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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Mene tekel! - Eine Entdeckungsreise nach Europa - -Author: Arnold von der Passer - -Release Date: April 17, 2018 [EBook #56991] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENE TEKEL! *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - - - - Mene tekel! - - - Eine Entdeckungsreise nach Europa. - - Von - Arnold v. d. Passer. - - - Erfurt und Leipzig. - Bacmeister's Verlag. - 1893. - - - Alle Rechte vorbehalten. - - Der Verfasser. - - - Buchdruckerei Albert Limbach, Braunschweig. - - - - - Vorwort. - - -Das Buch des genialen Amerikaners Bellamy, welches den socialistischen -Zukunftsstaat im günstigsten Lichte schildert, hat zahlreiche Schriften -zu Tage gefördert, die den entgegengesetzten Zweck verfolgen, nämlich -den Socialstaat mit den düstersten Farben auszumalen und auf diese Weise -Stimmung gegen die Socialdemokratie zu machen. - -Bellamy sowohl als seine Gegner gehen indessen von dem nämlichen Punkte -aus. Sie nehmen sämmtlich an, daß über kurz oder lang ein Moment -eintreten werde, in welchem die capitalistische Gesellschaft -ausgewirthschaftet haben und von der socialistischen abgelöst werden -wird. Der Unterschied ist nur der, daß bei Bellamy das Experiment -günstig, bei seinen Widersachern aber höchst unglücklich ausfällt. - -Die eifrigsten Gegner der Socialdemokratie scheinen demnach selbst der -Ansicht zu leben, daß die capitalistische Gesellschaft eines Tages am -Abschluß ihrer Laufbahn angelangt sein werde, allerdings nur -vorübergehend, um alsdann neu verjüngt aus der Asche des Socialstaates -emporzusteigen -- und ihr Spiel von Neuem zu beginnen; diesmal natürlich -nicht mehr genirt von den praktisch _ad absurdum_ geführten Bestrebungen -der Socialdemokratie. Die Letztere wird, so hoffen sie, sich selbst -vernichten und der ungestörten capitalistischen Entwicklung werde nichts -mehr im Wege stehen. - -Was hindert uns aber anzunehmen, daß dieser von den Gegnern der -Socialdemokratie gewiß als sehr wünschenswerth angesehene Zustand einer -gänzlich ungehinderten capitalistischen Wirthschaft schon früher -eintrete, nicht herbeigeführt durch die Socialdemokratie selbst, sondern -durch die mit Erfolg gekrönten Bestrebungen aller Jener, welche sie -jetzt mit ihrer glühenden Feindschaft beehren und sie lieber heute als -morgen gänzlich vernichten würden? - -Nehmen wir einmal an, der Einfluß und die Beredsamkeit des Herrn Eugen -Richter sei wirklich so groß, daß vor dem Runzeln seiner Brauen die -Socialdemokratie in Staub zerfallen werde. Dann wird es -selbstverständlich in jenem Momente, den Bellamy und selbst seine Gegner -prophezeien, keine Socialisten geben und was alsdann eintritt -- das -soll eben mein Buch schildern! - -Vielleicht trägt es dazu bei, auch Anderen die Ueberzeugung -beizubringen, die sich mir schon längst aufgedrängt hat, daß nämlich -diejenigen, welche, wie Herr Eugen Richter, die Socialdemokratie bis -aufs Messer bekämpft wissen möchten, weitaus staatsgefährlicher, als die -ungestümsten Socialisten und zum mindesten ebenso culturfeindlich sind, -als die schwärzesten Clerikalen. - -Wenn die socialistische Bewegung, diese großartigste aller -Culturströmungen, seit es eine Menschheit giebt, nicht schon bestände, -sie müßte geradezu von Staats wegen geschaffen werden, um die -Civilisation vor jenem Abgrunde zu retten, auf den wir, wenn es nach -Herrn Richter geht, ohne Bedenken zulaufen. - -Die capitalistische Productionsweise ist früher oder später dem -Untergange geweiht; Sache der Gesellschaft ist es, Sorge zu tragen, daß -diese Umwälzung sie nicht unvorbereitet treffe, daß das Volk erzogen -werde für diesen Moment, und Niemand kann dieses Erziehungswerk -vollziehen, als die Socialdemokratie. Wer sie daran hindert, ist -entweder ein Wahnsinniger oder ein Verbrecher! - -Was nun mein Buch anbelangt, so erlaube ich mir, noch einige Bemerkungen -über dessen Inhalt vorauszuschicken. Ich erblicke in dem Freilandstaate, -wie er vorläufig von Herrn Hertzka projectirt ist, noch lange kein -Ideal; nehme aber die Möglichkeit an, daß er sich nach und nach auf rein -socialistischen Grundlagen zu einem solchen ausgestalten könne. Auf -jeden Fall dürfte er besser und vernunftgemäßer eingerichtet werden, als -andere uns näher liegende Staatengebilde. - -Daß meine Freilandleute hie und da Gebrauch von ihren Waffen machen, -wird man ihnen wohl, angesichts des Umstandes, daß es nur im Zustande -der Nothwehr geschieht, verzeihen. Wenn mein Büchlein auch nur einen -einzigen Gegner der Socialdemokratie _zum Nachdenken_ -- mehr -beanspruche ich nicht -- veranlassen sollte, so hat es seinen Zweck -erfüllt. - -Obermais bei Meran, Neujahr 1893. - - Arnold v. d. Passer. - - - - - 1. Capitel. - - Ein Fest am Victoria-Nyanza, Anno 2398 n. Chr. -- Die Bewässerung - der Sahara. -- Der Freilandstaat in Gefahr. -- Verlassene - Colonien. -- Eine Volksabstimmung. -- Das verödete Weltmeer. -- - Ein Riesencanal. -- Die Flotte des Freilandstaates. - - -Die große Volkshalle in Thomasville am Victoria-Nyanza-See, der -Metropole des Freilandstaates, war am Abend des 17. März 2398 bis auf -das letzte Plätzchen gefüllt. Von den Eisensparren des riesigen domartig -gewölbten Raumes hingen in anmuthigen Bogen Guirlanden herab, durchwirkt -von den Kelchen tausender und abertausender buntschillernder tropischer -Blumen; in zauberischem Glanze wogte von der Kuppel hernieder ein Strom -bläulich-weißen elektrischen Lichtes auf die unzählbare, festlich -gekleidete Menge, welche den Klängen eines fünfhundertköpfigen -Sängerchores lauschte. Wie Gesang himmlischer Heerschaaren fielen in die -imposante Tonfülle plötzlich hundert liebliche Kinderstimmen ein, dann -schloß sich brausend und rauschend der Klang einer unsichtbaren Orgel -an, und in mächtigen Accorden endete das Musikstück, gefolgt vom -Beifallssturm der tief ergriffenen Menge. - -Nach einer Pause, während welcher die allgemeine Erregung wieder -erwartungsvoller Stille Platz gemacht hatte, betrat der erste Präsident -der wissenschaftlichen Academie zu Thomasville, der in weitesten Kreisen -berühmte und gefeierte Professor Bellmann, die in der Mitte des -Orchesterraumes errichtete Rednerbühne und seine kraftvolle Stimme drang -in wohlgesetzter Rede bis in die fernsten Winkel des colossalen Raumes. -Er besprach zunächst die Ursache des heutigen, an allen bewohnten -Stätten des Continentes gleichzeitig gefeierten Festes. Heute vor 500 -Jahren, am 17. März 1898 hatten jene weitblickenden und hochherzigen -Männer, welche von Europa herübergefahren waren, um im Herzen Afrika's -den Freilandstaat zu gründen, den Boden des dunklen Welttheiles -betreten. Ihnen ist es zu verdanken, daß Afrika jenen Namen schon seit -Jahrhunderten nicht mehr verdient, daß es vielmehr allen Anspruch -erheben kann, der »glückliche« Welttheil genannt zu werden. Und nun -schilderte der Redner in kurzen Umrissen die Geschichte der letzten -fünfhundert Jahre, wie das kleine, am Keniagebirge unter Schwierigkeiten -und Hindernissen aller Art gegründete Gemeinwesen, Dank den richtigen -und humanen Grundsätzen, von denen es geleitet wurde, immer mehr und -mehr sich entwickelte und aufblühte, wie seine Grenzen sich ausdehnten, -und wie es endlich so weit kam, den ganzen großen Continent von der -Küste des Mittelmeeres bis hinab zum Cap der guten Hoffnung und -Millionen friedlicher, gesitteter Menschen zu umschließen. - -Schon seit Jahrhunderten waren die großen Wildnisse des Innern -erschlossen und die Negerbevölkerung hatte sich so culturfähig gezeigt, -daß aus ihrer Mitte seither eine große Zahl vortrefflicher Künstler und -Gelehrter hervorgegangen waren. Die grausamen Sklavenjagden vergangener -Zeiten lebten nur noch wie halbverschollene Sagen in der Ueberlieferung -der jetzigen Generation. An den großen Seen, wo früher blutige -Schlachten zwischen den sich befehdenden Stämmen geliefert worden waren, -breitete sich eine Kette anmuthiger Ortschaften aus und als Perle unter -ihnen die prächtige, glanzvolle Hauptstadt Thomasville, dem großen -Utopisten des Reformationszeitalters, Thomas Moore, zu Ehren so genannt. -Die Sahara hatte die Bewohner von Freiland ebenso wenig in ihrem -Culturwerk aufzuhalten vermocht, als die riesigen Urwälder am Aruwimi, -welche Stanley einst mit seinen halbverhungerten Schaaren durchzog. -Erstere war schon seit zweihundert Jahren in ihrer ganzen Ausdehnung -bewässert und jetzt ein unabsehbares Fruchtgefilde, mit reizenden -Palmenhainen geschmückt, die sich in den kühlen Fluthen der Canäle -spiegelten, von denen das Land allenthalben durchzogen wurde. Viele -hunderte blühender Städte und Dörfer lagen jetzt dort, wo einst der -Samum mit den Gebeinen verschmachteter Karawanen sein Spiel getrieben -hatte. Der Urwald am Aruwimi aber war schon längst in einen Riesenpark -verwandelt, von Straßen und Eisenbahnen durchzogen und nicht mehr von -Canibalen und Zwergen, sondern von schöngebauten, hochcultivirten -Menschen bewohnt. Fast ungestört hatte sich dieses großartige Culturwerk -im Laufe der Jahrhunderte vollzogen; erst langsam, dann schnell und -immer schneller. Nur ein einziges Mal, gegen Ende des 20. Jahrhunderts, -schwebte der Freilandstaat in Gefahr, vernichtet zu werden, nicht durch -die Schaaren der Eingeborenen oder der räuberischen Araber, sondern -durch große bewaffnete Expeditionen, welche von Europa aus abgesendet -worden waren, um dem jungen Gemeinwesen die Oberhoheit und die Gesetze -der alternden Staaten jenseits des Mittelmeeres aufzuzwingen. - -Damals kam es zwischen der Küste und den großen Seen zum -Entscheidungskampfe, in dem die Begeisterung der Freiland-Schaaren einen -glänzenden Sieg davontrug. Das war der erste und letzte Versuch gewesen, -die Schrecken des Krieges in das friedliche Staatswesen im Innern -Afrika's zu tragen; immer weiter und weiter schob es seine Ansiedlungen -gegen die Küsten vor und gegen Mitte des 23. Jahrhunderts fanden die -Freilandbürger, daß diese Küsten in ihrer ganzen Ausdehnung fast -menschenleer waren. Die einst mit so großen Opfern gegründeten und -unterhaltenen europäischen Colonien waren aus unerfindlichen Ursachen -verlassen und dem Ruine preisgegeben worden; nur an jenen Punkten, wo -die europäische Cultur einst den festesten Fuß gefaßt hatte, wie in -Unteregypten, in Algier und am Cap der guten Hoffnung, lebte noch in den -Ruinen verfallener Städte ein kümmerliches entartetes Geschlecht, das -noch einige Reste alter Cultur sich bewahrt, und dessen europäische -Abkunft sich nicht gänzlich verwischt hatte. - -Als man diese überraschende Entdeckung gemacht hatte und inne geworden -war, daß, soweit das afrikanische Festland reichte, der Entwicklung des -Freilandstaates nichts mehr im Wege liege, wurde allgemein das Verlangen -laut, den Ursachen dieses Umstandes auf die Spur zu gehen. - -Von den Küsten abgeschlossen, hatte das junge Staatswesen bisher sein -ganzes Augenmerk lediglich auf seine innere Entwicklung und Festigung -gerichtet und keinerlei Versuch gemacht, mit außerafrikanischen Völkern -in Verkehr zu treten. Hatten die ersten Ansiedler-Generationen noch -einige Beziehungen zur alten Heimath unterhalten, so war auch dieses -lose Band im Laufe der Zeit gänzlich gelöst worden. Seit mehr als 200 -Jahren war nur hie und da eine dunkle Kunde von Europa und seinen -Zuständen ins Innere des afrikanischen Continentes gedrungen, und so war -es leicht begreiflich, daß jetzt das Verlangen sich regte, das Versäumte -nachzuholen und neue Beziehungen zu dem alten Mutterlande herzustellen. -Eine Flotte sollte gebaut und ausgerüstet werden mit der Bestimmung, die -Haupthandelsplätze der anderen Welttheile, namentlich Europa's, -aufzusuchen und über die Zustände dortselbst genau Bericht zu erstatten. - -Diesem Verlangen widersetzte sich jedoch die Oberleitung des Staates -sehr energisch und zwar aus schwerwiegenden Gründen. Noch waren die -Kräfte des jungen Staatswesens bei Weitem nicht derart entwickelt, daß -dasselbe gegen jede Einwirkung von außen her als gefeit angesehen werden -konnte. Noch war die Hauptmacht des Staates im Innern des Welttheiles -concentrirt; an den Küsten existirten nur vorgeschobene Posten, welche -für den Fall, daß von Europa aus wiederum feindselige Absichten zur -Durchführung gelangt wären, der Vernichtung fast mit Sicherheit -ausgesetzt waren, noch lagen weite uncultivirte, oder nur dürftig -bevölkerte Länderstrecken zwischen dem Innern und der Küste und große, -die Thatkraft und den Fleiß der Bevölkerung auf Generationen hinaus in -Anspruch nehmende Culturaufgaben waren zu bewältigen. Ihre Hauptaufgabe -erblickte die oberste Staatsleitung indessen darin, einen etwaigen -Rückfall des Freilandstaates in die veralteten Geleise der -capitalistischen Productionsweise unter allen Umständen unmöglich zu -machen und sie fürchtete vielleicht nicht mit Unrecht, daß die Eröffnung -von Handelsbeziehungen zu den alten Staaten im Stande sei, in dieser -Hinsicht unberechenbare Gefahren herauf zu beschwören, denen auf alle -Fälle vorläufig aus dem Wege gegangen werden müsse, und zwar umsomehr, -als Afrika bis zu diesem Augenblicke alles was seine Bewohner bedurften, -selbst zu produciren befähigt war. Mit dieser vielleicht etwas -engherzigen Ansicht befand sich die Freiland-Regierung -- zum ersten -Male seit ihrem Bestande -- in Widerspruch mit einem großen Theile der -Bevölkerung, aber die Gründe, welche sie leiteten, wurden dennoch von -der Mehrheit als einleuchtend anerkannt und der Regierungsantrag, die -Expedition nach Europa bis zum Jahre 2398, dem fünfhundertjährigen -Jubiläum von Freiland, zu verschieben, fand bei der allgemeinen -Volksabstimmung die Majorität für sich. Man war entschlossen, keine von -Europa aus etwa angeknüpften Beziehungen zurückzuweisen, aber ebenso -entschlossen, von sich selbst aus derartige Beziehungen vor dem -genannten Zeitpunkte nicht aufzusuchen. Wenn die Anhänger der -Expeditionsidee aber nun gehofft hatten, daß von Europa oder anderen -Welttheilen aus früher oder später ein Versuch gemacht werden möge, mit -dem immer schöner aufblühenden afrikanischen Staate in Verkehr zu -treten, so hatten sie sich gänzlich getäuscht. Seltsamerweise unterblieb -ein solcher Annäherungsversuch und von allen Küsten Afrika's kam -jahraus, jahrein die Meldung, daß das weite Weltmeer öde und verlassen -daliege, daß auch am fernsten Horizonte nicht die Spur eines Segels zu -entdecken sei. Inzwischen ging die Cultivirung Afrika's mit -Riesenschritten vorwärts, und als die ersten 500 Jahre seit der Gründung -des Freilandstaates sich ihrem Ende zuneigten, war der einst so -unwirthliche Erdtheil von einem Ende bis zum anderen ein Garten, ein -Paradies, geschmückt mit allen Errungenschaften menschlicher Arbeit und -bewohnt von Millionen zufriedener gesitteter Menschen. - -Schon lange vor diesem Zeitpunkte war eine Riesenarbeit in Angriff -genommen worden, welche den Zweck hatte, den Victoria-Nyanza direct mit -dem Meere in Verbindung zu setzen: ein Schifffahrtskanal, für die -größten Seeschiffe passirbar, wurde vom Westgestade des Sees bis zum -Congo angelegt, der Riesenstrom selbst in seiner ganzen Länge vom Meere -bis zum Einfluß des Aruwimi, dessen Unterlauf selbst einen Theil des -großen Canals bildete, regulirt und canalisirt und als die -Freilandflotte, bestehend aus 50 stattlichen Schiffen neuester -Construction, auf dem Victoria-Nyanza zum Auslaufen bereit lag, war der -Canal, durch den sie ihren Weg zum Meere nehmen sollte, bis auf den -letzten Nagel in der letzten Schleuse fertig. Am morgigen Tage, so -schloß Professor Bellmann seine Rede, werde der Präsident des -Freilandstaates unter großen Feierlichkeiten diesen letzten Nagel -eigenhändig einschlagen und die Flotte sodann augenblicklich ihre Reise -nach den europäischen Küsten antreten. »Ausgerüstet mit dem Besten, was -die vereinte Arbeit der Freilandbürger geschaffen, wird sie, begleitet -von unseren Segenswünschen, hinausfahren bis zu dem Gestade des alten, -für uns schon fast verschollenen Mutterlandes und den Bewohnern -desselben die Kunde überbringen, daß hier in Afrika die Nachkommen jener -vor fünf Jahrhunderten gelandeten Ansiedler ein mächtiges blühendes -Gemeinwesen sich geschaffen haben, in dem Jeder die Früchte seines -Fleißes voll und ganz genießen kann, in dem man nur aus den -Ueberlieferungen einer fünfhundertjährigen Vergangenheit noch weiß, daß -die Menschheit einst in Reiche und Arme geschieden war, und daß es -Zeiten gab, in denen der Mensch seinen Nebenmenschen verhungern ließ, -während er selbst in Ueberfluß schwelgte.« - -»Diese Zeiten sind, für unsere Gesellschaft wenigstens, auf immer vorbei -und mit berechtigtem Stolze können wir hinweisen auf die Früchte unserer -segensreichen, selbstgeschaffenen Institutionen. Und sollte man jenseits -des Meeres noch immer nicht den Segen derartiger Einrichtungen kennen, -so möge unsere Flotte dort den Keim legen zu einer neuen besseren -Zukunft, auf daß nicht bloß dieser Erdtheil, sondern das ganze Erdenrund -des Glückes theilhaftig werde, das wir schon längst genießen.« - -So schloß Professor Bellmann unter rauschendem Beifall seine Festrede. - - - - - 2. Capitel. - - Europäische Reliquien. -- An der Elbemündung. -- Im Hafen von - Hamburg. -- Ruinenstadt und Todtenschiffe. -- Eine Begegnung mit - Eingeborenen. - - -Ohne an irgend einem Punkte der europäischen Küsten zu landen, war die -afrikanische Flotte durch den atlantischen Ocean und den Canal bis in -die Nordsee gesegelt und schwamm in einer windstillen Frühlingsnacht, -angesichts der deutschen Küste, ihrem ersten Ziele, der Elbemündung, zu, -um im Hafen von Hamburg vor Anker zu gehen. Der Mondschein lag hell auf -der weiten Wasserfläche, über der ein leichter nebliger Dunst wallte, -kein Laut war weit und breit hörbar als das leise Gurgeln und Klatschen -der Wellen am Kiel und das dumpfe, gleichförmige Dröhnen der mächtigen -Schiffsmaschinen. In weiter Ferne, kaum unterscheidbar, streckte sich -der schwarze dünne Streifen der norddeutschen Küste hin, aber vergebens -spähte der Blick nach einem freundlichen Lichtscheine; dunkel und -glanzlos lag das Land, soweit die Augen es erfaßten. - -An der Brüstung eines der majestätisch dahingleitenden Schiffe lehnten -zwei junge Seeleute, mit gespannter Aufmerksamkeit zu jenem dunkeln -Streifen in der Ferne hinüberlugend. - -»Kein Licht weit und breit! Weder ein Leuchtthurm noch eine Bake! Das -scheint mir eine nette Wirthschaft zu sein!« brummte der Eine, eine -hochgewachsene schlanke Gestalt. - -»Die Hamburger sind vermuthlich auf unseren Besuch nicht gefaßt, oder -die Lootsen hier zu Lande kriechen mit den Hühnern in's Bett«, erwiderte -sein Kamerad, »Deine Verwandten, Kurt, liegen gewiß auch längst in den -Federn!« -- »Kannst Recht haben, Willy, wenn sie überhaupt existiren«, -sprach wieder der Erste, »bin auch verdammt neugierig, was sie für Augen -machen werden, wenn der Vetter aus Afrika daherkommt!« - -»'S ist mir nur nicht recht klar«, meinte Willy, »wie Du ihre Spur -finden willst in dem Lande, wo wir keinen Menschen kennen!« - -»Das ist vielleicht nicht so schwer, als Du glaubst. In meiner Familie -haben sich viele Reliquien aus Europa erhalten, aus jener Zeit, als die -Gründer unseres Staates diesen Erdtheil noch nicht verlassen hatten. Ein -Urahne meines Vaters hatte noch in Europa eine Art von Familienarchiv -angelegt, in welchem er alle Erinnerungsstücke seiner Familie, sowie -seines eigenen Lebens sammelte. Dieses Archiv, welches schon damals -einen Schatz an werthvollen interessanten Handschriften, Portraits und -Andenken aller Art umfaßte, brachte er mit nach Afrika und es ist -seitdem in unserer Familie heilige Pflicht geworden, dasselbe zu -erhalten und nach Möglichkeit zu vermehren. 'S war für mich auch stets -ein Hauptvergnügen, in diesen Schätzen zu wühlen. Wie ich nun aus einem -Tagebuch eines meiner Vorfahren ersah, stammt unsere Familie aus -Thüringen. Nach unserer Landung werde ich mir gleich Urlaub erbitten, um -mit dem ersten Blitzzuge dorthin zu reisen. Wenn Du Lust hast, Willy, so -kannst Du mich begleiten.« »Einverstanden, alter Junge«, rief Willy, -»und wenn Du in Thüringen ein hübsches Bäschen findest, so überläßt Du -sie mir, das bedinge ich mir aus.« - -Er hatte kaum ausgesprochen, als ein heftiger Stoß das Schiff in allen -seinen Theilen erzittern ließ. Die Freunde eilten der Commandobrücke zu, -von wo aus die Stimme des Capitäns in den Maschinenraum hinabgellte: -»Halt! Rückwärts! Langsam!« -- »Was ist los, Capitän?« rief Willy -hinauf. -- »Wir sind aufgefahren«, tönte es zurück, »es muß eine Untiefe -im Fahrwasser sein, verdammt, daß man uns keinen Lootsen schickt!« -Inzwischen war das Zeichen zum Halten auch den anderen Schiffen gegeben -und eiligst untersucht worden, ob das Schiff beim Anlaufen etwa Schaden -gelitten. Alles fand sich im besten Stand, aber der Commandant der -Flotte war doch der Ansicht, daß es rathsamer sei, auf dem Platz bis zum -Morgen zu verharren und vor der Weiterfahrt das unsichere Fahrwasser -genau zu untersuchen. Alles verwunderte sich indeß, daß in unmittelbarer -Nähe der Elbemündung, an einer sicherlich viel befahrenen Route, kein -einziges Warnungssignal diese gefährliche Stelle bezeichnete. Der -Vorsicht halber und um einen etwaigen Zusammenstoß mit anderen Schiffen -zu verhüten, ließ man das electrische Licht nach allen Seiten weithin -über die See spielen, aber die Sorge war unnütz, das weite Meer war wie -ausgestorben und nicht einmal eine Fischerbarke kreuzte, soweit die -Blicke reichten. Also wurden die Anker ausgeworfen, die in geringer -Tiefe Grund fanden und der Morgen abgewartet. - -Das Erste, als der Morgen kam, war, Boote auszusetzen und das Fahrwasser -nach allen Richtungen hin abzulothen. Das Ergebniß war kein besonders -erfreuliches. Ueberall, wo man auch das Senkblei hinabließ, fand man in -der Tiefe von wenigen Metern Grund, nirgends aber genügendes Fahrwasser -für die Schiffskolosse der afrikanischen Flotte. Es war kein Zweifel -mehr: die Elbemündung, einst die Einfahrtsstraße unzähliger Schiffe -jeder Größe, war total versandet und nur noch mit Booten zu befahren. -Kopfschüttelnd hatte der Commandant diese Meldung vernommen und dann die -Capitäne der übrigen Schiffe zu sich beschieden, um Rath zu halten. Das -Ergebniß der Berathung war endlich, daß zwölf wohlbemannte Boote, mit -Waffen und mit Proviant auf zehn Tage versehen, in See gelassen wurden, -um die Räthsel, welche sich hier darboten, womöglich zu lösen. Es -braucht kaum erwähnt zu werden, daß die beiden Freunde Willy und Kurt -sich ebenfalls bei der Expedition befanden, ja dem Ersteren war sogar -die Ehre zu Theil geworden, mit dem Befehle über die kleine Flotille -betraut zu werden. Mit sichtlichem Eifer und in erwartungsvoller Stille -trafen die zur Einschiffung bestimmten Männer ihre Vorbereitungen. Alle -waren gespannt auf die Entdeckungen, welche sich ihnen darbieten -sollten, gar mancher aber konnte sich eines unbestimmten bangen Gefühls -nicht erwehren. - -Am 1. Mai 2398 setzte sich um 11 Uhr Vormittags die Expedition in -Bewegung. In jedem der zwölf Boote befanden sich einundzwanzig Mann; es -waren also, ohne die beiden Freunde, gerade zweihundertundfünfzig -vortrefflich bewaffnete und geschulte, kräftige Männer bei der -Expedition, eine Macht, mit der man gegebenen Falles auch ernsten -Eventualitäten schon mit einiger Zuversicht in's Auge sehen konnte. -Signalapparate von äußerst sinnreicher Construction, deren jedes Boot -mit sich führte, ermöglichten es außerdem, sich mit der vor der Barre -ankernden Flotte im Falle der Noth auf sehr weite Distanzen zu -verständigen. Drei Boote bildeten die Vor- und drei die Nachhut der -Flotille, während zwischen beiden Abtheilungen, einige hundert Meter von -einer jeden entfernt, das Gros der Expedition, sechs Boote stark, -einherfuhr. - -Die Boote wurden nicht durch Ruder, sondern durch kleine, aber sehr -kräftige Electromotoren in Bewegung gesetzt und waren einer großen -Geschwindigkeit fähig. Da man sich jedoch hier in einem gänzlich -unbekannten Fahrwasser befand -- die mitgebrachten Karten erwiesen sich -als veraltet -- und noch nicht wußte, auf welche Hindernisse man -vielleicht stoßen werde, so hatte Willy den Befehl ertheilt, mit mäßiger -Geschwindigkeit vorwärts zu fahren. Anfangs bot sich den Blicken nichts -Bemerkenswerthes dar; niedere flache Ufer, mit Buschwerk bewachsen, -dehnten sich zu beiden Seiten des mächtig dahinfluthenden Stromes aus; -je weiter man aber kam, desto deutlicher drängte sich Allen die -Gewißheit auf, daß hier im Laufe der letzten Jahrhunderte furchtbare -Veränderungen Platz gegriffen hatten. Jeder Mann der Freilandflotte -hatte sich mit der Ueberzeugung der deutschen Küste genähert, daß er ein -reich bevölkertes, mit blühenden Städten und Dörfern bedecktes Land -finden werde, gesegnet mit allen Errungenschaften einer -zweitausendjährigen Cultur und namentlich von Hamburg, der großen und -reichen Handelsstadt, hatten sich alle diese, aus dem Innern Afrika's -stammenden Männer die glänzendsten Vorstellungen gemacht. Aber nichts -von dem fand sich hier verwirklicht. Das ganze Land schien eine einzige -trostlose Einöde, eine menschenleere Wüste zu sein. Auf den niederen -Hügeln, die sich bei der Weiterfahrt zeigten, wucherte wildes Gestrüpp, -das hier und da einzelne rauchgeschwärzte Reste uralter Ruinen mit -tausend Ranken umklammerte und überwucherte. Nirgends ein menschliches -Wesen, oder auch nur die Spur eines solchen. Schaaren flüchtiger Möven -schienen das einzig Lebendige weit und breit zu sein. So hatte man -diejenige Stelle des Flusses erreicht, an welcher sich, den Karten -zufolge, der Hafen befinden sollte, der große berühmte Hamburger Hafen, -der Stapelplatz unermeßlicher Schätze aller Welttheile. Was sich den -Blicken hier darbot, war ein Bild grauenhafter Verwüstung und -Verwilderung. Das weite Hafenbassin war mit einer grünen filzigen Masse -bedeckt, durch welche sich die Boote nur mit Mühe vorwärts bewegten. Wo -der Kiel diese Masse durchschnitt, stiegen faulige, pestilenzialische -Dünste empor. Von dem Mastenwald, der einst hier zu finden gewesen, war -nichts zu sehen, als die Wracks einiger großer Dampfer alterthümlicher -Bauart, welche, dick mit Rost und Moder überzogen, an den verfallenen -Quais lagen. Längs dieser Quais mußten vor Zeiten ganze Reihen -prächtiger Paläste gestanden sein; davon legten noch die imposanten -Ruinen Zeugniß ab, die sich in weitem Umkreise den Ufern entlang zogen. - -»Das habe ich mir anders vorgestellt«, flüsterte Willy seinem Freunde -zu, »ob's wohl in Thüringen bei Deinen Verwandten ebenso ausschaut?« -- -Die Boote der Expedition befanden sich jetzt alle in engem Kreise -versammelt, und Willy ertheilte den Befehl zur Landung. Fünfzig Mann -wurden an der Landungsstelle als Reserve und zur Bewachung der Boote -zurückgelassen. Die übrigen formirten vier Abtheilungen von je fünfzig -Mann und drangen nach verschiedenen Richtungen in die Straßen der -Ruinenstadt vor. Ehe sie sich in Bewegung setzten, kam eine kleine -Abtheilung, welche der Commandant zur Untersuchung der alten Schiffe -entsendet hatte, zurück. Die Leute zeigten auffallend verstörte Mienen -und ihr Führer meldete, daß sich ihnen im Innern eines Wracks ein -furchtbarer Anblick dargeboten habe. Haufen von Skeletten, manche davon -noch die Klinge oder den Revolver in der Faust, lägen auf Verdeck und in -den Cajüten, und der Anblick dieser mit grünem Schimmel halb -überzogenen, vermoderten Ueberreste sei so grauenhaft, daß er einen -Menschen um den Verstand bringen könne. Vor vielen Jahren müsse dort ein -Kampf auf Tod und Leben stattgefunden haben, in dem die -Schiffsmannschaft vermuthlich bis auf den letzten Mann ihr Ende -gefunden. - -Der Vormarsch der einzelnen Abtheilungen begann nun; bei derjenigen -Truppe, welche der Commandant selbst führte, befand sich natürlich auch -Kurt. Man wählte zunächst eine ziemlich breite, in südwestlicher -Richtung sich hinziehende Straße, deren halb oder ganz verfallene -Gebäude noch die Spuren einstiger Pracht deutlich zeigten. Der Boden -dieser Straße war einst mit Asphalt oder einer ähnlichen Masse -gepflastert gewesen; diese Masse hatte durch Frost und Hitze unzählige -tiefe Risse erhalten, in denen der Same von Pflanzen aller Art Wurzel -geschlagen hatte. So war der ganze Boden allenthalben mit Gestrüpp, -Disteln und Schlingpflanzen überwuchert und das Vorwärtskommen ziemlich -beschwerlich. Vor Zeiten hatten vierfache Baumreihen, zwischen denen in -gewissen Abständen eiserne Laternensäulen sich erhoben, der Straße zur -Zierde gereicht. Von diesen Bäumen hatten sich einzelne inmitten der -allgemeinen Zerstörung frisch und lebendig erhalten, aber ihre Kronen -hatten einen gewaltigen Umfang erreicht und ihre Wurzeln den Asphalt auf -weite Strecken hin gespalten und in Schollen, wie Gletschereis, -emporgehoben; die eisernen Candelaber jedoch waren von unten bis oben -mit Waldrebe und wildem Hopfen dicht umsponnen. Obwohl überall eine -unheimliche Stille herrschte und nirgends die Spur eines menschlichen -Wesens zu erblicken war, so schien Vorsicht doch geboten, da man nicht -wissen konnte, ob dieses Trümmermeer in Wahrheit unbewohnt sei und falls -es Bewohner barg, so -- Kurt an der Seite seines Freundes -dahinschreitend, hatte diesen Gedanken kaum ausgedacht, als eine -vorausgeschickte Patrouille aus einer Seitengasse in Laufschritt quer -auf sie zukam: - -»Herr Commandant, da drin sind Menschen, wir haben sie deutlich -gesehen,« rief der Führer athemlos. Sofort ließ Willy das Signal »Halt!« -gebieten und drang dann selbst an der Spitze der Hälfte seiner -Mannschaft in die bezeichnete Gasse vor. - -Nachdem ein Schutthaufen, der den Eingang der Gasse wie eine Barrikade -versperrte, erklommen war, sahen sie weit hinein in einen schauerlichen -Engpaß zwischen verfallenen, hochaufragenden Häusern. Das Licht der -Nachmittagssonne berührte nur die obersten Ränder der von Alter und -Wetter geschwärzten Massen, die jeden Augenblick mit dem Einsturz -zu drohen schienen. »Dort hinten standen sie,« begann der -Patrouillenführer, »ich habe sie deutlich gesehen, obwohl es nur ein -Moment war.« - -»Wie sahen sie aus?« forschte Willy, indem er vergeblich mit -vorgehaltener Hand die Dämmerung, welche in der Tiefe dieses Schlundes -herrschte, mit den Blicken zu durchdringen suchte. - -»Mir schien es ein Mann und ein Weib zu sein, in Lumpen gehüllt, mit -wirren Haaren. Sie flohen wie der Blitz, als sie uns erblickten.« - -»Also vorwärts,« commandirte Willy, »wir müssen das Geheimniß -ergründen!« - - - - - 3. Capitel. - - Ein Marsch durch Schutt und Sumpf. -- Bivouak in den Ruinen. -- - Unheimliche Gestalten. -- Die Expedition wird belagert. -- Ein - Nachtgefecht. -- Steinbombardement. -- Hülfe zur rechten Zeit. - - -Unter unsäglichen Schwierigkeiten drangen sie nun vor, ohne daß sich -etwas Bemerkenswerthes gezeigt hätte. Die engen Gassen, durch welche man -sich bewegte, waren mit Schutt aller Art bedeckt. Mühsam und unter -steter Lebensgefahr mußten diese Hügel, die noch dazu mannshohes -Gestrüpp bedeckte, überklettert werden. An anderen Stellen hinderten -Canäle voll fauligen Wassers, die, in ihrem Laufe behindert, alles -weithin überfluthet hatten, den Vormarsch, dann blieb nichts übrig, als -mit unsäglicher Mühe einen weiten Umweg zurückzulegen, um schließlich -auf den Resten eines morschen Brückenbogens vorsichtig, Mann für Mann, -das andere Ufer zu gewinnen. - -Mit einbrechender Dunkelheit, zu Tode erschöpft, erreichte man einen -kleinen, leidlich gangbaren Platz, auf dem der Commandant mit seiner -Mannschaft die Nacht zu verbringen beschloß. Wunderbarerweise hatte sich -auf dem ganzen halsbrecherischen Marsche kein ernster Unfall ereignet; -einige Matrosen waren wohl durch fallendes Mauerwerk leicht verletzt -worden, aber diese Wunden waren ganz unbedenklicher Natur. Die -Vorbereitungen zum Bivouak waren bald getroffen; aus vorgefundenen -Holzresten nährten die Seeleute einige Feuer, welche gegen die -Nachtkühle hinreichend Schutz gewährten. Dem mitgenommenen Proviant -wurde tüchtig zugesprochen, nur an trinkbarem Wasser war fühlbarer -Mangel und der Durst konnte nur theilweise durch einige Schlucke kalten -Thee's, welchen Jeder in hinreichender Menge bei sich führte, befriedigt -werden. Vorsichtshalber ließ Willy aus den umherliegenden Steinen und -Balken eine Art Brustwehr rings um das Lager aufführen und an den -Ausgängen des Platzes Doppelposten ausstellen. Als so für die Sicherheit -der kleinen Schaar nach Möglichkeit gesorgt worden, streckten sich die -beiden Freunde auf ihre Mäntel in der Nähe eines Feuers nieder und -verfielen, ermüdet von den Anstrengungen des Tages, bald in festen -Schlummer. - -Einige Stunden der Nacht mochten so verflossen sein, als Kurt plötzlich -erwachte. Die Feuer waren im Verglimmen, aber dafür war der Mond über -den Giebeln der Häuser emporgestiegen und übergoß alles mit hellem -Scheine, von dem sich die tiefen Schatten der vielfachen Winkel und -Vorsprünge an den umliegenden Ruinen nur desto schärfer abhoben. Während -der junge Mann so sinnend, den Kopf auf einem Arme ruhend, dalag, blieb -sein Auge auf einem mehrstöckigen Hause ruhen, welches sich in der -Entfernung von etwa fünfzig bis sechzig Schritten, seinem Lagerplatze -gegenüber, erhob. - -Flüchtig glitten seine Blicke über die leeren, schwarz gähnenden -Fensteröffnungen, als er plötzlich erschreckt zusammenfuhr. - -Einen Augenblick lang hatte er geglaubt, in einer Fensterhöhle die -Umrisse einer menschlichen Gestalt bemerkt zu haben. Er blickte schärfer -hin -- aber nichts Verdächtiges zeigte sich, und in der Ueberzeugung, -sich getäuscht zu haben, sank er in seine frühere Stellung zurück. Dabei -fiel aber sein Blick auf eine andere Fensteröffnung, und wiederum war es -ihm, als sähe er dort eine Gestalt in schwachen Umrissen auftauchen und -verschwinden. Und dort am nächsten Fenster, am zweiten, am dritten, -überall das nämliche und jetzt flammte auch ein fahler Lichtschein in -den Ruinen auf, von dem sich die Umrisse menschlicher Gestalten, in -Lumpen gehüllt, scharf abhoben. - -Es war kein Zweifel mehr: diese Trümmerstadt hatte eine Bevölkerung, die -zur Nachtzeit aus ihren verborgenen Schlupfwinkeln hervorkam, als scheue -sie sich, ihr Elend dem Tageslichte zu enthüllen. Entsetzlicher Gedanke! -In diesem giftigen Moderdunst zu leben, weit und breit nichts als Tod -und Verwüstung, in steter Gefahr, von diesen Massen begraben zu werden, -die wie das gräßlich verzerrte Antlitz eines in tausend Qualen -Dahingeschiedenen zum Himmel emporstarrten, eine furchtbare, -versteinerte Anklage gegen die Sünden verschollener Generationen. - -Kurt rüttelte seinen Freund aus dem Schlummer empor; während er ihm aber -mit hastigen Worten seine Entdeckung mittheilte, kamen auch schon von -den ausgestellten Posten Meldungen, welche besagten, daß sich überall in -den in undurchdringliches Dunkel gehüllten Seitengassen unheimliches -Leben zu regen beginne. Verwilderte Erscheinungen, langhaarig, halb -nackt, mit Knitteln bewaffnet, tauchten allenthalben auf, zogen sich -indessen beim Anblick der Wachen stets scheu wieder zurück. Die ganze -Mannschaft war in einigen Augenblicken auf den Beinen und stand, die -Waffen schußbereit in Händen, der Befehle ihres Commandanten gewärtig, -in Reih und Glied. Noch war es ungewiß, ob die Eingeborenen feindselige -Absichten hegten; Vorsicht war aber auf alle Fälle geboten und so ließ -Willy zunächst die ausgestellten Posten zurückrufen, um seine kleine -Streitmacht nicht zu zersplittern. Zugleich ließ er in Eile die niedere -Brustwehr, mit welcher man am Abend das Lager umgeben hatte, erhöhen und -verstärken und vertheilte dann seine Mannschaft derart, daß sämmtliche -den Platz umgebenden Häuserfronten und Seitengassen nöthigenfalls unter -Feuer genommen werden konnten. In diesen Häusern war es unterdessen -furchtbar lebendig geworden. Kaum eine einzige Fensteröffnung, an der -sich nicht jene verwilderten Gestalten gezeigt hätten. Die Scheu der -dämonischen Gesellen schien, je mehr ihre Zahl wuchs, abzunehmen. Immer -häufiger und immer länger zeigten sie sich; vielstimmiges, -unverständliches Geschrei ertönte bald da, bald dort und man sah -deutlich, wie Einzelne mit Feuerbränden in der Hand hin- und herliefen. - -So verging wieder eine geraume Zeit und schon hoffte Willy, daß das -nächtliche Abenteuer friedlich verlaufen werde. Gegen zwei Uhr Morgens -berührte die Mondscheibe die Giebel der den Platz umgebenden Häuser, -einige Minuten später war Alles rings in nächtliche Dunkelheit gehüllt. -Die spähenden Augen der hinter ihrem Steinwall kauernden Männer -gewöhnten sich nach und nach soweit an die Finsterniß, daß sie -wenigstens auf zwanzig bis dreißig Schritte weit jede verdächtige -Erscheinung hätten wahrnehmen können. Plötzlich raunte einer der Männer -dem Commandanten in's Ohr: »Jetzt kommen sie!« Wie electrisirt fuhr -Willy empor und beugte sich über die Schutzwehr; seine Augen suchten -zuerst vergeblich die herrschende Dunkelheit zu durchdringen; da, mit -einem Male war es ihm, als hätten sich seine Blicke geschärft, und -deutlich sah er nun die dunkle gespenstige Masse, die schweigend in -einem großen Ring von allen Seiten das Lager umgab. Sie standen Kopf an -Kopf, Schulter an Schulter und Willy glaubte, ihre verzerrten wilden -Gesichter, ihre fleischlosen Arme, ihre ekelhaften Lumpen zu sehen. - -Lautlos, eine lebendige Mauer, rückten sie Zoll für Zoll heran; man -hörte ihre Tritte nicht, man fühlte ihre Nähe mehr, als man sie sah, und -namenloses Grauen ging vor ihnen her. Ohne ein Wort zu verlieren, hatte -sich jeder der Freilandleute auf seinen Posten gestellt und sich -kampfbereit gemacht. Da flammte es hier und dort in den Häusern auf; -einzelne Gestalten erschienen an den Fenstern, Feuerbrände hoch -emporhaltend, deren Schein mit einem Male die ganze furchtbare Masse der -Feinde erkennen ließ. In der nächsten Secunde ein Kampfgeheul aus -tausend und abertausend Kehlen und wie eine Horde Tiger stürzten sie -sich, armsdicke Knüppel in den Fäusten, auf die umzingelte Schaar. Eine -furchtbare Salve empfing sie aus nächster Nähe; der niedrige Steinwall -glich einem feuerspeienden Berge, aber nur zwei Secunden lang. Ein -Geschrei, das nichts Menschliches an sich hatte, hallte in den Ruinen -wieder, denn als habe sie die Erde verschlungen, war die Masse der -Angreifer verschwunden; der Sturm war abgeschlagen. - -Die Ruhe sollte indessen nicht lange dauern. Man sah in den Häusern den -Schein von Fackeln aufleuchten und wieder verschwinden, man hörte -Geschrei und Geheul. Plötzlich sauste ein faustgroßer Stein durch die -Luft daher und fiel mitten im Lager nieder, ohne Jemanden zu verletzen. -Ein zweiter, dritter, vierter folgten, die ihr Ziel nicht verfehlten; -ein Matrose brach, am Kopf getroffen, lautlos zusammen, ein anderer -schrie auf: ein Finger war ihm zerschmettert und das folgende -Wurfgeschoß riß dem Commandanten den Revolver aus der Hand. Schüsse, -welche nach den Fenstern abgegeben wurden, fruchteten nichts; die Steine -wurden offenbar aus gedeckter Stellung mittelst Schleudern geworfen; das -zeigte schon die große Gewalt und Sicherheit, mit der sie dahersausten. -Nach einer Viertelstunde war ein großer Theil der Mannschaft mehr oder -minder schwer verwundet und auch Willy blutete aus einer tiefen -Kopfwunde. Unterdessen hatte die Nacht der Morgendämmerung Platz -gemacht; das Bombardement endete plötzlich und schon athmete die hart -bedrängte Schaar auf, als tausendstimmiges Geschrei ihr einen -neuerlichen Angriff verkündete. Wer noch aufrecht stehen konnte, eilte, -der Wunden nicht achtend, auf seinen Posten an der Schutzwehr, aber zehn -Mann lagen bewußtlos oder sterbend inmitten des Lagerraumes. Aus allen -Seitengassen quoll es nun unzählbar hervor. Die Schüsse, welche ihn -empfingen, machten den Feind einen Augenblick stutzen, aber die Wucht -der von hinten Nachdrängenden schob die vorderen Reihen unaufhaltsam -vorwärts. Hie und da fiel Einer, von den Kugeln der Seeleute getroffen, -aber dies hielt die große Masse nun nicht mehr auf. Im Nu hatte sie die -Schutzwehr erreicht; riesige Knüppel sausten von allen Seiten auf die -Bedrängten nieder und ein erbitterter Kampf, Brust an Brust, begann, -dessen Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen Minuten war -die kleine Schaar der Vertheidiger, erheblich gelichtet, inmitten des -Lagerraumes zusammengedrängt, wo sie, Rücken an Rücken, verzweifelt -kämpfend, sich der Uebermacht zu erwehren suchte. In diesem Augenblick, -als Willy, aus mehreren Wunden blutend, die Zahl seiner Leute -zusammenschmelzen sah, ertönte aus einer der Seitengassen im Rücken der -Angreifer ein Hornsignal. Einige Schüsse folgten, die Wuth der Angreifer -ließ nach, und nachdem sie noch einige Augenblicke gezaudert hatten, -wandten sie sich zur Flucht. Bald waren die Letzten in den Gassen der -Trümmerstadt verschwunden, nur Todte und Sterbende bedeckten den Platz -rings um das Lager. Die Streifcolonne, welche, angelockt durch das -Schießen, sich durch alle Hindernisse bis hieher Bahn gebrochen, war -gerade zur rechten Zeit gekommen. - - - - - 4. Capitel. - - Eine neue Expedition wird ausgerüstet. -- Deutschland eine Wüste. - -- Ein Grab im Thüringer Walde. -- Kurt findet seine Verwandten. - -- Was aus Schiller und Goethe geworden. - - -Nach den Vorgängen jener Mainacht war das Expeditionscorps wieder an -Bord der Flotte zurückgekehrt. Man hatte die Opfer des nächtlichen -Kampfes bestattet und die Blessirten in sorgsame Pflege genommen. Auch -eine Anzahl verwundeter Eingeborner war auf den Schiffen untergebracht -worden und es war seltsam zu sehen, mit welch' grenzenlosem Erstaunen -diese verwilderten Menschen es hinnahmen, als man sie wusch, auf -reinliche Lager bettete, ihre Wunden verband und ihnen stärkende Labung -reichte. Die Genesenen wurden, mit Kleidern und Nahrungsmitteln reich -beschenkt, nach einigen Tagen wieder heimgeschickt, und als wieder ein -solcher Transport im Hafen an's Land gesetzt werden sollte, fand man das -Ufer bedeckt mit Hunderten, welche in unzweideutiger Weise ihre -friedlichen Gesinnungen zum Ausdrucke brachten. Es wurden -Unterhandlungen angeknüpft, was um so leichter möglich war, als die -Sprache der Einwohner sich als ein uraltes, aber immerhin verständliches -Idiom erwies, das den Seeleuten aus Freiland bald geläufig wurde. Aber -unmöglich war es, aus den Andeutungen jener Menschen ein Bild zu -gewinnen über die Ursachen der entsetzlichen Veränderung, welche sich in -ihrem Lande zugetragen hatte. Sie wußten von nichts; so weit sie und -ihre Eltern und Großeltern zurückzudenken vermochten, war Alles so -gewesen, wie heute. Es war ihnen unbekannt, wer die Stadt erbaut hatte, -in deren Trümmern sie ihr elendes Leben fristeten, sie wußten -ebensowenig, wer sie zerstört hatte. Ihrer Aussage nach war das Land auf -viele Meilen im Umkreise eine Wildniß und ähnliche Trümmerstätten -allenthalben anzutreffen. Wovon sie lebten? Das wußten sie beinahe -selbst nicht. Auf ausgehöhlten Baumstämmen fischten sie in der Elbe, sie -sammelten Muscheln und Seethiere am Strande des Meeres, sie stellten -Fallen in den Wäldern und lauerten in der Haide auf allerlei niederes -Gethier. Etwas Ackerbau schienen Einige von ihnen auch zu treiben, aber -nur in allerprimitivster Form. Im Großen und Ganzen stand ihre Cultur -etwa auf der Höhe derjenigen, welche die meisten Stämme Centralafrika's -am Ende des 19. Jahrhunderts besessen hatten. Die Hoffnung, vielleicht -im Innern des Continentes noch Reste der alten Cultur zu finden und -Aufschluß zu erhalten über die Räthsel, die sich hier darboten, bewog -den Flottencommandanten, eine neue, größere Expedition auszurüsten, -welche die Aufgabe erhielt, ihren Weg quer durch das einstige deutsche -Reich zu nehmen, die Alpen zu übersteigen und an einem bestimmten Punkte -der italienischen Küste wieder mit der Flotte zusammenzutreffen, welche -bis auf ein kleines Reservegeschwader, das für alle Fälle vor der -Elbemündung kreuzen sollte, ihre Rückfahrt durch den Canal und die Enge -von Gibraltar in's Mittelmeer antrat. - -Dieser Expedition schlossen sich die beiden Freunde selbstverständlich -an. Wollte doch Kurt auf seinen Plan, die Spuren seiner Vorfahren -ausfindig zu machen, nicht ohne Weiteres verzichten. Allerdings waren -die Schwierigkeiten, welche sich seinem Vorhaben entgegenstellten, keine -geringen. Wie konnte er hoffen, unter den wilden Horden, welche dieses -Land bevölkerten, diejenigen Aufschlüsse zu erhalten, auf welche er mit -Sicherheit gerechnet hatte? Merkwürdige Ueberraschungen waren es denn -auch, welche ihm und seinen Genossen auf ihrer Entdeckungsreise durch -Europa zu Theil werden sollten. - -Achthundert Mann stark war die Expeditionstruppe durch menschenleere -Wüsten und Wälder bis an den Saum des Thüringer Waldes vorgedrungen, -ohne auf etwas Anderes zu stoßen, als auf verlassene Stätten einstiger -Cultur und halbwilde Stämme, welche nomadisirend die Wildniß durchzogen. -Kümmerliche Spuren von seßhaften Ansiedlungen, deren Bewohner kleine -Strecken öden Grundes mit Erdäpfeln und Haidekorn bestellt hatten, -fanden sich hie und da in den Wäldern verstreut, immerfort bedroht von -räuberischen Ueberfällen der Nachbarn oder von Angriffen wilder Thiere. -Mit jedem Tagesmarsche wurde es den Mitgliedern der Expedition immer -klarer, daß ganz Deutschland, vermuthlich ganz Mitteleuropa, aus -unbekannten Gründen eine Stätte des Elends und der Verzweiflung -geworden, daß hier eine uralte, zweitausendjährige Cultur für immerdar -untergegangen sei. -- Eines Tages rückte die Colonne in ein uraltes -Städtchen ein, welches zwar nicht, wie die meisten anderen Plätze, aus -einem chaotischen Gewirre von Ruinen bestand, aber doch in seinem -Aeußern ein trostloses Bild tiefsten Verfalles darbot. Die meistens -einstöckigen Häuser längs der ziemlich breiten Straßen waren, wie es -schien, noch zum Theile bewohnbar; das Elend und der Hunger aber -grinsten aus den von Lumpen umflatterten Fensteröffnungen; -übelriechender Rauch drang hie und da in's Freie aus nothdürftig -verhängten und brettervernagelten Rissen und Spalten. Die Straßen waren -mit Gras bewachsen, während längs der Häuser Haufen von Unrath aller Art -lagerten; augenscheinlich waren die Bewohner gewöhnt, alles, was ihnen -in ihren Behausungen lästig wurde, auf die Gasse zu werfen. Im -Gegensatze zu den Eingeborenen, welche die Expedition auf ihrem Marsche -bisher angetroffen hatte, zeigten sich die Bewohner dieser Stätte nichts -weniger als scheu. Anfänglich erschienen sie wohl nur an den Fenstern -und Thüren ihrer Häuser; später aber kamen sie auch auf den von den -Freilandleuten zur Rast ausersehenen Platz und standen in dichter Reihe -gaffend rings um das Feldlager der seltenen Gäste. Das Elend, welches -auf ihnen lastete, kam da so recht an's Licht des Tages. - -Es waren keine wilden, unheimlichen Gesellen, wie die, welche in den -Trümmern des alten Hamburg hausten, aber der Eindruck, den ihre aus -Flicken und Fetzen zusammengesetzte altväterische Kleidung, ihre -eingefallenen Wangen, ihr blödes Lächeln hervorrief, war noch weit -ergreifender. - -Unsagbar traurig war der Anblick dieser geistig und körperlich -verkümmerten Menschen, aus deren Augen Hunger und Stumpfsinn sprachen. -Die Fragen, welche man an sie richtete, beantworteten sie mit einem -cretinartigen Lachen oder unverständlich blökenden Tönen. Nicht einmal -den Namen, den ihre Stadt einst getragen, wußten sie anzugeben und -dennoch sollte sich bald herausstellen, daß ihnen eine Erinnerung an -längst vergangene Zeiten geblieben war, wenngleich in eigenthümlicher -Form. Auf dem Platze, an dem die Expedition bivouakirte, erhob sich ein -Denkmal eigener Art. Auf einem hohen Sockel aus Marmor standen da, in -Erz gegossen, welches im Laufe der Jahrhunderte eine grünbraune -Patinaschicht überzogen hatte, die überlebensgroßen Figuren zweier -Männer in altmodischer Tracht. Der Eine von beiden, anscheinend der -Jüngere, mit wallendem Haar und freien edlen Gesichtszügen, richtete die -Blicke schwärmerisch gen Himmel, während der Andere, Aeltere, eine -imposante Figur, klaren Auges mit der Ruhe des gereiften Mannes in's -Weite sieht. Beide Gestalten hielten gemeinschaftlich mit je einer Hand -einen Kranz; kein Name, keine Jahreszahl war auf dem verwitterten Steine -mehr sichtbar. Als einige der Seeleute sich anschickten, dicht neben dem -Denkmal ein Lagerfeuer zu entzünden, kam auf einmal eine seltsame Unruhe -über die Eingeborenen. Mit ängstlichen Geberden drängten sie sich heran, -wiesen auf das Denkmal und baten mit aufgehobenen Händen und flehenden -Mienen, den Stein, auf welchem die Erzbilder sich erhoben, nicht zu -berühren. Einer unter ihnen, ein Greis mit weißem Haar und Bart, in -dessen Antlitz die Jahre unzählige Runzeln gegraben, wußte sich durch -einige Worte und Geberden soweit verständlich zu machen, daß die -Freilandleute endlich begriffen, das räthselhafte Monument gelte in den -Augen der Unglücklichen als eine Art Heiligthum, dessen Berührung oder -Beschädigung den Zorn überirdischer Mächte heraufbeschwören könne. Kurt, -der hinzukam, trug Sorge, daß seine Leute in angemessener Entfernung von -dem Denkmale ihre Vorbereitungen für das Bivouak trafen und stellte -sogar eine Wache auf, welche jede Annäherung Unberufener an das -Heiligthum des Ortes verhindern sollte. Die armen Menschen, als sie dies -sahen, waren vor Freude fast außer sich; mit strahlenden Mienen, -unverständliche Worte des Dankes ausrufend, drängten sie sich an Kurt -heran, drückten ihm die Hände und küßten den Saum seines Rockes. Nachdem -er sich mit Mühe ihrer Gunstbezeigungen erwehrt hatte, versuchte er, -sich ihnen so gut als möglich verständlich zu machen. Er glaubte -annehmen zu dürfen, daß der Ort, von welchem seine Familie stammte, hier -in der Nähe liegen müsse; vielleicht war es sogar dieses Städtchen, in -dem er sich just befand; vielleicht waren einige dieser unglücklichen -Geschöpfe Sprößlinge desselben Geschlechtes wie er. - -Aber umsonst waren alle seine Fragen und Zeichen; die Eingeborenen -schüttelten die Köpfe oder stießen ein blödes Lachen aus; von den Namen, -die er nannte, hatte augenscheinlich Keiner etwas gehört. Müde des -nutzlosen Parlamentirens wendete sich Kurt endlich ab und ging seines -Weges. Da trat jener Greis, wehmüthig anzuschauen in seinem zerlumpten -Röckchen, auf ihn zu und bedeutete ihn mit dringenden Geberden, ihm zu -folgen. Er führte ihn quer über den Platz durch mehrere Seitengassen, -bis sie endlich draußen vor den letzten Häusern standen, wo eine mit -niedrigem Gestrüpp bewachsene Fläche begann. Der Alte bog, diensteifrig -voranschreitend, die Zweige der nächsten Stauden auseinander, und nun -sah Kurt, daß er sich auf einem uralten, verwilderten Friedhofe befand. -Im Schatten der niederhängenden Zweige lag da Stein an Stein, die -Grabstätten verschollener Geschlechter, manche halb versunken in dem von -Unkraut überwucherten Boden, alle mit Moos und Flechten überzogen und -von Zeit und Wetter geschwärzt. Kurt's Führer schritt rasch und achtlos -zwischen den Gräbern durch, bis er eine Stelle erreichte, wo an einer -verfallenen Mauer unter Fliederbüschen ein Grabstein lehnte, grau und -verwittert gleich den übrigen, aber mit halbverwischten Lettern, auf die -der Alte schweigend mit dem Finger deutete. Kurt beugte sich zu dem -Steine nieder und begann mühsam die Inschrift zu entziffern. Nach -einigen vergeblichen Versuchen hatte er den Schlüssel gefunden, die -Buchstaben reihten sich ihm zu Silben und Worten, und da stand der Name, -den er selbst führte, wohl in etwas veränderter Schreibweise, aber -deutlich erkennbar auf der Platte; ein geborstener Stein, ein -versunkener Grabhügel war die einzige Spur, die er entdeckt hatte. - -Während sie den Rückweg antraten, gab er sich Mühe, seinem Führer -deutlich zu machen, daß er, wenn möglich, ein noch lebendes Mitglied -jener Familie zu sehen wünsche, deren Name er auf jenem Steine gelesen -habe. Es war nicht ganz leicht, dem Alten das zu verdolmetschen, aber -endlich bemerkte Kurt doch zu seiner Freude, wie ein Schimmer von -Verständniß in den Augen seines Begleiters aufleuchtete. Der Greis -nickte lebhaft mit dem Kopfe, als Kurt seine Frage wiederholte, ergriff -dann seine Hand und zog ihn in ein Seitengäßchen hinein, das von einer -Reihe elender baufälliger Hütten gebildet wurde. Hier bog er, nachdem -sie etwa hundert Schritte zurückgelegt hatten, in einen Thorweg ein, -hinter dem sich ein enger von geschwärzten Mauern eingefaßter Hof -aufthat. In einem Winkel dieses düsteren Raumes führte eine schmale -zerbröckelnde Stiege in das obere Stockwerk hinauf. Eilfertig kletterte -der Alte hinan; offenbar war er es gewöhnt, derartige Wege -zurückzulegen; Kurt folgte zögernd; die ganze Excursion fing an, ihm -Bedenken einzuflößen und unwillkürlich griff er in den Gürtel, wo sein -Revolver stak. Oben angelangt, traten sie in ein kleines, ganz kahles -Gemach, und kaum hatte Kurt einen Schritt über die Schwelle des -unheimlichen Raumes gethan, als er entsetzt zurückfuhr. Vor ihm, von -einem Strohhaufen, erhob sich eine Gestalt, die nichts Menschliches mehr -an sich hatte. Ein unförmlicher Wasserkopf, aus dem stiere, glanzlose -Augen hervorquollen, ein zahnloser, weit offen stehender Mund, so wankte -das Gespenst mit gellendem Lachen auf ihn zu. Er roch den muffigen, -ekelhaften Dunst der Lumpen, sah wie ein Paar fleischloser Arme mit -spinnenartigen Fingern nach ihm tasteten und ein Grauen überfiel ihn, -wie er es nie zuvor gekannt hatte. Als er wieder zu sich kam, stand er -allein draußen auf der Gasse; der Alte war verschwunden, aber aus dem -unheimlichen Hause gellte ihm noch schauerliches Lachen nach. Scheuen -Blickes sich umschauend, eilte er mit großen Schritten dem Ausgange der -Gasse zu. Als er den Lagerplatz erreichte, hatte die Mannschaft soeben -abgekocht und er sah nun, wie die Eingeborenen, angezogen von dem Dufte -der brodelnden Speisen, sich gierig herandrängten und sehnsüchtige -Blicke in die dampfenden Kessel warfen. Der Vorrath der Expedition an -Conserven aller Art, der unterwegs noch durch reiche Jagdbeute vermehrt -wurde, war ansehnlich genug, um den armen, hungrigen Leuten manch -saftigen Bissen zukommen lassen zu können und die Art, in welcher diese -verkümmerten Geschöpfe ihre Dankbarkeit bezeigten, war wirklich rührend. - -Die Sonne neigte sich dem Untergange zu, da bemerkte Kurt, wie zuerst -Einzelne, dann immer mehr und mehr Eingeborene sich in die Nähe des -Denkmals begaben, dort auf die Kniee sanken und in betender Stellung -verharrten. Die Menge vergrößerte sich durch Zuzug aus den umliegenden -Häusern und Gassen und endlich mochten wohl mehrere Hundert beisammen -sein, welche ihre Andacht vor dem Standbilde verrichteten. Als der -letzte Sonnenschimmer verschwunden, schlichen sich die Betenden still -davon und Kurt sah ihnen, in Gedanken versunken, lange nach. Er hatte -nicht bemerkt, daß Willy zu ihm getreten war, bis er beim Klange seiner -Stimme emporfuhr: - -»Sie glauben, daß die Männer da oben zwei Brüder aus göttlichem -Geschlechte vorstellen, die vor vielen hundert Jahren vom Himmel -herabstiegen, um den Menschen das Licht zu bringen. Die Schlechtigkeit -der Menschen aber zwang sie, in ihre himmlische Heimath zurückzukehren. -Nun beten diese Armen zu ihnen, immer in der Hoffnung, daß die -Göttergestalten einmal wiederkehren und ihnen das verschwundene Paradies -zurückbringen.« - - - - - 5. Capitel. - - Die Alpen in Sicht. -- Eine Schlappe der Expedition. -- Im - deutschen Urwald. -- Das Leben in der Pfahlbauhütte. -- Kurt und - Waltraut. -- Die Memoiren des Urahnen. - - -Nach zweimonatlichem Marsche sahen die Expeditionstruppen in der Ferne -die blauschimmernde Kette der Alpen auftauchen, die sie mit Jubel -begrüßten; schien es doch Jedem von ihnen, als sei nunmehr der größte -Theil ihrer schwierigen Aufgabe gelöst. Jenseits dieser Berge begann ja -die Zone eines südlicheren Himmels, schimmerte das blaue herrliche -Mittelmeer, und weiter hinaus grüßte die Heimath, das schöne, sonnige -Afrika. Ehe man den Fuß der Berge erreichte, waren indessen noch -Hindernisse zu überwinden, welche von Tag zu Tag an Zahl und Größe -zunahmen. Mächtige pfadlose Urwälder dehnten sich meilenweit vor der -Truppe aus, die waldfreien Strecken aber bestanden aus unübersehbaren -Sümpfen, in denen man nur einzeln, Mann für Mann, vorzudringen -vermochte. Dazu kamen fast täglich die Angriffe kriegerischer -Eingeborener, denen gegenüber man fortgesetzt auf der Hut sein mußte. Es -waren kräftige, hochgewachsene Menschen, die sich ihrer primitiven -Waffen mit großer Geschicklichkeit und einem an Wildheit grenzenden -Ungestüm bedienten, auch jedem Versuche, friedliche Beziehungen -anzuknüpfen, entschieden abhold waren. - -Am 26. Juli gegen Abend wurde die Colonne, als sie auf schmalem, -sumpfigem Pfade einen Hohlweg passirte, von allen Seiten mit Heftigkeit -angegriffen. Ein Hagel von Pfeilen, Wurfspießen und Steinen ergoß sich -von den mit undurchdringlichem Urwald bedeckten Höhen auf die -Expeditionstruppen, die sich in einer verzweifelten Lage befanden. Jeder -Zusammenhalt löste sich auf; der einzelne Mann wehrte sich seiner Haut, -so gut und so lange er konnte, aber dieser Widerstand gegen einen fast -unsichtbaren Feind war von Anfang an ein hoffnungsloser. Als die Nacht -hereinbrach, war es einem Theil der Expedition gelungen, sich mit -Zurücklassung des Gepäcks aus dem unseligen Hohlwege zu retten; an -zweihundert Mann aber fehlten und von ihnen fanden sich erst im Laufe -des nächsten Tages etwa dreißig Versprengte, meistentheils verwundet, -bei der Truppe wieder ein. Kurt war bald nach Beginn des Gefechtes, von -einem Keulenschlag getroffen, bewußtlos zusammengesunken, und als er, -mit dumpfem Schmerz in allen Gliedern und verzehrendem Durste, wieder zu -sich kam, war es finstere Nacht. Er wollte rufen, aber zugleich fiel ihm -ein, daß vielleicht Feinde in der Nähe sein könnten und so schwieg er -und kroch vorsichtig dem Waldrande zu, um hinter den lang herabhängenden -Tannenästen Schutz zu suchen. Mit der Morgendämmerung setzte er seinen -Weg im Schatten des Waldes fort, so lange es ihm seine sinkenden Kräfte -erlaubten. Durch das dichteste Unterholz, über vermoderte Baumstämme, -durch Sumpf und Gestrüpp, immer angstvoll spähend nach dem Feind, der -unvermuthet jeden Augenblick auftauchen konnte, so hastete er vorwärts, -ohne recht zu wissen, wohin. Stunde auf Stunde verrann; die Sonne mußte -schon hoch am Himmel stehen, aber in die Nacht des Urwaldes spielte nur -hie und da schüchtern einer ihrer Strahlen an den wettergrauen Stämmen -herab. Mit dem letzten Reste seiner Kräfte erreichte Kurt endlich gegen -Mittag eine Quelle, die unter einem Felsblock munter hervorrieselte und -gänzlich erschöpft warf er sich neben ihr in's Moos. Sein -Provianttäschchen war ihm glücklicherweise nicht abhanden gekommen, ein -Stückchen der stärkenden Conserven, welche es enthielt, genügte vollauf, -seine Kräfte neu zu beleben. - -Nach längerer Rast erhob sich der Flüchtling wieder. Die Hoffnung, seine -Kameraden einzuholen, mußte er vorläufig aufgeben und auf's Geradewohl -wanderte er weiter, einem ungewissen Schicksal entgegen. - -Die Sonne war bereits im Sinken, als er sich am Ufer eines bis in -unabsehbare Ferne sich ausdehnenden Seespiegels sah. Von menschlichen -Behausungen war weit und breit keine Spur zu entdecken; was hätten sie -wohl auch anders bergen können als Feinde? Der Flüchtling wandte sich -dem Ufer entlang und suchte sich, nicht ohne Mühe, seinen Weg zwischen -Schilf und Urwald. Plötzlich drangen seltsame liebliche Klänge an sein -Ohr. Vom See herüber, aus dessen Fluth mannshohes Schilf hervorwucherte, -tönte der Gesang einer hellen Frauenstimme, als sei eine Nixe -emporgestiegen aus der Tiefe. Ein uraltes, längst verschollenes -Volkslied war es, was diese Stimme sang, und leise verhallten die Klänge -über dem See. Einige Augenblicke blieb Alles still, dann kam es wie -leise Ruderschläge durch das wehende Schilf heran und mitten aus dem -grünen Dickicht lugte mit einem Male ein wunderliebliches -Mädchenantlitz, umflossen von lichtblondem Haar, das lang und aufgelöst -über die Schultern herabfiel. Wie einen Geist starrte Kurt die holde -Erscheinung an, die ihm so wundersam bekannt und doch wieder so fremd -vorkam, und bittend hob er die Hände; wenn ihm Hülfe werden sollte in -seiner verzweifelten Lage, so kam sie von diesem Wesen, das der Himmel -selbst zu seiner Rettung in die Wildniß des deutschen Urwaldes geschickt -haben mochte. - -Mit fliegenden Worten sprach er von seinem Schicksal, seiner Flucht -durch die pfadlosen Wälder und als er beweglich bat, ihm Schutz und -Obdach gewähren zu wollen, da sah er es seltsam aufleuchten in den -großen dunklen Augen, die so fest und doch fragend auf ihn gerichtet -waren, er wußte, daß er verstanden und erhört worden. Mit ein paar -Ruderschlägen trieb das Mädchen ihr Fahrzeug dicht an's Ufer und winkte -ihm stumm mit den Augen einzusteigen. Einige Minuten später schwammen -sie draußen auf der Seefläche. Das Mädchen stand im Rücktheil des -Fahrzeuges und handhabte die Ruder mit Kraft und Geschicklichkeit; -unverwandt war ihr Blick auf den See hinausgerichtet, während Kurt die -Augen nicht abwenden konnte von der schlanken lieblichen Gestalt. Der -Oberkörper der Schifferin war knapp umschlossen von einem Gewand aus -feinem, fast schwarzen Pelze, welches Hals und Nacken sowie die Arme bis -über die Ellbogen hinan frei ließ. Vom Gürtel bis über die Knie herab -fiel in Falten ein kurzes Kleid aus ähnlichem Stoffe; von seinem Saume -bis zu den Knöcheln, welche niedliche Schuhe aus Rehleder umschlossen, -war das schön geformte Bein nackt. Die blonden Haare bildeten einen -seltsamen Gegensatz zu den großen dunklen Augen, die von langen, ebenso -dunklen Wimpern beschattet wurden. Weibliche Anmuth und selbstbewußte -Kraft sprachen aus jeder Bewegung des biegsamen Leibes. Ohne ein Wort zu -wechseln, waren sie so geraume Zeit dahingefahren; schon begann sich die -Dämmerung leise über den See zu legen, da hielt das Mädchen einen Moment -inne und deutete mit der Hand auf eine dunkle Masse, die aus der Fluth -emporragte: - -»Meines Vaters Hütte! -- Hier bist Du sicher!« -- - - * * * * * - -Seit mehr als Monatsfrist lebte Kurt in der Hütte des Pfahlbauers am -Ammersee und kaum merklich begann schon der Herbst seine ersten Boten in -die Wald- und Seeeinsamkeit zu senden. An jenem Sommerabend, als die -Beiden an der Hütte landeten, hatte sie der Pfahlbauer mit verwunderten -Mienen zwar, aber schweigend empfangen und dem Flüchtling die Hand zum -Willkommgruße dargereicht. Dann hatte er ihn in den Wohnraum geführt, -ihn zum Sitzen eingeladen und gutmüthig mit lächelndem Antlitz -zugesehen, wie sein Gast über den Imbiß herfiel, den das Töchterlein -eilfertig herbeigetragen hatte. Seit jener Stunde war Kurt kein -Fremdling mehr in der Hütte, und ihm, der gewohnt war, in der -glanzvollen Metropole am Victoria-Nyanza die Errungenschaften einer hoch -entwickelten Cultur zu genießen, flogen in dieser Wildniß die Tage mit -einer traumhaften Schnelligkeit dahin. Der alte Günther, eine hohe, -kraftvolle Gestalt, dem der schneeige Bart weit über die Brust -herabfloß, nahm ihn fast täglich mit hinaus auf die Jagd oder zum -Fischfang; in den übrigen Stunden des Tages gab es stets Arbeit in Hülle -und Fülle und die Abendstunden vergingen nur allzu schnell im traulichen -Geplauder auf der Bank vor der Hüttenthür, wo man weit hinaussehen -konnte über die goldigschimmernde Fluth bis hinüber zu der blauen -Alpenkette; die liebsten Stunden aber waren dem Flüchtling jene, welche -er mit der blonden Waltraut zusammen im Kahn verbringen durfte. Die -Hütte auf mächtigen Eichenpfählen an einer seichten Seestelle errichtet, -war auf allen Seiten von Wasser umgeben und der Nachen, auf dem Kurt -hierhergekommen, war daher das Verkehrsmittel, dessen man sich bedienen -mußte. Am Südrande des Sees, umgeben von einem festen Zaune, war ein -Stück Urwald gerodet und in Acker und Wiesfeld verwandelt. In -wohlgefügter Blockhütte standen daselbst zwei Kühe, das werthvollste -Besitzthum des Pfahlbauers und fast täglich gab es dort für Waltraut -dies oder jenes zu schaffen, wobei ihr die Hilfe Kurts nicht -unwillkommen schien. So zutraulich und herzlich aber auch Waltraut, -schier wie ein Schwesterlein, sich ihm gegenüber zeigte, so scheu und -zurückhaltend wurde ihr Benehmen, sobald er sich hinreißen ließ, einen -wärmeren Ton anzuschlagen, ihre Hand zu fassen oder gar scherzend den -Arm um ihre Hüfte zu legen. Er selbst aber, voll des redlichsten -Willens, die ihm erwiesene Gastfreundschaft heilig zu halten, zwang sich -mit Macht, die immer mehr in ihm aufsteigende Leidenschaft -niederzukämpfen. - -Die letzten warmen Herbsttage mit ihrem geheimnißvollen duftigen -Schleier aus Nebel und Sonnengold waren vorübergegangen; in der Nacht -hatte sich ein grimmiger Sturmwind aufgemacht und fuhr, Regenschauer vor -sich her treibend, über die blaugraue Fluth, daß sie in langgestreckten -schweren Wogen aus der nebligen Ferne gegen die Hütte heranzog. Drinnen -aber in dem engen Bau war's gar behaglich, denn von den Resten der -untergegangenen europäischen Cultur hatte sich gerade noch genug in -diesen Räumen erhalten, um das Leben in der Unwirthlichkeit des Urwaldes -erträglich zu machen. So saßen sie an einem der Winterabende, während -draußen der See schon allmählich zu erstarren begann, gar traulich -beisammen; Kurt erzählte seinen Freunden von den Wundern Afrika's und -als er geendet, erinnerte er Vater Günther, daß ihm dieser unlängst bei -einem Jagdausfluge versprochen habe, ihn über die Ursachen der großen -Catastrophe, welche das alte deutsche Reich getroffen und seine fast -zweitausendjährige Cultur zerstört hatte, aufzuklären. Der Alte nickte -mit ernster Miene, nahm den qualmenden Kienspahn aus der Mauerfuge und -verließ schweigend das Gemach. Nach einigen Minuten kehrte er zurück und -legte ein in Leder gebundenes Buch auf den Tisch, welches jenen dumpfen -modrigen Geruch verbreitete, der alten Schriftwerken eigen ist. Voll -brennender Neugier schaute Kurt auf das Buch, das ihm Aufschluß geben -sollte über eine in Dunkel gehüllte Geschichtsepoche. - -»Diese Schrift hat mein Urahne niedergeschrieben, als er vor vielen -hundert Jahren aus seiner Heimath in Thüringen an die Gestade dieses -See's flüchtete,« sprach der Alte mit einer gewissen Feierlichkeit, »es -ist eine traurige Geschichte voll Blut und Thränen, die Dir Aufschluß -geben wird, wie ein großes blühendes Reich durch den Unverstand der -Menschen in eine Wildniß verwandelt wurde. Wir haben das Buch aufbewahrt -wie ein Heiligthum und kein menschliches Auge, außer den unsrigen, hat -noch darauf geruht. Waltraut soll es uns vorlesen, denn meine Augen -taugen nicht mehr zu solchem Geschäft und Dir sind die krausen -Schriftzüge der Vorzeit nicht geläufig.« Neue Kienspähne wurden in Brand -gesetzt, Waltraut nahm das Buch und begann. - - - - - 6. Capitel. - - Deutschland am Ende des neunzehnten Jahrhunderts. -- - Socialdemokratische Zukunftsbilder und ihre Folgen. -- Der - Staatsstreich des Jahres 1900. -- Untergang der Socialdemokratie. - - -»Eine wilde schreckliche Zeit liegt hinter mir. Ich bin Zeuge von -Ereignissen gewesen, an die ich noch jetzt, wo seitdem schon Jahre -verflossen sind, nur mit Schaudern zurückdenken kann. Alles Bestehende -habe ich zusammenbrechen sehen, ein mächtiges Reich in Trümmer fallen -und die Menschen sich zerfleischen wie wilde Thiere. Mit Entsetzen habe -ich erkannt, daß es kein Zufall war, der all' den Jammer über mein armes -Vaterland brachte; eigenes Verschulden der verblendeten Menschheit hat -das Geschick heraufbeschworen, dem nun Alles, was Jahrhunderte -geschaffen, zum Opfer gefallen ist. Rechtzeitige Erkenntniß, gepaart mit -ein wenig gutem Willen, hätte uns vor dem Abgrunde bewahren können. Aber -es war, als seien Alle mit Blindheit geschlagen. In der unersättlichen -Gier nach Reichthum taumelten die Menschen vorwärts, der Warnungsrufe -nicht achtend, immer dem Ende zu, das auch mit Schrecken gekommen ist, -just als sie es am weitesten entfernt glaubten. Ich habe die -Aufzeichnungen, die ich in der schrecklichsten Zeit meines Lebens -machte, gesammelt, in der Erwartung, daß einst kommende Geschlechter -eine Lehre aus denselben ziehen werden. Die Ereignisse, welche dem -allgemeinen Zusammenbruch vorausgingen und die ich nur theilweise selbst -erlebte, stelle ich in Kürze an die Spitze meiner Aufzeichnungen. Und -somit beginne ich: - -Gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts war Deutschland das mächtigste -Reich der Welt. Unzählige reiche blühende Städte und freundliche Dörfer -bedeckten seinen Boden; sein Heer und seine Flotte war bewundert und -gefürchtet, deutsche Kunst und Wissenschaft galten der übrigen Welt als -glänzende Vorbilder, und was deutsche Arbeit in rastlosem Wetteifer -schuf, ging als vielbegehrte Waare hinaus bis in die fernsten -überseeischen Länder. Auf dem Kaiserthrone saß ein junger thatkräftiger -Herrscher, der es mit kluger Mäßigung verstand, die ungeheuere ihm zu -Gebote stehende Macht nur zur Wahrung des Friedens in die Wagschaale zu -werfen und eine Schaar blühender Söhne schien ihm auf unabsehbare Zeit -hinaus Glück und Bestand seines Hauses zu verbürgen. - -Wohl fehlte es nicht an dunklem drohendem Gewölke, das von Zeit zu Zeit -emporstieg, aber stets verstand es die Kunst der Staatsmänner, die -Gefahren, welche von rachsüchtigen oder neidischen Nachbarn drohten, -wieder zu beschwören; der Respect vor der großartigen Wehrkraft -Deutschlands und seiner Verbündeten that aber stets das Meiste zur -Erhaltung des Friedens. Für weit bedenklicher indessen hielt man die -Gefahr, welche dem Reiche von Innen drohte. - -Zur Erläuterung dessen muß ich auf eine noch weiter abliegende Zeit -zurückgreifen. Im Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts hatte sich die -Industrie zu einer noch nie vorher erreichten Höhe aufgeschwungen. An -Stelle der kleinen Handwerksbetriebe des Mittelalters war zuerst die -Manufactur getreten, d. h. jene Gattung von Großbetrieben, in welcher -jeder Arbeiter jahraus, jahrein nur einen ganz bestimmten Theil eines -Productes herstellte, in denen also eine weitgehende Arbeitstheilung -herrschte, die Geschicklichkeit des Arbeiters aber immer noch -ausschlaggebend war für die Beschaffenheit des fertigen Productes. Ein -großer Theil der einst selbständigen Handwerker war schon damals zu -Lohnarbeitern geworden, deren Existenz von den Fabrikanten abhängig war; -in ganz rapider Weise aber begann sich dieser Umwandlungsproceß zu -vollziehen, nachdem der Fortschritt in den Naturwissenschaften zu der -Erfindung zahlloser Arten von Maschinen geführt hatte, welche die -Herstellung der Producte ganz unabhängig machten von der Tüchtigkeit des -Arbeiters und mit ungeheuren Massen Waaren aller Art den Weltmarkt -überschwemmten. Die Zahl der besitzlosen Lohnarbeiter schwoll zu einer -solchen Höhe an, daß ihr gegenüber diejenige der Besitzenden fast -verschwand, und diese Masse wurde noch fortwährend vermehrt durch solche -Handwerker, welche den Wettkampf mit der im Großen arbeitenden Industrie -nicht auszuhalten vermochten und ihre Selbständigkeit verloren. Auf der -einen Seite standen also die Besitzenden, ein kleiner Bruchtheil der -Gesammtheit, welcher allen Grund und Boden, alle Rohstoffe, Gebäude, -Maschinen sein Eigen nannte, und deshalb den Nutzen der gesammten -Arbeitsthätigkeit und aller menschlichen Erfindungen einheimste, während -auf der anderen Seite die ungeheure Masse der Besitzlosen stand, denen -nichts geblieben war, als ihre Arbeitskraft, von deren Verkauf sie ihr -Leben fristete. Je mehr sich aber das Maschinenwesen vervollkommnete, -desto krasser gestaltete sich dieses Mißverhältniß. Die Arbeit an den -Maschinen vereinfachte sich derart, daß ein Weib oder schließlich ein -Kind genügte, um das zu verrichten, was ehedem die Thätigkeit von -zwanzig Männern erheischt hatte. Die Fabrikanten entließen also ihre -Arbeiter und behalfen sich mit Frauen- und Kinderarbeit, die ihnen weit -billiger kam. Dadurch entstand nicht nur ein Heer von Arbeitslosen, die -meistens bis zur tiefsten Stufe menschlichen Elends herabsanken, sondern -es wurde auch der Lohn der noch in Arbeit befindlichen Männer auf ein -Minimum herabgedrückt, so daß diese Unglücklichen auch bei -angestrengtester Arbeit von früh bis in die Nacht nicht mehr im Stande -waren, sich und die Ihrigen mit den nothwendigsten Lebensbedürfnissen zu -versorgen. Diese Zustände hatten aber noch Anderes im Gefolge. Die -Arbeiterfamilie löste sich gänzlich auf in dem Augenblicke, als die Frau -ihrem häuslichen Wirkungskreise entzogen und in die Fabrik versetzt -wurde; der Schulbesuch der Arbeiterkinder wurde vernachlässigt, Wohnung -und Kost der Proletarier sank zu einer menschenunwürdigen Stufe herab -und die Prostitution begann in erschreckender Weise um sich zu greifen. - -Waren diese schreienden Uebelstände schon fühlbar in solchen Zeiten, in -denen die Industrie in Flor stand und es an Arbeit meistens nicht -fehlte, so wurden sie noch weit fühlbarer, sobald, in Folge der -allzueifrigen Production, die Preise der Waaren sanken, der Handel -stockte und zahlreiche Fabriken den Betrieb einstellten. Das Heer der -Arbeitslosen, der ohne Nahrung und Obdach Umherirrenden, wuchs -dann lawinenartig an und schreckliche Leiden kamen über die -Arbeiterbevölkerung. - -Aber auch die Besitzenden waren in solchen Zeiten nicht auf Rosen -gebettet. Das verwickelte Getriebe der ganzen Wirthschaftsmethode, in -welcher die Concurrenz die einzige Triebfeder war, stellte einen überaus -empfindlichen Mechanismus dar. Ein geringfügiges Ereigniß konnte -genügen, um unzählige Existenzen zu vernichten; Niemand, auch der -Reichste nicht, durfte sicher sein, daß ihn der nächste Tag nicht in die -Reihen der Besitzlosen hinabschleudern werde. Seit Mitte des neunzehnten -Jahrhunderts machte sich nun in den Arbeiterkreisen eine Bewegung -bemerkbar, welche auf eine Umwandlung dieser wahnsinnigen -Productionsweise in eine vernünftigere abzielte. Man erkannte in dem -Umstande, daß sich alle Behelfe zur Erzeugung von Producten, d. h. Grund -und Boden, Maschinen, Werkzeuge, Rohstoffe &c., im Privatbesitz -Einzelner befanden, somit die große Mehrheit der Bevölkerung von diesen -Productionsmitteln getrennt war, die Grundursache der verderblichen -Wirthschaft. Das Heil Aller, so lautete die Parole, liege darin, daß an -die Stelle des Privatbesitzes an den Productionsmitteln, der -Allgemeinbesitz trete. Die Partei, welche dieses Ziel anstrebte, nannte -man die socialistische, oder socialdemokratische und ihre Anhänger waren -von Seite des Staates und der besitzenden Classen allerhand Bedrückungen -und Gewaltmaßregeln ausgesetzt. Die sociale Frage aber, deren Lösung sie -auf ihre Fahne geschrieben hatte, war nachgerade die brennendste von -allen geworden; sie beschäftigte alle Gemüther, hielt die Parlamente in -Athem, setzte Tausende von Federn in Bewegung und bemächtigte sich aller -Gebiete des öffentlichen Lebens. Wie hundert Jahre früher der -Bürgerstand um seine Erlösung aus den Fesseln des Absolutismus gekämpft -hatte, so suchte jetzt die große Masse des Proletariats nicht allein -sich selbst, sondern die ganze Welt zu erlösen von einer täglich -ungesunder werdenden Productionsweise, von einer wirthschaftlichen -Knechtschaft, deren Druck zwar am empfindlichsten auf den untersten -Volksschichten ruhte, welche aber auch den oberen Ständen in immer -unangenehmerer Weise fühlbar wurde. Die Socialdemokratie hatte in der -zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts aus bescheidenen Anfängen, -trotz aller Hindernisse, welche ihr der Staat in den Weg legte, eine -großartige Organisation geschaffen, welche sich über die ganze -civilisirte Welt erstreckte und Millionen begeisterter Anhänger in ihren -Reihen zählte. Diese ungeheure, ein und derselben Parole folgende Masse -verhielt sich indessen durchaus streng in den Grenzen der bestehenden -Gesetze. Aber mit unverwüstlicher Zähigkeit strebte sie unausgesetzt -darnach, politische Rechte zu erringen, wo ihr dieselben versagt waren, -oder ihre Wünsche und Beschwerden in den gesetzgebenden Körpern zur -Geltung zu bringen, dort wo sie Vertreter in die Parlamente entsenden -durfte. Nicht zufrieden damit, unablässig an der materiellen Hebung des -Arbeiterstandes zu wirken, bestrebte sie sich auch, stets eingedenk des -Wortes: »Bildung ist Macht«, das geistige Niveau ihrer Anhänger zu heben -und dies war ihr mit Hülfe unzähliger Vereine, Bibliotheken, -Zeitschriften, Flugblätter u. s. w. bereits am Ausgange des neunzehnten -Jahrhunderts so gut gelungen, daß das durchschnittliche Bildungsniveau -der Arbeiter dasjenige der Kleinbürgerschaft merklich überstieg und daß -sie im Stande waren, aus ihren Reihen Schriftsteller, Journalisten und -Redner auf den politischen Kampfplatz zu schicken, welche den -Geisteskoryphäen der Bürgerschaft, des Adels und der Geistlichkeit -nichts nachgaben. Mit ungeheurer Kraftanstrengung und eiserner Energie -hob sich die Arbeiterschaft aus tiefstem Elende zu einer geistigen und -sittlichen Höhe empor, welche sie befähigen mußte, in jenem Momente als -zielbewußte, politisch reife Macht aufzutreten, in welchem die Zügel den -schlaffen Händen der besitzenden Klassen entfallen würden. _Je tüchtiger -und reifer die Arbeiterschaft in diesem Augenblicke war, desto leichter -und schmerzloser mußte sich die unvermeidliche Umwälzung vollziehen._ - -Fast alle Staaten der civilisirten Welt sahen sich wohl oder übel durch -die immer gewaltiger anschwellende Bewegung genöthigt, ihr Augenmerk den -socialen Mißständen zuzuwenden, was sie bisher gänzlich verabsäumt -hatten. Man versuchte von Staats wegen das oft überaus traurige Loos der -arbeitenden Klassen zu bessern; man gründete Krankenkassen, Unfalls- und -Altersversicherungskassen für die Arbeiter, man stellte -Gewerbeinspectoren an, welche die Thätigkeit in den Fabriken und anderen -Gewerben überwachen und Mißbräuche abstellen sollten, man baute -Arbeiterhäuser, Volksküchen u. s. w., aber man verfuhr dabei in den -meisten Fällen mit einer so pedantischen Engherzigkeit, daß der Nutzen -aller dieser Anstalten ein sehr mäßiger blieb und die berechtigten -Forderungen der Arbeiter dadurch nicht befriedigt wurden. Gleichwohl -schien es zu jener Zeit, als sollte sich die Umwälzung in der -wirthschaftlichen Productionsweise, welche von der Socialdemokratie -angestrebt wurde, auf friedlichem Wege und sehr langsam vollziehen, denn -einerseits wurde die capitalistische Gesellschaft durch die Macht der -Verhältnisse immer mehr und mehr in eine Bahn gedrängt, auf der ihre -Umgestaltung nach dem Sinne der Socialdemokratie nur noch eine Frage der -Zeit sein mußte, und andererseits wäre eine gewaltsame Auflehnung gegen -die furchtbaren Machtmittel des Staates heller Wahnsinn gewesen, eine -Erkenntniß, welcher sich selbst die radicalsten Führer der socialen -Bewegung nicht verschließen konnten. - -So standen die Dinge zu Beginn des letzten Decenniums im neunzehnten -Jahrhundert, als ein unvorhergesehenes Ereigniß die friedliche -Entwicklung der Gesellschaftsreform für unabsehbare Zeit verhinderte. - -Im Jahre 1892 erschien in der Hauptstadt des deutschen Reiches ein -Büchlein, welches ungeheueres Aufsehen machte und in Hunderttausenden -von Exemplaren verbreitet wurde. Der Titel dieses verhängnißvollen -Büchleins war: »Socialdemokratische Zukunftsbilder«, der Verfasser: -einer der ersten Redner des Parlaments, Eugen Richter, welcher an der -Spitze der sogenannten freisinnigen Partei stand und ein erbitterter -Feind der Socialdemokratie war. In diesem Buche schilderte er mit -glühender Phantasie die Schreckensbilder, denen Deutschland -entgegengehen werde, falls es jemals der Socialdemokratie gelingen -sollte, ihre Pläne zur practischen Ausführung zu bringen, d. h. den -socialen Staat an Stelle des capitalistischen in's Leben zu rufen. Mit -gieriger Hast wurden die, in den düstersten Farben gehaltenen -Schilderungen vom deutschen Publikum verschlungen; die Wirkung war eine -ungeheure. Mit _einem_ Schlage war der ganze erschreckliche Abgrund, dem -das Vaterland entgegentaumelte, vor den bestürzten Blicken enthüllt; -Tausende und Abertausende, von Entsetzen übermannt, für ihre eigene, wie -für die Existenz ihrer Familien zitternd, verlangten ungestüm Hülfe und -Rettung von der Allmacht des Staates. Der Kaiser schwankte; noch konnte -er sich nicht entschließen, zu dem früher oft angewendeten Mittel -gewaltsamer Unterdrückung zu greifen. - -Da kamen die Reichstagswahlen von 1895, und die socialdemokratische -Fraction, bisher sechsunddreißig Mitglieder zählend, wuchs auf fünfzig -an; es kamen die Wahlen des Jahres 1900 und mit _einem_ Schlage ward die -Socialdemokratie zur mächtigsten Partei des Parlamentes, in dem sie -nicht weniger als neunzig Mandate ihr Eigen nannte, während die -sogenannten Ordnungsparteien, in zahllose Fractionen und Fractiönchen -gespalten, dieser ehernen Phalanx gegenüber in ohnmächtiger Verwirrung -dastanden. Ein Todesschrecken erfaßte die ganze Bourgeoisie, den Geld- -und Geburtsadel, die Geistlichkeit aller Confessionen und nicht zum -Mindesten den Kaiserhof selbst. Es schien, als stünde das jüngste -Gericht vor den Thoren, und der Ruf nach Hülfe vor dem drohenden -Untergange wurde lauter und eindringlicher als je. Noch stand ja der -Regierung die große, herrliche, in hundert Schlachten und Gefechten -siegreich gewesene Armee zur Verfügung, auf die man sich fest verlassen -konnte, wenn es galt, die schwer bedrohte Gesellschaftsordnung zu -retten. Die Regierung, von allen Seiten bestürmt, zögerte nun auch nicht -mehr länger, energische Maßregeln zu ergreifen. - -Am Morgen des 10. April 1900 prangten an allen Straßenecken Berlins -große Zettel, welche die Auflösung des Reichstages und die Abschaffung -des allgemeinen Wahlrechtes für die neu auszuschreibenden -Reichstagswahlen ankündigten. Zugleich erfuhr man, daß sämmtliche -socialistische Abgeordnete beim ersten Morgengrauen durch starke -Abtheilungen von Militär und Schutzleuten aus ihren Wohnungen abgeholt -und in geschlossenen Wagen unter Kavallerie-Eskorte nach Spandau -transportirt worden wären. - -Die erste Wirkung war die eines lähmenden Schreckens, welcher das Volk -in der Hauptstadt urplötzlich ergriffen zu haben schien. Anfänglich -blieb Alles ruhig, aber die Straßen im Centrum der Stadt füllten sich -von Stunde zu Stunde immer mehr mit den von den Vorstädten -hereinströmenden Volksschaaren. Alle Geschäfte, alle Fabriken stellten -ihre Thätigkeit ein, und die dort beschäftigten Arbeiter vergrößerten -die durch die Straßen wogenden Massen. Aber auf dieser ganzen -ungeheueren Menge lastete ein dumpfes Schweigen; nur flüsternd ward die -Kunde von dem, was geschehen, von Mund zu Mund getragen; man ahnte, daß -Schreckliches folgen werde, aber Niemand hatte den Muth, das Losungswort -zu geben. So wurde es Mittag; mit klingendem Spiele kam, wie alltäglich, -die Wache zur Ablösung der Posten am Schlosse und den anderen -öffentlichen Gebäuden dahergezogen. Die Menge stand unbeweglich wie eine -Mauer, und wie das Grollen der See, wenn der erste Windstoß über sie -hinfährt, so begann beim Anblick des Militärs ein dumpfes Murren und -Brausen in der hunderttausendköpfigen Masse. Erst der Versuch, diese -lebendige Mauer mit Gewalt zu durchbrechen, brachte Bewegung in -dieselbe. Zwei Minuten später war die Abtheilung Soldaten über den -Haufen gerannt, entwaffnet, wer sich zur Wehr setzte, niedergemacht; das -erste Blut war geflossen und der Anblick desselben berauschte das Volk. -Der Aufruhr hatte begonnen! Aus den Riesengebäuden der Kasernen ergossen -sich die bereit gehaltenen Regimenter in die Straßen und vertheilten -sich nach dem schon vorher festgestellten Plane, während aus den -Nachbarstädten bereits Zug auf Zug, vollgepfropft mit Truppen, zur Hülfe -herbeisauste. Fünf Tage und Nächte lang wogte der Straßenkampf von einem -Ende der Residenz bis zum anderen. Auch das Volk erhielt Verstärkung; -Tausende von Bauern und Fabrikarbeitern zogen von allen Seiten zur -Unterstützung herbei, aber das Ringen war, trotz allen Heldenmuthes der -Insurgenten, vom Anfang an durch die Ueberlegenheit der Waffen und der -Disciplin zu Gunsten der Truppen entschieden. Auch die anderen blutigen -Aufstände, welche an zahlreichen Orten des Reiches emporloderten, wurden -bald niedergeschlagen; die letzten Schaaren der Freiheitskämpfer -flüchteten in die Wälder und Gebirge an der böhmischen Grenze und -führten dort noch Monate lang einen erbitterten Guerillakrieg gegen die -sie verfolgenden Soldaten und Gensdarmen. - -Das Strafgericht, welches folgte, war schrecklich; die überall -eingesetzten Kriegsgerichte verfuhren mit draconischer Strenge, und bald -lag die Ruhe des Friedhofes über dem aus tausend Wunden blutenden -Vaterlande. - -Einige Monate später trat der, nach dem neuen Wahlgesetze, dem ein -engherziger Census zu Grunde gelegt worden war, gewählte Reichstag -zusammen. Natürlich war kein einziger Socialdemokrat mehr in demselben -zu erblicken. Was die Waffen begonnen, sollte nun die Gesetzgebung -vollenden: die gänzliche Niederwerfung, nein! Ausrottung der -Socialdemokratie. Alle »Ordnungsparteien« halfen bereitwilligst der -Regierung bei diesem Werke. Sämmtliche Arbeiterblätter wurden -unterdrückt, die Arbeitervereine aufgelöst, jeder politisch Verdächtige -festgenommen. In letzterer Beziehung gingen übereifrige Polizeiorgane -sogar so weit, daß Herr Eugen Richter, am nämlichen Tage, an welchem der -Reichstag den Regierungsantrag einstimmig annahm, Herrn Richter wegen -seiner Verdienste um die Vernichtung der Socialdemokratie bei Lebzeiten -schon ein Denkmal zu setzen, -- daß Herr Eugen Richter am nämlichen Tage -bei einem Haare auf den Schub gekommen wäre. Gleichzeitig ging man auch -daran, den Arbeitern durch Erschwerung ihrer Existenz den »Brodkorb«, -wie man sich ausdrückte, höher zu hängen. Hunger und Elend sollte die -gefährliche Masse mürbe machen. Zuerst wurden sämmtliche -Gewerbeinspectorate abgeschafft, die Bestände der Krankenkassen, -Unfallversicherungs-, Invaliditäts- und Altersversicherungskassen -eingezogen und zur Gutmachung jenes Schadens verwendet, den der Aufstand -verursacht hatte. - -Den Arbeitgebern wurde vollständig freie Hand gelassen in Bezug auf -Verwendung weiblicher und jugendlicher Arbeiter, sowie schulpflichtiger -Kinder; die Beschränkungen der Arbeitszeit, sowohl bei Tage, wie bei -Nacht, wurden aufgehoben -- mit einem Worte: Alles, was vor dem großen -Aufstande an Schutzmaßregeln zu Gunsten der Arbeiter und _aus Furcht vor -der Socialdemokratie_ geschaffen worden war, wurde rückgängig gemacht. - -Zu Anfang des Jahres 1901 war das große Werk gethan: _Die -Socialdemokratie hatte aufgehört zu existiren, der ruhigen Entwicklung -der capitalistisch organisirten Gesellschaft stand nichts mehr im Wege_, -denn auch in allen übrigen civilisirten Staaten hatten sich ähnliche -Vorgänge abgespielt. Zum ersten Male seit langen, langen Jahren athmete -der friedliche Bürger wieder beruhigt auf. Herr Eugen Richter aber stand -auf dem Gipfel einer Popularität, gegen welche selbst die seines -einstigen Feindes Bismarck verblaßte. - - - - - 7. Capitel. - - Die weitere Entwicklung der capitalistischen Gesellschaftsordnung. - -- Arbeiter und Bauern im Jahre 1970. -- Die oberen Zehntausend - im 20. Jahrhundert. -- Krisen und Kartelle. -- Die letzte - Actiengesellschaft. -- Bellamy's Prophezeiung. -- Was Herr Eugen - Richter gesäet hat. - - -Die Lage der arbeitenden Classen begann nun eine unsagbar traurige zu -werden. Die Fabrikanten, durch keine Rücksicht mehr gebunden, -erniedrigten die Löhne weit unter das bisherige Niveau, erhöhten aber -andererseits die Arbeitszeit bis zur äußersten Grenze. In -rücksichtslosester Weise nutzten sie vornehmlich die Arbeitskraft der -Frauen und Kinder aus; vom zartesten Alter angefangen, wurden die Kinder -in die Fabriken getrieben, die ihnen weder zum Spiele noch zur Schule -Zeit übrig ließen; die Wöchnerinnen, kaum daß sie entbunden hatten, -schleppten sich wieder zur Maschine heran. Während die Arbeitszeit der -Frauen und Kinder beständig anwuchs, lungerten große Schaaren -arbeitsloser Männer auf den Straßen umher, bereit, für den geringsten -Entgelt jede beliebige Arbeit zu übernehmen. Von einem eigenen Heerde, -von einem Familienleben wußte der Arbeiter nichts mehr; die -jämmerlichen, schmutzstarrenden Löcher, in denen er mit Weib und Kindern -und »Schlafgängern«, wie die Häringe zusammengepfercht, seine Nächte -verbrachte, verdienten den Namen menschlicher Wohnungen nicht. Seine -Nahrung war gänzlich unzureichend, einem menschlichen Körper die -nöthigste Kraft, die er verausgabt, wieder zu ersetzen; seine Kleidung -bestand in Lumpen; er kannte nicht die Wohlthat eines erfrischenden -Bades, eines Spazierganges in Wald oder Feld, er wußte nichts von -Unterhaltung oder Zerstreuung, er bekam nie mehr ein Buch oder eine -Zeitung in die Hand; _wenn er Arbeit hatte, so war er ein Sclave, bekam -er keine, so wurde er zum Vagabunden_. Als die ersten Decennien des -zwanzigsten Jahrhunderts vollendet waren, war aller Orten eine -Arbeitergeneration herangewachsen, welche derjenigen vor dem großen -Aufstande in keiner Beziehung mehr glich. Der Arbeiter von 1890 war, der -großen Mehrzahl nach, intelligent, wißbegierig, belesen und in -körperlicher Beziehung ziemlich gesund und kräftig; im Jahre 1930 war -die Arbeiterschaft im Großen und Ganzen bereits sowohl körperlich als -geistig tief gesunken. Die schwächlichen strapazirten Frauen hatten noch -schwächlichere, ungesunde Kinder zur Welt gebracht, die beinahe ohne -Pflege und ohne Unterricht aufwuchsen, schon frühzeitig bei endloser -einförmiger Arbeit in den Fabriken verblödeten und die Keime unheilbarer -Krankheiten einsogen. - -Der Durchschnittsarbeiter von 1930 war ein schwaches, engbrüstiges, -schwindsüchtiges Individuum, das mit eingefallenen Wangen und -schlotternden Knieen zur Arbeit wankte und seine wenigen Freistunden in -dumpfem, apathischem Brüten verbrachte. Der Proletarier von 1970 aber, -zu einer Zeit wo der menschliche Erfindungsgeist die herrlichsten -Triumphe gefeiert und Wunderwerke der Technik vollendet hatte, der -Proletarier von 1970 war ein Geschöpf, das Mitleid und Entsetzen -gleichzeitig einflößte. Einen entsetzlichen Umfang hatte insbesondere -die Prostitution angenommen. Die Löhne der Arbeiterinnen waren so -niedrig, daß sie, um leben zu können, direkt auf die Prostitution -angewiesen waren. Die Fabrikanten rechneten von vornherein darauf, daß -die Frauen und Töchter der Arbeiter den Ausfall in ihren Einnahmen durch -Verkauf ihres Körpers decken würden, aber die Schaaren dieser -Unglücklichen waren nur ein Bruchtheil des ungeheuren Heeres Jener, -welche sich gänzlich dem Schandgewerbe ergeben hatten. Zu Tausenden -füllten diese Geschöpfe die Straßen der Vorstädte, und auch die -unerbittlichste Polizeistrenge vermochte sie nicht ganz aus den -eleganten Vierteln zu verdrängen. - -Gänzlich hoffnungslos war auch die Lage des Kleingewerbes, insoweit -überhaupt von einem solchen noch gesprochen werden konnte. Durch das -rapide Anwachsen der Großindustrie war schon früher das Kleingewerbe arg -geschädigt worden; seine Lage war aber damals noch glänzend zu nennen im -Vergleiche mit dem jetzigen Zustande. Eine andere Arbeit, als wenig -lohnende Reparaturen, gab es überhaupt nicht mehr für den kleinen -»selbständigen« Meister. Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war z. B. -ein Schustermeister, der die Anfertigung eines Paares Stiefeln in -Auftrag erhielt und diesen Auftrag auch auszuführen verstand, oder ein -Schneidermeister, der einen Anzug von A bis Z herzustellen wußte, eine -Seltenheit. Um 1970 waren die meisten Handwerksfertigkeiten vollständig -verloren gegangen; nur so weit, als es im Dienste der Großindustrie und -bei einer weitgehenden Arbeitstheilung nöthig war, hatten sich diese -Fertigkeiten erhalten. Es gab wohl Arbeiter, welche mit Hobelmaschinen -umzugehen wußten, und solche, welche mit Maschinenhülfe täglich ein paar -Hundert Stuhlbeine anzufertigen verstanden; es gab aber keine Tischler -mehr, welche ganz selbständig, nur mit dem Handwerkszeug des neunzehnten -Jahrhunderts ausgerüstet, einen Stuhl, einen Tisch oder einen Schrank -anzufertigen fähig gewesen wären. Der Bildungsgrad der noch übrigen -Kleinmeister war der denkbar niedrigste. Ihre Lage war so hoffnungslos -und der Kampf um's Dasein, den sie zu führen hatten, ein so harter, daß -ihnen schon längst jeder Trieb zur Weiterbildung, zur Vermehrung ihrer -spärlichen Kenntnisse abhanden gekommen war. Sie waren einfach nichts -als Proletarier, welche von den Abfällen der Großindustrie lebten, ohne -Urtheilskraft, ohne Energie, ewig jammernd, ewig schimpfend, aber nicht -im Stande, ihre klägliche Situation auch nur um Haaresbreite zu -verbessern. Was die Lage der Landbevölkerung anbetrifft, so war dieselbe -nicht viel besser. Schon in den letzten Decennien des neunzehnten -Jahrhunderts war die Position der Bauern, die ihre Selbständigkeit -bewahrt hatten, eine sehr ungünstige. Die Bewirthschaftung ihrer mit -Hypotheken überbürdeten Güter wurde immer schwieriger und immer weniger -nutzbringend. Der Großgrundbesitz, der immer mehr Land an sich riß, die -Großindustrie, welche immer mehr Fabriken errichtete und der Staat, -welcher immer mehr Soldaten benöthigte, nahm ihnen ihre eingeschulten -Arbeitskräfte und gab ihnen dafür im besten Falle ausgemergelte -Fabrikarbeiter zurück, deren Körperkräfte durch langes Elend so -herabgekommen waren, daß sie zur Feldarbeit nichts mehr taugten. Der -Kleinbauer wurde mehr und mehr abhängig von dem Großgrundbesitzer, mit -dem er schon deswegen nicht concurriren konnte, weil derselbe weit -billiger producirte, und seinen Boden weit ertragsfähiger zu machen -verstand. Wenn der Bauer nach Begleichung der Zinsen und Steuern noch so -viel übrig behielt, daß er nicht gerade mit den Seinigen Hunger zu -leiden und daß er die nächste Aussaat erübrigt hatte, so pries er sich -schon glücklich. Die Fälle aber, in denen Hof und Feld solcher -Kleinbauern zwangsweise versteigert und zu niedrigsten Preisen von den -nächsten Großgrundbesitzern erworben wurden, mehrten sich von Jahr zu -Jahr. Die neuen Besitzer, welche meistentheils große Jagdfreunde waren, -brachen oft die verlassenen Höfe ab und schlugen den urbaren Grund zu -ihrem Jagdgebiete. Auf diese Weise verschwanden alljährlich nicht allein -Hunderte von Einzelgehöften, sondern hie und da auch ganze Dorfschaften, -von denen nicht einmal ein Mauerrest übrig blieb. Die früheren Besitzer, -aller Mittel entblößt, mußten sich entweder mit Weib und Kind dem -Großgrundbesitzer als Lohnarbeiter verdingen, oder in die nächste Fabrik -wandern, und glücklich sein, wenn sie dort Arbeit fanden. Aus den freien -Bauern waren Fabriksproletarier geworden. Viele Bauerngüter wurden auch -von Speculanten angekauft, welche dieselben parcellirten und kleinweise -an den Mann brachten. Durch diesen Prozeß wurde ein Heer von -Kleinhäuslern geschaffen, deren Grundbesitz wieder nicht im Stande war, -sie zu ernähren. Wenn diese Leute unter Entbehrungen der schlimmsten Art -sich noch ein paar Jahre über Wasser erhielten, einmal kam doch -unfehlbar die Stunde, welche ihnen ihr Besitzthum entriß und sie zu den -Uebrigen in den Abgrund warf. Es wäre schwer zu entscheiden gewesen, -wessen Elend größer war: das der Lohnarbeiter in den Fabriken, oder das -der Tagelöhner auf den Gütern. Die Arbeitszeit der Letzteren war eine -schier unbegrenzte: von Sonnenauf- bis Untergang, d. h. im Sommer von 4 -Uhr früh bis 9 Uhr Abends, und wenn der oft Stunden lange Weg zum -Arbeitsplatz und zurück mitgerechnet wird, so war eine Arbeitszeit von -½3 Uhr Morgens bis ½11 Uhr Nachts keine Seltenheit. Die Wohnungen der -Landarbeiter standen an Comfort und Sauberkeit den Ställen der -Gutsbesitzer weitaus nach; die Löhne waren gerade genügend, um das -Lebenslicht vor dem Erlöschen zu bewahren und die Kost bestand demnach -jahraus, jahrein aus Kartoffeln, Kraut und dünnem Cichoriencaffee. -Gleichwohl widerstand diese Classe von Lohnarbeitern der allgemeinen -Degeneration ziemlich lange, was wohl seinen Grund in dem täglichen -Aufenthalt in frischer, gesunder Luft haben mochte. In der zweiten -Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts waren aber auch die Landarbeiter -körperlich und geistig so tief gesunken, daß sie kaum mehr tiefer sinken -konnten. - -Neunzig Procent der Bevölkerung befand sich um das Jahr 1970 in einem -Zustande, der auf das Krasseste abstach von dem Leben, das die übrigen -zehn Procent führten. Dieser Rest oder vielmehr diese dünne Schicht, -welche auf der Oberfläche des allgemeinen Elends schwamm, setzte sich -zum überwiegenden Theile aus Großindustriellen und Großgrundbesitzern -zusammen. Hierzu kamen die Vertreter des Großhandels, der hohen Finanz, -welche indessen meistens auch zu den beiden erstgenannten Classen -zählten, das Heer der Beamten und Officiere, einige wenige auserlesene -Künstler, Gelehrte, Schriftsteller und Techniker und endlich eine an -Zahl und Bedeutung arg zusammengeschmolzene und noch immer rapid -abnehmende »wohlhabende« Bürgerschaft. Die Geschichte der »oberen -Zehntausend«, vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts an, zeigt ebenso -einen Degenerirungsproceß, wie die Geschichte des unglücklichen -Proletariats in jener Zeit. Während namenloses Elend den an Zahl größten -Theil der Bevölkerung zu Boden drückte, erlag der andere Theil an der -Last des Reichthums, der sich auf seinen Schultern angehäuft hatte. Er -verlor dabei alles, was seine Vorfahren einst auszeichnete: Mannesmuth, -Charakterfestigkeit, Ueberzeugungstreue und nicht zum mindesten die -Ehrlichkeit. Schon im ersten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts war -der Byzantinismus auf eine geradezu schwindelnde Höhe gestiegen. Der -Spucknapf eines Hoflakeien war ein Gegenstand der Verehrung geworden. -Die Presse brachte spaltenlange Berichte, wenn das Schoßhündchen der -Frau Obersthofmeisterin sich erkältet hatte, aber sie ignorirte es -gänzlich, wenn Schaaren von Arbeiterkindern am Hungertyphus -dahinsiechten. Im engsten Zusammenhange mit diesen Erbärmlichkeiten -stand ein auf allen Gebieten sich vordrängendes, widerwärtiges -Streberthum, das in der Wahl seiner Mittel nichts weniger als wählerisch -war und wenn es nicht anders ging, auch auf dem Wege der Denunciation -oder in sonst verächtlicher Weise vorwärts zu kommen trachtete. - -Kunst und Literatur kannten keine andere Aufgabe mehr, als die -Verherrlichung und Verewigung aller jener Vorfälle, welche sich in der -Atmosphäre eines Fürstenhofes abspielten. Die Gegenwart eines gekrönten -Hauptes bei irgend einer öffentlichen Feierlichkeit war genügend, um -diesen Moment zum Gegenstande unzähliger Darstellungen durch Feder, -Pinsel und Meißel zu machen. Die Journalisten wurden nicht müde, das -betreffende Ereigniß bis in's allerkleinste _Détail_ zu schildern. Die -Dichter besangen es in begeisterten Hymnen, die Maler opferten -Leinwandstücke von der Größe eines Fregattensegels und unzählige Kilo -Farbe, um den erhebenden Moment der Nachwelt zu überliefern und den -Bildhauern war kein Marmorblock zu diesem Zwecke groß und rein genug. - -Von den Leiden des Volkes wußte aber die Kunst nichts; sie verschmähte -es, in die Tiefen des menschlichen Lebens hinabzusteigen und betrachtete -es lediglich als ihre Aufgabe, diejenigen zu glorificiren, die sie am -besten bezahlten. - -Der Luxus hatte eine exorbitante Höhe erreicht. Die, welche sich zur -»Gesellschaft« zählten, hatten kein Verständniß mehr für den Begriff: -»Arbeit«. Die Leitung der Fabriken überließen sie ihren Direktoren und -Ingenieuren, den Betrieb auf den Gütern ihren Verwaltern und Förstern; -sie selbst hatten kein Ziel und keinen Zweck mehr, als das Geld zu -vergeuden, was dort verdient wurde. Die Einrichtung der Paläste, die -Marställe, die Maitressen, die Gastmähler und allerhand Feste -verschlangen Unsummen. Für ein einziges Frühstück gab man mehr aus, als -zehn Arbeiterfamilien ein ganzes Jahr lang zum Leben brauchten. Diese -colossalen Summen kamen aber nicht der breiten Masse des Volkes, sondern -stets nur wenigen Großunternehmern zu Gute, welche ihrerseits ebenfalls -Reichthum auf Reichthum häuften, während die eigentlichen Erzeuger aller -Producte im Elend verkamen. Baar jeder idealen Regung, war die -besitzende Klasse vom krassesten Materialismus durchtränkt; das Geld war -ihr Gott, der Genuß ihr einziger Lebenszweck, Kunst und Wissenschaft von -ihnen zu käuflichen Dirnen degradirt worden. Dem Gewinne jagte Alles mit -rastloser Gier nach; unablässig die Augen auf das blinkende Ziel -gerichtet, kümmerte man sich wenig um die Existenzen, welche man auf -diesem Wege zertrat, war man nichts weniger als wählerisch in der -Auswahl der Mittel, welche zum Besitz führen sollten. Was Geld -einbrachte, war in den Augen dieser Classe moralisch, was nichts -einbrachte, einfach Narrheit. Das ganze Leben war zu einem tollen -Wirbeltanze um das goldene Kalb geworden; wer dabei zu Falle kam, nun, -der fiel eben; die Uebrigen rasten weiter und würdigten ihn nicht einmal -eines Blickes mehr. Um sich zu bereichern, scheute man auch vor -ungeheuerlichen Verbrechen nicht zurück, die nur selten eine Sühne vor -dem Richter fanden; mit dem verbindlichsten Lächeln auf den Lippen -betrog man sich gegenseitig um Millionen, trieb man einander zum -Selbstmord, zum Wahnsinn. - -Aber diese glänzende, innerlich angefaulte Welt war von Zeit zu Zeit, -und zwar in immer kürzeren Zwischenräumen, furchtbaren Erschütterungen -ausgesetzt, welche stets ungezählte Existenzen vom Gipfel des Reichthums -in's tiefste Elend schleuderten. Niemand wußte, ob ihm nicht eine der -nächsten, schnell aufeinander folgenden Handelskrisen das nämliche -Schicksal bereiten werde. - -Die fortwährend steigende Concurrenz zwang unaufhörlich zu -Verbesserungen an den Maschinen, zu Vereinfachungen der -Productionsprocesse, zur Vermehrung der Arbeitsstunden und Verringerung -der Löhne. Die unausbleibliche Folge war Ueberproduction, Sinken der -Preise, Geschäftsstockung, Krise, auf welche dann eine leichte Erholung -eintrat, der aber allsogleich eine neuerliche Krise auf dem Fuße folgte. -Das Schlimmste war aber, daß, während die Production beständig anwuchs, -die Consumtion fortwährend im Sinken begriffen war. Kein Wunder, wenn -man bedenkt, daß der bei Weitem größere Theil der Bevölkerung am -Hungertuche nagen mußte, und daß seine Kaufkraft beinahe gleich Null -war. Die Production arbeitete hauptsächlich für den Export, aber da sich -überall in allen Culturstaaten dieselben Zustände eingestellt hatten, so -wurde die Concurrenz im Handel nach überseeischen Märkten immer schärfer -und fühlbarer. Nachdem sich in Afrika eine blühende Industrie zu -entwickeln begann, welche für die Bedürfnisse dieses Welttheiles bald in -ausreichender Weise zu sorgen im Stande war, verengte sich das -Exportgebiet von Jahr zu Jahr immer mehr, während sich die -Culturbedürfnisse der exotischen Völkerschaften nicht in gleicher Weise -steigerten. - -Um der sinkenden Tendenz der Preise entgegenzutreten, hatten sich -schon im neunzehnten Jahrhundert einzelne Großindustrielle, -Actiengesellschaften &c. zusammengethan, und Verabredungen getroffen, -welche jeden dieser Producenten verpflichteten, nicht unter einem -bestimmten Preise zu verkaufen oder seine Waaren so lange -zurückzuhalten, bis eine Preissteigerung von bestimmter Höhe eingetreten -sein werde. Diese Cartells nahmen im zwanzigsten Jahrhundert derart -überhand, daß es bald keinen einzigen Verbrauchsartikel mehr gab, dessen -Preis nicht in der angedeuteten Weise in die Höhe geschraubt werden -konnte. Vorbedingung war, daß man zuerst die außer Cartell stehenden -Concurrenten zu Grunde richtete oder aufkaufte und auf diese Weise -concentrirte sich die gesammte Production in immer weniger Händen, nahm -der Reichthum dieser Wenigen immer collossalere Dimensionen an. Im -letzten Viertel des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Deutschland nur -noch eine einzige Riesen-Actiengesellschaft, welche alles producirte, -was überhaupt zu produciren möglich war, und Theilnehmer dieses -gigantischen Unternehmens waren lediglich zwölf Großkapitalisten, -vielfache Milliardäre, in deren Besitz sich der gesammte -Nationalreichthum concentrirte. - -Hundert Jahre früher hatte ein geistvoller, weitblickender Mann, der -Amerikaner Bellamy, diesen Gang der Entwicklung vorausgesehen und -prophezeit, daß, sobald dieser Moment eingetreten sei, die Umwandlung -des capitalistischen in den socialen Staat ohne weiteren Widerstand auf -friedlichem Wege und sozusagen ganz von selbst sich vollziehen werde. -Diese Prophezeiung, auf einer richtigen Erkenntniß der wirthschaftlichen -Kräfte beruhend, wäre auch sicherlich in Erfüllung gegangen und ihre -Realisirung hätte für die Welt den Beginn einer glänzenden Epoche in der -Culturgeschichte der Menschheit bedeutet -- wenn die große Masse des -Volkes vorbereitet gewesen wäre für diese Umwälzung der -Gesellschaftsordnung, für diesen plötzlichen Uebergang vom tiefsten -Schatten zum glänzendsten Lichte. - -_Jetzt aber war der Moment gekommen, wo sich die Sünden der letzten -hundert Jahre in furchtbarster Weise rächen sollten, wo die Saat, welche -am Ende des neunzehnten Jahrhunderts Eugen Richter gesäet hatte, erst -ihre entsetzlichen Früchte zur Reife brachte. Im Laufe der letzten -hundert Jahre war nichts, rein gar nichts geschehen, um das Volk für den -großen Augenblick, der seiner harrte, vorzubereiten._ - -Bis zum Staatsstreich des Jahres 1900 hatte die Socialdemokratie sich -dieser letzterwähnten Aufgabe unterzogen. Aus dumpfer Erstarrung und -kläglicher Unwissenheit hatte sie das arbeitende Volk unter unsäglichen -Mühen, Gefahren und Hindernissen, zur Selbständigkeit, zum -Selbstbewußtsein, zur Bildung heranzuziehen sich bemüht. Und ihre -Bemühungen waren auf dem besten Wege, von Erfolg begleitet zu sein. Am -Ende des neunzehnten Jahrhunderts war der Arbeiter von einem heißen -Drange nach Bildung und Wissen erfüllt; in weiter Ferne sah er eine -glänzende Idealgestalt vor sich herziehen, die seinen Weg erleuchtete -und die Socialdemokratie war es, die seine Schritte auf diesem Wege -leitete, die ihm, so oft er es vergaß, immer und immer wieder die Mittel -einprägte, welche ihn auf demselben vorwärts bringen konnten. - -Aber die Socialdemokratie that noch mehr: sie wurde auch zur Erzieherin -der anderen Classen. Indem sie die träge Masse des Proletariates -aufrüttelte, organisirte und zielbewußt machte, zwang sie die -Besitzenden, ihre Aufmerksamkeit Dingen von höchster Wichtigkeit -zuzuwenden, welche bis dahin in unverantwortlicher Weise vernachlässigt -worden waren. - -Eine ganze Welt von neuen Fragen, Ideen, Gesichtspunkten machte sie -plötzlich lebendig. Es half nichts, daß man sich anfänglich davon -abwendete, daß man sich die Augen zuhielt, daß man sich taub stellte. -Die Sprache der Thatsachen war eine zu eindringliche; man war genöthigt, -der Sache wohl oder übel seine Aufmerksamkeit zu schenken, sich auf -Discussionen einzulassen, seine Lethargie abzuschütteln, um dem Gegner -Stand halten zu können. So brachte die Socialdemokratie neues, frisch -pulsirendes Leben in die alternde Gesellschaft, sie streute mit vollen -Händen einen unerschöpflichen Stoff zur Anregung auf allen Gebieten aus; -Dichter, Schriftsteller und Künstler schöpften aus dem nie versiegenden -Quell einer neuen Ideenwelt, und selbst die rostig werdende -Staatsmaschine sah neues Oel auf ihre knarrenden Achsen träufeln und -ging daran, Institutionen zu schaffen, die man ein Vierteljahrhundert -früher als phantastisch bezeichnet haben würde. - -Dieser frische Quell versiegte mit einem Male, als man die -Socialdemokratie mit eiserner Faust für immerdar vernichtet, ausgerottet -hatte. - -_Als der große Moment, den Bellamy prophezeit hatte, thatsächlich -eintrat, fand er an Stelle einer politisch reifen, mit dem Rüstzeug -moderner Bildung ausgestatteten und physisch tüchtigen Arbeiterschaft -eine verthierte Masse, die kein anderes Ziel kannte, als endlich einmal -Rache zu nehmen für die schmähliche Unterdrückung, deren Opfer sie seit -hundert Jahren geworden war._ - - - - - 8. Capitel. - - Berlin acht Tage vor dem großen Krach. -- Feiernde Fabriken. -- - Der Hungertod. -- Riesenbazare. -- Mangel an Soldaten. -- Ein - Abendspaziergang im Jahre 1998. -- Ein Besuch im Arbeiterviertel. - - -Ich beginne nunmehr mit der Erzählung meiner eigenen Erlebnisse in der -Zeit des allgemeinen Zusammenbruchs. - -Am Abend des 2. Februar 1998 fuhr ich mit dem Blitzzug von Weimar nach -Berlin. Ich befand mich in der glückseligsten Stimmung; ich hatte ja die -Reise unternommen, um meine Braut heimzuführen aus ihrem Elternhause in -das behagliche Nest, das ich ihr in Thüringen bereitet hatte. Dank der -Protection meines zukünftigen Schwiegervaters, welcher eine -einflußreiche Stellung bei der großen Actiengesellschaft bekleidete, war -ich zum Verwalter der Thüringischen Centralmagazine ernannt worden, ein -Posten, der ebenso angenehm, als einträglich war. So drückte ich mich -also in die Kissen meines Coupésitzes und überließ mich, während der Zug -seinem Ziele entgegenbrauste, den angenehmsten Träumen, eine -Beschäftigung, der ich mich um so ungestörter hingeben konnte, als ich -anfänglich allein in meinem Coupé war. Auf einer Zwischenstation, einem -Städtchen, in welchem die Gesellschaft große Teppichfabriken besaß, -stieg ein Herr in meine Abtheilung ein, in dem ich alsbald einen -ehemaligen Schulcollegen erkannte. Ebenfalls im Dienste der Gesellschaft -stehend, war er erst vor wenigen Wochen an diesen Ort versetzt worden. -Nachdem wir uns begrüßt und die üblichen Redensarten gewechselt hatten, -fiel mir plötzlich ein, daß ich der Ausstattung meiner Wohnung ganz gut -noch einen Teppich von bestimmter Specialität beifügen könne, wie ihn -die erwähnten Fabriken in vorzüglicher Beschaffenheit anfertigten. Ich -frug also meinen Freund nach dem Preise einer mir zusagenden Größe und -war nicht wenig erstaunt, als ich zur Antwort erhielt, daß in den -Fabriken diese Gattung von Teppichen nicht mehr hergestellt werde. - -»Warum denn nicht mehr?« frug ich, »ist vielleicht keine Nachfrage mehr -nach dieser Qualität?« - -Mein Freund lächelte düster und erwiderte mit gepreßter Stimme: »Weil -wir überhaupt nichts mehr fabriciren. Die Fabriken haben ihren Betrieb -vor drei Tagen eingestellt.« - -»Eingestellt? Ich war der Meinung, das Geschäft gehe bei Euch -vorzüglich. Ihr habt doch, wenn ich nicht irre, an fünftausend Arbeiter -beschäftigt?« - -»Das ist richtig,« sprach mein Gegenüber. »Die ganze Einwohnerschaft des -Städtchens, mit Ausnahme der wenigen Staatsbeamten, arbeitete für unsere -Gesellschaft; wir haben sie aber sämmtlich entlassen müssen, weil sich -die Fabrikation schon längst nicht mehr rentirte.« - -»Ich verstehe aber nicht! Eure Teppiche hatten einen Weltruf. Sie waren -dauerhaft, elegant, preiswürdig --« - -»Und doch war der Absatz auf ein Minimum herabgesunken und deckte nicht -einmal die Betriebskosten. Wir haben eben in ganz Deutschland nur sehr -wenig Leute, die sich den Luxus eines Teppiches gestatten können. Es -müssen ja selbst Fabrikationszweige eingeschränkt werden, welche -nothwendigen Lebensbedarf produciren. Wenn jeder Arbeiter in Deutschland -im Stande wäre, für sich und die Seinen Betten zu kaufen, so könnten wir -vierzig Millionen Stück davon fabriciren. Wie viel Arbeit gäbe das für -unsere Möbelfabriken, für die Leinenindustrie, für die Fabrikation von -Matratzenstoffen; selbst die Landwirthschaft würde profitiren, denn wo -nähme man die Tausende von Centnern an Bettfedern her? Ich glaube aber, -daß heute Nacht im ganzen Reich kein einziges Mitglied einer -Arbeiterfamilie in einem Bette schlafen wird. Die Leute liegen im besten -Falle auf einem Haufen Stroh oder Lumpen; die Meisten aber in ihren -Arbeitskleidern auf dem nackten Fußboden.« - -»Was fangen denn nun diese fünftausend Menschen an, die Ihr entlassen -habt?« frug ich weiter. - -Der Andere zuckte mit den Achseln. »Das weiß ich nicht. Ein oder zwei -Dutzend werden wohl im Orte bleiben, und die paar Aecker bearbeiten, die -ihnen noch verblieben sind. Alles übrige Land, auf Meilen hinaus, gehört -der Gesellschaft, die es im Großen bearbeiten läßt und so schon -Ueberfluß an Arbeitern hat. Das große Heer der Arbeitslosen wird um -einige Bataillone zunehmen, das ist Alles, was man heute sagen kann.« - -Die Worte meines Freundes hatten bereits genügt, um meine gute Laune zu -verscheuchen. Heiter und sorglos von Natur, hatte ich mir bisher wenig -Mühe gegeben, den Wolken, welche sich rings um mich zusammenzogen, eine -größere Aufmerksamkeit zu schenken. Trotzdem war es auch mir nicht -entgangen, daß die wirthschaftlichen Zustände sehr viel zu wünschen -übrig ließen; in dem Stadium hochgradiger Verliebtheit, in dem ich mich -jedoch seit mehr als Jahresfrist befand, war ich noch weniger als früher -geneigt, mich düsteren Betrachtungen hinzugeben. Die Zukunft lag so -verlockend, so rosig vor mir, daß ich stets mit Gewalt alle -aufsteigenden Gespenster verscheuchte; ich wollte mir mein Glück um so -weniger trüben lassen, als ich ja an den allgemeinen Zuständen nichts -ändern und bessern konnte. Heute aber vermochte ich der finsteren Mächte -nicht Herr zu werden. Die Worte, die ich soeben vernommen, hatten einen -Abgrund vor mir geöffnet und erst, als ich am Bahnhofe in Berlin -anlangend, von meiner Braut und deren Eltern empfangen wurde, als sich -Elly mit glückseligem Lächeln an meinen Arm hängte, verscheuchte ihr -fröhliches Geplauder die düsteren Bilder, von denen mein Inneres erfüllt -war. - -Eine Viertelstunde später bog der Wagen, in dem wir saßen, in die -taghell beleuchtete Einfahrt eines jener palastähnlichen Gebäude ein, in -denen die höheren Beamten unserer Gesellschaft, zu denen auch mein -Schwiegervater zählte, ihre Dienstwohnungen hatten. In diesem Moment -prallten die Pferde zurück, wir erhielten einen starken Stoß, der Wagen -neigte sich zur Seite. Die Frauen schrieen angstvoll auf, mein -Schwiegervater öffnete den Schlag und sprang hinaus; ich folgte ihm und -sah den Wagen umringt von einer Schaar Menschen, deren Gesichter ich nie -vergessen werde. Ein unbeschreibbarer Haß lag in diesen funkelnden -Blicken. - -Ich fand jedoch keine Zeit, weitere Betrachtungen anzustellen. -Schutzleute waren zur Hand, welche die Menge aus der Einfahrt auf die -Straße drängten und das Gitter schlossen. Nun standen sie draußen, -unverwandten Blickes durch die Lücken der Eisenstäbe hereinstierend, mit -entsetzlichen, abgezehrten Gesichtern und wirren Haaren. - -Gleichzeitig sah ich, wie man eine leblose Gestalt, den Körper eines -Weibes, unter dem Wagen hervorzog. Als man die Unglückliche forttragen -wollte, fiel mein Blick auf ihr wachsbleiches Gesicht. Es schien nur aus -Haut und Knochen zu bestehen und glich dem Schädel einer Mumie. Ich -wandte mich an einen der Schutzleute: »Der Wagen hat sie getödtet?« rief -ich. »Nein, sie war schon vorher todt,« sprach der Mann gleichgültig, -»sie ist verhungert!« - -_3. Februar._ Die ganze Nacht hatte mich die Schreckensgestalt des -gestrigen Abends im Traume verfolgt. Müde und abgespannt erhob ich mich. -Wie ein zum Himmel schreiendes Verbrechen erschien mir der Luxus, der -mich umgab. Beim Frühstück nach dem Grunde meiner Schweigsamkeit -befragt, sagte ich offenherzig, wie tief mich die Begebenheit von -gestern erschüttert habe. Mein Schwiegervater zuckte die Achseln: »Das -ist uns leider nichts Neues mehr,« erwiderte er. »Das Elend wird immer -größer, und kein Mensch weiß, wo das hinaus will. Das Schlimmste steht -uns noch bevor. Vor Kurzem hat einer unserer Ingenieure eine neue -Erfindung gemacht, welche wieder ungezählte Tausende um ihr Brod bringt. -Man hat jetzt in der Textilindustrie überhaupt keine Arbeiter mehr -nöthig. Ein Kind von zehn Jahren genügt für jede Fabrik und es hat -nichts weiter zu thun, als bald hier, bald dort auf einen Knopf zu -drücken. Das Uebrige besorgen die Maschinen.« »Und die Arbeiter?« frug -ich. Er schwieg und zuckte noch einmal mit den Achseln. - -Nach einer Weile peinlichen Schweigens frug er mich, ob ich geneigt sei, -ihn auf einem Spaziergange zu begleiten. Er hätte mir kein -willkommeneres Anerbieten machen können. Eine Fluth schrecklicher -Gedanken drohte wieder über mich herzufallen; die Gestalten meines -nächtlichen Traumes wurden wieder lebendig, und mir war, als müsse ich -in diesen Räumen ersticken. Elly hatte mich besorgten Blickes gemustert. -Im ersten unbelauschten Moment umschlangen mich ihre Arme: »Oh Lieber, -laß uns bald diese Stadt verlassen. Es gehen hier schreckliche Dinge -vor, und kaum wage ich mehr, den Fuß auf die Straße zu setzen, wo mich -überall das gräßlichste Elend angrinst.« Sie brach in Thränen aus, und -ich mußte alle Beredsamkeit aufbieten, um sie zu beruhigen. Mir war es -aber, als sei seit gestern ein kalter Reif auf mein junges Glück -gefallen. - -Die seltsame Stimmung, in der ich mich befand, mochte Ursache sein, daß -mir Dinge, welche mir längst bekannt waren, heute in einem ganz -eigenthümlichen Lichte erschienen. In früheren Jahren hatte sich, wie -ich oft erzählen hörte, in den Straßen, die wir durchwanderten, ein -Schauladen am andern befunden, von denen Jeder seinen besonderen Inhaber -hatte. Jeder trieb sein Geschäft für sich auf eigene Faust und hatte -keine weitere Sorge, als seinen Concurrenten zu Grunde zu richten. Das -hatte sich schon längst geändert. Die kleinen Geschäfte waren seit -Jahrzehnten verschwunden. An ihrer Stelle nahmen Riesen-Bazars die -unteren Stockwerke der Häuser ein, Colossalgeschäfte, welche sämmtlich -von unserer Actiengesellschaft betrieben wurden und in denen man Alles -erhalten konnte, was man zu haben wünschte, von der Stecknadel -angefangen bis zum Concertflügel. Vor diesen großartigen Betrieben, -welche mit weit geringeren Spesen und größerem Nutzen arbeiteten, hatten -die kleinen Geschäftsleute die Segel streichen müssen; was früher Vielen -gehört hatte, befand sich jetzt im Besitz einiger Weniger und zahllose -zerstörte Existenzen bezeichneten den Weg dieser »friedlich« verlaufenen -Umwälzung. Das Praktische der Einrichtung ließ sich ja nicht leugnen, -aber warum, frug ich mich, warum muß der Profit dieser Riesengeschäfte -nur Einigen zufallen, die ohnedies schon mehr als genug besitzen, warum -darf nicht das ganze Volk, jene ungeheure Schaar Armer und Elender Theil -haben am Geschäft? Mir fiel ein, was ich von der längst verschollenen -Socialdemokratie gehört hatte. Wenn jetzt das ganze Volk, erfüllt von -ein und demselben Gedanken im Stande wäre, an Stelle dieser Wenigen zu -treten und die Leitung der Production und des Waarenvertriebes selbst in -die Hand zu nehmen? Wahnsinnige Idee! Menschenalter müßten vergehen, ehe -diese zu Boden getretene, verthierte Masse wieder so weit emporgehoben -werden könnte, um an eine solche Riesenaufgabe heranzutreten. - -Wir besorgten einige Einkäufe und traten den Heimweg an. Eine Abtheilung -Soldaten, Trommler und Pfeifer an der Spitze, marschirte an uns vorüber. -Ehemals hatte ich ein solches Schauspiel mit gleichgültigen Blicken -gemustert; heute betrachtete ich Alles mit anderen Augen und so entging -mir der finstere Ernst nicht, welcher auf den Zügen der übrigens gut -genährten und strammen Männer lag. - -»Diese wenigstens scheinen keine Noth zu leiden«, sagte ich zu meinem -Begleiter. - -»Nein, man thut alles Mögliche, um sie bei Kraft und guter Laune zu -erhalten,« erwiderte er, »aber es werden ihrer von Jahr zu Jahr weniger; -die Regimenter schmelzen zusammen, wie Schnee an der Sonne; die Zahl der -Tauglichen nimmt geradezu reißend ab.« - -»Das begreife ich; ein Volk, das vor Hunger stirbt, ist nicht mehr im -Stande, Waffen zu tragen.« Ich sagte das mit einer Bitterkeit, die mir -sonst fremd war. - -Im Uebrigen gab es nichts Absonderliches in der Physiognomie des -Straßenlebens. Eine elegant gekleidete Menge, Damen und Herren, füllte -die Gehsteige und strömte bei den Flügelthüren der Bazare aus und ein. -Equipagen, Omnibusse, Tramway-Waggons kreuzten sich in unaufhörlicher -Folge auf dem Asphalte der Fahrbahn. Nicht das geringste Anzeichen -deutete die schreckliche Catastrophe an, die wir einige Tage später -erleben sollten. - -Ich verbrachte den Rest des Tages in etwas besserer Stimmung, in -Gesellschaft Elly's. Wir plauderten von unserer Zukunft, bauten -entzückende Luftschlösser und ließen es an den kleinen verstohlenen -Zärtlichkeiten nicht fehlen, wie sie unter Verliebten Brauch sind. Gegen -Abend erinnerte ich mich, daß ich versprochen hatte, einen Bekannten -aufzusuchen, der nur wenige Minuten entfernt seine Wohnung hatte. Ich -bat deshalb meine Braut um ein Stündchen Urlaub und war nicht wenig -erstaunt, als Elly bei meinen Worten die Farbe wechselte und mich -flehentlich bat, bei ihr zu bleiben. »Benutze wenigstens Vaters Wagen, -wenn Du den Besuch nicht bis morgen Vormittag aufschieben kannst,« bat -sie. »Aber weshalb denn, Elly, es sind ja kaum mehr als zehn Minuten -Wegs; da verlohnt es sich doch wahrlich nicht, erst einspannen zu -lassen«, entgegnete ich. »Oh, doch, doch,« rief sie aufgeregt, »geh' -nicht auf die Straße um diese Zeit, wenn Du mich lieb hast. Es geschehen -oft schreckliche Dinge da draußen.« - -Ihre Angst schien mir kindisch und zudem weckten ihre Aeußerungen die -Neugierde in mir; ich wollte einen Blick in dieses Straßenleben werfen, -das ihr solchen Schrecken einflößte. - -Einige Minuten später eilte ich durch die taghell erleuchteten Straßen -der mir wohlbekannten Wohnung meines Freundes zu. Auf den ersten Blick -war mir indessen aufgefallen, daß das Publikum sich jetzt aus ganz -anderen Elementen zusammensetzte, als in den Vormittagsstunden. Die Zahl -der Schutzleute hatte beträchtlich zugenommen und hie und da traf mein -Auge auf eine jener unheimlichen Gestalten, welche ich am Vorabende -bemerkt hatte. Die Frauenwelt, das konnte mir nicht entgehen, war fast -ausschließlich aus jenen, nicht mehr zweideutigen Elementen -zusammengesetzt, die eine Eigenthümlichkeit moderner Großstädte bilden. -Das Alles fand ich indessen nicht allzu verwunderlich, hatte mir's auch -kaum anders vorgestellt und lächelnd über Elly's Angst, deren Beweggrund -mir schlecht verhüllte Eifersucht schien, setzte ich meinen Weg fort. -Ich traf den Gesuchten zu Haus und verplauderte ein halbes Stündchen mit -ihm. Seltsam schien mir jedoch, daß mein Freund, sonst die Höflichkeit -selbst, in förmlich unartiger Weise meinen Besuch abzukürzen trachtete -und mir mehr als einmal zu verstehen gab, es wäre besser, wenn ich meine -Braut nicht länger allein lasse. Etwas ärgerlich ging ich endlich. - -Die Straßen, welche ich passirte, waren auffallend menschenleer; nur hie -und da huschte ein Schatten an den Häusern entlang. Eine matt -beleuchtete Seitengasse passirend, sah ich plötzlich zwei Gestalten, in -weite Mäntel gehüllt, vor mir auftauchen. Ich erkannte beim Schein der -Laterne eine ältere Frau mit abgezehrtem, geisterbleichem Antlitz und -ein junges, kaum dem Kindesalter entwachsenes Mädchen, das seine großen -Augen nur einmal scheu zu mir emporhob, um sie sogleich wieder zu -senken. - -»Erst siebzehn Jahre, Herr,« flüsterte die Alte. »Wollt Ihr sie haben? -Für ein Stück Brot gebe ich sie Euch! Seht nur her, wie hübsch sie ist!« - -Das Weib schlug den Mantel zurück, der die Gestalt des Kindes verhüllte; -ein blühender, nackter Mädchenleib drängte sich mir entgegen, schmiegte -sich an mich, und eine Stimme, die ich nie vergessen werde, flehte: - -»Ein kleines Stück Brot nur; ich habe so Hunger, Herr!« - -Zitternd, betäubt, eine Welt voll Schmerz und Scham in mir, trat ich -zurück und legte alles, was ich an Baarschaft bei mir trug, in die -kleinen zitternden Hände, dann, -- ich schäme mich nicht, es -einzugestehen -- ergriff ich die Flucht. - -Nach wenigen Schritten aber sah ich mich von Neuem angehalten. Ein Weib -kniete vor mir mit flehend erhobenen Händen und wieder gellte die -furchtbare Klage in mein Ohr: »Ich sterbe vor Hunger, Herr!« -Verzweiflungsvoll wühlte ich in meinen Taschen, es war nichts mehr -darin. Da drängte es sich von rechts und links an mich heran, weiche -Arme legten sich um meinen Hals und aufgelöstes Frauenhaar streifte mein -Gesicht. Ich fühlte meine Hände festgehalten; als ich sie losmachen und -die Gestalten, die mich umgaben, zurückdrängen wollte, da sah ich hier -und dort eine Hülle zu Boden gleiten und meine Finger berührten die -weichen Formen der entblößten Frauenleiber. Meiner Sinne kaum mehr -mächtig, riß ich mich los und stürmte davon. - -Einige Minuten später erreichte ich die Straße, in der Elly's Haus lag. -Hier hatte sich die Scenerie indessen sehr verändert. Das elegante -Publikum war gänzlich verschwunden; die ganze Straße, Kopf an Kopf, mit -verwilderten Erscheinungen, Männern und Weibern erfüllt, die -Schaufenster der Bazare sämmtlich geschlossen. Noch tief erschüttert von -dem eben Erlebten, fühlte ich, wie es mir heiß zu den Augen hinanschoß, -als ich diese hohlwangigen, bleichen Gesichter mit all ihrem stummen -Elend sah. Vor jedem Hause waren Infanterie-Pickets postirt; -Schutzmänner zu Fuß und zu Pferd patrouillirten beständig Straße auf, -Straße ab, aber ich hatte das Gefühl, als wenn die unzählbare Masse der -Armen und Elenden nur eines Wortes, eines Signals bedürfe, um sich auf -diese Wächter der Ordnung zu stürzen und sie mit ihrer Wucht zu -erdrücken. So gut es gehen wollte, drängte ich mich durch. -Schweißtriefend, ohne Hut, mit beschmutzten und zerrissenen Kleidern, -bleich vor Entsetzen und Aufregung, langte ich endlich bei Elly wieder -an. - -_5. Februar._ Am folgenden Tage fühlte ich mich durch die Erlebnisse, -die ich soeben geschildert, so angegriffen, daß ich mich nicht -entschließen konnte, das Haus zu verlassen. Ich blieb also den ganzen -Tag bei Elly, die sich große Mühe gab, die unangenehmen Eindrücke zu -verwischen, welche mir der verflossene Abend hinterlassen hatte. - -Heute früh, als ich leidlich beruhigt, zum Frühstück kam, fand ich Elly -in Thränen schwimmend, einen offenen Brief in der Hand, den sie mir bei -meinem Eintritt sogleich entgegenstreckte. Der Brief enthielt die -herzzerreißende Schilderung der Lage, in welcher eine ehemalige Bonne -Elly's sich befand. Es war das alte Lied: der Mann seit Monaten -arbeitslos, die Frau krank, von Allem entblößt, mit ihrem kleinen Kinde -dem Hungertode nahe. - -Elly wollte selbst sofort einspannen lassen, um der unglücklichen -Familie Hilfe zu bringen. Aber ihr Vater legte ein energisches _Veto_ -ein. - -»Wir werden das selbst besorgen«, sagte er zu mir gewendet, »in jene -Quartiere darf Deine Braut keinen Fuß setzen. Elly soll Kleider und -Lebensmittel in einen Korb packen; ich lasse inzwischen einspannen. Du -aber gehst mit dieser Karte zur nächsten Polizeiwache und bittest um -ausreichende Bedeckung.« - -»Um Bedeckung -- --?« frug ich erstaunt. - -»Selbstverständlich«, erwiderte er etwas ungeduldig, »in jenen -Stadttheil begiebt man sich nur unter Polizeischutz.« - -Eine halbe Stunde später setzte sich unsere Expedition in Bewegung. Im -Wagen uns gegenüber hatten zwei Wachleute, auf dem Bocke neben dem -Kutscher ein bis an die Zähne bewaffneter Dritter Platz genommen. Zwei -andere Polizisten trabten hoch zu Roß auf beiden Seiten des Wagens. Wir -selbst waren mit scharfgeladenen Revolvern versehen. So ausgerüstet -verließen wir das elegante Stadtviertel und drangen in eine Gegend vor, -welche den grellsten Contrast zu ersterem bildete. Vorher hatten wir die -doppelte Postenkette eines Infanterie-Regimentes zu passiren, welche den -Zugang zu diesem Quartiere absperrte. Je weiter wir fuhren, desto -unheimlicher wurde unsere Umgebung. In den von hohen rußgeschwärzten -Häusern eingefaßten Straßen schien eine ewige Dämmerung zu herrschen. -Unbeschreibbare Dünste erfüllten die dicke nebelfeuchte Luft; überall, -wohin auch das Auge traf, grinsten ihm die unzweideutigen Spuren -tiefsten Elends und entsetzlicher Verkommenheit entgegen. Die Gassen -waren fast menschenleer, nur hier und da zeigte sich an den mit Papier -verklebten Scheiben ein bleiches Gesicht, das uns apathisch aus tief -liegenden Augen anstarrte. In einem der elendesten Seitengäßchen hielten -wir. Ziemlich lange dauerte es, bis wir uns durch eine Flucht von -schmutzigen, dunklen Höfen, Gängen und Stiegen durchgefunden hatten an -den Ort unserer Bestimmung. Was wir da fanden -- kaum vermag ich es zu -schildern. Der Brief, den Elly erhalten, mochte wohl zu lange unterwegs -gewesen sein, denn unsere Hülfe kam zu spät. Am Fensterkreuz des -vollständig kahlen, eisig kalten Gemachs hing die zu einem Skelett -abgemagerte leblose Gestalt eines, nur mit einigen Lumpen bekleideten -Mannes. Der Unglückliche hatte schon vor mehreren Tagen seinem Leben ein -Ende gemacht; der Körper war bereits in Fäulniß übergegangen. Niemand -hatte sich die Mühe genommen, ihn abzuschneiden, und für seine -Bestattung zu sorgen. Das war aber noch nicht das Gräßlichste! In einem -Winkel kauerte ein Weib und nagte an einem Knochen. Sie hatte uns zuerst -völlig theilnahmslos betrachtet; als ich mich jedoch ihr näherte, schrie -sie auf und breitete die Hände über ein irdenes Gefäß, das neben ihr -stand. Aus ihren Augen blitzte der Wahnsinn. »Geht hinaus! Ihr weckt mir -mein Kind auf!« kreischte sie. Dann lachte sie wieder: »Wollt ihr's -anschauen, wie süß es schläft?« Sie zog einen schmutzigen Lappen von dem -Gefäß. Entsetzlich! Da lagen blutige, halbabgenagte Fleischreste! Die -Wahnsinnige zog ein Stück davon heraus und schlug gierig die Zähne -hinein: »Mich hungert!« Das war das Letzte, was ich hörte, die Sinne -schwanden mir! Als ich wieder zur Besinnung kam, saß ich im Wagen, der -im tollen Lauf über das Pflaster flog. Ein furchtbares Geheul umtobte -ihn, Schüsse krachten, ein Steinhagel prasselte gegen Fenster und -Verdeck der Kutsche, mein Schwiegervater saß an meiner Seite, -todtenbleich, den Revolver in der Hand; mir gegenüber, von den -Schutzleuten gehalten, die Wahnsinnige, mit lächelndem Gesicht und -glanzlosen Augen, auf ihren Kleidern noch die Blutreste der -entsetzlichen Mahlzeit. So erreichten wir die Postenkette des Militärs, -das unser Fuhrwerk sofort in die Mitte nahm. Aus der Ferne nur, wie eine -tosende Brandung, schlug dumpfes Schreien und Heulen an mein Ohr. - - - - - 9. Capitel. - - Jagdausflug. -- Die allerjüngste Dichterschule. -- Rittergut - Groß-Wackernitz. -- Pferdeloos und Menschenschicksal. -- Ein - feines Souper mit Zubehör. - - -_6. Februar._ Die Schreckensbilder des gestrigen Tages hatten mir die -Nachtruhe geraubt, sie trieben mich am nächsten Vormittag in's Freie; -der frische Wintermorgen, hoffte ich, werde sie verscheuchen. Ich war -etwa eine halbe Stunde ziellos durch die Straßen gestrichen, als ich -plötzlich von einem Officier angeredet wurde. - -»Morgen, alter Knabe, wie geht's Dir denn?!« - -Verwundert sah ich auf. Die Stimme kam mir bekannt vor. Richtig, er -war's, mein Schulkamerad und Studiengenosse M. -- und erfreut über die -Begegnung schüttelte ich seine dargebotene Rechte. - -»Nimm mir's nicht übel, Du siehst ziemlich schlecht aus,« begann M., -indem er sich bei mir einhängte, »das Berliner Klima scheint Dir -schlecht zu bekommen«. - -Ich gab eine ausweichende Antwort; es wäre mir nicht möglich gewesen, -meine Erlebnisse jetzt zum Besten zu geben. - -»Du mußt Dich zerstreuen!« erwiderte mir M., »damit Du die Melancholie -los wirst; weißt Du was, komm mit mir; wir sind fünf oder sechs gute -Bekannte für morgen zu einer Jagd da in der Nähe eingeladen. Heute -Nachmittag fahren wir mit der Anhalter Bahn hinaus, Abends giebt's ein -feines Souper mit Zubehör« -- M. lachte sonderbar, als er das sagte -- -»und morgen in der Früh' geht's auf die Hasen. Komm mit, es wird lustig, -das kann ich Dir sagen!« - -Der Vorschlag kam mir nicht ungelegen; ich fühlte wirklich, daß ich -etwas thun müsse, um die Gespenster los zu werden, die mir bei Tag und -Nacht keine Ruhe mehr ließen. Ich nahm also mit Dank die Einladung an -und fand mich pünktlich zur angegebenen Stunde am Bahnhofe ein, wo ich -M. bereits in Gesellschaft einiger Herren traf: junge Banquierssöhne, -Großgrundbesitzer und Gardeofficiere, wie ich aus der üblichen -Vorstellung entnehmen konnte. - -Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, daß die Unterhaltung während -der Fahrt besonders geistreich gewesen wäre; das Gesprächsthema bildete -hauptsächlich ein neues Stück, welches das Repertoire eines der größten -Theater der Residenz zur Zeit beherrschte. Soviel ich aus den -Bemerkungen darüber entnehmen konnte, spielte es größtentheils in einem -Bordell und die Vorstellung war Abend für Abend ausverkauft. - -Sein Glanzpunkt war die sog. Nothzuchtsscene im dritten Act, in welcher -die Heldin des Stückes, ein junges, noch unschuldiges Geschöpf, von -einem Stammgast des besagten Etablissements auf offener Bühne in -Gegenwart ihrer Mutter entehrt wird. Diese Scene wurde jedesmal wüthend -beklatscht. Meine neuen Bekannten fanden es unverzeihlich, daß ich schon -fast acht Tage in Berlin war, ohne dieses glanzvolle Product der -allerjüngsten deutschen Dichterschule gesehen zu haben. - -Nach etwa einstündiger Fahrt stiegen wir an einer kleinen Station aus -und fanden dort mehrere mit prächtigen Pelzen und Decken versehene -Schlitten unser harren, deren feurige Gespanne uns mit Windeseile über -die weite schneebedeckte Ebene unserem Ziele, dem Rittergute -Groß-Wackernitz, entgegen führte. Das palastähnliche, im reichsten -Barokstyl erbaute Herrenhaus öffnete uns bald seine Pforten, und aufs -freundlichste bewillkommnet vom Gutsbesitzer, einer stattlichen -eleganten Erscheinung begab sich zunächst jeder von uns in das ihm zur -Verfügung gestellte Fremdenzimmer, um den Staub der kurzen Reise von -seinen Füßen zu schütteln. War die Einrichtung dieser Räume schon das -Raffinirteste an Luxus und Bequemlichkeit, was mir bis dahin vor Augen -gekommen, so wurde dies alles noch übertroffen von dem Speisesalon, in -dem wir uns bald darauf zu einem Imbiß zusammenfanden. Das Tageslicht -hatte in diesen Raum keinen Eintritt. Die Wände ringsum waren nicht mit -Tapeten, sondern mit kunstvoll drapirten Vorhängen verkleidet, die aus -einem sonderbaren Stoff bestanden; unendlich weich und üppig, wie das -Federgewand tropischer Vögel, oder das Pelzkleid unbekannter -Polarthiere, ließ dieser Stoff das Haupt, welches sich gegen seine -Falten lehnte, tief in seiner weichlichen Hülle versinken. Das Ganze war -derart arrangirt, daß längs der Zimmerwände eine Anzahl lauschiger -Nischen und versteckter Winkel gebildet wurde, in denen man ungesehen -auf üppigen Lagerstätten aus dem gleichen Stoffe sich ausstrecken -konnte. Das Ganze schwamm in einem Meere bläulich weißen electrischen -Lichtes. Als ich neugierig eine der halb zurückgezogenen Gardinen -lüftete, sagte M., der just neben mir stand, schmunzelnd: - -»Jetzt ist noch nichts darin, lieber Freund, aber später, später --« er -schnalzte mit den Lippen und lachte laut auf, als er meinen fragenden -Blicken begegnete. Der Aufenthalt in dem wollüstigen, mit -eigenthümlichem Parfüm erfüllten Gemache behagte mir nicht sonderlich. -Ich nahm ein Glas des schweren, von tadellos befrackten Dienern -credenzten Weines, einige Bissen des in großen Cristallschalen vor uns -stehenden Gebäcks und trachtete, Kopfweh vorschützend, ins Freie zu -gelangen. Fast gierig sog ich, über die Stufen der Freitreppe -hinabsteigend, die belebende Luft des Wintertages ein. Leichte Schatten -der Dämmerung begannen sich schon über die schneebedeckten Bäume des -herrschaftlichen Parkes zu legen. Ziellos schritt ich dahin und gelangte -nach einigen Minuten vor ein großes, abseits stehendes Gebäude, dem eine -von korinthischen Säulen eingefaßte Vorhalle fast den Charakter eines -Tempels verlieh. - -Neugierig trat ich durch die weitgeöffnete Pforte und sah mich zu meinem -Erstaunen im Innern eines -- Pferdestalles. Das trübe Licht des -Winternachmittags fiel von oben durch große, matt geschliffene -Glasscheiben ein, aber einige Augenblicke nach meinem Eintritte -schlossen sich plötzlich diese Oeffnungen durch Jalousien, welche -geräuschlos, von unsichtbaren Kräften bewegt, sich darüber hinschoben -und statt des fahlen Dämmerlichtes flammten hundert Glühlichter an Decke -und Wänden auf. An fünfzig edle Thiere, lauter Exemplare reinster -Rassen, erblickte ich in den, aus Marmor und dunkelgebeiztem Eichenholz -zusammengefügten Ständen, die, jeder ein Meisterwerk der -Kleinarchitektur, sich zu beiden Seiten des breiten, mit bunten -Mosaikplatten belegten Ganges hinzogen. Kein Stäubchen Unrath beleidigte -das Auge bei der Wanderung durch diesen, von behaglicher Wärme erfüllten -Pferdepalast und eine vorzüglich functionirende Ventilation sorgte für -Entfernung des sonst so penetranten Stallgeruches. - -Ein Heer von Bediensteten war unausgesetzt um die schlanken, prachtvoll -gebauten Thiere beschäftigt; hier ergoß sich, auf den Druck an einem -electrischen Taster, eine Fülle goldgelben Hafers in die Marmorkrippen, -dort bemühten sich zahlreiche Hände um die Reinhaltung der Stände und -Gänge, und an anderen Orten frottirten Diener mit in Rothwein getauchten -Tüchern Schenkel und Hufe ihrer edlen Pfleglinge. - -Nachdem ich mir Alles genugsam betrachtet hatte, setzte ich meinen -Spaziergang durch den Park fort und gelangte mit zunehmender Dämmerung, -aus einem Gitterthor tretend, auf einen breiten, tief ausgefahrenen -Feldweg, an dessen Saume rechts und links sich eine Anzahl niederer -Gebäude erhob, die weit eher, als das soeben geschilderte, auf den Namen -eines Stalles Anspruch machen durften. - -Unter den fast bis zur Erde reichenden Strohdächern waren hie und da -kleine Fenster, kaum größer als ein Quadratschuh, angebracht. Aus einem -derselben leuchtete ein matter Lichtschein und mir war, als ob ein -leises Wimmern an mein Ohr dränge. Ich trat näher heran und bemühte -mich, durch das Fenster das Innere zu erspähen. Es war aber vergeblich, -die winzigen Scheiben waren mit einer dicken Eiskruste überzogen, welche -jeden Einblick verwehrte. So entschloß ich mich denn, den abgerissenen -kläglichen Lauten, welche sich jetzt deutlich vernehmen ließen, -nachzugehen und gelangte, wenige Stufen abwärts schreitend, durch eine -niedrige Thür in einen finsteren Vorflur, in welchem ein feuchter, -modriger Duft mir entgegenquoll. Aus einer Ritze schimmerte Licht und im -nächsten Augenblicke stand ich in dem Gemache, aus dem sich jene -stöhnenden Laute hatten vernehmen lassen. Es war von einer eisigkalten -übelriechenden Luft erfüllt. Die ganze Einrichtung bestand in einem -Haufen Stroh und Lumpen, der in einem Winkel des von Schmutz starrenden -Estrichs lag. Auf diesem Lager krümmte sich in Fieberschauern eine -menschliche Gestalt, ein alter Mann mit wirrem Haar und Bart. Vor ihm, -beim Scheine einer Stalllaterne, kniete ein vielleicht siebenjähriges -Mädchen, nur mit einem zerlumpten Hemd und kurzem Röckchen bekleidet, -zitternd vor Frost, mit blauen, aufgedunsenen Lippen und Wangen. Das -Kind fuhr bei meinem Eintritt empor und streckte mir flehend die -furchtbar abgemagerten Aermchen entgegen: »Großvater stirbt!« schluchzte -sie, »oh, wie ich mich fürchte!« - -»Bist Du denn ganz allein?« frug ich. »Ist denn gar Niemand in der Nähe, -der helfen könnte?« Sie schüttelte den Kopf. - -»Sie sind alle bei der Arbeit, weit fort von hier, stundenweit. Sie -kommen erst spät in der Nacht heim, und in aller Frühe gehen sie -wieder!« - -»Und Du bleibst allein bei dem Kranken?« - -»Ganz allein.« - -Sie sagte das mit einer solchen Trostlosigkeit in Ton und Geberde, daß -es mir tief ins Herz schnitt. - -»Habt ihr keinen Arzt?« frug ich weiter. - -»Arzt? Nein, _der_ kommt nicht zu uns. Vor drei Tagen war der Thierarzt -hier, der drüben die kranke Stute behandelt, aber er ging gleich wieder -fort und sagte, da könne er nicht mehr helfen!« - -Sie schauerte zusammen vor Frost. - -»Es ist so kalt hier und mich hungert so!« - -Sie wies mit dem Finger auf den Fußboden, da lagen in einer Ecke einige -geschälte, kalte Kartoffeln. - -»Das lassen mir die Eltern hier, wenn sie in der Frühe zur Arbeit gehen, -aber der Herr giebt uns kein Holz, um Feuer zu machen, und so müssen -wir's kalt essen.« - -»Sonst hast Du nichts für Dich und den Kranken?« - -Sie blickte verwundert auf, dann schüttelte sie wieder den Kopf. - -»Wir essen nie etwas anderes!« - -Ich hatte genug gehört. - -»Ich komme gleich wieder!« rief ich und eilte zur Thür hinaus. Im -Laufschritt durcheilte ich die Wegstrecke bis zum Herrenhaus, athemlos -kam ich dort an. Es gelang mir, einen Diener aufzufinden und ihn durch -ein gutes Trinkgeld meinem Wunsche geneigt zu machen. - -Eine Viertelstunde später standen er und ich wieder vor der Hütte, -beladen mit Holz, warmen Decken, Kleidern und Nahrungsmitteln aller Art. - -Bald verbreitete ein lustig flackerndes Feuer behagliche Wärme in dem -öden Gemach, eine Schüssel dampfender Suppe stand bereit und -- aber was -soll ich noch weiter sagen? So gut als es möglich war, wurde für den -Augenblick geholfen, aber das frohe Gefühl, das aus diesem Grunde mich -erfüllte, wich einer unaussprechlichen Bitterkeit, als ich auf dem -Rückwege zum Schlosse an dem -- Pferdestalle vorbeikam, aus dessen -geöffneten Thüren ein Strom elektrischen Lichtes hervorquoll. - -Bis in's tiefste Herz erfüllt von dem Eindrucke des soeben Erlebten, -beachtete ich es wenig, als mir bei meiner Rückkehr ein Diener meldete, -daß ich bereits den größten Theil des Soupers versäumt habe. Am liebsten -würde ich mein Mahl jetzt allein verzehrt haben, aber das ging doch -nicht an, und so begab ich mich zunächst auf mein Zimmer, um ein wenig -Toilette zu machen. Kaum war ich dort eingetreten, als ein Läutewerk an -dem in einer Ecke angebrachten Fernsprechapparat mir zu verstehen gab, -daß mich Jemand zu sprechen wünsche. Ich trat an's Telephon. Es war -Elly's Vater, dessen Stimme mich von Berlin aus anrief: »Komm so schnell -als möglich zurück; ich habe sehr Wichtiges mit Dir zu besprechen. -Schluß!« Das war Alles. Ich wollte fragen, was das zu bedeuten habe, -aber ich erhielt keine Antwort mehr. Eine heftige Unruhe begann sich -meiner zu bemächtigen. Was konnte geschehen sein. War vielleicht Elly -erkrankt oder verunglückt? - -Ich schellte dem Diener. - -»Wann kommt der nächste Zug nach Berlin in die Station?« - -»In einer guten Stunde, gnädiger Herr.« - -»Dann bitte ich, mir sogleich einen Schlitten einspannen zu lassen. Ich -muß unverzüglich abreisen!« - -»Aber das Souper, gnädiger Herr!« - -»Ich werde in Berlin soupiren. Nur geschwind, bitte ich, damit ich den -Zug nicht versäume.« - -Der Diener verbeugte sich schweigend und verschwand. - -In einigen Minuten war ich zur Abreise gerüstet und begab mich in den -Speisesalon, um mich von der Gesellschaft zu verabschieden. - -Als ich die Thüre öffnete, bot sich mir ein Anblick dar, der mir das -Blut in die Schläfen jagte. - -Das Souper war beendet. Auf Sesseln und Divans dehnten sich, halb -berauscht, die Theilnehmer an diesem Mahle, jeder ein Weib umschlungen -haltend, von denen Einzelne noch mit einem kurzen Hemdchen bekleidet, -Andere aber vollständig nackt waren. - -Ekel und Empörung kämpften in mir angesichts der schamlosen Scenen, -deren Augenzeuge ich sein mußte. Die Nischen an den Wänden des Gemaches -erfüllten jetzt ihren Zweck. - -M. hatte mich erblickt, er war schon vollständig berauscht. - -»Zum Teufel, wo treibst Du Dich herum?« lallte er, »nun mußt Du nehmen, -was übrig bleibt, geschieht Dir ganz recht, dummer Kerl!« - -Und mit rohem Griffe dem auf seinem Schooße sitzenden Mädchen die letzte -Hülle abreißend, umschlang er in wilder Gier den nackten, zitternden -Körper. »Da, komm' her, darfst meine Kleine auch einmal küssen!« -- - -Ich hatte genug gesehen. - -Einige Minuten später sauste mein Schlitten durch die schweigende -Winternacht der Station zu. - - - - - 10. Capitel. - - Eine verhängnißvolle Botschaft. -- Eine Audienz beim »Herrn«. -- - Die Production wird eingestellt. -- Der Sturm bricht los. -- Des - Urahnen Hochzeitsreise. -- Das Ende der capitalistischen - Wirthschaft. - - -Zu später Abendstunde langte ich bei Elly wieder an. Meine Braut kam mir -schon im Vorflur entgegen und eine Centnerlast fiel mir vom Herzen, als -ich sah, daß sie gesund und blühend vor mir stand, wie sonst. - -»Wo ist der Vater, Elly?« fragte ich nach der ersten zärtlichen -Begrüßung. »Er hat mich telephonisch zurückberufen!« - -»Er wartet auf Dich in seinem Schreibzimmer,« entgegnete Elly. »Ich weiß -nicht, was vorgefallen ist, aber es muß etwas Schlimmes sein, denn Vater -macht ein furchtbar ernstes Gesicht. Es liegt wie ein Alp auf uns -Allen!« - -Als ich das angedeutete Gemach betrat, erhob sich mein Schwiegervater -von dem Schreibtisch, an dem er saß und streckte mir die Hand entgegen. -Sein Antlitz war außergewöhnlich blaß und ernst. - -»Gut, daß Du kommst,« sagte er und lud mich ein, Platz zu nehmen. »Ich -bedarf Deiner Hülfe, denn es gehen Dinge vor, für die meine Kraft nicht -ausreicht.« - -Er holte tief Athem und fuhr nach einer Pause fort: - -»Heute Nachmittag war ein Geheimsecretär des >Herrn< bei mir.« - -»Des Herrn?« frug ich erstaunt. »Welchen Herrn meinst Du?« - -»Ah so, Du weißt nicht!« -- seine Stimme sank unwillkürlich zu einem -Flüstern herab und sein Blick schweifte scheu durch's Gemach, als -fürchte er, daß irgend ein geheimnißvoller Dritter unser Gespräch -belauschen könne. »Wir Alle nennen ihn nie anders, als nur den >Herrn<. -Die Wenigsten wissen überhaupt seinen Namen. Er ist der oberste Leiter -unserer Gesellschaft, wohl die mächtigste Persönlichkeit auf der Erde. -Sein Reichthum ist unermeßlich, der Kaiser selbst, im Vergleich mit ihm, -ein armer Schlucker.« - -»Und was will er also von Dir?« - -»Von mir will er eigentlich nichts. Er läßt mir nur mittheilen, daß die -Gesellschaft morgen mit dem Schlag 12 Uhr die Production einstellen -werde.« - -Ich fuhr entsetzt empor. - -»Die Production einstellen? Ist der Mensch wahnsinnig?« - -»Oh, nein! Der Secretär hat mir Alles auseinandergesetzt. Das Ganze ist -nichts, als ein Rechenexempel. Die Production verlohnt sich nicht mehr. -Neunzig Procent der Bevölkerung sind Bettler, Vagabunden, wegen deren es -nicht mehr der Mühe werth ist, das Geschäft weiter zu führen und der -Rest kann, trotz allen Aufwandes, nicht den zehnten Theil von dem -verbrauchen, was unsere Maschinen herstellen.« - -»Aber dann steht das Chaos vor der Thür, eine entsetzliche Umwälzung!« - -»Das weiß der >Herr< ganz gut, aber es kümmert ihn nicht. Die -Gesellschaft hat ihr Schäflein längst in's Trockene gebracht. Schon seit -Jahren hat man, ganz im Geheimen, riesige Capitalien aus dem -Geschäftsverkehr gezogen und im Ausland sicher untergebracht. Vor ein -paar Wochen hat die Gesellschaft für die Summe von zehn Milliarden der -spanischen Regierung die Insel Cuba abgekauft. Die Actionäre haben sich -dorthin zurückgezogen und werden unter Palmen ein idyllisches Dasein -führen, während hier eine Welt in Trümmer geht!« - -Ich war sprachlos; der Kopf schwindelte mir. - -»Aber um Gotteswillen«, stieß ich endlich hervor, »giebt es denn kein -Mittel, um das abzuwenden, um die Catastrophe zu verhüten?« - -»Doch, es giebt noch eines! Der Staat muß die Production vorläufig in -die Hand nehmen. Höre, was ich Dir sagen will und weshalb ich Dich rufen -ließ. Du mußt mit dem Frühzug nach Hamburg fahren. An Bord seines -Privatdampfers findest Du dort den >Herrn<. Biete alle Deine -Beredsamkeit auf, um von ihm zum mindesten acht Tage Aufschub zu -erlangen. In der Zwischenzeit unterhandle ich hier mit der Regierung. -Die Production darf nicht einen Moment stillstehen. Unser aller Existenz -hängt davon ab.« Er unterbrach sich einen Moment und fuhr dann, tief -aufseufzend, fort: »Oh, wenn wir jetzt Arbeiter hätten, wie sie unsere -Vorfahren im neunzehnten Jahrhundert hatten! Dann wäre ja Alles gut. -Dann hätten wir diese schwerfällige, eingerostete Staatsmaschine gar -nicht nöthig, um uns über Wasser zu halten. Die Sünden der letzten -hundert Jahre aber haben alles verdorben.« -- -- -- Die wenigen Stunden -der Nacht vergingen mir schlaflos. Die Morgennebel zogen noch über die -unabsehbare Ebene, als ich schon wieder im Zuge saß und gen Norden -dampfte. - -In den ersten Vormittagsstunden war ich in Hamburg, und mein Erstes war -natürlich, zum Hafen zu fahren, wo der Lustdampfer des »Herrn« vor Anker -lag. Es gelang mir indessen nicht, sogleich bei dem Mächtigen -vorgelassen zu werden. Von entsetzlicher Unruhe gepeinigt, schritt ich -auf dem Quai auf und ab. Ich beobachtete mit Angst, wie der Zeiger -meiner Uhr langsam vorwärts schlich und jede Minute, die er zurücklegte, -steigerte meine Aufregung. Entsetzliche Bilder von Aufruhr und -Zerstörung erfüllten meine Phantasie. Tausende zogen an mir vorüber, -ihren alltäglichen Geschäften oder Vergnügungen nach, aber Keiner unter -ihnen hatte eine Ahnung von dem drohenden Unheil, das mit jedem -Augenblicke näher kam. Nur ich allein sah es, und sah auch die -dampfenden Schutthaufen an Stelle der glänzenden Paläste, die -verstümmelten Leichen auf dem blutüberströmten Pflaster. Entsetzliches -Geheimnis, das auf mir lastete! - -Die zehnte Stunde war schon längst vorüber, als ich endlich an Bord des -Dampfers Einlaß fand. Es war ein kleines, lauschiges Cabinet, in das man -mich führte. Die Wände waren bis zur Brusthöhe mit hellfarbigem Holze -getäfelt und oberhalb desselben mit violettem Sammt ausgeschlagen. Ein -kostbarer Teppich bedeckte den ganzen Boden, schwere Seidengardinen -verhüllten die Eingänge. Auf einem Divan, vor sich ein elegantes -Rauchtischchen, lag ein Herr in schwarzem Salonanzug, einen Fez auf dem -spärlich behaarten Scheitel. Er mochte etwa Mitte der vierziger Jahre -stehen, hatte aber einen eigenthümlichen, milden, abgespannten Zug im -Gesicht, der ihn weit älter erscheinen ließ. - -Es war der »Herr«, vor dem ich stand. In diesem Moment fiel mein Blick -auf einen Chronometer, der zu Häupten des Divans hing; er zeigte auf -zehn Minuten vor elf Uhr. Ein Schauer flog über meinen Körper, als ich -diese Wahrnehmung machte. Wenn es mir im Laufe der nächsten halben -Stunde nicht gelang, den Mächtigen umzustimmen, so war Alles verloren. -Alle Kraft zusammennehmend, begann ich meinen Vortrag. - -Der »Herr« hörte mich schweigend, den Dampf einer Cigarette von sich -blasend, an; nur von Zeit zu Zeit flog ein nervöses Zucken über sein -Antlitz. Ich hatte meine ganze Beredsamkeit aufgeboten und Worte -gefunden, so eindringlich, so herzerschütternd, daß sie einen Stein -hätten bewegen müssen. Als ich geendet, blieb es einige Augenblicke ganz -still im Gemach; ich glaubte, mein eigenes Herz schlagen zu hören. - -Der »Herr« erhob sich aus seiner liegenden Stellung und stand dicht vor -mir, die eine Hand in der Tasche seines Beinkleides, in der anderen die -Cigarette haltend, von der die schmalen, weißen Finger die Asche -nachlässig abstreiften. - -»Ich bedaure, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können; es ist Alles wohl -überlegt und vorbereitet. Den Befehl jetzt rückgängig machen, hieße -unseren ganzen Plan vernichten.« - -Seine Stimme war trocken, klanglos, ohne jede Bewegung. - -»Kann es in Ihrem Plane liegen, unabsehbares Unheil über das Vaterland -heraufzubeschwören?« frug ich erregt. - -»Vaterland? Wer Geld hat, braucht kein Vaterland!« erwiderte er mit -leichtem Achselzucken. - -»Aber die Catastrophe wird an den Grenzen Deutschlands nicht Halt -machen. Ganz Europa wird der Brand erfassen, sobald er einmal -ausgebrochen ist und alle Cultur wird in Trümmer gehen.« - -»Das kümmert uns nicht. Bis nach Cuba werden die Flammen nicht schlagen -und übrigens, je toller es zugeht, desto besser.« - -»Wie so? Das verstehe ich nicht.« - -»Sie sind ein schlechter Geschäftsmann, mein Lieber, wenn Sie das nicht -einsehen,« meinte der »Herr« mit jovialem Lächeln. »Nun gut, ich will es -Ihnen erklären, weil wir noch etwas Zeit haben, ehe mein Dampfer -abfährt. In der bisherigen Weise läßt sich die Production nicht mehr -fortführen; wir verdienen nichts mehr dabei und sind keinen Augenblick -vor einer Catastrophe sicher. Wir müssen einmal _tabula rasa_ machen mit -dem großen Heere überzähliger Menschen, um dann mit frischen Kräften -wieder anzufangen. Also stellen wir den Betrieb freiwillig ein, und -warten in sicherer Entfernung ab, bis sich die Wogen wieder beruhigt -haben. Wenn der richtige Moment gekommen ist, erscheinen wir wieder auf -der Bildfläche und man wird uns als Retter der Gesellschaft freudig -aufnehmen. Verstehen Sie nun, weshalb es nicht in unserem Interesse -liegen kann, den Betrieb in die Hände des Staates übergehen zu lassen? -Sollen wir uns selbst das Geschäft für alle Zukunft verderben? Nein, wir -wissen recht wohl, daß die Regierung mit ihrem zusammengeschmolzenen -Heere, in dem sich ohnehin schon viel unsichere Elemente befinden, der -Bewegung nicht Herr werden wird, die sie ganz unvorbereitet trifft. Aber -gerade das wollen wir. Es muß Alles zu Grunde gehen, damit wir von Neuem -Geschäfte machen können.« - -Ich stand wie erstarrt und war keines Wortes fähig. Erst nach längerer -Pause vermochte ich mich soweit zu sammeln, um ihn an die unzähligen -Menschenleben zu erinnern, die diesem Geschäftskniff zum Opfer fallen -würden. - -Er zuckte die Achseln und zündete sich eine frische Cigarette an. »Das -ist schlimm für die, welche es trifft, aber im Geschäftsleben darf man -nicht sentimental sein. Uebrigens ist es immer besser, die Leute büßen -ihr Leben schnell ein, als daß sie verhungern.« - -Er sah auf die Uhr. Der Zeiger wies auf 20 Minuten nach 11 Uhr. - -»Wenn Sie den nächsten Zug nach Berlin erreichen wollen, müssen Sie sich -sputen. Auch fährt mein Schiff Punkt 12 Uhr ab und es giebt für mich -noch vorher einige Geschäfte zu erledigen.« - -Er geleitete mich in verbindlichster Weise bis zur Thür. Meine Mission -war zu Ende. - -Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, suchte ich auf schnellstem -Wege den Bahnhof zu erreichen. Als ich die Freitreppe zur Bahnhofshalle -emporstieg, erklang die Mittagsstunde von den Thürmen Hamburgs. - -In diesem Augenblick, das wußte ich, flog auf dem Telegraphendraht der -gleiche verhängnißvolle Befehl durch das ganze Reich von Stadt zu Stadt, -von Fabrik zu Fabrik und Millionen arbeitsgewohnter Hände begannen in -diesem Augenblick für immer zu feiern. Wie lange konnte es dauern und -diese Hände griffen zur Mordwaffe, zum Feuerbrand? - -Mit Windeseile trug mich der Zug durch die Winterlandschaft der -Hauptstadt zu. Meine Mitpassagiere plauderten ahnungslos mit einander, -nur ich saß, mit einem Herzen, das sich angstvoll zusammenkrampfte, in -meiner Ecke und wagte kaum, den Anderen in's Gesicht zu sehen. - -Ohne Zwischenfall kamen wir bis in die Nähe der Hauptstadt. Auf freiem -Felde hielt plötzlich der Zug. Es entstand ein hastiges, angstvolles -Hin- und Herlaufen, die Passagiere begannen unruhig zu werden. Einzelne -öffneten die Waggonthüren und stiegen hinab, um die Ursache des -unerwarteten Aufenthalts zu erfragen. Unbestimmte Gerüchte wurden laut. -Arbeiterunruhen seien wieder einmal in Berlin ausgebrochen, hieß es, -aber das Militär werde der Bewegung in Kürze Herr werden. - -Nach einer Viertelstunde etwa fuhren wir in langsamem Tempo weiter. Den -Bahnhof fanden wir von einem Füsilierbataillon besetzt; in voller -Feldausrüstung campirten die Mannschaften längs des Perrons und in der -Vorhalle. Ich eilte auf die Straße. Alles war menschenleer. Kein Wagen -weit und breit. So schnell ich es vermochte, eilte ich dem Hause meiner -Schwiegereltern zu. An einer Straßenkreuzung mußte ich Halt machen. In -scharfem Trabe kam die Gardeartillerie vorübergesaust, dahinter im -Laufschritt Bataillon auf Bataillon, die Kerntruppen der deutschen -Armee. Ohne mich umzusehen rannte ich weiter. Als ich bei Elly anlangte, -fand ich die ganze Familie schon in höchster Aufregung, Vorbereitungen -zur Flucht treffend. - -»Und morgen soll Elly's Trauung sein!« klagte die Mutter meiner Braut. -»Ihr armen Kinder, Ihr habt eine traurige Hochzeit.« - -»Was morgen sein wird, kann Niemand sagen,« entgegnete mein -Schwiegervater. »Ich habe mir schon überlegt, was geschehen muß. Ihr -müßt sofort getraut werden; der Geistliche wird in einigen Minuten hier -sein, unterdessen packt Ihr das Nothwendigste ein und sobald die -Ceremonie vorüber ist, fahrt Ihr zum Bahnhof.« - -»Nein, Mutter, Vater, ich lasse Euch nicht allein zurück hier in dieser -schrecklichen Zeit,« rief Elly. »Ihr müßt mit uns fliehen!« - -»Das geht nicht so schnell, Elly,« entgegnete der alte Herr; »es ist ja -auch augenblicklich noch keine Gefahr. Noch immer ist Hoffnung, daß die -Truppen den Aufstand niederschlagen. Sollte dies aber bis morgen nicht -der Fall sein, so folgen wir Euch nach. In Euerem stillen Thüringen wird -man ja wohl noch einen sicheren Zufluchtsort finden.« - -Bei diesen Worten -- ich weiß nicht, wie es kam -- fielen mir plötzlich -die finsteren Gesichter, die abgezehrten Gestalten der Arbeiter ein, mit -denen ich in Weimar täglich zu thun hatte, und mit _einem_ Male wurde -mir klar, welch' furchtbarer Zündstoff auch dort aufgehäuft war. - -Der Geistliche kam; in Reisekleidern wurden wir getraut; fernes -Gewehrfeuer, einzelne Kanonenschüsse und das unaufhörliche Dröhnen der -Sturmglocken begleitete die Ceremonie. Die feierliche Handlung war kaum -vollendet, als von der verödeten Straße herauf lautes Stimmengewirr und -der schwere Tritt einer großen Menschenmenge zu uns empordrang. Ich -eilte an's Fenster. In ganzer Straßenbreite wälzte sich, der inneren -Stadt zu, ein ungeheuerer Knäuel bewaffneter Männer und Weiber. - -In der Masse, die nach Tausenden zählte, blitzte hie und da eine -Pickelhaube, ein Bayonnet auf. Einzelne Soldaten marschirten inmitten -der Aufständischen; schließlich kam, umringt von der tosenden Menge, ein -ganzes Bataillon, Trommler und Pfeifer an der Spitze, daher marschirt. - -Als ich aufsah, blickte ich in das Antlitz meines Schwiegervaters. Es -war todtenbleich. - -»Es sind die Arbeiter von Spandau und Charlottenburg,« sagte er mit -tonloser Stimme, »die Garnison geht mit ihnen.« - -Wir nahmen Abschied von den Eltern und ahnten nicht, daß es ein Abschied -für immer war. Ich habe die Beiden nie wiedergesehen und nie erfahren, -was ihr Schicksal gewesen. Auf einer Hintertreppe, durch den Hofraum, -gelangten wir an einen Seitenausgang des großen Gebäudes, der in einer -stillen Sackgasse gelegen. Hier erwartete uns der Wagen, der uns zum -Bahnhof führte. Von dem zahlreichen Dienstpersonal ließ sich Niemand -blicken; wir trugen unser Gepäck selbst zum Wagen hinab. Ich war fast -erstaunt, als ich sah, daß der Kutscher noch wie sonst seinen Dienst -versah, und wie sonst, den Hut in der Hand, uns den Schlag öffnete. -Durch menschenleere Straßen, wo alle Schaufenster geschlossen waren, -fuhren wir zum Bahnhof. Es war alles still und düster, wie auf einem -Friedhofe. Elly lehnte an meiner Schulter und weinte still für sich hin. -Mein Gott, wie ganz anders hatte ich mir diesen Tag vorgestellt! - -Am Bahnhof fanden wir ein Treiben, für das mir die Worte fehlen. - -Die riesige Halle war in allen ihren Theilen mit Flüchtenden -vollgestopft. Ein wahnsinniger Tumult herrschte; es war, als sei man mit -einem Male in ein Tollhaus gerathen. In Intervallen von zehn Minuten -verließ Zug auf Zug die Halle. - -Sobald eine neue Wagenreihe bereit stand, stürzte sich die Menge darauf; -im Nu waren die Coupé's gefüllt, die Dächer erklettert; auf den -Trittbrettern stand, wer sonst keinen Platz fand; um jeden Fuß breit -wurde mit wahnsinnigem Ingrimm gekämpft, Weiber und Kinder zu Boden -getreten, oder unter die Räder geschleudert. Wenn der Zug die Halle -verlassen hatte, lagen da und dort zuckende Leichname auf den Schienen, -und der Todesschrei der Verstümmelten, um die sich kein Mensch mehr -kümmerte, gellte in das allgemeine Toben. - -Wir standen in einen Winkel gepreßt, uns fest umschlungen haltend. Ich -dachte an den Tod. - -Von Zeit zu Zeit drang irgend eine neue Schreckenskunde in die -verzweifelnde Menge und fachte die Todesangst immer von Neuem wieder an. -Nur einiges vermochte ich aus abgerissenen Worten zusammenzufassen. -Offenbar machte der Aufstand rapide Fortschritte; ein großer Theil der -Truppen war offen zu den Insurgenten übergegangen; der Rest kämpfte -matt, widerwillig, ganze Regimenter weigerten sich zu schießen, und -sahen, Gewehr bei Fuß, gleichgültig der allgemeinen Zerstörung zu. - -Als eines der ersten Opfer des Aufstandes war der »Herr« gefallen. Im -Moment, als sein Schiff die Anker lichten wollte, zeigte es sich, daß an -der Maschine etwas in Unordnung gerathen sei. Noch ehe der Schaden gut -gemacht werden konnte, stürmten schon die ersten Arbeiterschaaren aus -den geschlossenen Fabriken daher und stürzten sich wie Hyänen auf ihre -Beute. Ein wüthender Kampf entspann sich, in welchem der »Herr« und die -ganze Mannschaft seines Schiffes ihren Untergang fand. - -Der Abend war bereits hereingebrochen, als es mir endlich gelang, Elly -in ein Coupé zu schieben, in dem sich schon zwölf Menschen befanden. Ich -selbst blieb auf dem Trittbrett stehen. So fuhren wir in die Nacht -hinaus. In meinen Träumen hatte ich mir meine Hochzeitsreise anders -vorgestellt. Stunde auf Stunde verrann; meine Finger, welche sich an den -metallnen Handgriff klammerten, drohten, erstarrt von der eisigen -Zugluft, zu erlahmen. So schnell wir aber auch dahinfuhren, die -Revolution schien mit uns gleichen Schritt zu halten. Mehr als einmal -sahen wir weit draußen in der endlosen Ebene die Feuersäulen brennender -Fabriksgebäude aufflammen. - -Jeden Augenblick fürchtete ich, daß unsere Reise ein gewaltsames Ende -finden werde. Eine Zerstörung der Bahnlinie durch ein Streifcorps der -Aufständischen lag ja im Bereiche der Möglichkeit. Wir erreichten -indessen unangefochten Wittenberg, wo eine größere Zahl Flüchtlinge den -Zug verließ; es wurde mir dadurch ermöglicht, meinen sehr unangenehmen -Standpunkt mit einem Sitz an Elly's Seite vertauschen zu können, -woselbst ich verblieb, bis wir in den ersten Morgenstunden Weimar -erreichten. Hier herrschte noch volle Ruhe und nichts Außergewöhnliches -schien sich ereignet zu haben. Wir konnten ungehindert unsere Wohnung -aufsuchen und zum ersten Male aufathmen nach der Todesangst der letzten -schrecklichen Stunden. Elly jammerte um die Eltern und machte sich -selbst die bittersten Vorwürfe, Berlin ohne die Ihrigen verlassen zu -haben. Nur schwer gelang es mir, meine junge Frau zu beruhigen, glaubte -ich doch selbst nicht an die Trostesworte, von denen mir jedes wie eine -Lüge vorkam. Die Nachrichten des nächsten Tages bestätigten meine -schlimmsten Erwartungen. Die große Volkserzieherin, die -Socialdemokratie, hatte man vor hundert Jahren zertreten und zermalmt, -aber die wirthschaftliche Entwicklung war nicht in andere Bahnen gelenkt -worden. - -Ruhig, mit unfehlbarer Sicherheit, hatte sich das Ende vorbereitet. - -Die kurzsichtige Menschheit war selbst schuld daran, daß es nicht -zugleich der Anfang einer neuen, vernunftgemäßen Weltordnung werden -konnte. In unbegreiflicher Verblendung hatte man die kraftvollen Triebe -einer sich mächtig emporringenden Neugestaltung vernichtet. Das einzige -Mittel, die altersschwache Gesellschaft neu zu verjüngen, existirte -nicht mehr. _Die Gesellschaft hatte den Ast, auf dem sie saß, selbst -abgesägt._ So konnte es also nicht anders kommen, als es thatsächlich -gekommen ist. Eine gebildete, politisch und wirthschaftlich reife -Arbeiterschaft hatte man nicht gewollt; nun mußte man fertig zu werden -suchen mit dem, was die Gesellschaft selbst aus den Arbeitern gemacht -hatte: eine ungeheure Masse gänzlich verwilderter, physisch und geistig -auf tiefster Stufe stehender Menschen, die, zur Herrschaft gelangt, -nichts Neues zu schaffen, sondern nur noch zu zerstören wußten. Und -diese Zerstörung besorgten sie gründlich! Berlin war in Flammen -aufgegangen, in einen Trümmerhaufen verwandelt worden. Von dort aus -pflanzte sich der Aufstand über das ganze Reich, über alle -capitalistisch organisirten Staaten fort. Zwei Tage nach unserer Ankunft -in Weimar befanden wir uns wieder auf der Flucht. Die Flammen brennender -und ausgeplünderter Städte beleuchteten unseren Weg, wenn wir zur -Nachtzeit auf Seitenpfaden durch die Berge wanderten. Ueberall, wohin -wir auch kamen, wo wir auch zu rasten versuchten, fanden wir dasselbe. -Von jedem Orte verjagte uns wieder die immer weiter um sich greifende -Bewegung. Unbeschreibbar sind die Schreckensscenen, die wir erlebten und -wie ein Wunder erscheint es mir, daß wir all' diesen Gefahren entrannen. - -Der stolze Bau des deutschen Reiches sank vor unseren Augen in Trümmer -und nach langen Irrfahrten fanden wir endlich an den Ufern dieses Sees, -wo es nichts mehr zu zerstören gab, eine Zufluchtsstätte. Möchte eine -nachfolgende Generation, wenn ihr diese Aufzeichnungen zu Gesichte -kommen, die furchtbare Lehre beherzigen, welche sie verkünden und möchte -einst diesem, durch die Unvernunft der Menschen zu Grunde gerichteten -Erdtheil eine neue, schönere Zukunft erblühen.« - -Erschüttert, lautlos saßen die Drei da, als Waltraut geendet hatte. Vor -Kurt's geistigem Auge zog das Schreckensbild einer zusammenbrechenden -Culturepoche vorüber -- dann aber sprang er auf: - -»Die schönere Zukunft ist nahe, weit näher, als ihr glaubt!« rief er -lebhaft. »Die socialen Ideen sind nicht untergegangen; hier in Europa -haben die Sünden des Capitalismus sie wohl mit allem Uebrigen -vernichtet, aber in Afrika drüben leben sie noch und haben die -herrlichsten Früchte gezeitigt. Wir wissen dort nichts von Reichthum und -Armuth, nichts von Standesunterschieden; bei uns genießt Jeder, was -seine Arbeit schafft, und Niemand kann ihm die Früchte seines Fleißes -durch Gewalt oder List entwinden. Von Afrika wird neues Licht über -diesen dunklen Erdtheil ausströmen und ihn der Cultur wiederum -zurückgeben!« - -Er hatte mit Feuer gesprochen und unwillkürlich das Buch, welches so -werthvolle Aufschlüsse enthielt, zu sich herangezogen. Da fielen seine -Blicke auf jene Stelle, wo Waltraut's Urahn mit fester Hand seinen -Namenszug unter die Schrift gesetzt hatte, und wie electrisirt fuhr er -auf. - -»Dieser Name, Waltraut, der hier steht, ist ja auch der meine. Oh, jetzt -gehen mir erst die Augen auf. Auch die Stadt, in der dieser Mann lebte, -ist ja die nämliche, wo sich meine Vorfahren aufhielten. Kannst Du's -glauben, Waltraut, wir sind von gleichem Stamme?« Und mit komischer -Würde sich verneigend, sprach er: »Waltraut, ich habe die Ehre, mich Dir -als Vetter aus Afrika vorzustellen.« Waltraut lachte herzlich und -duldete ohne Widerrede, daß der neugefundene Verwandte ihr galant die -Hand küßte. Auch der alte Günther lächelte vergnügt ob der unerwarteten -Entdeckung. Der ernste Eindruck, den die Aufzeichnungen des Urahn -hinterlassen hatten, wich einer behaglicheren Stimmung und noch lange -saßen die Drei plaudernd zusammen, sich des seltsamen Zufalls freuend, -der sie auf so wunderbare Weise zusammengeführt hatte. - -Seit jenem Abend war wieder eine geraume Zeit in's Land gezogen. Der -Frühlingswind hatte schon längst die Eisdecke des Sees gesprengt und die -uralten Buchen am Seestrande bedeckten sich mit zartem Grün. Auch in den -Herzen der beiden jungen Leute war der Frühling eingezogen, und als die -ersten Schwalben die Hütte zwitschernd umkreisten, legte Vater Günther -die Hände der Liebenden zum ewigen Bunde in einander. Eines Abends, als -Kurt mit seinem jungen Weibe im Nachen über den See fuhr, gewahrte er -auf einer Waldblöße ein seltsames Schauspiel. - -Eine große Schaar bewaffneter Männer näherte sich, aus dem Dickicht -tretend, dem Ufer, Hornsignale ertönten und eine Fahne flatterte in der -Luft. - -Im ersten Moment hatte Kurt erschrocken die Ruder eingezogen, als aber -sein Ohr die Trompetenrufe vernahm, und sein Blick die Flagge gewahrte, -jauchzte er vor Freuden laut auf und begann aus Leibeskräften auf die -bezeichnete Stelle loszurudern. Er hatte die Farben des Freilandstaates -erkannt; einige Minuten später standen er und Waltraut am Ufer, umringt -von den Mitgliedern der neuen vom Süden heraufgezogenen Expedition, und -des Fragens und Händedrückens wollte kein Ende nehmen. Da drängte sich -ein junger, sonnverbrannter Afrikaner durch den Kreis: »Alle Wetter, -Kurt, werden die Todten wieder lebendig?« rief er, nahm den -Ueberraschten ohne weiteres beim Kopf und küßte ihn herzhaft, zwei, -dreimal. - -»Willy!« - -Die Freunde umarmten sich lange und innig. - -»Hast Du am Ende doch ein Bäschen gefunden, alter Junge?« meinte Willy, -als er Waltraut bemerkte, die verwirrt und scheu im Kreise der fremden -Männer stand. - -»Errathen, lieber Freund,« lachte Kurt, »die aber kann ich Dir nicht -abtreten, die behalte ich für mich selbst.« - -»Das ist zwar gegen die Verabredung, und ich sollte böse Miene zu Deinem -guten Spiele machen! Na, warte nur, wenigstens werde ich ihr Alles -erzählen, was wir Beide ausgemacht haben,« erwiderte Willy und bot der -jungen Frau treuherzig die Rechte, in die Waltraut herzhaft einschlug. - - * * * * * - -So manches Jahr ist seitdem verflossen. - -Der alte Günther schläft am Gestade des Victoria-Nyanza schon längst den -letzten Schlaf; Waltraut aber hat an der Seite ihres Gatten das Heimweh -nach den deutschen Wäldern überwunden, und bildet sich ein, die -glücklichste Frau und Mutter von ganz Afrika zu sein. - -Auf dem Boden des verwüsteten deutschen Reiches und der anderen -europäischen Staaten aber erblühen von Jahr zu Jahr immer mehr -Ansiedlungen, die ihre Bewohner aus Afrika erhalten; eine neue -Culturepoche, auf gesunder und vernunftgemäßer Grundlage in's Werk -gesetzt, beginnt für das in tiefe Barbarei versunkene Europa. In diesem -neuen Staate, der hier beginnt, wird es weder Reiche, noch Arme, weder -Hoch noch Nieder, weder Deutsche noch Franzosen, sondern nur Menschen, -und zwar glückliche, zufriedene Menschen geben. - - - - - Der jüngste Tag. - - - Wenn die Menschheit einer Krisis entgegen geht, richten sich alle - Blicke mehr denn je in die Zukunft, regt sich mit Macht das - Bestreben, den Schleier der kommenden Zeit zu lüften. Während - Politiker und Gelehrte an der Hand der Thatsachen, die ihnen die - Jetztzeit liefert, die Gestaltung zukünftiger Verhältnisse zu - ergründen suchen, schweift die Phantasie des Dichters noch weit - über die ihnen gesteckten Grenzen hinaus in eine nebelhafte - Ferne, ja bis an's Ende der Tage. Auf diesem Wege hat der - Verfasser des vor mir liegenden Buches[1] schon den äußersten - Markstein überschritten, der das Gebiet des Realen vom Reiche des - phantastischen Märchens abgrenzt. Der »jüngste Tag«, jenes - Schreckgebilde kirchlichen Uebereifers, das so wenig harmonirt - mit der milden Lehre Christi, tritt uns hier im verklärenden und - versöhnenden Gewande der Poesie entgegen. Das Ganze mit seiner - dichterisch schönen Sprache und seinem überwältigenden - Bilderreichthum ist eigentlich ein Epos in Prosa, ein Stoff, der - so gebieterisch nach Vers und Reim verlangt, daß sich der - Verfasser diesem Drange selbst nicht entziehen konnte und den - Schluß deshalb wenigstens in Stabreimen ausklingen läßt. - - [Fußnote 1: »_Der jüngste Tag_«. Von Rud. Heinr. Greinz. Preis 1 - Mark. Erfurt und Leipzig, Bacmeister's Verlag.] - - »In der Welt tobte und brauste es von Streit. Es gab keine Bande - der Achtung mehr und keine Bande der Liebe. Der Sohn wüthete - gegen den Vater, Bruder gegen Bruder. Die Mutterliebe war zu - einem längst entschwundenen Märchen geworden. Ein Märchen war - auch der Glaube an Jesus Christus. Nur alte Leute erzählten sich - noch, daß sie von ihren Voreltern erfahren, es sei die Sage, auf - einem einsamen Eiland im weiten Weltmeer hausten die letzten - Christen.« - - In diese letzte Christengemeinde wird Helgrimur, der letzte - Dichter, verschlagen. Draußen in der Welt hatten sie ihn verstoßen - und verhöhnt, da er ihnen vom Schönsten und Hehrsten gesungen. - Sie traten ihn mit Füßen und schalten ihn einen Thoren, da er - sich mit Liedern in ihre Klugheit zu mischen wagte. Da zog er - denn verzweifelnd fort in's Weite. - - Hirt und Hüter der letzten Christengemeinde ist Anakletus, der, - einem finsteren Wahn verfallen, durch Zauberkünste einem - unerreichbaren Ziele nachstrebt. Die alte Welt will er zertrümmern, - eine neue schaffen und selbst als Gott über ihr walten. In diesem - Wahnwitze bestärkt und unterstützt ihn Ahasver, der ewige Jude, - der verflucht ward zu wandern, »so lange noch zwei Menschen - glücklich sind auf Erden, so lange noch eine Liebe keimt zwischen - zwei reinen Herzen«. - - Und so sehen wir die gespenstige Erscheinung Ahasver's überall - auftauchen und hindernd dazwischen treten, wo reines Liebesglück - emporkeimen möchte. Seine eigene Tochter Siona, die den schönen - Fremdling liebt, stößt der ewige Jude von der Klippe in's Meer - und erlöst sie zugleich, denn der Herr hatte ihr auf ihre Bitte - gewährt, ewig mit Ahasver leben zu dürfen, bis der eigene Vater - zum Tode die Hand gegen die Tochter erheben werde. Aber Helgrimur - und Ismelda, die junge Verwandte des Anakletus, vermag auch - Ahasver nicht zu trennen. Ein weißer Vogel schwebt über den - Häuptern der Liebenden und folgt ihnen auf ihren Wegen. Das war - die ewige Liebe, die am jüngsten Tage über das Meer geflogen kam. - Anakletus gesteht den Aeltesten der Gemeinde seinen Gottesfrevel - ein und wird an's Kreuz geschlagen. - - »Die Kuppel des Domes schwand. Mitten in den fliegenden Wolken, - umzuckt vom feurigen Schein der Blitze, hing der Gerichtete. - Immer höher und höher strebte das Kreuz empor. Und immer höher - wuchs mit ihm der ewige Jude. Zuletzt schienen sie Beide in - Lüften zu schweben. - - Das Volk lag auf den Knieen und wagte es kaum, emporzuschauen; - denn in unendlicher Höhe schwebte der Gekreuzigte. Und der - gespenstige Alte hatte sich an's Kreuz geklammert. - - Aus der Höhe aber kam es wie mächtiger Gesang von vielen - Tausenden ... - - Libera de infernorum - Poenis carnem fragilem, - Infimoque peccatorum - Da aeternam requiem! - - Verschwunden war der Dom. Keine Altäre waren mehr zu sehen. - Weite, graue Nebelmassen dehnten sich allwärts. - - Helgrimur und Ismelda hielten sich umschlungen und standen - aufrecht unter der knieenden Menge. Sie waren keines Lautes fähig - und keiner Bewegung. - - Und immer dichter und erstickender wallten die Nebelmassen. Ein - fahler Schein glitt über sie hin und schien Gestalten aus ihnen - zu weben, wie sie nie gewohnt auf Erden ... seltsame Gestalten. - Und die Gestalten erfüllten die ganze Welt mit ihren riesigen - Leibern. Aus der Höhe ertönten dumpfe Hammerschläge und gaben - gewaltigen Widerhall durch die Welt. - - Es schrie das Volk. Der Grund der Erde bebte. Durch die Nebel - leuchteten feurige Zungen. Von ferne brauste es. Es war das - Weltmeer, das aus seinen Gründen gewichen. - - Und es schien sich zu bilden ein feuriger Arm, der weithin ragte - durch die Welt. Helgrimur war es, als ob dieser Arm ihm winke. - - Da löste sich ihm die Sprache. Noch einmal drückte der letzte - Dichter sein Lieb an's Herz. - - >Der _Herr_ sei uns gnädig am jüngsten Tage!< rief er.« - - Und als der jüngste Tag vorüber und herrliche Wesen in - überirdischem Schimmer ob dem Wasser schweben, wird Ahasver von - Neuem verflucht und versinkt lautlos in den Wellen, auf deren - Grunde er einsam wandern soll mit seiner Qual, damit sein Anblick - nicht das Glück der reinen, ewigen Wesen störe. - - Einen überraschenden Reichthum an tiefen Gedanken birgt das - kleine Werk, das den Triumph der reinen über die sinnliche Liebe, - über den öden Materialismus der hinsterbenden Welt in einer Weise - schildert, deren nur ein echter Dichter fähig ist. - - - - - Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig. - - - Bismarck - und der - Staats-Socialismus. - - Darstellung der socialen - und wirthschaftlichen Gesetzgebung Deutschlands - seit 1870 - - von - William Harbutt Dawson, - Verf. von »Der Socialismus in Deutschland und Ferdinand - Lassalle« &c. - - Aus dem Englischen übersetzt - vom - Bibliographischen Bureau zu Berlin. - - Autorisirte deutsche Ausgabe. - - Preis 2 Mark. - - Zum Verständniß der brennendsten Fragen der Gegenwart ist dieses - durchaus objektiv gehaltene Werk unbedingt nothwendig. Die Presse - aller Parteien bezeichnet es einstimmig als eine Arbeit, die nur - ein Ausländer, der fern vom deutschen Parteigetriebe steht, in - dieser Klarheit schaffen konnte. - - - Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig. - - - Tiroler Leut. - - Berggeschichten und Skizzen - - von - Rudolf Heinrich Greinz. - - Preis 1 Mk. - - Es ist eine ganz merkwürdige Welt, in die uns der Verf. - verpflanzt; kindlich-naive und kindlich-gläubige Menschen, - Naturkinder im vollsten Sinne des Wortes, so abgeschlossen von - der Kulturwelt wie ihre hohen Berge, kindlich namentlich auch in - Sachen der Religion. So fremdartig uns auch diese Welt vorkommt, - so sehr heimelt sie uns doch an durch die Wahrheit und - Treuherzigkeit der Schilderung. Es sind Erzählungen theils - heiteren, theils ernsten Inhalts, lauter trefflich abgerundete, - lebenswahre und lebenswarme kleine Gemälde, ein Strauß frischer - und duftender Alpenblumen und -Kräuter, der Herz und Geist - erquickt. - - - Das - Abiturienten-Examen. - - Gymnasial-Humoreske - - von - Rudolf Heinrich Greinz. - - Preis 50 Pfg. - - Hier sprudelt voller, frischer Humor, der Alt und Jung gefangen - nimmt. Greinz ist, wie auch einzelne Erzählungen der »Tiroler - Leut« zeigen, ein Humorist, der sich schnell einen weiten - Freundeskreis erobert hat. Tiefer Ernst und heiterer Scherz - stehen ihm zu Gebote, wie sie nur ein begnadeter Dichter haben - kann. - - - Kultur- und Literatur-Bilder. - - Herausgegeben von - R. H. Greinz. 1. Heft. Preis 80 Pfg. - - Ein tieferes Verständniß unserer Zeit zu erlangen, ist eine - keineswegs leichte Aufgabe. Ist doch unser »fin de siècle« eine - derjenigen Uebergangsepochen der Geschichte, die der Menschheit - neue Bahnen der Entwickelung anzuweisen bestimmt sind, eine Zeit - so voll gährenden Dranges, so voll Keime und Ansätze zu neuen - Zukunftsgestaltungen auf allen Gebieten des Lebens, wie kaum eine - der bis jetzt verflossenen Geschichtsperioden. »Unsere Zeit eilt - in heftigem Zwiespalt fernen unbekannten Zielen zu«, sagt Leopold - von Ranke von ihr. Es gehört schon eine gründliche geschichtliche - und philosophische Bildung dazu, jene fernen unbekannten Ziele - auch nur in den äußersten Umrissen vorausahnen, das Sphinxantlitz - der Geschichte des nächsten Jahrhunderts auf die hinter ihm - verborgenen Räthselfragen hin prüfen zu wollen. Da ist denn ein - neues Unternehmen, wie das obengenannte, zeitgemäß und - empfehlenswerth, das sich zum Ziele setzt, in übersichtlicher - Darstellung ein volles Verständniß für die wichtigsten Strömungen - und bedeutendsten Erscheinungen des Geisterlebens der - Kulturvölker unserer Zeit zu erschließen und zwar in einem Tone, der - die durstende Volksseele befriedigt, der zugleich gediegen und - anziehend ist. Das bis jetzt vorliegende erste Heft, das folgende - Arbeiten enthält: Zum tieferen Verständniß unserer Zeit von Dr. - W. Calaminus. Reflexion über Richard Voß' »Die neue Zeit« von - Adolf May. Die Armen und Elenden von R. H. Greinz. Die - amerikanische Presse von Philipp Berges. Die Hypnose im Roman von - Dietrich Eckart. Amerikanische Humoristen und Novellisten von M. - Giovanni. Einblicke in die deutsche Literatur der Gegenwart -- - verdient entschieden Anerkennung für das Geschick und den Takt, - mit denen es diesem Ziele nachstrebt. Sämmtliche Arbeiten sind - treffende Bilder wichtiger geistiger Strömungen unserer Zeit. Das - neue Unternehmen ist auch wegen seiner Form beachtenswerth, denn - es ist keine Zeitschrift, die regelmäßig erscheint, sondern als - eine Bibliothek, eine Art Sammelwerk frei erscheinender und - einzeln käuflicher Hefte gedacht, um es so allgemeiner zugänglich - zu machen. Wir empfehlen es allen ernster Denkenden, die den - rauschenden und brausenden Tagesströmungen unserer - vielgestaltigen, lebensvollen Zeit auf den Grund schauen möchten, - angelegentlich. - - - Bacmeister's Verlag in Erfurt. - - Von Arnold v. d. Passer sind erschienen und - durch alle Buchhandlungen zu beziehen: - - - Gedichte. - - Mark 1,--. Wagner, Innsbruck. - - - Neue Gedichte. - - Mk. 1,--. S. Pötzelberger, Meran. - - - Herm. v. Gilm, sein Leben und seine Dichtungen. - - Mk. 2,--. Liebeskind, Leipzig. - - - Ausgewählte Dichtungen - - von Herm. v. Gilm, - - Mk. 3,20. Liebeskind, Leipzig. - - - Volksschauspiele in Tirol. - - Meran im Jahre 1809. - - Mk. --,60. Literar. Institut, München. - - - Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig. - - - Kultur- und - Literatur-Bilder. - - Herausgegeben - von - Rudolf Heinrich Greinz. - - Heft 1. Preis 80 Pfg. - - - Inhalt: - - - Zum tieferen Verständniß unserer Zeit. - - Von Dr. W. Calaminus. - - - Reflexion über R. Voß' »Die neue Zeit«. - - Von Adolf May. - - - Die Armen und Elenden. - - Von Rudolf Heinrich Greinz. - - - Die amerikanische Presse. - - Von Philipp Berges. - - - Die Hypnose im Roman. - - Von Dietrich Eckart. - - - Amerikanische Humoristen und Novellisten. - - Von M. Giovanni. - - - Einblicke in die deutsche Literatur der Gegenwart. - - Die »Kultur- und Literaturbilder« bilden eine Bibliothek frei - erscheinender und einzeln käuflicher Hefte, die sich vornehmlich - dadurch charakterisiren, daß sie in übersichtlicher Darstellung - ein volles Verständniß für die wichtigsten Strömungen und - bedeutendsten Erscheinungen des jetzigen Kulturlebens erschließen - wollen. -- Allen Ernstdenkenden seien diese gediegenen und - anziehend geschriebenen Bilder warm empfohlen. - - - Die allgemeine Volksschule - - als Grundbedingung zur endgiltigen Lösung der - Schulreform-Frage. - - Von - H. Schröer, Berlin. - - Preis 80 Pfg. - - Ein reiches und wohlgeordnetes Material unterrichtet über eine der - wichtigsten Fragen der Gegenwart, so daß die Ansichten des - Verfassers in den weitesten Kreisen Verbreitung und Beachtung - gewinnen. - - - Bacmeister's Verlag in Erfurt und Leipzig. - - - Kleine Studien. - - - 1. Die Behandlung der Tonkunst am Ausgange des 19. - Jahrhunderts. - - Thatsachen, Aussprüche und Erfahrungen zur Beachtung - für alle Musikfreunde. - - Von Anton Huber. - - Preis 50 Pfg. - - - 2. Henrik Ibsen. - - Ein Essay von - Dr. Theodor Odinga. - - Preis 20 Pfg. - - - 3. Moderne Wege zum Wohlstand. - - Skizzen aus dem amerikanischen Leben. - - Von Philipp Berges. 1.-9. gleichlautende Auflage. - - Preis 50 Pfg. - - - 4. Die Entdeckung Amerika's durch die Normannen im - 10. und 11. Jahrhundert. - - Von H. Röttinger. -- Preis 30 Pfg. - - - 5. Volksschauspiele in Bayern. - - Von Adolf May. - - 3. Auflage. - - Preis 30 Pfg. - - - - - Anmerkungen zur Transkription - - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. Einige -wenige Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 28]: - ... Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenig ... - ... Ausgang kaum zweifelhaft sein konnte. Nach wenigen ... - - [S. 45]: - ... Wohl fehlte es nicht an dunklen drohendem Gewölke, ... - ... Wohl fehlte es nicht an dunklem drohendem Gewölke, ... - - [S. 69]: - ... Dienste der Gesellschaft stehend, war er erst vor wenig ... - ... Dienste der Gesellschaft stehend, war er erst vor wenigen ... - - [S. 74]: - ... jetzt im Besitz einiger Wenigen und zahllose zerstörte ... - ... jetzt im Besitz einiger Weniger und zahllose zerstörte ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Mene tekel!, by Arnold von der Passer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MENE TEKEL! *** - -***** This file should be named 56991-8.txt or 56991-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/6/9/9/56991/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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