diff options
| author | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-08 08:55:09 -0800 |
|---|---|---|
| committer | nfenwick <nfenwick@pglaf.org> | 2025-02-08 08:55:09 -0800 |
| commit | 6c865cb442edd2e02b4533f4fa06be4fabdb9053 (patch) | |
| tree | ef8cae24c7479fe9efc0c5cbdd6349f78380e80d /57741-8.txt | |
| parent | b823e5f8488e45445d855bb58c30b4c0755519f7 (diff) | |
Diffstat (limited to '57741-8.txt')
| -rw-r--r-- | 57741-8.txt | 15260 |
1 files changed, 0 insertions, 15260 deletions
diff --git a/57741-8.txt b/57741-8.txt deleted file mode 100644 index 791f812..0000000 --- a/57741-8.txt +++ /dev/null @@ -1,15260 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Der kleine Dämon, by Fjodor Sologub - -This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most -other parts of the world at no cost and with almost no restrictions -whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der kleine Dämon - -Author: Fjodor Sologub - -Translator: Reinhold von Walter - -Release Date: August 22, 2018 [EBook #57741] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KLEINE DÄMON *** - - - - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - - - Fjodor Ssologub - Der - kleine Dämon - - - - - Der - kleine Dämon - - - Roman - von - Fjodor Ssologub - - Autorisierte Uebertragung aus dem Russischen - von Reinhold von Walter. - - Dritte Auflage. - - - München und Leipzig - bei Georg Müller - 1909 - - - - - I - - -Der Festgottesdienst am Nachmittage war aus und die Kirchenbesucher -gingen auseinander. Innerhalb der steinernen, weißgetünchten Umfriedung -standen noch einige Leute unter den alten Linden und Ahornbäumen und -plauderten. Sie hatten Sonntagskleider an und blickten froh aus den -Augen. Es hatte den Anschein, als wäre das Leben in dieser Stadt ein -friedliches und freundliches, -- ja sogar ein fröhliches. Aber das -schien alles nur so. - -Bei seinen Freunden stand der Gymnasiallehrer Peredonoff. Seine kleinen, -verquollenen Augen schielten verdrießlich durch die goldene Brille, und -er sagte: - -»Sie selbst, die Fürstin Woltschanskaja, hat es der Warja versprochen; -das stimmt jedenfalls. Heiraten Sie ihn nur, hat sie gesagt, dann werde -ich ihm eine Inspektorstelle verschaffen.« - -»Wie kannst du denn Warwara Dmitriewna heiraten?« fragte Falastoff; er -hatte ein rotes Gesicht, »sie ist doch verwandt mit dir! Gibt es so ein -neues Gesetz, daß Verwandte[1] heiraten dürfen?« - -Alle lachten. Das frische, für gewöhnlich gleichmäßig schläfrige Gesicht -Peredonoffs wurde böse. - -[Fußnote 1: Ein nicht wiederzugebendes Wortspiel, denn für »Schwester« -und »Cousine« gilt im Russischen ein Wort.] - -»Kusine im dritten Grade,« fuhr er auf und stierte wütend an seinen -Freunden vorbei. - -»Hat es die Fürstin dir persönlich versprochen?« fragte Rutiloff. Er war -groß, blaß und stutzerhaft gekleidet. - -»Mir nicht, aber Warja,« antwortete Peredonoff. - -»Sieh mal an, und das glaubst du?« sagte Rutiloff lebhaft. »Sagen kann -man alles. Und warum bist _du_ nicht bei der Fürstin gewesen?« - -»Begreife doch, ich ging zusammen mit Warja hin, sie war aber nicht zu -Hause, nur um fünf Minuten kamen wir zu spät,« erzählte Peredonoff, -»aufs Land war sie gefahren und kommt erst nach drei Wochen zurück; ich -konnte ganz unmöglich so lange warten, mußte hierher zurück wegen der -Prüfungen.« - -»Verdächtig ist es doch,« sagte Rutiloff und lachte; dabei sah man seine -angefaulten Zähne. - -Peredonoff wurde nachdenklich. Die übrigen verabschiedeten sich, nur -Rutiloff blieb bei ihm stehn. - -»Das ist selbstverständlich,« sagte Peredonoff, »jede könnte ich -heiraten, wenn ich nur wollte. Warwara ist nicht die einzige.« - -»Natürlich, Ardalljon Borisowitsch, jede würde Sie nehmen,« bestätigte -Rutiloff. - -Sie traten aus der Umfriedung heraus und gingen langsam über den -staubigen, ungepflasterten Platz. - -Peredonoff sagte: - -»Was nur die Fürstin sagen wird; sie wird sich ärgern, wenn ich Warwara -den Laufpaß gebe.« - -»Ach was, die Fürstin,« sagte Rutiloff, »was hast du mit der zu -schaffen! Vor allem soll sie dir die Stelle besorgen, nachher kannst du -dich immer noch herauslügen. Wie stellst du dir das eigentlich vor, so -einfach ins Blaue herein, ohne jede Sicherheit!« - -»Das ist richtig,« gab Peredonoff nachdenklich zu. - -»So sag es auch der Warja,« beredete Rutiloff, »in erster Linie die -Stelle; weiß Gott, großes Vertrauen habe ich nicht zu der Sache. Hast du -aber die Stelle, dann heirate doch wen du willst. Nimm doch eine von -meinen Schwestern; drei sind da, wähle ganz nach Belieben. Es sind -gebildete, kluge Mädchen; ohne zu prahlen, aber so wie Warwara sind sie -nicht. _Die_ reicht ihnen nicht das Wasser!« - -»So,« brummte Peredonoff. - -»Freilich. Was ist an deiner Warwara? Hier, riech mal.« - -Rutiloff bückte sich, pflückte ein behaartes Bilsenkraut, zerquetschte -die Blätter und die schmutzigweißen Blüten in seiner Hand, zerrieb alles -und hielt diesen Brei Peredonoff vor die Nase. Der schnitt eine -Grimasse, so unangenehm schwer war der Geruch. Rutiloff sagte: - -»Zum Zerquetschen und zum Fortwerfen, das ist die ganze Warwara. _Sie_ --- und meine Schwestern! Lieber Freund, das ist ein gewaltiger -Unterschied. Fesche Mädels durch und durch, -- gleichviel welche von den -dreien, schlafen wird dich keine lassen. Dabei jung, sogar die älteste -ist dreimal jünger als deine Warwara.« - -Das alles sagte Rutiloff, seiner Art nach, schnell und fröhlich, -lächelnd; -- er machte einen schwindsüchtigen Eindruck: so -hochaufgeschossen, schmalbrüstig, zerbrechlich, wie er war und unter -seinem neumodischen Hute starrte fast traurig dünnes, kurzgeschorenes -Blondhaar hervor. - -»Ach geh doch, dreimal jünger ...« sagte Peredonoff teilnahmlos. Er nahm -seine goldene Brille ab und wischte an den Gläsern. - -»Freilich ist es so,« sagte Rutiloff lebhaft. »Sieh nur zu und schlaf -nicht, solange ich noch lebe, sonst -- du weißt, sie haben auch ihre -Ehre, -- dann wirst _du_ später wollen, nur zu spät. Allerdings weiß -ich, daß jede von ihnen dich mit größtem Vergnügen heiraten würde.« - -»Ja, hier verlieben sich alle in mich,« prahlte Peredonoff. - -»Nun sieh mal, ergreife den Augenblick,« überredete Rutiloff. - -»Mir kommt es vor allem auf eines an: sie darf nicht mager sein,« sagte -Peredonoff mit einem leisen Ton von Schwermut, »ich möchte eine -dickere.« - -»Da kannst du ruhig sein,« sagte Rutiloff eifrig. »Sie sind schon jetzt -ziemlich rundlich. Haben sie noch nicht den nötigen Umfang, so ist das -gewiß nur zeitweilig. Wenn sie heiraten, gehen sie alle in die Breite. -Zum Beispiel die älteste: Larissa, du weißt ja, sie ist dick wie ein -gemästeter Karpfen.« - -»Ich würde ja heiraten,« sagte Peredonoff, »ich bin nur bange vor dem -großen Skandal, den Warja inszenieren könnte.« - -»Du fürchtest einen Skandal? Dann mach es so,« und Rutiloff lächelte -listig, »heirate gleich, heute noch, oder morgen: dann kommst du nach -Hause mit deiner jungen Frau, -- es ist so einfach. Nein -- wirklich, -- -willst du, ich werde alles Nötige besorgen, zu morgen Abend, -meinetwegen? Welche willst du haben?« - -Peredonoff lachte auf einmal aus vollem Halse, abgerissen und laut. - -»Na, paßt es dir, -- bist du einverstanden -- ja?« fragte Rutiloff. - -Ebenso plötzlich hörte Peredonoff zu lachen auf und sagte finster, -leise, fast flüsternd: - -»Die Kanaille wird mich angeben.« - -»Sie wird dich nicht angeben, da ist ja nichts zum Angeben,« beteuerte -Rutiloff. - -»Oder vergiften,« flüsterte voller Angst Peredonoff. - -»Ich sag dir doch, verlaß dich auf mich,« beredete Rutiloff, »ich werde -dir alles tadellos einrichten.« - -»Ohne Mitgift werde ich doch nicht heiraten,« schrie Peredonoff böse. - -Rutiloff war nicht erstaunt über den neuen Gedankensprung seines -finstren Parten. - -Immer gleich eifrig antwortete er: - -»Merkwürdiger Mensch; glaubst du denn, daß sie ohne Mitgift sind! Also --- ist es abgemacht -- ja? Hör -- ich werde laufen und alles einrichten. -Nur eins, merke wohl: keinem ein Sterbenswörtchen von der Sache! -- -hörst du -- keinem einzigen!« - -Er schüttelte Peredonoff die Hand und eilte davon. Peredonoff blickte -ihm schweigend nach. Er dachte an die Rutiloffschen Mädchen: so lustig -waren sie, so komisch. Ein unkeuscher Gedanke wurde zu einem gemeinen -Lächeln auf seinen Lippen, -- aber nur für einen Augenblick, dann -verschwand es wieder. Eine dunkle Unruhe erfaßte ihn. - -Was nur die Fürstin sagen wird, dachte er. Die da haben die Groschen, -aber keine Protektion, -- heirate ich Warwara, so erhalte ich den -Inspektorposten, später wird man mich zum Direktor ernennen. -- - -Er blickte dem eifrig davoneilenden Rutiloff nach und dachte -schadenfroh: Mag er nur laufen! Und dieser Gedanke gab ihm ein welkes -und schattenhaftes Vergnügen. Es wurde ihm langweilig, allein zu sein, -er drückte den Hut in die Stirn, runzelte die blonden Augenbrauen und -ging schnell nach Hause durch öde, ungepflasterte Straßen, auf denen -weißblumiges, kriechendes Mastkraut, Kresse und in Schmutz getretenes -Gras wucherten. - -Jemand rief ihn schnell und leise. - -»Ardalljon Borisowitsch, kommen Sie zu uns.« - -Peredonoff blickte aus düstern Augen auf und sah böse über das Gitter. -Hinter einem Zaun im Garten stand Natalja Afanasjewna Werschina, eine -kleine, dürre, dunkelfarbige Person, ganz in Schwarz gekleidet und -schwarz waren auch ihre Augen und ihre Brauen. Sie rauchte eine -Zigarette aus einem kleinen dunkelfarbigen Weichselrohr und lächelte so -leichthin, als wüßte sie um Angelegenheiten, von denen man nicht -spricht, über die man aber lächelt. Weniger mit Worten, als mit -leichten, schnellen Bewegungen rief sie Peredonoff in ihren Garten; sie -öffnete das Pförtchen, trat zur Seite, lächelte bittend, fast -vertrauensvoll und bedeutete mit den Händen: Tritt doch ein, was stehst -du da. - -Und Peredonoff trat ein: er fügte sich ihren magischen, lautlosen -Bewegungen. Dann blieb er sofort auf dem Kieswege stehen, auf dem -trocknes Reisig umherlag, -- und sah nach der Uhr. - -»Es ist Frühstückszeit,« brummte er. Die Uhr gehörte ihm schon lange, -aber wie immer in Gegenwart anderer, blickte er voll Wohlgefallen auf -den großen, goldenen Doppeldeckel. Es war zwanzig Minuten vor zwölf. -Peredonoff entschloß sich, kurze Zeit zu bleiben. Verdrießlich ging er -auf den Gartenwegen hinter der Werschina her, vorüber an kahlen -Johannisbeersträuchern, an Himbeerbüschen und Stachelbeerstauden. Reifes -Obst und späte Blumen ließen den Garten ganz bunt erscheinen. Da waren -verschiedene Fruchtbäume, Sträucher und Laub: niedrige weitverzweigte -Apfelstämme, rundblättrige Birnbäume, Linden, Kirschen mit ihren -glatten, glänzenden Blättern, Pflaumen und Je-länger-je-lieber. In den -Hollunderbüschen leuchteten rote Beeren. Am Zaune wucherte dichtgesätes, -sibirisches Geranium: ganz kleine blaßrosa Blüten mit purpurfarbenem -Geäder. Silberdisteln reckten aus den Büschen ihre dunkelroten, -stachligen Köpfchen. Ganz hinten stand ein kleines, graues Holzhaus, ein -Einfamilienhaus, mit einem breit in den Garten vorgebauten Flur. Es sah -lieb und wohnlich aus. Hinter dem Hause konnte man ein Stückchen vom -Gemüsegarten sehen. Da schaukelten vertrocknete Mohnkapseln im Winde, -und große, gelblichweiße Maßliebchen; halbwelke Kronen gelber -Sonnenblumen nickten leise. Mitten unter Küchenkräutern streckten sich -weiße Schierlingsdolden und bleicher, purpurfarbener Storchschnabel. Da -blühte blaßgelber Hahnenfuß und niedriger Löwenzahn. - -»Waren Sie im Vespergottesdienst,« fragte die Werschina. - -»Ja,« antwortete Peredonoff ärgerlich. - -»Eben kam auch Martha zurück,« erzählte die Werschina, »sie geht oft in -unsere Kirche. Das kommt mir so komisch vor: um wessentwillen gehen Sie -eigentlich in _unsere_ Kirche, Martha? fragte ich. Sie wurde rot und -schwieg. Kommen Sie, wollen wir uns in die Laube setzen,« sagte sie -schnell und ohne jeden Uebergang. - -Im Schatten eines breitastigen Ahornbaumes stand eine ganz alte, graue -Laube, -- drei Stufen führten hinauf, -- es war nur eine bemooste Diele, -ein niedriges Geländer und sechs plumpe, geschnitzte Säulen, die das -sechsseitig abfallende Dach stützten. - -In der Laube saß Martha, noch im Sonntagskleide. Es war hell, mit -Bändern verziert und stand ihr nicht. Kurze Aermel ließen ihre eckigen, -roten Ellenbogen und die großen, starken Hände frei. Martha war übrigens -nicht häßlich. Ihre Sommersprossen verunzierten sie nicht. Sie galt -sogar für recht hübsch, besonders unter den Polen, ihren Landsleuten, -und Polen gab es nicht wenige in der Stadt. - -Martha drehte Zigaretten für die Werschina. Ungeduldig wartete sie -darauf, daß Peredonoff sie ansehen würde, und wie er dann entzückt sein -würde. Dieser Wunsch war in einer Miene unruhiger Liebenswürdigkeit auf -ihrem gutmütigen Gesichte zu lesen. Das hatte seinen einfachen Grund -darin, daß Martha in Peredonoff verliebt war. Die Werschina wollte sie -an den Mann bringen, denn Marthas Familie war groß. Schon vor einigen -Monaten, bald nach dem Begräbnis des altersschwachen Mannes der -Werschina, war Martha zu ihr gezogen. Sie wollte sich der Werschina -dankbar erweisen für alle erwiesene Freundlichkeit, auch für all das, -was für ihren Bruder getan wurde. Er war Gymnasiast und lebte ebenfalls -als Gast bei der Werschina. - -Die Werschina und Peredonoff kamen in die Laube. Peredonoff grüßte -verdrießlich und setzte sich; er suchte sich einen Platz aus, der durch -eine der Säulen Schutz vor dem Winde bot, er wollte seine Ohren vor dem -Zugwinde schützen. Er blickte auf Marthas gelbe Schuhe, die mit rosa -Ponpons verziert waren und dachte dabei, daß man ihn zum Heiraten -einfangen wolle. Das dachte er aber immer, wenn er junge Damen sah, die -zu ihm liebenswürdig waren. An Martha sah er nur Nachteiliges, -- viele -Sommersprossen, große Hände, dazu noch die grobe Haut. Er wußte, daß ihr -Vater, ein kleiner polnischer Edelmann, sechs Werst vor der Stadt ein -Gesinde in Pacht hatte; kleine Einkünfte und viele Kinder; Martha hatte -das Progymnasium absolviert, der Sohn besuchte noch das Gymnasium und -die übrigen Kinder waren noch jünger. - -»Kann ich Ihnen Bier anbieten?« fragte die Werschina. - -Auf dem Tische standen Gläser, zwei Flaschen Bier, Grieszucker in einer -Blechdose und daneben lag ein vom Bier benetztes Löffelchen aus -Melchiormetall. - -»Werde trinken,« sagte kurz angebunden Peredonoff. Die Werschina blickte -auf Martha. Martha füllte ein Glas, rückte es zu Peredonoff und dabei -spielte auf ihrem Gesicht ein merkwürdiges Lächeln, halb erschrocken, -halb freudig. Die Werschina sagte rasch -- so, als hätte sie die Worte -ausgestreut: - -»Tun Sie Zucker ins Bier?« - -Martha reichte Peredonoff die Blechdose mit dem Zucker. Aber Peredonoff -sagte ärgerlich: - -»Nein, das ist eine Schweinerei, Bier mit Zucker.« - -»Nicht doch, es schmeckt sehr gut,« sprach eintönig und rasch die -Werschina. - -»Sehr gut schmeckt es,« sagte Martha. - -»Es ist eine Schweinerei«, wiederholte Peredonoff und blickte böse auf -den Zucker. - -»Wie Sie wollen,« sagte die Werschina und im selben Tonfall, ohne eine -Pause zu machen, ohne jeden Uebergang redete sie von anderen Dingen: -»Tscherepin wird langweilig,« sagte sie und lachte. - -Auch Martha lachte, Peredonoff blickte gleichgültig drein: er nahm -keinen Anteil an fremden Angelegenheiten, er liebte die Menschen nicht -und dachte nie anders an sie, als in Verbindung mit seinem eignen -Nutzen. Die Werschina lächelte selbstzufrieden und sagte: - -»Er glaubt, ich würde ihn nehmen.« - -»Er ist ungeheuer frech,« sagte Martha, nicht darum, weil sie das -dachte, sondern weil sie der Werschina etwas Schmeichelhaftes und -Angenehmes sagen wollte. - -»Gestern lauerte er am Fenster,« erzählte die Werschina. »Er hatte sich -in den Garten geschlichen, als wir zu Abend speisten. Unter dem Fenster -stand eine Wassertonne; wir hatten sie in den Regen gestellt, und sie -war voll bis an den Rand. Obendrauf lagen Bretter, so daß man das Wasser -nicht sehen konnte. Er kriecht hinauf und guckt durchs Fenster. Bei uns -brennt die Lampe, so daß er uns sah, wir ihn aber nicht. Auf einmal -hören wir ein Getöse. Ganz erschreckt laufen wir hinaus. Und das war er; -direkt ins Wasser gefallen. Aber noch bevor wir hingekommen waren, hatte -er, naß wie er war, das Weite gesucht, -- und nur auf dem Wege eine -feuchte Spur hinterlassen. Und außerdem erkannten wir ihn noch an seinem -Rücken.« - -Martha lachte fein und fröhlich, so wie ein gut gesittetes Kind lachen -muß. Die Werschina hatte alles schnell und eintönig erzählt, als streute -sie die Worte, -- so pflegte sie immer zu sprechen, -- plötzlich schwieg -sie still, saß ganz ruhig da und lächelte mit dem einen Mundwinkel, -dabei legte sich ihr dürres, dunkles Gesicht in lauter Falten und ihre -vom Zigarettenrauchen geschwärzten Zahnreihen waren leicht geöffnet. -Peredonoff dachte nach und auf einmal lachte er. Das war immer so. Er -verstand einen Witz nie gleich, er war schwerfällig und stumpf für neue -Eindrücke. - -Die Werschina rauchte eine Zigarette nach der andern. Ohne Zigaretten -konnte sie nicht leben. - -»Wir werden bald Nachbarn sein,« erklärte Peredonoff. - -Die Werschina warf einen schnellen Blick auf Martha. Diese wurde ein -wenig rot, blickte in banger Erwartung auf Peredonoff und sah dann -sofort wieder in den Garten. - -»Sie ziehen um?« fragte die Werschina, »warum denn?« - -»Ich lebe zu weit vom Gymnasium,« erklärte Peredonoff. - -Die Werschina lächelte ungläubig. Sie dachte nämlich, daß Peredonoff in -die Nähe von Martha ziehen wolle. - -»Aber Sie leben doch schon seit einigen Jahren in der Wohnung,« sagte -sie. - -»Außerdem ist meine Wirtin ein Aas,« sagte Peredonoff wütend. - -»Wirklich?« fragte die Werschina ungläubig und lächelte schief. - -Peredonoff wurde lebendiger. - -»Neue Tapeten hat sie angekleistert, ganz gemeine Tapeten,« berichtete -er, »kein Stück paßt zum andern. So ist im Speisezimmer über der Tür ein -ganz anderes Muster; -- überall im Zimmer sind gewundene Linien und -Blumen, über der Tür aber glatte Streifen mit Nelken darauf. Außerdem -eine ganz andere Farbe. Wir hatten es zuerst gar nicht bemerkt, da kam -eines Tages Falastoff und lacht. Jetzt lachen alle darüber.« - -»Das glaub ich, so eine Gemeinheit,« stimmte die Werschina bei. - -»Wir sagen ihr nichts davon, daß wir ausziehen,« sagte Peredonoff, und -ließ dabei seine Stimme sinken. »Sobald wir eine Wohnung finden, ziehen -wir um, aber sie darf es nicht wissen.« - -»Das ist selbstverständlich,« sagte die Werschina. - -»Sonst macht sie uns einen Skandal,« sagte Peredonoff, und seine Augen -blickten furchtsam. »Da soll man ihr noch für einen Monat den Zins -zahlen; für so ein Loch.« - -Peredonoff lachte aus vollem Halse vor lauter Freude, daß er ausziehen -würde ohne den Zins bezahlt zu haben. - -»Sie wird ihn eintreiben lassen,« bemerkte die Werschina. - -»Mag sie, sie bekommt nichts,« sagte Peredonoff trotzig. »Wir waren nach -Petersburg gefahren und während der Zeit stand die Wohnung leer.« - -»Ja, aber die Wohnung gehörte doch Ihnen,« sagte die Werschina. - -»Was ist denn dabei. Sie mußte renoviert werden; sind wir denn -verpflichtet, für eine Zeit zu zahlen, in der wir die Wohnung gar nicht -benutzen konnten? Und dann vor allem, -- sie ist unglaublich frech.« - -»Na, frech ist Ihre Wirtin darum, weil Ihr ... Schwesterchen ein etwas -zu heftiges Temperament hat,« sagte die Werschina mit einer leichten -Betonung auf dem Worte »Schwesterchen«. - -Peredonoff runzelte die Stirn und blickte mit halbverschlafenen Augen -stumpf vor sich hin. Die Werschina fing von andern Dingen zu reden an. -Peredonoff zog aus seiner Tasche ein Bonbon, wickelte es aus der -Papierhülle und kaute es. Zufällig blickte er auf Martha und dachte -dabei, daß sie ihn beneide, und daß auch sie gern ein Bonbon essen -würde. - -Soll ich ihr geben oder nicht, dachte Peredonoff, -- nein, wozu. Oder -soll ich ihr doch geben, sonst denken sie am Ende ich wäre geizig. Sie -werden denken: er hat so viele, seine Taschen sind ganz voll. - -Und er zog eine Handvoll Bonbons aus der Tasche. - -»Da haben Sie,« sagte er und reichte die Bonbons erst der Werschina, -dann Martha, »es sind gute Bonbons, sie sind teuer; dreißig Kopeken habe -ich für das Pfund gezahlt.« - -Sie nahmen je ein Stück. Er sagte: - -»Nehmen Sie doch mehr. Ich habe viele, und die Bonbons sind gut, -- -etwas Schlechtes werde ich nicht essen.« - -»Danke, ich will nicht mehr,« sagte die Werschina rasch und ohne -Ausdruck. - -Und dasselbe wiederholte dann Martha, nur ein wenig unsicher. Peredonoff -blickte sie mißtrauisch an und sagte: - -»Wie? -- Sie wollen nicht? Da -- nehmen Sie!« - -Und von dem ganzen Haufen behielt er ein Bonbon für sich, und legte alle -andern vor Martha hin. Martha lächelte schweigend und neigte ihren Kopf. - -Unhöfliche Person, dachte Peredonoff, sie versteht nicht einmal zu -danken. - -Er wußte nicht, was er mit Martha sprechen sollte. Er hatte kein -Interesse für sie, ebensowenig wie für einen beliebigen Gegenstand, zu -dem er weder ein angenehmes noch ein unangenehmes persönliches -Verhältnis hatte. - -Der Rest des Bieres wurde in Peredonoffs Glas gegossen. Die Werschina -blickte auf Martha. - -»Ich werde Bier holen,« sagte Martha. Sie erriet immer, was die -Werschina wollte. - -»Schicken Sie doch Wladja, er ist im Garten,« sagte die Werschina. - -»Wladislaus!« rief Martha. - -»Hier,« antwortete der Knabe, sofort aus nächster Nähe, als hätte er -gehorcht. - -»Bring zwei Flaschen Bier,« sagte Martha, »es steht im Flur auf der -Truhe.« - -Bald kam Wladislaus fast lautlos zur Laube gelaufen, reichte Martha die -zwei Flaschen durchs Fenster und machte eine Verbeugung vor Peredonoff. - -»Guten Tag,« sagte Peredonoff rauh, »wieviel Flaschen Bier haben Sie -heute ausgepfiffen?« - -Wladislaus lachte gezwungen und sagte: - -»Ich trinke kein Bier.« - -Er war ein Junge von vierzehn Jahren, hatte so wie Martha, -Sommersprossen im Gesicht und sah ihr auch sonst ähnlich; er hatte -ungewandte, eckige Bewegungen und trug eine Joppe aus grober Leinewand. - -Martha flüsterte mit ihrem Bruder. Beide lachten. Peredonoff blickte -argwöhnisch nach ihnen. Wenn man in seiner Gegenwart lachte, ohne daß er -wußte worüber, so nahm er immer an, daß man sich über ihn lustig mache. -Die Werschina wurde unruhig. Schon wollte sie Martha berufen, als -Peredonoff gereizt fragte: - -»Worüber lachen Sie?« - -Martha zuckte zusammen, und wußte nicht, was sie sagen sollte. -Wladislaus lächelte, blickte auf Peredonoff und errötete. - -»Es ist unhöflich, zu lachen, wenn Gäste dabei sind,« betonte -Peredonoff. »Lachen Sie über mich?« fragte er. - -Martha wurde rot und Wladislaus erschrak. - -»Verzeihen Sie,« sagte Martha, »wir haben gar nicht über Sie gelacht; -das waren so unsere Geschichten.« - -»Wohl ein Geheimnis?« sagte Peredonoff aufgebracht. »In Gegenwart von -Gästen ist es unhöflich, Geheimnisse zu besprechen.« - -»Nicht gerade ein Geheimnis,« sagte Martha, »wir lachten nur, weil -Wladja barfuß ist, und nicht hereinkommen will; er geniert sich.« - -Peredonoff beruhigte sich, scherzte mit Wladja und schenkte ihm ein -Bonbon. - -»Martha, bringen Sie mein schwarzes Tuch,« sagte die Werschina, »und -werfen Sie einen Blick in die Küche, wie es um die Pasteten steht.« - -Gehorsam ging Martha hinaus. Sie begriff, daß die Werschina mit -Peredonoff reden wollte und war froh, daß sie sich nicht zu beeilen -brauchte. Sie war etwas träge. - -»Und du gehst etwas weiter,« sagte die Werschina zu Wladja, »was hast du -dich hier herumzutreiben?« - -Wladja lief fort, und man hörte, wie der Sand unter seinen Füßen -knirschte. Die Werschina blickte vorsichtig und rasch auf Peredonoff. Er -saß schweigend da, blickte trübe vor sich hin und kaute an einem Bonbon. -Es war ihm angenehm, daß die beiden fortgegangen waren, -- sonst hätten -sie vielleicht wieder gelacht. Obgleich er bestimmt wußte, daß nicht -über ihn gelacht worden war, empfand er doch ein stilles Unbehagen, so -wie man noch lange nachher einen unangenehm stechenden Schmerz verspürt, -wenn man sich an Nesseln verbrannt hat. - -»Warum heiraten Sie nicht?« fragte die Werschina plötzlich. »Worauf -warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch? Verzeihen Sie, wenn ich's grade -heraussage, Warwara paßt nicht zu Ihnen.« - -Peredonoff strich mit der Hand über sein etwas in Unordnung geratenes, -braunes Haar und sagte unnahbar und selbstbewußt: - -»Hier wird sich keine für mich finden.« - -»Sagen Sie nicht,« antwortete die Werschina und lachte schief. »Hier -gibt es viele, die bei weitem besser sind, als diese Person. Und jede -wird Sie heiraten wollen.« - -Mit einer energischen Bewegung strich sie die Asche von ihrer Zigarette, -als hätte sie irgendwo ein Ausrufungszeichen zu setzen. - -»Jede ist mir aber noch lange nicht recht,« antwortete Peredonoff. - -»Es ist ja auch nicht von jeder x-beliebigen die Rede,« entgegnete -schnell die Werschina. »Sie brauchen doch auf keine Mitgift zu rechnen, -und da wüßte ich ein feines Mädchen grade für Sie. Sie haben ja, Gott -sei Dank, ein gutes Auskommen.« - -»Nein,« antwortete Peredonoff, »für mich ist es vorteilhafter, Warwara -zu heiraten. Die Fürstin hat ihr ihre Protektion versprochen. Sie wird -mir eine gute Stelle verschaffen.« Er sagte es mit trotziger Sicherheit. - -Die Werschina lächelte leichthin. Ihr ganzes faltiges, dunkelfarbiges, -vom Zigarettendampf gleichsam durchräuchertes Gesichtchen drückte -herablassendes Mißtrauen aus: - -»Hat sie Ihnen das gesagt, ich meine die Fürstin selber?« fragte sie, -mit Betonung auf dem Worte »Ihnen«. - -»Nicht mir, aber Warwara,« gestand Peredonoff, »das ist doch ganz -dasselbe.« - -»Sie verlassen sich zu sehr auf die Worte Ihres »Schwesterleins«,« sagte -die Werschina spöttisch. »Sagen Sie mal, ist sie viel älter als Sie? So -etwa um fünfzehn Jahre? Am Ende noch mehr? Sie muß doch an die fünfzig -sein.« - -»Ach, gehen Sie doch,« sagte Peredonoff ärgerlich, »sie ist noch nicht -dreißig.« - -Die Werschina lachte. - -»Ach, wirklich,« redete sie weiter mit offenkundigem Spott in der -Stimme. »So, dem Aussehen nach ist sie viel älter als Sie. Allerdings, -es ist ja nicht meine Sache, immerhin: es täte mir leid, wenn so ein -charmanter junger Mann, wie Sie, nicht so leben kann, wie er es verdient -hätte, nicht allein seiner Schönheit wegen, sondern vor allem wegen -seiner reichen seelischen Veranlagung.« - -Peredonoff blickte selbstgefällig an seiner Figur herunter. Aber sein -frisches Gesicht zeigte kein Lächeln, und es schien, als fühlte er sich -gekränkt, daß nicht alle Menschen ihm das gleiche Verständnis -entgegenbrächten, wie die Werschina. Die Werschina aber fuhr fort: - -»Sie werden es auch ohne Protektion weit bringen. Wie sollen Ihre -Vorgesetzten Sie nicht richtig einschätzen! Was hängen Sie an der -Warwara? Ebenso die Rutiloffschen Damen, -- nehmen Sie keine von denen; -es sind leichtsinnige Mädchen, Sie brauchen aber eine gleichmäßige Frau. -Würden Sie doch beispielsweise Martha heiraten.« - -Peredonoff sah nach der Uhr. - -»Ich muß nach Hause,« sagte er und stand auf, um sich zu verabschieden. - -Die Werschina glaubte, daß Peredonoff nur darum fortginge, weil sie an -einen wunden Punkt gerührt hätte, und daß er bloß aus Unentschlossenheit -im gegebenen Augenblick nicht von Martha sprechen wolle. - - - - - II - - -Peredonoffs Konkubine, Warwara Dmitriewna Malochina, wartete auf ihn. -Sie war unordentlich gekleidet, dafür sorgfältig geschminkt und -gepudert. - -Zum Frühstück wurde Peredonoffs Lieblingsgericht, kleine Pasteten mit -Saft, gebacken. Auf hohen Absätzen lief Warwara schwerfällig und -geschäftig in der Küche hin und her. Sie beeilte sich alles fertig zu -haben noch bevor er kam. Warwara fürchtete die Langfingrigkeit ihres -Dienstmädchens, einer pockennarbigen, dicken Person, Natalie mit Namen, --- sie hätte z. B. einen Kuchen stehlen können, -- vielleicht sogar -einige. Darum getraute sie sich nicht die Küche zu verlassen und schalt -auf die Magd; aber das tat sie gewöhnlich. Ihr faltiges Gesicht, das die -Spuren vergangener »Hübschigkeit« trug, hatte immer und unveränderlich -einen mürrisch-habgierigen Zug. - -Peredonoff war, wie gewöhnlich, wenn er nach Hause kam, gelangweilt und -unzufrieden. Sehr laut trat er ins Speisezimmer, warf seinen Hut auf die -Fensterbank, setzte sich an den Tisch und rief: - -»Warja! bring das Essen!« - -Warwara brachte das Essen aus der Küche; geschwind hinkte sie auf ihren -zu engen Schuhen heran und bediente Peredonoff. Als sie den Kaffee -gebracht hatte, beugte sich Peredonoff über das dampfende Glas und roch -daran. Warwara wurde unruhig und fragte erschrocken: - -»Was ist los, Ardalljon Borisowitsch? Riecht der Kaffee?« - -Peredonoff blickte sie finster an und sagte böse: - -»Ich rieche, ob vielleicht Gift dabei ist.« - -»Aber um Gotteswillen, Ardalljon Borisowitsch!« sagte Warwara -erschrocken, »was ist dir nur, wie kommst du auf solche Gedanken?« - -»Du hast da einen Gifttrank gebraut!« brummte er. - -»Was soll ich davon haben, dich zu vergiften,« beteuerte Warwara, »laß -doch die Possen!« - -Peredonoff roch wiederholt am Kaffee, endlich beruhigte er sich und -sagte: - -»Wenn Gift dabei ist, so kann man es gleich am schweren Geruch merken, --- man muß nur aus nächster Nähe dran riechen, so am Dampf.« - -Dann schwieg er einen Augenblick und fuhr bösartig höhnend auf: - -»Die Fürstin!« - -Warwara wurde aufgeregt. - -»Die Fürstin? Was ist los mit der Fürstin?« - -»Das ist los mit der Fürstin!« sagte Peredonoff, »mag sie mir erst die -Stelle verschaffen, dann werde ich meinethalben heiraten. Schreib ihr -das!« - -»Du weißt doch, Ardalljon Borisowitsch,« überredete Warwara, »daß die -Fürstin ihr Versprechen nur unter der Bedingung gab, daß du mich -heiratest. Sonst ist es ihr unbequem, sich für dich zu verwenden.« - -»Schreib ihr, daß wir schon verheiratet sind,« sagte Peredonoff rasch -und freute sich über den neuen Einfall. - -Warwara kam für einen Augenblick aus der Fassung, dann fand sie sich und -sagte: - -»Warum lügen? Die Fürstin könnte sich erkundigen. Viel besser wäre es, -wenn du den Hochzeitstag bestimmtest. Es ist sowieso an der Zeit, daß -ich mir ein neues Kleid anschaffe.« - -»Was für ein Kleid?« fragte Peredonoff verdrießlich. - -»Ja, soll ich mich denn in diesen Lumpen trauen lassen?« schrie Warwara. -»Gib doch endlich mal Geld für ein neues Kleid, Ardalljon Borisowitsch.« - -»Willst wohl dein Leichenhemd nähen?« fragte Peredonoff boshaft. - -»Du Rindvieh, das bist du, Ardalljon Borisowitsch!« zeterte Warwara. - -Plötzlich fiel es Peredonoff ein, Warwara zu necken. Er fragte: - -»Weißt du, Warwara, wo ich war?« - -»Na, wo denn?« fragte Warwara unruhig. - -»Bei der Werschina,« sagte er und lachte. - -»Eine nette Gesellschaft für dich, jawohl,« rief Warwara böse. - -»Ich habe Martha gesehen,« fuhr Peredonoff fort. - -»Dies sommersprossige Weib, ein Maul bis an die Ohren, so ein richtiges -Froschmaul,« sagte Warwara wütend. - -»Hübscher als du ist sie jedenfalls,« sagte Peredonoff. »Ich werde sie -heiraten, was ist denn dabei?« - -»Ja, heirate sie nur,« schrie Warwara. Sie wurde ganz rot im Gesicht und -zitterte vor Wut, »ich spritze ihr Vitriol in die Augen.« - -»Du bist grade zum Anspucken gut genug,« sagte Peredonoff ruhig. - -»Du wirst dich nicht unterstehen!« schrie Warwara. - -»Doch,« sagte Peredonoff. - -Er stand auf und in gleichgültigem Stumpfsinn spuckte er ihr gerade ins -Gesicht. - -»Du Schwein!« sagte Warwara ziemlich ruhig, als hätte sie sein Speichel -erfrischt. - -Dann wischte sie mit der Serviette über ihr Gesicht. Peredonoff schwieg. -In der letzten Zeit behandelte er sie roher als sonst. Aber auch früher -hatte er sie schlecht genug behandelt. Durch sein Schweigen ermutigt, -sagte sie lauter: - -»Wahrhaftig, du bist ein Schwein; grade ins Maul hast du getroffen.« - -Im Vorhause ließ sich eine blökende, schafähnliche Stimme vernehmen. - -»Brüll nicht,« sagte Peredonoff, »Gäste kommen.« - -»Ach ja, das ist Pawluschka,« sagte Warwara schmunzelnd. - -Laut und fröhlich lachend trat Pawel Wolodin ein. Es war ein junger -Mann, der im Gesicht und in seinen Bewegungen einem Schafe auffallend -ähnlich sah: sein Haar war wollig, wie bei einem Schafe, seine Augen -vortretend und dumm, wie bei einem lebenslustigen Lamm. Es war ein -dummer, junger Mensch. Er war Tischler, hatte früher eine -Handwerkerschule besucht, und war jetzt als Lehrer seines Handwerks in -der Volksschule angestellt. - -»Bruderherz, Ardalljon Borisowitsch,« rief er erfreut, »du bist zu -Hause, und schlürfst Kaffee; da bin ich grade recht gekommen.« - -»Nataschka, bring einen dritten Löffel,« rief Warwara. - -Man konnte hören, wie Natalie in der Küche mit dem letzten -nachgebliebenen Löffel herumwirtschaftete; alles Silberzeug wurde -verschlossen. - -»Iß doch, Pawluschka,« sagte Peredonoff und man konnte merken, daß er -die Absicht hatte, Wolodin ordentlich zu füttern, »weißt du, Freund, ich -werde bald Inspektor werden, die Fürstin hat es Warja versprochen.« - -Wolodin strahlte und lachte. - -»Aha, der Herr Inspektor _in spe_ trinkt seinen Kaffee,« sagte er laut -und klopfte Peredonoff auf die Schulter. - -»Glaubst du vielleicht, daß es so einfach ist, Inspektor zu werden?« -sagte Peredonoff, »man wird irgendwie verstänkert und dann ist es aus.« - -»Was ließe sich denn zu deinen Ungunsten sagen?« fragte Warwara -schmunzelnd. - -»Was weiß ich! Wenn man zum Beispiel erzählte, ich hätte den Pissareff -gelesen -- ich wäre geliefert.« - -»Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch, tun Sie doch den Pissareff in -irgend eine der hinteren Bücherreihen,« riet Wolodin kichernd. - -Peredonoff schielte vorsichtig auf Wolodin und sagte: - -»Den Pissareff, den habe ich am Ende niemals besessen. Willst du einen -Schnaps, Pawluschka?« - -Wolodin reckte die Unterlippe vor, machte ein bedeutendes Gesicht, so -als verstände er es die Leute einzuschätzen und sagte, in seiner -Schafsmanier den Kopf vorbeugend: - -»Zur Gesellschaft? es sei, da bin ich immer bereit; sonst, allein für -mich: keinen Tropfen.« - -Auch Peredonoff war immer bereit, einen Schnaps zu trinken. Man trank -einen Schnaps und aß zum Aufbiß die süßen Pastetchen. - -Auf einmal spritzte Peredonoff den Rest seines Kaffeeglases an die -Tapete. Wolodin glotzte erstaunt aus seinen schafigen Aeuglein und -blickte verwundert um sich. Die Tapeten waren schmierig und zerfetzt. - -Wolodin sagte: - -»Was haben Sie da für Tapeten?« - -Peredonoff und Warwara grinsten. - -»Das tun wir so, um die Wirtin zu ärgern,« sagte Warwara, »wir werden -bald ausziehen. Aber sprechen Sie nicht davon.« - -»Ganz famos,« rief Wolodin und lachte ausgelassen. - -Peredonoff ging dicht an die Wand heran und bearbeitete sie mit seinen -Absätzen. Wolodin folgte seinem Beispiel und begann auszuschlagen. -Peredonoff sagte: - -»Wenn wir umziehen, machen wir es immer so; bedrecken einfach die Wände, --- mag sie ein Andenken haben.« - -»Was für wunderbare Muster Sie da hereingebracht haben,« rief Wolodin -begeistert. - -»Irischka wird die Augen aufreißen,« sagte Warwara und lachte trocken -und boshaft. - -Und alle drei stellten sich an die Wand, spuckten sie an, zerfetzten die -Tapete und bearbeiteten sie mit ihren Stiefelsohlen. Dann wurden sie -müde und gingen befriedigt an ihre Plätze. - -Peredonoff bückte sich und nahm den Kater auf den Schoß. Der Kater war -dick, weiß und garstig. Peredonoff quälte ihn, zerrte ihn an den Ohren, -am Schwanz und schüttelte ihn am Halse. Wolodin lachte sehr fröhlich und -sagte Peredonoff, was sich noch alles anstellen ließe. - -»Blasen sie ihm in die Augen, Ardalljon Borisowitsch; streicheln sie ihm -das Fell gegen den Strich.« - -Der Kater prustete und bemühte sich, loszukommen, aber er wagte nicht -die Krallen zu zeigen, dafür kriegte er entsetzliche Prügel. Endlich -wurde diese Unterhaltung Peredonoff langweilig, und er warf den Kater in -die Ecke. - -»Hör mal, Ardalljon Borisowitsch, was ich dir sagen wollte,« begann -Wolodin. »Den ganzen Weg über dachte ich daran, es nicht zu vergessen, -nun habe ich es fast ausgeschwitzt.« - -»Was denn?« fragte Peredonoff gelangweilt. - -»Ich weiß, du ißt gerne Süßigkeiten,« sagte Wolodin fröhlich, »da ist so -ein süßes Gericht, na, du wirst dir die Finger lecken.« - -»Ich kenne alle süßen Gerichte,« sagte Peredonoff. - -Wolodin setzte eine gekränkte Miene auf. - -»Vielleicht,« sagte er, »freilich kennen Sie alle süßen Gerichte, welche -in Ihrer Heimat gegessen werden, aber wie sollten Sie alle die süßen -Gerichte kennen, die in meiner Heimat gekocht werden, denn Sie waren -doch niemals in meiner Heimat?« - -Und zufrieden mit seiner überzeugenden Darlegung, lachte Wolodin und -meckerte. - -»In deiner Heimat werden krepierte Katzen gefressen,« sagte Peredonoff -böse. - -»Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch,« entgegnete Wolodin mit -pipsender, lachender Stimme, »das ist vielleicht in Ihrer Heimat so, daß -man krepierte Katzen zu essen pflegt; darüber wollen wir nicht streiten, -aber doch: Jerli's haben Sie sicher nicht gegessen.« - -»Nein, die hab ich nicht gegessen,« gestand Peredonoff. - -»Das ist was ganz Besonderes,« erklärte Wolodin, »wissen Sie, was -Kutja[2] ist?« - -»Wer sollte das nicht wissen,« sagte Warwara schmunzelnd. - -»Also merken Sie auf: Kutja aus Weizen, mit Rosinchen darin und Mandeln -und mit Zucker, -- das sind Jerli's.« - -Und Wolodin berichtete ausführlich, wie in seiner Heimat Jerli's -zubereitet würden. Peredonoff hörte ihm gelangweilt zu. »Was will der -Pawluschka eigentlich, will er zu meinem Leichenschmaus Kutja essen?« - -Wolodin machte einen Vorschlag: - -»Wenn Sie wollen, daß es richtig zubereitet wird, so geben Sie mir das -nötige Material, und ich werde Ihnen Jerli's kochen.« - -»Das wäre: den Bock zum Gärtner machen!« sagte Peredonoff mürrisch. Er -wird Gift dazuschütten, dachte er bei sich. - -[Fußnote 2: Ein Gericht aus Graupen oder Reis mit Honig und Rosinen, -welches bei einer Totenfeier zum Einsegnen in die Kirche gebracht und -später gegessen wird.] - -Wolodin fühlte sich wieder gekränkt. - -»Wenn Sie glauben, daß ich bei Ihnen Zucker klemmen will, Ardalljon -Borisowitsch, so irren Sie, Ihren Zucker brauche ich nicht.« - -»Wozu die Albernheiten,« unterbrach Warwara, »Sie wissen doch, er hat -seine Launen. Kommen Sie nur und kochen Sie.« - -»Dann mag er es selber fressen,« sagte Peredonoff. - -»Warum denn das?« fragte mit gekränkter, zitternder Stimme, Wolodin. - -»Darum, weil es eine Schweinerei ist.« - -»Wie Sie wünschen, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Wolodin und zuckte die -Achseln, »ich wollte es Ihnen recht machen, aber wenn Sie nicht wollen, -dann tun Sie eben, was Sie wollen.« - -»Und wie hat dich der General abfahren lassen?« fragte Peredonoff. - -»Was für ein General?« fragte Wolodin zurück und wurde rot. Ganz -beleidigt schob er die Unterlippe vor. - -»Wir haben doch davon gehört,« sagte Peredonoff. - -Warwara schmunzelte. - -»Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Wolodin lebhaft, »Sie -haben davon gehört, ja freilich, aber es könnte sein, daß Sie nicht das -Richtige gehört haben. Ich will Ihnen erzählen, wie sich die ganze Sache -verhalten hat.« - -»Also los,« sagte Peredonoff. - -»Das war vorgestern,« erzählte Wolodin, »grade um dieselbe Stunde, wie -eben. Sie wissen, daß die Werkstatt in unserer Schule renoviert wird. -Nun, bitte merken Sie auf, kommt Weriga zusammen mit unsrem Inspektor -zur Besichtigung. Wir arbeiten grade in einem der hinteren Zimmer. -Schön. Ich kümmere mich gar nicht darum, weswegen der Weriga eigentlich -kommt; was er da zu suchen hat, geht mich nichts an. Freilich, ich wußte -ja, daß er Adelsmarschall ist; immerhin hat er gar keine Fühlung zu -unsrer Schule, -- aber daran will ich nicht rühren. Mag er kommen, wenn -er Lust hat. Wir störten sie nicht, und arbeiteten so ganz gemächlich. -Auf einmal treten die beiden bei uns ein, und der Weriga, -- ich bitte -das zu beachten, -- behält seine Mütze auf.« - -»Damit wollte er dir seine Mißachtung bezeigen,« sagte mürrisch -Peredonoff. - -Ganz erfreut griff Wolodin diese Bemerkung auf: »Nun sehen Sie, außerdem -hängt noch in unsrer Stube ein Heiligenbild, und wir alle waren ohne -Kopfbedeckung; er hingegen kommt herein, wie ein Heide. Also ich -erlaubte mir, zu bemerken, leise und ehrerbietig: Exzellenz, sage ich, -haben Sie die Güte, ihre Mütze abzunehmen, darum, sage ich, weil hier -das Heiligenbild hängt. War das nicht recht gesagt?« fragte Wolodin und -rollte die Augen vor. - -»Sehr gewandt, Pawluschka,« bemerkte Peredonoff, »das war gut -getrumpft.« - -»Natürlich,« pflichtete Warwara bei, »so was darf man nicht dulden. Sie -sind ein fixer Kerl, Pawel Wassiljewitsch!« - -Wolodin fuhr mit der Miene eines schuldlos Gekränkten in seiner -Erzählung fort: - -»Und daraufhin geruhte er nur zu sagen: Schuster, bleib bei deinem -Leisten, -- kehrte mir den Rücken und ging. Das ist die ganze -Geschichte. Weiter nichts!« - -Wolodin fühlte sich immerhin als Held. Peredonoff gab ihm zur Beruhigung -ein Bonbon. - -Dann kam noch ein Besuch: Sophja Jefimowna Prepolowenskaja, die Frau -eines Unterförsters. Sie war dick, hatte ein gutmütig-listiges Gesicht -und segelnde Bewegungen. Auch sie wurde genötigt, mitzuessen. -Hinterlistig bemerkte sie zu Wolodin: - -»Sagen Sie doch, Pawel Wassiljewitsch, man sieht Sie ja recht oft bei -Warwara Dmitriewna?« - -»Sie entschuldigen,« antwortete Wolodin, »ich bin keineswegs zu Warwara -Dmitriewna, sondern zu Ardalljon Borisowitsch gekommen.« - -»Haben Sie sich verliebt?« spottete die Prepolowenskaja. - -Alle wußten, daß Wolodin nach einer Braut mit größerer Mitgift suchte. -Er hatte schon oft angehalten, aber immer Körbe bekommen. Der Scherz der -Prepolowenskaja schien ihm unpassend zu sein. Mit bebender Stimme und in -seiner Wut ganz einem gekränktem Schafe gleichend, sagte er: - -»Wenn ich mich verliebt haben sollte, Sophja Jefimowna, so geht das -keinen Menschen was an, ausgenommen mich und das betreffende Mädchen: -Sie hingegen sind in Ihrer Art und Weise zudringlich.« - -Aber die Prepolowenskaja ließ nicht locker. - -»Passen Sie nur auf,« sagte sie, »wenn Warwara Dmitriewna sich in Sie -verlieben wird, wer soll dann für Ardalljon Borisowitsch die süßen -Pastetchen backen?« - -Wolodin reckte die Lippen vor, zog die Augenbrauen hoch und wußte nicht, -was er antworten sollte. - -»Seien Sie doch nicht so schüchtern. Pawel Wassiljewitsch,« fuhr die -Prepolowenskaja fort, »warum sollten Sie nicht heiraten? Sie sind jung, -Sie sehen gut aus.« - -»Aber vielleicht will Warwara Dmitriewna nicht,« sagte Wolodin und -kicherte. - -»Wie sollte sie nicht«, antwortete die Prepolowenskaja, »Sie sind zu -unrechter Zeit bescheiden.« - -»Aber wenn ich selber nicht wollen sollte,« sagte Wolodin ganz verlegen. -»Vielleicht ist es so, daß ich ein fremdes Schwesterchen gar nicht -heiraten will. Vielleicht gibt es in meiner Heimat irgend eine -heranwachsende Nichte zweiten Grades für mich.« - -Schon fing er an zu glauben, daß Warwara nicht abgeneigt wäre, ihn zu -nehmen. Warwara wurde böse. Sie hielt Wolodin für einen ausgemachten -Esel; zudem hatte er ein viermal geringeres Einkommen als Peredonoff. -Die Prepolowenskaja ihrerseits wollte Peredonoff an ihre Schwester, eine -fette Popenwitwe, verkuppeln. Darum bemühte sie sich auch, Peredonoff -und Warwara zu entzweien. - -»Warum wollen Sie mich verkuppeln,« fragte Warwara ärgerlich, »besorgen -Sie doch lieber die Heirat zwischen Pawel Wassiljewitsch und Ihrer -jüngsten Schwester.« - -»Ich werde ihn Ihnen doch nicht abspenstig machen,« entgegnete scherzend -die Prepolowenskaja. - -Die Scherze der Prepolowenskaja hatten dem langsamen Gedankengang -Peredonoffs eine andere Richtung gegeben. Die Erinnerung an die Jerli -war ihm fest haften geblieben. Was hatte Wolodin für einen Grund, von -dieser Speise zu erzählen? Peredonoff liebte es nicht, zu grübeln. Im -ersten Augenblick glaubte er alles, was man ihm sagte. So glaubte er -auch, daß Wolodin in Warwara verliebt wäre. Er überlegte so: sie wollen -mich umgarnen, dann, -- wenn es dazu kommt, daß ich in einer anderen -Stadt Inspektor werden soll, werden Sie mich unterwegs mit diesen Jerlis -vergiften, und an meine Stelle tritt dann Wolodin; man wird mich -beerdigen, und Wolodin wird Inspektor. Wahrhaftig! schlau haben sie sich -das ausgedacht. - -Plötzlich hörte man im Vorzimmer Lärm. Peredonoff und Warwara -erschraken: Peredonoff richtete seine zusammengekniffenen Augen starr -auf die Tür, Warwara schlich zur Tür, die in den Saal führte, öffnete -sie ein wenig, blickte hinein, und dann kehrte sie ebenso leise auf den -Fußspitzen, mit den Händen balancierend und verlegen lächelnd zum Tisch -zurück. Aus dem Vorzimmer hörte man schrilles Rufen und Schreien, so als -wäre dort eine Prügelei. Warwara flüsterte: - -»Es ist die Jerschicha -- vollständig betrunken --, Natascha läßt sie -nicht herein. Aber sie drängt mit aller Gewalt in den Saal.« - -»Was sollen wir tun?« fragte Peredonoff ängstlich. - -»Wir müssen in den Saal gehen,« entschied Warwara, »damit sie nicht -herkommt.« - -Man ging in den Saal, und die Türe zum Speisezimmer wurde geschlossen. -Warwara ging ins Vorhaus. Sie hoffte im stillen die Hauswirtin dort -aufhalten zu können oder sie in die Küche zu expedieren. Aber das -niederträchtige Weib drängte nur so in den Saal herein. Sie stemmte ihre -Fäuste in die Seiten, blieb an der Schwelle stehen und begann als erste -allseitige Begrüßung zu schimpfen. Peredonoff und Warwara bemühten sich -um sie und versuchten sie auf einen Stuhl in der Nähe des Vorhauses und -weitab vom Speisezimmer festzunageln. Warwara brachte ihr aus der Küche -auf einem Teebrett Bier, Schnaps und Pasteten. Allein die Hauswirtin -setzte sich nicht, aß nichts und drängte mit Gewalt ins Speisezimmer; -nur die Türe konnte sie nicht finden. Sie war ganz rot im Gesicht, -zerzaust, schmutzig und roch schon von weitem nach Schnaps. Sie brüllte: - -»Nein, du mußt mich an deinen Speisetisch führen. Warum bringst du mir -das Essen auf einem Teebrett. Ich will ein Tischtuch vor mir haben. Ja --- ich bin die Hauswirtin! Du mußt mich in Ehren bewirten. Du -- sieh -mich nicht so an, weil ich besoffen bin. Dafür bin ich ein ehrliches -Weib! ich bin meinem Manne rechtmäßig angetraut.« Warwara lächelte -gemein und feig. Sie sagte: - -»Das wissen wir schon.« - -Die Jerschowa blinzelte Warwara an, lachte heiser und schwippte frivol -mit den Fingern. Sie wurde immer dreister und frecher. - -»Seine Schwester?« schrie sie, »wir kennen das, -- schöne Schwester das! -Warum besucht dich die Frau des Direktors nicht? He! -- warum?« - -»Du, brüll mal nicht,« sagte Warwara. - -Aber die Jerschowa zeterte noch lauter: - -»Was hast du mir zu befehlen? Hier in meinem Hause kann ich tun, was ich -will. Wenn es mir paßt, so werfe ich euch gleich hinaus, um euren -Dunstkreis loszusein. Ich will euch aber eine Gnade erweisen: lebt wie -ihr wollt, aber wagt es nur euch aufzuspielen!« - -Wolodin und die Prepolowenskaja hatten sich indes ganz bescheiden an ein -Fenster gedrückt und verhielten sich still. Die Prepolowenskaja -schmunzelte ein wenig, schielte ab und zu auf das keifende Weib, stellte -sich aber so, als blickte sie auf die Straße. - -Wolodin saß da mit einer Miene gekränkter Erhabenheit. - -Die Jerschowa wurde für eine Zeit menschenfreundlich, grinste fröhlich -in trunkenem Mut, klopfte Warwara auf die Schulter und sagte -freundschaftlich: - -»Du -- hör mal, was ich dir sagen will --, du mußt mich an deinen -Speisetisch führen und mich gebildet unterhalten. Du mußt mir etwas -Süßes zum Essen geben, du mußt deine Hauswirtin ehrenvoll bewirten! ja, -das mußt du, du mein liebes Mädchen.« - -»Da hast du Pasteten,« sagte Warwara. - -»Ich will keine Pasteten; ich will dasselbe essen, was die Herrschaften -essen,« schrie die Jerschowa, fuchtelte mit den Händen und lachte selig, -»so süßes Backwerk essen die Herrschaften -- ach, so süß!« - -»Ich habe kein Backwerk für dich,« antwortete Warwara. Sie wurde -mutiger, weil die Hauswirtin lustig geworden war, »schau mal, man gibt -dir Pasteten, dann mußt du sie essen.« - -Plötzlich hatte die Jerschowa die Tür zum Speisezimmer entdeckt. In -toller Wut heulte sie auf: - -»Gib den Weg frei, du Schlange!« - -Sie stieß Warwara zur Seite und stürmte zur Tür. Man konnte sie nicht -mehr aufhalten. Mit vorgebeugtem Kopf, die Fäuste geballt, brach sie -krachend die Türe auf und stürzte ins Speisezimmer. In der Nähe der -Schwelle blieb sie stehn, sah die beschmierten Tapeten und stieß einen -gellenden Pfiff aus. Sie stemmte die Arme in die Seiten, stellte den -einen Fuß verwegen vor und schrie wie eine Rasende: - -»Also ihr wollt wirklich ausziehen!« - -»Keine Spur, Irina Stepanowna, -- wir denken nicht daran, sei doch nicht -närrisch.« - -»Wir werden gewiß nicht ausziehen,« bestätigte Peredonoff, »wir haben es -hier so gut.« - -Die Wirtin hörte nicht, kam der bestürzten Warwara immer näher und -fuchtelte mit den Fäusten vor ihrem Gesicht. Peredonoff zog es vor, -hinter Warwaras Rücken zu bleiben. Er wäre gerne fortgelaufen, -andererseits war es interessant zu sehen, wie die Wirtin und Warwara -sich prügeln würden. - -»Ich werde dir auf den einen Fuß drauftreten, am andern ziehn und dich -in zwei Hälften reißen!« schrie die Jerschowa wutentbrannt. - -»Was fehlt dir nur, Irina Stepanowna,« beruhigte Warwara, »hör doch auf, -wir haben Gäste.« - -»Zeig' sie mal, deine Gäste,« brüllte die Jerschowa, »deine Gäste kann -ich gerade brauchen.« - -Schwankend taumelte die Jerschowa in den Saal. Mit einem Mal änderte sie -vollständig ihre Art zu reden und ihre Umgangsformen, verbeugte sich -tief vor der Prepolowenskaja, so tief, daß sie fast hinfiel und sagte -bescheiden: - -»Gnädige Frau, liebe Sophja Jefimowna, verzeihen Sie mir, denn ich bin -ein besoffenes Weib. Aber eins muß ich Ihnen sagen, hören Sie bitte. Sie -besuchen diese Leute hier, aber wissen Sie auch, was die da von Ihrer -Schwester gesagt hat? Noch dazu wem? Mir -- der besoffenen Frau eines -Schusters! Und warum? Damit ich es allen weitererzählen soll, sehen Sie --- darum!« - -Warwara wurde dunkelrot und sagte: - -»Nichts habe ich dir gesagt.« - -»Du hast nichts gesagt? Du ekliges Ungeziefer!« tobte die Jerschowa, mit -geballten Fäusten an Warwara herantretend. - -»Jetzt schweig aber still,« murmelte Warwara verlegen. - -»Nein, ich werde nicht stillschweigen,« schrie die Jerschowa schadenfroh -und wandte sich wieder an die Prepolowenskaja. »Daß sie, -- Ihre -Schwester nämlich, -- ein Verhältnis mit Ihrem Manne unterhält; sehen -Sie, das hat sie mir gesagt, dieses verworfene Weib!« - -Sophjas böse und verschlagene Augen blitzten zu Warwara hinüber. Sie -stand auf und sagte mit gezwungenem Lachen: - -»Ich danke untertänigst, das habe ich nicht erwartet.« - -»Du lügst«, quiekte Warwara wütend. - -Die Jerschowa grunzte böse, stampfte mit dem Fuß auf und machte eine -abwehrende Handbewegung. Dann wandte sie sich sofort wieder an die -Prepolowenskaja: - -»Und was der Herr dort von Ihnen sagt, allergnädigste Frau! Sie hätten -sich früher herumgetrieben und dann später geheiratet. Da sehen Sie, was -das für gemeine Leute sind! Spucken Sie Ihnen einfach ins Maul, liebste -gnädigste Frau, Sie sollten nicht mit diesem niederträchtigen Pack -verkehren.« - -Die Prepolowenskaja wurde rot und ging schweigend ins Vorhaus. -Peredonoff lief ihr nach und rechtfertigte sich: - -»Sie lügt, glauben Sie ihr nicht. Nur einmal habe ich in ihrer Gegenwart -gesagt, daß Sie dumm seien, und das sagte ich nur aus Wut. Weiter habe -ich -- weiß Gott -- nichts gesagt, alles hat sie gelogen.« - -Die Prepolowenskaja antwortete ruhig: - -»Lassen Sie doch, Ardalljon Borisowitsch, -- ich sehe doch, daß sie -betrunken ist; sie weiß ja nicht, was sie schwatzt. Nur eins: warum -gestatten Sie, daß so was in Ihrem Hause vorkommt?« - -»Ja, sehen Sie,« antwortete Peredonoff, »was soll ich mit ihr anfangen?« - -Die Prepolowenskaja war verwirrt und ärgerlich. Sie zog ihre Jacke an. -Peredonoff kam nicht darauf ihr zu helfen. Irgendetwas murmelte er noch, -aber sie hörte ihn nicht. Dann kehrte Peredonoff in den Saal zurück. Die -Jerschowa begann ihm in schreiendem Tone Vorwürfe zu machen. - -Warwara lief auf den Flur hinaus, um die Prepolowenskaja zu versöhnen: - -»Sie wissen doch, was er für ein Dummkopf ist, -- er weiß ja nicht, was -er sagt.« - -»Ach lassen Sie doch; warum beunruhigen Sie sich?« antwortete auch ihr -die Prepolowenskaja. »Ich weiß doch, was so ein betrunkenes Weib alles -schwatzen kann.« - -Die Haustür mündete auf einen Hof. In dichter Menge wuchsen dort am -Hause hochaufgeschossene Brennesseln. Die Prepolowenskaja lächelte kaum -merklich und der letzte Schatten von Unzufriedenheit schwand von ihrem -rosigen, vollen Gesicht. Sie wurde wieder liebenswürdig und höflich. Für -die Kränkung wollte sie auch ohne sich zu zanken Rache nehmen. - -Beide gingen zusammen in den Garten, um dort die Szene mit der Wirtin -abzuwarten. - -Fortwährend blickte die Prepolowenskaja auf die Nesseln, die auch im -Garten reichlich am Zaune wucherten. Endlich sagte sie: - -»Wie viel Nesseln Sie haben! Haben Sie Verwendung dafür?« - -Warwara lachte und sagte: - -»Nanu, was sollte ich damit anfangen?« - -»Wir haben nämlich keine,« sagte die Prepolowenskaja, »und wenn es Ihnen -nicht weiter leid tut, so will ich mir einige Handvoll ausraufen.« - -»Ja -- aber wozu denn?« fragte Warwara verwundert. - -»Ach, ich brauche sie halt,« sagte die Prepolowenskaja und lächelte -vielsagend. - -»Liebes Herz, sagen Sie bitte -- wozu?« flehte Warwara neugierig. - -Die Prepolowenskaja neigte sich dicht an Warwaras Ohr und flüsterte: - -»Wenn man sich mit Nesseln abreibt, so wird man nicht mager. Das machen -die Nesseln, daß meine Genitschka so rundlich ist.« - -Es war überall bekannt, daß Peredonoff die dickeren Frauen bevorzugte, -die mageren hingegen verschmähte. Warwara war ganz betrübt, daß sie -schlank war und immer mehr abmagerte. Was tue ich, um recht viel Fett -anzusetzen? -- das war eine ihrer größten Sorgen. Ueberall fragte sie: -»Wissen Sie nicht ein Mittel?« Und die Prepolowenskaja glaubte sicher, -daß Warwara sich jetzt nach ihrem Rezept mit Nesseln abreiben, und auf -diese Weise sich selber strafen würde. - - - - - III - - -Peredonoff ging zusammen mit der Jerschowa auf den Hof. Er murmelte: - -»Ach du Aas!« - -Sie schrie aus vollem Halse und war sehr ausgelassen. Dann fingen sie -auf dem Hofe zu tanzen an. Die Prepolowenskaja und Warwara gingen durch -die Küche in die Wohnstube und setzten sich ans Fenster, um zu sehen, -was auf dem Hofe vorging. - -Peredonoff und die Jerschowa hatten sich umarmt und tanzten auf dem -Rasen um einen Birnbaum herum. Peredonoffs Gesicht war wie sonst -- -stumpf und ganz ohne Ausdruck. Wie auf etwas Leblosem hüpfte die goldene -Brille mechanisch auf seinem Nasenrücken hin und her, ebenso das -kurzgeschorene Haar auf seinem Kopf. Die Jerschowa quiekte, juchzte, -fuchtelte mit den Händen und schwankte. Durchs Fenster rief sie Warwara -zu: - -»He da, hochnasige Person, komm doch heraus, -- wollen tanzen! Oder -ekelt dir vor unserer Gesellschaft?« - -Warwara wandte sich ab. - -»Hol' dich die Pest,« rief die Jerschowa, »ich bin halbtot.« Sie wälzte -sich auf den Rasen und zog Peredonoff nach sich. - -So saßen sie und hielten sich umarmt, dann tanzten sie wieder. Das -wiederholte sich etlichemal: bald tanzten sie, bald ruhten sie sich auf -einer Bank unter dem Birnbaum oder einfach im Grase aus. - -Wolodin sah aus dem Fenster auf die Tanzenden und amüsierte sich -königlich. Er schüttelte sich vor Lachen, schnitt allerhand Fratzen, -krümmte sich, zog die Knie hoch und frohlockte: - -»Das ist ein Hauptspaß, -- zum Wälzen!« - -»Verfluchtes Aas!« sagte Warwara geärgert. - -»Ein Aas ist sie wohl,« gab Wolodin zu und lachte, »warte nur, -vielliebste Wirtin, ich werde dir schon einen Gefallen tun. Wollen wir -auch den Saal besauen! Jetzt ist es doch egal, heute wird sie nicht mehr -herkommen. Wird sich müdehopsen auf dem Rasen und dann schlafen gehen.« - -Und er wälzte sich beinah vor Lachen und sprang wie ein Schaf umher. Die -Prepolowenskaja stachelte ihn an: - -»Natürlich! Pawel Wassiljewitsch, Sie müssen jenes Zimmer auch -beschmieren. Was glotzen Sie nach ihr? Und wenn sie auch kommen sollte, -dann kann man ihr einfach sagen, daß sie alles selber in der -Betrunkenheit angerichtet hat.« - -Wolodin lief, hüpfend und lachend, in den Saal und machte sich daran, -die Tapeten mit seinen Stiefelsohlen zu bearbeiten. - -»Warwara Dmitriewna,« schrie er, »geben Sie doch bitte einen Bindfaden.« - -Warwara wackelte wie eine Ente durch den Saal ins Schlafzimmer und -brachte ein verknotetes und zerfasertes Bindfadenendchen. Wolodin machte -eine Schlinge, stellte einen Stuhl mitten in den Saal und befestigte die -Schlinge an dem Lampenhaken in der Decke. - -»Das ist für die Wirtin!« schrie er, »sie muß doch was haben, woran sie -sich vor Wut aufhängen kann, wenn Sie ausgezogen sind.« - -Beide Damen schrieen vor Lachen. - -»Geben Sie ein Stückchen Papier!« rief Wolodin, »und einen Bleistift.« - -Warwara stöberte wieder im Schlafzimmer und brachte dann einen Fetzen -Papier und einen Bleistift. Wolodin schrieb: »Für die Wirtin« und -befestigte das Papier an der Schlinge. Dabei machte er die albernsten -Bewegungen. Dann bearbeitete er wieder wie ein Rasender die Wände mit -seinen Sohlen und sein Körper flog von der Erschütterung. Sein Gejohl -und sein blökendes Gelächter füllte das ganze Haus. Der weiße Kater -hatte ängstlich die Ohren angezogen, blinzelte aus dem Schlafzimmer -herüber und wußte augenscheinlich nicht, wohin er flüchten sollte. - -Endlich war es Peredonoff gelungen, die Jerschowa abzuschütteln. Er kam -allein zurück. -- Die Jerschowa war in der Tat ganz ermattet schlafen -gegangen und Wolodin empfing Peredonoff mit Schreien und Lachen: - -»Jetzt haben wir auch den Saal besaut. Hurra!« - -»Hurra!« brüllte Peredonoff und lachte dröhnend und abgerissen, wie aus -der Pistole geschossen. - -Auch die Damen schrieen »Hurra«. Die Heiterkeit wurde allgemein. -Peredonoff rief: - -»Pawluschka, komm tanzen!« - -»Los, Ardalljoscha,« antwortete dummerhaft kichernd Wolodin. - -Sie tanzten unter der Schlinge und beide warfen ihre Beine plump in die -Luft. Der Fußboden zitterte unter Peredonoffs schweren Tritten. - -»Ardalljon Borisowitsch beliebt zu tanzen,« bemerkte die Prepolowenskaja -und lächelte. - -»Es lohnt nicht davon zu sprechen; bei ihm ist alles Laune,« antwortete -Warwara mürrisch, aber sie fand Gefallen an Peredonoff. - -Es war ihre aufrichtige Ueberzeugung, daß er hübsch und flott wäre. -Selbst das Dümmste was er tat, schien ihr nachahmenswert. - -Sie fand ihn weder ekelhaft, noch lächerlich. - -»Wollen wir der Wirtin die Totenmesse singen!« schrie Wolodin. »Geben -Sie ein Kissen!« - -»Was der sich alles ausdenkt!« sagte Warwara und lachte. - -Sie warf aus dem Schlafzimmer ein Kissen mit schmutzigem Leinwandbezug -heraus. Das Kissen wurde auf die Erde gelegt, es sollte die Wirtin -vorstellen, und sie sangen mit wilder, schreiender Stimme die -Totenmesse. Dann wurde Natalie gerufen. Sie mußte die Drehorgel spielen, -während alle vier unter albernen Bewegungen, die Beine hochwerfend, eine -Quadrille tanzten. - -Nach dem Tanze kam Peredonoff in Geberlaune. Eine düstre, trotzige -Begeisterung leuchtete matt aus seinen verschwommenen Augen. Er fühlte -sich von einer fast mechanischen Sicherheit beherrscht, -- vielleicht -infolge der anstrengenden Muskelbewegung. Er zog seine Brieftasche -hervor, zählte einige Scheine ab und warf sie Warwara zu mit -selbstgefälliger, stolzer Miene. - -»Da hast du, Warwara,« rief er, »näh dir das Hochzeitskleid.« - -Die Geldscheine flatterten zu Boden. Warwara sammelte sie schnell auf. -Diese Art und Weise beschenkt zu werden, kränkte sie nicht. Die -Prepolowenskaja dachte wütend bei sich: »Das wollen wir noch abwarten, -wer siegen wird«, und lächelte perfid. Wolodin kam natürlich nicht -darauf, Warwara beim Geldsammeln behilflich zu sein. - -Bald ging die Prepolowenskaja. Im Vorhause traf sie mit einem neuen -Besuch zusammen; es war die Gruschina. - -Maria Ossipowna Gruschina war eine junge Witwe und hatte ein -frühzeitig-welkes Aussehen. Sie war schlank, -- und ihre trockene Haut -hatte sich ganz in kleine, sozusagen staubbedeckte Fältchen gelegt. Ihr -Gesicht war nicht unsympathisch, dafür ihre Zähne schmutzig und schwarz. -Sie hatte schmale Hände, lange spinnartige Finger und unsaubre Nägel. -Wenn man sie flüchtig anschaute, sah sie nicht grade schmutzig aus, -machte aber den Eindruck, als scheute sie das Wasser und würde darum -gelegentlich zusammen mit ihren Kleidern ausgeklopft. Man konnte sich -leicht vorstellen, daß eine Staubwolke bis an den Himmel aufgewirbelt -wäre, wenn man sie mit einem Bambus zwei-, dreimal bearbeitet hätte. Die -Kleider schlotterten an ihr in geknüllten Falten, so als wären sie eben -erst aus einem sehr fest verschnürten Packen, in dem sie lange -zusammengepreßt gelegen hatten, genommen worden. Die Gruschina lebte von -einer Rente und erwarb sich den übrigen Unterhalt durch kleinere -Kommissionsgeschäfte und durch Geldverleihen gegen Obligationen. Sie -redete gewöhnlich recht unbescheiden und suchte Herrenbekanntschaft, um -einen Gatten zu finden. Ein Zimmer in ihrem Hause war ständig an -irgendeinen unverheirateten Beamten vermietet. - -Warwara begrüßte die Gruschina sehr erfreut: sie hatte irgend ein -Geschäft mit ihr. Die Gruschina und Warwara fingen auch gleich an, über -Dienstboten zu sprechen und kamen so ins Schwatzen herein. Der -neugierige Wolodin setzte sich zu ihnen und horchte. Peredonoff saß -einsam und verdrossen am Tisch und verknüllte mit den Händen einen -Zipfel des Tischtuchs. - -Warwara beklagte sich bei der Gruschina über ihre Natalie. Die Gruschina -schlug ihr eine andere Magd vor, die sie sehr zu loben wußte, eine -gewisse Klawdija. Man beschloß, gleich hinzufahren an den -Ssamorodina-Bach. Dort lebte sie nämlich bei einem Akzisebeamten, der in -diesen Tagen in eine andere Stadt versetzt worden war. Warwara zögerte -nur noch des Namens wegen. Ratlos fragte sie: - -»Klawdija? Aber wie soll ich sie denn rufen? Etwa Klaschka?« - -Die Gruschina riet: - -»Rufen Sie sie doch einfach Klawdjuschka!« - -Warwara gefiel das. Sie wiederholte: - -»Klawdjuschka, djuschka!« und lachte heiser. Es muß nämlich bemerkt -werden, daß man die Schweine in unserer Stadt »Djuschki« zu nennen -pflegt. Wolodin grunzte und alle lachten. - -»Djuschka, Djuschenka,« flüsterte Wolodin zwischen lauten Lachanfällen. -Er machte ein dummes Gesicht und reckte die Lippen vor. - -Dann grunzte er und betrug sich so lange läppisch, bis man ihm sagte, -daß er langweilig würde. Dann fühlte er sich gekränkt und stand auf, um -sich neben Peredonoff zu setzen. Just wie ein Schaf beugte er seine -rundgewölbte Stirn vor und stierte andauernd auf das befleckte -Tischtuch. - -Warwara beschloß gleich auf dem Wege zum Ssamorodina-Bach Stoff für ihr -Hochzeitskleid zu kaufen. In die Kaufläden ging sie immer zusammen mit -der Gruschina; die half ihr beim Treffen der endgültigen Wahl und bei -dem unvermeidlichen Feilschen. - -Als Warwara von Peredonoff fortschlich, stopfte sie in die tiefen -Taschen der Gruschina für deren Kinder allerlei Leckerbissen, süße -Pastetchen und Bonbons. Die Gruschina erriet, daß Warwara ihrer Dienste -dringend bedürfe. - -Warwara konnte nicht weit gehen wegen ihrer zu engen Schuhe mit den -hohen Absätzen. Sie wurde rasch müde. Daher benutzte sie gewöhnlich eine -Droschke, obwohl die Entfernungen in unserer Stadt nur geringe waren. In -letzter Zeit war sie besonders häufig bei der Gruschina gewesen. Das -hatten die Droschkenkutscher schon gemerkt: ihrer gab es nicht viele, -vielleicht an die zwanzig. Wenn Warwara einstieg, fragten sie garnicht -mehr, wohin sie fahren sollten. - -Sie setzten sich in den Wagen und fuhren zu den Herrschaften, bei denen -Klawdija diente, um sich nach ihr zu erkundigen. Die Straßen waren fast -durchweg mit Schmutz bedeckt, obwohl es schon gestern abend aufgehört -hatte zu regnen. Nur selten ratterte die Droschke über kurze, -gepflasterte Straßen, dann versanken die Räder wieder im zähen Schmutz -grundloser Wege. Umso mehr zitterte ununterbrochen Warwaras Stimme, -begleitet vom teilnehmenden Geschwätz der Gruschina. - -»Mein Gänserich war schon wieder bei Marfuschka,[3]« erzählte Warwara. - -[Fußnote 3: Kosename für »Martha«.] - -In teilnehmender Empörung antwortete die Gruschina: - -»Sie suchen ihn einzufangen. Will es gerne glauben. Das wäre just ein -Ehemann für dieses Mädel, die Marfuschka. So einen kann sie sich im -Traume wünschen.« - -»Ich weiß wirklich nicht, was ich anfangen soll,« klagte Warwara, »er -ist jetzt so widerhaarig, -- gar nicht zu sagen wie. Glauben Sie, es -wirbelt mir im Kopf. Fällt es ihm ein, zu heiraten, dann kann ich auf -die Straße gehen.« - -»Nicht doch, liebste Warwara Dmitriewna,« beruhigte die Gruschina, -»glauben Sie das nicht. Nie wird er eine andere heiraten als Sie. Er hat -sich doch an Sie gewöhnt.« - -»Manchmal geht er in der Nacht aus, dann kann ich nicht einschlafen,« -erzählte Warwara, »Gott weiß, vielleicht läßt er sich irgendwo trauen. -Manchmal sorge ich mich die ganze Nacht. Alle haben es auf ihn abgesehen --- die drei Rutiloffschen Stuten, -- sie hängen sich ja an jeden, -- und -Jenkja mit der gedunsenen Fratze.« - -Noch lange klagte Warwara, und aus ihrem ganzen Gespräch ersah die -Gruschina, daß sie eine besondere Bitte auf dem Herzen hatte, und schon -im voraus freute sie sich auf eine neue Einnahme. - -Klawdija gefiel. Die Frau des Akzisebeamten hatte sie gelobt. So wurde -sie denn engagiert und man sagte ihr, sie hätte noch am selben Abend zu -erscheinen, da der Akzisebeamte schon heute abreisen mußte. - -Endlich langten sie bei der Gruschina an. Sie lebte in ihrem eigenen -Häuschen, ziemlich unordentlich, zusammen mit ihren drei kleinen Göhren. -Die waren zerzaust, dreckig, dumm und bösartig wie begossene Welpen. Die -eigentliche Aussprache folgte erst jetzt. - -Warwara begann zu erzählen: »Mein Ardalljoschka, der Dummkopf, verlangt, -ich soll wieder an die Fürstin schreiben. Was soll ich ihr denn so mir -nichts dir nichts schreiben; entweder wird sie überhaupt nicht -antworten, oder etwas antworten, was nicht in meinen Kram paßt. Die -Freundschaft ist nicht von weitem her.« - -Die Fürstin Woltschanskaja, -- Warwara hatte gelegentlich als -Schneiderin für einfachere Arbeit bei ihr gearbeitet, -- hätte -Peredonoff allerdings nützlich sein können: ihre Tochter war nämlich an -den Geheimen Rat Tschtepkin verheiratet, ein Mann, der im Schulressort -viel zu bedeuten hatte. Schon im vorigen Jahre hatte sie an Warwara als -Antwort auf ihre Bitten geschrieben, daß sie für Warwaras »Bräutigam« -ein gutes Wort einzulegen nicht gewillt wäre; anders verhielte es sich, -wenn sie heiraten würde, dann könnte sie vielleicht gelegentlich ein -Wörtchen zu seinen Gunsten fallen lassen. Peredonoff hatte jener Brief -nicht befriedigt: damit war eigentlich nur eine unbestimmte Hoffnung -gegeben, es war aber nicht direkt gesagt, daß die Fürstin ganz unbedingt -Warwaras Manne den Posten eines Inspektors verschaffen würde. Um diese -Ungewißheit zu klären, waren sie kürzlich nach St. Petersburg gefahren. -Warwara hatte die Fürstin aufgesucht und dann führte sie auch Peredonoff -hin, hatte aber diesen Besuch mit Absicht so lange hinausgeschoben, bis -sie die Fürstin nicht mehr zu Hause trafen: Warwara begriff, daß sich -die Fürstin im besten Fall auf den Rat beschränken würde, sie möchten so -bald als möglich heiraten, vielleicht noch einige unbestimmte -Versprechungen hinzufügen würde, daß sie bei Gelegenheit ein gutes Wort -einlegen wolle, kurz -- Versprechungen, die Peredonoff keineswegs -genügen konnten. So beschloß denn Warwara, Peredonoff die Fürstin nicht -zu zeigen. - -»Ich verlasse mich felsenfest auf Sie,« sagte Warwara, »helfen Sie mir, -teuerste Marja Ossipowna.« - -»Wie soll ich Ihnen denn helfen, liebes Herz?« fragte die Gruschina, -»Sie wissen doch, Warwara Dmitriewna, daß ich für Sie bereit bin, alles -zu tun, was in meiner Kraft liegt. Soll ich Ihnen vielleicht wahrsagen?« - -»Ich weiß doch, was an Ihrer Wahrsagerei dran ist,« sagte Warwara -lachend, »nein, ganz anders müssen Sie mir helfen.« - -»Wie denn?« fragte in freudig-reger Erwartung die Gruschina. - -»Ganz einfach,« sagte schmunzelnd Warwara, »schreiben Sie einen Brief an -mich, als käme er von der Fürstin. Fälschen Sie ihre Handschrift; ich -werde ihn dann Ardalljon Borisowitsch zeigen.« - -»Aber was denken Sie nur, Teuerste! Das geht doch nicht,« beteuerte die -Gruschina und stellte sich empört, »wenn die Geschichte herauskommt, was -soll dann aus mir werden?« - -Warwara ließ sich durch diese Antwort keineswegs aus der Fassung -bringen, zog einen verknüllten Brief aus der Tasche und sagte: - -»Da habe ich Ihnen gleich den Brief der Fürstin als Mustervorlage -gebracht.« - -Die Gruschina sträubte sich lange. Warwara sah klar, daß die Gruschina -ihr Einverständnis geben würde, daß sie nur für diesen Dienst mehr -beanspruchen wolle. Warwara ihrerseits wollte gerade weniger zahlen. Und -nur ganz allmählich erhöhte sie den Bestechungspreis, versprach -verschiedene kleinere Geschenke, ein altes Seidenkleid, und endlich sah -die Gruschina ein, daß Warwara in keinem Fall mehr geben würde. Klagende -Worte ergossen sich aus Warwaras Munde. Die Gruschina tat, als wäre sie -nur aus Mitleid bereit, die Sache zu übernehmen und nahm den Brief. - - - - - IV - - -Das Billardzimmer war dick vollgeraucht. Peredonoff, Rutiloff, -Falastoff, Wolodin und Murin -- ein Gutsherr von hünenhaftem Wuchse und -dummerhaftem Aussehen, Besitzer eines kleinen Gutes, außerdem ein -kapitalkräftiger, unternehmungslustiger Mann --, alle diese fünf hatten -das Spiel beendet und machten sich auf den Heimweg. - -Es dämmerte. Auf einem schmutzigen Brettertisch standen viele geleerte -Bierflaschen. Die Spieler, welche während des Spieles viel getrunken -hatten, hatten rote Köpfe und lallten berauscht. Rutiloff war der -einzige, der wie sonst schwindsüchtig-blaß aussah. Er trank auch weniger -als die andern und hätte bei stärkerem Trinken gewiß noch blasser -ausgesehen. - -Rohe Schimpfworte flogen durch die Luft. Keiner fühlte sich gekränkt: -man war eben unter Freunden. - -Peredonoff hatte, wie fast immer, verloren. Er spielte schlecht Billard. -Trotzdem war sein Gesichtsausdruck unerregt finster, und nur mit Unlust -bezahlte er seine Spielschuld. - -Murin rief laut: - -»Feuer!« - -und zielte mit einem Queue nach Peredonoff. Der schrie auf vor Schreck -und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ihm war der dumme Gedanke -gekommen, Murin wolle ihn totschießen. Alle fingen an zu lachen. -Peredonoff brummte ärgerlich: - -»Ich kann solche Späße nicht leiden.« - -Murin tat es schon leid, daß er Peredonoff erschreckt hatte: sein Sohn -war nämlich Gymnasiast, und da hielt er es für seine Pflicht, auf alle -nur mögliche Art den Gymnasiallehrern zu Gefallen zu sein. Jetzt -entschuldigte er sich bei Peredonoff und bewirtete ihn mit Wein und -Selters. Peredonoff sagte finster: - -»Meine Nerven sind ein wenig angegriffen. Ich bin mit unserem Direktor -nicht zufrieden.« - -»Der künftige Inspektor hat Unglück im Spiel,« schrie mit blökender -Stimme Wolodin, »schade um das Geld.« - -»Unglück im Spiel, Glück in der Liebe,« sagte Rutiloff lächelnd und wies -seine angefaulten Zähne. - -Wegen seines Verlustes im Spiel, dazu noch der Schreck, war Peredonoff -sowieso nicht in rechter Stimmung. Dann fing man an, ihn mit seinem -Verhältnis zu Warwara zu necken. Er rief: - -»Ich werde heiraten und Warjka muß hinaus.« - -Die Freunde lachten und stichelten: - -»Du wirst nicht dürfen.« - -»So, meint ihr? noch morgen suche ich mir eine Braut.« - -»Was gilt die Wette?« schlug Falastoff vor, »ich setze zehn Rubel.« - -Peredonoff tat es aber leid um das Geld; sollte er am Ende verlieren, so -hätte er zahlen müssen. Er kehrte sich ab und schwieg finster. - -Am Gartentor trennten sie sich nach verschiedenen Richtungen. Peredonoff -und Rutiloff gingen zusammen. Rutiloff versuchte ihn zu bereden, sofort -eine seiner Schwestern zu heiraten. - -»Ich habe alles in Ordnung gebracht,« wiederholte er, »sei ganz -unbesorgt.« - -»Das Aufgebot ist noch nicht gewesen,« schützte Peredonoff vor. - -»Ich sage dir doch, alles ist in Ordnung,« beteuerte Rutiloff. »Ich habe -einen Popen ausfindig gemacht; der weiß, daß ihr nicht verwandt seid.« - -»Es sind keine Marschälle da,« sagte Peredonoff. - -»Ach was, es sind keine da! Die Marschälle haben wir im Nu zusammen, ich -schicke einfach nach ihnen und sie werden direkt in die Kirche kommen. -Oder ich werde sie selbst holen gehen. Früher konnte man doch nicht gut, --- dein »Schwesterchen« hätte Wind gekriegt und uns gestört.« - -Peredonoff schwieg still und blickte trübselig zur Seite. Hin und her -sah man im Schatten schweigsame Häuser in träumenden, kleinen Gärtchen -mit morschen Zäunen davor. - -»Warte ein wenig an der Pforte,« sagte Rutiloff überredend, »ich werde -dir jede vorführen, welche du nur magst. So hör doch, ich will es dir -gleich beweisen. Ist zwei mal zwei vier oder nicht?« - -»Jawohl, vier,« antwortete Peredonoff. - -»Also: zwei mal zwei ist vier, darum mußt du eine von meinen Schwestern -heiraten.« - -Peredonoff war ganz erstaunt. In der Tat, dachte er, es ist so; -natürlich ist zwei mal zwei vier. Und mit Ehrfurcht blickte er auf den -klugen Rutiloff. Ich werde heiraten müssen! Mit ihm ist nicht gut -Kirschen essen. - -Mittlerweile waren sie ans Rutiloffsche Haus gekommen und blieben vor -der Pforte stehen. - -»Man kann doch nicht so per Gewalt,« sagte Peredonoff böse. - -»Sonderling, sie warten ja nur darauf,« rief Rutiloff. - -»Aber ich selber will vielleicht nicht.« - -»Na ja, du willst nicht, Schlaukopf. Willst du denn dein lebelang -Junggeselle bleiben?« antwortete Rutiloff sicher, »oder willst du ins -Kloster? Oder ist dir die Warja noch immer nicht widerlich geworden? -Bedenke nur -- ihre Fratze, wenn du ihr auf einmal eine junge Frau ins -Haus führst.« - -Peredonoff lachte abgerissen und kurz, aber sofort wurde er wieder -finster und sagte: - -»Und außerdem, _sie_ wollen vielleicht garnicht!« - -»Geh doch, wie sollten sie nicht wollen, Sonderling,« antwortete -Rutiloff. »Ich gebe dir mein Wort darauf.« - -»Sie sind stolz,« sagte Peredonoff. - -»Was geht dich das an; noch besser.« - -»Sie machen sich über alles lustig.« - -»Aber doch nicht über dich,« beteuerte Rutiloff. - -»Woher soll ich das wissen.« - -»So glaub mir doch, ich will dich nicht betrügen. Sie verehren dich. Du -bist doch nicht irgend ein Narr den man auslacht.« - -»Ja, dir soll man glauben,« sagte Peredonoff mißtrauisch. »Nein, erst -will ich mich selbst davon überzeugen, daß sie über mich nicht lachen.« - -»Merkwürdiger Mensch,« sagte Rutiloff verwundert, »wie sollten sie sich -überhaupt unterstehen zu lachen? Wie willst du dich davon überzeugen?« - -Peredonoff dachte nach und sagte: - -»Laß sie gleich auf die Straße herauskommen.« - -»Meinetwegen, das geht,« sagte Rutiloff. - -»Alle drei auf einmal,« fuhr Peredonoff fort. - -»Meinetwegen.« - -»Und jede soll sagen, wodurch sie glaubt, mein besonderes Gefallen zu -erregen.« - -»Wozu denn das?« fragte Rutiloff erstaunt. - -»Da werde ich eben sehen, was sie eigentlich wollen, sonst laß ich mich -am Ende an der Nase herumführen,« erklärte Peredonoff. - -»Niemand will dich an der Nase herumführen.« - -»Vielleicht wollen sie mich zum Beispiel auslachen,« erklärte -Peredonoff, »laß sie nur herauskommen, wenn sie dann Lust bekommen zu -lachen, dann werde ich sie auslachen.« - -Rutiloff überlegte, schob seinen Hut in den Nacken, zog ihn dann wieder -in die Stirn und sagte endlich: - -»Also warte jetzt, ich will gehen es auszurichten. Sonderbarer Kauz. Du -komm inzwischen in den Hof, sonst -- der Teufel mag wissen -- kommt noch -jemand gegangen und wird alles sehen.« - -»Es ist doch einerlei,« sagte Peredonoff, ging aber doch hinter Rutiloff -durch die Pforte. - -Rutiloff begab sich ins Haus zu seinen Schwestern; Peredonoff wartete -unterdessen auf dem Hof. - -Im Salon -- einem Eckzimmer -- mit den Fenstern zur Pforte, saßen die -vier Schwestern. Sie hatten alle dieselben Gesichter, glichen dem -Bruder, waren nett anzusehen, rosig und fröhlich. Die verheiratete -Larissa, ruhig, sympathisch und stattlich; die flinke und quicke Darja, -sie war die größte und schmächtigste von den Schwestern; die immer -lachende Ludmilla und die sich zierende Valerie, klein, zart und dem -Aussehen nach zerbrechlich. Sie naschten Rosinen und Nüsse und schienen -aufgeregt etwas zu erwarten, denn sie lachten mehr als gewöhnlich in -Erinnerung an die letzten Klatschgeschichten der Stadt und machten sich -außerdem über Bekannte und Unbekannte lustig. - -Vom frühen Morgen an hatten sie sich zur Trauung bereit gehalten. Es -erübrigte, nur ein passendes Brautkleid anzuziehen und den Schleier und -die Blumen anzustecken. Von Warwara wurde überhaupt nicht gesprochen, so -als existierte sie nicht. Aber schon der Umstand, daß sie, die sich -rücksichtslos über alles und jedes lustig machten, die über alle den -Stab brachen, den ganzen Tag lang allein über Warwara kein -Sterbenswörtchen zu sagen wußten, -- schon allein dieser Umstand bewies -zur Genüge, daß ein unangenehmes Erinnern an sie wie ein spitzer Nagel -im Kopfe einer jeden von ihnen bohrte. - -»Ich hab ihn hergelockt!« erklärte Rutiloff bei seinem Eintritt in den -Salon, »er steht an der Pforte.« - -Ganz erregt sprangen die Schwestern auf und fingen alle mit einmal zu -schwatzen und zu lachen an. - -»Da ist nur ein Haken dabei,« sagte Rutiloff und lächelte vielsagend. - -»Was denn, was denn?« fragte Darja. Valerie zog ärgerlich ihre schönen, -schwarzen Augenbrauen zusammen. - -»Jetzt weiß ich nicht, ob ich's sagen soll?« fragte Rutiloff. - -»Nur schneller, schneller,« drängte Darja. - -Etwas verlegen erzählte Rutiloff von Peredonoffs Wünschen. Die jungen -Damen fingen zu zetern an und schimpften um die Wette auf Peredonoff. -Aber allgemach wurde aus dem unwilligen Geschrei Lachen und Scherzen. - -Darja machte ein finster-erwartungsvolles Gesicht und sagte: - -»_So_ wartet er an der Pforte.« - -Sie hatte ihn gut und drollig nachgeahmt. Die jungen Damen guckten -durchs Fenster zur Pforte. Darja öffnete das Fenster und rief: - -»Ardalljon Borisowitsch! Darf man es durchs Fenster sagen?« - -Als Antwort hörte man ihn brummen: - -»Nein.« - -Darja schloß das Fenster sofort, denn die Schwestern lachten sehr laut -und konnten garnicht mehr aufhören. Dann liefen sie aus dem Salon ins -Speisezimmer, um von Peredonoff nicht gehört zu werden. - -Man verstand in diesem fröhlichen Kreise, die trübste Stimmung in Lachen -und Scherzen ausklingen zu lassen, und so manche Angelegenheit wurde -einfach durch einen Scherz gelöst. - -Peredonoff stand draußen und wartete. Er war traurig, und ein -unbestimmtes Angstgefühl bedrückte ihn. Er dachte daran, fortzugehen, -aber auch dazu konnte er sich nicht entschließen. Irgendwo in der Ferne -hörte man Musik: das war wohl die Tochter des Adelsmarschalls, die -Klavier spielte. Leise und wiegend zitterten die Töne durch die dunkle, -stille Abendluft; sie stimmten traurig und ließen die Gedanken traumhaft -werden. - -Peredonoffs Grübeleien hatten sich zuerst ins Erotische verloren. Er -stellte sich die Rutiloffschen Mädchen in den wollüstigsten Lagen vor. -Aber je länger er warten mußte, desto mehr fühlte er sich enttäuscht, -- -warum ließ man ihn überhaupt warten! Und die Musik, die nur ganz wenig -an sein grobes, halberstorbenes Gemüt gerührt hatte, verlor für ihn -allen Reiz. - -Und ringsum war es Nacht geworden, still und doch voll Flüstern und -Rauschen. Peredonoff stand innerhalb des Lichtkreises der Lampe, die im -Salon brannte, darum erschien ihm alles noch dunkler. In zwei Streifen -fiel das Licht auf den Hof und wurde breiter und breiter zum -Nachbarzaune hin, dahinter konnte man dunkle Bretterwände sehen. Im -Hintergrunde des Hofes warfen die Bäume des Rutiloffschen Gartens -unheimliche Schatten und flüsterten. Lange Zeit hindurch hörte man -irgendwo in der Nähe auf der Straße langsame, schwere Schritte. -Peredonoff fürchtete sich: während er da wartete, hätte ihn jemand -überfallen und ausrauben, vielleicht sogar ermorden können. Er drückte -sich scheu an die Wand und wartete im Schatten, um nicht gesehen zu -werden. - -Mit einmal tauchten in den Lichtstreifen im Hofe lange Schatten auf, man -hörte Türen gehen, und im Flur wurden Stimmen laut. - -Sie kommen, dachte er, und sachte regten sich lüsterne Gedanken über die -schönen Schwestern in seinem Hirn, -- tierische Ausgeburten einer -spärlichen Phantasie. - -Die Schwestern warteten auf dem Flur. - -Rutiloff ging zur Pforte und hielt Ausschau, ob niemand in der Nähe -wäre. Es war nichts zu sehen und nichts zu hören. - -»Die Luft ist rein,« flüsterte er seinen Schwestern zu, die Hände als -Sprachrohr benutzend. - -Er blieb als Wache auf der Straße stehen. Peredonoff war mit ihm -hinausgegangen. - -»Sie werden es gleich sagen,« sagte Rutiloff. - -Peredonoff stand gerade an der Pforte und blickte auf die Spalte -zwischen Pforte und Torpfosten. Sein Gesicht war düster, fast -erschrocken, alles Grübeln und Denken in ihm war erloschen und an Stelle -dessen war ein dumpfes, sinnliches Begehren getreten. - -Darja kam als Erste an die halbgeöffnete Pforte. - -»Womit könnte ich Ihr Wohlgefallen erregen?« fragte sie. - -Peredonoff schwieg finster. Darja sagte: - -»Ich werde Ihnen ganz besonders schöne Pfannkuchen backen, heiße -Pfannkuchen, nur: ersticken Sie nicht daran.« - -Ueber ihre Schultern hinweg beeilte sich Ludmilla zu rufen: - -»Ich werde jeden Morgen in die Stadt gehen, werde alle -Klatschgeschichten sammeln und sie Ihnen dann vorerzählen. Das ist -außerordentlich lustig.« - -Zwischen den fröhlichen Gesichtern der beiden Schwestern zeigte sich für -einen Augenblick Valeries kapriziöses, schmales Gesichtchen, und ein -feines Stimmchen rief: - -»Ich werde auf keinen Fall sagen, was ich Ihnen geben will, Sie müssen -es erraten.« - -Die Schwestern liefen lachend davon. Ihre Stimmen und ihr Lachen -verklang hinter der Tür. Peredonoff hatte sich abgewandt. Er war nicht -ganz zufrieden. Er dachte: da haben sie irgendwas geschwatzt und sind -fortgegangen. Hätten sie doch lieber Zettelchen gebracht. Aber dieses -Stehen und Warten dauerte zu lange. - -»Hast du sie dir angesehen?« fragte Rutiloff, »welche willst du haben?« - -Peredonoff dachte nach. Natürlich, -- entschloß er sich endlich, -- -nehme ich die Jüngste. Warum hätte er auch eine Alte heiraten sollen. - -»Führ Valerie her,« sagte er bestimmt. Rutiloff ging ins Haus und -Peredonoff begab sich wieder auf den Hof. - -Ludmilla spähte verstohlen durchs Fenster, um zu horchen, was sie -sprachen, aber sie konnte nichts hören. Jetzt tönten Schritte auf dem -Hof. Die Schwestern wurden ganz still und saßen aufgeregt und verlegen -da. Rutiloff trat ein und verkündete: - -»Er wünscht Valerie. Er wartet an der Pforte.« - -Die Schwestern jubelten und lachten. Valerie wurde ein wenig blaß. - -»Das ist gut, das ist gut,« wiederholte sie, »ich will ihn schon gerne -nehmen, ich brauche so einen Mann.« - -Ihre Hände zitterten. Sie wurde angekleidet, -- alle drei Schwestern -bemühten sich um sie. Wie immer zierte sie sich und trödelte. Die -Schwestern drängten zur Eile. Sie wünschten ihr wohl Glück, beneideten -sie jedoch im stillen. Rutiloff schwatzte unaufhörlich, fröhlich erregt. -Ihm gefiel es, wie schlau er die ganze Sache eingefädelt hatte. - -»Hast du schon eine Droschke besorgt?« fragte Darja. - -Rutiloff antwortete aufgebracht: - -»Konnte ich denn? Die ganze Stadt wäre zusammengelaufen, und Warwara -hätte ihn an den Haaren nach Hause gezerrt.« - -»Und wie sollen wir fortkommen?« - -»Sehr einfach, bis zum Stadtplatz gehen wir zu Fuß und nehmen dort -Droschken. Als erste fährst du mit der Braut, dann Larissa mit dem -Bräutigam, -- aber bitte nicht alle zusammen, sonst wird es noch in der -Stadt bekannt. Unterdessen fahre ich mit Ludmilla zu Falastoff, die -fahren dann zusammen ab, und ich hole dann den Wolodin.« - -Schon aus den Scherzen der Schwestern war zu ersehen, wie sehr Valerie -beneidet wurde; sie wurde gepufft und mit ihrem Trödeln und Sich-Zieren -geneckt. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und sagte: - -»Was wollt ihr eigentlich? sind die Trauben sauer? Wenn ihr das meint, -dann will ich überhaupt nicht.« - -Und sie brach in Tränen aus. Die Schwestern sahen einander an und -versuchten sie durch Küsse und Schmeicheleien zu beruhigen. - -»Was weinst du denn, Dummerchen,« sprach Darja, »wir scherzen doch nur.« - -Larissa sagte in beruhigendem, zärtlichen Ton: - -»Du wirst ihn schon unter den Pantoffel kriegen. Wenn er nur erst -geheiratet hat.« - -Allmählich wurde Valerie ruhiger. - -Peredonoff stand allein draußen und gab sich lüsternen Gedanken hin. Er -träumte von der Brautnacht: Valerie nackt, verschämt und doch fröhlich -in seiner Umarmung, so schmächtig wie sie war, so subtil ... - -Das alles malte er sich aus, während er ein Bonbon nach dem andern aus -seiner Tasche zog und daran lutschte. - -Auf einmal fiel es ihm ein, daß Valerie recht kokett wäre. Sie wird ja -Toilette machen wollen -- überlegte er -- und überhaupt Aufwand treiben. -Dann wird es gewiß nicht mehr möglich sein allmonatlich Geld auf die -Sparbank zu tragen, und alles Ersparte wird draufgehn. Und seine Frau -wird Launen zeigen, und -- womöglich -- nicht einen Fuß in die Küche -setzen. In der Küche werden dann die Speisen vergiftet werden, denn -Warja wird sich rächen wollen und die Köchin bestechen. Und außerdem ist -sie mir viel zu mager, dachte Peredonoff. Man weiß überhaupt nicht, wie -man sie anfassen soll. Man kann sie nicht schimpfen, man kann sie nicht -stoßen, man kann sie nicht anspucken. Sie fängt zu schluchzen an und -wird einen vor aller Welt blamieren. Nein, -- es ist unheimlich, sich -mit ihr einzulassen. - -Ludmilla ist darin ganz anders. Soll ich sie heiraten? Peredonoff trat -ans Fenster und klopfte mit seinem Stock an das Fensterkreuz. Nach einer -halben Minute steckte Rutiloff seinen Kopf heraus. - -»Was willst du?« fragte er beunruhigt. - -»Ich habe mich bedacht,« brummte Peredonoff. - -Rutiloff trat vom Fenster zurück. - -»Satan rundgeborner!« murmelte er und ging zu seinen Schwestern. - -Valerie freute sich sehr. - -»Es ist dein Glück, Ludmilla,« sagte sie fröhlich. - -Ludmilla lachte, sie ließ sich auf einen Sessel fallen und lachte, -lachte, bis ihr der Atem ausging. - -»Was soll ich ihm sagen?« fragte Rutiloff, »willst du ihn überhaupt?« - -Ludmilla konnte vor Lachen nichts sagen, sie winkte nur mit den Händen. - -»Natürlich will sie,« sagte Darja für sie, »sag's ihm nur schnell, sonst -sucht er das Weite ohne die Antwort abzuwarten.« - -Rutiloff ging in den Salon und flüsterte durchs Fenster: - -»Wart einen Augenblick; sie ist gleich fertig.« - -»Aber etwas flinker,« sagte Peredonoff ärgerlich, »was trödeln sie so -lange.« - -Ludmilla wurde eilig angekleidet. Nach fünf Minuten war sie fertig. - -Peredonoff dachte an sie. Sie ist fröhlich und mollig. Nur eins, sie -liebt zu lachen. Würde sie ihn auslachen? Gräßlicher Gedanke. Darja ist -freilich munter, aber doch solider und ruhiger. Hübsch ist sie auch. Es -ist besser sie zu heiraten. Er klopfte wieder ans Fenster. - -»Er klopft wieder,« sagte Larissa, »am Ende gilt es jetzt dir, Darja!« - -»So ein Teufel,« schimpfte Rutiloff und lief ans Fenster. - -»Was willst du noch?« fragte er böse, »hast du dich wieder bedacht, he?« - -»Bring Darja her,« antwortete Peredonoff. - -»Das will ich dir eintränken,« flüsterte Rutiloff wütend. - -Peredonoff stand und dachte an Darja -- und wieder kam an Stelle des -sinnlichen Wohlgefallens ein Gefühl der Furcht. Sie ist zu lebhaft, zu -dreist, sie wird mich quälen. -- Und was steh' ich hier, worauf warte -ich eigentlich -- dachte er. -- Ich werde mich erkälten. Dort im Graben -am Straßenrand, im Grase beim Zaun hat sich jemand versteckt, der -springt plötzlich auf und wird mich ermorden! Peredonoff hatte große -Angst. Außerdem, überlegte er, bekommen sie keine Mitgift. Irgendwelche -Verbindungen nach oben hin haben sie nicht. Warwara wird bei der Fürstin -klagen. Und der Direktor ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen. - -Peredonoff ärgerte sich über sich selbst. Was hatte er sich überhaupt -mit den Rutiloffs einzulassen. Es war geradeso, als hätte ihn Rutiloff -behext. Ja wirklich, er muß mich behext haben. Ich muß rasch etwas -dagegen tun. - -Peredonoff drehte sich wie ein Kreisel herum, spuckte nach allen Seiten -und murmelte Beschwörungsformeln. Sein Gesicht war ernst und aufmerksam, -als hätte er etwas Wichtiges vor. Dann fühlte er sich leichter und -glaubte gesichert zu sein vor Rutiloffs Zauberkünsten. Sehr energisch -klopfte er mit seinem Stock ans Fenster und flüsterte dabei: - -»Wäre es nicht gut, sie zu denunzieren?« - -Rutiloff steckte seinen Kopf aus dem Fenster. - -»Ich will heute nicht heiraten,« erklärte Peredonoff. - -»Aber was ist denn, Ardalljon Borisowitsch, alles ist schon fertig« -versuchte ihn Rutiloff zu überreden. - -»Ich will nicht,« sagte Peredonoff energisch, »komm zu mir nach Hause -Karten spielen.« - -»Verdammter Teufel!« schimpfte Rutiloff. »Er will nicht heiraten,« -erklärte er den Schwestern, »er hat Angst gekriegt. Aber ich will diesen -Esel schon zähmen. Er bittet mich, bei ihm Karten zu spielen.« - -Die Schwestern schrieen und schalten auf Peredonoff. - -»Willst du wirklich zu diesem Halunken gehen?« fragte Valerie -aufgebracht. - -»Freilich, und zur Strafe werde ich ihn bespielen. Und außerdem soll er -von uns doch nicht loskommen,« redete Rutiloff und bemühte sich dabei, -sehr sicher zu erscheinen, obgleich er sich recht ungemütlich fühlte. - -Die Wut der Schwestern auf Peredonoff verwandelte sich allgemach in -große Heiterkeit. Rutiloff war fortgegangen. Die jungen Damen liefen ans -Fenster. - -»Ardalljon Borisowitsch!« rief Darja, »warum sind Sie so unentschlossen! -Das geht doch nicht!« - -»Herr Sauerampfer!« rief Ludmilla und lachte laut. - -Peredonoff war sehr unzufrieden. Seiner Meinung nach hätten die -Schwestern vor lauter Kummer weinen müssen, -- _er_ hatte sie doch -sitzen lassen. »Sie verstellen sich nur,« dachte er und ging schweigend -zum Tore hinaus. Die jungen Damen liefen an die Fenster, welche zur -Straße führten und riefen Peredonoff allerlei böse Worte nach, bis er in -der Dunkelheit verschwunden war. - - - - - V - - -Peredonoff fühlte sich sehr unbehaglich. Auch hatte er keine Bonbons -mehr in der Tasche, und das ärgerte und verstimmte ihn. Rutiloff redete -fast die ganze Zeit über allein, -- er sprach noch immer in Tönen der -Verzückung von seinen Schwestern. Peredonoff unterbrach nur einmal sein -Gerede. Er fragte ärgerlich: - -»Hat der Stier Hörner?« - -»Freilich, und was weiter?« fragte Rutiloff erstaunt. - -»Na, ich will eben nicht Stier sein,« erklärte Peredonoff. - -Rutiloff fühlte sich gekränkt und sagte: - -»Gewiß, Ardalljon Borisowitsch, du kannst unmöglich ein Stier werden, -weil du ein komplettes Schwein bist!« - -»Lüge!« grunzte Peredonoff. - -»Nein, ich lüge nicht und ich kann's beweisen,« sagte schadenfroh -Rutiloff. - -»Beweis' doch,« verlangte Peredonoff. - -»Wart nur, ich will es schon beweisen,« höhnte Rutiloff. Beide -schwiegen. Peredonoff wartete ängstlich; er hatte einen stillen Haß auf -Rutiloff. Plötzlich fragte Rutiloff. - -»Hast du einen Fünfer bei dir, Ardalljon Borisowitsch?« - -»Ja, aber du kriegst ihn nicht,« antwortete Peredonoff böse. - -Rutiloff lachte aus vollem Halse. - -»Wie solltest du kein Schwein sein, wenn du einen Fünfer[4] hast,« rief -er vergnügt. - -Peredonoff griff erschreckt nach seiner Nase. - -»Du lügst,« brummte er, »ich habe keinen Fünfer, ich habe eine ganz -gewöhnliche Fratze.« - -Rutiloff lachte noch immer. Peredonoff schielte ärgerlich nach ihm und -sagte: - -»Du hast mich heute absichtlich an Bilsenkraut vorbeigeführt und hast -mich behexen wollen, damit ich deinen Schwestern in die Schlingen gehe. -Ich habe schon an einer Hexe genug, da soll ich gleich drei auf einmal -heiraten.« - -»Wie du merkwürdig bist,« sagte Rutiloff, »wie kommt es denn, daß das -Bilsenkraut mir nichts anhaben konnte?« - -»Du kennst die Gegenmittel,« sagte Peredonoff, »vielleicht hast du mit -dem Munde geatmet und die Nase zugehalten, oder vielleicht hast du -irgendwelche Zaubersprüche dagegen gesagt; ich kenne sowas nicht, wie -man sich vor Zauberei zu schützen hat. Ich bin kein Schwarzkünstler. Ich -war die ganze Zeit im Banne des Bilsenkrauts, bis ich mich dagegen -sicherte.« - -Rutiloff lachte. - -»Was hast du denn getan«, fragte er. - -Aber Peredonoff schwieg bereits. - -»Warum hast du dich an die Warwara gekettet?« sagte Rutiloff. »Glaubst -du etwa, es wird dir gut gehen, wenn du durch ihre Vermittlung eine -Stellung bekommst? Sie will dich begaunern.« - -[Fußnote 4: Der Fünfer ist eine große russische Kupfermünze. Der -abgeflachte Rüssel des Schweines erinnert daran; daher der Vergleich.] - -Peredonoff verstand das nicht. - -Sie hat ihren eigenen Vorteil im Auge -- dachte er, -- sie wird es doch -besser haben, wenn sie mit einem höheren Beamten verheiratet ist und -mehr Geld bekommt. Mit andren Worten: sie ist ihm zu Dank verpflichtet, -nicht er ihr. Und in jedem Fall ist es mit ihr bequemer zu leben, als -sonst mit irgend einer Person. - -Peredonoff hatte sich an Warwara gewöhnt. Sie erschien ihm -begehrenswert, vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil es ihm zum -Bedürfnis geworden war, sie zu quälen. Eine ähnliche Frau hätte er nicht -einmal auf Bestellung bekommen. - -Es war spät geworden. In Peredonoffs Wohnung war noch Licht, die hellen -Fenster stachen grell von der dunklen Straße ab. - -Am Teetisch saßen Gäste: die Gruschina -- Warwaras alltäglicher Gast --, -Wolodin, die Prepolowenskaja, ihr Mann Konstantin Petrowitsch, ein -stattlicher Vierziger; er war sehr schweigsam, bleich und hatte schwarze -Haare. Warwara hatte sich schön gemacht -- sie trug ein weißes Kleid. -Man trank Tee und plauderte. Wie gewöhnlich, wenn Peredonoff lange -ausblieb, fühlte sich Warwara beunruhigt. Wolodin hatte fröhlich -meckernd berichtet, Peredonoff wäre zusammen mit Rutiloff gegangen. Ein -Grund mehr um Warwaras Unruhe zu steigern. - -Endlich erschien Peredonoff und Rutiloff. Sie wurden mit Gelächter und -dummen, zotigen Scherzen empfangen. - -»Wo ist der Schnaps?« herrschte Peredonoff Warwara an. Sie sprang auf, -lächelte schuldbewußt und brachte eilig den Schnaps in einer -grobgeschliffenen Karaffe. - -»Prost«, brummte Peredonoff. - -»Warte doch, die Magd bringt den Imbiß gleich,« sagte Warwara, »he, -Faultier, etwas flinker,« rief sie in die Küche. - -Aber Peredonoff hatte den Schnaps schon eingeschenkt. Er murmelte: - -»Man soll noch warten! Die Zeit wartet nicht.« - -Man trank und aß dazu kleine Saftpasteten. - -Zur Unterhaltung der Gäste hatte Peredonoff nur Schnaps und Karten -bereit. Zum Kartenspiel war es noch zu früh, -- man hatte den Tee noch -nicht getrunken, -- also blieb der Schnaps. - -Unterdessen war der Imbiß gebracht worden, so konnte man weiter trinken. -Die Magd hatte beim Hinausgehen die Tür nicht geschlossen. Peredonoff -wurde unruhig. - -»Ewig ist die Tür sperrangelweit auf«, schimpfte er. - -Er fürchtete den Zugwind, -- man hätte sich erkälten können. Daher war -es in der Wohnung stets dumpf. - -Die Prepolowenskaja nahm ein Ei. - -»Prachtvolle Eier,« sagte sie, »wo kaufen Sie ein?« - -Peredonoff antwortete: - -»Das sollen Eier sein! Auf unsrem Gut gab es eine Henne, die legte -tagaus tagein zwei große Eier.« - -»Große Herrlichkeit,« antwortete die Prepolowenskaja, »als wäre das was -Besonderes, auch ein Grund zum Protzen! Wir hatten im Dorf eine Henne, -die legte täglich zwei Eier und ein Achtel Butter dazu.« - -»Akkurat wie bei uns,« sagte Peredonoff, ohne den Witz zu begreifen. -»Was andere Hühner konnten, konnte unsre Henne erst recht. Unsere Henne -war sehr ergiebig.« - -Warwara lachte. - -»Dumme Witze«, sagte sie. - -»Die Ohren faulen ab von solchem Unsinn,« sagte die Gruschina. - -Peredonoff sah sie wütend an und gab erbittert zur Antwort: - -»Wenn sie faulen, täte man gut, sie abzureißen.« - -Die Gruschina wurde verlegen. - -»Sie werden gleich ungemütlich, Ardalljon Borisowitsch; immer sagen Sie -sowas!« meinte sie schüchtern. - -Die andern lachten mitleidig. Wolodin zwinkerte mit den Augen, runzelte -die Stirn und erklärte: - -»Wenn Ihre Ohren faulen, so muß man sie abreißen, sonst wäre es ja -komisch, wenn sie verfaulen und hin und her schlenkern.« - -Wolodin zeigte mit den Händen, wie die verfaulten Ohren hin und her -schlenkern würden. Die Gruschina schrie ihn an: - -»Sie schwatzen alles nach! Was eigenes wissen Sie nicht zu sagen.« - -Wolodin fühlte sich gekränkt und entgegnete mit Würde: - -»Ich kann wohl, wenn ich nur will, Marja Ossipowna, da wir aber dabei -sind, uns in größerer Gesellschaft angenehm zu unterhalten, so sehe ich -keinen Grund, warum ich nicht dem Scherze eines anderen beipflichten -sollte. Sollte Ihnen das nicht passen, so tun Sie, was Sie wollen. Wie -Sie uns begegnen, so begegnen wir Ihnen.« - -»So ist es recht, Pawel Wassiljewitsch,« ermunterte ihn lachend -Rutiloff. - -»Pawel Wassiljewitsch steht immer seinen Mann,« sagte die -Prepolowenskaja und lächelte spöttisch. - -Warwara hatte ein Stück Brot geschnitten und behielt das Messer in der -Hand, während sie auf Wolodins scherzhafte Bemerkungen horchte. Die -Messerklinge funkelte. Peredonoff lief es kalt über den Rücken, -- wie, -wenn sie ihn plötzlich niederstoßen würde. Er rief: - -»Warwara, leg das Messer fort!« - -Warwara zuckte zusammen. - -»Was schreist du so,« sagte sie und legte das Messer beiseite. »Wissen -Sie, er sieht immer Gespenster,« erklärte sie dem schweigsamen -Prepolowenskji. Der strich sich den Bart und machte Miene, etwas zu -sagen. - -»Das kommt vor«, begann er mit traurig-weicher Stimme, »ich hatte einen -Bekannten, der fürchtete sich vor Nadeln. Ihn plagte die Angst, jemand -würde ihn stechen und die Nadel würde in seine Eingeweide dringen. Und -stellen Sie sich vor, jedesmal wenn er eine Nadel sah, zitterte er ...« - -Hatte er einmal angefangen zu reden, so hörte er nicht auf und erzählte -immer wieder dasselbe mit kleinen Aenderungen, bis ihn jemand -unterbrach, um auf ein anderes Thema zu kommen. Alsdann hüllte er sich -wieder in tiefes Schweigen. - -Die Gruschina gab dem Gespräch eine Wendung ins Zotige. Sie erzählte von -der Eifersucht ihres verstorbenen Mannes, und wie sie ihn hintergangen -hätte. Dann berichtete sie von einem Klatsch über irgendeine -hochstehende Persönlichkeit und seine Maitresse. Diese hätte einmal auf -der Straße ihren Liebhaber getroffen. Ganz laut ruft sie ihm zu: Guten -Tag, Jeannot! -- Das auf offener Straße! -- erzählte sie. - -»Ich werde gegen Sie Anzeige erstatten«, sagte Peredonoff ärgerlich, -»wie darf man sich unterstehen, über Leute von Rang solche Geschichten -zu verbreiten!« - -Die Gruschina murmelte erschreckt: - -»Ich kann nichts dafür, man hat es mir so erzählt. Ich erzähle es nur -weiter.« - -Peredonoff schwieg erbost, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und -trank seinen Tee aus der Untertasse. Er dachte bei sich, daß es im Hause -eines künftigen Inspektors nicht statthaft wäre, unehrerbietig über hohe -Beamte zu reden. Er ärgerte sich über die Gruschina. Auch Wolodin kam -ihm verdächtig vor: merkwürdig oft nannte er ihn Herr Inspektor _in -spe_. Einmal hatte ihm Peredonoff schon gesagt: - -»Du beneidest mich wohl, mein Bester! Du wirst es nicht zum Inspektor -bringen, ich wohl.« - -Hierauf hatte Wolodin entgegnet, -- und er gab seinem Gesicht ein -überzeugendes Aussehen: - -»Jedem das Seine, Ardalljon Borisowitsch -- Sie sind Spezialist auf -_diesem_ Gebiet, ich auf _meinem_.« - -»Denken Sie nur, Nataschka ist von uns direkt zum Gendarmerieoberst in -Dienst gegangen,« berichtete Warwara. - -Peredonoff fuhr auf; verstört blickte er um sich. - -»Du lügst wieder!« sagte er halb fragend. - -»Nanu, warum soll ich lügen,« antwortete Warwara, »geh zu ihm hin und -frag ihn doch.« - -Diese unangenehme Neuigkeit wußte auch die Gruschina zu bestätigen. -Peredonoff geriet ganz aus der Fassung. Sie würde ihn denunzieren, der -Gendarmerieoberst würde sich das merken und gelegentlich dem Ministerium -Bericht erstatten. Wie fatal! - -Peredonoffs Auge blieb an einem Bücherregal haften, welches über der -Kommode hing. Da standen einige gebundene Bücher: dünne Bändchen von -Pissareff und etwas dickere -- »Vaterländische Memoiren«. Peredonoff -erbleichte und sagte: - -»Diese Bücher müssen fort, sonst werde ich denunziert.« - -Früher hatte Peredonoff diese Bücher zur Schau gestellt, um damit seine -liberale Gesinnung zu zeigen, -- in der Tat war er vollständig -gesinnungslos und hatte nicht die geringste Lust, irgend einem Problem -nachzugehen. Außerdem _standen_ diese Bücher nur bei ihm, er las sie -garnicht. Es war schon lange her, daß er ein Buch zur Hand genommen -hatte -- zum Lesen hatte er keine Zeit, -- aber auch Zeitungen ließ er -nicht kommen, die Tagesneuigkeiten erfuhr er aus Gesprächen. Im übrigen -gab es für ihn eigentlich nichts Wissenswertes, denn nichts in der Welt -interessierte ihn. Ueber Zeitungsabonnenten machte er sich lustig, es -wären Geldverschwender und Tagediebe. Man hätte glauben können, daß ihm -jede Minute kostbar war. - -Er ging zum Bücherbrett und flüsterte: - -»Das ist bezeichnend für unsere Stadt, alles wird hinterbracht. Hilf -doch, Pawel Wassiljewitsch,« sagte er zu Wolodin. - -Wolodin erhob sich. Er machte ein ernstes, verständnisvolles Gesicht und -nahm behutsam die Bücher, welche Peredonoff ihm reichte. Sich selbst -behielt Peredonoff einen kleinen Bücherpacken, Wolodin gab er den -größeren und ging in den Saal. Wolodin hinter ihm her. - -»Wohin wollen Sie den Plunder verstecken, Ardalljon Borisowitsch?« -fragte er. - -»Das wirst du sehen,« antwortete Peredonoff verdrießlich. - -Die Prepolowenskaja fragte: - -»Was schleppen Sie da eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?« - -Im Fortgehen antwortete Peredonoff: - -»Streng verbotene Bücher. Wenn man die sieht, werde ich denunziert.« - -Im Saal kniete Peredonoff vor dem Ofen nieder, legte die Bücher auf den -Boden -- Wolodin tat dasselbe -- und schob ein Buch nach dem andern -durch die schmale Ofentür. Wolodin kniete hinter ihm und reichte die -Bücher. Dabei suchte er den sinnenden, verständigen Ausdruck in seinem -Schafsgesicht zu wahren, indem er seine Lippen vorstreckte und seine -rundgewölbte Stirn in Falten legte. - -Warwara stand an der Tür und sah zu. Sie lachte und sagte: - -»Du bist ein ganzer Narr!« - -Aber die Gruschina verwies ihr das: - -»Nein, Warwara Dmitriewna. Sagen Sie nicht, die größten -Unannehmlichkeiten können entstehen, wenn da was herauskommt. Vergessen -Sie nicht, er ist Lehrer am Gymnasium. Die Vorgesetzten fürchten sehr, -die Lehrer könnten den Schülern revolutionäre Ideen beibringen.« - -Man hatte den Tee getrunken und machte sich ans Pochspiel; alle sieben -setzten sich an den Kartentisch im Saal. Peredonoff spielte sehr eifrig, -aber ohne Erfolg. Bei jedem zwanzigsten Stich verlor er und mußte -zahlen; Prepolowenskji hatte das größte Glück. Er spielte mit seiner -Frau zusammen. Sie hatten bestimmte Zeichen verabredet, Hüsteln, Klopfen -und verständigten sich so über die Karten, welche sie in der Hand -hielten. - -Peredonoff hatte heute gar kein Glück. Er beeilte sich, seine Einsätze -zurückzugewinnen, allein Wolodin zögerte im Gegenspiel und bemühte sich, -seine Karten zu halten. - -»Pawluschka, sag an,« rief Peredonoff ungeduldig. - -Wolodin fühlte sich im Spiel als gleichberechtigte Persönlichkeit, er -machte ein bedeutendes Gesicht und sagte: - -»Wie meinst du das eigentlich, freundschaftlich oder wie?« - -»Freundschaftlich, freundschaftlich,« entgegnete Peredonoff gedankenlos, -»sag nur schneller an!« - -»Es sei denn, ich bin wirklich erfreut, von Herzen erfreut,« redete -Wolodin und lachte froh und dumm, während er sein Spiel ansagte, »du -bist ein Prachtmensch, Ardascha, und ich habe dich sogar aufrichtig -lieb. Freilich hättest du es nicht freundschaftlich gemeint, so wäre es -ein ander Ding. Weil du es aber freundschaftlich meinst, so bin ich -hocherfreut. Zur Belohnung gebe ich dir ein Aß,« sagte Wolodin und -spielte Trumpf. - -Peredonoff hatte in der Tat ein Aß, aber nicht Trumpf, daher verlor er -wieder. Geärgert sagte er: - -»Du gabst mir ein Aß, aber ich kann's nicht brauchen, du betrügst,« -brummte er, »ich brauchte Trumpf und was hast du mir gegeben? Was fang -ich mit Pik-Aß an?« - -Rutiloff wurde witzig: - -»Freilich, wozu brauchst du ein Aß, du bist ja selber ein Aas.« - -Wolodin meckerte und kicherte: - -»Der Inspektor _in spe_ macht eine Wandlung durch: Aß, Aß, Aas.« - -Rutiloff schwatzte in einem fort, er erzählte Klatschgeschichten und -Anekdoten recht zweifelhaften Inhalts. Um Peredonoff zu ärgern, -versicherte er, daß die Gymnasiasten sich schlecht betrügen, besonders -jene, welche nicht im Internat lebten: sie rauchen, trinken Schnaps und -stellen jungen Mädchen nach. Peredonoff glaubte das. Und die Gruschina -bestärkte ihn in diesem Glauben. Solche Geschichten bereiteten ihr ein -besonderes Vergnügen: sie hatte nämlich nach dem Tode ihres Mannes die -Absicht gehabt, eine Pension für 3-4 Gymnasiasten einzurichten. Der -Direktor hatte ihr hierzu die Konzession nicht erteilt, trotz -Peredonoffs Fürsprache, -- denn die Gruschina stand in schlechtem Ruf. -Nun begann sie eifrig jene Frauen zu schmähen, welche Gymnasiasten in -Pension hatten. - -»Sie bestechen den Direktor,« erklärte sie. »Solche Frauen gehören zum -Gesindel,« sagte Wolodin mit Nachdruck, »beispielsweise meine Wirtin. -Als ich das Zimmer mietete, wurde vereinbart, sie hätte mir jeden Abend -drei Glas Milch zu liefern. Schön, einen Monat, den zweiten, war alles -in Ordnung.« - -»Hast du dich nicht besoffen?« fragte Rutiloff lachend. - -»Warum sollte ich mich besaufen?« entgegnete Wolodin gekränkt. »Milch -ist ein vorzügliches Nahrungsmittel. Außerdem hatte ich mich daran -gewöhnt, jeden Abend drei Glas zu trinken. Plötzlich werden mir nur zwei -Glas gebracht. Warum denn so? frage ich. Die Magd antwortet: Anna -Michailowna -- sagte sie -- läßt vielmals um Entschuldigung bitten, aber -ihre Kuh -- sagt sie -- gäbe jetzt weniger Milch. Was geht mich das an! -Ich halte mich an meinen Kontrakt. Gesetzt den Fall, ihre Kuh gibt -überhaupt keine Milch mehr, soll ich dann ohne bleiben? Nun, sage ich, -wenn keine Milch da ist, so sagen Sie Anna Michailowna, daß ich um ein -Glas Wasser bitte. Ich habe mich gewöhnt, drei Glas zu trinken, zwei -Glas sind mir zu wenig.« - -»Pawluschka ist ein Held,« sagte Peredonoff, »erzähl' doch deine -Geschichte mit dem General.« - -Wolodin kam dieser Aufforderung bereitwillig nach. Allein diesmal wurde -er ausgelacht. Gekränkt streckte er seine Unterlippe vor. - -Während des Abendessens betranken sich alle vollständig, sogar die -Frauen. - -Wolodin machte den Vorschlag, die Tapeten noch ein wenig zu bearbeiten. -Alle freuten sich: unverzüglich ließen sie das Essen stehen, machten -sich an die Arbeit und amüsierten sich wie die Tollen. Die Tapeten -wurden bespuckt, mit Bierresten begossen, man warf Papierpfeile, deren -Spitzen mit Butter beschmiert waren, an die Wände, man schleuderte -kleine Teufelchen, die aus gekautem Brot geknetet wurden, an die Lage. -Dann beschloß man, auf gut Glück Fetzen aus der Tapete zu reißen -- wer -die längsten Streifen zog, gewann. Bei diesem Spiel gewannen die -Prepolowenskjis anderthalb Rubel. - -Wolodin verlor. Infolgedessen und auch wohl infolge seiner Betrunkenheit -wurde er plötzlich wehmütig und klagte seine Mutter an. Er machte ein -vorwurfsvolles Gesicht und sprach, aus irgend einem Grunde mit der Faust -zur Erde weisend: - -»Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht? Was hab ich -doch für ein elendes Leben! Sie ist nicht meine Mutter, sie hat mich nur -in die Welt gesetzt. Denn eine echte Mutter sorgt für ihr Kind, meine -Mutter hat mich zur Welt gebracht und noch im zartesten Alter in -Kronsinstitute gesteckt.« - -»Dafür haben Sie etwas gelernt und Sie können sich unter Menschen sehen -lassen,« sagte die Prepolowenskaja. - -Wolodin senkte seine Stirn, wackelte mit dem Kopfe und sagte: - -»Nein, nein, was ist an meinem Leben dran, -- es ist ein Hundeleben. -Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht?« - -Plötzlich mußte Peredonoff an die Jerli von gestern denken. - -»Aha,« dachte er bei sich, »er klagt seine Mutter an, warum sie ihn -geboren hätte, er will eben nicht mehr der Pawluschka von früher sein. -So ist es, so ist es: er beneidet mich. Vielleicht geht er schon jetzt -mit dem Gedanken um, Warwara zu heiraten und in meine Haut zu kriechen,« -so dachte Peredonoff und blickte wehmütig auf Wolodin. - -Könnte man ihm doch eine Frau verschaffen? - - * * * * * - -Im Schlafzimmer, als es schon spät in der Nacht war, sagte Warwara zu -Peredonoff: - -»Du denkst wohl, all die jungen Weiber, welche dir nachstellen, sind -schön, weil sie jung sind? Sie sind alle Plunder, ich bin schöner als -sie alle.« - -Eilig entkleidete sie sich und entblößte mit einem niederträchtigen -Lächeln auf den Lippen ihren leicht geröteten, schlanken, schönen, -elastischen Körper. - -Obwohl sie vor Trunkenheit taumelte und obwohl ihr tierisch-wollüstiger -Gesichtsausdruck jeden lebensfrohen Menschen abgestoßen hätte, so muß -doch zugestanden werden, daß sie einen wunderschönen Körper hatte, einen -Körper so zart, wie man ihn bei Nymphen zu denken liebt und an diesen -Körper schien eine böse Fee den Kopf einer gemeinen Dirne gezaubert zu -haben. Und dieser prachtvolle Leib war für die zwei betrunkenen, -schmutzigen Leute nur ein Mittel, um ihre viehische Lust daran zu -stillen. - -So pflegt es oft zu sein und wahrhaftig in unsrem Zeitalter scheint die -Schönheit dazu bestimmt, niedergetreten und mißachtet zu werden. - -Peredonoff lachte tierisch, wie er seine Freundin nackt vor sich stehen -sah. - -Die ganze Nacht über träumte er von nackten Frauenleibern. - - * * * * * - -Warwara glaubte, daß die Einreibungen mit Nesseln, welche sie auf den -Rat der Prepolowenskaja anwandte, erfolgreich gewesen wären. Es schien -ihr, als sei sie plötzlich voller geworden. - -Alle ihre Bekannten fragte sie: - -»Nicht wahr, ich nehme doch zu?« - -Und sie dachte im stillen, daß Peredonoff sie nunmehr unbedingt heiraten -würde; er mußte doch sehen, wie sie dicker wurde, und dann würde er -außerdem den gefälschten Brief erhalten. - -Peredonoff war lange nicht so hoffnungsfreudig. Er war überzeugt, daß -der Direktor ihm feindlich gesinnt wäre -- und in der Tat der Direktor -des Gymnasiums hielt Peredonoff für einen trägen und unfähigen Lehrer. -Peredonoff seinerseits dachte, der Direktor gäbe den Schülern -Instruktionen, ihn zu mißachten, -- das war natürlich Peredonoffs eigene -grundlose Erfindung. Immerhin festigte das in Peredonoff die -Ueberzeugung, er habe sich vor dem Direktor in acht zu nehmen. Aus -Bosheit machte er sich des öfteren in den höheren Klassen über seinen -Vorgesetzten lustig, und einer ganzen Reihe von Schülern gefiel das. - -Jetzt, wo Peredonoff den Plan hatte, Inspektor zu werden, wurde ihm -dieses unfreundliche Verhalten des Direktors doppelt unangenehm. - -Gesetzt den Fall, die Fürstin legte sich ins Mittel, so schlägt ihre -Protektion die Ränke des Direktors nieder. Immerhin schien das Spiel -nicht ungefährlich. - -Außerdem glaubte Peredonoff in den letzten Tagen noch anderen Leuten -begegnet zu sein, welche ihm nicht wohlwollten und nur zu gerne seine -Hoffnungen auf den Inspektorposten zerstört hätten. - -Zum Beispiel Wolodin: nicht umsonst redet er immer wieder vom Inspektor -_in spe_. Auch hat es Fälle gegeben, daß Menschen sich einfach fremde -Namen beilegten und ganz lustig in den Tag hineinlebten. - -Freilich, so direkt sich in Peredonoffs Rolle hereinzufinden, dürfte dem -Wolodin schwer fallen, doch war Wolodin trotz seiner Dummheit in seinen -Einfällen unberechenbar. Und es ist ratsam, sich vor einem bösen -Menschen in acht zu nehmen. - -Ferner die Rutiloffs, die Werschina mit ihrer Martha, schon aus Neid -Parteigenossen, alle sind sie froh ihm zu schaden. Wie ließ sich das -anstellen? Sehr einfach, man schwärzt ihn bei den Vorgesetzten an und -erklärt, er sei ein unzuverlässiger Mensch. - -So kam es, daß Peredonoff sich um zweierlei sorgte; erstens mußte seine -Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben sein, und zweitens mußte er -sich vor Wolodin schützen, indem er ihm eine reiche Heirat vermittelte. - -Eines schönen Tages fragte er Wolodin: - -»Willst du -- ich werde für dich bei Fräulein Adamenko anhalten? Oder -trauerst du noch um Martha? Ein Monat dürfte doch genügt haben, deinen -Gram zu stillen.« - -»Warum soll ich um Martha trauern,« antwortete Wolodin, »ich habe ihr -einen ehrenvollen Antrag gemacht, wenn sie aber nicht will, so ist das -nicht meine Schuld. Ich werde auch eine andere kriegen, oder sollte sich -tatsächlich keine einzige Braut für mich finden? Gott, so was kriegt man -doch an jeder Straßenecke.« - -»Ja, aber die Martha hat dich doch abgekorbt,« neckte Peredonoff. - -»Ich weiß nicht, was für einen Bräutigam sie erwartet,« sagte Wolodin -beleidigt. »Hätte sie wenigstens eine große Mitgift, aber so --! .. Sie -hat sich in dich vernarrt, Ardalljon Borisowitsch.« - -Peredonoff gab ihm einen Rat: - -»An deiner Stelle würde ich ihre Pforte mit Teer beschmieren.«[5] - -Wolodin kicherte, beruhigte sich aber gleich und sagte: - -»Wenn man mich klappt, so wird es Unannehmlichkeiten geben.« - -[Fußnote 5: Bedeutet, daß in dem betr. Hause ein Mädchen lebt, das noch -zu haben ist. Im Bilde: die Männer sollen am Teer kleben bleiben.] - -»Du brauchst es ja nicht selber zu tun; miete dir doch irgend jemand,« -sagte Peredonoff. - -»Bei Gott, es wäre eine gerechte Strafe,« sagte Wolodin begeistert, -»denn wenn sie nicht eine richtige Heirat eingehen will, indessen aber -bei Nacht junge Leute durchs Fenster in ihr Zimmer läßt, -- so hört doch -alles auf. Solche Menschen haben weder Schamgefühl noch Gewissen.« - - - - - VI - - -Am nächsten Tage machte sich Peredonoff mit Wolodin auf den Weg zu -Fräulein Adamenko. Wolodin hatte sich schön gemacht, er trug seinen -neuen, ein wenig zu engen Bratenrock, ein reines Plätthemd, einen bunten -Schlips; er hatte seine Haare mit Pomade eingerieben, sich parfümiert -und war in gehobener Stimmung. - -Nadeschda Wassiljewna Adamenko lebte mit ihrem Bruder in einem eigenen -roten Ziegelhäuschen; nicht weit von der Stadt hatte sie ein Gut, -welches verpachtet wurde. Vor zwei Jahren hatte sie die höhere -Töchterschule absolviert und beschäftigte sich jetzt damit, auf der -Ottomane zu liegen, allerhand Bücher zu lesen und ihren Bruder, einen -elfjährigen Gymnasiasten, zu berufen. Dieser rettete sich vor der -strengen Schwester mit der kurzen Bemerkung: »Mama war viel besser als -du. Mama stellte einfach den Regenschirm in die Ecke, nicht mich.« - -Bei Nadeschda Wassiljewna lebte noch ihre Tante, ein wesenloses, -unselbständiges Geschöpf. Im Haushalt hatte sie nichts zu bedeuten. -Nadeschda Wassiljewnas Bekanntenkreis war eng begrenzt. Peredonoff -besuchte sie selten und nur der Umstand, daß er sie fast garnicht -kannte, entschuldigte seinen Plan, dieses Fräulein mit Wolodin zu -verheiraten. - -Sie war sichtlich erstaunt über den unerwarteten Besuch, doch empfing -sie ihre Gäste immerhin liebenswürdig. Gäste wollen unterhalten sein und -Nadeschda Wassiljewna glaubte, daß ein Lehrer der russischen Sprache am -liebsten über Pädagogik, über die bevorstehende Schulreform, -Kindererziehung, Literatur, Symbolismus, russisches Zeitungswesen reden -würde. Sie berührte gesprächsweise alle diese Fragen, erhielt aber so -merkwürdige Antworten, daß es ihr erstaunlich klar wurde, wie -vollständig gleichgültig ihren Gästen all diese Dinge waren. Sie -erkannte, daß nur ein Gesprächsthema möglich war, nämlich -Klatschgeschichten. Trotzdem machte Nadeschda Wassiljewna noch einen -Versuch: - -»Haben Sie Tschechoffs »Menschen im Futteral« gelesen?« fragte sie. -»Nicht wahr, ein vortreffliches Buch?« - -Sie hatte diese Frage an Wolodin gerichtet. Der fletschte die Zähne und -fragte: - -»Was ist denn das, eine Novelle oder ein Roman?« - -»Eine Erzählung,« erklärte Nadeschda Wassiljewna. - -»Von Herrn Tschechoff, wenn ich fragen darf?« erkundigte sich Wolodin. - -»Ja, von Tschechoff,« sagte Nadeschda Wassiljewna und lächelte. - -»Wo ist es denn erschienen?« fragte Wolodin neugierig weiter. - -»Im >Russischen Gedanken<« antwortete das Fräulein sehr liebenswürdig. - -»In welcher Nummer?« erkundigte sich Wolodin. - -»Ich weiß nicht recht, ich glaube, es war im Sommer,« antwortete -Nadeschda Wassiljewna immer noch liebenswürdig, aber sehr erstaunt. - -Der kleine Gymnasiast rief durch die Türspalte: - -»Im Maiheft war die Erzählung gedruckt,« er hielt sich mit den Händen an -der Tür und blickte mit seinen fröhlichen, blauen Augen von den Gästen -zur Schwester. - -»Es ist viel zu früh für Sie Romane zu lesen,« sagte Peredonoff streng. -»Sie würden besser daran tun, zu lernen, statt Geschichten zweifelhaften -Inhalts zu lesen.« - -Nadeschda Wassiljewna sah ihren Bruder vorwurfsvoll an. - -»Das ist ja reizend. Man steht hinter der Tür und horcht,« sagte sie, -hob beide Hände auf und legte die kleinen Finger im rechten Winkel -aneinander. - -Der Gymnasiast wurde verlegen und verschwand. Er ging in sein Zimmer, -stellte sich in den Winkel und blickte auf die Uhr. Die kleinen Finger -im rechten Winkel aneinander gelegt bedeuteten zehn Minuten -Winkelstehen. »Nein,« dachte er ärgerlich, »bei Mama war es besser; Mama -stellte nur den Regenschirm in den Winkel.« - -Unterdessen suchte Wolodin im Salon das Fräulein mit dem Versprechen zu -beruhigen, er würde sich das Maiheft des »Russischen Gedankens« -verschaffen und die Erzählung des Herrn Tschechoff lesen. Peredonoff -hörte gelangweilt zu. Endlich sagte er: - -»Ich habe das Ding auch nicht gelesen. Ich lese keine Dummheiten. -Erzählungen und Romane sind immer dumm.« - -Nadeschda Wassiljewna lächelte liebenswürdig und sagte: - -»Sie urteilen sehr hart über die moderne Literatur. Es werden doch auch -gute Bücher geschrieben.« - -»Die guten Bücher habe ich schon längst gelesen,« erklärte Peredonoff. -»Ich werde doch nicht Sachen lesen, welche eben erst verfaßt worden -sind.« - -Wolodin blickte voll Ehrfurcht auf Peredonoff. Nadeschda seufzte leicht -auf und -- es war nichts zu machen -- begann zu schwatzen und -Klatschgeschichten zu erzählen, so gut es gehen wollte. Obgleich sie -diese Gespräche keineswegs liebte, so verstand sie doch als -wohlerzogene, junge Dame, die Unterhaltung in Fluß zu halten. Sie -langweilte sich entsetzlich, die beiden aber dachten, daß sie ganz -besonders liebenswürdig wäre und schrieben das dem berückenden Aeußern -Wolodins zu. - -Als sie sich verabschiedet hatten und auf der Straße waren, -beglückwünschte Peredonoff Wolodin zum Erfolge. Wolodin lachte und -hüpfte vor lauter Freude. Schon hatte er all die erhaltenen Körbe -vergessen. - -»Schlag nicht aus,« sagte ihm Peredonoff. »Du springst so wie ein junger -Bock. Warte nur, du wirst schon mit einer Nase abfahren.« - -Das sagte er nur im Scherz, denn er war fest davon überzeugt, daß seine -Werbung für Wolodin erfolgreich sein würde. - - * * * * * - -Die Gruschina war beinahe jeden Tag bei Warwara. Warwara kam noch öfter -zu ihr, sodaß sie sich fast garnicht trennten. Warwara regte sich auf -und die Gruschina zögerte, versicherte, daß es sehr schwer sei, die -Buchstaben genau so nachzuschreiben, bis sie ganz ähnlich würden. - -Peredonoff wollte immer nicht den Tag der Trauung bestimmen. Wieder -verlangte er, man möge ihm zuerst den Inspektorposten verschaffen. Er -hatte es nur zu gut behalten, wie viele heiratslustige Bräute ihn -ersehnten und damit drohte er öfters Warwara, gerade so wie im -vergangenen Winter. - -»Ich gehe sofort, mich trauen lassen. Am Morgen kehre ich mit meiner -Frau heim und jage dich zum Teufel. Es ist das letzte Mal, daß du hier -über Nacht bleibst.« - -Mit diesen Worten ging er ins Restaurant Billard spielen. Manchmal -kehrte er abends heim; öfter jedoch zechte er die ganze Nacht durch mit -Rutiloff und Wolodin in irgend einer verrufenen Kneipe. In solchen -Nächten konnte Warwara nicht schlafen. Nachher hatte sie entsetzliche -Migräne. Gut, wenn er um ein oder zwei Uhr in der Nacht nach Hause kam, -dann atmete sie erleichtert auf. Wenn er aber erst in den Morgenstunden -erschien, so war sie tagsüber ganz krank. Endlich hatte die Gruschina -den Brief fertiggestellt und brachte ihn Warwara. Lange prüften sie ihn, -verglichen ihn mit einem alten Briefe, welcher tatsächlich von der -Fürstin stammte. Die Gruschina versicherte: er ist so täuschend ähnlich, -daß nicht einmal die Fürstin ihn für eine Fälschung halten würde. In der -Tat war die Aehnlichkeit nur gering, doch Warwara war leichtgläubig. -Außerdem war es doch ganz sicher, daß Peredonoff sich ganz unmöglich an -die ihm nur wenig bekannten Schriftzüge so deutlich erinnern konnte, um -die Fälschung als solche zu erkennen. - -»Gott sei Dank,« sagte sie erfreut, »endlich einmal! Ich hatte schon -alle Geduld verloren, so lange habe ich warten müssen. Wie wird es nur -mit dem Briefumschlag -- wenn er danach fragt, was soll ich ihm sagen?« - -»Den Umschlag kann man nicht fälschen,« sagte die Gruschina lächelnd und -schielte spöttisch auf Warwara, »Poststempel lassen sich nicht -nachmachen.« - -»Ja, was soll man denn tun?« - -»Liebste Warwara Dmitriewna, sagen Sie doch einfach, Sie hätten das -Kouvert verbrannt. Was fängt man sonst mit Kouverts an.« - -Warwara begann wieder zu hoffen. Sie sagte der Gruschina: - -»Wenn er nur heiraten wollte, ich würde keinen Finger mehr für ihn -rühren. Nein, ich werde mich dann ausruhen, mag er für mich laufen.« - - * * * * * - -Am Sonnabend ging Peredonoff nach dem Mittagessen zum Billardspielen. -Seine Gedanken waren sorgenvoll und trübe. - -Er dachte: - -Es ist eine Qual unter neidischen, feindlich gesinnten Menschen leben zu -müssen. Man muß es ertragen, -- alle können nicht Inspektor werden. Das -ist der Kampf ums Dasein! - -An einer Straßenecke traf er den Gendarmerieoberst. Eine peinliche -Begegnung. - -Der Oberstleutnant Nikolai Wladimirowitsch Rubowskji war nicht besonders -groß, untersetzt, er hatte dichte Brauen, fröhliche graue Augen und -hinkte ein wenig. Daher klirrten seine Sporen unregelmäßig. Er war sehr -liebenswürdig und in Gesellschaften ein gern gesehener Gast. Er kannte -alle Leute in der Stadt und ihre geschäftlichen Beziehungen; er liebte -es, kleine Klatschgeschichten zu hören, war aber selbst bescheiden und -verschwiegen wie ein Grab und bereitete niemandem unnützerweise -Unannehmlichkeiten. Man blieb stehen, begrüßte sich, plauderte. -Peredonoff machte ein verdrießliches Gesicht, hielt vorsichtig Umschau -und sagte dann: - -»Ich höre, unsere Natascha ist bei Ihnen im Dienst; ich bitte, glauben -Sie ihr nicht, wenn sie etwas über uns erzählen sollte; das lügt sie.« - -»Dienstbotenklatsch ist mir zuwider,« sagte Rubowskji voll Würde. - -»Sie ist eine gemeine Person,« fuhr Peredonoff fort, ohne die Entgegnung -Rubowskjis zu beachten, »sie hat einen Geliebten, einen Polen. -Vielleicht ist sie nur darum zu Ihnen gegangen, um irgendwelche geheime -Akten zu stehlen.« - -»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht,« versetzte trocken der -Oberstleutnant, »Festungspläne habe ich nicht in Verwahrung.« - -Diese Erwähnung von Festungen überraschte Peredonoff. Es schien ihm, als -spiele Rubowskji darauf an, daß er es bewirken könne, ihn hinter Schloß -und Riegel zu bringen. - -»Ach was, Festungen,« murmelte er, »so war es nicht gemeint. Ich wollte -nur im allgemeinen bemerken, daß über mich allerlei dumme Gerüchte -umlaufen. Das hat seinen Grund im Neid. Glauben Sie, bitte, nichts -Derartiges. Man denunziert mich, um den Verdacht von sich selber -abzulenken. Uebrigens bin auch ich in der Lage, zu denunzieren.« - -Rubowskji verstand nicht recht. - -»Ich gebe Ihnen die Versicherung,« sagte er, mit den Achseln zuckend und -sporenklirrend, »mir sind gar keine Anzeigen gemacht worden. Irgend -jemand hat Ihnen wohl im Scherze damit gedroht, aber man redet oft mehr, -als man verantworten kann.« - -Peredonoff traute ihm nicht. Er glaubte, daß der Gendarmerieoberst etwas -vor ihm verheimliche, und ihm wurde sehr bange. - -Jedesmal, wenn Peredonoff an dem Garten der Werschina vorbeiging, redete -sie ihn an und lockte ihn mit beinah magischen Bewegungen in den Garten. -Und er trat ein, ohne es zu wollen, ihrem stillen Einfluß gehorchend. -Vielleicht würde es ihr gelingen, schneller als die Rutiloffs ans Ziel -zu kommen, dachte sie, denn Peredonoff stand allen Menschen gleich fremd -gegenüber und warum hätte er nicht Martha heiraten sollen? - -Doch der Sumpf, in dem Peredonoff steckte, war schlammig und zäh, und -kein Mittel verfing, ihn da heraus in einen anderen zu zerren. - -Auch heute gelang es der Werschina, als Peredonoff nach der Unterredung -mit Rubowskji vorüberging, ihn hereinzulocken. Sie war wie immer ganz in -Schwarz. - -»Martha und Wladja fahren auf einen Tag nach Hause,« sagte sie und sah -zärtlich aus ihren braunen Augen durch den Rauch ihrer Zigarette auf -Peredonoff, »Sie sollten zusammen mit den beiden einen Tag im Dorfe -zubringen. Ein Knecht ist mit einem Wägelchen gekommen, sie abzuholen.« - -»Es wird eng sein,« sagte Peredonoff verdrießlich. - -»Ach was, zu eng,« entgegnete die Werschina. »Sie werden ausgezeichnet -Platz haben. Und wenn es auch etwas eng sein sollte, das ist kein -Unglück; es ist ja nicht weit, eine halbe Stunde Fahrt.« - -In diesem Augenblick kam Martha aus dem Hause gelaufen, um sich bei der -Werschina nach etwas zu erkundigen. Die Freude an der bevorstehenden -Fahrt hatte ihre Trägheit verdrängt und ihr Gesicht war lebhafter und -fröhlicher als wie gewöhnlich. Nun fingen sie beide an, Peredonoff zur -Fahrt ins Dorf zu überreden. - -»Sie werden ganz bequem sitzen können,« beteuerte die Werschina, »Sie -neben Martha auf dem Rücksitz und Wladislaus neben Ignaz auf dem Bock. -Sehen Sie doch selber, da steht das Wägelchen im Hof.« - -Peredonoff ging mit der Werschina und Martha in den Hof; da stand der -Wagen. Wladja machte sich daran zu schaffen und verpackte etwas. Der -Wagen war ziemlich geräumig. Aber Peredonoff erklärte, nachdem er ihn -besichtigt hatte: - -»Nein, ich fahre nicht. Es ist zu eng für vier Menschen, außerdem noch -allerhand Sachen.« - -»Na, wenn Sie meinen, daß es zu eng ist,« sagte die Werschina, »so kann -ja der Junge zu Fuß gehen.« - -»Natürlich,« sagte Wladja und lächelte freundlich, »zu Fuß bin ich in -anderthalb Stunden da. Ich werde mich gleich aufmachen, da komme ich -noch vor Ihnen an.« - -Hierauf erklärte Peredonoff, der Wagen würde rütteln und das könne er -nicht vertragen. Man ging in die Laube. Alles war schon fix und fertig -zur Abfahrt, nur der Knecht Ignaz aß noch in der Küche und dieses -Geschäft besorgte er nachdrücklich und ohne sich zu übereilen. - -»Wie lernt mein Bruder?« fragte Martha. Ein anderes Gesprächsthema fiel -ihr nicht ein, und die Werschina hatte ihr schon wiederholt Vorwürfe -darüber gemacht, daß sie es nicht verstände, Peredonoff zu unterhalten. - -»Schlecht,« sagte Peredonoff, »er ist faul und gehorcht nicht.« - -Die Werschina liebte es, zu schelten. Sie machte Wladja Vorwürfe. Wladja -wurde rot und lächelte, zog die Schultern zusammen, als habe er es kalt -und hob, wie es seine Gewohnheit war, eine Schulter höher als die -andere. - -»Das Semester hat eben erst begonnen,« sagte er, »es wird schon gehen.« - -»Man muß gleich von Anfang an lernen,« sagte Martha im Tone der älteren -Schwester und wurde rot. - -»Außerdem macht er Unsinn,« klagte Peredonoff, »gestern betrugen sie -sich gerade wie Straßenjungen. Und außerdem ist er frech; noch -Donnerstag sagte er mir irgend eine Ungezogenheit.« - -Wladja wurde heftig, ganz eifrig erzählte er, immer ein Lächeln auf den -Lippen: - -»Garnicht frech, ich redete nur die Wahrheit, daß Sie in den anderen -Heften an fünf Fehler übersehen haben, bei mir aber alle Fehler -angestrichen und mir eine schlechte Note gegeben haben. Ich hatte aber -schöner geschrieben als jene mit den guten Noten.« - -»Noch eine andere Frechheit haben Sie mir gesagt,« beharrte Peredonoff. - -»Gar keine Frechheit, ich habe nur gesagt, ich würde es dem Inspektor -sagen,« sagte Wladja trotzig, »warum soll ich immer schlechte Noten -bekommen?« - -»Wladja, vergiß nicht, mit wem du sprichst,« sagte die Werschina streng, -»statt daß du dich entschuldigst, wiederholst du noch deine -Ungezogenheiten.« - -Plötzlich fiel Wladja ein, daß man Peredonoff nicht reizen dürfe, weil -er doch vielleicht sich mit Martha verloben könnte. Er wurde ganz rot, -spielte verlegen an seiner Gürtelschnalle und sagte bescheiden: - -»Verzeihen Sie. Ich wollte nur bitten, ob sich das nicht ummachen -ließe.« - -»Schweig doch still, ich bitte dich,« unterbrach ihn die Werschina, »ich -kann so was nicht leiden,« wiederholte sie und zitterte kaum merklich am -ganzen Körper. »Wenn dir ein Verweis erteilt wird, so hast du still zu -sein.« - -Und die Werschina überschüttete den Jungen mit Vorwürfen, rauchte ihre -Zigarette und lächelte schief, wie sie immer lächelte, gleichviel wovon -die Rede war. - -»Man muß es dem Vater sagen, er wird dich bestrafen,« schloß sie. - -»Man muß ihn durchprügeln,« sagte Peredonoff und blickte böse auf den -Jungen, der es gewagt hatte, ihn zu kränken. - -»Natürlich,« bestätigte die Werschina, »man muß ihn durchprügeln.« - -»Man muß ihn durchprügeln,« sagte auch Martha und errötete. - -»Ich werde heute zu Ihrem Vater fahren,« sagte Peredonoff, »und werde -ihm sagen, er soll Sie ordentlich in meiner Gegenwart durchprügeln.« - -Wladja schwieg, blickte auf seine Peiniger, zog die Schultern zusammen -und lächelte, während ihm die Tränen in den Augen standen. Sein Vater -war sehr hart. Wladja versuchte sich zu beruhigen; er dachte, das seien -nur Drohungen. Es war doch nicht möglich, daß man ihm so den Feiertag -verderben wollte. Ein Feiertag ist etwas ganz Besonderes, ein -fröhlicher, schöner Tag und dieses Festliche ist garnicht vereinbar mit -dem Alltäglichen, mit dem Leben in der Schule. - -Peredonoff fand aber Gefallen daran, wenn Kinder weinten, -- besonders -wenn er selber den Anlaß zu Tränen und Zerknirschung gab. Wladjas -Verlegenheit, seine verhaltenen Tränen und sein schuldbewußtes, -schüchternes Lächeln, alles das freute Peredonoff. Er entschloß sich, -zusammen mit Martha und Wladja hinauszufahren. - -»Na meinethalben, ich werde mitkommen,« sagte er zu Martha. - -Martha freute sich, war aber doch ein wenig erschreckt. Natürlich -wünschte sie es, daß Peredonoff mitkäme, -- richtiger, die Werschina -hatte es für sie gewünscht und ihr diesen Wunsch eingegeben durch einige -schnelle Worte. Jetzt aber, wie Peredonoff erklärte, er wolle mitkommen, -tat es ihr leid um Wladja. - -Auch Wladja fühlte sich unbehaglich. War es möglich, daß Peredonoff nur -um seinetwillen mitkam? Er wollte Peredonoff freundlicher stimmen und -sagte: - -»Wenn Sie meinen, Ardalljon Borisowitsch, daß es zu eng sein wird, so -will ich gerne zu Fuß gehen.« - -Peredonoff sah ihn argwöhnisch an und sagte: - -»Das kennen wir. Wenn man Sie allein läßt, werden Sie das Weite suchen. -Nein, nein, wir werden Sie schon hinbringen zu Ihrem Vater, er wird Sie -schon strafen.« - -Wladja wurde rot und seufzte tief auf. Die Gegenwart dieses brutalen, -finstren Mannes war ihm unleidlich und widerwärtig. Um Peredonoff zu -erweichen, beschloß er, dessen Sitz im Wagen so bequem wie möglich -herzurichten. - -»Ich werde es schon so machen,« sagte er, »daß Sie ganz vorzüglich -sitzen sollen.« - -Und eilig lief er an den Wagen. Die Werschina sah ihm nach, lächelte -schief, paffte und sagte leise zu Peredonoff: - -»Sie haben große Angst vor ihrem Vater. Er ist sehr streng.« - -Martha wurde rot. - -Wladja wollte eigentlich eine neue englische Angel mitnehmen, welche er -für sein Taschengeld gekauft hatte, und noch allerhand andere Dinge, -aber sie nahm zu viel Platz fort. Und der Junge trug alles wieder ins -Haus zurück. - -Es war nicht heiß. Die Sonne neigte sich zum Westen. Der Weg war noch -feucht vom Regen, welcher am Morgen gefallen war und staubfrei. Der -Wagen mit seinen vier Insassen rollte gleichmäßig über den Schotter; das -gutgefütterte, graue Pferdchen trabte munter, als hätte es gar keine -Last zu ziehen, und der faule schweigsame Knecht lenkte es mit nur den -Erfahrenen bemerkbaren Bewegungen der Zügel. - -Peredonoff saß neben Martha. Ihm war so viel Platz eingeräumt worden, -daß Martha es sehr unbequem hatte. Das bemerkte er aber nicht. Und wenn -er es auch bemerkt hätte, so hätte er gedacht, daß das ganz in der -Ordnung sei: er war doch der Gast. - -Peredonoff fühlte sich sehr gemütlich. Er beschloß, liebenswürdig mit -Martha zu reden, etwas zu scherzen, sie zu erheitern. Er begann so: - -»Wird Ihre Revolution bald anfangen?« - -»Wieso?« fragte Martha. - -»Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; es wird nur -vergebens sein.« - -»Ich mache mir gar keine Gedanken darüber,« sagte Martha, »außerdem -denkt niemand bei uns an Revolution.« - -»Das sagt man wohl so. Ihr haßt doch die Russen.« - -»Wir denken nicht daran,« sagte Wladja, indem er sich Peredonoff -zuwandte. Er mußte sich umkehren, weil er auf dem Bock neben Ignaz saß. - -»Das kennt man: wir denken nicht daran. Wir werden euch euer Polen -niemals zurückgeben. Wir haben es erobert. Wir haben euch so viel -Wohltaten erwiesen; aber da sieht man es wieder, wenn man den Wolf noch -so sehr füttert, er will immer in den Wald zurück.« - -Martha antwortete nichts. Peredonoff schwieg ein wenig, dann sagte er: - -»Die Polen sind blödsinnig.« - -Martha wurde rot. - -»Das gibt es überall bei den Polen und bei den Russen,« sagte sie. - -»Nein, nein, es ist schon so,« beharrte Peredonoff, »die Polen sind -dumm. Protzig sind sie. Die Juden -- das sind kluge Leute.« - -»Die Juden sind Schufte, garnicht klug,« sagte Wladja. - -»Nein, die Juden sind ein sehr kluges Volk. Der Jude wird einen Russen -immer nasführen, aber niemals ein Russe den Juden.« - -»Es ist ja auch garnicht nötig, zu hintergehen,« sagte Wladja, »besteht -denn die Klugheit nur darin, zu betrügen und zu übervorteilen?« - -Peredonoff blickte den Jungen zornig an. - -»Die Klugheit besteht im Lernen,« sagte er, »Sie zum Beispiel sind -faul.« - -Wladja seufzte auf und kehrte sich wieder um und sah dem gleichmäßigen -Traben des Pferdes zu. Peredonoff aber fuhr fort: - -»Die Juden sind klug, im Lernen und überhaupt in allen Dingen. Würde es -den Juden erlaubt sein, Professoren zu werden, so würden sämtliche -Professoren Juden sein. Die Polinnen sind alle schlampig.« - -Er blickte auf Martha, und mit Behagen bemerkend, daß sie sehr rot -wurde, sagte er liebenswürdig: - -»Denken Sie nicht, ich hätte Sie damit gemeint. Ich weiß, daß Sie eine -vorzügliche Hausfrau abgeben.« - -»Alle Polinnen sind gute Hausfrauen,« entgegnete Martha. - -»Na ja,« antwortete Peredonoff, »von außen sehen sie sauber aus, aber -ihre Unterröcke sind dreckig. Dafür haben sie auch einen Mizkewizsch -gehabt. Ich schätze ihn höher als Puschkin. Ich habe ein Porträt an der -Wand hängen; erst hing der Puschkin da, jetzt habe ich ihn ins Klosett -gehängt, -- er war ein simpler Hoflakai.« - -»Sie sind doch ein Russe,« sagte Wladja, »wozu brauchen Sie unsern -Mizkewizsch. Puschkin schreibt wunderschön und Mizkewizsch auch.« - -»Mizkewizsch steht höher,« wiederholte Peredonoff. »Die Russen sind -Dummköpfe. Nur die Teemaschine haben sie erfunden, weiter nichts.« - -Peredonoff blickte auf Martha, kniff die Augen zusammen und sagte: - -»Sie haben viele Sommersprossen. Das ist nicht hübsch.« - -»Dafür kann ich nichts,« flüsterte Martha lächelnd. - -»Ich habe auch Sommersprossen,« sagte Wladja und kehrte sich auf seinem -engen Sitz um, wobei er den schweigsamen Ignaz anstieß. - -»Sie sind ein Junge,« sagte Peredonoff, »da macht es nichts. Ein Mann -braucht nicht hübsch zu sein. Ihnen hingegen,« er wandte sich zu Martha, -»schadet es. Niemand wird Sie heiraten wollen. Sie müssen Ihr Gesicht -mit Gurkensaft waschen.« - -Martha dankte für den Rat. - -Wladja lächelte und blickte Peredonoff an. - -»Warum lachen Sie?« sagte Peredonoff, »passen Sie auf, wenn wir erst an -Ort und Stelle sind, werden Sie Prügel bekommen.« - -Wladja hatte sich wieder umgekehrt und fixierte Peredonoff; er wollte -erraten, ob es ihm ernst wäre, oder ob er nur scherze. Peredonoff konnte -es nicht ertragen, fixiert zu werden. - -»Was starren Sie mich so an?« fragte er grob. »Ich habe keine besonderen -Verzierungen im Gesicht. Oder haben Sie am Ende den bösen Blick?« - -Wladja erschrak und blickte zur Seite. - -»Verzeihen Sie,« sagte er bescheiden, »ich dachte mir nichts dabei.« - -»Glauben Sie an den bösen Blick?« fragte Martha. - -»Nein, das ist ein dummer Aberglaube,« sagte Peredonoff zornig, »es ist -nur sehr unhöflich, einen so anzustarren.« - -Einige Minuten herrschte verlegenes Schweigen. - -»Sie sind ganz arm?« unterbrach Peredonoff die Stille. - -»Reich sind wir nicht,« entgegnete Martha, »immerhin ganz arm auch -nicht. Wir werden alle eine Kleinigkeit erben.« - -Peredonoff sah sie ungläubig an und sagte: - -»Ich weiß schon, Sie sind ganz arm. Sie gehen an Wochentagen barfuß.« - -»Nicht darum, weil wir arm sind,« versetzte Wladja lebhaft. - -»Ach so, wohl darum, weil Sie reich sind?« fragte Peredonoff und lachte -kurz auf. - -»Jedenfalls nicht, weil wir arm sind,« sagte Wladja und wurde rot, »es -ist sehr gesund barfuß zu gehen, man härtet sich ab und im Sommer ist es -sehr angenehm.« - -»Das lügen Sie,« sagte Peredonoff grob. »Wohlhabende Leute gehen niemals -barfuß. Ihr Vater hat viele Kinder und zählt seine Einnahmen nach -Groschen. Dafür lassen sich keine Stiefel kaufen.« - - - - - VII - - -Warwara hatte keine Ahnung, wohin Peredonoff gegangen sein könnte. Sie -hatte eine entsetzlich unruhige Nacht. - -Als Peredonoff am Morgen in die Stadt zurückkam, ging er nicht nach -Hause, sondern befahl dem Kutscher zur Kirche zu fahren, denn um diese -Zeit begann der Frühdienst. Es schien ihm gefährlich zu sein, nur selten -in die Kirche zu gehen -- man hätte das gegen ihn ausnützen können. - -Am Kirchentor traf er einen hübschen, rotbackigen, kleinen Gymnasiasten. -Er sah sehr nett aus, hatte ein harmloses Gesicht und unschuldige blaue -Augen. Peredonoff sagte: - -»Guten Tag, Maschenka[6], kleines Mädchen.« - -Mischa Kudrjawzeff wurde purpurrot. Peredonoff hatte ihn schon etliche -Male so geneckt und ihn Maschenka genannt. Kudrjawzeff begriff gar nicht -warum und konnte sich nicht entschließen, zu klagen. Einige dumme -Jungen, welche da herumstanden, lachten über Peredonoffs Anrede. Auch -sie liebten es sehr, den kleinen Mischa zu necken. - -Die Eliaskirche war sehr alt; sie war noch zu Zeiten des Kaisers Michael -erbaut worden und stand auf einem großen freien Platz gegenüber dem -Gymnasium. - -Zum Frühgottesdienst und zur Vesper waren die Gymnasiasten verpflichtet -an Feiertagen in diese Kirche zu gehen. Sie mußten links stehen, in -Reihen, am Altar der heiligen Märtyrerin Katharina; hinter ihnen pflegte -sich ein Ordinarius aufzuhalten, um auf Ordnung zu sehen. Etwas mehr in -der Mitte des Kirchenschiffes standen die Lehrer des Gymnasiums, der -Inspektor und der Direktor mit ihren Familien. In der Regel pflegten -sämtliche Schüler griechischer Konfession hier zusammenzukommen, mit -Ausnahme einiger, welchen es gestattet war, zusammen mit ihren Eltern -die vorstädtischen Kirchen zu besuchen. - -[Fußnote 6: Ein russischer Mädchenname.] - -Der Schülerchor sang vortrefflich, daher gingen die Kaufleute erster -Gilde, die Beamten und die Gutsbesitzer mit ihren Familien in diese -Kirche. Einfache Leute sah man nur selten. Um so mehr, als dem Wunsche -des Direktors entsprechend der Gottesdienst später als in den anderen -Kirchen abgehalten wurde. - -Peredonoff stellte sich auf seinen gewohnten Platz. Von hier aus konnte -er den ganzen Chor überblicken. Mit den Augen zwinkernd sah er auf die -Reihen der Sänger und dachte, daß sie unordentlich stünden und daß er -schon Ordnung schaffen wolle, wenn er Inspektor wäre. Zum Beispiel der -brünette Kramarenko. Er war klein, schmächtig und beweglich und wandte -sich bald hierher, bald dorthin, bald flüsterte er seinen Nachbarn etwas -ins Ohr oder lachte und keiner berief ihn. Als wäre es vollständig -gleichgültig. - -»Das ist Unfug,« dachte Peredonoff; »diese Sänger sind immer -Taugenichtse; jener schwarzhaarige Bengel hat einen schönen, reinen -Diskant, -- da denkt er gleich, er kann in der Kirche nach Herzenslust -schwatzen und lachen.« - -Und Peredonoff ärgerte sich. - -Neben ihm stand der ein wenig zu spät gekommene Inspektor der -Volksschulen, Sergius Protapowitsch Bogdanoff, ein alter Mann mit -braunem, dummerhaften Gesicht, welches stets so aussah, als wünschte er -jemandem etwas zu erklären, was er selber absolut nicht begreifen -konnte. Man konnte diesen Bogdanoff sehr leicht in Erstaunen setzen oder -erschrecken: wenn ihm etwas Neues oder Aufregendes zu Ohren kam, so -furchte sich seine Stirn in krankhafter Aufregung und seinem Munde -entfuhren unverständliche, sinnlose Worte. - -Peredonoff beugte sich zu ihm und flüsterte: - -»Eine Ihrer Lehrerinnen trägt rote Blusen.« - -Bogdanoff erschrak. Sein Kinn zitterte vor Angst. - -»Was sagen Sie da?« flüsterte er heiser, »wer tut das?« - -»Na jene mit dem dicken Hals, diese unförmliche Person da. Ich weiß ja -nicht, wie sie heißt,« flüsterte Peredonoff. - -»Mit dem dicken Hals, mit dem Hals,« wiederholte Bogdanoff fassungslos, -»das ist die Skobotschkina.« - -»Na also,« sagte Peredonoff. - -»Ja, wie ist das nur möglich!« zischelte Bogdanoff erregt, »die -Skobotschkina trägt rote Blusen! Haben Sie das gesehen?« - -»Jawohl, außerdem soll sie auch in der Schule so herumlaufen. Manchmal -noch schlimmer, dann trägt sie einen Sarafan,[7] ganz wie ein -Bauernweib.« - -»Nein, das ist ja unglaublich! Das muß festgestellt werden. Das geht -nicht, das geht auf keinen Fall. Man muß sie entlassen, ja entlassen,« -flüsterte Bogdanoff, »sie war schon immer so.« - -Der Gottesdienst war zu Ende. Man ging aus der Kirche. Peredonoff sagte -zu Kramarenko: - -[Fußnote 7: Russisches Nationalkostüm.] - -»Du kleiner, schwarzer Taugenichts, warum lachst du in der Kirche? Warte -nur, ich werde es deinem Vater sagen.« - -Peredonoff redete die nichtadeligen Schüler manchmal mit »Du« an; zu den -Adeligen sagte er immer »Sie«. In der Schulkanzlei erkundigte er sich -nach dem Stande des Einzelnen und sein Gedächtnis ließ ihn in solchen -Dingen niemals im Stich. - -Kramarenko sah Peredonoff erstaunt an und lief schweigend davon. Er -gehörte zu jenen Schülern, welche Peredonoff für grob, dumm und -ungerecht hielten und ihn deswegen verachteten und haßten. So dachte die -Mehrzahl. Peredonoff glaubte, das wären jene, welche der Direktor gegen -ihn aufgestachelt habe, wenn auch nicht in eigener Person, so doch durch -seine Söhne. - -Schon außerhalb der Umfriedung trat Wolodin fröhlich kichernd auf -Peredonoff zu, er machte ein salbungsvolles Gesicht, als hätte er -Geburtstag, sein steifer Hut saß ihm im Nacken, und er fuchtelte mit -seinem Spazierstöckchen. - -»Weißt du was, Ardalljon Borisowitsch,« flüsterte er freudig erregt, -»ich habe den Tscherepin herumgekriegt, er wird in diesen Tagen das Tor -von Marthas Haus mit Teer einschmieren.« - -Peredonoff schwieg ein wenig und bedachte sich. Dann lachte er -schadenfroh. Wolodin hörte alsbald zu grinsen auf, machte ein -bescheidenes Gesicht, rückte seinen Hut zurecht und mit dem Stöckchen -schlenkernd, sagte er: - -»Schönes Wetter heute, am Abend werden wir wohl Regen haben. Mag es nur -regnen, wir werden mit dem Inspektor _in spe_ zu Hause sitzen.« - -»Ich kann eigentlich nicht zu Hause bleiben,« sagte Peredonoff, »ich -habe verschiedne Gänge vor und muß in die Stadt gehen.« - -Wolodin machte ein verständnisvolles Gesicht, obgleich er natürlich -garnicht wußte, was Peredonoff so plötzlich für Gänge vorhaben konnte. -Peredonoff überlegte aber, daß es dringend notwendig wäre, einige -Visiten zu machen. Sein zufälliges Zusammentreffen mit dem -Gendarmerieoberst hatte ihn auf einen Gedanken gebracht, dessen -Ausführung ihm nützlich erschien: er wollte alle Honoratioren der Stadt -besuchen, um sie von seiner Zuverlässigkeit zu überzeugen. Sollte das -gelingen, so hätte er für alle Fälle angesehne Leute in der Stadt, -welche für seine korrekte Gesinnung bürgen würden. - -»Wohin wollen Sie gehen, Ardalljon Borisowitsch?« fragte Wolodin, als er -bemerkte, daß Peredonoff einen anderen als den gewohnten Weg einschlug, -»gehen Sie nicht nach Hause?« - -»Nein, ich gehe nach Haus,« antwortete Peredonoff, »ich fürchte mich -bloß, den alten Weg zu gehen.« - -»Warum denn?« - -»Da wächst so viel Bilsenkraut, der Geruch ist so schwer; er wirkt auf -mich betäubend. Meine Nerven sind schwach, wegen der vielen -Unannehmlichkeiten.« - -Wolodin machte wieder ein verständnisvolles, teilnehmendes Gesicht. - -Unterwegs riß Peredonoff einige Kletten ab und steckte sie in die -Tasche. - -»Wozu sammeln Sie das?« fragte Wolodin grinsend. - -»Für den Kater,« gab Peredonoff traurig zur Antwort. - -»Werden Sie sein Fell mit Kletten bewerfen?« erkundigte sich Wolodin -sachgemäß. - -»Ja.« - -Wolodin kicherte. - -»Bitte, warten Sie bis ich komme; das wird sehr lustig werden,« sagte -er. - -Peredonoff lud ihn ein, doch gleich mitzukommen, aber Wolodin sagte, daß -er was vorhabe: es war ihm auf einmal zum Bewußtsein gekommen, daß es -unanständig wäre, niemals was vorzuhaben. Peredonoffs Worte hatten ihn -darauf gebracht und er überlegte, daß es für ihn ganz angebracht wäre, -auf eigene Faust Fräulein Adamenko zu besuchen und ihr zu erzählen, daß -er neue sehr hübsche Entwürfe für Bilderrahmen gezeichnet hätte und ob -sie die sich nicht ansehen wolle. Außerdem glaubte er, daß ihm Nadeschda -Wassiljewna Kaffee anbieten würde. - -Wie gedacht so getan. Dann hatte er sich noch etwas ausgedacht, etwas -sehr Schlaues; er würde Nadeschda Wassiljewna den Vorschlag machen, -ihrem Bruder Unterricht in der Tischlerei zu erteilen. Nadeschda -Wassiljewna glaubte, daß es Wolodin um einen Verdienst zu tun sei und -erklärte sich sofort einverstanden. Es wurde beschlossen, daß er für 30 -Rubel monatlich in der Woche je zwei Stunden zu geben habe. Wolodin war -entzückt, -- sowohl über den Verdienst, als über die Möglichkeit, -Nadeschda Wassiljewna oft zu sehen. - -Peredonoff kam wie immer mürrisch nach Hause. Warwara war bleich von der -durchwachten Nacht und brummte: - -»Du hättest gestern sagen können, daß du nicht kommen würdest.« - -Peredonoff wollte sie ärgern und erzählte, daß er bei Martha gewesen -sei. Warwara schwieg still. Sie hatte ja den Brief der Fürstin in -Händen. Wenn er auch gefälscht war, immerhin .... - -Beim Frühstück sagte sie schmunzelnd: - -»Während du dich mit der Martha herumgetrieben hast, habe ich in deiner -Abwesenheit eine Antwort von der Fürstin erhalten.« - -»Was hast du ihr denn geschrieben?« fragte Peredonoff. - -Sein Gesicht wurde lebhaft vor lauter Erwartung. - -Warwara sagte lachend: - -»Sei doch kein Narr, du hast mir doch selber befohlen, ihr zu -schreiben.« - -»Was schreibt sie denn?« fragte Peredonoff erregt. - -»Da ist der Brief; lies ihn selber.« - -Warwara wühlte in allen Taschen, als suchte sie den irgendwohin -gesteckten Brief. Endlich hatte sie ihn und gab ihn Peredonoff. Er schob -seinen Teller beiseite und verschlang gierig jede Zeile des Briefes. -Jetzt hatte er ihn durchgelesen und wurde sehr froh. Endlich ein klares -und bestimmtes Versprechen. Irgendwelche Zweifel kamen ihm nicht. Er aß -schnell zu Ende und ging den Brief seinen Bekannten und Freunden zu -zeigen. - -Schnell und lebhaft ging er zum Garten der Werschina. Diese stand wie -fast immer am Pförtchen und rauchte. Sie war sichtlich erfreut: früher -mußte man ihn immer hereinbitten, jetzt kam er ohne Aufforderung. Die -Werschina dachte bei sich: - -»Da sieht man es, er ist mit der Martha spazieren gefahren, mit ihr -längere Zeit zusammengewesen und kommt schon wieder gelaufen. Vielleicht -will er um sie anhalten?« dachte sie freudig erregt. - -Peredonoff enttäuschte sie sofort, er zeigte ihr den Brief. - -»Sehen Sie,« sagte er, »Sie haben immer gezweifelt. Die Fürstin hat doch -geschrieben. Bitte, lesen Sie doch!« - -Die Werschina blickte mißtrauisch auf den Brief, blies einige Male Rauch -darauf, lächelte schief und fragte schnell und leise: - -»Wo ist der Umschlag?« - -Peredonoff erschrak. Er überlegte, daß Warwara ihn mit dem Brief hätte -betrügen können, wenn sie ihn ganz einfach selbst geschrieben hatte. Man -mußte sich so schnell als möglich nach dem Umschlag erkundigen. - -»Ich weiß nicht,« sagte er, »ich will nachfragen.« - -Er verabschiedete sich eilig von der Werschina und kehrte schnell nach -Hause zurück. Er mußte so bald als möglich über den Ursprung dieses -Briefes Klarheit haben; der plötzliche Zweifel quälte ihn entsetzlich. - -Die Werschina blieb an der Pforte stehen und blickte ihm nach; sie -lächelte schief und rauchte eifrig ihre Zigarette, so als hätte sie eine -Arbeit bis zu einem bestimmten Termin zu vollenden. - -Peredonoff sah erschreckt und verstört aus, als er nach Hause kam. Schon -im Vorzimmer schrie er mit heiserer, aufgeregter Stimme: - -»Warwara, wo ist der Umschlag?« - -»Was für ein Umschlag?« fragte Warwara und ihre Stimme zitterte. - -Sie blickte ihn niederträchtig an, und wäre rot geworden, wenn sie sich -nicht geschminkt hätte. - -»Der Umschlag zu dem Brief von der Fürstin,« erklärte Peredonoff und sah -erschreckt und wütend auf Warwara. - -Warwara lachte gezwungen. - -»Ich habe ihn verbrannt,« sagte sie, »was sollte ich sonst mit ihm -anfangen. Soll ich die Umschläge aufbewahren und mir eine große Sammlung -anlegen? Für Umschläge gibt keiner einen Groschen. Nur für leere -Bierflaschen bekommt man in den Wirtschaften Geld.« - -Peredonoff ging ärgerlich im Zimmer auf und ab und knurrte: - -»Es gibt allerhand Fürstinnen. Das kennt man. Vielleicht wohnt diese -Fürstin hier.« - -Warwara stellte sich so, als könne sie garnicht verstehen, woran er -eigentlich zweifelte. Doch war ihr recht unbehaglich zumute. - - * * * * * - -Als Peredonoff am Abend am Garten der Werschina vorbeiging, hielt diese -ihn an. - -»Hat sich der Umschlag gefunden?« fragte sie. - -»Ja,« antwortete Peredonoff, »Warja sagt, sie hätte ihn verbrannt.« - -Die Werschina lachte und die grauen, leichten Rauchwölkchen ihrer -Zigarette zitterten leise in der stillen Abendluft. - -»Merkwürdig, wie unvorsichtig Ihr Schwesterchen ist,« sagte sie, »so ein -wichtiger Brief und ohne Umschlag. Man hätte doch am Poststempel sehen -können, woher der Brief kommt und wann er abgeschickt wurde.« - -Peredonoff war sehr ärgerlich. Vergebens bat ihn die Werschina, -hereinzukommen, vergebens versprach sie ihm, aus den Karten wahrzusagen, --- Peredonoff ging. - -Dennoch zeigte er seinen Freunden den Brief und prahlte damit. Seine -Freunde glaubten ihm. - -Er selber wußte nicht recht, sollte er glauben oder nicht. Für jeden -Fall beschloß er, am Dienstag mit seinen Rechtfertigungsvisiten bei den -Honoratioren der Stadt zu beginnen, denn am Montag soll man nichts Neues -unternehmen, weil es ein Unglückstag ist. - - - - - VIII - - -Kaum war Peredonoff gegangen, um Billard zu spielen, da fuhr auch schon -Warwara zur Gruschina. Lange überlegten sie und beschlossen endlich, die -Sache wieder gut zu machen, durch einen zweiten Brief. Warwara wußte, -daß die Gruschina Bekannte in Petersburg hatte. Durch deren Vermittlung -konnte es nicht schwer fallen, einen am Ort gefälschten Brief hin- und -wieder zurückzubefördern. - -Die Gruschina wollte genau so, wie das erstemal, die Sache nicht -übernehmen. Aber sie stellte sich nur so. - -»Liebste Warwara Dmitriewna,« sagte sie, »schon dieser erste Brief -lastet schwer auf meinem Gewissen und ich fürchte mich sehr. Wenn ich -den Schutzmann in der Nähe meines Hauses sehe, so zittre ich am ganzen -Leibe, wie wenn er es auf mich abgesehen hätte und mich ins Gefängnis -abführen wollte!« - -Eine geschlagene Stunde suchte Warwara sie zu überreden, versprach ihr -Geschenke und gab ihr ein wenig Geld im voraus. Endlich gab die -Gruschina nach. Man beschloß folgendes zu tun: zunächst würde Warwara -erzählen, daß sie eine Antwort an die Fürstin geschickt hätte, um ihr zu -danken. Dann sollte nach einigen Tagen ein Brief kommen, welcher wieder -nur angeblich von der Fürstin stammte. In diesem Briefe würde es noch -deutlicher ausgesprochen sein, daß einige Stellen vakant wären, daß man -sich schon jetzt für Peredonoff verwenden wolle, wenn er sich nur -schnell zur Trauung entschließen würde. Diesen Brief sollte die -Gruschina schreiben, genau so, wie den ersten, man würde ihn -kouvertieren, eine Siebenkopekenmarke daraufkleben und ihn in einen -zweiten Umschlag stecken, welcher an die Freundin der Gruschina in -Petersburg adressiert war. Diese hatte dann weiter nichts zu tun, als -ihn in einen Briefkasten zu werfen. - -Jetzt gingen die Gruschina und Warwara in eine kleine Papierhandlung -ganz am Ende der Stadt und kauften schmale Briefumschläge und farbiges -Postpapier. Vorsichtshalber bestand die Gruschina darauf, daß ein Papier -genommen wurde, welches nur noch in einigen Exemplaren vorhanden war und -man kaufte den ganzen Vorrat. Die schmalen Kouverts hatte man gewählt, -um den gefälschten Brief leichter in einen andern Umschlag schieben zu -können. - -Als sie wieder zu Hause waren bei der Gruschina, verfaßten sie den -Brief. Dieser war nach zwei Tagen fertig abgeschrieben und wurde nun -parfümiert. Die nachgebliebenen Umschläge und Briefbogen verbrannten -sie, um alle Beweisstücke aus der Welt zu schaffen. - -Die Gruschina schrieb ihrer Freundin, an welchem Tage sie den Brief in -den Postkasten zu werfen hatte, -- er sollte an einem Sonntage ankommen: -der Postbote würde ihn dann in Peredonoffs Gegenwart abgeben und das -wäre ein Beweis mehr für die Echtheit des Briefes. - -Am Dienstag bemühte sich Peredonoff, recht früh vom Gymnasium -fortzukommen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe: es war die letzte Stunde in -_jener_ Klasse, deren Tür auf den Korridor hinausführte, ganz nahe von -der Stelle, wo die Uhr hing. Dort hielt sich der Pedell auf, ein braver -Reserveunteroffizier, welcher zu bestimmten Zeiten zu läuten hatte. -Peredonoff schickte ihn ins Lehrerzimmer nach dem Klassenjournal und -stellte die Uhr um eine Viertelstunde vor -- niemand hatte es bemerkt. - -Zu Hause bestellte Peredonoff sein Frühstück ab und sagte, daß er erst -spät zu Mittag kommen würde, er hätte einen wichtigen Gang vor. - -»Man wirft mir Steine in den Weg, ich muß sie forträumen,« sagte er böse -und dachte dabei an die vermeintlichen Intrigen seiner Feinde. - -Er zog seinen nur wenig benutzten Frack an, er war ihm zu eng geworden -und drückte: denn sein Körper hatte an Umfang zugenommen, während der -Frack ein wenig eingeschrumpft war. Daß er keinen Orden im Knopfloch -hatte, ärgerte ihn. Die andern wurden dekoriert, -- sogar Falastoff von -der Volksschule, -- nur ihn hatte man übergangen. Das war alles die -Mache des Direktors: nicht ein einziges Mal hatte er ihn vorgeschlagen. -Freilich in der Rangliste rückte er auf, das konnte der Direktor nicht -verhindern, aber was hat man von einem Rang, den kein Mensch sieht. Wenn -die neue Uniform eingeführt sein wird, erst dann würde man es sehen -können. Es war doch gut, daß die Achselstücke daran den Rang bezeichnen -sollten, aber nicht das Verdienst. Das ist von Wichtigkeit: Achselstücke -wie bei einem General mit einem Stern darauf. Jedermann auf der Straße -wird sehen können, daß er Staatsrat ist. - -»Ich muß mir bald die neue Uniform bestellen,« dachte Peredonoff. - -Erst unterwegs dachte er darüber nach, wen er zuerst besuchen solle. - -Am wichtigsten schien ihm für seine Lage der Landrat und der -Staatsanwalt zu sein. Mit ihnen hätte er beginnen sollen. Oder sollte er -zum Adelsmarschall. Aber gerade diese drei als erste aufzusuchen, schien -ihm sehr gewagt. Der Adelsmarschall Weriga -- ein General, der binnen -kurzem Statthalter werden wollte und der Landrat und Staatsanwalt -- -diese unangenehmen Repräsentanten von Polizei und Gericht. - -»Zuerst will ich die kleineren Beamten aufsuchen«, dachte Peredonoff, -»und mich in ihre Art finden, schon dort werde ich sehen können, was man -von mir hält, wie man über mich redet.« So beschloß er denn, den -Bürgermeister als ersten zu besuchen. Wiewohl jener nur Kaufmann war und -bloß eine Kreisschule besucht hatte, so kam er doch überall hin und alle -kamen zu ihm; außerdem genoß er in der Stadt ein großes Ansehen und -hatte in anderen Städten und sogar in der Residenz recht vornehme -Bekannte. - -Entschlossen richtete Peredonoff seine Schritte zum Hause des -Bürgermeisters. - -Das Wetter war trübe. Die Blätter fielen müde und kraftlos von den -Bäumen. Peredonoff war etwas aufgeregt. - -Im Hause des Bürgermeisters roch es nach frischgewachsten Dielen und -noch, kaum bemerkbar, nach etwas anderem, etwas Süßem, Eßbarem. Alles im -Haus war still und traurig. Die Kinder, ein Gymnasiast und ein Backfisch -(»Ich halte ihnen eine Gouvernante,« pflegte der Vater zu sagen) -verhielten sich ruhig in ihren Zimmern. Dort war es gemütlich, hell und -fröhlich, die Fenster gingen in den Garten, die Möbel waren sehr bequem, -außerdem die verschiedensten Spiele im Zimmer und draußen. - -Im oberen Stock waren die Empfangszimmer. Da war alles vornehm und kalt. -Die Mahagonimöbel schienen ins Riesenhafte vergrößerte Puppenmöbel zu -sein. Gewöhnlichen Sterblichen boten sie eine äußerst unbequeme -Sitzgelegenheit, versuchte man nämlich, sich recht bequem zu setzen, so -war es nicht anders, als ließe man sich auf einen Stein fallen. Der -melancholische Hausherr hingegen saß auf seinem gewohnten Stuhl und -schien sich sehr wohlzufühlen. - -Der Archimandrit -- ein häufiger Gast im Hause des Bürgermeisters -- -pflegte diese Sessel und Sofas »Seelenretter« zu nennen. Hierauf -entgegnete das Stadthaupt: - -»Weibische Verweichlichung, wie Sie das in anderen Häusern finden -werden, dulde ich nicht: da sitzt man auf Sprungfedern, alles gibt nach -unter der Last des Körpers, wie kann das gesund sein! Im übrigen sind -auch die Aerzte gegen zu weiches Sitzen.« - -Jakob Anikiewitsch Skutschaeff, das Stadthaupt, begrüßte Peredonoff auf -der Schwelle seines Empfangszimmers. Er war groß, wohlbeleibt und hatte -kurzgeschorenes, schwarzes Haar; er verstand es, würdig, doch -gleichzeitig liebenswürdig zu sein und verhielt sich herablassend zu -Leuten mit geringem Einkommen. - -Nachdem Peredonoff sich einigermaßen zurechtgesetzt und auf die -einleitenden Begrüßungsworte geziemend geantwortet hatte, sagte er: - -»Ich komme in einer dringlichen Angelegenheit zu Ihnen.« - -»Ich will mit Vergnügen mein Möglichstes tun. Womit kann ich dienen?« -erkundigte sich der Hausherr. - -In seinen schlauen, schwarzen Augen war ein leises Mißtrauen zu sehen. -Er dachte, Peredonoff sei gekommen, um ihn um Geld zu bitten und er -beschloß, ihm in keinem Fall mehr als 150 Rubel zu leihen. Eine ganze -Reihe von Beamten waren Skutschaeff größere und kleinere Summen -schuldig. Skutschaeff forderte niemals ausstehendes Geld zurück, -verweigerte aber säumigen Schuldnern jedes weitere Darlehen. Das -erstemal gab er immer gerne, je nach den Vermögensverhältnissen des -Bittstellers und nach dem Bestande seiner eigenen Kasse. - -Peredonoff sagte: »Jakob Anikiewitsch, Sie sind Bürgermeister und somit -der eigentliche Repräsentant unserer Stadt; in diesem Sinne habe ich mit -Ihnen zu sprechen.« - -Skutschaeff setzte eine erhabene Miene auf und machte eine leichte -Verbeugung. - -»Ueber mich werden in der Stadt unglaubliche und einfach erlogene -Klatschgeschichten verbreitet,« sagte Peredonoff mürrisch. - -»Fremde Mäuler kann man nicht stopfen,« sagte der Hausherr, »und dann, -was haben die alten Basen in unsern Gefilden anderes zu tun, als ihre -Zunge zu rühren.« - -»Es wird erzählt, daß ich nicht in die Kirche gehe und das ist gelogen,« -fuhr Peredonoff fort, »denn ich gehe regelmäßig zur Kirche. Zum -Eliasfest mußte ich zu Hause bleiben, weil ich Bauchschmerzen hatte.« - -»Es stimmt,« bestätigte der Hausherr, »dafür kann ich stehen, habe ich -Sie doch selber des öfteren im Gottesdienst gesehen. Im übrigen bin ich -nicht oft in Ihrer Kirche. Ich fahre meist ins Kloster. Das ist so eine -Familiensitte bei uns.« - -»Auch sonst klatscht man allerlei,« sagte Peredonoff, »z. B. soll ich -meinen Schülern unanständige Geschichten erzählen. Das ist Lüge. Es -kommt ja vor, daß man in der Stunde mal einen Scherz macht, um den -Unterricht zu beleben. Ihr eigner Sohn ist ja mein Schüler. Hat er Ihnen -etwa derartiges erzählt?« - -»Es stimmt,« sagte Skutschaeff, »sowas hat er mir nie erzählt. Die -Bengel sind zwar sehr schlau, -- was ihnen nicht paßt, erzählen sie auch -nicht. Freilich mein Sohn, steckt noch ganz in den Kinderschuhen, aus -purer Dummheit hätte er was erzählt, aber etwas Derartiges habe ich nie -von ihm gehört.« - -»Nun sehen Sie, in den älteren Klassen wissen sie sowieso schon alles,« -sagte Peredonoff, »aber selbst dort nehme ich kein unflätiges Wort in -den Mund.« - -»Das versteht sich,« antwortete Skutschaeff, »das Gymnasium ist kein -Jahrmarkt.« - -»Bei uns sind die Leute aber so,« klagte Peredonoff, »was nie gewesen -ist, verbreiten sie, als sei es wirklich geschehen. Aus diesem Grunde -bin ich zu Ihnen gekommen, -- Sie sind der Bürgermeister.« - -Skutschaeff fühlte sich sehr geschmeichelt, daß man sich an ihn wandte. -Er begriff nicht recht, warum ihm das alles erzählt wurde und was er -dabei tun konnte, tat aber aus politischen Gründen so, als sei ihm alles -vollständig klar. - -»Und dann ist da noch eine andere Geschichte,« fuhr Peredonoff fort, »es -wird mir verdacht, daß ich mit Warwara zusammenlebe, sie sei gar nicht -verwandt mit mir, sondern einfach meine Geliebte. Bei Gott, sie ist -meine Kusine, allerdings im vierten Grade; die darf man heiraten und ich -werde sie heiraten.« - -»So, so, unbedingt,« sagte Skutschaeff, »die Hochzeit macht allem -Klatsch ein Ende.« - -»Früher konnte ich nicht,« sagte Peredonoff, »es war ganz unmöglich; -sonst hätte ich mich schon trauen lassen. Sicherlich.« - -Skutschaeff machte ein nachdenkliches Gesicht, klopfte mit seinem -weißen, dicken Finger auf die dunkle Tischdecke und sagte: - -»Ich glaube Ihnen. Wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, ist es ein -ganz ander Ding. Jetzt glaube ich Ihnen. Denn auch ich muß gestehen, es -berührte so merkwürdig, wie Sie da mit Ihrer Freundin, um mich so -auszudrücken, zusammen hausten. Dann muß man noch in Betracht ziehen, -daß die Kinder ein schlaues Volk sind; alles Schlechte begreifen sie -sofort und nehmen es an. Das Gute muß ihnen beigebracht werden, während -das Schlechte ihnen von selbst anfliegt. Und darum sage ich, berührte -mich Ihr Verhältnis merkwürdig. Und doch andererseits was geht es mich -an! Ein jeder kehre vor seiner Tür. Ich weiß es wohl zu schätzen, daß -Sie sich zu mir herbemüht haben, denn ich bin ein schlichter Mann und -habe nur eine Kreisschule besucht. Immerhin genießt man einiges Ansehen -in der Gesellschaft, bin ich doch heuer zum drittenmal Bürgermeister -geworden und mein Urteil wird nicht gering geschätzt in den besseren -Kreisen unserer Stadt.« - -Skutschaeff redete darauf los und seine Gedanken verwirrten sich. Es -schien ihm, als wolle sein eigener Redeschwall kein Ende nehmen. Da -brach er kurz ab und dachte betrübt: - -»Es ist so, als füllte man eine leere Flasche aus einem leeren Faß. Es -ist eine Plage mit diesen gelehrten Herren,« dachte er, »absolut nicht -zu begreifen, was sie eigentlich wollen. Was in den Büchern steht, ist -ihnen sonnenklar, stecken sie aber mal die Nase an die Luft, so wissen -sie nicht ein und aus und bringen noch andere Leute in die Tinte.« - -Mißvergnügt ob dieses Nichtverstehens stierte er Peredonoff an; seine -sonst lebhaften Augen blickten trübe und sein Körper schien wie von -einer Last zusammengedrückt. Er war nicht mehr der rührige, energische -Mann von früher, sondern ein blöde gewordener Greis. - -Auch Peredonoff war still geworden, als hätten ihn die Worte des -Hausherrn verwirrt, dann zwinkerte er mit den Augen, was merkwürdig -trübselig aussah, und meinte: - -»Sie sind Bürgermeister, also können Sie doch sagen, daß das alles -erlogen ist.« - -»Das heißt, was meinen Sie eigentlich?« fragte Skutschaeff vorsichtig. - -»Eben dieses,« erklärte Peredonoff, »wenn zum Beispiel gegen mich -Anzeige erstattet wird, daß ich nicht zur Kirche gehe oder so was, und -man sich gegebenenfalls bei Ihnen danach erkundigt.« - -»Das läßt sich machen,« sagte der Bürgermeister, »da können Sie sich -unbedingt auf mich verlassen. Gegebenenfalls werde ich für Sie -einstehen, und warum sollte man für einen Ehrenmann nicht einstehen. Wir -können Ihnen zum Beispiel -- wenn es nötig sein sollte -- eine -Ehrenadresse von der Stadtverwaltung übermitteln. Das geht alles. Oder -wir verschaffen Ihnen den Titel eines Ehrenbürgers beispielsweise, -- -warum denn nicht, wenn es Ihnen nützt; alles das können wir.« - -»Ich kann mich also auf Sie verlassen,« sagte Peredonoff dumpf, als habe -er auf eine peinliche Frage zu antworten, »es ist nämlich wegen des -Direktors, der schadet mir, wo er nur kann.« - -»Was Sie nicht sagen!« ereiferte sich Skutschaeff und wackelte mitleidig -mit dem Kopf, »das ist ja nicht möglich, da hat man Sie bei ihm -verdächtigt. Es scheint jedoch, daß Nikolai Wassiljewitsch ein äußerst -gewissenhafter Herr ist; ohne Grund wird er keinem was zuleide tun. Das -sehe ich doch an meinem Sohne. Er ist ein strenger, aber gewissenhafter -Mann. Er wird nie ein Auge zudrücken und bevorzugt niemanden; mit einem -Wort: er ist sehr gewissenhaft. Es ist garnicht anders möglich, man hat -Sie bei ihm angeschwärzt. Was haben Sie denn für Differenzen?« - -»Wir sind in vielen Dingen anderer Meinung,« erklärte Peredonoff, -»außerdem beneiden mich die Kollegen im Gymnasium. Alle wollen im Dienst -aufrücken. Nun hat die Fürstin Woltschanskaja versprochen, gerade mir -eine Inspektorstelle zu verschaffen. Und darum all der Haß und Neid.« - -»So, so,« sagte Skutschaeff zurückhaltend, »übrigens ist es nicht gut, -bei trockener Kehle zu plaudern. Wollen wir ein wenig frühstücken und -ein Schnäpschen dazu trinken?« - -Skutschaeff drückte den Knopf der elektrischen Glocke. - -»Famose Einrichtung das,« sagte er zu Peredonoff, »Sie sollten einen -andern Beruf wählen.« - -Indessen erschien das Dienstmädchen, eine grobknöchige, massive Person. -Skutschaeff bestellte bei ihr einen Imbiß und starken Kaffee. Sie -lächelte verlegen und ging. Ihre Schritte schienen merkwürdig leicht im -Verhältnis zu ihrer Körperfülle. - -»Einen anderen Beruf,« wandte sich Skutschaeff wieder an Peredonoff. -»Beispielsweise der geistliche Stand. Wenn ich es mir recht überlege, so -müßten Sie einen ganz vortrefflichen, ernstdenkenden Priester abgeben. -Dazu könnte ich Ihnen leicht verhelfen. Ich habe nämlich gute Bekannte -in der höheren Geistlichkeit.« - -Skutschaeff nannte die Namen einiger Bischöfe und kirchlicher -Würdenträger. - -»Nein, ich will nicht Priester werden,« antwortete Peredonoff, »mir ist -der Weihrauch zuwider. Mir wird übel davon und der Kopf schmerzt.« - -»In diesem Fall könnte man zur Polizeikarriere raten. Es ist lohnend,« -riet Skutschaeff, »werden Sie doch Landkommissar. Darf man erfahren, -welchen Rang Sie bekleiden?« - -»Ich bin Staatsrat!« sagte Peredonoff mit Würde. - -»Was nicht gar!« rief Skutschaeff aus, »sagen Sie doch bitte, so weit -kann es ein Lehrer bringen! Und nur weil er die Kinder erzieht? Ja, die -Wissenschaft hat was zu bedeuten. Uebrigens gibt es ja viele, welche der -Wissenschaft feind sind, und doch, es ist unmöglich, ohne Bildung -vorwärtszukommen. Zwar habe ich nur eine Kreisschule besucht, aber ich -bestehe darauf, daß mein Sohn in die Universität kommt. Es ist eine -bekannte Tatsache, wie schwer die Jungen im Gymnasium vorwärtskommen; -mit der Peitsche wollen sie getrieben sein, nachher geht es ganz von -selber. Wissen Sie, ich prügle ihn niemals, ist er aber träge oder hat -sonst irgend etwas auf dem Kerbholz, so fasse ich ihn an den Schultern -und führe ihn ans Fenster, -- von dort sieht man die Birken in unserem -Garten. Dann frage ich nur: siehst du, was dort wächst? Ich sehe, -Papachen, -- sagt er -- ich will's nicht wieder tun. Und in der Tat, das -hilft, der Junge nimmt sich zusammen, als hätte er wirklich eine Tracht -Prügel bekommen. O diese Kinder, diese Kinder!« seufzte Skutschaeff und -schloß damit seine Rede. - -Peredonoff saß bei Skutschaeff gute zwei Stunden. Nach Erörterung der -geschäftlichen Angelegenheiten wurde ein gründliches Frühstück -eingenommen. - -Skutschaeff machte die Honneurs mit nachdrücklicher Würde, als handle es -sich um etwas sehr Wichtiges und das gehörte zu seinem Wesen. Ueberall -suchte er schlaue Nebengedanken anzubringen. Der Glühwein wurde in -großen Kaffeetassen serviert, als wäre es Kaffee und der Hausherr nannte -ihn einen kleinen Mokka. Die Schnapsgläser waren ohne Fuß, er hatte ihn -fortschleifen lassen, damit man die Gläser nicht hinstellen konnte. - -»Das bedeutet: bei mir muß alles auf den Zug geleert werden,« erklärte -er. - -Noch ein Gast kam: der Kaufmann Tischkoff, ein kleines, graues Männchen. -Er war sehr munter und launig, trug einen langen Rock und merkwürdige -Stiefel, die großen Flaschen nicht unähnlich sahen. Er trank sehr viel -Schnaps, wußte auf jeden Unsinn gleich einen Reim und schien sehr -zufrieden mit sich zu sein. - -Peredonoff schien es endlich angebracht, aufzubrechen; er verabschiedete -sich. - -»Warum so eilig?« sagte der Hausherr, »bleiben Sie noch ein wenig.« - -»Wenn Sie bei uns bleiben, helfen Sie die Zeit vertreiben,« sagte -Tischkoff. - -»Nein, ich muß gehen«, antwortete Peredonoff geschäftig. - -»Er muß gehn, seine Schwester zu sehn,« sagte Tischkoff und zwinkerte -mit den Augen. - -»Ich habe zu tun,« sagte Peredonoff. - -»Hat jemand viel zu tun, so kann er billig ruhn,« entgegnete Tischkoff -ohne zu zögern. - -Skutschaeff begleitete Peredonoff ins Vorhaus. Zum Abschiede umarmten -und küßten sie sich. Peredonoff war sehr zufrieden mit diesem Besuch. - -»Der Bürgermeister hält meine Kante,« dachte er und fühlte sich viel -sicherer. - - * * * * * - -Skutschaeff kehrte zu Tischkoff zurück und sagte: - -»Es wird viel geklatscht über den Mann.« - -»Klatscht man über den Mann, so ist es, weil er was kann,« reimte -Tischkoff und flott füllte er sein Schnapsglas mit Englisch-Bitter. - -Es war klar, daß es ihm auf den Sinn der Rede nicht ankam, er griff die -Worte nur auf, um sie zu reimen. - -»Er ist ein anständiger Kerl und auch im Trinken nicht faul,« fuhr -Skutschaeff fort und füllte sein Glas ohne auf Tischkoffs Reimerei zu -achten. - -»Ist er im Trinken nicht faul, so hat er ein wackres Maul,« rief -Tischkoff fröhlich und leerte sein Glas auf einen Zug. - -»Daß er sich die Mamsell da aushält, will nichts besagen!« meinte -Skutschaeff. - -»Die schmutzige Mamsell bringt Flöhe ins Bettgestell,« antwortete -Tischkoff. - -»Wer vor Gott nicht sündigt, sündigt auch vor dem Kaiser nicht.« - -»Sündig sind unsere Triebe, wir schätzen die freie Liebe.« - -»Er will seine Sünde gutmachen und sich trauen lassen.« - -»Läßt man sich vom Pfaffen trauen, prügelt man hernach die Frauen.« - -Das war Tischkoffs Art so zu reden, wenn es sich um Dinge handelte, die -ihn nichts angingen. Er wäre schon längst allen langweilig geworden, -doch hatte man sich an ihn gewöhnt und beachtete sein Geschwätz -garnicht; ab und zu kam es vor, daß man ihn einem fremden Gast sozusagen -vorsetzte. Ihm selbst war es ganz einerlei, ob man ihm zuhörte oder -nicht; es war ihm einfach unmöglich, die Worte anderer nicht in seinen -Reimereien zu verdrehen, und darin wirkte er mit der Pünktlichkeit eines -aufgezogenen Uhrwerks. Wenn man seine zerfahrenen, unstäten Bewegungen -beobachtete, konnte man leicht zum Glauben kommen, daß man es nicht mit -einem lebendigen Menschen zu tun habe, sondern mit einem, der schon -längst gestorben war oder überhaupt nicht gelebt hatte, und in der -ganzen Welt nichts sehen und hören konnte als klingende tote Worte. - - - - - IX - - -Am nächsten Tage besuchte Peredonoff den Staatsanwalt Awinowitzkji. - -Das Wetter war noch immer trübe. Der Wind wehte in heftigen Stößen und -wirbelte große Staubmassen durch die Straßen. Es dämmerte, und es war -so, als käme das matte, durch einen dichten Wolkenschleier abgetönte -Tageslicht gar nicht von der Sonne her. Die Straßen waren wie tot, -nichts rührte sich und man konnte glauben, daß die baufälligen Häuser -ganz ohne Sinn und nutzlos daständen, so hoffnungslos verfallen waren -sie und so schüchtern erzählten sie vom bettelhaften, traurigen Leben -innerhalb ihrer Mauern. Ab und zu sah man Leute gehen, -- sie gingen -ganz langsam, als hätten sie kein Ziel vor sich, als wären sie kaum -imstande eine dumpfe Müdigkeit zu überwinden, welche nur nach bleiernem -Schlaf verlangte. Nur die Kinder, diese ewigen, lebendigen Gefäße -göttlicher Freude auf Erden, waren lebhaft und spielten und tummelten -sich. Aber auch sie waren mitunter von einer traurigen Trägheit -befallen, und ein wesenloses, graues Gespenst schien sie mit furchtbaren -Augen anzustarren und aus ihren Gesichtern die Freude zu nehmen. Durch -die öden Straßen, vorbei an den verfallenen Häusern ging Peredonoff. Der -Himmel schien verschwunden, die Erde unrein und unfruchtbar, und eine -unklare, bange Furcht begleitete seine Schritte. Er konnte im Ewigen -keinen Frieden finden, keine Freude am Irdischen, denn er wußte die Welt -nur mit seinen halberstorbenen Augen zu betrachten, wie ein Dämon, -welcher sich in grauenhafter Einsamkeit am Entsetzen und an der Trauer -zu Tode quält. - -Seine Gefühle waren stumpf geworden und sein Leben ein verlöschendes, -glimmendes Feuer. Alles, was ihm zum Bewußtsein kam, wandelte sich in -unkeusche, niedrige Sinnlichkeit. An den Dingen, die ihn umgaben, -bemerkte er nur das Unregelmäßige und daran hatte er seine Freude. Wenn -er an einem geraden, saubern Straßenpfosten vorbeiging, so bekam er -Lust, ihn zu beschmutzen oder ihn schiefzustellen. Er lachte vor -Vergnügen, wenn man in seiner Gegenwart etwas verunreinigte. Die sauber -gekleideten Gymnasiasten verachtete er und behandelte sie schlecht. Er -pflegte sie abgeleckte Hunde zu nennen. Die Unordentlichen waren ihm -eher verständlich. Er hatte keine Beschäftigung, welche er besonders -liebte und für keinen Menschen eine tiefere Zuneigung, daher kam es, daß -die Natur nur einseitig auf sein Gefühlsleben wirken konnte; sie -knechtete ihn. Aehnlich verhielt er sich zu den Menschen, mit denen er -verkehrte. Besonders zu den Fremden oder wenig Bekannten, denen er so -ohne weiteres nicht grob begegnen durfte. Glücklich sein bedeutete für -ihn nichts tun, sich ganz zurückziehen und den Leib mästen. -- Und jetzt -muß ich, ob ich will oder nicht, so dachte er, herumlaufen und -Erklärungen abgeben. Wie langweilig das ist! Wie unangenehm! Und wenn -man doch wenigstens dort, wohin er ging, Zoten erzählen könnte, aber -nicht einmal das war möglich. - -Das Haus des Staatsanwaltes schürte und kräftigte Peredonoffs dumpfe, -quälende Angst. Und in der Tat -- das Haus sah böse und drohend aus. Das -spitze Dach hing düster über den Fenstern, welche dicht über dem Boden -angebracht waren. Der Bretterbeschlag des Hauses und das Dach hatten -einmal fröhliche, helle Farben gehabt, jetzt war der Anstrich von Wetter -und Wind düster und grau geworden. Die Pforte war massig und -unverhältnismäßig groß, sie überragte das Haus, als sollte sie ein -Bollwerk gegen feindliche Angriffe sein und war immer fest verriegelt. -Eine klirrende eiserne Kette diente als Schloß und ein wütender Hund im -Hofe bellte rauh und abgerissen jeden Vorübergehenden an. Rings um das -Haus waren unbebaute Plätze, Gemüsegärten und weiterhin einige elende -Hütten. Das Haus selbst lag an einem sehr großen sechseckigen, -ungepflasterten und mit allerhand Unkraut bewachsenen Platze. Dicht vor -dem Hause stand ein Laternenpfahl, der einzige auf dem ganzen Platze. - -Peredonoff stieg langsam und widerwillig die vier rohgezimmerten Stufen -zum Hausflur empor, der mit einem zweiseitig abfallenden Bretterdach -gedeckt war, und faßte einen schwarz angelaufenen Messinggriff. Dicht -über ihm schrillte anhaltend die Glocke. Dann hörte man schleichende -Schritte. Irgend jemand schlich auf Zehenspitzen ganz leise an die Tür -und blieb da stehen. Er spähte wohl durch irgend eine von außen nicht -sichtbare Spalte. Jetzt wurde am Schloß gerasselt, die Tür tat sich auf -und auf der Schwelle stand ein schwarzhaariges, mürrisches Weib mit -argwöhnisch lauernden Augen. - -»Was wünschen Sie?« fragte sie. - -Peredonoff antwortete, er hätte ein Anliegen an Alexander Alexejewitsch. -Das Weib ließ ihn eintreten. Als er die Schwelle überschritt, murmelte -er schnell eine Beschwörungsformel. Es war gut, daß er sich damit beeilt -hatte, denn kaum hatte er seinen Ueberzieher abgelegt, da hörte man -schon im Gastzimmer die scharfe, wütende Stimme Awinowitzkjis. Die -Stimme des Staatsanwalts wirkte immer erschütternd, -- anders redete er -überhaupt nicht. So schrie er auch jetzt schon aus dem Empfangszimmer -mit seiner bösen, scheltenden Stimme einige Begrüßungsworte -- er freue -sich sehr, daß Peredonoff ihn endlich mit seinem Besuche beehre. - -Alexander Alexejewitsch Awinowitzkji war ein düsterer Mensch, als hätte -er schon von Natur aus eine besondere Veranlagung zum Richten und -Anklagen. Obwohl sein Körper von einer ans Wunderbare grenzenden -Widerstandskraft war, -- Awinowitzkji pflegte im Flusse von einem -Eisgang bis zum andern zu baden, -- schien er doch schmächtig zu sein. -Ein sehr dichter, bläulich-schwarzer Bart mochte diesen Eindruck noch -erhöhen. War der Staatsanwalt auch nicht gerade gefürchtet, so fühlte -man sich doch in seiner Gegenwart befangen. Das hing damit zusammen, daß -er unermüdlich irgend jemanden beschuldigte oder mit Sibirien und -Zwangsarbeit drohte. - -»Ich habe mit Ihnen zu sprechen,« sagte Peredonoff verlegen. - -»Eine Selbstanklage? Haben Sie gemordet? ein Haus angesteckt? die Post -beraubt?« schrie Awinowitzkji böse und ließ Peredonoff in den Saal -eintreten. »Oder sind Sie das Opfer eines Verbrechens. Das ist mehr als -möglich in unserer Stadt. Unsere Stadt ist ein gemeines Nest, die -Polizei darin aber noch gemeiner. Ich wundere mich nur, daß hier auf dem -Platz vor meinem Hause keine Leichen umherliegen. Ich bitte, setzen Sie -sich! Also was führt Sie zu mir? Sind Sie ein Verbrecher oder das Opfer -eines Verbrechens?« - -»Nein,« sagte Peredonoff, »ich habe nichts Derartiges auf dem Gewissen. -Der Direktor würde sich wohl freuen, mir was nachsagen zu können, aber -ich habe nichts verschuldet.« - -»Sie kommen also mit keiner Anklage?« fragte Awinowitzkji. - -»Nein, keineswegs,« murmelte Peredonoff ängstlich. - -»Nun, wenn es nichts Derartiges ist,« sagte der Staatsanwalt mit -geradezu wütender Betonung der einzelnen Worte, »so kann ich Ihnen wohl -einen kleinen Imbiß anbieten.« - -Er nahm die Tischglocke und schellte. Niemand kam. Awinowitzkji packte -die Glocke mit beiden Händen und läutete wie ein Unsinniger, dann warf -er die Glocke auf den Boden, trampelte mit den Füßen und brüllte dazu -mit wütender Stimme: - -»Malanja, Malanja! Rindvieh! Teufel! Bestie!« - -Man hörte jemand langsam herankommen; der Sohn Awinowitzkjis, ein -Gymnasiast, trat ein. Es war ein kräftiger, schwarzhaariger Junge von -etwa 13 Jahren. Sein Auftreten machte einen sichern und selbständigen -Eindruck. Er verbeugte sich leicht vor Peredonoff, hob die Glocke auf, -stellte sie auf den Tisch und erst dann sagte er ruhig: - -»Malanja ist im Gemüsegarten.« - -Awinowitzkji beruhigte sich sofort. Er blickte seinen Sohn zärtlich an, -was eigentlich garnicht zu seinem bärtigen, bösen Gesicht passen wollte, -und sagte: - -»Sei so gut, liebes Kind, lauf zu ihr und bestell einen kleinen Imbiß.« - -Der Knabe ging fort, ohne sich zu beeilen. Der Vater blickte ihm nach. -Ein stolzes, freudiges Lächeln spielte um seine Lippen. Erst als der -Junge über die Schwelle ging, verdüsterte sich Awinowitzkjis Gesicht -wieder, und er brüllte mit fürchterlicher Stimme, so daß Peredonoff -zusammenfuhr: - -»Schneller!« - -Der Junge begann zu laufen. Man hörte, wie er die Türen aufriß und -hinter sich zuschlug. Der Vater horchte und lächelte freudig mit seinen -dicken roten Lippen, dann begann er zu reden und seine Stimme klang hart -und böse: - -»Mein Erbprinz. Strammer Junge, was? Wie weit wird er's bringen, he? Was -meinen Sie? Ein Dummkopf kann er sein, aber niemals ein Feigling, ein -Lappen, ein Schurke -- niemals.« - -»Ja, was denn,« murmelte Peredonoff. - -»Die Leute unserer Zeit sind ein Zerrbild auf das menschliche -Geschlecht,« tobte Awinowitzkji, »Gesundsein halten sie für eine -Gemeinheit. Ein Deutscher hat das Unterhemd erfunden. Diesen Deutschen -würde ich nach Sibirien verbannen. Wenn ich mir das vorstelle, mein -Wladimir im Unterhemd! Den ganzen Sommer über läuft er im Dorf barfuß -und da soll er ein Unterhemd tragen! Er bringt es fertig, aus dem -Schwitzbad nackt im härtesten Winter ins Freie zu laufen, sich im Schnee -zu wälzen, und der soll ein Unterhemd tragen! Hundert Stockschläge -sollte man jenem Deutschen aufzählen.« -- Von diesem Deutschen, der das -Unterhemd erfunden hatte, lenkte Awinowitzkji auf andere Verbrecher ab. - -»Die Todesstrafe, mein Bester, ist keine Barbarei,« schrie er. »Die -Wissenschaft hat nachgewiesen, daß es Leute gibt, welche als Verbrecher -geboren werden. Damit, lieber Freund, ist alles gesagt. Man muß sie -vertilgen, aber nicht auf Staatskosten erhalten. Zum Beispiel so ein -Verbrecher! Fürs ganze Leben ist ihm ein warmer Winkel im Zuchthaus -gesichert! Er hat gemordet, Häuser angesteckt, genotzüchtigt, -- nun muß -der steuerzahlende Bürger für den Unterhalt dieses Schurken sorgen! -Keine Rede, es ist viel gerechter, ihn zu hängen und außerdem ist es -billiger.« - - * * * * * - -Der runde Tisch im Speisezimmer war gedeckt. Auf dem weißen, -roteingekanteten Tischtuch standen einige Teller mit fetten Würsten und -anderen gesalzenen, geräucherten und marinierten Gerichten; dann waren -da eine Reihe von Flaschen und Karaffen von verschiedener Größe und -Form, gefüllt mit allerhand Schnäpsen und Likören. Alles das war ganz -nach Peredonoffs Geschmack, und sogar eine gewisse Unordnung in der -ganzen Einrichtung behagte ihm. - -Der Hausherr fuhr in seinen Anklagen fort. An das Essen anknüpfend, -gedachte er vernichtend der Kolonialwarenhändler und redete dann, Gott -weiß warum, über die Erbfolge. - -»Die Erbfolge ist eine ausgezeichnete Einrichtung!« schrie er darauf -los. »Den Bauern zum Herrn machen ist dumm, lächerlich, unsittlich und -sinnlos! Das Land liegt brach, die Städte füllen sich mit Geldgierigen; -Mißernten, Flegelhaftigkeit und Selbstmorde sind die Folge, -- gefällt -Ihnen das etwa? Unterrichten Sie den Bauer, wieviel Sie wollen, nur -lassen Sie ihn nicht im Stande aufrücken. Die Landbevölkerung verliert -sonst ihre besten Leute und wird immer ein niederträchtiges Pack -bleiben, während der Adel andererseits durch den Zufluß dieser -unkultivierten Elemente leidet. Im Dorfe taugte so ein Bauer mehr als -die andern, den Adel hingegen erniedrigt er zu etwas Grobem, -Unritterlichem, Unvornehmem. In erster Linie lebt er für den Erwerb, für -seine alltäglichen Leibesinteressen. Jawohl, mein Lieber, die Kasten -waren eine weise Einrichtung.« - -»Ja,« sagte Peredonoff böse, »auch unser Direktor ermöglicht jedem -Lümmel den Eintritt in das Gymnasium. Wir haben sogar einfache Bauern, -gar nicht zu reden von der Unmenge von Bürgerlichen.« - -»Das hört sich ja nett an!« rief der Hausherr. - -»Es gibt so eine Bestimmung, daß man nicht jeden beliebigen aufnehmen -soll; er tut doch was er will,« klagte Peredonoff, »fast ohne Ausnahme -nimmt er jeden auf. >Das Leben bei uns in der Stadt,< sagt er, >ist -billig, und wir haben sowieso wenig Schüler.< Was ist denn dabei, daß es -wenig sind. Es wäre besser, wenn es noch weniger wären. Mit der -Korrektur der Hefte wird man sowieso nicht fertig. Kein vernünftiges -Buch kann man lesen. Und die Jungen wenden wie mit Absicht die -knifflichsten Worte an, -- immerwährend muß ich im orthographischen -Wörterbuch nachschlagen.« - -»Trinken Sie einen Schnaps,« schlug Awinowitzkji vor, »was wollen Sie -eigentlich mit mir besprechen?« - -»Ich habe Feinde,« murmelte Peredonoff und betrachtete traurig sein -Gläschen mit dem gelben Schnaps, statt es auszutrinken. - -»Das Schwein hier hatte keine Feinde,« antwortete Awinowitzkji, »doch -ist es geschlachtet worden. Greifen Sie zu, es war ein vortreffliches -Schwein.« - -Peredonoff langte sich ein Stück Schinken und sagte: - -»Ueber mich werden allerlei Gerüchte in Umlauf gesetzt.« - -»Das kennen wir, was Klatschgeschichten anlangt, gibt es keine -schlimmere Stadt!« rief der Hausherr aufgebracht. »Eine nette Stadt das! -Man kann ja tun was man will, gleich grunzen es alle Schweine.« - -»Die Fürstin Woltschanskaja hat versprochen, mir eine Inspektorstelle zu -verschaffen, und hier setzt der Klatsch ein. Das kann mir doch schaden. -Und alles aus purem Neid. So auch der Direktor, er hält keine Disziplin -im Gymnasium, -- die Schüler von auswärts, welche in Pensionen leben, -rauchen, trinken, laufen jeder Schürze nach, und die Kinder unserer -Stadt sind um nichts besser. Er selbst ist schuld an dieser -Zuchtlosigkeit, aber er macht mich verantwortlich dafür. Es ist -möglich, daß man mich bei ihm angeschwärzt hat. Aber wenn diese -Klatschgeschichten weitere Verbreitung finden, wenn sie der Fürstin zu -Ohren kommen!« - -Peredonoff teilte in langer, verworrener Rede seine Befürchtungen mit. -Awinowitzkji hörte zu und rief manchmal wütend dazwischen: - -»Halunken sind sie! -- Schufte! Idioten!« - -»Ich bin wirklich nicht Nihilist,« sagte Peredonoff, »es wäre doch -komisch. Ich habe eine Dienstmütze mit der Kokarde, nur pflege ich sie -nicht immer zu tragen, -- aber er trägt bisweilen auch einen Hut. Daß -das Porträt Mizkewizschs bei mir hängt, ist begründet durch meine -Vorliebe für seine Verse, nicht aber für seine revolutionäre Tätigkeit. -Außerdem habe ich sein Journal, die Glocke, gar nicht gelesen.« - -»Sie haben gründlich vorbeigehauen,« sagte Awinowitzkji rücksichtslos, -»Herzen war der Herausgeber der Glocke, nicht Mizkewizsch.« - -»Das ist wieder was anderes,« sagte Peredonoff, »Mizkewizsch hat auch -eine Glocke herausgegeben.« - -»Ich weiß es nicht. Sie müssen es drucken lassen. Eine wissenschaftliche -Entdeckung. Sie werden berühmt werden.« - -»Das darf man nicht drucken,« sagte Peredonoff ärgerlich, »und ich darf -keine verbotenen Bücher lesen. Außerdem lese ich sie auch nicht. Ich bin -Patriot!« - -Nach endlosen Beschwerden, in denen Peredonoff sein Herz ausschüttete, -begriff Awinowitzkji so viel, daß irgend jemand bestrebt sein müsse, -Peredonoff auszunützen, und zu diesem Zweck allerhand Gerüchte über ihn -verbreitete, um ihn dadurch einzuschüchtern und so den Boden allmählich -für einen Erpressungsversuch vorzubereiten. Daß diese Gerüchte ihm, dem -Staatsanwalt, noch nicht zu Ohren gekommen waren, erklärte er sich -daraus, daß der Erpresser äußerst geschickt nur in Peredonoffs nächstem -Bekanntenkreise zu wirken wußte, -- denn er bezweckte ja nur, Peredonoff -allein auszubeuten. Awinowitzkji fragte: - -»Haben Sie Verdacht auf jemanden?« - -Peredonoff dachte nach. Ganz zufällig fiel ihm die Gruschina ein; dunkel -erinnerte er sich an jenes kürzlich geführte Gespräch, welches er mit -der Drohung abbrach, er werde sie denunzieren. Daß _er_ eigentlich der -Gruschina gedroht hatte, verwirrte sich in ihm zu einer düstern -Vorstellung von Denunziation im allgemeinen. Sollte er jemanden angeben, -oder sollte er selber angegeben werden, -- das war ihm nicht klar, und -er machte auch gar keine Anstrengung, sich genauer daran zu erinnern, -- -so viel stand fest: die Gruschina war ihm feind. Schlimm genug war es, -daß sie dabei gewesen war, als er den Pissareff versteckt hatte. Jetzt -mußte er ihn wo anders hintun. - -Peredonoff sagte: - -»Es gibt hier eine gewisse Frau Gruschina.« - -»Ich weiß, ein erstklassiges Luder,« entschied Awinowitzkji kurz. - -»Immerwährend kommt sie zu uns,« klagte Peredonoff, »überall schnüffelt -sie. Sie ist geizig und will alles haben. Vielleicht möchte sie Geld von -mir dafür, daß sie mich nicht angibt wegen des Pissareff. Oder -vielleicht will sie mich heiraten. Ich will ihr aber nichts zahlen, und -ich habe eine andere Braut; mag sie immerhin denunzieren, ich bin -unschuldig. Es ist nur unangenehm, wenn daraus eine Geschichte entstehen -sollte, denn das könnte mir bei der Ernennung schaden.« - -»Sie ist eine bekannte Gaunerin,« sagte der Staatsanwalt. »Sie fing hier -an gewerbsmäßig zu wahrsagen und es gab Dumme genug, welche zu ihr -gingen. Da sagte ich der Polizei, sie möchte ihr das Handwerk legen. -Dieses eine Mal waren sie ausnahmsweise klug und befolgten meinen Rat.« - -»Sie wahrsagt auch jetzt noch,« sagte Peredonoff, »noch neulich hat sie -mir Karten ausgelegt, sie redete von einem weiten Weg und von einem -Kronsbrief.« - -»Sie weiß genau, wem sie was sagt. Warten Sie nur, jetzt knüpft sie die -Schlingen und wird später Geld fordern. Kommen Sie dann direkt zu mir. -Ich werde ihr hundert aufzählen lassen,« schloß Awinowitzkji mit seiner -beliebten Redensart. Doch durfte man dies nicht wörtlich nehmen; dieser -Ausdruck bedeutete nur: einen scharfen Verweis erteilen. - -So versprach Awinowitzkji Peredonoff beizustehen; dennoch war dieser, -als er vom Staatsanwalt fortging, von einem dumpfen Angstgefühl -beherrscht, welches durch die lauten drohenden Reden Awinowitzkjis nur -bestärkt worden war. - - * * * * * - -Nun machte Peredonoff täglich vor dem Mittagessen eine Visite, -- mehr -als eine konnte er wegen der ausführlichen Erklärungen, die er jedesmal -geben mußte, nicht erledigen. Am Abend ging er in der Regel Billard -spielen. - -Wie immer pflegte er den einladenden Handbewegungen der Werschina zu -folgen, und wie immer mußte er anhören, wie Rutiloff seine Schwestern -lobte. Zu Hause suchte ihn Warwara zu bereden, die Trauung zu -beschleunigen, -- aber er konnte keinen festen Entschluß fassen. - -Natürlich, so dachte er manchmal, wäre es vorteilhaft, Warwara zu -heiraten, -- wie aber, wenn mich die Fürstin plötzlich im Stich läßt? In -der Stadt, dachte er, wird man dann auf meine Kosten lachen, -- und -dieses Bedenken hielt ihn vom entscheidenden Schritt zurück. - -Der Neid seiner Kollegen, welcher eher in seiner Einbildung als -tatsächlich vorhanden war, die Intrigen irgend eines Unbekannten und der -Umstand, daß ihm die unverheirateten Frauen nachstellten, alles das -gestaltete sein Leben traurig und kummervoll; und auch das Wetter war -ganz danach: mehrere Tage hindurch war es trübe, kalt und regnerisch. -Peredonoff fühlte, wie mißlich sich sein Leben gestaltete, -- aber dann -dachte er an den in Aussicht stehenden Inspektorposten und damit mußte -sich alles zum besten wenden. - - - - - X - - -Am Donnerstag machte Peredonoff beim Adelsmarschall seine Aufwartung. -Das Haus des Adelsmarschalls erinnerte an eine vornehme Villa in den -Villenkolonien von Petersburg, welche Sommer und Winter bewohnt werden -konnte. Die Einrichtung des Hauses war nicht gerade luxuriös, doch -schienen manche Gegenstände allzu neu und ein wenig überflüssig zu sein. - -Alexander Michailowitsch Weriga erwartete Peredonoff in seinem Kabinett. -Er tat so als beeilte er sich, seinem Gast entgegenzugehen und als wäre -er bloß durch einen Zufall daran verhindert worden. - -Weriga hielt sich ungeheuer stramm, selbst wenn man in Betracht zog, daß -er ausgedienter Kavallerieoffizier war. Es wurde ihm nachgesagt, daß er -ein Korsett trage. Sein glattrasiertes Gesicht war gleichmäßig gerötet, -als hätte er es geschminkt. Sein Haar war ganz kurz geschoren, -- ein -bequemes Mittel, um den Effekt der Glatze zu mildern. Die Augen waren -grau, liebenswürdig und kalt. Im Verkehr war er gegen alle äußerst -zuvorkommend, in seinen Ansichten streng und entschieden. Allen seinen -Bewegungen merkte man den gewesenen Soldaten an und außerdem kleine -Hinweise darauf, daß er Gouverneur zu werden beabsichtigte. - -Peredonoff saß ihm gegenüber am eichengeschnitzten Schreibtisch und -berichtete: - -»Ueber mich werden allerhand Gerüchte in Umlauf gesetzt, daher wende ich -mich als Edelmann an Sie. Man erzählt über mich Dinge, Exzellenz, welche -absolut unwahr sind.« - -»Ich habe nichts Derartiges gehört,« antwortete Weriga und -liebenswürdig-erwartungsvoll lächelnd, richtete er seine grauen, -aufmerksamen Augen auf Peredonoff. - -Peredonoff sah geflissentlich in eine Ecke und redete: - -»Ich bin niemals Sozialist gewesen, und wenn es gelegentlich vorkam, daß -ich ein Wort zuviel gesagt habe, so ist es zur Genüge damit -entschuldigt, daß ein jeder junge Mensch mal über die Stränge schlägt. -Jetzt habe ich nicht einmal Gedanken in dieser Richtung.« - -»Sie waren also sehr liberal?« fragte Weriga mit einem liebenswürdigen -Lächeln, »nicht wahr, auch Sie wünschten eine Konstitution. Wir alle -wollten, als wir jung waren, die Konstitution. Darf ich Ihnen anbieten?« - -Weriga schob Peredonoff ein Zigarrenkästchen hin. Peredonoff war zu -schüchtern, um »Ja« zu sagen und dankte; Weriga steckte sich eine -Zigarre an. - -»Natürlich, Exzellenz,« gestand Peredonoff, »hatte auch ich als Student -meine Gedanken, aber schon damals war es mir um eine andere Konstitution -als im üblichen Sinne des Wortes zu tun.« - -»Nämlich?« fragte Weriga mit einem Anflug von Unzufriedenheit im Tone. - -»Es sollte eine Konstitution sein, aber ohne Parlament,« erklärte -Peredonoff, »im Parlament zanken sie sich doch nur.« - -Werigas graue Augen leuchteten in stillem Entzücken. - -»Eine Konstitution ohne Parlament!« sagte er sinnend. »Wissen Sie, das -ist praktisch!« - -»Aber auch das ist lange her,« sagte Peredonoff, »jetzt wünsche ich -nichts Derartiges.« - -Erwartungsvoll blickte er Weriga an. Weriga blies eine dünne Rauchwolke -durch die Lippen, schwieg eine Zeitlang und sagte dann gemessen: - -»Sie sind Pädagoge, nun habe ich in meiner Stellung auch mit den Schulen -unseres Bezirkes zu tun. Welchen Schulen geben Sie von Ihrem Standpunkte -aus den Vorzug: den Kirchenschulen oder den sogenannten Bezirksschulen?« - -Weriga strich die Asche von der Zigarre und fixierte Peredonoff -liebenswürdig, doch fast allzu aufmerksam. Peredonoff wurde verlegen, -stierte in die Ecke und sagte: - -»Die Bezirksschulen müssen stramm gehalten werden.« - -»Ja, ja, strammer,« sagte Weriga abwartend. - -Und er blickte auf seine glimmende Zigarre, so als bereite er sich vor, -einer langen Erörterung zuzuhören. - -»Die Lehrer dort sind Nihilisten,« sagte Peredonoff, »und die -Lehrerinnen glauben nicht an Gott. Sie schnauben sich sogar in der -Kirche.« - -Weriga blickte schnell auf und sagte lächelnd: - -»Na wissen Sie, ab und zu ist das notwendig.« - -»Ja, aber manche trompeten geradezu, so daß alle Sänger lachen,« meinte -Peredonoff böse. »Das tut sie mit Absicht. Diese Skobotschkina ist so -eine Person, läuft in einer roten Bluse herum. Manchmal trägt sie sogar -einen Sarafan.«[8] - -»Das ist freilich nicht schön,« sagte Weriga. »Doch tut sie es eher aus -Mangel an Erziehung. Ich erinnere mich gut an diese Lehrerin. Sie hat -absolut keine Manieren, ist aber eine tüchtige Lehrkraft. In jedem Fall -ist das, was Sie sagen, nicht schön von ihr. Man muß es ihr zu wissen -geben.« - -»Dort in den Schulen geht es sehr frei zu,« fuhr Peredonoff fort, »ohne -jede Zucht. Gestraft wird überhaupt nicht und Bauernkinder kann man -nicht nach demselben Muster erziehen wie die Adeligen. Geprügelt müssen -sie werden.« - -Weriga blickte ruhig auf Peredonoff, dann, als käme ihm die -Taktlosigkeit dieser Bemerkung erst jetzt zum Bewußtsein, senkte er -seinen Blick und sagte kalt, fast im Tonfall eines Gouverneurs: - -[Fußnote 8: Russische Nationaltracht.] - -»Es muß gesagt werden, daß ich an Schülern der Distriktsschulen -vortreffliche Eigenschaften bemerkt habe. Es steht über allem Zweifel, -daß die weitaus größere Zahl außerordentlich fleißig und gewissenhaft -ist. Natürlich kommen, wie überall, Vergehen vor und infolge der -Unbildung des Milieus kann es geschehen, daß diese Vergehen recht grob -zum Ausdruck kommen, um so mehr als in der Landbevölkerung Rußlands das -Gefühl für Pflicht, Ehre und Achtung fremden Eigentums nur wenig -entwickelt ist. Die Schule hat die Pflicht, solche Vergehen streng zu -bestrafen. Wenn alle Mittel einer inneren Einwirkung erschöpft -erscheinen, oder wenn das Vergehen besonders groß ist, so wäre es -natürlich geboten, um das betreffende Kind nicht ganz verwildern zu -lassen, zu den allerstrengsten Maßnahmen zu greifen. Dieses hat aber auf -alle Kinder Bezug, auch auf die von Adel. Im allgemeinen stimme ich mit -Ihnen darin überein, daß die Erziehung in den genannten Schulen viel zu -wünschen übrig läßt. Madame Steven hat in ihrem -- _à propos_ sehr -interessanten Buch -- Sie kennen es doch? ...« - -»Nein, Exzellenz,« sagte Peredonoff verlegen, »ich fand noch keine Zeit -dazu. Ich habe soviel im Gymnasium zu tun. Aber ich werde es lesen.« - -»Nun, das ist nicht so dringend notwendig,« sagte Weriga liebenswürdig -lächelnd, als erteile er Peredonoff die Erlaubnis, das Buch nicht zu -lesen. »Also, besagte Frau Steven erzählt sehr entrüstet, wie zwei ihrer -Schüler, junge Leute von 17 Jahren, vom Bezirksgericht zu körperlicher -Züchtigung verurteilt wurden. Stolz seien sie, diese Jungen, und -- -beachten Sie wohl -- wir alle hätten uns gequält, solange diese -schmähliche Strafe über sie verhängt gewesen sei. Später wurde dann das -Urteil abgeändert. Ich kann nur sagen, anstelle der Frau Steven hätte -ich mich geschämt, diese Geschichte in ganz Rußland zu verbreiten: -stellen Sie sich nur vor, man hatte diese Jungen verurteilt, weil sie -Aepfel gestohlen hatten. Bemerken Sie recht: für einen Diebstahl! Da -schreibt sie noch, es wären ihre besten Schüler gewesen. Aber Aepfel -können sie stehlen! Wirklich, eine vortreffliche Erziehung! Man sollte -doch lieber gleich eingestehen, daß man das Eigentumsrecht nicht -anerkennt.« - -Erregt erhob sich Weriga und machte einige Schritte, aber er faßte sich -gleich wieder und setzte sich. - -»Sollte ich Inspektor der Volksschule werden, so will ich andere Saiten -aufziehen,« sagte Peredonoff. - -»Haben Sie etwas in Aussicht?« fragte Weriga. - -»Ja, die Fürstin Woltschanskaja versprach mir ihre Protektion.« - -Weriga machte ein liebenswürdiges Gesicht. - -»Es wird mir angenehm sein, Ihnen Glück wünschen zu dürfen. Ich zweifle -nicht daran, daß Sie die Sache vortrefflich leiten werden.« - -»Nun wird in der Stadt über mich allerhand verbreitet, Exzellenz, -- es -ist nicht ausgeschlossen, daß das Bezirksamt davon Kenntnis bekommen -könnte; das würde meine Ernennung verhindern und tatsächlich bin ich -unschuldig.« - -»Haben Sie jemand in Verdacht, der diese Gerüchte aufgebracht hat?« -fragte Weriga. - -Peredonoff wurde ganz verlegen und murmelte: - -»Wen sollte ich in Verdacht haben? Ich weiß keinen. Man redet nur so. -Eigentlich kam ich zu Ihnen, weil diese Gerüchte mir im Dienst schaden -können.« - -Weriga überlegte, daß es ihm gleich sein könne, von wem das Gerede -ausginge: er war ja noch nicht Gouverneur. Er nahm nunmehr wieder die -Rolle des Adelsmarschalls auf und hielt eine Rede, die Peredonoff -ängstlich und niedergeschlagen anhörte: - -»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Ihre Schritte zu mir lenkte, um -meine Vermittlung (Weriga wollte sagen »Schutz«, aber er enthielt sich -dieses Ausdrucks) zwischen Ihnen und der Gesellschaft in Anspruch zu -nehmen, der Gesellschaft, in welcher, Ihren Informationen zufolge, Ihnen -nicht wohlwollende Gerüchte laut geworden sind. Von diesen Gerüchten ist -mir nichts zu Ohren gekommen und es muß Ihnen tröstlich sein, daß die -Verleumdungen über Sie nicht gewagt haben aus der Hefe der städtischen -Gesellschaft emporzudringen und ihr Dasein -- um mich so auszudrücken -- -in niedriger Verborgenheit führen. Es ist mir eine Genugtuung, daß Sie, --- wiewohl Sie berufsmäßig im Dienste stehen, -- dennoch gleichzeitig -auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung so hoch einschätzen, -und die Würde des Ihnen anvertrauten Amtes als Erzieher der Jugend, -eines von jenen, deren geheiligter Fürsorge wir, die Eltern, unser -kostbarstes Gut anvertrauen: unsere Kinder, die Erben unseres Namens und -unseres Standes. Als Beamter haben Sie Ihren Vorgesetzten in Gestalt -Ihres hochzuverehrenden Direktors, als Glied der Gesellschaft und als -Edelmann haben Sie das vollste Recht, auf die Anteilnahme des -Adelsmarschalls zu rechnen, in allen Fragen, welche Ihre Ehre und sowohl -Ihr menschliches, wie gleicherweise Ihr Standesbewußtsein berühren.« - -Während des folgenden Teiles seiner Rede stand Weriga auf und während er -sich mit den Fingern seiner rechten Hand fest auf den Rand des -Schreibtisches stützte, blickte er Peredonoff mit einem -nichtssagend-liebenswürdigen und aufmerksamen Gesichtsausdruck an, wie -man etwa eine größere Volksmenge betrachtet, wenn man vor ihr eine -wohlwollende Rede als Vorgesetzter halten muß. Auch Peredonoff war -aufgestanden. Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und blickte -verdrießlich auf den Teppich zu den Füßen des Hausherrn. Weriga sprach: - -»Ich weiß es auch darum zu schätzen, daß Sie sich an mich gewandt haben, -weil es bei den Angehörigen des vornehmen Standes besonders angebracht -erscheint, daß sie stets und in jeder Lage in erster Linie dessen -eingedenk sind, daß sie von Adel sind, daß sie diese ihre Zugehörigkeit -zum bezeichneten Stande hochhalten, nicht nur in bezug auf die damit -verbundenen Rechte, sondern auch im Hinblick auf die sich hieraus -ergebenden Pflichten und auf die Ehre des Edelmannes. Der Adel in -Rußland steht, wie Ihnen natürlich bekannt ist, vorwiegend im -Staatsdienst. Streng genommen müßten alle staatlichen Aemter, mit -Ausnahme der ganz unwichtigen und niedrigen, in den Händen des Adels -vereinigt sein. Der Umstand, daß Leute verschiedenen Standes in -kaiserlichen Diensten stehen, ist mit Ursache für eine so unerwünschte -Erscheinung wie jene, welche gegenwärtig Ihre Ruhe trübte. Verleumdung -und Klatscherei sind die Waffen gesinnungsloser Leute, welche nicht in -edlen, ritterlichen Traditionen erzogen wurden. Und ich hoffe, daß das -allgemeine Urteil klar und unzweideutig zu Ihren Gunsten entscheiden -wird, auch bitte ich Sie, sich völlig auf meinen ungeteilten Beistand in -dieser Angelegenheit verlassen zu wollen.« - -»Meinen ergebensten Dank, hohe Exzellenz,« sagte Peredonoff, »so darf -ich denn auf Ihren Beistand rechnen.« - -Weriga lächelte liebenswürdig, blieb aber stehen und deutete damit an, -daß die Unterredung beendet sei. Nach seiner langen Rede fühlte er -plötzlich, daß sie garnicht am Platz gewesen wäre und daß Peredonoff -nichts weiter als ein ängstlicher Streber nach guten Stellen war, ein -Streber, der Schutz suchend über jede Schwelle stolpert. Er entließ ihn -mit kalter Gleichgültigkeit, die er diesem Menschen gegenüber wegen -seines unordentlichen Lebenswandels immer empfunden hatte. - -Ein Diener half Peredonoff in seinen Ueberzieher. In irgend einem Zimmer -wurde Klavier gespielt. Peredonoff dachte bei sich, daß das Leben in -diesem Hause vornehm sei: stolze Leute, die sich hoch einschätzten. »Er -will es zum Gouverneur bringen,« dachte Peredonoff mit ehrfürchtiger und -neidischer Bewunderung. - -Auf der Treppe traf er die von einem Spaziergang heimkehrenden zwei -Söhnchen des Adelsmarschalls mit ihrem Hauslehrer. Peredonoff -betrachtete sie mit stumpfer Neugierde. - -Wie sauber sie sind, dachte er, sogar in den Ohren kein -Schmutzfleckchen. Und munter sind sie, dabei gut geschult und wie auf -Draht gezogen. Vielleicht, dachte er, werden sie niemals geprügelt. - -Und Peredonoff sah ihnen böse nach, während sie geschwind die Treppe -hinaufstiegen und fröhlich plauderten. Auch das verwunderte Peredonoff, -daß der Hauslehrer sie wie seinesgleichen behandelte; er drohte nicht -und schrie sie nicht an. - - * * * * * - -Als Peredonoff nach Hause kam, saß Warwara im Gastzimmer und las ein -Buch. Das kam selten vor. Sie blätterte in einem Kochbuch, das einzige, -was sie mitunter in die Hand nahm. Das Buch war alt, abgegriffen und -hatte einen schwarzen Einband. Der schwarze Einband fiel Peredonoff in -die Augen und verstimmte ihn. - -»Was liest du da?« fragte er böse. - -»Was? Als ob du nicht weißt was, -- das Kochbuch,« antwortete Warwara. -»Ich habe keine Zeit, mich mit Albernheiten abzugeben.« - -»Warum liest du im Kochbuch?« fragte Peredonoff entsetzt. - -»Was heißt -- warum? Ich will kochen, für dich natürlich, du mäkelst ja -immer,« sagte Warwara und lächelte stolz und selbstbewußt. - -»Aus diesem schwarzen Buch will ich nichts essen!« erklärte Peredonoff -bestimmt, riß das Buch aus Warwaras Händen und trug es ins Schlafzimmer. - -Ein schwarzes Buch! Danach wird gekocht! dachte er mit Entsetzen, das -fehlt noch gerade, daß man mich ganz offenkundig mit dem schwarzen Buch -behext! Dieses fürchterliche Buch muß vernichtet werden, dachte er, ohne -auf Warwaras wütendes Gezeter zu achten. - - * * * * * - -Am Freitag ging Peredonoff zum Vorsitzenden des Kreisamtes. - -Hier im Hause wurde nachdrücklich betont, daß man schlicht und recht -leben und zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten müsse. Eine ganze Reihe -von Gegenständen diente dazu, eine Art von ländlicher Einfalt zu -betonen: so hatte ein Sessel eine Lehne in Form eines Krummholzes und -kleine Beile als Armstützen, ein Tintenfaß war in ein Hufeisen -hineingespannt, ein imitierter Bauernschuh aus Porzellan diente als -Aschenbecher. Im Saale standen auf Tischen, Fensterbänken, sogar auf dem -Fußboden eine Reihe von kleinen Maßen, welche mit verschiedenen -Getreideproben gefüllt waren, und hie und da lagen Klumpen von grobem -Bauernbrot, die an Torfstücke erinnerten. Im Gastzimmer konnte man -Zeitungen und Modelle von landwirtschaftlichen Maschinen sehen. Im -Arbeitszimmer standen riesige Bücherschränke, gefüllt mit -nationalökonomischen Werken und Abhandlungen über die Schulfrage. Auf -dem Schreibtisch lagen Papiere, gedruckte Rechenschaftsberichte, -Pappschachteln mit Karten verschiedener Größe. Alles war staubig und -kein einziges Bild hing an den Wänden. Dem Hausherrn Iwan Stepanowitsch -Kiriloff konnte man anmerken, wie er bemüht war, einerseits -liebenswürdig -- europäisch liebenswürdig -- zu erscheinen, ohne doch -andererseits seiner Würde als Vorsitzender des Kreises etwas zu -vergeben. Er war ein Original voller Widersprüche, gleichsam wie aus -zwei Hälften zusammengelötet. Seine ganze Einrichtung zeugte davon, daß -er viel und vernünftig arbeitete. Sah man ihn selber, so konnte man -glauben, daß er seine Tätigkeit im Kreisamt mehr als Sport und nur -vorübergehend betriebe, während seine eigentlichen Interessen weitab -davon lägen, in irgend einer Richtung, wohin er mitunter seine -lebhaften, doch teilnahmlosen bleifarbigen Augen richtete. Es war so, -als hätte jemand seine lebendige Seele in einen länglichen Kasten -gesperrt und gegen eine seelenlose, doch nervöse, arbeitsame Unruhe -eingetauscht. - -Er war klein von Wuchs, mager und jugendlich, so jugendlich und rosig, -daß man ihn mitunter für einen Knaben halten konnte, der einen falschen -Bart trug und sich mit ziemlichem Geschick wie ein Erwachsener zu -betragen verstand. Seine Bewegungen waren charakteristisch und rasch. -Wenn er sich mit jemandem begrüßte, machte er flinke Verbeugungen und -viele Kratzfüße, und glitt geschwind einher auf den Sohlen seiner -tadellosen Halbschuhe. Seinen Anzug hätte man ein Kostümchen nennen -können: ein graues Jackettchen, ein nicht gestärktes Vorhemdchen aus -Batist mit einem Liegekragen, eine blaue, zur Schleife gebundene -Krawatte, enganliegende Beinkleiderchen und perlgraue Strümpfchen. Auch -seine gemessen-höfliche Art und Weise zu reden war nicht immer gleich: -er unterhält sich voll Würde und mit einmal spielt ein kindliches -Lächeln um sein Gesicht, oder eine ungelenke, knabenhafte Bewegung -erinnerte an sein Doppelwesen, dann nach einem Augenblick ist er wieder -ruhig und zurückhaltend höflich. - -Seine Frau machte einen stillen, maßvollen Eindruck und schien älter als -er zu sein. Einigemal während Peredonoffs Anwesenheit ging sie durch das -Arbeitszimmer und zog bei ihrem Manne Erkundigungen über verschiedene -Angelegenheiten aus dem Bezirksamt ein. Ihr Hausstand war nicht gerade -geordnet, -- immerfort kamen Leute in Geschäften und immerfort wurde Tee -getrunken. Auch Peredonoff wurde gleich nach seiner Ankunft lauwarmer -Tee und Weißbrot auf einem Teller gereicht. - -Schon vor ihm war ein anderer Gast gekommen. Peredonoff kannte ihn, -- -aber schließlich wen kannte man in diesem Städtchen nicht! Man verkehrte -mit jedermann, es sei denn, daß man sich mit diesem oder jenem verzankt -hätte. - -Es war der Bezirksarzt Georg Sjemenowitsch Trepetoff, ein kleiner Mann --- er war noch kleiner als Kiriloff -- mit einem finnigen, unbedeutenden -Vogelgesicht. Er trug eine dunkle Brille und blickte immer auf den -Fußboden oder zur Seite, als falle es ihm schwer sein Gegenüber -anzusehen. Er war ungeheuer ehrlich und gab keine Kopeke für wohltätige -Zwecke aus. Alle kaiserlichen Beamten verachtete er aus tiefstem Herzen: -kaum daß er ihnen bei etwaiger Begegnung die Hand reichte, am Gespräch -beteiligte er sich in solchen Fällen prinzipiell nicht. Dafür galt er -für einen hellen Kopf -- wie auch Kiriloff --, wiewohl er nur wenig -wußte und als Arzt untüchtig war. - -Er hatte sich vorgenommen, sein Leben so einfach als möglich zu -gestalten; -- zu diesem Zweck studierte er die Gepflogenheiten der -Bauern sich zu schnauben oder den Kopf zu kratzen und mit dem Handrücken -den Mund zu wischen, im stillen ahmte er diese Sitten nach, -- die -endgültige Vereinfachung seines Lebens verschob er aber immer auf den -nächsten Sommer. - -Auch hier wiederholte Peredonoff die ihm seit den letzten Tagen geläufig -gewordenen Klagen über den städtischen Klatsch und jene Neider, welche -seine Beförderung zum Inspektor verhindern wollten. Kiriloff fühlte sich -im ersten Augenblick geschmeichelt, daß Peredonoff sich an ihn wandte. -Er sagte: - -»Ja, nun sehen Sie, welcherart unsere Provinzgesellschaft ist. Ich habe -immer gesagt, die einzige Rettung für denkende Menschen ist, sich fest -zusammenzuschließen, -- und es freut mich, daß Sie zur selben Erkenntnis -gekommen sind.« - -Trepetoff grunzte böse. Kiriloff sah ihn ängstlich an. Trepetoff sagte -verächtlich: »Denkende Menschen!« und grunzte wieder. Dann -- nach einem -kurzen Schweigen -- sprach er mit hoher, gekränkter Stimme: - -»Ich wußte nicht, daß denkende Menschen Anhänger des Klassensystems sein -können.« - -»Aber Georgi Sjemenowitsch,« sagte Kiriloff unsicher, »Sie ziehen nicht -in Betracht, daß es nicht immer vom Menschen selber abhängt, welchen -Beruf er wählt.« - -Trepetoff grunzte verächtlich, wodurch er den liebenswürdigen Kiriloff -ganz aus der Fassung brachte und hüllte sich in unnahbares Schweigen. - -Kiriloff wandte sich an Peredonoff. Als dieser aber von einem -Inspektorposten zu reden begann, wurde er unruhig. Es schien ihm, als -ziele Peredonoff darauf ab, Inspektor seines Bezirkes zu werden. Im -Bezirksamt aber reifte der Plan, einen eigenen Schulinspektor zu -kreieren, welcher vom ganzen Bezirk gewählt und vom Ministerium der -Volksaufklärung bestätigt werden sollte. - -In diesem Falle wäre Inspektor Bogdanoff, der bereits drei Schulbezirken -vorstand, in eine der benachbarten Städte übergesiedelt und die Leitung -der Schulen dieses Bezirkes wäre einem neuen Inspektor anvertraut -worden. Zu diesem Amte hatte man schon den Vorsteher des Lehrerseminars -der ganz nahe gelegenen Stadt Safat ausersehen. - -»Ich habe glücklich eine Protektion,« redete Peredonoff, »nun sucht mir -der Direktor den Weg zu verlegen und die andern auch. Alles Mögliche -verbreiten sie über mich. Im Falle man bei Ihnen Erkundigungen einziehen -sollte, bitte ich Sie, im Auge zu haben, daß diese Gerüchte Lügen sind -und ich bitte auch, diesen Lügen keinen Glauben zu schenken.« - -Kiriloff antwortete rasch: - -»Ich habe wirklich keine Zeit, Ardalljon Borisowitsch, mich mit den -Klatschgeschichten der Stadt zu befassen; ich habe so viel zu tun, daß -ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Würde mir meine Frau nicht -helfen, so könnte ich die Arbeit einfach nicht bewältigen. Ich komme -nirgends hin, sehe niemanden und höre nichts. Doch bin ich fest davon -überzeugt, daß all das, was über Sie geredet wird, -- ich habe, wie -gesagt, nichts Derartiges gehört --, daß das elender Klatsch ist. Die -Besetzung des in Frage stehenden Postens hängt indes nicht von mir ab.« - -»Man wird sich bei Ihnen erkundigen,« sagte Peredonoff. - -Kiriloff blickte ihn verwundert an und sagte: - -»Natürlich wird man sich bei mir erkundigen. Die Sache ist aber die, daß -wir ....« - -In diesem Augenblick kam Frau Kiriloff herein und sagte: - -»Bitte auf einen Augenblick!« Kiriloff ging zu ihr ins Zimmer. Sie -flüsterte besorgt: - -»Ich glaube, es ist besser, diesem Subjekt nichts davon zu sagen, daß -wir Krassilnikoff wünschen. Dieser Kerl kommt mir verdächtig vor, er -wird noch Geschichten machen.« - -»Glaubst du?« flüsterte Kiriloff eilig. »Es könnte sein. Fatale Sache!« - -Er griff mit den Händen an den Kopf. Seine Frau sah ihn -besorgt-teilnehmend an und sagte: - -»Es ist vielleicht besser, ihm überhaupt nichts zu sagen, -- als wäre -gar keine Stelle vakant.« - -»Ja, ja, du hast recht,« flüsterte Kiriloff, »es ist so peinlich, aber -ich muß hin.« - -Er lief ins Gastzimmer zurück, machte ununterbrochen Kratzfüße und -überhäufte Peredonoff mit Liebenswürdigkeiten. - -»Im Falle also, wenn .....« begann Peredonoff. - -»Seien Sie ganz unbesorgt, ich will es mir merken,« sagte Kiriloff -schnell; »außerdem ist diese Frage noch nicht endgültig entschieden.« - -Peredonoff begriff garnicht, um welche Frage es sich eigentlich handelte -und fühlte sich sehr beunruhigt, Kiriloff fuhr aber fort: - -»Unsere Schulen sollen ein festes Netz bilden. Aus Petersburg haben wir -uns einen Spezialisten kommen lassen. Den ganzen Sommer über haben wir -gearbeitet. 900 Rubel hat es uns gekostet. Es muß alles zum Landtag -vorbereitet werden. Die Arbeit ist sehr sorgfältig ausgeführt, -- alle -Entfernungen sind berechnet, alle Schulfragen sind berücksichtigt -worden.« - -Und Kiriloff erzählte lang und breit vom Schulnetz, d. h. von der -Einteilung des Distrikts in so kleine Bezirke mit einer Volksschule in -jedem, daß die Entfernung vom Dorf zur Schule immer nur eine geringe -war. Peredonoff begriff nichts, und seine düsteren Gedanken verfingen -sich in den Wortmaschen des Kiriloffschen Redenetzes, welches dieser -gewandt vor ihm ausbreitete. - -Endlich verabschiedete sich Peredonoff und ging hoffnungslos und traurig -von dannen. In diesem Hause, dachte er, will man mich nicht begreifen, -nicht einmal anhören. Der Hausherr redet von unverständlichen Sachen. -Trepetoff grunzt böse und die Hausfrau geht und kommt, ohne mir die -geringste Beachtung zu schenken. Merkwürdige Leute leben in diesem -Hause! dachte Peredonoff. Ein verlorener Tag! - - - - - XI - - -Am Sonnabend wollte Peredonoff den Chef der Landpolizei aufsuchen. Zwar -hat er nicht soviel zu bedeuten, wie der Adelsmarschall, dachte -Peredonoff; aber er kann einem eher schaden als die anderen und doch -wieder -- wenn er nur will -- einem beistehen mit seinen Aussagen bei -der vorgesetzten Behörde. Die Polizei ist eine wichtige Einrichtung. - -Peredonoff nahm aus einer Hutschachtel seine Dienstmütze. Er beschloß, -fortan nur diese Mütze zu tragen. Der Direktor kann es sich erlauben mit -einem Hut herumzugehen, er ist bei den Vorgesetzten gut angeschrieben, -er aber -- Peredonoff -- muß sich seine Beförderung zum Inspektor erst -erwerben; es ist nicht gut, sich nur auf die Protektion zu verlassen, -man muß auch bestrebt sein, allerorts im besten Lichte zu erscheinen. -Schon seit einigen Tagen, noch bevor er angefangen hatte, die -Honoratioren zu besuchen, hatte er daran gedacht, aber wieder war ihm, -rein zufällig, der alte Hut unter die Hände geraten. Jetzt ergriff er -Gegenmaßregeln: er schleuderte den Hut auf den Ofen, -- so war es -ausgeschlossen, daß er ihn wieder aufsetzte. - -Warwara war ausgegangen. Klawdja, das Dienstmädchen, wusch die Fußböden -in den Empfangszimmern. Peredonoff ging in die Küche, um sich die Hände -zu waschen. Auf dem Tisch lag eine blaue Papierdüte, aus der einige -Rosinen herausgefallen waren. Es war ein Pfund Rosinen gekauft worden, -um sie in das Teebrot einzubacken. Peredonoff fing an, die schmutzigen, -nicht gereinigten Rosinen zu essen und verschlang schnell und gierig das -ganze Pfund. Er war vor dem Tisch stehen geblieben und schielte nach der -Tür um von Klawdja nicht ertappt zu werden. Dann rollte er die -Papierdüte sorgfältig zusammen, brachte sie unter dem Rock in das -Vorzimmer und steckte sie in eine seiner Manteltaschen, um sie später -auf der Straße fortzuwerfen, und so alle Spuren zu vertilgen. Er ging. -Sehr bald vermißte Klawdja die Rosinen, erschrak, suchte sie überall und -fand sie nicht. Warwara kam nach Hause, hörte von den verschwundenen -Rosinen und machte Klawdja die heftigsten Vorwürfe: es stand ihr fest, -daß das Mädchen die Rosinen aufgegessen hatte. - - * * * * * - -Auf der Straße war es windig und kein Mensch war zu sehen. Einige Wolken -verdeckten die Sonne. Die Pfützen begannen zu trocknen. Der Himmel -leuchtete in matten Farben. Aber Peredonoff war traurig. - -Unterwegs ging er beim Schneider an. Vorgestern hatte er bei ihm eine -neue Uniform bestellt. Er sollte sich mit der Arbeit beeilen. - -Als Peredonoff an der Kirche vorbeiging, nahm er die Mütze ab und -bekreuzigte sich dreimal. Das machte er so augenfällig als möglich, -damit alle Vorübergehenden sehen sollten, wie der künftige Inspektor an -der Kirche vorbeiging. Früher hatte er das nie getan, jetzt empfand er -es als Notwendigkeit. Vielleicht geht ein Spion hinter ihm her oder -irgend jemand steht an der Straßenecke oder hinter einem Baum und -beobachtet ihn. - -Der Chef der Landpolizei wohnte am andern Ende der Stadt. Vor der -Pforte, die weit aufgetan war, stand ein Schutzmann; das war eine -Begegnung, die Peredonoff seit den letzten Tagen mit Angst erfüllte. Auf -dem Hofe hielten sich einige Bauern auf; auch sie sahen ungewöhnlich -aus, sie waren so merkwürdig still und schweigsam. Der Hof war -schmutzig. Einige mit Bastgeweben verdeckte Bauernwagen standen umher. -Auch im dunklen Vorhaus stand ein Schutzmann, ein kleiner, schmächtiger -Mensch, der pflichtbewußt und betrübt aussah. Er stand regungslos da und -hielt ein Buch in schwarzem Ledereinband unter dem Arm. Ein zerzaustes -Mädchen kam barfuß aus einem Nebenzimmer gelaufen, half Peredonoff aus -seinem Ueberzieher und führte ihn dann ins Besuchszimmer, wobei sie -immerfort wiederholte: - -»Bitte treten Sie ein. Sjemön Grigorjewitsch wird gleich kommen.« - -Das Empfangszimmer war sehr niedrig. Peredonoff fühlte sich bedrückt. -Die Möbel waren dicht an die Wände gerückt. Der Fußboden war mit -schlichten Hanfmatten bedeckt. Rechts und links hinter den Wänden hörte -man Geflüster und verschiedene Geräusche. An der Tür standen blasse -Frauen und skrophulöse Kinder, sie hatten gierige, blanke Augen. -Manchmal konnte man einige Worte der geflüsterten Unterhaltung -verstehen: - -»Hast du gebracht ...« - -»Wohin soll ich's tragen?« - -»Wohin befehlen Sie, daß ich es hinlege?« - -»Von Sidor Petrowitsch Jermoschkin.« - -Der Polizeichef kam. Er knöpfte an seinem Uniformrock und lächelte -süßlich. - -»Verzeihen Sie, daß ich auf mich warten ließ,« sagte er und umfaßte -Peredonoffs Rechte mit seinen mächtigen Fäusten, »ich hatte einige -Geschäfte zu erledigen. So ist unser Dienst, da gibt's kein -Aufschieben.« - -Sjemön Grigorjewitsch Mintschukoff war ein großer, starkknochiger, -schwarzhaariger Mann; er hatte eine unbedeutende Glatze, hielt sich ein -wenig krumm; und die Hände hingen ihm herunter, wie zwei Bretter. Er -lächelte oft und machte dabei ein Gesicht, als hätte er etwas -Verbotenes, doch Schmackhaftes gegessen, das er just verdaute. Seine -Lippen waren sehr rot und schwulstig, seine Nase massiv, sein -Gesichtsausdruck sinnlich und aufmerksam, aber dumm. - -Die ganze Umgebung hier machte Peredonoff befangen. Er murmelte -unzusammenhängende Worte, saß in seinem Sessel und war bemüht, seine -Mütze so zu drehen, daß der Polizeichef die Kokarde daran bemerken -mußte. Mintschukoff saß kerzengrade ihm gegenüber an der andern Seite -des Tisches, er lächelte süßlich, und seine riesigen Hände glitten -langsam über die Kniee, schlossen sich und öffneten sich wieder. - -»Man schwatzt Gott weiß welchen Unsinn,« sagte Peredonoff, »nichts -Derartiges ist vorgekommen. Ich selber könnte denunzieren. Ich habe -nichts auf dem Gewissen, aber von ihnen wüßte ich Dinge zu berichten. -Ich will nur nicht. Hinter dem Rücken wird man verleumdet und ins -Gesicht lachen sie einem. Sie werden zugeben, daß das bei meiner -Stellung äußerst peinlich ist. Ich habe Protektionen, da wirft man mir -Steine in den Weg. Man beobachtet mich durchaus überflüssiger Weise, man -verliert Zeit dabei und belästigt mich. Wohin ich nicht gehe, die ganze -Stadt spricht davon. Ich hoffe sehr, daß Sie im Falle einer Anfrage auf -meiner Seite stehen werden.« - -»Aber gewiß, das ist doch natürlich, mit dem größten Vergnügen will ich -das,« sagte Mintschukoff und streckte seine Fäuste vor; »wir in der -Polizei müssen das doch am besten wissen, ob Grund zu Verdächtigungen -vorliegt oder nicht.« - -»Mir kann es natürlich Wurst sein,« sagte Peredonoff böse, »mögen sie -schwatzen, ich fürchte nur, daß es mir im Dienst schaden könnte. Die -Leute sind schlau. Achten Sie nicht darauf, was man so redet, zum -Beispiel der Rutiloff. Was kann man wissen, er gräbt vielleicht einen -Gang unter die Sparbank. Das wäre doch ein Frevel sondergleichen.« - -Mintschukoff dachte zuerst, Peredonoff wäre betrunken und schwatze -einfach Unsinn. Nach einigem Anhören begriff er jedoch, daß Peredonoff -irgend jemanden anklage, der ihn verleumdet hätte, und Gegenmaßregeln zu -ergreifen bittet. - -»Grünschnäbel sind sie,« fuhr Peredonoff fort, dabei dachte er an -Wolodin, »und halten große Stücke von sich. Andern stellen sie nach und -haben die schmutzigsten Geschichten auf dem Gewissen. Man sagt wohl, -Jugend kennt keine Tugend. Manche sind auch Angestellte der Polizei und -tun doch genau dasselbe.« - -Und er redete lange von den dummen, grünen Jungen, scheute sich aber, -Wolodins Namen zu nennen. Die bei der Polizei Angestellten hatte er aber -erwähnt, um Mintschukoff damit anzudeuten, daß er auch von ihnen -Ungünstiges berichten könne. Mintschukoff verstand das so, als rede -Peredonoff von zwei jungen Polizeibeamten, von denen er wußte, daß sie -jungen Mädchen den Hof machten. Die Verlegenheit und die Angst -Peredonoffs wirkten unwillkürlich ansteckend auf Mintschukoff. - -»Ich will die Sache in die Hand nehmen,« sagte er besorgt, dachte einen -Augenblick nach und lächelte dann wieder süßlich. »Da hab ich zwei junge -Beamte, sie sind noch ganz grün. Glauben Sie mir auf Ehre und Gewissen, -den einen stellt seine Mama noch in den Winkel.« - -Peredonoff lachte abgerissen. - - * * * * * - -Inzwischen war Warwara bei der Gruschina gewesen. Da erfuhr sie eine -sensationelle Neuigkeit. - -»Liebste Warwara Dmitriewna,« begann die Gruschina eifrig, als Warwara -kaum über die Schwelle ihres Hauses getreten war, »ich habe eine -Neuigkeit für Sie, -- Sie werden starr sein.« - -»Was für eine Neuigkeit?« fragte Warwara schmunzelnd. - -»Nein, denken Sie nur, was für elende Geschöpfe auf der Welt -herumlaufen! Was die sich für Sachen ausdenken, um ihr Ziel zu -erreichen.« - -»Ja, worum handelt es sich denn?« - -»Na, warten Sie, ich will es erzählen.« - -Die schlaue Gruschina bewirtete indes Warwara zuvor mit Kaffee, dann -trieb sie ihre Kinder auf die Straße hinaus. Die Aelteste war -eigensinnig und wollte nicht gehen. - -»Du verdammtes Luder!« schrie die Gruschina. - -»Selbst Luder!« antwortete das freche Göhr und stampfte mit den Füßen. - -Die Gruschina packte das Mädchen an den Haaren, zerrte es auf den Hof -und verschloß die Haustür. - -»Ein eigensinniges Balg,« beklagte sie sich, »es ist ein Elend mit -diesen Kindern. Ich kann mit ihnen nicht fertig werden. Einen Vater -müßten sie haben.« - -»Heiraten Sie, dann ist auch der Vater da,« meinte Warwara. - -»Gott weiß, liebste Warwara Dmitriewna, wen man da auf den Hals bekommt. -Er wird die Kinder noch mißhandeln.« - -Das Mädchen war inzwischen auf die Straße gelaufen und warf von dort aus -eine Handvoll Sand auf die Mutter, deren Haar und Kleider ganz -beschmutzt wurden. Die Gruschina steckte ihren Kopf zum Fenster hinaus -und schrie: - -»Wart du nur, Satansbalg, Prügel sollst du kriegen. Komm nur nach Hause. -Ich will dich lehren, verdammtes Luder.« - -»Selbst Luder! Böses Vieh!« schrie das Mädchen auf der Straße, hüpfte -auf einem Bein und drohte der Mutter mit ihren kleinen, schmutzigen -Fäusten. - -Die Gruschina schrie sie an: - -»Wart du nur!« und schloß das Fenster. Dann setzte sie sich ruhig hin, -als wäre nichts geschehen und sagte: - -»Ach richtig, ich wollte Ihnen eine Neuigkeit erzählen. Ich habe es -total vergessen. Beunruhigen Sie sich nicht, teuerste Freundin, es wird -nichts aus der Geschichte.« - -»Ja, was denn eigentlich?« fragte Warwara erschreckt, und die -Kaffeetasse klirrte in ihrer Hand. - -»Wissen Sie, im Gymnasium wurde in die fünfte Klasse ein Schüler -aufgenommen, Pjilnikoff mit Namen. Er soll aus Ruban stammen, und man -sagt, seine Tante hätte in unserem Kreis ein Gut gekauft.« - -»Das weiß ich,« sagte Warwara, »ich habe ihn gesehen. Er kam mit der -Tante zu uns. Er ist so geschniegelt und sieht wie ein Mädchen aus, und -wird immerwährend rot.« - -»Liebste Warwara Dmitriewna, das ist es ja gerade, wie sollte er nicht -wie ein Mädchen aussehen, -- es ist ja ein verkleidetes Fräulein!« - -»Nein, was Sie sagen!« rief Warwara. - -»Das ist mit Absicht so eingefädelt, um Ardalljon Borisowitsch -einzufangen,« sprach die Gruschina eilig, mit den Händen fuchtelnd und -froh erregt, daß sie eine so wichtige Neuigkeit weitergeben konnte. -»Wissen Sie, dieses Fräulein hat einen Vetter, ein Waisenkind; der war -tatsächlich Schüler in Ruban. Die Mutter des Fräuleins nun ließ ihn aus -der Schule austreten und dem Fräulein wurden seine Papiere gegeben, um -in unser Gymnasium eintreten zu können. Ist es nicht verdächtig, daß man -ihn zu einer Frau in Pension gegeben hat, wo keine andern Schüler sind? -Da lebt er so schön für sich, und man dachte wohl, daß die Sache nicht -herauskommen wird.« - -»Und wie haben Sie es erfahren?« fragte Warwara ungläubig. - -»Liebste Warwara Dmitriewna, alle Welt spricht davon. Plötzlich wurde -Verdacht geschöpft: alle Jungen betragen sich wie Jungen, dieser ist so -still, schleicht einher, wie ein nasses Huhn. Und sieht man erst sein -Gesicht an, ein fixer Bengel scheint es zu sein, so rosig, so -vollbrüstig. Er ist so bescheiden, seine Kameraden haben es schon -bemerkt, kaum sagt man ihm ein Wort, so wird er rot. Das ist auch sein -Spitzname: Mädchen. Sie wollen sich über ihn nur lustig machen und -wissen gar nicht, daß es wirklich so ist. Und stellen Sie sich vor, wie -schlau sie vorgingen: nicht einmal die Pensionsmutter weiß etwas.« - -»Woher haben Sie es denn?« wiederholte Warwara. - -»Liebste Warwara Dmitriewna, was erfahr ich nicht alles! Ich kenne doch -jedermann. Das wissen doch alle, daß dort im Hause ein Junge lebt, der -ebenso alt ist, wie dieser. Warum sind sie nicht zusammen ins Gymnasium -eingetreten? Man sagt, er sei den Sommer über krank gewesen, müsse sich -ein Jahr erholen und wird dann wieder zur Schule kommen. Aber das ist -alles Unsinn, -- das ist ja gerade der bewußte Gymnasiast. Und -andrerseits ist bekannt, daß dort ein junges Mädchen war. Man erzählt, -sie habe geheiratet und sei jetzt im Kaukasus. Das ist wieder eine Lüge, -sie ist überhaupt nicht fortgefahren, sondern lebt hier als Knabe -verkleidet.« - -»Mir ist die Berechnung dabei unklar!« meinte Warwara. - -»Wie, was für eine Berechnung!« sagte die Gruschina lebhaft, »einen von -den Lehrern wollen sie einfangen, es gibt doch Junggesellen genug -darunter, oder sonst irgend einen andern. Als Knabe kann sie die -einzelnen in ihren Privatwohnungen besuchen und weiß Gott was alles -tun.« - -Warwara sagte erschreckt: - -»Ein abgelecktes Mädel!« - -»Und wie noch!« pflichtete die Gruschina bei, »schön wie ein Bild. Nur -jetzt im Anfang tut sie so schüchtern; das wird sich geben mit der Zeit; -sie wird alle in der Stadt hier umgarnen. Und, stellen Sie sich vor, wie -schlau sie sind: kaum hatte ich von der Sache Wind gekriegt, versuchte -ich sofort mit seiner -- soll heißen mit ihrer -- Pensionsmutter zu -sprechen; man weiß ja schon gar nicht, wie man sich ausdrücken soll.« - -»Pfui Deibel -- Gott verzeih mir -- welche Gemeinheit!« sagte Warwara. - -»Zur Vesper ging ich in die Kirche, sie ist nämlich sehr fromm. Olga -Wassiljewna -- sag ich -- warum haben Sie denn heuer nur einen -Pensionär? Da kommen Sie doch nicht auf Ihre Kosten -- sage ich. Sie -antwortet: wozu brauche ich mehr. Es ist so eine Wirtschaft mit -mehreren. Ich sage darauf: aber Sie haben doch früher immer zwei, drei -Jungen gehabt. Darauf sie -- stellen Sie sich nur vor, liebste Warwara -Dmitriewna -- ja, sagt sie, sie hätten schon so eine Vereinbarung -getroffen, daß Saschenka allein bei ihr leben solle. Sie sind nicht arm --- sagt sie --, haben etwas mehr gezahlt; sie fürchten nämlich, daß er -mit andern Jungen zusammen verwildern würde. Wie finden Sie das?« - -»So ein Pack!« sagte Warwara aufgebracht. »Haben Sie ihr denn gesagt, -daß er ein Mädchen ist?« - -»Ich sagte ihr also --, passen Sie nur auf -- sage ich -- Olga -Wassiljewna, daß man Ihnen kein Mädchen für einen Knaben unterschiebt.« - -»Und was sagte sie?« - -»O, sie dachte, daß ich nur scherze und lachte. Dann sagte ich -eindringlicher, -- liebste Olga Wassiljewna, sag ich, wissen Sie auch, -daß es tatsächlich ein Mädchen sein soll. Aber sie glaubt nicht, -- -Unsinn -- sagt sie -- wie soll das ein Mädchen sein; ich bin doch Gott -sei Dank nicht blind, sagt sie.« - -Diese Geschichte beunruhigte Warwara. Sie war der festen Ueberzeugung, -daß es sich so verhielte und daß man ihr ihren Geliebten wegpaschen -wolle. Sie hielt es für dringend notwendig, das verkleidete Fräulein so -schnell als möglich zu entlarven. Lange berieten sie, wie sich das wohl -am besten machen ließe, kamen aber vorläufig zu keinem Entschluß. - - * * * * * - -Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen Rosinen endgültig -Warwaras Laune. - -Als Peredonoff kam, erzählte sie ihm eilig und aufgeregt, daß Klawdja -ein Pfund Rosinen gestohlen hätte, es aber nicht gestehen wolle. - -»Und sie versucht sich noch herauszureden,« sagte Warwara gereizt; -»vielleicht sagt sie, hat der Herr die Rosinen aufgegessen. Du seiest -aus irgend einem Grunde in die Küche gegangen, während sie die Dielen -scheuerte, und habest dich dort ungewöhnlich lange aufgehalten.« - -»Durchaus nicht lange,« sagte Peredonoff böse; »ich wusch mir nur die -Hände und habe die Rosinen nicht einmal gesehen.« - -»Klawdjuschka, Klawdjuschka!« schrie Warwara, »der Herr sagt, daß er die -Rosinen überhaupt nicht gesehen hat, -- also hattest du sie schon früher -irgendwohin versteckt.« - -Klawdjas vom Weinen gerötetes Gesicht erschien in der Türspalte. - -»Ich habe Ihre Rosinen nicht genommen,« schrie sie weinend; »ich werde -andere kaufen, aber genommen habe ich sie nicht.« - -»Kauf nur, kauf nur!« rief Warwara böse, »ich habe keine Lust, dich mit -Rosinen zu füttern.« - -Peredonoff fing an zu lachen und rief: - -»Djuschka hat ein Pfund Rosinen geklommen.« - -»Man tut mir unrecht!« schrie Klawdja und schlug die Tür zu. - -Beim Essen konnte Warwara nicht umhin, die Geschichte von Pjilnikoff zu -erzählen. Sie überlegte garnicht, ob es ihr schaden oder nützen könnte, -wie Peredonoff die Sache aufnehmen würde, sondern redete einfach aus -Bosheit. - -Peredonoff war bemüht, sich Pjilnikoffs Erscheinung zu vergegenwärtigen, -konnte sich aber nicht recht an ihn erinnern. Er hatte bisher diesem -neuen Schüler nur geringe Aufmerksamkeit zugewandt und verachtete ihn, -weil er stets sauber gekleidet und in den Stunden aufmerksam war, auch -lernte er gut und war dem Alter nach der jüngste in der fünften Klasse. -Warwaras Erzählung rief in ihm eine häßliche Neugierde wach. Unkeusche -Gedanken regten sich in seinem langsam arbeitenden Hirn ... - -Ich werde zur Vesper in die Kirche gehen, dachte er, und mir dies -verkleidete Mädchen ansehen. - -Plötzlich kam Klawdja hereingelaufen, warf triumphierend die -zusammengefaltete blaue Papierdüte auf den Tisch und rief: - -»Sie haben mich beschuldigt, ich hätte die Rosinen gegessen. Und _das_ -hier? Ich brauche Ihre Rosinen garnicht!« - -Peredonoff erriet sofort, worum es sich handelte; er hatte ganz -vergessen, die Düte auf der Straße fortzuwerfen, und Klawdja hatte sie -jetzt in seiner Manteltasche gefunden. - -»Teufel auch!« entfuhr es seinen Lippen. - -»Was soll das, woher kommt das?« fragte Warwara. - -»Das habe ich in des Herrn Manteltasche gefunden,« antwortete Klawdja -schadenfroh. »Er selber hat die Rosinen gegessen und lenkt den Verdacht -auf mich. Man weiß doch, daß der Herr zu naschen liebt, aber warum wälzt -er die Schuld auf andere, wenn er selber ...« - -»Jetzt hör aber auf,« sagte Peredonoff ärgerlich. »Warum lügst du so? Du -hast mir die Düte in die Tasche gesteckt, ich habe nichts genommen.« - -»Wie sollte ich sie Ihnen in die Tasche stecken, da sei Gott vor!« sagte -Klawdja verwirrt. - -»Wie durftest du fremde Taschen untersuchen?« fuhr Warwara auf. »Du -suchtest da wohl nach Geld?« - -»Ich untersuche garnicht fremde Taschen,« sagte Klawdja grob. »Ich -wollte den Mantel bürsten, weil er ganz beschmutzt war.« - -»Und was hattest du in der Tasche zu suchen?« - -»Die Düte ist von selber herausgefallen, ich habe nicht in den Taschen -gesucht,« rechtfertigte sich Klawdja. - -»Du lügst, Djuschka,« sagte Peredonoff. - -»Ich heiße nicht Djuschka, was habt Ihr Euch über mich lustig zu -machen!« schrie Klawdja. »Der Teufel hol Euch! Ich werde die Rosinen -kaufen, dann könnt Ihr daran ersticken! Selbst freßt Ihr sie auf, und -ich muß sie ersetzen. Und ich werde sie ersetzen, -- Ihr habt, -scheint's, kein Gewissen und keine Ehre im Leibe, und sowas nennt sich -Herrschaft!« - -Klawdja ging weinend und schimpfend in die Küche. Peredonoff lachte -abgerissen und sagte: - -»Die ist mal wütend.« - -»Laß sie nur kaufen,« sagte Warwara; »wenn man ihnen durch die Finger -sieht, fressen einen diese verhungerten Bestien kapp und kahl.« - -Und noch lange nachher wurde Klawdja damit geneckt, daß sie ein ganzes -Pfund Rosinen aufgegessen hätte. Das Geld dafür wurde ihr vom Lohne -abgezogen und allen Gästen die Geschichte als Kuriosum erzählt. - -Der Kater, als hätte ihn das Geschrei angelockt, kam längs den Wänden -aus der Küche herangeschlichen, setzte sich zu Peredonoffs Füßen und -starrte ihn mit bösen, gierigen Augen an. Peredonoff bückte sich, um ihn -zu fangen. Der Kater fauchte wütend, zerkratzte Peredonoffs Hand und -verkroch sich unter den Schrank. Von dort schielte er hervor, und seine -länglich-grünen Pupillen funkelten. - -Wie ein Gespenst, dachte Peredonoff mit Grauen. - -Warwara dachte die ganze Zeit über an Pjilnikoff und sagte: - -»Du solltest doch lieber am Abend ab und zu deine Schüler, die in -Pensionen leben, besuchen, statt Billard zu spielen. Sie wissen genau, -daß die Lehrer nur selten kommen, und der Inspektor kommt manches Jahr -überhaupt nicht; was Wunder, wenn sie allerhand Unfug treiben, -Kartenspielen und Rauchen. Geh doch z. B. zu diesem verkleideten -Mädchen. Aber erst wenn es spät ist und sie voraussichtlich zu Bett -geht; du kannst sie dann entlarven.« - -Peredonoff überlegte sich die Sache und lachte laut auf. - -Warwara ist ein schlaues Weib, dachte er, von ihr kann man lernen. - - - - - XII - - -Zur Vesper ging Peredonoff in die Kirche des Gymnasiums. Er stand hinter -den Schülern und beobachtete aufmerksam wie sie sich betrugen. Einige -- -so schien es ihm, -- schwatzten, pufften einander, lachten, flüsterten -und kicherten. Er merkte sich ihre Namen. Doch waren ihrer so viele, daß -es ihm etwas schwer fiel, alle Namen zu behalten, und er ärgerte sich -über sich selber, daß er nicht daran gedacht hatte eine Bleifeder und -Papier von Hause mitzunehmen, um die Schuldigen zu notieren. Ihm tat es -weh, daß die Schüler sich so schlecht betrugen und daß niemand dieses zu -beachten schien, obgleich der Direktor und der Inspektor mit ihren -Frauen und Kindern in der Kirche waren. - -In Wirklichkeit verhielten sich die Gymnasiasten still und bescheiden, --- manche bekreuzigten sich gedankenlos, -- sie dachten vielleicht an -Dinge, welche der Kirche fernliegen, -- andere wieder beteten andächtig. -Ganz selten kam es vor, daß einer seinem Nachbar etwas zuflüsterte, -zwei, drei Worte nur, fast ohne den Kopf zu wenden, -- und jener -antwortete dann ebenso kurz und leise, oder machte nur eine kleine -Bewegung, zwinkerte mit den Augen, zuckte die Achseln oder lächelte. -Diese kleinen Unregelmäßigkeiten, die vom Gehilfen des aufsichthabenden -Lehrers gar nicht bemerkt wurden, gestalteten sich in Peredonoffs -erregter, doch stumpfer Auffassung zu Exzessen gröbster Natur. Auch wenn -Peredonoff innerlich ruhig war, verstand er nicht -- wie übrigens alle -groben Menschen -- scheinbar unbedeutende Ereignisse richtig zu werten: -entweder übersah er sie vollständig, oder er maß ihnen eine viel zu -große Bedeutung bei. Jetzt aber, wo Furcht und Erwartung ihn heftig -erregten, gehorchte ihm sein Gefühl noch weniger und ganz allmählich -wandelte sich ihm die Wirklichkeit zu einem Wahngebilde feindlicher und -böser Erscheinungsformen. - -Aber auch früher, -- was bedeutete ihm sein ganzer Beruf? Doch nicht -mehr als eine umständliche Vorrichtung möglichst viel Papier -vollzuschreiben und mit gelangweilter Stimme Dinge vorzutragen, die -vielleicht einmal das Anrecht darauf gehabt hatten, lebendig genannt zu -werden. - -Während seiner ganzen pädagogischen Tätigkeit hatte es Peredonoff in der -Tat nie erfaßt, -- und er hatte auch nie daran gedacht, -- daß auch die -Schüler Menschen sind, genau solche Menschen, wie die Erwachsenen. Nur -jene Gymnasiasten, denen schon der Bart keimte und die nach -geschlechtlichem Verkehr verlangten, erkannte er als gleichberechtigt -an. - -Nachdem er die hinteren Reihen beobachtet hatte und viele traurige -Eindrücke gesammelt hatte, ging er ein wenig vor. Da stand rechts ganz -am Ende einer Reihe Sascha Pjilnikoff, er betete andächtig und kniete -oft nieder. Peredonoff beobachtete ihn genau, und besondere Freude -bereitete es ihm, wenn Sascha auf den Knieen lag, als wäre er bestraft, -und auf die glänzenden Altartüren schaute mit einem sorgenvollen, -bittenden Ausdruck im Gesicht mit flehenden, traurigen Augen, die von -langen, tiefschwarzen Wimpern beschattet waren. Er war bräunlich und -schön gewachsen, -- dieses konnte man besonders dann sehen, wen er so -ruhig und grade kniete, als wüßte er, daß ihn jemand scharf beobachtete. -Seine Brust war hoch und breit und Peredonoff glaubte mit Sicherheit -annehmen zu können, daß Pjilnikoff ein Mädchen sei. - -Nun beschloß Peredonoff endgültig, heute noch nach der Vesper in die -Pension zu gehen, wo Pjilnikoff lebte. - - * * * * * - -Man ging aus der Kirche. Den Leuten fiel es auf, daß Peredonoff nicht -wie sonst einen Hut, sondern seine Dienstmütze mit der Kokarde trug. -Rutiloff fragte lachend: - -»Warum renommierst du neuerdings mit der Kokarde, Ardalljon -Borisowitsch? Da kann man sehn, wie ein Mensch die Beförderung zum -Inspektor erstrebt.« - -»Müssen die Soldaten jetzt vor Ihnen Front machen?« fragte Valerie mit -geheuchelter Einfalt. - -»Was für Dummheiten!« sagte Peredonoff böse. - -»Du begreifst auch gar nichts,« sagte Darja, »doch nicht die Soldaten! --- Die Schüler werden jetzt Ardalljon Borisowitsch viel höher achten als -früher.« - -Ludmilla lachte. Peredonoff beeilte sich, von ihnen Abschied zu nehmen, -um ihren boshaften Bemerkungen zu entfliehen. - -Um Pjilnikoff aufzusuchen, war es noch zu früh und nach Hause wollte er -nicht. Peredonoff ging durch die dunklen Straßen und überlegte, wo er -noch etwa eine Stunde zubringen könne. Es gab so viele Häuser, in -manchen brannte Licht, und aus den geöffneten Fenstern hörte man hie und -da Stimmen. Die heimkehrenden Kirchgänger gingen durch die Straßen und -man hörte, wie Pforten und Türen aufgetan und wieder zugeschlagen -wurden. Ueberall lebten fremde, feindlich gesinnte Leute, und manche von -ihnen brüteten vielleicht gerade über einem Anschlag gegen ihn -- den -Lehrer Peredonoff. - -Vielleicht wunderte sich dieser oder jener bereits darüber, daß -Peredonoff zu so später Stunde allein durch die Straßen ging und wohin -er ging. Es schien Peredonoff, als würde er von jemand, der hinter ihm -herschliche, beobachtet. Ihm wurde unheimlich. Er beschleunigte seine -Schritte und ging ziellos weiter. - -Er dachte daran, daß wohl in jedem Hause so mancher gestorben war. Und -alle, die in diesen alten Häusern an die fünfzig Jahre gelebt hatten, -sie alle waren gestorben. An einige von den Verstorbenen konnte er sich -noch erinnern. - -Wenn ein Mensch stirbt, so sollte man sein Haus gleich verbrennen, -dachte Peredonoff traurig, sonst ist es zu unheimlich. - -Olga Wassiljewna Kokowkina, bei der der Gymnasiast Sascha Pjilnikoff in -Pension lebte, war die verwitwete Frau eines Rentmeisters. Ihr Mann -hatte ihr eine Pension und ein kleines Haus hinterlassen; das Haus war -ihr zu groß, und so vermietete sie zwei bis drei Zimmer. Sie liebte es, -besonders Gymnasiasten als Pensionäre zu haben, und es hatte sich so -gefügt, daß immer nette und bescheidene Jungen, die fleißig arbeiteten -und den Gymnasialkursus auch absolvierten, bei ihr gewohnt hatten. In -den andern Schülerpensionen war es meist anders; da lebten oft junge -Leute, die von einem Gymnasium ins andere geschickt wurden und daher -über eine nur mittelmäßige Bildung verfügten. - -Olga Wassiljewna war eine ältere Dame; sie hielt sich sehr gerade, war -groß von Wuchs und mager, hatte ein freundliches Gesicht, bemühte sich -aber, es in strenge Falten zu legen. Sascha Pjilnikoff war ein netter, -wohlerzogener Junge. Die beiden saßen am Teetisch. Heute war die Reihe -an Sascha den Saft zu liefern, den er von zu Hause mitgebracht hatte und -den man zum Tee zu essen pflegte. Daher fühlte er sich gewissermaßen als -Gastgeber, bewirtete eifrig Olga Wassiljewna, und seine schwarzen Augen -blitzten dabei vor Freude. - -Es läutete, -- und gleich darauf erschien Peredonoff im Speisezimmer. -Die Kokowkina war erstaunt über den späten Besuch. - -»Ja, ich wollte mir mal unsern Jungen ansehn,« sagte er, »wie er hier -lebt, was er treibt.« - -Die Kokowkina bot Peredonoff ein Glas Tee an; er lehnte ab, denn es war -ihm darum zu tun, den Jungen unter vier Augen zu sprechen und darum -wünschte er im stillen, daß man mit dem Teetrinken bald zu Ende käme. -Endlich war es so weit; man ging in Saschas Zimmer, aber die Kokowkina -blieb und redete ohne Ende. Peredonoff fixierte Sascha, und der schwieg -trotzig. - -Nichts wird herauskommen bei diesem Besuch, dachte Peredonoff ärgerlich. - -Die Magd bat die Kokowkina, für einen Augenblick herauszukommen. Sie -ging. Sascha blickte ihr traurig nach. Seine Augen wurden matt und die -langen Wimpern schienen das ganze Gesicht zu beschatten. Die Gegenwart -dieses vergrämten Menschen war ihm äußerst peinlich. Peredonoff setzte -sich neben ihn, legte den Arm ungeschickt um seine Schultern und ohne -den Gesichtsausdruck zu verändern, fragte er: - -»Nun Sascha, haben Sie heute brav gebetet?« - -Sascha blickte verschämt und ängstlich auf Peredonoff, wurde rot und -schwieg. - -»Warum antworten Sie denn nicht?« erkundigte sich Peredonoff. - -»Ja!« sagte Sascha nach langer Pause. - -»Sieh mal an, was für rote Backen du hast,« sagte Peredonoff. »Du bist -ein Mädchen, gesteh es nur? So ein Schlingel!« - -»Ich bin kein Mädchen,« sagte Sascha und ärgerte sich über sein -bisheriges trotziges Schweigen. Mit klingender Stimme fragte er: »Worin -sollte ich einem Mädchen ähnlich sehn? Ihre Gymnasiasten sind schuld -daran und necken mich so, weil ich nicht gemeine Worte in den Mund -nehmen will: aber ich werde auf keinen Fall nachgeben und habe auch gar -keinen Grund, Schweinereien zu reden, und außerdem gehört das nicht zu -meinen Gewohnheiten.« - -»Die Mama bestraft dich dann?« fragte Peredonoff. - -»Ich habe keine Mama,« sagte Sascha, »meine Mama ist schon lange tot; -ich habe eine Tante.« - -»Na also die Tante wird dich bestrafen?« - -»Natürlich wird sie mich bestrafen, wenn ich Schweinereien rede. Das ist -doch nicht gut!« - -»Woher soll es aber die Tante erfahren?« - -»Ich will ja selber nicht,« sagte Sascha ruhig, »die Tante kann es weiß -Gott woher erfahren. Ich könnte mich zum Beispiel versprechen.« - -»Welche Kameraden von Ihnen gebrauchen unanständige Worte?« fragte -Peredonoff. - -Sascha wurde wieder rot und schwieg. - -»Na -- sagen Sie's doch,« bestand Peredonoff auf seinem Wunsch, »Sie -sind verpflichtet, es mir mitzuteilen, da gibt es kein Verheimlichen.« - -»Ach -- niemand,« sagte Sascha verlegen. - -»Aber Sie haben sich doch eben noch beklagt!« - -»Ich habe mich nicht beklagt.« - -»Ja -- wie können Sie das nur leugnen,« sagte Peredonoff böse. - -Sascha fühlte, daß er elend in die Falle gegangen war. Er sagte: - -»Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich von einigen Kameraden Mädchen -genannt werde. Aber klatschen will ich nicht.« - -»Oho, warum denn nicht?« fragte Peredonoff wütend. - -»Es ist nicht anständig,« sagte Sascha und lächelte gezwungen. - -»Warten Sie nur, ich werde mit dem Direktor sprechen und dann wird man -Sie zum Reden zwingen,« sagte Peredonoff schadenfroh. - -Sascha blickte auf Peredonoff und seine Augen funkelten zornig. - -»Nein, bitte Ardalljon Borisowitsch, tun Sie das nicht,« bat er. - -Seine Stimme klang abgerissen und hart, so daß man heraushören konnte, -wie schwer ihm das Bitten wurde und daß er lieber freche, drohende Worte -gerufen hätte. - -»Nein, ich werde es sagen. Dann werden Sie mal sehen, was das heißt, -Schweinereien zu verheimlichen. Sie hätten sofort klagen sollen. Warten -Sie nur, es wird Ihnen schlimm gehen.« - -Sascha war aufgestanden und spielte ganz eingeschüchtert an seinem -Gürtel. Die Kokowkina erschien. - -»Ein wohlerzogenes Kind haben Sie da!« sagte Peredonoff böse, »nichts zu -sagen!« - -Die Kokowkina erschrak. Eilig ging sie zu Sascha, setzte sich neben ihn -(denn wenn sie erregt war, zitterten ihre Beine) und fragte ängstlich: - -»Hat er was Schlimmes getan, Ardalljon Borisowitsch?« - -»Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Peredonoff mit verhaltener Wut. - -»Ja, was gibt es denn, Saschenjka, was hast du getan?« fragte die -Kokowkina und berührte Saschas Ellbogen. - -»Ich weiß nicht,« sagte Sascha und weinte. - -»Was ist dir nur, was gibt es denn, warum weinst du?« fragte die -Kokowkina. - -Sie legte ihre Hand auf des Knaben Schulter, zog ihn an sich und -bemerkte gar nicht, daß ihm das unbequem war. Er war stehen geblieben, -hielt das Taschentuch vor die Augen und schluchzte. Peredonoff erklärte: - -»Man lehrt ihn im Gymnasium Schweinereien zu reden und er will nicht -sagen, wer das tut. Er darf das nicht verheimlichen. Sonst lernt er doch -selber alle Gemeinheiten und wird die andern in Schutz nehmen.« - -»Aber Saschenjka, Kind, wie konntest du nur! Darf man denn das? Schämst -du dich garnicht!« sagte die Kokowkina verwirrt und ließ den Jungen los. - -»Ich habe nichts Schlimmes getan,« schluchzte Sascha, »dafür neckt man -mich grade, daß ich niemals häßliche Worte sage.« - -»Wer tut denn das?« wiederholte Peredonoff seine Frage. - -»Niemand tut das,« rief Sascha verzweifelt. - -»Sehen Sie, wie er lügt!« sagte Peredonoff; »er muß gründlich bestraft -werden. Er muß sagen, wer der Schuldige ist, sonst kommt die ganze -Schule in Verruf und uns sind die Hände gebunden.« - -»Verzeihen Sie ihm doch, Ardalljon Borisowitsch,« sagte die Kokowkina; -»er kann doch seine Kameraden nicht angeben? Denken Sie nur, wie sehr -man ihm das verübeln würde.« - -»Er ist dazu verpflichtet,« sagte Peredonoff böse, »nur so läßt sich was -dagegen tun, nur so können wir die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.« - -»Die Jungen werden ihn verprügeln,« sagte die Kokowkina unsicher. - -»Sie werden es nicht wagen. Wenn er feige ist, dann mag er es mir im -Vertrauen sagen.« - -»Lieber Junge, sag's ihm im Vertrauen. Niemand wird erfahren, daß du es -gesagt hast.« - -Sascha schwieg und weinte. Die Kokowkina zog ihn an sich, umarmte ihn -und flüsterte ihm lange etwas ins Ohr. Er schüttelte nur den Kopf. - -»Er will nicht,« sagte die Kokowkina. - -»Ruten muß er kriegen, dann wird er schon wollen,« sagte Peredonoff -zornig, »bringen Sie mir eine Rute. Ich will ihn zwingen zu reden.« - -»Aber wofür denn!« rief Sascha. - -Die Kokowkina stand auf und umarmte ihn. - -»Jetzt hast du genug geheult,« sagte sie freundlich, aber ernst, -»niemand tut dir was zuleide.« - -»Wie Sie wünschen,« sagte Peredonoff, »in diesem Fall muß ich mit dem -Direktor sprechen. Ich wollte die Sache unter uns abmachen, und es wäre -für ihn vorteilhafter gewesen. Ihr Saschenjka ist wohl auch mit allen -Hunden gehetzt. Wir wissen noch nicht, warum er eigentlich >Mädchen< -genannt wird, -- vielleicht hat es seinen ganz besonderen Grund. -Vielleicht ist er es, der das Laster ins Gymnasium bringt.« - -Peredonoff verließ das Zimmer und die Kokowkina begleitete ihn hinaus. -Sie sagte vorwurfsvoll: - -»Wie können Sie nur den Jungen mit solchen Sachen in Verlegenheit -bringen. Es ist nur gut, daß er Ihre Worte gar nicht begreift.« - -»Adieu, adieu,« sagte Peredonoff böse, »ich werde mit dem Direktor -sprechen. Der Sache muß man auf den Grund kommen.« - -Er ging. Die Kokowkina kehrte zurück, um Sascha zu trösten. Er saß -traurig am Fenster und sah auf den Sternenhimmel. Seine schwarzen Augen -blickten schon wieder ruhig, doch seltsam traurig. Die Kokowkina -streichelte seinen Kopf ohne ein Wort zu sagen. - -»Ich bin selbst schuld daran,« sagte er, »ich habe mich verschwatzt, und -er hält jetzt fest daran. Er ist so grob. Kein einziger Schüler liebt -ihn.« - - * * * * * - -Am darauffolgenden Tage bezogen Peredonoff und Warwara endlich ihre neue -Wohnung. Die Jerschowa stand an der Pforte und schimpfte nach Kräften -auf Warwara, und diese suchte ihr in nichts nachzustehen. Peredonoff -hielt sich hinter dem Möbelwagen versteckt. - -In der neuen Wohnung mußte ein Priester gleich beim Einzug ein -feierliches Gebet verrichten. Denn Peredonoff hielt es für unerläßlich, -seinen strengen Glaubensstandpunkt auch nach außen hin zu zeigen. -Während der feierlichen Handlung wurde mit Weihrauch geräuchert, und der -schwere Geruch versetzte Peredonoff in eine bedrückte, fast feierliche -Stimmung. - -Etwas sehr Merkwürdiges beunruhigte ihn nicht wenig. Von irgendwoher kam -plötzlich ein eigenartiges, ganz unbestimmbares graues Tierchen -gelaufen, ein gespenstisches, flinkes Tierchen. Es schien zu grinsen, -zitterte und drehte sich immerfort um Peredonoff herum. Wenn er die Hand -danach ausstrecken wollte, glitt es geschwind hinter die Tür oder unter -einen Schrank und dann war es gleich wieder da, dieses graue, wesenlose, -gespenstische Geschöpf und zitterte und machte Männchen. - -Als die feierliche Handlung ihrem Ende entgegenging, besann sich -Peredonoff und flüsterte eifrig Beschwörungsformeln. Das unheimliche -Tier aber zirpte ganz leise, leise, rollte sich zusammen und verschwand -hinter der Tür. Peredonoff atmete erleichtert auf. - -Wie gut, wenn es für immer verschwunden wäre. Aber vielleicht lebt es -ganz in dieser Wohnung, irgendwo unter dem Fußboden und dann wird es -wiederkommen und wird ihn quälen. Peredonoff schauerte. - -Warum gibt es diese dämonischen Wesen? dachte er. - -Als das Gebet zu Ende war, und als die Gäste sich schon verabschiedet -hatten, mußte Peredonoff immer noch daran denken, wo das gespenstische -Tier sich versteckt haben könnte. Warwara war zur Gruschina gegangen; da -machte sich Peredonoff auf die Suche und durchwühlte alle ihre Sachen. - -Vielleicht hat Warwara es in die Tasche gesteckt und mitgenommen? dachte -er, viel Platz braucht es nicht. Es kriecht in die Tasche und wird dort -warten, bis seine Zeit gekommen ist. - -Besonders eins von Warwaras Kleidern erregte seine Aufmerksamkeit. Es -war ganz mit Spitzen und Bändern benäht und förmlich dazu geschaffen, um -etwas darin zu verbergen. Peredonoff betrachtete es lange und -untersuchte es, dann schnitt und riß er mit Hilfe eines Messers die -Tasche heraus und warf sie in den Ofen, und dann zerschnitt und -zerfetzte er das Kleid in lauter kleine Stücke. Dumpfe, absonderliche -Gedanken marterten ihn und eine hoffnungslose Verzweiflung zerriß sein -Herz. - -Warwara kehrte bald zurück. Peredonoff machte sich noch mit den -Kleiderfetzen zu schaffen. Sie dachte, er sei betrunken und schimpfte -ihn. Peredonoff hörte lange zu, endlich sagte er: - -»Was bellst du, Bestie! Du versteckst vielleicht einen Teufel in deiner -Tasche, und ich muß wissen, was hier vorgeht.« - -Warwara schäumte. Peredonoff war mit dieser Wirkung zufrieden; er suchte -eilig nach seiner Mütze und ging ins Gasthaus Billard spielen. Warwara -lief ihm ins Vorhaus nach und während Peredonoff seinen Mantel anzog, -schrie sie: - -»Du selber trägst einen Teufel in deiner Tasche! Ich habe überhaupt -keine Teufel. Woher sollte ich ihn nehmen; etwa aus Holland unter -Nachnahme verschreiben!« - - * * * * * - -Der recht jugendliche Beamte Tscherepin -- just derselbe, von dem die -Werschina erzählt hatte, unter welch merkwürdigen Begleiterscheinungen -er durch die Fenster ihres Hauses gelauert hatte, -- machte der -Werschina den Hof, seit sie Witwe geworden war. Sie war nicht abgeneigt, -ein zweites Mal zu heiraten, doch erschien ihr Tscherepin zu -unbedeutend. Tscherepin war infolgedessen sehr aufgebracht. Er ging mit -Freuden auf Wolodins Vorschlag ein die Pforte am Hause der Werschina mit -Teer zu beschmieren. - -Er war einverstanden, aber hinterher kamen die Bedenken. Wie, wenn man -ihn ertappte! Das wäre peinlich, er gehörte doch immerhin zum -Beamtenstande. Er beschloß, andere Personen mit dieser Angelegenheit zu -betrauen. So kam es, daß er zwei Halbwüchslinge zweifelhaften Rufes mit -je 25 Kopeken bestach und bei gutem Erfolg ihnen eine Gratifikation von -je 15 Kopeken zusicherte; -- in einer dunklen Nacht war die Sache -geschehen. - -Hätte jemand im Hause der Werschina nach Mitternacht ein Fenster -geöffnet, so hätte er hören können, wie Leute barfuß über das Pflaster -liefen, wie sie ganz leise flüsterten -- und dann ein merkwürdig weiches -Geräusch, als würde der Zaun einer Reinigung unterzogen; dann ein leises -Klirren, dieselben Füße laufen eilig davon, immer schneller, immer -schneller, in der Ferne ein unterdrücktes Lachen und lautes Hundegebell. - -Aber niemand hatte ein Fenster geöffnet. Und am Morgen ... Die Pforte, -der Gartenzaun, die Umfriedung des Hofes, alles war mit gelblichbraunem -Pech besudelt. An der Pforte standen, ebenfalls mit Pech geschrieben, -unanständige Worte. Alle Vorübergehenden staunten und lachten; die -Neuigkeit verbreitete sich schnell, und viele Neugierige strömten -herbei. - -Die Werschina ging erregt im Garten auf und ab, rauchte, lächelte noch -schiefer als sonst und brummte böse. Martha kam garnicht zum Vorschein, -blieb im Hause und weinte. Marie, die Magd, war bemüht, das Pech -abzuwaschen und zankte mit den neugierigen, spottenden Leuten, die -gekommen waren das seltsame Schauspiel zu betrachten. - - * * * * * - -Noch am selben Tage hatte Tscherepin Wolodin die Namen der Täter -genannt. Wolodin hatte es sofort Peredonoff weitererzählt. Sie beide -kannten die Jungen, die schon wegen ihrer Streiche berüchtigt waren. - -Als Peredonoff zum Billardspiel ging, suchte er unterwegs die Werschina -auf. Es war ein trüber Tag. Die Werschina und Martha saßen im Salon. - -»Man hat Ihre Pforte mit Pech besudelt --« begann Peredonoff. - -Martha wurde rot. Die Werschina erzählte hastig, wie sie am Morgen -aufgestanden wären und bemerkt hätten, daß die Leute über ihren Zaun -lachten, und wie Marie dann das Pech abgescheuert hätte. Peredonoff -sagte: - -»Ich weiß, wer es gemacht hat.« - -Die Werschina blickte ihn an und verstand nicht. - -»Woher wissen Sie das?« fragte sie. - -»Ich habe so meine Quellen.« - -»Wer ist es denn, sagen Sie doch,« fragte Martha erregt. - -Sie sah ganz häßlich aus, denn ihre Augenlider waren vom vielen Weinen -rot und geschwollen. Peredonoff antwortete: - -»Schön, ich will es sagen, darum bin ich auch hergekommen. Diese -Halunken müssen exemplarisch gezüchtigt werden. Sie müssen mir nur -versprechen, daß Sie keinem verraten werden, wer Ihnen die Namen genannt -hat.« - -»Ja, warum denn eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?« fragte die -Werschina erstaunt. - -Peredonoff schwieg bedeutungsvoll, dann sagte er wie zur Erklärung: - -»Es sind solche Schufte, daß sie mir den Hals umdrehen würden, wenn sie -hören sollten, daß ich sie angegeben habe.« - -Die Werschina versprach zu schweigen. - -»Und Sie dürfen auch nicht sagen, daß Sie es von mir haben,« wandte er -sich an Martha. - -»Gut, gut, ich werde schweigen,« rief Martha schnell; denn es lag ihr -daran, die Namen der Uebeltäter zu erfahren. Es schien ihr, daß man sie -zu einer schimpflichen, harten Strafe verurteilen mußte. - -»Nein, schwören Sie lieber,« sagte Peredonoff vorsorglich. - -»Also, bei Gott, ich werde keinem ein Wort sagen!« beteuerte Martha, -»sagen Sie nur schneller wer es war.« - -Hinter der Tür aber horchte Wladja. Er war froh, daß er nicht ins -Gastzimmer gegangen war: man hätte ihn sonst zum Stillschweigen -verpflichtet, so konnte er es aber jedermann weitererzählen. Und er -lächelte vor Freude, daß sich ihm hier eine Gelegenheit bot an -Peredonoff Rache zu nehmen. - -»Etwa um ein Uhr nachts ging ich gestern durch Ihre Straße nach Hause,« -erzählte Peredonoff; »plötzlich höre ich, jemand macht sich an Ihrer -Pforte zu schaffen. Erst dachte ich, es wären Diebe. Was soll ich -anfangen! Aber schon höre ich, wie sie fortlaufen und gerade auf mich -los. Ich drückte mich an die Wand, daß sie mich nicht bemerken konnten. -Aber ich habe sie erkannt. Der eine hatte einen Maurerpinsel, der andere -einen Eimer. Es waren berüchtigte Schurken, die Söhne des Schlossers -Ardejeff. Während sie vorbeilaufen, höre ich, wie der eine zum andern -sagt: >Die Nacht war nicht umsonst. 55 Kopeken haben wir verdient.< -Schon wollte ich einen packen, aber ich fürchtete mich, weil sie mir die -Fratze mit Pech besudelt hätten, und außerdem hatte ich neue Kleider -an.« - - * * * * * - -Kaum war Peredonoff gegangen, so begab sich die Werschina zum -Polizeichef, um zu klagen. - -Der Polizeichef Mintschukoff schickte einen Schutzmann nach Ardejeff und -dessen Söhnen. - -Die Jungen traten keck herein; sie dachten, daß man sie wegen früherer -Streiche zur Rechenschaft ziehen wolle. Der alte Ardejeff hingegen war -von vornherein davon überzeugt, daß seine Söhne wieder irgend eine -Schweinerei begangen hatten. Der Polizeichef erzählte Ardejeff, was -seinen Söhnen zur Last gelegt wurde. Ardejeff murmelte: - -»Ich kann mit den Jungen nicht fertig werden. Tun Sie mit ihnen, was -Ihnen recht erscheint; ich habe meine Fäuste an ihnen lahmgeschlagen.« - -»Wir sind ganz unschuldig,« sagte der ältere, Nil mit Namen, ein -zerzauster rothaariger Bursche. - -»Alles wälzt man auf uns, wenn so was passiert,« sagte der jüngere -weinerlich, er hieß Ilja, war auch zerzaust, aber blond; »einmal haben -wir was Schlimmes getan und da wird alles auf uns geschoben.« - -Mintschukoff lächelte süßlich, schüttelte den Kopf und sagte: - -»Gesteht lieber!« - -»Keine Spur,« sagte Nil grob. - -»Keine Spur? Wer hat euch denn 55 Kopeken für die Arbeit gegeben, he?« - -Das verwirrte die Jungen. Daran erkannte Mintschukoff, daß sie die -Schuldigen waren, und er sagte der Werschina: - -»Natürlich sind sie es gewesen!« - -Aber die Jungen leugneten auch jetzt noch. Man schleppte sie in eine -Kammer und gab ihnen eine Tracht Prügel. Da gestanden sie. Aber den -Namen des Auftraggebers wollten sie nicht verraten. - -»Wir selber haben es uns ausgedacht.« - -Man prügelte sie umschichtig, mit Muße; schließlich sagten sie, -Tscherepin hätte sie bestochen. Dann überantwortete man sie ihrem Vater. - -Der Polizeichef sagte zur Werschina: - -»Nun haben wir sie gezüchtigt, soll heißen: der Vater hat sie -gezüchtigt, und Sie wissen nun, wer Sie beleidigt hat.« - -»Das laß ich dem Tscherepin nicht durchgehen,« sagte die Werschina; »ich -werde ihn verklagen.« - -»Dazu kann ich nicht raten,« sagte Mintschukoff bescheiden, »lassen Sie -die Sache auf sich beruhen.« - -»Nein,« rief die Werschina, »diese Gemeinheit darf nicht ungestraft -bleiben. Auf keinen Fall!« - -»Vor allen Dingen haben wir keine Indizien,« sagte der Polizeichef -ruhig. - -»Wie nicht! Die Jungen haben doch gestanden.« - -»Das ist ganz einerlei. Vor dem Richter werden sie leugnen, und dort -wird man sie nicht prügeln.« - -»Wie können sie leugnen? Die Schutzleute waren doch Zeugen,« sagte die -Werschina schon etwas weniger sicher. - -»Was sind das für Zeugen! Wenn man einem Menschen das Fell über die -Ohren zieht, so gesteht er alles, auch Dinge, die er nie getan hat. Es -sind natürlich Halunken, und man hat sie streng bestraft; durch das -Gericht werden Sie aber sicher keine Genugtuung erhalten.« - -Mintschukoff lächelte süß und blickte die Werschina ruhig an. - -So ging sie denn höchst unzufrieden davon, kam aber nach einigem -Nachdenken zum gleichen Resultat, daß es nämlich sehr gewagt wäre -Tscherepin zu verklagen, und daß dadurch nur überflüssiges Gerede und -ein großer Skandal entstehen würden. - - - - - XIII - - -Am Abend erschien Peredonoff beim Direktor in dringender Angelegenheit. - -Der Direktor Nikolai Wassiljewitsch Chripatsch hatte eine ganze Reihe -von Prinzipien, die außerordentlich bequem in sein Leben paßten. Darum -fielen sie ihm auch keineswegs zur Last. Im Dienst erfüllte er mit Würde -alle Vorschriften, die das Gesetz fordert, oder die die vorgesetzte -Behörde diktierte, oder die vom allgemein gültigen, gemäßigten -Liberalismus verlangt werden. So kam es, daß Eltern, Schüler und -Vorgesetzte gleicherweise mit ihm zufrieden waren. Zweifelhafte Fälle, -Unsicherheit, Hin- und Herschwanken kannte er nicht; wozu auch? man kann -sich doch stets entweder an Bestimmungen des pädagogischen Konseils oder -an Vorschriften der vorgesetzten Behörde halten. Ebenso regelmäßig und -ruhig war er im persönlichen Verkehr. Schon seine äußere Erscheinung -zeugte von Energie und Wohlwollen: er war nicht groß, untersetzt, -lebhaft, hatte kluge Augen und redete selbstbewußt und sicher; kurz, er -war ein Mensch, der sich seine Stellung selber geschaffen hatte und -nicht abgeneigt war, im Leben noch weiterzukommen. In seinem -Schreibzimmer standen sehr viele Bücher auf den Bücherbrettern; aus -einigen fertigte er Auszüge an. Hatte er eine hinreichende Menge von -Auszügen gesammelt, so ordnete er sie und schrieb alles mit eigenen -Worten nieder. Das war dann ein Lehrbuch, es wurde gedruckt und -verkauft; zwar nicht in übermäßig vielen Auflagen, aber immer noch recht -günstig. Manchmal schrieb er gelehrte Abhandlungen über im Ausland -erschienene Bücher. Diese Abhandlungen kamen in Fachzeitschriften zum -Abdruck, waren allgemein geschätzt, aber durchaus überflüssig. - -Er hatte viele Kinder, und jedes von ihnen, ob nun Knabe oder Mädchen, -verfügte über irgend ein Talent: das eine schrieb Verse, ein anderes -zeichnete, wieder ein anderes machte erstaunliche Fortschritte in der -Musik. - -Peredonoff sagte gereizt: - -»Sehen Sie, Nikolai Wassiljewitsch, Sie belieben mich stets anzugreifen. -Es ist möglich, daß man mich bei Ihnen verleumdet, ich habe aber -garnichts auf dem Gewissen.« - -»Entschuldigen Sie,« unterbrach ihn der Direktor, »ich verstehe nicht, -von was für Verleumdungen Sie zu reden belieben. Als Leiter des mir -anvertrauten Gymnasiums pflege ich meine eigenen Beobachtungen zu -machen, und ich hoffe doch annehmen zu dürfen, daß meine praktische -Erfahrung ausreicht, um gerecht schätzen zu können, was ich höre und -sehe, und das um so mehr, als ich aus Prinzip gewissenhaft und -aufmerksam meinen Pflichten nachzukommen bestrebt bin,« sprach -Chripatsch schnell und deutlich, und seine Stimme klang trocken und -klar, fast wie das Geräusch von Blechstangen, die gebrochen werden. »Was -aber meine persönliche Ansicht über _Ihre_ Leistungsfähigkeit betrifft, -so kann ich nur wieder konstatieren, daß Sie Ihren dienstlichen -Verpflichtungen nur mangelhaft nachkommen.« - -»Ja,« sagte Peredonoff verdrießlich, »Sie haben sich's mal in den Kopf -gesetzt, daß ich nichts tauge; und ich sorge mich Tag und Nacht um das -Gymnasium.« - -Chripatsch blickte erstaunt und fragend auf Peredonoff. - -»Sie bemerken zum Beispiel nicht,« fuhr Peredonoff fort, »daß sich ein -großer Skandal im Gymnasium vorbereitet, -- und keiner bemerkt das; ich -allein bin der Sache auf die Spur gekommen.« - -»Was für ein Skandal?« fragte Chripatsch mit trocknem Spott und ging im -Schreibzimmer auf und ab. »Das irritiert mich, obgleich ich, offen -gestanden, nicht an die Möglichkeit eines Skandals in unserem Gymnasium -glaube.« - -»Sie wissen zum Beispiel nicht, wen Sie alles neu aufgenommen haben,« -sagte Peredonoff so schadenfroh, daß Chripatsch stehen blieb und ihn -aufmerksam betrachtete. - -»Die Neuaufgenommenen kenne ich alle,« sagte er trocken. »Diejenigen, -welche in die erste Klasse aufgenommen wurden, sind von keinem andern -Gymnasium relegiert worden und der einzige Schüler, der in die fünfte -Klasse kam, hat so vorzügliche Zeugnisse und Empfehlungen mitgebracht, -daß eine gegenteilige Ansicht von vornherein ausgeschlossen erscheint.« - -»Wohl, man hätte ihn bloß nicht zu uns, sondern in eine andere Anstalt -geben sollen,« sagte Peredonoff böse und scheinbar widerwillig. - -»Ich bitte um eine Erklärung, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Chripatsch. -»Ich hoffe, daß Sie damit nicht sagen wollen, daß Pjilnikoff in eine -Korrektionsanstalt für minderjährige Verbrecher gehört.« - -»Nein; man sollte vielmehr dies Geschöpf in ein Pensionat stecken, wo -die alten Sprachen nicht gelehrt werden,« sagte Peredonoff zornig und -seine Augen funkelten böse. - -Chripatsch steckte die Hände in die Taschen seines Hausrockes und -blickte in grenzenlosem Erstaunen auf Peredonoff. - -»Was für ein Pensionat?« fragte er. »Wissen Sie denn nicht, welche -Institute man so nennt? Und wenn Sie es wissen, wie dürfen Sie es wagen, -eine so unziemliche Zusammenstellung vorzunehmen!« - -Chripatsch war ganz rot geworden und seine Stimme klang noch trockner -und härter als gewöhnlich. Sonst pflegten diese Anzeichen eines nahenden -Zornesausbruches Peredonoff einzuschüchtern. Heute machte er sich nichts -daraus. - -»Sie glauben immer noch, daß es ein Knabe ist,« sagte er und zwinkerte -spöttisch mit den Augen, »es ist aber kein Knabe, sondern ein Mädchen, -noch dazu was für eins.« - -Chripatsch lachte kurz auf. Sein Lachen war hell und deutlich und klang -gezwungen, aber er lachte immer so. - -»Ha-ha-ha!« stieß er deutlich hervor, hörte auf zu lachen, setzte sich -in den Lehnstuhl und warf den Kopf zurück, als könne er die Lachlust -nicht bezwingen. »Verehrtester Ardalljon Borisowitsch, in der Tat, Sie -setzen mich in Erstaunen. Ha-ha-ha! Seien Sie bitte so liebenswürdig und -teilen Sie mir mit, was Sie auf diese Vermutung gebracht hat, wenn nicht -etwa Ihre Voraussetzungen, die dieses Resultat gezeitigt haben, ein -Privatgeheimnis sind! Ha-ha-ha!« - -Peredonoff erzählte alles, was er von Warwara gehört hatte und -berichtete auch gleich von den schlimmen Eigenschaften der Kokowkina. -Chripatsch hörte ihm zu und stieß bisweilen sein trocknes, deutliches -Lachen hervor. - -»Ihre Phantasie ist mit Ihnen durchgegangen, bester Ardalljon -Borisowitsch,« sagte er, stand auf und klopfte Peredonoff auf die -Schulter, »viele meiner geschätzten Kollegen haben Kinder, ich selber -habe Kinder, wir sind, gottlob! keine Säuglinge mehr und da glauben Sie -wirklich, daß wir ein verkleidetes Mädchen für einen Jungen halten -könnten?« - -»Nun verhalten Sie sich _so_ zu der Sache. Wenn aber was dahinter -steckt, wer wird die Verantwortung tragen?« fragte Peredonoff. - -»Ha-ha-ha!« lachte Chripatsch, »was für Folgen befürchten Sie denn?« - -»Das Gymnasium wird zu einer Lasterhöhle,« sagte Peredonoff. - -Chripatsch wurde ernst und sagte: - -»Sie gehen zu weit. Alles was Sie zu berichten wußten, gibt mir nicht -die geringste Veranlassung Ihren Verdacht zu teilen.« - - * * * * * - -Noch am selben Abend machte Peredonoff einen eiligen Rundgang bei allen -seinen Kollegen, angefangen vom Inspektor bis hinab zu den Gehilfen der -Klassenordinarien und erzählte überall, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes -Mädchen. Alle lachten und glaubten ihm nicht; bei vielen regte sich aber -doch ein leiser Zweifel, als er gegangen war. Die Frauen der Lehrer -glaubten alle fast ohne Ausnahme daran. - -Am nächsten Morgen gingen schon viele mit dem Gedanken in die Schule, -daß Peredonoff vielleicht doch recht haben könnte. Offen sprachen sie es -nicht aus, aber sie wußten Peredonoff nichts mehr zu entgegnen und -beschränkten sich auf unklare, zweideutige Antworten: jeder von ihnen -fürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn er angefangen hätte, zu -widersprechen und es sich hinterher doch herausstellen sollte, daß die -Sache sich so verhielt. Viele hätten auch gerne die Ansicht des -Direktors gehört, -- er aber verließ heute, ganz gegen seine Gewohnheit, -seine Wohnung nicht, ging nur mit starker Verspätung in die einzige -Stunde, die er an diesem Tage zu geben hatte, blieb einige fünf Minuten -und begab sich gleich wieder nach Hause ohne jemand begrüßt zu haben. - -Endlich kurz vor der vierten Stunde ging der greise Religionslehrer -- -ein Priester -- und noch zwei andere Lehrer unter irgend einem Vorwand -in das Sprechzimmer des Direktors, und der Priester fing vorsichtig an -über Pjilnikoff zu sprechen. Aber der Direktor lachte so sicher und -herzlich, daß diese drei plötzlich ganz fest davon überzeugt waren, daß -alles nur ein Gerede sei. Der Direktor ging aber schnell auf ein anderes -Thema über, erzählte irgend eine Neuigkeit aus der Stadt, klagte über -sehr heftiges Kopfweh und meinte, er werde wohl den geschätzten -Schularzt Eugen Iwanowitsch konsultieren müssen. Dann sagte er in ganz -harmlosem Ton, daß die Unterrichtsstunde heute sein Kopfweh arg -gesteigert hätte, denn in der Klasse nebenan habe Peredonoff -unterrichtet und seine Schüler hätten ungewöhnlich laut und oft gelacht. -Dann lachte Chripatsch und sagte: - -»In diesem Jahre verfolgt mich ein schlimmes Schicksal: Dreimal in der -Woche habe ich neben der Klasse von Ardalljon Borisowitsch zu -unterrichten, und stellen Sie sich vor, -- ständig lachen seine Jungen. -Man sollte meinen, daß Ardalljon Borisowitsch kein komischer Mensch ist, -und doch erregt er immer die größte Heiterkeit.« - -Und hier brach Chripatsch plötzlich ab, ging wieder auf ein anderes -Thema über und verhinderte so, daß man ihm auf seine letzte Aeußerung -über Peredonoff etwas antwortete. - -Und in der Tat, in der letzten Zeit wurde in Peredonoffs Stunden sehr -viel gelacht und nicht etwa deswegen, weil es ihm selber Freude gemacht -hätte. Im Gegenteil, das Lachen der Kinder machte ihn nervös. Aber er -konnte sich nicht enthalten durchaus überflüssige, unpassende -Geschichten zu erzählen: bald war es irgend eine dumme Anekdote, bald -neckte er diesen oder jenen von den stilleren Jungen. In der Klasse gab -es stets Elemente, die jede Gelegenheit ergriffen Lärm machen zu können, --- und Peredonoffs Witze begrüßten sie immer mit schallendem Gelächter. - -Vor Schluß der Stunden schickte Chripatsch nach dem Schularzt, nahm -seinen Hut und ging in den Garten, der zwischen der Schule und dem -Flußufer lag. Der Garten war groß und schattig. Besonders die kleinen -Gymnasiasten liebten ihn sehr. Während der Zwischenstunden tummelten sie -sich hier nach Herzenslust. Daher liebten die Gehilfen der -Klassenordinarien diesen Garten nicht, denn sie fürchteten, diesem oder -jenem könnte was zustoßen. Chripatsch aber verlangte, daß die Jungen -während der Pausen sich im Garten aufhielten. Das tat er, weil sich die -Erwähnung dieses Umstandes besonders schön in den Rechenschaftsberichten -ausnahm. - -Chripatsch kehrte durch den Gang zurück. An der geöffneten Tür des -Turnsaals blieb er mit gesenktem Kopfe stehen und trat dann ein. Alle -sahen an seinem leidenden Gesichtsausdruck und an seinem schleppenden -Gang, daß er Kopfweh hatte. - -Die fünfte Klasse hatte eben Turnunterricht. Die Jungen hatten sich in -eine Reihe aufgestellt, und der Turnlehrer, ein Unterleutnant des -örtlichen Reserve-Bataillons, wollte gerade etwas kommandieren; als er -aber den Direktor erblickte, trat er auf ihn zu. Der Direktor reichte -ihm die Hand, blickte zerstreut auf die Schüler und fragte: - -»Sind Sie mit den Jungen zufrieden? Geben sie sich auch Mühe? Ermüden -sie nicht?« - -Der Unterleutnant verachtete die Gymnasiasten im Grunde seiner Seele, -denn seiner Ansicht nach hatten sie keine Spur von militärischem Drill -und konnten ihn ja auch nicht haben. Wären es Kadetten gewesen, so hätte -er unumwunden gesagt, was er dachte. Aber über diese kraftlose Bande -lohnte es nicht, etwas Tadelnswertes jenem Menschen zu sagen, der über -die Besetzung des Lehrpersonals zu entscheiden hatte. Darum lächelte er -verbindlich, blickte den Direktor liebenswürdig und fröhlich an, und -sagte: - -»O ja, stramme Jungens!« - -Der Direktor machte einige Schritte längs der Reihe, dann kehrte er -wieder zum Ausgang zurück, blieb plötzlich stehen und fragte, als fiele -es ihm just ein: - -»Sind Sie mit unserem neueingetretenen Schüler auch zufrieden? Nimmt er -sich zusammen? Wird er leicht müde?« fragte er nachlässig und -mißgestimmt, und griff mit der Hand an die Stirn. - -Der Unterleutnant hielt eine kleine Abwechslung für angebracht, außerdem -überlegte er, daß es sich um einen fremden Eindringling handle und -sagte: - -»Er ist ein wenig schlapp und wird rasch müde.« - -Der Direktor hörte aber garnicht mehr, was er sagte und entfernte sich -aus dem Saal. - -Die frische Luft hatte Chripatsch scheinbar nicht wohlgetan. Nach einer -halben Stunde kehrte er zurück, stand etwa eine halbe Minute an der Tür -und betrat wieder den Saal. Man turnte an den Geräten. Zwei oder drei -Schüler waren eben nicht beschäftigt, sie hatten das Kommen des -Direktors nicht bemerkt und lehnten an der Wand, indem sie den Umstand -ausnutzten, daß der Unterleutnant gerade in eine andere Richtung sah. -Chripatsch trat auf sie zu: - -»Aber Pjilnikoff,« sagte er, »warum lehnen Sie so nachlässig an der -Wand?« - -Sascha wurde ganz rot, stellte sich stramm hin und schwieg. - -»Wenn es Sie so anstrengt, dann ist es vielleicht besser, wenn Sie -überhaupt nicht turnen,« fragte Chripatsch streng. - -»Ich bitte um Entschuldigung, ich bin garnicht müde!« sagte Sascha -erschreckt. - -»Eins von beiden,« fuhr Chripatsch fort, »entweder Sie bleiben überhaupt -von den Turnstunden fort, oder ... Uebrigens kommen Sie doch nach Schluß -der Stunden in mein Arbeitszimmer.« - -Er entfernte sich eilig, und Sascha stand verlegen und erschreckt da. - -»Hereingefallen,« sagten ihm die Kameraden, »er wird dir bis zum Abend -die Leviten lesen.« - -Chripatsch liebte es, Verweise in längerer Unterredung zu erteilen, und -die Gymnasiasten fürchteten nichts so sehr als diese Aufforderung ins -Arbeitszimmer. - -Nach Schluß der Stunden ging Sascha schüchtern zum Direktor. Chripatsch -empfing ihn sofort. Er trat schnell vor Sascha, er rollte förmlich auf -seinen kurzen Beinen, setzte sich dicht neben ihn, blickte ihn prüfend -an und fragte: - -»Sagen Sie doch, Pjilnikoff, ermüdet Sie der Turnunterricht wirklich? -Sie sehen eigentlich gesund und kräftig aus, aber der Schein pflegt -bisweilen zu trügen. Sind Sie vielleicht krank? Vielleicht ist es nicht -gut, daß Sie turnen?« - -»Nein, Herr Direktor,« antwortete Sascha -- und er wurde ganz rot und -verlegen, »ich bin vollständig gesund.« - -»Aber auch Alexei Alexejewitsch beklagte sich,« entgegnete Chripatsch, -»daß Sie eine schlappe Figur machen und schnell müde werden, und ich -selber habe heute während der Turnstunde bemerkt, daß Sie matt aussahen. -Sollte ich mich versehen haben?« - -Sascha wußte nicht, wohin er sehen sollte vor dem durchdringenden Blick -des Direktors. Er stammelte verlegen: - -»Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr ... ich war nur etwas faul. Ich bin -wirklich ganz gesund. Ich werde versuchen eifriger zu turnen.« - -Plötzlich, ihm selber ganz unerwartet, fing er an zu weinen. - -»Sehen Sie,« sagte Chripatsch, »Sie sind doch übermüdet: Sie weinen, als -hätte ich Ihnen einen schlimmen Vorwurf gemacht. Beruhigen Sie sich -doch!« - -Er legte seine Hand auf Saschas Schulter und sagte: - -»Ich habe Sie nicht gerufen, um Ihnen einen Verweis zu erteilen, sondern -um die Sache aufzuklären .... Aber setzen Sie sich doch, ich sehe, Sie -sind sehr müde.« - -Sascha trocknete eilig mit dem Taschentuch seine Tränen und sagte -schnell: - -»Ich bin wirklich nicht müde.« - -»Setzen Sie sich, setzen Sie sich,« wiederholte Chripatsch und schob ihm -einen Stuhl hin. - -»Aber wirklich, ich bin nicht müde, Herr Direktor,« beteuerte Sascha. - -Chripatsch faßte ihn an den Schultern, drückte ihn auf den Stuhl, setzte -sich ihm gegenüber und sagte: - -»Wollen wir ruhig miteinander reden. Es wäre möglich, daß Sie sich über -Ihren eigenen Gesundheitszustand täuschen: Sie sind in jeder Hinsicht -ein strebsamer und tüchtiger Schüler, und ich kann es vollkommen -begreifen, daß Sie nicht um Dispens vom Turnunterricht bitten wollen. -Uebrigens, ich habe den Herrn Doktor gebeten heute herzukommen, weil ich -mich gar nicht wohl fühle. Er kann dann gleich auch Sie gründlich -untersuchen, wenn Sie nichts dagegen haben.« - -Chripatsch sah nach der Uhr, und ohne auf eine Antwort zu warten, redete -er mit Sascha über die jüngst verflossenen Sommerferien. - -Bald darauf kam der Schularzt Ewgenij Iwanowitsch Surowzeff, ein -kleiner, behender, schwarzhaariger Mann, der es vor allem liebte über -Politik und städtische Klatschgeschichten zu reden. Er verfügte nicht -gerade über hervorragende Kenntnisse, verhielt sich aber gewissenhaft zu -seinen Patienten, zog Diät und geregelte Hygiene allen Medikamenten vor -und so kam es, daß er einigen Erfolg hatte. - -Sascha mußte sich entkleiden, Surowzeff untersuchte ihn von Kopf bis zu -Fuß, konnte aber keine Anzeichen irgend einer Krankheit finden, während -Chripatsch sich davon überzeugte, daß Sascha jedenfalls kein Mädchen -sei. Wiewohl er das von vornherein geglaubt hatte, so hielt er diese -ärztliche Untersuchung für angebracht, denn im Falle einer Anfrage der -Schulbehörde hätte der Arzt ohne weitere Umstände ein entsprechendes -Zeugnis ausstellen können. - -Chripatsch entließ Sascha mit einigen freundlichen Worten: - -»Nun wissen wir, daß Sie ganz gesund sind, und ich werde Alexei -Alexejewitsch bitten, Sie in keiner Weise zu schonen.« - - * * * * * - -Peredonoff zweifelte nicht daran, daß seine Entdeckung des verkleideten -Mädchens die Aufmerksamkeit der Schulbehörde auf ihn lenken und ihm -außer der Rangerhöhung auch einen Orden einbringen würde. Diese Hoffnung -spornte ihn dazu an, doppelt scharf auf das Betragen der Schüler zu -achten. Schon seit einigen Tagen war das Wetter trübe und regnerisch, -nur spärlich wurde das Billard besucht, -- und so blieb ihm nichts -anderes übrig, als sämtliche Schülerpensionen der Stadt zu inspizieren, -ja, er suchte sogar Gymnasiasten auf, die bei ihren Eltern lebten. -Peredonoff traf insofern eine Auswahl, als er nur schlichtere Familien -besuchte: er ging hin, klagte über den mißratenen Sohn, der bekommt -Prügel, -- und Peredonoff ist zufrieden. So hatte er den Joseph -Kramarenko bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, -- er hatte -erzählt, daß Joseph während des Gottesdienstes in der Kirche Unfug -treibe. Der Vater glaubte ihm aufs Wort und bestrafte den Sohn. Dasselbe -Schicksal traf dann noch einige andere. Diejenigen Eltern, von denen er -glaubte, daß sie ihre Kinder in Schutz nehmen würden, suchte er -überhaupt nicht auf; auch fürchtete er, sie könnten sich bei der -Schulbehörde beschweren. So besuchte er jeden Tag je einen Schüler in -dessen Wohnung. Er trat als Vorgesetzter auf: räsonierte, traf -Anordnungen, drohte. Aber es kam vor, daß die Pensionäre unter den -Schülern, die sich als selbständige, junge Leute fühlten, ihm einfach -grob begegneten. Einen Erfolg hatte Peredonoff zu verzeichnen: Frau -Flawitzkaja, eine energische, schlanke Dame mit heller Stimme, prügelte -auf seinen Wunsch ihren Pensionär, den kleinen Wladimir Bultjakoff, -gehörig durch. - -In den Unterrichtsstunden der nächstfolgenden Tage pflegte Peredonoff -dann von seinen Taten zu berichten; er nannte keine Namen, aber die -unglücklichen Opfer verrieten sich selber durch ihr gedrücktes, scheues -Wesen. - - - - - XIV - - -Das Gerücht, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes Mädchen, eilte auf -Windesflügeln durch die Stadt. Die Rutiloffsche Familie erfuhr ganz -zuerst davon. Ludmilla -- sie war sehr neugierig -- bemühte sich, jede -Neuigkeit mit eigenen Augen zu sehen. Eine brennende Neugierde plagte -sie Pjilnikoff kennen zu lernen. Es war unbedingt notwendig, sie mußte -diesen verkleideten Schelm sehen. Mit der Kokowkina war sie bekannt. -Eines schönen Abends sagte sie zu den Schwestern: - -»Ich gehe mir das Fräulein ansehen!« - -»Alles mußt du begaffen!« rief Darja böse. - -»Sie hat sich schön gemacht,« bemerkte Valerie und lachte verhalten. - -Es ärgerte die beiden anderen, daß _sie_ nicht auf diesen Gedanken -gekommen waren: zu dritt konnten sie unmöglich hin. Ludmilla hatte sich -feiner angekleidet als sonst, -- warum eigentlich, wußte sie selber -nicht. Uebrigens hatte sie es gern, hübsche Kleider zu tragen und war in -dieser Beziehung freimütiger als die Schwestern: die Arme ließ sie bloß, -hatte einen tieferen Halsausschnitt, ihr Rock war kürzer, ihr Schuhwerk -eleganter, die fleischfarbenen Strümpfe dünner und durchsichtiger. Zu -Hause ging sie mit Vorliebe im Unterrock herum, trug ihre Schuhe über -den bloßen Füßen, -- und sowohl ihr Hemd als ihr Unterrock waren fast zu -elegant. - -Draußen war es kalt und windig, welke Blätter schwammen in allen -Pfützen. Ludmilla ging schnell und spürte die Kälte kaum trotz ihres -leichten Mantels. - -Die Kokowkina und Sascha tranken Tee. Ludmilla musterte sie mit -blitzenden Augen, -- aber da gab es wenig zu sehen, sie saßen hübsch -bescheiden am Tisch, tranken ihren Tee, aßen Weißbrot dazu und -plauderten. Ludmilla küßte die Kokowkina und sagte: - -»Ich komme in einer besonderen Angelegenheit zu Ihnen, liebste Olga -Wassiljewna. Aber davon später. Erst möchte ich etwas Tee trinken um -mich zu erwärmen. O -- was sitzt denn da für ein Jüngling!« - -Sascha errötete und machte eine ungeschickte Verbeugung; die Kokowkina -stellte ihn vor. Ludmilla setzte sich an den Tisch und erzählte lebhaft -einige Neuigkeiten. In der Stadt wurde sie gerade deswegen geschätzt, -denn sie wußte alles und verstand nett und bescheiden zu erzählen. Die -Kokowkina saß fast immer zu Hause, freute sich daher über diesen Besuch -und machte die liebenswürdige Wirtin. Ludmilla plauderte lustig, lachte, -sprang auf, um diesen oder jenen nachzumachen, und streifte dabei -Sascha. Sie sagte: - -»Sie müssen es doch einsam haben, liebste Freundin, immer nur zu Hause -sitzen mit diesem kleinen Gymnasiasten. Besuchen Sie uns doch einmal.« - -»O, das kann ich nicht,« antwortete die Kokowkina; »ich bin viel zu alt, -um Besuche zu machen.« - -»Es handelt sich doch nicht um einen feierlichen Besuch,« sagte Ludmilla -zärtlich; »kommen Sie und bleiben Sie ein wenig, ganz wie zu Hause, das -ist alles. Dieser Jüngling hier ist ja Gott sei Dank den Windeln -entwachsen.« - -Sascha machte ein gekränktes Gesicht und wurde rot. - -»So ein Bengel!« neckte Ludmilla und stieß ihn ein wenig in die Seite; -»warum unterhalten Sie mich garnicht?« - -»Er ist noch jung,« sagte die Kokowkina, »und sehr schüchtern.« - -Ludmilla sah sie an und lächelte: - -»Ich bin auch verlegen,« sagte sie. - -Sascha lachte und sagte einfach: - -»Was nicht gar, sind Sie verlegen?« Ludmilla lachte aus vollem Halse. -Ihr Lachen klang stets wie süße, leidenschaftliche Freude. Wenn sie -lachte, wurde sie immer rot, ihre Augen blickten schelmisch und fast -schuldbewußt und vermieden es, irgend einen aus der Gesellschaft -anzusehen. Sascha verlor ein wenig die Fassung, dann rechtfertigte er -sich: - -»Nein doch, ich wollte damit nur sagen, daß Sie so fröhlich sind und -nicht bescheiden, ich meine nicht, daß Sie unbescheiden sind.« - -Aber er fühlte, daß sich das in Worten nicht so leicht wie etwa in einem -Brief ausdrücken ließ, und das verwirrte ihn. Er wurde rot. - -»Was er mir für Ungezogenheiten sagt!« rief Ludmilla -- und lachte, und -wurde rot, »das ist doch wirklich allerliebst!« - -»Sie haben meinen Sascha ganz verlegen gemacht,« sagte die Kokowkina und -blickte sowohl Sascha als Ludmilla freundlich an. - -Ludmilla machte eine katzenartig wiegende Bewegung und streichelte -Saschas Haar. Er lachte trotzig und hell, stieß ihre Hand leicht zurück -und lief in sein Zimmer. - -»Liebste Freundin, wissen Sie nicht einen Mann für mich?« sagte Ludmilla -ohne jeden Uebergang. - -»Ich bin doch keine Kupplerin!« antwortete die Kokowkina; aber man -konnte an ihrem Gesicht sehen, daß sie mit größtem Vergnügen eine Heirat -vermittelt hätte. - -»Ja, was tut denn das?« entgegnete Ludmilla, »bin ich etwa keine schöne -Braut? Sie brauchen sich garnicht zu schämen, mich zu verheiraten.« - -Ludmilla stemmte die Hände in die Seiten und tanzte vergnügt vor der -Hausfrau. - -»Gehen Sie zu!« sagte die Kokowkina, »ein rechter Windbeutel sind Sie!« - -Ludmilla lachte und sagte: - -»Und wenn es nur vor lauter Langeweile wäre, suchen Sie mir einen Mann!« - -»Was für einen wollen Sie denn haben?« fragte die Kokowkina und -lächelte. - -»Er muß brünett sein, liebste Freundin, unbedingt muß er brünett sein,« -sagte sie schnell, »tief brünett. So tief wie ein Teich. Da haben Sie -gleich eine Vorlage: -- wie Ihr Pensionär, er muß ebenso schwarze -Augenbrauen haben und ebensolche Augen, sein Haar muß bläulichschwarz -sein und seine Wimpern ganz dicht, ganz dunkelschwarze Wimpern. Er ist -ein hübscher, ein sehr, sehr hübscher Junge! Sehen Sie, -- verschaffen -Sie mir so einen.« - -Bald darauf verabschiedete sich Ludmilla. Es wurde schon dunkel. Sascha -begleitete sie. - -»Aber nur bis zur Droschke!« bat Ludmilla mit weicher Stimme und blickte -Sascha zärtlich an. Er wurde rot und verlegen. - -Auf der Straße wurde Ludmilla wieder lustig und begann den Jungen -auszufragen: - -»Sind Sie auch hübsch fleißig? Lesen Sie auch bisweilen?« - -»Das tue ich wohl,« antwortete Sascha, »weil ich sehr gerne lese.« - -»Andersens Märchen?« - -»Ueberhaupt keine Märchen, sondern allerlei andere Bücher. Ich liebe die -Weltgeschichte und Gedichte.« - -»Also Gedichte! Wer ist denn Ihr Lieblingsdichter?« fragte Ludmilla -streng. - -»Natürlich Nadson,« sagte Sascha aus tiefster Ueberzeugung, als wäre -eine andere Antwort überhaupt nicht möglich gewesen. - -»So, so!« sagte Ludmilla aufmunternd. »Ich liebe auch Nadson, aber nur -am Morgen, am Abend lieb' ich es, mich schön zu machen. Und was ist Ihre -liebste Beschäftigung?« - -Sascha blickte sie freundlich an, plötzlich kamen Tränen in seine Augen, -und er sagte ganz leise: - -»Ich liebe so sehr zärtlich zu sein!« - -»So ein zartes Pflänzchen,« sagte Ludmilla und umfaßte seine Schultern, -»er will zärtlich sein! Lieben Sie auch zu baden?« - -Sascha lachte auf. Ludmilla forschte weiter: - -»In warmem Wasser?« - -»Ganz einerlei -- in warmem und in kaltem,« sagte der Junge verschämt. - -»Und was für eine Seife lieben Sie?« - -»Glyzerinseife.« - -»Essen Sie gerne Weintrauben?« - -Sascha lachte: - -»Wie komisch Sie sind. Das sind doch ganz verschiedene Sachen und Sie -fragen so, als wäre eins so gut wie das andere. Ich laß mich nicht so -leicht hinters Licht führen.« - -»Was hätte ich auch davon!« sagte Ludmilla lächelnd. - -»Ich weiß schon, daß Sie es lieben, einen zu necken.« - -»Woher wissen Sie das?« - -»Alle sagen es,« meinte Sascha. - -»Sieh mal an, Sie lieben also zu klatschen!« sagte Ludmilla streng. - -Sascha wurde rot. - -»Da ist schon eine Droschke! -- Droschke!« rief sie laut. - -»Droschke!« rief auch Sascha. - -Die Droschke holperte über das Pflaster und fuhr vor. Ludmilla nannte -ihre Adresse. Der Kutscher dachte nach und verlangte 40 Kopeken. -Ludmilla sagte: - -»Wo denken Sie hin! Es ist doch ganz nah. Sie scheinen den Weg nicht zu -kennen.« - -»Wieviel wollen Sie geben?« fragte der Kutscher. - -»Just die Hälfte. Wählen Sie welche Sie wollen!« - -Sascha lachte. - -»Ein lustiges Fräulein!« sagte der Kutscher und grinste, »legen Sie noch -einen Fünfer zu.« - -»Danke für die Begleitung, lieber Junge,« sagte Ludmilla, drückte fest -Saschas Hand und setzte sich in die Droschke. - -Sascha lief nach Hause und dachte fröhlich an das fröhliche Mädchen. - -Ludmilla kam sehr vergnügt nach Hause, sie lächelte und schien an etwas -Lustiges zu denken. Die Schwestern erwarteten sie. Sie saßen im -Speisezimmer an dem runden Tisch, über dem eine Hängelampe brannte. Auf -dem weißen Tischtuch blinkte eine braune Flasche Sherry-Brandy aus -Kopenhagen und hell glänzte ihr mit süßer Flüssigkeit behafteter Hals. -Rings um die Flasche standen Teller mit Aepfeln, Nüssen und türkischer -Marmelade. - -Darja hatte einen kleinen Strich; ihr Gesicht war gerötet, ihr Haar -zerzaust und sie war nur halb angekleidet. Sie sang sehr laut. Ludmilla -hörte schon von weitem den vorletzten Vers des bekannten Liedchens: - - Wo blieb die Flöte, wo das Kleid? - Die Lippen sind zum Kuß bereit. - Scham weicht der Furcht, Furcht weicht der Scham -- - Das Hirtenmädchen schluchzt vor Gram: - Vergiß, was du gesehn! - -Auch Larissa saß am Tisch, -- vornehm und ruhig-freundlich, sie aß einen -Apfel, den sie zuvor mit einem Fruchtmesser in Scheiben geschnitten -hatte. Sie lachte: - -»Nun, hast du sie gesehen,« fragte sie. - -Darja hörte auf zu singen und sah Ludmilla an. Valerie stützte ihren -Kopf auf den Arm, steckte den kleinen Finger vor, neigte den Kopf und -versuchte Larissas Lächeln nachzuahmen. Es gelang ihr schlecht, denn sie -war schmächtig, subtil, und ihr Lächeln war unruhig. Ludmilla goß sich -roten Kirschlikör in ein Gläschen und sagte: - -»Dummheiten! Ein echter Bengel wie er sein muß, und er ist sehr -sympathisch. Tief brünett, blitzende Augen, dabei unschuldig wie ein -neugebornes Kind.« - -Und plötzlich lachte sie hell auf. Die Schwestern sahen sie an, und dann -lachten alle. - -»Ach, es lohnt sich ja gar nicht zu sprechen, das ist so eine von -Peredonoffs Verrücktheiten,« sagte Darja, winkte mit der Hand und dachte -dann eine Weile nach. Sie hatte ihre Arme auf den Tisch gestützt und -hielt den Kopf gesenkt. »Wollen wir singen,« sagte sie und begann mit -durchdringender Stimme zu singen. - -Aus ihrem Geschrei klang eine dumpfe, erzwungene Begeisterung. Hätte man -einen Toten unter der Bedingung zum Leben erweckt, daß er immer nur -singen dürfe, so hätte er ein ähnliches Geheul angestimmt. Die -Schwestern waren schon längst an diese Art Musik gewöhnt; wenn Darja -nicht mehr nüchtern war, sang sie immer so, und manchmal fielen die -Schwestern ein und schrien mit Absicht recht laut und durchdringend. - -»Die ist ins Heulen reingekommen!« sagte Ludmilla spöttisch. - -Nicht etwa, daß es ihr mißfiel, vielmehr wollte sie ihre Erlebnisse -erzählen, und die Schwestern sollten zuhören. Darja unterbrach ihren -Gesang und schrie sie an: - -»Was geht es dich an, ich stör' dich nicht.« - -Und dann sang sie weiter gerade von derselben Stelle an, wo sie stehen -geblieben war. Larissa sagte freundlich: - -»Laß sie doch singen.« - - »Meine wilden Leidenschaften - Finden nirgends ihre Ruh' --« - -sang Darja in den höchsten Lagen, wobei sie die Töne dehnte und -hinauszog, wie etwa die gewöhnlichen Bänkelsänger es zu tun pflegen, um -recht viel Rührung ins Lied zu legen. Es kam ungefähr so heraus: - -Mei--ei--n--e--e wi----i--ild--e--en -Lei--ei--ei--d--e--e--en--sch--a--a--ft--e--en. - -Bei dieser Art zu singen wurden jene Silben ganz besonders betont, auf -denen von Rechts wegen kein Ton lag. Die Wirkung war jedenfalls eine -hervorragende: eine tödliche Schwermut hätte jeden uneingeweihten -Zuhörer befallen. - -O Schwermut, die du über Feld und Wald und über die gewaltige -heimatliche Ebene einherziehst! O Schwermut, die du tausendfach im -wilden Echo der Berge widerhallst, die du in matter, glühender Flamme -das lebendige Lied in ein sinnbetörendes Seufzen wandelst! O tödliche -Schwermut! O ihr geliebten, alten, russischen Gesänge! werdet auch ihr -dahinsterben? ... - -Plötzlich sprang Darja auf, stemmte die Hände in die Seiten und -schmetterte ein fröhliches Tanzliedchen aus voller Kehle. Dazu tanzte -sie und klatschte in die Hände: - - »Geh, du Ritter, in den Wind, -- - Ich bin eines Räubers Kind. - Bist so fein und säuberlich, - Geb dir einen Messerstich. - Brauche keinen stolzen Herrn -- - Hab ein armes Blut so gern.« - -Darja sang und tanzte, und ihre Augen starrten unbeweglich und schienen, -wie der tote Mond, rings um sie Kreise zu ziehen. Ludmilla lachte aus -vollem Hals, aber es war ihr unendlich schwer ums Herz, und sie zitterte -vor Aufregung. War es verhaltene Freude oder die Wirkung des starken und -süßen Likörs? Valerie lachte leise, -- ihr Lachen klang gläsern --, und -blickte neidisch auf die Schwestern: auch sie wäre gern lustig gewesen, -und es war ihr doch gar nicht lustig zumute, -- sie dachte, das sei so, -weil sie die Jüngste, ein Nesthäkchen, ein Nachzügler sei, und darum -wäre sie schwächlich und unglücklich. Und sie lachte so als müßte sie -gleich weinen. - -Larissa sah sie an und zwinkerte ihr zu, und da wurde Valerie plötzlich -fröhlich und guter Dinge. Larissa stand auf, drehte die Schultern und im -Nu drehten sich die vier Schwestern in tollem Wirbel bewußtloser Freude, -plötzlich von toller, ausgelassener Lust ergriffen, und Darja sang dazu -ein Tanzlied nach dem andern, eins dreister und frecher als das andere. -Die Schwestern waren jung und schön -- und ihre Stimmen klangen wild und -hell; -- die Hexen eines verzauberten Berges hätten ihre Freude an -diesem Reigen gehabt. - - * * * * * - -Die ganze Nacht über hatte Ludmilla heiße, sinnliche Träume. - -Bald träumte sie, sie läge in einem stark überheizten Zimmer, ihre -Bettdecke gleitet auf den Fußboden und ihr fieberheißer Körper liegt -nackt da, -- und eine gleißende, ungeheure Schlange kriecht in das -Gemach, kommt näher, näher, gleitet längs dem Holz in ihr Bett und -umwindet ihre nackten, wunderschönen Beine ... - -Dann wieder träumte sie von einem See; -- und es war eine schwüle -Sommernacht, schwarze Gewitterwolken krochen erdrückend langsam über den -Himmel, -- und sie lag nackt am Ufer des Sees und hatte einen glatten, -goldnen Stirnreif im Haar. Es roch nach warmem, stehendem Wasser, nach -Tang und stark duftendem Heu; und auf dem dunklen, unheimlich ruhigen -Wasserspiegel schwamm majestätisch ein weißer, gewaltiger, königlich -schöner Schwan. Er schlug das Wasser mit den Flügeln, zischte laut, kam -heran und umfaßte sie, -- es war so süß, so unsagbar wunderlich und tief -... - -Und die Schlange und der Schwan, beide beugten ihre Gesichter über das -ihre, und es war Saschas Gesicht, aber so bleich, so bleich mit seinen -dunklen traurigen Augen, und die schwarzen Wimpern verdeckten -eifersüchtig die Schönheit seines wunderbaren Blicks und sanken tief und -schwer herab. Ihr schauderte ... - -Dann träumte Ludmilla von einem prachtvollen Palast mit erdrückend -niedrigen Gewölben, -- starke, schöne nackte Männer drängten sich in den -Hallen, aber herrlicher als sie alle war Sascha. Sie saß hoch auf einem -Thron, und die nackten Männer kamen der Reihe nach und schlugen einander -mit scharfen Peitschen. Und als man Sascha vor den Thron legte mit dem -Kopf zu ihr gekehrt und als man ihn hart schlug, da lachte er hell und -weinte, -- und sie lachte auch, wie man manchmal im Traume lacht, wenn -das Herz unruhig schlägt, -- dann lacht man lange, ohne Aufhören, und es -ist das Lachen des Selbstvergessens und des Todes ... - -Als Ludmilla am Morgen nach diesen Träumen erwachte, fühlte sie, daß sie -leidenschaftlich in Sascha verliebt war. Ein unbezwingliches Verlangen -ergriff sie, zu ihm zu gehen, aber der Gedanke ihn in Kleidern zu sehen, -war ihr unerträglich. Wie dumm, daß die Knaben nicht nackt herumlaufen! -Wenigstens barfuß, wie die Gassenbuben im Sommer! Ludmilla sah sie gerne -und nur deswegen, weil sie barfuß waren und weil auch ihre Beine -manchmal bis hoch hinauf entblößt waren. - -»Als wäre es eine Schande, einen Körper zu haben --,« dachte sie, »daß -sogar die Knaben ihn verdecken müssen.« - - - - - XV - - -Wolodin gab regelmäßig seinen Unterricht im Hause des Fräulein Adamenko. -Seine Hoffnungen, das Fräulein würde ihn gelegentlich zum Kaffee -einladen, verwirklichten sich nicht. Er wurde stets gleich nach seiner -Ankunft in die Stube geleitet, die für den Unterricht im Tischlern -hergerichtet worden war. Mischa hatte eine Schürze um und wartete in der -Regel, an der Hobelbank stehend, auf seinen Lehrer, nachdem er alles für -die Stunde Erforderliche in Ordnung gebracht hatte. Er tat gehorsam -alles, was Wolodin von ihm verlangte, aber er war nie recht bei der -Sache. Um weniger arbeiten zu müssen, versuchte er bisweilen mit Wolodin -zu plaudern. Aber Wolodin ging nicht darauf ein, denn er wollte -gewissenhaft sein. Er sagte: - -»Wollen wir mal erst zwei Stunden arbeiten, dann bleibt uns noch Zeit -genug zum Plaudern. Dann -- soviel Sie wollen, jetzt -- an die Arbeit: -die Arbeit steht an erster Stelle.« - -Mischa seufzte ein wenig und arbeitete. Wenn aber die Stunde um war, so -hatte er keine Lust mehr zu plaudern und schützte Schulaufgaben vor. - -Bisweilen kam auch Nadeschda Wassiljewna in den Unterricht, um zu sehen -ob Mischa fleißig war. Mischa bemerkte, daß Wolodin dann eher geneigt -war, Gespräche zu führen, und zog daraus die entsprechenden Schlüsse. -Wenn aber Nadeschda Wassiljewna bemerkte, daß Mischa nichts tat, sagte -sie sofort: - -»Mischa, sei nicht faul!« - -Dann ging sie gleich und sagte im Vorübergehen zu Wolodin: - -»Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe. Er ist nicht abgeneigt, sich -bisweilen gehen zu lassen, wenn man ihm nicht auf die Finger sieht.« - -Dieses Benehmen von seiten Nadeschda Wassiljewnas berührte Wolodin -zunächst peinlich. Dann aber tröstete er sich damit, daß es ihr unbequem -sein mußte, ihn zum Kaffee aufzufordern, weil daraus Klatschgeschichten -hätten entstehen können. Ferner, überlegte er, brauchte sie überhaupt -nicht zum Unterricht zu kommen, weil sie aber kam, so war das ein -Zeichen dafür, daß sie ihn nicht gerade ungern sah. Auch den Umstand -erklärte Wolodin zu seinen Gunsten, daß Nadeschda Wassiljewna sofort -damit einverstanden war, daß er ihrem Bruder Stunden geben sollte, und -außerdem hatte sie sich mit seinen Gehaltsansprüchen gleich -einverstanden erklärt. Peredonoff und Warwara ihrerseits unterstützten -ihn in diesen Vermutungen. - -»Es ist doch klar, daß sie in dich verliebt ist,« sagte Peredonoff. - -»Und wo könnte sie einen besseren Bräutigam finden,« ergänzte Warwara. - -Wolodin machte ein bescheidenes Gesicht und freute sich über seine -Erfolge. - -Eines schönen Tages meinte Peredonoff: - -»Du gehst auf Freiersfüßen einher und hast eine schäbige Krawatte -umgebunden.« - -»Ich bin noch nicht verlobt,« antwortete Wolodin überlegen, innerlich -aber zitterte er vor freudiger Erwartung; »ich kann mir eine neue -Krawatte kaufen.« - -»Eine im Jugendstil,« rief Peredonoff, »man muß sehen können, daß du es -mit der Liebe hast.« - -»Eine rote Krawatte,« sagte Warwara, »recht bauschig muß sie sein und -eine Nadel dazu. Es gibt schon ganz billige Krawattennadeln, mit -Steinen, -- fein wird das sein.« - -Peredonoff dachte, daß Wolodin vielleicht kein Geld zu solchen Ausgaben -hätte. Oder er wird sparen wollen und einen schlichten, schwarzen -Schlips kaufen. Das wäre dumm, dachte Peredonoff, die Adamenko ist ein -vornehmes Frauenzimmer; wenn er mit einer lumpigen Krawatte um sie -anhalten geht, so wird sie sich gekränkt fühlen und ihm einen Korb -geben. - -Peredonoff sagte: - -»Warum eine billige kaufen? Du hast neulich im Spiel einiges von mir -gewonnen. Wieviel bin ich dir noch schuldig, einen Rubel vierzig -Kopeken?« - -»Mit den vierzig Kopeken hat es seine Richtigkeit,« sagte Wolodin -grinsend, »nur waren es zwei Rubel und nicht einer.« - -Peredonoff wußte genau, daß es zwei Rubel waren, es wäre ihm aber -angenehmer gewesen, nur einen zu zahlen. Er sagte: - -»Du lügst, woher zwei Rubel?« - -»Warwara Dmitriewna kann es bezeugen,« beteuerte Wolodin. - -Warwara sagte kichernd: - -»Zahl nur, Ardalljon Borisowitsch, was du verspielt hast, -- ich -erinnere mich genau, es waren rund zwei Rubel und vierzig Kopeken.« - -Peredonoff dachte, daß Warwara jetzt für Wolodin eintrete, also -- -meinte er -- steht sie schon auf seiner Seite. Er wurde verdrießlich, -nahm aus seinem Geldbeutel das Geld und sagte: - -»Ist schon recht, meinetwegen zwei vierzig, ich will nicht streiten. Du -bist ein armer Teufel, Pawluschka, da -- nimm!« - -Wolodin nahm das Geld, zählte es nach, machte dann ein gekränktes -Gesicht, beugte seinen runden Kopf, streckte die Unterlippe vor und -sagte mit blökender, zitternder Stimme: - -»Sie, Ardalljon Borisowitsch, waren mir etwas schuldig, also haben Sie -auch zu zahlen; daß ich aber arm bin, gehört garnicht hierher. Ich habe -bisher noch keinen um ein Stück Brot gebeten, und Sie wissen, daß nur -der Teufel arm ist, denn er ißt kein Brot; weil ich aber Brot esse, -sogar mit Butter darauf, so bin ich auch nicht arm.« - -Dabei beruhigte er sich, wurde rot vor Vergnügen, daß er so gelungen -geantwortet hatte, und lachte, die Lippen vorschiebend. - -Endlich beschlossen Peredonoff und Wolodin, den Heiratsantrag zu -stellen. Sie hatten sich so vornehm als möglich angezogen und sahen -feierlicher und dümmer als gewöhnlich aus. Peredonoff trug eine weiße -Halsbinde, Wolodin eine bunte, rot mit grünen Streifen. Peredonoff -überlegte so: - -»Ich halte für dich an, meine Stellung ist also die solidere, die -Gelegenheit ist äußerst festlich, so muß ich denn eine weiße Binde -tragen; du bist der Bräutigam, also mußt du flammende Gefühle zur Schau -tragen.« - -Gezwungen feierlich nahmen Peredonoff und Wolodin im Empfangszimmer von -Fräulein Adamenko Platz. Peredonoff saß auf dem Sofa, Wolodin in einem -Lehnstuhl. Nadeschda Wassiljewna betrachtete erstaunt ihre Gäste. Die -Gäste aber plauderten über das Wetter, über die neuesten Neuigkeiten und -machten dabei ein Gesicht wie etwa Leute, die in einer kitzlichen -Angelegenheit gekommen sind und nicht recht wissen, wie anzufangen. -Endlich räusperte sich Peredonoff, machte ein ernstes Gesicht und sagte: - -»Nadeschda Wassiljewna, wir haben ein Anliegen.« - -»Ein Anliegen,« sagte auch Wolodin, machte ein bedeutendes Gesicht und -streckte die Lippen vor. - -»Es handelt sich um ihn,« sagte Peredonoff und zeigte mit dem Daumen auf -Wolodin. - -»Um mich,« bestätigte Wolodin und wies ebenfalls mit dem Daumen auf die -eigene Brust. - -Nadeschda Wassiljewna lächelte. - -»Wenn ich bitten darf,« sagte sie. - -»Ich werde für ihn sprechen,« erklärte Peredonoff, »er ist bescheiden -und kann keinen rechten Entschluß fassen. Aber er ist ein würdiger -Mensch, er trinkt nicht, er ist herzensgut. Zwar bekommt er nur ein -geringes Gehalt, aber das ist egal. Es handelt sich darum, wer was -braucht; der eine braucht Geld, der andere einen Menschen. Warum -schweigst du denn,« wandte er sich an Wolodin, »sag doch etwas.« - -Wolodin neigte den Kopf und stieß mit zitternder Stimme hervor, geradeso -wie ein Schaf blökt: - -»Gewiß, mein Gehalt ist nur gering. Aber zum Sattessen wird es immer -noch langen. Gewiß, ich habe nicht studiert, bin aber so glücklich, daß -ich jedem nur das gleiche Los wünschen kann, und etwas Schlechtes weiß -ich mir nicht nachzusagen, -- übrigens, da mag jeder selbst urteilen. -Was mich anlangt, ich bin mit mir zufrieden.« - -Er machte eine Handbewegung, beugte die Stirn, als hätte er die Absicht -zuzustoßen und schwieg still. - -»Also, das ist es,« sagte Peredonoff, »er ist ein junger Mann und soll -nicht als Hagestolz leben. Er soll heiraten. Der Verheiratete hat es -immer besser.« - -»Wenn man mit der Frau harmoniert, so gibt es nichts besseres,« -bestätigte Wolodin. - -»Und auch Sie sind unverheiratet,« fuhr Peredonoff fort. »Auch Sie -müssen heiraten.« - -Hinter der Tür hörte man ein leises Geräusch, kurze verhaltene Laute, -- -als seufze oder lache da jemand und als hielte er sich die Hand vor den -Mund. Nadeschda Wassiljewna blickte streng auf die Tür und sagte kalt: - -»Sie sind wirklich zu besorgt um mich,« mit einer verletzenden Betonung -des Wortes »zu«. - -»Sie brauchen keinen reichen Mann,« sagte Peredonoff, »Sie haben ja Geld -genug. Sie brauchen einen, der Sie lieb hat und in allen Dingen Ihnen zu -Gefallen ist. Außerdem kennen Sie ihn und müßten ihn verstehen. Sie sind -ihm nicht gleichgültig, er Ihnen vielleicht auch nicht. So steht also -die Sache: ich bringe Ihnen den Kaufmann, Sie haben die Ware, soll -heißen: Sie selber sind die Ware.« - -Nadeschda Wassiljewna wurde rot und biß sich auf die Lippen, um nicht -laut auflachen zu müssen. Hinter der Tür hörte man wieder dieselben -Töne. Wolodin hielt die Augen bescheiden gesenkt. Es schien ihm, daß -alles nach Wunsch ginge. - -»Was für eine Ware?« fragte Nadeschda Wassiljewna vorsichtig, »verzeihen -Sie, ich verstehe Sie nicht recht.« - -»Wie, Sie verstehen nicht!« sagte Peredonoff ungläubig. »Nun, ich will -es geradeheraus sagen: Pawel Wassiljewitsch bittet Sie um Hand und Herz. -Und auch ich bitte für ihn.« - -Hinter der Tür fiel etwas zu Boden und kugelte sich prustend und -stöhnend. Nadeschda Wassiljewna, ganz rot vor verhaltenem Lachen, -blickte ihre Gäste an. Wolodins Antrag schien ihr komisch und frech -zugleich. - -»Ja,« sagte auch Wolodin, »Nadeschda Wassiljewna, ich bitte Sie um Hand -und Herz.« - -Er wurde rot, erhob sich, machte einen energischen Kratzfuß auf dem -Teppich, verbeugte sich und setzte sich. Dann stand er wieder auf, legte -die Hand aufs Herz und sagte, das Fräulein schmachtend anblickend: - -»Gestatten Sie, Nadeschda Wassiljewna, daß ich eine Erklärung abgebe. Da -ich Sie sogar sehr liebe, so kann ich mir gar nicht denken, daß Sie -diesen Gefühlen nicht entgegenkommen sollten.« - -Er stürzte einen Schritt vor, warf sich auf die Knie und küßte ihre -Hand. - -»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Ich schwöre!« rief er, hob eine -Hand gen Himmel und schlug dann aus vollem Arm gegen seine Brust, daß es -laut knallte. - -»Aber ich bitte Sie! Stehen Sie doch auf!« sagte Nadeschda Wassiljewna -verlegen; »was soll das?« - -Wolodin stand auf und kehrte mit gekränktem Gesicht auf seinen Platz -zurück. Dort angelangt, preßte er beide Hände gegen die Brust und rief: - -»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Bis zum Grabe bin ich mit -ganzer Seele der Ihre!« - -»Entschuldigen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »aber ich kann -wirklich nicht. Ich habe meinen Bruder zu erziehen, hören Sie nur, wie -er da hinter der Tür weint.« - -»Ja, die Erziehung des Bruders scheint mir keineswegs ein -Hinderungsgrund zu sein,« erklärte Wolodin und streckte in gekränktem -Stolz seine Unterlippe vor. - -»Nein, in jedem Fall hat er da mitzureden,« sagte Nadeschda Wassiljewna -und stand eilig auf, »ich will ihn fragen. Bitte warten Sie einen -Augenblick.« - -Sie lief flink aus dem Empfangszimmer, und ihr hellgelbes Kleid -rauschte. Sie packte Mischa, der hinter der Tür stand, an der Schulter, -lief mit ihm bis zu seinem Schlafzimmer, blieb dort vom Lauf und vom -verhaltenen Lachen schwer atmend an der Tür stehen und sagte mit -abgerissener Stimme: - -»Ist es denn ganz umsonst, wenn man dich bittet, nicht zu horchen. Ist -es wirklich nötig, zu den allerstrengsten Maßregeln zu greifen!« - -Mischa hatte ihre Taille umfaßt, preßte seinen Kopf in ihr Kleid und -lachte und schüttelte sich vor Lachen und vor Anstrengung, es zu -unterdrücken. Die Schwester schob den Jungen in sein Zimmer, setzte sich -auf einen Stuhl neben der Tür und lachte. - -»Hast du gehört, was er sich da ausgedacht hat, dein Pawel -Wassiljewitsch,« fragte sie; »komm mit mir ins Gastzimmer und untersteh -dich zu lachen! Ich werde dich in ihrer Gegenwart fragen, und du darfst -nicht >Ja< sagen. Hast du verstanden?« - -»Ha--ha--ha,« machte Mischa und nahm einen Zipfel seines Taschentuchs in -den Mund, um nicht lachen zu müssen, aber es half nur wenig. - -»Halt dein Taschentuch vor die Augen, wenn du lachen mußt,« riet die -Schwester und führte ihn an der Schulter ins Gastzimmer. - -Dort drückte sie ihn in einen Sessel und setzte sich auf einen Stuhl -dicht neben ihn. Wolodin machte ein gekränktes Gesicht und saß da mit -gesenkter Stirn, just wie ein Schaf. - -»Sehen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna und zeigte auf ihren Bruder, -»der arme Junge! Ich konnte kaum seine Tränen stillen. Ich vertrete bei -ihm Mutterstatt, und nun glaubt er, ich würde ihn verlassen.« - -Mischa bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch. Sein ganzer Körper -bebte. Um sein Lachen zu verbergen, heulte er darauf los: - -»Hu--hu--hu!« - -Nadeschda Wassiljewna umarmte ihn, kniff ihn unbemerkt in den Arm und -sagte: - -»Wein doch nicht, Brüderchen, wein nicht so!« - -Der unerwartete Schmerz trieb Mischa Tränen in die Augen. Er ließ das -Tuch fallen und blickte seine Schwester böse an. - -»Wie, wenn der Junge wütend wird,« dachte Peredonoff, »und plötzlich -beißt. Man sagt, der menschliche Speichel ist giftig.« - -Er rückte näher zu Wolodin, um im Falle drohender Gefahr sich hinter ihm -verstecken zu können. Nadeschda Wassiljewna sagte zum Bruder: - -»Pawel Wassiljewitsch hat um meine Hand gebeten.« - -»Um Hand und Herz,« verbesserte Peredonoff. - -»Und Herz --« wiederholte Wolodin leise, aber mit Würde. - -Mischa benützte wieder das Taschentuch, und vor Lachen schluchzend sagte -er: - -»Nein, du sollst ihn nicht heiraten; was soll denn aus mir werden?« - -Wolodin sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme: - -»Es wundert mich, Nadeschda Wassiljewna, daß Sie Ihren kleinen Bruder um -Erlaubnis bitten, er ist doch sozusagen noch ein unmündiges Kind. Und -wäre er auch erwachsen, so könnten Sie auch in diesem Fall sich -selbständig entscheiden. Der Umstand aber, Nadeschda Wassiljewna, daß -Sie ihn sogar jetzt um Erlaubnis bitten, verwundert mich nicht nur, -sondern setzt mich auch in Erstaunen.« - -»Das ist doch geradezu komisch, so einen Bengel um Erlaubnis zu bitten,« -sagte Peredonoff verdrießlich. - -»Wen sollte ich sonst bitten? Der Tante ist es gleichgültig; ihn muß ich -aber erst noch erziehen, wie sollte ich Sie also heiraten können? Sie -könnten ihn zum Beispiel zu streng behandeln. Nicht wahr, Mischa, du -fürchtest dich doch vor diesem harten Mann?« - -»Nein,« sagte Mischa und schielte mit einem Auge aus dem Taschentuch -hervor, »ich fürchte mich gar nicht vor ihm. Er darf mir nichts tun. Ich -fürchte nur, daß Pawel Wassiljewitsch mich zu sehr verwöhnen wird und -dir auch nicht erlauben wird, mich in den Winkel zu stellen.« - -»Glauben Sie mir, Nadeschda Wassiljewna,« sagte Wolodin und legte die -Hand ans Herz, »ich werde ihn nicht verwöhnen. Ich denke so: einen -Jungen soll man überhaupt nicht verwöhnen! Ist er satt und sauber -gekleidet, so genügt das. Von Verwöhnen keine Spur. Ich kann ihn doch -auch in den Winkel stellen und würde nicht daran denken, ihn zu -verwöhnen. Ich kann noch mehr. Sie sind gewissermaßen eine Jungfrau, d. -h. ein Fräulein, da ist es Ihnen naturgemäß unbequem, ich kann aber auch -mitunter das Stöcklein zu Hilfe nehmen.« - -»Jetzt wollen mich beide in den Winkel stellen,« sagte Mischa weinerlich -und benutzte wieder sein Taschentuch. »Seid Ihr so! und noch dazu mit -dem Stöckchen! nein, das paßt mir gar nicht. Nein, nein, du darfst ihn -nicht heiraten.« - -»Da hören Sie es doch, ich kann beim besten Willen nicht,« sagte -Nadeschda Wassiljewna. - -»Ihr Vorgehen kommt mir äußerst merkwürdig vor,« sagte Wolodin, »ich -komme Ihnen mit ganzem Herzen entgegen, ich kann wohl sagen, mit -flammendem Herzen und Sie belieben so nebenbei Ihres Bruders wegen -»nein« zu sagen. Sie tun es Ihres Bruders wegen, eine andere der -Schwester wegen, eine dritte gar weil sie einen Neffen hat und dann, -Gott weiß, welcher Verwandten wegen, und so wird keine einzige heiraten -wollen, auf diese Weise wird das Menschengeschlecht ganz aussterben.« - -»Deswegen brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen, Pawel Wassiljewitsch,« -sagte Nadeschda Wassiljewna, »bisher hat noch keine derartige Gefahr für -die Welt bestanden. Ich will nun mal nicht ohne Mischas Zustimmung -heiraten, und wie Sie bereits gehört haben, ist er nicht einverstanden. -Es ist auch einigermaßen begreiflich, versprechen Sie ihm doch gleich -mit den ersten Worten Prügel. Da könnten Sie mich am Ende auch -schlagen!« - -»Aber ich bitte Sie, Nadeschda Wassiljewna,« rief Wolodin -verzweiflungsvoll, »unmöglich glauben Sie, daß ich mir solche Roheiten -werde zuschulden kommen lassen.« - -Nadeschda Wassiljewna lächelte. - -»Ich selbst habe keinerlei Bedürfnisse zu heiraten,« sagte sie. - -»Vielleicht werden Sie ins Kloster gehn?« fragte Wolodin mit gekränkter -Stimme. - -»Oder in Tolstois Sekte und Mist führen,« verbesserte Peredonoff. - -»Warum sollte ich irgendwohin gehen?« sagte Nadeschda Wassiljewna streng -und erhob sich, »ich hab es hier sehr gut.« - -Auch Wolodin war aufgestanden, streckte seine Lippen weit vor und sagte: - -»Da nun Mischa aus seinen Gefühlen zu mir keinen Hehl gemacht hat, da -ferner Sie -- wie es zutage liegt -- ihn um Erlaubnis bitten, so kommt -es folgerichtig heraus, daß ich die Stunden bei Ihnen im Hause aufgeben -muß, denn wie soll ich Unterricht erteilen, wenn sich mein Schüler so zu -mir verhält!« - -»Nein, warum denn?« entgegnete Nadeschda Wassiljewna, »das ist wieder -eine Sache für sich.« - -Peredonoff dachte, es wäre vielleicht doch noch möglich das Fräulein -umzustimmen und sie würde schließlich ihr Jawort geben. Er sagte -finster: - -»Nadeschda Wassiljewna, überlegen Sie sich die Sache. Man kann nicht -gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Er ist ein guter Mensch, er -ist mein Freund!« - -»Nein,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »da gibt's nichts weiter zu -bedenken! Ich danke Pawel Wassiljewitsch für den ehrenvollen Antrag, -kann ihn aber nicht annehmen.« - -Peredonoff blickte böse auf Wolodin und stand auf. Er dachte: »Wolodin -ist doch ein rechter Esel: er hat es nicht einmal verstanden, ein -Fräulein in sich verliebt zu machen.« - -Wolodin stand neben seinem Sessel mit gesenktem Kopf. Er fragte -vorwurfsvoll: - -»So ist es also wirklich aus, Nadeschda Wassiljewna? O weh! Und wenn es -sich so verhält,« -- er machte eine Handbewegung -- »dann wünsche ich -Ihnen alles Gute. Das ist nun einmal mein trauriges Los. Ein Jüngling -liebte eine Jungfrau, aber sie wollte ihn nicht. Gott weiß es! Nichts zu -machen, ich werde weinen, und die Sache ist abgetan.« - -»Einen tüchtigen Menschen wollen Sie nicht heiraten, und wer weiß, auf -wen Sie hereinfallen werden,« sagte Peredonoff belehrend. - -»O weh,« rief Wolodin noch einmal und wollte zur Tür gehen. Dann besann -er sich eines andern, beschloß großmütig zu sein und kehrte zurück, um -dem Fräulein zum Abschied die Hand zu reichen, ja selbst den -Unglücksstifter Mischa bedachte er mit einem versöhnlichen Händedruck. - - * * * * * - -Auf der Straße brummte Peredonoff böse. Wolodin räsonierte -ununterbrochen mit gekränkter, blökender Stimme. - -»Warum hast du die Stunden aufgegeben?« brummte Peredonoff. »Du bist -wohl zu reich!« - -»Ich habe doch nur gesagt, daß, wenn es sich so verhielte, ich -zurücktreten müsse, und darauf hat sie geantwortet, daß das nicht nötig -wäre. Da ich nun meinerseits nicht widersprochen habe, so kommt es -heraus, daß sie mich gebeten hat zu bleiben. Und jetzt hängt es von mir -allein ab; will ich, so kann ich »Nein« sagen, will ich, so kann ich -bleiben.« - -»Unsinn »Nein« zu sagen,« sagte Peredonoff, »geh hin und mach so als -wäre nichts gewesen.« - -»Mag er wenigstens hier einen Vorteil haben,« dachte Peredonoff, »er hat -dann weniger Grund mich zu beneiden.« - -Peredonoff war das Herz sehr schwer. - -Wolodin schien ihm nicht recht geheuer, er mußte ihn auf Schritt und -Tritt beobachten, daß er sich nicht mit Warwara zusammentäte. Dann war -es auch nicht ausgeschlossen, daß die Adamenko sich über ihn geärgert -hatte wegen seiner Vermittelung. Sie hatte Verwandte in Petersburg, -denen könnte sie schreiben, und das hätte ihm vielleicht geschadet. - -Und auch das Wetter war unfreundlich. Der Himmel war mit Wolken bedeckt, -Krähen flatterten unruhig und schrieen so häßlich. Grade über -Peredonoffs Kopf flogen sie und schrieen, als wollten sie ihn ärgern und -ihm noch schlimmeres Unglück prophezeien. Peredonoff wickelte einen -Schal um den Hals und dachte, daß es bei solchem Wetter leicht wäre sich -zu erkälten. - -»Was sind das für Blumen, Pawluschka?« fragte er und zeigte dabei auf -kleine, gelbe Blümchen, die hinter dem Zaun in einem Garten wuchsen. - -»Das sind Eisenhütchen, Ardascha,« antwortete Wolodin traurig. - -Peredonoff fiel es ein, daß in seinem Garten sehr viele solcher Blumen -wuchsen. So einen schrecklichen Namen hatten sie! Vielleicht sind sie -giftig! Warwara wird eine Handvoll nehmen, sie als Tee aufkochen, um ihn -damit zu vergiften, d. h. erst dann zu vergiften, wenn seine Ernennung -bereits erfolgt ist, um dann mit Wolodin auf und davon zu gehen. -Vielleicht hatten die beiden das schon längst verabredet. Woher sollte -Wolodin sonst wissen, wie diese Blumen hießen. - -Wolodin aber sagte: - -»Gott mag sie richten! Warum hat sie mich beleidigt? Sie wartet -wahrscheinlich auf einen Aristokraten und überlegt gar nicht, daß es -auch unter den Aristokraten schlimme Leute gibt; sie wird einen -heiraten, der sie unglücklich machen wird, und ein schlichter braver -Mensch hätte sie so glücklich machen können. Ich werde in die Kirche -gehen und eine Kerze für ihr Seelenheil stiften und für sie beten: füge -es, Vater im Himmel, daß sie einen Trunkenbold heiratet, der sie -prügelt, der bankerott macht und sie dann sitzen läßt. Dann wird sie -sich meiner erinnern, aber es wird zu spät sein. Sie wird sich die -Tränen aus den Augen reiben und sagen: dumm war ich, dem Pawel -Wassiljewitsch einen Korb zu geben, er war ein prächtiger Mensch.« - -Seine eignen Worte rührten ihn; er mußte weinen und trocknete mit dem -Handrücken die Tränen, die aus seinen vorstehenden, schafigen Augen -quollen. - -»Schlag ihr in der Nacht die Fensterscheiben ein!« riet Peredonoff. - -»Ach nein, Gott sei mit ihr,« sagte Wolodin traurig, »man könnte mich -ertappen. Und dieser Satansbengel Gott erbarme dich, was habe ich ihm -getan, daß er mir so den Weg vertritt. Habe ich mir nicht alle -erdenkliche Mühe mit ihm gegeben, und er -- Sie haben es ja selber -erlebt -- macht solche Sachen. Was ist das für eine Kreatur, was soll -aus ihm werden, erbarmen Sie sich, sagen Sie doch?« - -»Ja,« sagte Peredonoff böse, »nicht einmal mit diesem Bengel konntest du -fertig werden. Schöner Freier das!« - -»Warum denn nicht,« antwortete Wolodin, »natürlich ein Freier. Ich finde -schon eine andre Braut. Sie soll nicht glauben, daß ich um sie trauern -werde.« - -»Ja, ein Freier,« neckte Peredonoff, »noch dazu mit einer Krawatte. -Wieviel Körbe hast du denn schon auf dem Buckel, Freier du!« - -»Bin ich der Freier, so bist du der Brautwerber,« sagte Wolodin -überlegen, »du selber machtest mir ja Hoffnungen, aber die Braut hast du -mir nicht verschafft; schöner Brautwerber das!« - -So neckten sie sich gegenseitig; jeder versuchte dem anderen -zuvorzukommen und gab sich den Anschein, als handle es sich um die -wichtigste Sache von der Welt. - - * * * * * - -Nadeschda Wassiljewna hatte die Gäste hinausbegleitet und kehrte ins -Gastzimmer zurück. Mischa wälzte sich auf dem Sofa und lachte. Die -Schwester packte ihn an den Schultern, zog ihn an sich und sagte: - -»Hast du ganz vergessen, daß es verboten ist zu horchen?« - -Sie hob die Hände, um die kleinen Finger aneinanderzulegen, dann lachte -sie laut auf, und die Finger fuhren wieder auseinander. Mischa stürzte -auf sie zu, sie umfaßten sich und lachten sehr lange. - -»Aber doch,« sagte sie, »fürs Horchen mußt du in den Winkel.« - -»Ach nein,« sagte Mischa, »du mußt mir noch danken, weil ich dich von -diesem Bewerber befreit habe.« - -»Und wer hat wen noch befreit? Hörtest du nicht, wie jemand sich -vornahm, dich mit dem Stöckchen zu schlagen! Marsch in den Winkel!« - -»Nein, dann will ich schon lieber hier stehen,« sagte Mischa. - -Er stellte sich vor der Schwester auf die Knie und legte seinen Kopf auf -ihren Schoß. Sie streichelte ihn und kitzelte ihn ein wenig. Mischa -lachte und rutschte auf den Knien hin und her. Plötzlich rückte die -Schwester weit fort und setzte sich aufs Sofa. Mischa blieb allein. -Einige Zeit blieb er ruhig auf den Knien stehen und sah seine Schwester -fragend an. Sie machte es sich bequem, nahm vom Bücherbrett ein Buch, -als wolle sie lesen, und schielte auf den Bruder. - -»Ich bin schon müde,« sagte er kläglich. - -»O, ich halte dich nicht, du hast dich von selber hingestellt,« -antwortete die Schwester und lächelte ihn an über den Rand des Buches. - -»Du hast mich doch bestraft, verzeih bitte,« sagte Mischa. - -»Habe ich dir denn gesagt, daß du auf den Knien stehn sollst?« sagte -Nadeschda Wassiljewna und machte so, als wäre es ihr ganz gleichgültig, -»was bettelst du denn in einem fort?« - -»Ich werde nicht aufstehn, bevor du nicht verziehen hast.« - -Nadeschda Wassiljewna lachte, legte das Buch zur Seite und zog Mischa an -den Schultern zu sich heran. Er schrie auf und warf sich ihr entgegen, -umarmte sie und rief: - -»Pawluschkas Braut!« - - - - - XVI - - -Ludmillas Gedanken waren immer bei dem schwarzäugigen Knaben. Sie redete -oft mit Verwandten und Bekannten über ihn, -- manchmal zur unrechten -Zeit. Fast in jeder Nacht träumte sie von ihm; sie sah ihn zuweilen wie -er wirklich im Leben war -- bescheiden und schüchtern, öfter jedoch in -einer märchenhaften, phantastischen Umgebung. Von diesen Träumen pflegte -sie zu erzählen, und bald kam es so weit, daß die Schwestern jeden -Morgen fragten, wie Sascha ihr in der vergangenen Nacht im Traume -erschienen wäre. - -Ihre Gedanken waren immer bei ihm. - -Am Sonntag bat Ludmilla ihre Schwestern, sie möchten die Kokowkina aus -der Kirche abholen und recht lange aufhalten. Sie wollte mit Sascha -allein sein, und ging darum nicht zur Kirche. »Sagt ihr, ich hätte mich -verschlafen,« trug sie den Schwestern auf. - -Diese lachten über den Streich, waren aber natürlich mit allem -einverstanden. Sie vertrugen sich überhaupt gut. Es konnte ihnen nur -gelegen kommen, wenn Ludmilla sich mit dem Jungen abgab, denn so blieben -die wirklichen Freier ihnen allein. - -Sie taten, wie sie versprochen hatten, -- und baten die Kokowkina nach -dem Gottesdienst zu sich. - -Unterdessen hatte sich Ludmilla ganz angekleidet. Sie trug ein hübsches, -fröhliches Kleidchen und hatte sich mit angenehmem, weichem Flieder -parfumiert. In die eine Tasche steckte sie ein noch nicht angebrochenes -Odeurfläschchen, in die andere einen kleinen Zerstäuber; dann stellte -sie sich hinter den Vorhang an ein Fenster im Salon, um von hier zu -beobachten, ob die Kokowkina auch wirklich käme. Schon früher hatte sie -beschlossen Odeur mitzunehmen, um den Gymnasiasten zu parfumieren; er -sollte nicht immer nach ekligem Latein und nach Tinte und nach der -Schule überhaupt riechen. Ludmilla liebte Parfums. Sie verschrieb sie -sich aus Petersburg und brauchte sie oft und gerne. Sie liebte duftende -Blumen. Ihr Zimmer strömte immer irgend einen Wohlgeruch aus; entweder -roch es nach Blumen, oder nach Odeurs, oder nach Fichtenzweigen und -frischem Birkengrün. - -Da kamen die Schwestern und die Kokowkina mit ihnen. - -Fröhlich lief Ludmilla zur Küche hinaus, durch den Gemüsegarten, durch -das Pförtchen und von dort weiter durch ein Nebengäßchen, -- um von der -Kokowkina nicht gesehen zu werden. Sie lächelte schelmisch, während sie -eilig zum Hause der Kokowkina ging und fuchtelte vergnügt mit ihrem -weißen Sonnenschirm. Sie war froh über das schöne, warme Herbstwetter, -und es schien, als verbreite sich ihre Fröhlichkeit überall wohin sie -kam. - -Das Dienstmädchen der Kokowkina öffnete ihr die Tür und meldete, die -gnädige Frau wäre nicht zu Hause. Ludmilla lachte laut und scherzte mit -dem rotbackigen Ding. - -»Vielleicht ist es gar nicht wahr,« sagte sie, »vielleicht versteckt -sich die gnädige Frau vor mir.« - -»Hi, hi, warum sollte sie sich verstecken!« grinste das Mädchen, »gehen -Sie doch ins Wohnzimmer und schauen Sie nach, wenn Sie mir nicht -glauben.« - -Ludmilla blickte in den Salon und rief schelmisch: - -»Gibt's hier überhaupt eine lebendige Seele? He, Gymnasiast!« - -Sascha kam aus seiner Stube und freute sich, als er Ludmilla sah; und -Ludmillas fröhliche Augen machten ihn noch vergnügter. - -»Wo ist denn Olga Wassiljewna?« fragte sie. - -»Sie ist nicht zu Hause,« sagte er, »sie ist noch nicht heimgekommen. -Wahrscheinlich ist sie nach der Kirche zu Besuch gegangen. Ich bin erst -vor kurzem zurück, -- aber sie ist noch nicht da.« - -Ludmilla tat so, als wäre sie sehr erstaunt. Sie fuchtelte mit ihrem -Sonnenschirm und sagte überrascht: - -»Wie kommt denn das? Alle sind doch schon zurück aus der Kirche. Sonst -sitzt sie immer zu Hause, und plötzlich ist sie nicht da. Wahrscheinlich -machen Sie so viel Lärm, mein Jüngling, daß sie es zu Hause nicht mehr -aushält.« - -Sascha schwieg und lächelte. Er freute sich über Ludmillas Stimme und -über ihr helles Lachen. Er überlegte, wie er es am geschicktesten -anstellen sollte, um sie nach Hause zu begleiten, oder sie zu -veranlassen, noch einige wenige Minuten zu bleiben. - -Aber Ludmilla dachte nicht daran fortzugehen. Sie blickte Sascha -schelmisch an und sagte: - -»Warum fordern Sie mich nicht auf, Platz zu nehmen, Sie liebenswürdiger -junger Mann Sie? Ich bin ganz müde geworden. Darf ich mich ein -Augenblickchen erholen?« - -Lachend ging sie in den Salon, und ihre lebhaften, zärtlichen Augen -schienen zu bitten. Sascha wurde verlegen und ganz rot vor Freude, -- -sie wollte bleiben! - -»Wollen Sie, ich werde Sie bespritzen,« fragte Ludmilla rasch, »wollen -Sie?« - -»Oho,« sagte Sascha, »sind Sie so! Sie wollen spritzen; warum so -grausam?« - -Ludmilla lachte laut auf und lehnte sich in den Sessel. - -»Bespritzen!« rief sie, »der dumme Junge! er hat mich falsch verstanden. -Ich will Sie doch nicht mit Wasser bespritzen, sondern mit Parfum.« - -Sascha sagte komisch: - -»O! mit Parfum! Ja warum denn?« - -Ludmilla nahm aus ihrer Tasche den Zerstäuber; sie ließ das dunkelrote, -goldverzierte Fläschchen vor Saschas Augen blitzen und sagte: - -»Sehen Sie, ich habe mir einen neuen Zerstäuber gekauft.« - -Dann nahm sie aus der anderen Tasche ein großes Flakon mit einer bunten -Etikette, Pariser Parfum Poa-Rosa von Herlaine. Sascha fragte: - -»Ihre Taschen sind aber tief!« - -Ludmilla antwortete fröhlich: - -»Na, mehr dürfen Sie nicht erwarten. Leckereien habe ich nicht -mitgebracht.« - -»Leckereien,« wiederholte Sascha neckend. - -Neugierig sah er zu, wie Ludmilla die Flasche öffnete, und fragte: - -»Wie gießt man das ohne Trichter herein?« - -Ludmilla sagte fröhlich: - -»Den Trichter müssen Sie mir geben.« - -»Ich habe doch keinen,« sagte er verlegen. - -»Ganz wie Sie wollen, aber den Trichter werden Sie mir doch geben,« -sagte Ludmilla eigensinnig. - -»Ich könnte einen aus der Küche holen, der riecht aber nach Petroleum,« -sagte Sascha. - -Ludmilla lachte herzlich. - -»Ach Sie unpraktischer Junge! Geben Sie mir einen Flick Papier, wenn -Ihnen das Papier nicht leid tut, -- dann haben wir einen Trichter.« - -»O in der Tat!« rief Sascha fröhlich, »man kann ja einen Trichter aus -Papier drehen. Ich will's gleich holen.« - -Sascha lief in seine Stube. - -»Darf es aus einem Heft sein,« rief er von dort. - -»Ganz egal,« antwortete Ludmilla fröhlich. »meinetwegen aus einem Buch, -z. B. aus der lateinischen Grammatik; mir würde es nicht leid tun.« - -Sascha lachte und rief: - -»Nein, nein -- lieber aus einem Heft.« - -Er fand ein noch unbenutztes Heft, riß die mittlere Seite aus und wollte -schnell wieder in den Salon laufen, -- aber Ludmilla stand schon auf der -Schwelle. - -»Darf man eintreten, Herr Gastgeber?« fragte sie schelmisch. - -»Aber bitte, ich bin sehr erfreut!« rief Sascha fröhlich. - -Ludmilla setzte sich an den Tisch, drehte einen Trichter aus dem Papier -und goß das Parfum mit besorgt geschäftiger Miene aus dem Flakon in den -Zerstäuber. Der Papiertrichter war an den Stellen, wo ihn die -Flüssigkeit berührt hatte, ganz dunkel geworden. Nur langsam floß die -Flüssigkeit durch den Trichter. Ein warmer, süßer Rosenduft gemischt mit -scharfem Spiritusgeruch verbreitete sich durch das Zimmer. - -Ludmilla hatte die Hälfte des Flakons in den Zerstäuber gegossen und -sagte: - -»So, es wird langen.« - -Dann schraubte sie den Zerstäuber zu, knüllte das feuchte Papier -zusammen und rieb es zwischen den Handflächen. - -»Riech doch,« sagte sie zu Sascha und hielt ihm die Handfläche vor die -Nase. - -Sascha bückte sich, schloß die Augen und roch. Ludmilla lachte, schlug -ihn leicht mit der Handfläche auf den Mund und ließ die Hand auf seinen -Lippen liegen. Sascha wurde rot und küßte ihre warme, duftende -Handfläche, sie zärtlich mit bebenden Lippen berührend. Ludmilla seufzte -auf; ihr liebliches Gesichtchen wurde für einen Augenblick -verlangend-hingebend, dann nahm es wieder den ihm gewohnten Ausdruck -glücklicher Freude an. - -»Jetzt paß aber auf, wie ich dich bespritzen werde,« sagte sie und -drückte den Gummiball. - -Ein duftender Staub flog auf, er verteilte und verbreitete sich in der -Luft und benetzte Saschas Kleider. Sascha lachte und drehte sich -gehorsam, wenn Ludmilla ihn stieß. - -»Riecht's gut,« fragte sie. - -»Sehr angenehm,« antwortete er fröhlich. »Wie nennt man dieses Parfum?« - -»So ein Junge! Nimm doch die Flasche und lies,« neckte sie ihn. - -Sascha las die Etikette und sagte: - -»Darum, ich dachte schon, weil es so stark nach Rosenöl roch.« - -»Oel!« sagte Ludmilla vorwurfsvoll und schlug ihn leicht auf die -Schulter. - -Sascha lachte und steckte seine Zungenspitze vor. - -Ludmilla war aufgestanden und wühlte in Saschas Büchern und Heften. - -»Darf man sehen?« fragte sie. - -»Aber gewiß,« sagte er. - -»Zeig doch, wo sind deine Nullen und Einer.«[9] - -Sascha antwortete gekränkt: - -»So was habe ich bisher überhaupt nicht gehabt.« - -»Na, das lügst du wohl,« sagte Ludmilla bestimmt, »das ist einmal euer -Schicksal Einer zu haben. Du hast sie versteckt, gesteh's!« - -Sascha lächelte und schwieg. - -»Latein und Griechisch ist wohl was sehr Langweiliges,« sagte Ludmilla. - -»Nicht sonderlich,« antwortete er; aber es war ihm anzumerken, daß ihn -schon allein das Gespräch über Schulangelegenheiten langweilte. - -»Es ist so langweilig zu ochsen,« gestand er, »macht nichts, ich habe -ein gutes Gedächtnis. Aber Rechenaufgaben zu lösen liebe ich.« - -»Komm morgen nach dem Mittag zu mir,« sagte Ludmilla. - -[Fußnote 9: Null ist die schlechteste Note, fünf die beste.] - -»Danke, ich werde kommen,« sagte Sascha errötend. - -Es war ihm sehr angenehm, von Ludmilla eingeladen worden zu sein. - -»Weißt du auch, wo ich wohne? Willst du kommen,« fragte Ludmilla. - -»Ich weiß. Schon recht, ich werde kommen,« sagte er fröhlich. - -»Aber komm bestimmt,« wiederholte Ludmilla streng, »ich werde dich -erwarten, hörst du?« - -»Aber wenn ich zu viele Schulaufgaben haben sollte?« sagte Sascha, mehr -aus Gewissenhaftigkeit, als daß er tatsächlich um der Aufgaben willen -nicht gekommen wäre. - -»Ach, Dummheiten, komm nur,« drängte Ludmilla, »man wird dir nicht das -Fell über die Ohren ziehen.« - -»Aber warum soll ich kommen?« fragte Sascha lächelnd. - -»Einfach darum. Du kommst. Ich habe dir einiges zu erzählen und zu -zeigen,« sagte Ludmilla, hüpfte und sang dazu, zupfte an ihrem Röckchen -und spreizte ihre rosigen Fingerchen, »komm du mein Lieber, mein -Goldner, mein Süßer.« - -Sascha lachte. - -»Erzählen Sie schon heute,« bat er. - -»Heute geht es nicht. Wie könnte ich heute erzählen? Dann wirst du -morgen nicht kommen und sagen, du hättest keinen Grund gehabt, um zu -kommen.« - -»Also gut, ich werde bestimmt kommen, wenn man mir erlaubt.« - -»Das fehlte noch! Natürlich wird man erlauben! Man hält dich doch nicht -an der Kette.« - -Als Ludmilla sich verabschiedete, küßte sie Sascha auf die Stirn und hob -ihre Hand an seine Lippen, so daß er sie küssen mußte. Und es war ihm -angenehm, die weiße, feine Hand noch einmal küssen zu dürfen, -- und -doch schämte er sich. Wie sollte man da nicht rot werden. - -Als Ludmilla fortging, lächelte sie zärtlich und schelmisch. Sie kehrte -sich einigemal um. - -Wie lieb sie ist! dachte er. - -Sascha war allein. - -Sie ist so schnell gegangen! dachte er. Plötzlich hatte sie sich -aufgemacht, und, kaum gedacht, ist sie schon fort. Wäre sie noch ein -Augenblickchen geblieben! -- dachte er und schämte sich, daß er es -vergessen hatte, sie zu begleiten. - -Könnte ich noch ein wenig mit ihr gehen, dachte er. Soll ich sie -einholen? Vielleicht ist sie schon weit fort? Wenn ich schnell laufe, -hole ich sie noch ein. - -Vielleicht wird sie mich auslachen? dachte er. Oder vielleicht werde ich -sie stören. - -So konnte er sich nicht entschließen, ihr nachzulaufen. Ihm war es -traurig zumute. Auf seinen Lippen lag noch die zärtliche Berührung ihrer -Hand und auf seiner Stirn brannte ihr Kuß. - -Sie küßt so süß, kam es ihm in den Sinn, wie ein liebes Schwesterchen! - -Seine Wangen brannten. Er schämte sich und doch war ihm so leicht. -Unklare Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf. - -Wäre sie doch meine Schwester, träumte er, könnte ich zu ihr hin, sie -umarmen, ihr ein liebes Wort sagen, sie rufen: Millachen, liebste! oder -sie sonst mit einem besonderen Namen rufen, -- z. B. Buba oder -Heuschrecke. Und sie würde darauf antworten. O -- wäre das schön! - -Aber sie ist mir nur eine Fremde, dachte er traurig, sie ist sehr lieb, -aber doch fremd. Sie kam und ging, und denkt gewiß nicht mehr an mich. -Nur ein süßer Duft von Flieder und Rosen erinnert an sie und die -Berührung der Lippen von zwei zärtlichen Küssen; -- das Herz zittert, -wenn ich daran denke, und schenkt mir einen schönen Traum, schön wie -Aphrodite den Wellen entstieg. - - * * * * * - -Bald darauf kam die Kokowkina heim. - -»Wonach riecht es so stark?« sagte sie. - -Sascha wurde rot. - -»Millachen war hier,« sagte er. »Sie waren aber nicht zu Hause; da blieb -sie ein wenig, parfumierte mich und ging wieder fort.« - -»Was für Zärtlichkeiten!« sagte die Alte verwundert, »>Millachen< zu -sagen!« - -Sascha lachte verlegen und lief davon. Die Kokowkina aber dachte bei -sich, die Rutiloffschen Mädchen wären ganz besonders liebenswürdige -junge Damen, alt und jung verständen sie zu bezaubern. - - * * * * * - -Gleich am Morgen des nächsten Tages freute sich Sascha beim Gedanken -daran, ausgehen zu dürfen. Ungeduldig wartete er auf das Mittagessen. -Nach dem Essen bat er ganz rot vor Verlegenheit, bis sieben Uhr zu -Rutiloffs gehen zu dürfen. Die Kokowkina war erstaunt, ließ ihn aber -gehen. - -Sascha lief fröhlich davon. Er hatte sich sorgfältig gekämmt und sogar -Pomade in die Haare getan. Er freute sich sehr und war ein wenig -aufgeregt, als hätte er etwas Bedeutungsvolles, doch Schönes vor. -Besonders angenehm war ihm der Gedanke daß er gleich bei der Begrüßung -Ludmillas Hand küssen würde und sie ihn auf die Stirn; und dann, wenn er -wieder nach Hause müßte, würden sie sich wieder küssen. Es ließ sich so -wunderbar von Ludmillas feinen, schlanken Händen träumen. - -Alle drei Schwestern begrüßten Sascha schon im Vorhause. Sie pflegten -gerne am Fenster zu sitzen und auf die Straße zu sehen. So kam es, -daß sie ihn schon von weitem kommen sahen. In stürmischer -Fröhlichkeit umringten ihn die drei lustigen, eleganten, laut -durcheinandersprechenden Damen, -- und er fühlte sich gleich wohl in -ihrer Mitte. - -»Da ist er ja -- der geheimnisvolle, junge Mann!« rief Ludmilla -fröhlich. - -Sascha küßte ihr die Hand; er tat es sehr gewandt und mit sichtlichem -Vergnügen. Gleich in eins küßte er auch den beiden andern Schwestern die -Hand, -- er konnte sie doch nicht übergehen, -- und fand, daß auch -dieses nicht unangenehm wäre, um so mehr, als ihn alle drei auf die -Wange küßten; -- Darja tat es laut und gleichmütig, als hätte sie ein -Brett vor sich; Valerie küßte zart, -- sie hatte die Augen gesenkt -- es -waren schlaue Aeuglein, -- kicherte verschämt und berührte kaum mit -ihren durstigen, fröhlichen Lippen die Wange, -- ihr Kuß schwebte nieder -wie eine zarte, duftige Apfelblüte; -- Ludmilla küßte ihn glücklich, -fröhlich und fest auf die Wange. - -»Das ist _mein_ Gast,« erklärte sie mit Bestimmtheit und führte Sascha -in ihr Zimmer. - -Darja ärgerte sich darüber. - -»Ist es dein Gast, so küß ihn auch allein,« rief sie böse. »Hast da -einen schönen Schatz gefunden! Keiner macht ihn dir streitig.« - -Valerie sagte nichts, sie lächelte nur, -- was konnte es für ein -Vergnügen sein sich mit einem dummen Jungen zu unterhalten! Er konnte ja -nichts begreifen? - -Ludmillas Zimmer war geräumig, hell und freundlich. Vor den zwei großen -Fenstern, die auf den Garten hinausgingen, waren nur leichte, gelbe -Tüllvorhänge. Im Zimmer duftete es süß. Alle Gegenstände waren elegant -und hell. Die Stühle und Sessel waren von einem goldgelben, von einem -weißen Muster kaum sichtbar durchwirkten Stoffe bezogen. Ueberall -standen Flakons mit Odeur oder wohlriechendem Wasser, kleine -Kristallschälchen und Körbchen, Fächer und einige russische und -französische Bücher. - -»Heute Nacht habe ich von dir geträumt,« erzählte Ludmilla lachend, »ich -sah dich im Fluß bei der Stadtbrücke schwimmen; ich selber saß auf der -Brücke und angelte dich.« - -»Und sperrten mich dann in ein Glas?« neckte Sascha. - -»Warum in ein Glas?« - -»Wohin denn sonst?« - -»Wohin? Ich zauste dich gründlich an den Ohren und warf dich wieder -zurück in den Fluß.« - -Und Ludmilla lachte hell auf. - -»_So_ sind Sie also!« sagte Sascha. »Und was wollten Sie mir heute -erzählen?« - -Ludmilla lachte nur und sagte nichts. - -»Sie haben mich also betrogen,« erriet er, »und außerdem versprachen -Sie, mir etwas zu zeigen,« sagte er vorwurfsvoll. - -»Ich werde dir zeigen! Willst du was essen?« fragte sie. - -»Ich komme eben vom Mittag,« sagte er. »So betrügen Sie einen!« - -»Ich hab' es gerade nötig, dich zu betrügen. Aber du riechst ja nach -Pomade?« fragte sie plötzlich. - -Sascha wurde rot. - -»Ich kann Pomade nicht leiden!« sagte Ludmilla geärgert. »So was -Weibisches!« - -Sie strich mit der Hand über sein Haar und gab ihm dann mit der fettigen -Handfläche einen kleinen Klaps auf die Backe. - -»Das darfst du nie wieder tun!« sagte sie. - -Sascha wurde verlegen. - -»Gut, ich will's nicht wieder tun,« sagte er, »Sie sind furchtbar streng -und parfumieren sich doch selber!« - -»Zwischen Parfum und Pomade ist eben ein großer Unterschied, dummer -Junge! Es ist doch gar nicht zu vergleichen,« sagte Ludmilla belehrend, -»ich habe nie Pomade gebraucht. Warum soll ich mir die Haare verkleben! -Parfum ist doch ganz was anderes. Komm, ich werde dich parfumieren. -Willst du? Mit etwas Flieder, -- willst du?« - -»Ich will,« sagte Sascha und lächelte. - -Es war ihm angenehm zu denken, wie die Kokowkina staunen würde, wenn er -wieder parfumiert nach Hause kommen würde. - -»Wer will?« fragte Ludmilla noch einmal, nahm den Flakon mit Flieder in -die Hand und blickte Sascha halb fragend und schelmisch an. - -»Ich will,« wiederholte Sascha. - -»Will? Will, well -- bell? Du bellst also?« neckte Ludmilla. - -Beide lachten fröhlich. - -»Fürchtest du dich noch vor dem Spritzen?« fragte Ludmilla, »weißt du -noch, wie du gestern Angst hattest?« - -»Ich hatte gewiß keine Angst,« verteidigte sich Sascha eifrig. - -Ludmilla lachte und neckte den Jungen. Dann parfumierte sie ihn mit -Flieder. Sascha bedankte sich und küßte ihr die Hand. - -»Außerdem laß dir die Haare schneiden!« sagte Ludmilla streng, »was soll -diese Lockenperücke! Willst du die Pferde auf der Straße scheu machen?« - -»Schon gut; ich will sie mir schneiden lassen,« erklärte Sascha, »aber -warum sind Sie so entsetzlich streng? Ich habe ja noch ganz kurze Haare, -kaum einen halben Zoll lang, und sogar der Inspektor hat mir noch nichts -darüber gesagt.« - -»Ich liebe es, wenn junge Leute ihre Haare kurz tragen; merk dir das,« -sagte Ludmilla wichtig und drohte mit dem Finger; »ich bin nicht dein -Inspektor, und mir muß gehorcht werden.« - - * * * * * - -Von diesem Tage an kam Ludmilla oft zur Kokowkina, um Sascha zu sehen. -Besonders in der ersten Zeit bemühte sie sich, nur dann zu kommen, wenn -die Kokowkina nicht zu Hause war. Manchmal wußte sie es besonders schlau -einzurichten -- und lockte die alte Frau von Hause fort. - -Einmal sagte ihr Darja: - -»Wie bist du doch feige! Bist bange vor einer alten Frau. Geh doch hin, -wenn sie zu Hause ist und nimm ihn mit zu einem Spaziergang.« - -Ludmilla merkte sich den Rat, -- und ging nun hin, wann es ihr paßte. -War die Kokowkina zu Hause, so plauderte sie ein wenig mit ihr und ging -dann mit Sascha spazieren, -- in solchen Fällen pflegte sie ihn jedoch -nur für kurze Zeit in Anspruch zu nehmen. - -Ludmilla und Sascha wurden bald gute Freunde, -- allein ihre -Freundschaft war unruhiger, wenn auch zärtlicher Natur. Ohne sich dessen -bewußt zu werden, weckte Ludmilla in Sascha frühreifes und unklares -Verlangen und Begehren. - -Es kam oft vor, daß Sascha Ludmillas Hände küßte, -- ihre schmalen, -schönen Hände, die von einer zarten, elastischen Haut umspannt waren, -durch deren blaßrosa Gewirke weitverzweigte blaue Aederchen schimmerten. -Und dann höher hinauf. Es war so leicht ihren graziösen, schlanken Arm -zu küssen, man brauchte ja nur die breiten Aermel bis zum Ellenbogen -hinaufzustreifen. - -Mitunter erzählte Sascha der Kokowkina nicht, wenn Ludmilla dagewesen -war. Er log zwar nicht, -- aber er verschwieg es. Und wie hätte er auch -lügen sollen, -- das Dienstmädchen hätte plaudern können. Es wurde ihm -nicht leicht, von Ludmillas Besuchen zu schweigen: ihr helles Lachen -klang immer in seinen Ohren. Er wollte von ihr sprechen. Und doch, -- es -war so unbequem. - -Auch mit den andern Schwestern wurde Sascha bald gut Freund. Er küßte -ihnen allen die Hand und rief sie sogar bei ihren Kosenamen: Daschenka, -Millachen, Vallichen. - - - - - XVII - - -Ludmilla traf Sascha eines Nachmittags auf der Straße. Sie sagte: - -»Morgen hat die älteste Tochter des Direktors Geburtstag, -- wird deine -Pflegemutter hingehen?« - -»Ich weiß nicht,« sagte Sascha. - -Und schon regte sich die freudige Hoffnung in seinem Herzen, vielleicht -war es weniger Hoffnung als Wunsch, daß die Kokowkina ausgehen und -Ludmilla gerade dann kommen würde, um mit ihm allein zu sein ... - -Am Abend erinnerte er die Kokowkina an den Geburtstag. - -»Fast hätte ich es vergessen,« sagte die Kokowkina. »Ich werde hingehen. -Es ist ein sehr liebes Mädchen.« - -Und gerade, wie Sascha aus der Schule heimkam, machte sich die Kokowkina -auf den Weg. Er freute sich beim Gedanken, daß er diesmal mit geholfen -hatte, die Kokowkina zu entfernen. Und er war fest davon überzeugt, daß -Ludmilla Zeit finden würde zu kommen. - -So war es auch; -- Ludmilla kam. Sie küßte ihn auf die Wange und reichte -ihm ihre Hand zum Kusse. Sie lachte fröhlich, und er wurde rot. -Ludmillas Kleider dufteten heute nach Rosa-Iris, ein schwerer, süßer -Blumenduft: die sinnbetörende, lüsterne Iris -- gelöst in zart duftenden -Rosen. - -Ludmilla hatte eine schmale in Seidenpapier gewickelte Schachtel -mitgebracht. Durch das Papier schimmerte eine gelbe Reklamezeichnung. -Sie setzte sich, legte die Schachtel auf ihre Knie und blickte Sascha -schelmisch an. - -»Magst du Datteln?« fragte sie. - -»Furchtbar,« sagte Sascha und machte eine komische Grimasse. - -»So, dann werde ich dich bewirten,« sagte sie wichtig. - -Sie öffnete die Schachtel. - -»Iß!« befahl sie. - -Sie selber nahm eine Frucht nach der anderen aus der Schachtel und -steckte sie Sascha in den Mund; und jedesmal mußte er ihr die Hand -küssen. Sascha sagte: - -»Aber meine Lippen sind ganz klebrig.« - -»Das tut nichts, küß nur immer zu,« antwortete Ludmilla fröhlich, »es -kränkt mich nicht.« - -»Dann küß ich doch lieber mit einem Mal,« sagte Sascha und lachte. - -Schon streckte er seine Hand nach den Früchten. - -»Du wirst mich betrügen,« rief Ludmilla, klappte rasch die Schachtel zu -und gab ihm einen Klaps auf die Finger. - -»Ach nein, ich bin ganz ehrlich, ich werde gewiß nicht betrügen,« -beteuerte Sascha. - -»Ich glaub' es nicht, ich glaub' es nicht,« wiederholte Ludmilla. - -»Dann darf ich im voraus küssen,« schlug er vor. - -»Das geht eher,« sagte Ludmilla fröhlich, »küß nur.« - -Sie reichte Sascha ihre Hand. Er ergriff ihre schlanken Finger, küßte -sie einmal und fragte, ohne die Hand loszulassen, schlau lächelnd: - -»Werden Sie mich auch nicht betrügen, Millachen?« - -»Bin ich denn eine unehrliche Person,« sagte Ludmilla fröhlich, »ich -werde dich nicht betrügen, küß nur zu! -- unbedenklich.« - -Sascha beugte sich über ihre Hand und küßte sie eifrig; gleichmäßig -bedeckte er ihre ganze Handfläche mit Küssen, wobei er seine Lippen weit -offen hielt, und es war ihm angenehm, sich einmal sattküssen zu dürfen. -Aufmerksam zählte Ludmilla die Küsse. Beim zehnten sagte sie: - -»Es ist gewiß unbequem im Stehen zu küssen; du muß dich bücken.« - -»Dann will ich es mir bequemer machen,« sagte er. - -Er kniete nieder und fuhr ebenso eifrig in seiner Beschäftigung fort. - -Sascha liebte zu naschen. Es hatte ihm sehr gefallen, daß Ludmilla ihm -was mitgebracht hatte. Dafür liebte er sie noch inniger. - -Ludmilla hatte Sascha mit sinnerregendem, süßem Odeur parfumiert. Dieser -Duft setzte ihn in Erstaunen. Er war so eigen, aufregend, dunkel und -doch hell, wie ein goldiges, frühes, sündiges Morgenrot hinter einer -fahlen Dämmerung. Sascha sagte: - -»Der Duft ist so merkwürdig!« - -»Gieß dir mal auf die Hand davon,« riet Ludmilla. - -Sie reichte ihm ein häßliches, vierkantiges, grobgeschliffenes -Fläschchen. Sascha sah sich die Farbe an, -- es war eine grell-gelbe, -lebhafte Flüssigkeit. Eine grobe, häßliche Etikette mit französischer -Aufschrift, aus der Fabrik von Puiver. Sascha nahm den flachen -Glasstöpsel, zog ihn heraus und roch. Dann tat er so wie er es bei -Ludmilla gesehen hatte, -- er legte die Handfläche fest auf die Oeffnung -des Fläschchens, kehrte es geschwind um und stellte es dann wieder mit -dem Boden nach unten beiseite; dann verrieb er die wenigen Tropfen der -Flüssigkeit auf der Handfläche und roch daran, -- der Spiritus war bald -verflogen, nur der reine Duft war geblieben. Ludmilla blickte auf ihn in -gespannter, erregter Erwartung. Sascha sagte unsicher: - -»Es riecht ein wenig nach verzuckerten Wanzen!« - -»Lüg doch nicht, ich bitte,« sagte Ludmilla ärgerlich. - -Auch sie schüttete sich einige Tropfen auf die Hand und roch daran. -Sascha wiederholte: - -»Wirklich, es riecht nach Wanzen.« - -Ludmilla brauste zornig auf; ihr traten die Tränen in die Augen, -- gab -Sascha einen Schlag ins Gesicht und rief: - -»Du unverschämter Bengel! Da, nimm das für die Wanzen.« - -»Gut getroffen!« sagte Sascha, lachte und küßte ihre Hand. »Was hat Sie -so gekränkt, liebstes Millachen? Wonach riecht es denn, Ihrer Meinung -nach.« - -Ueber den Schlag ärgerte er sich nicht, -- er war ganz bezaubert von -ihrem Wesen. - -»Wonach?« fragte Ludmilla und faßte ihn am Ohrläppchen, »das will ich -dir gleich sagen wonach, erst will ich dich gründlich am Ohr zausen.« - -»O weh, o weh, Millachen, Liebste, ich werde nie mehr!« flehte Sascha -und krümmte sich vor Schmerz. - -Ludmilla ließ das stark gerötete Ohr los, zog den Jungen zärtlich heran, -nahm ihn auf den Schoß und sagte: - -»Merk auf, -- im Zyklamen lebt ein dreifacher Hauch, -- das arme -Blümlein duftet nach süßer Ambrosia, -- das ist für die fleißigen -Bienen. Du weißt doch, man nennt's auch Schweinsbrod.« - -»Schweinsbrod,« wiederholte Sascha und lachte, »wie komisch!« - -»Lach nicht, Wildfang,« sagte Ludmilla, packte ihn am andern Ohr und -fuhr fort: »Süße Ambrosia, über ihr summen die Bienen; -- das ist des -Blümleins Freude. Dann riecht es ganz zart nach Vanille; das ist aber -nicht für die Bienen, sondern es ist für solche Dinge, die wir -erträumen. Dies ist sein Wunsch: eine Blume und das Gold der Sonne über -ihr. Und der dritte Hauch ist dieser: es ist der zärtliche, süße Duft -des Körpers. Er ist für jene da, welche lieben, und dieses ist seine -Liebe: das arme Blümlein in der glühenden Hitze des Mittags. Biene, -Sonne und Glut, -- verstehst du mich, Liebster?« - -Sascha nickte schweigend. Sein ganzes Gesicht flammte, und die langen, -dunkeln Wimpern zitterten. Ludmilla blickte träumend in die Ferne, ihre -Wangen waren leicht gerötet. Sie fuhr fort: - -»Das zarte und sonnige Zyklamen erfreut uns; es erregt in uns ein -Verlangen, welches süß ist und davor wir erschrecken; es macht unser -Blut flammend. Begreif es wohl, mein Sonnenprinz, es ist so tief, und -süß, und weh; es ist, daß man weinen möchte. Begreifst du das? So ist -dieses Blümlein.« - -Und ihre Lippen neigten sich zu einem langen Kuß auf Saschas Mund. - - * * * * * - -Ludmilla blickte nachdenklich vor sich hin. Plötzlich zuckte ein -schelmisches Lächeln um ihre Lippen. Ganz leise stieß sie Sascha fort -und fragte: - -»Liebst du rote Rosen?« - -Sascha seufzte tief, öffnete die Augen, lächelte und flüsterte: - -»Ja, ich liebe sie.« - -»Die großen, roten?« fragte Ludmilla. - -»Alle liebe ich, die großen und kleinen,« sagte er keck und sprang mit -einer geschickten knabenhaften Bewegung von ihrem Schoß. - -»Wirklich auch die roten?« fragte Ludmilla zärtlich, und ihre helle -Stimme zitterte vor verhaltenem Lachen. - -»Ja, ich liebe sie,« sagte er rasch. - -Ludmilla lachte und wurde rot. - -»Du liebst also die roten; du liebst Ruten, -- o du dummer Junge; schade -nur, daß niemand da ist, der dich verprügeln könnte,« rief sie. - -Beide lachten und wurden rot. - -Diese notwendigerweise noch harmlosen Gefühlswallungen waren Ludmillas -ganze Freude in ihrer Freundschaft zu Sascha. Sie erregten, -- und waren -doch so ganz anders als die groben und widerlichen Annäherungsversuche -der Männer ... - - * * * * * - -Sie stritten, wer von ihnen der Stärkere wäre. Ludmilla sagte: - -»Meinetwegen bist du der Stärkere. Es kommt aber nur darauf an, wer -gewandter ist.« - -»Ich bin auch gewandt,« renommierte Sascha. - -»Ach geh, du und gewandt!« neckte Ludmilla. - -Lange stritten sie noch. Endlich schlug Ludmilla vor: - -»Wollen wir ringen!« - -Sascha lachte und sagte selbstgefällig: - -»Sie können nicht mit mir fertig werden!« - -Ludmilla kitzelte ihn. - -»Sind Sie so!« rief er lachend, machte sich mit einem Ruck frei und -faßte sie um die Hüften. - -So kam es zu einer Balgerei. Ludmilla merkte sofort, daß Sascha stärker -war. Mit Kraft allein konnte sie nicht gegen ihn aufkommen, daher -wartete sie auf einen günstigen Augenblick und stellte ihm ein Bein, -- -er stürzte und zog Ludmilla im Fallen nach sich. Doch Ludmilla wußte -sich geschickt zu befreien und drückte ihn zu Boden. Sascha rief -verzweifelt: - -»Das ist unehrlich!« - -Aber Ludmilla kniete auf seiner Brust und drückte ihn mit den Händen zu -Boden. Sascha suchte mit Gewalt freizukommen, doch Ludmilla kitzelte ihn -wieder. Beide lachten unbändig. Vor lauter Lachen mußte sie ihn -schließlich loslassen und blieb auf dem Boden liegen. Sascha sprang auf. -Er war ganz rot geworden und sehr enttäuscht. - -»Nixe!« rief er. - -Und die Nixe lag auf dem Boden und lachte aus vollem Halse. - - * * * * * - -Ludmilla nahm Sascha zu sich auf den Schoß. Das Ringen hatte sie -erschöpft, jetzt blickten sie einander fröhlich in die Augen und -lächelten. - -»Ich bin zu schwer für Sie,« sagte Sascha, »ich werde Ihre Knie -plattdrücken, lassen Sie mich lieber neben Ihnen sitzen.« - -»Das macht nichts, bleib nur,« antwortete Ludmilla sanft, »du hast doch -selber gesagt, daß du es liebtest zärtlich zu sein.« - -Sie streichelte seine Stirn. Er schmiegte sich dicht an sie. Sie sagte: - -»Du bist sehr hübsch.« - -Sascha wurde rot und lachte. - -»Was nicht gar!« sagte er. - -Dieses Gespräch über die Schönheit in Anwendung auf ihn selber verwirrte -ihn; er hatte noch nie darüber nachgedacht, ob die Menschen ihn für -hübsch oder für häßlich hielten. - -Ludmilla kniff ihn in die Wange. Sascha lächelte. Auf der Wange war ein -roter Fleck geblieben. Das sah hübsch aus. Ludmilla kniff auch die -andere Backe. Sascha wehrte sich nicht. Er nahm nur ihre Hand, küßte sie -und sagte: - -»Kneifen Sie nicht mehr, es schmerzt doch, und auch Ihre Fingerchen -werden hart werden.« - -»Ach, es schmerzt ja gar nicht,« sagte Ludmilla gedehnt, »seit wann -schneidest du denn Komplimente?« - -»Ich habe keine Zeit mehr, ich muß noch lernen. Seien Sie noch ein wenig -lieb zu mir. Das wird mir Glück bringen, und ich werde im Griechischen -die Note Fünf erhalten.« - -»Du willst mich wohl forthaben!« sagte Ludmilla. - -Sie nahm seine Hand und streifte den Aermel seiner Jacke über den -Ellenbogen hinauf. - -»Wollen Sie mich schlagen?« fragte Sascha verlegen und errötete -schuldbewußt. - -Aber Ludmilla war ganz in Betrachtung des Armes versunken; sie drehte -ihn hin und her. - -»Du hast sehr schöne Arme,« sagte sie laut und fröhlich und küßte den -Arm. - -Sascha wurde ganz rot. Er wollte den Arm fortreißen, aber Ludmilla hielt -ihn sehr fest und küßte ihn noch einigemale. Sascha wurde ganz still, -und ein merkwürdiger Ausdruck legte sich um seine halblächelnden, -purpurnen Lippen, -- und eine Blässe flog über seine von dichten Wimpern -beschatteten, glühenden Wangen. - -Sie verabschiedete sich. Sascha hatte Ludmilla bis zum Gartenpförtchen -begleitet. Er wäre auch weiter gegangen, aber sie erlaubte es nicht. Er -blieb am Pförtchen stehen und sagte: - -»Liebste, komm öfter zu mir, und bring mir was recht Schönes, Süßes -mit.« - -Dieses erste »Du« aus seinem Munde klang Ludmilla wie ein zartes -Liebesgeständnis. Sie umarmte ihn stürmisch, sie küßte ihn und lief -davon. Sascha blieb wie betäubt stehen. - - * * * * * - -Sascha hatte versprochen zu kommen. Die verabredete Stunde war schon -längst vorüber, -- er kam nicht. Ludmilla wartete ungeduldig, -sehnsüchtig -- bange. Immer wieder lief sie ans Fenster, wenn sie -draußen Schritte hörte. Die Schwestern lachten sie aus. Sie antwortete -gereizt und erregt: - -»Laßt mich in Frieden!« - -Und dann machte sie ihnen die heftigsten Vorwürfe, weil sie lachten. -Jetzt war es klar, -- Sascha würde nicht kommen. Sie weinte vor Kummer -und Enttäuschung. - -»O weh, o weh, o der Kummer!« neckte sie Darja. - -Ludmilla flüsterte schluchzend, -- und vergaß vor lauter Gram sich -darüber zu ärgern, daß man sie neckte: - -»Die alte, eklige Schachtel hält ihn fest; sie bindet ihn an ihre Röcke, -damit er fleißig lernt.« - -Darja sagte mitfühlend: - -»Und er ist auch dumm genug und weiß sich nicht freizumachen.« - -»Mit einem Baby sich einzulassen,« murmelte Valerie verächtlich. - -Beide Schwestern verhielten sich teilnehmend zu Ludmillas Kummer, -obgleich sie sie neckten. Sie liebten alle einander, wenn auch nicht -herzlich, so doch zärtlich: eine oberflächliche, teilnehmende Liebe! -Darja sagte: - -»Laß doch das Weinen; wegen eines grünen Jungen verdirbt man sich nicht -die Augen. Es ist doch wirklich beinah, als steckte der Satan hinter dem -Bengel.« - -»Wer ist der Satan?« rief Ludmilla heftig und wurde dunkelrot vor Zorn. - -»Liebes Kind,« antwortete Darja gelassen, »was hilft's, daß du jung -bist, nur ...« - -Darja ließ den Satz unbeendet und pfiff schrill durch die Zähne. - -»Unsinn!« sagte Ludmilla und ihre Stimme hatte einen merkwürdig -metallenen Klang. - -Ein eigentümlich hartes Lächeln huschte trotz der Tränen über ihr -Gesicht; ein Lächeln ähnlich einem grell auffahrenden Strahl der -untergehenden Sonne durch letzte, müde Regenschauer. - -Darja fragte empfindlich: - -»Sag mir bitte, was ist an ihm interessant?« - -Ludmilla antwortete nachdenklich und gemessen, -- und dasselbe -wunderliche Lächeln spielte um ihr Gesicht: - -»Er ist schön! Und dann schlummert vieles in ihm, was noch nicht -verausgabt ist!« - -»Gott, wie billig!« sagte Darja spöttisch. »Das dürfte bei allen Jungen -zutreffen.« - -»Es ist nicht billig,« antwortete Ludmilla gereizt, »es gibt auch -gemeine Jungen.« - -»Ist er vielleicht rein?« fragte Valerie; das Wort »rein« sagte sie -nachlässig und verächtlich. - -»Du verstehst viel davon!« rief Ludmilla heftig, aber sie faßte sich -gleich und sagte leise und verträumt: - -»Er ist unschuldig!« - -»Was nicht gar!« sagte Darja höhnisch. - -»Er ist im schönsten Alter,« sagte Ludmilla, »zwischen vierzehn und -fünfzehn. Noch kann er gar nichts und versteht auch nichts, aber er ahnt -alles, wirklich alles. Außerdem hat er keinen scheußlichen Bart.« - -»Auch ein Vergnügen!« sagte Valerie verächtlich die Achseln zuckend. - -Sie wurde traurig. Sie kam sich selber schwach, klein und zerbrechlich -vor, und beneidete die Schwestern, -- Darja wegen ihres fröhlichen -Lachens, und Ludmilla wegen ihres Kummers. Ludmilla sagte: - -»Ihr wollt nicht begreifen! Ich liebe ihn nicht so, wie ihr es glaubt. -Es ist besser einen Knaben zu lieben als sich in eine gemeine, bärtige -Fratze zu vergaffen. Ich liebe ihn unschuldig. Ich will nichts von ihm.« - -»Wenn du nichts von ihm willst, so laß ihn doch in Gottes Namen laufen!« -antwortete Darja grob. - -Ludmilla wurde rot und etwas wie Schuldbewußtsein grub schwere Falten in -ihre Stirn. Darja taten ihre Worte leid. Sie trat auf Ludmilla zu, -umarmte sie und sagte: - -»Sei nicht böse! wir wollten dich nicht kränken.« - -Ludmilla brach in Tränen aus, schmiegte sich an Darjas Schulter und -sagte traurig: - -»Ich weiß, daß ich nichts zu erhoffen habe. Er soll nur lieb zu mir -sein, ganz klein wenig lieb.« - -»Wozu der Kummer!« sagte Darja hart, ging in die Mitte des Zimmers, -stemmte die Arme in die Seiten und sang laut: - - »Diese Nacht, diese Nacht - Kam mein Liebster - Ins Kämmerlein ...« - -Valerie schüttelte sich vor Lachen. Und auch Ludmillas Augen blickten -fröhlicher und schelmisch. Sie lief schnell in ihr Zimmer, und -parfümierte sich mit einem lüsternen, betäubenden Parfüm, dessen Duft -sie sinnlich erregte. - -Sie ging auf die Straße, ein wenig erregt, elegant und etwas -aufdringlich in ihrer leichten, duftigen Toilette. Vielleicht treffe ich -ihn, dachte sie. Und sie traf ihn. - -»Halloh!« rief sie vorwurfsvoll und freudig. - -Sascha wurde verlegen. - -»Ich hatte wirklich keine Zeit,« sagte er bedrückt, »immer diese -Aufgaben, immer dies Lernen; wirklich, ich habe keine Zeit.« - -»Du lügst, mein Junge, -- komm gleich mit!« - -Er weigerte sich lachend, aber es war ihm anzusehen, daß er froh war, -mitkommen zu dürfen. So brachte ihn Ludmilla glücklich nach Hause. - -»Da ist er!« rief sie triumphierend und führte Sascha in ihr Zimmer. - -»Warte nur, jetzt will ich mit dir abrechnen,« drohte sie und -verriegelte die Tür, »niemand wird dich jetzt in Schutz nehmen.« - -Sascha hatte die Hände auf den Rücken gelegt und stand verlegen in der -Mitte des Zimmers, ihm war sehr eigentümlich zumute. Es roch nach einem -ihm unbekannten, schweren Parfum. Alles schien so feierlich und süß, und -doch war etwas in diesem Geruch, das ihm zuwider war, das die Nerven -erregte, wie etwa die Berührung von kleinen, flinken, glatten Schlangen. - - - - - XVIII - - -Peredonoff hatte eine Schülerwohnung besichtigt und kehrte jetzt heim. -Ein plötzlicher Regenschauer überraschte ihn. Er überlegte, wohin er am -besten gehen könne, um seinen neuen, seidenen Regenschirm der Nässe -nicht auszusetzen. Jenseits der Straße erblickte er an einem kleinen, -zweistöckigen Hause ein Schild mit der Aufschrift: Kontor. Notar -Gudajewskji. Der Sohn des Notars war in der zweiten Klasse des -Gymnasiums. Da beschloß Peredonoff hinzugehen und gleichzeitig den -Schüler bei seinen Eltern zu verklagen. - -Beide, Vater und Mutter waren zu Hause. Man empfing ihn sehr aufgeregt -und geschäftig. Aber alles in diesem Hause wurde so betrieben. - -Nikolai Michailowitsch Gudajewskji war nicht groß von Wuchs, kräftig -gebaut, schwarzhaarig, mit einer Glatze auf dem Kopf, und trug einen -langen, schwarzen Bart. Seine Bewegungen waren stets lebhaft und -überraschend: er ging nicht, man konnte fast sagen: er kam wie ein -Sperling angeschwirrt, und weder aus seinem Gesichtsausdruck noch aus -seiner jeweiligen Stellung ließ sich entnehmen, was er im allernächsten -Augenblick tun würde. So kam es z. B. vor, daß er mitten in einem -Geschäftsgespräch ein Bein in die Luft schnellte, was weniger komisch -wirkte, als daß es durch seine absolute Grundlosigkeit verblüffte. Zu -Hause, oder wenn er zu Besuch war, pflegte er lange Zeit ganz ruhig zu -sitzen, sprang dann plötzlich und ohne jeden ersichtlichen Grund auf, -und ging eilig im Zimmer auf und ab, schrie, und stampfte mit dem Fuß. -Wenn er auf der Straße ging, so kam es vor, daß er plötzlich stehen -blieb, niederhuckte, sich setzte, oder einen Ausfall machte, oder sonst -eine turnerische Bewegung ausführte, und dann wieder weiterging. Er -liebte es in seinen Aktenstücken und Zeugnissen komische Randbemerkungen -zu machen: z. B. statt einfach -- Iwan Iwanowitsch Iwanoff wohnhaft am -Moskauer Platz, im Hause der Frau Jermiloff -- zu schreiben, wußte er -von Iwan Iwanowitsch Iwanoff, welcher am Bazarplatze wohnhaft ist, also -in jenem Stadtteil, der einem das Leben durch unerträglichen Gestank -unmöglich macht usw. -- zu berichten; mitunter erinnerte er daran, daß -jener Mann, dessen Unterschrift er hierdurch bestätige, Besitzer von so -und so viel Hühnern und Gänsen wäre. - -Julia Petrowna Gudajewskaja war eine hochaufgeschossene, magere, dürre -Person; sie war sehr leidenschaftlich, sehr sentimental und erinnerte in -ihren Bewegungen, trotz der so ganz anders gearteten Größenverhältnisse, -an ihren Mann: auch ihre Bewegungen waren unvermittelt, und gar nicht zu -vergleichen mit den Bewegungen gewöhnlicher Leute. Sie pflegte sich sehr -jugendlich und farbenfreudig zu kleiden, und bei ihren geschwinden -Bewegungen wehten stets allerlei bunte Bänder mit denen sie ihre Frisur -und ihre Kleider verschwenderisch zu schmücken liebte, in alle -Richtungen. - -Anton, -- ihr Sohn, -- ein flinker, hochaufgeschossener Junge, machte -eine artige Verbeugung. Man führte Peredonoff in den Salon und er begann -gleich gegen Anton Klage zu führen: er wäre faul, unaufmerksam, schwatze -und lache während des Unterrichts mit seinen Kameraden, und mache -während der Pausen dumme Streiche. Anton war sehr verwundert, -- er -hatte nicht geglaubt, ein so hartes Urteil zu verdienen, -- und -verteidigte sich mit Feuereifer. Auch die Eltern waren sehr erregt. - -»Erlauben Sie mal,« schrie der Vater, »sagen Sie ganz genau, was seine -Unarten sind?« - -»Nimm ihn nicht in Schutz,« schrie die Mutter, »er hat sich anständig zu -betragen.« - -»Was hat er nun eigentlich verbrochen?« fragte der Vater; dabei rannte -er im Zimmer hin und her; rollte förmlich auf seinen kurzen Beinchen. - -»So überhaupt,« sagte Peredonoff finster, »er treibt allerhand Unsinn, -balgt sich und hat es faustdick hinter den Ohren.« - -»Ich habe mich nie gebalgt,« rief Anton kläglich, »fragen Sie wen Sie -wollen, -- ich habe mich nie gebalgt.« - -»Er vertritt einem den Weg,« sagte Peredonoff. - -»Schön,« sagte Gudajewskji energisch, »ich werde ins Gymnasium gehn und -den Inspektor fragen.« - -»O Nikolaij, warum glaubst du denn nicht?« schrie Julia Petrowna, -»willst du, daß dein Sohn zum Verbrecher wird? Prügeln muß man ihn.« - -»Unsinn! Unsinn!« schrie der Vater. - -»Ich werde ihn züchtigen, ja das werde ich!« schrie die Mutter, packte -Anton an der Schulter und wollte ihn fortschleppen: »komm nur, komm, -mein Söhnchen, -- in der Küche will ich dich züchtigen.« - -»Du wirst es nicht tun!« brüllte der Vater, und entriß ihr den Jungen. - -Allein die Mutter gab nicht nach, Anton schrie verzweifelt, die Eltern -stießen einander. - -»Helfen Sie mir, Ardalljon Borisowitsch,« schrie Julia Petrowna, »halten -Sie diesen Lumpen fest, bis ich mit Anton abgerechnet habe.« - -Peredonoff kam ihr zu Hilfe. Aber Gudajewskji befreite seinen Sohn mit -einem starken Ruck, stieß seine Frau heftig zur Seite, stellte sich vor -Peredonoff hin und rief drohend: - -»Kommen Sie nicht näher! Wenn zwei Hunde sich beißen, mag der dritte -fernbleiben! Unterstehn Sie sich!« - -Der Schweiß floß ihm von der Stirn, seine Haare waren zerzaust, sein -Gesicht ganz rot vor Zorn, und mit geballter Faust fuchtelte er in der -Luft. - -Peredonoff wich zurück und murmelte einige unverständliche Worte. Julia -Petrowna lief wie ein Kreisel um ihren Mann herum und bemühte sich Anton -zu fassen; der Vater deckte ihn mit seinem Rücken, zog ihn an den Händen -bald nach rechts bald nach links. Julia Petrownas Augen funkelten und -sie schrie: - -»Ein Verbrecher wird er werden! Ins Zuchthaus wird er kommen! Nach -Sibirien wird man ihn schicken.« - -»Halt's Maul!« schrie Gudajewskji, »bell nicht, böses Scheusal!« - -»O, der Tyrann!« schrillte Julia Petrownas Stimme; sie sprang an den -Mann heran und schlug ihn mit der Faust auf den Rücken, dann stürzte sie -aus dem Zimmer. - -Gudajewskji ballte die Fäuste und sprang gegen Peredonoff an. - -»Sie sind hergekommen, um Zwietracht zu säen,« schrie er, »Anton macht -Dummheiten, -- was? Sie lügen, er macht keine Dummheiten. Würde er sich -schlecht betragen, so hätte ich es ohne Ihre Vermittlung längst -erfahren. Mit Ihnen wünsche ich überhaupt nicht mehr zu reden. Sie -schleichen durch die Stadt, und verstehen es vortrefflich, jeden dummen -Esel zu betrügen und die Jungen zu prügeln. Wollen wohl Prügelmeister -werden, -- he! Hier sind Sie an den Unrechten gekommen. Sehr geehrter -Herr, ich ersuche Sie, mein Haus zu verlassen!« - -Während er so sprach, rückte er Peredonoff immer näher auf den Leib und -hatte ihn schließlich in eine Ecke gedrängt. Peredonoff war sehr -erschrocken und wäre froh gewesen, wenn er sich aus dem Staube hätte -machen können. Im Eifer des Gefechts hatte Gudajewskji nicht bemerkt, -daß er ihm den Weg vertrat. Anton hatte den Vater an den Rockschößen -gepackt und versuchte ihn fortzuziehen. Der Vater schrie ihn an und -schlug aus. Anton sprang geschickt zur Seite, ließ aber die Rockschöße -nicht los. - -»Loslassen!« rief Gudajewskji, »Anton, hörst du!« - -»Papachen,« rief Anton und fuhr fort, den Vater zurückzuziehen, »du -versperrst ihm den Weg.« - -Gudajewskji sprang sofort zur Seite, -- Anton hatte kaum Zeit, -auszuweichen. - -»Verzeihen Sie,« sagte Gudajewskji auf die Türe weisend, »hier ist die -Tür. Es liegt mir ferne, Sie zurückhalten zu wollen.« - -Peredonoff schritt eilig aus dem Salon. Gudajewskji machte eine lange -Nase hinter ihm her und hob ein Bein in die Luft, als hätte er ihn -hinausgeworfen. Anton kicherte. Gudajewskji berief ihn zornig: - -»Vergiß dich nicht Anton! Morgen noch fahre ich ins Gymnasium und sollte -er die Wahrheit gesagt haben, übergebe ich dich der Mutter zur -Züchtigung.« - -»Ich habe nichts getan, er lügt,« sagte Anton kläglich. - -»Vergiß dich nicht, Anton!« rief der Vater, »du darfst nicht sagen: er -lügt, sondern: er hat sich versehen. Nur kleine Jungen lügen; erwachsene -Leute können sich höchstens versehen.« - -Unterdessen hatte Peredonoff in das halbdunkle Vorzimmer hinausgefunden, -hatte seinen Mantel genommen, und war gerade bemüht, ihn anzuziehen. In -der Erregung und Angst konnte er die Aermel nicht finden. Keiner kam ihm -zu Hilfe. - -Plötzlich öffnete sich eine Seitentür und Julia Petrowna kam -hereingestürzt. Ihre Bänder rauschten und wehten, sie gestikulierte mit -den Händen, hüpfte auf den Fußspitzen und flüsterte leidenschaftlich. -Peredonoff konnte nicht gleich verstehen, was sie sagen wollte. »Ich bin -Ihnen dankbar,« begriff er endlich, »es war vornehm von Ihnen, daß Sie -kamen, und Ihre Teilnahme ist vornehm. Sonst sind alle Menschen so -gleichgültig, aber Sie haben es verstanden einem armen Mutterherzen -nachzufühlen. Es ist unendlich schwer, Kinder zu erziehen; unendlich -schwer! Sie haben gar keine Vorstellung davon, wie schwer es ist. Ich -habe zwei Kinder und weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Er ist ein -Tyrann, ein fürchterlicher, entsetzlicher Mensch, nicht wahr? Sie haben -ja selber gesehn?« - -»Ja,« brummte Peredonoff, »es war sehr eigentümlich von Ihrem Mann. Das -geht doch nicht, ich bemühe mich um das Kind, und er ...« - -»O reden Sie nicht,« flüsterte Julia Petrowna, »er ist ein -fürchterlicher Mensch. Er will mich unter die Erde bringen, würde sich -freuen darüber. Meine Kinder will er ins Verderben stürzen, meinen -lieben, guten Anton. Aber ich, -- ich bin die Mutter, das kann ich nicht -dulden, und ich werde ihn doch züchtigen.« - -»Er wird es verbieten,« sagte Peredonoff, und machte mit dem Kopf eine -Bewegung zum Salon hin. - -»Aber er wird in den Klub gehen. Da kann er den Anton nicht mitnehmen. -Ich werde so lange schweigen, -- als wäre ich mit allem einverstanden, --- bis er sich aufgemacht hat. Ist er fort, so werde ich den Jungen -züchtigen und Sie werden mir dabei helfen. Nicht wahr, Sie werden mir -doch helfen?« - -Peredonoff dachte nach. Dann sagte er: - -»Gut, aber wie soll ich wissen -- wann?« - -»Ich werde nach Ihnen schicken,« zischelte Julia Petrowna freudig -erregt, »verlassen Sie sich darauf, kaum ist er in den Klub gegangen, -werde ich es Sie wissen lassen.« - - * * * * * - -Am Abend erhielt Peredonoff ein Briefchen von der Gudajewskaja. Er las: - - »Verehrter Ardalljon Borisowitsch! - - Mein Mann ist soeben in den Klub gegangen und bis ein Uhr nachts - bin ich den Tyrannen los. Seien Sie so liebenswürdig und kommen - Sie so schnell als möglich um mir bei der Züchtigung meines - mißratenen Kindes beizustehen. Ich muß es in vollem Umfange - anerkennen, daß man ihn aus erzieherischen Gründen strafen - muß, solange er noch jung ist; später dürfte es erfolglos sein. - - Ihre Sie aufrichtig hochschätzende - Julia Gudajewskaja. - - P. S. Bitte kommen Sie recht bald, sonst geht der Junge zu Bett, - und wir müßten ihn wecken.« - -Peredonoff machte sich eilig auf den Weg. Um den Hals legte er sich -einen warmen Schal und ging. - -»Wohin gehst du bei nachtschlafender Zeit?« fragte Warwara. - -»Ich habe zu tun,« sagte Peredonoff finster und stampfte hinaus. - -Warwara überlegte betrübt, daß sie wieder eine unruhige Nacht haben -würde. Könnte man ihn doch dazu bewegen, recht bald zu heiraten. Dann -würde sie schlafen können in der Nacht, am Tage -- wann sie nur wollte. -Wie wundervoll wäre das. - - * * * * * - -Auf der Straße kamen Peredonoff Bedenken. Vielleicht ist das ganze nur -eine Falle. Gudajewskji ist zu Hause. Beide werden mich packen und mich -schlagen. Vielleicht ist es besser, ich kehre wieder um? Doch nein, bis -zu ihrem Hause will ich gehen, -- das Weitere wird sich dann finden! - -Die Nacht war still, kühl und sehr dunkel. Sie umhüllte einen von allen -Seiten, und man wagte seinen Fuß nur zögernd vorwärts zu setzen. Ein -frischer Duft wehte von den Feldern herüber. Im Grase an den Zäunen -raschelte es verstohlen und wisperte; alles ringsum war gespenstisch und -unheimlich. Vielleicht verfolgte ihn jemand, schlich ihm nach? Alle -Gegenstände verbargen sich im nächtlichen Grauen, als wäre in ihnen ein -neues, dunkles Leben erwacht, das der Mensch nicht zu begreifen vermag -und das ihm feindlich begegnet. - -Peredonoff ging leise durch die Straßen und flüsterte: - -»Es ist nichts zu sehen. Doch ich habe nichts Unrechtes vor. Was ich -tue, tue ich aus Pflichtgefühl. So ist es.« - -Endlich stand er vor dem Hause des Notars. Nur in einem Fenster war -Licht, -- sonst war alles dunkel. Ganz leise und vorsichtig stieg er die -wenigen Stufen empor, die zum Flur führten. Er blieb stehen, legte sein -Ohr an die Tür und horchte, -- alles blieb still. Ganz leicht berührte -er den Messinggriff der Glocke, -- in der Ferne hörte man einen -schwachen, zitternden Laut. Aber so schwach er auch war, -- er erfüllte -Peredonoff mit Entsetzen, als müßten alle feindlichen Mächte von diesem -Laut erwachen, und dieser einen Tür, vor der er stand, zueilen. -Peredonoff lief geschwind die Stufen hinab und drückte sich an die -Mauer. - -Einige Augenblicke vergingen. Sein Herz krampfte sich zusammen und -arbeitete schwer. - -Dann hörte man leise Schritte und das Geräusch einer geöffneten Tür, -- -Julia Petrowna spähte vorsichtig auf die Straße und in der Dunkelheit -schienen ihre schwarzen, lüsternen Augen zu funkeln. - -»Wer ist da?« fragte sie laut flüsternd. - -Peredonoff trat ein wenig vor und versuchte von unten durch den schmalen -Türspalt zu blicken. Alles war dunkel und still. Dann fragte er ebenso -flüsternd, -- und seine Stimme zitterte: - -»Ist Nikolaij Michailowitsch fort?« - -»Er ist fort, er ist fort!« flüsterte Julia Petrowna und nickte mit dem -Kopf. - -Peredonoff blickte sich ängstlich um und folgte ihr ins dunkle Vorhaus. - -»Verzeihen Sie,« flüsterte Julia Petrowna, »ich nahm kein Licht mit. Man -hätte uns sehen können. Gerüchte verbreiten sich schnell.« - -Sie ging voran und Peredonoff folgte ihr über einige Stufen in den Gang. -Dort brannte ein kleines Lämpchen und beleuchtete matt die obersten -Stufen. Julia Petrowna kicherte froh und leise, und ihre Bänder -zitterten und raschelten von diesem Lachen. - -»Er ist fort,« flüsterte sie freudig, sah sich um und warf Peredonoff -einen heißen, lüsternen Blick zu. »Ich fürchtete schon, er würde zu -Hause bleiben, aus lauter Wut. Dann hielt er es nicht aus ohne sein -Whistspiel. Auch das Dienstmädchen habe ich fortgeschickt, -- nur -Lieschens Kindermädchen ist geblieben, -- sonst stört uns noch jemand! -Die Menschen von heute sind ja so! ...« - -Von Julia Petrowna wehte es heiß, und sie selber war heiß und dürr, wie -ein glimmender Span. Sie faßte Peredonoff einigemal am Arm, und von -dieser raschen, flackernden Bewegung schienen flinke, flackernde -Flämmchen über seinen Körper zu gleiten. - -Ganz leise, auf Zehenspitzen, schlichen sie durch den Gang vorbei, an -einigen geschlossenen Türen und vor der letzten blieben sie stehen ... - - * * * * * - -Um Mitternacht ging Peredonoff heim. Jeden Augenblick konnte ihr Mann -zurückkommen. Verdrießlich und traurig ging er durch die dunklen -Straßen. Es schien ihm als hätte die ganze Zeit über jemand vor dem -Hause gestanden, der ihm jetzt folgte. Er murmelte: - -»Ich war da in dienstlicher Angelegenheit. Ich bin unschuldig. Sie -selber wollte es so. Mich wirst du nicht hintergehn, -- da bist du an -den Unrechten geraten.« - -Warwara schlief noch nicht, als er heimkam. Vor ihr lagen Karten -ausgebreitet. - -Peredonoff schien es, als hätte jemand durch die Tür schlüpfen können, -während er eingetreten war ... Vielleicht hatte Warwara selber einen -Feind eintreten lassen ... Peredonoff sagte: - -»Du willst Karten legen, während ich schlafe? Das paßt mir nicht, gib -die Karten her; du willst mich behexen!« - -Er nahm die Karten und versteckte sie unter seinem Kopfkissen. Warwara -grinste und sagte: - -»Hanswurst! Ich versteh ja gar nicht zu hexen, wozu auch!« - -Ihr Lachen ärgerte ihn und machte ihn bange: es bedeutet, dachte er, daß -sie auch ohne Karten hexen kann. Dort unter dem Bett reckt sich der -Kater und seine grünen Augen funkeln. Hexen kann man, wenn man im -Dunkeln über sein Fell streicht, daß die Funken stieben. Dort unter dem -Schrank treibt sich das schreckliche, graue gespenstische Tierchen um, -vielleicht versteht Warwara es anzulocken, wenn sie in den Nächten so -leise pfeift, daß man fast glauben könnte, sie schnarche nur. - -Peredonoff hatte einen fürchterlichen, drückenden Traum: Pjilnikoff war -gekommen, stand auf der Schwelle, winkte ihm und lächelte. Eine geheime -Kraft trieb ihn zu ihm hin; er folgte ihm und Pjilnikoff führte ihn -durch dunkle, schmutzige Straßen, der Kater lief ihm zur Seite und seine -grünen, bösen Augen leuchteten ... - - - - - XIX - - -Die Absonderlichkeiten in Peredonoffs Benehmen machten den Direktor -Chripatsch von Tag zu Tag besorgter. Er fragte den Schularzt ernstlich, -ob Peredonoff nicht den Verstand verloren hätte. Der Arzt antwortete -lachend, Peredonoff besäße überhaupt nichts, was sich verrücken ließe -und aus purer Dummheit triebe er allerlei Merkwürdiges. Dann liefen -Klagen ein. Erst vom Fräulein Adamenko: sie übersandte dem Direktor ein -Heft ihres Bruders mit der schlechtesten Note für eine gutgeschriebene -Arbeit. - -Während einer Pause bat der Direktor Peredonoff in sein Sprechzimmer. - -Wahrhaftig, man könnte meinen, er ist verrückt, dachte Chripatsch, als -er die Spuren von Angst und Entsetzen in Peredonoffs stumpfem, finsterem -Gesichte sah. - -»Ich habe ein Anliegen an Sie,« sagte er kalt und schnell. »Jedesmal -dröhnt mir der Kopf, wenn ich neben Ihnen Unterricht zu erteilen habe, --- weil in Ihrer Klasse so übermäßig gelacht wird. Darf ich Sie -vielleicht ersuchen, Unterricht nicht vorwiegend heiteren Inhalts zu -erteilen. Scherzen und nur scherzen, ja wie soll das enden?« - -»Ich bin nicht schuld daran,« sagte Peredonoff böse, »sie lachen von -selber. Außerdem kann man nicht nur über das Tüpfelchen auf dem I und -über Kantemirs Satyren reden; dann sagt man wohl ein überflüssiges -Wörtchen und die ganze Bande grinst. Man hält sie zu locker. Strammer -sollte man sie anfassen.« - -»Es ist wünschenswert und sogar unbedingt erforderlich, daß die Arbeiten -im Gymnasium mit Ernst betrieben werden,« sagte Chripatsch trocken. -»Dann noch eins.« - -Er zeigte Peredonoff zwei Hefte und fuhr fort: - -»Hier sind zwei Arbeiten zweier Ihrer Schüler aus ein und derselben -Klasse, -- die eine wurde von meinem Sohn geliefert, die andere -- von -Adamenko. Ich nahm Gelegenheit, die beiden Arbeiten zu vergleichen, und -kann nicht umhin, die Bemerkung zu machen, daß Sie sich nicht aufmerksam -zu Ihren Pflichten verhalten. Adamenkos Arbeit, die durchaus -befriedigend ist, haben Sie mit der schlechtesten Note zensiert, während -meines Sohnes Arbeit, die bedeutend schlechter ist, eine gute Note -erhalten hat. Augenscheinlich haben Sie sich versehen, -- dem einen -Schüler die Note des andern gegeben und umgekehrt. Irren ist zwar -menschlich, doch bitte ich in Zukunft, solche Versehen tunlichst zu -vermeiden, denn sie erregen eine sehr begründete Unzufriedenheit, sowohl -bei den Eltern, als bei den Schülern.« - -Peredonoff murmelte einige unverständliche Worte ... - -Aus Wut behandelte er seine Schüler in den darauffolgenden Stunden sehr -schlecht, insbesondere die Jüngeren, die auf seine Klagen hin bestraft -worden waren, so z. B. den Kramarenko. Der schwieg und wurde bleich -- -trotz seiner dunklen Gesichtsfarbe, -- und seine Augen blitzten. - -Kramarenko beeilte sich nicht nach Hause zu kommen, als die Stunden um -waren. Er stand an der Pforte und sah sich die Leute an, die hinaus -gingen. Als Peredonoff kam, folgte ihm der Junge in größerem Abstande, -und wartete, bis die wenigen Passanten vorübergegangen waren. - -Peredonoff ging langsam. Das trübe Wetter stimmte ihn traurig. Der -Ausdruck seines Gesichtes wurde von Tag zu Tage stumpfer. Sein Auge -schien bald etwas in der Ferne Liegendes zu suchen, bald irrte es unstät -umher. Es schien so als suchte er etwas, das hinter den Dingen läge und -darum verdoppelten sich diese Dinge in seinen Augen, wurden trübe und -gespenstisch. - -Wonach suchten seine Augen? - -Nach Spionen. Sie waren überall versteckt, zischelten, lachten. Seine -Feinde hatten ihm eine ganze Armee von Spionen auf die Fersen gehetzt. -Manchmal bemühte er sich, sie alle abzufangen. Aber sie fanden immer -noch Zeit zu entfliehen, -- in einem Augenblick waren sie alle davon, -als hätte sie die Erde verschluckt ... - -Peredonoff hörte, wie ein fester, kühner Schritt auf dem Bürgersteige -ihm nacheilte; er sah sich erschreckt um, -- Kramarenko ging jetzt hart -neben ihm und blickte ihn entschlossen und böse mit seinen flammenden -Augen an. Er war bleich und schmächtig, und wie ein kleiner Wilder, der -sich bereit macht, einen Feind zu überfallen. - -Peredonoff zitterte vor seinem Blick. - -Er wird mich beißen! -- dachte er. - -Er ging schneller, -- Kramarenko blieb an seiner Seite; -- er ging -langsamer, -- auch Kramarenko ging langsamer. Da blieb er stehen und -knurrte ärgerlich: - -»Was willst du von mir, Satansbengel! Warte nur, ich werde dich gleich -zum Vater führen.« - -Auch Kramarenko war stehen geblieben und hörte nicht auf Peredonoff -anzublicken. Jetzt standen die beiden einander gegenüber auf dem -Brettersteig einer menschenleeren Straße, dicht an einem grauen, zu -allem Lebendigen sich jedenfalls sehr gleichgültig verhaltenden Zaune. -Kramarenko zischte, am ganzen Leibe bebend: - -»Schuft!« - -Dann lachte er auf und wandte sich, um fortzugehen. Er machte etwa drei -Schritte, blieb dann wieder stehen und wiederholte lauter: - -»Schuft! Schweinehund!« - -Dann spuckte er aus und ging seiner Wege. Peredonoff sah ihm böse nach -und machte sich dann auf den Heimweg. Verworrene, trübe Gedanken quälten -ihn. - -Die Werschina rief ihn an. Sie stand hinter dem Zaun in ihrem Garten, -hatte sich ein großes, schwarzes Tuch umgebunden und rauchte. Peredonoff -erkannte sie nicht gleich. Im ersten Augenblick schien ihm ihre Gestalt -drohend und unheilverkündend, -- eine schwarze Hexe stand da, dunkler -Rauch stieg von ihr auf, und sie murmelte Beschwörungsformeln. Er -spuckte aus und schlug ein Kreuz. Die Werschina lachte und fragte: - -»Was haben Sie nur, Ardalljon Borisowitsch?« - -Peredonoff blickte sie stumpf an und sagte endlich: - -»Ach, Sie sind es! Ich hatte Sie gar nicht erkannt.« - -»Das ist von guter Vorbedeutung: Ich werde bald reich werden,« sagte die -Werschina. - -Peredonoff gefiel das nicht: er wollte selber reich werden. - -»Na ja,« sagte er böse, »wozu brauchen Sie Reichtümer. Es langt schon, -was Sie haben.« - -»Ich werde das große Los gewinnen,« sagte die Werschina und lächelte -schief. - -»O nein, _ich_ werde es gewinnen,« behauptete Peredonoff. - -»Dann werde ich in der ersten Ziehung gewinnen, und Sie in der zweiten,« -sagte die Werschina. - -»Das lügen Sie,« sagte Peredonoff grob. »Das kommt überhaupt nicht vor, -daß zwei Leute in derselben Stadt gewinnen. Ich sagte schon, daß _ich_ -gewinnen werde.« - -Die Werschina merkte, daß er sich ärgerte, und hörte auf zu -widersprechen. Sie öffnete das Pförtchen und lockte ihn herein: - -»Warum stehen wir eigentlich hier. Kommen Sie doch herein. Murin ist -eben da.« - -Der Name Murin erinnerte Peredonoff an etwas sehr Angenehmes: Imbiß und -Schnaps. Darum ging er mit. - -Im Salon war es halbdunkel wegen der Bäume, die draußen dicht vor dem -Hause wuchsen. Außer Martha, die heute besonders gut aufgelegt schien -und sich ein seidenes Tüchlein mit einem roten Bande um den Hals -gebunden hatte, war noch Murin da, -- auch er schien gut gelaunt, -- -sein Haar war noch zerzauster, als es sonst zu sein pflegte, -- und der -schon ziemlich erwachsene Gymnasiast Witkewitsch: er machte der -Werschina den Hof, weil er glaubte, daß sie in ihn verliebt wäre. -Außerdem ging er mit dem Gedanken um das Gymnasium zu verlassen, die -Werschina zu heiraten und dann ihr kleines Gut zu bewirtschaften. - -Murin stand auf, um Peredonoff zu begrüßen. Er ging ihm mit -übertriebener Höflichkeit entgegen, sein Gesicht strahlte, die kleinen -Aeuglein blinkten vergnügt, -- und das alles paßte durchaus nicht zu -seiner ungeschlachten Figur, zu den zerzausten Haaren in denen hie und -da kleine Strohhalme hängen geblieben waren. - -»In Geschäften bin ich da,« sagte er laut und heiser, »überall habe ich -zu tun; bei dieser Gelegenheit verwöhnten mich die Damen hier mit einem -Täßchen Tee.« - -»Ach was, Geschäfte,« sagte Peredonoff gereizt, »was haben Sie für -Geschäfte? Sie sind nicht im Staatsdienst und verdienen sich das Geld -einfach so. Da könnte ich ein anderes Liedchen singen.« - -»Geschäfte sind eben nichts anderes als fremdes Geld,« sagte Murin laut -lachend. - -Die Werschina lächelte schief und bat Peredonoff, Platz zu nehmen. Der -Tisch vor dem Sofa war dicht bestellt mit Gläsern, Teetassen, -Saftschalen und Tellern. Außerdem stand darauf ein silberner -Filigrankorb, dessen Boden mit einer kleinen, weißen Serviette bedeckt -war, auf der süßes Gebäck und Mandelkuchen lagen, -- und eine Flasche -Rum. - -Witkewitsch hatte sich auf ein kleines, muschelförmiges Glastellerchen -eine umfangreiche Portion Saft gelegt. Mit sichtlichem Vergnügen aß -Martha ein Stück Kuchen nach dem andern; Murins Teeglas roch stark nach -Rum und die Werschina bewirtete Peredonoff, doch er wollte nicht Tee -trinken. - -»Sie wollen mich vergiften,« dachte er. »Es ist am bequemsten, einen so -aus der Welt zu schaffen. Man trinkt und merkt nichts; es gibt ja auch -süße Gifte, -- dann kommt man nach Hause und verreckt.« - -Er ärgerte sich darüber, daß man für Murin Saft gebracht hatte, und es -nicht für nötig gehalten hatte, als er gekommen war, eine bessere Sorte -auf den Tisch zu stellen. Denn, überlegte er, -- sie haben allerhand -Saft auf Lager, nicht nur Schellbeeren. - -Es verhielt sich in der Tat so, daß die Werschina gegen Murin ganz -besonders zuvorkommend war. Sie war zu der Erkenntnis gekommen, daß von -Peredonoff nicht mehr viel zu erwarten wäre, und suchte daher schon seit -einiger Zeit nach einem andern passenden Freier für Martha. Der -halbverwilderte Gutsbesitzer war es müde geworden, sich um junge Damen -zu bewerben, die ihm gar nicht entgegenkommen wollten und, weil ihm -Martha gefiel, so folgte er den Aufforderungen der Werschina gerne. - -Auch Martha war froh; -- war es doch ihr einziger Gedanke, sich zu -verloben, dann zu heiraten und ihren eigenen Hausstand zu haben. Darum -machte sie verliebte Augen, wenn sie Murin sah. Dieser vierzigjährige -Riese mit seiner groben Stimme und dem ein wenig einfältigen Gesicht, -schien ihr das Vorbild aller männlichen Kraft, Schönheit, Güte und -Ritterlichkeit zu sein. - -Peredonoff bemerkte die verliebten Blicke, die Murin und Martha -wechselten; er bemerkte es einfach aus dem Grunde, weil er erwartet -hatte, daß Martha ihre Aufmerksamkeit ihm selber zuwenden würde. - -Aergerlich sagte er: - -»Da sitzt er, als wäre er ein Bräutigam und strahlt übers ganze -Gesicht.« - -»Vor lauter Freude,« sagte Murin fröhlich und lebhaft, »weil ich meine -Geschäfte so gut geregelt habe.« - -Er warf den Damen einen verständnisvollen Blick zu. Beide lächelten -freundlich. Peredonoff zwinkerte verächtlich mit den Augen und fragte: - -»Du hast dich wohl verlobt? Wie groß ist die Mitgift?« - -Murin sagte, ohne diese Fragen zu beachten: - -»Natalie Aphanassjewna wird meinen Buben zu sich in Pension nehmen, Gott -möge sie dafür segnen. Er wird hier wie in Abrahams Schoß leben und ich -kann ganz ruhig sein, daß er nicht verdorben wird.« - -»Er wird zusammen mit Wladja dumme Streiche machen,« sagte Peredonoff -mürrisch, »sie werden das Haus anzünden.« - -»Er soll sich nur unterstehn!« rief Murin energisch, »seien Sie ganz -unbesorgt, verehrte Natalie Aphanassjewna: er wird sich so betragen, als -wäre er auf Draht gezogen.« - -Die Werschina wollte diesem Gespräch ein Ende machen, lächelte schief -und sagte: - -»Ich habe so ein Verlangen nach etwas Saurem.« - -»Wollen Sie Preiselbeeren mit Aepfeln? Soll ich bringen?« fragte Martha -und sprang eilig auf. - -»Ja vielleicht bringen Sie, bitte!« - -Martha lief hinaus. Die Werschina sah ihr nicht einmal nach, -- sie -hatte sich daran gewöhnt, Marthas Diensteifer als etwas ganz -Selbstverständliches hinzunehmen. Sie saß still und ganz zurückgelehnt -auf dem Sofa, rauchte in dichten, blauen Wolken und verglich die beiden -Männer miteinander, den mürrischen, stumpfen Peredonoff und den -fröhlichen, lebhaften Murin. - -Murin gefiel ihr bei weitem mehr. Er hatte ein gutmütiges Gesicht, -Peredonoff konnte nicht einmal freundlich lächeln. Murin gefiel ihr -überhaupt in allen Stücken: er war groß, kräftig gebaut, zuvorkommend, -hatte eine angenehme, tiefe Stimme und begegnete ihr mit größter -Ehrerbietung. Mitunter überlegte die Werschina, ob es nicht vorteilhaft -wäre, wenn sie selber Murin heiraten würde. Solche Gedanken endeten aber -immer mit einem großmütigen Verzicht ihrerseits zu Marthas Gunsten. - -»Jeder wird mich zur Frau nehmen,« dachte sie, vor allem, weil ich Geld -habe, da kann ich wählen, wen ich will. Diesen jungen Mann da z. B. -könnte ich ganz gut heiraten, und ihr Blick streifte wohlwollend das -bleiche und gemeine, doch aber nicht unschöne Gesicht Witkewitschs. Der -saß da, redete nur wenig, aß viel, blickte die Werschina an und lächelte -gemein. - -Martha brachte den Preiselbeersaft mit Aepfeln in einem irdenen Gefäß. -Dann erzählte sie von einem Traum, den sie in der vergangenen Nacht -gehabt hätte: sie wäre auf der Hochzeit einer Freundin gewesen; hätte -Ananas und Pfannkuchen mit Honig gegessen und in dem einen Pfannkuchen -einen Hundertrubelschein gefunden. Man hätte ihr aber das Geld -fortgenommen, und sie wäre darüber in Tränen ausgebrochen. Dann wäre sie -aufgewacht. - -»Sie hätten das Geld unauffällig beiseite schieben müssen,« sagte -Peredonoff verdrießlich, »wenn Sie nicht einmal im Traum ihr Geld zu -halten wissen, wie wollen Sie dann überhaupt wirtschaften?« - -»Na an dem Gelde ist nicht viel verloren,« sagte die Werschina, »träumen -kann man doch weiß Gott von allem Möglichen.« - -»Aber es tut mir so furchtbar leid, daß ich das Geld nicht behalten -durfte,« sagte Martha treuherzig, »denken Sie nur, ganze hundert Rubel!« - -Ihr traten die Tränen in die Augen, und sie lachte gezwungen, um nicht -weinen zu müssen. Murin suchte eifrig in seinen Taschen und rief: - -»Es soll Ihnen nicht leid tun, teuerste Martha Stanislawowna, es soll -Ihnen nicht leid tun. Wir wollen es gleich wieder gut machen.« - -Er nahm einen Hundertrubelschein aus seiner Brieftasche, legte ihn vor -Martha hin, schlug mit der Hand darauf und rief: - -»Wenn ich bitten darf! Den soll Ihnen keiner fortnehmen.« - -Martha freute sich, dann wurde sie plötzlich sehr rot und sagte -verlegen: - -»Aber Wladimir Iwanowitsch, ich bitte Sie; so war es doch gar nicht -gemeint. Ich kann es nicht annehmen; wirklich nicht!« - -»Tun Sie mir den Gefallen, und zürnen Sie mir nicht,« sagte Murin -lächelnd und ließ das Geld liegen, »lassen Sie doch den Traum zur -Wahrheit werden.« - -»Nein, nein; es geht wirklich nicht; ich schäme mich so, ich kann es -unter gar keinen Umständen annehmen,« weigerte sich Martha und blickte -gierig auf die Banknote. - -»Was zieren Sie sich, wenn man's Ihnen doch gibt,« sagte Witkewitsch, -»es ist doch wirklich so, als wenn das Glück den Menschen in den Schoß -fällt,« und neidisch blickte er auf das Geld. - -Murin hatte sich vor Martha hingestellt und bat sehr herzlich: - -»Liebste Martha Stanislawowna, glauben Sie doch nur, ich geb's von -Herzen gerne; bitte, bitte nehmen Sie es doch. Und wollen Sie es nicht -geschenkt haben, -- so sei es dafür, daß Sie auf meinen Jungen acht -geben werden. Was ich mit Natalie Aphanassjewna besprochen habe, bleibt -so wie es ist, und dieses hier ist dann für _Ihre_ Bemühungen um den -Jungen.« - -»Aber es ist doch viel zu viel,« sagte Martha unsicher. - -»Fürs erste Halbjahr,« sagte Murin und machte eine sehr tiefe -Verbeugung, »nehmen Sie es doch und bringen Sie meinem Jungen viel Liebe -entgegen.« - -»Nun, Martha, nehmen Sie es doch,« sagte die Werschina, »und bedanken -Sie sich bei Wladimir Iwanowitsch.« - -Martha wurde rot vor Freude und nahm das Geld. - -Murin dankte ihr zu wiederholten Malen. - -»Machen Sie nur gleich Hochzeit,« sagte Peredonoff wütend, »das wird -billiger sein. So das Geld zum Fenster hinauszuwerfen!« - -Witkewitsch mußte lachen, die andern taten, als hätten sie nichts -gehört. Dann fing die Werschina an, von Träumen zu erzählen, -- aber -Peredonoff wollte nichts mehr hören und verabschiedete sich. Murin lud -ihn zum Abendessen ein. - -»Ich muß zum Abendgottesdienst in die Kirche,« sagte Peredonoff. - -»Ardalljon Borisowitsch ist neuerdings so eifrig im Kirchenbesuch,« -sagte die Werschina und lachte trocken. - -»Das war immer der Fall,« antwortete er, »ich glaube an Gott, nicht so -wie andere Leute. Es ist möglich, daß ich im Gymnasium der einzige bin. -Darum verfolgt man mich auch. Der Direktor ist ein Atheist.« - -»Aber kommen Sie doch, wenn Sie einen freien Abend haben,« sagte Murin. - -Peredonoff knüllte seine Mütze und sagte böse: - -»Ich habe überhaupt keine Zeit.« - -Dann aber erinnerte er sich an die vorzüglichen Getränke und Speisen bei -Murin und sagte: - -»Am Montag kann ich kommen.« - -Murin war entzückt und forderte auch die Werschina und Martha auf. -Peredonoff sagte aber: - -»Die Frauenzimmer sollen zu Hause bleiben. Sonst betrinkt man sich noch -und läßt ein Wörtchen fallen, das die Zensur nicht passiert hat, und das -ist unbequem in Gegenwart von Damen.« - -Als Peredonoff gegangen war, sagte die Werschina schmunzelnd: - -»Ein merkwürdiger Kauz, dieser Ardalljon Borisowitsch. Er möchte um -alles Inspektor werden, doch scheint ihn Warwara an der Nase zu führen. -Darum beträgt er sich so läppisch.« - -Wladja kam heraus, -- solange Peredonoff da war hielt er sich versteckt, --- und sagte schadenfroh: - -»Des Schlossers Söhne haben irgendwo erfahren, daß Peredonoff sie -angegeben hat.« - -»Sie werden ihm die Fensterscheiben einwerfen!« meinte Witkewitsch und -lachte. - - * * * * * - -Alles auf der Straße erschien Peredonoff feindlich und drohend. Ein -Hammel stand an einem Kreuzwege und glotzte ihn stumpfsinnig an. Dieser -Hammel erinnerte so auffallend an Wolodin, daß Peredonoff erschrak. Er -dachte, Wolodin hätte sich in den Hammel verwandelt, um ihn zu -verfolgen. - -»Warum sollte das nicht möglich sein,« dachte er, »woher können wir das -wissen. Es könnte wohl möglich sein. Die Wissenschaft ist noch nicht so -weit, aber dieser oder jener weiß es doch. Die Franzosen z. B. sind ein -gebildetes Volk, und doch gibt es in Paris Zauberer und Magier.« - -Ihm wurde bange. - -Dieser Hammel da könnte ausschlagen, dachte er. - -Das Tier blökte. Das klang gerade so wie Wolodins Lachen: häßlich, -durchdringend, abgerissen. - -Ein wenig weiter traf er den Gendarmerieoberst. Peredonoff trat auf ihn -zu und sagte flüsternd: - -»Geben Sie acht auf die Adamenko. Sie korrespondiert mit Sozialisten; -sie ist vielleicht selber eine.« - -Rubowskji schwieg und sah ihn erstaunt an. - -Peredonoff ging weiter und dachte traurig: »Was läuft er mir immer in -den Weg? Er beobachtet mich wohl, -- und überall hat er Schutzleute -aufgestellt.« - -Die schmutzigen Straßen, die zerfallenen Häuser, der bewölkte Himmel, -die bleichen, in Lumpen gehüllten Kinder -- das alles mußte traurig -stimmen. Eine tiefe Schwermut lastete auf ihm. - -»Ein miserables Nest,« dachte er, »und die Menschen hier sind böse und -gemein; ich muß mich in eine andere Stadt versetzen lassen; da werden -sich alle Lehrer demütig vor mir verbeugen, und die Schüler werden vor -mir zittern und flüstern: der Inspektor kommt. Es ist eine ganz andere -Sache, wenn man erst Vorgesetzter ist.« - -»Der Herr Inspektor des zweiten Bezirkes im Gouvernement Ruban,« -flüsterte er, »der Herr Staatsrat Peredonoff, hochwohlgeboren.« -- Und -weiter, -- »man muß die Menschen nur zu nehmen wissen: Seine Exzellenz -der Herr Direktor sämtlicher Volksschulen im Gouvernement Ruban, der -wirkliche Staatsrat Peredonoff. Hut ab! Den Abschied einreichen! Fort! -Wartet nur, ich will euch dressieren!« - -Peredonoffs Gesicht wurde gemein und herrisch. In seiner spärlichen -Einbildung hielt er sich für einen großen, mächtigen Herren. - - * * * * * - -Als er nach Hause kam und seinen Ueberzieher im Vorhause ablegte, hörte -er im Speisezimmer das abgerissene, schneidende Gelächter Wolodins. Da -wurde er mutlos. - -»Er ist schon wieder da,« dachte er, »vielleicht beredet er mit Warwara, -wie sie mich umbringen sollen. Darum lacht er auch, er freut sich, daß -Warwara mit ihm einer Meinung ist.« - -Gereizt und traurig ging er ins Eßzimmer. Der Tisch war schon gedeckt. -Warwara kam ihm besorgt entgegen. - -»Bei uns ist was passiert,« rief sie, »der Kater ist verschwunden.« - -»Nanu!« entfuhr es Peredonoff und Entsetzen packte ihn. »Warum habt ihr -ihn laufen lassen?« - -»Ich kann ihn doch nicht mit dem Schwanz an meinen Rock binden!« sagte -Warwara ärgerlich. - -Wolodin kicherte. Peredonoff dachte, daß der Kater vielleicht zum -Gendarmerieoberst gelaufen wäre und dort alles, was er über ihn wußte, -herschnurren würde, alles, z. B. wohin und warum er des Nachts -ausgegangen war, -- davon wird er schnurren und noch von anderen Dingen, -die nie geschehen sind. Schrecklich! Peredonoff setzte sich an den -Tisch, er hielt den Kopf gebeugt und zerknitterte das Tischtuch. Was er -dachte war traurig und unheimlich. - -»Es ist eine alte Geschichte, daß die Katzen aus der neuen Wohnung in -die frühere zurücklaufen,« sagte Wolodin, »weil die Katzen sich an das -Haus gewöhnen, aber nicht an ihre Herren. Man muß eine Katze schwindelig -drehen, wenn man sie in die neue Wohnung bringt, und den Weg darf man -ihr auch nicht zeigen, sonst läuft sie unbedingt fort.« - -Das beruhigte Peredonoff. - -»Du glaubst also, daß er in die alte Wohnung zurückgelaufen ist?« fragte -er. - -»Unbedingt, unbedingt,« antwortete Wolodin. - -Peredonoff erhob sich und rief: - -»Darauf trinken wir eins, Pawluschka!« - -Wolodin kicherte. - -»Trinken wir eins,« wiederholte er, »trinken kann man stets und gerne.« - -»Aber der Kater muß wieder hergeschafft werden,« bestimmte Peredonoff. - -»So ein Schatz!« antwortete Warwara lachend; »nach dem Essen will ich -das Mädchen hinüberschicken.« - -Das Essen wurde aufgetragen. Wolodin war ausgelassen, lachte und -schwatzte. Sein Lachen klang Peredonoff genau so wie das Blöken jenes -Hammels, den er auf der Straße getroffen hatte. - -Warum führt er Böses gegen mich im Schilde? dachte Peredonoff. Was hat -er nur davon? - -Dann kam es ihm in den Sinn, Wolodin würde sich besänftigen lassen. - -»Hör mal, Pawluschka,« sagte er, »wenn du versprichst, nichts gegen mich -zu unternehmen, werde ich dir wöchentlich ein Pfund Bonbons schenken; -von der feinsten Sorte! Lutsch daran auf mein Wohl!« - -Wolodin lachte auf; dann wurde er gleich wieder ernst, machte ein -gekränktes Gesicht und sagte: - -»Ich habe keineswegs im Sinne, dir zu schaden, Ardalljon Borisowitsch; -außerdem will ich keine Bonbons, weil ich sie gar nicht mag.« - -Peredonoff ließ den Mut sinken. Warwara sagte lachend: - -»Laß doch die Dummheiten, Ardalljon Borisowitsch! Wodurch sollte er dir -denn schaden?« - -»Jeder Idiot kann einem was anhaben!« sagte Peredonoff gedehnt. - -Wolodin streckte seine Unterlippe vor, schüttelte den Kopf und sagte: - -»Wenn Sie, Ardalljon Borisowitsch, so über mich zu denken belieben, so -kann ich darauf nur erwidern: ich danke Ihnen bestens! Wenn Sie so über -mich denken, was bleibt mir dann zu tun übrig? Wie habe ich das zu -verstehen und in welchem Sinne?« - -»Sauf Schnaps, Pawluschka, und gib mir auch einen,« sagte Peredonoff. - -»Nehmen Sie es ihm nicht übel, Pawel Wassiljewitsch,« versuchte Warwara -Wolodin zu beruhigen, »er redet nur so in den Tag herein. Er weiß ja -selber nicht, was er spricht.« - -Wolodin schwieg still, machte immer noch ein gekränktes Gesicht und goß -Schnaps aus der Flasche in die Gläser. Warwara sagte: - -»Wie kommt es nur, Ardalljon Borisowitsch, daß du den Schnaps trinkst, -den er dir eingeschenkt hat? Er könnte ihn doch z. B. behext haben, -- -siehst du nicht, er murmelt etwas, seine Lippen bewegen sich.« - -Peredonoff erschrak. Er ergriff das Glas, in welches Wolodin eben erst -eingeschenkt hatte, spritzte den Inhalt gegen die Wand und murmelte -hastig eine Beschwörungsformel. - -Dann wandte er sich zu Wolodin, drohte ihm mit der Faust und sagte -wütend: - -»Ich bin schlauer als du!« - -Warwara lachte aus vollem Halse. Wolodin sagte mit gekränkter, -zitternder Stimme, -- es klang tatsächlich wie ein Blöken: - -»_Sie_ kennen allerhand Zaubersprüche, Ardalljon Borisowitsch, und -benutzen sie auch; ich habe mich aber niemals mit der Magie abgegeben. -Ich bin weder gewillt noch imstande, Ihren Schnaps und gleichviel was -für Dinge zu behexen; hingegen scheint es mir nicht unmöglich, daß Sie -selber mir alle Bräute forthexen.« - -»Noch was,« sagte Peredonoff böse, »was mach ich mit deinen Bräuten, da -kann ich mir schon was Besseres aussuchen.« - -»Geben Sie acht,« fuhr Wolodin fort, »Sie sitzen im Glashause und werfen -mit Steinen!« - -Peredonoff faßte erschreckt nach seiner Brille: - -»Was redest du da,« brummte er, »deine Zunge geht wie ein Mühlrad.« - -Warwara blickte Wolodin vorwurfsvoll an und sagte ärgerlich: - -»Reden Sie keinen Unsinn, Pawel Wassiljewitsch; essen Sie Ihre Suppe, -sonst wird sie kalt. Ein Schwätzer sind Sie!« - -Im stillen dachte sie, daß Ardalljon Borisowitsch vielleicht recht daran -getan hätte, sich zu verschwören. Wolodin schwieg still und aß seine -Suppe. Es entstand eine kurze Pause. Dann sagte Wolodin mit gekränkter -Stimme: - -»Ich habe heute nicht umsonst geträumt, daß man mich mit Honig -zuschmierte. Sie, Ardalljon Borisowitsch, haben mich beschmutzt.« - -»Ihnen muß man noch ganz anders kommen,« sagte Warwara böse. - -»Was habe ich denn getan? Ich möchte es doch gerne erfahren. Mir -scheint, ich bin durchaus unschuldig,« sagte Wolodin. - -»Sie haben ein niederträchtiges Maulwerk,« erklärte Warwara. »Man soll -nicht alles aussprechen, was einem auf die Zunge kommt: -- alles zu -seiner Zeit.« - - - - - XX - - -Am Abend ging Peredonoff in den Klub; man hatte ihn zu einer -Kartenpartie gebeten. Auch der Notar Gudajewskji war gekommen, derselbe -über dessen Sohn Peredonoff noch vor wenigen Tagen eine scharfe -Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatte. Peredonoff erschrak, als er ihn -sah. Gudajewskji verhielt sich aber ganz still und Peredonoff beruhigte -sich wieder. - -Man spielte lange und trank viel. Es war schon spät in der Nacht, als -Gudajewskji plötzlich auf Peredonoff zustürzte, ihn ohne weitere -Erklärung einigemal ins Gesicht schlug und ihm dabei die Brille -zerschlug. Dann entfernte er sich ebenso plötzlich und verließ das -Lokal. Peredonoff leistete nicht den geringsten Widerstand, stellte sich -betrunken, ließ sich zu Boden fallen und schnarchte. Man rüttelte ihn -auf und brachte ihn nach Hause. - -Tags darauf sprach man in der ganzen Stadt von der Affäre. - -Am selben Abend hatte Warwara endlich eine günstige Gelegenheit -gefunden, um von Peredonoff den ersten gefälschten Brief zu entwenden. -Die Gruschina hatte es als unbedingt erforderlich verlangt, damit bei -einem etwaigen Vergleich der beiden Briefe keine Unterschiede zu finden -wären. Sonst pflegte Peredonoff diesen Brief bei sich zu tragen, -- -heute aber hatte er ihn ganz zufällig vergessen: als er sich umkleidete, -hatte er ihn aus der Rocktasche genommen und ihn unter ein Lehrbuch auf -die Lade gelegt. Da war er liegen geblieben. - -Warwara verbrannte ihn dann in Gegenwart der Gruschina. - -Als Peredonoff spät in der Nacht heimkehrte, und als Warwara die -zerbrochene Brille bemerkte, sagte er ihr, die Gläser wären von selber -geplatzt. Sie glaubte es, und meinte die böse Zunge Wolodins wäre schuld -daran. Auch Peredonoff glaubte an die böse Zunge Wolodins. - -Uebrigens hörte Warwara schon tags darauf von der Gruschina alle -Einzelheiten über die Prügelei im Klub. - -Als Peredonoff sich am Morgen ankleidete, fiel ihm der Brief ein, er -konnte ihn nirgends finden, und erschrak heftig. In wilder Aufregung -schrie er: - -»Warwara, wo ist der Brief?« - -Warwara verlor die Fassung. - -»Was für ein Brief?« fragte sie und blickte Peredonoff erschreckt und -böse an. - -»Von der Fürstin!« schrie Peredonoff. - -Warwara hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln. Sie lächelte gemein und -sagte: - -»Woher soll ich es wissen. Du hast ihn wohl in den Papierkorb geworfen -und Klawdja wird ihn verbrannt haben. Such ihn doch selber. Vielleicht -steckt er irgendwo.« - -Peredonoff ging in trübster Stimmung in das Gymnasium. Die -Unannehmlichkeiten von gestern Abend fielen ihm ein. Dann dachte er an -Kramarenko: wie durfte sich dieser unverschämte Bengel unterstehen, ihn -einen Schweinehund zu nennen. Das bedeutete mit andern Worten: der -Schüler hat keinen Respekt vor ihm -- dem Lehrer. Vielleicht hatte der -Junge etwas Schlimmes über ihn in Erfahrung gebracht. Vielleicht wollte -er ihn angeben. - -Während des Unterrichts starrte ihn Kramarenko unentwegt an und -lächelte. Das erregte Peredonoff noch mehr. - -Nach der dritten Stunde wurde er zum Direktor gebeten. Ihm ahnte nichts -Gutes, aber er ging. - -Von allen Seiten waren bei Chripatsch Klagen eingelaufen. Noch heute -morgen hatte man ihm von den Ereignissen des gestrigen Abends im Klub -erzählt. Dann war gestern nach dem Unterricht der Schüler Wolodja -Bultjakoff zu ihm gekommen, um sich über Peredonoff zu beschweren: auf -Peredonoffs Angaben hin hätte ihn seine Pensionsmutter bestraft. Nun -fürchtete der Junge einen zweiten Besuch Peredonoffs mit ähnlichen -Folgen und hatte sich rasch entschlossen an den Direktor gewandt. - -Mit seiner trocknen, scharfen Stimme machte Chripatsch Peredonoff -Mitteilung von den Gerüchten, die zu ihm gedrungen waren, »es sind -zuverlässige Quellen,« fügte er hinzu, nämlich, daß Peredonoff die -Schüler in ihren Wohnungen aufsuche und deren Eltern und Erziehern -durchaus unzuverlässige Angaben mache über Betragen und Fortschritte der -Kinder und außerdem verlange, man solle den Jungen züchtigen. Hieraus -ergeben sich dann mitunter die unangenehmsten Konflikte mit den Eltern, -wie z. B. gestern abend im Klub mit dem Notar Gudajewskji. - -Peredonoff hörte wütend und doch geängstigt zu. Jetzt schwieg -Chripatsch. - -»Nun, was ist denn dabei,« sagte Peredonoff böse, »er geht mit den -Fäusten drauf los; ist das etwa schicklich? Er hatte nicht das geringste -Recht dazu, mir in die Fratze zu fahren. Er geht nie in die Kirche, -glaubt an einen Affen und will den Sohn zur selben Sekte bekehren. Man -muß ihn denunzieren, -- er ist Sozialist.« - -Chripatsch blickte aufmerksam auf Peredonoff und sagte eindringlich: - -»Das geht uns absolut nichts an; auch verstehe ich durchaus nicht, was -Sie eigentlich mit der originellen Bezeichnung »an einen Affen glauben« -zu meinen belieben. Ich glaube, man täte gut daran, die -Religionsgeschichte mit neu erfundenen Kultusformen nicht zu bereichern. -Bezüglich der Ihnen widerfahrenen Kränkung aber würde ich es für ratsam -erachten, die Sache vors Gericht zu bringen. Im übrigen täten Sie -vielleicht gut daran, -- Ihre Stellung in unserm Gymnasium aufzugeben. -Das wäre der beste Ausweg, -- sowohl in Ihrem eigenen Interesse als in -dem des Gymnasiums.« - -»Ich will Inspektor werden,« entgegnete Peredonoff böse. - -»Bis zu jenem Zeitpunkte aber,« fuhr Chripatsch fort, »haben Sie Ihre -merkwürdigen Spaziergänge einzustellen. Sie müssen doch zugeben, daß ein -solches Betragen einem Pädagogen nicht geziemt, außerdem aber die -Autorität der Lehrer bei den Schülern untergräbt. In die -Schülerwohnungen gehn, um die Jungen zu prügeln, -- das ...« - -Chripatsch beendete den Satz nicht. Er zuckte nur mit den Schultern. - -»Was ist denn dabei?« entgegnete Peredonoff wiederum, »ich tue es doch -zu ihrem Besten.« - -»Ich bitte, wir wollen nicht streiten,« unterbrach ihn Chripatsch -schroff, »ich verlange von Ihnen ein für allemal, daß solche Sachen sich -nicht wiederholen.« - -Peredonoff blickte den Direktor böse an. - -Man hatte beschlossen, heute abend den Umzug in die neue Wohnung -festlich zu feiern. Alle Bekannten waren geladen. Peredonoff ging durch -die Zimmer und sah nach, ob alles in Ordnung war, vor allem aber, ob -nirgend Dinge wären, deretwegen man ihn hätte denunzieren können. - -»Es scheint, alles ist in Ordnung,« dachte er: »verbotene Bücher sind -nicht zu sehen, die Lampen vor den Heiligenbildern brennen, die -Kaiserbilder hängen am Ehrenplatze an der Wand.« - -Plötzlich fiel es ihm ein, daß das Porträt Mizkewizschs an der Wand -hing. - -Da hätte ich schön hereinfallen können, dachte er erschreckt, nahm das -Bild herunter und trug es ins Klosett. Dort vertauschte er es gegen das -Porträt Puschkins, welches nun wieder in das Eßzimmer aufrückte. - -Puschkin war immerhin hoffähig, dachte er, während er das Bild am Nagel -befestigte. - -Dann fiel es ihm ein, daß man am Abend Karten spielen würde, und er -beschloß, die Karten zu besehen. Er nahm ein Spiel zur Hand, das nur -einmal benutzt worden war und blätterte es durch, als suche er nach -etwas. Die Gesichter der Bilder gefielen ihm nicht: sie hatten so -merkwürdige Augen. - -In der letzten Zeit war es ihm beim Spielen aufgefallen, daß die Karten -so schmunzelten, wie Warwara es zu tun pflegte. Sogar irgend eine -nichtswürdige Pik-sechs sah so unverschämt drein und watschelte -unanständig daher. - -Peredonoff nahm alle Karten, so wie sie gerade lagen, und stach den -Bildern mit einer spitzen Schere die Augen aus, sie sollten nicht mehr -so starren. Erst tat er es mit den vorhandenen alten Spielen, dann -öffnete er zu gleichem Zwecke die noch nicht benutzten Spiele. Diese -Arbeit verrichtete er ängstlich umherspähend, als fürchte er von jemand -ertappt zu werden. - -Zu seinem Glück hatte Warwara in der Küche zu tun und ließ sich im -Wohnzimmer nicht blicken, -- wie hätte sie auch eine solche Menge von -Speisen unbeaufsichtigt lassen können: Klawdja hätte es sofort -ausgenutzt. Wenn sie etwas im Eßzimmer brauchte, so schickte sie -Klawdja. Jedesmal wenn das Mädchen eintrat, zuckte Peredonoff zusammen, -versteckte die Schere in seiner Tasche und tat, als wäre er eifrig -dabei, eine Patience zu legen. - -Während nun Peredonoff auf diese Weise bemüht war, die Könige und Damen -ihres Sehvermögens zu berauben, drohte ihm von ganz anderer Seite ein -peinliches Ereignis. - -Jenen Hut, den er seinerzeit in der alten Wohnung auf den Ofen geworfen -hatte, um ihn ein für allemal loszusein, -- hatte die Jerschowa -gefunden. Sie kam zur Ueberzeugung, daß man den Hut mit Absicht -dagelassen hatte: ihre früheren Mieter haßten sie, und da ist es doch -sehr wahrscheinlich, dachte die Jerschowa, daß jene, um sich zu rächen, -etwas in den Hut hineingehext haben, was zur Folge haben konnte, daß -sich keine Mieter für die leerstehende Wohnung mehr fänden. Aergerlich -und geängstigt brachte sie den Hut zu einem Weibe, welches im Rufe der -Zauberei stand. - -Diese betrachtete den Hut von allen Seiten, murmelte geheimnisvolle, -düstere Worte, spuckte kräftig und sagte: - -»Sie haben dir Uebles getan, so sollst du ihnen auch Uebles antun. Ein -mächtiger Zauberer hat gehext, aber ich bin schlauer, -- und will seine -Kraft zähmen, daß er sich krümmen soll.« - -Dann besprach sie lange den Hut und nachdem sie ein schönes Geldgeschenk -von der Jerschowa erhalten hatte, befahl sie ihr, den Hut dem ersten -rothaarigen Jungen, den sie treffen würde, mit der Weisung zu übergeben, -ihn in Peredonoffs Wohnung abzuliefern und dann ohne sich umzusehn -davonzulaufen. - -Es traf sich so, daß der erste rothaarige Junge, den die Jerschowa traf, -einer der beiden Schlossersöhne war, die etwas gegen Peredonoff im -Schilde führten, weil er sie seinerzeit angegeben hatte. Der Junge -erhielt einen Fünfer und machte sich ein Vergnügen daraus, dem Auftrage -nicht nur gewissenhaft nachzukommen, sondern auch zum Ueberflusse -unterwegs den Hut gehörig vollzuspucken. Im dunklen Vorhause bei -Peredonoff traf er Warwara; er steckte ihr den Hut zu und lief so -geschwind davon, daß sie ihn nicht erkennen konnte. - -Während nun Peredonoff gerade dem letzten Buben die Augen ausstach, trat -Warwara erstaunt und erschreckt ins Zimmer, und sagte mit vor Aufregung -zitternder Stimme: - -»Ardalljon Borisowitsch, sieh nur, was ich habe!« - -Peredonoff blickte auf und das Wort erstarb ihm auf den Lippen. -Denselben Hut, den er glaubte für immer losgeworden zu sein, sah er in -Warwaras Händen, -- bestaubt, verknüllt und in einem Zustande, der seine -frühere Herrlichkeit nur ahnen ließ. Starr vor Entsetzen konnte er nur -stammeln: - -»Woher? woher?« - -Warwara erzählte mit zitternder Stimme, wie sie den Hut von einem -flinken Jungen erhalten hatte, der plötzlich vor ihr aufgetaucht war, um -dann ebenso plötzlich zu verschwinden. Sie sagte: - -»Das kann nur von der Jerschowa stammen. Sie hat den Hut besprechen -lassen. Bestimmt!« - -Peredonoff murmelte unverständliche Worte und seine Zähne schlugen -hörbar aneinander. Die trübsten Befürchtungen und Vorahnungen quälten -ihn. Traurig stand er auf und das kleine, graue gespenstische Tierchen -lief flink hin und her, hin und her, und kicherte. - - * * * * * - -Die Gäste waren frühzeitig gekommen. Sie hatten viele Kuchen, Aepfel und -Birnen mitgebracht.[10] Warwara empfing alles freudestrahlend, und nur -um der guten Sitte zu genügen, sagte sie ein Mal ums andere: - -»Aber ich bitte! Warum haben Sie sich so bemüht?« - -Schien es ihr aber, als hätte dieser oder jener etwas Billiges oder -Schlechtes gebracht, so ärgerte sie sich. Auch gefiel es ihr nicht, wenn -zwei Gäste ein und dasselbe brachten. - -[Fußnote 10: Es ist in Rußland Sitte, Bekannten, die in eine neue -Wohnung gezogen sind, ein Gastgeschenk zu machen.] - -Ohne viel Zeit zu verlieren, setzte man sich an die Kartentische. Man -spielte an beiden Tischen das Pochspiel. - -»Was ist denn das!« rief die Gruschina, »mein König ist blind.« - -»Und auch meine Dame ist geblendet,« sagte die Prepolowenskaja und -betrachtete aufmerksam ihre Karten, »und der Bube auch.« - -Nun machten sich alle daran, ihre Karten zu untersuchen. Prepolowenskji -sagte: - -»Also darum schien es mir die ganze Zeit so, als wären die Karten rauh. -Ich fühle und denke -- hat der Kerl aber ein rauhes Hemd an, und nun -kommt es heraus, daß es von diesen Löchern ist. Da hat er nun -tatsächlich ein rauhes Hemd an.« - -Alles lachte; nur Peredonoff blieb finster. Warwara sagte schmunzelnd: - -»Sie wissen doch, -- Ardalljon Borisowitsch hat immer so merkwürdige -Einfälle!« - -»Warum hast du es getan?« fragte Rutiloff laut lachend. - -»Wozu brauchen sie Augen?« sagte Peredonoff bedrückt, »sie sollen nicht -sehen.« - -Alle lachten, nur Peredonoff blieb traurig und schweigsam. Es schien -ihm, als schmunzelten und zwinkerten die geblendeten Bilder aus ihren -Löchern, die sie statt der Augen hatten. - -»Vielleicht,« dachte er, »sehen sie jetzt mit den Nasenlöchern.« - -Auch heute war ihm das Glück nicht hold, und die Gesichter der Könige, -Damen und Buben schienen ihn höhnisch und böse anzustarren; die Pik-Dame -knirschte sogar mit den Zähnen; wahrscheinlich war sie ungehalten -darüber, daß er sie geblendet hatte. - -Und als Peredonoff einmal vollständig verloren hatte, packte er das -ganze Spiel und zerriß es wütend in lauter kleine Fetzen. Die Gäste -wälzten sich vor Lachen. Warwara sagte schmunzelnd: - -»So ist er immer; wenn er getrunken hat, wird er absonderlich.« - -»Mit anderen Worten: wenn er besoffen ist?« sagte die Prepolowenskaja -giftig, »hören Sie nur, Ardalljon Borisowitsch, was Ihr Schwesterchen -von Ihnen sagt.« - -Warwara wurde rot und antwortete gereizt: - -»Das ist Wortklauberei!« - -Die Prepolowenskaja lächelte und schwieg. - -Man nahm ein neues Spiel und spielte weiter. Plötzlich ertönte ein -lautes Krachen, -- eine Fensterscheibe sprang klirrend und ein Stein -schlug hart vor Peredonoff zu Boden. - -Unter dem Fenster hörte man leises Flüstern, Lachen und dann Schritte, -die sich eilig entfernten. Alle sprangen erregt von ihren Plätzen; die -Frauen kreischten, -- wie sie es gewöhnlich immer in solchen Fällen zu -tun pflegen. Man hob den Stein auf, betrachtete ihn sorgfältig und -ängstlich, keiner aber wagte es, ans Fenster zu gehen; -- erst schickte -man Klawdja auf die Straße und als sie mitgeteilt hatte, daß kein Mensch -zu sehen wäre, begaben sich alle ans Fenster und besahen die -zerschlagene Scheibe. Wolodin sprach die Vermutung aus, ein Gymnasiast -hätte den Stein geworfen. Das schien allen wahrscheinlich zu sein und -man blickte Peredonoff bedeutungsvoll an. Peredonoff machte ein -mürrisches Gesicht und brummte in den Bart. Die Gäste sprachen dann -darüber, wie ungezogen und verwildert die Kinder von heute wären. - -Die eigentlichen Schuldigen waren natürlich nicht Gymnasiasten, sondern -die Söhne des Schlossers. - -»Der Direktor hat sie dazu angestiftet,« erklärte Peredonoff plötzlich, -»er sucht ewig nach Händeln und weiß gar nicht mehr, was er sich -ausdenken soll, um mir was anzuhaben.« - -»Das hast du dir wunderbar ausgedacht,« rief Rutiloff laut lachend. - -Alle lachten, aber die Gruschina sagte: - -»Ja, was denken Sie denn; er ist ein so boshafter und schlechter Mensch, -daß man ihm alles zutrauen kann. Natürlich tut er es nicht selber, aber -so beiläufig, durch seine Söhne z. B. gibt er einen kleinen Wink ...« - -»Und daß er adelig ist, besagt noch nichts,« blökte Wolodin dazwischen, -»gerade von den Adeligen lassen sich solche Stückchen erwarten.« - -Manche von den Gästen hielten das nicht für unmöglich, -- und hörten auf -zu lachen. - -»Du hast Unglück mit Glas, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Rutiloff, -»bald wird dir die Brille zerschlagen, bald ein Fenster zertrümmert.« - -Dieser Witz hatte einen neuen Heiterkeitsausbruch zur Folge. - -»Scherben bedeuten Glück,« sagte die Prepolowenskaja verhalten lächelnd. - - * * * * * - -Als Peredonoff und Warwara zu Bett gingen, glaubte er, daß sie gegen ihn -etwas im Schilde führe; er nahm alle Gabeln und Messer und versteckte -sie unter dem Bett. Er lallte schon halb im Schlafe: - -»Ich kenne dich; du willst mich heiraten und mich denunzieren, um mich -dann los zu sein. Dann wirst du eine Pension erhalten und mich wird man -in der Festungsmühle zu Brei zermahlen.« - -In der Nacht träumte er unruhig. Lautlos neckten ihn fürchterliche -Gestalten, -- es waren lauter Könige und Buben, und sie schwangen -drohend ihre Keulen. Sie flüsterten und suchten sich vor ihm zu -verstecken. Ganz leise krochen sie unter sein Kopfkissen. - -Aber dann wurden sie kühner und kamen wieder hervor. In unzähligen -Mengen liefen sie immer rings um ihn herum und sprangen vom Bett auf das -Kopfkissen, vom Kopfkissen auf den Boden und dann wieder aufs Bett. Sie -zischelten und neckten ihn, schnitten entsetzliche, unheimliche Fratzen -und verzogen den garstigen Mund zu widerlichem Grinsen. Peredonoff sah, -daß sie alle nur klein und schmächtig waren; sie konnten ihn nicht -töten; aber sie machten sich über ihn lustig, und ihr Erscheinen -bedeutete Unglück. Darum fürchtete er sich und murmelte einige -unzusammenhängende Sätze aus Beschwörungsformeln, die er als Kind beim -Spielen gelernt hatte; dann fuchtelte er mit den Händen, um sie zu -vertreiben, er schrie sie an mit heiserer, befehlender Stimme. - -Davon erwachte Warwara und fragte ärgerlich: - -»Warum brüllst du so; du läßt mich nicht schlafen?« - -»Die Pikdame hat ein Zwillichtuch um und läßt nicht ab von mir,« -flüsterte er. - -Warwara stand brummig auf und gab ihm einige Tropfen zur Beruhigung. - - * * * * * - -Im Lokalanzeiger des Städtchens erschien ein Aufsatz des Inhaltes, daß -Madame K... die kleinen Gymnasiasten, die bei ihr in Pension lebten, -Söhne aus den besten Adelsfamilien des Landes, zu schlagen pflege. Der -Notar Gudajewskji trug diese Nachricht grollend von Haus zu Haus. - -Dann tauchten auch andere, geradezu unglaubliche Gerüchte über das -städtische Gymnasium auf: man erzählte von einem jungen Fräulein, das -sich als Schüler verkleidet hätte, -- und ganz allmählich kam es so -weit, daß Pjilnikoff und Ludmilla zusammen genannt wurden. - -Sascha wurde von seinen Kameraden damit geneckt; er machte sich nicht -viel daraus, dann verteidigte er Ludmilla mit Eifer und versicherte, nie -wäre etwas Derartiges vorgefallen, wie man ihr und ihm nachsagte. - -Einerseits hatte das zur Folge, daß er sich schämte, Ludmilla zu -besuchen, andererseits zog es ihn um so stärker hin: ein merkwürdiges -Gefühl brennender Scham und höchster Lust erregte ihn, und erfüllte alle -seine Gedanken mit verschwommenen, leidenschaftlichen Vorstellungen. - - - - - XXI - - -Peredonoff und Warwara aßen zu Mittag. Es war ein Sonntag. Jemand kam -ins Vorhaus. Warwara schlich an die Tür und guckte durchs Schlüsselloch. -Ganz leise kehrte sie wieder auf ihren Platz und flüsterte: - -»Der Briefträger. Man muß ihm einen Schnaps geben; er hat wieder einen -Brief.« - -Peredonoff nickte schweigend, -- wahrhaftig -- um ein Gläschen Schnaps -sollte es ihm nicht leid tun. Warwara rief: - -»Kommen Sie herein, Briefträger!« - -Er kam ins Eßzimmer, wühlte in seiner Tasche und tat so, als suchte er -nach einem Brief. Warwara goß Schnaps in ein großes Glas und schnitt ein -Stück von der Pastete ab. Der Briefträger schielte gierig danach. -Peredonoff überlegte unterdessen, wem dieser Mensch so außerordentlich -ähnlich sähe. Endlich fiel es ihm ein, -- es war ja derselbe rothaarige, -finnige Kerl, der ihm neulich noch über den Weg gelaufen war. - -»Eine schlechte Vorbedeutung,« dachte Peredonoff. Er ballte die Faust in -der Tasche und drohte dem Briefträger heimlich. - -Dieser hatte unterdessen den Brief gefunden und gab ihn Warwara. - -»Für Sie,« sagte er ehrerbietig, dankte für den Schnaps, leerte das Glas -auf einen Zug, räusperte sich, nahm das Stück Pastete und ging. - -Warwara drehte den Brief in ihren Händen und reichte ihn dann ungeöffnet -Peredonoff. - -»Lies; ich glaube, er ist wieder von der Fürstin,« sagte sie -schmunzelnd, »sie ist ins Schreiben reingekommen. Würde sie dir lieber -eine Stelle verschaffen, statt zu schreiben.« - -Peredonoffs Hände zitterten. Er zerriß den Umschlag und überflog den -Brief. Dann sprang er auf und brüllte: - -»Hurra! Drei Stellen sind vakant, ich brauche nur zu wählen. Hurra, -Warwara, wir haben das Spiel gewonnen!« - -Er tanzte und drehte sich ausgelassen im Zimmer. Sein Gesicht war rot, -seine Augen blickten stumpfsinnig, und es schien, als drehe sich da eine -merkwürdig große, aufgezogene Puppe. Warwara schmunzelte und sah ihm zu. -Er rief: - -»Nun kann's losgehen, -- wir machen Hochzeit!« - -Er packte Warwara an den Schultern, drehte sich mit ihr um den Tisch -herum und stampfte. - -»Den Russischen!« rief er. - -Warwara stemmte die Arme in die Seiten und segelte los. Peredonoff -hockte nieder und tanzte vor ihr her. - -Wolodin trat ein und blökte fröhlich: - -»Der Herr Inspektor _in spe_ beliebt sich im Nationaltanze zu -versuchen.« - -»Tanz, Pawluschka!« rief Peredonoff. - -Klawdja stand an der Tür und sah zu. Wolodin rief laut lachend: - -»Tanz, Klawdjuschka! Alle sollen tanzen! Der Herr Inspektor will -unterhalten sein!« - -Klawdja bewegte kokett die Schultern und quiekte laut. Wolodin tanzte -flott vor ihr her, -- bald hockte er nieder, drehte sich, bald sprang er -auf und klatschte in die Hände. Besonders fein gelang es ihm, die Knie -vorzuwerfen und unter dem Knie in die Hände zu klatschen. Der Fußboden -dröhnte unter seinen Absätzen. Klawdja freute sich einen so geschickten -Tänzer zu haben. - -Man war müde geworden und setzte sich an den Tisch, während Klawdja -fröhlich lachend in die Küche lief. Man trank Schnaps und Bier, -zerschlug Gläser und Flaschen, schrie, lachte, küßte und umarmte -einander. Dann liefen Peredonoff und Wolodin in den Sommergarten, -- -Peredonoff wollte mit seinem Briefe prahlen. - -Im Billardzimmer waren einige bekannte Herren. Peredonoff zeigte ihnen -den Brief. Ohne Zweifel -- der Brief machte großen Eindruck. Man besah -ihn voller Ehrfurcht. Rutiloff wurde blaß, murmelte etwas und spie aus. - -»Ich war dabei, als ihn der Briefträger brachte!« sagte Peredonoff. »Ich -selber habe ihn geöffnet. Ein Betrug ist also ganz ausgeschlossen.« - -In stummer Ehrfurcht sahen ihn die Freunde an. Ein Brief von der -Fürstin! - -Aus dem Sommergarten ging Peredonoff zur Werschina. Er ging gleichmäßig -und schnell, schlenkerte mit den Armen und brummte vor sich hin; sein -Gesicht war ganz ausdruckslos, -- so ausdruckslos wie das einer Puppe, --- nur in seinen Augen glimmte ein gieriges, halberloschenes Feuer. - - * * * * * - -Der Tag war heiß und klar. Martha saß in der Laube und strickte an einem -Strumpf. Unklare, gottesfürchtige Gedanken bewegten sie. Zuerst mußte -sie an ihre Sünden denken, dann aber richtete sich ihr Sinn auf -erfreulichere Dinge, und sie gedachte der Tugenden; ihre Gedanken wurden -traumhaft, nahmen Gestalt an, und in dem Maße, als die Möglichkeit sie -in Worte zu fassen abnahm, nahmen sie an klaren, plastischen Linien im -Traumgebilde zu. Die Tugenden erschienen ihr als große, weißgekleidete -Puppen, die schön und glänzend waren, und ihr Belohnungen versprachen. -In den Händen hielten sie klappernde Schlüsselbünde; sie waren mit -Brauttüchern bekleidet. - -Eine dieser Gestalten war besonders auffallend und glich den andern nur -wenig. Sie versprach nichts, blickte vorwurfsvoll, und ihre Lippen -bewegten sich, als stießen sie lautlose Drohungen aus; es schien, daß, -wenn sie ein Wort aussprechen würde, etwas Schreckliches geschehen -müßte. Martha erriet, daß diese Gestalt das Gewissen war. Diese -merkwürdige, unheimliche Besucherin war ganz in Schwarz gekleidet, hatte -schwarze Augen, schwarzes Haar, -- und nun begann sie zu sprechen, -- -schnell, abgerissen, deutlich. Sie wurde der Werschina immer ähnlicher. -Martha gab sich einen Ruck, antwortete irgend etwas auf die an sie -gerichtete Frage, antwortete noch ganz im Halbschlaf -- und wieder -umfingen sie Träume. - -War es nun das Gewissen oder die Werschina, die ihr gegenüber saß und -schnell, deutlich, aber doch unverständlich erzählte und an etwas -merkwürdig Duftendem rauchte, -- dieses entschlossene, ruhige Wesen, das -zu erwarten schien, daß alles nach ihrem Willen geschähe? Martha -versuchte, ihr gerade in die Augen zu blicken, konnte es aber nicht, -- -und jene lächelte eigentümlich, murmelte, und ihre Augen liefen hin und -her und schienen entfernte, unbekannte Dinge zu suchen, vor denen Martha -Angst hatte. - -Eine laute Unterhaltung weckte sie. - -In der Laube stand Peredonoff und begrüßte sich laut mit der Werschina. -Martha blickte erschrocken auf. Ihr Herz klopfte, die Augen wollten -nicht recht aufgehen, und ihre Gedanken verwirrten sich. Wo war das -Gewissen geblieben? Oder war es nicht da? Hatte es überhaupt nicht da zu -sein? - -»Sie haben sozusagen geschlummert,« sagte ihr Peredonoff, »Sie haben aus -vollen Nüstern geschnarcht. Sie sind eine Schnarre.« - -Martha verstand diesen Kalauer nicht, lächelte aber, denn sie hatte an -dem Lächeln der Werschina gemerkt, daß von etwas gesprochen wurde, was -komisch sein sollte. - -»Man müßte Sie Lotte nennen und nicht Martha,« fuhr Peredonoff fort. - -»Warum denn?« fragte Martha. - -»Weil Sie so >laut< schnarchen.« - -Peredonoff setzte sich auf die Bank neben Martha und sagte: - -»Ich weiß eine Neuigkeit, etwas sehr Wichtiges.« - -»Was für eine Neuigkeit? Wir werden uns freuen, näheres darüber zu -erfahren,« sagte die Werschina, und Martha beneidete sie im stillen um -die vielen Worte, die sie gefunden hatte, um die einfache Frage: was -denn? zu verkleiden. - -»Raten Sie,« sagte Peredonoff düster, triumphierend. - -»Wie soll ich es erraten,« antwortete die Werschina. »Sagen Sie es -einfach, und wir werden Ihre Neuigkeit wissen.« - -Peredonoff war es unangenehm, daß man nicht raten wollte. Er schwieg und -saß stumpf und schwerfällig da, in ungeschickter Haltung, und blickte -starr vor sich nieder. Die Werschina rauchte und lächelte schief, dabei -bleckte sie ihre gelben Zähne. - -»Warum sollten wir Ihre Neuigkeit erraten,« sagte sie nach kurzem -Stillschweigen, »ich werde Ihnen lieber aus den Karten wahrsagen. -Martha, holen Sie geschwind die Karten.« - -Martha erhob sich, aber Peredonoff hielt sie böse zurück. - -»Bleiben Sie sitzen. Es ist nicht nötig. Ich will nicht. Wahrsagen Sie -sich selber und lassen Sie mich in Ruh'. Auf Ihren Leisten werden Sie -mich doch nicht umschlagen. Na -- ich werde Ihnen eine Sache zeigen! Sie -werden die Mäuler aufsperren.« - -Peredonoff nahm rasch aus seiner Rocktasche seine Brieftasche, holte -Brief und Umschlag hervor und zeigte beides der Werschina ohne es aus -der Hand zu geben. - -»Sehen Sie,« sagte er, »hier ist das Kuvert. Und das ist der Brief.« - -Er entfaltete den Brief und las ihn langsam vor. Aus seinen Augen -blickte eine stumpfsinnige Freude befriedigter Bosheit. Die Werschina -schäumte. Bis zum letzten Augenblick hatte sie nicht an die Geschichte -mit der Fürstin geglaubt, und nun mußte sie einsehen, daß Marthas -Angelegenheit endgültig verspielt war. Sie lächelte schief und gezwungen -und sagte: - -»Nun, -- es ist Ihr Glück.« - -Martha saß da, mit einem erstaunten, erschreckten Ausdruck im Gesicht -und lächelte fassungslos. - -»Hab' ich's gewonnen?« sagte Peredonoff schadenfroh. »Sie hielten mich -für einen Idioten, nun erweist es sich, daß ich der Klügere war. Sie -redeten z. B. vom Kuvert, -- da ist es. Nein, nein -- die Sache hat ihre -Richtigkeit.« - -Er klopfte mit der Faust auf den Tisch, nicht zu stark und nicht laut, --- und seine Bewegung und der Klang seiner Worte waren so merkwürdig -gleichgültig, als wäre er ein Fremder -- und ganz teilnahmlos für seine -eigenen Angelegenheiten. - -Die Werschina und Martha wechselten spöttisch-verlegene Blicke. - -»Was sehen Sie einander so an!« sagte Peredonoff grob, »da gibt es -nichts zu sehn: es ist alles in Ordnung, ich heirate Warwara. Viele -junge Dämchen haben mir nachgestellt.« - -Die Werschina schickte Martha nach Zigaretten, -- und Martha war froh, -daß sie fort konnte. Als sie über die Kieswege lief, die mit buntem, -herbstlichen Laub bedeckt waren, wurde ihr froh und leicht ums Herz. In -der Nähe des Hauses traf sie Wladja, der barfuß ging, -- da wurde sie -noch fröhlicher und vergnügter. - -»Er heiratet Warwara, jetzt ist es sicher,« sagte sie lebhaft mit -gedämpfter Stimme und zog den Bruder in den Flur des Hauses. - -Peredonoff aber, ohne auf Marthas Rückkehr zu warten, verabschiedete -sich plötzlich. - -»Ich habe keine Zeit,« sagte er, »ich muß heiraten, und nicht etwa -Bastschuhe flechten.« - -Die Werschina forderte ihn nicht einmal auf, zu bleiben und -verabschiedete sich sehr kühl. Sie war außerordentlich aufgebracht: -immerhin war doch bis zuletzt ein Schimmer von Hoffnung geblieben, daß -Peredonoff Martha nehmen würde. In dem Falle hätte sie Murin geheiratet. -Nun gab es aber nichts mehr zu hoffen. - -Martha mußte es büßen! An diesem Tage weinte sie viel. - - * * * * * - -Als Peredonoff aus dem Garten trat, wollte er sich eine Zigarette -anstecken. Plötzlich sah er einen Schutzmann, -- der stand an einer -Straßenecke und knackte Sonnenblumensamen. Peredonoff wurde traurig. - -»Wieder so ein Spitzel,« dachte er, »die suchen nur, wo sie einem am -Zeuge flicken können.« - -Er wagte es nicht, die Zigarette anzustecken, trat an den Schutzmann -heran und fragte schüchtern: - -»Herr Schutzmann, wenn ich fragen darf -- ist das Rauchen hier erlaubt?« - -Der Schutzmann grüßte mit der Hand an der Mütze und erkundigte sich -zuvorkommend: - -»Das heißt, Euer Hochwohlgeboren, wie meinen Sie das?« - -»Ein Zigarettchen,« erklärte Peredonoff, »ich meine: ist es erlaubt, ein -Zigarettchen zu rauchen?« - -»Diesbezüglich haben wir keinerlei Vorschriften,« antwortete der -Schutzmann ausweichend. - -»Wirklich nicht?« fragte Peredonoff eindringlich und seine Stimme klang -traurig. - -»Nein, Euer Hochwohlgeboren. Soll heißen, es ist nicht befohlen, -Herrschaften, welche rauchen, aufzuhalten, und daß eine diesbezügliche -Vorschrift erlassen wäre, ist mir unbekannt.« - -»Falls dem so ist, laß ich es lieber bleiben,« sagte Peredonoff -unterwürfig. »Ich bin durchaus politisch unverdächtig. Ich werfe sogar -die Zigarette fort. Ich bin nämlich Staatsrat.« - -Peredonoff zerknitterte die Zigarette, warf sie fort und in der -Befürchtung, er hätte vielleicht doch ein überflüssiges Wort gesagt, -ging er schnell nach Hause. Der Schutzmann blickte ihm kopfschüttelnd -nach, endlich kam er zu der Ueberzeugung, der Herr hätte wohl eins über -den Durst getrunken; dabei beruhigte er sich und knackte wieder -friedlich an seinen Sonnenblumensamen. - -»Die Straße hat sich auf den Kopf gestellt,« murmelte Peredonoff. - -Die Straße führte bergan auf einen kleinen Hügel, dann senkte sie sich -wieder und diese Biegung der Straße zwischen zwei kleinen Hütten -zeichnete sich scharf ab vom blauen, traurigen Abendhimmel. Es war ein -Armeleuteviertel, das in sich versunken schien, traurig und ganz ohne -Hoffnung. - -Die Aeste der Bäume hingen tief über die Zäune, drohend und spöttisch. -An einem Kreuzweg stand ein Ziegenbock und stierte stumpf auf -Peredonoff. - -Plötzlich erschallte hinter einer Straßenecke Wolodins meckerndes -Gelächter, er trat vor, um Peredonoff zu begrüßen. Dieser blickte ihn -düster an und dachte an den Bock, der eben noch da gestanden und -plötzlich verschwunden war. - -»Natürlich verwandelt sich Wolodin in einen Bock,« dachte er. -- »Woher -sonst die Aehnlichkeit, und außerdem kann man nicht unterscheiden, ob er -meckert oder lacht.« - -Diese Gedanken beschäftigten ihn so sehr, daß er gar nicht darauf hörte, -was Wolodin erzählte. - -»Warum schlägst du aus, Pawluschka,« fragte er traurig. - -Wolodin wies die Zähne, meckerte und antwortete: - -»Ich schlage keineswegs aus, Ardalljon Borisowitsch, vielmehr begrüßte -ich Sie mit einem Handschlag. Vielleicht ist es in Ihrer Heimat üblich, -mit den Händen auszuschlagen, bei mir zu Hause indes tut man das nur mit -den Füßen; aber die Menschen tun es nicht, sondern mit Verlaub zu -bemerken, nur die Pferdchen.« - -»Du stößt vielleicht mit Hörnern,« brummte Peredonoff. - -Wolodin fühlte sich gekränkt und sagte mit zitternder Stimme: - -»Noch sind mir keine Hörner gewachsen, Ardalljon Borisowitsch; aber es -ist möglich, daß Ihnen früher als mir Hörner wachsen werden.« - -»Du hast eine lange Zunge und schwatzt immer drauf los,« sagte -Peredonoff böse. - -»Wenn Sie das zu meinen belieben, Ardalljon Borisowitsch,« entgegnete -Wolodin eifrig, »so kann ich auch schweigen.« - -Er trug eine gekränkte Miene zur Schau und warf die Lippe auf: trotzdem -blieb er an Peredonoffs Seite, denn er hatte noch nicht zu Mittag -gespeist und rechnete darauf, sich bei Peredonoff sattessen zu können: -man hatte ihn nämlich am Morgen, in der ersten Freude über den Brief, -eingeladen. - -Zu Hause wurde Peredonoff mit einer wichtigen Neuigkeit erwartet. Schon -im Vorhause merkte man, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war, -- -denn in den Zimmern hörte man ein Hin und Her und erschreckte Ausrufe. -Peredonoff glaubte, das Essen wäre noch nicht gerichtet: man hätte ihn -kommen sehn, wäre erschrocken über die Verzögerung und beeilte sich nun. -Es berührte ihn angenehm, daß man sich vor ihm fürchtete. Es erwies sich -aber, daß etwas anderes geschehen war. Warwara kam in das Vorhaus -gelaufen und schrie: - -»Der Kater ist wieder da!« - -Vor lauter Schrecken hatte sie Wolodin nicht gleich bemerkt. Sie war wie -gewöhnlich unordentlich gekleidet: -- eine fleckige Bluse über einem -grauen, unsauberen Rock, breitgetretene Pantoffeln an den bloßen Füßen; -das Haar zerzaust und schlecht gekämmt. Aufgeregt erzählte sie: - -»Oh diese Irischka! Aus purer Bosheit hat sie das getan. Wieder kam -irgend ein Knabe gelaufen und warf den Kater mitten ins Zimmer, und der -Kater hat Schellen am Schwanz, -- die bimmeln und lärmen. Jetzt ist er -unter dem Sofa und will nicht heraus.« - -Peredonoff zitterte. - -»Was soll man da tun?« fragte er. - -»Helfen Sie, Pawel Wassiljewitsch,« bat Warwara, »stochern Sie ihn unter -dem Sofa heraus.« - -»Wird besorgt, wird besorgt,« kicherte Wolodin und ging in den Saal. - -Der Kater wurde irgendwie hervorgezerrt und man nahm ihm die Schellen -vom Schwanz. Peredonoff suchte nach Kletten und machte sich daran den -Kater damit zu bewerfen. Dieser fauchte wütend und lief in die Küche. - -Peredonoff war müde geworden von der Spielerei mit dem Kater und setzte -sich in den Sessel, wie er es gewöhnlich zu tun pflegte: die Ellbogen -auf die Armlehnen gestützt, die Hände gefaltet, die Beine übereinander -geschlagen, das Gesicht verdrießlich und unbeweglich. - -Den zweiten Brief der Fürstin bewahrte Peredonoff mit größerer Sorgfalt -als den ersten: er trug ihn stets bei sich im Portefeuille, zeigte ihn -aber jedermann und setzte dann eine geheimnisvolle Miene auf. Er achtete -scharf darauf, daß keiner ihm den Brief entwenden konnte, gab ihn -niemandem in die Hand und verwahrte ihn, wenn er ihn gezeigt hatte, -sorgfältig in seinem Portefeuille, das er in eine Seitentasche seines -Rockes steckte, den er dann fest zuknöpfte. Dabei blickte er streng und -von oben herab auf die Leute, mit denen er sprach. - -»Warum trägst du ihn immer bei dir?« fragte Rutiloff zuweilen lachend. - -»Für alle Fälle,« erklärte Peredonoff finster, »wer kennt sich aus! Ihr -stehlt ihn noch.« - -»Du tust genau so, als lebten wir in Sibirien,« sagte Rutiloff, lachte -und klopfte Peredonoff auf die Schulter. - -Peredonoff aber bewahrte seine durch nichts zu störende, hochmütige -Ruhe. Ueberhaupt war er in der letzten Zeit aufgeblasener als -gewöhnlich. Oft prahlte er: - -»Nun werde ich Inspektor. Ihr könnt hier versauern; ich aber werde zwei -Bezirke unter mir haben. Vielleicht auch drei. Oho!« - -Er war fest davon überzeugt, daß er in kürzester Zeit die neue Stelle -antreten würde. Dem Lehrer Falastoff hatte er mehr als einmal -versprochen: - -»Ich werde dich schon herausreißen, Freund!« - -Das hatte zur Folge, daß der Lehrer Falastoff mit außerordentlicher -Ehrerbietung zu Peredonoff aufblickte. - - - - - XXII - - -Peredonoff ging sehr oft zur Kirche. Er stellte sich auf einen -sichtbaren Platz und bekreuzigte sich entweder viel öfter, als notwendig -war, oder er stand ganz steif da und blickte stumpf vor sich hin. -Manchmal schien es ihm, als versteckten sich Spione hinter den Säulen: -von dort guckten sie vor und bemühten sich, ihn zum Lachen zu bringen. -Er aber widerstand der Versuchung. - -Das Lachen, -- das leise Lachen, Gekicher und Geflüster der -Rutiloffschen Mädchen klang Peredonoff in den Ohren, es wuchs manchmal -ganz unglaublich an, als lachten diese hinterlistigen Mädchen dicht vor -seinen Ohren, um auch ihn zum Lachen zu bringen, -- ihn so zu -vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand Peredonoff. - -Zuweilen erschien ihm das graue gespenstische Tierchen; er sah, wie es -aus dem Weihrauch hervorschoß; seine kleinen Aeuglein blitzten in -Flammen, und mit einem leisen Pfeifen schoß es durch die Luft, dann aber -glitt es zu Boden und tummelte sich zu Füßen der Kirchenbesucher, machte -sich über Peredonoff lustig und quälte ihn unablässig. Natürlich wollte -es Peredonoff einen Schreck einjagen, damit er noch vor Schluß des -Gottesdienstes die Kirche verlassen sollte. Er aber erriet diese -hinterlistigen Absichten, und widerstand auch dieser Versuchung. - -Die gottesdienstlichen Verrichtungen, -- die nicht etwa allein dem -Wortlaut nach oder durch die Zeremonien, sondern durch ihren tiefen, -innerlichen Gehalt auf so viele Leute wirken, -- waren Peredonoff ganz -unverständlich. Darum fürchtete er sie. Der aufsteigende Weihrauch -erschreckte ihn, -- er sah nur die rätselhaften Rauchgebilde. - -»Warum schwenkt er das Rauchfaß?« -- dachte er. - -Die Gewänder der Geistlichen hielt er für grobe, lästig-bunte Lappen, -und wenn er auf den reichgeschmückten Priester blickte, so ärgerte er -sich, und ihn kam die Lust an, das Meßgewand zu zerreißen, die heiligen -Gefäße zu zerschlagen. Die wirklichen Gebräuche und Mysterien schienen -ihm böse Zauberei zu sein, zu dem Zwecke erfunden, das einfache Volk zu -betören, zu knechten. - -»Er hat die Hostie in den Wein gebrockt,« -- dachte er böse über den -Priester, -- »ein billiges Weinchen, sie betrügen das Volk, um mehr Geld -für ihre Amtshandlungen herauszuschlagen.« - -Das ewige Mysterium der Verwandlung gewöhnlichen Weines und Brotes zu -einer Kraft, welche die Fesseln des Todes bricht, war ihm für immer -verschlossen. Eine wandelnde Leiche! Eine unsinnige Verquickung seines -Unglaubens an einen lebendigen Gott und an den Sohn mit seinem Glauben -an die Zauberei! - -Man ging aus der Kirche. Der Dorfschullehrer Matschigin, ein -einfältiger, junger Mann, stand neben einigen jungen Mädchen, lächelte -und plauderte flott. Peredonoff überlegte, daß es unpassend wäre, wie -sich dieser junge Mann in Gegenwart des künftigen Inspektors gehen -ließe. Matschigin trug einen Strohhut. Aber Peredonoff erinnerte sich, -ihn einmal im Sommer vor der Stadt gesehen zu haben, und damals hatte er -eine Dienstmütze mit der Kokarde getragen. Peredonoff beschloß, dies zur -Anzeige zu bringen. Die Gelegenheit war günstig, denn auch der Inspektor -Bogdanoff war anwesend. Peredonoff trat auf ihn zu und sagte: - -»Ihr Matschigin da trägt eine Dienstmütze mit der Kokarde. Er will den -Herren spielen.« - -Bogdanoff erschrak, zitterte und sein graues Bärtchen erbebte. - -»Das darf er nicht, er hat kein Recht es zu tun,« sagte er bekümmert und -zwinkerte mit den roten Aeuglein. - -»Freilich hat er kein Recht dazu, und doch tut er's,« beklagte sich -Peredonoff. »Man muß sie stramm halten, ich hab es Ihnen längst gesagt. -Jeder klotzfüßige Bauer könnte sonst die Kokarde anlegen, und was sollte -dabei herauskommen.« - -Bogdanoff, dem Peredonoff schon früher einen Schreck eingejagt hatte, -kam ganz aus der Fassung. - -»Wie untersteht er sich nur!« sagte er weinerlich. »Ich werde ihn sofort -zitieren, sofort, und werde es ihm auf das Strengste verbieten.« - -Er verabschiedete sich von Peredonoff und lief eingeschüchtert nach -Hause. - -Wolodin ging neben Peredonoff und sagte mit vorwurfsvoll meckernder -Stimme: - -»Er trägt eine Kokarde. Hat man schon so was gehört! Als ob er einen -Rang hätte! Es ist unerhört!« - -»Auch du darfst keine Kokarde tragen,« sagte Peredonoff. - -»Wenn ich es nicht darf, so tu ich es auch nicht,« entgegnete Wolodin. -»Das heißt, zuweilen trage auch ich die Kokarde, aber ich weiß doch, wo -und wann ich es tue. Wenn ich zum Beispiel vor die Stadt gehe, so lege -ich sie an. Mir macht es Vergnügen, und niemand kann es verbieten. -Treffe ich aber ein Bäuerlein, so steh ich hoch in seiner Achtung.« - -»Die Kokarde paßt nicht zu deiner Schnauze,« sagte Peredonoff. »Außerdem -pack dich bitte: du hast mich mit deinen Hufen ganz bestaubt.« - -Wolodin schwieg gekränkt, blieb aber an Peredonoffs Seite. Dieser sagte -besorgt: - -»Auch die Rutiloffschen Göhren müßte man angeben. Die kommen nur in die -Kirche, um zu schwatzen und zu lachen. Sie schminken sich, staffieren -sich aus und gehen hin. Dabei stehlen sie Weihrauchwacholder und -fabrizieren daraus ihre Parfums, -- es riecht immer so verdächtig von -ihnen.« - -»Nein! Ist es möglich!« sagte Wolodin, schüttelte den Kopf und glotzte -stumpf vor sich hin. - -Ueber die Erde glitt der Schatten einer Wolke und Peredonoff fürchtete -sich. In den Staubwolken, im Winde huschte das graue, gespenstische -Tierchen. Wenn sich das Gras vor dem Winde bewegte, glaubte Peredonoff -das Tierchen liefe da durch, dann biß es ihn und verschwand wieder. - -»Warum wächst das Gras auf den Straßen?« dachte er. »Das ist Unordnung. -Man muß es ausjäten.« - -Der Ast eines Baumes bewegte sich, krümmte sich, wurde schwarz, krächzte -und flog auf. Peredonoff fuhr zusammen. Er schrie wild auf und lief nach -Hause. Wolodin folgte ihm ängstlich. Seine Augen quollen vor und -blickten stier. Mit der einen Hand hielt er den steifen Hut, mit der -andern fuchtelte er mit seinem Stöckchen. - - * * * * * - -Noch am selben Tage ließ Bogdanoff Matschigin kommen. Bevor Matschigin -in das Haus des Inspektors trat, blieb er auf der Straße stehen, den -Rücken zur Sonne gekehrt und versuchte mit den fünf Fingern das Haar zu -glätten, den eignen Schatten gewissermaßen als Spiegel benutzend. - -»Junger Mann, was fällt Ihnen ein? Was tun Sie da für Sachen?« legte -Bogdanoff los. - -»Worum handelt es sich, wenn ich fragen darf,« fragte Matschigin -zuvorkommend, drehte den Strohhut zwischen den Fingern und wippte mit -dem linken Bein. - -Bogdanoff forderte ihn nicht auf Platz zu nehmen, denn er hatte die -Absicht, ihn gehörig vorzunehmen. - -»Was ist das nur, was ist das nur, junger Mann, Sie tragen eine Kokarde? -Wie konnten Sie nur den Diensteid schwören? Was?« fragte er, sich zu -einem strengen Ton zwingend und das graue Bärtchen böse schüttelnd. - -Matschigin wurde rot, antwortete aber keck: - -»Was ist denn dabei? Habe ich nicht das Recht, es zu tun?« - -»Sind Sie denn ein Beamter? Was? Ein Beamter?« ereiferte sich Bogdanoff. -»Ein schöner Beamter -- das! Was? Der Abc-Registrator! Was?« - -»Es ist das Abzeichen meines Lehrerberufs,« sagte Matschigin keck und -lächelte plötzlich süß, weil ihm die Bedeutung seines Lehrerberufs zum -Bewußtsein kam. - -»Nehmen Sie ein Stöckchen in die Hand, ein Stöckchen; da haben Sie ein -Abzeichen Ihres Berufs,« riet ihm Bogdanoff und schüttelte mißbilligend -den Kopf. - -»Aber das geht doch nicht, Sergeji Potapjitsch,« sagte Matschigin mit -gekränkter Stimme, »was ist denn ein Stöckchen! Jedermann kann ein -Stöckchen tragen, die Kokarde aber fördert das Prestige.« - -»Was für ein Prestige, was? Was meinen Sie eigentlich? Was für ein -Prestige?« wetterte Bogdanoff, »wozu brauchen Sie ein Prestige, was? -Sind Sie etwa jemandes Vorgesetzter?« - -»Aber ich bitte Sie, Sergeji Potapjitsch,« bewies Matschigin -eindringlich, »bei der Dorfbevölkerung, die doch nur geringe Kultur -besitzt, bedeutet das eine unbedingte Zunahme der Hochachtung, -- in -diesem Jahr grüßten sie alle viel tiefer.« - -Matschigin streichelte selbstgefällig sein rothaariges Schnurrbärtchen. - -»Es geht nicht, junger Mann, es geht ganz und gar nicht,« sagte -Bogdanoff wehmütig und schüttelte den Kopf. - -»Erlauben Sie doch, Sergeji Potapjitsch, ein Lehrer ohne Kokarde ist -dasselbe wie der britische Löwe ohne Schwanz,« versicherte Matschigin; -»einfach eine Karikatur.« - -»Was tut denn der Schwanz zur Sache? Was? Was soll das mit dem Schwanz? -Was?« redete Bogdanoff aufgeregt. »Die Politik gehört nicht hierher, -was! Ist es Ihre Sache, sich um Politik zu kümmern? Was! Um -Gotteswillen, junger Mann, tun Sie mir den Gefallen und legen Sie die -Kokarde ab. Es geht einfach nicht. Es geht nicht. Gott verhüte es, daß -jemand davon erfährt.« - -Matschigin zuckte die Schultern, er wollte noch etwas antworten, aber -Bogdanoff ließ ihn nicht zu Worte kommen, -- denn seiner Ansicht nach -war ihm etwas Glänzendes eingefallen. - -»Sehen Sie mal, zu mir sind Sie doch ohne Kokarde gekommen, -- was! -- -ohne Kokarde. Sie fühlten also selber, daß es sich nicht schickt.« - -Matschigin war um eine Antwort verlegen, fand sich aber schnell und -sagte: - -»Da wir Dorfschullehrer sind, so bedürfen wir auch eines Privilegiums -für das Dorf, in der Stadt zählen wir sowieso zur Intelligenz.« - -»Nein, junger Mann, es geht nicht; daß Sie es wissen!« sagte Bogdanoff -ärgerlich. »Es geht nicht, und wenn ich noch einmal davon höre, so sind -Sie entlassen.« - - * * * * * - -Die Gruschina veranstaltete von Zeit zu Zeit kleine Abendunterhaltungen -für junge Leute. Mit der Zeit hoffte sie sich einen Mann zu angeln. Aus -Anstandsrücksichten lud sie auch ihre verheirateten Bekannten ein. - -Ein solcher Abend wurde heute veranstaltet und die Gäste waren schon -früh erschienen. - -Im Gastzimmer der Gruschina hingen einige Bilder an den Wänden, die mit -einem undurchsichtigen Mullstoff dicht verhängt waren. Uebrigens waren -es keineswegs unanständige Bilder. Wenn die Gruschina mit einem -verschlagenen, lüsternen Lächeln die leichten Vorhänge lüftete, konnten -die Gäste nackte Weiber bewundern, die zum Ueberfluß noch schlecht -gezeichnet waren. - -»Was gibt es da zu sehen, -- ein verwachsenes Weib,« sagte Peredonoff -verdrießlich. - -»Absolut nicht verwachsen,« verteidigte die Gruschina das Bild, »sie -nimmt so eine Stellung ein.« - -»Sie ist verwachsen,« wiederholte Peredonoff. »Außerdem hat sie -schielende Augen, ganz so wie Sie.« - -»Sie verstehen nichts von der Kunst!« sagte die Gruschina gekränkt; »es -sind ausgezeichnet teure Gemälde. Die Künstler malen das mit Vorliebe.« - -Peredonoff lachte laut auf: es war ihm eingefallen, was für einen Rat er -Wladja in diesen Tagen gegeben hatte. - -»Warum wiehern Sie?« fragte die Gruschina. - -»Der Gymnasiast Nartanowitsch wird seiner Schwester Martha das Kleid -ansengen,« erklärte er, »ich habe es ihm geraten.« - -»Warum sollte er es ansengen, er ist doch kein Dummkopf!« entgegnete die -Gruschina. - -»Natürlich wird er es tun,« versicherte Peredonoff nachdrücklich! -»Geschwister zanken sich immer untereinander. Als ich jung war, -unternahm ich immer irgend etwas gegen meine Schwestern, -- die -kleineren prügelte ich und den älteren verdarb ich die Kleider.« - -»Das ist nicht überall so,« sagte Rutiloff, »ich zanke mich nie mit -meinen Schwestern.« - -»Was tust du denn mit ihnen, -- du küßt sie wohl?« fragte Peredonoff. - -»Du bist ein Lump und ein Schwein, Ardalljon Borisowitsch. Ich werde -dich ohrfeigen,« sagte Rutiloff sehr ruhig. - -»Ich kann solche Scherze nicht leiden,« antwortete Peredonoff und rückte -zur Seite. - -»Er bringt es wirklich fertig, mich zu schlagen,« dachte Peredonoff. »Er -hat so ein boshaftes Gesicht.« - -»Sie besitzt nur das eine schwarze Kleid,« fuhr er fort von Martha zu -erzählen. - -»Die Werschina wird ihr ein neues machen lassen,« sagte Warwara mit -neidischer Bosheit. »Zur Hochzeit wird sie ihr die ganze Aussteuer -herrichten. Eine Schönheit, vor der die Pferde scheu werden,« murmelte -sie leise und blickte schadenfroh auf Murin. - -»Auch für Sie ist es höchste Zeit, Hochzeit zu machen,« sagte die -Prepolowenskaja. »Worauf warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch?« - -Das Ehepaar Prepolowenskaja hatte schon eingesehen, daß Peredonoff nach -dem zweiten Brief fest entschlossen war, Warwara zu heiraten. Sie selber -aber glaubten an die Echtheit des Briefs und behaupteten, daß sie immer -auf Warwaras Seite gestanden hätten. Es hatte für sie keinen Zweck, sich -mit Peredonoff zu entzweien, -- denn es war vorteilhaft, mit ihm Karten -zu spielen. Und Genja, da war nichts zu machen, mußte eben warten, -- -bis sich ein anderer Freier finden würde. - -»Natürlich müssen Sie sich trauen lassen,« sagte Prepolowenskji, »das -ist ein gutes Werk und wird der Fürstin gefallen. Es wird der Fürstin -angenehm sein, wenn Sie heiraten, und das wird ihr auch gefallen, -sintemal Sie ein gutes Werk verrichten, und dann ist alles in Ordnung. -Und -- man nehme die Sache wie man will -- es ist immer ein gutes Werk -und wird der Fürstin gefallen.« - -»Ich bin ganz derselben Meinung,« sagte die Prepolowenskaja. - -Prepolowenskji war ins Reden hereingekommen und konnte nicht an sich -halten, weil er aber bemerkte, daß alle nach und nach von ihm -fortgegangen waren, setzte er sich neben einen jungen Beamten und -erklärte ihm dieselbe Sache. - -»Ich bin entschlossen, mich trauen zu lassen,« sagte Peredonoff, »wir -wissen nur beide nicht, wie das anzufangen ist. Etwas muß doch -geschehen, ich weiß nur nicht was.« - -»Da ist nichts besonders dabei,« sagte die Prepolowenskaja, »wollen Sie, -ich und mein Mann werden Ihnen alles einrichten. Sie brauchen sich um -gar nichts zu kümmern.« - -»Gut,« sagte Peredonoff, »ich bin einverstanden. Es muß nur alles -reichlich und anständig eingerichtet werden. Ums Geld soll es mir nicht -leid tun.« - -»Seien Sie unbesorgt, Sie werden zufrieden sein,« sagte die -Prepolowenskaja. - -Peredonoff fuhr fort, Bedingungen zu stellen: - -»Manche Leute kaufen aus Geiz schmale, silbervergoldete Ringe, ich will -das aber nicht, es müssen echt goldene sein. Und ich möchte sogar statt -der Trauringe Trauarmbänder bestellen, -- denn das ist teurer und -vornehmer.« - -Alle lachten. - -»Armbänder gehen nicht,« sagte die Prepolowenskaja flüchtig lächelnd, -»es müssen Ringe sein.« - -»Warum denn?« fragte Peredonoff geärgert. - -»Man tut es eben nicht.« - -»Man tut es vielleicht doch,« sagte Peredonoff ungläubig. »Ich werde den -Popen fragen. Der muß es besser wissen.« - -Rutiloff kicherte und gab den Rat: - -»Bestell dir doch Traugürtel, Ardalljon Borisowitsch.« - -»So viel Geld habe ich doch nicht,« antwortete Peredonoff und merkte -nicht, daß man sich über ihn lustig machte. »Ich bin kein Bankier. Ich -träumte bloß vor einiger Zeit, daß ich in einem Atlasfrack getraut -wurde, und wir beide trugen goldene Armbänder. Und hinter uns standen -zwei Schuldirektoren, die hielten die Kränze über uns und sangen -Halleluja.« - -»Ich habe heute auch etwas Interessantes geträumt,« erklärte Wolodin, -»ich weiß nur nicht, was es bedeuten soll. Ich saß auf einem Thron und -hatte eine Krone auf dem Kopf, vor mir wuchs aber Gras, und im Grase -weideten Lämmer, lauter Lämmer, lauter Lämmer, bäh--bäh--bäh. Und die -Lämmer gingen hin und her, schüttelten so mit den Köpfen und machten -immerzu: bäh--bäh--bäh.« - -Wolodin ging durch die Zimmer, schüttelte den Kopf, warf die Lippen auf -und meckerte. Die Gäste lachten. Wolodin setzte sich wieder, blickte -alle fromm an, zwinkerte vor Vergnügen mit den Augen und lachte, wie er -es immer tat, mit seiner blökenden, schafsähnlichen Stimme. - -»Nun, und was weiter?« fragte die Gruschina und zwinkerte ihren Gästen -zu. - -»Nun, es waren eben lauter Lämmer, lauter Lämmer, und ich wachte auf,« -schloß Wolodin. - -»Ein Schaf hat die Träume eines Schafes,« brummte Peredonoff, »ein -gefundenes Fressen für dich: Hammelkönig.« - -»Ich aber hatte einen Traum,« sagte Warwara mit einem schmutzigen -Lächeln auf den Lippen, »der läßt sich in Gegenwart von Herren nicht -erzählen; -- Ihnen allein will ich ihn erzählen.« - -»O, liebste Warwara Dmitriewna, das ist ja ganz mein Fall,« antwortete -die Gruschina, lächelte und zwinkerte allen zu. - -»Erzählen Sie ungeniert,« sagte Rutiloff, »wir sind bescheidne Leute, -genau so wie Damen.« - -Auch die übrigen, anwesenden Herren bestürmten Warwara und die -Gruschina, sie sollten erzählen; die beiden aber sahen einander an, -lachten gemein und erzählten nichts. - -Man setzte sich an die Kartentische. Rutiloff versicherte allen, daß -Peredonoff vortrefflich spiele. Peredonoff selber glaubte es. Aber -heute, wie auch sonst immer, verlor er, Rutiloff dagegen gewann. Darüber -war er sichtlich erfreut und redete lebhafter als gewöhnlich. - -Das graue, gespenstische Tierchen quälte Peredonoff. Es versteckte sich -irgendwo ganz in seiner Nähe, guckte zuweilen vor, entweder unter dem -Tisch oder hinter dem Rücken eines der Anwesenden und versteckte sich -wieder. Es schien, als erwartete es irgend etwas. Es war schrecklich. - -Sogar vor den Bildern auf den Karten fürchtete sich Peredonoff. Die -Damen immer zu zweit nebeneinander. - -Wo ist denn die dritte? -- dachte er. - -Stumpfsinnig betrachtete er die Pik-Dame und drehte die Karte um, -- -denn die dritte konnte sich vielleicht hinter dem Hemd versteckt haben. - -Rutiloff sagte: - -»Ardalljon Borisowitsch guckt seiner Dame hinters Hemd.« - -Alle lachten laut. - -Zwei ganz junge Polizeibeamte saßen etwas abseits und spielten -Schwarzen-Peter. Das Spiel ging rasch vor sich. Der Gewinnende lachte -vor Freude und zeigte seinem Partner eine lange Nase. Dieser aber -ärgerte sich. - -Es roch nach warmen Speisen. Die Gruschina bat ihre Gäste in das -Eßzimmer. Alle gingen hinüber, stießen einander und genierten sich. -Irgendwie nahm man Platz. - -»Essen Sie, meine Herrschaften,« bewirtete die Gruschina, »essen Sie, -meine Freunde, schlagen Sie sich die Bäuchlein voll, bis zum Halse -hinauf.« - -»Es gereicht der Wirtin zur Ehre, wenn ihre Pirogge gegessen wird,« rief -Murin fröhlich. - -Der Anblick der Schnapsflaschen tat ihm wohl; auch freute er sich, daß -er im Spiel gewonnen hatte. - -Eifriger als alle andern aßen Wolodin und zwei junge Beamte, -- sie -suchten sich die besten und größten Stücke aus und verschlangen den -Kaviar mit wahrem Heißhunger. Die Gruschina lachte gezwungen und sagte: - -»Pawel Iwanowitsch ist betrunken und hat doch scharfe Augen. Er läßt das -Brot liegen und macht sich an die Pastete.« - -Als hätte sie für ihn den Kaviar gekauft! Und unter dem Vorwand, sie -müsse die Damen mit diesen schönen Sachen bewirten, stellte sie sie -recht weit von ihm fort. Wolodin aber ließ sich die Laune nicht -verderben und begnügte sich mit dem, was man ihm gelassen hatte: er -hatte sich beeilt, gleich im Anfang recht viel vom Allerbesten zu essen, -so daß ihm jetzt alles gleich sein konnte. - -Peredonoff blickte auf die Kauenden, und es schien ihm, daß alle über -ihn lachten. Warum denn? Worüber denn? Wütend aß er alles, was ihm -gerade unter die Finger kam; er aß unappetitlich und gierig. - -Nach dem Essen wurde wieder gespielt. Doch bald wurde es Peredonoff -langweilig. Er warf die Karten auf den Tisch und sagte: - -»Daß euch der Teufel hole! Ich habe kein Glück! Wie langweilig! Warwara, -komm, -- wir gehen nach Hause.« - -Gleichzeitig mit ihm erhoben sich auch die andern. - -Im Vorhaus bemerkte Wolodin, daß Peredonoff einen neuen Spazierstock -hatte. Er betrachtete ihn grinsend von allen Seiten und fragte: - -»Ardascha, warum sind denn die Finger hier zur Faust geballt? Was -bedeutet das?« - -Peredonoff nahm ihm ärgerlich den Stock aus den Händen, hielt den Griff, -der eine aus Ebenholz geschnitzte Faust darstellte, an Wolodins Nase und -sagte: - -»Du verdientest eine saftige Ohrfeige.« - -Wolodin machte ein gekränktes Gesicht. - -»Mit Verlaub, Ardalljon Borisowitsch,« sagte er, »ich pflege Brot mit -Saft zu essen, keineswegs aber Ohrfeigen mit Saft.« - -Peredonoff hörte nicht auf ihn, wickelte sich den Schal vorsorglich um -den Hals und knöpfte seinen Mantel fest zu. Rutiloff sagte lachend: - -»Warum packst du dich so ein, Ardalljon Borisowitsch? Es ist doch warm.« - -»Gesundheit geht über alles,« antwortete Peredonoff. - -Auf der Straße war es still; die Straße hatte sich zur Nacht gleichsam -niedergelegt und schien ganz leise zu schnarchen. Es war dunkel, feucht -und traurig. Am Himmel zogen schwere Wolken. Peredonoff brummte: - -»Die Dunkelheit! und wozu?« - -Er fürchtete sich nicht, denn er ging mit Warwara und nicht allein. - -Bald darauf fing es an zu regnen, ein feiner, rascher, anhaltender -Regen. Alles war still geworden, und nur der Regen murmelte irgend -etwas, zudringlich und schnell, als verschlucke er sich daran, -- -undeutliche, traurige und langweilige Sachen. - -Peredonoff fühlte in der Natur die Spiegelung seiner eignen Traurigkeit, -seiner Furcht, unter der Larve ihrer Feindseligkeit zu ihm, aber für -jenes innere Leben der ganzen Natur, das einer äußerlichen Bestimmung -nicht unterliegen kann, für jenes Leben, das allein imstande ist, eine -tiefe, unantastbare, aufrichtige Wechselbeziehung zwischen dem Menschen -und der Natur herzustellen, für dieses Leben hatte er kein Gefühl. Darum -erschien ihm auch die Natur ganz durchdrungen von kleinlichen, -menschlichen Gefühlen. Verblendet durch Selbsttäuschungen, durch seine -verschlossene Lebensführung, hatte er kein Verständnis für das -dionysische, elementare Entzücken, das sich an der Natur berauscht, sie -einsaugt. Er war blind und jämmerlich, wie es viele von uns sind. - - - - - XXIII - - -Das Ehepaar Prepolowenskji hatte es auf sich genommen, die -Hochzeitsfeierlichkeiten auszurichten. Die Trauung sollte in einem Dorfe -stattfinden, das etwa 6 Werst vor der Stadt lag: denn für Warwara mußte -es peinlich sein, sich in der Stadt trauen zu lassen, nachdem sie schon -so viele Jahre mit Peredonoff zusammengelebt hatte, unter dem Vorwand, -sie wäre seine Kousine. Der Tag der Trauung wurde geheim gehalten: die -Prepolowenskjis hatten das Gerücht verbreitet, die Trauung würde am -Freitag stattfinden; in der Tat aber sollten die beiden am Mittwoch im -Laufe des Tages getraut werden. Man hatte das getan, damit die -neugierigen Städter nicht hinauskämen. Warwara schärfte es Peredonoff -immer wieder ein: - -»Versprich dich nicht, Ardalljon Borisowitsch, wegen der Trauung, sonst -kommen sie noch und werden die Feier stören.« - -Das zu den Feierlichkeiten erforderliche Geld gab Peredonoff nur -widerwillig und sich über Warwara lustig machend. Bisweilen holte er -seinen Stock, dessen Griff die geballte Faust darstellte und sagte zu -Warwara: - -»Küß diese Faust, dann sollst du Geld haben. Küßt du sie nicht -- so -gibt's kein Geld.« - -Warwara küßte die Faust. - -»Was ist denn dabei; die Lippen werden davon nicht platzen,« sagte sie. - -Der Termin der Trauung wurde bis kurz vor dem festgesetzten Tage sogar -vor den Marschälen geheim gehalten, damit sie davon nicht weiter -sprächen. Zuerst wurden Rutiloff und Wolodin gebeten Marschäle zu sein, --- beide erklärten sich mit Vergnügen einverstanden. Rutiloff erwartete, -eine amüsante Anekdote zu erleben, und Wolodin schmeichelte es -außerordentlich, eine so hervorragende Rolle bei einem so wichtigen -Ereignis spielen zu dürfen. Dann aber kam Peredonoff der Gedanke -- -_ein_ Marschal wäre für ihn zu wenig. Er sagte: - -»Für dich, Warwara, langt einer; ich aber brauche zwei, einer wäre zu -wenig, -- denn es ist schwer, über mir die Hochzeitskrone zu halten; ich -bin ein großer Mensch.« - -So bat Peredonoff noch Falastoff Marschal zu sein. Warwara knurrte: - -»Was Teufel soll denn der? Zwei sind schon da.« - -»Er trägt eine goldene Brille; so ist es vornehmer,« sagte Peredonoff. - -Am Morgen des Hochzeitstages wusch sich Peredonoff, wie gewöhnlich, mit -warmem Wasser, um sich nicht zu erkälten, und dann verlangte er -Schminke: - -»Ich muß mich jetzt jeden Tag schminken, sonst wird man noch denken, ich -wäre hinfällig, und wird mich nicht zum Inspektor ernennen.« - -Warwara tat es um ihre Schminke leid, doch mußte sie sie hergeben, -- -und Peredonoff färbte sich die Backen. Er murmelte: - -»Auch Weriga schminkt sich, um jünger auszusehen. Ich kann mich doch -nicht mit weißen Backen trauen lassen.« - -Hierauf sperrte er sich im Schlafzimmer ein und beschloß -- sich zu -zeichnen, damit Wolodin sich nicht unterschieben konnte. Auf die Brust, -auf den Bauch, auf die Ellenbogen, und sonst auf verschiedene -Körperteile schmierte er mit Tinte den Buchstaben »P«. - -Man müßte auch Wolodin zeichnen, aber wie soll man das anfangen? Wenn er -es bemerkt, wird er es wieder abreiben, dachte Peredonoff bekümmert. - -Dann kam ihm der Gedanke, es wäre so übel nicht, wenn er sich ein -Korsett anzöge, denn möglicherweise würde man ihn für einen Greis -halten, wenn er zufällig gebeugt dastehen würde. Er verlangte von -Warwara ein Korsett. Doch erwies sich, daß Warwaras sämtliche Korsetts -ihm zu eng waren, -- kein einziges ließ sich schließen. - -»Man hätte es früher kaufen müssen,« brummte er ärgerlich. »An nichts -denken sie.« - -»Welcher Mann trägt denn ein Korsett,« antwortete Warwara, »keiner tut -es.« - -»Weriga trägt eins,« sagte Peredonoff. - -»Weriga ist eben ein Greis; aber du, Ardalljon Borisowitsch, bist -gottlob ein vollblütiger Mann.« - -Peredonoff lächelte selbstgefällig, blickte in den Spiegel und sagte: - -»Natürlich, ich werde noch anderthalb Jahrhunderte leben.« - -Der Kater nieste unter dem Bett. Warwara sagte lächelnd: - -»Auch der Kater niest, das heißt also: es stimmt.« - -Doch Peredonoff wurde plötzlich verdrießlich: Er fürchtete sich vor dem -Kater, und sein Niesen erschien ihm als eine böse List. - -Das fehlte noch, daß er mir etwas vorniest, dachte er und kroch unter -das Bett, um den Kater zu verjagen. Dieser miaute wild, schmiegte sich -an die Wand und plötzlich schlüpfte er mit einem lauten Miauen unter -Peredonoffs Händen durch, aus dem Zimmer hinaus. - -»Holländischer Teufel!« schimpfte Peredonoff böse. - -»Das ist er: ein Teufel,« rief auch Warwara, »er ist ganz verwildert, er -läßt sich nicht einmal streicheln, -- als wäre der Teufel in ihn -gefahren.« - -Die Prepolowenskjis hatten schon früh am Morgen die Marschäle -benachrichtigt. Gegen zehn Uhr versammelten sich alle bei Peredonoff. -Die Gruschina war gekommen und Sophie mit ihrem Mann. Ein Schnaps und -Imbiß wurde gereicht. Peredonoff aß nur wenig und überlegte traurig, wie -er es anstellen sollte, um sich noch mehr von Wolodin zu unterscheiden. - -Er hat sich Locken brennen lassen wie ein Schaf, dachte er gereizt und -plötzlich fiel es ihm ein, daß auch er sich auf eine besondere Art -frisieren lassen könnte. Er stand auf und sagte: - -»Trinkt und eßt, mir soll's nicht leid tun; ich werde unterdessen zum -Friseur gehen und mich spanisch frisieren lassen.« - -»Wie ist denn das -- spanisch?« fragte Rutiloff. - -»Du wirst ja schon sehen.« - -Als Peredonoff gegangen war, sagte Warwara: - -»Immer hat er neue Einfälle! Ueberall sieht er Teufel. Er sollte weniger -Schnaps trinken, der verfluchte Säufer!« - -Die Prepolowenskaja lächelte verschmitzt und sagte: - -»Wenn ihr getraut seid, wird Ardalljon Borisowitsch eine Stelle bekommen -und dann wird er sich beruhigen.« - -Die Gruschina kicherte. Sie amüsierte sich über das Geheimnisvolle -dieser Hochzeit und brannte darauf, irgend einen großen Skandal in Szene -zu setzen, nur ohne sich selber dabei die Finger zu verbrennen. Unter -der Hand hatte sie gestern abend einigen ihrer Freunde Ort und Stunde -der Trauung genannt. Und heute in aller Frühe hatte sie den jüngsten -Sohn des Schlossers kommen lassen, ihm einen Fünfer gegeben und ihm -aufgetragen, am Abend vor der Stadt zu warten, bis die Neuvermählten -angefahren kommen würden, um dann in ihren Wagen Schmutz und -Papierfetzen zu werfen. Der Schlossersohn war zu allem bereit und -schwor, er würde nichts verraten. Die Gruschina aber erinnerte ihn: - -»Den Tscherepin habt ihr doch verraten, als man euch Prügel gab.« - -»Wir waren halt Esel,« sagte der Schlossersohn, »aber jetzt könnte man -uns aufhängen, ganz egal.« - -Und zur Bekräftigung seines Eides aß der Junge ein Häufchen Erde. Dafür -gab ihm die Gruschina noch drei Kopeken. - -Im Frisiersalon wünschte Peredonoff den Inhaber selber zu sprechen. Es -war ein junger Mensch, der vor kurzem die städtische Schule absolviert -hatte und oft Bücher aus der Volksbibliothek lieh. Er war gerade dabei, -einem Gutsbesitzer, den Peredonoff nicht kannte, das Haar zu schneiden. -Als er mit seiner Arbeit fertig war, trat er an Peredonoff heran. - -»Laß ihn erst gehen!« sagte Peredonoff böse. - -Der Gutsbesitzer zahlte und ging. - -Peredonoff setzte sich vor den Spiegel. - -»Haarschneiden und frisieren,« sagte er. »Ich habe heute eine wichtige -Sache vor, eine besonders wichtige, -- und darum sollst du mich spanisch -frisieren.« - -Der Lehrjunge, er stand an der Tür, platzte aus. Der Meister blickte ihn -streng an. Er hatte noch nie Gelegenheit gehabt, spanisch zu frisieren -und er wußte auch nicht, was eine spanische Friseur sei, ob es die -überhaupt gäbe. Wenn der Herr es aber verlangte, so mußte man annehmen, -daß er weiß, was er will. Der junge Friseur wollte seine Unbildung nicht -verraten. Er sagte höflich: - -»Bei Ihrem Haarwuchs, mein Herr, ist das unmöglich.« - -»Warum ist es unmöglich?« fragte Peredonoff beleidigt. - -»Ihre Haare haben eine schlechte Nährung,« erklärte der Friseur. - -»Soll ich sie etwa mit Bier begießen?« brummte Peredonoff. - -»Aber, ich bitte Sie, warum denn mit Bier!« antwortete der Friseur und -lächelte liebenswürdig, »Sie müssen es in Betracht ziehen, daß, wenn man -sie nur ein wenig schneiden soll und da außerdem sich eine gewisse -Solidität auf Ihrem Haupte kund tut, es keineswegs zur spanischen Frisur -langen dürfte.« - -Peredonoff war ganz niedergeschlagen, daß er nicht spanisch frisiert -werden konnte. Er sagte betrübt: - -»So schneide mir die Haare wie du willst.« - -Vielleicht, dachte er, hat man es dem Friseur gesteckt, daß er mich -nicht auf diese besondere Art frisieren soll. Ich hätte zu Hause nicht -davon sprechen sollen. Wahrscheinlich war Wolodin, während er würdig und -gemessen durch die Straßen gegangen war, als Hammel durch die -Hintergäßchen gelaufen, und hatte sich mit dem Friseur »berochen«. - -»Befehlen der Herr zu spritzen?« fragte der Friseur, als er die Haare -geschnitten hatte. - -»Mit Reseda und recht viel,« forderte Peredonoff, »hast du mich -irgendwie zurechtgestutzt, so mach es wenigstens mit Reseda wieder gut.« - -»Ich bitte um Entschuldigung, Reseda führen wir nicht,« sagte der -Friseur verlegen, »aber vielleicht ist Ihnen Opoponax gefällig?« - -»Nichts kannst du ordentlich tun,« sagte Peredonoff traurig, »so spritz -denn ganz gleich womit.« - -Gereizt kam er nach Hause. Es war ein windiger Tag. Die Pforte wurde vom -Winde auf und zu geschlagen, gähnte und lachte. Peredonoff sah das und -wurde traurig. Wie sollte man hier durchfahren? Indes, alles machte sich -von selbst. - -Drei Wagen waren vorgefahren, man mußte sich rasch hineinsetzen und -abfahren, sonst hätten die Fuhrwerke Neugierige angelockt, die hätten -sich gleich versammelt und wären nachgefahren, um sich die Trauung mit -anzusehen. Man setzte sich und fuhr ab: Peredonoff und Warwara, die -Prepolowenskjis und Rutiloff, die Gruschina mit den beiden anderen -Marschälen. - -Auf dem Stadtplatz wirbelte der Staub. Peredonoff hörte Geräusche, -gleichsam Axtschläge. Kaum sichtbar erhob sich, wuchs aus dem Staube -eine hölzerne Wand. Eine Festung wurde gebaut. Bauern in roten Hemden -liefen still und drohend hin und her. - -Die Wagen sausten vorüber, -- die furchtbare Erscheinung blieb weit -zurück und verschwand. Peredonoff sah sich entsetzt um, aber es war -nichts mehr zu sehen, -- und er konnte sich nicht entschließen, zu -jemand von dieser Erscheinung zu sprechen. - -Den ganzen Weg über fühlte sich Peredonoff tief bedrückt. Alles starrte -ihm feindlich entgegen, überall erhoben sich die drohenden Vorzeichen. -Der Himmel umwölkte sich. Der Wind stürmte entgegen und seufzte schwer. -Die Bäume wollten keinen Schatten geben, hatten den ganzen Schatten in -sich gesogen. Dafür wirbelte der Staub längs der Straße, wie eine lange, -durchsichtig-graue Schlange. Die Sonne verkroch sich aus einem -unbekannten Grunde hinter den Wolken, -- wollte sie etwa heimlich -beobachten? - -Der Weg schlängelte sich durch hügeliges Land, -- unerwartet tauchten -hinter den Hügeln Sträucher, Wälder, Felder und Bäche auf. Ueber die -Bäche führten dröhnende, hölzerne Brücken. - -»Der Vogel Auge flog vorüber,« sagte Peredonoff verdrießlich und starrte -in die blendende, neblige Ferne des Himmels. »Er hat ein Auge und zwei -Flügel, und weiter hat er nichts.« - -Warwara schmunzelte. Sie glaubte, Peredonoff wäre schon am frühen Morgen -betrunken. Aber sie widersprach ihm nicht, sonst -- dachte sie, -- -könnte er sich ärgern und wird sich nicht trauen lassen. - -In der Kirche standen, versteckt hinter einer Säule, die vier Schwestern -Rutiloff. Peredonoff hatte sie zuerst nicht bemerkt, später aber, schon -während der Trauung, als sie ihren Hinterhalt verlassen hatten und -vorgetreten waren, sah er sie und erschrak. Sie taten übrigens nichts -Schlimmes, verlangten nicht -- er hatte das befürchtet, -- er solle -Warwara fortjagen und eine von ihnen nehmen. Sie lachten nur die ganze -Zeit. Und ihr anfangs leises Gelächter wurde immer lauter, klang immer -drohender in seine Ohren, wie das Gelächter der wütenden Furien. - -Außer zwei, drei alten Weibern, die von irgendwoher gekommen waren, -waren keine fremden Leute in der Kirche. Es war gut so, denn Peredonoff -betrug sich läppisch und sonderbar. Er gähnte, murmelte vor sich hin, -stieß Warwara, beklagte sich, daß es nach Bauern röche, und über den -Gestank des Weihrauchs und der Wachslichter. - -»Deine Schwestern lachen die ganze Zeit,« brummte er zu Rutiloff -gewandt, »sie durchbohren einem die Leber mit ihrem Gelächter.« - -Außerdem beunruhigte ihn das graue, gespenstische Tierchen. Es war -schmutzig, ganz bestaubt und versteckte sich immer unter den Gewändern -des Priesters. - -Der Gruschina und Warwara erschienen die kirchlichen Gebräuche -lächerlich. Sie kicherten ununterbrochen. Die biblischen Worte, die Frau -müsse ihrem Manne anhangen, gaben ihnen Anlaß zu besondrer Lustigkeit. -Auch Rutiloff kicherte, -- er hielt es für seine Pflicht immer und -überall die Damen zum Lachen zu bringen. Wolodin hingegen betrug sich -gemessen und würdig; er bekreuzigte sich und bewahrte im Gesicht einen -tiefsinnigen Ausdruck. Die kirchlichen Gebräuche waren für ihn nichts -anderes, als Bestimmungen, die erfüllt werden mußten, er glaubte, daß -die Erfüllung dieser Bestimmungen eine gewisse innerliche Bequemlichkeit -förderte: man geht an Feiertagen zur Kirche, betet, -- und ist gerecht; -man sündigt, bereut -- und ist wiederum gerecht. Wie gut und bequem! Um -so bequemer, als man durch nichts verpflichtet war, außerhalb der Kirche -sich um kirchliche Angelegenheiten zu kümmern, vielmehr sich an ganz -andere, praktische Lebensregeln halten mußte. - -Die Trauungszeremonien waren eben beendet, man war noch nicht aus der -Kirche heraus, -- da ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Lärmend -drang in die Kirche eine betrunkene Gesellschaft, Murin mit seinen -Freunden. - -Murin, wie gewöhnlich, zerzaust und schmutzig, umarmte Peredonoff und -schrie: - -»Bruder! Uns bleibt nichts verborgen. Wir sind doch Freunde, die kein -Wasser trennen kann, und du -- Kerl -- hast uns nichts gesagt.« - -Man hörte Ausrufe: - -»Der Lump, -- er hat uns nicht eingeladen!« - -»Jetzt sind wir doch hier!« - -»Wir haben es doch erfahren!« - -Die Neuangekommenen umarmten und beglückwünschten Peredonoff. Murin -sagte: - -»Wir haben etwas zu lange gesoffen, sonst hätten wir euch von Anfang an -beehrt.« - -Peredonoff stierte finster vor sich hin und antwortete nicht auf die -Glückwünsche. Wut und Furcht schnürten ihm die Kehle. - -Alles spionieren sie aus, dachte er betrübt. - -»Ihr solltet euch wenigstens die Stirn bekreuzigen,« sagte er wütend. -»Sonst, -- wer mag es wissen, -- habt ihr noch böse Hintergedanken.« - -Die Gäste bekreuzigten sich, lachten und spotteten gotteslästerlich. Die -jungen Beamten taten sich darin ganz besonders hervor. Der Küster -verwies es ihnen vorwurfsvoll. - -Unter den Gästen befand sich einer mit einem roten Schnurrbart, ein -junger Mensch, den Peredonoff nicht einmal kannte. Er erinnerte ganz -außerordentlich an einen Kater. Vielleicht hatte sich ihr Kater in -diesen Menschen verwandelt? Nicht umsonst prustete dieser junge Mann so -auffällig, -- er konnte seine tierischen Gewohnheiten nicht lassen. - -»Wer hat es Ihnen gesagt?« fragte Warwara die ungebetenen Gäste böse. - -»Gute Leute taten es, junge Frau,« antwortete Murin, »aber wer es -eigentlich war, das haben wir schon vergessen.« - -Die Gruschina bewegte sich unruhig hin und her und zwinkerte mit den -Augen. Die Gäste lachten nur, verrieten sie aber nicht. Murin sagte: - -»Ganz egal, Ardalljon Borisowitsch, wir fahren alle zu dir und du wirst -Sekt schmeißen, sei kein Filz. Das geht doch nicht, -- Freunde die kein -Wasser trennt, -- und du wolltest alles so hinterrücks abmachen.« - -Als Peredonoffs nach der Trauung aus der Kirche kamen, ging die Sonne -unter, und der ganze Himmel stand in Feuer und Gold. Das gefiel -Peredonoff nicht. Er murmelte: - -»Da hat man Gold draufgepappt, ganze Stücke, daß es beinah -herunterfällt. Hat man je so eine Verschwendung gesehen!« - -Vor der Stadt erwarteten sie die Schlossersöhne mit einer Bande von -Straßenjungen, sie liefen und brüllten. Peredonoff zitterte vor Angst. -Warwara schimpfte, spuckte auf die Jungen, drohte ihnen mit der Faust. -Die Gäste und Marschäle lachten. - -Man kam angefahren. Die ganze Gesellschaft wälzte sich mit lärmendem -Johlen und Schreien in die Wohnung Peredonoffs. Man trank erst Sekt, -dann Schnaps, und dann setzte man sich an die Karten. Die ganze Nacht -durch wurde getrunken. Warwara war betrunken, tanzte und jubelte. Auch -Peredonoff triumphierte, -- es war ihnen doch nicht gelungen, ihn mit -Wolodin zu vertauschen. - -Wie immer wurde Warwara von den Gästen zynisch und ohne Achtung -behandelt; sie glaubte, es wäre so in der Ordnung. - - * * * * * - -Nach der Hochzeit änderte sich das häusliche Leben bei Peredonoffs nur -wenig. Nur, daß Warwara sicherer und unabhängiger mit ihrem Mann -verkehrte. Es schien, als hätte sie nicht mehr den Respekt vor ihm, -- -doch fürchtete sie ihn aus alter Gewohnheit. Auch Peredonoff schrie sie -mitunter an, wie er es von früher gewohnt war, zuweilen prügelte er sie -sogar. Aber auch er begann ihre größere Sicherheit ihm gegenüber zu -spüren. Das erfüllte ihn mit bittrer Traurigkeit. Es schien ihm, daß, -wenn sie ihn nicht mehr so wie früher fürchtete, dies daher käme, daß in -ihr der verbrecherische Vorsatz erstarkt war, ihn abzuschütteln, um ihn -dann mit Wolodin zu vertauschen. - -Man muß auf der Hut sein, dachte er. - -Warwara triumphierte. Zusammen mit ihrem Mann, machten sie Besuche bei -den Damen der Stadt, sogar bei den weniger Bekannten. Bei dieser -Gelegenheit entfaltete sie einen komischen Stolz und sonderbare -Ungeschicklichkeit. Ueberall wurde sie empfangen, in vielen Häusern -allerdings mit großer Verwunderung. - -Für die Besuche hatte sie sich rechtzeitig einen Hut machen lassen bei -der tüchtigsten Hutmacherin des Ortes aus der Hauptstadt. Die grellen, -großen Blumen, in aufdringlicher Fülle angebracht, entzückten Warwara. - -Ihren ersten Besuch machten Peredonoffs bei der Frau des Direktors. Von -dort fuhren sie zur Frau des Adelsmarschalls. - -Am selben Tage, als Peredonoffs sich anschickten, ihre Besuche zu machen -(das war bei Rutiloffs natürlich schon längst bekannt), -- machten sich -die Schwestern auf den Weg zu Warwara Nikolajewna Chripatsch, einfach -aus Neugierde, um zu sehen, wie Warwara sich benehmen würde. - -Bald darauf kamen Peredonoffs. Warwara knixte tief vor der Frau -Direktor, und ihre Stimme zitterte mehr als gewöhnlich, als sie sagte: - -»So sind wir denn gekommen. Ich bitte um Ihre Gunst und Freundschaft.« - -»Sehr angenehm,« sagte die Frau Direktor gezwungen und bat Warwara, auf -dem Sofa Platz zu nehmen. - -Warwara setzte sich mit sichtlichem Behagen auf den ihr zugewiesenen -Platz, breitete ihr rauschendes, grünes Kleid weit aus und begann zu -reden, bemüht, ihre Verlegenheit hinter einer übergroßen Herzlichkeit zu -verbergen: - -»Ich war die ganze Zeit über eine Mamsell, da bin ich nun eine Dame -geworden. Wir sind Namensbasen, -- Sie heißen Warwara und ich heiße -Warwara, -- und wir haben nicht miteinander verkehrt. Als Mamsell saß -ich meist zu Hause, -- aber warum soll man immer hinter dem Ofen hocken. -Nun werden ich und Ardalljon Borisowitsch offener leben. Wir bitten, uns -die Ehre zu geben, -- wir waren bei Ihnen, Sie werden zu uns kommen, der -Musjö zum Musjö, die Madame zur Madame.« - -»Aber man spricht davon, daß Sie nicht mehr lange hier bleiben werden,« -sagte die Frau Direktor. »Ich ließ mir sagen, daß Ihr Mann versetzt -werden wird.« - -»Ja, bald wird ein Papier kommen, dann werden wir fahren,« antwortete -Warwara. »Bevor das Papier nicht gekommen ist, müssen wir hierbleiben -und uns des Lebens freuen.« - -Warwara hoffte selber auf den Inspektorposten. Nach der Trauung hatte -sie der Fürstin einen Brief geschrieben. Eine Antwort war noch nicht -gekommen. Sie hatte beschlossen zu Neujahr noch einmal zu schreiben. - -Ludmilla sagte: - -»Wir dachten alle, Ardalljon Borisowitsch, Sie würden das Fräulein -Pjilnikoff heiraten.« - -»Ach was,« sagte Peredonoff böse, »wie sollte ich jede beliebige -heiraten. Ich brauche Protektionen.« - -»Aber immerhin, wie verhält es sich denn mit Mademoiselle Pjilnikoff?« -neckte Ludmilla. »Sie haben ihr doch den Hof gemacht. Hat sie Ihnen -einen Korb gegeben?« - -»Ich werde sie noch aufs Glatteis führen,« brummte Peredonoff -verdrießlich. - -»Das ist die _Idée fixe_ von Ardalljon Borisowitsch,« sagte der Direktor -und lachte trocken. - - - - - XXIV - - -Peredonoffs Kater war ganz verwildert, er fauchte, hörte nicht, wenn man -ihn rief, -- und war durch nichts anzulocken. Peredonoff fürchtete sich -vor ihm. Manchmal murmelte er Beschwörungsformeln. - -Aber kann das helfen? dachte er. Der Kater hat eine zu starke -Elektrizität im Fell, -- das ist eben das Unglück. - -Einmal kam er auf den Gedanken, den Kater scheren zu lassen. - -Gedacht -- getan. Warwara war nicht zu Hause, -- sie war zur Gruschina -gegangen und hatte sich ein Fläschchen Kirschlikör in die Tasche -gesteckt, -- so konnte ihn niemand stören. Peredonoff band den Kater an -eine Schnur, -- aus einem Taschentuch drehte er ein Halsband, -- und -führte ihn zum Friseur. - -Der Kater miaute wild, sprang nach rechts, nach links, stemmte sich -entgegen. In seiner Verzweiflung warf er sich einigemal auf Peredonoff, --- aber Peredonoff hielt ihn mit seinem Spazierstock fern. Die -Gassenjungen liefen in Scharen hinterdrein, schrien und lachten. Die -Vorübergehenden blieben stehen. Man steckte die Köpfe zum Fenster -hinaus. Peredonoff schleifte den Kater an der Schnur und ließ sich durch -nichts aus der Fassung bringen. - -Endlich war er beim Friseur und sagte: - -»He, rasieren Sie mal den Kater, aber ganz glatt.« - -Die Jungen waren in Haufen vor der Tür stehen geblieben und krümmten -sich vor Lachen. Der Friseur war beleidigt und wurde rot. Er sagte, -- -und seine Stimme zitterte leise: - -»Entschuldigen Sie, mein Herr, das ist nicht unseres Amtes. Zudem habe -ich nie einen rasierten Kater gesehn. Das wird wohl die neueste Mode -sein, die noch nicht bis zu uns gedrungen ist.« - -Peredonoff hörte ihm zu in blödem Nichtverstehen. Er rief: - -»Charlatan! Sag lieber -- ich kann es nicht!« - -Dann ging er wieder, den unnatürlich schreienden Kater hinter sich -herzerrend. Unterwegs dachte er betrübt, daß überall und immer alle Welt -über ihn lache, keiner wolle ihm behilflich sein. Der Kummer schnürte -ihm die Brust. - - * * * * * - -Peredonoff, Wolodin und Rutiloff waren in den »Garten« gekommen um -Billard zu spielen. Der Marqueur berichtete verlegen: - -»Heute kann nicht gespielt werden, meine Herren.« - -»Und warum nicht?« fragte Peredonoff gereizt, »_wir_ -- sollen nicht -spielen dürfen.« - -»Es verhält sich nämlich so, ich bitte um Entschuldigung, daß keine -Bälle da sind,« sagte der Marqueur. - -»Hast sie durchgebracht, Halunke,« hörte man hinter der Lette den -Buffetier schreien. - -Der Marqueur zuckte zusammen und bewegte plötzlich die roten Ohren, -gleichsam eine hasenartige Bewegung, und flüsterte: - -»Man hat sie gestohlen.« - -Peredonoff rief erschreckt: - -»Nanu! wer hat sie gestohlen?« - -»Unbekannt -- wer, --« meldete der Marqueur. »Es ist kein Mensch da -gewesen, und plötzlich sind die Bälle verschwunden.« - -Rutiloff kicherte und rief: - -»Nette Anekdote -- das!« - -Wolodin zog ein gekränktes Gesicht und machte dem Marqueur Vorwürfe: - -»Wenn man bei Ihnen die Bälle zu stehlen beliebt, Sie aber sich -unterdessen irgendwo anders aufzuhalten belieben, die Bälle also -sozusagen verschwunden sind, so hätten Sie die Pflicht gehabt, -unverzüglich neue Bälle zu beschaffen, damit wir spielen können. Wir -kamen und wollten spielen; wenn aber keine Bälle da sind, -- womit -sollen wir dann spielen?« - -»Schwatz nicht, Pawluschka,« sagte Peredonoff, »einem wird auch ohne -dich übel. Such die Bälle, Marqueur! Wir müssen unbedingt spielen; -unterdessen bring zwei Pullen Bier.« - -Man trank Bier. Es war aber doch langweilig. Die Bälle ließen sich nicht -finden. Man schimpfte einander, schalt den Marqueur. Dieser schwieg -schuldbewußt. - -Im Diebstahl glaubte Peredonoff eine neue feindliche Intrige sehen zu -müssen. - -Warum? dachte er betrübt und verstand nicht. - -Er ging in den Garten und setzte sich auf eine Bank, die dicht am Teiche -stand, -- hier hatte er noch nie gesessen, -- und stierte stumpfsinnig -auf das mit Entengrün bezogene Wasser. Wolodin setzte sich neben ihn, -teilte seinen Kummer und blickte mit seinen Schafsaugen auf den Teich. - -»Warum liegt dieser schmutzige Spiegel hier, Pawluschka?« fragte -Peredonoff und wies mit dem Stock auf den Teich. - -Wolodin bleckte die Zähne und sagte: - -»Das ist kein Spiegel, Ardascha; das ist ein Teich. Sintemal es eben -windstill ist, spiegeln sich in ihm die Bäume; darum sieht es so aus, -als läge hier ein Spiegel.« - -Peredonoff sah auf. Hinter dem Teich war ein Zaun, der den Garten von -der Straße trennte. Peredonoff fragte wieder: - -»Warum sitzt der Kater auf dem Zaun?« - -Wolodin blickte in dieselbe Richtung und sagte kichernd: - -»Er war, er ist nicht mehr.« - -Tatsächlich lebte der Kater nur in Peredonoffs Einbildung, -- ein Kater -mit weitaufgerissenen, grünen Augen, -- sein verschlagener, -unermüdlicher Feind. Wieder mußte Peredonoff an die Bälle denken. - -Wer braucht sie? Hatte das graue, gespenstische Tierchen sie -aufgefressen? War es darum heute nirgends zu sehen, -- dachte er. -- Es -hat sich vollgefressen, hat sich irgendwohin gewälzt und schläft jetzt. - -Niedergeschlagen schlich Peredonoff nach Hause. Der Abend war im -Erlöschen. Ein Wölkchen zog irrend am Himmel, schlich heran, -- Wolken -gehen so leise, -- hielt Umschau. Auf seinen dunklen Rändern spielte ein -rätselhafter, tiefer Glanz. Ueber dem Flüßchen, das zwischen Garten und -Stadt floß, zitterten die Schatten der Häuser und Gebüsche, sie -flüsterten, suchten irgend jemand. - -Und auf den Straßen dieser düstren, ewig feindlichen Stadt begegneten -nur böse, spöttische Menschen. Alles verband sich zu einer allgemeinen -Feindseligkeit gegen Peredonoff, -- die Hunde lachten ihn aus, und die -Menschen kläfften ihn an. - -Die Damen der Stadt erwiderten Warwaras Besuch. Einige waren aus -fröhlicher Neugierde schon nach zwei, drei Tagen gekommen, um Warwara in -ihrer Häuslichkeit zu sehen. Andere wieder ließen eine Woche und mehr -verstreichen. Und manche kamen überhaupt nicht, -- so zum Beispiel die -Werschina. - -Peredonoffs erwarteten täglich mit größter Ungeduld die Gegenbesuche und -zählten nach, wer noch nicht gekommen war. Ganz besonders ungeduldig -erwarteten sie den Direktor und dessen Frau. Sie warteten und regten -sich ungeheuer auf, -- denn wie, -- wenn die Chripatschs überhaupt nicht -kämen! - -Es verging eine Woche; sie waren nicht gekommen. Warwara wütete und -schimpfte. Peredonoff kam vor lauter Erwartung in eine gequälte -Stimmung. - -Seine Augen waren ganz stumpf geworden, als wären sie erloschen; und -manchmal schien es -- es wären die Augen eines Toten. Eine sinnlose -Furcht marterte ihn. Ohne jeden ersichtlichen Grund fürchtete er sich -plötzlich vor diesen und jenen Gegenständen. Ihm war der quälende -Gedanke gekommen, man wolle ihn erstechen; er fürchtete sich vor allem -Geschliffenen und versteckte Messer und Gabeln. - -Vielleicht, -- dachte er, -- sind sie besprochen und verhext. Man könnte -zufällig in ein Messer rennen. - -»Wozu hat man Messer?« sagte er zu Warwara. »Die Chinesen essen doch mit -Stäbchen.« - -Aus diesem Grunde wurde eine Woche lang kein Fleisch gebraten, -- man -begnügte sich mit Kohl und Grütze. - -Um sich an Peredonoff für die, vor der Trauung ausgestandenen Aengste zu -rächen, bekräftigte ihn Warwara hie und da in der Ueberzeugung, daß -seine Befürchtungen nicht grundlos wären. Sie sagte ihm, er hätte viele -Feinde, und wie wäre es auch möglich, daß man ihn nicht beneiden sollte? -Mehr als einmal ängstigte sie ihn damit, daß man ihn sicher denunziert -und ihn bei den vorgesetzten Behörden und bei der Fürstin angeschwärzt -hätte. Sie freute sich, wenn er sich augenscheinlich fürchtete. - -Für Peredonoff schien es festzustehen, daß die Fürstin mit ihm -unzufrieden war. Warum hatte sie zur Trauung weder ein Heiligenbild, -noch Salz und Brot geschickt? Er dachte: man muß ihr Wohlwollen -verdienen; aber wodurch? Durch eine Lüge etwa? Sollte er -Klatschgeschichten verbreiten, jemanden denunzieren? Alle Damen lieben -den Klatsch, -- man müßte sich über Warwara etwas Unanständiges -ausdenken und der Fürstin davon schreiben. Sie wird lachen und ihm eine -Stelle verschaffen. - -Aber Peredonoff brachte es nicht fertig so einen Brief zu schreiben, -auch fürchtete er sich, an die Fürstin selbst zu schreiben. Und bald -vergaß er diesen Einfall. - -Die gewöhnlichen Gäste bewirtete Peredonoff mit Schnaps und ganz -billigem Portwein. Für den Direktor hatte er aber eine Flasche Madeira -für drei Rubel gekauft. Peredonoff hielt diesen Wein für etwas -außerordentlich Kostbares, verwahrte ihn im Schlafzimmer, zeigte ihn nur -den Gästen und sagte: - -»Für den Direktor.« - -Einmal, als Rutiloff und Wolodin bei Peredonoff waren, zeigte er ihnen -den Madeira. - -»Diese äußerliche Betrachtung mundet nicht,« sagte Rutiloff kichernd. -- -»Gib uns lieber davon zu trinken.« - -»Was nicht gar!« antwortete Peredonoff böse. »Was soll ich dann dem -Direktor anbieten?« - -»Der Direktor wird Schnaps trinken,« sagte Rutiloff. - -»Ein Direktor trinkt keinen Schnaps; für einen Direktor schickt es sich, -Madeira zu trinken,« sagte Peredonoff nachdrücklich. - -»Wenn er aber doch gerne Schnaps trinkt,« beharrte Rutiloff. - -»Das fehlte noch! ein General wird nie Schnaps mögen,« sagte Peredonoff -sicher. - -»Immerhin, gib nur her,« drängte Rutiloff. - -Peredonoff brachte die Flasche eilig fort und man hörte, wie das Schloß -am Schränkchen, in dem er den Wein verwahrte, knirschte. Als er wieder -zurückkam, wechselte er das Thema und sprach von der Fürstin. Er sagte -verdrießlich: - -»Die Fürstin! Auf einem Bazar hat sie mit faulen Aepfeln gehandelt und -den Fürsten geködert.« - -Rutiloff lachte laut und sagte: - -»Seit wann treiben sich Fürsten auf Bazaren herum?« - -»Einerlei. Sie hat ihn angelockt,« sagte Peredonoff. - -»Das denkst du dir aus, Ardalljon Borisowitsch,« widersprach Rutiloff. -»Das ist nie vorgekommen. Die Fürstin ist eine angesehene Dame.« - -Peredonoff blickte ihn wütend an und dachte: er verteidigt sie; er -steckt mit ihr unter einer Decke. Die Fürstin hat ihn behext, wenn sie -auch noch so weit von hier fort ist. - -Aber das kleine, gespenstische Tierchen tummelte sich; es lachte lautlos -und zitterte an allen Gliedern vor lauter Lachen. Es erinnerte -Peredonoff an viele schreckliche Sachen. Aengstlich blickte er sich um -und flüsterte: - -»In jeder Stadt befindet sich ein geheimer Gendarmunteroffizier. Er geht -in Zivil, dient oder handelt irgendwo oder tut sonst was; aber in der -Nacht, wenn alles schläft, zieht er seine blaue Uniform an und geht -stracks zum Gendarmerieoffizier.« - -»Warum denn in Uniform?« erkundigte sich Wolodin sachlich. - -»Zum Vorgesetzten darf man nicht in Zivil. Dafür wird geprügelt,« -erklärte Peredonoff. - -Wolodin kicherte. Peredonoff beugte sich dicht zu ihm und flüsterte: - -»Manchmal lebt er sogar in anderer Gestalt. Man glaubt -- es ist ein -simpler Kater, -- keine Spur! Es ist der Gendarm. Vor dem Kater kann man -nichts verbergen, er hört und hört alles.« - - * * * * * - -Endlich, nach anderthalb Wochen, machte die Frau Direktor ihren -Gegenbesuch. An einem Wochentage um vier Uhr kam sie -- schön gekleidet, -liebenswürdig, nach süßen Veilchen duftend, -- zusammen mit ihrem Manne, -angefahren, -- für Peredonoffs ganz unerwartet: diese hatten Chripatschs -aus irgend einem Grunde an einem Feiertag und viel früher erwartet. -Alles ging durcheinander. Warwara war halbangekleidet und ungewaschen in -der Küche. Sie lief schnell, sich zurechtzumachen, während Peredonoff -die Gäste empfing und den Eindruck eines Menschen machte, der eben erst -aufgewacht ist. - -»Warwara kommt gleich,« murmelte er, »sie kleidet sich um. Sie kochte -gerade. Wir haben ein neues Mädchen, die kann noch nichts, sie ist eine -dumme Gans.« - -Bald darauf kam Warwara, nachlässig gekleidet; ihr Gesicht war rot und -erschreckt. Sie gab den Gästen ihre feuchte, unsaubere Hand und sprach -mit vor Aufregung zitternder Stimme: - -»Verzeihen Sie, daß ich warten ließ, -- wir wußten nicht, daß Sie an -einem Wochentage kommen würden.« - -»An Feiertagen fahre ich nur selten aus,« sagte Madame Chripatsch, »da -sind so viele Betrunkene auf den Straßen. Mögen die Dienstboten diesen -Tag für sich haben.« - -Es entspann sich eine notdürftige Unterhaltung, und die -Liebenswürdigkeit der Frau Direktor ermunterte Warwara ein wenig. Die -Frau Direktor behandelte Warwara etwas von oben herab, doch freundlich, --- wie etwa eine reumütige Sünderin, zu der man freundlich sein muß, an -der man sich aber noch beschmutzen kann. Sie gab Warwara einige -Verhaltungsmaßregeln über Kleidung und Einrichtung, aber nur -gesprächsweise. - -Warwara gab sich alle Mühe, der Frau Direktor zu gefallen, aber ihre -roten Hände und die geplatzten Lippen zitterten noch vor Schrecken. Das -genierte die Frau Direktor. Sie bemühte sich, noch liebenswürdiger zu -sein, aber ein unwillkürlicher Ekel befiel sie. Durch ihr ganzes -Verhalten gab sie es Warwara deutlich zu verstehen, daß ein näherer -Verkehr zwischen ihnen ausgeschlossen war. Da dies aber in sehr -zuvorkommender Form geschah, so verstand es Warwara nicht und lebte im -Glauben, sie und die Frau Direktor würden gute Freunde werden. - -Chripatsch erinnerte in seinem Verhalten an einen Menschen, der sich -ganz deplaziert vorkommt; aber gewandt und männlich suchte er das zu -verbergen. Den Madeira trank er nicht: er wäre es nicht gewohnt, um -diese Stunde Wein zu trinken. Man redete über die städtischen -Neuigkeiten, über den bevorstehenden Wechsel im Bezirksgericht. Es war -aber nur zu deutlich zu merken, daß er und Peredonoff in zwei einander -feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftsschichten verkehrten. - -Sie blieben nicht lange. - -Warwara war froh, als sie wieder gingen: nun, sie sind gekommen und sind -bald gegangen. Sie zog sich um und sagte fröhlich: - -»Gott sei Dank, sie sind fort. Ich wußte ja gar nicht, was ich sprechen -sollte. Es ist schon so, wenn man jemand nur flüchtig kennt, so weiß man -gar nicht, von welcher Seite man anpacken soll.« - -Dann fiel es ihr ein, daß die Chripatschs sie beim Fortgehen nicht -eingeladen hatten. Das verwirrte sie zuerst; dann dachte sie: - -»Sie werden eine Einladung schicken, wann man sie besuchen darf. Diese -Herrschaften haben ihre besonderen Stunden. Ich müßte eigentlich -Französisch kläffen lernen. Auf Französisch kann ich nicht a und b -sagen.« - - * * * * * - -Zu Hause sagte die Frau Direktor zu ihrem Mann: - -»Sie ist eine ganz traurige, hoffnungslos tief stehende Person; es ist -ganz unmöglich, sie als seinesgleichen zu betrachten. Nichts in ihr -entspricht ihrer sozialen Stellung.« - -Chripatsch antwortete: - -»Sie steht ganz auf einer Stufe mit ihrem Manne. Ich erwarte es mit -Ungeduld, daß er versetzt wird.« - -Nach ihrer Verheiratung verlegte sich Warwara aufs Trinken. Sie trank -mit der Gruschina oft zusammen. Einmal, -- die Prepolowenskaja war -gerade anwesend, und Warwara hatte einen leichten Rausch, -- -verschwatzte sie sich, als sie vom Brief erzählte. Zwar hatte sie nicht -alles gesagt, immerhin aber recht deutliche Andeutungen gemacht. Der -schlauen Sophie genügte das vollkommen, -- wie Schuppen fiel es ihr von -den Augen. - -Wie bin ich nur nicht gleich darauf gekommen! machte sie sich den -stillen Vorwurf. - -Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte sie der Werschina von den -gefälschten Briefen, -- und so ging es wie ein Lauffeuer durch die -Stadt. - -Wenn die Prepolowenskaja Peredonoff traf, so konnte sie nicht umhin, ihn -wegen seiner Leichtgläubigkeit auszulachen. Sie sagte: - -»Wie sind Sie doch einfältig, Ardalljon Borisowitsch.« - -»Ich bin nicht einfältig,« antwortete er, »ich bin Kandidat der -Universität[11].« - -»Nun ja -- Kandidat; aber wem es gerade einfällt, der haut Sie übers -Ohr.« - -»Das tue ich selber, daß ich die Leute übers Ohr haue,« verteidigte sich -Peredonoff. - -Die Prepolowenskaja lächelte verschlagen und wich aus. Peredonoff konnte -nichts verstehen, -- wie kam sie nur darauf? Aus Bosheit! dachte er, -alle Menschen sind mir feind. - -Und er drohte hinter ihrem Rücken mit der Faust. - -Nichts hast du gewonnen, versuchte er sich zu beruhigen. - -Aber die Angst quälte ihn. - -Der Prepolowenskaja schien es, als wären diese Andeutungen zu wenig. -Andererseits wollte sie ihm nicht reinen Wein einschenken. Was sollte -ihr an einem Streit mit Warwara liegen? Von Zeit zu Zeit richtete sie -anonyme Briefe an Peredonoff, in denen sie deutlicher wurde. Aber -Peredonoff verstand noch immer nicht. - -[Fußnote 11: Entspricht dem deutschen Doktortitel.] - -Einmal schrieb sie ihm: - -»Sehen Sie zu, ob jene Fürstin, die Ihnen die Briefe geschrieben hat, -nicht hier am Orte lebt.« - -Peredonoff glaubte, die Fürstin selber wäre gekommen, um ihn zu -beobachten. Wahrscheinlich hat sie sich in mich vergafft und will mich -Warwara abspenstig machen. - -Diese Briefe erschreckten und ärgerten Peredonoff. Er setzte Warwara zu: - -»Wo ist die Fürstin? Man sagt, sie wäre hier.« - -Warwara, sich rächend für alles Frühere, quälte ihn mit Andeutungen, -feigen, bösen Ausreden und Sticheleien. Gemein lächelnd, sagte sie mit -falscher Stimme, wie man etwa dann spricht, wenn man wissentlich lügt -und auf kein Vertrauen rechnen kann: - -»Wie soll ich wissen, wo die Fürstin jetzt lebt.« - -»Du lügst! Du weißt es!« sagte Peredonoff ganz entsetzt. - -Er wußte nicht, ob er dem Sinn ihrer Worte glauben sollte oder dem -verräterischen Tonfall ihrer Stimme, -- und das ängstigte ihn, wie -alles, was er nicht begreifen konnte. Warwara entgegnete: - -»Wieso denn! Vielleicht ist sie aus Petersburg fortgefahren, -- sie hat -mich doch nicht um Erlaubnis zu fragen.« - -»Aber vielleicht ist sie wirklich hier?« fragte Peredonoff -eingeschüchtert. - -»Vielleicht ist sie wirklich hier,« ahmte ihn Warwara nach. »Sie hat -sich in dich vergafft und ist hergekommen, um sich an dir sattzusehen.« - -Peredonoff rief: - -»Du lügst! sie hat sich nicht in mich vergafft?« - -Warwara lachte laut und boshaft. - -Von jenem Tage an achtete Peredonoff aufmerksam darauf, ob er nicht -irgendwo die Fürstin sehen würde. Manchmal schien es ihm, als blickte -sie durch die Tür oder zum Fenster herein! -- sie beobachtet ihn, horcht -auf jedes Wort, sie tuschelt mit Warwara. - - * * * * * - -Die Zeit verging, aber die von Tag zu Tag erwartete Ernennung -Peredonoffs zum Inspektor traf nicht ein. Auch hörte man privaten -Erkundigungen zufolge nichts von einem vakanten Posten. Peredonoff wagte -es nicht, bei der Fürstin selber anzufragen, -- denn Warwara erschreckte -ihn stets damit, sie wäre eine sehr angesehene Dame. Und er hatte das -Gefühl, es würden ihm die größten Unannehmlichkeiten daraus entstehen, -wenn _er_ es versuchen würde, an sie zu schreiben. Er wußte zwar nicht, -was man ihm antun könnte, wenn die Fürstin ihn verklagen würde, aber -gerade das war ihm besonders furchtbar. Warwara sagte: - -»Kennst du denn die Aristokraten nicht? Warten, -- sie tun selber alles, -was nötig ist. Wirst du sie aber daran erinnern, -- so wird sie das -kränken, und das ist noch viel schlimmer. Sie haben ihre eigene Ehre! -sie sind stolz, sie lieben es, wenn man ihnen vertraut.« - -Und Peredonoff glaubte noch immer. Aber er ärgerte sich über die -Fürstin. Zuweilen dachte er, daß sie ihn denunziert hätte, um sich ihrer -Versprechungen zu entledigen. Oder ihn denunziert hätte aus lauter -Eifersucht: _sie_ war in ihn verliebt, und _er_ hatte Warwara -geheiratet. Darum, dachte er, umringt sie mich mit Spionen, die mir -überall folgen und mich so beengen, daß ich keine Luft und kein Licht -habe. Nicht umsonst ist sie so vornehm. Sie kann alles, was sie will. - -Aus Wut verbreitete er über die Fürstin die unglaublichsten Geschichten. -Er erzählte Rutiloff und Wolodin, er wäre früher ihr Liebhaber gewesen, -und sie hätte ihm große Summen Geldes gegeben. - -»Ich habe alles vertrunken. Was zum Teufel sollte ich damit anfangen! -Sie hatte mir versprochen, mir eine Pension bis zum Lebensende zu -zahlen. Aber sie hat mich betrogen.« - -»Hättest du das angenommen?« fragte Rutiloff und kicherte. - -Peredonoff schwieg. Er verstand die Frage nicht. Dafür antwortete -Wolodin für ihn, als verständiger, solider Mann: - -»Warum sollte er es nicht nehmen, wenn sie doch reich ist? Hat sie ihr -Vergnügen an ihm gehabt, so mag sie auch zahlen.« - -»Wenn sie noch schön wäre!« sagte Peredonoff betrübt. »Sie ist aber -sommersprossig und hat eine Stülpnase. Das einzige war, daß sie gut -zahlte, sonst hätte ich mich nicht einmal entschließen können, dies -Luder anzuspucken. Sie _muß_ meine Bitte erfüllen.« - -»Du lügst, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Rutiloff. - -»Ich lüge nicht. Etwa das, daß sie mir Geld gegeben hat? Glaubst du, ich -hätte es umsonst getan? Sie ist eifersüchtig auf Warwara, und darum -verschafft sie mir nicht die Stelle.« - -Peredonoff schämte sich nicht einmal, wenn er davon sprach, daß die -Fürstin ihm Geld gegeben hatte. Wolodin war ein gläubiger Zuhörer und -merkte gar nicht, in was für dumme Widersprüche Peredonoff sich -verwickelte. Rutiloff widersprach wohl, dachte aber, daß es ohne Feuer -keinen Rauch gibt: irgend etwas, dachte er, hat Peredonoff mit der -Fürstin gehabt. - -»Sie ist älter als der Köter eines Popen,« sagte Peredonoff -zuversichtlich, als wäre es etwas ganz Sachliches; »erzählt es nur -keinem weiter, -- kommt es ihr zu Ohren, so geht es mir schlecht. Sie -schminkt sich und spritzt sich Tau in die Adern, um jung zu bleiben. Man -sieht es ihr auch nicht an, daß sie alt ist. Sie ist aber schon hundert -Jahre alt.« - -Wolodin schüttelte nur den Kopf und schmatzte mit den Lippen. Er glaubte -alles. - -Am folgenden Tage nach diesem Gespräch mußte Peredonoff in einer Klasse -die Krjiloffsche Fabel »Der Lügner« lesen lassen. Und einige Tage -hintereinander fürchtete er sich über die Brücke zu gehen, -- mietete -ein Boot und ließ sich hinüberfahren, -- die Brücke hätte ja unter ihm -einstürzen können. Er erklärte Wolodin: - -»Was ich über die Fürstin erzählte, ist wahr. Aber die Brücke könnte es -nicht glauben und wird darüber einstürzen.« - - - - - XXV - - -Das Gerücht über die gefälschten Briefe verbreitete sich in der Stadt. -Die Gespräche darüber waren für die Bürger unterhaltend und erheiternd. -Fast alle lobten Warwara und freuten sich, daß Peredonoff betrogen -worden war. Und alle die, welche die Briefe gesehen hatten, versicherten -hoch und teuer, sie hätten alles von Anfang an gewußt. - -Besonders groß war die Schadenfreude im Hause der Werschina: obwohl -Martha Murin heiraten sollte, so war sie doch immerhin von Peredonoff -verschmäht worden. Die Werschina hatte eigentlich die Absicht gehabt, -Murin für sich zu nehmen, nun mußte sie ihn Martha abtreten; Wladja -hatte seine guten Gründe, warum er Peredonoff nicht leiden konnte, und -freute sich über dessen Mißgeschick. Obgleich es ihm nicht angenehm war, -daß Peredonoff nun doch im Gymnasium blieb, so wurde das Unbehagen -darüber bei weitem durch den Umstand aufgewogen, daß Peredonoff so -glänzend »hereingelegt« worden war. Außerdem hatte sich in den letzten -Tagen unter den Schülern das Gerücht verbreitet, als hätte der Direktor -dem Schulbezirksinspektor mitgeteilt, Peredonoff wäre nicht mehr -zurechnungsfähig, als würde bald eine Untersuchung deswegen eingeleitet -werden und Peredonoff müßte dann die Schule verlassen. - -Wenn Warwara mit ihren Bekannten zusammentraf, so machte man grobe -Witze, und gab ihr frech und unverholen zu verstehen, daß man um die -Fälschungen wußte. Sie lächelte nur gemein, gab nichts zu, verteidigte -sich aber auch nicht. - -Andere wieder deuteten der Gruschina an, daß man um ihre Teilhaberschaft -an den Fälschungen wußte. Sie erschrak und lief zu Warwara, um ihr -Vorwürfe zu machen, weil sie die Sache ausgeplaudert hatte. Warwara -sagte schmunzelnd: - -»Reden Sie keinen Unsinn. Ich habe zu keinem Menschen davon gesprochen.« - -»Woher weiß man es denn?« fragte die Gruschina heftig. »Ich bin doch -nicht so dumm, daß ich es jemandem erzählen werde.« - -»Auch ich habe es nirgends erzählt,« beteuerte Warwara unverschämt. - -»Geben Sie mir den Brief zurück,« verlangte die Gruschina. »Fängt er -erst an zu vergleichen, so wird er schon an der Handschrift merken, daß -es eine Fälschung ist.« - -»Mag er's doch wissen!« sagte Warwara ärgerlich. »Was soll ich mich mit -dem Esel abgeben.« - -Die schielenden Augen der Gruschina blitzten. Sie schrie: - -»Sie haben gut reden. _Sie_ sitzen im Trockenen. _Mich_ wird man aber -ins Gefängnis sperren. Aber wie Sie wollen, -- ich muß den Brief -zurückhaben. Es gibt ja auch eine Ehescheidung.« - -»Ach, lassen Sie doch!« antwortete Warwara frech, und stemmte die Arme -in die Hüften, »meinetwegen können sie es öffentlich anschlagen; der -Brautkranz fällt einem nicht so leicht vom Kopf.« - -»O, wenn Sie _das_ glauben!« schrie die Gruschina, »so ein Gesetz gibt -es nicht, daß man auf einen Betrug hin heiraten darf. Wenn Ardalljon -Borisowitsch die ganze Sache bei seinen Vorgesetzten anhängig macht, und -bis zum Senat geht, so _wird_ die Ehe geschieden.« - -Warwara erschrak und sagte: - -»Warum regen Sie sich so auf, -- ich werde Ihnen den Brief verschaffen. -Da gibt es nichts zu fürchten, -- ich werde Sie nicht verraten. Bin ich -denn so ein Rindvieh? Ich habe doch eine Seele im Leibe.« - -»Ach! gehen Sie mit Ihrer Seele!« sagte die Gruschina grob, »beim Hunde -und beim Menschen, es ist _ein_ Dunst. Da gibt's keine Seele. Solange -man lebt, solange ist man.« - -Warwara beschloß, den Brief zu stehlen, wenn es auch sehr schwer fiel. -Die Gruschina trieb sie zur Eile. Es gab nur eine Hoffnung, -- den Brief -zu entwenden, wenn Peredonoff betrunken war. Er trank aber viel. Oft kam -er angeheitert ins Gymnasium, und führte schamlose Reden, die sogar die -allerbösesten Jungen mit Ekel erfüllten. - - * * * * * - -Einmal kam Peredonoff betrunkener als sonst vom Billard nach Hause: die -neuen Bälle waren »begossen« worden. Von seiner Brieftasche trennte er -sich aber nicht; -- nachdem er sich nachlässig entkleidet hatte, stopfte -er sie unter das Kopfkissen. - -Er schlief unruhig, aber fest, und redete im Schlaf, -- und das, was er -im Traume sagte, handelte von etwas Fürchterlichem, Bedrückendem. -Warwara war in tausend Aengsten. - -Einerlei, -- ermunterte sie sich, -- wenn er nur nicht aufwacht. - -Sie versuchte es, ihn aufzuwecken; sie stieß ihn in die Seiten, -- er -brummte nur etwas, fluchte dann laut, wachte aber nicht auf. - -Warwara zündete eine Kerze an und stellte sie so, daß das Licht -Peredonoff nicht in die Augen fiel. Zitternd vor Furcht stand sie auf -und langte mit der Hand unter Peredonoffs Kopfkissen. Die Brieftasche -lag ganz nah, aber immer wieder entglitt sie ihren zitternden Fingern. -Das Licht brannte trübe. Die Flamme flackerte. Längs der Wand über das -Bett krochen unheimliche Schatten, -- kleine, böse Teufel trieben ihr -Wesen. Die Luft war stickig und ganz unbeweglich. Es roch nach -abgestandenem Schnaps. Das Schnarchen und die irren Reden des -Betrunkenen erfüllten das ganze Zimmer. Alles, alles war wie ein -wirklich gewordener, schwerer Alp. - -Mit zitternden Fingern nahm Warwara den Brief aus der Tasche, und schob -diese wieder an ihren alten Platz. - - * * * * * - -Am Morgen suchte Peredonoff sofort nach dem Brief; er konnte ihn nicht -finden, erschrak und schrie: - -»Wo ist der Brief, Warja?« - -Warwara suchte ihre Angst zu verbergen und sagte: - -»Woher soll ich das wissen, Ardalljon Borisowitsch? Du zeigst ihn aller -Welt, da hast du ihn wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren. -Vielleicht hat man ihn dir gestohlen. Du hast ja so viele Freunde, mit -denen du die Nächte durch trinkst.« - -Peredonoff dachte, seine Feinde hätten ihm den Brief entwendet; am -ehesten Wolodin. Schon hat er den Brief in Händen, später wird er sich -alle Papiere aneignen, auch die Ernennung, und wird Inspektor werden, -und Peredonoff wird als trauriger Bettler sein Leben fristen. - - * * * * * - -Peredonoff beschloß sich zu verteidigen. Er stellte alltäglich lange -Schriftstücke zusammen, in denen er seine Feinde denunzierte: die -Werschina, die Rutiloffs, Wolodin, seine Kollegen, die -- so schien es -ihm -- auf denselben Posten reflektierten. Am Abend pflegte er diese -Schriftstücke zu Rubowskji zu bringen. - -Der Gendarmerieoffizier wohnte in einer belebten Gegend, am Stadtplatz, -in der Nähe des Gymnasiums. Aus den Fenstern konnten es die Leute sehen, -wie Peredonoff zum Gendarmerieoffizier durch die Pforte ging. Peredonoff -dachte aber, keiner hätte ihn bemerkt. Nicht umsonst trug er die -Denunziationen stets am Abend hin, die Hintertreppe benutzend, durch den -Kücheneingang. Die Papiere versteckte er unter dem Ueberzieher, und man -merkte sofort, daß er etwas verbarg. Wenn er diesem oder jenem zum Gruße -die Hand geben mußte, so hielt er die Papiere mit der linken Hand und -glaubte, daß keiner etwas bemerken könne. Wenn man ihn fragte, wohin er -ging, so log er, -- außerordentlich ungeschickt, er selbst war aber mit -seinen dummen Ausreden sehr zufrieden. - -Er erklärte Rubowskji: - -»Es sind Verräter. Sie stellen sich so, als wären sie Freunde; sie -wollen einen aber betrügen. Das aber wissen sie nicht, daß ich Dinge von -ihnen weiß, die sogar mit Sibirien viel zu gering bestraft wären.« - -Rubowskji hörte ihm schweigend zu. Gleich die erste, augenscheinlich -ganz sinnlose Denunziation schickte er einfach an den Direktor, und so -tat er es mit allen nachfolgenden. Der Direktor schrieb an den -Schulbezirk, daß sich am Lehrer Peredonoff Zeichen von geistiger -Gestörtheit bemerkbar machten. - -Im Hause hörte Peredonoff überall ununterbrochene, fürchterliche, -höhnische Geräusche. Traurig sagte er zu Warwara: - -»Irgend jemand schleicht da auf den Zehenspitzen, -- überall treiben -sich bei uns Spione herum. Du verteidigst mich gar nicht, Warjka.« - -Warwara konnte diese Phantasien Peredonoffs nicht begreifen. Bald machte -sie sich darüber lustig, bald fürchtete sie sich davor. Sie sagte -ängstlich und gereizt: - -»Deinen betrunkenen Augen erscheint der größte Blödsinn.« - -Besonders verdächtig schien Peredonoff die Tür zum Vorhause zu sein. Sie -schloß nicht ganz. Eine Ritze zwischen den beiden Türflügeln deutete auf -etwas, was sich dahinter verborgen hielt. War das nicht der Coeur-Bube, -der da hervorlauerte? Irgend jemandes Auge blitzte, böse und -durchdringend. - -Der Kater verfolgte mit seinen weit aufgerissenen, grünen Augen jede -Bewegung Peredonoffs. Zuweilen zwinkerte er ihm zu, zuweilen miaute er -unheimlich. Augenscheinlich hatte er die Absicht, Peredonoff zu -überführen, konnte es aber nicht und ärgerte sich darüber. Peredonoff -vermied ihn nach Möglichkeit, aber der Kater war nicht fortzukriegen. - -Das graue, gespenstische Tierchen lief unter allen Stühlen, in alle -Winkel und quiekte. Es war schmutzig, widerwärtig, fürchterlich und -stank. Es war doch klar, daß es ihm feindlich gesinnt war; nur um -seinetwillen war es gekommen, denn früher war es nie und nirgends zu -sehen gewesen. Man hatte es geschaffen, -- und besprochen. Nun lebte es -da, -- ihn zu ängstigen, ihn zu verderben, dieses gespenstische, alles -sehende Tier; -- es verfolgt ihn, es betrügt ihn, es lacht ihn aus; -- -bald rollt es über den Boden, bald krallt es sich an einen Fetzen, ein -Band, einen Zweig, eine Fahne, eine Wolke, ein Hündchen, in die -Staubwirbel auf den Straßen, und überall kriecht und läuft es ihm nach, --- ganz zerquält hat es ihn, ganz ermattet mit seinen schaukelnden, -unruhigen Bewegungen. Würde ihn nur jemand davon befreien, mit irgend -einem Wort, oder mit einem plötzlichen, starken Schlag. Aber er hat -keine Freunde; niemand wird ihn retten; er muß selber listig und schlau -sein; es vernichten, noch bevor es ihn umgebracht hat. - -Peredonoff erfand ein Mittel: er bestrich alle Böden mit Leim, da mußte -das graue Tierchen ankleben. Die Schuhsohlen klebten wohl an und -Warwaras nachschleppende Kleider, aber das graue, gespenstische Tierchen -rollte vergnügt und frei hin und her, und schüttelte sich vor Lachen. -Warwara schimpfte böse ... - - * * * * * - -Peredonoff lebte ganz im Banne der aufdringlichen, schrecklichen -Vorstellung, verfolgt zu werden. Er selbst vertiefte sich immer mehr in -die Welt seiner unheimlichen Wahnideen. Das zeigte sich auch deutlich an -seinem Gesicht: es war eine unbewegliche Larve des Entsetzens. - -Am Abend ging er nicht mehr zum Billard. Nach dem Mittagessen schloß er -sich im Schlafzimmer ein, verbarrikadierte die Tür mit Stühlen und -anderen Gegenständen, bekreuzte sich sehr andächtig, sprach -Beschwörungsformeln her, und setzte sich dann an den Tisch, um -Denunziationen zu schreiben; er denunzierte jeden, an den er sich gerade -zufällig erinnerte. Aber er denunzierte nicht nur Menschen, -- auch die -Damen des Kartenspiels. Gleich, wenn er mit dem Schreiben zu Ende -gekommen war, brachte er das Schriftstück zum Gendarmerieoffizier. Und -so verbrachte er einen Abend nach dem andern. - -Vor seinen Augen blinkten alle Figuren des Kartenspiels, als lebten sie, --- die Könige, die Damen, die Buben. Auch die einfachen Karten lebten. -Das waren Menschen mit Knöpfen: Gymnasiasten, Schutzleute. Das Aß -- ist -ein ganz Dicker, mit vortretendem Bauch, fast nur ein Bauch. Manchmal -verwandelten sich die Karten in ihm bekannte Leute. Das Lebendige und -diese sonderbaren Ausgeburten seiner Furcht vermengten sich zu einer -Vorstellung. - -Peredonoff war fest davon überzeugt, daß der Bube hinter der Tür steht -und wartet, und daß dieser Bube über dieselbe Kraft und Macht verfügt -wie etwa ein Schutzmann, er kann einen abführen in irgend eine -fürchterliche Wachtstube. Unter dem Tische sitzt aber das graue, -gespenstische Tierchen. Und Peredonoff fürchtete sich, unter den Tisch -oder hinter die Tür zu blicken. - -Die Achten waren lauter Wildfänge, die Peredonoff neckten, -- das waren -verwandelte Gymnasiasten. Sie hoben ihre Beine mit merkwürdig leblosen -Bewegungen, wie zwei Zirkelhälften, -- ihre Beine waren aber mit Haaren -bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle der Schwänze wuchsen -ihnen Ruten und die Jungen schwangen sie pfeifend hin und her und -quiekten durchdringend bei jeder Bewegung. Das graue, gespenstische -Tierchen grunzte unter dem Tisch und freute sich über die Lustbarkeit -dieser Achten. - -Peredonoff dachte wütend daran, daß das graue, gespenstische Tierchen -sich nicht unterstehen würde einen Vorgesetzten etwa zu belästigen. - -Man wird es nicht hereinlassen, dachte er voll Neid, die Lakaien werden -es mit ihren Besen hinaustreiben. - -Endlich konnte Peredonoff das böse und gemeine, piepende Gelächter des -Tieres nicht mehr ertragen. Er holte ein Beil aus der Küche und -zertrümmerte den Tisch, unter dem es saß. Das Tierchen piepte jämmerlich -und gereizt, warf sich zur Seite und rollte davon. Peredonoff zitterte. - -Es wird beißen, dachte er, schrie auf vor Entsetzen und ließ sich in -einen Stuhl fallen. Aber das graue Tierchen war friedlich verschwunden. -Nicht für lange ... - -Manchmal nahm Peredonoff die Karten, und -- mit einem bösen, -haßerfüllten Ausdruck im Gesicht, -- zerstach er mit seinem Federmesser -die Köpfe in den Bildern. Besonders den Damen. Wenn er die Könige -zerschnitt, blickte er ängstlich um sich, ob keiner es sähe, der ihn -dann eines politischen Verbrechens anklagen könnte. Aber auch diese -Maßregeln halfen nur für kurze Zeit. Wenn Gäste kamen, mußten neue -Karten gekauft werden und bald fuhren die Spione in die neuen Karten. - -Schon begann Peredonoff sich für einen heimlichen Verbrecher zu halten. -Er bildete sich ein, daß er von seiner Studentenzeit an unter -polizeilicher Aufsicht gestanden habe. Darum, dachte er, verfolgt man -mich auch. Das entsetzte ihn und machte ihn hochmütig. - -Ein Zugwind bewegte die Tapeten. Sie raschelten leise und bösartig, und -leichte Halbschatten glitten über ihr buntes Muster. Da! Hinter der -Tapete versteckt sich der Spion! dachte Peredonoff. - -Böse Leute, dachte er traurig, nicht umsonst haben sie die Tapeten so -lose an die Wand geheftet, damit der flache, geschmeidige und geduldige -Bösewicht sich dahinter verbergen kann. Man kennt solche Beispiele von -früher her. - -Trübe Erinnerungen wurden in ihm lebendig. Irgend jemand versteckte sich -hinter der Tapete, irgend jemand wurde erdolcht. War es nun mit einer -Pfrieme oder mit einem Dolch? - -Peredonoff kaufte sich eine Pfrieme. Als er nach Hause kam, bewegten -sich die Tapeten ungleichmäßig, wie aufgeregt, -- der Spion fühlte die -Gefahr und wollte vielleicht irgendwohin fortkriechen. Ein Schatten -flackerte auf, sprang an die Decke und drohte und zuckte dort oben. - -Peredonoff kochte vor Wut. Weit ausholend stieß er mit der Pfrieme in -die Tapete. Ein Zittern lief durch die Wand; Peredonoff brüllte -triumphierend auf und begann zu tanzen, die Pfrieme in der Hand -schwingend. Warwara kam herein. - -»Warum tanzst du allein, Ardalljon Borisowitsch?« fragte sie, mit dem -gewohnten, stumpfen und gemeinen Lächeln auf den Lippen. - -»Ich schlug eine Wanze tot,« erklärte Peredonoff verdrießlich. - -Seine Augen funkelten in wilder Freude. Doch eins war nicht gut: es roch -so entsetzlich. Der erstochene Spion faulte und stank hinter der Tapete. -Entsetzen und Jubel schüttelten Peredonoff: -- er hatte einen Feind -erschlagen. - -Durch diesen Mord war sein Herz hart, ganz hart geworden. Denn der -eingebildete Mord war in Peredonoffs Vorstellung ein wirklich -geschehener Mord. Ein sinnloser Schauder hatte ihn gepackt und reifte in -ihm die Bereitschaft zum Verbrechen. Und die unbewußte, dunkle, sich in -den niedrigsten Instinkten seines Seelenlebens verbergende Vorstellung -von einem bevorstehenden Morde, der quälende Drang zum Morde, dieser -Zustand seiner ursprünglichen Bosheit, -- knechtete seinen frevlerischen -Willen. Noch geknechtet, -- wie viele Geschlechter trennen uns vom -Urvater Kain! -- suchte sich dieser Drang Befriedigung im Zerbrechen und -Verderben von allerhand Gegenständen, im Zuhauen mit der Axt, im -Schneiden mit dem Messer, darin, daß er die Bäume im Garten fällte, -damit der Spion nicht hinter ihnen vorgucken konnte. Und an dieser -Zerstörungswut freute sich der uralte Dämon, der Geist der vorzeitlichen -Verwirrung, das morsche Chaos, während die wilden Augen des wahnsinnigen -Menschen ein Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem Entsetzen -fürchterlichster Qualen vor dem Tode. - -Und immer wiederholten sich dieselben und dieselben Schrecken und -quälten ihn. - -Warwara machte sich gelegentlich lustig über Peredonoff und schlich an -die Tür jenes Zimmers, in dem er saß und redete mit verstellter Stimme. -Er bebte vor Furcht, ging leise, leise, um den Feind zu fangen, -- und -fand Warwara. - -»Mit wem flüsterst du?« fragte er sie bedrückt. - -Warwara schmunzelte und sagte: - -»Das scheint dir nur so, Ardalljon Borisowitsch!« - -»Alles kann mir doch nicht nur scheinen,« murmelte er traurig, »es gibt -doch eine Wahrheit in der Welt.« - -Ja! Auch Peredonoff suchte nach dieser Wahrheit, folgend der -Gesetzmäßigkeit eines jeden bewußten Lebens, und dieses Suchen quälte -ihn. _Ihm_ war es unbewußt, daß er, so wie alle Menschen, nach der -Wahrheit verlangte, und darum war seine Unruhe so verworren und düster. -Er konnte die Wahrheit für sich nicht finden, und hatte sich verirrt und -kam um. - - * * * * * - -Schon begannen die Bekannten Peredonoff mit der Fälschung zu necken. Mit -der in unserer Stadt eigentümlichen Grobheit den Schwachen gegenüber -sprach man in seiner Gegenwart von dem Betrug. - -Die Prepolowenskaja fragte spöttisch lächelnd: - -»Wann werden Sie eigentlich Ihre Inspektorstelle beziehen, Ardalljon -Borisowitsch?« - -Warwara antwortete der Prepolowenskaja für ihn, mit verhaltener Wut: - -»Wenn die Ernennung eintrifft, werden wir fahren.« - -Peredonoff wurde durch diese Fragen noch trauriger: - -Wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt? dachte er. - - * * * * * - -Er schmiedete immer neue Pläne zur Abwehr seiner Feinde. Er stahl aus -der Küche das Beil und versteckte es unter dem Bett. Er kaufte sich ein -schwedisches Messer und trug es stets bei sich in der Tasche. Immer -schloß er sich ein. Zur Nacht legte er Schlageisen rings um das Haus, -auch in die Zimmer, und sah dann nach, ob sich niemand darin gefangen -hatte. - -Diese Schlageisen waren natürlich so konstruiert, daß sich nie ein -Mensch darin fangen konnte: sie klemmten wohl, hielten aber nicht fest, -und man konnte mit ihnen auf und davon gehen. Weder hatte Peredonoff -technische Kenntnisse, noch ein rasches Auffassungsvermögen. Als er sich -von Morgen zu Morgen davon überzeugte, daß sich niemand gefangen hatte, -glaubte er, seine Feinde hätten die Schlageisen verdorben. Und das -erschreckte ihn wieder. - -Peredonoff beobachtete ganz besonders scharf Wolodin. Oft ging er zu -Wolodin, wenn er wußte, daß dieser nicht zu Hause war, -- und stöberte -bei ihm, ob er ihm nicht irgendwelche wichtigen Papiere gestohlen hätte. - - * * * * * - -Peredonoff begann zu erraten, was die Fürstin eigentlich wollte, -nämlich, daß er ihr wieder seine Liebe zuwenden sollte. Sie war ihm -widerlich und ekelhaft. - -Hundertfünfzig Jahre ist sie alt, dachte er wütend. - -Ja, alt ist sie, dachte er, aber wie mächtig ist sie doch! Und seinem -Widerwillen paarte sich das Verführerische. Sie ist nur ganz wenig warm -und riecht ein bißchen nach Leichen, -- stellte Peredonoff sie sich vor -und erstarb in wilden, wollüstigen Schauern. - -Vielleicht kann ich mich mit ihr einigen, und sie wird sich erbarmen. -Soll ich ihr einen Brief schreiben? - -Und diesmal überlegte Peredonoff nicht lange und verfaßte einen Brief an -die Fürstin. Er schrieb: - -»Ich liebe Sie, weil Sie kalt und fern sind. Warwara schwitzt; es ist -heiß, mit ihr zusammen zu schlafen; es weht von ihr, wie von einem Ofen. -Ich wünsche mir eine kalte und ferne Geliebte. Kommen Sie hierher und -entsprechen Sie meinen Wünschen.« - -Er schickte den Brief ab und bereute es. Was wird da herauskommen? -Vielleicht durfte ich nicht schreiben, dachte er, vielleicht mußte ich -warten, bis die Fürstin selber kommt. - -Dieser Brief war so zufällig geschrieben, wie Peredonoff vieles zufällig -tat, -- wie ein Toter, der durch äußere Gewalten bewegt wird, aber diese -Gewalten gehen nur ungern daran, sich mit ihm abzugeben: -- die eine -Kraft spielt mit dem Kadaver und überläßt ihn dann einer anderen. - -Bald erschien auch das graue, gespenstische Tierchen, -- es tummelte -sich lange Zeit um Peredonoff, wie auf einem Lasso, und neckte ihn -immerzu. Und ganz lautlos war es geworden und lachte nur, am ganzen -Körper bebend. Aber es flammte auf in trübgoldnen Funken, -- das böse, -zudringliche Tier, -- es drohte und brannte in unerträglichem Triumphe. -Und der Kater bedrohte Peredonoff, er funkelte mit den Augen und miaute -unverschämt und drohend. - -Worüber freuen sie sich? dachte Peredonoff betrübt und begriff -plötzlich: das Ende ist nahe. Die Fürstin ist schon hier, nah, ganz nah. - -Vielleicht in diesem Kartenspiel. - -Unzweifelhaft, -- sie ist es, -- die Pik- oder die Coeurdame. Vielleicht -versteckt sie sich auch im anderen Spiel oder hinter anderen Karten, und -wer sie ist, -- man weiß es nicht. Das Unglück wollte es, daß Peredonoff -sie nie gesehen hatte. Warwara zu fragen, lohnte nicht, -- sie würde -doch lügen. - -Endlich beschloß Peredonoff, das ganze Spiel zu verbrennen. Mögen sie -alle verbrennen. Wenn sie ihm zum Trotz sich in die Karten verkriechen, -so sind sie auch allein an allem schuld. - -Peredonoff paßte eine Zeit ab, als Warwara nicht zu Hause war, und als -der Ofen im Saal geheizt wurde, -- und warf die Karten, das ganze Spiel, --- in den Ofen. - -Sprühend entfalteten sich nie gesehene, blaßrote Blumen, -- und -brannten, und ihre Ränder verkohlten. Peredonoff blickte voller -Entsetzen auf diese flammenden Blumen. - -Die Karten krümmten sich, warfen sich, bewegten sich, als wollten sie -aus dem Feuer herausspringen. Peredonoff ergriff den Schürhaken und hieb -auf die Karten ein. Kleine, grelle Funken sprühten auf, und plötzlich -erhob sich mitten aus dem Feuertanz der bösen, blendenden Funken, -- die -Fürstin, -- eine kleine, aschgraue Frau, ganz umschüttet von -erstickenden Flammen: sie schrie durchdringend mit ihrem feinen -Stimmchen, zischte und spuckte in die Glut. - -Peredonoff stürzte zu Boden und brüllte auf vor Entsetzen. Dunkelheit -umfing ihn, kitzelte ihn und lachte mit tausend raunenden Stimmen. - - - - - XXVI - - -Sascha war ganz entzückt von Ludmilla, aber irgend etwas hinderte ihn -daran, der Kokowkina von ihr zu erzählen. Als schämte er sich. - -Manchmal fürchtete er sich vor ihrem Kommen. Sein Herz stand still, und -unwillkürlich runzelte er die Brauen, wenn er ihren rosagelben Hut für -Augenblicke an seinem Fenster aufleuchten sah. Dennoch erwartete er sie -erregt und ungeduldig, und war traurig wenn sie lange nicht gekommen -war. Die widersprechendsten Gefühle bewegten ihn, -- dunkle, unklare -Gefühle, -- sie waren sündhaft, denn sie waren frühreif, -- und sie -waren süß, weil sie sündhaft waren. - -Ludmilla war gestern und heute nicht gekommen. Sascha zerquälte sich in -Erwartung und hatte schon aufgehört zu hoffen. Da kam sie. Er strahlte; -er lief ihr stürmisch entgegen und küßte ihre Hände. - -»Wo steckten Sie nur so lange?« warf er ihr brummig vor, »zwei ganze -Tage habe ich Sie nicht gesehen.« - -Sie lachte und freute sich. Der süße, matte, würzige Duft japanischer -Nelken strömte von ihr aus, als rieselte er aus ihren dunkelblonden -Locken. - - * * * * * - -Ludmilla und Sascha gingen vor die Stadt spazieren. Sie hatten die -Kokowkina aufgefordert mitzukommen, -- sie wollte nicht. - -»Ich alte Frau soll spazieren gehen,« sagte sie, »mit euch kann ich -nicht Schritt halten. Geht allein.« - -»Wir werden dumme Streiche machen,« lachte Ludmilla. - -Die Luft war warm, still, erdrückend-zärtlich und erinnerte an -Unwiderbringliches. Die Sonne, als wäre sie krank, flammte trübe und -purpurn auf dem bleichen, müden Himmel. Welke Blätter lagen starr auf -der dunklen Erde, tot .. - -Ludmilla und Sascha stiegen abwärts in eine Schlucht. Da war es frisch, -kühl, fast feucht, -- zärtliche, herbstliche Müdigkeit breitete sich -zwischen den schräg abfallenden Hängen. - -Ludmilla ging voran. Sie hatte ihr Kleid geschürzt. Man sah ihre kleinen -Schuhe und die fleischfarbenen Strümpfe. Sascha blickte zu Boden, um -nicht über die Wurzeln zu stolpern, und sah die Strümpfe. Ihm schien es, -als hätte sie nur Schuhe an, ohne Strümpfe. Ein heißes Gefühl und Scham -wallten in ihm auf. Er wurde über und über rot. Der Kopf schwindelte -ihm. - -Wie im Versehen hinfallen zu ihren Füßen, dachte er, ihr den Schuh -abziehen und das zarte Füßchen küssen. - -Als fühlte sie Saschas heiße Blicke und seine ungeduldige Erwartung, -kehrte sich Ludmilla lachend zu ihm: - -»Du siehst auf meine Strümpfe?« fragte sie. - -»Nein, nur so,« murmelte er verlegen. - -»Ach, ich habe so furchtbar komische Strümpfe,« sagte Ludmilla lachend, -ohne auf ihn zu hören. »Man könnte denken, ich trage meine Schuhe auf -dem nackten Fuß, -- ganz fleischfarben sind sie. Nicht wahr, die -Strümpfe sind sehr komisch?« - -Sie kehrte ihr Gesicht zu Sascha und hob ihre Kleider. - -»Sind sie komisch?« fragte sie. - -»Nein, sie sind schön,« sagte Sascha, rot vor Verlegenheit. - -Ludmilla heuchelte Erstaunen, sah ihn an und rief: - -»Sag doch einer! Wohin der die Schönheit verlegt!« - -Sie lachte und ging weiter. Sascha folgte ihr ungeschickt, stolperte -allaugenblicklich und wußte nicht wohin vor Verlegenheit. - -Sie hatten die Schlucht durchschritten und setzten sich auf einen vom -Winde gebrochenen Birkenstamm. Ludmilla sagte: - -»Oh wieviel Sand ich in den Schuhen habe; ich kann nicht mehr gehen.« - -Sie zog den Schuh ab, klopfte ihn aus und blickte schelmisch auf Sascha. - -»Ein schönes Füßchen?« fragte sie. - -Sascha wurde noch röter und wußte gar nicht, was er sagen sollte. - -Ludmilla zog den Strumpf vom Fuß. - -»Ein weißes Füßchen?« fragte sie wieder, eigentümlich und schelmisch -lächelnd. »Auf die Kniee! Küssen!« sagte sie streng, und eine -bezwingende Härte breitete sich über ihr Gesicht. - -Sascha kniete schnell nieder und küßte ihren Fuß. - -»Es ist angenehmer ohne Strümpfe,« sagte Ludmilla, schob die Strümpfe in -ihre Tasche und zog die Schuhe auf die bloßen Füße. - -Und ihr Gesicht wurde wieder ruhig und fröhlich, als hätte Sascha nicht -vor einem Augenblicke noch vor ihr gekniet und ihre nackten Füße geküßt. -Sascha fragte: - -»Liebste, wirst du dich nicht erkälten?« - -Weich und bebend klang seine Stimme. Ludmilla lachte auf. - -»Das fehlte noch! Ich bin doch daran gewöhnt; ich bin nicht so -verzärtelt.« - - * * * * * - -Einmal war Ludmilla gegen Abend zur Kokowkina gekommen und bat Sascha: - -»Komm zu mir; du mußt mir helfen ein kleines Regal zu befestigen.« - -Sascha liebte es, Nägel einzuschlagen und hatte Ludmilla irgendwann -versprochen, ihr bei der Einrichtung ihres Zimmers zu helfen. Auch heute -war er gleich einverstanden und war froh, einen harmlosen Vorwand zu -haben, um zu Ludmilla zu gehen. Und der unschuldige, etwas säuerliche -Duft des extra-Mugnet, der von Ludmillas blaßgrünem Kleide wehte, -beruhigte ihn. - - * * * * * - -Für die Arbeit hatte sich Ludmilla hinter dem Bettschirm umgezogen. Nun -trat sie vor Sascha in einem kurzen aber sehr eleganten Röckchen, ihre -Arme waren bis zu dem Ellenbogen frei, -- die Schuhe trug sie an den -bloßen Füßen, -- parfumiert mit dem süßen, matten, würzigen Dufte -japanischer Nelken. - -»Oh, wie du elegant bist!« sagte Sascha. - -»Ach was, -- elegant!« sagte Ludmilla und zeigte lächelnd auf ihre Füße, -»ich bin doch barfuß,« sie sprach diese Worte gedehnt, verführerisch, -verschämt. - -Sascha zuckte nur mit den Schultern und sagte: - -»Du bist immer elegant. Also los! An die Arbeit! Wo sind die Nägel?« -fragte er rührig. - -»Warte doch ein wenig,« antwortete Ludmilla, »sitz doch nur ein -Augenblickchen neben mir. Es sieht fast aus, als kämest du nur in -Geschäften, und als wäre es dir langweilig, mit mir zu sprechen.« - -Sascha wurde rot. - -»Liebste,« sagte er weich, »wie lange Sie nur wollen sitze ich neben -Ihnen, wenn Sie mich nur nicht fortjagen. Ich habe aber noch meine -Schulaufgaben vor.« - -Ludmilla seufzte leicht auf und sagte ganz langsam: - -»Du wirst immer schöner, Sascha.« - -Er wurde sehr rot, lachte und streckte die Zungenspitze vor. - -»Was Sie sich ausdenken,« sagte er. »Ich bin doch kein Fräulein, daß ich -schöner werde.« - -»Dein Gesicht ist wunderschön. Aber der Körper. Zeig ihn mir, -- nur bis -zum Gürtel,« bat Ludmilla zärtlich und umfaßte seine Schultern. - -»Was Sie sich ausdenken!« sagte Sascha verschämt und empfindlich. - -»Was ist denn dabei?« fragte Ludmilla leichthin, »was hast du denn für -Geheimnisse?« - -»Jemand könnte hereinkommen,« sagte Sascha. - -»Wer denn?« sagte sie ebenso leicht und sorglos. »Wir verschließen die -Tür. Da kann niemand herein.« - -Ludmilla lief rasch an die Tür und schob den Riegel vor. Sascha erriet, -daß es ihr Ernst war. Kleine Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Er -sagte ganz aufgeregt: - -»Nein, nein, tun Sie es nicht.« - -»Dummchen! warum denn nicht?« fragte sie dringend. - -Sie zog Sascha an sich und knöpfte seine Bluse auf. Sascha wehrte sich -und griff nach ihren Händen. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck des -Schreckens, -- und ein, dem Schreck ähnliches Gefühl der Scham überkam -ihn. Und davon wurde er plötzlich ganz schwach. Ludmilla zog die Stirn -in Falten und entkleidete ihn entschlossen. Sie schnallte den Gürtel ab -und zog ihm irgendwie die Bluse herunter. Sascha wehrte sich immer -verzweifelter. Sie drehten sich durch das ganze Zimmer und stolperten -über Tische und Stühle. Ein süßer, reizender Duft wehte von Ludmilla, -machte Sascha trunken und schwach. - -Mit einem geschickten Stoß in die Brust brachte ihn Ludmilla zum Fallen. -Er fiel auf das Sofa. Sie hatte sich an das Hemd geklammert, und ein -Knopf riß ab. Schnell entblößte sie seine Schulter und wollte den Aermel -vom Arm ziehen. - -Sich wehrend schlug sie Sascha im Versehen mit der flachen Hand ins -Gesicht. Er wollte sie natürlich nicht schlagen, aber der Schlag sauste -aus vollem Arm, stark und schallend auf Ludmillas Backe. Ludmilla -erbebte, taumelte, sie wurde blutrot, ließ aber nicht los. - -»Böser, böser Junge! Du schlägst!« rief sie atemlos. - -Sascha war bestürzt, er ließ die Arme sinken und blickte schuldbewußt -auf die weißen Striemen auf Ludmillas Backe; es waren die Spuren seiner -Finger. Ludmilla benutzte seine Verwirrung. Schnell zog sie ihm das Hemd -von beiden Schultern, daß es bis zu den Ellenbogen herunterglitt. Er kam -wieder zur Besinnung, riß sich los, aber dadurch wurde es nur schlimmer, --- Ludmilla zog an den Aermeln, und das Hemd fiel bis zum Gürtel -herunter. Sascha fühlte die Kälte, und wieder stieg in ihm das -unerbittliche Schamgefühl auf, daß ihm der Kopf schwindelte. Er war -nackt bis an die Hüften. - -Ludmilla hielt ihn fest am Arm; mit der freien Hand streichelte sie -seine nackten Schultern und blickte in seine erstarrten, unter den -dichten, schwarzen Wimpern merkwürdig flackernden Augen. - -Und dann zitterten diese Wimpern, das Gesicht verzog sich zu einer -lächerlich-kindischen Grimasse, -- und plötzlich weinte und schluchzte -er. - -»Lassen Sie mich!« rief er schluchzend. »Sie sind frech!« - -»Das Baby klöhnt!« sagte sie ärgerlich und verlegen und stieß ihn fort. - -Sascha kehrte ihr den Rücken und wischte sich mit den Händen die Tränen -aus den Augen. Er schämte sich, daß er geweint hatte. Er bemühte sich, -an sich zu halten. - -Ludmilla blickte heiß auf seinen nackten Rücken. - -All die Herrlichkeit in der Welt! dachte sie. Alle diese Schönheit -verbergen die Menschen voreinander -- warum, warum? - -Sascha krümmte verschämt den nackten Rücken, er bemühte sich, das Hemd -anzuziehen, aber er verknüllte es nur; es krachte in den Nähten unter -seinen zitternden Fingern und es war ihm auf keine Weise möglich, mit -den Armen durch die Aermel zu schlüpfen. Dann nahm er die Bluse, -- -mochte das Hemd einstweilen so bleiben. - -»O, Sie fürchten wohl für Ihr Eigentum. Ich werde Ihnen nichts stehlen,« -sagte Ludmilla, und ihre Stimme klang böse vor verhaltenen Tränen. - -Heftig schleuderte sie ihm den Gurt zu und kehrte sich zum Fenster. Was -sollte sie mit diesem albernen Jungen in seiner grauen Bluse! Eine -widerliche Zierpuppe! - -Sascha schlüpfte flink in die Bluse, brachte sein Hemd irgendwie in -Ordnung und blickte schüchtern, unsicher und verschämt auf Ludmilla. Er -sah, daß sie sich mit den Händen die Augen rieb. Leise trat er zu ihr -und blickte ihr ins Gesicht. Und die Tränen, die über ihre Wangen -rollten, lösten in ihm plötzlich das Gefühl zärtlichen Mitleids und -vergifteten ihn. Er schämte sich nicht mehr, und er ärgerte sich nicht. - -»Warum weinen Sie, liebste Ludmilla?« fragte er leise. - -Dann fiel ihm sein Schlag ein und er wurde plötzlich rot. - -»Ich habe Sie geschlagen. Verzeihen Sie mir. Ich hab' es nicht mit -Absicht getan,« sagte er bescheiden. - -»Dummer Junge! schmilzst du, wenn du mit nackten Schultern dasitzt,« -sagte Ludmilla anklagend. »Du fürchtest dich wohl vor der Leidenschaft! -Schönheit und Unschuld werden welken.« - -»Warum ist denn das nötig?« fragte Sascha mit verlegener Miene. - -»Warum?« sagte sie leidenschaftlich. »Ich lieb die Schönheit. Ich bin -eine Heidin, eine Sünderin. Im alten Athen hätte ich geboren werden -müssen. Ich liebe die Blumen, den Duft, die leuchtenden Gewänder, den -nackten Körper. Man sagt, es gäbe eine Seele. Ich weiß es nicht. Ich -habe sie nicht gesehen. Und was sollte ich damit? Ich möchte sterben wie -eine Nixe, möchte hinschwinden wie ein Wölkchen vor der Sonne. Ich liebe -den Körper, -- den starken, geschmeidigen, nackten Körper, der den Genuß -sucht.« - -»Auch leiden kann er,« sagte Sascha leise. - -»Auch leiden! Auch das ist gut!« flüsterte sie heiß. »Süß ist es, -Schmerz zu haben -- der Körper muß es nur fühlen; sehen muß man das -Nackte und die Schönheit des Leibes.« - -»Aber man schämt sich doch ohne Kleider!« sagte Sascha schüchtern. - -Ludmilla stürzte vor ihm auf die Knie. - -»Lieber, mein Abgott, Knabe -- göttlicher!« flüsterte sie atemlos und -bedeckte seine Hände mit Küssen, »für eine Minute, für eine Minute nur -laß mich an deinen Schultern mich satt sehen!« - -Sascha seufzte auf; er senkte die Augen, wurde rot, und ungelenk zog er -die Bluse vom Körper. - -Mit fiebernden Händen umschlang ihn Ludmilla und bedeckte mit wilden -Küssen seine vor Scham bebenden Schultern. - -»Siehst du, -- wie gehorsam ich bin!« sagte er und lächelte gezwungen, -wie um durch einen Scherz seine Verlegenheit zu verbergen. - -Ludmilla küßte eifrig seine Arme, von den Schultern bis zu den -Fingerspitzen, und Sascha -- erregt und ganz versunken in wollüstigen, -quälenden Gedanken -- wehrte ihr nicht. Ihre Küsse waren wie eine heiße -Anbetung, als küßten ihre brennenden Lippen nicht einen Knaben, sondern -den jugendlichen Gott, in bebender, geheimnisvoller Hingabe an seinen -erblühenden Leib. - -Hinter der Tür standen aber Darja und Valerie; sie guckten abwechselnd, -einander ungeduldig stoßend, durch das Schlüsselloch und erstarben in -heißen, wollüstigen Schauern. - - * * * * * - -»Es ist Zeit, daß ich mich ankleide,« sagte Sascha endlich. - -Ludmilla seufzte, -- und mit demselben andächtigen Ausdruck in den Augen -zog sie ihm Hemd und Bluse an, und diente ihm ehrfürchtig und -vorsichtig. - -»So bist du eine Heidin?« fragte Sascha zweifelnd. - -Ludmilla lachte fröhlich. - -»Und du?« fragte sie. - -»Das fehlte noch!« antwortete Sascha fest, »ich kenne den ganzen -Katechismus auswendig.« - -Ludmilla lachte aus vollem Halse. Sascha blickte sie lächelnd an und -fragte: - -»Warum gehst du denn in die Kirche?« - -Ludmilla hörte auf zu lachen und wurde nachdenklich. - -»Ja,« sagte sie, »man muß doch beten. Etwas beten, etwas weinen, eine -Kerze weihen, sich an Vergangenes erinnern. Und ich liebe das alles, -- -Kerzen, Ampeln, Weihrauch, Meßgewänder, Gesang, -- wenn die Sänger gut -singen, -- die Heiligenbilder in den schönen, mit Bändern geschmückten -Einfassungen. Ja, das ist alles so wunderbar. Und dann liebe ich noch -... Ihn ... weißt du .. den Gekreuzigten ...« - -Die letzten Worte sagte Ludmilla ganz leise, fast flüsternd; sie wurde -rot, als wäre sie schuldig und senkte die Augen. - -»Weißt du, manchmal träume ich von ihm -- er hängt am Kreuze, auf seinem -Körper schimmern kleine Blutstropfen.« - - * * * * * - -Seit jenem Tage kam es oft vor, daß Ludmilla Sascha in ihrem Zimmer -entkleidete. Erst schämte er sich bis zu Tränen, -- doch gewöhnte er -sich bald daran. Schon blickten seine Augen klar und ruhig, wenn -Ludmilla ihm das Hemd herunterstreifte, seine Schultern entblößte, ihn -streichelte und auf den Rücken klopfte. Und dann endlich entkleidete er -sich selber. - -Für Ludmilla war es ein angenehmes Gefühl, ihn halbnackt auf ihren Knien -zu haben, ihn zu umarmen und zu küssen. - - * * * * * - -Sascha war allein zu Hause. Er erinnerte sich an Ludmillas heiße Blicke, -wenn sie seinen Körper betrachtete. - -Was will sie nur? dachte er. - -Und plötzlich stieg ihm das Blut zu Kopf, und das Herz schlug ihm so -weh. Dann wurde er ganz ausgelassen und fröhlich. Er warf den Stuhl zur -Seite, schlug einige Purzelbäume, warf sich auf den Boden, sprang auf -die Möbel, -- und tausend sinnlose Bewegungen schleuderten ihn aus einer -Ecke des Zimmers in die andere. Sein fröhliches, helles Gelächter -schallte durchs ganze Haus. - -In dem Augenblick kam die Kokowkina nach Hause; sie hörte den -ungewohnten Lärm und trat in Saschas Zimmer. Verständnislos blieb sie -auf der Schwelle stehen und schüttelte nur den Kopf. - -»Was ist in dich gefahren, Saschenka!« sagte sie, »toll doch mit deinen -Freunden herum, aber nicht allein. Schäm dich, mein Lieber, -- du bist -kein Kind mehr.« - -Sascha stand still, -- vor Verlegenheit schienen ihm die Hände zu -ersterben, -- sie waren so schwer und ungelenk, -- aber sein ganzer -Körper zitterte vor Erregung. - - * * * * * - -Einmal kam die Kokowkina gerade dazu, als Ludmilla Sascha mit Bonbons -fütterte. - -»Sie verwöhnen ihn,« sagte sie freundlich. »Er liebt sehr zu naschen.« - -»Ja, und er schilt mich, -- ich wäre ein freches Ding,« beklagte sich -Ludmilla. - -»Das darfst du doch nicht, Saschenka,« tadelte die Kokowkina zärtlich. -»Warum schiltst du sie denn?« - -»Ja -- sie läßt mir keine Ruhe,« sagte Sascha stockend. - -Er blickte Ludmilla böse an und wurde puterrot. Ludmilla lachte laut. - -»Klatschbase,« flüsterte ihr Sascha zu. - -»Du sollst nicht schimpfen, Saschenka,« verwies ihn die Kokowkina. »Man -darf nicht grob werden.« - -Sascha blickte schelmisch auf Ludmilla und brummte leise: - -»Ich tu's nicht wieder.« - - * * * * * - -Und jedesmal, wenn Sascha kam, verschloß sich Ludmilla mit ihm in ihrem -Zimmer; dann entkleidete sie ihn und steckte ihn in die verschiedensten -Trachten. Hinter Lachen und Scherzen verbargen sie ihre süße Scham. - -Zuweilen schnürte sie ihn in ihr Korsett und zog ihm ihre Kleider an. Im -Dekolletee sahen Saschas nackte, volle, zartgerundeten Arme und seine -vollen Schultern sehr schön aus. Er hatte eine gelbliche Haut, aber -- -was selten vorkommt: sie war gleichmäßig und zart in der Färbung. -Ludmillas Röcke, Schuhe und Strümpfe, -- alles paßte ihm vorzüglich und -stand ihm ausgezeichnet. Wenn er ganz als Dame angekleidet war, setzte -er sich gehorsam hin und spielte mit einem Fächer. So sah er tatsächlich -einem Mädchen täuschend ähnlich, und er bemühte sich auch, sich -dementsprechend zu geben. - -Nur eins war lästig -- Saschas kurze Haare. Ludmilla wollte ihm keine -Perücke aufsetzen oder ihm einen falschen Zopf anstecken, -- das kam ihr -widerlich vor. - -Sie lehrte ihn tiefe Knixe zu machen. Zuerst verbeugte er sich -unbeholfen und verlegen. Aber er hatte die natürliche Grazie, wenn sich -auch die eckigen, knabenhaften Bewegungen nicht abgewöhnen ließen. -Errötend und lachend lernte er fleißig zu knixen und unsinnig zu -kokettieren. - -Zuweilen nahm Ludmilla seine nackten, schlanken Hände und küßte sie. -Sascha duldete es ruhig und blickte lachend auf Ludmilla. Manchmal hielt -er ihr die Hände an die Lippen und sagte: - -»Küß.« - -Aber ihm und ihr gefielen die anderen Trachten besser, die Ludmilla -selber für ihn erfunden hatte: im Fischerkostüm mit nackten Beinen, oder -barfuß im Chiton eines athenischen Jünglings. - -Ludmilla kleidet ihn an und bewundert ihn. Sie selbst wird so blaß und -traurig. - -Sascha saß auf Ludmillas Bett, spielte mit den Falten des Chitons und -baumelte mit den Beinen. Ludmilla stand vor ihm, blickte ihn an und ein -glückseliger Ausdruck des Vergessens lag auf ihrem Gesicht. - -»Wie dumm du bist!« sagte Sascha. - -»In meiner Dummheit ist so viel Glück!« flüsterte Ludmilla erbleichend; -sie weinte und küßte Saschas Hände. - -»Warum weinst du denn?« fragte er sorglos lächelnd. - -»Mein Herz ist erfüllt von Freude. Die sieben Schwerter der -Glückseligkeit durchbohrten meine Brust; -- wie sollte ich nicht -weinen?« - -»Du bist ein Dummchen! wirklich ein Dummchen!« sagte Sascha lachend. - -»Und du bist klug!« sagte Ludmilla plötzlich gereizt; sie trocknete ihre -Tränen und seufzte schwer. »Begreif denn, dummer Junge,« sprach sie mit -leiser, überzeugender Stimme, »nur in der Sinnlosigkeit ist Glück und -Weisheit.« - -»Nun ja!« sagte Sascha ungläubig. - -»Man muß vergessen, sich selber vergessen, dann wirst du alles -verstehen,« flüsterte Ludmilla. »Glaubst du etwa, die weisen Leute -brauchten zu denken?« - -»Wie denn sonst?« - -»Sie wissen. Es ist ihnen gegeben: nur zu sehn brauchen sie und alles -ist vor ihnen enthüllt.« - - * * * * * - -Es war an einem stillen Herbstabend. Nur wenn der Wind durch die Zweige -der Bäume strich, hörte man hinter dem Fenster sein leises Rauschen. - -Sascha und Ludmilla waren allein. Sie hatte ihm das Fischerkleid mit -rosa Seide angezogen; er war barfuß und lag auf einem niedrigen -Ruhebett. Sie saß ihm zu Füßen, war selber barfuß und hatte nur ein Hemd -an. Sie hatte Saschas Körper und sein Kleid parfumiert, es war ein -schwerer, saftiger, fast zerbrechlicher Duft, wie ein regungsloser -Geist, der in die Berge und ins fremdblühende Tal gebannt ist. - -An ihrem Halse blitzten große, grelle Perlengeschmeide, goldene -Filigran-Armbänder klirrten an ihren Händen. Ihr Körper duftete nach -Iris, -- ein atemraubender, körperlicher, erregender Duft, der träge -Träume gebar und gesättigt war von langsam fließenden, verdunstenden -Wassern. - -Sie zerquälte sich, seufzte schwer, blickte ihm ins dunkle Gesicht und -auf seine blau-schwarzen Wimpern und in die nächtigen Augen. Sie legte -ihren Kopf auf seine nackten Kniee und ihre hellen Locken glitten über -die bräunliche Haut. Sie küßte seinen Körper und der Kopf schwindelte -ihr von dem starken, seltenen Duft, der sich mit dem Geruch des jungen -Leibes mischte. - -Sascha lag da und lächelte mit einem stillen, falschen Lächeln. Ein -unklares Verlangen wurde in ihm groß und quälte ihn so süß. Und als -Ludmilla seine Kniee und seine Füße küßte, erweckten diese zärtlichen -Küsse in ihm quälende, träumerische Gedanken. Er wollte ihr etwas antun, -etwas Liebes, oder ihr weh tun; etwas Zartes, oder etwas, davor man sich -schämt, -- aber er wußte nicht was. Sollte er ihre Füße küssen? Sollte -er sie schlagen, viel und stark, mit langen, biegsamen Ruten? Sie sollte -lachen vor Freude, oder schreien vor Schmerz. - -Und beides, das eine, wie das andere war ihr vielleicht erwünscht, aber -es war zu wenig. Was wollte sie denn? Da sind sie nun beide halbnackt, -und ihren durch nichts gebundenen Körpern verbindet sich ein Verlangen -und eine schützende Scham, -- wo liegt nun das Geheimnis des Körpers? -Wie bringt man sein Blut und seinen Leib ihren Wünschen und der eigenen -Scham zum süßen Opfer? - -Aber Ludmilla quälte sich und wand sich zu seinen Füßen, erbleichend -unter ihren unmöglichen Wünschen, daß es ihr heiß und kalt wurde. Sie -flüsterte voller Leidenschaft: - -»Bin ich nicht schön? Sind meine Augen nicht flammend? Sind meine Locken -nicht reich? Sei gut! Sei lieb zu mir, reiß die Geschmeide von mir, -zerbrich meine Reifen!« - -Sascha fürchtete sich, und unmögliche Verlangen marterten und quälten -ihn. - - - - - XXVII - - -Am frühen Morgen erwachte Peredonoff. Jemand blickte auf ihn aus -riesigen, trüben, viereckigen Augen. Vielleicht war es Pjilnikoff. -Peredonoff ging ans Fenster und goß Wasser auf das drohende Gespenst. - -Alles war verhext und bezaubert. Das wilde gespenstische Tierchen -quiekte; Mensch und Vieh blickten ihm drohend und tückisch entgegen. -Alles war ihm feindlich; er stand einer gegen alle. - -In den Unterrichtsstunden verleumdete er seine Kollegen, den Direktor, -die Eltern der Schüler. Die Gymnasiasten hörten ihm mit Mißtrauen zu. -Einige niedrig Gesinnte suchten ihm zu schmeicheln und drückten ihm ihre -Teilnahme aus. Andere schwiegen trotzig, oder traten heftig für ihre -Eltern ein, wenn Peredonoff sie angriff. Für diese Knaben hatte er nur -böse, ängstliche Blicke, er umging sie, wo er nur konnte und brummte vor -sich hin. - -In anderen Stunden wieder unterhielt Peredonoff seine Schüler mit blöden -Auseinandersetzungen. - -Man hatte die Verse Puschkins gelesen: - - »Die Dämmerung ist kühl entglommen, - Der Sense Rauschen ist verhallt; - Der Wolf und seine Wölfin kommen, -- - So gierig schleicht sie aus dem Wald.« - -»Warten Sie,« sagte Peredonoff, »das muß man richtig verstehen. Hier -haben wir eine Allegorie. Die Wölfe gehn paarweise: der Wolf und die -gierige Wölfin. Der Wolf ist satt, _sie_ ist hungrig. Die Frau muß immer -_nach_ dem Manne essen. Die Frau muß sich in allem dem Manne -unterordnen.« - -Pjilnikoff war fröhlich; er lächelte und blickte auf Peredonoff aus -seinen trügerisch-reinen, tiefschwarzen Augen. Saschas Gesicht ärgerte -und quälte Peredonoff. Der verfluchte Bengel bezauberte ihn mit seinem -tückischen Lächeln. - -Und ist er überhaupt ein Junge? Vielleicht sind es zwei: Bruder und -Schwester, und es ist nicht herauszubringen -- wer wo ist. Vielleicht -kann er sich auch aus einem Knaben in ein Mädchen verwandeln. Nicht -umsonst ist er immer so sauber, -- denn um sich zu verwandeln, mußte er -sich in allerhand Wässerchen waschen, -- anders ging es doch nicht. -Außerdem roch er immer nach Parfums. - -»Womit haben Sie sich parfumiert, Pjilnikoff?« fragte Peredonoff, »etwa -mit Patschuli?« - -Die Jungen lachten. Das kränkte Sascha; er wurde rot und schwieg. - -Den einfachen Wunsch, zu gefallen, nicht ekelhaft sein zu wollen, -- -konnte Peredonoff nicht verstehen. Eine jede derartige Erscheinung, und -sei es auch an einem Knaben, hielt er für gefallsüchtige Eitelkeit. Wer -sich gut kleidete, der hatte -- davon war er überzeugt -- nur den einen -Wunsch, ihm zu schmeicheln. Aus welchem anderen Grunde hätte er sich gut -kleiden sollen? Sauberkeit und gute, elegante Kleidung waren ihm -zuwider; Parfums waren für sein Empfinden ein Gestank; jedem Parfum zog -er den Geruch eines frisch gedüngten Feldes vor, denn -- so glaubte er --- das ist der Gesundheit zuträglich. Sich schön kleiden, sich sauber -halten, sich waschen, -- das alles kostet Zeit, Mühe und Arbeit; und der -Gedanke an jede Arbeit erschreckte Peredonoff und langweilte ihn. Wie -schön wäre es doch, nichts zu tun! Nur essen, trinken und schlafen -- -nur das! - - * * * * * - -Saschas Kameraden neckten ihn damit, daß er sich mit Patschuli -parfumiert hätte, und daß Ludmilla in ihn verliebt wäre. Er begehrte auf -und antwortete heftig, -- sie wäre in ihn nicht verliebt; das hätte sich -Peredonoff einfach ausgedacht; er -- Peredonoff -- hätte um Ludmilla -angehalten, sie aber habe ihm einen Korb gegeben, -- darum wäre er jetzt -wütend auf sie und verbreite über sie schlechte Gerüchte. Die Kameraden -glaubten ihm, -- man kannte doch Peredonoff! -- aber sie hörten nicht -auf, ihn zu necken; jemanden zu necken ist doch so angenehm. - - * * * * * - -Peredonoff erzählte hartnäckig jedem, der es hören wollte, wie verderbt -Pjilnikoff wäre. - -»Er hat sich mit Ludmilla eingelassen,« sagte er. »Sie küssen sich so -eifrig, daß sie schon einen Abc-Schützen geboren hat und mit dem anderen -schwanger geht.« - -Ueber Ludmillas Liebe zu einem Gymnasiasten redete man sehr übertrieben -in der Stadt; man wußte darüber höchst alberne und unanständige -Einzelheiten zu berichten. Doch niemand wollte es glauben: Peredonoff -hatte die Sache zu sehr gepfeffert. Allein die Liebhaber am Necken -- -und deren gab es viele in unserer Stadt, -- sagten Ludmilla: - -»Warum haben Sie sich in den Bengel vernarrt? Das ist eine Beleidigung -für unsere erwachsenen jungen Leute.« - -Ludmilla lachte und sagte: - -»Dummheiten!« - -Mit frecher Neugierde blickten die Bürger Sascha überall nach. - -Die Witwe des Generals Polujanoff, -- sie war reich und stammte aus -Kaufmannskreisen, -- erkundigte sich nach seinem Alter und fand, daß er -noch zu jung wäre; aber nach zwei Jahren würde man ihn zu sich bitten -können, um zu seiner Erziehung beizutragen. - -Zuweilen machte Sascha Ludmilla Vorwürfe, daß man ihn mit ihr neckte. -Ja, es kam sogar vor, daß er sie schlug, aber dann lachte Ludmilla hell -und fröhlich. - - * * * * * - -Um aber den dummen Klatschereien ein Ende zu machen und um Ludmillas Ruf -nach dieser peinlichen Geschichte wiederherzustellen, wirkten sämtliche -Rutiloffs und ihre zahlreichen Freunde, Verwandten und Bekannten eifrig -gegen Peredonoff und führten den Beweis, daß das alles Ausgeburten der -Phantasie eines Irrsinnigen wären. Die maßlosen Handlungen Peredonoffs -brachten auch viele dazu, an diese Erklärung zu glauben. - -In dieser Zeit wurde auch beim Rektor des Lehrbezirks wiederholt gegen -Peredonoff Klage geführt. Vom Lehrbezirk wurde eine Anfrage an -Chripatsch gerichtet. Dieser berief sich auf seine früheren Ausführungen -und fügte hinzu, daß Peredonoffs längeres Verbleiben am Gymnasium direkt -eine Gefahr bedeute, da seine seelische Krankheit deutlich bemerkbare -Fortschritte mache. - - * * * * * - -Schon war Peredonoff ganz in der Gewalt seiner wilden Vorstellungen. -Allerhand Erscheinungen schlossen ihn von der Welt ab. Seine irrsinnigen -stumpfen Augen blickten unstät und blieben an keinem Gegenstande haften, -so etwa, als wolle er durch sie durchsehen in die der Wirklichkeit -entgegengesetzte Welt, und als suche er nach irgendwelchen Oeffnungen, -um durchzusehen. - -Wenn er allein war, redete er mit sich selber und stieß ganz sinnlose -Drohungen aus: - -»Ich werde dich töten! Dich erstechen! Dich einsperren!« - -Und Warwara horchte und schmunzelte: - -»Aergere dich nur!« dachte sie schadenfroh. - -Sie dachte, es wäre nur Wut; er errät, daß man ihn betrogen hat und -ärgert sich. Den Verstand wird er nicht verlieren, -- denn ein Dummkopf -hat nichts, was er verlieren könnte. Und wenn er auch irrsinnig wird, -- -was ist dabei! -- Der Irrsinn ist eine Unterhaltung für den Dummen. - -»Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Chripatsch einmal, »Sie -sehen sehr krank aus.« - -»Der Kopf tut mir weh,« sagte Peredonoff finster. - -»Wissen Sie, Verehrtester,« fuhr der Direktor vorsichtig fort, »ich -würde Ihnen doch raten, einstweilen nicht ins Gymnasium zu kommen. Sie -sollten sich schonen, Ihren Nerven, die doch scheinbar stark mitgenommen -sind, etwas Ruhe gönnen.« - -Natürlich, dachte Peredonoff, das ist das allerbeste: nicht mehr ins -Gymnasium gehen. Warum war er nicht schon längst auf diesen Gedanken -gekommen! Er brauchte sich ja nur krank zu melden, zu Hause zu bleiben -und abzuwarten, was werden würde. - -»Ja, ja, ich werde nicht kommen, ich bin krank,« sagte er erfreut zu -Chripatsch. - - * * * * * - -Der Direktor hatte unterdessen ein zweites Mal an den Lehrbezirk -geschrieben und wartete von Tag zu Tag auf die Ernennung einiger Aerzte -zur Untersuchung. Aber die Beamten beeilten sich nicht. Dafür waren es -Beamte. - -Peredonoff kam nicht ins Gymnasium und schien ebenfalls etwas zu -erwarten. - -In den letzten Tagen hatte er sich ganz an Wolodin geheftet. Er -fürchtete sich, ihn aus den Augen zu lassen, und dachte immer, Wolodin -wolle ihm einen Schaden zufügen. Schon am frühen Morgen, wenn er -aufwachte, dachte er traurig an Wolodin: Wo ist er jetzt? Was treibt er? - -Manchmal erschien ihm Wolodin: Wolken zogen am Himmel, wie eine -Lämmerherde, und unter ihnen tummelte sich Wolodin, den steifen Hut auf -dem Kopf und lachte meckernd; auch im Rauche, der den Schornsteinen -entstieg, war er zuweilen und verzog sich geschwind, alberne Grimassen -schneidend und durch die Luft springend. - -Wolodin aber dachte und erzählte es stolz, daß Peredonoff ihn sehr lieb -hätte und ohne ihn nicht leben könnte. - -»Warwara hat ihn betrogen,« sagte Wolodin, »er sieht aber, daß ich ihm -ein treuer Freund bin, darum hält er zu mir.« - -Wenn Peredonoff aus dem Hause trat, um Wolodin aufzusuchen, kam ihm -dieser schon entgegen, den steifen Hut auf dem Kopf, ein -Spazierstöckchen in der Hand, fröhlich springend und lustig meckernd. - -»Warum trägst du immer dein Töpfchen auf dem Kopf?« fragte ihn -Peredonoff einmal. - -»Warum sollte ich das Töpfchen nicht tragen, Ardalljon Borisowitsch?« -entgegnete Wolodin fröhlich und verständig, bescheiden und anständig. -»Die Mütze mit der Kokarde darf ich nicht tragen, und einen Zylinder -aufzusetzen überlasse ich als Uebung den Aristokraten; uns steht das -nicht an.« - -»Du wirst noch in deinem Töpfchen überkochen,« sagte Peredonoff -verdrießlich. - -Wolodin kicherte. - -Sie gingen in Peredonoffs Wohnung. - -»Wieviel Schritte man machen muß,« sagte Peredonoff ärgerlich. - -»Es ist nützlich, Ardalljon Borisowitsch, sich etwas Motion zu machen,« -versuchte Wolodin ihn zu überzeugen, »arbeiten, spazieren gehn, essen, --- dann bleibt man gesund.« - -»Nun ja,« entgegnete Peredonoff, »du glaubst wohl, daß die Leute nach -zwei bis dreihundert Jahren noch arbeiten werden?« - -»Wie denn sonst? Ohne Arbeit gibt es kein Brot. Brot erhält man für Geld -und das Geld muß man verdienen.« - -»Ich will kein Brot.« - -»Dann gibt's auch keine Semmeln, keine Pastetchen,« kicherte Wolodin, -»und nichts wofür du dir Schnaps kaufen könntest, und du wirst nichts -haben um dir ein Likörchen zu brauen.« - -»Nein, die Menschen selber werden nicht arbeiten,« sagte Peredonoff, -»Maschinen werden alles tun; man dreht eine Kurbel, wie am Leierkasten, -und fertig ... Aber es ist langweilig, lange zu drehen.« - -Wolodin wurde nachdenklich, senkte den Kopf und warf die Lippen auf. - -»Ja,« sagte er grüblerisch, »das wird sehr schön sein. Nur werden wir -das nicht mehr erleben.« - -Peredonoff sah ihn wütend an und knurrte: - -»Du wirst es nicht erleben, -- ich wohl.« - -»Das gebe Gott,« sagte Wolodin vergnügt, »daß Sie zweihundert Jahre alt -werden, und dreihundert auf allen Vieren kriechen.« - -Schon antwortete Peredonoff nicht mehr mit einer Beschwörungsformel, -- -mochte kommen, was wollte. Er würde sie doch alle besiegen; nur die -Augen hübsch offen halten und nicht nachgeben! - -Zu Hause setzten sie sich an den Tisch und tranken zusammen. Peredonoff -begann von der Fürstin zu erzählen. - -In Peredonoffs Vorstellung wurde die Fürstin von Tag zu Tag um Jahre -älter und fürchterlicher: gelb, runzelig und gebückt; sie hatte Hauer -und war sehr böse. - -»Sie ist zweihundert Jahre alt,« sagte Peredonoff und blickte sonderbar -traurig vor sich hin. »Und sie will, daß ich mich wieder mit ihr -beriechen soll. Vorher wird sie mir keine Stelle verschaffen.« - -»Sag doch einer, was _die_ nicht alles will!« sagte Wolodin -kopfschüttelnd. »So ein altes Weib!« - - * * * * * - -Peredonoff phantasierte von Morden. Er sagte zu Wolodin, zornig die -Brauen runzelnd: - -»Dort hinter der Tapete liegt schon einer versteckt. Den andern werde -ich aber unter dem Fußboden vernageln.« - -Wolodin fürchtete sich nicht und kicherte. - -»Riechst du den Gestank dort hinter der Tapete?« fragte Peredonoff. - -»Nein, ich rieche nichts,« sagte Wolodin und kicherte und krümmte sich -vor Lachen. - -»Deine Nase ist verstopft,« sagte Peredonoff. »Nicht umsonst hast du -eine rote Nase. Er verfault dort hinter der Tapete.« - -»Die Wanze!« rief Warwara und lachte auf. - -Stumpf und würdig blickte Peredonoff vor sich nieder. - -Peredonoff, von Tag zu Tag unzurechnungsfähiger, schrieb Denunziationen -gegen die Kartenbilder, gegen das gespenstische Tierchen, gegen den -Hammel, -- er, der Hammel, wäre ein Usurpator, hätte sich für Wolodin -ausgegeben, trachtete nach einem hohen Posten, und wäre doch nur ein -simpler Hammel; gegen die Waldschänder, -- sie hätten alle Birken -ausgerodet, es gäbe keine Birkenquasten mehr fürs Dampfbad, und ohne -Ruten wäre es schwer, die Kinder zu erziehen; die Espen hätten sie aber -stehen lassen, -- und wozu wären die Espen gut? - -Wenn Peredonoff auf der Straße Gymnasiasten traf, so erschreckte er die -kleineren und brachte die größeren zum Lachen durch unflätige, schamlose -Worte. Die größeren liefen ihm scharenweise nach und machten sich aus -dem Staube, wenn sie einen der Lehrer kommen sahen, -- die kleineren -liefen vor ihm davon. - -Ueberall sah er Gespenster und Gesichte; seine Halluzinationen -entsetzten ihn in dem Maße, daß sich seiner Brust ein tolles, stöhnendes -Gewinsel entrang. Das graue, gespenstische Tierchen erschien ihm bald -blutbesudelt, bald in lauter Flammen; es schrie und brüllte, und sein -Gebrüll dröhnte ihm in rasenden Schmerzen durch den Kopf. Der Kater -schwoll an zu einer fürchterlichen Größe; er stampfte mit seinen -Absätzen und wurde zu einem rothaarigen, schnauzbärtigen Ungetüm. - - - - - XXVIII - - -Sascha war nach dem Mittagessen fortgegangen und zur festgesetzten Zeit, -um sieben Uhr, noch nicht heimgekehrt. Die Kokowkina wurde unruhig: -wollte Gott es verhüten, daß er zu dieser verbotenen Stunde einem der -Lehrer auf der Straße begegnete. Man würde ihn bestrafen, und ihr wäre -das so peinlich. Bei ihr hatten immer bescheidene Jungen gelebt, die -sich nie in der Nacht herumgetrieben hatten. Sie machte sich auf die -Suche nach ihm. Wo sollte er anders sein, als bei Rutiloffs. - -Ludmilla hatte, -- als mußte es gerade heute sein, -- es vergessen, die -Tür zu verriegeln. Die Kokowkina trat ein und was sah sie? - -Sascha steht vor dem Spiegel und fächelt sich mit einem Fächer. Ludmilla -lacht aus vollem Halse und zupft die Bänder an seinem grellfarbigen -Gürtel zurecht. - -»Ach du lieber Gott! Dein Wille geschehe!« rief die Kokowkina entsetzt, -»was sind das für Geschichten! Ich bin ganz aus dem Häuschen, suche ihn -überall, und er führt hier eine Komödie auf: Schande, Schande -- sich in -Weiberröcke zu kleiden! Und wie, schämen Sie sich nicht, Ludmilla -Platonowna!« - -Ludmilla -- ganz überrumpelt -- wurde im ersten Augenblick verlegen; -aber sie faßte sich schnell. Fröhlich lachend umarmte sie die Kokowkina, -setzte sie in einen Sessel und erzählte ihr eine rasch erfundene -Geschichte: - -»Wir haben zu Hause eine kleine Maskerade vor, -- ich werde ein Junge -sein, und er ein Mädchen, und das wird furchtbar lustig werden.« - -Puterrot und erschreckt stand Sascha da, und die Tränen traten ihm in -die Augen. - -»Was für Dummheiten!« sagte die Kokowkina ärgerlich, »er muß seine -Aufgaben lernen und hat keine Zeit für Maskeraden. Was Sie sich -ausdenken! Beliebe dich augenblicklich anzukleiden, Alexander, und -marsch -- nach Hause.« - -Ludmilla lachte fröhlich und hell und umarmte die Kokowkina; die alte -Frau dachte, daß das fröhliche Mädchen noch kindisch wie ein Backfisch -wäre, und daß Sascha aus Dummheit froh wäre, allen ihren Launen -gehorchen zu können. Ludmillas fröhliches Gelächter ließ die ganze Sache -so kindisch und harmlos erscheinen, daß man darüber schlimmstenfalls -etwas brummen durfte. Und sie schalt und machte ein böses und -unzufriedenes Gesicht, -- aber ihr Herz war schon wieder ganz ruhig. - -Sascha kleidete sich schnell hinter dem Bettschirm um. Die Kokowkina -ging mit ihm zusammen heim und schalt den Weg über auf ihn. Er schämte -sich sehr, war erschrocken und sagte nichts zu seiner Rechtfertigung. -Was wird es erst zu Hause geben? dachte er ängstlich. - -Und zu Hause verfuhr die Kokowkina zum erstenmal mit aller Strenge: er -mußte sich auf die Knie stellen. Aber schon nach fünf Minuten hatte sie -Mitleid mit seinem kläglichen, schuldbewußten Gesicht und er durfte -wieder aufstehen. - -»So ein Geck! Auf eine Werst riecht man deine Parfums,« sagte sie -brummig. - -Sascha machte einen geschickten Kratzfuß und küßte ihr die Hand; die -Liebenswürdigkeit des bestraften Knaben rührte sie noch mehr. - - * * * * * - -Unterdessen drohte ein Unwetter über Sascha hereinzubrechen. Warwara und -die Gruschina verfaßten einen anonymen Brief und schickten ihn an -Chripatsch; sie behaupteten darin, der Gymnasiast Pjilnikoff wäre von -Fräulein Rutiloff verführt worden; er brächte ganze Abende bei ihr zu -und wäre dem Laster ergeben. - -Der Direktor mußte an eine kurz vorher geführte Unterhaltung denken. Vor -einigen Tagen hatte jemand auf einer Soirée beim Adelsmarschall die von -niemand verstandene Bemerkung hingeworfen, eine junge Dame hätte sich in -einen Halbwüchsling verliebt. Man hatte gleich wieder von anderen Dingen -gesprochen: in Chripatschs Gegenwart hielt man es, nach dem -stillschweigenden Einvernehmen wohlerzogener Leute, für außerordentlich -peinlich, dieses Thema zu diskutieren, gab sich den Anschein, als wäre -es unbequem, darüber in Gegenwart von Damen zu sprechen, und tat so, als -wäre die Sache selber ganz unbedeutend und unglaubwürdig. Chripatsch -merkte das natürlich; er war aber nicht so einfältig, um sich bei jemand -zu erkundigen. Er war vollständig überzeugt, daß er bald alles erfahren -würde, und daß auf diesem oder jenem Wege, immer aber noch rechtzeitig, -eine Nachricht ihm zu Ohren kommen würde. Da kam dieser Brief, und das -war die erwartete Nachricht. - -Chripatsch glaubte keinen Augenblick an die Verderbtheit Pjilnikoffs, -oder daß sein Verkehr mit Ludmilla irgendwie die Grenzen des Erlaubten -überschritte. - -Das alles, -- dachte er, -- hat seinen Grund in der dummen Erfindung -Peredonoffs und wird genährt von der neidischen Bosheit der Gruschina. -Dieser Brief aber, -- dachte er, -- beweist, daß unerwünschte Gerüchte -in Umlauf sind; sie könnten doch ein schlechtes Licht auf das Ansehen -des ihm anvertrauten Gymnasiums werfen. Darum müssen Maßnahmen getroffen -werden. - -Vor allem bat er die Kokowkina, ihn aufzusuchen, um mit ihr über die -Tatsachen zu sprechen, die diese unerwünschten Gerüchte veranlaßt haben -konnten. - -Die Kokowkina wußte schon, worum es sich handelte. Man hatte es ihr noch -deutlicher zu verstehen gegeben, als dem Direktor. Die Gruschina hatte -sie auf der Straße erwartet, ein Gespräch mit ihr angeknüpft und -erzählt, Ludmilla hätte Sascha von Grund aus verdorben. - -Die Kokowkina war überrascht. Zu Hause überschüttete sie Sascha mit -Vorwürfen. Ihr war die ganze Geschichte um so peinlicher, als doch alles -sich fast vor ihren Augen abgespielt hatte und weil Sascha mit ihrem -Einverständnis zu Rutiloffs ging. Sascha stellte sich so, als verstünde -er nichts und fragte: - -»Was habe ich denn Schlimmes getan?« - -Die Kokowkina kam in Verlegenheit. - -»Wie! Was du Schlimmes getan hast? Weißt du es nicht mehr? Ist es lange -her, daß ich dich in Weiberröcken getroffen habe? Hast du es vergessen, -du Schlingel?« - -»Nun, Sie haben mich so getroffen. Ist denn etwas Schlimmes dabei? Dafür -haben Sie mich doch schon bestraft! Und was ist denn dabei, -- als hätte -ich einen gestohlenen Rock angehabt!« - -»Sag doch einer, sag doch einer! wie er sich ausredet!« sagte die -Kokowkina fassungslos. »Ich habe dich wohl bestraft, aber scheinbar zu -wenig.« - -»Dann bestrafen Sie mich mehr,« sagte Sascha trotzig, mit der Miene -eines unschuldig Gekränkten. »Damals verziehen Sie mir, und jetzt ist es -zu wenig. Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu verzeihen, -- ich hätte den -ganzen Abend auf den Knieen gestanden. Warum macht man mir jetzt noch -Vorwürfe!« - -»Mein Lieber, man redet schon in der ganzen Stadt von dir und deiner -Ludmilla,« sagte die Kokowkina. - -»Was wird denn geredet?« fragte Sascha treuherzig-neugierig. - -Die Kokowkina kam wieder in Verlegenheit. - -»Was geredet wird, -- man weiß doch was! Du weißt es genau, was man über -euch sagen kann. Da kommt wenig Gutes dabei heraus. Du treibst Unfug mit -deiner Ludmilla, -- das redet man.« - -»Ich werde nicht mehr Unfug treiben,« versprach Sascha so ruhig, als -unterhielte man sich über das Hasch-hasch-Spiel. - -Er machte ein unschuldiges Gesicht, aber es war ihm schwer ums Herz. Er -versuchte die Kokowkina auszuhorchen, was denn eigentlich geredet würde, -und fürchtete sich, vielleicht grobe Worte hören zu müssen. Was konnte -nur über sie beide geredet werden? Die Fenster von Ludmillas Zimmer -gingen in den Garten, von der Straße aus konnte man nichts sehen, und -außerdem ließ Ludmilla immer die Vorhänge herunter. Und wenn jemand -zugesehn hatte, _wie_ hatte er es erzählt? Vielleicht mit peinlichen, -rohen Worten? Oder wurde nur davon geredet, daß er oft hinging? - -Am darauffolgenden Tage erhielt die Kokowkina die Vorladung zum -Direktor. Die alte Frau kam ganz aus der Fassung. Zu Sascha sagte sie -kein Wort und machte sich zur festgesetzten Stunde still auf den Weg. -Chripatsch machte ihr sehr liebenswürdig und schonend Mitteilung von dem -erhaltenen Brief. Sie brach in Tränen aus. - -»Beruhigen Sie sich, wir beschuldigen Sie nicht,« sagte Chripatsch, »wir -kennen Sie zu gut. Allerdings werden Sie ihn künftighin strenger -beaufsichtigen müssen. Jetzt sagen Sie mir nur bitte, was eigentlich -vorgefallen ist.« - -Als die Kokowkina vom Direktor nach Hause zurückkehrte, überschüttete -sie Sascha mit neuen Vorwürfen. - -»Ich werde es der Tante schreiben,« sagte sie weinend. - -»Ich bin unschuldig. Mag die Tante kommen. Ich fürchte mich nicht,« -sagte Sascha und weinte ebenfalls. - -Am nächsten Tage ließ der Direktor Sascha zu sich kommen und fragte ihn -kalt und streng: - -»Ich wünsche zu wissen, mit wem Sie in der Stadt verkehren.« - -Sascha blickte den Direktor verlegen, unschuldig und ruhig an. - -»Mit wem ich verkehre?« sagte er, »Olga Wassiljewna weiß es; ich besuche -nur meine Kameraden und Rutiloffs.« - -»Das ist es eben,« setzte der Direktor sein Verhör fort, »was treiben -Sie bei Rutiloffs?« - -»Nichts Besonderes; nur so!« antwortete Sascha unschuldig, -»hauptsächlich lesen wir zusammen. Fräulein Rutiloffs lieben Gedichte -sehr. Und ich bin immer um sieben Uhr zu Hause.« - -»Vielleicht doch nicht immer?« fragte Chripatsch und richtete auf Sascha -einen Blick, den er durchdringend zu gestalten versuchte. - -»Ja, einmal habe ich mich verspätet,« sagte Sascha mit der ruhigen -Offenheit eines harmlosen Knaben, »aber dafür bekam ich Schelte von Olga -Wassiljewna; und dann bin ich nie wieder zu spät gekommen.« - -Chripatsch mußte schweigen. Saschas ruhige Antworten verblüfften ihn. In -jedem Fall mußte er ihn rügen, ihm einen Verweis erteilen, aber wie -sollte er es tun und wofür? -- ohne den Knaben auf böse Gedanken zu -bringen, die er früher (Chripatsch glaubte das) nicht gehabt hatte, -- -ohne den Knaben zu kränken, -- andererseits doch so, daß alles geschah, -um die Unannehmlichkeiten zu vermeiden, die ihm in Zukunft aus diesem -Verkehr erwachsen konnten. - -Chripatsch überlegte, wie schwer und verantwortungsvoll doch die -Pflichten eines Pädagogen wären, besonders, wenn man die Ehre hat, einer -Lehranstalt vorzustehen. Ja, schwer und verantwortungsvoll sind die -Pflichten eines Pädagogen! Diese banale Ueberlegung beflügelte seine -erlahmenden Gedanken. Er begann zu reden, schnell, deutlich und -langweilig. Aus dem hundertsten ins tausendste mußte Sascha hören: - -»... Ihre erste Pflicht als Schüler, ist -- zu arbeiten ... man darf -sich nicht geselligen Vergnügungen hingeben, wenn diese auch sehr -angenehm und ganz einwandfrei sein sollten ... in jedem Falle muß gesagt -werden, daß ein Verkehr mit Altersgenossen für Sie ersprießlicher ist .. -Man muß sein eigenes Renommee und das der Schule zu wahren wissen ... -Endlich, -- ich sage es Ihnen geradeheraus, -- habe ich Grund zu der -Annahme, daß Ihr Verhältnis zu den jungen Damen den Charakter einer zu -großen Freiheit trägt, einer Freiheit, die bei Ihrem Alter unstatthaft -ist, und die den allgemein anerkannten Regeln der guten Sitte nicht -entspricht.« - -Sascha mußte weinen. Es tat ihm so leid, daß man von der lieben Ludmilla -denken und reden konnte wie von einer Person, mit der man unanständig -und frei verkehren konnte. - -»Mein Ehrenwort, es ist nichts Schlimmes vorgefallen,« beteuerte er, -»wir haben nur zusammen gelesen, sind spazieren gegangen, spielten, -- -nun ja -- haben getollt, -- und weiter sind gar keine Freiheiten -vorgekommen.« - -Chripatsch klopfte ihm auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die -herzlich klingen sollte und traurig klang: - -»Hören Sie mal, Pjilnikoff ...« - -(Oder sollte er den Knaben Sascha nennen? Das ist zu unförmlich, und -eine diesbezügliche Verfügung des Ministers ist noch nicht getroffen!) - -»Ich glaube Ihnen, daß nichts Schlimmes vorgefallen ist. Immerhin täten -Sie gut daran, Ihre häufigen Besuche einzustellen. Glauben Sie mir, -- -es wird besser sein. Das sage ich Ihnen nicht nur als Ihr Lehrer und -Vorgesetzter, sondern auch als Freund.« - -Sascha blieb nichts anderes übrig, als sich zu verbeugen, sich zu -bedanken -- und zu gehorchen. Zu Ludmilla kam er nur auf fünf oder zehn -Minuten gelaufen, -- bemühte sich aber doch, sie an jedem Tage -aufzusuchen. Es war doch ärgerlich, sie nur so flüchtig sehen zu können, --- und seinen Aerger darüber ließ er an Ludmilla selber aus. Es kam oft -vor, daß er sie Ludmilka, dumme Gans, Eselin von Siloah nannte, oder daß -er sie schlug. Darüber mußte Ludmilla lachen. - - * * * * * - -Durch die Stadt ging das Gerücht, die Schauspieler des Theaters wollten -in der Bürgermuße ein Kostümfest veranstalten mit Preisen für die -schönsten Kostüme für Herren und Damen. Ueber die Preise waren die -übertriebensten Gerüchte in Umlauf. Es wurde erzählt, die Dame würde -eine Kuh erhalten, der Herr -- ein Fahrrad. Diese Gerüchte erregten die -Gemüter. Jeder wünschte sich den Preis: es waren so solide Dinge. Voll -Eifer nähte man an den Kostümen. Man gab viel Geld aus und ließ es sich -nicht leid sein. Vor den besten Freunden verheimlichte man seine Pläne, -damit die »glänzende Idee« nicht vorweggenommen würde. - -Als das gedruckte Programm über das Kostümfest erschien, -- riesige -Affichen, die an alle Zäune geklebt und jedem angesehenen Bürger ins -Haus geschickt wurden, -- erwies es sich, daß man weder eine Kuh, noch -ein Fahrrad erhalten konnte, sondern die Dame sollte nur einen Fächer, -der Herr nur ein Album bekommen. Das enttäuschte und verstimmte alle, -die sich zum Kostümfest vorbereitet hatten. Man murrte. Man sagte: - -»Es lohnte sich Geld auszugeben!« - -»Es ist einfach lächerlich -- solche Preise.« - -»Man hätte es von Anfang an sagen müssen.« - -»Nur bei uns kann man _so_ mit dem Publikum umspringen.« - -Trotzdem wurden die Vorbereitungen fortgesetzt: waren die Preise auch -miserabel, so war es doch schmeichelhaft, sie zu erhalten. - -Darja und Ludmilla nahmen weder zu Anfang noch später ein Interesse an -der Preisverteilung. Was sollten sie mit einer Kuh! oder war ein Fächer -etwas Besonderes! Und wer würden die Preisrichter sein? Was für einen -Geschmack konnten sie -- die Richter -- entwickeln! Aber beide -Schwestern waren entzückt von Ludmillas Einfall, Sascha als Dame auf das -Kostümfest mitzunehmen, so die ganze Stadt zu hintergehen und es zu -betreiben, daß er den Preis erhielte. Auch Valerie gab sich den -Anschein, als wäre sie einverstanden. Eifersüchtig und schwächlich wie -ein Kind, ärgerte sie sich: es war Ludmillas Freund, nicht ihrer, -- -aber sie wagte es nicht, mit den beiden älteren Schwestern Streit -anzufangen. Sie sagte nur verächtlich lächelnd: - -»Er wird es nicht wagen.« - -»Das fehlte noch,« sagte Darja resolut, »wir werden es so einrichten, -daß niemand davon erfährt.« - -Und als die Schwestern Sascha ihre Idee mitteilten, und als Ludmilla -sagte: - -»Wir werden dich als Japanerin verkleiden,« da sprang und quiekte er vor -Vergnügen. Mochte kommen was wollte, -- und besonders, wenn keiner davon -erfährt, -- ihm sollte es recht sein, -- wie sollte er nicht -einverstanden sein! -- das ist doch so furchtbar lustig, -- alle hinters -Licht zu führen. - -Man beschloß auf der Stelle Sascha als Geisha zu verkleiden. Die -Schwestern bewahrten ihren Plan als strengstes Geheimnis, -- nicht -einmal Larissa oder der Bruder wußten darum. Das Geishakostüm schnitt -Ludmilla nach einer Etikette auf einem Korylopsisfläschchen zu: ein -Kleid aus gelber Seide, auf rotem Atlas gefüttert, sehr lang und weit, -wie ein Schlafrock; auf das Kleid stickte sie ein buntes Muster, -- -große Blumen in sonderbaren Linien. - -Auch Schirm und Fächer fertigten die jungen Damen selber an, -- der -Fächer war aus dünnem, gemustertem japanischem Papier auf Bambusstäbchen -gezogen, der Sonnenschirm aus rosa Seide ebenfalls an einem Bambusrohr. -An die Füße zogen sie ihm rosa Strümpfe und hölzerne Pantoffelchen auf -kleinen Brettern. - -Auch die Maske für die Geisha bemalte die Künstlerin Ludmilla: ein -gelbliches, aber liebes, schmales Gesichtchen mit einem leichten, -starren Lächeln auf den Lippen, schrägliegende Schlitze für die Augen, -und ein schmaler, kleiner Mund. Nur die Perücke mußte man sich aus -Petersburg kommen lassen, -- schwarze, glatt aufgekämmte Haare. - -Man brauchte Zeit, um das Kostüm anzuprobieren, und Sascha konnte immer -nur für Augenblicke kommen, nicht einmal täglich. Aber alles fand sich: -Sascha lief in der Nacht davon, wenn die Kokowkina schlief, durchs -Fenster. Alles ging glatt. - - * * * * * - -Auch Warwara rüstete sich zum Kostümfest. Sie kaufte eine Maske, die -irgend eine dumme Fratze vorstellte, und um das Kostüm kümmerte sie sich -nicht viel, -- sie kleidete sich als Köchin, an die Schürze hängte sie -sich einen Kochlöffel. Auf den Kopf setzte sie sich ein weißes Häubchen, -die Arme ließ sie bis zu den Ellenbogen frei, schminkte sie gründlich -- -kurz sie war eine Köchin wie vom Herde gekommen, -- und ihr Kostüm war -fertig. Gibt man ihr den Preis -- ihr soll's recht sein, erhält sie -keinen -- auch gut. - -Die Gruschina hatte beschlossen, sich als Diana zu kostümieren. Warwara -mußte lachen und fragte: - -»Werden Sie auch ein Halsband tragen?« - -»Warum denn ein Halsband?« fragte die Gruschina erstaunt. - -»Aber wie denn,« erklärte Warwara, »Sie haben doch beschlossen, als Hund -zu kommen.« - -»Welcher Unsinn!« antwortete die Gruschina lachend, »doch nicht als -Hund, sondern als die Göttin Diana.« - -Warwara und die Gruschina kleideten sich zusammen in der Wohnung der -Gruschina zum Feste an. Das Kostüm der Gruschina war außerordentlich -oberflächlich: kahle Arme und Schultern, kahler Rücken, kahle Brust, die -Füße steckten in leichten Pantoffelchen und waren bis zu den Knien bloß; -im übrigen trug sie ein leichtes Gewand aus weißer Leinwand mit einem -roten Besatz, auf dem nackten Körper, -- ein kurzes Röckchen, dafür aber -sehr weit und sehr faltig. Warwara sagte schmunzelnd: - -»Nackicht!« - -Die Gruschina antwortete gemein lächelnd: - -»Dafür werden alle Mannsleute mir nachziehen.« - -»Wozu denn die vielen Falten?« fragte Warwara. - -»Um darin Süßigkeiten für meine Göhren zu verstauen,« erklärte die -Gruschina. - -Alles was die Gruschina so kühn den Blicken freilegte -- war schön; -- -aber welche Widersprüche! Auf der Haut -- Flohstiche, grobe Manieren, -Worte von unerträglicher Gemeinheit. Auch hier -- die in den Staub -gezerrte Schönheit des Körpers. - - * * * * * - -Peredonoff glaubte, das ganze Fest fände nur statt, um ihn auf irgend -etwas zu ertappen. Dennoch ging er hin, -- aber ohne Kostüm, im -gewöhnlichen Rock, -- um selber zu sehen, was für böse Dinge man gegen -ihn vorhätte. - -Der Gedanke an das Fest unterhielt Sascha einige Tage. Dann aber regten -sich in ihm Bedenken. Wie sollte er von Hause fortkommen? Besonders -jetzt, nach all den unangenehmen Geschichten. Wie, wenn man es im -Gymnasium erfährt: man würde ihn sofort exmittieren. - -Noch neulich hatte zu ihm der Ordinarius, -- ein junger Mensch, der so -liberal dachte, daß er es nicht über die Lippen brachte, einen Kater -einfach Wassjka zu rufen, dafür aber: der Kater Basil sagte, -- -bedeutungsvoll beim Verteilen der Zensuren bemerkt: - -»Sehen Sie zu, Pjilnikoff! Seien Sie mehr bei der Sache.« - -»Ich habe keine einzige Zwei,« hatte Sascha sorglos geantwortet. - -Aber der Mut war ihm doch gesunken. Was würde er noch sagen? Nein, -nichts, er schwieg, sah ihn nur streng an. - -Am Tage des Festes schien es Sascha, daß er nicht den Mut finden würde, -hinzugehen. Es war doch schrecklich. - -Nur dieses ein, -- das fertige Kostüm, das bei Rutiloffs lag, -- sollte -es wirklich umsonst genäht worden sein? All die Mühe und Arbeit, -- -sollte sie wirklich umsonst gewesen sein? Ludmilla würde weinen. Nein, -man muß gehn. - -Nur die in den letzten Wochen erworbene Fertigkeit, Dinge zu -verheimlichen, machte es ihm möglich, der Kokowkina seine Aufregung zu -verbergen. Zum Glück ging die Alte früh zu Bett. Auch Sascha legte sich -früh nieder, -- vorsichtshalber entkleidete er sich, legte seine Kleider -auf einen Stuhl vor die Tür und stellte seine Stiefel daneben. - -Nun blieb noch das Schwerste, -- unbemerkt sich aus dem Staube zu -machen. Der Weg durchs Fenster war ihm von früher her vertraut, als noch -die Anproben stattfanden. - -Er zog sich eine helle Sommerbluse an, -- sie hing im Kleiderschrank in -seinem Zimmer, -- leichte Hausschuhe, und vorsichtig kletterte er durch -Fenster auf die Straße, nachdem er einen günstigen Augenblick abgewartet -hatte; weder Stimmen noch Schritte waren in der Nähe zu hören. - -Ein feiner Regen fiel vom Himmel. Auf der Straße war es schmutzig, kalt -und finster. Aber Sascha glaubte, alle Welt müßte ihn erkennen. Er warf -Mütze und Schuhe wieder durchs Fenster in seine Stube, krempelte sich -die Hosen auf und lief in Sprungschritten barfuß über die vom Regen -glitschigen, morschen Brettersteige. In der Dunkelheit ist ein Gesicht -schwer zu erkennen, besonders das eines Laufenden, und man wird ihn, -wenn er jemand treffen sollte, für einen einfachen Jungen halten, den -man in einen Laden geschickt hat. - - * * * * * - -Valerie und Ludmilla hatten für sich selber nicht gerade originelle, -doch aber farbenfreudige Kostüme angefertigt; Ludmilla war eine -Zigeunerin, Valerie eine Spanierin. Ludmilla trug grelle rote Flicken -aus Seide und Samt; die schmächtige, zerbrechliche Valerie schwarze -Seide und Spitzen; in der Hand hielt sie einen schwarzen Spitzenfächer. -Darja hatte für sich nichts Neues genäht, -- noch vom vorigen Jahre -hatte sie das Kostüm einer Türkin; das legte sie an. - -»Es lohnt nicht sich was auszudenken!« sagte sie entschieden. - -Als Sascha angelaufen kam, machten sich alle drei Schwestern daran, ihn -herzurichten. Die größte Sorge machte ihm seine Perücke. - -»Wenn sie herunterfällt,« wiederholte er ängstlich. - -Man befestigte sie ihm mit Bändern unter dem Kinn ... - - - - - XXIX - - -Das Kostümfest fand in der Bürgermuße statt; das war ein zweistöckiges, -ziegelrot gestrichenes, kasernenartiges Steingebäude auf dem Bazarplatz. -Gromoff-Tschistoplotskji, Regisseur und Schauspieler am städtischen -Theater, war der Veranstalter des Festes. - -Vor der Auffahrt, über die ein Kalikodach gespannt war, brannten -Lämpchen. Das Volk auf der Straße kritisierte die zum Feste Anfahrenden -oder zu Fuß Kommenden meist abfällig; dies war verständlich, denn auf -der Straße konnte man von den Kostümen unter den Oberkleidern fast -nichts sehn, und man urteilte in der Regel aufs Geratewohl. Die -Schutzleute sorgten hinreichend für Ordnung auf der Straße; im Saale -befanden sich aber als Gäste der Chef der Landpolizei und der -Polizeileutnant. - -Jeder Teilnehmer erhielt am Eingang zwei kleine Billette: das eine war -rosa und galt dem schönsten Damenkostüm, das andere grüne -- dem -Herrenkostüm. Diese Billette konnte man den Würdigsten übergeben. Manche -erkundigten sich: - -»Darf man es für sich selber behalten?« - -Anfangs fragte der Kassierer ganz erstaunt: - -»Warum für sich selber?« - -»Aber wenn ich nun mein Kostüm für das schönste halte,« antwortete der -Festteilnehmer. - -Später wunderte sich der Kassierer nicht mehr über diese Fragen, sagte -vielmehr mit sarkastischem Lächeln (es war ein spöttischer junger Mann): - -»Ganz, wie es Ihnen beliebt. Behalten Sie, wenn Sie wollen, beide für -sich.« - -Die Säle waren nicht sehr sauber, und ein großer Teil der Anwesenden war -schon zu Anfang betrunken. - -In den engen Räumen, mit ihren verräucherten Wänden und Decken, brannten -schiefe Lüster; sie waren übermäßig groß, schwer und schienen einem die -Luft zu nehmen. Die verblichenen Portieren an den Türen sahen so aus, -daß es widerlich war, sie zu streifen. - -Hier und dort standen die Menschen in Gruppen; man hörte Ausrufe und -Gelächter, -- es galt jenen, die so kostümiert waren, daß sie die -allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkten. - -Der Notar Gudajewskji war als Indianer erschienen; im Haar hatte er -Hahnenfedern, seine kupferrote Maske wies grüne, sinnlose Tätowierungen -auf; er trug eine Lederjoppe, um die Schultern ein gewürfeltes Plaid und -hohe, lederne Stiefel, mit grünen Troddeln. Er fuchtelte mit den Händen, -sprang und ging im Turnerschritt, wobei er seine nackten, stark -gebogenen Kniee weit vorwarf. - -Seine Frau hatte sich als Aehre gekleidet. Sie trug ein buntes Kleid, -das aus grünen und gelben Lappen zusammengeflickt war; nach allen Seiten -starrte sie von Aehren, die sie überallhin gesteckt hatte. Diese -kitzelten und stachen jeden, der ihr in die Nähe kam. Man zupfte und -kniff sie. Sie schimpfte wütend: - -»Ich werde kratzen!« quiekte sie. - -Ringsherum lachte man. - -»Woher hat sie all die Aehren?« fragte jemand. - -»Sie hat im Sommer Vorrat gesammelt,« antwortete man ihm, »jeden Tag war -sie im Felde und hat gemaust.« - -Einige bartlose Beamte, -- die in die Gudajewskaja verliebt waren und -denen darum schon früher mitgeteilt worden war, was sie anhaben würde, --- begleiteten sie. Sie sammelten für sie Billette, -- fast mit Gewalt, -mit Grobheiten. Manchen, die weniger selbständig waren, nahmen sie die -Billette einfach aus der Hand. - -Aber es gab auch andere kostümierte Damen, die durch ihre Herren -Billette für sich sammeln ließen. Andere wieder blickten gierig auf die -noch nicht hergegebenen Zettelchen und bettelten darum. Man antwortete -ihnen mit Grobheiten. - -Eine verzagte Dame, die als »Nacht« gekleidet war, -- sie trug ein -blaues Kleid und hatte ein gläsernes Sternchen und einen papierenen -Halbmond an der Stirn, -- sagte schüchtern zu Murin: - -»Geben Sie mir Ihr Billettchen!« - -Murin antwortete grob: - -»Wer bist du! Dir ein Billett! Ungewaschenes Maul -- du!« - -Die »Nacht« brummte böse und ging. Sie wollte zu Hause nur zwei oder -drei Billettchen vorzeigen und sagen: seht, -- die hat man _mir_ -gegeben. Aber bescheidne Hoffnungen sind immer erfolglos. - -Die Lehrerin Skobotschkina war als Bärin erschienen, d. h. sie hatte -sich einfach ein Bärenfell um die Schultern geworfen, und den Rachen des -Bären wie einen Helm auf ihren Kopf über die gewöhnliche Halbmaske -gestülpt. Im allgemeinen war das natürlich läppisch; ihrer massiven -Struktur aber und ihrer saftigen Stimme stand das wohl an. Die Bärin -schritt mit schweren Schritten einher und knurrte durch den ganzen Saal, -daß die Flammen in den Kronleuchtern zitterten. - -Vielen gefiel das. Sie erhielt nicht wenig Billette. Aber sie verstand -es nicht, sie aufzubewahren, und einen findigen Begleiter, wie die -andern, hatte sie nicht. Kleine Kaufleute hatten sie betrunken gemacht, -aus lauter Mitgefühl für ihre Fähigkeit das Gebaren eines Bären so gut -nachzuahmen. Man schrie: - -»Seht nur, die Bärin säuft Schnaps.« - -Die Skobotschkina konnte sich nicht entschließen, den Schnaps dankend -abzulehnen. Sie glaubte eine Bärin müsse Schnaps trinken, wenn er ihr -angeboten würde. Bald war sie betrunken; da stahlen ihr Darja und -Ludmilla sehr geschickt mehr als die Hälfte ihrer Billette und gaben sie -Sascha. - -Durch seinen stattlichen Wuchs fiel ein alter Germane auf. Vielen gefiel -es, daß er so kräftig gebaut war und daß man seine Arme sehen konnte, -gewaltige Arme mit einer vorzüglich entwickelten Muskulatur. Ihm folgten -hauptsächlich Damen, und rings um ihn tönte lobendes, wohlwollendes -Geflüster. Im alten Germanen glaubte man den Schauspieler Bengalskji zu -erkennen. Bengalskji war beliebt. Darum gaben ihm viele ihre Zettel. Man -folgerte so: - -»Wenn ich den Preis nicht erhalte, so mag ihn ein Schauspieler oder eine -Schauspielerin haben. Erhält ihn einer aus unserer Gesellschaft, so -quält er einen mit seinen Prahlereien zu Tode.« - -Auch das Kostüm der Gruschina fand Beifall, -- wie eben etwas -Skandalöses Beifall findet. In dichten Scharen folgten ihr die Männer; -sie lachten und machten unflätige Bemerkungen. Die Damen wandten sich ab -und waren empört. Endlich trat der Polizeileutnant zur Gruschina und -sagte, süß schmunzelnd: - -»Gnädigste, Sie werden sich bedecken müssen.« - -»Was gibt's denn da? Man sieht nichts Unanständiges an mir,« antwortete -die Gruschina frech. - -»Gnädigste, die Damen fühlen sich beleidigt,« sagte Mintschukoff. - -»Der Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte die Gruschina. - -»Nein, bitte, Gnädigste,« bat Mintschukoff, »haben Sie die -Liebenswürdigkeit, wenigstens Ihre Brüstchen und Ihr Rückchen mit einem -Taschentüchlein zu bedecken.« - -»Wenn mein Taschentuch aber vollgeschneuzt ist?« antwortete die -Gruschina gemein lachend. - -Mintschukoff aber beharrte: - -»Wie es Ihnen beliebt, Gnädigste. Nur, -- wenn Sie sich nicht bedecken, -sehe ich mich gezwungen, Sie zu entfernen.« - -Schimpfend und spuckend, ging die Gruschina in die Garderobe und -breitete, mit Hilfe eines Dienstmädchens, einige Falten ihres Kleides -über Rücken und Brust. Als sie in den Saal zurückkehrte, wenn auch etwas -bescheidner in ihrem Ansehen, suchte sie doch wieder eifrig nach -Anbetern. In plumper Weise scherzte sie mit allen Männern. Als deren -Aufmerksamkeit aber in eine andere Richtung gelenkt wurde, ging sie ins -Buffetzimmer, um Süßigkeiten zu stehlen. - -Bald kehrte sie wieder in den Saal zurück, zeigte Wolodin zwei -Pfirsiche, schmunzelte perfid und sagte: - -»Darauf bin ich selber gekommen.« - -Und sofort verschwanden die Pfirsiche wieder in den Falten ihres -Gewandes. Wolodin bleckte erfreut die Zähne. - -»Nun,« sagte er, »dann gehe auch ich, -- wenn es sich _so_ verhält.« - -Bald war die Gruschina betrunken und betrug sich außerordentlich laut, --- sie schrie, fuchtelte mit den Händen, spuckte. - -»Eine muntere Dame -- die Diana,« sagte man von ihr. - -Das war das Kostümfest, zu dem die verdrehten jungen Damen den -leichtsinnigen Gymnasiasten mitgenommen hatten. In zwei Droschken kamen -die drei Schwestern und Sascha schon recht spät angefahren, -- -seinetwegen hatten sie sich verspätet. - -Ihr Kommen wurde im Saal bemerkt. Besonders die Geisha gefiel vielen. Es -ging das Gerücht, die Schauspielerin Kaschtanowa, -- besonders der -männliche Teil der Gesellschaft hatte eine Vorliebe für sie, -- wäre als -Geisha kostümiert. Daher erhielt Sascha sehr viele Billette. - -Die Kaschtanowa war aber gar nicht gekommen, -- am Vorabend war ihr -kleiner Sohn schwer erkrankt. - -Sascha, trunken von dem vielen Neuen was er sah, kokettierte ganz -unglaublich. Je mehr sich die Zettel in der kleinen Hand der Geisha -häuften, desto fröhlicher und mutwilliger blitzten die Augen der -koketten Japanerin durch die schmalen Schlitze in der Maske. - -Die Geisha hockte nieder, hob ihre schmalen Fingerchen, kicherte mit -verstellter Stimme, spielte mit ihrem Fächer, klopfte damit diesem oder -jenem Herren auf die Schulter, und versteckte sich dann hinter dem -Fächer, und jeden Augenblick klappte sie ihren rosa Sonnenschirm auf und -zu. Nicht sonderlich schlaue Handgriffe, -- jedenfalls genügten sie, um -alle die zu gewinnen, welche die Schauspielerin Kaschtanowa verehrten. - -»Ich gebe mein Papier, -- der Allerschönsten -- dir!« sagte Tischkoff -und überreichte sein Billett mit einem jugendlichen Kratzfuß der Geisha. - -Er hatte schon viel getrunken und war ganz rot; sein in einem ewigen -Lächeln erstarrtes Gesicht und seine ungelenke Figur machten ihn einer -Puppe ähnlich. Und immer reimte er. - -Valerie sah Saschas Erfolge und beneidete ihn; sie hätte es zu gern -gesehn, daß man sie erkannt hätte, daß ihr Kostüm und ihre schmale, -schlanke Gestalt allen gefiele, und daß sie den Preis erhielte. Gleich -fiel es ihr aber zu ihrem Aerger ein, daß das ganz ausgeschlossen war: -die drei Schwestern hatten verabredet, Billette nur für die Geisha -aufzutreiben, und ihre eigenen Zettelchen, die sie etwa bekommen -sollten, ebenfalls der Geisha zu geben. - -Im Saale wurde getanzt. Wolodin, stark angeheitert, tanzte den -Kasatschek.[12] Der Polizeileutnant verbot ihm das. Er sagte -fröhlich-gehorsam: - -»Nun, wenn es verboten ist, so tue ich es auch nicht.« - -Zwei Bürger aber, die seinem Beispiel gefolgt waren, und den Trepak -tanzten, wünschten, nicht nachzugeben: - -»Mit welchem Recht? Für _meinen_ Fünfziger!« riefen sie, wurden aber -hinausgeführt. - -Wolodin begleitete sie, verrenkte die Glieder, bleckte die Zähne und -hopste dazu. - - * * * * * - -Fräulein Rutiloffs beeilten sich, Peredonoff aufzufinden, um sich über -ihn lustig zu machen. Er saß allein, an einem Fenster und blickte mit -irren Augen in die Menge. Menschen und Gegenstände schienen ihm sinnlos -und aufgelöst, doch aber ihm feindlich zu sein. - -[Fußnote 12: Russischer Nationaltanz; wird in sitzender Stellung -getanzt, -- die Beine werden vorgeworfen.] - -Ludmilla, die Zigeunerin, trat auf ihn zu und sagte mit verstellter, -tiefer Stimme: - -»Mein lieber Herr, ich will dir wahrsagen.« - -»Geh zum Teufel!« rief Peredonoff. - -Das plötzliche Erscheinen der Zigeunerin hatte ihn erschreckt. - -»Guter Herr, mein goldner Herr, gib mir deine Hand. Ich sehe es an -deinem Gesicht, -- du wirst reich werden, du wirst ein hoher -Vorgesetzter werden,« bettelte Ludmilla und nahm einfach Peredonoffs -Hand. - -»Sieh zu, daß du mir nur Gutes sagst,« brummte Peredonoff. - -»O, du mein diamantner Herr,« wahrsagte Ludmilla, »du hast viele Feinde, -man wird dich angeben, du wirst weinen; unter einem Zaune wirst du -sterben.« - -»Ach du Luder!« schrie Peredonoff und riß seine Hand los. - -Ludmilla war mit einem Satz in der Menge verschwunden. Valerie löste sie -ab, -- sie setzte sich neben Peredonoff und flüsterte zärtlich: - - »Ich bin eine span'sche Dirne, - Liebe dich wie nie zuvor, -- - Dumm ist deine Frau im Hirne, - Mein geliebtester Signor.« - -»Du lügst, dumme Gans,« knurrte Peredonoff. - -Valerie flüsterte: - - »Heiß wie Tage, süß wie Nächte - Ist mein Sevillaner-Kuß -- - Spucke deiner Frau -- der schlechten - In die Augen Speichelfluß. - Deine Frau -- sie heißt Barbare, - Du bist schön, mein Ardalljon. - Du und sie seid schlecht im Paare -- - Du bist klug, wie Salomon.« - -»Das ist richtig,« sagte Peredonoff, »wie soll ich ihr aber in die Augen -spucken? Sie wird sich bei der Fürstin beklagen, und die wird mir keine -Stelle verschaffen.« - -»Wozu brauchst du eine Stelle? Du bist auch ohne Stelle lieb und gut,« -sagte Valerie. - -»Ach, wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt,« sagte -Peredonoff mutlos. - - * * * * * - -Darja schob Wolodin ein Briefchen in die Hand, das mit einer rosa Oblate -verklebt war. Erfreut meckernd öffnete Wolodin das Kuvert und las den -Brief; er wurde nachdenklich, -- dann warf er sich in die Brust und es -schien, als hätte ihn etwas aus der Fassung gebracht. Kurz und klar -stand geschrieben: - -»Komm Liebling, morgen um elf Uhr abends zu einem Stelldichein in die -Militärbadstube. Deine dir ganz fremde J.« - -Wolodin glaubte an die Aufrichtigkeit der Briefschreiberin, aber es -fragte sich nur, -- lohnte es überhaupt, hinzugehen? Wer ist diese J? -Eine Jenny vielleicht? Oder fängt ihr Familienname mit dem Buchstaben J -an? - -Wolodin zeigte Rutiloff den Brief. - -»Geh hin, natürlich geh hin!« überredete ihn Rutiloff. »Sieh zu, was -dabei herauskommt. Vielleicht ist es eine reiche Braut; sie hat sich in -dich verliebt; aber ihre Eltern sind dagegen; darum will sie sich eben -mit dir aussprechen.« - -Aber Wolodin dachte lange, lange nach und beschloß, daß es nicht der -Mühe wert wäre hinzugehen. Er sagte stolz: - -»Sie wirft sich mir an den Hals! aber solche sittenlose Mädchen liebe -ich nicht.« - -Er fürchtete sich, dort verprügelt zu werden: die Militärbadstube war in -einer ganz verrufenen Gegend, am äußersten Ende der Stadt. - - * * * * * - -Als die dichtgedrängte Menge sich in allen Räumen der Muße verteilt -hatte, schreiend, übertrieben lustig, -- hörte man an der Eingangstür -des Saales lauten Lärm, Gelächter, ermunternde Zurufe. Alles drängte -dahin. Es ging von Mund zu Munde, -- eine furchtbar originelle Maske -wäre erschienen. - -Durch die Menge bahnte sich den Weg ein magerer, langer Mensch. Er trug -einen geflickten, schmutzigen Schlafrock, hielt einen Birkenquast unter -dem Arm und eine Kippe[13] in der Hand. Seine Maske war aus Karton -geschnitten, -- eine dumme Fratze mit einem spärlichen Backenbärtchen, -auf dem Kopf trug er aber eine Mütze mit der Beamten-Kokarde des -Zivildienstes. Ganz erstaunt wiederholte er fortwährend: - -»Man sagte mir, hier wäre ein Maskenfest, und kein Mensch wäscht sich.« - -[Fußnote 13: Ein kleines, hölzernes Schöpfgefäß; wird in russischen -Badstuben gebraucht, ebenso der Birkenquast.] - -Traurig schwenkte er seine Kippe. Die Menge folgte ihm, kam aus dem -Staunen nicht heraus und freute sich harmlos über den gelungenen Scherz. - -»Der bekommt den Preis,« sagte Wolodin neidisch. - -Er beneidete ihn, wie viele andere, gewissermaßen gedankenlos, -unmittelbar, -- er selber war gar nicht kostümiert; was also, sollte man -meinen, hatte er für einen Grund, ihn zu beneiden? Matschigin dagegen -war in einem seligen Entzücken: besonders die Kokarde freute ihn. Er -lachte froh, klatschte in die Hände und sagte zu Bekannten und -Unbekannten: - -»Eine vortreffliche Kritik! Diese Beamten machen so viel Wesens von -sich; sie lieben es, die Kokarde zu tragen und Uniformen; da haben sie -nun die Kritik; -- wirklich sehr geschickt!« - -Als es heiß wurde, fächelte sich der Beamte im Schlafrock mit seinem -Birkenquast Kühlung zu und rief: - -»Die wahre Badstube!« - -Alles lachte fröhlich. Die Zettelchen regneten in seine Kippe. - -Peredonoff sah auf den hocherhobenen Birkenquast. Er glaubte, es wäre -das graue, gespenstische Tierchen. - -Es ist grün geworden -- das Vieh! dachte er entsetzt. - - - - - XXX - - -Endlich begann man, die für die Kostüme verteilten Zettelchen zu zählen. -Die Mußenvorsteher bildeten das Komitee. An der Tür des -Schiedsgerichtszimmers versammelte sich eine gespannt wartende Menge. In -den Sälen wurde es für kurze Zeit still und langweilig. Die Musik hatte -aufgehört zu spielen. Die Gäste waren verstummt. Peredonoff wurde es -unheimlich. - -Aber bald fing man wieder an zu sprechen, man murrte ungeduldig, man -lärmte. Jemand versichert, beide Preise kämen in die Hände von -Schauspielern. - -»Sie werden es sehen!« hörte man jemandes entrüstete, zischende Stimme. - -Viele glaubten es. Man war erregt. Jene, die nur wenig Zettel erhalten -hatten, ärgerten sich schon darüber. Jene, die viele erhalten hatten, -erregte die Möglichkeit einer vielleicht zu erwartenden Ungerechtigkeit. - -Plötzlich bimmelte gell und durchdringend ein Glöckchen. Die -Preisrichter kamen heraus: Weriga, Awinowitzkji, Kiriloff und die -übrigen Vorstände. Wellenartig verbreitete sich eine verlegene Stille im -ganzen Saal, -- plötzlich war alles verstummt. - -Awinowitzkji verkündete mit lautschallender Stimme: - -»Das Album, als Preis für das beste Herrenkostüm, erhält, der größten -Zettelanzahl zufolge, der Herr im Kostüm eines alten Germanen.« - -Awinowitzkji hob das Album hoch und blickte böse auf die sich stauende -Menge. Der urwüchsige Germane bahnte sich einen Weg. Er begegnete nur -feindlichen Blicken. Man wollte ihm den Weg nicht freigeben. - -»Stoßen Sie mich nicht, ich muß doch bitten!« schrie weinerlich die -zaghafte Dame in Blau mit dem gläsernen Sternchen und dem Papiermond an -der Stirn, -- die Nacht. - -»Er hat den Preis erhalten und bildet sich ein, daß die Damen vor ihm -auseinandertreten müssen,« hörte man jemand böse zischen. - -»Wenn Ihr mich doch selber nicht durchlaßt,« antwortete der Germane mit -verhaltenem Zorn. - -Endlich war er irgendwie bis zu den Preisrichtern vorgedrungen und -empfing das Album aus Werigas Händen. Die Musik spielte einen Tusch. -Aber die Töne gingen unter in einem wüsten Gelärm. - -Man hörte Schimpfworte. Man umringte den Germanen, stieß ihn und schrie: - -»Die Maske herunter!« - -Der Germane schwieg. Es wäre ihm ein kleines gewesen, sich durch die -Menge durchzuschlagen, -- aber augenscheinlich scheute er sich davor, -seine Kräfte handgreiflich anzuwenden. Gudajewskji packte das Album, und -im selben Augenblick riß jemand dem Germanen die Maske vom Gesicht. Die -Menge brüllte auf: - -»Es _ist_ ein Schauspieler!« - -Die Vermutung hatte sich bewahrheitet: es war der Schauspieler -Bengalskji. Er rief ärgerlich: - -»Nun ein Schauspieler! ist denn was dabei? Ihr selber gabt mir doch eure -Zettel.« - -Als Antwort ertönte wütendes Geschrei: - -»Betrug!« - -»_Ihr_ drucktet die Billette!« - -»Soviel Leute sind gar nicht da, als Zettel verteilt wurden.« - -»Er hat ein halbes Hundert in der Tasche gehabt.« - -Bengalskji wurde feuerrot und schrie: - -»Es ist gemein, das zu behaupten. Jedermann kann die Zettel nachzählen, --- nach der Anzahl der Teilnehmer läßt es sich bestimmen.« - -Unterdessen sprach Weriga zu den ihm zunächst Stehenden: - -»Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, es ist kein Betrug vorgekommen; -ich hafte dafür: die Zahl der Billette wurde beim Eingang kontrolliert.« - -Endlich gelang es den Vorständen, zusammen mit einigen vernünftigen -Gästen, die Menge zu beruhigen. Alles war gespannt, wer den Fächer -erhalten würde. Weriga verkündete: - -»Meine Herrschaften, die meisten Zettel für das Damenkostüm hat die Dame -im Kostüm einer Geisha erhalten; ihr wurde der Preis zuerkannt, -- -nämlich ein Fächer. Geisha, ich ersuche Sie, vorzutreten, der Fächer -gehört Ihnen. Meine Herrschaften, ich ersuche Sie um die -Liebenswürdigkeit, der Geisha den Weg freizugeben.« - -Die Musik spielte zum zweiten Mal einen Tusch. Die erschreckte Geisha -wäre froh gewesen, wenn sie hätte davonlaufen können. Man stieß sie aber -vor, ließ ihr den Weg und führte sie vor die Preisrichter. - -Weriga überreichte ihr mit liebenswürdigem Lächeln den Fächer. Vor -Saschas von Angst und Verlegenheit verschleierten Augen blinkte etwas -Buntes und Reizendes. Man muß sich bedanken, -- ging es ihm durch den -Kopf. Er murmelte die gewohnten Höflichkeitsformeln eines gesitteten -Jungen. - -Die Geisha hockte nieder, sagte ein paar unverständliche Worte, -kicherte, hob ihre Fingerchen, -- und wieder ertönte ein wüstes Gejohl -durch den Saal, es wurde gepfiffen, geschimpft. Alles drängte und -stürmte zur Geisha. - -»Hock nieder, gemeine Dirne!« schrie die Aehre wütend und sträubte ihre -Stacheln, »hock nieder!« - -Die Geisha wollte zur Tür hinaus; man vertrat ihr den Weg. In der Menge, -die die Geisha umtoste, hörte man böses Geschrei: - -»Sie muß ihre Maske abnehmen!« - -»Die Maske herunter!« - -»Haltet sie! Fangt sie!« - -»Nieder -- die Maske!« - -»Reißt ihr den Fächer fort!« - -Die Aehre schrie: - -»Wißt ihr auch, wer den Preis erhalten hat? Die Schauspielerin -Kaschtanowa. Sie hat einen fremden Mann abspenstig gemacht, und erhält -den Preis! Die rechtschaffenen Frauen bekommen nichts; eine feile Dirne -erhält ihn!« - -Sie warf sich auf die Geisha, quiekte durchdringend und ballte die -mageren Fäustchen. Viele andere folgten ihrem Beispiel, -- hauptsächlich -ihre Begleiter. - -Die Geisha schlug verzweifelt um sich. Es war eine wilde Hetze. Der -Fächer wurde ihr entrissen, zerbrochen, auf den Boden geworfen, -zerstampft. Wie besessen rannte die Menge -- die Geisha mitten darin -- -durch den Saal; Zuschauer wurden über den Haufen gerannt. Weder -Rutiloffs noch die Vorstände konnten bis zur Geisha vordringen. Die -Geisha, kräftig und gelenkig, kratzte, biß, kreischte durchdringend. Die -Maske hielt sie fest vor dem Gesicht, bald mit der rechten, bald mit der -linken Hand. - -»Man muß sie alle niederschlagen,« winselte irgend ein besonders -wütendes Dämchen. - -Die betrunkene Gruschina versteckte sich hinter den andern, hetzte -Wolodin und ihre übrigen Bekannten. - -Matschigin hielt sich die blutende Nase mit der Hand, sprang vor und -jammerte: - -»Direkt mit der Faust in die Nase!« - -Ein besonders wütender junger Mensch packte einen Aermel der Geisha mit -den Zähnen und riß ihn zur Hälfte entzwei. Die Geisha rief: - -»Hilfe! Hilfe!« - -Auch die andern zerfetzten ihr Kleid. Hier und da sah man ihren bloßen -Körper. Darja und Ludmilla machten verzweifelte Versuche, sich bis zur -Geisha durchzudrängen, aber vergeblich. Wolodin hielt mit solchem -Feuereifer die Geisha umklammert, -- dabei kreischte er und verrenkte -die Gliedmaßen, -- daß er den andern, die weniger betrunken und weniger -erbittert waren, hinderlich wurde: eigentlich strengte er sich gar nicht -aus Bosheit an, nur aus Uebermut; er dachte nämlich, das ganze wäre ein -gelungener Scherz. Den Aermel vom Kostüm der Geisha hatte er glücklich -ganz abgerissen; er wand ihn sich um den Kopf. - -»Das kann man brauchen,« rief er kreischend, schnitt Fratzen und krümmte -sich vor Lachen. - -Mitten unter den vielen Leuten wurde ihm zu heiß; er sprang zur Seite, -gebärdete sich wie ein Toller und mit wildem Geschrei tanzte er, von -niemand behindert, auf den Ueberresten des Fächers. - -Niemand war da, der ihn zur Vernunft hätte rufen können. - -Peredonoff blickte voller Entsetzen auf ihn und dachte: - -Er tanzt. Er freut sich über irgend etwas. So wird er auch auf meinem -Grabe tanzen. - -Endlich gelang es der Geisha, sich loszureißen, -- die Männer, die sie -umringten, konnten ihren geschickten Fäusten und scharfen Zähnen nicht -standhalten. Wie ein Wind fegte sie aus dem Saal. - -Im Gang stürzte sich die Aehre wieder auf die Japanerin und zerrte sie -am Kleid. Die Geisha riß sich los, aber schon war sie wieder umringt. -Die Hetze wurde fortgesetzt. - -»Man zaust sie an den Ohren! An den Ohren!« schrie jemand. - -Irgend ein Dämchen hatte die Geisha am Ohr gepackt, zauste sie und ließ -ein lautes, triumphierendes Geschrei ertönen. Die Geisha kreischte auf, -hieb mit der Faust auf die Arme des bösen Dämchens und riß sich mit Mühe -los. Endlich gelang es Bengalskji, der sich unterdessen in seine -gewöhnlichen Kleider geworfen hatte, mit Gewalt bis zur Geisha -vorzudringen. Er nahm die zitternde Japanerin auf den Arm, schützte sie -mit seinem riesigen Körper und mit seinen Fäusten, so gut es gehen -wollte, und -- die Menge gewandt mit Ellenbogen und Beinen -auseinanderschiebend -- trug er sie hinaus. Man brüllte: - -»Schurke, gemeiner Kerl!« - -Man zupfte und schlug auf seinen Rücken ein. Er schrie: - -»Ich erlaube es nicht, einer Frau die Maske abzureißen. Tut, was ihr -wollt -- ich erlaube es nicht.« - -So trug er die Geisha durch den ganzen Gang. Der Gang mündete durch eine -schmale Tür ins Eßzimmer. Hier gelang es Weriga, für einige Zeit die -Nachstürmenden aufzuhalten. Mit der Entschlossenheit eines alten -Militärs faßte er vor der Tür Posten, sie mit seinem Rücken deckend und -sagte: - -»Keinen Schritt weiter, meine Herrschaften.« - -Die Gudajewskaja, raschelnd von den Ueberresten ihrer zerzausten Aehren, -hüpfte gegen Weriga an, drohte ihm mit ihren Fäustchen und keifte: - -»Fort von da! Durchlassen!« - -Aber das bitterkalte Gesicht des Generals und seine entschlossenen -grauen Augen hielten sie von Tätlichkeiten ab. In blinder Wut schrie sie -ihren Mann an: - -»Hättest du ihr wenigstens eine Ohrfeige heruntergehauen, -- du hast -geschlafen, Idiot.« - -»Es war unbequem anzukommen,« verteidigte sich der Indianer und -fuchtelte sinnlos mit den Händen, »Pawluschka drehte sich mir immer -unter die Arme.« - -»In die Zähne hättest du ihr hauen sollen, aufs Ohr; geniertest dich -wohl!« schrie die Gudajewskaja. - -Man drängte gegen Weriga. Gemeine Schimpfworte wurden laut. Weriga stand -mutig vor der Tür und überredete die Zunächststehenden, ihr unwürdiges -Betragen zu lassen. - -Der Küchenjunge öffnete hinter Werigas Rücken die Tür und flüsterte: - -»Sie sind fortgefahren, Ew. Exzellenz.« - -Weriga trat zur Seite. Alles stürmte in das Eßzimmer, von dort in die -Küche, -- man suchte die Geisha, konnte sie aber nicht finden. - -Bengalskji war, die Geisha auf den Armen, durch das Eßzimmer und durch -die Küche gelaufen. Sie lag ganz ruhig an seiner Brust und sagte kein -Wort. Bengalskji schien es, als hörte er ihr Herz stark schlagen. Ihre -nackten Arme waren fest verschlungen; an ihnen bemerkte er einige -Kratzwunden und in der Nähe des Ellbogens einen blau-gelben Fleck, der -von einem Schlage herrührte. - -Mit erregter Stimme rief Bengalskji der sich drängenden Dienerschaft zu: - -»Rascher, einen Mantel, einen Schlafrock, ein Laken, irgend etwas -- man -muß die gnädige Frau retten.« - -Irgend jemandes Mantel wurde Sascha über die Schultern geworfen, -Bengalskji hüllte ihn notdürftig ein, und fort ging es über die enge -Stiege, die spärlich von schwelenden Petroleumlampen erleuchtet war, -hinaus auf den Hof, durch ein Pförtchen in eine Nebengasse. - -»Demaskieren Sie sich; in der Maske wird man Sie eher erkennen; hier in -der Dunkelheit ist es doch einerlei,« sagte er recht unzusammenhängend, -»ich werde es keinem Menschen sagen.« - -Er war neugierig. Er wußte genau, daß es nicht die Kaschtanowa war, -- -aber wer war es denn? - -Die Japanerin gehorchte. Bengalskji sah ein unbekanntes, brünettes -Gesicht, in dem die Angst einem Ausdruck der Freude, der Gefahr -entronnen zu sein, gewichen war. Mutwillige, schon vergnügte Augen -blickten ihm entgegen. - -»Wie soll ich Ihnen danken!« sagte die Geisha mit klangvoller Stimme. -»Was wäre mit mir geschehen, wenn Sie mich nicht herausgehauen hätten!« - -Ein keckes Frauenzimmer, ein interessantes Weibsbild! dachte der -Schauspieler, -- aber wer ist sie? Offenbar eine Zugereiste, -- denn -Bengalskji kannte alle Damen der Stadt. Er sagte leise: - -»Ich muß Sie so schnell als möglich nach Hause bringen. Nennen Sie mir -Ihre Adresse, ich werde eine Droschke rufen.« - -Das Gesicht der Japanerin wurde ängstlich. - -»Es ist unmöglich! Es ist ganz unmöglich!« flüsterte sie, »lassen Sie -mich, ich finde den Weg allein.« - -»Wie wollen Sie denn auf Ihren Bretterchen allein heimfinden, bei diesem -schlüpfrigen Wetter; -- man muß eine Droschke nehmen,« entgegnete der -Schauspieler fest. - -»Nein, ich lauf schon allein; um Gotteswillen, lassen Sie mich,« flehte -die Geisha. - -»Ich schwöre bei meiner Ehre, kein Mensch soll es erfahren,« beteuerte -Bengalskji. »Ich kann Sie nicht allein lassen; Sie werden sich erkälten. -Ich habe die Verantwortung für Sie übernommen und kann einfach nicht. -Sagen Sie schnell! -- man könnte auch hier über Sie herfallen. Sie haben -doch gesehen, -- es sind ganz wilde Leute. Sie sind zu allem fähig.« - -Die Geisha zitterte. Plötzlich stürzten ihr die Tränen aus den Augen. - -»Furchtbar, furchtbar böse Menschen!« sagte sie schluchzend. »Bringen -Sie mich einstweilen zu Rutiloffs; ich werde bei ihnen übernachten.« - -Bengalskji rief eine Droschke. Man setzte sich ein und fuhr davon. Der -Schauspieler betrachtete genauer das bräunliche Gesicht der Geisha. Ein -flüchtiger Gedanke blitzte in ihm auf. - -Er erinnerte sich an den Stadtklatsch über die Rutiloffschen Damen, über -Ludmilla und ihren Gymnasiasten. - -»Oho, du bist ja ein Bengel!« sagte er flüsternd, damit der Kutscher es -nicht hören sollte. - -»Um Gotteswillen,« flehte Sascha kreidebleich. - -Und seine bräunlichen Arme streckten sich unter dem nachlässig -umgeworfenen Mantel mit flehentlicher Gebärde Bengalskji entgegen. - -Dieser lachte leise und sagte immer noch flüsternd: - -»Hab' keine Angst, ich sag's keinem. _Meine_ Sache ist nur -- dich in -Sicherheit zu bringen, und weiter weiß ich von nichts. Allein, du bist -ein ganz verzweifelter Bengel. Wird man zu Hause nichts erfahren?« - -»Wenn Sie es nicht verraten, wird es niemand erfahren,« sagte Sascha -versöhnlich-zärtlich. - -»Auf mich kannst du dich verlassen. Ich bin stumm, wie ein Grab,« -antwortete der Schauspieler. »War selber ein Junge; habe auch dumme -Streiche gemacht.« - - * * * * * - -In der Muße beruhigte man sich allmählich -- aber ein neues Unglück -setzte allem die Krone auf. - -Während im Gang die Hetzjagd auf die Geisha stattfand, sprang das -flammende, gespenstische Tierchen über die Kronleuchter, lachte und -flüsterte Peredonoff eindringlich zu, er müsse ein Streichholz -entzünden, müsse es -- das flammende aber unfreie Tierchen -- über die -düstren, schmutzigen Wände laufen lassen, und dann, wenn es sich an der -Zerstörung gesättigt, das Haus, in dem so fürchterliche und -unverständliche Dinge vorgingen, aufgefressen hätte, -- dann würde es -ihn -- Peredonoff -- ganz in Ruhe lassen. Und Peredonoff konnte seiner -zudringlichen Versuchung nicht widerstehen. - -Er ging in den kleinen Salon, der neben dem Tanzsaal war. Kein Mensch -war zu sehen. Peredonoff blickte sich um, zündete ein Streichholz an, -hielt es tief an den untersten Rand eines Fenstervorhanges und wartete, -bis der Vorhang in Flammen stand. Das flammende Tierchen kroch -geschmeidig, wie eine Schlange, an dem Vorhang empor; es piepte leise -und fröhlich. Peredonoff ging aus dem Salon und schloß die Tür hinter -sich. Keiner hatte die Brandstiftung gesehen. - -Erst von der Straße aus sah man das Feuer, als das ganze Zimmer schon in -Flammen stand. Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen -konnten sich retten, -- aber das Haus brannte nieder. - -Am nächsten Tage sprach man in der ganzen Stadt von nichts anderm als -vom Skandal mit der Geisha und vom Feuerschaden. Bengalskji hielt Wort -und verriet nicht, daß die Geisha ein Knabe gewesen war. - -Sascha lief noch in derselben Nacht, nachdem er sich bei Rutiloffs -umgekleidet und sich wieder in einen einfachen, barfüßigen Jungen -verwandelt hatte, nach Hause, kletterte durchs Fenster und schlief ruhig -ein. In der Stadt, die nur vom Klatsch lebte, in der Stadt, in der man -über jedermann alles in Erfahrung brachte, blieb Saschas nächtliches -Abenteuer ein Geheimnis. Für lange Zeit; natürlich nicht für immer. - - - - - XXXI - - -Katharina Iwanowna Pjilnikowa, Saschas Tante und Erzieherin, erhielt -gleichzeitig zwei Briefe über ihn, -- vom Direktor den einen, von der -Kokowkina den andern. Diese Briefe regten sie fürchterlich auf. Sie ließ -alles liegen und fuhr sofort, trotz der im Herbst grundlosen Wege, von -ihrem Gute in die Stadt. - -Sascha war sehr froh, als sie kam, -- er liebte sie. Die Tante hegte -aber einen tiefen Groll gegen ihn. Er umarmte sie jedoch so selig, küßte -ihr so froh die Hände, daß sie im ersten Augenblick nicht den nötigen -strengen Ton finden konnte. - -»Liebes Tantchen, wie ist es doch so gut, daß du gekommen bist!« sagte -Sascha und blickte ihr vergnügt in das volle, frische Gesicht, mit den -so gutmütigen Grübchen in den Wangen, mit den geschäftig-strengen, -braunen Augen. - -»Warte nur mit deiner Freude; ich muß die Saiten straffer ziehen,« sagte -die Tante mit unbestimmbarer Stimme. - -»Das macht nichts,« sagte Sascha sorglos, »zieh sie straffer; wenn ich -nur wüßte wofür; aber ich freue mich doch fürchterlich.« - -»Fürchterlich?« wiederholte die Tante unzufrieden, »über _dich_ habe ich -fürchterliche Dinge hören müssen.« - -Sascha hob die Augen und blickte die Tante aus unschuldigen, erstaunten -Augen an. Er klagte: - -»Hier hat sich ein Lehrer Peredonoff ausgedacht, ich wäre ein Mädchen; -er verfolgt mich damit; -- außerdem hat mir der Direktor den Kopf -gewaschen, weil ich mit Fräulein Rutiloffs verkehre. Als ginge ich hin, -um zu stehlen. Was geht ihn das an?« - -Genau so ein Kind wie früher, dachte die Tante zweifelnd. Oder ist er -schon so verdorben, daß er seinen Gesichtsausdruck verstellen kann? - -Sie schloß sich mit der Kokowkina in ein Zimmer und redete lange mit -ihr. Traurig trennte sie sich von ihr und fuhr später zum Direktor. Ganz -verstimmt und traurig kehrte sie heim. - -Sascha mußte die härtesten Vorwürfe über sich ergehen lassen. Er weinte, -beteuerte aber mit Feuereifer, alles wären nur Klatschereien und er habe -sich nie irgendwelche Freiheiten in seinem Verkehr mit Fräulein -Rutiloffs zuschulden kommen lassen. Die Tante glaubte ihm nicht. Sie -schalt und schalt, weinte, drohte, sie würde ihn prügeln, gründlich -prügeln, heute noch, -- nur müsse sie zuvor diese jungen Damen -gesprochen haben. Sascha schluchzte und beteuerte fortgesetzt, es wäre -wirklich nichts Schlimmes vorgefallen, alles hätte man unglaublich -übertrieben und erfunden. - -Zornig und verweint machte sich die Tante auf den Weg zu Rutiloffs. - - * * * * * - -Katharina Iwanowna wartete im Salon bei Rutiloffs und regte sich auf. -Sie wollte den Schwestern gleich von Hause aus die heftigsten Vorwürfe -machen; böse, gehässige Worte brannten ihr auf der Zunge, -- allein der -gemütliche, hübsche Salon brachte sie ganz gegen ihren Willen auf -friedlichere Gedanken und beruhigte sie. - -Eine angefangene Handarbeit, Nippesfigürchen, gute Gravüren an den -Wänden, sorgfältig gepflegte Blumen auf den Fensterbänken, nirgends ein -Stäubchen, und dann etwas wie eine besondere Stimmung von friedlichem -Zusammenleben, etwas, was in ungeordneten Hausständen niemals vorkommt, -und von Hausfrauen außerordentlich geschätzt wird, -- war es denn -wirklich möglich, daß in dieser traulichen Umgebung ihr bescheidener -Junge von den jungen Mädchen verführt worden war? Alle die -Verdächtigungen, die sie über Sascha hatte lesen und hören müssen, -schienen Katharina Iwanowna plötzlich so unglaublich töricht zu sein, -- -und, umgekehrt, wie wahrscheinlich klangen ihr nun Saschas Erklärungen -darüber, was er bei Rutiloffs getrieben hatte: man hatte gelesen, -geplaudert, gespielt, gelacht, gescherzt, -- man wollte im -Familienkreise eine kleine Maskerade veranstalten, aber Olga Wassiljewna -hatte es nicht erlaubt. - -Die drei Schwestern hatten aber doch einen gehörigen Schrecken gekriegt. -Sie wußten noch nicht, ob Saschas Teilnahme am Kostümfest bekannt -geworden war oder nicht. Aber sie waren zu dritt, und eine stand für die -andre ein. Das ließ sie wieder Mut fassen. Sie hatten sich alle in -Ludmillas Zimmer versammelt und berieten flüsternd. Valerie sagte: - -»Man muß doch hingehen, -- sie wartet. Wie unhöflich.« - -»Das tut nichts. Mag sie sich abkühlen,« antwortete Darja sorglos, -»sonst fährt sie gleich wütend auf uns los.« - -Alle drei hatten sich mit feucht-süßem Klematis parfumiert; -- hübsch -angezogen, ruhig, fröhlich, reizend wie immer, kamen sie in das -Gastzimmer und erfüllten es mit ihrem liebenswürdigen Geplauder, mit -ihrer Anmut und Fröhlichkeit. - -Katharina Iwanowna war gleich bezaubert von ihrem netten, anständigen -Aussehen. - -Die haben wieder was entdeckt! dachte sie ärgerlich von den Pädagogen am -Gymnasium. Dann überlegte sie, daß die Dämchen sich vielleicht -verstellten und nahm sich vor, ihren Reizen nicht zu erliegen. - -»Entschuldigen Sie, meine Damen, ich muß mich ernstlich mit Ihnen -auseinandersetzen,« sagte sie, bemüht, ihrer Stimme einen -sachlich-trocknen Klang zu geben. - -Die Schwestern baten sie Platz zu nehmen und schwatzten fröhlich -durcheinander. - -»Welche von Ihnen ist es denn? ...« begann Katharina Iwanowna unsicher. - -Ludmilla sagte fröhlich, mit der Miene einer liebenswürdigen Hausfrau, -die sich bemüht, einem Gaste über eine Verlegenheit hinwegzuhelfen: - -»Ich habe mich hauptsächlich mit Ihrem Neffen abgegeben. Wir haben in -vielen Dingen dieselben Ansichten und denselben Geschmack.« - -»Ihr Neffe ist ein sehr lieber Junge,« sagte Darja, wie überzeugt, daß -ihr Lob der Tante gefallen mußte. - -»Wirklich, er ist sehr lieb, und so amüsant,« sagte Ludmilla. - -Katharina Iwanowna fühlte sich mit jedem Augenblicke unsicherer. Sie -begriff mit einem Mal, daß sie eigentlich nur die geringsten Handhaben -hatte, um Vorwürfe zu machen. Darüber ärgerte sie sich, -- und Ludmillas -letzte Worte gaben ihr Anlaß, ihrem Aerger Luft zu machen. Gereizt sagte -sie: - -»Sie amüsieren sich ... und er ...« - -Aber Darja unterbrach sie: - -»O, wir merken schon, -- Peredonoffs alberne Erfindungen sind Ihnen zu -Ohren gekommen,« sagte sie mitleidig. »Aber wissen Sie denn nicht, daß -er ganz verrückt ist. Der Direktor läßt ihn nicht ins Gymnasium. Man -wartet auf einen Psychiater zur Untersuchung, dann wird er sofort vom -Gymnasium entfernt.« - -»Aber erlauben Sie,« unterbrach sie ihrerseits Katharina Iwanowna, immer -gereizter werdend, »mich interessiert nicht dieser Lehrer, sondern mein -Neffe. Ich hörte, -- bitte um Verzeihung, -- daß sie ihn sittlich -verderben.« - -Und im selben Augenblick, nachdem sie den Schwestern im Jähzorn diesen -entschiedenen Satz zugeschleudert hatte, dachte sie schon, -- sie wäre -zu weit gegangen. Die Schwestern blickten einander an mit der Miene so -gut gespielter Empörung, so vollständigen Nichtverstehenkönnens, daß -nicht Katharina Iwanowna allein sich hätte täuschen lassen, -- sie -wurden rot, und riefen alle gleichzeitig: - -»Das ist nett!« - -»Wie scheußlich!« - -»Was für Neuigkeiten!« - -»Gnädige Frau,« sagte Darja kalt, »Sie wählen Ihre Worte nicht. Bevor -Sie sich grober Redewendungen bedienen, wäre es angezeigt, in Erfahrung -zu bringen, wie weit diese Wendungen angebracht sind.« - -»Oh, das ist _so_ verständlich!« sagte Ludmilla lebhaft, mit der Miene -eines gesitteten Mädchens, das gekränkt wurde und die Kränkung verziehen -hat, »er ist Ihnen doch kein Fremder. Wie sollten diese dummen Gerüchte -Sie nicht aufregen. Uns, -- den Fernstehenden, -- tat er leid, darum -luden wir ihn ein. Hier in unserer Stadt macht man aus allem gleich ein -Verbrechen. Die Leute hier, wenn Sie es nur wüßten, sind schrecklich, -ganz schrecklich!« - -»Schreckliche Leute!« wiederholte Valerie leise mit ihrer klangvollen, -zerbrechlichen Stimme und schüttelte sich, als hätte sie etwas -Unsauberes berührt. - -»Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Darja, »sehen Sie ihn sich an: ist -er nicht ein ganzes Kind! Vielleicht sind Sie an seine Einfalt zu sehr -gewöhnt, aber wir -- die ihm Fernstehenden sehen es, -- er ist noch ein -vollständig, vollständig unverdorbener Knabe.« - -Die Schwestern logen so sicher und ruhig, daß es nicht möglich war, -ihnen nicht zu glauben. Und wie hätte es anders sein können, -- ist doch -die Lüge sehr oft der Wahrheit ähnlicher als die Wahrheit. Fast immer. -Die Wahrheit kann doch unmöglich der Wahrheit ähnlich sehen. - -»Natürlich, es ist wahr, er ist zu häufig bei uns gewesen,« sagte Darja. -»Aber wenn Sie es wünschen, lassen wir ihn nicht mehr über die -Schwelle.« - -»Heute noch gehe ich zu Chripatsch,« sagte Ludmilla. »Was fällt ihm ein! -Unmöglich glaubt er selber an diesen Blödsinn.« - -»Nein, er scheint nicht daran zu glauben,« gestand Katharina Iwanowna, -»er sagt nur, es wären verschiedene böse Gerüchte im Umlauf.« - -»Sehen Sie! Sehen Sie!« rief Ludmilla erfreut, »natürlich kann er nicht -daran glauben. Wozu denn die ganze Aufregung?« - -Ludmillas fröhliche Stimme umstrickte Katharina Iwanowna. Sie dachte: - -Es ist doch wirklich nichts passiert. Sogar der Direktor sagt, er glaube -das alles nicht. - -Lange noch zwitscherten die Schwestern um die Wette, um Katharina -Iwanowna zu überzeugen, daß ihr Verkehr mit Sascha ganz harmlos wäre. -Zur größeren Bekräftigung begannen sie ganz ausführlich zu erzählen, was -sie zusammen mit Sascha getrieben hatten, -- bei dieser Aufzählung kamen -sie bald in die Brüche, -- es handelte sich doch um so harmlose, -einfache Dinge, daß es unmöglich war, sich an alles und jedes zu -erinnern. Schließlich war Katharina Iwanowna ganz fest davon überzeugt, -daß ihr Sascha und die liebenswürdigen jungen Mädchen unverschuldet -einem dummen Klatsch zum Opfer gefallen waren. - -Als Katharina Iwanowna sich verabschiedete, küßte sie alle drei -Schwestern und sagte: - -»Sie sind liebe, schlichte Mädchen. Anfangs dachte ich, -- verzeihen Sie -das grobe Wort, -- Sie wären freche, zänkische Personen.« - -Die Schwestern lachten fröhlich: - -»Nein,« sagte Ludmilla, »wir sind nur lustig und haben spitze Zungen; -darum lieben uns hier manche Gänse nicht.« - -Die Tante sagte zu Sascha kein Wort, als sie von Rutiloffs zurückkehrte. -Er kam ihr ängstlich und verstört entgegen und blickte sie vorsichtig -und aufmerksam an. Die Tante ging zur Kokowkina. Lange redeten sie, -endlich beschloß die Tante: - -»Ich gehe noch einmal zum Direktor.« - - * * * * * - -Noch am selben Tage ging Ludmilla zu Chripatsch. Erst plauderte sie im -Salon ein wenig mit Warwara Nikolajewna, dann erklärte, sie, sie hätte -ein Anliegen an Nikolaij Wassiljewitsch. - -In Chripatschs Schreibzimmer wurde ein lebhaftes Gespräch geführt, -- -nicht darum eigentlich, weil die beiden einander viel zu sagen hatten, -sondern weil beide zu sprechen liebten. Sie überschütteten einander mit -schnell hingeworfenen Sätzen: Chripatsch mit seiner trocknen, knarrenden -Schnellrednerei, Ludmilla mit ihrem zärtlich klingenden Geflüster. -Fließend, mit der unwiderlegbaren Sicherheit einer Lüge, ergoß sich über -Chripatsch ihre zur Hälfte erfundene Erzählung über ihr Verhältnis zu -Sascha Pjilnikoff. Was sie hauptsächlich dazu getrieben hätte, wäre -natürlich ihr Mitleid zu dem Knaben, den man mit so groben -Verdächtigungen beleidigte, ihr Wunsch, Sascha die abwesende Familie zu -ersetzen, -- und, schließlich, er wäre so ein prächtiger, lustiger, -einfältiger Junge. - -Ludmilla weinte sogar; schnell und wunderbar reizend kullerten die -kleinen Tränchen über die frischen Wangen, auf die verlegen lächelnden -Lippen. - -»Wirklich, ich habe ihn lieb gewonnen wie einen Bruder. Er ist so -prächtig und gut; er weiß Güte so sehr zu schätzen; er hat mir die Hände -geküßt.« - -»Das ist natürlich sehr, sehr lieb von Ihnen,« sagte Chripatsch -einigermaßen verlegen, »und es macht Ihrem guten Herzen alle Ehre, aber -der einfache Umstand, daß ich es für nötig hielt, die Verwandten des -Knaben wegen der mir zu Ohren gekommenen Gerüchte zu benachrichtigen, -geht Ihnen überflüssigerweise so nahe.« - -Ludmilla überhörte, was er sagte und flüsterte weiter, aber schon im -Tone eines bescheidenen Vorwurfs: - -»Was ist denn dabei Schlimmes, -- sagen Sie es mir bitte, -- daß wir für -einen Knaben Teilnahme empfinden, auf den sich Ihr grober, verrückter -Peredonoff gestürzt hat, -- wann wird man ihn endlich aus unserer Stadt -entfernen! Sehen Sie es denn nicht, daß dieser Ihr Pjilnikoff noch ein -ganzes Kind ist, -- wirklich, ein ganzes Kind!« - -Sie schlug ihre kleinen, hübschen Händchen zusammen, ihr goldnes -Armbändchen klirrte, sie lachte zärtlich; -- als müßte sie weinen, -- -nahm sie ihr Taschentuch, um die Tränen zu trocknen, und ein süßer Duft -strömte Chripatsch entgegen. Ihm wurde so merkwürdig zumut; er wollte -ihr sagen, sie wäre »wie ein Engel vom Himmel, -- so schön«, und dieser -ganze betrübliche Zwischenfall »ist unwert eines Augenblicks, des über -alles teuren Grams«. Aber er hielt an sich. - -Und Ludmillas schmeichelndes, rasches Geflüster plätscherte und -plätscherte, und zerstäubte das schimärische Lügengebäude Peredonoffs. -Man mußte nur vergleichen, -- der irrsinnige, grobe, schmutzige -Peredonoff, -- und die lustige, elegante, freundliche, duftende -Ludmilla. - -Ob Ludmilla die volle, ungeschminkte Wahrheit sagte oder einiges dazu -dichtete, -- das war Chripatsch ganz gleichgültig, -- er fühlte aber, -wenn er ihr nicht glauben oder mit ihr streiten, oder irgendwelche -Schritte tun, beispielsweise Sascha bestrafen würde, -- daß er dann in -die Klemme geraten würde und im ganzen Lehrbezirk blamiert wäre. Um so -mehr, als diese Sache mit jener Peredonoffs in Verbindung stand, und als -Peredonoff natürlich allgemein für unzurechnungsfähig galt. Und -liebenswürdig lächelnd sagte Chripatsch zu Ludmilla: - -»Es tut mir aufrichtig leid, daß das alles Sie so erregt hat. Ich habe -mir keinen Augenblick erlaubt, gleichviel welche Hintergedanken betreffs -Ihres Verkehrs mit Pjilnikoff zu haben. Ich schätze Ihre freundlichen -und gütigen Gefühle, die Sie zu Ihren Schritten veranlaßt haben, sehr -hoch, -- und keinen Augenblick beurteilte ich die in der Stadt -verbreiteten und bis zu mir gedrungenen Gerüchte anders als wie eine -dumme, sinnlose Verleumdung, die mich aufs tiefste empört hat. Ich hielt -mich um so mehr für verpflichtet, Madame Pjilnikoff davon zu -benachrichtigen, als es möglich war, daß ihr viel entstelltere -Mitteilungen gemacht werden konnten, -- niemals beabsichtigte ich aber, --- Sie irgendwie zu beunruhigen, und hatte nicht geglaubt, daß Madame -Pjilnikoff sich zu Ihnen begeben würde, um Ihnen Vorwürfe zu machen.« - -»Mit Madame Pjilnikoff haben wir uns vollständig ausgesprochen,« sagte -Ludmilla fröhlich, »lassen Sie aber Sascha unsretwegen in Ruh! Wenn -unser Haus für Gymnasiasten so gefährlich ist, so werden wir ihn, wenn -Sie es wünschen, nicht mehr einladen.« - -»Sie sind sehr freundlich zu ihm,« sagte Chripatsch unbestimmt. »Wir -können nichts dagegen einwenden, daß er mit Erlaubnis seiner Tante in -der freien Zeit seine Bekannten aufsucht. Uns liegt die Absicht fern, -die Schülerwohnungen in Zellen zu verwandeln. Bevor übrigens die -Angelegenheit mit dem Herrn Peredonoff noch nicht geregelt ist, wird es -besser sein, wenn Pjilnikoff überhaupt zu Hause bleibt.« - - * * * * * - -Bald wurde die sicher vorgebrachte Lüge der Rutiloffs und Saschas durch -ein schreckliches Ereignis im Hause Peredonoffs bekräftigt. Es -überzeugte die Bürger endgültig davon, daß alle Gerüchte über Sascha und -die Rutiloffs nur die Phantasien eines Irrsinnigen gewesen waren. - - - - - XXXII - - -Es war ein trüber, kalter Tag. Peredonoff kehrte von Wolodin heim. Eine -niederdrückende Angst quälte ihn. - -Die Werschina lockte Peredonoff zu sich in den Garten. Wieder gehorchte -er ihren magischen Bewegungen. Sie gingen in die Laube, über die -feuchten, mit welken, dunklen Blättern bedeckten Wege. In der Laube roch -es dumpf und feucht. Hinter den kahlen Bäumen sah man das Haus mit -seinen geschlossenen Fenstern. - -»Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen,« murmelte die Werschina, -blickte rasch auf Peredonoff und wandte ihre schwarzen Augen gleich -wieder zur Seite. - -Sie trug eine schwarze Jacke und war in ein schwarzes Tuch gehüllt; -zwischen den von der Kälte blauen Lippen hielt sie ihr schwarzes -Mundstück und ließ den dunklen Rauch in dichten Wolken aufsteigen. - -»Ich spucke auf Ihre Wahrheit,« antwortete Peredonoff, »in hohem Maße -spucke ich darauf.« - -Die Werschina lächelte schief und antwortete: - -»Sagen Sie nicht! Sie tun mir furchtbar leid, -- man hat Sie betrogen.« - -Schadenfreude klang aus ihrer Stimme. Böse Worte sprangen ihr von den -Lippen. Sie sprach: - -»Sie hatten auf Protektion gehofft, allein Sie waren zu vertrauensselig. -Man hat Sie betrogen, und Sie haben ohne weiteres geglaubt. Jedermann -kann einen Brief schreiben. Sie mußten wissen, mit _wem_ Sie es zu tun -haben. Ihre Gattin ist eine in den Mitteln nicht wählerische -Persönlichkeit.« - -Peredonoff konnte die gemurmelte Rede der Werschina nur schwer -verstehen; in ihrer Weitschweifigkeit konnte er kaum einen Sinn finden. -Die Werschina fürchtete sich, es laut und deutlich zu sagen: sagte sie -es laut, so hätte jemand es hören können, Warwara hätte es erfahren, und -es hätte Unannehmlichkeiten gegeben, denn Warwara wäre vor einem Skandal -nicht zurückgeschreckt; sagte sie es deutlich, -- so würde Peredonoff -wütend werden, vielleicht würde er sie sogar schlagen. Man müßte ihm -einen Wink geben, daß er es selber erriete. Aber Peredonoff erriet es -nicht. - -Es war ja schon früher vorgekommen, daß man ihm direkt ins Gesicht -gesagt hatte, er wäre betrogen worden, er konnte aber auf keine Weise -darauf kommen, daß die Briefe gefälscht waren, und dachte immer, die -Fürstin selber betröge ihn, -- führte ihn an der Nase herum. - -Endlich sagte die Werschina gerade heraus: - -»Sie glauben wohl, die Fürstin hat die Briefe geschrieben. Jetzt weiß es -aber schon die ganze Stadt, daß die Gruschina sie gefälscht hat, im -Auftrage Ihrer Gattin; die Fürstin weiß von nichts. Fragen Sie, wen Sie -wollen; alle wissen es, -- sie selber haben sich verplappert. Und dann -hat Warwara Dmitriewna Ihnen die Briefe entwendet und verbrannt, damit -es keine Beweisstücke gibt.« - -Dunkle, schwere Gedanken wälzten sich durch Peredonoffs Hirn. Er begriff -nur eins: man hatte ihn betrogen. Aber daß die Fürstin darum nicht -wissen sollte, -- nein, sie weiß es. Nicht umsonst war sie lebendig aus -dem Feuer hervorgegangen. - -»Das von der Fürstin lügen Sie,« sagte er, »ich wollte die Fürstin -verbrennen, konnte es aber nicht: sie hat die Glut totgespuckt.« - -Plötzlich schüttelte ihn eine rasende Wut. Man hatte ihn betrogen! Wild -hieb er mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und ging eilig, ohne -sich zu verabschieden, nach Hause. Erfreut blickte ihm die Werschina -nach, und schwarze Rauchwölkchen lösten sich geschwind von ihrem dunklen -Munde, fegten dahin und wurden vom Winde zerfetzt. - -Peredonoff kochte vor Wut. Als er aber Warwara sah, befiel ihn eine -quälende Angst, und er brachte kein Wort über die Lippen. - -Ganz früh am Morgen des nächsten Tages legte er sich ein Messer zurecht, --- ein kleines Gartenmesser in einer ledernen Scheide; vorsichtig trug -er es in seiner Tasche. Den ganzen Vormittag über, -- bis zu seinem -frühen Mittagessen, -- saß er bei Wolodin. Er sah zu, wie jener -arbeitete und machte dumme Bemerkungen. Wolodin war wie immer froh, daß -Peredonoff sich mit ihm abgab; seine Dummheiten hielt er für witzig. - -Das gespenstische Tierchen tummelte sich den ganzen Tag über um -Peredonoff. Nach dem Essen ließ es ihn nicht schlafen. Es hatte ihn ganz -zerquält. Und dann, als er gegen abend einschlafen wollte, weckte ihn -ein komisches Weib; Gott weiß, woher es gekommen war. Es hatte eine -Stülpnase und war widerlich. Es trat an sein Bett heran und murmelte: - -»Kwas[14] brauen, Pasteten backen, den Braten braten.« - -Es hatte dunkle Wangen, aber seine Zähne blitzten. - -»Geh zum Teufel!« rief Peredonoff. - -Das Weib mit der Stülpnase verschwand, als wäre es nie dagewesen. - - * * * * * - -Es wurde abend. Der Wind heulte dumpf im Schornstein. Ein langsamer -Regen schlug leise und hartnäckig an die Fensterscheiben. Hinter den -Fenstern war alles ganz schwarz. - -Wolodin war bei Peredonoffs, -- Peredonoff hatte ihn noch am Morgen -gebeten, zum Tee zu kommen. - -»Niemand hereinlassen. Hörst du, Klawdjuschka?« schrie Peredonoff. - -[Fußnote 14: Säuerliches Getränk aus Schwarzbrot mit Malz.] - -Warwara schmunzelte. Er brummte: - -»Hier treiben sich Weiber herum. Man muß nachsehen. Eine hat sich zu mir -ins Schlafzimmer gedrängt, -- wollte sich als Köchin verdingen. Aber -wozu brauche ich eine Köchin mit einer Stülpnase.« - -Wolodin lachte, meckerte und sagte: - -»Weiber pflegen auf den Straßen zu sein; zu uns haben sie aber nicht die -geringsten Beziehungen, und wir werden sie nicht an unseren Tisch -heranlassen.« - -Alle drei setzten sich an den Tisch. Man trank Schnaps und aß Piroggen -dazu. Es wurde mehr getrunken als gegessen. - -Peredonoff war finster. Alles war für ihn sinnlos, unzusammenhängend, -plötzlich, -- wie ein Alp. Der Kopf schmerzte ihn fürchterlich. Eine -Vorstellung kehrte hartnäckig wieder, -- Wolodin war sein Feind. Sie -wechselte ab mit dem aufdringlichen, schweren Gedanken: man muß -Pawluschka totschlagen, ehe es zu spät ist. Dann werden alle feindlichen -Listen offenbar werden. - -Wolodin wurde schnell betrunken und schwatzte irgend etwas -Unzusammenhängendes, um Warwara zu unterhalten. - -Peredonoff war erregt. - -»Jemand kommt da,« murmelte er. »Laßt niemand herein. Sagt, ich wäre -fortgefahren um zu beten; ins Schabenkloster.« - -Er fürchtete, Besuch würde ihn stören. Wolodin und Warwara amüsierten -sich; sie dachten, er wäre nur betrunken. Sie zwinkerten einander zu, -gingen einzeln an die Tür, klopften, sprachen mit verstellten Stimmen: - -»Ist der General Peredonoff zu Hause?« - -»Dem General Peredonoff -- der Stern mit Brillanten.« - -Aber Peredonoff hatte heute kein Verlangen nach dem Stern. - -»Nicht hereinlassen!« schrie er. »Jagt sie zum Teufel. Sie sollen morgen -früh kommen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu.« - -Nein, dachte er, heute muß ich fest sein. Heute wird alles klar werden. -Aber noch sind die Feinde zu allem Möglichen fähig, um ihn desto -sicherer umzubringen. - -»Wir haben sie fortgejagt; sie bringen den Stern morgen früh,« sagte -Wolodin und setzte sich wieder an den Tisch. - -Peredonoff fixierte ihn mit seinen trüben Augen und fragte: - -»Bist du mein Freund oder mein Feind?« - -»Dein Freund, dein Freund, Ardascha!« antwortete Wolodin. - -»Der Busenfreund ist soviel wert, wie die Schabe unterm Herd,« sagte -Warwara. - -»Nicht Schabe, sondern Schaf,« verbesserte Peredonoff. »Wollen wir -trinken, Pawluschka, aber nur wir beide. Auch du, Warwara, -- trink; -wollen wir alle zusammen trinken, wir beide.« - -Wolodin kicherte. - -»Wenn auch Warwara Dmitriewna mit uns trinkt, so trinken wir nicht zu -zweit, sondern zu dritt,« erklärte er. - -»Zu zweit,« wiederholte Peredonoff mürrisch. - -»Mann und Frau: eine Sau,« sagte Warwara und lachte laut. - -Bis zum letzten Augenblick vermutete Wolodin nicht, daß Peredonoff ihn -ermorden wolle. Er meckerte, schwatzte Dummheiten, betrug sich läppisch, -brachte Warwara zum Lachen. - -Aber Peredonoff dachte den ganzen Abend an sein Messer. Wenn Wolodin -oder Warwara sich ihm von jener Seite näherten, wo er das Messer -verwahrt hatte, so schrie er sie wütend an, -- sie sollten fortgehen. -Einigemal zeigte er auf die Tasche und sagte: - -»Hier, Freundchen, habe ich so ein Ding, daß du, Pawluschka, kreischen -wirst.« - -Warwara und Wolodin lachten. - -»Kreischen kann ich immer, Ardascha,« sagte Wolodin, »kräh, kräh! Es ist -sogar sehr einfach!« - -Rot im Gesicht, betäubt vom Schnaps kreischte Wolodin und schob seine -Lippen vor. Er wurde immer gemeiner in seiner Art mit Peredonoff -umzugehen. - -»Man hat dich übers Ohr gehauen, Ardascha,« sagte er -wegwerfend-mitleidig. - -»_Ich_ hau dich übers Ohr!« brüllte Peredonoff auf. - -Schrecklich und drohend schien ihm Wolodin. Er mußte sich verteidigen. - -Schnell riß er das Messer heraus, stürzte sich auf Wolodin und stach ihn -in den Hals. Das Blut spritzte im Bogen. - -Peredonoff erschrak. Das Messer entfiel seiner Hand. - -Wolodin röchelte und wollte mit den Händen an den Hals greifen. Es war -ihm anzusehen, daß er zu Tode erschrocken war, immer schwächer wurde und -die Hände nicht mehr bis zum Halse heben konnte. Plötzlich erstarrte er -und fiel auf Peredonoff. Ein stoßweises Gewinsel entrang sich seiner -Brust, als käme er an Atem zu kurz, -- dann wurde er still. Vor -Entsetzen winselte auch Peredonoff und dann, -- nach ihm, -- Warwara. - -Peredonoff stieß Wolodin von sich. Schwer fiel er zu Boden. Er röchelte, -zuckte mit den Beinen und starb. Seine starr hinaufgerichteten Augen -verglasten. - -Aus dem Nebenzimmer kam der Kater, roch am Blut und miaute böse. Warwara -stand wie erstarrt. Auf den Lärm kam Klawdja gelaufen. - -»Herr des Himmels! Mord! Mord!« kreischte sie. - -Warwara kam zur Besinnung und lief schreiend mit Klawdja zum Zimmer -hinaus. - -Die Kunde vom Geschehenen verbreitete sich schnell. Die Nachbarn -versammelten sich auf dem Hof, auf der Straße. Lange wagte es keiner, -ins Eßzimmer zu gehen. - -Sie blickten hinein, flüsterten. Peredonoff starrte mit irren Augen auf -den Leichnam; hinter der Tür hörte er Geflüster ... Eine stumpfe Angst -schnürte ihm die Brust. Er hatte keine klaren Gedanken mehr. - -Endlich faßte man Mut, man trat ein, -- Peredonoff saß mürrisch da und -murmelte unzusammenhängende, sinnlose Worte. - - - Ende. - - - Im gleichen Verlage erschien: - - M. Artzibaschew - - - Ssanin - - Roman - - Einzig autorisierte deutsche Übersetzung von - André Villard und S. Bugow - - -- 8. Auflage -- - - Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50 - - Dieser Roman, der in Rußland eine sexuelle Revolution auslöste - und bei Erscheinen der 2. Auflage wegen seiner beispiellosen - Wirkungen konfisziert wurde, erregte auch in Deutschland - gewaltiges Aufsehen. Fast einstimmig erkannte die deutsche - Presse, und darunter namhafte Kritiker, den literarischen Wert - und die außerordentlich hohe kulturgeschichtliche Bedeutung des - Werkes an. - - _Kurt Aram_ schrieb in der »Frankfurter Ztg.«: - - »Es wirkt fast wie tragische Ironie, daß dem Prediger der - Kreutzersonate gerade in diesen Tagen dieser Gegner erwuchs, - dessen »Ssanin« die schärfste Reaktion gegen Tolstois - Weltanschauung bedeutet. Gleich sind beide nur in ihrer - leidenschaftlichen Einseitigkeit. Verdammt Tolstoi den - Geschlechtsgenuß und rückt er um seinetwillen sogar der Ehe zu - Leibe, so bedeutet für den jungen Ssanin der Geschlechtsgenuß - das einzige, um dessentwillen zu leben sich lohnt. Darüber wird - in unserem Roman sehr viel disputiert, und zwar durchaus nicht in - frivoler Weise, sondern mit fast fanatischem, echt russischem - Ernst. ... ein Buch von guter literarischer Qualität, dessen - größter Wert jedoch sicherlich darin besteht, _ein wichtiges - Dokument zum Verständnis für den völligen Umschwung im Leben, - Fühlen und Handeln der russischen Intelligenz abzugeben_.« - - _Willy Rath_ urteilt im »Kunstwart«: - - »Es zeigt sich, daß »Ssanin« bestimmt keine Pornographie enthält, - daß das Sexuelle darin nicht einmal gedanklich die - Alleinherrschaft übt, sondern eine weitere, ganz geistige - Anschauung den Ursprung bildet. Freilich bringt diese es mit - sich, daß auch die Frage der Geschlechtsliebe höchst - rücksichtslos erörtert und verwegen beantwortet wird; das Buch - ist nur reifen Menschen in die Hand zu geben.« - - _Robert Saudek_ sagt in einem »Eine neue Kreutzersonate« - überschriebenen Feuilleton: - - »_Seit Tolstois Kreutzersonate hat kein belletristisches Werk in - Rußland eine ähnliche Wirkung ausgeübt._ Bei der Lektüre - dieses Buches, bei seiner Schilderung der Frauen hat man das - Gefühl, als ob man am ersten Frühlingstag nach einem düstern - Winter auf die Straße träte.« - - Der Kritiker der »Berliner Morgenpost« schrieb: - - »Artzibaschew gehört seit seinem Ssanin zu den Dichtern, deren - Name unumgänglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknüpft ist. - Selbst wenn er nicht durch seine künstlerischen Qualitäten zu - _einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur - Rußlands_ geworden wäre, hätten ihm doch kulturhistorische Gründe - bleibende Bedeutung gegeben. _Man wird die gegenwärtige - Epoche_, also die, welche die revolutionäre ablöste, - _psychologisch und sozialistisch nicht beurteilen können, ohne - den Ssanin_ als ihren charakteristischen Niederschlag in den - Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen ... Die Personen und - Charaktere gehen weit über das Einzelinteresse hinaus: sie - stellen Menschheitstypen dar, deren äußere Charakterformen sich - in jeweiligen Epochen anders spiegeln mögen, deren innere - Wahrhaftigkeit und Treue aber unvergänglich bleiben wird ... - Ssanin ist sicher für sein Land zu einem der revolutionärsten - Werke der Weltliteratur geworden.« - - - Ferner erschien im gleichen Verlage: - - M. Artzibaschew - - - Millionen - und andere Novellen - - Einzig autorisierte deutsche Übertragung von - André Villard und S. Bugow - - -- 3. Auflage -- - - Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50 - - Schon vor Erscheinen des »Ssanin« trat Artzibaschew durch seine - Novellen an die Spitze der jungrussischen Literatur. Er war der - erste, der rein erotische Probleme zum Ausgangspunkt seines - dichterischen Schaffens nahm. Mit tiefem psychologischen - Verständnis zergliedert er die geistige Entwicklung der modernen - Russen und baut dann auf der Grundlage seiner seelischen Analysen - seine starke überschäumende Handlung auf. Prächtige Arbeiten - dieser Art sind die beiden Novellen dieses Bandes: »Millionen« - und »Der Tod des Iwan Lande«. Mit gleichem Beifall wie Ssanin - wurde dieser Novellenband aufgenommen, ja es mag Artzibaschews - Künstlertum in diesen Erzählungen einen noch gesteigerten - Ausdruck gefunden haben. - - _Ludwig Bauer_ schrieb u. a. in einer sehr anerkennenden - Besprechung in den »Münchener Neuesten Nachrichten«: »Die erste - Erzählung schildert uns die Leiden des Millionärs Mishujew, die - zweite jene des Iwan Lande, eines wahren Christen, der an die - Menschen glaubt. Diese beiden Seelen werden vor uns mit so - behutsamer Hand ausgebreitet, wie nur Dichterhände es vermögen - ... Die beiden Erzählungen könnten literarisch Anlaß zu noch - manchem Tadel geben. Aber -- was ist Literatur? Hier ist - Besseres: Seele.« - - - Druck von Mänicke u. Jahn, Rudolstadt. - - - Anmerkungen zur Transkription - -Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten. -Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere -Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen Originaltextes, -sind hier aufgeführt (vorher/nachher): - - [S. 53]: - ... Oder ist dir die Warja nach immer nicht ... - ... Oder ist dir die Warja noch immer nicht ... - - [S. 67]: - ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug da ... - ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug, da ... - - [S. 72]: - ... wäre, unehrerbietig über hohe Beamten zu reden. ... - ... wäre, unehrerbietig über hohe Beamte zu reden. ... - - [S. 90]: - ... beachten, »sie hat einen Geliebten einen Polen. ... - ... beachten, »sie hat einen Geliebten, einen Polen. ... - - [S. 97]: - ... »Ja, ihr Polen, seid doch immer bereit, loszuschlagen; ... - ... »Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; ... - - [S. 104]: - ... lachst du in der Kirche. Warte nur, ich werde ... - ... lachst du in der Kirche? Warte nur, ich werde ... - - [S. 105]: - ... Weg einschlug, »gehen Sie nicht nach Hause.« ... - ... Weg einschlug, »gehen Sie nicht nach Hause?« ... - - [S. 143]: - ... »Haben Sie etwas in Aussicht,« fragte Weriga. ... - ... »Haben Sie etwas in Aussicht?« fragte Weriga. ... - - [S. 166]: - ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundene ... - ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen ... - - [S. 186]: - ... Schurken, die Söhne des Schlossers Andrejeff. ... - ... Schurken, die Söhne des Schlossers Ardejeff. ... - - [S. 187]: - ... schließlich sagten sie, Tscherepnikoff hätte sie bestochen. ... - ... schließlich sagten sie, Tscherepin hätte sie bestochen. ... - - [S. 201]: - ... bei dessen Vater, einem Bierbauer, verklagt, ... - ... bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, ... - - [S. 234]: - ... Augen machten ihn nach vergnügter. ... - ... Augen machten ihn noch vergnügter. ... - - [S. 286]: - ... lassen.« ... - ... lassen?« ... - - [S. 317]: - ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung wiederstand ... - ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand ... - - [S. 347]: - ... Sapierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ... - ... Spazierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ... - - [S. 371]: - ... bewachsen und hatten Hufen statt der Füße. Anstelle ... - ... bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle ... - - [S. 374]: - ... Verwirrung, der morsche Chaos, während die ... - ... Verwirrung, das morsche Chaos, während die ... - - [S. 374]: - ... Entsetzen wiederspiegelten, nur vergleichbar dem ... - ... Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem ... - - [S. 376]: - ... wichtige Papiere gestohlen hätte. ... - ... wichtigen Papiere gestohlen hätte. ... - - [S. 407]: - ... erfahren würde, und daß auf diesem oder jenen ... - ... erfahren würde, und daß auf diesem oder jenem ... - - [S. 425]: - ... »Deu Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte ... - ... »Der Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte ... - - [S. 443]: - ... Das Feuer machte rasche Fortschritt. Die Menschen ... - ... Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen ... - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der kleine Dämon, by Fjodor Sologub - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KLEINE DÄMON *** - -***** This file should be named 57741-8.txt or 57741-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/7/7/4/57741/ - -Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part -of this license, apply to copying and distributing Project -Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm -concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark, -and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive -specific permission. If you do not charge anything for copies of this -eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook -for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports, -performances and research. They may be modified and printed and given -away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks -not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or -destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your -possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a -Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound -by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the -person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph -1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this -agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm -electronic works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the -Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection -of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual -works in the collection are in the public domain in the United -States. If an individual work is unprotected by copyright law in the -United States and you are located in the United States, we do not -claim a right to prevent you from copying, distributing, performing, -displaying or creating derivative works based on the work as long as -all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope -that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting -free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm -works in compliance with the terms of this agreement for keeping the -Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily -comply with the terms of this agreement by keeping this work in the -same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when -you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are -in a constant state of change. If you are outside the United States, -check the laws of your country in addition to the terms of this -agreement before downloading, copying, displaying, performing, -distributing or creating derivative works based on this work or any -other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no -representations concerning the copyright status of any work in any -country outside the United States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other -immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear -prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work -on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the -phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, -performed, viewed, copied or distributed: - - This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and - most other parts of the world at no cost and with almost no - restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it - under the terms of the Project Gutenberg License included with this - eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the - United States, you'll have to check the laws of the country where you - are located before using this ebook. - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is -derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not -contain a notice indicating that it is posted with permission of the -copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in -the United States without paying any fees or charges. If you are -redistributing or providing access to a work with the phrase "Project -Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply -either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or -obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm -trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any -additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms -will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works -posted with the permission of the copyright holder found at the -beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including -any word processing or hypertext form. However, if you provide access -to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format -other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official -version posted on the official Project Gutenberg-tm web site -(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense -to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means -of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain -Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the -full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works -provided that - -* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed - to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has - agreed to donate royalties under this paragraph to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid - within 60 days following each date on which you prepare (or are - legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty - payments should be clearly marked as such and sent to the Project - Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in - Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg - Literary Archive Foundation." - -* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or destroy all - copies of the works possessed in a physical medium and discontinue - all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm - works. - -* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of - any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days of - receipt of the work. - -* You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project -Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than -are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing -from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The -Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm -trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -works not protected by U.S. copyright law in creating the Project -Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm -electronic works, and the medium on which they may be stored, may -contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate -or corrupt data, transcription errors, a copyright or other -intellectual property infringement, a defective or damaged disk or -other medium, a computer virus, or computer codes that damage or -cannot be read by your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium -with your written explanation. The person or entity that provided you -with the defective work may elect to provide a replacement copy in -lieu of a refund. If you received the work electronically, the person -or entity providing it to you may choose to give you a second -opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If -the second copy is also defective, you may demand a refund in writing -without further opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO -OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT -LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of -damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement -violates the law of the state applicable to this agreement, the -agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or -limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or -unenforceability of any provision of this agreement shall not void the -remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in -accordance with this agreement, and any volunteers associated with the -production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm -electronic works, harmless from all liability, costs and expenses, -including legal fees, that arise directly or indirectly from any of -the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this -or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or -additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any -Defect you cause. - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of -computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It -exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations -from people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future -generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see -Sections 3 and 4 and the Foundation information page at -www.gutenberg.org - - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - |
