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-The Project Gutenberg EBook of Der kleine Dämon, by Fjodor Sologub
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der kleine Dämon
-
-Author: Fjodor Sologub
-
-Translator: Reinhold von Walter
-
-Release Date: August 22, 2018 [EBook #57741]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KLEINE DÄMON ***
-
-
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-
-Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
-Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-
- Fjodor Ssologub
- Der
- kleine Dämon
-
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-
- Der
- kleine Dämon
-
-
- Roman
- von
- Fjodor Ssologub
-
- Autorisierte Uebertragung aus dem Russischen
- von Reinhold von Walter.
-
- Dritte Auflage.
-
-
- München und Leipzig
- bei Georg Müller
- 1909
-
-
-
-
- I
-
-
-Der Festgottesdienst am Nachmittage war aus und die Kirchenbesucher
-gingen auseinander. Innerhalb der steinernen, weißgetünchten Umfriedung
-standen noch einige Leute unter den alten Linden und Ahornbäumen und
-plauderten. Sie hatten Sonntagskleider an und blickten froh aus den
-Augen. Es hatte den Anschein, als wäre das Leben in dieser Stadt ein
-friedliches und freundliches, -- ja sogar ein fröhliches. Aber das
-schien alles nur so.
-
-Bei seinen Freunden stand der Gymnasiallehrer Peredonoff. Seine kleinen,
-verquollenen Augen schielten verdrießlich durch die goldene Brille, und
-er sagte:
-
-»Sie selbst, die Fürstin Woltschanskaja, hat es der Warja versprochen;
-das stimmt jedenfalls. Heiraten Sie ihn nur, hat sie gesagt, dann werde
-ich ihm eine Inspektorstelle verschaffen.«
-
-»Wie kannst du denn Warwara Dmitriewna heiraten?« fragte Falastoff; er
-hatte ein rotes Gesicht, »sie ist doch verwandt mit dir! Gibt es so ein
-neues Gesetz, daß Verwandte[1] heiraten dürfen?«
-
-Alle lachten. Das frische, für gewöhnlich gleichmäßig schläfrige Gesicht
-Peredonoffs wurde böse.
-
-[Fußnote 1: Ein nicht wiederzugebendes Wortspiel, denn für »Schwester«
-und »Cousine« gilt im Russischen ein Wort.]
-
-»Kusine im dritten Grade,« fuhr er auf und stierte wütend an seinen
-Freunden vorbei.
-
-»Hat es die Fürstin dir persönlich versprochen?« fragte Rutiloff. Er war
-groß, blaß und stutzerhaft gekleidet.
-
-»Mir nicht, aber Warja,« antwortete Peredonoff.
-
-»Sieh mal an, und das glaubst du?« sagte Rutiloff lebhaft. »Sagen kann
-man alles. Und warum bist _du_ nicht bei der Fürstin gewesen?«
-
-»Begreife doch, ich ging zusammen mit Warja hin, sie war aber nicht zu
-Hause, nur um fünf Minuten kamen wir zu spät,« erzählte Peredonoff,
-»aufs Land war sie gefahren und kommt erst nach drei Wochen zurück; ich
-konnte ganz unmöglich so lange warten, mußte hierher zurück wegen der
-Prüfungen.«
-
-»Verdächtig ist es doch,« sagte Rutiloff und lachte; dabei sah man seine
-angefaulten Zähne.
-
-Peredonoff wurde nachdenklich. Die übrigen verabschiedeten sich, nur
-Rutiloff blieb bei ihm stehn.
-
-»Das ist selbstverständlich,« sagte Peredonoff, »jede könnte ich
-heiraten, wenn ich nur wollte. Warwara ist nicht die einzige.«
-
-»Natürlich, Ardalljon Borisowitsch, jede würde Sie nehmen,« bestätigte
-Rutiloff.
-
-Sie traten aus der Umfriedung heraus und gingen langsam über den
-staubigen, ungepflasterten Platz.
-
-Peredonoff sagte:
-
-»Was nur die Fürstin sagen wird; sie wird sich ärgern, wenn ich Warwara
-den Laufpaß gebe.«
-
-»Ach was, die Fürstin,« sagte Rutiloff, »was hast du mit der zu
-schaffen! Vor allem soll sie dir die Stelle besorgen, nachher kannst du
-dich immer noch herauslügen. Wie stellst du dir das eigentlich vor, so
-einfach ins Blaue herein, ohne jede Sicherheit!«
-
-»Das ist richtig,« gab Peredonoff nachdenklich zu.
-
-»So sag es auch der Warja,« beredete Rutiloff, »in erster Linie die
-Stelle; weiß Gott, großes Vertrauen habe ich nicht zu der Sache. Hast du
-aber die Stelle, dann heirate doch wen du willst. Nimm doch eine von
-meinen Schwestern; drei sind da, wähle ganz nach Belieben. Es sind
-gebildete, kluge Mädchen; ohne zu prahlen, aber so wie Warwara sind sie
-nicht. _Die_ reicht ihnen nicht das Wasser!«
-
-»So,« brummte Peredonoff.
-
-»Freilich. Was ist an deiner Warwara? Hier, riech mal.«
-
-Rutiloff bückte sich, pflückte ein behaartes Bilsenkraut, zerquetschte
-die Blätter und die schmutzigweißen Blüten in seiner Hand, zerrieb alles
-und hielt diesen Brei Peredonoff vor die Nase. Der schnitt eine
-Grimasse, so unangenehm schwer war der Geruch. Rutiloff sagte:
-
-»Zum Zerquetschen und zum Fortwerfen, das ist die ganze Warwara. _Sie_
--- und meine Schwestern! Lieber Freund, das ist ein gewaltiger
-Unterschied. Fesche Mädels durch und durch, -- gleichviel welche von den
-dreien, schlafen wird dich keine lassen. Dabei jung, sogar die älteste
-ist dreimal jünger als deine Warwara.«
-
-Das alles sagte Rutiloff, seiner Art nach, schnell und fröhlich,
-lächelnd; -- er machte einen schwindsüchtigen Eindruck: so
-hochaufgeschossen, schmalbrüstig, zerbrechlich, wie er war und unter
-seinem neumodischen Hute starrte fast traurig dünnes, kurzgeschorenes
-Blondhaar hervor.
-
-»Ach geh doch, dreimal jünger ...« sagte Peredonoff teilnahmlos. Er nahm
-seine goldene Brille ab und wischte an den Gläsern.
-
-»Freilich ist es so,« sagte Rutiloff lebhaft. »Sieh nur zu und schlaf
-nicht, solange ich noch lebe, sonst -- du weißt, sie haben auch ihre
-Ehre, -- dann wirst _du_ später wollen, nur zu spät. Allerdings weiß
-ich, daß jede von ihnen dich mit größtem Vergnügen heiraten würde.«
-
-»Ja, hier verlieben sich alle in mich,« prahlte Peredonoff.
-
-»Nun sieh mal, ergreife den Augenblick,« überredete Rutiloff.
-
-»Mir kommt es vor allem auf eines an: sie darf nicht mager sein,« sagte
-Peredonoff mit einem leisen Ton von Schwermut, »ich möchte eine
-dickere.«
-
-»Da kannst du ruhig sein,« sagte Rutiloff eifrig. »Sie sind schon jetzt
-ziemlich rundlich. Haben sie noch nicht den nötigen Umfang, so ist das
-gewiß nur zeitweilig. Wenn sie heiraten, gehen sie alle in die Breite.
-Zum Beispiel die älteste: Larissa, du weißt ja, sie ist dick wie ein
-gemästeter Karpfen.«
-
-»Ich würde ja heiraten,« sagte Peredonoff, »ich bin nur bange vor dem
-großen Skandal, den Warja inszenieren könnte.«
-
-»Du fürchtest einen Skandal? Dann mach es so,« und Rutiloff lächelte
-listig, »heirate gleich, heute noch, oder morgen: dann kommst du nach
-Hause mit deiner jungen Frau, -- es ist so einfach. Nein -- wirklich, --
-willst du, ich werde alles Nötige besorgen, zu morgen Abend,
-meinetwegen? Welche willst du haben?«
-
-Peredonoff lachte auf einmal aus vollem Halse, abgerissen und laut.
-
-»Na, paßt es dir, -- bist du einverstanden -- ja?« fragte Rutiloff.
-
-Ebenso plötzlich hörte Peredonoff zu lachen auf und sagte finster,
-leise, fast flüsternd:
-
-»Die Kanaille wird mich angeben.«
-
-»Sie wird dich nicht angeben, da ist ja nichts zum Angeben,« beteuerte
-Rutiloff.
-
-»Oder vergiften,« flüsterte voller Angst Peredonoff.
-
-»Ich sag dir doch, verlaß dich auf mich,« beredete Rutiloff, »ich werde
-dir alles tadellos einrichten.«
-
-»Ohne Mitgift werde ich doch nicht heiraten,« schrie Peredonoff böse.
-
-Rutiloff war nicht erstaunt über den neuen Gedankensprung seines
-finstren Parten.
-
-Immer gleich eifrig antwortete er:
-
-»Merkwürdiger Mensch; glaubst du denn, daß sie ohne Mitgift sind! Also
--- ist es abgemacht -- ja? Hör -- ich werde laufen und alles einrichten.
-Nur eins, merke wohl: keinem ein Sterbenswörtchen von der Sache! --
-hörst du -- keinem einzigen!«
-
-Er schüttelte Peredonoff die Hand und eilte davon. Peredonoff blickte
-ihm schweigend nach. Er dachte an die Rutiloffschen Mädchen: so lustig
-waren sie, so komisch. Ein unkeuscher Gedanke wurde zu einem gemeinen
-Lächeln auf seinen Lippen, -- aber nur für einen Augenblick, dann
-verschwand es wieder. Eine dunkle Unruhe erfaßte ihn.
-
-Was nur die Fürstin sagen wird, dachte er. Die da haben die Groschen,
-aber keine Protektion, -- heirate ich Warwara, so erhalte ich den
-Inspektorposten, später wird man mich zum Direktor ernennen. --
-
-Er blickte dem eifrig davoneilenden Rutiloff nach und dachte
-schadenfroh: Mag er nur laufen! Und dieser Gedanke gab ihm ein welkes
-und schattenhaftes Vergnügen. Es wurde ihm langweilig, allein zu sein,
-er drückte den Hut in die Stirn, runzelte die blonden Augenbrauen und
-ging schnell nach Hause durch öde, ungepflasterte Straßen, auf denen
-weißblumiges, kriechendes Mastkraut, Kresse und in Schmutz getretenes
-Gras wucherten.
-
-Jemand rief ihn schnell und leise.
-
-»Ardalljon Borisowitsch, kommen Sie zu uns.«
-
-Peredonoff blickte aus düstern Augen auf und sah böse über das Gitter.
-Hinter einem Zaun im Garten stand Natalja Afanasjewna Werschina, eine
-kleine, dürre, dunkelfarbige Person, ganz in Schwarz gekleidet und
-schwarz waren auch ihre Augen und ihre Brauen. Sie rauchte eine
-Zigarette aus einem kleinen dunkelfarbigen Weichselrohr und lächelte so
-leichthin, als wüßte sie um Angelegenheiten, von denen man nicht
-spricht, über die man aber lächelt. Weniger mit Worten, als mit
-leichten, schnellen Bewegungen rief sie Peredonoff in ihren Garten; sie
-öffnete das Pförtchen, trat zur Seite, lächelte bittend, fast
-vertrauensvoll und bedeutete mit den Händen: Tritt doch ein, was stehst
-du da.
-
-Und Peredonoff trat ein: er fügte sich ihren magischen, lautlosen
-Bewegungen. Dann blieb er sofort auf dem Kieswege stehen, auf dem
-trocknes Reisig umherlag, -- und sah nach der Uhr.
-
-»Es ist Frühstückszeit,« brummte er. Die Uhr gehörte ihm schon lange,
-aber wie immer in Gegenwart anderer, blickte er voll Wohlgefallen auf
-den großen, goldenen Doppeldeckel. Es war zwanzig Minuten vor zwölf.
-Peredonoff entschloß sich, kurze Zeit zu bleiben. Verdrießlich ging er
-auf den Gartenwegen hinter der Werschina her, vorüber an kahlen
-Johannisbeersträuchern, an Himbeerbüschen und Stachelbeerstauden. Reifes
-Obst und späte Blumen ließen den Garten ganz bunt erscheinen. Da waren
-verschiedene Fruchtbäume, Sträucher und Laub: niedrige weitverzweigte
-Apfelstämme, rundblättrige Birnbäume, Linden, Kirschen mit ihren
-glatten, glänzenden Blättern, Pflaumen und Je-länger-je-lieber. In den
-Hollunderbüschen leuchteten rote Beeren. Am Zaune wucherte dichtgesätes,
-sibirisches Geranium: ganz kleine blaßrosa Blüten mit purpurfarbenem
-Geäder. Silberdisteln reckten aus den Büschen ihre dunkelroten,
-stachligen Köpfchen. Ganz hinten stand ein kleines, graues Holzhaus, ein
-Einfamilienhaus, mit einem breit in den Garten vorgebauten Flur. Es sah
-lieb und wohnlich aus. Hinter dem Hause konnte man ein Stückchen vom
-Gemüsegarten sehen. Da schaukelten vertrocknete Mohnkapseln im Winde,
-und große, gelblichweiße Maßliebchen; halbwelke Kronen gelber
-Sonnenblumen nickten leise. Mitten unter Küchenkräutern streckten sich
-weiße Schierlingsdolden und bleicher, purpurfarbener Storchschnabel. Da
-blühte blaßgelber Hahnenfuß und niedriger Löwenzahn.
-
-»Waren Sie im Vespergottesdienst,« fragte die Werschina.
-
-»Ja,« antwortete Peredonoff ärgerlich.
-
-»Eben kam auch Martha zurück,« erzählte die Werschina, »sie geht oft in
-unsere Kirche. Das kommt mir so komisch vor: um wessentwillen gehen Sie
-eigentlich in _unsere_ Kirche, Martha? fragte ich. Sie wurde rot und
-schwieg. Kommen Sie, wollen wir uns in die Laube setzen,« sagte sie
-schnell und ohne jeden Uebergang.
-
-Im Schatten eines breitastigen Ahornbaumes stand eine ganz alte, graue
-Laube, -- drei Stufen führten hinauf, -- es war nur eine bemooste Diele,
-ein niedriges Geländer und sechs plumpe, geschnitzte Säulen, die das
-sechsseitig abfallende Dach stützten.
-
-In der Laube saß Martha, noch im Sonntagskleide. Es war hell, mit
-Bändern verziert und stand ihr nicht. Kurze Aermel ließen ihre eckigen,
-roten Ellenbogen und die großen, starken Hände frei. Martha war übrigens
-nicht häßlich. Ihre Sommersprossen verunzierten sie nicht. Sie galt
-sogar für recht hübsch, besonders unter den Polen, ihren Landsleuten,
-und Polen gab es nicht wenige in der Stadt.
-
-Martha drehte Zigaretten für die Werschina. Ungeduldig wartete sie
-darauf, daß Peredonoff sie ansehen würde, und wie er dann entzückt sein
-würde. Dieser Wunsch war in einer Miene unruhiger Liebenswürdigkeit auf
-ihrem gutmütigen Gesichte zu lesen. Das hatte seinen einfachen Grund
-darin, daß Martha in Peredonoff verliebt war. Die Werschina wollte sie
-an den Mann bringen, denn Marthas Familie war groß. Schon vor einigen
-Monaten, bald nach dem Begräbnis des altersschwachen Mannes der
-Werschina, war Martha zu ihr gezogen. Sie wollte sich der Werschina
-dankbar erweisen für alle erwiesene Freundlichkeit, auch für all das,
-was für ihren Bruder getan wurde. Er war Gymnasiast und lebte ebenfalls
-als Gast bei der Werschina.
-
-Die Werschina und Peredonoff kamen in die Laube. Peredonoff grüßte
-verdrießlich und setzte sich; er suchte sich einen Platz aus, der durch
-eine der Säulen Schutz vor dem Winde bot, er wollte seine Ohren vor dem
-Zugwinde schützen. Er blickte auf Marthas gelbe Schuhe, die mit rosa
-Ponpons verziert waren und dachte dabei, daß man ihn zum Heiraten
-einfangen wolle. Das dachte er aber immer, wenn er junge Damen sah, die
-zu ihm liebenswürdig waren. An Martha sah er nur Nachteiliges, -- viele
-Sommersprossen, große Hände, dazu noch die grobe Haut. Er wußte, daß ihr
-Vater, ein kleiner polnischer Edelmann, sechs Werst vor der Stadt ein
-Gesinde in Pacht hatte; kleine Einkünfte und viele Kinder; Martha hatte
-das Progymnasium absolviert, der Sohn besuchte noch das Gymnasium und
-die übrigen Kinder waren noch jünger.
-
-»Kann ich Ihnen Bier anbieten?« fragte die Werschina.
-
-Auf dem Tische standen Gläser, zwei Flaschen Bier, Grieszucker in einer
-Blechdose und daneben lag ein vom Bier benetztes Löffelchen aus
-Melchiormetall.
-
-»Werde trinken,« sagte kurz angebunden Peredonoff. Die Werschina blickte
-auf Martha. Martha füllte ein Glas, rückte es zu Peredonoff und dabei
-spielte auf ihrem Gesicht ein merkwürdiges Lächeln, halb erschrocken,
-halb freudig. Die Werschina sagte rasch -- so, als hätte sie die Worte
-ausgestreut:
-
-»Tun Sie Zucker ins Bier?«
-
-Martha reichte Peredonoff die Blechdose mit dem Zucker. Aber Peredonoff
-sagte ärgerlich:
-
-»Nein, das ist eine Schweinerei, Bier mit Zucker.«
-
-»Nicht doch, es schmeckt sehr gut,« sprach eintönig und rasch die
-Werschina.
-
-»Sehr gut schmeckt es,« sagte Martha.
-
-»Es ist eine Schweinerei«, wiederholte Peredonoff und blickte böse auf
-den Zucker.
-
-»Wie Sie wollen,« sagte die Werschina und im selben Tonfall, ohne eine
-Pause zu machen, ohne jeden Uebergang redete sie von anderen Dingen:
-»Tscherepin wird langweilig,« sagte sie und lachte.
-
-Auch Martha lachte, Peredonoff blickte gleichgültig drein: er nahm
-keinen Anteil an fremden Angelegenheiten, er liebte die Menschen nicht
-und dachte nie anders an sie, als in Verbindung mit seinem eignen
-Nutzen. Die Werschina lächelte selbstzufrieden und sagte:
-
-»Er glaubt, ich würde ihn nehmen.«
-
-»Er ist ungeheuer frech,« sagte Martha, nicht darum, weil sie das
-dachte, sondern weil sie der Werschina etwas Schmeichelhaftes und
-Angenehmes sagen wollte.
-
-»Gestern lauerte er am Fenster,« erzählte die Werschina. »Er hatte sich
-in den Garten geschlichen, als wir zu Abend speisten. Unter dem Fenster
-stand eine Wassertonne; wir hatten sie in den Regen gestellt, und sie
-war voll bis an den Rand. Obendrauf lagen Bretter, so daß man das Wasser
-nicht sehen konnte. Er kriecht hinauf und guckt durchs Fenster. Bei uns
-brennt die Lampe, so daß er uns sah, wir ihn aber nicht. Auf einmal
-hören wir ein Getöse. Ganz erschreckt laufen wir hinaus. Und das war er;
-direkt ins Wasser gefallen. Aber noch bevor wir hingekommen waren, hatte
-er, naß wie er war, das Weite gesucht, -- und nur auf dem Wege eine
-feuchte Spur hinterlassen. Und außerdem erkannten wir ihn noch an seinem
-Rücken.«
-
-Martha lachte fein und fröhlich, so wie ein gut gesittetes Kind lachen
-muß. Die Werschina hatte alles schnell und eintönig erzählt, als streute
-sie die Worte, -- so pflegte sie immer zu sprechen, -- plötzlich schwieg
-sie still, saß ganz ruhig da und lächelte mit dem einen Mundwinkel,
-dabei legte sich ihr dürres, dunkles Gesicht in lauter Falten und ihre
-vom Zigarettenrauchen geschwärzten Zahnreihen waren leicht geöffnet.
-Peredonoff dachte nach und auf einmal lachte er. Das war immer so. Er
-verstand einen Witz nie gleich, er war schwerfällig und stumpf für neue
-Eindrücke.
-
-Die Werschina rauchte eine Zigarette nach der andern. Ohne Zigaretten
-konnte sie nicht leben.
-
-»Wir werden bald Nachbarn sein,« erklärte Peredonoff.
-
-Die Werschina warf einen schnellen Blick auf Martha. Diese wurde ein
-wenig rot, blickte in banger Erwartung auf Peredonoff und sah dann
-sofort wieder in den Garten.
-
-»Sie ziehen um?« fragte die Werschina, »warum denn?«
-
-»Ich lebe zu weit vom Gymnasium,« erklärte Peredonoff.
-
-Die Werschina lächelte ungläubig. Sie dachte nämlich, daß Peredonoff in
-die Nähe von Martha ziehen wolle.
-
-»Aber Sie leben doch schon seit einigen Jahren in der Wohnung,« sagte
-sie.
-
-»Außerdem ist meine Wirtin ein Aas,« sagte Peredonoff wütend.
-
-»Wirklich?« fragte die Werschina ungläubig und lächelte schief.
-
-Peredonoff wurde lebendiger.
-
-»Neue Tapeten hat sie angekleistert, ganz gemeine Tapeten,« berichtete
-er, »kein Stück paßt zum andern. So ist im Speisezimmer über der Tür ein
-ganz anderes Muster; -- überall im Zimmer sind gewundene Linien und
-Blumen, über der Tür aber glatte Streifen mit Nelken darauf. Außerdem
-eine ganz andere Farbe. Wir hatten es zuerst gar nicht bemerkt, da kam
-eines Tages Falastoff und lacht. Jetzt lachen alle darüber.«
-
-»Das glaub ich, so eine Gemeinheit,« stimmte die Werschina bei.
-
-»Wir sagen ihr nichts davon, daß wir ausziehen,« sagte Peredonoff, und
-ließ dabei seine Stimme sinken. »Sobald wir eine Wohnung finden, ziehen
-wir um, aber sie darf es nicht wissen.«
-
-»Das ist selbstverständlich,« sagte die Werschina.
-
-»Sonst macht sie uns einen Skandal,« sagte Peredonoff, und seine Augen
-blickten furchtsam. »Da soll man ihr noch für einen Monat den Zins
-zahlen; für so ein Loch.«
-
-Peredonoff lachte aus vollem Halse vor lauter Freude, daß er ausziehen
-würde ohne den Zins bezahlt zu haben.
-
-»Sie wird ihn eintreiben lassen,« bemerkte die Werschina.
-
-»Mag sie, sie bekommt nichts,« sagte Peredonoff trotzig. »Wir waren nach
-Petersburg gefahren und während der Zeit stand die Wohnung leer.«
-
-»Ja, aber die Wohnung gehörte doch Ihnen,« sagte die Werschina.
-
-»Was ist denn dabei. Sie mußte renoviert werden; sind wir denn
-verpflichtet, für eine Zeit zu zahlen, in der wir die Wohnung gar nicht
-benutzen konnten? Und dann vor allem, -- sie ist unglaublich frech.«
-
-»Na, frech ist Ihre Wirtin darum, weil Ihr ... Schwesterchen ein etwas
-zu heftiges Temperament hat,« sagte die Werschina mit einer leichten
-Betonung auf dem Worte »Schwesterchen«.
-
-Peredonoff runzelte die Stirn und blickte mit halbverschlafenen Augen
-stumpf vor sich hin. Die Werschina fing von andern Dingen zu reden an.
-Peredonoff zog aus seiner Tasche ein Bonbon, wickelte es aus der
-Papierhülle und kaute es. Zufällig blickte er auf Martha und dachte
-dabei, daß sie ihn beneide, und daß auch sie gern ein Bonbon essen
-würde.
-
-Soll ich ihr geben oder nicht, dachte Peredonoff, -- nein, wozu. Oder
-soll ich ihr doch geben, sonst denken sie am Ende ich wäre geizig. Sie
-werden denken: er hat so viele, seine Taschen sind ganz voll.
-
-Und er zog eine Handvoll Bonbons aus der Tasche.
-
-»Da haben Sie,« sagte er und reichte die Bonbons erst der Werschina,
-dann Martha, »es sind gute Bonbons, sie sind teuer; dreißig Kopeken habe
-ich für das Pfund gezahlt.«
-
-Sie nahmen je ein Stück. Er sagte:
-
-»Nehmen Sie doch mehr. Ich habe viele, und die Bonbons sind gut, --
-etwas Schlechtes werde ich nicht essen.«
-
-»Danke, ich will nicht mehr,« sagte die Werschina rasch und ohne
-Ausdruck.
-
-Und dasselbe wiederholte dann Martha, nur ein wenig unsicher. Peredonoff
-blickte sie mißtrauisch an und sagte:
-
-»Wie? -- Sie wollen nicht? Da -- nehmen Sie!«
-
-Und von dem ganzen Haufen behielt er ein Bonbon für sich, und legte alle
-andern vor Martha hin. Martha lächelte schweigend und neigte ihren Kopf.
-
-Unhöfliche Person, dachte Peredonoff, sie versteht nicht einmal zu
-danken.
-
-Er wußte nicht, was er mit Martha sprechen sollte. Er hatte kein
-Interesse für sie, ebensowenig wie für einen beliebigen Gegenstand, zu
-dem er weder ein angenehmes noch ein unangenehmes persönliches
-Verhältnis hatte.
-
-Der Rest des Bieres wurde in Peredonoffs Glas gegossen. Die Werschina
-blickte auf Martha.
-
-»Ich werde Bier holen,« sagte Martha. Sie erriet immer, was die
-Werschina wollte.
-
-»Schicken Sie doch Wladja, er ist im Garten,« sagte die Werschina.
-
-»Wladislaus!« rief Martha.
-
-»Hier,« antwortete der Knabe, sofort aus nächster Nähe, als hätte er
-gehorcht.
-
-»Bring zwei Flaschen Bier,« sagte Martha, »es steht im Flur auf der
-Truhe.«
-
-Bald kam Wladislaus fast lautlos zur Laube gelaufen, reichte Martha die
-zwei Flaschen durchs Fenster und machte eine Verbeugung vor Peredonoff.
-
-»Guten Tag,« sagte Peredonoff rauh, »wieviel Flaschen Bier haben Sie
-heute ausgepfiffen?«
-
-Wladislaus lachte gezwungen und sagte:
-
-»Ich trinke kein Bier.«
-
-Er war ein Junge von vierzehn Jahren, hatte so wie Martha,
-Sommersprossen im Gesicht und sah ihr auch sonst ähnlich; er hatte
-ungewandte, eckige Bewegungen und trug eine Joppe aus grober Leinewand.
-
-Martha flüsterte mit ihrem Bruder. Beide lachten. Peredonoff blickte
-argwöhnisch nach ihnen. Wenn man in seiner Gegenwart lachte, ohne daß er
-wußte worüber, so nahm er immer an, daß man sich über ihn lustig mache.
-Die Werschina wurde unruhig. Schon wollte sie Martha berufen, als
-Peredonoff gereizt fragte:
-
-»Worüber lachen Sie?«
-
-Martha zuckte zusammen, und wußte nicht, was sie sagen sollte.
-Wladislaus lächelte, blickte auf Peredonoff und errötete.
-
-»Es ist unhöflich, zu lachen, wenn Gäste dabei sind,« betonte
-Peredonoff. »Lachen Sie über mich?« fragte er.
-
-Martha wurde rot und Wladislaus erschrak.
-
-»Verzeihen Sie,« sagte Martha, »wir haben gar nicht über Sie gelacht;
-das waren so unsere Geschichten.«
-
-»Wohl ein Geheimnis?« sagte Peredonoff aufgebracht. »In Gegenwart von
-Gästen ist es unhöflich, Geheimnisse zu besprechen.«
-
-»Nicht gerade ein Geheimnis,« sagte Martha, »wir lachten nur, weil
-Wladja barfuß ist, und nicht hereinkommen will; er geniert sich.«
-
-Peredonoff beruhigte sich, scherzte mit Wladja und schenkte ihm ein
-Bonbon.
-
-»Martha, bringen Sie mein schwarzes Tuch,« sagte die Werschina, »und
-werfen Sie einen Blick in die Küche, wie es um die Pasteten steht.«
-
-Gehorsam ging Martha hinaus. Sie begriff, daß die Werschina mit
-Peredonoff reden wollte und war froh, daß sie sich nicht zu beeilen
-brauchte. Sie war etwas träge.
-
-»Und du gehst etwas weiter,« sagte die Werschina zu Wladja, »was hast du
-dich hier herumzutreiben?«
-
-Wladja lief fort, und man hörte, wie der Sand unter seinen Füßen
-knirschte. Die Werschina blickte vorsichtig und rasch auf Peredonoff. Er
-saß schweigend da, blickte trübe vor sich hin und kaute an einem Bonbon.
-Es war ihm angenehm, daß die beiden fortgegangen waren, -- sonst hätten
-sie vielleicht wieder gelacht. Obgleich er bestimmt wußte, daß nicht
-über ihn gelacht worden war, empfand er doch ein stilles Unbehagen, so
-wie man noch lange nachher einen unangenehm stechenden Schmerz verspürt,
-wenn man sich an Nesseln verbrannt hat.
-
-»Warum heiraten Sie nicht?« fragte die Werschina plötzlich. »Worauf
-warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch? Verzeihen Sie, wenn ich's grade
-heraussage, Warwara paßt nicht zu Ihnen.«
-
-Peredonoff strich mit der Hand über sein etwas in Unordnung geratenes,
-braunes Haar und sagte unnahbar und selbstbewußt:
-
-»Hier wird sich keine für mich finden.«
-
-»Sagen Sie nicht,« antwortete die Werschina und lachte schief. »Hier
-gibt es viele, die bei weitem besser sind, als diese Person. Und jede
-wird Sie heiraten wollen.«
-
-Mit einer energischen Bewegung strich sie die Asche von ihrer Zigarette,
-als hätte sie irgendwo ein Ausrufungszeichen zu setzen.
-
-»Jede ist mir aber noch lange nicht recht,« antwortete Peredonoff.
-
-»Es ist ja auch nicht von jeder x-beliebigen die Rede,« entgegnete
-schnell die Werschina. »Sie brauchen doch auf keine Mitgift zu rechnen,
-und da wüßte ich ein feines Mädchen grade für Sie. Sie haben ja, Gott
-sei Dank, ein gutes Auskommen.«
-
-»Nein,« antwortete Peredonoff, »für mich ist es vorteilhafter, Warwara
-zu heiraten. Die Fürstin hat ihr ihre Protektion versprochen. Sie wird
-mir eine gute Stelle verschaffen.« Er sagte es mit trotziger Sicherheit.
-
-Die Werschina lächelte leichthin. Ihr ganzes faltiges, dunkelfarbiges,
-vom Zigarettendampf gleichsam durchräuchertes Gesichtchen drückte
-herablassendes Mißtrauen aus:
-
-»Hat sie Ihnen das gesagt, ich meine die Fürstin selber?« fragte sie,
-mit Betonung auf dem Worte »Ihnen«.
-
-»Nicht mir, aber Warwara,« gestand Peredonoff, »das ist doch ganz
-dasselbe.«
-
-»Sie verlassen sich zu sehr auf die Worte Ihres »Schwesterleins«,« sagte
-die Werschina spöttisch. »Sagen Sie mal, ist sie viel älter als Sie? So
-etwa um fünfzehn Jahre? Am Ende noch mehr? Sie muß doch an die fünfzig
-sein.«
-
-»Ach, gehen Sie doch,« sagte Peredonoff ärgerlich, »sie ist noch nicht
-dreißig.«
-
-Die Werschina lachte.
-
-»Ach, wirklich,« redete sie weiter mit offenkundigem Spott in der
-Stimme. »So, dem Aussehen nach ist sie viel älter als Sie. Allerdings,
-es ist ja nicht meine Sache, immerhin: es täte mir leid, wenn so ein
-charmanter junger Mann, wie Sie, nicht so leben kann, wie er es verdient
-hätte, nicht allein seiner Schönheit wegen, sondern vor allem wegen
-seiner reichen seelischen Veranlagung.«
-
-Peredonoff blickte selbstgefällig an seiner Figur herunter. Aber sein
-frisches Gesicht zeigte kein Lächeln, und es schien, als fühlte er sich
-gekränkt, daß nicht alle Menschen ihm das gleiche Verständnis
-entgegenbrächten, wie die Werschina. Die Werschina aber fuhr fort:
-
-»Sie werden es auch ohne Protektion weit bringen. Wie sollen Ihre
-Vorgesetzten Sie nicht richtig einschätzen! Was hängen Sie an der
-Warwara? Ebenso die Rutiloffschen Damen, -- nehmen Sie keine von denen;
-es sind leichtsinnige Mädchen, Sie brauchen aber eine gleichmäßige Frau.
-Würden Sie doch beispielsweise Martha heiraten.«
-
-Peredonoff sah nach der Uhr.
-
-»Ich muß nach Hause,« sagte er und stand auf, um sich zu verabschieden.
-
-Die Werschina glaubte, daß Peredonoff nur darum fortginge, weil sie an
-einen wunden Punkt gerührt hätte, und daß er bloß aus Unentschlossenheit
-im gegebenen Augenblick nicht von Martha sprechen wolle.
-
-
-
-
- II
-
-
-Peredonoffs Konkubine, Warwara Dmitriewna Malochina, wartete auf ihn.
-Sie war unordentlich gekleidet, dafür sorgfältig geschminkt und
-gepudert.
-
-Zum Frühstück wurde Peredonoffs Lieblingsgericht, kleine Pasteten mit
-Saft, gebacken. Auf hohen Absätzen lief Warwara schwerfällig und
-geschäftig in der Küche hin und her. Sie beeilte sich alles fertig zu
-haben noch bevor er kam. Warwara fürchtete die Langfingrigkeit ihres
-Dienstmädchens, einer pockennarbigen, dicken Person, Natalie mit Namen,
--- sie hätte z. B. einen Kuchen stehlen können, -- vielleicht sogar
-einige. Darum getraute sie sich nicht die Küche zu verlassen und schalt
-auf die Magd; aber das tat sie gewöhnlich. Ihr faltiges Gesicht, das die
-Spuren vergangener »Hübschigkeit« trug, hatte immer und unveränderlich
-einen mürrisch-habgierigen Zug.
-
-Peredonoff war, wie gewöhnlich, wenn er nach Hause kam, gelangweilt und
-unzufrieden. Sehr laut trat er ins Speisezimmer, warf seinen Hut auf die
-Fensterbank, setzte sich an den Tisch und rief:
-
-»Warja! bring das Essen!«
-
-Warwara brachte das Essen aus der Küche; geschwind hinkte sie auf ihren
-zu engen Schuhen heran und bediente Peredonoff. Als sie den Kaffee
-gebracht hatte, beugte sich Peredonoff über das dampfende Glas und roch
-daran. Warwara wurde unruhig und fragte erschrocken:
-
-»Was ist los, Ardalljon Borisowitsch? Riecht der Kaffee?«
-
-Peredonoff blickte sie finster an und sagte böse:
-
-»Ich rieche, ob vielleicht Gift dabei ist.«
-
-»Aber um Gotteswillen, Ardalljon Borisowitsch!« sagte Warwara
-erschrocken, »was ist dir nur, wie kommst du auf solche Gedanken?«
-
-»Du hast da einen Gifttrank gebraut!« brummte er.
-
-»Was soll ich davon haben, dich zu vergiften,« beteuerte Warwara, »laß
-doch die Possen!«
-
-Peredonoff roch wiederholt am Kaffee, endlich beruhigte er sich und
-sagte:
-
-»Wenn Gift dabei ist, so kann man es gleich am schweren Geruch merken,
--- man muß nur aus nächster Nähe dran riechen, so am Dampf.«
-
-Dann schwieg er einen Augenblick und fuhr bösartig höhnend auf:
-
-»Die Fürstin!«
-
-Warwara wurde aufgeregt.
-
-»Die Fürstin? Was ist los mit der Fürstin?«
-
-»Das ist los mit der Fürstin!« sagte Peredonoff, »mag sie mir erst die
-Stelle verschaffen, dann werde ich meinethalben heiraten. Schreib ihr
-das!«
-
-»Du weißt doch, Ardalljon Borisowitsch,« überredete Warwara, »daß die
-Fürstin ihr Versprechen nur unter der Bedingung gab, daß du mich
-heiratest. Sonst ist es ihr unbequem, sich für dich zu verwenden.«
-
-»Schreib ihr, daß wir schon verheiratet sind,« sagte Peredonoff rasch
-und freute sich über den neuen Einfall.
-
-Warwara kam für einen Augenblick aus der Fassung, dann fand sie sich und
-sagte:
-
-»Warum lügen? Die Fürstin könnte sich erkundigen. Viel besser wäre es,
-wenn du den Hochzeitstag bestimmtest. Es ist sowieso an der Zeit, daß
-ich mir ein neues Kleid anschaffe.«
-
-»Was für ein Kleid?« fragte Peredonoff verdrießlich.
-
-»Ja, soll ich mich denn in diesen Lumpen trauen lassen?« schrie Warwara.
-»Gib doch endlich mal Geld für ein neues Kleid, Ardalljon Borisowitsch.«
-
-»Willst wohl dein Leichenhemd nähen?« fragte Peredonoff boshaft.
-
-»Du Rindvieh, das bist du, Ardalljon Borisowitsch!« zeterte Warwara.
-
-Plötzlich fiel es Peredonoff ein, Warwara zu necken. Er fragte:
-
-»Weißt du, Warwara, wo ich war?«
-
-»Na, wo denn?« fragte Warwara unruhig.
-
-»Bei der Werschina,« sagte er und lachte.
-
-»Eine nette Gesellschaft für dich, jawohl,« rief Warwara böse.
-
-»Ich habe Martha gesehen,« fuhr Peredonoff fort.
-
-»Dies sommersprossige Weib, ein Maul bis an die Ohren, so ein richtiges
-Froschmaul,« sagte Warwara wütend.
-
-»Hübscher als du ist sie jedenfalls,« sagte Peredonoff. »Ich werde sie
-heiraten, was ist denn dabei?«
-
-»Ja, heirate sie nur,« schrie Warwara. Sie wurde ganz rot im Gesicht und
-zitterte vor Wut, »ich spritze ihr Vitriol in die Augen.«
-
-»Du bist grade zum Anspucken gut genug,« sagte Peredonoff ruhig.
-
-»Du wirst dich nicht unterstehen!« schrie Warwara.
-
-»Doch,« sagte Peredonoff.
-
-Er stand auf und in gleichgültigem Stumpfsinn spuckte er ihr gerade ins
-Gesicht.
-
-»Du Schwein!« sagte Warwara ziemlich ruhig, als hätte sie sein Speichel
-erfrischt.
-
-Dann wischte sie mit der Serviette über ihr Gesicht. Peredonoff schwieg.
-In der letzten Zeit behandelte er sie roher als sonst. Aber auch früher
-hatte er sie schlecht genug behandelt. Durch sein Schweigen ermutigt,
-sagte sie lauter:
-
-»Wahrhaftig, du bist ein Schwein; grade ins Maul hast du getroffen.«
-
-Im Vorhause ließ sich eine blökende, schafähnliche Stimme vernehmen.
-
-»Brüll nicht,« sagte Peredonoff, »Gäste kommen.«
-
-»Ach ja, das ist Pawluschka,« sagte Warwara schmunzelnd.
-
-Laut und fröhlich lachend trat Pawel Wolodin ein. Es war ein junger
-Mann, der im Gesicht und in seinen Bewegungen einem Schafe auffallend
-ähnlich sah: sein Haar war wollig, wie bei einem Schafe, seine Augen
-vortretend und dumm, wie bei einem lebenslustigen Lamm. Es war ein
-dummer, junger Mensch. Er war Tischler, hatte früher eine
-Handwerkerschule besucht, und war jetzt als Lehrer seines Handwerks in
-der Volksschule angestellt.
-
-»Bruderherz, Ardalljon Borisowitsch,« rief er erfreut, »du bist zu
-Hause, und schlürfst Kaffee; da bin ich grade recht gekommen.«
-
-»Nataschka, bring einen dritten Löffel,« rief Warwara.
-
-Man konnte hören, wie Natalie in der Küche mit dem letzten
-nachgebliebenen Löffel herumwirtschaftete; alles Silberzeug wurde
-verschlossen.
-
-»Iß doch, Pawluschka,« sagte Peredonoff und man konnte merken, daß er
-die Absicht hatte, Wolodin ordentlich zu füttern, »weißt du, Freund, ich
-werde bald Inspektor werden, die Fürstin hat es Warja versprochen.«
-
-Wolodin strahlte und lachte.
-
-»Aha, der Herr Inspektor _in spe_ trinkt seinen Kaffee,« sagte er laut
-und klopfte Peredonoff auf die Schulter.
-
-»Glaubst du vielleicht, daß es so einfach ist, Inspektor zu werden?«
-sagte Peredonoff, »man wird irgendwie verstänkert und dann ist es aus.«
-
-»Was ließe sich denn zu deinen Ungunsten sagen?« fragte Warwara
-schmunzelnd.
-
-»Was weiß ich! Wenn man zum Beispiel erzählte, ich hätte den Pissareff
-gelesen -- ich wäre geliefert.«
-
-»Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch, tun Sie doch den Pissareff in
-irgend eine der hinteren Bücherreihen,« riet Wolodin kichernd.
-
-Peredonoff schielte vorsichtig auf Wolodin und sagte:
-
-»Den Pissareff, den habe ich am Ende niemals besessen. Willst du einen
-Schnaps, Pawluschka?«
-
-Wolodin reckte die Unterlippe vor, machte ein bedeutendes Gesicht, so
-als verstände er es die Leute einzuschätzen und sagte, in seiner
-Schafsmanier den Kopf vorbeugend:
-
-»Zur Gesellschaft? es sei, da bin ich immer bereit; sonst, allein für
-mich: keinen Tropfen.«
-
-Auch Peredonoff war immer bereit, einen Schnaps zu trinken. Man trank
-einen Schnaps und aß zum Aufbiß die süßen Pastetchen.
-
-Auf einmal spritzte Peredonoff den Rest seines Kaffeeglases an die
-Tapete. Wolodin glotzte erstaunt aus seinen schafigen Aeuglein und
-blickte verwundert um sich. Die Tapeten waren schmierig und zerfetzt.
-
-Wolodin sagte:
-
-»Was haben Sie da für Tapeten?«
-
-Peredonoff und Warwara grinsten.
-
-»Das tun wir so, um die Wirtin zu ärgern,« sagte Warwara, »wir werden
-bald ausziehen. Aber sprechen Sie nicht davon.«
-
-»Ganz famos,« rief Wolodin und lachte ausgelassen.
-
-Peredonoff ging dicht an die Wand heran und bearbeitete sie mit seinen
-Absätzen. Wolodin folgte seinem Beispiel und begann auszuschlagen.
-Peredonoff sagte:
-
-»Wenn wir umziehen, machen wir es immer so; bedrecken einfach die Wände,
--- mag sie ein Andenken haben.«
-
-»Was für wunderbare Muster Sie da hereingebracht haben,« rief Wolodin
-begeistert.
-
-»Irischka wird die Augen aufreißen,« sagte Warwara und lachte trocken
-und boshaft.
-
-Und alle drei stellten sich an die Wand, spuckten sie an, zerfetzten die
-Tapete und bearbeiteten sie mit ihren Stiefelsohlen. Dann wurden sie
-müde und gingen befriedigt an ihre Plätze.
-
-Peredonoff bückte sich und nahm den Kater auf den Schoß. Der Kater war
-dick, weiß und garstig. Peredonoff quälte ihn, zerrte ihn an den Ohren,
-am Schwanz und schüttelte ihn am Halse. Wolodin lachte sehr fröhlich und
-sagte Peredonoff, was sich noch alles anstellen ließe.
-
-»Blasen sie ihm in die Augen, Ardalljon Borisowitsch; streicheln sie ihm
-das Fell gegen den Strich.«
-
-Der Kater prustete und bemühte sich, loszukommen, aber er wagte nicht
-die Krallen zu zeigen, dafür kriegte er entsetzliche Prügel. Endlich
-wurde diese Unterhaltung Peredonoff langweilig, und er warf den Kater in
-die Ecke.
-
-»Hör mal, Ardalljon Borisowitsch, was ich dir sagen wollte,« begann
-Wolodin. »Den ganzen Weg über dachte ich daran, es nicht zu vergessen,
-nun habe ich es fast ausgeschwitzt.«
-
-»Was denn?« fragte Peredonoff gelangweilt.
-
-»Ich weiß, du ißt gerne Süßigkeiten,« sagte Wolodin fröhlich, »da ist so
-ein süßes Gericht, na, du wirst dir die Finger lecken.«
-
-»Ich kenne alle süßen Gerichte,« sagte Peredonoff.
-
-Wolodin setzte eine gekränkte Miene auf.
-
-»Vielleicht,« sagte er, »freilich kennen Sie alle süßen Gerichte, welche
-in Ihrer Heimat gegessen werden, aber wie sollten Sie alle die süßen
-Gerichte kennen, die in meiner Heimat gekocht werden, denn Sie waren
-doch niemals in meiner Heimat?«
-
-Und zufrieden mit seiner überzeugenden Darlegung, lachte Wolodin und
-meckerte.
-
-»In deiner Heimat werden krepierte Katzen gefressen,« sagte Peredonoff
-böse.
-
-»Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch,« entgegnete Wolodin mit
-pipsender, lachender Stimme, »das ist vielleicht in Ihrer Heimat so, daß
-man krepierte Katzen zu essen pflegt; darüber wollen wir nicht streiten,
-aber doch: Jerli's haben Sie sicher nicht gegessen.«
-
-»Nein, die hab ich nicht gegessen,« gestand Peredonoff.
-
-»Das ist was ganz Besonderes,« erklärte Wolodin, »wissen Sie, was
-Kutja[2] ist?«
-
-»Wer sollte das nicht wissen,« sagte Warwara schmunzelnd.
-
-»Also merken Sie auf: Kutja aus Weizen, mit Rosinchen darin und Mandeln
-und mit Zucker, -- das sind Jerli's.«
-
-Und Wolodin berichtete ausführlich, wie in seiner Heimat Jerli's
-zubereitet würden. Peredonoff hörte ihm gelangweilt zu. »Was will der
-Pawluschka eigentlich, will er zu meinem Leichenschmaus Kutja essen?«
-
-Wolodin machte einen Vorschlag:
-
-»Wenn Sie wollen, daß es richtig zubereitet wird, so geben Sie mir das
-nötige Material, und ich werde Ihnen Jerli's kochen.«
-
-»Das wäre: den Bock zum Gärtner machen!« sagte Peredonoff mürrisch. Er
-wird Gift dazuschütten, dachte er bei sich.
-
-[Fußnote 2: Ein Gericht aus Graupen oder Reis mit Honig und Rosinen,
-welches bei einer Totenfeier zum Einsegnen in die Kirche gebracht und
-später gegessen wird.]
-
-Wolodin fühlte sich wieder gekränkt.
-
-»Wenn Sie glauben, daß ich bei Ihnen Zucker klemmen will, Ardalljon
-Borisowitsch, so irren Sie, Ihren Zucker brauche ich nicht.«
-
-»Wozu die Albernheiten,« unterbrach Warwara, »Sie wissen doch, er hat
-seine Launen. Kommen Sie nur und kochen Sie.«
-
-»Dann mag er es selber fressen,« sagte Peredonoff.
-
-»Warum denn das?« fragte mit gekränkter, zitternder Stimme, Wolodin.
-
-»Darum, weil es eine Schweinerei ist.«
-
-»Wie Sie wünschen, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Wolodin und zuckte die
-Achseln, »ich wollte es Ihnen recht machen, aber wenn Sie nicht wollen,
-dann tun Sie eben, was Sie wollen.«
-
-»Und wie hat dich der General abfahren lassen?« fragte Peredonoff.
-
-»Was für ein General?« fragte Wolodin zurück und wurde rot. Ganz
-beleidigt schob er die Unterlippe vor.
-
-»Wir haben doch davon gehört,« sagte Peredonoff.
-
-Warwara schmunzelte.
-
-»Erlauben Sie, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Wolodin lebhaft, »Sie
-haben davon gehört, ja freilich, aber es könnte sein, daß Sie nicht das
-Richtige gehört haben. Ich will Ihnen erzählen, wie sich die ganze Sache
-verhalten hat.«
-
-»Also los,« sagte Peredonoff.
-
-»Das war vorgestern,« erzählte Wolodin, »grade um dieselbe Stunde, wie
-eben. Sie wissen, daß die Werkstatt in unserer Schule renoviert wird.
-Nun, bitte merken Sie auf, kommt Weriga zusammen mit unsrem Inspektor
-zur Besichtigung. Wir arbeiten grade in einem der hinteren Zimmer.
-Schön. Ich kümmere mich gar nicht darum, weswegen der Weriga eigentlich
-kommt; was er da zu suchen hat, geht mich nichts an. Freilich, ich wußte
-ja, daß er Adelsmarschall ist; immerhin hat er gar keine Fühlung zu
-unsrer Schule, -- aber daran will ich nicht rühren. Mag er kommen, wenn
-er Lust hat. Wir störten sie nicht, und arbeiteten so ganz gemächlich.
-Auf einmal treten die beiden bei uns ein, und der Weriga, -- ich bitte
-das zu beachten, -- behält seine Mütze auf.«
-
-»Damit wollte er dir seine Mißachtung bezeigen,« sagte mürrisch
-Peredonoff.
-
-Ganz erfreut griff Wolodin diese Bemerkung auf: »Nun sehen Sie, außerdem
-hängt noch in unsrer Stube ein Heiligenbild, und wir alle waren ohne
-Kopfbedeckung; er hingegen kommt herein, wie ein Heide. Also ich
-erlaubte mir, zu bemerken, leise und ehrerbietig: Exzellenz, sage ich,
-haben Sie die Güte, ihre Mütze abzunehmen, darum, sage ich, weil hier
-das Heiligenbild hängt. War das nicht recht gesagt?« fragte Wolodin und
-rollte die Augen vor.
-
-»Sehr gewandt, Pawluschka,« bemerkte Peredonoff, »das war gut
-getrumpft.«
-
-»Natürlich,« pflichtete Warwara bei, »so was darf man nicht dulden. Sie
-sind ein fixer Kerl, Pawel Wassiljewitsch!«
-
-Wolodin fuhr mit der Miene eines schuldlos Gekränkten in seiner
-Erzählung fort:
-
-»Und daraufhin geruhte er nur zu sagen: Schuster, bleib bei deinem
-Leisten, -- kehrte mir den Rücken und ging. Das ist die ganze
-Geschichte. Weiter nichts!«
-
-Wolodin fühlte sich immerhin als Held. Peredonoff gab ihm zur Beruhigung
-ein Bonbon.
-
-Dann kam noch ein Besuch: Sophja Jefimowna Prepolowenskaja, die Frau
-eines Unterförsters. Sie war dick, hatte ein gutmütig-listiges Gesicht
-und segelnde Bewegungen. Auch sie wurde genötigt, mitzuessen.
-Hinterlistig bemerkte sie zu Wolodin:
-
-»Sagen Sie doch, Pawel Wassiljewitsch, man sieht Sie ja recht oft bei
-Warwara Dmitriewna?«
-
-»Sie entschuldigen,« antwortete Wolodin, »ich bin keineswegs zu Warwara
-Dmitriewna, sondern zu Ardalljon Borisowitsch gekommen.«
-
-»Haben Sie sich verliebt?« spottete die Prepolowenskaja.
-
-Alle wußten, daß Wolodin nach einer Braut mit größerer Mitgift suchte.
-Er hatte schon oft angehalten, aber immer Körbe bekommen. Der Scherz der
-Prepolowenskaja schien ihm unpassend zu sein. Mit bebender Stimme und in
-seiner Wut ganz einem gekränktem Schafe gleichend, sagte er:
-
-»Wenn ich mich verliebt haben sollte, Sophja Jefimowna, so geht das
-keinen Menschen was an, ausgenommen mich und das betreffende Mädchen:
-Sie hingegen sind in Ihrer Art und Weise zudringlich.«
-
-Aber die Prepolowenskaja ließ nicht locker.
-
-»Passen Sie nur auf,« sagte sie, »wenn Warwara Dmitriewna sich in Sie
-verlieben wird, wer soll dann für Ardalljon Borisowitsch die süßen
-Pastetchen backen?«
-
-Wolodin reckte die Lippen vor, zog die Augenbrauen hoch und wußte nicht,
-was er antworten sollte.
-
-»Seien Sie doch nicht so schüchtern. Pawel Wassiljewitsch,« fuhr die
-Prepolowenskaja fort, »warum sollten Sie nicht heiraten? Sie sind jung,
-Sie sehen gut aus.«
-
-»Aber vielleicht will Warwara Dmitriewna nicht,« sagte Wolodin und
-kicherte.
-
-»Wie sollte sie nicht«, antwortete die Prepolowenskaja, »Sie sind zu
-unrechter Zeit bescheiden.«
-
-»Aber wenn ich selber nicht wollen sollte,« sagte Wolodin ganz verlegen.
-»Vielleicht ist es so, daß ich ein fremdes Schwesterchen gar nicht
-heiraten will. Vielleicht gibt es in meiner Heimat irgend eine
-heranwachsende Nichte zweiten Grades für mich.«
-
-Schon fing er an zu glauben, daß Warwara nicht abgeneigt wäre, ihn zu
-nehmen. Warwara wurde böse. Sie hielt Wolodin für einen ausgemachten
-Esel; zudem hatte er ein viermal geringeres Einkommen als Peredonoff.
-Die Prepolowenskaja ihrerseits wollte Peredonoff an ihre Schwester, eine
-fette Popenwitwe, verkuppeln. Darum bemühte sie sich auch, Peredonoff
-und Warwara zu entzweien.
-
-»Warum wollen Sie mich verkuppeln,« fragte Warwara ärgerlich, »besorgen
-Sie doch lieber die Heirat zwischen Pawel Wassiljewitsch und Ihrer
-jüngsten Schwester.«
-
-»Ich werde ihn Ihnen doch nicht abspenstig machen,« entgegnete scherzend
-die Prepolowenskaja.
-
-Die Scherze der Prepolowenskaja hatten dem langsamen Gedankengang
-Peredonoffs eine andere Richtung gegeben. Die Erinnerung an die Jerli
-war ihm fest haften geblieben. Was hatte Wolodin für einen Grund, von
-dieser Speise zu erzählen? Peredonoff liebte es nicht, zu grübeln. Im
-ersten Augenblick glaubte er alles, was man ihm sagte. So glaubte er
-auch, daß Wolodin in Warwara verliebt wäre. Er überlegte so: sie wollen
-mich umgarnen, dann, -- wenn es dazu kommt, daß ich in einer anderen
-Stadt Inspektor werden soll, werden Sie mich unterwegs mit diesen Jerlis
-vergiften, und an meine Stelle tritt dann Wolodin; man wird mich
-beerdigen, und Wolodin wird Inspektor. Wahrhaftig! schlau haben sie sich
-das ausgedacht.
-
-Plötzlich hörte man im Vorzimmer Lärm. Peredonoff und Warwara
-erschraken: Peredonoff richtete seine zusammengekniffenen Augen starr
-auf die Tür, Warwara schlich zur Tür, die in den Saal führte, öffnete
-sie ein wenig, blickte hinein, und dann kehrte sie ebenso leise auf den
-Fußspitzen, mit den Händen balancierend und verlegen lächelnd zum Tisch
-zurück. Aus dem Vorzimmer hörte man schrilles Rufen und Schreien, so als
-wäre dort eine Prügelei. Warwara flüsterte:
-
-»Es ist die Jerschicha -- vollständig betrunken --, Natascha läßt sie
-nicht herein. Aber sie drängt mit aller Gewalt in den Saal.«
-
-»Was sollen wir tun?« fragte Peredonoff ängstlich.
-
-»Wir müssen in den Saal gehen,« entschied Warwara, »damit sie nicht
-herkommt.«
-
-Man ging in den Saal, und die Türe zum Speisezimmer wurde geschlossen.
-Warwara ging ins Vorhaus. Sie hoffte im stillen die Hauswirtin dort
-aufhalten zu können oder sie in die Küche zu expedieren. Aber das
-niederträchtige Weib drängte nur so in den Saal herein. Sie stemmte ihre
-Fäuste in die Seiten, blieb an der Schwelle stehen und begann als erste
-allseitige Begrüßung zu schimpfen. Peredonoff und Warwara bemühten sich
-um sie und versuchten sie auf einen Stuhl in der Nähe des Vorhauses und
-weitab vom Speisezimmer festzunageln. Warwara brachte ihr aus der Küche
-auf einem Teebrett Bier, Schnaps und Pasteten. Allein die Hauswirtin
-setzte sich nicht, aß nichts und drängte mit Gewalt ins Speisezimmer;
-nur die Türe konnte sie nicht finden. Sie war ganz rot im Gesicht,
-zerzaust, schmutzig und roch schon von weitem nach Schnaps. Sie brüllte:
-
-»Nein, du mußt mich an deinen Speisetisch führen. Warum bringst du mir
-das Essen auf einem Teebrett. Ich will ein Tischtuch vor mir haben. Ja
--- ich bin die Hauswirtin! Du mußt mich in Ehren bewirten. Du -- sieh
-mich nicht so an, weil ich besoffen bin. Dafür bin ich ein ehrliches
-Weib! ich bin meinem Manne rechtmäßig angetraut.« Warwara lächelte
-gemein und feig. Sie sagte:
-
-»Das wissen wir schon.«
-
-Die Jerschowa blinzelte Warwara an, lachte heiser und schwippte frivol
-mit den Fingern. Sie wurde immer dreister und frecher.
-
-»Seine Schwester?« schrie sie, »wir kennen das, -- schöne Schwester das!
-Warum besucht dich die Frau des Direktors nicht? He! -- warum?«
-
-»Du, brüll mal nicht,« sagte Warwara.
-
-Aber die Jerschowa zeterte noch lauter:
-
-»Was hast du mir zu befehlen? Hier in meinem Hause kann ich tun, was ich
-will. Wenn es mir paßt, so werfe ich euch gleich hinaus, um euren
-Dunstkreis loszusein. Ich will euch aber eine Gnade erweisen: lebt wie
-ihr wollt, aber wagt es nur euch aufzuspielen!«
-
-Wolodin und die Prepolowenskaja hatten sich indes ganz bescheiden an ein
-Fenster gedrückt und verhielten sich still. Die Prepolowenskaja
-schmunzelte ein wenig, schielte ab und zu auf das keifende Weib, stellte
-sich aber so, als blickte sie auf die Straße.
-
-Wolodin saß da mit einer Miene gekränkter Erhabenheit.
-
-Die Jerschowa wurde für eine Zeit menschenfreundlich, grinste fröhlich
-in trunkenem Mut, klopfte Warwara auf die Schulter und sagte
-freundschaftlich:
-
-»Du -- hör mal, was ich dir sagen will --, du mußt mich an deinen
-Speisetisch führen und mich gebildet unterhalten. Du mußt mir etwas
-Süßes zum Essen geben, du mußt deine Hauswirtin ehrenvoll bewirten! ja,
-das mußt du, du mein liebes Mädchen.«
-
-»Da hast du Pasteten,« sagte Warwara.
-
-»Ich will keine Pasteten; ich will dasselbe essen, was die Herrschaften
-essen,« schrie die Jerschowa, fuchtelte mit den Händen und lachte selig,
-»so süßes Backwerk essen die Herrschaften -- ach, so süß!«
-
-»Ich habe kein Backwerk für dich,« antwortete Warwara. Sie wurde
-mutiger, weil die Hauswirtin lustig geworden war, »schau mal, man gibt
-dir Pasteten, dann mußt du sie essen.«
-
-Plötzlich hatte die Jerschowa die Tür zum Speisezimmer entdeckt. In
-toller Wut heulte sie auf:
-
-»Gib den Weg frei, du Schlange!«
-
-Sie stieß Warwara zur Seite und stürmte zur Tür. Man konnte sie nicht
-mehr aufhalten. Mit vorgebeugtem Kopf, die Fäuste geballt, brach sie
-krachend die Türe auf und stürzte ins Speisezimmer. In der Nähe der
-Schwelle blieb sie stehn, sah die beschmierten Tapeten und stieß einen
-gellenden Pfiff aus. Sie stemmte die Arme in die Seiten, stellte den
-einen Fuß verwegen vor und schrie wie eine Rasende:
-
-»Also ihr wollt wirklich ausziehen!«
-
-»Keine Spur, Irina Stepanowna, -- wir denken nicht daran, sei doch nicht
-närrisch.«
-
-»Wir werden gewiß nicht ausziehen,« bestätigte Peredonoff, »wir haben es
-hier so gut.«
-
-Die Wirtin hörte nicht, kam der bestürzten Warwara immer näher und
-fuchtelte mit den Fäusten vor ihrem Gesicht. Peredonoff zog es vor,
-hinter Warwaras Rücken zu bleiben. Er wäre gerne fortgelaufen,
-andererseits war es interessant zu sehen, wie die Wirtin und Warwara
-sich prügeln würden.
-
-»Ich werde dir auf den einen Fuß drauftreten, am andern ziehn und dich
-in zwei Hälften reißen!« schrie die Jerschowa wutentbrannt.
-
-»Was fehlt dir nur, Irina Stepanowna,« beruhigte Warwara, »hör doch auf,
-wir haben Gäste.«
-
-»Zeig' sie mal, deine Gäste,« brüllte die Jerschowa, »deine Gäste kann
-ich gerade brauchen.«
-
-Schwankend taumelte die Jerschowa in den Saal. Mit einem Mal änderte sie
-vollständig ihre Art zu reden und ihre Umgangsformen, verbeugte sich
-tief vor der Prepolowenskaja, so tief, daß sie fast hinfiel und sagte
-bescheiden:
-
-»Gnädige Frau, liebe Sophja Jefimowna, verzeihen Sie mir, denn ich bin
-ein besoffenes Weib. Aber eins muß ich Ihnen sagen, hören Sie bitte. Sie
-besuchen diese Leute hier, aber wissen Sie auch, was die da von Ihrer
-Schwester gesagt hat? Noch dazu wem? Mir -- der besoffenen Frau eines
-Schusters! Und warum? Damit ich es allen weitererzählen soll, sehen Sie
--- darum!«
-
-Warwara wurde dunkelrot und sagte:
-
-»Nichts habe ich dir gesagt.«
-
-»Du hast nichts gesagt? Du ekliges Ungeziefer!« tobte die Jerschowa, mit
-geballten Fäusten an Warwara herantretend.
-
-»Jetzt schweig aber still,« murmelte Warwara verlegen.
-
-»Nein, ich werde nicht stillschweigen,« schrie die Jerschowa schadenfroh
-und wandte sich wieder an die Prepolowenskaja. »Daß sie, -- Ihre
-Schwester nämlich, -- ein Verhältnis mit Ihrem Manne unterhält; sehen
-Sie, das hat sie mir gesagt, dieses verworfene Weib!«
-
-Sophjas böse und verschlagene Augen blitzten zu Warwara hinüber. Sie
-stand auf und sagte mit gezwungenem Lachen:
-
-»Ich danke untertänigst, das habe ich nicht erwartet.«
-
-»Du lügst«, quiekte Warwara wütend.
-
-Die Jerschowa grunzte böse, stampfte mit dem Fuß auf und machte eine
-abwehrende Handbewegung. Dann wandte sie sich sofort wieder an die
-Prepolowenskaja:
-
-»Und was der Herr dort von Ihnen sagt, allergnädigste Frau! Sie hätten
-sich früher herumgetrieben und dann später geheiratet. Da sehen Sie, was
-das für gemeine Leute sind! Spucken Sie Ihnen einfach ins Maul, liebste
-gnädigste Frau, Sie sollten nicht mit diesem niederträchtigen Pack
-verkehren.«
-
-Die Prepolowenskaja wurde rot und ging schweigend ins Vorhaus.
-Peredonoff lief ihr nach und rechtfertigte sich:
-
-»Sie lügt, glauben Sie ihr nicht. Nur einmal habe ich in ihrer Gegenwart
-gesagt, daß Sie dumm seien, und das sagte ich nur aus Wut. Weiter habe
-ich -- weiß Gott -- nichts gesagt, alles hat sie gelogen.«
-
-Die Prepolowenskaja antwortete ruhig:
-
-»Lassen Sie doch, Ardalljon Borisowitsch, -- ich sehe doch, daß sie
-betrunken ist; sie weiß ja nicht, was sie schwatzt. Nur eins: warum
-gestatten Sie, daß so was in Ihrem Hause vorkommt?«
-
-»Ja, sehen Sie,« antwortete Peredonoff, »was soll ich mit ihr anfangen?«
-
-Die Prepolowenskaja war verwirrt und ärgerlich. Sie zog ihre Jacke an.
-Peredonoff kam nicht darauf ihr zu helfen. Irgendetwas murmelte er noch,
-aber sie hörte ihn nicht. Dann kehrte Peredonoff in den Saal zurück. Die
-Jerschowa begann ihm in schreiendem Tone Vorwürfe zu machen.
-
-Warwara lief auf den Flur hinaus, um die Prepolowenskaja zu versöhnen:
-
-»Sie wissen doch, was er für ein Dummkopf ist, -- er weiß ja nicht, was
-er sagt.«
-
-»Ach lassen Sie doch; warum beunruhigen Sie sich?« antwortete auch ihr
-die Prepolowenskaja. »Ich weiß doch, was so ein betrunkenes Weib alles
-schwatzen kann.«
-
-Die Haustür mündete auf einen Hof. In dichter Menge wuchsen dort am
-Hause hochaufgeschossene Brennesseln. Die Prepolowenskaja lächelte kaum
-merklich und der letzte Schatten von Unzufriedenheit schwand von ihrem
-rosigen, vollen Gesicht. Sie wurde wieder liebenswürdig und höflich. Für
-die Kränkung wollte sie auch ohne sich zu zanken Rache nehmen.
-
-Beide gingen zusammen in den Garten, um dort die Szene mit der Wirtin
-abzuwarten.
-
-Fortwährend blickte die Prepolowenskaja auf die Nesseln, die auch im
-Garten reichlich am Zaune wucherten. Endlich sagte sie:
-
-»Wie viel Nesseln Sie haben! Haben Sie Verwendung dafür?«
-
-Warwara lachte und sagte:
-
-»Nanu, was sollte ich damit anfangen?«
-
-»Wir haben nämlich keine,« sagte die Prepolowenskaja, »und wenn es Ihnen
-nicht weiter leid tut, so will ich mir einige Handvoll ausraufen.«
-
-»Ja -- aber wozu denn?« fragte Warwara verwundert.
-
-»Ach, ich brauche sie halt,« sagte die Prepolowenskaja und lächelte
-vielsagend.
-
-»Liebes Herz, sagen Sie bitte -- wozu?« flehte Warwara neugierig.
-
-Die Prepolowenskaja neigte sich dicht an Warwaras Ohr und flüsterte:
-
-»Wenn man sich mit Nesseln abreibt, so wird man nicht mager. Das machen
-die Nesseln, daß meine Genitschka so rundlich ist.«
-
-Es war überall bekannt, daß Peredonoff die dickeren Frauen bevorzugte,
-die mageren hingegen verschmähte. Warwara war ganz betrübt, daß sie
-schlank war und immer mehr abmagerte. Was tue ich, um recht viel Fett
-anzusetzen? -- das war eine ihrer größten Sorgen. Ueberall fragte sie:
-»Wissen Sie nicht ein Mittel?« Und die Prepolowenskaja glaubte sicher,
-daß Warwara sich jetzt nach ihrem Rezept mit Nesseln abreiben, und auf
-diese Weise sich selber strafen würde.
-
-
-
-
- III
-
-
-Peredonoff ging zusammen mit der Jerschowa auf den Hof. Er murmelte:
-
-»Ach du Aas!«
-
-Sie schrie aus vollem Halse und war sehr ausgelassen. Dann fingen sie
-auf dem Hofe zu tanzen an. Die Prepolowenskaja und Warwara gingen durch
-die Küche in die Wohnstube und setzten sich ans Fenster, um zu sehen,
-was auf dem Hofe vorging.
-
-Peredonoff und die Jerschowa hatten sich umarmt und tanzten auf dem
-Rasen um einen Birnbaum herum. Peredonoffs Gesicht war wie sonst --
-stumpf und ganz ohne Ausdruck. Wie auf etwas Leblosem hüpfte die goldene
-Brille mechanisch auf seinem Nasenrücken hin und her, ebenso das
-kurzgeschorene Haar auf seinem Kopf. Die Jerschowa quiekte, juchzte,
-fuchtelte mit den Händen und schwankte. Durchs Fenster rief sie Warwara
-zu:
-
-»He da, hochnasige Person, komm doch heraus, -- wollen tanzen! Oder
-ekelt dir vor unserer Gesellschaft?«
-
-Warwara wandte sich ab.
-
-»Hol' dich die Pest,« rief die Jerschowa, »ich bin halbtot.« Sie wälzte
-sich auf den Rasen und zog Peredonoff nach sich.
-
-So saßen sie und hielten sich umarmt, dann tanzten sie wieder. Das
-wiederholte sich etlichemal: bald tanzten sie, bald ruhten sie sich auf
-einer Bank unter dem Birnbaum oder einfach im Grase aus.
-
-Wolodin sah aus dem Fenster auf die Tanzenden und amüsierte sich
-königlich. Er schüttelte sich vor Lachen, schnitt allerhand Fratzen,
-krümmte sich, zog die Knie hoch und frohlockte:
-
-»Das ist ein Hauptspaß, -- zum Wälzen!«
-
-»Verfluchtes Aas!« sagte Warwara geärgert.
-
-»Ein Aas ist sie wohl,« gab Wolodin zu und lachte, »warte nur,
-vielliebste Wirtin, ich werde dir schon einen Gefallen tun. Wollen wir
-auch den Saal besauen! Jetzt ist es doch egal, heute wird sie nicht mehr
-herkommen. Wird sich müdehopsen auf dem Rasen und dann schlafen gehen.«
-
-Und er wälzte sich beinah vor Lachen und sprang wie ein Schaf umher. Die
-Prepolowenskaja stachelte ihn an:
-
-»Natürlich! Pawel Wassiljewitsch, Sie müssen jenes Zimmer auch
-beschmieren. Was glotzen Sie nach ihr? Und wenn sie auch kommen sollte,
-dann kann man ihr einfach sagen, daß sie alles selber in der
-Betrunkenheit angerichtet hat.«
-
-Wolodin lief, hüpfend und lachend, in den Saal und machte sich daran,
-die Tapeten mit seinen Stiefelsohlen zu bearbeiten.
-
-»Warwara Dmitriewna,« schrie er, »geben Sie doch bitte einen Bindfaden.«
-
-Warwara wackelte wie eine Ente durch den Saal ins Schlafzimmer und
-brachte ein verknotetes und zerfasertes Bindfadenendchen. Wolodin machte
-eine Schlinge, stellte einen Stuhl mitten in den Saal und befestigte die
-Schlinge an dem Lampenhaken in der Decke.
-
-»Das ist für die Wirtin!« schrie er, »sie muß doch was haben, woran sie
-sich vor Wut aufhängen kann, wenn Sie ausgezogen sind.«
-
-Beide Damen schrieen vor Lachen.
-
-»Geben Sie ein Stückchen Papier!« rief Wolodin, »und einen Bleistift.«
-
-Warwara stöberte wieder im Schlafzimmer und brachte dann einen Fetzen
-Papier und einen Bleistift. Wolodin schrieb: »Für die Wirtin« und
-befestigte das Papier an der Schlinge. Dabei machte er die albernsten
-Bewegungen. Dann bearbeitete er wieder wie ein Rasender die Wände mit
-seinen Sohlen und sein Körper flog von der Erschütterung. Sein Gejohl
-und sein blökendes Gelächter füllte das ganze Haus. Der weiße Kater
-hatte ängstlich die Ohren angezogen, blinzelte aus dem Schlafzimmer
-herüber und wußte augenscheinlich nicht, wohin er flüchten sollte.
-
-Endlich war es Peredonoff gelungen, die Jerschowa abzuschütteln. Er kam
-allein zurück. -- Die Jerschowa war in der Tat ganz ermattet schlafen
-gegangen und Wolodin empfing Peredonoff mit Schreien und Lachen:
-
-»Jetzt haben wir auch den Saal besaut. Hurra!«
-
-»Hurra!« brüllte Peredonoff und lachte dröhnend und abgerissen, wie aus
-der Pistole geschossen.
-
-Auch die Damen schrieen »Hurra«. Die Heiterkeit wurde allgemein.
-Peredonoff rief:
-
-»Pawluschka, komm tanzen!«
-
-»Los, Ardalljoscha,« antwortete dummerhaft kichernd Wolodin.
-
-Sie tanzten unter der Schlinge und beide warfen ihre Beine plump in die
-Luft. Der Fußboden zitterte unter Peredonoffs schweren Tritten.
-
-»Ardalljon Borisowitsch beliebt zu tanzen,« bemerkte die Prepolowenskaja
-und lächelte.
-
-»Es lohnt nicht davon zu sprechen; bei ihm ist alles Laune,« antwortete
-Warwara mürrisch, aber sie fand Gefallen an Peredonoff.
-
-Es war ihre aufrichtige Ueberzeugung, daß er hübsch und flott wäre.
-Selbst das Dümmste was er tat, schien ihr nachahmenswert.
-
-Sie fand ihn weder ekelhaft, noch lächerlich.
-
-»Wollen wir der Wirtin die Totenmesse singen!« schrie Wolodin. »Geben
-Sie ein Kissen!«
-
-»Was der sich alles ausdenkt!« sagte Warwara und lachte.
-
-Sie warf aus dem Schlafzimmer ein Kissen mit schmutzigem Leinwandbezug
-heraus. Das Kissen wurde auf die Erde gelegt, es sollte die Wirtin
-vorstellen, und sie sangen mit wilder, schreiender Stimme die
-Totenmesse. Dann wurde Natalie gerufen. Sie mußte die Drehorgel spielen,
-während alle vier unter albernen Bewegungen, die Beine hochwerfend, eine
-Quadrille tanzten.
-
-Nach dem Tanze kam Peredonoff in Geberlaune. Eine düstre, trotzige
-Begeisterung leuchtete matt aus seinen verschwommenen Augen. Er fühlte
-sich von einer fast mechanischen Sicherheit beherrscht, -- vielleicht
-infolge der anstrengenden Muskelbewegung. Er zog seine Brieftasche
-hervor, zählte einige Scheine ab und warf sie Warwara zu mit
-selbstgefälliger, stolzer Miene.
-
-»Da hast du, Warwara,« rief er, »näh dir das Hochzeitskleid.«
-
-Die Geldscheine flatterten zu Boden. Warwara sammelte sie schnell auf.
-Diese Art und Weise beschenkt zu werden, kränkte sie nicht. Die
-Prepolowenskaja dachte wütend bei sich: »Das wollen wir noch abwarten,
-wer siegen wird«, und lächelte perfid. Wolodin kam natürlich nicht
-darauf, Warwara beim Geldsammeln behilflich zu sein.
-
-Bald ging die Prepolowenskaja. Im Vorhause traf sie mit einem neuen
-Besuch zusammen; es war die Gruschina.
-
-Maria Ossipowna Gruschina war eine junge Witwe und hatte ein
-frühzeitig-welkes Aussehen. Sie war schlank, -- und ihre trockene Haut
-hatte sich ganz in kleine, sozusagen staubbedeckte Fältchen gelegt. Ihr
-Gesicht war nicht unsympathisch, dafür ihre Zähne schmutzig und schwarz.
-Sie hatte schmale Hände, lange spinnartige Finger und unsaubre Nägel.
-Wenn man sie flüchtig anschaute, sah sie nicht grade schmutzig aus,
-machte aber den Eindruck, als scheute sie das Wasser und würde darum
-gelegentlich zusammen mit ihren Kleidern ausgeklopft. Man konnte sich
-leicht vorstellen, daß eine Staubwolke bis an den Himmel aufgewirbelt
-wäre, wenn man sie mit einem Bambus zwei-, dreimal bearbeitet hätte. Die
-Kleider schlotterten an ihr in geknüllten Falten, so als wären sie eben
-erst aus einem sehr fest verschnürten Packen, in dem sie lange
-zusammengepreßt gelegen hatten, genommen worden. Die Gruschina lebte von
-einer Rente und erwarb sich den übrigen Unterhalt durch kleinere
-Kommissionsgeschäfte und durch Geldverleihen gegen Obligationen. Sie
-redete gewöhnlich recht unbescheiden und suchte Herrenbekanntschaft, um
-einen Gatten zu finden. Ein Zimmer in ihrem Hause war ständig an
-irgendeinen unverheirateten Beamten vermietet.
-
-Warwara begrüßte die Gruschina sehr erfreut: sie hatte irgend ein
-Geschäft mit ihr. Die Gruschina und Warwara fingen auch gleich an, über
-Dienstboten zu sprechen und kamen so ins Schwatzen herein. Der
-neugierige Wolodin setzte sich zu ihnen und horchte. Peredonoff saß
-einsam und verdrossen am Tisch und verknüllte mit den Händen einen
-Zipfel des Tischtuchs.
-
-Warwara beklagte sich bei der Gruschina über ihre Natalie. Die Gruschina
-schlug ihr eine andere Magd vor, die sie sehr zu loben wußte, eine
-gewisse Klawdija. Man beschloß, gleich hinzufahren an den
-Ssamorodina-Bach. Dort lebte sie nämlich bei einem Akzisebeamten, der in
-diesen Tagen in eine andere Stadt versetzt worden war. Warwara zögerte
-nur noch des Namens wegen. Ratlos fragte sie:
-
-»Klawdija? Aber wie soll ich sie denn rufen? Etwa Klaschka?«
-
-Die Gruschina riet:
-
-»Rufen Sie sie doch einfach Klawdjuschka!«
-
-Warwara gefiel das. Sie wiederholte:
-
-»Klawdjuschka, djuschka!« und lachte heiser. Es muß nämlich bemerkt
-werden, daß man die Schweine in unserer Stadt »Djuschki« zu nennen
-pflegt. Wolodin grunzte und alle lachten.
-
-»Djuschka, Djuschenka,« flüsterte Wolodin zwischen lauten Lachanfällen.
-Er machte ein dummes Gesicht und reckte die Lippen vor.
-
-Dann grunzte er und betrug sich so lange läppisch, bis man ihm sagte,
-daß er langweilig würde. Dann fühlte er sich gekränkt und stand auf, um
-sich neben Peredonoff zu setzen. Just wie ein Schaf beugte er seine
-rundgewölbte Stirn vor und stierte andauernd auf das befleckte
-Tischtuch.
-
-Warwara beschloß gleich auf dem Wege zum Ssamorodina-Bach Stoff für ihr
-Hochzeitskleid zu kaufen. In die Kaufläden ging sie immer zusammen mit
-der Gruschina; die half ihr beim Treffen der endgültigen Wahl und bei
-dem unvermeidlichen Feilschen.
-
-Als Warwara von Peredonoff fortschlich, stopfte sie in die tiefen
-Taschen der Gruschina für deren Kinder allerlei Leckerbissen, süße
-Pastetchen und Bonbons. Die Gruschina erriet, daß Warwara ihrer Dienste
-dringend bedürfe.
-
-Warwara konnte nicht weit gehen wegen ihrer zu engen Schuhe mit den
-hohen Absätzen. Sie wurde rasch müde. Daher benutzte sie gewöhnlich eine
-Droschke, obwohl die Entfernungen in unserer Stadt nur geringe waren. In
-letzter Zeit war sie besonders häufig bei der Gruschina gewesen. Das
-hatten die Droschkenkutscher schon gemerkt: ihrer gab es nicht viele,
-vielleicht an die zwanzig. Wenn Warwara einstieg, fragten sie garnicht
-mehr, wohin sie fahren sollten.
-
-Sie setzten sich in den Wagen und fuhren zu den Herrschaften, bei denen
-Klawdija diente, um sich nach ihr zu erkundigen. Die Straßen waren fast
-durchweg mit Schmutz bedeckt, obwohl es schon gestern abend aufgehört
-hatte zu regnen. Nur selten ratterte die Droschke über kurze,
-gepflasterte Straßen, dann versanken die Räder wieder im zähen Schmutz
-grundloser Wege. Umso mehr zitterte ununterbrochen Warwaras Stimme,
-begleitet vom teilnehmenden Geschwätz der Gruschina.
-
-»Mein Gänserich war schon wieder bei Marfuschka,[3]« erzählte Warwara.
-
-[Fußnote 3: Kosename für »Martha«.]
-
-In teilnehmender Empörung antwortete die Gruschina:
-
-»Sie suchen ihn einzufangen. Will es gerne glauben. Das wäre just ein
-Ehemann für dieses Mädel, die Marfuschka. So einen kann sie sich im
-Traume wünschen.«
-
-»Ich weiß wirklich nicht, was ich anfangen soll,« klagte Warwara, »er
-ist jetzt so widerhaarig, -- gar nicht zu sagen wie. Glauben Sie, es
-wirbelt mir im Kopf. Fällt es ihm ein, zu heiraten, dann kann ich auf
-die Straße gehen.«
-
-»Nicht doch, liebste Warwara Dmitriewna,« beruhigte die Gruschina,
-»glauben Sie das nicht. Nie wird er eine andere heiraten als Sie. Er hat
-sich doch an Sie gewöhnt.«
-
-»Manchmal geht er in der Nacht aus, dann kann ich nicht einschlafen,«
-erzählte Warwara, »Gott weiß, vielleicht läßt er sich irgendwo trauen.
-Manchmal sorge ich mich die ganze Nacht. Alle haben es auf ihn abgesehen
--- die drei Rutiloffschen Stuten, -- sie hängen sich ja an jeden, -- und
-Jenkja mit der gedunsenen Fratze.«
-
-Noch lange klagte Warwara, und aus ihrem ganzen Gespräch ersah die
-Gruschina, daß sie eine besondere Bitte auf dem Herzen hatte, und schon
-im voraus freute sie sich auf eine neue Einnahme.
-
-Klawdija gefiel. Die Frau des Akzisebeamten hatte sie gelobt. So wurde
-sie denn engagiert und man sagte ihr, sie hätte noch am selben Abend zu
-erscheinen, da der Akzisebeamte schon heute abreisen mußte.
-
-Endlich langten sie bei der Gruschina an. Sie lebte in ihrem eigenen
-Häuschen, ziemlich unordentlich, zusammen mit ihren drei kleinen Göhren.
-Die waren zerzaust, dreckig, dumm und bösartig wie begossene Welpen. Die
-eigentliche Aussprache folgte erst jetzt.
-
-Warwara begann zu erzählen: »Mein Ardalljoschka, der Dummkopf, verlangt,
-ich soll wieder an die Fürstin schreiben. Was soll ich ihr denn so mir
-nichts dir nichts schreiben; entweder wird sie überhaupt nicht
-antworten, oder etwas antworten, was nicht in meinen Kram paßt. Die
-Freundschaft ist nicht von weitem her.«
-
-Die Fürstin Woltschanskaja, -- Warwara hatte gelegentlich als
-Schneiderin für einfachere Arbeit bei ihr gearbeitet, -- hätte
-Peredonoff allerdings nützlich sein können: ihre Tochter war nämlich an
-den Geheimen Rat Tschtepkin verheiratet, ein Mann, der im Schulressort
-viel zu bedeuten hatte. Schon im vorigen Jahre hatte sie an Warwara als
-Antwort auf ihre Bitten geschrieben, daß sie für Warwaras »Bräutigam«
-ein gutes Wort einzulegen nicht gewillt wäre; anders verhielte es sich,
-wenn sie heiraten würde, dann könnte sie vielleicht gelegentlich ein
-Wörtchen zu seinen Gunsten fallen lassen. Peredonoff hatte jener Brief
-nicht befriedigt: damit war eigentlich nur eine unbestimmte Hoffnung
-gegeben, es war aber nicht direkt gesagt, daß die Fürstin ganz unbedingt
-Warwaras Manne den Posten eines Inspektors verschaffen würde. Um diese
-Ungewißheit zu klären, waren sie kürzlich nach St. Petersburg gefahren.
-Warwara hatte die Fürstin aufgesucht und dann führte sie auch Peredonoff
-hin, hatte aber diesen Besuch mit Absicht so lange hinausgeschoben, bis
-sie die Fürstin nicht mehr zu Hause trafen: Warwara begriff, daß sich
-die Fürstin im besten Fall auf den Rat beschränken würde, sie möchten so
-bald als möglich heiraten, vielleicht noch einige unbestimmte
-Versprechungen hinzufügen würde, daß sie bei Gelegenheit ein gutes Wort
-einlegen wolle, kurz -- Versprechungen, die Peredonoff keineswegs
-genügen konnten. So beschloß denn Warwara, Peredonoff die Fürstin nicht
-zu zeigen.
-
-»Ich verlasse mich felsenfest auf Sie,« sagte Warwara, »helfen Sie mir,
-teuerste Marja Ossipowna.«
-
-»Wie soll ich Ihnen denn helfen, liebes Herz?« fragte die Gruschina,
-»Sie wissen doch, Warwara Dmitriewna, daß ich für Sie bereit bin, alles
-zu tun, was in meiner Kraft liegt. Soll ich Ihnen vielleicht wahrsagen?«
-
-»Ich weiß doch, was an Ihrer Wahrsagerei dran ist,« sagte Warwara
-lachend, »nein, ganz anders müssen Sie mir helfen.«
-
-»Wie denn?« fragte in freudig-reger Erwartung die Gruschina.
-
-»Ganz einfach,« sagte schmunzelnd Warwara, »schreiben Sie einen Brief an
-mich, als käme er von der Fürstin. Fälschen Sie ihre Handschrift; ich
-werde ihn dann Ardalljon Borisowitsch zeigen.«
-
-»Aber was denken Sie nur, Teuerste! Das geht doch nicht,« beteuerte die
-Gruschina und stellte sich empört, »wenn die Geschichte herauskommt, was
-soll dann aus mir werden?«
-
-Warwara ließ sich durch diese Antwort keineswegs aus der Fassung
-bringen, zog einen verknüllten Brief aus der Tasche und sagte:
-
-»Da habe ich Ihnen gleich den Brief der Fürstin als Mustervorlage
-gebracht.«
-
-Die Gruschina sträubte sich lange. Warwara sah klar, daß die Gruschina
-ihr Einverständnis geben würde, daß sie nur für diesen Dienst mehr
-beanspruchen wolle. Warwara ihrerseits wollte gerade weniger zahlen. Und
-nur ganz allmählich erhöhte sie den Bestechungspreis, versprach
-verschiedene kleinere Geschenke, ein altes Seidenkleid, und endlich sah
-die Gruschina ein, daß Warwara in keinem Fall mehr geben würde. Klagende
-Worte ergossen sich aus Warwaras Munde. Die Gruschina tat, als wäre sie
-nur aus Mitleid bereit, die Sache zu übernehmen und nahm den Brief.
-
-
-
-
- IV
-
-
-Das Billardzimmer war dick vollgeraucht. Peredonoff, Rutiloff,
-Falastoff, Wolodin und Murin -- ein Gutsherr von hünenhaftem Wuchse und
-dummerhaftem Aussehen, Besitzer eines kleinen Gutes, außerdem ein
-kapitalkräftiger, unternehmungslustiger Mann --, alle diese fünf hatten
-das Spiel beendet und machten sich auf den Heimweg.
-
-Es dämmerte. Auf einem schmutzigen Brettertisch standen viele geleerte
-Bierflaschen. Die Spieler, welche während des Spieles viel getrunken
-hatten, hatten rote Köpfe und lallten berauscht. Rutiloff war der
-einzige, der wie sonst schwindsüchtig-blaß aussah. Er trank auch weniger
-als die andern und hätte bei stärkerem Trinken gewiß noch blasser
-ausgesehen.
-
-Rohe Schimpfworte flogen durch die Luft. Keiner fühlte sich gekränkt:
-man war eben unter Freunden.
-
-Peredonoff hatte, wie fast immer, verloren. Er spielte schlecht Billard.
-Trotzdem war sein Gesichtsausdruck unerregt finster, und nur mit Unlust
-bezahlte er seine Spielschuld.
-
-Murin rief laut:
-
-»Feuer!«
-
-und zielte mit einem Queue nach Peredonoff. Der schrie auf vor Schreck
-und ließ sich auf einen Stuhl fallen. Ihm war der dumme Gedanke
-gekommen, Murin wolle ihn totschießen. Alle fingen an zu lachen.
-Peredonoff brummte ärgerlich:
-
-»Ich kann solche Späße nicht leiden.«
-
-Murin tat es schon leid, daß er Peredonoff erschreckt hatte: sein Sohn
-war nämlich Gymnasiast, und da hielt er es für seine Pflicht, auf alle
-nur mögliche Art den Gymnasiallehrern zu Gefallen zu sein. Jetzt
-entschuldigte er sich bei Peredonoff und bewirtete ihn mit Wein und
-Selters. Peredonoff sagte finster:
-
-»Meine Nerven sind ein wenig angegriffen. Ich bin mit unserem Direktor
-nicht zufrieden.«
-
-»Der künftige Inspektor hat Unglück im Spiel,« schrie mit blökender
-Stimme Wolodin, »schade um das Geld.«
-
-»Unglück im Spiel, Glück in der Liebe,« sagte Rutiloff lächelnd und wies
-seine angefaulten Zähne.
-
-Wegen seines Verlustes im Spiel, dazu noch der Schreck, war Peredonoff
-sowieso nicht in rechter Stimmung. Dann fing man an, ihn mit seinem
-Verhältnis zu Warwara zu necken. Er rief:
-
-»Ich werde heiraten und Warjka muß hinaus.«
-
-Die Freunde lachten und stichelten:
-
-»Du wirst nicht dürfen.«
-
-»So, meint ihr? noch morgen suche ich mir eine Braut.«
-
-»Was gilt die Wette?« schlug Falastoff vor, »ich setze zehn Rubel.«
-
-Peredonoff tat es aber leid um das Geld; sollte er am Ende verlieren, so
-hätte er zahlen müssen. Er kehrte sich ab und schwieg finster.
-
-Am Gartentor trennten sie sich nach verschiedenen Richtungen. Peredonoff
-und Rutiloff gingen zusammen. Rutiloff versuchte ihn zu bereden, sofort
-eine seiner Schwestern zu heiraten.
-
-»Ich habe alles in Ordnung gebracht,« wiederholte er, »sei ganz
-unbesorgt.«
-
-»Das Aufgebot ist noch nicht gewesen,« schützte Peredonoff vor.
-
-»Ich sage dir doch, alles ist in Ordnung,« beteuerte Rutiloff. »Ich habe
-einen Popen ausfindig gemacht; der weiß, daß ihr nicht verwandt seid.«
-
-»Es sind keine Marschälle da,« sagte Peredonoff.
-
-»Ach was, es sind keine da! Die Marschälle haben wir im Nu zusammen, ich
-schicke einfach nach ihnen und sie werden direkt in die Kirche kommen.
-Oder ich werde sie selbst holen gehen. Früher konnte man doch nicht gut,
--- dein »Schwesterchen« hätte Wind gekriegt und uns gestört.«
-
-Peredonoff schwieg still und blickte trübselig zur Seite. Hin und her
-sah man im Schatten schweigsame Häuser in träumenden, kleinen Gärtchen
-mit morschen Zäunen davor.
-
-»Warte ein wenig an der Pforte,« sagte Rutiloff überredend, »ich werde
-dir jede vorführen, welche du nur magst. So hör doch, ich will es dir
-gleich beweisen. Ist zwei mal zwei vier oder nicht?«
-
-»Jawohl, vier,« antwortete Peredonoff.
-
-»Also: zwei mal zwei ist vier, darum mußt du eine von meinen Schwestern
-heiraten.«
-
-Peredonoff war ganz erstaunt. In der Tat, dachte er, es ist so;
-natürlich ist zwei mal zwei vier. Und mit Ehrfurcht blickte er auf den
-klugen Rutiloff. Ich werde heiraten müssen! Mit ihm ist nicht gut
-Kirschen essen.
-
-Mittlerweile waren sie ans Rutiloffsche Haus gekommen und blieben vor
-der Pforte stehen.
-
-»Man kann doch nicht so per Gewalt,« sagte Peredonoff böse.
-
-»Sonderling, sie warten ja nur darauf,« rief Rutiloff.
-
-»Aber ich selber will vielleicht nicht.«
-
-»Na ja, du willst nicht, Schlaukopf. Willst du denn dein lebelang
-Junggeselle bleiben?« antwortete Rutiloff sicher, »oder willst du ins
-Kloster? Oder ist dir die Warja noch immer nicht widerlich geworden?
-Bedenke nur -- ihre Fratze, wenn du ihr auf einmal eine junge Frau ins
-Haus führst.«
-
-Peredonoff lachte abgerissen und kurz, aber sofort wurde er wieder
-finster und sagte:
-
-»Und außerdem, _sie_ wollen vielleicht garnicht!«
-
-»Geh doch, wie sollten sie nicht wollen, Sonderling,« antwortete
-Rutiloff. »Ich gebe dir mein Wort darauf.«
-
-»Sie sind stolz,« sagte Peredonoff.
-
-»Was geht dich das an; noch besser.«
-
-»Sie machen sich über alles lustig.«
-
-»Aber doch nicht über dich,« beteuerte Rutiloff.
-
-»Woher soll ich das wissen.«
-
-»So glaub mir doch, ich will dich nicht betrügen. Sie verehren dich. Du
-bist doch nicht irgend ein Narr den man auslacht.«
-
-»Ja, dir soll man glauben,« sagte Peredonoff mißtrauisch. »Nein, erst
-will ich mich selbst davon überzeugen, daß sie über mich nicht lachen.«
-
-»Merkwürdiger Mensch,« sagte Rutiloff verwundert, »wie sollten sie sich
-überhaupt unterstehen zu lachen? Wie willst du dich davon überzeugen?«
-
-Peredonoff dachte nach und sagte:
-
-»Laß sie gleich auf die Straße herauskommen.«
-
-»Meinetwegen, das geht,« sagte Rutiloff.
-
-»Alle drei auf einmal,« fuhr Peredonoff fort.
-
-»Meinetwegen.«
-
-»Und jede soll sagen, wodurch sie glaubt, mein besonderes Gefallen zu
-erregen.«
-
-»Wozu denn das?« fragte Rutiloff erstaunt.
-
-»Da werde ich eben sehen, was sie eigentlich wollen, sonst laß ich mich
-am Ende an der Nase herumführen,« erklärte Peredonoff.
-
-»Niemand will dich an der Nase herumführen.«
-
-»Vielleicht wollen sie mich zum Beispiel auslachen,« erklärte
-Peredonoff, »laß sie nur herauskommen, wenn sie dann Lust bekommen zu
-lachen, dann werde ich sie auslachen.«
-
-Rutiloff überlegte, schob seinen Hut in den Nacken, zog ihn dann wieder
-in die Stirn und sagte endlich:
-
-»Also warte jetzt, ich will gehen es auszurichten. Sonderbarer Kauz. Du
-komm inzwischen in den Hof, sonst -- der Teufel mag wissen -- kommt noch
-jemand gegangen und wird alles sehen.«
-
-»Es ist doch einerlei,« sagte Peredonoff, ging aber doch hinter Rutiloff
-durch die Pforte.
-
-Rutiloff begab sich ins Haus zu seinen Schwestern; Peredonoff wartete
-unterdessen auf dem Hof.
-
-Im Salon -- einem Eckzimmer -- mit den Fenstern zur Pforte, saßen die
-vier Schwestern. Sie hatten alle dieselben Gesichter, glichen dem
-Bruder, waren nett anzusehen, rosig und fröhlich. Die verheiratete
-Larissa, ruhig, sympathisch und stattlich; die flinke und quicke Darja,
-sie war die größte und schmächtigste von den Schwestern; die immer
-lachende Ludmilla und die sich zierende Valerie, klein, zart und dem
-Aussehen nach zerbrechlich. Sie naschten Rosinen und Nüsse und schienen
-aufgeregt etwas zu erwarten, denn sie lachten mehr als gewöhnlich in
-Erinnerung an die letzten Klatschgeschichten der Stadt und machten sich
-außerdem über Bekannte und Unbekannte lustig.
-
-Vom frühen Morgen an hatten sie sich zur Trauung bereit gehalten. Es
-erübrigte, nur ein passendes Brautkleid anzuziehen und den Schleier und
-die Blumen anzustecken. Von Warwara wurde überhaupt nicht gesprochen, so
-als existierte sie nicht. Aber schon der Umstand, daß sie, die sich
-rücksichtslos über alles und jedes lustig machten, die über alle den
-Stab brachen, den ganzen Tag lang allein über Warwara kein
-Sterbenswörtchen zu sagen wußten, -- schon allein dieser Umstand bewies
-zur Genüge, daß ein unangenehmes Erinnern an sie wie ein spitzer Nagel
-im Kopfe einer jeden von ihnen bohrte.
-
-»Ich hab ihn hergelockt!« erklärte Rutiloff bei seinem Eintritt in den
-Salon, »er steht an der Pforte.«
-
-Ganz erregt sprangen die Schwestern auf und fingen alle mit einmal zu
-schwatzen und zu lachen an.
-
-»Da ist nur ein Haken dabei,« sagte Rutiloff und lächelte vielsagend.
-
-»Was denn, was denn?« fragte Darja. Valerie zog ärgerlich ihre schönen,
-schwarzen Augenbrauen zusammen.
-
-»Jetzt weiß ich nicht, ob ich's sagen soll?« fragte Rutiloff.
-
-»Nur schneller, schneller,« drängte Darja.
-
-Etwas verlegen erzählte Rutiloff von Peredonoffs Wünschen. Die jungen
-Damen fingen zu zetern an und schimpften um die Wette auf Peredonoff.
-Aber allgemach wurde aus dem unwilligen Geschrei Lachen und Scherzen.
-
-Darja machte ein finster-erwartungsvolles Gesicht und sagte:
-
-»_So_ wartet er an der Pforte.«
-
-Sie hatte ihn gut und drollig nachgeahmt. Die jungen Damen guckten
-durchs Fenster zur Pforte. Darja öffnete das Fenster und rief:
-
-»Ardalljon Borisowitsch! Darf man es durchs Fenster sagen?«
-
-Als Antwort hörte man ihn brummen:
-
-»Nein.«
-
-Darja schloß das Fenster sofort, denn die Schwestern lachten sehr laut
-und konnten garnicht mehr aufhören. Dann liefen sie aus dem Salon ins
-Speisezimmer, um von Peredonoff nicht gehört zu werden.
-
-Man verstand in diesem fröhlichen Kreise, die trübste Stimmung in Lachen
-und Scherzen ausklingen zu lassen, und so manche Angelegenheit wurde
-einfach durch einen Scherz gelöst.
-
-Peredonoff stand draußen und wartete. Er war traurig, und ein
-unbestimmtes Angstgefühl bedrückte ihn. Er dachte daran, fortzugehen,
-aber auch dazu konnte er sich nicht entschließen. Irgendwo in der Ferne
-hörte man Musik: das war wohl die Tochter des Adelsmarschalls, die
-Klavier spielte. Leise und wiegend zitterten die Töne durch die dunkle,
-stille Abendluft; sie stimmten traurig und ließen die Gedanken traumhaft
-werden.
-
-Peredonoffs Grübeleien hatten sich zuerst ins Erotische verloren. Er
-stellte sich die Rutiloffschen Mädchen in den wollüstigsten Lagen vor.
-Aber je länger er warten mußte, desto mehr fühlte er sich enttäuscht, --
-warum ließ man ihn überhaupt warten! Und die Musik, die nur ganz wenig
-an sein grobes, halberstorbenes Gemüt gerührt hatte, verlor für ihn
-allen Reiz.
-
-Und ringsum war es Nacht geworden, still und doch voll Flüstern und
-Rauschen. Peredonoff stand innerhalb des Lichtkreises der Lampe, die im
-Salon brannte, darum erschien ihm alles noch dunkler. In zwei Streifen
-fiel das Licht auf den Hof und wurde breiter und breiter zum
-Nachbarzaune hin, dahinter konnte man dunkle Bretterwände sehen. Im
-Hintergrunde des Hofes warfen die Bäume des Rutiloffschen Gartens
-unheimliche Schatten und flüsterten. Lange Zeit hindurch hörte man
-irgendwo in der Nähe auf der Straße langsame, schwere Schritte.
-Peredonoff fürchtete sich: während er da wartete, hätte ihn jemand
-überfallen und ausrauben, vielleicht sogar ermorden können. Er drückte
-sich scheu an die Wand und wartete im Schatten, um nicht gesehen zu
-werden.
-
-Mit einmal tauchten in den Lichtstreifen im Hofe lange Schatten auf, man
-hörte Türen gehen, und im Flur wurden Stimmen laut.
-
-Sie kommen, dachte er, und sachte regten sich lüsterne Gedanken über die
-schönen Schwestern in seinem Hirn, -- tierische Ausgeburten einer
-spärlichen Phantasie.
-
-Die Schwestern warteten auf dem Flur.
-
-Rutiloff ging zur Pforte und hielt Ausschau, ob niemand in der Nähe
-wäre. Es war nichts zu sehen und nichts zu hören.
-
-»Die Luft ist rein,« flüsterte er seinen Schwestern zu, die Hände als
-Sprachrohr benutzend.
-
-Er blieb als Wache auf der Straße stehen. Peredonoff war mit ihm
-hinausgegangen.
-
-»Sie werden es gleich sagen,« sagte Rutiloff.
-
-Peredonoff stand gerade an der Pforte und blickte auf die Spalte
-zwischen Pforte und Torpfosten. Sein Gesicht war düster, fast
-erschrocken, alles Grübeln und Denken in ihm war erloschen und an Stelle
-dessen war ein dumpfes, sinnliches Begehren getreten.
-
-Darja kam als Erste an die halbgeöffnete Pforte.
-
-»Womit könnte ich Ihr Wohlgefallen erregen?« fragte sie.
-
-Peredonoff schwieg finster. Darja sagte:
-
-»Ich werde Ihnen ganz besonders schöne Pfannkuchen backen, heiße
-Pfannkuchen, nur: ersticken Sie nicht daran.«
-
-Ueber ihre Schultern hinweg beeilte sich Ludmilla zu rufen:
-
-»Ich werde jeden Morgen in die Stadt gehen, werde alle
-Klatschgeschichten sammeln und sie Ihnen dann vorerzählen. Das ist
-außerordentlich lustig.«
-
-Zwischen den fröhlichen Gesichtern der beiden Schwestern zeigte sich für
-einen Augenblick Valeries kapriziöses, schmales Gesichtchen, und ein
-feines Stimmchen rief:
-
-»Ich werde auf keinen Fall sagen, was ich Ihnen geben will, Sie müssen
-es erraten.«
-
-Die Schwestern liefen lachend davon. Ihre Stimmen und ihr Lachen
-verklang hinter der Tür. Peredonoff hatte sich abgewandt. Er war nicht
-ganz zufrieden. Er dachte: da haben sie irgendwas geschwatzt und sind
-fortgegangen. Hätten sie doch lieber Zettelchen gebracht. Aber dieses
-Stehen und Warten dauerte zu lange.
-
-»Hast du sie dir angesehen?« fragte Rutiloff, »welche willst du haben?«
-
-Peredonoff dachte nach. Natürlich, -- entschloß er sich endlich, --
-nehme ich die Jüngste. Warum hätte er auch eine Alte heiraten sollen.
-
-»Führ Valerie her,« sagte er bestimmt. Rutiloff ging ins Haus und
-Peredonoff begab sich wieder auf den Hof.
-
-Ludmilla spähte verstohlen durchs Fenster, um zu horchen, was sie
-sprachen, aber sie konnte nichts hören. Jetzt tönten Schritte auf dem
-Hof. Die Schwestern wurden ganz still und saßen aufgeregt und verlegen
-da. Rutiloff trat ein und verkündete:
-
-»Er wünscht Valerie. Er wartet an der Pforte.«
-
-Die Schwestern jubelten und lachten. Valerie wurde ein wenig blaß.
-
-»Das ist gut, das ist gut,« wiederholte sie, »ich will ihn schon gerne
-nehmen, ich brauche so einen Mann.«
-
-Ihre Hände zitterten. Sie wurde angekleidet, -- alle drei Schwestern
-bemühten sich um sie. Wie immer zierte sie sich und trödelte. Die
-Schwestern drängten zur Eile. Sie wünschten ihr wohl Glück, beneideten
-sie jedoch im stillen. Rutiloff schwatzte unaufhörlich, fröhlich erregt.
-Ihm gefiel es, wie schlau er die ganze Sache eingefädelt hatte.
-
-»Hast du schon eine Droschke besorgt?« fragte Darja.
-
-Rutiloff antwortete aufgebracht:
-
-»Konnte ich denn? Die ganze Stadt wäre zusammengelaufen, und Warwara
-hätte ihn an den Haaren nach Hause gezerrt.«
-
-»Und wie sollen wir fortkommen?«
-
-»Sehr einfach, bis zum Stadtplatz gehen wir zu Fuß und nehmen dort
-Droschken. Als erste fährst du mit der Braut, dann Larissa mit dem
-Bräutigam, -- aber bitte nicht alle zusammen, sonst wird es noch in der
-Stadt bekannt. Unterdessen fahre ich mit Ludmilla zu Falastoff, die
-fahren dann zusammen ab, und ich hole dann den Wolodin.«
-
-Schon aus den Scherzen der Schwestern war zu ersehen, wie sehr Valerie
-beneidet wurde; sie wurde gepufft und mit ihrem Trödeln und Sich-Zieren
-geneckt. Endlich hielt sie es nicht mehr aus und sagte:
-
-»Was wollt ihr eigentlich? sind die Trauben sauer? Wenn ihr das meint,
-dann will ich überhaupt nicht.«
-
-Und sie brach in Tränen aus. Die Schwestern sahen einander an und
-versuchten sie durch Küsse und Schmeicheleien zu beruhigen.
-
-»Was weinst du denn, Dummerchen,« sprach Darja, »wir scherzen doch nur.«
-
-Larissa sagte in beruhigendem, zärtlichen Ton:
-
-»Du wirst ihn schon unter den Pantoffel kriegen. Wenn er nur erst
-geheiratet hat.«
-
-Allmählich wurde Valerie ruhiger.
-
-Peredonoff stand allein draußen und gab sich lüsternen Gedanken hin. Er
-träumte von der Brautnacht: Valerie nackt, verschämt und doch fröhlich
-in seiner Umarmung, so schmächtig wie sie war, so subtil ...
-
-Das alles malte er sich aus, während er ein Bonbon nach dem andern aus
-seiner Tasche zog und daran lutschte.
-
-Auf einmal fiel es ihm ein, daß Valerie recht kokett wäre. Sie wird ja
-Toilette machen wollen -- überlegte er -- und überhaupt Aufwand treiben.
-Dann wird es gewiß nicht mehr möglich sein allmonatlich Geld auf die
-Sparbank zu tragen, und alles Ersparte wird draufgehn. Und seine Frau
-wird Launen zeigen, und -- womöglich -- nicht einen Fuß in die Küche
-setzen. In der Küche werden dann die Speisen vergiftet werden, denn
-Warja wird sich rächen wollen und die Köchin bestechen. Und außerdem ist
-sie mir viel zu mager, dachte Peredonoff. Man weiß überhaupt nicht, wie
-man sie anfassen soll. Man kann sie nicht schimpfen, man kann sie nicht
-stoßen, man kann sie nicht anspucken. Sie fängt zu schluchzen an und
-wird einen vor aller Welt blamieren. Nein, -- es ist unheimlich, sich
-mit ihr einzulassen.
-
-Ludmilla ist darin ganz anders. Soll ich sie heiraten? Peredonoff trat
-ans Fenster und klopfte mit seinem Stock an das Fensterkreuz. Nach einer
-halben Minute steckte Rutiloff seinen Kopf heraus.
-
-»Was willst du?« fragte er beunruhigt.
-
-»Ich habe mich bedacht,« brummte Peredonoff.
-
-Rutiloff trat vom Fenster zurück.
-
-»Satan rundgeborner!« murmelte er und ging zu seinen Schwestern.
-
-Valerie freute sich sehr.
-
-»Es ist dein Glück, Ludmilla,« sagte sie fröhlich.
-
-Ludmilla lachte, sie ließ sich auf einen Sessel fallen und lachte,
-lachte, bis ihr der Atem ausging.
-
-»Was soll ich ihm sagen?« fragte Rutiloff, »willst du ihn überhaupt?«
-
-Ludmilla konnte vor Lachen nichts sagen, sie winkte nur mit den Händen.
-
-»Natürlich will sie,« sagte Darja für sie, »sag's ihm nur schnell, sonst
-sucht er das Weite ohne die Antwort abzuwarten.«
-
-Rutiloff ging in den Salon und flüsterte durchs Fenster:
-
-»Wart einen Augenblick; sie ist gleich fertig.«
-
-»Aber etwas flinker,« sagte Peredonoff ärgerlich, »was trödeln sie so
-lange.«
-
-Ludmilla wurde eilig angekleidet. Nach fünf Minuten war sie fertig.
-
-Peredonoff dachte an sie. Sie ist fröhlich und mollig. Nur eins, sie
-liebt zu lachen. Würde sie ihn auslachen? Gräßlicher Gedanke. Darja ist
-freilich munter, aber doch solider und ruhiger. Hübsch ist sie auch. Es
-ist besser sie zu heiraten. Er klopfte wieder ans Fenster.
-
-»Er klopft wieder,« sagte Larissa, »am Ende gilt es jetzt dir, Darja!«
-
-»So ein Teufel,« schimpfte Rutiloff und lief ans Fenster.
-
-»Was willst du noch?« fragte er böse, »hast du dich wieder bedacht, he?«
-
-»Bring Darja her,« antwortete Peredonoff.
-
-»Das will ich dir eintränken,« flüsterte Rutiloff wütend.
-
-Peredonoff stand und dachte an Darja -- und wieder kam an Stelle des
-sinnlichen Wohlgefallens ein Gefühl der Furcht. Sie ist zu lebhaft, zu
-dreist, sie wird mich quälen. -- Und was steh' ich hier, worauf warte
-ich eigentlich -- dachte er. -- Ich werde mich erkälten. Dort im Graben
-am Straßenrand, im Grase beim Zaun hat sich jemand versteckt, der
-springt plötzlich auf und wird mich ermorden! Peredonoff hatte große
-Angst. Außerdem, überlegte er, bekommen sie keine Mitgift. Irgendwelche
-Verbindungen nach oben hin haben sie nicht. Warwara wird bei der Fürstin
-klagen. Und der Direktor ist sowieso nicht gut auf mich zu sprechen.
-
-Peredonoff ärgerte sich über sich selbst. Was hatte er sich überhaupt
-mit den Rutiloffs einzulassen. Es war geradeso, als hätte ihn Rutiloff
-behext. Ja wirklich, er muß mich behext haben. Ich muß rasch etwas
-dagegen tun.
-
-Peredonoff drehte sich wie ein Kreisel herum, spuckte nach allen Seiten
-und murmelte Beschwörungsformeln. Sein Gesicht war ernst und aufmerksam,
-als hätte er etwas Wichtiges vor. Dann fühlte er sich leichter und
-glaubte gesichert zu sein vor Rutiloffs Zauberkünsten. Sehr energisch
-klopfte er mit seinem Stock ans Fenster und flüsterte dabei:
-
-»Wäre es nicht gut, sie zu denunzieren?«
-
-Rutiloff steckte seinen Kopf aus dem Fenster.
-
-»Ich will heute nicht heiraten,« erklärte Peredonoff.
-
-»Aber was ist denn, Ardalljon Borisowitsch, alles ist schon fertig«
-versuchte ihn Rutiloff zu überreden.
-
-»Ich will nicht,« sagte Peredonoff energisch, »komm zu mir nach Hause
-Karten spielen.«
-
-»Verdammter Teufel!« schimpfte Rutiloff. »Er will nicht heiraten,«
-erklärte er den Schwestern, »er hat Angst gekriegt. Aber ich will diesen
-Esel schon zähmen. Er bittet mich, bei ihm Karten zu spielen.«
-
-Die Schwestern schrieen und schalten auf Peredonoff.
-
-»Willst du wirklich zu diesem Halunken gehen?« fragte Valerie
-aufgebracht.
-
-»Freilich, und zur Strafe werde ich ihn bespielen. Und außerdem soll er
-von uns doch nicht loskommen,« redete Rutiloff und bemühte sich dabei,
-sehr sicher zu erscheinen, obgleich er sich recht ungemütlich fühlte.
-
-Die Wut der Schwestern auf Peredonoff verwandelte sich allgemach in
-große Heiterkeit. Rutiloff war fortgegangen. Die jungen Damen liefen ans
-Fenster.
-
-»Ardalljon Borisowitsch!« rief Darja, »warum sind Sie so unentschlossen!
-Das geht doch nicht!«
-
-»Herr Sauerampfer!« rief Ludmilla und lachte laut.
-
-Peredonoff war sehr unzufrieden. Seiner Meinung nach hätten die
-Schwestern vor lauter Kummer weinen müssen, -- _er_ hatte sie doch
-sitzen lassen. »Sie verstellen sich nur,« dachte er und ging schweigend
-zum Tore hinaus. Die jungen Damen liefen an die Fenster, welche zur
-Straße führten und riefen Peredonoff allerlei böse Worte nach, bis er in
-der Dunkelheit verschwunden war.
-
-
-
-
- V
-
-
-Peredonoff fühlte sich sehr unbehaglich. Auch hatte er keine Bonbons
-mehr in der Tasche, und das ärgerte und verstimmte ihn. Rutiloff redete
-fast die ganze Zeit über allein, -- er sprach noch immer in Tönen der
-Verzückung von seinen Schwestern. Peredonoff unterbrach nur einmal sein
-Gerede. Er fragte ärgerlich:
-
-»Hat der Stier Hörner?«
-
-»Freilich, und was weiter?« fragte Rutiloff erstaunt.
-
-»Na, ich will eben nicht Stier sein,« erklärte Peredonoff.
-
-Rutiloff fühlte sich gekränkt und sagte:
-
-»Gewiß, Ardalljon Borisowitsch, du kannst unmöglich ein Stier werden,
-weil du ein komplettes Schwein bist!«
-
-»Lüge!« grunzte Peredonoff.
-
-»Nein, ich lüge nicht und ich kann's beweisen,« sagte schadenfroh
-Rutiloff.
-
-»Beweis' doch,« verlangte Peredonoff.
-
-»Wart nur, ich will es schon beweisen,« höhnte Rutiloff. Beide
-schwiegen. Peredonoff wartete ängstlich; er hatte einen stillen Haß auf
-Rutiloff. Plötzlich fragte Rutiloff.
-
-»Hast du einen Fünfer bei dir, Ardalljon Borisowitsch?«
-
-»Ja, aber du kriegst ihn nicht,« antwortete Peredonoff böse.
-
-Rutiloff lachte aus vollem Halse.
-
-»Wie solltest du kein Schwein sein, wenn du einen Fünfer[4] hast,« rief
-er vergnügt.
-
-Peredonoff griff erschreckt nach seiner Nase.
-
-»Du lügst,« brummte er, »ich habe keinen Fünfer, ich habe eine ganz
-gewöhnliche Fratze.«
-
-Rutiloff lachte noch immer. Peredonoff schielte ärgerlich nach ihm und
-sagte:
-
-»Du hast mich heute absichtlich an Bilsenkraut vorbeigeführt und hast
-mich behexen wollen, damit ich deinen Schwestern in die Schlingen gehe.
-Ich habe schon an einer Hexe genug, da soll ich gleich drei auf einmal
-heiraten.«
-
-»Wie du merkwürdig bist,« sagte Rutiloff, »wie kommt es denn, daß das
-Bilsenkraut mir nichts anhaben konnte?«
-
-»Du kennst die Gegenmittel,« sagte Peredonoff, »vielleicht hast du mit
-dem Munde geatmet und die Nase zugehalten, oder vielleicht hast du
-irgendwelche Zaubersprüche dagegen gesagt; ich kenne sowas nicht, wie
-man sich vor Zauberei zu schützen hat. Ich bin kein Schwarzkünstler. Ich
-war die ganze Zeit im Banne des Bilsenkrauts, bis ich mich dagegen
-sicherte.«
-
-Rutiloff lachte.
-
-»Was hast du denn getan«, fragte er.
-
-Aber Peredonoff schwieg bereits.
-
-»Warum hast du dich an die Warwara gekettet?« sagte Rutiloff. »Glaubst
-du etwa, es wird dir gut gehen, wenn du durch ihre Vermittlung eine
-Stellung bekommst? Sie will dich begaunern.«
-
-[Fußnote 4: Der Fünfer ist eine große russische Kupfermünze. Der
-abgeflachte Rüssel des Schweines erinnert daran; daher der Vergleich.]
-
-Peredonoff verstand das nicht.
-
-Sie hat ihren eigenen Vorteil im Auge -- dachte er, -- sie wird es doch
-besser haben, wenn sie mit einem höheren Beamten verheiratet ist und
-mehr Geld bekommt. Mit andren Worten: sie ist ihm zu Dank verpflichtet,
-nicht er ihr. Und in jedem Fall ist es mit ihr bequemer zu leben, als
-sonst mit irgend einer Person.
-
-Peredonoff hatte sich an Warwara gewöhnt. Sie erschien ihm
-begehrenswert, vielleicht aus dem einfachen Grunde, weil es ihm zum
-Bedürfnis geworden war, sie zu quälen. Eine ähnliche Frau hätte er nicht
-einmal auf Bestellung bekommen.
-
-Es war spät geworden. In Peredonoffs Wohnung war noch Licht, die hellen
-Fenster stachen grell von der dunklen Straße ab.
-
-Am Teetisch saßen Gäste: die Gruschina -- Warwaras alltäglicher Gast --,
-Wolodin, die Prepolowenskaja, ihr Mann Konstantin Petrowitsch, ein
-stattlicher Vierziger; er war sehr schweigsam, bleich und hatte schwarze
-Haare. Warwara hatte sich schön gemacht -- sie trug ein weißes Kleid.
-Man trank Tee und plauderte. Wie gewöhnlich, wenn Peredonoff lange
-ausblieb, fühlte sich Warwara beunruhigt. Wolodin hatte fröhlich
-meckernd berichtet, Peredonoff wäre zusammen mit Rutiloff gegangen. Ein
-Grund mehr um Warwaras Unruhe zu steigern.
-
-Endlich erschien Peredonoff und Rutiloff. Sie wurden mit Gelächter und
-dummen, zotigen Scherzen empfangen.
-
-»Wo ist der Schnaps?« herrschte Peredonoff Warwara an. Sie sprang auf,
-lächelte schuldbewußt und brachte eilig den Schnaps in einer
-grobgeschliffenen Karaffe.
-
-»Prost«, brummte Peredonoff.
-
-»Warte doch, die Magd bringt den Imbiß gleich,« sagte Warwara, »he,
-Faultier, etwas flinker,« rief sie in die Küche.
-
-Aber Peredonoff hatte den Schnaps schon eingeschenkt. Er murmelte:
-
-»Man soll noch warten! Die Zeit wartet nicht.«
-
-Man trank und aß dazu kleine Saftpasteten.
-
-Zur Unterhaltung der Gäste hatte Peredonoff nur Schnaps und Karten
-bereit. Zum Kartenspiel war es noch zu früh, -- man hatte den Tee noch
-nicht getrunken, -- also blieb der Schnaps.
-
-Unterdessen war der Imbiß gebracht worden, so konnte man weiter trinken.
-Die Magd hatte beim Hinausgehen die Tür nicht geschlossen. Peredonoff
-wurde unruhig.
-
-»Ewig ist die Tür sperrangelweit auf«, schimpfte er.
-
-Er fürchtete den Zugwind, -- man hätte sich erkälten können. Daher war
-es in der Wohnung stets dumpf.
-
-Die Prepolowenskaja nahm ein Ei.
-
-»Prachtvolle Eier,« sagte sie, »wo kaufen Sie ein?«
-
-Peredonoff antwortete:
-
-»Das sollen Eier sein! Auf unsrem Gut gab es eine Henne, die legte
-tagaus tagein zwei große Eier.«
-
-»Große Herrlichkeit,« antwortete die Prepolowenskaja, »als wäre das was
-Besonderes, auch ein Grund zum Protzen! Wir hatten im Dorf eine Henne,
-die legte täglich zwei Eier und ein Achtel Butter dazu.«
-
-»Akkurat wie bei uns,« sagte Peredonoff, ohne den Witz zu begreifen.
-»Was andere Hühner konnten, konnte unsre Henne erst recht. Unsere Henne
-war sehr ergiebig.«
-
-Warwara lachte.
-
-»Dumme Witze«, sagte sie.
-
-»Die Ohren faulen ab von solchem Unsinn,« sagte die Gruschina.
-
-Peredonoff sah sie wütend an und gab erbittert zur Antwort:
-
-»Wenn sie faulen, täte man gut, sie abzureißen.«
-
-Die Gruschina wurde verlegen.
-
-»Sie werden gleich ungemütlich, Ardalljon Borisowitsch; immer sagen Sie
-sowas!« meinte sie schüchtern.
-
-Die andern lachten mitleidig. Wolodin zwinkerte mit den Augen, runzelte
-die Stirn und erklärte:
-
-»Wenn Ihre Ohren faulen, so muß man sie abreißen, sonst wäre es ja
-komisch, wenn sie verfaulen und hin und her schlenkern.«
-
-Wolodin zeigte mit den Händen, wie die verfaulten Ohren hin und her
-schlenkern würden. Die Gruschina schrie ihn an:
-
-»Sie schwatzen alles nach! Was eigenes wissen Sie nicht zu sagen.«
-
-Wolodin fühlte sich gekränkt und entgegnete mit Würde:
-
-»Ich kann wohl, wenn ich nur will, Marja Ossipowna, da wir aber dabei
-sind, uns in größerer Gesellschaft angenehm zu unterhalten, so sehe ich
-keinen Grund, warum ich nicht dem Scherze eines anderen beipflichten
-sollte. Sollte Ihnen das nicht passen, so tun Sie, was Sie wollen. Wie
-Sie uns begegnen, so begegnen wir Ihnen.«
-
-»So ist es recht, Pawel Wassiljewitsch,« ermunterte ihn lachend
-Rutiloff.
-
-»Pawel Wassiljewitsch steht immer seinen Mann,« sagte die
-Prepolowenskaja und lächelte spöttisch.
-
-Warwara hatte ein Stück Brot geschnitten und behielt das Messer in der
-Hand, während sie auf Wolodins scherzhafte Bemerkungen horchte. Die
-Messerklinge funkelte. Peredonoff lief es kalt über den Rücken, -- wie,
-wenn sie ihn plötzlich niederstoßen würde. Er rief:
-
-»Warwara, leg das Messer fort!«
-
-Warwara zuckte zusammen.
-
-»Was schreist du so,« sagte sie und legte das Messer beiseite. »Wissen
-Sie, er sieht immer Gespenster,« erklärte sie dem schweigsamen
-Prepolowenskji. Der strich sich den Bart und machte Miene, etwas zu
-sagen.
-
-»Das kommt vor«, begann er mit traurig-weicher Stimme, »ich hatte einen
-Bekannten, der fürchtete sich vor Nadeln. Ihn plagte die Angst, jemand
-würde ihn stechen und die Nadel würde in seine Eingeweide dringen. Und
-stellen Sie sich vor, jedesmal wenn er eine Nadel sah, zitterte er ...«
-
-Hatte er einmal angefangen zu reden, so hörte er nicht auf und erzählte
-immer wieder dasselbe mit kleinen Aenderungen, bis ihn jemand
-unterbrach, um auf ein anderes Thema zu kommen. Alsdann hüllte er sich
-wieder in tiefes Schweigen.
-
-Die Gruschina gab dem Gespräch eine Wendung ins Zotige. Sie erzählte von
-der Eifersucht ihres verstorbenen Mannes, und wie sie ihn hintergangen
-hätte. Dann berichtete sie von einem Klatsch über irgendeine
-hochstehende Persönlichkeit und seine Maitresse. Diese hätte einmal auf
-der Straße ihren Liebhaber getroffen. Ganz laut ruft sie ihm zu: Guten
-Tag, Jeannot! -- Das auf offener Straße! -- erzählte sie.
-
-»Ich werde gegen Sie Anzeige erstatten«, sagte Peredonoff ärgerlich,
-»wie darf man sich unterstehen, über Leute von Rang solche Geschichten
-zu verbreiten!«
-
-Die Gruschina murmelte erschreckt:
-
-»Ich kann nichts dafür, man hat es mir so erzählt. Ich erzähle es nur
-weiter.«
-
-Peredonoff schwieg erbost, stützte die Ellenbogen auf den Tisch und
-trank seinen Tee aus der Untertasse. Er dachte bei sich, daß es im Hause
-eines künftigen Inspektors nicht statthaft wäre, unehrerbietig über hohe
-Beamte zu reden. Er ärgerte sich über die Gruschina. Auch Wolodin kam
-ihm verdächtig vor: merkwürdig oft nannte er ihn Herr Inspektor _in
-spe_. Einmal hatte ihm Peredonoff schon gesagt:
-
-»Du beneidest mich wohl, mein Bester! Du wirst es nicht zum Inspektor
-bringen, ich wohl.«
-
-Hierauf hatte Wolodin entgegnet, -- und er gab seinem Gesicht ein
-überzeugendes Aussehen:
-
-»Jedem das Seine, Ardalljon Borisowitsch -- Sie sind Spezialist auf
-_diesem_ Gebiet, ich auf _meinem_.«
-
-»Denken Sie nur, Nataschka ist von uns direkt zum Gendarmerieoberst in
-Dienst gegangen,« berichtete Warwara.
-
-Peredonoff fuhr auf; verstört blickte er um sich.
-
-»Du lügst wieder!« sagte er halb fragend.
-
-»Nanu, warum soll ich lügen,« antwortete Warwara, »geh zu ihm hin und
-frag ihn doch.«
-
-Diese unangenehme Neuigkeit wußte auch die Gruschina zu bestätigen.
-Peredonoff geriet ganz aus der Fassung. Sie würde ihn denunzieren, der
-Gendarmerieoberst würde sich das merken und gelegentlich dem Ministerium
-Bericht erstatten. Wie fatal!
-
-Peredonoffs Auge blieb an einem Bücherregal haften, welches über der
-Kommode hing. Da standen einige gebundene Bücher: dünne Bändchen von
-Pissareff und etwas dickere -- »Vaterländische Memoiren«. Peredonoff
-erbleichte und sagte:
-
-»Diese Bücher müssen fort, sonst werde ich denunziert.«
-
-Früher hatte Peredonoff diese Bücher zur Schau gestellt, um damit seine
-liberale Gesinnung zu zeigen, -- in der Tat war er vollständig
-gesinnungslos und hatte nicht die geringste Lust, irgend einem Problem
-nachzugehen. Außerdem _standen_ diese Bücher nur bei ihm, er las sie
-garnicht. Es war schon lange her, daß er ein Buch zur Hand genommen
-hatte -- zum Lesen hatte er keine Zeit, -- aber auch Zeitungen ließ er
-nicht kommen, die Tagesneuigkeiten erfuhr er aus Gesprächen. Im übrigen
-gab es für ihn eigentlich nichts Wissenswertes, denn nichts in der Welt
-interessierte ihn. Ueber Zeitungsabonnenten machte er sich lustig, es
-wären Geldverschwender und Tagediebe. Man hätte glauben können, daß ihm
-jede Minute kostbar war.
-
-Er ging zum Bücherbrett und flüsterte:
-
-»Das ist bezeichnend für unsere Stadt, alles wird hinterbracht. Hilf
-doch, Pawel Wassiljewitsch,« sagte er zu Wolodin.
-
-Wolodin erhob sich. Er machte ein ernstes, verständnisvolles Gesicht und
-nahm behutsam die Bücher, welche Peredonoff ihm reichte. Sich selbst
-behielt Peredonoff einen kleinen Bücherpacken, Wolodin gab er den
-größeren und ging in den Saal. Wolodin hinter ihm her.
-
-»Wohin wollen Sie den Plunder verstecken, Ardalljon Borisowitsch?«
-fragte er.
-
-»Das wirst du sehen,« antwortete Peredonoff verdrießlich.
-
-Die Prepolowenskaja fragte:
-
-»Was schleppen Sie da eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?«
-
-Im Fortgehen antwortete Peredonoff:
-
-»Streng verbotene Bücher. Wenn man die sieht, werde ich denunziert.«
-
-Im Saal kniete Peredonoff vor dem Ofen nieder, legte die Bücher auf den
-Boden -- Wolodin tat dasselbe -- und schob ein Buch nach dem andern
-durch die schmale Ofentür. Wolodin kniete hinter ihm und reichte die
-Bücher. Dabei suchte er den sinnenden, verständigen Ausdruck in seinem
-Schafsgesicht zu wahren, indem er seine Lippen vorstreckte und seine
-rundgewölbte Stirn in Falten legte.
-
-Warwara stand an der Tür und sah zu. Sie lachte und sagte:
-
-»Du bist ein ganzer Narr!«
-
-Aber die Gruschina verwies ihr das:
-
-»Nein, Warwara Dmitriewna. Sagen Sie nicht, die größten
-Unannehmlichkeiten können entstehen, wenn da was herauskommt. Vergessen
-Sie nicht, er ist Lehrer am Gymnasium. Die Vorgesetzten fürchten sehr,
-die Lehrer könnten den Schülern revolutionäre Ideen beibringen.«
-
-Man hatte den Tee getrunken und machte sich ans Pochspiel; alle sieben
-setzten sich an den Kartentisch im Saal. Peredonoff spielte sehr eifrig,
-aber ohne Erfolg. Bei jedem zwanzigsten Stich verlor er und mußte
-zahlen; Prepolowenskji hatte das größte Glück. Er spielte mit seiner
-Frau zusammen. Sie hatten bestimmte Zeichen verabredet, Hüsteln, Klopfen
-und verständigten sich so über die Karten, welche sie in der Hand
-hielten.
-
-Peredonoff hatte heute gar kein Glück. Er beeilte sich, seine Einsätze
-zurückzugewinnen, allein Wolodin zögerte im Gegenspiel und bemühte sich,
-seine Karten zu halten.
-
-»Pawluschka, sag an,« rief Peredonoff ungeduldig.
-
-Wolodin fühlte sich im Spiel als gleichberechtigte Persönlichkeit, er
-machte ein bedeutendes Gesicht und sagte:
-
-»Wie meinst du das eigentlich, freundschaftlich oder wie?«
-
-»Freundschaftlich, freundschaftlich,« entgegnete Peredonoff gedankenlos,
-»sag nur schneller an!«
-
-»Es sei denn, ich bin wirklich erfreut, von Herzen erfreut,« redete
-Wolodin und lachte froh und dumm, während er sein Spiel ansagte, »du
-bist ein Prachtmensch, Ardascha, und ich habe dich sogar aufrichtig
-lieb. Freilich hättest du es nicht freundschaftlich gemeint, so wäre es
-ein ander Ding. Weil du es aber freundschaftlich meinst, so bin ich
-hocherfreut. Zur Belohnung gebe ich dir ein Aß,« sagte Wolodin und
-spielte Trumpf.
-
-Peredonoff hatte in der Tat ein Aß, aber nicht Trumpf, daher verlor er
-wieder. Geärgert sagte er:
-
-»Du gabst mir ein Aß, aber ich kann's nicht brauchen, du betrügst,«
-brummte er, »ich brauchte Trumpf und was hast du mir gegeben? Was fang
-ich mit Pik-Aß an?«
-
-Rutiloff wurde witzig:
-
-»Freilich, wozu brauchst du ein Aß, du bist ja selber ein Aas.«
-
-Wolodin meckerte und kicherte:
-
-»Der Inspektor _in spe_ macht eine Wandlung durch: Aß, Aß, Aas.«
-
-Rutiloff schwatzte in einem fort, er erzählte Klatschgeschichten und
-Anekdoten recht zweifelhaften Inhalts. Um Peredonoff zu ärgern,
-versicherte er, daß die Gymnasiasten sich schlecht betrügen, besonders
-jene, welche nicht im Internat lebten: sie rauchen, trinken Schnaps und
-stellen jungen Mädchen nach. Peredonoff glaubte das. Und die Gruschina
-bestärkte ihn in diesem Glauben. Solche Geschichten bereiteten ihr ein
-besonderes Vergnügen: sie hatte nämlich nach dem Tode ihres Mannes die
-Absicht gehabt, eine Pension für 3-4 Gymnasiasten einzurichten. Der
-Direktor hatte ihr hierzu die Konzession nicht erteilt, trotz
-Peredonoffs Fürsprache, -- denn die Gruschina stand in schlechtem Ruf.
-Nun begann sie eifrig jene Frauen zu schmähen, welche Gymnasiasten in
-Pension hatten.
-
-»Sie bestechen den Direktor,« erklärte sie. »Solche Frauen gehören zum
-Gesindel,« sagte Wolodin mit Nachdruck, »beispielsweise meine Wirtin.
-Als ich das Zimmer mietete, wurde vereinbart, sie hätte mir jeden Abend
-drei Glas Milch zu liefern. Schön, einen Monat, den zweiten, war alles
-in Ordnung.«
-
-»Hast du dich nicht besoffen?« fragte Rutiloff lachend.
-
-»Warum sollte ich mich besaufen?« entgegnete Wolodin gekränkt. »Milch
-ist ein vorzügliches Nahrungsmittel. Außerdem hatte ich mich daran
-gewöhnt, jeden Abend drei Glas zu trinken. Plötzlich werden mir nur zwei
-Glas gebracht. Warum denn so? frage ich. Die Magd antwortet: Anna
-Michailowna -- sagte sie -- läßt vielmals um Entschuldigung bitten, aber
-ihre Kuh -- sagt sie -- gäbe jetzt weniger Milch. Was geht mich das an!
-Ich halte mich an meinen Kontrakt. Gesetzt den Fall, ihre Kuh gibt
-überhaupt keine Milch mehr, soll ich dann ohne bleiben? Nun, sage ich,
-wenn keine Milch da ist, so sagen Sie Anna Michailowna, daß ich um ein
-Glas Wasser bitte. Ich habe mich gewöhnt, drei Glas zu trinken, zwei
-Glas sind mir zu wenig.«
-
-»Pawluschka ist ein Held,« sagte Peredonoff, »erzähl' doch deine
-Geschichte mit dem General.«
-
-Wolodin kam dieser Aufforderung bereitwillig nach. Allein diesmal wurde
-er ausgelacht. Gekränkt streckte er seine Unterlippe vor.
-
-Während des Abendessens betranken sich alle vollständig, sogar die
-Frauen.
-
-Wolodin machte den Vorschlag, die Tapeten noch ein wenig zu bearbeiten.
-Alle freuten sich: unverzüglich ließen sie das Essen stehen, machten
-sich an die Arbeit und amüsierten sich wie die Tollen. Die Tapeten
-wurden bespuckt, mit Bierresten begossen, man warf Papierpfeile, deren
-Spitzen mit Butter beschmiert waren, an die Wände, man schleuderte
-kleine Teufelchen, die aus gekautem Brot geknetet wurden, an die Lage.
-Dann beschloß man, auf gut Glück Fetzen aus der Tapete zu reißen -- wer
-die längsten Streifen zog, gewann. Bei diesem Spiel gewannen die
-Prepolowenskjis anderthalb Rubel.
-
-Wolodin verlor. Infolgedessen und auch wohl infolge seiner Betrunkenheit
-wurde er plötzlich wehmütig und klagte seine Mutter an. Er machte ein
-vorwurfsvolles Gesicht und sprach, aus irgend einem Grunde mit der Faust
-zur Erde weisend:
-
-»Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht? Was hab ich
-doch für ein elendes Leben! Sie ist nicht meine Mutter, sie hat mich nur
-in die Welt gesetzt. Denn eine echte Mutter sorgt für ihr Kind, meine
-Mutter hat mich zur Welt gebracht und noch im zartesten Alter in
-Kronsinstitute gesteckt.«
-
-»Dafür haben Sie etwas gelernt und Sie können sich unter Menschen sehen
-lassen,« sagte die Prepolowenskaja.
-
-Wolodin senkte seine Stirn, wackelte mit dem Kopfe und sagte:
-
-»Nein, nein, was ist an meinem Leben dran, -- es ist ein Hundeleben.
-Warum hat sie mich geboren? Was hat sie sich dabei gedacht?«
-
-Plötzlich mußte Peredonoff an die Jerli von gestern denken.
-
-»Aha,« dachte er bei sich, »er klagt seine Mutter an, warum sie ihn
-geboren hätte, er will eben nicht mehr der Pawluschka von früher sein.
-So ist es, so ist es: er beneidet mich. Vielleicht geht er schon jetzt
-mit dem Gedanken um, Warwara zu heiraten und in meine Haut zu kriechen,«
-so dachte Peredonoff und blickte wehmütig auf Wolodin.
-
-Könnte man ihm doch eine Frau verschaffen?
-
- * * * * *
-
-Im Schlafzimmer, als es schon spät in der Nacht war, sagte Warwara zu
-Peredonoff:
-
-»Du denkst wohl, all die jungen Weiber, welche dir nachstellen, sind
-schön, weil sie jung sind? Sie sind alle Plunder, ich bin schöner als
-sie alle.«
-
-Eilig entkleidete sie sich und entblößte mit einem niederträchtigen
-Lächeln auf den Lippen ihren leicht geröteten, schlanken, schönen,
-elastischen Körper.
-
-Obwohl sie vor Trunkenheit taumelte und obwohl ihr tierisch-wollüstiger
-Gesichtsausdruck jeden lebensfrohen Menschen abgestoßen hätte, so muß
-doch zugestanden werden, daß sie einen wunderschönen Körper hatte, einen
-Körper so zart, wie man ihn bei Nymphen zu denken liebt und an diesen
-Körper schien eine böse Fee den Kopf einer gemeinen Dirne gezaubert zu
-haben. Und dieser prachtvolle Leib war für die zwei betrunkenen,
-schmutzigen Leute nur ein Mittel, um ihre viehische Lust daran zu
-stillen.
-
-So pflegt es oft zu sein und wahrhaftig in unsrem Zeitalter scheint die
-Schönheit dazu bestimmt, niedergetreten und mißachtet zu werden.
-
-Peredonoff lachte tierisch, wie er seine Freundin nackt vor sich stehen
-sah.
-
-Die ganze Nacht über träumte er von nackten Frauenleibern.
-
- * * * * *
-
-Warwara glaubte, daß die Einreibungen mit Nesseln, welche sie auf den
-Rat der Prepolowenskaja anwandte, erfolgreich gewesen wären. Es schien
-ihr, als sei sie plötzlich voller geworden.
-
-Alle ihre Bekannten fragte sie:
-
-»Nicht wahr, ich nehme doch zu?«
-
-Und sie dachte im stillen, daß Peredonoff sie nunmehr unbedingt heiraten
-würde; er mußte doch sehen, wie sie dicker wurde, und dann würde er
-außerdem den gefälschten Brief erhalten.
-
-Peredonoff war lange nicht so hoffnungsfreudig. Er war überzeugt, daß
-der Direktor ihm feindlich gesinnt wäre -- und in der Tat der Direktor
-des Gymnasiums hielt Peredonoff für einen trägen und unfähigen Lehrer.
-Peredonoff seinerseits dachte, der Direktor gäbe den Schülern
-Instruktionen, ihn zu mißachten, -- das war natürlich Peredonoffs eigene
-grundlose Erfindung. Immerhin festigte das in Peredonoff die
-Ueberzeugung, er habe sich vor dem Direktor in acht zu nehmen. Aus
-Bosheit machte er sich des öfteren in den höheren Klassen über seinen
-Vorgesetzten lustig, und einer ganzen Reihe von Schülern gefiel das.
-
-Jetzt, wo Peredonoff den Plan hatte, Inspektor zu werden, wurde ihm
-dieses unfreundliche Verhalten des Direktors doppelt unangenehm.
-
-Gesetzt den Fall, die Fürstin legte sich ins Mittel, so schlägt ihre
-Protektion die Ränke des Direktors nieder. Immerhin schien das Spiel
-nicht ungefährlich.
-
-Außerdem glaubte Peredonoff in den letzten Tagen noch anderen Leuten
-begegnet zu sein, welche ihm nicht wohlwollten und nur zu gerne seine
-Hoffnungen auf den Inspektorposten zerstört hätten.
-
-Zum Beispiel Wolodin: nicht umsonst redet er immer wieder vom Inspektor
-_in spe_. Auch hat es Fälle gegeben, daß Menschen sich einfach fremde
-Namen beilegten und ganz lustig in den Tag hineinlebten.
-
-Freilich, so direkt sich in Peredonoffs Rolle hereinzufinden, dürfte dem
-Wolodin schwer fallen, doch war Wolodin trotz seiner Dummheit in seinen
-Einfällen unberechenbar. Und es ist ratsam, sich vor einem bösen
-Menschen in acht zu nehmen.
-
-Ferner die Rutiloffs, die Werschina mit ihrer Martha, schon aus Neid
-Parteigenossen, alle sind sie froh ihm zu schaden. Wie ließ sich das
-anstellen? Sehr einfach, man schwärzt ihn bei den Vorgesetzten an und
-erklärt, er sei ein unzuverlässiger Mensch.
-
-So kam es, daß Peredonoff sich um zweierlei sorgte; erstens mußte seine
-Zuverlässigkeit über jeden Zweifel erhaben sein, und zweitens mußte er
-sich vor Wolodin schützen, indem er ihm eine reiche Heirat vermittelte.
-
-Eines schönen Tages fragte er Wolodin:
-
-»Willst du -- ich werde für dich bei Fräulein Adamenko anhalten? Oder
-trauerst du noch um Martha? Ein Monat dürfte doch genügt haben, deinen
-Gram zu stillen.«
-
-»Warum soll ich um Martha trauern,« antwortete Wolodin, »ich habe ihr
-einen ehrenvollen Antrag gemacht, wenn sie aber nicht will, so ist das
-nicht meine Schuld. Ich werde auch eine andere kriegen, oder sollte sich
-tatsächlich keine einzige Braut für mich finden? Gott, so was kriegt man
-doch an jeder Straßenecke.«
-
-»Ja, aber die Martha hat dich doch abgekorbt,« neckte Peredonoff.
-
-»Ich weiß nicht, was für einen Bräutigam sie erwartet,« sagte Wolodin
-beleidigt. »Hätte sie wenigstens eine große Mitgift, aber so --! .. Sie
-hat sich in dich vernarrt, Ardalljon Borisowitsch.«
-
-Peredonoff gab ihm einen Rat:
-
-»An deiner Stelle würde ich ihre Pforte mit Teer beschmieren.«[5]
-
-Wolodin kicherte, beruhigte sich aber gleich und sagte:
-
-»Wenn man mich klappt, so wird es Unannehmlichkeiten geben.«
-
-[Fußnote 5: Bedeutet, daß in dem betr. Hause ein Mädchen lebt, das noch
-zu haben ist. Im Bilde: die Männer sollen am Teer kleben bleiben.]
-
-»Du brauchst es ja nicht selber zu tun; miete dir doch irgend jemand,«
-sagte Peredonoff.
-
-»Bei Gott, es wäre eine gerechte Strafe,« sagte Wolodin begeistert,
-»denn wenn sie nicht eine richtige Heirat eingehen will, indessen aber
-bei Nacht junge Leute durchs Fenster in ihr Zimmer läßt, -- so hört doch
-alles auf. Solche Menschen haben weder Schamgefühl noch Gewissen.«
-
-
-
-
- VI
-
-
-Am nächsten Tage machte sich Peredonoff mit Wolodin auf den Weg zu
-Fräulein Adamenko. Wolodin hatte sich schön gemacht, er trug seinen
-neuen, ein wenig zu engen Bratenrock, ein reines Plätthemd, einen bunten
-Schlips; er hatte seine Haare mit Pomade eingerieben, sich parfümiert
-und war in gehobener Stimmung.
-
-Nadeschda Wassiljewna Adamenko lebte mit ihrem Bruder in einem eigenen
-roten Ziegelhäuschen; nicht weit von der Stadt hatte sie ein Gut,
-welches verpachtet wurde. Vor zwei Jahren hatte sie die höhere
-Töchterschule absolviert und beschäftigte sich jetzt damit, auf der
-Ottomane zu liegen, allerhand Bücher zu lesen und ihren Bruder, einen
-elfjährigen Gymnasiasten, zu berufen. Dieser rettete sich vor der
-strengen Schwester mit der kurzen Bemerkung: »Mama war viel besser als
-du. Mama stellte einfach den Regenschirm in die Ecke, nicht mich.«
-
-Bei Nadeschda Wassiljewna lebte noch ihre Tante, ein wesenloses,
-unselbständiges Geschöpf. Im Haushalt hatte sie nichts zu bedeuten.
-Nadeschda Wassiljewnas Bekanntenkreis war eng begrenzt. Peredonoff
-besuchte sie selten und nur der Umstand, daß er sie fast garnicht
-kannte, entschuldigte seinen Plan, dieses Fräulein mit Wolodin zu
-verheiraten.
-
-Sie war sichtlich erstaunt über den unerwarteten Besuch, doch empfing
-sie ihre Gäste immerhin liebenswürdig. Gäste wollen unterhalten sein und
-Nadeschda Wassiljewna glaubte, daß ein Lehrer der russischen Sprache am
-liebsten über Pädagogik, über die bevorstehende Schulreform,
-Kindererziehung, Literatur, Symbolismus, russisches Zeitungswesen reden
-würde. Sie berührte gesprächsweise alle diese Fragen, erhielt aber so
-merkwürdige Antworten, daß es ihr erstaunlich klar wurde, wie
-vollständig gleichgültig ihren Gästen all diese Dinge waren. Sie
-erkannte, daß nur ein Gesprächsthema möglich war, nämlich
-Klatschgeschichten. Trotzdem machte Nadeschda Wassiljewna noch einen
-Versuch:
-
-»Haben Sie Tschechoffs »Menschen im Futteral« gelesen?« fragte sie.
-»Nicht wahr, ein vortreffliches Buch?«
-
-Sie hatte diese Frage an Wolodin gerichtet. Der fletschte die Zähne und
-fragte:
-
-»Was ist denn das, eine Novelle oder ein Roman?«
-
-»Eine Erzählung,« erklärte Nadeschda Wassiljewna.
-
-»Von Herrn Tschechoff, wenn ich fragen darf?« erkundigte sich Wolodin.
-
-»Ja, von Tschechoff,« sagte Nadeschda Wassiljewna und lächelte.
-
-»Wo ist es denn erschienen?« fragte Wolodin neugierig weiter.
-
-»Im >Russischen Gedanken<« antwortete das Fräulein sehr liebenswürdig.
-
-»In welcher Nummer?« erkundigte sich Wolodin.
-
-»Ich weiß nicht recht, ich glaube, es war im Sommer,« antwortete
-Nadeschda Wassiljewna immer noch liebenswürdig, aber sehr erstaunt.
-
-Der kleine Gymnasiast rief durch die Türspalte:
-
-»Im Maiheft war die Erzählung gedruckt,« er hielt sich mit den Händen an
-der Tür und blickte mit seinen fröhlichen, blauen Augen von den Gästen
-zur Schwester.
-
-»Es ist viel zu früh für Sie Romane zu lesen,« sagte Peredonoff streng.
-»Sie würden besser daran tun, zu lernen, statt Geschichten zweifelhaften
-Inhalts zu lesen.«
-
-Nadeschda Wassiljewna sah ihren Bruder vorwurfsvoll an.
-
-»Das ist ja reizend. Man steht hinter der Tür und horcht,« sagte sie,
-hob beide Hände auf und legte die kleinen Finger im rechten Winkel
-aneinander.
-
-Der Gymnasiast wurde verlegen und verschwand. Er ging in sein Zimmer,
-stellte sich in den Winkel und blickte auf die Uhr. Die kleinen Finger
-im rechten Winkel aneinander gelegt bedeuteten zehn Minuten
-Winkelstehen. »Nein,« dachte er ärgerlich, »bei Mama war es besser; Mama
-stellte nur den Regenschirm in den Winkel.«
-
-Unterdessen suchte Wolodin im Salon das Fräulein mit dem Versprechen zu
-beruhigen, er würde sich das Maiheft des »Russischen Gedankens«
-verschaffen und die Erzählung des Herrn Tschechoff lesen. Peredonoff
-hörte gelangweilt zu. Endlich sagte er:
-
-»Ich habe das Ding auch nicht gelesen. Ich lese keine Dummheiten.
-Erzählungen und Romane sind immer dumm.«
-
-Nadeschda Wassiljewna lächelte liebenswürdig und sagte:
-
-»Sie urteilen sehr hart über die moderne Literatur. Es werden doch auch
-gute Bücher geschrieben.«
-
-»Die guten Bücher habe ich schon längst gelesen,« erklärte Peredonoff.
-»Ich werde doch nicht Sachen lesen, welche eben erst verfaßt worden
-sind.«
-
-Wolodin blickte voll Ehrfurcht auf Peredonoff. Nadeschda seufzte leicht
-auf und -- es war nichts zu machen -- begann zu schwatzen und
-Klatschgeschichten zu erzählen, so gut es gehen wollte. Obgleich sie
-diese Gespräche keineswegs liebte, so verstand sie doch als
-wohlerzogene, junge Dame, die Unterhaltung in Fluß zu halten. Sie
-langweilte sich entsetzlich, die beiden aber dachten, daß sie ganz
-besonders liebenswürdig wäre und schrieben das dem berückenden Aeußern
-Wolodins zu.
-
-Als sie sich verabschiedet hatten und auf der Straße waren,
-beglückwünschte Peredonoff Wolodin zum Erfolge. Wolodin lachte und
-hüpfte vor lauter Freude. Schon hatte er all die erhaltenen Körbe
-vergessen.
-
-»Schlag nicht aus,« sagte ihm Peredonoff. »Du springst so wie ein junger
-Bock. Warte nur, du wirst schon mit einer Nase abfahren.«
-
-Das sagte er nur im Scherz, denn er war fest davon überzeugt, daß seine
-Werbung für Wolodin erfolgreich sein würde.
-
- * * * * *
-
-Die Gruschina war beinahe jeden Tag bei Warwara. Warwara kam noch öfter
-zu ihr, sodaß sie sich fast garnicht trennten. Warwara regte sich auf
-und die Gruschina zögerte, versicherte, daß es sehr schwer sei, die
-Buchstaben genau so nachzuschreiben, bis sie ganz ähnlich würden.
-
-Peredonoff wollte immer nicht den Tag der Trauung bestimmen. Wieder
-verlangte er, man möge ihm zuerst den Inspektorposten verschaffen. Er
-hatte es nur zu gut behalten, wie viele heiratslustige Bräute ihn
-ersehnten und damit drohte er öfters Warwara, gerade so wie im
-vergangenen Winter.
-
-»Ich gehe sofort, mich trauen lassen. Am Morgen kehre ich mit meiner
-Frau heim und jage dich zum Teufel. Es ist das letzte Mal, daß du hier
-über Nacht bleibst.«
-
-Mit diesen Worten ging er ins Restaurant Billard spielen. Manchmal
-kehrte er abends heim; öfter jedoch zechte er die ganze Nacht durch mit
-Rutiloff und Wolodin in irgend einer verrufenen Kneipe. In solchen
-Nächten konnte Warwara nicht schlafen. Nachher hatte sie entsetzliche
-Migräne. Gut, wenn er um ein oder zwei Uhr in der Nacht nach Hause kam,
-dann atmete sie erleichtert auf. Wenn er aber erst in den Morgenstunden
-erschien, so war sie tagsüber ganz krank. Endlich hatte die Gruschina
-den Brief fertiggestellt und brachte ihn Warwara. Lange prüften sie ihn,
-verglichen ihn mit einem alten Briefe, welcher tatsächlich von der
-Fürstin stammte. Die Gruschina versicherte: er ist so täuschend ähnlich,
-daß nicht einmal die Fürstin ihn für eine Fälschung halten würde. In der
-Tat war die Aehnlichkeit nur gering, doch Warwara war leichtgläubig.
-Außerdem war es doch ganz sicher, daß Peredonoff sich ganz unmöglich an
-die ihm nur wenig bekannten Schriftzüge so deutlich erinnern konnte, um
-die Fälschung als solche zu erkennen.
-
-»Gott sei Dank,« sagte sie erfreut, »endlich einmal! Ich hatte schon
-alle Geduld verloren, so lange habe ich warten müssen. Wie wird es nur
-mit dem Briefumschlag -- wenn er danach fragt, was soll ich ihm sagen?«
-
-»Den Umschlag kann man nicht fälschen,« sagte die Gruschina lächelnd und
-schielte spöttisch auf Warwara, »Poststempel lassen sich nicht
-nachmachen.«
-
-»Ja, was soll man denn tun?«
-
-»Liebste Warwara Dmitriewna, sagen Sie doch einfach, Sie hätten das
-Kouvert verbrannt. Was fängt man sonst mit Kouverts an.«
-
-Warwara begann wieder zu hoffen. Sie sagte der Gruschina:
-
-»Wenn er nur heiraten wollte, ich würde keinen Finger mehr für ihn
-rühren. Nein, ich werde mich dann ausruhen, mag er für mich laufen.«
-
- * * * * *
-
-Am Sonnabend ging Peredonoff nach dem Mittagessen zum Billardspielen.
-Seine Gedanken waren sorgenvoll und trübe.
-
-Er dachte:
-
-Es ist eine Qual unter neidischen, feindlich gesinnten Menschen leben zu
-müssen. Man muß es ertragen, -- alle können nicht Inspektor werden. Das
-ist der Kampf ums Dasein!
-
-An einer Straßenecke traf er den Gendarmerieoberst. Eine peinliche
-Begegnung.
-
-Der Oberstleutnant Nikolai Wladimirowitsch Rubowskji war nicht besonders
-groß, untersetzt, er hatte dichte Brauen, fröhliche graue Augen und
-hinkte ein wenig. Daher klirrten seine Sporen unregelmäßig. Er war sehr
-liebenswürdig und in Gesellschaften ein gern gesehener Gast. Er kannte
-alle Leute in der Stadt und ihre geschäftlichen Beziehungen; er liebte
-es, kleine Klatschgeschichten zu hören, war aber selbst bescheiden und
-verschwiegen wie ein Grab und bereitete niemandem unnützerweise
-Unannehmlichkeiten. Man blieb stehen, begrüßte sich, plauderte.
-Peredonoff machte ein verdrießliches Gesicht, hielt vorsichtig Umschau
-und sagte dann:
-
-»Ich höre, unsere Natascha ist bei Ihnen im Dienst; ich bitte, glauben
-Sie ihr nicht, wenn sie etwas über uns erzählen sollte; das lügt sie.«
-
-»Dienstbotenklatsch ist mir zuwider,« sagte Rubowskji voll Würde.
-
-»Sie ist eine gemeine Person,« fuhr Peredonoff fort, ohne die Entgegnung
-Rubowskjis zu beachten, »sie hat einen Geliebten, einen Polen.
-Vielleicht ist sie nur darum zu Ihnen gegangen, um irgendwelche geheime
-Akten zu stehlen.«
-
-»Bitte, beunruhigen Sie sich nicht,« versetzte trocken der
-Oberstleutnant, »Festungspläne habe ich nicht in Verwahrung.«
-
-Diese Erwähnung von Festungen überraschte Peredonoff. Es schien ihm, als
-spiele Rubowskji darauf an, daß er es bewirken könne, ihn hinter Schloß
-und Riegel zu bringen.
-
-»Ach was, Festungen,« murmelte er, »so war es nicht gemeint. Ich wollte
-nur im allgemeinen bemerken, daß über mich allerlei dumme Gerüchte
-umlaufen. Das hat seinen Grund im Neid. Glauben Sie, bitte, nichts
-Derartiges. Man denunziert mich, um den Verdacht von sich selber
-abzulenken. Uebrigens bin auch ich in der Lage, zu denunzieren.«
-
-Rubowskji verstand nicht recht.
-
-»Ich gebe Ihnen die Versicherung,« sagte er, mit den Achseln zuckend und
-sporenklirrend, »mir sind gar keine Anzeigen gemacht worden. Irgend
-jemand hat Ihnen wohl im Scherze damit gedroht, aber man redet oft mehr,
-als man verantworten kann.«
-
-Peredonoff traute ihm nicht. Er glaubte, daß der Gendarmerieoberst etwas
-vor ihm verheimliche, und ihm wurde sehr bange.
-
-Jedesmal, wenn Peredonoff an dem Garten der Werschina vorbeiging, redete
-sie ihn an und lockte ihn mit beinah magischen Bewegungen in den Garten.
-Und er trat ein, ohne es zu wollen, ihrem stillen Einfluß gehorchend.
-Vielleicht würde es ihr gelingen, schneller als die Rutiloffs ans Ziel
-zu kommen, dachte sie, denn Peredonoff stand allen Menschen gleich fremd
-gegenüber und warum hätte er nicht Martha heiraten sollen?
-
-Doch der Sumpf, in dem Peredonoff steckte, war schlammig und zäh, und
-kein Mittel verfing, ihn da heraus in einen anderen zu zerren.
-
-Auch heute gelang es der Werschina, als Peredonoff nach der Unterredung
-mit Rubowskji vorüberging, ihn hereinzulocken. Sie war wie immer ganz in
-Schwarz.
-
-»Martha und Wladja fahren auf einen Tag nach Hause,« sagte sie und sah
-zärtlich aus ihren braunen Augen durch den Rauch ihrer Zigarette auf
-Peredonoff, »Sie sollten zusammen mit den beiden einen Tag im Dorfe
-zubringen. Ein Knecht ist mit einem Wägelchen gekommen, sie abzuholen.«
-
-»Es wird eng sein,« sagte Peredonoff verdrießlich.
-
-»Ach was, zu eng,« entgegnete die Werschina. »Sie werden ausgezeichnet
-Platz haben. Und wenn es auch etwas eng sein sollte, das ist kein
-Unglück; es ist ja nicht weit, eine halbe Stunde Fahrt.«
-
-In diesem Augenblick kam Martha aus dem Hause gelaufen, um sich bei der
-Werschina nach etwas zu erkundigen. Die Freude an der bevorstehenden
-Fahrt hatte ihre Trägheit verdrängt und ihr Gesicht war lebhafter und
-fröhlicher als wie gewöhnlich. Nun fingen sie beide an, Peredonoff zur
-Fahrt ins Dorf zu überreden.
-
-»Sie werden ganz bequem sitzen können,« beteuerte die Werschina, »Sie
-neben Martha auf dem Rücksitz und Wladislaus neben Ignaz auf dem Bock.
-Sehen Sie doch selber, da steht das Wägelchen im Hof.«
-
-Peredonoff ging mit der Werschina und Martha in den Hof; da stand der
-Wagen. Wladja machte sich daran zu schaffen und verpackte etwas. Der
-Wagen war ziemlich geräumig. Aber Peredonoff erklärte, nachdem er ihn
-besichtigt hatte:
-
-»Nein, ich fahre nicht. Es ist zu eng für vier Menschen, außerdem noch
-allerhand Sachen.«
-
-»Na, wenn Sie meinen, daß es zu eng ist,« sagte die Werschina, »so kann
-ja der Junge zu Fuß gehen.«
-
-»Natürlich,« sagte Wladja und lächelte freundlich, »zu Fuß bin ich in
-anderthalb Stunden da. Ich werde mich gleich aufmachen, da komme ich
-noch vor Ihnen an.«
-
-Hierauf erklärte Peredonoff, der Wagen würde rütteln und das könne er
-nicht vertragen. Man ging in die Laube. Alles war schon fix und fertig
-zur Abfahrt, nur der Knecht Ignaz aß noch in der Küche und dieses
-Geschäft besorgte er nachdrücklich und ohne sich zu übereilen.
-
-»Wie lernt mein Bruder?« fragte Martha. Ein anderes Gesprächsthema fiel
-ihr nicht ein, und die Werschina hatte ihr schon wiederholt Vorwürfe
-darüber gemacht, daß sie es nicht verstände, Peredonoff zu unterhalten.
-
-»Schlecht,« sagte Peredonoff, »er ist faul und gehorcht nicht.«
-
-Die Werschina liebte es, zu schelten. Sie machte Wladja Vorwürfe. Wladja
-wurde rot und lächelte, zog die Schultern zusammen, als habe er es kalt
-und hob, wie es seine Gewohnheit war, eine Schulter höher als die
-andere.
-
-»Das Semester hat eben erst begonnen,« sagte er, »es wird schon gehen.«
-
-»Man muß gleich von Anfang an lernen,« sagte Martha im Tone der älteren
-Schwester und wurde rot.
-
-»Außerdem macht er Unsinn,« klagte Peredonoff, »gestern betrugen sie
-sich gerade wie Straßenjungen. Und außerdem ist er frech; noch
-Donnerstag sagte er mir irgend eine Ungezogenheit.«
-
-Wladja wurde heftig, ganz eifrig erzählte er, immer ein Lächeln auf den
-Lippen:
-
-»Garnicht frech, ich redete nur die Wahrheit, daß Sie in den anderen
-Heften an fünf Fehler übersehen haben, bei mir aber alle Fehler
-angestrichen und mir eine schlechte Note gegeben haben. Ich hatte aber
-schöner geschrieben als jene mit den guten Noten.«
-
-»Noch eine andere Frechheit haben Sie mir gesagt,« beharrte Peredonoff.
-
-»Gar keine Frechheit, ich habe nur gesagt, ich würde es dem Inspektor
-sagen,« sagte Wladja trotzig, »warum soll ich immer schlechte Noten
-bekommen?«
-
-»Wladja, vergiß nicht, mit wem du sprichst,« sagte die Werschina streng,
-»statt daß du dich entschuldigst, wiederholst du noch deine
-Ungezogenheiten.«
-
-Plötzlich fiel Wladja ein, daß man Peredonoff nicht reizen dürfe, weil
-er doch vielleicht sich mit Martha verloben könnte. Er wurde ganz rot,
-spielte verlegen an seiner Gürtelschnalle und sagte bescheiden:
-
-»Verzeihen Sie. Ich wollte nur bitten, ob sich das nicht ummachen
-ließe.«
-
-»Schweig doch still, ich bitte dich,« unterbrach ihn die Werschina, »ich
-kann so was nicht leiden,« wiederholte sie und zitterte kaum merklich am
-ganzen Körper. »Wenn dir ein Verweis erteilt wird, so hast du still zu
-sein.«
-
-Und die Werschina überschüttete den Jungen mit Vorwürfen, rauchte ihre
-Zigarette und lächelte schief, wie sie immer lächelte, gleichviel wovon
-die Rede war.
-
-»Man muß es dem Vater sagen, er wird dich bestrafen,« schloß sie.
-
-»Man muß ihn durchprügeln,« sagte Peredonoff und blickte böse auf den
-Jungen, der es gewagt hatte, ihn zu kränken.
-
-»Natürlich,« bestätigte die Werschina, »man muß ihn durchprügeln.«
-
-»Man muß ihn durchprügeln,« sagte auch Martha und errötete.
-
-»Ich werde heute zu Ihrem Vater fahren,« sagte Peredonoff, »und werde
-ihm sagen, er soll Sie ordentlich in meiner Gegenwart durchprügeln.«
-
-Wladja schwieg, blickte auf seine Peiniger, zog die Schultern zusammen
-und lächelte, während ihm die Tränen in den Augen standen. Sein Vater
-war sehr hart. Wladja versuchte sich zu beruhigen; er dachte, das seien
-nur Drohungen. Es war doch nicht möglich, daß man ihm so den Feiertag
-verderben wollte. Ein Feiertag ist etwas ganz Besonderes, ein
-fröhlicher, schöner Tag und dieses Festliche ist garnicht vereinbar mit
-dem Alltäglichen, mit dem Leben in der Schule.
-
-Peredonoff fand aber Gefallen daran, wenn Kinder weinten, -- besonders
-wenn er selber den Anlaß zu Tränen und Zerknirschung gab. Wladjas
-Verlegenheit, seine verhaltenen Tränen und sein schuldbewußtes,
-schüchternes Lächeln, alles das freute Peredonoff. Er entschloß sich,
-zusammen mit Martha und Wladja hinauszufahren.
-
-»Na meinethalben, ich werde mitkommen,« sagte er zu Martha.
-
-Martha freute sich, war aber doch ein wenig erschreckt. Natürlich
-wünschte sie es, daß Peredonoff mitkäme, -- richtiger, die Werschina
-hatte es für sie gewünscht und ihr diesen Wunsch eingegeben durch einige
-schnelle Worte. Jetzt aber, wie Peredonoff erklärte, er wolle mitkommen,
-tat es ihr leid um Wladja.
-
-Auch Wladja fühlte sich unbehaglich. War es möglich, daß Peredonoff nur
-um seinetwillen mitkam? Er wollte Peredonoff freundlicher stimmen und
-sagte:
-
-»Wenn Sie meinen, Ardalljon Borisowitsch, daß es zu eng sein wird, so
-will ich gerne zu Fuß gehen.«
-
-Peredonoff sah ihn argwöhnisch an und sagte:
-
-»Das kennen wir. Wenn man Sie allein läßt, werden Sie das Weite suchen.
-Nein, nein, wir werden Sie schon hinbringen zu Ihrem Vater, er wird Sie
-schon strafen.«
-
-Wladja wurde rot und seufzte tief auf. Die Gegenwart dieses brutalen,
-finstren Mannes war ihm unleidlich und widerwärtig. Um Peredonoff zu
-erweichen, beschloß er, dessen Sitz im Wagen so bequem wie möglich
-herzurichten.
-
-»Ich werde es schon so machen,« sagte er, »daß Sie ganz vorzüglich
-sitzen sollen.«
-
-Und eilig lief er an den Wagen. Die Werschina sah ihm nach, lächelte
-schief, paffte und sagte leise zu Peredonoff:
-
-»Sie haben große Angst vor ihrem Vater. Er ist sehr streng.«
-
-Martha wurde rot.
-
-Wladja wollte eigentlich eine neue englische Angel mitnehmen, welche er
-für sein Taschengeld gekauft hatte, und noch allerhand andere Dinge,
-aber sie nahm zu viel Platz fort. Und der Junge trug alles wieder ins
-Haus zurück.
-
-Es war nicht heiß. Die Sonne neigte sich zum Westen. Der Weg war noch
-feucht vom Regen, welcher am Morgen gefallen war und staubfrei. Der
-Wagen mit seinen vier Insassen rollte gleichmäßig über den Schotter; das
-gutgefütterte, graue Pferdchen trabte munter, als hätte es gar keine
-Last zu ziehen, und der faule schweigsame Knecht lenkte es mit nur den
-Erfahrenen bemerkbaren Bewegungen der Zügel.
-
-Peredonoff saß neben Martha. Ihm war so viel Platz eingeräumt worden,
-daß Martha es sehr unbequem hatte. Das bemerkte er aber nicht. Und wenn
-er es auch bemerkt hätte, so hätte er gedacht, daß das ganz in der
-Ordnung sei: er war doch der Gast.
-
-Peredonoff fühlte sich sehr gemütlich. Er beschloß, liebenswürdig mit
-Martha zu reden, etwas zu scherzen, sie zu erheitern. Er begann so:
-
-»Wird Ihre Revolution bald anfangen?«
-
-»Wieso?« fragte Martha.
-
-»Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; es wird nur
-vergebens sein.«
-
-»Ich mache mir gar keine Gedanken darüber,« sagte Martha, »außerdem
-denkt niemand bei uns an Revolution.«
-
-»Das sagt man wohl so. Ihr haßt doch die Russen.«
-
-»Wir denken nicht daran,« sagte Wladja, indem er sich Peredonoff
-zuwandte. Er mußte sich umkehren, weil er auf dem Bock neben Ignaz saß.
-
-»Das kennt man: wir denken nicht daran. Wir werden euch euer Polen
-niemals zurückgeben. Wir haben es erobert. Wir haben euch so viel
-Wohltaten erwiesen; aber da sieht man es wieder, wenn man den Wolf noch
-so sehr füttert, er will immer in den Wald zurück.«
-
-Martha antwortete nichts. Peredonoff schwieg ein wenig, dann sagte er:
-
-»Die Polen sind blödsinnig.«
-
-Martha wurde rot.
-
-»Das gibt es überall bei den Polen und bei den Russen,« sagte sie.
-
-»Nein, nein, es ist schon so,« beharrte Peredonoff, »die Polen sind
-dumm. Protzig sind sie. Die Juden -- das sind kluge Leute.«
-
-»Die Juden sind Schufte, garnicht klug,« sagte Wladja.
-
-»Nein, die Juden sind ein sehr kluges Volk. Der Jude wird einen Russen
-immer nasführen, aber niemals ein Russe den Juden.«
-
-»Es ist ja auch garnicht nötig, zu hintergehen,« sagte Wladja, »besteht
-denn die Klugheit nur darin, zu betrügen und zu übervorteilen?«
-
-Peredonoff blickte den Jungen zornig an.
-
-»Die Klugheit besteht im Lernen,« sagte er, »Sie zum Beispiel sind
-faul.«
-
-Wladja seufzte auf und kehrte sich wieder um und sah dem gleichmäßigen
-Traben des Pferdes zu. Peredonoff aber fuhr fort:
-
-»Die Juden sind klug, im Lernen und überhaupt in allen Dingen. Würde es
-den Juden erlaubt sein, Professoren zu werden, so würden sämtliche
-Professoren Juden sein. Die Polinnen sind alle schlampig.«
-
-Er blickte auf Martha, und mit Behagen bemerkend, daß sie sehr rot
-wurde, sagte er liebenswürdig:
-
-»Denken Sie nicht, ich hätte Sie damit gemeint. Ich weiß, daß Sie eine
-vorzügliche Hausfrau abgeben.«
-
-»Alle Polinnen sind gute Hausfrauen,« entgegnete Martha.
-
-»Na ja,« antwortete Peredonoff, »von außen sehen sie sauber aus, aber
-ihre Unterröcke sind dreckig. Dafür haben sie auch einen Mizkewizsch
-gehabt. Ich schätze ihn höher als Puschkin. Ich habe ein Porträt an der
-Wand hängen; erst hing der Puschkin da, jetzt habe ich ihn ins Klosett
-gehängt, -- er war ein simpler Hoflakai.«
-
-»Sie sind doch ein Russe,« sagte Wladja, »wozu brauchen Sie unsern
-Mizkewizsch. Puschkin schreibt wunderschön und Mizkewizsch auch.«
-
-»Mizkewizsch steht höher,« wiederholte Peredonoff. »Die Russen sind
-Dummköpfe. Nur die Teemaschine haben sie erfunden, weiter nichts.«
-
-Peredonoff blickte auf Martha, kniff die Augen zusammen und sagte:
-
-»Sie haben viele Sommersprossen. Das ist nicht hübsch.«
-
-»Dafür kann ich nichts,« flüsterte Martha lächelnd.
-
-»Ich habe auch Sommersprossen,« sagte Wladja und kehrte sich auf seinem
-engen Sitz um, wobei er den schweigsamen Ignaz anstieß.
-
-»Sie sind ein Junge,« sagte Peredonoff, »da macht es nichts. Ein Mann
-braucht nicht hübsch zu sein. Ihnen hingegen,« er wandte sich zu Martha,
-»schadet es. Niemand wird Sie heiraten wollen. Sie müssen Ihr Gesicht
-mit Gurkensaft waschen.«
-
-Martha dankte für den Rat.
-
-Wladja lächelte und blickte Peredonoff an.
-
-»Warum lachen Sie?« sagte Peredonoff, »passen Sie auf, wenn wir erst an
-Ort und Stelle sind, werden Sie Prügel bekommen.«
-
-Wladja hatte sich wieder umgekehrt und fixierte Peredonoff; er wollte
-erraten, ob es ihm ernst wäre, oder ob er nur scherze. Peredonoff konnte
-es nicht ertragen, fixiert zu werden.
-
-»Was starren Sie mich so an?« fragte er grob. »Ich habe keine besonderen
-Verzierungen im Gesicht. Oder haben Sie am Ende den bösen Blick?«
-
-Wladja erschrak und blickte zur Seite.
-
-»Verzeihen Sie,« sagte er bescheiden, »ich dachte mir nichts dabei.«
-
-»Glauben Sie an den bösen Blick?« fragte Martha.
-
-»Nein, das ist ein dummer Aberglaube,« sagte Peredonoff zornig, »es ist
-nur sehr unhöflich, einen so anzustarren.«
-
-Einige Minuten herrschte verlegenes Schweigen.
-
-»Sie sind ganz arm?« unterbrach Peredonoff die Stille.
-
-»Reich sind wir nicht,« entgegnete Martha, »immerhin ganz arm auch
-nicht. Wir werden alle eine Kleinigkeit erben.«
-
-Peredonoff sah sie ungläubig an und sagte:
-
-»Ich weiß schon, Sie sind ganz arm. Sie gehen an Wochentagen barfuß.«
-
-»Nicht darum, weil wir arm sind,« versetzte Wladja lebhaft.
-
-»Ach so, wohl darum, weil Sie reich sind?« fragte Peredonoff und lachte
-kurz auf.
-
-»Jedenfalls nicht, weil wir arm sind,« sagte Wladja und wurde rot, »es
-ist sehr gesund barfuß zu gehen, man härtet sich ab und im Sommer ist es
-sehr angenehm.«
-
-»Das lügen Sie,« sagte Peredonoff grob. »Wohlhabende Leute gehen niemals
-barfuß. Ihr Vater hat viele Kinder und zählt seine Einnahmen nach
-Groschen. Dafür lassen sich keine Stiefel kaufen.«
-
-
-
-
- VII
-
-
-Warwara hatte keine Ahnung, wohin Peredonoff gegangen sein könnte. Sie
-hatte eine entsetzlich unruhige Nacht.
-
-Als Peredonoff am Morgen in die Stadt zurückkam, ging er nicht nach
-Hause, sondern befahl dem Kutscher zur Kirche zu fahren, denn um diese
-Zeit begann der Frühdienst. Es schien ihm gefährlich zu sein, nur selten
-in die Kirche zu gehen -- man hätte das gegen ihn ausnützen können.
-
-Am Kirchentor traf er einen hübschen, rotbackigen, kleinen Gymnasiasten.
-Er sah sehr nett aus, hatte ein harmloses Gesicht und unschuldige blaue
-Augen. Peredonoff sagte:
-
-»Guten Tag, Maschenka[6], kleines Mädchen.«
-
-Mischa Kudrjawzeff wurde purpurrot. Peredonoff hatte ihn schon etliche
-Male so geneckt und ihn Maschenka genannt. Kudrjawzeff begriff gar nicht
-warum und konnte sich nicht entschließen, zu klagen. Einige dumme
-Jungen, welche da herumstanden, lachten über Peredonoffs Anrede. Auch
-sie liebten es sehr, den kleinen Mischa zu necken.
-
-Die Eliaskirche war sehr alt; sie war noch zu Zeiten des Kaisers Michael
-erbaut worden und stand auf einem großen freien Platz gegenüber dem
-Gymnasium.
-
-Zum Frühgottesdienst und zur Vesper waren die Gymnasiasten verpflichtet
-an Feiertagen in diese Kirche zu gehen. Sie mußten links stehen, in
-Reihen, am Altar der heiligen Märtyrerin Katharina; hinter ihnen pflegte
-sich ein Ordinarius aufzuhalten, um auf Ordnung zu sehen. Etwas mehr in
-der Mitte des Kirchenschiffes standen die Lehrer des Gymnasiums, der
-Inspektor und der Direktor mit ihren Familien. In der Regel pflegten
-sämtliche Schüler griechischer Konfession hier zusammenzukommen, mit
-Ausnahme einiger, welchen es gestattet war, zusammen mit ihren Eltern
-die vorstädtischen Kirchen zu besuchen.
-
-[Fußnote 6: Ein russischer Mädchenname.]
-
-Der Schülerchor sang vortrefflich, daher gingen die Kaufleute erster
-Gilde, die Beamten und die Gutsbesitzer mit ihren Familien in diese
-Kirche. Einfache Leute sah man nur selten. Um so mehr, als dem Wunsche
-des Direktors entsprechend der Gottesdienst später als in den anderen
-Kirchen abgehalten wurde.
-
-Peredonoff stellte sich auf seinen gewohnten Platz. Von hier aus konnte
-er den ganzen Chor überblicken. Mit den Augen zwinkernd sah er auf die
-Reihen der Sänger und dachte, daß sie unordentlich stünden und daß er
-schon Ordnung schaffen wolle, wenn er Inspektor wäre. Zum Beispiel der
-brünette Kramarenko. Er war klein, schmächtig und beweglich und wandte
-sich bald hierher, bald dorthin, bald flüsterte er seinen Nachbarn etwas
-ins Ohr oder lachte und keiner berief ihn. Als wäre es vollständig
-gleichgültig.
-
-»Das ist Unfug,« dachte Peredonoff; »diese Sänger sind immer
-Taugenichtse; jener schwarzhaarige Bengel hat einen schönen, reinen
-Diskant, -- da denkt er gleich, er kann in der Kirche nach Herzenslust
-schwatzen und lachen.«
-
-Und Peredonoff ärgerte sich.
-
-Neben ihm stand der ein wenig zu spät gekommene Inspektor der
-Volksschulen, Sergius Protapowitsch Bogdanoff, ein alter Mann mit
-braunem, dummerhaften Gesicht, welches stets so aussah, als wünschte er
-jemandem etwas zu erklären, was er selber absolut nicht begreifen
-konnte. Man konnte diesen Bogdanoff sehr leicht in Erstaunen setzen oder
-erschrecken: wenn ihm etwas Neues oder Aufregendes zu Ohren kam, so
-furchte sich seine Stirn in krankhafter Aufregung und seinem Munde
-entfuhren unverständliche, sinnlose Worte.
-
-Peredonoff beugte sich zu ihm und flüsterte:
-
-»Eine Ihrer Lehrerinnen trägt rote Blusen.«
-
-Bogdanoff erschrak. Sein Kinn zitterte vor Angst.
-
-»Was sagen Sie da?« flüsterte er heiser, »wer tut das?«
-
-»Na jene mit dem dicken Hals, diese unförmliche Person da. Ich weiß ja
-nicht, wie sie heißt,« flüsterte Peredonoff.
-
-»Mit dem dicken Hals, mit dem Hals,« wiederholte Bogdanoff fassungslos,
-»das ist die Skobotschkina.«
-
-»Na also,« sagte Peredonoff.
-
-»Ja, wie ist das nur möglich!« zischelte Bogdanoff erregt, »die
-Skobotschkina trägt rote Blusen! Haben Sie das gesehen?«
-
-»Jawohl, außerdem soll sie auch in der Schule so herumlaufen. Manchmal
-noch schlimmer, dann trägt sie einen Sarafan,[7] ganz wie ein
-Bauernweib.«
-
-»Nein, das ist ja unglaublich! Das muß festgestellt werden. Das geht
-nicht, das geht auf keinen Fall. Man muß sie entlassen, ja entlassen,«
-flüsterte Bogdanoff, »sie war schon immer so.«
-
-Der Gottesdienst war zu Ende. Man ging aus der Kirche. Peredonoff sagte
-zu Kramarenko:
-
-[Fußnote 7: Russisches Nationalkostüm.]
-
-»Du kleiner, schwarzer Taugenichts, warum lachst du in der Kirche? Warte
-nur, ich werde es deinem Vater sagen.«
-
-Peredonoff redete die nichtadeligen Schüler manchmal mit »Du« an; zu den
-Adeligen sagte er immer »Sie«. In der Schulkanzlei erkundigte er sich
-nach dem Stande des Einzelnen und sein Gedächtnis ließ ihn in solchen
-Dingen niemals im Stich.
-
-Kramarenko sah Peredonoff erstaunt an und lief schweigend davon. Er
-gehörte zu jenen Schülern, welche Peredonoff für grob, dumm und
-ungerecht hielten und ihn deswegen verachteten und haßten. So dachte die
-Mehrzahl. Peredonoff glaubte, das wären jene, welche der Direktor gegen
-ihn aufgestachelt habe, wenn auch nicht in eigener Person, so doch durch
-seine Söhne.
-
-Schon außerhalb der Umfriedung trat Wolodin fröhlich kichernd auf
-Peredonoff zu, er machte ein salbungsvolles Gesicht, als hätte er
-Geburtstag, sein steifer Hut saß ihm im Nacken, und er fuchtelte mit
-seinem Spazierstöckchen.
-
-»Weißt du was, Ardalljon Borisowitsch,« flüsterte er freudig erregt,
-»ich habe den Tscherepin herumgekriegt, er wird in diesen Tagen das Tor
-von Marthas Haus mit Teer einschmieren.«
-
-Peredonoff schwieg ein wenig und bedachte sich. Dann lachte er
-schadenfroh. Wolodin hörte alsbald zu grinsen auf, machte ein
-bescheidenes Gesicht, rückte seinen Hut zurecht und mit dem Stöckchen
-schlenkernd, sagte er:
-
-»Schönes Wetter heute, am Abend werden wir wohl Regen haben. Mag es nur
-regnen, wir werden mit dem Inspektor _in spe_ zu Hause sitzen.«
-
-»Ich kann eigentlich nicht zu Hause bleiben,« sagte Peredonoff, »ich
-habe verschiedne Gänge vor und muß in die Stadt gehen.«
-
-Wolodin machte ein verständnisvolles Gesicht, obgleich er natürlich
-garnicht wußte, was Peredonoff so plötzlich für Gänge vorhaben konnte.
-Peredonoff überlegte aber, daß es dringend notwendig wäre, einige
-Visiten zu machen. Sein zufälliges Zusammentreffen mit dem
-Gendarmerieoberst hatte ihn auf einen Gedanken gebracht, dessen
-Ausführung ihm nützlich erschien: er wollte alle Honoratioren der Stadt
-besuchen, um sie von seiner Zuverlässigkeit zu überzeugen. Sollte das
-gelingen, so hätte er für alle Fälle angesehne Leute in der Stadt,
-welche für seine korrekte Gesinnung bürgen würden.
-
-»Wohin wollen Sie gehen, Ardalljon Borisowitsch?« fragte Wolodin, als er
-bemerkte, daß Peredonoff einen anderen als den gewohnten Weg einschlug,
-»gehen Sie nicht nach Hause?«
-
-»Nein, ich gehe nach Haus,« antwortete Peredonoff, »ich fürchte mich
-bloß, den alten Weg zu gehen.«
-
-»Warum denn?«
-
-»Da wächst so viel Bilsenkraut, der Geruch ist so schwer; er wirkt auf
-mich betäubend. Meine Nerven sind schwach, wegen der vielen
-Unannehmlichkeiten.«
-
-Wolodin machte wieder ein verständnisvolles, teilnehmendes Gesicht.
-
-Unterwegs riß Peredonoff einige Kletten ab und steckte sie in die
-Tasche.
-
-»Wozu sammeln Sie das?« fragte Wolodin grinsend.
-
-»Für den Kater,« gab Peredonoff traurig zur Antwort.
-
-»Werden Sie sein Fell mit Kletten bewerfen?« erkundigte sich Wolodin
-sachgemäß.
-
-»Ja.«
-
-Wolodin kicherte.
-
-»Bitte, warten Sie bis ich komme; das wird sehr lustig werden,« sagte
-er.
-
-Peredonoff lud ihn ein, doch gleich mitzukommen, aber Wolodin sagte, daß
-er was vorhabe: es war ihm auf einmal zum Bewußtsein gekommen, daß es
-unanständig wäre, niemals was vorzuhaben. Peredonoffs Worte hatten ihn
-darauf gebracht und er überlegte, daß es für ihn ganz angebracht wäre,
-auf eigene Faust Fräulein Adamenko zu besuchen und ihr zu erzählen, daß
-er neue sehr hübsche Entwürfe für Bilderrahmen gezeichnet hätte und ob
-sie die sich nicht ansehen wolle. Außerdem glaubte er, daß ihm Nadeschda
-Wassiljewna Kaffee anbieten würde.
-
-Wie gedacht so getan. Dann hatte er sich noch etwas ausgedacht, etwas
-sehr Schlaues; er würde Nadeschda Wassiljewna den Vorschlag machen,
-ihrem Bruder Unterricht in der Tischlerei zu erteilen. Nadeschda
-Wassiljewna glaubte, daß es Wolodin um einen Verdienst zu tun sei und
-erklärte sich sofort einverstanden. Es wurde beschlossen, daß er für 30
-Rubel monatlich in der Woche je zwei Stunden zu geben habe. Wolodin war
-entzückt, -- sowohl über den Verdienst, als über die Möglichkeit,
-Nadeschda Wassiljewna oft zu sehen.
-
-Peredonoff kam wie immer mürrisch nach Hause. Warwara war bleich von der
-durchwachten Nacht und brummte:
-
-»Du hättest gestern sagen können, daß du nicht kommen würdest.«
-
-Peredonoff wollte sie ärgern und erzählte, daß er bei Martha gewesen
-sei. Warwara schwieg still. Sie hatte ja den Brief der Fürstin in
-Händen. Wenn er auch gefälscht war, immerhin ....
-
-Beim Frühstück sagte sie schmunzelnd:
-
-»Während du dich mit der Martha herumgetrieben hast, habe ich in deiner
-Abwesenheit eine Antwort von der Fürstin erhalten.«
-
-»Was hast du ihr denn geschrieben?« fragte Peredonoff.
-
-Sein Gesicht wurde lebhaft vor lauter Erwartung.
-
-Warwara sagte lachend:
-
-»Sei doch kein Narr, du hast mir doch selber befohlen, ihr zu
-schreiben.«
-
-»Was schreibt sie denn?« fragte Peredonoff erregt.
-
-»Da ist der Brief; lies ihn selber.«
-
-Warwara wühlte in allen Taschen, als suchte sie den irgendwohin
-gesteckten Brief. Endlich hatte sie ihn und gab ihn Peredonoff. Er schob
-seinen Teller beiseite und verschlang gierig jede Zeile des Briefes.
-Jetzt hatte er ihn durchgelesen und wurde sehr froh. Endlich ein klares
-und bestimmtes Versprechen. Irgendwelche Zweifel kamen ihm nicht. Er aß
-schnell zu Ende und ging den Brief seinen Bekannten und Freunden zu
-zeigen.
-
-Schnell und lebhaft ging er zum Garten der Werschina. Diese stand wie
-fast immer am Pförtchen und rauchte. Sie war sichtlich erfreut: früher
-mußte man ihn immer hereinbitten, jetzt kam er ohne Aufforderung. Die
-Werschina dachte bei sich:
-
-»Da sieht man es, er ist mit der Martha spazieren gefahren, mit ihr
-längere Zeit zusammengewesen und kommt schon wieder gelaufen. Vielleicht
-will er um sie anhalten?« dachte sie freudig erregt.
-
-Peredonoff enttäuschte sie sofort, er zeigte ihr den Brief.
-
-»Sehen Sie,« sagte er, »Sie haben immer gezweifelt. Die Fürstin hat doch
-geschrieben. Bitte, lesen Sie doch!«
-
-Die Werschina blickte mißtrauisch auf den Brief, blies einige Male Rauch
-darauf, lächelte schief und fragte schnell und leise:
-
-»Wo ist der Umschlag?«
-
-Peredonoff erschrak. Er überlegte, daß Warwara ihn mit dem Brief hätte
-betrügen können, wenn sie ihn ganz einfach selbst geschrieben hatte. Man
-mußte sich so schnell als möglich nach dem Umschlag erkundigen.
-
-»Ich weiß nicht,« sagte er, »ich will nachfragen.«
-
-Er verabschiedete sich eilig von der Werschina und kehrte schnell nach
-Hause zurück. Er mußte so bald als möglich über den Ursprung dieses
-Briefes Klarheit haben; der plötzliche Zweifel quälte ihn entsetzlich.
-
-Die Werschina blieb an der Pforte stehen und blickte ihm nach; sie
-lächelte schief und rauchte eifrig ihre Zigarette, so als hätte sie eine
-Arbeit bis zu einem bestimmten Termin zu vollenden.
-
-Peredonoff sah erschreckt und verstört aus, als er nach Hause kam. Schon
-im Vorzimmer schrie er mit heiserer, aufgeregter Stimme:
-
-»Warwara, wo ist der Umschlag?«
-
-»Was für ein Umschlag?« fragte Warwara und ihre Stimme zitterte.
-
-Sie blickte ihn niederträchtig an, und wäre rot geworden, wenn sie sich
-nicht geschminkt hätte.
-
-»Der Umschlag zu dem Brief von der Fürstin,« erklärte Peredonoff und sah
-erschreckt und wütend auf Warwara.
-
-Warwara lachte gezwungen.
-
-»Ich habe ihn verbrannt,« sagte sie, »was sollte ich sonst mit ihm
-anfangen. Soll ich die Umschläge aufbewahren und mir eine große Sammlung
-anlegen? Für Umschläge gibt keiner einen Groschen. Nur für leere
-Bierflaschen bekommt man in den Wirtschaften Geld.«
-
-Peredonoff ging ärgerlich im Zimmer auf und ab und knurrte:
-
-»Es gibt allerhand Fürstinnen. Das kennt man. Vielleicht wohnt diese
-Fürstin hier.«
-
-Warwara stellte sich so, als könne sie garnicht verstehen, woran er
-eigentlich zweifelte. Doch war ihr recht unbehaglich zumute.
-
- * * * * *
-
-Als Peredonoff am Abend am Garten der Werschina vorbeiging, hielt diese
-ihn an.
-
-»Hat sich der Umschlag gefunden?« fragte sie.
-
-»Ja,« antwortete Peredonoff, »Warja sagt, sie hätte ihn verbrannt.«
-
-Die Werschina lachte und die grauen, leichten Rauchwölkchen ihrer
-Zigarette zitterten leise in der stillen Abendluft.
-
-»Merkwürdig, wie unvorsichtig Ihr Schwesterchen ist,« sagte sie, »so ein
-wichtiger Brief und ohne Umschlag. Man hätte doch am Poststempel sehen
-können, woher der Brief kommt und wann er abgeschickt wurde.«
-
-Peredonoff war sehr ärgerlich. Vergebens bat ihn die Werschina,
-hereinzukommen, vergebens versprach sie ihm, aus den Karten wahrzusagen,
--- Peredonoff ging.
-
-Dennoch zeigte er seinen Freunden den Brief und prahlte damit. Seine
-Freunde glaubten ihm.
-
-Er selber wußte nicht recht, sollte er glauben oder nicht. Für jeden
-Fall beschloß er, am Dienstag mit seinen Rechtfertigungsvisiten bei den
-Honoratioren der Stadt zu beginnen, denn am Montag soll man nichts Neues
-unternehmen, weil es ein Unglückstag ist.
-
-
-
-
- VIII
-
-
-Kaum war Peredonoff gegangen, um Billard zu spielen, da fuhr auch schon
-Warwara zur Gruschina. Lange überlegten sie und beschlossen endlich, die
-Sache wieder gut zu machen, durch einen zweiten Brief. Warwara wußte,
-daß die Gruschina Bekannte in Petersburg hatte. Durch deren Vermittlung
-konnte es nicht schwer fallen, einen am Ort gefälschten Brief hin- und
-wieder zurückzubefördern.
-
-Die Gruschina wollte genau so, wie das erstemal, die Sache nicht
-übernehmen. Aber sie stellte sich nur so.
-
-»Liebste Warwara Dmitriewna,« sagte sie, »schon dieser erste Brief
-lastet schwer auf meinem Gewissen und ich fürchte mich sehr. Wenn ich
-den Schutzmann in der Nähe meines Hauses sehe, so zittre ich am ganzen
-Leibe, wie wenn er es auf mich abgesehen hätte und mich ins Gefängnis
-abführen wollte!«
-
-Eine geschlagene Stunde suchte Warwara sie zu überreden, versprach ihr
-Geschenke und gab ihr ein wenig Geld im voraus. Endlich gab die
-Gruschina nach. Man beschloß folgendes zu tun: zunächst würde Warwara
-erzählen, daß sie eine Antwort an die Fürstin geschickt hätte, um ihr zu
-danken. Dann sollte nach einigen Tagen ein Brief kommen, welcher wieder
-nur angeblich von der Fürstin stammte. In diesem Briefe würde es noch
-deutlicher ausgesprochen sein, daß einige Stellen vakant wären, daß man
-sich schon jetzt für Peredonoff verwenden wolle, wenn er sich nur
-schnell zur Trauung entschließen würde. Diesen Brief sollte die
-Gruschina schreiben, genau so, wie den ersten, man würde ihn
-kouvertieren, eine Siebenkopekenmarke daraufkleben und ihn in einen
-zweiten Umschlag stecken, welcher an die Freundin der Gruschina in
-Petersburg adressiert war. Diese hatte dann weiter nichts zu tun, als
-ihn in einen Briefkasten zu werfen.
-
-Jetzt gingen die Gruschina und Warwara in eine kleine Papierhandlung
-ganz am Ende der Stadt und kauften schmale Briefumschläge und farbiges
-Postpapier. Vorsichtshalber bestand die Gruschina darauf, daß ein Papier
-genommen wurde, welches nur noch in einigen Exemplaren vorhanden war und
-man kaufte den ganzen Vorrat. Die schmalen Kouverts hatte man gewählt,
-um den gefälschten Brief leichter in einen andern Umschlag schieben zu
-können.
-
-Als sie wieder zu Hause waren bei der Gruschina, verfaßten sie den
-Brief. Dieser war nach zwei Tagen fertig abgeschrieben und wurde nun
-parfümiert. Die nachgebliebenen Umschläge und Briefbogen verbrannten
-sie, um alle Beweisstücke aus der Welt zu schaffen.
-
-Die Gruschina schrieb ihrer Freundin, an welchem Tage sie den Brief in
-den Postkasten zu werfen hatte, -- er sollte an einem Sonntage ankommen:
-der Postbote würde ihn dann in Peredonoffs Gegenwart abgeben und das
-wäre ein Beweis mehr für die Echtheit des Briefes.
-
-Am Dienstag bemühte sich Peredonoff, recht früh vom Gymnasium
-fortzukommen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe: es war die letzte Stunde in
-_jener_ Klasse, deren Tür auf den Korridor hinausführte, ganz nahe von
-der Stelle, wo die Uhr hing. Dort hielt sich der Pedell auf, ein braver
-Reserveunteroffizier, welcher zu bestimmten Zeiten zu läuten hatte.
-Peredonoff schickte ihn ins Lehrerzimmer nach dem Klassenjournal und
-stellte die Uhr um eine Viertelstunde vor -- niemand hatte es bemerkt.
-
-Zu Hause bestellte Peredonoff sein Frühstück ab und sagte, daß er erst
-spät zu Mittag kommen würde, er hätte einen wichtigen Gang vor.
-
-»Man wirft mir Steine in den Weg, ich muß sie forträumen,« sagte er böse
-und dachte dabei an die vermeintlichen Intrigen seiner Feinde.
-
-Er zog seinen nur wenig benutzten Frack an, er war ihm zu eng geworden
-und drückte: denn sein Körper hatte an Umfang zugenommen, während der
-Frack ein wenig eingeschrumpft war. Daß er keinen Orden im Knopfloch
-hatte, ärgerte ihn. Die andern wurden dekoriert, -- sogar Falastoff von
-der Volksschule, -- nur ihn hatte man übergangen. Das war alles die
-Mache des Direktors: nicht ein einziges Mal hatte er ihn vorgeschlagen.
-Freilich in der Rangliste rückte er auf, das konnte der Direktor nicht
-verhindern, aber was hat man von einem Rang, den kein Mensch sieht. Wenn
-die neue Uniform eingeführt sein wird, erst dann würde man es sehen
-können. Es war doch gut, daß die Achselstücke daran den Rang bezeichnen
-sollten, aber nicht das Verdienst. Das ist von Wichtigkeit: Achselstücke
-wie bei einem General mit einem Stern darauf. Jedermann auf der Straße
-wird sehen können, daß er Staatsrat ist.
-
-»Ich muß mir bald die neue Uniform bestellen,« dachte Peredonoff.
-
-Erst unterwegs dachte er darüber nach, wen er zuerst besuchen solle.
-
-Am wichtigsten schien ihm für seine Lage der Landrat und der
-Staatsanwalt zu sein. Mit ihnen hätte er beginnen sollen. Oder sollte er
-zum Adelsmarschall. Aber gerade diese drei als erste aufzusuchen, schien
-ihm sehr gewagt. Der Adelsmarschall Weriga -- ein General, der binnen
-kurzem Statthalter werden wollte und der Landrat und Staatsanwalt --
-diese unangenehmen Repräsentanten von Polizei und Gericht.
-
-»Zuerst will ich die kleineren Beamten aufsuchen«, dachte Peredonoff,
-»und mich in ihre Art finden, schon dort werde ich sehen können, was man
-von mir hält, wie man über mich redet.« So beschloß er denn, den
-Bürgermeister als ersten zu besuchen. Wiewohl jener nur Kaufmann war und
-bloß eine Kreisschule besucht hatte, so kam er doch überall hin und alle
-kamen zu ihm; außerdem genoß er in der Stadt ein großes Ansehen und
-hatte in anderen Städten und sogar in der Residenz recht vornehme
-Bekannte.
-
-Entschlossen richtete Peredonoff seine Schritte zum Hause des
-Bürgermeisters.
-
-Das Wetter war trübe. Die Blätter fielen müde und kraftlos von den
-Bäumen. Peredonoff war etwas aufgeregt.
-
-Im Hause des Bürgermeisters roch es nach frischgewachsten Dielen und
-noch, kaum bemerkbar, nach etwas anderem, etwas Süßem, Eßbarem. Alles im
-Haus war still und traurig. Die Kinder, ein Gymnasiast und ein Backfisch
-(»Ich halte ihnen eine Gouvernante,« pflegte der Vater zu sagen)
-verhielten sich ruhig in ihren Zimmern. Dort war es gemütlich, hell und
-fröhlich, die Fenster gingen in den Garten, die Möbel waren sehr bequem,
-außerdem die verschiedensten Spiele im Zimmer und draußen.
-
-Im oberen Stock waren die Empfangszimmer. Da war alles vornehm und kalt.
-Die Mahagonimöbel schienen ins Riesenhafte vergrößerte Puppenmöbel zu
-sein. Gewöhnlichen Sterblichen boten sie eine äußerst unbequeme
-Sitzgelegenheit, versuchte man nämlich, sich recht bequem zu setzen, so
-war es nicht anders, als ließe man sich auf einen Stein fallen. Der
-melancholische Hausherr hingegen saß auf seinem gewohnten Stuhl und
-schien sich sehr wohlzufühlen.
-
-Der Archimandrit -- ein häufiger Gast im Hause des Bürgermeisters --
-pflegte diese Sessel und Sofas »Seelenretter« zu nennen. Hierauf
-entgegnete das Stadthaupt:
-
-»Weibische Verweichlichung, wie Sie das in anderen Häusern finden
-werden, dulde ich nicht: da sitzt man auf Sprungfedern, alles gibt nach
-unter der Last des Körpers, wie kann das gesund sein! Im übrigen sind
-auch die Aerzte gegen zu weiches Sitzen.«
-
-Jakob Anikiewitsch Skutschaeff, das Stadthaupt, begrüßte Peredonoff auf
-der Schwelle seines Empfangszimmers. Er war groß, wohlbeleibt und hatte
-kurzgeschorenes, schwarzes Haar; er verstand es, würdig, doch
-gleichzeitig liebenswürdig zu sein und verhielt sich herablassend zu
-Leuten mit geringem Einkommen.
-
-Nachdem Peredonoff sich einigermaßen zurechtgesetzt und auf die
-einleitenden Begrüßungsworte geziemend geantwortet hatte, sagte er:
-
-»Ich komme in einer dringlichen Angelegenheit zu Ihnen.«
-
-»Ich will mit Vergnügen mein Möglichstes tun. Womit kann ich dienen?«
-erkundigte sich der Hausherr.
-
-In seinen schlauen, schwarzen Augen war ein leises Mißtrauen zu sehen.
-Er dachte, Peredonoff sei gekommen, um ihn um Geld zu bitten und er
-beschloß, ihm in keinem Fall mehr als 150 Rubel zu leihen. Eine ganze
-Reihe von Beamten waren Skutschaeff größere und kleinere Summen
-schuldig. Skutschaeff forderte niemals ausstehendes Geld zurück,
-verweigerte aber säumigen Schuldnern jedes weitere Darlehen. Das
-erstemal gab er immer gerne, je nach den Vermögensverhältnissen des
-Bittstellers und nach dem Bestande seiner eigenen Kasse.
-
-Peredonoff sagte: »Jakob Anikiewitsch, Sie sind Bürgermeister und somit
-der eigentliche Repräsentant unserer Stadt; in diesem Sinne habe ich mit
-Ihnen zu sprechen.«
-
-Skutschaeff setzte eine erhabene Miene auf und machte eine leichte
-Verbeugung.
-
-»Ueber mich werden in der Stadt unglaubliche und einfach erlogene
-Klatschgeschichten verbreitet,« sagte Peredonoff mürrisch.
-
-»Fremde Mäuler kann man nicht stopfen,« sagte der Hausherr, »und dann,
-was haben die alten Basen in unsern Gefilden anderes zu tun, als ihre
-Zunge zu rühren.«
-
-»Es wird erzählt, daß ich nicht in die Kirche gehe und das ist gelogen,«
-fuhr Peredonoff fort, »denn ich gehe regelmäßig zur Kirche. Zum
-Eliasfest mußte ich zu Hause bleiben, weil ich Bauchschmerzen hatte.«
-
-»Es stimmt,« bestätigte der Hausherr, »dafür kann ich stehen, habe ich
-Sie doch selber des öfteren im Gottesdienst gesehen. Im übrigen bin ich
-nicht oft in Ihrer Kirche. Ich fahre meist ins Kloster. Das ist so eine
-Familiensitte bei uns.«
-
-»Auch sonst klatscht man allerlei,« sagte Peredonoff, »z. B. soll ich
-meinen Schülern unanständige Geschichten erzählen. Das ist Lüge. Es
-kommt ja vor, daß man in der Stunde mal einen Scherz macht, um den
-Unterricht zu beleben. Ihr eigner Sohn ist ja mein Schüler. Hat er Ihnen
-etwa derartiges erzählt?«
-
-»Es stimmt,« sagte Skutschaeff, »sowas hat er mir nie erzählt. Die
-Bengel sind zwar sehr schlau, -- was ihnen nicht paßt, erzählen sie auch
-nicht. Freilich mein Sohn, steckt noch ganz in den Kinderschuhen, aus
-purer Dummheit hätte er was erzählt, aber etwas Derartiges habe ich nie
-von ihm gehört.«
-
-»Nun sehen Sie, in den älteren Klassen wissen sie sowieso schon alles,«
-sagte Peredonoff, »aber selbst dort nehme ich kein unflätiges Wort in
-den Mund.«
-
-»Das versteht sich,« antwortete Skutschaeff, »das Gymnasium ist kein
-Jahrmarkt.«
-
-»Bei uns sind die Leute aber so,« klagte Peredonoff, »was nie gewesen
-ist, verbreiten sie, als sei es wirklich geschehen. Aus diesem Grunde
-bin ich zu Ihnen gekommen, -- Sie sind der Bürgermeister.«
-
-Skutschaeff fühlte sich sehr geschmeichelt, daß man sich an ihn wandte.
-Er begriff nicht recht, warum ihm das alles erzählt wurde und was er
-dabei tun konnte, tat aber aus politischen Gründen so, als sei ihm alles
-vollständig klar.
-
-»Und dann ist da noch eine andere Geschichte,« fuhr Peredonoff fort, »es
-wird mir verdacht, daß ich mit Warwara zusammenlebe, sie sei gar nicht
-verwandt mit mir, sondern einfach meine Geliebte. Bei Gott, sie ist
-meine Kusine, allerdings im vierten Grade; die darf man heiraten und ich
-werde sie heiraten.«
-
-»So, so, unbedingt,« sagte Skutschaeff, »die Hochzeit macht allem
-Klatsch ein Ende.«
-
-»Früher konnte ich nicht,« sagte Peredonoff, »es war ganz unmöglich;
-sonst hätte ich mich schon trauen lassen. Sicherlich.«
-
-Skutschaeff machte ein nachdenkliches Gesicht, klopfte mit seinem
-weißen, dicken Finger auf die dunkle Tischdecke und sagte:
-
-»Ich glaube Ihnen. Wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, ist es ein
-ganz ander Ding. Jetzt glaube ich Ihnen. Denn auch ich muß gestehen, es
-berührte so merkwürdig, wie Sie da mit Ihrer Freundin, um mich so
-auszudrücken, zusammen hausten. Dann muß man noch in Betracht ziehen,
-daß die Kinder ein schlaues Volk sind; alles Schlechte begreifen sie
-sofort und nehmen es an. Das Gute muß ihnen beigebracht werden, während
-das Schlechte ihnen von selbst anfliegt. Und darum sage ich, berührte
-mich Ihr Verhältnis merkwürdig. Und doch andererseits was geht es mich
-an! Ein jeder kehre vor seiner Tür. Ich weiß es wohl zu schätzen, daß
-Sie sich zu mir herbemüht haben, denn ich bin ein schlichter Mann und
-habe nur eine Kreisschule besucht. Immerhin genießt man einiges Ansehen
-in der Gesellschaft, bin ich doch heuer zum drittenmal Bürgermeister
-geworden und mein Urteil wird nicht gering geschätzt in den besseren
-Kreisen unserer Stadt.«
-
-Skutschaeff redete darauf los und seine Gedanken verwirrten sich. Es
-schien ihm, als wolle sein eigener Redeschwall kein Ende nehmen. Da
-brach er kurz ab und dachte betrübt:
-
-»Es ist so, als füllte man eine leere Flasche aus einem leeren Faß. Es
-ist eine Plage mit diesen gelehrten Herren,« dachte er, »absolut nicht
-zu begreifen, was sie eigentlich wollen. Was in den Büchern steht, ist
-ihnen sonnenklar, stecken sie aber mal die Nase an die Luft, so wissen
-sie nicht ein und aus und bringen noch andere Leute in die Tinte.«
-
-Mißvergnügt ob dieses Nichtverstehens stierte er Peredonoff an; seine
-sonst lebhaften Augen blickten trübe und sein Körper schien wie von
-einer Last zusammengedrückt. Er war nicht mehr der rührige, energische
-Mann von früher, sondern ein blöde gewordener Greis.
-
-Auch Peredonoff war still geworden, als hätten ihn die Worte des
-Hausherrn verwirrt, dann zwinkerte er mit den Augen, was merkwürdig
-trübselig aussah, und meinte:
-
-»Sie sind Bürgermeister, also können Sie doch sagen, daß das alles
-erlogen ist.«
-
-»Das heißt, was meinen Sie eigentlich?« fragte Skutschaeff vorsichtig.
-
-»Eben dieses,« erklärte Peredonoff, »wenn zum Beispiel gegen mich
-Anzeige erstattet wird, daß ich nicht zur Kirche gehe oder so was, und
-man sich gegebenenfalls bei Ihnen danach erkundigt.«
-
-»Das läßt sich machen,« sagte der Bürgermeister, »da können Sie sich
-unbedingt auf mich verlassen. Gegebenenfalls werde ich für Sie
-einstehen, und warum sollte man für einen Ehrenmann nicht einstehen. Wir
-können Ihnen zum Beispiel -- wenn es nötig sein sollte -- eine
-Ehrenadresse von der Stadtverwaltung übermitteln. Das geht alles. Oder
-wir verschaffen Ihnen den Titel eines Ehrenbürgers beispielsweise, --
-warum denn nicht, wenn es Ihnen nützt; alles das können wir.«
-
-»Ich kann mich also auf Sie verlassen,« sagte Peredonoff dumpf, als habe
-er auf eine peinliche Frage zu antworten, »es ist nämlich wegen des
-Direktors, der schadet mir, wo er nur kann.«
-
-»Was Sie nicht sagen!« ereiferte sich Skutschaeff und wackelte mitleidig
-mit dem Kopf, »das ist ja nicht möglich, da hat man Sie bei ihm
-verdächtigt. Es scheint jedoch, daß Nikolai Wassiljewitsch ein äußerst
-gewissenhafter Herr ist; ohne Grund wird er keinem was zuleide tun. Das
-sehe ich doch an meinem Sohne. Er ist ein strenger, aber gewissenhafter
-Mann. Er wird nie ein Auge zudrücken und bevorzugt niemanden; mit einem
-Wort: er ist sehr gewissenhaft. Es ist garnicht anders möglich, man hat
-Sie bei ihm angeschwärzt. Was haben Sie denn für Differenzen?«
-
-»Wir sind in vielen Dingen anderer Meinung,« erklärte Peredonoff,
-»außerdem beneiden mich die Kollegen im Gymnasium. Alle wollen im Dienst
-aufrücken. Nun hat die Fürstin Woltschanskaja versprochen, gerade mir
-eine Inspektorstelle zu verschaffen. Und darum all der Haß und Neid.«
-
-»So, so,« sagte Skutschaeff zurückhaltend, »übrigens ist es nicht gut,
-bei trockener Kehle zu plaudern. Wollen wir ein wenig frühstücken und
-ein Schnäpschen dazu trinken?«
-
-Skutschaeff drückte den Knopf der elektrischen Glocke.
-
-»Famose Einrichtung das,« sagte er zu Peredonoff, »Sie sollten einen
-andern Beruf wählen.«
-
-Indessen erschien das Dienstmädchen, eine grobknöchige, massive Person.
-Skutschaeff bestellte bei ihr einen Imbiß und starken Kaffee. Sie
-lächelte verlegen und ging. Ihre Schritte schienen merkwürdig leicht im
-Verhältnis zu ihrer Körperfülle.
-
-»Einen anderen Beruf,« wandte sich Skutschaeff wieder an Peredonoff.
-»Beispielsweise der geistliche Stand. Wenn ich es mir recht überlege, so
-müßten Sie einen ganz vortrefflichen, ernstdenkenden Priester abgeben.
-Dazu könnte ich Ihnen leicht verhelfen. Ich habe nämlich gute Bekannte
-in der höheren Geistlichkeit.«
-
-Skutschaeff nannte die Namen einiger Bischöfe und kirchlicher
-Würdenträger.
-
-»Nein, ich will nicht Priester werden,« antwortete Peredonoff, »mir ist
-der Weihrauch zuwider. Mir wird übel davon und der Kopf schmerzt.«
-
-»In diesem Fall könnte man zur Polizeikarriere raten. Es ist lohnend,«
-riet Skutschaeff, »werden Sie doch Landkommissar. Darf man erfahren,
-welchen Rang Sie bekleiden?«
-
-»Ich bin Staatsrat!« sagte Peredonoff mit Würde.
-
-»Was nicht gar!« rief Skutschaeff aus, »sagen Sie doch bitte, so weit
-kann es ein Lehrer bringen! Und nur weil er die Kinder erzieht? Ja, die
-Wissenschaft hat was zu bedeuten. Uebrigens gibt es ja viele, welche der
-Wissenschaft feind sind, und doch, es ist unmöglich, ohne Bildung
-vorwärtszukommen. Zwar habe ich nur eine Kreisschule besucht, aber ich
-bestehe darauf, daß mein Sohn in die Universität kommt. Es ist eine
-bekannte Tatsache, wie schwer die Jungen im Gymnasium vorwärtskommen;
-mit der Peitsche wollen sie getrieben sein, nachher geht es ganz von
-selber. Wissen Sie, ich prügle ihn niemals, ist er aber träge oder hat
-sonst irgend etwas auf dem Kerbholz, so fasse ich ihn an den Schultern
-und führe ihn ans Fenster, -- von dort sieht man die Birken in unserem
-Garten. Dann frage ich nur: siehst du, was dort wächst? Ich sehe,
-Papachen, -- sagt er -- ich will's nicht wieder tun. Und in der Tat, das
-hilft, der Junge nimmt sich zusammen, als hätte er wirklich eine Tracht
-Prügel bekommen. O diese Kinder, diese Kinder!« seufzte Skutschaeff und
-schloß damit seine Rede.
-
-Peredonoff saß bei Skutschaeff gute zwei Stunden. Nach Erörterung der
-geschäftlichen Angelegenheiten wurde ein gründliches Frühstück
-eingenommen.
-
-Skutschaeff machte die Honneurs mit nachdrücklicher Würde, als handle es
-sich um etwas sehr Wichtiges und das gehörte zu seinem Wesen. Ueberall
-suchte er schlaue Nebengedanken anzubringen. Der Glühwein wurde in
-großen Kaffeetassen serviert, als wäre es Kaffee und der Hausherr nannte
-ihn einen kleinen Mokka. Die Schnapsgläser waren ohne Fuß, er hatte ihn
-fortschleifen lassen, damit man die Gläser nicht hinstellen konnte.
-
-»Das bedeutet: bei mir muß alles auf den Zug geleert werden,« erklärte
-er.
-
-Noch ein Gast kam: der Kaufmann Tischkoff, ein kleines, graues Männchen.
-Er war sehr munter und launig, trug einen langen Rock und merkwürdige
-Stiefel, die großen Flaschen nicht unähnlich sahen. Er trank sehr viel
-Schnaps, wußte auf jeden Unsinn gleich einen Reim und schien sehr
-zufrieden mit sich zu sein.
-
-Peredonoff schien es endlich angebracht, aufzubrechen; er verabschiedete
-sich.
-
-»Warum so eilig?« sagte der Hausherr, »bleiben Sie noch ein wenig.«
-
-»Wenn Sie bei uns bleiben, helfen Sie die Zeit vertreiben,« sagte
-Tischkoff.
-
-»Nein, ich muß gehen«, antwortete Peredonoff geschäftig.
-
-»Er muß gehn, seine Schwester zu sehn,« sagte Tischkoff und zwinkerte
-mit den Augen.
-
-»Ich habe zu tun,« sagte Peredonoff.
-
-»Hat jemand viel zu tun, so kann er billig ruhn,« entgegnete Tischkoff
-ohne zu zögern.
-
-Skutschaeff begleitete Peredonoff ins Vorhaus. Zum Abschiede umarmten
-und küßten sie sich. Peredonoff war sehr zufrieden mit diesem Besuch.
-
-»Der Bürgermeister hält meine Kante,« dachte er und fühlte sich viel
-sicherer.
-
- * * * * *
-
-Skutschaeff kehrte zu Tischkoff zurück und sagte:
-
-»Es wird viel geklatscht über den Mann.«
-
-»Klatscht man über den Mann, so ist es, weil er was kann,« reimte
-Tischkoff und flott füllte er sein Schnapsglas mit Englisch-Bitter.
-
-Es war klar, daß es ihm auf den Sinn der Rede nicht ankam, er griff die
-Worte nur auf, um sie zu reimen.
-
-»Er ist ein anständiger Kerl und auch im Trinken nicht faul,« fuhr
-Skutschaeff fort und füllte sein Glas ohne auf Tischkoffs Reimerei zu
-achten.
-
-»Ist er im Trinken nicht faul, so hat er ein wackres Maul,« rief
-Tischkoff fröhlich und leerte sein Glas auf einen Zug.
-
-»Daß er sich die Mamsell da aushält, will nichts besagen!« meinte
-Skutschaeff.
-
-»Die schmutzige Mamsell bringt Flöhe ins Bettgestell,« antwortete
-Tischkoff.
-
-»Wer vor Gott nicht sündigt, sündigt auch vor dem Kaiser nicht.«
-
-»Sündig sind unsere Triebe, wir schätzen die freie Liebe.«
-
-»Er will seine Sünde gutmachen und sich trauen lassen.«
-
-»Läßt man sich vom Pfaffen trauen, prügelt man hernach die Frauen.«
-
-Das war Tischkoffs Art so zu reden, wenn es sich um Dinge handelte, die
-ihn nichts angingen. Er wäre schon längst allen langweilig geworden,
-doch hatte man sich an ihn gewöhnt und beachtete sein Geschwätz
-garnicht; ab und zu kam es vor, daß man ihn einem fremden Gast sozusagen
-vorsetzte. Ihm selbst war es ganz einerlei, ob man ihm zuhörte oder
-nicht; es war ihm einfach unmöglich, die Worte anderer nicht in seinen
-Reimereien zu verdrehen, und darin wirkte er mit der Pünktlichkeit eines
-aufgezogenen Uhrwerks. Wenn man seine zerfahrenen, unstäten Bewegungen
-beobachtete, konnte man leicht zum Glauben kommen, daß man es nicht mit
-einem lebendigen Menschen zu tun habe, sondern mit einem, der schon
-längst gestorben war oder überhaupt nicht gelebt hatte, und in der
-ganzen Welt nichts sehen und hören konnte als klingende tote Worte.
-
-
-
-
- IX
-
-
-Am nächsten Tage besuchte Peredonoff den Staatsanwalt Awinowitzkji.
-
-Das Wetter war noch immer trübe. Der Wind wehte in heftigen Stößen und
-wirbelte große Staubmassen durch die Straßen. Es dämmerte, und es war
-so, als käme das matte, durch einen dichten Wolkenschleier abgetönte
-Tageslicht gar nicht von der Sonne her. Die Straßen waren wie tot,
-nichts rührte sich und man konnte glauben, daß die baufälligen Häuser
-ganz ohne Sinn und nutzlos daständen, so hoffnungslos verfallen waren
-sie und so schüchtern erzählten sie vom bettelhaften, traurigen Leben
-innerhalb ihrer Mauern. Ab und zu sah man Leute gehen, -- sie gingen
-ganz langsam, als hätten sie kein Ziel vor sich, als wären sie kaum
-imstande eine dumpfe Müdigkeit zu überwinden, welche nur nach bleiernem
-Schlaf verlangte. Nur die Kinder, diese ewigen, lebendigen Gefäße
-göttlicher Freude auf Erden, waren lebhaft und spielten und tummelten
-sich. Aber auch sie waren mitunter von einer traurigen Trägheit
-befallen, und ein wesenloses, graues Gespenst schien sie mit furchtbaren
-Augen anzustarren und aus ihren Gesichtern die Freude zu nehmen. Durch
-die öden Straßen, vorbei an den verfallenen Häusern ging Peredonoff. Der
-Himmel schien verschwunden, die Erde unrein und unfruchtbar, und eine
-unklare, bange Furcht begleitete seine Schritte. Er konnte im Ewigen
-keinen Frieden finden, keine Freude am Irdischen, denn er wußte die Welt
-nur mit seinen halberstorbenen Augen zu betrachten, wie ein Dämon,
-welcher sich in grauenhafter Einsamkeit am Entsetzen und an der Trauer
-zu Tode quält.
-
-Seine Gefühle waren stumpf geworden und sein Leben ein verlöschendes,
-glimmendes Feuer. Alles, was ihm zum Bewußtsein kam, wandelte sich in
-unkeusche, niedrige Sinnlichkeit. An den Dingen, die ihn umgaben,
-bemerkte er nur das Unregelmäßige und daran hatte er seine Freude. Wenn
-er an einem geraden, saubern Straßenpfosten vorbeiging, so bekam er
-Lust, ihn zu beschmutzen oder ihn schiefzustellen. Er lachte vor
-Vergnügen, wenn man in seiner Gegenwart etwas verunreinigte. Die sauber
-gekleideten Gymnasiasten verachtete er und behandelte sie schlecht. Er
-pflegte sie abgeleckte Hunde zu nennen. Die Unordentlichen waren ihm
-eher verständlich. Er hatte keine Beschäftigung, welche er besonders
-liebte und für keinen Menschen eine tiefere Zuneigung, daher kam es, daß
-die Natur nur einseitig auf sein Gefühlsleben wirken konnte; sie
-knechtete ihn. Aehnlich verhielt er sich zu den Menschen, mit denen er
-verkehrte. Besonders zu den Fremden oder wenig Bekannten, denen er so
-ohne weiteres nicht grob begegnen durfte. Glücklich sein bedeutete für
-ihn nichts tun, sich ganz zurückziehen und den Leib mästen. -- Und jetzt
-muß ich, ob ich will oder nicht, so dachte er, herumlaufen und
-Erklärungen abgeben. Wie langweilig das ist! Wie unangenehm! Und wenn
-man doch wenigstens dort, wohin er ging, Zoten erzählen könnte, aber
-nicht einmal das war möglich.
-
-Das Haus des Staatsanwaltes schürte und kräftigte Peredonoffs dumpfe,
-quälende Angst. Und in der Tat -- das Haus sah böse und drohend aus. Das
-spitze Dach hing düster über den Fenstern, welche dicht über dem Boden
-angebracht waren. Der Bretterbeschlag des Hauses und das Dach hatten
-einmal fröhliche, helle Farben gehabt, jetzt war der Anstrich von Wetter
-und Wind düster und grau geworden. Die Pforte war massig und
-unverhältnismäßig groß, sie überragte das Haus, als sollte sie ein
-Bollwerk gegen feindliche Angriffe sein und war immer fest verriegelt.
-Eine klirrende eiserne Kette diente als Schloß und ein wütender Hund im
-Hofe bellte rauh und abgerissen jeden Vorübergehenden an. Rings um das
-Haus waren unbebaute Plätze, Gemüsegärten und weiterhin einige elende
-Hütten. Das Haus selbst lag an einem sehr großen sechseckigen,
-ungepflasterten und mit allerhand Unkraut bewachsenen Platze. Dicht vor
-dem Hause stand ein Laternenpfahl, der einzige auf dem ganzen Platze.
-
-Peredonoff stieg langsam und widerwillig die vier rohgezimmerten Stufen
-zum Hausflur empor, der mit einem zweiseitig abfallenden Bretterdach
-gedeckt war, und faßte einen schwarz angelaufenen Messinggriff. Dicht
-über ihm schrillte anhaltend die Glocke. Dann hörte man schleichende
-Schritte. Irgend jemand schlich auf Zehenspitzen ganz leise an die Tür
-und blieb da stehen. Er spähte wohl durch irgend eine von außen nicht
-sichtbare Spalte. Jetzt wurde am Schloß gerasselt, die Tür tat sich auf
-und auf der Schwelle stand ein schwarzhaariges, mürrisches Weib mit
-argwöhnisch lauernden Augen.
-
-»Was wünschen Sie?« fragte sie.
-
-Peredonoff antwortete, er hätte ein Anliegen an Alexander Alexejewitsch.
-Das Weib ließ ihn eintreten. Als er die Schwelle überschritt, murmelte
-er schnell eine Beschwörungsformel. Es war gut, daß er sich damit beeilt
-hatte, denn kaum hatte er seinen Ueberzieher abgelegt, da hörte man
-schon im Gastzimmer die scharfe, wütende Stimme Awinowitzkjis. Die
-Stimme des Staatsanwalts wirkte immer erschütternd, -- anders redete er
-überhaupt nicht. So schrie er auch jetzt schon aus dem Empfangszimmer
-mit seiner bösen, scheltenden Stimme einige Begrüßungsworte -- er freue
-sich sehr, daß Peredonoff ihn endlich mit seinem Besuche beehre.
-
-Alexander Alexejewitsch Awinowitzkji war ein düsterer Mensch, als hätte
-er schon von Natur aus eine besondere Veranlagung zum Richten und
-Anklagen. Obwohl sein Körper von einer ans Wunderbare grenzenden
-Widerstandskraft war, -- Awinowitzkji pflegte im Flusse von einem
-Eisgang bis zum andern zu baden, -- schien er doch schmächtig zu sein.
-Ein sehr dichter, bläulich-schwarzer Bart mochte diesen Eindruck noch
-erhöhen. War der Staatsanwalt auch nicht gerade gefürchtet, so fühlte
-man sich doch in seiner Gegenwart befangen. Das hing damit zusammen, daß
-er unermüdlich irgend jemanden beschuldigte oder mit Sibirien und
-Zwangsarbeit drohte.
-
-»Ich habe mit Ihnen zu sprechen,« sagte Peredonoff verlegen.
-
-»Eine Selbstanklage? Haben Sie gemordet? ein Haus angesteckt? die Post
-beraubt?« schrie Awinowitzkji böse und ließ Peredonoff in den Saal
-eintreten. »Oder sind Sie das Opfer eines Verbrechens. Das ist mehr als
-möglich in unserer Stadt. Unsere Stadt ist ein gemeines Nest, die
-Polizei darin aber noch gemeiner. Ich wundere mich nur, daß hier auf dem
-Platz vor meinem Hause keine Leichen umherliegen. Ich bitte, setzen Sie
-sich! Also was führt Sie zu mir? Sind Sie ein Verbrecher oder das Opfer
-eines Verbrechens?«
-
-»Nein,« sagte Peredonoff, »ich habe nichts Derartiges auf dem Gewissen.
-Der Direktor würde sich wohl freuen, mir was nachsagen zu können, aber
-ich habe nichts verschuldet.«
-
-»Sie kommen also mit keiner Anklage?« fragte Awinowitzkji.
-
-»Nein, keineswegs,« murmelte Peredonoff ängstlich.
-
-»Nun, wenn es nichts Derartiges ist,« sagte der Staatsanwalt mit
-geradezu wütender Betonung der einzelnen Worte, »so kann ich Ihnen wohl
-einen kleinen Imbiß anbieten.«
-
-Er nahm die Tischglocke und schellte. Niemand kam. Awinowitzkji packte
-die Glocke mit beiden Händen und läutete wie ein Unsinniger, dann warf
-er die Glocke auf den Boden, trampelte mit den Füßen und brüllte dazu
-mit wütender Stimme:
-
-»Malanja, Malanja! Rindvieh! Teufel! Bestie!«
-
-Man hörte jemand langsam herankommen; der Sohn Awinowitzkjis, ein
-Gymnasiast, trat ein. Es war ein kräftiger, schwarzhaariger Junge von
-etwa 13 Jahren. Sein Auftreten machte einen sichern und selbständigen
-Eindruck. Er verbeugte sich leicht vor Peredonoff, hob die Glocke auf,
-stellte sie auf den Tisch und erst dann sagte er ruhig:
-
-»Malanja ist im Gemüsegarten.«
-
-Awinowitzkji beruhigte sich sofort. Er blickte seinen Sohn zärtlich an,
-was eigentlich garnicht zu seinem bärtigen, bösen Gesicht passen wollte,
-und sagte:
-
-»Sei so gut, liebes Kind, lauf zu ihr und bestell einen kleinen Imbiß.«
-
-Der Knabe ging fort, ohne sich zu beeilen. Der Vater blickte ihm nach.
-Ein stolzes, freudiges Lächeln spielte um seine Lippen. Erst als der
-Junge über die Schwelle ging, verdüsterte sich Awinowitzkjis Gesicht
-wieder, und er brüllte mit fürchterlicher Stimme, so daß Peredonoff
-zusammenfuhr:
-
-»Schneller!«
-
-Der Junge begann zu laufen. Man hörte, wie er die Türen aufriß und
-hinter sich zuschlug. Der Vater horchte und lächelte freudig mit seinen
-dicken roten Lippen, dann begann er zu reden und seine Stimme klang hart
-und böse:
-
-»Mein Erbprinz. Strammer Junge, was? Wie weit wird er's bringen, he? Was
-meinen Sie? Ein Dummkopf kann er sein, aber niemals ein Feigling, ein
-Lappen, ein Schurke -- niemals.«
-
-»Ja, was denn,« murmelte Peredonoff.
-
-»Die Leute unserer Zeit sind ein Zerrbild auf das menschliche
-Geschlecht,« tobte Awinowitzkji, »Gesundsein halten sie für eine
-Gemeinheit. Ein Deutscher hat das Unterhemd erfunden. Diesen Deutschen
-würde ich nach Sibirien verbannen. Wenn ich mir das vorstelle, mein
-Wladimir im Unterhemd! Den ganzen Sommer über läuft er im Dorf barfuß
-und da soll er ein Unterhemd tragen! Er bringt es fertig, aus dem
-Schwitzbad nackt im härtesten Winter ins Freie zu laufen, sich im Schnee
-zu wälzen, und der soll ein Unterhemd tragen! Hundert Stockschläge
-sollte man jenem Deutschen aufzählen.« -- Von diesem Deutschen, der das
-Unterhemd erfunden hatte, lenkte Awinowitzkji auf andere Verbrecher ab.
-
-»Die Todesstrafe, mein Bester, ist keine Barbarei,« schrie er. »Die
-Wissenschaft hat nachgewiesen, daß es Leute gibt, welche als Verbrecher
-geboren werden. Damit, lieber Freund, ist alles gesagt. Man muß sie
-vertilgen, aber nicht auf Staatskosten erhalten. Zum Beispiel so ein
-Verbrecher! Fürs ganze Leben ist ihm ein warmer Winkel im Zuchthaus
-gesichert! Er hat gemordet, Häuser angesteckt, genotzüchtigt, -- nun muß
-der steuerzahlende Bürger für den Unterhalt dieses Schurken sorgen!
-Keine Rede, es ist viel gerechter, ihn zu hängen und außerdem ist es
-billiger.«
-
- * * * * *
-
-Der runde Tisch im Speisezimmer war gedeckt. Auf dem weißen,
-roteingekanteten Tischtuch standen einige Teller mit fetten Würsten und
-anderen gesalzenen, geräucherten und marinierten Gerichten; dann waren
-da eine Reihe von Flaschen und Karaffen von verschiedener Größe und
-Form, gefüllt mit allerhand Schnäpsen und Likören. Alles das war ganz
-nach Peredonoffs Geschmack, und sogar eine gewisse Unordnung in der
-ganzen Einrichtung behagte ihm.
-
-Der Hausherr fuhr in seinen Anklagen fort. An das Essen anknüpfend,
-gedachte er vernichtend der Kolonialwarenhändler und redete dann, Gott
-weiß warum, über die Erbfolge.
-
-»Die Erbfolge ist eine ausgezeichnete Einrichtung!« schrie er darauf
-los. »Den Bauern zum Herrn machen ist dumm, lächerlich, unsittlich und
-sinnlos! Das Land liegt brach, die Städte füllen sich mit Geldgierigen;
-Mißernten, Flegelhaftigkeit und Selbstmorde sind die Folge, -- gefällt
-Ihnen das etwa? Unterrichten Sie den Bauer, wieviel Sie wollen, nur
-lassen Sie ihn nicht im Stande aufrücken. Die Landbevölkerung verliert
-sonst ihre besten Leute und wird immer ein niederträchtiges Pack
-bleiben, während der Adel andererseits durch den Zufluß dieser
-unkultivierten Elemente leidet. Im Dorfe taugte so ein Bauer mehr als
-die andern, den Adel hingegen erniedrigt er zu etwas Grobem,
-Unritterlichem, Unvornehmem. In erster Linie lebt er für den Erwerb, für
-seine alltäglichen Leibesinteressen. Jawohl, mein Lieber, die Kasten
-waren eine weise Einrichtung.«
-
-»Ja,« sagte Peredonoff böse, »auch unser Direktor ermöglicht jedem
-Lümmel den Eintritt in das Gymnasium. Wir haben sogar einfache Bauern,
-gar nicht zu reden von der Unmenge von Bürgerlichen.«
-
-»Das hört sich ja nett an!« rief der Hausherr.
-
-»Es gibt so eine Bestimmung, daß man nicht jeden beliebigen aufnehmen
-soll; er tut doch was er will,« klagte Peredonoff, »fast ohne Ausnahme
-nimmt er jeden auf. >Das Leben bei uns in der Stadt,< sagt er, >ist
-billig, und wir haben sowieso wenig Schüler.< Was ist denn dabei, daß es
-wenig sind. Es wäre besser, wenn es noch weniger wären. Mit der
-Korrektur der Hefte wird man sowieso nicht fertig. Kein vernünftiges
-Buch kann man lesen. Und die Jungen wenden wie mit Absicht die
-knifflichsten Worte an, -- immerwährend muß ich im orthographischen
-Wörterbuch nachschlagen.«
-
-»Trinken Sie einen Schnaps,« schlug Awinowitzkji vor, »was wollen Sie
-eigentlich mit mir besprechen?«
-
-»Ich habe Feinde,« murmelte Peredonoff und betrachtete traurig sein
-Gläschen mit dem gelben Schnaps, statt es auszutrinken.
-
-»Das Schwein hier hatte keine Feinde,« antwortete Awinowitzkji, »doch
-ist es geschlachtet worden. Greifen Sie zu, es war ein vortreffliches
-Schwein.«
-
-Peredonoff langte sich ein Stück Schinken und sagte:
-
-»Ueber mich werden allerlei Gerüchte in Umlauf gesetzt.«
-
-»Das kennen wir, was Klatschgeschichten anlangt, gibt es keine
-schlimmere Stadt!« rief der Hausherr aufgebracht. »Eine nette Stadt das!
-Man kann ja tun was man will, gleich grunzen es alle Schweine.«
-
-»Die Fürstin Woltschanskaja hat versprochen, mir eine Inspektorstelle zu
-verschaffen, und hier setzt der Klatsch ein. Das kann mir doch schaden.
-Und alles aus purem Neid. So auch der Direktor, er hält keine Disziplin
-im Gymnasium, -- die Schüler von auswärts, welche in Pensionen leben,
-rauchen, trinken, laufen jeder Schürze nach, und die Kinder unserer
-Stadt sind um nichts besser. Er selbst ist schuld an dieser
-Zuchtlosigkeit, aber er macht mich verantwortlich dafür. Es ist
-möglich, daß man mich bei ihm angeschwärzt hat. Aber wenn diese
-Klatschgeschichten weitere Verbreitung finden, wenn sie der Fürstin zu
-Ohren kommen!«
-
-Peredonoff teilte in langer, verworrener Rede seine Befürchtungen mit.
-Awinowitzkji hörte zu und rief manchmal wütend dazwischen:
-
-»Halunken sind sie! -- Schufte! Idioten!«
-
-»Ich bin wirklich nicht Nihilist,« sagte Peredonoff, »es wäre doch
-komisch. Ich habe eine Dienstmütze mit der Kokarde, nur pflege ich sie
-nicht immer zu tragen, -- aber er trägt bisweilen auch einen Hut. Daß
-das Porträt Mizkewizschs bei mir hängt, ist begründet durch meine
-Vorliebe für seine Verse, nicht aber für seine revolutionäre Tätigkeit.
-Außerdem habe ich sein Journal, die Glocke, gar nicht gelesen.«
-
-»Sie haben gründlich vorbeigehauen,« sagte Awinowitzkji rücksichtslos,
-»Herzen war der Herausgeber der Glocke, nicht Mizkewizsch.«
-
-»Das ist wieder was anderes,« sagte Peredonoff, »Mizkewizsch hat auch
-eine Glocke herausgegeben.«
-
-»Ich weiß es nicht. Sie müssen es drucken lassen. Eine wissenschaftliche
-Entdeckung. Sie werden berühmt werden.«
-
-»Das darf man nicht drucken,« sagte Peredonoff ärgerlich, »und ich darf
-keine verbotenen Bücher lesen. Außerdem lese ich sie auch nicht. Ich bin
-Patriot!«
-
-Nach endlosen Beschwerden, in denen Peredonoff sein Herz ausschüttete,
-begriff Awinowitzkji so viel, daß irgend jemand bestrebt sein müsse,
-Peredonoff auszunützen, und zu diesem Zweck allerhand Gerüchte über ihn
-verbreitete, um ihn dadurch einzuschüchtern und so den Boden allmählich
-für einen Erpressungsversuch vorzubereiten. Daß diese Gerüchte ihm, dem
-Staatsanwalt, noch nicht zu Ohren gekommen waren, erklärte er sich
-daraus, daß der Erpresser äußerst geschickt nur in Peredonoffs nächstem
-Bekanntenkreise zu wirken wußte, -- denn er bezweckte ja nur, Peredonoff
-allein auszubeuten. Awinowitzkji fragte:
-
-»Haben Sie Verdacht auf jemanden?«
-
-Peredonoff dachte nach. Ganz zufällig fiel ihm die Gruschina ein; dunkel
-erinnerte er sich an jenes kürzlich geführte Gespräch, welches er mit
-der Drohung abbrach, er werde sie denunzieren. Daß _er_ eigentlich der
-Gruschina gedroht hatte, verwirrte sich in ihm zu einer düstern
-Vorstellung von Denunziation im allgemeinen. Sollte er jemanden angeben,
-oder sollte er selber angegeben werden, -- das war ihm nicht klar, und
-er machte auch gar keine Anstrengung, sich genauer daran zu erinnern, --
-so viel stand fest: die Gruschina war ihm feind. Schlimm genug war es,
-daß sie dabei gewesen war, als er den Pissareff versteckt hatte. Jetzt
-mußte er ihn wo anders hintun.
-
-Peredonoff sagte:
-
-»Es gibt hier eine gewisse Frau Gruschina.«
-
-»Ich weiß, ein erstklassiges Luder,« entschied Awinowitzkji kurz.
-
-»Immerwährend kommt sie zu uns,« klagte Peredonoff, »überall schnüffelt
-sie. Sie ist geizig und will alles haben. Vielleicht möchte sie Geld von
-mir dafür, daß sie mich nicht angibt wegen des Pissareff. Oder
-vielleicht will sie mich heiraten. Ich will ihr aber nichts zahlen, und
-ich habe eine andere Braut; mag sie immerhin denunzieren, ich bin
-unschuldig. Es ist nur unangenehm, wenn daraus eine Geschichte entstehen
-sollte, denn das könnte mir bei der Ernennung schaden.«
-
-»Sie ist eine bekannte Gaunerin,« sagte der Staatsanwalt. »Sie fing hier
-an gewerbsmäßig zu wahrsagen und es gab Dumme genug, welche zu ihr
-gingen. Da sagte ich der Polizei, sie möchte ihr das Handwerk legen.
-Dieses eine Mal waren sie ausnahmsweise klug und befolgten meinen Rat.«
-
-»Sie wahrsagt auch jetzt noch,« sagte Peredonoff, »noch neulich hat sie
-mir Karten ausgelegt, sie redete von einem weiten Weg und von einem
-Kronsbrief.«
-
-»Sie weiß genau, wem sie was sagt. Warten Sie nur, jetzt knüpft sie die
-Schlingen und wird später Geld fordern. Kommen Sie dann direkt zu mir.
-Ich werde ihr hundert aufzählen lassen,« schloß Awinowitzkji mit seiner
-beliebten Redensart. Doch durfte man dies nicht wörtlich nehmen; dieser
-Ausdruck bedeutete nur: einen scharfen Verweis erteilen.
-
-So versprach Awinowitzkji Peredonoff beizustehen; dennoch war dieser,
-als er vom Staatsanwalt fortging, von einem dumpfen Angstgefühl
-beherrscht, welches durch die lauten drohenden Reden Awinowitzkjis nur
-bestärkt worden war.
-
- * * * * *
-
-Nun machte Peredonoff täglich vor dem Mittagessen eine Visite, -- mehr
-als eine konnte er wegen der ausführlichen Erklärungen, die er jedesmal
-geben mußte, nicht erledigen. Am Abend ging er in der Regel Billard
-spielen.
-
-Wie immer pflegte er den einladenden Handbewegungen der Werschina zu
-folgen, und wie immer mußte er anhören, wie Rutiloff seine Schwestern
-lobte. Zu Hause suchte ihn Warwara zu bereden, die Trauung zu
-beschleunigen, -- aber er konnte keinen festen Entschluß fassen.
-
-Natürlich, so dachte er manchmal, wäre es vorteilhaft, Warwara zu
-heiraten, -- wie aber, wenn mich die Fürstin plötzlich im Stich läßt? In
-der Stadt, dachte er, wird man dann auf meine Kosten lachen, -- und
-dieses Bedenken hielt ihn vom entscheidenden Schritt zurück.
-
-Der Neid seiner Kollegen, welcher eher in seiner Einbildung als
-tatsächlich vorhanden war, die Intrigen irgend eines Unbekannten und der
-Umstand, daß ihm die unverheirateten Frauen nachstellten, alles das
-gestaltete sein Leben traurig und kummervoll; und auch das Wetter war
-ganz danach: mehrere Tage hindurch war es trübe, kalt und regnerisch.
-Peredonoff fühlte, wie mißlich sich sein Leben gestaltete, -- aber dann
-dachte er an den in Aussicht stehenden Inspektorposten und damit mußte
-sich alles zum besten wenden.
-
-
-
-
- X
-
-
-Am Donnerstag machte Peredonoff beim Adelsmarschall seine Aufwartung.
-Das Haus des Adelsmarschalls erinnerte an eine vornehme Villa in den
-Villenkolonien von Petersburg, welche Sommer und Winter bewohnt werden
-konnte. Die Einrichtung des Hauses war nicht gerade luxuriös, doch
-schienen manche Gegenstände allzu neu und ein wenig überflüssig zu sein.
-
-Alexander Michailowitsch Weriga erwartete Peredonoff in seinem Kabinett.
-Er tat so als beeilte er sich, seinem Gast entgegenzugehen und als wäre
-er bloß durch einen Zufall daran verhindert worden.
-
-Weriga hielt sich ungeheuer stramm, selbst wenn man in Betracht zog, daß
-er ausgedienter Kavallerieoffizier war. Es wurde ihm nachgesagt, daß er
-ein Korsett trage. Sein glattrasiertes Gesicht war gleichmäßig gerötet,
-als hätte er es geschminkt. Sein Haar war ganz kurz geschoren, -- ein
-bequemes Mittel, um den Effekt der Glatze zu mildern. Die Augen waren
-grau, liebenswürdig und kalt. Im Verkehr war er gegen alle äußerst
-zuvorkommend, in seinen Ansichten streng und entschieden. Allen seinen
-Bewegungen merkte man den gewesenen Soldaten an und außerdem kleine
-Hinweise darauf, daß er Gouverneur zu werden beabsichtigte.
-
-Peredonoff saß ihm gegenüber am eichengeschnitzten Schreibtisch und
-berichtete:
-
-»Ueber mich werden allerhand Gerüchte in Umlauf gesetzt, daher wende ich
-mich als Edelmann an Sie. Man erzählt über mich Dinge, Exzellenz, welche
-absolut unwahr sind.«
-
-»Ich habe nichts Derartiges gehört,« antwortete Weriga und
-liebenswürdig-erwartungsvoll lächelnd, richtete er seine grauen,
-aufmerksamen Augen auf Peredonoff.
-
-Peredonoff sah geflissentlich in eine Ecke und redete:
-
-»Ich bin niemals Sozialist gewesen, und wenn es gelegentlich vorkam, daß
-ich ein Wort zuviel gesagt habe, so ist es zur Genüge damit
-entschuldigt, daß ein jeder junge Mensch mal über die Stränge schlägt.
-Jetzt habe ich nicht einmal Gedanken in dieser Richtung.«
-
-»Sie waren also sehr liberal?« fragte Weriga mit einem liebenswürdigen
-Lächeln, »nicht wahr, auch Sie wünschten eine Konstitution. Wir alle
-wollten, als wir jung waren, die Konstitution. Darf ich Ihnen anbieten?«
-
-Weriga schob Peredonoff ein Zigarrenkästchen hin. Peredonoff war zu
-schüchtern, um »Ja« zu sagen und dankte; Weriga steckte sich eine
-Zigarre an.
-
-»Natürlich, Exzellenz,« gestand Peredonoff, »hatte auch ich als Student
-meine Gedanken, aber schon damals war es mir um eine andere Konstitution
-als im üblichen Sinne des Wortes zu tun.«
-
-»Nämlich?« fragte Weriga mit einem Anflug von Unzufriedenheit im Tone.
-
-»Es sollte eine Konstitution sein, aber ohne Parlament,« erklärte
-Peredonoff, »im Parlament zanken sie sich doch nur.«
-
-Werigas graue Augen leuchteten in stillem Entzücken.
-
-»Eine Konstitution ohne Parlament!« sagte er sinnend. »Wissen Sie, das
-ist praktisch!«
-
-»Aber auch das ist lange her,« sagte Peredonoff, »jetzt wünsche ich
-nichts Derartiges.«
-
-Erwartungsvoll blickte er Weriga an. Weriga blies eine dünne Rauchwolke
-durch die Lippen, schwieg eine Zeitlang und sagte dann gemessen:
-
-»Sie sind Pädagoge, nun habe ich in meiner Stellung auch mit den Schulen
-unseres Bezirkes zu tun. Welchen Schulen geben Sie von Ihrem Standpunkte
-aus den Vorzug: den Kirchenschulen oder den sogenannten Bezirksschulen?«
-
-Weriga strich die Asche von der Zigarre und fixierte Peredonoff
-liebenswürdig, doch fast allzu aufmerksam. Peredonoff wurde verlegen,
-stierte in die Ecke und sagte:
-
-»Die Bezirksschulen müssen stramm gehalten werden.«
-
-»Ja, ja, strammer,« sagte Weriga abwartend.
-
-Und er blickte auf seine glimmende Zigarre, so als bereite er sich vor,
-einer langen Erörterung zuzuhören.
-
-»Die Lehrer dort sind Nihilisten,« sagte Peredonoff, »und die
-Lehrerinnen glauben nicht an Gott. Sie schnauben sich sogar in der
-Kirche.«
-
-Weriga blickte schnell auf und sagte lächelnd:
-
-»Na wissen Sie, ab und zu ist das notwendig.«
-
-»Ja, aber manche trompeten geradezu, so daß alle Sänger lachen,« meinte
-Peredonoff böse. »Das tut sie mit Absicht. Diese Skobotschkina ist so
-eine Person, läuft in einer roten Bluse herum. Manchmal trägt sie sogar
-einen Sarafan.«[8]
-
-»Das ist freilich nicht schön,« sagte Weriga. »Doch tut sie es eher aus
-Mangel an Erziehung. Ich erinnere mich gut an diese Lehrerin. Sie hat
-absolut keine Manieren, ist aber eine tüchtige Lehrkraft. In jedem Fall
-ist das, was Sie sagen, nicht schön von ihr. Man muß es ihr zu wissen
-geben.«
-
-»Dort in den Schulen geht es sehr frei zu,« fuhr Peredonoff fort, »ohne
-jede Zucht. Gestraft wird überhaupt nicht und Bauernkinder kann man
-nicht nach demselben Muster erziehen wie die Adeligen. Geprügelt müssen
-sie werden.«
-
-Weriga blickte ruhig auf Peredonoff, dann, als käme ihm die
-Taktlosigkeit dieser Bemerkung erst jetzt zum Bewußtsein, senkte er
-seinen Blick und sagte kalt, fast im Tonfall eines Gouverneurs:
-
-[Fußnote 8: Russische Nationaltracht.]
-
-»Es muß gesagt werden, daß ich an Schülern der Distriktsschulen
-vortreffliche Eigenschaften bemerkt habe. Es steht über allem Zweifel,
-daß die weitaus größere Zahl außerordentlich fleißig und gewissenhaft
-ist. Natürlich kommen, wie überall, Vergehen vor und infolge der
-Unbildung des Milieus kann es geschehen, daß diese Vergehen recht grob
-zum Ausdruck kommen, um so mehr als in der Landbevölkerung Rußlands das
-Gefühl für Pflicht, Ehre und Achtung fremden Eigentums nur wenig
-entwickelt ist. Die Schule hat die Pflicht, solche Vergehen streng zu
-bestrafen. Wenn alle Mittel einer inneren Einwirkung erschöpft
-erscheinen, oder wenn das Vergehen besonders groß ist, so wäre es
-natürlich geboten, um das betreffende Kind nicht ganz verwildern zu
-lassen, zu den allerstrengsten Maßnahmen zu greifen. Dieses hat aber auf
-alle Kinder Bezug, auch auf die von Adel. Im allgemeinen stimme ich mit
-Ihnen darin überein, daß die Erziehung in den genannten Schulen viel zu
-wünschen übrig läßt. Madame Steven hat in ihrem -- _à propos_ sehr
-interessanten Buch -- Sie kennen es doch? ...«
-
-»Nein, Exzellenz,« sagte Peredonoff verlegen, »ich fand noch keine Zeit
-dazu. Ich habe soviel im Gymnasium zu tun. Aber ich werde es lesen.«
-
-»Nun, das ist nicht so dringend notwendig,« sagte Weriga liebenswürdig
-lächelnd, als erteile er Peredonoff die Erlaubnis, das Buch nicht zu
-lesen. »Also, besagte Frau Steven erzählt sehr entrüstet, wie zwei ihrer
-Schüler, junge Leute von 17 Jahren, vom Bezirksgericht zu körperlicher
-Züchtigung verurteilt wurden. Stolz seien sie, diese Jungen, und --
-beachten Sie wohl -- wir alle hätten uns gequält, solange diese
-schmähliche Strafe über sie verhängt gewesen sei. Später wurde dann das
-Urteil abgeändert. Ich kann nur sagen, anstelle der Frau Steven hätte
-ich mich geschämt, diese Geschichte in ganz Rußland zu verbreiten:
-stellen Sie sich nur vor, man hatte diese Jungen verurteilt, weil sie
-Aepfel gestohlen hatten. Bemerken Sie recht: für einen Diebstahl! Da
-schreibt sie noch, es wären ihre besten Schüler gewesen. Aber Aepfel
-können sie stehlen! Wirklich, eine vortreffliche Erziehung! Man sollte
-doch lieber gleich eingestehen, daß man das Eigentumsrecht nicht
-anerkennt.«
-
-Erregt erhob sich Weriga und machte einige Schritte, aber er faßte sich
-gleich wieder und setzte sich.
-
-»Sollte ich Inspektor der Volksschule werden, so will ich andere Saiten
-aufziehen,« sagte Peredonoff.
-
-»Haben Sie etwas in Aussicht?« fragte Weriga.
-
-»Ja, die Fürstin Woltschanskaja versprach mir ihre Protektion.«
-
-Weriga machte ein liebenswürdiges Gesicht.
-
-»Es wird mir angenehm sein, Ihnen Glück wünschen zu dürfen. Ich zweifle
-nicht daran, daß Sie die Sache vortrefflich leiten werden.«
-
-»Nun wird in der Stadt über mich allerhand verbreitet, Exzellenz, -- es
-ist nicht ausgeschlossen, daß das Bezirksamt davon Kenntnis bekommen
-könnte; das würde meine Ernennung verhindern und tatsächlich bin ich
-unschuldig.«
-
-»Haben Sie jemand in Verdacht, der diese Gerüchte aufgebracht hat?«
-fragte Weriga.
-
-Peredonoff wurde ganz verlegen und murmelte:
-
-»Wen sollte ich in Verdacht haben? Ich weiß keinen. Man redet nur so.
-Eigentlich kam ich zu Ihnen, weil diese Gerüchte mir im Dienst schaden
-können.«
-
-Weriga überlegte, daß es ihm gleich sein könne, von wem das Gerede
-ausginge: er war ja noch nicht Gouverneur. Er nahm nunmehr wieder die
-Rolle des Adelsmarschalls auf und hielt eine Rede, die Peredonoff
-ängstlich und niedergeschlagen anhörte:
-
-»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Ihre Schritte zu mir lenkte, um
-meine Vermittlung (Weriga wollte sagen »Schutz«, aber er enthielt sich
-dieses Ausdrucks) zwischen Ihnen und der Gesellschaft in Anspruch zu
-nehmen, der Gesellschaft, in welcher, Ihren Informationen zufolge, Ihnen
-nicht wohlwollende Gerüchte laut geworden sind. Von diesen Gerüchten ist
-mir nichts zu Ohren gekommen und es muß Ihnen tröstlich sein, daß die
-Verleumdungen über Sie nicht gewagt haben aus der Hefe der städtischen
-Gesellschaft emporzudringen und ihr Dasein -- um mich so auszudrücken --
-in niedriger Verborgenheit führen. Es ist mir eine Genugtuung, daß Sie,
--- wiewohl Sie berufsmäßig im Dienste stehen, -- dennoch gleichzeitig
-auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung so hoch einschätzen,
-und die Würde des Ihnen anvertrauten Amtes als Erzieher der Jugend,
-eines von jenen, deren geheiligter Fürsorge wir, die Eltern, unser
-kostbarstes Gut anvertrauen: unsere Kinder, die Erben unseres Namens und
-unseres Standes. Als Beamter haben Sie Ihren Vorgesetzten in Gestalt
-Ihres hochzuverehrenden Direktors, als Glied der Gesellschaft und als
-Edelmann haben Sie das vollste Recht, auf die Anteilnahme des
-Adelsmarschalls zu rechnen, in allen Fragen, welche Ihre Ehre und sowohl
-Ihr menschliches, wie gleicherweise Ihr Standesbewußtsein berühren.«
-
-Während des folgenden Teiles seiner Rede stand Weriga auf und während er
-sich mit den Fingern seiner rechten Hand fest auf den Rand des
-Schreibtisches stützte, blickte er Peredonoff mit einem
-nichtssagend-liebenswürdigen und aufmerksamen Gesichtsausdruck an, wie
-man etwa eine größere Volksmenge betrachtet, wenn man vor ihr eine
-wohlwollende Rede als Vorgesetzter halten muß. Auch Peredonoff war
-aufgestanden. Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und blickte
-verdrießlich auf den Teppich zu den Füßen des Hausherrn. Weriga sprach:
-
-»Ich weiß es auch darum zu schätzen, daß Sie sich an mich gewandt haben,
-weil es bei den Angehörigen des vornehmen Standes besonders angebracht
-erscheint, daß sie stets und in jeder Lage in erster Linie dessen
-eingedenk sind, daß sie von Adel sind, daß sie diese ihre Zugehörigkeit
-zum bezeichneten Stande hochhalten, nicht nur in bezug auf die damit
-verbundenen Rechte, sondern auch im Hinblick auf die sich hieraus
-ergebenden Pflichten und auf die Ehre des Edelmannes. Der Adel in
-Rußland steht, wie Ihnen natürlich bekannt ist, vorwiegend im
-Staatsdienst. Streng genommen müßten alle staatlichen Aemter, mit
-Ausnahme der ganz unwichtigen und niedrigen, in den Händen des Adels
-vereinigt sein. Der Umstand, daß Leute verschiedenen Standes in
-kaiserlichen Diensten stehen, ist mit Ursache für eine so unerwünschte
-Erscheinung wie jene, welche gegenwärtig Ihre Ruhe trübte. Verleumdung
-und Klatscherei sind die Waffen gesinnungsloser Leute, welche nicht in
-edlen, ritterlichen Traditionen erzogen wurden. Und ich hoffe, daß das
-allgemeine Urteil klar und unzweideutig zu Ihren Gunsten entscheiden
-wird, auch bitte ich Sie, sich völlig auf meinen ungeteilten Beistand in
-dieser Angelegenheit verlassen zu wollen.«
-
-»Meinen ergebensten Dank, hohe Exzellenz,« sagte Peredonoff, »so darf
-ich denn auf Ihren Beistand rechnen.«
-
-Weriga lächelte liebenswürdig, blieb aber stehen und deutete damit an,
-daß die Unterredung beendet sei. Nach seiner langen Rede fühlte er
-plötzlich, daß sie garnicht am Platz gewesen wäre und daß Peredonoff
-nichts weiter als ein ängstlicher Streber nach guten Stellen war, ein
-Streber, der Schutz suchend über jede Schwelle stolpert. Er entließ ihn
-mit kalter Gleichgültigkeit, die er diesem Menschen gegenüber wegen
-seines unordentlichen Lebenswandels immer empfunden hatte.
-
-Ein Diener half Peredonoff in seinen Ueberzieher. In irgend einem Zimmer
-wurde Klavier gespielt. Peredonoff dachte bei sich, daß das Leben in
-diesem Hause vornehm sei: stolze Leute, die sich hoch einschätzten. »Er
-will es zum Gouverneur bringen,« dachte Peredonoff mit ehrfürchtiger und
-neidischer Bewunderung.
-
-Auf der Treppe traf er die von einem Spaziergang heimkehrenden zwei
-Söhnchen des Adelsmarschalls mit ihrem Hauslehrer. Peredonoff
-betrachtete sie mit stumpfer Neugierde.
-
-Wie sauber sie sind, dachte er, sogar in den Ohren kein
-Schmutzfleckchen. Und munter sind sie, dabei gut geschult und wie auf
-Draht gezogen. Vielleicht, dachte er, werden sie niemals geprügelt.
-
-Und Peredonoff sah ihnen böse nach, während sie geschwind die Treppe
-hinaufstiegen und fröhlich plauderten. Auch das verwunderte Peredonoff,
-daß der Hauslehrer sie wie seinesgleichen behandelte; er drohte nicht
-und schrie sie nicht an.
-
- * * * * *
-
-Als Peredonoff nach Hause kam, saß Warwara im Gastzimmer und las ein
-Buch. Das kam selten vor. Sie blätterte in einem Kochbuch, das einzige,
-was sie mitunter in die Hand nahm. Das Buch war alt, abgegriffen und
-hatte einen schwarzen Einband. Der schwarze Einband fiel Peredonoff in
-die Augen und verstimmte ihn.
-
-»Was liest du da?« fragte er böse.
-
-»Was? Als ob du nicht weißt was, -- das Kochbuch,« antwortete Warwara.
-»Ich habe keine Zeit, mich mit Albernheiten abzugeben.«
-
-»Warum liest du im Kochbuch?« fragte Peredonoff entsetzt.
-
-»Was heißt -- warum? Ich will kochen, für dich natürlich, du mäkelst ja
-immer,« sagte Warwara und lächelte stolz und selbstbewußt.
-
-»Aus diesem schwarzen Buch will ich nichts essen!« erklärte Peredonoff
-bestimmt, riß das Buch aus Warwaras Händen und trug es ins Schlafzimmer.
-
-Ein schwarzes Buch! Danach wird gekocht! dachte er mit Entsetzen, das
-fehlt noch gerade, daß man mich ganz offenkundig mit dem schwarzen Buch
-behext! Dieses fürchterliche Buch muß vernichtet werden, dachte er, ohne
-auf Warwaras wütendes Gezeter zu achten.
-
- * * * * *
-
-Am Freitag ging Peredonoff zum Vorsitzenden des Kreisamtes.
-
-Hier im Hause wurde nachdrücklich betont, daß man schlicht und recht
-leben und zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten müsse. Eine ganze Reihe
-von Gegenständen diente dazu, eine Art von ländlicher Einfalt zu
-betonen: so hatte ein Sessel eine Lehne in Form eines Krummholzes und
-kleine Beile als Armstützen, ein Tintenfaß war in ein Hufeisen
-hineingespannt, ein imitierter Bauernschuh aus Porzellan diente als
-Aschenbecher. Im Saale standen auf Tischen, Fensterbänken, sogar auf dem
-Fußboden eine Reihe von kleinen Maßen, welche mit verschiedenen
-Getreideproben gefüllt waren, und hie und da lagen Klumpen von grobem
-Bauernbrot, die an Torfstücke erinnerten. Im Gastzimmer konnte man
-Zeitungen und Modelle von landwirtschaftlichen Maschinen sehen. Im
-Arbeitszimmer standen riesige Bücherschränke, gefüllt mit
-nationalökonomischen Werken und Abhandlungen über die Schulfrage. Auf
-dem Schreibtisch lagen Papiere, gedruckte Rechenschaftsberichte,
-Pappschachteln mit Karten verschiedener Größe. Alles war staubig und
-kein einziges Bild hing an den Wänden. Dem Hausherrn Iwan Stepanowitsch
-Kiriloff konnte man anmerken, wie er bemüht war, einerseits
-liebenswürdig -- europäisch liebenswürdig -- zu erscheinen, ohne doch
-andererseits seiner Würde als Vorsitzender des Kreises etwas zu
-vergeben. Er war ein Original voller Widersprüche, gleichsam wie aus
-zwei Hälften zusammengelötet. Seine ganze Einrichtung zeugte davon, daß
-er viel und vernünftig arbeitete. Sah man ihn selber, so konnte man
-glauben, daß er seine Tätigkeit im Kreisamt mehr als Sport und nur
-vorübergehend betriebe, während seine eigentlichen Interessen weitab
-davon lägen, in irgend einer Richtung, wohin er mitunter seine
-lebhaften, doch teilnahmlosen bleifarbigen Augen richtete. Es war so,
-als hätte jemand seine lebendige Seele in einen länglichen Kasten
-gesperrt und gegen eine seelenlose, doch nervöse, arbeitsame Unruhe
-eingetauscht.
-
-Er war klein von Wuchs, mager und jugendlich, so jugendlich und rosig,
-daß man ihn mitunter für einen Knaben halten konnte, der einen falschen
-Bart trug und sich mit ziemlichem Geschick wie ein Erwachsener zu
-betragen verstand. Seine Bewegungen waren charakteristisch und rasch.
-Wenn er sich mit jemandem begrüßte, machte er flinke Verbeugungen und
-viele Kratzfüße, und glitt geschwind einher auf den Sohlen seiner
-tadellosen Halbschuhe. Seinen Anzug hätte man ein Kostümchen nennen
-können: ein graues Jackettchen, ein nicht gestärktes Vorhemdchen aus
-Batist mit einem Liegekragen, eine blaue, zur Schleife gebundene
-Krawatte, enganliegende Beinkleiderchen und perlgraue Strümpfchen. Auch
-seine gemessen-höfliche Art und Weise zu reden war nicht immer gleich:
-er unterhält sich voll Würde und mit einmal spielt ein kindliches
-Lächeln um sein Gesicht, oder eine ungelenke, knabenhafte Bewegung
-erinnerte an sein Doppelwesen, dann nach einem Augenblick ist er wieder
-ruhig und zurückhaltend höflich.
-
-Seine Frau machte einen stillen, maßvollen Eindruck und schien älter als
-er zu sein. Einigemal während Peredonoffs Anwesenheit ging sie durch das
-Arbeitszimmer und zog bei ihrem Manne Erkundigungen über verschiedene
-Angelegenheiten aus dem Bezirksamt ein. Ihr Hausstand war nicht gerade
-geordnet, -- immerfort kamen Leute in Geschäften und immerfort wurde Tee
-getrunken. Auch Peredonoff wurde gleich nach seiner Ankunft lauwarmer
-Tee und Weißbrot auf einem Teller gereicht.
-
-Schon vor ihm war ein anderer Gast gekommen. Peredonoff kannte ihn, --
-aber schließlich wen kannte man in diesem Städtchen nicht! Man verkehrte
-mit jedermann, es sei denn, daß man sich mit diesem oder jenem verzankt
-hätte.
-
-Es war der Bezirksarzt Georg Sjemenowitsch Trepetoff, ein kleiner Mann
--- er war noch kleiner als Kiriloff -- mit einem finnigen, unbedeutenden
-Vogelgesicht. Er trug eine dunkle Brille und blickte immer auf den
-Fußboden oder zur Seite, als falle es ihm schwer sein Gegenüber
-anzusehen. Er war ungeheuer ehrlich und gab keine Kopeke für wohltätige
-Zwecke aus. Alle kaiserlichen Beamten verachtete er aus tiefstem Herzen:
-kaum daß er ihnen bei etwaiger Begegnung die Hand reichte, am Gespräch
-beteiligte er sich in solchen Fällen prinzipiell nicht. Dafür galt er
-für einen hellen Kopf -- wie auch Kiriloff --, wiewohl er nur wenig
-wußte und als Arzt untüchtig war.
-
-Er hatte sich vorgenommen, sein Leben so einfach als möglich zu
-gestalten; -- zu diesem Zweck studierte er die Gepflogenheiten der
-Bauern sich zu schnauben oder den Kopf zu kratzen und mit dem Handrücken
-den Mund zu wischen, im stillen ahmte er diese Sitten nach, -- die
-endgültige Vereinfachung seines Lebens verschob er aber immer auf den
-nächsten Sommer.
-
-Auch hier wiederholte Peredonoff die ihm seit den letzten Tagen geläufig
-gewordenen Klagen über den städtischen Klatsch und jene Neider, welche
-seine Beförderung zum Inspektor verhindern wollten. Kiriloff fühlte sich
-im ersten Augenblick geschmeichelt, daß Peredonoff sich an ihn wandte.
-Er sagte:
-
-»Ja, nun sehen Sie, welcherart unsere Provinzgesellschaft ist. Ich habe
-immer gesagt, die einzige Rettung für denkende Menschen ist, sich fest
-zusammenzuschließen, -- und es freut mich, daß Sie zur selben Erkenntnis
-gekommen sind.«
-
-Trepetoff grunzte böse. Kiriloff sah ihn ängstlich an. Trepetoff sagte
-verächtlich: »Denkende Menschen!« und grunzte wieder. Dann -- nach einem
-kurzen Schweigen -- sprach er mit hoher, gekränkter Stimme:
-
-»Ich wußte nicht, daß denkende Menschen Anhänger des Klassensystems sein
-können.«
-
-»Aber Georgi Sjemenowitsch,« sagte Kiriloff unsicher, »Sie ziehen nicht
-in Betracht, daß es nicht immer vom Menschen selber abhängt, welchen
-Beruf er wählt.«
-
-Trepetoff grunzte verächtlich, wodurch er den liebenswürdigen Kiriloff
-ganz aus der Fassung brachte und hüllte sich in unnahbares Schweigen.
-
-Kiriloff wandte sich an Peredonoff. Als dieser aber von einem
-Inspektorposten zu reden begann, wurde er unruhig. Es schien ihm, als
-ziele Peredonoff darauf ab, Inspektor seines Bezirkes zu werden. Im
-Bezirksamt aber reifte der Plan, einen eigenen Schulinspektor zu
-kreieren, welcher vom ganzen Bezirk gewählt und vom Ministerium der
-Volksaufklärung bestätigt werden sollte.
-
-In diesem Falle wäre Inspektor Bogdanoff, der bereits drei Schulbezirken
-vorstand, in eine der benachbarten Städte übergesiedelt und die Leitung
-der Schulen dieses Bezirkes wäre einem neuen Inspektor anvertraut
-worden. Zu diesem Amte hatte man schon den Vorsteher des Lehrerseminars
-der ganz nahe gelegenen Stadt Safat ausersehen.
-
-»Ich habe glücklich eine Protektion,« redete Peredonoff, »nun sucht mir
-der Direktor den Weg zu verlegen und die andern auch. Alles Mögliche
-verbreiten sie über mich. Im Falle man bei Ihnen Erkundigungen einziehen
-sollte, bitte ich Sie, im Auge zu haben, daß diese Gerüchte Lügen sind
-und ich bitte auch, diesen Lügen keinen Glauben zu schenken.«
-
-Kiriloff antwortete rasch:
-
-»Ich habe wirklich keine Zeit, Ardalljon Borisowitsch, mich mit den
-Klatschgeschichten der Stadt zu befassen; ich habe so viel zu tun, daß
-ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Würde mir meine Frau nicht
-helfen, so könnte ich die Arbeit einfach nicht bewältigen. Ich komme
-nirgends hin, sehe niemanden und höre nichts. Doch bin ich fest davon
-überzeugt, daß all das, was über Sie geredet wird, -- ich habe, wie
-gesagt, nichts Derartiges gehört --, daß das elender Klatsch ist. Die
-Besetzung des in Frage stehenden Postens hängt indes nicht von mir ab.«
-
-»Man wird sich bei Ihnen erkundigen,« sagte Peredonoff.
-
-Kiriloff blickte ihn verwundert an und sagte:
-
-»Natürlich wird man sich bei mir erkundigen. Die Sache ist aber die, daß
-wir ....«
-
-In diesem Augenblick kam Frau Kiriloff herein und sagte:
-
-»Bitte auf einen Augenblick!« Kiriloff ging zu ihr ins Zimmer. Sie
-flüsterte besorgt:
-
-»Ich glaube, es ist besser, diesem Subjekt nichts davon zu sagen, daß
-wir Krassilnikoff wünschen. Dieser Kerl kommt mir verdächtig vor, er
-wird noch Geschichten machen.«
-
-»Glaubst du?« flüsterte Kiriloff eilig. »Es könnte sein. Fatale Sache!«
-
-Er griff mit den Händen an den Kopf. Seine Frau sah ihn
-besorgt-teilnehmend an und sagte:
-
-»Es ist vielleicht besser, ihm überhaupt nichts zu sagen, -- als wäre
-gar keine Stelle vakant.«
-
-»Ja, ja, du hast recht,« flüsterte Kiriloff, »es ist so peinlich, aber
-ich muß hin.«
-
-Er lief ins Gastzimmer zurück, machte ununterbrochen Kratzfüße und
-überhäufte Peredonoff mit Liebenswürdigkeiten.
-
-»Im Falle also, wenn .....« begann Peredonoff.
-
-»Seien Sie ganz unbesorgt, ich will es mir merken,« sagte Kiriloff
-schnell; »außerdem ist diese Frage noch nicht endgültig entschieden.«
-
-Peredonoff begriff garnicht, um welche Frage es sich eigentlich handelte
-und fühlte sich sehr beunruhigt, Kiriloff fuhr aber fort:
-
-»Unsere Schulen sollen ein festes Netz bilden. Aus Petersburg haben wir
-uns einen Spezialisten kommen lassen. Den ganzen Sommer über haben wir
-gearbeitet. 900 Rubel hat es uns gekostet. Es muß alles zum Landtag
-vorbereitet werden. Die Arbeit ist sehr sorgfältig ausgeführt, -- alle
-Entfernungen sind berechnet, alle Schulfragen sind berücksichtigt
-worden.«
-
-Und Kiriloff erzählte lang und breit vom Schulnetz, d. h. von der
-Einteilung des Distrikts in so kleine Bezirke mit einer Volksschule in
-jedem, daß die Entfernung vom Dorf zur Schule immer nur eine geringe
-war. Peredonoff begriff nichts, und seine düsteren Gedanken verfingen
-sich in den Wortmaschen des Kiriloffschen Redenetzes, welches dieser
-gewandt vor ihm ausbreitete.
-
-Endlich verabschiedete sich Peredonoff und ging hoffnungslos und traurig
-von dannen. In diesem Hause, dachte er, will man mich nicht begreifen,
-nicht einmal anhören. Der Hausherr redet von unverständlichen Sachen.
-Trepetoff grunzt böse und die Hausfrau geht und kommt, ohne mir die
-geringste Beachtung zu schenken. Merkwürdige Leute leben in diesem
-Hause! dachte Peredonoff. Ein verlorener Tag!
-
-
-
-
- XI
-
-
-Am Sonnabend wollte Peredonoff den Chef der Landpolizei aufsuchen. Zwar
-hat er nicht soviel zu bedeuten, wie der Adelsmarschall, dachte
-Peredonoff; aber er kann einem eher schaden als die anderen und doch
-wieder -- wenn er nur will -- einem beistehen mit seinen Aussagen bei
-der vorgesetzten Behörde. Die Polizei ist eine wichtige Einrichtung.
-
-Peredonoff nahm aus einer Hutschachtel seine Dienstmütze. Er beschloß,
-fortan nur diese Mütze zu tragen. Der Direktor kann es sich erlauben mit
-einem Hut herumzugehen, er ist bei den Vorgesetzten gut angeschrieben,
-er aber -- Peredonoff -- muß sich seine Beförderung zum Inspektor erst
-erwerben; es ist nicht gut, sich nur auf die Protektion zu verlassen,
-man muß auch bestrebt sein, allerorts im besten Lichte zu erscheinen.
-Schon seit einigen Tagen, noch bevor er angefangen hatte, die
-Honoratioren zu besuchen, hatte er daran gedacht, aber wieder war ihm,
-rein zufällig, der alte Hut unter die Hände geraten. Jetzt ergriff er
-Gegenmaßregeln: er schleuderte den Hut auf den Ofen, -- so war es
-ausgeschlossen, daß er ihn wieder aufsetzte.
-
-Warwara war ausgegangen. Klawdja, das Dienstmädchen, wusch die Fußböden
-in den Empfangszimmern. Peredonoff ging in die Küche, um sich die Hände
-zu waschen. Auf dem Tisch lag eine blaue Papierdüte, aus der einige
-Rosinen herausgefallen waren. Es war ein Pfund Rosinen gekauft worden,
-um sie in das Teebrot einzubacken. Peredonoff fing an, die schmutzigen,
-nicht gereinigten Rosinen zu essen und verschlang schnell und gierig das
-ganze Pfund. Er war vor dem Tisch stehen geblieben und schielte nach der
-Tür um von Klawdja nicht ertappt zu werden. Dann rollte er die
-Papierdüte sorgfältig zusammen, brachte sie unter dem Rock in das
-Vorzimmer und steckte sie in eine seiner Manteltaschen, um sie später
-auf der Straße fortzuwerfen, und so alle Spuren zu vertilgen. Er ging.
-Sehr bald vermißte Klawdja die Rosinen, erschrak, suchte sie überall und
-fand sie nicht. Warwara kam nach Hause, hörte von den verschwundenen
-Rosinen und machte Klawdja die heftigsten Vorwürfe: es stand ihr fest,
-daß das Mädchen die Rosinen aufgegessen hatte.
-
- * * * * *
-
-Auf der Straße war es windig und kein Mensch war zu sehen. Einige Wolken
-verdeckten die Sonne. Die Pfützen begannen zu trocknen. Der Himmel
-leuchtete in matten Farben. Aber Peredonoff war traurig.
-
-Unterwegs ging er beim Schneider an. Vorgestern hatte er bei ihm eine
-neue Uniform bestellt. Er sollte sich mit der Arbeit beeilen.
-
-Als Peredonoff an der Kirche vorbeiging, nahm er die Mütze ab und
-bekreuzigte sich dreimal. Das machte er so augenfällig als möglich,
-damit alle Vorübergehenden sehen sollten, wie der künftige Inspektor an
-der Kirche vorbeiging. Früher hatte er das nie getan, jetzt empfand er
-es als Notwendigkeit. Vielleicht geht ein Spion hinter ihm her oder
-irgend jemand steht an der Straßenecke oder hinter einem Baum und
-beobachtet ihn.
-
-Der Chef der Landpolizei wohnte am andern Ende der Stadt. Vor der
-Pforte, die weit aufgetan war, stand ein Schutzmann; das war eine
-Begegnung, die Peredonoff seit den letzten Tagen mit Angst erfüllte. Auf
-dem Hofe hielten sich einige Bauern auf; auch sie sahen ungewöhnlich
-aus, sie waren so merkwürdig still und schweigsam. Der Hof war
-schmutzig. Einige mit Bastgeweben verdeckte Bauernwagen standen umher.
-Auch im dunklen Vorhaus stand ein Schutzmann, ein kleiner, schmächtiger
-Mensch, der pflichtbewußt und betrübt aussah. Er stand regungslos da und
-hielt ein Buch in schwarzem Ledereinband unter dem Arm. Ein zerzaustes
-Mädchen kam barfuß aus einem Nebenzimmer gelaufen, half Peredonoff aus
-seinem Ueberzieher und führte ihn dann ins Besuchszimmer, wobei sie
-immerfort wiederholte:
-
-»Bitte treten Sie ein. Sjemön Grigorjewitsch wird gleich kommen.«
-
-Das Empfangszimmer war sehr niedrig. Peredonoff fühlte sich bedrückt.
-Die Möbel waren dicht an die Wände gerückt. Der Fußboden war mit
-schlichten Hanfmatten bedeckt. Rechts und links hinter den Wänden hörte
-man Geflüster und verschiedene Geräusche. An der Tür standen blasse
-Frauen und skrophulöse Kinder, sie hatten gierige, blanke Augen.
-Manchmal konnte man einige Worte der geflüsterten Unterhaltung
-verstehen:
-
-»Hast du gebracht ...«
-
-»Wohin soll ich's tragen?«
-
-»Wohin befehlen Sie, daß ich es hinlege?«
-
-»Von Sidor Petrowitsch Jermoschkin.«
-
-Der Polizeichef kam. Er knöpfte an seinem Uniformrock und lächelte
-süßlich.
-
-»Verzeihen Sie, daß ich auf mich warten ließ,« sagte er und umfaßte
-Peredonoffs Rechte mit seinen mächtigen Fäusten, »ich hatte einige
-Geschäfte zu erledigen. So ist unser Dienst, da gibt's kein
-Aufschieben.«
-
-Sjemön Grigorjewitsch Mintschukoff war ein großer, starkknochiger,
-schwarzhaariger Mann; er hatte eine unbedeutende Glatze, hielt sich ein
-wenig krumm; und die Hände hingen ihm herunter, wie zwei Bretter. Er
-lächelte oft und machte dabei ein Gesicht, als hätte er etwas
-Verbotenes, doch Schmackhaftes gegessen, das er just verdaute. Seine
-Lippen waren sehr rot und schwulstig, seine Nase massiv, sein
-Gesichtsausdruck sinnlich und aufmerksam, aber dumm.
-
-Die ganze Umgebung hier machte Peredonoff befangen. Er murmelte
-unzusammenhängende Worte, saß in seinem Sessel und war bemüht, seine
-Mütze so zu drehen, daß der Polizeichef die Kokarde daran bemerken
-mußte. Mintschukoff saß kerzengrade ihm gegenüber an der andern Seite
-des Tisches, er lächelte süßlich, und seine riesigen Hände glitten
-langsam über die Kniee, schlossen sich und öffneten sich wieder.
-
-»Man schwatzt Gott weiß welchen Unsinn,« sagte Peredonoff, »nichts
-Derartiges ist vorgekommen. Ich selber könnte denunzieren. Ich habe
-nichts auf dem Gewissen, aber von ihnen wüßte ich Dinge zu berichten.
-Ich will nur nicht. Hinter dem Rücken wird man verleumdet und ins
-Gesicht lachen sie einem. Sie werden zugeben, daß das bei meiner
-Stellung äußerst peinlich ist. Ich habe Protektionen, da wirft man mir
-Steine in den Weg. Man beobachtet mich durchaus überflüssiger Weise, man
-verliert Zeit dabei und belästigt mich. Wohin ich nicht gehe, die ganze
-Stadt spricht davon. Ich hoffe sehr, daß Sie im Falle einer Anfrage auf
-meiner Seite stehen werden.«
-
-»Aber gewiß, das ist doch natürlich, mit dem größten Vergnügen will ich
-das,« sagte Mintschukoff und streckte seine Fäuste vor; »wir in der
-Polizei müssen das doch am besten wissen, ob Grund zu Verdächtigungen
-vorliegt oder nicht.«
-
-»Mir kann es natürlich Wurst sein,« sagte Peredonoff böse, »mögen sie
-schwatzen, ich fürchte nur, daß es mir im Dienst schaden könnte. Die
-Leute sind schlau. Achten Sie nicht darauf, was man so redet, zum
-Beispiel der Rutiloff. Was kann man wissen, er gräbt vielleicht einen
-Gang unter die Sparbank. Das wäre doch ein Frevel sondergleichen.«
-
-Mintschukoff dachte zuerst, Peredonoff wäre betrunken und schwatze
-einfach Unsinn. Nach einigem Anhören begriff er jedoch, daß Peredonoff
-irgend jemanden anklage, der ihn verleumdet hätte, und Gegenmaßregeln zu
-ergreifen bittet.
-
-»Grünschnäbel sind sie,« fuhr Peredonoff fort, dabei dachte er an
-Wolodin, »und halten große Stücke von sich. Andern stellen sie nach und
-haben die schmutzigsten Geschichten auf dem Gewissen. Man sagt wohl,
-Jugend kennt keine Tugend. Manche sind auch Angestellte der Polizei und
-tun doch genau dasselbe.«
-
-Und er redete lange von den dummen, grünen Jungen, scheute sich aber,
-Wolodins Namen zu nennen. Die bei der Polizei Angestellten hatte er aber
-erwähnt, um Mintschukoff damit anzudeuten, daß er auch von ihnen
-Ungünstiges berichten könne. Mintschukoff verstand das so, als rede
-Peredonoff von zwei jungen Polizeibeamten, von denen er wußte, daß sie
-jungen Mädchen den Hof machten. Die Verlegenheit und die Angst
-Peredonoffs wirkten unwillkürlich ansteckend auf Mintschukoff.
-
-»Ich will die Sache in die Hand nehmen,« sagte er besorgt, dachte einen
-Augenblick nach und lächelte dann wieder süßlich. »Da hab ich zwei junge
-Beamte, sie sind noch ganz grün. Glauben Sie mir auf Ehre und Gewissen,
-den einen stellt seine Mama noch in den Winkel.«
-
-Peredonoff lachte abgerissen.
-
- * * * * *
-
-Inzwischen war Warwara bei der Gruschina gewesen. Da erfuhr sie eine
-sensationelle Neuigkeit.
-
-»Liebste Warwara Dmitriewna,« begann die Gruschina eifrig, als Warwara
-kaum über die Schwelle ihres Hauses getreten war, »ich habe eine
-Neuigkeit für Sie, -- Sie werden starr sein.«
-
-»Was für eine Neuigkeit?« fragte Warwara schmunzelnd.
-
-»Nein, denken Sie nur, was für elende Geschöpfe auf der Welt
-herumlaufen! Was die sich für Sachen ausdenken, um ihr Ziel zu
-erreichen.«
-
-»Ja, worum handelt es sich denn?«
-
-»Na, warten Sie, ich will es erzählen.«
-
-Die schlaue Gruschina bewirtete indes Warwara zuvor mit Kaffee, dann
-trieb sie ihre Kinder auf die Straße hinaus. Die Aelteste war
-eigensinnig und wollte nicht gehen.
-
-»Du verdammtes Luder!« schrie die Gruschina.
-
-»Selbst Luder!« antwortete das freche Göhr und stampfte mit den Füßen.
-
-Die Gruschina packte das Mädchen an den Haaren, zerrte es auf den Hof
-und verschloß die Haustür.
-
-»Ein eigensinniges Balg,« beklagte sie sich, »es ist ein Elend mit
-diesen Kindern. Ich kann mit ihnen nicht fertig werden. Einen Vater
-müßten sie haben.«
-
-»Heiraten Sie, dann ist auch der Vater da,« meinte Warwara.
-
-»Gott weiß, liebste Warwara Dmitriewna, wen man da auf den Hals bekommt.
-Er wird die Kinder noch mißhandeln.«
-
-Das Mädchen war inzwischen auf die Straße gelaufen und warf von dort aus
-eine Handvoll Sand auf die Mutter, deren Haar und Kleider ganz
-beschmutzt wurden. Die Gruschina steckte ihren Kopf zum Fenster hinaus
-und schrie:
-
-»Wart du nur, Satansbalg, Prügel sollst du kriegen. Komm nur nach Hause.
-Ich will dich lehren, verdammtes Luder.«
-
-»Selbst Luder! Böses Vieh!« schrie das Mädchen auf der Straße, hüpfte
-auf einem Bein und drohte der Mutter mit ihren kleinen, schmutzigen
-Fäusten.
-
-Die Gruschina schrie sie an:
-
-»Wart du nur!« und schloß das Fenster. Dann setzte sie sich ruhig hin,
-als wäre nichts geschehen und sagte:
-
-»Ach richtig, ich wollte Ihnen eine Neuigkeit erzählen. Ich habe es
-total vergessen. Beunruhigen Sie sich nicht, teuerste Freundin, es wird
-nichts aus der Geschichte.«
-
-»Ja, was denn eigentlich?« fragte Warwara erschreckt, und die
-Kaffeetasse klirrte in ihrer Hand.
-
-»Wissen Sie, im Gymnasium wurde in die fünfte Klasse ein Schüler
-aufgenommen, Pjilnikoff mit Namen. Er soll aus Ruban stammen, und man
-sagt, seine Tante hätte in unserem Kreis ein Gut gekauft.«
-
-»Das weiß ich,« sagte Warwara, »ich habe ihn gesehen. Er kam mit der
-Tante zu uns. Er ist so geschniegelt und sieht wie ein Mädchen aus, und
-wird immerwährend rot.«
-
-»Liebste Warwara Dmitriewna, das ist es ja gerade, wie sollte er nicht
-wie ein Mädchen aussehen, -- es ist ja ein verkleidetes Fräulein!«
-
-»Nein, was Sie sagen!« rief Warwara.
-
-»Das ist mit Absicht so eingefädelt, um Ardalljon Borisowitsch
-einzufangen,« sprach die Gruschina eilig, mit den Händen fuchtelnd und
-froh erregt, daß sie eine so wichtige Neuigkeit weitergeben konnte.
-»Wissen Sie, dieses Fräulein hat einen Vetter, ein Waisenkind; der war
-tatsächlich Schüler in Ruban. Die Mutter des Fräuleins nun ließ ihn aus
-der Schule austreten und dem Fräulein wurden seine Papiere gegeben, um
-in unser Gymnasium eintreten zu können. Ist es nicht verdächtig, daß man
-ihn zu einer Frau in Pension gegeben hat, wo keine andern Schüler sind?
-Da lebt er so schön für sich, und man dachte wohl, daß die Sache nicht
-herauskommen wird.«
-
-»Und wie haben Sie es erfahren?« fragte Warwara ungläubig.
-
-»Liebste Warwara Dmitriewna, alle Welt spricht davon. Plötzlich wurde
-Verdacht geschöpft: alle Jungen betragen sich wie Jungen, dieser ist so
-still, schleicht einher, wie ein nasses Huhn. Und sieht man erst sein
-Gesicht an, ein fixer Bengel scheint es zu sein, so rosig, so
-vollbrüstig. Er ist so bescheiden, seine Kameraden haben es schon
-bemerkt, kaum sagt man ihm ein Wort, so wird er rot. Das ist auch sein
-Spitzname: Mädchen. Sie wollen sich über ihn nur lustig machen und
-wissen gar nicht, daß es wirklich so ist. Und stellen Sie sich vor, wie
-schlau sie vorgingen: nicht einmal die Pensionsmutter weiß etwas.«
-
-»Woher haben Sie es denn?« wiederholte Warwara.
-
-»Liebste Warwara Dmitriewna, was erfahr ich nicht alles! Ich kenne doch
-jedermann. Das wissen doch alle, daß dort im Hause ein Junge lebt, der
-ebenso alt ist, wie dieser. Warum sind sie nicht zusammen ins Gymnasium
-eingetreten? Man sagt, er sei den Sommer über krank gewesen, müsse sich
-ein Jahr erholen und wird dann wieder zur Schule kommen. Aber das ist
-alles Unsinn, -- das ist ja gerade der bewußte Gymnasiast. Und
-andrerseits ist bekannt, daß dort ein junges Mädchen war. Man erzählt,
-sie habe geheiratet und sei jetzt im Kaukasus. Das ist wieder eine Lüge,
-sie ist überhaupt nicht fortgefahren, sondern lebt hier als Knabe
-verkleidet.«
-
-»Mir ist die Berechnung dabei unklar!« meinte Warwara.
-
-»Wie, was für eine Berechnung!« sagte die Gruschina lebhaft, »einen von
-den Lehrern wollen sie einfangen, es gibt doch Junggesellen genug
-darunter, oder sonst irgend einen andern. Als Knabe kann sie die
-einzelnen in ihren Privatwohnungen besuchen und weiß Gott was alles
-tun.«
-
-Warwara sagte erschreckt:
-
-»Ein abgelecktes Mädel!«
-
-»Und wie noch!« pflichtete die Gruschina bei, »schön wie ein Bild. Nur
-jetzt im Anfang tut sie so schüchtern; das wird sich geben mit der Zeit;
-sie wird alle in der Stadt hier umgarnen. Und, stellen Sie sich vor, wie
-schlau sie sind: kaum hatte ich von der Sache Wind gekriegt, versuchte
-ich sofort mit seiner -- soll heißen mit ihrer -- Pensionsmutter zu
-sprechen; man weiß ja schon gar nicht, wie man sich ausdrücken soll.«
-
-»Pfui Deibel -- Gott verzeih mir -- welche Gemeinheit!« sagte Warwara.
-
-»Zur Vesper ging ich in die Kirche, sie ist nämlich sehr fromm. Olga
-Wassiljewna -- sag ich -- warum haben Sie denn heuer nur einen
-Pensionär? Da kommen Sie doch nicht auf Ihre Kosten -- sage ich. Sie
-antwortet: wozu brauche ich mehr. Es ist so eine Wirtschaft mit
-mehreren. Ich sage darauf: aber Sie haben doch früher immer zwei, drei
-Jungen gehabt. Darauf sie -- stellen Sie sich nur vor, liebste Warwara
-Dmitriewna -- ja, sagt sie, sie hätten schon so eine Vereinbarung
-getroffen, daß Saschenka allein bei ihr leben solle. Sie sind nicht arm
--- sagt sie --, haben etwas mehr gezahlt; sie fürchten nämlich, daß er
-mit andern Jungen zusammen verwildern würde. Wie finden Sie das?«
-
-»So ein Pack!« sagte Warwara aufgebracht. »Haben Sie ihr denn gesagt,
-daß er ein Mädchen ist?«
-
-»Ich sagte ihr also --, passen Sie nur auf -- sage ich -- Olga
-Wassiljewna, daß man Ihnen kein Mädchen für einen Knaben unterschiebt.«
-
-»Und was sagte sie?«
-
-»O, sie dachte, daß ich nur scherze und lachte. Dann sagte ich
-eindringlicher, -- liebste Olga Wassiljewna, sag ich, wissen Sie auch,
-daß es tatsächlich ein Mädchen sein soll. Aber sie glaubt nicht, --
-Unsinn -- sagt sie -- wie soll das ein Mädchen sein; ich bin doch Gott
-sei Dank nicht blind, sagt sie.«
-
-Diese Geschichte beunruhigte Warwara. Sie war der festen Ueberzeugung,
-daß es sich so verhielte und daß man ihr ihren Geliebten wegpaschen
-wolle. Sie hielt es für dringend notwendig, das verkleidete Fräulein so
-schnell als möglich zu entlarven. Lange berieten sie, wie sich das wohl
-am besten machen ließe, kamen aber vorläufig zu keinem Entschluß.
-
- * * * * *
-
-Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen Rosinen endgültig
-Warwaras Laune.
-
-Als Peredonoff kam, erzählte sie ihm eilig und aufgeregt, daß Klawdja
-ein Pfund Rosinen gestohlen hätte, es aber nicht gestehen wolle.
-
-»Und sie versucht sich noch herauszureden,« sagte Warwara gereizt;
-»vielleicht sagt sie, hat der Herr die Rosinen aufgegessen. Du seiest
-aus irgend einem Grunde in die Küche gegangen, während sie die Dielen
-scheuerte, und habest dich dort ungewöhnlich lange aufgehalten.«
-
-»Durchaus nicht lange,« sagte Peredonoff böse; »ich wusch mir nur die
-Hände und habe die Rosinen nicht einmal gesehen.«
-
-»Klawdjuschka, Klawdjuschka!« schrie Warwara, »der Herr sagt, daß er die
-Rosinen überhaupt nicht gesehen hat, -- also hattest du sie schon früher
-irgendwohin versteckt.«
-
-Klawdjas vom Weinen gerötetes Gesicht erschien in der Türspalte.
-
-»Ich habe Ihre Rosinen nicht genommen,« schrie sie weinend; »ich werde
-andere kaufen, aber genommen habe ich sie nicht.«
-
-»Kauf nur, kauf nur!« rief Warwara böse, »ich habe keine Lust, dich mit
-Rosinen zu füttern.«
-
-Peredonoff fing an zu lachen und rief:
-
-»Djuschka hat ein Pfund Rosinen geklommen.«
-
-»Man tut mir unrecht!« schrie Klawdja und schlug die Tür zu.
-
-Beim Essen konnte Warwara nicht umhin, die Geschichte von Pjilnikoff zu
-erzählen. Sie überlegte garnicht, ob es ihr schaden oder nützen könnte,
-wie Peredonoff die Sache aufnehmen würde, sondern redete einfach aus
-Bosheit.
-
-Peredonoff war bemüht, sich Pjilnikoffs Erscheinung zu vergegenwärtigen,
-konnte sich aber nicht recht an ihn erinnern. Er hatte bisher diesem
-neuen Schüler nur geringe Aufmerksamkeit zugewandt und verachtete ihn,
-weil er stets sauber gekleidet und in den Stunden aufmerksam war, auch
-lernte er gut und war dem Alter nach der jüngste in der fünften Klasse.
-Warwaras Erzählung rief in ihm eine häßliche Neugierde wach. Unkeusche
-Gedanken regten sich in seinem langsam arbeitenden Hirn ...
-
-Ich werde zur Vesper in die Kirche gehen, dachte er, und mir dies
-verkleidete Mädchen ansehen.
-
-Plötzlich kam Klawdja hereingelaufen, warf triumphierend die
-zusammengefaltete blaue Papierdüte auf den Tisch und rief:
-
-»Sie haben mich beschuldigt, ich hätte die Rosinen gegessen. Und _das_
-hier? Ich brauche Ihre Rosinen garnicht!«
-
-Peredonoff erriet sofort, worum es sich handelte; er hatte ganz
-vergessen, die Düte auf der Straße fortzuwerfen, und Klawdja hatte sie
-jetzt in seiner Manteltasche gefunden.
-
-»Teufel auch!« entfuhr es seinen Lippen.
-
-»Was soll das, woher kommt das?« fragte Warwara.
-
-»Das habe ich in des Herrn Manteltasche gefunden,« antwortete Klawdja
-schadenfroh. »Er selber hat die Rosinen gegessen und lenkt den Verdacht
-auf mich. Man weiß doch, daß der Herr zu naschen liebt, aber warum wälzt
-er die Schuld auf andere, wenn er selber ...«
-
-»Jetzt hör aber auf,« sagte Peredonoff ärgerlich. »Warum lügst du so? Du
-hast mir die Düte in die Tasche gesteckt, ich habe nichts genommen.«
-
-»Wie sollte ich sie Ihnen in die Tasche stecken, da sei Gott vor!« sagte
-Klawdja verwirrt.
-
-»Wie durftest du fremde Taschen untersuchen?« fuhr Warwara auf. »Du
-suchtest da wohl nach Geld?«
-
-»Ich untersuche garnicht fremde Taschen,« sagte Klawdja grob. »Ich
-wollte den Mantel bürsten, weil er ganz beschmutzt war.«
-
-»Und was hattest du in der Tasche zu suchen?«
-
-»Die Düte ist von selber herausgefallen, ich habe nicht in den Taschen
-gesucht,« rechtfertigte sich Klawdja.
-
-»Du lügst, Djuschka,« sagte Peredonoff.
-
-»Ich heiße nicht Djuschka, was habt Ihr Euch über mich lustig zu
-machen!« schrie Klawdja. »Der Teufel hol Euch! Ich werde die Rosinen
-kaufen, dann könnt Ihr daran ersticken! Selbst freßt Ihr sie auf, und
-ich muß sie ersetzen. Und ich werde sie ersetzen, -- Ihr habt,
-scheint's, kein Gewissen und keine Ehre im Leibe, und sowas nennt sich
-Herrschaft!«
-
-Klawdja ging weinend und schimpfend in die Küche. Peredonoff lachte
-abgerissen und sagte:
-
-»Die ist mal wütend.«
-
-»Laß sie nur kaufen,« sagte Warwara; »wenn man ihnen durch die Finger
-sieht, fressen einen diese verhungerten Bestien kapp und kahl.«
-
-Und noch lange nachher wurde Klawdja damit geneckt, daß sie ein ganzes
-Pfund Rosinen aufgegessen hätte. Das Geld dafür wurde ihr vom Lohne
-abgezogen und allen Gästen die Geschichte als Kuriosum erzählt.
-
-Der Kater, als hätte ihn das Geschrei angelockt, kam längs den Wänden
-aus der Küche herangeschlichen, setzte sich zu Peredonoffs Füßen und
-starrte ihn mit bösen, gierigen Augen an. Peredonoff bückte sich, um ihn
-zu fangen. Der Kater fauchte wütend, zerkratzte Peredonoffs Hand und
-verkroch sich unter den Schrank. Von dort schielte er hervor, und seine
-länglich-grünen Pupillen funkelten.
-
-Wie ein Gespenst, dachte Peredonoff mit Grauen.
-
-Warwara dachte die ganze Zeit über an Pjilnikoff und sagte:
-
-»Du solltest doch lieber am Abend ab und zu deine Schüler, die in
-Pensionen leben, besuchen, statt Billard zu spielen. Sie wissen genau,
-daß die Lehrer nur selten kommen, und der Inspektor kommt manches Jahr
-überhaupt nicht; was Wunder, wenn sie allerhand Unfug treiben,
-Kartenspielen und Rauchen. Geh doch z. B. zu diesem verkleideten
-Mädchen. Aber erst wenn es spät ist und sie voraussichtlich zu Bett
-geht; du kannst sie dann entlarven.«
-
-Peredonoff überlegte sich die Sache und lachte laut auf.
-
-Warwara ist ein schlaues Weib, dachte er, von ihr kann man lernen.
-
-
-
-
- XII
-
-
-Zur Vesper ging Peredonoff in die Kirche des Gymnasiums. Er stand hinter
-den Schülern und beobachtete aufmerksam wie sie sich betrugen. Einige --
-so schien es ihm, -- schwatzten, pufften einander, lachten, flüsterten
-und kicherten. Er merkte sich ihre Namen. Doch waren ihrer so viele, daß
-es ihm etwas schwer fiel, alle Namen zu behalten, und er ärgerte sich
-über sich selber, daß er nicht daran gedacht hatte eine Bleifeder und
-Papier von Hause mitzunehmen, um die Schuldigen zu notieren. Ihm tat es
-weh, daß die Schüler sich so schlecht betrugen und daß niemand dieses zu
-beachten schien, obgleich der Direktor und der Inspektor mit ihren
-Frauen und Kindern in der Kirche waren.
-
-In Wirklichkeit verhielten sich die Gymnasiasten still und bescheiden,
--- manche bekreuzigten sich gedankenlos, -- sie dachten vielleicht an
-Dinge, welche der Kirche fernliegen, -- andere wieder beteten andächtig.
-Ganz selten kam es vor, daß einer seinem Nachbar etwas zuflüsterte,
-zwei, drei Worte nur, fast ohne den Kopf zu wenden, -- und jener
-antwortete dann ebenso kurz und leise, oder machte nur eine kleine
-Bewegung, zwinkerte mit den Augen, zuckte die Achseln oder lächelte.
-Diese kleinen Unregelmäßigkeiten, die vom Gehilfen des aufsichthabenden
-Lehrers gar nicht bemerkt wurden, gestalteten sich in Peredonoffs
-erregter, doch stumpfer Auffassung zu Exzessen gröbster Natur. Auch wenn
-Peredonoff innerlich ruhig war, verstand er nicht -- wie übrigens alle
-groben Menschen -- scheinbar unbedeutende Ereignisse richtig zu werten:
-entweder übersah er sie vollständig, oder er maß ihnen eine viel zu
-große Bedeutung bei. Jetzt aber, wo Furcht und Erwartung ihn heftig
-erregten, gehorchte ihm sein Gefühl noch weniger und ganz allmählich
-wandelte sich ihm die Wirklichkeit zu einem Wahngebilde feindlicher und
-böser Erscheinungsformen.
-
-Aber auch früher, -- was bedeutete ihm sein ganzer Beruf? Doch nicht
-mehr als eine umständliche Vorrichtung möglichst viel Papier
-vollzuschreiben und mit gelangweilter Stimme Dinge vorzutragen, die
-vielleicht einmal das Anrecht darauf gehabt hatten, lebendig genannt zu
-werden.
-
-Während seiner ganzen pädagogischen Tätigkeit hatte es Peredonoff in der
-Tat nie erfaßt, -- und er hatte auch nie daran gedacht, -- daß auch die
-Schüler Menschen sind, genau solche Menschen, wie die Erwachsenen. Nur
-jene Gymnasiasten, denen schon der Bart keimte und die nach
-geschlechtlichem Verkehr verlangten, erkannte er als gleichberechtigt
-an.
-
-Nachdem er die hinteren Reihen beobachtet hatte und viele traurige
-Eindrücke gesammelt hatte, ging er ein wenig vor. Da stand rechts ganz
-am Ende einer Reihe Sascha Pjilnikoff, er betete andächtig und kniete
-oft nieder. Peredonoff beobachtete ihn genau, und besondere Freude
-bereitete es ihm, wenn Sascha auf den Knieen lag, als wäre er bestraft,
-und auf die glänzenden Altartüren schaute mit einem sorgenvollen,
-bittenden Ausdruck im Gesicht mit flehenden, traurigen Augen, die von
-langen, tiefschwarzen Wimpern beschattet waren. Er war bräunlich und
-schön gewachsen, -- dieses konnte man besonders dann sehen, wen er so
-ruhig und grade kniete, als wüßte er, daß ihn jemand scharf beobachtete.
-Seine Brust war hoch und breit und Peredonoff glaubte mit Sicherheit
-annehmen zu können, daß Pjilnikoff ein Mädchen sei.
-
-Nun beschloß Peredonoff endgültig, heute noch nach der Vesper in die
-Pension zu gehen, wo Pjilnikoff lebte.
-
- * * * * *
-
-Man ging aus der Kirche. Den Leuten fiel es auf, daß Peredonoff nicht
-wie sonst einen Hut, sondern seine Dienstmütze mit der Kokarde trug.
-Rutiloff fragte lachend:
-
-»Warum renommierst du neuerdings mit der Kokarde, Ardalljon
-Borisowitsch? Da kann man sehn, wie ein Mensch die Beförderung zum
-Inspektor erstrebt.«
-
-»Müssen die Soldaten jetzt vor Ihnen Front machen?« fragte Valerie mit
-geheuchelter Einfalt.
-
-»Was für Dummheiten!« sagte Peredonoff böse.
-
-»Du begreifst auch gar nichts,« sagte Darja, »doch nicht die Soldaten!
--- Die Schüler werden jetzt Ardalljon Borisowitsch viel höher achten als
-früher.«
-
-Ludmilla lachte. Peredonoff beeilte sich, von ihnen Abschied zu nehmen,
-um ihren boshaften Bemerkungen zu entfliehen.
-
-Um Pjilnikoff aufzusuchen, war es noch zu früh und nach Hause wollte er
-nicht. Peredonoff ging durch die dunklen Straßen und überlegte, wo er
-noch etwa eine Stunde zubringen könne. Es gab so viele Häuser, in
-manchen brannte Licht, und aus den geöffneten Fenstern hörte man hie und
-da Stimmen. Die heimkehrenden Kirchgänger gingen durch die Straßen und
-man hörte, wie Pforten und Türen aufgetan und wieder zugeschlagen
-wurden. Ueberall lebten fremde, feindlich gesinnte Leute, und manche von
-ihnen brüteten vielleicht gerade über einem Anschlag gegen ihn -- den
-Lehrer Peredonoff.
-
-Vielleicht wunderte sich dieser oder jener bereits darüber, daß
-Peredonoff zu so später Stunde allein durch die Straßen ging und wohin
-er ging. Es schien Peredonoff, als würde er von jemand, der hinter ihm
-herschliche, beobachtet. Ihm wurde unheimlich. Er beschleunigte seine
-Schritte und ging ziellos weiter.
-
-Er dachte daran, daß wohl in jedem Hause so mancher gestorben war. Und
-alle, die in diesen alten Häusern an die fünfzig Jahre gelebt hatten,
-sie alle waren gestorben. An einige von den Verstorbenen konnte er sich
-noch erinnern.
-
-Wenn ein Mensch stirbt, so sollte man sein Haus gleich verbrennen,
-dachte Peredonoff traurig, sonst ist es zu unheimlich.
-
-Olga Wassiljewna Kokowkina, bei der der Gymnasiast Sascha Pjilnikoff in
-Pension lebte, war die verwitwete Frau eines Rentmeisters. Ihr Mann
-hatte ihr eine Pension und ein kleines Haus hinterlassen; das Haus war
-ihr zu groß, und so vermietete sie zwei bis drei Zimmer. Sie liebte es,
-besonders Gymnasiasten als Pensionäre zu haben, und es hatte sich so
-gefügt, daß immer nette und bescheidene Jungen, die fleißig arbeiteten
-und den Gymnasialkursus auch absolvierten, bei ihr gewohnt hatten. In
-den andern Schülerpensionen war es meist anders; da lebten oft junge
-Leute, die von einem Gymnasium ins andere geschickt wurden und daher
-über eine nur mittelmäßige Bildung verfügten.
-
-Olga Wassiljewna war eine ältere Dame; sie hielt sich sehr gerade, war
-groß von Wuchs und mager, hatte ein freundliches Gesicht, bemühte sich
-aber, es in strenge Falten zu legen. Sascha Pjilnikoff war ein netter,
-wohlerzogener Junge. Die beiden saßen am Teetisch. Heute war die Reihe
-an Sascha den Saft zu liefern, den er von zu Hause mitgebracht hatte und
-den man zum Tee zu essen pflegte. Daher fühlte er sich gewissermaßen als
-Gastgeber, bewirtete eifrig Olga Wassiljewna, und seine schwarzen Augen
-blitzten dabei vor Freude.
-
-Es läutete, -- und gleich darauf erschien Peredonoff im Speisezimmer.
-Die Kokowkina war erstaunt über den späten Besuch.
-
-»Ja, ich wollte mir mal unsern Jungen ansehn,« sagte er, »wie er hier
-lebt, was er treibt.«
-
-Die Kokowkina bot Peredonoff ein Glas Tee an; er lehnte ab, denn es war
-ihm darum zu tun, den Jungen unter vier Augen zu sprechen und darum
-wünschte er im stillen, daß man mit dem Teetrinken bald zu Ende käme.
-Endlich war es so weit; man ging in Saschas Zimmer, aber die Kokowkina
-blieb und redete ohne Ende. Peredonoff fixierte Sascha, und der schwieg
-trotzig.
-
-Nichts wird herauskommen bei diesem Besuch, dachte Peredonoff ärgerlich.
-
-Die Magd bat die Kokowkina, für einen Augenblick herauszukommen. Sie
-ging. Sascha blickte ihr traurig nach. Seine Augen wurden matt und die
-langen Wimpern schienen das ganze Gesicht zu beschatten. Die Gegenwart
-dieses vergrämten Menschen war ihm äußerst peinlich. Peredonoff setzte
-sich neben ihn, legte den Arm ungeschickt um seine Schultern und ohne
-den Gesichtsausdruck zu verändern, fragte er:
-
-»Nun Sascha, haben Sie heute brav gebetet?«
-
-Sascha blickte verschämt und ängstlich auf Peredonoff, wurde rot und
-schwieg.
-
-»Warum antworten Sie denn nicht?« erkundigte sich Peredonoff.
-
-»Ja!« sagte Sascha nach langer Pause.
-
-»Sieh mal an, was für rote Backen du hast,« sagte Peredonoff. »Du bist
-ein Mädchen, gesteh es nur? So ein Schlingel!«
-
-»Ich bin kein Mädchen,« sagte Sascha und ärgerte sich über sein
-bisheriges trotziges Schweigen. Mit klingender Stimme fragte er: »Worin
-sollte ich einem Mädchen ähnlich sehn? Ihre Gymnasiasten sind schuld
-daran und necken mich so, weil ich nicht gemeine Worte in den Mund
-nehmen will: aber ich werde auf keinen Fall nachgeben und habe auch gar
-keinen Grund, Schweinereien zu reden, und außerdem gehört das nicht zu
-meinen Gewohnheiten.«
-
-»Die Mama bestraft dich dann?« fragte Peredonoff.
-
-»Ich habe keine Mama,« sagte Sascha, »meine Mama ist schon lange tot;
-ich habe eine Tante.«
-
-»Na also die Tante wird dich bestrafen?«
-
-»Natürlich wird sie mich bestrafen, wenn ich Schweinereien rede. Das ist
-doch nicht gut!«
-
-»Woher soll es aber die Tante erfahren?«
-
-»Ich will ja selber nicht,« sagte Sascha ruhig, »die Tante kann es weiß
-Gott woher erfahren. Ich könnte mich zum Beispiel versprechen.«
-
-»Welche Kameraden von Ihnen gebrauchen unanständige Worte?« fragte
-Peredonoff.
-
-Sascha wurde wieder rot und schwieg.
-
-»Na -- sagen Sie's doch,« bestand Peredonoff auf seinem Wunsch, »Sie
-sind verpflichtet, es mir mitzuteilen, da gibt es kein Verheimlichen.«
-
-»Ach -- niemand,« sagte Sascha verlegen.
-
-»Aber Sie haben sich doch eben noch beklagt!«
-
-»Ich habe mich nicht beklagt.«
-
-»Ja -- wie können Sie das nur leugnen,« sagte Peredonoff böse.
-
-Sascha fühlte, daß er elend in die Falle gegangen war. Er sagte:
-
-»Ich wollte Ihnen nur erklären, warum ich von einigen Kameraden Mädchen
-genannt werde. Aber klatschen will ich nicht.«
-
-»Oho, warum denn nicht?« fragte Peredonoff wütend.
-
-»Es ist nicht anständig,« sagte Sascha und lächelte gezwungen.
-
-»Warten Sie nur, ich werde mit dem Direktor sprechen und dann wird man
-Sie zum Reden zwingen,« sagte Peredonoff schadenfroh.
-
-Sascha blickte auf Peredonoff und seine Augen funkelten zornig.
-
-»Nein, bitte Ardalljon Borisowitsch, tun Sie das nicht,« bat er.
-
-Seine Stimme klang abgerissen und hart, so daß man heraushören konnte,
-wie schwer ihm das Bitten wurde und daß er lieber freche, drohende Worte
-gerufen hätte.
-
-»Nein, ich werde es sagen. Dann werden Sie mal sehen, was das heißt,
-Schweinereien zu verheimlichen. Sie hätten sofort klagen sollen. Warten
-Sie nur, es wird Ihnen schlimm gehen.«
-
-Sascha war aufgestanden und spielte ganz eingeschüchtert an seinem
-Gürtel. Die Kokowkina erschien.
-
-»Ein wohlerzogenes Kind haben Sie da!« sagte Peredonoff böse, »nichts zu
-sagen!«
-
-Die Kokowkina erschrak. Eilig ging sie zu Sascha, setzte sich neben ihn
-(denn wenn sie erregt war, zitterten ihre Beine) und fragte ängstlich:
-
-»Hat er was Schlimmes getan, Ardalljon Borisowitsch?«
-
-»Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Peredonoff mit verhaltener Wut.
-
-»Ja, was gibt es denn, Saschenjka, was hast du getan?« fragte die
-Kokowkina und berührte Saschas Ellbogen.
-
-»Ich weiß nicht,« sagte Sascha und weinte.
-
-»Was ist dir nur, was gibt es denn, warum weinst du?« fragte die
-Kokowkina.
-
-Sie legte ihre Hand auf des Knaben Schulter, zog ihn an sich und
-bemerkte gar nicht, daß ihm das unbequem war. Er war stehen geblieben,
-hielt das Taschentuch vor die Augen und schluchzte. Peredonoff erklärte:
-
-»Man lehrt ihn im Gymnasium Schweinereien zu reden und er will nicht
-sagen, wer das tut. Er darf das nicht verheimlichen. Sonst lernt er doch
-selber alle Gemeinheiten und wird die andern in Schutz nehmen.«
-
-»Aber Saschenjka, Kind, wie konntest du nur! Darf man denn das? Schämst
-du dich garnicht!« sagte die Kokowkina verwirrt und ließ den Jungen los.
-
-»Ich habe nichts Schlimmes getan,« schluchzte Sascha, »dafür neckt man
-mich grade, daß ich niemals häßliche Worte sage.«
-
-»Wer tut denn das?« wiederholte Peredonoff seine Frage.
-
-»Niemand tut das,« rief Sascha verzweifelt.
-
-»Sehen Sie, wie er lügt!« sagte Peredonoff; »er muß gründlich bestraft
-werden. Er muß sagen, wer der Schuldige ist, sonst kommt die ganze
-Schule in Verruf und uns sind die Hände gebunden.«
-
-»Verzeihen Sie ihm doch, Ardalljon Borisowitsch,« sagte die Kokowkina;
-»er kann doch seine Kameraden nicht angeben? Denken Sie nur, wie sehr
-man ihm das verübeln würde.«
-
-»Er ist dazu verpflichtet,« sagte Peredonoff böse, »nur so läßt sich was
-dagegen tun, nur so können wir die entsprechenden Maßnahmen ergreifen.«
-
-»Die Jungen werden ihn verprügeln,« sagte die Kokowkina unsicher.
-
-»Sie werden es nicht wagen. Wenn er feige ist, dann mag er es mir im
-Vertrauen sagen.«
-
-»Lieber Junge, sag's ihm im Vertrauen. Niemand wird erfahren, daß du es
-gesagt hast.«
-
-Sascha schwieg und weinte. Die Kokowkina zog ihn an sich, umarmte ihn
-und flüsterte ihm lange etwas ins Ohr. Er schüttelte nur den Kopf.
-
-»Er will nicht,« sagte die Kokowkina.
-
-»Ruten muß er kriegen, dann wird er schon wollen,« sagte Peredonoff
-zornig, »bringen Sie mir eine Rute. Ich will ihn zwingen zu reden.«
-
-»Aber wofür denn!« rief Sascha.
-
-Die Kokowkina stand auf und umarmte ihn.
-
-»Jetzt hast du genug geheult,« sagte sie freundlich, aber ernst,
-»niemand tut dir was zuleide.«
-
-»Wie Sie wünschen,« sagte Peredonoff, »in diesem Fall muß ich mit dem
-Direktor sprechen. Ich wollte die Sache unter uns abmachen, und es wäre
-für ihn vorteilhafter gewesen. Ihr Saschenjka ist wohl auch mit allen
-Hunden gehetzt. Wir wissen noch nicht, warum er eigentlich >Mädchen<
-genannt wird, -- vielleicht hat es seinen ganz besonderen Grund.
-Vielleicht ist er es, der das Laster ins Gymnasium bringt.«
-
-Peredonoff verließ das Zimmer und die Kokowkina begleitete ihn hinaus.
-Sie sagte vorwurfsvoll:
-
-»Wie können Sie nur den Jungen mit solchen Sachen in Verlegenheit
-bringen. Es ist nur gut, daß er Ihre Worte gar nicht begreift.«
-
-»Adieu, adieu,« sagte Peredonoff böse, »ich werde mit dem Direktor
-sprechen. Der Sache muß man auf den Grund kommen.«
-
-Er ging. Die Kokowkina kehrte zurück, um Sascha zu trösten. Er saß
-traurig am Fenster und sah auf den Sternenhimmel. Seine schwarzen Augen
-blickten schon wieder ruhig, doch seltsam traurig. Die Kokowkina
-streichelte seinen Kopf ohne ein Wort zu sagen.
-
-»Ich bin selbst schuld daran,« sagte er, »ich habe mich verschwatzt, und
-er hält jetzt fest daran. Er ist so grob. Kein einziger Schüler liebt
-ihn.«
-
- * * * * *
-
-Am darauffolgenden Tage bezogen Peredonoff und Warwara endlich ihre neue
-Wohnung. Die Jerschowa stand an der Pforte und schimpfte nach Kräften
-auf Warwara, und diese suchte ihr in nichts nachzustehen. Peredonoff
-hielt sich hinter dem Möbelwagen versteckt.
-
-In der neuen Wohnung mußte ein Priester gleich beim Einzug ein
-feierliches Gebet verrichten. Denn Peredonoff hielt es für unerläßlich,
-seinen strengen Glaubensstandpunkt auch nach außen hin zu zeigen.
-Während der feierlichen Handlung wurde mit Weihrauch geräuchert, und der
-schwere Geruch versetzte Peredonoff in eine bedrückte, fast feierliche
-Stimmung.
-
-Etwas sehr Merkwürdiges beunruhigte ihn nicht wenig. Von irgendwoher kam
-plötzlich ein eigenartiges, ganz unbestimmbares graues Tierchen
-gelaufen, ein gespenstisches, flinkes Tierchen. Es schien zu grinsen,
-zitterte und drehte sich immerfort um Peredonoff herum. Wenn er die Hand
-danach ausstrecken wollte, glitt es geschwind hinter die Tür oder unter
-einen Schrank und dann war es gleich wieder da, dieses graue, wesenlose,
-gespenstische Geschöpf und zitterte und machte Männchen.
-
-Als die feierliche Handlung ihrem Ende entgegenging, besann sich
-Peredonoff und flüsterte eifrig Beschwörungsformeln. Das unheimliche
-Tier aber zirpte ganz leise, leise, rollte sich zusammen und verschwand
-hinter der Tür. Peredonoff atmete erleichtert auf.
-
-Wie gut, wenn es für immer verschwunden wäre. Aber vielleicht lebt es
-ganz in dieser Wohnung, irgendwo unter dem Fußboden und dann wird es
-wiederkommen und wird ihn quälen. Peredonoff schauerte.
-
-Warum gibt es diese dämonischen Wesen? dachte er.
-
-Als das Gebet zu Ende war, und als die Gäste sich schon verabschiedet
-hatten, mußte Peredonoff immer noch daran denken, wo das gespenstische
-Tier sich versteckt haben könnte. Warwara war zur Gruschina gegangen; da
-machte sich Peredonoff auf die Suche und durchwühlte alle ihre Sachen.
-
-Vielleicht hat Warwara es in die Tasche gesteckt und mitgenommen? dachte
-er, viel Platz braucht es nicht. Es kriecht in die Tasche und wird dort
-warten, bis seine Zeit gekommen ist.
-
-Besonders eins von Warwaras Kleidern erregte seine Aufmerksamkeit. Es
-war ganz mit Spitzen und Bändern benäht und förmlich dazu geschaffen, um
-etwas darin zu verbergen. Peredonoff betrachtete es lange und
-untersuchte es, dann schnitt und riß er mit Hilfe eines Messers die
-Tasche heraus und warf sie in den Ofen, und dann zerschnitt und
-zerfetzte er das Kleid in lauter kleine Stücke. Dumpfe, absonderliche
-Gedanken marterten ihn und eine hoffnungslose Verzweiflung zerriß sein
-Herz.
-
-Warwara kehrte bald zurück. Peredonoff machte sich noch mit den
-Kleiderfetzen zu schaffen. Sie dachte, er sei betrunken und schimpfte
-ihn. Peredonoff hörte lange zu, endlich sagte er:
-
-»Was bellst du, Bestie! Du versteckst vielleicht einen Teufel in deiner
-Tasche, und ich muß wissen, was hier vorgeht.«
-
-Warwara schäumte. Peredonoff war mit dieser Wirkung zufrieden; er suchte
-eilig nach seiner Mütze und ging ins Gasthaus Billard spielen. Warwara
-lief ihm ins Vorhaus nach und während Peredonoff seinen Mantel anzog,
-schrie sie:
-
-»Du selber trägst einen Teufel in deiner Tasche! Ich habe überhaupt
-keine Teufel. Woher sollte ich ihn nehmen; etwa aus Holland unter
-Nachnahme verschreiben!«
-
- * * * * *
-
-Der recht jugendliche Beamte Tscherepin -- just derselbe, von dem die
-Werschina erzählt hatte, unter welch merkwürdigen Begleiterscheinungen
-er durch die Fenster ihres Hauses gelauert hatte, -- machte der
-Werschina den Hof, seit sie Witwe geworden war. Sie war nicht abgeneigt,
-ein zweites Mal zu heiraten, doch erschien ihr Tscherepin zu
-unbedeutend. Tscherepin war infolgedessen sehr aufgebracht. Er ging mit
-Freuden auf Wolodins Vorschlag ein die Pforte am Hause der Werschina mit
-Teer zu beschmieren.
-
-Er war einverstanden, aber hinterher kamen die Bedenken. Wie, wenn man
-ihn ertappte! Das wäre peinlich, er gehörte doch immerhin zum
-Beamtenstande. Er beschloß, andere Personen mit dieser Angelegenheit zu
-betrauen. So kam es, daß er zwei Halbwüchslinge zweifelhaften Rufes mit
-je 25 Kopeken bestach und bei gutem Erfolg ihnen eine Gratifikation von
-je 15 Kopeken zusicherte; -- in einer dunklen Nacht war die Sache
-geschehen.
-
-Hätte jemand im Hause der Werschina nach Mitternacht ein Fenster
-geöffnet, so hätte er hören können, wie Leute barfuß über das Pflaster
-liefen, wie sie ganz leise flüsterten -- und dann ein merkwürdig weiches
-Geräusch, als würde der Zaun einer Reinigung unterzogen; dann ein leises
-Klirren, dieselben Füße laufen eilig davon, immer schneller, immer
-schneller, in der Ferne ein unterdrücktes Lachen und lautes Hundegebell.
-
-Aber niemand hatte ein Fenster geöffnet. Und am Morgen ... Die Pforte,
-der Gartenzaun, die Umfriedung des Hofes, alles war mit gelblichbraunem
-Pech besudelt. An der Pforte standen, ebenfalls mit Pech geschrieben,
-unanständige Worte. Alle Vorübergehenden staunten und lachten; die
-Neuigkeit verbreitete sich schnell, und viele Neugierige strömten
-herbei.
-
-Die Werschina ging erregt im Garten auf und ab, rauchte, lächelte noch
-schiefer als sonst und brummte böse. Martha kam garnicht zum Vorschein,
-blieb im Hause und weinte. Marie, die Magd, war bemüht, das Pech
-abzuwaschen und zankte mit den neugierigen, spottenden Leuten, die
-gekommen waren das seltsame Schauspiel zu betrachten.
-
- * * * * *
-
-Noch am selben Tage hatte Tscherepin Wolodin die Namen der Täter
-genannt. Wolodin hatte es sofort Peredonoff weitererzählt. Sie beide
-kannten die Jungen, die schon wegen ihrer Streiche berüchtigt waren.
-
-Als Peredonoff zum Billardspiel ging, suchte er unterwegs die Werschina
-auf. Es war ein trüber Tag. Die Werschina und Martha saßen im Salon.
-
-»Man hat Ihre Pforte mit Pech besudelt --« begann Peredonoff.
-
-Martha wurde rot. Die Werschina erzählte hastig, wie sie am Morgen
-aufgestanden wären und bemerkt hätten, daß die Leute über ihren Zaun
-lachten, und wie Marie dann das Pech abgescheuert hätte. Peredonoff
-sagte:
-
-»Ich weiß, wer es gemacht hat.«
-
-Die Werschina blickte ihn an und verstand nicht.
-
-»Woher wissen Sie das?« fragte sie.
-
-»Ich habe so meine Quellen.«
-
-»Wer ist es denn, sagen Sie doch,« fragte Martha erregt.
-
-Sie sah ganz häßlich aus, denn ihre Augenlider waren vom vielen Weinen
-rot und geschwollen. Peredonoff antwortete:
-
-»Schön, ich will es sagen, darum bin ich auch hergekommen. Diese
-Halunken müssen exemplarisch gezüchtigt werden. Sie müssen mir nur
-versprechen, daß Sie keinem verraten werden, wer Ihnen die Namen genannt
-hat.«
-
-»Ja, warum denn eigentlich, Ardalljon Borisowitsch?« fragte die
-Werschina erstaunt.
-
-Peredonoff schwieg bedeutungsvoll, dann sagte er wie zur Erklärung:
-
-»Es sind solche Schufte, daß sie mir den Hals umdrehen würden, wenn sie
-hören sollten, daß ich sie angegeben habe.«
-
-Die Werschina versprach zu schweigen.
-
-»Und Sie dürfen auch nicht sagen, daß Sie es von mir haben,« wandte er
-sich an Martha.
-
-»Gut, gut, ich werde schweigen,« rief Martha schnell; denn es lag ihr
-daran, die Namen der Uebeltäter zu erfahren. Es schien ihr, daß man sie
-zu einer schimpflichen, harten Strafe verurteilen mußte.
-
-»Nein, schwören Sie lieber,« sagte Peredonoff vorsorglich.
-
-»Also, bei Gott, ich werde keinem ein Wort sagen!« beteuerte Martha,
-»sagen Sie nur schneller wer es war.«
-
-Hinter der Tür aber horchte Wladja. Er war froh, daß er nicht ins
-Gastzimmer gegangen war: man hätte ihn sonst zum Stillschweigen
-verpflichtet, so konnte er es aber jedermann weitererzählen. Und er
-lächelte vor Freude, daß sich ihm hier eine Gelegenheit bot an
-Peredonoff Rache zu nehmen.
-
-»Etwa um ein Uhr nachts ging ich gestern durch Ihre Straße nach Hause,«
-erzählte Peredonoff; »plötzlich höre ich, jemand macht sich an Ihrer
-Pforte zu schaffen. Erst dachte ich, es wären Diebe. Was soll ich
-anfangen! Aber schon höre ich, wie sie fortlaufen und gerade auf mich
-los. Ich drückte mich an die Wand, daß sie mich nicht bemerken konnten.
-Aber ich habe sie erkannt. Der eine hatte einen Maurerpinsel, der andere
-einen Eimer. Es waren berüchtigte Schurken, die Söhne des Schlossers
-Ardejeff. Während sie vorbeilaufen, höre ich, wie der eine zum andern
-sagt: >Die Nacht war nicht umsonst. 55 Kopeken haben wir verdient.<
-Schon wollte ich einen packen, aber ich fürchtete mich, weil sie mir die
-Fratze mit Pech besudelt hätten, und außerdem hatte ich neue Kleider
-an.«
-
- * * * * *
-
-Kaum war Peredonoff gegangen, so begab sich die Werschina zum
-Polizeichef, um zu klagen.
-
-Der Polizeichef Mintschukoff schickte einen Schutzmann nach Ardejeff und
-dessen Söhnen.
-
-Die Jungen traten keck herein; sie dachten, daß man sie wegen früherer
-Streiche zur Rechenschaft ziehen wolle. Der alte Ardejeff hingegen war
-von vornherein davon überzeugt, daß seine Söhne wieder irgend eine
-Schweinerei begangen hatten. Der Polizeichef erzählte Ardejeff, was
-seinen Söhnen zur Last gelegt wurde. Ardejeff murmelte:
-
-»Ich kann mit den Jungen nicht fertig werden. Tun Sie mit ihnen, was
-Ihnen recht erscheint; ich habe meine Fäuste an ihnen lahmgeschlagen.«
-
-»Wir sind ganz unschuldig,« sagte der ältere, Nil mit Namen, ein
-zerzauster rothaariger Bursche.
-
-»Alles wälzt man auf uns, wenn so was passiert,« sagte der jüngere
-weinerlich, er hieß Ilja, war auch zerzaust, aber blond; »einmal haben
-wir was Schlimmes getan und da wird alles auf uns geschoben.«
-
-Mintschukoff lächelte süßlich, schüttelte den Kopf und sagte:
-
-»Gesteht lieber!«
-
-»Keine Spur,« sagte Nil grob.
-
-»Keine Spur? Wer hat euch denn 55 Kopeken für die Arbeit gegeben, he?«
-
-Das verwirrte die Jungen. Daran erkannte Mintschukoff, daß sie die
-Schuldigen waren, und er sagte der Werschina:
-
-»Natürlich sind sie es gewesen!«
-
-Aber die Jungen leugneten auch jetzt noch. Man schleppte sie in eine
-Kammer und gab ihnen eine Tracht Prügel. Da gestanden sie. Aber den
-Namen des Auftraggebers wollten sie nicht verraten.
-
-»Wir selber haben es uns ausgedacht.«
-
-Man prügelte sie umschichtig, mit Muße; schließlich sagten sie,
-Tscherepin hätte sie bestochen. Dann überantwortete man sie ihrem Vater.
-
-Der Polizeichef sagte zur Werschina:
-
-»Nun haben wir sie gezüchtigt, soll heißen: der Vater hat sie
-gezüchtigt, und Sie wissen nun, wer Sie beleidigt hat.«
-
-»Das laß ich dem Tscherepin nicht durchgehen,« sagte die Werschina; »ich
-werde ihn verklagen.«
-
-»Dazu kann ich nicht raten,« sagte Mintschukoff bescheiden, »lassen Sie
-die Sache auf sich beruhen.«
-
-»Nein,« rief die Werschina, »diese Gemeinheit darf nicht ungestraft
-bleiben. Auf keinen Fall!«
-
-»Vor allen Dingen haben wir keine Indizien,« sagte der Polizeichef
-ruhig.
-
-»Wie nicht! Die Jungen haben doch gestanden.«
-
-»Das ist ganz einerlei. Vor dem Richter werden sie leugnen, und dort
-wird man sie nicht prügeln.«
-
-»Wie können sie leugnen? Die Schutzleute waren doch Zeugen,« sagte die
-Werschina schon etwas weniger sicher.
-
-»Was sind das für Zeugen! Wenn man einem Menschen das Fell über die
-Ohren zieht, so gesteht er alles, auch Dinge, die er nie getan hat. Es
-sind natürlich Halunken, und man hat sie streng bestraft; durch das
-Gericht werden Sie aber sicher keine Genugtuung erhalten.«
-
-Mintschukoff lächelte süß und blickte die Werschina ruhig an.
-
-So ging sie denn höchst unzufrieden davon, kam aber nach einigem
-Nachdenken zum gleichen Resultat, daß es nämlich sehr gewagt wäre
-Tscherepin zu verklagen, und daß dadurch nur überflüssiges Gerede und
-ein großer Skandal entstehen würden.
-
-
-
-
- XIII
-
-
-Am Abend erschien Peredonoff beim Direktor in dringender Angelegenheit.
-
-Der Direktor Nikolai Wassiljewitsch Chripatsch hatte eine ganze Reihe
-von Prinzipien, die außerordentlich bequem in sein Leben paßten. Darum
-fielen sie ihm auch keineswegs zur Last. Im Dienst erfüllte er mit Würde
-alle Vorschriften, die das Gesetz fordert, oder die die vorgesetzte
-Behörde diktierte, oder die vom allgemein gültigen, gemäßigten
-Liberalismus verlangt werden. So kam es, daß Eltern, Schüler und
-Vorgesetzte gleicherweise mit ihm zufrieden waren. Zweifelhafte Fälle,
-Unsicherheit, Hin- und Herschwanken kannte er nicht; wozu auch? man kann
-sich doch stets entweder an Bestimmungen des pädagogischen Konseils oder
-an Vorschriften der vorgesetzten Behörde halten. Ebenso regelmäßig und
-ruhig war er im persönlichen Verkehr. Schon seine äußere Erscheinung
-zeugte von Energie und Wohlwollen: er war nicht groß, untersetzt,
-lebhaft, hatte kluge Augen und redete selbstbewußt und sicher; kurz, er
-war ein Mensch, der sich seine Stellung selber geschaffen hatte und
-nicht abgeneigt war, im Leben noch weiterzukommen. In seinem
-Schreibzimmer standen sehr viele Bücher auf den Bücherbrettern; aus
-einigen fertigte er Auszüge an. Hatte er eine hinreichende Menge von
-Auszügen gesammelt, so ordnete er sie und schrieb alles mit eigenen
-Worten nieder. Das war dann ein Lehrbuch, es wurde gedruckt und
-verkauft; zwar nicht in übermäßig vielen Auflagen, aber immer noch recht
-günstig. Manchmal schrieb er gelehrte Abhandlungen über im Ausland
-erschienene Bücher. Diese Abhandlungen kamen in Fachzeitschriften zum
-Abdruck, waren allgemein geschätzt, aber durchaus überflüssig.
-
-Er hatte viele Kinder, und jedes von ihnen, ob nun Knabe oder Mädchen,
-verfügte über irgend ein Talent: das eine schrieb Verse, ein anderes
-zeichnete, wieder ein anderes machte erstaunliche Fortschritte in der
-Musik.
-
-Peredonoff sagte gereizt:
-
-»Sehen Sie, Nikolai Wassiljewitsch, Sie belieben mich stets anzugreifen.
-Es ist möglich, daß man mich bei Ihnen verleumdet, ich habe aber
-garnichts auf dem Gewissen.«
-
-»Entschuldigen Sie,« unterbrach ihn der Direktor, »ich verstehe nicht,
-von was für Verleumdungen Sie zu reden belieben. Als Leiter des mir
-anvertrauten Gymnasiums pflege ich meine eigenen Beobachtungen zu
-machen, und ich hoffe doch annehmen zu dürfen, daß meine praktische
-Erfahrung ausreicht, um gerecht schätzen zu können, was ich höre und
-sehe, und das um so mehr, als ich aus Prinzip gewissenhaft und
-aufmerksam meinen Pflichten nachzukommen bestrebt bin,« sprach
-Chripatsch schnell und deutlich, und seine Stimme klang trocken und
-klar, fast wie das Geräusch von Blechstangen, die gebrochen werden. »Was
-aber meine persönliche Ansicht über _Ihre_ Leistungsfähigkeit betrifft,
-so kann ich nur wieder konstatieren, daß Sie Ihren dienstlichen
-Verpflichtungen nur mangelhaft nachkommen.«
-
-»Ja,« sagte Peredonoff verdrießlich, »Sie haben sich's mal in den Kopf
-gesetzt, daß ich nichts tauge; und ich sorge mich Tag und Nacht um das
-Gymnasium.«
-
-Chripatsch blickte erstaunt und fragend auf Peredonoff.
-
-»Sie bemerken zum Beispiel nicht,« fuhr Peredonoff fort, »daß sich ein
-großer Skandal im Gymnasium vorbereitet, -- und keiner bemerkt das; ich
-allein bin der Sache auf die Spur gekommen.«
-
-»Was für ein Skandal?« fragte Chripatsch mit trocknem Spott und ging im
-Schreibzimmer auf und ab. »Das irritiert mich, obgleich ich, offen
-gestanden, nicht an die Möglichkeit eines Skandals in unserem Gymnasium
-glaube.«
-
-»Sie wissen zum Beispiel nicht, wen Sie alles neu aufgenommen haben,«
-sagte Peredonoff so schadenfroh, daß Chripatsch stehen blieb und ihn
-aufmerksam betrachtete.
-
-»Die Neuaufgenommenen kenne ich alle,« sagte er trocken. »Diejenigen,
-welche in die erste Klasse aufgenommen wurden, sind von keinem andern
-Gymnasium relegiert worden und der einzige Schüler, der in die fünfte
-Klasse kam, hat so vorzügliche Zeugnisse und Empfehlungen mitgebracht,
-daß eine gegenteilige Ansicht von vornherein ausgeschlossen erscheint.«
-
-»Wohl, man hätte ihn bloß nicht zu uns, sondern in eine andere Anstalt
-geben sollen,« sagte Peredonoff böse und scheinbar widerwillig.
-
-»Ich bitte um eine Erklärung, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Chripatsch.
-»Ich hoffe, daß Sie damit nicht sagen wollen, daß Pjilnikoff in eine
-Korrektionsanstalt für minderjährige Verbrecher gehört.«
-
-»Nein; man sollte vielmehr dies Geschöpf in ein Pensionat stecken, wo
-die alten Sprachen nicht gelehrt werden,« sagte Peredonoff zornig und
-seine Augen funkelten böse.
-
-Chripatsch steckte die Hände in die Taschen seines Hausrockes und
-blickte in grenzenlosem Erstaunen auf Peredonoff.
-
-»Was für ein Pensionat?« fragte er. »Wissen Sie denn nicht, welche
-Institute man so nennt? Und wenn Sie es wissen, wie dürfen Sie es wagen,
-eine so unziemliche Zusammenstellung vorzunehmen!«
-
-Chripatsch war ganz rot geworden und seine Stimme klang noch trockner
-und härter als gewöhnlich. Sonst pflegten diese Anzeichen eines nahenden
-Zornesausbruches Peredonoff einzuschüchtern. Heute machte er sich nichts
-daraus.
-
-»Sie glauben immer noch, daß es ein Knabe ist,« sagte er und zwinkerte
-spöttisch mit den Augen, »es ist aber kein Knabe, sondern ein Mädchen,
-noch dazu was für eins.«
-
-Chripatsch lachte kurz auf. Sein Lachen war hell und deutlich und klang
-gezwungen, aber er lachte immer so.
-
-»Ha-ha-ha!« stieß er deutlich hervor, hörte auf zu lachen, setzte sich
-in den Lehnstuhl und warf den Kopf zurück, als könne er die Lachlust
-nicht bezwingen. »Verehrtester Ardalljon Borisowitsch, in der Tat, Sie
-setzen mich in Erstaunen. Ha-ha-ha! Seien Sie bitte so liebenswürdig und
-teilen Sie mir mit, was Sie auf diese Vermutung gebracht hat, wenn nicht
-etwa Ihre Voraussetzungen, die dieses Resultat gezeitigt haben, ein
-Privatgeheimnis sind! Ha-ha-ha!«
-
-Peredonoff erzählte alles, was er von Warwara gehört hatte und
-berichtete auch gleich von den schlimmen Eigenschaften der Kokowkina.
-Chripatsch hörte ihm zu und stieß bisweilen sein trocknes, deutliches
-Lachen hervor.
-
-»Ihre Phantasie ist mit Ihnen durchgegangen, bester Ardalljon
-Borisowitsch,« sagte er, stand auf und klopfte Peredonoff auf die
-Schulter, »viele meiner geschätzten Kollegen haben Kinder, ich selber
-habe Kinder, wir sind, gottlob! keine Säuglinge mehr und da glauben Sie
-wirklich, daß wir ein verkleidetes Mädchen für einen Jungen halten
-könnten?«
-
-»Nun verhalten Sie sich _so_ zu der Sache. Wenn aber was dahinter
-steckt, wer wird die Verantwortung tragen?« fragte Peredonoff.
-
-»Ha-ha-ha!« lachte Chripatsch, »was für Folgen befürchten Sie denn?«
-
-»Das Gymnasium wird zu einer Lasterhöhle,« sagte Peredonoff.
-
-Chripatsch wurde ernst und sagte:
-
-»Sie gehen zu weit. Alles was Sie zu berichten wußten, gibt mir nicht
-die geringste Veranlassung Ihren Verdacht zu teilen.«
-
- * * * * *
-
-Noch am selben Abend machte Peredonoff einen eiligen Rundgang bei allen
-seinen Kollegen, angefangen vom Inspektor bis hinab zu den Gehilfen der
-Klassenordinarien und erzählte überall, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes
-Mädchen. Alle lachten und glaubten ihm nicht; bei vielen regte sich aber
-doch ein leiser Zweifel, als er gegangen war. Die Frauen der Lehrer
-glaubten alle fast ohne Ausnahme daran.
-
-Am nächsten Morgen gingen schon viele mit dem Gedanken in die Schule,
-daß Peredonoff vielleicht doch recht haben könnte. Offen sprachen sie es
-nicht aus, aber sie wußten Peredonoff nichts mehr zu entgegnen und
-beschränkten sich auf unklare, zweideutige Antworten: jeder von ihnen
-fürchtete für dumm gehalten zu werden, wenn er angefangen hätte, zu
-widersprechen und es sich hinterher doch herausstellen sollte, daß die
-Sache sich so verhielt. Viele hätten auch gerne die Ansicht des
-Direktors gehört, -- er aber verließ heute, ganz gegen seine Gewohnheit,
-seine Wohnung nicht, ging nur mit starker Verspätung in die einzige
-Stunde, die er an diesem Tage zu geben hatte, blieb einige fünf Minuten
-und begab sich gleich wieder nach Hause ohne jemand begrüßt zu haben.
-
-Endlich kurz vor der vierten Stunde ging der greise Religionslehrer --
-ein Priester -- und noch zwei andere Lehrer unter irgend einem Vorwand
-in das Sprechzimmer des Direktors, und der Priester fing vorsichtig an
-über Pjilnikoff zu sprechen. Aber der Direktor lachte so sicher und
-herzlich, daß diese drei plötzlich ganz fest davon überzeugt waren, daß
-alles nur ein Gerede sei. Der Direktor ging aber schnell auf ein anderes
-Thema über, erzählte irgend eine Neuigkeit aus der Stadt, klagte über
-sehr heftiges Kopfweh und meinte, er werde wohl den geschätzten
-Schularzt Eugen Iwanowitsch konsultieren müssen. Dann sagte er in ganz
-harmlosem Ton, daß die Unterrichtsstunde heute sein Kopfweh arg
-gesteigert hätte, denn in der Klasse nebenan habe Peredonoff
-unterrichtet und seine Schüler hätten ungewöhnlich laut und oft gelacht.
-Dann lachte Chripatsch und sagte:
-
-»In diesem Jahre verfolgt mich ein schlimmes Schicksal: Dreimal in der
-Woche habe ich neben der Klasse von Ardalljon Borisowitsch zu
-unterrichten, und stellen Sie sich vor, -- ständig lachen seine Jungen.
-Man sollte meinen, daß Ardalljon Borisowitsch kein komischer Mensch ist,
-und doch erregt er immer die größte Heiterkeit.«
-
-Und hier brach Chripatsch plötzlich ab, ging wieder auf ein anderes
-Thema über und verhinderte so, daß man ihm auf seine letzte Aeußerung
-über Peredonoff etwas antwortete.
-
-Und in der Tat, in der letzten Zeit wurde in Peredonoffs Stunden sehr
-viel gelacht und nicht etwa deswegen, weil es ihm selber Freude gemacht
-hätte. Im Gegenteil, das Lachen der Kinder machte ihn nervös. Aber er
-konnte sich nicht enthalten durchaus überflüssige, unpassende
-Geschichten zu erzählen: bald war es irgend eine dumme Anekdote, bald
-neckte er diesen oder jenen von den stilleren Jungen. In der Klasse gab
-es stets Elemente, die jede Gelegenheit ergriffen Lärm machen zu können,
--- und Peredonoffs Witze begrüßten sie immer mit schallendem Gelächter.
-
-Vor Schluß der Stunden schickte Chripatsch nach dem Schularzt, nahm
-seinen Hut und ging in den Garten, der zwischen der Schule und dem
-Flußufer lag. Der Garten war groß und schattig. Besonders die kleinen
-Gymnasiasten liebten ihn sehr. Während der Zwischenstunden tummelten sie
-sich hier nach Herzenslust. Daher liebten die Gehilfen der
-Klassenordinarien diesen Garten nicht, denn sie fürchteten, diesem oder
-jenem könnte was zustoßen. Chripatsch aber verlangte, daß die Jungen
-während der Pausen sich im Garten aufhielten. Das tat er, weil sich die
-Erwähnung dieses Umstandes besonders schön in den Rechenschaftsberichten
-ausnahm.
-
-Chripatsch kehrte durch den Gang zurück. An der geöffneten Tür des
-Turnsaals blieb er mit gesenktem Kopfe stehen und trat dann ein. Alle
-sahen an seinem leidenden Gesichtsausdruck und an seinem schleppenden
-Gang, daß er Kopfweh hatte.
-
-Die fünfte Klasse hatte eben Turnunterricht. Die Jungen hatten sich in
-eine Reihe aufgestellt, und der Turnlehrer, ein Unterleutnant des
-örtlichen Reserve-Bataillons, wollte gerade etwas kommandieren; als er
-aber den Direktor erblickte, trat er auf ihn zu. Der Direktor reichte
-ihm die Hand, blickte zerstreut auf die Schüler und fragte:
-
-»Sind Sie mit den Jungen zufrieden? Geben sie sich auch Mühe? Ermüden
-sie nicht?«
-
-Der Unterleutnant verachtete die Gymnasiasten im Grunde seiner Seele,
-denn seiner Ansicht nach hatten sie keine Spur von militärischem Drill
-und konnten ihn ja auch nicht haben. Wären es Kadetten gewesen, so hätte
-er unumwunden gesagt, was er dachte. Aber über diese kraftlose Bande
-lohnte es nicht, etwas Tadelnswertes jenem Menschen zu sagen, der über
-die Besetzung des Lehrpersonals zu entscheiden hatte. Darum lächelte er
-verbindlich, blickte den Direktor liebenswürdig und fröhlich an, und
-sagte:
-
-»O ja, stramme Jungens!«
-
-Der Direktor machte einige Schritte längs der Reihe, dann kehrte er
-wieder zum Ausgang zurück, blieb plötzlich stehen und fragte, als fiele
-es ihm just ein:
-
-»Sind Sie mit unserem neueingetretenen Schüler auch zufrieden? Nimmt er
-sich zusammen? Wird er leicht müde?« fragte er nachlässig und
-mißgestimmt, und griff mit der Hand an die Stirn.
-
-Der Unterleutnant hielt eine kleine Abwechslung für angebracht, außerdem
-überlegte er, daß es sich um einen fremden Eindringling handle und
-sagte:
-
-»Er ist ein wenig schlapp und wird rasch müde.«
-
-Der Direktor hörte aber garnicht mehr, was er sagte und entfernte sich
-aus dem Saal.
-
-Die frische Luft hatte Chripatsch scheinbar nicht wohlgetan. Nach einer
-halben Stunde kehrte er zurück, stand etwa eine halbe Minute an der Tür
-und betrat wieder den Saal. Man turnte an den Geräten. Zwei oder drei
-Schüler waren eben nicht beschäftigt, sie hatten das Kommen des
-Direktors nicht bemerkt und lehnten an der Wand, indem sie den Umstand
-ausnutzten, daß der Unterleutnant gerade in eine andere Richtung sah.
-Chripatsch trat auf sie zu:
-
-»Aber Pjilnikoff,« sagte er, »warum lehnen Sie so nachlässig an der
-Wand?«
-
-Sascha wurde ganz rot, stellte sich stramm hin und schwieg.
-
-»Wenn es Sie so anstrengt, dann ist es vielleicht besser, wenn Sie
-überhaupt nicht turnen,« fragte Chripatsch streng.
-
-»Ich bitte um Entschuldigung, ich bin garnicht müde!« sagte Sascha
-erschreckt.
-
-»Eins von beiden,« fuhr Chripatsch fort, »entweder Sie bleiben überhaupt
-von den Turnstunden fort, oder ... Uebrigens kommen Sie doch nach Schluß
-der Stunden in mein Arbeitszimmer.«
-
-Er entfernte sich eilig, und Sascha stand verlegen und erschreckt da.
-
-»Hereingefallen,« sagten ihm die Kameraden, »er wird dir bis zum Abend
-die Leviten lesen.«
-
-Chripatsch liebte es, Verweise in längerer Unterredung zu erteilen, und
-die Gymnasiasten fürchteten nichts so sehr als diese Aufforderung ins
-Arbeitszimmer.
-
-Nach Schluß der Stunden ging Sascha schüchtern zum Direktor. Chripatsch
-empfing ihn sofort. Er trat schnell vor Sascha, er rollte förmlich auf
-seinen kurzen Beinen, setzte sich dicht neben ihn, blickte ihn prüfend
-an und fragte:
-
-»Sagen Sie doch, Pjilnikoff, ermüdet Sie der Turnunterricht wirklich?
-Sie sehen eigentlich gesund und kräftig aus, aber der Schein pflegt
-bisweilen zu trügen. Sind Sie vielleicht krank? Vielleicht ist es nicht
-gut, daß Sie turnen?«
-
-»Nein, Herr Direktor,« antwortete Sascha -- und er wurde ganz rot und
-verlegen, »ich bin vollständig gesund.«
-
-»Aber auch Alexei Alexejewitsch beklagte sich,« entgegnete Chripatsch,
-»daß Sie eine schlappe Figur machen und schnell müde werden, und ich
-selber habe heute während der Turnstunde bemerkt, daß Sie matt aussahen.
-Sollte ich mich versehen haben?«
-
-Sascha wußte nicht, wohin er sehen sollte vor dem durchdringenden Blick
-des Direktors. Er stammelte verlegen:
-
-»Verzeihen Sie, ich werde nicht mehr ... ich war nur etwas faul. Ich bin
-wirklich ganz gesund. Ich werde versuchen eifriger zu turnen.«
-
-Plötzlich, ihm selber ganz unerwartet, fing er an zu weinen.
-
-»Sehen Sie,« sagte Chripatsch, »Sie sind doch übermüdet: Sie weinen, als
-hätte ich Ihnen einen schlimmen Vorwurf gemacht. Beruhigen Sie sich
-doch!«
-
-Er legte seine Hand auf Saschas Schulter und sagte:
-
-»Ich habe Sie nicht gerufen, um Ihnen einen Verweis zu erteilen, sondern
-um die Sache aufzuklären .... Aber setzen Sie sich doch, ich sehe, Sie
-sind sehr müde.«
-
-Sascha trocknete eilig mit dem Taschentuch seine Tränen und sagte
-schnell:
-
-»Ich bin wirklich nicht müde.«
-
-»Setzen Sie sich, setzen Sie sich,« wiederholte Chripatsch und schob ihm
-einen Stuhl hin.
-
-»Aber wirklich, ich bin nicht müde, Herr Direktor,« beteuerte Sascha.
-
-Chripatsch faßte ihn an den Schultern, drückte ihn auf den Stuhl, setzte
-sich ihm gegenüber und sagte:
-
-»Wollen wir ruhig miteinander reden. Es wäre möglich, daß Sie sich über
-Ihren eigenen Gesundheitszustand täuschen: Sie sind in jeder Hinsicht
-ein strebsamer und tüchtiger Schüler, und ich kann es vollkommen
-begreifen, daß Sie nicht um Dispens vom Turnunterricht bitten wollen.
-Uebrigens, ich habe den Herrn Doktor gebeten heute herzukommen, weil ich
-mich gar nicht wohl fühle. Er kann dann gleich auch Sie gründlich
-untersuchen, wenn Sie nichts dagegen haben.«
-
-Chripatsch sah nach der Uhr, und ohne auf eine Antwort zu warten, redete
-er mit Sascha über die jüngst verflossenen Sommerferien.
-
-Bald darauf kam der Schularzt Ewgenij Iwanowitsch Surowzeff, ein
-kleiner, behender, schwarzhaariger Mann, der es vor allem liebte über
-Politik und städtische Klatschgeschichten zu reden. Er verfügte nicht
-gerade über hervorragende Kenntnisse, verhielt sich aber gewissenhaft zu
-seinen Patienten, zog Diät und geregelte Hygiene allen Medikamenten vor
-und so kam es, daß er einigen Erfolg hatte.
-
-Sascha mußte sich entkleiden, Surowzeff untersuchte ihn von Kopf bis zu
-Fuß, konnte aber keine Anzeichen irgend einer Krankheit finden, während
-Chripatsch sich davon überzeugte, daß Sascha jedenfalls kein Mädchen
-sei. Wiewohl er das von vornherein geglaubt hatte, so hielt er diese
-ärztliche Untersuchung für angebracht, denn im Falle einer Anfrage der
-Schulbehörde hätte der Arzt ohne weitere Umstände ein entsprechendes
-Zeugnis ausstellen können.
-
-Chripatsch entließ Sascha mit einigen freundlichen Worten:
-
-»Nun wissen wir, daß Sie ganz gesund sind, und ich werde Alexei
-Alexejewitsch bitten, Sie in keiner Weise zu schonen.«
-
- * * * * *
-
-Peredonoff zweifelte nicht daran, daß seine Entdeckung des verkleideten
-Mädchens die Aufmerksamkeit der Schulbehörde auf ihn lenken und ihm
-außer der Rangerhöhung auch einen Orden einbringen würde. Diese Hoffnung
-spornte ihn dazu an, doppelt scharf auf das Betragen der Schüler zu
-achten. Schon seit einigen Tagen war das Wetter trübe und regnerisch,
-nur spärlich wurde das Billard besucht, -- und so blieb ihm nichts
-anderes übrig, als sämtliche Schülerpensionen der Stadt zu inspizieren,
-ja, er suchte sogar Gymnasiasten auf, die bei ihren Eltern lebten.
-Peredonoff traf insofern eine Auswahl, als er nur schlichtere Familien
-besuchte: er ging hin, klagte über den mißratenen Sohn, der bekommt
-Prügel, -- und Peredonoff ist zufrieden. So hatte er den Joseph
-Kramarenko bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, -- er hatte
-erzählt, daß Joseph während des Gottesdienstes in der Kirche Unfug
-treibe. Der Vater glaubte ihm aufs Wort und bestrafte den Sohn. Dasselbe
-Schicksal traf dann noch einige andere. Diejenigen Eltern, von denen er
-glaubte, daß sie ihre Kinder in Schutz nehmen würden, suchte er
-überhaupt nicht auf; auch fürchtete er, sie könnten sich bei der
-Schulbehörde beschweren. So besuchte er jeden Tag je einen Schüler in
-dessen Wohnung. Er trat als Vorgesetzter auf: räsonierte, traf
-Anordnungen, drohte. Aber es kam vor, daß die Pensionäre unter den
-Schülern, die sich als selbständige, junge Leute fühlten, ihm einfach
-grob begegneten. Einen Erfolg hatte Peredonoff zu verzeichnen: Frau
-Flawitzkaja, eine energische, schlanke Dame mit heller Stimme, prügelte
-auf seinen Wunsch ihren Pensionär, den kleinen Wladimir Bultjakoff,
-gehörig durch.
-
-In den Unterrichtsstunden der nächstfolgenden Tage pflegte Peredonoff
-dann von seinen Taten zu berichten; er nannte keine Namen, aber die
-unglücklichen Opfer verrieten sich selber durch ihr gedrücktes, scheues
-Wesen.
-
-
-
-
- XIV
-
-
-Das Gerücht, Pjilnikoff wäre ein verkleidetes Mädchen, eilte auf
-Windesflügeln durch die Stadt. Die Rutiloffsche Familie erfuhr ganz
-zuerst davon. Ludmilla -- sie war sehr neugierig -- bemühte sich, jede
-Neuigkeit mit eigenen Augen zu sehen. Eine brennende Neugierde plagte
-sie Pjilnikoff kennen zu lernen. Es war unbedingt notwendig, sie mußte
-diesen verkleideten Schelm sehen. Mit der Kokowkina war sie bekannt.
-Eines schönen Abends sagte sie zu den Schwestern:
-
-»Ich gehe mir das Fräulein ansehen!«
-
-»Alles mußt du begaffen!« rief Darja böse.
-
-»Sie hat sich schön gemacht,« bemerkte Valerie und lachte verhalten.
-
-Es ärgerte die beiden anderen, daß _sie_ nicht auf diesen Gedanken
-gekommen waren: zu dritt konnten sie unmöglich hin. Ludmilla hatte sich
-feiner angekleidet als sonst, -- warum eigentlich, wußte sie selber
-nicht. Uebrigens hatte sie es gern, hübsche Kleider zu tragen und war in
-dieser Beziehung freimütiger als die Schwestern: die Arme ließ sie bloß,
-hatte einen tieferen Halsausschnitt, ihr Rock war kürzer, ihr Schuhwerk
-eleganter, die fleischfarbenen Strümpfe dünner und durchsichtiger. Zu
-Hause ging sie mit Vorliebe im Unterrock herum, trug ihre Schuhe über
-den bloßen Füßen, -- und sowohl ihr Hemd als ihr Unterrock waren fast zu
-elegant.
-
-Draußen war es kalt und windig, welke Blätter schwammen in allen
-Pfützen. Ludmilla ging schnell und spürte die Kälte kaum trotz ihres
-leichten Mantels.
-
-Die Kokowkina und Sascha tranken Tee. Ludmilla musterte sie mit
-blitzenden Augen, -- aber da gab es wenig zu sehen, sie saßen hübsch
-bescheiden am Tisch, tranken ihren Tee, aßen Weißbrot dazu und
-plauderten. Ludmilla küßte die Kokowkina und sagte:
-
-»Ich komme in einer besonderen Angelegenheit zu Ihnen, liebste Olga
-Wassiljewna. Aber davon später. Erst möchte ich etwas Tee trinken um
-mich zu erwärmen. O -- was sitzt denn da für ein Jüngling!«
-
-Sascha errötete und machte eine ungeschickte Verbeugung; die Kokowkina
-stellte ihn vor. Ludmilla setzte sich an den Tisch und erzählte lebhaft
-einige Neuigkeiten. In der Stadt wurde sie gerade deswegen geschätzt,
-denn sie wußte alles und verstand nett und bescheiden zu erzählen. Die
-Kokowkina saß fast immer zu Hause, freute sich daher über diesen Besuch
-und machte die liebenswürdige Wirtin. Ludmilla plauderte lustig, lachte,
-sprang auf, um diesen oder jenen nachzumachen, und streifte dabei
-Sascha. Sie sagte:
-
-»Sie müssen es doch einsam haben, liebste Freundin, immer nur zu Hause
-sitzen mit diesem kleinen Gymnasiasten. Besuchen Sie uns doch einmal.«
-
-»O, das kann ich nicht,« antwortete die Kokowkina; »ich bin viel zu alt,
-um Besuche zu machen.«
-
-»Es handelt sich doch nicht um einen feierlichen Besuch,« sagte Ludmilla
-zärtlich; »kommen Sie und bleiben Sie ein wenig, ganz wie zu Hause, das
-ist alles. Dieser Jüngling hier ist ja Gott sei Dank den Windeln
-entwachsen.«
-
-Sascha machte ein gekränktes Gesicht und wurde rot.
-
-»So ein Bengel!« neckte Ludmilla und stieß ihn ein wenig in die Seite;
-»warum unterhalten Sie mich garnicht?«
-
-»Er ist noch jung,« sagte die Kokowkina, »und sehr schüchtern.«
-
-Ludmilla sah sie an und lächelte:
-
-»Ich bin auch verlegen,« sagte sie.
-
-Sascha lachte und sagte einfach:
-
-»Was nicht gar, sind Sie verlegen?« Ludmilla lachte aus vollem Halse.
-Ihr Lachen klang stets wie süße, leidenschaftliche Freude. Wenn sie
-lachte, wurde sie immer rot, ihre Augen blickten schelmisch und fast
-schuldbewußt und vermieden es, irgend einen aus der Gesellschaft
-anzusehen. Sascha verlor ein wenig die Fassung, dann rechtfertigte er
-sich:
-
-»Nein doch, ich wollte damit nur sagen, daß Sie so fröhlich sind und
-nicht bescheiden, ich meine nicht, daß Sie unbescheiden sind.«
-
-Aber er fühlte, daß sich das in Worten nicht so leicht wie etwa in einem
-Brief ausdrücken ließ, und das verwirrte ihn. Er wurde rot.
-
-»Was er mir für Ungezogenheiten sagt!« rief Ludmilla -- und lachte, und
-wurde rot, »das ist doch wirklich allerliebst!«
-
-»Sie haben meinen Sascha ganz verlegen gemacht,« sagte die Kokowkina und
-blickte sowohl Sascha als Ludmilla freundlich an.
-
-Ludmilla machte eine katzenartig wiegende Bewegung und streichelte
-Saschas Haar. Er lachte trotzig und hell, stieß ihre Hand leicht zurück
-und lief in sein Zimmer.
-
-»Liebste Freundin, wissen Sie nicht einen Mann für mich?« sagte Ludmilla
-ohne jeden Uebergang.
-
-»Ich bin doch keine Kupplerin!« antwortete die Kokowkina; aber man
-konnte an ihrem Gesicht sehen, daß sie mit größtem Vergnügen eine Heirat
-vermittelt hätte.
-
-»Ja, was tut denn das?« entgegnete Ludmilla, »bin ich etwa keine schöne
-Braut? Sie brauchen sich garnicht zu schämen, mich zu verheiraten.«
-
-Ludmilla stemmte die Hände in die Seiten und tanzte vergnügt vor der
-Hausfrau.
-
-»Gehen Sie zu!« sagte die Kokowkina, »ein rechter Windbeutel sind Sie!«
-
-Ludmilla lachte und sagte:
-
-»Und wenn es nur vor lauter Langeweile wäre, suchen Sie mir einen Mann!«
-
-»Was für einen wollen Sie denn haben?« fragte die Kokowkina und
-lächelte.
-
-»Er muß brünett sein, liebste Freundin, unbedingt muß er brünett sein,«
-sagte sie schnell, »tief brünett. So tief wie ein Teich. Da haben Sie
-gleich eine Vorlage: -- wie Ihr Pensionär, er muß ebenso schwarze
-Augenbrauen haben und ebensolche Augen, sein Haar muß bläulichschwarz
-sein und seine Wimpern ganz dicht, ganz dunkelschwarze Wimpern. Er ist
-ein hübscher, ein sehr, sehr hübscher Junge! Sehen Sie, -- verschaffen
-Sie mir so einen.«
-
-Bald darauf verabschiedete sich Ludmilla. Es wurde schon dunkel. Sascha
-begleitete sie.
-
-»Aber nur bis zur Droschke!« bat Ludmilla mit weicher Stimme und blickte
-Sascha zärtlich an. Er wurde rot und verlegen.
-
-Auf der Straße wurde Ludmilla wieder lustig und begann den Jungen
-auszufragen:
-
-»Sind Sie auch hübsch fleißig? Lesen Sie auch bisweilen?«
-
-»Das tue ich wohl,« antwortete Sascha, »weil ich sehr gerne lese.«
-
-»Andersens Märchen?«
-
-»Ueberhaupt keine Märchen, sondern allerlei andere Bücher. Ich liebe die
-Weltgeschichte und Gedichte.«
-
-»Also Gedichte! Wer ist denn Ihr Lieblingsdichter?« fragte Ludmilla
-streng.
-
-»Natürlich Nadson,« sagte Sascha aus tiefster Ueberzeugung, als wäre
-eine andere Antwort überhaupt nicht möglich gewesen.
-
-»So, so!« sagte Ludmilla aufmunternd. »Ich liebe auch Nadson, aber nur
-am Morgen, am Abend lieb' ich es, mich schön zu machen. Und was ist Ihre
-liebste Beschäftigung?«
-
-Sascha blickte sie freundlich an, plötzlich kamen Tränen in seine Augen,
-und er sagte ganz leise:
-
-»Ich liebe so sehr zärtlich zu sein!«
-
-»So ein zartes Pflänzchen,« sagte Ludmilla und umfaßte seine Schultern,
-»er will zärtlich sein! Lieben Sie auch zu baden?«
-
-Sascha lachte auf. Ludmilla forschte weiter:
-
-»In warmem Wasser?«
-
-»Ganz einerlei -- in warmem und in kaltem,« sagte der Junge verschämt.
-
-»Und was für eine Seife lieben Sie?«
-
-»Glyzerinseife.«
-
-»Essen Sie gerne Weintrauben?«
-
-Sascha lachte:
-
-»Wie komisch Sie sind. Das sind doch ganz verschiedene Sachen und Sie
-fragen so, als wäre eins so gut wie das andere. Ich laß mich nicht so
-leicht hinters Licht führen.«
-
-»Was hätte ich auch davon!« sagte Ludmilla lächelnd.
-
-»Ich weiß schon, daß Sie es lieben, einen zu necken.«
-
-»Woher wissen Sie das?«
-
-»Alle sagen es,« meinte Sascha.
-
-»Sieh mal an, Sie lieben also zu klatschen!« sagte Ludmilla streng.
-
-Sascha wurde rot.
-
-»Da ist schon eine Droschke! -- Droschke!« rief sie laut.
-
-»Droschke!« rief auch Sascha.
-
-Die Droschke holperte über das Pflaster und fuhr vor. Ludmilla nannte
-ihre Adresse. Der Kutscher dachte nach und verlangte 40 Kopeken.
-Ludmilla sagte:
-
-»Wo denken Sie hin! Es ist doch ganz nah. Sie scheinen den Weg nicht zu
-kennen.«
-
-»Wieviel wollen Sie geben?« fragte der Kutscher.
-
-»Just die Hälfte. Wählen Sie welche Sie wollen!«
-
-Sascha lachte.
-
-»Ein lustiges Fräulein!« sagte der Kutscher und grinste, »legen Sie noch
-einen Fünfer zu.«
-
-»Danke für die Begleitung, lieber Junge,« sagte Ludmilla, drückte fest
-Saschas Hand und setzte sich in die Droschke.
-
-Sascha lief nach Hause und dachte fröhlich an das fröhliche Mädchen.
-
-Ludmilla kam sehr vergnügt nach Hause, sie lächelte und schien an etwas
-Lustiges zu denken. Die Schwestern erwarteten sie. Sie saßen im
-Speisezimmer an dem runden Tisch, über dem eine Hängelampe brannte. Auf
-dem weißen Tischtuch blinkte eine braune Flasche Sherry-Brandy aus
-Kopenhagen und hell glänzte ihr mit süßer Flüssigkeit behafteter Hals.
-Rings um die Flasche standen Teller mit Aepfeln, Nüssen und türkischer
-Marmelade.
-
-Darja hatte einen kleinen Strich; ihr Gesicht war gerötet, ihr Haar
-zerzaust und sie war nur halb angekleidet. Sie sang sehr laut. Ludmilla
-hörte schon von weitem den vorletzten Vers des bekannten Liedchens:
-
- Wo blieb die Flöte, wo das Kleid?
- Die Lippen sind zum Kuß bereit.
- Scham weicht der Furcht, Furcht weicht der Scham --
- Das Hirtenmädchen schluchzt vor Gram:
- Vergiß, was du gesehn!
-
-Auch Larissa saß am Tisch, -- vornehm und ruhig-freundlich, sie aß einen
-Apfel, den sie zuvor mit einem Fruchtmesser in Scheiben geschnitten
-hatte. Sie lachte:
-
-»Nun, hast du sie gesehen,« fragte sie.
-
-Darja hörte auf zu singen und sah Ludmilla an. Valerie stützte ihren
-Kopf auf den Arm, steckte den kleinen Finger vor, neigte den Kopf und
-versuchte Larissas Lächeln nachzuahmen. Es gelang ihr schlecht, denn sie
-war schmächtig, subtil, und ihr Lächeln war unruhig. Ludmilla goß sich
-roten Kirschlikör in ein Gläschen und sagte:
-
-»Dummheiten! Ein echter Bengel wie er sein muß, und er ist sehr
-sympathisch. Tief brünett, blitzende Augen, dabei unschuldig wie ein
-neugebornes Kind.«
-
-Und plötzlich lachte sie hell auf. Die Schwestern sahen sie an, und dann
-lachten alle.
-
-»Ach, es lohnt sich ja gar nicht zu sprechen, das ist so eine von
-Peredonoffs Verrücktheiten,« sagte Darja, winkte mit der Hand und dachte
-dann eine Weile nach. Sie hatte ihre Arme auf den Tisch gestützt und
-hielt den Kopf gesenkt. »Wollen wir singen,« sagte sie und begann mit
-durchdringender Stimme zu singen.
-
-Aus ihrem Geschrei klang eine dumpfe, erzwungene Begeisterung. Hätte man
-einen Toten unter der Bedingung zum Leben erweckt, daß er immer nur
-singen dürfe, so hätte er ein ähnliches Geheul angestimmt. Die
-Schwestern waren schon längst an diese Art Musik gewöhnt; wenn Darja
-nicht mehr nüchtern war, sang sie immer so, und manchmal fielen die
-Schwestern ein und schrien mit Absicht recht laut und durchdringend.
-
-»Die ist ins Heulen reingekommen!« sagte Ludmilla spöttisch.
-
-Nicht etwa, daß es ihr mißfiel, vielmehr wollte sie ihre Erlebnisse
-erzählen, und die Schwestern sollten zuhören. Darja unterbrach ihren
-Gesang und schrie sie an:
-
-»Was geht es dich an, ich stör' dich nicht.«
-
-Und dann sang sie weiter gerade von derselben Stelle an, wo sie stehen
-geblieben war. Larissa sagte freundlich:
-
-»Laß sie doch singen.«
-
- »Meine wilden Leidenschaften
- Finden nirgends ihre Ruh' --«
-
-sang Darja in den höchsten Lagen, wobei sie die Töne dehnte und
-hinauszog, wie etwa die gewöhnlichen Bänkelsänger es zu tun pflegen, um
-recht viel Rührung ins Lied zu legen. Es kam ungefähr so heraus:
-
-Mei--ei--n--e--e wi----i--ild--e--en
-Lei--ei--ei--d--e--e--en--sch--a--a--ft--e--en.
-
-Bei dieser Art zu singen wurden jene Silben ganz besonders betont, auf
-denen von Rechts wegen kein Ton lag. Die Wirkung war jedenfalls eine
-hervorragende: eine tödliche Schwermut hätte jeden uneingeweihten
-Zuhörer befallen.
-
-O Schwermut, die du über Feld und Wald und über die gewaltige
-heimatliche Ebene einherziehst! O Schwermut, die du tausendfach im
-wilden Echo der Berge widerhallst, die du in matter, glühender Flamme
-das lebendige Lied in ein sinnbetörendes Seufzen wandelst! O tödliche
-Schwermut! O ihr geliebten, alten, russischen Gesänge! werdet auch ihr
-dahinsterben? ...
-
-Plötzlich sprang Darja auf, stemmte die Hände in die Seiten und
-schmetterte ein fröhliches Tanzliedchen aus voller Kehle. Dazu tanzte
-sie und klatschte in die Hände:
-
- »Geh, du Ritter, in den Wind, --
- Ich bin eines Räubers Kind.
- Bist so fein und säuberlich,
- Geb dir einen Messerstich.
- Brauche keinen stolzen Herrn --
- Hab ein armes Blut so gern.«
-
-Darja sang und tanzte, und ihre Augen starrten unbeweglich und schienen,
-wie der tote Mond, rings um sie Kreise zu ziehen. Ludmilla lachte aus
-vollem Hals, aber es war ihr unendlich schwer ums Herz, und sie zitterte
-vor Aufregung. War es verhaltene Freude oder die Wirkung des starken und
-süßen Likörs? Valerie lachte leise, -- ihr Lachen klang gläsern --, und
-blickte neidisch auf die Schwestern: auch sie wäre gern lustig gewesen,
-und es war ihr doch gar nicht lustig zumute, -- sie dachte, das sei so,
-weil sie die Jüngste, ein Nesthäkchen, ein Nachzügler sei, und darum
-wäre sie schwächlich und unglücklich. Und sie lachte so als müßte sie
-gleich weinen.
-
-Larissa sah sie an und zwinkerte ihr zu, und da wurde Valerie plötzlich
-fröhlich und guter Dinge. Larissa stand auf, drehte die Schultern und im
-Nu drehten sich die vier Schwestern in tollem Wirbel bewußtloser Freude,
-plötzlich von toller, ausgelassener Lust ergriffen, und Darja sang dazu
-ein Tanzlied nach dem andern, eins dreister und frecher als das andere.
-Die Schwestern waren jung und schön -- und ihre Stimmen klangen wild und
-hell; -- die Hexen eines verzauberten Berges hätten ihre Freude an
-diesem Reigen gehabt.
-
- * * * * *
-
-Die ganze Nacht über hatte Ludmilla heiße, sinnliche Träume.
-
-Bald träumte sie, sie läge in einem stark überheizten Zimmer, ihre
-Bettdecke gleitet auf den Fußboden und ihr fieberheißer Körper liegt
-nackt da, -- und eine gleißende, ungeheure Schlange kriecht in das
-Gemach, kommt näher, näher, gleitet längs dem Holz in ihr Bett und
-umwindet ihre nackten, wunderschönen Beine ...
-
-Dann wieder träumte sie von einem See; -- und es war eine schwüle
-Sommernacht, schwarze Gewitterwolken krochen erdrückend langsam über den
-Himmel, -- und sie lag nackt am Ufer des Sees und hatte einen glatten,
-goldnen Stirnreif im Haar. Es roch nach warmem, stehendem Wasser, nach
-Tang und stark duftendem Heu; und auf dem dunklen, unheimlich ruhigen
-Wasserspiegel schwamm majestätisch ein weißer, gewaltiger, königlich
-schöner Schwan. Er schlug das Wasser mit den Flügeln, zischte laut, kam
-heran und umfaßte sie, -- es war so süß, so unsagbar wunderlich und tief
-...
-
-Und die Schlange und der Schwan, beide beugten ihre Gesichter über das
-ihre, und es war Saschas Gesicht, aber so bleich, so bleich mit seinen
-dunklen traurigen Augen, und die schwarzen Wimpern verdeckten
-eifersüchtig die Schönheit seines wunderbaren Blicks und sanken tief und
-schwer herab. Ihr schauderte ...
-
-Dann träumte Ludmilla von einem prachtvollen Palast mit erdrückend
-niedrigen Gewölben, -- starke, schöne nackte Männer drängten sich in den
-Hallen, aber herrlicher als sie alle war Sascha. Sie saß hoch auf einem
-Thron, und die nackten Männer kamen der Reihe nach und schlugen einander
-mit scharfen Peitschen. Und als man Sascha vor den Thron legte mit dem
-Kopf zu ihr gekehrt und als man ihn hart schlug, da lachte er hell und
-weinte, -- und sie lachte auch, wie man manchmal im Traume lacht, wenn
-das Herz unruhig schlägt, -- dann lacht man lange, ohne Aufhören, und es
-ist das Lachen des Selbstvergessens und des Todes ...
-
-Als Ludmilla am Morgen nach diesen Träumen erwachte, fühlte sie, daß sie
-leidenschaftlich in Sascha verliebt war. Ein unbezwingliches Verlangen
-ergriff sie, zu ihm zu gehen, aber der Gedanke ihn in Kleidern zu sehen,
-war ihr unerträglich. Wie dumm, daß die Knaben nicht nackt herumlaufen!
-Wenigstens barfuß, wie die Gassenbuben im Sommer! Ludmilla sah sie gerne
-und nur deswegen, weil sie barfuß waren und weil auch ihre Beine
-manchmal bis hoch hinauf entblößt waren.
-
-»Als wäre es eine Schande, einen Körper zu haben --,« dachte sie, »daß
-sogar die Knaben ihn verdecken müssen.«
-
-
-
-
- XV
-
-
-Wolodin gab regelmäßig seinen Unterricht im Hause des Fräulein Adamenko.
-Seine Hoffnungen, das Fräulein würde ihn gelegentlich zum Kaffee
-einladen, verwirklichten sich nicht. Er wurde stets gleich nach seiner
-Ankunft in die Stube geleitet, die für den Unterricht im Tischlern
-hergerichtet worden war. Mischa hatte eine Schürze um und wartete in der
-Regel, an der Hobelbank stehend, auf seinen Lehrer, nachdem er alles für
-die Stunde Erforderliche in Ordnung gebracht hatte. Er tat gehorsam
-alles, was Wolodin von ihm verlangte, aber er war nie recht bei der
-Sache. Um weniger arbeiten zu müssen, versuchte er bisweilen mit Wolodin
-zu plaudern. Aber Wolodin ging nicht darauf ein, denn er wollte
-gewissenhaft sein. Er sagte:
-
-»Wollen wir mal erst zwei Stunden arbeiten, dann bleibt uns noch Zeit
-genug zum Plaudern. Dann -- soviel Sie wollen, jetzt -- an die Arbeit:
-die Arbeit steht an erster Stelle.«
-
-Mischa seufzte ein wenig und arbeitete. Wenn aber die Stunde um war, so
-hatte er keine Lust mehr zu plaudern und schützte Schulaufgaben vor.
-
-Bisweilen kam auch Nadeschda Wassiljewna in den Unterricht, um zu sehen
-ob Mischa fleißig war. Mischa bemerkte, daß Wolodin dann eher geneigt
-war, Gespräche zu führen, und zog daraus die entsprechenden Schlüsse.
-Wenn aber Nadeschda Wassiljewna bemerkte, daß Mischa nichts tat, sagte
-sie sofort:
-
-»Mischa, sei nicht faul!«
-
-Dann ging sie gleich und sagte im Vorübergehen zu Wolodin:
-
-»Entschuldigen Sie, daß ich gestört habe. Er ist nicht abgeneigt, sich
-bisweilen gehen zu lassen, wenn man ihm nicht auf die Finger sieht.«
-
-Dieses Benehmen von seiten Nadeschda Wassiljewnas berührte Wolodin
-zunächst peinlich. Dann aber tröstete er sich damit, daß es ihr unbequem
-sein mußte, ihn zum Kaffee aufzufordern, weil daraus Klatschgeschichten
-hätten entstehen können. Ferner, überlegte er, brauchte sie überhaupt
-nicht zum Unterricht zu kommen, weil sie aber kam, so war das ein
-Zeichen dafür, daß sie ihn nicht gerade ungern sah. Auch den Umstand
-erklärte Wolodin zu seinen Gunsten, daß Nadeschda Wassiljewna sofort
-damit einverstanden war, daß er ihrem Bruder Stunden geben sollte, und
-außerdem hatte sie sich mit seinen Gehaltsansprüchen gleich
-einverstanden erklärt. Peredonoff und Warwara ihrerseits unterstützten
-ihn in diesen Vermutungen.
-
-»Es ist doch klar, daß sie in dich verliebt ist,« sagte Peredonoff.
-
-»Und wo könnte sie einen besseren Bräutigam finden,« ergänzte Warwara.
-
-Wolodin machte ein bescheidenes Gesicht und freute sich über seine
-Erfolge.
-
-Eines schönen Tages meinte Peredonoff:
-
-»Du gehst auf Freiersfüßen einher und hast eine schäbige Krawatte
-umgebunden.«
-
-»Ich bin noch nicht verlobt,« antwortete Wolodin überlegen, innerlich
-aber zitterte er vor freudiger Erwartung; »ich kann mir eine neue
-Krawatte kaufen.«
-
-»Eine im Jugendstil,« rief Peredonoff, »man muß sehen können, daß du es
-mit der Liebe hast.«
-
-»Eine rote Krawatte,« sagte Warwara, »recht bauschig muß sie sein und
-eine Nadel dazu. Es gibt schon ganz billige Krawattennadeln, mit
-Steinen, -- fein wird das sein.«
-
-Peredonoff dachte, daß Wolodin vielleicht kein Geld zu solchen Ausgaben
-hätte. Oder er wird sparen wollen und einen schlichten, schwarzen
-Schlips kaufen. Das wäre dumm, dachte Peredonoff, die Adamenko ist ein
-vornehmes Frauenzimmer; wenn er mit einer lumpigen Krawatte um sie
-anhalten geht, so wird sie sich gekränkt fühlen und ihm einen Korb
-geben.
-
-Peredonoff sagte:
-
-»Warum eine billige kaufen? Du hast neulich im Spiel einiges von mir
-gewonnen. Wieviel bin ich dir noch schuldig, einen Rubel vierzig
-Kopeken?«
-
-»Mit den vierzig Kopeken hat es seine Richtigkeit,« sagte Wolodin
-grinsend, »nur waren es zwei Rubel und nicht einer.«
-
-Peredonoff wußte genau, daß es zwei Rubel waren, es wäre ihm aber
-angenehmer gewesen, nur einen zu zahlen. Er sagte:
-
-»Du lügst, woher zwei Rubel?«
-
-»Warwara Dmitriewna kann es bezeugen,« beteuerte Wolodin.
-
-Warwara sagte kichernd:
-
-»Zahl nur, Ardalljon Borisowitsch, was du verspielt hast, -- ich
-erinnere mich genau, es waren rund zwei Rubel und vierzig Kopeken.«
-
-Peredonoff dachte, daß Warwara jetzt für Wolodin eintrete, also --
-meinte er -- steht sie schon auf seiner Seite. Er wurde verdrießlich,
-nahm aus seinem Geldbeutel das Geld und sagte:
-
-»Ist schon recht, meinetwegen zwei vierzig, ich will nicht streiten. Du
-bist ein armer Teufel, Pawluschka, da -- nimm!«
-
-Wolodin nahm das Geld, zählte es nach, machte dann ein gekränktes
-Gesicht, beugte seinen runden Kopf, streckte die Unterlippe vor und
-sagte mit blökender, zitternder Stimme:
-
-»Sie, Ardalljon Borisowitsch, waren mir etwas schuldig, also haben Sie
-auch zu zahlen; daß ich aber arm bin, gehört garnicht hierher. Ich habe
-bisher noch keinen um ein Stück Brot gebeten, und Sie wissen, daß nur
-der Teufel arm ist, denn er ißt kein Brot; weil ich aber Brot esse,
-sogar mit Butter darauf, so bin ich auch nicht arm.«
-
-Dabei beruhigte er sich, wurde rot vor Vergnügen, daß er so gelungen
-geantwortet hatte, und lachte, die Lippen vorschiebend.
-
-Endlich beschlossen Peredonoff und Wolodin, den Heiratsantrag zu
-stellen. Sie hatten sich so vornehm als möglich angezogen und sahen
-feierlicher und dümmer als gewöhnlich aus. Peredonoff trug eine weiße
-Halsbinde, Wolodin eine bunte, rot mit grünen Streifen. Peredonoff
-überlegte so:
-
-»Ich halte für dich an, meine Stellung ist also die solidere, die
-Gelegenheit ist äußerst festlich, so muß ich denn eine weiße Binde
-tragen; du bist der Bräutigam, also mußt du flammende Gefühle zur Schau
-tragen.«
-
-Gezwungen feierlich nahmen Peredonoff und Wolodin im Empfangszimmer von
-Fräulein Adamenko Platz. Peredonoff saß auf dem Sofa, Wolodin in einem
-Lehnstuhl. Nadeschda Wassiljewna betrachtete erstaunt ihre Gäste. Die
-Gäste aber plauderten über das Wetter, über die neuesten Neuigkeiten und
-machten dabei ein Gesicht wie etwa Leute, die in einer kitzlichen
-Angelegenheit gekommen sind und nicht recht wissen, wie anzufangen.
-Endlich räusperte sich Peredonoff, machte ein ernstes Gesicht und sagte:
-
-»Nadeschda Wassiljewna, wir haben ein Anliegen.«
-
-»Ein Anliegen,« sagte auch Wolodin, machte ein bedeutendes Gesicht und
-streckte die Lippen vor.
-
-»Es handelt sich um ihn,« sagte Peredonoff und zeigte mit dem Daumen auf
-Wolodin.
-
-»Um mich,« bestätigte Wolodin und wies ebenfalls mit dem Daumen auf die
-eigene Brust.
-
-Nadeschda Wassiljewna lächelte.
-
-»Wenn ich bitten darf,« sagte sie.
-
-»Ich werde für ihn sprechen,« erklärte Peredonoff, »er ist bescheiden
-und kann keinen rechten Entschluß fassen. Aber er ist ein würdiger
-Mensch, er trinkt nicht, er ist herzensgut. Zwar bekommt er nur ein
-geringes Gehalt, aber das ist egal. Es handelt sich darum, wer was
-braucht; der eine braucht Geld, der andere einen Menschen. Warum
-schweigst du denn,« wandte er sich an Wolodin, »sag doch etwas.«
-
-Wolodin neigte den Kopf und stieß mit zitternder Stimme hervor, geradeso
-wie ein Schaf blökt:
-
-»Gewiß, mein Gehalt ist nur gering. Aber zum Sattessen wird es immer
-noch langen. Gewiß, ich habe nicht studiert, bin aber so glücklich, daß
-ich jedem nur das gleiche Los wünschen kann, und etwas Schlechtes weiß
-ich mir nicht nachzusagen, -- übrigens, da mag jeder selbst urteilen.
-Was mich anlangt, ich bin mit mir zufrieden.«
-
-Er machte eine Handbewegung, beugte die Stirn, als hätte er die Absicht
-zuzustoßen und schwieg still.
-
-»Also, das ist es,« sagte Peredonoff, »er ist ein junger Mann und soll
-nicht als Hagestolz leben. Er soll heiraten. Der Verheiratete hat es
-immer besser.«
-
-»Wenn man mit der Frau harmoniert, so gibt es nichts besseres,«
-bestätigte Wolodin.
-
-»Und auch Sie sind unverheiratet,« fuhr Peredonoff fort. »Auch Sie
-müssen heiraten.«
-
-Hinter der Tür hörte man ein leises Geräusch, kurze verhaltene Laute, --
-als seufze oder lache da jemand und als hielte er sich die Hand vor den
-Mund. Nadeschda Wassiljewna blickte streng auf die Tür und sagte kalt:
-
-»Sie sind wirklich zu besorgt um mich,« mit einer verletzenden Betonung
-des Wortes »zu«.
-
-»Sie brauchen keinen reichen Mann,« sagte Peredonoff, »Sie haben ja Geld
-genug. Sie brauchen einen, der Sie lieb hat und in allen Dingen Ihnen zu
-Gefallen ist. Außerdem kennen Sie ihn und müßten ihn verstehen. Sie sind
-ihm nicht gleichgültig, er Ihnen vielleicht auch nicht. So steht also
-die Sache: ich bringe Ihnen den Kaufmann, Sie haben die Ware, soll
-heißen: Sie selber sind die Ware.«
-
-Nadeschda Wassiljewna wurde rot und biß sich auf die Lippen, um nicht
-laut auflachen zu müssen. Hinter der Tür hörte man wieder dieselben
-Töne. Wolodin hielt die Augen bescheiden gesenkt. Es schien ihm, daß
-alles nach Wunsch ginge.
-
-»Was für eine Ware?« fragte Nadeschda Wassiljewna vorsichtig, »verzeihen
-Sie, ich verstehe Sie nicht recht.«
-
-»Wie, Sie verstehen nicht!« sagte Peredonoff ungläubig. »Nun, ich will
-es geradeheraus sagen: Pawel Wassiljewitsch bittet Sie um Hand und Herz.
-Und auch ich bitte für ihn.«
-
-Hinter der Tür fiel etwas zu Boden und kugelte sich prustend und
-stöhnend. Nadeschda Wassiljewna, ganz rot vor verhaltenem Lachen,
-blickte ihre Gäste an. Wolodins Antrag schien ihr komisch und frech
-zugleich.
-
-»Ja,« sagte auch Wolodin, »Nadeschda Wassiljewna, ich bitte Sie um Hand
-und Herz.«
-
-Er wurde rot, erhob sich, machte einen energischen Kratzfuß auf dem
-Teppich, verbeugte sich und setzte sich. Dann stand er wieder auf, legte
-die Hand aufs Herz und sagte, das Fräulein schmachtend anblickend:
-
-»Gestatten Sie, Nadeschda Wassiljewna, daß ich eine Erklärung abgebe. Da
-ich Sie sogar sehr liebe, so kann ich mir gar nicht denken, daß Sie
-diesen Gefühlen nicht entgegenkommen sollten.«
-
-Er stürzte einen Schritt vor, warf sich auf die Knie und küßte ihre
-Hand.
-
-»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Ich schwöre!« rief er, hob eine
-Hand gen Himmel und schlug dann aus vollem Arm gegen seine Brust, daß es
-laut knallte.
-
-»Aber ich bitte Sie! Stehen Sie doch auf!« sagte Nadeschda Wassiljewna
-verlegen; »was soll das?«
-
-Wolodin stand auf und kehrte mit gekränktem Gesicht auf seinen Platz
-zurück. Dort angelangt, preßte er beide Hände gegen die Brust und rief:
-
-»Nadeschda Wassiljewna, glauben Sie mir! Bis zum Grabe bin ich mit
-ganzer Seele der Ihre!«
-
-»Entschuldigen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »aber ich kann
-wirklich nicht. Ich habe meinen Bruder zu erziehen, hören Sie nur, wie
-er da hinter der Tür weint.«
-
-»Ja, die Erziehung des Bruders scheint mir keineswegs ein
-Hinderungsgrund zu sein,« erklärte Wolodin und streckte in gekränktem
-Stolz seine Unterlippe vor.
-
-»Nein, in jedem Fall hat er da mitzureden,« sagte Nadeschda Wassiljewna
-und stand eilig auf, »ich will ihn fragen. Bitte warten Sie einen
-Augenblick.«
-
-Sie lief flink aus dem Empfangszimmer, und ihr hellgelbes Kleid
-rauschte. Sie packte Mischa, der hinter der Tür stand, an der Schulter,
-lief mit ihm bis zu seinem Schlafzimmer, blieb dort vom Lauf und vom
-verhaltenen Lachen schwer atmend an der Tür stehen und sagte mit
-abgerissener Stimme:
-
-»Ist es denn ganz umsonst, wenn man dich bittet, nicht zu horchen. Ist
-es wirklich nötig, zu den allerstrengsten Maßregeln zu greifen!«
-
-Mischa hatte ihre Taille umfaßt, preßte seinen Kopf in ihr Kleid und
-lachte und schüttelte sich vor Lachen und vor Anstrengung, es zu
-unterdrücken. Die Schwester schob den Jungen in sein Zimmer, setzte sich
-auf einen Stuhl neben der Tür und lachte.
-
-»Hast du gehört, was er sich da ausgedacht hat, dein Pawel
-Wassiljewitsch,« fragte sie; »komm mit mir ins Gastzimmer und untersteh
-dich zu lachen! Ich werde dich in ihrer Gegenwart fragen, und du darfst
-nicht >Ja< sagen. Hast du verstanden?«
-
-»Ha--ha--ha,« machte Mischa und nahm einen Zipfel seines Taschentuchs in
-den Mund, um nicht lachen zu müssen, aber es half nur wenig.
-
-»Halt dein Taschentuch vor die Augen, wenn du lachen mußt,« riet die
-Schwester und führte ihn an der Schulter ins Gastzimmer.
-
-Dort drückte sie ihn in einen Sessel und setzte sich auf einen Stuhl
-dicht neben ihn. Wolodin machte ein gekränktes Gesicht und saß da mit
-gesenkter Stirn, just wie ein Schaf.
-
-»Sehen Sie,« sagte Nadeschda Wassiljewna und zeigte auf ihren Bruder,
-»der arme Junge! Ich konnte kaum seine Tränen stillen. Ich vertrete bei
-ihm Mutterstatt, und nun glaubt er, ich würde ihn verlassen.«
-
-Mischa bedeckte sein Gesicht mit dem Taschentuch. Sein ganzer Körper
-bebte. Um sein Lachen zu verbergen, heulte er darauf los:
-
-»Hu--hu--hu!«
-
-Nadeschda Wassiljewna umarmte ihn, kniff ihn unbemerkt in den Arm und
-sagte:
-
-»Wein doch nicht, Brüderchen, wein nicht so!«
-
-Der unerwartete Schmerz trieb Mischa Tränen in die Augen. Er ließ das
-Tuch fallen und blickte seine Schwester böse an.
-
-»Wie, wenn der Junge wütend wird,« dachte Peredonoff, »und plötzlich
-beißt. Man sagt, der menschliche Speichel ist giftig.«
-
-Er rückte näher zu Wolodin, um im Falle drohender Gefahr sich hinter ihm
-verstecken zu können. Nadeschda Wassiljewna sagte zum Bruder:
-
-»Pawel Wassiljewitsch hat um meine Hand gebeten.«
-
-»Um Hand und Herz,« verbesserte Peredonoff.
-
-»Und Herz --« wiederholte Wolodin leise, aber mit Würde.
-
-Mischa benützte wieder das Taschentuch, und vor Lachen schluchzend sagte
-er:
-
-»Nein, du sollst ihn nicht heiraten; was soll denn aus mir werden?«
-
-Wolodin sagte mit vor Aufregung zitternder Stimme:
-
-»Es wundert mich, Nadeschda Wassiljewna, daß Sie Ihren kleinen Bruder um
-Erlaubnis bitten, er ist doch sozusagen noch ein unmündiges Kind. Und
-wäre er auch erwachsen, so könnten Sie auch in diesem Fall sich
-selbständig entscheiden. Der Umstand aber, Nadeschda Wassiljewna, daß
-Sie ihn sogar jetzt um Erlaubnis bitten, verwundert mich nicht nur,
-sondern setzt mich auch in Erstaunen.«
-
-»Das ist doch geradezu komisch, so einen Bengel um Erlaubnis zu bitten,«
-sagte Peredonoff verdrießlich.
-
-»Wen sollte ich sonst bitten? Der Tante ist es gleichgültig; ihn muß ich
-aber erst noch erziehen, wie sollte ich Sie also heiraten können? Sie
-könnten ihn zum Beispiel zu streng behandeln. Nicht wahr, Mischa, du
-fürchtest dich doch vor diesem harten Mann?«
-
-»Nein,« sagte Mischa und schielte mit einem Auge aus dem Taschentuch
-hervor, »ich fürchte mich gar nicht vor ihm. Er darf mir nichts tun. Ich
-fürchte nur, daß Pawel Wassiljewitsch mich zu sehr verwöhnen wird und
-dir auch nicht erlauben wird, mich in den Winkel zu stellen.«
-
-»Glauben Sie mir, Nadeschda Wassiljewna,« sagte Wolodin und legte die
-Hand ans Herz, »ich werde ihn nicht verwöhnen. Ich denke so: einen
-Jungen soll man überhaupt nicht verwöhnen! Ist er satt und sauber
-gekleidet, so genügt das. Von Verwöhnen keine Spur. Ich kann ihn doch
-auch in den Winkel stellen und würde nicht daran denken, ihn zu
-verwöhnen. Ich kann noch mehr. Sie sind gewissermaßen eine Jungfrau, d.
-h. ein Fräulein, da ist es Ihnen naturgemäß unbequem, ich kann aber auch
-mitunter das Stöcklein zu Hilfe nehmen.«
-
-»Jetzt wollen mich beide in den Winkel stellen,« sagte Mischa weinerlich
-und benutzte wieder sein Taschentuch. »Seid Ihr so! und noch dazu mit
-dem Stöckchen! nein, das paßt mir gar nicht. Nein, nein, du darfst ihn
-nicht heiraten.«
-
-»Da hören Sie es doch, ich kann beim besten Willen nicht,« sagte
-Nadeschda Wassiljewna.
-
-»Ihr Vorgehen kommt mir äußerst merkwürdig vor,« sagte Wolodin, »ich
-komme Ihnen mit ganzem Herzen entgegen, ich kann wohl sagen, mit
-flammendem Herzen und Sie belieben so nebenbei Ihres Bruders wegen
-»nein« zu sagen. Sie tun es Ihres Bruders wegen, eine andere der
-Schwester wegen, eine dritte gar weil sie einen Neffen hat und dann,
-Gott weiß, welcher Verwandten wegen, und so wird keine einzige heiraten
-wollen, auf diese Weise wird das Menschengeschlecht ganz aussterben.«
-
-»Deswegen brauchen Sie sich nicht zu beunruhigen, Pawel Wassiljewitsch,«
-sagte Nadeschda Wassiljewna, »bisher hat noch keine derartige Gefahr für
-die Welt bestanden. Ich will nun mal nicht ohne Mischas Zustimmung
-heiraten, und wie Sie bereits gehört haben, ist er nicht einverstanden.
-Es ist auch einigermaßen begreiflich, versprechen Sie ihm doch gleich
-mit den ersten Worten Prügel. Da könnten Sie mich am Ende auch
-schlagen!«
-
-»Aber ich bitte Sie, Nadeschda Wassiljewna,« rief Wolodin
-verzweiflungsvoll, »unmöglich glauben Sie, daß ich mir solche Roheiten
-werde zuschulden kommen lassen.«
-
-Nadeschda Wassiljewna lächelte.
-
-»Ich selbst habe keinerlei Bedürfnisse zu heiraten,« sagte sie.
-
-»Vielleicht werden Sie ins Kloster gehn?« fragte Wolodin mit gekränkter
-Stimme.
-
-»Oder in Tolstois Sekte und Mist führen,« verbesserte Peredonoff.
-
-»Warum sollte ich irgendwohin gehen?« sagte Nadeschda Wassiljewna streng
-und erhob sich, »ich hab es hier sehr gut.«
-
-Auch Wolodin war aufgestanden, streckte seine Lippen weit vor und sagte:
-
-»Da nun Mischa aus seinen Gefühlen zu mir keinen Hehl gemacht hat, da
-ferner Sie -- wie es zutage liegt -- ihn um Erlaubnis bitten, so kommt
-es folgerichtig heraus, daß ich die Stunden bei Ihnen im Hause aufgeben
-muß, denn wie soll ich Unterricht erteilen, wenn sich mein Schüler so zu
-mir verhält!«
-
-»Nein, warum denn?« entgegnete Nadeschda Wassiljewna, »das ist wieder
-eine Sache für sich.«
-
-Peredonoff dachte, es wäre vielleicht doch noch möglich das Fräulein
-umzustimmen und sie würde schließlich ihr Jawort geben. Er sagte
-finster:
-
-»Nadeschda Wassiljewna, überlegen Sie sich die Sache. Man kann nicht
-gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Er ist ein guter Mensch, er
-ist mein Freund!«
-
-»Nein,« sagte Nadeschda Wassiljewna, »da gibt's nichts weiter zu
-bedenken! Ich danke Pawel Wassiljewitsch für den ehrenvollen Antrag,
-kann ihn aber nicht annehmen.«
-
-Peredonoff blickte böse auf Wolodin und stand auf. Er dachte: »Wolodin
-ist doch ein rechter Esel: er hat es nicht einmal verstanden, ein
-Fräulein in sich verliebt zu machen.«
-
-Wolodin stand neben seinem Sessel mit gesenktem Kopf. Er fragte
-vorwurfsvoll:
-
-»So ist es also wirklich aus, Nadeschda Wassiljewna? O weh! Und wenn es
-sich so verhält,« -- er machte eine Handbewegung -- »dann wünsche ich
-Ihnen alles Gute. Das ist nun einmal mein trauriges Los. Ein Jüngling
-liebte eine Jungfrau, aber sie wollte ihn nicht. Gott weiß es! Nichts zu
-machen, ich werde weinen, und die Sache ist abgetan.«
-
-»Einen tüchtigen Menschen wollen Sie nicht heiraten, und wer weiß, auf
-wen Sie hereinfallen werden,« sagte Peredonoff belehrend.
-
-»O weh,« rief Wolodin noch einmal und wollte zur Tür gehen. Dann besann
-er sich eines andern, beschloß großmütig zu sein und kehrte zurück, um
-dem Fräulein zum Abschied die Hand zu reichen, ja selbst den
-Unglücksstifter Mischa bedachte er mit einem versöhnlichen Händedruck.
-
- * * * * *
-
-Auf der Straße brummte Peredonoff böse. Wolodin räsonierte
-ununterbrochen mit gekränkter, blökender Stimme.
-
-»Warum hast du die Stunden aufgegeben?« brummte Peredonoff. »Du bist
-wohl zu reich!«
-
-»Ich habe doch nur gesagt, daß, wenn es sich so verhielte, ich
-zurücktreten müsse, und darauf hat sie geantwortet, daß das nicht nötig
-wäre. Da ich nun meinerseits nicht widersprochen habe, so kommt es
-heraus, daß sie mich gebeten hat zu bleiben. Und jetzt hängt es von mir
-allein ab; will ich, so kann ich »Nein« sagen, will ich, so kann ich
-bleiben.«
-
-»Unsinn »Nein« zu sagen,« sagte Peredonoff, »geh hin und mach so als
-wäre nichts gewesen.«
-
-»Mag er wenigstens hier einen Vorteil haben,« dachte Peredonoff, »er hat
-dann weniger Grund mich zu beneiden.«
-
-Peredonoff war das Herz sehr schwer.
-
-Wolodin schien ihm nicht recht geheuer, er mußte ihn auf Schritt und
-Tritt beobachten, daß er sich nicht mit Warwara zusammentäte. Dann war
-es auch nicht ausgeschlossen, daß die Adamenko sich über ihn geärgert
-hatte wegen seiner Vermittelung. Sie hatte Verwandte in Petersburg,
-denen könnte sie schreiben, und das hätte ihm vielleicht geschadet.
-
-Und auch das Wetter war unfreundlich. Der Himmel war mit Wolken bedeckt,
-Krähen flatterten unruhig und schrieen so häßlich. Grade über
-Peredonoffs Kopf flogen sie und schrieen, als wollten sie ihn ärgern und
-ihm noch schlimmeres Unglück prophezeien. Peredonoff wickelte einen
-Schal um den Hals und dachte, daß es bei solchem Wetter leicht wäre sich
-zu erkälten.
-
-»Was sind das für Blumen, Pawluschka?« fragte er und zeigte dabei auf
-kleine, gelbe Blümchen, die hinter dem Zaun in einem Garten wuchsen.
-
-»Das sind Eisenhütchen, Ardascha,« antwortete Wolodin traurig.
-
-Peredonoff fiel es ein, daß in seinem Garten sehr viele solcher Blumen
-wuchsen. So einen schrecklichen Namen hatten sie! Vielleicht sind sie
-giftig! Warwara wird eine Handvoll nehmen, sie als Tee aufkochen, um ihn
-damit zu vergiften, d. h. erst dann zu vergiften, wenn seine Ernennung
-bereits erfolgt ist, um dann mit Wolodin auf und davon zu gehen.
-Vielleicht hatten die beiden das schon längst verabredet. Woher sollte
-Wolodin sonst wissen, wie diese Blumen hießen.
-
-Wolodin aber sagte:
-
-»Gott mag sie richten! Warum hat sie mich beleidigt? Sie wartet
-wahrscheinlich auf einen Aristokraten und überlegt gar nicht, daß es
-auch unter den Aristokraten schlimme Leute gibt; sie wird einen
-heiraten, der sie unglücklich machen wird, und ein schlichter braver
-Mensch hätte sie so glücklich machen können. Ich werde in die Kirche
-gehen und eine Kerze für ihr Seelenheil stiften und für sie beten: füge
-es, Vater im Himmel, daß sie einen Trunkenbold heiratet, der sie
-prügelt, der bankerott macht und sie dann sitzen läßt. Dann wird sie
-sich meiner erinnern, aber es wird zu spät sein. Sie wird sich die
-Tränen aus den Augen reiben und sagen: dumm war ich, dem Pawel
-Wassiljewitsch einen Korb zu geben, er war ein prächtiger Mensch.«
-
-Seine eignen Worte rührten ihn; er mußte weinen und trocknete mit dem
-Handrücken die Tränen, die aus seinen vorstehenden, schafigen Augen
-quollen.
-
-»Schlag ihr in der Nacht die Fensterscheiben ein!« riet Peredonoff.
-
-»Ach nein, Gott sei mit ihr,« sagte Wolodin traurig, »man könnte mich
-ertappen. Und dieser Satansbengel Gott erbarme dich, was habe ich ihm
-getan, daß er mir so den Weg vertritt. Habe ich mir nicht alle
-erdenkliche Mühe mit ihm gegeben, und er -- Sie haben es ja selber
-erlebt -- macht solche Sachen. Was ist das für eine Kreatur, was soll
-aus ihm werden, erbarmen Sie sich, sagen Sie doch?«
-
-»Ja,« sagte Peredonoff böse, »nicht einmal mit diesem Bengel konntest du
-fertig werden. Schöner Freier das!«
-
-»Warum denn nicht,« antwortete Wolodin, »natürlich ein Freier. Ich finde
-schon eine andre Braut. Sie soll nicht glauben, daß ich um sie trauern
-werde.«
-
-»Ja, ein Freier,« neckte Peredonoff, »noch dazu mit einer Krawatte.
-Wieviel Körbe hast du denn schon auf dem Buckel, Freier du!«
-
-»Bin ich der Freier, so bist du der Brautwerber,« sagte Wolodin
-überlegen, »du selber machtest mir ja Hoffnungen, aber die Braut hast du
-mir nicht verschafft; schöner Brautwerber das!«
-
-So neckten sie sich gegenseitig; jeder versuchte dem anderen
-zuvorzukommen und gab sich den Anschein, als handle es sich um die
-wichtigste Sache von der Welt.
-
- * * * * *
-
-Nadeschda Wassiljewna hatte die Gäste hinausbegleitet und kehrte ins
-Gastzimmer zurück. Mischa wälzte sich auf dem Sofa und lachte. Die
-Schwester packte ihn an den Schultern, zog ihn an sich und sagte:
-
-»Hast du ganz vergessen, daß es verboten ist zu horchen?«
-
-Sie hob die Hände, um die kleinen Finger aneinanderzulegen, dann lachte
-sie laut auf, und die Finger fuhren wieder auseinander. Mischa stürzte
-auf sie zu, sie umfaßten sich und lachten sehr lange.
-
-»Aber doch,« sagte sie, »fürs Horchen mußt du in den Winkel.«
-
-»Ach nein,« sagte Mischa, »du mußt mir noch danken, weil ich dich von
-diesem Bewerber befreit habe.«
-
-»Und wer hat wen noch befreit? Hörtest du nicht, wie jemand sich
-vornahm, dich mit dem Stöckchen zu schlagen! Marsch in den Winkel!«
-
-»Nein, dann will ich schon lieber hier stehen,« sagte Mischa.
-
-Er stellte sich vor der Schwester auf die Knie und legte seinen Kopf auf
-ihren Schoß. Sie streichelte ihn und kitzelte ihn ein wenig. Mischa
-lachte und rutschte auf den Knien hin und her. Plötzlich rückte die
-Schwester weit fort und setzte sich aufs Sofa. Mischa blieb allein.
-Einige Zeit blieb er ruhig auf den Knien stehen und sah seine Schwester
-fragend an. Sie machte es sich bequem, nahm vom Bücherbrett ein Buch,
-als wolle sie lesen, und schielte auf den Bruder.
-
-»Ich bin schon müde,« sagte er kläglich.
-
-»O, ich halte dich nicht, du hast dich von selber hingestellt,«
-antwortete die Schwester und lächelte ihn an über den Rand des Buches.
-
-»Du hast mich doch bestraft, verzeih bitte,« sagte Mischa.
-
-»Habe ich dir denn gesagt, daß du auf den Knien stehn sollst?« sagte
-Nadeschda Wassiljewna und machte so, als wäre es ihr ganz gleichgültig,
-»was bettelst du denn in einem fort?«
-
-»Ich werde nicht aufstehn, bevor du nicht verziehen hast.«
-
-Nadeschda Wassiljewna lachte, legte das Buch zur Seite und zog Mischa an
-den Schultern zu sich heran. Er schrie auf und warf sich ihr entgegen,
-umarmte sie und rief:
-
-»Pawluschkas Braut!«
-
-
-
-
- XVI
-
-
-Ludmillas Gedanken waren immer bei dem schwarzäugigen Knaben. Sie redete
-oft mit Verwandten und Bekannten über ihn, -- manchmal zur unrechten
-Zeit. Fast in jeder Nacht träumte sie von ihm; sie sah ihn zuweilen wie
-er wirklich im Leben war -- bescheiden und schüchtern, öfter jedoch in
-einer märchenhaften, phantastischen Umgebung. Von diesen Träumen pflegte
-sie zu erzählen, und bald kam es so weit, daß die Schwestern jeden
-Morgen fragten, wie Sascha ihr in der vergangenen Nacht im Traume
-erschienen wäre.
-
-Ihre Gedanken waren immer bei ihm.
-
-Am Sonntag bat Ludmilla ihre Schwestern, sie möchten die Kokowkina aus
-der Kirche abholen und recht lange aufhalten. Sie wollte mit Sascha
-allein sein, und ging darum nicht zur Kirche. »Sagt ihr, ich hätte mich
-verschlafen,« trug sie den Schwestern auf.
-
-Diese lachten über den Streich, waren aber natürlich mit allem
-einverstanden. Sie vertrugen sich überhaupt gut. Es konnte ihnen nur
-gelegen kommen, wenn Ludmilla sich mit dem Jungen abgab, denn so blieben
-die wirklichen Freier ihnen allein.
-
-Sie taten, wie sie versprochen hatten, -- und baten die Kokowkina nach
-dem Gottesdienst zu sich.
-
-Unterdessen hatte sich Ludmilla ganz angekleidet. Sie trug ein hübsches,
-fröhliches Kleidchen und hatte sich mit angenehmem, weichem Flieder
-parfumiert. In die eine Tasche steckte sie ein noch nicht angebrochenes
-Odeurfläschchen, in die andere einen kleinen Zerstäuber; dann stellte
-sie sich hinter den Vorhang an ein Fenster im Salon, um von hier zu
-beobachten, ob die Kokowkina auch wirklich käme. Schon früher hatte sie
-beschlossen Odeur mitzunehmen, um den Gymnasiasten zu parfumieren; er
-sollte nicht immer nach ekligem Latein und nach Tinte und nach der
-Schule überhaupt riechen. Ludmilla liebte Parfums. Sie verschrieb sie
-sich aus Petersburg und brauchte sie oft und gerne. Sie liebte duftende
-Blumen. Ihr Zimmer strömte immer irgend einen Wohlgeruch aus; entweder
-roch es nach Blumen, oder nach Odeurs, oder nach Fichtenzweigen und
-frischem Birkengrün.
-
-Da kamen die Schwestern und die Kokowkina mit ihnen.
-
-Fröhlich lief Ludmilla zur Küche hinaus, durch den Gemüsegarten, durch
-das Pförtchen und von dort weiter durch ein Nebengäßchen, -- um von der
-Kokowkina nicht gesehen zu werden. Sie lächelte schelmisch, während sie
-eilig zum Hause der Kokowkina ging und fuchtelte vergnügt mit ihrem
-weißen Sonnenschirm. Sie war froh über das schöne, warme Herbstwetter,
-und es schien, als verbreite sich ihre Fröhlichkeit überall wohin sie
-kam.
-
-Das Dienstmädchen der Kokowkina öffnete ihr die Tür und meldete, die
-gnädige Frau wäre nicht zu Hause. Ludmilla lachte laut und scherzte mit
-dem rotbackigen Ding.
-
-»Vielleicht ist es gar nicht wahr,« sagte sie, »vielleicht versteckt
-sich die gnädige Frau vor mir.«
-
-»Hi, hi, warum sollte sie sich verstecken!« grinste das Mädchen, »gehen
-Sie doch ins Wohnzimmer und schauen Sie nach, wenn Sie mir nicht
-glauben.«
-
-Ludmilla blickte in den Salon und rief schelmisch:
-
-»Gibt's hier überhaupt eine lebendige Seele? He, Gymnasiast!«
-
-Sascha kam aus seiner Stube und freute sich, als er Ludmilla sah; und
-Ludmillas fröhliche Augen machten ihn noch vergnügter.
-
-»Wo ist denn Olga Wassiljewna?« fragte sie.
-
-»Sie ist nicht zu Hause,« sagte er, »sie ist noch nicht heimgekommen.
-Wahrscheinlich ist sie nach der Kirche zu Besuch gegangen. Ich bin erst
-vor kurzem zurück, -- aber sie ist noch nicht da.«
-
-Ludmilla tat so, als wäre sie sehr erstaunt. Sie fuchtelte mit ihrem
-Sonnenschirm und sagte überrascht:
-
-»Wie kommt denn das? Alle sind doch schon zurück aus der Kirche. Sonst
-sitzt sie immer zu Hause, und plötzlich ist sie nicht da. Wahrscheinlich
-machen Sie so viel Lärm, mein Jüngling, daß sie es zu Hause nicht mehr
-aushält.«
-
-Sascha schwieg und lächelte. Er freute sich über Ludmillas Stimme und
-über ihr helles Lachen. Er überlegte, wie er es am geschicktesten
-anstellen sollte, um sie nach Hause zu begleiten, oder sie zu
-veranlassen, noch einige wenige Minuten zu bleiben.
-
-Aber Ludmilla dachte nicht daran fortzugehen. Sie blickte Sascha
-schelmisch an und sagte:
-
-»Warum fordern Sie mich nicht auf, Platz zu nehmen, Sie liebenswürdiger
-junger Mann Sie? Ich bin ganz müde geworden. Darf ich mich ein
-Augenblickchen erholen?«
-
-Lachend ging sie in den Salon, und ihre lebhaften, zärtlichen Augen
-schienen zu bitten. Sascha wurde verlegen und ganz rot vor Freude, --
-sie wollte bleiben!
-
-»Wollen Sie, ich werde Sie bespritzen,« fragte Ludmilla rasch, »wollen
-Sie?«
-
-»Oho,« sagte Sascha, »sind Sie so! Sie wollen spritzen; warum so
-grausam?«
-
-Ludmilla lachte laut auf und lehnte sich in den Sessel.
-
-»Bespritzen!« rief sie, »der dumme Junge! er hat mich falsch verstanden.
-Ich will Sie doch nicht mit Wasser bespritzen, sondern mit Parfum.«
-
-Sascha sagte komisch:
-
-»O! mit Parfum! Ja warum denn?«
-
-Ludmilla nahm aus ihrer Tasche den Zerstäuber; sie ließ das dunkelrote,
-goldverzierte Fläschchen vor Saschas Augen blitzen und sagte:
-
-»Sehen Sie, ich habe mir einen neuen Zerstäuber gekauft.«
-
-Dann nahm sie aus der anderen Tasche ein großes Flakon mit einer bunten
-Etikette, Pariser Parfum Poa-Rosa von Herlaine. Sascha fragte:
-
-»Ihre Taschen sind aber tief!«
-
-Ludmilla antwortete fröhlich:
-
-»Na, mehr dürfen Sie nicht erwarten. Leckereien habe ich nicht
-mitgebracht.«
-
-»Leckereien,« wiederholte Sascha neckend.
-
-Neugierig sah er zu, wie Ludmilla die Flasche öffnete, und fragte:
-
-»Wie gießt man das ohne Trichter herein?«
-
-Ludmilla sagte fröhlich:
-
-»Den Trichter müssen Sie mir geben.«
-
-»Ich habe doch keinen,« sagte er verlegen.
-
-»Ganz wie Sie wollen, aber den Trichter werden Sie mir doch geben,«
-sagte Ludmilla eigensinnig.
-
-»Ich könnte einen aus der Küche holen, der riecht aber nach Petroleum,«
-sagte Sascha.
-
-Ludmilla lachte herzlich.
-
-»Ach Sie unpraktischer Junge! Geben Sie mir einen Flick Papier, wenn
-Ihnen das Papier nicht leid tut, -- dann haben wir einen Trichter.«
-
-»O in der Tat!« rief Sascha fröhlich, »man kann ja einen Trichter aus
-Papier drehen. Ich will's gleich holen.«
-
-Sascha lief in seine Stube.
-
-»Darf es aus einem Heft sein,« rief er von dort.
-
-»Ganz egal,« antwortete Ludmilla fröhlich. »meinetwegen aus einem Buch,
-z. B. aus der lateinischen Grammatik; mir würde es nicht leid tun.«
-
-Sascha lachte und rief:
-
-»Nein, nein -- lieber aus einem Heft.«
-
-Er fand ein noch unbenutztes Heft, riß die mittlere Seite aus und wollte
-schnell wieder in den Salon laufen, -- aber Ludmilla stand schon auf der
-Schwelle.
-
-»Darf man eintreten, Herr Gastgeber?« fragte sie schelmisch.
-
-»Aber bitte, ich bin sehr erfreut!« rief Sascha fröhlich.
-
-Ludmilla setzte sich an den Tisch, drehte einen Trichter aus dem Papier
-und goß das Parfum mit besorgt geschäftiger Miene aus dem Flakon in den
-Zerstäuber. Der Papiertrichter war an den Stellen, wo ihn die
-Flüssigkeit berührt hatte, ganz dunkel geworden. Nur langsam floß die
-Flüssigkeit durch den Trichter. Ein warmer, süßer Rosenduft gemischt mit
-scharfem Spiritusgeruch verbreitete sich durch das Zimmer.
-
-Ludmilla hatte die Hälfte des Flakons in den Zerstäuber gegossen und
-sagte:
-
-»So, es wird langen.«
-
-Dann schraubte sie den Zerstäuber zu, knüllte das feuchte Papier
-zusammen und rieb es zwischen den Handflächen.
-
-»Riech doch,« sagte sie zu Sascha und hielt ihm die Handfläche vor die
-Nase.
-
-Sascha bückte sich, schloß die Augen und roch. Ludmilla lachte, schlug
-ihn leicht mit der Handfläche auf den Mund und ließ die Hand auf seinen
-Lippen liegen. Sascha wurde rot und küßte ihre warme, duftende
-Handfläche, sie zärtlich mit bebenden Lippen berührend. Ludmilla seufzte
-auf; ihr liebliches Gesichtchen wurde für einen Augenblick
-verlangend-hingebend, dann nahm es wieder den ihm gewohnten Ausdruck
-glücklicher Freude an.
-
-»Jetzt paß aber auf, wie ich dich bespritzen werde,« sagte sie und
-drückte den Gummiball.
-
-Ein duftender Staub flog auf, er verteilte und verbreitete sich in der
-Luft und benetzte Saschas Kleider. Sascha lachte und drehte sich
-gehorsam, wenn Ludmilla ihn stieß.
-
-»Riecht's gut,« fragte sie.
-
-»Sehr angenehm,« antwortete er fröhlich. »Wie nennt man dieses Parfum?«
-
-»So ein Junge! Nimm doch die Flasche und lies,« neckte sie ihn.
-
-Sascha las die Etikette und sagte:
-
-»Darum, ich dachte schon, weil es so stark nach Rosenöl roch.«
-
-»Oel!« sagte Ludmilla vorwurfsvoll und schlug ihn leicht auf die
-Schulter.
-
-Sascha lachte und steckte seine Zungenspitze vor.
-
-Ludmilla war aufgestanden und wühlte in Saschas Büchern und Heften.
-
-»Darf man sehen?« fragte sie.
-
-»Aber gewiß,« sagte er.
-
-»Zeig doch, wo sind deine Nullen und Einer.«[9]
-
-Sascha antwortete gekränkt:
-
-»So was habe ich bisher überhaupt nicht gehabt.«
-
-»Na, das lügst du wohl,« sagte Ludmilla bestimmt, »das ist einmal euer
-Schicksal Einer zu haben. Du hast sie versteckt, gesteh's!«
-
-Sascha lächelte und schwieg.
-
-»Latein und Griechisch ist wohl was sehr Langweiliges,« sagte Ludmilla.
-
-»Nicht sonderlich,« antwortete er; aber es war ihm anzumerken, daß ihn
-schon allein das Gespräch über Schulangelegenheiten langweilte.
-
-»Es ist so langweilig zu ochsen,« gestand er, »macht nichts, ich habe
-ein gutes Gedächtnis. Aber Rechenaufgaben zu lösen liebe ich.«
-
-»Komm morgen nach dem Mittag zu mir,« sagte Ludmilla.
-
-[Fußnote 9: Null ist die schlechteste Note, fünf die beste.]
-
-»Danke, ich werde kommen,« sagte Sascha errötend.
-
-Es war ihm sehr angenehm, von Ludmilla eingeladen worden zu sein.
-
-»Weißt du auch, wo ich wohne? Willst du kommen,« fragte Ludmilla.
-
-»Ich weiß. Schon recht, ich werde kommen,« sagte er fröhlich.
-
-»Aber komm bestimmt,« wiederholte Ludmilla streng, »ich werde dich
-erwarten, hörst du?«
-
-»Aber wenn ich zu viele Schulaufgaben haben sollte?« sagte Sascha, mehr
-aus Gewissenhaftigkeit, als daß er tatsächlich um der Aufgaben willen
-nicht gekommen wäre.
-
-»Ach, Dummheiten, komm nur,« drängte Ludmilla, »man wird dir nicht das
-Fell über die Ohren ziehen.«
-
-»Aber warum soll ich kommen?« fragte Sascha lächelnd.
-
-»Einfach darum. Du kommst. Ich habe dir einiges zu erzählen und zu
-zeigen,« sagte Ludmilla, hüpfte und sang dazu, zupfte an ihrem Röckchen
-und spreizte ihre rosigen Fingerchen, »komm du mein Lieber, mein
-Goldner, mein Süßer.«
-
-Sascha lachte.
-
-»Erzählen Sie schon heute,« bat er.
-
-»Heute geht es nicht. Wie könnte ich heute erzählen? Dann wirst du
-morgen nicht kommen und sagen, du hättest keinen Grund gehabt, um zu
-kommen.«
-
-»Also gut, ich werde bestimmt kommen, wenn man mir erlaubt.«
-
-»Das fehlte noch! Natürlich wird man erlauben! Man hält dich doch nicht
-an der Kette.«
-
-Als Ludmilla sich verabschiedete, küßte sie Sascha auf die Stirn und hob
-ihre Hand an seine Lippen, so daß er sie küssen mußte. Und es war ihm
-angenehm, die weiße, feine Hand noch einmal küssen zu dürfen, -- und
-doch schämte er sich. Wie sollte man da nicht rot werden.
-
-Als Ludmilla fortging, lächelte sie zärtlich und schelmisch. Sie kehrte
-sich einigemal um.
-
-Wie lieb sie ist! dachte er.
-
-Sascha war allein.
-
-Sie ist so schnell gegangen! dachte er. Plötzlich hatte sie sich
-aufgemacht, und, kaum gedacht, ist sie schon fort. Wäre sie noch ein
-Augenblickchen geblieben! -- dachte er und schämte sich, daß er es
-vergessen hatte, sie zu begleiten.
-
-Könnte ich noch ein wenig mit ihr gehen, dachte er. Soll ich sie
-einholen? Vielleicht ist sie schon weit fort? Wenn ich schnell laufe,
-hole ich sie noch ein.
-
-Vielleicht wird sie mich auslachen? dachte er. Oder vielleicht werde ich
-sie stören.
-
-So konnte er sich nicht entschließen, ihr nachzulaufen. Ihm war es
-traurig zumute. Auf seinen Lippen lag noch die zärtliche Berührung ihrer
-Hand und auf seiner Stirn brannte ihr Kuß.
-
-Sie küßt so süß, kam es ihm in den Sinn, wie ein liebes Schwesterchen!
-
-Seine Wangen brannten. Er schämte sich und doch war ihm so leicht.
-Unklare Gedanken und Bilder gingen ihm durch den Kopf.
-
-Wäre sie doch meine Schwester, träumte er, könnte ich zu ihr hin, sie
-umarmen, ihr ein liebes Wort sagen, sie rufen: Millachen, liebste! oder
-sie sonst mit einem besonderen Namen rufen, -- z. B. Buba oder
-Heuschrecke. Und sie würde darauf antworten. O -- wäre das schön!
-
-Aber sie ist mir nur eine Fremde, dachte er traurig, sie ist sehr lieb,
-aber doch fremd. Sie kam und ging, und denkt gewiß nicht mehr an mich.
-Nur ein süßer Duft von Flieder und Rosen erinnert an sie und die
-Berührung der Lippen von zwei zärtlichen Küssen; -- das Herz zittert,
-wenn ich daran denke, und schenkt mir einen schönen Traum, schön wie
-Aphrodite den Wellen entstieg.
-
- * * * * *
-
-Bald darauf kam die Kokowkina heim.
-
-»Wonach riecht es so stark?« sagte sie.
-
-Sascha wurde rot.
-
-»Millachen war hier,« sagte er. »Sie waren aber nicht zu Hause; da blieb
-sie ein wenig, parfumierte mich und ging wieder fort.«
-
-»Was für Zärtlichkeiten!« sagte die Alte verwundert, »>Millachen< zu
-sagen!«
-
-Sascha lachte verlegen und lief davon. Die Kokowkina aber dachte bei
-sich, die Rutiloffschen Mädchen wären ganz besonders liebenswürdige
-junge Damen, alt und jung verständen sie zu bezaubern.
-
- * * * * *
-
-Gleich am Morgen des nächsten Tages freute sich Sascha beim Gedanken
-daran, ausgehen zu dürfen. Ungeduldig wartete er auf das Mittagessen.
-Nach dem Essen bat er ganz rot vor Verlegenheit, bis sieben Uhr zu
-Rutiloffs gehen zu dürfen. Die Kokowkina war erstaunt, ließ ihn aber
-gehen.
-
-Sascha lief fröhlich davon. Er hatte sich sorgfältig gekämmt und sogar
-Pomade in die Haare getan. Er freute sich sehr und war ein wenig
-aufgeregt, als hätte er etwas Bedeutungsvolles, doch Schönes vor.
-Besonders angenehm war ihm der Gedanke daß er gleich bei der Begrüßung
-Ludmillas Hand küssen würde und sie ihn auf die Stirn; und dann, wenn er
-wieder nach Hause müßte, würden sie sich wieder küssen. Es ließ sich so
-wunderbar von Ludmillas feinen, schlanken Händen träumen.
-
-Alle drei Schwestern begrüßten Sascha schon im Vorhause. Sie pflegten
-gerne am Fenster zu sitzen und auf die Straße zu sehen. So kam es,
-daß sie ihn schon von weitem kommen sahen. In stürmischer
-Fröhlichkeit umringten ihn die drei lustigen, eleganten, laut
-durcheinandersprechenden Damen, -- und er fühlte sich gleich wohl in
-ihrer Mitte.
-
-»Da ist er ja -- der geheimnisvolle, junge Mann!« rief Ludmilla
-fröhlich.
-
-Sascha küßte ihr die Hand; er tat es sehr gewandt und mit sichtlichem
-Vergnügen. Gleich in eins küßte er auch den beiden andern Schwestern die
-Hand, -- er konnte sie doch nicht übergehen, -- und fand, daß auch
-dieses nicht unangenehm wäre, um so mehr, als ihn alle drei auf die
-Wange küßten; -- Darja tat es laut und gleichmütig, als hätte sie ein
-Brett vor sich; Valerie küßte zart, -- sie hatte die Augen gesenkt -- es
-waren schlaue Aeuglein, -- kicherte verschämt und berührte kaum mit
-ihren durstigen, fröhlichen Lippen die Wange, -- ihr Kuß schwebte nieder
-wie eine zarte, duftige Apfelblüte; -- Ludmilla küßte ihn glücklich,
-fröhlich und fest auf die Wange.
-
-»Das ist _mein_ Gast,« erklärte sie mit Bestimmtheit und führte Sascha
-in ihr Zimmer.
-
-Darja ärgerte sich darüber.
-
-»Ist es dein Gast, so küß ihn auch allein,« rief sie böse. »Hast da
-einen schönen Schatz gefunden! Keiner macht ihn dir streitig.«
-
-Valerie sagte nichts, sie lächelte nur, -- was konnte es für ein
-Vergnügen sein sich mit einem dummen Jungen zu unterhalten! Er konnte ja
-nichts begreifen?
-
-Ludmillas Zimmer war geräumig, hell und freundlich. Vor den zwei großen
-Fenstern, die auf den Garten hinausgingen, waren nur leichte, gelbe
-Tüllvorhänge. Im Zimmer duftete es süß. Alle Gegenstände waren elegant
-und hell. Die Stühle und Sessel waren von einem goldgelben, von einem
-weißen Muster kaum sichtbar durchwirkten Stoffe bezogen. Ueberall
-standen Flakons mit Odeur oder wohlriechendem Wasser, kleine
-Kristallschälchen und Körbchen, Fächer und einige russische und
-französische Bücher.
-
-»Heute Nacht habe ich von dir geträumt,« erzählte Ludmilla lachend, »ich
-sah dich im Fluß bei der Stadtbrücke schwimmen; ich selber saß auf der
-Brücke und angelte dich.«
-
-»Und sperrten mich dann in ein Glas?« neckte Sascha.
-
-»Warum in ein Glas?«
-
-»Wohin denn sonst?«
-
-»Wohin? Ich zauste dich gründlich an den Ohren und warf dich wieder
-zurück in den Fluß.«
-
-Und Ludmilla lachte hell auf.
-
-»_So_ sind Sie also!« sagte Sascha. »Und was wollten Sie mir heute
-erzählen?«
-
-Ludmilla lachte nur und sagte nichts.
-
-»Sie haben mich also betrogen,« erriet er, »und außerdem versprachen
-Sie, mir etwas zu zeigen,« sagte er vorwurfsvoll.
-
-»Ich werde dir zeigen! Willst du was essen?« fragte sie.
-
-»Ich komme eben vom Mittag,« sagte er. »So betrügen Sie einen!«
-
-»Ich hab' es gerade nötig, dich zu betrügen. Aber du riechst ja nach
-Pomade?« fragte sie plötzlich.
-
-Sascha wurde rot.
-
-»Ich kann Pomade nicht leiden!« sagte Ludmilla geärgert. »So was
-Weibisches!«
-
-Sie strich mit der Hand über sein Haar und gab ihm dann mit der fettigen
-Handfläche einen kleinen Klaps auf die Backe.
-
-»Das darfst du nie wieder tun!« sagte sie.
-
-Sascha wurde verlegen.
-
-»Gut, ich will's nicht wieder tun,« sagte er, »Sie sind furchtbar streng
-und parfumieren sich doch selber!«
-
-»Zwischen Parfum und Pomade ist eben ein großer Unterschied, dummer
-Junge! Es ist doch gar nicht zu vergleichen,« sagte Ludmilla belehrend,
-»ich habe nie Pomade gebraucht. Warum soll ich mir die Haare verkleben!
-Parfum ist doch ganz was anderes. Komm, ich werde dich parfumieren.
-Willst du? Mit etwas Flieder, -- willst du?«
-
-»Ich will,« sagte Sascha und lächelte.
-
-Es war ihm angenehm zu denken, wie die Kokowkina staunen würde, wenn er
-wieder parfumiert nach Hause kommen würde.
-
-»Wer will?« fragte Ludmilla noch einmal, nahm den Flakon mit Flieder in
-die Hand und blickte Sascha halb fragend und schelmisch an.
-
-»Ich will,« wiederholte Sascha.
-
-»Will? Will, well -- bell? Du bellst also?« neckte Ludmilla.
-
-Beide lachten fröhlich.
-
-»Fürchtest du dich noch vor dem Spritzen?« fragte Ludmilla, »weißt du
-noch, wie du gestern Angst hattest?«
-
-»Ich hatte gewiß keine Angst,« verteidigte sich Sascha eifrig.
-
-Ludmilla lachte und neckte den Jungen. Dann parfumierte sie ihn mit
-Flieder. Sascha bedankte sich und küßte ihr die Hand.
-
-»Außerdem laß dir die Haare schneiden!« sagte Ludmilla streng, »was soll
-diese Lockenperücke! Willst du die Pferde auf der Straße scheu machen?«
-
-»Schon gut; ich will sie mir schneiden lassen,« erklärte Sascha, »aber
-warum sind Sie so entsetzlich streng? Ich habe ja noch ganz kurze Haare,
-kaum einen halben Zoll lang, und sogar der Inspektor hat mir noch nichts
-darüber gesagt.«
-
-»Ich liebe es, wenn junge Leute ihre Haare kurz tragen; merk dir das,«
-sagte Ludmilla wichtig und drohte mit dem Finger; »ich bin nicht dein
-Inspektor, und mir muß gehorcht werden.«
-
- * * * * *
-
-Von diesem Tage an kam Ludmilla oft zur Kokowkina, um Sascha zu sehen.
-Besonders in der ersten Zeit bemühte sie sich, nur dann zu kommen, wenn
-die Kokowkina nicht zu Hause war. Manchmal wußte sie es besonders schlau
-einzurichten -- und lockte die alte Frau von Hause fort.
-
-Einmal sagte ihr Darja:
-
-»Wie bist du doch feige! Bist bange vor einer alten Frau. Geh doch hin,
-wenn sie zu Hause ist und nimm ihn mit zu einem Spaziergang.«
-
-Ludmilla merkte sich den Rat, -- und ging nun hin, wann es ihr paßte.
-War die Kokowkina zu Hause, so plauderte sie ein wenig mit ihr und ging
-dann mit Sascha spazieren, -- in solchen Fällen pflegte sie ihn jedoch
-nur für kurze Zeit in Anspruch zu nehmen.
-
-Ludmilla und Sascha wurden bald gute Freunde, -- allein ihre
-Freundschaft war unruhiger, wenn auch zärtlicher Natur. Ohne sich dessen
-bewußt zu werden, weckte Ludmilla in Sascha frühreifes und unklares
-Verlangen und Begehren.
-
-Es kam oft vor, daß Sascha Ludmillas Hände küßte, -- ihre schmalen,
-schönen Hände, die von einer zarten, elastischen Haut umspannt waren,
-durch deren blaßrosa Gewirke weitverzweigte blaue Aederchen schimmerten.
-Und dann höher hinauf. Es war so leicht ihren graziösen, schlanken Arm
-zu küssen, man brauchte ja nur die breiten Aermel bis zum Ellenbogen
-hinaufzustreifen.
-
-Mitunter erzählte Sascha der Kokowkina nicht, wenn Ludmilla dagewesen
-war. Er log zwar nicht, -- aber er verschwieg es. Und wie hätte er auch
-lügen sollen, -- das Dienstmädchen hätte plaudern können. Es wurde ihm
-nicht leicht, von Ludmillas Besuchen zu schweigen: ihr helles Lachen
-klang immer in seinen Ohren. Er wollte von ihr sprechen. Und doch, -- es
-war so unbequem.
-
-Auch mit den andern Schwestern wurde Sascha bald gut Freund. Er küßte
-ihnen allen die Hand und rief sie sogar bei ihren Kosenamen: Daschenka,
-Millachen, Vallichen.
-
-
-
-
- XVII
-
-
-Ludmilla traf Sascha eines Nachmittags auf der Straße. Sie sagte:
-
-»Morgen hat die älteste Tochter des Direktors Geburtstag, -- wird deine
-Pflegemutter hingehen?«
-
-»Ich weiß nicht,« sagte Sascha.
-
-Und schon regte sich die freudige Hoffnung in seinem Herzen, vielleicht
-war es weniger Hoffnung als Wunsch, daß die Kokowkina ausgehen und
-Ludmilla gerade dann kommen würde, um mit ihm allein zu sein ...
-
-Am Abend erinnerte er die Kokowkina an den Geburtstag.
-
-»Fast hätte ich es vergessen,« sagte die Kokowkina. »Ich werde hingehen.
-Es ist ein sehr liebes Mädchen.«
-
-Und gerade, wie Sascha aus der Schule heimkam, machte sich die Kokowkina
-auf den Weg. Er freute sich beim Gedanken, daß er diesmal mit geholfen
-hatte, die Kokowkina zu entfernen. Und er war fest davon überzeugt, daß
-Ludmilla Zeit finden würde zu kommen.
-
-So war es auch; -- Ludmilla kam. Sie küßte ihn auf die Wange und reichte
-ihm ihre Hand zum Kusse. Sie lachte fröhlich, und er wurde rot.
-Ludmillas Kleider dufteten heute nach Rosa-Iris, ein schwerer, süßer
-Blumenduft: die sinnbetörende, lüsterne Iris -- gelöst in zart duftenden
-Rosen.
-
-Ludmilla hatte eine schmale in Seidenpapier gewickelte Schachtel
-mitgebracht. Durch das Papier schimmerte eine gelbe Reklamezeichnung.
-Sie setzte sich, legte die Schachtel auf ihre Knie und blickte Sascha
-schelmisch an.
-
-»Magst du Datteln?« fragte sie.
-
-»Furchtbar,« sagte Sascha und machte eine komische Grimasse.
-
-»So, dann werde ich dich bewirten,« sagte sie wichtig.
-
-Sie öffnete die Schachtel.
-
-»Iß!« befahl sie.
-
-Sie selber nahm eine Frucht nach der anderen aus der Schachtel und
-steckte sie Sascha in den Mund; und jedesmal mußte er ihr die Hand
-küssen. Sascha sagte:
-
-»Aber meine Lippen sind ganz klebrig.«
-
-»Das tut nichts, küß nur immer zu,« antwortete Ludmilla fröhlich, »es
-kränkt mich nicht.«
-
-»Dann küß ich doch lieber mit einem Mal,« sagte Sascha und lachte.
-
-Schon streckte er seine Hand nach den Früchten.
-
-»Du wirst mich betrügen,« rief Ludmilla, klappte rasch die Schachtel zu
-und gab ihm einen Klaps auf die Finger.
-
-»Ach nein, ich bin ganz ehrlich, ich werde gewiß nicht betrügen,«
-beteuerte Sascha.
-
-»Ich glaub' es nicht, ich glaub' es nicht,« wiederholte Ludmilla.
-
-»Dann darf ich im voraus küssen,« schlug er vor.
-
-»Das geht eher,« sagte Ludmilla fröhlich, »küß nur.«
-
-Sie reichte Sascha ihre Hand. Er ergriff ihre schlanken Finger, küßte
-sie einmal und fragte, ohne die Hand loszulassen, schlau lächelnd:
-
-»Werden Sie mich auch nicht betrügen, Millachen?«
-
-»Bin ich denn eine unehrliche Person,« sagte Ludmilla fröhlich, »ich
-werde dich nicht betrügen, küß nur zu! -- unbedenklich.«
-
-Sascha beugte sich über ihre Hand und küßte sie eifrig; gleichmäßig
-bedeckte er ihre ganze Handfläche mit Küssen, wobei er seine Lippen weit
-offen hielt, und es war ihm angenehm, sich einmal sattküssen zu dürfen.
-Aufmerksam zählte Ludmilla die Küsse. Beim zehnten sagte sie:
-
-»Es ist gewiß unbequem im Stehen zu küssen; du muß dich bücken.«
-
-»Dann will ich es mir bequemer machen,« sagte er.
-
-Er kniete nieder und fuhr ebenso eifrig in seiner Beschäftigung fort.
-
-Sascha liebte zu naschen. Es hatte ihm sehr gefallen, daß Ludmilla ihm
-was mitgebracht hatte. Dafür liebte er sie noch inniger.
-
-Ludmilla hatte Sascha mit sinnerregendem, süßem Odeur parfumiert. Dieser
-Duft setzte ihn in Erstaunen. Er war so eigen, aufregend, dunkel und
-doch hell, wie ein goldiges, frühes, sündiges Morgenrot hinter einer
-fahlen Dämmerung. Sascha sagte:
-
-»Der Duft ist so merkwürdig!«
-
-»Gieß dir mal auf die Hand davon,« riet Ludmilla.
-
-Sie reichte ihm ein häßliches, vierkantiges, grobgeschliffenes
-Fläschchen. Sascha sah sich die Farbe an, -- es war eine grell-gelbe,
-lebhafte Flüssigkeit. Eine grobe, häßliche Etikette mit französischer
-Aufschrift, aus der Fabrik von Puiver. Sascha nahm den flachen
-Glasstöpsel, zog ihn heraus und roch. Dann tat er so wie er es bei
-Ludmilla gesehen hatte, -- er legte die Handfläche fest auf die Oeffnung
-des Fläschchens, kehrte es geschwind um und stellte es dann wieder mit
-dem Boden nach unten beiseite; dann verrieb er die wenigen Tropfen der
-Flüssigkeit auf der Handfläche und roch daran, -- der Spiritus war bald
-verflogen, nur der reine Duft war geblieben. Ludmilla blickte auf ihn in
-gespannter, erregter Erwartung. Sascha sagte unsicher:
-
-»Es riecht ein wenig nach verzuckerten Wanzen!«
-
-»Lüg doch nicht, ich bitte,« sagte Ludmilla ärgerlich.
-
-Auch sie schüttete sich einige Tropfen auf die Hand und roch daran.
-Sascha wiederholte:
-
-»Wirklich, es riecht nach Wanzen.«
-
-Ludmilla brauste zornig auf; ihr traten die Tränen in die Augen, -- gab
-Sascha einen Schlag ins Gesicht und rief:
-
-»Du unverschämter Bengel! Da, nimm das für die Wanzen.«
-
-»Gut getroffen!« sagte Sascha, lachte und küßte ihre Hand. »Was hat Sie
-so gekränkt, liebstes Millachen? Wonach riecht es denn, Ihrer Meinung
-nach.«
-
-Ueber den Schlag ärgerte er sich nicht, -- er war ganz bezaubert von
-ihrem Wesen.
-
-»Wonach?« fragte Ludmilla und faßte ihn am Ohrläppchen, »das will ich
-dir gleich sagen wonach, erst will ich dich gründlich am Ohr zausen.«
-
-»O weh, o weh, Millachen, Liebste, ich werde nie mehr!« flehte Sascha
-und krümmte sich vor Schmerz.
-
-Ludmilla ließ das stark gerötete Ohr los, zog den Jungen zärtlich heran,
-nahm ihn auf den Schoß und sagte:
-
-»Merk auf, -- im Zyklamen lebt ein dreifacher Hauch, -- das arme
-Blümlein duftet nach süßer Ambrosia, -- das ist für die fleißigen
-Bienen. Du weißt doch, man nennt's auch Schweinsbrod.«
-
-»Schweinsbrod,« wiederholte Sascha und lachte, »wie komisch!«
-
-»Lach nicht, Wildfang,« sagte Ludmilla, packte ihn am andern Ohr und
-fuhr fort: »Süße Ambrosia, über ihr summen die Bienen; -- das ist des
-Blümleins Freude. Dann riecht es ganz zart nach Vanille; das ist aber
-nicht für die Bienen, sondern es ist für solche Dinge, die wir
-erträumen. Dies ist sein Wunsch: eine Blume und das Gold der Sonne über
-ihr. Und der dritte Hauch ist dieser: es ist der zärtliche, süße Duft
-des Körpers. Er ist für jene da, welche lieben, und dieses ist seine
-Liebe: das arme Blümlein in der glühenden Hitze des Mittags. Biene,
-Sonne und Glut, -- verstehst du mich, Liebster?«
-
-Sascha nickte schweigend. Sein ganzes Gesicht flammte, und die langen,
-dunkeln Wimpern zitterten. Ludmilla blickte träumend in die Ferne, ihre
-Wangen waren leicht gerötet. Sie fuhr fort:
-
-»Das zarte und sonnige Zyklamen erfreut uns; es erregt in uns ein
-Verlangen, welches süß ist und davor wir erschrecken; es macht unser
-Blut flammend. Begreif es wohl, mein Sonnenprinz, es ist so tief, und
-süß, und weh; es ist, daß man weinen möchte. Begreifst du das? So ist
-dieses Blümlein.«
-
-Und ihre Lippen neigten sich zu einem langen Kuß auf Saschas Mund.
-
- * * * * *
-
-Ludmilla blickte nachdenklich vor sich hin. Plötzlich zuckte ein
-schelmisches Lächeln um ihre Lippen. Ganz leise stieß sie Sascha fort
-und fragte:
-
-»Liebst du rote Rosen?«
-
-Sascha seufzte tief, öffnete die Augen, lächelte und flüsterte:
-
-»Ja, ich liebe sie.«
-
-»Die großen, roten?« fragte Ludmilla.
-
-»Alle liebe ich, die großen und kleinen,« sagte er keck und sprang mit
-einer geschickten knabenhaften Bewegung von ihrem Schoß.
-
-»Wirklich auch die roten?« fragte Ludmilla zärtlich, und ihre helle
-Stimme zitterte vor verhaltenem Lachen.
-
-»Ja, ich liebe sie,« sagte er rasch.
-
-Ludmilla lachte und wurde rot.
-
-»Du liebst also die roten; du liebst Ruten, -- o du dummer Junge; schade
-nur, daß niemand da ist, der dich verprügeln könnte,« rief sie.
-
-Beide lachten und wurden rot.
-
-Diese notwendigerweise noch harmlosen Gefühlswallungen waren Ludmillas
-ganze Freude in ihrer Freundschaft zu Sascha. Sie erregten, -- und waren
-doch so ganz anders als die groben und widerlichen Annäherungsversuche
-der Männer ...
-
- * * * * *
-
-Sie stritten, wer von ihnen der Stärkere wäre. Ludmilla sagte:
-
-»Meinetwegen bist du der Stärkere. Es kommt aber nur darauf an, wer
-gewandter ist.«
-
-»Ich bin auch gewandt,« renommierte Sascha.
-
-»Ach geh, du und gewandt!« neckte Ludmilla.
-
-Lange stritten sie noch. Endlich schlug Ludmilla vor:
-
-»Wollen wir ringen!«
-
-Sascha lachte und sagte selbstgefällig:
-
-»Sie können nicht mit mir fertig werden!«
-
-Ludmilla kitzelte ihn.
-
-»Sind Sie so!« rief er lachend, machte sich mit einem Ruck frei und
-faßte sie um die Hüften.
-
-So kam es zu einer Balgerei. Ludmilla merkte sofort, daß Sascha stärker
-war. Mit Kraft allein konnte sie nicht gegen ihn aufkommen, daher
-wartete sie auf einen günstigen Augenblick und stellte ihm ein Bein, --
-er stürzte und zog Ludmilla im Fallen nach sich. Doch Ludmilla wußte
-sich geschickt zu befreien und drückte ihn zu Boden. Sascha rief
-verzweifelt:
-
-»Das ist unehrlich!«
-
-Aber Ludmilla kniete auf seiner Brust und drückte ihn mit den Händen zu
-Boden. Sascha suchte mit Gewalt freizukommen, doch Ludmilla kitzelte ihn
-wieder. Beide lachten unbändig. Vor lauter Lachen mußte sie ihn
-schließlich loslassen und blieb auf dem Boden liegen. Sascha sprang auf.
-Er war ganz rot geworden und sehr enttäuscht.
-
-»Nixe!« rief er.
-
-Und die Nixe lag auf dem Boden und lachte aus vollem Halse.
-
- * * * * *
-
-Ludmilla nahm Sascha zu sich auf den Schoß. Das Ringen hatte sie
-erschöpft, jetzt blickten sie einander fröhlich in die Augen und
-lächelten.
-
-»Ich bin zu schwer für Sie,« sagte Sascha, »ich werde Ihre Knie
-plattdrücken, lassen Sie mich lieber neben Ihnen sitzen.«
-
-»Das macht nichts, bleib nur,« antwortete Ludmilla sanft, »du hast doch
-selber gesagt, daß du es liebtest zärtlich zu sein.«
-
-Sie streichelte seine Stirn. Er schmiegte sich dicht an sie. Sie sagte:
-
-»Du bist sehr hübsch.«
-
-Sascha wurde rot und lachte.
-
-»Was nicht gar!« sagte er.
-
-Dieses Gespräch über die Schönheit in Anwendung auf ihn selber verwirrte
-ihn; er hatte noch nie darüber nachgedacht, ob die Menschen ihn für
-hübsch oder für häßlich hielten.
-
-Ludmilla kniff ihn in die Wange. Sascha lächelte. Auf der Wange war ein
-roter Fleck geblieben. Das sah hübsch aus. Ludmilla kniff auch die
-andere Backe. Sascha wehrte sich nicht. Er nahm nur ihre Hand, küßte sie
-und sagte:
-
-»Kneifen Sie nicht mehr, es schmerzt doch, und auch Ihre Fingerchen
-werden hart werden.«
-
-»Ach, es schmerzt ja gar nicht,« sagte Ludmilla gedehnt, »seit wann
-schneidest du denn Komplimente?«
-
-»Ich habe keine Zeit mehr, ich muß noch lernen. Seien Sie noch ein wenig
-lieb zu mir. Das wird mir Glück bringen, und ich werde im Griechischen
-die Note Fünf erhalten.«
-
-»Du willst mich wohl forthaben!« sagte Ludmilla.
-
-Sie nahm seine Hand und streifte den Aermel seiner Jacke über den
-Ellenbogen hinauf.
-
-»Wollen Sie mich schlagen?« fragte Sascha verlegen und errötete
-schuldbewußt.
-
-Aber Ludmilla war ganz in Betrachtung des Armes versunken; sie drehte
-ihn hin und her.
-
-»Du hast sehr schöne Arme,« sagte sie laut und fröhlich und küßte den
-Arm.
-
-Sascha wurde ganz rot. Er wollte den Arm fortreißen, aber Ludmilla hielt
-ihn sehr fest und küßte ihn noch einigemale. Sascha wurde ganz still,
-und ein merkwürdiger Ausdruck legte sich um seine halblächelnden,
-purpurnen Lippen, -- und eine Blässe flog über seine von dichten Wimpern
-beschatteten, glühenden Wangen.
-
-Sie verabschiedete sich. Sascha hatte Ludmilla bis zum Gartenpförtchen
-begleitet. Er wäre auch weiter gegangen, aber sie erlaubte es nicht. Er
-blieb am Pförtchen stehen und sagte:
-
-»Liebste, komm öfter zu mir, und bring mir was recht Schönes, Süßes
-mit.«
-
-Dieses erste »Du« aus seinem Munde klang Ludmilla wie ein zartes
-Liebesgeständnis. Sie umarmte ihn stürmisch, sie küßte ihn und lief
-davon. Sascha blieb wie betäubt stehen.
-
- * * * * *
-
-Sascha hatte versprochen zu kommen. Die verabredete Stunde war schon
-längst vorüber, -- er kam nicht. Ludmilla wartete ungeduldig,
-sehnsüchtig -- bange. Immer wieder lief sie ans Fenster, wenn sie
-draußen Schritte hörte. Die Schwestern lachten sie aus. Sie antwortete
-gereizt und erregt:
-
-»Laßt mich in Frieden!«
-
-Und dann machte sie ihnen die heftigsten Vorwürfe, weil sie lachten.
-Jetzt war es klar, -- Sascha würde nicht kommen. Sie weinte vor Kummer
-und Enttäuschung.
-
-»O weh, o weh, o der Kummer!« neckte sie Darja.
-
-Ludmilla flüsterte schluchzend, -- und vergaß vor lauter Gram sich
-darüber zu ärgern, daß man sie neckte:
-
-»Die alte, eklige Schachtel hält ihn fest; sie bindet ihn an ihre Röcke,
-damit er fleißig lernt.«
-
-Darja sagte mitfühlend:
-
-»Und er ist auch dumm genug und weiß sich nicht freizumachen.«
-
-»Mit einem Baby sich einzulassen,« murmelte Valerie verächtlich.
-
-Beide Schwestern verhielten sich teilnehmend zu Ludmillas Kummer,
-obgleich sie sie neckten. Sie liebten alle einander, wenn auch nicht
-herzlich, so doch zärtlich: eine oberflächliche, teilnehmende Liebe!
-Darja sagte:
-
-»Laß doch das Weinen; wegen eines grünen Jungen verdirbt man sich nicht
-die Augen. Es ist doch wirklich beinah, als steckte der Satan hinter dem
-Bengel.«
-
-»Wer ist der Satan?« rief Ludmilla heftig und wurde dunkelrot vor Zorn.
-
-»Liebes Kind,« antwortete Darja gelassen, »was hilft's, daß du jung
-bist, nur ...«
-
-Darja ließ den Satz unbeendet und pfiff schrill durch die Zähne.
-
-»Unsinn!« sagte Ludmilla und ihre Stimme hatte einen merkwürdig
-metallenen Klang.
-
-Ein eigentümlich hartes Lächeln huschte trotz der Tränen über ihr
-Gesicht; ein Lächeln ähnlich einem grell auffahrenden Strahl der
-untergehenden Sonne durch letzte, müde Regenschauer.
-
-Darja fragte empfindlich:
-
-»Sag mir bitte, was ist an ihm interessant?«
-
-Ludmilla antwortete nachdenklich und gemessen, -- und dasselbe
-wunderliche Lächeln spielte um ihr Gesicht:
-
-»Er ist schön! Und dann schlummert vieles in ihm, was noch nicht
-verausgabt ist!«
-
-»Gott, wie billig!« sagte Darja spöttisch. »Das dürfte bei allen Jungen
-zutreffen.«
-
-»Es ist nicht billig,« antwortete Ludmilla gereizt, »es gibt auch
-gemeine Jungen.«
-
-»Ist er vielleicht rein?« fragte Valerie; das Wort »rein« sagte sie
-nachlässig und verächtlich.
-
-»Du verstehst viel davon!« rief Ludmilla heftig, aber sie faßte sich
-gleich und sagte leise und verträumt:
-
-»Er ist unschuldig!«
-
-»Was nicht gar!« sagte Darja höhnisch.
-
-»Er ist im schönsten Alter,« sagte Ludmilla, »zwischen vierzehn und
-fünfzehn. Noch kann er gar nichts und versteht auch nichts, aber er ahnt
-alles, wirklich alles. Außerdem hat er keinen scheußlichen Bart.«
-
-»Auch ein Vergnügen!« sagte Valerie verächtlich die Achseln zuckend.
-
-Sie wurde traurig. Sie kam sich selber schwach, klein und zerbrechlich
-vor, und beneidete die Schwestern, -- Darja wegen ihres fröhlichen
-Lachens, und Ludmilla wegen ihres Kummers. Ludmilla sagte:
-
-»Ihr wollt nicht begreifen! Ich liebe ihn nicht so, wie ihr es glaubt.
-Es ist besser einen Knaben zu lieben als sich in eine gemeine, bärtige
-Fratze zu vergaffen. Ich liebe ihn unschuldig. Ich will nichts von ihm.«
-
-»Wenn du nichts von ihm willst, so laß ihn doch in Gottes Namen laufen!«
-antwortete Darja grob.
-
-Ludmilla wurde rot und etwas wie Schuldbewußtsein grub schwere Falten in
-ihre Stirn. Darja taten ihre Worte leid. Sie trat auf Ludmilla zu,
-umarmte sie und sagte:
-
-»Sei nicht böse! wir wollten dich nicht kränken.«
-
-Ludmilla brach in Tränen aus, schmiegte sich an Darjas Schulter und
-sagte traurig:
-
-»Ich weiß, daß ich nichts zu erhoffen habe. Er soll nur lieb zu mir
-sein, ganz klein wenig lieb.«
-
-»Wozu der Kummer!« sagte Darja hart, ging in die Mitte des Zimmers,
-stemmte die Arme in die Seiten und sang laut:
-
- »Diese Nacht, diese Nacht
- Kam mein Liebster
- Ins Kämmerlein ...«
-
-Valerie schüttelte sich vor Lachen. Und auch Ludmillas Augen blickten
-fröhlicher und schelmisch. Sie lief schnell in ihr Zimmer, und
-parfümierte sich mit einem lüsternen, betäubenden Parfüm, dessen Duft
-sie sinnlich erregte.
-
-Sie ging auf die Straße, ein wenig erregt, elegant und etwas
-aufdringlich in ihrer leichten, duftigen Toilette. Vielleicht treffe ich
-ihn, dachte sie. Und sie traf ihn.
-
-»Halloh!« rief sie vorwurfsvoll und freudig.
-
-Sascha wurde verlegen.
-
-»Ich hatte wirklich keine Zeit,« sagte er bedrückt, »immer diese
-Aufgaben, immer dies Lernen; wirklich, ich habe keine Zeit.«
-
-»Du lügst, mein Junge, -- komm gleich mit!«
-
-Er weigerte sich lachend, aber es war ihm anzusehen, daß er froh war,
-mitkommen zu dürfen. So brachte ihn Ludmilla glücklich nach Hause.
-
-»Da ist er!« rief sie triumphierend und führte Sascha in ihr Zimmer.
-
-»Warte nur, jetzt will ich mit dir abrechnen,« drohte sie und
-verriegelte die Tür, »niemand wird dich jetzt in Schutz nehmen.«
-
-Sascha hatte die Hände auf den Rücken gelegt und stand verlegen in der
-Mitte des Zimmers, ihm war sehr eigentümlich zumute. Es roch nach einem
-ihm unbekannten, schweren Parfum. Alles schien so feierlich und süß, und
-doch war etwas in diesem Geruch, das ihm zuwider war, das die Nerven
-erregte, wie etwa die Berührung von kleinen, flinken, glatten Schlangen.
-
-
-
-
- XVIII
-
-
-Peredonoff hatte eine Schülerwohnung besichtigt und kehrte jetzt heim.
-Ein plötzlicher Regenschauer überraschte ihn. Er überlegte, wohin er am
-besten gehen könne, um seinen neuen, seidenen Regenschirm der Nässe
-nicht auszusetzen. Jenseits der Straße erblickte er an einem kleinen,
-zweistöckigen Hause ein Schild mit der Aufschrift: Kontor. Notar
-Gudajewskji. Der Sohn des Notars war in der zweiten Klasse des
-Gymnasiums. Da beschloß Peredonoff hinzugehen und gleichzeitig den
-Schüler bei seinen Eltern zu verklagen.
-
-Beide, Vater und Mutter waren zu Hause. Man empfing ihn sehr aufgeregt
-und geschäftig. Aber alles in diesem Hause wurde so betrieben.
-
-Nikolai Michailowitsch Gudajewskji war nicht groß von Wuchs, kräftig
-gebaut, schwarzhaarig, mit einer Glatze auf dem Kopf, und trug einen
-langen, schwarzen Bart. Seine Bewegungen waren stets lebhaft und
-überraschend: er ging nicht, man konnte fast sagen: er kam wie ein
-Sperling angeschwirrt, und weder aus seinem Gesichtsausdruck noch aus
-seiner jeweiligen Stellung ließ sich entnehmen, was er im allernächsten
-Augenblick tun würde. So kam es z. B. vor, daß er mitten in einem
-Geschäftsgespräch ein Bein in die Luft schnellte, was weniger komisch
-wirkte, als daß es durch seine absolute Grundlosigkeit verblüffte. Zu
-Hause, oder wenn er zu Besuch war, pflegte er lange Zeit ganz ruhig zu
-sitzen, sprang dann plötzlich und ohne jeden ersichtlichen Grund auf,
-und ging eilig im Zimmer auf und ab, schrie, und stampfte mit dem Fuß.
-Wenn er auf der Straße ging, so kam es vor, daß er plötzlich stehen
-blieb, niederhuckte, sich setzte, oder einen Ausfall machte, oder sonst
-eine turnerische Bewegung ausführte, und dann wieder weiterging. Er
-liebte es in seinen Aktenstücken und Zeugnissen komische Randbemerkungen
-zu machen: z. B. statt einfach -- Iwan Iwanowitsch Iwanoff wohnhaft am
-Moskauer Platz, im Hause der Frau Jermiloff -- zu schreiben, wußte er
-von Iwan Iwanowitsch Iwanoff, welcher am Bazarplatze wohnhaft ist, also
-in jenem Stadtteil, der einem das Leben durch unerträglichen Gestank
-unmöglich macht usw. -- zu berichten; mitunter erinnerte er daran, daß
-jener Mann, dessen Unterschrift er hierdurch bestätige, Besitzer von so
-und so viel Hühnern und Gänsen wäre.
-
-Julia Petrowna Gudajewskaja war eine hochaufgeschossene, magere, dürre
-Person; sie war sehr leidenschaftlich, sehr sentimental und erinnerte in
-ihren Bewegungen, trotz der so ganz anders gearteten Größenverhältnisse,
-an ihren Mann: auch ihre Bewegungen waren unvermittelt, und gar nicht zu
-vergleichen mit den Bewegungen gewöhnlicher Leute. Sie pflegte sich sehr
-jugendlich und farbenfreudig zu kleiden, und bei ihren geschwinden
-Bewegungen wehten stets allerlei bunte Bänder mit denen sie ihre Frisur
-und ihre Kleider verschwenderisch zu schmücken liebte, in alle
-Richtungen.
-
-Anton, -- ihr Sohn, -- ein flinker, hochaufgeschossener Junge, machte
-eine artige Verbeugung. Man führte Peredonoff in den Salon und er begann
-gleich gegen Anton Klage zu führen: er wäre faul, unaufmerksam, schwatze
-und lache während des Unterrichts mit seinen Kameraden, und mache
-während der Pausen dumme Streiche. Anton war sehr verwundert, -- er
-hatte nicht geglaubt, ein so hartes Urteil zu verdienen, -- und
-verteidigte sich mit Feuereifer. Auch die Eltern waren sehr erregt.
-
-»Erlauben Sie mal,« schrie der Vater, »sagen Sie ganz genau, was seine
-Unarten sind?«
-
-»Nimm ihn nicht in Schutz,« schrie die Mutter, »er hat sich anständig zu
-betragen.«
-
-»Was hat er nun eigentlich verbrochen?« fragte der Vater; dabei rannte
-er im Zimmer hin und her; rollte förmlich auf seinen kurzen Beinchen.
-
-»So überhaupt,« sagte Peredonoff finster, »er treibt allerhand Unsinn,
-balgt sich und hat es faustdick hinter den Ohren.«
-
-»Ich habe mich nie gebalgt,« rief Anton kläglich, »fragen Sie wen Sie
-wollen, -- ich habe mich nie gebalgt.«
-
-»Er vertritt einem den Weg,« sagte Peredonoff.
-
-»Schön,« sagte Gudajewskji energisch, »ich werde ins Gymnasium gehn und
-den Inspektor fragen.«
-
-»O Nikolaij, warum glaubst du denn nicht?« schrie Julia Petrowna,
-»willst du, daß dein Sohn zum Verbrecher wird? Prügeln muß man ihn.«
-
-»Unsinn! Unsinn!« schrie der Vater.
-
-»Ich werde ihn züchtigen, ja das werde ich!« schrie die Mutter, packte
-Anton an der Schulter und wollte ihn fortschleppen: »komm nur, komm,
-mein Söhnchen, -- in der Küche will ich dich züchtigen.«
-
-»Du wirst es nicht tun!« brüllte der Vater, und entriß ihr den Jungen.
-
-Allein die Mutter gab nicht nach, Anton schrie verzweifelt, die Eltern
-stießen einander.
-
-»Helfen Sie mir, Ardalljon Borisowitsch,« schrie Julia Petrowna, »halten
-Sie diesen Lumpen fest, bis ich mit Anton abgerechnet habe.«
-
-Peredonoff kam ihr zu Hilfe. Aber Gudajewskji befreite seinen Sohn mit
-einem starken Ruck, stieß seine Frau heftig zur Seite, stellte sich vor
-Peredonoff hin und rief drohend:
-
-»Kommen Sie nicht näher! Wenn zwei Hunde sich beißen, mag der dritte
-fernbleiben! Unterstehn Sie sich!«
-
-Der Schweiß floß ihm von der Stirn, seine Haare waren zerzaust, sein
-Gesicht ganz rot vor Zorn, und mit geballter Faust fuchtelte er in der
-Luft.
-
-Peredonoff wich zurück und murmelte einige unverständliche Worte. Julia
-Petrowna lief wie ein Kreisel um ihren Mann herum und bemühte sich Anton
-zu fassen; der Vater deckte ihn mit seinem Rücken, zog ihn an den Händen
-bald nach rechts bald nach links. Julia Petrownas Augen funkelten und
-sie schrie:
-
-»Ein Verbrecher wird er werden! Ins Zuchthaus wird er kommen! Nach
-Sibirien wird man ihn schicken.«
-
-»Halt's Maul!« schrie Gudajewskji, »bell nicht, böses Scheusal!«
-
-»O, der Tyrann!« schrillte Julia Petrownas Stimme; sie sprang an den
-Mann heran und schlug ihn mit der Faust auf den Rücken, dann stürzte sie
-aus dem Zimmer.
-
-Gudajewskji ballte die Fäuste und sprang gegen Peredonoff an.
-
-»Sie sind hergekommen, um Zwietracht zu säen,« schrie er, »Anton macht
-Dummheiten, -- was? Sie lügen, er macht keine Dummheiten. Würde er sich
-schlecht betragen, so hätte ich es ohne Ihre Vermittlung längst
-erfahren. Mit Ihnen wünsche ich überhaupt nicht mehr zu reden. Sie
-schleichen durch die Stadt, und verstehen es vortrefflich, jeden dummen
-Esel zu betrügen und die Jungen zu prügeln. Wollen wohl Prügelmeister
-werden, -- he! Hier sind Sie an den Unrechten gekommen. Sehr geehrter
-Herr, ich ersuche Sie, mein Haus zu verlassen!«
-
-Während er so sprach, rückte er Peredonoff immer näher auf den Leib und
-hatte ihn schließlich in eine Ecke gedrängt. Peredonoff war sehr
-erschrocken und wäre froh gewesen, wenn er sich aus dem Staube hätte
-machen können. Im Eifer des Gefechts hatte Gudajewskji nicht bemerkt,
-daß er ihm den Weg vertrat. Anton hatte den Vater an den Rockschößen
-gepackt und versuchte ihn fortzuziehen. Der Vater schrie ihn an und
-schlug aus. Anton sprang geschickt zur Seite, ließ aber die Rockschöße
-nicht los.
-
-»Loslassen!« rief Gudajewskji, »Anton, hörst du!«
-
-»Papachen,« rief Anton und fuhr fort, den Vater zurückzuziehen, »du
-versperrst ihm den Weg.«
-
-Gudajewskji sprang sofort zur Seite, -- Anton hatte kaum Zeit,
-auszuweichen.
-
-»Verzeihen Sie,« sagte Gudajewskji auf die Türe weisend, »hier ist die
-Tür. Es liegt mir ferne, Sie zurückhalten zu wollen.«
-
-Peredonoff schritt eilig aus dem Salon. Gudajewskji machte eine lange
-Nase hinter ihm her und hob ein Bein in die Luft, als hätte er ihn
-hinausgeworfen. Anton kicherte. Gudajewskji berief ihn zornig:
-
-»Vergiß dich nicht Anton! Morgen noch fahre ich ins Gymnasium und sollte
-er die Wahrheit gesagt haben, übergebe ich dich der Mutter zur
-Züchtigung.«
-
-»Ich habe nichts getan, er lügt,« sagte Anton kläglich.
-
-»Vergiß dich nicht, Anton!« rief der Vater, »du darfst nicht sagen: er
-lügt, sondern: er hat sich versehen. Nur kleine Jungen lügen; erwachsene
-Leute können sich höchstens versehen.«
-
-Unterdessen hatte Peredonoff in das halbdunkle Vorzimmer hinausgefunden,
-hatte seinen Mantel genommen, und war gerade bemüht, ihn anzuziehen. In
-der Erregung und Angst konnte er die Aermel nicht finden. Keiner kam ihm
-zu Hilfe.
-
-Plötzlich öffnete sich eine Seitentür und Julia Petrowna kam
-hereingestürzt. Ihre Bänder rauschten und wehten, sie gestikulierte mit
-den Händen, hüpfte auf den Fußspitzen und flüsterte leidenschaftlich.
-Peredonoff konnte nicht gleich verstehen, was sie sagen wollte. »Ich bin
-Ihnen dankbar,« begriff er endlich, »es war vornehm von Ihnen, daß Sie
-kamen, und Ihre Teilnahme ist vornehm. Sonst sind alle Menschen so
-gleichgültig, aber Sie haben es verstanden einem armen Mutterherzen
-nachzufühlen. Es ist unendlich schwer, Kinder zu erziehen; unendlich
-schwer! Sie haben gar keine Vorstellung davon, wie schwer es ist. Ich
-habe zwei Kinder und weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Er ist ein
-Tyrann, ein fürchterlicher, entsetzlicher Mensch, nicht wahr? Sie haben
-ja selber gesehn?«
-
-»Ja,« brummte Peredonoff, »es war sehr eigentümlich von Ihrem Mann. Das
-geht doch nicht, ich bemühe mich um das Kind, und er ...«
-
-»O reden Sie nicht,« flüsterte Julia Petrowna, »er ist ein
-fürchterlicher Mensch. Er will mich unter die Erde bringen, würde sich
-freuen darüber. Meine Kinder will er ins Verderben stürzen, meinen
-lieben, guten Anton. Aber ich, -- ich bin die Mutter, das kann ich nicht
-dulden, und ich werde ihn doch züchtigen.«
-
-»Er wird es verbieten,« sagte Peredonoff, und machte mit dem Kopf eine
-Bewegung zum Salon hin.
-
-»Aber er wird in den Klub gehen. Da kann er den Anton nicht mitnehmen.
-Ich werde so lange schweigen, -- als wäre ich mit allem einverstanden,
--- bis er sich aufgemacht hat. Ist er fort, so werde ich den Jungen
-züchtigen und Sie werden mir dabei helfen. Nicht wahr, Sie werden mir
-doch helfen?«
-
-Peredonoff dachte nach. Dann sagte er:
-
-»Gut, aber wie soll ich wissen -- wann?«
-
-»Ich werde nach Ihnen schicken,« zischelte Julia Petrowna freudig
-erregt, »verlassen Sie sich darauf, kaum ist er in den Klub gegangen,
-werde ich es Sie wissen lassen.«
-
- * * * * *
-
-Am Abend erhielt Peredonoff ein Briefchen von der Gudajewskaja. Er las:
-
- »Verehrter Ardalljon Borisowitsch!
-
- Mein Mann ist soeben in den Klub gegangen und bis ein Uhr nachts
- bin ich den Tyrannen los. Seien Sie so liebenswürdig und kommen
- Sie so schnell als möglich um mir bei der Züchtigung meines
- mißratenen Kindes beizustehen. Ich muß es in vollem Umfange
- anerkennen, daß man ihn aus erzieherischen Gründen strafen
- muß, solange er noch jung ist; später dürfte es erfolglos sein.
-
- Ihre Sie aufrichtig hochschätzende
- Julia Gudajewskaja.
-
- P. S. Bitte kommen Sie recht bald, sonst geht der Junge zu Bett,
- und wir müßten ihn wecken.«
-
-Peredonoff machte sich eilig auf den Weg. Um den Hals legte er sich
-einen warmen Schal und ging.
-
-»Wohin gehst du bei nachtschlafender Zeit?« fragte Warwara.
-
-»Ich habe zu tun,« sagte Peredonoff finster und stampfte hinaus.
-
-Warwara überlegte betrübt, daß sie wieder eine unruhige Nacht haben
-würde. Könnte man ihn doch dazu bewegen, recht bald zu heiraten. Dann
-würde sie schlafen können in der Nacht, am Tage -- wann sie nur wollte.
-Wie wundervoll wäre das.
-
- * * * * *
-
-Auf der Straße kamen Peredonoff Bedenken. Vielleicht ist das ganze nur
-eine Falle. Gudajewskji ist zu Hause. Beide werden mich packen und mich
-schlagen. Vielleicht ist es besser, ich kehre wieder um? Doch nein, bis
-zu ihrem Hause will ich gehen, -- das Weitere wird sich dann finden!
-
-Die Nacht war still, kühl und sehr dunkel. Sie umhüllte einen von allen
-Seiten, und man wagte seinen Fuß nur zögernd vorwärts zu setzen. Ein
-frischer Duft wehte von den Feldern herüber. Im Grase an den Zäunen
-raschelte es verstohlen und wisperte; alles ringsum war gespenstisch und
-unheimlich. Vielleicht verfolgte ihn jemand, schlich ihm nach? Alle
-Gegenstände verbargen sich im nächtlichen Grauen, als wäre in ihnen ein
-neues, dunkles Leben erwacht, das der Mensch nicht zu begreifen vermag
-und das ihm feindlich begegnet.
-
-Peredonoff ging leise durch die Straßen und flüsterte:
-
-»Es ist nichts zu sehen. Doch ich habe nichts Unrechtes vor. Was ich
-tue, tue ich aus Pflichtgefühl. So ist es.«
-
-Endlich stand er vor dem Hause des Notars. Nur in einem Fenster war
-Licht, -- sonst war alles dunkel. Ganz leise und vorsichtig stieg er die
-wenigen Stufen empor, die zum Flur führten. Er blieb stehen, legte sein
-Ohr an die Tür und horchte, -- alles blieb still. Ganz leicht berührte
-er den Messinggriff der Glocke, -- in der Ferne hörte man einen
-schwachen, zitternden Laut. Aber so schwach er auch war, -- er erfüllte
-Peredonoff mit Entsetzen, als müßten alle feindlichen Mächte von diesem
-Laut erwachen, und dieser einen Tür, vor der er stand, zueilen.
-Peredonoff lief geschwind die Stufen hinab und drückte sich an die
-Mauer.
-
-Einige Augenblicke vergingen. Sein Herz krampfte sich zusammen und
-arbeitete schwer.
-
-Dann hörte man leise Schritte und das Geräusch einer geöffneten Tür, --
-Julia Petrowna spähte vorsichtig auf die Straße und in der Dunkelheit
-schienen ihre schwarzen, lüsternen Augen zu funkeln.
-
-»Wer ist da?« fragte sie laut flüsternd.
-
-Peredonoff trat ein wenig vor und versuchte von unten durch den schmalen
-Türspalt zu blicken. Alles war dunkel und still. Dann fragte er ebenso
-flüsternd, -- und seine Stimme zitterte:
-
-»Ist Nikolaij Michailowitsch fort?«
-
-»Er ist fort, er ist fort!« flüsterte Julia Petrowna und nickte mit dem
-Kopf.
-
-Peredonoff blickte sich ängstlich um und folgte ihr ins dunkle Vorhaus.
-
-»Verzeihen Sie,« flüsterte Julia Petrowna, »ich nahm kein Licht mit. Man
-hätte uns sehen können. Gerüchte verbreiten sich schnell.«
-
-Sie ging voran und Peredonoff folgte ihr über einige Stufen in den Gang.
-Dort brannte ein kleines Lämpchen und beleuchtete matt die obersten
-Stufen. Julia Petrowna kicherte froh und leise, und ihre Bänder
-zitterten und raschelten von diesem Lachen.
-
-»Er ist fort,« flüsterte sie freudig, sah sich um und warf Peredonoff
-einen heißen, lüsternen Blick zu. »Ich fürchtete schon, er würde zu
-Hause bleiben, aus lauter Wut. Dann hielt er es nicht aus ohne sein
-Whistspiel. Auch das Dienstmädchen habe ich fortgeschickt, -- nur
-Lieschens Kindermädchen ist geblieben, -- sonst stört uns noch jemand!
-Die Menschen von heute sind ja so! ...«
-
-Von Julia Petrowna wehte es heiß, und sie selber war heiß und dürr, wie
-ein glimmender Span. Sie faßte Peredonoff einigemal am Arm, und von
-dieser raschen, flackernden Bewegung schienen flinke, flackernde
-Flämmchen über seinen Körper zu gleiten.
-
-Ganz leise, auf Zehenspitzen, schlichen sie durch den Gang vorbei, an
-einigen geschlossenen Türen und vor der letzten blieben sie stehen ...
-
- * * * * *
-
-Um Mitternacht ging Peredonoff heim. Jeden Augenblick konnte ihr Mann
-zurückkommen. Verdrießlich und traurig ging er durch die dunklen
-Straßen. Es schien ihm als hätte die ganze Zeit über jemand vor dem
-Hause gestanden, der ihm jetzt folgte. Er murmelte:
-
-»Ich war da in dienstlicher Angelegenheit. Ich bin unschuldig. Sie
-selber wollte es so. Mich wirst du nicht hintergehn, -- da bist du an
-den Unrechten geraten.«
-
-Warwara schlief noch nicht, als er heimkam. Vor ihr lagen Karten
-ausgebreitet.
-
-Peredonoff schien es, als hätte jemand durch die Tür schlüpfen können,
-während er eingetreten war ... Vielleicht hatte Warwara selber einen
-Feind eintreten lassen ... Peredonoff sagte:
-
-»Du willst Karten legen, während ich schlafe? Das paßt mir nicht, gib
-die Karten her; du willst mich behexen!«
-
-Er nahm die Karten und versteckte sie unter seinem Kopfkissen. Warwara
-grinste und sagte:
-
-»Hanswurst! Ich versteh ja gar nicht zu hexen, wozu auch!«
-
-Ihr Lachen ärgerte ihn und machte ihn bange: es bedeutet, dachte er, daß
-sie auch ohne Karten hexen kann. Dort unter dem Bett reckt sich der
-Kater und seine grünen Augen funkeln. Hexen kann man, wenn man im
-Dunkeln über sein Fell streicht, daß die Funken stieben. Dort unter dem
-Schrank treibt sich das schreckliche, graue gespenstische Tierchen um,
-vielleicht versteht Warwara es anzulocken, wenn sie in den Nächten so
-leise pfeift, daß man fast glauben könnte, sie schnarche nur.
-
-Peredonoff hatte einen fürchterlichen, drückenden Traum: Pjilnikoff war
-gekommen, stand auf der Schwelle, winkte ihm und lächelte. Eine geheime
-Kraft trieb ihn zu ihm hin; er folgte ihm und Pjilnikoff führte ihn
-durch dunkle, schmutzige Straßen, der Kater lief ihm zur Seite und seine
-grünen, bösen Augen leuchteten ...
-
-
-
-
- XIX
-
-
-Die Absonderlichkeiten in Peredonoffs Benehmen machten den Direktor
-Chripatsch von Tag zu Tag besorgter. Er fragte den Schularzt ernstlich,
-ob Peredonoff nicht den Verstand verloren hätte. Der Arzt antwortete
-lachend, Peredonoff besäße überhaupt nichts, was sich verrücken ließe
-und aus purer Dummheit triebe er allerlei Merkwürdiges. Dann liefen
-Klagen ein. Erst vom Fräulein Adamenko: sie übersandte dem Direktor ein
-Heft ihres Bruders mit der schlechtesten Note für eine gutgeschriebene
-Arbeit.
-
-Während einer Pause bat der Direktor Peredonoff in sein Sprechzimmer.
-
-Wahrhaftig, man könnte meinen, er ist verrückt, dachte Chripatsch, als
-er die Spuren von Angst und Entsetzen in Peredonoffs stumpfem, finsterem
-Gesichte sah.
-
-»Ich habe ein Anliegen an Sie,« sagte er kalt und schnell. »Jedesmal
-dröhnt mir der Kopf, wenn ich neben Ihnen Unterricht zu erteilen habe,
--- weil in Ihrer Klasse so übermäßig gelacht wird. Darf ich Sie
-vielleicht ersuchen, Unterricht nicht vorwiegend heiteren Inhalts zu
-erteilen. Scherzen und nur scherzen, ja wie soll das enden?«
-
-»Ich bin nicht schuld daran,« sagte Peredonoff böse, »sie lachen von
-selber. Außerdem kann man nicht nur über das Tüpfelchen auf dem I und
-über Kantemirs Satyren reden; dann sagt man wohl ein überflüssiges
-Wörtchen und die ganze Bande grinst. Man hält sie zu locker. Strammer
-sollte man sie anfassen.«
-
-»Es ist wünschenswert und sogar unbedingt erforderlich, daß die Arbeiten
-im Gymnasium mit Ernst betrieben werden,« sagte Chripatsch trocken.
-»Dann noch eins.«
-
-Er zeigte Peredonoff zwei Hefte und fuhr fort:
-
-»Hier sind zwei Arbeiten zweier Ihrer Schüler aus ein und derselben
-Klasse, -- die eine wurde von meinem Sohn geliefert, die andere -- von
-Adamenko. Ich nahm Gelegenheit, die beiden Arbeiten zu vergleichen, und
-kann nicht umhin, die Bemerkung zu machen, daß Sie sich nicht aufmerksam
-zu Ihren Pflichten verhalten. Adamenkos Arbeit, die durchaus
-befriedigend ist, haben Sie mit der schlechtesten Note zensiert, während
-meines Sohnes Arbeit, die bedeutend schlechter ist, eine gute Note
-erhalten hat. Augenscheinlich haben Sie sich versehen, -- dem einen
-Schüler die Note des andern gegeben und umgekehrt. Irren ist zwar
-menschlich, doch bitte ich in Zukunft, solche Versehen tunlichst zu
-vermeiden, denn sie erregen eine sehr begründete Unzufriedenheit, sowohl
-bei den Eltern, als bei den Schülern.«
-
-Peredonoff murmelte einige unverständliche Worte ...
-
-Aus Wut behandelte er seine Schüler in den darauffolgenden Stunden sehr
-schlecht, insbesondere die Jüngeren, die auf seine Klagen hin bestraft
-worden waren, so z. B. den Kramarenko. Der schwieg und wurde bleich --
-trotz seiner dunklen Gesichtsfarbe, -- und seine Augen blitzten.
-
-Kramarenko beeilte sich nicht nach Hause zu kommen, als die Stunden um
-waren. Er stand an der Pforte und sah sich die Leute an, die hinaus
-gingen. Als Peredonoff kam, folgte ihm der Junge in größerem Abstande,
-und wartete, bis die wenigen Passanten vorübergegangen waren.
-
-Peredonoff ging langsam. Das trübe Wetter stimmte ihn traurig. Der
-Ausdruck seines Gesichtes wurde von Tag zu Tage stumpfer. Sein Auge
-schien bald etwas in der Ferne Liegendes zu suchen, bald irrte es unstät
-umher. Es schien so als suchte er etwas, das hinter den Dingen läge und
-darum verdoppelten sich diese Dinge in seinen Augen, wurden trübe und
-gespenstisch.
-
-Wonach suchten seine Augen?
-
-Nach Spionen. Sie waren überall versteckt, zischelten, lachten. Seine
-Feinde hatten ihm eine ganze Armee von Spionen auf die Fersen gehetzt.
-Manchmal bemühte er sich, sie alle abzufangen. Aber sie fanden immer
-noch Zeit zu entfliehen, -- in einem Augenblick waren sie alle davon,
-als hätte sie die Erde verschluckt ...
-
-Peredonoff hörte, wie ein fester, kühner Schritt auf dem Bürgersteige
-ihm nacheilte; er sah sich erschreckt um, -- Kramarenko ging jetzt hart
-neben ihm und blickte ihn entschlossen und böse mit seinen flammenden
-Augen an. Er war bleich und schmächtig, und wie ein kleiner Wilder, der
-sich bereit macht, einen Feind zu überfallen.
-
-Peredonoff zitterte vor seinem Blick.
-
-Er wird mich beißen! -- dachte er.
-
-Er ging schneller, -- Kramarenko blieb an seiner Seite; -- er ging
-langsamer, -- auch Kramarenko ging langsamer. Da blieb er stehen und
-knurrte ärgerlich:
-
-»Was willst du von mir, Satansbengel! Warte nur, ich werde dich gleich
-zum Vater führen.«
-
-Auch Kramarenko war stehen geblieben und hörte nicht auf Peredonoff
-anzublicken. Jetzt standen die beiden einander gegenüber auf dem
-Brettersteig einer menschenleeren Straße, dicht an einem grauen, zu
-allem Lebendigen sich jedenfalls sehr gleichgültig verhaltenden Zaune.
-Kramarenko zischte, am ganzen Leibe bebend:
-
-»Schuft!«
-
-Dann lachte er auf und wandte sich, um fortzugehen. Er machte etwa drei
-Schritte, blieb dann wieder stehen und wiederholte lauter:
-
-»Schuft! Schweinehund!«
-
-Dann spuckte er aus und ging seiner Wege. Peredonoff sah ihm böse nach
-und machte sich dann auf den Heimweg. Verworrene, trübe Gedanken quälten
-ihn.
-
-Die Werschina rief ihn an. Sie stand hinter dem Zaun in ihrem Garten,
-hatte sich ein großes, schwarzes Tuch umgebunden und rauchte. Peredonoff
-erkannte sie nicht gleich. Im ersten Augenblick schien ihm ihre Gestalt
-drohend und unheilverkündend, -- eine schwarze Hexe stand da, dunkler
-Rauch stieg von ihr auf, und sie murmelte Beschwörungsformeln. Er
-spuckte aus und schlug ein Kreuz. Die Werschina lachte und fragte:
-
-»Was haben Sie nur, Ardalljon Borisowitsch?«
-
-Peredonoff blickte sie stumpf an und sagte endlich:
-
-»Ach, Sie sind es! Ich hatte Sie gar nicht erkannt.«
-
-»Das ist von guter Vorbedeutung: Ich werde bald reich werden,« sagte die
-Werschina.
-
-Peredonoff gefiel das nicht: er wollte selber reich werden.
-
-»Na ja,« sagte er böse, »wozu brauchen Sie Reichtümer. Es langt schon,
-was Sie haben.«
-
-»Ich werde das große Los gewinnen,« sagte die Werschina und lächelte
-schief.
-
-»O nein, _ich_ werde es gewinnen,« behauptete Peredonoff.
-
-»Dann werde ich in der ersten Ziehung gewinnen, und Sie in der zweiten,«
-sagte die Werschina.
-
-»Das lügen Sie,« sagte Peredonoff grob. »Das kommt überhaupt nicht vor,
-daß zwei Leute in derselben Stadt gewinnen. Ich sagte schon, daß _ich_
-gewinnen werde.«
-
-Die Werschina merkte, daß er sich ärgerte, und hörte auf zu
-widersprechen. Sie öffnete das Pförtchen und lockte ihn herein:
-
-»Warum stehen wir eigentlich hier. Kommen Sie doch herein. Murin ist
-eben da.«
-
-Der Name Murin erinnerte Peredonoff an etwas sehr Angenehmes: Imbiß und
-Schnaps. Darum ging er mit.
-
-Im Salon war es halbdunkel wegen der Bäume, die draußen dicht vor dem
-Hause wuchsen. Außer Martha, die heute besonders gut aufgelegt schien
-und sich ein seidenes Tüchlein mit einem roten Bande um den Hals
-gebunden hatte, war noch Murin da, -- auch er schien gut gelaunt, --
-sein Haar war noch zerzauster, als es sonst zu sein pflegte, -- und der
-schon ziemlich erwachsene Gymnasiast Witkewitsch: er machte der
-Werschina den Hof, weil er glaubte, daß sie in ihn verliebt wäre.
-Außerdem ging er mit dem Gedanken um das Gymnasium zu verlassen, die
-Werschina zu heiraten und dann ihr kleines Gut zu bewirtschaften.
-
-Murin stand auf, um Peredonoff zu begrüßen. Er ging ihm mit
-übertriebener Höflichkeit entgegen, sein Gesicht strahlte, die kleinen
-Aeuglein blinkten vergnügt, -- und das alles paßte durchaus nicht zu
-seiner ungeschlachten Figur, zu den zerzausten Haaren in denen hie und
-da kleine Strohhalme hängen geblieben waren.
-
-»In Geschäften bin ich da,« sagte er laut und heiser, »überall habe ich
-zu tun; bei dieser Gelegenheit verwöhnten mich die Damen hier mit einem
-Täßchen Tee.«
-
-»Ach was, Geschäfte,« sagte Peredonoff gereizt, »was haben Sie für
-Geschäfte? Sie sind nicht im Staatsdienst und verdienen sich das Geld
-einfach so. Da könnte ich ein anderes Liedchen singen.«
-
-»Geschäfte sind eben nichts anderes als fremdes Geld,« sagte Murin laut
-lachend.
-
-Die Werschina lächelte schief und bat Peredonoff, Platz zu nehmen. Der
-Tisch vor dem Sofa war dicht bestellt mit Gläsern, Teetassen,
-Saftschalen und Tellern. Außerdem stand darauf ein silberner
-Filigrankorb, dessen Boden mit einer kleinen, weißen Serviette bedeckt
-war, auf der süßes Gebäck und Mandelkuchen lagen, -- und eine Flasche
-Rum.
-
-Witkewitsch hatte sich auf ein kleines, muschelförmiges Glastellerchen
-eine umfangreiche Portion Saft gelegt. Mit sichtlichem Vergnügen aß
-Martha ein Stück Kuchen nach dem andern; Murins Teeglas roch stark nach
-Rum und die Werschina bewirtete Peredonoff, doch er wollte nicht Tee
-trinken.
-
-»Sie wollen mich vergiften,« dachte er. »Es ist am bequemsten, einen so
-aus der Welt zu schaffen. Man trinkt und merkt nichts; es gibt ja auch
-süße Gifte, -- dann kommt man nach Hause und verreckt.«
-
-Er ärgerte sich darüber, daß man für Murin Saft gebracht hatte, und es
-nicht für nötig gehalten hatte, als er gekommen war, eine bessere Sorte
-auf den Tisch zu stellen. Denn, überlegte er, -- sie haben allerhand
-Saft auf Lager, nicht nur Schellbeeren.
-
-Es verhielt sich in der Tat so, daß die Werschina gegen Murin ganz
-besonders zuvorkommend war. Sie war zu der Erkenntnis gekommen, daß von
-Peredonoff nicht mehr viel zu erwarten wäre, und suchte daher schon seit
-einiger Zeit nach einem andern passenden Freier für Martha. Der
-halbverwilderte Gutsbesitzer war es müde geworden, sich um junge Damen
-zu bewerben, die ihm gar nicht entgegenkommen wollten und, weil ihm
-Martha gefiel, so folgte er den Aufforderungen der Werschina gerne.
-
-Auch Martha war froh; -- war es doch ihr einziger Gedanke, sich zu
-verloben, dann zu heiraten und ihren eigenen Hausstand zu haben. Darum
-machte sie verliebte Augen, wenn sie Murin sah. Dieser vierzigjährige
-Riese mit seiner groben Stimme und dem ein wenig einfältigen Gesicht,
-schien ihr das Vorbild aller männlichen Kraft, Schönheit, Güte und
-Ritterlichkeit zu sein.
-
-Peredonoff bemerkte die verliebten Blicke, die Murin und Martha
-wechselten; er bemerkte es einfach aus dem Grunde, weil er erwartet
-hatte, daß Martha ihre Aufmerksamkeit ihm selber zuwenden würde.
-
-Aergerlich sagte er:
-
-»Da sitzt er, als wäre er ein Bräutigam und strahlt übers ganze
-Gesicht.«
-
-»Vor lauter Freude,« sagte Murin fröhlich und lebhaft, »weil ich meine
-Geschäfte so gut geregelt habe.«
-
-Er warf den Damen einen verständnisvollen Blick zu. Beide lächelten
-freundlich. Peredonoff zwinkerte verächtlich mit den Augen und fragte:
-
-»Du hast dich wohl verlobt? Wie groß ist die Mitgift?«
-
-Murin sagte, ohne diese Fragen zu beachten:
-
-»Natalie Aphanassjewna wird meinen Buben zu sich in Pension nehmen, Gott
-möge sie dafür segnen. Er wird hier wie in Abrahams Schoß leben und ich
-kann ganz ruhig sein, daß er nicht verdorben wird.«
-
-»Er wird zusammen mit Wladja dumme Streiche machen,« sagte Peredonoff
-mürrisch, »sie werden das Haus anzünden.«
-
-»Er soll sich nur unterstehn!« rief Murin energisch, »seien Sie ganz
-unbesorgt, verehrte Natalie Aphanassjewna: er wird sich so betragen, als
-wäre er auf Draht gezogen.«
-
-Die Werschina wollte diesem Gespräch ein Ende machen, lächelte schief
-und sagte:
-
-»Ich habe so ein Verlangen nach etwas Saurem.«
-
-»Wollen Sie Preiselbeeren mit Aepfeln? Soll ich bringen?« fragte Martha
-und sprang eilig auf.
-
-»Ja vielleicht bringen Sie, bitte!«
-
-Martha lief hinaus. Die Werschina sah ihr nicht einmal nach, -- sie
-hatte sich daran gewöhnt, Marthas Diensteifer als etwas ganz
-Selbstverständliches hinzunehmen. Sie saß still und ganz zurückgelehnt
-auf dem Sofa, rauchte in dichten, blauen Wolken und verglich die beiden
-Männer miteinander, den mürrischen, stumpfen Peredonoff und den
-fröhlichen, lebhaften Murin.
-
-Murin gefiel ihr bei weitem mehr. Er hatte ein gutmütiges Gesicht,
-Peredonoff konnte nicht einmal freundlich lächeln. Murin gefiel ihr
-überhaupt in allen Stücken: er war groß, kräftig gebaut, zuvorkommend,
-hatte eine angenehme, tiefe Stimme und begegnete ihr mit größter
-Ehrerbietung. Mitunter überlegte die Werschina, ob es nicht vorteilhaft
-wäre, wenn sie selber Murin heiraten würde. Solche Gedanken endeten aber
-immer mit einem großmütigen Verzicht ihrerseits zu Marthas Gunsten.
-
-»Jeder wird mich zur Frau nehmen,« dachte sie, vor allem, weil ich Geld
-habe, da kann ich wählen, wen ich will. Diesen jungen Mann da z. B.
-könnte ich ganz gut heiraten, und ihr Blick streifte wohlwollend das
-bleiche und gemeine, doch aber nicht unschöne Gesicht Witkewitschs. Der
-saß da, redete nur wenig, aß viel, blickte die Werschina an und lächelte
-gemein.
-
-Martha brachte den Preiselbeersaft mit Aepfeln in einem irdenen Gefäß.
-Dann erzählte sie von einem Traum, den sie in der vergangenen Nacht
-gehabt hätte: sie wäre auf der Hochzeit einer Freundin gewesen; hätte
-Ananas und Pfannkuchen mit Honig gegessen und in dem einen Pfannkuchen
-einen Hundertrubelschein gefunden. Man hätte ihr aber das Geld
-fortgenommen, und sie wäre darüber in Tränen ausgebrochen. Dann wäre sie
-aufgewacht.
-
-»Sie hätten das Geld unauffällig beiseite schieben müssen,« sagte
-Peredonoff verdrießlich, »wenn Sie nicht einmal im Traum ihr Geld zu
-halten wissen, wie wollen Sie dann überhaupt wirtschaften?«
-
-»Na an dem Gelde ist nicht viel verloren,« sagte die Werschina, »träumen
-kann man doch weiß Gott von allem Möglichen.«
-
-»Aber es tut mir so furchtbar leid, daß ich das Geld nicht behalten
-durfte,« sagte Martha treuherzig, »denken Sie nur, ganze hundert Rubel!«
-
-Ihr traten die Tränen in die Augen, und sie lachte gezwungen, um nicht
-weinen zu müssen. Murin suchte eifrig in seinen Taschen und rief:
-
-»Es soll Ihnen nicht leid tun, teuerste Martha Stanislawowna, es soll
-Ihnen nicht leid tun. Wir wollen es gleich wieder gut machen.«
-
-Er nahm einen Hundertrubelschein aus seiner Brieftasche, legte ihn vor
-Martha hin, schlug mit der Hand darauf und rief:
-
-»Wenn ich bitten darf! Den soll Ihnen keiner fortnehmen.«
-
-Martha freute sich, dann wurde sie plötzlich sehr rot und sagte
-verlegen:
-
-»Aber Wladimir Iwanowitsch, ich bitte Sie; so war es doch gar nicht
-gemeint. Ich kann es nicht annehmen; wirklich nicht!«
-
-»Tun Sie mir den Gefallen, und zürnen Sie mir nicht,« sagte Murin
-lächelnd und ließ das Geld liegen, »lassen Sie doch den Traum zur
-Wahrheit werden.«
-
-»Nein, nein; es geht wirklich nicht; ich schäme mich so, ich kann es
-unter gar keinen Umständen annehmen,« weigerte sich Martha und blickte
-gierig auf die Banknote.
-
-»Was zieren Sie sich, wenn man's Ihnen doch gibt,« sagte Witkewitsch,
-»es ist doch wirklich so, als wenn das Glück den Menschen in den Schoß
-fällt,« und neidisch blickte er auf das Geld.
-
-Murin hatte sich vor Martha hingestellt und bat sehr herzlich:
-
-»Liebste Martha Stanislawowna, glauben Sie doch nur, ich geb's von
-Herzen gerne; bitte, bitte nehmen Sie es doch. Und wollen Sie es nicht
-geschenkt haben, -- so sei es dafür, daß Sie auf meinen Jungen acht
-geben werden. Was ich mit Natalie Aphanassjewna besprochen habe, bleibt
-so wie es ist, und dieses hier ist dann für _Ihre_ Bemühungen um den
-Jungen.«
-
-»Aber es ist doch viel zu viel,« sagte Martha unsicher.
-
-»Fürs erste Halbjahr,« sagte Murin und machte eine sehr tiefe
-Verbeugung, »nehmen Sie es doch und bringen Sie meinem Jungen viel Liebe
-entgegen.«
-
-»Nun, Martha, nehmen Sie es doch,« sagte die Werschina, »und bedanken
-Sie sich bei Wladimir Iwanowitsch.«
-
-Martha wurde rot vor Freude und nahm das Geld.
-
-Murin dankte ihr zu wiederholten Malen.
-
-»Machen Sie nur gleich Hochzeit,« sagte Peredonoff wütend, »das wird
-billiger sein. So das Geld zum Fenster hinauszuwerfen!«
-
-Witkewitsch mußte lachen, die andern taten, als hätten sie nichts
-gehört. Dann fing die Werschina an, von Träumen zu erzählen, -- aber
-Peredonoff wollte nichts mehr hören und verabschiedete sich. Murin lud
-ihn zum Abendessen ein.
-
-»Ich muß zum Abendgottesdienst in die Kirche,« sagte Peredonoff.
-
-»Ardalljon Borisowitsch ist neuerdings so eifrig im Kirchenbesuch,«
-sagte die Werschina und lachte trocken.
-
-»Das war immer der Fall,« antwortete er, »ich glaube an Gott, nicht so
-wie andere Leute. Es ist möglich, daß ich im Gymnasium der einzige bin.
-Darum verfolgt man mich auch. Der Direktor ist ein Atheist.«
-
-»Aber kommen Sie doch, wenn Sie einen freien Abend haben,« sagte Murin.
-
-Peredonoff knüllte seine Mütze und sagte böse:
-
-»Ich habe überhaupt keine Zeit.«
-
-Dann aber erinnerte er sich an die vorzüglichen Getränke und Speisen bei
-Murin und sagte:
-
-»Am Montag kann ich kommen.«
-
-Murin war entzückt und forderte auch die Werschina und Martha auf.
-Peredonoff sagte aber:
-
-»Die Frauenzimmer sollen zu Hause bleiben. Sonst betrinkt man sich noch
-und läßt ein Wörtchen fallen, das die Zensur nicht passiert hat, und das
-ist unbequem in Gegenwart von Damen.«
-
-Als Peredonoff gegangen war, sagte die Werschina schmunzelnd:
-
-»Ein merkwürdiger Kauz, dieser Ardalljon Borisowitsch. Er möchte um
-alles Inspektor werden, doch scheint ihn Warwara an der Nase zu führen.
-Darum beträgt er sich so läppisch.«
-
-Wladja kam heraus, -- solange Peredonoff da war hielt er sich versteckt,
--- und sagte schadenfroh:
-
-»Des Schlossers Söhne haben irgendwo erfahren, daß Peredonoff sie
-angegeben hat.«
-
-»Sie werden ihm die Fensterscheiben einwerfen!« meinte Witkewitsch und
-lachte.
-
- * * * * *
-
-Alles auf der Straße erschien Peredonoff feindlich und drohend. Ein
-Hammel stand an einem Kreuzwege und glotzte ihn stumpfsinnig an. Dieser
-Hammel erinnerte so auffallend an Wolodin, daß Peredonoff erschrak. Er
-dachte, Wolodin hätte sich in den Hammel verwandelt, um ihn zu
-verfolgen.
-
-»Warum sollte das nicht möglich sein,« dachte er, »woher können wir das
-wissen. Es könnte wohl möglich sein. Die Wissenschaft ist noch nicht so
-weit, aber dieser oder jener weiß es doch. Die Franzosen z. B. sind ein
-gebildetes Volk, und doch gibt es in Paris Zauberer und Magier.«
-
-Ihm wurde bange.
-
-Dieser Hammel da könnte ausschlagen, dachte er.
-
-Das Tier blökte. Das klang gerade so wie Wolodins Lachen: häßlich,
-durchdringend, abgerissen.
-
-Ein wenig weiter traf er den Gendarmerieoberst. Peredonoff trat auf ihn
-zu und sagte flüsternd:
-
-»Geben Sie acht auf die Adamenko. Sie korrespondiert mit Sozialisten;
-sie ist vielleicht selber eine.«
-
-Rubowskji schwieg und sah ihn erstaunt an.
-
-Peredonoff ging weiter und dachte traurig: »Was läuft er mir immer in
-den Weg? Er beobachtet mich wohl, -- und überall hat er Schutzleute
-aufgestellt.«
-
-Die schmutzigen Straßen, die zerfallenen Häuser, der bewölkte Himmel,
-die bleichen, in Lumpen gehüllten Kinder -- das alles mußte traurig
-stimmen. Eine tiefe Schwermut lastete auf ihm.
-
-»Ein miserables Nest,« dachte er, »und die Menschen hier sind böse und
-gemein; ich muß mich in eine andere Stadt versetzen lassen; da werden
-sich alle Lehrer demütig vor mir verbeugen, und die Schüler werden vor
-mir zittern und flüstern: der Inspektor kommt. Es ist eine ganz andere
-Sache, wenn man erst Vorgesetzter ist.«
-
-»Der Herr Inspektor des zweiten Bezirkes im Gouvernement Ruban,«
-flüsterte er, »der Herr Staatsrat Peredonoff, hochwohlgeboren.« -- Und
-weiter, -- »man muß die Menschen nur zu nehmen wissen: Seine Exzellenz
-der Herr Direktor sämtlicher Volksschulen im Gouvernement Ruban, der
-wirkliche Staatsrat Peredonoff. Hut ab! Den Abschied einreichen! Fort!
-Wartet nur, ich will euch dressieren!«
-
-Peredonoffs Gesicht wurde gemein und herrisch. In seiner spärlichen
-Einbildung hielt er sich für einen großen, mächtigen Herren.
-
- * * * * *
-
-Als er nach Hause kam und seinen Ueberzieher im Vorhause ablegte, hörte
-er im Speisezimmer das abgerissene, schneidende Gelächter Wolodins. Da
-wurde er mutlos.
-
-»Er ist schon wieder da,« dachte er, »vielleicht beredet er mit Warwara,
-wie sie mich umbringen sollen. Darum lacht er auch, er freut sich, daß
-Warwara mit ihm einer Meinung ist.«
-
-Gereizt und traurig ging er ins Eßzimmer. Der Tisch war schon gedeckt.
-Warwara kam ihm besorgt entgegen.
-
-»Bei uns ist was passiert,« rief sie, »der Kater ist verschwunden.«
-
-»Nanu!« entfuhr es Peredonoff und Entsetzen packte ihn. »Warum habt ihr
-ihn laufen lassen?«
-
-»Ich kann ihn doch nicht mit dem Schwanz an meinen Rock binden!« sagte
-Warwara ärgerlich.
-
-Wolodin kicherte. Peredonoff dachte, daß der Kater vielleicht zum
-Gendarmerieoberst gelaufen wäre und dort alles, was er über ihn wußte,
-herschnurren würde, alles, z. B. wohin und warum er des Nachts
-ausgegangen war, -- davon wird er schnurren und noch von anderen Dingen,
-die nie geschehen sind. Schrecklich! Peredonoff setzte sich an den
-Tisch, er hielt den Kopf gebeugt und zerknitterte das Tischtuch. Was er
-dachte war traurig und unheimlich.
-
-»Es ist eine alte Geschichte, daß die Katzen aus der neuen Wohnung in
-die frühere zurücklaufen,« sagte Wolodin, »weil die Katzen sich an das
-Haus gewöhnen, aber nicht an ihre Herren. Man muß eine Katze schwindelig
-drehen, wenn man sie in die neue Wohnung bringt, und den Weg darf man
-ihr auch nicht zeigen, sonst läuft sie unbedingt fort.«
-
-Das beruhigte Peredonoff.
-
-»Du glaubst also, daß er in die alte Wohnung zurückgelaufen ist?« fragte
-er.
-
-»Unbedingt, unbedingt,« antwortete Wolodin.
-
-Peredonoff erhob sich und rief:
-
-»Darauf trinken wir eins, Pawluschka!«
-
-Wolodin kicherte.
-
-»Trinken wir eins,« wiederholte er, »trinken kann man stets und gerne.«
-
-»Aber der Kater muß wieder hergeschafft werden,« bestimmte Peredonoff.
-
-»So ein Schatz!« antwortete Warwara lachend; »nach dem Essen will ich
-das Mädchen hinüberschicken.«
-
-Das Essen wurde aufgetragen. Wolodin war ausgelassen, lachte und
-schwatzte. Sein Lachen klang Peredonoff genau so wie das Blöken jenes
-Hammels, den er auf der Straße getroffen hatte.
-
-Warum führt er Böses gegen mich im Schilde? dachte Peredonoff. Was hat
-er nur davon?
-
-Dann kam es ihm in den Sinn, Wolodin würde sich besänftigen lassen.
-
-»Hör mal, Pawluschka,« sagte er, »wenn du versprichst, nichts gegen mich
-zu unternehmen, werde ich dir wöchentlich ein Pfund Bonbons schenken;
-von der feinsten Sorte! Lutsch daran auf mein Wohl!«
-
-Wolodin lachte auf; dann wurde er gleich wieder ernst, machte ein
-gekränktes Gesicht und sagte:
-
-»Ich habe keineswegs im Sinne, dir zu schaden, Ardalljon Borisowitsch;
-außerdem will ich keine Bonbons, weil ich sie gar nicht mag.«
-
-Peredonoff ließ den Mut sinken. Warwara sagte lachend:
-
-»Laß doch die Dummheiten, Ardalljon Borisowitsch! Wodurch sollte er dir
-denn schaden?«
-
-»Jeder Idiot kann einem was anhaben!« sagte Peredonoff gedehnt.
-
-Wolodin streckte seine Unterlippe vor, schüttelte den Kopf und sagte:
-
-»Wenn Sie, Ardalljon Borisowitsch, so über mich zu denken belieben, so
-kann ich darauf nur erwidern: ich danke Ihnen bestens! Wenn Sie so über
-mich denken, was bleibt mir dann zu tun übrig? Wie habe ich das zu
-verstehen und in welchem Sinne?«
-
-»Sauf Schnaps, Pawluschka, und gib mir auch einen,« sagte Peredonoff.
-
-»Nehmen Sie es ihm nicht übel, Pawel Wassiljewitsch,« versuchte Warwara
-Wolodin zu beruhigen, »er redet nur so in den Tag herein. Er weiß ja
-selber nicht, was er spricht.«
-
-Wolodin schwieg still, machte immer noch ein gekränktes Gesicht und goß
-Schnaps aus der Flasche in die Gläser. Warwara sagte:
-
-»Wie kommt es nur, Ardalljon Borisowitsch, daß du den Schnaps trinkst,
-den er dir eingeschenkt hat? Er könnte ihn doch z. B. behext haben, --
-siehst du nicht, er murmelt etwas, seine Lippen bewegen sich.«
-
-Peredonoff erschrak. Er ergriff das Glas, in welches Wolodin eben erst
-eingeschenkt hatte, spritzte den Inhalt gegen die Wand und murmelte
-hastig eine Beschwörungsformel.
-
-Dann wandte er sich zu Wolodin, drohte ihm mit der Faust und sagte
-wütend:
-
-»Ich bin schlauer als du!«
-
-Warwara lachte aus vollem Halse. Wolodin sagte mit gekränkter,
-zitternder Stimme, -- es klang tatsächlich wie ein Blöken:
-
-»_Sie_ kennen allerhand Zaubersprüche, Ardalljon Borisowitsch, und
-benutzen sie auch; ich habe mich aber niemals mit der Magie abgegeben.
-Ich bin weder gewillt noch imstande, Ihren Schnaps und gleichviel was
-für Dinge zu behexen; hingegen scheint es mir nicht unmöglich, daß Sie
-selber mir alle Bräute forthexen.«
-
-»Noch was,« sagte Peredonoff böse, »was mach ich mit deinen Bräuten, da
-kann ich mir schon was Besseres aussuchen.«
-
-»Geben Sie acht,« fuhr Wolodin fort, »Sie sitzen im Glashause und werfen
-mit Steinen!«
-
-Peredonoff faßte erschreckt nach seiner Brille:
-
-»Was redest du da,« brummte er, »deine Zunge geht wie ein Mühlrad.«
-
-Warwara blickte Wolodin vorwurfsvoll an und sagte ärgerlich:
-
-»Reden Sie keinen Unsinn, Pawel Wassiljewitsch; essen Sie Ihre Suppe,
-sonst wird sie kalt. Ein Schwätzer sind Sie!«
-
-Im stillen dachte sie, daß Ardalljon Borisowitsch vielleicht recht daran
-getan hätte, sich zu verschwören. Wolodin schwieg still und aß seine
-Suppe. Es entstand eine kurze Pause. Dann sagte Wolodin mit gekränkter
-Stimme:
-
-»Ich habe heute nicht umsonst geträumt, daß man mich mit Honig
-zuschmierte. Sie, Ardalljon Borisowitsch, haben mich beschmutzt.«
-
-»Ihnen muß man noch ganz anders kommen,« sagte Warwara böse.
-
-»Was habe ich denn getan? Ich möchte es doch gerne erfahren. Mir
-scheint, ich bin durchaus unschuldig,« sagte Wolodin.
-
-»Sie haben ein niederträchtiges Maulwerk,« erklärte Warwara. »Man soll
-nicht alles aussprechen, was einem auf die Zunge kommt: -- alles zu
-seiner Zeit.«
-
-
-
-
- XX
-
-
-Am Abend ging Peredonoff in den Klub; man hatte ihn zu einer
-Kartenpartie gebeten. Auch der Notar Gudajewskji war gekommen, derselbe
-über dessen Sohn Peredonoff noch vor wenigen Tagen eine scharfe
-Auseinandersetzung mit ihm gehabt hatte. Peredonoff erschrak, als er ihn
-sah. Gudajewskji verhielt sich aber ganz still und Peredonoff beruhigte
-sich wieder.
-
-Man spielte lange und trank viel. Es war schon spät in der Nacht, als
-Gudajewskji plötzlich auf Peredonoff zustürzte, ihn ohne weitere
-Erklärung einigemal ins Gesicht schlug und ihm dabei die Brille
-zerschlug. Dann entfernte er sich ebenso plötzlich und verließ das
-Lokal. Peredonoff leistete nicht den geringsten Widerstand, stellte sich
-betrunken, ließ sich zu Boden fallen und schnarchte. Man rüttelte ihn
-auf und brachte ihn nach Hause.
-
-Tags darauf sprach man in der ganzen Stadt von der Affäre.
-
-Am selben Abend hatte Warwara endlich eine günstige Gelegenheit
-gefunden, um von Peredonoff den ersten gefälschten Brief zu entwenden.
-Die Gruschina hatte es als unbedingt erforderlich verlangt, damit bei
-einem etwaigen Vergleich der beiden Briefe keine Unterschiede zu finden
-wären. Sonst pflegte Peredonoff diesen Brief bei sich zu tragen, --
-heute aber hatte er ihn ganz zufällig vergessen: als er sich umkleidete,
-hatte er ihn aus der Rocktasche genommen und ihn unter ein Lehrbuch auf
-die Lade gelegt. Da war er liegen geblieben.
-
-Warwara verbrannte ihn dann in Gegenwart der Gruschina.
-
-Als Peredonoff spät in der Nacht heimkehrte, und als Warwara die
-zerbrochene Brille bemerkte, sagte er ihr, die Gläser wären von selber
-geplatzt. Sie glaubte es, und meinte die böse Zunge Wolodins wäre schuld
-daran. Auch Peredonoff glaubte an die böse Zunge Wolodins.
-
-Uebrigens hörte Warwara schon tags darauf von der Gruschina alle
-Einzelheiten über die Prügelei im Klub.
-
-Als Peredonoff sich am Morgen ankleidete, fiel ihm der Brief ein, er
-konnte ihn nirgends finden, und erschrak heftig. In wilder Aufregung
-schrie er:
-
-»Warwara, wo ist der Brief?«
-
-Warwara verlor die Fassung.
-
-»Was für ein Brief?« fragte sie und blickte Peredonoff erschreckt und
-böse an.
-
-»Von der Fürstin!« schrie Peredonoff.
-
-Warwara hatte Zeit gehabt, sich zu sammeln. Sie lächelte gemein und
-sagte:
-
-»Woher soll ich es wissen. Du hast ihn wohl in den Papierkorb geworfen
-und Klawdja wird ihn verbrannt haben. Such ihn doch selber. Vielleicht
-steckt er irgendwo.«
-
-Peredonoff ging in trübster Stimmung in das Gymnasium. Die
-Unannehmlichkeiten von gestern Abend fielen ihm ein. Dann dachte er an
-Kramarenko: wie durfte sich dieser unverschämte Bengel unterstehen, ihn
-einen Schweinehund zu nennen. Das bedeutete mit andern Worten: der
-Schüler hat keinen Respekt vor ihm -- dem Lehrer. Vielleicht hatte der
-Junge etwas Schlimmes über ihn in Erfahrung gebracht. Vielleicht wollte
-er ihn angeben.
-
-Während des Unterrichts starrte ihn Kramarenko unentwegt an und
-lächelte. Das erregte Peredonoff noch mehr.
-
-Nach der dritten Stunde wurde er zum Direktor gebeten. Ihm ahnte nichts
-Gutes, aber er ging.
-
-Von allen Seiten waren bei Chripatsch Klagen eingelaufen. Noch heute
-morgen hatte man ihm von den Ereignissen des gestrigen Abends im Klub
-erzählt. Dann war gestern nach dem Unterricht der Schüler Wolodja
-Bultjakoff zu ihm gekommen, um sich über Peredonoff zu beschweren: auf
-Peredonoffs Angaben hin hätte ihn seine Pensionsmutter bestraft. Nun
-fürchtete der Junge einen zweiten Besuch Peredonoffs mit ähnlichen
-Folgen und hatte sich rasch entschlossen an den Direktor gewandt.
-
-Mit seiner trocknen, scharfen Stimme machte Chripatsch Peredonoff
-Mitteilung von den Gerüchten, die zu ihm gedrungen waren, »es sind
-zuverlässige Quellen,« fügte er hinzu, nämlich, daß Peredonoff die
-Schüler in ihren Wohnungen aufsuche und deren Eltern und Erziehern
-durchaus unzuverlässige Angaben mache über Betragen und Fortschritte der
-Kinder und außerdem verlange, man solle den Jungen züchtigen. Hieraus
-ergeben sich dann mitunter die unangenehmsten Konflikte mit den Eltern,
-wie z. B. gestern abend im Klub mit dem Notar Gudajewskji.
-
-Peredonoff hörte wütend und doch geängstigt zu. Jetzt schwieg
-Chripatsch.
-
-»Nun, was ist denn dabei,« sagte Peredonoff böse, »er geht mit den
-Fäusten drauf los; ist das etwa schicklich? Er hatte nicht das geringste
-Recht dazu, mir in die Fratze zu fahren. Er geht nie in die Kirche,
-glaubt an einen Affen und will den Sohn zur selben Sekte bekehren. Man
-muß ihn denunzieren, -- er ist Sozialist.«
-
-Chripatsch blickte aufmerksam auf Peredonoff und sagte eindringlich:
-
-»Das geht uns absolut nichts an; auch verstehe ich durchaus nicht, was
-Sie eigentlich mit der originellen Bezeichnung »an einen Affen glauben«
-zu meinen belieben. Ich glaube, man täte gut daran, die
-Religionsgeschichte mit neu erfundenen Kultusformen nicht zu bereichern.
-Bezüglich der Ihnen widerfahrenen Kränkung aber würde ich es für ratsam
-erachten, die Sache vors Gericht zu bringen. Im übrigen täten Sie
-vielleicht gut daran, -- Ihre Stellung in unserm Gymnasium aufzugeben.
-Das wäre der beste Ausweg, -- sowohl in Ihrem eigenen Interesse als in
-dem des Gymnasiums.«
-
-»Ich will Inspektor werden,« entgegnete Peredonoff böse.
-
-»Bis zu jenem Zeitpunkte aber,« fuhr Chripatsch fort, »haben Sie Ihre
-merkwürdigen Spaziergänge einzustellen. Sie müssen doch zugeben, daß ein
-solches Betragen einem Pädagogen nicht geziemt, außerdem aber die
-Autorität der Lehrer bei den Schülern untergräbt. In die
-Schülerwohnungen gehn, um die Jungen zu prügeln, -- das ...«
-
-Chripatsch beendete den Satz nicht. Er zuckte nur mit den Schultern.
-
-»Was ist denn dabei?« entgegnete Peredonoff wiederum, »ich tue es doch
-zu ihrem Besten.«
-
-»Ich bitte, wir wollen nicht streiten,« unterbrach ihn Chripatsch
-schroff, »ich verlange von Ihnen ein für allemal, daß solche Sachen sich
-nicht wiederholen.«
-
-Peredonoff blickte den Direktor böse an.
-
-Man hatte beschlossen, heute abend den Umzug in die neue Wohnung
-festlich zu feiern. Alle Bekannten waren geladen. Peredonoff ging durch
-die Zimmer und sah nach, ob alles in Ordnung war, vor allem aber, ob
-nirgend Dinge wären, deretwegen man ihn hätte denunzieren können.
-
-»Es scheint, alles ist in Ordnung,« dachte er: »verbotene Bücher sind
-nicht zu sehen, die Lampen vor den Heiligenbildern brennen, die
-Kaiserbilder hängen am Ehrenplatze an der Wand.«
-
-Plötzlich fiel es ihm ein, daß das Porträt Mizkewizschs an der Wand
-hing.
-
-Da hätte ich schön hereinfallen können, dachte er erschreckt, nahm das
-Bild herunter und trug es ins Klosett. Dort vertauschte er es gegen das
-Porträt Puschkins, welches nun wieder in das Eßzimmer aufrückte.
-
-Puschkin war immerhin hoffähig, dachte er, während er das Bild am Nagel
-befestigte.
-
-Dann fiel es ihm ein, daß man am Abend Karten spielen würde, und er
-beschloß, die Karten zu besehen. Er nahm ein Spiel zur Hand, das nur
-einmal benutzt worden war und blätterte es durch, als suche er nach
-etwas. Die Gesichter der Bilder gefielen ihm nicht: sie hatten so
-merkwürdige Augen.
-
-In der letzten Zeit war es ihm beim Spielen aufgefallen, daß die Karten
-so schmunzelten, wie Warwara es zu tun pflegte. Sogar irgend eine
-nichtswürdige Pik-sechs sah so unverschämt drein und watschelte
-unanständig daher.
-
-Peredonoff nahm alle Karten, so wie sie gerade lagen, und stach den
-Bildern mit einer spitzen Schere die Augen aus, sie sollten nicht mehr
-so starren. Erst tat er es mit den vorhandenen alten Spielen, dann
-öffnete er zu gleichem Zwecke die noch nicht benutzten Spiele. Diese
-Arbeit verrichtete er ängstlich umherspähend, als fürchte er von jemand
-ertappt zu werden.
-
-Zu seinem Glück hatte Warwara in der Küche zu tun und ließ sich im
-Wohnzimmer nicht blicken, -- wie hätte sie auch eine solche Menge von
-Speisen unbeaufsichtigt lassen können: Klawdja hätte es sofort
-ausgenutzt. Wenn sie etwas im Eßzimmer brauchte, so schickte sie
-Klawdja. Jedesmal wenn das Mädchen eintrat, zuckte Peredonoff zusammen,
-versteckte die Schere in seiner Tasche und tat, als wäre er eifrig
-dabei, eine Patience zu legen.
-
-Während nun Peredonoff auf diese Weise bemüht war, die Könige und Damen
-ihres Sehvermögens zu berauben, drohte ihm von ganz anderer Seite ein
-peinliches Ereignis.
-
-Jenen Hut, den er seinerzeit in der alten Wohnung auf den Ofen geworfen
-hatte, um ihn ein für allemal loszusein, -- hatte die Jerschowa
-gefunden. Sie kam zur Ueberzeugung, daß man den Hut mit Absicht
-dagelassen hatte: ihre früheren Mieter haßten sie, und da ist es doch
-sehr wahrscheinlich, dachte die Jerschowa, daß jene, um sich zu rächen,
-etwas in den Hut hineingehext haben, was zur Folge haben konnte, daß
-sich keine Mieter für die leerstehende Wohnung mehr fänden. Aergerlich
-und geängstigt brachte sie den Hut zu einem Weibe, welches im Rufe der
-Zauberei stand.
-
-Diese betrachtete den Hut von allen Seiten, murmelte geheimnisvolle,
-düstere Worte, spuckte kräftig und sagte:
-
-»Sie haben dir Uebles getan, so sollst du ihnen auch Uebles antun. Ein
-mächtiger Zauberer hat gehext, aber ich bin schlauer, -- und will seine
-Kraft zähmen, daß er sich krümmen soll.«
-
-Dann besprach sie lange den Hut und nachdem sie ein schönes Geldgeschenk
-von der Jerschowa erhalten hatte, befahl sie ihr, den Hut dem ersten
-rothaarigen Jungen, den sie treffen würde, mit der Weisung zu übergeben,
-ihn in Peredonoffs Wohnung abzuliefern und dann ohne sich umzusehn
-davonzulaufen.
-
-Es traf sich so, daß der erste rothaarige Junge, den die Jerschowa traf,
-einer der beiden Schlossersöhne war, die etwas gegen Peredonoff im
-Schilde führten, weil er sie seinerzeit angegeben hatte. Der Junge
-erhielt einen Fünfer und machte sich ein Vergnügen daraus, dem Auftrage
-nicht nur gewissenhaft nachzukommen, sondern auch zum Ueberflusse
-unterwegs den Hut gehörig vollzuspucken. Im dunklen Vorhause bei
-Peredonoff traf er Warwara; er steckte ihr den Hut zu und lief so
-geschwind davon, daß sie ihn nicht erkennen konnte.
-
-Während nun Peredonoff gerade dem letzten Buben die Augen ausstach, trat
-Warwara erstaunt und erschreckt ins Zimmer, und sagte mit vor Aufregung
-zitternder Stimme:
-
-»Ardalljon Borisowitsch, sieh nur, was ich habe!«
-
-Peredonoff blickte auf und das Wort erstarb ihm auf den Lippen.
-Denselben Hut, den er glaubte für immer losgeworden zu sein, sah er in
-Warwaras Händen, -- bestaubt, verknüllt und in einem Zustande, der seine
-frühere Herrlichkeit nur ahnen ließ. Starr vor Entsetzen konnte er nur
-stammeln:
-
-»Woher? woher?«
-
-Warwara erzählte mit zitternder Stimme, wie sie den Hut von einem
-flinken Jungen erhalten hatte, der plötzlich vor ihr aufgetaucht war, um
-dann ebenso plötzlich zu verschwinden. Sie sagte:
-
-»Das kann nur von der Jerschowa stammen. Sie hat den Hut besprechen
-lassen. Bestimmt!«
-
-Peredonoff murmelte unverständliche Worte und seine Zähne schlugen
-hörbar aneinander. Die trübsten Befürchtungen und Vorahnungen quälten
-ihn. Traurig stand er auf und das kleine, graue gespenstische Tierchen
-lief flink hin und her, hin und her, und kicherte.
-
- * * * * *
-
-Die Gäste waren frühzeitig gekommen. Sie hatten viele Kuchen, Aepfel und
-Birnen mitgebracht.[10] Warwara empfing alles freudestrahlend, und nur
-um der guten Sitte zu genügen, sagte sie ein Mal ums andere:
-
-»Aber ich bitte! Warum haben Sie sich so bemüht?«
-
-Schien es ihr aber, als hätte dieser oder jener etwas Billiges oder
-Schlechtes gebracht, so ärgerte sie sich. Auch gefiel es ihr nicht, wenn
-zwei Gäste ein und dasselbe brachten.
-
-[Fußnote 10: Es ist in Rußland Sitte, Bekannten, die in eine neue
-Wohnung gezogen sind, ein Gastgeschenk zu machen.]
-
-Ohne viel Zeit zu verlieren, setzte man sich an die Kartentische. Man
-spielte an beiden Tischen das Pochspiel.
-
-»Was ist denn das!« rief die Gruschina, »mein König ist blind.«
-
-»Und auch meine Dame ist geblendet,« sagte die Prepolowenskaja und
-betrachtete aufmerksam ihre Karten, »und der Bube auch.«
-
-Nun machten sich alle daran, ihre Karten zu untersuchen. Prepolowenskji
-sagte:
-
-»Also darum schien es mir die ganze Zeit so, als wären die Karten rauh.
-Ich fühle und denke -- hat der Kerl aber ein rauhes Hemd an, und nun
-kommt es heraus, daß es von diesen Löchern ist. Da hat er nun
-tatsächlich ein rauhes Hemd an.«
-
-Alles lachte; nur Peredonoff blieb finster. Warwara sagte schmunzelnd:
-
-»Sie wissen doch, -- Ardalljon Borisowitsch hat immer so merkwürdige
-Einfälle!«
-
-»Warum hast du es getan?« fragte Rutiloff laut lachend.
-
-»Wozu brauchen sie Augen?« sagte Peredonoff bedrückt, »sie sollen nicht
-sehen.«
-
-Alle lachten, nur Peredonoff blieb traurig und schweigsam. Es schien
-ihm, als schmunzelten und zwinkerten die geblendeten Bilder aus ihren
-Löchern, die sie statt der Augen hatten.
-
-»Vielleicht,« dachte er, »sehen sie jetzt mit den Nasenlöchern.«
-
-Auch heute war ihm das Glück nicht hold, und die Gesichter der Könige,
-Damen und Buben schienen ihn höhnisch und böse anzustarren; die Pik-Dame
-knirschte sogar mit den Zähnen; wahrscheinlich war sie ungehalten
-darüber, daß er sie geblendet hatte.
-
-Und als Peredonoff einmal vollständig verloren hatte, packte er das
-ganze Spiel und zerriß es wütend in lauter kleine Fetzen. Die Gäste
-wälzten sich vor Lachen. Warwara sagte schmunzelnd:
-
-»So ist er immer; wenn er getrunken hat, wird er absonderlich.«
-
-»Mit anderen Worten: wenn er besoffen ist?« sagte die Prepolowenskaja
-giftig, »hören Sie nur, Ardalljon Borisowitsch, was Ihr Schwesterchen
-von Ihnen sagt.«
-
-Warwara wurde rot und antwortete gereizt:
-
-»Das ist Wortklauberei!«
-
-Die Prepolowenskaja lächelte und schwieg.
-
-Man nahm ein neues Spiel und spielte weiter. Plötzlich ertönte ein
-lautes Krachen, -- eine Fensterscheibe sprang klirrend und ein Stein
-schlug hart vor Peredonoff zu Boden.
-
-Unter dem Fenster hörte man leises Flüstern, Lachen und dann Schritte,
-die sich eilig entfernten. Alle sprangen erregt von ihren Plätzen; die
-Frauen kreischten, -- wie sie es gewöhnlich immer in solchen Fällen zu
-tun pflegen. Man hob den Stein auf, betrachtete ihn sorgfältig und
-ängstlich, keiner aber wagte es, ans Fenster zu gehen; -- erst schickte
-man Klawdja auf die Straße und als sie mitgeteilt hatte, daß kein Mensch
-zu sehen wäre, begaben sich alle ans Fenster und besahen die
-zerschlagene Scheibe. Wolodin sprach die Vermutung aus, ein Gymnasiast
-hätte den Stein geworfen. Das schien allen wahrscheinlich zu sein und
-man blickte Peredonoff bedeutungsvoll an. Peredonoff machte ein
-mürrisches Gesicht und brummte in den Bart. Die Gäste sprachen dann
-darüber, wie ungezogen und verwildert die Kinder von heute wären.
-
-Die eigentlichen Schuldigen waren natürlich nicht Gymnasiasten, sondern
-die Söhne des Schlossers.
-
-»Der Direktor hat sie dazu angestiftet,« erklärte Peredonoff plötzlich,
-»er sucht ewig nach Händeln und weiß gar nicht mehr, was er sich
-ausdenken soll, um mir was anzuhaben.«
-
-»Das hast du dir wunderbar ausgedacht,« rief Rutiloff laut lachend.
-
-Alle lachten, aber die Gruschina sagte:
-
-»Ja, was denken Sie denn; er ist ein so boshafter und schlechter Mensch,
-daß man ihm alles zutrauen kann. Natürlich tut er es nicht selber, aber
-so beiläufig, durch seine Söhne z. B. gibt er einen kleinen Wink ...«
-
-»Und daß er adelig ist, besagt noch nichts,« blökte Wolodin dazwischen,
-»gerade von den Adeligen lassen sich solche Stückchen erwarten.«
-
-Manche von den Gästen hielten das nicht für unmöglich, -- und hörten auf
-zu lachen.
-
-»Du hast Unglück mit Glas, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Rutiloff,
-»bald wird dir die Brille zerschlagen, bald ein Fenster zertrümmert.«
-
-Dieser Witz hatte einen neuen Heiterkeitsausbruch zur Folge.
-
-»Scherben bedeuten Glück,« sagte die Prepolowenskaja verhalten lächelnd.
-
- * * * * *
-
-Als Peredonoff und Warwara zu Bett gingen, glaubte er, daß sie gegen ihn
-etwas im Schilde führe; er nahm alle Gabeln und Messer und versteckte
-sie unter dem Bett. Er lallte schon halb im Schlafe:
-
-»Ich kenne dich; du willst mich heiraten und mich denunzieren, um mich
-dann los zu sein. Dann wirst du eine Pension erhalten und mich wird man
-in der Festungsmühle zu Brei zermahlen.«
-
-In der Nacht träumte er unruhig. Lautlos neckten ihn fürchterliche
-Gestalten, -- es waren lauter Könige und Buben, und sie schwangen
-drohend ihre Keulen. Sie flüsterten und suchten sich vor ihm zu
-verstecken. Ganz leise krochen sie unter sein Kopfkissen.
-
-Aber dann wurden sie kühner und kamen wieder hervor. In unzähligen
-Mengen liefen sie immer rings um ihn herum und sprangen vom Bett auf das
-Kopfkissen, vom Kopfkissen auf den Boden und dann wieder aufs Bett. Sie
-zischelten und neckten ihn, schnitten entsetzliche, unheimliche Fratzen
-und verzogen den garstigen Mund zu widerlichem Grinsen. Peredonoff sah,
-daß sie alle nur klein und schmächtig waren; sie konnten ihn nicht
-töten; aber sie machten sich über ihn lustig, und ihr Erscheinen
-bedeutete Unglück. Darum fürchtete er sich und murmelte einige
-unzusammenhängende Sätze aus Beschwörungsformeln, die er als Kind beim
-Spielen gelernt hatte; dann fuchtelte er mit den Händen, um sie zu
-vertreiben, er schrie sie an mit heiserer, befehlender Stimme.
-
-Davon erwachte Warwara und fragte ärgerlich:
-
-»Warum brüllst du so; du läßt mich nicht schlafen?«
-
-»Die Pikdame hat ein Zwillichtuch um und läßt nicht ab von mir,«
-flüsterte er.
-
-Warwara stand brummig auf und gab ihm einige Tropfen zur Beruhigung.
-
- * * * * *
-
-Im Lokalanzeiger des Städtchens erschien ein Aufsatz des Inhaltes, daß
-Madame K... die kleinen Gymnasiasten, die bei ihr in Pension lebten,
-Söhne aus den besten Adelsfamilien des Landes, zu schlagen pflege. Der
-Notar Gudajewskji trug diese Nachricht grollend von Haus zu Haus.
-
-Dann tauchten auch andere, geradezu unglaubliche Gerüchte über das
-städtische Gymnasium auf: man erzählte von einem jungen Fräulein, das
-sich als Schüler verkleidet hätte, -- und ganz allmählich kam es so
-weit, daß Pjilnikoff und Ludmilla zusammen genannt wurden.
-
-Sascha wurde von seinen Kameraden damit geneckt; er machte sich nicht
-viel daraus, dann verteidigte er Ludmilla mit Eifer und versicherte, nie
-wäre etwas Derartiges vorgefallen, wie man ihr und ihm nachsagte.
-
-Einerseits hatte das zur Folge, daß er sich schämte, Ludmilla zu
-besuchen, andererseits zog es ihn um so stärker hin: ein merkwürdiges
-Gefühl brennender Scham und höchster Lust erregte ihn, und erfüllte alle
-seine Gedanken mit verschwommenen, leidenschaftlichen Vorstellungen.
-
-
-
-
- XXI
-
-
-Peredonoff und Warwara aßen zu Mittag. Es war ein Sonntag. Jemand kam
-ins Vorhaus. Warwara schlich an die Tür und guckte durchs Schlüsselloch.
-Ganz leise kehrte sie wieder auf ihren Platz und flüsterte:
-
-»Der Briefträger. Man muß ihm einen Schnaps geben; er hat wieder einen
-Brief.«
-
-Peredonoff nickte schweigend, -- wahrhaftig -- um ein Gläschen Schnaps
-sollte es ihm nicht leid tun. Warwara rief:
-
-»Kommen Sie herein, Briefträger!«
-
-Er kam ins Eßzimmer, wühlte in seiner Tasche und tat so, als suchte er
-nach einem Brief. Warwara goß Schnaps in ein großes Glas und schnitt ein
-Stück von der Pastete ab. Der Briefträger schielte gierig danach.
-Peredonoff überlegte unterdessen, wem dieser Mensch so außerordentlich
-ähnlich sähe. Endlich fiel es ihm ein, -- es war ja derselbe rothaarige,
-finnige Kerl, der ihm neulich noch über den Weg gelaufen war.
-
-»Eine schlechte Vorbedeutung,« dachte Peredonoff. Er ballte die Faust in
-der Tasche und drohte dem Briefträger heimlich.
-
-Dieser hatte unterdessen den Brief gefunden und gab ihn Warwara.
-
-»Für Sie,« sagte er ehrerbietig, dankte für den Schnaps, leerte das Glas
-auf einen Zug, räusperte sich, nahm das Stück Pastete und ging.
-
-Warwara drehte den Brief in ihren Händen und reichte ihn dann ungeöffnet
-Peredonoff.
-
-»Lies; ich glaube, er ist wieder von der Fürstin,« sagte sie
-schmunzelnd, »sie ist ins Schreiben reingekommen. Würde sie dir lieber
-eine Stelle verschaffen, statt zu schreiben.«
-
-Peredonoffs Hände zitterten. Er zerriß den Umschlag und überflog den
-Brief. Dann sprang er auf und brüllte:
-
-»Hurra! Drei Stellen sind vakant, ich brauche nur zu wählen. Hurra,
-Warwara, wir haben das Spiel gewonnen!«
-
-Er tanzte und drehte sich ausgelassen im Zimmer. Sein Gesicht war rot,
-seine Augen blickten stumpfsinnig, und es schien, als drehe sich da eine
-merkwürdig große, aufgezogene Puppe. Warwara schmunzelte und sah ihm zu.
-Er rief:
-
-»Nun kann's losgehen, -- wir machen Hochzeit!«
-
-Er packte Warwara an den Schultern, drehte sich mit ihr um den Tisch
-herum und stampfte.
-
-»Den Russischen!« rief er.
-
-Warwara stemmte die Arme in die Seiten und segelte los. Peredonoff
-hockte nieder und tanzte vor ihr her.
-
-Wolodin trat ein und blökte fröhlich:
-
-»Der Herr Inspektor _in spe_ beliebt sich im Nationaltanze zu
-versuchen.«
-
-»Tanz, Pawluschka!« rief Peredonoff.
-
-Klawdja stand an der Tür und sah zu. Wolodin rief laut lachend:
-
-»Tanz, Klawdjuschka! Alle sollen tanzen! Der Herr Inspektor will
-unterhalten sein!«
-
-Klawdja bewegte kokett die Schultern und quiekte laut. Wolodin tanzte
-flott vor ihr her, -- bald hockte er nieder, drehte sich, bald sprang er
-auf und klatschte in die Hände. Besonders fein gelang es ihm, die Knie
-vorzuwerfen und unter dem Knie in die Hände zu klatschen. Der Fußboden
-dröhnte unter seinen Absätzen. Klawdja freute sich einen so geschickten
-Tänzer zu haben.
-
-Man war müde geworden und setzte sich an den Tisch, während Klawdja
-fröhlich lachend in die Küche lief. Man trank Schnaps und Bier,
-zerschlug Gläser und Flaschen, schrie, lachte, küßte und umarmte
-einander. Dann liefen Peredonoff und Wolodin in den Sommergarten, --
-Peredonoff wollte mit seinem Briefe prahlen.
-
-Im Billardzimmer waren einige bekannte Herren. Peredonoff zeigte ihnen
-den Brief. Ohne Zweifel -- der Brief machte großen Eindruck. Man besah
-ihn voller Ehrfurcht. Rutiloff wurde blaß, murmelte etwas und spie aus.
-
-»Ich war dabei, als ihn der Briefträger brachte!« sagte Peredonoff. »Ich
-selber habe ihn geöffnet. Ein Betrug ist also ganz ausgeschlossen.«
-
-In stummer Ehrfurcht sahen ihn die Freunde an. Ein Brief von der
-Fürstin!
-
-Aus dem Sommergarten ging Peredonoff zur Werschina. Er ging gleichmäßig
-und schnell, schlenkerte mit den Armen und brummte vor sich hin; sein
-Gesicht war ganz ausdruckslos, -- so ausdruckslos wie das einer Puppe,
--- nur in seinen Augen glimmte ein gieriges, halberloschenes Feuer.
-
- * * * * *
-
-Der Tag war heiß und klar. Martha saß in der Laube und strickte an einem
-Strumpf. Unklare, gottesfürchtige Gedanken bewegten sie. Zuerst mußte
-sie an ihre Sünden denken, dann aber richtete sich ihr Sinn auf
-erfreulichere Dinge, und sie gedachte der Tugenden; ihre Gedanken wurden
-traumhaft, nahmen Gestalt an, und in dem Maße, als die Möglichkeit sie
-in Worte zu fassen abnahm, nahmen sie an klaren, plastischen Linien im
-Traumgebilde zu. Die Tugenden erschienen ihr als große, weißgekleidete
-Puppen, die schön und glänzend waren, und ihr Belohnungen versprachen.
-In den Händen hielten sie klappernde Schlüsselbünde; sie waren mit
-Brauttüchern bekleidet.
-
-Eine dieser Gestalten war besonders auffallend und glich den andern nur
-wenig. Sie versprach nichts, blickte vorwurfsvoll, und ihre Lippen
-bewegten sich, als stießen sie lautlose Drohungen aus; es schien, daß,
-wenn sie ein Wort aussprechen würde, etwas Schreckliches geschehen
-müßte. Martha erriet, daß diese Gestalt das Gewissen war. Diese
-merkwürdige, unheimliche Besucherin war ganz in Schwarz gekleidet, hatte
-schwarze Augen, schwarzes Haar, -- und nun begann sie zu sprechen, --
-schnell, abgerissen, deutlich. Sie wurde der Werschina immer ähnlicher.
-Martha gab sich einen Ruck, antwortete irgend etwas auf die an sie
-gerichtete Frage, antwortete noch ganz im Halbschlaf -- und wieder
-umfingen sie Träume.
-
-War es nun das Gewissen oder die Werschina, die ihr gegenüber saß und
-schnell, deutlich, aber doch unverständlich erzählte und an etwas
-merkwürdig Duftendem rauchte, -- dieses entschlossene, ruhige Wesen, das
-zu erwarten schien, daß alles nach ihrem Willen geschähe? Martha
-versuchte, ihr gerade in die Augen zu blicken, konnte es aber nicht, --
-und jene lächelte eigentümlich, murmelte, und ihre Augen liefen hin und
-her und schienen entfernte, unbekannte Dinge zu suchen, vor denen Martha
-Angst hatte.
-
-Eine laute Unterhaltung weckte sie.
-
-In der Laube stand Peredonoff und begrüßte sich laut mit der Werschina.
-Martha blickte erschrocken auf. Ihr Herz klopfte, die Augen wollten
-nicht recht aufgehen, und ihre Gedanken verwirrten sich. Wo war das
-Gewissen geblieben? Oder war es nicht da? Hatte es überhaupt nicht da zu
-sein?
-
-»Sie haben sozusagen geschlummert,« sagte ihr Peredonoff, »Sie haben aus
-vollen Nüstern geschnarcht. Sie sind eine Schnarre.«
-
-Martha verstand diesen Kalauer nicht, lächelte aber, denn sie hatte an
-dem Lächeln der Werschina gemerkt, daß von etwas gesprochen wurde, was
-komisch sein sollte.
-
-»Man müßte Sie Lotte nennen und nicht Martha,« fuhr Peredonoff fort.
-
-»Warum denn?« fragte Martha.
-
-»Weil Sie so >laut< schnarchen.«
-
-Peredonoff setzte sich auf die Bank neben Martha und sagte:
-
-»Ich weiß eine Neuigkeit, etwas sehr Wichtiges.«
-
-»Was für eine Neuigkeit? Wir werden uns freuen, näheres darüber zu
-erfahren,« sagte die Werschina, und Martha beneidete sie im stillen um
-die vielen Worte, die sie gefunden hatte, um die einfache Frage: was
-denn? zu verkleiden.
-
-»Raten Sie,« sagte Peredonoff düster, triumphierend.
-
-»Wie soll ich es erraten,« antwortete die Werschina. »Sagen Sie es
-einfach, und wir werden Ihre Neuigkeit wissen.«
-
-Peredonoff war es unangenehm, daß man nicht raten wollte. Er schwieg und
-saß stumpf und schwerfällig da, in ungeschickter Haltung, und blickte
-starr vor sich nieder. Die Werschina rauchte und lächelte schief, dabei
-bleckte sie ihre gelben Zähne.
-
-»Warum sollten wir Ihre Neuigkeit erraten,« sagte sie nach kurzem
-Stillschweigen, »ich werde Ihnen lieber aus den Karten wahrsagen.
-Martha, holen Sie geschwind die Karten.«
-
-Martha erhob sich, aber Peredonoff hielt sie böse zurück.
-
-»Bleiben Sie sitzen. Es ist nicht nötig. Ich will nicht. Wahrsagen Sie
-sich selber und lassen Sie mich in Ruh'. Auf Ihren Leisten werden Sie
-mich doch nicht umschlagen. Na -- ich werde Ihnen eine Sache zeigen! Sie
-werden die Mäuler aufsperren.«
-
-Peredonoff nahm rasch aus seiner Rocktasche seine Brieftasche, holte
-Brief und Umschlag hervor und zeigte beides der Werschina ohne es aus
-der Hand zu geben.
-
-»Sehen Sie,« sagte er, »hier ist das Kuvert. Und das ist der Brief.«
-
-Er entfaltete den Brief und las ihn langsam vor. Aus seinen Augen
-blickte eine stumpfsinnige Freude befriedigter Bosheit. Die Werschina
-schäumte. Bis zum letzten Augenblick hatte sie nicht an die Geschichte
-mit der Fürstin geglaubt, und nun mußte sie einsehen, daß Marthas
-Angelegenheit endgültig verspielt war. Sie lächelte schief und gezwungen
-und sagte:
-
-»Nun, -- es ist Ihr Glück.«
-
-Martha saß da, mit einem erstaunten, erschreckten Ausdruck im Gesicht
-und lächelte fassungslos.
-
-»Hab' ich's gewonnen?« sagte Peredonoff schadenfroh. »Sie hielten mich
-für einen Idioten, nun erweist es sich, daß ich der Klügere war. Sie
-redeten z. B. vom Kuvert, -- da ist es. Nein, nein -- die Sache hat ihre
-Richtigkeit.«
-
-Er klopfte mit der Faust auf den Tisch, nicht zu stark und nicht laut,
--- und seine Bewegung und der Klang seiner Worte waren so merkwürdig
-gleichgültig, als wäre er ein Fremder -- und ganz teilnahmlos für seine
-eigenen Angelegenheiten.
-
-Die Werschina und Martha wechselten spöttisch-verlegene Blicke.
-
-»Was sehen Sie einander so an!« sagte Peredonoff grob, »da gibt es
-nichts zu sehn: es ist alles in Ordnung, ich heirate Warwara. Viele
-junge Dämchen haben mir nachgestellt.«
-
-Die Werschina schickte Martha nach Zigaretten, -- und Martha war froh,
-daß sie fort konnte. Als sie über die Kieswege lief, die mit buntem,
-herbstlichen Laub bedeckt waren, wurde ihr froh und leicht ums Herz. In
-der Nähe des Hauses traf sie Wladja, der barfuß ging, -- da wurde sie
-noch fröhlicher und vergnügter.
-
-»Er heiratet Warwara, jetzt ist es sicher,« sagte sie lebhaft mit
-gedämpfter Stimme und zog den Bruder in den Flur des Hauses.
-
-Peredonoff aber, ohne auf Marthas Rückkehr zu warten, verabschiedete
-sich plötzlich.
-
-»Ich habe keine Zeit,« sagte er, »ich muß heiraten, und nicht etwa
-Bastschuhe flechten.«
-
-Die Werschina forderte ihn nicht einmal auf, zu bleiben und
-verabschiedete sich sehr kühl. Sie war außerordentlich aufgebracht:
-immerhin war doch bis zuletzt ein Schimmer von Hoffnung geblieben, daß
-Peredonoff Martha nehmen würde. In dem Falle hätte sie Murin geheiratet.
-Nun gab es aber nichts mehr zu hoffen.
-
-Martha mußte es büßen! An diesem Tage weinte sie viel.
-
- * * * * *
-
-Als Peredonoff aus dem Garten trat, wollte er sich eine Zigarette
-anstecken. Plötzlich sah er einen Schutzmann, -- der stand an einer
-Straßenecke und knackte Sonnenblumensamen. Peredonoff wurde traurig.
-
-»Wieder so ein Spitzel,« dachte er, »die suchen nur, wo sie einem am
-Zeuge flicken können.«
-
-Er wagte es nicht, die Zigarette anzustecken, trat an den Schutzmann
-heran und fragte schüchtern:
-
-»Herr Schutzmann, wenn ich fragen darf -- ist das Rauchen hier erlaubt?«
-
-Der Schutzmann grüßte mit der Hand an der Mütze und erkundigte sich
-zuvorkommend:
-
-»Das heißt, Euer Hochwohlgeboren, wie meinen Sie das?«
-
-»Ein Zigarettchen,« erklärte Peredonoff, »ich meine: ist es erlaubt, ein
-Zigarettchen zu rauchen?«
-
-»Diesbezüglich haben wir keinerlei Vorschriften,« antwortete der
-Schutzmann ausweichend.
-
-»Wirklich nicht?« fragte Peredonoff eindringlich und seine Stimme klang
-traurig.
-
-»Nein, Euer Hochwohlgeboren. Soll heißen, es ist nicht befohlen,
-Herrschaften, welche rauchen, aufzuhalten, und daß eine diesbezügliche
-Vorschrift erlassen wäre, ist mir unbekannt.«
-
-»Falls dem so ist, laß ich es lieber bleiben,« sagte Peredonoff
-unterwürfig. »Ich bin durchaus politisch unverdächtig. Ich werfe sogar
-die Zigarette fort. Ich bin nämlich Staatsrat.«
-
-Peredonoff zerknitterte die Zigarette, warf sie fort und in der
-Befürchtung, er hätte vielleicht doch ein überflüssiges Wort gesagt,
-ging er schnell nach Hause. Der Schutzmann blickte ihm kopfschüttelnd
-nach, endlich kam er zu der Ueberzeugung, der Herr hätte wohl eins über
-den Durst getrunken; dabei beruhigte er sich und knackte wieder
-friedlich an seinen Sonnenblumensamen.
-
-»Die Straße hat sich auf den Kopf gestellt,« murmelte Peredonoff.
-
-Die Straße führte bergan auf einen kleinen Hügel, dann senkte sie sich
-wieder und diese Biegung der Straße zwischen zwei kleinen Hütten
-zeichnete sich scharf ab vom blauen, traurigen Abendhimmel. Es war ein
-Armeleuteviertel, das in sich versunken schien, traurig und ganz ohne
-Hoffnung.
-
-Die Aeste der Bäume hingen tief über die Zäune, drohend und spöttisch.
-An einem Kreuzweg stand ein Ziegenbock und stierte stumpf auf
-Peredonoff.
-
-Plötzlich erschallte hinter einer Straßenecke Wolodins meckerndes
-Gelächter, er trat vor, um Peredonoff zu begrüßen. Dieser blickte ihn
-düster an und dachte an den Bock, der eben noch da gestanden und
-plötzlich verschwunden war.
-
-»Natürlich verwandelt sich Wolodin in einen Bock,« dachte er. -- »Woher
-sonst die Aehnlichkeit, und außerdem kann man nicht unterscheiden, ob er
-meckert oder lacht.«
-
-Diese Gedanken beschäftigten ihn so sehr, daß er gar nicht darauf hörte,
-was Wolodin erzählte.
-
-»Warum schlägst du aus, Pawluschka,« fragte er traurig.
-
-Wolodin wies die Zähne, meckerte und antwortete:
-
-»Ich schlage keineswegs aus, Ardalljon Borisowitsch, vielmehr begrüßte
-ich Sie mit einem Handschlag. Vielleicht ist es in Ihrer Heimat üblich,
-mit den Händen auszuschlagen, bei mir zu Hause indes tut man das nur mit
-den Füßen; aber die Menschen tun es nicht, sondern mit Verlaub zu
-bemerken, nur die Pferdchen.«
-
-»Du stößt vielleicht mit Hörnern,« brummte Peredonoff.
-
-Wolodin fühlte sich gekränkt und sagte mit zitternder Stimme:
-
-»Noch sind mir keine Hörner gewachsen, Ardalljon Borisowitsch; aber es
-ist möglich, daß Ihnen früher als mir Hörner wachsen werden.«
-
-»Du hast eine lange Zunge und schwatzt immer drauf los,« sagte
-Peredonoff böse.
-
-»Wenn Sie das zu meinen belieben, Ardalljon Borisowitsch,« entgegnete
-Wolodin eifrig, »so kann ich auch schweigen.«
-
-Er trug eine gekränkte Miene zur Schau und warf die Lippe auf: trotzdem
-blieb er an Peredonoffs Seite, denn er hatte noch nicht zu Mittag
-gespeist und rechnete darauf, sich bei Peredonoff sattessen zu können:
-man hatte ihn nämlich am Morgen, in der ersten Freude über den Brief,
-eingeladen.
-
-Zu Hause wurde Peredonoff mit einer wichtigen Neuigkeit erwartet. Schon
-im Vorhause merkte man, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war, --
-denn in den Zimmern hörte man ein Hin und Her und erschreckte Ausrufe.
-Peredonoff glaubte, das Essen wäre noch nicht gerichtet: man hätte ihn
-kommen sehn, wäre erschrocken über die Verzögerung und beeilte sich nun.
-Es berührte ihn angenehm, daß man sich vor ihm fürchtete. Es erwies sich
-aber, daß etwas anderes geschehen war. Warwara kam in das Vorhaus
-gelaufen und schrie:
-
-»Der Kater ist wieder da!«
-
-Vor lauter Schrecken hatte sie Wolodin nicht gleich bemerkt. Sie war wie
-gewöhnlich unordentlich gekleidet: -- eine fleckige Bluse über einem
-grauen, unsauberen Rock, breitgetretene Pantoffeln an den bloßen Füßen;
-das Haar zerzaust und schlecht gekämmt. Aufgeregt erzählte sie:
-
-»Oh diese Irischka! Aus purer Bosheit hat sie das getan. Wieder kam
-irgend ein Knabe gelaufen und warf den Kater mitten ins Zimmer, und der
-Kater hat Schellen am Schwanz, -- die bimmeln und lärmen. Jetzt ist er
-unter dem Sofa und will nicht heraus.«
-
-Peredonoff zitterte.
-
-»Was soll man da tun?« fragte er.
-
-»Helfen Sie, Pawel Wassiljewitsch,« bat Warwara, »stochern Sie ihn unter
-dem Sofa heraus.«
-
-»Wird besorgt, wird besorgt,« kicherte Wolodin und ging in den Saal.
-
-Der Kater wurde irgendwie hervorgezerrt und man nahm ihm die Schellen
-vom Schwanz. Peredonoff suchte nach Kletten und machte sich daran den
-Kater damit zu bewerfen. Dieser fauchte wütend und lief in die Küche.
-
-Peredonoff war müde geworden von der Spielerei mit dem Kater und setzte
-sich in den Sessel, wie er es gewöhnlich zu tun pflegte: die Ellbogen
-auf die Armlehnen gestützt, die Hände gefaltet, die Beine übereinander
-geschlagen, das Gesicht verdrießlich und unbeweglich.
-
-Den zweiten Brief der Fürstin bewahrte Peredonoff mit größerer Sorgfalt
-als den ersten: er trug ihn stets bei sich im Portefeuille, zeigte ihn
-aber jedermann und setzte dann eine geheimnisvolle Miene auf. Er achtete
-scharf darauf, daß keiner ihm den Brief entwenden konnte, gab ihn
-niemandem in die Hand und verwahrte ihn, wenn er ihn gezeigt hatte,
-sorgfältig in seinem Portefeuille, das er in eine Seitentasche seines
-Rockes steckte, den er dann fest zuknöpfte. Dabei blickte er streng und
-von oben herab auf die Leute, mit denen er sprach.
-
-»Warum trägst du ihn immer bei dir?« fragte Rutiloff zuweilen lachend.
-
-»Für alle Fälle,« erklärte Peredonoff finster, »wer kennt sich aus! Ihr
-stehlt ihn noch.«
-
-»Du tust genau so, als lebten wir in Sibirien,« sagte Rutiloff, lachte
-und klopfte Peredonoff auf die Schulter.
-
-Peredonoff aber bewahrte seine durch nichts zu störende, hochmütige
-Ruhe. Ueberhaupt war er in der letzten Zeit aufgeblasener als
-gewöhnlich. Oft prahlte er:
-
-»Nun werde ich Inspektor. Ihr könnt hier versauern; ich aber werde zwei
-Bezirke unter mir haben. Vielleicht auch drei. Oho!«
-
-Er war fest davon überzeugt, daß er in kürzester Zeit die neue Stelle
-antreten würde. Dem Lehrer Falastoff hatte er mehr als einmal
-versprochen:
-
-»Ich werde dich schon herausreißen, Freund!«
-
-Das hatte zur Folge, daß der Lehrer Falastoff mit außerordentlicher
-Ehrerbietung zu Peredonoff aufblickte.
-
-
-
-
- XXII
-
-
-Peredonoff ging sehr oft zur Kirche. Er stellte sich auf einen
-sichtbaren Platz und bekreuzigte sich entweder viel öfter, als notwendig
-war, oder er stand ganz steif da und blickte stumpf vor sich hin.
-Manchmal schien es ihm, als versteckten sich Spione hinter den Säulen:
-von dort guckten sie vor und bemühten sich, ihn zum Lachen zu bringen.
-Er aber widerstand der Versuchung.
-
-Das Lachen, -- das leise Lachen, Gekicher und Geflüster der
-Rutiloffschen Mädchen klang Peredonoff in den Ohren, es wuchs manchmal
-ganz unglaublich an, als lachten diese hinterlistigen Mädchen dicht vor
-seinen Ohren, um auch ihn zum Lachen zu bringen, -- ihn so zu
-vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand Peredonoff.
-
-Zuweilen erschien ihm das graue gespenstische Tierchen; er sah, wie es
-aus dem Weihrauch hervorschoß; seine kleinen Aeuglein blitzten in
-Flammen, und mit einem leisen Pfeifen schoß es durch die Luft, dann aber
-glitt es zu Boden und tummelte sich zu Füßen der Kirchenbesucher, machte
-sich über Peredonoff lustig und quälte ihn unablässig. Natürlich wollte
-es Peredonoff einen Schreck einjagen, damit er noch vor Schluß des
-Gottesdienstes die Kirche verlassen sollte. Er aber erriet diese
-hinterlistigen Absichten, und widerstand auch dieser Versuchung.
-
-Die gottesdienstlichen Verrichtungen, -- die nicht etwa allein dem
-Wortlaut nach oder durch die Zeremonien, sondern durch ihren tiefen,
-innerlichen Gehalt auf so viele Leute wirken, -- waren Peredonoff ganz
-unverständlich. Darum fürchtete er sie. Der aufsteigende Weihrauch
-erschreckte ihn, -- er sah nur die rätselhaften Rauchgebilde.
-
-»Warum schwenkt er das Rauchfaß?« -- dachte er.
-
-Die Gewänder der Geistlichen hielt er für grobe, lästig-bunte Lappen,
-und wenn er auf den reichgeschmückten Priester blickte, so ärgerte er
-sich, und ihn kam die Lust an, das Meßgewand zu zerreißen, die heiligen
-Gefäße zu zerschlagen. Die wirklichen Gebräuche und Mysterien schienen
-ihm böse Zauberei zu sein, zu dem Zwecke erfunden, das einfache Volk zu
-betören, zu knechten.
-
-»Er hat die Hostie in den Wein gebrockt,« -- dachte er böse über den
-Priester, -- »ein billiges Weinchen, sie betrügen das Volk, um mehr Geld
-für ihre Amtshandlungen herauszuschlagen.«
-
-Das ewige Mysterium der Verwandlung gewöhnlichen Weines und Brotes zu
-einer Kraft, welche die Fesseln des Todes bricht, war ihm für immer
-verschlossen. Eine wandelnde Leiche! Eine unsinnige Verquickung seines
-Unglaubens an einen lebendigen Gott und an den Sohn mit seinem Glauben
-an die Zauberei!
-
-Man ging aus der Kirche. Der Dorfschullehrer Matschigin, ein
-einfältiger, junger Mann, stand neben einigen jungen Mädchen, lächelte
-und plauderte flott. Peredonoff überlegte, daß es unpassend wäre, wie
-sich dieser junge Mann in Gegenwart des künftigen Inspektors gehen
-ließe. Matschigin trug einen Strohhut. Aber Peredonoff erinnerte sich,
-ihn einmal im Sommer vor der Stadt gesehen zu haben, und damals hatte er
-eine Dienstmütze mit der Kokarde getragen. Peredonoff beschloß, dies zur
-Anzeige zu bringen. Die Gelegenheit war günstig, denn auch der Inspektor
-Bogdanoff war anwesend. Peredonoff trat auf ihn zu und sagte:
-
-»Ihr Matschigin da trägt eine Dienstmütze mit der Kokarde. Er will den
-Herren spielen.«
-
-Bogdanoff erschrak, zitterte und sein graues Bärtchen erbebte.
-
-»Das darf er nicht, er hat kein Recht es zu tun,« sagte er bekümmert und
-zwinkerte mit den roten Aeuglein.
-
-»Freilich hat er kein Recht dazu, und doch tut er's,« beklagte sich
-Peredonoff. »Man muß sie stramm halten, ich hab es Ihnen längst gesagt.
-Jeder klotzfüßige Bauer könnte sonst die Kokarde anlegen, und was sollte
-dabei herauskommen.«
-
-Bogdanoff, dem Peredonoff schon früher einen Schreck eingejagt hatte,
-kam ganz aus der Fassung.
-
-»Wie untersteht er sich nur!« sagte er weinerlich. »Ich werde ihn sofort
-zitieren, sofort, und werde es ihm auf das Strengste verbieten.«
-
-Er verabschiedete sich von Peredonoff und lief eingeschüchtert nach
-Hause.
-
-Wolodin ging neben Peredonoff und sagte mit vorwurfsvoll meckernder
-Stimme:
-
-»Er trägt eine Kokarde. Hat man schon so was gehört! Als ob er einen
-Rang hätte! Es ist unerhört!«
-
-»Auch du darfst keine Kokarde tragen,« sagte Peredonoff.
-
-»Wenn ich es nicht darf, so tu ich es auch nicht,« entgegnete Wolodin.
-»Das heißt, zuweilen trage auch ich die Kokarde, aber ich weiß doch, wo
-und wann ich es tue. Wenn ich zum Beispiel vor die Stadt gehe, so lege
-ich sie an. Mir macht es Vergnügen, und niemand kann es verbieten.
-Treffe ich aber ein Bäuerlein, so steh ich hoch in seiner Achtung.«
-
-»Die Kokarde paßt nicht zu deiner Schnauze,« sagte Peredonoff. »Außerdem
-pack dich bitte: du hast mich mit deinen Hufen ganz bestaubt.«
-
-Wolodin schwieg gekränkt, blieb aber an Peredonoffs Seite. Dieser sagte
-besorgt:
-
-»Auch die Rutiloffschen Göhren müßte man angeben. Die kommen nur in die
-Kirche, um zu schwatzen und zu lachen. Sie schminken sich, staffieren
-sich aus und gehen hin. Dabei stehlen sie Weihrauchwacholder und
-fabrizieren daraus ihre Parfums, -- es riecht immer so verdächtig von
-ihnen.«
-
-»Nein! Ist es möglich!« sagte Wolodin, schüttelte den Kopf und glotzte
-stumpf vor sich hin.
-
-Ueber die Erde glitt der Schatten einer Wolke und Peredonoff fürchtete
-sich. In den Staubwolken, im Winde huschte das graue, gespenstische
-Tierchen. Wenn sich das Gras vor dem Winde bewegte, glaubte Peredonoff
-das Tierchen liefe da durch, dann biß es ihn und verschwand wieder.
-
-»Warum wächst das Gras auf den Straßen?« dachte er. »Das ist Unordnung.
-Man muß es ausjäten.«
-
-Der Ast eines Baumes bewegte sich, krümmte sich, wurde schwarz, krächzte
-und flog auf. Peredonoff fuhr zusammen. Er schrie wild auf und lief nach
-Hause. Wolodin folgte ihm ängstlich. Seine Augen quollen vor und
-blickten stier. Mit der einen Hand hielt er den steifen Hut, mit der
-andern fuchtelte er mit seinem Stöckchen.
-
- * * * * *
-
-Noch am selben Tage ließ Bogdanoff Matschigin kommen. Bevor Matschigin
-in das Haus des Inspektors trat, blieb er auf der Straße stehen, den
-Rücken zur Sonne gekehrt und versuchte mit den fünf Fingern das Haar zu
-glätten, den eignen Schatten gewissermaßen als Spiegel benutzend.
-
-»Junger Mann, was fällt Ihnen ein? Was tun Sie da für Sachen?« legte
-Bogdanoff los.
-
-»Worum handelt es sich, wenn ich fragen darf,« fragte Matschigin
-zuvorkommend, drehte den Strohhut zwischen den Fingern und wippte mit
-dem linken Bein.
-
-Bogdanoff forderte ihn nicht auf Platz zu nehmen, denn er hatte die
-Absicht, ihn gehörig vorzunehmen.
-
-»Was ist das nur, was ist das nur, junger Mann, Sie tragen eine Kokarde?
-Wie konnten Sie nur den Diensteid schwören? Was?« fragte er, sich zu
-einem strengen Ton zwingend und das graue Bärtchen böse schüttelnd.
-
-Matschigin wurde rot, antwortete aber keck:
-
-»Was ist denn dabei? Habe ich nicht das Recht, es zu tun?«
-
-»Sind Sie denn ein Beamter? Was? Ein Beamter?« ereiferte sich Bogdanoff.
-»Ein schöner Beamter -- das! Was? Der Abc-Registrator! Was?«
-
-»Es ist das Abzeichen meines Lehrerberufs,« sagte Matschigin keck und
-lächelte plötzlich süß, weil ihm die Bedeutung seines Lehrerberufs zum
-Bewußtsein kam.
-
-»Nehmen Sie ein Stöckchen in die Hand, ein Stöckchen; da haben Sie ein
-Abzeichen Ihres Berufs,« riet ihm Bogdanoff und schüttelte mißbilligend
-den Kopf.
-
-»Aber das geht doch nicht, Sergeji Potapjitsch,« sagte Matschigin mit
-gekränkter Stimme, »was ist denn ein Stöckchen! Jedermann kann ein
-Stöckchen tragen, die Kokarde aber fördert das Prestige.«
-
-»Was für ein Prestige, was? Was meinen Sie eigentlich? Was für ein
-Prestige?« wetterte Bogdanoff, »wozu brauchen Sie ein Prestige, was?
-Sind Sie etwa jemandes Vorgesetzter?«
-
-»Aber ich bitte Sie, Sergeji Potapjitsch,« bewies Matschigin
-eindringlich, »bei der Dorfbevölkerung, die doch nur geringe Kultur
-besitzt, bedeutet das eine unbedingte Zunahme der Hochachtung, -- in
-diesem Jahr grüßten sie alle viel tiefer.«
-
-Matschigin streichelte selbstgefällig sein rothaariges Schnurrbärtchen.
-
-»Es geht nicht, junger Mann, es geht ganz und gar nicht,« sagte
-Bogdanoff wehmütig und schüttelte den Kopf.
-
-»Erlauben Sie doch, Sergeji Potapjitsch, ein Lehrer ohne Kokarde ist
-dasselbe wie der britische Löwe ohne Schwanz,« versicherte Matschigin;
-»einfach eine Karikatur.«
-
-»Was tut denn der Schwanz zur Sache? Was? Was soll das mit dem Schwanz?
-Was?« redete Bogdanoff aufgeregt. »Die Politik gehört nicht hierher,
-was! Ist es Ihre Sache, sich um Politik zu kümmern? Was! Um
-Gotteswillen, junger Mann, tun Sie mir den Gefallen und legen Sie die
-Kokarde ab. Es geht einfach nicht. Es geht nicht. Gott verhüte es, daß
-jemand davon erfährt.«
-
-Matschigin zuckte die Schultern, er wollte noch etwas antworten, aber
-Bogdanoff ließ ihn nicht zu Worte kommen, -- denn seiner Ansicht nach
-war ihm etwas Glänzendes eingefallen.
-
-»Sehen Sie mal, zu mir sind Sie doch ohne Kokarde gekommen, -- was! --
-ohne Kokarde. Sie fühlten also selber, daß es sich nicht schickt.«
-
-Matschigin war um eine Antwort verlegen, fand sich aber schnell und
-sagte:
-
-»Da wir Dorfschullehrer sind, so bedürfen wir auch eines Privilegiums
-für das Dorf, in der Stadt zählen wir sowieso zur Intelligenz.«
-
-»Nein, junger Mann, es geht nicht; daß Sie es wissen!« sagte Bogdanoff
-ärgerlich. »Es geht nicht, und wenn ich noch einmal davon höre, so sind
-Sie entlassen.«
-
- * * * * *
-
-Die Gruschina veranstaltete von Zeit zu Zeit kleine Abendunterhaltungen
-für junge Leute. Mit der Zeit hoffte sie sich einen Mann zu angeln. Aus
-Anstandsrücksichten lud sie auch ihre verheirateten Bekannten ein.
-
-Ein solcher Abend wurde heute veranstaltet und die Gäste waren schon
-früh erschienen.
-
-Im Gastzimmer der Gruschina hingen einige Bilder an den Wänden, die mit
-einem undurchsichtigen Mullstoff dicht verhängt waren. Uebrigens waren
-es keineswegs unanständige Bilder. Wenn die Gruschina mit einem
-verschlagenen, lüsternen Lächeln die leichten Vorhänge lüftete, konnten
-die Gäste nackte Weiber bewundern, die zum Ueberfluß noch schlecht
-gezeichnet waren.
-
-»Was gibt es da zu sehen, -- ein verwachsenes Weib,« sagte Peredonoff
-verdrießlich.
-
-»Absolut nicht verwachsen,« verteidigte die Gruschina das Bild, »sie
-nimmt so eine Stellung ein.«
-
-»Sie ist verwachsen,« wiederholte Peredonoff. »Außerdem hat sie
-schielende Augen, ganz so wie Sie.«
-
-»Sie verstehen nichts von der Kunst!« sagte die Gruschina gekränkt; »es
-sind ausgezeichnet teure Gemälde. Die Künstler malen das mit Vorliebe.«
-
-Peredonoff lachte laut auf: es war ihm eingefallen, was für einen Rat er
-Wladja in diesen Tagen gegeben hatte.
-
-»Warum wiehern Sie?« fragte die Gruschina.
-
-»Der Gymnasiast Nartanowitsch wird seiner Schwester Martha das Kleid
-ansengen,« erklärte er, »ich habe es ihm geraten.«
-
-»Warum sollte er es ansengen, er ist doch kein Dummkopf!« entgegnete die
-Gruschina.
-
-»Natürlich wird er es tun,« versicherte Peredonoff nachdrücklich!
-»Geschwister zanken sich immer untereinander. Als ich jung war,
-unternahm ich immer irgend etwas gegen meine Schwestern, -- die
-kleineren prügelte ich und den älteren verdarb ich die Kleider.«
-
-»Das ist nicht überall so,« sagte Rutiloff, »ich zanke mich nie mit
-meinen Schwestern.«
-
-»Was tust du denn mit ihnen, -- du küßt sie wohl?« fragte Peredonoff.
-
-»Du bist ein Lump und ein Schwein, Ardalljon Borisowitsch. Ich werde
-dich ohrfeigen,« sagte Rutiloff sehr ruhig.
-
-»Ich kann solche Scherze nicht leiden,« antwortete Peredonoff und rückte
-zur Seite.
-
-»Er bringt es wirklich fertig, mich zu schlagen,« dachte Peredonoff. »Er
-hat so ein boshaftes Gesicht.«
-
-»Sie besitzt nur das eine schwarze Kleid,« fuhr er fort von Martha zu
-erzählen.
-
-»Die Werschina wird ihr ein neues machen lassen,« sagte Warwara mit
-neidischer Bosheit. »Zur Hochzeit wird sie ihr die ganze Aussteuer
-herrichten. Eine Schönheit, vor der die Pferde scheu werden,« murmelte
-sie leise und blickte schadenfroh auf Murin.
-
-»Auch für Sie ist es höchste Zeit, Hochzeit zu machen,« sagte die
-Prepolowenskaja. »Worauf warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch?«
-
-Das Ehepaar Prepolowenskaja hatte schon eingesehen, daß Peredonoff nach
-dem zweiten Brief fest entschlossen war, Warwara zu heiraten. Sie selber
-aber glaubten an die Echtheit des Briefs und behaupteten, daß sie immer
-auf Warwaras Seite gestanden hätten. Es hatte für sie keinen Zweck, sich
-mit Peredonoff zu entzweien, -- denn es war vorteilhaft, mit ihm Karten
-zu spielen. Und Genja, da war nichts zu machen, mußte eben warten, --
-bis sich ein anderer Freier finden würde.
-
-»Natürlich müssen Sie sich trauen lassen,« sagte Prepolowenskji, »das
-ist ein gutes Werk und wird der Fürstin gefallen. Es wird der Fürstin
-angenehm sein, wenn Sie heiraten, und das wird ihr auch gefallen,
-sintemal Sie ein gutes Werk verrichten, und dann ist alles in Ordnung.
-Und -- man nehme die Sache wie man will -- es ist immer ein gutes Werk
-und wird der Fürstin gefallen.«
-
-»Ich bin ganz derselben Meinung,« sagte die Prepolowenskaja.
-
-Prepolowenskji war ins Reden hereingekommen und konnte nicht an sich
-halten, weil er aber bemerkte, daß alle nach und nach von ihm
-fortgegangen waren, setzte er sich neben einen jungen Beamten und
-erklärte ihm dieselbe Sache.
-
-»Ich bin entschlossen, mich trauen zu lassen,« sagte Peredonoff, »wir
-wissen nur beide nicht, wie das anzufangen ist. Etwas muß doch
-geschehen, ich weiß nur nicht was.«
-
-»Da ist nichts besonders dabei,« sagte die Prepolowenskaja, »wollen Sie,
-ich und mein Mann werden Ihnen alles einrichten. Sie brauchen sich um
-gar nichts zu kümmern.«
-
-»Gut,« sagte Peredonoff, »ich bin einverstanden. Es muß nur alles
-reichlich und anständig eingerichtet werden. Ums Geld soll es mir nicht
-leid tun.«
-
-»Seien Sie unbesorgt, Sie werden zufrieden sein,« sagte die
-Prepolowenskaja.
-
-Peredonoff fuhr fort, Bedingungen zu stellen:
-
-»Manche Leute kaufen aus Geiz schmale, silbervergoldete Ringe, ich will
-das aber nicht, es müssen echt goldene sein. Und ich möchte sogar statt
-der Trauringe Trauarmbänder bestellen, -- denn das ist teurer und
-vornehmer.«
-
-Alle lachten.
-
-»Armbänder gehen nicht,« sagte die Prepolowenskaja flüchtig lächelnd,
-»es müssen Ringe sein.«
-
-»Warum denn?« fragte Peredonoff geärgert.
-
-»Man tut es eben nicht.«
-
-»Man tut es vielleicht doch,« sagte Peredonoff ungläubig. »Ich werde den
-Popen fragen. Der muß es besser wissen.«
-
-Rutiloff kicherte und gab den Rat:
-
-»Bestell dir doch Traugürtel, Ardalljon Borisowitsch.«
-
-»So viel Geld habe ich doch nicht,« antwortete Peredonoff und merkte
-nicht, daß man sich über ihn lustig machte. »Ich bin kein Bankier. Ich
-träumte bloß vor einiger Zeit, daß ich in einem Atlasfrack getraut
-wurde, und wir beide trugen goldene Armbänder. Und hinter uns standen
-zwei Schuldirektoren, die hielten die Kränze über uns und sangen
-Halleluja.«
-
-»Ich habe heute auch etwas Interessantes geträumt,« erklärte Wolodin,
-»ich weiß nur nicht, was es bedeuten soll. Ich saß auf einem Thron und
-hatte eine Krone auf dem Kopf, vor mir wuchs aber Gras, und im Grase
-weideten Lämmer, lauter Lämmer, lauter Lämmer, bäh--bäh--bäh. Und die
-Lämmer gingen hin und her, schüttelten so mit den Köpfen und machten
-immerzu: bäh--bäh--bäh.«
-
-Wolodin ging durch die Zimmer, schüttelte den Kopf, warf die Lippen auf
-und meckerte. Die Gäste lachten. Wolodin setzte sich wieder, blickte
-alle fromm an, zwinkerte vor Vergnügen mit den Augen und lachte, wie er
-es immer tat, mit seiner blökenden, schafsähnlichen Stimme.
-
-»Nun, und was weiter?« fragte die Gruschina und zwinkerte ihren Gästen
-zu.
-
-»Nun, es waren eben lauter Lämmer, lauter Lämmer, und ich wachte auf,«
-schloß Wolodin.
-
-»Ein Schaf hat die Träume eines Schafes,« brummte Peredonoff, »ein
-gefundenes Fressen für dich: Hammelkönig.«
-
-»Ich aber hatte einen Traum,« sagte Warwara mit einem schmutzigen
-Lächeln auf den Lippen, »der läßt sich in Gegenwart von Herren nicht
-erzählen; -- Ihnen allein will ich ihn erzählen.«
-
-»O, liebste Warwara Dmitriewna, das ist ja ganz mein Fall,« antwortete
-die Gruschina, lächelte und zwinkerte allen zu.
-
-»Erzählen Sie ungeniert,« sagte Rutiloff, »wir sind bescheidne Leute,
-genau so wie Damen.«
-
-Auch die übrigen, anwesenden Herren bestürmten Warwara und die
-Gruschina, sie sollten erzählen; die beiden aber sahen einander an,
-lachten gemein und erzählten nichts.
-
-Man setzte sich an die Kartentische. Rutiloff versicherte allen, daß
-Peredonoff vortrefflich spiele. Peredonoff selber glaubte es. Aber
-heute, wie auch sonst immer, verlor er, Rutiloff dagegen gewann. Darüber
-war er sichtlich erfreut und redete lebhafter als gewöhnlich.
-
-Das graue, gespenstische Tierchen quälte Peredonoff. Es versteckte sich
-irgendwo ganz in seiner Nähe, guckte zuweilen vor, entweder unter dem
-Tisch oder hinter dem Rücken eines der Anwesenden und versteckte sich
-wieder. Es schien, als erwartete es irgend etwas. Es war schrecklich.
-
-Sogar vor den Bildern auf den Karten fürchtete sich Peredonoff. Die
-Damen immer zu zweit nebeneinander.
-
-Wo ist denn die dritte? -- dachte er.
-
-Stumpfsinnig betrachtete er die Pik-Dame und drehte die Karte um, --
-denn die dritte konnte sich vielleicht hinter dem Hemd versteckt haben.
-
-Rutiloff sagte:
-
-»Ardalljon Borisowitsch guckt seiner Dame hinters Hemd.«
-
-Alle lachten laut.
-
-Zwei ganz junge Polizeibeamte saßen etwas abseits und spielten
-Schwarzen-Peter. Das Spiel ging rasch vor sich. Der Gewinnende lachte
-vor Freude und zeigte seinem Partner eine lange Nase. Dieser aber
-ärgerte sich.
-
-Es roch nach warmen Speisen. Die Gruschina bat ihre Gäste in das
-Eßzimmer. Alle gingen hinüber, stießen einander und genierten sich.
-Irgendwie nahm man Platz.
-
-»Essen Sie, meine Herrschaften,« bewirtete die Gruschina, »essen Sie,
-meine Freunde, schlagen Sie sich die Bäuchlein voll, bis zum Halse
-hinauf.«
-
-»Es gereicht der Wirtin zur Ehre, wenn ihre Pirogge gegessen wird,« rief
-Murin fröhlich.
-
-Der Anblick der Schnapsflaschen tat ihm wohl; auch freute er sich, daß
-er im Spiel gewonnen hatte.
-
-Eifriger als alle andern aßen Wolodin und zwei junge Beamte, -- sie
-suchten sich die besten und größten Stücke aus und verschlangen den
-Kaviar mit wahrem Heißhunger. Die Gruschina lachte gezwungen und sagte:
-
-»Pawel Iwanowitsch ist betrunken und hat doch scharfe Augen. Er läßt das
-Brot liegen und macht sich an die Pastete.«
-
-Als hätte sie für ihn den Kaviar gekauft! Und unter dem Vorwand, sie
-müsse die Damen mit diesen schönen Sachen bewirten, stellte sie sie
-recht weit von ihm fort. Wolodin aber ließ sich die Laune nicht
-verderben und begnügte sich mit dem, was man ihm gelassen hatte: er
-hatte sich beeilt, gleich im Anfang recht viel vom Allerbesten zu essen,
-so daß ihm jetzt alles gleich sein konnte.
-
-Peredonoff blickte auf die Kauenden, und es schien ihm, daß alle über
-ihn lachten. Warum denn? Worüber denn? Wütend aß er alles, was ihm
-gerade unter die Finger kam; er aß unappetitlich und gierig.
-
-Nach dem Essen wurde wieder gespielt. Doch bald wurde es Peredonoff
-langweilig. Er warf die Karten auf den Tisch und sagte:
-
-»Daß euch der Teufel hole! Ich habe kein Glück! Wie langweilig! Warwara,
-komm, -- wir gehen nach Hause.«
-
-Gleichzeitig mit ihm erhoben sich auch die andern.
-
-Im Vorhaus bemerkte Wolodin, daß Peredonoff einen neuen Spazierstock
-hatte. Er betrachtete ihn grinsend von allen Seiten und fragte:
-
-»Ardascha, warum sind denn die Finger hier zur Faust geballt? Was
-bedeutet das?«
-
-Peredonoff nahm ihm ärgerlich den Stock aus den Händen, hielt den Griff,
-der eine aus Ebenholz geschnitzte Faust darstellte, an Wolodins Nase und
-sagte:
-
-»Du verdientest eine saftige Ohrfeige.«
-
-Wolodin machte ein gekränktes Gesicht.
-
-»Mit Verlaub, Ardalljon Borisowitsch,« sagte er, »ich pflege Brot mit
-Saft zu essen, keineswegs aber Ohrfeigen mit Saft.«
-
-Peredonoff hörte nicht auf ihn, wickelte sich den Schal vorsorglich um
-den Hals und knöpfte seinen Mantel fest zu. Rutiloff sagte lachend:
-
-»Warum packst du dich so ein, Ardalljon Borisowitsch? Es ist doch warm.«
-
-»Gesundheit geht über alles,« antwortete Peredonoff.
-
-Auf der Straße war es still; die Straße hatte sich zur Nacht gleichsam
-niedergelegt und schien ganz leise zu schnarchen. Es war dunkel, feucht
-und traurig. Am Himmel zogen schwere Wolken. Peredonoff brummte:
-
-»Die Dunkelheit! und wozu?«
-
-Er fürchtete sich nicht, denn er ging mit Warwara und nicht allein.
-
-Bald darauf fing es an zu regnen, ein feiner, rascher, anhaltender
-Regen. Alles war still geworden, und nur der Regen murmelte irgend
-etwas, zudringlich und schnell, als verschlucke er sich daran, --
-undeutliche, traurige und langweilige Sachen.
-
-Peredonoff fühlte in der Natur die Spiegelung seiner eignen Traurigkeit,
-seiner Furcht, unter der Larve ihrer Feindseligkeit zu ihm, aber für
-jenes innere Leben der ganzen Natur, das einer äußerlichen Bestimmung
-nicht unterliegen kann, für jenes Leben, das allein imstande ist, eine
-tiefe, unantastbare, aufrichtige Wechselbeziehung zwischen dem Menschen
-und der Natur herzustellen, für dieses Leben hatte er kein Gefühl. Darum
-erschien ihm auch die Natur ganz durchdrungen von kleinlichen,
-menschlichen Gefühlen. Verblendet durch Selbsttäuschungen, durch seine
-verschlossene Lebensführung, hatte er kein Verständnis für das
-dionysische, elementare Entzücken, das sich an der Natur berauscht, sie
-einsaugt. Er war blind und jämmerlich, wie es viele von uns sind.
-
-
-
-
- XXIII
-
-
-Das Ehepaar Prepolowenskji hatte es auf sich genommen, die
-Hochzeitsfeierlichkeiten auszurichten. Die Trauung sollte in einem Dorfe
-stattfinden, das etwa 6 Werst vor der Stadt lag: denn für Warwara mußte
-es peinlich sein, sich in der Stadt trauen zu lassen, nachdem sie schon
-so viele Jahre mit Peredonoff zusammengelebt hatte, unter dem Vorwand,
-sie wäre seine Kousine. Der Tag der Trauung wurde geheim gehalten: die
-Prepolowenskjis hatten das Gerücht verbreitet, die Trauung würde am
-Freitag stattfinden; in der Tat aber sollten die beiden am Mittwoch im
-Laufe des Tages getraut werden. Man hatte das getan, damit die
-neugierigen Städter nicht hinauskämen. Warwara schärfte es Peredonoff
-immer wieder ein:
-
-»Versprich dich nicht, Ardalljon Borisowitsch, wegen der Trauung, sonst
-kommen sie noch und werden die Feier stören.«
-
-Das zu den Feierlichkeiten erforderliche Geld gab Peredonoff nur
-widerwillig und sich über Warwara lustig machend. Bisweilen holte er
-seinen Stock, dessen Griff die geballte Faust darstellte und sagte zu
-Warwara:
-
-»Küß diese Faust, dann sollst du Geld haben. Küßt du sie nicht -- so
-gibt's kein Geld.«
-
-Warwara küßte die Faust.
-
-»Was ist denn dabei; die Lippen werden davon nicht platzen,« sagte sie.
-
-Der Termin der Trauung wurde bis kurz vor dem festgesetzten Tage sogar
-vor den Marschälen geheim gehalten, damit sie davon nicht weiter
-sprächen. Zuerst wurden Rutiloff und Wolodin gebeten Marschäle zu sein,
--- beide erklärten sich mit Vergnügen einverstanden. Rutiloff erwartete,
-eine amüsante Anekdote zu erleben, und Wolodin schmeichelte es
-außerordentlich, eine so hervorragende Rolle bei einem so wichtigen
-Ereignis spielen zu dürfen. Dann aber kam Peredonoff der Gedanke --
-_ein_ Marschal wäre für ihn zu wenig. Er sagte:
-
-»Für dich, Warwara, langt einer; ich aber brauche zwei, einer wäre zu
-wenig, -- denn es ist schwer, über mir die Hochzeitskrone zu halten; ich
-bin ein großer Mensch.«
-
-So bat Peredonoff noch Falastoff Marschal zu sein. Warwara knurrte:
-
-»Was Teufel soll denn der? Zwei sind schon da.«
-
-»Er trägt eine goldene Brille; so ist es vornehmer,« sagte Peredonoff.
-
-Am Morgen des Hochzeitstages wusch sich Peredonoff, wie gewöhnlich, mit
-warmem Wasser, um sich nicht zu erkälten, und dann verlangte er
-Schminke:
-
-»Ich muß mich jetzt jeden Tag schminken, sonst wird man noch denken, ich
-wäre hinfällig, und wird mich nicht zum Inspektor ernennen.«
-
-Warwara tat es um ihre Schminke leid, doch mußte sie sie hergeben, --
-und Peredonoff färbte sich die Backen. Er murmelte:
-
-»Auch Weriga schminkt sich, um jünger auszusehen. Ich kann mich doch
-nicht mit weißen Backen trauen lassen.«
-
-Hierauf sperrte er sich im Schlafzimmer ein und beschloß -- sich zu
-zeichnen, damit Wolodin sich nicht unterschieben konnte. Auf die Brust,
-auf den Bauch, auf die Ellenbogen, und sonst auf verschiedene
-Körperteile schmierte er mit Tinte den Buchstaben »P«.
-
-Man müßte auch Wolodin zeichnen, aber wie soll man das anfangen? Wenn er
-es bemerkt, wird er es wieder abreiben, dachte Peredonoff bekümmert.
-
-Dann kam ihm der Gedanke, es wäre so übel nicht, wenn er sich ein
-Korsett anzöge, denn möglicherweise würde man ihn für einen Greis
-halten, wenn er zufällig gebeugt dastehen würde. Er verlangte von
-Warwara ein Korsett. Doch erwies sich, daß Warwaras sämtliche Korsetts
-ihm zu eng waren, -- kein einziges ließ sich schließen.
-
-»Man hätte es früher kaufen müssen,« brummte er ärgerlich. »An nichts
-denken sie.«
-
-»Welcher Mann trägt denn ein Korsett,« antwortete Warwara, »keiner tut
-es.«
-
-»Weriga trägt eins,« sagte Peredonoff.
-
-»Weriga ist eben ein Greis; aber du, Ardalljon Borisowitsch, bist
-gottlob ein vollblütiger Mann.«
-
-Peredonoff lächelte selbstgefällig, blickte in den Spiegel und sagte:
-
-»Natürlich, ich werde noch anderthalb Jahrhunderte leben.«
-
-Der Kater nieste unter dem Bett. Warwara sagte lächelnd:
-
-»Auch der Kater niest, das heißt also: es stimmt.«
-
-Doch Peredonoff wurde plötzlich verdrießlich: Er fürchtete sich vor dem
-Kater, und sein Niesen erschien ihm als eine böse List.
-
-Das fehlte noch, daß er mir etwas vorniest, dachte er und kroch unter
-das Bett, um den Kater zu verjagen. Dieser miaute wild, schmiegte sich
-an die Wand und plötzlich schlüpfte er mit einem lauten Miauen unter
-Peredonoffs Händen durch, aus dem Zimmer hinaus.
-
-»Holländischer Teufel!« schimpfte Peredonoff böse.
-
-»Das ist er: ein Teufel,« rief auch Warwara, »er ist ganz verwildert, er
-läßt sich nicht einmal streicheln, -- als wäre der Teufel in ihn
-gefahren.«
-
-Die Prepolowenskjis hatten schon früh am Morgen die Marschäle
-benachrichtigt. Gegen zehn Uhr versammelten sich alle bei Peredonoff.
-Die Gruschina war gekommen und Sophie mit ihrem Mann. Ein Schnaps und
-Imbiß wurde gereicht. Peredonoff aß nur wenig und überlegte traurig, wie
-er es anstellen sollte, um sich noch mehr von Wolodin zu unterscheiden.
-
-Er hat sich Locken brennen lassen wie ein Schaf, dachte er gereizt und
-plötzlich fiel es ihm ein, daß auch er sich auf eine besondere Art
-frisieren lassen könnte. Er stand auf und sagte:
-
-»Trinkt und eßt, mir soll's nicht leid tun; ich werde unterdessen zum
-Friseur gehen und mich spanisch frisieren lassen.«
-
-»Wie ist denn das -- spanisch?« fragte Rutiloff.
-
-»Du wirst ja schon sehen.«
-
-Als Peredonoff gegangen war, sagte Warwara:
-
-»Immer hat er neue Einfälle! Ueberall sieht er Teufel. Er sollte weniger
-Schnaps trinken, der verfluchte Säufer!«
-
-Die Prepolowenskaja lächelte verschmitzt und sagte:
-
-»Wenn ihr getraut seid, wird Ardalljon Borisowitsch eine Stelle bekommen
-und dann wird er sich beruhigen.«
-
-Die Gruschina kicherte. Sie amüsierte sich über das Geheimnisvolle
-dieser Hochzeit und brannte darauf, irgend einen großen Skandal in Szene
-zu setzen, nur ohne sich selber dabei die Finger zu verbrennen. Unter
-der Hand hatte sie gestern abend einigen ihrer Freunde Ort und Stunde
-der Trauung genannt. Und heute in aller Frühe hatte sie den jüngsten
-Sohn des Schlossers kommen lassen, ihm einen Fünfer gegeben und ihm
-aufgetragen, am Abend vor der Stadt zu warten, bis die Neuvermählten
-angefahren kommen würden, um dann in ihren Wagen Schmutz und
-Papierfetzen zu werfen. Der Schlossersohn war zu allem bereit und
-schwor, er würde nichts verraten. Die Gruschina aber erinnerte ihn:
-
-»Den Tscherepin habt ihr doch verraten, als man euch Prügel gab.«
-
-»Wir waren halt Esel,« sagte der Schlossersohn, »aber jetzt könnte man
-uns aufhängen, ganz egal.«
-
-Und zur Bekräftigung seines Eides aß der Junge ein Häufchen Erde. Dafür
-gab ihm die Gruschina noch drei Kopeken.
-
-Im Frisiersalon wünschte Peredonoff den Inhaber selber zu sprechen. Es
-war ein junger Mensch, der vor kurzem die städtische Schule absolviert
-hatte und oft Bücher aus der Volksbibliothek lieh. Er war gerade dabei,
-einem Gutsbesitzer, den Peredonoff nicht kannte, das Haar zu schneiden.
-Als er mit seiner Arbeit fertig war, trat er an Peredonoff heran.
-
-»Laß ihn erst gehen!« sagte Peredonoff böse.
-
-Der Gutsbesitzer zahlte und ging.
-
-Peredonoff setzte sich vor den Spiegel.
-
-»Haarschneiden und frisieren,« sagte er. »Ich habe heute eine wichtige
-Sache vor, eine besonders wichtige, -- und darum sollst du mich spanisch
-frisieren.«
-
-Der Lehrjunge, er stand an der Tür, platzte aus. Der Meister blickte ihn
-streng an. Er hatte noch nie Gelegenheit gehabt, spanisch zu frisieren
-und er wußte auch nicht, was eine spanische Friseur sei, ob es die
-überhaupt gäbe. Wenn der Herr es aber verlangte, so mußte man annehmen,
-daß er weiß, was er will. Der junge Friseur wollte seine Unbildung nicht
-verraten. Er sagte höflich:
-
-»Bei Ihrem Haarwuchs, mein Herr, ist das unmöglich.«
-
-»Warum ist es unmöglich?« fragte Peredonoff beleidigt.
-
-»Ihre Haare haben eine schlechte Nährung,« erklärte der Friseur.
-
-»Soll ich sie etwa mit Bier begießen?« brummte Peredonoff.
-
-»Aber, ich bitte Sie, warum denn mit Bier!« antwortete der Friseur und
-lächelte liebenswürdig, »Sie müssen es in Betracht ziehen, daß, wenn man
-sie nur ein wenig schneiden soll und da außerdem sich eine gewisse
-Solidität auf Ihrem Haupte kund tut, es keineswegs zur spanischen Frisur
-langen dürfte.«
-
-Peredonoff war ganz niedergeschlagen, daß er nicht spanisch frisiert
-werden konnte. Er sagte betrübt:
-
-»So schneide mir die Haare wie du willst.«
-
-Vielleicht, dachte er, hat man es dem Friseur gesteckt, daß er mich
-nicht auf diese besondere Art frisieren soll. Ich hätte zu Hause nicht
-davon sprechen sollen. Wahrscheinlich war Wolodin, während er würdig und
-gemessen durch die Straßen gegangen war, als Hammel durch die
-Hintergäßchen gelaufen, und hatte sich mit dem Friseur »berochen«.
-
-»Befehlen der Herr zu spritzen?« fragte der Friseur, als er die Haare
-geschnitten hatte.
-
-»Mit Reseda und recht viel,« forderte Peredonoff, »hast du mich
-irgendwie zurechtgestutzt, so mach es wenigstens mit Reseda wieder gut.«
-
-»Ich bitte um Entschuldigung, Reseda führen wir nicht,« sagte der
-Friseur verlegen, »aber vielleicht ist Ihnen Opoponax gefällig?«
-
-»Nichts kannst du ordentlich tun,« sagte Peredonoff traurig, »so spritz
-denn ganz gleich womit.«
-
-Gereizt kam er nach Hause. Es war ein windiger Tag. Die Pforte wurde vom
-Winde auf und zu geschlagen, gähnte und lachte. Peredonoff sah das und
-wurde traurig. Wie sollte man hier durchfahren? Indes, alles machte sich
-von selbst.
-
-Drei Wagen waren vorgefahren, man mußte sich rasch hineinsetzen und
-abfahren, sonst hätten die Fuhrwerke Neugierige angelockt, die hätten
-sich gleich versammelt und wären nachgefahren, um sich die Trauung mit
-anzusehen. Man setzte sich und fuhr ab: Peredonoff und Warwara, die
-Prepolowenskjis und Rutiloff, die Gruschina mit den beiden anderen
-Marschälen.
-
-Auf dem Stadtplatz wirbelte der Staub. Peredonoff hörte Geräusche,
-gleichsam Axtschläge. Kaum sichtbar erhob sich, wuchs aus dem Staube
-eine hölzerne Wand. Eine Festung wurde gebaut. Bauern in roten Hemden
-liefen still und drohend hin und her.
-
-Die Wagen sausten vorüber, -- die furchtbare Erscheinung blieb weit
-zurück und verschwand. Peredonoff sah sich entsetzt um, aber es war
-nichts mehr zu sehen, -- und er konnte sich nicht entschließen, zu
-jemand von dieser Erscheinung zu sprechen.
-
-Den ganzen Weg über fühlte sich Peredonoff tief bedrückt. Alles starrte
-ihm feindlich entgegen, überall erhoben sich die drohenden Vorzeichen.
-Der Himmel umwölkte sich. Der Wind stürmte entgegen und seufzte schwer.
-Die Bäume wollten keinen Schatten geben, hatten den ganzen Schatten in
-sich gesogen. Dafür wirbelte der Staub längs der Straße, wie eine lange,
-durchsichtig-graue Schlange. Die Sonne verkroch sich aus einem
-unbekannten Grunde hinter den Wolken, -- wollte sie etwa heimlich
-beobachten?
-
-Der Weg schlängelte sich durch hügeliges Land, -- unerwartet tauchten
-hinter den Hügeln Sträucher, Wälder, Felder und Bäche auf. Ueber die
-Bäche führten dröhnende, hölzerne Brücken.
-
-»Der Vogel Auge flog vorüber,« sagte Peredonoff verdrießlich und starrte
-in die blendende, neblige Ferne des Himmels. »Er hat ein Auge und zwei
-Flügel, und weiter hat er nichts.«
-
-Warwara schmunzelte. Sie glaubte, Peredonoff wäre schon am frühen Morgen
-betrunken. Aber sie widersprach ihm nicht, sonst -- dachte sie, --
-könnte er sich ärgern und wird sich nicht trauen lassen.
-
-In der Kirche standen, versteckt hinter einer Säule, die vier Schwestern
-Rutiloff. Peredonoff hatte sie zuerst nicht bemerkt, später aber, schon
-während der Trauung, als sie ihren Hinterhalt verlassen hatten und
-vorgetreten waren, sah er sie und erschrak. Sie taten übrigens nichts
-Schlimmes, verlangten nicht -- er hatte das befürchtet, -- er solle
-Warwara fortjagen und eine von ihnen nehmen. Sie lachten nur die ganze
-Zeit. Und ihr anfangs leises Gelächter wurde immer lauter, klang immer
-drohender in seine Ohren, wie das Gelächter der wütenden Furien.
-
-Außer zwei, drei alten Weibern, die von irgendwoher gekommen waren,
-waren keine fremden Leute in der Kirche. Es war gut so, denn Peredonoff
-betrug sich läppisch und sonderbar. Er gähnte, murmelte vor sich hin,
-stieß Warwara, beklagte sich, daß es nach Bauern röche, und über den
-Gestank des Weihrauchs und der Wachslichter.
-
-»Deine Schwestern lachen die ganze Zeit,« brummte er zu Rutiloff
-gewandt, »sie durchbohren einem die Leber mit ihrem Gelächter.«
-
-Außerdem beunruhigte ihn das graue, gespenstische Tierchen. Es war
-schmutzig, ganz bestaubt und versteckte sich immer unter den Gewändern
-des Priesters.
-
-Der Gruschina und Warwara erschienen die kirchlichen Gebräuche
-lächerlich. Sie kicherten ununterbrochen. Die biblischen Worte, die Frau
-müsse ihrem Manne anhangen, gaben ihnen Anlaß zu besondrer Lustigkeit.
-Auch Rutiloff kicherte, -- er hielt es für seine Pflicht immer und
-überall die Damen zum Lachen zu bringen. Wolodin hingegen betrug sich
-gemessen und würdig; er bekreuzigte sich und bewahrte im Gesicht einen
-tiefsinnigen Ausdruck. Die kirchlichen Gebräuche waren für ihn nichts
-anderes, als Bestimmungen, die erfüllt werden mußten, er glaubte, daß
-die Erfüllung dieser Bestimmungen eine gewisse innerliche Bequemlichkeit
-förderte: man geht an Feiertagen zur Kirche, betet, -- und ist gerecht;
-man sündigt, bereut -- und ist wiederum gerecht. Wie gut und bequem! Um
-so bequemer, als man durch nichts verpflichtet war, außerhalb der Kirche
-sich um kirchliche Angelegenheiten zu kümmern, vielmehr sich an ganz
-andere, praktische Lebensregeln halten mußte.
-
-Die Trauungszeremonien waren eben beendet, man war noch nicht aus der
-Kirche heraus, -- da ereignete sich etwas Unvorhergesehenes. Lärmend
-drang in die Kirche eine betrunkene Gesellschaft, Murin mit seinen
-Freunden.
-
-Murin, wie gewöhnlich, zerzaust und schmutzig, umarmte Peredonoff und
-schrie:
-
-»Bruder! Uns bleibt nichts verborgen. Wir sind doch Freunde, die kein
-Wasser trennen kann, und du -- Kerl -- hast uns nichts gesagt.«
-
-Man hörte Ausrufe:
-
-»Der Lump, -- er hat uns nicht eingeladen!«
-
-»Jetzt sind wir doch hier!«
-
-»Wir haben es doch erfahren!«
-
-Die Neuangekommenen umarmten und beglückwünschten Peredonoff. Murin
-sagte:
-
-»Wir haben etwas zu lange gesoffen, sonst hätten wir euch von Anfang an
-beehrt.«
-
-Peredonoff stierte finster vor sich hin und antwortete nicht auf die
-Glückwünsche. Wut und Furcht schnürten ihm die Kehle.
-
-Alles spionieren sie aus, dachte er betrübt.
-
-»Ihr solltet euch wenigstens die Stirn bekreuzigen,« sagte er wütend.
-»Sonst, -- wer mag es wissen, -- habt ihr noch böse Hintergedanken.«
-
-Die Gäste bekreuzigten sich, lachten und spotteten gotteslästerlich. Die
-jungen Beamten taten sich darin ganz besonders hervor. Der Küster
-verwies es ihnen vorwurfsvoll.
-
-Unter den Gästen befand sich einer mit einem roten Schnurrbart, ein
-junger Mensch, den Peredonoff nicht einmal kannte. Er erinnerte ganz
-außerordentlich an einen Kater. Vielleicht hatte sich ihr Kater in
-diesen Menschen verwandelt? Nicht umsonst prustete dieser junge Mann so
-auffällig, -- er konnte seine tierischen Gewohnheiten nicht lassen.
-
-»Wer hat es Ihnen gesagt?« fragte Warwara die ungebetenen Gäste böse.
-
-»Gute Leute taten es, junge Frau,« antwortete Murin, »aber wer es
-eigentlich war, das haben wir schon vergessen.«
-
-Die Gruschina bewegte sich unruhig hin und her und zwinkerte mit den
-Augen. Die Gäste lachten nur, verrieten sie aber nicht. Murin sagte:
-
-»Ganz egal, Ardalljon Borisowitsch, wir fahren alle zu dir und du wirst
-Sekt schmeißen, sei kein Filz. Das geht doch nicht, -- Freunde die kein
-Wasser trennt, -- und du wolltest alles so hinterrücks abmachen.«
-
-Als Peredonoffs nach der Trauung aus der Kirche kamen, ging die Sonne
-unter, und der ganze Himmel stand in Feuer und Gold. Das gefiel
-Peredonoff nicht. Er murmelte:
-
-»Da hat man Gold draufgepappt, ganze Stücke, daß es beinah
-herunterfällt. Hat man je so eine Verschwendung gesehen!«
-
-Vor der Stadt erwarteten sie die Schlossersöhne mit einer Bande von
-Straßenjungen, sie liefen und brüllten. Peredonoff zitterte vor Angst.
-Warwara schimpfte, spuckte auf die Jungen, drohte ihnen mit der Faust.
-Die Gäste und Marschäle lachten.
-
-Man kam angefahren. Die ganze Gesellschaft wälzte sich mit lärmendem
-Johlen und Schreien in die Wohnung Peredonoffs. Man trank erst Sekt,
-dann Schnaps, und dann setzte man sich an die Karten. Die ganze Nacht
-durch wurde getrunken. Warwara war betrunken, tanzte und jubelte. Auch
-Peredonoff triumphierte, -- es war ihnen doch nicht gelungen, ihn mit
-Wolodin zu vertauschen.
-
-Wie immer wurde Warwara von den Gästen zynisch und ohne Achtung
-behandelt; sie glaubte, es wäre so in der Ordnung.
-
- * * * * *
-
-Nach der Hochzeit änderte sich das häusliche Leben bei Peredonoffs nur
-wenig. Nur, daß Warwara sicherer und unabhängiger mit ihrem Mann
-verkehrte. Es schien, als hätte sie nicht mehr den Respekt vor ihm, --
-doch fürchtete sie ihn aus alter Gewohnheit. Auch Peredonoff schrie sie
-mitunter an, wie er es von früher gewohnt war, zuweilen prügelte er sie
-sogar. Aber auch er begann ihre größere Sicherheit ihm gegenüber zu
-spüren. Das erfüllte ihn mit bittrer Traurigkeit. Es schien ihm, daß,
-wenn sie ihn nicht mehr so wie früher fürchtete, dies daher käme, daß in
-ihr der verbrecherische Vorsatz erstarkt war, ihn abzuschütteln, um ihn
-dann mit Wolodin zu vertauschen.
-
-Man muß auf der Hut sein, dachte er.
-
-Warwara triumphierte. Zusammen mit ihrem Mann, machten sie Besuche bei
-den Damen der Stadt, sogar bei den weniger Bekannten. Bei dieser
-Gelegenheit entfaltete sie einen komischen Stolz und sonderbare
-Ungeschicklichkeit. Ueberall wurde sie empfangen, in vielen Häusern
-allerdings mit großer Verwunderung.
-
-Für die Besuche hatte sie sich rechtzeitig einen Hut machen lassen bei
-der tüchtigsten Hutmacherin des Ortes aus der Hauptstadt. Die grellen,
-großen Blumen, in aufdringlicher Fülle angebracht, entzückten Warwara.
-
-Ihren ersten Besuch machten Peredonoffs bei der Frau des Direktors. Von
-dort fuhren sie zur Frau des Adelsmarschalls.
-
-Am selben Tage, als Peredonoffs sich anschickten, ihre Besuche zu machen
-(das war bei Rutiloffs natürlich schon längst bekannt), -- machten sich
-die Schwestern auf den Weg zu Warwara Nikolajewna Chripatsch, einfach
-aus Neugierde, um zu sehen, wie Warwara sich benehmen würde.
-
-Bald darauf kamen Peredonoffs. Warwara knixte tief vor der Frau
-Direktor, und ihre Stimme zitterte mehr als gewöhnlich, als sie sagte:
-
-»So sind wir denn gekommen. Ich bitte um Ihre Gunst und Freundschaft.«
-
-»Sehr angenehm,« sagte die Frau Direktor gezwungen und bat Warwara, auf
-dem Sofa Platz zu nehmen.
-
-Warwara setzte sich mit sichtlichem Behagen auf den ihr zugewiesenen
-Platz, breitete ihr rauschendes, grünes Kleid weit aus und begann zu
-reden, bemüht, ihre Verlegenheit hinter einer übergroßen Herzlichkeit zu
-verbergen:
-
-»Ich war die ganze Zeit über eine Mamsell, da bin ich nun eine Dame
-geworden. Wir sind Namensbasen, -- Sie heißen Warwara und ich heiße
-Warwara, -- und wir haben nicht miteinander verkehrt. Als Mamsell saß
-ich meist zu Hause, -- aber warum soll man immer hinter dem Ofen hocken.
-Nun werden ich und Ardalljon Borisowitsch offener leben. Wir bitten, uns
-die Ehre zu geben, -- wir waren bei Ihnen, Sie werden zu uns kommen, der
-Musjö zum Musjö, die Madame zur Madame.«
-
-»Aber man spricht davon, daß Sie nicht mehr lange hier bleiben werden,«
-sagte die Frau Direktor. »Ich ließ mir sagen, daß Ihr Mann versetzt
-werden wird.«
-
-»Ja, bald wird ein Papier kommen, dann werden wir fahren,« antwortete
-Warwara. »Bevor das Papier nicht gekommen ist, müssen wir hierbleiben
-und uns des Lebens freuen.«
-
-Warwara hoffte selber auf den Inspektorposten. Nach der Trauung hatte
-sie der Fürstin einen Brief geschrieben. Eine Antwort war noch nicht
-gekommen. Sie hatte beschlossen zu Neujahr noch einmal zu schreiben.
-
-Ludmilla sagte:
-
-»Wir dachten alle, Ardalljon Borisowitsch, Sie würden das Fräulein
-Pjilnikoff heiraten.«
-
-»Ach was,« sagte Peredonoff böse, »wie sollte ich jede beliebige
-heiraten. Ich brauche Protektionen.«
-
-»Aber immerhin, wie verhält es sich denn mit Mademoiselle Pjilnikoff?«
-neckte Ludmilla. »Sie haben ihr doch den Hof gemacht. Hat sie Ihnen
-einen Korb gegeben?«
-
-»Ich werde sie noch aufs Glatteis führen,« brummte Peredonoff
-verdrießlich.
-
-»Das ist die _Idée fixe_ von Ardalljon Borisowitsch,« sagte der Direktor
-und lachte trocken.
-
-
-
-
- XXIV
-
-
-Peredonoffs Kater war ganz verwildert, er fauchte, hörte nicht, wenn man
-ihn rief, -- und war durch nichts anzulocken. Peredonoff fürchtete sich
-vor ihm. Manchmal murmelte er Beschwörungsformeln.
-
-Aber kann das helfen? dachte er. Der Kater hat eine zu starke
-Elektrizität im Fell, -- das ist eben das Unglück.
-
-Einmal kam er auf den Gedanken, den Kater scheren zu lassen.
-
-Gedacht -- getan. Warwara war nicht zu Hause, -- sie war zur Gruschina
-gegangen und hatte sich ein Fläschchen Kirschlikör in die Tasche
-gesteckt, -- so konnte ihn niemand stören. Peredonoff band den Kater an
-eine Schnur, -- aus einem Taschentuch drehte er ein Halsband, -- und
-führte ihn zum Friseur.
-
-Der Kater miaute wild, sprang nach rechts, nach links, stemmte sich
-entgegen. In seiner Verzweiflung warf er sich einigemal auf Peredonoff,
--- aber Peredonoff hielt ihn mit seinem Spazierstock fern. Die
-Gassenjungen liefen in Scharen hinterdrein, schrien und lachten. Die
-Vorübergehenden blieben stehen. Man steckte die Köpfe zum Fenster
-hinaus. Peredonoff schleifte den Kater an der Schnur und ließ sich durch
-nichts aus der Fassung bringen.
-
-Endlich war er beim Friseur und sagte:
-
-»He, rasieren Sie mal den Kater, aber ganz glatt.«
-
-Die Jungen waren in Haufen vor der Tür stehen geblieben und krümmten
-sich vor Lachen. Der Friseur war beleidigt und wurde rot. Er sagte, --
-und seine Stimme zitterte leise:
-
-»Entschuldigen Sie, mein Herr, das ist nicht unseres Amtes. Zudem habe
-ich nie einen rasierten Kater gesehn. Das wird wohl die neueste Mode
-sein, die noch nicht bis zu uns gedrungen ist.«
-
-Peredonoff hörte ihm zu in blödem Nichtverstehen. Er rief:
-
-»Charlatan! Sag lieber -- ich kann es nicht!«
-
-Dann ging er wieder, den unnatürlich schreienden Kater hinter sich
-herzerrend. Unterwegs dachte er betrübt, daß überall und immer alle Welt
-über ihn lache, keiner wolle ihm behilflich sein. Der Kummer schnürte
-ihm die Brust.
-
- * * * * *
-
-Peredonoff, Wolodin und Rutiloff waren in den »Garten« gekommen um
-Billard zu spielen. Der Marqueur berichtete verlegen:
-
-»Heute kann nicht gespielt werden, meine Herren.«
-
-»Und warum nicht?« fragte Peredonoff gereizt, »_wir_ -- sollen nicht
-spielen dürfen.«
-
-»Es verhält sich nämlich so, ich bitte um Entschuldigung, daß keine
-Bälle da sind,« sagte der Marqueur.
-
-»Hast sie durchgebracht, Halunke,« hörte man hinter der Lette den
-Buffetier schreien.
-
-Der Marqueur zuckte zusammen und bewegte plötzlich die roten Ohren,
-gleichsam eine hasenartige Bewegung, und flüsterte:
-
-»Man hat sie gestohlen.«
-
-Peredonoff rief erschreckt:
-
-»Nanu! wer hat sie gestohlen?«
-
-»Unbekannt -- wer, --« meldete der Marqueur. »Es ist kein Mensch da
-gewesen, und plötzlich sind die Bälle verschwunden.«
-
-Rutiloff kicherte und rief:
-
-»Nette Anekdote -- das!«
-
-Wolodin zog ein gekränktes Gesicht und machte dem Marqueur Vorwürfe:
-
-»Wenn man bei Ihnen die Bälle zu stehlen beliebt, Sie aber sich
-unterdessen irgendwo anders aufzuhalten belieben, die Bälle also
-sozusagen verschwunden sind, so hätten Sie die Pflicht gehabt,
-unverzüglich neue Bälle zu beschaffen, damit wir spielen können. Wir
-kamen und wollten spielen; wenn aber keine Bälle da sind, -- womit
-sollen wir dann spielen?«
-
-»Schwatz nicht, Pawluschka,« sagte Peredonoff, »einem wird auch ohne
-dich übel. Such die Bälle, Marqueur! Wir müssen unbedingt spielen;
-unterdessen bring zwei Pullen Bier.«
-
-Man trank Bier. Es war aber doch langweilig. Die Bälle ließen sich nicht
-finden. Man schimpfte einander, schalt den Marqueur. Dieser schwieg
-schuldbewußt.
-
-Im Diebstahl glaubte Peredonoff eine neue feindliche Intrige sehen zu
-müssen.
-
-Warum? dachte er betrübt und verstand nicht.
-
-Er ging in den Garten und setzte sich auf eine Bank, die dicht am Teiche
-stand, -- hier hatte er noch nie gesessen, -- und stierte stumpfsinnig
-auf das mit Entengrün bezogene Wasser. Wolodin setzte sich neben ihn,
-teilte seinen Kummer und blickte mit seinen Schafsaugen auf den Teich.
-
-»Warum liegt dieser schmutzige Spiegel hier, Pawluschka?« fragte
-Peredonoff und wies mit dem Stock auf den Teich.
-
-Wolodin bleckte die Zähne und sagte:
-
-»Das ist kein Spiegel, Ardascha; das ist ein Teich. Sintemal es eben
-windstill ist, spiegeln sich in ihm die Bäume; darum sieht es so aus,
-als läge hier ein Spiegel.«
-
-Peredonoff sah auf. Hinter dem Teich war ein Zaun, der den Garten von
-der Straße trennte. Peredonoff fragte wieder:
-
-»Warum sitzt der Kater auf dem Zaun?«
-
-Wolodin blickte in dieselbe Richtung und sagte kichernd:
-
-»Er war, er ist nicht mehr.«
-
-Tatsächlich lebte der Kater nur in Peredonoffs Einbildung, -- ein Kater
-mit weitaufgerissenen, grünen Augen, -- sein verschlagener,
-unermüdlicher Feind. Wieder mußte Peredonoff an die Bälle denken.
-
-Wer braucht sie? Hatte das graue, gespenstische Tierchen sie
-aufgefressen? War es darum heute nirgends zu sehen, -- dachte er. -- Es
-hat sich vollgefressen, hat sich irgendwohin gewälzt und schläft jetzt.
-
-Niedergeschlagen schlich Peredonoff nach Hause. Der Abend war im
-Erlöschen. Ein Wölkchen zog irrend am Himmel, schlich heran, -- Wolken
-gehen so leise, -- hielt Umschau. Auf seinen dunklen Rändern spielte ein
-rätselhafter, tiefer Glanz. Ueber dem Flüßchen, das zwischen Garten und
-Stadt floß, zitterten die Schatten der Häuser und Gebüsche, sie
-flüsterten, suchten irgend jemand.
-
-Und auf den Straßen dieser düstren, ewig feindlichen Stadt begegneten
-nur böse, spöttische Menschen. Alles verband sich zu einer allgemeinen
-Feindseligkeit gegen Peredonoff, -- die Hunde lachten ihn aus, und die
-Menschen kläfften ihn an.
-
-Die Damen der Stadt erwiderten Warwaras Besuch. Einige waren aus
-fröhlicher Neugierde schon nach zwei, drei Tagen gekommen, um Warwara in
-ihrer Häuslichkeit zu sehen. Andere wieder ließen eine Woche und mehr
-verstreichen. Und manche kamen überhaupt nicht, -- so zum Beispiel die
-Werschina.
-
-Peredonoffs erwarteten täglich mit größter Ungeduld die Gegenbesuche und
-zählten nach, wer noch nicht gekommen war. Ganz besonders ungeduldig
-erwarteten sie den Direktor und dessen Frau. Sie warteten und regten
-sich ungeheuer auf, -- denn wie, -- wenn die Chripatschs überhaupt nicht
-kämen!
-
-Es verging eine Woche; sie waren nicht gekommen. Warwara wütete und
-schimpfte. Peredonoff kam vor lauter Erwartung in eine gequälte
-Stimmung.
-
-Seine Augen waren ganz stumpf geworden, als wären sie erloschen; und
-manchmal schien es -- es wären die Augen eines Toten. Eine sinnlose
-Furcht marterte ihn. Ohne jeden ersichtlichen Grund fürchtete er sich
-plötzlich vor diesen und jenen Gegenständen. Ihm war der quälende
-Gedanke gekommen, man wolle ihn erstechen; er fürchtete sich vor allem
-Geschliffenen und versteckte Messer und Gabeln.
-
-Vielleicht, -- dachte er, -- sind sie besprochen und verhext. Man könnte
-zufällig in ein Messer rennen.
-
-»Wozu hat man Messer?« sagte er zu Warwara. »Die Chinesen essen doch mit
-Stäbchen.«
-
-Aus diesem Grunde wurde eine Woche lang kein Fleisch gebraten, -- man
-begnügte sich mit Kohl und Grütze.
-
-Um sich an Peredonoff für die, vor der Trauung ausgestandenen Aengste zu
-rächen, bekräftigte ihn Warwara hie und da in der Ueberzeugung, daß
-seine Befürchtungen nicht grundlos wären. Sie sagte ihm, er hätte viele
-Feinde, und wie wäre es auch möglich, daß man ihn nicht beneiden sollte?
-Mehr als einmal ängstigte sie ihn damit, daß man ihn sicher denunziert
-und ihn bei den vorgesetzten Behörden und bei der Fürstin angeschwärzt
-hätte. Sie freute sich, wenn er sich augenscheinlich fürchtete.
-
-Für Peredonoff schien es festzustehen, daß die Fürstin mit ihm
-unzufrieden war. Warum hatte sie zur Trauung weder ein Heiligenbild,
-noch Salz und Brot geschickt? Er dachte: man muß ihr Wohlwollen
-verdienen; aber wodurch? Durch eine Lüge etwa? Sollte er
-Klatschgeschichten verbreiten, jemanden denunzieren? Alle Damen lieben
-den Klatsch, -- man müßte sich über Warwara etwas Unanständiges
-ausdenken und der Fürstin davon schreiben. Sie wird lachen und ihm eine
-Stelle verschaffen.
-
-Aber Peredonoff brachte es nicht fertig so einen Brief zu schreiben,
-auch fürchtete er sich, an die Fürstin selbst zu schreiben. Und bald
-vergaß er diesen Einfall.
-
-Die gewöhnlichen Gäste bewirtete Peredonoff mit Schnaps und ganz
-billigem Portwein. Für den Direktor hatte er aber eine Flasche Madeira
-für drei Rubel gekauft. Peredonoff hielt diesen Wein für etwas
-außerordentlich Kostbares, verwahrte ihn im Schlafzimmer, zeigte ihn nur
-den Gästen und sagte:
-
-»Für den Direktor.«
-
-Einmal, als Rutiloff und Wolodin bei Peredonoff waren, zeigte er ihnen
-den Madeira.
-
-»Diese äußerliche Betrachtung mundet nicht,« sagte Rutiloff kichernd. --
-»Gib uns lieber davon zu trinken.«
-
-»Was nicht gar!« antwortete Peredonoff böse. »Was soll ich dann dem
-Direktor anbieten?«
-
-»Der Direktor wird Schnaps trinken,« sagte Rutiloff.
-
-»Ein Direktor trinkt keinen Schnaps; für einen Direktor schickt es sich,
-Madeira zu trinken,« sagte Peredonoff nachdrücklich.
-
-»Wenn er aber doch gerne Schnaps trinkt,« beharrte Rutiloff.
-
-»Das fehlte noch! ein General wird nie Schnaps mögen,« sagte Peredonoff
-sicher.
-
-»Immerhin, gib nur her,« drängte Rutiloff.
-
-Peredonoff brachte die Flasche eilig fort und man hörte, wie das Schloß
-am Schränkchen, in dem er den Wein verwahrte, knirschte. Als er wieder
-zurückkam, wechselte er das Thema und sprach von der Fürstin. Er sagte
-verdrießlich:
-
-»Die Fürstin! Auf einem Bazar hat sie mit faulen Aepfeln gehandelt und
-den Fürsten geködert.«
-
-Rutiloff lachte laut und sagte:
-
-»Seit wann treiben sich Fürsten auf Bazaren herum?«
-
-»Einerlei. Sie hat ihn angelockt,« sagte Peredonoff.
-
-»Das denkst du dir aus, Ardalljon Borisowitsch,« widersprach Rutiloff.
-»Das ist nie vorgekommen. Die Fürstin ist eine angesehene Dame.«
-
-Peredonoff blickte ihn wütend an und dachte: er verteidigt sie; er
-steckt mit ihr unter einer Decke. Die Fürstin hat ihn behext, wenn sie
-auch noch so weit von hier fort ist.
-
-Aber das kleine, gespenstische Tierchen tummelte sich; es lachte lautlos
-und zitterte an allen Gliedern vor lauter Lachen. Es erinnerte
-Peredonoff an viele schreckliche Sachen. Aengstlich blickte er sich um
-und flüsterte:
-
-»In jeder Stadt befindet sich ein geheimer Gendarmunteroffizier. Er geht
-in Zivil, dient oder handelt irgendwo oder tut sonst was; aber in der
-Nacht, wenn alles schläft, zieht er seine blaue Uniform an und geht
-stracks zum Gendarmerieoffizier.«
-
-»Warum denn in Uniform?« erkundigte sich Wolodin sachlich.
-
-»Zum Vorgesetzten darf man nicht in Zivil. Dafür wird geprügelt,«
-erklärte Peredonoff.
-
-Wolodin kicherte. Peredonoff beugte sich dicht zu ihm und flüsterte:
-
-»Manchmal lebt er sogar in anderer Gestalt. Man glaubt -- es ist ein
-simpler Kater, -- keine Spur! Es ist der Gendarm. Vor dem Kater kann man
-nichts verbergen, er hört und hört alles.«
-
- * * * * *
-
-Endlich, nach anderthalb Wochen, machte die Frau Direktor ihren
-Gegenbesuch. An einem Wochentage um vier Uhr kam sie -- schön gekleidet,
-liebenswürdig, nach süßen Veilchen duftend, -- zusammen mit ihrem Manne,
-angefahren, -- für Peredonoffs ganz unerwartet: diese hatten Chripatschs
-aus irgend einem Grunde an einem Feiertag und viel früher erwartet.
-Alles ging durcheinander. Warwara war halbangekleidet und ungewaschen in
-der Küche. Sie lief schnell, sich zurechtzumachen, während Peredonoff
-die Gäste empfing und den Eindruck eines Menschen machte, der eben erst
-aufgewacht ist.
-
-»Warwara kommt gleich,« murmelte er, »sie kleidet sich um. Sie kochte
-gerade. Wir haben ein neues Mädchen, die kann noch nichts, sie ist eine
-dumme Gans.«
-
-Bald darauf kam Warwara, nachlässig gekleidet; ihr Gesicht war rot und
-erschreckt. Sie gab den Gästen ihre feuchte, unsaubere Hand und sprach
-mit vor Aufregung zitternder Stimme:
-
-»Verzeihen Sie, daß ich warten ließ, -- wir wußten nicht, daß Sie an
-einem Wochentage kommen würden.«
-
-»An Feiertagen fahre ich nur selten aus,« sagte Madame Chripatsch, »da
-sind so viele Betrunkene auf den Straßen. Mögen die Dienstboten diesen
-Tag für sich haben.«
-
-Es entspann sich eine notdürftige Unterhaltung, und die
-Liebenswürdigkeit der Frau Direktor ermunterte Warwara ein wenig. Die
-Frau Direktor behandelte Warwara etwas von oben herab, doch freundlich,
--- wie etwa eine reumütige Sünderin, zu der man freundlich sein muß, an
-der man sich aber noch beschmutzen kann. Sie gab Warwara einige
-Verhaltungsmaßregeln über Kleidung und Einrichtung, aber nur
-gesprächsweise.
-
-Warwara gab sich alle Mühe, der Frau Direktor zu gefallen, aber ihre
-roten Hände und die geplatzten Lippen zitterten noch vor Schrecken. Das
-genierte die Frau Direktor. Sie bemühte sich, noch liebenswürdiger zu
-sein, aber ein unwillkürlicher Ekel befiel sie. Durch ihr ganzes
-Verhalten gab sie es Warwara deutlich zu verstehen, daß ein näherer
-Verkehr zwischen ihnen ausgeschlossen war. Da dies aber in sehr
-zuvorkommender Form geschah, so verstand es Warwara nicht und lebte im
-Glauben, sie und die Frau Direktor würden gute Freunde werden.
-
-Chripatsch erinnerte in seinem Verhalten an einen Menschen, der sich
-ganz deplaziert vorkommt; aber gewandt und männlich suchte er das zu
-verbergen. Den Madeira trank er nicht: er wäre es nicht gewohnt, um
-diese Stunde Wein zu trinken. Man redete über die städtischen
-Neuigkeiten, über den bevorstehenden Wechsel im Bezirksgericht. Es war
-aber nur zu deutlich zu merken, daß er und Peredonoff in zwei einander
-feindlich gegenüberstehenden Gesellschaftsschichten verkehrten.
-
-Sie blieben nicht lange.
-
-Warwara war froh, als sie wieder gingen: nun, sie sind gekommen und sind
-bald gegangen. Sie zog sich um und sagte fröhlich:
-
-»Gott sei Dank, sie sind fort. Ich wußte ja gar nicht, was ich sprechen
-sollte. Es ist schon so, wenn man jemand nur flüchtig kennt, so weiß man
-gar nicht, von welcher Seite man anpacken soll.«
-
-Dann fiel es ihr ein, daß die Chripatschs sie beim Fortgehen nicht
-eingeladen hatten. Das verwirrte sie zuerst; dann dachte sie:
-
-»Sie werden eine Einladung schicken, wann man sie besuchen darf. Diese
-Herrschaften haben ihre besonderen Stunden. Ich müßte eigentlich
-Französisch kläffen lernen. Auf Französisch kann ich nicht a und b
-sagen.«
-
- * * * * *
-
-Zu Hause sagte die Frau Direktor zu ihrem Mann:
-
-»Sie ist eine ganz traurige, hoffnungslos tief stehende Person; es ist
-ganz unmöglich, sie als seinesgleichen zu betrachten. Nichts in ihr
-entspricht ihrer sozialen Stellung.«
-
-Chripatsch antwortete:
-
-»Sie steht ganz auf einer Stufe mit ihrem Manne. Ich erwarte es mit
-Ungeduld, daß er versetzt wird.«
-
-Nach ihrer Verheiratung verlegte sich Warwara aufs Trinken. Sie trank
-mit der Gruschina oft zusammen. Einmal, -- die Prepolowenskaja war
-gerade anwesend, und Warwara hatte einen leichten Rausch, --
-verschwatzte sie sich, als sie vom Brief erzählte. Zwar hatte sie nicht
-alles gesagt, immerhin aber recht deutliche Andeutungen gemacht. Der
-schlauen Sophie genügte das vollkommen, -- wie Schuppen fiel es ihr von
-den Augen.
-
-Wie bin ich nur nicht gleich darauf gekommen! machte sie sich den
-stillen Vorwurf.
-
-Unter dem Siegel der Verschwiegenheit erzählte sie der Werschina von den
-gefälschten Briefen, -- und so ging es wie ein Lauffeuer durch die
-Stadt.
-
-Wenn die Prepolowenskaja Peredonoff traf, so konnte sie nicht umhin, ihn
-wegen seiner Leichtgläubigkeit auszulachen. Sie sagte:
-
-»Wie sind Sie doch einfältig, Ardalljon Borisowitsch.«
-
-»Ich bin nicht einfältig,« antwortete er, »ich bin Kandidat der
-Universität[11].«
-
-»Nun ja -- Kandidat; aber wem es gerade einfällt, der haut Sie übers
-Ohr.«
-
-»Das tue ich selber, daß ich die Leute übers Ohr haue,« verteidigte sich
-Peredonoff.
-
-Die Prepolowenskaja lächelte verschlagen und wich aus. Peredonoff konnte
-nichts verstehen, -- wie kam sie nur darauf? Aus Bosheit! dachte er,
-alle Menschen sind mir feind.
-
-Und er drohte hinter ihrem Rücken mit der Faust.
-
-Nichts hast du gewonnen, versuchte er sich zu beruhigen.
-
-Aber die Angst quälte ihn.
-
-Der Prepolowenskaja schien es, als wären diese Andeutungen zu wenig.
-Andererseits wollte sie ihm nicht reinen Wein einschenken. Was sollte
-ihr an einem Streit mit Warwara liegen? Von Zeit zu Zeit richtete sie
-anonyme Briefe an Peredonoff, in denen sie deutlicher wurde. Aber
-Peredonoff verstand noch immer nicht.
-
-[Fußnote 11: Entspricht dem deutschen Doktortitel.]
-
-Einmal schrieb sie ihm:
-
-»Sehen Sie zu, ob jene Fürstin, die Ihnen die Briefe geschrieben hat,
-nicht hier am Orte lebt.«
-
-Peredonoff glaubte, die Fürstin selber wäre gekommen, um ihn zu
-beobachten. Wahrscheinlich hat sie sich in mich vergafft und will mich
-Warwara abspenstig machen.
-
-Diese Briefe erschreckten und ärgerten Peredonoff. Er setzte Warwara zu:
-
-»Wo ist die Fürstin? Man sagt, sie wäre hier.«
-
-Warwara, sich rächend für alles Frühere, quälte ihn mit Andeutungen,
-feigen, bösen Ausreden und Sticheleien. Gemein lächelnd, sagte sie mit
-falscher Stimme, wie man etwa dann spricht, wenn man wissentlich lügt
-und auf kein Vertrauen rechnen kann:
-
-»Wie soll ich wissen, wo die Fürstin jetzt lebt.«
-
-»Du lügst! Du weißt es!« sagte Peredonoff ganz entsetzt.
-
-Er wußte nicht, ob er dem Sinn ihrer Worte glauben sollte oder dem
-verräterischen Tonfall ihrer Stimme, -- und das ängstigte ihn, wie
-alles, was er nicht begreifen konnte. Warwara entgegnete:
-
-»Wieso denn! Vielleicht ist sie aus Petersburg fortgefahren, -- sie hat
-mich doch nicht um Erlaubnis zu fragen.«
-
-»Aber vielleicht ist sie wirklich hier?« fragte Peredonoff
-eingeschüchtert.
-
-»Vielleicht ist sie wirklich hier,« ahmte ihn Warwara nach. »Sie hat
-sich in dich vergafft und ist hergekommen, um sich an dir sattzusehen.«
-
-Peredonoff rief:
-
-»Du lügst! sie hat sich nicht in mich vergafft?«
-
-Warwara lachte laut und boshaft.
-
-Von jenem Tage an achtete Peredonoff aufmerksam darauf, ob er nicht
-irgendwo die Fürstin sehen würde. Manchmal schien es ihm, als blickte
-sie durch die Tür oder zum Fenster herein! -- sie beobachtet ihn, horcht
-auf jedes Wort, sie tuschelt mit Warwara.
-
- * * * * *
-
-Die Zeit verging, aber die von Tag zu Tag erwartete Ernennung
-Peredonoffs zum Inspektor traf nicht ein. Auch hörte man privaten
-Erkundigungen zufolge nichts von einem vakanten Posten. Peredonoff wagte
-es nicht, bei der Fürstin selber anzufragen, -- denn Warwara erschreckte
-ihn stets damit, sie wäre eine sehr angesehene Dame. Und er hatte das
-Gefühl, es würden ihm die größten Unannehmlichkeiten daraus entstehen,
-wenn _er_ es versuchen würde, an sie zu schreiben. Er wußte zwar nicht,
-was man ihm antun könnte, wenn die Fürstin ihn verklagen würde, aber
-gerade das war ihm besonders furchtbar. Warwara sagte:
-
-»Kennst du denn die Aristokraten nicht? Warten, -- sie tun selber alles,
-was nötig ist. Wirst du sie aber daran erinnern, -- so wird sie das
-kränken, und das ist noch viel schlimmer. Sie haben ihre eigene Ehre!
-sie sind stolz, sie lieben es, wenn man ihnen vertraut.«
-
-Und Peredonoff glaubte noch immer. Aber er ärgerte sich über die
-Fürstin. Zuweilen dachte er, daß sie ihn denunziert hätte, um sich ihrer
-Versprechungen zu entledigen. Oder ihn denunziert hätte aus lauter
-Eifersucht: _sie_ war in ihn verliebt, und _er_ hatte Warwara
-geheiratet. Darum, dachte er, umringt sie mich mit Spionen, die mir
-überall folgen und mich so beengen, daß ich keine Luft und kein Licht
-habe. Nicht umsonst ist sie so vornehm. Sie kann alles, was sie will.
-
-Aus Wut verbreitete er über die Fürstin die unglaublichsten Geschichten.
-Er erzählte Rutiloff und Wolodin, er wäre früher ihr Liebhaber gewesen,
-und sie hätte ihm große Summen Geldes gegeben.
-
-»Ich habe alles vertrunken. Was zum Teufel sollte ich damit anfangen!
-Sie hatte mir versprochen, mir eine Pension bis zum Lebensende zu
-zahlen. Aber sie hat mich betrogen.«
-
-»Hättest du das angenommen?« fragte Rutiloff und kicherte.
-
-Peredonoff schwieg. Er verstand die Frage nicht. Dafür antwortete
-Wolodin für ihn, als verständiger, solider Mann:
-
-»Warum sollte er es nicht nehmen, wenn sie doch reich ist? Hat sie ihr
-Vergnügen an ihm gehabt, so mag sie auch zahlen.«
-
-»Wenn sie noch schön wäre!« sagte Peredonoff betrübt. »Sie ist aber
-sommersprossig und hat eine Stülpnase. Das einzige war, daß sie gut
-zahlte, sonst hätte ich mich nicht einmal entschließen können, dies
-Luder anzuspucken. Sie _muß_ meine Bitte erfüllen.«
-
-»Du lügst, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Rutiloff.
-
-»Ich lüge nicht. Etwa das, daß sie mir Geld gegeben hat? Glaubst du, ich
-hätte es umsonst getan? Sie ist eifersüchtig auf Warwara, und darum
-verschafft sie mir nicht die Stelle.«
-
-Peredonoff schämte sich nicht einmal, wenn er davon sprach, daß die
-Fürstin ihm Geld gegeben hatte. Wolodin war ein gläubiger Zuhörer und
-merkte gar nicht, in was für dumme Widersprüche Peredonoff sich
-verwickelte. Rutiloff widersprach wohl, dachte aber, daß es ohne Feuer
-keinen Rauch gibt: irgend etwas, dachte er, hat Peredonoff mit der
-Fürstin gehabt.
-
-»Sie ist älter als der Köter eines Popen,« sagte Peredonoff
-zuversichtlich, als wäre es etwas ganz Sachliches; »erzählt es nur
-keinem weiter, -- kommt es ihr zu Ohren, so geht es mir schlecht. Sie
-schminkt sich und spritzt sich Tau in die Adern, um jung zu bleiben. Man
-sieht es ihr auch nicht an, daß sie alt ist. Sie ist aber schon hundert
-Jahre alt.«
-
-Wolodin schüttelte nur den Kopf und schmatzte mit den Lippen. Er glaubte
-alles.
-
-Am folgenden Tage nach diesem Gespräch mußte Peredonoff in einer Klasse
-die Krjiloffsche Fabel »Der Lügner« lesen lassen. Und einige Tage
-hintereinander fürchtete er sich über die Brücke zu gehen, -- mietete
-ein Boot und ließ sich hinüberfahren, -- die Brücke hätte ja unter ihm
-einstürzen können. Er erklärte Wolodin:
-
-»Was ich über die Fürstin erzählte, ist wahr. Aber die Brücke könnte es
-nicht glauben und wird darüber einstürzen.«
-
-
-
-
- XXV
-
-
-Das Gerücht über die gefälschten Briefe verbreitete sich in der Stadt.
-Die Gespräche darüber waren für die Bürger unterhaltend und erheiternd.
-Fast alle lobten Warwara und freuten sich, daß Peredonoff betrogen
-worden war. Und alle die, welche die Briefe gesehen hatten, versicherten
-hoch und teuer, sie hätten alles von Anfang an gewußt.
-
-Besonders groß war die Schadenfreude im Hause der Werschina: obwohl
-Martha Murin heiraten sollte, so war sie doch immerhin von Peredonoff
-verschmäht worden. Die Werschina hatte eigentlich die Absicht gehabt,
-Murin für sich zu nehmen, nun mußte sie ihn Martha abtreten; Wladja
-hatte seine guten Gründe, warum er Peredonoff nicht leiden konnte, und
-freute sich über dessen Mißgeschick. Obgleich es ihm nicht angenehm war,
-daß Peredonoff nun doch im Gymnasium blieb, so wurde das Unbehagen
-darüber bei weitem durch den Umstand aufgewogen, daß Peredonoff so
-glänzend »hereingelegt« worden war. Außerdem hatte sich in den letzten
-Tagen unter den Schülern das Gerücht verbreitet, als hätte der Direktor
-dem Schulbezirksinspektor mitgeteilt, Peredonoff wäre nicht mehr
-zurechnungsfähig, als würde bald eine Untersuchung deswegen eingeleitet
-werden und Peredonoff müßte dann die Schule verlassen.
-
-Wenn Warwara mit ihren Bekannten zusammentraf, so machte man grobe
-Witze, und gab ihr frech und unverholen zu verstehen, daß man um die
-Fälschungen wußte. Sie lächelte nur gemein, gab nichts zu, verteidigte
-sich aber auch nicht.
-
-Andere wieder deuteten der Gruschina an, daß man um ihre Teilhaberschaft
-an den Fälschungen wußte. Sie erschrak und lief zu Warwara, um ihr
-Vorwürfe zu machen, weil sie die Sache ausgeplaudert hatte. Warwara
-sagte schmunzelnd:
-
-»Reden Sie keinen Unsinn. Ich habe zu keinem Menschen davon gesprochen.«
-
-»Woher weiß man es denn?« fragte die Gruschina heftig. »Ich bin doch
-nicht so dumm, daß ich es jemandem erzählen werde.«
-
-»Auch ich habe es nirgends erzählt,« beteuerte Warwara unverschämt.
-
-»Geben Sie mir den Brief zurück,« verlangte die Gruschina. »Fängt er
-erst an zu vergleichen, so wird er schon an der Handschrift merken, daß
-es eine Fälschung ist.«
-
-»Mag er's doch wissen!« sagte Warwara ärgerlich. »Was soll ich mich mit
-dem Esel abgeben.«
-
-Die schielenden Augen der Gruschina blitzten. Sie schrie:
-
-»Sie haben gut reden. _Sie_ sitzen im Trockenen. _Mich_ wird man aber
-ins Gefängnis sperren. Aber wie Sie wollen, -- ich muß den Brief
-zurückhaben. Es gibt ja auch eine Ehescheidung.«
-
-»Ach, lassen Sie doch!« antwortete Warwara frech, und stemmte die Arme
-in die Hüften, »meinetwegen können sie es öffentlich anschlagen; der
-Brautkranz fällt einem nicht so leicht vom Kopf.«
-
-»O, wenn Sie _das_ glauben!« schrie die Gruschina, »so ein Gesetz gibt
-es nicht, daß man auf einen Betrug hin heiraten darf. Wenn Ardalljon
-Borisowitsch die ganze Sache bei seinen Vorgesetzten anhängig macht, und
-bis zum Senat geht, so _wird_ die Ehe geschieden.«
-
-Warwara erschrak und sagte:
-
-»Warum regen Sie sich so auf, -- ich werde Ihnen den Brief verschaffen.
-Da gibt es nichts zu fürchten, -- ich werde Sie nicht verraten. Bin ich
-denn so ein Rindvieh? Ich habe doch eine Seele im Leibe.«
-
-»Ach! gehen Sie mit Ihrer Seele!« sagte die Gruschina grob, »beim Hunde
-und beim Menschen, es ist _ein_ Dunst. Da gibt's keine Seele. Solange
-man lebt, solange ist man.«
-
-Warwara beschloß, den Brief zu stehlen, wenn es auch sehr schwer fiel.
-Die Gruschina trieb sie zur Eile. Es gab nur eine Hoffnung, -- den Brief
-zu entwenden, wenn Peredonoff betrunken war. Er trank aber viel. Oft kam
-er angeheitert ins Gymnasium, und führte schamlose Reden, die sogar die
-allerbösesten Jungen mit Ekel erfüllten.
-
- * * * * *
-
-Einmal kam Peredonoff betrunkener als sonst vom Billard nach Hause: die
-neuen Bälle waren »begossen« worden. Von seiner Brieftasche trennte er
-sich aber nicht; -- nachdem er sich nachlässig entkleidet hatte, stopfte
-er sie unter das Kopfkissen.
-
-Er schlief unruhig, aber fest, und redete im Schlaf, -- und das, was er
-im Traume sagte, handelte von etwas Fürchterlichem, Bedrückendem.
-Warwara war in tausend Aengsten.
-
-Einerlei, -- ermunterte sie sich, -- wenn er nur nicht aufwacht.
-
-Sie versuchte es, ihn aufzuwecken; sie stieß ihn in die Seiten, -- er
-brummte nur etwas, fluchte dann laut, wachte aber nicht auf.
-
-Warwara zündete eine Kerze an und stellte sie so, daß das Licht
-Peredonoff nicht in die Augen fiel. Zitternd vor Furcht stand sie auf
-und langte mit der Hand unter Peredonoffs Kopfkissen. Die Brieftasche
-lag ganz nah, aber immer wieder entglitt sie ihren zitternden Fingern.
-Das Licht brannte trübe. Die Flamme flackerte. Längs der Wand über das
-Bett krochen unheimliche Schatten, -- kleine, böse Teufel trieben ihr
-Wesen. Die Luft war stickig und ganz unbeweglich. Es roch nach
-abgestandenem Schnaps. Das Schnarchen und die irren Reden des
-Betrunkenen erfüllten das ganze Zimmer. Alles, alles war wie ein
-wirklich gewordener, schwerer Alp.
-
-Mit zitternden Fingern nahm Warwara den Brief aus der Tasche, und schob
-diese wieder an ihren alten Platz.
-
- * * * * *
-
-Am Morgen suchte Peredonoff sofort nach dem Brief; er konnte ihn nicht
-finden, erschrak und schrie:
-
-»Wo ist der Brief, Warja?«
-
-Warwara suchte ihre Angst zu verbergen und sagte:
-
-»Woher soll ich das wissen, Ardalljon Borisowitsch? Du zeigst ihn aller
-Welt, da hast du ihn wahrscheinlich bei dieser Gelegenheit verloren.
-Vielleicht hat man ihn dir gestohlen. Du hast ja so viele Freunde, mit
-denen du die Nächte durch trinkst.«
-
-Peredonoff dachte, seine Feinde hätten ihm den Brief entwendet; am
-ehesten Wolodin. Schon hat er den Brief in Händen, später wird er sich
-alle Papiere aneignen, auch die Ernennung, und wird Inspektor werden,
-und Peredonoff wird als trauriger Bettler sein Leben fristen.
-
- * * * * *
-
-Peredonoff beschloß sich zu verteidigen. Er stellte alltäglich lange
-Schriftstücke zusammen, in denen er seine Feinde denunzierte: die
-Werschina, die Rutiloffs, Wolodin, seine Kollegen, die -- so schien es
-ihm -- auf denselben Posten reflektierten. Am Abend pflegte er diese
-Schriftstücke zu Rubowskji zu bringen.
-
-Der Gendarmerieoffizier wohnte in einer belebten Gegend, am Stadtplatz,
-in der Nähe des Gymnasiums. Aus den Fenstern konnten es die Leute sehen,
-wie Peredonoff zum Gendarmerieoffizier durch die Pforte ging. Peredonoff
-dachte aber, keiner hätte ihn bemerkt. Nicht umsonst trug er die
-Denunziationen stets am Abend hin, die Hintertreppe benutzend, durch den
-Kücheneingang. Die Papiere versteckte er unter dem Ueberzieher, und man
-merkte sofort, daß er etwas verbarg. Wenn er diesem oder jenem zum Gruße
-die Hand geben mußte, so hielt er die Papiere mit der linken Hand und
-glaubte, daß keiner etwas bemerken könne. Wenn man ihn fragte, wohin er
-ging, so log er, -- außerordentlich ungeschickt, er selbst war aber mit
-seinen dummen Ausreden sehr zufrieden.
-
-Er erklärte Rubowskji:
-
-»Es sind Verräter. Sie stellen sich so, als wären sie Freunde; sie
-wollen einen aber betrügen. Das aber wissen sie nicht, daß ich Dinge von
-ihnen weiß, die sogar mit Sibirien viel zu gering bestraft wären.«
-
-Rubowskji hörte ihm schweigend zu. Gleich die erste, augenscheinlich
-ganz sinnlose Denunziation schickte er einfach an den Direktor, und so
-tat er es mit allen nachfolgenden. Der Direktor schrieb an den
-Schulbezirk, daß sich am Lehrer Peredonoff Zeichen von geistiger
-Gestörtheit bemerkbar machten.
-
-Im Hause hörte Peredonoff überall ununterbrochene, fürchterliche,
-höhnische Geräusche. Traurig sagte er zu Warwara:
-
-»Irgend jemand schleicht da auf den Zehenspitzen, -- überall treiben
-sich bei uns Spione herum. Du verteidigst mich gar nicht, Warjka.«
-
-Warwara konnte diese Phantasien Peredonoffs nicht begreifen. Bald machte
-sie sich darüber lustig, bald fürchtete sie sich davor. Sie sagte
-ängstlich und gereizt:
-
-»Deinen betrunkenen Augen erscheint der größte Blödsinn.«
-
-Besonders verdächtig schien Peredonoff die Tür zum Vorhause zu sein. Sie
-schloß nicht ganz. Eine Ritze zwischen den beiden Türflügeln deutete auf
-etwas, was sich dahinter verborgen hielt. War das nicht der Coeur-Bube,
-der da hervorlauerte? Irgend jemandes Auge blitzte, böse und
-durchdringend.
-
-Der Kater verfolgte mit seinen weit aufgerissenen, grünen Augen jede
-Bewegung Peredonoffs. Zuweilen zwinkerte er ihm zu, zuweilen miaute er
-unheimlich. Augenscheinlich hatte er die Absicht, Peredonoff zu
-überführen, konnte es aber nicht und ärgerte sich darüber. Peredonoff
-vermied ihn nach Möglichkeit, aber der Kater war nicht fortzukriegen.
-
-Das graue, gespenstische Tierchen lief unter allen Stühlen, in alle
-Winkel und quiekte. Es war schmutzig, widerwärtig, fürchterlich und
-stank. Es war doch klar, daß es ihm feindlich gesinnt war; nur um
-seinetwillen war es gekommen, denn früher war es nie und nirgends zu
-sehen gewesen. Man hatte es geschaffen, -- und besprochen. Nun lebte es
-da, -- ihn zu ängstigen, ihn zu verderben, dieses gespenstische, alles
-sehende Tier; -- es verfolgt ihn, es betrügt ihn, es lacht ihn aus; --
-bald rollt es über den Boden, bald krallt es sich an einen Fetzen, ein
-Band, einen Zweig, eine Fahne, eine Wolke, ein Hündchen, in die
-Staubwirbel auf den Straßen, und überall kriecht und läuft es ihm nach,
--- ganz zerquält hat es ihn, ganz ermattet mit seinen schaukelnden,
-unruhigen Bewegungen. Würde ihn nur jemand davon befreien, mit irgend
-einem Wort, oder mit einem plötzlichen, starken Schlag. Aber er hat
-keine Freunde; niemand wird ihn retten; er muß selber listig und schlau
-sein; es vernichten, noch bevor es ihn umgebracht hat.
-
-Peredonoff erfand ein Mittel: er bestrich alle Böden mit Leim, da mußte
-das graue Tierchen ankleben. Die Schuhsohlen klebten wohl an und
-Warwaras nachschleppende Kleider, aber das graue, gespenstische Tierchen
-rollte vergnügt und frei hin und her, und schüttelte sich vor Lachen.
-Warwara schimpfte böse ...
-
- * * * * *
-
-Peredonoff lebte ganz im Banne der aufdringlichen, schrecklichen
-Vorstellung, verfolgt zu werden. Er selbst vertiefte sich immer mehr in
-die Welt seiner unheimlichen Wahnideen. Das zeigte sich auch deutlich an
-seinem Gesicht: es war eine unbewegliche Larve des Entsetzens.
-
-Am Abend ging er nicht mehr zum Billard. Nach dem Mittagessen schloß er
-sich im Schlafzimmer ein, verbarrikadierte die Tür mit Stühlen und
-anderen Gegenständen, bekreuzte sich sehr andächtig, sprach
-Beschwörungsformeln her, und setzte sich dann an den Tisch, um
-Denunziationen zu schreiben; er denunzierte jeden, an den er sich gerade
-zufällig erinnerte. Aber er denunzierte nicht nur Menschen, -- auch die
-Damen des Kartenspiels. Gleich, wenn er mit dem Schreiben zu Ende
-gekommen war, brachte er das Schriftstück zum Gendarmerieoffizier. Und
-so verbrachte er einen Abend nach dem andern.
-
-Vor seinen Augen blinkten alle Figuren des Kartenspiels, als lebten sie,
--- die Könige, die Damen, die Buben. Auch die einfachen Karten lebten.
-Das waren Menschen mit Knöpfen: Gymnasiasten, Schutzleute. Das Aß -- ist
-ein ganz Dicker, mit vortretendem Bauch, fast nur ein Bauch. Manchmal
-verwandelten sich die Karten in ihm bekannte Leute. Das Lebendige und
-diese sonderbaren Ausgeburten seiner Furcht vermengten sich zu einer
-Vorstellung.
-
-Peredonoff war fest davon überzeugt, daß der Bube hinter der Tür steht
-und wartet, und daß dieser Bube über dieselbe Kraft und Macht verfügt
-wie etwa ein Schutzmann, er kann einen abführen in irgend eine
-fürchterliche Wachtstube. Unter dem Tische sitzt aber das graue,
-gespenstische Tierchen. Und Peredonoff fürchtete sich, unter den Tisch
-oder hinter die Tür zu blicken.
-
-Die Achten waren lauter Wildfänge, die Peredonoff neckten, -- das waren
-verwandelte Gymnasiasten. Sie hoben ihre Beine mit merkwürdig leblosen
-Bewegungen, wie zwei Zirkelhälften, -- ihre Beine waren aber mit Haaren
-bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle der Schwänze wuchsen
-ihnen Ruten und die Jungen schwangen sie pfeifend hin und her und
-quiekten durchdringend bei jeder Bewegung. Das graue, gespenstische
-Tierchen grunzte unter dem Tisch und freute sich über die Lustbarkeit
-dieser Achten.
-
-Peredonoff dachte wütend daran, daß das graue, gespenstische Tierchen
-sich nicht unterstehen würde einen Vorgesetzten etwa zu belästigen.
-
-Man wird es nicht hereinlassen, dachte er voll Neid, die Lakaien werden
-es mit ihren Besen hinaustreiben.
-
-Endlich konnte Peredonoff das böse und gemeine, piepende Gelächter des
-Tieres nicht mehr ertragen. Er holte ein Beil aus der Küche und
-zertrümmerte den Tisch, unter dem es saß. Das Tierchen piepte jämmerlich
-und gereizt, warf sich zur Seite und rollte davon. Peredonoff zitterte.
-
-Es wird beißen, dachte er, schrie auf vor Entsetzen und ließ sich in
-einen Stuhl fallen. Aber das graue Tierchen war friedlich verschwunden.
-Nicht für lange ...
-
-Manchmal nahm Peredonoff die Karten, und -- mit einem bösen,
-haßerfüllten Ausdruck im Gesicht, -- zerstach er mit seinem Federmesser
-die Köpfe in den Bildern. Besonders den Damen. Wenn er die Könige
-zerschnitt, blickte er ängstlich um sich, ob keiner es sähe, der ihn
-dann eines politischen Verbrechens anklagen könnte. Aber auch diese
-Maßregeln halfen nur für kurze Zeit. Wenn Gäste kamen, mußten neue
-Karten gekauft werden und bald fuhren die Spione in die neuen Karten.
-
-Schon begann Peredonoff sich für einen heimlichen Verbrecher zu halten.
-Er bildete sich ein, daß er von seiner Studentenzeit an unter
-polizeilicher Aufsicht gestanden habe. Darum, dachte er, verfolgt man
-mich auch. Das entsetzte ihn und machte ihn hochmütig.
-
-Ein Zugwind bewegte die Tapeten. Sie raschelten leise und bösartig, und
-leichte Halbschatten glitten über ihr buntes Muster. Da! Hinter der
-Tapete versteckt sich der Spion! dachte Peredonoff.
-
-Böse Leute, dachte er traurig, nicht umsonst haben sie die Tapeten so
-lose an die Wand geheftet, damit der flache, geschmeidige und geduldige
-Bösewicht sich dahinter verbergen kann. Man kennt solche Beispiele von
-früher her.
-
-Trübe Erinnerungen wurden in ihm lebendig. Irgend jemand versteckte sich
-hinter der Tapete, irgend jemand wurde erdolcht. War es nun mit einer
-Pfrieme oder mit einem Dolch?
-
-Peredonoff kaufte sich eine Pfrieme. Als er nach Hause kam, bewegten
-sich die Tapeten ungleichmäßig, wie aufgeregt, -- der Spion fühlte die
-Gefahr und wollte vielleicht irgendwohin fortkriechen. Ein Schatten
-flackerte auf, sprang an die Decke und drohte und zuckte dort oben.
-
-Peredonoff kochte vor Wut. Weit ausholend stieß er mit der Pfrieme in
-die Tapete. Ein Zittern lief durch die Wand; Peredonoff brüllte
-triumphierend auf und begann zu tanzen, die Pfrieme in der Hand
-schwingend. Warwara kam herein.
-
-»Warum tanzst du allein, Ardalljon Borisowitsch?« fragte sie, mit dem
-gewohnten, stumpfen und gemeinen Lächeln auf den Lippen.
-
-»Ich schlug eine Wanze tot,« erklärte Peredonoff verdrießlich.
-
-Seine Augen funkelten in wilder Freude. Doch eins war nicht gut: es roch
-so entsetzlich. Der erstochene Spion faulte und stank hinter der Tapete.
-Entsetzen und Jubel schüttelten Peredonoff: -- er hatte einen Feind
-erschlagen.
-
-Durch diesen Mord war sein Herz hart, ganz hart geworden. Denn der
-eingebildete Mord war in Peredonoffs Vorstellung ein wirklich
-geschehener Mord. Ein sinnloser Schauder hatte ihn gepackt und reifte in
-ihm die Bereitschaft zum Verbrechen. Und die unbewußte, dunkle, sich in
-den niedrigsten Instinkten seines Seelenlebens verbergende Vorstellung
-von einem bevorstehenden Morde, der quälende Drang zum Morde, dieser
-Zustand seiner ursprünglichen Bosheit, -- knechtete seinen frevlerischen
-Willen. Noch geknechtet, -- wie viele Geschlechter trennen uns vom
-Urvater Kain! -- suchte sich dieser Drang Befriedigung im Zerbrechen und
-Verderben von allerhand Gegenständen, im Zuhauen mit der Axt, im
-Schneiden mit dem Messer, darin, daß er die Bäume im Garten fällte,
-damit der Spion nicht hinter ihnen vorgucken konnte. Und an dieser
-Zerstörungswut freute sich der uralte Dämon, der Geist der vorzeitlichen
-Verwirrung, das morsche Chaos, während die wilden Augen des wahnsinnigen
-Menschen ein Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem Entsetzen
-fürchterlichster Qualen vor dem Tode.
-
-Und immer wiederholten sich dieselben und dieselben Schrecken und
-quälten ihn.
-
-Warwara machte sich gelegentlich lustig über Peredonoff und schlich an
-die Tür jenes Zimmers, in dem er saß und redete mit verstellter Stimme.
-Er bebte vor Furcht, ging leise, leise, um den Feind zu fangen, -- und
-fand Warwara.
-
-»Mit wem flüsterst du?« fragte er sie bedrückt.
-
-Warwara schmunzelte und sagte:
-
-»Das scheint dir nur so, Ardalljon Borisowitsch!«
-
-»Alles kann mir doch nicht nur scheinen,« murmelte er traurig, »es gibt
-doch eine Wahrheit in der Welt.«
-
-Ja! Auch Peredonoff suchte nach dieser Wahrheit, folgend der
-Gesetzmäßigkeit eines jeden bewußten Lebens, und dieses Suchen quälte
-ihn. _Ihm_ war es unbewußt, daß er, so wie alle Menschen, nach der
-Wahrheit verlangte, und darum war seine Unruhe so verworren und düster.
-Er konnte die Wahrheit für sich nicht finden, und hatte sich verirrt und
-kam um.
-
- * * * * *
-
-Schon begannen die Bekannten Peredonoff mit der Fälschung zu necken. Mit
-der in unserer Stadt eigentümlichen Grobheit den Schwachen gegenüber
-sprach man in seiner Gegenwart von dem Betrug.
-
-Die Prepolowenskaja fragte spöttisch lächelnd:
-
-»Wann werden Sie eigentlich Ihre Inspektorstelle beziehen, Ardalljon
-Borisowitsch?«
-
-Warwara antwortete der Prepolowenskaja für ihn, mit verhaltener Wut:
-
-»Wenn die Ernennung eintrifft, werden wir fahren.«
-
-Peredonoff wurde durch diese Fragen noch trauriger:
-
-Wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt? dachte er.
-
- * * * * *
-
-Er schmiedete immer neue Pläne zur Abwehr seiner Feinde. Er stahl aus
-der Küche das Beil und versteckte es unter dem Bett. Er kaufte sich ein
-schwedisches Messer und trug es stets bei sich in der Tasche. Immer
-schloß er sich ein. Zur Nacht legte er Schlageisen rings um das Haus,
-auch in die Zimmer, und sah dann nach, ob sich niemand darin gefangen
-hatte.
-
-Diese Schlageisen waren natürlich so konstruiert, daß sich nie ein
-Mensch darin fangen konnte: sie klemmten wohl, hielten aber nicht fest,
-und man konnte mit ihnen auf und davon gehen. Weder hatte Peredonoff
-technische Kenntnisse, noch ein rasches Auffassungsvermögen. Als er sich
-von Morgen zu Morgen davon überzeugte, daß sich niemand gefangen hatte,
-glaubte er, seine Feinde hätten die Schlageisen verdorben. Und das
-erschreckte ihn wieder.
-
-Peredonoff beobachtete ganz besonders scharf Wolodin. Oft ging er zu
-Wolodin, wenn er wußte, daß dieser nicht zu Hause war, -- und stöberte
-bei ihm, ob er ihm nicht irgendwelche wichtigen Papiere gestohlen hätte.
-
- * * * * *
-
-Peredonoff begann zu erraten, was die Fürstin eigentlich wollte,
-nämlich, daß er ihr wieder seine Liebe zuwenden sollte. Sie war ihm
-widerlich und ekelhaft.
-
-Hundertfünfzig Jahre ist sie alt, dachte er wütend.
-
-Ja, alt ist sie, dachte er, aber wie mächtig ist sie doch! Und seinem
-Widerwillen paarte sich das Verführerische. Sie ist nur ganz wenig warm
-und riecht ein bißchen nach Leichen, -- stellte Peredonoff sie sich vor
-und erstarb in wilden, wollüstigen Schauern.
-
-Vielleicht kann ich mich mit ihr einigen, und sie wird sich erbarmen.
-Soll ich ihr einen Brief schreiben?
-
-Und diesmal überlegte Peredonoff nicht lange und verfaßte einen Brief an
-die Fürstin. Er schrieb:
-
-»Ich liebe Sie, weil Sie kalt und fern sind. Warwara schwitzt; es ist
-heiß, mit ihr zusammen zu schlafen; es weht von ihr, wie von einem Ofen.
-Ich wünsche mir eine kalte und ferne Geliebte. Kommen Sie hierher und
-entsprechen Sie meinen Wünschen.«
-
-Er schickte den Brief ab und bereute es. Was wird da herauskommen?
-Vielleicht durfte ich nicht schreiben, dachte er, vielleicht mußte ich
-warten, bis die Fürstin selber kommt.
-
-Dieser Brief war so zufällig geschrieben, wie Peredonoff vieles zufällig
-tat, -- wie ein Toter, der durch äußere Gewalten bewegt wird, aber diese
-Gewalten gehen nur ungern daran, sich mit ihm abzugeben: -- die eine
-Kraft spielt mit dem Kadaver und überläßt ihn dann einer anderen.
-
-Bald erschien auch das graue, gespenstische Tierchen, -- es tummelte
-sich lange Zeit um Peredonoff, wie auf einem Lasso, und neckte ihn
-immerzu. Und ganz lautlos war es geworden und lachte nur, am ganzen
-Körper bebend. Aber es flammte auf in trübgoldnen Funken, -- das böse,
-zudringliche Tier, -- es drohte und brannte in unerträglichem Triumphe.
-Und der Kater bedrohte Peredonoff, er funkelte mit den Augen und miaute
-unverschämt und drohend.
-
-Worüber freuen sie sich? dachte Peredonoff betrübt und begriff
-plötzlich: das Ende ist nahe. Die Fürstin ist schon hier, nah, ganz nah.
-
-Vielleicht in diesem Kartenspiel.
-
-Unzweifelhaft, -- sie ist es, -- die Pik- oder die Coeurdame. Vielleicht
-versteckt sie sich auch im anderen Spiel oder hinter anderen Karten, und
-wer sie ist, -- man weiß es nicht. Das Unglück wollte es, daß Peredonoff
-sie nie gesehen hatte. Warwara zu fragen, lohnte nicht, -- sie würde
-doch lügen.
-
-Endlich beschloß Peredonoff, das ganze Spiel zu verbrennen. Mögen sie
-alle verbrennen. Wenn sie ihm zum Trotz sich in die Karten verkriechen,
-so sind sie auch allein an allem schuld.
-
-Peredonoff paßte eine Zeit ab, als Warwara nicht zu Hause war, und als
-der Ofen im Saal geheizt wurde, -- und warf die Karten, das ganze Spiel,
--- in den Ofen.
-
-Sprühend entfalteten sich nie gesehene, blaßrote Blumen, -- und
-brannten, und ihre Ränder verkohlten. Peredonoff blickte voller
-Entsetzen auf diese flammenden Blumen.
-
-Die Karten krümmten sich, warfen sich, bewegten sich, als wollten sie
-aus dem Feuer herausspringen. Peredonoff ergriff den Schürhaken und hieb
-auf die Karten ein. Kleine, grelle Funken sprühten auf, und plötzlich
-erhob sich mitten aus dem Feuertanz der bösen, blendenden Funken, -- die
-Fürstin, -- eine kleine, aschgraue Frau, ganz umschüttet von
-erstickenden Flammen: sie schrie durchdringend mit ihrem feinen
-Stimmchen, zischte und spuckte in die Glut.
-
-Peredonoff stürzte zu Boden und brüllte auf vor Entsetzen. Dunkelheit
-umfing ihn, kitzelte ihn und lachte mit tausend raunenden Stimmen.
-
-
-
-
- XXVI
-
-
-Sascha war ganz entzückt von Ludmilla, aber irgend etwas hinderte ihn
-daran, der Kokowkina von ihr zu erzählen. Als schämte er sich.
-
-Manchmal fürchtete er sich vor ihrem Kommen. Sein Herz stand still, und
-unwillkürlich runzelte er die Brauen, wenn er ihren rosagelben Hut für
-Augenblicke an seinem Fenster aufleuchten sah. Dennoch erwartete er sie
-erregt und ungeduldig, und war traurig wenn sie lange nicht gekommen
-war. Die widersprechendsten Gefühle bewegten ihn, -- dunkle, unklare
-Gefühle, -- sie waren sündhaft, denn sie waren frühreif, -- und sie
-waren süß, weil sie sündhaft waren.
-
-Ludmilla war gestern und heute nicht gekommen. Sascha zerquälte sich in
-Erwartung und hatte schon aufgehört zu hoffen. Da kam sie. Er strahlte;
-er lief ihr stürmisch entgegen und küßte ihre Hände.
-
-»Wo steckten Sie nur so lange?« warf er ihr brummig vor, »zwei ganze
-Tage habe ich Sie nicht gesehen.«
-
-Sie lachte und freute sich. Der süße, matte, würzige Duft japanischer
-Nelken strömte von ihr aus, als rieselte er aus ihren dunkelblonden
-Locken.
-
- * * * * *
-
-Ludmilla und Sascha gingen vor die Stadt spazieren. Sie hatten die
-Kokowkina aufgefordert mitzukommen, -- sie wollte nicht.
-
-»Ich alte Frau soll spazieren gehen,« sagte sie, »mit euch kann ich
-nicht Schritt halten. Geht allein.«
-
-»Wir werden dumme Streiche machen,« lachte Ludmilla.
-
-Die Luft war warm, still, erdrückend-zärtlich und erinnerte an
-Unwiderbringliches. Die Sonne, als wäre sie krank, flammte trübe und
-purpurn auf dem bleichen, müden Himmel. Welke Blätter lagen starr auf
-der dunklen Erde, tot ..
-
-Ludmilla und Sascha stiegen abwärts in eine Schlucht. Da war es frisch,
-kühl, fast feucht, -- zärtliche, herbstliche Müdigkeit breitete sich
-zwischen den schräg abfallenden Hängen.
-
-Ludmilla ging voran. Sie hatte ihr Kleid geschürzt. Man sah ihre kleinen
-Schuhe und die fleischfarbenen Strümpfe. Sascha blickte zu Boden, um
-nicht über die Wurzeln zu stolpern, und sah die Strümpfe. Ihm schien es,
-als hätte sie nur Schuhe an, ohne Strümpfe. Ein heißes Gefühl und Scham
-wallten in ihm auf. Er wurde über und über rot. Der Kopf schwindelte
-ihm.
-
-Wie im Versehen hinfallen zu ihren Füßen, dachte er, ihr den Schuh
-abziehen und das zarte Füßchen küssen.
-
-Als fühlte sie Saschas heiße Blicke und seine ungeduldige Erwartung,
-kehrte sich Ludmilla lachend zu ihm:
-
-»Du siehst auf meine Strümpfe?« fragte sie.
-
-»Nein, nur so,« murmelte er verlegen.
-
-»Ach, ich habe so furchtbar komische Strümpfe,« sagte Ludmilla lachend,
-ohne auf ihn zu hören. »Man könnte denken, ich trage meine Schuhe auf
-dem nackten Fuß, -- ganz fleischfarben sind sie. Nicht wahr, die
-Strümpfe sind sehr komisch?«
-
-Sie kehrte ihr Gesicht zu Sascha und hob ihre Kleider.
-
-»Sind sie komisch?« fragte sie.
-
-»Nein, sie sind schön,« sagte Sascha, rot vor Verlegenheit.
-
-Ludmilla heuchelte Erstaunen, sah ihn an und rief:
-
-»Sag doch einer! Wohin der die Schönheit verlegt!«
-
-Sie lachte und ging weiter. Sascha folgte ihr ungeschickt, stolperte
-allaugenblicklich und wußte nicht wohin vor Verlegenheit.
-
-Sie hatten die Schlucht durchschritten und setzten sich auf einen vom
-Winde gebrochenen Birkenstamm. Ludmilla sagte:
-
-»Oh wieviel Sand ich in den Schuhen habe; ich kann nicht mehr gehen.«
-
-Sie zog den Schuh ab, klopfte ihn aus und blickte schelmisch auf Sascha.
-
-»Ein schönes Füßchen?« fragte sie.
-
-Sascha wurde noch röter und wußte gar nicht, was er sagen sollte.
-
-Ludmilla zog den Strumpf vom Fuß.
-
-»Ein weißes Füßchen?« fragte sie wieder, eigentümlich und schelmisch
-lächelnd. »Auf die Kniee! Küssen!« sagte sie streng, und eine
-bezwingende Härte breitete sich über ihr Gesicht.
-
-Sascha kniete schnell nieder und küßte ihren Fuß.
-
-»Es ist angenehmer ohne Strümpfe,« sagte Ludmilla, schob die Strümpfe in
-ihre Tasche und zog die Schuhe auf die bloßen Füße.
-
-Und ihr Gesicht wurde wieder ruhig und fröhlich, als hätte Sascha nicht
-vor einem Augenblicke noch vor ihr gekniet und ihre nackten Füße geküßt.
-Sascha fragte:
-
-»Liebste, wirst du dich nicht erkälten?«
-
-Weich und bebend klang seine Stimme. Ludmilla lachte auf.
-
-»Das fehlte noch! Ich bin doch daran gewöhnt; ich bin nicht so
-verzärtelt.«
-
- * * * * *
-
-Einmal war Ludmilla gegen Abend zur Kokowkina gekommen und bat Sascha:
-
-»Komm zu mir; du mußt mir helfen ein kleines Regal zu befestigen.«
-
-Sascha liebte es, Nägel einzuschlagen und hatte Ludmilla irgendwann
-versprochen, ihr bei der Einrichtung ihres Zimmers zu helfen. Auch heute
-war er gleich einverstanden und war froh, einen harmlosen Vorwand zu
-haben, um zu Ludmilla zu gehen. Und der unschuldige, etwas säuerliche
-Duft des extra-Mugnet, der von Ludmillas blaßgrünem Kleide wehte,
-beruhigte ihn.
-
- * * * * *
-
-Für die Arbeit hatte sich Ludmilla hinter dem Bettschirm umgezogen. Nun
-trat sie vor Sascha in einem kurzen aber sehr eleganten Röckchen, ihre
-Arme waren bis zu dem Ellenbogen frei, -- die Schuhe trug sie an den
-bloßen Füßen, -- parfumiert mit dem süßen, matten, würzigen Dufte
-japanischer Nelken.
-
-»Oh, wie du elegant bist!« sagte Sascha.
-
-»Ach was, -- elegant!« sagte Ludmilla und zeigte lächelnd auf ihre Füße,
-»ich bin doch barfuß,« sie sprach diese Worte gedehnt, verführerisch,
-verschämt.
-
-Sascha zuckte nur mit den Schultern und sagte:
-
-»Du bist immer elegant. Also los! An die Arbeit! Wo sind die Nägel?«
-fragte er rührig.
-
-»Warte doch ein wenig,« antwortete Ludmilla, »sitz doch nur ein
-Augenblickchen neben mir. Es sieht fast aus, als kämest du nur in
-Geschäften, und als wäre es dir langweilig, mit mir zu sprechen.«
-
-Sascha wurde rot.
-
-»Liebste,« sagte er weich, »wie lange Sie nur wollen sitze ich neben
-Ihnen, wenn Sie mich nur nicht fortjagen. Ich habe aber noch meine
-Schulaufgaben vor.«
-
-Ludmilla seufzte leicht auf und sagte ganz langsam:
-
-»Du wirst immer schöner, Sascha.«
-
-Er wurde sehr rot, lachte und streckte die Zungenspitze vor.
-
-»Was Sie sich ausdenken,« sagte er. »Ich bin doch kein Fräulein, daß ich
-schöner werde.«
-
-»Dein Gesicht ist wunderschön. Aber der Körper. Zeig ihn mir, -- nur bis
-zum Gürtel,« bat Ludmilla zärtlich und umfaßte seine Schultern.
-
-»Was Sie sich ausdenken!« sagte Sascha verschämt und empfindlich.
-
-»Was ist denn dabei?« fragte Ludmilla leichthin, »was hast du denn für
-Geheimnisse?«
-
-»Jemand könnte hereinkommen,« sagte Sascha.
-
-»Wer denn?« sagte sie ebenso leicht und sorglos. »Wir verschließen die
-Tür. Da kann niemand herein.«
-
-Ludmilla lief rasch an die Tür und schob den Riegel vor. Sascha erriet,
-daß es ihr Ernst war. Kleine Schweißtropfen traten ihm auf die Stirn. Er
-sagte ganz aufgeregt:
-
-»Nein, nein, tun Sie es nicht.«
-
-»Dummchen! warum denn nicht?« fragte sie dringend.
-
-Sie zog Sascha an sich und knöpfte seine Bluse auf. Sascha wehrte sich
-und griff nach ihren Händen. Sein Gesicht zeigte den Ausdruck des
-Schreckens, -- und ein, dem Schreck ähnliches Gefühl der Scham überkam
-ihn. Und davon wurde er plötzlich ganz schwach. Ludmilla zog die Stirn
-in Falten und entkleidete ihn entschlossen. Sie schnallte den Gürtel ab
-und zog ihm irgendwie die Bluse herunter. Sascha wehrte sich immer
-verzweifelter. Sie drehten sich durch das ganze Zimmer und stolperten
-über Tische und Stühle. Ein süßer, reizender Duft wehte von Ludmilla,
-machte Sascha trunken und schwach.
-
-Mit einem geschickten Stoß in die Brust brachte ihn Ludmilla zum Fallen.
-Er fiel auf das Sofa. Sie hatte sich an das Hemd geklammert, und ein
-Knopf riß ab. Schnell entblößte sie seine Schulter und wollte den Aermel
-vom Arm ziehen.
-
-Sich wehrend schlug sie Sascha im Versehen mit der flachen Hand ins
-Gesicht. Er wollte sie natürlich nicht schlagen, aber der Schlag sauste
-aus vollem Arm, stark und schallend auf Ludmillas Backe. Ludmilla
-erbebte, taumelte, sie wurde blutrot, ließ aber nicht los.
-
-»Böser, böser Junge! Du schlägst!« rief sie atemlos.
-
-Sascha war bestürzt, er ließ die Arme sinken und blickte schuldbewußt
-auf die weißen Striemen auf Ludmillas Backe; es waren die Spuren seiner
-Finger. Ludmilla benutzte seine Verwirrung. Schnell zog sie ihm das Hemd
-von beiden Schultern, daß es bis zu den Ellenbogen herunterglitt. Er kam
-wieder zur Besinnung, riß sich los, aber dadurch wurde es nur schlimmer,
--- Ludmilla zog an den Aermeln, und das Hemd fiel bis zum Gürtel
-herunter. Sascha fühlte die Kälte, und wieder stieg in ihm das
-unerbittliche Schamgefühl auf, daß ihm der Kopf schwindelte. Er war
-nackt bis an die Hüften.
-
-Ludmilla hielt ihn fest am Arm; mit der freien Hand streichelte sie
-seine nackten Schultern und blickte in seine erstarrten, unter den
-dichten, schwarzen Wimpern merkwürdig flackernden Augen.
-
-Und dann zitterten diese Wimpern, das Gesicht verzog sich zu einer
-lächerlich-kindischen Grimasse, -- und plötzlich weinte und schluchzte
-er.
-
-»Lassen Sie mich!« rief er schluchzend. »Sie sind frech!«
-
-»Das Baby klöhnt!« sagte sie ärgerlich und verlegen und stieß ihn fort.
-
-Sascha kehrte ihr den Rücken und wischte sich mit den Händen die Tränen
-aus den Augen. Er schämte sich, daß er geweint hatte. Er bemühte sich,
-an sich zu halten.
-
-Ludmilla blickte heiß auf seinen nackten Rücken.
-
-All die Herrlichkeit in der Welt! dachte sie. Alle diese Schönheit
-verbergen die Menschen voreinander -- warum, warum?
-
-Sascha krümmte verschämt den nackten Rücken, er bemühte sich, das Hemd
-anzuziehen, aber er verknüllte es nur; es krachte in den Nähten unter
-seinen zitternden Fingern und es war ihm auf keine Weise möglich, mit
-den Armen durch die Aermel zu schlüpfen. Dann nahm er die Bluse, --
-mochte das Hemd einstweilen so bleiben.
-
-»O, Sie fürchten wohl für Ihr Eigentum. Ich werde Ihnen nichts stehlen,«
-sagte Ludmilla, und ihre Stimme klang böse vor verhaltenen Tränen.
-
-Heftig schleuderte sie ihm den Gurt zu und kehrte sich zum Fenster. Was
-sollte sie mit diesem albernen Jungen in seiner grauen Bluse! Eine
-widerliche Zierpuppe!
-
-Sascha schlüpfte flink in die Bluse, brachte sein Hemd irgendwie in
-Ordnung und blickte schüchtern, unsicher und verschämt auf Ludmilla. Er
-sah, daß sie sich mit den Händen die Augen rieb. Leise trat er zu ihr
-und blickte ihr ins Gesicht. Und die Tränen, die über ihre Wangen
-rollten, lösten in ihm plötzlich das Gefühl zärtlichen Mitleids und
-vergifteten ihn. Er schämte sich nicht mehr, und er ärgerte sich nicht.
-
-»Warum weinen Sie, liebste Ludmilla?« fragte er leise.
-
-Dann fiel ihm sein Schlag ein und er wurde plötzlich rot.
-
-»Ich habe Sie geschlagen. Verzeihen Sie mir. Ich hab' es nicht mit
-Absicht getan,« sagte er bescheiden.
-
-»Dummer Junge! schmilzst du, wenn du mit nackten Schultern dasitzt,«
-sagte Ludmilla anklagend. »Du fürchtest dich wohl vor der Leidenschaft!
-Schönheit und Unschuld werden welken.«
-
-»Warum ist denn das nötig?« fragte Sascha mit verlegener Miene.
-
-»Warum?« sagte sie leidenschaftlich. »Ich lieb die Schönheit. Ich bin
-eine Heidin, eine Sünderin. Im alten Athen hätte ich geboren werden
-müssen. Ich liebe die Blumen, den Duft, die leuchtenden Gewänder, den
-nackten Körper. Man sagt, es gäbe eine Seele. Ich weiß es nicht. Ich
-habe sie nicht gesehen. Und was sollte ich damit? Ich möchte sterben wie
-eine Nixe, möchte hinschwinden wie ein Wölkchen vor der Sonne. Ich liebe
-den Körper, -- den starken, geschmeidigen, nackten Körper, der den Genuß
-sucht.«
-
-»Auch leiden kann er,« sagte Sascha leise.
-
-»Auch leiden! Auch das ist gut!« flüsterte sie heiß. »Süß ist es,
-Schmerz zu haben -- der Körper muß es nur fühlen; sehen muß man das
-Nackte und die Schönheit des Leibes.«
-
-»Aber man schämt sich doch ohne Kleider!« sagte Sascha schüchtern.
-
-Ludmilla stürzte vor ihm auf die Knie.
-
-»Lieber, mein Abgott, Knabe -- göttlicher!« flüsterte sie atemlos und
-bedeckte seine Hände mit Küssen, »für eine Minute, für eine Minute nur
-laß mich an deinen Schultern mich satt sehen!«
-
-Sascha seufzte auf; er senkte die Augen, wurde rot, und ungelenk zog er
-die Bluse vom Körper.
-
-Mit fiebernden Händen umschlang ihn Ludmilla und bedeckte mit wilden
-Küssen seine vor Scham bebenden Schultern.
-
-»Siehst du, -- wie gehorsam ich bin!« sagte er und lächelte gezwungen,
-wie um durch einen Scherz seine Verlegenheit zu verbergen.
-
-Ludmilla küßte eifrig seine Arme, von den Schultern bis zu den
-Fingerspitzen, und Sascha -- erregt und ganz versunken in wollüstigen,
-quälenden Gedanken -- wehrte ihr nicht. Ihre Küsse waren wie eine heiße
-Anbetung, als küßten ihre brennenden Lippen nicht einen Knaben, sondern
-den jugendlichen Gott, in bebender, geheimnisvoller Hingabe an seinen
-erblühenden Leib.
-
-Hinter der Tür standen aber Darja und Valerie; sie guckten abwechselnd,
-einander ungeduldig stoßend, durch das Schlüsselloch und erstarben in
-heißen, wollüstigen Schauern.
-
- * * * * *
-
-»Es ist Zeit, daß ich mich ankleide,« sagte Sascha endlich.
-
-Ludmilla seufzte, -- und mit demselben andächtigen Ausdruck in den Augen
-zog sie ihm Hemd und Bluse an, und diente ihm ehrfürchtig und
-vorsichtig.
-
-»So bist du eine Heidin?« fragte Sascha zweifelnd.
-
-Ludmilla lachte fröhlich.
-
-»Und du?« fragte sie.
-
-»Das fehlte noch!« antwortete Sascha fest, »ich kenne den ganzen
-Katechismus auswendig.«
-
-Ludmilla lachte aus vollem Halse. Sascha blickte sie lächelnd an und
-fragte:
-
-»Warum gehst du denn in die Kirche?«
-
-Ludmilla hörte auf zu lachen und wurde nachdenklich.
-
-»Ja,« sagte sie, »man muß doch beten. Etwas beten, etwas weinen, eine
-Kerze weihen, sich an Vergangenes erinnern. Und ich liebe das alles, --
-Kerzen, Ampeln, Weihrauch, Meßgewänder, Gesang, -- wenn die Sänger gut
-singen, -- die Heiligenbilder in den schönen, mit Bändern geschmückten
-Einfassungen. Ja, das ist alles so wunderbar. Und dann liebe ich noch
-... Ihn ... weißt du .. den Gekreuzigten ...«
-
-Die letzten Worte sagte Ludmilla ganz leise, fast flüsternd; sie wurde
-rot, als wäre sie schuldig und senkte die Augen.
-
-»Weißt du, manchmal träume ich von ihm -- er hängt am Kreuze, auf seinem
-Körper schimmern kleine Blutstropfen.«
-
- * * * * *
-
-Seit jenem Tage kam es oft vor, daß Ludmilla Sascha in ihrem Zimmer
-entkleidete. Erst schämte er sich bis zu Tränen, -- doch gewöhnte er
-sich bald daran. Schon blickten seine Augen klar und ruhig, wenn
-Ludmilla ihm das Hemd herunterstreifte, seine Schultern entblößte, ihn
-streichelte und auf den Rücken klopfte. Und dann endlich entkleidete er
-sich selber.
-
-Für Ludmilla war es ein angenehmes Gefühl, ihn halbnackt auf ihren Knien
-zu haben, ihn zu umarmen und zu küssen.
-
- * * * * *
-
-Sascha war allein zu Hause. Er erinnerte sich an Ludmillas heiße Blicke,
-wenn sie seinen Körper betrachtete.
-
-Was will sie nur? dachte er.
-
-Und plötzlich stieg ihm das Blut zu Kopf, und das Herz schlug ihm so
-weh. Dann wurde er ganz ausgelassen und fröhlich. Er warf den Stuhl zur
-Seite, schlug einige Purzelbäume, warf sich auf den Boden, sprang auf
-die Möbel, -- und tausend sinnlose Bewegungen schleuderten ihn aus einer
-Ecke des Zimmers in die andere. Sein fröhliches, helles Gelächter
-schallte durchs ganze Haus.
-
-In dem Augenblick kam die Kokowkina nach Hause; sie hörte den
-ungewohnten Lärm und trat in Saschas Zimmer. Verständnislos blieb sie
-auf der Schwelle stehen und schüttelte nur den Kopf.
-
-»Was ist in dich gefahren, Saschenka!« sagte sie, »toll doch mit deinen
-Freunden herum, aber nicht allein. Schäm dich, mein Lieber, -- du bist
-kein Kind mehr.«
-
-Sascha stand still, -- vor Verlegenheit schienen ihm die Hände zu
-ersterben, -- sie waren so schwer und ungelenk, -- aber sein ganzer
-Körper zitterte vor Erregung.
-
- * * * * *
-
-Einmal kam die Kokowkina gerade dazu, als Ludmilla Sascha mit Bonbons
-fütterte.
-
-»Sie verwöhnen ihn,« sagte sie freundlich. »Er liebt sehr zu naschen.«
-
-»Ja, und er schilt mich, -- ich wäre ein freches Ding,« beklagte sich
-Ludmilla.
-
-»Das darfst du doch nicht, Saschenka,« tadelte die Kokowkina zärtlich.
-»Warum schiltst du sie denn?«
-
-»Ja -- sie läßt mir keine Ruhe,« sagte Sascha stockend.
-
-Er blickte Ludmilla böse an und wurde puterrot. Ludmilla lachte laut.
-
-»Klatschbase,« flüsterte ihr Sascha zu.
-
-»Du sollst nicht schimpfen, Saschenka,« verwies ihn die Kokowkina. »Man
-darf nicht grob werden.«
-
-Sascha blickte schelmisch auf Ludmilla und brummte leise:
-
-»Ich tu's nicht wieder.«
-
- * * * * *
-
-Und jedesmal, wenn Sascha kam, verschloß sich Ludmilla mit ihm in ihrem
-Zimmer; dann entkleidete sie ihn und steckte ihn in die verschiedensten
-Trachten. Hinter Lachen und Scherzen verbargen sie ihre süße Scham.
-
-Zuweilen schnürte sie ihn in ihr Korsett und zog ihm ihre Kleider an. Im
-Dekolletee sahen Saschas nackte, volle, zartgerundeten Arme und seine
-vollen Schultern sehr schön aus. Er hatte eine gelbliche Haut, aber --
-was selten vorkommt: sie war gleichmäßig und zart in der Färbung.
-Ludmillas Röcke, Schuhe und Strümpfe, -- alles paßte ihm vorzüglich und
-stand ihm ausgezeichnet. Wenn er ganz als Dame angekleidet war, setzte
-er sich gehorsam hin und spielte mit einem Fächer. So sah er tatsächlich
-einem Mädchen täuschend ähnlich, und er bemühte sich auch, sich
-dementsprechend zu geben.
-
-Nur eins war lästig -- Saschas kurze Haare. Ludmilla wollte ihm keine
-Perücke aufsetzen oder ihm einen falschen Zopf anstecken, -- das kam ihr
-widerlich vor.
-
-Sie lehrte ihn tiefe Knixe zu machen. Zuerst verbeugte er sich
-unbeholfen und verlegen. Aber er hatte die natürliche Grazie, wenn sich
-auch die eckigen, knabenhaften Bewegungen nicht abgewöhnen ließen.
-Errötend und lachend lernte er fleißig zu knixen und unsinnig zu
-kokettieren.
-
-Zuweilen nahm Ludmilla seine nackten, schlanken Hände und küßte sie.
-Sascha duldete es ruhig und blickte lachend auf Ludmilla. Manchmal hielt
-er ihr die Hände an die Lippen und sagte:
-
-»Küß.«
-
-Aber ihm und ihr gefielen die anderen Trachten besser, die Ludmilla
-selber für ihn erfunden hatte: im Fischerkostüm mit nackten Beinen, oder
-barfuß im Chiton eines athenischen Jünglings.
-
-Ludmilla kleidet ihn an und bewundert ihn. Sie selbst wird so blaß und
-traurig.
-
-Sascha saß auf Ludmillas Bett, spielte mit den Falten des Chitons und
-baumelte mit den Beinen. Ludmilla stand vor ihm, blickte ihn an und ein
-glückseliger Ausdruck des Vergessens lag auf ihrem Gesicht.
-
-»Wie dumm du bist!« sagte Sascha.
-
-»In meiner Dummheit ist so viel Glück!« flüsterte Ludmilla erbleichend;
-sie weinte und küßte Saschas Hände.
-
-»Warum weinst du denn?« fragte er sorglos lächelnd.
-
-»Mein Herz ist erfüllt von Freude. Die sieben Schwerter der
-Glückseligkeit durchbohrten meine Brust; -- wie sollte ich nicht
-weinen?«
-
-»Du bist ein Dummchen! wirklich ein Dummchen!« sagte Sascha lachend.
-
-»Und du bist klug!« sagte Ludmilla plötzlich gereizt; sie trocknete ihre
-Tränen und seufzte schwer. »Begreif denn, dummer Junge,« sprach sie mit
-leiser, überzeugender Stimme, »nur in der Sinnlosigkeit ist Glück und
-Weisheit.«
-
-»Nun ja!« sagte Sascha ungläubig.
-
-»Man muß vergessen, sich selber vergessen, dann wirst du alles
-verstehen,« flüsterte Ludmilla. »Glaubst du etwa, die weisen Leute
-brauchten zu denken?«
-
-»Wie denn sonst?«
-
-»Sie wissen. Es ist ihnen gegeben: nur zu sehn brauchen sie und alles
-ist vor ihnen enthüllt.«
-
- * * * * *
-
-Es war an einem stillen Herbstabend. Nur wenn der Wind durch die Zweige
-der Bäume strich, hörte man hinter dem Fenster sein leises Rauschen.
-
-Sascha und Ludmilla waren allein. Sie hatte ihm das Fischerkleid mit
-rosa Seide angezogen; er war barfuß und lag auf einem niedrigen
-Ruhebett. Sie saß ihm zu Füßen, war selber barfuß und hatte nur ein Hemd
-an. Sie hatte Saschas Körper und sein Kleid parfumiert, es war ein
-schwerer, saftiger, fast zerbrechlicher Duft, wie ein regungsloser
-Geist, der in die Berge und ins fremdblühende Tal gebannt ist.
-
-An ihrem Halse blitzten große, grelle Perlengeschmeide, goldene
-Filigran-Armbänder klirrten an ihren Händen. Ihr Körper duftete nach
-Iris, -- ein atemraubender, körperlicher, erregender Duft, der träge
-Träume gebar und gesättigt war von langsam fließenden, verdunstenden
-Wassern.
-
-Sie zerquälte sich, seufzte schwer, blickte ihm ins dunkle Gesicht und
-auf seine blau-schwarzen Wimpern und in die nächtigen Augen. Sie legte
-ihren Kopf auf seine nackten Kniee und ihre hellen Locken glitten über
-die bräunliche Haut. Sie küßte seinen Körper und der Kopf schwindelte
-ihr von dem starken, seltenen Duft, der sich mit dem Geruch des jungen
-Leibes mischte.
-
-Sascha lag da und lächelte mit einem stillen, falschen Lächeln. Ein
-unklares Verlangen wurde in ihm groß und quälte ihn so süß. Und als
-Ludmilla seine Kniee und seine Füße küßte, erweckten diese zärtlichen
-Küsse in ihm quälende, träumerische Gedanken. Er wollte ihr etwas antun,
-etwas Liebes, oder ihr weh tun; etwas Zartes, oder etwas, davor man sich
-schämt, -- aber er wußte nicht was. Sollte er ihre Füße küssen? Sollte
-er sie schlagen, viel und stark, mit langen, biegsamen Ruten? Sie sollte
-lachen vor Freude, oder schreien vor Schmerz.
-
-Und beides, das eine, wie das andere war ihr vielleicht erwünscht, aber
-es war zu wenig. Was wollte sie denn? Da sind sie nun beide halbnackt,
-und ihren durch nichts gebundenen Körpern verbindet sich ein Verlangen
-und eine schützende Scham, -- wo liegt nun das Geheimnis des Körpers?
-Wie bringt man sein Blut und seinen Leib ihren Wünschen und der eigenen
-Scham zum süßen Opfer?
-
-Aber Ludmilla quälte sich und wand sich zu seinen Füßen, erbleichend
-unter ihren unmöglichen Wünschen, daß es ihr heiß und kalt wurde. Sie
-flüsterte voller Leidenschaft:
-
-»Bin ich nicht schön? Sind meine Augen nicht flammend? Sind meine Locken
-nicht reich? Sei gut! Sei lieb zu mir, reiß die Geschmeide von mir,
-zerbrich meine Reifen!«
-
-Sascha fürchtete sich, und unmögliche Verlangen marterten und quälten
-ihn.
-
-
-
-
- XXVII
-
-
-Am frühen Morgen erwachte Peredonoff. Jemand blickte auf ihn aus
-riesigen, trüben, viereckigen Augen. Vielleicht war es Pjilnikoff.
-Peredonoff ging ans Fenster und goß Wasser auf das drohende Gespenst.
-
-Alles war verhext und bezaubert. Das wilde gespenstische Tierchen
-quiekte; Mensch und Vieh blickten ihm drohend und tückisch entgegen.
-Alles war ihm feindlich; er stand einer gegen alle.
-
-In den Unterrichtsstunden verleumdete er seine Kollegen, den Direktor,
-die Eltern der Schüler. Die Gymnasiasten hörten ihm mit Mißtrauen zu.
-Einige niedrig Gesinnte suchten ihm zu schmeicheln und drückten ihm ihre
-Teilnahme aus. Andere schwiegen trotzig, oder traten heftig für ihre
-Eltern ein, wenn Peredonoff sie angriff. Für diese Knaben hatte er nur
-böse, ängstliche Blicke, er umging sie, wo er nur konnte und brummte vor
-sich hin.
-
-In anderen Stunden wieder unterhielt Peredonoff seine Schüler mit blöden
-Auseinandersetzungen.
-
-Man hatte die Verse Puschkins gelesen:
-
- »Die Dämmerung ist kühl entglommen,
- Der Sense Rauschen ist verhallt;
- Der Wolf und seine Wölfin kommen, --
- So gierig schleicht sie aus dem Wald.«
-
-»Warten Sie,« sagte Peredonoff, »das muß man richtig verstehen. Hier
-haben wir eine Allegorie. Die Wölfe gehn paarweise: der Wolf und die
-gierige Wölfin. Der Wolf ist satt, _sie_ ist hungrig. Die Frau muß immer
-_nach_ dem Manne essen. Die Frau muß sich in allem dem Manne
-unterordnen.«
-
-Pjilnikoff war fröhlich; er lächelte und blickte auf Peredonoff aus
-seinen trügerisch-reinen, tiefschwarzen Augen. Saschas Gesicht ärgerte
-und quälte Peredonoff. Der verfluchte Bengel bezauberte ihn mit seinem
-tückischen Lächeln.
-
-Und ist er überhaupt ein Junge? Vielleicht sind es zwei: Bruder und
-Schwester, und es ist nicht herauszubringen -- wer wo ist. Vielleicht
-kann er sich auch aus einem Knaben in ein Mädchen verwandeln. Nicht
-umsonst ist er immer so sauber, -- denn um sich zu verwandeln, mußte er
-sich in allerhand Wässerchen waschen, -- anders ging es doch nicht.
-Außerdem roch er immer nach Parfums.
-
-»Womit haben Sie sich parfumiert, Pjilnikoff?« fragte Peredonoff, »etwa
-mit Patschuli?«
-
-Die Jungen lachten. Das kränkte Sascha; er wurde rot und schwieg.
-
-Den einfachen Wunsch, zu gefallen, nicht ekelhaft sein zu wollen, --
-konnte Peredonoff nicht verstehen. Eine jede derartige Erscheinung, und
-sei es auch an einem Knaben, hielt er für gefallsüchtige Eitelkeit. Wer
-sich gut kleidete, der hatte -- davon war er überzeugt -- nur den einen
-Wunsch, ihm zu schmeicheln. Aus welchem anderen Grunde hätte er sich gut
-kleiden sollen? Sauberkeit und gute, elegante Kleidung waren ihm
-zuwider; Parfums waren für sein Empfinden ein Gestank; jedem Parfum zog
-er den Geruch eines frisch gedüngten Feldes vor, denn -- so glaubte er
--- das ist der Gesundheit zuträglich. Sich schön kleiden, sich sauber
-halten, sich waschen, -- das alles kostet Zeit, Mühe und Arbeit; und der
-Gedanke an jede Arbeit erschreckte Peredonoff und langweilte ihn. Wie
-schön wäre es doch, nichts zu tun! Nur essen, trinken und schlafen --
-nur das!
-
- * * * * *
-
-Saschas Kameraden neckten ihn damit, daß er sich mit Patschuli
-parfumiert hätte, und daß Ludmilla in ihn verliebt wäre. Er begehrte auf
-und antwortete heftig, -- sie wäre in ihn nicht verliebt; das hätte sich
-Peredonoff einfach ausgedacht; er -- Peredonoff -- hätte um Ludmilla
-angehalten, sie aber habe ihm einen Korb gegeben, -- darum wäre er jetzt
-wütend auf sie und verbreite über sie schlechte Gerüchte. Die Kameraden
-glaubten ihm, -- man kannte doch Peredonoff! -- aber sie hörten nicht
-auf, ihn zu necken; jemanden zu necken ist doch so angenehm.
-
- * * * * *
-
-Peredonoff erzählte hartnäckig jedem, der es hören wollte, wie verderbt
-Pjilnikoff wäre.
-
-»Er hat sich mit Ludmilla eingelassen,« sagte er. »Sie küssen sich so
-eifrig, daß sie schon einen Abc-Schützen geboren hat und mit dem anderen
-schwanger geht.«
-
-Ueber Ludmillas Liebe zu einem Gymnasiasten redete man sehr übertrieben
-in der Stadt; man wußte darüber höchst alberne und unanständige
-Einzelheiten zu berichten. Doch niemand wollte es glauben: Peredonoff
-hatte die Sache zu sehr gepfeffert. Allein die Liebhaber am Necken --
-und deren gab es viele in unserer Stadt, -- sagten Ludmilla:
-
-»Warum haben Sie sich in den Bengel vernarrt? Das ist eine Beleidigung
-für unsere erwachsenen jungen Leute.«
-
-Ludmilla lachte und sagte:
-
-»Dummheiten!«
-
-Mit frecher Neugierde blickten die Bürger Sascha überall nach.
-
-Die Witwe des Generals Polujanoff, -- sie war reich und stammte aus
-Kaufmannskreisen, -- erkundigte sich nach seinem Alter und fand, daß er
-noch zu jung wäre; aber nach zwei Jahren würde man ihn zu sich bitten
-können, um zu seiner Erziehung beizutragen.
-
-Zuweilen machte Sascha Ludmilla Vorwürfe, daß man ihn mit ihr neckte.
-Ja, es kam sogar vor, daß er sie schlug, aber dann lachte Ludmilla hell
-und fröhlich.
-
- * * * * *
-
-Um aber den dummen Klatschereien ein Ende zu machen und um Ludmillas Ruf
-nach dieser peinlichen Geschichte wiederherzustellen, wirkten sämtliche
-Rutiloffs und ihre zahlreichen Freunde, Verwandten und Bekannten eifrig
-gegen Peredonoff und führten den Beweis, daß das alles Ausgeburten der
-Phantasie eines Irrsinnigen wären. Die maßlosen Handlungen Peredonoffs
-brachten auch viele dazu, an diese Erklärung zu glauben.
-
-In dieser Zeit wurde auch beim Rektor des Lehrbezirks wiederholt gegen
-Peredonoff Klage geführt. Vom Lehrbezirk wurde eine Anfrage an
-Chripatsch gerichtet. Dieser berief sich auf seine früheren Ausführungen
-und fügte hinzu, daß Peredonoffs längeres Verbleiben am Gymnasium direkt
-eine Gefahr bedeute, da seine seelische Krankheit deutlich bemerkbare
-Fortschritte mache.
-
- * * * * *
-
-Schon war Peredonoff ganz in der Gewalt seiner wilden Vorstellungen.
-Allerhand Erscheinungen schlossen ihn von der Welt ab. Seine irrsinnigen
-stumpfen Augen blickten unstät und blieben an keinem Gegenstande haften,
-so etwa, als wolle er durch sie durchsehen in die der Wirklichkeit
-entgegengesetzte Welt, und als suche er nach irgendwelchen Oeffnungen,
-um durchzusehen.
-
-Wenn er allein war, redete er mit sich selber und stieß ganz sinnlose
-Drohungen aus:
-
-»Ich werde dich töten! Dich erstechen! Dich einsperren!«
-
-Und Warwara horchte und schmunzelte:
-
-»Aergere dich nur!« dachte sie schadenfroh.
-
-Sie dachte, es wäre nur Wut; er errät, daß man ihn betrogen hat und
-ärgert sich. Den Verstand wird er nicht verlieren, -- denn ein Dummkopf
-hat nichts, was er verlieren könnte. Und wenn er auch irrsinnig wird, --
-was ist dabei! -- Der Irrsinn ist eine Unterhaltung für den Dummen.
-
-»Wissen Sie, Ardalljon Borisowitsch,« sagte Chripatsch einmal, »Sie
-sehen sehr krank aus.«
-
-»Der Kopf tut mir weh,« sagte Peredonoff finster.
-
-»Wissen Sie, Verehrtester,« fuhr der Direktor vorsichtig fort, »ich
-würde Ihnen doch raten, einstweilen nicht ins Gymnasium zu kommen. Sie
-sollten sich schonen, Ihren Nerven, die doch scheinbar stark mitgenommen
-sind, etwas Ruhe gönnen.«
-
-Natürlich, dachte Peredonoff, das ist das allerbeste: nicht mehr ins
-Gymnasium gehen. Warum war er nicht schon längst auf diesen Gedanken
-gekommen! Er brauchte sich ja nur krank zu melden, zu Hause zu bleiben
-und abzuwarten, was werden würde.
-
-»Ja, ja, ich werde nicht kommen, ich bin krank,« sagte er erfreut zu
-Chripatsch.
-
- * * * * *
-
-Der Direktor hatte unterdessen ein zweites Mal an den Lehrbezirk
-geschrieben und wartete von Tag zu Tag auf die Ernennung einiger Aerzte
-zur Untersuchung. Aber die Beamten beeilten sich nicht. Dafür waren es
-Beamte.
-
-Peredonoff kam nicht ins Gymnasium und schien ebenfalls etwas zu
-erwarten.
-
-In den letzten Tagen hatte er sich ganz an Wolodin geheftet. Er
-fürchtete sich, ihn aus den Augen zu lassen, und dachte immer, Wolodin
-wolle ihm einen Schaden zufügen. Schon am frühen Morgen, wenn er
-aufwachte, dachte er traurig an Wolodin: Wo ist er jetzt? Was treibt er?
-
-Manchmal erschien ihm Wolodin: Wolken zogen am Himmel, wie eine
-Lämmerherde, und unter ihnen tummelte sich Wolodin, den steifen Hut auf
-dem Kopf und lachte meckernd; auch im Rauche, der den Schornsteinen
-entstieg, war er zuweilen und verzog sich geschwind, alberne Grimassen
-schneidend und durch die Luft springend.
-
-Wolodin aber dachte und erzählte es stolz, daß Peredonoff ihn sehr lieb
-hätte und ohne ihn nicht leben könnte.
-
-»Warwara hat ihn betrogen,« sagte Wolodin, »er sieht aber, daß ich ihm
-ein treuer Freund bin, darum hält er zu mir.«
-
-Wenn Peredonoff aus dem Hause trat, um Wolodin aufzusuchen, kam ihm
-dieser schon entgegen, den steifen Hut auf dem Kopf, ein
-Spazierstöckchen in der Hand, fröhlich springend und lustig meckernd.
-
-»Warum trägst du immer dein Töpfchen auf dem Kopf?« fragte ihn
-Peredonoff einmal.
-
-»Warum sollte ich das Töpfchen nicht tragen, Ardalljon Borisowitsch?«
-entgegnete Wolodin fröhlich und verständig, bescheiden und anständig.
-»Die Mütze mit der Kokarde darf ich nicht tragen, und einen Zylinder
-aufzusetzen überlasse ich als Uebung den Aristokraten; uns steht das
-nicht an.«
-
-»Du wirst noch in deinem Töpfchen überkochen,« sagte Peredonoff
-verdrießlich.
-
-Wolodin kicherte.
-
-Sie gingen in Peredonoffs Wohnung.
-
-»Wieviel Schritte man machen muß,« sagte Peredonoff ärgerlich.
-
-»Es ist nützlich, Ardalljon Borisowitsch, sich etwas Motion zu machen,«
-versuchte Wolodin ihn zu überzeugen, »arbeiten, spazieren gehn, essen,
--- dann bleibt man gesund.«
-
-»Nun ja,« entgegnete Peredonoff, »du glaubst wohl, daß die Leute nach
-zwei bis dreihundert Jahren noch arbeiten werden?«
-
-»Wie denn sonst? Ohne Arbeit gibt es kein Brot. Brot erhält man für Geld
-und das Geld muß man verdienen.«
-
-»Ich will kein Brot.«
-
-»Dann gibt's auch keine Semmeln, keine Pastetchen,« kicherte Wolodin,
-»und nichts wofür du dir Schnaps kaufen könntest, und du wirst nichts
-haben um dir ein Likörchen zu brauen.«
-
-»Nein, die Menschen selber werden nicht arbeiten,« sagte Peredonoff,
-»Maschinen werden alles tun; man dreht eine Kurbel, wie am Leierkasten,
-und fertig ... Aber es ist langweilig, lange zu drehen.«
-
-Wolodin wurde nachdenklich, senkte den Kopf und warf die Lippen auf.
-
-»Ja,« sagte er grüblerisch, »das wird sehr schön sein. Nur werden wir
-das nicht mehr erleben.«
-
-Peredonoff sah ihn wütend an und knurrte:
-
-»Du wirst es nicht erleben, -- ich wohl.«
-
-»Das gebe Gott,« sagte Wolodin vergnügt, »daß Sie zweihundert Jahre alt
-werden, und dreihundert auf allen Vieren kriechen.«
-
-Schon antwortete Peredonoff nicht mehr mit einer Beschwörungsformel, --
-mochte kommen, was wollte. Er würde sie doch alle besiegen; nur die
-Augen hübsch offen halten und nicht nachgeben!
-
-Zu Hause setzten sie sich an den Tisch und tranken zusammen. Peredonoff
-begann von der Fürstin zu erzählen.
-
-In Peredonoffs Vorstellung wurde die Fürstin von Tag zu Tag um Jahre
-älter und fürchterlicher: gelb, runzelig und gebückt; sie hatte Hauer
-und war sehr böse.
-
-»Sie ist zweihundert Jahre alt,« sagte Peredonoff und blickte sonderbar
-traurig vor sich hin. »Und sie will, daß ich mich wieder mit ihr
-beriechen soll. Vorher wird sie mir keine Stelle verschaffen.«
-
-»Sag doch einer, was _die_ nicht alles will!« sagte Wolodin
-kopfschüttelnd. »So ein altes Weib!«
-
- * * * * *
-
-Peredonoff phantasierte von Morden. Er sagte zu Wolodin, zornig die
-Brauen runzelnd:
-
-»Dort hinter der Tapete liegt schon einer versteckt. Den andern werde
-ich aber unter dem Fußboden vernageln.«
-
-Wolodin fürchtete sich nicht und kicherte.
-
-»Riechst du den Gestank dort hinter der Tapete?« fragte Peredonoff.
-
-»Nein, ich rieche nichts,« sagte Wolodin und kicherte und krümmte sich
-vor Lachen.
-
-»Deine Nase ist verstopft,« sagte Peredonoff. »Nicht umsonst hast du
-eine rote Nase. Er verfault dort hinter der Tapete.«
-
-»Die Wanze!« rief Warwara und lachte auf.
-
-Stumpf und würdig blickte Peredonoff vor sich nieder.
-
-Peredonoff, von Tag zu Tag unzurechnungsfähiger, schrieb Denunziationen
-gegen die Kartenbilder, gegen das gespenstische Tierchen, gegen den
-Hammel, -- er, der Hammel, wäre ein Usurpator, hätte sich für Wolodin
-ausgegeben, trachtete nach einem hohen Posten, und wäre doch nur ein
-simpler Hammel; gegen die Waldschänder, -- sie hätten alle Birken
-ausgerodet, es gäbe keine Birkenquasten mehr fürs Dampfbad, und ohne
-Ruten wäre es schwer, die Kinder zu erziehen; die Espen hätten sie aber
-stehen lassen, -- und wozu wären die Espen gut?
-
-Wenn Peredonoff auf der Straße Gymnasiasten traf, so erschreckte er die
-kleineren und brachte die größeren zum Lachen durch unflätige, schamlose
-Worte. Die größeren liefen ihm scharenweise nach und machten sich aus
-dem Staube, wenn sie einen der Lehrer kommen sahen, -- die kleineren
-liefen vor ihm davon.
-
-Ueberall sah er Gespenster und Gesichte; seine Halluzinationen
-entsetzten ihn in dem Maße, daß sich seiner Brust ein tolles, stöhnendes
-Gewinsel entrang. Das graue, gespenstische Tierchen erschien ihm bald
-blutbesudelt, bald in lauter Flammen; es schrie und brüllte, und sein
-Gebrüll dröhnte ihm in rasenden Schmerzen durch den Kopf. Der Kater
-schwoll an zu einer fürchterlichen Größe; er stampfte mit seinen
-Absätzen und wurde zu einem rothaarigen, schnauzbärtigen Ungetüm.
-
-
-
-
- XXVIII
-
-
-Sascha war nach dem Mittagessen fortgegangen und zur festgesetzten Zeit,
-um sieben Uhr, noch nicht heimgekehrt. Die Kokowkina wurde unruhig:
-wollte Gott es verhüten, daß er zu dieser verbotenen Stunde einem der
-Lehrer auf der Straße begegnete. Man würde ihn bestrafen, und ihr wäre
-das so peinlich. Bei ihr hatten immer bescheidene Jungen gelebt, die
-sich nie in der Nacht herumgetrieben hatten. Sie machte sich auf die
-Suche nach ihm. Wo sollte er anders sein, als bei Rutiloffs.
-
-Ludmilla hatte, -- als mußte es gerade heute sein, -- es vergessen, die
-Tür zu verriegeln. Die Kokowkina trat ein und was sah sie?
-
-Sascha steht vor dem Spiegel und fächelt sich mit einem Fächer. Ludmilla
-lacht aus vollem Halse und zupft die Bänder an seinem grellfarbigen
-Gürtel zurecht.
-
-»Ach du lieber Gott! Dein Wille geschehe!« rief die Kokowkina entsetzt,
-»was sind das für Geschichten! Ich bin ganz aus dem Häuschen, suche ihn
-überall, und er führt hier eine Komödie auf: Schande, Schande -- sich in
-Weiberröcke zu kleiden! Und wie, schämen Sie sich nicht, Ludmilla
-Platonowna!«
-
-Ludmilla -- ganz überrumpelt -- wurde im ersten Augenblick verlegen;
-aber sie faßte sich schnell. Fröhlich lachend umarmte sie die Kokowkina,
-setzte sie in einen Sessel und erzählte ihr eine rasch erfundene
-Geschichte:
-
-»Wir haben zu Hause eine kleine Maskerade vor, -- ich werde ein Junge
-sein, und er ein Mädchen, und das wird furchtbar lustig werden.«
-
-Puterrot und erschreckt stand Sascha da, und die Tränen traten ihm in
-die Augen.
-
-»Was für Dummheiten!« sagte die Kokowkina ärgerlich, »er muß seine
-Aufgaben lernen und hat keine Zeit für Maskeraden. Was Sie sich
-ausdenken! Beliebe dich augenblicklich anzukleiden, Alexander, und
-marsch -- nach Hause.«
-
-Ludmilla lachte fröhlich und hell und umarmte die Kokowkina; die alte
-Frau dachte, daß das fröhliche Mädchen noch kindisch wie ein Backfisch
-wäre, und daß Sascha aus Dummheit froh wäre, allen ihren Launen
-gehorchen zu können. Ludmillas fröhliches Gelächter ließ die ganze Sache
-so kindisch und harmlos erscheinen, daß man darüber schlimmstenfalls
-etwas brummen durfte. Und sie schalt und machte ein böses und
-unzufriedenes Gesicht, -- aber ihr Herz war schon wieder ganz ruhig.
-
-Sascha kleidete sich schnell hinter dem Bettschirm um. Die Kokowkina
-ging mit ihm zusammen heim und schalt den Weg über auf ihn. Er schämte
-sich sehr, war erschrocken und sagte nichts zu seiner Rechtfertigung.
-Was wird es erst zu Hause geben? dachte er ängstlich.
-
-Und zu Hause verfuhr die Kokowkina zum erstenmal mit aller Strenge: er
-mußte sich auf die Knie stellen. Aber schon nach fünf Minuten hatte sie
-Mitleid mit seinem kläglichen, schuldbewußten Gesicht und er durfte
-wieder aufstehen.
-
-»So ein Geck! Auf eine Werst riecht man deine Parfums,« sagte sie
-brummig.
-
-Sascha machte einen geschickten Kratzfuß und küßte ihr die Hand; die
-Liebenswürdigkeit des bestraften Knaben rührte sie noch mehr.
-
- * * * * *
-
-Unterdessen drohte ein Unwetter über Sascha hereinzubrechen. Warwara und
-die Gruschina verfaßten einen anonymen Brief und schickten ihn an
-Chripatsch; sie behaupteten darin, der Gymnasiast Pjilnikoff wäre von
-Fräulein Rutiloff verführt worden; er brächte ganze Abende bei ihr zu
-und wäre dem Laster ergeben.
-
-Der Direktor mußte an eine kurz vorher geführte Unterhaltung denken. Vor
-einigen Tagen hatte jemand auf einer Soirée beim Adelsmarschall die von
-niemand verstandene Bemerkung hingeworfen, eine junge Dame hätte sich in
-einen Halbwüchsling verliebt. Man hatte gleich wieder von anderen Dingen
-gesprochen: in Chripatschs Gegenwart hielt man es, nach dem
-stillschweigenden Einvernehmen wohlerzogener Leute, für außerordentlich
-peinlich, dieses Thema zu diskutieren, gab sich den Anschein, als wäre
-es unbequem, darüber in Gegenwart von Damen zu sprechen, und tat so, als
-wäre die Sache selber ganz unbedeutend und unglaubwürdig. Chripatsch
-merkte das natürlich; er war aber nicht so einfältig, um sich bei jemand
-zu erkundigen. Er war vollständig überzeugt, daß er bald alles erfahren
-würde, und daß auf diesem oder jenem Wege, immer aber noch rechtzeitig,
-eine Nachricht ihm zu Ohren kommen würde. Da kam dieser Brief, und das
-war die erwartete Nachricht.
-
-Chripatsch glaubte keinen Augenblick an die Verderbtheit Pjilnikoffs,
-oder daß sein Verkehr mit Ludmilla irgendwie die Grenzen des Erlaubten
-überschritte.
-
-Das alles, -- dachte er, -- hat seinen Grund in der dummen Erfindung
-Peredonoffs und wird genährt von der neidischen Bosheit der Gruschina.
-Dieser Brief aber, -- dachte er, -- beweist, daß unerwünschte Gerüchte
-in Umlauf sind; sie könnten doch ein schlechtes Licht auf das Ansehen
-des ihm anvertrauten Gymnasiums werfen. Darum müssen Maßnahmen getroffen
-werden.
-
-Vor allem bat er die Kokowkina, ihn aufzusuchen, um mit ihr über die
-Tatsachen zu sprechen, die diese unerwünschten Gerüchte veranlaßt haben
-konnten.
-
-Die Kokowkina wußte schon, worum es sich handelte. Man hatte es ihr noch
-deutlicher zu verstehen gegeben, als dem Direktor. Die Gruschina hatte
-sie auf der Straße erwartet, ein Gespräch mit ihr angeknüpft und
-erzählt, Ludmilla hätte Sascha von Grund aus verdorben.
-
-Die Kokowkina war überrascht. Zu Hause überschüttete sie Sascha mit
-Vorwürfen. Ihr war die ganze Geschichte um so peinlicher, als doch alles
-sich fast vor ihren Augen abgespielt hatte und weil Sascha mit ihrem
-Einverständnis zu Rutiloffs ging. Sascha stellte sich so, als verstünde
-er nichts und fragte:
-
-»Was habe ich denn Schlimmes getan?«
-
-Die Kokowkina kam in Verlegenheit.
-
-»Wie! Was du Schlimmes getan hast? Weißt du es nicht mehr? Ist es lange
-her, daß ich dich in Weiberröcken getroffen habe? Hast du es vergessen,
-du Schlingel?«
-
-»Nun, Sie haben mich so getroffen. Ist denn etwas Schlimmes dabei? Dafür
-haben Sie mich doch schon bestraft! Und was ist denn dabei, -- als hätte
-ich einen gestohlenen Rock angehabt!«
-
-»Sag doch einer, sag doch einer! wie er sich ausredet!« sagte die
-Kokowkina fassungslos. »Ich habe dich wohl bestraft, aber scheinbar zu
-wenig.«
-
-»Dann bestrafen Sie mich mehr,« sagte Sascha trotzig, mit der Miene
-eines unschuldig Gekränkten. »Damals verziehen Sie mir, und jetzt ist es
-zu wenig. Ich habe Sie nicht gebeten, mir zu verzeihen, -- ich hätte den
-ganzen Abend auf den Knieen gestanden. Warum macht man mir jetzt noch
-Vorwürfe!«
-
-»Mein Lieber, man redet schon in der ganzen Stadt von dir und deiner
-Ludmilla,« sagte die Kokowkina.
-
-»Was wird denn geredet?« fragte Sascha treuherzig-neugierig.
-
-Die Kokowkina kam wieder in Verlegenheit.
-
-»Was geredet wird, -- man weiß doch was! Du weißt es genau, was man über
-euch sagen kann. Da kommt wenig Gutes dabei heraus. Du treibst Unfug mit
-deiner Ludmilla, -- das redet man.«
-
-»Ich werde nicht mehr Unfug treiben,« versprach Sascha so ruhig, als
-unterhielte man sich über das Hasch-hasch-Spiel.
-
-Er machte ein unschuldiges Gesicht, aber es war ihm schwer ums Herz. Er
-versuchte die Kokowkina auszuhorchen, was denn eigentlich geredet würde,
-und fürchtete sich, vielleicht grobe Worte hören zu müssen. Was konnte
-nur über sie beide geredet werden? Die Fenster von Ludmillas Zimmer
-gingen in den Garten, von der Straße aus konnte man nichts sehen, und
-außerdem ließ Ludmilla immer die Vorhänge herunter. Und wenn jemand
-zugesehn hatte, _wie_ hatte er es erzählt? Vielleicht mit peinlichen,
-rohen Worten? Oder wurde nur davon geredet, daß er oft hinging?
-
-Am darauffolgenden Tage erhielt die Kokowkina die Vorladung zum
-Direktor. Die alte Frau kam ganz aus der Fassung. Zu Sascha sagte sie
-kein Wort und machte sich zur festgesetzten Stunde still auf den Weg.
-Chripatsch machte ihr sehr liebenswürdig und schonend Mitteilung von dem
-erhaltenen Brief. Sie brach in Tränen aus.
-
-»Beruhigen Sie sich, wir beschuldigen Sie nicht,« sagte Chripatsch, »wir
-kennen Sie zu gut. Allerdings werden Sie ihn künftighin strenger
-beaufsichtigen müssen. Jetzt sagen Sie mir nur bitte, was eigentlich
-vorgefallen ist.«
-
-Als die Kokowkina vom Direktor nach Hause zurückkehrte, überschüttete
-sie Sascha mit neuen Vorwürfen.
-
-»Ich werde es der Tante schreiben,« sagte sie weinend.
-
-»Ich bin unschuldig. Mag die Tante kommen. Ich fürchte mich nicht,«
-sagte Sascha und weinte ebenfalls.
-
-Am nächsten Tage ließ der Direktor Sascha zu sich kommen und fragte ihn
-kalt und streng:
-
-»Ich wünsche zu wissen, mit wem Sie in der Stadt verkehren.«
-
-Sascha blickte den Direktor verlegen, unschuldig und ruhig an.
-
-»Mit wem ich verkehre?« sagte er, »Olga Wassiljewna weiß es; ich besuche
-nur meine Kameraden und Rutiloffs.«
-
-»Das ist es eben,« setzte der Direktor sein Verhör fort, »was treiben
-Sie bei Rutiloffs?«
-
-»Nichts Besonderes; nur so!« antwortete Sascha unschuldig,
-»hauptsächlich lesen wir zusammen. Fräulein Rutiloffs lieben Gedichte
-sehr. Und ich bin immer um sieben Uhr zu Hause.«
-
-»Vielleicht doch nicht immer?« fragte Chripatsch und richtete auf Sascha
-einen Blick, den er durchdringend zu gestalten versuchte.
-
-»Ja, einmal habe ich mich verspätet,« sagte Sascha mit der ruhigen
-Offenheit eines harmlosen Knaben, »aber dafür bekam ich Schelte von Olga
-Wassiljewna; und dann bin ich nie wieder zu spät gekommen.«
-
-Chripatsch mußte schweigen. Saschas ruhige Antworten verblüfften ihn. In
-jedem Fall mußte er ihn rügen, ihm einen Verweis erteilen, aber wie
-sollte er es tun und wofür? -- ohne den Knaben auf böse Gedanken zu
-bringen, die er früher (Chripatsch glaubte das) nicht gehabt hatte, --
-ohne den Knaben zu kränken, -- andererseits doch so, daß alles geschah,
-um die Unannehmlichkeiten zu vermeiden, die ihm in Zukunft aus diesem
-Verkehr erwachsen konnten.
-
-Chripatsch überlegte, wie schwer und verantwortungsvoll doch die
-Pflichten eines Pädagogen wären, besonders, wenn man die Ehre hat, einer
-Lehranstalt vorzustehen. Ja, schwer und verantwortungsvoll sind die
-Pflichten eines Pädagogen! Diese banale Ueberlegung beflügelte seine
-erlahmenden Gedanken. Er begann zu reden, schnell, deutlich und
-langweilig. Aus dem hundertsten ins tausendste mußte Sascha hören:
-
-»... Ihre erste Pflicht als Schüler, ist -- zu arbeiten ... man darf
-sich nicht geselligen Vergnügungen hingeben, wenn diese auch sehr
-angenehm und ganz einwandfrei sein sollten ... in jedem Falle muß gesagt
-werden, daß ein Verkehr mit Altersgenossen für Sie ersprießlicher ist ..
-Man muß sein eigenes Renommee und das der Schule zu wahren wissen ...
-Endlich, -- ich sage es Ihnen geradeheraus, -- habe ich Grund zu der
-Annahme, daß Ihr Verhältnis zu den jungen Damen den Charakter einer zu
-großen Freiheit trägt, einer Freiheit, die bei Ihrem Alter unstatthaft
-ist, und die den allgemein anerkannten Regeln der guten Sitte nicht
-entspricht.«
-
-Sascha mußte weinen. Es tat ihm so leid, daß man von der lieben Ludmilla
-denken und reden konnte wie von einer Person, mit der man unanständig
-und frei verkehren konnte.
-
-»Mein Ehrenwort, es ist nichts Schlimmes vorgefallen,« beteuerte er,
-»wir haben nur zusammen gelesen, sind spazieren gegangen, spielten, --
-nun ja -- haben getollt, -- und weiter sind gar keine Freiheiten
-vorgekommen.«
-
-Chripatsch klopfte ihm auf die Schulter und sagte mit einer Stimme, die
-herzlich klingen sollte und traurig klang:
-
-»Hören Sie mal, Pjilnikoff ...«
-
-(Oder sollte er den Knaben Sascha nennen? Das ist zu unförmlich, und
-eine diesbezügliche Verfügung des Ministers ist noch nicht getroffen!)
-
-»Ich glaube Ihnen, daß nichts Schlimmes vorgefallen ist. Immerhin täten
-Sie gut daran, Ihre häufigen Besuche einzustellen. Glauben Sie mir, --
-es wird besser sein. Das sage ich Ihnen nicht nur als Ihr Lehrer und
-Vorgesetzter, sondern auch als Freund.«
-
-Sascha blieb nichts anderes übrig, als sich zu verbeugen, sich zu
-bedanken -- und zu gehorchen. Zu Ludmilla kam er nur auf fünf oder zehn
-Minuten gelaufen, -- bemühte sich aber doch, sie an jedem Tage
-aufzusuchen. Es war doch ärgerlich, sie nur so flüchtig sehen zu können,
--- und seinen Aerger darüber ließ er an Ludmilla selber aus. Es kam oft
-vor, daß er sie Ludmilka, dumme Gans, Eselin von Siloah nannte, oder daß
-er sie schlug. Darüber mußte Ludmilla lachen.
-
- * * * * *
-
-Durch die Stadt ging das Gerücht, die Schauspieler des Theaters wollten
-in der Bürgermuße ein Kostümfest veranstalten mit Preisen für die
-schönsten Kostüme für Herren und Damen. Ueber die Preise waren die
-übertriebensten Gerüchte in Umlauf. Es wurde erzählt, die Dame würde
-eine Kuh erhalten, der Herr -- ein Fahrrad. Diese Gerüchte erregten die
-Gemüter. Jeder wünschte sich den Preis: es waren so solide Dinge. Voll
-Eifer nähte man an den Kostümen. Man gab viel Geld aus und ließ es sich
-nicht leid sein. Vor den besten Freunden verheimlichte man seine Pläne,
-damit die »glänzende Idee« nicht vorweggenommen würde.
-
-Als das gedruckte Programm über das Kostümfest erschien, -- riesige
-Affichen, die an alle Zäune geklebt und jedem angesehenen Bürger ins
-Haus geschickt wurden, -- erwies es sich, daß man weder eine Kuh, noch
-ein Fahrrad erhalten konnte, sondern die Dame sollte nur einen Fächer,
-der Herr nur ein Album bekommen. Das enttäuschte und verstimmte alle,
-die sich zum Kostümfest vorbereitet hatten. Man murrte. Man sagte:
-
-»Es lohnte sich Geld auszugeben!«
-
-»Es ist einfach lächerlich -- solche Preise.«
-
-»Man hätte es von Anfang an sagen müssen.«
-
-»Nur bei uns kann man _so_ mit dem Publikum umspringen.«
-
-Trotzdem wurden die Vorbereitungen fortgesetzt: waren die Preise auch
-miserabel, so war es doch schmeichelhaft, sie zu erhalten.
-
-Darja und Ludmilla nahmen weder zu Anfang noch später ein Interesse an
-der Preisverteilung. Was sollten sie mit einer Kuh! oder war ein Fächer
-etwas Besonderes! Und wer würden die Preisrichter sein? Was für einen
-Geschmack konnten sie -- die Richter -- entwickeln! Aber beide
-Schwestern waren entzückt von Ludmillas Einfall, Sascha als Dame auf das
-Kostümfest mitzunehmen, so die ganze Stadt zu hintergehen und es zu
-betreiben, daß er den Preis erhielte. Auch Valerie gab sich den
-Anschein, als wäre sie einverstanden. Eifersüchtig und schwächlich wie
-ein Kind, ärgerte sie sich: es war Ludmillas Freund, nicht ihrer, --
-aber sie wagte es nicht, mit den beiden älteren Schwestern Streit
-anzufangen. Sie sagte nur verächtlich lächelnd:
-
-»Er wird es nicht wagen.«
-
-»Das fehlte noch,« sagte Darja resolut, »wir werden es so einrichten,
-daß niemand davon erfährt.«
-
-Und als die Schwestern Sascha ihre Idee mitteilten, und als Ludmilla
-sagte:
-
-»Wir werden dich als Japanerin verkleiden,« da sprang und quiekte er vor
-Vergnügen. Mochte kommen was wollte, -- und besonders, wenn keiner davon
-erfährt, -- ihm sollte es recht sein, -- wie sollte er nicht
-einverstanden sein! -- das ist doch so furchtbar lustig, -- alle hinters
-Licht zu führen.
-
-Man beschloß auf der Stelle Sascha als Geisha zu verkleiden. Die
-Schwestern bewahrten ihren Plan als strengstes Geheimnis, -- nicht
-einmal Larissa oder der Bruder wußten darum. Das Geishakostüm schnitt
-Ludmilla nach einer Etikette auf einem Korylopsisfläschchen zu: ein
-Kleid aus gelber Seide, auf rotem Atlas gefüttert, sehr lang und weit,
-wie ein Schlafrock; auf das Kleid stickte sie ein buntes Muster, --
-große Blumen in sonderbaren Linien.
-
-Auch Schirm und Fächer fertigten die jungen Damen selber an, -- der
-Fächer war aus dünnem, gemustertem japanischem Papier auf Bambusstäbchen
-gezogen, der Sonnenschirm aus rosa Seide ebenfalls an einem Bambusrohr.
-An die Füße zogen sie ihm rosa Strümpfe und hölzerne Pantoffelchen auf
-kleinen Brettern.
-
-Auch die Maske für die Geisha bemalte die Künstlerin Ludmilla: ein
-gelbliches, aber liebes, schmales Gesichtchen mit einem leichten,
-starren Lächeln auf den Lippen, schrägliegende Schlitze für die Augen,
-und ein schmaler, kleiner Mund. Nur die Perücke mußte man sich aus
-Petersburg kommen lassen, -- schwarze, glatt aufgekämmte Haare.
-
-Man brauchte Zeit, um das Kostüm anzuprobieren, und Sascha konnte immer
-nur für Augenblicke kommen, nicht einmal täglich. Aber alles fand sich:
-Sascha lief in der Nacht davon, wenn die Kokowkina schlief, durchs
-Fenster. Alles ging glatt.
-
- * * * * *
-
-Auch Warwara rüstete sich zum Kostümfest. Sie kaufte eine Maske, die
-irgend eine dumme Fratze vorstellte, und um das Kostüm kümmerte sie sich
-nicht viel, -- sie kleidete sich als Köchin, an die Schürze hängte sie
-sich einen Kochlöffel. Auf den Kopf setzte sie sich ein weißes Häubchen,
-die Arme ließ sie bis zu den Ellenbogen frei, schminkte sie gründlich --
-kurz sie war eine Köchin wie vom Herde gekommen, -- und ihr Kostüm war
-fertig. Gibt man ihr den Preis -- ihr soll's recht sein, erhält sie
-keinen -- auch gut.
-
-Die Gruschina hatte beschlossen, sich als Diana zu kostümieren. Warwara
-mußte lachen und fragte:
-
-»Werden Sie auch ein Halsband tragen?«
-
-»Warum denn ein Halsband?« fragte die Gruschina erstaunt.
-
-»Aber wie denn,« erklärte Warwara, »Sie haben doch beschlossen, als Hund
-zu kommen.«
-
-»Welcher Unsinn!« antwortete die Gruschina lachend, »doch nicht als
-Hund, sondern als die Göttin Diana.«
-
-Warwara und die Gruschina kleideten sich zusammen in der Wohnung der
-Gruschina zum Feste an. Das Kostüm der Gruschina war außerordentlich
-oberflächlich: kahle Arme und Schultern, kahler Rücken, kahle Brust, die
-Füße steckten in leichten Pantoffelchen und waren bis zu den Knien bloß;
-im übrigen trug sie ein leichtes Gewand aus weißer Leinwand mit einem
-roten Besatz, auf dem nackten Körper, -- ein kurzes Röckchen, dafür aber
-sehr weit und sehr faltig. Warwara sagte schmunzelnd:
-
-»Nackicht!«
-
-Die Gruschina antwortete gemein lächelnd:
-
-»Dafür werden alle Mannsleute mir nachziehen.«
-
-»Wozu denn die vielen Falten?« fragte Warwara.
-
-»Um darin Süßigkeiten für meine Göhren zu verstauen,« erklärte die
-Gruschina.
-
-Alles was die Gruschina so kühn den Blicken freilegte -- war schön; --
-aber welche Widersprüche! Auf der Haut -- Flohstiche, grobe Manieren,
-Worte von unerträglicher Gemeinheit. Auch hier -- die in den Staub
-gezerrte Schönheit des Körpers.
-
- * * * * *
-
-Peredonoff glaubte, das ganze Fest fände nur statt, um ihn auf irgend
-etwas zu ertappen. Dennoch ging er hin, -- aber ohne Kostüm, im
-gewöhnlichen Rock, -- um selber zu sehen, was für böse Dinge man gegen
-ihn vorhätte.
-
-Der Gedanke an das Fest unterhielt Sascha einige Tage. Dann aber regten
-sich in ihm Bedenken. Wie sollte er von Hause fortkommen? Besonders
-jetzt, nach all den unangenehmen Geschichten. Wie, wenn man es im
-Gymnasium erfährt: man würde ihn sofort exmittieren.
-
-Noch neulich hatte zu ihm der Ordinarius, -- ein junger Mensch, der so
-liberal dachte, daß er es nicht über die Lippen brachte, einen Kater
-einfach Wassjka zu rufen, dafür aber: der Kater Basil sagte, --
-bedeutungsvoll beim Verteilen der Zensuren bemerkt:
-
-»Sehen Sie zu, Pjilnikoff! Seien Sie mehr bei der Sache.«
-
-»Ich habe keine einzige Zwei,« hatte Sascha sorglos geantwortet.
-
-Aber der Mut war ihm doch gesunken. Was würde er noch sagen? Nein,
-nichts, er schwieg, sah ihn nur streng an.
-
-Am Tage des Festes schien es Sascha, daß er nicht den Mut finden würde,
-hinzugehen. Es war doch schrecklich.
-
-Nur dieses ein, -- das fertige Kostüm, das bei Rutiloffs lag, -- sollte
-es wirklich umsonst genäht worden sein? All die Mühe und Arbeit, --
-sollte sie wirklich umsonst gewesen sein? Ludmilla würde weinen. Nein,
-man muß gehn.
-
-Nur die in den letzten Wochen erworbene Fertigkeit, Dinge zu
-verheimlichen, machte es ihm möglich, der Kokowkina seine Aufregung zu
-verbergen. Zum Glück ging die Alte früh zu Bett. Auch Sascha legte sich
-früh nieder, -- vorsichtshalber entkleidete er sich, legte seine Kleider
-auf einen Stuhl vor die Tür und stellte seine Stiefel daneben.
-
-Nun blieb noch das Schwerste, -- unbemerkt sich aus dem Staube zu
-machen. Der Weg durchs Fenster war ihm von früher her vertraut, als noch
-die Anproben stattfanden.
-
-Er zog sich eine helle Sommerbluse an, -- sie hing im Kleiderschrank in
-seinem Zimmer, -- leichte Hausschuhe, und vorsichtig kletterte er durch
-Fenster auf die Straße, nachdem er einen günstigen Augenblick abgewartet
-hatte; weder Stimmen noch Schritte waren in der Nähe zu hören.
-
-Ein feiner Regen fiel vom Himmel. Auf der Straße war es schmutzig, kalt
-und finster. Aber Sascha glaubte, alle Welt müßte ihn erkennen. Er warf
-Mütze und Schuhe wieder durchs Fenster in seine Stube, krempelte sich
-die Hosen auf und lief in Sprungschritten barfuß über die vom Regen
-glitschigen, morschen Brettersteige. In der Dunkelheit ist ein Gesicht
-schwer zu erkennen, besonders das eines Laufenden, und man wird ihn,
-wenn er jemand treffen sollte, für einen einfachen Jungen halten, den
-man in einen Laden geschickt hat.
-
- * * * * *
-
-Valerie und Ludmilla hatten für sich selber nicht gerade originelle,
-doch aber farbenfreudige Kostüme angefertigt; Ludmilla war eine
-Zigeunerin, Valerie eine Spanierin. Ludmilla trug grelle rote Flicken
-aus Seide und Samt; die schmächtige, zerbrechliche Valerie schwarze
-Seide und Spitzen; in der Hand hielt sie einen schwarzen Spitzenfächer.
-Darja hatte für sich nichts Neues genäht, -- noch vom vorigen Jahre
-hatte sie das Kostüm einer Türkin; das legte sie an.
-
-»Es lohnt nicht sich was auszudenken!« sagte sie entschieden.
-
-Als Sascha angelaufen kam, machten sich alle drei Schwestern daran, ihn
-herzurichten. Die größte Sorge machte ihm seine Perücke.
-
-»Wenn sie herunterfällt,« wiederholte er ängstlich.
-
-Man befestigte sie ihm mit Bändern unter dem Kinn ...
-
-
-
-
- XXIX
-
-
-Das Kostümfest fand in der Bürgermuße statt; das war ein zweistöckiges,
-ziegelrot gestrichenes, kasernenartiges Steingebäude auf dem Bazarplatz.
-Gromoff-Tschistoplotskji, Regisseur und Schauspieler am städtischen
-Theater, war der Veranstalter des Festes.
-
-Vor der Auffahrt, über die ein Kalikodach gespannt war, brannten
-Lämpchen. Das Volk auf der Straße kritisierte die zum Feste Anfahrenden
-oder zu Fuß Kommenden meist abfällig; dies war verständlich, denn auf
-der Straße konnte man von den Kostümen unter den Oberkleidern fast
-nichts sehn, und man urteilte in der Regel aufs Geratewohl. Die
-Schutzleute sorgten hinreichend für Ordnung auf der Straße; im Saale
-befanden sich aber als Gäste der Chef der Landpolizei und der
-Polizeileutnant.
-
-Jeder Teilnehmer erhielt am Eingang zwei kleine Billette: das eine war
-rosa und galt dem schönsten Damenkostüm, das andere grüne -- dem
-Herrenkostüm. Diese Billette konnte man den Würdigsten übergeben. Manche
-erkundigten sich:
-
-»Darf man es für sich selber behalten?«
-
-Anfangs fragte der Kassierer ganz erstaunt:
-
-»Warum für sich selber?«
-
-»Aber wenn ich nun mein Kostüm für das schönste halte,« antwortete der
-Festteilnehmer.
-
-Später wunderte sich der Kassierer nicht mehr über diese Fragen, sagte
-vielmehr mit sarkastischem Lächeln (es war ein spöttischer junger Mann):
-
-»Ganz, wie es Ihnen beliebt. Behalten Sie, wenn Sie wollen, beide für
-sich.«
-
-Die Säle waren nicht sehr sauber, und ein großer Teil der Anwesenden war
-schon zu Anfang betrunken.
-
-In den engen Räumen, mit ihren verräucherten Wänden und Decken, brannten
-schiefe Lüster; sie waren übermäßig groß, schwer und schienen einem die
-Luft zu nehmen. Die verblichenen Portieren an den Türen sahen so aus,
-daß es widerlich war, sie zu streifen.
-
-Hier und dort standen die Menschen in Gruppen; man hörte Ausrufe und
-Gelächter, -- es galt jenen, die so kostümiert waren, daß sie die
-allgemeine Aufmerksamkeit auf sich lenkten.
-
-Der Notar Gudajewskji war als Indianer erschienen; im Haar hatte er
-Hahnenfedern, seine kupferrote Maske wies grüne, sinnlose Tätowierungen
-auf; er trug eine Lederjoppe, um die Schultern ein gewürfeltes Plaid und
-hohe, lederne Stiefel, mit grünen Troddeln. Er fuchtelte mit den Händen,
-sprang und ging im Turnerschritt, wobei er seine nackten, stark
-gebogenen Kniee weit vorwarf.
-
-Seine Frau hatte sich als Aehre gekleidet. Sie trug ein buntes Kleid,
-das aus grünen und gelben Lappen zusammengeflickt war; nach allen Seiten
-starrte sie von Aehren, die sie überallhin gesteckt hatte. Diese
-kitzelten und stachen jeden, der ihr in die Nähe kam. Man zupfte und
-kniff sie. Sie schimpfte wütend:
-
-»Ich werde kratzen!« quiekte sie.
-
-Ringsherum lachte man.
-
-»Woher hat sie all die Aehren?« fragte jemand.
-
-»Sie hat im Sommer Vorrat gesammelt,« antwortete man ihm, »jeden Tag war
-sie im Felde und hat gemaust.«
-
-Einige bartlose Beamte, -- die in die Gudajewskaja verliebt waren und
-denen darum schon früher mitgeteilt worden war, was sie anhaben würde,
--- begleiteten sie. Sie sammelten für sie Billette, -- fast mit Gewalt,
-mit Grobheiten. Manchen, die weniger selbständig waren, nahmen sie die
-Billette einfach aus der Hand.
-
-Aber es gab auch andere kostümierte Damen, die durch ihre Herren
-Billette für sich sammeln ließen. Andere wieder blickten gierig auf die
-noch nicht hergegebenen Zettelchen und bettelten darum. Man antwortete
-ihnen mit Grobheiten.
-
-Eine verzagte Dame, die als »Nacht« gekleidet war, -- sie trug ein
-blaues Kleid und hatte ein gläsernes Sternchen und einen papierenen
-Halbmond an der Stirn, -- sagte schüchtern zu Murin:
-
-»Geben Sie mir Ihr Billettchen!«
-
-Murin antwortete grob:
-
-»Wer bist du! Dir ein Billett! Ungewaschenes Maul -- du!«
-
-Die »Nacht« brummte böse und ging. Sie wollte zu Hause nur zwei oder
-drei Billettchen vorzeigen und sagen: seht, -- die hat man _mir_
-gegeben. Aber bescheidne Hoffnungen sind immer erfolglos.
-
-Die Lehrerin Skobotschkina war als Bärin erschienen, d. h. sie hatte
-sich einfach ein Bärenfell um die Schultern geworfen, und den Rachen des
-Bären wie einen Helm auf ihren Kopf über die gewöhnliche Halbmaske
-gestülpt. Im allgemeinen war das natürlich läppisch; ihrer massiven
-Struktur aber und ihrer saftigen Stimme stand das wohl an. Die Bärin
-schritt mit schweren Schritten einher und knurrte durch den ganzen Saal,
-daß die Flammen in den Kronleuchtern zitterten.
-
-Vielen gefiel das. Sie erhielt nicht wenig Billette. Aber sie verstand
-es nicht, sie aufzubewahren, und einen findigen Begleiter, wie die
-andern, hatte sie nicht. Kleine Kaufleute hatten sie betrunken gemacht,
-aus lauter Mitgefühl für ihre Fähigkeit das Gebaren eines Bären so gut
-nachzuahmen. Man schrie:
-
-»Seht nur, die Bärin säuft Schnaps.«
-
-Die Skobotschkina konnte sich nicht entschließen, den Schnaps dankend
-abzulehnen. Sie glaubte eine Bärin müsse Schnaps trinken, wenn er ihr
-angeboten würde. Bald war sie betrunken; da stahlen ihr Darja und
-Ludmilla sehr geschickt mehr als die Hälfte ihrer Billette und gaben sie
-Sascha.
-
-Durch seinen stattlichen Wuchs fiel ein alter Germane auf. Vielen gefiel
-es, daß er so kräftig gebaut war und daß man seine Arme sehen konnte,
-gewaltige Arme mit einer vorzüglich entwickelten Muskulatur. Ihm folgten
-hauptsächlich Damen, und rings um ihn tönte lobendes, wohlwollendes
-Geflüster. Im alten Germanen glaubte man den Schauspieler Bengalskji zu
-erkennen. Bengalskji war beliebt. Darum gaben ihm viele ihre Zettel. Man
-folgerte so:
-
-»Wenn ich den Preis nicht erhalte, so mag ihn ein Schauspieler oder eine
-Schauspielerin haben. Erhält ihn einer aus unserer Gesellschaft, so
-quält er einen mit seinen Prahlereien zu Tode.«
-
-Auch das Kostüm der Gruschina fand Beifall, -- wie eben etwas
-Skandalöses Beifall findet. In dichten Scharen folgten ihr die Männer;
-sie lachten und machten unflätige Bemerkungen. Die Damen wandten sich ab
-und waren empört. Endlich trat der Polizeileutnant zur Gruschina und
-sagte, süß schmunzelnd:
-
-»Gnädigste, Sie werden sich bedecken müssen.«
-
-»Was gibt's denn da? Man sieht nichts Unanständiges an mir,« antwortete
-die Gruschina frech.
-
-»Gnädigste, die Damen fühlen sich beleidigt,« sagte Mintschukoff.
-
-»Der Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte die Gruschina.
-
-»Nein, bitte, Gnädigste,« bat Mintschukoff, »haben Sie die
-Liebenswürdigkeit, wenigstens Ihre Brüstchen und Ihr Rückchen mit einem
-Taschentüchlein zu bedecken.«
-
-»Wenn mein Taschentuch aber vollgeschneuzt ist?« antwortete die
-Gruschina gemein lachend.
-
-Mintschukoff aber beharrte:
-
-»Wie es Ihnen beliebt, Gnädigste. Nur, -- wenn Sie sich nicht bedecken,
-sehe ich mich gezwungen, Sie zu entfernen.«
-
-Schimpfend und spuckend, ging die Gruschina in die Garderobe und
-breitete, mit Hilfe eines Dienstmädchens, einige Falten ihres Kleides
-über Rücken und Brust. Als sie in den Saal zurückkehrte, wenn auch etwas
-bescheidner in ihrem Ansehen, suchte sie doch wieder eifrig nach
-Anbetern. In plumper Weise scherzte sie mit allen Männern. Als deren
-Aufmerksamkeit aber in eine andere Richtung gelenkt wurde, ging sie ins
-Buffetzimmer, um Süßigkeiten zu stehlen.
-
-Bald kehrte sie wieder in den Saal zurück, zeigte Wolodin zwei
-Pfirsiche, schmunzelte perfid und sagte:
-
-»Darauf bin ich selber gekommen.«
-
-Und sofort verschwanden die Pfirsiche wieder in den Falten ihres
-Gewandes. Wolodin bleckte erfreut die Zähne.
-
-»Nun,« sagte er, »dann gehe auch ich, -- wenn es sich _so_ verhält.«
-
-Bald war die Gruschina betrunken und betrug sich außerordentlich laut,
--- sie schrie, fuchtelte mit den Händen, spuckte.
-
-»Eine muntere Dame -- die Diana,« sagte man von ihr.
-
-Das war das Kostümfest, zu dem die verdrehten jungen Damen den
-leichtsinnigen Gymnasiasten mitgenommen hatten. In zwei Droschken kamen
-die drei Schwestern und Sascha schon recht spät angefahren, --
-seinetwegen hatten sie sich verspätet.
-
-Ihr Kommen wurde im Saal bemerkt. Besonders die Geisha gefiel vielen. Es
-ging das Gerücht, die Schauspielerin Kaschtanowa, -- besonders der
-männliche Teil der Gesellschaft hatte eine Vorliebe für sie, -- wäre als
-Geisha kostümiert. Daher erhielt Sascha sehr viele Billette.
-
-Die Kaschtanowa war aber gar nicht gekommen, -- am Vorabend war ihr
-kleiner Sohn schwer erkrankt.
-
-Sascha, trunken von dem vielen Neuen was er sah, kokettierte ganz
-unglaublich. Je mehr sich die Zettel in der kleinen Hand der Geisha
-häuften, desto fröhlicher und mutwilliger blitzten die Augen der
-koketten Japanerin durch die schmalen Schlitze in der Maske.
-
-Die Geisha hockte nieder, hob ihre schmalen Fingerchen, kicherte mit
-verstellter Stimme, spielte mit ihrem Fächer, klopfte damit diesem oder
-jenem Herren auf die Schulter, und versteckte sich dann hinter dem
-Fächer, und jeden Augenblick klappte sie ihren rosa Sonnenschirm auf und
-zu. Nicht sonderlich schlaue Handgriffe, -- jedenfalls genügten sie, um
-alle die zu gewinnen, welche die Schauspielerin Kaschtanowa verehrten.
-
-»Ich gebe mein Papier, -- der Allerschönsten -- dir!« sagte Tischkoff
-und überreichte sein Billett mit einem jugendlichen Kratzfuß der Geisha.
-
-Er hatte schon viel getrunken und war ganz rot; sein in einem ewigen
-Lächeln erstarrtes Gesicht und seine ungelenke Figur machten ihn einer
-Puppe ähnlich. Und immer reimte er.
-
-Valerie sah Saschas Erfolge und beneidete ihn; sie hätte es zu gern
-gesehn, daß man sie erkannt hätte, daß ihr Kostüm und ihre schmale,
-schlanke Gestalt allen gefiele, und daß sie den Preis erhielte. Gleich
-fiel es ihr aber zu ihrem Aerger ein, daß das ganz ausgeschlossen war:
-die drei Schwestern hatten verabredet, Billette nur für die Geisha
-aufzutreiben, und ihre eigenen Zettelchen, die sie etwa bekommen
-sollten, ebenfalls der Geisha zu geben.
-
-Im Saale wurde getanzt. Wolodin, stark angeheitert, tanzte den
-Kasatschek.[12] Der Polizeileutnant verbot ihm das. Er sagte
-fröhlich-gehorsam:
-
-»Nun, wenn es verboten ist, so tue ich es auch nicht.«
-
-Zwei Bürger aber, die seinem Beispiel gefolgt waren, und den Trepak
-tanzten, wünschten, nicht nachzugeben:
-
-»Mit welchem Recht? Für _meinen_ Fünfziger!« riefen sie, wurden aber
-hinausgeführt.
-
-Wolodin begleitete sie, verrenkte die Glieder, bleckte die Zähne und
-hopste dazu.
-
- * * * * *
-
-Fräulein Rutiloffs beeilten sich, Peredonoff aufzufinden, um sich über
-ihn lustig zu machen. Er saß allein, an einem Fenster und blickte mit
-irren Augen in die Menge. Menschen und Gegenstände schienen ihm sinnlos
-und aufgelöst, doch aber ihm feindlich zu sein.
-
-[Fußnote 12: Russischer Nationaltanz; wird in sitzender Stellung
-getanzt, -- die Beine werden vorgeworfen.]
-
-Ludmilla, die Zigeunerin, trat auf ihn zu und sagte mit verstellter,
-tiefer Stimme:
-
-»Mein lieber Herr, ich will dir wahrsagen.«
-
-»Geh zum Teufel!« rief Peredonoff.
-
-Das plötzliche Erscheinen der Zigeunerin hatte ihn erschreckt.
-
-»Guter Herr, mein goldner Herr, gib mir deine Hand. Ich sehe es an
-deinem Gesicht, -- du wirst reich werden, du wirst ein hoher
-Vorgesetzter werden,« bettelte Ludmilla und nahm einfach Peredonoffs
-Hand.
-
-»Sieh zu, daß du mir nur Gutes sagst,« brummte Peredonoff.
-
-»O, du mein diamantner Herr,« wahrsagte Ludmilla, »du hast viele Feinde,
-man wird dich angeben, du wirst weinen; unter einem Zaune wirst du
-sterben.«
-
-»Ach du Luder!« schrie Peredonoff und riß seine Hand los.
-
-Ludmilla war mit einem Satz in der Menge verschwunden. Valerie löste sie
-ab, -- sie setzte sich neben Peredonoff und flüsterte zärtlich:
-
- »Ich bin eine span'sche Dirne,
- Liebe dich wie nie zuvor, --
- Dumm ist deine Frau im Hirne,
- Mein geliebtester Signor.«
-
-»Du lügst, dumme Gans,« knurrte Peredonoff.
-
-Valerie flüsterte:
-
- »Heiß wie Tage, süß wie Nächte
- Ist mein Sevillaner-Kuß --
- Spucke deiner Frau -- der schlechten
- In die Augen Speichelfluß.
- Deine Frau -- sie heißt Barbare,
- Du bist schön, mein Ardalljon.
- Du und sie seid schlecht im Paare --
- Du bist klug, wie Salomon.«
-
-»Das ist richtig,« sagte Peredonoff, »wie soll ich ihr aber in die Augen
-spucken? Sie wird sich bei der Fürstin beklagen, und die wird mir keine
-Stelle verschaffen.«
-
-»Wozu brauchst du eine Stelle? Du bist auch ohne Stelle lieb und gut,«
-sagte Valerie.
-
-»Ach, wie soll ich denn leben, wenn man mir keine Stelle gibt,« sagte
-Peredonoff mutlos.
-
- * * * * *
-
-Darja schob Wolodin ein Briefchen in die Hand, das mit einer rosa Oblate
-verklebt war. Erfreut meckernd öffnete Wolodin das Kuvert und las den
-Brief; er wurde nachdenklich, -- dann warf er sich in die Brust und es
-schien, als hätte ihn etwas aus der Fassung gebracht. Kurz und klar
-stand geschrieben:
-
-»Komm Liebling, morgen um elf Uhr abends zu einem Stelldichein in die
-Militärbadstube. Deine dir ganz fremde J.«
-
-Wolodin glaubte an die Aufrichtigkeit der Briefschreiberin, aber es
-fragte sich nur, -- lohnte es überhaupt, hinzugehen? Wer ist diese J?
-Eine Jenny vielleicht? Oder fängt ihr Familienname mit dem Buchstaben J
-an?
-
-Wolodin zeigte Rutiloff den Brief.
-
-»Geh hin, natürlich geh hin!« überredete ihn Rutiloff. »Sieh zu, was
-dabei herauskommt. Vielleicht ist es eine reiche Braut; sie hat sich in
-dich verliebt; aber ihre Eltern sind dagegen; darum will sie sich eben
-mit dir aussprechen.«
-
-Aber Wolodin dachte lange, lange nach und beschloß, daß es nicht der
-Mühe wert wäre hinzugehen. Er sagte stolz:
-
-»Sie wirft sich mir an den Hals! aber solche sittenlose Mädchen liebe
-ich nicht.«
-
-Er fürchtete sich, dort verprügelt zu werden: die Militärbadstube war in
-einer ganz verrufenen Gegend, am äußersten Ende der Stadt.
-
- * * * * *
-
-Als die dichtgedrängte Menge sich in allen Räumen der Muße verteilt
-hatte, schreiend, übertrieben lustig, -- hörte man an der Eingangstür
-des Saales lauten Lärm, Gelächter, ermunternde Zurufe. Alles drängte
-dahin. Es ging von Mund zu Munde, -- eine furchtbar originelle Maske
-wäre erschienen.
-
-Durch die Menge bahnte sich den Weg ein magerer, langer Mensch. Er trug
-einen geflickten, schmutzigen Schlafrock, hielt einen Birkenquast unter
-dem Arm und eine Kippe[13] in der Hand. Seine Maske war aus Karton
-geschnitten, -- eine dumme Fratze mit einem spärlichen Backenbärtchen,
-auf dem Kopf trug er aber eine Mütze mit der Beamten-Kokarde des
-Zivildienstes. Ganz erstaunt wiederholte er fortwährend:
-
-»Man sagte mir, hier wäre ein Maskenfest, und kein Mensch wäscht sich.«
-
-[Fußnote 13: Ein kleines, hölzernes Schöpfgefäß; wird in russischen
-Badstuben gebraucht, ebenso der Birkenquast.]
-
-Traurig schwenkte er seine Kippe. Die Menge folgte ihm, kam aus dem
-Staunen nicht heraus und freute sich harmlos über den gelungenen Scherz.
-
-»Der bekommt den Preis,« sagte Wolodin neidisch.
-
-Er beneidete ihn, wie viele andere, gewissermaßen gedankenlos,
-unmittelbar, -- er selber war gar nicht kostümiert; was also, sollte man
-meinen, hatte er für einen Grund, ihn zu beneiden? Matschigin dagegen
-war in einem seligen Entzücken: besonders die Kokarde freute ihn. Er
-lachte froh, klatschte in die Hände und sagte zu Bekannten und
-Unbekannten:
-
-»Eine vortreffliche Kritik! Diese Beamten machen so viel Wesens von
-sich; sie lieben es, die Kokarde zu tragen und Uniformen; da haben sie
-nun die Kritik; -- wirklich sehr geschickt!«
-
-Als es heiß wurde, fächelte sich der Beamte im Schlafrock mit seinem
-Birkenquast Kühlung zu und rief:
-
-»Die wahre Badstube!«
-
-Alles lachte fröhlich. Die Zettelchen regneten in seine Kippe.
-
-Peredonoff sah auf den hocherhobenen Birkenquast. Er glaubte, es wäre
-das graue, gespenstische Tierchen.
-
-Es ist grün geworden -- das Vieh! dachte er entsetzt.
-
-
-
-
- XXX
-
-
-Endlich begann man, die für die Kostüme verteilten Zettelchen zu zählen.
-Die Mußenvorsteher bildeten das Komitee. An der Tür des
-Schiedsgerichtszimmers versammelte sich eine gespannt wartende Menge. In
-den Sälen wurde es für kurze Zeit still und langweilig. Die Musik hatte
-aufgehört zu spielen. Die Gäste waren verstummt. Peredonoff wurde es
-unheimlich.
-
-Aber bald fing man wieder an zu sprechen, man murrte ungeduldig, man
-lärmte. Jemand versichert, beide Preise kämen in die Hände von
-Schauspielern.
-
-»Sie werden es sehen!« hörte man jemandes entrüstete, zischende Stimme.
-
-Viele glaubten es. Man war erregt. Jene, die nur wenig Zettel erhalten
-hatten, ärgerten sich schon darüber. Jene, die viele erhalten hatten,
-erregte die Möglichkeit einer vielleicht zu erwartenden Ungerechtigkeit.
-
-Plötzlich bimmelte gell und durchdringend ein Glöckchen. Die
-Preisrichter kamen heraus: Weriga, Awinowitzkji, Kiriloff und die
-übrigen Vorstände. Wellenartig verbreitete sich eine verlegene Stille im
-ganzen Saal, -- plötzlich war alles verstummt.
-
-Awinowitzkji verkündete mit lautschallender Stimme:
-
-»Das Album, als Preis für das beste Herrenkostüm, erhält, der größten
-Zettelanzahl zufolge, der Herr im Kostüm eines alten Germanen.«
-
-Awinowitzkji hob das Album hoch und blickte böse auf die sich stauende
-Menge. Der urwüchsige Germane bahnte sich einen Weg. Er begegnete nur
-feindlichen Blicken. Man wollte ihm den Weg nicht freigeben.
-
-»Stoßen Sie mich nicht, ich muß doch bitten!« schrie weinerlich die
-zaghafte Dame in Blau mit dem gläsernen Sternchen und dem Papiermond an
-der Stirn, -- die Nacht.
-
-»Er hat den Preis erhalten und bildet sich ein, daß die Damen vor ihm
-auseinandertreten müssen,« hörte man jemand böse zischen.
-
-»Wenn Ihr mich doch selber nicht durchlaßt,« antwortete der Germane mit
-verhaltenem Zorn.
-
-Endlich war er irgendwie bis zu den Preisrichtern vorgedrungen und
-empfing das Album aus Werigas Händen. Die Musik spielte einen Tusch.
-Aber die Töne gingen unter in einem wüsten Gelärm.
-
-Man hörte Schimpfworte. Man umringte den Germanen, stieß ihn und schrie:
-
-»Die Maske herunter!«
-
-Der Germane schwieg. Es wäre ihm ein kleines gewesen, sich durch die
-Menge durchzuschlagen, -- aber augenscheinlich scheute er sich davor,
-seine Kräfte handgreiflich anzuwenden. Gudajewskji packte das Album, und
-im selben Augenblick riß jemand dem Germanen die Maske vom Gesicht. Die
-Menge brüllte auf:
-
-»Es _ist_ ein Schauspieler!«
-
-Die Vermutung hatte sich bewahrheitet: es war der Schauspieler
-Bengalskji. Er rief ärgerlich:
-
-»Nun ein Schauspieler! ist denn was dabei? Ihr selber gabt mir doch eure
-Zettel.«
-
-Als Antwort ertönte wütendes Geschrei:
-
-»Betrug!«
-
-»_Ihr_ drucktet die Billette!«
-
-»Soviel Leute sind gar nicht da, als Zettel verteilt wurden.«
-
-»Er hat ein halbes Hundert in der Tasche gehabt.«
-
-Bengalskji wurde feuerrot und schrie:
-
-»Es ist gemein, das zu behaupten. Jedermann kann die Zettel nachzählen,
--- nach der Anzahl der Teilnehmer läßt es sich bestimmen.«
-
-Unterdessen sprach Weriga zu den ihm zunächst Stehenden:
-
-»Beruhigen Sie sich, meine Herrschaften, es ist kein Betrug vorgekommen;
-ich hafte dafür: die Zahl der Billette wurde beim Eingang kontrolliert.«
-
-Endlich gelang es den Vorständen, zusammen mit einigen vernünftigen
-Gästen, die Menge zu beruhigen. Alles war gespannt, wer den Fächer
-erhalten würde. Weriga verkündete:
-
-»Meine Herrschaften, die meisten Zettel für das Damenkostüm hat die Dame
-im Kostüm einer Geisha erhalten; ihr wurde der Preis zuerkannt, --
-nämlich ein Fächer. Geisha, ich ersuche Sie, vorzutreten, der Fächer
-gehört Ihnen. Meine Herrschaften, ich ersuche Sie um die
-Liebenswürdigkeit, der Geisha den Weg freizugeben.«
-
-Die Musik spielte zum zweiten Mal einen Tusch. Die erschreckte Geisha
-wäre froh gewesen, wenn sie hätte davonlaufen können. Man stieß sie aber
-vor, ließ ihr den Weg und führte sie vor die Preisrichter.
-
-Weriga überreichte ihr mit liebenswürdigem Lächeln den Fächer. Vor
-Saschas von Angst und Verlegenheit verschleierten Augen blinkte etwas
-Buntes und Reizendes. Man muß sich bedanken, -- ging es ihm durch den
-Kopf. Er murmelte die gewohnten Höflichkeitsformeln eines gesitteten
-Jungen.
-
-Die Geisha hockte nieder, sagte ein paar unverständliche Worte,
-kicherte, hob ihre Fingerchen, -- und wieder ertönte ein wüstes Gejohl
-durch den Saal, es wurde gepfiffen, geschimpft. Alles drängte und
-stürmte zur Geisha.
-
-»Hock nieder, gemeine Dirne!« schrie die Aehre wütend und sträubte ihre
-Stacheln, »hock nieder!«
-
-Die Geisha wollte zur Tür hinaus; man vertrat ihr den Weg. In der Menge,
-die die Geisha umtoste, hörte man böses Geschrei:
-
-»Sie muß ihre Maske abnehmen!«
-
-»Die Maske herunter!«
-
-»Haltet sie! Fangt sie!«
-
-»Nieder -- die Maske!«
-
-»Reißt ihr den Fächer fort!«
-
-Die Aehre schrie:
-
-»Wißt ihr auch, wer den Preis erhalten hat? Die Schauspielerin
-Kaschtanowa. Sie hat einen fremden Mann abspenstig gemacht, und erhält
-den Preis! Die rechtschaffenen Frauen bekommen nichts; eine feile Dirne
-erhält ihn!«
-
-Sie warf sich auf die Geisha, quiekte durchdringend und ballte die
-mageren Fäustchen. Viele andere folgten ihrem Beispiel, -- hauptsächlich
-ihre Begleiter.
-
-Die Geisha schlug verzweifelt um sich. Es war eine wilde Hetze. Der
-Fächer wurde ihr entrissen, zerbrochen, auf den Boden geworfen,
-zerstampft. Wie besessen rannte die Menge -- die Geisha mitten darin --
-durch den Saal; Zuschauer wurden über den Haufen gerannt. Weder
-Rutiloffs noch die Vorstände konnten bis zur Geisha vordringen. Die
-Geisha, kräftig und gelenkig, kratzte, biß, kreischte durchdringend. Die
-Maske hielt sie fest vor dem Gesicht, bald mit der rechten, bald mit der
-linken Hand.
-
-»Man muß sie alle niederschlagen,« winselte irgend ein besonders
-wütendes Dämchen.
-
-Die betrunkene Gruschina versteckte sich hinter den andern, hetzte
-Wolodin und ihre übrigen Bekannten.
-
-Matschigin hielt sich die blutende Nase mit der Hand, sprang vor und
-jammerte:
-
-»Direkt mit der Faust in die Nase!«
-
-Ein besonders wütender junger Mensch packte einen Aermel der Geisha mit
-den Zähnen und riß ihn zur Hälfte entzwei. Die Geisha rief:
-
-»Hilfe! Hilfe!«
-
-Auch die andern zerfetzten ihr Kleid. Hier und da sah man ihren bloßen
-Körper. Darja und Ludmilla machten verzweifelte Versuche, sich bis zur
-Geisha durchzudrängen, aber vergeblich. Wolodin hielt mit solchem
-Feuereifer die Geisha umklammert, -- dabei kreischte er und verrenkte
-die Gliedmaßen, -- daß er den andern, die weniger betrunken und weniger
-erbittert waren, hinderlich wurde: eigentlich strengte er sich gar nicht
-aus Bosheit an, nur aus Uebermut; er dachte nämlich, das ganze wäre ein
-gelungener Scherz. Den Aermel vom Kostüm der Geisha hatte er glücklich
-ganz abgerissen; er wand ihn sich um den Kopf.
-
-»Das kann man brauchen,« rief er kreischend, schnitt Fratzen und krümmte
-sich vor Lachen.
-
-Mitten unter den vielen Leuten wurde ihm zu heiß; er sprang zur Seite,
-gebärdete sich wie ein Toller und mit wildem Geschrei tanzte er, von
-niemand behindert, auf den Ueberresten des Fächers.
-
-Niemand war da, der ihn zur Vernunft hätte rufen können.
-
-Peredonoff blickte voller Entsetzen auf ihn und dachte:
-
-Er tanzt. Er freut sich über irgend etwas. So wird er auch auf meinem
-Grabe tanzen.
-
-Endlich gelang es der Geisha, sich loszureißen, -- die Männer, die sie
-umringten, konnten ihren geschickten Fäusten und scharfen Zähnen nicht
-standhalten. Wie ein Wind fegte sie aus dem Saal.
-
-Im Gang stürzte sich die Aehre wieder auf die Japanerin und zerrte sie
-am Kleid. Die Geisha riß sich los, aber schon war sie wieder umringt.
-Die Hetze wurde fortgesetzt.
-
-»Man zaust sie an den Ohren! An den Ohren!« schrie jemand.
-
-Irgend ein Dämchen hatte die Geisha am Ohr gepackt, zauste sie und ließ
-ein lautes, triumphierendes Geschrei ertönen. Die Geisha kreischte auf,
-hieb mit der Faust auf die Arme des bösen Dämchens und riß sich mit Mühe
-los. Endlich gelang es Bengalskji, der sich unterdessen in seine
-gewöhnlichen Kleider geworfen hatte, mit Gewalt bis zur Geisha
-vorzudringen. Er nahm die zitternde Japanerin auf den Arm, schützte sie
-mit seinem riesigen Körper und mit seinen Fäusten, so gut es gehen
-wollte, und -- die Menge gewandt mit Ellenbogen und Beinen
-auseinanderschiebend -- trug er sie hinaus. Man brüllte:
-
-»Schurke, gemeiner Kerl!«
-
-Man zupfte und schlug auf seinen Rücken ein. Er schrie:
-
-»Ich erlaube es nicht, einer Frau die Maske abzureißen. Tut, was ihr
-wollt -- ich erlaube es nicht.«
-
-So trug er die Geisha durch den ganzen Gang. Der Gang mündete durch eine
-schmale Tür ins Eßzimmer. Hier gelang es Weriga, für einige Zeit die
-Nachstürmenden aufzuhalten. Mit der Entschlossenheit eines alten
-Militärs faßte er vor der Tür Posten, sie mit seinem Rücken deckend und
-sagte:
-
-»Keinen Schritt weiter, meine Herrschaften.«
-
-Die Gudajewskaja, raschelnd von den Ueberresten ihrer zerzausten Aehren,
-hüpfte gegen Weriga an, drohte ihm mit ihren Fäustchen und keifte:
-
-»Fort von da! Durchlassen!«
-
-Aber das bitterkalte Gesicht des Generals und seine entschlossenen
-grauen Augen hielten sie von Tätlichkeiten ab. In blinder Wut schrie sie
-ihren Mann an:
-
-»Hättest du ihr wenigstens eine Ohrfeige heruntergehauen, -- du hast
-geschlafen, Idiot.«
-
-»Es war unbequem anzukommen,« verteidigte sich der Indianer und
-fuchtelte sinnlos mit den Händen, »Pawluschka drehte sich mir immer
-unter die Arme.«
-
-»In die Zähne hättest du ihr hauen sollen, aufs Ohr; geniertest dich
-wohl!« schrie die Gudajewskaja.
-
-Man drängte gegen Weriga. Gemeine Schimpfworte wurden laut. Weriga stand
-mutig vor der Tür und überredete die Zunächststehenden, ihr unwürdiges
-Betragen zu lassen.
-
-Der Küchenjunge öffnete hinter Werigas Rücken die Tür und flüsterte:
-
-»Sie sind fortgefahren, Ew. Exzellenz.«
-
-Weriga trat zur Seite. Alles stürmte in das Eßzimmer, von dort in die
-Küche, -- man suchte die Geisha, konnte sie aber nicht finden.
-
-Bengalskji war, die Geisha auf den Armen, durch das Eßzimmer und durch
-die Küche gelaufen. Sie lag ganz ruhig an seiner Brust und sagte kein
-Wort. Bengalskji schien es, als hörte er ihr Herz stark schlagen. Ihre
-nackten Arme waren fest verschlungen; an ihnen bemerkte er einige
-Kratzwunden und in der Nähe des Ellbogens einen blau-gelben Fleck, der
-von einem Schlage herrührte.
-
-Mit erregter Stimme rief Bengalskji der sich drängenden Dienerschaft zu:
-
-»Rascher, einen Mantel, einen Schlafrock, ein Laken, irgend etwas -- man
-muß die gnädige Frau retten.«
-
-Irgend jemandes Mantel wurde Sascha über die Schultern geworfen,
-Bengalskji hüllte ihn notdürftig ein, und fort ging es über die enge
-Stiege, die spärlich von schwelenden Petroleumlampen erleuchtet war,
-hinaus auf den Hof, durch ein Pförtchen in eine Nebengasse.
-
-»Demaskieren Sie sich; in der Maske wird man Sie eher erkennen; hier in
-der Dunkelheit ist es doch einerlei,« sagte er recht unzusammenhängend,
-»ich werde es keinem Menschen sagen.«
-
-Er war neugierig. Er wußte genau, daß es nicht die Kaschtanowa war, --
-aber wer war es denn?
-
-Die Japanerin gehorchte. Bengalskji sah ein unbekanntes, brünettes
-Gesicht, in dem die Angst einem Ausdruck der Freude, der Gefahr
-entronnen zu sein, gewichen war. Mutwillige, schon vergnügte Augen
-blickten ihm entgegen.
-
-»Wie soll ich Ihnen danken!« sagte die Geisha mit klangvoller Stimme.
-»Was wäre mit mir geschehen, wenn Sie mich nicht herausgehauen hätten!«
-
-Ein keckes Frauenzimmer, ein interessantes Weibsbild! dachte der
-Schauspieler, -- aber wer ist sie? Offenbar eine Zugereiste, -- denn
-Bengalskji kannte alle Damen der Stadt. Er sagte leise:
-
-»Ich muß Sie so schnell als möglich nach Hause bringen. Nennen Sie mir
-Ihre Adresse, ich werde eine Droschke rufen.«
-
-Das Gesicht der Japanerin wurde ängstlich.
-
-»Es ist unmöglich! Es ist ganz unmöglich!« flüsterte sie, »lassen Sie
-mich, ich finde den Weg allein.«
-
-»Wie wollen Sie denn auf Ihren Bretterchen allein heimfinden, bei diesem
-schlüpfrigen Wetter; -- man muß eine Droschke nehmen,« entgegnete der
-Schauspieler fest.
-
-»Nein, ich lauf schon allein; um Gotteswillen, lassen Sie mich,« flehte
-die Geisha.
-
-»Ich schwöre bei meiner Ehre, kein Mensch soll es erfahren,« beteuerte
-Bengalskji. »Ich kann Sie nicht allein lassen; Sie werden sich erkälten.
-Ich habe die Verantwortung für Sie übernommen und kann einfach nicht.
-Sagen Sie schnell! -- man könnte auch hier über Sie herfallen. Sie haben
-doch gesehen, -- es sind ganz wilde Leute. Sie sind zu allem fähig.«
-
-Die Geisha zitterte. Plötzlich stürzten ihr die Tränen aus den Augen.
-
-»Furchtbar, furchtbar böse Menschen!« sagte sie schluchzend. »Bringen
-Sie mich einstweilen zu Rutiloffs; ich werde bei ihnen übernachten.«
-
-Bengalskji rief eine Droschke. Man setzte sich ein und fuhr davon. Der
-Schauspieler betrachtete genauer das bräunliche Gesicht der Geisha. Ein
-flüchtiger Gedanke blitzte in ihm auf.
-
-Er erinnerte sich an den Stadtklatsch über die Rutiloffschen Damen, über
-Ludmilla und ihren Gymnasiasten.
-
-»Oho, du bist ja ein Bengel!« sagte er flüsternd, damit der Kutscher es
-nicht hören sollte.
-
-»Um Gotteswillen,« flehte Sascha kreidebleich.
-
-Und seine bräunlichen Arme streckten sich unter dem nachlässig
-umgeworfenen Mantel mit flehentlicher Gebärde Bengalskji entgegen.
-
-Dieser lachte leise und sagte immer noch flüsternd:
-
-»Hab' keine Angst, ich sag's keinem. _Meine_ Sache ist nur -- dich in
-Sicherheit zu bringen, und weiter weiß ich von nichts. Allein, du bist
-ein ganz verzweifelter Bengel. Wird man zu Hause nichts erfahren?«
-
-»Wenn Sie es nicht verraten, wird es niemand erfahren,« sagte Sascha
-versöhnlich-zärtlich.
-
-»Auf mich kannst du dich verlassen. Ich bin stumm, wie ein Grab,«
-antwortete der Schauspieler. »War selber ein Junge; habe auch dumme
-Streiche gemacht.«
-
- * * * * *
-
-In der Muße beruhigte man sich allmählich -- aber ein neues Unglück
-setzte allem die Krone auf.
-
-Während im Gang die Hetzjagd auf die Geisha stattfand, sprang das
-flammende, gespenstische Tierchen über die Kronleuchter, lachte und
-flüsterte Peredonoff eindringlich zu, er müsse ein Streichholz
-entzünden, müsse es -- das flammende aber unfreie Tierchen -- über die
-düstren, schmutzigen Wände laufen lassen, und dann, wenn es sich an der
-Zerstörung gesättigt, das Haus, in dem so fürchterliche und
-unverständliche Dinge vorgingen, aufgefressen hätte, -- dann würde es
-ihn -- Peredonoff -- ganz in Ruhe lassen. Und Peredonoff konnte seiner
-zudringlichen Versuchung nicht widerstehen.
-
-Er ging in den kleinen Salon, der neben dem Tanzsaal war. Kein Mensch
-war zu sehen. Peredonoff blickte sich um, zündete ein Streichholz an,
-hielt es tief an den untersten Rand eines Fenstervorhanges und wartete,
-bis der Vorhang in Flammen stand. Das flammende Tierchen kroch
-geschmeidig, wie eine Schlange, an dem Vorhang empor; es piepte leise
-und fröhlich. Peredonoff ging aus dem Salon und schloß die Tür hinter
-sich. Keiner hatte die Brandstiftung gesehen.
-
-Erst von der Straße aus sah man das Feuer, als das ganze Zimmer schon in
-Flammen stand. Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen
-konnten sich retten, -- aber das Haus brannte nieder.
-
-Am nächsten Tage sprach man in der ganzen Stadt von nichts anderm als
-vom Skandal mit der Geisha und vom Feuerschaden. Bengalskji hielt Wort
-und verriet nicht, daß die Geisha ein Knabe gewesen war.
-
-Sascha lief noch in derselben Nacht, nachdem er sich bei Rutiloffs
-umgekleidet und sich wieder in einen einfachen, barfüßigen Jungen
-verwandelt hatte, nach Hause, kletterte durchs Fenster und schlief ruhig
-ein. In der Stadt, die nur vom Klatsch lebte, in der Stadt, in der man
-über jedermann alles in Erfahrung brachte, blieb Saschas nächtliches
-Abenteuer ein Geheimnis. Für lange Zeit; natürlich nicht für immer.
-
-
-
-
- XXXI
-
-
-Katharina Iwanowna Pjilnikowa, Saschas Tante und Erzieherin, erhielt
-gleichzeitig zwei Briefe über ihn, -- vom Direktor den einen, von der
-Kokowkina den andern. Diese Briefe regten sie fürchterlich auf. Sie ließ
-alles liegen und fuhr sofort, trotz der im Herbst grundlosen Wege, von
-ihrem Gute in die Stadt.
-
-Sascha war sehr froh, als sie kam, -- er liebte sie. Die Tante hegte
-aber einen tiefen Groll gegen ihn. Er umarmte sie jedoch so selig, küßte
-ihr so froh die Hände, daß sie im ersten Augenblick nicht den nötigen
-strengen Ton finden konnte.
-
-»Liebes Tantchen, wie ist es doch so gut, daß du gekommen bist!« sagte
-Sascha und blickte ihr vergnügt in das volle, frische Gesicht, mit den
-so gutmütigen Grübchen in den Wangen, mit den geschäftig-strengen,
-braunen Augen.
-
-»Warte nur mit deiner Freude; ich muß die Saiten straffer ziehen,« sagte
-die Tante mit unbestimmbarer Stimme.
-
-»Das macht nichts,« sagte Sascha sorglos, »zieh sie straffer; wenn ich
-nur wüßte wofür; aber ich freue mich doch fürchterlich.«
-
-»Fürchterlich?« wiederholte die Tante unzufrieden, »über _dich_ habe ich
-fürchterliche Dinge hören müssen.«
-
-Sascha hob die Augen und blickte die Tante aus unschuldigen, erstaunten
-Augen an. Er klagte:
-
-»Hier hat sich ein Lehrer Peredonoff ausgedacht, ich wäre ein Mädchen;
-er verfolgt mich damit; -- außerdem hat mir der Direktor den Kopf
-gewaschen, weil ich mit Fräulein Rutiloffs verkehre. Als ginge ich hin,
-um zu stehlen. Was geht ihn das an?«
-
-Genau so ein Kind wie früher, dachte die Tante zweifelnd. Oder ist er
-schon so verdorben, daß er seinen Gesichtsausdruck verstellen kann?
-
-Sie schloß sich mit der Kokowkina in ein Zimmer und redete lange mit
-ihr. Traurig trennte sie sich von ihr und fuhr später zum Direktor. Ganz
-verstimmt und traurig kehrte sie heim.
-
-Sascha mußte die härtesten Vorwürfe über sich ergehen lassen. Er weinte,
-beteuerte aber mit Feuereifer, alles wären nur Klatschereien und er habe
-sich nie irgendwelche Freiheiten in seinem Verkehr mit Fräulein
-Rutiloffs zuschulden kommen lassen. Die Tante glaubte ihm nicht. Sie
-schalt und schalt, weinte, drohte, sie würde ihn prügeln, gründlich
-prügeln, heute noch, -- nur müsse sie zuvor diese jungen Damen
-gesprochen haben. Sascha schluchzte und beteuerte fortgesetzt, es wäre
-wirklich nichts Schlimmes vorgefallen, alles hätte man unglaublich
-übertrieben und erfunden.
-
-Zornig und verweint machte sich die Tante auf den Weg zu Rutiloffs.
-
- * * * * *
-
-Katharina Iwanowna wartete im Salon bei Rutiloffs und regte sich auf.
-Sie wollte den Schwestern gleich von Hause aus die heftigsten Vorwürfe
-machen; böse, gehässige Worte brannten ihr auf der Zunge, -- allein der
-gemütliche, hübsche Salon brachte sie ganz gegen ihren Willen auf
-friedlichere Gedanken und beruhigte sie.
-
-Eine angefangene Handarbeit, Nippesfigürchen, gute Gravüren an den
-Wänden, sorgfältig gepflegte Blumen auf den Fensterbänken, nirgends ein
-Stäubchen, und dann etwas wie eine besondere Stimmung von friedlichem
-Zusammenleben, etwas, was in ungeordneten Hausständen niemals vorkommt,
-und von Hausfrauen außerordentlich geschätzt wird, -- war es denn
-wirklich möglich, daß in dieser traulichen Umgebung ihr bescheidener
-Junge von den jungen Mädchen verführt worden war? Alle die
-Verdächtigungen, die sie über Sascha hatte lesen und hören müssen,
-schienen Katharina Iwanowna plötzlich so unglaublich töricht zu sein, --
-und, umgekehrt, wie wahrscheinlich klangen ihr nun Saschas Erklärungen
-darüber, was er bei Rutiloffs getrieben hatte: man hatte gelesen,
-geplaudert, gespielt, gelacht, gescherzt, -- man wollte im
-Familienkreise eine kleine Maskerade veranstalten, aber Olga Wassiljewna
-hatte es nicht erlaubt.
-
-Die drei Schwestern hatten aber doch einen gehörigen Schrecken gekriegt.
-Sie wußten noch nicht, ob Saschas Teilnahme am Kostümfest bekannt
-geworden war oder nicht. Aber sie waren zu dritt, und eine stand für die
-andre ein. Das ließ sie wieder Mut fassen. Sie hatten sich alle in
-Ludmillas Zimmer versammelt und berieten flüsternd. Valerie sagte:
-
-»Man muß doch hingehen, -- sie wartet. Wie unhöflich.«
-
-»Das tut nichts. Mag sie sich abkühlen,« antwortete Darja sorglos,
-»sonst fährt sie gleich wütend auf uns los.«
-
-Alle drei hatten sich mit feucht-süßem Klematis parfumiert; -- hübsch
-angezogen, ruhig, fröhlich, reizend wie immer, kamen sie in das
-Gastzimmer und erfüllten es mit ihrem liebenswürdigen Geplauder, mit
-ihrer Anmut und Fröhlichkeit.
-
-Katharina Iwanowna war gleich bezaubert von ihrem netten, anständigen
-Aussehen.
-
-Die haben wieder was entdeckt! dachte sie ärgerlich von den Pädagogen am
-Gymnasium. Dann überlegte sie, daß die Dämchen sich vielleicht
-verstellten und nahm sich vor, ihren Reizen nicht zu erliegen.
-
-»Entschuldigen Sie, meine Damen, ich muß mich ernstlich mit Ihnen
-auseinandersetzen,« sagte sie, bemüht, ihrer Stimme einen
-sachlich-trocknen Klang zu geben.
-
-Die Schwestern baten sie Platz zu nehmen und schwatzten fröhlich
-durcheinander.
-
-»Welche von Ihnen ist es denn? ...« begann Katharina Iwanowna unsicher.
-
-Ludmilla sagte fröhlich, mit der Miene einer liebenswürdigen Hausfrau,
-die sich bemüht, einem Gaste über eine Verlegenheit hinwegzuhelfen:
-
-»Ich habe mich hauptsächlich mit Ihrem Neffen abgegeben. Wir haben in
-vielen Dingen dieselben Ansichten und denselben Geschmack.«
-
-»Ihr Neffe ist ein sehr lieber Junge,« sagte Darja, wie überzeugt, daß
-ihr Lob der Tante gefallen mußte.
-
-»Wirklich, er ist sehr lieb, und so amüsant,« sagte Ludmilla.
-
-Katharina Iwanowna fühlte sich mit jedem Augenblicke unsicherer. Sie
-begriff mit einem Mal, daß sie eigentlich nur die geringsten Handhaben
-hatte, um Vorwürfe zu machen. Darüber ärgerte sie sich, -- und Ludmillas
-letzte Worte gaben ihr Anlaß, ihrem Aerger Luft zu machen. Gereizt sagte
-sie:
-
-»Sie amüsieren sich ... und er ...«
-
-Aber Darja unterbrach sie:
-
-»O, wir merken schon, -- Peredonoffs alberne Erfindungen sind Ihnen zu
-Ohren gekommen,« sagte sie mitleidig. »Aber wissen Sie denn nicht, daß
-er ganz verrückt ist. Der Direktor läßt ihn nicht ins Gymnasium. Man
-wartet auf einen Psychiater zur Untersuchung, dann wird er sofort vom
-Gymnasium entfernt.«
-
-»Aber erlauben Sie,« unterbrach sie ihrerseits Katharina Iwanowna, immer
-gereizter werdend, »mich interessiert nicht dieser Lehrer, sondern mein
-Neffe. Ich hörte, -- bitte um Verzeihung, -- daß sie ihn sittlich
-verderben.«
-
-Und im selben Augenblick, nachdem sie den Schwestern im Jähzorn diesen
-entschiedenen Satz zugeschleudert hatte, dachte sie schon, -- sie wäre
-zu weit gegangen. Die Schwestern blickten einander an mit der Miene so
-gut gespielter Empörung, so vollständigen Nichtverstehenkönnens, daß
-nicht Katharina Iwanowna allein sich hätte täuschen lassen, -- sie
-wurden rot, und riefen alle gleichzeitig:
-
-»Das ist nett!«
-
-»Wie scheußlich!«
-
-»Was für Neuigkeiten!«
-
-»Gnädige Frau,« sagte Darja kalt, »Sie wählen Ihre Worte nicht. Bevor
-Sie sich grober Redewendungen bedienen, wäre es angezeigt, in Erfahrung
-zu bringen, wie weit diese Wendungen angebracht sind.«
-
-»Oh, das ist _so_ verständlich!« sagte Ludmilla lebhaft, mit der Miene
-eines gesitteten Mädchens, das gekränkt wurde und die Kränkung verziehen
-hat, »er ist Ihnen doch kein Fremder. Wie sollten diese dummen Gerüchte
-Sie nicht aufregen. Uns, -- den Fernstehenden, -- tat er leid, darum
-luden wir ihn ein. Hier in unserer Stadt macht man aus allem gleich ein
-Verbrechen. Die Leute hier, wenn Sie es nur wüßten, sind schrecklich,
-ganz schrecklich!«
-
-»Schreckliche Leute!« wiederholte Valerie leise mit ihrer klangvollen,
-zerbrechlichen Stimme und schüttelte sich, als hätte sie etwas
-Unsauberes berührt.
-
-»Fragen Sie ihn doch selber,« sagte Darja, »sehen Sie ihn sich an: ist
-er nicht ein ganzes Kind! Vielleicht sind Sie an seine Einfalt zu sehr
-gewöhnt, aber wir -- die ihm Fernstehenden sehen es, -- er ist noch ein
-vollständig, vollständig unverdorbener Knabe.«
-
-Die Schwestern logen so sicher und ruhig, daß es nicht möglich war,
-ihnen nicht zu glauben. Und wie hätte es anders sein können, -- ist doch
-die Lüge sehr oft der Wahrheit ähnlicher als die Wahrheit. Fast immer.
-Die Wahrheit kann doch unmöglich der Wahrheit ähnlich sehen.
-
-»Natürlich, es ist wahr, er ist zu häufig bei uns gewesen,« sagte Darja.
-»Aber wenn Sie es wünschen, lassen wir ihn nicht mehr über die
-Schwelle.«
-
-»Heute noch gehe ich zu Chripatsch,« sagte Ludmilla. »Was fällt ihm ein!
-Unmöglich glaubt er selber an diesen Blödsinn.«
-
-»Nein, er scheint nicht daran zu glauben,« gestand Katharina Iwanowna,
-»er sagt nur, es wären verschiedene böse Gerüchte im Umlauf.«
-
-»Sehen Sie! Sehen Sie!« rief Ludmilla erfreut, »natürlich kann er nicht
-daran glauben. Wozu denn die ganze Aufregung?«
-
-Ludmillas fröhliche Stimme umstrickte Katharina Iwanowna. Sie dachte:
-
-Es ist doch wirklich nichts passiert. Sogar der Direktor sagt, er glaube
-das alles nicht.
-
-Lange noch zwitscherten die Schwestern um die Wette, um Katharina
-Iwanowna zu überzeugen, daß ihr Verkehr mit Sascha ganz harmlos wäre.
-Zur größeren Bekräftigung begannen sie ganz ausführlich zu erzählen, was
-sie zusammen mit Sascha getrieben hatten, -- bei dieser Aufzählung kamen
-sie bald in die Brüche, -- es handelte sich doch um so harmlose,
-einfache Dinge, daß es unmöglich war, sich an alles und jedes zu
-erinnern. Schließlich war Katharina Iwanowna ganz fest davon überzeugt,
-daß ihr Sascha und die liebenswürdigen jungen Mädchen unverschuldet
-einem dummen Klatsch zum Opfer gefallen waren.
-
-Als Katharina Iwanowna sich verabschiedete, küßte sie alle drei
-Schwestern und sagte:
-
-»Sie sind liebe, schlichte Mädchen. Anfangs dachte ich, -- verzeihen Sie
-das grobe Wort, -- Sie wären freche, zänkische Personen.«
-
-Die Schwestern lachten fröhlich:
-
-»Nein,« sagte Ludmilla, »wir sind nur lustig und haben spitze Zungen;
-darum lieben uns hier manche Gänse nicht.«
-
-Die Tante sagte zu Sascha kein Wort, als sie von Rutiloffs zurückkehrte.
-Er kam ihr ängstlich und verstört entgegen und blickte sie vorsichtig
-und aufmerksam an. Die Tante ging zur Kokowkina. Lange redeten sie,
-endlich beschloß die Tante:
-
-»Ich gehe noch einmal zum Direktor.«
-
- * * * * *
-
-Noch am selben Tage ging Ludmilla zu Chripatsch. Erst plauderte sie im
-Salon ein wenig mit Warwara Nikolajewna, dann erklärte, sie, sie hätte
-ein Anliegen an Nikolaij Wassiljewitsch.
-
-In Chripatschs Schreibzimmer wurde ein lebhaftes Gespräch geführt, --
-nicht darum eigentlich, weil die beiden einander viel zu sagen hatten,
-sondern weil beide zu sprechen liebten. Sie überschütteten einander mit
-schnell hingeworfenen Sätzen: Chripatsch mit seiner trocknen, knarrenden
-Schnellrednerei, Ludmilla mit ihrem zärtlich klingenden Geflüster.
-Fließend, mit der unwiderlegbaren Sicherheit einer Lüge, ergoß sich über
-Chripatsch ihre zur Hälfte erfundene Erzählung über ihr Verhältnis zu
-Sascha Pjilnikoff. Was sie hauptsächlich dazu getrieben hätte, wäre
-natürlich ihr Mitleid zu dem Knaben, den man mit so groben
-Verdächtigungen beleidigte, ihr Wunsch, Sascha die abwesende Familie zu
-ersetzen, -- und, schließlich, er wäre so ein prächtiger, lustiger,
-einfältiger Junge.
-
-Ludmilla weinte sogar; schnell und wunderbar reizend kullerten die
-kleinen Tränchen über die frischen Wangen, auf die verlegen lächelnden
-Lippen.
-
-»Wirklich, ich habe ihn lieb gewonnen wie einen Bruder. Er ist so
-prächtig und gut; er weiß Güte so sehr zu schätzen; er hat mir die Hände
-geküßt.«
-
-»Das ist natürlich sehr, sehr lieb von Ihnen,« sagte Chripatsch
-einigermaßen verlegen, »und es macht Ihrem guten Herzen alle Ehre, aber
-der einfache Umstand, daß ich es für nötig hielt, die Verwandten des
-Knaben wegen der mir zu Ohren gekommenen Gerüchte zu benachrichtigen,
-geht Ihnen überflüssigerweise so nahe.«
-
-Ludmilla überhörte, was er sagte und flüsterte weiter, aber schon im
-Tone eines bescheidenen Vorwurfs:
-
-»Was ist denn dabei Schlimmes, -- sagen Sie es mir bitte, -- daß wir für
-einen Knaben Teilnahme empfinden, auf den sich Ihr grober, verrückter
-Peredonoff gestürzt hat, -- wann wird man ihn endlich aus unserer Stadt
-entfernen! Sehen Sie es denn nicht, daß dieser Ihr Pjilnikoff noch ein
-ganzes Kind ist, -- wirklich, ein ganzes Kind!«
-
-Sie schlug ihre kleinen, hübschen Händchen zusammen, ihr goldnes
-Armbändchen klirrte, sie lachte zärtlich; -- als müßte sie weinen, --
-nahm sie ihr Taschentuch, um die Tränen zu trocknen, und ein süßer Duft
-strömte Chripatsch entgegen. Ihm wurde so merkwürdig zumut; er wollte
-ihr sagen, sie wäre »wie ein Engel vom Himmel, -- so schön«, und dieser
-ganze betrübliche Zwischenfall »ist unwert eines Augenblicks, des über
-alles teuren Grams«. Aber er hielt an sich.
-
-Und Ludmillas schmeichelndes, rasches Geflüster plätscherte und
-plätscherte, und zerstäubte das schimärische Lügengebäude Peredonoffs.
-Man mußte nur vergleichen, -- der irrsinnige, grobe, schmutzige
-Peredonoff, -- und die lustige, elegante, freundliche, duftende
-Ludmilla.
-
-Ob Ludmilla die volle, ungeschminkte Wahrheit sagte oder einiges dazu
-dichtete, -- das war Chripatsch ganz gleichgültig, -- er fühlte aber,
-wenn er ihr nicht glauben oder mit ihr streiten, oder irgendwelche
-Schritte tun, beispielsweise Sascha bestrafen würde, -- daß er dann in
-die Klemme geraten würde und im ganzen Lehrbezirk blamiert wäre. Um so
-mehr, als diese Sache mit jener Peredonoffs in Verbindung stand, und als
-Peredonoff natürlich allgemein für unzurechnungsfähig galt. Und
-liebenswürdig lächelnd sagte Chripatsch zu Ludmilla:
-
-»Es tut mir aufrichtig leid, daß das alles Sie so erregt hat. Ich habe
-mir keinen Augenblick erlaubt, gleichviel welche Hintergedanken betreffs
-Ihres Verkehrs mit Pjilnikoff zu haben. Ich schätze Ihre freundlichen
-und gütigen Gefühle, die Sie zu Ihren Schritten veranlaßt haben, sehr
-hoch, -- und keinen Augenblick beurteilte ich die in der Stadt
-verbreiteten und bis zu mir gedrungenen Gerüchte anders als wie eine
-dumme, sinnlose Verleumdung, die mich aufs tiefste empört hat. Ich hielt
-mich um so mehr für verpflichtet, Madame Pjilnikoff davon zu
-benachrichtigen, als es möglich war, daß ihr viel entstelltere
-Mitteilungen gemacht werden konnten, -- niemals beabsichtigte ich aber,
--- Sie irgendwie zu beunruhigen, und hatte nicht geglaubt, daß Madame
-Pjilnikoff sich zu Ihnen begeben würde, um Ihnen Vorwürfe zu machen.«
-
-»Mit Madame Pjilnikoff haben wir uns vollständig ausgesprochen,« sagte
-Ludmilla fröhlich, »lassen Sie aber Sascha unsretwegen in Ruh! Wenn
-unser Haus für Gymnasiasten so gefährlich ist, so werden wir ihn, wenn
-Sie es wünschen, nicht mehr einladen.«
-
-»Sie sind sehr freundlich zu ihm,« sagte Chripatsch unbestimmt. »Wir
-können nichts dagegen einwenden, daß er mit Erlaubnis seiner Tante in
-der freien Zeit seine Bekannten aufsucht. Uns liegt die Absicht fern,
-die Schülerwohnungen in Zellen zu verwandeln. Bevor übrigens die
-Angelegenheit mit dem Herrn Peredonoff noch nicht geregelt ist, wird es
-besser sein, wenn Pjilnikoff überhaupt zu Hause bleibt.«
-
- * * * * *
-
-Bald wurde die sicher vorgebrachte Lüge der Rutiloffs und Saschas durch
-ein schreckliches Ereignis im Hause Peredonoffs bekräftigt. Es
-überzeugte die Bürger endgültig davon, daß alle Gerüchte über Sascha und
-die Rutiloffs nur die Phantasien eines Irrsinnigen gewesen waren.
-
-
-
-
- XXXII
-
-
-Es war ein trüber, kalter Tag. Peredonoff kehrte von Wolodin heim. Eine
-niederdrückende Angst quälte ihn.
-
-Die Werschina lockte Peredonoff zu sich in den Garten. Wieder gehorchte
-er ihren magischen Bewegungen. Sie gingen in die Laube, über die
-feuchten, mit welken, dunklen Blättern bedeckten Wege. In der Laube roch
-es dumpf und feucht. Hinter den kahlen Bäumen sah man das Haus mit
-seinen geschlossenen Fenstern.
-
-»Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen,« murmelte die Werschina,
-blickte rasch auf Peredonoff und wandte ihre schwarzen Augen gleich
-wieder zur Seite.
-
-Sie trug eine schwarze Jacke und war in ein schwarzes Tuch gehüllt;
-zwischen den von der Kälte blauen Lippen hielt sie ihr schwarzes
-Mundstück und ließ den dunklen Rauch in dichten Wolken aufsteigen.
-
-»Ich spucke auf Ihre Wahrheit,« antwortete Peredonoff, »in hohem Maße
-spucke ich darauf.«
-
-Die Werschina lächelte schief und antwortete:
-
-»Sagen Sie nicht! Sie tun mir furchtbar leid, -- man hat Sie betrogen.«
-
-Schadenfreude klang aus ihrer Stimme. Böse Worte sprangen ihr von den
-Lippen. Sie sprach:
-
-»Sie hatten auf Protektion gehofft, allein Sie waren zu vertrauensselig.
-Man hat Sie betrogen, und Sie haben ohne weiteres geglaubt. Jedermann
-kann einen Brief schreiben. Sie mußten wissen, mit _wem_ Sie es zu tun
-haben. Ihre Gattin ist eine in den Mitteln nicht wählerische
-Persönlichkeit.«
-
-Peredonoff konnte die gemurmelte Rede der Werschina nur schwer
-verstehen; in ihrer Weitschweifigkeit konnte er kaum einen Sinn finden.
-Die Werschina fürchtete sich, es laut und deutlich zu sagen: sagte sie
-es laut, so hätte jemand es hören können, Warwara hätte es erfahren, und
-es hätte Unannehmlichkeiten gegeben, denn Warwara wäre vor einem Skandal
-nicht zurückgeschreckt; sagte sie es deutlich, -- so würde Peredonoff
-wütend werden, vielleicht würde er sie sogar schlagen. Man müßte ihm
-einen Wink geben, daß er es selber erriete. Aber Peredonoff erriet es
-nicht.
-
-Es war ja schon früher vorgekommen, daß man ihm direkt ins Gesicht
-gesagt hatte, er wäre betrogen worden, er konnte aber auf keine Weise
-darauf kommen, daß die Briefe gefälscht waren, und dachte immer, die
-Fürstin selber betröge ihn, -- führte ihn an der Nase herum.
-
-Endlich sagte die Werschina gerade heraus:
-
-»Sie glauben wohl, die Fürstin hat die Briefe geschrieben. Jetzt weiß es
-aber schon die ganze Stadt, daß die Gruschina sie gefälscht hat, im
-Auftrage Ihrer Gattin; die Fürstin weiß von nichts. Fragen Sie, wen Sie
-wollen; alle wissen es, -- sie selber haben sich verplappert. Und dann
-hat Warwara Dmitriewna Ihnen die Briefe entwendet und verbrannt, damit
-es keine Beweisstücke gibt.«
-
-Dunkle, schwere Gedanken wälzten sich durch Peredonoffs Hirn. Er begriff
-nur eins: man hatte ihn betrogen. Aber daß die Fürstin darum nicht
-wissen sollte, -- nein, sie weiß es. Nicht umsonst war sie lebendig aus
-dem Feuer hervorgegangen.
-
-»Das von der Fürstin lügen Sie,« sagte er, »ich wollte die Fürstin
-verbrennen, konnte es aber nicht: sie hat die Glut totgespuckt.«
-
-Plötzlich schüttelte ihn eine rasende Wut. Man hatte ihn betrogen! Wild
-hieb er mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und ging eilig, ohne
-sich zu verabschieden, nach Hause. Erfreut blickte ihm die Werschina
-nach, und schwarze Rauchwölkchen lösten sich geschwind von ihrem dunklen
-Munde, fegten dahin und wurden vom Winde zerfetzt.
-
-Peredonoff kochte vor Wut. Als er aber Warwara sah, befiel ihn eine
-quälende Angst, und er brachte kein Wort über die Lippen.
-
-Ganz früh am Morgen des nächsten Tages legte er sich ein Messer zurecht,
--- ein kleines Gartenmesser in einer ledernen Scheide; vorsichtig trug
-er es in seiner Tasche. Den ganzen Vormittag über, -- bis zu seinem
-frühen Mittagessen, -- saß er bei Wolodin. Er sah zu, wie jener
-arbeitete und machte dumme Bemerkungen. Wolodin war wie immer froh, daß
-Peredonoff sich mit ihm abgab; seine Dummheiten hielt er für witzig.
-
-Das gespenstische Tierchen tummelte sich den ganzen Tag über um
-Peredonoff. Nach dem Essen ließ es ihn nicht schlafen. Es hatte ihn ganz
-zerquält. Und dann, als er gegen abend einschlafen wollte, weckte ihn
-ein komisches Weib; Gott weiß, woher es gekommen war. Es hatte eine
-Stülpnase und war widerlich. Es trat an sein Bett heran und murmelte:
-
-»Kwas[14] brauen, Pasteten backen, den Braten braten.«
-
-Es hatte dunkle Wangen, aber seine Zähne blitzten.
-
-»Geh zum Teufel!« rief Peredonoff.
-
-Das Weib mit der Stülpnase verschwand, als wäre es nie dagewesen.
-
- * * * * *
-
-Es wurde abend. Der Wind heulte dumpf im Schornstein. Ein langsamer
-Regen schlug leise und hartnäckig an die Fensterscheiben. Hinter den
-Fenstern war alles ganz schwarz.
-
-Wolodin war bei Peredonoffs, -- Peredonoff hatte ihn noch am Morgen
-gebeten, zum Tee zu kommen.
-
-»Niemand hereinlassen. Hörst du, Klawdjuschka?« schrie Peredonoff.
-
-[Fußnote 14: Säuerliches Getränk aus Schwarzbrot mit Malz.]
-
-Warwara schmunzelte. Er brummte:
-
-»Hier treiben sich Weiber herum. Man muß nachsehen. Eine hat sich zu mir
-ins Schlafzimmer gedrängt, -- wollte sich als Köchin verdingen. Aber
-wozu brauche ich eine Köchin mit einer Stülpnase.«
-
-Wolodin lachte, meckerte und sagte:
-
-»Weiber pflegen auf den Straßen zu sein; zu uns haben sie aber nicht die
-geringsten Beziehungen, und wir werden sie nicht an unseren Tisch
-heranlassen.«
-
-Alle drei setzten sich an den Tisch. Man trank Schnaps und aß Piroggen
-dazu. Es wurde mehr getrunken als gegessen.
-
-Peredonoff war finster. Alles war für ihn sinnlos, unzusammenhängend,
-plötzlich, -- wie ein Alp. Der Kopf schmerzte ihn fürchterlich. Eine
-Vorstellung kehrte hartnäckig wieder, -- Wolodin war sein Feind. Sie
-wechselte ab mit dem aufdringlichen, schweren Gedanken: man muß
-Pawluschka totschlagen, ehe es zu spät ist. Dann werden alle feindlichen
-Listen offenbar werden.
-
-Wolodin wurde schnell betrunken und schwatzte irgend etwas
-Unzusammenhängendes, um Warwara zu unterhalten.
-
-Peredonoff war erregt.
-
-»Jemand kommt da,« murmelte er. »Laßt niemand herein. Sagt, ich wäre
-fortgefahren um zu beten; ins Schabenkloster.«
-
-Er fürchtete, Besuch würde ihn stören. Wolodin und Warwara amüsierten
-sich; sie dachten, er wäre nur betrunken. Sie zwinkerten einander zu,
-gingen einzeln an die Tür, klopften, sprachen mit verstellten Stimmen:
-
-»Ist der General Peredonoff zu Hause?«
-
-»Dem General Peredonoff -- der Stern mit Brillanten.«
-
-Aber Peredonoff hatte heute kein Verlangen nach dem Stern.
-
-»Nicht hereinlassen!« schrie er. »Jagt sie zum Teufel. Sie sollen morgen
-früh kommen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu.«
-
-Nein, dachte er, heute muß ich fest sein. Heute wird alles klar werden.
-Aber noch sind die Feinde zu allem Möglichen fähig, um ihn desto
-sicherer umzubringen.
-
-»Wir haben sie fortgejagt; sie bringen den Stern morgen früh,« sagte
-Wolodin und setzte sich wieder an den Tisch.
-
-Peredonoff fixierte ihn mit seinen trüben Augen und fragte:
-
-»Bist du mein Freund oder mein Feind?«
-
-»Dein Freund, dein Freund, Ardascha!« antwortete Wolodin.
-
-»Der Busenfreund ist soviel wert, wie die Schabe unterm Herd,« sagte
-Warwara.
-
-»Nicht Schabe, sondern Schaf,« verbesserte Peredonoff. »Wollen wir
-trinken, Pawluschka, aber nur wir beide. Auch du, Warwara, -- trink;
-wollen wir alle zusammen trinken, wir beide.«
-
-Wolodin kicherte.
-
-»Wenn auch Warwara Dmitriewna mit uns trinkt, so trinken wir nicht zu
-zweit, sondern zu dritt,« erklärte er.
-
-»Zu zweit,« wiederholte Peredonoff mürrisch.
-
-»Mann und Frau: eine Sau,« sagte Warwara und lachte laut.
-
-Bis zum letzten Augenblick vermutete Wolodin nicht, daß Peredonoff ihn
-ermorden wolle. Er meckerte, schwatzte Dummheiten, betrug sich läppisch,
-brachte Warwara zum Lachen.
-
-Aber Peredonoff dachte den ganzen Abend an sein Messer. Wenn Wolodin
-oder Warwara sich ihm von jener Seite näherten, wo er das Messer
-verwahrt hatte, so schrie er sie wütend an, -- sie sollten fortgehen.
-Einigemal zeigte er auf die Tasche und sagte:
-
-»Hier, Freundchen, habe ich so ein Ding, daß du, Pawluschka, kreischen
-wirst.«
-
-Warwara und Wolodin lachten.
-
-»Kreischen kann ich immer, Ardascha,« sagte Wolodin, »kräh, kräh! Es ist
-sogar sehr einfach!«
-
-Rot im Gesicht, betäubt vom Schnaps kreischte Wolodin und schob seine
-Lippen vor. Er wurde immer gemeiner in seiner Art mit Peredonoff
-umzugehen.
-
-»Man hat dich übers Ohr gehauen, Ardascha,« sagte er
-wegwerfend-mitleidig.
-
-»_Ich_ hau dich übers Ohr!« brüllte Peredonoff auf.
-
-Schrecklich und drohend schien ihm Wolodin. Er mußte sich verteidigen.
-
-Schnell riß er das Messer heraus, stürzte sich auf Wolodin und stach ihn
-in den Hals. Das Blut spritzte im Bogen.
-
-Peredonoff erschrak. Das Messer entfiel seiner Hand.
-
-Wolodin röchelte und wollte mit den Händen an den Hals greifen. Es war
-ihm anzusehen, daß er zu Tode erschrocken war, immer schwächer wurde und
-die Hände nicht mehr bis zum Halse heben konnte. Plötzlich erstarrte er
-und fiel auf Peredonoff. Ein stoßweises Gewinsel entrang sich seiner
-Brust, als käme er an Atem zu kurz, -- dann wurde er still. Vor
-Entsetzen winselte auch Peredonoff und dann, -- nach ihm, -- Warwara.
-
-Peredonoff stieß Wolodin von sich. Schwer fiel er zu Boden. Er röchelte,
-zuckte mit den Beinen und starb. Seine starr hinaufgerichteten Augen
-verglasten.
-
-Aus dem Nebenzimmer kam der Kater, roch am Blut und miaute böse. Warwara
-stand wie erstarrt. Auf den Lärm kam Klawdja gelaufen.
-
-»Herr des Himmels! Mord! Mord!« kreischte sie.
-
-Warwara kam zur Besinnung und lief schreiend mit Klawdja zum Zimmer
-hinaus.
-
-Die Kunde vom Geschehenen verbreitete sich schnell. Die Nachbarn
-versammelten sich auf dem Hof, auf der Straße. Lange wagte es keiner,
-ins Eßzimmer zu gehen.
-
-Sie blickten hinein, flüsterten. Peredonoff starrte mit irren Augen auf
-den Leichnam; hinter der Tür hörte er Geflüster ... Eine stumpfe Angst
-schnürte ihm die Brust. Er hatte keine klaren Gedanken mehr.
-
-Endlich faßte man Mut, man trat ein, -- Peredonoff saß mürrisch da und
-murmelte unzusammenhängende, sinnlose Worte.
-
-
- Ende.
-
-
- Im gleichen Verlage erschien:
-
- M. Artzibaschew
-
-
- Ssanin
-
- Roman
-
- Einzig autorisierte deutsche Übersetzung von
- André Villard und S. Bugow
-
- -- 8. Auflage --
-
- Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50
-
- Dieser Roman, der in Rußland eine sexuelle Revolution auslöste
- und bei Erscheinen der 2. Auflage wegen seiner beispiellosen
- Wirkungen konfisziert wurde, erregte auch in Deutschland
- gewaltiges Aufsehen. Fast einstimmig erkannte die deutsche
- Presse, und darunter namhafte Kritiker, den literarischen Wert
- und die außerordentlich hohe kulturgeschichtliche Bedeutung des
- Werkes an.
-
- _Kurt Aram_ schrieb in der »Frankfurter Ztg.«:
-
- »Es wirkt fast wie tragische Ironie, daß dem Prediger der
- Kreutzersonate gerade in diesen Tagen dieser Gegner erwuchs,
- dessen »Ssanin« die schärfste Reaktion gegen Tolstois
- Weltanschauung bedeutet. Gleich sind beide nur in ihrer
- leidenschaftlichen Einseitigkeit. Verdammt Tolstoi den
- Geschlechtsgenuß und rückt er um seinetwillen sogar der Ehe zu
- Leibe, so bedeutet für den jungen Ssanin der Geschlechtsgenuß
- das einzige, um dessentwillen zu leben sich lohnt. Darüber wird
- in unserem Roman sehr viel disputiert, und zwar durchaus nicht in
- frivoler Weise, sondern mit fast fanatischem, echt russischem
- Ernst. ... ein Buch von guter literarischer Qualität, dessen
- größter Wert jedoch sicherlich darin besteht, _ein wichtiges
- Dokument zum Verständnis für den völligen Umschwung im Leben,
- Fühlen und Handeln der russischen Intelligenz abzugeben_.«
-
- _Willy Rath_ urteilt im »Kunstwart«:
-
- »Es zeigt sich, daß »Ssanin« bestimmt keine Pornographie enthält,
- daß das Sexuelle darin nicht einmal gedanklich die
- Alleinherrschaft übt, sondern eine weitere, ganz geistige
- Anschauung den Ursprung bildet. Freilich bringt diese es mit
- sich, daß auch die Frage der Geschlechtsliebe höchst
- rücksichtslos erörtert und verwegen beantwortet wird; das Buch
- ist nur reifen Menschen in die Hand zu geben.«
-
- _Robert Saudek_ sagt in einem »Eine neue Kreutzersonate«
- überschriebenen Feuilleton:
-
- »_Seit Tolstois Kreutzersonate hat kein belletristisches Werk in
- Rußland eine ähnliche Wirkung ausgeübt._ Bei der Lektüre
- dieses Buches, bei seiner Schilderung der Frauen hat man das
- Gefühl, als ob man am ersten Frühlingstag nach einem düstern
- Winter auf die Straße träte.«
-
- Der Kritiker der »Berliner Morgenpost« schrieb:
-
- »Artzibaschew gehört seit seinem Ssanin zu den Dichtern, deren
- Name unumgänglich mit der Geschichte ihrer Zeit verknüpft ist.
- Selbst wenn er nicht durch seine künstlerischen Qualitäten zu
- _einer der wichtigsten Erscheinungen in der modernen Literatur
- Rußlands_ geworden wäre, hätten ihm doch kulturhistorische Gründe
- bleibende Bedeutung gegeben. _Man wird die gegenwärtige
- Epoche_, also die, welche die revolutionäre ablöste,
- _psychologisch und sozialistisch nicht beurteilen können, ohne
- den Ssanin_ als ihren charakteristischen Niederschlag in den
- Mittelpunkt der Betrachtung zu ziehen ... Die Personen und
- Charaktere gehen weit über das Einzelinteresse hinaus: sie
- stellen Menschheitstypen dar, deren äußere Charakterformen sich
- in jeweiligen Epochen anders spiegeln mögen, deren innere
- Wahrhaftigkeit und Treue aber unvergänglich bleiben wird ...
- Ssanin ist sicher für sein Land zu einem der revolutionärsten
- Werke der Weltliteratur geworden.«
-
-
- Ferner erschien im gleichen Verlage:
-
- M. Artzibaschew
-
-
- Millionen
- und andere Novellen
-
- Einzig autorisierte deutsche Übertragung von
- André Villard und S. Bugow
-
- -- 3. Auflage --
-
- Geh. Mk. 5.--, geb. Mk. 6.50
-
- Schon vor Erscheinen des »Ssanin« trat Artzibaschew durch seine
- Novellen an die Spitze der jungrussischen Literatur. Er war der
- erste, der rein erotische Probleme zum Ausgangspunkt seines
- dichterischen Schaffens nahm. Mit tiefem psychologischen
- Verständnis zergliedert er die geistige Entwicklung der modernen
- Russen und baut dann auf der Grundlage seiner seelischen Analysen
- seine starke überschäumende Handlung auf. Prächtige Arbeiten
- dieser Art sind die beiden Novellen dieses Bandes: »Millionen«
- und »Der Tod des Iwan Lande«. Mit gleichem Beifall wie Ssanin
- wurde dieser Novellenband aufgenommen, ja es mag Artzibaschews
- Künstlertum in diesen Erzählungen einen noch gesteigerten
- Ausdruck gefunden haben.
-
- _Ludwig Bauer_ schrieb u. a. in einer sehr anerkennenden
- Besprechung in den »Münchener Neuesten Nachrichten«: »Die erste
- Erzählung schildert uns die Leiden des Millionärs Mishujew, die
- zweite jene des Iwan Lande, eines wahren Christen, der an die
- Menschen glaubt. Diese beiden Seelen werden vor uns mit so
- behutsamer Hand ausgebreitet, wie nur Dichterhände es vermögen
- ... Die beiden Erzählungen könnten literarisch Anlaß zu noch
- manchem Tadel geben. Aber -- was ist Literatur? Hier ist
- Besseres: Seele.«
-
-
- Druck von Mänicke u. Jahn, Rudolstadt.
-
-
- Anmerkungen zur Transkription
-
-Die Schreibweise der Buchvorlage wurde weitgehend beibehalten.
-Offensichtliche Fehler wurden stillscheigend korrigert. Weitere
-Änderungen, teilweise unter Zuhilfenahme des russischen Originaltextes,
-sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
-
- [S. 53]:
- ... Oder ist dir die Warja nach immer nicht ...
- ... Oder ist dir die Warja noch immer nicht ...
-
- [S. 67]:
- ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug da ...
- ... gehe. Ich habe schon an einer Hexe genug, da ...
-
- [S. 72]:
- ... wäre, unehrerbietig über hohe Beamten zu reden. ...
- ... wäre, unehrerbietig über hohe Beamte zu reden. ...
-
- [S. 90]:
- ... beachten, »sie hat einen Geliebten einen Polen. ...
- ... beachten, »sie hat einen Geliebten, einen Polen. ...
-
- [S. 97]:
- ... »Ja, ihr Polen, seid doch immer bereit, loszuschlagen; ...
- ... »Ja, ihr Polen seid doch immer bereit, loszuschlagen; ...
-
- [S. 104]:
- ... lachst du in der Kirche. Warte nur, ich werde ...
- ... lachst du in der Kirche? Warte nur, ich werde ...
-
- [S. 105]:
- ... Weg einschlug, »gehen Sie nicht nach Hause.« ...
- ... Weg einschlug, »gehen Sie nicht nach Hause?« ...
-
- [S. 143]:
- ... »Haben Sie etwas in Aussicht,« fragte Weriga. ...
- ... »Haben Sie etwas in Aussicht?« fragte Weriga. ...
-
- [S. 166]:
- ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundene ...
- ... Zu Hause verdarb die Geschichte mit den verschwundenen ...
-
- [S. 186]:
- ... Schurken, die Söhne des Schlossers Andrejeff. ...
- ... Schurken, die Söhne des Schlossers Ardejeff. ...
-
- [S. 187]:
- ... schließlich sagten sie, Tscherepnikoff hätte sie bestochen. ...
- ... schließlich sagten sie, Tscherepin hätte sie bestochen. ...
-
- [S. 201]:
- ... bei dessen Vater, einem Bierbauer, verklagt, ...
- ... bei dessen Vater, einem Bierbrauer, verklagt, ...
-
- [S. 234]:
- ... Augen machten ihn nach vergnügter. ...
- ... Augen machten ihn noch vergnügter. ...
-
- [S. 286]:
- ... lassen.« ...
- ... lassen?« ...
-
- [S. 317]:
- ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung wiederstand ...
- ... vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand ...
-
- [S. 347]:
- ... Sapierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ...
- ... Spazierstock fern. Die Gassenjungen liefen in ...
-
- [S. 371]:
- ... bewachsen und hatten Hufen statt der Füße. Anstelle ...
- ... bewachsen und hatten Hufe statt der Füße. Anstelle ...
-
- [S. 374]:
- ... Verwirrung, der morsche Chaos, während die ...
- ... Verwirrung, das morsche Chaos, während die ...
-
- [S. 374]:
- ... Entsetzen wiederspiegelten, nur vergleichbar dem ...
- ... Entsetzen widerspiegelten, nur vergleichbar dem ...
-
- [S. 376]:
- ... wichtige Papiere gestohlen hätte. ...
- ... wichtigen Papiere gestohlen hätte. ...
-
- [S. 407]:
- ... erfahren würde, und daß auf diesem oder jenen ...
- ... erfahren würde, und daß auf diesem oder jenem ...
-
- [S. 425]:
- ... »Deu Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte ...
- ... »Der Teufel soll Ihre Damen holen,« zeterte ...
-
- [S. 443]:
- ... Das Feuer machte rasche Fortschritt. Die Menschen ...
- ... Das Feuer machte rasche Fortschritte. Die Menschen ...
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der kleine Dämon, by Fjodor Sologub
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER KLEINE DÄMON ***
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
-from people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
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-generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
-Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
-www.gutenberg.org
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
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-The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
-mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
-volunteers and employees are scattered throughout numerous
-locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
-Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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-For additional contact information:
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- Dr. Gregory B. Newby
- Chief Executive and Director
- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
-increasing the number of public domain and licensed works that can be
-freely distributed in machine readable form accessible by the widest
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-International donations are gratefully accepted, but we cannot make
-any statements concerning tax treatment of donations received from
-outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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-Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
-methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
-ways including checks, online payments and credit card donations. To
-donate, please visit: www.gutenberg.org/donate
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
-editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
-the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
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-facility: www.gutenberg.org
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