediehen ist, daß
-er gewohnheitsmäßig in kühlen und finsteren Höhlen der nord- und
-mittelitalischen Gebirge als ein möglichst scheuer Sonderling haust,
-der dort auf die uns widerwärtigste Jagd, zum Beispiel auf die der
-kleinen Skorpione des Landes, geht.
-
-Eine ungeheuerlich weit vorschnellbare Zunge, wie sie beim Chamäleon
-wiederkehrt, erleichtert ihm das Jagdvergnügen zwischen diesem
-bedenklichen Wildstand seines fast unzugänglichen Reviers. Wie so
-mancher weltabgeschiedene Eigenbrötler im Amphibienvolk, scheint er
-eigentliches Wasser nicht einmal für seine Jungen mehr nötig zu haben,
-sondern auch sie werden gleich landfertig und nach Abschluß ihres
-Kaulquappenstandes geboren.
-
-Um so sicherer aber hätte man aller zoologischen Folgerichtigkeit nach
-nun damit rechnen sollen, daß der kleine Geselle von solcher Geburt an
-zeit seines ganzen fertigen Molchlebens ein paar tüchtig entwickelte
-Lungenflügel im Leibe führe.
-
-Denn das wissen wir ja von seinen allbekannten Genossen bei uns,
-Feuersalamander wie Teichmolch: diese amphibischen Langschwänzer sind
-zwar darin »Amphibien«, also »beidlebige Tiere«, daß sie als freie
-Kaulquappe im Wasser mit fischhaften Kiemen Wasserluft atmen können,
-_wenn_ sie aber dann als reifes Geschöpf aufs Land gehen, haben sie so
-gut Lungen zu freier Luftatmung wie nur irgendein Vogel oder Säugetier
-oder wie wir Menschen selber.
-
-Und eine solche Lunge ist auch bei einem Lurch solchen Schlages keine
-bloße »Tätigkeit«: sie ist ein sichtbares Gebild im Leibe, das man
-greifen kann; eine Froschlunge zum Beispiel sieht, abgesehen von ihrer
-etwas kurzen Verankerung, äußerlich gar nicht so sehr viel anders aus
-als eine menschliche. Um so überraschender aber mußte jetzt die Kunde
-klingen, daß findige Anatomen beim genauen Zergliedern des italischen
-Spelerpesmolchs auch nicht das allerkleinste Substanzzipfelchen
-gefunden hätten, das auf eine solche Lunge gedeutet werden könnte. Ein
-alter Haruspex, der bei einem seiner Opfertiere das unerwartete Fehlen
-eines so scheinbar unumgänglich nötigen Organs festgestellt hätte,
-würde mindestens den Untergang der Welt daraus prophezeit haben! Der
-Fall hatte diesmal aber noch eine viel weitere Perspektive als die
-einer vereinzelten Abnormität.
-
-Das zweideutige Höhlenkind Italiens ist, rein geographisch betrachtet,
-ein höchst seltsamer Fremdling in unserem Erdteil. Alle seine Genossen
-von der engeren Spelerpesgattung wie einem anschließenden größeren
-Kreise wohnen (Werner hat jüngst die Tatsachen darüber anschaulich
-zusammengestellt) sonst jenseits des Großen Wassers in Nord- und
-Südamerika. Irgendein Urweltweg (einst hat es ja Tage gegeben, wo
-Europa enger mit Nordamerika zusammenhing als selbst mit Asien) muß es
-vereinzelt so weit hinausgelockt haben.
-
-Dabei ist es aber durchaus nur dem treu geblieben, was auch drüben
-Trumpf war. Diesem ganzen Geschlecht von mehr als einem Halbhundert
-verschiedener Arten fehlt ganz gleichermaßen jede Spur von einer
-Lunge im Leibe! Dabei ist es im übrigen ein äußerst vielgestaltiges
-Völklein. Da gibt es Molche, die hoch auf Bäume klettern; Molche, die
-weite Sprünge vollführen können; Molche, die einen Greifschwanz haben,
-an dem sie sich eine Weile schwebend erhalten können; Molche, die im
-Gegensatz zu der sonstigen Wehrlosigkeit des heutigen Lurchgeschlechts
-lange Zähne führen und damit an gewisse riesige krokodilhaft bissige
-Riesenlurche der Vorwelt (Labyrinthodonten) gemahnen. Manche aus jenem
-Stamm leben gleich unserem Italiener streng auf dem Lande, andere gehen
-auch ins Wasser. Allen aber gemeinsam ist das große Mirakel ihrer
-Familie: der bedingungslose Verzicht auf die Lunge ebenso wie auf jedes
-besondere andere Atmungsorgan.
-
-Und die entscheidende Frage muß sein, wie dieser Mangel ausreichend
-ersetzt werden konnte von einem Wirbeltier, das unter allen Umständen
-doch an das große Gesetz der Atmung gebunden war wie alle übrigen.
-
-Schaut man nun einem solchen lungenlosen Salamander eine Weile zu,
-so gewahrt man mit Befremden ein unablässiges schnelles Schwingen
-der Kehlhaut, das ganz und gar doch wieder nach sogar sehr heftiger
-Lungenarbeit ausschaut. Aber der Anatom löst dieses Rätsel und damit
-zugleich das andere.
-
-Unser geheimnisvoller Lurch atmet in Wahrheit nicht vom Mund in den
-Lungenschlund, sondern er _atmet mit der Mundhöhle selber_. Hier schon
-treten die Blutgefäße zum nötigen Gasaustausch unmittelbar heran. Und
-entsprechend geht das Atmungsfeld, wenn man sich so ausdrücken soll,
-auch von innen nach außen und nicht umgekehrt weiter, indem es sich
-von der Mundhöhle nun ausbreitet über die gesamte äußere Körperfläche
-bis in ihre entlegensten Ausläufer. Merkwürdigerweise sind es ganz
-besonders _die Zehen_, die oft durch ein sehr starkes oberflächliches
-Blutnetz am erfolgreichsten diesem Zweck dienen, ein Sachverhalt, der
-weit fort von allem Wirbeltierbrauch geradezu an die Krebse erinnert,
-wo die kiemenhaften Atmungsapparate ebenfalls an den Beinen sitzen als
-der Stelle, die am besten mit frisch anströmendem Wasser in Berührung
-kommt.
-
-Obwohl die Lebensweise der heutigen »lungenlosen Molche« keine
-einheitliche mehr ist, wird man doch kaum fehlgehen, wenn man
-diese ihre kurioseste und schlechtweg einzigartige »Anpassung« auf
-ursprüngliche Verhältnisse zurückführt, wie sie wohl gerade der
-italienische Höhlensalamander noch mit am deutlichsten spiegelt.
-
-Dieses Molchvolk wird lange Zeit weder rein auf dem Trockenen noch
-rein im wirklichen Wasser gelebt haben. Es war vielmehr vermutlich ein
-gewohnheitsmäßiger Bewohner der »Dusche«. An feuchten Grottenwänden
-kletternd, erhielt es einen immerwährenden feinen Sprühregen und
-Kellerschwaden auf Maul und Haut, der die Atmung dieser äußeren Haut
-(etwas atmet ja jede tierische Nackthaut und ganz besonders stark auch
-sonst schon die amphibische, zum Beispiel beim Frosch) in eben dem
-Maß durch feine Reizung verstärkte, wie er beim Eindringen in eine
-wirkliche innere Lunge vielleicht umgekehrt zu grob wirkte.
-
-Jedenfalls wird man kaum darum kommen, daß die Lunge erst wieder
-nachträglich abgeschafft und durch die Mund- oder Fingerhaut ersetzt
-worden ist; denn zu der gesamten Organisationshöhe des echten Molchs,
-die doch sonst auch hier schon überall erreicht ist, gehörte normal
-zweifellos auch der ursprüngliche Besitz bereits einer Lunge in reifem
-Zustande.
-
-Also es ginge im Spielbereich der Natur: wir könnten auch mit dem
-Gaumen oder mit den Fingerspitzen atmen -- die Maschine ließe sich
-theoretisch auch hier anschalten. Nur daß diese Natur immer ihre Zeit
-gebraucht hat, solchen Anpassungswechsel durchzusetzen. Nicht am
-einzelnen Individuum hat sie es vollbracht, sondern an Generationen.
-
-Obwohl wir aus den ganz alten Urweltstagen nur Reste jener erwähnten
-krokodilhaften Panzeramphibien besitzen, gehen doch auch die
-nackthäutigen Lurche, zu denen ein solcher Molch von heute gehört,
-über Millionen von Jahren zurück; schon in der Jurazeit gab es den
-echten Frosch, also wohl die Krone auch dieses jüngeren Stammes. Da
-konnte sich viel vollenden, auch wenn es langsam ging, viel konnte da
-die Natur, wenn wir einmal so menschlich reden wollen, experimentieren
-nach allen Richtungen, und wundervoll konnte sich die tatsächliche
-Biegsamkeit und Schmiegsamkeit des Lebensprinzips bewähren. War dann
-die Anpassung geglückt, so überdauerte sie auch wohl wieder unfaßbare
-weitere Generationen in starrem Bann.
-
-Was wir Menschen uns wünschten, ist hier weniger zugleich und mehr.
-
-Nicht die Menschenart im ganzen möchten wir für jede Einzelhilfe
-verwandeln. Dafür aber möchten wir im individuellen Falle einen Ausweg
-schaffen, der ein krankes Organ durch ein anderes ersetzte, jetzt
-gleich, im einzelnen. Und hier liegt einstweilen unser Gegensatz
-noch zu den grandiosen Auswegen und Erfolgen der dunkel schaffenden
-Naturzüchtung unter uns, der uns Menschen in all unserem bewußten
-Erfassen der Dinge heute noch wie einen Tantalus erscheinen läßt, zu
-dem sich die goldenen Früchte herabsenken und der sie doch nicht zu
-erfassen weiß.
-
-Wenn es aber irgendeinen Erfolgsweg gibt, so heißt er: Lernen von der
-Natur.
-
-
-
-
-Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas
-
-
-Alte indische Weisheit lehrt, daß jeder Mensch sich irgendwo
-»dahinten«, im kosmisch-mystischen Storchteich, sein eigenes irdisches
-Leben freiwillig gewählt, erfunden und gedichtet habe.
-
-All unsre unterschiedlichen und nicht immer ganz wohltuenden Abenteuer
-hier unten seien nur die Autosuggestionen eines Poeten, der eine Weile
-seine eigene Phantasie für Wahrheit nimmt -- einzelnen Abenteuern
-gegenüber doch eine etwas unheimliche Vorstellung.
-
-Inzwischen wäre es aber hübsch, wenn wir gelegentlich wirklich wählen
-dürften, wann und wo wir noch einmal wiederkommen wollen. Jeder würde
-da seine sehr speziellen Wünsche haben; ich aber weiß gewiß, daß ich
-unter den Zeiten und Orten der Vergangenheit mir keinen lieberen Fleck
-zum Wiedermiterleben wählen könnte als -- Gondwanaland.
-
-Zwei Dutzend Millionen Jahre vielleicht möchte ich meine Uhr
-zurückdrehen -- nicht vordrehen, nicht in die gespenstische Zukunft
-hinein, sondern historisch dorthin, wo der Mensch selber noch als eine
-ferne Zukunftsüberraschung im Storchteich der Erdentwicklung schlief --
-und wissen, wie es eigentlich wirklich in Gondwanaland ausgesehen hat.
-
-Gondwanaland ist ein verschollener, verklungener, zerfetzter,
-versunkener Erdteil der Urwelt, der aber dokumentarisch sehr viel
-besser beglaubigt ist als die angeblich noch von Menschen bewohnte
-sagenhafte Atlantis.
-
-In einer sonst belanglosen Landschaft des heutigen Indien ist man
-wissenschaftlich zuerst auf seine Spur gekommen -- daher der Name, der
-im übrigen nicht viel mehr Bezug zu ihm hat als der des ehrenwerten
-Herrn Amerigo zu Amerika.
-
-Gondwanaland ragte, als sich bei uns im Norden die roten Wüsten
-dehnten, denen wir unseren auffälligst gefärbten Bausandstein verdanken.
-
-Gondwanaland ragte, als sich in weitem Waldmoorgürtel dort aus
-sterbenden Farnbeständen die Ursubstanz unserer Steinkohle bildete.
-
-Gondwanaland verband damals auf der Südhalbkugel Afrika mit Indien,
-es erfüllte den Indischen Ozean und schob sich westlich in den
-Atlantischen; Australien und Südamerika lagen als zugehörige
-Dependenzen oder Halbinseln neben ihm; wie weit es sich zur Antarktis
-südpolar erstreckte, das eben möchte ich unter anderem wissen, wenn ich
-noch einmal dahin geboren würde.
-
-Aber noch mehr würde ich dann wissen.
-
-Gondwanaland verschwand als Kontinent, versank größtenteils in der
-Jurazeit; damals entstand als junges Meer über seinem Hauptgrabe erst
-der Indische Ozean. Aber lange vorher muß Gondwanaland der Schauplatz
-des merkwürdigstem des rätselhaftesten Vorgangs gewesen sein, den die
-geologische Vergangenheit, soweit wir ihr ahnend noch folgen können,
-überhaupt enthalten hat.
-
-Seine Gelände bedeckten sich »eines Tages« (geologisch gesprochen)
-in den Breiten Indiens und Südafrikas mit Schnee, und zwar so tief
-herab, wie es heute dort ganz unmöglich wäre. Von ungeheuren weißen
-Firnfeldern schoben sich ungeheure blaue Gletscher bis ans Meer,
-regelrechte Grundmoränen mit poliertem oder geschrammtem Gestein
-dabei bildend. Die Schlammufer dieses Meeres erstarrten in Indien
-zeitweise zu hartem Eisboden, als lägen sie in Nordsibirien. Eine
-Eiszeit, die über den Äquator zog! Was kann sie erzeugt haben? Fragen!
-Wie entstanden überhaupt Eiszeiten auf der Erde? Wie entstanden sie
-periodisch im Laufe der Erdgeschichte -- mehrfach? An diesem Rätsel
-quälen sich heute tausend sehr kluge und sehr mäßige Menschenköpfe,
-aber den Schlüssel hat noch keiner gefunden.
-
-Dann -- nach langer Dauer, während die Oberflächengesteine unter ihrer
-Vereisung größtenteils zu Schutt zerfallen waren -- änderte sich
-der Feuchtigkeitsgehalt der Luft wieder, die abnormen Schneeflächen
-schmolzen fort, und auf den nackten Moränenfeldern der alten Gletscher
-siedelte sich eine fremdartige Pflanzenwelt an, die inzwischen irgendwo
-entstanden war -- völlig andersartige Farnwälder, als sie sonst und im
-Norden der Steinkohlenwelt entsprochen hatten.
-
-Durch diesen neuen Wald aber kroch eine Tierwelt daher, Geschöpfe, wie
-sie nie vorher so wunderlich, so äußerlich scheußlich gesehen worden
-waren. Teils glichen sie Reptilien, teils Säugetieren, teils war es,
-als wolle sich mit ihnen ein ganz neuer dritter Typus neben beiden
-bilden. Die einen liefen auf ganz kurzen, aber unerhört massigen
-Teckelbeinen, während ihr Knochengerüst eine Tendenz zeigte, zu groben
-Klötzen zusammenzuwachsen, wie es in manchem noch das unserer heutigen
-Schildkröten tut. Andere führten an Drachenleibern wilde Tigerköpfe
-mit einem echten, fast völlig säugetierhaften Raubtiergebiß. Wieder
-andere glichen in der Größe und Lebensart Nilpferden, die aber auf
-Krokodilklauen watschelten und denen aus dem schnabelartigen Maul zwei
-riesige Stoßzähne wie beim Elefanten ragten.
-
-Viel Wunderbares hat die zeitlich erst folgende große Saurierzeit
-noch hervorgebracht. Wer möchte nicht einen Ichthyosaurus noch einmal
-lebend gesehen haben? Vielleicht hätte er uns enttäuscht: er glich zu
-sehr unseren Delphinen. Diese Gondwanatiere aber, die wie aus drei
-Tierklassen zusammengestückelt waren, hätten allen Anforderungen
-groteskester Phantasie standgehalten.
-
-Als dieser Ichthyosaurus sich bei uns in Schwaben tummelte, war aber
-Gondwanaland bereits als Ganzes dahin. Zwischen all den Wundern der
-Urwelt steht es noch einmal besonders wie ein Märchen, das kam und
-ging, aus dem Blau stieg und im Blau versank. Wie seine Schneefelder
-heruntergeschmolzen waren, so tauchte zuletzt auch sein Sockel wieder
-unter den Ozean.
-
-Nur ein paar Klippen blieben stehen, der unterste Zipfel von
-Südamerika, das Kapland, ein Stück Indien. Sie verschmolzen später mit
-von Norden heranrückenden Kontinentmassen, so daß sie fortan als deren
-Südecken in die freien Weiten der Südozeane vorzuspringen schienen;
-so zeigen sie heute unsere Karten, jedem vertraut; aber wo sie heute
-abbrechen, da träumt unter den blauen Wassern in Wahrheit tief
-versenkt das Märchen von Gondwanaland.
-
-Und nur Australien, einst auch eine verschneite Insel oder Halbinsel
-neben den Gletschern des Hauptlandes, liegt noch jetzt fast unverändert
-an seinem Fleck. Deutlich erkennt man auch in seinem alten Gestein noch
-die Moränen, die Eisschliffe der großen Gondwanakatastrophe. Nie in
-aller Folge sind Australien und seine nächstgelagerten Inseln von einer
-späteren nördlichen Kontinentzunge erfaßt und »nördlich« einverleibt
-worden. Wenn irgendwo noch ein letztes Abendrot der Wunder von
-Gondwanaland hätte fortglühen können, so wäre es also nur hier gewesen.
-Und nur hier in Australien bestände bis heute eine loseste Möglichkeit,
-daß noch irgendein letzter Rest fortlebte von jenen Wundertieren, die
-einst dort den neuen Farnwald und die Schmelzseen belebt hatten, als
-der geheimnisvolle äquatoriale Schneewinter schwand ...
-
-Tiere aus Gondwanaland in unseren zoologischen Gärten!
-
-In diese Gärten ist in den letzten Jahren ja so manches gekommen, das
-man nicht für denkbar gehalten hätte. Das diluviale Wildpferd, das die
-Menschen der Steinzeit in Europa gejagt hatten, ist noch lebend aus
-der Wüste Gobi zu uns gelangt. Dann hat Hagenbeck jenes Zwergnilpferd
-von Liberia eingeführt, das einst seine Miniaturgenossen auf Malta
-und Kreta hatte. So zur rechten Stunde taucht nun auch ein ganz neues
-Geschöpf gerade bei uns auf, das aus dem eng zu Australien gehörigen
-Paradiesvogellande, aus Neuguinea, stammt.
-
-Neuguinea, immer noch weit weniger erforscht als das eng zugehörige
-Festland von Australien, ist einer der letzten größeren Erdenwinkel,
-von denen wir noch wirkliche zoologische Überraschungen erwarten
-dürfen. Fort und fort werden noch neue und immer herrlichere
-Paradiesvögel dort entdeckt, während es gleichzeitig mit immer mehr
-Glück gelingt, diese farbenfrohen »Kunstwerke der Natur« auch lebend
-zu uns herüber zu bringen; im Berliner Zoologischen Garten lebten
-kürzlich nicht weniger als vier der schönsten Arten nebeneinander; und
-auch auf Schutz dieser Paradiesier vor dem bösen Raubtier, das ihnen
-im mörderischen Damenhut unserer Mode erstanden ist, läßt sich ja
-nächstens hoffen.
-
-Da aber war es nun eine der echtesten Freudennachrichten für die
-Tierkundigen, als es hieß, in den schwer wegsamen Wäldern dieses
-Neuguinea habe auch das merkwürdigste Tier des australischen Kontinents
-noch ein zweites großes Asyl: nämlich das sagenumwobene Schnabeltier.
-
-Ein einzelner Schädel wies schon vor Jahren die erste Spur, daß
-auch dort große Landschnabeltiere vorkämen, die der bestachelten
-australischen Form, die man den »Schnabeligel« nennt, entsprächen, aber
-weit imposanter und im Besitz weit größerer Schnäbel, also in jedem
-Betracht noch interessantere Tiere wären. Nach und nach hat sich das
-dann dahin geklärt, daß tatsächlich nicht das australische Festland,
-sondern dieses Neuguinea heute recht eigentlich das Entfaltungsgebiet
-dieser Landschnabeltiere ist. Neben einem echten kleinen Verwandten
-der Landaustralier bewohnen es mehrere jener großen Sorten, für die
-man den besonderen Namen »Vliesigel« erfunden hat. Vliesigel wäre ein
-Igel (oder hier ein äußerlich igelähnliches Schnabeltier), der mehr
-weiches »Vlies«, also mehr einfaches Wollhaar als wirkliche Stacheln
-besitzt. Gerade dieses Merkmal scheint aber nur auf eine der großen
-Arten dort zuzutreffen, während eine andere, noch weit größere, sogar
-extrem borstig und langstachelig ist. Immerhin lehrt das Schwanken
-im Grade der Stacheln, daß diese äußerliche Wehr überhaupt nur etwas
-Nebensächliches bei diesen Schnablern darstellt, das ebensogut ganz
-fehlen könnte, ohne ihre übrige Absonderlichkeit zu berühren.
-
-Eben jener lang- und dickstachelige Vliesigel (~Proechidna
-nigroaculeata~) ist es nun, der in einem Prachtexemplar neuerlich zum
-ersten Male lebend in den schönen Zoologischen Garten zu Amsterdam
-gelangt ist, während andere Vliesigel auch sonst in Tiergärten, so
-den Berliner, gekommen sind. Und das jetzt ist ein ganz einzigartig
-kurioser Geselle. In der Gestalt möchte man ihn durchaus einem
-kleinen Elefanten vergleichen (natürlich auch ohne bescheidenste
-Elefantenmaße): der Schnabel biegt sich zum verhältnismäßig
-ungeheuren krummen Rüssel wie ein Pfeifenrohr ein, und während die
-kleinen Australier platt am Boden dahinwackeln, hebt sich bei diesem
-Stachelelefanten der Leib auf hohe, wirklich mehr elefantenhafte
-Säulenbeine herauf. Denkt man sich die Größe dazu, so möchte im
-ganzen etwa ein alter karthagischer Kriegselefant herauskommen, dem
-sie zu besserer Wehr in der Schlacht eine künstliche Lederdecke mit
-Wollpolster und vielen eingesetzten derben Metallzylindern über Rücken
-und Kopf gestülpt haben.
-
-Aber dieser »Elefant von Neuguinea« hat in Wahrheit nichts mit
-Elefanten und Elefantengenossen zu tun. Lebend, wie er heute noch in
-seinem holländischen Neuguinea durch den Nachtwald streift und nun
-auch bis zu uns ins Kulturland gekommen ist, trägt er doch einen ganz
-eigentümlichen zoologischen Duft, einen geologischen Zauber über sich:
-er und seinesgleichen stehen nämlich heute tatsächlich noch im Abendrot
-von Gondwanaland.
-
-Es sind keine echten Säugetiere, diese Schnabeltiere. Das weiß man,
-seit feststeht, daß sie regelrechte Eier legen, die äußerlich denen
-der Schildkröten ähneln, und daß ihre Bluttemperatur in weitem Maße je
-nach der äußeren Luftwärme steigt oder fällt, wie es den wechselwarmen
-Reptilien im Gegensatz zu den dauerwarmen Säugetieren allgemein eigen
-ist.
-
-Freilich führen sie bereits das Haar des Säugetiers (auch die Stacheln
-sind nur verklebte Haargebilde), und ihre Jungen werden noch im Ei
-durch Säfte des Mutterleibes, später aber durch eine Art Muttermilch
-selbst genährt. Das sind Züge bei ihnen, die, wenn nicht auf das
-vollendete, so doch auf das werdende Säugetier weisen, und so ist es
-eine wohlbegründete Vermutung, daß von Tieren, die ihnen in diesen
-Punkten glichen, in Urweltstagen einmal wirklich diese Säugetiere sich
-geschichtlich heraufentwickelt haben.
-
-Aber wenn wir sie selber nun unabhängig von dieser immerhin noch in
-manchem verschleierten Möglichkeit geologisch und systematisch irgendwo
-angliedern und einordnen wollen, so ergibt sich nur eine einzige
-bedeutsame Stelle dafür im weiten Bereich aller bekannten Tierheit.
-Sie gleichen den alten Gondwanatieren, jenen Sauriern oder doch
-saurierähnlichen Wesen, in denen Reptil und Säugetier im Knochenbau
-gleichsam miteinander rangen, daneben aber ein drittes neben beiden her
-sich durchzukämpfen schien.
-
-Schon den ersten Anatomen, die das Skelett des Schnabeltieres
-beschrieben, war aufgefallen, wieviel echt saurierhafte Züge es
-(besonders im Schultergürtel) wies. Umgekehrt die ersten Deuter der
-Knochen jener Gondwanatiere aus den Gesteinen des heutigen Kaplandes
-staunten über die schnabeltierhaften Züge, die hier überall im
-speziellen auffielen. Eine Weile schrak man ja doch noch zurück vor zu
-enger Vergleichung. Aber je genauer gerade in letzter Zeit durch die
-emsige Forschung der Engländer das Gesamtgerippe der uralten Gondwaner
-bekannt wurde bis in fast jede Einzelheit, desto sieghafter wurden die
-Übereinstimmungen.
-
-Einmal fand sich ein Gondwanaschädel, der unbedingt schon auf ein
-Säugetier zu deuten schien. Man bestritt es: es sollte doch ein
-Reptil gewesen sein. Doch die Säugetiernatur setzte sich durch, sie
-mußte zugegeben werden. Die Backenzähne gerade dieses Schädels aber
-stimmten aufs genaueste überein mit dem Milchgebiß des lebenden
-Wasserschnabeltieres!
-
-Eine Weile machte der Unterkieferansatz der Schnabeltiere Not; hier
-sollte ein himmelweiter Unterschied gegen die Gondwanatiere liegen;
-auch da sind kürzlich wenigstens Übergänge nachgewiesen worden. Und
-auch von dem völligen Abirren von Reptil wie Säugetier, das viele
-jener Gondwaner verraten, boten die lebenden Schnabler Züge. So
-besitzen ihre Männchen sämtlich einen absolut eigenartigen Sporn
-am Hinterfuß, der durchbohrt ist wie der Giftzahn einer Schlange
-und zu einer Drüse führt, die etwas absondert; noch heute steht
-nicht ganz sicher fest, ob hier ein Giftapparat oder ein erotischer
-Erregungsapparat für das Weibchen vorliegt, gewiß aber ist (auch wenn
-das letztere sich als wahrscheinlicher ergeben sollte), daß kein Reptil
-noch Säugetier, das wir kennen, sonst so etwas führt.
-
-So überwältigend schwillt im Augenblick das Material, daß ernstlich
-schon (durch Jaekel in Greifswald) der Vorschlag laut geworden ist, es
-sollten irgendwie im System die Gondwanatiere mit den Schnabeltieren in
-einer neuen Klasse der Wirbeltiere vereinigt werden, einer Klasse, die
-dann gleichwertig neben Reptilien, Vögeln und Säugetieren stehen müßte.
-
-Vor so auffälligen und immer eindeutigeren körperlichen Indizien aber
-kann es nun schwerlich ein Zufall sein, daß auch die geographische
-Sachlage bei den heutigen Schnabeltieren so energisch nach der gleichen
-Richtung weist.
-
-Nur Australien und sein nächstzugehöriges Inselland (Neuguinea,
-Tasmanien) beherbergen lebende Schnabeltiere. Nur dort aber befinden
-sie sich heute noch auf der letzten geologisch intakten Scholle von
-Gondwanaland selbst. Ihre heutige Isolierung auf dem einen einzigen
-Fleck der großen Erdkugel weist schlagend eben auf ihren alten, ihren
-ehemaligen Zusammenhang mit dem großen Urweltserdteil, der nur noch
-hier erhalten, überall sonst dagegen entweder im Ozean versunken oder
-doch durch Anschluß seiner Restklippen an andere Erdteile seither in
-der ursprünglichen Eigenart verwischt worden ist.
-
-Gern möchte man ja aus den alten Gesteinsschichten Neuguineas oder
-Festlandaustraliens selbst noch etwas über die Geschichte der Schnabler
-in diesem ihrem Asyl erfahren. Aber die Versteinerungskunde von
-Neuguinea harrt noch ihrer Auferstehung; wer weiß, was sie auch sonst
-noch Schönes bergen mag. In Australien dagegen haben Knochenfunde
-bisher nur ergeben, daß noch in der Diluvialzeit auch dort, auf dem
-Kontinent, sehr viel größere Landschnabeltiere als heute lebten.
-Sie sind vermutlich untergegangen durch die gleiche merkwürdige
-Katastrophe, die auch die damals hier noch vorhandenen elefantengroßen
-Riesenbeuteltiere dahingerafft hat.
-
-Australien erfuhr im Verlauf der Diluvialperiode eine zunehmende
-Austrocknung, die weite Gebiete seines Innern aus einem feuchten
-Waldlande in traurige Wüsten verwandelte. Dieses Ausdörren wirkte auf
-die großen Tiere des Landes in geradezu katastrophaler Weise ein.
-In ganzen Herden gingen sie an den versumpfenden und endlich ganz
-vertrocknenden Seen durch Nahrungs- und Wassermangel zugrunde, wovon
-noch heute die in wahren Massengräbern beisammen liegenden Skelette
-der riesigen Diprotodonten (Verwandten des kleinen lebenden Wombat)
-gelegentlich beredte Kunde geben.
-
-Eine geringe Steigerung noch dieses späten und unerwarteten
-Verhängnisses, die auch die kleineren Tiere des Landes bedroht hätte
--- und wir wären auch in diesem letzten Refugium keinem lebenden
-gondwanahaften Tier, keinem Schnabeltier, mehr begegnet. Die Natur
-fährt mit rauher Hand durch ihre Schöpfungen. Der Untergang eines
-ganzen Kontinents ist vor ihr nur wie eine Nachtwache. Baut sie doch
-ebenso rasch wieder auf. Aus den zermahlenen Sandkörnchen des alten
-einen neuen Erdteil. Nach Gondwanatieren Menschen -- Menschen, deren
-Gehirn das alte versunkene Gondwanaland noch einmal zu _denken_
-versucht.
-
-
-
-
-Tendaguru und der Rekord der Saurier
-
-
-Nordamerika und Deutschland lebten in Frieden. Selbst ihr streitbarstes
-Material tauschten sie zur beruhigenden Abschleifung gegenseitig aus:
-den Professor. Indessen man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Im
-Schoß der Dinge regte sich ein furchtbares Geheimnis. Wurde es endlich
-ruchbar: wer wußte, was die Folgen sein konnten. Deutschland hatte
-Nordamerika den Rekord der Dinosaurier abgewonnen!
-
-Nordamerika wahrt nicht mehr den Ruhm, das Vaterland des größten und
-interessantesten Scheusals zu sein, das die feste Erde je getragen hat.
-Auf deutschem Kolonialboden ist ein noch größeres gefunden worden ...
-
-Es ist jetzt einige Jahre her, daß ein paar unserer schönsten
-europäischen Museen durch das Geschenk des Herrn Carnegie in den
-Besitz eines vollständigen Abgusses des Skeletts jenes Urweltdrachen
-Diplodokus kamen, der bisher als der beste Vertreter des
-nordamerikanischen Rekords gegolten hatte. Das Ungetüm maß 25 Meter
-und erzeugte zunächst räumlich etwas von der Situation des bekannten
-armen Studenten, der in einer Bodenkammer wohnte und in der Lotterie
-einen lebendigen Elefanten gewann mit der Pflicht, ihn bei Androhung
-immenser Futterkosten sofort abzuholen. In Wien stellten sie es ins
-Treppenhaus, in Berlin räumten sie Walfische fort, um Platz zu machen.
-Als der Koloß endlich verstaut war, wurde er aber rasch populär.
-Neben Scheffels altem Lied vom Ichthyosaurus kann man wohl sagen, daß
-dieses Geschenk Carnegies die stärkste volkstümliche Anregung für das
-Interesse an der Paläontologie gewesen ist, die bisher geglückt ist.
-
-Inzwischen fehlte es aber schon diesem Skelett auf seiner Wanderschaft
-nicht an einigen Abenteuern. Vom Berliner Museum aus wurde behauptet,
-daß es nicht ganz richtig zusammengesetzt sei. Die Natur liefert uns
-ja in diesem Falle nur die losen Knochen. Das Wiederzusammensetzen
-des Ganzen ist Gelehrtenarbeit, bei der jeder sein Bestes gibt, aber
-Unfehlbarkeit nicht erwartet werden kann. Es ist also eine völlig
-unberechtigte Voraussetzung im Publikum, daß der Wert und die Sensation
-eines solchen Fundes litten, wenn hier wie überall der Fortschritt
-sich dadurch dokumentierte, daß er Einzelheiten berichtigte. Der
-Ichthyosaurus sieht heute in unseren Lehrbüchern wesentlich anders
-aus, als man ihn in Scheffels Tagen malte; das Dinotherium, das früher
-Flossen führte, hat heute Elefantenfüße; fast alle die Vorwelttiere,
-die einst der unbedingt bedeutendste Fachkenner der Zeit, der alte
-Owen in London, in Sydenham naturgroß wiederhergestellt hatte, waren
-zunächst falsch rekonstruiert. Damit verzeichnet man keine Schlappen
-der Forschung, sondern eben selbstgewollte Fortschritte; man muß eben
-nur eine Ahnung haben, was alles an Wissen, Glück, solider Arbeit und
-Genie nötig ist, um so ein paar Knochen richtig zu setzen.
-
-Nun also wird von dem Berliner Zoologen Tornier auf Grund vorzüglicher
-anatomischer Detailkenntnis gerade auf dem Kriechtiergebiet (und jene
-Drachen waren Reptile) behauptet, auch im Diplodokus stecke einstweilen
-noch ein Fehler. Er habe nicht so steil auf den Beinen gestanden
-wie ein Säugetier, sondern sei mehr grätschbeinig wie ein Krokodil
-gekrochen; so habe auch sein ungeheurer Schwanz flacher gelegen,
-andererseits aber sei der Hals normal nach oben in die Höhe gekrümmt
-worden. Die Gründe, die dafür vorgebracht werden, haben sehr viel
-Überzeugendes, jedenfalls ist es eine fruchtbare Debatte. Wird vorerst
-einmal wenigstens das Berliner Modell auf das neue Prinzip hin umgebaut
-(der Kaiser, an den seinerzeit zunächst Carnegies Prachtgeschenk ging,
-hat bereits persönlich die Erlaubnis erteilt), so wird der gewöhnliche
-Beschauer vor seinem »Drachen« wohl einerseits etwas Nachteil gegen
-früher haben, aber dafür ebensoviel Vorteil nach anderer Richtung.
-
-Der Laie denkt bei jedem großen Skelett ja unwillkürlich zunächst an
-ein Säugetier, baut also ganz von selbst hochbeinig im Sinne etwa
-eines Elefanten; da wird ihm nun jetzt etwas abgetan, aber schließlich
-muß auch er doch lernen, daß diese Dinosaurier eben Saurier, das
-ist Verwandte von Krokodil und Eidechse, waren und keine Elefanten.
-Dafür wird er bei niedrigerer Stellung diesmal besser in die wahre
-Zyklopenmauer der unglaublich großen Wirbel und in das burghafte
-Zinnenwerk der Rückenfortsätze hineinsehen. Und im sensationellen
-Sinne entschädigt sicher die Aufreckung des Halses, mit der das
-relativ winzige Köpfchen diesmal kühn und imposant gegen die Decke
-aufbiegt, anstatt sich schlapp beinahe auf den Boden zu senken, zu dem
-es doch keinen wahren Schwerpunkt bildet. Das Tier wird lebendiger
-so aussehen, wenn schon auch so nicht eigentlich wahrscheinlicher
-im schlichten Sinne; denn das wird nun einmal die Eigenart dieser
-Monstra bleiben, daß wir sie physiognomisch mit nichts Heutigem recht
-vergleichen können und auch technisch immer unter dem Eindruck der
-nicht ausgeklärten wirklichen Monstrosität sehen müssen. Gar nicht
-berührt aber wird die schließlich doch allergrößte Sensation: nämlich
-die Länge und Dicke der Einzelknochen wie der Gesamtmasse zwischen dem
-wahren Spatzenköpfchen vorn und der endlosen Schwanzpeitsche hinten.
-
-Doch während hier noch das Gefecht der Sachkenner dauern mag, ist über
-jenes andere kein Zweifel mehr: auch diese wahre Größe, die da bleibt,
-schlägt eben zur Stunde überhaupt nicht mehr den wahren Saurierrekord.
-Nicht ein Kollegium von Gelehrten, sondern die Natur selber hat sich
-hier berichtigt. Und in ihrer Laune, unvorhergesehen genug, hat sie
-deutscher Erde, allerdings auch in fernem Welterdteil, den Preis
-zuerkannt.
-
-Um den ragenden amerikanischen Drachen in der Walfischhalle des
-Berliner Museums sammelt es sich zur Stunde wie ein seltsamer stummer
-Chor. Drachensaat, neue, noch unheimlichere, in einzelnen Stücken
-vorerst, gelbe Knochenblöcke, wie sie frisch aus der Erde kamen, aber
-diesmal nicht Abguß, sondern Original. Einzelne Quadern zu einer neuen
-Zyklopenmauer, einzelne Strebepfeiler und Säulen zu neuen Trägern einer
-Drachenlast.
-
-Manches ist noch sorgsam eingewickelt von langer Fahrt. Was aber
-bereits sichtbar ausliegt oder an der Fundstelle photographiert
-erscheint, das verrät eine kommende Auferstehung in Dimensionen, wie
-sie selbst für urweltliches Gigantenvolk keine üppigste Phantasie je zu
-ahnen gewagt hatte. Da liegt ein einzelnes Vorderbein, wohl erhalten
-(die Knochen sind alle erstaunlich wenig zerdrückt) und oberflächlich
-erst einmal in den Hauptstücken aneinandergelegt: ein Kind kann aber
-schon ausmessen, daß das rund die _doppelten_ Größenmaße wie bei dem
-aufmontierten Carnegieschen Diplodokus sind. Der zugehörige Hals,
-höre ich, wird 12 Meter Länge ergeben; der Amerikaner hat dort nur
-5. Bereits jetzt, da vorläufig nichts zusammengesetzt ist, schwillt
-der Segen als eine Art Sintflut durch das Haus. Die Gelehrten klagen,
-daß man in den Gängen des Paläontologischen Instituts schon über die
-Knochen buchstäblich stolpere. Da es sich um die Reste zahlreicher
-Individuen und Arten handelt, liegen zurzeit im ganzen Knochen im
-Gesamtgewicht von mehr als 100000 Kilogramm vor! Und dabei scheint
-gerade jener neue Rekordriese fast vollständig zu sein, so daß er
-eventuell wirklich als Ganzes aufmontiert werden kann; vielleicht
-geschähe es allerdings besser gleich in einem Abguß, damit die
-zerbrechlichen Originalteile nicht den Gefahren eines Baues ausgesetzt
-zu werden brauchen; auch dieser Abguß wird aber eine neue Museumshalle
-fordern, ein einziges Tier vielleicht ein ganzes neues Haus.
-
-Berlin hat schon einmal Glück mit Giganten gehabt, die ihm unverhofft
-aus ferner Gegend zukamen -- damals bei dem herrlichen Fries von
-Pergamon. Menschliche Kunst hatte dort dämonische Mischwesen, halb
-Menschen-, halb Schlangenleiber, mit denen die Götter kämpften,
-ersonnen und köstlich in Marmor gebildet. In einem anderen, noch viel
-groteskeren Natursinne erzählen nun auch diese neuen hunderttausend
-Kilogramm Saurierknochen von einer furchtbaren »Gigantomachie«, die
-sich mehrere Millionen Jahre vor aller Menschenzeit abgespielt.
-
-In weit entlegenen Urweltstagen hing die Seite Afrikas, auf der heute
-unsere ostafrikanische Kolonie liegt, noch mit Indien zusammen. Quer
-über den Indischen Ozean zog sich damals jenes wunderbare Gondwanaland.
-In der Blütezeit des Ichthyosaurus, in der Juraperiode, begann dieses
-Land dann allmählich dem Meere zu erliegen. Lange hielt sich noch ein
-einzelner Streifen von ihm, der etwa vom Kapland über Madagaskar nach
-Vorderindien lief. Rechts und links davon aber strömte schon jetzt frei
-der Ozean ein. Und so kam dieser Ozean auch in der Kreidezeit bereits
-an die Küstengegend des heutigen Deutsch- und Portugiesisch-Ostafrika
-heran, ja er überflutete periodisch diese heutige Küste damals
-selbst noch weit ins Land hinein. Schlamm lagerte sich aus ihm ab.
-Charakteristische Meertiere jener Kreideepoche schwammen herzu (so
-Belemniten oder Donnerkeiltintenfische) und betteten absterbend ihre
-harten Körperteile in diesen Schlamm. Nur einzelne große Klippen
-trotzten, scheint es, der schäumenden Flut. In diesem Gebiet damals nun
-vollzog sich die Gigantomachie, die ich meine.
-
-Dort in der Nähe lebten jene Saurier, deren größte Exemplare heute den
-Rekord der Nordamerikaner brechen. Verschiedene Sorten, neben den
-größeren auch kleinere. Die größten dem Diplodokus eng verwandt. Eine
-kleinere Sorte (Stegosaurier) mit einer wilden Wehr oder Ornamentzier
-ragender Knochenstacheln, die Riesen wohl einfach nackt.
-
-Sie lebten in Herden beisammen, wie die Häufung der Knochen von fünfzig
-und mehr Exemplaren der gleichen Art an der gleichen Stelle, dabei
-ersichtlich von jungen und alten Tieren, noch heute erweist.
-
-Eigentlich waren sie Landtiere. Aber sie müssen das Ufer bevorzugt
-haben. Wenn sie auch wohl nicht, wie man früher vom Diplodokus meinte,
-unmittelbar Meeralgen abgeweidet haben, so dürften sie doch auf
-Meertiere gegründelt und gefischt haben. Eine Art besaß sogar ganz
-energische Raubzähne. Vielleicht watschelten sie gewohnheitsmäßig weit
-in die Watten hinaus, trieben sich im Seichtmeer herum, aus dem die
-langhalsigen Arten ihre Schlangenhälse bequem zum Atmen heraufstrecken
-konnten, erkletterten und bewohnten auch wohl die Klippen, die für
-gewöhnlich von der höchsten Flut nicht bedeckt wurden. Bei solchen
-Gepflogenheiten jetzt muß es gelegentlich zu örtlichen Katastrophen
-gekommen sein.
-
-Das Wasser überraschte, verschlang, ersäufte ab und zu einmal in wilder
-Gigantenschlacht eine solche ganze Herde der stumpfsinnigen Gesellen,
-schnitt sie ab oder schwemmte sie von ihren Klippen und begrub sie im
-Schlick. Die ungeschlachten Kadaver verfaulten, die Knochen, meist in
-einem gewissen Umkreis herumgeworfen, bildeten große Beinhügel und
-Schädelstätten, wobei freilich gerade die verhältnismäßig so winzigen
-Schädel selber am ehesten dem Los verfielen, ganz fortverspült zu
-werden, so daß sie heute bei den großen Knochenlagern am seltensten
-noch zu finden sind. Über die Gigantengräber aber wälzte der Sieger
-Ozean im Laufe der Jahrtausende Bergeslasten neuen und immer neuen
-Kreideschlammes.
-
-Bis endlich eine neue Wende der Dinge kam ...
-
-Durch hebende Kräfte der Erdrinde stieg dieses ganze heutige
-ostafrikanische Küstengebiet wieder endgültig aus den Wassern
-empor. Die alten Schlammbänke wurden zum hohen Plateau, auf dem
-die Tropensonne brannte und Ströme flossen. Gegen die Oberfläche
-des Plateaus aber arbeitete fortan die Verwitterung. Die uralten
-versteinerten Schlammassen wurden von ihr neu zernagt und
-aufgeschlossen, endlich auch bis in solche Tiefen hinein, wo die
-Katakomben der Saurier lagen. Längst gab es kein lebendes Ungeheuer
-dieser Sorte mehr auf Erden. Aber gerade jetzt erschienen da, dort
-mitten im Gras und Buschwald von heute noch einmal aus ihrem alten Sand
-der Kreidezeit herausgewittert die gespenstischen Arme, Rippen, Wirbel
-der scheusäligen Opfer von ehemals, zusammengehäuft noch immer auf
-engem Bezirk, preisgegeben der hellen Tropensonne jetzt auch sie, die
-einst in einer Schauerstunde den allzu wilden Wassern erlegen waren.
-
-Das Material, das unsere geologische Forschungsarbeit enthält, hängt
-an dünnen Fäden. Wenn die Saurierkatakombe, die gerade in unsere
-Tage hinein auf solchem Wege in Ostafrika, vier Tagemärsche von dem
-Hafen Lindi und in Sichtweite des jetzt paläontologisch unsterblichen
-Tendaguruberges, herauszuwittern begann, nicht durch einen Zufall
-von kundigen Europäern entdeckt worden wäre, so wäre sie, einmal
-angeschnitten und damit auf den kritischen Punkt gebracht, wie sie
-war, selber still weiter verwittert und in mehr oder minder absehbaren
-Zeiten spurlos zu Staub wieder dahingeweht.
-
-Aber der Fleck war inzwischen deutscher Kolonialboden geworden; ganz
-südlich nahe unserer Grenze gegen das portugiesische Afrika. Ein schon
-glatt herausgewitterter Riesenknochen spielt den Kobold: ein Ingenieur
-Sattler muß über ihn stolpern und erkennt ihn dabei. Unser famoser
-Stuttgarter Paläontolog Fraas erfährt davon und bringt Belegstücke mit,
-daß das, was man bisher nur im Lande Carnegie für denkbar gehalten,
-auch in Ostafrika »buchstäblich am Wege liege«, nämlich diplodokushafte
-Gigantenknochen in größter Pracht.
-
-Das war vor jetzt sieben Jahren. Fraas war selber nicht imstande, den
-Schatz zu heben. »Ihr Berliner müßt es machen,« schrieb er. Es hat aber
-noch verzweifelte Mühe gekostet -- auch den Berlinern. Ehe der Spaten
-zu seinem Recht kam, mußte der Klingelbeutel umgehen. Staatsmittel
-waren auch in Berlin zunächst für die Sache nicht zu haben. Das
-erste Verdienst erwarb sich also die treffliche »Gesellschaft
-naturforschender Freunde« in Berlin. Sie gab 23000 Mark. Dann kam
-die Akademie der Wissenschaften und endlich ein besonderes Komitee.
-Als (wesentlich also doch durch Privathilfe) 180000 Mark beisammen
-waren, konnte man darangehen, der tropischen Verwitterung eine Beute
-wenigstens teilweise zu entreißen, die (mag man in solchen geologischen
-Fragen nun jenen eigentlichen nationalen »Rekorden« auch mit einem
-stillen Lächeln gegenüberstehen) mindestens doch den speziellen Wert
-haben mußte, uns zu zeigen, was unsere Kolonien an glänzenden und
-sensationellen Überraschungen bieten konnten. Mit dem Gelde wurden zwei
-jüngere Gelehrte, Janensch und Hennig, auf drei Jahre zu Ausgrabungen
-nach Afrika geschickt; später gesellte sich ihnen als dritter noch
-Hans von Staff zu. Das Menschenmögliche ist von den dreien geleistet
-worden. Unter den schwierigsten Umständen haben sie zeitweise bis 500
-Neger als Arbeiter beschäftigt. Das bereits an die freie Oberfläche
-herangewitterte Knochenmaterial erwies sich zwar als reich, aber
-naturgemäß auch schon als (Menetekel der Sachlage!) vielfach verdorben.
-Man mußte also für bessere Stücke tiefer gehen, im äußersten bis 10
-Meter, mußte wirklich graben, anstatt bloß aufzulesen. Das Verpacken
-der zerbrechlichen Knochen im tropischen Milieu war auch keine
-Kleinigkeit. 4500 einzelne Lasten sind schließlich zur Küste geschleppt
-worden, wobei es allerdings eine kleine Freude war, wie die schwarzen
-Leute, vielfach interessiert, mithalfen. Sogar Rekonstruktionen der
-Ungetüme haben sie nach ihrer eigenen Phantasie entworfen, die lustig
-wirken, aber tatsächlich doch nicht so sehr viel schlechter sind als
-das etwa, was um 1660 noch der brave Jesuitenpater Athanasius Kircher
-als Fachpaläontolog von damals geliefert hat.
-
-Die drei Jahre sind um, die Leistung liegt jetzt im Berliner Museum.
-Ihr Wert besteht ganz besonders auch darin, daß wir im Sinne des
-oben umrißhaft Erzählten diesmal ein wesentliches mehr auch über
-Lebensart und Untergang jenes alten Drachenvolkes gehört haben -- also
-keineswegs bloß in Rekordmetern auf Hals oder Schwanz. Die Forderung,
-die bleibt, sind aber weitere Geldmittel. Lange ist nicht alles getan.
-Die Fundstätte bietet noch die reichsten ferneren Möglichkeiten, sie
-ist tatsächlich selbst so noch erst auf eine Stichprobe sondiert.
-Wertvollste Neuheiten sind weiter möglich, mindestens Reichtum für
-all unsere anderen deutschen Museen. Wer wird helfen? Ein gewisser
-Staatszuschuß ist ja jetzt, nach so beispiellosem Erfolg durch private
-Entschlossenheit, der Sache gewiß, aber er wird allein nicht entfernt
-langen. Sollen wir uns an Herrn Carnegie wenden -- auf unserem eigenen
-Grund und Boden ...?
-
-
-
-
-Der Schatz von Halberstadt
-
-
-Aus meinen jungen Jahren ist mir ein kleines zoologisches Ereignis
-unvergeßlich. Es schwebt mir noch vor Augen wie ein ganz großes Glück,
-und der Leser wird einigermaßen erschreckt sein, wenn er hört, worin
-dieses Glück bestand.
-
-Passionierte Sammler, wie ich einer mein Leben lang gewesen bin,
-haben eben ihre besonderen Glücksquellen, die übrigens unverwüstliche
-sind und also jedem zu gönnen wären, auch wenn es sich um den
-absonderlichsten Gegenstand dabei handeln mag. Also ich besuchte
-durch Zufall eine Ziegelei in der damals noch sehr schlichten
-und ländlichen Umgebung meiner Vaterstadt Köln. In den künstlich
-ausgestochenen, steilwandigen Vertiefungen des Bodens dort aber
-hatte sich eine erstaunliche Masse von Kröten angesammelt, und ich
-erkannte darunter zum ersten Male und am gleichen Fleck vereint die
-drei charakteristischsten Arten unseres Krötengeschlechts -- neben
-der gewöhnlichen Erdkröte die prächtig grüngefleckte Wechselkröte
-und als ganz besondere Merkwürdigkeit die Kreuzkröte, die einen
-schwefelgelben Strich längelang über den Rücken trägt und statt zu
-hüpfen, wie andere Froschlurche, pfeilschnell auf kurzen Beinchen wie
-eine Eidechse dahinläuft und auch famos zu klettern versteht. War das
-ein Fest, die drei einmal alle beisammen zu haben ~in natura~, wie
-sie auf dem Bilde bei Brehm standen! Auf dem platten und nackten
-Boden erschienen die einzelnen Tiere riesengroß, und heute noch, wenn
-ich an solche Ziegelgrube denke oder an einer vorbeifahre, sehe ich
-sie im Geiste bevölkert mit solchem lustigen Quaquarium mächtiger
-humpelnder und trabender Krötenprinzen in brauner, grüner oder
-schwefelgelb gestreifter Livree. Die Erinnerung übertreibt ja gern die
-Größenverhältnisse noch. Aber das habe ich doch nicht ahnen können, daß
-mein altes Bildchen mir wirklich noch einmal so ins Gigantisch-Groteske
-auferstehen sollte, wie jetzt bei den Wundern der Ziegelgrube von
-Baerecke und Limpricht bei Halberstadt geschehen ist ...
-
-An und für sich gibt es wohl auch für den kapitalsten Naturschwärmer
-nicht leicht etwas Einförmig-Langweiligeres als so eine Ziegelgrube,
-deren Naturbild so öde ist wie der brave Bauziegel selbst, den die
-Technik daraus gewinnt; man schaut auf die Entwicklung der Natur zur
-Mietkaserne, und diese Art der Vergeistigung scheint doch eine der --
-minder gelungenen auf unserem Planeten zu sein.
-
-Am guten alten Fleck aber, wo Vater Gleim seine zweifellos höchst
-vortrefflichen Lieder dichtete und Vater Broyhan, wenn die Sage
-recht berichtet, eines jener segensreichen Getränke erfand, die
-selbst Mietkasernen und mäßige Verse erträglich machen können in
-dieser schlechten Welt -- hier zu Halberstadt an der Straße gen
-Quedlinburg ist es der ganz gewöhnlichen Tongrube einer solchen
-Ziegelei wirklich geglückt, sich im Lauf von ein paar Jahren zu einem
-der naturgeschichtlich merkwürdigsten Orte unseres ganzen deutschen
-Vaterlandes auszuwachsen -- einem Orte, der gerade der üppigsten
-Naturphantasie eine der grandiosesten Perspektiven eröffnet hat.
-Otto Jaekel, der treffliche Forscher zu Greifswald, ist der Zauberer
-gewesen, dessen Stab aus diesem Loch schmutzigen Tons eine Welt
-gezaubert hat, die sich hinter die uns bekannten Landschaftsbilder
-unserer deutschen Heimat von heute schiebt wie das Märchen eines
-fremden Sterns, in dessen Sonne, Farben und völlig fremdartiges Leben
-uns plötzlich zu schauen vergönnt ist.
-
-Über diesen Fleck Erde hier ging vor Zeiten einmal ein ungeheures
-verschlammendes und versandendes Flußdelta. Der Fluß war nicht die nahe
-Elbe, nicht die Weser von heute; dieses ganze gegenwärtige deutsche
-Stromnetz kam für diese Tage überhaupt noch nicht in Betracht. Das
-Meer, in das der Strom sich mit träger, zeitweise fast stagnierender
-Übergangszone ergoß, muß schon ziemlich in der Nähe hier gewesen
-sein, und der uralte Gleim, wenn er das hätte erleben dürfen, wäre
-allen Ernstes ein Sänger von der »Waterkant« gewesen. Aber auch
-dieses Meer war nicht unsere Nordsee -- es war irgendein namenloses
-Stück Urweltozean, wie dieser riesige Strom ein namenloser deutscher
-Mississippi oder Ganges von damals gewesen ist.
-
-Haifische aus der entfernteren Verwandtschaft des Cestracionhaies,
-der heute nur noch in der Südsee bei Japan und Australien lebt,
-besuchten von diesem Meere her das Flußdelta, aber mit ihnen kamen
-auch schwimmende Plesiosaurier, von Gestalt dem sagenhaften Drachen
-vergleichbar, wie er uns auf den Holzschnitten in Athanasius Kirchers
-alten Folianten überliefert ist.
-
-Daran merkt man, wie lange das her ist. Und es war sogar erst die
-Morgenrötezeit dieser schlangenhalsigen Meerdrachen. Gleichwohl
-hatte sich allgemein in Deutschland und auch nahe diesem Fleck schon
-Unendliches vorher zugetragen gehabt.
-
-Eine gewaltige Gebirgskette hatte sich längelang durch das deutsche
-Land aufgetürmt, zu der auch der Harz, den man vom Rande der
-Halberstädter Grube heute blauen sieht, schon einmal gehört hatte.
-In den Flanken und Mulden dieser mitteldeutschen Alpen hatten die
-Steinkohlenwälder gegrünt. Dann war dieses Gebirge zunächst fast
-ganz wieder heruntergewittert. Wüste hatte weithin mit ihren roten
-Schutthalden das Land überzogen, die prächtigsten farbigen Sandsteine
-von heute schaffend. Zweimal war in diese Wüste das Meer wieder
-eingebrochen, einmal von Nordosten als Zechsteinmeer, einmal von
-Süden als Muschelkalkmeer. Wiederum waren diese Wasser zu Salzpfannen
-verdampft und in Wanderdünen langsam erstickt. Bis endlich zu Ausgang
-der zweiten solchen Wechselepoche von roter Wüste und einschwemmendem
-Meer auf längere Zeit eine Art Interregnum von Halbland und Halbwasser
-eintrat, mit vielen Flüssen und Seen, breiten Deltabildungen und
-Brackwasserneigungen, recht eine Epoche des Schlicks, Wattenmeeres und
-Morastes, geeignet für beidlebiges Tiervolk, das in Wasser wie Land
-gleichmäßig daheim war.
-
-Trias, die Dreigeteilte, nennt der Geologe diese zweite Zeit, und
-den besagten letzten Abschnitt bezeichnet er nach einem fränkischen
-Dialektwort als die Zeit des »Keuper«. Was aus dieser Keuperzeit an
-altem Schlick und Brackwasserabsatz bis heute erhalten geblieben und
-zufällig Oberfläche für uns geworden ist, das hat durchweg noch eine
-ganz besondere kulturelle Bedeutung für uns gewahrt, da es in weiten
-Strecken deutscher Landschaft die gesegnete Scholle unseres Kornbaues
-geliefert hat. Jene beidlebige Art damaliger Tierwelt verriet sich
-deutlich genug aber auch in unserem Stromdelta von Halberstadt.
-
-Da hauste als fester Gast darin der Molchfisch Ceratodus, ausgestattet
-mit Kiemen und Lunge zugleich, wie er heute noch in bald üppigem bald
-fast versiegenden Flüßchen Australiens in eben dieser gleichen Gattung
-und Lebensart noch fortgedeiht: zu fetter Zeit atmet er Wasserluft wie
-ein echter Fisch, zu karger, im engen und luftverdorbenen Resttümpel,
-hilft er sich dagegen mit offenem Luftschnappen wie ein Landtier.
-
-Da trieben sich auf dem annoch frischen Wattenschlick und Flußsand
-jetzt wirklich amphibische, meist wohl riesigen Salamandern gleichende
-Unholde herum, zur Gruppe der sogenannten Stegocephalen gehörig, von
-denen eine kleinere Sorte aber ganz und gar auch schon die Kopfform
-einer immerhin auch noch ziemlich mächtigen Kröte gehabt haben muß,
-bloß daß sich damit noch eine krokodilartige Verpanzerung und Bezahnung
-verband. Mein kühnstes Phantasiebild aus der Kölnischen Krötengrube war
-hier also reichlich überboten!
-
-Da fanden sich ferner, wohl aus dem Fluß selber schon herabkommend,
-sonderbare Schildkröten und echte Krokodile hinzu. Die Schildkröten
-noch höchst altertümlich gebaut, wie es so früher Zeit entspricht, der
-Rückenpanzer mit großen Buckeln und Zacken umkränzt, der Bauchpanzer
-aber noch erkennbar aus verbreiterten und miteinander verwachsenen
-Bauchrippen zusammengekittet. Die Krokodile dem stattlichen Urkrokodil
-Belodon nahe verwandt, das im Stuttgarter Naturalienkabinett so
-prächtig noch zu sehen ist, weil es auch in Schwaben ein ganz
-gewöhnlicher deutscher Gast zur Keuperzeit gewesen sein muß.
-
-Die zahlreichsten und zugleich unheimlichsten Landgäste, die sich
-in diese Wattengründe hinaus wagten, aber waren offenbar mächtige
-Watschelsaurier aus jener heute gänzlich verschwundenen Ordnung der
-Dinosaurier, zu der auch die so oft abgebildeten kolossalen belgischen
-Iguanodonten gehört haben.
-
-Bisher nahm man allgemein an, daß diese Iguanodonten und einige andere
-Vertreter dieser wahrhaft phänomenalen Scheusale regelmäßig auf steilen
-Hinterbeinen nach Känguruhart dahingehüpft wären -- bei doppelter
-Elefantenlänge eine dämonische Vorstellung. Neuerdings ist man gegen
-diese wohl etwas »allzuleicht beschwingte« Bewegungsmethode skeptischer
-geworden, immerhin aber glaubt Jaekel doch von den Halberstädter
-Gesellen, daß wenigstens die im Oberkörper aufgerichtete Stellung ihre
-normale gewesen sei. Nicht so groß wie die belgischen Riesen, aber
-immer auch noch stattlich genug, möchten sie bald auf den Hinterbeinen
-und dem Hinterleibe gehockt haben, bald schwerfällig mit vorgebeugtem
-Halse und breitspurig auf ganzen Hintersohlen dahingewatschelt sein,
-immer doch die Vorderbeine mehr als Arm und Pfote zum gelegentlichen
-Nachstützen, Greifen und Scharren verwertend. Äußerst biegsam war
-der Hals, klein der Kopf, mächtig der Schwanz. So kamen sie in das
-Sumpfdelta hinaus -- noch viel tollere »Kröten« des Bildes als jene
-wirklich amphibischen. Vielleicht wagten sie sich heran auf der Jagd
-nach kleinem weichem Getier, zu dem ihr Zahnbau besser paßte als zu
-reiner Pflanzenkost; manchmal mögen sie aber auch selber gehetztes Wild
-des bissigeren Raubzeugs aus dem damaligen Reptilvolke gewesen sein.
-Und gar manches Mal wird ein solcher plumper Watschler im allzuweichen
-Brei versunken sein, daß sein Gerippe später fest mit der trocknend
-sich härtenden Masse verbuk.
-
-Von all diesen Dingen dort aber wüßten wir tatsächlich nicht das
-geringste, wenn jene schlichte Ziegelgrube bei Halberstadt nicht wäre.
-
-Unfaßbare Zeiten sind hingerauscht seit den Tagen jenes geheimnisvollen
-Flußdeltas mitten im Herzen deutschen Landes -- die ganze Jura- und
-Kreidezeit, in denen diese Saurier in immer wachsender Hochblüte noch
-emporgingen, um ganz zuletzt um so hoffnungsloser zusammenzubrechen,
-die ganze Tertiär- und Diluvialzeit, in denen der Mensch langsam ins
-Licht kam. Und dann eines Tages entstand jene Dampfziegelei, die zu
-ihrem Bedarf Ton brauchte und eine heute etwa 100 Meter lange und 15
-Meter tiefe Grube in den Grund schnitt. Kaum aber war der oberste
-aufgelagerte Humus und Diluvialstaub durchschnitten, so sägte eben
-diese Grube sich Meter um Meter der Tiefe in nichts anderes wieder ein
-als in das uralte Flußdelta von dazumal.
-
-Sie durchquerte die Sande, die zu Zeiten eines etwas lebhafteren
-Gefälles der große Keuper-Ganges hier herausgeschwemmt, und erreichte
-eben mit dem technisch des Abbaues werten eigentlichen kompakten Ton
-darunter den ehemaligen Dauergrund des gemächlich verschlammenden
-Deltas selbst, dessen gehäufter Schlick diesen Ton geliefert. Die
-Arbeit blühte, 100000 Kubikmeter wurden allmählich zu Ziegeln zermahlen
--- keiner aber, der dabei war, ahnte, in was er grub und was außer
-Ziegeln hier für die Zwecke einer höheren Schicht Geistesmenschheit
-noch mehr zu ergraben war.
-
-Da steht im Sommer 1909 der Zahnarzt Torger aus Halberstadt bei der
-Grube am geschlossenen Schlagbaum der Eisenbahn und wartet den Zug ab,
-und neben ihm warten ebenfalls ein paar Arbeiter, und sie erzählen
-ihm, wie man so beim Warten plaudert, von Knochen, die in der Grube
-gelegentlich gefunden worden wären. Torger erwirbt ein paar Splitter
-und sendet sie zum Bestimmen an den Paläontologen Jaekel in Greifswald,
-und der erfaßt sogleich das Bedeutende: eine Fundstätte großer
-Dinosaurierknochen auf deutscher Heimaterde.
-
-Es ist eben erzählt, was Nordamerika und neuerdings noch erfolgreicher
-Deutsch-Ostafrika hier geliefert haben. Jetzt aber lag der Schatz
-endlich auch daheim sozusagen vor der Tür und wartete nur des
-planmäßigen Hebens.
-
-Mit geschicktestem Feldherrntalent (Paläontologen müssen immer
-Diplomaten sein) wurde von Jaekel zunächst der »Acker« gesichert: der
-preußische Staat erwarb das Recht auf alle Fossilfunde in der Grube,
-Finderlöhne wurden ausgesetzt, ministerielle, kaiserliche und private
-Mittel zusammengebracht. Gefährliche Abbaumethoden durch Sprengschüsse
-in der Grube wurden eingestellt. Die Härtung und Zusammensetzung der
-Skelettteile nahmen Jaekel und seine Helfer und Helferinnen (besonders
-letztere zeichneten sich aus) selbst in die Hand. Und nun kam Schlag
-auf Schlag eine Ausbeute, die selbst die verwegenste Erwartung übertraf.
-
-Laut dem ersten wissenschaftlichen Bericht sind in der kurzen Zeit
-bisher schon nicht weniger als vierzig Dinosaurierskelette geborgen
-worden, zum Teil in prachtvollster Erhaltung und Individuum für
-Individuum für sich gesondert. Noch nie sind auch die Schädel in
-solcher Vollkommenheit bisher irgendwo zutage gekommen. Von dem
-schönsten Stück hat (Laune des Zufalls!) bloß ein Wiesel, das in der
-Nacht nach der Freilegung gerade hier ein paar Mäuse verzehrte, ein
-Stückchen vom Zungenbeinbogen verschleppt. In anderen Fällen fehlten
-allerdings derbere Skeletteile schon durch Räuberarbeit der Keuperzeit
-selbst, so einmal die ganzen Vordergliedmaßen, die bei einem solchen
-wehrlos »versumpften« Unhold wohl damals schon einem Krokodil zur Beute
-geworden waren.
-
-Was die systematische Stellung anbetrifft, so handelt es sich in
-der wesentlichsten Art um einen Plateosaurus, der eine vermittelnde
-Stellung zwischen dem rein raubtierhaften Megalosaurus und jenen
-Iguanodonten einnimmt. Es ist die Gruppe, wo auch der schöne Name
-»Greßlyosaurus« vorkommt, der aber mit der naheliegenden Gräßlichkeit
-nichts zu tun hat, sondern auf den originellen Schweizer Geologen
-Greßly geht.
-
-Ganz besonders wertvoll macht den imposanten Fund, der zu den
-glänzendsten paläontologischen aller Zeiten bisher gerechnet
-werden muß, auch die Zeitbestimmung. Jene belgischen wie die neuen
-afrikanischen Dinosaurier gehören zur Kreideperiode. Hier im
-Halberstädter Delta steht man noch in der Trias, also eine ganze Reihe
-von Jahrmillionen früher.
-
-Die ersten fertig aufmontierten Halberstädter Skelette sind jetzt schon
-in ganzer Pracht im Berliner Museum für Naturkunde neben den Afrikanern
-vom Tendaguru zu sehen. Unabsehbar scheint aber der noch zu erwartende
-weitere Reichtum dieser Glücksgrube, nachdem vor Beginn der Rettung für
-die Wissenschaft doch sicher wohl schon hundert oder noch mehr Skelette
-zu Ziegeln vermahlen worden waren!
-
-Halberstadt mag stolz sein: zu seinem Dom und Gleim und Broyhanbier
-tritt ihm der Ruhm, fortan die »echteste« Drachenstadt Deutschlands zu
-sein in der Zeit wissenschaftlicher Rehabilitierung dieses Drachens.
-
-
-
-
-Sirenen
-
-
-Als der homerische Dichter das Abenteuer des Odysseus mit den
-Sirenen schilderte, benutzte er stofflich wohl ein damals schon
-altes Schiffermärchen. Die unvergleichliche Eigenart, die aus diesen
-fünfunddreißig Versen eines der herrlichsten Gedichte der Weltliteratur
-gemacht hat, liegt in der Schilderung. Das Schiff des umgetriebenen
-Dulders kommt herangeschwebt, von freundlichem Winde getrieben.
-Plötzlich dann, ehe noch die Sireneninsel selber auftaucht, ist es,
-als gehe ein Zauber von ihr aus. Der Wind ruht. Die stille See glänzt
-von heiterer Bläue des Himmels, ein Himmlischer scheint die Wasser zu
-senken. Jetzt, als der bedenkliche Fels auf Hörweite nahe ist, der
-Sirenengesang selbst. Nur acht Verse, aber vielleicht das Klangvollste,
-was in Ilias wie Odyssee vorkommt. Man merkt dem Dichter ordentlich
-die Verantwortung an, dieses Lied, das selbst den schlauen Odysseus
-verführen soll, wörtlich zu geben, und doch hat er es gewagt. Aber die
-Genossen des Dulders, die ihre Ohren mit Wachs verstopft und ihn selber
-zur Vorsicht an den Mast gebunden haben, rudern vorbei. »Leiser, immer
-leiser verhallte der Singenden Lied und Stimme.«
-
-Es ist eine arge Sache, wie mit Namen umgesprungen wird.
-
-Den scheußlichsten, rohesten Lärmapparat, den der spätere Kulturmensch
-erfunden hat, nennt er eine Sirene. Ein Tiergeschlecht aber von so
-unerhörter Unform, daß ein Schwein dagegen die leichtfüßige Eleganz
-verkörpert, hat der moderne Naturforscher sozusagen amtlich als das der
-Sirenen bezeichnet, nämlich die mit anderem Wort sogenannten Seekühe.
-
-Wenn man sich eine Kuh denkt, die mit derselben unerschütterlichen
-maschinenhaften Konsequenz, mit der eine richtige Alpenkuh rupfend und
-rückend tagaus tagein ihre Matte dezimiert, Seegras statt Wiesengras
-abweidet; wenn man diese Kuh für das Wasserleben hinten abhackt und
-in eine plattliegende Fischflosse auswalzt, ihr auch gleich dabei
-die Hinterbeine fortschneidet und die Vorderbeine in runde Paddeln
-verbreitert, so kommt man auf die Seekuh. In dieser Gestalt liegt
-sie ihr Leben lang faul über ihrer unterseeischen Küstenmatte und
-äst, wobei sie im Vorschreiten gelegentlich ihrer Weide auch in die
-großen, zur See mündenden Flüsse hinein nachpaddelt und so bis tief ins
-Binnenland kommt.
-
-Ihre Weide ist fett, und das Wasser trägt -- so darf sie alle Kuhmaße
-überbieten und als kolossale Fleischwalze von fünf oder gar zehn Metern
-Länge über ihrer Wasserwiese schaukeln.
-
-Dabei ist sie gleich der richtigen Kuh ein Säugetier. Ihre milchgebende
-Mutterbrust hat sogar etwas ganz Menschliches in Lage und Form, und
-hier steckt die halbwegs gangbare Begriffsbrücke, die zur Vergleichung
-mit einer homerischen »Sirene« geführt hat; denn es wird behauptet, daß
-diese Seekühe, im Indischen und Roten Meer gelegentlich schon vor den
-ältesten Seefahrern beim Luftschöpfen auftauchend und solche Büste
-produzierend, geradezu die Fabel von Meerweibchen, also doch irgendwie
-der Verwandtschaft wenigstens der echten sirenischen Fräuleins, erzeugt
-hätten.
-
-Die meisten Säugetiere aber, die nachträglich (denn alle echten
-Säuger waren geschichtlich wohl zunächst Landtiere) wieder ins Wasser
-gegangen sind, haben dort eine Art Zersetzungs- und Zerfließungsprozeß
-ihrer Leibesformen erlebt. Während der Fisch als ursprüngliches
-Wasserkind durchweg (selbst im riesigsten Hai) eine gewisse Grazie
-der vollkommenen Anpassungsform bewahrt hat, stößt man beim
-Wassersäuger auf die greuliche, verschwommene und zerhackte Mißform
-des Nilpferdmauls oder die Monstra der großen Wale und Pottfische, die
-jeder geordneten Linienführung im Umriß spotten. Und so ist auch die
-Seekuh auf ihrer Wasserweide an »Nichtform« ein echtes und rechtes
-Meerwunder geworden, so ungeschlacht wie nur möglich, wie einer, der
-sich gehen lassen kann und es nicht mehr nötig hat, auf nettes Äußeres
-und adrette Umgangsform zu sehen.
-
-Gleich für die ersten klaren Ordnungsgenies in der neueren Tierkunde
-mußte es dabei aber eine wichtige Frage werden, zu welcher engeren Ecke
-des großen Säugervolks nun dieser Vetter Wanst eigentlich gehöre. Vom
-Lande war er gekommen; an was für eine Landform aber sollte man ihn
-dort systematisch anreihen?
-
-War es etwa wirklich die Kuh gewesen, die, gefräßig ihrer Weide
-nachrückend, in irgendwelchen Urweltstagen so ganz allmählich sich ins
-Seichtwasser hinein verloren hatte und endlich dort zur regelrechten
-Taucherin geworden war, wo die Grasnarbe sich allzu tief unters Wasser
-verlor?
-
-Ganz so seltsam, wie es sich anhört, wäre solcher Vorgang nicht. So
-ist das allbekannte Nilpferd ja wirklich nichts viel anderes als ein
-in die weiten Binnenseegründe voller Lotosweide dauernd verlocktes
-altertümliches Schwein, das bei Sansibar sogar schon wie eine rechte
-Seekuh kühn ins Meer hinausschwimmt.
-
-Längere Zeit indessen war unsere wissenschaftliche Tierkunde zu solchen
-Ableitungen deshalb nicht recht mutig, weil ihr überhaupt zweifelhaft
-geworden war, ob sich eine Tierform aus einer anderen »entwickelt«
-haben könnte. So gesellte man einstweilen die Seekuh gar nicht zu
-irgendeinem Landtier im System, sondern rückte sie mit zwei anderen
-ausgesprochenen Wassersäugern, dem Seehund und dem Walfisch, zu einer
-engeren Gemeinschaft der Fisch- oder Seesäugetiere zusammen. So haben
-wir's noch aus dem alten, wirklich noch vom Manne dieses Namens
-verfaßten »Brehm« gelernt, und der älteren Generation sitzt's noch in
-Fleisch und Blut. Es hilft aber nichts, die Welt läuft, und der Mensch
-muß mitlaufen und immer wieder umlernen.
-
-Schon als der erste Darwinismus hochkam, wurde klar, daß einer aus
-diesem künstlichen, bloß dem Aufenthaltsort nach vereinten Trio
-unbedingt woanders hinkommen müsse, nämlich der Seehund. Er war
-wirklich ein Stück »Hund«, nämlich lediglich ein für die ergiebige
-Wasserjagd umgepaßtes ursprüngliches Landraubtier.
-
-Ein Räuber, das heißt ein absoluter Fleischfresser, ist aber auch
-der Walfisch, und so entstand vor ihm bald ein zoologischer Argwohn,
-daß er, obwohl ersichtlich viel weiter fürs offene Meer umgeformt,
-irgendwie doch auch zuletzt und in grauen Entwicklungsurtagen an die
-Raubtiere anschließe. Das ist in neuester Zeit durch geologische
-Funde auch immer wahrscheinlicher, wenn auch noch nicht ganz zur
-Gewißheit geworden; die Landväter sind in diesem Falle wohl noch wahre
-Urraubtiere (sogenannte Kreodonten) gewesen.
-
-Blieben zuletzt also wieder als vereinsamter Rest unsere Seekühe.
-
-Diesmal schien aber ihre »Kuhnatur« zunächst wieder zur Anerkennung
-kommen zu wollen.
-
-Bei Haeckel, dessen Systematik jetzt für eine neue Generation zu
-einer Art zoologischen Breviers wurde, las man, daß die Seekuh
-höchstwahrscheinlich ein Wasserableger des paarhufigen Huftiers sei,
-also eben der Gruppe, zu der unter anderem auch die Kuh gehört.
-
-Solche entwicklungsgeschichtlichen Vermutungen sind nun bei umsichtiger
-Handhabung der Theorie stets sehr wertvolle Fingerzeige, und Haeckels
-provisorische »Stammbäume« haben trotz allen wohlfeilen Gegnerspotts
-eine wahre neue Ära der ganzen zoologischen Systematik eingeleitet, in
-der praktisch heute auch alle die leben und weben, die Haeckels Namen
-nachträglich undankbar verleugnen. Auf der anderen Seite bleibt aber
-ebenso wahr, daß alle noch so geschickte Theorie arm ist, wenn nicht
-das Glück wirkliche Neuentdeckungen hinzubringt, -- in diesem Falle
-also den Fund wirklicher vorweltlicher Skelette von Übergangsformen,
-die etwa den Schritt von einem nilpferdisch und noch weiter wasserlieb
-gewordenen Zweihufer aus der Kuhverwandtschaft zur Seekuh leibhaftig
-vor Augen stellten.
-
-Nun fanden sich zwar versteinerte Seekühe. Seekuhweiden bieten sich
-heute in den verschiedensten Meeren und Strömen, von Florida und
-dem Orinoko bis Afrika und dem Indischen Ozean; eine riesige Seekuh
-bei Kamtschatka, das sogenannte Borkentier, ist erst in junger
-geschichtlicher Zeit vom Menschen ausgerottet worden. Wie aber in der
-Urwelt alle geographischen Grenzen durchweg auf den Kopf gestellt
-scheinen, so mußte man sich auch hier mit dem Bilde befreunden, daß
-noch in der Epoche der Tertiärzeit, als unser allbekannter Bernstein
-als frisches Harz von Waldbäumen des Landes tropfte, über die Gegend
-bei Mainz und Darmstadt ein Meeresarm ging, dessen Seegraswiesen
-auch dort damals schon von zahlreichen, mäßig großen (etwa drei
-Meter langen) Seekühen abgeweidet wurden. Diese alten Darmstädter
-Meerweibchen zeigten, wie es scheint, äußerlich noch ein verkümmertes
-Hinterbeinchen, das heute ganz fehlt, sozusagen ein Abzeichen noch mehr
-ihrer sicheren ehemaligen Landverwandtschaft. Aber das war auch alles:
-im übrigen waren sie schon genau so mißgeformt und wasserfroh wie ihre
-Genossen unseres Tages etwa in ihrem fernen Roten Meer. Die sirenische
-Übergangskuh hatte man jedenfalls in ihnen noch nicht vor Augen.
-
-Inzwischen gab es aber eine alte Stimme aus der Tierkunde selbst, fast
-vergessen wie der Mann, von dem sie hauptsächlich ausgegangen war,
-der schon fast zehn Jahre vor Darwins Auftreten verstorbene Franzose
-Blainville.
-
-Sie mahnte an die höchst seltsamen Zahnverhältnisse dieser Sirenen, in
-denen offenbar noch ein separates Geheimnis stecke.
-
-Wenn von den homerischen Sirenenmädchen die böse Kunde gilt, daß ihr
-süßer Sängermund in verschwiegenen Stunden Menschenfresserei trieb, zu
-der neben verminderten ethischen Hemmungen mindestens ein gutes Gebiß
-gehörte, so hatten einzelne der wirklichen Sirenenkühe überhaupt keine
-Zähne oder doch nur spärlichste Reste solcher. Doch das war offenbar
-wieder Wasseranpassung für sich; auch der ungeheure Grönlandwal
-ist zahnlos und seiht nur winziges weiches Meergetier durch seine
-Gaumenbarten, die uns das bekannte Fischbein liefern. Was aber noch
-vorhanden war von sirenischem Normalgebiß, das war wirklich bedeutsam
-genug.
-
-Bald zeigte sich ausgesprochene Neigung, die oberen Schneidezähne
-unter der fetten Wulstlippe in regelrechte Stoßzähne zu verwandeln.
-Bald wuchsen die Backzähne beständig neu nach, und zwar so, daß
-der vorderste immer nach einer Weile ausfiel, von hinten her aber
-die Zahnreihe ergänzt nachrückte. Diese Zahnwunder aber erinnerten
-auffällig jetzt an einen zweiten Fall im Säugerbereich, der ganz und
-gar nichts mit der Kuh zu tun hatte, sondern mit dem -- Elefanten.
-
-Auch die riesigen Stoßzähne unseres lebenden Elefanten sind obere
-Schneidezähne, und auch bei den Backzähnen dieses Elefanten herrscht
-ein mindestens sehr ähnliches System von streng geregeltem Verfall und
-Ersatz.
-
-Kein Zweifel: die Sirenen hatten auch im übrigen Bau ihres Skelettes
-mit den schweren, nicht gehöhlten Knochen mancherlei Züge vom
-Elefanten. Trotzdem schien der notwendig hier auftauchende Ideengang
-selbst den kühnsten Stammbaumtheoretikern zu kühn.
-
-Unglücklicherweise wußte man lange Zeit gerade von der eigenen
-Urverwandtschaft der Elefanten gar nichts. Sie standen bis heute
-auf dem Lande, und doch wußte man nicht, wo sie auf diesem Lande
-hergekommen sein sollten. Kein anderes Säugetier glich ihnen genug
-zur Anknüpfung. Die Gegner der Deszendenztheorie liebten es, lächelnd
-hierher mit Fingern zu weisen. Hier waren Tiere, die riesengroß waren,
-schon in Urweltsperioden massenhaft gelebt und massenhaft versteinerte
-Knochen hinterlassen hatten; und doch hatten sie anscheinend keine
-»Ahnen«.
-
-Eines Tages indessen sollte das ein recht jähes Ende nehmen. Im
-untersten Ägypten, im Hinterlande des sogenannten Fayum, entdeckten
-die Geologen vor einigen Jahren eine geradezu fabelhaft glänzende
-Fundstätte vorweltlicher Säugetiere. Nie werde ich den Anblick
-vergessen, als ich im Londoner Naturhistorischen Museum beim Eintritt
-in die große Halle vor dem ersten frisch ausgestellten Prachtstück
-von dort stand: dem grotesken Riesenschädel eines sogenannten
-Arsinoitherium, eines elefantenähnlichen Ungetüms, das auf der Nase
-zwei enorme, nebeneinander gestellte knöcherne Zapfen, die an die
-Zipfel einer kolossalen Narrenkappe erinnerten, getragen hatte. Schon
-dieses jedenfalls nah verwandte neue Tier bewies, daß man hier in die
-Urverwandtschaft des Elefanten geraten war. Schlag auf Schlag folgten
-sich dazu dann die weiteren Entdeckungen an dieser Glücksstelle.
-
-Es zeigte sich ein Vormastodon, das die Entstehungsgeschichte des
-späteren Elefantenrüssels enträtselte. Die Krone aller Entdeckungen
-aber war der Ahne des ganzen Elefantengeschlechts überhaupt. Er
-erschien in trefflicher Erhaltung schon in einer Schicht der
-Tertiärzeit, die geologisch noch ein Stück älter war als jene der
-Arsinoitherien und Vormastodons. Da erschien ein Tier, auch etwa so
-groß wie ein Tapir, also gegen den heutigen Elefanten relativ klein.
-Die Gliedmaßen schlank; ein langer Schwanz; im flachen, keineswegs
-elefantenhaft steil getürmten Schädel ein altertümliches Gebiß, in dem
-doch aber die Schneidezähne schon eine Tendenz zeigten, hauerhafte
-Stoßzähne zu werden. Im Umriß also ganz gewiß kein Elefant. Und doch
-durch soundso viel feine anatomische Details einzig und allein an die
-Elefanten anzuschließen. Die Sachkenner waren sich bald einig: man
-hatte den so lange vermißten »Elefantenvater« vor sich. Ein durchaus
-altertümliches Landtier, selber noch den ältesten, sehr indifferenten
-Huftieren der Vorwelt nahe, das aber den Ausgangspunkt der seltsamen
-Entwicklung zu den elefantischen Kolossen, all den Dinotherien,
-Mastodons, Mammuten und wie sie hießen, gebildet hatte. Da in
-Altägypten in dieser Fayumgegend der berühmte Mörissee gelegen hat,
-wurde das einzigartige Geschöpf Möritherium getauft. Kaum aber hatte
-man sich mit seiner Existenz abgefunden, so sollte es den Tierkundigen
-noch eine Überraschung bereiten, die zu den größten gehört, die alle
-Tierkunde je erlebt hat. An der Küste des urafrikanischen Kontinents,
-wo sich zu ihrer Zeit die Möritherien herumtrieben, lebten damals,
-vom Wasser her in die Flußmündung aufsteigend, auch schon Seekühe.
-Auch ihre Knochen kamen in den heute erhärteten Schichten des alten
-Uferschlamms von ehemals für uns zutage. Und nun zeigte sich das
-Unerwartete. Diese uralten Seekühe hatten fast genau den Schädel und
-das Gebiß des Möritheriums gehabt. Auch in den Beckenknochen glichen
-sie ihm noch frappant. Und doch waren sie sonst schon Seekühe! Seekühe
-aber, die zugleich schwimmende Elefantenväter waren! Kein Zweifel: in
-jenen Anfangstagen war ein Zweig möritherienhafter Urelefanten auf die
-Wasserweide gegangen und hatte sich dort zu Seekühen umgestaltet. Als
-Wasserelefanten kamen diese Seekühe fortan in die Seichtbuchten der
-Ufer und die Flußmündungen, über denen auf dem Festlande dröhnenden
-Schrittes die Landelefanten dahinstampften. Wie das Nilpferd zum
-Schwein, der Seehund zum echten Hund oder Bär, so stehen die »Sirenen«
-zum Elefanten: sie sind seine Wasseranpassung. Nun gilt es ein Umräumen
-in allen Museen. Die Elefanten, lange so vollkommen isoliert, bekommen
-Nachbarn.
-
-Die große Seekuh des Roten Meeres, so hören wir, wird bei Nacht
-dort bei den Korallenriffen von den Beduinen in ungeheuren Netzen
-gefangen, durch langes Untertauchen (das sie als Säugetier ja nicht
-unbegrenzt verträgt) erstickt und mit großen Mühen endlich gehoben.
-Das Bild erhält eine neue Farbe, wenn man sich sagt, daß es sich
-hier um eine nächtliche Elefantenjagd handelt. Ein Wasserelefant,
-noch ein Meter in der Länge größer als der größte lebende Elefant im
-Kilimandjarobuschwald, dickhäutig und ungeschlacht über alle Begriffe,
-im Netz gefangen und zappelnd wie ein Fisch, bei Fackelschein auf der
-Kante einer Korallenbank -- wahrlich eine packende Situation mehr im
-Märchen der Tierwelt.
-
-
-
-
-Die Entdeckung des Riesenklippdachses
-
-
-In meiner Bibliothek stehen ein paar kleine alte Bände mit zierlicher
-Rückenvergoldung -- die erste Ausgabe von Cuviers »Tierreich« von 1817.
-
-Nach solchem alten, ehrwürdigen Bändchen greift man heute nicht leicht,
-um sich über laufende Fragen der Tierkunde zu unterrichten. Es muß
-schon mehr in Sonntagslaune sein, wenn man sich einmal an der Stimmung
-einer Zeit ergötzen will, die zwar weit hinter uns an zoologischem
-Wissen stand, die aber eines immerzu noch erleben durfte, das uns
-fremder wird: nämlich ganz große Sensationen, Überraschungen dieses
-Wissens.
-
-Eine solche Sensation ersten Ranges steht dort bei Cuvier beschrieben,
-wenn er von dem Tier spricht, das nach einem übertragenen Namen der
-»Klippdachs« heißt; mit unserem bärenartigen Raubtier Dachs hat es
-nichts zu tun; man nennt es auch »Klippschliefer«, das heißt: einen,
-der in engen Klippenspalten gern unterschlüpft (schlieft). In Luthers
-Bibelübersetzung figuriert es als das »Kaninchen« der palästinensischen
-Felsen.
-
-Die Klippdachse sind kleine, dick bepelzte Geschöpfchen vom Habitus
-mittlerer Häschen oder großer Meerschweinchen, die von Syrien bis zum
-Kap teils so in Höhlen »schliefen«, teils hoch im Urwaldgezweige fast
-affenhaft ihr Wesen treiben. Kein Mensch, der sie so sieht, wird sie
-wirklich für etwas viel anderes halten als Karnickel oder Eichhörner,
-zumal wenn er aus ihrem Mäulchen auch noch die spitzen oberen
-Vorderzähne anscheinend völlig nagetiergemäß vorstehen sieht.
-
-Als Nagetiere waren sie denn auch von den Zoologen bis auf Cuvier
-verrechnet worden. Er aber mußte jetzt den inhaltschweren Satz
-drucken lassen, diese Klippdachse seien eine »~sorte de rhinocéros en
-miniature~«; sie hätten die Backzähne des Nashorns und trügen an den
-meisten ihrer Zehen kleine Hufe!
-
-Man muß in den Quellen der Zeit die Entrüstungsrufe der übrigen
-Zunftgelehrten von damals lesen, daß so etwas möglich sein sollte: ein
-Nashorn von der Größe eines Kaninchens!
-
-Aber Cuviers Ansehen war zu gewichtig, um dauernden Widerspruch
-aufkommen zu lassen. Der Klippdachs ist wirklich fortan bei den
-Huftieren und versuchsweise immer wieder in der Nähe des riesigen
-Nashorns in den Listen der Tierforscher geführt worden, so schwer's
-auch fallen wollte; aber man wurde das Gefühl eines Rätsels dabei nicht
-los, das seiner wahren Lösung noch harrte.
-
-Inzwischen wurden sein Leibesbau und seine Lebensweise von vielen und
-immer eingehender studiert. Man stellte jene Tatsache fest, daß er auch
-auf Bäume klettern konnte, was dann für ein Rhinozeros noch grotesker
-wirken mußte. Unser großer deutscher Reisender Schweinfurth sah ihn
-an steilen, glatten Felsen in so unmöglichen Lagen auf und ab turnen,
-ja todeswund noch wie angeklebt haften, daß er auf eine besondere
-laubfroschartige Saugkraft seiner Füßchen raten mußte, die in der
-Tat beim Einziehen und Ausdehnen eines Spalts im Sohlenpolster durch
-Luftverdünnung zustande kommt -- ein Rhinozeros mit Laubfroschfüßen auf
-polierten Rutschflächen!
-
-Im übrigen Körperbau kamen aber auch immer neue Seltsamkeiten ans
-Licht. Die Hufe waren eine Vereinigung von affen- oder menschenhaften
-Nägeln mit dem echten, die Fingerbeere ganz umgreifenden Sohlenhorn
-des Hufs. Aus dem Pelz ragten überall einzelne lange Tasthaare vor,
-deren Gebrauch unklar blieb. Im Rückenfell umschloß eine abweichend
-gefärbte Flocke eine kleine Tonsur, deren Zweck ebenfalls im Geheimnis
-verharrte. Wiederkäuen wurde behauptet, dann wieder abgeleugnet;
-jedenfalls paßte der Magen nicht dazu.
-
-Je mehr man aber allmählich anfing, Tiere überhaupt
-entwicklungsgeschichtlich, im Bilde eines Stammbaumes, zu ordnen, desto
-dringlicher mußte die Frage werden, an was für einen Ast des großen
-Stammbaumes man diesen verdrehten Gesellen mit seinen Saugfüßchen denn
-nun tatsächlich kleben solle?
-
-Das Nashorn selber kam dort zweifellos zu Pferd und Tapir. Unter den
-Pferdeahnen waren vorgeschichtlich auch kleine Geschöpfe gewesen. Aber
-ihre speziellen Knochenreste, als man sie fand und zusammensetzte,
-wollten wieder gar nicht zum Klippdachs stimmen.
-
-Viele Jahrzehnte galt es als eine Hoffnung der Versteinerungskundigen,
-endlich einmal vom Klippdachs selber urweltliche Reste zu entdecken --
-ob die den Schleier lüfteten. Würden auch sie uns kleine Tiere weisen,
-so daß der lebende Schliefer ein echtes Überbleibsel wenigstens
-der allgemeinen Zeit wäre, in der alle Huftiere, auch die größten,
-auch Nilpferd und Nashorn, klein angefangen hatten? Oder würden sie
-wirklich jetzt nashornhafte Riesen von Klippdachsgestalt zeigen, eine
-Ahnenschaft der entsprechend Großen, von der unser lebender Freund spät
-erst und jämmerlich zu seinem Zwergenmaß wieder heruntergesunken wäre?
-
-Lange aber wollte kein einziges Knöchelchen dartun, daß überhaupt schon
-Klippdachse in der tierreichen Vorwelt gelebt hätten.
-
-Merkwürdige Verwandte unserer Nashörner von heute fanden sich ja
-unter dem Urweltsvolk genug. Da hatte es in Nordamerika (wo heute
-überhaupt kein Nashorn mehr existiert) Rhinozerosse gegeben mit ganz
-kurzen Beinchen wie ein Teckelhund; andre, die überhaupt kein Horn
-auf der Nase trugen, dafür aber Dickköpfe mit gewaltigen Eckhauern
-führten wie ein Nilpferd und auch nilpferdhaft amphibisch lebten; und
-noch wieder andere, die ihren hornlosen Nashornkopf auf langen Hälsen
-trugen und die gewandtesten schlanken Galoppierbeine des Pferdes
-anzunehmen begannen. In den nah verwandten sogenannten »Titanentieren«
-(~Titanotheria~) hatten die Hörner umgekehrt wahre Orgien wilder
-Gestaltungskraft gefeiert, je zwei nebeneinander (nicht nacheinander)
-hatten sich auf festen Knochenzapfen nach Art eines Ochsengehörns
-aus der Nase erhoben, und zuletzt waren hier aus den Zapfenhörnern
-regelrechte Masken mit weithin vorspringender Knochengabel geworden,
-die den alten Bullen nicht mehr geschützt, sondern eher wehrlos gemacht
-haben müssen. Ein Nebenzweig dieser Titanentiere (also immer doch noch
-im Nashornanschluß) hatte es in dem Wunderwesen Chalikotherium gar zu
-einer nicht mehr trabenden, sondern grabenden Form gebracht, die bei
-Rhinozerosmaßen des Körpers statt Hufen mächtige krumme Grabkrallen wie
-ein Riesengürteltier besaß. Aber kein echtes Klippdachsnashorn fand
-sich dazu, so sorgsam man auch gerade darauf fahndete.
-
-Unterdessen lenkte der Zahnbau des lebenden Klippdachses gelegentlich
-aber noch einmal auf einen ganz anderen Gedanken.
-
-Aus dem Maul ragten, wie erwähnt, oben die beiden vordersten
-Schneidezähne gleich kleinen scharfen Stoßzähnen (beim Männchen
-kräftiger als beim Weibchen) vor. Diese Stößer waren immerwachsende
-Zähne mit Emailbelag, die trotz ihrer Ähnlichkeit mit Nagezähnen von
-dem rein blätter- oder kräuterfressenden Tier doch nie zum wirklichen
-Nagen benutzt wurden. Dagegen hatten sie eine in jedem Betracht
-frappante Ähnlichkeit mit den allbekannten Elfenbeinstoßzähnen des --
-Elefanten.
-
-Der Elefant ist nun auch ein großes altertümliches Huftier und als
-solches im weitesten Sinne natürlich auch mit dem Nashorn urverwandt;
-im engeren aber wissen wir ja jetzt (wir haben eben davon gesprochen),
-daß sein Stammbaum später ganz eigene Wege, unabhängig sowohl von
-der Nashorn- und Pferdelinie wie auch von der Nilpferd-, Schwein-
-und Wiederkäuerlinie, genommen hat. Sollte auch der Klippdachs in
-seiner dunkeln Vorgeschichte am Ende mit dem Elefanten noch näher
-zusammengegangen sein als dem Nashorn?
-
-Lange tappte auch diese Idee für sich im Dunkeln, da man die
-Elefantenvorfahren in wirklichen Knochenresten selbst zunächst ja nicht
-finden konnte. Erst in letzter Zeit ist das, wie gesagt, in Ägypten
-endlich geschehen. Gerade jetzt aber mischte recht ärgerlich sich auch
-noch ein grober Fehlschluß in den Fall Klippdachs ein.
-
-Der höchst eifrige, aber etwas voreilige Paläontologe Ameghino in
-Südamerika beschrieb nämlich plötzlich die angeblichen Ahnen des
-Klippdachses aus angeblich so uralten Gesteinsschichten Patagoniens,
-daß sie gar noch in der großen Saurierzeit, in der Kreideperiode,
-gelebt hätten. Beides war aber falsch, sowohl die Zeitbestimmung wie
-die Sache selbst; es hatte eine Verwechslung mit echt südamerikanischen
-Huftieren stattgefunden, die selber, wie in allem, was aus ihnen
-je geworden ist, niemals über Südamerika hinausgekommen sind und
-nicht einmal entfernt den Klippdachsen geglichen haben. Leider
-wurden die betreffenden Tiere in der ersten Hitze »Urklippschliefer«
-(~Archeohyrax~) benannt, und dieser Name erbt nun nach dem Gesetz der
-Erstgeburt in unseren Lehrbüchern fort, obwohl er völlig in die Irre
-führt. Das Gesetz hat schon manche Not dieser Art gebracht, diesmal
-aber sollte es ein besonders mißliches Exempel werden. Denn kaum, daß
-der falsche Urklippdachs im Buche stand (mit dem Vermerk, daß er falsch
-sei!), so meldete sich wie zum Tort gerade der so lange Gesuchte selbst.
-
-Jenes Fayumgebiet in Unterägypten gab bei Gelegenheit der erfolgreichen
-Suche nach den dort begrabenen Vorfahren der Elefanten nun doch
-plötzlich eine Fülle auch echter urweltlicher Klippdachsknochen frei.
-Und das lief jetzt auf eine wirklich große Überraschung hinaus.
-
-Um das Ende des ersten Drittels der Tertiärzeit haben die sumpfigen
-Waldungen des damaligen nordafrikanischen Kontinents offenbar auch
-schon sehr zahlreiche Klippdachse bewohnt. Unter ihnen aber wandelte
-als auffälligste Gestalt damals noch der wahre Riesenklippdachs
-(~Megalohyrax~).
-
-In der Größe nahm er es mit dem stärksten Bären oder, wenn wir beim
-Nashorn bleiben wollen, ungefähr mit einem mittelgroßen Sumatranashorn
-auf. Ein solcher entsprechend schwerer Riese kletterte natürlich
-nicht auf Bäume, sowenig er in engen Felsspalten »schliefte« oder
-sich an glattes Gestein klebte. Das Wasser dürfte er mit seinem
-schwachen Schwanz auch nicht geliebt haben. Seine kurzen, bei solcher
-Größe jedenfalls noch nicht so springflinken Klippdachsbeine machten
-ihn vielmehr wohl zu einem ruhigen Waldgänger, der behaglich das
-üppige Laub abweidete. Im ganzen Habitus muß er aber sonst schon
-ein durchaus echter Klippdachs gewesen sein, bloß daß alle Eigenart
-viel imponierender hervortrat: der dicke Pelz als große bären- oder
-mammuthafte Wollgestalt, die emaillierten Stoßzähne als wirkliche
-starke Elefantenstößer. Recht unheimlich muß der Riese ausgesehen
-haben, obwohl gewiß auch er kein besonderer Angreifer war und von den
-bösen Raubtieren dieses urafrikanischen Waldes sicherlich viel Not
-gelitten hat.
-
-Entscheidend aber löst er uns die oben gestellte Frage. Also auch die
-Klippdachse hatten einmal ihre »große Zeit«. Ganz früh hatten sie
-diese Zeit schon, in Tagen, wo das Pferd sogar noch klein war. Aber
-dieser frühe Glanz erlosch auch um so rascher.
-
-Im letzten Drittel der Tertiärzeit hat, wie wir jetzt aus nachträglich
-richtiger Deutung von Knochenresten auch glücklich wissen, auf
-der Insel Samos und dem griechischen Festlande noch ein einzeln
-verspäteter, relativ großer Altklippdachs jener Glanztage fortgelebt.
-
-Auf unsre Zeit aber kam das Geschlecht nur mehr in kaninchenhafter
-Verzwergung. Bedeutsam aber ist dabei wieder der alte Ort des Glanzes:
-Afrika.
-
-Offenbar haben die Klippdachse zum ältesten Stamm ursprünglich
-afrikanischer, in Afrika landes- und geburtseigentümlicher
-Hufsäugetiere unserer Erde gehört.
-
-Im Gebiß wesentlich noch urtümlicher, weniger einseitig gebaut,
-verraten jene großen Altformen ihres Geschlechts uns auf der einen
-Seite jetzt noch deutlich auch ihren Anschluß an die Stammgruppe der
-Huftiere überhaupt, von der auch alle die geographisch entfernteren
-(selbst die nordamerikanischen) Formen ursprünglich einmal ausgegangen
-sein müssen.
-
-So erklären sich die Beziehungen, die den kleinen Schliefer von heute
-noch in seinem Zahnbau mit dem Nashorn verknüpfen; einzelne jener alten
-Fayumer gemahnen ebenso und stärker hier auch noch an das Schwein, das
-heute doch wieder vom Nashorn so weit fernsteht.
-
-Das sind aber eben ganz allgemeine Altersreminiszenzen.
-
-Andererseits muß dagegen für ihre engere afrikanische Fortbildung und
-Nächstverwandtschaft jetzt entscheidend werden, daß sie in dieser ihrer
-engeren geographischen Wurzelung wirklich nur noch einen einzigen
-uns erkennbaren, ebenfalls damals hochsteigenden Genossen gehabt
-haben, nämlich tatsächlich das alte große Wundertier der Sage wie
-Naturgeschichte -- den Elefanten.
-
-In jenen gleichen nordafrikanischen Sumpfwäldern der älteren
-Tertiärzeit sind ja auch die Elefanten damals hochgekommen aus den
-relativ kleinen, wirklich sumpfbewohnenden Urelefanten (Möritherien) zu
-den späteren Riesen.
-
-Wenn nun im Bau der Stoßzähne wie in mehreren Einzelheiten des Fußbaues
-eine unverkennbare engere Ähnlichkeit auch von Klippdachs und Elefant
-heute noch besteht, so legt diese geographische Einheit einen solchen
-Stein jetzt dazu in die Wagschale, daß es fast zwingend zu des Märchens
-wie der Weisheit letztem Schluß wird: Klippdachs und Elefant gehörten
-ursprünglich auch körperlich noch länger zusammen, bildeten eine
-Einheit -- und erst in ihrem Afrika selber haben sie sich allmählich
-getrennt: der Urelefant, indem er zuletzt auf Mastodon und Mammut
-ins Kolossale ging -- der Klippdachs, indem er zum Kaninchenzwerge
-später sank. Nicht ein Miniaturnashorn lebt uns also heute in diesem
-Klippdachs fort, wohl aber ein _Miniaturelefant_.
-
-
-
-
-Die Mammutschnitzer von Predmost
-
-
-Sie kommen -- da hilft nun nichts mehr!
-
-Lange genug haben wir uns ehrlich gewehrt, nun ist es Zeit, daß wir uns
-ehrlich für besiegt erklären.
-
-Nämlich jene wunderbaren Menschen der Diluvialzeit, die so viele
-Jahrtausende vor Beginn unserer geschichtlichen Überlieferung gelebt
-haben, daß den Historiker, dem schon ein Tag ein Wert ist, mit Recht
-dabei ein Gruseln überläuft.
-
-Wie auf dem Bilde Kaulbachs über dem Schlachtfelde noch die Geister der
-Gefallenen weiter bekämpft werden, so haben wir mit ihren unheimlichen
-Schatten gerungen, als sie zuerst vereinzelt aus den feuchtkalten
-Kellergewölben ihrer Höhlen aufzusteigen begannen. Aber aus den
-Schemen sind ganze Völker geworden, und die Gespenster haben, was das
-Entscheidende für ihre Aufnahme in die wirkliche Geschichte sein muß,
-für uns eine Seele bekommen.
-
-Keine Tradition wußte von diesen Menschen. Sie haben für uns keine
-Namen, keine Sprache, vielleicht auch keine Heimat, denn sie tauchen
-als schweifende Jägerstämme bei uns in Europa auf, die wer weiß wie
-weit herkommen konnten. Aber sie tauchen auf in der Eiszeit. Mit nicht
-schlechten, aber ganz einseitigen Waffen (Stein, Horn, Bein, Holz)
-jagen sie die märchenhaften Tiere jener Erdepoche, auf europäischem
-Boden Löwen und Panther, riesenhafte Bären, Elefanten und Nashörner,
-das Urwildpferd und den Präriebison.
-
-Nie wieder hat Europa solche Jagd gesehen. Wie verschwinden alle
-Herkulessagen der Griechen dagegen! Zu den Ungetümen, die sie
-bezwangen, möchte man sich schauerlich wilde Vormenschen denken, die
-selber noch halbe Ungeheuer waren. Zumal in so endlos ferner Zeit. Aber
-gerade das sind sie auch nicht gewesen, und daß sie es nicht waren, ist
-wohl das allverblüffendste an ihnen, vor dem auch die energischsten
-Heißsporne, die zuerst für ihre Existenz eintraten, noch haben umlernen
-müssen.
-
-Sie hatten schon eine hochentwickelte Kunst! In unzähligen Denkmälern,
-die in Südfrankreich und Spanien neuerdings fast Monat für Monat neu
-aus den alten Höhlen und Kulturschichten hervorgezogen werden, ersteht
-diese Kunst augenblicklich imposant vor unserem Blick. Schnitzereien,
-Gravierungen, Reliefplastik und farbige Malereien, die Jagdszenen,
-Tierbilder, Ornamente darstellen, geben ein nie erwartetes, ein
-überwältigendes Bild. Diese Menschen begannen nicht erst mit der Kunst:
-sie besaßen sie bereits. Sie waren vielfach Meister der Darstellung.
-Die Prachtwerke über diluviale Höhlenmalereien, die gegenwärtig unter
-der Ägide des Fürsten von Monako erscheinen, riesige Quartbände mit
-Farbentafeln, enthüllen nicht nur wissenschaftliche Dokumente zur
-Kunstgeschichte, sondern sie geben (besonders aus der Wunderhöhle
-von Altomira in Spanien, deren ganze Decke ein figurenreiches und
-farbenprächtiges prähistorisches Freskogemälde bedeckt) einzelne
-Blätter, die fortan die Freude jedes künstlerisch empfindenden Auges
-sein müssen wie nur irgendeine große Höhenleistung sonst der älteren
-Kunst. Und erst seit wir in diese Kunst der Mammutjäger schauen, läßt
-sich wirklich jenes eben gebrauchte Wort anwenden: daß wir jetzt auch
-diese Menschen _seelisch_ besitzen im Inhalt unserer Kulturgeschichte.
-
-Von Mammutjägern also zu Mammutmalern und Mammutschnitzern!
-
-Die amüsante kleine Episode, die ich hier an diese mächtige neue
-Melodie knüpfen möchte, beweist indessen mit ihrem Anfang klärlich, daß
-man auch heute noch, in unseren (bekanntlich) sehr hellen Tagen, bei
-einem Mammut zunächst an etwas wesentlich anderes denken kann als an
-Kunst.
-
-So geschah es nämlich Herrn Chrometschek, Gutsbesitzer zu Predmost,
-einem kleinen Flecken bei Prerau in Mähren, der vor einer Reihe von
-Jahrzehnten hinter seinem Garten graben ließ und dabei in einer alten
-verbackenen Staubschicht des ehemaligen diluvialen Steppenbodens dieser
-Gegend auf eine Katakombe gewaltiger Knochen stieß. Die meisten und
-größten stammten eben vom Mammut, und nie bisher ist eine großartigere
-Anhäufung von Gebeinen dieses verschollenen europäischen Elefanten
-zutage gekommen. Die Reste von fast tausend Individuen sind noch in
-der Folge geborgen worden, junge und alte dabei, vom Urvater bis zum
-Embryo. Daneben Knochen des Nashorns, des Urstiers, des heute noch in
-Grönland existierenden Moschusochsen, des Elchs, des Wildpferdes, der
-Gemse, vermischt mit denen von Löwe, Leopard, Wolf, Vielfraß und Biber.
-
-Herr Chrometschek aber als umsichtiger Landwirt ließ diesen ganzen
-reichen Segen, so oft er sich beim Abbau des alten Steppensandes
-wiederholte, reinlich zu Pulver zerstampfen und düngte seine Felder
-damit -- lange Jahre hindurch. Und dann erst fanden ein paar
-hinzukommende ausgezeichnete Gelehrte (zunächst Wankel, nachher
-Maska und Kriz), daß dieser Dünger doch für Kohlköpfe oder Rüben
-entschieden etwas zu kostbar sei und besser menschlichen Gehirnen und
-wissenschaftlichen Theorien zugewendet werde.
-
-Als das ganz besonders Interessante ergab sich nämlich, daß es sich
-hier nicht bloß um ein zufälliges Massengrab vorweltlicher Tiere, etwa
-auf Grund zusammengeschwemmter oder in einem Staubsturm gemeinsam
-begrabener Kadaver, handelte. Vorgeschichtliche Menschen hatten schon
-einmal die Hand dabei im Spiel gehabt. Zu vielen Tausenden lagen ihre
-Steinwerkzeuge am Fleck, auch einzelne Skelettreste. An Holzkohlen
-und Asche erkannte man, daß sie Feuer gebrannt hatten. Viele der
-Tierknochen waren künstlich zerschlagen, angebrannt, bekritzelt, rot
-gefärbt. Stellenweise lagerten die Mammutgebeine in hübsch sortierten
-Haufen: hier lauter Beckenknochen, dort Schulterblätter, Zähne oder
-Gelenkköpfe zueinander gesammelt. Kein Zweifel: Menschen hatten mit
-dem Material gewirtschaftet, und wenn irgend etwas nahelag, so war es
-die Annahme, daß es sich um eine Jägerstation handelte, wo frisches
-Jagdwild abgehäutet, verarbeitet, zum Teil gebraten und gegessen,
-zum Teil in seinen brauchbaren Knochenteilen ausgeschlachtet worden
-war. Wohlverstanden: hauptsächlich Mammutwild. Eine Art Abdeckerei
-oder Schlachthaus aus der Mammutzeit selber stand vor Augen, und der
-Schlächter war schon der Mensch gewesen!
-
-Es war eine gar gewaltige Triebkraft, was dieses Mammutlager von
-Predmost damals, in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts,
-in die annoch junge prähistorische Wissenschaft hineinzubringen schien.
-
-Zum ersten Male faßte man davor den ganzen Mut, den Menschen der alten
-Steinzeit wirklich zusammen zu sehen mit diesen schauerlichen letzten
-Urweltsgestalten der Tierwelt, die alle ältere Geologie noch durch
-die furchtbarste Erdenkatastrophe von jeglicher Menschennähe getrennt
-gedacht hatte.
-
-Aber der Geistesboden war zu glänzend damit gedüngt, um nicht eine ganz
-unerwartete Riesenrübe noch hervorzutreiben in Gestalt eines genialen
-Gedankens, der so genial war, daß er tatsächlich noch einmal die ganze
-Geschichte in die Luft fliegen ließ.
-
-Der Gedanke wuchs im durch und durch gescheiten Kopfe des alten Japetus
-Steenstrup aus Kopenhagen, der, damals schon bald achtzigjährig, eigens
-herangepilgert war, um sich auch von dem Wunder zu überzeugen.
-
-Steenstrup, Zoologe von Haus aus, dann selber Prähistoriker, hatte die
-gründlichsten allgemein geachteten Forschungen hinter sich -- über das
-Liebesleben jener wundersamen Seetiere, die stets in einer Generation
-wirkliche Liebespärchen, in der nächsten dagegen nur ein einziges
-pflanzenhaft ausschlagendes Elternwesen hervorbringen; über die
-verschrobenen Augen der Flundern; über die geschichtlichen Geheimnisse
-der dänischen Torfmoore und Muschelbänke und anderes mehr. Meister
-Steenstrup befand sich aber kaum im Angesicht des Mammutfeldes, so gab
-er auch schon die überraschendste Lösung.
-
-Jedermann kennt die berühmte Geschichte von den sibirischen Eiskadavern
-von Mammuten, die, vor ungezählten Jahrtausenden in Gletscherspalten
-eingefroren, heute noch gelegentlich mit Haut und Haaren heraustauen.
-Wenn solches Tauen geschieht, kommen die hungrigen Wölfe heute
-noch hinzu und fressen von dem derben Brocken vorgeschichtlichen
-Gefrierfleisches, nicht minder aber besuchen die armen Tungusenjäger da
-oben die Stätte, um sich der famosen Elfenbeinhauer zu bemächtigen.
-
-Wer beweist uns nun, fragte der alte Steenstrup, daß ein solcher
-Hergang nicht auch den Fall Predmost selber erklären kann? Bis ans
-Ende der Eiszeit reichten nordsibirische Verhältnisse tief nach Europa
-hinein. Wenn nun schon damals im gefrorenen Boden oder Gletschereis
-solche Gefriermumien gesteckt haben? Bloß eben damals bis in Gegenden
-noch hinein, die so weit südlich lagen wie dieses mährische Predmost?
-Und wenn schon damals einmal ein solcher ganzer Eisschrank gerade hier
-aufgetaut war, seine uralten Mammutbraten in nicht ganz delikatem
-Zustande wieder herausgebend? Wenn dann Menschen von damals in der Nähe
-vorbeizogen, werden nicht auch sie sich brauchbare Zähne und Knochen
-herausgesucht haben? Die ekle Stätte wird jedenfalls gründlich von
-ihnen durchwühlt worden sein. Wölfe werden von dem Fleisch gefressen
-haben. Wer weiß: am Ende sogar halb verhungerte Menschen selber.
-Steinzeitmenschen natürlich. Aber deshalb doch noch lange nicht
-Zeitgenossen des _lebenden_ Mammuts. Keine Mammutjäger! Unabsehbare
-Zeiträume mögen die Zeit, da diese Mammute wirklich gelebt hatten,
-schon damals getrennt haben von der Stunde, da ihre Gefrierleichen
-heraustauend so in Menschenhand kamen. Sibirien in Predmost, nichts
-weiter, aber nicht lebende Menschen vor lebendigen europäischen
-Elefanten.
-
-Wenn je ein Gedanke mit seiner Logik bezwang, so war es dieser. Ich
-weiß selbst noch genau, wie er mich absolut sieghaft gefangennahm,
-als ich ihn zum ersten Male las. Es gab keine Widerrede. Für einen
-so geistvollen und eminent kenntnisreichen Kopf wie Virchow ist er
-damals entscheidend für seine ganze Stellungnahme zu diesen Fragen
-bis an sein Lebensende geworden. Er schien berufen, pädagogisch eine
-wahre Warnungstafel zu werden, wie heillos vorsichtig man beim Gehen
-auf diesem schwankenden Staub und Schnee der Vorwelt sein müsse. Nach
-solchem Fiasko an der eklatantesten Stelle mußte man auch alle anderen
-angeblichen Beweise für das Zusammenleben von Mensch und Mammut mit
-neuen und zwar mit sehr, sehr kühlen Augen ansehen. Virchow kam mit
-solchen Augen zu dem festen Schluß, daß es trotz aller Rederei und
-Flunkerei bisher keinen diluvialen »Mammutmenschen« gebe, sowenig wie
-einen tertiären Affenmenschen.
-
-Die Franzosen besaßen allerdings damals längst in einer ihrer
-Sammlungen ein vielbewundertes Stück Mammutelfenbein -- gefunden im
-Vézèretal in der Dordogne, wo das wahre Pompeji diluvialer Kultur und
-Kunst ist -- mit einem wohl erkennbar eingravierten Bilde eines Mammut
-darauf. Das mußte jetzt eine »Fälschung« sein. Wenn einige tüchtigste
-deutsche Forscher, die damals aburteilten, dort Direktor gewesen
-wären, wer weiß, in was für einer Müllgrube das unschätzbare Stück
-verschwunden wäre. Wer aber ja noch so leichtgläubig sein wollte, es
-für echt zu halten, der mußte sich sagen lassen, daß es selbst dann
-nichts beweise; denn wenn die Steinzeitmenschen noch Eiskadaver mit
-erhaltenen Rüsseln und Mähnen aufgefunden hatten, so mochten sie danach
-auch ein echtes behaartes Elefantenbild, wie es jene Platte wies,
-konstruiert haben, ohne doch je ein lebendes Mammut gesehen zu haben;
-auch dieser Schluß hat mir selber lange imponiert.
-
-Das unschätzbare Stück ...! Denn das ist schließlich doch der Witz und
-die wahre Nutzanwendung der ganzen Geschichte geworden, daß der alte
-Steenstrup sich trotz- und alledem gründlich verhauen hatte.
-
-Seine Idee stand und fiel mit der einen Möglichkeit, daß jene
-Steinzeitler zu ihrer Zeit in Mähren mit uralten, in undenklichen
-Zeitfernen rückwärts niemals aufgetauten Eismassen und Gefrierböden
-in Berührung kommen konnten. Die nähere geologische Untersuchung der
-Stelle hat diese Möglichkeit aber rund verneint. Predmost ist überhaupt
-niemals in der Diluvialzeit derartig vereist gewesen, konnte also auch
-keine Mammute konservieren.
-
-Die Menschen jener Tage lebten nicht auf Dauereisboden, sondern in
-weiten Grassteppen, wie sie für große Landgebiete und Zeitperioden der
-langen Diluvialzeit vielfach in Mitteleuropa charakteristisch gewesen
-sind, Steppen, durch die die Saigaantilope streifte wie heute noch im
-südöstlichen Rußland. Ihrer Kultur und ihrem Körperbau nach gehörten
-diese Predmoster Jäger wahrscheinlich zu jenem diluvialen Volk, das
-man heute nach dem Fundort Solutré bei Lyon benennt; die Solutréenser
-waren in Frankreich besonders eifrige Jäger auf die zahllosen, auch
-für die Grassteppe charakteristischen Herden von Wildpferden, wie sie
-ähnlich heute die Wüste Gobi bewohnen. Man schiebt gegenwärtig diese
-Solutréenser zeitlich ziemlich weit in die Diluvialzeit hinein und
-läßt sie wesentlich älter sein als die sogenannten Magdalenier, die
-das hauptsächlichste Volk jener französischen Kunsthöhlen im Vézèretal
-gewesen sind. Nun wissen wir aber, seit wir diesen Volksanschluß
-ungefähr haben, aus zahlreichen anderen Funden, daß in die Jagdsteppe
-der Solutréenser tatsächlich auch das Mammut noch allenthalben lebend
-gekommen ist. Ein _Nicht_zusammentreffen mit dem Menschen, dem
-jagdfrohen von damals, müßte also geradezu ein Wunder gewesen sein!
-
-Und so ergibt sich der alte Schluß für Predmost diesmal als die
-selbstverständlichste Folgerung: auch in dieser mährischen Steppe
-müssen die Mammute besonders zahlreich gewesen sein, und speziell in
-Predmost haben die mährischen Solutréenser besondere Jagdtriumphe über
-das Riesenvolk gefeiert.
-
-Damit aber werden auch alle weiteren Schlüsse wieder hinfällig.
-
-Jenes von der Hand eines Diluvialmenschen gezeichnete Mammutbild kann
-echt und noch nach dem lebenden Original gezeichnet sein. Es ist von
-einem Magdalenier gefertigt, also von einem Diluvialmenschem dessen
-Volk, wie gesagt, erst einer späteren Epoche der Diluvialzeit als die
-Solutréenser angehört. Es beweist also nur, daß das Mammut über die
-Predmoster Tage fort noch lange in Europa hinaus weitergelebt haben
-muß. Inzwischen zweifelt aber an der vollwiegenden Echtheit dieses
-schönen Fundstücks auch deshalb längst kein Mensch mehr, weil man in
-den Höhlen des Vézèretales seither die prachtvollsten magdalenischen
-Malereien entdeckt hat, die zahlreiche Mammute in den lebendigsten
-Stellungen mitten unter den anderen zweifellosen Jagdtieren von
-damals darstellen. Da hört jeder Gedanke wie an Fälschung, so auch an
-Rekonstruktion nach Eisfleisch auf!
-
-Gerade an dieser Stelle aber hat die Geschichte neuerlich nun noch eine
-besondere Krönung erfahren, die erst den ganz würdigen Schluß gibt.
-
-Bereits sehr zu Anfang hatte man auf den Predmoster Knochen leise
-Kunstspuren entdeckt, Zickzackornamente, Wellenlinien, konzentrische
-Kreise, Dreiecke. Später kamen Elfenbeinschnitzereien zutage, darunter
-das Bild einer sehr rundlichen, anscheinend tätowierten Dame. 1895
-stieß nun Herr Kriz auf ein mehrfach zerbrochenes Stück Mammutzahn, das
-ihm immerhin auch als ein unvollendeter Kunstversuch erschien, ohne
-daß er der Sache Bedeutung beilegte. Und erst 1909 faßte der andere
-treffliche Bearbeiter der Schätze, Maska, den wahren Sachverhalt:
-die richtig aneinander gepaßten Stücke zeigten ein höchst famoses
-Schnitzbild des Mammut -- ein zeitgenössisches Bild also des so viel
-umstrittenen Mammut von Predmost nunmehr in höchsteigener Gestalt.
-
-Die unbedeutend fragmentarische Figur mißt 116 Millimeter in der Länge.
-Das stark behaarte Tier ist auch hier in lebhafter Bewegung, wohl
-heranschreitend, erfaßt, die charakteristische Elefantenstirn erhoben,
-die (beim Mammut kleinen) Ohren schlagend, Rüssel und Beine in rascher
-Schrittstellung. Ganz besonders lebendig wirkt die Schwanzquaste, die
-die linke Flanke peitscht. Solche Lage ergab sich aus kluger Ausnutzung
-des Platzes, der gleichzeitig die Stoßzähne zum Opfer fielen; aber das
-Vorbild dieser Möglichkeit konnte nur aus dem lebenden Tier in der
-Seele des Künstlers sein -- des Mammutschnitzers von Predmost.
-
-
-
-
-Die Furcht vor dem Menschen
-
-
-Auf die menschliche Phantasie hat von je der Anblick ferner duftig
-blauer Inseln mit einer ganz besonderen Magie gewirkt.
-
-Noch heute empfindet man das, wenn man vom Schiff eine solche
-dämmernde Küste aufsteigen und dämmernd wieder verschwinden sieht.
-Eine unendliche Sehnsucht mischt sich mit unendlicher Neugier: als
-müsse gerade dort die Erfüllung aller Märchen wohnen. Und so war es
-in jüngeren und romantischeren Tagen der Erdgeschichte auch ein gern
-geglaubter Traum, es werde eine solche Insel einmal neu aus dem blauen
-Glast tauchen, die uns noch ein Stück des alten Paradieses bewahrt
-habe. Mit jungfräulichem Wald, wo der Löwe neben dem Lamm ruhte und
-die Tiere den Menschen als Bruder begrüßten. Vielleicht floß dort auch
-der Wunderquell, der die Menschen selber wieder verjüngte. Aber diese
-selige Insel ist nie gefunden worden ...
-
-Dagegen gab es eine andere Erfahrung, die wirklich wiederholt und immer
-deutlicher gemacht wurde.
-
-Ganz rohes Matrosenvolk machte sie zuerst in rohen Zeiten, Leute, die
-gewiß das Paradies sowenig brachten, wie sie es zu finden verdienten,
-die auf einsamen Inseln im Meere sich als wüste Schlächter etablierten
-und zu ihren Proviantzwecken ganze Tiergenerationen massakrierten.
-Sie bestaunten, und ihre Kapitäne schrieben es ins Schiffsjournal, daß
-die Tiere auf solchem noch nie vorher vom Menschen betretenen Eiland
-wirklich keine Angst vor dem Menschen hätten. Als Lämmer nahten sie dem
-Löwen Mensch, der ihnen dann allerdings gründlich genug das Paradies
-austrieb.
-
-Die eigentliche Hochflut solcher Inselentdeckungen im weiten Weltmeer
-liegt ja im allgemeinen noch in recht unkritischen Zeiten der
-Beobachtung. So könnte auch diese Geschichte in den älteren Quellen
-also oft wie ein Schiffermärchen aussehen, bei dem die alten Schlächter
-dort in einer Art unbewußten Kehrbildes zu ihrer eigenen Gefühlsroheit
-die Legende vom »ethischen Tier« erfunden hätten.
-
-Aber die Sache ist wahr geblieben. An den Hauptstätten der alten
-Verwüster ließ sie sich freilich durchweg später nicht mehr
-kontrollieren, aus dem einfachen Grunde, weil die Tierwelt, um die es
-sich handelte, dort längst vernichtet war, als die strenge Forschung
-nachkam. Aber es blieb doch noch einzelnes Neuland, und hier machten
-jetzt auch kritische Gelehrte von moderner Schulung den gleichen Fund.
-
-Darwin hat ihm zuerst die Gewähr seines großen Beobachternamens
-gegeben. Zweimal trat ihm auf seiner Weltfahrt die Paradiesesunschuld
-solcher Inseltiere gegenüber dem Menschen überwältigend entgegen:
-einmal auf den Galapagosinseln, diesem weit in den Stillen Ozean hinaus
-verschlagenen Rest von Südamerika, dann auf den Falklandinseln, diesem
-umgekehrten Vorposten der südamerikanischen Spitze im Atlantischen Meer.
-
-Auf den Galapagosinseln kannte kein Vogel Furcht vor dem Menschen. Man
-konnte kleine Vögel -- Darwin war alles eher als ein Tierschlächter
-alten Stils, immerhin aber doch ein passionierter Sammler -- mit der
-Mütze totschlagen, so gänzlich naiv kamen sie heran. Zum erstenmal
-durfte der Kulturjäger, dessen Vorgänger es daheim mit viel Bemühen
-bis zum Schießgewehr gebracht, wieder zurückkehren zum Schlagwerkzeug
-prähistorischer Zeiten: ein Falke ließ sich einfach mit dem Flintenlauf
-vom Zweige eines Baumes stoßen. Eines Tages, erzählt Darwin wörtlich,
-kam, während er am Boden lag, eine Spottdrossel, setzte sich am Rande
-eines aus der Schale einer Schildkröte gefertigten Eimers, den er
-in der Hand hielt, nieder und begann ganz ruhig von dem Wasser zu
-schlürfen. An einer Quelle traf der Reisende einen Jungen, der vor
-sich einen Haufen von Tauben und Finken für sein Mittagessen liegen
-hatte; er hatte weiter nichts getan, als mit einer Rute im Sitzen das
-heruntergeschlagen, was ohne jede Scheu vor ihm an der gleichen Quelle
-trinken wollte.
-
-Auf den Falklandinseln liefen die Wildgänse, deren Vorsicht man sonst
-zur Genüge kennt, dem Jäger überall in die Hand, und ein kleiner
-Strandvogel war wenigstens zu den ersten Besuchern vor Darwin noch
-so zahm gewesen, daß er sich beinahe auf ihren vorgehaltenen Finger
-gesetzt hatte und zu zehn Stück in einer halben Stunde mit dem Stock
-erschlagen werden konnte; natürlich erschlagen -- anders ging's zum
-Lohn für seine Paradiesesneigungen nicht!
-
-Darwin reiste in den dreißiger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts,
-und seitdem ist die Zahl dieser »naiven Inseln« natürlich noch kleiner
-geworden. Wie geographisch die letzte große ~Terra incognita~ aber die
-Antarktis, die Südpolarwelt, auch dann noch bis auf unsere Tage bleiben
-sollte, so sollten sich auch hier in der Nähe die letzten Bestätigungen
-des alten Wunders konservieren, glücklich begünstigt durch den Umstand,
-daß es in dieser ganzen Antarktis auch keinen einheimischen Menschen im
-Sinne des nordischen Eskimo gibt und wohl je gegeben hat.
-
-Selber noch nicht eigentlich polar, aber doch schon recht
-weit hinausgerückt dort, wo die unendlichen Wasser des freien
-Indischen Ozeans gegen den südlichen Polarkreis fluten, ragen die
-Kergueleninseln, eine Art Spitzbergen dieser Südwelt, mit wilden
-Fjorden und Gletscherschliffen, mit Eis und Basalt, alter Glut und
-jungem Frost, dazwischen mit sommerlich grünen Matten und reicher
-Tierwelt. Freilich wunderlichen Pflanzen und wunderlicher Tierwelt.
-Hier und fast nur hier wächst der rätselhafte Kerguelenkohl, eine
-Gemüsepflanze mit meterhohen Blütenständen, die zur ganzen übrigen
-Vegetation der Erde so fremd steht, als stamme sie von der Kante eines
-seit Urtagen abgesonderten Kontinentes. Zwischen den Blättern dieses
-antarktischen Kohls aber kriechen wie Blattläuse flügellose Fliegen
-und zu flugunfähiger Mißgestalt verkümmerte Schmetterlinge, die
-aussehen, als seien sie vorzeitig aus der Puppe geschält. Rüsselkäfer
-scheinen anzudeuten, daß einst auch diesen öden Fels Wälder geschmückt
-haben dürften. Den Hauptteil der Fauna aber bestreiten riesige Robben
-und zahllose Vögel -- und gerade sie waren es, bei denen auch in
-unseren Tagen noch ein vielleicht letztes Mal die »Paradiesunschuld«
-festgestellt werden konnte.
-
-Als die Gelehrten der deutschen Valdiviaexpedition am Weihnachtstage
-1898 dort landeten, umflogen sogleich Schwärme von Seeschwalben die
-Dampfbarkasse und ließen sich auf ihrem Zeltdach nieder.
-
-Von allen Seiten trippelten dann, wie der Reisebericht erzählt, auf den
-vom Wogenschlag abgeschliffenen Basaltkuppen die hühnergroßen weißen
-Scheidenschnäbel heran, eine seltsame Sorte antarktischer Regenpfeifer,
-die eine besondere Scheide am Schnabel zum Schutz ihrer Nasenlöcher
-führen. Sie brauchen diesen Schutz beim Verschmausen des klebrigen
-Inhalts stibitzter Pinguineier -- in diesem Punkte sind dieselben
-nämlich ohne paradiesische Manieren. Um so lebhafter aber trat in jener
-Stunde auch ihre vollkommene Unbefangenheit gegenüber dem Menschen
-zur Schau: neugierig pickten sie Herrn Chun aus Leipzig, der sie mit
-Zoologenblick musterte, mit ihren kuriosen Schnäbeln auf dem Schuhwerk,
-ja selbst dem Gewehrkolben herum und schlossen sich dann als treue
-Begleiter dem Wanderer an, als sollten sie ihm auf dem fremden Terrain
-Führerdienste leisten.
-
-Als die Reisenden Rast machten, setzten sich zwei mächtige, stahlblau
-und weiß mit roten Schnäbeln gefärbte Kormorane behaglich zu ihnen
-auf das gleiche Rasenstück und reckten wie zu lustiger Frage die
-Köpfe. Ungeheure Robben, sogenannte See-Elefanten, deren alte Bullen
-mit ihren aufgeblasenen Rüsselnasen und mächtigen Hauern martialisch
-genug ausschauen, so daß man sie daheim auf Tierbuchbildern für die
-grauenhaftesten Angreifer halten möchte, blieben ruhig im Wege liegen,
-äugten mit ihren großen braunen Augen bloß die Fremden gemütlich einen
-Augenblick an und duselten und schnarchten dann wieder in ihrer Sonne
-weiter. Bald war man sich gewiß, daß es zum Bewältigen auch dieser
-Kolosse keiner Feuergewehre bedurfte, wenn man ihre Felle und Skelette
-für die heimischen Museen wünschte.
-
-Und vollends die Pinguine, diese drolligsten Südpolarler, behandelten
-das Menschenvolk völlig wie ihresgleichen. Sie traten herzu, hielten
-lange und eindringliche Reden in ihrer unverständlichen Sprache,
-versetzten auch Schnabelhiebe und Flossenpüffe, wenn man ihre eng
-gedrängte Kolonie durchschritt, aber offenbar auch das nur nach
-den Regeln eines gewissen derben Anstandskomments, den sie ebenso
-unaufhörlich untereinander übten. Der Leipziger Professor machte
-sich gelegentlich den Spaß, eine ganze Herde solcher ein Meter
-hohen Königspinguine eine halbe Stunde lang vor sich herzutreiben
-oder, besser gesagt, zu einem gemeinsamen Spaziergang zu animieren.
-Gravitätisch watschelten sie mit ihm dahin, anzuschauen wie die
-Rektoren der Hochschulen im Ornate, die, »jeder von dem eigenen Werte
-genügend durchdrungen, zur Audienz antreten«. Gegen zu rasches Tempo
-lehnten sie sich sanft auf, fröhlich dagegen stimmten sie mit ihrem
-»Kräh! Kräh!« ein, als der menschliche Führer einen Wandergesang
-intonierte. Die lustige Tour endete leider auch diesmal etwas traurig,
-denn am Ufer griffen die Matrosen die schönsten Exemplare heraus und
-schleppten sie lebendig an Bord.
-
-Nach diesen Angaben, die nicht romantischen Fabulierern,
-sondern ernsten, sogar hervorragend kritisch veranlagten
-Naturforschern verdankt werden, kann über die Grundtatsache der
-»Menschenfreundlichkeit« nichtgejagter Tiere kein Zweifel sein.
-
-Diese Tatsache aber muß nun auch für unsere Zeit und Denkrichtung vom
-allerhöchsten Interesse sein.
-
-Es gibt, so zeigt sie, keinen allgemeinen »Urinstinkt« des Tieres, der
-_gegen_ den Menschen gerichtet wäre.
-
-Im Zeitalter Darwins mit seiner Lehre vom Kampf ums Dasein denken wir
-ja unwillkürlich zunächst, das Feindliche müsse allemal das Erste und
-Ursprüngliche sein. Wir vergessen aber dabei, was für eine ungeheure
-Rolle auch in der sich selbst überlassenen Natur die gegenseitige
-Freundschaft und Hilfe längst und von früh an gespielt haben und
-noch spielen. Wir vergessen den urgeborenen Trieb der Tiere zur
-Geselligkeit, und wie aus ihm zunächst keineswegs Kampf und Flucht
-einem neuen Wesen gegenüber resultieren. Daseinskampf im Sinne, daß
-die Wesen um ihre Existenz ringen mußten, ist ja gewiß eine uralte
-Erscheinung auf Erden. Aber die engere Form, daß dabei gerade das
-lebendige Mitwesen befehdet und gefürchtet wurde, ist keineswegs
-eine absolute, sondern vielfach erst eine ganz nachträgliche,
-sekundäre gewesen. Mächtiger als sie war von Beginn an der Versuch,
-durch Zusammenhalten Vieler und gegenseitige Hilfe die _gemeinsame_
-Not des Daseins zu ertragen und das Glück des Daseins positiv zu
-vermehren. Daher schon die Zellenstaaten, dann die Liebesbünde, die
-Tiergenossenschaften und Tierstaaten, all diese unendlichen Wege und
-Ziele, deren höchste Krönung ja schließlich eben auch die unendlichen
-Regungen und Segnungen des menschlichen Gesellschaftslebens selber
-sind, _ohne_ die der Kulturmensch gar nicht denkbar ist und denen bei
-uns das entspringt, was wir Ethik nennen.
-
-Daß die Robbe, daß der Pinguin, die von Haus aus bereits extrem
-gesellige Tiere sind, den neu erscheinenden Menschen nicht als Gegner
-nehmen, ist also nur das Nächstliegende. Der »Feind« ist ihnen ein
-in ein paar bestimmten Formen präzisierter leidiger Einzelfall --
-das Anschlußfähige, Anschmiegsame, Mittuende dagegen sozusagen die
-Normalsache. Soll man die traditionelle Auffassung eines solchen Tiers
-menschlich ausdrücken, so würde sie wohl ungefähr lauten: es gibt ein
-paar Spitzbuben in der Welt, die diese oder jene bestimmte Livree
-tragen, jenseits dieser Ausnahmen aber ist die Masse treu, und was
-neu ist, wird zunächst nicht eben für eine Ausnahme, sondern für die
-Regel gewertet werden. Der Begriff des allen Mittieren und Neutieren
-gegenüber wahnsinnig verscheuchten und absolut mißtrauischen Wesens,
-wie ihn eine falsche Konsequenz der Darwinschen Ideen erzeugt hat, wird
-von uns erst künstlich in den Normalzustand hineingedacht. Wohl aber
-ist natürlich auch ein Weiteres wahr.
-
-Wenn der Mensch sich solchen an sich gesellschaftlich wohlwollenden
-Tieren gegenüber eine Weile als obstinate Räuberausnahme geriert,
-so fängt auch das Tier an, ihn als solche individuelle _Ausnahme_
-einzuschätzen, und gewisse Schutzorganisationen seiner Natur schaffen
-das in kürzerer oder längerer Frist zu einem festen Instinkt um.
-
-In unglücklichen Fällen kommt die Bedrohung ja rascher, als daß diese
-Selbsthilfe nachkommen kann. So waren die guten dicken Drontenvögel
-von Mauritius, truthahngroße Tauben, die jeden fremden Matrosen auch
-zuerst als Genossen begrüßt hatten, im Nu von den proviantbedürftigen
-Holländern bis auf den letzten Kopf hingemordet, ehe sich von innen
-heraus irgend etwas bei ihnen auflehnen konnte. Bei ein wenig Spielraum
-aber wird der Instinkt, der das Menschenwesen fürchten lehrt, nicht
-ausbleiben.
-
-Auf was für einem Wege er sich durchsetzt, das ist ja heute eine
-Streitfrage für sich. Die einen nehmen schlicht an, daß die Tiere
-einzeln allmählich durch Schaden klug werden und den Gegner kennen
-lernen, und daß sich diese Erfahrung allmählich schon als zwingender
-Instinkt auf die Jungen vererbt; andern ist gerade das nicht genehm,
-und sie suchen verwickeltere Erklärungspfade; aber das sind Nebendinge,
-die das Faktum nicht ändern.
-
-Darwin selbst merkte schon, daß die Vögel auf den Falklandinseln
-zu seiner Zeit nicht mehr _ganz_ so zahm waren wie siebzig Jahre
-früher. Ein Zugvogel der Inseln, der schöne schwarzhalsige Schwan,
-hatte aber schon damals überhaupt keine Menschenfreundschaft gezeigt:
-seine Vorfahren hatten auf ihren Wanderungen offenbar längst anderswo
-gelernt, daß der Mensch ein Feind sei, und brachten diese Weisheit
-schon mit ins »Paradies«.
-
-Ebenso beobachteten die Gelehrten von der »Valdivia« mit Staunen,
-daß _ein_ Tier der Kerguelen in ausgesprochenster Weise die Flucht
-vor dem Menschen ergriff: nämlich das Kaninchen. Aber auch diese
-Kerguelenkaninchen waren erst junger Import, eine englische Expedition
-hatte sie nicht lange vorher ausgesetzt. Wohl hatten sie sich auf
-dem guten Boden ins Unbegrenzte vermehrt, so daß jener interessante
-Kerguelenkohl ihrem vereinten Appetit bereits bedenklich zu erliegen
-begann. Aber noch war auch in ihnen mit ganzer Kraft der Instinkt
-ihrer wahren Heimat lebendig -- der Instinkt der Flucht vor dem
-Menschenfeinde, den ihre Ahnen in langer Notzeit dort sich ausgebildet.
-
-Wen ergreift es nicht mit einer gewissen Tragik, wenn er von diesem
-»Umlernen« des Tieres hört!
-
-Der Mensch trat eines Tages auf diese Erde, zwischen die Tiere mit
-ihren unverwüstlichen Geselligkeitstrieben. Die Blüte seiner Kultur
-verdankte auch er der Existenz solcher Geselligkeitsformen seines
-eigenen Lebens. Auf ihnen beruhen Sitte, Recht und Staat, Mitleid und
-Menschenliebe und die Idee aufopfernder Hingabe, die zuletzt die Wurzel
-unseres ganzen Ideallebens bildet, bei ihm. Der schwarzhalsige Schwan
-und das Kaninchen aber haben ihn bloß als bösen Feind in den Kodex
-ihrer natürlichen Schutzzüchtungen aufnehmen müssen!
-
-Aber unwillkürlich denken wir, daß sich doch auch hier schon wieder
-etwas ändert. Hat sich im Tier etwas ändern müssen, so ändert sich
-jetzt wieder allmählich etwas im Menschen. Indem wir uns auf Tierschutz
-besinnen, einsehen, daß es nicht so fortgehen könne mit dem wüsten
-Hinmetzeln und Zerstören, indem wir plötzlich einen neuen Standpunkt
-der Freude und der Achtung auch vor dem Tier uns zu erringen beginnen,
-bahnt sich von uns aus ein neuer entscheidender Umschwung an.
-
-Wo das Tier sich nur im Notzwange anpassen konnte, da bewähren wir
-Menschen eine neue und edlere Entwicklung aus eigener Kraft.
-
-Und es wird die Zeit kommen, wo auch diese veränderte Front sich
-im Tier selbst geltend machen wird. Seine Geselligkeitstriebe zum
-Menschen, der ihm in neuer Weise entgegenkommt, werden neu erstarken.
-Und es wird ein Triumph für uns selbst sein, wenn wir das eines Tages
-im ganzen zu bemerken beginnen -- wie es heute schon hier und da ein
-paar zusammenhaltende Nachbarn erleben, die in ihren Gärten die kleinen
-Vögel nicht abschießen, sondern hegen und zutraulicher zu machen
-suchen und die in diesen Gärten bereits wieder diese verscheuchten
-Vögelchen sich versammeln sehen wie in einem Asyl --, ein erster blauer
-Schein wieder von der neuen Insel des Paradieses, die diesmal nicht in
-Wolkenkuckucksheim, noch in entlegenen Polarbreiten liegt, sondern in
-der erstarkenden Wärme des Menschenherzens selbst.
-
-
-
-
-Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen schlug
-
- »Hier steht Aurikel in der Schenke
- Und zapft den Gästen das Getränke.«
-
-
-Wie lange ist es her, aus stillen Tagen ohne Kriegssturm, daß Meister
-Busch dieses niedliche Idyll schuf, wie Aurikelchen, die Kellnerin, im
-sonnigen Frühlingsgärtchen den dicken Käfern und leichten Immen aus
-Münchner Deckelkrügen süßen Honigmet verzapft und ihr dabei verstohlen
-ein Liebesbriefchen zugesteckt wird. Das Spiel symbolisierte die
-einfache naturgeschichtliche Tatsache aus dem großen Liebesgarten der
-Natur, daß solche kokett bunte kleine Blüte das lüsterne Insektenvolk
-wirklich mit einer harmlosen Honigschenke lockt und daß die Insekten
-dafür ihre Liebesboten durch Übertragung des Blumenstaubes bilden
-müssen.
-
-Aber Meister Busch, der alte treue Einsiedler im bienenumsummten
-Pfarrhaus der deutschen Heide, ist selber nie in den Tropen gewesen
--- dort, wo alle leisen Melodien unseres Lebens daheim zu gewaltigem
-Sturm anschwellen in der Üppigkeit des Urwaldes. So konnte er nicht
-erfahren, was der große Erforscher der tropischen Sundainseln, Herr
-Alfred Russell Wallace, erfuhr, als er um die Mitte der fünfziger Jahre
-den Berg Ophir auf Malakka bestieg, durch Haine herrlicher Baumfarne
-wanderte und sich plötzlich Rankpflanzen gegenübersah, die ihm von
-allen Seiten wirkliche ganz regelrechte Krüge kredenzten, sogar mit
-einem richtigen, halb offenen Deckel daran -- Krüge, zierlich aus
-Blattsubstanz gebaut, die zwar nicht Münchner Bier, aber doch eine
-trinkbare Flüssigkeit enthielten. Er war etwas warm, der Trank und ohne
-sich offenbar viel dabei zu denken, erwähnt Herr Wallace, daß er voll
-ertrunkener Insekten lag; trotzdem erwies er sich als sehr schmackhaft,
-und alle, hören wir, löschten ihren »Durst aus diesen natürlichen
-Krügen«.
-
-Ohne sich viel dabei zu denken!
-
-Seit rund hundert Jahren gab es zwar damals schon eine dunkle Sage
-in der Welt, -- von etwas ganz unerhört Dämonischem im stillen
-Pflanzenreich, das wir so gern als das Reich bloß friedlicher Duldung
-ansehen.
-
-Dem alten Linné hatte man schon von ähnlichen Blattgebilden in
-Nordamerika berichtet, die in schönen altertümlichen Deckelgläsern
-edles Naß darboten, doch er träumte dabei bloß das freundliche Bild
-der Pflanze, die sich selber an geschickt gespartem Trunk in der
-Hitzestunde labte, und des Vogels, der sich an diesem lebendigen
-Wasser erquickte im anmutig geregelten Naturhaushalt. Aber schon hatte
-daneben der Blick des einen oder anderen auch an den Insekten gehaftet,
-die jedesmal in diesen Naturpokalen ertränkt lagen. Man hatte sie
-verglichen mit anderen, die man immer und immer wieder an den klebrigen
-Haarborsten gewisser Blätter angeleimt oder in selbsttätig gefalteter
-Blattklappe eingeklemmt fand, und man hatte vor ihnen herumgetastet an
-einem dunkeln Sinn, einem dunkeln Geheimnis, das doch vielleicht auch
-hier, wie so oft in der wilden Unterschicht des Naturkampfes, irgend
-etwas höchst Schauerliches mit dem Idyll eines fröhlichen Kneiptisches
-überdeckte.
-
-Immerhin wußte man aber mit der Sache zunächst nichts Rechtes
-anzufangen. Die Naturseidel der »Kannenpflanzen«, wie man jene
-indischen Tropenkinder geradezu benannt hatte, zeigten oft die
-herrlichsten Farben, und ihr Krugrand sonderte köstlichen Honig
-ab. Kein Zweifel, daß hier Insekten unmittelbar angelockt wurden,
-genau wie in den Liebeskneipen der Kellnerin Aurikel und anderer
-Blüten. Aber in solcher Blüte war eben die erste Voraussetzung, daß
-der Kneipant, das Insekt, lebendig wieder in die nächste Kneipe
-kam, um dort den Liebesbrief, den lebenskräftigen Blütenstaub der
-Pflanze, weiterzugeben. Auf Leben war dort alles aufgebaut -- hier
-aber herrschte der Tod. Das große Faß unter dem Schenktisch lag
-voller Leichen. Wer den Krug angesetzt hatte, den schien er zu seinem
-Verderben in den furchtbaren Schlund zu ziehen. Das Wirtshaus im
-Spessart schien hier gebaut, nicht eine gemütliche Animierkneipe.
-
-Fast zwei Jahrzehnte erst, nachdem Herr Wallace auf dem Berge Ophir aus
-den Naturkannen seinen Durst gelöscht, löste Darwin des bangen Rätsels
-Siegel.
-
-Das lustige Deckelseidel der Kannenpflanze ist ein greulicher
-Sphinxabgrund, in dem die Pflanze das arme, verleitete, herabgestürzte
-Kneipopfer, das Insekt, frißt. Eine uralte Fügung des Lebenskampfes
-auf Erden hat hier ihre wohl eigenartigste letzte Wende genommen.
-Einst, in Anfängen der Entwicklung, war die grüne Pflanze dem Tier
-voraufgegangen. Sie hatte es erst möglich gemacht. Als eine Art
-Schmarotzerwesen an der Pflanze war das Tier zuerst entstanden. Es
-konnte nur bestehen, indem es Pflanzen fraß. In unsagbarer Arbeit hatte
-sich die Pflanze gegen diese Invasion gewehrt, mit Stacheldraht und
-Gift, am besten schließlich doch mit ihrer ungeheuren Produktionskraft
-selbst, die alle Repressalien ersetzte. Bis auf jenen Friedensschluß,
-an einer Ecke, eines Tages, der das lebendige Tier gerade als Insekt
-in den Liebesdienst der lebendigen Pflanze stellte, zu Ehren jener
-edleren Form des Aufgehens im anderen, die weit über dem Ziel des rohen
-Fressens die Feinform der Liebe vertritt. Aber hart im Raume stoßen
-sich die Dinge. Gerade hier setzte ein letzter grausiger Gegenzug der
-Pflanze ein. Eine kleine Partei drehte den uralten Spieß um: sie fraß
-das gelockte Insekt auf. Und so die Kannenpflanze.
-
-Ihre weit hinausgereckten Deckelkrüge sind infame Tierfallen.
-Äußerst kunstvoll ist das ganze Pflanzenblatt dazu umgearbeitet. Die
-eigentliche grüne Blattarbeit für das Leben der Pflanze sonst ist auf
-gewisse Teile des Blattstiels abgewälzt. Die Spitze dieses Stiels
-gestaltet dann auch noch das Bäuchlein der Kanne. Und als Deckel darauf
-liegt erst das eigentliche Blatt. Anfangs schützt es die noch werdende
-Kanne. Erst wenn es sich hebt, ist die Falle fertig. Jetzt quillt aus
-dem Seidelrand und der inneren Deckelfläche wie von süßem Honigmund der
-Zuckersaft, dessen Anwesenheit zugleich weithin prangende Farben wie
-mit schreiend buntem Wirtshausschild verkünden: »Frisch angezapft.«
-
-Alsbald sind Käfer und Heuschrecken, Wanzen und Spinnen, vor allem
-aber die berufensten Süßmäuler, die Ameisen, da. Gibt es doch bei
-diesen Tropenameisen so unersättliche Honigschlecker, daß sie mit den
-heimgebrachten Schätzen einzelne lebende Mitglieder ihres Staates
-gewohnheitsmäßig randvoll füttern, um sie so zunächst zu lebendigen
-Vorratsflaschen zu machen, aus denen später nach Bedarf wieder
-abgezapft werden kann. Doch der Kneipenrand der Kannenpflanze ist
-glatt, rasch stürzt bald der, bald jener der sorglosen Kneipanten ab;
-in der Kanne steht hohe Flüssigkeit wie in einem Brunnenschacht, ein
-Hinaufklettern gibt's nicht mehr, da ein besonderer Kranz grimmer
-Zähne, von unten gesehen, herabbleckt -- und so geht's auf Tod und
-Leben. Über das Ende kann kein Zweifel sein.
-
-Was aber Darwin entscheidend hinzu entdeckte, war eben, daß die Pflanze
-jetzt die abgestürzten Opfer regelrecht frißt. In die Flüssigkeit des
-Seidels hinein gießt sie verdauenden Pepsinsaft, der die genießbaren
-Teile der Insekten löst und verdaut wie nur je ein regelrechter
-Tiermagen. Zu einem Magen und Darm im buchstäblichen Sinne ist jedes
-der Münchner Seidel geworden, Fleisch frißt die Pflanze. Menschen
-streiten sich, ob reines Vegetariertum vielleicht bekömmlicher und auch
-ethischer sei. Die Kannenpflanze hat sich entschieden: sie ist nicht
-Vegetarierin und würde, wenn die nötige Größe gegeben werden könnte,
-zweifellos auch Menschen fressen; in die halbmeterlangen Kannen einer
-Art von Borneo ginge schon ohne Mühe ein Vogel von der Größe einer
-Taube hinein.
-
-So weit war unsere Weisheit bis vor ein paar letzten Jahren.
-
-Aber es ist im Natur- wie Menschenleben immer das gleiche: auf
-jeden Schlag kommt wieder ein Gegenschlag, jedem Schach bietet
-sich ein kühnes Gegenschach. Das stolzeste Kriegsschiff erliegt
-dem Unterseeboot, die dickste Festungsmauer der Neuerfindung des
-42-Zentimeter-Geschosses. Und so hat die Naturzüchtung im Tier nicht
-geruht, bis sie auch hier wieder vom Tier aus den Gegenzug tun konnte.
-
-Die Pflanze hatte keck genug noch einmal spät für sich den Magen
-erfunden. Wie bewältigt, wie verkehrt man in sein Gegenteil jetzt den
-Freßmagen: das war das neue, dem Tier gestellte Problem. Nun, und da
-gab's eine alte Erfahrung. Wir Tiere hatten den Magen seit alters,
-gewiß. Alle höhere Tierentwicklung, Tierkultur, Tiergutbürgerlichkeit
-hatte sogar wohl geradezu angefangen mit der korrekten Ausgestaltung
-des Magens auf der sogenannten Gasträastufe. Aber wir Tiere in
-unserem Entwicklungsmärchen hatten auch seit längst den Gassenjungen,
-der diesem Magen ein Schnippchen schlug: das war der Bandwurm,
-der Eingeweidewurm, der sich einfach in den Magen, die fressende
-Zyklopenhöhle, lebendig hineinschmuggelte, gegen die verdauende
-Pepsinapotheke da drinnen das dickste Fell hatte, ja sich einfach immun
-erwies und nun den Spieß so drehte, daß er selber als ungebetener Gast
-sich über den eingehamsterten Proviant da drinnen hermachte und nach
-Leibeskräften »mitaß« vom gedeckten Fremdtisch.
-
-Unzerkaut und unverdaut im Magen weiterleben und dann diesen Magen
-als seinen benutzen: das war die geniale Lösung, war der gewonnene
-Gegenschlag.
-
-Wenn aber nun der Magen in der Pflanze ist?
-
-Was hilft's, dann muß die Kannenpflanze den Bandwurm bekommen ...
-
-Eine der ersten Andeutungen des überaus sensationellen Fundes, der hier
-nahen sollte, las man 1905 in dem trefflichen Reisewerke der Vettern
-Sarasin über Celebes. »Die Untersuchung einer der großen Kannen (von
-~Nepenthes maxima~) zeigte sie mit trüber Flüssigkeit halb angefüllt.
-In dieser schwammen Reste einer verdauten Schnecke, ~Nanina cincta
-(Lea)~, nämlich das Ende der Fußsohle und die Schale, auch diese
-letztere schon stark angegriffen, ferner Überbleibsel von Spinnen,
-Heuschrecken und Ameisen. Merkwürdig war aber, daß lebende Mückenlarven
-und Fliegenmaden in der Brühe ihr Wesen trieben, offenbar ohne von
-der verdauenden Wirkung Schaden zu nehmen, ganz analog wie Parasiten
-im Magen und Darm ihrer Wirte.« Also lebende Tiere im Sphinxabgrund
-selber, die fröhlich dort weiterlebten!
-
-In der berühmten Naturforscherstation von Buitenzorg auf Java rückte
-man der zunächst schier unglaublichen Sache rasch näher auf den
-Leib, und den Schlußstein konnte einstweilen durch eigene wichtigste
-Entdeckungen unser ausgezeichneter Freiburger Zoologe Konrad Guenther
-(bekannt auch im weitesten Kreise besonders durch sein so überaus
-wertvolles Anschauungswerk zur Entwicklungslehre »Vom Urtier zum
-Menschen«) bei Gelegenheit eines Aufenthalts auf Ceylon setzen.
-
-Jeder von uns kennt unsere lieben Stechmücken, berufen offenbar,
-uns nicht zu sehr zu Schlemmern im still beschaulichen Naturgenuß
-am idyllischen Schilfufer werden zu lassen, und interessant durch
-ihren Bezug zur Frauenfrage, indem es nur ihr Damengeschlecht ist,
-dessen kriegerischen Angriffen wir ausgesetzt sind, während die
-Männchen nicht stechen. Ihre kleinen Lärvchen nehmen mit jedem
-bescheidensten Tümpelchen vorlieb, wo sie köpflings, mit der Atemröhre
-zum Wasserspiegel gereckt, hängen wie kleine Würste am Rauchfang.
-Im Tropenland ist erst recht kein Mangel an dieser allgegenwärtigen
-Plagerbande, und was Wunder, daß sie noch emsiger jede feuchte
-Gelegenheit für ihre Wasserbrut auszunutzen suchen, somit auch auf die
-Wasserkrüge unserer Kannenpflanzen geführt wurden.
-
-Ertrinken würden gerade die Mückenlarven da drinnen ja nicht, wohl aber
-wäre im hergebrachten Lauf, daß die zersetzenden Verdauungssäfte des
-pflanzlichen Magens auch sie erbarmungslos vernichteten. Hier aber trat
-prompt der Gegenschachzug, trat die Regulierung ein.
-
-Die Mückenbrut in der verderblichen Kanne entwickelt, wie genaue
-Experimente gezeigt haben, sogenannte Antifermente in ihrem Leibe,
-eigene chemische Stoffe, die jene chemische Zersetzungswirkung des
-Magenpepsins aufheben. Man kann die Probe außerhalb der Kanne mit
-Würfelchen Eiweiß machen. Setzt man ihnen Pepsin, also normal wirkenden
-Verdauungssaft zu, so lösen sie sich in gewisser Zeit darin auf. Fügt
-man aber zerquetschte Mückenlarven aus Kannenpflanzen bei, so hört
-alsogleich die Pepsinwirkung auf, man hat ein Gegengift gleichsam aus
-der Mücke gepreßt, und vor ihm bleibt jetzt auch das fremde Eiweiß
-intakt.
-
-Einmal so gegen die Gefahr der Kanne gefeit, hat das kleine Rackerzeug
-da drinnen nun seinerseits aber offenbar großen Vorteil von dem
-Aufenthalte gerade in dieses Walfischs Bauch. In ganzen Massen stürzt
-immerfort auch ihm Nahrung in seinen Tümpel herab, und die zersetzende
-Magenbrühe, in der es schwimmt, liefert ihm diese Opfer sogar schon
-handlich zerkleinert, ja halbverdaut in den Mund, während andererseits
-kein lebendiger Angreifer, kein Fisch, kein Molch, kein Raubinsekt sein
-Behagen stört und der Tümpel sich ewig von selber nachfüllt ohne Gefahr
-des Versiegens.
-
-Kein Zweifel, die Mückenlarve hat hier durchaus im Lebensbrauch den
-Charakter eines wohlig geborgenen fetten Eingeweidewurms, also im
-gangbarsten Bilde eines Bandwurms, angenommen, wozu auch stimmt, daß
-ihre Farbe grellweiß geworden ist wie solcher Dunkelschmarotzer im
-Tierbauch.
-
-Daß auch Fliegenmaden das gleiche Kunststück fertiggebracht haben, in
-den Deckelkannen auszudauern, kann um so weniger wundernehmen, als
-gerade die Fliegenbrut auch sonst schon gern echte Parasiten bildet,
-die wie Eingeweidewürmer sich in tierische Organe einschmuggeln.
-Guenther hat aber auch eine Milbe (also ein spinnenähnliches Tier)
-als Kannenbewohner näher bekanntgemacht, die im Gegensatz zu anderen,
-gefressenen Arten als einzige pepsinfest ist. Und als seltsamsten aller
-Funde: er hat eine Schmetterlingsraupe in gleicher Lage bei seinen
-Kannen von Ceylon nachweisen können. Hier könnte zuerst unglaublich
-erscheinen, wie eine Schmetterlingsraupe im Wasser leben, also den
-Kannenbauch als Bruttümpel suchen soll gleich dem Mückenvolk, wenn es
-nicht wirklich auch sonst ein paar solcher Wasserraupen gäbe, z. B.
-die Zünslerraupe Nymphula in unseren Tümpeln. Speziell die pepsinfeste
-Kannenraupe Guenthers, die er als Kannenfreund (~Nepenthophilus~)
-bezeichnet hat, gehört aber zu den Psychiden oder Sackschmetterlingen.
-Dieses eigenartige Volk führt seinen Namen nach den selbstgefertigten
-und mit Holz oder Sandkörnchen oder Blattresten bekleideten Säcken, in
-denen die Raupe lebt. Und solchen Sack baut sich nun auch die besagte
-Kannenraupe in ihrem absonderlichen Magentümpel: sie benutzt aber dazu
-in erster Linie Material von den getöteten Insekten der Sphinxhöhle,
-also vor allem Ameisenbeine, die sie für ihren Zweck noch besonders
-zurechtbeißt.
-
-Seltsames Bild, wenn man sich ausmalt, wie eines Tages aus
-solchem unheimlichen fressenden Pflanzenbauch kleine lustige
-Schmetterlinge heraufgaukeln werden oder ein Mückenschwarm zu seiner
-Zeit herausdampfen wird wie ein Rauchwölkchen, das die bauchige
-Pflanzenpfeife hervorpafft. Wie manches Mirakel mag da noch in der
-Folge hinzukommen! Mich sollte es nicht wundern, wenn einer der
-niedlichen tropischen Laubfrösche, die so viel Not mit der Erhaltung
-ihrer Eier und Kaulquappen haben und erfinderisch jedes Wassereckchen
-ihres Baumbereichs auszunutzen verstehen, irgendwo auch seine zarte
-Brut pepsinfest gemacht und der Drachenhöhle einer Kannenpflanze
-anvertraut hätte.
-
-
-
-
-Tiere als Schützen
-
-
-Wann ist es gefährlich, in den Garten zu gehen? Wenn die Bäume
-ausschlagen und die Spargel schießen.
-
-An dieser alten Vexierfrage erfreuen sich immer neue Generationen von
-Kinderherzen. In gewaltiger Stunde, da Land und Meer vom Donner der
-wirklichen Geschütze hallen, legt man sich aber wohl einmal die Frage
-vor, wer zuerst auf dieser unruhigen Erde geschossen hat.
-
-Der Mensch treibt es sicher seit einigen dreißigtausend Jahren: etwa so
-alt oder noch älter mögen spanische Höhlenbilder sein, auf denen man
-nackte Jäger der Diluvialzeit riesige Bogen spannen sieht.
-
-Aber der kluge Mensch wiederholte zunächst damals mit seiner ganzen
-Werkzeugtechnik nur, was die Natur seit undenklichen Zeiten bereits
-allerhand niederem Tiervolk in Gestalt gewisser Organe und gewisser
-Instinkte, die diese Organe zu lenken wußten, auf den Leib gezüchtet
-hatte. Ob nun auf solchen Tierstufen auch schon regelrecht geschossen
-worden ist?
-
-Der Tierkenner, der etwas in alten Naturgeschichten Bescheid weiß,
-lächelt bei der Frage trotz allen Ernstes der Zeit, denn er erinnert
-sich an eine lustige Überlieferung.
-
-Kommt abermals hervor, ihr ehrwürdigen alten Folianten des 16.
-Jahrhunderts, hinter deren schweinsledernem Panzer in Riesenschrift
-und mit handkolorierten Holzschnitten die Tierweisheit von damals sich
-eingekapselt hat mit all ihren köstlichen Märchen. Laut Vater Gesner
-und seinen Verdeutschern lebte Anno dazumal in Italien offenbar noch
-ein wahrhaft fürchterliches Geschöpf, das man lieber bei den Greueln
-der Urwelt gesucht hätte -- nämlich das »Dornschwein«.
-
-Von dieses Ungeheuers »natürlicher Anmut und Art«, wie es dort heißt,
-erfährt man, daß, »so es gejagt wird, so bringt es mit seiner Stimm
-zuwege, daß alle andern seinesgleichen Dornschwein zusammenrüchlen,
-ihren Balg erschütten und zu den Hunden und Jägern ganz trutzlich mit
-ihren Stacheln schießen; ist auch seiner Schüssen ganz und gar gewiß«.
-
-Der treffliche Holzschnitt läßt aber keinen Zweifel, was für ein
-böser Gast der Wildnis in Wahrheit gemeint sei: es ist unser braves
-Stachelschwein, das in dieser Weise Tier und Mensch über den Haufen
-schießen soll. Die mächtigen Stachelkiele dieses großen Nagers, der
-nächtlich durch die römische Campagna trollt, kennt ja wohl jeder.
-Wer sich aber jemals die Mühe gemacht hat, solches Stachelschwein im
-Zoologischen Garten genauer zu beobachten und (im Gegensatz zu den
-ernsthaften Anweisungen der verehrlichen Direktion) zu »reizen«, der
-weiß auch, daß es zu den ausgesprochenen »Schrecktieren« gehört --
-das heißt jener Gruppe von Tieren, die es verstehen, dem, der sie zu
-erschrecken gedachte, selber einen guten Schreck einzujagen.
-
-Kaum geneckt, klopft es auf wie ein Kapellmeister, der sein Signal
-gibt, und im gleichen Augenblick setzt auch wirklich schon sein
-ganzes Orchester ein: hoch auf sträuben sich unter lautem Gerassel
-seine Stacheln bis zur vollen Breitenverdopplung des ganzen Tiers und
-konzentrieren sogar ersichtlich ihren willkürlich beweglichen Speerwall
-genau in der Richtung des Angreifers. Während vorne die langen gelben
-Zähne fletschen, wendet sich die unheimliche rückseitige Phalanx
-blitzschnell gegen alles, was von hinten oder seitwärts kommt, und
-dieser rückstoßende Angriff ist kein Spaß. Einem Menschen, dem solcher
-»Igel«, wie der alte Soldatenausdruck für einen derartigen gestrafften
-Lanzenklumpen lautet, gegen die Beine fährt, geht es unerbittlich durch
-Hose und Fleisch, und die Wunden sind so fatal, daß man sogar an eine
-Art Vergiftung durch den Hauttalg dabei gedacht hat. In der Größe etwa
-eines wirklichen starken Schweins wäre solcher Stacheler zweifellos
-einer der furchtbarsten Angreifer der ganzen Tierwelt.
-
-Nun, hinter dem Gitter im Zoo kann man die Sache ja behaglich sich
-ansehen. Wehe dir aber, wenn die Legende recht hätte! Vom sterbenden
-Cäsar hören wir, daß er zuletzt noch mit seinem Schreibgriffel sich
-der Mörder zu erwehren suchte. Vom erzürnten Stachelschwein aber liest
-man nicht bloß beim alten Gesner, nein, man kann es noch heute überall
-im Süden vom gemeinen Mann bestätigen hören: daß es im äußersten
-Wutanfall vermöchte, seine wie Glas so harten und scharfen natürlichen
-Schreibkiele durch wildeste Muskelspannung aus ihren Hauttaschen
-herauszuschleudern und dem Feinde regelrecht in den Leib zu schießen.
-
-Nach den alten Autoren soll solcher Schuß gar ein dickes Brett
-durchbohren können. Und seltsam nur: in keinem Zoo-Zwinger hat der
-Unhold seit je gerade diese angebliche Freikunst betätigen wollen. So
-schloß also schon der gute Buffon im 18. Jahrhundert, der sonst für
-Fabeln noch manchen Bedarf hatte, das »schießende Dornschwein« sei
-wirklich nur ein zoologisches Märchen.
-
-Indessen wie es wunderlich hergeht. In unsern Tagen hat ein bester
-Zoologe und Tiergärtner, Vosseler vom schönen Hamburger Garten, auch
-für das wirkliche und wahrhaftige Schießen dieses »lanzenkundigen
-Königs« erneut eine ernsthafte Lanze gebrochen.
-
-Er hat zunächst theoretisch wahrscheinlich gemacht, daß das
-Stachelvieh, wenn auch wohl nicht gewohnheitsmäßig, so doch
-gelegentlich in der höchsten Wut schießen könne. Ein Taschentuch,
-das auf die Stacheln geworfen worden war, wurde beim jähen Ruck
-der Trutzstellung volle zwei Meter weit fortgeschleudert. Da die
-Stachelkiele leicht ausfallen und im Affekt durch besondere Muskeln in
-wildesten Kurven herumgeschwungen werden, erschien es also durchaus
-nicht unmöglich, daß der eine oder andere auch in solche Weite
-tatsächlich hinausschwirren und sich drüben irgendwo tief einbohren
-könnte. Und dazu wird nun ein anscheinend einwandfreier Bericht
-beigebracht, wonach ein in der Falle gefangenes wildes Stachelschwein
-den Baumstamm über seinem Fangeisen bis über Manneshöhe mit
-solchergestalt abgeschossenen Pfeilen bespickt hätte.
-
-Im Zoo müßte den Stachlern für gewöhnlich wohl die Leidenschaft zu
-solcher äußersten Tat abhanden gekommen sein, was aber an sich nicht
-ganz außergewöhnlich wäre, da zum Beispiel auch das berüchtigte
-Stinktier hier von seiner gemeingefährlichen »Stinkpistole« keinen
-Gebrauch zu machen pflegt, selbst wenn man es ärgert. Immerhin gestehe
-ich, daß ich seither vor dem Stachelschweinkäfig merklich tugendhafter
-geworden bin und mich geneigt fühle, das Direktionsgebot zu achten,
-nach dem man kein Tier reizen soll, das beißt, spuckt oder gar --
-schießt.
-
-Bleibt inzwischen hier immer noch etwas Problematisches, so fehlt jeder
-Zweifel in einem andern Fall.
-
-Unsere ganz gewöhnlichen Weinberg- und Gartenschnecken schießen,
-schießen vollkommen regelrecht und zielgemäß mit einem Apparat,
-der eigentlich drei Waffen zugleich vorwegnimmt: die Armbrust, das
-Pusterohr und die pneumatische Pistole.
-
-Seltsame Vorstellung gewiß, eine Schnecke, die schießt. Man kann sich
-einen Seehund und einen Elefanten abgerichtet denken, daß sie eine
-Pistole abfeuern; aber ausgesucht eine Schnecke!
-
-Das Schießorgan der Schnecke (diesmal ist es ein wirkliches Organ zum
-Zweck) sitzt auf der rechten Seite vor dem Atemloch, das bei diesen
-landbewohnenden Sorten die hier vorhandene Lungenatmung ermöglicht;
-bekanntlich gibt es bei diesem sonderbaren Volk genau wie bei den
-Wirbeltieren fischartige Kiemenatmer, Amphibien mit Doppelatmung
-und echte Lungenatmer. Das Organ hat durchaus den Bau eines kleinen
-Pistolenlaufs, in ihm aber steckt ein regelrechter spitzer Pfeil aus
-harter Kalkmasse. Für gewöhnlich verharrt der Pfeil ruhig in dem Lauf
-wie in einem hüllenden Etui. Wenn die Schnecke aber schießen will,
-so richtet sie den Lauf durch besondere Muskeleinstellung, zielt und
-entsendet den Pfeil in kraftvollem Stoß aus der Mündung, indem zugleich
-dabei ein weißes Wölkchen zerstiebender Flüssigkeit wie der Dampfstrahl
-des Schusses aufpufft.
-
-Bloß Blitz und Knall fehlen -- sonst ist es ein regelrechter
-Pistolenschuß, und über die Absicht des Schießens kann diesmal
-keinerlei Zweifel, wie gesagt, mehr sein. Wird eine zweite, gerade in
-der Nähe befindliche Schnecke von dem Pfeil oder Bolzen getroffen,
-so zeigt sich auch die genügend energische Wirkung: er bohrt sich
-in die Haut ein, ja manchmal geht er noch durch sie hindurch, und
-die Getroffene zuckt merkbar dabei zusammen. Das Merkwürdige wieder
-aber ist hier, daß stets nur eine zweite Schnecke so zum Schußziel
-genommen wird und nichts sonst, und das Allermerkwürdigste ist, daß
-sich die Schnecken mit solchen Pistolenschüssen nicht zu jederseitiger
-Verteidigung bedrohen, obwohl der Treffer ersichtlich etwas schmerzt,
-sondern daß sie sich beschießen -- man kann nicht gut anders sagen, als
-weil es ihnen im Gegenteil Spaß macht.
-
-Es handelt sich um eine Art Salonschießerei, die das Liebeswerben der
-Schnecken einleitet. Wie der Pfau vor dem Weibchen sein Rad schlägt,
-wie der Paradiesvogel seine herrlichen Schmuckfedern als eine Art
-Strahlenkrone auf der Liebesbalz um sich entfaltet, wie die sehnende
-Nachtigall singt und das verliebte Heimchen geigt -- so scheint
-auch der Schuß der Schnecke nichts anderes zu sein als das stumme
-Bekenntnis ihres Werbens. »Liebespfeil« nennt der Naturforscher
-folgerichtig den kleinen Kalkstift, der dabei versandt wird. Es ist ein
-wunderliches Ding um die Natur in der Unerschöpflichkeit ihrer Mittel
-an dieser Ecke. Technisch entscheidend aber ist, daß zu dem spielenden
-Zweck auf alle Fälle hier die regelrechte Schußwaffe schon erfunden ist.
-
-Zwar der Knall des Schusses fehlt. Was verschlüge es aber der alten
-Meisterin, auch das hinzuzubringen? Hat sie es doch an anderer Stelle
-separat vollbracht.
-
-In manchen Teilen Deutschlands begegnet man unter Steinen oder Wurzeln
-kleinen, kokett gefärbten Käferchen aus dem Laufkäfergeschlecht, die,
-wenn man sie nachher aus dem Buch bestimmt, verwunderliche Namen
-ergeben: ~crepitans~, der Kracher, ~explodens~, der Explodierer. Und
-in der Tat, wenn solcher hübsche Kerl ernstlich in die Enge getrieben
-wird, so pufft auch hier ein bläuliches oder weißliches Gaswölkchen
-auf, und es gibt einen hörbaren Knall dazu. Ein Tröpfchen Drüsensaft
-des Mastdarms enthielt eine Säure, die an der Luft nach Art der
-Salpetersäure explodiert. Der tapfere Gesell hat auf dich geschossen
-wie die Schnecke. Und diesmal war es ein richtiger Schreckschuß,
-freilich ungeladen: der unvermutete Knall ist es, worauf diese
-»Bombardierkäfer« das Entscheidende legen. Gegen Verfolger aus der
-eigenen Käferverwandtschaft muß das Geräusch in Verbindung mit etwas
-stechendem Pulverdampf mit Ätzwirkung wohl schon genügen.
-
-Da es aber eine Menge Tiere gibt, die Leuchtapparate besitzen und
-darunter auch solche (zum Beispiel gewisse Fische in der dunkeln
-Tiefsee), bei denen die Laterne unmittelbar an das Nervensystem
-angeschlossen ist, also willkürlich vom Nerv aus abgedreht oder zum
-jähen Aufblitzen gebracht werden kann, so stände prinzipiell nichts
-im Wege, daß solcher Schuß auch noch von einem Blitz begleitet wäre.
-Vielleicht wird auch das noch einmal gelegentlich irgendwo beobachtet.
-
-Und da noch wieder Tiere existieren (Welse, Zitteraale, Rochen), die
-elektrische Schläge austeilen, so wäre denkbar, daß solcher Puff und
-Blitz gar mit einer empfindlichen elektrischen Entladung verbunden wäre.
-
-Ja für den Kampf zwischen Mensch und Tier möchte man es geradezu als
-ein Glück bezeichnen, daß das Gesamtprinzip offenbar noch nicht bis
-zur vollkommenen Ausnutzung gediehen war, ehe wir selbst Schußwaffen
-erfanden. Denn beispielsweise als Zieler haben die Tiere auch schon
-fast Fabelhaftes erreicht: man muß das Chamäleon beobachten, wie
-es, unbewegt und scheinbar nur mit dem verstellbaren Auge lebendig,
-dasitzt, jäh aber auf eine weit entfernte Fliege seine endlose
-Klebzunge ausschleudert und dabei mit einer Sicherheit stundenlang
-immer und immer wieder trifft, daß einem graut vor der Idee, solches
-Chamäleon sollte bei solcher Treffkraft auch noch wirklich etwa mit
-vergifteten Pfeilen schießen. Denn warum sollte der Pfeil nicht
-schließlich lebensgefährlich vergiftet sein gleich den Brennborsten
-der Brennessel ~Urtica mentissima~ von der Insel Timor, die in der
-Stichwunde wie eine Kanüle wirken und ein Gift eingießen, dessen
-Wirkung Starrkrämpfe und ähnliche Folgen auslöst gleich einem giftigen
-Schlangenbiß?
-
-Will man aber schließlich den Unterschied von tierischer und
-menschlicher Schußwaffe doch darauf hinauslenken, daß das Tier stets
-sozusagen mit seinem Leibe schieße, aber nicht unter Zuhilfenahme
-äußerlichen toten Materials, so ist selbst das nicht richtig.
-
-Einen gewissen Übergang bilden da schon handlange Barsche in Siam, die
-sogenannten Schützenfische (~Toxotes~), die in fast unglaublicher und
-doch fest erwiesener Weise aus dem Fluß ans Ufer mit Wasser schießen.
-Sie zielen gleich dem Chamäleon auf Fliegen und andere Insekten,
-die in einigermaßen erreichbarer Nähe auf den Pflanzen oberhalb des
-Wasserspiegels sitzen, senden ihnen jäh einen dicken Wassertropfen
-zu und verschmausen vergnüglich dann das Opfer, das so getroffen ins
-Wasser gefallen ist. In Ermanglung der Chamäleonzunge, die einen Lasso
-mit Klebevorrichtung darstellt, muß auch der Fisch dabei wirklich
-»schießen« -- er legt sich horizontal nahe unter den Wasserspiegel,
-äugt scharf hinauf und schnellt dann, vermutlich durch besondern
-Muskeldruck, bei geschlossenem Munde von der etwas vorstehenden
-Unterkieferspitze eine Wasserperle geradlinig über die Fläche empor
-aufs nichts ahnende Ziel. Schützenfische im Zimmeraquarium wissen so
-auch das Auge des Menschen, das sie wohl ebenfalls für ein glänzendes
-Insekt halten, auf etwa drei Fuß Entfernung mit erstaunlichster
-Sicherheit blitzschnell zu treffen.
-
-Ist es hier schon fremdes Wasser, das benutzt wird, so zeigt aber ein
-Landtier vollends drastisch die Stufe des »Fremdmaterials« beim Schuß.
-
-An den sonnenwarmen kahlen Sandhängen unserer Kiefernwälder haust, mir
-auf gewohnten Spaziergängen am märkischen Müggelsee zur rechten Zeit
-ein alltäglicher Anblick, der »Ameisenlöwe«, die gefräßige Larve eines
-äußerlich libellenhaften Insekts, in selbstgeschaffenen Sandtrichtern.
-Gerät eine Ameise oder ein ähnliches Kleintier auf den losen Rand
-dieser bösen Falle und droht ohnehin schon abzurutschen, so eröffnet
-der fette Unhold der Tiefe in seinem Schützengraben alsbald eine
-regelrechte Beschießung von unten nach oben, indem er Sandgarbe um
-Sandgarbe nach dem strauchelnden Opfer schleudert, bis es verloren ganz
-hinabstürzt.
-
-Kein Zweifel, daß hier schon mit fremdem Material geschossen wird,
-wenn schon in plumperer Form. Und erwägt man nun, daß zum Beispiel
-unsere Flußkrebse nach jeder Häutung wieder fremde Sandkörnchen, also
-ebensolches Material, in ihre Gehörorgane aufnehmen, wo sie eine
-bestimmte notwendige Rolle spielen, so ließe sich unschwer denken,
-daß auch bei jenen feinen Pistolen der Schnecken mit ähnlich von
-außen geholtem »Schrot« geschossen würde -- dann aber hätten wir
-bis zu gewissem Grade auch diesen Fremdschuß schon beim Tier in der
-verfeinerten Form.
-
-»~Natura artis magistra~«, sagt ein altes Wort: »die Natur Lehrerin der
-Kunst«; sie ist mehr: ihre Vorläuferin.
-
-
-
-
-Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere
-
-
-Das Tier im Kriege -- wieviel läßt sich davon erzählen!
-
-Wieviel dämonisches Schicksal liegt schon in der einen Tatsache, daß
-das Pferd mit uns in die Schlacht zieht! Seine Ahnen waren scheue
-Geschöpfe, ihr Heil vor jeder Gefahr lag in der ungestümen Flucht. Zum
-Fluchtorgan allerersten Ranges wuchs ihr Fuß mit dem einen schlagenden
-Huf auf durchrastem Plan sich aus. Die Angst brachte diese berufenen
-Durchgänger dazu, in Scharen zusammenzuhalten und sich als solche
-Schar um ein Leittier zu drängen, dessen Fluchtsignal das scheue Volk
-davonbrausen ließ wie eine Staubwolke vor dem Orkan. Eben diese Treue
-zu einem Anführer, einem Leiter, dem unbedingt gehorcht werden mußte,
-Jahrtausende um Jahrtausende geübt in der eigenen Sippe, ist aber
-zweifellos der Grund gewesen, der dieses gewaltige Tier eines Tages in
-die Gefolgschaft, in die unlösbare Zaubermacht des Menschen gebracht
-hat. Dieser Mensch aber wieder war bestimmt, kein feiger Ausreißer
-zu sein. Wer ihm folgte, der mußte mit in die wilde Schlacht, den
-offenen Blick gegen die offene Front des Feindes. Und so ist das Wunder
-geschehen, das schon der Hiobsänger der Bibel bestaunt hat: daß dieses
-scheueste Wild das symbolische Tier des Krieges und des Angriffs werden
-sollte in der Zucht seines großen Meisters.
-
-Aber umgekehrt auch -- wie werden uns Kriege des Menschen zum
-deutlichsten Bilde, wenn wir an kleine Züge der Tierwelt darin denken.
-
-Wenn der Karthager Hannibal mit Elefanten über einen Alpenpaß zieht,
-um die Römer zu bekriegen: wie gewaltig zeigt der eine Zug, daß hier
-Afrika noch einmal den Versuch machte, Europa zu unterwerfen -- und
-wenn die Elefanten trompetend in den Abgrund stürzten, so fühlen
-wir, daß der Versuch mißlingen mußte. Oder wie schaurig malt es den
-Dreißigjährigen Krieg, wenn wir hören, daß bei seinem Ausgang die
-Wölfe erschreckend überhand genommen hatten, herrenlose Hunde überall
-fast wieder zu Wölfen geworden waren und Pferde sich verwildert in den
-Wäldern herumtrieben.
-
-Unser Kampf heute geht zum Teil um Küste und Meer; schon lesen wir
-gelegentlich als kleine Staffagebilder, die sich aber sogleich
-einprägen, daß der Geschützdonner an der belgischen Küste alle Seevögel
-der Dünen zu wildem Aufruhr gebracht hat und in unzähligen Scharen die
-Luft mit ihrem Gekreisch erfüllen läßt -- oder daß ein toter Walfisch
-angetrieben ist, den eine findige englische Kanonenkugel auf der Suche
-nach bösen Unterseebooten als unschuldiges Opfer getroffen.
-
-Unwillkürlich habe ich bei der letzteren Nachricht aber doch noch an
-etwas anderes denken müssen.
-
-Lange ehe es auch nur den Traum eines Unterseeboots und seiner
-furchtbaren Angriffsart gab, hat die Seemannsphantasie der
-verschiedensten fahrenden Nationen immer wieder etwas ausgekostet von
-den Schauern solchen urplötzlichen verderbendrohenden Tiefenangriffs,
-bei dem ein ganzes Schiff zuschanden werden sollte, ohne daß sich
-eine Sturmwelle dabei zu rühren brauchte. Wenn der Matrose daheim von
-so etwas erzählte, so dachte er nicht bloß an tückische Klippen; die
-konnten zur Not mit Lotse und Karten vermieden werden; er dachte auch
-nicht bloß an ein schwimmendes Wrack oder einen perfiden Eisberg. Ganz
-etwas unberechenbar Bewegliches sollte es sein, das zu jeder Stunde und
-an jedem Ort sich aus dem dunkeln Abgrund heben und wie im wirklichen
-Krieg einen absichtlichen unterseeischen Angriff ausführen könnte -- so
-abscheulich, daß man gar nur den Stoß spürte und die Schrecken eines
-Lecks auf offener See erlebte, aber noch nicht einmal feststellen
-könnte, was sich da unten den Stich erlaubt habe.
-
-Dieser Dämon des Untermeeres konnte nur irgend etwas Lebendiges sein,
-etwa ein riesiges Tier, das eine greuliche Stoßwaffe führte, der keine
-dickste Schiffsplanke standhielt. Immer und immer wieder sollte so
-etwas vorgekommen sein. Wer es als »selbsterlebt« berichtete, der
-hatte natürlich den Glückstreffer gehabt, daß das Leck rasch entdeckt
-wurde und sich noch verstopfen ließ; aber wieviel schöne Schiffe waren
-immer wieder ganz spurlos verloren gegangen, ohne daß ein Sturm gerade
-gewütet hatte oder im gewohnten Kurs Klippen lagen. Was aber konnte
-dieser Unhold für ein Tier sein?
-
-Der berühmte Kraken nicht, denn der ist, wofern er in seiner legendären
-Größe existiert, nur ein übergroßer Tintenfisch, und der wieder ist
-fast nur eine mehr oder minder knorpelig weiche Masse. Auch von
-einfachen boxenden Dickköpfen mögen wir absehen, wie dem Pottwal,
-der nur als vom Schiffe selber schwer gereizter Bulle ab und zu
-angreift, während im allgemeinen die Historien von attackierenden
-Riesenwalfischen wüst übertrieben sind; das Grundwesen dieser
-vielbehelligten Kolosse ist eine beinahe ängstliche Friedfertigkeit,
-und außerdem besitzen sie nicht die zu jener Geschichte unumgängliche
-Spitzwaffe. Mustert man also unsere Sammlungen möglicher Seemonstra
-durch, so bleiben zuletzt wesentlich nur drei verdächtige Unterseeler
-mit solchen Waffen oder waffenähnlichen Zutaten übrig.
-
-Zunächst steht da im Schrank auch kleiner Museen wohl stets ein
-schraubenförmig gefurchter, ziemlich dicker Spieß von über Manneslänge,
-der zum sogenannten Narwal gehört, einem an Körper noch einmal etwa
-doppelt so langen, also gegen jene Zwanzig- und Dreißigmeterriesen
-immerhin mäßigen delphinartigen Walfischverwandten. Der Spieß ist
-in diesem Falle der linke Eckzahn des Bullen, und da er mit seiner
-tüchtigen Länge und Spitze einmal da ist, ist auch von ihm wirklich
-schon erzählt worden, sein Besitzer spieße gewohnheitsmäßig darauf
-Fische und ramme damit Schiffe. In Wahrheit hat noch nie ein
-wissenschaftlicher Beobachter an dem hochgradig friedlichen Gesellen
-irgendeine böse Absicht zu beidem bemerkt, sondern der speerhafte,
-übrigens schwache Zahn ist wohl eines jener Geschlechtsabzeichen des
-Männchens, in deren romantischer Übertreibung die Natur bekanntlich
-Meisterin ist.
-
-Ein zweites Objekt hat vielleicht der eine oder andere Leser sich
-selbst schon mitgebracht, auch wenn er nicht Professionssammler ist:
-es wird jedem Vergnügungsreisenden einer Tropenfahrt in Aden von
-handelnden Arabern zum Kauf angeboten als eine der ersten Proben einer
-märchenhaften neuen Welt. Und es ist nicht zu leugnen, daß es, als
-Bestandteil eines Seetieres bezeichnet, das vollkommene Ansehen einer
-höchst perfiden Waffe von unheimlicher Kraft besitzt -- es gleicht
-nämlich einem langen platten Schwert oder, vielleicht besser gesagt,
-einem Tomahawk, der an beiden Seiten mit einer Reihe spitzer Hauzähne
-besetzt ist, mit denen man offenbar gründlich hauen oder auch sägen
-oder zum Zweck scheußlicher Fetzwunden stechen könnte, so wie das Ding
-aussieht.
-
-In diesem Falle handelt es sich sozusagen um die bezahnte Nase eines
-echten Fisches, eines Rochens, der aber auch kein Größter seines
-Geschlechtes ist, nämlich nicht über vier Meter Länge erreicht.
-Genauer gesagt ist die »Säge« dieses Sägefisches, wie das häßliche
-Wunder direkt heißt, ein Knorpelauswuchs seiner Oberschnauze, der zu
-Zähnen gekommen ist im Sinne, daß bei diesen Fischen das Ding, das wir
-Zahn nennen, nicht auf den Beißapparat im Munde beschränkt zu sein
-braucht, sondern beliebig auch in mehr oder minder schuppenartiger
-Gestalt aus der ganzen Haut wachsen kann. Wer solche einzelne Säge
-nun später hübsch an seiner Wand zwischen allerlei gekreuzten fremden
-Waffenstücken stecken hat, der mag gut und gern sich ausdenken, daß
-unser Fisch damit Walfischbäuche zerfleische, noch schlimmer aber,
-Schiffswände ansäge, und erzählt worden ist naturgemäß auch das, denn
-wenn ein Fisch schon eine Säge hat, so muß er doch damit auch Streiche
-vollführen und sägen. Schade inzwischen: auch der Sägefisch tut laut
-aller Kenntnis niemand etwas zuleide und benutzt seine phantastische
-Naturgabe wahrscheinlich nur als ganz harmlose Schaufel beim Gründeln
-im Schlamm, falls er sie überhaupt praktisch irgendwo benutzt. In
-Wahrheit besitzen zahllose Tiere zahllose oft höchst martialische
-Abzeichen, die eben nur »ornamental« sind ohne Nutzzweck, und dazu kann
-auch die Säge gehören. Hier liegt ja ein schweres Kapitel für jeden,
-der die ganze Lebenswelt auf purem Nutzen aufbauen möchte -- wert, daß
-man sich allein ausführlich darüber unterhielte; jedenfalls aber muß
-genügen, daß die Säge, wenn sie in dieses Feld verrechnet ist, sowenig
-Schiffe ansägen wird, wie wir Menschen uns mit Schmucksachen oder mit
-Statuen prügeln.
-
-Bleibt nur der dritte Fall.
-
-Alle unsere Meere durchstreift gelegentlich, die nördlicheren bis zur
-Ostsee (also auch den Kanal) besonders zur Sommerszeit, ein riesiger
-Fisch von stolzer Schönheit. Purpurblau ist sein Rücken, silbern der
-Bauch, schwarzblau die imposante Schwanzflosse, dunkelblau das mächtige
-Auge. In dieser Pracht kommt der »Schwertfisch« oder das Schwert der
-Schwerter, wie der alte Linné-Name ~Xiphias gladius~ es ausdrückt,
-durch die offene See daher.
-
-Die größten alten Herren schätzt man bis fünf Meter an Länge, doch geht
-die Sage von noch weit stärkeren Kolossen. Wer den Fisch nur an den
-Schuppen kennen will, kommt bei dem nicht auf die Rechnung, denn seine
-Farben schillern nur von der schuppenlosen rauhen Haut selbst. Das
-eigentliche Wunder dieses Riesen aber ist sein wirkliches »Schwert«.
-
-Auch bei ihm springt es als enorme Spitze mit scharf schneidenden
-Kanten vom Kopf aus vor. Der verlängerte Oberkiefer steckt als
-Knochenmasse darin, aber auch noch Teile sonst der Schädelknochen geben
-ihm gleichsam den festen Griff. Und diesmal hat man tatsächlich den
-sicheren Eindruck einer Waffe.
-
-Zum Riesenfisch gehört ein Riesenappetit, und wenn man hört, daß es
-sich um der allergewandtesten Fische einen handelt, der Jagd auf andere
-Fische betreibt, so erscheint selbstverständlich, daß das spitze
-Schwert dabei eine Rolle spielen muß. In der Tat wirft sich nach treuem
-Bericht der wilde Schwimmer mitten in Fischschwärme hinein, haut mit
-dem Degen rücksichtslos um sich, bis weithin alles sich krümmt von
-mitten durchschnittenen Heringen oder Makrelen, und sättigt sich dann
-behaglich aus dem Überfluß dieses Blutbades. Wo aber das geschieht,
-da kann auch ein badender Mensch gegenüber solchem tollen Draufgänger
-von doppelter Menschengröße wohl in Gefahr kommen. Fischer wissen
-Geschichten genug, wo einer einen Stich dieses Schwertes selbst von
-kleinen Exemplaren erhielt, der durch Arm oder Bein ging. Doch ist das
-alles noch nicht das eigentliche Märchen des Schwertfisches.
-
-Der Schwertfisch in seiner größten, legendär noch ins weiteste
-gesteigerten Gestalt soll es sein, der, jäh im Zorn von unten
-anrennend, wirklich große Schiffe einstößt, leck macht, in äußerste
-Gefahr oder wirkliches Verderben bringt.
-
-Viel ist seit alters darüber spintisiert worden, ob das wahr, ob es
-überhaupt möglich sei. Die Wand eines richtigen Ozeanschiffs -- und
-ein anrennender Berserker von Fisch -- es schien immer wieder zu kühn.
-Otto Steche, dem neuen trefflichen Bearbeiter des Fischbandes in Brehms
-Tierleben, gebührt das Verdienst, die sozusagen amtlichen Angaben
-darüber erneut kritisch gesichtet zu haben; das Ergebnis aber ist
-überraschend. Der Schwertfisch ist weit schlimmer, als jemals erwartet
-werden konnte!
-
-Ein paar schlichte Daten, die durch die zoologische Kritik jetzt
-einwandfrei durchgegangen sind, mögen das besser als alle Reden
-erläutern. Bei einem alten britischen Kriegsschiff hatte das (im Holz
-schließlich abgebrochene) Schwert des Fisches die 2,5 Zentimeter der
-Verschalung, 7,5 Zentimeter Holz einer Planke durchstoßen und war
-dann noch mehr als 11 Zentimeter weit in einen Pfosten eingedrungen.
-In einem Walfischfänger waren in gleicher Weise der Kupferbelag, die
-2,5-Zentimeter-Verschalung, eine 7,5 Zentimeter dicke Planke und
-ein 30 Zentimeter starker Eichenbalken durchlocht worden, und die
-scheußliche Spitze hatte zum Schluß noch dem Boden eines Tranfasses
-im Schiffsraum ein besonderes Leck geschlagen. Der Stoß erschütterte
-in solchem Fall das ganze Schiff so, daß alles auf Deck rannte. Auf
-einem großen englischen Indienfahrer konnte man den unterseeischen
-Angriff unmittelbar in seinem Anlaß verfolgen: man hatte den ungeheuren
-Fisch mit der Angel geködert, worauf aber die Leine riß und der
-wütende Unhold sofort einen furchtbaren Unterwasserstoß wagte. Das
-Schiff wurde leck und kam mit Not in den Hafen zurück, von dem es
-ausgegangen war; es entwickelte sich dann eine Schadenersatzklage,
-bei der zoologische Sachverständige die Kraft des Fisches zu
-solcher Leistung gerichtlich festlegen mußten und schließlich die
-Versicherungsgesellschaft 12000 Mark dafür zahlen mußte, daß sich
-solche lebendigen Unterseeboote im Ozean herumtreiben.
-
-Was ein einfaches Boot bei solcher Sachlage erfahren kann, erhellt
-von selbst: schon ein kleinerer Schwertfisch stieß gelegentlich beide
-Bootsseiten durch und das dazwischen befindliche Bein eines Rudernden
-mit. Der bekannte Zoologe Peschuel-Loesche ist um ein Haar bei solchem
-Angriff, bei dem der Fisch sich mit Schwert und noch einem Stück Kopf
-durch den Bootsboden schlug, ums Leben gekommen.
-
-Nach diesen Angaben kann also nicht bestritten werden, daß der
-Schwertfisch eine wirkliche Gefahr für die Schiffahrt ist, an der
-tatsächlich Schiffe verunglückt sein können, ohne daß man je etwas von
-ihrem genaueren Schicksal mehr gehört hat. Und es ist gewiß ein Gedanke
-von seltsamer Romantik: der einsame, wilde Fisch in seinem Element,
-der den Kampf gegen die ganze Kultur wagt, die da hinter ihren paar
-Zentimetern Holzplanken über den weiten Ozean fährt. Aber was will's in
-unserer ungeheuren Zeit, wo das feurige Schwert des Menschen in seiner
-Not Schiff um Schiff in den schwarzen Abgrund senkt, aus dem keine
-Wiederkehr ...
-
-
-
-
-Aus der Flottenkunst der Tiere
-
-
-I
-
-Unter fremder Flagge
-
-Vom See, dessen lichtblauer Spiegel zwischen dem weißen und rosenroten
-Blütenschnee meines Gartens durchlugt, schallt ein eigentümliches, bald
-mehr summendes, bald mehr rollendes Geräusch.
-
-Ich weiß: sie proben wieder da draußen. In diesen Zeiten des
-Weltensturmes nicht wie sonst zum anmutigen technischen Spiel, sondern
-mit dem ganzen furchtbaren Ernst der Stunde. Und doch kommt es so von
-weitem daher blank und elegant wie ein Spielzeug aus dem Laden: ein
-Wasserflugzeug. Erst saust es mit seiner Schaumbrust in die glänzende
-Wasserfläche hinein wie ein riesiger Fisch; gleich, denkt man, wird
-er untertauchen. Aber ehe der Blick es noch ganz fest gefaßt hat, ist
-der Fisch zum fliegenden Fisch geworden: mit seinen Flossen gleichsam
-schwebt er auf einmal hoch über dem Seeplan im freien, durchsichtigen
-Element, und nur sein Schatten läuft noch gespenstisch als Fisch unten
-weiter. Und jäh wird der Fisch zum Vogel, majestätisch schraubt das
-prachtvolle Wunderwerk menschlichen Erfindergeistes sich zu Adlerhöhen
-hinauf und wieder hinab, um endlich pfeilschnell und treffsicher wie
-der Adler zum Horst bei seiner Halle am Ufer wieder einzuschlüpfen.
-
-Wie viele Wege der Natur, uraltes, jahrmillionenlanges Proben, hat
-der große Magier, der alles noch einmal jetzt neu für seine Zwecke
-heraufzaubert, der Mensch, hier zusammengefaßt!
-
-Die gleiche Not des Kampfes, die uns heute diese technischen
-Experimente mit so fieberhafter Eile weiter und weiter treiben
-läßt, hat in grauen Tagen schon das Tier gedrängt, das Flugzeug zu
-»erfinden«, und zwar hat es dieses Flugzeug ganz in der Form zunächst
-erfunden, die hier vor Augen steht: als Wasserflugzeug.
-
-Im Wasser, so seltsam es klingen mag, ist in der Natur das Fliegen
-zuerst erfunden worden. Vom Meeresboden herauf hat das Tier zuerst
-lernen müssen, wie man im freien Wasserraum selber sich schwebend
-in Balance hält, sich wie auf Fallschirmen tragen läßt, endlich das
-Wasser mit Rudern und Rädern schlägt zu eigenmächtiger Bewegung. Und
-erst als man so im Wasser frei fliegen konnte, da wurde dieses Prinzip
-auch auf die noch freiere, noch gewagtere Schicht jenseits des Wassers
-ausgedehnt, die Luft.
-
-Auf seinen großen Wasserflügeln, den Brustflossen, sehen wir noch
-heute den fliegenden Fisch wie im ersten tastenden Versuch 200 Meter
-weit reglos, bloß nach dem Fallschirmprinzip, über dem Meeresspiegel
-dahinschweben. Auf Java gleitet der fliegende Frosch so auf den
-gespreizten Flächen seiner Schwimmhäute zwischen den Zehen vom hohen
-Ast durch die Luft zur Erde. Bis dann im Adler endlich auch für die
-Luft das große Problem eigener zwecktätiger Steuerbewegung glänzend
-durchgeführt war.
-
-Und doch will ein Unterschied zwischen dem Alten und dem Neuen stören.
-
-In dem Wasserflugzeug des großen Magiers Mensch sitzt ein wirklicher
-Mensch und leitet eine riesige summende Maschine; der Vogel fliegt
-»sich selbst«, sein Leib mit seinen organischen Bewegungen ist zugleich
-sein eigener angewachsener Flugapparat. Und überall, wo ich über meinen
-blauen See hier blicke, sehe ich scheinbar auf diesen Gegensatz.
-
-Im schmucken goldbraunen Boot dort sitzen weiße Ruderer und schlagen
-den Plan mit fremdem Ruder. Wenn ein Unterseeboot hier führe: es
-schlösse auch Menschen ein in einem Kunstbau fremden Materials.
-Der schmucke Haubentaucher dort aber rudert nur mit den eigenen
-Beinen, und das Fischlein, das eben aufschnellend mit einem Blitz
-die untere Blankheit seines sinnreichen Unterseeboots verrät, fährt
-nicht in solchem Boot, sondern ist es zugleich selber. Das scheint
-so selbstverständlich als Gegensatz. Und doch ist es, wie so manches
-Selbstverständliche, auch einmal wieder nicht wahr.
-
-Die Flottenkunst auch des Tieres hat sich durchaus nicht bloß darauf
-beschränkt, im »Selbstschiff« zu fahren. Auch das Tier sitzt unter
-Umständen vergnüglich im fremden Schifflein und dirigiert bloß als
-Kapitän. Hier beginnen freilich absonderliche Tiere, die nicht gleich
-jeder beachtet hat.
-
-Zunächst als Übergang mag da das Tier gelten, das überhaupt mit
-Menschenschiffen fährt. Ich meine jetzt nicht die Ratte im Kielraum
-oder den Floh der Matrosenkabine, das wäre ein zu billiges Beispiel
-ohne echten Sinn. Aber es gibt eine Gruppe kleiner und mittelgroßer
-Fische, die der Tierforscher als »Schiffshalter« bezeichnet. Um zu
-verstehen, was diese höchst verwunderlichen Gesellen vollbracht haben
-und täglich noch vollbringen, muß man einen Augenblick dabei verweilen,
-wie der Mensch selber als Schiffbauer angefangen hat.
-
-All unsere Flottenkunst bis zum herrlichsten Kriegsschiff heute geht
-zuletzt zurück auf den »Einbaum«. Der Mensch merkte, daß Holz auf
-Wasser schwamm, und wenn er übers Wasser wollte, so ließ er sich von
-einem Baumstamm tragen. Als Wesen mit Luftatmung setzte er sich oben
-darauf, klammerte sich an und trieb so dahin. Indem er den gegebenen
-fremden Holzstamm sich künstlich zum Sitzen höhlte und zu dirigieren
-lernte, war dann die ungeheure, so endlos folgenreiche Erfindung des
-Schiffs im Prinzip vollbracht. Warum aber wollte der Mensch übers
-Wasser?
-
-Gerade wir erleben heute wieder, was sich ergibt, wenn man
-Menschen von der Schiffahrt absperren will. Es ergeben sich
-Verproviantierungsfragen. Alle Schiffahrt der Menschheit ist zuletzt
-und im umfassendsten Sinn immer eine Verproviantierungsfrage gewesen.
-
-Von diesen Grundpunkten aus aber versteht sich nun auch das Problem des
-Fisches, den sie den »Schiffshalter« nennen.
-
-Es war einmal ein kleiner Fisch, um die Geschichte wie im Märchen zu
-beginnen; es ist aber der Zoologe, der ganz ohne Märchen spricht.
-Dieser kleine Kerl brauchte als Wasserluftatmer keinen Holzklotz,
-um über das Wasser zu kommen, und sein eigener Fischleib war längst
-ein gegebenes treffliches Unterseeboot, ein »Selbstschiff«. Indessen
-auch hier kam die Proviantfrage. Sie kam schon in Urweltstagen, so
-weit gehen unsere Kenntnisse der Geschichte zurück, und sie bewirkte
-irgendeines Urwelttages (sie pflegen bekanntlich lang zu sein,
-diese Tage), daß der betreffende Fisch sich daran gewöhnte, als ein
-kleiner hungriger Köter seines Elements sich in der Nähe größerer
-Fresser dort zu halten, von deren Herrentisch immer auch einmal ein
-paar Brosamen für ihn abfielen. Auf dem Lande folgen so Schakale dem
-Löwen oder Panther, im Ozean ergaben sich die mächtigen Haifische als
-Herrenräuber, die besonders in Urweltsmeeren lange die oberste Rolle
-spielten.
-
-Aber der kleine freche Tafeldieb machte die Sache, wieder eines
-Entwicklungstages, noch praktischer. Wenn auch nicht wie Jonas in des
-Riesenfisches Bauch, so klammerte er sich doch gern unter des Haies
-Bauch an unfaßbare Stellen, wobei die rauhe Haifischhaut gute Stütze
-gab.
-
-Und wieder nach einer Weile führte das, wie so oft, zu einer festen
-körperlichen Anpassung bei ihm. Seine erste Rückenflosse verwandelte
-sich in eine große Saugwarze, mit der er sich oberwärts an den
-Haifischbauch wie mit einem Schröpfkopf unmittelbar ansaugen konnte,
-während gleichzeitig sein gieriger kleiner Kötermund darunter frei
-und freßfroh blieb -- der Schakal verankert am Löwen und von ihm
-unfreiwillig fortan herumgeschleppt.
-
-Die Sache war, wie gesagt, zunächst eine Freßfrage, sie wurde dann aber
-folgerichtig auch schon eine Vehikelfrage. Der kleine Fisch brauchte
-mit dem großen nicht mühsam Tempo zu halten, wenn solcher große seine
-weiten Raubzüge wie ein alter Normanne veranstaltete: immer war er von
-selbst gleich mit zur Stelle, wo immer es zur Beute kam.
-
-Schließlich aber mußte der Fremdtransport, einmal so billig gemacht,
-auch von Wert sein, wo gar kein Hai da war. Man hängte sich irgendwo
-an und ließ sich auf gut Glück treiben, ob der Zufall eine eigene oder
-fremde Beute in den Schoß warf.
-
-Die kleinen Frechen hefteten sich, wo es sich gab, auch an tote, aber
-mit Wellenschlag und Strömung treibende Gegenstände an, und da bewährte
-sich ganz von selber auch hier schon der Segen des Holzes, das weit,
-weit dahinfuhr, ohne zu sinken.
-
-Zeiten schwanden, da zeigte sich aber im Ozean eine ganz besondere neue
-Sorte »Holz«. Menschenschiffe aus Holz fuhren übers Wasser. Und die
-Fischlein klebten sich auch an diese Menschenplanken, nichts konnte
-bequemer sein. Zumal da sich rasch herausstellte, daß diese neuen
-Seeungeheuer in ihrer Art den »blinden Passagier« auch noch selber
-fütterten. Denn vom Schiffe fiel mancherlei Abfall, den diese wenig
-Wählerischen gern als ihren Schakalsanteil begrüßten.
-
-Seither reisen die »Schiffshalter« gewohnheitsmäßig in Scharen mit den
-Menschenschiffen. Sie sitzen nicht oben darauf, wie sollten sie, ihnen
-ist ja im Wasser wohl und nicht in der Luft. Gleichwohl: sie fahren
-Fremdboot statt Eigenboot. Und nur das trennt sie immer scheinbar noch
-endlos vom Menschen selber, daß sie das Holz, an dem sie hängen, nicht
-selber dirigieren können, wohin es fahren soll, und daß sie es auch
-nicht künstlich zum Fahrzweck umgestaltet haben.
-
-Aber es war am 17. Februar 1899.
-
-Jenes prächtige deutsche Naturforscherschiff, die »Valdivia«, näherte
-sich, von Ceylon kommend, dem Äquator. Da trieb vor dem Schiff
-im Indischen Ozean eine schwimmende Schale dahin, eine jener als
-Zierstück auf unseren Kaminen so oft beliebten Nautilusschalen, die
-von einem höchst seltsamen, tintenfischähnlichen Weichtier körperlich
-abgeschieden werden und auch nach dem Tode ihres Besitzers vermöge
-ihrer vielen geschlossenen Luftkammern auf der offenen See schwimmend
-bleiben.
-
-Gewisse Anzeichen erweckten in diesem Falle zuerst den Glauben, das
-lebende Tier sitze noch angewachsen in seinem Gehäuse und leite sein
-Selbstschiffchen; dann aber zeigte sich: es war doch auch nur eine
-verlassene Schale -- in dieser Schale aber hatten sich wunderbarerweise
-eine Anzahl kleiner barschartiger Fische (Riffische, ~Glyphidodon~)
-eingenistet, die regelrecht als in einem Fremdschiffchen in ihr wohnten
-und »fremd fuhren«. Scheu hineingeduckt, wurden ihrer mehrere in dem
-Nautilusboot mit heraufgefischt, ja als man zur Probe die leere Schale
-noch einmal ins Wasser warf, schwammen sogleich verschiedene andere
-der kleinen Bande auf das wiedergegebene Wasserhaus zu und schlüpften
-hinein, wobei sie durch die Fähigkeit, ihren Rückenstachel in eine
-Furche einzuklappen, unterstützt wurden.
-
-Offensichtlich handelte es sich auch hier um eine bereits
-alteingebürgerte Gewohnheit, die vielfach dort treibenden
-Fremdschiffchen des Nautilus so zu benutzen, eine Gewohnheit,
-die vielleicht bei dem zähen Durchhalten solcher Dinge bei jenen
-Fischen bis auf Urweltstage zurückgeht, wo solche nautilusähnlichen
-Tiere in unfaßbaren Mengen alle Meere bewohnten und ganze Felder
-solcher schaukelnden Leergehäuse in allen Formen und Größen eine
-Alltagserscheinung gewesen sein müssen.
-
-Wohlverstanden: hier wohnen die Tiere schon im fremden Schiff, und bei
-kluger, beweglicher und ungestümer Bande wie solchem Fischvolk liegt
-nahe genug, daß sie gegebenenfalls ihr Schiff auch schon willkürlich
-nach einer ihnen genehmen Richtung durch Stöße dirigieren.
-
-Unmittelbar beobachtet aber wurde dieser letztere Fall bei einer
-anderen Gelegenheit von einem unserer besten neueren Beobachter,
-Richard Semon, dem berühmten Verfasser der Mnemetheorie.
-
-Auf den Korallenbänken der Sundainsel Ambon versuchte er eine prächtige
-Qualle lebend mit einem eingetauchten Glase zu erwischen. Immer wieder
-mißlang es, denn die Qualle wich in sehr geschickten selbständigen
-Bewegungen aus. Solches raffinierte, auf starke Intelligenzleistung
-deutende Verhalten erschien nun bei einer Qualle durchaus ungewöhnlich,
-ja unmöglich. Und wie erstaunte der Forscher, als er wirklich
-feststellen konnte, daß in diesem Falle die dumme Qualle in der Tat
-einen klugen Kapitän hatte, der sich in ihrem lebendigen Kristallschiff
-verbarg.
-
-Es war auch diesmal ein kleiner Fisch vom Makrelenschlage, der
-gewohnheitsmäßig in solchen Quallen hauste. Noch in dem Eimer, in
-den Semon seine endlich gefangene Qualle gesetzt hatte, trieb der
-verwegene kleine Kapitän seine Arbeit unermüdlich weiter, indem er sein
-lebendiges Boot durch fortgesetzte zielbewußte Stöße in bestimmter
-Richtung fortzutreiben suchte und zu unausgesetztem Herumschwimmen
-zwang -- natürlich in dem umgrenzten Raum ohne jeden Erfolg.
-
-Ähnlicher Fischbrauch, gerade in den schwimmenden Glaspalästen der
-Quallen zu leben, ist auch sonst vielfältig beobachtet worden.
-
-Der Fisch findet in diesem Falle nicht bloß ein fremdes Schiff, sondern
-er fährt auch in einem guten Kriegsschiff zugleich: die Qualle führt
-nämlich furchtbare Nesselorgane, wahre Giftbomben, die im Wasser jeden
-tierischen Angreifer böse abfallen lassen. Der Fisch selber aber wird
-von dieser Quallenbatterie nicht geschädigt. Nach gangbarer Ansicht
-ist auch das stumpfe Geistesleben solcher Qualle doch immer noch
-empfänglich genug gewesen, um sich einem festen Genossenschaftsinstinkt
-vor offenkundigem Vorteil nicht zu verschließen: sie schont den fremden
-Insassen, eben weil er sich in Gefahr als intelligenter Steuermann
-erweist.
-
-Andere Meinung vertritt allerdings, daß diese Quallenkapitäne einfach
-selber gegen das brennende Quallengift »immun« geworden seien, es nicht
-mehr fühlten. Ihre Vorfahren sollen trotz der Batterie so manches
-Quallenschiff im Sturm genommen und ausgefressen haben, und dabei wären
-sie als Piraten durch die Ernährung mit Quallenfleisch schließlich
-ganz giftfest geworden wie der hörnene Siegfried der Sage, der sich
-mit Drachenfett salbte. Daß ja Tiere gelegentlich in dieser Weise
-wirklich immun werden, zeigen unsere Schmetterlingsraupen des Admiral
-und kleinen Fuchs, die gewohnheitsmäßig ganz gemütlich die Blätter
-der Brennessel abweiden. Wer aber nun recht habe in der Deutung: das
-gewaltsame Ausfressen solches Quallenschiffs ist jedenfalls an sich
-wieder interessant.
-
-Wir alle haben von Münchhausens armem Pferde vernommen, in das sich
-ein Bär einfraß; als er es ganz gefressen, saß er selber an Deichsel
-und Riemen, und Münchhausen kutschierte vergnügt mit ihm heim. Fast
-so geht es bei gewissen kleinen Krebschen des Ozeans aus der Gruppe
-der hüpfenden Flohkrebse. Ihre Weibchen fallen als böse Piraten über
-die zierlichen glashellen Schifflein her, die sich gewisse andere
-Seetiere aus der weit entfernten Gruppe der Manteltiere (Tunikaten),
-die in vielem an Würmer, in manchem aber sogar an niedrigste
-Wirbeltiere erinnern, geschaffen haben. Indem sie die berechtigten
-Insassen herausfressen, bleibt von dem fremden Schiffe nur ein hohles
-schwimmendes Tönnchen übrig, dessen durchscheinende Wand ausgespart
-nach dem Brauch dieser Manteltiere auch noch aus der sonst nur im
-Pflanzenreich üblichen Zellulose, also aus regelrechtem Holzstoff,
-besteht.
-
-In diesem Holzfäßlein als Fremdschiff aber sitzt jetzt wirklich
-beinahe wie Münchhausens Bär der Fresser selber, der Krebs. Hier
-erlebt er Mutterfreuden. Und da der alte Bewegungsapparat des Schiffs
-geschwunden ist, muß er es fernerhin selber lenken: so reckt er
-sein hinteres Leibesende vorsichtig aus dem vorne festgehaltenen
-schwimmenden Faß hervor und rudert sich und seine Kinderstube
-geschickt, wohin er will.
-
-Daß er dabei unter falscher Flagge segelt, Krebsinhalt im
-Manteltierschiff, das macht ihm so wenig aus, wie dem Schiffshalter
-daran liegt, was für Farben über seinem Menschenschiff wehen.
-
-Wie wenig aber fehlt bei dem Tier, das sein hölzernes Fremdschiff nicht
-nur selbsttätig lenkt, sondern auch selber sich zum bequemen Sitzraum
-gehöhlt hat, bis zu jenem »Einbaum« des Menschen?
-
-
-II
-
-Das Unterseeboot aus Luft
-
-»Im November 1803 begegneten wir zum erstenmal den großen Seeblasen im
-Atlantischen Meer, einige Grade nördlich vom Äquator; sie erscheinen
-wie rosenrote Glaskugeln über dem Wasser, blähen sich stolz auf wie
-ein Pfau und verändern unaufhörlich ihre Gestalt. Alle Leute auf dem
-Schiff wurden aufmerksam auf diese sonderbaren Tiere und wünschten sie
-in der Nähe zu betrachten, so daß endlich ein Matrose ins Meer sprang,
-glücklich eine erhaschte und, indem er die Finger und Arme schmerzhaft
-verbrannt fühlte, aufs Verdeck brachte. Sie schleppte lange Fäden
-hinter sich her, die sehr schleimig waren, überall anklebten und, wenn
-man sie auseinanderlösen wollte, an den Fingern brannten.«
-
-So liest man in weiland Krusensterns Reisen von einem Meerwunder,
-das bereits die ersten Ozeanfahrer, auch wenn sie nur ungebildete
-Schiffsleute waren, gefesselt und zu den kühnsten Namenserfindungen
-verlockt hatte.
-
-Die »Karavelle« hießen es die Spanier und Postugiesen, wenn sie es so
-in ganzen Flotten sein Kolumbusschifflein über die uferlose Wasserwüste
-treiben sahen, den ~Man of War~, das Kriegsschiff, die englischen
-Matrosen.
-
-Es bedurfte aber noch saurer Zoologenarbeit bis tief in das neunzehnte
-Jahrhundert hinein, ehe man heraus hatte, was diese »Seeblase«, die
-Physalia, wie der Name schließlich stehenblieb, eigentlich für ein
-Geschöpf sei, -- bis man erkannte, daß zum Vergleich mit einer Flotte
-hier gar nicht ein Schwarm solcher roten Karavellen nötig war, sondern
-daß jede einzelne schon eine Art Flotte für sich darstellte, ein Bündel
-nämlich zusammengewachsener quallenhafter Tiere, die mit Hilfe eines
-stolz geblähten Purpursegels aufrecht dahinfuhren.
-
-Dieses Segel brauchte in Wahrheit nicht bloß der Wind aufzublähen,
-sondern es war bei der Fahrt schon von sich heraus dick ausgeblasen,
-indem es einen riesigen hohlen Luftsack enthielt. An ihm aber nach
-unten ins Wasser hinein hingen in krausem Gewimmel die Einzeltiere,
-in sinnreicher Arbeitsteilung auch sie in solche gesondert, die
-bloß fraßen oder bloß tasteten oder bloß für die Jungmannschaft
-sorgten, also sozusagen Küchenschiffe, beobachtende Admiralsschiffe
-und Kadettenschiffe im Flottenverband bildeten, während schreckliche
-Brennbatterien das Ganze verteidigten.
-
-Nun, ich will hier jetzt nicht von den sozialen Wundern solcher
-Röhrenquallen (Siphonophoren), wie man die ganze Gruppe nennt,
-des engeren sprechen, wie es mir auch fern sei, mich etwa ganz im
-allgemeinen über Flotten zu verbreiten, deren Hauptteil sich, näher
-besehen, als eitel luftige Blase erweist ... Sondern was interessiert,
-ist die Methode in solcher Physalienblase.
-
-Kein Zweifel, daß hier Luftballon und Unterseeboot in sinnreichster
-Weise kombiniert sind. In dem Ballon sitzt eine besondere »Gasdrüse«
-und füllt nach Bedarf eine »Luftflasche«. Bei verwandten Arten führt
-das eigentliche Unterseeboot noch besondere Bewegungsapparate,
-sogenannte »Lokomotiven«, in denen hohle offene Quallenglocken
-heftig pulsend arbeiten. Der Ballon aber, durch ein richtiges Ventil
-reguliert, läßt das Ganze beliebig auf- und absteigen und gibt ihm
-Haltung. Bei der Karavelle ist es, als wolle er sich ernstlich ganz aus
-dem Wasser erheben, aber das Tiefenboot hält ihn als Fesselballon genau
-in der Fläche fest.
-
-Unwillkürlich denkt man daran, was Tiere auch sonst schon alles gerade
-auf diesem scharfen Rain zwischen Wasser und Luft angestellt haben, --
-wie sie herumbalancieren auf dieser schier mathematischen Scheide des
-Elements.
-
-In der gleichen hohen See, wo die Purpursegel der Karavellen
-stolzieren, laufen (unser Chamisso hat es mit zuerst gesehen)
-langbeinige Wasserwanzen regelrecht auf dem blanken Wellenspiegel
-selber Schlittschuh.
-
-Sie machen's wenigstens von oben, aber unsere ganz gewöhnliche
-Schlammschnecke, die Limnäa, vollführt gar das Kunststück, von unten
-sozusagen am Luftspiegel entlang zu kriechen, wobei sie mit ihrem
-ganzen Hause huckepack nach unten hängt; eine ganze Literatur
-existiert darüber, bald sollen abgesonderte Schleimbänder, bald
-kahnartige Höhlung der scheinbar an der Luft Schlittschuh laufenden
-Sohle das Unmögliche möglich machen, während mir die Sache immer noch
-etwas von Münchhausen, der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog,
-bewahrt, so sicher auch das Faktum feststeht.
-
-Jedenfalls aber sind auch so die Naturleistungen der Karavelle in
-zwei menschliche Technikgebiete zugleich hinein unwiderleglich. Aber
-wieder auch mag man das alte Argument anbringen. Der Karavelle ist
-ihr Ballonboot schon natürlich gewachsen am Leibe, ihre Gasdrüse und
-Luftflasche hat sie von Kindheit an als Erbe mitbekommen. Um die
-Analogie zur Menschentechnik wirklich zu finden, möchte man aber ein
-Tier sehen, das selber erst mit Luft wirtschaftet als Material, das
-sich ein Unterseeboot selbsttätig baut und nun damit das Prinzip
-des Ballons kombiniert. Das äußerlich noch einmal schafft, was die
-Karavelle, wer weiß woher, einfach bekommen hat. Nun, wenn die Frage so
-liegt, so läßt sie sich doch auch noch wieder ihr Stück im Tierreich
-weitertreiben.
-
-Da sind wir im Teich, und es tauchen allerhand dicke Käfer auf,
-Schwimmkäfer verschiedener Sorten. Ein Käfer ist auf jeden Fall bereits
-ein weit höher entwickeltes Tier als eine Qualle. Man wird erwarten
-dürfen, daß manches bei ihm auch entsprechend schon beweglicher, im
-rechten Sinne gesagt, schon vergeistigter eingerichtet sei; auch in dem
-höheren Tier muß man ja noch mit gewissen vererbten Instinkten für das
-Geistige rechnen, die dem einzelnen sozusagen die Schule ersetzen,
-aber auch so läuft alles doch über eine weit vertiefte Bahn, daran ist
-kein Zweifel.
-
-Nun sind die Käfer ersichtlich von Ursprung Landbewohner gewesen und
-hatten also für ihre Organe der Atmung Freiluftatmen als Methode
-mitbekommen. Nachher aber sind einige im stillen Teichwinkel wieder
-ins Wasser gegangen, ohne daß sich doch ihr Organ dazu wieder ganz
-mitumgewandelt hätte. Und so brauchen sie da unten Luft; da das Organ
-sie ihnen aber nicht nach Art der Fischkiemen aus dem Wasser selber
-zieht, müssen sie sie nachträglich erst sozusagen durch ihrer Hände
-Arbeit beschaffen, -- damit begann aber für sie zunächst wirklich schon
-ein sehr viel freieres Wirtschaften mit dem Luftstoff.
-
-Sie holen sich nämlich händeweise oder, um es mit der Freiheit
-des Naturforschers gerader herauszusagen, teils kopf-, teils
-hinterteilweise kleine Portionen Freiluft von der Oberfläche, aus der
-sie die betreffenden Körperteile einen Augenblick herausstrecken, ins
-tiefe Wasser hinunter, stets einen Schluck direkt in die Atemröhren,
-aber außerdem auch noch einen mehr oder minder dicken zur Reserve,
-der unter den Flügeldecken wie in ein Fläschchen gefüllt oder mit
-dem Haarfilz um den Bauch gebunden wird. Auch der Reserveschluck in
-der Flasche dient in diesem Falle zur eigenen Luftatzung. Daß er an
-und für sich gleich dem Ballon der Qualle mit ihrer Luftflasche den
-Körper des Schwimmers etwas leichter macht, ist dem Käfer sogar gar
-nicht immer genehm, denn er muß es ersetzen durch verstärkte Arbeit
-beim Wiederhinabtauchen. Aber das Bedeutsame bleibt diesmal: das Tier
-holt sich, einerlei zu was für einem Zweck, ein Stück fremder Luft
-äußerlich hinunter, es beginnt wirklich zu wirtschaften mit Luft wie
-mit einem fremden Material, das man aufgreift, wie einer sich ein Stück
-Butterbrot in die Tasche steckt oder ein beliebiges Stück Holz oder
-Stein von dort fortnimmt, wo es sich bot.
-
-Was verschlüge es, wenn unser Wasserkäfer das, was er jetzt noch als
-Püllchen oder Stüllchen bloß zu sich gesteckt hat, eines anderen Tages
-doch auch selber verwertete für irgendeinen luftgefüllten Unterseebau?
-Eines anderen Tages -- eines Entwicklungstages heißt das wieder,
-natürlich.
-
-Hier ist aber nun wiederum kein Zweifel, daß solcher Käfer etwas kann,
-was die Karavellenquallen unbedingt noch nicht konnten: er kann nämlich
-überhaupt schon eine Sache selbsttätig bauen.
-
-Der riesige schwarze Kolbenwasserkäfer unserer Teiche, den jeder
-sammelnde Schulknabe schon kennen lernt, bewährt diese Kunst zwar noch
-nicht eben an Häusern, aber er hat sich eine Spezialität ausgesucht:
-er ist berufsmäßiger Hersteller von Kinderwiegen. Da auch er ins
-Wasser gegangen ist (an und für sich ist er kein besonders glänzender
-Schwimmer und stammesgeschichtlich ist er auch kein »verwässerter«
-Karabide wie die anderen, besseren Schwimmkünstler dort, die noch
-bekannteren Gelbränder), müssen seine Kinderwiegen aber zugleich
-Mosesschifflein sein, also auf alle Fälle mit Wassertechnik gebaut
-werden.
-
-Seit langem sind diese Mosesschiffchen als eine der niedlichsten
-Naturleistungen bekannt. Der große satansschwarze Kerl treibt im
-werdenden Mutterstande aus Warzen seines Hinterleibes eine zu weißen
-Fäden erstarrende Substanz hervor nach ungefährer Art der Spinne.
-Sonderte er sie bloß ab, so bliebe die Sache beim einfach Organischen,
-wie bei den Taten der Qualle. Aber darin eben bewährt sich nun das
-Prinzip des Selbstbauens, daß der Produzent oder, besser gesagt, die
-Produzentin aus den Fäden sich selber eine hübsche, hinten geschlossene
-Hose um den Hinterleib webt. In dieses Büchschen als Nest legt sie dann
-Ei um Ei, bis deren eine tüchtige Fracht in den sicheren Hosenboden
-hinabgesackt sind. Jetzt läßt sie den Rest des Raumes leer, indem
-sie sich selber ganz herauszieht, an der ledigen Hose wickelt sie
-auch noch die offene Seite mit einem richtigen langen Zipfel zu, und
-das Mosesschiffchen ist fertig. Die Eier im Fond, die Zipfelspitze
-emporgerichtet, so liegt es als kleiner Ballon im Wasser, sei es an
-schwimmenden Blättern verankert oder auch frei schwimmend, aber immer
-doch gestellt, daß es nicht dauernd aus der Balance geschaukelt werden
-kann.
-
-Es ist nur eine Kinderwiege, und wenn er sie vollendet hat, überläßt
-der Käfer sie ihrem Schicksal wie in der Mosesgeschichte. Aber wie
-wenig Arbeit erforderte es mehr: und der gleiche große schwarze Satan
-würde sich aus dieser Hose einen dauernden eigenen Schlafsack bauen,
-oder er würde auch den weiten zu einem großen Unterschlupf im ganzen,
-einem Unterseeboot, in dem er aus und ein gehen und wohnen könnte.
-
-Und warum sollte er, der gewohnheitsmäßig Luft sozusagen stückweise
-in seinen Teichgrund hinabzuholen weiß -- warum sollte er dieses
-unterseeische Haus nicht selber erfüllen mit solcher herangeschleppten
-Luft, tragen lassen durch Luft, wohnlich und bekömmlich für sich machen
-durch angesammelte, darein eingesperrte Luft?
-
-Argyroneta, die Silberumsponnene, heißt sie, die das alles wirklich
-vollbringt, die ihr Mosesschifflein zum silbernen, aus Duft und Luft
-gewebten Nixenhause ausgebaut hat.
-
-Sie gehört einem anderen, uralten Parallelstamme der
-Insektenentwicklung an, der wenigstens in diesem Falle aber recht
-eigentlich als der erfinderische alte Onkel neben dem täppischeren
-Neffen steht. Argyroneta, deren Name wie ein Vers Homer klingt, ist
-nämlich im gleichen Käferteiche unsere kunstreiche Wasserspinne.
-
-Sie steht im Ruf, etwas liebenswürdiger zu sein als andere Spinnen, ihr
-Weibchen frißt das Männchen nicht nach den Flitterstunden auf, wie das
-sonst in diesem Pfui-Spinnenreiche öfters Brauch ist; aber vor allem
-ist ihre Spezialität noch unvergleichlich weit über den Käfer hinaus
-das »Luftfangen«.
-
-Der brave Schildbürger, so hören wir, gedachte das Licht brockenweise
-in einer Mausefalle zu fangen. Das Silberkind vom Spinnenlande weiß das
-in seiner Art wenigstens mit der Luft zu machen, sie sperrt Brocken
-Luft in eine Falle und benutzt sie dann -- als Bausteine. Auch sie
-muß wie der Käfer immer Atemluft mit ins Wasser nehmen, denn auch
-sie ist nur ein zum Nix verzaubertes Sonnenkind von da oben. Solche
-mitgeholte Perle Atemluft ist es, von der ihr Leib immer so wie mit
-Silber umflossen erscheint, wenn sie ihren Nixenteich durchquert. Und
-auch sie hat, ist sie doch nicht umsonst selber Spinne, noch vermehrt
-die Spinnfähigkeit des schwarzen Käfers. Indem sie aber beides jetzt
-kombiniert, schafft sie aus umsponnener Luft sich den wunderbaren
-Baustein ihres Hauses.
-
-Angeklebt an ihre Spinndrüsen, werden mächtige Perlen Luft noch
-unabhängig von der silbernen Atemrüstung von ihr in die Tiefe
-hinabgerissen. Solche Perle aber wird mit dem Klebstoff umfirnißt, vom
-Wasser abgeschlossen, und nun ist sie Baustein. Nun wird an geschützten
-Fleck zwischen Wasserpflanzen Luftstein um Luftstein dieser Art
-hinabgezaubert, vereint und verankert im ganzen, bis das wunderbarste
-Lufthäuslein fertig ist, eine Taucherglocke, aus Spinndunst und
-Luft ätherisch gewebt, an Spinnwebankern ruhend, ein durchsichtiges
-Unterseeboot, das der Silbernixe oder Silberhexe (denn ein böser Räuber
-bleibt sie ja in all ihren Zauberkünsten) nun alles in einem gibt:
-Unterschlupf und die sehr erwünschte ungestörte Schlafkammer, das
-Försterhäuschen, wohin sie ihr Jagdwild bringen kann, ihr Brautgemach
-und in vielen Fällen auch ihre Kinderstube, zu deren Zweck sie noch
-einen besonderen undurchsichtigen Gespinstvorhang über die Kuppel ihres
-schimmernden Kristallhauses hängt. Von diesem verankerten Unterseekahn
-läuft sie seiltänzerisch auf schwindelnden Planken ihrer Spinnfäden in
-die Jagdgründe hinaus, angetan dann mit dem silbernen Hinterhelm ihrer
-Jagdtaucherglocke; zu ihm kehrt sie immer wieder als dem behaglichen
-Heim zurück nach vollbrachter Arbeit. Die Liebespaare aber legen ihre
-Unterseekähne nahe nebeneinander vor Anker und bauen von Kahn zu Kahn
-einen gedeckten Gang -- so wie sich in menschlichem Idyll auf abendlich
-ruhendem Kanal wohl eine Planke von liebender Hand von Apfelkahn zu
-Apfelkahn legt oder vorzeiten die Pfahlbauerliebe sich nächtlich
-in ihrem Einbaum geräuschlos unter den Pfählen des Wasserdorfs
-hindurchstahl.
-
-So wunderbar wie die Meisterin Argyroneta hat die Technik, mit Luft
-Unterseewohnungen zu bauen, keiner mehr erlernt. Auf das Prinzip des
-Bauens mit gefirnißten Luftsteinen sind aber doch mehrere auch sonst
-gekommen.
-
-Die Labyrinthfische, zu denen unsere beliebten Makropoden der
-Aquarienfreunde gehören, haben sie speziell wieder für Mosesschiffchen
-ausgebildet. Obwohl diesmal eigentlich Wasserluft atmende Kiementiere,
-holen sich diese merkwürdigen Fische doch regelmäßig auch Freiluft
-brockenweise von der Oberfläche für besondere Kammern (Labyrinthe)
-neben ihren Kiemenhöhlen herab, und dabei mögen auch sie auf das Bauen
-mit Luftstein geführt worden sein. Es dient ihrer Kinderpflege, indem
-sie große Schaumschiffe aus im Maul herangetragenen Luftperlen, die
-mit einem Firnishäutchen aus Speichel umgeben sind, herstellen. Unter
-diesen am Wasserspiegel ruhenden Luftkähnen legt nun das Weibchen seine
-Eier ab. Meist steigen die Eier schon vermöge eigenen Leichtgewichts
-zum Spiegel empor, sonst hilft das besorgte Männchen nach. Sie müssen
-nämlich nahe zur reichen Sauerstoffschicht oben, sonst gehen sie ein.
-Unmittelbar dem grellen Sonnenlicht dort ausgesetzt, würden sie aber
-wiederum Gefahr leiden, auch leicht Feinden zum Opfer fallen. Und hier
-schützt nun äußerst sinnreich, daß sie von unten gegen das Schaumschiff
-prallen, das sie zugleich festhält und deckt und dessen gefangene
-Luftperlen den Sonnenglanz durch starkes Reflektieren sozusagen wieder
-ausschalten.
-
-Wer aber zum Schluß auch noch fordert, daß der Erbauer selbst mit
-seinem Unterseeboot aus Luft dahinfahre, anstatt es bloß wie einen
-ruhenden Apfelkahn zu verankern, der muß die Blauschnecke Janthina im
-freien Meere aufsuchen.
-
-Blau ist ihr Reich, das sie durchfährt im Meeresblau, blau wie das Meer
-ihre Schale. Aber nicht durch diese blaue Schale fährt sie dahin. Der
-Ballon, an dem sie hängt, ihr luftgewebtes Ballonschiff, ist abermals
-ein mächtiges schwebendes Schaumschiff, das sie sich selber erbaut
-hat, indem sie mit ihrem ungefügen Schneckenfuß (oder was man bei
-Schneckenleibern so nennt) Luftperle um Luftperle gleichsam aus der
-Freiluft herunterschlug und dann ebenfalls mit Schleimkleister ins
-Wasser hinein absperrte und verkittete. Auch ihr dient das Luftboot
-zugleich als Mosesschiffchen, an dessen Unterseite die Mutter ihre Eier
-hängt.
-
-Wir sind wieder am Ort, von dem wir ausgingen. Im gleichen schönen
-Meeresblau wie die Blauschnecke segeln die Quallenflotten mit ihren
-Luftflaschen. Aber was dort Organ war, ist hier eigene Arbeit: das Boot
-aus Luft.
-
-
-
-
-Das älteste Festungstor
-
-
-In unseren Tagen des Weltkriegs ist die Ilias ein aktuelles Buch.
-
-Um eine einzelne Burgstadt wird dort gerungen, und doch weiß der
-Dichter uns den Eindruck zu erwecken, daß es ein Entscheidungskampf der
-ganzen Menschheit sei. Alle Götter beschäftigen sich nur mit Ilion und
-den Griechen, als hinge das Schicksal von Recht und Kultur, von Himmel
-und Erde zuletzt davon ab. Und gerade das ist die ungeheure Stimmung,
-die wir heute verstehen, wo wirklich die ganze Erde brennt, während es
-damals nur um ein paar Mauern und Tore an der Schwelle Asiens ging.
-
-Schliemann hat erst so viel später die Stätte selbst wieder
-ausgegraben, um die der Efeu der Trojasage webte, und es wurde nun
-doch auch ein starkes geschichtliches Bild -- ein Zeugnis menschlicher
-Zähigkeit, die nicht bloß ein Jahrzehnt ausdauerte. Acht- oder neunmal
-haben sie immer wieder eine Burg auf den gleichen, durch eigene Trümmer
-wachsenden Hügel hier gesetzt und ihre Mauern und Tore verteidigt,
-viele, viele Jahrhunderte lang, und dabei auch einmal wohl (wenn auch
-in anderer Schicht, als Schliemann meinte) als wirkliche Trojaner.
-
-Es hat doch immer wieder etwas Bezauberndes, wie der kühne Gräber kurz
-nach dem siebziger Kriege zum erstenmal auf die alten Pflasterplatten
-unter dem Brandschutt seiner »Goldstadt« stieß, nahe dem uralten
-Hause, das ihm den wunderbaren Schatz bot, den er den »Schatz des
-Priamos« nannte; wie er eine lange gespenstische Reihe mannshoher Krüge
-aufdeckte, groß, daß wirklich ein Mensch hineinkriechen konnte, die
-Proviantkammer irgendeiner dieser verschollenen Burgen; und wie er
-dann, dicht vor dem entscheidenden Goldfund, an den Unterbau zweier
-großer Festungstore geriet, in deren jedem noch der lange kupferne
-Riegel steckte, der einst die hölzernen Türflügel gegen Nacht und Feind
-schließen mußte.
-
-Unwillkürlich verweilt die Phantasie bei solchem uralten Tor.
-
-Einerlei, wer nun gerade hier gestürmt hat: an Güte oder Bruch solchen
-Tors hing einmal das Schicksal dieser ganzen Burg, bange Menschenherzen
-schlugen dahinter, ob es halte, rohe Siegesjauchzer schallten, wenn
-es splitterte. Sie ist verbrannt, die Stadt, und ihr Tor muß also
-gebrochen sein. Aber in ihrem Schutt fand Schliemann die scharfkantigen
-Trümmerteile vom Gehäuse eines im ganzen Altertum vielbegehrten
-Tieres, einer Purpurschnecke. In ihrer Weise bewohnt auch solche
-kleine Purpurschnecke eine Burg, deren Tor sie verteidigen muß. Und
-wie man an alten Burgtoren noch die unten offenen »Pechnasen« sieht,
-aus denen siedendes Pech auf die Angreifer herabgeträufelt wurde, so
-überschwemmt auch die gereizte Purpurschnecke ihren Gegner mit einem
-scheußlichen Stinksaft aus ihrem Tor. Er hat aber die Eigenschaft,
-am Lichte trocknend in herrliche Farbtöne auszuklingen, mit denen
-heute noch spanische Fischer ihre Hemden zeichnen, während einst
-hier der schlichte Ausgangspunkt der großen Purpurindustrie lag, der
-diesem eigentlich recht zuwideren Stinkschneckenvolk im alten Byzanz
-sogar einmal den offiziellen Titel der »kaiserlichen Purpurschnecken«
-eingetragen hat.
-
-Er ist nie bis in ihre eigene dämmernde Seele eingedrungen, der pompöse
-Name, und wenn diese Purpurkinder in ihrer schwachen Burg überhaupt ein
-Bild des Menschenwesens führen, so wird es auch nur das eines großen
-Ungeheuers sein, das ab und zu durch ihr Tor will oder ihre ganze Burg
-schleifen will -- wert aller Stinktöpfe dieser Burg. Solches Tier hatte
-aber nicht nur lange vor Schliemanns Goldstadt und ihren Schicksalen
-die Burg und die Pechnasen gefunden in seiner Art. Es hat in äußerst
-kunstvoller Weise, durchaus voraufeilend der Menschentechnik, an
-seine Burgen auch schon gelegentlich Türen gesetzt, regelrechte
-Festungstore, hinter denen es auch in gespannter Sorge stand, wie die
-Helden und Mädchen von Troja, und deren Splittern oder Bestehen auch
-ihm Glück oder Tod bedeutete. Den Weg dazu in höherer Ähnlichkeit zum
-Menschenwerk finden wir allerdings zunächst auch beim Tier nur, indem
-wir den Begriff der Burg selber bei ihm noch etwas vertiefen -- das
-aber können wir leicht.
-
-Das Haus unserer Purpurschnecke ist wohl eine kleine Burg, insofern es
-den weichen Körper hinter einer Art Zementmauer aus kohlensaurem Kalk
-einmauert bis auf die einzige nötige Türöffnung. Aber abgesehen vom
-Material dauern doch noch alle Zeichen dabei des rein persönlichen
-Panzers: es ist nur sozusagen ein steinerner Mauerpanzer, der immer am
-Leibe mit herumgetragen wird.
-
-Auf dieser Stufe blieb indessen die organische Technik der Natur nicht
-überall stehen.
-
-Lebhaft gedenke ich noch daran, wie mir selber einst aus antikem Schutt
-in Syrakus ein solcher Harnisch einer Purpurschnecke in die Hand
-fiel. Ordentlich gespenstisch hauchte es wie noch umgehendes Altertum
-daraus an. Zugleich aber rührten die Finger an eigentümliche lange
-äußere Dornen des Gehäuses, Zinnen gewissermaßen dieser kleinen Burg,
-wie ich sie im großen eben an der Menschenburg von Syrakus gesehen.
-Im Leben des Tieres mochten auch diese spitzen Auswüchse irgendeine
-Hilfe geboten haben neben Kalkwand und Stinktopf. Gerade das aber
-erinnerte lebhaft an ein anderes, nicht direkt molluskenhaftes, aber
-auf ähnlicher Mittelstufe stehendes Geschöpf der gleichen Gewässer, das
-auch in ähnlichem Mauerharnisch steckte und dazu noch diesen ganzen
-Mauerumfang mit dem wirksamsten Stacheldraht überzogen hatte: den
-Seeigel.
-
-Wenn man solchem Seeigel in seiner bekanntesten Gestalt am Seestrande
-begegnet, so erscheint er als das wahre Ideal eines uneinnehmbaren
-kleinen Forts. Es zeigt nicht einmal das große Ausfalltor der
-Schneckenburg, sondern nur winzige Schießscharten, durch die feinste
-Saugfüßchen geschoben werden, wenn es gilt, das starre Fort in eine
-Art beweglichen Panzerautomobils zu verwandeln. Der Stacheldraht
-selber ist bisweilen vergiftet, und zwischen seinen Spitzen sitzen
-perfide Greifzangen, die im kleinen an die Wundermaschinen zum Packen
-der feindlichen Krieger erinnern, mit denen einst Meister Archimedes
-Syrakus verteidigt haben soll. Solcher Seeigel ist selber meist ein
-Räuber, und man ahnt nicht, was seinem so verbarrikadierten Raubnest
-gefährlich werden könnte. Und doch bemerkt man, daß diesen lebendigen
-Stacheldrahtfestungen vielfach ihr Fort allein nicht genügt und daß
-sie danach streben, es noch einmal unter den Schutz einer größeren
-Befestigungslinie zu stellen.
-
-Mit Staunen sieht man die Seeigel an der harten unterseeischen
-Felsküste die Pfade der alten Diluvialmenschen gehen, die sich in
-Höhlen bargen. Diese Urmenschen suchten sich die natürlichen Höhlen
-ihres Landes aus. Die Seeigel, resoluter noch als sie, schaffen sich
-die Höhlen selber erst, indem sie das eisenharte Gestein buchstäblich
-anfressen, aufnagen mit den allerdings auch stahlharten Zähnen ihres
-mächtigen Kauapparats, den man die »Laterne des Aristoteles« nennt.
-Doflein, unserer prächtigsten Tierbeobachter und Tierschilderer einer,
-hat sie am Vulkanfels der japanischen Küste so bei der Arbeit gefunden,
-den Darm noch erfüllt mit den abgefressenen Gesteinssplittern dieses
-ungeheuerlichen Mahls. Ist das verwegene Werk aber geglückt, der Fels
-tunnelartig geöffnet, so fahren sie mit ihrem Panzerautomobil erst
-als zu ihrer fortan eigentlichen Schutz- und Trutzburg ein. Wer aber
-sind die Eroberer, die solche Stachelkugel zu solcher Doppelverwahrung
-zwingen könnten?
-
-Hier beginnt das Kapitel von der vielleicht schrecklichsten Waffe der
-ganzen Natur.
-
-Wir kehren noch einmal zur Schnecke selbst zurück. In der gangbaren
-Meinung ist Schnecke wie Muschel das harmloseste, hilfloseste Wesen,
-das weder Mensch noch Mittier zu schaden vermag. Als es einmal hieß,
-Hollands ganzer Schutz, das Holz seiner Dammpfähle, sei vom Bohrwurm
-(in Wahrheit einer Bohrmuschel) bedroht, konnte man mindestens im
-ersten Punkte doch stutzig werden. Ähnliche Bohrmuscheln wühlen aber
-nicht bloß im Holz, sondern sie graben auch ganz nach Seeigelart Höhlen
-in den härtesten Stein. Berühmt sind die antiken Säulen von Pozzuoli
-bei Neapel, die vermutlich einst aus einem Fischbassin ragten und
-damals an der Basis von solchen zähen Bohrern tief durchlöchert worden
-sind. In der Regel wird auch hier einfach mechanisch geraspelt. Wo aber
-reiner Kalkstein beliebt, da taucht noch ein unheimlicheres Mittel auf.
-
-Das Molluskentier sondert eine scharfe Säure ab, die den Stein
-unmittelbar anätzt, löst, sozusagen chemisch verbrennt. Wir wissen,
-was das für Säuren sein müssen, denen selbst der Kalkstein einer
-Marmorsäule unterliegt, etwa Schwefelsäure. Vor rund sechzig Jahren
-hat der Bonner Zoologe Troschel denn auch zuerst festgestellt, daß
-gewisse Schnecken in ihrem Speichel in der Tat freie Schwefelsäure
-ausspritzten, so stark, daß sie den Marmor italischer Fußböden angriff.
-Eine kühne Sache, aber ein glänzendster Kunstgriff der Natur für ein
-Tier, das Felsen anbohren sollte. Gewisse Bohrmuscheln bewähren's denn
-auch, und gern möchte man es dem Seeigel drüben selber so gönnen. Aber
-gerade hier mischt sich ein neuer, überraschender Gedanke ein.
-
-Wenn der schönste bunte Cipollinmarmor der himmelragenden Säule, die
-sonst der Jahrtausende spottet, machtlos zerfällt, verbrennt vor
-der Schwefelsäurespritze des Molluskentieres -- wie hoffnungslos
-muß solcher furchtbaren Chemie die gewöhnliche Panzerwand eben auch
-des Seeigels verfallen sein, die doch auch ihre Stärke nur in der
-Kalkeinlage hat. Wie Wachs an der Sonne müßten ihre Platten vor einem
-Angriff dieser Art dahinschmelzen, die wehrlose Blöße des Insassen
-nackt offenbarend. Nun aber wissen wir: die vom Molluskenvolk sind
-keineswegs auch im Verhalten zu ihren Mitvölkern da unten alle sanfte
-Lämmer. Gewaltige Schnecken, jene allbekannten, oft als Kriegstrompeten
-verwendeten Tritonshörner, Ungetüme von selber schier uneinnehmbarer
-Burg, haben sich der Schwefelsäurespritze wirklich bemächtigt, nicht
-als harmloser Technik zum Einbrennen in den Fels, sondern als einer
-verheerenden Waffe.
-
-Alle schauerlichsten Sagen kommen kaum gegen das Bild auf, das hier
-entsteht: der Drache, der mit seinem sengenden Atem und Geifer Wald
-und Haus verheert -- die Teufelsspinne, die sich dem Ritter durch den
-Helm bis ins Hirn brennt. Unerbittlich, wo sie ihm im freien Wasser
-begegnen, halten diese Schwefelsäuredrachen den auf seinen Saugseilen
-und beweglichen Stacheln kunstvoll heranbugsierten Panzerwagen des
-Seeigels an, begießen ihn mit ihrer infamen Säure, öffnen die angeätzte
-Stelle vollends mit der Raspel ihrer Zunge und fressen den armen
-nackten Passagier heraus. Und auf der Flucht vor diesen Scheusalen
-geschah es also, daß die Seeigel sich noch einmal in besonderen
-Höhlenburgen wie in gesicherten Automobilschuppen zu bergen begannen,
-bereit, lieber harte Steinsplitter zu zerkauen, als sich dauernd den
-chemischen Stichflammen der Schwefeldrachen preiszugeben.
-
-Sobald aber Tiere in künstliche Höhlen einfuhren, mußte auch das
-Problem gegeben sein, die Höhle durch eine künstliche Tür beliebig
-abzuschließen.
-
-Den Diluvialmenschen wird das früh bewegt haben, wenn draußen der
-grimme Höhlenlöwe durch die Nacht brüllte. Der halbtierische Zyklop
-bei Homer wälzt wenigstens einen rohen Steinblock vor. Freilich, der
-Seeigel selber hat's noch nicht. Wenn man ihn herausziehen will, stemmt
-er sich mit aller Gewalt seines beweglichen Stacheldrahts gegen die
-Höhlenwände, als müsse das genügen. Aber er so gut wie die Schnecke
-haben ihren eigenen Leibespanzer doch aus Kalkmaterial körperlich
-selber aufgebaut, sozusagen ausgeschwitzt. Nun sitzt der Panzer noch
-einmal im Überpanzer, dem engen Höhlenhals. Sollte einer da drinnen
-nicht ebenso, wie die Schwefelsäureschnecke nach außen ins Fremde
-hinein zerstören konnte, so nach außen ins Fremde auch etwas weiter
-aufbauen? Etwa auch etwas absondern, das zeitweise den verdächtigen
-Höhleneingang ganz zubaute?
-
-Am eigenen Häuslein kennt die Schnecke ja schon so etwas auf
-Widerruf. Nach zwei Methoden. Bald scheidet sie für ihre ungestörte
-Winterschlafzeit oder auch allzu dörrende Wüstenhitze einfach eine
-provisorische, wieder lösbare spanische Wand vor ihrer Schalentür
-aus ähnlichem Kalkschleim ab, wie er die Schale selbst erzeugt hat.
-Oder sie verwertet ein altes Schildbürgerprinzip: wie der dort
-sich ein Stück Blech in den Hinterboden der Hose als die im Kampf
-gefährdetste Stelle einnähen ließ, so führt sie vorsorgend schon ein
-hartes Schildstück in ihren sonst weichen Fußrücken, und das klemmt sie
-gegebenenfalls einfach wie ein Monokel in die Türrundung.
-
-Zunächst das letztere Prinzip hat dann mehrfach Freunde gefunden.
-Bekanntlich lieben es manche Krebse, sozusagen auf Raub und Schummel
-sich nachträglich in leere Schneckenhäuser einzunisten. Solche
-Aftermieter bevorzugen nun auch, so gut es ihnen gegeben ist (sie
-können nicht so leicht Kalk sabbern wie der echte Hausherr, die
-Schnecke), die Schildbürgermethode -- sie klemmen, oft doch auch höchst
-kunstgerecht, ihre Scheren und Beine in die ledige Türöffnung, zum
-Zeichen, daß sie nicht zu sprechen sind, und es langt auch so.
-
-Aber in der selbstgegrabenen Burghöhle wird diese Methode doch schon
-schwerer. Gehen muß sie im Notfall ja auch. Bei den Kolobopsisameisen,
-die in hohlen Zweigen wohnen, muß stets ein treuer Soldat des Volkes
-sich mit dem vorne genau abgestutzten Dickkopf wie ein Pfropfen in die
-Tür zum Bau klemmen, wobei der lebendige Verschluß so gut paßt und
-in Farbe und Rauhigkeit der Oberfläche so genau von außen die Rinde
-fortsetzt, daß so leicht keiner hier eine Tür überhaupt ahnt. Bei einer
-Spinne (~Cyclosoma~), die sich senkrechte Erdschachte gräbt, wird gar
-das eigene Hinterteil so benutzt, das, aufgeblasen und dann ganz jäh
-völlig platt abgeschnitten, eine Art natürlichen Sektpfropfens bildet.
-
-Aber wenn schon die Höhle ein selbstgefertigtes Fremdding an sich
-sein soll, wieviel besser wäre es, auch diese äußerliche Höhlentür
-wäre zuletzt wieder ein Fremdwerk, erst zweiter Hand aus irgendeinem
-gegebenen Material gezimmert. Und diese letzte praktische Folgerung
-hat endlich die sogenannte Minier- oder Tapezierspinne (Nemesia- und
-Cteniza-Arten Südeuropas) im Bann der Entwicklung gezogen. Sie gräbt
-sich Schutzschachte horizontal in Abhänge hinein, vor allem auch als
-wohlverwahrte Kinderstuben. Hier hat es Zweck, die Tür hinter sich zu
-schließen, auch wenn sie selber ausgeht. Ihre große Naturtechnik ist
-aber das Spinnen. Mit dichter Spinnseide hat sie schon den Schacht
-selber wie mit einer Tapete, die dem Abbröckeln der Wände wehrt, ganz
-ausgeklebt. Was kann es dieser Meisterin verschlagen, auch einen
-kreisförmigen Vorhang zu weben, der den Eingang deckt. Aber sie webt
-ihn nicht ganz zu, sie schafft ihn als lose bewegliche Platte, die
-bloß oben in einem Scharnier hängt. Sie webt Erde darein, so daß er
-selber auch als Tür von außen das Loch nicht verrät. Und sie klappt den
-Deckel auf, wenn sie hinaus will, hinter ihr fällt er an dem schrägen
-Hang dann von selber wieder zu. Ist sie aber daheim, so wendet sie für
-den, der doch das Versteck entdeckt hat, die gleiche Art noch obenein
-an wie jene Ameisenwache: sie krallt ihre Klauen in kleine Löcher der
-Türfüllung, stemmt sich fest im Schacht auf und hält krampfhaft die
-Pforte zu.
-
-Es fehlte bloß noch, daß sie einen Riegel vorschöbe, so wären wir ganz
-wieder in Troja ...
-
-
-
-
-Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan
-
-
-Zwei neue volkstümliche Heldentypen hat uns der Weltkrieg geschenkt:
-den Luftfahrer und den Unterseebootfahrer.
-
-Bisher hing an beiden etwas sozusagen Wissenschaftliches, wie meist
-zuerst bei neuer Technik. Jetzt sind sie in die Romantik der Volksseele
-eingewachsen: junge Prachtgestalten in der Überfülle sehniger Kraft,
-mit eisernen Nerven, die, mit der Kinderruhe des Selbstverständlichen
-im blauen Auge, das Unmögliche möglich machen, leuchtend siegen und,
-wenn es sein muß, leuchtend untergehen. Die Liebesliteratur der Folge
-wird sie finden, wenn sie einen modernen Helden braucht.
-
-Bei uns wird eben Technik, was sonst Märchenzauber war. Die Sage
-hat sie ja zu allen Zeiten und bei allen Völkern schon gehabt, die
-Wunderbaren, die zwischen uns traten und freiten bloß wie ein schöner
-Mensch -- die aber plötzlich sich dann wieder aus dem Arm der Liebe
-lösten, ihr Schwanenkleid anzogen und durch die Lüfte davonfuhren oder
-als Nix in den dunkeln Wassern untertauchten.
-
-Wieder in der Sage selbst aber lag es wie ein tiefes Erinnern, daß
-der Mensch, Geisteskönig dieser Welt, eigentlich auch das alles
-beherrschen, besitzen müsse in geweihter Stunde, was Fisch und Vogel
-bereits einmal hatten. Aber nur einzelnen Auserwählten gelang es. Den
-anderen blieb nichts als unendliche Sehnsucht, wenn der Schwanenritter
-auffuhr oder Melusine wieder versank. So enden auch die Liebesmärchen
-von diesen Wundermenschen neuer Elemente durchweg tragisch -- das
-Element, dessen Grenze kühn überschritten war, trennt die Liebenden
-doch wieder zuletzt, und der Verlassene bleibt der Erde, wenn der
-andere wieder in seine Wolken oder Wellen kehrt.
-
-Ich weiß nicht, ob es irgendwo eine Sage gibt, wo der Flieger eine Nixe
-liebt -- das Wunderbare das Wunderbare selber; es müßte aber, meine
-ich, wohl eine besonders traurige Geschichte sein von Himmel und Tiefe,
-die unmöglich dauernd zueinander können. Und doch hat ihn die Natur
-auch schon einmal verwirklicht, diesen kühnsten Traum ...
-
-Wenn vor dem grauen Nebelhimmel heute eine Schar Wildgänse hoch über
-uns dahinsteuert -- zu jener charakteristischen Keilform geordnet,
-von der auch unsere Aviatiker sagen, daß sie bei einer Fliegergruppe
-hinter einem Leitflieger die einzig richtige zur Vermeidung des
-Luftwirbels vom Vordermann sei --, oder wenn im tiefen grünen Rhein
-die Pilgerschaft der Lachse still hinauffährt vom fernen Meer bis zum
-ragenden Alpenfels, -- so wissen wir wieder, wie sie früh schon bei
-Aeroplan und Unterseeboot angelangt war, diese proteisch schaffende
-Natur. Und wo ihr einer großer Lebensinhalt unerbittlich waltet, der
-harte Daseinskampf, da gewahren wir auch, wie solches natürliche
-Luftboot gelegentlich mit dem natürlichen Wasserboot sich wenigstens
-begegnet im Zusammenstoß solcher Fehde.
-
-Auf dem sonnenüberglänzten märkischen See vor meinem Fenster ist es
-mir ein alltäglicher Anblick, wie eine der großen schwarzgrauen Krähen
-urplötzlich ihr gespenstisches Naturluftschiff wie einen Stein lotrecht
-auf die Wasserfläche herabsausen läßt, um dann beim Wiederaufsteigen im
-Schnabel weithin leuchtend den weißen Unterseebootskiel eines Fisches
-in die Lüfte zu entführen. Nicht immer läuft das so einseitig glücklich
-ab. Wiederholt hat man alte starke Karpfen oder Hechte gefangen, die
-im Rücken eingewachsen die eisenharten Klauen des Fischadlers trugen:
-das Boot des Fisches hatte hier, rechtzeitig noch untertauchend, das
-Flugzeug des Vogels an seiner Harpune mit in die Tiefe gezogen und dann
-mit der wunderbaren Heilkraft der Natur das furchtbare eigene Leck
-wieder ausgeheilt.
-
-Um aber auf meine Liebesgeschichte zu kommen, so muß ich zuerst ein
-Wintermärchen erzählen. Es ist kurz und spielt im Apfelbaum.
-
-In der eisigen Dezembernacht, wenn sonst alles Kerbtiervolk zur
-Rüste gegangen ist, zeigt sich dort die seltsame Cheimatobia, der
-Frostschmetterling. In schwankendem Aeroplan von unscheinbarem Grau
-umkreist er die kahlen Stämme wie der abgeschiedene Geist dieser frohen
-Sommerkinder vom Falterreich, der in den kalten Tartarus verbannt
-ist. Er -- wohlverstanden aber nur er, der Liebhaber. _Sie_ hat kein
-Flugzeug. Sie ist ein armselig verkümmertes Wesen in dem Punkt,
-das in solcher Nacht des Frostes und der Naturöde auf den eigenen
-Zappelbeinchen irgendwo an einem Stamm emporklettern mußte. Da sitzt
-es nun und wartet geduldig, bis der Schwanenritter aus dem Dunkel
-auftaucht und zu ihm niederschwebt.
-
-Wie er es überhaupt finden mag? Die Natur hat ja für solche
-verwickelten Wege ihres Liebeslebens so manchen raffinierten
-Ariadnefaden. Bei unseren niedlichen Glühwürmchen, jenen kleinen
-Käfern, wo auch der Jüngling auf etwas unbeholfenem Aeroplan das
-Luftmeer durchkreuzt, während die ungeflügelte Maid ohne Schwanengürtel
-an der Küste ihres Moosbodens seiner harren muß, stellt diese Maid
-ein natürliches Lämpchen bei sich heraus wie Hero ihrem nächtlich
-anschwimmenden Leander. Die Sage ist nicht so kühn gewesen, im
-letzteren Falle ihrem schönen Mädchen Locken zu verleihen, die so
-süß dufteten, daß sie allein in finsterer Nacht den Weg über den
-Hellespont hätten weisen können. Zu solcher Wirkung denken wir uns kein
-schönes Mädchen mehr, sondern es müßte wohl schon ein ganzes Land voll
-aromatischer Düfte sein, wie man die blühenden Küsten der tropischen
-Gewürzländer oder gewisser Mittelmeerinseln tatsächlich schon über das
-Meer hin riecht, ehe die Feste selber sichtbar wird. Und doch tut's
-gerade bei Schmetterlingen wirklich schon das schöne Mädchen allein.
-Auf zwei Kilometer weit, über alle Qualmfabriken, Wurst- und Käseläden
-einer ganzen Stadt hinweg (weiß Gott, was das besagen will!) lockt der
-Duft gefangen gehaltener Pfauenaugenmädchen die jungen Bewerber heran,
-wie ganz einwandfreie Beobachtungen festgestellt haben. Und so wird
-wohl auch die verliebte Cheimatobia der Winternacht ihren heimlichen
-Magnet haben.
-
-Aber diese ganze Winterliebe zwischen Erdenmädchen und Luftfahrer
-bildet doch nur ein schüchternes Vorspiel zu dem, was in abgeschiedener
-Stille deutscher Gewässer, wo nächtlich die Sterne sich im schwarzen
-Grunde spiegeln und schwankes Wasserkraut, wie bewegt von unsichtbaren
-Nixenhänden, mit der dunklen Strömung auftaucht und wieder versinkt,
-das einzigartige Tier Acentropus vollbringt. In gewissem Sinne das
-wunderbarste Geschöpf unserer ganzen Heimat! Wenigen erst ist es
-vergönnt gewesen, bisher einen Zipfel vom Schleier seiner Geheimnisse
-zu lüften, so unter anderen Zeller und unserem trefflichen Stuttgarter
-Meister Kurt Lampert, die ihr Studienmaterial an besonders bedeutsamem
-deutschen Fleck fanden.
-
-Solange wir Menschen von Luftschiffahrt singen und sagen werden, so
-lange wird uns der Bodensee in der Erinnerung ein geweihtes Stück Erde
-bleiben. Den alten Reiter traf der Schlag, weil er sich versehentlich
-über das Eis gewagt. Den bewußten Menschengeist, der sich gerade hier
-selbstwillig zum erstenmal durch die freie Luft gesteuert, hat kein
-Schlag beirren können. Viele Jahrtausende aber, ehe der ungeheure
-Schatten des ersten Zeppelin über diesen schönen Sonnenspiegel ziehen
-sollte, ist hier wohl schon ein kleiner Schmetterling vom Volk der
-Zünsler oder Lichtmotten zu verborgener Nachtstunde in seiner Weise
-nahe dem Wasser hin mit lenkbarem Luftschiff gefahren -- nach jener
-uralten Weise, die das schwache Insektengeschlecht einst in den Sümpfen
-der Steinkohlenzeit sich mit kühner Neuerung errungen, indem es
-plattenartige Anhängsel seines Brustrückens zu mächtigen Luftrudern
-ausgestaltete. Er ist dahingefahren und hat etwas gesucht -- auch er
-ein Schwanenritter -- eine Braut, die gleich dem Mädchen im Apfelbaum
-selber nicht fliegen konnte. Aber was irrt er gerade über den Wassern
-dabei herum?
-
-Es hat immer etwas Rührendes für den Menschen, auch das einfachste
-Gemüt, gehabt, wenn er weitab vom Lande auf grauer Wasserwüste solchem
-einsam verflatterten Schmetterling begegnete. Dem Seefahrer erschien
-er wie ein Gruß aus der Heimat, aber zugleich auch als ein armer
-Verirrter, den das Spiel der Winde ins Verderben trieb. Lenau, dessen
-düsterer Geist hier ein Sinnbild des eigenen zerrissenen Lebens sah,
-verglich ihn auf solcher Fahrt einem verwegenen Denker, der sich dem
-Tode voraus ins »Geistermeer« gewagt und nun in der Wüste verloren
-gehe, »von wannen keine Wiederkehr«.
-
-Aber keinem dort ist wohl je der Gedanke gekommen, daß der zarte
-Luftfahrer auf seinen zitternden Flügelchen wirklich da draußen etwas
-suchen könne -- in den Wassern selber, über die er mühsam steuerte.
-Der Schwanenjüngling Acentropus über seinem nächtlich stillen Bodensee
-aber sucht wirklich und wahrhaftig eben in den Wellen unter sich nichts
-Geringeres als seine in ein anderes Element verzauberte Braut.
-
-Der Naturspuk hat sie ihm, dem Luftkinde, dem Flieger, verkehrt in
-ein ewiges Wasserkind, eine Nixe. Diesmal geht der Gegensatz nicht
-bloß darauf, daß das geflügelte Männchen eines Schmetterlings
-ein ungeflügeltes Weibchen suchen muß. Sondern wenn der männliche
-Acentropus ein regelrechter Luftschmetterling gleich anderen ist, so
-ist, mag es noch so unglaublich klingen, sein zugehöriges Weiblein
-der einzige bisher bekannt gewordene Fall eines Wasserschmetterlings
--- eines regelrechten Unterwasserschmetterlings. Fisch und Vogel,
-Unterseeboot und Aeroplan, Nix und Schwanenritter -- und diese
-Gegensätze verteilt auf ein Liebespaar der gleichen Art!
-
-Vom Wesen eines Schmetterlings, der unter Wasser lebt, sich ein Bild zu
-machen, ist ja schon an und für sich ein gewisses Kunststück. Von der
-ersten bis zur letzten Stunde seines Daseins haust das Nixenweibchen
-vom Hause Acentropus ausschließlich in seinem Kristallschloß der
-Wassertiefe. Nie verläßt es sein feuchtes Reich, auf nichts anderes
-versteht es sich als auf das Wasser. Im Wasser ist es selber aus seinem
-Puppenschrein gekrochen. Wenn der gewöhnliche Schmetterling da oben
-im rosigen Licht, irgendein Admiral oder Fuchs, aus der Puppe kommt,
-so sind seine Aeroplanflügelchen ja auch zuerst noch eingefaltet und
-feucht und er muß abwarten und proben, bis er sozusagen »trocken hinter
-den Ohren« ist, dann aber schwingt er sich frei davon und freut sich
-ihres prächtigen Tragens. Die Schmetterlingsnixe braucht das alles
-nicht. Ihre verkümmerten Flügel werden überhaupt nie trocken und reif.
-Mit den Vorderbeinchen hält sie sich an Wasserpflanzen fest, ganz wie
-das Frostmädchen an seinem Apfelbaum, während sie die anderen stark
-befiederten Glieder beständig wie kleine Schaufelrädchen lebhaft
-schwingend bewegt.
-
-Und wie sie es geworden, so werden auch ihre Kinder zunächst alle
-wieder echte Nixenkinder. Unter dem Wasserspiegel im Kristallreich
-der Mutter kriechen sie als niedliche Wasserräupchen aus den
-Eiern, leben in kleinen Gehäusen aus Wasserblättern, denen die
-untergetauchte Pflanze selber Luft gibt, und schlafen ihre Puppenzeit
-in wohlverankerten, schön silberglänzenden, da auch mit Luft erfüllten
-Mosesschifflein aus eigenem Seidengewebe aus.
-
-Dann aber kommt das Wunder im Nixenreich.
-
-Aus solcher Nixenpuppe steigt, wenn es ein Töchterchen werden
-soll, ganz folgerichtig weiter auch wieder ein der Mutter gleicher
-Wasserschmetterling, eine Nixenbraut, die in der Tiefe verharrt. Da,
-dort aber ringt sich etwas ganz anderes vor: jeder Jüngling erscheint
-wieder mit dem alten stolzen Schwanenkleide seines Stammes. Sogleich
-strebt er auch aus dem Nixengrunde wieder in die freie Lufthöhe hinauf.
-Er entfaltet dort die Ruderflügel seines schönen natürlichen Aeroplans
-und könnte nun fern dahinschweben, den Sonnenhalden seiner entfernteren
-Brüder am Lande zu, weitab vom vergessenen Storchteich der Nixenheimat.
-Und doch sehen wir auch ihn diesen Weg nicht ganz einschlagen.
-
-Ein dunkler Bann scheint ihn auch jetzt doch noch an die Nähe des
-Wasserspiegels zu fesseln wie jenen Geisterschmetterling Lenaus.
-Sein Leben ist kurz. Und doch steckt in ihm noch der große Sinn, dem
-alles Schmetterlingsdasein zu tiefst geweiht ist: die Liebe. Aber die
-Nixenmädchen seines Volkes sind ja im Kristallgrunde verblieben. Und
-das nun bestimmt unabwendbar auch des freien Luftfahrers Tun. In den
-kurzen Abendstunden, die ihm nur vergönnt sind, muß auch er rastlos
-über dem verlassenen Kinderteiche schweben, ob nicht doch eine solche
-Nixe irgendwo auftauche.
-
-Und sie schwimmen in solcher Feierstille der Nacht wirklich dicht zur
-Oberfläche heran, die Nixenmädchen, auch sie im dunkeln ererbten Wissen
-des Naturwillens, daß für ihr Geschlecht umgekehrt die Liebe von oben,
-aus den Himmeln niedersteige.
-
-Und nun vollendet sich, was sonst nur der wilde Kampf vollbrachte, im
-Frieden der Liebesharmonie.
-
-Das Unterseeboot taucht zur äußersten Grenze seines Wasserbereichs. Der
-Aeroplan senkt sich bis hart auf den Spiegel. So im Kuß der Elemente
-finden sich die Liebenden.
-
-In der Sage steigt Perseus auf seinem Flügelpferde herab und erlöst
-die am Felsen über den Wassern angekettete Braut. Oder in der anderen
-taucht Leander aus den Wassern zu seinem schönen Mädchen Hero empor.
-Hier aber vermischen sich alle Legenden. Hero selber taucht aus dem
-Hellespont, und zu ihr nieder senkt sich im Mondlicht der Schatten des
-Flügelreiters.
-
-Aber im Märchen von der schönen Melusine stirbt auch der Ritter zuletzt
-im Nixenkuß zur Sühne einer freventlichen Störung des Geheimnisses
-im Bund der fremden Elemente. Der strenge Geschichtschreiber der
-Natur vermerkt hier, daß auch im Hause Acentropus bisweilen, wenn
-auch ungewollt, der Nixenleib bei jäher Störung der verschwiegenen
-Liebesstunde den kühnen Flieger ganz in die Wasser hinabziehen soll,
-also daß der Liebhaber elendiglich ertrinken muß. Auch die Natur
-scheint der Tragik der vertauschten Elemente also ihren Tribut zu
-zahlen ...
-
-Und vielleicht hat gerade die Gefahr, die hier liegen könnte, den
-Naturwillen oder die Naturzüchtung (wie man's nun ausdrücken mag --
-Menschenausdruck bleibt ja immer nur Stückwerk) noch zu dem letzten
-Wunder genötigt, das uns Acentropus zeigt.
-
-Zu gewissen, angeblich genau geregelten Zeiten entwickelt dieser
-seltsamste Schmetterling nämlich neben den geflügelten Männchen
-_zwei_ verschiedene Sorten von Weibchen, von denen die eine ebenfalls
-beflügelt und zur freien Luftfahrt und reinen Aeroplanliebe geeignet
-ist. Zu den regelrechten Nixenmädchen und Schwanenrittern erscheint
-diese Nebengeneration wie eine Art hilfsweisen dritten Geschlechts.
-Aus den Puppenwiegen steigt mit ihr eine bestimmte Anzahl bevorzugter
-Bräute auf, die regelrechte Walküren sind, auf ebenso schönen
-Aeroplanflügeln sich emporschwingen können wie die Schwanenritter
-selbst und nunmehr in freier Seeluft hoch über den Wassern ihre Helden
-vom gleichen Element suchen und finden mögen.
-
-Es ist, als gehe hier auch durch das wilde Naturmärchen der
-Schatten der Erlösung, der den Frosch doch wieder zum Prinzen, den
-Nixenschmetterling wieder zum Luftfahrer befreit ...
-
-Wir aber beugen uns vor den Schauern und Geheimnissen dieses Alls,
-das immer groß bleibt, ob Du nun zu flammenden Sonnen gehst oder zu
-der Liebesnacht eines Schmetterlings auf stillem See -- und aus dem
-immer etwas klingt -- -- etwas klingt -- -- -- als wenn es in unseren
-innigsten Träumen wäre -- und doch auch im kältesten Raum da draußen
--- -- -- etwas, von dem wir aber eigentlich noch kaum angefangen
-hätten, es zu begreifen -- --
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
- Korrekturen:
-
- S. 63: konnte → könnte
- Hier {könnte} ein sehr respektables Organ
-
-
-
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-
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- The Project Gutenberg eBook of Von Wundern und Tieren, by Wilhelm Bölsche.
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-
-The Project Gutenberg EBook of Von Wundern und Tieren, by Wilhelm Bölsche
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
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-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
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-
-Title: Von Wundern und Tieren
- Neue naturwissenschaftliche Plaudereien
-
-Author: Wilhelm Bölsche
-
-Release Date: September 16, 2017 [EBook #55559]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON WUNDERN UND TIEREN ***
-
-
-
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-<div class="transnote">
-<p class="h2">Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Das Original ist in Fraktur gedruckt.
-Im Original gesperrter Text ist <em class="gesperrt">so ausgezeichnet</em>.
-Im Original in Antiqua gesetzter Text ist <em class="antiqua">so markiert</em>.</p>
-
-<p>Weitere Anmerkungen zur Transkription finden sich
-am <a href="#tnextra">Ende des Buches</a>.</p></div>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/cover.jpg" alt="Cover" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="h2">Von Wundern und Tieren</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-
-<p class="center">Von <em class="gesperrt">Wilhelm Bölsche</em> erschien früher im gleichen Verlage:</p>
-
-<p class="h2">Stunden im All.</p>
-
-<p class="center">Naturwissensschaftliche Plaudereien.</p>
-
-<p class="center">11. u. 12. Auflage. Geb. M 14.&ndash;</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h1>Von<br />
-Wundern und Tieren</h1>
-<p class="center">
-Neue naturwissenschaftliche Plaudereien</p>
-<p class="center smaller">
-von</p>
-<p class="h2">Wilhelm Bölsche</p>
-<p class="center">
-10. bis 12. Auflage</p>
-
-<div class="figcenter">
-<img src="images/signet.png" alt="Signet" />
-</div>
-
-<p class="center">
-Deutsche Verlags-Anstalt<br />
-Stuttgart und Berlin 1920</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<p class="center">
-Alle Rechte vorbehalten</p>
-<p class="center antiqua">Copyright 1915<br />
-by Deutsche Verlags-Anstalt.<br />
-Stuttgart</p>
-<p class="center">
-Druck der Deutschen Verlags-Anstalt<br />
-in Stuttgart</p>
-<hr class="chap" />
-</div>
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Inhalt">Inhalt</h2>
-</div>
-
-<table summary="Inhalt">
-<tr>
-<td></td>
- <td class="tdr">Seite</td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau</td>
- <td class="tdr"><a href="#Eine_Raeubergeschichte_aus_dem_Termitenbau">1</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Amadinens illuminierte Kinderstube</td>
- <td class="tdr"><a href="#Amadinens_illuminierte_Kinderstube">12</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Vorfahren des Schmetterlings</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Vorfahren_des_Schmetterlings">21</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Kampf um den Maulwurf</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Kampf_um_den_Maulwurf">30</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das unheimliche Gila-Tier</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_unheimliche_Gila-Tier">42</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die drei Augen der Blindschleiche</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_drei_Augen_der_Blindschleiche">51</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Neues von den Wundern des Olm</td>
- <td class="tdr"><a href="#Neues_von_den_Wundern_des_Olm">59</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die unsterbliche Amöbe</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_unsterbliche_Amoebe">70</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Goldene Tiere</td>
- <td class="tdr"><a href="#Goldene_Tiere">82</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Liberia und das seltenste Tier auf der Briefmarke</td>
- <td class="tdr"><a href="#Liberia_und_das_seltenste_Tier_auf_der">92</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches Tier</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Waldrapp_ein_verschollenes_deutsches">102</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Gespensterzug der Lemminge</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Gespensterzug_der_Lemminge">111</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Entdeckung von Landwirbeltieren ohne Lunge</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Entdeckung_von_Landwirbeltieren">121</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Vliesigel_das_seltsamste_Tier_Neuguineas">131</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Tendaguru und der Rekord der Saurier</td>
- <td class="tdr"><a href="#Tendaguru_und_der_Rekord_der_Saurier">143</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Der Schatz von Halberstadt</td>
- <td class="tdr"><a href="#Der_Schatz_von_Halberstadt">154</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Sirenen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Sirenen">164</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Entdeckung des Riesenklippdachses</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Entdeckung_des_Riesenklippdachses">175</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Mammutschnitzer von Predmost</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Mammutschnitzer_von_Predmost">184</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Die Furcht vor dem Menschen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Die_Furcht_vor_dem_Menschen">195</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze ein Schnippchen schlug</td>
- <td class="tdr"><a href="#Wie_das_Tier_der_fleischfressenden_Pflanze">206</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Tiere als Schützen</td>
- <td class="tdr"><a href="#Tiere_als_Schuetzen">216</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere</td>
- <td class="tdr"><a href="#Unterseeische_Schiffsangriffe_durch_Tiere">226</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Aus der Flottenkunst der Tiere</td>
- <td class="tdr"><a href="#Aus_der_Flottenkunst_der_Tiere">235</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Das älteste Festungstor</td>
- <td class="tdr"><a href="#Das_aelteste_Festungstor">256</a></td>
-</tr>
-<tr>
-<td>Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot und Aeroplan</td>
- <td class="tdr"><a href="#Eine_Liebesgeschichte_zwischen_Unterseeboot">266</a></td>
-</tr>
-</table>
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<h2 id="Vorwort">Vorwort</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es ist über hundert Jahre her, da kam Alexander
-von Humboldt von seinen Orinoko- und Kordillerenfahrten
-zurück, aller Wunder der Tropenlandschaft voll
-und wie verklärt von der ungeheuren Schau auf die Herrlichkeiten
-der Natur an einer ihrer irdisch größten Stellen.
-Daheim aber brannte der Krieg in roten Flammen zum
-Himmel. Eisern lag die Hand der Fremdherrschaft auf
-seinem deutschen Volke, und nur ein neuer furchtbarer
-Kampf verhieß, sie zu brechen. Damals erschienen dem
-edeln Manne gegen den Sturm dieser Stunde seine Urwälder
-und Tiere, bei denen er so lange gelebt und mit
-denen er so manches Abenteuer ausgefochten, plötzlich
-wie ein fernes blaues Reich des Friedens. Und so widmete
-er das wundervolle Werk, das er schrieb, die »Ansichten
-der Natur«, den bedrängten Gemütern, deren
-Sehnsucht nach den Bergen ging, wo nach den Worten
-des Dichters die Freiheit wohnen sollte und der Hauch
-der Grüfte nicht in die reineren Lüfte drang. Die kleinen
-Naturskizzen meines Büchleins hier sollen selbstverständlich
-nicht mit den Blättern Humboldts verglichen werden,
-die heute mit Recht für klassisch gelten. Höchstens, daß
-man eben an ihnen sehen kann, wie leicht es uns heute
-gemacht ist, von der Natur zu erzählen, nachdem solche
-Vorbilder uns den Weg gewiesen haben. Aber mein
-Büchlein fällt äußerlich in eine ähnliche Zeit. Wieder
-ist der Himmel blutesrot, und noch ganz anders als damals
-ringen wir um das Wurzelrecht und Kronenrecht
-unseres Volksbaumes. Fast ist die Stunde zu groß sogar
-für das Eingeständnis der Sehnsucht im bedrängten
-Gemüt. Dennoch meine ich, es trifft etwas zu, das
-wohl auch Humboldt meinte. Selbst im furchtbarsten
-eigenen Kampfe hat der Blick auf die große unerschütterliche
-Ewigkeitslinie der Natur eine beruhigende Macht.
-Gewiß, daß kein größeres Wunder ist als der Mensch
-selbst. Aber wenn aus diesem Wunder so die dämonischen
-Züge glühen wie heute, so sucht der Gedanke
-das Rätsel der Natur, das uralte, &ndash; und er fühlt in
-ihm die starke Hand, die, wie du sie nun nennen magst,
-zuletzt doch auch allen Dämon wieder zurückzwingt zu
-der Ackerscholle und dem Pfluge heilig stillen Werdens
-auf immer bessere Fernen zu. Um das zu erkennen und
-sich zu sagen auch in solcher Sturmesstunde, kann kein
-Bild und Wunder zu klein sein, und wäre es auch nur
-das Summen einer Mücke oder das leise Geigen des
-Heimchens hinter dem Herd daheim, für dessen Friedensflamme
-unsere Helden draußen streiten.</p>
-
-<hr class="tb" />
-
-<p>Die meisten Blätter des kleinen Bilderbuchs, die ich
-hier vereine und die eine unmittelbare Fortsetzung meiner
-»Stunden im All« bilden, lagen bereits bei Ausbruch
-des Weltkrieges gedruckt vor. Nur in den letzten wird
-man leise das Gewitter vom düstern Horizont rollen
-hören. Zu der Scherzstelle vom Regenwurm sei hier
-noch nachgetragen, daß dieser merkwürdige Geselle gleich
-mehreren andern Tieren, deren Genuß dadurch vorübergehend
-beeinträchtigt wird, gewisse Zeiten im Leben zu
-haben scheint, wo er einigermaßen giftig wirken könnte.</p>
-
-<p><em class="gesperrt">Friedrichshagen</em>, 1. November 1915</p>
-
-<p class="right">
-<b>Wilhelm Bölsche</b>
-</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_1">[1]</a></span></p>
-
-<h2 id="Eine_Raeubergeschichte_aus_dem_Termitenbau">Eine Räubergeschichte aus dem Termitenbau</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Der Mensch mit seinen sonnenhaften Augen ist von
-Natur ein geborenes Lichtgeschöpf. Dennoch hat
-ihn seine Kultur vielfältig genötigt, im Finstern zu hantieren,
-lange hat er in Höhlen hausen müssen, und nachher
-ersetzten die Höhle die düsteren Gänge und Verliese
-enger Burgen, die Korridore und Treppen finsterer
-Schlösser und Häuser. Selbst unsere höchste Technik
-von heute muß noch im Bergwerk graben, muß Tunnels
-bohren.</p>
-
-<p>Die Phantasie hat das aber immer mit einem gewissen
-Grauen empfunden.</p>
-
-<p>Aus den schwarzen Schlünden krochen ihr Drachen
-und Scheusale aller Art ungesehen auf den Eindringling
-los; in jedem Bergwerk läßt die Sage gespenstische
-Bergmönche und schwarze Männer umgehen, die den
-armen Grubenleuten den Hals umdrehen, und im alten
-Schloßkorridor spukt die weiße Frau. Wo die Dinge
-aber real bleiben, da bleibt mindestens doch die unheimliche
-Romantik der »Räuberhöhle« als fester Begriff.</p>
-
-<p>Und doch besaßen wir seit alters wenigstens die Gabe,
-künstliches Licht da unten mit hineinzuführen. Was
-würden Wahrheit und Dichtung erst für Grauen geschaffen
-haben, wenn uns Menschen im ganzen das Los
-für unser Gesellschaftsleben getroffen hätte, das einem
-anderen, kleineren, ebenfalls überaus geselligen und tatkräftigen<span class="pagenum"><a id="Seite_2">[2]</a></span>
-Geschöpf unseres Planeten zugefallen ist &ndash; das
-Los: in den Ländern der hellsten, glühendsten Sonne doch
-fast sein ganzes unsagbar verwickeltes, millionenköpfiges
-Staatsleben, fast alle Wunder seines patriarchenhaft gesegneten
-Liebeslebens in künstlich hergestellten finsteren,
-von keinerlei Kunstlicht erhellten Schachtgängen auszuleben,
-ja da drinnen selbst das zu treiben, was das Untrennbarste
-scheint von Sonne und Licht: seinen ganzen
-Ackerbau&nbsp;…</p>
-
-<p>Zu den Charaktergebilden tropischer Sonnenlandschaft
-gehören mitten zwischen der üppigsten sonnenfrohen Vegetation
-gewisse künstliche Hügel, manchmal bis sieben
-Meter hoch, steinhart, durchweg von außen abgeschlossen
-gegen diese Sonnenwelt wie mit solidesten Klostermauern,
-die finstere Verborgenheit des Innern zu wahren.</p>
-
-<p>Das sind die Bauten der Termiten, seltsamster Insekten,
-von denen erst allmählich und neuerdings entscheidend
-bekannt geworden ist, daß die geradezu märchenhaften
-Taten ihres Soziallebens und »Kulturwesens«
-fast alles bisher von Ameisen und Bienen Berichtete
-noch in den Schatten stellen.</p>
-
-<p>Die Termiten sind nach gangbarer Systematik engste
-Verwandte unserer Küchenschaben oder Schwaden, also
-körperlich weder den Bienen noch den Ameisen näher
-vergleichbar.</p>
-
-<p>In solchem, wie gesagt, mehrmillionenköpfigen Staat
-der auffälligsten tropischen Arten lebt normal nur ein
-einziges eierlegendes Riesenweibchen, die Termitenkönigin.
-Bis zu dreißigtausend Eier kann sie an einem Tage
-legen, ewig so der wimmelnden Volksmasse Abrahams<span class="pagenum"><a id="Seite_3">[3]</a></span>
-Segen garantierend. Zehn, vielleicht sogar bis fünfzehn
-Jahre kann sie das so treiben. Und ihr zur Seite steht
-dabei ebenso lange der ebenfalls nur als einmalige nationale
-Kostbarkeit vorhandene König.</p>
-
-<p>Zusammen haben die beiden einst den Staat, der
-später den Hügel bewohnt, individuell neu begründet,
-indem sie aus einem anderen Staate eines Tages wie
-zwei Handwerksburschen fortwanderten, sich einten und
-eine erste schlichte kleine Hütte bauten, in der ihre Hochzeit
-stattfand und erste Kinderwiege stand. Aber aus dem
-Segen, der wachsend auf ihnen ruhte, ergab sich bald
-ein ungeheures Volk um sie, in Kasten geteilt, geschäftige
-kleine Arbeiter und wehrhafte Soldaten. Dieses
-»Volk« schützte und fütterte von gewissem Zeitraum an
-auch das ehrwürdige Elternpaar der Nation, und es
-fügte durch Unterkellern und Überbauen zu der alten
-Hütte den kolossalen Staatspalast oder besser: das Staatsbergwerk
-&ndash; bis diese Hütte, in der nach wie vor der
-Urvater und die Urmutter hausten und die Nation weiter
-und weiter ergänzten und vergrößerten, nur noch ein
-einzelnes kleines dunkles Kämmerchen im ganzen, die
-»Königszelle«, darstellte.</p>
-
-<p>Große Schachte ventilieren diesen Gesamtbau, ohne
-ihn doch im Innern zu beleuchten. Denn wenn die
-Termiten auch wenigstens zum Teil selber nicht so unbedingt
-lichtscheu sind, wie man früher wohl meinte,
-und mehr als die hellende Sonne die trockenheiße Außenluft
-ihrer Heimatländer scheuen, so bleibt doch tatsächlich
-ihr Leben ein extremes Dunkelmännerdasein, dem
-nicht einmal das winzigste Grubenlämpchen glüht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_4">[4]</a></span></p>
-
-<p>Allenthalben in das düstere Staatslabyrinth aber
-lagern sich kellerartige Sonderräume ein, in denen als
-der eigentliche Nationalwohlstand tatsächlich der eifrigste
-Ackerbau getrieben wird, ein regelrechter Bergwerksackerbau,
-der in Wahrheit nichts anderes ist als eine
-ebenso raffinierte wie dem Volkswohl ergiebige Pilzkultur
-größten Stils. Das unterirdische Nährgeflecht der Pilze
-wird auf besonders präparierten Mistbeeten künstlich gezüchtet
-und liefert vor allem den »Kinderbrei« für die
-beständig wie Sand am Meer sich mehrende Jugend
-des Volkes.</p>
-
-<p>Noch nicht anderthalb Jahrhunderte ist es her, daß
-wir auch nur ein weniges von diesen Geheimnissen der
-Termite in ihrem finsteren Hades wissen. Genauere Beobachtung
-setzte erst neuerlich ein, und ganz besonders
-ist es der ausgezeichnete Münchener Professor K. Escherich
-gewesen, der in den letzten Jahren durch Zusammenfassung
-des älteren und reiche Sammlung neuen Materials
-unsere Kenntnis aufs glücklichste erweitert hat.
-Je heller jetzt aber wenigstens das Licht unserer Forschung
-in den Hades leuchtet, desto seltsamer, desto unerhörter
-werden seine teils lustigen, teils grausigen Mysterien.
-Und ein besonders unheimliches Kapitel betrifft
-da die »Gespenster« im Bau.</p>
-
-<p>Auch im Termitenbergwerk gehen graue Gespenster
-um, die den braven Arbeiter in seiner Nacht bedrohen,
-kriechen gräßliche Drachen aus unsichtbarem Höhlengang,
-die ihn als Beute fortschleppen.</p>
-
-<p>Bald sind diese »Gespenster« fremde Termiten, die
-in das Labyrinth der normalen Bergwerksgänge ein noch<span class="pagenum"><a id="Seite_5">[5]</a></span>
-feineres, für gewöhnlich streng getrenntes Laufnetz für
-sich eingesponnen haben, von dem aus sie diebische Vorstöße
-in die Vorratskammern der rechtmäßigen Grubenbesitzer
-machen.</p>
-
-<p>Bald sind es echte Ameisen, die ebenso aus Geheimgängen,
-sozusagen aus Wandschränken und unbekannten
-Hintertreppen, wie langbeinige Spinnen jählings
-huschend auftauchen und nicht bloß stehlen,
-sondern auch schon den kleinen hilflosen Termitenarbeiter
-selbst, dem gerade kein wehrhafter »Soldat«
-beisteht, gelegentlich überfallen und als Mordbeute verschleppen.</p>
-
-<p>Kleine Käferchen aus der Gruppe der Staphyliniden
-gleiten wie Gnomen blitzschnell im Finstern vorbei, Kopf
-und Glieder tief unter einem aalglatten Deckschild verborgen,
-das die Dienste einer Tarnkappe tut; so unfaßbar wie
-allgegenwärtig, spielen sie die Hasen in den unterirdischen
-Kohlfeldern der Pilzgärten.</p>
-
-<p>Ganz scheußlich aber sind die wirklichen »Drachenhöhlen«
-der Abgrundsnacht da unten, auf die zuerst
-Escherich bei seinen Studien auf Ceylon aufmerksam gemacht
-hat.</p>
-
-<p>Besonders in der Nähe der Pilzbeete, wo es stets
-von Termitenkindern und ammenhaft wartenden und
-fütternden Arbeitstermiten wimmelt, finden sich flaschenförmige
-Geheimgelasse, die mit schmaler Pforte in den
-großen Pilzkeller, der solches Beet umschließt, einmünden.
-In jeder dieser Extrahöhlen aber lauert ein fettes
-Ungetüm, das mit seinem flaschenhaft verdickten Bauche
-genau in die Wölbung paßt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_6">[6]</a></span></p>
-
-<p>Dem Blick des Zoologen enthüllt es sich als die
-wunderlich aufgeschwollene weiße Larve eines karabusähnlichen
-Käfers namens Orthogonius &ndash; also im Sinne
-unseres Maikäfers als ein »Engerling«. Hier im Termitenschacht
-aber haben diese Engerlinge sich zu regelrechten
-Drachen ausgebildet.</p>
-
-<p>Bei Homer lesen wir von der gräßlichen Scylla, die
-aus engem Felsspalt plötzlich ihre Freßmäuler streckt,
-um sich am Menschenfleisch harmloser Passanten zu
-mästen. Und so streckt auch der feiste engerlinghafte
-Bewohner unseres Geheimschachts nur eben seine spitzen
-Kiefern aus dem unsichtbaren Hinterhalte seiner Flaschenhöhle
-vor &ndash; wehe aber dem harmlos in die Nähe kommenden
-Termitenkinde, wehe der nichts ahnend vorbeihastenden
-treuen Termitenamme! Unerbittlich werden sie
-gepackt, hereingezogen und bestialisch abgeschlachtet.</p>
-
-<p>Die tückische Falle hat dabei eine ganz frappante
-Ähnlichkeit mit einer anderen, die bei uns zulande der
-sogenannte Ameisenlöwe den Ameisen stellt. Bekanntlich
-wühlt dieser Ameisenlöwe, der ebenfalls bloß die
-räuberische Larve eines großen, äußerlich libellenähnlichen
-Fluginsekts ist, im losen Sande zierliche Trichter aus,
-in deren Mitte er als böser kleiner Minotaurus auf
-hinabstürzende Ameisen lauert. Das Hinabstürzen befördert
-er dabei selber durch geschickt zielende Sandwürfe
-von unten. Auch die kühnste Phantasie würde aber
-nicht zu erfinden wagen, daß ein Heer solcher Ameisenlöwen
-ihre Fallgruben mitten im Ameisenhaufen selbst
-etablierten. Die Engerlinge im Termitenbau haben in
-ihrer Weise selbst diese tollste Überbietung erreicht!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_7">[7]</a></span></p>
-
-<p>Kein Wunder, wenn sie an so vorzüglichem Fleck
-Schmerbäuche bekommen. Fast wie die alte Termitenkönigin
-selber sehen sie endlich aus. Dabei spielt aber
-offenbar noch etwas Besonderes mit.</p>
-
-<p>Diese staatserhaltende Dame, die Königin, wird, wie
-gesagt, in allen späteren Semestern ihres gesegneten Daseins
-von ihren Vasallen, den Termitenarbeitern, künstlich
-mit einem besonderen Futter ernährt, das diese
-Arbeiter in ihrem eigenen Leibe wie in einer natürlichen
-Milchflasche heranbringen und ihr einfüttern. Dabei
-aber schwillt nun ihr Leib zu vielfach geradezu kolossalen
-Maßen an, die sie als wahre Riesin über ihrem Volke
-thronen lassen. Dieser Umfang spielt im ferneren bei
-ihr ja wieder seine gute Rolle für die doch ebenfalls
-bei ihr so märchenhaft kolossale nationale Mutterpflicht.
-Offenbar aber muß in dem Futter, das man ihr eintrichtert,
-schon etwas stecken, was gerade auf ihn
-hinwirkt.</p>
-
-<p>Die bösen Engerlinge haben nun auf ihrer Lebensstufe
-keinerlei eigene Mutterpflichten; hätten sie sie, so
-würden sie ohnehin ja doch nur wieder neue Drachen
-erzeugen, sehr zum Unheil des Termitenvolks. Gleichwohl
-wirkt auch auf sie offenbar jene Kraft des Futters,
-das sie vielfältig beim Verzehren ganzer Termiten, die
-gerade ihre Milchflasche im Leibe gefüllt trugen, einfach
-mitfressen mußten: sie werden nicht nur wohlgenährt
-überhaupt, sondern sie bekommen regelrechten künstlichen
-Königinnenumfang im Sinne königlicher Spezialmast &ndash;
-genau so, als wenn sie selbst gutwillig auf »Königin«
-von den Termiten gefüttert würden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_8">[8]</a></span></p>
-
-<p>Von hier aus ist aber nun wiederum ein höchst
-wunderbarer Schachzug in diesem verwegenen Spiel
-möglich geworden.</p>
-
-<p>Zu den Eigenarten, die das königliche Spezialfutter
-bei der Termitenkönigin hervorbringt, scheint nämlich
-auch allgemein zu gehören, daß der ungeheure, schließlich
-einer kleinen Kartoffel vergleichbare Leib dieser Königin
-einen <em class="gesperrt">narkotischen Saft</em> absondert, den die pflegenden
-Termitenarbeiter mit höchster Wonne schlürfen. Die
-Lust daran ist so groß, daß es vielfach fast aussieht, als
-pflegten sie die alte Dame nur deshalb so heiß, weil sie
-ihnen zugleich diesen Kneiptisch, diese wahre königliche
-Staatskneipe, eröffnet. Mindestens sind der Trieb zum
-Pflegen und die Freude an dieser Kneiperei aufs engste
-bei ihnen aneinander angeschlossen.</p>
-
-<p>Wie aber nun, wenn dieses Narkotikum sich auch bei
-den Drachen in ihren Höhlen einstellte?</p>
-
-<p>Es ließe sich etwas ganz Nichtswürdiges denken.</p>
-
-<p>Die Engerlingsdrachen kröchen einfach in das offene
-Termitengewimmel, ja bis in das Heiligtum gar der
-Königszelle selber hinaus. Äußerlich der Königin
-höchst ähnlich in der Leibesgestalt, würden sie von den
-Termitenarbeitern, die sie nicht sehen, sondern nur
-fühlen können, für wahre Königinnen gehalten, deren
-gelegentlich auch einmal mehrere nebeneinander nach
-dem termitischen Hausgesetz nicht ganz unmöglich sind.
-Man ginge ihnen also gar nicht mehr aus dem Wege,
-&ndash; und ungestört könnten sie ihr scheußliches Räuberhandwerk
-sozusagen mitten auf der offenen Straße fortsetzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_9">[9]</a></span></p>
-
-<p>Der bekannte Jesuitenpater Wasmann, dessen Philosophie
-nicht eben jedermanns Sache ist, der aber als
-Spezialforscher auf diesen Gebieten sich mit Recht allgemeiner
-Sympathie erfreut, hat gelegentlich da schon
-von tapferen Orthogoniusengerlingen selbst vermutet, daß
-sie solche freien Spaziergänge in Königinnenmaske probierten;
-Escherich hat es gerade von dieser Sorte Käferlarven
-indessen nicht bestätigen können.</p>
-
-<p>Aber nehmen wir einmal an, andere »Drachen« da
-drinnen hätten es wirklich gemacht. So mußte die Absonderung
-auch noch eines königinhaften Narkotikums
-durch die verkappten Herren Räuber die Situation nochmals
-ins ganz Tolle weitertreiben.</p>
-
-<p>Die Kneipgelüste der Termitenarbeiter mußten sich
-nämlich bei Begegnungen mit höchstem Eifer auch diesen
-Räubern zuwenden. Während die Scheusale rechts und
-links in die Schar der kleinen Kneipanten im Dunkeln
-mit Scyllamäulern hineingriffen und nach Herzenslust
-ihre Opfer massakrierten, strömte die Menge selbst ihnen
-immer begeisterter entgegen. Da aber der Kneiptrieb so
-eng mit dem Füttertrieb hier verschwistert war, boten
-sich die andrängenden Termiten, wenn sie genug gekneipt
-hatten, gar auch noch den fremden Ungeheuern als
-freundliche Fütterer dar, suchten sie zu nähren und zu
-pflegen wie wahrhaftige Königinnen &ndash; sie, die im nächsten
-Moment stets bereit waren, den naiven Fütterer selbst
-oder irgendeinen seiner Nebenmänner leibhaftig samt dem
-Futtertopf aufzufressen.</p>
-
-<p>Groteskes Bild: Rausch, sorgende Liebe und rücksichtsloser
-Mord, alles bunt durcheinander waltend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_10">[10]</a></span></p>
-
-<p>Nun ist aber kein Zweifel, daß gerade diese letzte
-Station der Dinge <em class="gesperrt">wirklich</em> existiert.</p>
-
-<p>Gewisse fertige Käfer (also nicht bloß Engerlinge)
-aus der Gruppe der schon genannten Staphyliniden leben
-genau so im Termitenbau. Sie haben Riesenbäuche wie
-Königinnen, laufen frei zwischen dem Termitenvolk herum,
-schwitzen narkotische Kneipsäfte aus und werden von
-den Termitenarbeitern mit Königinnenfutter genährt.
-Letzteres lassen sie sich schon lange ganz gewohnheitsmäßig
-gefallen, so daß sich sogar ihre Zunge durch Verbreiterung
-direkt daran angepaßt hat. Und doch sind sie
-ihrem grundlegenden Wesen nach alte Räuber und
-Termitenfresser geblieben nach wie vor!</p>
-
-<p>Einen Moment könnte man ja versucht sein, zu
-hoffen, das letzte Stück dieses ungeheuerlichen Weges sei
-von selber bestimmt, doch noch wieder auf einen Friedenspfad
-zu führen.</p>
-
-<p>Wenn nämlich jede Termite, die dem Räuber vor
-den Mund kam, ihn fortan freiwillig fütterte, so brauchte
-er ja schließlich keine mehr zu fressen!</p>
-
-<p>Die Beobachtungen sprechen bisher aber gegen diesen
-letzten Schluß.</p>
-
-<p>Bei den Ameisen, wo ganz ähnliche »lebendige
-Kneipen« in Gestalt kleiner Käferchen vielfältig im Bau
-gehalten und ebenfalls gefüttert werden, haben sich diese
-zweifelhaften Existenzen doch durchweg nebenher noch als
-arge Räuber auch so erwiesen, und nicht viel anders
-scheint es bei den Termiten zu stehen. Die allgemeine
-und extreme Staatskneiperei, bei der echten Königin anscheinend
-noch eine gemütliche, ja förderliche Zutat, hat<span class="pagenum"><a id="Seite_11">[11]</a></span>
-eben zur regelrechten Drachenzucht in diesem sonst so
-wohlgeordneten Staat verleitet.</p>
-
-<p>Ob die amüsante Geschichte aus Mutter Naturs
-Skizzenbuch hier am Ende doch noch eine besondere Nutzanwendung
-hat? »Hingegen soll der Branntewein
-um Mitternacht nicht schädlich sein.« Die Wahrheit
-dieses ehrwürdigen Satzes wird beim Menschen neuerdings
-bekanntlich öfter bestritten. Ob auch in der ewigen
-Mitternacht des dunklen Termitenbaues die Kneiperei,
-selbst die staatlich konzessionierte, sich schließlich doch nicht
-recht bewährt hat, indem sie zu solchen fatalen Extravaganzen
-führte&nbsp;…?</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_12">[12]</a></span></p>
-
-<h2 id="Amadinens_illuminierte_Kinderstube">Amadinens illuminierte Kinderstube</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Aus unseren Kinderstuben pflegt uns fürs Leben
-eine kleine Gespensterei nachzufolgen, die unausrottbar
-fest bleibt. Im Märchen kommt es vor: das
-Kind geht durch den finstern Wald, da funkeln plötzlich
-aus der Dunkelheit ein paar rotglühende Augen. Alle
-dämonischen Schauer der Nacht vereinigen sich in diesem
-Zuge. Wölfe und Teufel haben solche Augen.</p>
-
-<p>Später lernt man dann, daß allerhand Tieraugen
-wirklich so leuchten, gefährliche wie ganz harmlose; Katzen
-und Eulen sind das bekannteste Beispiel, aber der
-Schmetterlingssammler merkt mit Staunen, wie auch die
-Augen seiner Schwärmer, die abends so wild um Winde
-und Geißblatt gaukeln, aufglühen gleich kleinen brennenden
-Kohlen, und im Berliner Aquarium habe ich das
-unheimliche Phänomen in seltener Kraft an den großen
-Glotzern der dicken Ochsenfrösche beobachten können.
-Unheimlich bleibt es aber immer.</p>
-
-<p>Wie oft habe ich von schönen und sehr gebildeten
-Lippen gehört, daß die Katzenaugen sich wirklich selber
-ihr Licht dabei anstecken, daß sie irgendwie »phosphoreszieren«,
-wie die gangbare Meinung es den Johanniswürmchen
-oder den winzigen Erzeugern des herrlichen
-Meerleuchtens zuschreibt.</p>
-
-<p>Von solchen Leuchtkäfern und Leuchtinfusorien weiß
-man zwar heute, daß auch ihr nächtlicher Glanz mit<span class="pagenum"><a id="Seite_13">[13]</a></span>
-wirklichem Phosphorschein nichts zu tun hat, sondern
-auf gewissen Stoffwechselprodukten dieser Lebewesen beruht,
-die bei ihrer Verbindung mit Sauerstoff Licht
-hervorbringen. Aber es bleibt hier doch wirklich bei
-»Eigenlicht«, und warum sollte also das Katzenauge nicht
-eine ähnliche Kraft bewähren? Und wenn wir von
-gewissen leuchtenden Fischen, die es in der ewig dunkeln
-Tiefsee gibt, gar hören, daß ihre Leuchtorgane an besondere
-Nerven angeschlossen sind, also willkürlich bald
-in Kraft gesetzt und bald wieder »abgedreht« werden
-können, so scheint uns auch Frau Kätzin sehr deutlich
-etwas derart zur Verfügung zu haben, denn jeder merkt,
-wie auch ihre Glühäugelchen, wenn sie im Dämmer
-schleicht, bald aufglänzen, bald wieder verlöschen.</p>
-
-<p>Es ist jetzt etwas über hundert Jahre her, daß
-Prevost zum erstenmal die damals für die ganze Medizin
-und Zoologie nicht nur kühne, sondern geradezu ungeheuerliche
-Behauptung aufstellte, das Leuchten des
-Katzenauges sei nur eine ganz zufällige Reflexerscheinung
-für den Beschauer, die durchaus nichts mit eigener Leuchtkraft
-oder gar Willkür des Tieres selbst zu tun habe.
-Katzenaugen leuchteten überhaupt niemals im absolut
-Dunkeln, sondern es bedürfe dazu stets eines (wenn auch
-ganz schwachen) einfallenden Dämmerlichtes, das dann
-vom tiefen Grunde des Auges je nach Stellung für den
-Zuschauer zurückgeworfen (reflektiert) würde.</p>
-
-<p>Noch mehr als drei Jahrzehnte später mußte unser
-damals größter deutscher Physiolog, Johannes Müller,
-diese richtige Deutung gegen ernsthafte wissenschaftliche
-Gegner verteidigen, und es ist amüsant, heute seine<span class="pagenum"><a id="Seite_14">[14]</a></span>
-eigenen Worte darüber zu hören, die zugleich die
-Sinnestäuschungen berühren, denen jeder ungeübte Urteiler
-bei so delikaten Dingen zu unterliegen pflegt.</p>
-
-<p>»Wer,« sagt Müller, »für das Leuchten der Katzenaugen
-aus Neigung eingenommen, dem empfehlen wir,
-wie wir getan haben, eine Katze in einen absolut
-dunkeln Raum mit sich zu nehmen und sich vom Gegenteil
-zu überzeugen, dabei aber die durch eine schnelle
-Bewegung unserer eigenen Augen und durch Zerrung
-des Sehnerven entstehende, bloß subjektive Lichtempfindung
-nicht zu verwechseln. Ein neuerer Versuch, den
-ich mit einer Katze in einem absolut dunkeln Raum, in
-einem Keller der hiesigen Anatomie, in Gegenwart
-mehrerer angestellt, fiel ganz negativ aus. Eine Person
-hielt die Katze. Diese Person wurde von mir im Dunkeln
-an einen Ort gestellt, den die anderen Anwesenden nicht
-kannten, den sie aber wahrnehmen mußten, falls die Katze
-Licht aus den Augen ausströmte. Alle sahen nichts, bis
-auf einen, dieser wollte zwei feurige Kreise gesehen haben.
-Sogleich ließ ich diesen seinen Arm nach der Gegend
-ausstrecken, wo er die Kreise gesehen haben wollte. Dann
-wurde die Tür geöffnet, und nun zeigte sich, daß der
-Arm nach der entgegengesetzten Seite von derjenigen,
-wo die Katze gehalten wurde, hinwies, zu nicht geringer
-Belustigung. Offenbar hatte derjenige, der die zwei
-feurigen Kreise sah, seine eigene Empfindung gesehen.
-Bei rascher Wendung der Augen im Dunkeln sieht man
-wegen Zerrung der Sehnerven sehr leicht zwei feurige
-Kreise, welche nichts als die gesteigerten Empfindungen
-der Sehnerven sind.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_15">[15]</a></span></p>
-
-<p>Die Sache wurde aber wissenschaftlich erst ganz sicher,
-als der Nachweis glückte, daß zwar bei Katzen, Eulen
-und Konsorten das Augeninnere besonders gut reflektierte,
-tatsächlich aber bei richtiger Einstellung auch bei
-jedem beliebigen anderen Auge der Erfolg im Sinne
-der Theorie herausgezaubert werden könne, und zwar
-schließlich auch beim Menschen selbst. Brücke, einer der
-genialsten Schüler Müllers, konnte zum erstenmal zeigen,
-daß das menschliche Auge, wenn man es in dunklem
-Raum mit einer Blendlaterne bestrahlte und dann einen
-Beobachter an dieser Lichtquelle vorbei hineinblicken ließ,
-für diesen Beobachter leuchtete! Und es war eigenartigerweise
-ein dritter Physiolog ersten Ranges und
-anderer großer Schüler Johannes Müllers, dessen Auge
-zum erstenmal zu diesem Experiment benutzt wurde, also
-zum erstenmal ein Menschenauge mit »Katzenlicht«
-zeigen sollte: Emil du Bois-Reymond.</p>
-
-<p>Der eigenartige Fund, der jetzt endgültig eine Jahrtausende
-alte Volksmeinung umwarf, ist damals (auf
-der Wende zu den fünfziger Jahren) in Fachkreisen besonders
-noch berühmt geworden, weil sich an ihn unmittelbar
-einer der größten medizinischen Fortschritte
-aller Zeiten anschloß: nämlich die Erfindung des sogenannten
-Augenspiegels durch Helmholtz &ndash; dieses
-wunderbaren Apparates, der es dem Arzt fortan ermöglichte,
-ein vollkommenes Bild der Netzhaut am lebendigen
-Auge zu gewinnen. Helmholtz kam einfach darauf, als
-er seinen Schülern eben jene Brückesche Theorie des
-menschlichen Augenleuchtens in möglichst anschaulicher
-Form vortragen wollte: er konstruierte in Zeit von acht<span class="pagenum"><a id="Seite_16">[16]</a></span>
-Tagen einen kleinen optischen Hilfsapparat dazu, und
-plötzlich erschien etwas noch viel Bedeutsameres als bloß
-das Katzenleuchten eines Menschenauges &ndash; zum erstenmal
-hatte, wie er selbst berichtet, ein Mensch die Freude,
-eine lebendige menschliche Netzhaut mit all ihren verzweigten
-Blutgefäßen und der Eintrittsstelle des Sehnervs
-in der eigenen natürlichen Vergrößerung durch ihre
-zugehörige natürliche Linse klar vor sich liegen zu sehen.</p>
-
-<p>Hier aber sei nun ein kleiner Sprung erlaubt.</p>
-
-<p>Von den Wundern des Katzen- und Menschenauges
-wenden wir uns zu einem der lieblichsten Schönheitswunder
-der Natur &ndash; einem kleinen Vögelchen von
-juwelenhafter Herrlichkeit.</p>
-
-<p>Mancher wird es kennen, denn obwohl seine Heimat
-der ferne Eukalyptuswald Australiens ist, sieht man es
-doch seit Mitte der achtziger Jahre nicht selten in unseren
-Liebhaberkäfigen. Ein altes Volksmärchen läßt den lieben
-Gott, nachdem er alle Tiere hübsch angemalt, den Stieglitz
-noch aus den letzten übriggebliebenen Farbkleckschen zusammenstoppeln.
-Nun, in diesem Sinne möchte man
-vermuten, er habe umgekehrt sein gesamtes Werk mit
-frischesten Farben bei der Amadine, wie das Vöglein
-heißt, begonnen, denn mit solcher genialen Pracht und
-zugleich doch solcher edlen Einfachheit der Pinselführung
-ist kaum ein zweiter Vogel im großen Erdenatelier bedacht
-worden. Die schönste Abart der sogenannten Frau-Goulds-Amadine,
-getauft nach der Gattin des großen
-Spezialisten der australischen Vogelwelt, Gould, wirkt
-bei einfachster Gestalt eines kleinen Sperlingsvogels
-durch die Folge ihrer Farben, die in ungetrübter Schöne<span class="pagenum"><a id="Seite_17">[17]</a></span>
-wie ein vom Prisma gebrochenes Lichtspektrum über
-ihren zierlichen Körper gehen. Rücken und Flügel vom
-durchsichtigsten Grasgrün, das gegen die dunkeln Schwanzspitzen
-in ein zartes Himmelblau verdämmert; am Halse
-durch ein ähnliches Blauband und einen schwarzen
-Samtstrich davon getrennt, eine leuchtend blutrote Kopfkappe,
-die tief bis über die Wangen herabfällt und
-prachtvoll gegen das Elfenbeinweiß des Schnabels und
-die schwarze Kehle steht; wiederum zu diesem Grün und
-Rot aber die Brust mit einem breiten Felde des unvergleichlichsten
-Lila, und ganz scharf wieder dagegen
-abgesetzt, aber herrlich in der Farbenharmonie zugleich
-einklingend, der Bauch mit dem sattesten Dottergelb.</p>
-
-<p>Seiner engeren Verwandtschaft nach gehört dieses
-Farbenwunder zu den sogenannten Webefinken, jener
-Vogelgruppe, zu der unter anderen auch der berühmte
-Siedelweber oder Siedelsperling zählt, eines der
-merkwürdigsten »sozialen Tiere« der Erde. Er lebt
-nämlich nicht nur gesellig in großen Scharen, die ihre
-Nester dicht gedrängt in den gleichen Baum bauen, sondern
-die Schutzdächer dieser Nester werden zu einem
-gemeinsamen Dach verschmolzen, das, allmählich immer
-mehr verstärkt, zuletzt wie ein ungeheurer Heuschober
-in den afrikanischen Buschbäumen hängt und die darunter
-liegenden, immer wieder neu eingebauten Nesterkolonien
-gleich einer alten Zyklopenmauer beschirmt, in deren
-Schutz die Generationen eines Dorfs aufwachsen. Solche
-Leistung läßt wohl auf manches Verblüffende auch sonst
-in dem Liebes- und Gesellschaftsleben dieser Vetternschaft
-der Weber schließen, aber was von den Amadinen<span class="pagenum"><a id="Seite_18">[18]</a></span>
-gerade hier bekannt geworden, das schießt doch im
-eigentlichen Sinne »den Vogel ab«.</p>
-
-<p>Schon seit längerer Zeit war es den Anatomen aufgefallen,
-daß die kleinen, noch nicht flüggen Nestjungen
-dieser und verwandter Prachtfinken (wie der Liebhaber
-dieses zumeist farbenschöne Völklein im ganzen zu benennen
-pflegt) in ihren »Spatzenecken«, wie der Volksmund
-das wohl bei Menschenkindern bezeichnet, nämlich
-in den Mund- oder Schnabelwinkeln, beiderseitig gewisse
-dick vorspringende Kugeln zeigten. Bei den jungen
-Frau-Goulds-Amadinen saß jederseits genau ein Paar
-solcher Anhängsel, und jede Kugel war schön blau mit
-einem dunkeln Ring &ndash; eine so auffällige Färbung bei
-einem solchen Nestling, daß sie klärlich irgend etwas Bedeutsames
-markieren mußte. Wuchs das Junge sich
-aus, so verschwand der ganze Spuk wieder vollkommen &ndash;
-es mußte sich also um etwas handeln, das speziell nur
-die Kinderstube anging.</p>
-
-<p>Nun, in die Kinderstube des Tieres spielt ja so
-manches für sich hinein. Bald müssen die kleinen Lebensanfänger
-nach urgegebenem Gesetz in ihr noch einmal Züge
-der Ahnen wiederholen, sozusagen Großvaters Maske
-aufsetzen, ehe sie ihr eignes Gesicht endgültig bekommen.
-Vielfach aber unterliegen sie auch besonderen Anpassungen
-dort, die nur den Nutzzwecken der Kinderstube selbst
-dienen, gleichsam Wiegen- und Windelanpassungen darstellen,
-wenn man es menschlich ausdrücken soll. Sorgsame
-Beobachtung wies nun nach, daß es sich bei den
-jungen Amadinen um einen Fall der letzteren Art allein
-handle, aber um einen ganz unerwarteten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_19">[19]</a></span></p>
-
-<p>Wir alle kennen ein Bild aus dem trauten Leben
-der Mutter bei uns. Es ist tiefe Nacht, alles weithin
-still und dunkel. Nur in der Kinderstube dämmert ein
-blasser Schein. Dort läßt die treue Mutter ein Nachtlichtlein
-brennen, um sogleich orientiert zu sein, wenn
-das Kleine etwas braucht. Dunkel, immerzu recht
-dunkel ist es aber auch in der Kinderstube solchen niedlichen
-Webervögelchens, &ndash; in seinem fast ganz geschlossenen
-Webernest. Und wenn der alte Vogel durch
-die kleine Öffnung einfliegt und die hungrigen Kleinen
-atzen soll, so wäre auch ihm wohl zu gönnen, daß er
-da drinnen ein Nachtlichtchen finden könnte, das ihm
-den Weg zu den sperrenden Schnäbelchen wiese. Es ist
-aber in der Tat dafür gesorgt, daß er es findet!</p>
-
-<p>Sobald er seine Kinderstube besucht, <em class="gesperrt">leuchtet</em> es
-ihm nämlich von da drinnen entgegen wie kleine Lämpchen.
-Und diese Lämpchen sitzen sogar höchst sinnreich
-gerade da, wo sie wirklich am besten auf den
-Weg weisen: nämlich eben in den Schnabelwinkeln der
-kleinen Schnäbel selbst. Es ist, als trage jede Jungamadine
-dort einige winzige, aber vollkommen wirksame
-Glühbirnen angeheftet, deren Glanz das finstere
-Stübchen illuminiert. Nichts anderes als solche angewachsenen
-Glühbirnen sind eben die bewußten geheimnisvollen
-Kugeln mit ihrem Blau &ndash; Leuchtorgane
-der Nestjungen zur Orientierung des fütternden Vogels
-im finsteren Nest.</p>
-
-<p>Das war nun, als man endlich darauf kam, eine
-Entdeckung, wie sie die Tierkunde selten erlebt hat.
-Leuchtende Vögel, und zwar zu so sinnreichem Zweck!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_20">[20]</a></span></p>
-
-<p>Auch hier mußte die Frage entstehen: konnte es ein
-echtes Leuchten sein wie bei den Johanniswürmchen oder
-Tiefseefischen? Prinzipiell hätte schließlich nichts im
-Wege gestanden, daß es selbst das war, die Nestjungen
-hätten dann in ihren Glühbirnen eine echte oxydierende
-Leuchtsubstanz produzieren müssen. Chun, der jüngst
-verstorbene treffliche Leipziger Zoologe, hat nach sorgfältigster
-Analyse indessen anders entschieden.</p>
-
-<p>Amadinens blaue Leuchtkugeln leuchten tatsächlich
-nach der Methode des Katzenauges. Ohne selber Augen
-zu sein, wirken sie doch als raffinierter Reflektierapparat.
-Sie fangen, konzentrieren und strahlen hell zurück die
-schwachen Stäubchen Dämmerlicht der nicht absolut
-schwarzen Neststube, genau wie das Katzenauge aus der
-Dämmernacht, die uns als vollkommenes Dunkel erscheint,
-doch noch gleichsam einen roten Funken sammelt.
-Das Wunderbarste aber ist, daß auch dieses reflektierte
-Licht hier in den Dienst eines bestimmten Nutzzweckes
-tritt. Und daß es ausdrücklich in einem besonderen
-Leuchtorgan nur für diesen Zweck erzeugt wird, anstatt
-nebenbei zu entstehen wie im funkelnden Katzenauge!</p>
-
-<p>Das macht Amadinens illuminierte Kinderstube zum
-Exempel einer Lebensleistung, die bisher einzig in ihrer
-Art ist und mit der gleichsam ein neues Kapitel der
-Naturgeschichte beginnt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_21">[21]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Vorfahren_des_Schmetterlings">Die Vorfahren des Schmetterlings</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">In dem lieblichen Schöpfungsbilde der Bibel sehen
-wir, wie die junge Erde sich mit allerlei Getier
-belebt. Vögel schwingen sich in die Lüfte, Fisch und
-Walfisch tummeln sich im Meer, das Vieh geht zur
-Weide, und der Wurm wühlt sich durch den Grund.
-Aber einen hat der Chronist vergessen: den Schmetterling,
-der über die Blüten gaukelt. Wieviel fehlte der
-irdischen Landschaft, wenn er nicht wäre!</p>
-
-<p>Goethe hat bei Gelegenheit seiner Metamorphose
-der Pflanzen einmal gesagt, der Schmetterling sei selber
-eigentlich nur eine Blüte, die sich eines Tages vom
-Stengel gelöst habe und frei fortgeflattert sei. Er dachte
-dabei wohl an die wunderbare Wasserpflanze Vallisneria,
-bei der sich die männlichen Blüten in der Tat selbsttätig
-von den Stielen ablösen, um sich durch das Wasser
-zu den weiblichen tragen zu lassen. Aber noch in einem
-tieferen Sinn hatte er recht.</p>
-
-<p>Die Raupe, die träg im Blattwerk der Pflanze
-hängt, immer nur auf Fressen und Wachsen bedacht
-und in der Farbe oft grün wie das Blatt, das sie verzehrt,
-hat in ihrem Stande etwas von der Pflanze
-selbst, die bloß erst emporwachsend Sprossen und Blätter
-treibt. Der Schmetterling aber, der aus dieser Raupe
-durch das Knospenstadium der Puppe eines Tages ersteht,
-gleicht der Blütenbildung an solcher Pflanze. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_22">[22]</a></span>
-sie, tritt er in reifer Entfaltung gleich ganz hervor. Wie
-sie, lebt er wesentlich nur der Liebe. Wie sie, prangt
-er durchweg in herrlichen Formen und Farben. Der
-Kenner weiß sogar, daß Schmetterlinge nach Vanille
-und anderem Aroma &ndash; lebhaft duften können. Und zum
-Überfluß ist der Schmetterling verknüpft mit dem Leben
-der Blume. Seit grauen Zeiten ist er ihr Liebesbote
-geworden, der ihr selber unentbehrlich ist, den sie mit
-Näschereien füttert, dem sie ihren Duft und ihre Farben
-entgegenbringt.</p>
-
-<p>Seit grauen Zeiten! Aber auch das Graueste muß
-zuletzt einmal angefangen haben. Auch unser Schmetterling
-mit all seiner Blumenschöne und Blumenliebe muß
-zuletzt auch einmal auf Erden entstanden sein.</p>
-
-<p>Solange Menschen sich erinnern, war er da, aber
-das ist doch nur eine ganz kurze Zeit. Wir blicken zurück
-in die wunderbaren Wälder der Urwelt, durch die noch
-kein Menschenschatten mit Menschengröße und Menschenqual
-ging. Und wir sehen im Steinkohlenwald, diesem
-Sumpfforste gigantischer Schachtelhalme und Bärlappe,
-noch keine leiseste Spur eines gaukelnden Schmetterlings.
-Wohl war das fliegende Insekt als solches schon da.
-Sei es nun, wie die einen wollen, aus einem trilobitenhaften
-Krebs damals hervorgegangen, der sich mit schwerfälligem
-Erstlingsfluge aus einer austrocknenden Pfütze
-so zur nächsten besseren rettete, &ndash; sei es, wie andere vermuten,
-auf einem langen Wege vom Tausendfuß gekommen:
-genug, es schwirrte, obwohl in wirklich noch
-einigermaßen mühseliger Form, im kleinen unseren Aeroplanen
-von heute noch vergleichbar, die auch vielleicht<span class="pagenum"><a id="Seite_23">[23]</a></span>
-erst bei unseren Enkeln einmal schmetterlingshaft zierlich
-werden.</p>
-
-<p>Seltsam freilich: in der relativen Größe, an Insektenmaßen
-selbst gemessen, waren diese ersten lebenden
-»Aeroplane« des Steinkohlensumpfs die Riesen ihres
-Geschlechts. Nie wieder sind Insekten auf Erden überhaupt
-so kolossal geworden. Da flog mit »halbstarrem
-System«, das sich erst nach oben aufrichten, aber noch
-nicht nach hinten gefaltet übereinanderlegen ließ, der
-Koloß Meganeura, dessen Flügel zusammen an dreiviertel
-Meter spannten. Aber Meganeura war kein
-Schmetterling, näher verwandt war der Riese den heute
-noch in jener Methode fahrenden Libellen.</p>
-
-<p>Lange noch auch in der mittleren Urwelt hat es
-prachtvolle Flieger aus den Kreisen dieser Nichtschmetterlinge
-gegeben, wenn auch keine ganz so kolossalen in
-der Folge mehr &ndash; so flog noch in der berühmten Lagune
-von Solnhofen zur Jurazeit die herrliche <em class="antiqua">Kaligramma
-Haeckeli</em>, bei der jeder Vorderflügel über 12 Zentimeter
-maß und auf allen Flügeln riesige Kreisflecken wie bei
-unsern Pfauenaugen standen; sie war keine Libelle, sondern
-eine Nächstverwandte jenes hübschen Insekts, das
-aus unserm allbekannten »Ameisenlöwen« als seiner
-häßlichen Larve steigt.</p>
-
-<p>All diese Urweltler lehren uns aber nichts über den
-engeren Werdegang unseres Schmetterlings. Überschlagen
-wir ungeheure geologische Zeiträume nach jenen
-Steinkohlensümpfen und ihren riesigen Meganeuren und
-machen erst wieder halt in jenen viel näheren, obwohl
-immer noch urweltlichen Wäldern der Tertiärzeit, wo<span class="pagenum"><a id="Seite_24">[24]</a></span>
-der Bernstein als Harzträne von den Fichtenstämmen
-perlte und gerade Spuren des Insektenlebens wie in
-einem Archiv aufbewahrte, so finden wir dort in der
-Tat schon den Schmetterling vollendet. Der niedliche
-Bläuling gaukelte schon am Tage um die Bernsteinbäume,
-der dicke Schwärmer nahte sich abends den
-Waldblüten. Noch war auch damals die Zahl nicht
-groß, die grenzenlose Prachtentfaltung muß erst in
-unseren eigenen Tagen liegen; aber die Stunde war
-erfüllt, darüber ist kein Zweifel. Zwischen damals und
-jenem nebelfeuchten Farnwalde von so viel früher muß
-die Schöpfungsstunde des Schmetterlings gelegen haben,
-da er nicht einzeln wie jeder von heute aus seiner
-Puppe, sondern im ganzen gleichsam aus einem anderen
-Insekt hervorgekrochen war. Was könnte das aber für
-ein Insekt gewesen sein?</p>
-
-<p>Wir betrachten einen Moment genauer den heutigen
-Falter, irgendeinen Admiral oder Trauermantel des
-Tals oder den wundervollen Apollo der Hochgebirgsmatte,
-und zweierlei erscheint uns als sein Charakteristisches
-im Gegensatz zu allem sonst vertrauten
-Insektenvolk. Seine Mundwerkzeuge bilden statt harter
-und roher Beißer eben jenen feinen Saugrüssel, mit
-dem er den Blütennektar nascht. Und eben seine
-blütenhaft bunte Farbenpracht entsteht durch eine
-Art köstlichen Pelzes, dessen schuppenförmigen Haare
-lose in dem zugrunde liegenden nackten Glasflügel
-wurzeln. In der Herkunft dieser beiden Besonderheiten
-muß das Geheimnis der Schmetterlingsherkunft
-stecken. Hier mag uns aber ein kleines Erlebnis bedeutsam<span class="pagenum"><a id="Seite_25">[25]</a></span>
-werden, das wohl ein jeder von uns einmal
-durchgemacht hat.</p>
-
-<p>Wir haben als Kinder im flachen Schilfgrund gegründelt
-oder das angeschwemmte Genist des Ufers zerteilt.
-Da geriet uns ein sonderbares kleines Futteral
-aus zäh verknüpften Rohrstückchen, Sandkörnchen oder
-gar Schneckenhäuschen in die Hand, das wir nicht zu
-deuten wußten. Indem wir es aber drückten, schaute
-vorne ein unwillig gestörter häßlicher Kopf vor: in der
-Hülse wohnte als ihr Verfertiger ein langer wurmhafter
-Geselle. Das jetzt aber war kein echter Wurm, sondern
-auch eine Insektenlarve, entsprechend dem Raupenstande
-beim Schmetterling. Köcherfliege oder Köcherjungfrau
-heißt das fertige Insekt, das später aus ihr hervorgeht,
-ein Flügelinsekt, das auf sehr viel gelenkigerem, schon
-hinterwärts kunstvoll zusammenfaltbarem Luftschiff dahinfahren
-wird, als es etwa eine Libelle besitzt. Aber bezeichnenderweise
-wird solche Köcherjungfrau auch »Wassermotte«
-genannt. Wirklich trägt sie, einzig unter allen
-nicht schmetterlingshaften Insekten der Jetztzeit, auch auf
-ihren Flügelchen einen deutlichen bunten Pelzbesatz,
-obwohl von etwas primitiverem Haarstande. Und ebenso
-erscheint auch ihr kleiner Mund verkümmert zum derben
-Beißen, er bietet bereits den deutlichen Anfang eines
-zarten Blütensaugers. Wie ein Doppelgänger taucht
-dieses Wasserkind neben dem Schmetterling auf, eine
-leichte Bleistiftskizze gleichsam zu dem dort glänzend
-vollendeten Kunstwerk.</p>
-
-<p>Schon früh ist es also denkenden Beobachtern aufgeblitzt:
-hier müsse noch etwas bis heute fortleben aus<span class="pagenum"><a id="Seite_26">[26]</a></span>
-dem ursprünglichen Werdegang des Schmetterlings, und,
-einmal angeschlagen, hat das dann zu einem weiten Gewebe
-der Möglichkeiten gelockt.</p>
-
-<p>Jene Köcherfliegen oder Phryganeiden verknüpfen
-sich selber heute ziemlich ersichtlich noch mit einem anderen
-Insektengeschlecht. Das sind die sogenannten Skorpionfliegen
-oder Panorpaten. Sie führen keinen Flügelpelz
-und keinen sanften Honigheber. Ein wildes Räubervolk
-sind sie, mit einem bösen Beißschnabel, der unerbittlich
-über anderes Insektenvolk herfällt; die bekannteste
-Sorte führt beim Männchen hinten eine zum Rücken
-umgeschlagene Zange, die an den gefürchteten Stachel
-des Skorpions gemahnt. Zweifellos ist solche Skorpionfliege
-ein niedrigeres und altertümlicheres Insekt, zugleich
-aber deuten mancherlei Indizien darauf, daß gerade sie
-einst die Ahnfrau der schon viel feiner organisierten
-Köcherjungfrau war. Skorpionfliege, Köcherjungfrau,
-Schmetterling &ndash; hier lebte also heute noch etwas wie
-der Schatten eines Stammbaumes&nbsp;…</p>
-
-<p>Gehen wir damit aber wieder in die Urwelt selber
-zurück. Da ist es nun sehr interessant jetzt, daß die
-Skorpionfliegen gar sehr eines beträchtlich hohen Alters
-verdächtig sind. Sie tauchen in zahlreichen unmittelbaren
-Resten (Abdrücken von Flügeln) etwas vor der
-Mitte zwischen jenen schmetterlingsleeren Steinkohlensümpfen
-und den schon von Schmetterlingen besuchten
-Bernsteinforsten auf: zu Anfang der vom Ichthyosaurus
-allbekannten Jurazeit. Feine Indizien aber verknüpfen
-sie dort wieder rückwärts noch bis zu den wirklichen Urinsekten
-des Steinkohlensumpfes selbst, so daß man wohl<span class="pagenum"><a id="Seite_27">[27]</a></span>
-annehmen darf, sie mit ihren bis heute ja noch so viel
-roheren Beißorganen sind ursprünglich doch auch von
-dort hergekommen. Nun aber sehen wir des weiteren
-etwas geradezu verblüffend an jenen geahnten höheren
-Stammbaum auch urweltlich Anschließendes.</p>
-
-<p>Schon in den Gesteinsschichten jenes untersten Jura
-finden sich neben den deutlichen Flügeln von Skorpionfliegen
-auch bereits einzelne Flügel noch erkennbar abgeprägt,
-die heutigen Flügeln der Köcherjungfrau gleichen.
-Und schon im mittleren und oberen Jura gesellen sich
-dazu einzelne noch weitere Flügel, die jetzt gar schon
-stark an den echten Schmetterlingsflügel von heute gemahnen.
-An sehr verschiedenen Orten ist man bisher
-auf diesen ersten Schatten des Urschmetterlings gestoßen:
-in England, in Sibirien und im berühmten lithographischen
-Kalkstein von Solnhofen in Franken. Im letzteren
-hatte man allerdings lange die Abdrücke von Holzwespen
-mit Schmetterlingen verwechselt, aber nachdem dieser
-Irrtum erledigt war, gab es doch auch echte Schmetterlingsflügel
-dort. Und da scheint nur ein schlichter Schluß
-möglich.</p>
-
-<p>Schon zu Anfang der Jurazeit hatte sich ein Teil
-der alten Skorpionfliegen in Köcherjungfrauen verwandelt,
-und im Verlauf der Juraperiode dann gingen
-wieder aus einem Teil der Köcherjungfrauen die echten
-Schmetterlinge hervor. Immer wandelte sich nur ein
-Teil, wohlbemerkt, denn es leben ja heute neben den
-Schmetterlingen auch noch (allerdings wenige) Skorpionfliegen
-und ein gut Teil Köcherjungfrauen fort; das
-ist die alte Sache wie fast immer im Stammbaum;<span class="pagenum"><a id="Seite_28">[28]</a></span>
-neben dem Neffen lebt der Onkel auch noch weiter.
-Indessen ist hier noch eine Erwägung nötig, die zugleich
-das Bild des Hergangs noch farbiger macht.</p>
-
-<p>Frühlingsfliege sowohl wie noch viel vollkommener
-der Schmetterling selbst besitzen heute durchweg einen
-reinen Blütensaugapparat. Dazu aber sind höhere
-Blüten nach Art unserer heutigen von Insekten besuchten
-nötig.</p>
-
-<p>Nun hat es aber solche Blüten in jener Juraperiode
-noch gar nicht gegeben, sie entstanden erst in der folgenden
-Kreidezeit, die noch zwischen den Jurawäldern und
-dem Bernsteinforst liegt.</p>
-
-<p>Wir müssen also annehmen, daß, der Not der Zeit
-gehorchend, auch die erst erstandenen Köcherjungfrauen der
-Jurazeit noch beißende Mundwerkzeuge gleich den älteren
-Insekten besaßen.</p>
-
-<p>Auf dieser Stufe aber müssen zunächst doch die
-Flügel bei einem Teil ihres Urvölkleins schon mehr
-oder minder schmetterlingshaft geworden sein, so daß
-man mit einigem Recht schon von diesen Vertretern
-damals hätte sagen können, es waren bereits Schmetterlinge,
-doch Schmetterlinge auch noch mit beißenden
-Kiefern ohne Honigrüssel.</p>
-
-<p>Es ist dabei wieder interessant zu bemerken, daß noch
-heute einige wenige Schmetterlinge uns lebend beinahe
-noch diese Urstufe vor Augen bringen; so hat der primitivste
-aller lebenden Schmetterlinge, von dem die Art
-<em class="antiqua">Micropteryx</em> oder <em class="antiqua">Eriocephalus Calthella</em> bei uns in
-Europa vorkommt, noch regelrechte kauende Mundteile
-mit wohlerhaltenem Oberkiefer anstatt des Saugrüssels.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_29">[29]</a></span></p>
-
-<p>Und erst in der Kreidezeit selber werden wir dann
-annehmen dürfen, daß sowohl die echt verbleibenden
-Köcherjungfrauen wie die Partei der schon werdenden
-Schmetterlingsflügler unter ihnen fast auf der ganzen
-Linie sich wirklich den entstehenden Blumen (und die
-Blumen ihnen) auch im Mundbau anschlossen, womit
-für den Schmetterling erst das ganz Ätherische, vom
-Brutalen Abgelöste seines endgültigen Schicksals gegeben
-war.</p>
-
-<p>Nachdem zuerst in der langsam prägenden Urweltshand
-sein farbenfroher Flügel sorgsam fertiggestellt worden
-war, folgte jetzt der Honigmund.</p>
-
-<p>Und so ist er bereits in den sonnendurchhellten Bernsteinwald
-eingeschwebt, so ist er als lieblichstes Schöpfungsmärchen
-heraufgegaukelt bis zu uns.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_30">[30]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Kampf_um_den_Maulwurf">Der Kampf um den Maulwurf</h2>
-
-<p class="titlepoem">
-Da liegt der schwarze Bösewicht<br />
-Und wühlte gern und kann doch nicht,<br />
-Denn hinderlich, wie überall,<br />
-Ist hier der eigne Todesfall.
-</p>
-</div>
-
-<p class="drop">Diese klassischen Worte Wilhelm Buschs charakterisieren
-den Kampf <em class="gesperrt">mit</em> dem Maulwurf.</p>
-
-<p>Wenn es aber eine ausgleichende Gerechtigkeit in
-dieser zweideutigen Welt gibt, so hat sie offensichtlich
-zur Sühne uns Menschen den Kampf <em class="gesperrt">um</em> den Maulwurf
-auferlegt.</p>
-
-<p>Unsere Menschheit fängt gegenwärtig an, so ungeheuer
-klug zu werden, daß man fast mit einigen
-Ängsten an das Wort denkt, daß allzukluge Kinder nicht
-alt werden. Wir wissen, was für Stoffe in den Sonnen
-des Andromedanebels glühen, wir erzählen uns, daß der
-Lichtdruck Tröpfchen von 0,00016 Millimeter Durchmesser
-bewegt und daß auf jedes solcher Tröpfchen
-96 Millionen Moleküle gehen, und wir werden demnächst
-wohl über den Gaurisankar fliegen … in solchen
-Momenten ist es aber nützlich und spricht doch für
-eine etwas längere Lebensdauer, daß wir noch immer
-nicht genau die Geheimnisse des Maulwurfshaufens
-kennen.</p>
-
-<p>In einer geordneten und sozusagen approbierten
-Wissenschaft ist der Maulwurf trotz seines blauen Fellchens
-immerzu bis heute der roteste Revolutionär.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_31">[31]</a></span></p>
-
-<p>Mit seinem heimischen Genossen, dem Igel, hat er
-im System so lange rumort, bis man ihm und seinen
-Vettern glücklich eine ganze eigene Säugetierordnung
-hat einräumen müssen, die der »Insektenfresser«, deren
-Name besonders gut auf den Maulwurf paßt, indem
-er nämlich hauptsächlich Regenwürmer, die bekanntlich
-keine Insekten sind, frißt.</p>
-
-<p>Auch dann aber noch sind mit ihm immerfort ärgerliche,
-wie Fontane sagen würde: genierliche Sachen
-passiert.</p>
-
-<p>Das ganze so sehr zu preisende neunzehnte Jahrhundert
-hindurch ist eine (immer dieselbe) Abbildung
-seiner unterirdischen Burg durch alle Fachwerke gegangen,
-die nach Ansicht neuester Kritiker nur den einen
-Fehler hatte, daß sie mindestens als Regel verkehrt
-war. Auch mußte gerade bei ihm der doch gewiß
-nicht alltägliche Fall sich ereignen, daß die Anatomen
-eine Zeitlang die Weibchen mit den Männchen
-verwechselten, eine mindestens unhöfliche Geschichte.
-Doch der eigentliche »Fall Maulwurf« beginnt erst
-mit einer dritten Situation, nämlich bei der Frage, ob
-er ein Racker oder ein Engel in seinem Verhältnis zu
-uns sei.</p>
-
-<p>In der besagten hübschen Geschichte bei dem stets
-unparteiisch warmherzigen Altmeister Busch setzt der
-brave Gärtner sich bei dem vernichtenden Schaufelstoß
-gegen den Mull zugleich hinterrücks in die Spitzen der
-Gartenharke. Und das ist gewissermaßen ein Symbol
-der Maulwurfsfrage im ganzen. So leicht wir den
-kleinen Samtkerl hochprellen und aufs rote Näschen<span class="pagenum"><a id="Seite_32">[32]</a></span>
-hauen können &ndash; dieses rote Näschen, das ein so unfaßbar
-feiner Fühlapparat für die leisesten Zitterbewegungen
-des Erdreichs ist, daß man es schon ernstlich unseren
-großen menschlichen Seismographen oder Erdbebenmessern
-vergleichen möchte&nbsp;&ndash;: das Problem ist, inwieweit wir
-uns dabei alle miteinander dauernd auf eine Gartenharke
-in unserer Kultur setzen könnten, die uns tückisch ins
-gegenseitige Fleisch sticht.</p>
-
-<p>Der Bauer, das »Volk« überhaupt, ist seit alters
-der zähen Meinung, daß der Maulwurf ein unleidlicher
-Schädling sei. Die Dorfgemeinden stellten, wie Kreuzotterfänger,
-so besondere Maulwurfsfänger an, in manchen
-Gegenden »Schärmäuser« genannt nach dem süddeutschen
-Maulwurfsnamen »Schärmaus«, der auf <em class="antiqua">scero</em>
-zurückgeht und mit dem Anschluß an die Maus deutlich
-schon das Böse hineinschmuggelt; denn was eine echte
-Maus ist, ist immer ein Unnutz.</p>
-
-<p>Wer nun Volkesstimme ohne weiteres in der Naturgeschichte
-für Gottesstimme zu halten geneigt ist, der
-wird darin einen vollgültigen Beweis sehen, und das
-Volk hat ja gewiß so manche alte Weisheit, von der
-auch Forscher noch lernen können. Aber daneben flattern
-durch die Volksnaturgeschichte auch ebenso sicher allerhand
-Gespenster. Der Bauer, der die Fledermaus für
-ein verderbliches Scheusal hält, das in die Haare fliegt
-und ihm im Schornstein den Speck wegfrißt, oder der
-die nützliche Eule als Unhold übers Scheunentor nagelt,
-wird uns schwerlich für den Nutzen und Schaden des
-Mulls, wenn er ihn für eine wurzelfressende Maus
-hält, kompetent sein können.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_33">[33]</a></span></p>
-
-<p>Die erste Tat des Forschers war also auch der Nachweis,
-daß unser Mull kein Nagergebiß habe, sondern
-ein Raubtiergebiß, das in seiner Weise sogar das der
-echten Raubtiere noch übertrumpfe und jedenfalls, wie
-es im Märchen heißt, in seinem Reich »Vieh und Leut«
-fresse, aber nicht Rüben.</p>
-
-<p>Wie alles Wissenschaftliche auch immer einmal wieder
-angezweifelt zu werden pflegt (an sich kein Schaden!), so
-hat man diese Räubernatur gelegentlich zwar bestritten,
-aber ohne Glück. Wollte doch gar einer (wie Meister
-Heck im neuen Brehm erzählt) den leibhaftigen Maulwurf
-gesehen haben, wie der niederträchtige Kerl halb
-aus seinem Loch vorkam und ein Rübenblatt nach dem
-anderen abknabberte. Hier aber möchte man wohl den
-alten Satz anwenden: es hat einer manches gesehen,
-und es ist doch nicht wahr. Mit einer Einzelbeobachtung
-auf falscher Fährte kann man auch beweisen, daß
-der Hund Gras fresse, und ein so famoser Beobachter
-wie der alte Adolf Müller hat allen Ernstes einmal sogar
-den Kuckuck brüten »sehen«.</p>
-
-<p>Wenn aber unser Mull wirklich ein »Tierfresser«
-ist, so scheint doch seine Nützlichkeit erwiesen; denn was
-soll er in seinen unterirdischen Labyrinthen, wo er das
-Erdreich auf wahren Atlasschultern im kleinen trägt und
-wälzt, anders fressen als wirkliche Schädlinge des Landmanns,
-&ndash; mit den bösesten, den Engerlingen, voran?</p>
-
-<p>Indessen hier kamen die Gärtner und verwiesen auf
-den »Wühler«.</p>
-
-<p>Was er schließlich fresse oder nicht fresse, das sei das
-ganz Nebensächliche. Aber mit seinem unterirdischen<span class="pagenum"><a id="Seite_34">[34]</a></span>
-Pflügen und oberirdischen Bergbauen kreuze er immerfort
-das Werk des Menschen an den Stellen, wo die
-Erde ein Schmuck &ndash; etwa in einer prächtigen Parkwiesenfläche
-&ndash; und nicht ein schmutziges Bergwerk mit
-Stollen und Halden sein solle. Gerade hier aber war
-nun wieder und erst recht etwas auch nach der anderen
-Seite Hochbedeutsames angeschlagen.</p>
-
-<p>Für die schöne Außenseite des Parks, dessen Ideal
-eine smaragdene Grasfläche ohne Makel ist, oder im
-Beet mit seinem kleinen Pflanzenvolk, das in der
-Wurzel nicht gelockert sein will, mag der Bergmann
-im Samtröcklein verpönt bleiben. Aber wir verdammen
-doch nicht in Bausch und Bogen unseren
-menschlichen Grubenbetrieb bloß deshalb, weil es nicht
-hübsch wäre, wenn er vermöge deplacierter Wahl
-seines Arbeitsfeldes die Peterskirche zum Einsturz
-brächte oder den Berliner Tiergarten mit schmutzigem
-Schutt durchsetzte. Gerade als Bergarbeiter ist unser
-Maulwurf wirklich noch etwas ganz anderes als
-bloß ein Fresser und Nutzfresser, und dieses andere
-scheint zunächst erst seinen <em class="gesperrt">eigentlichen</em> Wert zu
-berühren.</p>
-
-<p>Mit kurzem Wort gesagt: der Maulwurf gehört
-hier zu den »geologischen Tieren«.</p>
-
-<p>Geologische Tiere sind Tiere, die nicht bloß auf der
-gegebenen Erdscholle leben, lieben und herumfahren, sondern
-es sind solche, die an der Bildung und Umbildung
-unserer Erdrinde selber aktiven Anteil nehmen, also im
-recht eigentlichen Sinne »geologisch« für jene anderen
-mit wirksam sind.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_35">[35]</a></span></p>
-
-<p>Tiere dieser Art hat es seit den ältesten Tagen der
-Erdgeschichte immer wieder in Masse gegeben, und
-durchweg war ihre Arbeit von der allergrößten Bedeutung.</p>
-
-<p>Die Korallentiere gehörten dazu, die schon in der
-Urwelt Kalkriffe gebaut haben, deren Ruinen jetzt hohe
-Berge bilden, und die heute noch im Stillen Ozean die
-Umrisse längst versunkener Inseln in zähem Konservativismus
-durch ihre aufgesetzten Mauern erhalten, als
-sei alle geologische Elementarbeit zu schwach, ihre eigenen
-und eigensinnigen Wege zu hemmen.</p>
-
-<p>Nicht alle »geologischen Tiere« aber bauen selber in
-Korallenweise neuen Grund. Andere verarbeiten nur
-das Vorhandene &ndash; gerade das aber kann wieder für
-dritte, gleichsam bloß genießende Wesen erst recht von
-höchstem Nutzen sein. Sie arbeiten mit an der Umwandlung
-der ursprünglich mehr oder minder starren
-Gesteinsrinde unseres Planeten in eine dem übrigen
-Leben, vor allem dem Pflanzenleben brauchbare Erdkrume.
-In der vorhandenen Krume lockern und lüften,
-karren und fahren und bewässern sie unablässig, als
-wären sie selber angestellte Gärtner und Bauern im
-Dienste des großen Naturparks oben, ohne Wissen natürlich
-von dem Nutzen im irdischen Gesamtspiel, bloß auf
-ihren eigenen Gewinn bedacht, aber durch die Verkettung
-der Dinge immerfort ein reger Faktor von höchstem
-Wert für alles, was mit Wohl und Weh des großen
-Erdengartens zusammenhängt.</p>
-
-<p>Und auf diesem letzteren Felde schafft nun auch der
-Maulwurf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_36">[36]</a></span></p>
-
-<p>Mit seinem Wühlen und Hochstoßen durchlüftet er
-den Grund und Boden aufs glücklichste und schafft auch
-der Feuchtigkeit besseren Eingang, so daß er überall da,
-wo es nicht auf das schöne Aussehen der Oberfläche
-oder eine sehr zarte Kultur ankommt, ein unentwegter
-Förderer des Pflanzenwuchses wird, dessen sich auch der
-Mensch in unzähligen Fällen freuen muß. Das hat
-schon der alte Tierkundige Gesner im sechzehnten Jahrhundert
-geahnt, wenn er sagte: »Ich hab von etlichen
-bauleuthen vernommen, daß sie kein Schärmauß auß den
-wisen oder matten schlagen, vermeinen, der boden in den
-wisen müsse also gleich wol unten erbauwen werden als
-das väld mit dem Pflug.«</p>
-
-<p>Nimmt man nun hinzu, daß der unterirdische kleine
-Pflüger zugleich aus jeder Furche, die er ritzt, die wirklichen
-Pflanzenverderber, wie den bösen Engerling, absucht
-und vertilgt, so meint man, es könne nicht leicht
-einen braveren Helfer für uns geben.</p>
-
-<p>Aber der wahre Naturhaushalt ist ein verwickeltes
-Ding &ndash; immer noch wieder um ein Geheimfach verwickelter,
-als wir auf rascher Suche ahnen.</p>
-
-<p>Eben als solches »geologisches Tier« kommt unser
-Mull auf seiner unterirdischen Jagd nämlich in Konflikt
-mit einem anderen »geologischen Tier«, das jetzt als
-solches <em class="gesperrt">noch</em> weit nützlicher für das Pflanzenleben und
-damit für uns ist &ndash; mit dem wirksamsten und zugleich
-nützlichsten, das es von echten Tieren da unten in der
-Scholle überhaupt gibt &ndash; nämlich mit dem Regenwurm.</p>
-
-<p>Hoch klingt heute das Lied vom Regenwurm in
-unserer Bodenkultur. Der alte Darwin, den die meisten<span class="pagenum"><a id="Seite_37">[37]</a></span>
-nur von seiner Abstammungstheorie kennen, der in
-Wahrheit aber auch hunderterlei anderes in unsagbarem
-Beobachterfleiß ergründet hat, ist zuerst sein Prophet
-geworden.</p>
-
-<p>Der Regenwurm treibt zunächst ganz das gleiche
-als praktischer Geologe wie der Maulwurf, bloß noch
-gründlicher und weniger stürmisch. Er lockert den Boden,
-durchsetzt ihn mit senkrechten Röhrchen, die den Pflanzenwurzeln
-erwünschten Raum bieten, er durchlüftet und
-durchfeuchtet ihn, läßt das Wasser und die Kohlensäure
-auch an die tieferen Schichten heran.</p>
-
-<p>Aber noch unvergleichlich viel mehr tut er als der
-Maulwurf. Indem er in der bekannten Weise welkes
-Laub in seine Erdhöhlen zieht, düngt er regelrecht
-auch den Grund, in dem er lebt. In der harten
-Erde weiß er aber dieses Düngens noch einen praktischeren
-Weg.</p>
-
-<p>Wie der Märchenjunge im Breiberg frißt er sich
-durch diese Erde einfach durch, indem er sie aufweicht,
-in sich aufnimmt und die innerlich verarbeitete dann oben
-auf der Decke in natürlicher Weise wieder absetzt. Nicht
-ganz im Rahmen parlamentarischer Redeformen tut er
-das, aber nützlich, unendlich nützlich für die Güte und
-Ertragskraft des Bodens!</p>
-
-<p>Geradeso entsteht erst die allerfeinste, weichste Pflanzenerde.
-Zugleich wird das Erdreich unablässig von oben
-nach unten gearbeitet. Der Wiesenboden oben wird
-beständig erneuert, er glättet sich, da auf die Dauer
-jeder störende Stein bei dieser konsequenten Umkrempelung
-in die Tiefe absinken muß, ja zuletzt sind diese<span class="pagenum"><a id="Seite_38">[38]</a></span>
-armen Würmer im Lauf der Jahrtausende regelrechte
-Erdbaumeister, die das ganze Bild da oben bestimmen,
-die begraben und versenken und überschütten, den Granitblock
-wie die gefallene Tempelsäule. Immer aber bleibt
-ihr Geschenk an uns die köstliche Erdkrume in vollendetster
-Gestalt.</p>
-
-<p>Ja wohl nun: der Maulwurf frißt Engerlinge und
-andere Schädlinge, aber viel mehr noch und zumeist
-frißt er eben diese seine geologischen Mitarbeiter, die
-Regenwürmer!</p>
-
-<p>Seine wie ein unterirdisches Spinnennetz ausgebreiteten
-Labyrinthgänge pflegen gerade so zu liegen, daß
-die Würmer sie bei ihrem Tagewerk immerfort durchschneiden
-müssen, wobei sie dann wie die Fliegen unter
-das Messergebiß des kleinen Minotaurus fallen, während
-die Engerlinge nur gelegentlich einmal hineingeraten.
-Unglaubliche Massen von Würmern werden
-so vertilgt. Und der barbarische Zyklop kerkert sich sogar
-ganze Wintervorräte lebender Wurmopfer ein, deren
-ein sicherster neuerer Beobachter, Dahl, in einem einzigen
-Maulwurfsbau 1280 Stück in einem Gewicht von
-2,13 Kilogramm gefunden hat. Und so sänke der Kurs
-des Maulwurfs abermals.</p>
-
-<p>Mancher ausgezeichnete moderne Tierkundige ist da
-wieder ganz und gar zum Zweifler geworden. Der
-treffliche Züricher Nutztierforscher Conrad Keller möchte
-schon die alten Schärmäuser bei den Flurkommissionen
-wieder anerkannt sehen, und auch Heck hat wenigstens
-seine Bedenken. Ich aber meine, es langt noch wieder
-nicht zum hochnotpeinlichen Beschluß.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_39">[39]</a></span></p>
-
-<p>Zunächst ist die Zahl der Regenwürmer derartig
-Legion, daß das Dezimieren im Einzelfall meines Erachtens
-gar keine Rolle spielt &ndash; abgesehen davon, daß
-im Einzelfall ihrer auch in einer Kultur zu viele werden
-können, also ein gewisses natürliches »Abschießen« sogar
-eher nützt. Eine Rechnung von Hensen setzt auf ein
-Hektar Gartenland mehr als 100&nbsp;000 Würmer an, das
-gibt 130 Kilo Fleisch. (Schade, daß wir uns nicht
-daran gewöhnt haben, Regenwürmer zu essen. Oder
-sollten wir nicht einmal … wer fängt an?) Auf dieses
-arbeitende Stück Geologie sind jetzt seit etwa drei Millionen
-Jahren (diese Insektenfresser reichen sehr wahrscheinlich
-bis in den Ausgang der Kreidezeit zurück) die
-Maulwürfe gehetzt, und doch ist die Zahl und auch
-offensichtliche Macht der Würmer heute noch in solchem
-Flor. Aller Vermutung nach wird die Sache also darauf
-hinauslaufen, daß im bestehenden, von Menschenhand
-nicht veränderten Naturhaushalt die Massenproduktion
-des Regenwurms auch den Maulwurf noch
-erträgt.</p>
-
-<p>Vielleicht, wenn man an darwinistische Anpassungen
-denken will, hat sie sich im Laufe der Zeiten unmittelbar
-auf eine Überproduktion eingestellt, die den dort entfallenden
-Abzug im Gesamtspiel schon gleichsam vorsorgend
-ersetzt; bei einer Menge von Tieren, wo zum
-Beispiel die Jungen stark bedroht sind, glaubt man ja
-ganz deutlich solche Regulierung wahrzunehmen, die sich
-in einer ungeheuren Überproduktion von Jungen kundgibt
-auf die Wahrscheinlichkeit hin, daß von unzähligen
-doch nur so und so viele erhalten bleiben &ndash; wobei aber<span class="pagenum"><a id="Seite_40">[40]</a></span>
-diese »so und so vielen« vollauf zur Erhaltung der Art
-genügen. Auf der anderen Seite ersetzt aber der Maulwurf
-durch seine eigene nützliche geologische Arbeit selbsttätig
-wohl auch noch das, was eventuell dort bei den
-Regenwürmern als Manko durch ihn ausfallen könnte.
-Und so rückte sich dieses Konto doch wieder wenigstens
-ins Reine, wenn auch ohne Überschuß. Darüber hinaus
-aber vertilgt der gleiche Maulwurf nun doch <em class="gesperrt">auch</em>
-Engerlinge und andere Schädlinge, und hier beginnt
-also wieder sein positiver Nutzen, wenn der auch vielleicht
-nicht so groß ist, wie man im Überschwang der
-ersten Entdeckung geglaubt hatte.</p>
-
-<p>Das Fazit ist einfach.</p>
-
-<p>Man wird unseren Mull nicht verfolgen (abgesehen
-von feiner Schmuckkultur im Garten) wegen seiner
-Wühlarbeit, denn die ist nützlich.</p>
-
-<p>Man wird ihn nicht verfolgen wegen seiner Nahrungsweise,
-denn die ist zum Teil auch nützlich, zum
-Teil indifferent.</p>
-
-<p>Man wird ihn vielleicht nicht eben fördern, sondern
-den gegebenen Naturhaushalt an dieser Ecke möglichst
-lassen, wie er ist.</p>
-
-<p>Aber ganz gewiß wird man nicht zulassen, daß er
-willkürlich ausgerottet werde &ndash; zumal heute nicht aus
-Motiven, die etwa gar überhaupt mit Landwirtschaft
-nichts zu tun haben, die aber, wenn sie irgendein armes
-Vieh erreichen, prompter das ganze Geschlecht zu bedrohen
-pflegen als alle Schärmäuser von ehemals die
-Mulle oder alle Mulle von je die Regenwürmer &ndash;
-also zum Beispiel Verwertung des Fells für einen<span class="pagenum"><a id="Seite_41">[41]</a></span>
-Modezweck; der Versuch ist bei unserem Mull schon
-gemacht worden, hat sich aber zunächst wieder zum
-Glück etwas verzogen, da das arme Samtfellchen nicht
-genug brachte.</p>
-
-<p>Hier käme vor allem auch der allgemeine Heimatschutz
-in Frage, dem der Mull doch <em class="gesperrt">auch</em> gehört und
-der verhindern muß, daß wir ein heimisches Geschöpf
-verlieren, von dem zweifellos noch eine Menge zu lernen
-ist und das sicherlich zu den eigenartigsten unseres Landes,
-ja unseres ganzen Planeten gehört.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_42">[42]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_unheimliche_Gila-Tier">Das unheimliche Gila-Tier</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Durch die Wüsten des Mondes, diese vollkommenen
-Wüsten, über denen nicht einmal bläuliche Luft
-zittert und spiegelt, in denen nicht einmal ein ausgetrocknetes,
-versandetes Flußbett von alten Wassern zeugt,
-auf denen nicht einmal eine gespenstische Riesenwüstenpflanze
-wie die Welwitschia unserer Kalahari kriecht &ndash;
-durch diese Öden ziehen sich ungeheure Spalten, die
-sogenannten Rillen. Bald schnurgerade, bald in scharfem
-Zickzack durchqueren sie weite, weite Strecken des Mondlandes.
-Sie sind keine Stromläufe, keine künstlichen
-Kanäle. Ja, was sind sie? Niemand weiß es genau.
-Vielleicht ist die Mondrinde hier geplatzt in den letzten
-Zuckungen des Mondinnern. Vielleicht haben die furchtbaren
-Kontraste von nicht abgeblendeter Sonnenglut
-und eisiger Weltraumkälte das Gestein zerbersten lassen.
-Eine ungelöste Frage da oben, wie so viele.</p>
-
-<p>Gewiß aber ist, daß es nur eine einzige Landschaft
-auf unserer Erde gibt, die äußerlich eine gewisse Ähnlichkeit
-zeigt mit einer solchen Rillengegend des Mondes:
-das ist das Wunderland von Arizona in Nordamerika
-mit seinen berühmten Cañons, den »Röhren«, wie sie
-der Spanier nennt.</p>
-
-<p>Auch hier senken sich in einem wild zerfressenen,
-vielfach mondhaften Wüstenplateau noch einmal besondere
-Spaltenabgründe in die Tiefe, wahre »Rillen«, deren<span class="pagenum"><a id="Seite_43">[43]</a></span>
-größte bei sechzig Meilen Länge sich bis zweitausend
-Meter tief in den untersten Fels einschneidet, einen
-exakten Querschnitt durch die ganzen älteren geologischen
-Schichten der Erdrinde bis zu den entlegensten hinab
-eröffnend.</p>
-
-<p>Gern möchte man auch bei solchem Cañon an furchtbare
-revolutionäre Ereignisse dieser Erdrinde denken, die
-sie so bis ins Herz hier zerrissen. Aber wir wissen, daß
-es ein viel unscheinbarerer Titan gewesen ist, der diesmal
-seine Macht bewährt hat, nämlich wühlendes Wasser,
-das sich langsam, langsam in den Block des großen
-Wüstenplateaus eingefressen und die Cañonrillen eingetieft
-hat &ndash; die gleiche Macht also zuletzt, die nach einem
-einfachen Regen das Sandhäufchen eines Kinderspielplatzes
-mit kleinen Furchen durchzieht. Kleinste Wirkung,
-größter Erfolg!</p>
-
-<p>In diesem wilden Lande, diesem Stück Mond
-auf Erden, aber lebt das Gila-Tier, das unheimliche,
-das verdächtige, wie der Naturforscher es genannt
-hat, seit sich von ihm eine bedenkliche Kunde
-verbreitet hatte.</p>
-
-<p>Wenn in stiller Nacht das Silberlicht des wirklichen
-Mondes um den Rand einer solchen Arizonarille fließt,
-in deren schwarzem Grunde tief, tief unten unsichtbar der
-Coloradostrom geht, so möchte man von Ungeheuern
-träumen, die sich diesen Höllenschlund zur Höhle gewählt.
-Die alten Riesensaurier möchte man noch einmal
-aus den zernagten Schichten des Urweltgesteins hervorkriechen
-sehen. Aber sie lagen schon längst eingesargt
-in ähnlichem Fels, als auch nur der erste Spatenstich<span class="pagenum"><a id="Seite_44">[44]</a></span>
-des wühlenden Wassertitanen einsetzte, der diese zweitausend
-Meter aushöhlen sollte.</p>
-
-<p>Man muß sich von dem Mondzauber in eine andere,
-uns sehr viel nähere, obwohl auch höchst seltsame Geschichtszeit
-verzaubern lassen, um auf die erste Kunde
-vom wirklichen Monstrum dieser Arizonawüsten zu
-kommen.</p>
-
-<p>An Arizona grenzt nach Süden Mexiko. Vor rund
-vierhundert Jahren war's, bei den alten Mexikanern.
-Von ihnen vernimmt man zum erstenmal einen Namen
-für das geheimnisvolle Tier des Cañonlandes, das auch
-bis in ihr Landgebiet hinüberkroch: Tola-Chini.</p>
-
-<p>Sagendunst aber wob sich seither immer erneut
-darum.</p>
-
-<p>Tatsächlich eine Art Drachensage.</p>
-
-<p>Wenn es auch kein Drache in der Größe sein sollte,
-so doch einer in der Gefährlichkeit. Ein »männermordendes«
-Tier, würde der alte Homer gesagt haben.
-Die späteren Arizonakolonisten tauften es nach dem Ödland
-im Bereich des Nebenflusses des Colorado, des
-bald ganz vertrocknendem bald zu Hochwassern schwellenden
-Wüstenstroms Gila, das »Gila-Tier«.</p>
-
-<p>Und wie dieser Strom, so stiegen und versiegten
-auch bei ihnen immer wieder abwechselnd die Nachrichten
-und Legenden über den unheimlichen Gast der
-unheimlichsten Gegend, bis endlich ganz langsam in
-neuerer Zeit die Forschung, der vor keinem Gespenst
-graute, auch hier sozusagen polizeilich feststellen durfte,
-um was für einen »Bauernschreck« es sich denn eigentlich
-handle.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_45">[45]</a></span></p>
-
-<p>Das Gila-Tier existierte tatsächlich. Und es war ein
-Reptil, also immerhin verschwägert mit den alten Drachen.
-Eine ziemlich ansehnliche, bald meterlange Eidechse steckte
-hinter ihm &ndash; eine Eidechse aber, die sich &ndash; das war
-das erste Merkwürdige, das sofort auffiel &ndash; ausgespart
-wie ein ganz himmelweit anderes Tier trug, das auch
-genügend von je der Sage Stoff geboten, nämlich wie
-ein Feuersalamander.</p>
-
-<p>Wer an Mimikry glaubte, der mußte annehmen, hier
-mache eine Eidechse einfach bis zur vollendetsten Täuschung
-den Salamander nach.</p>
-
-<p>Ein solcher Molch hat eine feuchte, schlüpfrige,
-kellerhafte Nacktheit, sein Leib gleicht einem feisten
-Wurm, den vier winzige Beinchen nur mühsam dahinschleppen,
-Warzen und Pusteln bedecken seine Haut,
-dazwischen aber liegen auf ihrer schwarzen Negernacktheit
-hochgelbe oder rötliche Flecken wie brennende
-Striemen auf.</p>
-
-<p>Dagegen ist das Sonnenkind Eidechse durchweg ein
-feiner, schlanker Ritter im zierlichsten Schuppenhemd,
-der in allerlei trockener und sauberer Buntheit und
-schönen Ornamenten zu kokettieren liebt und flott mit
-graziöser Taille dahintänzelt.</p>
-
-<p>Ein solches Schuppenkleid hat nun auch das Gila-Tier.
-Aber seine Schuppen sind zu unregelmäßigen
-Körnern geworden, die ebenfalls Warzen und Drüsen
-zu bilden scheinen, und indem einzelne größere Körnerbrocken
-ein schmutziges fleischhaftes Gelbrot vordrängen,
-entsteht auch hier der vollkommene Eindruck von rohen
-Farbpusteln auf einer ekeln schwarzbraunen Nackthaut.<span class="pagenum"><a id="Seite_46">[46]</a></span>
-Gleichzeitig hat sich der Leib in eine unförmliche, schlecht
-gestopfte Walze verwandelt, in deren Quellung Kopf
-und Beinchen fast verloren gehen. Gerollt wie ein wirklicher
-Wurm liegt das Scheusal so in seinem Wüstenversteck,
-zweifellos der allerhäßlichsten Tiere eines. Wer
-es plötzlich aufdeckt, könnte es für einen modernden
-Pflanzenrest halten, auf dessen verwester Rinde sich eine
-hochgelbe Pilzvegetation angesiedelt hat.</p>
-
-<p>Es möchte aber nicht ratsam sein, solches unvorsichtige
-Aufdecken und Aufwecken. Denn jetzt beginnt das unheimliche
-Phänomen, dem das Geschöpf der arizonischen
-Mondwüste seinen eigentlichen Ruf verdankt.</p>
-
-<p>Unter heftigem Zischen hebt das Maul an zu geifern,
-so heftig, als wolle sich das entwickeln, was bei der afrikanischen
-Speischlange, einer bösen Najaart, die Regel
-ist, die auf ein Meter Entfernung dem Angreifer ihren
-Speichel direkt ins Gesicht bläst, eine lange bestrittene,
-aber endlich doch bestätigte scheußliche Methode. Doch
-schon kommt der Biß des Gila-Tiers, ein sehr herzhafter.
-Die langen krummen Zähne, die für gewöhnlich
-fast ganz im Zahnfleisch versteckt liegen, werden bei dem
-Druck selbst erst eigentlich frei und schlagen sich nun
-nahezu zentimetertief ein. Jetzt aber die Wirkung dieses
-Bisses … Alles Gräßliche, was dem Monstrum seit
-alters nachgesagt worden ist, konzentrierte sich von je auf
-den einen Punkt, daß der Biß die verheerendste, die
-unmittelbar tötende Wirkung besitze, indem er nämlich
-in der schauerlichsten Weise vergiftet sei.</p>
-
-<p>Wirkliche Forscher mußten gerade das aber zunächst
-mit rechtem Befremden hören.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_47">[47]</a></span></p>
-
-<p>Die Volkssage macht ja gern alle nur denkbaren
-Tiere, wofern sie nur sonst etwas Verfängliches zeigen,
-auch zu Giftbeißern. Der Zoologe aber legt hier ein
-zunächst ganz unanfechtbares Veto ein.</p>
-
-<p>Ein wirklich giftiger Biß als dauernde Angriffs- oder
-Verteidigungswaffe eines Tieres setzt bestimmte Giftdrüsen
-voraus, die das Gift liefern. Solche Giftdrüsen
-kennt man im Reptilienbereich von den Schlangen. Sie
-treten dort durchweg in Verbindung auf mit besonderen
-Vorrichtungen an den Zähnen. Gewisse Schlangenzähne
-sind durchbohrt oder wenigstens zu einer Rinne gefurcht
-zum Injizieren oder Einlöffeln der giftigen Drüsenabsonderung
-beim Biß. Hier ist also alles klar.</p>
-
-<p>Eine Schlange aber ist nun keine Eidechse. Von
-keinem anderen Reptil, also auch von keiner Eidechse,
-war in vieljährigen anatomischen Untersuchungen je ein
-solcher schlangenhafter Giftapparat, weder Drüse noch
-Hohl- oder Furchenzahn, jemals festgestellt worden. Und
-so schien es zunächst geradezu ein Widersinn, der sich
-über grundlegende systematische Unterschiede hinwegsetzen
-wollte, wenn einer mit einer »giftigen Eidechse« kam &ndash;
-mochte sie auch noch so verdächtig aussehen und an einen
-Molch erinnern (der immerhin in der Haut etwas Gift
-führt, wenn er auch nie giftig beißen kann), und mochte
-sie aus noch so verwunschener Gegend stammen.</p>
-
-<p>Eine Weile eröffnete sich also folgerichtig ein heftiger
-Kampf der wissenschaftlichen Theorie, ehern begründet,
-wie sie schien, und etwas selbstbewußt, wie einer guten
-Theorie zukommt, mit der Praxis des unentwegt weiter
-geifernden und beißenden Gila-Tieres.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_48">[48]</a></span></p>
-
-<p>Gila-Tier, da half kein Mittel, behielt aber auf die
-Dauer die Oberhand.</p>
-
-<p>Gila-Tier biß Hühner und andere Tiere, und sie
-starben prompt wie von Schlangenbiß. Die Vergiftungserscheinungen
-gingen über Lähmung des Atmungsapparats
-&ndash; ganz wie bei Schlangengift.</p>
-
-<p>Gila-Tier biß auch Menschen, und sie hatten ebenfalls
-fatale Folgen davon. Der Biß brauchte ja nicht
-immer gleich tödlich zu sein; das ist aber auch der Biß
-schlimmster Ottern nicht immer.</p>
-
-<p>Das alles aber passierte nicht mehr bloß in der mondhaften
-Arizonawüste, sondern auch im Zoologischen
-Garten, ja beim planmäßigen wissenschaftlichen Experiment.
-Der Theorie aber wurde schließlich leicht gemacht,
-klein beizugeben.</p>
-
-<p>Denn anatomische Zergliederung des häßlichen Gilakopfs
-erwies eines Tages gerade das, was sie zur
-hartnäckigen Voraussetzung genommen. Gila-Tier <em class="gesperrt">hatte</em>
-tatsächlich im Unterkiefer zwei dicke, schlangenhafte
-Drüsen, und seine Zähne waren ganz genau wie die
-Furchenzähne vieler Giftschlangen mit einer Rinne
-versehen, durch die der ausgequetschte Drüsengeifer
-direkt in die Bißwunde eingeträufelt werden mußte.
-Diese Eidechse <em class="gesperrt">hatte</em> eben einen Schlangenapparat,
-und damit war das Wunder der Wirkung sehr einfach
-aufgeklärt.</p>
-
-<p>Immerhin war es ein großer Fund. Bis zum heutigen
-Tage ist keine zweite »Gifteidechse« mehr zu der
-einen hinzuentdeckt worden. Auch ein unmittelbarer Verwandter
-des Gila-Tiers, der seltsamerweise himmelweit<span class="pagenum"><a id="Seite_49">[49]</a></span>
-entfernt auf Borneo lebt, besitzt die höllische Waffe nicht.
-Die Mondwüste am Gila hat hier wirklich etwas ganz
-Besonderes aus sich geboren.</p>
-
-<p>Warum aber gleicht das Gila-Tier nun auch dem
-Feuersalamander?</p>
-
-<p>Von einer Nachahmung, die Schutz gewährte, kann
-dabei wohl nicht die Rede sein, denn das große Scheusal
-ist selber doch ein ganz anders wirksamer Gifter als der
-kleine, beißunfähige, bloß auf der Haut etwas ätzende
-Molch.</p>
-
-<p>Eher könnte man meinen, die Gifteidechse ahme den
-Molch nach, um bei ihren nächtlichen Raubzügen im
-Revier gerade umgekehrt harmloser zu erscheinen als
-sie ist.</p>
-
-<p>Man hat aber die grellgelben Pustelflecken des Molchs
-auch so gedeutet, daß sie mit ihrer Auffälligkeit größere
-Angreifer »warnen«, also schon von fern aufmerksam
-machen sollten, daß es sich um ein giftiges, also auf
-jeden Fall für sie ungenießbares Tier handle. Da aber
-nicht nur hier, sondern auch bei anderen giftigen oder
-sonst ungenießbaren Tieren stets als solche »Warnfarbe«
-gerade ein ähnliches Gelb oder Gelbrot auftaucht, so
-wird man zunächst wohl auch an einen direkten chemischen
-Zusammenhang zwischen Gift und diesem Gelb denken
-müssen, unbeschadet, daß nachher auch noch solche Nutzzwecke
-sich mehr oder minder daran angeknüpft haben
-könnten.</p>
-
-<p>Warum diese natürliche Giftlivree die unheimliche
-Eidechse nun aber wieder dazu gebracht haben sollte, ihre
-Schuppen auch in warzenhafte Körner zu verwandeln,<span class="pagenum"><a id="Seite_50">[50]</a></span>
-die vollends an nackte Molche und Kröten, die Hautgifter
-und nicht Beißgifter sind, erinnern: das bleibt auch
-so noch ein Rätsel.</p>
-
-<p>Die Wunder des Gila-Tiers sind offenbar noch nicht
-zu Ende!</p>
-
-<p>Im kürzlich vollendeten Berliner Aquarium, dieser
-größten neuen Sehenswürdigkeit unserer Reichshauptstadt,
-ist es inzwischen lebend zu schauen &ndash; in seiner
-ganzen Scheußlichkeit gelagert auf einem Stückchen künstlichen
-gelben Wüstenbodens seiner Mondwüste.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_51">[51]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_drei_Augen_der_Blindschleiche">Die drei Augen der Blindschleiche</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Es hat so manches Menschenkind gegeben, dessen
-wahre Taten im Guten wie im Bösen längst vergessen
-sind, das aber unsterblich fortlebt in dem, was
-von ihm gelogen worden ist.</p>
-
-<p>Von einem der zierlichsten und, wenn man ihn
-nur genauer besehen will, hübschesten Vertreter unserer
-heimischen Tierwelt gilt in stärkstem Maße, daß seit
-alters sein Ruhm, Name und Wert durchaus nur der
-Legende verdankt wird &ndash; nämlich von unserer Blindschleiche.</p>
-
-<p>Drei Volkslegenden sind es, die sich an sie heften,
-und alle drei sind erstklassiger zoologischer Unsinn.</p>
-
-<p>Eine Schlange soll sie sein, immerhin ein verzeihlicher
-Irrtum; in Wahrheit ist sie eine echte Eidechse, die aber
-nach Schlangenart ihre vier Beine abgeschafft hat und
-auf dem Bauche kriecht.</p>
-
-<p>Giftig soll sie sein; ich erinnere mich des köstlichen
-Anblicks, wie die sämtlichen Dienstleute eines großen
-Kuhstalls, ein ganzer Haufen starker erwachsener Menschen,
-unter wildem Lärm mit Stöcken und Mistgabeln
-gegen ein harmlos dahinkriechendes Blindschleichlein zu
-Felde zogen, als gelte es einen Drachen zu erlegen;
-tatsächlich ist diese kleine fußlose Eidechse unserer Heimat
-sowenig giftig wie die andern Echsen, die sich dort am
-Rain oder auf dem Gemäuer sonnen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_52">[52]</a></span></p>
-
-<p>»Blindschleiche« aber heißt der friedliche Geselle,
-weil die kopflose Angst, die vor ihm davonlief, sich nicht
-Zeit nahm, zu beachten, was er für zwar kleine, aber
-vollkommen wohlentwickelte zwei Äugelchen an seinem
-Eidechsenkopf führt.</p>
-
-<p>Gerade dieser dritte und letzte Irrglaube sollte in
-neuesten Tagen von allen aber noch einmal der eigenartigste,
-der paradoxeste werden. Denn eben diese »Blindschleiche«,
-der man gar keine Augen angedichtet hatte,
-sollte mit zum besten Exempel werden bei einer höchst
-absonderlichen Entdeckung, die auf dem Gebiete der Sehmöglichkeiten
-zu den großartigsten gehört, die jemals gemacht
-worden sind.</p>
-
-<p>Die Blindschleiche besitzt nicht nur jene zwei Augen,
-sondern sie hat in Benutzung noch ein drittes, höchst
-geheimnisvolles Sehwerkzeug, das uns Menschen fehlt!</p>
-
-<p>Die erfinderische halbzoologische Sagenphantasie hat
-ja gern auch mit der Zahl der Augen gespielt. Fabelwesen
-sollten Augen am ganzen Leibe haben, wobei
-vielleicht die vage Kunde von herrlichen Vögeln unter
-ferner Sonne mitspielte, wie dem Argusfasan, dessen
-Federn augenartig aussehende Kugelflecken von berückendem
-Zauber zieren. Dem Neunauge gab die Fischerphantasie
-»neun Augen«, wobei in Wahrheit Saugmund
-und Kiemenlöcher mitgezählt auf die hohe Ziffer
-bringen mußten. Das groteskeste Bild aber ist der
-Zyklop, der nur ein einziges Rundauge mitten auf der
-Stirn führen sollte.</p>
-
-<p>Für das einfache bestmögliche Sehen nach vorn ist
-die Lage unserer zwei natürlichen Menschenaugen so gut,<span class="pagenum"><a id="Seite_53">[53]</a></span>
-daß eine Verlagerung auf die Stirn mit Wiederzusammenziehen
-in ein einziges Auge gewiß nicht als Vorteil
-gelten könnte. Aber unwillkürlich drängt das Zyklopenauge
-auf etwas Drittes.</p>
-
-<p>Angenommen, das gewöhnliche Augenpaar ist neben
-ihm auch noch vorhanden und genügt dem Blick in der
-Frontlinie; das Zyklopenauge aber rückt noch etwas
-höher von der Stirn bis an die Scheitelwölbung: so
-entstände plötzlich ein sehr großer Vorteil. Ein Wesen
-mit der Zutat eines solchen »Scheitelauges« könnte nämlich
-(vorausgesetzt, daß es keine Hüte trägt) bei Frontstellung
-auch noch nach oben oder (bei hoher Scheitellage)
-einigermaßen sogar nach hinten sehen. Es beherrschte
-ein weites Sehfeld mehr. In der Bedrängnis
-des Lebens aber bedeutet Mehrsehen (auch den Feind
-noch sehen, der von oben oder hinterrücks kommt) auf
-jeden Fall eine gute Schutzchance mehr.</p>
-
-<p>Und wieder: was so mehr schützt und nützt, das hat
-die Natur immer gern auch einmal wirklich gemacht.
-Seltsam also, daß es nicht da, dort einmal einen Versuch
-wenigstens auch im wahren Naturhaushalt gegeben
-haben sollte zu einem »Zyklopenauge« dieser brauchbaren
-Art &ndash; wenn nicht bei Menschen, so doch anderswo bei
-schädelbesitzenden Wirbeltieren.</p>
-
-<p>In den siebziger und achtziger Jahren des neunzehnten
-Jahrhunderts, das in der Tierkunde so ungeheure
-Fortschritte gebracht hat, verbreitete sich in engsten
-Fachkreisen die Kunde, es könne vielleicht wenigstens
-für ferne Urweltstage etwas dahin Gehendes wirklich
-vermutet werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_54">[54]</a></span></p>
-
-<p>Der ausgezeichnete Anatom Leydig hatte auf dem
-Scheitel über dem Zwischengehirn junger Eidechsen von
-heute ein kleines Gebilde entdeckt, das wie ein verkümmertes
-Restchen irgendeines ehemals hier sitzenden Organs
-aussah. Andere deuteten es auf das Rudiment
-irgendeines Sinnesorgans. Und man brachte es in
-irgendeine Verbindung mit einem stummelhaften, verkümmerten,
-durchaus heute rätselhaften Gehirnteil, der
-sogenannten Zirbeldrüse.</p>
-
-<p>Dieser »Gehirnstummel« findet sich noch bei den
-höchsten Säugetieren, ja bei uns Menschen erhalten,
-und er ist gelegentlich in der menschlichen Gehirnforschung
-interessant oder, besser gesagt, amüsant dadurch geworden,
-daß Philosophen in ihm den Sitz der »Seele« gesucht
-hatten, nach dem Rezept: was wir im Gehirn mit gar
-keinem Zweck mehr zu verbinden wissen, das muß wohl
-das Uhrrädchen für die »Seele« sein.</p>
-
-<p>Jetzt schien es aber, als sei diese problematische Zirbeldrüse
-in Wahrheit die alte Zentrale am Hirn für irgend
-etwas, das einmal hier in der Scheitelgegend Anschluß
-gehabt hatte, heute aber zum toten Gleise geworden war.</p>
-
-<p>Bei den Säugetieren bis zu uns hatte man noch die
-Ruine der Zentrale, bei den Eidechsen schien selbst das tote
-Gleis noch als solches nachweisbar. Dirigieren und fahren
-aber tat heute anscheinend nirgendwo mehr etwas dort.</p>
-
-<p>Nun aber: die heutigen Tiere sind Enkel der Urweltstiere.
-Manches, das hier heute nur mehr verfallenes
-Haus, zugemauertes Fenster, »rudimentäres Organ« ist,
-war dort einst noch belebte Burg, offene Schau, funktionierender
-Körperteil.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_55">[55]</a></span></p>
-
-<p>Findige Vorweltkenner konstatierten also, daß eine
-ganze Menge der berühmten urweltlichen Saurier an
-ihren erhaltenen Schädeln noch ein höchst charakteristisches
-Scheitelloch gerade an diesem verdächtigen Fleck
-zeigten, so der berühmte Ichthyosaurus, die riesigen,
-seeschlangenhaften Mosasaurier, die säugetierähnlichen
-Theromorphen vom Kapland und andere mehr. Hier
-<span id="corr063">könnte</span> ein sehr respektables Organ damals gesessen
-haben &ndash; ein Organ, das damals wohl noch funktionierte
-in irgendeinem entsprechend respektabeln Lebenszweck.
-Was aber konnte das für ein Organ gewesen
-sein?</p>
-
-<p>Ein Forscher meinte, es sei vielleicht ein besonderes
-Wärmeorgan gewesen, dessen sich diese alten Saurier,
-wenn sie faul in der Tropensonne lagen, bedienten, um
-gleichsam ein Warnsignal gegen Sonnenstich bei zu hoch
-steigender Scheiteltemperatur zu erhalten.</p>
-
-<p>Das Vorhandensein des Organs gerade bei extrem
-wasserbewohnenden Sauriern (wie dem Ichthyosaurus),
-andererseits das Fehlen seines Restes bei unsern Krokodilen,
-die mit so besonderer Liebe in der Sonnenglut
-duseln, sprach gegen diese kühne Vermutung.</p>
-
-<p>Dagegen führte die genaue Untersuchung des heutigen
-Restes, wo er bei Reptilien wirklich noch bestand, allmählich
-mit wachsender Sicherheit auf eine andere Spur,
-nämlich daß es sich um ein Lichtorgan, also ein Auge,
-gehandelt habe. Ein Scheitelauge (Parietalauge, wie
-der Forscher in seiner Sprache sagt), das bei jenem
-alten Drachenvolk als drittes Auge neben den beiden
-andern irgendwie in Tätigkeit gewesen wäre!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_56">[56]</a></span></p>
-
-<p>Man konnte an der heutigen Ruine noch mehr oder
-minder deutlich die ursprüngliche Linse und die Netzhaut
-feststellen, und der alte Sehnerv schien in der Tat wenigstens
-gegen die Nähe der heutigen Zirbeldrüse verlaufen
-zu sein. Besonders wertvoll wurde bei diesen Studien
-die noch auffällig gute Erhaltung des Organrestes bei
-dem einzigen heute noch überlebenden Ursaurier der
-Triaszeit, der merkwürdigen Brückeneidechse (Sphenodon)
-von Neuseeland.</p>
-
-<p>Längere Zeit machte die Forschung hier halt.</p>
-
-<p>Das »Scheitelauge« kam als Besitztum der Urweltler, an
-das heute noch geringe Reste, obwohl in völlig gebrauchsunfähigem
-Zustande, gemahnen sollten, in alle Lehrbücher,
-vor allem die am nächsten interessierten geologischen.</p>
-
-<p>Bis es dann in jüngster Zeit endlich einem Privatdozenten
-in Moskau, Nowikoff, gelang, die ganze interessante
-Frage noch einmal neu aufzurollen und auf eine
-unerwartete höhere Stufe zu bringen.</p>
-
-<p>Nowikoff stellte nämlich nichts Geringeres fest, als
-daß bei unseren bekanntesten heimischen Eidechsen, insbesondere
-unserer Blindschleiche, das Scheitelauge auch
-heute noch gar nicht als unbrauchbarer Rest, sondern in
-energischer Leistung vorhanden ist!</p>
-
-<p>Verdächtig erschien Nowikoff, daß die Bindegewebsschicht,
-die das alte Organ zudeckte, deutlich noch glasartig,
-also lichtdurchlässig war. Das Organ nahm also
-heute noch Licht in sich auf. Es hatte auch eine Linse,
-wenn schon eine schlechte. Es hatte einen Glaskörper,
-es hatte eine (gar nicht so üble) Netzhaut, und es hatte
-einen Sehnerv zum Gehirn.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_57">[57]</a></span></p>
-
-<p>Vor so vollkommenem Apparat mußte die Frage
-akut werden, ob das lebende Tier nicht tatsächlich das
-einfallende Licht noch »sehend« erfasse &ndash; heute noch.</p>
-
-<p>Anfangs mißlangen die Versuche, dem gefangenen
-Tier irgendeine Äußerung abzulocken, ob es (bei Verdeckung
-der Seitenaugen) mit dem Scheitelauge mindestens
-allgemein Licht empfinde. Schließlich aber glückte
-ein anatomischer Beweis.</p>
-
-<p>Auf der Netzhaut der seitlichen Augen trat bei diesen
-Reptilien (wie anderswo) stets eine Änderung einer gewissen
-Pigmentverteilung ein, je nachdem das Auge
-sehend Licht aufnahm oder im Dunkeln blieb; im
-Dunkeln stellte sich die Netzhaut damit auf möglichste
-Ausnutzung auch des schwächsten Dämmerlichts ein, bei
-greller Belichtung umgekehrt suchte sie etwas abzublenden.
-Ganz genau die <em class="gesperrt">gleiche</em> Reaktion zeigte nun die Netzhaut
-des Scheitelauges: auch sie <em class="gesperrt">regulierte</em> automatisch
-ihre Lichtaufnahme, mußte also sehen!</p>
-
-<p>Nach der ganzen Sachlage schließt Nowikoff, daß das
-»dritte Auge« immerhin schlechter sieht als die beiden
-Seitenaugen. Die schlechte Linse gibt wohl keine eigentlichen
-Bilder der Dinge. Doch unterscheidet das Organ
-noch sehr deutlich Licht und Schatten. Und es unterscheidet
-auch an der verschiedenartigen Reizung der halbkugeligen
-Netzhaut die Richtung und Bewegung äußerer
-Abwechslungen von Dunkel und Hell.</p>
-
-<p>In diesem Sinne hat das immer geöffnete Scheitelauge
-für ein schwaches, sonst sehr schutzloses Tier, das
-gern auf hellbelichteten Stellen ruht und dabei im Hitzedusel
-die Seitenaugen schließt, immer noch einen ganz<span class="pagenum"><a id="Seite_58">[58]</a></span>
-gewaltigen Vorteil. Es verrät ihm das Nahen lichtabschwächender,
-anders belichteter, schattenwerfender
-Körper von Angreifern. Man versteht, daß eine fest
-schlafende Blindschleiche durch den Lichtwechsel geweckt
-wird und sogleich in der entgegengesetzten Richtung
-flieht, wenn sich ein Mensch auch nur von fern ihrem
-Ort nähert. Das Scheitelauge ist nur ein halbes Auge
-heute, aber es dient noch immer einem ganzen Zweck!</p>
-
-<p>Natürlich ist dabei nicht ausgeschlossen, daß es bei
-den urweltlichen Sauriern <em class="gesperrt">noch besser</em> funktionierte
-als jetzt. So ist auch bei Nowikoffs Studien wieder
-bestätigt worden, was andere schon vor ihm vermutet
-hatten: es scheint auch an dieser Stelle ursprünglich ein
-Augen<em class="gesperrt">paar</em> gelegen zu haben, so daß die echten Urweltler
-im ganzen nicht weniger als vier Augen besaßen.
-Noch heute bemerkt man hinter dem sehenden Scheitelauge
-einen zweiten Augenrest, der noch enger zur Zirbeldrüse
-anlenkt, aber gegenwärtig wirklich ganz verkrüppelt
-bleibt. Manches in der Lage und dem Gehirnanschluß
-spricht aber dafür, daß ursprünglich auch diese beiden
-Scheitelaugen <em class="gesperrt">nebeneinander</em> anstatt hintereinander
-lagen: erst bei Verkümmerung des einen scheint das
-übrigbleibende sich vorgedrängt zu haben, so daß es jetzt
-die Spitze der Reihe bildet.</p>
-
-<p>Die Sage gab dem Schlangenscheitel ein funkelndes
-Krönlein. Vielleicht ist die Wahrheit doch noch niedlicher,
-die hier das Haupt eines Reptils mit einem feinen
-Lichtdeuter krönt, dessen Funkeln schutzbringend in sein
-eigenes Gehirn glänzt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_59">[59]</a></span></p>
-
-<h2 id="Neues_von_den_Wundern_des_Olm">Neues von den Wundern des Olm</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Wer je einmal durch eine echte, ganz enge Gesteinsklamm
-&ndash; etwa in unserer Sächsischen Schweiz &ndash;
-gewandert ist, der wird einen gewissen beängstigenden
-Gedanken kennen.</p>
-
-<p>Immer schmaler wird gelegentlich der tief eingesägte
-Spalt, immer kleiner der Ausschnitt Himmelsblau darüber;
-eine einzige größere Felsennase, ein einziger alter
-Fichtenstamm, der sich dort fast im rechten Winkel von
-seiner zäh in einen Riß der Wand eingeklammerten
-Wurzel dem kargen Licht entgegen abbiegt, scheint die
-Öffnung schon fast ganz versperren zu können. Wie,
-wenn der Raum oben noch enger würde, wenn eine ganz
-feste Decke sich zusammenschlösse? Dann würde der Maulwurfsgang,
-den das Wasser sich im leicht löslichen,
-spaltenreichen Kreidegestein hier unten genagt, ganz finster
-liegen. Keine Sonne, kein Stern schauten mehr hinein.
-Kein Baum grünte mehr. Gespenstig nur murmelten
-die schwarzen Wasser durch den schwarzen Tunnel.
-Wasser, die irgendwo in einem abgrundtiefen Loch niederstürzend
-sich geheimnisvoll hier hineingefunden und
-jetzt Stunde um Stunde in absoluter Finsternis dahingingen,
-im größeren Gewölbe schwarze Seen bildend, im
-engsten bis zur Decke den ganzen Schacht erfüllend.</p>
-
-<p>Es ist die wahre Situation der unterirdischen Höhlenflüsse
-und gänzlich geschlossenen Höhlenklammen des<span class="pagenum"><a id="Seite_60">[60]</a></span>
-Karstgebirges im adriatischen Küstengebiet Österreichs,
-was die ängstliche Phantasie sich hier ausmalt.</p>
-
-<p>Das wühlende, den morschen Stein zerfressende Wasser
-hat dort nicht bloß von oben Rinnen und Kessel getieft:
-es hat ganz im Unterirdischen selbst Labyrinthe angelegt,
-die nur bei künstlichem Licht besucht werden können.</p>
-
-<p>Als zum erstenmal eine Sage im Lande von diesem
-Tartarus der Tiefe entstand, knüpfte sich aber gleich auch
-der Glaube an scheußliche Drachenbrut daran, die da
-unten hausen sollte. Wir denken heute mit einigem
-Lächeln, aber doch auch etwas unwillkürlichem Gruseln
-an Jules Vernes Erfindung, daß in solchen nachtverhangenen
-Urwassern des Erdengrundes noch die Ichthyosaurier
-der Urwelt fortlebten. Davon ist nun leider
-nichts wahr gewesen. Aber ein Tier vom alten amphibisch-reptilischen
-Drachenstamm, soweit ihn auch der
-Naturforscher kennt, wurde wirklich in der Folge da
-drinnen im schwärzesten Styx gefunden, ein körperlich
-kleines Geschöpf, aber darum vielleicht das größte Tierwunder
-unseres ganzen Erdteils.</p>
-
-<p>In unseren offenen Gebirgsklammen begegnet man
-auf dem feuchten Moos wohl jenem wie schwarzes Leder
-mit goldgelben Pusteln glänzenden Feuersalamander.
-Dieser ebenfalls kleine, aber sagenumwobene Drachenverwandte
-liebt Regen und Nässe, aber in seinem gewöhnlichen
-Lebensbrauch ist er doch ein Landtier und
-Freiluftatmer. Nur seine Wiege steht im reinen Wasser.
-Dort macht er, ehe er als das schwarzgoldene Wappentier
-ans Ufer kriecht, ein Kinderstadium der zierlichen
-Wasserlarve durch, die mit einem Ruderschwanz dahinschwänzelt,<span class="pagenum"><a id="Seite_61">[61]</a></span>
-erst nach und nach Beinchen bildet und am
-Halse jederseits wie einen kleinen Federbüschel noch die
-Kiemen des echten fischhaften Wasseratmers führt.</p>
-
-<p>Einer solchen Molchlarve nun, die aber überhaupt
-nie zum Landtier wird, ewig im Wasser, und zwar im
-schlechterdings finsteren der unterirdischen Karsthöhlen verharrt,
-gleicht das Wunderwesen von Adelsberg &ndash; der Olm.</p>
-
-<p>Langgestreckt wie ein Wurm oder Aal ist des Olms
-Gestalt, mit spatelförmiger Langschnauze und vier winzigsten
-Beinchen. Wie neueste Forschung lehrt, ist das
-eine Anpassungsform seines Leibes, entsprechend der Gewohnheit,
-sich am Boden des Seichtwassers seiner Höhlenschlünde
-in den nachgiebigen Schlamm einzugraben, wobei
-die Schnauze bohrt und die Beinstummelchen bloß
-nachschieben.</p>
-
-<p>Das »Menschenfischlein« nennen ihn die Grottenfischer,
-denn dieser Wurmleib ist fleischfarben-farblos,
-ohne dunklere Pigmentschicht wie ein nackter europäischer
-Mensch: eine Wirkung der ewigen Nacht.</p>
-
-<p>Mit Staunen aber sahen die ersten wissenschaftlichen
-Olmforscher diese Nacht auch waltend noch in einem
-ganz besonderen Zuge seiner Organisation. Sven Hedin
-erzählt uns von den büßenden Einsiedlern in Tibet, die
-sich bei karger Nahrung vierzig und mehr Jahre in dunkler
-Zelle einschließen lassen; als solcher Eremit im Alter
-noch einmal ans Licht gekommen, sei sein Auge farblos
-und blind gewesen. Und ein ähnlicher Kerkerheiliger erscheint
-uns auch der Olm.</p>
-
-<p>Beim erwachsenen Tier erweist sich das Auge als
-verkümmert, die Linse fehlt, und ihr Platz ist durch eine<span class="pagenum"><a id="Seite_62">[62]</a></span>
-Wucherung der Netzhaut ausgefüllt, während gleichzeitig
-die äußere Körperhaut in voller Dicke das ganze Auge
-bedeckt, ihm also dauernd den Charakter eines »geschlossenen
-Auges« ohne Möglichkeit eines Lidaufschlagens verleiht.</p>
-
-<p>Seit über hundert Jahren bemüht sich die Wissenschaft
-jetzt um diesen Olm und seine Wunder.</p>
-
-<p>Nur einen einzigen Genossen auf der großen Erde
-hat er hinsichtlich seiner Lebensweise in der Zeit bekommen:
-beim Anbohren eines artesischen Brunnens in
-Texas in Nordamerika kam gelegentlich auch dort rein
-zufällig ein olmartig blinder, farbloser Höhlenlurch,
-<em class="antiqua">Typhlomolge rathbuni</em>, zutage, ohne daß sich doch aus
-dieser Entdeckung bisher viel weitere Aufschlüsse ergeben
-hätten. Der systematischen Stellung nach schloß sich
-dieser Amerikaner nicht an den Olm selbst, sondern die
-unten noch zu besprechenden lungenlosen Spelerpesmolche
-an.</p>
-
-<p>Die außerordentliche Schwierigkeit, die aus der ganz
-absonderlichen Lebensart dieser Höhlengäste zu erwachsen
-schien, wollte lange den Fortschritt unserer Olmkenntnis
-trotz eifrigster Arbeit immer wieder lähmen. In letzter
-Zeit aber ist das nun doch endgültig anders geworden.
-Zu Wien, mitten im lustigen Prater mit all seinen
-Wurstbuden und Schießbuden und Schaukeln steht ein
-stilles Haus, das der bedeutsamsten Forschung geweiht
-ist: die Biologische Versuchsanstalt. In eifriger Feinarbeit
-werden dort durch das Experiment am lebendigen
-Tierkörper Fragen an die Natur gestellt. Ob erworbene
-Abänderung der Färbung sich vererbe, ob ein in der
-freien Natur fest eingebürgerter Instinkt sich umzüchten<span class="pagenum"><a id="Seite_63">[63]</a></span>
-lasse unter künstlich veränderten Bedingungen und ob
-auch das schon vererbungsfähig sei und so weiter. Hinter
-dem Ganzen steht als treibende Idee wesentlich jene
-Forschungsart, die von dem großen Physiologen von
-Halle, Wilhelm Roux, als sogenannte »Entwicklungsmechanik«
-mit wachsendem Glück begründet worden ist.
-Erstaunlich über alle Erwartung scheinen auch die Erfolge
-schon des kleinen Hauses im Prater, insbesondere durch
-die rastlose Tätigkeit Paul Kammerers dort. Und vor
-dem planmäßigen Angriff Kammerers hat nun neuerdings
-auch der kleine zähe Finsterling, der Olm, endlich einiges
-mehr von seinen Geheimnissen ausplaudern müssen.</p>
-
-<p>In einer alten Zisterne des Hauses, das ursprünglich
-öffentlichen Aquariumszwecken gedient hatte, wurde gewissermaßen
-eine künstliche Adelsberger oder Kanzianer
-Grotte geschaffen. Fünf Meter wenigstens taucht man
-auch hier unter den sonnigen Praterboden in einen
-schwarzen nassen Schlund hinab, den nur ein rotes Glühlämpchen
-gespenstisch erhellen darf, und den Schreiber
-dieser Zeilen, der nicht eben der geschickteste Kletterer
-auf schlüpfrig-schwindligem Terrain ist, mutete der Besuch
-schon einigermaßen wie eine wirkliche Höhlenpartie
-an.</p>
-
-<p>Was aber sonst nicht immer als bauliches Ideal
-gelten dürfte, wird da drunten zum Segen: durch die
-gemauerte Decke tropft das Sickerwasser so reichlich, daß
-es schon zu richtigen Stalaktitenbildungen gekommen ist,
-von unten aber überschwemmt das Grundwasser beständig
-den defekten Zementboden. Das verdunstende Wasser
-hält die Luft sozusagen im Bad, ewige natürliche Finsternis<span class="pagenum"><a id="Seite_64">[64]</a></span>
-waltet, keine Erschütterung bewegt den Spiegel, und
-die Temperatur bleibt unabhängig von allem Wechsel
-der Jahreszeiten bei 12 bis 14 Grad Celsius.</p>
-
-<p>Als menschliches Gefängnis wäre das die greulichste
-Folterkammer, vergleichbar der römischen, wo sie den
-Sonnenkönig Jugurtha einst verschmachten ließen. Der
-Olm aber findet hier sein Paradies. Hier läßt er sich
-in vollkommener »Naturtreue« studieren, womit zugleich
-dann für abändernde Experimente in oberirdischen, erhellten
-und anders temperierten Aquarien die nötige Kontrolle
-gegeben ist.</p>
-
-<p>Das erste, was Kammerer enträtselte, war die Fortpflanzungsgeschichte
-des Olm. Die Grottenführer in
-Adelsberg und St. Kanzian hatten stets behauptet, der
-Olm bringe lebendige Junge zur Welt. Eine älteste,
-genau protokollierte Beobachtung schien das zu bestätigen.
-Andere Befunde aber widersprachen ebenso entschieden.
-In den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts
-erlebte eine höchst vorzügliche wissenschaftliche Beobachterin,
-Fräulein von Chauvin, daß ihre Olme im Aquarium
-Eier legten, und ein anderer Forscher sah aus solchen
-Eiern auch die jungen Tiere hervorgehen. Neuerdings
-aber war in einem solchen Aquarium rein unbegreiflicherweise
-auch wieder vorgekommen, daß ein Weibchen
-statt der zahlreichen Eier einen einzelnen, schon recht
-stattlichen Olm lebendig zur Welt gebracht hatte. Findige
-Köpfe hatten also schon die Vermutung aufgestellt,
-es gebe zwei verschiedene Olmarten, die sich in dem
-Punkte entgegengesetzt verhielten. Kammerer konnte dagegen
-jetzt folgendes als sicher festlegen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_65">[65]</a></span></p>
-
-<p>Die Fortpflanzungsform des Olm ist abhängig von
-der Temperatur des Wassers, in dem man ihn hält.
-Hielt man ihn bei weniger als 15 Grad Celsius (also
-in der besagten unterirdischen Zisterne der Versuchsanstalt),
-so brachte er unter allen Umständen lebende Junge
-zur Welt und zwar normalerweise nur je zwei, die bereits
-ziemlich groß waren und schon alle vier Beine besaßen.
-Diese zwei hoffnungsvollen Sprößlinge hatten
-sich bereits im Mutterleibe als die alleinigen Sieger bewährt,
-indem sie den ganzen nicht entwickelten Rest der
-Eier dort einfach aufgefressen hatten, ein Kampf ums
-Dasein und embryonaler Kannibalismus schon vor der
-Geburt, den man nur mit einigem Grausen verzeichnet!</p>
-
-<p>Hielt man den Olm dagegen in Aquarien mit Wasser,
-das wärmer war als 15 Grad Celsius, so legte er ebenso
-konsequent stets Eier und zwar diesmal bis zu 60 an
-der Zahl, aus denen entsprechend viele noch fußlose
-Junge erst nachträglich auskrochen; diese Jungen dauernd
-am Leben zu erhalten gleich den anderen, gelang aber
-nicht.</p>
-
-<p>Und schon letzteres deutete darauf, wo der <em class="gesperrt">natürliche</em>
-Fall liegt: in ihren heimischen Grotten entspricht
-die Temperatur stets nur der in der Wiener Zisterne
-&ndash; der Olm bringt also auch dort unabänderlich nur
-seine zwei lebendigen Jungen hervor, während das Eierlegen
-nur eine Aquariumskünstelei ohne weiteren Erfolg
-ist.</p>
-
-<p>Daß es sich nicht um zwei verschiedene Arten des Olm
-handeln kann, wurde ebenso evident, als bei Kammerers
-Versuchen ein uraltes, schon über zwanzig Jahre in der<span class="pagenum"><a id="Seite_66">[66]</a></span>
-Gefangenschaft gehaltenes Olmweibchen zuerst im warmen
-Becken Eier legte und dann selber, in die kühle Zisterne
-zurückversetzt, dort wieder zwei lebendige Jung-Olme
-brachte. Licht oder Dunkelheit beeinflußt die ganze Sache
-nicht. Wohl aber beginnen hier für sich wieder interessante
-Versuche Kammerers, die jetzt die persönliche Abänderung
-des künstlich belichteten Olms betrafen.</p>
-
-<p>Wenn man erwägt, daß die Olme doch höchstwahrscheinlich
-schon seit Jahrtausenden Generation um Generation
-ihr Wesen in stygischer Finsternis treiben, so wäre
-es wahrlich naheliegend, zu denken, daß ein erzwungenes
-Leben im hellen Licht jeden Olm notwendig töten müsse.
-Das gerade Gegenteil ist der Fall.</p>
-
-<p>Will man den Olm in seinen Naturbedingungen
-studieren, so muß man ihn natürlich möglichst dunkel
-halten. Man <em class="gesperrt">kann</em> ihn aber ebensogut ans Tageslicht
-gewöhnen. Bloß bekommt er dann Pigmenteinlagen
-in der Haut: das heißt, er wird nach einer gewissen Zeit
-individuell aus einem Weißen zum Neger mit dunkler,
-zuletzt blauschwarzer Haut. Diese Umfärbung vererbt
-sich bei richtiger Stärke auch auf die Jungen, und zwar
-auch dann, wenn diese Jungen selber wieder im Dunkeln
-geboren worden sind und sich dort entwickelt haben &ndash;
-wobei im Sinne moderner, sehr kniffliger Vererbungstheorien
-allerdings noch offen bleibt, ob hier ein echter
-Fall von Vererbung einer erworbenen Elterneigenschaft
-vorliegt oder ob die Lichtstrahlen, die den Elternleib
-äußerlich schwärzten, durch ihn hindurch auch schon die
-Eier und mit ihnen alles, was je daraus werden sollte,
-für immer mitgeschwärzt hatten. Viel wunderbarer als<span class="pagenum"><a id="Seite_67">[67]</a></span>
-dieses erzwungene Negertum aber ist, was Kammerer
-durch Belichtung beim Olm<em class="gesperrt">auge</em> erzielte.</p>
-
-<p>Wie gesagt, ist das im Finstern unbenutzte Auge des
-erwachsenen Olms hochgradig verkümmert; es entspricht
-in unserem normalen Menschensinne einem linsenlosen,
-höchst defekten und ewig im Lid geschlossenen Auge.
-Beim neugeborenen Jung-Olm ist das nun noch nicht ganz
-so. Das Auge ist hier schon äußerlich deutlicher, erscheint
-als schwarzer Punkt; innerlich besitzt es noch eine Linse,
-und es ist noch nicht so dick von der Haut überwachsen.
-Man hat den Fall wie so oft: das Jungtier spiegelt
-noch deutlicher die Ahnenstufe, die einmal für das Leben
-im Licht taugliche Augen besessen hatte, während das erwachsene
-Dunkeltier das Auge mehr auf der jetzt gültigen
-Stufe des Nichtgebrauchs verkümmert weist. Kammerer
-stellte sich nun als Problem, was wohl mit dem
-Auge werde, wenn man solche Jung-Olme im hellen
-Licht erzöge.</p>
-
-<p>Der Versuch ergab zunächst eine Schwierigkeit. Die
-rasch im Licht einsetzende Negerfärbung verdunkelte nämlich
-auch das schwache Häutchen des Jungauges sofort
-so, daß eine tiefere Lichtwirkung darunter nicht ferner
-möglich wurde. Alsbald aber half die Entdeckung, daß
-das Licht einer roten Lampe nicht zu jener dunkeln Pigmentbildung
-führt, so daß durch geschickte Abwechslung
-mit solchem roten Licht wenigstens der Hauptschaden beseitigt
-werden konnte. Jetzt aber ergab sich das in dieser
-Stärke denn doch überraschendste Resultat.</p>
-
-<p>Junge Olme wurden während der ersten fünf Jahre
-ihres Lebens konsequent in dieser Weise belichtet. Im ersten<span class="pagenum"><a id="Seite_68">[68]</a></span>
-Jahre verharrten ihre Augen einfach auf dem Jugendstadium,
-ohne sich in der sonst hier schon eintretenden
-Weise weiter rückzubilden. Im zweiten Jahre schwoll
-das Auge unter seiner Haut merkbar an. Im dritten
-wölbte es die ganz dünn gewordene Deckhaut uhrglasartig
-vor. Im vierten schien eine unverkennbare Hornhaut
-entstanden zu sein. Im fünften Jahre wurden die
-Augen automatisch genau untersucht, und es zeigte sich
-folgender Sachverhalt.</p>
-
-<p>Die Deckhaut war so verdünnt, daß das Auge fast
-vollkommen an die Oberfläche gerückt war. Die reine
-Größe des Augapfels hatte sich um mehr als das Doppelte
-des im Finstern normalen Maßes verstärkt. Über
-die Existenz einer Hornhaut konnte kein Zweifel sein.
-Geblieben, nicht wie sonst stets beim erwachsenen Olm
-rückgebildet, war die Linse; im Gegensatz zum Jugendstand
-hatte sie sich vielmehr noch um das Achtzehnfache
-an Länge vergrößert. Als eine völlige Neubildung, die
-noch nie, weder bei einem jugendlichen noch bei einem
-alten Olmauge, sonst gesehen worden war, hatte sich
-aber sogar ein Glaskörper entwickelt. Ebenso war eine
-Iris jetzt da, die eine deutliche Pupille umschloß. Die
-Netzhaut war flächenhaft ausgebreitet und verdünnt, wobei
-die Sehzellen gleichzeitig eine beträchtliche Vervollkommnung
-erfahren hatten.</p>
-
-<p>Mit einem Satz: man hatte ein <em class="gesperrt">Lichtauge</em> vor
-sich statt eines Dunkelauges.</p>
-
-<p>Entspricht der fertige Olm im ganzen einer kiemenatmenden
-Larve unseres Feuersalamanders, so kann man
-sagen: diese neuen Augen des Lichtolms entsprachen<span class="pagenum"><a id="Seite_69">[69]</a></span>
-ebenfalls jetzt den zum dauernden, lebenslänglichen
-Sehen bestimmten Augen einer solchen Feuersalamanderlarve.</p>
-
-<p>Über den Grad der Sehfähigkeit selbst wagte Kammerer
-anfangs kein Urteil, doch scheinen die neuesten
-Experimente die Bestätigung zu bringen, daß dem fertigen
-Apparat schließlich eben auch der Gebrauch, den man
-erwartet, wirklich zukommt. Und so schenkt uns das
-glänzende Gelingen des ganzen Versuchs eigentlich einen
-neuen Olm: eine Lichtform des Dunkelmolchs, die nicht
-mehr auf die finstere Grotte eingestellt ist, sondern sich
-vollwertig neben die anderen Molche in diesem Punkte
-fügt &ndash; die in jedem sonnendurchglänzten Teich ebensogut
-leben könnte wie irgendeine unsrer kiemenatmenden
-Lurchformen sonst.</p>
-
-<p>Man ahnt aber, daß, was der Experimentator hier
-künstlich vollbracht hat, auch die Natur wohl auf ähnlichen
-Wegen aus dem so bildsamen Geschöpf hätte
-herausarbeiten können &ndash; etwa wenn die dunkeln Decken
-seiner Grotten sich gelegentlich durch irgendeine geologische
-Wandlung wieder zur offenen, belichteten Klamm
-aufgetan hätten.</p>
-
-<p>So schauen wir auf wirkliche Möglichkeiten geschichtlicher
-Umwandlungen der Arten, und der schlichte Einzelversuch
-erhebt sich bis zu der Höhe umfassendster biologischer
-wie philosophischer Fragen.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_70">[70]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_unsterbliche_Amoebe">Die unsterbliche Amöbe</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Der treffliche Burmeister, eine Prachtgestalt älteren
-deutschen Gelehrtentums von echtem Schrot und
-Korn und ein Original dazu, war in späteren Jahren
-dauernd nach Südamerika übergesiedelt, ganz eingesponnen
-dort in seine Studien über das heutige kleine
-und das ehemalige Riesengetier dieses seltsamen Stücks
-Erde. Als jüngere deutsche Freunde ihn dort besuchten,
-mit ihm beim goldenen Wein saßen und etwas verwundert
-waren, den uralten Patriarchen immer noch so
-rüstig als Pionier auf der Schanze zu finden, meinte
-er wohl launig: seine geistige Unsterblichkeit sei ihm ja
-ein Problem, aber woran er nachgerade wirklich glaube,
-das sei seine körperliche Unsterblichkeit.</p>
-
-<p>Der alte Herr hat zuletzt doch auch diese äußerste
-Forschungsreise antreten müssen. An seinen Ausspruch
-aber muß ich denken bei einer wissenschaftlichen Streitfrage,
-die jetzt auch schon über rund dreißig Jahre zurückgeht.</p>
-
-<p>Es war zu einer Zeit damals, als in der Naturphilosophie
-gerade einmal besonders lebhaft wieder über
-geistige Unsterblichkeit debattiert wurde. Da aber kam
-einer der allerbesten Köpfe unter den strengen Fachnaturforschern
-(kürzlich hat auch er auf die große dunkle
-Wanderung müssen) und stellte ganz friedlich den Satz
-auf: auf jeden Fall gebe es auf unserem merkwürdigen
-Planeten körperlich unsterbliche Wesen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_71">[71]</a></span></p>
-
-<p>Nicht der Mensch gehöre dazu, von dem das schwermütige
-polynesische Liedchen singt, daß die Palme wachse,
-die Koralle sich breite, er aber dahingehen müsse. Auch
-die Palme nicht und die Koralle nicht. Wohl aber ein
-unsichtbares Reich, das lange in der Phantasie der
-Völker geradezu mit Gespenstern bevölkert worden war.</p>
-
-<p>Wenn früher die Pest oder eine ähnliche Masseninfektion
-durch die Kulturmenschheit ging, so erschien sie
-wie ein böser Dämon, der uns heimsuchte. Unsere Zeit
-hat diesen Dämon entlarvt. In unseren Mikroskopen
-hat er sich als jenes Heer kleinster der kleinen, einfachster
-der einfachen Lebewesen ausweisen müssen, als Geschöpfe
-vom Bakterien- und Infusorienschlage.</p>
-
-<p>Wir wissen jetzt, daß es auf unserer Erde zwei
-Hauptgruppen lebendiger Organismen gibt: die einen,
-zu denen alle höheren Pflanzen wie Tiere gehören, zusammengesetzt
-aus vielen, oft unfaßbar vielen Zellen;
-die anderen zeit ihres Lebens nur bestehend aus einer
-einzigen solchen Zelle. Unter diesen »Einzellern« aber
-befinden sich jene Massenmörder, Massengifter, die bei
-jenen Krankheiten gegen uns wüten und deren wir gerade
-jetzt in den schlimmsten Fällen Herr zu werden beginnen
-oder doch hoffen.</p>
-
-<p>Eben von diesen Einzellern aber stellte nun der große
-Forscher August Weismann den verblüffenden Satz auf:
-sie hätten vor all den sonst so viel höher entwickelten
-Vielzellern doch ein ungeheures voraus: nämlich die
-Gabe körperlicher Unsterblichkeit.</p>
-
-<p>Was kein Stein der Weisen, kein wundertätiger Quell
-Bimini uns jemals hatte geben können, das sollte jede<span class="pagenum"><a id="Seite_72">[72]</a></span>
-armselige mikroskopische Amöbe besitzen seit Urtagen irdischen
-Lebens!</p>
-
-<p>An sich ist wohl kaum je etwas Verblüffenderes streng
-wissenschaftlich behauptet worden. Noch verblüffender
-aber wirkte die schlichte Logik der Beweisführung, die
-ihren Faden vom allereinfachsten und bekanntesten Sachverhalt
-zu spinnen schien.</p>
-
-<p>Zunächst durfte man die Behauptung selbst ja nicht
-verkehrt fassen.</p>
-
-<p>So ein Bazillus oder eine Amöbe oder ein Malariaparasit
-sind nicht einfach todesfest im Sinne, daß man
-sie nicht gewaltsam umbringen könnte. Sonst stände es
-schlimmer als schlimm um den großen Feldzug unserer
-heutigen Medizin. Natürlich kann man auch sie gewaltsam
-vergiften, verbrennen und so weiter. Was aber
-Weismann meinte, ist, daß solcher Einzeller keinen
-<em class="gesperrt">natürlichen</em> Tod kenne.</p>
-
-<p>Wir alle wissen um den gewöhnlichen, den so oft
-als tragisch empfundenen Hergang bei dem höheren
-Wesen. Es wächst auf, es erreicht eine gewisse Blüte
-seines Lebens &ndash; dann, nach einer rund abgemessenen
-Zeit, altert es wieder und stirbt endlich, auch wenn
-keinerlei Gewalt es bedroht hat; inmitten auch des höchsten
-Glücks endet es an Altersschwäche wie eine abgelaufene
-Uhr. Wohl mag es auf der Höhe seiner Tage eine
-neue, lebenskräftige, wieder junge Generation von sich
-haben ausgehen lassen, aber der neue, morgenfrische Aufstieg
-dieser jungen Welt des Kindes ändert nichts an
-dem Altern und Sterben des Vaters, der Mutter. So
-ist es bis zu uns. Der große Held, die edelste Frau,<span class="pagenum"><a id="Seite_73">[73]</a></span>
-der geniale Forscher oder Künstler, der Krösus und der
-Bettler: sie schrumpfen und verfallen endlich wie ein
-welkes Blatt, wenn ihre gewisse kurze Spanne erfüllt ist.</p>
-
-<p>Ganz anders aber bei der Amöbe.</p>
-
-<p>Auch ihr Leib, der nur aus einer Zelle besteht,
-wächst zunächst frisch ins Leben hinein. Wenn ihm
-dieses Leben aber sonst kein besonderes gewaltsames Ungemach
-bringt, so ist der weitere normale Verlauf, daß
-dieser Leib auf der Höhe seiner Reife und Gesundheit
-sich einfach in zwei lebendige Hälften teilt, von denen
-jede sich alsbald wieder zu einem vollkommenen Geschöpf
-auswächst. Die so entstandenen zwei Amöben stellen
-die Kinder dar, die das alte Leben mit frischer Kraft
-beginnen. Zugleich aber ist das elterliche Wesen restlos
-in sie aufgegangen: es ist keine Mutter etwa geblieben,
-die jetzt zu Altern und Tod bestimmt wäre &ndash; keine
-Leiche liegt auf dem Plan.</p>
-
-<p>Die beiden Jungamöben aber werden es zu ihrer Zeit
-genau ebenso wieder machen, werden wieder teilen und
-damit restlos in ihr Jungbad gehen, ohne daß jemals
-ein natürlicher Tod sich einstellte.</p>
-
-<p>Wenn nur einmal im Anfang der Zeit Leben auf
-der Erde entstanden ist und die heute noch lebenden
-Amöben die Nachkommen der damals schon gebildeten
-sind, so hat sich in Wahrheit in ihnen kraft dieser Methode
-leibliches Leben bereits über hundert und mehr
-Millionen Jahre fort weitergegeben ohne Todesriß.</p>
-
-<p>Im einzelnen mag die Teilung selbst komplizierter
-sein, als man sich früher dachte, auch recht verschiedenartig
-bei den verschiedenen Einzellertypen, aber das<span class="pagenum"><a id="Seite_74">[74]</a></span>
-Schlußergebnis bleibt immer das gleiche: die körperliche
-Unsterblichkeit. Unfaßbar viele Pechvögel des Einzellervolkes
-mögen auch in jener langen Zeit gewaltsam ihr
-Ende gefunden haben. Aber die zahllosen, die noch
-immer überleben, überleben auf Grund dieser Unsterblichkeit.</p>
-
-<p>Der verblüffende Gedanke war aber kaum ausgesprochen,
-da begann auch schon das hitzigste Turnier um
-ihn. Den meisten erschien er zu paradox, als daß er
-wahr sein könnte.</p>
-
-<p>Ein erster Gegenstoß ging davon aus, daß bei solcher
-restlosen Aufteilung einer alten Amöbe in zwei verjüngte
-doch die alte Individualität sich auflöse, also gewissermaßen
-mit ihr doch etwas sterbe.</p>
-
-<p>Aber diese Individualitätsfrage führt strenggenommen
-schon ins seelische Gebiet, und Weismann hatte sehr geschickt
-immer nur von der körperlichen Unsterblichkeit gesprochen.
-Mit der »Individualität« erlebt man ja auch
-bei so manchen schon etwas höheren Tieren noch die
-sonderbarsten Sachen. Noch einen Süßwasserpolypen
-kann ich in zwölf Schnitzelchen zerhacken, und jedes
-Schnitzelchen ergänzt sich prompt zu einem ganzen neuen
-Polypen; jetzt was ist auch hier mit der Individualität
-des alten Polypen geschehen? Unser Denken kommt da
-einstweilen nicht durch.</p>
-
-<p>Gewiß aber ist, daß der alte Polyp, körperlich genommen,
-dabei nicht getötet worden ist, denn zum Tode
-gehört eine Leiche, und keines der zwölf Hackstücke ist
-als Leiche liegengeblieben. Genau so fehlte aber die
-Leiche bei unserer Amöbe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_75">[75]</a></span></p>
-
-<p>Vorsichtigere Kritiker wagten sich denn auch nicht auf
-dieses heikle Gebiet, sondern versuchten einen wesentlich
-substantielleren Weg, um zu prüfen, ob Weismanns
-Idee selber unsterblich sei: sie rückten ihr mit dem unmittelbaren
-Experiment auf den Leib.</p>
-
-<p>Wenn Weismann recht hatte, durfte sich auch in
-einer unabsehbaren Kette genau kontrollierter Einzellergenerationen
-niemals ein natürliches Altern, ein Altersverfall
-einstellen, der endlich doch noch zum körperlichen
-Zusammenbruch dieser Kette führte.</p>
-
-<p>Der Franzose Maupas züchtete also Hunderte von
-Generationen eines gewissen Infusoriums und kam zunächst
-zu einem höchst bedenklichen Resultat.</p>
-
-<p>Die betreffenden Liliputaner teilten anfangs glatt,
-teilten wieder und wieder, als liefe die Sache anstandslos
-auch hier in die Ewigkeit. Aber nach einer Weile
-fielen sie ab, degenerierten, gerieten in greisenhaften
-Stillstand, der das Ganze unvermeidlich doch noch auf
-den Tod losführte.</p>
-
-<p>Hätte man das Experiment hier für immer abgebrochen,
-so wäre Weismanns Idee für immer widerlegt
-gewesen, die Leiche im Spiel war gefunden, wenn sie
-auch erst nach hundert und mehr Teilungen erschien.</p>
-
-<p>Aber Maupas mußte einen weitereren Sachverhalt
-feststellen, der alles wieder umwarf.</p>
-
-<p>Wenn man diese Infusorien nicht unter unnatürliche
-Bedingungen brachte, sondern sich selbst überließ, so
-fanden sie, ehe noch jener scheinbare Altersverfall sich
-geltend machte, aus eigener Kraft ein untrügliches
-Mittel, ihm vorzubeugen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_76">[76]</a></span></p>
-
-<p>Nach einer Reihe einfacher Teilungen veränderten
-sie nämlich plötzlich ihr Fortsetzungsprinzip: sie verschmolzen
-zu je zwei und zwei, und wenn jetzt aus
-dieser Mischzelle neue Teilungen weiter erfolgten, so
-bewährten diese erneut die alte Jugend ohne jede senile
-Gefahr.</p>
-
-<p>Der Vorgang war an sich sehr interessant, weil er
-schon eine Vorstufe des Prinzips darstellte, das nachher
-im Liebesleben der höheren Tiere und Pflanzen eine so
-kolossale und entscheidende Rolle spielen sollte. Zur
-Sache zeigte er aber eine Regulierung, die Weismanns
-Idee erneut glänzend zu rechtfertigen schien: denn ob
-nun Teilung oder Mischung: es blieb dabei, daß keine
-Leiche das Spiel unterbrach.</p>
-
-<p>Emsigste Kritiker wurden indessen nicht müde, nach
-dieser »Leiche« weiter zu suchen.</p>
-
-<p>Der Mischungsvorgang, hochinteressant wie er war,
-wurde selbst enger aufs Korn genommen.</p>
-
-<p>Es zeigte sich, daß die verschmelzenden Infusorien
-gleichsam einen Teil ihres Eigengerüstes dabei abbrachen
-und erst neu wieder aufbauten. Dieses Abbrechen wurde
-als versteckte Leichenbildung gefaßt, als sterbe in jedem
-der beiden Geschöpfchen gleichsam seine eine eigene Hälfte
-erst ab, ehe die andere zu neuer Lebenskraft sich mit der
-anderen von drüben vereinige &ndash; ein unsagbar raffiniertes
-Durcheinanderspiel von Liebe und Tod fast im gleichen
-Moment.</p>
-
-<p>Die Frage, ob das nicht wieder zu spitzfindig ausgelegt
-sei, machten aber erneute Massenexperimente belanglos.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_77">[77]</a></span></p>
-
-<p>Calkins züchtete abermals lange Infusorienkulturen
-und konnte wiederum feststellen, daß nach einer gewissen
-Kette einfacher Teilungen die Lebenskraft haperte und
-die Uhr, bildlich gesprochen, anfing nachzugehen. Zur
-neuen Regulierung auf das richtige Tempo bedurfte
-es aber, so wurde diesmal offenbar, nicht immer jener
-Mischung von Individuen. In vielen leichteren Fällen
-genügte Abänderung der Nahrung und ähnliches schon.</p>
-
-<p>Von da aber war nur noch ein kleiner Schritt zu
-der Möglichkeit überhaupt, das Senilwerden der Teilgenerationen
-auch durch reine Sorgfalt der Pflege und
-systematische Abwehr störender Außeneinflüsse dauernd
-zu verhindern. Und auch diese Möglichkeit ist, soweit
-menschliches Ermessen zurzeit reichen kann, inzwischen
-von Jennings und Woodruff wirklich erwiesen worden.</p>
-
-<p>Sie haben Infusorien durch 2500 Generationen gezüchtet
-und kontrolliert. In diesem Falle trat weder
-Altersverfall ein noch Vermischung. Angemessene Diät,
-die jede Störung der Lebenshaltung ausschloß, genügte
-offenbar allein zur Selbstregelung der Lebensuhr. Man
-konnte natürlich annehmen, daß bei der millionsten
-oder billionsten Generation doch noch die Dinge haperten.
-Aber diese Annahme wäre eine durchaus willkürliche,
-die einstweilen dem schlichten Sachverhalt nicht
-entspricht.</p>
-
-<p>August Weismann ist also bis zu seinem Tode der
-Ansicht geblieben, daß er trotz aller Fehden das Spiel
-gewonnen habe. Der Sieg seiner Grundthese bedeutete
-für ihn aber zugleich Sieg einer Folgerung, die er
-daran geknüpft.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_78">[78]</a></span></p>
-
-<p>Wenn die einzelligen Wesen noch keinen natürlichen
-Tod kennen und kannten, so muß dieser Tod also erst
-innerhalb der organischen Entwicklung bei den vielzelligen
-Wesen entstanden sein. Er wäre keine Ureigenschaft des
-Lebens, sondern erst eine spätere Zutat. Was aber
-könnte diese »Zutat« bewirkt haben? Eine unheimlich
-gewaltige Frage!</p>
-
-<p>Weismann war aber nun der Ansicht, daß unser
-menschliches Denken so konstruiert sei, daß es rein wissenschaftlich
-alle solche Entwicklungsfragen in der Natur
-nur lösen könne nach dem Begriff »Nützlich« oder »Unnützlich«.</p>
-
-<p>Bei den höheren Pflanzen und Tieren ist jenes
-Amöbenprinzip, das elterliche Wesen restlos in die
-Jungen ausgehen zu lassen, verworfen worden. In der
-Reife ihres Lebens produzieren sie bloß noch Keimzellen,
-aus denen die junge Generation erwächst. Sie selbst
-bleiben auch danach noch selbständig stehen. Warum
-leben auch sie als Eltern aber nun nicht unsterblich fort?</p>
-
-<p>Weil sie fernerhin überflüssig für die Erhaltung der
-Art sind, meint Weismann. Alles Überflüssige ist aber
-zuletzt unnützlich im Naturhaushalt und wird im Daseinskampfe
-endlich weggezüchtet, Jede Funktion und jedes
-Organ schwinden, wenn sie für die Erhaltung der betreffenden
-Lebensform überflüssig werden.</p>
-
-<p>Franz Doflein, nach dem Rücktritt des ehrwürdigen
-alten Meisters jetzt Weismanns Nachfolger auf dem
-Freiburger Lehrstuhl für Zoologie, hat dagegen versucht,
-der Grundthese eine freundlichere Konsequenz für uns
-selbst zu geben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_79">[79]</a></span></p>
-
-<p>Wenn das Altern und der Tod keine Grundeigenschaften
-aller lebendigen Substanz sind, sondern bloß
-eine mehr oder minder äußerliche Zutat, die (wie jene
-Infusorienexperimente zu beweisen scheinen) wesentlich
-doch nur eine Abnutzungserscheinung durch Ungunst der
-äußeren Verhältnisse im unmittelbaren Effekt darstellt,
-so ließe sich ein erneutes änderndes Eingreifen durch
-unsere Intelligenz denken. Es werde zwar ein Phantom
-bleiben, das Menschenleben ins Unendliche zu verlängern.
-»Aber indem durch genaue Erforschung eine Anzahl der
-günstigen Bedingungen ausfindig gemacht werden und
-für ihre Wirksamkeit während der Entwicklung des Lebens
-des Individuums gesorgt wird, während möglichst viele
-Schädigungen ausgeschaltet werden, muß es möglich sein,
-die Abnützung des Körpers hinauszuschieben, seine Leistungen
-länger auf der Höhe zu erhalten und das Leben
-als Ganzes zu verlängern.« In diesem Sinne seien die
-bekannten Ideale Metschnikoffs von einer gewissen Verlängerung
-des individuellen menschlichen Lebens wirklich
-würdige Ziele für den Forschergeist.</p>
-
-<p>In der Tat ist ja kein Zweifel, daß sich beim Menschen,
-selbst wenn wir auch ihn in diesem Zusammenhang
-als bloßes Naturprodukt unter dem Nützlichkeitssinn
-ansehen wollen, an dieser Stelle wieder etwas ganz
-entscheidend verschoben hat.</p>
-
-<p>Der »Nutzwert« des Individuums auch über den
-Neuzeugungsakt hinaus ist schier ins Unendliche bei ihm
-gestiegen.</p>
-
-<p>Schon im höheren Tier überhaupt sehen wir die Bedeutung
-des noch eine Weile fortlebenden Elterntiers<span class="pagenum"><a id="Seite_80">[80]</a></span>
-zum Schutz der Jungen und damit der Art rapid zunehmen.
-Im Menschen treten dazu aber nun die
-enormen Fortschrittsleistungen des Einzelnen für das
-Ganze, die unabhängig von aller körperlichen Fortpflanzung
-in Forschung, Kunst, Gemeinarbeit jeder Art, in
-Vorbildlichkeit des Charakters und so fort sich bewähren
-und durch Lehre, Tradition, geleistetes Werk
-selbständig fortzeugend in einer anderen Linie für sich
-weiter wirken. Von einem »fernerhin Überflüssigen« in
-Weismanns Sinne kann hier also unmöglich mehr geredet
-werden.</p>
-
-<p>Jede Förderung dieser individuellen Leistung muß
-fortan wieder eminent wichtig für die »Menschenart«
-sein &ndash; in tausend und tausend Einzelfällen kann sie
-sogar wichtiger sein als die Neuzeugung selbst, wenn
-auch letztere natürlich ihre eigene Notwendigkeit daneben
-stets wahrt. Zu diesen Forderungen könnte aber natürlich
-auch eine rein zeitlich vermehrte Dauer gehören, die
-ein stärkeres Ausspielen und Ausstrahlen der individuellen
-Kräfte ermöglichte. Wer denkt hier nicht an Goethe,
-dem vergönnt war, über achtzig Jahre in Kraft auszuleben
-und der mit zweiundachtzig noch an seinem »Faust«
-arbeitete, an Humboldt, der mit neunzig Jahren noch bei
-seinem »Kosmos« saß.</p>
-
-<p>Das Nützlichkeitsgesetz, das im niederen organischen
-Wesen nach Darwins und Weismanns Auffassung als
-blind ausmerzende oder begünstigende Zuchtwahl waltete,
-ist für den Menschen aber jetzt überall in seine eigene
-Intelligenz eingegangen. »Nehmt die Gottheit auf in
-euren Willen,« sagt (nur mit etwas anderen Worten)<span class="pagenum"><a id="Seite_81">[81]</a></span>
-Schiller. Mit seiner Intelligenz überschaut der Mensch
-jetzt die Dinge und leitet sie bewußt in die <em class="gesperrt">ihm</em> günstigere
-Bahn. Und so mag auch an dieser Stelle die
-fortschreitende Intelligenz resolut den Wechsel begreifen
-und mag im Maß ihrer wachsenden Kräfte erneut einzugreifen
-suchen. Wie weit, das verliert sich freilich
-in blauen Zukunftsschleiern.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_82">[82]</a></span></p>
-
-<h2 id="Goldene_Tiere">Goldene Tiere</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Wer von uns hat nicht in phantasiefroher Kinderzeit
-einmal gebebt unter den Schauern der Sage
-vom Argonautenzug!</p>
-
-<p>Wie Jason mit seinem Heldenschiff gen Kolchis fährt,
-um das goldene Widderfell zu holen, das von einem
-Drachen bewacht an einer Eiche im Areshain hängt&nbsp;…</p>
-
-<p>Kolchis ist die Kaukasusecke des Schwarzen Meeres,
-damals für einen Griechen ein so fernes Sagenland wie
-uns Europäern von heute etwa das Innere von Neuguinea.
-Die Argonautenfabel ist wilder und menschlich
-kleiner als Ilias und Odyssee, denen man, aller Homerkritik
-zum Trotz, eben doch auf Schritt und Tritt die
-läuternde Hand einer ganz großen Dichterpersönlichkeit
-anmerkt, während dort nur noch die rohe Mythe zu uns
-spricht. Aber um so packender für die Jugend schlägt
-die reine Abenteuerlichkeit der Handlung durch. Und
-dabei ist auch hier charakteristisch, wie die Sage mit
-naiven Effekten das Stärkste erreicht.</p>
-
-<p>Ein Häuflein Gold in der Größe und Dicke eines
-Widdervlieses ist gewiß noch kein besonders großer Schatz.
-Aber das Aparte, das Verblüffende ist, daß ein lebendiges
-Säugetier Gold am Leibe getragen haben soll.
-Dieses Tierfell lohnte schon die verwegenste Heldenarbeit!</p>
-
-<p>Zugleich aber fehlt auch der Zug nicht, daß in allem
-bunten Märchenspuk die dunkle Kunde von einer nüchtern<span class="pagenum"><a id="Seite_83">[83]</a></span>
-realen Sache gleichsam das Gebein zu bilden pflegt.
-Wo immer wir heute naturgeschichtliche oder historisch-geographische
-Forschung an diese Griechenlegenden
-wenden, kommen solche Wirklichkeitsgebeine zutage, ohne
-daß der Duft der Sage sich deshalb zu verlieren brauchte.
-An dem Fleck des alten Labyrinths auf Kreta, wo der
-Stiermensch Minotaurus gewütet haben sollte, ist vor
-kurzem die Stätte alter Kampfspiele der mykenischen
-Kulturepoche ausgegraben worden; zoologisch bestimmbare
-Knochen beweisen, daß der heute ausgestorbene
-riesige Urstier dort noch vorgeführt wurde, und ein Wandgemälde
-aus der Zeit verewigt noch solchen gefährlichen
-Stierkampf in anschaulichster Form.</p>
-
-<p>Und so erfahren wir auch aus den späteren Quellen
-griechischer Wissenschaft selbst noch von einer althergebrachten
-Sitte der Kaukasusbewohner, daß sie zottige
-Schaffelle in ihre Bäche hingen, um die natürlichen
-Goldteilchen, die von den Wassern dieses metallreichen
-Gebirges geführt wurden, aufzufangen &ndash; eine nüchterne
-Praxis, den mancherlei Methoden unserer Arbeiter in
-Silberseifen und Goldwäschen damals schon durchaus
-ähnlich.</p>
-
-<p>Was aber kein antiker Grieche wußte, ist die Tatsache,
-daß es wirklich auf unserer Erde Säugetiere gibt,
-die ein »goldenes Vlies« tragen.</p>
-
-<p>Freilich kein Vlies, aus dem man echte Goldstücke
-prägen kann.</p>
-
-<p>Als das Leben sich seine zwölf bis zwanzig mineralischen
-Elemente aneignete, die teils notwendig, teils hilfsweise
-seine wunderbaren Zellenbauten zusammensetzen,<span class="pagenum"><a id="Seite_84">[84]</a></span>
-war Gold nicht dabei. Wenn es sich ab und zu einmal
-in organischen Restbeständen auch von Lebewesen
-chemisch nachweisen läßt, in Austernschalen, Pflanzenholz
-und so weiter, so war es dort doch nur zufällig durch
-das Wasser eingeschleppt worden, das ja für jegliches
-Leben eine absolute Notwendigkeit ist, in dem aber vielfältig
-(zum Beispiel im Ozean durchweg) feinste Goldrestchen
-auf Grund selbsttätiger Goldwäsche der Natur
-herumschweben. Zu einer wirklichen Macht im Leben
-hat auch dieses schöne Element erst die menschliche Intelligenz
-gebracht: vom Zahlgold in der Hosentasche bis
-zur Goldplombe im hohlen Zahn!</p>
-
-<p>Das tierische Goldvlies, das ich meine, ist dagegen
-ein Fell, das äußerlich im wundervollsten Goldglanz
-gleißt, als sei jedes Härchen einzeln in Schaumgold getaucht
-gleich einer Weihnachtsnuß.</p>
-
-<p>Das erste wirklich dem Fachzoologen bekannt gewordene
-Tier, das ein ganz unzweideutiges goldenes
-Vlies wenigstens für den Anblick trägt, ist ein Geschöpf
-im tropischen Afrika, dessen Anblick aber für
-gewöhnlich einfach unmöglich gemacht ist, weil es
-nämlich nach der Art unseres Maulwurfs unter der
-Erde lebt.</p>
-
-<p>Jedermann kennt unseren heimischen Wühler, den
-Maulwurf. Er selber hat schon ein recht hübsches,
-bläulich bereiftes Fellchen. Dieser Mull gehört, wie
-wir schon besprochen haben, systematisch weder zu den
-echten Raubtieren noch den Nagetieren, sondern zu jener
-uralten, heute nur spärlich noch fortlebenden Stammgruppe
-der höheren Säugetiere, die man die Insektenfresser<span class="pagenum"><a id="Seite_85">[85]</a></span>
-zu nennen pflegt. Diese Insektenfresser haben aber
-in ihrer Entwicklung offenbar von früh an eine Neigung
-oder besser einen Zwang gehabt, gewisse Formen doppelt
-hervorzubringen. So haben sie den Typus des Igels
-zum Beispiel zweimal geschaffen, einmal als wirklichen
-Igel und dann noch einmal ganz unabhängig davon
-im Borstenigel der fernen Insel Madagaskar. Und
-entsprechend gibt es bei ihnen auch zweimal den Mull:
-das eine Mal in unserem echten und das zweite Mal
-(auch hier vollkommen unabhängig) in einem ebenfalls
-erdgrabenden Sprößling jener Borstenigel, den man den
-»Goldmull« getauft hat.</p>
-
-<p>Dieser Goldmull lebt vom Kap bis zum Kongo, und
-zwar ebenso extrem unterirdisch, wenn auch meist nicht
-sehr tief. Auch ihm ist dabei der kleine fette Leib in
-richtiger Anpassung zur Walze oder Wurst geworden,
-die schon bald gar nicht mehr nach einem Säugetier
-ausschaut. Da gibt es keinen Schwanz mehr und keine
-Ohrmuscheln, ja für den äußeren Anblick fast keine
-Gliedmaßen mehr; nur die Hände stehen noch als starre
-krumme Haken vor, und auf dem Näschen sitzt eine
-kleine Schaufel in Gestalt eines Hornschildes; das alles
-dient ersichtlich der Technik des Sicheinbohrens und
-Vorwärtsdrängelns im trockenen Steppensande, in dem
-der passionierte Unterweltler auf die still verborgene
-Suche nach Würmern und Insektenlarven geht. Mögen
-in dieser afrikanischen Steppe so viel böse Räuber oben
-über ihn weglaufen wie wollen: er ist in seinen Sandstollen
-sicher, und was sich hier unten herumtreibt, dessen
-ist er selber Herr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_86">[86]</a></span></p>
-
-<p>Nun aber die Verschwendung. Diesem ewigen Gast
-der Finsternis gerade hat die Natur den Argonautenzauber
-des Goldvlieses verliehen!</p>
-
-<p>Jedes Härchen seines Maulwurfsfellchens ergleißt
-wirklich und wahrhaftig im schönsten Goldschein. Je
-nach der Lichtbrechung mischen sich in dieses Grundgold
-noch einzelne goldig angehauchte Farben, die dann gleich
-Edelsteinen aus der Goldfassung glühen, bald grün wie
-von Smaragden, bald ein unbeschreiblich schönes Violett
-gleich Amethysten. Wenn dieser wahre »Dorado«, wie
-die südamerikanischen Indianer einst ihren vergoldeten
-Sagenkönig nannten, bei uns lebte, so ist gewiß, daß er
-längst um seines Königsmantels willen vernichtet wäre,
-während ihn jetzt bloß ab und zu ein Kaffer seines
-Landes zum schmucken Tabaksbeutel verarbeitet.</p>
-
-<p>Wozu aber der Glanz gerade in dieser Hütte &ndash;
-oder in diesem schmutzigen finsteren Bergwerk, muß man
-besser sagen?</p>
-
-<p>Und der Fall wird um so seltsamer, als auch der
-zweite Träger eines goldenen Vlieses, den man unter
-den Säugetieren kennt, ein mindestens ebenso ausgesprochener
-mullhafter Erdgräber im Finstern ist.</p>
-
-<p>Um ihn zu finden, muß man den dürren Sandboden
-diesmal der zentralaustralischen Wüste aufschaufeln. In
-ihm steckt und bohrt er genau so verborgen wie der Goldmull
-in der afrikanischen Steppe. Australien hat aber
-nie Borstenigel gehabt, die dort zu Mullen werden
-konnten. Der Hauptstamm seiner eigentümlichen Tierwelt
-gehört zu der wohl noch altertümlicheren Gruppe
-der Beuteltiere, und folgerichtig ist also auch sein einheimisch<span class="pagenum"><a id="Seite_87">[87]</a></span>
-seit alters zugehöriger Mull ein solches Beuteltier,
-ein »Beutelmull«. Im übrigen hat aber auch er
-die ganz entsprechenden Hackenhände und auf der Nase
-seine eigene Hornschaufel. Die Bergwerke dieses Beutelmulls
-liegen so versteckt in ihrer Wüste, daß man erst
-in neuerer Zeit und nachdem Australien gerade auf
-sonderbare Tiere schon reichlich abgesucht war, seiner zum
-erstenmal habhaft geworden ist.</p>
-
-<p>Nun: auch dieser Beutelmull schimmert in Gold,
-wobei auch bei ihm das Fell bald mehr reines Gelbgold
-zeigt, bald mehr Silber oder irisierende Edelsteinfarbe.
-Abermals das goldene Vlies als Arbeitskleid
-eines Tunnelarbeiters!</p>
-
-<p>Es ist ein ungemein fesselndes Problem, wie gerade
-diese lichtscheuesten Gesellen unter unserem Säugervolk
-an das im Lichte herrlichste Gewand gekommen sind.</p>
-
-<p>Eine Reihe gebräuchlicher Erklärungen versagt hier
-vollkommen.</p>
-
-<p>Es kann sich nicht um eine den Tieren nützliche Anpassungsfarbe
-handeln, also etwa um einen Schutz, wie
-ihn dem grünen Laubfrosch auf grünem Laube sein Grün
-gewährt. In der finsteren Sandröhre da unten wird der
-goldene Rock dem Mull weder als Jägerrock noch als
-Jagdwildverkleidung helfen können; um diesen Vorteil
-zu genießen, müßte er schon in künstlich tagheller Goldhöhle
-hausen, die es doch nicht gibt.</p>
-
-<p>Gleichermaßen versagt aber die berühmte Darwinsche
-Deutung, daß gewisse gleißende Prachtfarben bei Tieren
-so herangezüchtet sein könnten, daß die Tiere selbst an
-der Pracht ihre Freude gehabt und bei der Liebeswahl<span class="pagenum"><a id="Seite_88">[88]</a></span>
-von jeher die farbenprächtigsten Exemplare begünstigt
-hätten. Abgesehen davon, daß durch diese Methode
-immer nur eine schon vorhandene glänzende Farbe (also
-hier der Goldglanz) gesteigert, aber nicht erst die Farbe
-selbst geschaffen worden sein kann, ist dazu mindestens
-doch nötig, daß die verliebten und farbenfrohen Tiere
-sich <em class="gesperrt">sehen</em> können.</p>
-
-<p>Schon unser heimischer Maulwurf hat aber stark
-verkümmerte Augen, was bei seiner Finsterlingsart und
-Dreckwühlerei ja gut genug zu verstehen ist; nötigenfalls
-ans Licht gebracht, sieht er zwar noch, aber seine Hauptmittel
-im eigentlichen Jagdgebiet sind schon Tasten,
-Riechen und Hören.</p>
-
-<p>Bei dem Goldmull aber zieht sich geradezu das Haarfell
-auch über die Augen fort, sie verharren also dauernd
-im Schlafzustande der fest geschlossenen Lider. Und erst
-recht beim Beutelmull liegt außer der Haut auch noch
-ein Muskel unmittelbar auf dem völlig verkümmerten
-Augenpünktchen, so daß hier auch nur vom schwächsten
-Erfassen eines Lichtscheins keine Rede mehr sein kann.
-Diese Nachtwächter haben eben einfach ihr Sehen abgeschafft
-&ndash; folgerichtig ist es aber auch nicht möglich, daß
-sie sich, mögen sie in ihrem Tartarus sonst so verliebt
-sein, wie sie wollen, auf »Gold« hin selber durch Liebeswahl
-heraufgezüchtet haben könnten.</p>
-
-<p>So sehr das Goldvlies uns eine Hauptsache erscheint:
-es macht den Eindruck, als sei es nur eine indirekte
-Folge von etwas anderem.</p>
-
-<p>Haben die Fellhaare dieser Unterweltler irgendeine
-nützliche Struktur sonst sich angeeignet, die als Begleiterscheinung<span class="pagenum"><a id="Seite_89">[89]</a></span>
-ohne eigenen Nutzzweck den Goldschein mit
-sich brachte, etwa im Sinne, wie unser Blut zufällig
-seine schöne rote Farbe hat?</p>
-
-<p>Oder frißt der Mull da unten irgend etwas, das
-ihm besonders gut bekommt, das aber sein Haar nebenbei
-irgendwie chemisch vergoldet, ohne daß diese Vergoldung
-selbst ihn weiter förderte oder störte?</p>
-
-<p>Für den letzteren Fall könnte man wirklich nun auf
-allerlei verwegene Gedanken kommen.</p>
-
-<p>Vom afrikanischen Goldmull wie vom australischen
-Beutelmull wird berichtet, daß sie als echte »Insektenfresser«
-besonders gern und massenhaft gewisse Schmetterlingsraupen
-und Engerlinge (Larven) von Bockkäfern ihrer
-Heimat verzehren. Speziell vom Goldmull des Kaplandes,
-der dort den Gärtnern genau so vertraut und, je nachdem,
-verhaßt wegen des Wühlens, erwünscht wegen des Insektenvertilgens
-ist wie bei uns der Maulwurf, hören wir,
-daß er hauptsächlich von Raupen lebt, und zwar besonders
-denen einer sogenannten Plusiaeule, die sich tagsüber an
-den Wurzeln ihrer eignen Futterpflanze verkriechen.</p>
-
-<p>Nun spielt aber bei Käfern und Schmetterlingen der
-Goldglanz selber wieder seine Rolle. Jeder weiß von
-»Goldkäfern«. Gewisse tropische Bockkäfer erscheinen
-wie in eine Goldlösung getaucht. Auf Schmetterlingspuppen
-schimmern die schönsten Goldflecken. Ausgespart
-aber jene Plusiaeulen, von denen ungefähr zwanzig
-Arten auch bei uns vorkommen, führen seit alters geradezu
-den Namen »Goldeulen«!</p>
-
-<p>Die meist kleinen Schmetterlinge, die man »Eulen«
-nennt, wirken in ihren langen Sammlungsreihen durchweg<span class="pagenum"><a id="Seite_90">[90]</a></span>
-sonst unscheinbar, ja langweilig, sofern man nicht
-auf die feinen Ornamente ihrer Deckflügel achtet. Plötzlich
-aber bei den Plusiaeulen wird das anders. In
-die schlichte Flügelzeichnung fließt plötzlich Gold ein
-in verschwenderischer Fülle. Nicht roh hinzugemischt,
-sondern sorgsam aufgenommen in den feinen Rhythmus
-der Ornamente. Bald färbt es rein in den Umriß
-eingewebt gewisse Bänder, die anderswo bloß in
-Sepiazeichnung den Flügel belebten, bald schwimmt es
-als Spiegel in Rundflecken, bald bildet es ganz eigene,
-schön gezackte Felder auf dem dunkeln Grunde von
-hoher stilistischer, jedes Künstlerauge entzückender Durchbildung.
-Sie sind ja auch sonst geheimer Zeichen und
-Wunder voll, diese Eulenflügel, sobald man genau hinsieht.
-Eine der bekanntesten Plusiaeulen führt den
-griechischen Buchstaben Gamma aufs deutlichste dort,
-daher ihr Name Gammaeule. Wo nun Gold hinzutrat,
-da schmiegte es sich ebenfalls durchaus diesem Arabesken-
-und Hieroglyphenspiel organisch ein.</p>
-
-<p>Warum aber hat gerade solche Plusiaeule vor so
-viel anderen Gold zur Verfügung? Lebt sie von
-Pflanzenstoffen, die das chemisch begünstigen? Und
-könnten jene grabenden Säugetiere zu ihrem eigenen
-Schmuck unwillkürlich gelangt sein, weil sie gewohnheitsmäßig
-wieder solche Goldfabrikanten als Nahrung benutzen?</p>
-
-<p>Die Erklärung hat etwas Verführerisches, nur muß
-man sich vor Augen halten, daß sie selber noch lange
-nicht alles erklärt, zum Beispiel noch ganz und gar
-nicht, wie es kommt, daß nun etwa bei solcher Plusiaeule<span class="pagenum"><a id="Seite_91">[91]</a></span>
-der als Nahrung aufgenommene Stoff sich gerade
-in derartigen köstlichen Mustern und Ornamenten von
-hoher rhythmischer Stilisierung betätigt, während er
-beim Goldmull einfach das ganze Fell gleichmäßig vergoldet.</p>
-
-<p>Hier mischen sich offenbar noch wieder besondere,
-vorläufig unbekannte Gesetzmäßigkeiten ein, die das einfache
-Wort »chemischer Einfluß« nicht erschöpft.</p>
-
-<p>Sicher aber ist es eine Sache zu reichem Nachdenken,
-dieses »goldene Vlies«.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_92">[92]</a></span></p>
-
-<h2 id="Liberia_und_das_seltenste_Tier_auf_der">Liberia und das seltenste Tier auf der
-Briefmarke</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Der Weise, der alles auf die Nützlichkeit ansieht,
-versichert uns, daß man beim Freimarkensammeln
-Geographie, Geschichte, Politik, eine gewisse juristische
-Findigkeitstechnik und wer weiß was noch für vortreffliche
-Sachen lernen könne.</p>
-
-<p>Ich bin nun der Ansicht, daß das Sammeln hier
-wie überall in erster Linie eine Glücksquelle sei, und
-alle Nützlichkeit des Herrn Professors in Ehren, halte
-ich doch stark auf den Wert jedweder Vergnüglichkeit
-in dieser Welt als Selbstzweck. Wenn aber durchaus
-auch hier gelernt werden soll, so läßt sich sogar vor dem
-Freimarkenalbum eine Zoologiestunde geben.</p>
-
-<p>Zwar an den älteren mythologischen Wappentieren
-ist nicht viel mit wirklicher Tierkunde zu fassen: den
-Löwen, die wie muntere Pudel ausschauen, dem Braunschweiger
-Weihnachtspferdchen, dem steifen Mecklenburger
-oder gar dem alten Moldauer Ochsenkopf, der
-schon mehr nach mykenischer Urkunst schmeckt als nach 1858.</p>
-
-<p>Ob der chinesische Markendrache wirklich auf den
-Alligator des Jangtsekiang zurückgeht, weiß ich nicht,
-jedenfalls könnte er der Gestalt nach ebensogut von der
-berühmten Seeschlange abstammen.</p>
-
-<p>Wenn das südamerikanische Paraguay nicht den
-heimischen Jaguar, sondern den Löwen (und zwar auf<span class="pagenum"><a id="Seite_93">[93]</a></span>
-neueren Marken einen naturgeschichtlich treuen, nicht
-stilisierten) führt, so will es offenbar direkt betonen, daß
-es <em class="gesperrt">nicht</em> zoologisch echt kommt, denn in Amerika gibt
-es keinen echten Löwen.</p>
-
-<p>Aber in so manchem überseeischen Reich oder Kolonialland
-blüht wachsend jetzt ein wirkliches Stück »zoologischen
-Gartens« auf den Marken, und man merkt die Hilfe des
-tierkundigen Fachmannes.</p>
-
-<p>Französisch-Guiana zeigt den Yurumi, den großen
-Ameisenbären mit riesigem Buschschweif, Guatemala den
-altheiligen Vogel des mexikanischen Sonnengottes und
-Königshabits, den herrlichen goldgrünen Quesal oder
-Prachttrogon.</p>
-
-<p>Peru hat sein braves Lama, Nordamerika den schönen
-weißköpfigen Seeadler und eine Jagd noch auf den Bison,
-was schon bald wie prähistorisch wirkt, Neufundland
-seinen unschätzbaren Kabeljau, eine Robbenkolonie und
-das Ptarmigan, das beliebte Schneehuhn seiner Sportleute,
-Kanada auch ein aussterbendes Tier: den Biber.</p>
-
-<p>Neukaledonien führt stolz seinen landeseigentümlichen
-Rallenkranich, den seltsamen Kagu, vor, Neuseeland
-den flügellosen Zwergstrauß Kiwi, den Houia (Hopflappenvogel),
-bei dem Männchen und Weibchen verschieden
-gebaute Schnabel besitzen, und den fleischfressenden
-Alpenpapagei Nestor, Neusüdwales den australischen
-Emustrauß, den edeln Leiervogel und das Känguruh,
-Westaustralien seinen berühmten schwarzen Schwan,
-Tasmanien auf einer allerdings nicht ganz vollwertigen
-Stempelmarke gar das geheimnisvoll eierlegende Schnabeltier.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_94">[94]</a></span></p>
-
-<p>Die bekannteste und technisch schönste Menagerie
-gibt das englische Nordborneo &ndash; alles Bedeutende, das
-es hat, ist darauf: der Samburhirsch und der Argusfasan,
-das kolossale Leistenkrokodil und der Orang-Utan,
-der groteske Nashornvogel und der possierliche Malaienbär,
-der Schabrackentapir, der indische Elefant und das
-lange so sagenhafte Doppelnashorn Südasiens, selbst
-der geographisch hier nur noch anklingende Kasuar. In
-Afrika hat der Kongostaat einen wilden Elefantenbullen,
-das portugiesische Nyassa Giraffen, Kamele und Zebras
-in wahrhaft monumentalen Maßen.</p>
-
-<p>Keine moderne Briefmarke aber erscheint mir interessanter
-als die Ausgabe 1906 mit der Wertziffer 75 Cents der
-Negerrepublik Liberia an der westafrikanischen Pfefferküste.</p>
-
-<p>In alten Jahrgängen führte Liberia auf heute seltenen
-Marken stets hübsch die Gestalt der Freiheit mit
-der Mütze, respektabel und etwas langweilig anzusehen
-wie alles Symbolische. Mehr und mehr ist es aber
-dann auch zoologisch geworden, ist zu Eidechsen, Elefanten
-und Schimpansen übergegangen.</p>
-
-<p>Auf jener hübschen braun und schwarzen Marke
-aber erkenne ich in gutem Umriß sein allermerkwürdigstes
-Landesprodukt, ein bislang auch fast mythisches Tier,
-das doch angetan ist, den Namen dieser kleinen Republik
-für alle Zeiten in den Annalen der Naturgeschichte
-festzuhalten und mit einem gewissen Glanz zu umgeben,
-eine nützliche Verewigung auf jeden Fall im wechselnden
-Schicksalslauf politischer Konstellationen.</p>
-
-<p>Ich meine die einzige noch lebende Nebenform und
-Zwergform des populärsten afrikanischen Tierriesen, des<span class="pagenum"><a id="Seite_95">[95]</a></span>
-Flußpferdes oder Nilpferdes, die sich hier in diesem
-kleinen Küstenländchen durch irgendein besonderes Stück
-Weltlauf erhalten hat.</p>
-
-<p>Wie der Elefant, wie die Giraffe, wie das Erdferkel
-oder das Schnabeltier gehört das gigantische Flußpferd
-heute zu den Vereinzelten, Vereinsamten im Tierbereich.
-Man weiß von ihm nur, daß es, alles eher als ein
-echtes Pferd, einen uralten stehengebliebenen Ausläufer
-des Stammbaumzweiges, der einst von den Schweinen
-zu den Hirschen und Rindern lief, darstellt; am nächsten
-steht es wohl noch den Schweinen.</p>
-
-<p>Sein Lebensbereich aber hat sich noch in junger geologischer
-Zeit arg eingeengt; kam es doch um den Beginn
-der Diluvialzeit noch im Florentiner Arno und in
-der Londoner Themse vor, während es heute auf das
-(immerhin ja für sich noch kolossale) tropische Afrika
-beschränkt und selbst in Ägypten völlig fremd geworden
-ist. Jene früheren europäischen Nilpferde gehörten dabei
-durchweg einer noch etwas größeren Art an. Aber
-gelegentlich hat man im Mittelmeergebiet in Knochenhöhlen
-doch auch Spuren einer wesentlich winzigeren
-Sorte von damals entdeckt, so auf der Insel Samos
-einen wahren Pygmäenhippopotamus, der kaum so groß
-wurde wie ein wirkliches Schwein.</p>
-
-<p>Man hat dieses örtliche und zeitweise Herabgehen
-in der Körpergröße dort damit zu erklären versucht, daß
-es sich um Flußpferde handelte, die durch Zerreißen und
-Versinken großer Landgebiete im damaligen Gebiet des
-heutigen Mittelmeeres plötzlich auf Inseln isoliert wurden.
-Inselsäugetiere haben auf die Dauer meist eine Tendenz,<span class="pagenum"><a id="Seite_96">[96]</a></span>
-klein zu werden; auf Sardinien zum Beispiel sind heute
-der Edelhirsch, der Damhirsch und das Wildschwein
-merkbar verzwergt. Bei noch stärkerem Abbröckeln
-ihres Heimatbodens und Versiegen größerer Ströme und
-Landseen hätten dann freilich auch diese Miniaturnilpferdchen
-sich überhaupt nicht mehr halten können, so daß
-wir heute auf den betreffenden Inselresten nur mehr
-ihre Knochen finden.</p>
-
-<p>Hier aber wurde nun der ferne Weltwinkel Liberia
-bedeutsam.</p>
-
-<p>1844 gab ein Kolonialarzt dort, Morton, die erste
-unsichere Kunde, daß in den noch ganz unerforschten,
-unwegsamen Binnenwäldern der kleinen Republik ein
-solches Zwergnilpferd noch lebend existiere.</p>
-
-<p>Zuerst erschien das ganz als Pygmäensage, die ja
-auch für Menschen immer im dunkelsten Afrika geblüht
-hat, bis sie doch eines Tages in Gestalt der wirklichen
-Zwergenvölker dort wahr wurde. Als ein emsiger
-Museumssammler, Büttikofer, endlich Haut und Skelett
-nach Europa brachte, konnte man auch an dem flußpferdischen
-Zwerg nicht länger zweifeln. Er wurde nur
-so lang wie ein stattlicher Mensch, etwa 1,80 Meter,
-was besonders klein wirkte, wenn man den Kopf des
-gewöhnlichen großen Hippopotamus danebenstellte, der
-bei Exemplaren von 4 Meter und noch mehr Gesamtlänge
-allein über 80 Zentimeter mißt. Der Zahnbau
-wich so vom großen Bruder ab, daß man schon seinetwegen
-einen neuen Gattungsnamen erfinden mußte;
-»Choeropsis« wurde der Kleine benannt anstatt des alten
-»Hippopotamus«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_97">[97]</a></span></p>
-
-<p>Fast noch seltsamere Mär kam aber zugleich von seiner
-Lebensweise. Während der Riese bekanntlich den größten
-Teil seiner Zeit wie eine Seekuh im tiefen Binnensee-
-und Stromwasser verbringt und dabei ein geselliges
-Beisammenleben liebt, bei dem die tauchende Herde bald
-da, bald dort einen ihrer ungeschlachten Köpfe prustend
-und luftschöpfend sehen läßt, sollte der Zwerg einsiedlerisch
-im dichten Walde hausen.</p>
-
-<p>Ein paar beste Museen konnten sich dank jenem
-Sammler ein schlecht und recht ohne Lebenskenntnis
-montiertes Fell leisten, sonst aber schliefen alle Nachrichten
-bald wieder auf lange Jahrzehnte ein, und das
-Tier rechnete in den Büchern nach wie vor unter die
-Halbbekannten, die Erwünschten, aber wie im Zauberwald
-für uns Verschlossenen &ndash; immer eine unbehagliche
-Sache für einen letzten Mohikaner auf so winzig umschränkter
-Scholle, dem eine einzige Epidemie oder sportliche
-Flintenschießerei wissenschaftlich indifferenter »Afrikaner«
-den Garaus machen konnte.</p>
-
-<p>Und auch nach dem Tage, da Choeropsis den Ruhm
-erlebte, auf einer Freimarke seines Landes sozusagen
-national wie international aufzutreten, sollten noch sechs
-weitere Jahre vergehen, bis endlich auch in dieses zoologische
-Geheimnis volles Licht fiel.</p>
-
-<p>Wirklich noch rechtzeitig, denn Choeropsis lebte, und
-der erste, der endgültig jetzt den Schleier von ihm lüftete,
-stand im Dienste der zoologischen Sachforschung und
-nicht der tiermordenden Sonntagsjägerei; Sonntagsjäger
-heißt in den wertvollsten Tierasylen der Erde heute nämlich
-leider nicht, wer nicht schießen kann, sondern wer so gut<span class="pagenum"><a id="Seite_98">[98]</a></span>
-schießt, daß er in einem »Sonntag« mehr zwecklos verderben
-kann, als der Tierforschung in Jahren wieder
-gutzumachen ist. Der alte Hagenbeck sollte es einmal
-wieder sein, auf den das spannende Abenteuer gewartet
-hatte. Man kennt die glückliche Mischung von Geschäftsgeist
-und Chancen für die Wissenschaft, die dort
-bestand. Solches Unikum, lebend zum erstenmal nach
-Europa gebracht, gibt dem Tierpark in Stellingen jedesmal
-eine große Sensation und erzielt im Verkauf an
-einen anderen Garten Liebhaberpreise, die selber nichts
-vom Zwerg haben; zugleich aber besteht das Faktum,
-daß mit solchem geschickten Fang und Import des lebenden
-Tieres durchweg auch die zunächst wichtigste Tat
-im Sinne der wirklichen Wissenschaft getan zu sein pflegt;
-für den Rest sorgen dann schon die Professoren selber.</p>
-
-<p>Bei Hagenbeck ging so etwas aber stets im großen
-Stil. Er schickte also auch diesmal einen tüchtigen
-Mann, Hans Schomburgk, eigens nach Liberia mit der
-strikten Order, so viel lebende Zwergnilpferde wie möglich
-zu fangen und nach Stellingen zu bringen; wie
-einst der selige Bennett zu Stanley sagte: »Finden Sie
-irgendwo in Innerafrika Herrn Livingstone.«</p>
-
-<p>Und Schomburgk drang mit außerordentlicher Zähigkeit
-in die schwierigen Flußwälder Liberias ein, ließ
-Hunderte von Fallgruben herstellen und erreichte planmäßig
-wirklich sein Ziel. Vor einiger Zeit sind in Stellingen
-fünf lebende Zwergnilpferde, dabei ein alter Bulle
-und ein junges Pärchen, programmäßig eingelaufen.
-Ein Exemplar lebt jetzt im Berliner Zoologischen Garten,
-dieser herrlichen Lehrstätte moderner Tierkunde, die unter<span class="pagenum"><a id="Seite_99">[99]</a></span>
-Ludwig Hecks Leitung eine immer umfassendere wissenschaftliche
-Bedeutung erlangt hat. Seitdem kennt man
-die wahre Gestalt, den Charakter und die heimische
-Lebensart des so überaus merkwürdigen Geschöpfes; dieses
-Kapitel der Naturgeschichte ist gerettet.</p>
-
-<p>Unser großer Hippopotamus ist, niemand bestreitet
-es, im eigentlichen Sinne ein Scheusal. Er hat jenes
-Zerflossene, sozusagen in den Proportionen Aufgelöste,
-das alle Säugetiere zuletzt im Wasser annehmen. Der
-ungeheuerliche Kopf geht auf den Pottfisch, der Leib
-wird zur schleifenden Walze, die Beine degenerieren.</p>
-
-<p>Dem kleinen Bruder sieht man dagegen sofort an,
-daß er niemals so extrem Wassertier geworden ist. Er
-bleibt dem Tapir (übrigens keinem Verwandten, sondern
-einem Pferdevetter), der auch, aber mit Maß, badet,
-darin ähnlicher. Ganz ohne Bad kann ja auch der
-Zwerg nicht leben, so bewiesen die Gefangenen. Aber
-in ihren dichten Urwäldern genügen ihnen dazu schon
-die kleinen Bäche. Ausgesprochen lichtscheue Nachttiere,
-bergen sie sich auch tagsüber nicht etwa im Wasser,
-sondern verstecken sich in selbstgegrabenen Erdlöchern.
-Und wenn er dann im Dunkeln in seinem Dickicht auftaucht,
-der Zwerg, kommt er in der Tat, wie schon
-Büttikofer berichtete, durchweg allein. Ein Einsiedler
-ist er, der aber auf seiner einsamen Streife weithin durch
-den Forst wechselt, friedlich und harmlos von Wesen,
-wie die überaus geduldigen, leicht zu meisternden Gefangenen
-dartaten. Kautschukhaft glatt ist auch seine
-Livree, wenn er so dahertrabt, doch tragen die Beinchen
-viel höher, der Bauch hängt nicht so schleppend wie<span class="pagenum"><a id="Seite_100">[100]</a></span>
-beim Riesenbruder, und am besser proportionierten Kopf
-fehlen völlig die ungeheuren Augenringel und Nasenwülste,
-so daß das flunderhafte Hippopotamusprofil zu
-einer einfachen Dicknase mit wieder richtig seitlich abgerückten
-Augen gemildert erscheint. Der Fuß, der
-beim Riesennilpferd rein vierzehig aufpatscht, zeigt schon
-eine entschiedene Neigung, beim raschen Gang bloß eine
-Schweinespur zu hinterlassen, also hauptsächlich die beiden
-Mittelzehen zu benutzen, eine Sache, die für die Stellung
-im Stammbaum der Paarhufer außerordentlich interessant
-ist. Und gänzlich fehlt das »Bluten« des echten
-Hippopotamus, eine höchst kuriose Hautabsonderung, die
-durch einen weinroten Farbstoff die Sage erzeugt hat, das
-Ungetüm schwitze buchstäblich Blut; wahrscheinlich hängt
-eben auch diese Absonderlichkeit mit dem langen Wasserleben
-zusammen und ist also bei dem Zwerge nicht vonnöten.</p>
-
-<p>Wie aber kam es, so legt man sich vor dem eigenartigen
-Gesellen zuletzt wieder die Frage vor, daß gerade
-in diesem Liberiawinkelchen ein solcher Zwerg des alten
-Geschlechts saß und sogar bis heute fortleben konnte,
-während sonst das ganze große Afrika durchweg nur
-den Riesen erhielt?</p>
-
-<p>Der Zoologe Trouessart hat auch hier auf jene Inseltheorie
-zurückgegriffen. Liberia mit seinen kurzen Flüßchen
-und seinem starken Gebirgsriegel gegen das tiefere
-Afrika bilde auch ohne Wassereinschnitt eine Art Insel
-zum übrigen Afrika, in der auch diese Nilpferdchen seit
-alters abgeschnitten, isoliert und verzwergt sein könnten.</p>
-
-<p>Vielleicht ist das doch etwas kühn erdacht, bloß um
-die Theorie zu rechtfertigen, zumal da nach Schomburgk<span class="pagenum"><a id="Seite_101">[101]</a></span>
-die Beschränkung nur auf den liberianischen Küstenstrich
-nicht feststeht.</p>
-
-<p>Man könnte aber auch an Einwanderung von einer
-etwa heute untergegangenen Insel des Meerbusens von
-Guinea denken. In sehr alten geologischen Tagen zog
-sich aller Wahrscheinlichkeit nach aus dieser Gegend eine
-Landverbindung bis nach Südamerika hinüber, von der
-immerhin zur frühesten Nilpferdzeit noch einzelne größere
-Inselpfeiler fortbestanden haben könnten. Damals lag
-aber umgekehrt auch noch der ganze Nordwestteil der
-Sahara zeitweise unter Wasser, und auch aus diesem
-Saharameer konnten Inseln ragen, die Zwergnilpferde
-begünstigten.</p>
-
-<p>So führt uns das harmlose kleine Geschöpf zuletzt
-noch in die weite Flut geographischer Fragen, und vielleicht
-wird man um seinetwillen noch einmal die Karte
-der Vorzeit verändern müssen. Der Sammler aber mag
-seine Briefmarke in Ehren halten: über dieses Markentier
-von Liberia und seine anknüpfenden Rätsel wird
-noch manche Schrift geschrieben werden.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_102">[102]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Waldrapp_ein_verschollenes_deutsches">Der Waldrapp, ein verschollenes deutsches
-Tier</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">In einem der schönen Flugkäfige für Enten und
-andere Wasservögel im Berliner Zoologischen
-Garten hausten jüngst ein paar seltsame Vögel.</p>
-
-<p>Ihr Gesamtanblick verriet eine Sorte des Ibis, des
-allbekannten heiligen Vogels der alten Ägypter, dessen
-langer Krummschnabel in jedem Kinderbuch bis heute
-die Aufmerksamkeit fesselt. Aber ganz schwarz, nur
-mit schön buntem Metallschimmer, war diesmal der
-»Ibis«, rot prangten nur Schnabel und Beine sowie
-der größte Teil des Kopfs, der eigentümlicherweise fast
-ganz in einer runzligen Greisenhaut ohne Federn steckte,
-dafür aber tief noch im Genick mit einem langen vielfederigen
-Schopf gar auffällig stolzierte.</p>
-
-<p>Alles in allem schon für die einfache Schau ein
-recht kurioser Geselle, von dem man gern Näheres hörte.</p>
-
-<p>Wenn aber Vögel romantischen Empfindungen nach
-Menschenart zugänglich wären und von der Geschichte
-ihres Volkes mehr besäßen als ein paar altüberkommene
-dunkle Instinkte, so würde durch den kahlen Kopf dieses
-scheuen Gastes dahinten im Gebüsch seiner Voliere ein
-eigenartiger Traum gezogen sein.</p>
-
-<p>Der Schopfibis (<em class="antiqua">Geronticus</em> lautet der lateinische
-Name) kommt heute aus fernem fremdem Erdteil zu
-uns, vom asiatischen Euphrat oder aus dem afrikanischen<span class="pagenum"><a id="Seite_103">[103]</a></span>
-Abessinien oder Marokko. In Europa ist seine Stätte
-nur noch im Zoologischen Garten unter ausländischem
-Getier. Und doch war dieser Fremdling einst ein echter
-und rechter Bürger nicht nur europäischer, sondern deutscher
-Erde!</p>
-
-<p>Gute deutsche Namen hat er einmal in allen südlicheren
-Teilen des großen deutschen Sprachgebiets geführt,
-von denen »Waldrapp«, eine speziell schweizerische
-Bezeichnung, die hochdeutsch »Waldrabe« gibt, sich in
-der Schriftsprache ihrer Zeit am stärksten durchgesetzt
-hatte. Und die Leute, die ihn so nannten, sind nicht
-etwa alte Alemannen und Helvetier oder gar Pfahlbauer
-oder Mammutjäger der Diluvialzeit gewesen, sondern
-Renaissance- und Reformationsmenschen.</p>
-
-<p>Ein allbekanntes Tier war der Waldrapp damals
-im Volke. Chroniken und Naturgeschichten sowohl wie
-Gerichte und ihre Urkunden kannten und nannten ihn, der
-Koch und der Feinschmecker wußten von ihm zu sagen,
-stellenweise bildete er geradezu ein Charaktertier der
-Landschaft.</p>
-
-<p>Die eigentliche wissenschaftliche Tierkunde hatte damals
-ja noch nicht entfernt so viele Vertreter wie heute;
-aber um so zahlreicher gab es Praktiker, die als Jäger
-oder sonst bei ihrem gefiederten Mitvolk im Lande Bescheid
-wußten &ndash; nicht vom Hörensagen wußten, sondern
-weil sie die Tiere selbst alle Tage sahen; und die alle
-müssen &ndash; vielerlei Anzeichen als Stichproben beweisen
-es noch klärlich genug &ndash; auch den deutschen Waldrapp
-gekannt haben.</p>
-
-<p>Dieser <em class="gesperrt">deutsche</em> Waldrapp aber ist verschollen seither!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_104">[104]</a></span></p>
-
-<p>In Zeit weniger Jahrhunderte.</p>
-
-<p>Einer der wunderbarsten, fast möchte man sagen beängstigendsten
-Fälle aus der Besitzgeschichte unseres
-Vaterlandes liegt hier vor: ein lebendiges Tier geht in
-Seiten hellster Kultur, unter den Augen &ndash; nein, nicht
-unter den Augen, denn gesehen hatte es zunächst niemand
-&ndash; unserer Naturforscher einfach im Lande unter
-wie in Urtagen das Mammut &ndash; bis auf den letzten
-Kopf, hoffnungslos, für immer.</p>
-
-<p>Diese Geschichte ist wert, daß jeder sie näher kennen
-lernt, denn sie enthält ein Menetekel. Sie predigt mehr
-für die Notwendigkeit von Tierschutz und Heimatschutz,
-als ganze Bände vermögen. Das gleiche Los hätte die
-Nachtigall treffen können in der Zeit. Es kann morgen
-da, dort eingreifen, uns dieses, jenes Stück Altdeutschland,
-deutscher Natur herausgreifen und in die Versenkung
-werfen, wenn wir nicht Gegenmittel ergreifen.</p>
-
-<p>Nein, sie hatten zunächst schlechterdings nichts gemerkt,
-die Naturkundigen; hinter ihnen aber ebensowenig
-das ganze unabsehbare Heer der Jäger, Förster,
-Landschaftsschilderer, alle, alle, bis zum Koch herab.</p>
-
-<p>Der Schopfibis wurde im Jahr 1832 von Wagler
-als <em class="gesperrt">neue</em> Entdeckung, als eine »neue Tierart aus
-Ägypten«, beschrieben, und das war sein tatsächlicher
-Eintrittsmoment in die <em class="gesperrt">moderne</em> Wissenschaft. Also
-wohlverstanden: als ein Vogel Afrikas, bisher von
-keinem europäischen Forscher gesehen, in Europa selbst
-völlig unbekannt. Er erhielt einen neuen lateinischen
-Namen, kam in Lehrbücher und Museen &ndash; als Exote,
-den sich die Museen mit mancherlei Mühen von weither<span class="pagenum"><a id="Seite_105">[105]</a></span>
-jetzt übers Meer beschaffen mußten, nachdem er einmal
-im Verzeichnis der Arten stand. Nach diesem Datum
-vergingen nochmals 65 Jahre bis zu der denkwürdigen
-Stunde, da 1897 drei ausgezeichnete, noch lebende Vogelkenner,
-die Herren Hartert, Kleinschmidt und Walther
-Rothschild, ganz zufällig bei einem Gespräch im schönen
-Rothschildschen Museum in London eine der sonderbarsten
-zoologischen Feststellungen machten, die jemals
-möglich geworden ist: nämlich eben die Feststellung daß
-dieser heute nur noch exotisch fortlebende Schopfibis
-identisch sei mit dem alten deutschen Waldrapp des sechzehnten
-Jahrhunderts, den damals an vielen Orten
-jedermann bei uns gekannt hatte.</p>
-
-<p>Die Entdeckung war an sich nicht schwer. In jenem
-sechzehnten Jahrhundert hatte wenigstens ein einziger
-wirklich großer Tierforscher und Sachkenner der deutschen
-Tierwelt gelebt und geschrieben: Konrad Gesner zu
-Zürich. In seinen ursprünglich lateinisch verfaßten,
-dann aber gleich auch deutsch bearbeiteten Folianten
-ist der deutsche Waldrapp sowohl ganz vortrefflich beschrieben,
-wie auch gut abgebildet.</p>
-
-<p>Der Holzschnitt zeigt auf den ersten Blick, daß man
-den heutigen exotischen Schopfibis und nicht eine echte
-Rabenart vor sich hat. Der Text sagt auch nur, daß
-der Vogel einem Raben in Größe und Farbe »fast
-ähnlich« sei. Im übrigen sehen wir den krummen roten
-Ibisschnabel und wehenden Nackenschopf, wir hören von
-der Kahlheit des Kopfes und dem schwarzen sonstigen
-Gefieder, auf dem damals wie jetzt der metallische Spiegel
-ergleißte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_106">[106]</a></span></p>
-
-<p>Daß der gemeine Mann ihn aber damals mit einem
-Raben verglich (er, der ja keinen Ibis zum Vergleich
-kannte), wird uns vollends verständlich, wenn Gesner
-uns berichtet, daß der Waldrapp nicht nur in »einöden
-Wäldern« wohnte, sondern besonders gern »in hohen
-Schroffen oder alten einöden Türmen und Schlössern«
-nistete, »dannenher er auch ein Steinrapp genannt wird
-und anderswo in Bayern und Steurmarck ein Klaußrapp,
-von den Felsen und engen Klausen, darinn dann
-er sein Nest macht« (Schweizer Deutsch des sechzehnten
-Jahrhunderts!). So steil und unzugänglich lägen oft
-seine Niststätten, daß »er dann etwan von einem Menschen,
-so an einem Seil hinab gelassen, außgenommen
-und für einen Schleck gehalten wird, wie er auch bey
-uns in etlichen hohen Schroffen bey dem bad Pfäfers
-(Bad Pfäffers!) gefunden wirt, da sich auch etliche
-Weydleut hinab gelassen haben«.</p>
-
-<p>Hier allerdings scheint sich eine Schwierigkeit einzudrängen.</p>
-
-<p>Der Ibis, wie er uns geläufig ist, der schwarz-weiße
-der alten Ägypter wie der braunrote oder schwärzliche
-der Mittelmeerländer oder der schön rosenrot flamingofarbige
-Amerikas: er ist uns doch als Sumpfvogel geläufig.
-Aber ausgespart bestätigt der Fall Waldrapp
-die Ausnahme von dieser Regel: denn eben der Schopfibis
-nistet auch heute in seiner fernen Gegend noch mit
-Vorliebe hoch in Felsen und altem Gemäuer, &ndash; zum
-Beispiel traf man ihn am Euphrat scharenweise so in
-den Ruinen eines alten Sarazenenschlosses. Also das
-erledigt sich von selbst.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_107">[107]</a></span></p>
-
-<p>Gesners Vogelbuch mit seinen zum Teil ganz ausgezeichneten
-Bildern war aber nun als ein Grundwerk
-neuerer Tierkunde selber niemals vergessen worden.
-Wohl aber hatte das Kapitel »Vom Waldrapp« darin
-in der Zwischenzeit auch sein eigenartiges Schicksal
-erlebt.</p>
-
-<p>Der große Linné, als er im achtzehnten Jahrhundert
-das tat, was eigentlich Vater Adam im Paradiese schon
-besorgt haben sollte, nämlich den ganzen Inhalt der
-großen Erdenarche mit dauernd gültigen Etiketten versah
-&ndash; er glaubte selber noch so viel an Gesners Autorität,
-daß er dessen Waldrapp als deutschen Vogel ins System
-nahm, anfangs als eine Art Wiedehopf, später als
-wirklichen Raben; sonst wissen tat er von ihm aber schon
-nichts mehr.</p>
-
-<p>Der treffliche Vogelforscher Bechstein in der Wende
-zum neunzehnten Jahrhundert wagte dagegen einen
-entscheidenden Schritt. Er prüfte Gesners Bild, gab
-selber noch ein anderes altes wieder, konstatierte aber
-zugleich, daß es einen so aussehenden Vogel in ganz
-Europa ja doch nicht gebe. Nicht mehr gebe &ndash; darauf
-kam er zunächst nicht. Nein, überhaupt nie gegeben
-habe, meinte er. Man habe den guten alten Gesner
-genarrt mit dem irgendwie verunstalteten Balg einer
-Alpenkrähe.</p>
-
-<p>Und auf diese voreilige Skepsis hin wurde wirklich
-jetzt von der ganzen nächstfolgenden Forschung auch das
-Gesnersche Bild abgelehnt und ignoriert &ndash; der deutsche
-Waldrapp war also gleichsam doppelt verschollen. Und
-es bedurfte erst des Zufalls, daß jene drei Vogelkundigen<span class="pagenum"><a id="Seite_108">[108]</a></span>
-im Rothschildmuseum gerade das Gesnerbild, das Bechsteinbild
-und endlich ein Bild und einen Balg des längst
-inzwischen unabhängig entdeckten exotischen Schopfibis
-von heute nebeneinander zu sehen bekamen, womit denn
-natürlich augenblicklich Bechsteins Schluß als falsch erkannt,
-Gesner wieder anerkannt und zugleich konstatiert
-war, daß es sich um einen wirklichen, aber heute auf
-deutscher Erde ausgestorbenen Vogel handeln müsse.</p>
-
-<p>Einmal das Eis gebrochen, ist dann unsre Kunde
-vom wenigstens historisch wiedererstandenen Waldrapp
-rasch erweitert worden noch über Gesner hinaus. Neuerdings
-hat besonders Robert Lauterborn, der so eifrige
-und glückliche Arbeiter in der Geschichte deutscher Tierkunde,
-das Material gesichtet und vervollständigt.</p>
-
-<p>Wir wissen aus den verschiedensten Quellen jetzt, daß
-dieser dohlenhaft auf Burgruinen nistende deutsche Ibis
-außer in der Schweiz auch im Salzburgischen, im weiteren
-Österreich, im bayerischen Donaugebiet bei Kelheim und
-Passau im sechzehnten Jahrhundert durchaus nicht selten
-war. Als Vertilger widerwärtigen Ungeziefers, das sein
-krummer Schnabel leicht aus den tiefsten Löchern zog,
-wurde er gelegentlich schon damals in Steiermark und
-zu Zürich urkundlich geschützt. Nach Stumpfs berühmter
-Schweizer Chronik war er um 1606 noch ein »gemein
-Wildpret«. Und zum Überfluß verglichen ihn wenigstens
-die Gelehrten schon damals selber mit einem Ibis, wobei
-einer eine alte Stelle bei Plinius ausgrub, die der Existenz
-des Ibis in den Schweizer Alpen gedenkt. Dieses
-alte Zitat ist an sich wieder höchst interessant, denn es
-ist die einzige antike Quelle über den deutschen Waldrapp.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_109">[109]</a></span></p>
-
-<p>Plinius, in der besten Zeit der römischen Cäsaren,
-Zeitgenosse des Tacitus, war als Naturgeschichtschreiber
-nicht eben ein Mann, dem es auf ein derbes Teil Tierfabeln
-ankam. Aber in seinen Tagen begann man sich
-aus Staatsräson und sozusagen Kolonialpolitik in Rom
-sehr ernst mit der Schweiz und Süddeutschland zu befassen,
-und bei dieser Gelegenheit wurde in Amtsberichten
-offenbar doch vielerlei über die Natur gerade dieser
-Gegenden bekannt, das den Stempel der Echtheit trägt.
-Von einem Alpenpräfekten seiner Zeit, Egnatius Calvinus,
-hatte nun Plinius gehört, er habe den eigentlich
-für Ägypten heimatberechtigten Ibis auch in den Alpen
-gesehen. Kaum ist ein Zweifel möglich, daß das wirklich
-auf unsern Waldrapp geht, der also in den Römertagen
-schon an den Felsen der Alpenstraßen genistet
-haben muß, genau wie zu Gesners Zeit.</p>
-
-<p>Warum aber ging ein so lange dem Lande treuer
-Vogel ein?</p>
-
-<p>Man hat an eine Klimaverschlechterung gedacht, die
-das heute auf durchaus warme Länder beschränkte Tier,
-dessen meiste Verwandte sogar Tropenbewohner sind,
-vom Rhein und der Donau vertrieb; in Wahrheit spricht
-dafür aber nichts. Viel deutlichere Sprache dagegen
-spricht »der Schleck«, den nach Gesner das »liebliche
-Fleisch und weich Gebein« seiner Nestküken den Feinschmeckern
-gewährt hätten und um dessentwillen die Nestplünderer
-mit Lebensgefahr sich an den steilsten Felsen
-herabließen. Wehe dem Vogel, der in Tagen mangelnden
-Vogelschutzes durch die Gesetzgebung und den Natursinn
-seines Volkes in die Schußlinie eines »Schlecks« kommt!<span class="pagenum"><a id="Seite_110">[110]</a></span>
-Der alte Gesner selber weiß ja noch zu berichten, daß
-die Leute seiner Zeit, die die Waldrappjungen aus ihrem
-Nest nahmen, »in einem jeglichen eins liegen (ließen),
-damit sie am nachgehenden Jahr desto lieber wiederkommen«.
-Das war in der geordneten Schweiz von 1500
-und so und so viel. Anderswo und später auch dort
-las man's offenbar anders, und zwar so gründlich, daß
-die Waldrappen, Zugvögel, wie sie gleich Storch und
-Nachtigall waren, eben allmählich nicht mehr wiederkamen.
-Um die Zinnen flatterten Dohlen und Tauben,
-aber kein Ibis mehr. Der deutsche Ibis war ein ausgeträumter
-Traum deutscher Landschaft.</p>
-
-<p>Wird ihm der Storch, wird ihm wer weiß was noch
-alles von den Tieren, die in Sage und Naturschau um
-die Wiege unserer deutschen Volkskraft gestanden haben,
-in unseren Tagen folgen? Oder werden wir den Heimatsinn
-finden, der wenigstens jetzt solche nicht mehr zu
-sühnenden Sünden an unserem Heimatsbilde endgültig
-bannt?</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_111">[111]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Gespensterzug_der_Lemminge">Der Gespensterzug der Lemminge</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">In den letzten zehn Jahren hat sich in Skandinavien
-mehrfach hintereinander wieder ein uraltes Volksgespenst
-sehen lassen: der mysteriöse Massenzug der
-Lemminge.</p>
-
-<p>Heute geschieht ja da drüben besonders viel für die
-Bauernbildung, und ich weiß nicht, ob man sich im
-Winkel noch als echt weitererzählt, was mindestens in
-früheren Jahrhunderten dort für eine unerschütterliche
-Wahrheit galt. Da aus der alten Gespenstergeschichte
-aber bis heute eine heftige wissenschaftliche Streitfrage
-ausgegangen ist, mag es an der Zeit sein, einmal wieder
-davon zu reden.</p>
-
-<p>Des grausen Märchens Inhalt war, daß es in diesem
-doch durchweg nicht allzu üppigen Lande eine besondere
-Landplage gebe, die alle paar Jahre zum Verdruß auf
-die Bauern fiele. Über Nacht zögen Wolken auf
-und ließen regnen, und wenn der Tag den Schaden besähe,
-habe es tausend und aber tausend lebendige große
-Mäuse geregnet, hübsche Tierchen in Gelb und Schwarz
-wie die überseeischen Meerschweinchen, aber gefräßig wie
-nur irgendeine Feldmaus, ja den orientalischen Heuschreckenschwärmen
-gleich, vor denen alles Laubgrün bekanntlich
-im Nu vergeht wie unter einem Gifthauch.
-Entsprechend ihrer unerhörten Herkunft flössen diese Tiermassen
-wie ein reißendes Wasser von der Höhe zu Tal<span class="pagenum"><a id="Seite_112">[112]</a></span>
-durch das Land, rasten und fräßen sich fort über jedes
-Hindernis, bis sie endlich auch gleich einem regengeschwellten
-Bach in einen See oder das große Meer
-einmündeten, wo sie dann allesamt jämmerlich ertrinken
-müßten.</p>
-
-<p>Dieser wilde Tierstrom war der berühmte und berüchtigte
-»Lemmingzug«.</p>
-
-<p>Die ersten einheimischen Geographen und Zoologen
-da oben, im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert,
-nahmen die Sache noch ganz so als buchstäblich wahr
-und stritten sich bloß zunächst über das Problem, ob die
-betreffende Wolke jedesmal Lemminge aus sich selbst
-erzeuge oder ob das kleine Plagevolk irgendwo in ferner
-Gegend vom Sturm mitgerissen und dann erst wieder
-am Fleck herabgeschüttelt werde. Dem Geist der Zeit
-von damals erschien das erste meist als das Amüsantere
-und deshalb als das Wahrscheinlichere.</p>
-
-<p>Dieser im ganzen leider allzu amüsanten Legende
-aber machte im Jahre der Thronbesteigung unseres großen
-Friedrich der naturgeschichtlich nicht minder große Linné
-ein Ende. Nach ihm, der sein eignes Land schließlich
-doch kennen mußte, handelte es sich um eine wirkliche
-Sorte Maus, die nicht nur in der Gefräßigkeit, sondern
-auch sonst durchaus irdisch-realistischer Natur war. Die
-Wolke, die sie ins Tiefland spie, war aber in Wahrheit
-das Gebirge. Dort lebten die Lemmingmäuse für gewöhnlich
-im kärglichsten Gebiet. Ab und zu aber kamen
-sie als großer Wanderzug von dort zu Tal, und dieses
-plötzliche Auftreten der stets nächtlich vorrückenden Tiere
-erzeugte die abgeschmackte Sage vom Lemmingregen. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_113">[113]</a></span>
-klang nun recht ernüchternd, ja fast langweilig, wenn
-nicht doch ein interessanter Punkt auch so geblieben
-wäre. Er betraf die Wanderung selbst.</p>
-
-<p>Mit stärksten Farben erzählte auch Linné von ihr:
-wie das vieltausendköpfige Volk tatsächlich einem reißenden
-Strom an Zähigkeit und Folgerichtigkeit gleich daherkomme,
-einem Menschen nicht ausweiche, sondern sich
-zwischen seinen Beinen durchzuwälzen suche, durch einen
-im Wege liegenden Heuschober ein Loch fresse, anstatt
-ihn zu umgehen, über Bäche und Ströme unter tollsten
-Opfern setze und, fahre ein Nachen darin vorbei und
-kreuze die schwimmende Masse, diesen Nachen erklettere,
-um auf der anderen Seite wieder ins Wasser zurückzuspringen.</p>
-
-<p>Was sollte dieser Mäusekatarakt? Wenn man hörte,
-daß der lebendige Strom nicht etwa eine dauernde Besiedelung
-des Flachlandes bedeute, daß die Tiere sich
-durch ihren fortgesetzten Weiterzug gleichsam selber umbrächten,
-in Gegenden eindrängen, wo sie gar nicht leben
-könnten, sich sinnlosen Krankheiten und Gefahren in den
-Arm würfen, in Hekatomben beim Durchqueren von
-Seen oder gar im Meer ertränken und zuletzt einfach
-alle miteinander auf solcher tollen Fahrt ins Blaue zugrunde
-gingen, ohne daß auch nur ein Stück die liebe
-Heimat wieder erreichte &ndash; so schien das zwar kein
-Wunder, aber doch einen Gipfel zweckwidriger Unvernunft
-in der sonst so zweckschönen Natur zu bedeuten,
-der in seiner Art an ein Wunder grenzte. Und an
-diesem Faden wurde der Lemming jetzt für weitere anderthalb
-Jahrhunderte zu einer Art von fachzoologischem<span class="pagenum"><a id="Seite_114">[114]</a></span>
-Gespenst, mit dem bald das, bald jenes, aber nie etwas
-Rechtes bewiesen werden sollte.</p>
-
-<p>Eine Weile freilich konnte es scheinen, als solle auch
-dieser Nimbus jämmerlich fallen. Linnés Zeugnis wurde
-allmählich auch etwas altersgrau &ndash; aus neuerer, ganz
-heller Zeit aber blieb es lange merkwürdig still von neuen
-Lemmingzügen. Und als gar der treffliche Brehm in
-Lappland und Finnland überall herumgefragt, kein
-Mensch dort aber etwas vom reisenden und rasenden
-Lemming gewußt hatte, da meinte schon mancher, man
-dürfe auch diese Wanderlegende nachgerade zu der anderen
-schreiben und aus den ernsthaften Naturgeschichten streichen.</p>
-
-<p>Das aber war wieder zu viel. Der Lemming, schon
-fast totgesagt, erlaubte sich doch wieder zu schwärmen,
-und noch in den letzten Jahren, wie gesagt, ist er wieder
-von seinen Bergen zu Tal gerast wie zu Linnés Tagen.
-So blieb denn nichts übrig, als den Kampf mit diesem
-Gespenst auf die richtige Waffe zu stellen: nämlich es
-zu bannen mit einer vernünftigen Erklärung des rätselhaften
-Todeszugs.</p>
-
-<p>Darwin hat einmal gesagt, seine ganze Zweckmäßigkeitslehre
-mit all ihren Folgerungen müsse einpacken,
-wenn ihm einer einen tierischen Instinkt nachweisen könne,
-der einfach sinnlos darauf ausgehe, die betreffende Tierart,
-die ihn besäße, selber zu schädigen. Es mußte sich
-also wesentlich darum handeln, in dem »Unsinn« des
-Lemmingzuges doch mehr oder minder auch noch eine
-»Methode« zu finden.</p>
-
-<p>Der erste klärende Schritt dazu war, daß man den
-seltsamen Kerl in seiner normalen Heimat genau studierte.<span class="pagenum"><a id="Seite_115">[115]</a></span>
-Obwohl eine echte Wühlmaus, also nächstverwandt
-unseren Feldmäusen, lebt er im skandinavischen Gebirge
-nach Art des Murmeltiers. Die »Tundra« zwischen
-dem tieferen Bereich des Fichtenforstes und dem ewigen
-Schnee ganz oben ist seine Welt dort, jener karge
-Pflanzengürtel, wo der Wacholder und die Zwergbirke,
-die <em class="antiqua">Betula nana</em>, die nur mehr als eine Art Heidelbeere
-am Boden kriecht, einen Liliputanerwald bilden. Üppiger
-Tisch ist da oben gewiß nicht, zumal unser Lemming
-nicht die echte Murmeltiergewohnheit besitzt, den Winter
-zu verschlafen. Immerhin findet er sein Auskommen,
-und Gefahr entsteht, scheint es, gerade nur durch etwas
-mehr gelegentlichen Luxus der armen Natur um ihn her.</p>
-
-<p>Ab und zu kommt nämlich einmal ein besonders
-mildes Jahr, und in solchem fetten Stande schwillt die
-Nachkommenproduktion der kleinen Tundralemminge ins
-Ungemessene an. Im folgenden macht sich das unheimlich
-in der großen Kopfzahl geltend, und wenn jetzt in erklärlicher
-klimatischer Folgerichtigkeit ein besonders dürrer
-Sommer eintritt, so entsteht ernstliche und wachsende
-wirkliche Not. In solchen Tagen, heißt es, werde das
-jahrelang still da oben seßhafte Völklein unruhig. Es
-strebe nach Erweiterung seines Nährgebiets, wandere vor
-allem in den Waldgürtel unterhalb seiner gewöhnlichen
-erhabeneren Sitze massenhaft aus.</p>
-
-<p>Soweit ist die Sache plausibel und fügt sich lückenlos
-aneinander. Nun aber soll wieder daran die große Wanderung
-hängen.</p>
-
-<p>In dem tieferen Forst finde der Nager, der aus seiner
-Welt der Flechten und Birkenwurzeln kommt, andersartige<span class="pagenum"><a id="Seite_116">[116]</a></span>
-und ihm unbehagliche Bedingungen. Und da
-fasse ihn der Trieb, abwärts noch weiter zu sondieren &ndash;
-diesmal aber nicht in entsprechend langsamer Ausbreitung,
-sondern sozusagen explosionshaft, in einem ohnemaßen
-verwegenen Vorstoß ins Ferne und immer Fernere,
-der aber bei der geographischen Situation, die anstatt
-in neues Gebirge in eine immer tiefere Ebene mit tausend
-Feinden und Hemmnissen, ja endlich ans Meer als das
-wahre »Ende der Welt« führe, jedesmal im allgemeinen
-Verderben enden müsse.</p>
-
-<p>In diesem Teil der Beweisführung bleibt eine Lücke.</p>
-
-<p>Es wird nämlich nicht eigentlich erklärt, wie gerade
-dieser explosive Wandertrieb entsteht. Es wird nur gezeigt,
-wie er ausgelöst werden könnte &ndash; wenn er in den
-Tieren vorhanden ist. Und auch dazu gibt es nun noch
-mancherlei zu denken und zu bedenken.</p>
-
-<p>Man hat beobachtet, daß die Wanderexplosion nicht
-bloß vom Waldgürtel des Gebirges zu Tal, sondern
-auch vom eigentlichen Lemminggebiet nach oben in die
-Schnee- und Gletscherwelt erfolgt, wo natürlich die armen
-Weltfahrer noch rascher elendiglich absterben müssen als
-unten. Von Anfang an muß also die Wucht des
-Wandertriebes enorm sein, die selbst in diese unmittelbare
-Öde jagen kann.</p>
-
-<p>Dann aber hat man an dem Zuge selbst gewisse
-merkwürdige Einzelheiten wahrgenommen. Die ziehenden
-Tiere kommen wohl in großen Scharen daher, zäh jedesmal
-im Absteigen den gleichen, nämlich wohl den geographisch
-bequemsten Straßen folgend, aber im Trupp
-geht jeder Einzellemming streng für sich, mit ordentlichem<span class="pagenum"><a id="Seite_117">[117]</a></span>
-Zwischenraum zum nächsten, und wenn zwei Pilger sich
-doch zufällig nähern, so gibt es stets eine böse Beißerei.
-Ein bissiges, zänkisches Gesindel sind sie ja durchweg auch
-sonst, und ein Beobachter wollte das ganze Wandern
-noch mehr aus dieser wachsenden Unverträglichkeit bei
-größerer Menge erklären anstatt aus der eigentlichen
-Nahrungsnot. Vielleicht aber hängt eben mit dieser
-hochgradigen Wanderfeindschaft, die immerhin doch etwas
-Sonderbares hat, wieder etwas zusammen, das von verschiedenen
-Beobachtern einstimmig erwähnt wird: es
-sollen nämlich bei den skandinavischen Lemmingen die
-großen Explosionszüge fast ganz aus jüngeren Männchen
-bestehen. Tiermännchen unter sich sind ja stets beißwütiger.
-Nun ist aber wiederum dieses einseitige Geschlechtsverhältnis
-aus der Nahrungsfrage nicht erklärt,
-und es sieht nach einem besonderen Geheimnis noch
-hinter allem aus.</p>
-
-<p>Ist die treibende Kraft der eigentlichen Explosion etwa
-unerfüllte Liebe? Stellt sich bei der Überproduktion ein
-Mißverhältnis der Geschlechter mit zahlreichen zwangsweisen
-Junggesellen, die nicht zur Heirat kommen können,
-ein, und ist es der ungestillte Trieb dieser »Supernumerare«,
-der eigentlich in dem Wanderfieber steckt?</p>
-
-<p>Das würde erklären, warum dieses wie ein entfesselter
-Strom dahinfließende Wandervolk auch vor keinen »Fleischtöpfen«
-unten mehr zum Stillstand kommen kann, sondern
-rastlos gepeitscht immer weiter sucht und sucht bis
-ins eigne Verderben. Das Drauflosgehen bis zum
-Sinnlosen würde, wenn man es erotisch, aus einer ungestillten
-Leidenschaft, erklären könnte, wohl seine gute<span class="pagenum"><a id="Seite_118">[118]</a></span>
-Analogie im Benehmen der meisten anderen Tiere in
-der »Liebesraserei« finden.</p>
-
-<p>Schließlich bleibt aber auch bei dieser erotischen Hilfe,
-daß auch sie doch offenbar einen sonst schon geregelten
-Instinkt auslösen muß. Daß die Wanderlemminge sich
-nicht einzeln regellos da und dort zerstreuen, daß sie,
-obwohl knurrend von Pilger zu Pilger, im ganzen zusammenhaltende
-Trupps bilden, die zusammen aufgebrochen
-sein müssen und eine gemeinsame Richtung
-wahren, und daß diese geregelte Zugform immer wieder,
-solange man die Erscheinung kennt, die gleiche gewesen
-ist, obwohl es sich doch bei den Wiederholungen um
-weit voneinander getrennte Generationen handelt, das
-alles spricht deutlich für einen solchen festen Instinkt,
-der jedesmal in Kraft tritt, wenn die äußere Auslösung,
-das Stichwort gleichsam, gegeben wird.</p>
-
-<p>Aber ein Instinkt zum Verderben der Art?</p>
-
-<p>Hier wird man sich über das Einzelbild gerade dieses
-Tieres und das engere geographische Bild des heutigen
-Skandinavien hinaus einen freieren Blick schaffen müssen.</p>
-
-<p>Ähnliche gelegentliche explosive Massenwanderungen
-kommen nämlich auch bei anderen Tieren vor, zum Beispiel
-bei verschiedenen Insekten. Sie sind wohl zu unterscheiden
-von regelmäßigem, friedlichem Wandern, das an
-den Heimatort wieder zurückführt (wie bei unseren Zugvögeln),
-wie von wirklichem Auswandern oder Vorrücken
-einer ganzen Art. Stets handelt es sich dabei um eine
-Abstoßung von Überproduktion in die Weite hinaus,
-während die eigentliche alte Normalziffer der Bevölkerung
-ruhig an ihrem Sitz verharrt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_119">[119]</a></span></p>
-
-<p>Unwillkürlich wird man dabei an menschliche Dinge
-erinnert. An die alte Geschichte vom »<em class="antiqua">Ver sacrum</em>«,
-dem Weihefrühling. Bei antiken Völkern wurde gelobt,
-eine ganze Kindergeneration in den Reifejahren
-auszustoßen, in die ungewisse Ferne zu schicken. Die
-Samniter in der römischen Geschichte sollten so entstanden
-sein. Die Sache wird religiös erzählt, aber sie könnte
-auch sehr praktische Gründe bei Übervölkerung gehabt
-haben.</p>
-
-<p>Bei jenen Tierabstößen aber könnte in diesem Sinne
-nun ein doppelter Nutzzweck für die Art herauskommen.</p>
-
-<p>Einmal, wenn die Abgestoßenen wirklich alle zugrunde
-gingen. Die Zurückbleibenden blieben dann ohne erhöhten
-und vielleicht zerstörenden Daseinskampf im alten
-Statusquo. Es wäre ein grausiges Mittel &ndash; ein besonderer
-Wanderinstinkt, bei so und so viel Einzeltieren
-der Art zeitweise ausgelöst, damit sie sich zugunsten der
-Art opferten, indem sie ins Blaue rasten, dem sicheren
-Tode zu.</p>
-
-<p>Aber ich glaube, es gibt einen zweiten und milderen
-Fall, der wohl auch bei jenem menschlichen <em class="antiqua">Ver sacrum</em>
-eigentlich als das Normale vorgesehen war. Der abgestoßene
-Schwarm findet auf seinem Wege eine neue
-Heimat. Eine andere günstige Stelle, wo die Art sich
-neu ansiedeln kann oder wenigstens Artgenossen leben,
-denen eine Blutauffrischung günstig zustatten kommt.
-Hier hätte die Art rein positiven Vorteil durch stärkere
-Ausbreitung und erhöhte Kraft. Und diesem Sinn
-würde auch das rasend Schnelle des Zuges besonders gut
-dienen, während es für den reinen Todeszweck belangloser<span class="pagenum"><a id="Seite_120">[120]</a></span>
-wäre: es gälte in kürzester Frist möglichst große
-Strecken zu überqueren, ob der Zufall ein gutes Neuland
-zeige, &ndash; je weiter hinaus, desto größer die Chance.</p>
-
-<p>Nun freilich: bei den skandinavischen Lemmingen von
-heute kommt es immer nur zu einem Todeszug: sie vergehen
-alle in der Ebene oder im Meer. Hier scheint
-also unabänderlich heute wenigstens nur der erste Fall
-zu gelten.</p>
-
-<p>Indessen wir erinnern uns an Geologisches. Solche
-Tierarten mit ihren Instinkten leben ungeheure Zeiträume
-hindurch. In solchen Zeiten aber ändern sich
-Festländer und Meere. Skandinavien ist nicht immer
-so zu größten Teilen inselhaft gegen das Meer geöffnet
-gewesen und wird es schwerlich in Ewigkeit sein. Wenn
-eine Landbrücke über Nord- und Ostsee es heute mit
-Deutschland verknüpfte, könnten auch die rasenden
-Lemmingzüge zuletzt wieder auf wirklich geeignetes Gebirgsland
-stoßen; solche Zustände haben aber in geologischen
-Tagen geherrscht. In der Diluvialzeit ist durch
-die großen eiszeitlichen Klimastürze zeitweise sogar die
-Tundra selber bis tief nach Mitteleuropa hinein gekommen,
-und entsprechend findet man Lemmingknochen
-aus diesen Tagen dort überallhin wirklich verbreitet.</p>
-
-<p>Also andere Zeit, ein anderes Lied. Am »Sinn«
-aber werden wir auch hier noch lange nicht zu verzweifeln
-brauchen!</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_121">[121]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Entdeckung_von_Landwirbeltieren">Die Entdeckung von Landwirbeltieren
-ohne Lunge</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">In der guten alten Zeit hatte man noch viel lustige
-Hoffnungen hinsichtlich naturgeschichtlicher Entdeckungen.
-Man erwartete und fabulierte Menschen
-mit Kranichköpfen oder einem einzigen Riesenfuß, der
-so groß war, daß er bei Sonnenhitze dem ganzen Körper
-Schatten geben konnte.</p>
-
-<p>Aber ein Wesen, Tier oder Mensch, das nicht als
-Fisch im Wasser, sondern richtig auf dem Lande in
-offener Atemluft lebte und doch weder eine Fischkieme
-noch auch eine Lunge, sondern in diesem Sinne überhaupt
-gar nichts zum Atmen hatte und dennoch lebte
-&ndash; das haben auch die problematischen Geographen und
-Naturhistoriker, die von der Indienfahrt des Apollonius
-von Tyana oder den wunderbaren Reisen weiland Herzogs
-Ernst schrieben, nicht zu erfinden gewagt&nbsp;…</p>
-
-<p>Wer ist nicht einmal an der Riviera gewandert und
-hat in diesem unsagbar köstlichen Paradies den melancholischen
-Gedanken gedacht: was für ein Schlachtfeld
-unter all diesen Herrlichkeiten des blauen Himmels und
-der sonnenüberglänzten Palmenerde sich dehne von unfaßbar
-tragischem Menschenkampf mit dem Unvermeidlichen.</p>
-
-<p>Um den Atemzug des Menschen ging dieser Kampf,
-um die Lunge, die ihn gewährte. Wie ist hier vom<span class="pagenum"><a id="Seite_122">[122]</a></span>
-einzelnen gerungen worden mit äußerster heiliger Seelenkraft!
-Wie klangen und klingen hier die langsamen,
-tastenden Fortschritte der modernen Medizin als Paradieseshoffnungen
-bald, bald wieder als Resignationen an.</p>
-
-<p>Aber in aller Not denkt man dort doch auch an die
-wunderbaren Widerstände, die geheimnisvollen Selbstregulierungen
-der Natur. Wie lange der Mensch vielfach
-den Kampf aushält selbst mit einem stark herabgesetzten
-Organ! Ist es doch, als sei unser Körper schon
-in gesundem Stande gleich auf das Doppelte angelegt
-mit seinen zwei Lungenflügeln, zwei Gehirnhalbkugeln,
-zwei Nieren: damit bei Zerstörung der einen Hälfte doch
-noch der Rest das Ganze einstweilen trage.</p>
-
-<p>Doch wenn zuletzt die gesamte Innenfläche schwindet,
-auf der Luft und Leben sich nach uraltem Pakt, der
-allein das Leben in der Luft garantierte, begegnen, dann
-sinken doch die großen Schleier. Ganz ohne Lunge hat
-auch die Natur in uns, die um Erhaltung ihres Gebildes
-ringt bis zum letzten Atemzuge, keine Selbsthilfe,
-keine Regulierung mehr.</p>
-
-<p>Wohl weiß der Arzt, der zugleich den geschichtlichen
-Entwicklungsgang dieses Organs überschaut, uns noch
-etwas Merkwürdiges dazu zu erzählen, das bei vielen
-heute noch überraschend wirkt.</p>
-
-<p>Diese Lunge ist auch als Ganzes nur wieder ein
-Teilstück eines anderen, viel größeren und gegen Zerstörungen
-durchweg viel widerstandsfähigeren Organs in
-uns. Sie ist ursprünglich nämlich nichts als ein Stück
-Darm, eine Ausstülpung am vorderen Teil des Verdauungskanals.
-Eine Seitentasche dieses Darms ist sie,<span class="pagenum"><a id="Seite_123">[123]</a></span>
-die durch besonderen Anschluß von Blutbahnen in der
-Arbeitsteilung der Ernährung sich speziell darauf eingestellt
-hat, nicht flüssige und feste Nahrung zu verarbeiten,
-sondern die in der Luft enthaltene.</p>
-
-<p>Wenn es wahr ist, daß sich im darwinistischen Sinne
-die Landwirbeltiere aus fischartigen Wassertieren einmal
-entwickelt haben, so ist der engere Hergang wahrscheinlich
-so gewesen, daß ein gewisses Darmanhängsel, das bei
-den Fischen ganz anderen Zwecken (dem Auf- und Absteigen
-im Wasser) diente, die sogenannte »Schwimmblase«,
-sich nachträglich zum »Luftdarm« als Atmungsorgan
-auf dem Lande an Stelle der Wasserkiemen des
-Fisches ausgewachsen hat. Die Darmnatur aber hat
-die Lunge auch so und gerade so erst recht niemals ablegen
-können.</p>
-
-<p>Wollte man nun einmal ganz kühn sein, so könnte
-man folgern: die Natur hätte auch bei vollkommener
-Zerstörung der Lunge noch <em class="gesperrt">einen</em> Rettungsausweg.
-Wenn nämlich rechtzeitig der ganze übrige Darm für
-sein zerstörtes Teilstück einzutreten begänne, gewisse
-Blutgefäße dick und leicht durchlässig vordrängte und so
-Ersatz schüfe.</p>
-
-<p>Ja, theoretisch könnte man sich die Maschine so
-reguliert denken. Aber in der Praxis fehlt es bei
-uns eben doch offenbar &ndash; leider &ndash; an der Möglichkeit
-und Schnelligkeit der Umschaltung, und so fällt
-auch dieser Traum unter die Resignationen der Wirklichkeit
-&ndash; es sei denn, daß die Medizin noch einmal
-ganz andere Mittel und Wege fände, unseren Körper
-überhaupt umzuzüchten und ihm alles tatsächlich zu entlocken,<span class="pagenum"><a id="Seite_124">[124]</a></span>
-was in den Anlagen der Natur auch in ihm
-schlummert.</p>
-
-<p>Gewiß aber bleibt, daß zu solchen oder ähnlichen
-waghalsigen Ideen nicht leicht etwas stärker Anklingendes
-entdeckt werden konnte, als vor nicht langer Zeit
-eben auf der so schönen und so tragischen Erde der italienischen
-Riviera selbst geschehen ist.</p>
-
-<p>Man hat ein Tier dort entdeckt, das ein Wirbeltier
-ist gleich uns. Und zwar ein Landwirbeltier, also kein
-Fisch. Dieses Tier aber besitzt keine Spur von einer
-Lunge und atmet doch Luft, genau wie wir. Es atmet
-sie nämlich wirklich ein und aus mit einer weit umfassenderen
-Fläche seines Leibes, in diesem Falle allerdings
-auch nicht mit dem ganzen Darm, sondern, unverkennbar
-noch praktischer, gleich mit der Außenhaut
-des Körpers.</p>
-
-<p>Dieses, man kann wohl mit Grund sagen, nunmehr
-wirklich wunderbarste Wirbeltier ganz Italiens ist ein
-äußerlich schon lange bekannter, noch nicht handlanger
-Salamander, auf braunem Grunde gelbrot fleckig mit
-etwas allgemeinem Goldglanz, also nicht unähnlich einem
-kleinen Exemplar unserer heimischen Feuersalamander,
-die jeder Schuljunge kennt, der in den Sammeljahren
-steckt.</p>
-
-<p>Man hat ihn als den »braunen Höhlensalamander«
-(<em class="antiqua">Spelerpes fuscus</em>) bezeichnet, denn wie unser gelbschwarzer
-Landsmann liebt er Dunkelheit und feuchte
-Verstecke, was bei ihm aber bis dahin gediehen ist, daß
-er gewohnheitsmäßig in kühlen und finsteren Höhlen der
-nord- und mittelitalischen Gebirge als ein möglichst<span class="pagenum"><a id="Seite_125">[125]</a></span>
-scheuer Sonderling haust, der dort auf die uns widerwärtigste
-Jagd, zum Beispiel auf die der kleinen Skorpione
-des Landes, geht.</p>
-
-<p>Eine ungeheuerlich weit vorschnellbare Zunge, wie
-sie beim Chamäleon wiederkehrt, erleichtert ihm das
-Jagdvergnügen zwischen diesem bedenklichen Wildstand
-seines fast unzugänglichen Reviers. Wie so mancher
-weltabgeschiedene Eigenbrötler im Amphibienvolk, scheint
-er eigentliches Wasser nicht einmal für seine Jungen
-mehr nötig zu haben, sondern auch sie werden gleich
-landfertig und nach Abschluß ihres Kaulquappenstandes
-geboren.</p>
-
-<p>Um so sicherer aber hätte man aller zoologischen
-Folgerichtigkeit nach nun damit rechnen sollen, daß der
-kleine Geselle von solcher Geburt an zeit seines ganzen
-fertigen Molchlebens ein paar tüchtig entwickelte Lungenflügel
-im Leibe führe.</p>
-
-<p>Denn das wissen wir ja von seinen allbekannten Genossen
-bei uns, Feuersalamander wie Teichmolch: diese
-amphibischen Langschwänzer sind zwar darin »Amphibien«,
-also »beidlebige Tiere«, daß sie als freie Kaulquappe
-im Wasser mit fischhaften Kiemen Wasserluft
-atmen können, <em class="gesperrt">wenn</em> sie aber dann als reifes Geschöpf
-aufs Land gehen, haben sie so gut Lungen zu freier
-Luftatmung wie nur irgendein Vogel oder Säugetier
-oder wie wir Menschen selber.</p>
-
-<p>Und eine solche Lunge ist auch bei einem Lurch solchen
-Schlages keine bloße »Tätigkeit«: sie ist ein sichtbares
-Gebild im Leibe, das man greifen kann; eine
-Froschlunge zum Beispiel sieht, abgesehen von ihrer<span class="pagenum"><a id="Seite_126">[126]</a></span>
-etwas kurzen Verankerung, äußerlich gar nicht so sehr
-viel anders aus als eine menschliche. Um so überraschender
-aber mußte jetzt die Kunde klingen, daß findige
-Anatomen beim genauen Zergliedern des italischen
-Spelerpesmolchs auch nicht das allerkleinste Substanzzipfelchen
-gefunden hätten, das auf eine solche Lunge
-gedeutet werden könnte. Ein alter Haruspex, der bei
-einem seiner Opfertiere das unerwartete Fehlen eines so
-scheinbar unumgänglich nötigen Organs festgestellt hätte,
-würde mindestens den Untergang der Welt daraus prophezeit
-haben! Der Fall hatte diesmal aber noch eine
-viel weitere Perspektive als die einer vereinzelten Abnormität.</p>
-
-<p>Das zweideutige Höhlenkind Italiens ist, rein geographisch
-betrachtet, ein höchst seltsamer Fremdling in
-unserem Erdteil. Alle seine Genossen von der engeren
-Spelerpesgattung wie einem anschließenden größeren
-Kreise wohnen (Werner hat jüngst die Tatsachen darüber
-anschaulich zusammengestellt) sonst jenseits des
-Großen Wassers in Nord- und Südamerika. Irgendein
-Urweltweg (einst hat es ja Tage gegeben, wo Europa
-enger mit Nordamerika zusammenhing als selbst mit
-Asien) muß es vereinzelt so weit hinausgelockt haben.</p>
-
-<p>Dabei ist es aber durchaus nur dem treu geblieben,
-was auch drüben Trumpf war. Diesem ganzen Geschlecht
-von mehr als einem Halbhundert verschiedener
-Arten fehlt ganz gleichermaßen jede Spur von einer
-Lunge im Leibe! Dabei ist es im übrigen ein äußerst
-vielgestaltiges Völklein. Da gibt es Molche, die hoch
-auf Bäume klettern; Molche, die weite Sprünge vollführen<span class="pagenum"><a id="Seite_127">[127]</a></span>
-können; Molche, die einen Greifschwanz haben,
-an dem sie sich eine Weile schwebend erhalten können;
-Molche, die im Gegensatz zu der sonstigen Wehrlosigkeit
-des heutigen Lurchgeschlechts lange Zähne führen und
-damit an gewisse riesige krokodilhaft bissige Riesenlurche
-der Vorwelt (Labyrinthodonten) gemahnen. Manche aus
-jenem Stamm leben gleich unserem Italiener streng auf
-dem Lande, andere gehen auch ins Wasser. Allen aber
-gemeinsam ist das große Mirakel ihrer Familie: der
-bedingungslose Verzicht auf die Lunge ebenso wie auf
-jedes besondere andere Atmungsorgan.</p>
-
-<p>Und die entscheidende Frage muß sein, wie dieser
-Mangel ausreichend ersetzt werden konnte von einem
-Wirbeltier, das unter allen Umständen doch an das große
-Gesetz der Atmung gebunden war wie alle übrigen.</p>
-
-<p>Schaut man nun einem solchen lungenlosen Salamander
-eine Weile zu, so gewahrt man mit Befremden
-ein unablässiges schnelles Schwingen der Kehlhaut, das
-ganz und gar doch wieder nach sogar sehr heftiger
-Lungenarbeit ausschaut. Aber der Anatom löst dieses
-Rätsel und damit zugleich das andere.</p>
-
-<p>Unser geheimnisvoller Lurch atmet in Wahrheit nicht
-vom Mund in den Lungenschlund, sondern er <em class="gesperrt">atmet
-mit der Mundhöhle selber</em>. Hier schon treten die
-Blutgefäße zum nötigen Gasaustausch unmittelbar heran.
-Und entsprechend geht das Atmungsfeld, wenn man sich
-so ausdrücken soll, auch von innen nach außen und nicht
-umgekehrt weiter, indem es sich von der Mundhöhle nun
-ausbreitet über die gesamte äußere Körperfläche bis in
-ihre entlegensten Ausläufer. Merkwürdigerweise sind es<span class="pagenum"><a id="Seite_128">[128]</a></span>
-ganz besonders <em class="gesperrt">die Zehen</em>, die oft durch ein sehr starkes
-oberflächliches Blutnetz am erfolgreichsten diesem Zweck
-dienen, ein Sachverhalt, der weit fort von allem Wirbeltierbrauch
-geradezu an die Krebse erinnert, wo die kiemenhaften
-Atmungsapparate ebenfalls an den Beinen sitzen
-als der Stelle, die am besten mit frisch anströmendem
-Wasser in Berührung kommt.</p>
-
-<p>Obwohl die Lebensweise der heutigen »lungenlosen
-Molche« keine einheitliche mehr ist, wird man doch kaum
-fehlgehen, wenn man diese ihre kurioseste und schlechtweg
-einzigartige »Anpassung« auf ursprüngliche Verhältnisse
-zurückführt, wie sie wohl gerade der italienische
-Höhlensalamander noch mit am deutlichsten spiegelt.</p>
-
-<p>Dieses Molchvolk wird lange Zeit weder rein auf
-dem Trockenen noch rein im wirklichen Wasser gelebt
-haben. Es war vielmehr vermutlich ein gewohnheitsmäßiger
-Bewohner der »Dusche«. An feuchten Grottenwänden
-kletternd, erhielt es einen immerwährenden feinen
-Sprühregen und Kellerschwaden auf Maul und Haut,
-der die Atmung dieser äußeren Haut (etwas atmet ja
-jede tierische Nackthaut und ganz besonders stark auch
-sonst schon die amphibische, zum Beispiel beim Frosch)
-in eben dem Maß durch feine Reizung verstärkte, wie
-er beim Eindringen in eine wirkliche innere Lunge vielleicht
-umgekehrt zu grob wirkte.</p>
-
-<p>Jedenfalls wird man kaum darum kommen, daß die
-Lunge erst wieder nachträglich abgeschafft und durch die
-Mund- oder Fingerhaut ersetzt worden ist; denn zu der
-gesamten Organisationshöhe des echten Molchs, die doch
-sonst auch hier schon überall erreicht ist, gehörte normal<span class="pagenum"><a id="Seite_129">[129]</a></span>
-zweifellos auch der ursprüngliche Besitz bereits einer
-Lunge in reifem Zustande.</p>
-
-<p>Also es ginge im Spielbereich der Natur: wir
-könnten auch mit dem Gaumen oder mit den Fingerspitzen
-atmen &ndash; die Maschine ließe sich theoretisch auch
-hier anschalten. Nur daß diese Natur immer ihre Zeit
-gebraucht hat, solchen Anpassungswechsel durchzusetzen.
-Nicht am einzelnen Individuum hat sie es vollbracht,
-sondern an Generationen.</p>
-
-<p>Obwohl wir aus den ganz alten Urweltstagen nur
-Reste jener erwähnten krokodilhaften Panzeramphibien
-besitzen, gehen doch auch die nackthäutigen Lurche, zu
-denen ein solcher Molch von heute gehört, über Millionen
-von Jahren zurück; schon in der Jurazeit gab es
-den echten Frosch, also wohl die Krone auch dieses
-jüngeren Stammes. Da konnte sich viel vollenden, auch
-wenn es langsam ging, viel konnte da die Natur, wenn
-wir einmal so menschlich reden wollen, experimentieren
-nach allen Richtungen, und wundervoll konnte sich die
-tatsächliche Biegsamkeit und Schmiegsamkeit des Lebensprinzips
-bewähren. War dann die Anpassung geglückt,
-so überdauerte sie auch wohl wieder unfaßbare weitere
-Generationen in starrem Bann.</p>
-
-<p>Was wir Menschen uns wünschten, ist hier weniger
-zugleich und mehr.</p>
-
-<p>Nicht die Menschenart im ganzen möchten wir für
-jede Einzelhilfe verwandeln. Dafür aber möchten wir
-im individuellen Falle einen Ausweg schaffen, der ein
-krankes Organ durch ein anderes ersetzte, jetzt gleich, im
-einzelnen. Und hier liegt einstweilen unser Gegensatz<span class="pagenum"><a id="Seite_130">[130]</a></span>
-noch zu den grandiosen Auswegen und Erfolgen der
-dunkel schaffenden Naturzüchtung unter uns, der uns
-Menschen in all unserem bewußten Erfassen der Dinge
-heute noch wie einen Tantalus erscheinen läßt, zu dem
-sich die goldenen Früchte herabsenken und der sie doch
-nicht zu erfassen weiß.</p>
-
-<p>Wenn es aber irgendeinen Erfolgsweg gibt, so heißt
-er: Lernen von der Natur.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_131">[131]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Vliesigel_das_seltsamste_Tier_Neuguineas">Der Vliesigel, das seltsamste Tier Neuguineas</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Alte indische Weisheit lehrt, daß jeder Mensch sich
-irgendwo »dahinten«, im kosmisch-mystischen Storchteich,
-sein eigenes irdisches Leben freiwillig gewählt, erfunden
-und gedichtet habe.</p>
-
-<p>All unsre unterschiedlichen und nicht immer ganz
-wohltuenden Abenteuer hier unten seien nur die
-Autosuggestionen eines Poeten, der eine Weile seine
-eigene Phantasie für Wahrheit nimmt &ndash; einzelnen
-Abenteuern gegenüber doch eine etwas unheimliche Vorstellung.</p>
-
-<p>Inzwischen wäre es aber hübsch, wenn wir gelegentlich
-wirklich wählen dürften, wann und wo wir noch
-einmal wiederkommen wollen. Jeder würde da seine
-sehr speziellen Wünsche haben; ich aber weiß gewiß,
-daß ich unter den Zeiten und Orten der Vergangenheit
-mir keinen lieberen Fleck zum Wiedermiterleben wählen
-könnte als &ndash; Gondwanaland.</p>
-
-<p>Zwei Dutzend Millionen Jahre vielleicht möchte ich
-meine Uhr zurückdrehen &ndash; nicht vordrehen, nicht in die
-gespenstische Zukunft hinein, sondern historisch dorthin,
-wo der Mensch selber noch als eine ferne Zukunftsüberraschung
-im Storchteich der Erdentwicklung schlief &ndash;
-und wissen, wie es eigentlich wirklich in Gondwanaland
-ausgesehen hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_132">[132]</a></span></p>
-
-<p>Gondwanaland ist ein verschollener, verklungener, zerfetzter,
-versunkener Erdteil der Urwelt, der aber dokumentarisch
-sehr viel besser beglaubigt ist als die angeblich
-noch von Menschen bewohnte sagenhafte Atlantis.</p>
-
-<p>In einer sonst belanglosen Landschaft des heutigen
-Indien ist man wissenschaftlich zuerst auf seine Spur
-gekommen &ndash; daher der Name, der im übrigen nicht
-viel mehr Bezug zu ihm hat als der des ehrenwerten
-Herrn Amerigo zu Amerika.</p>
-
-<p>Gondwanaland ragte, als sich bei uns im Norden
-die roten Wüsten dehnten, denen wir unseren auffälligst
-gefärbten Bausandstein verdanken.</p>
-
-<p>Gondwanaland ragte, als sich in weitem Waldmoorgürtel
-dort aus sterbenden Farnbeständen die Ursubstanz
-unserer Steinkohle bildete.</p>
-
-<p>Gondwanaland verband damals auf der Südhalbkugel
-Afrika mit Indien, es erfüllte den Indischen Ozean
-und schob sich westlich in den Atlantischen; Australien
-und Südamerika lagen als zugehörige Dependenzen oder
-Halbinseln neben ihm; wie weit es sich zur Antarktis
-südpolar erstreckte, das eben möchte ich unter anderem
-wissen, wenn ich noch einmal dahin geboren würde.</p>
-
-<p>Aber noch mehr würde ich dann wissen.</p>
-
-<p>Gondwanaland verschwand als Kontinent, versank
-größtenteils in der Jurazeit; damals entstand als junges
-Meer über seinem Hauptgrabe erst der Indische Ozean.
-Aber lange vorher muß Gondwanaland der Schauplatz
-des merkwürdigstem des rätselhaftesten Vorgangs gewesen
-sein, den die geologische Vergangenheit, soweit wir ihr
-ahnend noch folgen können, überhaupt enthalten hat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_133">[133]</a></span></p>
-
-<p>Seine Gelände bedeckten sich »eines Tages« (geologisch
-gesprochen) in den Breiten Indiens und Südafrikas
-mit Schnee, und zwar so tief herab, wie es heute
-dort ganz unmöglich wäre. Von ungeheuren weißen
-Firnfeldern schoben sich ungeheure blaue Gletscher bis
-ans Meer, regelrechte Grundmoränen mit poliertem oder
-geschrammtem Gestein dabei bildend. Die Schlammufer
-dieses Meeres erstarrten in Indien zeitweise zu hartem
-Eisboden, als lägen sie in Nordsibirien. Eine Eiszeit,
-die über den Äquator zog! Was kann sie erzeugt haben?
-Fragen! Wie entstanden überhaupt Eiszeiten auf der
-Erde? Wie entstanden sie periodisch im Laufe der Erdgeschichte
-&ndash; mehrfach? An diesem Rätsel quälen sich
-heute tausend sehr kluge und sehr mäßige Menschenköpfe,
-aber den Schlüssel hat noch keiner gefunden.</p>
-
-<p>Dann &ndash; nach langer Dauer, während die Oberflächengesteine
-unter ihrer Vereisung größtenteils zu Schutt zerfallen
-waren &ndash; änderte sich der Feuchtigkeitsgehalt der Luft
-wieder, die abnormen Schneeflächen schmolzen fort, und
-auf den nackten Moränenfeldern der alten Gletscher
-siedelte sich eine fremdartige Pflanzenwelt an, die inzwischen
-irgendwo entstanden war &ndash; völlig andersartige
-Farnwälder, als sie sonst und im Norden der Steinkohlenwelt
-entsprochen hatten.</p>
-
-<p>Durch diesen neuen Wald aber kroch eine Tierwelt
-daher, Geschöpfe, wie sie nie vorher so wunderlich, so
-äußerlich scheußlich gesehen worden waren. Teils glichen
-sie Reptilien, teils Säugetieren, teils war es, als wolle
-sich mit ihnen ein ganz neuer dritter Typus neben beiden
-bilden. Die einen liefen auf ganz kurzen, aber unerhört<span class="pagenum"><a id="Seite_134">[134]</a></span>
-massigen Teckelbeinen, während ihr Knochengerüst eine
-Tendenz zeigte, zu groben Klötzen zusammenzuwachsen,
-wie es in manchem noch das unserer heutigen Schildkröten
-tut. Andere führten an Drachenleibern wilde
-Tigerköpfe mit einem echten, fast völlig säugetierhaften
-Raubtiergebiß. Wieder andere glichen in der Größe
-und Lebensart Nilpferden, die aber auf Krokodilklauen
-watschelten und denen aus dem schnabelartigen Maul
-zwei riesige Stoßzähne wie beim Elefanten ragten.</p>
-
-<p>Viel Wunderbares hat die zeitlich erst folgende große
-Saurierzeit noch hervorgebracht. Wer möchte nicht einen
-Ichthyosaurus noch einmal lebend gesehen haben? Vielleicht
-hätte er uns enttäuscht: er glich zu sehr unseren
-Delphinen. Diese Gondwanatiere aber, die wie aus drei
-Tierklassen zusammengestückelt waren, hätten allen Anforderungen
-groteskester Phantasie standgehalten.</p>
-
-<p>Als dieser Ichthyosaurus sich bei uns in Schwaben
-tummelte, war aber Gondwanaland bereits als Ganzes
-dahin. Zwischen all den Wundern der Urwelt steht es
-noch einmal besonders wie ein Märchen, das kam und
-ging, aus dem Blau stieg und im Blau versank. Wie
-seine Schneefelder heruntergeschmolzen waren, so tauchte
-zuletzt auch sein Sockel wieder unter den Ozean.</p>
-
-<p>Nur ein paar Klippen blieben stehen, der unterste
-Zipfel von Südamerika, das Kapland, ein Stück Indien.
-Sie verschmolzen später mit von Norden heranrückenden
-Kontinentmassen, so daß sie fortan als deren Südecken
-in die freien Weiten der Südozeane vorzuspringen
-schienen; so zeigen sie heute unsere Karten, jedem vertraut;
-aber wo sie heute abbrechen, da träumt unter den<span class="pagenum"><a id="Seite_135">[135]</a></span>
-blauen Wassern in Wahrheit tief versenkt das Märchen
-von Gondwanaland.</p>
-
-<p>Und nur Australien, einst auch eine verschneite Insel
-oder Halbinsel neben den Gletschern des Hauptlandes,
-liegt noch jetzt fast unverändert an seinem Fleck. Deutlich
-erkennt man auch in seinem alten Gestein noch die
-Moränen, die Eisschliffe der großen Gondwanakatastrophe.
-Nie in aller Folge sind Australien und seine
-nächstgelagerten Inseln von einer späteren nördlichen
-Kontinentzunge erfaßt und »nördlich« einverleibt worden.
-Wenn irgendwo noch ein letztes Abendrot der Wunder
-von Gondwanaland hätte fortglühen können, so wäre es
-also nur hier gewesen. Und nur hier in Australien bestände
-bis heute eine loseste Möglichkeit, daß noch irgendein
-letzter Rest fortlebte von jenen Wundertieren, die
-einst dort den neuen Farnwald und die Schmelzseen
-belebt hatten, als der geheimnisvolle äquatoriale Schneewinter
-schwand&nbsp;…</p>
-
-<p>Tiere aus Gondwanaland in unseren zoologischen
-Gärten!</p>
-
-<p>In diese Gärten ist in den letzten Jahren ja so
-manches gekommen, das man nicht für denkbar gehalten
-hätte. Das diluviale Wildpferd, das die Menschen der
-Steinzeit in Europa gejagt hatten, ist noch lebend aus
-der Wüste Gobi zu uns gelangt. Dann hat Hagenbeck
-jenes Zwergnilpferd von Liberia eingeführt, das
-einst seine Miniaturgenossen auf Malta und Kreta hatte.
-So zur rechten Stunde taucht nun auch ein ganz neues Geschöpf
-gerade bei uns auf, das aus dem eng zu Australien
-gehörigen Paradiesvogellande, aus Neuguinea, stammt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_136">[136]</a></span></p>
-
-<p>Neuguinea, immer noch weit weniger erforscht als
-das eng zugehörige Festland von Australien, ist einer
-der letzten größeren Erdenwinkel, von denen wir noch
-wirkliche zoologische Überraschungen erwarten dürfen.
-Fort und fort werden noch neue und immer herrlichere
-Paradiesvögel dort entdeckt, während es gleichzeitig mit
-immer mehr Glück gelingt, diese farbenfrohen »Kunstwerke
-der Natur« auch lebend zu uns herüber zu bringen;
-im Berliner Zoologischen Garten lebten kürzlich nicht
-weniger als vier der schönsten Arten nebeneinander; und
-auch auf Schutz dieser Paradiesier vor dem bösen Raubtier,
-das ihnen im mörderischen Damenhut unserer Mode
-erstanden ist, läßt sich ja nächstens hoffen.</p>
-
-<p>Da aber war es nun eine der echtesten Freudennachrichten
-für die Tierkundigen, als es hieß, in den schwer
-wegsamen Wäldern dieses Neuguinea habe auch das merkwürdigste
-Tier des australischen Kontinents noch ein zweites
-großes Asyl: nämlich das sagenumwobene Schnabeltier.</p>
-
-<p>Ein einzelner Schädel wies schon vor Jahren die
-erste Spur, daß auch dort große Landschnabeltiere vorkämen,
-die der bestachelten australischen Form, die man
-den »Schnabeligel« nennt, entsprächen, aber weit imposanter
-und im Besitz weit größerer Schnäbel, also in
-jedem Betracht noch interessantere Tiere wären. Nach
-und nach hat sich das dann dahin geklärt, daß tatsächlich
-nicht das australische Festland, sondern dieses Neuguinea
-heute recht eigentlich das Entfaltungsgebiet dieser
-Landschnabeltiere ist. Neben einem echten kleinen Verwandten
-der Landaustralier bewohnen es mehrere jener
-großen Sorten, für die man den besonderen Namen<span class="pagenum"><a id="Seite_137">[137]</a></span>
-»Vliesigel« erfunden hat. Vliesigel wäre ein Igel (oder
-hier ein äußerlich igelähnliches Schnabeltier), der mehr
-weiches »Vlies«, also mehr einfaches Wollhaar als wirkliche
-Stacheln besitzt. Gerade dieses Merkmal scheint
-aber nur auf eine der großen Arten dort zuzutreffen,
-während eine andere, noch weit größere, sogar extrem
-borstig und langstachelig ist. Immerhin lehrt das
-Schwanken im Grade der Stacheln, daß diese äußerliche
-Wehr überhaupt nur etwas Nebensächliches bei diesen
-Schnablern darstellt, das ebensogut ganz fehlen könnte,
-ohne ihre übrige Absonderlichkeit zu berühren.</p>
-
-<p>Eben jener lang- und dickstachelige Vliesigel (<em class="antiqua">Proechidna
-nigroaculeata</em>) ist es nun, der in einem Prachtexemplar
-neuerlich zum ersten Male lebend in den
-schönen Zoologischen Garten zu Amsterdam gelangt
-ist, während andere Vliesigel auch sonst in Tiergärten,
-so den Berliner, gekommen sind. Und das jetzt ist
-ein ganz einzigartig kurioser Geselle. In der Gestalt
-möchte man ihn durchaus einem kleinen Elefanten vergleichen
-(natürlich auch ohne bescheidenste Elefantenmaße):
-der Schnabel biegt sich zum verhältnismäßig ungeheuren
-krummen Rüssel wie ein Pfeifenrohr ein, und
-während die kleinen Australier platt am Boden dahinwackeln,
-hebt sich bei diesem Stachelelefanten der Leib auf
-hohe, wirklich mehr elefantenhafte Säulenbeine herauf.
-Denkt man sich die Größe dazu, so möchte im ganzen
-etwa ein alter karthagischer Kriegselefant herauskommen,
-dem sie zu besserer Wehr in der Schlacht eine künstliche
-Lederdecke mit Wollpolster und vielen eingesetzten derben
-Metallzylindern über Rücken und Kopf gestülpt haben.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_138">[138]</a></span></p>
-
-<p>Aber dieser »Elefant von Neuguinea« hat in Wahrheit
-nichts mit Elefanten und Elefantengenossen zu tun.
-Lebend, wie er heute noch in seinem holländischen Neuguinea
-durch den Nachtwald streift und nun auch bis
-zu uns ins Kulturland gekommen ist, trägt er doch einen
-ganz eigentümlichen zoologischen Duft, einen geologischen
-Zauber über sich: er und seinesgleichen stehen
-nämlich heute tatsächlich noch im Abendrot von Gondwanaland.</p>
-
-<p>Es sind keine echten Säugetiere, diese Schnabeltiere.
-Das weiß man, seit feststeht, daß sie regelrechte Eier
-legen, die äußerlich denen der Schildkröten ähneln, und
-daß ihre Bluttemperatur in weitem Maße je nach der
-äußeren Luftwärme steigt oder fällt, wie es den wechselwarmen
-Reptilien im Gegensatz zu den dauerwarmen
-Säugetieren allgemein eigen ist.</p>
-
-<p>Freilich führen sie bereits das Haar des Säugetiers
-(auch die Stacheln sind nur verklebte Haargebilde), und
-ihre Jungen werden noch im Ei durch Säfte des Mutterleibes,
-später aber durch eine Art Muttermilch selbst
-genährt. Das sind Züge bei ihnen, die, wenn nicht auf
-das vollendete, so doch auf das werdende Säugetier
-weisen, und so ist es eine wohlbegründete Vermutung,
-daß von Tieren, die ihnen in diesen Punkten glichen,
-in Urweltstagen einmal wirklich diese Säugetiere sich geschichtlich
-heraufentwickelt haben.</p>
-
-<p>Aber wenn wir sie selber nun unabhängig von dieser
-immerhin noch in manchem verschleierten Möglichkeit
-geologisch und systematisch irgendwo angliedern und einordnen
-wollen, so ergibt sich nur eine einzige bedeutsame<span class="pagenum"><a id="Seite_139">[139]</a></span>
-Stelle dafür im weiten Bereich aller bekannten Tierheit.
-Sie gleichen den alten Gondwanatieren, jenen Sauriern
-oder doch saurierähnlichen Wesen, in denen Reptil und
-Säugetier im Knochenbau gleichsam miteinander rangen,
-daneben aber ein drittes neben beiden her sich durchzukämpfen
-schien.</p>
-
-<p>Schon den ersten Anatomen, die das Skelett des
-Schnabeltieres beschrieben, war aufgefallen, wieviel echt
-saurierhafte Züge es (besonders im Schultergürtel) wies.
-Umgekehrt die ersten Deuter der Knochen jener Gondwanatiere
-aus den Gesteinen des heutigen Kaplandes
-staunten über die schnabeltierhaften Züge, die hier überall
-im speziellen auffielen. Eine Weile schrak man ja doch
-noch zurück vor zu enger Vergleichung. Aber je genauer
-gerade in letzter Zeit durch die emsige Forschung
-der Engländer das Gesamtgerippe der uralten Gondwaner
-bekannt wurde bis in fast jede Einzelheit, desto
-sieghafter wurden die Übereinstimmungen.</p>
-
-<p>Einmal fand sich ein Gondwanaschädel, der unbedingt
-schon auf ein Säugetier zu deuten schien. Man bestritt
-es: es sollte doch ein Reptil gewesen sein. Doch die
-Säugetiernatur setzte sich durch, sie mußte zugegeben
-werden. Die Backenzähne gerade dieses Schädels aber
-stimmten aufs genaueste überein mit dem Milchgebiß
-des lebenden Wasserschnabeltieres!</p>
-
-<p>Eine Weile machte der Unterkieferansatz der Schnabeltiere
-Not; hier sollte ein himmelweiter Unterschied gegen
-die Gondwanatiere liegen; auch da sind kürzlich wenigstens
-Übergänge nachgewiesen worden. Und auch von dem
-völligen Abirren von Reptil wie Säugetier, das viele<span class="pagenum"><a id="Seite_140">[140]</a></span>
-jener Gondwaner verraten, boten die lebenden Schnabler
-Züge. So besitzen ihre Männchen sämtlich einen absolut
-eigenartigen Sporn am Hinterfuß, der durchbohrt
-ist wie der Giftzahn einer Schlange und zu einer Drüse
-führt, die etwas absondert; noch heute steht nicht ganz
-sicher fest, ob hier ein Giftapparat oder ein erotischer
-Erregungsapparat für das Weibchen vorliegt, gewiß aber
-ist (auch wenn das letztere sich als wahrscheinlicher ergeben
-sollte), daß kein Reptil noch Säugetier, das wir
-kennen, sonst so etwas führt.</p>
-
-<p>So überwältigend schwillt im Augenblick das Material,
-daß ernstlich schon (durch Jaekel in Greifswald)
-der Vorschlag laut geworden ist, es sollten irgendwie im
-System die Gondwanatiere mit den Schnabeltieren in
-einer neuen Klasse der Wirbeltiere vereinigt werden,
-einer Klasse, die dann gleichwertig neben Reptilien,
-Vögeln und Säugetieren stehen müßte.</p>
-
-<p>Vor so auffälligen und immer eindeutigeren körperlichen
-Indizien aber kann es nun schwerlich ein Zufall
-sein, daß auch die geographische Sachlage bei den heutigen
-Schnabeltieren so energisch nach der gleichen Richtung
-weist.</p>
-
-<p>Nur Australien und sein nächstzugehöriges Inselland
-(Neuguinea, Tasmanien) beherbergen lebende Schnabeltiere.
-Nur dort aber befinden sie sich heute noch auf
-der letzten geologisch intakten Scholle von Gondwanaland
-selbst. Ihre heutige Isolierung auf dem einen einzigen
-Fleck der großen Erdkugel weist schlagend eben auf ihren
-alten, ihren ehemaligen Zusammenhang mit dem großen
-Urweltserdteil, der nur noch hier erhalten, überall sonst<span class="pagenum"><a id="Seite_141">[141]</a></span>
-dagegen entweder im Ozean versunken oder doch durch
-Anschluß seiner Restklippen an andere Erdteile seither
-in der ursprünglichen Eigenart verwischt worden ist.</p>
-
-<p>Gern möchte man ja aus den alten Gesteinsschichten
-Neuguineas oder Festlandaustraliens selbst noch etwas
-über die Geschichte der Schnabler in diesem ihrem Asyl
-erfahren. Aber die Versteinerungskunde von Neuguinea
-harrt noch ihrer Auferstehung; wer weiß, was sie auch
-sonst noch Schönes bergen mag. In Australien dagegen
-haben Knochenfunde bisher nur ergeben, daß noch in
-der Diluvialzeit auch dort, auf dem Kontinent, sehr viel
-größere Landschnabeltiere als heute lebten. Sie sind vermutlich
-untergegangen durch die gleiche merkwürdige
-Katastrophe, die auch die damals hier noch vorhandenen
-elefantengroßen Riesenbeuteltiere dahingerafft hat.</p>
-
-<p>Australien erfuhr im Verlauf der Diluvialperiode
-eine zunehmende Austrocknung, die weite Gebiete seines
-Innern aus einem feuchten Waldlande in traurige
-Wüsten verwandelte. Dieses Ausdörren wirkte auf die
-großen Tiere des Landes in geradezu katastrophaler
-Weise ein. In ganzen Herden gingen sie an den versumpfenden
-und endlich ganz vertrocknenden Seen durch
-Nahrungs- und Wassermangel zugrunde, wovon noch
-heute die in wahren Massengräbern beisammen liegenden
-Skelette der riesigen Diprotodonten (Verwandten des
-kleinen lebenden Wombat) gelegentlich beredte Kunde
-geben.</p>
-
-<p>Eine geringe Steigerung noch dieses späten und unerwarteten
-Verhängnisses, die auch die kleineren Tiere
-des Landes bedroht hätte &ndash; und wir wären auch in<span class="pagenum"><a id="Seite_142">[142]</a></span>
-diesem letzten Refugium keinem lebenden gondwanahaften
-Tier, keinem Schnabeltier, mehr begegnet. Die Natur
-fährt mit rauher Hand durch ihre Schöpfungen. Der
-Untergang eines ganzen Kontinents ist vor ihr nur wie
-eine Nachtwache. Baut sie doch ebenso rasch wieder
-auf. Aus den zermahlenen Sandkörnchen des alten
-einen neuen Erdteil. Nach Gondwanatieren Menschen
-&ndash; Menschen, deren Gehirn das alte versunkene Gondwanaland
-noch einmal zu <em class="gesperrt">denken</em> versucht.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_143">[143]</a></span></p>
-
-<h2 id="Tendaguru_und_der_Rekord_der_Saurier">Tendaguru und der Rekord der Saurier</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Nordamerika und Deutschland lebten in Frieden.
-Selbst ihr streitbarstes Material tauschten sie zur
-beruhigenden Abschleifung gegenseitig aus: den Professor.
-Indessen man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.
-Im Schoß der Dinge regte sich ein furchtbares Geheimnis.
-Wurde es endlich ruchbar: wer wußte, was die Folgen
-sein konnten. Deutschland hatte Nordamerika den Rekord
-der Dinosaurier abgewonnen!</p>
-
-<p>Nordamerika wahrt nicht mehr den Ruhm, das Vaterland
-des größten und interessantesten Scheusals zu sein,
-das die feste Erde je getragen hat. Auf deutschem Kolonialboden
-ist ein noch größeres gefunden worden&nbsp;…</p>
-
-<p>Es ist jetzt einige Jahre her, daß ein paar unserer
-schönsten europäischen Museen durch das Geschenk des
-Herrn Carnegie in den Besitz eines vollständigen Abgusses
-des Skeletts jenes Urweltdrachen Diplodokus
-kamen, der bisher als der beste Vertreter des nordamerikanischen
-Rekords gegolten hatte. Das Ungetüm maß
-25 Meter und erzeugte zunächst räumlich etwas von der
-Situation des bekannten armen Studenten, der in einer
-Bodenkammer wohnte und in der Lotterie einen lebendigen
-Elefanten gewann mit der Pflicht, ihn bei Androhung
-immenser Futterkosten sofort abzuholen. In
-Wien stellten sie es ins Treppenhaus, in Berlin räumten
-sie Walfische fort, um Platz zu machen. Als der Koloß<span class="pagenum"><a id="Seite_144">[144]</a></span>
-endlich verstaut war, wurde er aber rasch populär. Neben
-Scheffels altem Lied vom Ichthyosaurus kann man wohl
-sagen, daß dieses Geschenk Carnegies die stärkste volkstümliche
-Anregung für das Interesse an der Paläontologie
-gewesen ist, die bisher geglückt ist.</p>
-
-<p>Inzwischen fehlte es aber schon diesem Skelett auf
-seiner Wanderschaft nicht an einigen Abenteuern. Vom
-Berliner Museum aus wurde behauptet, daß es nicht ganz
-richtig zusammengesetzt sei. Die Natur liefert uns ja in
-diesem Falle nur die losen Knochen. Das Wiederzusammensetzen
-des Ganzen ist Gelehrtenarbeit, bei der jeder
-sein Bestes gibt, aber Unfehlbarkeit nicht erwartet werden
-kann. Es ist also eine völlig unberechtigte Voraussetzung
-im Publikum, daß der Wert und die Sensation
-eines solchen Fundes litten, wenn hier wie überall der
-Fortschritt sich dadurch dokumentierte, daß er Einzelheiten
-berichtigte. Der Ichthyosaurus sieht heute in unseren
-Lehrbüchern wesentlich anders aus, als man ihn in
-Scheffels Tagen malte; das Dinotherium, das früher
-Flossen führte, hat heute Elefantenfüße; fast alle die
-Vorwelttiere, die einst der unbedingt bedeutendste Fachkenner
-der Zeit, der alte Owen in London, in Sydenham
-naturgroß wiederhergestellt hatte, waren zunächst
-falsch rekonstruiert. Damit verzeichnet man keine Schlappen
-der Forschung, sondern eben selbstgewollte Fortschritte;
-man muß eben nur eine Ahnung haben, was alles an
-Wissen, Glück, solider Arbeit und Genie nötig ist, um
-so ein paar Knochen richtig zu setzen.</p>
-
-<p>Nun also wird von dem Berliner Zoologen Tornier
-auf Grund vorzüglicher anatomischer Detailkenntnis gerade<span class="pagenum"><a id="Seite_145">[145]</a></span>
-auf dem Kriechtiergebiet (und jene Drachen waren
-Reptile) behauptet, auch im Diplodokus stecke einstweilen
-noch ein Fehler. Er habe nicht so steil auf den Beinen
-gestanden wie ein Säugetier, sondern sei mehr grätschbeinig
-wie ein Krokodil gekrochen; so habe auch sein ungeheurer
-Schwanz flacher gelegen, andererseits aber sei der
-Hals normal nach oben in die Höhe gekrümmt worden.
-Die Gründe, die dafür vorgebracht werden, haben sehr
-viel Überzeugendes, jedenfalls ist es eine fruchtbare Debatte.
-Wird vorerst einmal wenigstens das Berliner
-Modell auf das neue Prinzip hin umgebaut (der Kaiser,
-an den seinerzeit zunächst Carnegies Prachtgeschenk ging,
-hat bereits persönlich die Erlaubnis erteilt), so wird der
-gewöhnliche Beschauer vor seinem »Drachen« wohl einerseits
-etwas Nachteil gegen früher haben, aber dafür
-ebensoviel Vorteil nach anderer Richtung.</p>
-
-<p>Der Laie denkt bei jedem großen Skelett ja unwillkürlich
-zunächst an ein Säugetier, baut also ganz von
-selbst hochbeinig im Sinne etwa eines Elefanten; da wird
-ihm nun jetzt etwas abgetan, aber schließlich muß auch
-er doch lernen, daß diese Dinosaurier eben Saurier, das
-ist Verwandte von Krokodil und Eidechse, waren und
-keine Elefanten. Dafür wird er bei niedrigerer Stellung
-diesmal besser in die wahre Zyklopenmauer der unglaublich
-großen Wirbel und in das burghafte Zinnenwerk
-der Rückenfortsätze hineinsehen. Und im sensationellen
-Sinne entschädigt sicher die Aufreckung des Halses, mit
-der das relativ winzige Köpfchen diesmal kühn und imposant
-gegen die Decke aufbiegt, anstatt sich schlapp beinahe
-auf den Boden zu senken, zu dem es doch keinen<span class="pagenum"><a id="Seite_146">[146]</a></span>
-wahren Schwerpunkt bildet. Das Tier wird lebendiger
-so aussehen, wenn schon auch so nicht eigentlich wahrscheinlicher
-im schlichten Sinne; denn das wird nun einmal
-die Eigenart dieser Monstra bleiben, daß wir sie physiognomisch
-mit nichts Heutigem recht vergleichen können
-und auch technisch immer unter dem Eindruck der nicht
-ausgeklärten wirklichen Monstrosität sehen müssen. Gar
-nicht berührt aber wird die schließlich doch allergrößte
-Sensation: nämlich die Länge und Dicke der Einzelknochen
-wie der Gesamtmasse zwischen dem wahren Spatzenköpfchen
-vorn und der endlosen Schwanzpeitsche hinten.</p>
-
-<p>Doch während hier noch das Gefecht der Sachkenner
-dauern mag, ist über jenes andere kein Zweifel mehr:
-auch diese wahre Größe, die da bleibt, schlägt eben zur
-Stunde überhaupt nicht mehr den wahren Saurierrekord.
-Nicht ein Kollegium von Gelehrten, sondern die Natur
-selber hat sich hier berichtigt. Und in ihrer Laune, unvorhergesehen
-genug, hat sie deutscher Erde, allerdings
-auch in fernem Welterdteil, den Preis zuerkannt.</p>
-
-<p>Um den ragenden amerikanischen Drachen in der
-Walfischhalle des Berliner Museums sammelt es sich
-zur Stunde wie ein seltsamer stummer Chor. Drachensaat,
-neue, noch unheimlichere, in einzelnen Stücken vorerst,
-gelbe Knochenblöcke, wie sie frisch aus der Erde
-kamen, aber diesmal nicht Abguß, sondern Original.
-Einzelne Quadern zu einer neuen Zyklopenmauer, einzelne
-Strebepfeiler und Säulen zu neuen Trägern einer
-Drachenlast.</p>
-
-<p>Manches ist noch sorgsam eingewickelt von langer
-Fahrt. Was aber bereits sichtbar ausliegt oder an der<span class="pagenum"><a id="Seite_147">[147]</a></span>
-Fundstelle photographiert erscheint, das verrät eine kommende
-Auferstehung in Dimensionen, wie sie selbst für
-urweltliches Gigantenvolk keine üppigste Phantasie je zu
-ahnen gewagt hatte. Da liegt ein einzelnes Vorderbein,
-wohl erhalten (die Knochen sind alle erstaunlich wenig
-zerdrückt) und oberflächlich erst einmal in den Hauptstücken
-aneinandergelegt: ein Kind kann aber schon ausmessen,
-daß das rund die <em class="gesperrt">doppelten</em> Größenmaße wie
-bei dem aufmontierten Carnegieschen Diplodokus sind.
-Der zugehörige Hals, höre ich, wird 12 Meter Länge
-ergeben; der Amerikaner hat dort nur 5. Bereits jetzt,
-da vorläufig nichts zusammengesetzt ist, schwillt der Segen
-als eine Art Sintflut durch das Haus. Die Gelehrten
-klagen, daß man in den Gängen des Paläontologischen
-Instituts schon über die Knochen buchstäblich stolpere.
-Da es sich um die Reste zahlreicher Individuen und
-Arten handelt, liegen zurzeit im ganzen Knochen im Gesamtgewicht
-von mehr als 100&nbsp;000 Kilogramm vor!
-Und dabei scheint gerade jener neue Rekordriese fast vollständig
-zu sein, so daß er eventuell wirklich als Ganzes
-aufmontiert werden kann; vielleicht geschähe es allerdings
-besser gleich in einem Abguß, damit die zerbrechlichen
-Originalteile nicht den Gefahren eines Baues ausgesetzt
-zu werden brauchen; auch dieser Abguß wird aber eine
-neue Museumshalle fordern, ein einziges Tier vielleicht
-ein ganzes neues Haus.</p>
-
-<p>Berlin hat schon einmal Glück mit Giganten gehabt,
-die ihm unverhofft aus ferner Gegend zukamen &ndash; damals
-bei dem herrlichen Fries von Pergamon. Menschliche
-Kunst hatte dort dämonische Mischwesen, halb<span class="pagenum"><a id="Seite_148">[148]</a></span>
-Menschen-, halb Schlangenleiber, mit denen die Götter
-kämpften, ersonnen und köstlich in Marmor gebildet. In
-einem anderen, noch viel groteskeren Natursinne erzählen
-nun auch diese neuen hunderttausend Kilogramm Saurierknochen
-von einer furchtbaren »Gigantomachie«, die sich
-mehrere Millionen Jahre vor aller Menschenzeit abgespielt.</p>
-
-<p>In weit entlegenen Urweltstagen hing die Seite
-Afrikas, auf der heute unsere ostafrikanische Kolonie
-liegt, noch mit Indien zusammen. Quer über den Indischen
-Ozean zog sich damals jenes wunderbare Gondwanaland.
-In der Blütezeit des Ichthyosaurus, in der
-Juraperiode, begann dieses Land dann allmählich dem
-Meere zu erliegen. Lange hielt sich noch ein einzelner
-Streifen von ihm, der etwa vom Kapland über Madagaskar
-nach Vorderindien lief. Rechts und links davon
-aber strömte schon jetzt frei der Ozean ein. Und so kam
-dieser Ozean auch in der Kreidezeit bereits an die Küstengegend
-des heutigen Deutsch- und Portugiesisch-Ostafrika
-heran, ja er überflutete periodisch diese heutige Küste damals
-selbst noch weit ins Land hinein. Schlamm lagerte
-sich aus ihm ab. Charakteristische Meertiere jener Kreideepoche
-schwammen herzu (so Belemniten oder Donnerkeiltintenfische)
-und betteten absterbend ihre harten Körperteile
-in diesen Schlamm. Nur einzelne große Klippen
-trotzten, scheint es, der schäumenden Flut. In diesem
-Gebiet damals nun vollzog sich die Gigantomachie, die
-ich meine.</p>
-
-<p>Dort in der Nähe lebten jene Saurier, deren größte
-Exemplare heute den Rekord der Nordamerikaner brechen.<span class="pagenum"><a id="Seite_149">[149]</a></span>
-Verschiedene Sorten, neben den größeren auch kleinere.
-Die größten dem Diplodokus eng verwandt. Eine kleinere
-Sorte (Stegosaurier) mit einer wilden Wehr oder Ornamentzier
-ragender Knochenstacheln, die Riesen wohl einfach
-nackt.</p>
-
-<p>Sie lebten in Herden beisammen, wie die Häufung
-der Knochen von fünfzig und mehr Exemplaren der gleichen
-Art an der gleichen Stelle, dabei ersichtlich von jungen
-und alten Tieren, noch heute erweist.</p>
-
-<p>Eigentlich waren sie Landtiere. Aber sie müssen das
-Ufer bevorzugt haben. Wenn sie auch wohl nicht, wie
-man früher vom Diplodokus meinte, unmittelbar Meeralgen
-abgeweidet haben, so dürften sie doch auf Meertiere
-gegründelt und gefischt haben. Eine Art besaß sogar
-ganz energische Raubzähne. Vielleicht watschelten
-sie gewohnheitsmäßig weit in die Watten hinaus, trieben
-sich im Seichtmeer herum, aus dem die langhalsigen
-Arten ihre Schlangenhälse bequem zum Atmen heraufstrecken
-konnten, erkletterten und bewohnten auch wohl
-die Klippen, die für gewöhnlich von der höchsten Flut
-nicht bedeckt wurden. Bei solchen Gepflogenheiten jetzt
-muß es gelegentlich zu örtlichen Katastrophen gekommen
-sein.</p>
-
-<p>Das Wasser überraschte, verschlang, ersäufte ab und
-zu einmal in wilder Gigantenschlacht eine solche ganze
-Herde der stumpfsinnigen Gesellen, schnitt sie ab oder
-schwemmte sie von ihren Klippen und begrub sie im
-Schlick. Die ungeschlachten Kadaver verfaulten, die
-Knochen, meist in einem gewissen Umkreis herumgeworfen,
-bildeten große Beinhügel und Schädelstätten, wobei freilich<span class="pagenum"><a id="Seite_150">[150]</a></span>
-gerade die verhältnismäßig so winzigen Schädel
-selber am ehesten dem Los verfielen, ganz fortverspült
-zu werden, so daß sie heute bei den großen Knochenlagern
-am seltensten noch zu finden sind. Über die Gigantengräber
-aber wälzte der Sieger Ozean im Laufe
-der Jahrtausende Bergeslasten neuen und immer neuen
-Kreideschlammes.</p>
-
-<p>Bis endlich eine neue Wende der Dinge kam&nbsp;…</p>
-
-<p>Durch hebende Kräfte der Erdrinde stieg dieses ganze
-heutige ostafrikanische Küstengebiet wieder endgültig aus
-den Wassern empor. Die alten Schlammbänke wurden
-zum hohen Plateau, auf dem die Tropensonne brannte
-und Ströme flossen. Gegen die Oberfläche des Plateaus
-aber arbeitete fortan die Verwitterung. Die uralten
-versteinerten Schlammassen wurden von ihr neu zernagt
-und aufgeschlossen, endlich auch bis in solche Tiefen hinein,
-wo die Katakomben der Saurier lagen. Längst gab
-es kein lebendes Ungeheuer dieser Sorte mehr auf Erden.
-Aber gerade jetzt erschienen da, dort mitten im Gras und
-Buschwald von heute noch einmal aus ihrem alten Sand
-der Kreidezeit herausgewittert die gespenstischen Arme,
-Rippen, Wirbel der scheusäligen Opfer von ehemals,
-zusammengehäuft noch immer auf engem Bezirk, preisgegeben
-der hellen Tropensonne jetzt auch sie, die einst
-in einer Schauerstunde den allzu wilden Wassern erlegen
-waren.</p>
-
-<p>Das Material, das unsere geologische Forschungsarbeit
-enthält, hängt an dünnen Fäden. Wenn die
-Saurierkatakombe, die gerade in unsere Tage hinein auf
-solchem Wege in Ostafrika, vier Tagemärsche von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_151">[151]</a></span>
-Hafen Lindi und in Sichtweite des jetzt paläontologisch
-unsterblichen Tendaguruberges, herauszuwittern begann,
-nicht durch einen Zufall von kundigen Europäern entdeckt
-worden wäre, so wäre sie, einmal angeschnitten und
-damit auf den kritischen Punkt gebracht, wie sie war,
-selber still weiter verwittert und in mehr oder minder
-absehbaren Zeiten spurlos zu Staub wieder dahingeweht.</p>
-
-<p>Aber der Fleck war inzwischen deutscher Kolonialboden
-geworden; ganz südlich nahe unserer Grenze gegen
-das portugiesische Afrika. Ein schon glatt herausgewitterter
-Riesenknochen spielt den Kobold: ein Ingenieur
-Sattler muß über ihn stolpern und erkennt ihn dabei.
-Unser famoser Stuttgarter Paläontolog Fraas erfährt
-davon und bringt Belegstücke mit, daß das, was man
-bisher nur im Lande Carnegie für denkbar gehalten,
-auch in Ostafrika »buchstäblich am Wege liege«, nämlich
-diplodokushafte Gigantenknochen in größter Pracht.</p>
-
-<p>Das war vor jetzt sieben Jahren. Fraas war selber
-nicht imstande, den Schatz zu heben. »Ihr Berliner
-müßt es machen,« schrieb er. Es hat aber noch verzweifelte
-Mühe gekostet &ndash; auch den Berlinern. Ehe
-der Spaten zu seinem Recht kam, mußte der Klingelbeutel
-umgehen. Staatsmittel waren auch in Berlin
-zunächst für die Sache nicht zu haben. Das erste Verdienst
-erwarb sich also die treffliche »Gesellschaft naturforschender
-Freunde« in Berlin. Sie gab 23&nbsp;000 Mark.
-Dann kam die Akademie der Wissenschaften und endlich
-ein besonderes Komitee. Als (wesentlich also doch durch
-Privathilfe) 180&nbsp;000 Mark beisammen waren, konnte
-man darangehen, der tropischen Verwitterung eine Beute<span class="pagenum"><a id="Seite_152">[152]</a></span>
-wenigstens teilweise zu entreißen, die (mag man in solchen
-geologischen Fragen nun jenen eigentlichen nationalen
-»Rekorden« auch mit einem stillen Lächeln gegenüberstehen)
-mindestens doch den speziellen Wert haben
-mußte, uns zu zeigen, was unsere Kolonien an glänzenden
-und sensationellen Überraschungen bieten konnten.
-Mit dem Gelde wurden zwei jüngere Gelehrte, Janensch
-und Hennig, auf drei Jahre zu Ausgrabungen nach
-Afrika geschickt; später gesellte sich ihnen als dritter noch
-Hans von Staff zu. Das Menschenmögliche ist von
-den dreien geleistet worden. Unter den schwierigsten Umständen
-haben sie zeitweise bis 500 Neger als Arbeiter
-beschäftigt. Das bereits an die freie Oberfläche herangewitterte
-Knochenmaterial erwies sich zwar als reich,
-aber naturgemäß auch schon als (Menetekel der Sachlage!)
-vielfach verdorben. Man mußte also für bessere
-Stücke tiefer gehen, im äußersten bis 10 Meter, mußte
-wirklich graben, anstatt bloß aufzulesen. Das Verpacken
-der zerbrechlichen Knochen im tropischen Milieu war
-auch keine Kleinigkeit. 4500 einzelne Lasten sind schließlich
-zur Küste geschleppt worden, wobei es allerdings
-eine kleine Freude war, wie die schwarzen Leute, vielfach
-interessiert, mithalfen. Sogar Rekonstruktionen der
-Ungetüme haben sie nach ihrer eigenen Phantasie entworfen,
-die lustig wirken, aber tatsächlich doch nicht so
-sehr viel schlechter sind als das etwa, was um 1660 noch
-der brave Jesuitenpater Athanasius Kircher als Fachpaläontolog
-von damals geliefert hat.</p>
-
-<p>Die drei Jahre sind um, die Leistung liegt jetzt im
-Berliner Museum. Ihr Wert besteht ganz besonders auch<span class="pagenum"><a id="Seite_153">[153]</a></span>
-darin, daß wir im Sinne des oben umrißhaft Erzählten
-diesmal ein wesentliches mehr auch über Lebensart und
-Untergang jenes alten Drachenvolkes gehört haben &ndash;
-also keineswegs bloß in Rekordmetern auf Hals oder
-Schwanz. Die Forderung, die bleibt, sind aber weitere
-Geldmittel. Lange ist nicht alles getan. Die Fundstätte
-bietet noch die reichsten ferneren Möglichkeiten, sie ist
-tatsächlich selbst so noch erst auf eine Stichprobe sondiert.
-Wertvollste Neuheiten sind weiter möglich, mindestens
-Reichtum für all unsere anderen deutschen Museen.
-Wer wird helfen? Ein gewisser Staatszuschuß ist ja
-jetzt, nach so beispiellosem Erfolg durch private Entschlossenheit,
-der Sache gewiß, aber er wird allein nicht
-entfernt langen. Sollen wir uns an Herrn Carnegie wenden
-&ndash; auf unserem eigenen Grund und Boden&nbsp;…?</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_154">[154]</a></span></p>
-
-<h2 id="Der_Schatz_von_Halberstadt">Der Schatz von Halberstadt</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Aus meinen jungen Jahren ist mir ein kleines zoologisches
-Ereignis unvergeßlich. Es schwebt mir
-noch vor Augen wie ein ganz großes Glück, und der
-Leser wird einigermaßen erschreckt sein, wenn er hört,
-worin dieses Glück bestand.</p>
-
-<p>Passionierte Sammler, wie ich einer mein Leben lang
-gewesen bin, haben eben ihre besonderen Glücksquellen,
-die übrigens unverwüstliche sind und also jedem zu gönnen
-wären, auch wenn es sich um den absonderlichsten Gegenstand
-dabei handeln mag. Also ich besuchte durch Zufall
-eine Ziegelei in der damals noch sehr schlichten und
-ländlichen Umgebung meiner Vaterstadt Köln. In den
-künstlich ausgestochenen, steilwandigen Vertiefungen des
-Bodens dort aber hatte sich eine erstaunliche Masse von
-Kröten angesammelt, und ich erkannte darunter zum
-ersten Male und am gleichen Fleck vereint die drei
-charakteristischsten Arten unseres Krötengeschlechts &ndash;
-neben der gewöhnlichen Erdkröte die prächtig grüngefleckte
-Wechselkröte und als ganz besondere Merkwürdigkeit
-die Kreuzkröte, die einen schwefelgelben Strich
-längelang über den Rücken trägt und statt zu hüpfen,
-wie andere Froschlurche, pfeilschnell auf kurzen Beinchen
-wie eine Eidechse dahinläuft und auch famos zu klettern
-versteht. War das ein Fest, die drei einmal alle beisammen
-zu haben <em class="antiqua">in natura</em>, wie sie auf dem Bilde bei<span class="pagenum"><a id="Seite_155">[155]</a></span>
-Brehm standen! Auf dem platten und nackten Boden
-erschienen die einzelnen Tiere riesengroß, und heute noch,
-wenn ich an solche Ziegelgrube denke oder an einer
-vorbeifahre, sehe ich sie im Geiste bevölkert mit solchem
-lustigen Quaquarium mächtiger humpelnder und trabender
-Krötenprinzen in brauner, grüner oder schwefelgelb
-gestreifter Livree. Die Erinnerung übertreibt ja gern
-die Größenverhältnisse noch. Aber das habe ich doch
-nicht ahnen können, daß mein altes Bildchen mir wirklich
-noch einmal so ins Gigantisch-Groteske auferstehen
-sollte, wie jetzt bei den Wundern der Ziegelgrube von
-Baerecke und Limpricht bei Halberstadt geschehen ist&nbsp;…</p>
-
-<p>An und für sich gibt es wohl auch für den kapitalsten
-Naturschwärmer nicht leicht etwas Einförmig-Langweiligeres
-als so eine Ziegelgrube, deren Naturbild so öde
-ist wie der brave Bauziegel selbst, den die Technik daraus
-gewinnt; man schaut auf die Entwicklung der Natur
-zur Mietkaserne, und diese Art der Vergeistigung scheint
-doch eine der &ndash; minder gelungenen auf unserem Planeten
-zu sein.</p>
-
-<p>Am guten alten Fleck aber, wo Vater Gleim seine
-zweifellos höchst vortrefflichen Lieder dichtete und Vater
-Broyhan, wenn die Sage recht berichtet, eines jener
-segensreichen Getränke erfand, die selbst Mietkasernen
-und mäßige Verse erträglich machen können in dieser
-schlechten Welt &ndash; hier zu Halberstadt an der Straße
-gen Quedlinburg ist es der ganz gewöhnlichen Tongrube
-einer solchen Ziegelei wirklich geglückt, sich im Lauf von
-ein paar Jahren zu einem der naturgeschichtlich merkwürdigsten
-Orte unseres ganzen deutschen Vaterlandes<span class="pagenum"><a id="Seite_156">[156]</a></span>
-auszuwachsen &ndash; einem Orte, der gerade der üppigsten
-Naturphantasie eine der grandiosesten Perspektiven eröffnet
-hat. Otto Jaekel, der treffliche Forscher zu Greifswald,
-ist der Zauberer gewesen, dessen Stab aus diesem
-Loch schmutzigen Tons eine Welt gezaubert hat, die sich
-hinter die uns bekannten Landschaftsbilder unserer deutschen
-Heimat von heute schiebt wie das Märchen eines
-fremden Sterns, in dessen Sonne, Farben und völlig
-fremdartiges Leben uns plötzlich zu schauen vergönnt ist.</p>
-
-<p>Über diesen Fleck Erde hier ging vor Zeiten einmal
-ein ungeheures verschlammendes und versandendes Flußdelta.
-Der Fluß war nicht die nahe Elbe, nicht die
-Weser von heute; dieses ganze gegenwärtige deutsche
-Stromnetz kam für diese Tage überhaupt noch nicht in
-Betracht. Das Meer, in das der Strom sich mit träger,
-zeitweise fast stagnierender Übergangszone ergoß, muß
-schon ziemlich in der Nähe hier gewesen sein, und der
-uralte Gleim, wenn er das hätte erleben dürfen, wäre
-allen Ernstes ein Sänger von der »Waterkant« gewesen.
-Aber auch dieses Meer war nicht unsere Nordsee &ndash; es
-war irgendein namenloses Stück Urweltozean, wie dieser
-riesige Strom ein namenloser deutscher Mississippi oder
-Ganges von damals gewesen ist.</p>
-
-<p>Haifische aus der entfernteren Verwandtschaft des
-Cestracionhaies, der heute nur noch in der Südsee bei
-Japan und Australien lebt, besuchten von diesem Meere
-her das Flußdelta, aber mit ihnen kamen auch schwimmende
-Plesiosaurier, von Gestalt dem sagenhaften Drachen
-vergleichbar, wie er uns auf den Holzschnitten in Athanasius
-Kirchers alten Folianten überliefert ist.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_157">[157]</a></span></p>
-
-<p>Daran merkt man, wie lange das her ist. Und es
-war sogar erst die Morgenrötezeit dieser schlangenhalsigen
-Meerdrachen. Gleichwohl hatte sich allgemein in Deutschland
-und auch nahe diesem Fleck schon Unendliches vorher
-zugetragen gehabt.</p>
-
-<p>Eine gewaltige Gebirgskette hatte sich längelang durch
-das deutsche Land aufgetürmt, zu der auch der Harz,
-den man vom Rande der Halberstädter Grube heute
-blauen sieht, schon einmal gehört hatte. In den Flanken
-und Mulden dieser mitteldeutschen Alpen hatten die
-Steinkohlenwälder gegrünt. Dann war dieses Gebirge
-zunächst fast ganz wieder heruntergewittert. Wüste hatte
-weithin mit ihren roten Schutthalden das Land überzogen,
-die prächtigsten farbigen Sandsteine von heute
-schaffend. Zweimal war in diese Wüste das Meer
-wieder eingebrochen, einmal von Nordosten als Zechsteinmeer,
-einmal von Süden als Muschelkalkmeer. Wiederum
-waren diese Wasser zu Salzpfannen verdampft und
-in Wanderdünen langsam erstickt. Bis endlich zu Ausgang
-der zweiten solchen Wechselepoche von roter Wüste
-und einschwemmendem Meer auf längere Zeit eine Art
-Interregnum von Halbland und Halbwasser eintrat, mit
-vielen Flüssen und Seen, breiten Deltabildungen und
-Brackwasserneigungen, recht eine Epoche des Schlicks,
-Wattenmeeres und Morastes, geeignet für beidlebiges
-Tiervolk, das in Wasser wie Land gleichmäßig daheim
-war.</p>
-
-<p>Trias, die Dreigeteilte, nennt der Geologe diese zweite
-Zeit, und den besagten letzten Abschnitt bezeichnet er
-nach einem fränkischen Dialektwort als die Zeit des<span class="pagenum"><a id="Seite_158">[158]</a></span>
-»Keuper«. Was aus dieser Keuperzeit an altem Schlick
-und Brackwasserabsatz bis heute erhalten geblieben und
-zufällig Oberfläche für uns geworden ist, das hat durchweg
-noch eine ganz besondere kulturelle Bedeutung für
-uns gewahrt, da es in weiten Strecken deutscher Landschaft
-die gesegnete Scholle unseres Kornbaues geliefert
-hat. Jene beidlebige Art damaliger Tierwelt verriet sich
-deutlich genug aber auch in unserem Stromdelta von
-Halberstadt.</p>
-
-<p>Da hauste als fester Gast darin der Molchfisch Ceratodus,
-ausgestattet mit Kiemen und Lunge zugleich, wie
-er heute noch in bald üppigem bald fast versiegenden
-Flüßchen Australiens in eben dieser gleichen Gattung
-und Lebensart noch fortgedeiht: zu fetter Zeit atmet er
-Wasserluft wie ein echter Fisch, zu karger, im engen
-und luftverdorbenen Resttümpel, hilft er sich dagegen
-mit offenem Luftschnappen wie ein Landtier.</p>
-
-<p>Da trieben sich auf dem annoch frischen Wattenschlick
-und Flußsand jetzt wirklich amphibische, meist wohl riesigen
-Salamandern gleichende Unholde herum, zur Gruppe
-der sogenannten Stegocephalen gehörig, von denen eine
-kleinere Sorte aber ganz und gar auch schon die Kopfform
-einer immerhin auch noch ziemlich mächtigen Kröte
-gehabt haben muß, bloß daß sich damit noch eine krokodilartige
-Verpanzerung und Bezahnung verband. Mein
-kühnstes Phantasiebild aus der Kölnischen Krötengrube
-war hier also reichlich überboten!</p>
-
-<p>Da fanden sich ferner, wohl aus dem Fluß selber schon
-herabkommend, sonderbare Schildkröten und echte Krokodile
-hinzu. Die Schildkröten noch höchst altertümlich<span class="pagenum"><a id="Seite_159">[159]</a></span>
-gebaut, wie es so früher Zeit entspricht, der Rückenpanzer
-mit großen Buckeln und Zacken umkränzt, der
-Bauchpanzer aber noch erkennbar aus verbreiterten und
-miteinander verwachsenen Bauchrippen zusammengekittet.
-Die Krokodile dem stattlichen Urkrokodil Belodon nahe
-verwandt, das im Stuttgarter Naturalienkabinett so
-prächtig noch zu sehen ist, weil es auch in Schwaben ein
-ganz gewöhnlicher deutscher Gast zur Keuperzeit gewesen
-sein muß.</p>
-
-<p>Die zahlreichsten und zugleich unheimlichsten Landgäste,
-die sich in diese Wattengründe hinaus wagten,
-aber waren offenbar mächtige Watschelsaurier aus jener
-heute gänzlich verschwundenen Ordnung der Dinosaurier,
-zu der auch die so oft abgebildeten kolossalen belgischen
-Iguanodonten gehört haben.</p>
-
-<p>Bisher nahm man allgemein an, daß diese Iguanodonten
-und einige andere Vertreter dieser wahrhaft phänomenalen
-Scheusale regelmäßig auf steilen Hinterbeinen
-nach Känguruhart dahingehüpft wären &ndash; bei doppelter
-Elefantenlänge eine dämonische Vorstellung. Neuerdings
-ist man gegen diese wohl etwas »allzuleicht beschwingte«
-Bewegungsmethode skeptischer geworden, immerhin aber
-glaubt Jaekel doch von den Halberstädter Gesellen, daß
-wenigstens die im Oberkörper aufgerichtete Stellung ihre
-normale gewesen sei. Nicht so groß wie die belgischen
-Riesen, aber immer auch noch stattlich genug, möchten
-sie bald auf den Hinterbeinen und dem Hinterleibe gehockt
-haben, bald schwerfällig mit vorgebeugtem Halse
-und breitspurig auf ganzen Hintersohlen dahingewatschelt
-sein, immer doch die Vorderbeine mehr als Arm und<span class="pagenum"><a id="Seite_160">[160]</a></span>
-Pfote zum gelegentlichen Nachstützen, Greifen und
-Scharren verwertend. Äußerst biegsam war der Hals,
-klein der Kopf, mächtig der Schwanz. So kamen sie
-in das Sumpfdelta hinaus &ndash; noch viel tollere »Kröten«
-des Bildes als jene wirklich amphibischen. Vielleicht
-wagten sie sich heran auf der Jagd nach kleinem weichem
-Getier, zu dem ihr Zahnbau besser paßte als zu reiner
-Pflanzenkost; manchmal mögen sie aber auch selber gehetztes
-Wild des bissigeren Raubzeugs aus dem damaligen
-Reptilvolke gewesen sein. Und gar manches
-Mal wird ein solcher plumper Watschler im allzuweichen
-Brei versunken sein, daß sein Gerippe später fest mit
-der trocknend sich härtenden Masse verbuk.</p>
-
-<p>Von all diesen Dingen dort aber wüßten wir tatsächlich
-nicht das geringste, wenn jene schlichte Ziegelgrube
-bei Halberstadt nicht wäre.</p>
-
-<p>Unfaßbare Zeiten sind hingerauscht seit den Tagen
-jenes geheimnisvollen Flußdeltas mitten im Herzen
-deutschen Landes &ndash; die ganze Jura- und Kreidezeit, in
-denen diese Saurier in immer wachsender Hochblüte noch
-emporgingen, um ganz zuletzt um so hoffnungsloser zusammenzubrechen,
-die ganze Tertiär- und Diluvialzeit,
-in denen der Mensch langsam ins Licht kam. Und dann
-eines Tages entstand jene Dampfziegelei, die zu ihrem
-Bedarf Ton brauchte und eine heute etwa 100 Meter
-lange und 15 Meter tiefe Grube in den Grund schnitt.
-Kaum aber war der oberste aufgelagerte Humus und
-Diluvialstaub durchschnitten, so sägte eben diese Grube
-sich Meter um Meter der Tiefe in nichts anderes wieder
-ein als in das uralte Flußdelta von dazumal.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_161">[161]</a></span></p>
-
-<p>Sie durchquerte die Sande, die zu Zeiten eines etwas
-lebhafteren Gefälles der große Keuper-Ganges hier
-herausgeschwemmt, und erreichte eben mit dem technisch
-des Abbaues werten eigentlichen kompakten Ton darunter
-den ehemaligen Dauergrund des gemächlich verschlammenden
-Deltas selbst, dessen gehäufter Schlick
-diesen Ton geliefert. Die Arbeit blühte, 100&nbsp;000 Kubikmeter
-wurden allmählich zu Ziegeln zermahlen &ndash; keiner
-aber, der dabei war, ahnte, in was er grub und was
-außer Ziegeln hier für die Zwecke einer höheren Schicht
-Geistesmenschheit noch mehr zu ergraben war.</p>
-
-<p>Da steht im Sommer 1909 der Zahnarzt Torger aus
-Halberstadt bei der Grube am geschlossenen Schlagbaum
-der Eisenbahn und wartet den Zug ab, und neben ihm
-warten ebenfalls ein paar Arbeiter, und sie erzählen ihm,
-wie man so beim Warten plaudert, von Knochen, die
-in der Grube gelegentlich gefunden worden wären.
-Torger erwirbt ein paar Splitter und sendet sie zum
-Bestimmen an den Paläontologen Jaekel in Greifswald,
-und der erfaßt sogleich das Bedeutende: eine Fundstätte
-großer Dinosaurierknochen auf deutscher Heimaterde.</p>
-
-<p>Es ist eben erzählt, was Nordamerika und neuerdings
-noch erfolgreicher Deutsch-Ostafrika hier geliefert haben.
-Jetzt aber lag der Schatz endlich auch daheim sozusagen
-vor der Tür und wartete nur des planmäßigen Hebens.</p>
-
-<p>Mit geschicktestem Feldherrntalent (Paläontologen
-müssen immer Diplomaten sein) wurde von Jaekel zunächst
-der »Acker« gesichert: der preußische Staat erwarb
-das Recht auf alle Fossilfunde in der Grube, Finderlöhne
-wurden ausgesetzt, ministerielle, kaiserliche und<span class="pagenum"><a id="Seite_162">[162]</a></span>
-private Mittel zusammengebracht. Gefährliche Abbaumethoden
-durch Sprengschüsse in der Grube wurden eingestellt.
-Die Härtung und Zusammensetzung der Skelettteile
-nahmen Jaekel und seine Helfer und Helferinnen
-(besonders letztere zeichneten sich aus) selbst in die Hand.
-Und nun kam Schlag auf Schlag eine Ausbeute, die
-selbst die verwegenste Erwartung übertraf.</p>
-
-<p>Laut dem ersten wissenschaftlichen Bericht sind in der
-kurzen Zeit bisher schon nicht weniger als vierzig Dinosaurierskelette
-geborgen worden, zum Teil in prachtvollster
-Erhaltung und Individuum für Individuum für sich gesondert.
-Noch nie sind auch die Schädel in solcher Vollkommenheit
-bisher irgendwo zutage gekommen. Von
-dem schönsten Stück hat (Laune des Zufalls!) bloß ein
-Wiesel, das in der Nacht nach der Freilegung gerade
-hier ein paar Mäuse verzehrte, ein Stückchen vom Zungenbeinbogen
-verschleppt. In anderen Fällen fehlten allerdings
-derbere Skeletteile schon durch Räuberarbeit der
-Keuperzeit selbst, so einmal die ganzen Vordergliedmaßen,
-die bei einem solchen wehrlos »versumpften« Unhold
-wohl damals schon einem Krokodil zur Beute geworden
-waren.</p>
-
-<p>Was die systematische Stellung anbetrifft, so handelt
-es sich in der wesentlichsten Art um einen Plateosaurus,
-der eine vermittelnde Stellung zwischen dem rein raubtierhaften
-Megalosaurus und jenen Iguanodonten einnimmt.
-Es ist die Gruppe, wo auch der schöne Name
-»Greßlyosaurus« vorkommt, der aber mit der naheliegenden
-Gräßlichkeit nichts zu tun hat, sondern auf den originellen
-Schweizer Geologen Greßly geht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_163">[163]</a></span></p>
-
-<p>Ganz besonders wertvoll macht den imposanten Fund,
-der zu den glänzendsten paläontologischen aller Zeiten bisher
-gerechnet werden muß, auch die Zeitbestimmung.
-Jene belgischen wie die neuen afrikanischen Dinosaurier
-gehören zur Kreideperiode. Hier im Halberstädter Delta
-steht man noch in der Trias, also eine ganze Reihe von
-Jahrmillionen früher.</p>
-
-<p>Die ersten fertig aufmontierten Halberstädter Skelette
-sind jetzt schon in ganzer Pracht im Berliner Museum
-für Naturkunde neben den Afrikanern vom Tendaguru
-zu sehen. Unabsehbar scheint aber der noch zu erwartende
-weitere Reichtum dieser Glücksgrube, nachdem vor Beginn
-der Rettung für die Wissenschaft doch sicher wohl schon
-hundert oder noch mehr Skelette zu Ziegeln vermahlen
-worden waren!</p>
-
-<p>Halberstadt mag stolz sein: zu seinem Dom und Gleim
-und Broyhanbier tritt ihm der Ruhm, fortan die »echteste«
-Drachenstadt Deutschlands zu sein in der Zeit wissenschaftlicher
-Rehabilitierung dieses Drachens.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_164">[164]</a></span></p>
-
-<h2 id="Sirenen">Sirenen</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Als der homerische Dichter das Abenteuer des Odysseus
-mit den Sirenen schilderte, benutzte er stofflich
-wohl ein damals schon altes Schiffermärchen. Die unvergleichliche
-Eigenart, die aus diesen fünfunddreißig
-Versen eines der herrlichsten Gedichte der Weltliteratur
-gemacht hat, liegt in der Schilderung. Das Schiff des
-umgetriebenen Dulders kommt herangeschwebt, von
-freundlichem Winde getrieben. Plötzlich dann, ehe noch
-die Sireneninsel selber auftaucht, ist es, als gehe ein
-Zauber von ihr aus. Der Wind ruht. Die stille See
-glänzt von heiterer Bläue des Himmels, ein Himmlischer
-scheint die Wasser zu senken. Jetzt, als der bedenkliche
-Fels auf Hörweite nahe ist, der Sirenengesang selbst.
-Nur acht Verse, aber vielleicht das Klangvollste, was in
-Ilias wie Odyssee vorkommt. Man merkt dem Dichter
-ordentlich die Verantwortung an, dieses Lied, das selbst
-den schlauen Odysseus verführen soll, wörtlich zu geben, und
-doch hat er es gewagt. Aber die Genossen des Dulders, die
-ihre Ohren mit Wachs verstopft und ihn selber zur Vorsicht
-an den Mast gebunden haben, rudern vorbei. »Leiser,
-immer leiser verhallte der Singenden Lied und Stimme.«</p>
-
-<p>Es ist eine arge Sache, wie mit Namen umgesprungen
-wird.</p>
-
-<p>Den scheußlichsten, rohesten Lärmapparat, den der
-spätere Kulturmensch erfunden hat, nennt er eine Sirene.<span class="pagenum"><a id="Seite_165">[165]</a></span>
-Ein Tiergeschlecht aber von so unerhörter Unform, daß
-ein Schwein dagegen die leichtfüßige Eleganz verkörpert,
-hat der moderne Naturforscher sozusagen amtlich als
-das der Sirenen bezeichnet, nämlich die mit anderem
-Wort sogenannten Seekühe.</p>
-
-<p>Wenn man sich eine Kuh denkt, die mit derselben unerschütterlichen
-maschinenhaften Konsequenz, mit der
-eine richtige Alpenkuh rupfend und rückend tagaus tagein
-ihre Matte dezimiert, Seegras statt Wiesengras abweidet;
-wenn man diese Kuh für das Wasserleben
-hinten abhackt und in eine plattliegende Fischflosse auswalzt,
-ihr auch gleich dabei die Hinterbeine fortschneidet
-und die Vorderbeine in runde Paddeln verbreitert, so
-kommt man auf die Seekuh. In dieser Gestalt liegt sie
-ihr Leben lang faul über ihrer unterseeischen Küstenmatte
-und äst, wobei sie im Vorschreiten gelegentlich
-ihrer Weide auch in die großen, zur See mündenden
-Flüsse hinein nachpaddelt und so bis tief ins Binnenland
-kommt.</p>
-
-<p>Ihre Weide ist fett, und das Wasser trägt &ndash; so
-darf sie alle Kuhmaße überbieten und als kolossale
-Fleischwalze von fünf oder gar zehn Metern Länge
-über ihrer Wasserwiese schaukeln.</p>
-
-<p>Dabei ist sie gleich der richtigen Kuh ein Säugetier.
-Ihre milchgebende Mutterbrust hat sogar etwas ganz
-Menschliches in Lage und Form, und hier steckt die
-halbwegs gangbare Begriffsbrücke, die zur Vergleichung
-mit einer homerischen »Sirene« geführt hat; denn es
-wird behauptet, daß diese Seekühe, im Indischen und
-Roten Meer gelegentlich schon vor den ältesten Seefahrern<span class="pagenum"><a id="Seite_166">[166]</a></span>
-beim Luftschöpfen auftauchend und solche Büste
-produzierend, geradezu die Fabel von Meerweibchen,
-also doch irgendwie der Verwandtschaft wenigstens der
-echten sirenischen Fräuleins, erzeugt hätten.</p>
-
-<p>Die meisten Säugetiere aber, die nachträglich (denn
-alle echten Säuger waren geschichtlich wohl zunächst
-Landtiere) wieder ins Wasser gegangen sind, haben dort
-eine Art Zersetzungs- und Zerfließungsprozeß ihrer
-Leibesformen erlebt. Während der Fisch als ursprüngliches
-Wasserkind durchweg (selbst im riesigsten Hai) eine
-gewisse Grazie der vollkommenen Anpassungsform bewahrt
-hat, stößt man beim Wassersäuger auf die greuliche,
-verschwommene und zerhackte Mißform des Nilpferdmauls
-oder die Monstra der großen Wale und
-Pottfische, die jeder geordneten Linienführung im Umriß
-spotten. Und so ist auch die Seekuh auf ihrer Wasserweide
-an »Nichtform« ein echtes und rechtes Meerwunder
-geworden, so ungeschlacht wie nur möglich, wie
-einer, der sich gehen lassen kann und es nicht mehr
-nötig hat, auf nettes Äußeres und adrette Umgangsform
-zu sehen.</p>
-
-<p>Gleich für die ersten klaren Ordnungsgenies in der
-neueren Tierkunde mußte es dabei aber eine wichtige
-Frage werden, zu welcher engeren Ecke des großen
-Säugervolks nun dieser Vetter Wanst eigentlich gehöre.
-Vom Lande war er gekommen; an was für eine Landform
-aber sollte man ihn dort systematisch anreihen?</p>
-
-<p>War es etwa wirklich die Kuh gewesen, die, gefräßig
-ihrer Weide nachrückend, in irgendwelchen Urweltstagen
-so ganz allmählich sich ins Seichtwasser hinein verloren<span class="pagenum"><a id="Seite_167">[167]</a></span>
-hatte und endlich dort zur regelrechten Taucherin geworden
-war, wo die Grasnarbe sich allzu tief unters
-Wasser verlor?</p>
-
-<p>Ganz so seltsam, wie es sich anhört, wäre solcher
-Vorgang nicht. So ist das allbekannte Nilpferd ja
-wirklich nichts viel anderes als ein in die weiten Binnenseegründe
-voller Lotosweide dauernd verlocktes altertümliches
-Schwein, das bei Sansibar sogar schon wie eine
-rechte Seekuh kühn ins Meer hinausschwimmt.</p>
-
-<p>Längere Zeit indessen war unsere wissenschaftliche
-Tierkunde zu solchen Ableitungen deshalb nicht recht
-mutig, weil ihr überhaupt zweifelhaft geworden war, ob
-sich eine Tierform aus einer anderen »entwickelt« haben
-könnte. So gesellte man einstweilen die Seekuh gar
-nicht zu irgendeinem Landtier im System, sondern rückte
-sie mit zwei anderen ausgesprochenen Wassersäugern,
-dem Seehund und dem Walfisch, zu einer engeren Gemeinschaft
-der Fisch- oder Seesäugetiere zusammen. So
-haben wir's noch aus dem alten, wirklich noch vom
-Manne dieses Namens verfaßten »Brehm« gelernt,
-und der älteren Generation sitzt's noch in Fleisch und
-Blut. Es hilft aber nichts, die Welt läuft, und der
-Mensch muß mitlaufen und immer wieder umlernen.</p>
-
-<p>Schon als der erste Darwinismus hochkam, wurde
-klar, daß einer aus diesem künstlichen, bloß dem Aufenthaltsort
-nach vereinten Trio unbedingt woanders
-hinkommen müsse, nämlich der Seehund. Er war wirklich
-ein Stück »Hund«, nämlich lediglich ein für die ergiebige
-Wasserjagd umgepaßtes ursprüngliches Landraubtier.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_168">[168]</a></span></p>
-
-<p>Ein Räuber, das heißt ein absoluter Fleischfresser,
-ist aber auch der Walfisch, und so entstand vor ihm bald
-ein zoologischer Argwohn, daß er, obwohl ersichtlich viel
-weiter fürs offene Meer umgeformt, irgendwie doch auch
-zuletzt und in grauen Entwicklungsurtagen an die Raubtiere
-anschließe. Das ist in neuester Zeit durch geologische
-Funde auch immer wahrscheinlicher, wenn auch noch
-nicht ganz zur Gewißheit geworden; die Landväter sind
-in diesem Falle wohl noch wahre Urraubtiere (sogenannte
-Kreodonten) gewesen.</p>
-
-<p>Blieben zuletzt also wieder als vereinsamter Rest
-unsere Seekühe.</p>
-
-<p>Diesmal schien aber ihre »Kuhnatur« zunächst wieder
-zur Anerkennung kommen zu wollen.</p>
-
-<p>Bei Haeckel, dessen Systematik jetzt für eine neue
-Generation zu einer Art zoologischen Breviers wurde,
-las man, daß die Seekuh höchstwahrscheinlich ein
-Wasserableger des paarhufigen Huftiers sei, also eben
-der Gruppe, zu der unter anderem auch die Kuh gehört.</p>
-
-<p>Solche entwicklungsgeschichtlichen Vermutungen sind
-nun bei umsichtiger Handhabung der Theorie stets sehr
-wertvolle Fingerzeige, und Haeckels provisorische »Stammbäume«
-haben trotz allen wohlfeilen Gegnerspotts eine
-wahre neue Ära der ganzen zoologischen Systematik
-eingeleitet, in der praktisch heute auch alle die leben und
-weben, die Haeckels Namen nachträglich undankbar verleugnen.
-Auf der anderen Seite bleibt aber ebenso
-wahr, daß alle noch so geschickte Theorie arm ist, wenn
-nicht das Glück wirkliche Neuentdeckungen hinzubringt,
-&ndash; in diesem Falle also den Fund wirklicher vorweltlicher<span class="pagenum"><a id="Seite_169">[169]</a></span>
-Skelette von Übergangsformen, die etwa den
-Schritt von einem nilpferdisch und noch weiter wasserlieb
-gewordenen Zweihufer aus der Kuhverwandtschaft
-zur Seekuh leibhaftig vor Augen stellten.</p>
-
-<p>Nun fanden sich zwar versteinerte Seekühe. Seekuhweiden
-bieten sich heute in den verschiedensten Meeren
-und Strömen, von Florida und dem Orinoko bis Afrika
-und dem Indischen Ozean; eine riesige Seekuh bei
-Kamtschatka, das sogenannte Borkentier, ist erst in
-junger geschichtlicher Zeit vom Menschen ausgerottet
-worden. Wie aber in der Urwelt alle geographischen
-Grenzen durchweg auf den Kopf gestellt scheinen, so
-mußte man sich auch hier mit dem Bilde befreunden,
-daß noch in der Epoche der Tertiärzeit, als unser allbekannter
-Bernstein als frisches Harz von Waldbäumen
-des Landes tropfte, über die Gegend bei Mainz und
-Darmstadt ein Meeresarm ging, dessen Seegraswiesen
-auch dort damals schon von zahlreichen, mäßig großen
-(etwa drei Meter langen) Seekühen abgeweidet wurden.
-Diese alten Darmstädter Meerweibchen zeigten, wie es
-scheint, äußerlich noch ein verkümmertes Hinterbeinchen,
-das heute ganz fehlt, sozusagen ein Abzeichen noch
-mehr ihrer sicheren ehemaligen Landverwandtschaft. Aber
-das war auch alles: im übrigen waren sie schon genau
-so mißgeformt und wasserfroh wie ihre Genossen unseres
-Tages etwa in ihrem fernen Roten Meer. Die sirenische
-Übergangskuh hatte man jedenfalls in ihnen noch nicht
-vor Augen.</p>
-
-<p>Inzwischen gab es aber eine alte Stimme aus der
-Tierkunde selbst, fast vergessen wie der Mann, von dem<span class="pagenum"><a id="Seite_170">[170]</a></span>
-sie hauptsächlich ausgegangen war, der schon fast zehn
-Jahre vor Darwins Auftreten verstorbene Franzose
-Blainville.</p>
-
-<p>Sie mahnte an die höchst seltsamen Zahnverhältnisse
-dieser Sirenen, in denen offenbar noch ein separates
-Geheimnis stecke.</p>
-
-<p>Wenn von den homerischen Sirenenmädchen die böse
-Kunde gilt, daß ihr süßer Sängermund in verschwiegenen
-Stunden Menschenfresserei trieb, zu der neben verminderten
-ethischen Hemmungen mindestens ein gutes Gebiß
-gehörte, so hatten einzelne der wirklichen Sirenenkühe
-überhaupt keine Zähne oder doch nur spärlichste
-Reste solcher. Doch das war offenbar wieder Wasseranpassung
-für sich; auch der ungeheure Grönlandwal ist
-zahnlos und seiht nur winziges weiches Meergetier durch
-seine Gaumenbarten, die uns das bekannte Fischbein
-liefern. Was aber noch vorhanden war von sirenischem
-Normalgebiß, das war wirklich bedeutsam genug.</p>
-
-<p>Bald zeigte sich ausgesprochene Neigung, die oberen
-Schneidezähne unter der fetten Wulstlippe in regelrechte
-Stoßzähne zu verwandeln. Bald wuchsen die Backzähne
-beständig neu nach, und zwar so, daß der vorderste immer
-nach einer Weile ausfiel, von hinten her aber die Zahnreihe
-ergänzt nachrückte. Diese Zahnwunder aber erinnerten
-auffällig jetzt an einen zweiten Fall im Säugerbereich,
-der ganz und gar nichts mit der Kuh zu tun
-hatte, sondern mit dem &ndash; Elefanten.</p>
-
-<p>Auch die riesigen Stoßzähne unseres lebenden Elefanten
-sind obere Schneidezähne, und auch bei den Backzähnen
-dieses Elefanten herrscht ein mindestens sehr<span class="pagenum"><a id="Seite_171">[171]</a></span>
-ähnliches System von streng geregeltem Verfall und
-Ersatz.</p>
-
-<p>Kein Zweifel: die Sirenen hatten auch im übrigen
-Bau ihres Skelettes mit den schweren, nicht gehöhlten
-Knochen mancherlei Züge vom Elefanten. Trotzdem
-schien der notwendig hier auftauchende Ideengang selbst
-den kühnsten Stammbaumtheoretikern zu kühn.</p>
-
-<p>Unglücklicherweise wußte man lange Zeit gerade von
-der eigenen Urverwandtschaft der Elefanten gar nichts.
-Sie standen bis heute auf dem Lande, und doch wußte
-man nicht, wo sie auf diesem Lande hergekommen sein
-sollten. Kein anderes Säugetier glich ihnen genug zur
-Anknüpfung. Die Gegner der Deszendenztheorie liebten
-es, lächelnd hierher mit Fingern zu weisen. Hier waren
-Tiere, die riesengroß waren, schon in Urweltsperioden
-massenhaft gelebt und massenhaft versteinerte Knochen
-hinterlassen hatten; und doch hatten sie anscheinend keine
-»Ahnen«.</p>
-
-<p>Eines Tages indessen sollte das ein recht jähes Ende
-nehmen. Im untersten Ägypten, im Hinterlande des
-sogenannten Fayum, entdeckten die Geologen vor einigen
-Jahren eine geradezu fabelhaft glänzende Fundstätte
-vorweltlicher Säugetiere. Nie werde ich den Anblick vergessen,
-als ich im Londoner Naturhistorischen Museum
-beim Eintritt in die große Halle vor dem ersten frisch
-ausgestellten Prachtstück von dort stand: dem grotesken
-Riesenschädel eines sogenannten Arsinoitherium, eines
-elefantenähnlichen Ungetüms, das auf der Nase zwei
-enorme, nebeneinander gestellte knöcherne Zapfen, die an
-die Zipfel einer kolossalen Narrenkappe erinnerten, getragen<span class="pagenum"><a id="Seite_172">[172]</a></span>
-hatte. Schon dieses jedenfalls nah verwandte
-neue Tier bewies, daß man hier in die Urverwandtschaft
-des Elefanten geraten war. Schlag auf Schlag folgten
-sich dazu dann die weiteren Entdeckungen an dieser
-Glücksstelle.</p>
-
-<p>Es zeigte sich ein Vormastodon, das die Entstehungsgeschichte
-des späteren Elefantenrüssels enträtselte. Die
-Krone aller Entdeckungen aber war der Ahne des ganzen
-Elefantengeschlechts überhaupt. Er erschien in trefflicher
-Erhaltung schon in einer Schicht der Tertiärzeit,
-die geologisch noch ein Stück älter war als jene der
-Arsinoitherien und Vormastodons. Da erschien ein Tier,
-auch etwa so groß wie ein Tapir, also gegen den heutigen
-Elefanten relativ klein. Die Gliedmaßen schlank;
-ein langer Schwanz; im flachen, keineswegs elefantenhaft
-steil getürmten Schädel ein altertümliches Gebiß,
-in dem doch aber die Schneidezähne schon eine Tendenz
-zeigten, hauerhafte Stoßzähne zu werden. Im Umriß
-also ganz gewiß kein Elefant. Und doch durch soundso
-viel feine anatomische Details einzig und allein an die
-Elefanten anzuschließen. Die Sachkenner waren sich
-bald einig: man hatte den so lange vermißten »Elefantenvater«
-vor sich. Ein durchaus altertümliches Landtier,
-selber noch den ältesten, sehr indifferenten Huftieren der
-Vorwelt nahe, das aber den Ausgangspunkt der seltsamen
-Entwicklung zu den elefantischen Kolossen, all
-den Dinotherien, Mastodons, Mammuten und wie sie
-hießen, gebildet hatte. Da in Altägypten in dieser
-Fayumgegend der berühmte Mörissee gelegen hat,
-wurde das einzigartige Geschöpf Möritherium getauft.<span class="pagenum"><a id="Seite_173">[173]</a></span>
-Kaum aber hatte man sich mit seiner Existenz abgefunden,
-so sollte es den Tierkundigen noch eine Überraschung
-bereiten, die zu den größten gehört, die alle Tierkunde
-je erlebt hat. An der Küste des urafrikanischen Kontinents,
-wo sich zu ihrer Zeit die Möritherien herumtrieben,
-lebten damals, vom Wasser her in die Flußmündung
-aufsteigend, auch schon Seekühe. Auch ihre
-Knochen kamen in den heute erhärteten Schichten des
-alten Uferschlamms von ehemals für uns zutage. Und
-nun zeigte sich das Unerwartete. Diese uralten Seekühe
-hatten fast genau den Schädel und das Gebiß des Möritheriums
-gehabt. Auch in den Beckenknochen glichen
-sie ihm noch frappant. Und doch waren sie sonst schon
-Seekühe! Seekühe aber, die zugleich schwimmende Elefantenväter
-waren! Kein Zweifel: in jenen Anfangstagen
-war ein Zweig möritherienhafter Urelefanten auf
-die Wasserweide gegangen und hatte sich dort zu Seekühen
-umgestaltet. Als Wasserelefanten kamen diese
-Seekühe fortan in die Seichtbuchten der Ufer und die
-Flußmündungen, über denen auf dem Festlande dröhnenden
-Schrittes die Landelefanten dahinstampften.
-Wie das Nilpferd zum Schwein, der Seehund zum
-echten Hund oder Bär, so stehen die »Sirenen« zum
-Elefanten: sie sind seine Wasseranpassung. Nun gilt
-es ein Umräumen in allen Museen. Die Elefanten,
-lange so vollkommen isoliert, bekommen Nachbarn.</p>
-
-<p>Die große Seekuh des Roten Meeres, so hören wir,
-wird bei Nacht dort bei den Korallenriffen von den
-Beduinen in ungeheuren Netzen gefangen, durch langes
-Untertauchen (das sie als Säugetier ja nicht unbegrenzt<span class="pagenum"><a id="Seite_174">[174]</a></span>
-verträgt) erstickt und mit großen Mühen endlich gehoben.
-Das Bild erhält eine neue Farbe, wenn man sich sagt,
-daß es sich hier um eine nächtliche Elefantenjagd handelt.
-Ein Wasserelefant, noch ein Meter in der Länge
-größer als der größte lebende Elefant im Kilimandjarobuschwald,
-dickhäutig und ungeschlacht über alle Begriffe,
-im Netz gefangen und zappelnd wie ein Fisch, bei
-Fackelschein auf der Kante einer Korallenbank &ndash; wahrlich
-eine packende Situation mehr im Märchen der
-Tierwelt.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_175">[175]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Entdeckung_des_Riesenklippdachses">Die Entdeckung des Riesenklippdachses</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">In meiner Bibliothek stehen ein paar kleine alte
-Bände mit zierlicher Rückenvergoldung &ndash; die erste
-Ausgabe von Cuviers »Tierreich« von 1817.</p>
-
-<p>Nach solchem alten, ehrwürdigen Bändchen greift
-man heute nicht leicht, um sich über laufende Fragen
-der Tierkunde zu unterrichten. Es muß schon mehr in
-Sonntagslaune sein, wenn man sich einmal an der
-Stimmung einer Zeit ergötzen will, die zwar weit hinter
-uns an zoologischem Wissen stand, die aber eines immerzu
-noch erleben durfte, das uns fremder wird: nämlich
-ganz große Sensationen, Überraschungen dieses Wissens.</p>
-
-<p>Eine solche Sensation ersten Ranges steht dort bei
-Cuvier beschrieben, wenn er von dem Tier spricht, das
-nach einem übertragenen Namen der »Klippdachs« heißt;
-mit unserem bärenartigen Raubtier Dachs hat es nichts
-zu tun; man nennt es auch »Klippschliefer«, das heißt:
-einen, der in engen Klippenspalten gern unterschlüpft
-(schlieft). In Luthers Bibelübersetzung figuriert es als
-das »Kaninchen« der palästinensischen Felsen.</p>
-
-<p>Die Klippdachse sind kleine, dick bepelzte Geschöpfchen
-vom Habitus mittlerer Häschen oder großer Meerschweinchen,
-die von Syrien bis zum Kap teils so in
-Höhlen »schliefen«, teils hoch im Urwaldgezweige fast
-affenhaft ihr Wesen treiben. Kein Mensch, der sie so
-sieht, wird sie wirklich für etwas viel anderes halten als<span class="pagenum"><a id="Seite_176">[176]</a></span>
-Karnickel oder Eichhörner, zumal wenn er aus ihrem
-Mäulchen auch noch die spitzen oberen Vorderzähne anscheinend
-völlig nagetiergemäß vorstehen sieht.</p>
-
-<p>Als Nagetiere waren sie denn auch von den Zoologen
-bis auf Cuvier verrechnet worden. Er aber mußte
-jetzt den inhaltschweren Satz drucken lassen, diese Klippdachse
-seien eine »<em class="antiqua">sorte de rhinocéros en miniature</em>«;
-sie hätten die Backzähne des Nashorns und trügen an
-den meisten ihrer Zehen kleine Hufe!</p>
-
-<p>Man muß in den Quellen der Zeit die Entrüstungsrufe
-der übrigen Zunftgelehrten von damals lesen, daß
-so etwas möglich sein sollte: ein Nashorn von der
-Größe eines Kaninchens!</p>
-
-<p>Aber Cuviers Ansehen war zu gewichtig, um dauernden
-Widerspruch aufkommen zu lassen. Der Klippdachs
-ist wirklich fortan bei den Huftieren und versuchsweise
-immer wieder in der Nähe des riesigen Nashorns
-in den Listen der Tierforscher geführt worden, so
-schwer's auch fallen wollte; aber man wurde das Gefühl
-eines Rätsels dabei nicht los, das seiner wahren Lösung
-noch harrte.</p>
-
-<p>Inzwischen wurden sein Leibesbau und seine Lebensweise
-von vielen und immer eingehender studiert. Man
-stellte jene Tatsache fest, daß er auch auf Bäume klettern
-konnte, was dann für ein Rhinozeros noch grotesker
-wirken mußte. Unser großer deutscher Reisender Schweinfurth
-sah ihn an steilen, glatten Felsen in so unmöglichen
-Lagen auf und ab turnen, ja todeswund noch wie
-angeklebt haften, daß er auf eine besondere laubfroschartige
-Saugkraft seiner Füßchen raten mußte, die in der<span class="pagenum"><a id="Seite_177">[177]</a></span>
-Tat beim Einziehen und Ausdehnen eines Spalts im
-Sohlenpolster durch Luftverdünnung zustande kommt &ndash;
-ein Rhinozeros mit Laubfroschfüßen auf polierten
-Rutschflächen!</p>
-
-<p>Im übrigen Körperbau kamen aber auch immer neue
-Seltsamkeiten ans Licht. Die Hufe waren eine Vereinigung
-von affen- oder menschenhaften Nägeln mit
-dem echten, die Fingerbeere ganz umgreifenden Sohlenhorn
-des Hufs. Aus dem Pelz ragten überall einzelne
-lange Tasthaare vor, deren Gebrauch unklar blieb. Im
-Rückenfell umschloß eine abweichend gefärbte Flocke eine
-kleine Tonsur, deren Zweck ebenfalls im Geheimnis verharrte.
-Wiederkäuen wurde behauptet, dann wieder
-abgeleugnet; jedenfalls paßte der Magen nicht dazu.</p>
-
-<p>Je mehr man aber allmählich anfing, Tiere überhaupt
-entwicklungsgeschichtlich, im Bilde eines Stammbaumes,
-zu ordnen, desto dringlicher mußte die Frage werden,
-an was für einen Ast des großen Stammbaumes man
-diesen verdrehten Gesellen mit seinen Saugfüßchen denn
-nun tatsächlich kleben solle?</p>
-
-<p>Das Nashorn selber kam dort zweifellos zu Pferd
-und Tapir. Unter den Pferdeahnen waren vorgeschichtlich
-auch kleine Geschöpfe gewesen. Aber ihre speziellen
-Knochenreste, als man sie fand und zusammensetzte,
-wollten wieder gar nicht zum Klippdachs stimmen.</p>
-
-<p>Viele Jahrzehnte galt es als eine Hoffnung der
-Versteinerungskundigen, endlich einmal vom Klippdachs
-selber urweltliche Reste zu entdecken &ndash; ob die den
-Schleier lüfteten. Würden auch sie uns kleine Tiere
-weisen, so daß der lebende Schliefer ein echtes Überbleibsel<span class="pagenum"><a id="Seite_178">[178]</a></span>
-wenigstens der allgemeinen Zeit wäre, in der
-alle Huftiere, auch die größten, auch Nilpferd und Nashorn,
-klein angefangen hatten? Oder würden sie wirklich
-jetzt nashornhafte Riesen von Klippdachsgestalt
-zeigen, eine Ahnenschaft der entsprechend Großen, von
-der unser lebender Freund spät erst und jämmerlich zu
-seinem Zwergenmaß wieder heruntergesunken wäre?</p>
-
-<p>Lange aber wollte kein einziges Knöchelchen dartun,
-daß überhaupt schon Klippdachse in der tierreichen Vorwelt
-gelebt hätten.</p>
-
-<p>Merkwürdige Verwandte unserer Nashörner von
-heute fanden sich ja unter dem Urweltsvolk genug. Da
-hatte es in Nordamerika (wo heute überhaupt kein Nashorn
-mehr existiert) Rhinozerosse gegeben mit ganz
-kurzen Beinchen wie ein Teckelhund; andre, die überhaupt
-kein Horn auf der Nase trugen, dafür aber Dickköpfe
-mit gewaltigen Eckhauern führten wie ein Nilpferd
-und auch nilpferdhaft amphibisch lebten; und noch
-wieder andere, die ihren hornlosen Nashornkopf auf
-langen Hälsen trugen und die gewandtesten schlanken
-Galoppierbeine des Pferdes anzunehmen begannen. In
-den nah verwandten sogenannten »Titanentieren« (<em class="antiqua">Titanotheria</em>)
-hatten die Hörner umgekehrt wahre Orgien wilder
-Gestaltungskraft gefeiert, je zwei nebeneinander (nicht
-nacheinander) hatten sich auf festen Knochenzapfen nach
-Art eines Ochsengehörns aus der Nase erhoben, und
-zuletzt waren hier aus den Zapfenhörnern regelrechte
-Masken mit weithin vorspringender Knochengabel geworden,
-die den alten Bullen nicht mehr geschützt, sondern
-eher wehrlos gemacht haben müssen. Ein Nebenzweig<span class="pagenum"><a id="Seite_179">[179]</a></span>
-dieser Titanentiere (also immer doch noch im
-Nashornanschluß) hatte es in dem Wunderwesen Chalikotherium
-gar zu einer nicht mehr trabenden, sondern
-grabenden Form gebracht, die bei Rhinozerosmaßen des
-Körpers statt Hufen mächtige krumme Grabkrallen wie
-ein Riesengürteltier besaß. Aber kein echtes Klippdachsnashorn
-fand sich dazu, so sorgsam man auch gerade
-darauf fahndete.</p>
-
-<p>Unterdessen lenkte der Zahnbau des lebenden Klippdachses
-gelegentlich aber noch einmal auf einen ganz
-anderen Gedanken.</p>
-
-<p>Aus dem Maul ragten, wie erwähnt, oben die beiden
-vordersten Schneidezähne gleich kleinen scharfen Stoßzähnen
-(beim Männchen kräftiger als beim Weibchen)
-vor. Diese Stößer waren immerwachsende Zähne mit
-Emailbelag, die trotz ihrer Ähnlichkeit mit Nagezähnen
-von dem rein blätter- oder kräuterfressenden Tier doch
-nie zum wirklichen Nagen benutzt wurden. Dagegen
-hatten sie eine in jedem Betracht frappante Ähnlichkeit
-mit den allbekannten Elfenbeinstoßzähnen des &ndash; Elefanten.</p>
-
-<p>Der Elefant ist nun auch ein großes altertümliches
-Huftier und als solches im weitesten Sinne natürlich auch
-mit dem Nashorn urverwandt; im engeren aber wissen
-wir ja jetzt (wir haben eben davon gesprochen), daß sein
-Stammbaum später ganz eigene Wege, unabhängig sowohl
-von der Nashorn- und Pferdelinie wie auch von
-der Nilpferd-, Schwein- und Wiederkäuerlinie, genommen
-hat. Sollte auch der Klippdachs in seiner dunkeln Vorgeschichte
-am Ende mit dem Elefanten noch näher zusammengegangen
-sein als dem Nashorn?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_180">[180]</a></span></p>
-
-<p>Lange tappte auch diese Idee für sich im Dunkeln,
-da man die Elefantenvorfahren in wirklichen Knochenresten
-selbst zunächst ja nicht finden konnte. Erst in
-letzter Zeit ist das, wie gesagt, in Ägypten endlich geschehen.
-Gerade jetzt aber mischte recht ärgerlich sich
-auch noch ein grober Fehlschluß in den Fall Klippdachs
-ein.</p>
-
-<p>Der höchst eifrige, aber etwas voreilige Paläontologe
-Ameghino in Südamerika beschrieb nämlich plötzlich die
-angeblichen Ahnen des Klippdachses aus angeblich so
-uralten Gesteinsschichten Patagoniens, daß sie gar noch
-in der großen Saurierzeit, in der Kreideperiode, gelebt
-hätten. Beides war aber falsch, sowohl die Zeitbestimmung
-wie die Sache selbst; es hatte eine Verwechslung
-mit echt südamerikanischen Huftieren stattgefunden,
-die selber, wie in allem, was aus ihnen je
-geworden ist, niemals über Südamerika hinausgekommen
-sind und nicht einmal entfernt den Klippdachsen geglichen
-haben. Leider wurden die betreffenden Tiere in der ersten
-Hitze »Urklippschliefer« (<em class="antiqua">Archeohyrax</em>) benannt, und dieser
-Name erbt nun nach dem Gesetz der Erstgeburt in
-unseren Lehrbüchern fort, obwohl er völlig in die Irre
-führt. Das Gesetz hat schon manche Not dieser Art
-gebracht, diesmal aber sollte es ein besonders mißliches
-Exempel werden. Denn kaum, daß der falsche Urklippdachs
-im Buche stand (mit dem Vermerk, daß er falsch
-sei!), so meldete sich wie zum Tort gerade der so lange
-Gesuchte selbst.</p>
-
-<p>Jenes Fayumgebiet in Unterägypten gab bei Gelegenheit
-der erfolgreichen Suche nach den dort begrabenen<span class="pagenum"><a id="Seite_181">[181]</a></span>
-Vorfahren der Elefanten nun doch plötzlich eine Fülle auch
-echter urweltlicher Klippdachsknochen frei. Und das lief
-jetzt auf eine wirklich große Überraschung hinaus.</p>
-
-<p>Um das Ende des ersten Drittels der Tertiärzeit
-haben die sumpfigen Waldungen des damaligen nordafrikanischen
-Kontinents offenbar auch schon sehr zahlreiche
-Klippdachse bewohnt. Unter ihnen aber wandelte
-als auffälligste Gestalt damals noch der wahre Riesenklippdachs
-(<em class="antiqua">Megalohyrax</em>).</p>
-
-<p>In der Größe nahm er es mit dem stärksten Bären
-oder, wenn wir beim Nashorn bleiben wollen, ungefähr
-mit einem mittelgroßen Sumatranashorn auf. Ein solcher
-entsprechend schwerer Riese kletterte natürlich nicht auf
-Bäume, sowenig er in engen Felsspalten »schliefte«
-oder sich an glattes Gestein klebte. Das Wasser dürfte
-er mit seinem schwachen Schwanz auch nicht geliebt
-haben. Seine kurzen, bei solcher Größe jedenfalls noch
-nicht so springflinken Klippdachsbeine machten ihn vielmehr
-wohl zu einem ruhigen Waldgänger, der behaglich
-das üppige Laub abweidete. Im ganzen Habitus muß
-er aber sonst schon ein durchaus echter Klippdachs gewesen
-sein, bloß daß alle Eigenart viel imponierender
-hervortrat: der dicke Pelz als große bären- oder mammuthafte
-Wollgestalt, die emaillierten Stoßzähne als wirkliche
-starke Elefantenstößer. Recht unheimlich muß der Riese
-ausgesehen haben, obwohl gewiß auch er kein besonderer
-Angreifer war und von den bösen Raubtieren dieses urafrikanischen
-Waldes sicherlich viel Not gelitten hat.</p>
-
-<p>Entscheidend aber löst er uns die oben gestellte Frage.
-Also auch die Klippdachse hatten einmal ihre »große<span class="pagenum"><a id="Seite_182">[182]</a></span>
-Zeit«. Ganz früh hatten sie diese Zeit schon, in Tagen,
-wo das Pferd sogar noch klein war. Aber dieser frühe
-Glanz erlosch auch um so rascher.</p>
-
-<p>Im letzten Drittel der Tertiärzeit hat, wie wir jetzt
-aus nachträglich richtiger Deutung von Knochenresten
-auch glücklich wissen, auf der Insel Samos und dem
-griechischen Festlande noch ein einzeln verspäteter, relativ
-großer Altklippdachs jener Glanztage fortgelebt.</p>
-
-<p>Auf unsre Zeit aber kam das Geschlecht nur mehr
-in kaninchenhafter Verzwergung. Bedeutsam aber ist
-dabei wieder der alte Ort des Glanzes: Afrika.</p>
-
-<p>Offenbar haben die Klippdachse zum ältesten Stamm
-ursprünglich afrikanischer, in Afrika landes- und geburtseigentümlicher
-Hufsäugetiere unserer Erde gehört.</p>
-
-<p>Im Gebiß wesentlich noch urtümlicher, weniger einseitig
-gebaut, verraten jene großen Altformen ihres Geschlechts
-uns auf der einen Seite jetzt noch deutlich
-auch ihren Anschluß an die Stammgruppe der Huftiere
-überhaupt, von der auch alle die geographisch entfernteren
-(selbst die nordamerikanischen) Formen ursprünglich einmal
-ausgegangen sein müssen.</p>
-
-<p>So erklären sich die Beziehungen, die den kleinen
-Schliefer von heute noch in seinem Zahnbau mit dem
-Nashorn verknüpfen; einzelne jener alten Fayumer gemahnen
-ebenso und stärker hier auch noch an das Schwein,
-das heute doch wieder vom Nashorn so weit fernsteht.</p>
-
-<p>Das sind aber eben ganz allgemeine Altersreminiszenzen.</p>
-
-<p>Andererseits muß dagegen für ihre engere afrikanische
-Fortbildung und Nächstverwandtschaft jetzt entscheidend
-werden, daß sie in dieser ihrer engeren geographischen<span class="pagenum"><a id="Seite_183">[183]</a></span>
-Wurzelung wirklich nur noch einen einzigen uns erkennbaren,
-ebenfalls damals hochsteigenden Genossen gehabt
-haben, nämlich tatsächlich das alte große Wundertier
-der Sage wie Naturgeschichte &ndash; den Elefanten.</p>
-
-<p>In jenen gleichen nordafrikanischen Sumpfwäldern
-der älteren Tertiärzeit sind ja auch die Elefanten damals
-hochgekommen aus den relativ kleinen, wirklich sumpfbewohnenden
-Urelefanten (Möritherien) zu den späteren
-Riesen.</p>
-
-<p>Wenn nun im Bau der Stoßzähne wie in mehreren
-Einzelheiten des Fußbaues eine unverkennbare engere
-Ähnlichkeit auch von Klippdachs und Elefant heute noch
-besteht, so legt diese geographische Einheit einen solchen
-Stein jetzt dazu in die Wagschale, daß es fast zwingend
-zu des Märchens wie der Weisheit letztem Schluß
-wird: Klippdachs und Elefant gehörten ursprünglich auch
-körperlich noch länger zusammen, bildeten eine Einheit &ndash;
-und erst in ihrem Afrika selber haben sie sich allmählich
-getrennt: der Urelefant, indem er zuletzt auf Mastodon
-und Mammut ins Kolossale ging &ndash; der Klippdachs,
-indem er zum Kaninchenzwerge später sank. Nicht ein
-Miniaturnashorn lebt uns also heute in diesem Klippdachs
-fort, wohl aber ein <em class="gesperrt">Miniaturelefant</em>.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_184">[184]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Mammutschnitzer_von_Predmost">Die Mammutschnitzer von Predmost</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Sie kommen &ndash; da hilft nun nichts mehr!</p>
-
-<p>Lange genug haben wir uns ehrlich gewehrt,
-nun ist es Zeit, daß wir uns ehrlich für besiegt erklären.</p>
-
-<p>Nämlich jene wunderbaren Menschen der Diluvialzeit,
-die so viele Jahrtausende vor Beginn unserer geschichtlichen
-Überlieferung gelebt haben, daß den Historiker,
-dem schon ein Tag ein Wert ist, mit Recht
-dabei ein Gruseln überläuft.</p>
-
-<p>Wie auf dem Bilde Kaulbachs über dem Schlachtfelde
-noch die Geister der Gefallenen weiter bekämpft
-werden, so haben wir mit ihren unheimlichen Schatten
-gerungen, als sie zuerst vereinzelt aus den feuchtkalten
-Kellergewölben ihrer Höhlen aufzusteigen begannen. Aber
-aus den Schemen sind ganze Völker geworden, und die
-Gespenster haben, was das Entscheidende für ihre Aufnahme
-in die wirkliche Geschichte sein muß, für uns eine
-Seele bekommen.</p>
-
-<p>Keine Tradition wußte von diesen Menschen. Sie
-haben für uns keine Namen, keine Sprache, vielleicht
-auch keine Heimat, denn sie tauchen als schweifende
-Jägerstämme bei uns in Europa auf, die wer weiß wie
-weit herkommen konnten. Aber sie tauchen auf in
-der Eiszeit. Mit nicht schlechten, aber ganz einseitigen
-Waffen (Stein, Horn, Bein, Holz) jagen sie die märchenhaften
-Tiere jener Erdepoche, auf europäischem Boden<span class="pagenum"><a id="Seite_185">[185]</a></span>
-Löwen und Panther, riesenhafte Bären, Elefanten und
-Nashörner, das Urwildpferd und den Präriebison.</p>
-
-<p>Nie wieder hat Europa solche Jagd gesehen. Wie
-verschwinden alle Herkulessagen der Griechen dagegen!
-Zu den Ungetümen, die sie bezwangen, möchte man sich
-schauerlich wilde Vormenschen denken, die selber noch
-halbe Ungeheuer waren. Zumal in so endlos ferner
-Zeit. Aber gerade das sind sie auch nicht gewesen, und
-daß sie es nicht waren, ist wohl das allverblüffendste
-an ihnen, vor dem auch die energischsten Heißsporne,
-die zuerst für ihre Existenz eintraten, noch haben umlernen
-müssen.</p>
-
-<p>Sie hatten schon eine hochentwickelte Kunst! In
-unzähligen Denkmälern, die in Südfrankreich und
-Spanien neuerdings fast Monat für Monat neu aus
-den alten Höhlen und Kulturschichten hervorgezogen
-werden, ersteht diese Kunst augenblicklich imposant vor
-unserem Blick. Schnitzereien, Gravierungen, Reliefplastik
-und farbige Malereien, die Jagdszenen, Tierbilder, Ornamente
-darstellen, geben ein nie erwartetes, ein überwältigendes
-Bild. Diese Menschen begannen nicht erst
-mit der Kunst: sie besaßen sie bereits. Sie waren vielfach
-Meister der Darstellung. Die Prachtwerke über
-diluviale Höhlenmalereien, die gegenwärtig unter der
-Ägide des Fürsten von Monako erscheinen, riesige
-Quartbände mit Farbentafeln, enthüllen nicht nur wissenschaftliche
-Dokumente zur Kunstgeschichte, sondern sie
-geben (besonders aus der Wunderhöhle von Altomira
-in Spanien, deren ganze Decke ein figurenreiches und
-farbenprächtiges prähistorisches Freskogemälde bedeckt)<span class="pagenum"><a id="Seite_186">[186]</a></span>
-einzelne Blätter, die fortan die Freude jedes künstlerisch
-empfindenden Auges sein müssen wie nur irgendeine große
-Höhenleistung sonst der älteren Kunst. Und erst seit
-wir in diese Kunst der Mammutjäger schauen, läßt sich
-wirklich jenes eben gebrauchte Wort anwenden: daß wir
-jetzt auch diese Menschen <em class="gesperrt">seelisch</em> besitzen im Inhalt
-unserer Kulturgeschichte.</p>
-
-<p>Von Mammutjägern also zu Mammutmalern und
-Mammutschnitzern!</p>
-
-<p>Die amüsante kleine Episode, die ich hier an diese
-mächtige neue Melodie knüpfen möchte, beweist indessen
-mit ihrem Anfang klärlich, daß man auch heute noch,
-in unseren (bekanntlich) sehr hellen Tagen, bei einem
-Mammut zunächst an etwas wesentlich anderes denken
-kann als an Kunst.</p>
-
-<p>So geschah es nämlich Herrn Chrometschek, Gutsbesitzer
-zu Predmost, einem kleinen Flecken bei Prerau
-in Mähren, der vor einer Reihe von Jahrzehnten hinter
-seinem Garten graben ließ und dabei in einer alten verbackenen
-Staubschicht des ehemaligen diluvialen Steppenbodens
-dieser Gegend auf eine Katakombe gewaltiger
-Knochen stieß. Die meisten und größten stammten eben
-vom Mammut, und nie bisher ist eine großartigere Anhäufung
-von Gebeinen dieses verschollenen europäischen
-Elefanten zutage gekommen. Die Reste von fast
-tausend Individuen sind noch in der Folge geborgen
-worden, junge und alte dabei, vom Urvater bis zum
-Embryo. Daneben Knochen des Nashorns, des Urstiers,
-des heute noch in Grönland existierenden Moschusochsen,
-des Elchs, des Wildpferdes, der Gemse, vermischt<span class="pagenum"><a id="Seite_187">[187]</a></span>
-mit denen von Löwe, Leopard, Wolf, Vielfraß
-und Biber.</p>
-
-<p>Herr Chrometschek aber als umsichtiger Landwirt ließ
-diesen ganzen reichen Segen, so oft er sich beim Abbau
-des alten Steppensandes wiederholte, reinlich zu Pulver
-zerstampfen und düngte seine Felder damit &ndash; lange
-Jahre hindurch. Und dann erst fanden ein paar hinzukommende
-ausgezeichnete Gelehrte (zunächst Wankel,
-nachher Maska und Kriz), daß dieser Dünger doch für
-Kohlköpfe oder Rüben entschieden etwas zu kostbar sei
-und besser menschlichen Gehirnen und wissenschaftlichen
-Theorien zugewendet werde.</p>
-
-<p>Als das ganz besonders Interessante ergab sich nämlich,
-daß es sich hier nicht bloß um ein zufälliges Massengrab
-vorweltlicher Tiere, etwa auf Grund zusammengeschwemmter
-oder in einem Staubsturm gemeinsam begrabener
-Kadaver, handelte. Vorgeschichtliche Menschen hatten
-schon einmal die Hand dabei im Spiel gehabt. Zu vielen
-Tausenden lagen ihre Steinwerkzeuge am Fleck, auch einzelne
-Skelettreste. An Holzkohlen und Asche erkannte man,
-daß sie Feuer gebrannt hatten. Viele der Tierknochen
-waren künstlich zerschlagen, angebrannt, bekritzelt, rot
-gefärbt. Stellenweise lagerten die Mammutgebeine in
-hübsch sortierten Haufen: hier lauter Beckenknochen,
-dort Schulterblätter, Zähne oder Gelenkköpfe zueinander
-gesammelt. Kein Zweifel: Menschen hatten mit dem
-Material gewirtschaftet, und wenn irgend etwas nahelag,
-so war es die Annahme, daß es sich um eine Jägerstation
-handelte, wo frisches Jagdwild abgehäutet, verarbeitet,
-zum Teil gebraten und gegessen, zum Teil in<span class="pagenum"><a id="Seite_188">[188]</a></span>
-seinen brauchbaren Knochenteilen ausgeschlachtet worden
-war. Wohlverstanden: hauptsächlich Mammutwild. Eine
-Art Abdeckerei oder Schlachthaus aus der Mammutzeit
-selber stand vor Augen, und der Schlächter war schon
-der Mensch gewesen!</p>
-
-<p>Es war eine gar gewaltige Triebkraft, was dieses
-Mammutlager von Predmost damals, in den achtziger
-Jahren des neunzehnten Jahrhunderts, in die annoch
-junge prähistorische Wissenschaft hineinzubringen schien.</p>
-
-<p>Zum ersten Male faßte man davor den ganzen Mut,
-den Menschen der alten Steinzeit wirklich zusammen zu
-sehen mit diesen schauerlichen letzten Urweltsgestalten der
-Tierwelt, die alle ältere Geologie noch durch die furchtbarste
-Erdenkatastrophe von jeglicher Menschennähe getrennt
-gedacht hatte.</p>
-
-<p>Aber der Geistesboden war zu glänzend damit gedüngt,
-um nicht eine ganz unerwartete Riesenrübe noch
-hervorzutreiben in Gestalt eines genialen Gedankens, der
-so genial war, daß er tatsächlich noch einmal die ganze
-Geschichte in die Luft fliegen ließ.</p>
-
-<p>Der Gedanke wuchs im durch und durch gescheiten
-Kopfe des alten Japetus Steenstrup aus Kopenhagen,
-der, damals schon bald achtzigjährig, eigens herangepilgert
-war, um sich auch von dem Wunder zu überzeugen.</p>
-
-<p>Steenstrup, Zoologe von Haus aus, dann selber
-Prähistoriker, hatte die gründlichsten allgemein geachteten
-Forschungen hinter sich &ndash; über das Liebesleben jener
-wundersamen Seetiere, die stets in einer Generation
-wirkliche Liebespärchen, in der nächsten dagegen nur ein
-einziges pflanzenhaft ausschlagendes Elternwesen hervorbringen;<span class="pagenum"><a id="Seite_189">[189]</a></span>
-über die verschrobenen Augen der Flundern;
-über die geschichtlichen Geheimnisse der dänischen Torfmoore
-und Muschelbänke und anderes mehr. Meister
-Steenstrup befand sich aber kaum im Angesicht des
-Mammutfeldes, so gab er auch schon die überraschendste
-Lösung.</p>
-
-<p>Jedermann kennt die berühmte Geschichte von den
-sibirischen Eiskadavern von Mammuten, die, vor ungezählten
-Jahrtausenden in Gletscherspalten eingefroren,
-heute noch gelegentlich mit Haut und Haaren heraustauen.
-Wenn solches Tauen geschieht, kommen die
-hungrigen Wölfe heute noch hinzu und fressen von dem
-derben Brocken vorgeschichtlichen Gefrierfleisches, nicht
-minder aber besuchen die armen Tungusenjäger da oben die
-Stätte, um sich der famosen Elfenbeinhauer zu bemächtigen.</p>
-
-<p>Wer beweist uns nun, fragte der alte Steenstrup,
-daß ein solcher Hergang nicht auch den Fall Predmost
-selber erklären kann? Bis ans Ende der Eiszeit reichten
-nordsibirische Verhältnisse tief nach Europa hinein. Wenn
-nun schon damals im gefrorenen Boden oder Gletschereis
-solche Gefriermumien gesteckt haben? Bloß eben
-damals bis in Gegenden noch hinein, die so weit südlich
-lagen wie dieses mährische Predmost? Und wenn schon
-damals einmal ein solcher ganzer Eisschrank gerade hier
-aufgetaut war, seine uralten Mammutbraten in nicht
-ganz delikatem Zustande wieder herausgebend? Wenn
-dann Menschen von damals in der Nähe vorbeizogen,
-werden nicht auch sie sich brauchbare Zähne und Knochen
-herausgesucht haben? Die ekle Stätte wird jedenfalls
-gründlich von ihnen durchwühlt worden sein. Wölfe<span class="pagenum"><a id="Seite_190">[190]</a></span>
-werden von dem Fleisch gefressen haben. Wer weiß:
-am Ende sogar halb verhungerte Menschen selber. Steinzeitmenschen
-natürlich. Aber deshalb doch noch lange
-nicht Zeitgenossen des <em class="gesperrt">lebenden</em> Mammuts. Keine
-Mammutjäger! Unabsehbare Zeiträume mögen die Zeit,
-da diese Mammute wirklich gelebt hatten, schon damals
-getrennt haben von der Stunde, da ihre Gefrierleichen
-heraustauend so in Menschenhand kamen. Sibirien in
-Predmost, nichts weiter, aber nicht lebende Menschen
-vor lebendigen europäischen Elefanten.</p>
-
-<p>Wenn je ein Gedanke mit seiner Logik bezwang, so
-war es dieser. Ich weiß selbst noch genau, wie er mich
-absolut sieghaft gefangennahm, als ich ihn zum ersten
-Male las. Es gab keine Widerrede. Für einen so
-geistvollen und eminent kenntnisreichen Kopf wie Virchow
-ist er damals entscheidend für seine ganze Stellungnahme
-zu diesen Fragen bis an sein Lebensende geworden. Er
-schien berufen, pädagogisch eine wahre Warnungstafel
-zu werden, wie heillos vorsichtig man beim Gehen auf
-diesem schwankenden Staub und Schnee der Vorwelt
-sein müsse. Nach solchem Fiasko an der eklatantesten
-Stelle mußte man auch alle anderen angeblichen Beweise
-für das Zusammenleben von Mensch und Mammut
-mit neuen und zwar mit sehr, sehr kühlen Augen ansehen.
-Virchow kam mit solchen Augen zu dem festen
-Schluß, daß es trotz aller Rederei und Flunkerei bisher
-keinen diluvialen »Mammutmenschen« gebe, sowenig
-wie einen tertiären Affenmenschen.</p>
-
-<p>Die Franzosen besaßen allerdings damals längst in
-einer ihrer Sammlungen ein vielbewundertes Stück<span class="pagenum"><a id="Seite_191">[191]</a></span>
-Mammutelfenbein &ndash; gefunden im Vézèretal in der
-Dordogne, wo das wahre Pompeji diluvialer Kultur
-und Kunst ist &ndash; mit einem wohl erkennbar eingravierten
-Bilde eines Mammut darauf. Das mußte jetzt
-eine »Fälschung« sein. Wenn einige tüchtigste deutsche
-Forscher, die damals aburteilten, dort Direktor gewesen
-wären, wer weiß, in was für einer Müllgrube das unschätzbare
-Stück verschwunden wäre. Wer aber ja noch
-so leichtgläubig sein wollte, es für echt zu halten, der
-mußte sich sagen lassen, daß es selbst dann nichts beweise;
-denn wenn die Steinzeitmenschen noch Eiskadaver
-mit erhaltenen Rüsseln und Mähnen aufgefunden hatten,
-so mochten sie danach auch ein echtes behaartes Elefantenbild,
-wie es jene Platte wies, konstruiert haben,
-ohne doch je ein lebendes Mammut gesehen zu haben;
-auch dieser Schluß hat mir selber lange imponiert.</p>
-
-<p>Das unschätzbare Stück&nbsp;…! Denn das ist schließlich
-doch der Witz und die wahre Nutzanwendung der ganzen
-Geschichte geworden, daß der alte Steenstrup sich trotz-
-und alledem gründlich verhauen hatte.</p>
-
-<p>Seine Idee stand und fiel mit der einen Möglichkeit,
-daß jene Steinzeitler zu ihrer Zeit in Mähren mit
-uralten, in undenklichen Zeitfernen rückwärts niemals
-aufgetauten Eismassen und Gefrierböden in Berührung
-kommen konnten. Die nähere geologische Untersuchung der
-Stelle hat diese Möglichkeit aber rund verneint. Predmost
-ist überhaupt niemals in der Diluvialzeit derartig vereist
-gewesen, konnte also auch keine Mammute konservieren.</p>
-
-<p>Die Menschen jener Tage lebten nicht auf Dauereisboden,
-sondern in weiten Grassteppen, wie sie für<span class="pagenum"><a id="Seite_192">[192]</a></span>
-große Landgebiete und Zeitperioden der langen Diluvialzeit
-vielfach in Mitteleuropa charakteristisch gewesen sind,
-Steppen, durch die die Saigaantilope streifte wie heute
-noch im südöstlichen Rußland. Ihrer Kultur und ihrem
-Körperbau nach gehörten diese Predmoster Jäger wahrscheinlich
-zu jenem diluvialen Volk, das man heute nach
-dem Fundort Solutré bei Lyon benennt; die Solutréenser
-waren in Frankreich besonders eifrige Jäger auf die
-zahllosen, auch für die Grassteppe charakteristischen Herden
-von Wildpferden, wie sie ähnlich heute die Wüste Gobi
-bewohnen. Man schiebt gegenwärtig diese Solutréenser
-zeitlich ziemlich weit in die Diluvialzeit hinein und läßt
-sie wesentlich älter sein als die sogenannten Magdalenier,
-die das hauptsächlichste Volk jener französischen Kunsthöhlen
-im Vézèretal gewesen sind. Nun wissen wir
-aber, seit wir diesen Volksanschluß ungefähr haben,
-aus zahlreichen anderen Funden, daß in die Jagdsteppe
-der Solutréenser tatsächlich auch das Mammut
-noch allenthalben lebend gekommen ist. Ein <em class="gesperrt">Nicht</em>zusammentreffen
-mit dem Menschen, dem jagdfrohen
-von damals, müßte also geradezu ein Wunder gewesen
-sein!</p>
-
-<p>Und so ergibt sich der alte Schluß für Predmost
-diesmal als die selbstverständlichste Folgerung: auch in
-dieser mährischen Steppe müssen die Mammute besonders
-zahlreich gewesen sein, und speziell in Predmost haben
-die mährischen Solutréenser besondere Jagdtriumphe über
-das Riesenvolk gefeiert.</p>
-
-<p>Damit aber werden auch alle weiteren Schlüsse wieder
-hinfällig.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_193">[193]</a></span></p>
-
-<p>Jenes von der Hand eines Diluvialmenschen gezeichnete
-Mammutbild kann echt und noch nach dem
-lebenden Original gezeichnet sein. Es ist von einem
-Magdalenier gefertigt, also von einem Diluvialmenschem
-dessen Volk, wie gesagt, erst einer späteren Epoche der
-Diluvialzeit als die Solutréenser angehört. Es beweist
-also nur, daß das Mammut über die Predmoster Tage
-fort noch lange in Europa hinaus weitergelebt haben
-muß. Inzwischen zweifelt aber an der vollwiegenden
-Echtheit dieses schönen Fundstücks auch deshalb längst
-kein Mensch mehr, weil man in den Höhlen des Vézèretales
-seither die prachtvollsten magdalenischen Malereien
-entdeckt hat, die zahlreiche Mammute in den lebendigsten
-Stellungen mitten unter den anderen zweifellosen Jagdtieren
-von damals darstellen. Da hört jeder Gedanke
-wie an Fälschung, so auch an Rekonstruktion nach Eisfleisch
-auf!</p>
-
-<p>Gerade an dieser Stelle aber hat die Geschichte
-neuerlich nun noch eine besondere Krönung erfahren, die
-erst den ganz würdigen Schluß gibt.</p>
-
-<p>Bereits sehr zu Anfang hatte man auf den Predmoster
-Knochen leise Kunstspuren entdeckt, Zickzackornamente,
-Wellenlinien, konzentrische Kreise, Dreiecke.
-Später kamen Elfenbeinschnitzereien zutage, darunter das
-Bild einer sehr rundlichen, anscheinend tätowierten Dame.
-1895 stieß nun Herr Kriz auf ein mehrfach zerbrochenes
-Stück Mammutzahn, das ihm immerhin auch als ein
-unvollendeter Kunstversuch erschien, ohne daß er der
-Sache Bedeutung beilegte. Und erst 1909 faßte der
-andere treffliche Bearbeiter der Schätze, Maska, den<span class="pagenum"><a id="Seite_194">[194]</a></span>
-wahren Sachverhalt: die richtig aneinander gepaßten
-Stücke zeigten ein höchst famoses Schnitzbild des Mammut
-&ndash; ein zeitgenössisches Bild also des so viel umstrittenen
-Mammut von Predmost nunmehr in höchsteigener
-Gestalt.</p>
-
-<p>Die unbedeutend fragmentarische Figur mißt 116 Millimeter
-in der Länge. Das stark behaarte Tier ist auch
-hier in lebhafter Bewegung, wohl heranschreitend, erfaßt,
-die charakteristische Elefantenstirn erhoben, die
-(beim Mammut kleinen) Ohren schlagend, Rüssel und
-Beine in rascher Schrittstellung. Ganz besonders lebendig
-wirkt die Schwanzquaste, die die linke Flanke peitscht.
-Solche Lage ergab sich aus kluger Ausnutzung des Platzes,
-der gleichzeitig die Stoßzähne zum Opfer fielen; aber
-das Vorbild dieser Möglichkeit konnte nur aus dem
-lebenden Tier in der Seele des Künstlers sein &ndash; des
-Mammutschnitzers von Predmost.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_195">[195]</a></span></p>
-
-<h2 id="Die_Furcht_vor_dem_Menschen">Die Furcht vor dem Menschen</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Auf die menschliche Phantasie hat von je der Anblick
-ferner duftig blauer Inseln mit einer ganz
-besonderen Magie gewirkt.</p>
-
-<p>Noch heute empfindet man das, wenn man vom
-Schiff eine solche dämmernde Küste aufsteigen und
-dämmernd wieder verschwinden sieht. Eine unendliche
-Sehnsucht mischt sich mit unendlicher Neugier: als müsse
-gerade dort die Erfüllung aller Märchen wohnen. Und
-so war es in jüngeren und romantischeren Tagen der
-Erdgeschichte auch ein gern geglaubter Traum, es werde
-eine solche Insel einmal neu aus dem blauen Glast
-tauchen, die uns noch ein Stück des alten Paradieses
-bewahrt habe. Mit jungfräulichem Wald, wo der
-Löwe neben dem Lamm ruhte und die Tiere den Menschen
-als Bruder begrüßten. Vielleicht floß dort auch
-der Wunderquell, der die Menschen selber wieder verjüngte.
-Aber diese selige Insel ist nie gefunden
-worden&nbsp;…</p>
-
-<p>Dagegen gab es eine andere Erfahrung, die wirklich
-wiederholt und immer deutlicher gemacht wurde.</p>
-
-<p>Ganz rohes Matrosenvolk machte sie zuerst in rohen
-Zeiten, Leute, die gewiß das Paradies sowenig brachten,
-wie sie es zu finden verdienten, die auf einsamen Inseln
-im Meere sich als wüste Schlächter etablierten und zu
-ihren Proviantzwecken ganze Tiergenerationen massakrierten.<span class="pagenum"><a id="Seite_196">[196]</a></span>
-Sie bestaunten, und ihre Kapitäne schrieben es
-ins Schiffsjournal, daß die Tiere auf solchem noch nie
-vorher vom Menschen betretenen Eiland wirklich keine
-Angst vor dem Menschen hätten. Als Lämmer nahten
-sie dem Löwen Mensch, der ihnen dann allerdings
-gründlich genug das Paradies austrieb.</p>
-
-<p>Die eigentliche Hochflut solcher Inselentdeckungen im
-weiten Weltmeer liegt ja im allgemeinen noch in recht
-unkritischen Zeiten der Beobachtung. So könnte auch diese
-Geschichte in den älteren Quellen also oft wie ein Schiffermärchen
-aussehen, bei dem die alten Schlächter dort in
-einer Art unbewußten Kehrbildes zu ihrer eigenen Gefühlsroheit
-die Legende vom »ethischen Tier« erfunden hätten.</p>
-
-<p>Aber die Sache ist wahr geblieben. An den Hauptstätten
-der alten Verwüster ließ sie sich freilich durchweg später nicht
-mehr kontrollieren, aus dem einfachen Grunde, weil die
-Tierwelt, um die es sich handelte, dort längst vernichtet
-war, als die strenge Forschung nachkam. Aber es blieb doch
-noch einzelnes Neuland, und hier machten jetzt auch kritische
-Gelehrte von moderner Schulung den gleichen Fund.</p>
-
-<p>Darwin hat ihm zuerst die Gewähr seines großen
-Beobachternamens gegeben. Zweimal trat ihm auf seiner
-Weltfahrt die Paradiesesunschuld solcher Inseltiere gegenüber
-dem Menschen überwältigend entgegen: einmal auf
-den Galapagosinseln, diesem weit in den Stillen Ozean
-hinaus verschlagenen Rest von Südamerika, dann auf
-den Falklandinseln, diesem umgekehrten Vorposten der
-südamerikanischen Spitze im Atlantischen Meer.</p>
-
-<p>Auf den Galapagosinseln kannte kein Vogel Furcht
-vor dem Menschen. Man konnte kleine Vögel &ndash;<span class="pagenum"><a id="Seite_197">[197]</a></span>
-Darwin war alles eher als ein Tierschlächter alten Stils,
-immerhin aber doch ein passionierter Sammler &ndash; mit
-der Mütze totschlagen, so gänzlich naiv kamen sie heran.
-Zum erstenmal durfte der Kulturjäger, dessen Vorgänger
-es daheim mit viel Bemühen bis zum Schießgewehr
-gebracht, wieder zurückkehren zum Schlagwerkzeug prähistorischer
-Zeiten: ein Falke ließ sich einfach mit dem
-Flintenlauf vom Zweige eines Baumes stoßen. Eines
-Tages, erzählt Darwin wörtlich, kam, während er am
-Boden lag, eine Spottdrossel, setzte sich am Rande eines
-aus der Schale einer Schildkröte gefertigten Eimers, den
-er in der Hand hielt, nieder und begann ganz ruhig
-von dem Wasser zu schlürfen. An einer Quelle traf
-der Reisende einen Jungen, der vor sich einen Haufen
-von Tauben und Finken für sein Mittagessen liegen
-hatte; er hatte weiter nichts getan, als mit einer Rute
-im Sitzen das heruntergeschlagen, was ohne jede Scheu
-vor ihm an der gleichen Quelle trinken wollte.</p>
-
-<p>Auf den Falklandinseln liefen die Wildgänse, deren
-Vorsicht man sonst zur Genüge kennt, dem Jäger überall
-in die Hand, und ein kleiner Strandvogel war wenigstens
-zu den ersten Besuchern vor Darwin noch so zahm gewesen,
-daß er sich beinahe auf ihren vorgehaltenen Finger
-gesetzt hatte und zu zehn Stück in einer halben Stunde
-mit dem Stock erschlagen werden konnte; natürlich erschlagen
-&ndash; anders ging's zum Lohn für seine Paradiesesneigungen
-nicht!</p>
-
-<p>Darwin reiste in den dreißiger Jahren des neunzehnten
-Jahrhunderts, und seitdem ist die Zahl dieser
-»naiven Inseln« natürlich noch kleiner geworden. Wie<span class="pagenum"><a id="Seite_198">[198]</a></span>
-geographisch die letzte große <em class="antiqua">Terra incognita</em> aber die
-Antarktis, die Südpolarwelt, auch dann noch bis auf
-unsere Tage bleiben sollte, so sollten sich auch hier in
-der Nähe die letzten Bestätigungen des alten Wunders
-konservieren, glücklich begünstigt durch den Umstand, daß
-es in dieser ganzen Antarktis auch keinen einheimischen
-Menschen im Sinne des nordischen Eskimo gibt und
-wohl je gegeben hat.</p>
-
-<p>Selber noch nicht eigentlich polar, aber doch schon
-recht weit hinausgerückt dort, wo die unendlichen Wasser
-des freien Indischen Ozeans gegen den südlichen Polarkreis
-fluten, ragen die Kergueleninseln, eine Art Spitzbergen
-dieser Südwelt, mit wilden Fjorden und Gletscherschliffen,
-mit Eis und Basalt, alter Glut und jungem
-Frost, dazwischen mit sommerlich grünen Matten und
-reicher Tierwelt. Freilich wunderlichen Pflanzen und
-wunderlicher Tierwelt. Hier und fast nur hier wächst
-der rätselhafte Kerguelenkohl, eine Gemüsepflanze mit
-meterhohen Blütenständen, die zur ganzen übrigen Vegetation
-der Erde so fremd steht, als stamme sie von der
-Kante eines seit Urtagen abgesonderten Kontinentes.
-Zwischen den Blättern dieses antarktischen Kohls aber
-kriechen wie Blattläuse flügellose Fliegen und zu flugunfähiger
-Mißgestalt verkümmerte Schmetterlinge, die
-aussehen, als seien sie vorzeitig aus der Puppe geschält.
-Rüsselkäfer scheinen anzudeuten, daß einst
-auch diesen öden Fels Wälder geschmückt haben
-dürften. Den Hauptteil der Fauna aber bestreiten
-riesige Robben und zahllose Vögel &ndash; und gerade sie
-waren es, bei denen auch in unseren Tagen noch ein<span class="pagenum"><a id="Seite_199">[199]</a></span>
-vielleicht letztes Mal die »Paradiesunschuld« festgestellt
-werden konnte.</p>
-
-<p>Als die Gelehrten der deutschen Valdiviaexpedition
-am Weihnachtstage 1898 dort landeten, umflogen sogleich
-Schwärme von Seeschwalben die Dampfbarkasse
-und ließen sich auf ihrem Zeltdach nieder.</p>
-
-<p>Von allen Seiten trippelten dann, wie der Reisebericht
-erzählt, auf den vom Wogenschlag abgeschliffenen
-Basaltkuppen die hühnergroßen weißen Scheidenschnäbel
-heran, eine seltsame Sorte antarktischer Regenpfeifer, die
-eine besondere Scheide am Schnabel zum Schutz ihrer
-Nasenlöcher führen. Sie brauchen diesen Schutz beim
-Verschmausen des klebrigen Inhalts stibitzter Pinguineier
-&ndash; in diesem Punkte sind dieselben nämlich ohne
-paradiesische Manieren. Um so lebhafter aber trat in
-jener Stunde auch ihre vollkommene Unbefangenheit
-gegenüber dem Menschen zur Schau: neugierig pickten
-sie Herrn Chun aus Leipzig, der sie mit Zoologenblick
-musterte, mit ihren kuriosen Schnäbeln auf dem Schuhwerk,
-ja selbst dem Gewehrkolben herum und schlossen
-sich dann als treue Begleiter dem Wanderer an, als
-sollten sie ihm auf dem fremden Terrain Führerdienste
-leisten.</p>
-
-<p>Als die Reisenden Rast machten, setzten sich zwei
-mächtige, stahlblau und weiß mit roten Schnäbeln gefärbte
-Kormorane behaglich zu ihnen auf das gleiche
-Rasenstück und reckten wie zu lustiger Frage die Köpfe.
-Ungeheure Robben, sogenannte See-Elefanten, deren
-alte Bullen mit ihren aufgeblasenen Rüsselnasen und
-mächtigen Hauern martialisch genug ausschauen, so daß<span class="pagenum"><a id="Seite_200">[200]</a></span>
-man sie daheim auf Tierbuchbildern für die grauenhaftesten
-Angreifer halten möchte, blieben ruhig im
-Wege liegen, äugten mit ihren großen braunen Augen
-bloß die Fremden gemütlich einen Augenblick an und
-duselten und schnarchten dann wieder in ihrer Sonne
-weiter. Bald war man sich gewiß, daß es zum Bewältigen
-auch dieser Kolosse keiner Feuergewehre bedurfte,
-wenn man ihre Felle und Skelette für die heimischen
-Museen wünschte.</p>
-
-<p>Und vollends die Pinguine, diese drolligsten Südpolarler,
-behandelten das Menschenvolk völlig wie
-ihresgleichen. Sie traten herzu, hielten lange und eindringliche
-Reden in ihrer unverständlichen Sprache, versetzten
-auch Schnabelhiebe und Flossenpüffe, wenn man
-ihre eng gedrängte Kolonie durchschritt, aber offenbar
-auch das nur nach den Regeln eines gewissen derben
-Anstandskomments, den sie ebenso unaufhörlich untereinander
-übten. Der Leipziger Professor machte sich
-gelegentlich den Spaß, eine ganze Herde solcher ein Meter
-hohen Königspinguine eine halbe Stunde lang vor sich
-herzutreiben oder, besser gesagt, zu einem gemeinsamen
-Spaziergang zu animieren. Gravitätisch watschelten sie
-mit ihm dahin, anzuschauen wie die Rektoren der Hochschulen
-im Ornate, die, »jeder von dem eigenen Werte
-genügend durchdrungen, zur Audienz antreten«. Gegen
-zu rasches Tempo lehnten sie sich sanft auf, fröhlich
-dagegen stimmten sie mit ihrem »Kräh! Kräh!« ein,
-als der menschliche Führer einen Wandergesang intonierte.
-Die lustige Tour endete leider auch diesmal
-etwas traurig, denn am Ufer griffen die Matrosen<span class="pagenum"><a id="Seite_201">[201]</a></span>
-die schönsten Exemplare heraus und schleppten sie lebendig
-an Bord.</p>
-
-<p>Nach diesen Angaben, die nicht romantischen Fabulierern,
-sondern ernsten, sogar hervorragend kritisch veranlagten
-Naturforschern verdankt werden, kann über die
-Grundtatsache der »Menschenfreundlichkeit« nichtgejagter
-Tiere kein Zweifel sein.</p>
-
-<p>Diese Tatsache aber muß nun auch für unsere Zeit
-und Denkrichtung vom allerhöchsten Interesse sein.</p>
-
-<p>Es gibt, so zeigt sie, keinen allgemeinen »Urinstinkt«
-des Tieres, der <em class="gesperrt">gegen</em> den Menschen gerichtet wäre.</p>
-
-<p>Im Zeitalter Darwins mit seiner Lehre vom Kampf
-ums Dasein denken wir ja unwillkürlich zunächst, das
-Feindliche müsse allemal das Erste und Ursprüngliche
-sein. Wir vergessen aber dabei, was für eine ungeheure
-Rolle auch in der sich selbst überlassenen Natur die
-gegenseitige Freundschaft und Hilfe längst und von früh
-an gespielt haben und noch spielen. Wir vergessen
-den urgeborenen Trieb der Tiere zur Geselligkeit, und
-wie aus ihm zunächst keineswegs Kampf und Flucht
-einem neuen Wesen gegenüber resultieren. Daseinskampf
-im Sinne, daß die Wesen um ihre Existenz
-ringen mußten, ist ja gewiß eine uralte Erscheinung auf
-Erden. Aber die engere Form, daß dabei gerade das
-lebendige Mitwesen befehdet und gefürchtet wurde, ist
-keineswegs eine absolute, sondern vielfach erst eine ganz
-nachträgliche, sekundäre gewesen. Mächtiger als sie war
-von Beginn an der Versuch, durch Zusammenhalten
-Vieler und gegenseitige Hilfe die <em class="gesperrt">gemeinsame</em> Not
-des Daseins zu ertragen und das Glück des Daseins<span class="pagenum"><a id="Seite_202">[202]</a></span>
-positiv zu vermehren. Daher schon die Zellenstaaten,
-dann die Liebesbünde, die Tiergenossenschaften und
-Tierstaaten, all diese unendlichen Wege und Ziele, deren
-höchste Krönung ja schließlich eben auch die unendlichen
-Regungen und Segnungen des menschlichen Gesellschaftslebens
-selber sind, <em class="gesperrt">ohne</em> die der Kulturmensch
-gar nicht denkbar ist und denen bei uns das entspringt,
-was wir Ethik nennen.</p>
-
-<p>Daß die Robbe, daß der Pinguin, die von Haus
-aus bereits extrem gesellige Tiere sind, den neu erscheinenden
-Menschen nicht als Gegner nehmen, ist also nur
-das Nächstliegende. Der »Feind« ist ihnen ein in ein
-paar bestimmten Formen präzisierter leidiger Einzelfall
-&ndash; das Anschlußfähige, Anschmiegsame, Mittuende dagegen
-sozusagen die Normalsache. Soll man die traditionelle
-Auffassung eines solchen Tiers menschlich ausdrücken,
-so würde sie wohl ungefähr lauten: es gibt ein
-paar Spitzbuben in der Welt, die diese oder jene bestimmte
-Livree tragen, jenseits dieser Ausnahmen aber
-ist die Masse treu, und was neu ist, wird zunächst nicht
-eben für eine Ausnahme, sondern für die Regel gewertet
-werden. Der Begriff des allen Mittieren und
-Neutieren gegenüber wahnsinnig verscheuchten und absolut
-mißtrauischen Wesens, wie ihn eine falsche Konsequenz
-der Darwinschen Ideen erzeugt hat, wird von uns erst
-künstlich in den Normalzustand hineingedacht. Wohl
-aber ist natürlich auch ein Weiteres wahr.</p>
-
-<p>Wenn der Mensch sich solchen an sich gesellschaftlich
-wohlwollenden Tieren gegenüber eine Weile als obstinate
-Räuberausnahme geriert, so fängt auch das Tier an,<span class="pagenum"><a id="Seite_203">[203]</a></span>
-ihn als solche individuelle <em class="gesperrt">Ausnahme</em> einzuschätzen,
-und gewisse Schutzorganisationen seiner Natur schaffen
-das in kürzerer oder längerer Frist zu einem festen Instinkt
-um.</p>
-
-<p>In unglücklichen Fällen kommt die Bedrohung ja
-rascher, als daß diese Selbsthilfe nachkommen kann. So
-waren die guten dicken Drontenvögel von Mauritius,
-truthahngroße Tauben, die jeden fremden Matrosen auch
-zuerst als Genossen begrüßt hatten, im Nu von den
-proviantbedürftigen Holländern bis auf den letzten Kopf
-hingemordet, ehe sich von innen heraus irgend etwas
-bei ihnen auflehnen konnte. Bei ein wenig Spielraum
-aber wird der Instinkt, der das Menschenwesen fürchten
-lehrt, nicht ausbleiben.</p>
-
-<p>Auf was für einem Wege er sich durchsetzt, das ist
-ja heute eine Streitfrage für sich. Die einen nehmen
-schlicht an, daß die Tiere einzeln allmählich durch Schaden
-klug werden und den Gegner kennen lernen, und daß sich
-diese Erfahrung allmählich schon als zwingender Instinkt
-auf die Jungen vererbt; andern ist gerade das nicht
-genehm, und sie suchen verwickeltere Erklärungspfade;
-aber das sind Nebendinge, die das Faktum nicht ändern.</p>
-
-<p>Darwin selbst merkte schon, daß die Vögel auf den
-Falklandinseln zu seiner Zeit nicht mehr <em class="gesperrt">ganz</em> so zahm
-waren wie siebzig Jahre früher. Ein Zugvogel der Inseln,
-der schöne schwarzhalsige Schwan, hatte aber schon damals
-überhaupt keine Menschenfreundschaft gezeigt: seine
-Vorfahren hatten auf ihren Wanderungen offenbar längst
-anderswo gelernt, daß der Mensch ein Feind sei, und
-brachten diese Weisheit schon mit ins »Paradies«.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_204">[204]</a></span></p>
-
-<p>Ebenso beobachteten die Gelehrten von der »Valdivia«
-mit Staunen, daß <em class="gesperrt">ein</em> Tier der Kerguelen in ausgesprochenster
-Weise die Flucht vor dem Menschen ergriff:
-nämlich das Kaninchen. Aber auch diese Kerguelenkaninchen
-waren erst junger Import, eine englische Expedition
-hatte sie nicht lange vorher ausgesetzt. Wohl
-hatten sie sich auf dem guten Boden ins Unbegrenzte
-vermehrt, so daß jener interessante Kerguelenkohl ihrem
-vereinten Appetit bereits bedenklich zu erliegen begann.
-Aber noch war auch in ihnen mit ganzer Kraft der
-Instinkt ihrer wahren Heimat lebendig &ndash; der Instinkt
-der Flucht vor dem Menschenfeinde, den ihre Ahnen in
-langer Notzeit dort sich ausgebildet.</p>
-
-<p>Wen ergreift es nicht mit einer gewissen Tragik,
-wenn er von diesem »Umlernen« des Tieres hört!</p>
-
-<p>Der Mensch trat eines Tages auf diese Erde, zwischen
-die Tiere mit ihren unverwüstlichen Geselligkeitstrieben.
-Die Blüte seiner Kultur verdankte auch er der Existenz
-solcher Geselligkeitsformen seines eigenen Lebens. Auf
-ihnen beruhen Sitte, Recht und Staat, Mitleid und
-Menschenliebe und die Idee aufopfernder Hingabe, die
-zuletzt die Wurzel unseres ganzen Ideallebens bildet,
-bei ihm. Der schwarzhalsige Schwan und das Kaninchen
-aber haben ihn bloß als bösen Feind in den Kodex
-ihrer natürlichen Schutzzüchtungen aufnehmen müssen!</p>
-
-<p>Aber unwillkürlich denken wir, daß sich doch auch
-hier schon wieder etwas ändert. Hat sich im Tier etwas
-ändern müssen, so ändert sich jetzt wieder allmählich etwas
-im Menschen. Indem wir uns auf Tierschutz besinnen,
-einsehen, daß es nicht so fortgehen könne mit dem wüsten<span class="pagenum"><a id="Seite_205">[205]</a></span>
-Hinmetzeln und Zerstören, indem wir plötzlich einen
-neuen Standpunkt der Freude und der Achtung auch
-vor dem Tier uns zu erringen beginnen, bahnt sich von
-uns aus ein neuer entscheidender Umschwung an.</p>
-
-<p>Wo das Tier sich nur im Notzwange anpassen
-konnte, da bewähren wir Menschen eine neue und edlere
-Entwicklung aus eigener Kraft.</p>
-
-<p>Und es wird die Zeit kommen, wo auch diese veränderte
-Front sich im Tier selbst geltend machen wird.
-Seine Geselligkeitstriebe zum Menschen, der ihm in
-neuer Weise entgegenkommt, werden neu erstarken. Und
-es wird ein Triumph für uns selbst sein, wenn wir das
-eines Tages im ganzen zu bemerken beginnen &ndash; wie
-es heute schon hier und da ein paar zusammenhaltende
-Nachbarn erleben, die in ihren Gärten die kleinen Vögel
-nicht abschießen, sondern hegen und zutraulicher zu machen
-suchen und die in diesen Gärten bereits wieder diese verscheuchten
-Vögelchen sich versammeln sehen wie in einem
-Asyl&nbsp;&ndash;, ein erster blauer Schein wieder von der neuen
-Insel des Paradieses, die diesmal nicht in Wolkenkuckucksheim,
-noch in entlegenen Polarbreiten liegt, sondern
-in der erstarkenden Wärme des Menschenherzens selbst.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_206">[206]</a></span></p>
-
-<h2 id="Wie_das_Tier_der_fleischfressenden_Pflanze">Wie das Tier der fleischfressenden Pflanze
-ein Schnippchen schlug</h2>
-
-<p class="titlepoem">
-»Hier steht Aurikel in der Schenke<br />
-Und zapft den Gästen das Getränke.«
-</p>
-</div>
-
-<p class="drop">Wie lange ist es her, aus stillen Tagen ohne Kriegssturm,
-daß Meister Busch dieses niedliche Idyll
-schuf, wie Aurikelchen, die Kellnerin, im sonnigen Frühlingsgärtchen
-den dicken Käfern und leichten Immen aus
-Münchner Deckelkrügen süßen Honigmet verzapft und
-ihr dabei verstohlen ein Liebesbriefchen zugesteckt wird.
-Das Spiel symbolisierte die einfache naturgeschichtliche
-Tatsache aus dem großen Liebesgarten der Natur, daß
-solche kokett bunte kleine Blüte das lüsterne Insektenvolk
-wirklich mit einer harmlosen Honigschenke lockt und daß
-die Insekten dafür ihre Liebesboten durch Übertragung
-des Blumenstaubes bilden müssen.</p>
-
-<p>Aber Meister Busch, der alte treue Einsiedler im
-bienenumsummten Pfarrhaus der deutschen Heide, ist
-selber nie in den Tropen gewesen &ndash; dort, wo alle leisen
-Melodien unseres Lebens daheim zu gewaltigem Sturm
-anschwellen in der Üppigkeit des Urwaldes. So konnte
-er nicht erfahren, was der große Erforscher der tropischen
-Sundainseln, Herr Alfred Russell Wallace, erfuhr, als
-er um die Mitte der fünfziger Jahre den Berg Ophir
-auf Malakka bestieg, durch Haine herrlicher Baumfarne
-wanderte und sich plötzlich Rankpflanzen gegenübersah,<span class="pagenum"><a id="Seite_207">[207]</a></span>
-die ihm von allen Seiten wirkliche ganz regelrechte Krüge
-kredenzten, sogar mit einem richtigen, halb offenen Deckel
-daran &ndash; Krüge, zierlich aus Blattsubstanz gebaut, die
-zwar nicht Münchner Bier, aber doch eine trinkbare
-Flüssigkeit enthielten. Er war etwas warm, der Trank
-und ohne sich offenbar viel dabei zu denken, erwähnt
-Herr Wallace, daß er voll ertrunkener Insekten lag;
-trotzdem erwies er sich als sehr schmackhaft, und alle,
-hören wir, löschten ihren »Durst aus diesen natürlichen
-Krügen«.</p>
-
-<p>Ohne sich viel dabei zu denken!</p>
-
-<p>Seit rund hundert Jahren gab es zwar damals schon
-eine dunkle Sage in der Welt, &ndash; von etwas ganz unerhört
-Dämonischem im stillen Pflanzenreich, das wir so
-gern als das Reich bloß friedlicher Duldung ansehen.</p>
-
-<p>Dem alten Linné hatte man schon von ähnlichen
-Blattgebilden in Nordamerika berichtet, die in schönen
-altertümlichen Deckelgläsern edles Naß darboten, doch
-er träumte dabei bloß das freundliche Bild der Pflanze,
-die sich selber an geschickt gespartem Trunk in der Hitzestunde
-labte, und des Vogels, der sich an diesem lebendigen
-Wasser erquickte im anmutig geregelten Naturhaushalt.
-Aber schon hatte daneben der Blick des einen
-oder anderen auch an den Insekten gehaftet, die jedesmal
-in diesen Naturpokalen ertränkt lagen. Man hatte sie
-verglichen mit anderen, die man immer und immer wieder
-an den klebrigen Haarborsten gewisser Blätter angeleimt
-oder in selbsttätig gefalteter Blattklappe eingeklemmt
-fand, und man hatte vor ihnen herumgetastet an einem
-dunkeln Sinn, einem dunkeln Geheimnis, das doch vielleicht<span class="pagenum"><a id="Seite_208">[208]</a></span>
-auch hier, wie so oft in der wilden Unterschicht
-des Naturkampfes, irgend etwas höchst Schauerliches mit
-dem Idyll eines fröhlichen Kneiptisches überdeckte.</p>
-
-<p>Immerhin wußte man aber mit der Sache zunächst
-nichts Rechtes anzufangen. Die Naturseidel der
-»Kannenpflanzen«, wie man jene indischen Tropenkinder
-geradezu benannt hatte, zeigten oft die herrlichsten Farben,
-und ihr Krugrand sonderte köstlichen Honig ab.
-Kein Zweifel, daß hier Insekten unmittelbar angelockt
-wurden, genau wie in den Liebeskneipen der Kellnerin
-Aurikel und anderer Blüten. Aber in solcher Blüte
-war eben die erste Voraussetzung, daß der Kneipant, das
-Insekt, lebendig wieder in die nächste Kneipe kam, um
-dort den Liebesbrief, den lebenskräftigen Blütenstaub
-der Pflanze, weiterzugeben. Auf Leben war dort alles
-aufgebaut &ndash; hier aber herrschte der Tod. Das große
-Faß unter dem Schenktisch lag voller Leichen. Wer den
-Krug angesetzt hatte, den schien er zu seinem Verderben
-in den furchtbaren Schlund zu ziehen. Das Wirtshaus
-im Spessart schien hier gebaut, nicht eine gemütliche
-Animierkneipe.</p>
-
-<p>Fast zwei Jahrzehnte erst, nachdem Herr Wallace
-auf dem Berge Ophir aus den Naturkannen seinen Durst
-gelöscht, löste Darwin des bangen Rätsels Siegel.</p>
-
-<p>Das lustige Deckelseidel der Kannenpflanze ist ein
-greulicher Sphinxabgrund, in dem die Pflanze das arme,
-verleitete, herabgestürzte Kneipopfer, das Insekt, frißt.
-Eine uralte Fügung des Lebenskampfes auf Erden hat
-hier ihre wohl eigenartigste letzte Wende genommen.
-Einst, in Anfängen der Entwicklung, war die grüne<span class="pagenum"><a id="Seite_209">[209]</a></span>
-Pflanze dem Tier voraufgegangen. Sie hatte es erst
-möglich gemacht. Als eine Art Schmarotzerwesen an
-der Pflanze war das Tier zuerst entstanden. Es konnte
-nur bestehen, indem es Pflanzen fraß. In unsagbarer
-Arbeit hatte sich die Pflanze gegen diese Invasion gewehrt,
-mit Stacheldraht und Gift, am besten schließlich
-doch mit ihrer ungeheuren Produktionskraft selbst, die
-alle Repressalien ersetzte. Bis auf jenen Friedensschluß,
-an einer Ecke, eines Tages, der das lebendige Tier gerade
-als Insekt in den Liebesdienst der lebendigen Pflanze
-stellte, zu Ehren jener edleren Form des Aufgehens im
-anderen, die weit über dem Ziel des rohen Fressens die
-Feinform der Liebe vertritt. Aber hart im Raume stoßen
-sich die Dinge. Gerade hier setzte ein letzter grausiger
-Gegenzug der Pflanze ein. Eine kleine Partei drehte
-den uralten Spieß um: sie fraß das gelockte Insekt auf.
-Und so die Kannenpflanze.</p>
-
-<p>Ihre weit hinausgereckten Deckelkrüge sind infame
-Tierfallen. Äußerst kunstvoll ist das ganze Pflanzenblatt
-dazu umgearbeitet. Die eigentliche grüne Blattarbeit
-für das Leben der Pflanze sonst ist auf gewisse Teile
-des Blattstiels abgewälzt. Die Spitze dieses Stiels gestaltet
-dann auch noch das Bäuchlein der Kanne. Und
-als Deckel darauf liegt erst das eigentliche Blatt. Anfangs
-schützt es die noch werdende Kanne. Erst wenn
-es sich hebt, ist die Falle fertig. Jetzt quillt aus dem
-Seidelrand und der inneren Deckelfläche wie von süßem
-Honigmund der Zuckersaft, dessen Anwesenheit zugleich
-weithin prangende Farben wie mit schreiend buntem
-Wirtshausschild verkünden: »Frisch angezapft.«</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_210">[210]</a></span></p>
-
-<p>Alsbald sind Käfer und Heuschrecken, Wanzen und
-Spinnen, vor allem aber die berufensten Süßmäuler, die
-Ameisen, da. Gibt es doch bei diesen Tropenameisen
-so unersättliche Honigschlecker, daß sie mit den heimgebrachten
-Schätzen einzelne lebende Mitglieder ihres
-Staates gewohnheitsmäßig randvoll füttern, um sie so
-zunächst zu lebendigen Vorratsflaschen zu machen, aus
-denen später nach Bedarf wieder abgezapft werden kann.
-Doch der Kneipenrand der Kannenpflanze ist glatt, rasch
-stürzt bald der, bald jener der sorglosen Kneipanten ab; in
-der Kanne steht hohe Flüssigkeit wie in einem Brunnenschacht,
-ein Hinaufklettern gibt's nicht mehr, da ein besonderer
-Kranz grimmer Zähne, von unten gesehen,
-herabbleckt &ndash; und so geht's auf Tod und Leben. Über
-das Ende kann kein Zweifel sein.</p>
-
-<p>Was aber Darwin entscheidend hinzu entdeckte, war
-eben, daß die Pflanze jetzt die abgestürzten Opfer regelrecht
-frißt. In die Flüssigkeit des Seidels hinein gießt
-sie verdauenden Pepsinsaft, der die genießbaren Teile
-der Insekten löst und verdaut wie nur je ein regelrechter
-Tiermagen. Zu einem Magen und Darm im buchstäblichen
-Sinne ist jedes der Münchner Seidel geworden,
-Fleisch frißt die Pflanze. Menschen streiten sich, ob
-reines Vegetariertum vielleicht bekömmlicher und auch
-ethischer sei. Die Kannenpflanze hat sich entschieden: sie
-ist nicht Vegetarierin und würde, wenn die nötige Größe
-gegeben werden könnte, zweifellos auch Menschen fressen;
-in die halbmeterlangen Kannen einer Art von Borneo
-ginge schon ohne Mühe ein Vogel von der Größe einer
-Taube hinein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_211">[211]</a></span></p>
-
-<p>So weit war unsere Weisheit bis vor ein paar letzten
-Jahren.</p>
-
-<p>Aber es ist im Natur- wie Menschenleben immer das
-gleiche: auf jeden Schlag kommt wieder ein Gegenschlag,
-jedem Schach bietet sich ein kühnes Gegenschach. Das
-stolzeste Kriegsschiff erliegt dem Unterseeboot, die dickste
-Festungsmauer der Neuerfindung des 42-Zentimeter-Geschosses.
-Und so hat die Naturzüchtung im Tier nicht
-geruht, bis sie auch hier wieder vom Tier aus den Gegenzug
-tun konnte.</p>
-
-<p>Die Pflanze hatte keck genug noch einmal spät für
-sich den Magen erfunden. Wie bewältigt, wie verkehrt
-man in sein Gegenteil jetzt den Freßmagen: das war
-das neue, dem Tier gestellte Problem. Nun, und da
-gab's eine alte Erfahrung. Wir Tiere hatten den Magen
-seit alters, gewiß. Alle höhere Tierentwicklung, Tierkultur,
-Tiergutbürgerlichkeit hatte sogar wohl geradezu
-angefangen mit der korrekten Ausgestaltung des Magens
-auf der sogenannten Gasträastufe. Aber wir Tiere in
-unserem Entwicklungsmärchen hatten auch seit längst
-den Gassenjungen, der diesem Magen ein Schnippchen
-schlug: das war der Bandwurm, der Eingeweidewurm,
-der sich einfach in den Magen, die fressende
-Zyklopenhöhle, lebendig hineinschmuggelte, gegen die
-verdauende Pepsinapotheke da drinnen das dickste Fell
-hatte, ja sich einfach immun erwies und nun den Spieß
-so drehte, daß er selber als ungebetener Gast sich
-über den eingehamsterten Proviant da drinnen hermachte
-und nach Leibeskräften »mitaß« vom gedeckten
-Fremdtisch.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_212">[212]</a></span></p>
-
-<p>Unzerkaut und unverdaut im Magen weiterleben und
-dann diesen Magen als seinen benutzen: das war die
-geniale Lösung, war der gewonnene Gegenschlag.</p>
-
-<p>Wenn aber nun der Magen in der Pflanze ist?</p>
-
-<p>Was hilft's, dann muß die Kannenpflanze den Bandwurm
-bekommen&nbsp;…</p>
-
-<p>Eine der ersten Andeutungen des überaus sensationellen
-Fundes, der hier nahen sollte, las man 1905 in
-dem trefflichen Reisewerke der Vettern Sarasin über
-Celebes. »Die Untersuchung einer der großen Kannen
-(von <em class="antiqua">Nepenthes maxima</em>) zeigte sie mit trüber Flüssigkeit
-halb angefüllt. In dieser schwammen Reste einer
-verdauten Schnecke, <em class="antiqua">Nanina cincta (Lea)</em>, nämlich das
-Ende der Fußsohle und die Schale, auch diese letztere
-schon stark angegriffen, ferner Überbleibsel von Spinnen,
-Heuschrecken und Ameisen. Merkwürdig war aber, daß
-lebende Mückenlarven und Fliegenmaden in der Brühe
-ihr Wesen trieben, offenbar ohne von der verdauenden
-Wirkung Schaden zu nehmen, ganz analog wie Parasiten
-im Magen und Darm ihrer Wirte.« Also lebende Tiere
-im Sphinxabgrund selber, die fröhlich dort weiterlebten!</p>
-
-<p>In der berühmten Naturforscherstation von Buitenzorg
-auf Java rückte man der zunächst schier unglaublichen
-Sache rasch näher auf den Leib, und den Schlußstein
-konnte einstweilen durch eigene wichtigste Entdeckungen
-unser ausgezeichneter Freiburger Zoologe Konrad Guenther
-(bekannt auch im weitesten Kreise besonders durch
-sein so überaus wertvolles Anschauungswerk zur Entwicklungslehre
-»Vom Urtier zum Menschen«) bei Gelegenheit
-eines Aufenthalts auf Ceylon setzen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_213">[213]</a></span></p>
-
-<p>Jeder von uns kennt unsere lieben Stechmücken,
-berufen offenbar, uns nicht zu sehr zu Schlemmern im
-still beschaulichen Naturgenuß am idyllischen Schilfufer
-werden zu lassen, und interessant durch ihren Bezug zur
-Frauenfrage, indem es nur ihr Damengeschlecht ist, dessen
-kriegerischen Angriffen wir ausgesetzt sind, während die
-Männchen nicht stechen. Ihre kleinen Lärvchen nehmen
-mit jedem bescheidensten Tümpelchen vorlieb, wo sie köpflings,
-mit der Atemröhre zum Wasserspiegel gereckt,
-hängen wie kleine Würste am Rauchfang. Im Tropenland
-ist erst recht kein Mangel an dieser allgegenwärtigen
-Plagerbande, und was Wunder, daß sie noch emsiger
-jede feuchte Gelegenheit für ihre Wasserbrut auszunutzen
-suchen, somit auch auf die Wasserkrüge unserer Kannenpflanzen
-geführt wurden.</p>
-
-<p>Ertrinken würden gerade die Mückenlarven da drinnen
-ja nicht, wohl aber wäre im hergebrachten Lauf, daß die
-zersetzenden Verdauungssäfte des pflanzlichen Magens
-auch sie erbarmungslos vernichteten. Hier aber trat
-prompt der Gegenschachzug, trat die Regulierung ein.</p>
-
-<p>Die Mückenbrut in der verderblichen Kanne entwickelt,
-wie genaue Experimente gezeigt haben, sogenannte
-Antifermente in ihrem Leibe, eigene chemische Stoffe,
-die jene chemische Zersetzungswirkung des Magenpepsins
-aufheben. Man kann die Probe außerhalb der Kanne
-mit Würfelchen Eiweiß machen. Setzt man ihnen Pepsin,
-also normal wirkenden Verdauungssaft zu, so lösen sie
-sich in gewisser Zeit darin auf. Fügt man aber zerquetschte
-Mückenlarven aus Kannenpflanzen bei, so hört
-alsogleich die Pepsinwirkung auf, man hat ein Gegengift<span class="pagenum"><a id="Seite_214">[214]</a></span>
-gleichsam aus der Mücke gepreßt, und vor ihm bleibt
-jetzt auch das fremde Eiweiß intakt.</p>
-
-<p>Einmal so gegen die Gefahr der Kanne gefeit, hat
-das kleine Rackerzeug da drinnen nun seinerseits aber
-offenbar großen Vorteil von dem Aufenthalte gerade
-in dieses Walfischs Bauch. In ganzen Massen stürzt
-immerfort auch ihm Nahrung in seinen Tümpel herab,
-und die zersetzende Magenbrühe, in der es schwimmt,
-liefert ihm diese Opfer sogar schon handlich zerkleinert,
-ja halbverdaut in den Mund, während andererseits kein
-lebendiger Angreifer, kein Fisch, kein Molch, kein Raubinsekt
-sein Behagen stört und der Tümpel sich ewig von
-selber nachfüllt ohne Gefahr des Versiegens.</p>
-
-<p>Kein Zweifel, die Mückenlarve hat hier durchaus im
-Lebensbrauch den Charakter eines wohlig geborgenen
-fetten Eingeweidewurms, also im gangbarsten Bilde eines
-Bandwurms, angenommen, wozu auch stimmt, daß ihre
-Farbe grellweiß geworden ist wie solcher Dunkelschmarotzer
-im Tierbauch.</p>
-
-<p>Daß auch Fliegenmaden das gleiche Kunststück fertiggebracht
-haben, in den Deckelkannen auszudauern, kann
-um so weniger wundernehmen, als gerade die Fliegenbrut
-auch sonst schon gern echte Parasiten bildet, die
-wie Eingeweidewürmer sich in tierische Organe einschmuggeln.
-Guenther hat aber auch eine Milbe (also
-ein spinnenähnliches Tier) als Kannenbewohner näher
-bekanntgemacht, die im Gegensatz zu anderen, gefressenen
-Arten als einzige pepsinfest ist. Und als seltsamsten aller
-Funde: er hat eine Schmetterlingsraupe in gleicher Lage
-bei seinen Kannen von Ceylon nachweisen können. Hier<span class="pagenum"><a id="Seite_215">[215]</a></span>
-könnte zuerst unglaublich erscheinen, wie eine Schmetterlingsraupe
-im Wasser leben, also den Kannenbauch als
-Bruttümpel suchen soll gleich dem Mückenvolk, wenn es
-nicht wirklich auch sonst ein paar solcher Wasserraupen
-gäbe, z. B. die Zünslerraupe Nymphula in unseren Tümpeln.
-Speziell die pepsinfeste Kannenraupe Guenthers,
-die er als Kannenfreund (<em class="antiqua">Nepenthophilus</em>) bezeichnet
-hat, gehört aber zu den Psychiden oder Sackschmetterlingen.
-Dieses eigenartige Volk führt seinen Namen
-nach den selbstgefertigten und mit Holz oder Sandkörnchen
-oder Blattresten bekleideten Säcken, in denen die Raupe
-lebt. Und solchen Sack baut sich nun auch die besagte
-Kannenraupe in ihrem absonderlichen Magentümpel: sie
-benutzt aber dazu in erster Linie Material von den getöteten
-Insekten der Sphinxhöhle, also vor allem Ameisenbeine,
-die sie für ihren Zweck noch besonders zurechtbeißt.</p>
-
-<p>Seltsames Bild, wenn man sich ausmalt, wie eines
-Tages aus solchem unheimlichen fressenden Pflanzenbauch
-kleine lustige Schmetterlinge heraufgaukeln werden
-oder ein Mückenschwarm zu seiner Zeit herausdampfen
-wird wie ein Rauchwölkchen, das die bauchige Pflanzenpfeife
-hervorpafft. Wie manches Mirakel mag da noch
-in der Folge hinzukommen! Mich sollte es nicht wundern,
-wenn einer der niedlichen tropischen Laubfrösche,
-die so viel Not mit der Erhaltung ihrer Eier und Kaulquappen
-haben und erfinderisch jedes Wassereckchen ihres
-Baumbereichs auszunutzen verstehen, irgendwo auch seine
-zarte Brut pepsinfest gemacht und der Drachenhöhle
-einer Kannenpflanze anvertraut hätte.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_216">[216]</a></span></p>
-
-<h2 id="Tiere_als_Schuetzen">Tiere als Schützen</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Wann ist es gefährlich, in den Garten zu gehen?
-Wenn die Bäume ausschlagen und die Spargel
-schießen.</p>
-
-<p>An dieser alten Vexierfrage erfreuen sich immer neue
-Generationen von Kinderherzen. In gewaltiger Stunde,
-da Land und Meer vom Donner der wirklichen Geschütze
-hallen, legt man sich aber wohl einmal die Frage
-vor, wer zuerst auf dieser unruhigen Erde geschossen hat.</p>
-
-<p>Der Mensch treibt es sicher seit einigen dreißigtausend
-Jahren: etwa so alt oder noch älter mögen spanische
-Höhlenbilder sein, auf denen man nackte Jäger der
-Diluvialzeit riesige Bogen spannen sieht.</p>
-
-<p>Aber der kluge Mensch wiederholte zunächst damals
-mit seiner ganzen Werkzeugtechnik nur, was die Natur seit
-undenklichen Zeiten bereits allerhand niederem Tiervolk in
-Gestalt gewisser Organe und gewisser Instinkte, die diese
-Organe zu lenken wußten, auf den Leib gezüchtet hatte.
-Ob nun auf solchen Tierstufen auch schon regelrecht geschossen
-worden ist?</p>
-
-<p>Der Tierkenner, der etwas in alten Naturgeschichten
-Bescheid weiß, lächelt bei der Frage trotz allen Ernstes
-der Zeit, denn er erinnert sich an eine lustige Überlieferung.</p>
-
-<p>Kommt abermals hervor, ihr ehrwürdigen alten
-Folianten des 16. Jahrhunderts, hinter deren schweinsledernem<span class="pagenum"><a id="Seite_217">[217]</a></span>
-Panzer in Riesenschrift und mit handkolorierten
-Holzschnitten die Tierweisheit von damals sich
-eingekapselt hat mit all ihren köstlichen Märchen. Laut
-Vater Gesner und seinen Verdeutschern lebte Anno dazumal
-in Italien offenbar noch ein wahrhaft fürchterliches
-Geschöpf, das man lieber bei den Greueln der
-Urwelt gesucht hätte &ndash; nämlich das »Dornschwein«.</p>
-
-<p>Von dieses Ungeheuers »natürlicher Anmut und Art«,
-wie es dort heißt, erfährt man, daß, »so es gejagt wird,
-so bringt es mit seiner Stimm zuwege, daß alle andern
-seinesgleichen Dornschwein zusammenrüchlen, ihren Balg
-erschütten und zu den Hunden und Jägern ganz trutzlich
-mit ihren Stacheln schießen; ist auch seiner Schüssen
-ganz und gar gewiß«.</p>
-
-<p>Der treffliche Holzschnitt läßt aber keinen Zweifel, was
-für ein böser Gast der Wildnis in Wahrheit gemeint
-sei: es ist unser braves Stachelschwein, das in dieser
-Weise Tier und Mensch über den Haufen schießen soll.
-Die mächtigen Stachelkiele dieses großen Nagers, der
-nächtlich durch die römische Campagna trollt, kennt ja
-wohl jeder. Wer sich aber jemals die Mühe gemacht
-hat, solches Stachelschwein im Zoologischen Garten genauer
-zu beobachten und (im Gegensatz zu den ernsthaften
-Anweisungen der verehrlichen Direktion) zu »reizen«, der
-weiß auch, daß es zu den ausgesprochenen »Schrecktieren«
-gehört &ndash; das heißt jener Gruppe von Tieren, die es
-verstehen, dem, der sie zu erschrecken gedachte, selber einen
-guten Schreck einzujagen.</p>
-
-<p>Kaum geneckt, klopft es auf wie ein Kapellmeister,
-der sein Signal gibt, und im gleichen Augenblick setzt<span class="pagenum"><a id="Seite_218">[218]</a></span>
-auch wirklich schon sein ganzes Orchester ein: hoch
-auf sträuben sich unter lautem Gerassel seine Stacheln
-bis zur vollen Breitenverdopplung des ganzen Tiers
-und konzentrieren sogar ersichtlich ihren willkürlich beweglichen
-Speerwall genau in der Richtung des Angreifers.
-Während vorne die langen gelben Zähne
-fletschen, wendet sich die unheimliche rückseitige Phalanx
-blitzschnell gegen alles, was von hinten oder seitwärts
-kommt, und dieser rückstoßende Angriff ist kein Spaß.
-Einem Menschen, dem solcher »Igel«, wie der alte
-Soldatenausdruck für einen derartigen gestrafften Lanzenklumpen
-lautet, gegen die Beine fährt, geht es unerbittlich
-durch Hose und Fleisch, und die Wunden sind so
-fatal, daß man sogar an eine Art Vergiftung durch
-den Hauttalg dabei gedacht hat. In der Größe etwa
-eines wirklichen starken Schweins wäre solcher Stacheler
-zweifellos einer der furchtbarsten Angreifer der ganzen
-Tierwelt.</p>
-
-<p>Nun, hinter dem Gitter im Zoo kann man die
-Sache ja behaglich sich ansehen. Wehe dir aber, wenn
-die Legende recht hätte! Vom sterbenden Cäsar hören
-wir, daß er zuletzt noch mit seinem Schreibgriffel
-sich der Mörder zu erwehren suchte. Vom erzürnten
-Stachelschwein aber liest man nicht bloß beim alten
-Gesner, nein, man kann es noch heute überall im Süden
-vom gemeinen Mann bestätigen hören: daß es im
-äußersten Wutanfall vermöchte, seine wie Glas so harten
-und scharfen natürlichen Schreibkiele durch wildeste
-Muskelspannung aus ihren Hauttaschen herauszuschleudern
-und dem Feinde regelrecht in den Leib zu schießen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_219">[219]</a></span></p>
-
-<p>Nach den alten Autoren soll solcher Schuß gar ein
-dickes Brett durchbohren können. Und seltsam nur: in
-keinem Zoo-Zwinger hat der Unhold seit je gerade diese
-angebliche Freikunst betätigen wollen. So schloß also
-schon der gute Buffon im 18. Jahrhundert, der sonst
-für Fabeln noch manchen Bedarf hatte, das »schießende
-Dornschwein« sei wirklich nur ein zoologisches Märchen.</p>
-
-<p>Indessen wie es wunderlich hergeht. In unsern Tagen
-hat ein bester Zoologe und Tiergärtner, Vosseler vom
-schönen Hamburger Garten, auch für das wirkliche und
-wahrhaftige Schießen dieses »lanzenkundigen Königs«
-erneut eine ernsthafte Lanze gebrochen.</p>
-
-<p>Er hat zunächst theoretisch wahrscheinlich gemacht, daß
-das Stachelvieh, wenn auch wohl nicht gewohnheitsmäßig,
-so doch gelegentlich in der höchsten Wut schießen könne.
-Ein Taschentuch, das auf die Stacheln geworfen worden
-war, wurde beim jähen Ruck der Trutzstellung volle
-zwei Meter weit fortgeschleudert. Da die Stachelkiele
-leicht ausfallen und im Affekt durch besondere Muskeln
-in wildesten Kurven herumgeschwungen werden, erschien
-es also durchaus nicht unmöglich, daß der eine oder
-andere auch in solche Weite tatsächlich hinausschwirren
-und sich drüben irgendwo tief einbohren könnte. Und
-dazu wird nun ein anscheinend einwandfreier Bericht
-beigebracht, wonach ein in der Falle gefangenes
-wildes Stachelschwein den Baumstamm über seinem
-Fangeisen bis über Manneshöhe mit solchergestalt abgeschossenen
-Pfeilen bespickt hätte.</p>
-
-<p>Im Zoo müßte den Stachlern für gewöhnlich wohl
-die Leidenschaft zu solcher äußersten Tat abhanden gekommen<span class="pagenum"><a id="Seite_220">[220]</a></span>
-sein, was aber an sich nicht ganz außergewöhnlich
-wäre, da zum Beispiel auch das berüchtigte Stinktier
-hier von seiner gemeingefährlichen »Stinkpistole«
-keinen Gebrauch zu machen pflegt, selbst wenn man es
-ärgert. Immerhin gestehe ich, daß ich seither vor dem
-Stachelschweinkäfig merklich tugendhafter geworden bin
-und mich geneigt fühle, das Direktionsgebot zu achten,
-nach dem man kein Tier reizen soll, das beißt, spuckt oder
-gar &ndash; schießt.</p>
-
-<p>Bleibt inzwischen hier immer noch etwas Problematisches,
-so fehlt jeder Zweifel in einem andern Fall.</p>
-
-<p>Unsere ganz gewöhnlichen Weinberg- und Gartenschnecken
-schießen, schießen vollkommen regelrecht und
-zielgemäß mit einem Apparat, der eigentlich drei Waffen
-zugleich vorwegnimmt: die Armbrust, das Pusterohr und
-die pneumatische Pistole.</p>
-
-<p>Seltsame Vorstellung gewiß, eine Schnecke, die schießt.
-Man kann sich einen Seehund und einen Elefanten abgerichtet
-denken, daß sie eine Pistole abfeuern; aber ausgesucht
-eine Schnecke!</p>
-
-<p>Das Schießorgan der Schnecke (diesmal ist es ein wirkliches
-Organ zum Zweck) sitzt auf der rechten Seite vor
-dem Atemloch, das bei diesen landbewohnenden Sorten die
-hier vorhandene Lungenatmung ermöglicht; bekanntlich
-gibt es bei diesem sonderbaren Volk genau wie bei den
-Wirbeltieren fischartige Kiemenatmer, Amphibien mit
-Doppelatmung und echte Lungenatmer. Das Organ hat
-durchaus den Bau eines kleinen Pistolenlaufs, in ihm
-aber steckt ein regelrechter spitzer Pfeil aus harter Kalkmasse.
-Für gewöhnlich verharrt der Pfeil ruhig in dem<span class="pagenum"><a id="Seite_221">[221]</a></span>
-Lauf wie in einem hüllenden Etui. Wenn die Schnecke
-aber schießen will, so richtet sie den Lauf durch besondere
-Muskeleinstellung, zielt und entsendet den Pfeil in kraftvollem
-Stoß aus der Mündung, indem zugleich dabei
-ein weißes Wölkchen zerstiebender Flüssigkeit wie der
-Dampfstrahl des Schusses aufpufft.</p>
-
-<p>Bloß Blitz und Knall fehlen &ndash; sonst ist es ein
-regelrechter Pistolenschuß, und über die Absicht des
-Schießens kann diesmal keinerlei Zweifel, wie gesagt,
-mehr sein. Wird eine zweite, gerade in der Nähe
-befindliche Schnecke von dem Pfeil oder Bolzen getroffen,
-so zeigt sich auch die genügend energische
-Wirkung: er bohrt sich in die Haut ein, ja manchmal
-geht er noch durch sie hindurch, und die Getroffene zuckt
-merkbar dabei zusammen. Das Merkwürdige wieder
-aber ist hier, daß stets nur eine zweite Schnecke so zum
-Schußziel genommen wird und nichts sonst, und das
-Allermerkwürdigste ist, daß sich die Schnecken mit solchen
-Pistolenschüssen nicht zu jederseitiger Verteidigung bedrohen,
-obwohl der Treffer ersichtlich etwas schmerzt,
-sondern daß sie sich beschießen &ndash; man kann nicht gut
-anders sagen, als weil es ihnen im Gegenteil Spaß
-macht.</p>
-
-<p>Es handelt sich um eine Art Salonschießerei, die
-das Liebeswerben der Schnecken einleitet. Wie der
-Pfau vor dem Weibchen sein Rad schlägt, wie der
-Paradiesvogel seine herrlichen Schmuckfedern als eine
-Art Strahlenkrone auf der Liebesbalz um sich entfaltet,
-wie die sehnende Nachtigall singt und das verliebte
-Heimchen geigt &ndash; so scheint auch der Schuß der Schnecke<span class="pagenum"><a id="Seite_222">[222]</a></span>
-nichts anderes zu sein als das stumme Bekenntnis ihres
-Werbens. »Liebespfeil« nennt der Naturforscher folgerichtig
-den kleinen Kalkstift, der dabei versandt wird. Es
-ist ein wunderliches Ding um die Natur in der Unerschöpflichkeit
-ihrer Mittel an dieser Ecke. Technisch
-entscheidend aber ist, daß zu dem spielenden Zweck auf alle
-Fälle hier die regelrechte Schußwaffe schon erfunden ist.</p>
-
-<p>Zwar der Knall des Schusses fehlt. Was verschlüge
-es aber der alten Meisterin, auch das hinzuzubringen?
-Hat sie es doch an anderer Stelle separat vollbracht.</p>
-
-<p>In manchen Teilen Deutschlands begegnet man unter
-Steinen oder Wurzeln kleinen, kokett gefärbten Käferchen
-aus dem Laufkäfergeschlecht, die, wenn man sie
-nachher aus dem Buch bestimmt, verwunderliche Namen
-ergeben: <em class="antiqua">crepitans</em>, der Kracher, <em class="antiqua">explodens</em>, der Explodierer.
-Und in der Tat, wenn solcher hübsche Kerl
-ernstlich in die Enge getrieben wird, so pufft auch hier
-ein bläuliches oder weißliches Gaswölkchen auf, und es
-gibt einen hörbaren Knall dazu. Ein Tröpfchen Drüsensaft
-des Mastdarms enthielt eine Säure, die an der
-Luft nach Art der Salpetersäure explodiert. Der tapfere
-Gesell hat auf dich geschossen wie die Schnecke. Und diesmal
-war es ein richtiger Schreckschuß, freilich ungeladen:
-der unvermutete Knall ist es, worauf diese »Bombardierkäfer«
-das Entscheidende legen. Gegen Verfolger aus
-der eigenen Käferverwandtschaft muß das Geräusch in
-Verbindung mit etwas stechendem Pulverdampf mit Ätzwirkung
-wohl schon genügen.</p>
-
-<p>Da es aber eine Menge Tiere gibt, die Leuchtapparate
-besitzen und darunter auch solche (zum Beispiel<span class="pagenum"><a id="Seite_223">[223]</a></span>
-gewisse Fische in der dunkeln Tiefsee), bei denen die
-Laterne unmittelbar an das Nervensystem angeschlossen
-ist, also willkürlich vom Nerv aus abgedreht oder zum
-jähen Aufblitzen gebracht werden kann, so stände prinzipiell
-nichts im Wege, daß solcher Schuß auch noch von einem
-Blitz begleitet wäre. Vielleicht wird auch das noch einmal
-gelegentlich irgendwo beobachtet.</p>
-
-<p>Und da noch wieder Tiere existieren (Welse,
-Zitteraale, Rochen), die elektrische Schläge austeilen,
-so wäre denkbar, daß solcher Puff und Blitz gar
-mit einer empfindlichen elektrischen Entladung verbunden
-wäre.</p>
-
-<p>Ja für den Kampf zwischen Mensch und Tier möchte
-man es geradezu als ein Glück bezeichnen, daß das
-Gesamtprinzip offenbar noch nicht bis zur vollkommenen
-Ausnutzung gediehen war, ehe wir selbst Schußwaffen
-erfanden. Denn beispielsweise als Zieler haben
-die Tiere auch schon fast Fabelhaftes erreicht: man
-muß das Chamäleon beobachten, wie es, unbewegt
-und scheinbar nur mit dem verstellbaren Auge lebendig,
-dasitzt, jäh aber auf eine weit entfernte Fliege seine
-endlose Klebzunge ausschleudert und dabei mit einer
-Sicherheit stundenlang immer und immer wieder trifft,
-daß einem graut vor der Idee, solches Chamäleon sollte
-bei solcher Treffkraft auch noch wirklich etwa mit vergifteten
-Pfeilen schießen. Denn warum sollte der Pfeil
-nicht schließlich lebensgefährlich vergiftet sein gleich den
-Brennborsten der Brennessel <em class="antiqua">Urtica mentissima</em> von der
-Insel Timor, die in der Stichwunde wie eine Kanüle
-wirken und ein Gift eingießen, dessen Wirkung Starrkrämpfe<span class="pagenum"><a id="Seite_224">[224]</a></span>
-und ähnliche Folgen auslöst gleich einem giftigen
-Schlangenbiß?</p>
-
-<p>Will man aber schließlich den Unterschied von tierischer
-und menschlicher Schußwaffe doch darauf hinauslenken,
-daß das Tier stets sozusagen mit seinem Leibe schieße,
-aber nicht unter Zuhilfenahme äußerlichen toten Materials,
-so ist selbst das nicht richtig.</p>
-
-<p>Einen gewissen Übergang bilden da schon handlange
-Barsche in Siam, die sogenannten Schützenfische
-(<em class="antiqua">Toxotes</em>), die in fast unglaublicher und doch
-fest erwiesener Weise aus dem Fluß ans Ufer mit
-Wasser schießen. Sie zielen gleich dem Chamäleon
-auf Fliegen und andere Insekten, die in einigermaßen
-erreichbarer Nähe auf den Pflanzen oberhalb
-des Wasserspiegels sitzen, senden ihnen jäh einen
-dicken Wassertropfen zu und verschmausen vergnüglich
-dann das Opfer, das so getroffen ins Wasser gefallen
-ist. In Ermanglung der Chamäleonzunge, die einen
-Lasso mit Klebevorrichtung darstellt, muß auch der Fisch
-dabei wirklich »schießen« &ndash; er legt sich horizontal
-nahe unter den Wasserspiegel, äugt scharf hinauf und
-schnellt dann, vermutlich durch besondern Muskeldruck,
-bei geschlossenem Munde von der etwas vorstehenden
-Unterkieferspitze eine Wasserperle geradlinig
-über die Fläche empor aufs nichts ahnende Ziel.
-Schützenfische im Zimmeraquarium wissen so auch das
-Auge des Menschen, das sie wohl ebenfalls für ein
-glänzendes Insekt halten, auf etwa drei Fuß Entfernung
-mit erstaunlichster Sicherheit blitzschnell zu
-treffen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_225">[225]</a></span></p>
-
-<p>Ist es hier schon fremdes Wasser, das benutzt wird,
-so zeigt aber ein Landtier vollends drastisch die Stufe
-des »Fremdmaterials« beim Schuß.</p>
-
-<p>An den sonnenwarmen kahlen Sandhängen unserer
-Kiefernwälder haust, mir auf gewohnten Spaziergängen
-am märkischen Müggelsee zur rechten Zeit ein alltäglicher
-Anblick, der »Ameisenlöwe«, die gefräßige
-Larve eines äußerlich libellenhaften Insekts, in selbstgeschaffenen
-Sandtrichtern. Gerät eine Ameise oder ein
-ähnliches Kleintier auf den losen Rand dieser bösen
-Falle und droht ohnehin schon abzurutschen, so eröffnet
-der fette Unhold der Tiefe in seinem Schützengraben
-alsbald eine regelrechte Beschießung von unten nach
-oben, indem er Sandgarbe um Sandgarbe nach dem
-strauchelnden Opfer schleudert, bis es verloren ganz
-hinabstürzt.</p>
-
-<p>Kein Zweifel, daß hier schon mit fremdem Material
-geschossen wird, wenn schon in plumperer Form. Und
-erwägt man nun, daß zum Beispiel unsere Flußkrebse
-nach jeder Häutung wieder fremde Sandkörnchen, also
-ebensolches Material, in ihre Gehörorgane aufnehmen,
-wo sie eine bestimmte notwendige Rolle spielen, so ließe
-sich unschwer denken, daß auch bei jenen feinen Pistolen
-der Schnecken mit ähnlich von außen geholtem »Schrot«
-geschossen würde &ndash; dann aber hätten wir bis zu gewissem
-Grade auch diesen Fremdschuß schon beim Tier in der
-verfeinerten Form.</p>
-
-<p>»<em class="antiqua">Natura artis magistra</em>«, sagt ein altes Wort: »die
-Natur Lehrerin der Kunst«; sie ist mehr: ihre Vorläuferin.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_226">[226]</a></span></p>
-
-<h2 id="Unterseeische_Schiffsangriffe_durch_Tiere">Unterseeische Schiffsangriffe durch Tiere</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Das Tier im Kriege &ndash; wieviel läßt sich davon erzählen!</p>
-
-<p>Wieviel dämonisches Schicksal liegt schon in der einen
-Tatsache, daß das Pferd mit uns in die Schlacht zieht!
-Seine Ahnen waren scheue Geschöpfe, ihr Heil vor jeder
-Gefahr lag in der ungestümen Flucht. Zum Fluchtorgan
-allerersten Ranges wuchs ihr Fuß mit dem einen
-schlagenden Huf auf durchrastem Plan sich aus. Die
-Angst brachte diese berufenen Durchgänger dazu, in
-Scharen zusammenzuhalten und sich als solche Schar um
-ein Leittier zu drängen, dessen Fluchtsignal das scheue
-Volk davonbrausen ließ wie eine Staubwolke vor dem
-Orkan. Eben diese Treue zu einem Anführer, einem
-Leiter, dem unbedingt gehorcht werden mußte, Jahrtausende
-um Jahrtausende geübt in der eigenen Sippe,
-ist aber zweifellos der Grund gewesen, der dieses gewaltige
-Tier eines Tages in die Gefolgschaft, in die unlösbare
-Zaubermacht des Menschen gebracht hat. Dieser
-Mensch aber wieder war bestimmt, kein feiger Ausreißer
-zu sein. Wer ihm folgte, der mußte mit in die wilde
-Schlacht, den offenen Blick gegen die offene Front des
-Feindes. Und so ist das Wunder geschehen, das schon der
-Hiobsänger der Bibel bestaunt hat: daß dieses scheueste
-Wild das symbolische Tier des Krieges und des Angriffs
-werden sollte in der Zucht seines großen Meisters.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_227">[227]</a></span></p>
-
-<p>Aber umgekehrt auch &ndash; wie werden uns Kriege des
-Menschen zum deutlichsten Bilde, wenn wir an kleine
-Züge der Tierwelt darin denken.</p>
-
-<p>Wenn der Karthager Hannibal mit Elefanten über
-einen Alpenpaß zieht, um die Römer zu bekriegen: wie
-gewaltig zeigt der eine Zug, daß hier Afrika noch einmal
-den Versuch machte, Europa zu unterwerfen &ndash; und
-wenn die Elefanten trompetend in den Abgrund stürzten,
-so fühlen wir, daß der Versuch mißlingen mußte. Oder
-wie schaurig malt es den Dreißigjährigen Krieg, wenn
-wir hören, daß bei seinem Ausgang die Wölfe erschreckend
-überhand genommen hatten, herrenlose Hunde überall
-fast wieder zu Wölfen geworden waren und Pferde sich
-verwildert in den Wäldern herumtrieben.</p>
-
-<p>Unser Kampf heute geht zum Teil um Küste und
-Meer; schon lesen wir gelegentlich als kleine Staffagebilder,
-die sich aber sogleich einprägen, daß der Geschützdonner
-an der belgischen Küste alle Seevögel der Dünen
-zu wildem Aufruhr gebracht hat und in unzähligen
-Scharen die Luft mit ihrem Gekreisch erfüllen läßt &ndash;
-oder daß ein toter Walfisch angetrieben ist, den eine
-findige englische Kanonenkugel auf der Suche nach bösen
-Unterseebooten als unschuldiges Opfer getroffen.</p>
-
-<p>Unwillkürlich habe ich bei der letzteren Nachricht aber
-doch noch an etwas anderes denken müssen.</p>
-
-<p>Lange ehe es auch nur den Traum eines Unterseeboots
-und seiner furchtbaren Angriffsart gab, hat die
-Seemannsphantasie der verschiedensten fahrenden Nationen
-immer wieder etwas ausgekostet von den Schauern
-solchen urplötzlichen verderbendrohenden Tiefenangriffs,<span class="pagenum"><a id="Seite_228">[228]</a></span>
-bei dem ein ganzes Schiff zuschanden werden sollte, ohne
-daß sich eine Sturmwelle dabei zu rühren brauchte. Wenn
-der Matrose daheim von so etwas erzählte, so dachte er
-nicht bloß an tückische Klippen; die konnten zur Not
-mit Lotse und Karten vermieden werden; er dachte auch
-nicht bloß an ein schwimmendes Wrack oder einen perfiden
-Eisberg. Ganz etwas unberechenbar Bewegliches
-sollte es sein, das zu jeder Stunde und an jedem Ort
-sich aus dem dunkeln Abgrund heben und wie im wirklichen
-Krieg einen absichtlichen unterseeischen Angriff ausführen
-könnte &ndash; so abscheulich, daß man gar nur den
-Stoß spürte und die Schrecken eines Lecks auf offener
-See erlebte, aber noch nicht einmal feststellen könnte, was
-sich da unten den Stich erlaubt habe.</p>
-
-<p>Dieser Dämon des Untermeeres konnte nur irgend
-etwas Lebendiges sein, etwa ein riesiges Tier, das eine
-greuliche Stoßwaffe führte, der keine dickste Schiffsplanke
-standhielt. Immer und immer wieder sollte so etwas
-vorgekommen sein. Wer es als »selbsterlebt« berichtete,
-der hatte natürlich den Glückstreffer gehabt, daß das
-Leck rasch entdeckt wurde und sich noch verstopfen ließ;
-aber wieviel schöne Schiffe waren immer wieder ganz
-spurlos verloren gegangen, ohne daß ein Sturm gerade
-gewütet hatte oder im gewohnten Kurs Klippen lagen.
-Was aber konnte dieser Unhold für ein Tier sein?</p>
-
-<p>Der berühmte Kraken nicht, denn der ist, wofern er
-in seiner legendären Größe existiert, nur ein übergroßer
-Tintenfisch, und der wieder ist fast nur eine mehr oder
-minder knorpelig weiche Masse. Auch von einfachen
-boxenden Dickköpfen mögen wir absehen, wie dem Pottwal,<span class="pagenum"><a id="Seite_229">[229]</a></span>
-der nur als vom Schiffe selber schwer gereizter
-Bulle ab und zu angreift, während im allgemeinen die
-Historien von attackierenden Riesenwalfischen wüst übertrieben
-sind; das Grundwesen dieser vielbehelligten
-Kolosse ist eine beinahe ängstliche Friedfertigkeit, und
-außerdem besitzen sie nicht die zu jener Geschichte unumgängliche
-Spitzwaffe. Mustert man also unsere Sammlungen
-möglicher Seemonstra durch, so bleiben zuletzt
-wesentlich nur drei verdächtige Unterseeler mit solchen
-Waffen oder waffenähnlichen Zutaten übrig.</p>
-
-<p>Zunächst steht da im Schrank auch kleiner Museen
-wohl stets ein schraubenförmig gefurchter, ziemlich dicker
-Spieß von über Manneslänge, der zum sogenannten
-Narwal gehört, einem an Körper noch einmal etwa
-doppelt so langen, also gegen jene Zwanzig- und Dreißigmeterriesen
-immerhin mäßigen delphinartigen Walfischverwandten.
-Der Spieß ist in diesem Falle der linke
-Eckzahn des Bullen, und da er mit seiner tüchtigen Länge
-und Spitze einmal da ist, ist auch von ihm wirklich schon
-erzählt worden, sein Besitzer spieße gewohnheitsmäßig
-darauf Fische und ramme damit Schiffe. In Wahrheit
-hat noch nie ein wissenschaftlicher Beobachter an dem
-hochgradig friedlichen Gesellen irgendeine böse Absicht zu
-beidem bemerkt, sondern der speerhafte, übrigens schwache
-Zahn ist wohl eines jener Geschlechtsabzeichen des Männchens,
-in deren romantischer Übertreibung die Natur bekanntlich
-Meisterin ist.</p>
-
-<p>Ein zweites Objekt hat vielleicht der eine oder andere
-Leser sich selbst schon mitgebracht, auch wenn er nicht
-Professionssammler ist: es wird jedem Vergnügungsreisenden<span class="pagenum"><a id="Seite_230">[230]</a></span>
-einer Tropenfahrt in Aden von handelnden
-Arabern zum Kauf angeboten als eine der ersten Proben
-einer märchenhaften neuen Welt. Und es ist nicht zu
-leugnen, daß es, als Bestandteil eines Seetieres bezeichnet,
-das vollkommene Ansehen einer höchst perfiden
-Waffe von unheimlicher Kraft besitzt &ndash; es gleicht nämlich
-einem langen platten Schwert oder, vielleicht besser gesagt,
-einem Tomahawk, der an beiden Seiten mit einer
-Reihe spitzer Hauzähne besetzt ist, mit denen man offenbar
-gründlich hauen oder auch sägen oder zum Zweck scheußlicher
-Fetzwunden stechen könnte, so wie das Ding
-aussieht.</p>
-
-<p>In diesem Falle handelt es sich sozusagen um die
-bezahnte Nase eines echten Fisches, eines Rochens, der
-aber auch kein Größter seines Geschlechtes ist, nämlich
-nicht über vier Meter Länge erreicht. Genauer gesagt
-ist die »Säge« dieses Sägefisches, wie das häßliche
-Wunder direkt heißt, ein Knorpelauswuchs seiner Oberschnauze,
-der zu Zähnen gekommen ist im Sinne, daß bei
-diesen Fischen das Ding, das wir Zahn nennen, nicht auf
-den Beißapparat im Munde beschränkt zu sein braucht,
-sondern beliebig auch in mehr oder minder schuppenartiger
-Gestalt aus der ganzen Haut wachsen kann. Wer
-solche einzelne Säge nun später hübsch an seiner Wand
-zwischen allerlei gekreuzten fremden Waffenstücken stecken
-hat, der mag gut und gern sich ausdenken, daß unser
-Fisch damit Walfischbäuche zerfleische, noch schlimmer
-aber, Schiffswände ansäge, und erzählt worden ist naturgemäß
-auch das, denn wenn ein Fisch schon eine Säge
-hat, so muß er doch damit auch Streiche vollführen und<span class="pagenum"><a id="Seite_231">[231]</a></span>
-sägen. Schade inzwischen: auch der Sägefisch tut laut
-aller Kenntnis niemand etwas zuleide und benutzt seine
-phantastische Naturgabe wahrscheinlich nur als ganz
-harmlose Schaufel beim Gründeln im Schlamm, falls
-er sie überhaupt praktisch irgendwo benutzt. In Wahrheit
-besitzen zahllose Tiere zahllose oft höchst martialische
-Abzeichen, die eben nur »ornamental« sind ohne Nutzzweck,
-und dazu kann auch die Säge gehören. Hier liegt
-ja ein schweres Kapitel für jeden, der die ganze Lebenswelt
-auf purem Nutzen aufbauen möchte &ndash; wert, daß
-man sich allein ausführlich darüber unterhielte; jedenfalls
-aber muß genügen, daß die Säge, wenn sie in dieses
-Feld verrechnet ist, sowenig Schiffe ansägen wird, wie
-wir Menschen uns mit Schmucksachen oder mit Statuen
-prügeln.</p>
-
-<p>Bleibt nur der dritte Fall.</p>
-
-<p>Alle unsere Meere durchstreift gelegentlich, die nördlicheren
-bis zur Ostsee (also auch den Kanal) besonders
-zur Sommerszeit, ein riesiger Fisch von stolzer Schönheit.
-Purpurblau ist sein Rücken, silbern der Bauch,
-schwarzblau die imposante Schwanzflosse, dunkelblau das
-mächtige Auge. In dieser Pracht kommt der »Schwertfisch«
-oder das Schwert der Schwerter, wie der alte
-Linné-Name <em class="antiqua">Xiphias gladius</em> es ausdrückt, durch die
-offene See daher.</p>
-
-<p>Die größten alten Herren schätzt man bis fünf Meter
-an Länge, doch geht die Sage von noch weit stärkeren
-Kolossen. Wer den Fisch nur an den Schuppen kennen
-will, kommt bei dem nicht auf die Rechnung, denn seine
-Farben schillern nur von der schuppenlosen rauhen Haut<span class="pagenum"><a id="Seite_232">[232]</a></span>
-selbst. Das eigentliche Wunder dieses Riesen aber ist
-sein wirkliches »Schwert«.</p>
-
-<p>Auch bei ihm springt es als enorme Spitze mit scharf
-schneidenden Kanten vom Kopf aus vor. Der verlängerte
-Oberkiefer steckt als Knochenmasse darin, aber auch noch
-Teile sonst der Schädelknochen geben ihm gleichsam den
-festen Griff. Und diesmal hat man tatsächlich den
-sicheren Eindruck einer Waffe.</p>
-
-<p>Zum Riesenfisch gehört ein Riesenappetit, und wenn
-man hört, daß es sich um der allergewandtesten Fische
-einen handelt, der Jagd auf andere Fische betreibt, so
-erscheint selbstverständlich, daß das spitze Schwert dabei
-eine Rolle spielen muß. In der Tat wirft sich nach
-treuem Bericht der wilde Schwimmer mitten in Fischschwärme
-hinein, haut mit dem Degen rücksichtslos um sich,
-bis weithin alles sich krümmt von mitten durchschnittenen
-Heringen oder Makrelen, und sättigt sich dann behaglich
-aus dem Überfluß dieses Blutbades. Wo aber
-das geschieht, da kann auch ein badender Mensch gegenüber
-solchem tollen Draufgänger von doppelter Menschengröße
-wohl in Gefahr kommen. Fischer wissen Geschichten
-genug, wo einer einen Stich dieses Schwertes selbst von
-kleinen Exemplaren erhielt, der durch Arm oder Bein
-ging. Doch ist das alles noch nicht das eigentliche
-Märchen des Schwertfisches.</p>
-
-<p>Der Schwertfisch in seiner größten, legendär noch ins
-weiteste gesteigerten Gestalt soll es sein, der, jäh im Zorn
-von unten anrennend, wirklich große Schiffe einstößt,
-leck macht, in äußerste Gefahr oder wirkliches Verderben
-bringt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_233">[233]</a></span></p>
-
-<p>Viel ist seit alters darüber spintisiert worden, ob das
-wahr, ob es überhaupt möglich sei. Die Wand eines
-richtigen Ozeanschiffs &ndash; und ein anrennender Berserker
-von Fisch &ndash; es schien immer wieder zu kühn. Otto
-Steche, dem neuen trefflichen Bearbeiter des Fischbandes
-in Brehms Tierleben, gebührt das Verdienst, die sozusagen
-amtlichen Angaben darüber erneut kritisch gesichtet
-zu haben; das Ergebnis aber ist überraschend.
-Der Schwertfisch ist weit schlimmer, als jemals erwartet
-werden konnte!</p>
-
-<p>Ein paar schlichte Daten, die durch die zoologische
-Kritik jetzt einwandfrei durchgegangen sind, mögen das
-besser als alle Reden erläutern. Bei einem alten britischen
-Kriegsschiff hatte das (im Holz schließlich abgebrochene)
-Schwert des Fisches die 2,5 Zentimeter der
-Verschalung, 7,5 Zentimeter Holz einer Planke durchstoßen
-und war dann noch mehr als 11 Zentimeter weit
-in einen Pfosten eingedrungen. In einem Walfischfänger
-waren in gleicher Weise der Kupferbelag, die 2,5-Zentimeter-Verschalung,
-eine 7,5 Zentimeter dicke Planke und
-ein 30 Zentimeter starker Eichenbalken durchlocht worden,
-und die scheußliche Spitze hatte zum Schluß noch dem
-Boden eines Tranfasses im Schiffsraum ein besonderes
-Leck geschlagen. Der Stoß erschütterte in solchem Fall
-das ganze Schiff so, daß alles auf Deck rannte. Auf
-einem großen englischen Indienfahrer konnte man den
-unterseeischen Angriff unmittelbar in seinem Anlaß verfolgen:
-man hatte den ungeheuren Fisch mit der Angel
-geködert, worauf aber die Leine riß und der wütende Unhold
-sofort einen furchtbaren Unterwasserstoß wagte. Das<span class="pagenum"><a id="Seite_234">[234]</a></span>
-Schiff wurde leck und kam mit Not in den Hafen zurück,
-von dem es ausgegangen war; es entwickelte sich dann
-eine Schadenersatzklage, bei der zoologische Sachverständige
-die Kraft des Fisches zu solcher Leistung gerichtlich
-festlegen mußten und schließlich die Versicherungsgesellschaft
-12&nbsp;000 Mark dafür zahlen mußte, daß sich solche
-lebendigen Unterseeboote im Ozean herumtreiben.</p>
-
-<p>Was ein einfaches Boot bei solcher Sachlage erfahren
-kann, erhellt von selbst: schon ein kleinerer Schwertfisch
-stieß gelegentlich beide Bootsseiten durch und das
-dazwischen befindliche Bein eines Rudernden mit. Der
-bekannte Zoologe Peschuel-Loesche ist um ein Haar bei
-solchem Angriff, bei dem der Fisch sich mit Schwert und
-noch einem Stück Kopf durch den Bootsboden schlug,
-ums Leben gekommen.</p>
-
-<p>Nach diesen Angaben kann also nicht bestritten werden,
-daß der Schwertfisch eine wirkliche Gefahr für die Schiffahrt
-ist, an der tatsächlich Schiffe verunglückt sein
-können, ohne daß man je etwas von ihrem genaueren
-Schicksal mehr gehört hat. Und es ist gewiß ein Gedanke
-von seltsamer Romantik: der einsame, wilde Fisch
-in seinem Element, der den Kampf gegen die ganze
-Kultur wagt, die da hinter ihren paar Zentimetern Holzplanken
-über den weiten Ozean fährt. Aber was will's
-in unserer ungeheuren Zeit, wo das feurige Schwert
-des Menschen in seiner Not Schiff um Schiff in den
-schwarzen Abgrund senkt, aus dem keine Wiederkehr&nbsp;…</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_235">[235]</a></span></p>
-
-<h2 id="Aus_der_Flottenkunst_der_Tiere">Aus der Flottenkunst der Tiere</h2>
-
-<h3>I<br />
-Unter fremder Flagge</h3>
-</div>
-
-<p class="drop">Vom See, dessen lichtblauer Spiegel zwischen dem
-weißen und rosenroten Blütenschnee meines Gartens
-durchlugt, schallt ein eigentümliches, bald mehr
-summendes, bald mehr rollendes Geräusch.</p>
-
-<p>Ich weiß: sie proben wieder da draußen. In diesen
-Zeiten des Weltensturmes nicht wie sonst zum anmutigen
-technischen Spiel, sondern mit dem ganzen furchtbaren
-Ernst der Stunde. Und doch kommt es so von weitem daher
-blank und elegant wie ein Spielzeug aus dem Laden: ein
-Wasserflugzeug. Erst saust es mit seiner Schaumbrust
-in die glänzende Wasserfläche hinein wie ein riesiger
-Fisch; gleich, denkt man, wird er untertauchen. Aber
-ehe der Blick es noch ganz fest gefaßt hat, ist der
-Fisch zum fliegenden Fisch geworden: mit seinen
-Flossen gleichsam schwebt er auf einmal hoch über
-dem Seeplan im freien, durchsichtigen Element, und nur
-sein Schatten läuft noch gespenstisch als Fisch unten
-weiter. Und jäh wird der Fisch zum Vogel, majestätisch
-schraubt das prachtvolle Wunderwerk menschlichen
-Erfindergeistes sich zu Adlerhöhen hinauf und
-wieder hinab, um endlich pfeilschnell und treffsicher
-wie der Adler zum Horst bei seiner Halle am Ufer
-wieder einzuschlüpfen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_236">[236]</a></span></p>
-
-<p>Wie viele Wege der Natur, uraltes, jahrmillionenlanges
-Proben, hat der große Magier, der alles noch
-einmal jetzt neu für seine Zwecke heraufzaubert, der
-Mensch, hier zusammengefaßt!</p>
-
-<p>Die gleiche Not des Kampfes, die uns heute diese
-technischen Experimente mit so fieberhafter Eile weiter
-und weiter treiben läßt, hat in grauen Tagen schon das
-Tier gedrängt, das Flugzeug zu »erfinden«, und zwar
-hat es dieses Flugzeug ganz in der Form zunächst erfunden,
-die hier vor Augen steht: als Wasserflugzeug.</p>
-
-<p>Im Wasser, so seltsam es klingen mag, ist in der
-Natur das Fliegen zuerst erfunden worden. Vom Meeresboden
-herauf hat das Tier zuerst lernen müssen, wie man
-im freien Wasserraum selber sich schwebend in Balance
-hält, sich wie auf Fallschirmen tragen läßt, endlich das
-Wasser mit Rudern und Rädern schlägt zu eigenmächtiger
-Bewegung. Und erst als man so im Wasser frei
-fliegen konnte, da wurde dieses Prinzip auch auf die
-noch freiere, noch gewagtere Schicht jenseits des Wassers
-ausgedehnt, die Luft.</p>
-
-<p>Auf seinen großen Wasserflügeln, den Brustflossen,
-sehen wir noch heute den fliegenden Fisch wie im ersten
-tastenden Versuch 200 Meter weit reglos, bloß nach
-dem Fallschirmprinzip, über dem Meeresspiegel dahinschweben.
-Auf Java gleitet der fliegende Frosch so auf
-den gespreizten Flächen seiner Schwimmhäute zwischen
-den Zehen vom hohen Ast durch die Luft zur Erde.
-Bis dann im Adler endlich auch für die Luft das große
-Problem eigener zwecktätiger Steuerbewegung glänzend
-durchgeführt war.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_237">[237]</a></span></p>
-
-<p>Und doch will ein Unterschied zwischen dem Alten
-und dem Neuen stören.</p>
-
-<p>In dem Wasserflugzeug des großen Magiers Mensch
-sitzt ein wirklicher Mensch und leitet eine riesige summende
-Maschine; der Vogel fliegt »sich selbst«, sein Leib
-mit seinen organischen Bewegungen ist zugleich sein eigener
-angewachsener Flugapparat. Und überall, wo ich über
-meinen blauen See hier blicke, sehe ich scheinbar auf
-diesen Gegensatz.</p>
-
-<p>Im schmucken goldbraunen Boot dort sitzen weiße
-Ruderer und schlagen den Plan mit fremdem Ruder.
-Wenn ein Unterseeboot hier führe: es schlösse auch
-Menschen ein in einem Kunstbau fremden Materials.
-Der schmucke Haubentaucher dort aber rudert nur mit
-den eigenen Beinen, und das Fischlein, das eben aufschnellend
-mit einem Blitz die untere Blankheit seines
-sinnreichen Unterseeboots verrät, fährt nicht in solchem
-Boot, sondern ist es zugleich selber. Das scheint so
-selbstverständlich als Gegensatz. Und doch ist es, wie so
-manches Selbstverständliche, auch einmal wieder nicht
-wahr.</p>
-
-<p>Die Flottenkunst auch des Tieres hat sich durchaus
-nicht bloß darauf beschränkt, im »Selbstschiff« zu fahren.
-Auch das Tier sitzt unter Umständen vergnüglich im
-fremden Schifflein und dirigiert bloß als Kapitän. Hier
-beginnen freilich absonderliche Tiere, die nicht gleich jeder
-beachtet hat.</p>
-
-<p>Zunächst als Übergang mag da das Tier gelten, das
-überhaupt mit Menschenschiffen fährt. Ich meine jetzt
-nicht die Ratte im Kielraum oder den Floh der Matrosenkabine,<span class="pagenum"><a id="Seite_238">[238]</a></span>
-das wäre ein zu billiges Beispiel ohne
-echten Sinn. Aber es gibt eine Gruppe kleiner und
-mittelgroßer Fische, die der Tierforscher als »Schiffshalter«
-bezeichnet. Um zu verstehen, was diese höchst
-verwunderlichen Gesellen vollbracht haben und täglich
-noch vollbringen, muß man einen Augenblick dabei verweilen,
-wie der Mensch selber als Schiffbauer angefangen
-hat.</p>
-
-<p>All unsere Flottenkunst bis zum herrlichsten Kriegsschiff
-heute geht zuletzt zurück auf den »Einbaum«. Der
-Mensch merkte, daß Holz auf Wasser schwamm, und
-wenn er übers Wasser wollte, so ließ er sich von einem
-Baumstamm tragen. Als Wesen mit Luftatmung setzte
-er sich oben darauf, klammerte sich an und trieb so dahin.
-Indem er den gegebenen fremden Holzstamm sich künstlich
-zum Sitzen höhlte und zu dirigieren lernte, war dann
-die ungeheure, so endlos folgenreiche Erfindung des Schiffs
-im Prinzip vollbracht. Warum aber wollte der Mensch
-übers Wasser?</p>
-
-<p>Gerade wir erleben heute wieder, was sich ergibt,
-wenn man Menschen von der Schiffahrt absperren will.
-Es ergeben sich Verproviantierungsfragen. Alle Schiffahrt
-der Menschheit ist zuletzt und im umfassendsten Sinn
-immer eine Verproviantierungsfrage gewesen.</p>
-
-<p>Von diesen Grundpunkten aus aber versteht sich nun
-auch das Problem des Fisches, den sie den »Schiffshalter«
-nennen.</p>
-
-<p>Es war einmal ein kleiner Fisch, um die Geschichte
-wie im Märchen zu beginnen; es ist aber der Zoologe,
-der ganz ohne Märchen spricht. Dieser kleine Kerl<span class="pagenum"><a id="Seite_239">[239]</a></span>
-brauchte als Wasserluftatmer keinen Holzklotz, um über
-das Wasser zu kommen, und sein eigener Fischleib war
-längst ein gegebenes treffliches Unterseeboot, ein »Selbstschiff«.
-Indessen auch hier kam die Proviantfrage. Sie
-kam schon in Urweltstagen, so weit gehen unsere Kenntnisse
-der Geschichte zurück, und sie bewirkte irgendeines
-Urwelttages (sie pflegen bekanntlich lang zu sein, diese
-Tage), daß der betreffende Fisch sich daran gewöhnte,
-als ein kleiner hungriger Köter seines Elements sich in
-der Nähe größerer Fresser dort zu halten, von deren
-Herrentisch immer auch einmal ein paar Brosamen für
-ihn abfielen. Auf dem Lande folgen so Schakale dem
-Löwen oder Panther, im Ozean ergaben sich die mächtigen
-Haifische als Herrenräuber, die besonders in Urweltsmeeren
-lange die oberste Rolle spielten.</p>
-
-<p>Aber der kleine freche Tafeldieb machte die Sache,
-wieder eines Entwicklungstages, noch praktischer. Wenn
-auch nicht wie Jonas in des Riesenfisches Bauch, so
-klammerte er sich doch gern unter des Haies Bauch an
-unfaßbare Stellen, wobei die rauhe Haifischhaut gute
-Stütze gab.</p>
-
-<p>Und wieder nach einer Weile führte das, wie so oft,
-zu einer festen körperlichen Anpassung bei ihm. Seine
-erste Rückenflosse verwandelte sich in eine große Saugwarze,
-mit der er sich oberwärts an den Haifischbauch
-wie mit einem Schröpfkopf unmittelbar ansaugen konnte,
-während gleichzeitig sein gieriger kleiner Kötermund
-darunter frei und freßfroh blieb &ndash; der Schakal verankert
-am Löwen und von ihm unfreiwillig fortan herumgeschleppt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_240">[240]</a></span></p>
-
-<p>Die Sache war, wie gesagt, zunächst eine Freßfrage,
-sie wurde dann aber folgerichtig auch schon eine Vehikelfrage.
-Der kleine Fisch brauchte mit dem großen nicht
-mühsam Tempo zu halten, wenn solcher große seine
-weiten Raubzüge wie ein alter Normanne veranstaltete:
-immer war er von selbst gleich mit zur Stelle, wo immer
-es zur Beute kam.</p>
-
-<p>Schließlich aber mußte der Fremdtransport, einmal
-so billig gemacht, auch von Wert sein, wo gar kein Hai
-da war. Man hängte sich irgendwo an und ließ sich
-auf gut Glück treiben, ob der Zufall eine eigene oder
-fremde Beute in den Schoß warf.</p>
-
-<p>Die kleinen Frechen hefteten sich, wo es sich gab, auch
-an tote, aber mit Wellenschlag und Strömung treibende
-Gegenstände an, und da bewährte sich ganz von selber
-auch hier schon der Segen des Holzes, das weit, weit
-dahinfuhr, ohne zu sinken.</p>
-
-<p>Zeiten schwanden, da zeigte sich aber im Ozean eine
-ganz besondere neue Sorte »Holz«. Menschenschiffe aus
-Holz fuhren übers Wasser. Und die Fischlein klebten
-sich auch an diese Menschenplanken, nichts konnte bequemer
-sein. Zumal da sich rasch herausstellte, daß diese
-neuen Seeungeheuer in ihrer Art den »blinden Passagier«
-auch noch selber fütterten. Denn vom Schiffe fiel
-mancherlei Abfall, den diese wenig Wählerischen gern
-als ihren Schakalsanteil begrüßten.</p>
-
-<p>Seither reisen die »Schiffshalter« gewohnheitsmäßig
-in Scharen mit den Menschenschiffen. Sie sitzen nicht
-oben darauf, wie sollten sie, ihnen ist ja im Wasser wohl
-und nicht in der Luft. Gleichwohl: sie fahren Fremdboot<span class="pagenum"><a id="Seite_241">[241]</a></span>
-statt Eigenboot. Und nur das trennt sie immer
-scheinbar noch endlos vom Menschen selber, daß sie das
-Holz, an dem sie hängen, nicht selber dirigieren können,
-wohin es fahren soll, und daß sie es auch nicht künstlich
-zum Fahrzweck umgestaltet haben.</p>
-
-<p>Aber es war am 17. Februar 1899.</p>
-
-<p>Jenes prächtige deutsche Naturforscherschiff, die »Valdivia«,
-näherte sich, von Ceylon kommend, dem Äquator.
-Da trieb vor dem Schiff im Indischen Ozean eine
-schwimmende Schale dahin, eine jener als Zierstück auf
-unseren Kaminen so oft beliebten Nautilusschalen, die
-von einem höchst seltsamen, tintenfischähnlichen Weichtier
-körperlich abgeschieden werden und auch nach dem Tode
-ihres Besitzers vermöge ihrer vielen geschlossenen Luftkammern
-auf der offenen See schwimmend bleiben.</p>
-
-<p>Gewisse Anzeichen erweckten in diesem Falle zuerst
-den Glauben, das lebende Tier sitze noch angewachsen
-in seinem Gehäuse und leite sein Selbstschiffchen; dann
-aber zeigte sich: es war doch auch nur eine verlassene
-Schale &ndash; in dieser Schale aber hatten sich wunderbarerweise
-eine Anzahl kleiner barschartiger Fische (Riffische,
-<em class="antiqua">Glyphidodon</em>) eingenistet, die regelrecht als in einem
-Fremdschiffchen in ihr wohnten und »fremd fuhren«.
-Scheu hineingeduckt, wurden ihrer mehrere in dem Nautilusboot
-mit heraufgefischt, ja als man zur Probe die
-leere Schale noch einmal ins Wasser warf, schwammen
-sogleich verschiedene andere der kleinen Bande auf das
-wiedergegebene Wasserhaus zu und schlüpften hinein,
-wobei sie durch die Fähigkeit, ihren Rückenstachel in eine
-Furche einzuklappen, unterstützt wurden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_242">[242]</a></span></p>
-
-<p>Offensichtlich handelte es sich auch hier um eine bereits
-alteingebürgerte Gewohnheit, die vielfach dort treibenden
-Fremdschiffchen des Nautilus so zu benutzen, eine
-Gewohnheit, die vielleicht bei dem zähen Durchhalten
-solcher Dinge bei jenen Fischen bis auf Urweltstage
-zurückgeht, wo solche nautilusähnlichen Tiere in unfaßbaren
-Mengen alle Meere bewohnten und ganze Felder
-solcher schaukelnden Leergehäuse in allen Formen und
-Größen eine Alltagserscheinung gewesen sein müssen.</p>
-
-<p>Wohlverstanden: hier wohnen die Tiere schon im
-fremden Schiff, und bei kluger, beweglicher und ungestümer
-Bande wie solchem Fischvolk liegt nahe genug,
-daß sie gegebenenfalls ihr Schiff auch schon willkürlich
-nach einer ihnen genehmen Richtung durch Stöße dirigieren.</p>
-
-<p>Unmittelbar beobachtet aber wurde dieser letztere Fall
-bei einer anderen Gelegenheit von einem unserer besten
-neueren Beobachter, Richard Semon, dem berühmten
-Verfasser der Mnemetheorie.</p>
-
-<p>Auf den Korallenbänken der Sundainsel Ambon versuchte
-er eine prächtige Qualle lebend mit einem eingetauchten
-Glase zu erwischen. Immer wieder mißlang es,
-denn die Qualle wich in sehr geschickten selbständigen
-Bewegungen aus. Solches raffinierte, auf starke Intelligenzleistung
-deutende Verhalten erschien nun bei einer
-Qualle durchaus ungewöhnlich, ja unmöglich. Und wie
-erstaunte der Forscher, als er wirklich feststellen konnte,
-daß in diesem Falle die dumme Qualle in der Tat einen
-klugen Kapitän hatte, der sich in ihrem lebendigen Kristallschiff
-verbarg.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_243">[243]</a></span></p>
-
-<p>Es war auch diesmal ein kleiner Fisch vom Makrelenschlage,
-der gewohnheitsmäßig in solchen Quallen hauste.
-Noch in dem Eimer, in den Semon seine endlich gefangene
-Qualle gesetzt hatte, trieb der verwegene kleine
-Kapitän seine Arbeit unermüdlich weiter, indem er sein
-lebendiges Boot durch fortgesetzte zielbewußte Stöße in
-bestimmter Richtung fortzutreiben suchte und zu unausgesetztem
-Herumschwimmen zwang &ndash; natürlich in dem
-umgrenzten Raum ohne jeden Erfolg.</p>
-
-<p>Ähnlicher Fischbrauch, gerade in den schwimmenden
-Glaspalästen der Quallen zu leben, ist auch sonst vielfältig
-beobachtet worden.</p>
-
-<p>Der Fisch findet in diesem Falle nicht bloß ein
-fremdes Schiff, sondern er fährt auch in einem guten
-Kriegsschiff zugleich: die Qualle führt nämlich furchtbare
-Nesselorgane, wahre Giftbomben, die im Wasser jeden
-tierischen Angreifer böse abfallen lassen. Der Fisch selber
-aber wird von dieser Quallenbatterie nicht geschädigt.
-Nach gangbarer Ansicht ist auch das stumpfe Geistesleben
-solcher Qualle doch immer noch empfänglich genug
-gewesen, um sich einem festen Genossenschaftsinstinkt vor
-offenkundigem Vorteil nicht zu verschließen: sie schont
-den fremden Insassen, eben weil er sich in Gefahr als
-intelligenter Steuermann erweist.</p>
-
-<p>Andere Meinung vertritt allerdings, daß diese Quallenkapitäne
-einfach selber gegen das brennende Quallengift
-»immun« geworden seien, es nicht mehr fühlten. Ihre
-Vorfahren sollen trotz der Batterie so manches Quallenschiff
-im Sturm genommen und ausgefressen haben, und
-dabei wären sie als Piraten durch die Ernährung mit<span class="pagenum"><a id="Seite_244">[244]</a></span>
-Quallenfleisch schließlich ganz giftfest geworden wie der
-hörnene Siegfried der Sage, der sich mit Drachenfett
-salbte. Daß ja Tiere gelegentlich in dieser Weise wirklich
-immun werden, zeigen unsere Schmetterlingsraupen des
-Admiral und kleinen Fuchs, die gewohnheitsmäßig ganz
-gemütlich die Blätter der Brennessel abweiden. Wer
-aber nun recht habe in der Deutung: das gewaltsame
-Ausfressen solches Quallenschiffs ist jedenfalls an sich
-wieder interessant.</p>
-
-<p>Wir alle haben von Münchhausens armem Pferde
-vernommen, in das sich ein Bär einfraß; als er es ganz
-gefressen, saß er selber an Deichsel und Riemen, und
-Münchhausen kutschierte vergnügt mit ihm heim. Fast
-so geht es bei gewissen kleinen Krebschen des Ozeans
-aus der Gruppe der hüpfenden Flohkrebse. Ihre Weibchen
-fallen als böse Piraten über die zierlichen glashellen
-Schifflein her, die sich gewisse andere Seetiere aus der
-weit entfernten Gruppe der Manteltiere (Tunikaten), die
-in vielem an Würmer, in manchem aber sogar an
-niedrigste Wirbeltiere erinnern, geschaffen haben. Indem
-sie die berechtigten Insassen herausfressen, bleibt von
-dem fremden Schiffe nur ein hohles schwimmendes
-Tönnchen übrig, dessen durchscheinende Wand ausgespart
-nach dem Brauch dieser Manteltiere auch noch aus der
-sonst nur im Pflanzenreich üblichen Zellulose, also aus
-regelrechtem Holzstoff, besteht.</p>
-
-<p>In diesem Holzfäßlein als Fremdschiff aber sitzt jetzt
-wirklich beinahe wie Münchhausens Bär der Fresser
-selber, der Krebs. Hier erlebt er Mutterfreuden. Und
-da der alte Bewegungsapparat des Schiffs geschwunden<span class="pagenum"><a id="Seite_245">[245]</a></span>
-ist, muß er es fernerhin selber lenken: so reckt er sein
-hinteres Leibesende vorsichtig aus dem vorne festgehaltenen
-schwimmenden Faß hervor und rudert sich und
-seine Kinderstube geschickt, wohin er will.</p>
-
-<p>Daß er dabei unter falscher Flagge segelt, Krebsinhalt
-im Manteltierschiff, das macht ihm so wenig aus,
-wie dem Schiffshalter daran liegt, was für Farben über
-seinem Menschenschiff wehen.</p>
-
-<p>Wie wenig aber fehlt bei dem Tier, das sein hölzernes
-Fremdschiff nicht nur selbsttätig lenkt, sondern auch
-selber sich zum bequemen Sitzraum gehöhlt hat, bis zu
-jenem »Einbaum« des Menschen?</p>
-
-<h3>II<br />
-Das Unterseeboot aus Luft</h3>
-
-<p>»Im November 1803 begegneten wir zum erstenmal
-den großen Seeblasen im Atlantischen Meer, einige
-Grade nördlich vom Äquator; sie erscheinen wie rosenrote
-Glaskugeln über dem Wasser, blähen sich stolz auf
-wie ein Pfau und verändern unaufhörlich ihre Gestalt.
-Alle Leute auf dem Schiff wurden aufmerksam auf diese
-sonderbaren Tiere und wünschten sie in der Nähe zu
-betrachten, so daß endlich ein Matrose ins Meer sprang,
-glücklich eine erhaschte und, indem er die Finger und
-Arme schmerzhaft verbrannt fühlte, aufs Verdeck brachte.
-Sie schleppte lange Fäden hinter sich her, die sehr
-schleimig waren, überall anklebten und, wenn man sie
-auseinanderlösen wollte, an den Fingern brannten.«</p>
-
-<p>So liest man in weiland Krusensterns Reisen von
-einem Meerwunder, das bereits die ersten Ozeanfahrer,<span class="pagenum"><a id="Seite_246">[246]</a></span>
-auch wenn sie nur ungebildete Schiffsleute waren, gefesselt
-und zu den kühnsten Namenserfindungen verlockt
-hatte.</p>
-
-<p>Die »Karavelle« hießen es die Spanier und Postugiesen,
-wenn sie es so in ganzen Flotten sein Kolumbusschifflein
-über die uferlose Wasserwüste treiben sahen, den
-<em class="antiqua">Man of War</em>, das Kriegsschiff, die englischen Matrosen.</p>
-
-<p>Es bedurfte aber noch saurer Zoologenarbeit bis tief
-in das neunzehnte Jahrhundert hinein, ehe man heraus
-hatte, was diese »Seeblase«, die Physalia, wie der Name
-schließlich stehenblieb, eigentlich für ein Geschöpf sei, &ndash;
-bis man erkannte, daß zum Vergleich mit einer Flotte
-hier gar nicht ein Schwarm solcher roten Karavellen
-nötig war, sondern daß jede einzelne schon eine Art
-Flotte für sich darstellte, ein Bündel nämlich zusammengewachsener
-quallenhafter Tiere, die mit Hilfe eines stolz
-geblähten Purpursegels aufrecht dahinfuhren.</p>
-
-<p>Dieses Segel brauchte in Wahrheit nicht bloß der
-Wind aufzublähen, sondern es war bei der Fahrt schon
-von sich heraus dick ausgeblasen, indem es einen riesigen
-hohlen Luftsack enthielt. An ihm aber nach unten ins
-Wasser hinein hingen in krausem Gewimmel die Einzeltiere,
-in sinnreicher Arbeitsteilung auch sie in solche gesondert,
-die bloß fraßen oder bloß tasteten oder bloß für
-die Jungmannschaft sorgten, also sozusagen Küchenschiffe,
-beobachtende Admiralsschiffe und Kadettenschiffe im
-Flottenverband bildeten, während schreckliche Brennbatterien
-das Ganze verteidigten.</p>
-
-<p>Nun, ich will hier jetzt nicht von den sozialen Wundern
-solcher Röhrenquallen (Siphonophoren), wie man die<span class="pagenum"><a id="Seite_247">[247]</a></span>
-ganze Gruppe nennt, des engeren sprechen, wie es mir
-auch fern sei, mich etwa ganz im allgemeinen über Flotten
-zu verbreiten, deren Hauptteil sich, näher besehen, als
-eitel luftige Blase erweist … Sondern was interessiert,
-ist die Methode in solcher Physalienblase.</p>
-
-<p>Kein Zweifel, daß hier Luftballon und Unterseeboot
-in sinnreichster Weise kombiniert sind. In dem Ballon
-sitzt eine besondere »Gasdrüse« und füllt nach Bedarf
-eine »Luftflasche«. Bei verwandten Arten führt das
-eigentliche Unterseeboot noch besondere Bewegungsapparate,
-sogenannte »Lokomotiven«, in denen hohle offene
-Quallenglocken heftig pulsend arbeiten. Der Ballon
-aber, durch ein richtiges Ventil reguliert, läßt das Ganze
-beliebig auf- und absteigen und gibt ihm Haltung. Bei
-der Karavelle ist es, als wolle er sich ernstlich ganz aus
-dem Wasser erheben, aber das Tiefenboot hält ihn als
-Fesselballon genau in der Fläche fest.</p>
-
-<p>Unwillkürlich denkt man daran, was Tiere auch sonst
-schon alles gerade auf diesem scharfen Rain zwischen
-Wasser und Luft angestellt haben, &ndash; wie sie herumbalancieren
-auf dieser schier mathematischen Scheide des
-Elements.</p>
-
-<p>In der gleichen hohen See, wo die Purpursegel der
-Karavellen stolzieren, laufen (unser Chamisso hat es mit
-zuerst gesehen) langbeinige Wasserwanzen regelrecht auf
-dem blanken Wellenspiegel selber Schlittschuh.</p>
-
-<p>Sie machen's wenigstens von oben, aber unsere ganz
-gewöhnliche Schlammschnecke, die Limnäa, vollführt gar
-das Kunststück, von unten sozusagen am Luftspiegel entlang
-zu kriechen, wobei sie mit ihrem ganzen Hause<span class="pagenum"><a id="Seite_248">[248]</a></span>
-huckepack nach unten hängt; eine ganze Literatur existiert
-darüber, bald sollen abgesonderte Schleimbänder, bald
-kahnartige Höhlung der scheinbar an der Luft Schlittschuh
-laufenden Sohle das Unmögliche möglich machen,
-während mir die Sache immer noch etwas von Münchhausen,
-der sich am eigenen Zopf aus dem Sumpf zog,
-bewahrt, so sicher auch das Faktum feststeht.</p>
-
-<p>Jedenfalls aber sind auch so die Naturleistungen der
-Karavelle in zwei menschliche Technikgebiete zugleich
-hinein unwiderleglich. Aber wieder auch mag man das
-alte Argument anbringen. Der Karavelle ist ihr Ballonboot
-schon natürlich gewachsen am Leibe, ihre Gasdrüse
-und Luftflasche hat sie von Kindheit an als Erbe mitbekommen.
-Um die Analogie zur Menschentechnik wirklich
-zu finden, möchte man aber ein Tier sehen, das
-selber erst mit Luft wirtschaftet als Material, das sich
-ein Unterseeboot selbsttätig baut und nun damit das
-Prinzip des Ballons kombiniert. Das äußerlich noch
-einmal schafft, was die Karavelle, wer weiß woher, einfach
-bekommen hat. Nun, wenn die Frage so liegt, so
-läßt sie sich doch auch noch wieder ihr Stück im Tierreich
-weitertreiben.</p>
-
-<p>Da sind wir im Teich, und es tauchen allerhand dicke
-Käfer auf, Schwimmkäfer verschiedener Sorten. Ein
-Käfer ist auf jeden Fall bereits ein weit höher entwickeltes
-Tier als eine Qualle. Man wird erwarten
-dürfen, daß manches bei ihm auch entsprechend schon
-beweglicher, im rechten Sinne gesagt, schon vergeistigter
-eingerichtet sei; auch in dem höheren Tier muß man ja
-noch mit gewissen vererbten Instinkten für das Geistige<span class="pagenum"><a id="Seite_249">[249]</a></span>
-rechnen, die dem einzelnen sozusagen die Schule ersetzen,
-aber auch so läuft alles doch über eine weit vertiefte
-Bahn, daran ist kein Zweifel.</p>
-
-<p>Nun sind die Käfer ersichtlich von Ursprung Landbewohner
-gewesen und hatten also für ihre Organe
-der Atmung Freiluftatmen als Methode mitbekommen.
-Nachher aber sind einige im stillen Teichwinkel wieder
-ins Wasser gegangen, ohne daß sich doch ihr Organ dazu
-wieder ganz mitumgewandelt hätte. Und so brauchen sie
-da unten Luft; da das Organ sie ihnen aber nicht nach
-Art der Fischkiemen aus dem Wasser selber zieht, müssen
-sie sie nachträglich erst sozusagen durch ihrer Hände Arbeit
-beschaffen, &ndash; damit begann aber für sie zunächst wirklich
-schon ein sehr viel freieres Wirtschaften mit dem
-Luftstoff.</p>
-
-<p>Sie holen sich nämlich händeweise oder, um es mit
-der Freiheit des Naturforschers gerader herauszusagen,
-teils kopf-, teils hinterteilweise kleine Portionen Freiluft
-von der Oberfläche, aus der sie die betreffenden Körperteile
-einen Augenblick herausstrecken, ins tiefe Wasser
-hinunter, stets einen Schluck direkt in die Atemröhren,
-aber außerdem auch noch einen mehr oder minder dicken
-zur Reserve, der unter den Flügeldecken wie in ein
-Fläschchen gefüllt oder mit dem Haarfilz um den Bauch
-gebunden wird. Auch der Reserveschluck in der Flasche
-dient in diesem Falle zur eigenen Luftatzung. Daß er
-an und für sich gleich dem Ballon der Qualle mit ihrer
-Luftflasche den Körper des Schwimmers etwas leichter
-macht, ist dem Käfer sogar gar nicht immer genehm,
-denn er muß es ersetzen durch verstärkte Arbeit beim<span class="pagenum"><a id="Seite_250">[250]</a></span>
-Wiederhinabtauchen. Aber das Bedeutsame bleibt diesmal:
-das Tier holt sich, einerlei zu was für einem Zweck,
-ein Stück fremder Luft äußerlich hinunter, es beginnt
-wirklich zu wirtschaften mit Luft wie mit einem fremden
-Material, das man aufgreift, wie einer sich ein Stück
-Butterbrot in die Tasche steckt oder ein beliebiges
-Stück Holz oder Stein von dort fortnimmt, wo es
-sich bot.</p>
-
-<p>Was verschlüge es, wenn unser Wasserkäfer das,
-was er jetzt noch als Püllchen oder Stüllchen bloß zu
-sich gesteckt hat, eines anderen Tages doch auch selber
-verwertete für irgendeinen luftgefüllten Unterseebau?
-Eines anderen Tages &ndash; eines Entwicklungstages heißt
-das wieder, natürlich.</p>
-
-<p>Hier ist aber nun wiederum kein Zweifel, daß solcher
-Käfer etwas kann, was die Karavellenquallen unbedingt
-noch nicht konnten: er kann nämlich überhaupt schon eine
-Sache selbsttätig bauen.</p>
-
-<p>Der riesige schwarze Kolbenwasserkäfer unserer Teiche,
-den jeder sammelnde Schulknabe schon kennen lernt, bewährt
-diese Kunst zwar noch nicht eben an Häusern,
-aber er hat sich eine Spezialität ausgesucht: er ist berufsmäßiger
-Hersteller von Kinderwiegen. Da auch er
-ins Wasser gegangen ist (an und für sich ist er kein
-besonders glänzender Schwimmer und stammesgeschichtlich
-ist er auch kein »verwässerter« Karabide wie die anderen,
-besseren Schwimmkünstler dort, die noch bekannteren
-Gelbränder), müssen seine Kinderwiegen aber zugleich
-Mosesschifflein sein, also auf alle Fälle mit Wassertechnik
-gebaut werden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_251">[251]</a></span></p>
-
-<p>Seit langem sind diese Mosesschiffchen als eine der
-niedlichsten Naturleistungen bekannt. Der große satansschwarze
-Kerl treibt im werdenden Mutterstande aus
-Warzen seines Hinterleibes eine zu weißen Fäden erstarrende
-Substanz hervor nach ungefährer Art der
-Spinne. Sonderte er sie bloß ab, so bliebe die Sache
-beim einfach Organischen, wie bei den Taten der Qualle.
-Aber darin eben bewährt sich nun das Prinzip des
-Selbstbauens, daß der Produzent oder, besser gesagt,
-die Produzentin aus den Fäden sich selber eine hübsche,
-hinten geschlossene Hose um den Hinterleib webt. In
-dieses Büchschen als Nest legt sie dann Ei um Ei,
-bis deren eine tüchtige Fracht in den sicheren Hosenboden
-hinabgesackt sind. Jetzt läßt sie den Rest des
-Raumes leer, indem sie sich selber ganz herauszieht, an
-der ledigen Hose wickelt sie auch noch die offene Seite
-mit einem richtigen langen Zipfel zu, und das Mosesschiffchen
-ist fertig. Die Eier im Fond, die Zipfelspitze
-emporgerichtet, so liegt es als kleiner Ballon im Wasser,
-sei es an schwimmenden Blättern verankert oder auch
-frei schwimmend, aber immer doch gestellt, daß es nicht
-dauernd aus der Balance geschaukelt werden kann.</p>
-
-<p>Es ist nur eine Kinderwiege, und wenn er sie vollendet
-hat, überläßt der Käfer sie ihrem Schicksal wie in
-der Mosesgeschichte. Aber wie wenig Arbeit erforderte
-es mehr: und der gleiche große schwarze Satan würde
-sich aus dieser Hose einen dauernden eigenen Schlafsack
-bauen, oder er würde auch den weiten zu einem großen
-Unterschlupf im ganzen, einem Unterseeboot, in dem er
-aus und ein gehen und wohnen könnte.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_252">[252]</a></span></p>
-
-<p>Und warum sollte er, der gewohnheitsmäßig Luft
-sozusagen stückweise in seinen Teichgrund hinabzuholen
-weiß &ndash; warum sollte er dieses unterseeische Haus nicht
-selber erfüllen mit solcher herangeschleppten Luft, tragen
-lassen durch Luft, wohnlich und bekömmlich für sich
-machen durch angesammelte, darein eingesperrte Luft?</p>
-
-<p>Argyroneta, die Silberumsponnene, heißt sie, die das
-alles wirklich vollbringt, die ihr Mosesschifflein zum
-silbernen, aus Duft und Luft gewebten Nixenhause ausgebaut
-hat.</p>
-
-<p>Sie gehört einem anderen, uralten Parallelstamme
-der Insektenentwicklung an, der wenigstens in diesem
-Falle aber recht eigentlich als der erfinderische alte Onkel
-neben dem täppischeren Neffen steht. Argyroneta, deren
-Name wie ein Vers Homer klingt, ist nämlich im gleichen
-Käferteiche unsere kunstreiche Wasserspinne.</p>
-
-<p>Sie steht im Ruf, etwas liebenswürdiger zu sein als
-andere Spinnen, ihr Weibchen frißt das Männchen nicht
-nach den Flitterstunden auf, wie das sonst in diesem
-Pfui-Spinnenreiche öfters Brauch ist; aber vor allem
-ist ihre Spezialität noch unvergleichlich weit über den
-Käfer hinaus das »Luftfangen«.</p>
-
-<p>Der brave Schildbürger, so hören wir, gedachte das
-Licht brockenweise in einer Mausefalle zu fangen. Das
-Silberkind vom Spinnenlande weiß das in seiner Art
-wenigstens mit der Luft zu machen, sie sperrt Brocken
-Luft in eine Falle und benutzt sie dann &ndash; als Bausteine.
-Auch sie muß wie der Käfer immer Atemluft
-mit ins Wasser nehmen, denn auch sie ist nur ein zum
-Nix verzaubertes Sonnenkind von da oben. Solche mitgeholte<span class="pagenum"><a id="Seite_253">[253]</a></span>
-Perle Atemluft ist es, von der ihr Leib immer
-so wie mit Silber umflossen erscheint, wenn sie ihren
-Nixenteich durchquert. Und auch sie hat, ist sie doch nicht
-umsonst selber Spinne, noch vermehrt die Spinnfähigkeit
-des schwarzen Käfers. Indem sie aber beides jetzt kombiniert,
-schafft sie aus umsponnener Luft sich den wunderbaren
-Baustein ihres Hauses.</p>
-
-<p>Angeklebt an ihre Spinndrüsen, werden mächtige
-Perlen Luft noch unabhängig von der silbernen Atemrüstung
-von ihr in die Tiefe hinabgerissen. Solche Perle
-aber wird mit dem Klebstoff umfirnißt, vom Wasser abgeschlossen,
-und nun ist sie Baustein. Nun wird an
-geschützten Fleck zwischen Wasserpflanzen Luftstein um
-Luftstein dieser Art hinabgezaubert, vereint und verankert
-im ganzen, bis das wunderbarste Lufthäuslein
-fertig ist, eine Taucherglocke, aus Spinndunst und Luft
-ätherisch gewebt, an Spinnwebankern ruhend, ein durchsichtiges
-Unterseeboot, das der Silbernixe oder Silberhexe
-(denn ein böser Räuber bleibt sie ja in all ihren
-Zauberkünsten) nun alles in einem gibt: Unterschlupf
-und die sehr erwünschte ungestörte Schlafkammer, das
-Försterhäuschen, wohin sie ihr Jagdwild bringen kann,
-ihr Brautgemach und in vielen Fällen auch ihre Kinderstube,
-zu deren Zweck sie noch einen besonderen undurchsichtigen
-Gespinstvorhang über die Kuppel ihres schimmernden
-Kristallhauses hängt. Von diesem verankerten
-Unterseekahn läuft sie seiltänzerisch auf schwindelnden
-Planken ihrer Spinnfäden in die Jagdgründe hinaus,
-angetan dann mit dem silbernen Hinterhelm ihrer Jagdtaucherglocke;
-zu ihm kehrt sie immer wieder als dem behaglichen<span class="pagenum"><a id="Seite_254">[254]</a></span>
-Heim zurück nach vollbrachter Arbeit. Die
-Liebespaare aber legen ihre Unterseekähne nahe nebeneinander
-vor Anker und bauen von Kahn zu Kahn einen
-gedeckten Gang &ndash; so wie sich in menschlichem Idyll auf
-abendlich ruhendem Kanal wohl eine Planke von liebender
-Hand von Apfelkahn zu Apfelkahn legt oder
-vorzeiten die Pfahlbauerliebe sich nächtlich in ihrem Einbaum
-geräuschlos unter den Pfählen des Wasserdorfs
-hindurchstahl.</p>
-
-<p>So wunderbar wie die Meisterin Argyroneta hat die
-Technik, mit Luft Unterseewohnungen zu bauen, keiner
-mehr erlernt. Auf das Prinzip des Bauens mit gefirnißten
-Luftsteinen sind aber doch mehrere auch sonst
-gekommen.</p>
-
-<p>Die Labyrinthfische, zu denen unsere beliebten Makropoden
-der Aquarienfreunde gehören, haben sie speziell
-wieder für Mosesschiffchen ausgebildet. Obwohl diesmal
-eigentlich Wasserluft atmende Kiementiere, holen sich
-diese merkwürdigen Fische doch regelmäßig auch Freiluft
-brockenweise von der Oberfläche für besondere Kammern
-(Labyrinthe) neben ihren Kiemenhöhlen herab, und dabei
-mögen auch sie auf das Bauen mit Luftstein geführt
-worden sein. Es dient ihrer Kinderpflege, indem sie
-große Schaumschiffe aus im Maul herangetragenen Luftperlen,
-die mit einem Firnishäutchen aus Speichel umgeben
-sind, herstellen. Unter diesen am Wasserspiegel
-ruhenden Luftkähnen legt nun das Weibchen seine Eier
-ab. Meist steigen die Eier schon vermöge eigenen Leichtgewichts
-zum Spiegel empor, sonst hilft das besorgte
-Männchen nach. Sie müssen nämlich nahe zur reichen<span class="pagenum"><a id="Seite_255">[255]</a></span>
-Sauerstoffschicht oben, sonst gehen sie ein. Unmittelbar
-dem grellen Sonnenlicht dort ausgesetzt, würden sie aber
-wiederum Gefahr leiden, auch leicht Feinden zum Opfer
-fallen. Und hier schützt nun äußerst sinnreich, daß sie
-von unten gegen das Schaumschiff prallen, das sie zugleich
-festhält und deckt und dessen gefangene Luftperlen
-den Sonnenglanz durch starkes Reflektieren sozusagen
-wieder ausschalten.</p>
-
-<p>Wer aber zum Schluß auch noch fordert, daß der
-Erbauer selbst mit seinem Unterseeboot aus Luft dahinfahre,
-anstatt es bloß wie einen ruhenden Apfelkahn zu
-verankern, der muß die Blauschnecke Janthina im freien
-Meere aufsuchen.</p>
-
-<p>Blau ist ihr Reich, das sie durchfährt im Meeresblau,
-blau wie das Meer ihre Schale. Aber nicht durch
-diese blaue Schale fährt sie dahin. Der Ballon, an dem
-sie hängt, ihr luftgewebtes Ballonschiff, ist abermals ein
-mächtiges schwebendes Schaumschiff, das sie sich selber
-erbaut hat, indem sie mit ihrem ungefügen Schneckenfuß
-(oder was man bei Schneckenleibern so nennt) Luftperle
-um Luftperle gleichsam aus der Freiluft herunterschlug
-und dann ebenfalls mit Schleimkleister ins Wasser hinein
-absperrte und verkittete. Auch ihr dient das Luftboot
-zugleich als Mosesschiffchen, an dessen Unterseite die
-Mutter ihre Eier hängt.</p>
-
-<p>Wir sind wieder am Ort, von dem wir ausgingen. Im
-gleichen schönen Meeresblau wie die Blauschnecke segeln
-die Quallenflotten mit ihren Luftflaschen. Aber was dort
-Organ war, ist hier eigene Arbeit: das Boot aus Luft.</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_256">[256]</a></span></p>
-
-<h2 id="Das_aelteste_Festungstor">Das älteste Festungstor</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">In unseren Tagen des Weltkriegs ist die Ilias ein
-aktuelles Buch.</p>
-
-<p>Um eine einzelne Burgstadt wird dort gerungen,
-und doch weiß der Dichter uns den Eindruck zu erwecken,
-daß es ein Entscheidungskampf der ganzen Menschheit
-sei. Alle Götter beschäftigen sich nur mit Ilion und
-den Griechen, als hinge das Schicksal von Recht und
-Kultur, von Himmel und Erde zuletzt davon ab. Und
-gerade das ist die ungeheure Stimmung, die wir heute
-verstehen, wo wirklich die ganze Erde brennt, während
-es damals nur um ein paar Mauern und Tore an der
-Schwelle Asiens ging.</p>
-
-<p>Schliemann hat erst so viel später die Stätte selbst
-wieder ausgegraben, um die der Efeu der Trojasage
-webte, und es wurde nun doch auch ein starkes geschichtliches
-Bild &ndash; ein Zeugnis menschlicher Zähigkeit, die
-nicht bloß ein Jahrzehnt ausdauerte. Acht- oder neunmal
-haben sie immer wieder eine Burg auf den gleichen,
-durch eigene Trümmer wachsenden Hügel hier gesetzt
-und ihre Mauern und Tore verteidigt, viele, viele Jahrhunderte
-lang, und dabei auch einmal wohl (wenn auch
-in anderer Schicht, als Schliemann meinte) als wirkliche
-Trojaner.</p>
-
-<p>Es hat doch immer wieder etwas Bezauberndes,
-wie der kühne Gräber kurz nach dem siebziger Kriege<span class="pagenum"><a id="Seite_257">[257]</a></span>
-zum erstenmal auf die alten Pflasterplatten unter dem
-Brandschutt seiner »Goldstadt« stieß, nahe dem uralten
-Hause, das ihm den wunderbaren Schatz bot, den er
-den »Schatz des Priamos« nannte; wie er eine lange
-gespenstische Reihe mannshoher Krüge aufdeckte, groß,
-daß wirklich ein Mensch hineinkriechen konnte, die
-Proviantkammer irgendeiner dieser verschollenen Burgen;
-und wie er dann, dicht vor dem entscheidenden Goldfund,
-an den Unterbau zweier großer Festungstore geriet,
-in deren jedem noch der lange kupferne Riegel
-steckte, der einst die hölzernen Türflügel gegen Nacht
-und Feind schließen mußte.</p>
-
-<p>Unwillkürlich verweilt die Phantasie bei solchem uralten
-Tor.</p>
-
-<p>Einerlei, wer nun gerade hier gestürmt hat: an Güte
-oder Bruch solchen Tors hing einmal das Schicksal
-dieser ganzen Burg, bange Menschenherzen schlugen
-dahinter, ob es halte, rohe Siegesjauchzer schallten,
-wenn es splitterte. Sie ist verbrannt, die Stadt, und
-ihr Tor muß also gebrochen sein. Aber in ihrem Schutt
-fand Schliemann die scharfkantigen Trümmerteile vom
-Gehäuse eines im ganzen Altertum vielbegehrten Tieres,
-einer Purpurschnecke. In ihrer Weise bewohnt auch
-solche kleine Purpurschnecke eine Burg, deren Tor sie
-verteidigen muß. Und wie man an alten Burgtoren
-noch die unten offenen »Pechnasen« sieht, aus denen
-siedendes Pech auf die Angreifer herabgeträufelt wurde,
-so überschwemmt auch die gereizte Purpurschnecke ihren
-Gegner mit einem scheußlichen Stinksaft aus ihrem Tor.
-Er hat aber die Eigenschaft, am Lichte trocknend in<span class="pagenum"><a id="Seite_258">[258]</a></span>
-herrliche Farbtöne auszuklingen, mit denen heute noch
-spanische Fischer ihre Hemden zeichnen, während einst
-hier der schlichte Ausgangspunkt der großen Purpurindustrie
-lag, der diesem eigentlich recht zuwideren Stinkschneckenvolk
-im alten Byzanz sogar einmal den offiziellen
-Titel der »kaiserlichen Purpurschnecken« eingetragen
-hat.</p>
-
-<p>Er ist nie bis in ihre eigene dämmernde Seele eingedrungen,
-der pompöse Name, und wenn diese Purpurkinder
-in ihrer schwachen Burg überhaupt ein Bild des
-Menschenwesens führen, so wird es auch nur das eines
-großen Ungeheuers sein, das ab und zu durch ihr Tor
-will oder ihre ganze Burg schleifen will &ndash; wert aller
-Stinktöpfe dieser Burg. Solches Tier hatte aber nicht
-nur lange vor Schliemanns Goldstadt und ihren Schicksalen
-die Burg und die Pechnasen gefunden in seiner
-Art. Es hat in äußerst kunstvoller Weise, durchaus
-voraufeilend der Menschentechnik, an seine Burgen auch
-schon gelegentlich Türen gesetzt, regelrechte Festungstore,
-hinter denen es auch in gespannter Sorge stand, wie
-die Helden und Mädchen von Troja, und deren Splittern
-oder Bestehen auch ihm Glück oder Tod bedeutete. Den
-Weg dazu in höherer Ähnlichkeit zum Menschenwerk
-finden wir allerdings zunächst auch beim Tier nur, indem
-wir den Begriff der Burg selber bei ihm noch
-etwas vertiefen &ndash; das aber können wir leicht.</p>
-
-<p>Das Haus unserer Purpurschnecke ist wohl eine kleine
-Burg, insofern es den weichen Körper hinter einer Art
-Zementmauer aus kohlensaurem Kalk einmauert bis auf
-die einzige nötige Türöffnung. Aber abgesehen vom<span class="pagenum"><a id="Seite_259">[259]</a></span>
-Material dauern doch noch alle Zeichen dabei des rein
-persönlichen Panzers: es ist nur sozusagen ein steinerner
-Mauerpanzer, der immer am Leibe mit herumgetragen
-wird.</p>
-
-<p>Auf dieser Stufe blieb indessen die organische Technik
-der Natur nicht überall stehen.</p>
-
-<p>Lebhaft gedenke ich noch daran, wie mir selber einst
-aus antikem Schutt in Syrakus ein solcher Harnisch
-einer Purpurschnecke in die Hand fiel. Ordentlich gespenstisch
-hauchte es wie noch umgehendes Altertum daraus
-an. Zugleich aber rührten die Finger an eigentümliche
-lange äußere Dornen des Gehäuses, Zinnen gewissermaßen
-dieser kleinen Burg, wie ich sie im großen eben
-an der Menschenburg von Syrakus gesehen. Im Leben
-des Tieres mochten auch diese spitzen Auswüchse irgendeine
-Hilfe geboten haben neben Kalkwand und Stinktopf.
-Gerade das aber erinnerte lebhaft an ein anderes, nicht
-direkt molluskenhaftes, aber auf ähnlicher Mittelstufe
-stehendes Geschöpf der gleichen Gewässer, das auch in
-ähnlichem Mauerharnisch steckte und dazu noch diesen
-ganzen Mauerumfang mit dem wirksamsten Stacheldraht
-überzogen hatte: den Seeigel.</p>
-
-<p>Wenn man solchem Seeigel in seiner bekanntesten
-Gestalt am Seestrande begegnet, so erscheint er als das
-wahre Ideal eines uneinnehmbaren kleinen Forts. Es
-zeigt nicht einmal das große Ausfalltor der Schneckenburg,
-sondern nur winzige Schießscharten, durch die feinste
-Saugfüßchen geschoben werden, wenn es gilt, das starre
-Fort in eine Art beweglichen Panzerautomobils zu verwandeln.
-Der Stacheldraht selber ist bisweilen vergiftet,<span class="pagenum"><a id="Seite_260">[260]</a></span>
-und zwischen seinen Spitzen sitzen perfide Greifzangen,
-die im kleinen an die Wundermaschinen zum Packen der
-feindlichen Krieger erinnern, mit denen einst Meister
-Archimedes Syrakus verteidigt haben soll. Solcher Seeigel
-ist selber meist ein Räuber, und man ahnt nicht,
-was seinem so verbarrikadierten Raubnest gefährlich werden
-könnte. Und doch bemerkt man, daß diesen lebendigen
-Stacheldrahtfestungen vielfach ihr Fort allein nicht genügt
-und daß sie danach streben, es noch einmal unter
-den Schutz einer größeren Befestigungslinie zu stellen.</p>
-
-<p>Mit Staunen sieht man die Seeigel an der harten
-unterseeischen Felsküste die Pfade der alten Diluvialmenschen
-gehen, die sich in Höhlen bargen. Diese Urmenschen
-suchten sich die natürlichen Höhlen ihres Landes
-aus. Die Seeigel, resoluter noch als sie, schaffen sich
-die Höhlen selber erst, indem sie das eisenharte Gestein
-buchstäblich anfressen, aufnagen mit den allerdings auch
-stahlharten Zähnen ihres mächtigen Kauapparats, den
-man die »Laterne des Aristoteles« nennt. Doflein, unserer
-prächtigsten Tierbeobachter und Tierschilderer einer, hat
-sie am Vulkanfels der japanischen Küste so bei der Arbeit
-gefunden, den Darm noch erfüllt mit den abgefressenen
-Gesteinssplittern dieses ungeheuerlichen Mahls. Ist das
-verwegene Werk aber geglückt, der Fels tunnelartig geöffnet,
-so fahren sie mit ihrem Panzerautomobil erst als
-zu ihrer fortan eigentlichen Schutz- und Trutzburg ein.
-Wer aber sind die Eroberer, die solche Stachelkugel zu
-solcher Doppelverwahrung zwingen könnten?</p>
-
-<p>Hier beginnt das Kapitel von der vielleicht schrecklichsten
-Waffe der ganzen Natur.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_261">[261]</a></span></p>
-
-<p>Wir kehren noch einmal zur Schnecke selbst zurück.
-In der gangbaren Meinung ist Schnecke wie Muschel
-das harmloseste, hilfloseste Wesen, das weder Mensch
-noch Mittier zu schaden vermag. Als es einmal hieß,
-Hollands ganzer Schutz, das Holz seiner Dammpfähle,
-sei vom Bohrwurm (in Wahrheit einer Bohrmuschel)
-bedroht, konnte man mindestens im ersten Punkte doch
-stutzig werden. Ähnliche Bohrmuscheln wühlen aber nicht
-bloß im Holz, sondern sie graben auch ganz nach Seeigelart
-Höhlen in den härtesten Stein. Berühmt sind
-die antiken Säulen von Pozzuoli bei Neapel, die vermutlich
-einst aus einem Fischbassin ragten und damals
-an der Basis von solchen zähen Bohrern tief durchlöchert
-worden sind. In der Regel wird auch hier einfach
-mechanisch geraspelt. Wo aber reiner Kalkstein beliebt,
-da taucht noch ein unheimlicheres Mittel auf.</p>
-
-<p>Das Molluskentier sondert eine scharfe Säure ab,
-die den Stein unmittelbar anätzt, löst, sozusagen chemisch
-verbrennt. Wir wissen, was das für Säuren sein müssen,
-denen selbst der Kalkstein einer Marmorsäule unterliegt,
-etwa Schwefelsäure. Vor rund sechzig Jahren hat der
-Bonner Zoologe Troschel denn auch zuerst festgestellt,
-daß gewisse Schnecken in ihrem Speichel in der Tat freie
-Schwefelsäure ausspritzten, so stark, daß sie den Marmor
-italischer Fußböden angriff. Eine kühne Sache, aber ein
-glänzendster Kunstgriff der Natur für ein Tier, das
-Felsen anbohren sollte. Gewisse Bohrmuscheln bewähren's
-denn auch, und gern möchte man es dem Seeigel
-drüben selber so gönnen. Aber gerade hier mischt
-sich ein neuer, überraschender Gedanke ein.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_262">[262]</a></span></p>
-
-<p>Wenn der schönste bunte Cipollinmarmor der himmelragenden
-Säule, die sonst der Jahrtausende spottet, machtlos
-zerfällt, verbrennt vor der Schwefelsäurespritze des
-Molluskentieres &ndash; wie hoffnungslos muß solcher furchtbaren
-Chemie die gewöhnliche Panzerwand eben auch
-des Seeigels verfallen sein, die doch auch ihre Stärke
-nur in der Kalkeinlage hat. Wie Wachs an der Sonne
-müßten ihre Platten vor einem Angriff dieser Art dahinschmelzen,
-die wehrlose Blöße des Insassen nackt offenbarend.
-Nun aber wissen wir: die vom Molluskenvolk
-sind keineswegs auch im Verhalten zu ihren Mitvölkern
-da unten alle sanfte Lämmer. Gewaltige Schnecken, jene
-allbekannten, oft als Kriegstrompeten verwendeten Tritonshörner,
-Ungetüme von selber schier uneinnehmbarer Burg,
-haben sich der Schwefelsäurespritze wirklich bemächtigt,
-nicht als harmloser Technik zum Einbrennen in den Fels,
-sondern als einer verheerenden Waffe.</p>
-
-<p>Alle schauerlichsten Sagen kommen kaum gegen das
-Bild auf, das hier entsteht: der Drache, der mit seinem
-sengenden Atem und Geifer Wald und Haus verheert &ndash;
-die Teufelsspinne, die sich dem Ritter durch den Helm
-bis ins Hirn brennt. Unerbittlich, wo sie ihm im freien
-Wasser begegnen, halten diese Schwefelsäuredrachen den
-auf seinen Saugseilen und beweglichen Stacheln kunstvoll
-heranbugsierten Panzerwagen des Seeigels an, begießen
-ihn mit ihrer infamen Säure, öffnen die angeätzte Stelle
-vollends mit der Raspel ihrer Zunge und fressen den
-armen nackten Passagier heraus. Und auf der Flucht
-vor diesen Scheusalen geschah es also, daß die Seeigel
-sich noch einmal in besonderen Höhlenburgen wie in gesicherten<span class="pagenum"><a id="Seite_263">[263]</a></span>
-Automobilschuppen zu bergen begannen, bereit,
-lieber harte Steinsplitter zu zerkauen, als sich dauernd
-den chemischen Stichflammen der Schwefeldrachen preiszugeben.</p>
-
-<p>Sobald aber Tiere in künstliche Höhlen einfuhren,
-mußte auch das Problem gegeben sein, die Höhle durch
-eine künstliche Tür beliebig abzuschließen.</p>
-
-<p>Den Diluvialmenschen wird das früh bewegt haben,
-wenn draußen der grimme Höhlenlöwe durch die Nacht
-brüllte. Der halbtierische Zyklop bei Homer wälzt
-wenigstens einen rohen Steinblock vor. Freilich, der
-Seeigel selber hat's noch nicht. Wenn man ihn herausziehen
-will, stemmt er sich mit aller Gewalt seines beweglichen
-Stacheldrahts gegen die Höhlenwände, als
-müsse das genügen. Aber er so gut wie die Schnecke
-haben ihren eigenen Leibespanzer doch aus Kalkmaterial
-körperlich selber aufgebaut, sozusagen ausgeschwitzt. Nun
-sitzt der Panzer noch einmal im Überpanzer, dem engen
-Höhlenhals. Sollte einer da drinnen nicht ebenso, wie
-die Schwefelsäureschnecke nach außen ins Fremde hinein
-zerstören konnte, so nach außen ins Fremde auch etwas
-weiter aufbauen? Etwa auch etwas absondern, das
-zeitweise den verdächtigen Höhleneingang ganz zubaute?</p>
-
-<p>Am eigenen Häuslein kennt die Schnecke ja schon
-so etwas auf Widerruf. Nach zwei Methoden. Bald
-scheidet sie für ihre ungestörte Winterschlafzeit oder auch
-allzu dörrende Wüstenhitze einfach eine provisorische,
-wieder lösbare spanische Wand vor ihrer Schalentür aus
-ähnlichem Kalkschleim ab, wie er die Schale selbst erzeugt
-hat. Oder sie verwertet ein altes Schildbürgerprinzip:<span class="pagenum"><a id="Seite_264">[264]</a></span>
-wie der dort sich ein Stück Blech in den Hinterboden
-der Hose als die im Kampf gefährdetste Stelle einnähen
-ließ, so führt sie vorsorgend schon ein hartes Schildstück
-in ihren sonst weichen Fußrücken, und das klemmt sie
-gegebenenfalls einfach wie ein Monokel in die Türrundung.</p>
-
-<p>Zunächst das letztere Prinzip hat dann mehrfach
-Freunde gefunden. Bekanntlich lieben es manche Krebse,
-sozusagen auf Raub und Schummel sich nachträglich in
-leere Schneckenhäuser einzunisten. Solche Aftermieter
-bevorzugen nun auch, so gut es ihnen gegeben ist
-(sie können nicht so leicht Kalk sabbern wie der echte
-Hausherr, die Schnecke), die Schildbürgermethode &ndash; sie
-klemmen, oft doch auch höchst kunstgerecht, ihre Scheren
-und Beine in die ledige Türöffnung, zum Zeichen, daß
-sie nicht zu sprechen sind, und es langt auch so.</p>
-
-<p>Aber in der selbstgegrabenen Burghöhle wird diese
-Methode doch schon schwerer. Gehen muß sie im Notfall
-ja auch. Bei den Kolobopsisameisen, die in hohlen
-Zweigen wohnen, muß stets ein treuer Soldat des Volkes
-sich mit dem vorne genau abgestutzten Dickkopf wie ein
-Pfropfen in die Tür zum Bau klemmen, wobei der
-lebendige Verschluß so gut paßt und in Farbe und
-Rauhigkeit der Oberfläche so genau von außen die
-Rinde fortsetzt, daß so leicht keiner hier eine Tür überhaupt
-ahnt. Bei einer Spinne (<em class="antiqua">Cyclosoma</em>), die sich
-senkrechte Erdschachte gräbt, wird gar das eigene Hinterteil
-so benutzt, das, aufgeblasen und dann ganz jäh völlig
-platt abgeschnitten, eine Art natürlichen Sektpfropfens
-bildet.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_265">[265]</a></span></p>
-
-<p>Aber wenn schon die Höhle ein selbstgefertigtes
-Fremdding an sich sein soll, wieviel besser wäre es,
-auch diese äußerliche Höhlentür wäre zuletzt wieder ein
-Fremdwerk, erst zweiter Hand aus irgendeinem gegebenen
-Material gezimmert. Und diese letzte praktische
-Folgerung hat endlich die sogenannte Minier- oder
-Tapezierspinne (Nemesia- und Cteniza-Arten Südeuropas)
-im Bann der Entwicklung gezogen. Sie gräbt sich
-Schutzschachte horizontal in Abhänge hinein, vor allem
-auch als wohlverwahrte Kinderstuben. Hier hat es
-Zweck, die Tür hinter sich zu schließen, auch wenn sie
-selber ausgeht. Ihre große Naturtechnik ist aber das
-Spinnen. Mit dichter Spinnseide hat sie schon den
-Schacht selber wie mit einer Tapete, die dem Abbröckeln
-der Wände wehrt, ganz ausgeklebt. Was kann es dieser
-Meisterin verschlagen, auch einen kreisförmigen Vorhang
-zu weben, der den Eingang deckt. Aber sie webt ihn
-nicht ganz zu, sie schafft ihn als lose bewegliche Platte,
-die bloß oben in einem Scharnier hängt. Sie webt Erde
-darein, so daß er selber auch als Tür von außen das
-Loch nicht verrät. Und sie klappt den Deckel auf, wenn
-sie hinaus will, hinter ihr fällt er an dem schrägen Hang
-dann von selber wieder zu. Ist sie aber daheim, so wendet
-sie für den, der doch das Versteck entdeckt hat, die gleiche
-Art noch obenein an wie jene Ameisenwache: sie krallt
-ihre Klauen in kleine Löcher der Türfüllung, stemmt sich
-fest im Schacht auf und hält krampfhaft die Pforte zu.</p>
-
-<p>Es fehlte bloß noch, daß sie einen Riegel vorschöbe,
-so wären wir ganz wieder in Troja&nbsp;…</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="chapter">
-<p><span class="pagenum"><a id="Seite_266">[266]</a></span></p>
-
-<h2 id="Eine_Liebesgeschichte_zwischen_Unterseeboot">Eine Liebesgeschichte zwischen Unterseeboot
-und Aeroplan</h2>
-</div>
-
-<p class="drop">Zwei neue volkstümliche Heldentypen hat uns der
-Weltkrieg geschenkt: den Luftfahrer und den Unterseebootfahrer.</p>
-
-<p>Bisher hing an beiden etwas sozusagen Wissenschaftliches,
-wie meist zuerst bei neuer Technik. Jetzt
-sind sie in die Romantik der Volksseele eingewachsen:
-junge Prachtgestalten in der Überfülle sehniger Kraft,
-mit eisernen Nerven, die, mit der Kinderruhe des Selbstverständlichen
-im blauen Auge, das Unmögliche möglich
-machen, leuchtend siegen und, wenn es sein muß, leuchtend
-untergehen. Die Liebesliteratur der Folge wird
-sie finden, wenn sie einen modernen Helden braucht.</p>
-
-<p>Bei uns wird eben Technik, was sonst Märchenzauber
-war. Die Sage hat sie ja zu allen Zeiten und
-bei allen Völkern schon gehabt, die Wunderbaren, die
-zwischen uns traten und freiten bloß wie ein schöner
-Mensch &ndash; die aber plötzlich sich dann wieder aus dem
-Arm der Liebe lösten, ihr Schwanenkleid anzogen und
-durch die Lüfte davonfuhren oder als Nix in den dunkeln
-Wassern untertauchten.</p>
-
-<p>Wieder in der Sage selbst aber lag es wie ein
-tiefes Erinnern, daß der Mensch, Geisteskönig dieser
-Welt, eigentlich auch das alles beherrschen, besitzen müsse<span class="pagenum"><a id="Seite_267">[267]</a></span>
-in geweihter Stunde, was Fisch und Vogel bereits einmal
-hatten. Aber nur einzelnen Auserwählten gelang
-es. Den anderen blieb nichts als unendliche Sehnsucht,
-wenn der Schwanenritter auffuhr oder Melusine wieder
-versank. So enden auch die Liebesmärchen von diesen
-Wundermenschen neuer Elemente durchweg tragisch &ndash;
-das Element, dessen Grenze kühn überschritten war,
-trennt die Liebenden doch wieder zuletzt, und der Verlassene
-bleibt der Erde, wenn der andere wieder in seine
-Wolken oder Wellen kehrt.</p>
-
-<p>Ich weiß nicht, ob es irgendwo eine Sage gibt, wo
-der Flieger eine Nixe liebt &ndash; das Wunderbare das
-Wunderbare selber; es müßte aber, meine ich, wohl
-eine besonders traurige Geschichte sein von Himmel und
-Tiefe, die unmöglich dauernd zueinander können. Und
-doch hat ihn die Natur auch schon einmal verwirklicht,
-diesen kühnsten Traum&nbsp;…</p>
-
-<p>Wenn vor dem grauen Nebelhimmel heute eine
-Schar Wildgänse hoch über uns dahinsteuert &ndash; zu jener
-charakteristischen Keilform geordnet, von der auch unsere
-Aviatiker sagen, daß sie bei einer Fliegergruppe hinter
-einem Leitflieger die einzig richtige zur Vermeidung des
-Luftwirbels vom Vordermann sei &ndash;, oder wenn im
-tiefen grünen Rhein die Pilgerschaft der Lachse still
-hinauffährt vom fernen Meer bis zum ragenden Alpenfels,
-&ndash; so wissen wir wieder, wie sie früh schon bei
-Aeroplan und Unterseeboot angelangt war, diese proteisch
-schaffende Natur. Und wo ihr einer großer Lebensinhalt
-unerbittlich waltet, der harte Daseinskampf, da
-gewahren wir auch, wie solches natürliche Luftboot gelegentlich<span class="pagenum"><a id="Seite_268">[268]</a></span>
-mit dem natürlichen Wasserboot sich wenigstens
-begegnet im Zusammenstoß solcher Fehde.</p>
-
-<p>Auf dem sonnenüberglänzten märkischen See vor
-meinem Fenster ist es mir ein alltäglicher Anblick, wie
-eine der großen schwarzgrauen Krähen urplötzlich ihr
-gespenstisches Naturluftschiff wie einen Stein lotrecht
-auf die Wasserfläche herabsausen läßt, um dann beim
-Wiederaufsteigen im Schnabel weithin leuchtend den
-weißen Unterseebootskiel eines Fisches in die Lüfte zu
-entführen. Nicht immer läuft das so einseitig glücklich
-ab. Wiederholt hat man alte starke Karpfen oder Hechte
-gefangen, die im Rücken eingewachsen die eisenharten
-Klauen des Fischadlers trugen: das Boot des Fisches
-hatte hier, rechtzeitig noch untertauchend, das Flugzeug
-des Vogels an seiner Harpune mit in die Tiefe gezogen
-und dann mit der wunderbaren Heilkraft der
-Natur das furchtbare eigene Leck wieder ausgeheilt.</p>
-
-<p>Um aber auf meine Liebesgeschichte zu kommen, so
-muß ich zuerst ein Wintermärchen erzählen. Es ist kurz
-und spielt im Apfelbaum.</p>
-
-<p>In der eisigen Dezembernacht, wenn sonst alles Kerbtiervolk
-zur Rüste gegangen ist, zeigt sich dort die seltsame
-Cheimatobia, der Frostschmetterling. In schwankendem
-Aeroplan von unscheinbarem Grau umkreist er
-die kahlen Stämme wie der abgeschiedene Geist dieser
-frohen Sommerkinder vom Falterreich, der in den kalten
-Tartarus verbannt ist. Er &ndash; wohlverstanden aber nur
-er, der Liebhaber. <em class="gesperrt">Sie</em> hat kein Flugzeug. Sie ist ein
-armselig verkümmertes Wesen in dem Punkt, das in
-solcher Nacht des Frostes und der Naturöde auf den<span class="pagenum"><a id="Seite_269">[269]</a></span>
-eigenen Zappelbeinchen irgendwo an einem Stamm
-emporklettern mußte. Da sitzt es nun und wartet geduldig,
-bis der Schwanenritter aus dem Dunkel auftaucht
-und zu ihm niederschwebt.</p>
-
-<p>Wie er es überhaupt finden mag? Die Natur hat
-ja für solche verwickelten Wege ihres Liebeslebens so
-manchen raffinierten Ariadnefaden. Bei unseren niedlichen
-Glühwürmchen, jenen kleinen Käfern, wo auch der
-Jüngling auf etwas unbeholfenem Aeroplan das Luftmeer
-durchkreuzt, während die ungeflügelte Maid ohne
-Schwanengürtel an der Küste ihres Moosbodens seiner
-harren muß, stellt diese Maid ein natürliches Lämpchen
-bei sich heraus wie Hero ihrem nächtlich anschwimmenden
-Leander. Die Sage ist nicht so kühn gewesen, im letzteren
-Falle ihrem schönen Mädchen Locken zu verleihen, die
-so süß dufteten, daß sie allein in finsterer Nacht den
-Weg über den Hellespont hätten weisen können. Zu
-solcher Wirkung denken wir uns kein schönes Mädchen
-mehr, sondern es müßte wohl schon ein ganzes Land
-voll aromatischer Düfte sein, wie man die blühenden
-Küsten der tropischen Gewürzländer oder gewisser Mittelmeerinseln
-tatsächlich schon über das Meer hin riecht,
-ehe die Feste selber sichtbar wird. Und doch tut's gerade
-bei Schmetterlingen wirklich schon das schöne Mädchen
-allein. Auf zwei Kilometer weit, über alle Qualmfabriken,
-Wurst- und Käseläden einer ganzen Stadt
-hinweg (weiß Gott, was das besagen will!) lockt der Duft
-gefangen gehaltener Pfauenaugenmädchen die jungen
-Bewerber heran, wie ganz einwandfreie Beobachtungen
-festgestellt haben. Und so wird wohl auch die verliebte<span class="pagenum"><a id="Seite_270">[270]</a></span>
-Cheimatobia der Winternacht ihren heimlichen Magnet
-haben.</p>
-
-<p>Aber diese ganze Winterliebe zwischen Erdenmädchen
-und Luftfahrer bildet doch nur ein schüchternes Vorspiel
-zu dem, was in abgeschiedener Stille deutscher Gewässer,
-wo nächtlich die Sterne sich im schwarzen Grunde spiegeln
-und schwankes Wasserkraut, wie bewegt von unsichtbaren
-Nixenhänden, mit der dunklen Strömung auftaucht
-und wieder versinkt, das einzigartige Tier Acentropus
-vollbringt. In gewissem Sinne das wunderbarste Geschöpf
-unserer ganzen Heimat! Wenigen erst ist es
-vergönnt gewesen, bisher einen Zipfel vom Schleier
-seiner Geheimnisse zu lüften, so unter anderen Zeller
-und unserem trefflichen Stuttgarter Meister Kurt Lampert,
-die ihr Studienmaterial an besonders bedeutsamem
-deutschen Fleck fanden.</p>
-
-<p>Solange wir Menschen von Luftschiffahrt singen und
-sagen werden, so lange wird uns der Bodensee in der
-Erinnerung ein geweihtes Stück Erde bleiben. Den alten
-Reiter traf der Schlag, weil er sich versehentlich über
-das Eis gewagt. Den bewußten Menschengeist, der sich
-gerade hier selbstwillig zum erstenmal durch die freie
-Luft gesteuert, hat kein Schlag beirren können. Viele
-Jahrtausende aber, ehe der ungeheure Schatten des ersten
-Zeppelin über diesen schönen Sonnenspiegel ziehen sollte,
-ist hier wohl schon ein kleiner Schmetterling vom Volk
-der Zünsler oder Lichtmotten zu verborgener Nachtstunde
-in seiner Weise nahe dem Wasser hin mit lenkbarem
-Luftschiff gefahren &ndash; nach jener uralten Weise, die das
-schwache Insektengeschlecht einst in den Sümpfen der<span class="pagenum"><a id="Seite_271">[271]</a></span>
-Steinkohlenzeit sich mit kühner Neuerung errungen, indem
-es plattenartige Anhängsel seines Brustrückens zu
-mächtigen Luftrudern ausgestaltete. Er ist dahingefahren
-und hat etwas gesucht &ndash; auch er ein Schwanenritter &ndash;
-eine Braut, die gleich dem Mädchen im Apfelbaum
-selber nicht fliegen konnte. Aber was irrt er gerade über
-den Wassern dabei herum?</p>
-
-<p>Es hat immer etwas Rührendes für den Menschen,
-auch das einfachste Gemüt, gehabt, wenn er weitab vom
-Lande auf grauer Wasserwüste solchem einsam verflatterten
-Schmetterling begegnete. Dem Seefahrer erschien er
-wie ein Gruß aus der Heimat, aber zugleich auch als
-ein armer Verirrter, den das Spiel der Winde ins
-Verderben trieb. Lenau, dessen düsterer Geist hier ein
-Sinnbild des eigenen zerrissenen Lebens sah, verglich ihn
-auf solcher Fahrt einem verwegenen Denker, der sich
-dem Tode voraus ins »Geistermeer« gewagt und nun
-in der Wüste verloren gehe, »von wannen keine Wiederkehr«.</p>
-
-<p>Aber keinem dort ist wohl je der Gedanke gekommen,
-daß der zarte Luftfahrer auf seinen zitternden Flügelchen
-wirklich da draußen etwas suchen könne &ndash; in den Wassern
-selber, über die er mühsam steuerte. Der Schwanenjüngling
-Acentropus über seinem nächtlich stillen Bodensee
-aber sucht wirklich und wahrhaftig eben in den Wellen
-unter sich nichts Geringeres als seine in ein anderes
-Element verzauberte Braut.</p>
-
-<p>Der Naturspuk hat sie ihm, dem Luftkinde, dem
-Flieger, verkehrt in ein ewiges Wasserkind, eine Nixe.
-Diesmal geht der Gegensatz nicht bloß darauf, daß das<span class="pagenum"><a id="Seite_272">[272]</a></span>
-geflügelte Männchen eines Schmetterlings ein ungeflügeltes
-Weibchen suchen muß. Sondern wenn der
-männliche Acentropus ein regelrechter Luftschmetterling
-gleich anderen ist, so ist, mag es noch so unglaublich
-klingen, sein zugehöriges Weiblein der einzige bisher
-bekannt gewordene Fall eines Wasserschmetterlings &ndash;
-eines regelrechten Unterwasserschmetterlings. Fisch und
-Vogel, Unterseeboot und Aeroplan, Nix und Schwanenritter
-&ndash; und diese Gegensätze verteilt auf ein Liebespaar
-der gleichen Art!</p>
-
-<p>Vom Wesen eines Schmetterlings, der unter Wasser
-lebt, sich ein Bild zu machen, ist ja schon an und für
-sich ein gewisses Kunststück. Von der ersten bis zur
-letzten Stunde seines Daseins haust das Nixenweibchen
-vom Hause Acentropus ausschließlich in seinem Kristallschloß
-der Wassertiefe. Nie verläßt es sein feuchtes
-Reich, auf nichts anderes versteht es sich als auf das
-Wasser. Im Wasser ist es selber aus seinem Puppenschrein
-gekrochen. Wenn der gewöhnliche Schmetterling
-da oben im rosigen Licht, irgendein Admiral oder Fuchs,
-aus der Puppe kommt, so sind seine Aeroplanflügelchen
-ja auch zuerst noch eingefaltet und feucht und er
-muß abwarten und proben, bis er sozusagen »trocken
-hinter den Ohren« ist, dann aber schwingt er sich frei
-davon und freut sich ihres prächtigen Tragens. Die
-Schmetterlingsnixe braucht das alles nicht. Ihre verkümmerten
-Flügel werden überhaupt nie trocken und
-reif. Mit den Vorderbeinchen hält sie sich an Wasserpflanzen
-fest, ganz wie das Frostmädchen an seinem
-Apfelbaum, während sie die anderen stark befiederten<span class="pagenum"><a id="Seite_273">[273]</a></span>
-Glieder beständig wie kleine Schaufelrädchen lebhaft
-schwingend bewegt.</p>
-
-<p>Und wie sie es geworden, so werden auch ihre Kinder
-zunächst alle wieder echte Nixenkinder. Unter dem Wasserspiegel
-im Kristallreich der Mutter kriechen sie als niedliche
-Wasserräupchen aus den Eiern, leben in kleinen
-Gehäusen aus Wasserblättern, denen die untergetauchte
-Pflanze selber Luft gibt, und schlafen ihre Puppenzeit in
-wohlverankerten, schön silberglänzenden, da auch mit Luft
-erfüllten Mosesschifflein aus eigenem Seidengewebe aus.</p>
-
-<p>Dann aber kommt das Wunder im Nixenreich.</p>
-
-<p>Aus solcher Nixenpuppe steigt, wenn es ein Töchterchen
-werden soll, ganz folgerichtig weiter auch wieder
-ein der Mutter gleicher Wasserschmetterling, eine Nixenbraut,
-die in der Tiefe verharrt. Da, dort aber ringt
-sich etwas ganz anderes vor: jeder Jüngling erscheint
-wieder mit dem alten stolzen Schwanenkleide seines
-Stammes. Sogleich strebt er auch aus dem Nixengrunde
-wieder in die freie Lufthöhe hinauf. Er entfaltet dort
-die Ruderflügel seines schönen natürlichen Aeroplans
-und könnte nun fern dahinschweben, den Sonnenhalden
-seiner entfernteren Brüder am Lande zu, weitab vom
-vergessenen Storchteich der Nixenheimat. Und doch sehen
-wir auch ihn diesen Weg nicht ganz einschlagen.</p>
-
-<p>Ein dunkler Bann scheint ihn auch jetzt doch noch
-an die Nähe des Wasserspiegels zu fesseln wie jenen
-Geisterschmetterling Lenaus. Sein Leben ist kurz. Und
-doch steckt in ihm noch der große Sinn, dem alles Schmetterlingsdasein
-zu tiefst geweiht ist: die Liebe. Aber die
-Nixenmädchen seines Volkes sind ja im Kristallgrunde<span class="pagenum"><a id="Seite_274">[274]</a></span>
-verblieben. Und das nun bestimmt unabwendbar auch
-des freien Luftfahrers Tun. In den kurzen Abendstunden,
-die ihm nur vergönnt sind, muß auch er rastlos über dem
-verlassenen Kinderteiche schweben, ob nicht doch eine solche
-Nixe irgendwo auftauche.</p>
-
-<p>Und sie schwimmen in solcher Feierstille der Nacht
-wirklich dicht zur Oberfläche heran, die Nixenmädchen,
-auch sie im dunkeln ererbten Wissen des Naturwillens,
-daß für ihr Geschlecht umgekehrt die Liebe von oben,
-aus den Himmeln niedersteige.</p>
-
-<p>Und nun vollendet sich, was sonst nur der wilde Kampf
-vollbrachte, im Frieden der Liebesharmonie.</p>
-
-<p>Das Unterseeboot taucht zur äußersten Grenze seines
-Wasserbereichs. Der Aeroplan senkt sich bis hart auf
-den Spiegel. So im Kuß der Elemente finden sich die
-Liebenden.</p>
-
-<p>In der Sage steigt Perseus auf seinem Flügelpferde
-herab und erlöst die am Felsen über den Wassern angekettete
-Braut. Oder in der anderen taucht Leander
-aus den Wassern zu seinem schönen Mädchen Hero empor.
-Hier aber vermischen sich alle Legenden. Hero selber
-taucht aus dem Hellespont, und zu ihr nieder senkt sich
-im Mondlicht der Schatten des Flügelreiters.</p>
-
-<p>Aber im Märchen von der schönen Melusine stirbt
-auch der Ritter zuletzt im Nixenkuß zur Sühne einer
-freventlichen Störung des Geheimnisses im Bund der
-fremden Elemente. Der strenge Geschichtschreiber der
-Natur vermerkt hier, daß auch im Hause Acentropus
-bisweilen, wenn auch ungewollt, der Nixenleib bei jäher
-Störung der verschwiegenen Liebesstunde den kühnen<span class="pagenum"><a id="Seite_275">[275]</a></span>
-Flieger ganz in die Wasser hinabziehen soll, also daß der
-Liebhaber elendiglich ertrinken muß. Auch die Natur
-scheint der Tragik der vertauschten Elemente also ihren
-Tribut zu zahlen&nbsp;…</p>
-
-<p>Und vielleicht hat gerade die Gefahr, die hier liegen
-könnte, den Naturwillen oder die Naturzüchtung (wie
-man's nun ausdrücken mag &ndash; Menschenausdruck bleibt
-ja immer nur Stückwerk) noch zu dem letzten Wunder
-genötigt, das uns Acentropus zeigt.</p>
-
-<p>Zu gewissen, angeblich genau geregelten Zeiten entwickelt
-dieser seltsamste Schmetterling nämlich neben den
-geflügelten Männchen <em class="gesperrt">zwei</em> verschiedene Sorten von
-Weibchen, von denen die eine ebenfalls beflügelt und
-zur freien Luftfahrt und reinen Aeroplanliebe geeignet
-ist. Zu den regelrechten Nixenmädchen und Schwanenrittern
-erscheint diese Nebengeneration wie eine Art hilfsweisen
-dritten Geschlechts. Aus den Puppenwiegen steigt
-mit ihr eine bestimmte Anzahl bevorzugter Bräute auf,
-die regelrechte Walküren sind, auf ebenso schönen Aeroplanflügeln
-sich emporschwingen können wie die Schwanenritter
-selbst und nunmehr in freier Seeluft hoch über den
-Wassern ihre Helden vom gleichen Element suchen und
-finden mögen.</p>
-
-<p>Es ist, als gehe hier auch durch das wilde Naturmärchen
-der Schatten der Erlösung, der den Frosch doch
-wieder zum Prinzen, den Nixenschmetterling wieder zum
-Luftfahrer befreit&nbsp;…</p>
-
-<p>Wir aber beugen uns vor den Schauern und Geheimnissen
-dieses Alls, das immer groß bleibt, ob Du
-nun zu flammenden Sonnen gehst oder zu der Liebesnacht<span class="pagenum"><a id="Seite_276">[276]</a></span>
-eines Schmetterlings auf stillem See &ndash; und aus
-dem immer etwas klingt &ndash;&nbsp;&ndash; etwas klingt &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;
-als wenn es in unseren innigsten Träumen wäre &ndash; und
-doch auch im kältesten Raum da draußen &ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; etwas,
-von dem wir aber eigentlich noch kaum angefangen hätten,
-es zu begreifen&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<hr class="chap" />
-
-<div class="transnote chapter" id="tnextra">
-
-<p class="h2">Weitere Anmerkungen zur Transkription</p>
-
-<p>Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.</p>
-
-<p>Korrekturen:</p>
-<div class="corr">
-<p>
-S. 63: konnte → könnte<br />
-Hier <a href="#corr063">könnte</a> ein sehr respektables Organ</p>
-</div></div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of Project Gutenberg's Von Wundern und Tieren, by Wilhelm Bölsche
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VON WUNDERN UND TIEREN ***
-
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-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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