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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Das große Jagen - -Author: Ludwig Ganghofer - -Release Date: November 1, 2018 [EBook #58219] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GROßE JAGEN *** - - - - -Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - - - - - -Umschließungen mit * zeigen "gesperrt" gedruckten Text an, -Umschließungen mit _ kursiven Text, und Umschließungen mit = fett -gedruckten Text. - -Offensichtliche Druckfehler wurden berichtigt. Im Übrigen wurden -Inkonsistenzen in der Interpunktion und Schreibweise einzelner Wörter -belassen. Eine Liste mit sonstigen Korrekturen finden Sie am Ende des -Buchs. - - - - - Grote'sche Sammlung von Werken zeitgenössischer Schriftsteller Band 133: - - - Das große Jagen - - Roman aus dem 18. Jahrhundert - - von - - Ludwig Ganghofer - - [Illustration] - - Zweiunddreißigstes Tausend - - G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung - Berlin 1918 - - - - -Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in andere Sprachen, -vorbehalten. Copyright by G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung in Berlin -1918. Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. Druck von -Fischer & Wittig in Leipzig - - - - -Das große Jagen - - - - -Kapitel I - - -Am zweiten Februar des Jahres 1733, am Lichtmeßabend, peitschte der -stürmische Westwind ein dickwirbelndes Schneetreiben durch die Gassen -von Berchtesgaden. An den Häusern waren alle Flurtüren versperrt, -alle Fensterläden geschlossen. Obwohl die Polizeistunde noch nicht -geschlagen hatte, war auf der Marktgasse kein Mensch mehr zu sehen. - -Das dunkle Häuserschweigen in dem weißen Gewirbel hatte trotz allem -Lärm des Sturmwindes etwas Friedliches. Dieser Friede erzählte von -sorglosen Menschen in gemütlichen Stuben. Eine grauenvolle Lüge! In -Erregung, in Zorn und Sehnsucht pochten hinter den verriegelten Türen -Hunderte von verstörten Herzen. Zwischen den stillen Wänden wohnte -die Ratlosigkeit neben Haß und Angst, feiges Mißtrauen neben dem Mut, -duldende Stärke neben der hämischen Bosheit, nicht immer geschieden -durch Tür und Mauer. Kampf und Erbitterung schwelte, wie zwischen -Nachbar und Nachbar, auch zwischen Mann und Weib, zwischen Bruder und -Schwester, zwischen Vater und Sohn. - -An allem Fürchterlichen, das sich einsperrte in die Stuben, brauste der -wirbelnde Schnee vorüber. - -Auf den Türmen des Stiftes und der Franziskanerkirche schlugen die -Glocken im Sturm die neunte Stunde. Unter dem Rauschen des Windes -war es ein milder Hall. Wie eine warme Gottesstimme sprach er zu dem -frierenden Leben, das nur lauschte auf den eigenen Zorn und die eigene -Sehnsucht. Dann wieder die stumme Gassentrauer unter dem wehenden -Flockenfall. - -Aus dem Häusergewinkel, das die nördliche Stiftsmauer umzog, kämpfte -sich ein schwarzgekleideter Mensch heraus, den Kopf mit der Pelzkappe -gegen den Wind geschoben, die Arme unter dem Radmantel. Immer dicht -an den Häusern hin und rasch in eine Gasse. Ein Pfiff, wie der -Schlag einer Amsel. An einem schmalen Steingebäude, das sich von den -Nachbarhäusern auffällig unterschied, öffnete sich die Tür ein bißchen -und eine greise Stimme fragte im Hausdunkel: »Hochwürden?« - -»Komm!« Auch diese Stimme klang nimmer jung. - -Eine kleine Mannsgestalt in zottigem Fuchspelz mit dicker Kapuze -huschte aus dem Haus und schloß die Türe, die von innen verriegelt -wurde. Wortlos, der Kleine neben dem anderen, der groß und hager war, -schritten die beiden quer über das Ende der Marktgasse, vorüber am -neuen Pflegeramt, vorüber an den Stallungen des alten Leuthauses. In -der halb bebauten Straße, die zur Franziskanerkirche führte, traten sie -in einen mit hohen Bretterplanken umzäunten Garten. Auch hier öffnete -sich die Haustür wie von selbst. Aus der Finsternis des Flures sprach -eine Mädchenstimme: »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter -Marie!« - -Der Kleine im Fuchspelz antwortete zaghaft: »Von nun an bis in -Ewigkeit, Amen!« Und der andere sagte, als er in das Dunkel hineintrat: -»Schau nur, Luisa, wie gut du den Bekenntnisgruß zu brauchen weißt!« -Seine Stimme hatte einen heiteren Ton: »Jetzt hast du wieder dreißig -Wochen Ablaß gut! Tust du denn in deinem jungen Leben des Bösen so -viel, daß du deine künftige Fegfeuerzeit so fleißig verkürzen mußt?« - -»Hochwürden, ich mag das nit, wenn Ihr so redet!« Das junge Mädchen -verriegelte die Haustür. »Ein geweihter Priester sollt ernst nehmen, -was heilig ist.« - -»Luisichen! Oft wohnt von allem Ernst der tiefste hinter einem -hilfreichen Lachen.« - -Der Kleine hatte den Pelz abgelegt. Jetzt nahm auch der Geistliche den -Mantel herunter, und da quoll ein Lichtschein auf, als hätte Luisa die -Blechmaske an einer Blendlaterne gehoben. Der helle Strahl überglänzte -die beiden Männer. Der Kleine trug das Berchtesgadnische Bürgerkleid -mit der Bundhose über den weißen Strümpfen und mit dem braunen -Faltenkittel, über dessen Kragen sich die weiße Hemdkrause herauslegte. -Ein scharf geschnittener Judenkopf mit blassem Gesicht. Der Spitzbart -so weiß wie die hohe Stirn. Unter dem Lederkäppchen quollen graue -Locken heraus. Zwei stille, heißglänzende Augen. Das war der aus -Salzburg nach Berchtesgaden zugesiedelte Arzt und Handelsmann Simeon -Lewitter, der vor fünfzehn Jahren bei einem Judenkrawall das Weib und -seine zwei Kinder verloren und in der Verstörtheit dieser Gräuelnacht -die Taufe empfangen hatte. Für die Bauern galt er noch immer als -der Jud, genoß aber als Leibarzt des Fürstpropstes zu Berchtesgaden -leidliche Sicherheit. Nur die Trauer seiner Augen erzählte von den -Schmerzen einer vergangenen Zeit. Der schmale Mund unter dem weißen -Barte hatte das Lächeln einer steingewordenen Geduld. - -Neben diesem scheuen Greise sah der katholische Priester, der seit -sieben Jahren emeritierte Stiftspfarrer Ludwig, fast wie heitere Jugend -aus, die sich als Alter vermummte. Schon ein bißchen gebeugt, war -doch in seinem sehnigen Körper noch lebhafte Beweglichkeit. Er machte -auch eine gute Figur in dem geflügelten Schwarzrock mit den weißen -Bäffchen, in der seidenen Bundhose mit Strümpfen und Schnallenschuhen. -Den geschnörkelten Lockenbau, der bei den Herren Mode geworden, -verschmähte er. Glattsträhnig hingen die aschfarbenen Haare um das -rasierte Gesicht, in dessen Fältchen ein Spiel von freundlicher -Spottlust zwinkerte. Er hatte zwei braune haarborstige Warzen, die -halb entstellend wirkten und halb wie eine drollige Parodie auf die -Schönheitspflästerchen der vornehmen Damen waren: eine kleine auf -dem linken Nasenflügel, auf der rechten Wange eine große, die sich -sonderbar verschob, so oft der Pfarrer lachte. Wenn er ernst war, bekam -sein Gesicht durch diese Warzen etwas Grausames und Hexenmeisterhaftes. -Das verschwand aber gleich, sobald seine Augen heiter wurden, diese -hellblauen Augen, die im Gesicht des Siebzigjährigen noch wie die Augen -eines lebensgläubigen Jünglings glänzten. - -»Luisichen?« fragte er munter. »Warum beleuchtest du mich so scharf? -Magst du nit lieber dich selber illuminieren? Zum Erquicken unserer -müden Männerseelen?« Lachend nahm er die Blendlaterne aus Luisas Hand -und richtete den Lichtkegel auf ihr Gesicht. - -Eine Achtzehnjährige von herber Schönheit, über ihr Alter gereift -in einer Zeit, in der die Redlichen ein härteres Leben hatten als -die Gewissenlosen. Braunblonde Zöpfe lagen gleich einem schweren -Seilgeflecht um die Stirne. Der Mund war wie ein strenges -Siegel dieses jungen, schon geprüften Lebens und zeigte doch das -Rot einer Kirsche, die reifen will. In den dunklen Augen war -ein fast ekstatischer Glanz. Oder kam das vom Widerschein des -blendenden Lichtstrahls? Der zeigte auch das rote, mit Silberblumen -bestickte Mieder, aus dem sich die weißen Glocken der Spitzenärmel -herausbauschten. Eine zarte Gestalt, in der sich das junge Weib zu -formen begann. - -Auf der Wange des Pfarrers hüpfte die große Warze. »Luisichen? Hast -du dich für uns zwei Alten so wohlgefällig gemacht? Oder hat dein -schmucker Abend einem Jüngeren gegolten?« - -In Unmut zog das Mädchen die Brauen zusammen: »Ob jung oder alt, das -frag ich nit. Mir gilt: getreu oder schlecht, Christ oder Gottesfeind. -Und heut am Morgen hab ich den heiligen Leib genossen. Da trag ich -mein bestes Gewand, bis ich schlafen geh. Man muß sich innen und außen -unterscheiden von den Gottlosen.« - -Der Pfarrer blieb stumm. Aus seinen Augen sprach Erbarmen mit dieser -freudlosen, von aller Härte der Zeit gegeißelten Mädchenseele. - -Droben ein Schritt. Licht fiel über die Stiege herunter. »Seid ihr's?« -fragte eine erregte Stimme. »Ich hab schon geforchten, ihr könntet -ausbleiben, wegen des schiechen Wetters.« - -»Meister, da kennt Ihr uns schlecht.« Der Pfarrer lachte, nicht ganz so -froh, wie eine Minute früher. »Wir kommen zu unserem lieben Abend, da -kann es schneien oder lenzen, Mistgabeln oder Kapuziner regnen.« - -Die beiden wurden droben von einem Fünfundvierzigjährigen empfangen, -der ähnlich gekleidet war wie Lewitter. Ein mähniger Kopf mit langem -Bart, dessen helles Braun schon Silberstriche hatte. Unter den -Brauenbogen fieberten zwei dunkle Augen mit dem Trauerblick einer -gequälten Menschenseele. Es waren die gleichen Augen, wie die Tochter -sie hatte, das einzige Kind des Bildhauers Nikolaus Zechmeister. -Die Nähe der Gäste ließ den Hausherrn aufatmen, als käme jetzt eine -bessere Stunde seines Lebens. Und es war ein seltsamer Gruß, den die -drei einander zuflüsterten: »Mensch bleiben!« Den Händedruck mußte -Meister Niklaus mit der Linken erledigen. Vor siebzehn Jahren hatte -man ihm zu Hallein die Schwurhand auf dem Block vom Arm geschlagen, -weil er gegen seinen Untertaneneid zwei evangelischen Inkulpaten, -hinter denen die Soldaten Gottes her waren, zur Flucht verholfen hatte. -Sein Weib war gestorben vom Schreck. Und das Kind hatte man dem der -Irrlehre Verdächtigen weggenommen und zu gutchristlicher Erziehung -in ein Kloster gegeben. Erst seit dem verwichenen Herbste war Luisa -wieder daheim -- als Wächterin des Vaters, um ihn zu behüten vor einem -Rückfall in den evangelischen Wahn. - -Am rechten Arm trug Meister Niklaus in braunem Lederhandschuh eine -künstliche Holzhand, die er durch einen sinnreichen Mechanismus zur -Mithilfe bei seiner Arbeit belebt hatte. Zwölf Jahre lang, bis die -linke Hand sich zu schulen begann, war er seinem Beruf entzogen. Um -Arbeit zu haben, hatte er in dieser Zeit für die Schnitzereien der -Berchtesgadnischen Heimarbeiter ein Verlegergeschäft begründet, bei dem -er, ein wohlhabender Mann, für die Notstillung seiner Dienstgesellen -oft mehr verbrauchte, als er von ihrer Ware für sich selbst gewann. -Seit fünf Jahren gehörte Meister Niklaus wieder seiner Werkstätte, -in der sich Kunst und Handwerk miteinander verschwisterten. Aber so -fröhlich, wie er als junger Mann gewesen, wurde er nimmer. Und seit der -Heimkehr seiner Tochter schien er ernster, als er es je in der Zeit -seines Leidens war. - -Während Lewitter in die helle Stube trat, rief Niklaus über das -Stiegengeländer hinunter: »Gelt, Luisa, bring uns nur gleich den warmen -Trunk!« - -»Wohl, Vater!« - -Der Meister blieb über das Geländer gebeugt, als hätte er Sehnsucht, -noch ein Wort seines Kindes zu hören. Da legte ihm Pfarrer Ludwig die -Hand auf die Schulter: »Niklaus? Wird's besser mit euch beiden?« - -Der andere schüttelte den Kopf. »Sie glaubt nit, daß ich glaub.« - -Der Pfarrer bekam das grausame Gesicht. »Viel Ding im Leben hab ich -verstanden. Eins versteh ich nimmer: wie der Herrgott es dulden kann, -daß man in seinem Namen die Seelen der Menschen frieren macht? Kann -sein, daß Gott sein heißt: in alle Ewigkeit für uns Menschen ein Rätsel -bleiben.« - -Ein bitteres Lächeln zuckte um den Mund des Meisters: »Hätt mein Mädel -das gehört, so tät sie nach dem Klosterbüchl ausrechnen, wieviel -Jahrhundert Fegfeuer das wieder kostet.« - -Die beiden traten in die Stube. Als die Tür geschlossen war, legte -Pfarrer Ludwig herzlich den Arm um die Schultern des Hausherrn: »Du?« -Wenn die drei allein waren, duzten sie einander. »Glaubst du, daß ich -die Menschen kenn?« - -»Aus dem Beichtstuhl hast du tief hinuntergeschaut in ihre Seelen.« - -»Noch tiefer in der Sonn, die ich außerhalb der Kirch gefunden. Und ich -sag dir das voraus: in deinem Mädel wird das rechte Leben noch blühen, -wie am Johannistag die Rosen in deinem Garten.« - -»Gott soll's geben!« - -»Was für einer?« Die große Warze tänzelte. »Der meinige, der deinige, -der seinige?« Bei diesem letzten Worte deutete Pfarrer Ludwig auf -Lewitter, der die Brust an den warmen Kachelofen preßte und dieses -Kunstwerk des hilfreichen Menschengeistes mit den Armen umschlang, -schauernd vom Gassenfrost, frierend in der Kälte seines alten, einsamen -Lebens. - -Unter dem reichbesteckten Kerzenrade stand auf rundem Tisch ein -Schachbrett und daneben ein Körbchen mit den geschnitzten Beinfiguren. -Während der Meister das Spiel zu stellen begann, warf er lauschend -einen Blick zur Tür und fragte flüsternd: »Hast du Botschaft aus -Salzburg?« - -Der Pfarrer nickte. »Seit das große Jagen begonnen hat, sind's nach der -letzten Zählung dreißig Tausend und sieben Hundert, die man aus dem -Land getrieben.« - -»Ist das nit Irrsinn?« stammelte Niklaus. - -»Nein, Bruder!« Die große Warze kam in Bewegung. »Wie mehr man die Zahl -der Fresser mindert in einem Land, um so fetter werden die Erben. Das -ist die fromme Rechnung unserer Zeit. Wie länger ich das mit anseh, um -so lustiger macht es mich.« - -»Mensch! Wie kann man das heiter nehmen?« - -»Anders tät man den üblen Brocken nit schlucken. Die Zeit ist -so schaudervoll, daß man sie nur als eine Narretei des Lebens -beschauen kann. Wollt einer sie ernst nehmen, so müßt er an der -Menschheit verzweifeln. Wie mehr man lacht über ein böses Ding, um so -ungefährlicher wird es.« - -»Still!« mahnte Lewitter. »Das liebe Mädel kommt.« In seiner Art, zu -sprechen, war kein jüdischer Klang. Er sprach, wie Herren reden, die -unter Bauern wohnen. Hastig trat er auf den Tisch zu, stellte die -letzten Schachfiguren und sagte: »Heut seid ihr beide am Spiel. Da hab -ich für euch einen Anfang ausgesonnen --« - -Luisa trat in die Stube. Auf einer Zinnplatte brachte sie drei Becher, -in denen der Würzwein dampfte. - -»So! Und so!« sagte Lewitter. Er machte von jeder Seite des Spiels fünf -Züge. »Wie gefällt euch das?« - -Meister Niklaus, seine Erregung verbergend, nickte: »Das ist neu.« - -»Aber schön!« Der Pfarrer ließ sich lachend auf den Sessel nieder. »Was -man nit allweil behaupten kann von Dingen, die neu sind.« - -Luisa hatte die Becher ausgeteilt. »Gott soll's den Herren gesegnen.« - -Lewitter antwortete: »Gott soll dir's danken, lieb Kind.« Und der -Pfarrer redete fröhlich weiter: »Wie fein das duftet! Hast du das im -Kloster gelernt?« - -Ein Zornblick. »Die frommen Schwestern haben Wasser getrunken.« - -»Wenn du dabeigewesen bist. Was haben sie geschluckt, wenn du's nit -gesehen hast?« - -Niklaus, der ein strenges Wort seiner Tochter zu befürchten schien, -sagte rasch: »Ich dank dir, Kind! Weiter brauchen wir nichts. Tu dich -schlafen legen!« - -»Ich muß noch schaffen.« Sie maß den Vater mit einem Sorgenblick. »Auch -beten muß ich. Heut mehr als sonst.« Ihre Augen glitten über die beiden -anderen hin. Dann ging sie. - -Lewitter flüsterte: »Sie hat Mißtrauen gegen uns.« - -»So? Meinst du?« Der Pfarrer schmunzelte. »Dann hat sie ein Näsl, das -so fein ist wie nett.« - -Ein bißchen unwillig sagte der Meister: »Warum tust du sie auch allweil -reizen?« - -»Weil's hilfreich ist. Wie soll ein stilles Wässerlein sich bewegen, -wenn man keinen Stein hineinwirft? Aber komm, da steht ein schöner -Gedanke auf dem Schachbrett. Wir wollen uns freuen dran! Was Leben und -Welt heißt, soll uns weit sein bis um Mitternacht.« Der Pfarrer faßte -den Becher. »Her da! Wärmet den Herzfleck! Laßt uns anstoßen als treue -Bundesbrüder des duldsamen Glaubens! Auf alles Gesunde in den Menschen! -Aller dürstenden Hoffnung zum Trost! Auf den Glauben an die gute Zeit! -Auf das totgeschlagene und noch allweil nit wiedergeborene Deutschland! -Auf das kommende Reich, das neu und schön sein wird!« - -Die drei Becher klirrten über den Schachfiguren gegen einander und -Niklaus sagte: »Wann wird das kommen, daß unser Volk und Reich den -ersten Schrei seines neuen Lebens tut?« - -Simeon verlor das steinerne Lächeln. »Am Erlösungsmorgen nach einer -harten, tiefen und gewaltigen Not.« - -Der Meister nickte. »Dann haben wir Hoffnung, daß wir es noch erleben. -Härter und tiefer ist nie eine Not gewesen als die von heut!« - -»Hart und tief!« Die Warze im Gesicht des Pfarrers bewegte sich -munter. »Bloß das Gewaltige fehlt. Wohin man schaut, alles läppisch -und erbärmlich. Das neue Reich erleben wir nimmer. Komm, laß uns Freud -haben am schönen Spiel der Stunde! Du, Nicki, mit den Weißen hast den -ersten Zug!« - -Niklaus rückte eine Figur. »So, mein' ich, wär's am besten.« - -Die beiden vertieften sich in das Bild des Schachbrettes. Und Simeon -verfolgte aufmerksam die Züge. Als Pfarrer Ludwig eine Wendung fand, -die den Sieg zu seinen Gunsten vorbereitete, nickte Simeon und erhob -sich. Beim Geschirrkasten füllte er zwei langstielige Tonpfeifen -mit Tabak, brannte sie an einer Kerze an und brachte sie den beiden -Spielern. Er selber rauchte nicht. Um außerhalb des Qualmes zu bleiben, -den die beiden Spieler hinbliesen über die Schachfiguren, rückte er -ein Stück vom Tische weg. Und als das Spiel dem Ende zuging, streifte -er einen Schuh herunter und zog unter der eingelegten Filzsohle ein -dünnes, eng beschriebenes Blatt hervor. - -»Was Gutes?« fragte der Pfarrer. - -»Seit langem hab ich Tieferes nit gelesen. Ich hab mir auch schon -überlegt, wie ich's für euch übersetzen muß.« - -»Hebräisch? Aus deinem Talmud?« - -»Was Besseres.« - -»Wenn *du* das sagst, so muß es eine neue Offenbarung sein.« Pfarrer -Ludwig schob das Schachbrett beiseite. - -»Neu? Was in dem Brief da steht, ist bald an die hundert Jahr alt. Mir -ist's neu gewesen. Das Gute in der Welt hat einen langsamen Weg.« - -»Wer hat's geschrieben?« - -»Erst mußt du es hören. Man soll nit den Namen vor das Werk setzen, -sondern das Werk vor den Namen.« Lewitter begann mit leiser Stimme -zu lesen, während auch Meister Niklaus etwas Heimliches aus dem -Unterfutter seines Kittels herausholte. Nach einer Weile schlug die -alte Kastenuhr die zehnte Stunde. Sie hatte einen tiefen, dröhnenden -Ton. Dabei überhörten die drei, daß an der Haustür jemand pochte, nicht -laut, doch ungeduldig. - -Luisa und die Magd, beim Spinnen in der Küche drunten, vernahmen das -Pochen. - -Die Magd erschrak. Es war ein dreißigjähriges, weißblondes Mädel, -das einen wohlgeformten Körper und träumende Augen hatte, doch kein -frohes Gesicht. Mit dreizehn Jahren, bei Luisas Geburt, war die Sus als -Kindsmädel in des Meisters Haus gekommen. Nach dem Tode seiner Frau, -als ihm die Tochter um des reinen Glaubens willen genommen wurde, hatte -die Sus getreu bei dem Einsamen ausgehalten und hatte um seinetwillen -ihre Jugend versäumt, sich zerschlagen mit Eltern und Geschwistern, die -es ihr nie verziehen, daß sie atmete unter dem Dach eines Verdächtigen. - -Beim Hall der pochenden Schläge war sie bleich geworden und hatte vor -Schreck das Spinnrädl umgeworfen. - -»Bleib, Sus! Ich geh schon!« sagte Luisa. »In dir ist Angst, in mir ist -Gott. Drum hab ich nit Ursach, mich zu fürchten.« - -Der da draußen mußte die Stimme des Mädchens vernommen haben. Das -ungeduldige Pochen wurde still. - -»Jesus!« stammelte Sus. »Ob's nit die Schergen sind?« - -»Die kommen zu schlechten Menschen, nit zu uns.« Luisa entzündete die -Blendlaterne. »Mag sein, man holt den Lewitter zum gnädigsten Herrn. -Dem ist zuweilen in der Nacht nit gut. Die ihn verleumden, sagen: -vom vielen Wein. Ich sag: von seiner schlaflosen Sorg um den reinen -Glauben.« Sie ging zur Haustür und schob den Riegel zurück. - -Der da draußen wollte hastig eintreten. Weil die Tür noch an einer -Kette hing, öffnete sie sich nur um einen schmalen Spalt. Während -die Schneeflocken hereinwehten, flüsterte in der Nacht eine erregte -Jünglingsstimme: »Lieb Mädel! So tu doch auf!« - -Obwohl sie die Stimme gleich erkannte, fragte sie: »Wer pocht so spät -in der Nacht an meines Vaters Haus?« Es klang wie Zorn aus ihren leisen -Worten. - -»Einer, der es gut mit deinem Vater meint.« - -»Mein Vater kann bauen auf Gottes Hilf. Menschenhilf braucht er nit.« - -Der da draußen schien die Geduld zu verlieren. »Sei doch verständig, -Mädel! Ich will deinen Vater warnen.« - -»Der ist kein Treuloser und Unsichtbarer.« - -»Bei Christi Leiden. Da steh ich in der Nacht und spiel um mein Leben, -weil er dein Vater ist!« - -»Kannst du spielen um dein Leben, so wird es so viel nit wert sein.« - -Ein zerbissener Laut der Sorge. Dann ein wunderlich wehes Auflachen. -»Tust du dich fürchten? Vor mir?« - -»Fürchten? Weil auf heiligem Kirchgang deine Augen mich beschimpft -haben? So bist du. Fürchten tu ich dich nit.« Die Türkette klirrte, und -Luisa trat in die Nacht hinaus. Mit der Linken hielt sie die Türe fest, -damit der Schnee nicht hineinwehen möchte in den Flur, mit der Rechten -hob sie die Laterne. - -Das Licht umglänzte einen Sechsundzwanzigjährigen in verschneiter -Jägertracht. Ein junger blonder Bart umkrauste das feste, kühne -Gesicht, das so braun von der Sommersonne war, daß drei Wintermonate -diese Wangen nicht hatten bleichen können. Wie hundert kleine silberne -Mücken flogen die beglänzten Schneeflocken um sein im Winde wehendes -Haar und um die weitgeöffneten Augen, in denen Sorge und Sehnsucht -brannten. - -Die beiden schwiegen eine Sekunde lang. Dann die strenge Mädchenstimme: -»Du bist das Licht nit wert. Es hilft dir lügen und macht dich anders -als du bist! Man hat mir gesagt, du wärst ein Unsichtbarer, wenn die -Sonn am Himmel scheint. Da bleib du auch unsichtbar in der Finsternis!« - -Das Licht erlosch; nur noch ein schwarzer Schatten stand in dem weißen -Gestöber, und die ernste Jünglingsstimme klagte: »Bist du ein lebiges -Ding mit warmem Blut? Du bist wie zur Winterszeit ein kalter Stein -in deiner Kirch!« Ohne zu antworten, wollte Luisa zurücktreten in -den Flur. Da sprang er auf sie zu, umklammerte mit seiner Stahlfaust -ihren Arm, hielt sie fest, wie heftig sie sich auch wehrte, zog sie -so dicht an seine Brust heran, daß sie seinen heißen Atem empfand, -und flüsterte: »Willst du deinem Vater die Hausruh wahren, so sag -ihm: >Es ist ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch -heut in der Nacht!<« Er drehte das Gesicht, als hätte er ein Geräusch -gehört. Da draußen, im Dunkel, beim Leuthaus drüben, glomm es wie -ein matter, gaukelnder Lichtschein auf; kaum erkennbar war es; doch -die nachtgewohnten Augen des Jägers erkannten, was da kam. »Hinauf! -Zu deinem Vater!« Mit Sätzen, wie ein gehetzter Hirsch sie macht, -verschwand er. - -Luisa stand im weißen Gewirbel. Nun war die Sus bei ihr und zog sie in -den Flur zurück, verriegelte die Tür, gebärdete sich wie eine Verstörte -und bettelte: »Tu nit Zeit verlieren! Das mußt du dem guten Herren -sagen! Und tust du's nit, so spring ich selber hinauf --« - -Die Stimme der Magd war so laut geworden, daß man sie droben vernommen -hatte. Niklaus kam aus der Tür gesprungen und rief über das Geländer: -»Was ist da drunten?« - -»Ich komm, Vater!« Luisa huschte über die Treppe hinauf. »Einer hat -gepocht an der Haustür --« Ein kurzes Zögern. »Ich mein', es ist von -den Söhnen des Mälzmeisters Raurisser der älteste gewesen, der Leupolt.« - -»Sag's doch!« klang die angstvolle Stimme der Magd. »So sag's doch dem -guten Herrn!« - -Der Name, den Luisa genannt hatte, und die Mahnworte der Magd schienen -den Meister in Sorge zu versetzen. Er zog die Tochter über die -Stubenschwelle und verschloß die Tür. Auch im Blick der beiden andern -war Unruh. »So red doch, Kind! Was ist mit dem Leupolt?« - -»Das ist ein sündhafter und schlechter Mensch.« - -»Der Leupolt?« fragte Pfarrer Ludwig verwundert. »Den prächtigen Buben -kenn ich seit den Kinderschuhen.« - -»Er hat gottferne Augen und hat unsittig zu mir geredet.« - -Niklaus wurde ungeduldig. »Red doch, Kind! Was hat er gesagt?« Er -meinte: jetzt, an der Haustür. - -Luisa dachte an den sündhaft gewordenen Dreikönigstag. »Auf heiligem -Kirchgang hat er zu mir gesagt: ich tät ihm gefallen.« - -Aus Simeons Gesicht verschwand die Ängstlichkeit, und Pfarrer Ludwig -begann zu lachen. »Was für eine Zeit ist das! Ein junges Mädel! Und -hält es für gottwidrig, wenn sie einem festen Buben gefällt! Alle Natur -verdreht sich in Unvernunft. Jedes Wörtl wird überspreizt. Keiner redet -mehr, wie es menschlich wär und wie Herz und Blut es begehren müßten. -Alles wird aufgeblasen. Jeder lustige Erdenfloh muß sich verwandeln in -einen Höllendrachen.« - -Auch Meister Niklaus schien aufzuatmen. »Und da ist der junge Raurisser -zur Haustür gekommen? Weil er gern mit dir einen Heimgart gehalten -hätt?« - -Ein Zornblick funkelte in Luisas Augen. »Das nit. Ich hätt es ihm auch -nit verstattet. Er hat sich frech und unnütz aufgespielt. Du bist, wie -du bist, Vater! Da braucht nit einer warnen. Und braucht nit sagen: ->Für deinen Vater spiel ich um mein Leben.< Und muß nit sagen: >Es ist -ein heilig Ding, da wird ein Messer durchgestoßen, noch heut in der -Nacht.<« - -Über die Stirn des Meisters ging ein Erblassen, und Lewitter machte -eine erschrockene Handbewegung gegen das Schachbrett hin, während -Niklaus stammelte: »Kind! Warum hast du denn das nit gleich gesagt?« - -Luisas Stimme kam einen fremden Klang. »Vater? Ist dein Gewissen nit -rein vor Gott?« - -Zur Antwort blieb dem Meister keine Zeit mehr. Lärmende Rufe im Sturm -der Nacht, dröhnende Schläge an der Haustür, ein dumpfes Krachen, -Gesplitter von Holz und das gellende Angstgeschrei der Magd. Als der -Meister die Stubentür aufriß, hörte man im Flur befehlen: »Ein Vigilant -zur Haustür! Einer _in loco hujus_ vor das Kuchlmensch! Einer hat -Vigilanz bei der Stieg! Die drei anderen mit mir! _Citissime_!« - -Heiter tätschelte Pfarrer Ludwig die Schulter des vor Schreck wie zu -Stein gewordenen Mädchens: »Fein, Luisichen! Kindlich über alle Maßen! -Den Vater ins Rattenloch bringen! So hat's dein heiliger Gott den -Kindern befohlen! Viertes Gebot!« - -Mit erwürgtem Aufschrei jagte Luisa zur Stubentür. Kaum hatte sie dem -Tisch den Rücken gewandt, da riß Lewitter unter dem Schachbrett das -hebräisch beschriebene Blatt und ein anderes hervor, das zwischen -enger Schrift einen Holzschnitt zeigte -- ein Blatt aus dem Nürnberger -Sendschreiben des vor achtundvierzig Jahren aus Berchtesgaden -ausgetriebenen evangelischen Bergmannes Josef Schaitberger. Hurtig -quetschte Simeon die Blätter in zwei kleine Knäuel zusammen, die er -verschlingen wollte. - -»Halt, Bruderherz!« Pfarrer Ludwig riß ihm die Knäuel vom Munde -weg. »Papier ist untauglich für einen Menschenmagen. Gib her! Ich -hab ein gutkatholisches Versteck.« Während die große Warze tanzte, -zerrte der Pfarrer die Bäffchen vom mageren Halse weg und ließ hinter -ihnen die zwei Papierknäuel verschwinden. »So! Gleich mit dem ersten -Ruck ist dein Spinoza und des Niklaus Schaitbergischer Sendbrief -hinuntergerutscht bis in die Magengrub. Außerhalb der Gedärm ist's -weniger ungesund.« - -Zu diesen heiteren Flüsterworten klangen vom Stiegenflur die -aufgeregten Fragen des Meisters, das Weinen der Magd, die Stimmen und -das Schrittgetrampel der Soldaten Gottes. - - - - -Kapitel II - - -Der Feldwebel des Pflegeramtes, Nikodemus Muckenfüßl, war ein -wohlgenährter, gutmütig dreinschauender Mensch, der seiner biersanften -Natur die Unerbittlichkeit des Polizeitones immer gewaltsam abringen -mußte. Als er, den dünn abgezogenen Schnurrbart um den Finger -kräuselnd, mit Meister Niklaus und den drei boshaft umherspähenden -Musketieren lärmvoll in die Stube trat, saß Pfarrer Ludwig mit -Simeon Lewitter beim Schachspiel und sagte: »Ich weiß nit, warum das -Schachbrett allweil wackelt? Es steht doch kerzengrad auf dem blanken -Tisch!« Er hob das Brett in die Höhe und guckte drunter. Niklaus -verstand diesen Wink und atmete erleichtert auf. Und während Luisa sich -verstört an die getäfelte Stubenmauer preßte, fragte der Pfarrer sehr -erstaunt: »Mein lieber Feldwebel? Seid Ihr so ein leidenschaftlicher -Freund des Schachspiels, daß Ihr aus Ungeduld, ein gutes Spiel zu -sehen, gleich die Haustür eines redlichen Mannes einschlagt?« - -Nikodemus Muckenfüßl machte verdutzte Augen. Das Bild, das er in der -Stube vorfand, schien seinen Erwartungen nicht zu entsprechen. Seine -obrigkeitliche Geistesgegenwart versagte für einige Sekunden. Nun fand -er die strenge Dienstmiene und sagte in dem Polizeideutsch, an das er -sich in der Pflegerkanzlei gewöhnt hatte: »Vor Reverende prästiere -ich in christschuldigem _respecto_. Aber Spaßettibus wider die von -Gott instituierte Obrigkeit sind denen Subjekten nit permittiert. Ich -inquirirre _sub loco hujus_ in Amtibus.« - -»Muckenfüßl,« staunte der Pfarrer, »Ihr redet beinah so gut Latein, wie -der Kirchenvater Augustinus.« - -»_Silentium!_« brüllte der Feldwebel gereizt. Der Scherz des Pfarrers -bekehrte ihn nicht zu einer reinlicheren Sprache. In diesem Punkte -gehorchte er nur seiner Frau, die zuhause, wenn ihr Nikodämerl so -unverständlich kanzleielte, immer sagte: »Red deutsch, du Rindvieh!« In -dem Schweigen, das sein Befehl erzeugt hatte, erklärte er würdevoll: -»Es ist der wachsamen Obrigkeit _ad aures_ arriviert, daß _in loco -hujus_ des _in specie_ verdächtigen Nikolaus Zechmeister verbotene -_conventicula_ stattfindlich sind, mit _abuso_ ketzerischer _libellis_ -und _pamphletica_. Ich bin von Amtibus ordiniert, die Namen der -Präsenten _ad notam_ zu rapportieren, _in quasi_ eine Orts- und -Leibesvisitationem _legaliter_ fürzunehmen.« - -Pfarrer Ludwig erhob sich. »So viel Arbeit? Weil wir drei einen Becher -Würzwein schlucken und Schach spielen: Meister Niklaus unter seinem -eigenen Dach, als Hausgäste der Leibmedikus Seiner Hochfürstlichen -Gnaden und ich, von dem Ihr wissen solltet, daß ich ein gutkatholischer -Priester bin?« - -»Der Erzschelm Luther,« rief einer von den Soldaten Gottes, »ist ehnder -auch einmal ein katholischer Klosterbruder gewesen.« - -»Riebeißel,« gebot der Feldwebel, »du tust das Maul tenieren. Der -Öberste, der kommandieret, bin _ego ipsus_.« - -»Also?« fragte der Pfarrer. »Muß ich vorn aufknöpfen oder hinten die -Hos herunterlassen?« - -Muckenfüßl überhörte zartfühlend diesen derben Scherz. »Reverende -steht _sub_ geistlicher _judicatura_. Ich hab mich nur zu occupieren -mit denen weltlichen Personibus.« - -Da rief ein schwarzbärtiger Musketier, der keinen Blick von der -Haustochter verwandt hatte: »Vor allem müßt man die Weibsleut -visitieren. Die sind am flinksten mit dem Verstecken und haben die -Plätz dazu, wo leicht zum suchen, aber hart zum finden ist.« Er -streckte schon die Fäuste, um Luisa zu fassen. - -Hatte sie bei der wachsamen Obrigkeit einen treubesorgten Schutzengel? -Der Feldwebel befahl mit gedämpfter Strenge: »Lasset die frommgläubige -Jungfer in Fried! Visitieret die Mannsleut!« - -Luisa stammelte: »Ich bürg mit Seel und Leben für den Vater. Auch für -die Sus.« - -»Für uns zwei nit?« fragte der Pfarrer lachend und wandte sich zu -Lewitter, von dem ein Musketier den Kittel herunterschälte. »Das müßt -Ihr leiden, guter Simeon Lewitter! Jeden Kranken untersucht Ihr bis auf -die Nieren. Da dürft Ihr nit klagen, wenn's _vice-versa_ Euch selber -einmal geschieht.« Er guckte zur Tür hinüber. »Luisichen! Jetzt wirst -du aus der Stub gehen müssen. Sonst könnten deine frommen Augen einen -unheiligen Anblick haben. Ein getaufter alter Jud ist als nackichter -Adam auch nit schöner, als ein alter, katholisch geborener Christ. Und -schau, Luisichen, du könntest uns zur Begütigung des Schrecks noch -einen Becher Würzwein kochen? Oder gleich ein Dutzend! Die tapferen -Soldaten Gottes sind wohl auch in der kalten Winternacht einem heißen -Schluck nit abhold.« - -Er brachte, während Luisa stumm aus der Stube ging, sein Pfeiflein -wieder in Brand, ließ sich auf den Sessel nieder und begleitete die -ernste Amtshandlung mit freundlichen Reden, die spöttisch unterfüttert -waren. - -Zwei Soldaten entkleideten und visitierten den Hausherrn und den -fürstlichen Leibarzt. Der Musketier, der sich sehr mißtrauisch -mit Simeon beschäftigte, fand auch in den Schuhen die eingelegten -Filzsohlen, lüftete sie und stocherte mit dem Finger drunter. - -»Ja, Mensch,« sagte der Pfarrer, »das mußt du genau nehmen! Wer weiß, -ob unter dem Pantoffelfilz nit ein Eimerfäßl ketzerischen Seelenweines -verborgen ist.« - -Während der Visitation der beiden Männer schnüffelten Muckenfüßl und -Riebeißl in der Stube nach verbotenen Schriften. Sie öffneten jeden -Kasten und jede Truhe, rissen jede Schublade heraus und drehten das -Unterste zu oberst. Auf den Knien rutschten sie über die Dielen, -klopften die Bretter ab und fühlten nach verdächtigen Fugen. Der -Pfarrer guckte ihnen lustig zu. Plötzlich scheuerte er heftig seine -Nabelgegend und sagte lachend: »Feldwebel, Ihr müßt einen hungrigen -Kanzleifloh mitgebracht haben! Der ist hergehupft auf mich, und jetzt -beißt er mich in der Magengrub.« - -Muckenfüßl brummte was Unverständliches und begann die braune -Vertäfelung der Mauer nach Geheimfächern abzuklopfen. Die drei Männer --- der eine im schwarzen Priesterkleid und die beiden anderen, die -irdisch enthäutet in der Stube standen -- sahen nicht nach der -Mauerstelle hin, die der Feldwebel mit besonderer Sorgfalt abhämmerte. -Aber während sie ruhig miteinander redeten, funkelte ein gespanntes -Lauschen in ihren Augen, und alle drei tauschten einen frohen Blick, -als Muckenfüßl seine obrigkeitliche, den reinen Gottesglauben -behütende Tätigkeit weiter gegen die Tür hin verschob. - -Die zwei gründlich Visitierten durften wieder in ihre Kleider schlüpfen. - -Luisa und die weißblonde Magd, die einen verzweifelten Sorgenblick auf -den Meister heftete, brachten die sieben dampfenden Würzweinbecher. -Muckenfüßls Amtsmiene milderte sich beträchtlich. Doch bevor er sich -völlig zurückverwandelte in ein wohlwollendes Menschenkind, mußte er -noch die wirksamste seiner Künste zur Anwendung bringen und sagte mit -inquisitorischem Ton: »Gelobt sei Jesus Christus und seine heilige -Mutter Maria?« - -Meister Niklaus, der Pfarrer, Simeon, Sus und Luisa antworteten: »Von -nun an bis in Ewigkeit, Amen.« - -Jetzt nickte Muckenfüßl. »Alles _in ordine_ befunden. Will's der -Obrigkeit _ad notam_ rapportieren, daß der Angeber ein füreiliges -_rhinozerum_ gewesen ist.« Lachend griff er nach einem Würzweinbecher. -»Zur Salutation, ihr ehrenwerten Monsiörs!« - -Man stieß miteinander an und schwatzte heiter, als wäre nicht das -Geringste geschehen in dieser Stunde, die mit der Freiheit dreier -Männer gespielt hatte und vorüberging wie eine Fastnachtsposse. - -Als der Feldwebel und die Soldaten Gottes ihre Becher geleert hatten, -sagte Niklaus zu den beiden Mädchen: »Sind die Leut aus dem Haus, so -müßt ihr die beschädigte Tür verstopfen, daß der Schnee nit hereinweht. -Dann legt euch schlafen.« - -Wortlos umklammerte Luisa den Arm des Vaters. Dann verließ sie mit -jagendem Schritt die Stube. Und Muckenfüßl sagte: »Ich muß die Herren -noch _specialiter_ monieren _in respecto_ der Polizeistund.« - -»Ja, lieber Feldwebel!« lachte der Pfarrer. »Da machet nur, daß Ihr -mit Euren christlichen Gottesstreitern flink in die Federn kommt! Ihr -seid die einzigen, die sich gegen das obrigkeitliche Gebot versündigen. -Meister Niklaus ist in seinem eigenen Haus, ich als Kapitelfähiger des -Stiftes steh außerhalb des Polizeigesetzes, und Lewitter als Medikus -hat Freipaß bei Tag und Nacht.« - -»Als Medikus! Ich observier aber nit, daß einer von den Monsiöribus -marod ist?« - -»Doch! Mir bremselt's in den unteren Gründen. Da hab ich den Medikus -nötig. Oder wollet *Ihr* mich davon erlösen?« - -»So ein alter Senior! Und allweil Spaßettibus!« Den Kopf schüttelnd, -ging Muckenfüßl zur Türe. »Daß die Menschheit doch nie zu Verstand -arriviert.« - -Während die Schritte der Musketiere über die Stiege hinunterpolterten, -standen die drei Männer ernst um den Tisch herum. Als wäre in jedem der -gleiche Gedanke, reichten sie einander die Hände. Und Niklaus murmelte -durch die Zähne: »Wär man kein Rebell, sie täten einen machen dazu!« - -»Ist schon wahr,« nickte der Pfarrer, »einen Aufruhr hat nie das -Volk gemacht. Allweil fabriziert ihn die Obrigkeit. Jedes sinnlose -Polizeiverbot ist Mist für den Acker, auf dem was Widerspenstiges -aufgeht.« - -Simeon schwieg. Meister Niklaus nahm den Kopf zwischen die Hände: »Was -für eine Zeit ist das! Sie stellt die Lumpen als Wächter vor jedes -Ding, das wahr und heilig ist.« Er lauschte. Im Haus kein fremder Laut -mehr; nur ein Brettergerappel drunten im Flur. - -Pfarrer Ludwigs braune Warze tanzte zwischen seinen Wangenfalten. -»So! Jetzt können die heimlichen Gewissensflöh wieder aushupfen.« Er -löste die Knieschnalle und schlenkerte das Bein. Ein Papierknäuel -rutschte aus der seidenen Finsternis heraus. »Guck! Einer ist schon da. -Allweil sag ich's: der ewige Menschendrang zum Licht!« Er dröselte den -Knäuel auseinander. »Wo bleibt der hebräische Philosoph? Das ist der -evangelische Dorfapostel Josef Schaitberger. Ein Ketzer.« Lachend hob -er das Blatt zum Kerzenreif hinauf. Niklaus machte eine Bewegung, als -möchte er hindern, was der Pfarrer tat. Da züngelte schon die rasche -Flamme. »Laß brennen, Herzbruder! Dein Haus wird ärmer um eine Gefahr.« -Die Papierflamme war klein geworden, war herabgebrannt bis zu den -Fingerspitzen des Pfarrers. Nun blies er kräftig. In vielen Flocken, -von denen ein paar noch glühten, schwamm die Asche in die Luft hinaus. -Wieder schüttelte Pfarrer Ludwig die schwarze Seide seiner Hose. »Guck, -Simmi! Ist *auch* schon da! Dein neufärbiger Philosoph! Ein gefährliche -Mannsbild! Weil er am tiefsten ist in seiner Weisheit. Gelesen haben -wir sie. Mich rührt's nit an. Dem Niklaus ist sie gleichgiltig. -Du, Simmi, hast sie im Köpfl. Besser, wir lassen das Amsterdamer -Tulpenknöspel verschwinden. >Feuer ist allweil hilfreich!< sagten vor -anno Towack die Hexenrichter, wenn sie die alten Weiblen verbronnen -haben.« Wieder eine Flamme. Wieder das Auseinanderschwimmen der Asche. - -Nun saßen die drei am Tisch. Der Pfarrer faßte Lewitters Hand. »Erzähl -uns von ihm! Wann ist er gestorben?« - -»Vor 56 Jahren, an der Schwindsucht.« - -»Weisheit, die Tausende begnaden kann, verbrennt die Seelen, in denen -sie wächst.« - -»Er hat den Tod in der Werkstatt eingesogen, als Glasschleifer. Die -jüdische Synagoge von Amsterdam hat ihn ausgestoßen als Verfluchten. -Und er ist von den wärmsten Menschen einer gewesen, ein Erdenkind mit -dem ewigen Gottesfunken in der Seel, mit dem Durst nach Wahrheit in -Blut und Gehirn.« - -Die Augen glänzend von einem kummervollen Träumen, sah Niklaus ins -Leere. »Wann wird das kommen, daß jeder leben darf nach seiner Farb? -Die Zeit, wo jeder spürt, daß er mit gleichen Rechten ein Bruder des -andern ist? Mensch neben Mensch?« - -Die alte Kastenuhr mit den tiefen Glockentönen schlug Mitternacht. -Pfarrer Ludwig erhob sich. »Die Zeit geht auf den Morgen zu. Lasset uns -beten als Brüder, die dem Licht entgegenharren.« - -Die beiden anderen standen schweigend auf, und Meister Niklaus ging -der Wandstelle zu, die der Feldwebel des Pflegeramtes mit erhöhter -Aufmerksamkeit abgepocht hatte. Er drückte auf einen Nagelstift, -der verborgen in der Täfelung saß. Die mit einer dicken Gipsmasse -unterlegte Wandverschalung öffnete sich doppeltürig und zeigte in -der Mauergrotte ein geschnitztes Bild, das einer mittelalterlichen -Weihnachtskrippe glich und von kleinen farbigen Lämpchen mystisch -erleuchtet war -- ein Werk, in dem sich innige Kunst und kindliche -Einfalt miteinander verwoben. - -Eine plastische, durch Farben belebte Berglandschaft unter blauem -Himmel. Der höchste Gipfel hatte die gebrochene Zahngestalt des -Wazmann. Auf den Höhen noch der Winter, im Tal der Frühling mit -Blumen, mit grünen Wiesen und belaubten Wäldchen. Kleine Dörfer mit -zierlichen Hütten, in deren aus Glassplittern gebildeten Fenstern -das Licht der bunten Ämpelchen schimmerte, als wär's ein Morgen um -die Stunde, in der die Sonne kommt. Die Herden auf der Weide. Viele -winzige Menschenfigürchen dazwischen: Bauern und Sennleute, Köhler und -Holzfäller, ein Jäger mit Büchse und Hifthorn, ein Floß mit Flößern auf -den Glasbuckeln des Baches, am Ufer des Wassers ein Fischer mit der -Angelrute, auf der Straße ein Trupp Musketiere im Marsch. Über grüner -Anhöhe ein Kirchlein, aus dessen Tor eine Prozession mit vielen Fahnen -herausschreitet. Ganz vorn zur Linken ein Häuschen, in dessen Stube -man hineinsieht; es ist die Werkstätte eines Spielzeugschnitzers, der -mit seinem Weib und vielen Kindern bei der Heimarbeit am Tische sitzt. -Und zur Rechten eine offene Scheune, in welcher alte und junge Leute -andächtig um einen Greis herumknien, der aus einem Buche vorliest. -Zwischen diesen Gruppen ist die Erde geöffnet, und man sieht hinunter -in die Schachttiefen des Salzwerkes, sieht die Salzhäuer bei der -Arbeit, sieht die Förderung mit den rollenden Hunden. - -Dieses Kleine, Feine und Zierliche war nur ein Rahmen für den größeren -Mittelpunkt des Bildes. Da stand auf blumigem Hügel ein Kreuz -errichtet, mit der Gestalt des leidenden Erlösers. Unter dem Kreuze -beugt die Heilandsmutter, gestützt von den Armen des Johannes, sich -zärtlich nieder und umschützt mit ihrem blauen, sternbestickten Mantel -drei kleinere Figuren: einen katholischen Priester mit der Stola, den -Moses mit den Gesetztafeln und einen evangelischen Prediger mit dem -Kelch. - -Ein leises Knistern war in den Ampelflämmchen, und der dünne Rauch, der -sich in der Grotte gesammelt hatte, quoll wie Nebel um die Schneegipfel -der Berge und begann hinaufzuströmen gegen die Stubendecke. - -Stumm, die Herzen erfüllt von träumender Inbrunst, standen die drei -Männer vor dem Bilde, das so ergreifend wie kindlich, so tiefsinnig -wie voll Einfalt war. Und dieses Schweigen war das verbrüderte Gebet -ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihrer gemeinsamen -Hoffnung auf einen Menschenmorgen, von dem sie wußten, daß er kommen -muß -- bald, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere; -nach Jahrhunderten, hoffte der dritte. Und nicht die Farben und -Figürchen, nicht die Lichter und Dämmerungen des Bildes weckten die -Andacht in ihren Herzen. Ihr andächtiger Glaube war es, der ihnen das -tote Gestaltengewimmel belebte und seine flimmernde Enge weitete zum -lichtdurchfluteten Bilde einer werdenden Welt. - -Da hob der Pfarrer lauschend den Kopf. »Niklaus! Ich hör was.« - -Der Meister tat einen schweren Atemzug. »Hinter der Mauer ist meines -Mädels Kammer. Da liegt der arme Klosterspatz auf den Knien und -litaneiet in Höllenangst um unsere drei verlorenen Seelen.« - -War der Sturm erloschen? Außerhalb der Wände kein Rauschen und Sausen -mehr. Draußen die stummgewordene Nacht. Auch Stille im Haus. Nur immer -dieser eine gleiche Laut, diese stammelnde Mädchenstimme. - -Eine weiße Kammer, freundlich anzusehen. Man merkte an ihrem Gerät, wie -zärtlich dieser Raum bereitet war von der Liebe eines Vaters, der sein -Kind in Sehnsucht erwartet hatte nach Jahren des Leidens. - -Die Kerze flackerte auf dem Gesimse des von schweren Läden -verschlossenen Fensters, neben dem weißverhangenen Kastenbett. -Schon entkleidet, lag Luisa auf den Knien vor einer Truhe, die -ineinandergekrampften Hände hingerückt gegen ein Altärchen, das -zwischen Leuchtern und künstlichen Blumen unter schimmerndem Glassturz -eine von Goldflittern glitzernde Madonna mit dem wächsernen Jesuskinde -zeigte. Fünf Ave Maria, die Litanei zur Gottesgebärerin, wieder das -Ave Maria, immer mit der gleichen bebenden Stimme, die wie ein leises -Schreien aus angstvoller Seele klang. Und so lange betete Luisa, bis -der Glaube an die Hilfe wieder leuchtend in ihrem Herzen war. Sie -bekreuzte die Stirne, den Mund und die knospende Brust, beugte sich -vor und küßte das kalte Glas, das sich behauchte von ihrem Atem. -Dann trat sie auf den nackten Sohlen zum Kastenbett und begann die -braunblonden Flechten zu lösen. Gleich einem schimmernden Mantel -fiel ihr das Haar um Nacken und Schultern. Mit der Linken streifte -sie die linde Woge über den rechten Arm zurück und wollte die Hände -heben, um das Haar zu knüpfen. Da weiteten sich ihre Augen. Regungslos -betrachtete sie den weißen Arm. Der hatte zwischen Schulter und -Ellenbogen vier blaue, strichförmige Male. Lange verstand sie das -nicht. Nun eine Schreckbewegung, ein Erstarren ihres Gesichtes. Es -waren die Denkzeichen jener stählernen Jägerfaust, die bei der Haustür -im Schneegestöber ihren Arm umklammert hatte. Und ihr war, als klänge -wieder die erregte Jünglingsstimme: »Es ist ein heilig Ding, da wird -ein Messer durchgestoßen, noch heut in der Nacht!« Wie eine Sinnlose -sprang sie auf das kupferne Weihwasserkesselchen zu, tauchte die ganze -Hand hinein und wusch die blauen Male, immer fröstelnd, als berühre -sie etwas Häßliches. Dann blies sie die Kerze aus und betete in der -Finsternis mit flehendem Laut: »Hilf mir, heilige Mutter Marie! Tu mich -reinigen an Leib und Seel!« - -Das Kastenbett krachte ein bißchen, als es die leichte Last einer -zarten Jugend empfing. - -Luisa lag unbeweglich. Ihr Atem ging schwer. Hatte ihr Arm eine Wunde? -Von der Stelle der blauen Male rann es ihr wie Feuer ins Blut. Und -immer sah sie ein Bild in der Finsternis: wehendes Blondhaar, eine -braune Stirn und zwei stahlblaue, sehnsüchtige Jünglingsaugen, die von -hundert silbernen Mücken umflogen waren. - -Die Hände über der Brust verflechtend, fing sie zu beten an. Das -unheilige Bild verschwand nicht. Sie setzte sich in den Kissen auf -und hob die gefalteten Hände. Die Heiligen, die sie herbeischrie, -halfen nicht und wollten das unreine Bild nicht auslöschen, wollten -den Unsichtbaren, der sich sichtbar machte, nicht zurückstoßen in die -Finsternis. - -Mit klagendem Wehlaut hob Luisa sich auf die Knie, beugte sich über -das Fußgestell des Bettes und riß die Tür auf, die in die anstoßende -Kammer führte. »Gute Sus? Du tust noch allweil nit schlafen, gelt?« - -Eine müde Stimme: »Mögen tät ich. Mein Schlaf ist, ich weiß nit, wo.« - -»Ich tu dich bitten, komm ein bißl zu mir!« - -»Kind, was ist dir?« Etwas Graues huschte lautlos aus dem Dunkel -heraus. »Du bist doch nit krank?« - -»Krank nit. Ich tu mich sorgen, daß ich sündig bin, weil ich höllische -Gespenster seh!« - -»Geh, du Närrle!« - -»Tu mich halsen, Sus! Noch fester! Jetzt ist mir wohl. Und alles ist -wieder schwarz. Komm, Sus, tu beten mit mir.« - -Leis erwiderte das Mädel: »Beten kann ich nit. Allweil muß ich an die -Soldaten Gottes denken, und was dem guten Herren hätt drohen können.« - -Es wurde laut im Haus. Eine Türe ging. Schritte und Stimmen; am -deutlichsten die Stimme des Meisters. - -Da tauchte plötzlich die Sus das Gesicht gegen den Schoß der -Haustochter und brach in erwürgtes Schluchzen aus. - -»Sus? Du Liebe! Was hast du denn?« - -»Mir ist so weh, ich kann's nit sagen. Es bringt mich noch um.« - -»Das sind die Soldaten nit. Das ist der Vater, den der Himmel jetzt -erlöst -- von den anderen zwei, die ich nit leiden mag. Gott tut mich -warnen vor ihnen. Die bet ich noch fort aus unserem Haus. Sei still, -liebe Sus! Da mußt du nit Angst haben.« - -»Es ist nit Angst. Es ist die Zeit. Die liegt auf jedem als wie ein -Stein.« - -»Die Zeit muß keiner fürchten, der gläubig ist. Komm, Sus, du frierst. -Ich spür, wie du zitterst. Laß dich zudecken! Einen Menschen haben, ist -gut.« - -Die drei Männer, die draußen hinunter gingen über die Stiege, -hatten eine Weile im Flur zu schaffen, bis sie die mit Brettern und -Holzscheiten verbarrikadierte Türe frei bekamen. - -Durch die Klüfte der zerschlagenen Haustür wehte kein Schnee -mehr herein. Das Gestöber war versiegt. Draußen eine schweigsame -Winternacht, durch deren ziehendes Gewölk der Vollmond herunterglänzte. - -Während Meister Niklaus im Flur die Barrikade wieder baute, schritten -Pfarrer Ludwig und Simeon Lewitter lautlos durch den Schnee. - -Hunde schlugen an, bald nah, bald ferne, mit Stimmen, die halb -erloschen im Rauschen der Ache. - -Simeon flüsterte: »Die Nacht ist wieder ohne Ruh.« - -»Es wandern die Unsichtbaren.« - -Die beiden folgten der Straße. Da faßte der Pfarrer den Arm des -Freundes und deutete über eine verschneite Wiese hinaus. »Dort! Siehst -du's?« - -Etwas Wunderliches war zu sehen: ein im Mondschein gleitender -Menschenschatten, ohne daß man einen Menschen sah. - -Rasch watete Pfarrer Ludwig in die Wiese hinaus und stand vor einer -Gestalt, die bis zu den Füßen in Leinwand gekleidet war, so weiß wie -der Schnee, über dem Kopf eine Kapuze mit Löchern für die Augen, in -denen es funkelte gleich geschliffenen Gläsern. »Wer bist du?« Keine -Antwort. Der Pfarrer lachte ein bißchen. »Ich bin nit gefährlich. Nur -neugierig wie Kinder und alte Leut. Gehst du zum Toten Mann? Oder -kommst du von ihm?« Keine Antwort. Nur das Strömen eines schweren -Atems. »Leupolt? Bist du's?« - -»Wohl.« - -»Was suchst du noch?« - -»In Sorg bin ich gewesen. Um den Meister. Jetzt weiß ich, wer bei ihm -gewesen ist. Da bin ich ledig aller Sorg.« - -»Heut hast du ihm viel zulieb getan. Wie hast du wissen können, daß die -Soldaten Gottes bei ihm einkehren?« - -»Der Vater hat's heimgebracht vom Pflegeramt und hat mit der Mutter -geredet. Ich hab's gehört.« - -»So? Und da bist du weggesprungen über Vater und Mutter! Und hast dem -anderen geholfen? Warum?« - -»Weil ich's tun hab müssen.« - -»Als sein Bruder in Gott? Gelt, ja? Und sonst aus keinem anderen -Grund!« Wieder lachte der Pfarrer. »Geh schlafen, lieber Bub! Die -Gefahr ist vorbei. Steig nur nit gar zu fleißig auf den Toten Mann! -Dir vergönn ich ein lebendiges Glück. Will auch helfen dazu, so gut -ich's versteh. Zwei Herrgötter sollen dich hüten, der deine und der -meine. Doppelt genäht hält allweil besser.« Der Pfarrer stapfte durch -den Schnee zur Straße zurück. Als er das Gesicht wandte, sah er keine -Gestalt mehr, nur noch den unbeweglichen Menschenschatten. - - - - -Kapitel III - - -In den Schneekrystallen funkelte der Mondschein mit farbigen Blitzen. - -Lewitter stellte keine Frage, als der Pfarrer wieder an seiner Seite -war. Wortlos wanderten die beiden gegen den Markt hinüber und kamen an -einem neuen, zierlichen Bau vorbei, der hinter hoher Mauer in einem -Garten stand. Ein feiner, zirpender Spinettklang war zu vernehmen. -»Hörst du?« flüsterte Pfarrer Ludwig. »Die Allergnädigste ist noch -munter.« - -Simeon schwieg. - -Als sie an der Mauer vorüber waren, murrte der Pfarrer: »Hast -du beim Tor die frischen Fußstapfen im Schnee gesehen? Süße -Mitternachtsfährten! Und der Allergnädigste trägt die Unkosten. -_Maîtresse en titre_ heißen sie das in der fürnehmen Welt. Es gibt -keine Ferkelei, für die man jetzt nit einen parisischen Namen findet, -der allen Lebensdreck in eine höfische Fineß verwandelt. Wer's -von den Herren nit mitmacht, glaubt nit Fürst zu sein. Er wär ein -Minderwertiger unter seinen Standesbrüdern, wenn er dem französischen -Hof nit alles nachschustert: die Sittenverderbnis, das Schuldenmachen, -die Karossen und Läufer, die Peruckenfasnacht, die gestutzte Gärtnerei, -den ganzen Jägerschwindel _à la mode_ und das >Große Jagen< auf die -haufenweis zusammengehetzte Kreatur -- Mensch oder Vieh!« Der Pfarrer -verstummte nicht, obwohl ihn Simeon beschwichtigend am Mantel zupfte. -»Ach, Bruder, die Zeit ist ein übles Kehrichtfaß voll Heuchelei und -Sinnenbrodel, voll Grausamkeit und verwesenden Dingen. Man sollt die -ganze Schweinerei verbrennen, um aus der Asche was Neues wachsen zu -lassen. Ob der Mann schon geboren ist, der das fertig bringt auf dem -deutschen Acker?« - -Lewitter atmete auf, weil der andere schwieg, und machte flinkere -Schritte. - -Ein bißchen lachend, zürnte der Pfarrer: »Allweil bist du wie eine -Maus. So scheu, so flink, so lautlos.« - -Simeons Stimme war wie ein Hauch. »Der Schnee verschärft jeden Laut. -Und wie stiller eine Mauer ist, um so offener sind ihre Ohren.« - -»Recht hast du! Siebzig Jahr! Und noch allweil bin ich der gleiche -Hammelskopf, der sich die Hörner nit abgestoßen hat.« - -Sie gingen in der Marktgasse schweigend an der Häuserzeile entlang, -die im schwarzen Mondschatten lag. Außerhalb des Dunkels funkelte der -Schnee im bleichen Licht, und die weißen Mauern der anderen Häuserseite -sahen unter den dicken Winterkappen aus wie blasse Riesengesichter mit -vielen finsteren Augen. Bei der Gasse, wo die Wege der beiden sich -schieden, reichten sie einander die Hände. Jeder flüsterte die zwei -gleichen Worte: »Mensch bleiben!« Dann der Pfarrer: »Das wird mich nit -schlafen lassen heut.« - -»Die Sorg um den Niklaus?« - -»Auch. Und was du uns fürgelesen hast.« - -Nun lächelte Lewitter. »Du hast doch gesagt, dich rührt's nit an.« - -»Ob das allweil so ist? Bei den neuen, tiefen Gedanken? Es ist wie -ein Funken, den man nit fallen spürt in sich. Und gählings wärmt er -und wird ein Feuer, das leuchtet! -- Ich will mir's heut in der Nacht -noch aufschreiben. Guten Morgen, mein Simmi!« Lautlos ging der Pfarrer -durch den funkelnden Schnee davon. Lewitter zappelte in die enge Gasse -hinein, in der nur die Giebel noch Mondschein hatten. Nun schrak das -Männchen heftig zusammen, weil es auf der Steinschwelle seiner Haustür -ein zusammengekrümmtes Mannsbild sitzen sah. »Wer bist du? Gelobt sei -Jesus Christus und die heilige Mutter Maria!« - -Der junge Bauer antwortete, vor Frost mit den Zähnen schnatternd: »Von -nun an bis in Ewigkeit, Amen! Der Christl Haynacher bin ich.« - -Lewitter schien aufzuatmen. »Kommst du wegen deines Weibes?« - -»Wohl, Herr! Tut mir die Lieb und kommt zu meiner Martle! Ich bin beim -Feldscheer gewesen. Der hat nit raus mögen aus dem warmen Bett. Aber -das Weibl kreistet, es ist zum Erbarmen.« - -»Ich komme gleich.« Als Lewitter sich gegen die Schwelle wandte, pfiff -er leis, und die Tür öffnete sich. Er trat in einen finsteren Flur, -in dem ein angenehmer Duft war, wie gemischt aus den Gerüchen einer -Apotheke und eines Gewürzlagers. Hinter ihm wurde die Tür verriegelt. -»Eil dich, Lena,« flüsterte Simeon in das Dunkel, »hol mir die braune -Tasch!« Während er über eine steile Stiege hinaufhastete, glänzte ein -matter Lichtschimmer im Hausflur. Vor einer Türe schob Lewitter die -Füße in zwei große Filzpantoffel, um den Schnee nicht hineinzutragen in -diese Stube, die das Heiligtum seines einsam gewordenen Lebens war. - -Ein großer Raum mit vielen Teppichen. Die zwei Fenster mit dicken -Innenläden verschlossen, durch Eisenstangen verwahrt. Von der Decke -hing eine alte Silberampel herunter, deren Licht von einer roten -Glastulpe umhüllt war. Zierliche Stühlchen und ein Tisch, an dem die -eingelegte Perlmutter wie Rubine funkelte. Allerlei Frauengerät, -Haubenstöcke und Kochgeschirr, ein Spinnrädchen und ein Garnhaspel, -ein kleiner Webstuhl und ein Gewürzmörser. An den Wänden waren hohe -Gestelle mit Spielzeug in solcher Menge angeräumt, daß die Stube fast -aussah wie ein Kramladen der Kinderfreude. - -Während Lewitter in dem roten Lampenlichte huschend umherging und -alles Nahe mit zärtlicher Hand berührte, brannte in seinen Augen eine -dürstende Sehnsucht. Sein Gesicht hatte die steinerne Glätte verloren -und war durchwühlt von einer schmerzenden Erschütterung. So oft er -diese Stube betrat, seit fünfzehn Jahren, immer war es so. Immer wurde -das Glück in ihm lebendig, das er verloren hatte, und immer mußte er -jener grauenvollen Stunde denken, in der er wie ein Irrsinniger an den -Leichen seines Weibes und seiner Kinder vorübergetaumelt war und unter -den Fäusten wahnwitziger Menschen geschrien hatte: »Ich glaube, ich -glaube, ich laß mich taufen!« - -Müd und zitternd, fiel er auf eines der kleinen Stühlchen hin, bedeckte -das Gesicht mit den Händen, saß unbeweglich und fuhr erschrocken auf, -wie geweckt und gerüttelt von einer Pflicht seines Lebens. Seufzend -ließ er die Augen hingleiten über das verstaubte Spielzeug, hatte -wieder das steinerne Gesicht, das geduldige Lächeln, murmelte ein -Segenswort seines unverlorenen Väterglaubens und verließ die Stube. Als -er die Treppe hinunterstieg, erlosch das Licht im Flur. »Hast du die -braune Tasch?« Er fühlte sie vor seinen Händen und trat in den Schnee -hinaus. »Komm, Christl!« - -»Der Himmel soll's Euch lohnen, guter Herr!« - -Simeon lächelte. »Heut sagst du: >Guter Herr!< Am Weihnachtsabend, -wie ich auf vereistem Weg an dich angestoßen bin, da hast du >Saujud< -gesagt.« - -Verlegen stammelte der junge Bauer: »Ein Mensch im Ärger ist dumm. Mein -armes Weibl wird's nit entgelten müssen. Selbigsmal, am heiligen Abend, -hab ich einen schiechen Verdruß hinunterschlucken müssen. Ein Mensch, -der Unrecht leidet, wird allweil ein Lümmel.« - -Die beiden überschritten den Marktplatz, um hinunterzuwandern ins Tal -der Ache. Das Bauernlehen des Haynacher lag da drunten, hinter der -Saline Frauenreuth. Vor dem Tor des Stiftes sprang ihnen die Schildwach -entgegen. Die beiden mußten ihre Namen nennen, ehe sie weiter durften. -Der junge Bauer, ärgerlich über den Aufenthalt, knirschte zornig vor -sich hin: »Gescheiter, er tät den Unsichtbaren nachspringen, eh daß er -einem Gutgläubigen den Weg verstellt. Wie ich heraufgelaufen bin, ist -überall die Nacht lebendig gewesen. Die im Stift da droben haben noch -allweil blinde Augen.« - -»Die brauchst du ihnen nit zu öffnen, Christl! Sag mir lieber, was ist -mit deinem Weib? An Weihnachten hab ich gesehen, daß sie gesegnet ist. -Wär's an der Zeit mit ihr? Hat dich die Hebmutter geschickt?« - -Der junge Bauer schüttelte den Kopf. »Ich bin selber gelaufen, aber ich -weiß nimmer, was das ist. Die Hasenknopfin --« - -Lewitter wiederholte rasch: »Die Hasenknopfin?« - -Zögernd sagte der junge Bauer: »Wohl! Die Hebmutter von Unterstein.« - -»Dein Lehen gehört zum Markt. Warum mußt du die Hebmutter von -Unterstein haben?« - -»Die vom Markt,« erwiderte Christl scheu, »die mag mein Weib nit. Es -ist ein Kreuz, Herr!« - -Mehr brauchte Simeon nicht zu hören. Nun wußte er, daß die Haynacherin -eine Unsichtbare war, die ihren Leib von einer katholischen Wehmutter -nicht berühren ließ. »Dein Weib muß leiden?« - -»Heut nach der zehnten Stund, da hat sie zu schreien angehoben und ist -wie unsinnig gewesen.« - -»Ein natürlich Ding, Christl!« - -Wieder schüttelte der junge Haynacher den Kopf. »Vor anderthalb Jahren -hat mir meine Martle ein Bübl geboren. Sie sagt, da wär's anders -gewesen. Und die Hasenknopfin kennt sich nimmer aus. Sie meint, es wär -schon drei Wochen über die Zeit. In mir ist eine Angst --« - -»Die Hasenknopfin wird falsch gerechnet haben. Hast du Feuer daheim?« - -»Der Ofen ist warm, der Herd ist kalt.« - -»So spring voraus, mach Feuer auf dem Herd, daß du kochendes Wasser -hast, bis ich komme.« - -Der Bauer fing zu rennen an, daß ihm der schnellste Läufer des -Fürstpropstes nicht nachgekommen wäre. Diese straffe, gesunde Gestalt, -die noch was Jünglingshaftes hatte, schien Sehnen von Stahl zu -besitzen. Der graue Lodenmantel wehte dem Christl vom Halse weg, und -das harte Gesicht mit dem kurzen Braunbart war nach vorne gestreckt. -So rannte er durch den Mondschein wie ein vom Tod Gehetzter. Der -gutgläubige Christl Haynacher mußte seine Martle, obwohl sie eine -Unsichtbare war, von Herzen lieb haben. Er rannte keuchend durch die -Dampfwolken, die das Frauenreuther Salinenhaus umdunsteten. Über eine -Holzbrücke hinüber, durch ein kleines Gärtl und in das niedere Haus. -»Tu dich getrösten, Martle!« rief er atemlos in die Schlafkammer, in -der das stöhnende Weib die Hände nach ihm streckte. »Gleich kommt der -Jud. Der ist geschickter als der Feldscheer. Jetzt muß ich zum Herd. -Der Jud will haben, daß ich Wasser sied.« Er sprang zur Küche. - -Bei allen Schmerzen wurde das junge Weib von der Sorge geplagt, daß der -Mann eine falsche Pfanne nehmen könnte. Angstvoll schrie sie ihm nach: -»Nit das neue Kupferpfändl. Das müssen wir aufheben fürs Kind. Nimm den -alten Blechhafen!« - -Christl dachte: >Sie sieht nit, was ich nimm.< Er haßte das kommende -Kind, das sein Weib so schreien machte in Schmerzen, und für seine -Martle war ihm die neue Kupferpfanne gerade gut genug. Wär' eine -silberne im Haus gewesen, der Christl hätte sie genommen. Eine Minute, -und das Feuer züngelte auf dem offenen Herd, die Kupferpfanne hing -darüber und rauchte. Jetzt konnte Christl zum Bett seines Weibes -springen. Am Türpfosten zwischen den beiden Wohnräumen hing eine -qualmende Specklampe und beleuchtete die Stube und die Kammer. In der -Stube stand neben dem warmen Feuersteinofen die Wiege, in der das -Bübchen schlief; es hatte rote Wangen und schien den braunen Krausbart -des Vaters als Perücke zu tragen. Christl warf einen zärtlichen Blick -auf das kleine Bürschl, das er jetzt doppelt lieb hatte, weil es vor -seinem ersten Tag die Mutter nicht so grausam geplagt hatte, wie dieses -neue kommende Leidwesen, das er haßte. Als er hineinsprang in die -kleine Kammer, die nicht viel größer war als das plumpe Doppelbett, kam -er gerade recht, um dem jungen Weib, das sich in Schmerzen wand, die -verkrampften Hände zu lösen. Seine Nähe schien sie ruhiger zu machen. -Er lag vor dem Bett auf den Knien, und Martle, ihre Pein verbeißend, -umklammerte seine braunen Fäuste. Ihr hübsches Gesicht war entstellt, -und das wirre Blondhaar hing um die von Schweiß überglitzerten Wangen. -Kaum verständlich stöhnte sie: »Mann, ach Mann, ich tu nit gebären, ich -glaub, daß ich sterben muß.« - -Er bettelte: »Herzweibl, magst du nit ein bißl christliche Besinnung -haben? Magst du nit einen frommen Notschrei tun zu den vierzehn ewigen -Helfern?« - -Heftig wehrte das Weib: »Sterben, wenn's sein muß. Nit lügen! Täten -die Soldaten Gottes kommen, jetzt tät ich es sagen, daß ich eine -Unsichtbare bin.« - -Er klagte in Gram und Zorn: »Der Himmel tut dich büßen. Not und Elend -will kommen über uns, weil du weit bist von meinem Herrgott und dich -versündigst am rechten Glauben.« - -»Elend und Not kommt über mich, weil du fern bist von meiner Seligkeit. -Du bist so weit von mir -- schier sehen dich meine Augen nimmer.« Nach -diesen Worten ein gellender Schrei ihrer Qual. - -Nicht dieser Schrei erschütterte ihn. Was ihm das Herz bedrückte, war -der Blick der Liebe, der nach ihm dürstete aus ihren verstörten Augen. -Wie ein Wahnwitziger keuchte er: »Schick mich den Höllenweg! Ich tu's, -Martle, nur daß ich dich nimmer leiden seh! Soll ich dir einen holen -von den Deinigen? Daß er dich tröstet?« - -Sie zog seine Hände an ihren Hals. »Mein Vater und meine Mutter haben -mich verlassen, haben mich verstoßen. Von den anderen, die meine -Geschwister sind in Gott, därf ich keinen beim Namen nennen. Magst du -mir was zulieb tun, so hol mir mein Paradiesgärtl und tu mir's unter -das Kissen legen. Dann ist mir leichter.« - -Christl sagte wie ein Gefesselter: »Ich tu mich versündigen für alle -Ewigkeit. Wo hast du das Büchl?« - -Sie spähte gegen die Stubentür und lauschte. Dann zog sie ihn an -sich und flüsterte an seinem Ohr: »In der Milchkammer steht die -Kleienkist. Tief mußt du unter die Klei hinuntergreifen. Ganz unten ist -das Mehlsäckel versteckt. Im Mehl, da findest du einen Pack. Sieben -Lodenfleck sind drumgewickelt.« Ihre Augen begannen zu glänzen. »Da -drinnen ist das heilige Büchl.« - -»Martle, ich muß es bringen.« Er sah ihr in die glücklichen Augen. So -hatte sie ihn angesehen vor drei Jahren, am Hochzeitstag, als er nach -dem Kirchenritt die junge Frau heruntergehoben hatte vom rotgesattelten -Brautschimmel. Und während er hinaustaumelte durch die Stube, raunte -er wie ein Verzweifelter: »Im Mehlsäckl! Jetzt hat sie's im Mehlsäckl. -Und hundertmal hab ich das ganze Haus schon ausgesucht nach dem -gottverfluchten Teufelsgut!« - -Als er das Buch -- das evangelische Paradiesgärtlein des Johann Arndt --- gefunden und aus den mehligen Lappen herausgewickelt hatte, mußte -er draufspeien in seinem frommen Christenzorn. Erschrocken wischte er -den Speichel wieder fort und hatte, als er in die Schlafkammer trat und -sein Weib in Freude die Hände strecken sah, das quälende Gefühl: daß -er nicht hätte beschimpfen sollen, was seinem Weibe heilig war. Sie -selber schob das Buch unter das vom Schweiß ihrer Schmerzen durchnäßte -Kissen. Nun streckte sie sich aus, faltete die Hände und sprach mit -lächelnder Innigkeit die leisen Worte: »Vergeltsgott, du Lieber! So -viel wohl ist mir jetzt. Gott verlaßt die Seinen nit, die zu ihm stehen -in Treu und Redlichkeit.« Während Christl stumm sein lächelndes Weib -betrachtete, als geschähe an ihr ein Wunder, klang ein hartes Pochen -durch das stille Haus: Lewitter klopfte an der Schwelle den Schnee von -den Schuhen. In Freude stammelte der junge Bauer: »Martle! Die Hilf ist -da!« Er rannte in den Flur und wollte fast verzweifeln, weil Lewitter -so lange brauchte, um sich aus dem Pelz herauszuschälen und auf dem -Herd die Hände in heißem Wasser zu waschen. - -Mit der braunen Tasche ging Simeon in die Kammer und zündete, während -er freundlich zu der Leidenden redete, eine hellbrennende Kerze an. -Dann schloß er die Türe. Christl mußte in der Stube bleiben. In -qualvoller Erwartung saß er auf der Ofenbank. Um einen Trost für sein -hämmerndes Herz zu haben, nahm er sein Büberl aus der Wiege und sang -mit erwürgter Stimme ein Schlummerlied, obwohl der Kleine aus dem -festen Kinderschlafe gar nicht erwacht war. Zwischen den Strophen des -Liedes stammelte er seine Stoßgebete, immer eines, mit dem er die -Heiligen um Hilfe anbettelte für sein leidendes Weib, dann eines, mit -dem er Gott um Verzeihung bat für die Todsünde, die er durch Förderung -der Gottwidrigkeit einer Unsichtbaren begangen hatte. Da öffnete -Lewitter die Kammertür. Er schien erregt zu sein. »Ich hab deinem -Weib was geben können, was die Schmerzen lindert. Aber man muß die -Hasenknopfin holen. Allein möcht ich auch nit bleiben. Kannst du nit -einen Nachbar drum anreden, daß er zur Wehmutter geht?« - -»Wohl!« Christl preßte die Wange an das schlafheiße Gesicht seines -Bübchens und legte das Kind in die Wiege. »Ich spring, was ich springen -kann.« Durch den Schnee und über den Zaun hinüber. In dem Haus, an dem -er pochte, wollte niemand erwachen. Oder war niemand daheim? Waren das -*auch* solche, die sich unsichtbar machen in der Schneenacht? Über die -Straße zum nächsten Haus. Hier wurde der alte Bauer wach und murrte -in der Fensterluke: »Aus dem Markt will ich die Hebmutter holen. Der -Hasenknopfin geh ich nit ums Leben ins Haus.« - -»Jesus, Jesus, ich brauch aber die Hasenknopfin.« - -»So mußt du selber nach Unterstein. Gelobt sei Jesus Christus und die -heilige Mutter Marie.« Der alte Bauer schloß das Fenster und sagte -in der Stube zu seinem Weib: »Jetzt muß der Haynacher auch nimmer -rechtgläubig sein. Er hat den Fegfeuergruß versagt.« Christl hatte der -gutkatholischen Antwort nur aus Schreck vergessen. Und während er sich -besann, zu welchem Haus er nun rennen sollte, sah er von der Saline her -einen Menschen durch die Mondhelle kommen. Im Schneelicht erkannte -Christl den Jäger Leupolt Raurisser, mit der Feuersteinflinte unter dem -Radmantel. »Jesus, Christbruder, was hast du für einen Weg?« - -»Zum Königssee.« - -»Gott sei Lob und Dank. Da mußt du durch Unterstein. Magst du nit der -Hasenknopfin ausrichten, sie soll zur Haynacherin kommen, gleich! Magst -du es tun?« - -»Gern, Bauer!« - -»Vergeltsgott tausendmal!« Das sagte Christl, während er schon -davonsprang. Dann fiel ihm ein, daß er den Ablaßgruß vergessen hatte. -Im Springen schrie er über die Schulter: »Gelobt sei Jesus Christus und -die heilige Mutter Marie!« - -Leupolt gab keine Antwort. Rasch, mit federnden Schritten, wanderte er -durch den Mondschein, aufwärts an der Ache. Der Schnee knirschte unter -seinen eisenbeschlagenen Schuhen. Als er den Wald erreichte, fuhr ein -Wildschweinrudel, das von den Untersteiner Sümpfen kam, an ihm vorüber -und brach mit Knacken und Rauschen durch den Wald. Nun kam er wieder -zu offenem Feld, kam zu den ersten Häusern von Unterstein. Das Haus -der Hasenknopfin lag mitten im Dorf, an der Straße. Leupolt pochte. -Es rührte sich was in der Stube, das Fenster wurde geöffnet, und eine -leise Mädchenstimme fragte: »Was willst du?« - -»Die Hasenknopfin soll zur Haynacherin kommen.« - -Ein mißtrauische Zögern. »Die Mutter ist auswärts.« - -»Ich will zu ihr hinlaufen. Wo ist sie?« - -Das Mädel schwieg, weil es den Jäger im dunklen Mondschatten nicht -erkannte. Da beugte Leupolt sich vor und flüsterte: »Es ist ein heilig -Ding. Ist deins und meins. Tu reden, Schwester!« - -»Die Mutter ist bei der Kripp, in der das heilige Kindl hat liegen -müssen.« - -Leupolt sprang über die Straße, hastete den verschneiten Wiesenhang -hinauf und erreichte den Wald. Im schwarzen Schatten unter den Bäumen -nahm er den Mantel ab, zog aus dem Bergsack ein weißes Leinenbündel -heraus, schlüpfte in das Schneekleid der Unsichtbaren und verwahrte -den Sack, das Hütl und die Flinte in den Stauden. Durch den Wald -emporsteigend, kam er zu einer Lichtung. Zwischen den letzten Bäumen -vernahm er das Schnalzen eines Eichhörnchens -- das Wächterzeichen. -Leupolt antwortete mit dem gleichen Laut. Wie hier, so war es in -dieser weißen Nacht an vielen Orten des Berchtesgadnischen Landes, auf -der Gern, zu Bischofswiesen und Ilsank, auf dem Toten Mann, in der -Ramsau, am Taubensee und auf dem Schwarzeneck. Überall wanderten die -Unsichtbaren, um Gottes Wort zu hören. - -Die geschulte Jägerei des Stiftes zählte in ihren Bezirken jedes -hauende Schwein, jeden jagdbaren Hirsch und jede Gemse. Doch unter -den fürstpröpstlichen Jägern wußte nur Leupolt Raurisser, wie viele -Eichhörnchen in den Berchtesgadnischen Wäldern schnalzten. - - - - -Kapitel IV - - -Auf der Waldlichtung lag ein Bauerngehöfte, still, mit schwarzen -Balkenmauern unter dem weißen Schnee. Kein Laut, keine Spur von Leben. -Viele Schrittfährten waren durch den frischgefallenen Schnee getreten, -gegen das Gehöfte hin. Leupolt klopfte an der Haustür, dreimal und -einmal. Die Tür wurde lautlos aufgetan; eine Hand faßte im finstern -Flur den Jäger am Arm und zog ihn durch ein enges Gängelchen. Warmer -Stallgeruch quoll ihm entgegen, und als er die feuchte Holztür öffnete, -war ihm ein Dunst vor den Augen, als träte er in eine Waschküche -mit dampfendem Kessel. Das matte Licht einer trüben Laterne. Damit -auch von dieser schwachen Helle kein Schimmer hinausfiele ins Freie, -waren die zwei kleinen Fenster dick angestopft mit Heu. Die Hennen -glucksten leise in ihrer Steige, zwei Ferkelchen quieksten in einer -Bretterkiste, und drei Kühe und zwei Kälber, die enggedrängt an der -Futterkrippe standen, rasselten mit ihren Ketten, drehten die Köpfe -hin und her und schnaubten. Aller übrige Raum des Stalles war Schulter -an Schulter angefüllt mit Leuten, die entlang der Mauer standen oder -auf Strohgarben saßen. Alle waren in das gleiche weiße Schneekleid -eingehüllt, wie es Leupolt trug, alle hatten die Kapuzen mit den -dunklen Augenlöchern über den Köpfen. Inmitten des heiß atmenden -Menschenknäuels saß auf dem Melkschemel eine gebeugte Mannsgestalt, -unter deren Kapuze ein weißgrauer Bart herausquoll. Das war der -Fürsager, der Älteste der versammelten Gemeinde, die noch nie einen -Prediger ihres Glaubens gehört hatte. Auf den Knien hielt der Alte -das heilige Buch, das der Erwecker ihrer Seelen war, die Quelle ihrer -Sehnsucht und die Stillung ihres Zweifels. - -Bei Leupolts Eintritt war Schweigen im Stall. Nur die Raschelgeräusche -der Tiere. Und alle dunklen Augenlöcher der weißen Kapuzen drehten sich -gegen den Jäger hin. »'s Gotts Willkommen!« grüßte der Fürsager, als -die Tür wieder geschlossen war. »Bringst du Botschaft, Bruder?« - -Leupolt erhob die Hand. »Ist eine unter euch, die man nötig hat -zwischen Wehbett und Wieg? Sie muß zur Schwester Martle kommen, gleich.« - -Von den weißen Gestalten erhob sich eine, küßte fromm das heilige -Buch, das der Fürsager auf den Knien liegen hatte, und verließ den -Stall. Wieder das Schweigen, bis die Tür sich geschlossen hatte. Dann -sagte der Alte mit seiner sanften Stimme: »Ein Kindl will eintreten -ins Elend der Zeit. Lasset uns hoffen, daß ihm der Heiland den rechten -Lebenstrost hineinhaucht ins auflebende Herzl.« Alle Köpfe senkten -sich, jedes Händepaar klammerte sich vor der Brust ineinander. »Jetzt -redet weiter, Leut! Wer ein Unrecht erfahren hat, soll's fürbringen vor -dem heiligen Buch. Wissen, daß wir alle leiden müssen ums Himmelreich, -das kräftet die Wehleider und die Schwachmütigen!« - -Einer, mit heißer Erbitterung in der Stimme, rief aus dem Kreis heraus: -»Weil ich verdächtig bin und bei einer gutkatholischen Näherin ein -Hemmed hab nähen lassen, bin ich gestraft worden um vier Gulden, därf -kein Hemmed mehr am Leib haben und muß nackig unter dem Kittel gehen.« - -Ein Weib knirschte zwischen den Zähnen: »Ich bin ums Betläuten in -der Kuch gesessen und hab Butter gerührt. Da braucht man zwei Händ -dazu. Ein Musketier ist gekommen: >Weibsbild, warum hast du nit den -Rosenkranz in der Hand?< Ich sag: >Weil ich bloß zwei Händ hab, nit -drei.< Da hat er mich viermal ins Gesicht geschlagen. Der Unchrist!« - -Mühsam erhob sich ein alter Mann: »Mich hat einer angezeigt, ich weiß -nit wegen was. Man hat mich ins Loch geschmissen, daß ich nimmer Sonn -und Mond gesehen hab. Am neunten Morgen haben sie mich auslassen. -Und wie ich gefragt hab, was ich verbrochen hätt, da hat mich der -Bußknecht aus dem Stiftshof hinausgestoßen und hat mir nachgebrüllt: Du -Schafskopf, bist du neugieriger, als *wir* sind?« - -Mit Tränen in der Stimme sagte eine Frau, die Wittib war: »Am Sonntag -hat meine Kuh gekälbert. Drum hab ich die Predigt versäumen müssen. -Das hat fünf Gulden gekostet. Sieben Kreuzer sind mir auf Brot für die -Kinder geblieben.« - -»Mein Nachbar,« sagte einer, »hat dem Pfleger verraten, ich hätt das -evangelische Paradiesgärtl bei mir versteckt. Die Soldaten haben -umgewühlt in meinem Haus wie die Säu. Einer hat gemeint, ich könnt das -Buch unter dem Fußboden haben, und da hat der Schweinkerl in meiner -sauberen Stub sein Wasser abgeschlagen, daß es hineingeronnen ist in -die Bretterklumsen. Wär das heilige Büchl da versteckt gewesen, so hätt -ich dreinschlagen müssen in meinem Zorn und wär ins Eisen gekommen.« - -Eine gellende Mädchenstimme, die sich anhörte wie der Aufschrei einer -Fieberkranken: »Sie haben in der Weihnächtswoch den Schaitbergischen -Sendbrief in meinem Bett gefunden. Bis gestern bin ich im Bußloch -gelegen.« Mit zuckenden Händen riß das Mädel am Hals den Latz -des Mieders auseinander, daß man die blutunterlaufenen Male der -Faustschläge sehen konnte. »Leut! Schauet mein junges Brüstl an! So -haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet.« - -Unter der zornknirschenden Bewegung, die über die weißverhüllten Köpfe -hinging, bedeckte der Fürsager mit dem heiligen Buch die mißhandelte -Blöße des Mädchens. »Im hohen Lied des Königs Salomo steht: Wie schön -sind deine Brüstlen, sie sind wie Elfenbein! -- Tu nit schreien, -liebe Schwester! Augen, die aufschauen zum Heiland, müssen sein wie -Taubenaugen!« Er ging zurück zu seinem Schemel. »Wer muß noch klagen?« - -Schrillend rief eine Stimme. »Wär's noch allweil nit genug? Gibt's -keinen Helfer auf Erden? Hilft da der deutsche Kaiser nit?« - -Ein hartes Mannslachen. »Die Salzburger haben Hilf gesucht beim Kaiser. -Da hat er dem Bischof wider die Evangelischen sechstausend Soldaten als -Helfer geschickt.« - -Wieder jene gellende Mädchenstimme: »Du Kaiser im Untersberg! Steh auf! -Laß deinen Bart nit länger wachsen! Ist lang genug! Steh auf und hilf! -Es ist so weit, daß die deutsche Welt verzweifelt.« - -»Schwester, tu nit die Ruh verlieren!« mahnte der Fürsager. »Uns helfen -die Fürsten nit, uns hilft nit das alte Märlein von der guten Zeit, -die im Untersberg versunken ist. Uns hilft nur Einer. Der hat mir ein -gutes Sprüchl eingegeben: - - Ich trau auf Jesu Huld, - So wird sich's finden. - Stillhalten und Geduld - Kann alls verwinden.« - -Da konnte Leupolt nicht länger schweigen. »Fürsager, du redest, wie's -den Müden um die Seel ist. Wir Jungen spüren es anders. Geduld ist -ein heiligs Wörtl. Aber Stillhalten ist ein unmännliches Ding. Mit -Stillhalten findet kein Menschenfuß zu gutem Weg, mit Stillhalten -geht der beste Wagen nit fürwärts, mit Stillhalten bringen wir die -unsichtbare Kirch der Freiheit nit entgegen. Es muß einmal ein End -haben mit dem Ducken und Schweigen, das dem Glauben an Gottes Wahrheit -zuwider ist.« Viele Stimmen, mit Beifall oder Abwehr, fuhren ihm in die -Rede. Er reckte sich im weißen Schneekleid, und immer wärmer klangen -seine Worte: »Leut! Mit unserem mutigen Glauben ist die mutlose Furcht -gemenget, wie im Müllersieb das Mehl mit den Kleien. Muß nit bald der -Schüttler kommen, daß die Kleien im Sieb bleiben und das Mehl in den -Kasten fallt? Hat nit jeder von uns Unsichtbaren schon gespürt in -seiner Seel, daß er Unrecht tut? Den Rosenkranz um die Hand wickeln, -die Faust in den Weihbrunnkessel tunken, unredlich im Beichtstuhl -reden, sich begnügen mit Christi Leib und sein heilig Blut entbehren, -niederfallen vor einem hölzernen Bildstöckl, das uns nit heilig ist -- -alles, was wir tun, um die Seel vor Musketier und Kaplan zu verstecken --- ist das ehrlich und evangelisch, Leut? Ich mag da nimmer mittun. -Ich bin dafür, daß sich die Unsichtbaren sichtbar machen. Die Wahrheit -ist ein grüner Stecken, an dem ein jeder sich aufrichten kann. Und in -der letzten Neumondnacht hat uns der Fürsager auf dem Toten Mann das -Heilandswort gelesen: Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will -ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.« - -Tiefe Erregung erfaßte die Herzen der anderen. Unter lärmendem -Wortgewirre drängten alle Weißverhüllten gegen den einen hin, der so -geredet hatte. - -»Es ist nit so, daß ich euch was einreden möcht,« sprach Leupolt -weiter, »ich sag halt, was ich mir denk. Ich kann's nimmer mitmachen. -Jetzt geht es ins vierte Jahr, daß die Unsichtbaren leiden unter der -Seelenprob, die der römische Bischof Benedikt erfunden hat. Grüßen muß -man: Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie! Und sagen -muß man drauf: Von nun an bis in Ewigkeit Amen.« - -Einer lachte zornig: »Jesus Christus, die Heilandsmutter und das ewige -Leben? Sind das nit heilige Wörtlen? Warum soll man söllene Wörtlen nit -sagen können?« - -»Weil der römische Bischof einen Sündenablaß auf seinen -Scheidwassergruß gesetzt hat: daß jeder, der so grüßt, um 30 Wochen -früher aus dem Fegfeuer käm! Das geht wider unseren Glauben. Ein -Fegfeuer gibt's nit. Jeder von uns, der so grüßt, befleckt seine -redliche Seel mit einer gottswidrigen Lug. Und es ist nit das allein. -Der Gruß ist ein Grausen worden für jeden Rechtschaffenen. Das ist -ein Gruß, der Tag für Tag geschändt und verschumpfen wird. Kommt ein -Kartenbruder ins Leuthaus: Gelobt sei Jesus Christus! Jeder Besoffene -hebt seinen Krug mit dem Wörtl: Gelobt sei Jesus Christus! Packt ein -Schmierfink ein Mädel bei der Kittelfalten, so tut er's mit Gelobt sei -Jesus Christus!« - -Jene gellende Mädchenstimme: »Jedes Blutmal auf meinem Brüstl ist ein -Gelobt sei Jesuchrist gewesen!« - -In dem schweratmenden Schweigen, das diesem Zornschrei eines -gemarterten Lebens folgte, sprach der Jäger mit ernster Ruhe: »Schon -seit dem Sommer hat das Gewissen in mir geredet. Ich kann nimmer lügen. -Es geht mir gegen den Herzfrieden. Soll's kommen, wie's mag. Glück -oder Elend, von heut an will ich den Gruß nimmer sagen, und grüßt mich -einer, so geb ich die Antwort nit.« Leupolt legte die rechte Hand auf -das heilige Buch. »Ich tu's geloben.« - -Viele weiße Arme streckten sich nach ihm. Ein Verhüllter schrie -dazwischen: »Nit, nit, ums Himmels willen, ihr Leut! So haben's vor -dritthalb Jahr die Salzburger angehoben. Dreißigtausend hat der Bischof -aus seinem Ländl hinausgeschmissen. Das beste Höfl, das drei, vier -Tausend wert ist, hat man aufgeschrieben mit fünf, sechs Hundert, eine -milchende Kuh mit vierthalb Gulden, ein jähriges Kalb mit 40 Kreuzer. -So hat man die evangelischen Wanderleut betrogen um Gut und Blut, hat -zwischen Mann und Weib eine Mauer geschoben, hat dem Vater oder der -Mutter die Kinder von der Seel gerissen!« Mit beiden Fäusten packte der -Aufgeregte seine Brust. »Mein gutes Weibl ist römisch blieben, man tät -mir die Kinder nehmen. Die laß ich nit. Mein Haus und Acker ist mir -als wie mein Herzfleck. Müßt ich hinunter zum luthrischen Sand und tät -keinen Berg mehr sehen, ich wüßt nimmer, wie ich noch schnaufen könnt. -Es geht nit, Leut! Fürsichtig bleiben ist besser.« - -Leupolt legte ihm die Hand auf die Schulter. »Meinst du, das wär -schlechter: sich aufrecken zur Redlichkeit?« - -»Tu mich auslassen!« Der Erregte schüttelte in Zorn die Hand des -anderen von sich ab. »Hast du Weib und Kind? Hast du Acker und Haus? -Wieviel verlierst denn du mit der Redlichkeit? Bist du ein Naderer[A], -der die Fürsichtigen verhetzen will?« Manche von den Unsichtbaren -hatten den Leupolt Raurisser an der Stimme erkannt. Sie schalten den -aufgeregten Widersacher um des bösen Wortes willen. Aber andere, die -nicht wußten, daß es der Leupolt war, wurden mißtrauisch: »Was bist -denn du für einer? Wer reden will wie du, muß sichtbar sein!« - -[A] Polizeispion. - -Leupolt streifte die weiße Kapuze über den Scheitel zurück: »Meine -Brüder im Heiland! Arg evangelisch habt ihr jetzt nit geredt. -Evangelisch sein, heißt glauben und trauen.« - -Jetzt schrien ihm alle freudig zu. Und die Jungen, ob Buben oder -Mädchen, zerrten die weißen Kappen von ihren Köpfen und zeigten die -erhitzten Gesichter mit den blitzenden Augen. Was der Leupolt tat, das -konnte man nachmachen ohne Sorge. Auch der Aufgeregte wurde ruhiger. Er -enthüllte wohl die Augen nicht, streckte aber dem Jäger die Hand hin -und sagte herzlich: »Tust du mir mein fürschnelles Wort verzeihen?« - -»Gern.« Leupolt faßte die Hand des anderen. »Jetzt - -weißt du, wer ich bin. Ich hab nit Haus und Acker, nit Weib und Kind, -nit Kälbl und Kuh. Aber Vater, Mutter und Brüder hab ich. Da wird eine -Mauer wachsen, die nimmer fallt. Was Berg und Heimat heißt, das ist -mir tiefer im Herzen als Blut und Leben.« Der Blick seiner glänzenden -Blauaugen irrte ins Leere. »Auch hat ein schönes Glück vor meiner Seel -gehangen. Das muß ich verlieren. Um der Wahrheit wegen, an die ich -glaub.« - -Noch tiefer als der Sinn dieser Worte griff der Klang seiner Stimme -in die Herzen der anderen. Ein schweres Schweigen. Dann mahnte der -Fürsager: »Was uns der Leupolt hat raten müssen, das reden wir heut nit -aus. Da muß man in der Neumondnacht auf dem Toten Mann die Alten hören. -Und jetzt zum Heimweg soll Einer reden, der's besser kann als ich.« -Er hob das Buch in die trübe Laternenhelle und las in seiner sanften -langsamen Art die Worte der Bergpredigt. Alle Köpfe waren geneigt, jede -Seele lauschte in dürstender Sehnsucht. Die Hennen glucksten in der -Gattersteige, die Kühe schnaubten an der Krippe und rasselten mit den -Ketten. Dann fingen die Sichtbaren und die Unsichtbaren mit versunkenen -Stimmen zu singen an: - - »Ein feste Burg ist unser Gott, - Ein gute Wehr und Waffen --« - -Als das Lied zu Ende war, griff der Fürsager in ein Faß, das an der -Mauer stand, schöpfte mit der Hand von dem roten Viehsalz und hob es -den Schweigenden hin. »Zum Zeichen, daß wir alle eines Herzens und -Glaubens sind.« Eines ums andere tauchte den an der Zunge benetzten -Finger in das Salz und nahm die bitteren Körner zwischen die Lippen. -»Bleibet beständig und befehlt euer Leidwesen dem gütigen Heiland! Geht -heim und seid mit der Zeit zufrieden, wie sie ist. Es wird noch ärger -kommen.« Wer das Salz gekostet hatte, verließ den Stall. Eine von den -Kühen brüllte der frischen Luft entgegen, die hereinwehte durch die -offene Tür. - -Als Leupolt vom Waldsaum über das weiße Gehäng hinuntersprang -zur Straße, trug er wieder das dunkle Jägerkleid und hatte die -Feuersteinflinte unter dem gespreizten Radmäntelchen. Hastig schritt er -neben der rauschenden Ache hin, deren Wasser heraussprudelte aus dem -gefrorenen Königssee. - -Das beschneite Eis der Seefläche war von Sprüngen durchzogen, und -immer, wenn eine von diesen Frageln weitersprang, war ein schwebender -Ton zu hören, als hätte man an eine große Glocke geschlagen. - -Aus dem Dunkel einer Schiffhütte holte Leupolt den Beinschlitten -heraus, stellte sich auf das Brett und begann mit dem langen -Stachelstock den Schlitten zu treiben. Eine sausende Fahrt, vorüber an -der Insel Christlieger, dann in den Schatten der Falkensteiner Wand -hinein. Hier hatte das Eis nur wenige Risse, und sie waren so schmal, -daß der sausende Schlitten drüber wegsprang wie über eine ungefährliche -Schnur. Nun aus dem Schatten wieder hinaus in das funkelnde Mondlicht, -hinein in den ruhelos klingenden Weitsee. Und da wurde die Fahrt immer -langsamer. Jetzt stand der Schlitten, und die schlanke Gestalt des -Jägers blieb unbeweglich. - -Was da schimmernd vor seinen Augen lag, das hatte er schon hundertmal -gesehen, aber noch nie so zauberschön wie in dieser klaren Mondnacht. -Oder steigerte ihm das eigene Denken und Gefühl den Schönheitstraum -der Erde ins Überirdische? Während der Fahrt, bei der die scharfe -Zugluft seine Wangen wie mit spitzen Nadeln gestochen hatte, waren -ihm in Sinn und Seele zwei Gedanken gewesen, von denen der eine den -anderen peitschte: der Gedanke an das Sichtbarwerden der Unsichtbaren, -an das mutige Bekennen des verschleierten Glaubens -- und der Gedanke -an ein strengschönes, dunkeläugiges Mädchengesicht, um dessen Stirn -wie ein schweres Seilgeflecht die braunblonden Zöpfe lagen. Daß er ein -Unsichtbarer war, das wußte sie. Von ihrem Vater? Nein. Der Meister -Niklaus schwatzte nicht. Da muß es ihr wohl die Sus gesagt haben, die -im vergangenen Winter manchmal mit dem Meister im Schneekleid die -heilige Fürsagung besucht hatte. Jetzt kam sie nimmer. Weil auch der -Meister nimmer kam, seit Luisa wieder im Haus war. Gleich am ersten -Tag nach ihrer Heimkehr aus dem Kloster hatte Leupolt sie gesehen, -in der Marktgasse, und hatte immer an diese Augen denken müssen, die -nicht Mensch, nicht Mauer zu gewahren schienen, nur immer so heilig -ins Leere glänzten. Noch siebenmal war er an ihr vorübergegangen. Von -jeder Begegnung wußte er den Tag, die Stunde, und ob Sonnschein oder -trüb Wetter gewesen. Am Dreikönigstag, als sie mit der Sus von der -Kirche kam, hatte er das Hütl gezogen und hatte ihr's grad in die Augen -gesagt: »Du tust mir gefallen, ich bin dir gut, tätest du zürnen --« Er -hatte sagen wollen: Wenn ich werben möcht bei deinem Vater? Das hatte -sie ihn nimmer zu Ende reden lassen. Ihr Zornblick war ihm ins Herz -gegangen wie ein Messerstoß. - -Ihr Zorn? Warum dieser Zorn? »Hab ich's mit dem ersten redlichen Wörtl -unschickig angestellt?« Oder hat sie -- die jeden Morgen zur Messe -und oft zu ihrem Beichtiger ging -- schon damals gewußt, daß er ein -Bruder der Unsichtbaren war? Er herüben und sie da drüben, und zwischen -ihm und ihr ein Wasser ohne Steg! Eine, die meint, sie tät dem Himmel -gehören, wird nicht die liebe Hand nach einem strecken, von dem sie -glauben muß, er wär' verloren auf ewig. Mit harten Fäusten hatte er -sein Herz gepackt, hatte sich gezwungen, dieses Hoffnungslose in seinem -Blut zu ersticken. Und da war der Abend gekommen, an dem es der Vater -heimbrachte vom Pflegeramt: »Heut kommt der Muckenfüßl über den Meister -Niklaus; Gott soll's verhüten, daß der Meister verbotene Schriften -im Haus hat.« Weder die Mutter, noch der Vater hatte dem Leupolt -was angemerkt. Und aus der Kammer zum Fenster hinaus! Barmherziger -Herrgott, was für eine irrsinnige Sorgennacht war das gewesen, bis ihm -der Pfarrer die Angst vom Herzen herunternahm! Und immer, während der -ganzen sausenden Fahrt über die schwarzen Frageln, die wie Glocken -läuteten, immer hatte er Luisas Stimme gehört, hatte immer wieder das -Wort vernommen, das sie im Schneegewirbel zu ihm gesprochen: »Du bist -das Licht nit wert, es hilft dir lügen und macht dich anders, als du -bist!« Das hatte er nicht verstanden. Weil ihm die Ruhe fehlte, um zu -hören? Weil ihm die Angst um sie und ihren Vater die Sinne verstörte? -Oder weil er empfunden hatte, wie fern sie von ihm war? Auch noch an -seiner Brust? An der Brust des Unsichtbaren? Und wenn er sichtbar -wird, und Schimpf und Verfolgung, Buß und Schergen kommen über ihn? -Dann wird das Wasser zwischen ihm und ihr so tief sein, wie der -Königssee. Ob's nicht am besten wär', hinunterzusausen durch eine von -den Frageln, aus denen das schwarze Wasser herausquoll über den weißen -Schnee? Das war gedacht und schon verworfen als eine feige Sünde. »Wer -Gottes ist, muß leben und tragen, muß ein fester Stecken sein für die -Schwächeren! Es zählen die anderen, Mensch, nit du!« Und da war ihm, -als er herausglitt aus dem Schatten, diese silberfunkelnde, klingende -Erdenschönheit in die Seele gesprungen. - -Er stieg vom Schlitten, stemmte schräg den Stachelstock vor sich hin -und staunte stumm hinein in das flimmerweiße, läutende Mondnachtwunder. -Der weite Bogen der hohen Berge war durchwürfelt von Schimmerlicht -und tiefen Schatten. Fern, am Fuß der gleißenden Wände, lagen drei -schwarze Punkte im Weiß, die beschattete Kirche, der Jägerkobel und das -Herrenschlößl von St. Bartholomä. Dahinter stieg das leuchtende Märchen -empor. Zwischen den schillernden Eiskaskaden der in Tropfsteinformen -gefrorenen Sturzbäche lagen seltsam gezeichnete Schattengebilde, -bald wie schwarze Riesentiere, bald wie finstere Männerköpfe und -Frauengestalten. Droben in der höchsten Höhe mußte Föhnsturm wehen. -Wie silberne Bänder, wie duftige Schleier, wie weiße Mäntel, gesäumt -mit Regenbogenschimmer, flog der aufgewirbelte Staubschnee von den -Bergspitzen gegen den leuchtenden Himmel hinauf, an dem die Sterne wie -winzige Nadelspitzen glänzten und fast verschwanden neben dem Vollmond. -Der war anzusehen wie ein rundes Funkelfenster, in dem ein Mann und -ein Weib einander küßten mit unersättlicher Inbrunst. Ruhelos tönten -und sangen dazu mit tiefen und hohen Glockenstimmen die vielen Frageln, -die an hundert Stellen das vom schwellenden Seewasser emporgedrängte -Eis entzweirissen -- ein klingendes, dröhnendes Andachtsläuten der -Natur, die ihren Schöpfer lobte. »Herrgott im Himmel, wie mächtig und -groß bist du!« Diese Worte stammelnd, klammerte Leupolt die Fäuste -ineinander. Er betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer -nach Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, -bleibst du mein Heil und meines Herzens Trost!« So hatte in der letzten -Neumondnacht auf dem Toten Mann ein Salzburger gebetet, der aus dem -Brandenburgischen gekommen war und Botschaft brachte von den in -Ostpreußen angesiedelten Exulanten. Und der Salzburger hatte erzählt: -so hätte er den preußischen Königsprinzen Friedrich beten hören, der -ihnen Hand und Hilf geboten wie ein Bruder den Brüdern. - -Noch lange stand Leupolt unbeweglich im Schnee. Plötzlich quoll ihm -ein heißer Laut aus der Kehle. War's ein erwürgtes Schluchzen, oder -ein erstickter Schrei der Sehnsucht in seinem Blut? Nach einer Weile -das leise Wort: »Ach, Mädel, wie hab ich dich lieb! Wo ich hinschau, -überall bist du!« - -Ihm war im Schnee und im knirschenden Winterfrost so schwül, daß er an -der Brust seinen Jägerkittel aufreißen mußte. -- -- - --- Und um die gleiche Stunde, in einer von zwei Kerzen erhellten -weißen Stube, in deren Feuerloch die Kohlen noch glühten, fror ein -Schlafloser, daß ihm beim Schreiben die Zähne schnatterten. Der Pfarrer -Ludwig. - -Er hatte den Mantel um Hals und Brust geschlungen, daß unter dem -schwarzen Saum nur die Fingerspitzen mit der Kielfeder hervorguckten. -Leib und Beine waren noch in eine wollene Decke gewickelt. Die Feder -raschelte und spritzte ein bißchen, während sie in lateinischer Sprache -ein Buchstäbchen ums andere hinmalte auf das gelbliche Papier. Was -Pfarrer Ludwig in seinem Kirchenlatein vom Inhalt des hebräischen -Briefes, der sich in Asche verwandelt hatte, für seine einsamen -Stubenstunden festzuhalten versuchte, das hätte in deutscher Sprache -gelautet: - -»Alles Wissen und Geschehen muß dem Leben dienen, damit der Lebende -des ihm möglichen Glückes teilhaftig wird. Als Anfang mußt du erkennen, -Mensch, daß alles ein Einziges ist. Der Vater hat viele Kinder. Sie -kommen und gehen. Er ist der Einzige, der immer gewesen ist und immer -sein wird. Ob du Gott sagst oder Natur, Geist oder Körper, immer nennst -du das Gleiche. Das Ewige ist in sich geschlossen und muß vollkommen -sein. Da Gott nicht begehren kann, was er nicht schon hätte, kann er -ein Werdendes nicht wollen um eines neuen Zweckes willen. Alles ewig -Werdende ist ein ewig Gewesenes. Gott ist Bewegung und Ruhe, ewiges -Wirken und ewige Zufriedenheit. Das fühlst du, Mensch, wie ein Tropfen -fühlt, daß er ein Teil des Meeres ist. In jedem Körper ist Geist vom -Geiste. Fühle dich als Gottes Kind, als Blutstropfen des Ewigen, -als Körnchen im Berge von Gottes Größe. Weil du als Teil das Ganze -nicht sehen kannst, drum siehst du immer ein Unzulängliches. Sei ein -Suchender, und du näherst dich der ewigen Wahrheit! In jedem Ding -ist Trieb nach der Heimat, in jedem Wesen ein Trieb zu Gott. Jeder -Schritt, dem Vollkommenen entgegen, erhöht deine Kraft. Wende dich ab -vom Zug des Ewigen, und Furcht und Reue werden dich erfüllen. Du bist -nicht schuldig deiner selbst, nur schuldig deiner irrenden Straße. Vom -Guten und Schlechten hast du ein ewiges Wissen in dir: die Sehnsucht -und den Ekel. Gott leitet und warnt dich nicht, alle Stimmen deiner -Wege sind in dir selbst. Schau in die eigene Seele und in das eigene -Blut; je tiefer du schaust, so deutlicher sprechen die Weiser deines -Weges. Jedes Rasten ist Verlieren. Der willig Schreitende ist ein -Wachsender an Macht und Freude. Willst du zu Gott, so wirst du bei ihm -sein. In seinen Armen bist du ein Freier, ferne von ihm ein Knecht ohne -Hände.« - -Pfarrer Ludwig legte die Feder fort, und während ihn immer wieder ein -Frostschauer rüttelte, überlas er, was er geschrieben hatte. »Ob ich es -richtig verstanden hab?« sprach er leise vor sich hin. Der Ernst seiner -Augen begann sich aufzuhellen. »Man muß da halt *auch* wieder glauben!« - -Mit einem wunderlich frohen Lächeln, das seinem Warzengesicht einen -kindhaften Ausdruck gab, ließ er aus der dicken Platte seines -Schreibtisches ein nur fingertiefes Lädchen herausspringen, verwahrte -die beschriebenen Blätter und drückte das Geheimfach wieder zu. - -Hurtig, immer ein bißchen mit den Zähnen schnatternd, wickelte er den -Mantel von sich herunter und begann sich zu entkleiden. Als er schon -barfüßig war und nur noch das Hemd und die Bundhose trug, fiel ihm der -schöne, fast lebensgroße Crucifixus in die Augen, der, ein Jugendwerk -des Meister Niklaus, an der weißen Mauer hing. - -Sinnend blickte Pfarrer Ludwig zu dem von Dornen gekrönten, gütig -lächelnden Antlitz empor. »Mir scheint, ich weiß ein bißl, was du jetzt -denkst von mir!« Er höhlte die Hände um die Füße des Gekreuzigten. »Du -Fröhlicher! Verzeih's deinem alten treuen Narrenschüppel, weil er um -so sehnsüchtiger ein Mensch sein möcht, je näher ihm das kommt, daß er -einer gewesen ist!« Zärtlich küßte er den eisernen Nagel, der durch die -Füße des Erlösers getrieben war. - - - - -Kapitel V - - -Seit drei Tagen hatte bei klarem Himmel der Föhn über die Berge -hingeblasen und hatte schon an sonnseitigen Gehängen den Schnee -zusammengebissen zu einer dünnen Kruste. Gegen den vierten Morgen -begann man den lauen Südwind auch im frostigen Tal zu fühlen. - -Bei Tageserwachen, ein Freitag war's, beschlugen sich die Spitzen -der Berge mit dem Goldglanz der kommenden Sonne. Dennoch hatte der -Morgen keinen reinen Himmel. Von den Zahnspitzen des Wazmann strebten -kleinzerstückelte Wolkenstreifen gegen Norden. Die waren anzusehen wie -endlose Züge kleiner Weißgestalten, die von Süden emporstiegen und da -droben hinwanderten über blaublühende Leinfelder. - -Dieser Gedanke kam dem Meister Niklaus, als er durch das große, -schwervergitterte Fenster seiner Werkstätte zum Himmel hinaufsah. -Er mußte an die Tausendscharen der Salzburgischen Exulanten denken, -die aus der Heimat nach dem Norden gezogen waren. Der Freiheit, dem -ungehinderten Glauben entgegen? Oder zu neuer Not, zu noch tieferem -Elend? War den Stimmen zu trauen, die aus dem Pflegeramt herauskamen -und sich überall im Lande lautmachten, so hatten die Salzburger ein -hartes Los gefunden. Zu Hunderten waren sie auf ihren Wanderwegen -siech geworden und gestorben, und jene, die den Frost und die Not des -Hungers überstanden, bekamen Spott und Schimpf zu erdulden, Unrecht -und Mißhandlung. Man hatte den Emigranten ihre Kühe und Pferde -weggenommen, hatte ihre Wagen und Karren zerschlagen, ihre Schiffe -mit Steinen versenkt, hatte die Dörfer und Städte vor ihnen versperrt -und die um Erbarmen Flehenden mit Steinhagel und Flintenschüssen -davongetrieben. Den Wenigen, so hieß es, die zu einem Ziel gekommen, -hätte man ungesundes Sumpfgeländ oder dürren Sandboden zugewiesen, ohne -Gerät und Bauholz, ohne Vieh und Zehrpfennig, ohne Beistand und Hilfe. - -Jene von den Unsichtbaren, die im Berchtesgadener Lande schon ans -Wandern dachten, waren vor solchen Warnerstimmen so stutzig geworden, -daß sie das müde Dulden in der Heimat dem härteren Elend in der -Fremde vorzogen. Dann war in der letzten Neumondnacht ein heimlicher -Botschaftsträger der Salzburger zum Toten Mann gekommen, hatte das üble -Gerede vom Schicksal der Exulanten widerlegt, hatte alles Schwarze -in schönes Weiß verwandelt und die gelästerte Wanderschaftshölle -geschildert als einen freundlichen Himmel brüderlichen Erbarmens. -Was war da Lüge, was Wahrheit? Die Widersprüche waren so schwer, daß -auch die Vertrauensvollsten zur Vorsicht rieten. Man durfte, sei es -im Guten oder Bösen, nicht jeder umlaufenden Botschaft glauben, mußte -die eigenen Augen auftun. Zwei von den Verläßlichsten hatten sich -zur verbotenen Wanderschaft gemeldet, der Mann der Hasenknopfin von -Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies: sie wollten ihr Leben -dransetzen, um die Wahrheit zu erfragen. An der Grenze hatte man die -beiden nicht gefaßt; sonst wären sie auf offenem Markt schon längst am -Schandbalken gehangen. Nun waren sie schon in die dritte Woche auf der -Wanderschaft, auf dem Wege zur Wahrheit. Was werden sie bringen? Den -Trost einer neuen Hoffnung? Oder das hoffnungslose Sichbeugenmüssen? -Diese Frage brannte in den Gedanken des Mannes mit der hölzernen -Hand, während er hinaufsah zu den im Blau des Himmels wandernden -Weißgestalten. Fröstelnd zog er den mit Pelz besetzten Hauskittel enger -um die Brust und wollte die Arbeit beginnen. Weil er die Tür gehen -hörte, drehte er das Gesicht über die Schulter. - -Die Sus brachte zwischen den Armen einen festen Pack Buchenscheite und -ging zum Ofen. - -Der Meister lächelte. »Als hättst du erraten, daß mir kalt ist! Allweil -spür ich deine treue Fürsorg.« - -Schweigend kniete das schlanke Mädchen beim Ofen nieder und schob ein -Scheit ums andere in die rote Glut. Leuchtende Schimmerlinien säumten -ihre Wange, das weißblonde Haar, die Schulter, den runden Arm und die -Hüfte. - -»Wie fein das ist, wenn dich die Glut so anstrahlt! Könnt ich nur auch -das Holz so schneiden, wie das Feuer den lebigen Körper nachzeichnet!« -Er rückte einen hohen, dreibeinigen Stuhl, der etwas Verhülltes trug, -in das Fensterlicht. »Ist das Kind noch droben?« - -Das Mädel, schon bei der Türe, schüttelte den Kopf. »Ums Tagwerden ist -sie zur Frühmeß fort.« - -Es zuckte um den bärtigen Mund des Meisters. »Statt besser, wird's -allweil ärger. So blaß und seltsam, wie in den letzten Tagen, ist sie -noch nie herumgegangen.« - -Sus nickte. »Es muß was geschehen sein in ihr. Die halben Nächt lang -hör ich sie beten. Oft ruft sie mich in der Finsternis, weil sie -fürchtet, es täten böse Gespenster umgehen.« - -»Gespenster? Freilich, die gehen um. Bei Tag und bei Nacht. In allen -Köpfen. Kein Wunder, daß jeder Mensch nach Trost und Beistand dürstet. -Ich verdenk dem Kind den ruhlosen Kirchweg nit. Es sieht so aus, als -könnt sie den Schreck nit vergessen, den uns der Muckenfüßl ins Haus -geschmissen. Da wird sie von ihrer Seel den Zorn über den schlechten -Nachbar wegbeten wollen, der uns im Pflegeramt vernadert hat.« Wieder -das müde Lächeln. »Ist sie im richtigen Beten, so haben wir ein -Stündl Zeit. Seit dem Sonntag ist's mit meinem Figürl nimmer aufwärts -gegangen. Ich brauch dich wieder. Magst du das Wollkleid antun und -kommen?« - -Mit einem Aufleuchten in den Augen ging das Mädel davon. Der Meister -hob das grüne Tuch von seiner Arbeit und betrachtete das fast -vollendete Werk. Auf ovaler Holzplatte war in doppelter Spannenlänge -aus rotem Wachs ein Hochrelief herausgebildet: die Verkündigung, die -Gottes Engel der Maria bringt. Aus den Lüften niederschwebend, reicht -er der Auflauschenden die Rose über die Schulter herab. Zwischen den -Flügeln, die straff gespreitet sind -- so, wie Falken die Flügel -stellen, wenn sie nach steilem Stoßflug sich niederlassen auf einen -Baumwipfel -- neigt sich der von Locken umfallene Engelskopf heraus, -an dessen Antlitz der Meister die strenge Schönheit seines Kindes -nachgebildet hatte, mit einem keuschen Zug ins Knabenhafte. Nur der -Kopf, die Arme und Schultern des Engels mit den Schwingen wachsen -plastisch aus der Holzplatte; von den Flügeln nach abwärts wird die -Gestalt immer unkörperlicher und verschwindet unter dem Faltengewoge -des Gewandes, das im Sturme zu flattern scheint und überrollt ist an -allen Säumen. Im Gegensatz zu diesem Auslöschen alles Körperlichen -hebt sich der schlanke, schwellende Mädchenleib der auflauschenden -Jungfrau um so irdischer aus dem Bilde. Neben dem Webstuhl, von ihm -abgewendet, sitzt Maria auf einem Schemel, die linke Hand noch am -Weberschifflein, die rechte in Ergebung ausgestreckt zu einer innigen -Geste des Empfangens. Dieser Körper lebte, hatte Atem, hatte Blut und -Fleisch. Die schmiegsamen Falten des zarten Gewandes verrieten ihn -mehr, als sie ihn verhüllten. Dazu ein fremdartig berührendes, kühl -stilisierte Köpfchen, wie herausgenommen aus einem anderen Bilde und -auf diesen Hals gesetzt, zu dem es nicht gehörte. Beim Beginn der -Arbeit hatte Niklaus im Antlitz der Maria die Erinnerung an die Züge -seines Weibes nachzubilden versucht, das vor Jahren aus Schreck über -den verstümmelten Arm ihres Mannes gestorben war. Als Luisa das neue -Werk des Vaters zum erstenmal betrachtete, sagte sie in ihrer strengen -Weise: »Vater, das Gesichtl der Gottesmutter schaut nit himmlisch -genug.« - -»So ist der Blick und das gute Lächeln deiner Mutter gewesen.« - -»Wie das gewesen ist, das weiß ich nit. Ich weiß nur, das Gesichtl der -Gottesmutter ist unheilig. Das darfst du nit dreinschauen lassen wie -beim Heimgart im Ofenwinkel. Du mußt es schauen lassen wie in seliger -Gottesnäh.« - -Dem Kind zuliebe hatte der Meister geändert und verhimmelt, bis das -Köpfchen verdorben war. Der strengen Prüferin gefiel es jetzt, für -den Meister war es ein Makel, der ihm die Freude an seinem Werk -verbitterte. Er war in die unzufriedene Musterung so versunken, daß er -die Tür nicht gehen hörte. Die Schritte der Sus waren lautlos, ihre -Füße nackt. Anstelle ihres Magdgewandes trug sie ein langes, lind -gegürtetes Kuttenkleid von weißblauem Wollstoff, der sich ihrem Körper -anschmiegte wie ein Schleier. Erst als sie den Schemel auf den Antritt -stellte, sah der Meister auf. »Ich dank dir, gute Sus! Versuchen wir -halt, ob's besser wird!« - -Das Mädel ließ sich wortlos auf den Schemel nieder und ordnete das -linde Gewand. Von jedem Fältchen schien sie zu wissen, wie es liegen -mußte. Schweigend begann der Meister die Arbeit, bei der seine Linke -sich bewegte, als wäre sie fast so geschickt geworden, wie seine Rechte -gewesen, die man ihm abgeschlagen hatte. Damals, wenn auch schon -berührt von den Seelenkeimen der Zeit, war er doch immer noch gewesen, -was man einen Katholiken hätte nennen können. Erst der Niklaus mit der -hölzernen Hand war ein Unsichtbarer geworden. - -Immer rascher ging ihm die Arbeit vonstatten. An seinen glänzenden -Augen war es zu merken, daß beim Schaffen die Freude wieder in ihm -erwachte, der Glaube an sein Werk. Der Wahrheit des Lebens gegenüber -wurde der junge Frauenkörper, den er formte, immer wärmer und -wahrhafter. Einmal murrte der Meister im Eifer der Arbeit vor sich hin: -»Ach Gott, mein Pfötl, mein dummes! Ich seh, wie ich's machen muß! Aber -die unschickigen Finger erzwingen es nit!« - -Der unbeweglichen Sus rollten zwei große Tränen über den Mund. Sie -schwieg. Weil sie wußte, daß es ihm die Arbeit entzweiriß, wenn sie -sprach. Und immer müder wurde sie, immer schwerer ging ihr Atem. - -Als er Bild und Leben wieder einmal mit prüfendem Blick verglich, ging -er plötzlich auf das Mädel zu und sagte: »Der Gürtel ist ein bißl -gerutscht.« Er schob ihn um eine Fingerbreite höher gegen ihre Brust. - -Sie bekam ein glühendes Gesicht und fing zu zittern an. - -Eine Furche grub sich zwischen seine Brauen. »Geh, Mädel!« Das Wort -hatte einen herzlich mahnenden Klang. »Tu verständig sein!« Nach einer -Weile, als er wieder bei der Arbeit stand, sagte er zögernd: »Man muß -sich gedulden.« Er sah die Sus nimmer an, und seine Hand war nimmer so -flink wie zuvor. »Das wird nit ausbleiben, daß mein Kind sein Glück -findet. Und daß ich wieder ein Einschichtiger bin, der auf niemand zu -achten braucht.« - -Da fuhr die Sus erschrocken vom Schemel auf. »Sie kommt.« Hastig schob -sie den Antritt gegen die Mauer und war schon zur Tür hinausgehuscht, -bevor der Meister das Gesicht vom Fenster abwandte. Draußen im weißen -Garten kam Luisa mit gesenkten Augen durch den Schnee gegangen, -eingehüllt in einen dunkelgrünen Mantel. Als wäre sie die Bringerin -einer helleren Zeit, so glitt bei ihrem Eintritt in die Werkstatt der -erste Sonnenschein des Morgens durch die Fensterscheiben. Von der -Frühkälte waren Luisas Wangen wie Pfirsiche vor der Reife. Über den -Zöpfen trug sie ein mit weißem Federtuff bestecktes spanisches Hütl, -das noch aus der Mädchenzeit ihrer Mutter stammte. Der dunkelgrüne, an -den Schultern aufgepuffte Radmantel verhüllte strahlig die schlanke -Gestalt. Vorne guckten zwischen den Mantelsäumen die Spitzen der -Handschuhe heraus, die Perlen des Rosenkranzes und ein blaues Gebetbuch -mit schöner Silberschließe. »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige -Mutter Marie!« - -»Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Der Meister lächelte ein bißchen, -nicht heiter. »Kind, du sagst den Ablaßgruß so oft, daß du aus dem -Fegfeuer schon herauskommen mußt, noch eh' du drin bist.« - -Ein Zucken ihrer Augenbrauen bewies, wie sehr sie die unfromme Rede -mißbilligte. Schweigend nahm sie das Hütl ab und trat an die Seite des -Vaters. Als sie sein Werk betrachtete, schien ihr Unmut sich noch zu -steigern. »Du hast das noch allweil nit geändert? Daß ihr der Engl ein -Rösl bringt. Das geht nit, Vater! Es müssen die unschuldigen Lilgen -sein.« - -Der Meister sagte geduldig: »Ich muß das wächserne Fürbild formen -für das Holz. Aus dem spleißigen Holz ist ein Lilgenstengel nit -herauszuschneiden, ohne daß er nit ausschaut, als wär's ein Besen. So -eine Staud? Die tät mir doch jedes Verhältnis stören. Es ist ein Gesetz -in aller Kunst --« - -»Die Kunst muß sich bescheiden vor dem Heiligen. Irdische Rosen hätt -die Gottesmutter bei der Verkündigung nit genommen.« - -»So? Wer hat dir denn das gesagt? Dem kannst du ausrichten, er soll -mich mein Holz schneiden lassen, wie ich glaub, daß es sein muß. Ich -schwefel ihm auch nichts drein, wie er reden soll mit einem Beichtkind! -So, wie mit dir? So nit! Aber ich red' ihm nichts drein.« Immer -schärfer klang die Stimme des Meisters. »Obwohl ich als Vater verlangen -könnt, daß mein Kind, wenn es heimkommt aus der Gottesnäh, für mich ein -menschliches Wörtl findet und einen guten Blick. Von einem Lachen will -ich schon nimmer reden. Das ist versunken in meinem Haus.« - -Luisa schien nicht zu hören, was der Vater sprach. Während sie sein -Werk betrachtete, fingen ihre Wangen in Zorn zu brennen an. Gleich -einer Verzweifelten sah sie auf und stammelte: »Vater! Gott verzeih dir -die Sünd, was hast du denn da getan?« - -»Getan? Und Sünd? Ich weiß nit, was du meinst?« - -Ihre Lippen zuckten, als wäre ihr das Weinen nahe. »Es muß so sein, daß -die Höll mit ihren bösen Mächten durch unser gutgläubige Haus gegangen -ist. Ich hab von mir die Versuchung fortgebetet, wie sie gegriffen -hat nach meinem Arm. Du, Vater, bist dem sündhaften Geist erlegen. Er -hat den Segen von deiner Hand genommen, so daß du dein frommes Werk -entheiligt und verdorben hast.« - -Erschrocken sah Niklaus in die fieberhaft glänzenden Augen seines -Kindes. »Mädel, mein liebes? Bist du krank?« - -»Vater? Siehst du es nit?« Mit der zitternden Hand, um deren Finger die -Perlenschnur des Rosenkranzes gewickelt war, deutete Luisa auf das rote -Wachsfigürchen der Maria. »Das ist die reine, züchtige Gottesmutter -nimmer, die ich allweil an deinem Werk gesehen hab. Was heilig -gewesen, hast du verwandelt in ein sündhaftes Weib. Tät es über den -Marktplatz laufen, so wär gleich einer da, der sagen möcht: >Du tust -mir gefallen!<« Aus ihren Augen fielen die Tränen. »Du mußt das wieder -auslöschen. Oder dein Bildwerk ist verdorben. Es ist nichts Gutes mehr -an ihm, als nur das fromme Köpfl der heiligen Mutter. Alles andere ist -schlecht.« - -In Erregung griff der Meister nach dem Wachsmesser. Hätte er dem ersten -Zorngedanken nachgegeben, so hätte er das leblos himmelnde Köpfchen -der Marienfigur vom Halse geschnitten und gesagt: »Das ist das einzig -Schlechte an meinem Werk. Alles andere ist gut.« Ein Blick in die -angstvollen Augen seines Kindes machte ihn ruhiger. Er legte das Messer -fort. »Komm, liebes Mädel! Du hast in der kalten Kirch gefroren. Wir -wollen uns neben dem warmen Ofen auf das Bänkl setzen.« - -Sie entzog sich seinen Händen. »Tust du mir versprechen, daß du die -Gottesmutter wieder heilig machen willst?« - -Er sagte unter klagendem Lächeln: »Ja, Kind! So heilig, als ich es -fertig bring mit meiner hölzernen Hand.« Da duldete sie, daß er -ihr das Mäntelchen von den Schultern nahm, das Gebetbuch aus ihrer -Hand herauswand, die Perlenschnur von den Fingern wickelte und die -Handschuhe von ihren Händen zog. Während er alles beiseite legte, ging -sie schweigend zu dem braunen Bänkl, das neben dem wärmestrahlenden -Ofen an der weißen Mauer stand und überglänzt war von einem Lichtband -der Morgensonne. Er betrachtete sie. Trotz der kämpfenden Bitterkeit, -die ihn erfüllte, hatte er seine Freude an ihrem schmucken Bild. -Sie trug das Mädchenkleid ihrer Mutter aus einer Zeit, in der die -französische Mode den spanischen Schnitt noch nicht verdrängt hatte. -Die gelben Lederstiefelchen verschwanden unter den Falten des braunen -Röckls, und zwischen den abstehenden Schoßzacken des Leibchens lugte -der rote Miedersaum hervor. Gleich einer großen weißen Blume lag die -gestickte Leinenkrause um den schlanken Hals, und auf dem jungen Busen -hob und senkte sich das kleine Elfenbeinkreuz der Klosterschülerin. Sie -hielt im Schoß die schlanken weißen Hände übereinander gelegt und sah -mit den dunklen Augen, die einen heißen Schimmer hatten und voll Sorge -waren, in Erwartung zum Vater auf. - -»Ach, Kind, wie lieb bist du anzuschauen!« sagte er herzlich. »Und -wie viel Vaterfreuden könntest du mir schenken unter meinem Dach!« Er -nahm ihre Hand und ließ sich neben ihr nieder. Weil er den Arm um ihre -Schultern legen wollte, rückte sie von ihm fort. Da war auf seinen -Lippen wieder das bittere Lächeln, in seinen Augen die Trauer. »Wir -wachsen nit aneinander als Vater und Kind. Jeder Tag und jedes Stündl -baut an der Mauer zwischen uns.« - -»Das ist nit meine Schuld.« - -»Wahr, Kindl! Was zwischen uns liegt, das hast du aus dem Kloster mit -heimgebracht.« - -»Wider das Kloster darfst du nit schelten, Vater!« - -»Das tu ich nit. Ich mein' nur, die Zeit, in der wir uns nimmer gesehen -haben, ist zu lang gewesen. Da hast du den Vater vergessen. Und das -Denken an deine Mutter hat man in dir erlöschen lassen.« - -»So ist das nit. Es ist im Kloster kein Tag gewesen, an dem ich nit -dreimal für dich gebetet, nit fünfmal zu meiner seligen Mutter gerufen -hab um ihren Beistand.« Luisas Augen irrten gegen die Sonne hin. »Ich -muß ihr den Himmel neiden. Im Himmel ist's besser als in der Tief, in -der wir leiden.« - -Meister Niklaus verlor seine Ruhe. »Himmel! Und allweil Himmel! Nie -ein Bröselein Welt! Das ist Elend! Man hat dir im Kloster mehr vom -Himmel gesagt, als gut ist, und weniger von der Welt, als nötig wär. -Wir alle, Kind, sind Menschen und müssen Wärm und Sonn, einen Trost -und Freuden haben, wenn wir schnaufen sollen und nit ersticken.« Die -Stimme zerbrach ihm fast. »Bist du denn nit mein Blut? Spürst du denn -nit, daß ich dein Vater bin? Schau mich an! Bin ich nit schon ein halb -Erwürgter? Willst du mir nit das bißl Sonnschein geben, das ich zum -Schaffen brauch? Tu mich anlachen, nur ein einzigesmal! Oder ich muß -verhungern, muß verfaulen bei lebendigem Leib!« - -Erschrocken sah sie ihn an und erhob sich. Heiße Glut übergoß ihre -Wangen, um sich wieder zu verwandeln in wächserne Blässe. »Warum tust -du nie so inbrünstig hinaufschreien zu Gott? Warum tust du ihm nit dein -Herz hinbieten auf frommen Händen? Warum tust du nit abschütteln von -dir, was dich wegzieht aus seiner Näh? Tät ich's machen wie du, ich wär -verloren gewesen in einer sündhaften Nacht. Mein Gebet hat mich erlöst. -Höll und Menschen haben nimmer Gewalt über mich.« Sie hob die Hände, -und ein träumendes Lächeln irrte um ihren Mund -- ein Lächeln, das sich -ansah wie die Verzückung einer gequälten Seele. - -Mühsam atmend ließ Meister Niklaus seine Fäuste auf die Bank fallen -- -die Holzhand schlug wie ein Hammer auf. Ohne die Morgensonne zu spüren, -die ihn umleuchtete, sah er stumm seine Tochter an. Nun stand er auf. -»Streng bist du allweil gewesen, seit deiner Heimkehr in mein Haus.« Er -zwang sich zu ruhigen Worten. »Seit drei, vier Tagen ist was Neues in -dir. Das macht dich reden, daß ich es nimmer versteh.« Da mußte er an -die Soldaten Gottes denken, und fast heiter konnte er fragen: »Kind? -Bist du denn neulich in der Nacht so arg erschrocken --« - -Unter seinem Worte zuckend wie unter einem Nadelstich, drehte sie das -erglühende Gesicht zu ihm und stammelte: »Ich wüßt nit, über was ich -erschrecken müßt.« - -»Ich hab's doch selber gesehen, daß du um alle Ruh gekommen bist, wie -uns der Muckenfüßl die Haustür eingeschlagen hat!« - -»Deswegen bin ich nit erschrocken.« Ihre Stimme hatte wieder den -strengen Klang. »Daß die Soldaten einmal kommen, hab ich lang -geforchten. Du hast Menschen lieb, die deinem kranken Glauben zum -Schaden sind. Allweil hat mich mein Herz vor ihnen gewarnt. Ich -hab auch Warnungen hören müssen, wo ich Rat gesucht hab in meiner -Seelenangst.« - -Ein Erblassen ging über das Gesicht des Meisters. Dann fuhr ihm -wieder das dunkle Blut in die Stirn. Seinen Augen war's anzusehen, -daß martervolle Gedanken sich unter seiner Stirne jagten. Mit rauhem -Auflachen trat er auf das sonnige Fenster zu und streckte die Arme, als -möchte er hinausgreifen durch die leuchtenden Scheiben. »Nachbarsleut! -Ihr guten, schuldlosen Nachbarsleut! Verzeiht mir die schlechten -Gedanken! Es ist mein Kind gewesen! Mein eigenes Kind!« Eine Sorge, die -ihn ganz verstörte, riß ihn vom Fenster weg. Die Schulter des Mädchens -mit der Faust umklammernd, keuchte er: »Hast du auch heut wieder -solchen Rat gesucht?« - -»Wie es sein hat müssen. Ich bin seit der bösen Nacht des Trostes -bedürftig gewesen an Leib und Seel.« - -»Und da hast du ihm alles gesagt, deinem Tröster? Alles?« - -»Ich tu nit lügen, Vater! Ich hab gesagt, was ich sagen hab müssen.« - -»Und da hast du auch -- Gott soll's verhüten, daß es wahr ist -- --« -Er konnte nicht weitersprechen, mußte um Atem ringen. »Kind! Du hast -doch ums Himmelswillen nit den Namen des guten Buben verraten, der mich -gewarnt hat?« - -Sie schwieg, erschüttert durch die Sorge, die heiß aus ihm -herausbrannte. - -Er las die Antwort in ihren Augen und sagte mit schwerer Trauer: -»Armseliger Star! Wüßt ich nit, daß du in deiner weltfremden Jugend -törig bist ohne Maß, so müßt ich sagen: du bist so schlecht, wie nur -der Zwist um Himmel und Glauben die Menschen machen kann!« Immer -mit der Holzhand an seinem Halse, ging er durch die Werkstatt hin -und her, und während Erregung und Sorge in ihm wühlten, stieß er -mit heiserer Stimme vor sich hin: »Ein guter und redlicher Bub! Und -bietet dir auf ehrlicher Hand sein Glück und Herz! Und wirft um -deinetwegen sein junges Leben vor meine Haustür hin! Und du in deinem -gutgläubigen Seelengezappel verklamperst den Buben! Und lieferst ihn -an den Schandpfahl! Und da droben in den Lüften da ist niemand, der's -verhindert, kein Engel mit dem Lilgenstengl und keine hilfreiche -Mutter in Züchtigkeit!« Ein zorniges Auflachen. »Wahr ist's, Mädel! -So was Heiliges darf man nit irdisch formen! Das muß man himmlisch -machen, grausam und ohne Erbarmen!« Wieder lachend, faßte er einen -schweren Hammer und hob ihn zum Schlag. Aufschreiend versuchte Luisa -den Arm des Vaters zu fangen. Da fuhr der zornige Streich schon auf -das Bildwerk nieder. In Strahlen spritzte unter dem Hammerschlag das -rote Wachs auseinander, und was auf der Holzplatte noch verblieb, war -eine formlose Masse. Schweigend warf der Meister Niklaus den Hammer -fort und umklammerte die Stirne mit der linken Hand. So stand er ein -paar Sekunden. Dann sprang er zur Tür der Werkstätte. Draußen seine -schreiende Stimme: »Sus! Den Hut! Den Mantel!« - -Luisa stand in der Sonne wie eine steinerne Säule, die langsam zu -menschlichem Atem erwacht und beim ersten Blick ins Leben geschüttelt -wird von Angst und Grauen. Die Arme streckend, trat sie auf das -vernichtete Werk ihres Vaters zu, beugte das Gesicht und küßte die rote -Masse des zerquetschten Wachses. Ihre Stimme, die verwandelt war zu -den dünnen Lauten eines verängsteten Kindes, bettelte ins Leere: »Tu -ihm verzeihen, hilfreiche Mutter! Ich -- will büßen -- für seine Sünd ---« Mit den Bewegungen einer Schlafwandlerin ging sie umher, fand ihr -Mäntelchen, den Hut, das blaue Gebetbuch und den Rosenkranz, wickelte -die Perlenschnur um ihre zitternden Finger und verließ die Werkstatt. - -Während sie mit irrendem Blick zu ihrer Kammer hinaufstieg, klang -aus dem verschneiten Garten die angstvolle Stimme der Sus durch die -offene, wieder geflickte Haustür in den Flur herein: »Um Gottes -Barmherzigkeit! Meister! Was ist denn geschehen?« Luisa hörte keinen -Laut dieser von Sorge zerrissenen Mädchenstimme. Sie lauschte nur in -die eigene Seele. Was sie da klagen hörte, entstellte ihr Gesicht. - -Als sie in ihrer Kammer die Tür verriegelt hatte, stand sie -unbeweglich. Immer sah sie das weißverhüllte Bett an, und immer -sah sie, was sie in jener Nacht gesehen hatte: diese stahlblauen, -dürstenden Jünglingsaugen, die von hundert silberweißen Mücken umflogen -waren -- und sah das zerquetschte Wachs, sah die Martergestalt einer -heiligen Frau, die rot war und zu bluten schien aus tausend Wunden. - -Langsam, immer wieder die Augen schließend, hängte sie das Mäntelchen -in den Kasten, verwahrte das Gebetbuch, den Rosenkranz, die Handschuhe -und das Hütl. Sie schnürte die gelben Stiefelchen von den Füßen, -nestelte den Spenser herunter und legte ihn gefaltet in die Lade. -»Büßen -- büßen --« lispelte sie mit entfärbten Lippen vor sich hin. -»Für den Vater büßen -- alle erlösen, die schuldig sind.« Welche von -den Sündenstrafen, die sie im Kloster gesehen hatte, war die härteste? -Hungern müssen am Mittagstische? Zehn Vaterunser lang auf einem -scharfkantigen Holzscheit knien? Sieben Rosenkränze beten, mit den -nackten Füßen im Schnee? Sie sann und sann. Und da erwachte in ihr die -Erinnerung an ein Bild, vor dem sie zitternd gestanden, als sie es zu -warnender Abschreckung im Kloster hatte betrachten müssen. Wie man jene -junge, sündhafte Schülerin bestrafte, die in der Messe ein verstecktes -Spiegelchen aus dem Ärmel herausgezogen hatte -- das war von allen -Klosterstrafen die quälendste gewesen. - -Ihre Augen glitten über die Mauer hin. Höher, als sie mit den Händen -reichen konnte, war an der weißen Wand ein festes Zapfenbrett, aus den -Jahren, in denen Meister Niklaus diese Kammer bewohnt hatte -- bei der -Heimkehr seines Kindes hatte er die Stube geräumt, weil sie in seinem -Haus die sonnigste war. Wie eine Träumende, verriegelte Luisa auch die -andere Tür, die hinausführte in die Kammer der Sus. Aus der Truhe nahm -sie zwei weiße Tüchelchen, knüpfte aus jedem eine Schlinge und schob -sie über das Handgelenk. Sich bekreuzend, ging sie zum Bette, tauchte -die Finger in das Weihbrunnkesselchen und besprengte das Gesicht. -Ihre Bewegungen wurden rascher, etwas Frohes schien in ihren irrenden -Gedanken zu erwachen. Sie rückte unter dem Zapfenbrett einen Schemel -an die Wand und stieg hinauf. Mit dem Rücken sich gegen die Mauer -pressend, schob sie die Schlingen, die an ihren Handgelenken waren, -über die zwei äußersten Holzzapfen des Brettes und stieß den Schemel -fort. Mit den Fußspitzen eine Spannenbreite über dem Boden, hing sie -an den ausgereckten Armen und begann mit einer Stimme, die bei aller -Innigkeit wie das Stammeln einer Betrunkenen klang, die Litanei zur -heiligen Jungfrau Maria zu beten -- nur daß sie nicht betete: »Bitt für -mich!«, sondern immer betete: »Bitt für *ihn*!« - -Solange sie noch bei Kräften war, hielt sie den Kopf an die Mauer -gepreßt und sah mit heißglänzenden Augen zur Höhe. Bald sank ihr die -Wange gegen die rechte, bald gegen die linke Schulter hin. Als sie in -beginnender Pein das Gesicht zu drehen versuchte, sah sie an ihrem -Arm, von dem der weiße Ärmel zurückgefallen war, die vier gelblich -gewordenen Male, die vom Griff jener stählernen Jägerfaust geblieben -waren. Zusammenzuckend, schloß die Büßende die Augen, ließ das Gesicht -vornüberfallen, und ihre betende Stimme wurde zu einem versunkenen -Schreien. In Schmerzen begann der stammelnde Mädchenmund zu lächeln, -und auf dem glühenden Gesicht erschien ein Ausdruck der Entrückung. -Nicht die härteste der Klosterstrafen hatte sie ausgesucht, sondern die -süßeste und heiligste -- eine fromme Marter, die durchzittert war von -dem Seligkeitsgefühl: zu leiden, wie der Heiland gelitten hatte für -die Menschen, die er liebte. Während sie lächelte in Qual, begann ihre -Stimme sich zu verwirren, verlor die frommen Anrufungen der Litanei und -behielt nur noch die drei innigen Flüsterworte: »Bitt für ihn -- bitt -für ihn -- bitt für ihn --« - -Gleich einer goldenen, immer breiter wachsenden Säule schob sich das -leuchtende Band der Morgensonne über die Mauer hin und umschimmerte die -in Süßigkeit und Schmerzen Betende, die für Andacht und Buße hielt, was -ein noch Unsichtbares in ihrem Herzen war, ein Unbewußtes in ihrem Blut. - - - - -Kapitel VI - - -Der Föhn brauste über die Schornsteine von Berchtesgaden und verbündete -sich mit der steigenden Sonne. Von allen Kanten der Hausdächer fielen -Tropfen, die wie Goldkörner funkelten. In der Gasse war kein allzu -emsiges Leben. Die Frauen, die aus den Kaufläden kamen, huschten flink -an den Häusern hin, und Mannsleute waren nicht viele zu sehen. Oft -lenkte einer plötzlich schräg über die Gasse hinüber. Immer war's wie -der Wunsch, einem andern nicht Gesicht in Gesicht zu begegnen. Und -grüßte der andere spöttisch: »Gelobt sei Jesus Christus und die heilige -Mutter Marie!« -- dann guckte der Ausweichende über die Schulter und -antwortete noch viel lauter: »Von nun an bis in Ewigkeit Amen!« Man -konnte, bevor man in der Marktgasse vom Pflegeramte bis zum Brunnen -kam, ein paar Jährchen Fegfeuer von seiner Seele ablösen. - -Meister Niklaus, in der Erregung, die ihn durchwühlte, vergaß ein -paarmal des vorgeschriebenen Grußes. Er wollte schon in das Gässelchen -hinter der Stiftsmauer einbiegen. Da kam aus dem Stiftstor eine -heiter schwatzende Gesellschaft. Vier von den jungen, adeligen -Domizellaren, in weltlicher Tracht, umflattert von den pelzverbrämten -Seidenmänteln, mit dreispitzigen Hütchen über den gepuderten Frisuren, -begleiteten unter französischem Scherzgeplänkel eine junge Dame, die -zwischen den behandschuhten Händen ein winziges Gebetbuch hielt. Auf -hochgestöckelten Schuhen trippelte sie zierlich durch den Schnee. Der -Föhnwind blähte den himmelblauen Samtmantel auseinander und bewegte -den reichgebänderten Steifrock wie eine Glocke. Mit einem Busch von -Reiherfedern saß ein Pelzkäppl schief über dem großen Lockenbau, -von dem der Puder davonstäubte. Das reizvolle Grübchengesicht hatte -ein rosiges Kreuzermäulchen, hatte schwarzgezeichnete Brauenbogen -über den Veilchenaugen und trug zwei neckisch angebrachte -Schönheitspflästerchen, das eine neben dem linken Mundwinkel, das -andere hoch auf der rechten Wange. Vor dieser Dame salutierten -die Musketiere mit den langen Feuersteinflinten. Das fröhliche -Fräulein, dem sie diese fürstliche Ehre erwiesen, war die Nichte des -Berchtesgadnischen Pflegers und Kanzlers v. Grusdorf, war Aurore de -Neuenstein, die »Allergnädigste«, des Fürstpropstes standesgemäße -Freundin _en titre_. - -Neben der französisch aufgeputzten Gesellschaft erschienen die -Bürgersleute in ihrer veralteten Tracht wie das Volk einer Zeit, die -sich verspätet hat um ein halbes Jahrhundert. Die Allergnädigste -achtete bei ihrem heiteren Gezwitscher aufmerksam darauf, ob auch jeder -Vorübergehende mit genügender Ehrerbietung grüßte und jede Bürgersfrau -und jedes Mädchen bis zu pflichtschuldiger Tiefe hinunterknickste. -Meister Niklaus weckte bei der jungen Dame ein munteres Verwundern. -Hinter ihm herdeutend, zirpte sie mit ihrem Kinderstimmchen in -französischer Sprache: »Schon wieder von den Rebellen einer, die ohne -Ehrfurcht sind vor Gott und Obrigkeit!« - -Der Meister strebte flink in die enge Gasse hinein. Als er atemlos in -die weiße Stube des Pfarrers trat, saß der Hochwürdige beim Frühstück -und tunkte die gerösteten Weißbrotschnitten in die Milch. »Herzbruder? -Sturm unter dem Haardach?« - -Niklaus sah die Türen an. »Hört uns niemand?« - -»Bei mir kannst du schreien wie ein Jochgeier. Jeder Backofen ist -feinhöriger als meine Schwester.« - -»Weißt du, wer uns den Muckenfüßl ins Haus geladen hat?« - -»Das merkst du erst heut?« Der Pfarrer lachte. »Die übermäßig Frommen -sind im Leben wie ein Pulverfäßl. Nie weiß man, wann die Bescherung in -die Luft geht.« - -Kummervoll nickte der Meister. »Mein töriges Mädel hat heut den Namen -des Leupolt ausgeschwatzt.« - -Der Pfarrer fuhr vom Sessel auf. »Das ist hart.« Dann fragte er, als -wäre das eine Hoffnung: »Meinst du, sie war im Beichtstuhl?« - -»Das weiß ich nit.« - -Pfarrer Ludwig riß eine Tür auf und brüllte: »Franziskaaa!« Er kam -zurück. »Meine Schwester wird's wissen. Jeden Morgen geht sie beichten. -Um mich unverdächtiger vor Gott und den Chorkaplänen zu machen. Bei -Gott gelingt es ihr, bei den Kaplänen nit.« - -Eine sechzigjährige Frau, halb Bäuerin, halb bürgerlich, kam in -die Stube. Ein bißchen mißtrauisch grüßte sie den Meister und sah -erwartungsvoll ihren hochwürdigen Bruder an. Durch die Muschel der -Hände fragte der Pfarrer, ob das Luisichen heut wieder gebeichtet -hätte? Franziska schüttelte den Kopf. »Heut nit. Heut nach der Frühmeß -ist sie zum Chorkaplan Jesunder in die Wohnung gegangen. Des Jesunders -alte Mutter hat am Fenster genäht. Gählings ist sie vom Fenster weg. -Und wie das Kind aus dem Haus war, hat des Jesunders Mutter flink einen -Weg gemacht. Zum Pfleger.« Eine tiefe Glocke schallte durch das Haus, -so laut, daß es auch die Schwester Franziska hörte. Erst guckte sie -flink in der Stube herum, ob da nicht irgend was Verdächtiges läge, -dann ging sie, um die Flurtür zu öffnen. - -»Wenn's beim lieben Herrgott einmal auslaßt mit der Allwissenheit,« -sagte der Pfarrer, »da braucht er nur meine Schwester fragen.« - -In Unruh stammelte der Meister: »Man muß dem Buben ein Wörtl schicken, -daß er sich fürsieht.« - -»Das wird nit helfen. Der Leupolt ist von den Graden einer, die vor -Wasser und Feuer nit ausweichen. Sonst könnt man ihm beibringen: -er soll sich ausreden auf sein Wohlgefallen an deinem Mädel, soll -sagen, er hätt die Warnung ausgesonnen, um einen Weg zum Luisichen zu -finden. Aber der Bub wird das Eisenköpfl schütteln und die Wahrheit -sagen. Verschweigt er was, so tut er es nur, um dich nit auch noch -einzutunken. So oder so, man muß versuchen, ihm beizuspringen.« - -Da kam Franziska. »Der Hochwürdige soll zum Fürsten hinüber, gleich!« - -Der Pfarrer tat einen leisen Pfiff. »Herzbruder, die Kanon ist -geladen.« Während er den Mantel nahm, schwatzte er lustig, um den -Schreck der Schwester zu beruhigen. Draußen auf der Stiege zischelte -er: »Spring hinüber zum Mälzmeisterhaus! Red mit des Leupolts Mutter!« - -»Das ist doch eine gut Katholische?« - -»Eben drum! Weil sie eine gute ist, drum hat sie das Herz auf dem -rechten Fleck. Aller Zwist im Glauben kommt von den Halben und Falschen -her. Ob Heid oder Jud, ob römisch oder evangelisch, was einer ganz und -redlich ist, das macht in ihm den Menschen besser und aufrechter. Dem -braven, gottesfrommen Weibl kannst du dich anvertrauen ohne Scheu. Dann -such mich wieder auf!« Der Pfarrer umfaßte mit festem Druck die Hand -des Freundes. »Mensch bleiben! Und denk an den Amsterdamer Singvogel! -Man ist nit schuldig seiner selbst, nur schuldig seines falschen Wegs. -Laß uns den rechten suchen!« - -Mit hämmerndem Herzen sprang der Meister hinter den Häusern in das -Staudenwerk der Berglehne. Hier konnte er gedeckt zum Garten des -Mälzmeisterhauses kommen, das an der Salzburger Straße lag. Die -Hintertür stand offen, und als der Meister in die Küche trat, fand er -die kleine, rundliche Frau Agnes beim Backofen beschäftigt. »Gelobt sei -Jesus Christus und die heilige Mutter Marie!« - -»In Ewigkeit Amen!« antwortete die Mälzmeisterin, ohne sich umzugucken. -Auf flacher Holzschaufel zog sie ein großes Zopfgebäck aus dem -Backofen, bestrich es mit Eierklar, ließ es wieder in der duftenden -Backhöhle verschwinden und schob das kupferne, von Blankheit spiegelnde -Türchen zu. Auch alles andere Metall an den Wänden funkelte. Dieser -Küche entsprach die Hausfrau in dem reinlichen Braungewand und der -blauen Glockenschürze. Aus dem weißen Häubchen lugte das freundliche -Frauengesicht heraus wie ein heiteres Nonnenantlitz. Trotz der fünfzig -Jahre sah man in den zwei blonden Haarsicheln, die sich unter dem -Häubchen hervorschwangen, noch keinen grauen Faden. Ihre Augen -waren ganz die Augen des Sohnes, nur sanfter. »Soooo!« sagte sie und -wandte sich. »Ooh, der Meister Niklaus!« Ein leises Lächeln. »Durchs -Hintertürl?« - -»Deine muntere Stimm hören, tut wohl. Und da muß ich dir als unguten -Dank eine Sorg bringen.« - -Ganz ruhig blieb sie. »Kram nur aus! Mit den Krabbelkäfern, die man -Sorgen heißt, bin ich noch allweil fertig geworden.« - -»Ist einer von deinen Mannsleuten daheim?« - -»Keiner. Der meinige mit den zwei Jungbuben ist im Bräuhaus, und der -Leupi ist am Königssee, in Barthelmä.« - -Niklaus atmete auf. Das gab Sicherheit für einen Tag. Solang die Sonne -schien, war der See nicht befahrbar, erst in der Nacht, wenn der Frost -das Eis wieder härtete. »Gott sei Dank!« Er zog die Gartentüre zu, -schloß auch die Tür zum Flur und wollte den Riegel vorschieben. - -»Das nit!« wehrte Mutter Agnes. »Die Magd ist in der Tenn beim -Bohnenklauben. Gute Ohren hat sie freilich. Müssen wir halt ein -bißl Lärm machen.« Im Glutloch des Backofens entzündete sie ein -Reisigbündel, legte die aufknisternde Flamme auf den offenen Herd -und schichtete Latschenäste drüber. Nun krachte das züngelnde Feuer, -als würde in der Küche der Mutter Agnes ein Musketenscharmützel -ausgefochten. »Da ist ein Bänkl. Tu dich hersetzen! Und red!« - -Mit den Lippen an ihrem Ohr, erzählte er, was Leupolt getan. »Mein -verstörtes Mädel ist beim Jesunder gewesen und hat's ausgeredet in -ihrer frommen Angst. Des Jesunders Mutter ist zum Pfleger gelaufen, -den Pfarrer hat man zum Fürsten geholt, und jetzt brennt in mir die -Sorg um deinen guten Buben.« - -Mutter Agnes schwieg. Trotz aller Seelenstärke, die sie aus ihrem -vertrauensvollen, vom Zeithader unberührten Glauben schöpfte, war ein -Erblassen über ihr Gesicht geronnen. Vom Feuer angeflackert, saß sie -auf dem Bänkl, die verklammerten Hände im Schoß. Ihr Blick hing an -den sternschönen Lichtfunken, die jagend hinauffuhren in den großen -Rauchtrichter des Schornsteins. Wie dieser glühende Funkenzug, so flog -ein Gebet ihres Herzens hinauf zu dem Hilfreichen, an den sie glaubte. -Sie wußte: das Ausschwatzen eines Amtsbefehls in Glaubenssachen wurde -so streng gebüßt wie versuchter Landsverrat. Den Kopf beugend, preßte -sie die Hände an ihre Schläfen. »Wir armen Weibsleut! Wo wir hinfallen, -ist allweil steiniger Boden. Wird eine nit gesegnet, so verschrumpfelt -sie freudlos am Lebensbaum. Ist man Mutter, so bröckelt man sein Leben -in die Kindersupp.« - -Niklaus legte den Arm um ihre Schultern. »Weißt du einen Rat?« - -Sie trocknete mit den Handballen die Augen. »In der Nacht geht ein -Bierschlitten über den See. Da können wir dem Buben einen Zettel -schicken. Den will ich hineinbacken in einen süßen Krapfen, mit einem -Kränzl aus Zwibeben drauf. Da merkt der Leupi: es ist eine Botschaft -drin. Nur daß er weiß, was ihm zusteht. Helfen kann bloß der Einzige, -der wissen muß, daß es der Bub nit schlecht gemeint hat. Daß er's tun -hat müssen, begreif ich.« - -»Weißt du, warum?« - -»Ich müßt keine Mutter sein, wenn ich's nit lang schon gemerkt hätt. -Aber ich sorg, es ist eine Mauer zwischen den beiden.« Mutter Agnes hob -die flehenden Augen. »Sag mir's!« - -»Was, Mutter?« - -»Ist mein Bub --« Ihre Stimme brach. »Ist der Leupi schon ganz da -drüben?« Sie wollte sagen: »Auf der falschen Seit!« Weil sie fürchtete, -daß es den Meister kränken könnte, sagte sie: »Wo die anderen sind, -die man nit sieht.« Er schwieg. Da griff sie nach seiner Rechten, -fühlte unter dem Handschuh das Holz und erschrak, als hätte sie etwas -Glühendes berührt. »Sag mir's! Es soll verschlossen bleiben in mir.« - -»Mit Sicherheit weiß ich es nit. Und wenn ich es wüßt, ich dürft es nit -sagen.« - -Aus ihren Augen fielen zwei Tränen, die im Rotschein des Feuers wie -rinnendes Blut erschienen. »Der Bub ist aufgewachsen zwischen meinen -Händen. Sein erstes Betsprüchl hat er mir nachgeredet mit seiner -Kinderstimm. Ist fromm und gläubig gewesen sein ganzes Leben lang. -Ist ein redlicher Bub geblieben. Und ist doch ein anderer worden, ich -weiß nit, wie, und ich weiß nit, wann! Wie kann das kommen über einen -Menschen?« - -»Wie dort die Funken fliegen auf deinem Herd. Im Schornstein droben -verlöschen sie. In eines Menschen Herz ist Boden, wo sie weiterbrennen. -Das geht am leichtesten in einer Menschenseel, die kein Unrecht sehen -kann oder Unrecht leiden muß.« Er hob seine hölzerne Hand vor die Augen -der Mälzmeisterin hin. - -»Das hat nit der getan, der die Händ erschaffen hat.« - -»Ist dir alles recht, was sie tun und predigen?« - -»Es gibt auch Schuster, die schlechte Sohlen machen. Deswegen hab ich -noch nie den richtigen Weg verloren.« - -»Die den besseren suchen? Verwirfst du die?« - -Sie sah ihn mit großen Augen an. »Soll ich mein Kind verwerfen? Ich? -Die Mutter? Allweil sinn ich drüber und versteh's nit. Wie ich bin, so -muß ich bleiben. Von meinem Buben weiß ich, er ist ein guter Mensch. -Das bleibt er auch auf dem anderen Weg. Und die ihm als Brüder und -Schwestern gelten, können nit schlecht sein. Sonst tät's mein Bub nit -halten mit ihnen.« - -Der Meister nahm ihre Hand. »Täten alle denken wie du, so wär nit -Streit und Hader um jeden Gottesweg. Wir zwei, Mutter, helfen zusammen, -gelt? Hast du eine Bleifeder? So schreib ich den Zettel, derweil du den -Teig für den Krapfen rührst.« - -»Wahr ist's: helfen ist besser als reden.« Frau Agnes sprang zur -Flurtür und verschwand. Gleich war sie wieder da, mit Blatt und -Bleifeder. »Kannst du denn schreiben mit deiner Linken?« - -»Muß einer, so lernt er's.« - -Sie rückte einen kleinen Tisch vor den Meister hin, und während er -die steifen Buchstaben zu kritzeln begann, rührte Frau Agnes in einer -hölzernen Schüssel den Teig. Plötzlich stammelte sie erschrocken: -»Ach, du barmherziger --« Sie riß das kupferne Türchen des Backofens -auf und zog den vergessenen Zopf heraus. Der roch sehr übel und war so -schwarz wie Kohle. Kummervoll sagte sie: »Der erste, der mir verbronnen -ist!« Frau Agnes lächelte ein bißchen. »Bin ich jetzt eine schlechte -Hausfrau? Jede Nachbarin tät's glauben.« Sie schob das verdorbene -Gebäck ins Herdfeuer, in dem es zu rauchen und zu glühen begann. »Man -darf die Leut nit einschätzen nach den Zöpfen, die sie verbrennen -lassen.« Wie das gute Holz verwandelte sich auch das verdorbene -Backwerk in fliegende Feuerfunken. »So geht's mit *einem* Backofen! Und -jedes Menschenkind hat drei: einen im Blut, einen in der Seel und einen -im Hirnkästl. Ach, der liebe Herrgott! Auf wie *viel* verbronnene Zöpf -muß er herunterschauen! Und nie noch hat er die Geduld verloren. Bloß -auf der Welt verliert man sie allweil, und am ungeduldigsten sind die -Bäcken, die das Brot versalzen und die meisten Wecken verrußen lassen!« -Sie setzte sich auf die Bank, nahm die hölzerne Teigschüssel zwischen -die Knie und begann mit beiden Händen hurtig zu rühren. - -Meister Niklaus grübelte, um des Pfarrers Ausrede in Worte zu bringen, -die nichts verrieten und für den Leupolt doch verständlich waren. -Während er kritzelte, mußte er immer an den Hochwürdigen denken. -Der hatte wohl jetzt im Fürstenzimmer des Stiftes eine gefährliche -Viertelstunde zu übertauchen? Was Meister Niklaus da vermutete, war -ein Irrtum. Und ein Irrtum war es auch, wenn Mutter Agnes ihren Buben -in der düsteren Jägerstube sitzen sah, bedrückt von Gewissenspein und -Sorge. -- - -Leupolt war um diese Stunde von Sonne umglänzt, von blendendem -Weiß umfunkelt. Und Ruhe war in seinem braunen Gesicht, in seinen -stahlblauen Augen. Er stand auf dem Beinschlitten, hinter einem großen -Sack, in dem er gedörrte Rüben für das hungernde Hochwild zu dem Ufer -bringen mußte, das der Fischmeisterei von Bartholomä gegenüber lag. -Da hinüber war's nur ein kurzer Weg, und dennoch mußte Leupolt einen -langen machen, um den durch das Eis gerissenen Frageln auszuweichen, -aus denen das geschwellte Seewasser mit Gesprudel herausquoll. Alle -Kraft des Jägers gehörte dazu, um gegen den Föhnsturm aufzukommen. -Jetzt mit einer flinken Wendung ans Land, den Sack auf die Schulter und -über die weiße Böschung hinauf. Von zahlreichen Hochwildfährten war -der Schnee zertreten zu einem brösligen Wirrwarr. Gleißende Lichter -und blaue Schatten. Das beschneite Gezweig der Buchen war wie ein -wundervolles Silbergespinst, das der Goldschmied Gott verziert hatte -mit Millionen farbigblitzender Edelsteine. Auf vierzig Schritte standen -im weißen Walde schon die Muttertiere mit ihren Kälbern und warteten. -Ein paar geringe Hirsche bei ihnen, und schlanke, feinbewegliche -Jüngferchen. Von den Gutgeweihten, die Leupolt zählen mußte, war noch -keiner zu sehen. Scheu waren auch sie nicht; die Not des Winters zähmt -die Wildesten; aber weil sie die Starken waren, konnten sie geduldig -sein und der Schwäche den Vortritt lassen. - -In flinker Arbeit schleppte Leupolt die Heubündel aus der Scheune, -füllte die Raufen und schüttete das Kernfutter in die langen Tröge. -Dann schlüpfte er am Ufer unter den kleinen verschneiten Hegerschirm, -der einen doppelten Ausguck hatte. Die eine Luke guckte nach Bartholomä -und zeigte ein von Sonne umflimmertes Bildchen. Die kleine Kirche, halb -weiß und halb im Blauschatten; daneben der altersgraue Jägerkobel, ein -Balkenhaus, das unten Schiffhütte war und im Oberstock die Stuben der -Jäger und Fischer enthielt; dahinter das langgestreckte Jagdschlößchen -der Stiftsherren, umgeben von den Silbergestalten der verschneiten -Bäume, als Hintergrund die Kletterwände des Wazmann mit dem blauen -Himmelsdach. Die andere Luke des Hegerschirmes war gegen die Wildraufen -gerichtet. Hier blieb's noch eine Weile still. Wo die Sonne glänzte, -blitzten viele von den farbig funkelnden Edelsteinen durch die Luft -herunter und versanken im Schnee. Nun sicherte langsam ein Muttertier -mit dem Kalb heran. Dann erschien ein Spießerchen im spanischen Tritt -und blieb noch eine Weile mutlos. Zwei Jungfern kamen herbeigetrippelt, -und als diese ersten mit den Äsern in die Futtertröge fuhren, -galoppierte das Kahlwild mit Geprassel von allen Seiten gegen die -Raufen hin. Lächelnd sah Leupolt diesem grau durcheinanderdrängenden -Gewimmel zu und konnte beim Schauen seine Gedanken wandern lassen. -Sie gingen auch heute den gleichen Weg, wie seit der Schneezeit an -jedem Wintermorgen. >Der Kirchgang ist lang vorbei. Jetzt muß sie -schon wieder daheim sein.< Er hat sie noch nie im Haus und bei der -Arbeit gesehen; und hätte sich das gerne ausgedacht; doch immer sieht -er sie mit dem Federhütl und in dem dunkelgrünen Mantel, aus dem die -Rosenkranzperlen hervorgucken. Ihre Augen sind gesenkt. Leupolt sieht -in dem feinen Gesichtl nur den roten Mund, das zarte Näschen, die -weißen Lider und die Sicheln der Wimpern. Und wenn sie die Augen hebt, -so sieht er den Zorn in ihnen funkeln, die Verdammung des Unsichtbaren. -Wie wunderlich das ist: so oft er sie in Wirklichkeit so gesehen hat, -war's immer ein Schmerz für ihn, eine quälende Hoffnungslosigkeit. Und -hier, im weißen Wald, bei diesem stillen Träumen wird alles für ihn zu -einem frohen und zärtlichen Glück. - ->Ob sie nit spüren muß, wie oft ich denk an sie? Bei Tag und Nacht!< -Mit dürstender Sehnsucht ist die Frage in seinem Herzen: >Denkt sie -wohl auch an mich?< Ob sie nicht betet für ihn? Für seine Seele, die -sie für eine verlorene hält? Gibt es Frömmigkeit, die nicht barmherzig -wäre? Frömmigkeit, die nicht beten müßte für jeden, den sie für einen -Irrenden hält? Und wenn sie hinaufruft zu einem ihrer vielen Heiligen? -Flüstert sie da nicht manchmal ein leises »Bitt für ihn?« Wie eine -Süßigkeit klingt es in seinem Ohr, in seiner Seele: »Bitt für ihn -- -bitt für ihn --« Dabei sieht er sie in der kalten Kirche knien, ein -bißchen frierend, mit dem braunen Hütl über dem schönen Haar, in dem -dunkelgrünen Mantel, aus dem die Fingerspitzen der gefalteten Hände -hervorlugen. - -Tausend Gedanken denkt die Menschenseele in jeder Stunde. Einer ist -halbe Wahrheit. Die anderen sind Irrtum. - - - - -Kapitel VII - - -Pfarrer Ludwig mußte im Korridor vor dem Fürstenzimmer noch immer auf -seine Vorlassung warten, weil der Haarkräusler beim Allergnädigsten -war. Die hundert Locken einer fürstlichen Perücke verlangen ihre -Zeit. In einer hohen Fensternische an den Kreuzstock gelehnt, zeigte -der Hochwürdige ein ruhiges Gesicht. Je heißer in ihm die Sorge -wühlte, um so gleichmütiger sah er über die Wände hin, an denen -zwischen Hirschgeweihen, Heiligenbildern, großen Jagdgemälden und -pröpstlichen Bildnissen zwei weltgeschichtliche Kriegstrophäen hingen: -die Eisenhüte, Brustpanzer, Schwerter, Terzerole und Schärpen zweier -schwedischer Kürassiere. Was da rostend und verstaubt an der Mauer -hing, das war fast die einzige Welle gewesen, die der dreißigjährige -Krieg aus dem verwüsteten Deutschen Reich hereingespült hatte in die -Stille des Berchtesgadnischen Landes. - -Blut, Hunger, Verarmung, Seuchen und Brandschatzung; die Hälfte der -Deutschen erschlagen, versunken und verfault; Handel und Wohlstand -vernichtet; alle Bande des Reiches gelockert und zerfetzt; eine -Kluft des Mißtrauens und des Hasses zwischen Nord und Süd; ein für -ewige Zeiten unlösbar erscheinender Zwiespalt zwischen deutschem -Katholizismus und deutschem Lutheranertum; ein entzweigekeiltes, an -Sitte und Leben verpestetes, in hilflose Fetzen zerfallenes Volk, -das seine nationale Erneuerung wieder beginnen mußte, wie ein Kind -nach dem Windelschmutze seine Menschwerdung anfängt in den ersten -Schuhen -- und als einziges Erinnerungszeichen dieses grauenvollen -Geschehens hingen im Fürstenkorridor zu Berchtesgaden zwei schwedische -Kürasse. Die hatte man in der Ramsau zwei verirrten und von den Bauern -erschlagenen Botschaftsreitern vom blutenden Leib geschält. - -Nur ein einzigesmal in jenen dreißig Jahren hatte Berchtesgaden -für wenige Winterwochen eine Einquartierung erlebt. Während die -deutsche Welt in Jammer und Elend sank, hätte das >Ländl< in seiner -Abgeschlossenheit gedeihen können, wenn ihm, angesteckt durch -Seuchenkeime der Zeit, die Zermürbung nicht im kleinen erwachsen wäre, -wie draußen dem Volk der Deutschen im großen. - -Aus dem Fürstenzimmer huschte ein spitznäsiges Männchen heraus, der -Perückenmeister, den man aus Paris verschrieben hatte. Ein deutscher -Bartscheer brachte doch so was Himmlisches nicht fertig, wie es jetzt -die Herren auf ihren Köpfen trugen. Pfarrer Ludwig tat einen tiefen -Atemzug und ging zur Tür. Bevor er sie erreichte, vollzog sich ein -Ereignis, das störend in den Gang der Berchtesgadnischen Regierung -eingriff. Am Pfarrer rannte einer vorüber und ihm voraus, der auf -der Schwelle des Fürstenzimmers den Vortritt sogar vor den fremden -Gesandten hatte. Der Wildmeister. Er brachte die aufregende Nachricht, -daß die Stiftsjägerei bei den Untersteiner Sümpfen drei kapitale -hauende Schweine bestätigt hatte. Die Keiler lagen unentrinnbar fest, -und die Netze waren schon gezogen, nicht zu einem >Großen Jagen<, nur -zu einem kleinen >Eingestellten Treiben<, das flink zu erledigen -war. Bei solcher Sachlage hatten die Wildschweine den Vorrang vor -dem Landswohl und der Fürsorge für den unverfälschten Glauben. In -den Korridoren sprangen Lakaien und Jägerknechte hin und her, im -Stiftshofe wurden vier zierliche Schlitten aus den Remisen gezogen, -und zwei buntgekleidete Läufer, mit weißen Straußenfedern auf den -grünen Samtkappen, surrten unter dem Brausen des Föhnwindes durch -die Marktgasse, um die edle Aurore de Neuenstein und den Kanzler von -Grusdorf zum Eingestellten Treiben zu laden. Der Onkel Kanzler mußte -zur Wahrung der guten Sitte immer den Regierungstisch verlassen, -wenn die allergnädigste Nichte sich beteiligte an den winterlichen -Weidmannsfreuden ihres _maître adoré_. - -Pfarrer Ludwig, der sonst auf das neumodische Jagdgepränge nicht gut zu -sprechen war, segnete an diesem Tag zum erstenmal den >französischen -Schwindel<. Aufatmend um des Zeitgewinnes willen, eilte er heim und -brüllte der Schwester ins Ohr: »Kommt der Niklaus, so sag ihm, daß -ich vorausgegangen bin zu seinem Haus!« Dann schoß er davon, um zwei -nötige Dinge zu erledigen. Er mußte das fromme Klostervögelchen zum -Singen bereden, mußte zu erfragen suchen, was Luisa dem Chorkaplan -Jesunder gesagt hatte. Und mit Lewitter, den er seit dem gestörten -Schachspielabend nicht mehr gesehen, mußte er das gemeinsame Verhalten -vor dem Fürsten bereden. Ungeduldig trommelte er mit dem Klöppel an -Lewitters Haustür. In dem dunklen Flur, in dem die Gewürze dufteten, -kam für den Pfarrer eine schwierige Unterhaltung mit der alten Lena, -deren Zeichensprache er nur halb verstand. »Gut sind wir aufgerichtet, -der Simmi und ich! Die meine hört nit, und die seine kann nit reden!« -Dem wahren Gott zuliebe hatte man der Magd vor fünfzehn Jahren in -Salzburg die Zunge kürzer gemacht, weil sie die Obrigkeit belogen -hatte, um Weib und Kinder ihres Herrn zu retten. Nur mit den Händen -konnte sie noch reden. - -Ungefähr verstand der Pfarrer, daß Simeon nicht daheim wäre; man hätte -ihn am verwichenen Abend wieder zu einem kranken Weib geholt, das -seit drei Tagen in den Wehen läge und nicht gebären könne; Lewitter -wäre wieder die ganze Nacht außer Haus gewesen und auch am Morgen -nicht heimgekommen. »Ach, das Leben! Könnt ein Gärtl des lieben Gottes -sein und wird ein Saustall des Teufels! Und da plagt sich jetzt der -hilfreiche Simmi, um einem neuen Leidgesellen der Menschheit den -Eintritt ins Leben zu erleichtern!« Den Kopf gegen den Südwind bohrend, -eilte Pfarrer Ludwig dem Haus des Freundes entgegen, immer grübelnd: -»Wie muß ich es machen, daß ich das Mädel zu Verstand bring? Zu einem -Herzschlag, der menschlich ist?« - -Ein Weiberschrei voll Sorge machte ihn aufblicken. Vom Zauntor kaum die -Sus gelaufen: »Wo bleibt der Meister? Ist was geschehen?« - -»Nichts, gute Sus! Wo ist das Luisichen?« - -»Die Haustochter hab ich nimmer gesehen, seit sie heimgekommen ist -von der Frühmeß. Der Meister ist ganz von Sinnen gewesen. Und da bin -ich allweil beim Zaun gestanden, hab gewartet und bin nur ein paarmal -hineingesprungen zum Herd, daß mir das Fleisch nit aus dem Sieden -kommt.« - -»Recht so, liebe Sus! Dein Herr und dein Herd!« Der Pfarrer sagte -scherzend: »Gelt, Mädel? Dich plagen keine Seelenzweifel und -Glaubenskämpf?« - -»Mich nit!« antwortete sie ehrlich. »Ob des lieben Herrgotts Kittel -grün oder rot ist, das ist mir eins. Kittel her oder hin, der Herrgott -ist drin. Mir ist das Leben recht, so lang der Meister seine Ruh hat -und schaffen kann. Und weil man schon nimmer weiß, wie man beten muß, -drum bet ich am Morgen katholisch, am Abend evangelisch. Eins muß dem -Meister allweil nutzen.« - -»Betest du nit auch für dich?« - -Sus schüttelte den Kopf und trat in den Flur. »Ich zähl doch nit.« Als -sie dem Pfarrer den Mantel abnahm, sagte sie: »Eh der Meister fort -hat müssen, ist die Haustochter bei ihm gewesen.« Sie öffnete die Tür -der Werkstatt. »Kindl? Bist du noch da?« Auch der Pfarrer war über -die Schwelle getreten. Nun sahen die beiden im gleichen Augenblick -die Holzplatte mit dem formlos auseinandergequetschten Wachs. Die -Sus bekam ein Gesicht, so weiß wie Kalk. Und der Pfarrer stammelte: -»Gotts Not! Das hat doch der Meister nit selber getan! Mädel? Ist ein -Chorkaplan im Haus gewesen?« Sus hörte nicht. Immer sah sie die Reste -des vernichteten Werkes an, als wäre das der Untergang einer kostbaren -Welt. Den Mund von Tränen überkollert, lispelte sie: »Wie heilig und -schön ist das gewesen!« Unbeweglich blieb sie vor dem Gewirr des roten -Wachses stehen, als Pfarrer Ludwig hinaussprang in den Flur. - -»Luisichen!« rief er, während er hinaufhastete über die Treppe. -»Luisichen!« Er stieß die Wohnstube vor sich auf. »Luisichen! -Luisichen!« Er rüttelte an des Mädels verschlossener Kammertür. »Aber -Kind! So tu doch reden! Bist du da drin?« Er vernahm einen Laut. War's -ein lallendes Beten? Ein Stöhnen in Schmerz? Mit aller Kraft seiner -Sorge warf sich der Greis gegen die Tür. Der Riegel klirrte in die -Stube hinein, Pfarrer Ludwig taumelte über die Schwelle und tat im -ersten Schreck einen heiseren Schrei. Erstarrt hing Luisa vor ihm an -der weißen Mauer, wie eine Gekreuzigte, umwoben von der Sonne. Ihre -Arme, von denen die leinenen Ärmel zurückgefallen waren, hatten eine -gedunsene Form und waren so rot wie das Mieder, unter dem die junge -Mädchenbrust in heftigen Stößen atmete. Oberhalb der schnürenden -Tuchschlingen waren die Hände dunkelblau, mit gespreizten, leblosen -Fingern. Und der Kopf mit den schweren Haarflechten hing entkräftet -vornüber. Ein paar lallende Laute noch. Dann schien eine Ohnmacht die -Sinne der Büßerin zu umschatten. - -Pfarrer Ludwig schrie den Namen der Sus, sprang auf Luisa zu, riß das -Messer heraus, das er wie ein Bauer an der Hüfte trug, umklammerte die -Bewußtlose mit dem linken Arm und schnitt die gestrafften Tuchschlingen -von den Holzzapfen. »Da möcht man doch verzweifeln an der Menschheit!« -keuchte er und trug die Ohnmächtige hinüber zum Bett. Als er die -Sus kommen hörte, befahl er: »Lauf, was du laufen kannst, und bring -einen Becher Kirschwasser!« Er zerrte die Tuchschlingen von Luisas -Handgelenken, begann ihre starren Arme zu kneten und rieb ihre Hände, -bis die blaue Färbung verschwand und der Blutlauf wieder in Gang -geriet. Nun brachte die Sus den Becher und stammelte: »Was ist denn -geschehen?« - -»Nit viel!« Er konnte lachen. »Ein bißl Dummheit geht um in den -Menschenköpfen. Wer weiß, wozu es gut ist! Ein Holländer hat mir -neulich gesagt: >Kein Ding, das dem Leben nit dienen könnt, auf daß -die Menschenkinder teilhaftig werden des Glückes!<« Mit dem Becher -beugte der Pfarrer sich über das Bett und flößte einen festen Guß des -Kirschwassers in Luisas Mund. Sie schluckte. »Soooo, Kindl! Gelt, das -ist gut!« Er stellte den Becher fort und rückte den Fußteil des Bettes -von der Mauer weg. »Flink, Sus! Auf die ander Seit hinüber! Mach dem -Mädel das Mieder und den Rockbund auf. Wir müssen schauen, daß wir sie -unter die Deck bringen.« Hurtig rieb er die Hand der Ohnmächtigen. -»Dann nimm ihren anderen Arm und tu mir alles nachmachen, fest und -flink!« - -»Was ist denn, Hochwürden?« - -»Ach, so dumme Mädelgeschichten! Da ist sie ein bißl krämpfig worden.« - -Während Sus das rote Miederchen der Haustochter aufnestelte, klagte sie -vor sich hin: »Um Gottes willen!« - -»Nein, gute Sus! Gott ist da nit dabei. Nur Überfluß an jungem Blut und -ein bißl Mangel an gesundem Verstand.« - -Unter den vier kräftigen Fäusten wurden die zwei starren Mädchenarme -heiß und beweglich. Auch das verschluckte Kirschwasser wirkte mit, um -das junge Blut seinen vernünftigen Weg wieder finden zu lassen. Luisa -öffnete die Lider wie eine Schlaftrunkene. In schwimmendem Glanze -glitten unter den langen Wimpern die langsamen Augen. »Guck!« Der -Pfarrer ließ auf seiner Wange die große Warze tanzen. »Wie munter das -liebe Kindl schon wieder ins Leben blinzelt! Lauf, gute Sus! Und spring -hinüber zu mir! Da wartest du auf den Meister. Kommt er, so bring ihn -heim und sag ihm: das Kindl hätt einen Purzelbaum gemacht. Aber sag's -nit so, daß der Meister erschrecken muß. Sag's lieber so, daß er lachen -kann.« Die Sus, aufatmend, surrte in den Flur hinaus. Aller Schreck -der verwichenen Minuten erlosch ihr in dem Gedanken, daß sie hinlaufen -durfte, wo der Meister war. »So, Luisichen, komm, jetzt nimm zur -Aufmunterung noch ein kleines Schlückl!« Pfarrer Ludwig schob den Arm -unter Luisas Nacken und führte den Becher an ihren Mund. - -Gehorsam, wenn auch noch immer ein bißchen duselig, öffnete sie die -Lippen und trank. Nach dem ersten Schluck erweiterten sich ihre Augen -wie in Entsetzen. Mit beiden Händen versuchte sie sich zu wehren und -lallte: »Jesu mein, Ihr gießet mir ja die Höll ins Leben!« - -»Umgekehrt! Ich lösch in dir die unsinnige Höll mit einem nötigen -Lebenstrunk! Tu schlucken! Fest!« Er hob und goß, bis der Becher leer -war. Weil sie nicht schlucken wollte, preßte er die linke Hand auf -ihren Mund, faßte mit der rechten den feinen Mädchenhals und rüttelte -die widerspenstige Kehle. »Schluck, mein Luisichen! Schluck!« Ob Luisa -wollte oder nicht, sie mußte schlucken. Die brennende Kirschwasserhölle -war drunten. Daraus ergab sich eine sehr sonderbare Wirkung. Obwohl von -Zorn und Ekel die Tränen in Luisas Augen traten, konnte sie die kühlen -Greisenfinger an ihrem Halse nicht ertragen, mußte aufkreischen, mußte -lachen wider Willen. »Ooooh, Luisichen?« Der Pfarrer wurde lustig. »Muß -man dich kitzeln, damit du das menschliche Lachen lernst? Das kann ich -besorgen. Lach, mein Luisichen, lach! Wie mehr, so gesünder ist es!« In -der Art, in der man schäkert mit einem zappelnden Buben, begann er sie -am Hals zu kitzeln, am Kinn, an den Ohren, an den Ellbogen und unter -den Armen. - -Sie wollte sich wehren und wurde hilflos, wand sich und kreischte, -schüttelte die sich lösenden Zöpfe von ihrer Stirn herunter und schrie -und lachte. Immer wollte sie betteln: »Hör auf, hör auf!« Und konnte -nicht reden, weil sie lachen mußte, immer lachen und lachen. - -»Brav, mein Kindl! Netter bist du noch nie gewesen, als jetzt in deinem -zappligen Übermut! Gelt, ich hab recht? Bloß ein Lachender merkt, wie -munter und kostbar das irdische Leben ist!« - -Es gelang ihr, sich seinen Händen zu entwinden. Halb noch lachend, halb -von Jähzorn befallen, faßte sie eines von den zwei weißen Kissen ihres -Bettes und warf es dem Pfarrer Ludwig an den Kopf. - -Er haschte das linde Geschoß, umschlang es an seiner Brust und sagte -fröhlich: »Gott sei Dank! Eine menschliche Regung! Kindl, jetzt kann -man bei dir auf Genesung hoffen!« - -Zitternd fiel sie zurück und preßte den Arm über die Augen. Der -Pfarrer setzte sich auf den Bettrand hin, behielt das weiße Kissen auf -seinem schwarzen Schoß und betrachtete unter freundlichem Lächeln das -stumme, glühende, um Atem ringende Menschenkind, das die Augen vor ihm -versteckte. Einmal versuchte Luisa den Arm zu heben, ließ ihn wieder -auf die Augen fallen und lispelte: »Ich weiß nit, was das ist -- alles -tut sich drehen um mich herum.« - -»Kindl,« sagte der Pfarrer vergnügt, »da hast du einen Schwips. Vom -Kirschwasser. Ja, Luisichen, wer anderthalb Jahrzehnt das kühle -Brunnenwasser im Kloster genossen hat, vertragt was Wärmeres nit -aufs erstemal.« Er lächelte. »Lernen brauchst du das nit: daß du -Kirschwasser vertragen kannst wie Geißmilch. Heut ist's nötig gewesen. -Sorgen brauchst du dir wegen des kleinen Räuschls nit zu machen. Das -verschlafst du wieder!« Seine Stimme bekam einen zärtlichen Klang. -»Auch ist das so: daß alles Schönste im Leben mit einem Räuschl -anfangt, sei es im Hirnkästl oder sei es im jungen Blut.« Luisa -blieb stumm. Während die Morgensonne herglänzte über das weiße Bett, -ging ein schmerzvolles Zucken um den heißroten Mädchenmund. Manchmal -überrieselte noch ein Nachschauer des Lachens den zierlichen Körper, -und unter dem Arm, der die Augen verhüllte, quollen die Tränen hervor, -kollerten über die glühenden Wangen und versanken im braunblonden -Schimmerkissen der gelösten Zöpfe. Sich vorbeugend, sagte der Pfarrer -langsam: »Kindl, wie bist du lieb und schön! Was tät der Leupolt geben -drum, wenn er an meinem Plätzl sitzen dürft. Und morgen oder übermorgen -muß er am Schandpfahl hängen. Der redliche Bub!« Ein knirschender -Laut; Luisa warf sich herum und vergrub das Gesicht in die Fülle ihres -Haares. So lag sie lautlos, während ein heftiges Schüttern ihren Nacken -und ihre Schultern befiel. Als sie ruhiger wurde, gab sie Antwort auf -jede Frage. Alles sagte sie, ehrlich und ohne Rückhalt. - -Der Pfarrer fröstelte ein bißchen. Obwohl die Sonne durchs Fenster -hereinfiel und draußen der laue Föhnsturm brauste, war es mehr als kühl -in der ungeheizten Stube. Und Pfarrer Ludwig hatte schwitzen müssen. -Als er vom Garten herauf die Stimme des Meisters hörte, erhob er sich, -legte das Kissen über Luisas Füße und zog ihr die wollene Decke bis an -das Kinn. »Versuch zu schlafen! Die heilige Mutter Marie, an der wir -hängen in treuem Glauben, du und ich, die soll dich erwachen lassen zu -einem wärmeren Leben! Von dem kindischen Narrenstückl, das ich sehen -hab müssen, soll dein Vater nichts erfahren. Der tät das nit so gut -verstehen, wie ich alter Pfarrer.« Er strich mit der Hand über den -Scheitel der lautlos Zuckenden. »Was ich erfahren hab müssen, das ist -gebeichtet, gelt? Ich, Kindl, ich schweig in heiliger Pflicht. Wärst -du am Morgen in deiner Herzensnot zu mir gekommen, so hätt die Mutter -Jesunder dich nit umtragen müssen im Tratschkörbl, und der Pfleger hätt -nichts erfahren vom Leupolt.« Er hob die zwei zerschnittenen Tüchelchen -von den Dielen auf, löste die Schlingen, die noch am Zapfenbrette -hingen, und schob sie schmunzelnd in die Tasche. Forschend guckte er -über die Schulter nach dem Bett, verließ die Stube und schloß hinter -sich die verbogene Tür, so gut sich das noch erledigen ließ. - -Da kam der Meister über die Stiege heraufgehastet, Sorge in den Augen. -»Was ist denn mit dem Kind?« - -»Nichts, lieber Nick! Oder doch nichts Böses. Im Gegenteil. Dein Kind -hat einen Sprung aus dem Kalten ins Warme getan. Das geht nit ab ohne -festen Beutler. Jetzt müssen wir dem kleinen Weibl ein bißl Ruh -vergönnen und müssen sie schlafen lassen.« - -In den Augen des Meisters wollte die Sorge nicht erlöschen. »Schlafen?« - -»Aufs erste Kirschwasser schlaft man allweil. In späteren Jahren -mindert sich die gute Wirkung. Komm! Wir gehen hinunter in die -Werkstatt!« Er wurde ernst. »Da hab ich gesehen, was mir arg mißfallen -hat. Mensch bleiben, heißt bauen und schaffen, nit in Scherben -schlagen.« - -Drunten im Flur stand die Sus mit seitwärts gespreiteten Armen an der -Mauer, zitternd, im Blick den Ausdruck einer qualvollen Angst. Etwas -Tierisches und dennoch etwas Schönes war in ihren Augen. Der Pfarrer -ging an der Magd vorüber, ohne sie zu gewahren. Meister Niklaus blieb -stehen und sah sie an, verwundert, als sähe er etwas an ihr, was er -noch nie gesehen hatte. »Sus!« Sie neigte vor seinem Blick die Stirn: -»Jetzt muß ich zum Herd. Das Wasser wird eingesotten sein und das -Fleisch wird schlecht.« Ein müdes Lächeln. Dann ging sie davon. Er sah -ihr nach und blieb noch immer stehen, obwohl die Sus in der Küche schon -verschwunden war. - -Der Pfarrer stand in der Werkstätte vor dem roten zerquetschten -Wachsklumpen. »Herzbruder Nick? Was hast du denn da getan?« - -»Fast weiß ich es selber nit.« Meister Niklaus faßte erregt ein breites -Messer und schnitt die formlose Wachsmasse von der hölzernen Platte. -»Es ist mir, als hätt ich's im Zorn getan.« Mit der Linken knüllte -er das Wachs zu einem Ballen. »Oft ist's wie ein Fremdes, was man -tut. Kann sein, ich hab Platz machen müssen für ein Ding, das besser -ist.« Er wurde ruhig. Und während er mit dem Pfarrer sprach -- von -Luisas Heimkehr am Morgen, von seinem jähzornigen Hammerstreich, von -der Mutter Agnes, vom Eis auf dem Königssee und von dem süßen Krapfen --- preßte er eine Wachsflocke um die andere auf das Holz, schnitt mit -dem Daumennagel und formte mit den Fingern. Und plötzlich, die Arbeit -unterbrechend, sah er den Pfarrer an. »So sag mir doch die Wahrheit! -Was ist mit dem Kind?« - -»Das ist schnell gesagt. Sie hat den Leupolt gern und weiß es noch nit. -Da rumort das Neue ein bißl hitzig in ihrem kühlen Klosterstübl.« - -Aufatmend flüsterte Niklaus: »Das wär ein Glück! Da tät's wieder heller -werden in meinem Haus.« - -Ein Summen an den Fensterscheiben. Man hörte rasch nacheinander aus -weiter Ferne her den Hall und das Echo von fünf Gewehrschüssen. »Hörst -du?« lachte der Pfarrer ingrimmig. »Derweil die Herzensnot der Menschen -umlauft im ganzen Ländl, erlustigt sich die Allergnädigste an den -Untersteiner Wildsauen. Ein Gutes hat auch das. Die Sorg um den Leupolt -ist aufgeschoben. >Tod ist Tod,< sagt meine Schwester allweil, >aber -besser morgen als heut.< Dein Mädel tu schlafen lassen, bis es von -selber aufwacht. Nach dem Quantum Kirschwasser, das ich dem blinden -Klosterspatzen eingegossen hab, wird's lang dauern, bis er wieder -piepsen kann. Und du bleib bei der Arbeit, Nick! Sie ist von allem -Lebenstrost der beste.« - - - - -Kapitel VIII - - -Im Wehen des Föhns, bei blitzendem Tropfenfall und in Sonne, -schmetterten vier Hifthörner die Sautodweise durch den Untersteiner -Wald. Auf rotfleckigem Schnee, zwischen der grünmaskierten -Fürstenkanzel und dem mannshohen Stellnetz, lagen die drei zur Strecke -gebrachten hauenden Schweine, festlich aufgeheitert, mit Fichtengrün -bekränzt, mit kirschroten Seidenmaschen an den Lusern und an den -zottigen Schwänzen. Die graulivrierte Stiftsjägerei war in Reihe -gestellt, und rings um die erlegten Keiler gaben die weiß und braun -getigerten Saurüden in ihren dick unterfütterten Barchentpanzern -Standlaut. Nach einer vierstimmigen Fermate schwiegen die Hörner, um -gleich darauf die sanfte Dianenweise zu beginnen, die zu Ehren der -edlen Aurore de Neuenstein geblasen wurde. Mit Grazie kam der Hofzug -durch den Schnee geschritten, voraus der Fürstpropst Anton Cajetan -mit der Allergnädigsten _en titre_. Nach französischer Vorschrift für -ein Eingestelltes Treiben auf Wildschweine trug er ein hechtgraues, -reich mit Silber besticktes Jägerkleid, an dem zwei kleine Bäffchen -den Priester unvordringlich andeuteten, und darüber einen offenen, -kostbaren Pelz, der durch den degenförmigen Hirschfänger vom Körper -abgespreitet wurde. Unter dem silberbetreßten Dreispitz quoll ein -geschnörkelter Lockenbau hervor. Zwischen den Haarschnecken spitzte -sich ein weißes, tadellos rasiertes, schon greisenhaftes Schmalgesicht -heraus, launig lächelnd, ein bißchen spöttisch und nicht ohne Energie. - -Ehe Herr Anton Cajetan im vergangenen Jahr von den sieben Stiftsherren -zum Fürstpropst gewählt wurde, war er durch zwei Jahrzehnte als -Dekan des Stiftes ein geschäftiger Vorkämpfer der Kapitularen um -ihre Selbständigkeit gewesen, um ihre Loslösung von der mönchischen -Regel, um ihre Verwandlung in freie Chorherren mit allen weltlichen -Vorrechten edler Geburt. Da hatte er scharfe Worte, nicht nur gegen -die begründeten Ansprüche des wohlmeinenden Churfürsten von Bayern, -auch gegen den Papst geredet und geschrieben. Im Streite gegen die ->evangelischen Rebellen< hatte er eine aus Vorsicht und Konsequenz -gebildete Faust erwiesen. Während aus dem Salzburgischen die ->gottsfeindlichen Landsverräter< zu vielen Tausendscharen ausgewiesen -wurden, statuierte Herr Anton Cajetan als Dekan und Propst nur ein -paar abschreckende Exempel und hatte, wie er noch immer glaubte, seine -Stiftslande frei erhalten von einem staatsgefährlichen Anwachsen -des Schwarmgeistes. Seit Beginn des evangelischen Aufruhrs im -Salzburgischen hatte der Fürst, um alle aufreizenden Nachrichten von -außen abzusperren, jede Straße durch einen Grenzriegel von Musketieren -verschlossen. Daß dadurch der Wohlstand im Lande sank, aller Handel -unterbunden war und die Steuerkraft der Bauern, Handwerker und -Kaufleute vermindert wurde, das zählte nicht. Wenn nur die Landsruh -und der reine Glaube erhalten blieb! Bis wieder bessere Zeiten kamen, -konnte man borgen. Aber wo? Die Schulddokumente des Stiftes füllten -schon viele Schränke, erschreckend wuchsen von Jahr zu Jahr die Kosten -der höfischen, aus Standesrücksichten unerläßlichen Pariserei, und -immer bedrohlicher begannen die hilfreichen Brunnen zu versiegen, um -so mehr, je übler es der Berchtesgadnische Hof mit dem Churfürsten von -Bayern verschüttet hatte, der früher dem Berchtesgadnischen Land ein -hilfsbereiter Schutzfreund gewesen war. Die Frage, wo neue goldene -Hilfsquellen zu erschließen wären, verursachte Herrn Anton Cajetan -schlummerlose Nächte. Das Bauerngerede, daß der Allergnädigste nicht -schlafen könne, weil ihm der allzuviele Wein den Magen versäuere, war -eine Verleumdung. Im Gegenteil: Herr Anton Cajetan bedurfte reichlich -der spiritualen Beruhigung, weil ihm die gähnende Kassensorge den -Schlummer verwehrte. - -Diesen Regierungsgram hatte er nicht zur Wildschweinhetze mitgenommen. -Er blickte heiter in die Sonne, und das leise Spottzucken seiner -Mundwinkel war feingalantes Vergnügen an der Tatsache, daß seine -hübsche Freundin _en titre_ sich gläubig einen weidmännischen Erfolg -hatte aufschwatzen lassen, den sie nur dem korrigierenden Beistand -der Domizellaren verdankte. Die zerschmetterte Wirbelsäule des einen -Keilers war einwandfrei ein Werk ihrer kleinen Dianenhände. Die -Blattschüsse der beiden anderen Keiler waren höfische Nachhilfe, die -von allen Schützen mit den heiligsten Eiden verleugnet wurde. Aurore de -Neuenstein war so geartet, daß sie an Männerschwüren niemals zweifelte. -Bei der grünen Fürstenkanzel hatte sich nach den fünf Flintenschüssen -ein galantes weidmännisches Gerichtsverfahren abgespielt, das den -Glauben der Allergnädigsten an die Unfehlbarkeit ihrer Geschosse -befestigt und Herrn Anton Cajetan sarkastisch erheitert hatte. Da er -seiner standesgemäßen Freundin gegenüber in anderer Weise nicht ganz -auf seine hohen Kosten kommen konnte, hielt er sich zuweilen dadurch -schadlos, daß er sich innerlich um so mehr über sie lustig machte, je -liebenswürdiger er sie äußerlich behandelte. - -Unter den Klängen der Dianenweise führte er sie an hoch erhobener Hand -zur Strecke. Der Wind zauste ihre hechtgraue Pelzglocke und blies -den Puder aus ihren Locken. Glücklich und stolz, den geschminkten -Kreuzermund mit dem Schönheitspflästerchen vorgeschoben, stelzte -sie durch den zerwühlten, mit roten Flecken übersprenkelten Schnee, -in der Rechten das buntgebänderte Jagdspießchen führend, das einer -für Kinderhände berechneten Schäferschippe ähnlicher sah als einer -Saufeder. Dem hohen Paare folgte der Kapitular Graf Saur mit dem -Kanzler von Grusdorf, der die Regierungssorgen *nicht* zu Hause -gelassen hatte und zwischen den Lockenschnörkeln gallig in die Sonne -blinzelte. Seinen verwandtschaftlichen Beziehungen zur Allergnädigsten -verdankte er die bevorzugte Stellung am Hofe; doch weil er an Podagra -litt, verurteilte er weniger aus moralischen, als aus sanitären Gründen -diese häufigen Elefantenfahrten, die ihm kalte Füße verursachten. Den -Zug beschlossen die Domizellaren in hechtgrauer Junkertracht: die -drei Barone von Hausen, Stutzing und Kulmer, und der bildhübsche, -zwanzigjährige Graf Tige, der seit dem Weihnachtsspiel, in dem er als -Partner der Allergnädigsten den heilbringenden Engel dargestellt hatte, -ihr bevorzugter Günstling war. - -Die Hörner schwiegen, der Wildmeister sagte in einer Sprache, die er -nicht verstand, seinen gereimten Spruch auf -- französische, *sehr* -galante Verse, die Graf Tige verfaßt und dem Wildmeister eingelernt -hatte wie einem Papagei. Dann nahm Herr Anton Cajetan die drei -grünen Brüche, die ihm der Wildmeister auf dem Dreispitz hinbot, und -befestigte sie am Busen der holdselig lächelnden Diana. Das vollzog -sich auf eine Weise, daß es auch bei einer _Chasse royale_ im Parke -zu Fontainebleau nicht graziöser hätte geschehen können. Unter dem -schmachtenden Rondo der Dianenweise schloß sich an dieses stilgemäße -Jagddrama noch ein improvisiertes Satyrspiel. Einer der erlegten Keiler -hatte im Verenden unter Todesqual noch eine letzte irdische Verrichtung -vollzogen. Was dabei aus dem Leib des Tieres umfangreich in die Sonne -getreten war, faßte Graf Tige lachend auf eine Fichtenborke, beugte -elegant das Knie, hob die nach dem Weidmannsgeschmacke der Zeit mehr -bewundernswerte als anrüchige Sache bis vor das zarte Näschen der etwas -erschrockenen Diana und zitierte aus dem »_Livre de la chasse du Grand -Seneschal_« die berühmten Verse: - - »_En la saluant humblement - Mes fumées lui presentay. - Elle me respond doulcement: - Et à vous! dont me contentay._«[B] - -[B] - - Ich bot ihr ehrfurchtsvolle Grüße - Mit meinen Weidmannsdüften hin -- - »Dank Euch,« so sprach zu mir die Süße, - »Von dem ich sehr befriedigt bin!« - -Der Doppelsinn dieser Reime im Zusammenhang mit den galanten -Beziehungen, die zwischen Graf Tige und der Allergnädigsten _en -titre_ bestanden, weckte heiteres Gelächter. Auch Herr Anton Cajetan -schmunzelte. Ein bißchen boshaft. Und Aurore de Neuenstein, halb -verlegen, halb geärgert, schmollte mit ihrem Zwitscherstimmchen: -»_Ingrat! Vous parlez trop par métaphores!_« - -Scherzend senkte sie die Klinge des von Bändern flatternden -Jagdspießchens gegen die Herzstelle des knieenden Junkers und mimte den -Todesstoß einer zürnenden Göttin. Lächelnd erhob Herr Anton Cajetan die -wehrende Hand: »_Ma chérie! Vous changez les rôles contrairement à la -nature des vos enfantillages._« - -Neues Gelächter. Unter den Klängen des Herrengrußes kamen die -Schlitten vorgefahren. Die Heimreise begann in munterer Laune und -mit schicklicher Platzverteilung: der Fürstpropst nahm den Grafen -Saur zu sich in den Schlitten, und Aurore de Neuenstein schmiegte -sich wieder an ihren frierenden Elefanten. Weil Herr von Grusdorf das -Französische nur mangelhaft beherrschte, mußte die Allergnädigste bei -dieser Klingelfahrt sich ihrer heimatlichen Sprache bedienen. Geboren -in der Gegend von Dillingen, schwäbelte sie ein bißchen. Das klang sehr -niedlich. Doch plötzlich verstummte ihr Gezwitscher, und verwundert -sah sie die alte Bäuerin an, die aus kleinem Gehöft einen plumpen, mit -rauchendem Kuhmist beladenen Hörnerschlitten herauszog. Kindlich fragte -Aurore: »Warum schaut denn dees Weible so bös?« - -Herr von Grusdorf erwachte aus seinen Regierungssorgen. »So schauen -sie hier alle. Die Untersteiner sind von unseren Subjekten die -Obstinatesten. Ich besorge, daß sich da wieder ein evangelischer -Provokativus remarkabel macht. Wir haben Suspizien auf einen _vulgo_ -Hasenknopf.« Das edle Fräulein lachte über den sonderbaren Namen und -zirpte: »Laß ihne doch alle die Köpf runterschlage! Da habe mer Rueh, -und der Glaube bleibt rein erhalte.« - -Bei den letzten Häusern von Unterstein stockte die Schlittenzeile. -Herr Anton Cajetan sprach mit einem Musketier, der aufgeregt dem -Fürsten entgegengelaufen war. Auch der Landesherr schien in Erregung zu -geraten. »Grusdorf! Da bringt man uns eine höchst mirakulöse Nachricht. -Die Bäuerin im Haynacherlehen soll ein Mißgeschöpf geboren haben, das -zur Hälfte weiß ist und zur Hälfte schwarz.« Aurore de Neuenstein in -ihrer holden Unschuld erfaßte sofort den Humor der sonderbaren Sache -und erklärte eine solche Farbenmischung für _complètement incroyable_, -da doch kein Neger im Lande wäre. - -Flink begannen die vier Klingelkisten zu jagen. Man unterhielt sich -lustig und rief graziöse Späße von Schlitten zu Schlitten, ohne zu -ahnen, daß man Scherz trieb mit dem Schicksal eines Menschen, dessen -junges Hausglück sich verwandelt hatte in etwas Grauenhaftes. - -Ehe die Hofschlitten das Haynacherlehen erreichten, hatten in Christls -Gehöft schon viele Menschen sich angesammelt. Die Bauern, Weiber und -Kinder der Nachbarlehen standen in Gruppen beisammen, und vom Sudhaus -waren die Pfannenknechte herübergesprungen. Was in dem kleinen Haus -geschehen war -- an sich eine natürliche Sache, nur mißraten unter -einem seltenen Irrtum der Natur -- verwandelte sich für die schwer -erschrockenen Leute zu einem ungeheuerlichen Ding, das die Gehirne -verwirrte und die Gemüter verstörte. Weil die Haustür verriegelt war, -drängten die Leute sich klumpenweis um die drei kleinen Fenster. In -der Stube sahen sie die Wiege mit dem weinenden Bübchen, sahen auf dem -Tisch was liegen, bedeckt mit einem rotfleckigen Leilach, und sahen -die blasse Hasenknopfin hin und her laufen, immer mit einer irdenen -Wasserschüssel zwischen den Händen. Am Kammerfenster war nichts zu -erspähen. Man hatte innen das rote Vorhängelchen zugezogen. Nur vier -Stimmen waren zu hören: das Gestammel der Hasenknopfin, die ängstliche -Stimme Lewitters, die Klagelaute des jungen Bauern und eine ruhige -Frauenstimme, die mit gläubiger Inbrunst zu beten schien. Leute, die -am Fenster lauschten, verstanden einzelne Worte der Haynacherin. Einer -fragte: »Was betet denn die?« Andere erkannten die Worte, die sie -heimlich schon oft gelesen hatten -- im verbotenen Paradiesgärtl -- -und diese anderen schwiegen, Ergriffenheit in den harten Gesichtern. -Sie wußten: daß die unsichtbare Haynacherin in ihrer Todesstunde eine -Sichtbare wurde. - -Ein klobiges Mannsbild, einer von den fürstpröpstlichen -Pfannenknechten, schrie: »Der Tod bringt's an den Tag. Die Haynacherin -ist irr im Glauben. Der Christl hat's geduldet in seiner verruckten -Lieb. Jetzt hat ihn der Herrgott gestraft.« Und ein aufgeregtes Mädel -kreischte: »Die Hälft am Kindl hat christliche Unschuldsfarb! Der -Haynacherin ihren Halbteil hat die Höll verschwärzt.« Ein alter Bauer -mit grauem Bart -- der Fürsager aus dem Stall der Unsichtbaren von -Unterstein -- sah die beiden Schreier mit zornfunkelnden Augen an: -»Ihr zwei? Ihr tut euch Christen schimpfen? Ja? Und hundertmal sagen -im Tag: von nun an bis in Ewigkeit? Ja?« Der Pfannenknecht brüllte: -»Bist du auch einer, du?« Er sprang auf den Alten zu und packte ihn an -der Schulter. Gleich drängten sich Fünfe, Sechse zwischen die beiden -und deckten den alten Mann. Auch der Knecht fand Kameraden, und es -wäre zu einem üblen Handel gekommen, wenn nicht am Stubenfenster ein -Kinderstimmchen gerufen hätte: »Jetzt kommt der Jud!« Die Leute guckten. - -Simeon Lewitter, mit der Ledertasche in der Linken, eingehüllt in -seinen dicken Fuchspelz, trat aus der Haustür, die hinter ihm von -der Hasenknopfin wieder verriegelt wurde. In seinem erschöpften, -kreidebleichen Gesichte mischte sich scheue Ängstlichkeit mit Zorn -und Trauer. »Seid doch verständig, Leut, und geht zu euren Dächern. -In des braven Christls Haus ist das Unglück eingekehrt. Vergönnt ihm -aus Erbarmen den Frieden, den er nötig hat!« Zwanzig, dreißig Stimmen -redeten durcheinander und verstummten plötzlich. Ein Peitschenknall, -ein heitertönendes Schellengeklingel. In der rotwerdenden -Nachmittagssonne kamen die vier Hofschlitten angefahren. Der Vorreiter -sprengte durch das Zauntor: »Platz für den allergnädigsten Herrn!« Das -Gehöft war leer. Die Leute rannten hinter den Schuppen, kletterten über -den Zaun, wateten durch den schlammigen Ackerschnee und verschwanden -hinter den Hecken. - -Simeon Lewitter blieb. Nicht gerne. Er nahm das Käppchen von seinem -weißen Haar und täppelte zögernd dem ersten Schlitten entgegen. -Sorge wühlte in ihm. Was er in dem kleinen Haus getan, das hatte er -tun müssen aus Barmherzigkeit für den verstörten, von Grauen und -Verzweiflung zerbrochenen Christl. Aber er fühlte: was er tun hatte -müssen, konnte sich für ihn selbst in eine Gefahr verwandeln. »Wär ich -nur schon daheim in meiner Kinderstub!« Da hielt der Schlitten des -Fürsten. Der zweite Schlitten fuhr dicht an den ersten heran, weil -Aurore de Neuenstein hören *wollte* und der Kanzler von Amtswegen -hören *mußte*. Aus den zwei andern Schlitten sprangen die Domizellaren -heraus und wateten lachend durch den Schnee. Lewitter verbeugte sich -tief. - -»Simeon? Du?« Der Fürstbischof schmunzelte ein bißchen. »Ist das wahr? -Daß die Haynacherin ein Kind geboren hat, halb weiß, halb schwarz?« - -Der kleine Mann schüttelte kummervoll den Kopf. »Es ist noch ärger, -gnädigster Herr! Nur mit den Farben stimmt es. Das eine Kind ist weiß -wie ein Rösl. Das andere ist schwarz -- vom Brand.« - -Das letzte Wort überhörend, fragte der Fürst verwundert. »*Zwei* -Kinder?« - -Lewitter nickte. Dann sagte er's in kurzen Worten: daß es mit der -Haynacherin drei Wochen über die Zeit gewesen wäre. Seit vier Nächten -hatte sie unter furchtbaren Wehen gelitten. Und vor einer Stunde gebar -sie zwei Mädelchen, ganz natürlich entwickelt, mit allen Gliedmaßen, -doch von der Schulter bis zur Hüfte aneinander gewachsen -- das eine -tot, schon erloschen unter dem Herzen der Mutter, während das andere -nach der Geburt noch Spuren von Leben gezeigt, noch offene Augen und -ein schlagendes Herz besessen hatte -- Leben, unlösbar mit dem Tod -verwachsen. - -»_Quelle chose effroyable!_« lispelte Aurore de Neuenstein erblassend -und vergaß ihrer pariserischen Bildung. »Dees ischt ja doch nit zum -glaube!« Und der Fürstpropst fragte erschrocken: »Gibt es das?« - -»Ein seltenes Ding!« sagte Lewitter mit schwankender Stimme. »Ich weiß -nur noch von einem einzigen Fall. Er hat sich zu Regensburg ereignet, -vor vierhundert Jahren. Ganz der gleiche Vorgang war es. Auch damals -mußten Kinder und Mutter sterben.« - -Der Fürstpropst beugte sich vor. »Sterben? Auch die Mutter?« - -»Als ich das Haus verließ, begann sie zu erlöschen. Keine Hilfe mehr. -Ich habe den Schmerz des Mannes nimmer sehen können. Drum bin ich -gegangen. Der Mensch, wenn er hilflos ist, hat feige Stunden. Und was -ich getan habe, das hat den Mann nicht getröstet.« Lewitters Blick war -ängstlich. »Ich meinte, daß es ihn aufrichten würde in seinem Schmerz, -wenn sein weißes Kindlein christlich würde, solange noch Leben in ihm -war. Drum hab ich ihm die Nottaufe gegeben.« - -»Lewitter!« murrte Herr von Grusdorf erschrocken. »Wie konnte er sich -verleiten lassen zu einer solchen Inkompetenz? Die _causa_ des Leupolt -Raurisser hätte ihn vorsichtiger machen sollen.« Auch der Fürstpropst -schien unbehaglich berührt: »Simeon! Das hättest du besser unterlassen!« - -»Herr!« Immer ruhiger wurde Lewitter. »Das Erbarmen kann ein Riese -werden, der uns zwingt.« - -»Mag sein! Aber --« Herr Anton Cajetan stieg aus dem Schlitten, und der -Kanzler tat rasch das gleiche. »Warum hat nicht der Kindsvater das Kind -getauft?« - -»Weil er die schwarzweiße Mißform seiner verlorenen Kinder nicht mehr -ansehen konnte, ohne daß ihn der Kummer halb erwürgte. Und weil er -immer wieder in die Kammer sprang zu seinem erlöschenden Weib.« Der -Körper des kleinen Mannes streckte sich, und etwas Schönes war in -seinem Blick. »Schon vielen Menschen hab ich beigestanden in ihrer -letzten Stunde. Aber nie noch hab ich ein Menschenkind so voll -Gottvertrauen versinken sehen, wie dieses arme, leidende Weib.« - -»_Mais donc_ --« Herr Anton Cajetan wurde ungeduldig. »Warum hat nicht -die Hebmutter die Nottaufe an der noch lebenden Hälfte exekutiert?« - -Den Grund -- daß Christl sein Kind durch eine Unsichtbare nicht taufen -ließ -- wollte Lewitter nicht bekennen. Er sagte: »Die Frau war um das -sterbende Weib beschäftigt.« - -Im Kanzler erwachte ein Verdacht. »War es, um methodisch vorzugehen, -die Hebmutter des Marktes?« - -Jetzt gab es kein Verschweigen mehr. »Es war die Hasenknopfin von -Unterstein.« - -Der Fürst und Herr von Grusdorf tauschten einen Blick. Anton Cajetan -machte einen Schritt gegen das Haus hin, wandte das ernste Gesicht -und sagte zu dem hübschen hechtgrauen Junker: »_Mon cher Tigue! La -Neuenstein désire fort d'être chez soi!_« Bei der Vermutung, daß seine -Freundin _en titre_ sich einem nervenquälenden Anblick zu entziehen -wünsche, hatte er nicht mit der Gruselsucht der holden Dame gerechnet. -»_Non, non, non_,« sie schlüpfte hastig aus dem Schlitten, »_je veux -voir ça, moi!_ So ebbes Seltsames versäumt me doch nit.« Die Schultern -zuckend, ging der Fürst auf die Haustür zu. Die anderen hinter ihm -her. Simeon Lewitter blieb bei den leeren Schlitten stehen. Weil sich -niemand um ihn kümmerte, wurde ihm die Entscheidung leicht. Nur erst -daheim sein! Keuchend zappelte er durch den Schnee davon. - -Der Kanzler mußte mehrmals an der Haustür des Christl Haynacher pochen. -Aus dem Innern des Hauses klang ein verzweiflungsvoller Laut, nicht -wie menschliche Stimme, wie der Schrei eines Tieres. Den hatte der -junge Bauer ausgestoßen, als er im Gesicht seiner Martle das blasse -Sterben erkannte. Immer ungeduldiger pochte Herr von Grusdorf, und -mehrmals beteuerte Aurore de Neuenstein, daß jeder Nerv in ihr vor -Spannung und Erbarmen fiebere. Endlich öffnete die Hasenknopfin. -Zitternd stand sie im Dunkel des Flurs. »Gelobt sei --« Weiter kam sie -nicht, weil die hechtgraue Diana gleich die Frage zwitscherte: wo die -unglaubliche Sache zu sehen wäre? Schweigend wies die Hasenknopfin zur -Stube, neben deren Ofen das kleine Bübchen in seiner Wiege weinte, und -deutete auf den Tisch, auf das weiße, dunkelgefleckte Leilach, das den -neugeborenen Jammer des Christl Haynacher barmherzig verhüllte. - -In der kleinen Stube begann es grau zu werden. Draußen flimmerte wohl -die Sonne noch auf dem schwindenden Schnee, doch über den Fenstern lag -schon der Schatten des vorspringenden Daches. - -Mit beiden Händchen die steife Glocke ihres Dianenkleides -zusammenpressend, schmiegte sich Aurore de Neuenstein durch die -schmale Stubentür, den ovalen Rocktrichter flink voranschiebend. Das -weinende Bübchen, als es diese seltsame Glocke mit den zwei weißen -Spitzenschwengeln erscheinen sah, wurde stumm vor Schreck. Und während -aus der Kammer das erwürgte Schluchzen des jungen Bauern zu hören war, -trippelte die Neuenstein in der schaukelnden Kleidglocke dem Tisch -entgegen, faßte mit den Fingerspitzen zu und hob einen Zipfel des -Leilachs. Jähes Grauen rüttelte ihre feinen Schultern. »_Mon dieu! -Quelle chose affreuse!_« Als hätte sie sich die behandschuhten Finger -verbrannt, so hastig ließ sie den Leilachzipfel fallen, stieß einen -zarten Schrei aus und bot den Anblick einer Dame, die in Ohnmacht zu -fallen wünscht. »_Eh bien, la voilà!_« sagte Herr Anton Cajetan halb -nachsichtig, halb ärgerlich. Er deutete auf die mit beiden Händchen -Rudernde, die das Niederfallen auf den grauen Bretterboden noch -verzögerte, und sagte zum Grafen Tige: »_Remplissez donc votre devoir -d'un bon camarade!_« Der hübsche Junker mit den winzigen Bäffchen -umschlang die pelzverbrämte Diana, wobei sie die Augen schloß und -schlaffe Arme bekam. - -Unter Mithilfe des Domizellaren von Stutzing, der im Türschacht die -Kleidglocke ovalisieren mußte, beförderte Graf Tige das edle Fräulein -auf seinen Armen aus der Stube, aus dem Haus und über das Gehöft zum -Schlitten. Eine zornscharfe Mädchenstimme -- jene gleiche Stimme, -die im Stall der Unsichtbaren geschrien hatte: »Schauet mein junges -Brüstl an, so haben die Soldaten Gottes mich zugerichtet!« -- diese -zornscharfe Mädchenstimme schrillte hinter einer nahen Hecke: »Leut! -Das bablische Laster zappelt drieköpfig in der Sonn umeinander! Tät's -ein Wunder sein, wenn der Ewige dreinschlagt mit Zeichen und Ruten!« -Stutzing und Tige waren so fürsorglich um die in der frischen Luft sehr -rasch erwachende Diana beschäftigt, daß sie anderer Dinge nicht zu -achten vermochten. Sie überhörten die schrillende Mädchenstimme. Und -als sie das zierliche Persönchen im Schlitten und die winzigen Füßchen -im Fußsack hatten, schwang Graf Tige sich opferfreudig an die Seite der -Neuenstein und befahl dem Kutscher: »Schnell! Nach Haus!« - -Munter tingelten die Schlittenschellen, und die zwei guten Kameraden -rutschten über den knirschenden Straßengrund. Noch ein bißchen zitternd -vom überstandenen Grauen, klammerte Aurore de Neuenstein sich an ihren -Ritter, schlug die unschuldsvollen Augen auf und lispelte: »Alles, -Liebster! Alles -- --« Nein! Deutsch konnte sie das nicht sagen. Sie -mußte sich der Feinheit ihrer Bildung besinnen und hauchte dem Junker -flehend ins Ohr: »_Tout, mon ami! Tout ce que vouz voulez! Mais jamais -un enfant!_« - -Der Domizellar von Stutzing kehrte in das Haus des Christl Haynacher -zurück. Als er die Stube betrat, war schon wieder mit dem Leilach -bedeckt, was auf dem Tische lag. Auch das Verhör der Hasenknopfin -war beendet. Bleich, einen harten Zug um die farblosen Lippen, stand -das Weib vor dem Kanzler. Während der Fürstpropst und Graf Saur in -französischer Sprache diesen schwerbegreiflichen Irrtum der Natur -erörterten, sah Herr von Grusdorf immer die Hasenknopfin an und sagte -schließlich: »Man wird ihr befehlen, wann sie sich für weiteres Zeugnis -vor der Obrigkeit zu präsentieren hat. Dann wird sie sich der Wahrheit -besinnen. Wird auch wissen, wo ihr Mann sich befindet. Heute wird sie -_recte_ erfüllen, was ihres Amtes ist. Um rebellische Rumore und den -Zulauf kuriöser Leute zu verhindern, wird sie die Haustür verschlossen -halten bis zur Dunkelheit. Was tot auf dem Tische liegt, das bringt -sie nach Anbruch der Nacht in notwendiger Heimlichkeit dort hin, wohin -es gehört. Man wird das in der Finsternis bestatten. Über alles hat -sie strengstes Stillschweigen zu observieren. Befehl der Obrigkeit: -ein totgeborenes Kind, nicht weiß und nicht schwarz, ein Kind, wie -Kinder zu sein pflegen. Weiteres ist ihr nicht bekannt. Für jedes -böswillige Leutgerede ist sie haftbar. Versteht sie?« Er machte mit dem -Stock eine Bewegung, als möchte er das Weib von sich fortschieben, und -wandte sich gegen die Kammer, aus der kein Laut mehr zu hören war. Die -Hasenknopfin tat mit entstelltem Gesicht einen schweren Atemzug, nahm -das schlucksende Bübchen aus der Wiege und rettete sich mit ihm in den -dämmerigen Ofenwinkel. Während sie das Kind an ihrem Herzen schaukelte, -spuckte sie immer aus, als könnte sie die Lügen, die sie aus Angst -geredet hatte, wieder fortspeien von ihrer Zunge. - -Herr von Grusdorf hatte die Kammertür vor sich aufgeschoben. Im -gleichen Augenblick machte er eine abwehrende Bewegung, wie in Sorge, -daß sein gnädigster Herr ihm folgen könnte. Was er sehen mußte, war -kein Anblick für fürstliche Augen. Die kleine Kammer war erfüllt von -einem rötlichen Schein. Ihr Fensterchen lag gegen Westen, und die -untergehende Sonne verwandelte den kleinen Lichtwinkel in ein glühendes -Viereck. Das Ehebett des Christl Haynacher und seiner seliggewordenen -Martle glich dem rotfleckigen und zerwühlten Schnee, in dem die -hauenden Schweine mit den kirschfarbenen Seidenmaschen gelegen hatten. -Nur lagen hier, in diesem Rotschimmer, zwei andere Dinge: der ruhige, -schöne Tod und der besinnungslose Jammer, ein unbeweglicher und ein -noch zuckender Rest zweier Menschen, in denen die Liebe war und mit der -Liebe zugleich das Mißtrauen, der Zorn und die Glaubensfeindschaft. -Lebendig war nur die Liebe noch. Was Feindschaft, Zorn und Mißtrauen -gewesen, war erlegt von einem Schützen, der so sicher traf, daß man -ihm Jagderfolge nicht aufzulügen brauchte, war zur Strecke gebracht -ohne Hifthörner, ohne hechtgraue Jägergala, ohne französische Verse und -galante Reimsprüche. - -In dem engen Gängelchen neben dem Bett auf den Dielen kniend, lag -Christl mit gestreckten Armen hingeworfen über den Schoß seines -Weibes, lautlos, zitternd am ganzen Leibe, einem Menschen gleich, der -durchschüttert wird von jähem Frostschauer. Mit den braunen, groben -Händen machte er suchende Bewegungen, wie um sein Weib bei den Händen -zu fassen, die ineinandergeklammert waren nach Art einer Betenden. -Diese Hände lagen im Schatten von Christls Schulter und waren weiß. -Das Gesicht, das wie Wachs geworden war, bekam von der Sonnenfarbe -zur Hälfte ein leuchtendes Rosenrot, zur Hälfte einen violetten -Schatten. Ein schmuckes Mädel und Weib war die Martle immer gewesen, -aber in keiner Stunde ihres Lebens so schön, wie jetzt im Tode. -Eine heilige Ruhe war ausgegossen über das schmale Schimmergesicht. -Den stillen Mund, der keinen Zug des Leidens mehr erkennen ließ, -umgab ein träumendes Lächeln. Und unter den vom Lichte in poliertes -Gold verwandelten Flechten hatten die noch offenen Augen einen -unbeweglichen, fast überirdischen Glanz. - -Erschrocken, in wachsendem Staunen, betrachtete Herr von Grusdorf -das tote Weib. Wo waren an dieser Abtrünnigen die Spuren ihres -Seelenkampfes mit dem Teufel? Hatten die Gerüchte gelogen, die seit -dem Herbste über die Haynacherin umherliefen? Hatte die Hasenknopfin -die Wahrheit gesprochen, als sie sagte: daß die Martle unter den -obrigkeitlich vorgeschriebenen Gebeten wie eine rechte Christin -gestorben wäre? Wider Willen fühlte der Kanzler eine Regung des -Erbarmens. Aus den früheren Jahren seiner Richterzeit war er gewöhnt -an die Bilder der Folterstube. Was er in dieser Kammer sah, zerbrach -ihm den Panzer der Gewohnheit und faßte ihn an einem Muskel seines -Menschentums. Er legte die Hand auf die Schulter des zuckenden Bauern -und sagte freundlich: »Ermanne er sich, Haynacher! Gott hat gegeben --« -Da verstummte er in Zorn und Empörung. Er sah nicht den zerbrochenen -Menschen, der sich mühsam aufzurichten versuchte; sah nicht diese -irrenden Verzweiflungsaugen und dieses entstellte Gesicht. Er sah nur -das abgegriffene Buch, das neben den Fäusten, mit denen Christl vom -Bett sich aufstemmte, unter dem Kopfkissen der entseelten Haynacherin -hervorglitt. Gleich erkannte er's. Von diesem Buche hatte er an die -zwanzig konfiszierte Exemplare in seinem Aktenschrank. Wie ein Falk den -Vogel faßt, so griff er über den Kopf des Bauern hinüber, packte das -Paradiesgärtl des Johann Arndt und rief entsetzt: »Das _crimen_ ist -notifiziert.« - -Christl, wie jäh belebt, war an der Mauer in die Höhe gefahren, tappte -mit den Händen und schrie: »Das Büchl tust du ihr lassen, du! Das Büchl -ist ihre Seligkeit gewesen und ihr heiliger Tod!« - -Der Kanzler war schon bei der Tür und kreischte in die Stube hinaus: -»_Reverendissime!_ Quittieren Euer Liebden schleunigst dieses -verfluchte Domizilium der Ketzerei! Hier ist kein Fundament für -allergnädigste Sohlen.« Man hörte französische Worte, hörte den flinken -Schritt der Herrenstiefel, die sich entfernten. Und der Kanzler -betrachtete mit flammenden Augen den Christl Haynacher: »Er verlorener -Mensch! Ist er beteiligt an dieser unverzeihlichen Todsünde?« Der Bauer -schüttelte den Kopf und wehrte kraftlos mit den Händen. »Um seiner -Seligkeit willen hoffe ich, daß seine Deklarazion sich als Wahrheit -erweist.« Der Kanzler deutete mit dem Krückstock gegen das Bett. »Was -mit dem Kadaver zu geschehen hat, das weiß die Hasenknopfin.« Er wollte -gehen. - -»Herr!« keuchte Christl und streckte in Verzweiflung die Hände. »Alles! -Herr! Nur lasset mein gutes Weibl in christlichen Boden tun! Man muß -doch wissen, wo man sich findet einmal. Und schauet, Herr, so schauet -das Weibl doch an! Man sieht's noch allweil, gnädiger Herr -- mein -Weibl ist so fromm und heilig gestorben -- schöner könnt auch der Papst -nit sterben!« - -Der Kanzler erledigte in sich einen schweren Kampf seines privaten -Mitleids mit dem Amtsgewissen. »_Bene!_ Um seinetwillen! Wir wissen, -daß er immer ein verläßlicher Sohn der reinen Kirche war. Drum soll -ihm konzediert sein, dieses Weib, statt auf dem Freimannsanger, auf -seinem eigenen Acker zu verscharren.« Nach diesen Worten menschlicher -Barmherzigkeit verließ der Kanzler die rote Kammer. - - - - -Kapitel IX - - -Regungslos, mit schlaffhängenden Armen, stand Christl wie an die Mauer -genagelt. Nur seine Augen, die trocken geworden, bewegten sich. So -betrachtete er sein Weib, als könnte er die Wahrheit dieser Stunde -noch nicht begreifen. Dabei hörte er draußen im Flur den Kanzler mit -erregter Stimme sagen: »_Reverendissime!_ Das Fürchterlichste an dieser -_chose effroyable_ haben wir noch gar nicht diskutiert. Ein getauftes -Kind und ein ungetauftes! Entsetzlich! Die Erbsünde angewachsen an -die Erlösung! Der Himmel mit der Hölle verknorpelt! Wie soll man -diese unmögliche Kopulation begraben? Hier erwachsen theologische -Diffizilitäten von inkommensurablen Konsequenzen!« - -Christl Haynacher in der roten Kammer begriff den Sinn dieser Worte -nicht. Er verstand nur: daß sein Glück zerschlagen, sein Leben -zerbrochen, sein Herz zerrissen war. Und aller Jammer, der in ihm -wühlte, rann immer dem unerträglichen Gedanken zu: daß seine Martle, -die so heilig gestorben war, nicht in christlichen Boden kommen, -sondern ewig ruhelos liegen sollte in ungeweihter Erde. Immer, wenn's -einem anderen geschehen war, hatte Christl das als guter Katholik für -gerecht erkannt. Jetzt zum erstenmal begriff er es nicht, weil es ihm -widerfuhr in seinem eigenen Kummer. Und sind die Herren im Unrecht bei -seiner Martle, so waren sie auch bei den anderen nie im Recht, die sie -auf dem Freimannsanger, im Wald oder auf ungeweihtem Acker verscharren -ließen. »Wenn die Herren Unrecht haben, darf man dawider handeln.« Daß -die Martle in geweihten Boden kommt, da braucht der Christl keinen -Chorkaplan. Nicht der Kaplan macht es, sondern das geweihte Wasser -und der Segen Gottes. Einem braven Weibl, das gestorben ist wie seine -Martle, kann Gottes Segen nicht fehlen. Und geweihtes Wasser hat -der Christl im Haus. Wie oft es die Martle auch ausschüttete, der -Christl hat immer wieder neues heimgetragen. Und wie die Martle ihr -Paradiesgärtl unter den Kleien versteckte, so hat der Christl unter -dem Heu den Gutter mit dem Weihwasser verhuschelt. Jetzt wird es den -Acker heilig machen, in dem die Martle ihre Ruhstatt findet. Tät es -ein Unrecht sein, so kann es der Christl beichten. Keinem Chorkaplan -im Markt. Da wird er über den Lattenberg hinüber steigen müssen ins -Bayrische, wo die Pfarrherren gutmütiger und drum auch christlicher und -geduldsamer sind. So wollte er's machen. Dabei glaubte er ein guter -Katholik zu sein und wußte nicht, daß es genau so bei jedem anderen -begonnen hatte, der ein Unsichtbarer geworden, weil er Unrecht leiden -oder Unrecht sehen mußte. Nicht die Zweifler machen den neuen Glauben, -die Unduldsamen im alten säen ihn aus, und die Geplagten in ihrer -Sehnsucht ernten ihn. - -Auf den Boden hinfallend, klammerte Christl die Arme um den Kopf -seines Weibes und lallte an ihr kaltes Ohr: »Dein Wasen wird heilig -sein. Das Büchl hab ich ihm lassen müssen, ein Herr ist stärker als -hundert Bauren.« Die Augen eingepreßt in das feuchte Kissen, lag er -unbeweglich, bis der rote Schein sich verwandelte in graue Dämmerung. -Die Hasenknopfin kam und sagte: »Ich hab gekocht, jetzt mußt du dem -Bübl das Mus geben. Von mir nimmt es nit.« Weil der Christl sich nicht -rührte, half sie ihm, sich aufzurichten. »Auch die Küh brüllen schon -die ganze Weil. Die mußt du melchen.« Während sie ihn hinausführte, -warf er einen scheuen Blick auf den Stubentisch. Da war nichts mehr. -Er fragte nicht: Wo ist es? -- atmete nur auf, weil das Fürchterliche -nimmer da war, das seiner Martle das Leben zerrissen hatte. - -Beim Ofen brannte die rußende Specklampe. Das Bübl war schläfrig, -öffnete aber gleich das Mäulchen, als es den warmen Holzlöffel an den -Lippen fühlte. »Kindl, wie hast du's gut! Du tust nichts wissen.« - -Die Hasenknopfin arbeitete in der Küche. Manchmal hörte Christl ein -Gemurmel von Stimmen, ein Pochen an den Fenstern, ein Klopfen an -der Haustür. Alles war ihm, als käm' es aus weiter Ferne und gälte -irgend einem, nicht ihm. Er legte das sattgewordene Bübchen in die -Kissen, blieb auf der Ofenbank und schaukelte mit dem Fuß den schweren -Wiegenkasten. Draußen war es finster geworden. Auch still. Da kam die -Hasenknopfin halb zur Tür herein und sagte: »Christl, ich geh.« - -»Wohl!« Er nickte. »Vergeltsgott, Weibl! Mit der Zahlung mußt du mir -Zeit lassen bis morgen.« - -»Nit nötig, Christl! Für die Schwester Martle ist alles umsonst.« Es -schien, als möchte sie noch etwas sagen. Aber sie schwieg und ging und -zog hinter sich die Tür zu. - -Den kleinen weißen Pack auf ihren Armen hatte Christl nicht gewahrt. -Er dachte immer nur dieses Eine: >Jetzt muß ich es tun!< Als das -Bübchen schlief, machte er den Docht der Specklampe klein, zündete eine -Laterne an, ging in den Stall, molk und fütterte die Kühe und goß in -der Steinkammer die Milch in die hölzernen Rainen. Beim Heuholen hatte -er auch gleich den Gutter mit dem versteckten Weihwasser vom Dachboden -mit heruntergebracht. Aus dem Stiegenwinkel kramte er die Spitzhaue und -den Spaten hervor, löschte die Laterne und verließ das Haus. Der Föhn -war stumm geworden. In der Nachtkühle begann der Schnee zu gefrieren. -Sterne funkelten am Himmel. Der abnehmende Mond war über die Seeberge -noch nicht heraufgestiegen, strahlte wohl schon die Zacken des Wazmann -an, ließ aber das Tal noch finster. Gegen den Untersberg sah man die -erleuchteten Fenster des Stiftes glänzen, als hätte die Erde viel -größere Sterne, als der Himmel sie hat. - -Gleich außerhalb der Hecke lag der Gerstenacker des Christl. Das Feld -hatte schon einen schneefreien Fleck -- es war die gleiche Stelle, -an der im Sommer immer so viele Blumen im Getreide blühen. Muß da -der Boden nicht wärmer sein als anderswo? Hier begann der Christl zu -graben. Und grub und grub. Dann sprengte er die Hälfte des Weihwassers -über das Grab, betete ein Vaterunser, streckte die verkrampften Fäuste -zum Himmel hinauf und bettelte: »Gelt, tu den Ackerboden segnen, -Herrgott, in den ich das Martle hineintun muß!« Das alles war leicht -gewesen. Jetzt kam das Schwere. Er ging zurück ins Haus. Da trat ihm -aus dem Nachtschatten der Hecke jemand entgegen: »Nachbar? Brauchst du -nit einen, der dir tragen hilft?« - -Christl mußte um Atem ringen, bevor er antworten konnte: »Wohl, Mensch! -Ich zahl dich gut.« - -»Nit nötig!« erwiderte der andere. »Für die Schwester Martle ist alles -umsonst.« - -Erst in der Stube erkannte Christl in dem Mann einen alten graubärtigen -Bauer von Unterstein. Im Leilach trugen sie die Martle zum Acker. -Als sie zur Grube kamen, standen fünfe oder sechse neben dem Hügel. -Alle halfen, um die Martle sanft hinunterzulegen. Noch andere kamen -aus der Nacht herausgeschritten, Männer und Weibsleute. Christl hatte -keine Tränen, kein Wort. Immer knirschten ihm die Zähne. Er haßte und -verfluchte sie alle, die zum Grab seines Weibes kamen, und war doch -einem jeden dankbar. - -Als die Martle drunten lag, nahm Christl den Krug und wollte geweihtes -Wasser auf den weißen Schimmer hinuntersprengen. Da faßte ein Weib -erschrocken seinen Arm und flüsterte: »Nit, du! Das ist falschgläubig!« -Schon wollte Christl im Zorn erwidern. Da schob der alte, bärtige Bauer -das Weib beiseite und sagte leis: »Laß du den Christl tun, wie er -meint, daß es gut ist! Magst du nit duldig sein, wie willst du hoffen, -es sollen die anderen duldig werden gegen dich und uns?« Er faßte den -Spaten und legte die ersten Schollen sacht in die Grube. Eines ums -andere nahm die Schaufel. Der weiße Schimmer da drunten verschwand, -die Erde wuchs aus der Tiefe herauf. Und während Christl auf den Knien -lag, das Gesicht in die Hände vergraben, zuckend und schauernd, fing -der alte Fürsager der Unsichtbaren von Unterstein mit leiser Stimme zu -reden an. - -Auf der nahen Straße kam ein Klirren und Klingeln aus der Nacht -heraus, kam immer näher. Erschrocken fuhr Christl auf: »Die Herren!« - -»Nit!« flüsterte ein Mädel. »Es ist der Bräuschlitten. Der geht zum -Königssee.« - -Man sah ihn gleiten, schwarz vor dem weißen Schnee, wie sonst beladen -mit den zehn, zwölf kleinen Fässern. Nur ein Ding war anders als sonst: -hinter den zwei dampfenden, klingeligen Pferden saß der Bräuknecht -nicht allein auf dem Bockbrett. Neben ihm, dick eingewickelt in Mantel -und Kapuze, kauerte eine kleine rundliche Frau. Die Mutter Agnes. Sie -war der Meinung gewesen, daß sie ihrem Buben noch besser ins Herz -zu reden verstünde, als es der süße Krapfen mit dem Zwibebenkränzl -fertig brächte. So hatte sie ihrem verstörten Mann diese Nachtfahrt -abgetrutzt. Und während sie vor sich hinsah in den Dampf, der von -den klirrenden Pferden aufging, überlegte sie die Mahnworte, die sie -ihrem Buben sagen wollte, um ihn wieder auf die rechte Glaubensstraße -heraufzuziehen. - -Bei den Untersteiner Häusern, zwischen denen es wunderlich lebendig -war, kam der Schlitten in den Mondschein. Nach einer Weile hielt er am -See. Zwei Lehrburschen des Bartholomäer Fischmeisters erwarteten ihn -am Ufer. »Du,« sagte der eine zum anderen, »du bringst den Bierkasten -allein übers Eis. Ich nimm die Mutter Agnes auf den Beinschlitten. Da -geht's flinker. Aber Schneid mußt du haben, Weibl! Heut ist ein ungutes -Fahren. Der Föhn hat die Frageln bös ausgebissen.« - -»Das tut nichts!« sagte Mutter Agnes und trippelte über das Eis -hinaus. »Wer redlich schnauft, steht allweil in Gottes Hut. Fahr -los!« Der junge Knecht stellte sich hinter ihr auf das Brett und -brachte den Beinschlitten in sausende Fahrt, weil es, je flinker, um -so ungefährlicher war. Manchmal zischte der Schlitten durch breite -Wasserflächen, von denen sprühende Tropfenfahnen in die Luft rauschten. -Ein paarmal ging es über Frageln hinüber, die schon so sehr erweitert -waren, daß der Beinschlitten einen bedrohlichen Hupf machte. Frau Agnes -mußte sich tüchtig anklammern. Seufzend dachte sie: >Mein Leupi tät -mich sänftlicher fahren!< Auch heut dröhnte das Eis, doch das Licht des -Mondes war matt, und Dunst umschleierte die Bergwände. Ein paar hundert -Schritte vom Ufer lag eine schwarze Wasserfläche. Der junge Fischer -mahnte: »Obacht, Meisterin!« Die Warnung kam zu spät. Der Beinschlitten -machte einen tischhohen Sprung, und als er niederklatschte, löste sich -Frau Agnes vom Brett und kollerte durch das handtiefe Wasser. Das -Erbarmen des jungen Knechtes bestand darin, daß er fürchterlich lachen -mußte. »Aber, aber,« schmollte Mutter Agnes, während sie sich heraushob -aus der dunklen Wassersuppe, »wozu so viel überflüssige Müh, ich bin -doch schon getauft.« Es rieselte von ihr. Und so kalt war's, daß sie zu -schnattern begann. - -Jetzt verging dem Buben das Lachen. »Gelt, tust mir die Lustigkeit nit -verübeln, Frau?« - -»Gott bewahr! Lach, wie du magst! Das Lachen erlöst von der Zeit!« - -Um die Zitternde noch ungefroren ans Ufer zu bringen, stachelte der -junge Fischer wie verrückt und schrie dabei mit gellender Stimme: -»Leupi! Leupi! Leupi!« Weil man zu Bartholomä den Bierschlitten -erwartete, waren die Mannsleute und auch die Fischmeisterin noch wach. -Sie kamen gelaufen. Neben der weißen Kirche fuhr der Beinschlitten -ans Ufer, und Leupolt erkannte die Mutter. »Herr Jesus!« lachte er in -seiner Freude. Als er ihre starren Hände und den hartgefrorenen Mantel -fühlte, wurden ihm die zwei gleichen Worte zu einem Schreckenslaut: -»Herr Jesus!« Er schlang die Arme um die Mutter und hob sie vom Boden -auf. - -»Geh!« wehrte sie erschrocken. »Du wirst mich ja doch nit tragen -wollen! So ein Endstrumm Weiberleut!« - -»Ich trag einen Zwölferhirsch vom Berg herunter. Schwerer wie ein -liebes Muttertierl bist du nit!« In Sorge rief er: »Fischmeisterin! -Trückene Wäsch für die Mutter! Und heiße Weinsupp einen ganzen Hafen -voll!« Er sprang zum Jägerkobel, über die Freistiege hinauf und flink -in seine Stube, in der die Lampe brannte und der Ofen noch schöne Wärme -hatte. Bis er die Mutter aus dem gefrorenen Mantel schälte und die -Schuhe von ihren Füßen brachte, kam die Fischmeisterin mit Bettzeug und -Wäsche. Leupolt hängte Mantel und Schuhwerk über das Ofengestäng und -schob die langen Buchenscheite so reichlich in die Glut wie ein Bäcker, -wenn er backen muß vor einem großen Feiertag. Dann verließ er die -Stube. Draußen stand er auf dem schmalen Söller. Aus der Stube hörte er -den Sorgenjammer der Fischmeisterin und die munteren Antworten seiner -Mutter. Er wußte, daß sie sich am heitersten zu geben verstand, wenn -sie verbergen wollte, daß ein Schweres auf ihrem Leben lag. - -Warum kam sie? - -Die Fischmeisterin trat aus der Stube. »Die Mutter liegt schon. Den -Glühwein bring ich gleich.« Sie faßte den Jäger am Arm und sagte leis: -»Ich mach mir ein bißl Sorg.« - -Leupolt erschrak. »Meinst du, sie hätt sich verkühlt?« - -»Das nit. Aber du weißt doch: wenn's morgen föhnt, und es gibt einen -linden Tag, so druckt er das Eis noch ganz in Scherben. Und das Weibl -kann sitzen müssen in Barthelmä, wer weiß, wie lang.« Das war so. Er -selber hatte schon dran gedacht. Dennoch wär' es ihm lieber gewesen, -wenn die Fischmeisterin das nicht gesagt hätte. Sie und ihr Mann, ihr -Mädel, ihre zwei Buben, die drei Fischerknechte und der Platzjäger, -alle waren sie evangelisch, von den Unsichtbaren des Berchtesgadnischen -Landes die Ungestörtesten. So lange Frau Agnes im Hause war, mußten die -Neun sich hüten, konnten am Abend nicht Frag und Antwort geben nach dem -Spangenbergischen Katechismus, nicht vorlesen aus dem heiligen Buch. - -Aus der Stube klang es ungeduldig: »Bub? Wo bleibst du?« - -»Ja, Mutter!« Zur Fischmeisterin sagte er hart: »Ich will's überlegen.« -Es verdroß ihn, daß es Menschen gab, denen seine Mutter nicht -willkommen war. Er trat in die Stube. Frau Agnes, angetan mit einem -weißen Kittelchen, das zu eng war, saß in dem klobigen Jägerbett wie -ein Hühnchen im Metzenkorb. Lächelnd streckte sie ihrem Sohn die Hände -entgegen: »Bub! Jetzt wird's aber gleich einen Streit geben!« - -»Zwischen dir und mir?« Er setzte sich auf den Bettrand. »Wär das -erstmal im Leben!« - -»Doch, Bub! Wenn ich dir sag, warum ich gekommen bin, so glaubst du's -nit.« - -»Dir glaub ich alles.« - -Sie nahm dieses Wort wie eine Hoffnung. »Bub, ich bin übers Eis -gefahren, bloß daß ich dir einen süßen Krapfen bring.« Das glaubte er -nun wirklich nicht. Frau Agnes nickte. »Wohl! Greif nur hinein in den -Mantel! Da steckt er. Hoffentlich ist er nit auch getauft worden.« - -Leupolt ging zum Ofen. Richtig! Aus dem Mantel kam ein -zusammengeknüpftes Tüchelchen zum Vorschein. Der Inhalt duftete so -fein, daß man seine Wesensart auch ohne Jägernase gewittert hätte. -»Aber Mutter!« Leupolt lachte, und Frau Agnes bekam zwischen den -Brauen eine Falte, als hätte sein sorgloses Lachen ihr wehgetan. Er -ging zum Tisch, knüpfte das Tüchelchen auseinander und wickelte den -goldgelben Krapfen heraus. Schon wollte er hineinbeißen. Da sah er -das Zwibebenkränzl, wurde ernst und drehte rasch das Gesicht über die -Schulter. »Mutter?« - -»Ja, Bub! Den hab ich keinem anderen nit anvertraut.« - -Er brach das Backwerk ruhig entzwei, fand das kleine Schilfröhrchen und -nahm den dünn zusammengerollten Zettel heraus. Als er die Schrift sah, -fragte er verwundert: »Das ist doch Vaters Hand nit?« - -»Derweil ich den Teig gerührt hab, hat der Meister den Zettel -geschrieben.« - -Seine Augen wurden groß. »*Wer*, Mutter?« - -»Ihr Vater. Der Meister Niklaus.« - -Heiß schoß ihm das Blut in die Stirn. Die Hand zitterte ihm ein -bißchen, während er die Lampe von der Mauer herunternahm, um besseres -Licht beim Lesen zu haben. In Sorge betrachtete ihn die Mutter und -begriff nicht, daß er so ruhig bleiben konnte. Als er gelesen hatte, -ging ein Lächeln um seinen Mund. Eine Weile sah er stumm vor sich -hin. Dann sagte er: »Mutter, jetzt muß ich was Ungutes verlangen von -dir. Gibt's morgen einen föhnigen Tag, so wüßt man auf Wochen nimmer, -wie man hinauskäm. Ich muß dich, eh der Nachtfrost auslaßt, auf den -Schlitten setzen. Sorg mußt du nit haben. Ich weiß den trockenen Weg -und bring dich gut wieder heim. Am Morgen muß ich draußen sein. Ich mag -mich nit suchen lassen. Ich will mich stellen.« - -Frau Agnes entfärbte sich, versuchte aber doch, ein heiteres Wort zu -finden. »So! Jetzt bin ich umsonst ins Wasser gekugelt. Freilich, -tiefer als bis aufs Häutl ist's nit geronnen. Altes Leder ist -wasserdicht.« Sie wollte lachen, streckte aber plötzlich die Hand und -flüsterte: »Leupi? Muß das sein?« - -»Was anderes weiß ich nimmer.« - -Sie wollte fragen: Weißt du, was dir bevorsteht? Aber das verschwieg -sie. »Bub? Alles Grobe wird linder, wenn man ihm Zeit laßt. Wer weiß, -wie die Herren denken über drei Wochen? Wenn du vor Tag hinaufsteigen -tätst zum Hegerhäusl am Fundensee? Und tätst dich bis über Ostern -einwehen lassen im sicheren Hüttl?« - -Er kam zum Bett und nahm ihre Hand. »Da tät der Wildmeister sagen: -ich wär ein schlechter Jäger, der nit weiß, daß vor der Osterzeit da -droben kein Wild nit steht. Die Steinböck, die das Tal nit mögen, sind -ausgestorben.« Er winkte gegen den Zettel hinüber. »Weißt du alles?« - -»Von ihrem Vater.« - -»Tust du mir's verdenken?« - -»Was?« - -Er wußte nicht, wie er es sagen sollte. Da fiel ihm das Wort ein, das -Pfarrer Ludwig zu ihm gesprochen hatte: »Daß ich wegspringen hab müssen -über dich und den Vater?« - -»Geh, du Närrle! Das zählt doch nit. Jetzt geht's um *dich*!« Sie zog -ihn näher zu sich heran. »Den guten Rat, den der Meister gegeben hat? -Magst du den nit ein bißl nutzen?« - -»Lügen?« Er schüttelte den Kopf. »Tätst du das christlich heißen?« -Seine Stimme wurde leis. »Und an das Mädel mich anhängen mit einer -Falschheit? Mutter, das geht nit. Da ist sie mir viel zu gut dazu!« - -»Die?« Frau Agnes verlor die Ruhe. »Die dich hineinstoßt in Eisen und -Not!« - -»So ist das nit. Einer geht über den Berg und muß hintreten auf einen -Stein, der ins Laufen kommt. Da kann man nit wissen, daß der Stein -einem Bäuml ins Leben schlagt. Wie fromm sie ist, das weißt du doch. -Schau, da hat ihr halt eine Stimm in der Seel geboten: Red!« Er -lächelte, fast wie ein Glücklicher. »Jetzt weiß ich doch, daß sie an -mich hat denken müssen.« - -Erschrocken sah Frau Agnes ihren Buben an. »So lieb hast du sie?« - -Seine Augen glänzten. »Lieber als mein Leben. Ich bin so, daß ich mir -auf der Welt bloß ein einziges Glück weiß. Sonst kein anderes. Da -heißt's halt: finden oder dran vorbeirutschen.« - -Sie klammerte den Arm um seinen Hals. »Wenn du sie so lieb hast? Wär's -da nit denkbar, daß sie dich wieder hinüberzieht --« Sie stockte. »Auf -den alten und guten Glaubensweg?« - -Leupolt blieb unbeweglich und stumm. - -»So tu doch reden, Bub!« - -Da sagte er schwer und langsam: »Wenn's für einen so kommt, daß Blut -und Glück ein ander Ding werden als Seel und Wahrheit? Mutter, das ist -hart. Aber wie man da gehen muß, da ist kein Zweifel nit. Gott, um die -Menschheit zu erlösen, hat den eigenen Sohn gegeben. Muß da nit der -Mensch die Kraft haben, um Gottes Willen zu geben, was ihm lieber ist -als Sonn und Freud?« Er fühlte ihre heißen Tränen an seinem Hals und -umschlang sie. »Einmal müssen wir reden drüber. Nit jetzt. Lieber auf -dem Heimweg. Die Stub hat hölzerne Wänd. Ich mag nit, daß dir einer in -Spott oder Unmut nachredet, was du mir sagen mußt. Da drüben in der -anderen Kammer --« Er verstummte, riß sich aus dem Arm der Mutter, -sprang hinüber zum Ofen und warf das Schilfröhrchen und den heimlichen -Zettel ins Feuer. Das war geschehen, bevor Frau Agnes fragen konnte: -»Was ist denn?« - -»Die Hausmutter kommt.« - -Nach einer Weile klangen die Schritte der Fischmeisterin auf der -Freistiege. Sie kam mit dem dampfenden Glühweinkrug und brachte einen -Brotwecken und geräucherte Saiblinge. »Sooooo!« Die Frau warf einen -spähenden Blick auf Leupolt. Er sagte ruhig: »Grad reden wir drüber, -daß die Mutter vor Tag hinaus muß übers Eis. Morgen könnt harter Weg -sein. Aufstehen braucht keiner im Haus. Ich mach schon alles.« - -Da war die Fischmeisterin verwandelt in ein gefälliges Weibl, schwatzte -immer zu, putzte die Saiblinge, schnitt das Brot und ließ den heißen -Becher nicht leer werden. Frau Agnes mußte reichlicher schlucken, als -sie wollte. Wenn das Zureden der Fischmeisterin nimmer nützte, sagte -Leupolt: »Trink nur, Mutter! Da kriegst du einen festen Schlaf.« Er saß -auf der Ofenbank, verzehrte den Krapfen und griff immer wieder in die -Höhe, um zu fühlen, ob die auf den Stangen hängenden Kleider trocken -würden. Der Glühwein, die heiteren Worte, mit denen Mutter Agnes ihre -Sorge verschleierte, und die drolligen Scherzreden der Fischmeisterin -machten die Nachtstunde in der kleinen Stube so lustig, daß ein fremdes -Ohr auf drei Menschen hätte raten können, die ferne waren von allem -Zeitkummer. Als die Fischmeisterin endlich nach einem letzten Spaß die -Stube verließ, sagte sie das »Gelobt sei Jesus Christus!« wie eine gute -Katholikin. Sie und ihre Leute verstanden sich aufs Unsichtbarmachen. -Bei den häufigen Besuchen der Chorherren, die das Schlößl zu Bartholomä -nicht nur zum Jagen besuchten, auch häufig in Begleitung, um _à la -mode_ ein bißchen Pariserei zu treiben -- bei diesen Besuchen hatten -es die Fischmeisterleute gelernt, ihren Seelenwandel unverdächtig zu -machen. Sie wußten geschickt von einander zu trennen, was Religion und -Brotkorb hieß. Die Fischmeisterei zu Bartholomä war eine einträgliche -Stellung, für die man schon einige Rosenkranzperlen bewegen konnte. - -Leupolt schien anders zu denken. Während die Fischmeisterin sich -gutgläubig entfernte, blitzte der Zorn in seinen Augen. Stumm erhob er -sich und drehte auf der Ofenstange den Mantel der Mutter um. Frau Agnes -nahm den glühenden Kopf zwischen die Hände und versuchte zu lachen. -»Bub, ich hab ein Quartl zu viel verschluckt. Die Hitzen fahren mir -auf, als wär der Teufel zu unterst in mir.« - -»Oft sagt man Teufel. Und da ist's die beste von aller Lebenswärm. -Jetzt muß ich mich nimmer sorgen, daß du dich verkühlt hast. Gut -schlafen wirst du auch.« Sie tat einen schweren Atemzug. Mit dem Beten -wartete sie um seinetwillen, bis er die Lampe ausgeblasen hatte. In -der Finsternis sagte Leupolt: »Gut Nacht, Mutter! Ich weck schon, wenn -es sein muß.« Er streifte die schweren Schuhe von den Füßen, zog den -Kittel aus, legte ihn als Kissen auf die Ofenbank und streckte sich -hin. Flüsternd wiederholte Mutter Agnes: »Wenn es sein muß?« Bei diesen -vier Worten sah sie den Kanzler, den Richter, den Pfahl mit dem Eisen -und das kommende Leiden ihres Sohnes. »Bub?« Gleich erhob er sich und -ging auf den Strümpfen zu ihrem Bett. Sie suchte im Dunkel seine Hand. -»Sag mir, Leupi, tust du denn nimmer beten?« - -»Wohl, Mutter! Fleißiger, wie sonst.« - -»Was betest du?« fragte sie in Angst. - -»Jetzt bet ich allweil --« Er schwieg. Dann sagte er mit völlig anderer -Stimme: »Ich bet: >Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach -Himmel und Welt; und täten mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst -mein Heil und meines Lebens Trost!<« - -Ein Laut wie in heißer Freude. Frau Agnes hatte nicht nur die Worte -des Sohnes gehört, auch das Klingen seiner Seele, das Herzgeläut -seines tiefen Glaubens. »Jesus, Jesus,« stammelte sie im Glück des -Augenblickes, »betet einer so, da kann's doch so weit nit fehlen.« - -»Nein, Mutter, es fehlt nit!« - -Sie zog ihn zu sich herab, umschlang seinen Hals und preßte das heiße -Gesicht an seine Wange. »Jetzt bin ich ruhiger. Da brauchen wir auch -nimmer reden mit einander. Wer betet wie du, ist nie verlassen. Was -hätt das Reden für einen Sinn? Mir redest du nichts ein, und dir, -das merk' ich, ist nimmer auszureden, was dir wie Eisen in Herz und -Seel ist. Begreifen kann ich's nit, aber es ist so. Müssen wir's halt -nehmen, wie's ist. Und was kommt, das müssen wir tragen als Mutter und -Kind. Zwischen uns sollen Zeit und Herren nie einen Graben aufreißen. -Gelt nein?« - -»Nie, Mutter! Vergeltsgott! Jetzt hast du mir's leicht gemacht.« Wie -wohlig seine Worte klangen! Dann ging er zu seiner harten Bank. Frau -Agnes lag unbeweglich und lauschte immer zu ihm hinüber. Ihre Augen -schlossen sich nicht, obwohl der Glühwein die Gedanken ihrer Sorge und -ihres Trostes ein bißchen durcheinander wirbelte. Auch Leupolt sah mit -offenen Augen in die Nacht. Sein Atem ging so ruhig, daß die Mutter -immer glaubte: jetzt schläft er. Gegen drei Uhr morgens erhob er sich -und schob ein paar Buchenscheite in die Ofenglut, damit die Kleider und -Schuhe der Mutter völlig trocknen möchten. So leise tat er es, daß kein -Mäuschen hätte erwachen können. Als er sich lautlos wieder hinstreckte -auf die Bank, sagte Frau Agnes: »Vergeltsgott!« - -»Ich tu's doch gern. Schlaf nur! Es ist noch Zeit.« - -Wieder die stillen, wachenden Stunden. Aus der Nebenkammer hörte -man das Schnarchen des Platzjägers. Und draußen im Zwinger schlugen -die Hunde an. Da kam wohl hungerndes Hochwild über den Gartenzaun -gesprungen, um an den Obstbäumen zu beißen. Die schwindende Mondhelle -verriet dem Jäger, wie weit es an der Zeit war. Gegen die fünfte -Frühstunde erhob er sich. Gleich sagte die Mutter: »Guten Morgen, Bub!« - -»Du hast doch ein bißl geschlafen? Nit?« - -»Die ganze Nacht. Und gut.« - -»Gott sei Dank!« Er stellte den Rest der Weinsuppe zum Aufwärmen in die -Ofenröhre. »Dein Zeug ist trocken!« sagte er, nahm die Kleider von den -Stangen und legte sie auf das Bett. »Draußen putz ich deine Schuh. Da -kannst du dich gewanden derweil.« - -Als sie wegfertig waren, tranken sie den warmen Wein und aßen einen -Bissen Brot dazu. - -Die Feuersteinflinte mit dem Riemen um die Brust, hinter den Schultern -den Bergsack, auf dem Arm das Radmäntelchen und zwei wollene -Bettdecken, blieb er auf der Schwelle stehen und warf noch einen -Blick in die dunkle Stube, in der die Lampe schon ausgeblasen war. -Draußen sagte er: »Da mußt du Obacht geben, Mutter! Das Treppl ist ein -bißl vereist.« Auf dem Beinschlitten hüllte er sie fest in die zwei -Bettdecken und wickelte ihr auch den eigenen Mantel noch um Kopf und -Hals. Alles ließ sie schweigend geschehen, sah nur immer mit großen, -nassen Augen zu ihm auf. Bevor er hinter der Mutter auf den Schlitten -stieg, drehte er das Gesicht und ließ die Augen langsam hingleiten -über den grauen Jägerkobel, über das schmucke Herrenschlößl und über -den weiten Bogen der von schwarzem Schatten umwobenen Berge. Ob er das -im Leben noch einmal sehen würde? Wortlos stieg er auf das Brett und -begann den Schlitten zu treiben. Mit jagender Eile glitten die beiden -in die Nacht hinaus, ihrem Schicksal entgegen. - -Manchmal klang das Dröhnen einer Eisfragel, die entzweisprengte, was -aneinandergewachsen war. Und immer hörte sich das an, als hätte man -stark an eine große Glocke geschlagen, irgendwo, in der Tiefe oder hoch -in der Luft. - - - - -Kapitel X - - -Bald nach Anbruch des Nachtschweigens war zu Berchtesgaden am Hause -des Chorkaplans Jesunder die Torglocke mit erschreckender Heftigkeit -gezogen worden. Jesunders alte Mutter Apollonia streckte den Kopf -mit der großen Nachthaube zum Fenster hinaus, gewahrte aber keinen -Menschen und war gewohnheitsmäßig der Meinung, daß wieder einmal ein -gottverlorener Heimtücker eine unverzeihliche Büberei gegen die Kirche -verübt hätte. Alles, was Frau Apollonia zu Leide geschah, empfand sie -als eine Verunglimpfung des Himmels. - -Hatte sich auch die Kühle der Nacht an ihr versündigt? Frau Apollonia -hielt es für notwendig, einen Beruhigungstrank aus Kamillenblüten -zu bereiten. Als sie, innerlich aufgewärmt, wieder zur Ruhe gehen -wollte, vernahm sie vor dem Haustor eine Männerstimme, die sehr -sonderbare Worte schrie. Trotz aller Neugier wagte Frau Apollonia -sich nicht mehr ans Fenster, bevor sie nicht drei Unterröcke, die -wollene Jacke und einen armdicken Schlips in mehrfacher Windung am -Leibe fühlte. Bis diese Wandlung vom Kühlen ins Warme vollzogen war, -hatte die Zeterstimme vor dem Haustor sich ausgewachsen zu einem -Gewirre aufgeregter Menschenlaute. Und noch immer kamen Musketiere, -Stiftslakaien, Jägerknechte und Stallwärter von allen Seiten -herbeigelaufen. In sorgenvoller Ahnung kreischte Frau Apollonia auf -das Gewühl hinunter: »Was ist denn, was ist denn?« Eine verständliche -Antwort bekam sie nicht. Sie hörte nur die vier dunklen Worte: Kind -und Teufel, weiß und schwarz. - -Das Amtsgeheimnis, das Herr von Grusdorf der Hasenknopfin auf die -Hebmutterseele gebunden hatte, wurde innerhalb weniger Minuten zum -Geschrei von hundert Menschen. Was auf Befehl der Obrigkeit *ein* -Kind gewesen war, nicht schwarz, nicht weiß, ein Kind, wie eben -Kinder sind, das waren nun doch *zwei* Kinderchen, weiß und schwarz, -entseelt, von den Schultern bis zu den Hüften aneinandergewachsen. -Es war ein unverzeihliches Verbrechen von seiten der Wahrheit, sich -einem obrigkeitlichen Befehl zuwider so unvertuschelbar in die -breiteste Öffentlichkeit zu begeben. Alles, was durch die Klugheit -des Kanzlers hätte vermieden werden sollen: der Zusammenlauf kuriöser -Leute und die Entstehung rebellischer Rumore -- alles war vorhanden, -dazu noch in kunstvoll gehobener Entwicklung. Herr von Grusdorf -erlebte eine verzweiflungsvolle Mitternachtsstunde und verwünschte die -staatsgefährliche Subjektin, die den Gram des Christl Haynacher nicht -mit heimlicher Vorsicht in die Armeseelenkammer getragen, sondern -rachsüchtig dem Chorkaplan Jesunder auf die Hausschwelle gelegt und -mit fürchterlichem Gebimmel die Lärmglocke gezogen hatte. Das sollte -die vulgo Hasenknopfin büßen! Zu diesem Zwecke arbeiteten Herr von -Grusdorf und der kanzleideutsche Muckenfüßl mit solcher Beschleunigung, -daß die Hasenknopfin, als sie gegen die dritte Morgenstunde ausgehoben -werden sollte, schon seit vielen Stunden verschwunden war. *Ganz* -verschwunden! Nicht nur mit ihrem Mädel und aller tragbaren Habe. -Auch die Hausgeräte waren unsichtbar geworden, Kalb und Kühe -davongetrieben, die Hennen in unauffindbare Nester gesetzt. Doch -Muckenfüßl brachte von seinem zwecklosen Dunkelheitsmarsche wenigstens -*ein* polizeilich verwertbares Gerstenkörnchen in die Kanzlei. Nach -eindringlicher Bemühung der Soldaten Gottes hatte es eine Nachbarin -der Hebmutter unter Nasenbluten ausgeschwatzt, daß der Hasenknopf -vor 18 Tagen heimlich ins Preußische ausgewandert wäre, um sich vom -Schicksal der Salzburger Exulanten zu überzeugen. »Ins Preußische!« -Muckenfüßl hob den Zeigefinger der Polizei. »Jetzt weiß der _ego -ipsus_, was das zwiefärbige _miraculum_ als Gottesstraf _in loco hujus_ -bedeutet! Die preußischen _coloribus_ sind schwarz und weiß. _Ergo_, -wo die Hasenknopfischen sich betätigen, muß sich alles ins Preußische -permutieren. Jaaa, der Himmel laßt mit dergleichen Materien keine -Spassettibus nit machen.« - -Dieser Beweisführung, obwohl sie einleuchtend war, wagte Herr -von Grusdorf sich nicht völlig anzuschließen. Doch besaß er so -viel politischen Verstand, um einzusehen, daß die Ausstreuung des -Muckenfüßl'schen Gedankenganges sich eher nützlich als schädlich zu -erweisen vermöchte. Solch ein Zusammenhang der göttlichen Strafe -mit der Hasenknopfin mußte die Subjekte zur Einsicht und Reue -mahnen und auf ihre Gemüter ähnlich wirken wie ein Kriegskomet mit -schreckenerregendem Feuerschweif. So bekam der Feldwebel eine Belobung -für seine Geistesschärfe und dazu den obrigkeitlichen Befehl, den -Wechselwirkungen zwischen Himmel und Hebamme eine segensreiche -Publizität zu prokurieren. Mit diesem staatsmännischen Weisheitsblitze -waren die Amtshandlungen des Kanzlers in dieser ereignisvollen -Hornungsnacht noch nicht erledigt. Die Forschungsreise des Hasenknopf -ins Preußische gab ihm so viel zu denken, daß sein Gehirn ein bißchen -kongestiv und die unteren Extremitäten desto blutleerer wurden. Um die -Regierungsgeschäfte weiterführen zu können, mußte er ein Schaff mit -heißem Wasser bringen lassen und die schmerzenden Zehen hineinstecken. -Weil das Wasserschaff unter dem Schreibtisch stand und die grauen -Dunstwolken zur Linken und Rechten des Regierungssitzes emporquollen, -bot der rotbefrackte, um den reinen Glauben bemühte Kanzler mit dem -perückenlosen Kahlkopf einen geradezu satanischen Anblick. Man wurde -an die Walpurgisnacht erinnert, nur daß es an einem verführerischen -Hexchen mangelte. Aurore de Neuenstein hatte wohl ebenfalls eine -schlaflose Nacht, doch statt sich an den kummervollen Amtsgeschäften -ihres Onkels zu beteiligen, zog sie es vor, sich gemeinsam mit dem -Grafen Tige der Lektüre eines Pariser Schäferromans zu widmen und die -Kapitelpausen durch zärtliches Spinettspiel auszufüllen. - -Zwischen den quirlenden Dampfwolken reihte die Logik des Herrn von -Grusdorf alle Indizien unerbittlich aneinander, um Klarheit über die -fürchterliche Tatsache zu gewinnen, daß die evangelischen Schwärmer -im Lande augenscheinlich zahlreicher waren, als die Regierung bei -aller gewohnten Umsicht vermutet hatte. Auf eigene Rechnung war der -_vulgo_ Hasenknopf doch sicher nicht ins Preußische gewandert. Da -hatten viele zusammengesteuert. Eine ganze Rotte! Herr von Grusdorf -überschlug die Kosten der weiten Reise, nahm hypothetisch einen -erst noch auszuforschenden Begleiter an und brachte eine Ziffer von -Unsichtbaren heraus, die ihn mit Beklemmungen erfüllte. Es mußten an -die zehn, zwölf Dutzende sein. Er fing zu schwitzen an. Nicht nur aus -Ursach des heißen Wassers, noch mehr aus quälender Regierungsangst. -Nur für das Nötigste diktierte er um die fünfte Morgenstunde eine -_ordre_ auf Haussuchung unter allen Dächern von Unterstein, eine -_ordre_ auf Verhaftung des Jägers Leupolt wegen Verrates polizeilicher -Amtsgeheimnisse, eine _ordre_ auf Dingfestmachung der beiden -Hasenknopfischen Menscher und eine _ordre_ an alle Grenzwachen: weder -Mensch noch Vieh aus der Landmark hinauszulassen, insbesonders aber auf -das Erscheinen des aus dem Preußischen heimkehrenden Hasenknopf samt -hypothetischem Begleiter ein wachsames Auge zu dirigieren. Nach diesem -reichlichen Papierverbrauche konnte Herr von Grusdorf die sonderbar -gestalteten Zehen aus dem heißen Wasser ziehen und des Glaubens -sein, daß er von allen Berchtesgadnischen Regierungssäulen in dieser -Hornungsnacht die härteste Geistesarbeit geliefert hatte. Er irrte sich. - -Eine noch viel grausamere Nacht erlebte Frau Apollonia in ihrer -explosiven Fröstelsorge um den hochwürdigen Sohn, zu dem sie aufblickte -wie zu einem Heiligen auf Erden. Zum Teil verdiente er das. Er hielt -sich von französischen Anflügen ferne, war ein ruhelos im Dienste -des Himmels wirkender Priester, ein Vierzigjähriger von tadelloser -Sittenstrenge, hart gegen sich selbst wie gegen andere. Dazu in -theologischen Dingen ein großer Gelehrter. Für seine Doktorschrift -hatte er sich das Problem gestellt: »Wird eine Stück Erde mit einer -Mauer umzogen und weiht man dieses Grundstück zu einem Gottesacker, -wie weit dringt dann die Weihe durch Mörtel und Ziegelsteine in das -Innere der Umfassungsmauer ein? Genau bis zur Mitte? Oder weiter nach -außen?« Über diese schwierige Frage hatte er ein lateinisches Werk von -763 Folioseiten mit unzählbaren Zitaten verfaßt und klar bewiesen, daß -diese Frage mit Sicherheit nicht zu entscheiden wäre -- verläßlich -ließe sich nur behaupten, daß die Innenseite des Gemäuers der Weihe -teilhaftig würde, die Außenseite aber logischerweise *nicht*. Es gab -nur wenige Menschen, die dieses bedeutende Werk studiert hatten. Aber -man rühmte allgemein den Chorkaplan Jesunder als einen Theologen von -fabelhafter Belesenheit. Noch herrlicher sah ihn die Mutter. Und nun -widerfuhr ihm *das*! Undank der bösen, niederträchtigen Welt! - -Nicht nur Frau Apollonia, jeder im Lande wußte das: war eine Jungfrau -entehrt oder eine Frau genötigt worden und gebar sie ein totes Kind, -so ließ sie dem Menschen, der schlecht an ihr gehandelt hatte, -den kleinen, klagenden Leichnam zu öffentlicher Verfemung auf die -Haustürschwelle legen. Und das geschah ihrem schuldlosen Sohn! Welch -ein Geschrei würde das geben! Und gar noch -- so was Sinnloses -- -wegen der Haynacherin, die er verabscheute als eine des Irrglaubens -Verdächtige! Und die er am Weihnachtsabend mit pflichtschuldiger -Strenge aus der Kirche gestoßen hatte, weil sie die unchristliche -Hand nicht in den Weihbrunnkessel tauchte. Ach, was ist Gerechtigkeit -auf Erden! Als Jesunder in der Nacht hatte sehen müssen, was man -gottesfeindlich an seiner Haustürschwelle verübte, war er, die -Zorntränen der beleidigten Schuldlosigkeit an den Wimpern, in seiner -Stube so lange betend auf den Knien gelegen, bis man ihn hinüberholte -zur nächtlichen Kapitelsitzung. Nun dämmerte der Morgen schon, und noch -immer wollte der Sohn nicht heimkehren zu seiner verzweifelten Mutter, -die in dieser mehrfach gestörten Sorgennacht den heißen Kamillenabsud -reichlicher schlürfen mußte als eine genesende Wöchnerin. - -Das große gotische Rosettenfenster des Kapitelsaales glänzte wie ein -entzündetes Riesenauge in das kalte Morgengrau. Und die Nachtsorgen -des gedünsteten Kanzlers, die Seelenqualen der Frau Apollonia? Was -waren sie gegen den geistigen Kampf, der hier, unter niedergebrannten -Kerzen, noch immer kein befriedigendes Ende finden wollte, nach einer -siebenstündigen, zu heißer Erbitterung emporgewachsenen Sitzung! -Wahrhaftig, Herr von Grusdorf hatte sich als verblüffender Prophet -erwiesen, da er auf der Schwelle des Haynacherlehens erschrocken -den Ausbruch »theologischer Diffizilitäten von inkommensurablen -Konsequenzen« vermutet hatte. Man stand vor einem Rätsel, dessen Lösung -eine völlig undenkbare Sache war. Zwei Kinder, das eine getauft, das -andere ungetauft. Das erstere besaß ein geheiligtes Recht auf geweihten -Boden, das andere, als unentsühnter Sprößling einer Irrgläubigen, war -dem Freimannsanger verfallen, auf dem Gnadenwege einem Grübchen in -ungeweihter Erde. Und das eine Kindchen angewachsen an das andere, -die Hölle ineinandergemengt mit dem Himmel, das Heidnische und -Christliche unlösbar verschwistert, oder, wie es Herr von Grusdorf -äußerst charakteristisch bezeichnet hatte: verknorpelt. Schrecklich! -Wo war da ein Ausweg? Nicht einmal das Exempel des gordischen Knotens -vermochte die Schwierigkeit zu lösen. War ein Schnitt denkbar, der vom -Ungetauften nichts hinüberschnipfelte zum Getauften, vom Getauften kein -Fäserchen hängen ließ am Ungetauften? Und konnte man dem christlichen -Feldscheer zumuten, das Heidnische zu operieren? Durfte man es dem -Freimann gestatten, sich an christlicher Schuldlosigkeit zu vergreifen? -Chorkaplan Jesunder meinte: vielleicht ginge es mit einem Chirurgen, -der wohl halb ein Christ, aber auch halb ein Nichtchrist wäre? - -Da redete Pfarrer Ludwig, der bislange schweigend auf seinem -Kapitelstuhl ausgehalten hatte, das erste Wort und gleich ein sehr -heftiges: »Denkt Ihr an den Simeon Lewitter? Wollt Ihr solches -Metzgerwerk einem _medico_ zumuten, in dessen Händen die Obhut für -das Lebenswohl unseres Fürsten liegt?« Bevor eine andere Stimme sich -äußern konnte, entschied Herr Anton Cajetan, der jetzt das schwarze -Hofkleid eines gefürsteten Priesters trug: »_C'est juste, révérend!_ -Das geht nicht. Meinetwegen könnt ihr den Wildmeistersknecht mit der -Sache betrauen. Er ist geschickt im Zerwirken. Mein Leibarzt hat -außer Spiel zu bleiben.« Dennoch sah auch der Fürstpropst ein, daß es -klärend zu wirken vermöchte, wenn der Arzt als Zeuge des Vorganges im -Haynacherlehen vernommen würde, um seine fachmännische Ansicht über -die anatomischen Schwierigkeiten darzulegen. Simeon Lewitter wurde -aus dem Bett geholt. Er hatte nicht das steinerne Lächeln wie sonst. -In kurzen Worten schilderte er, mit welcher Geduld und Tapferkeit die -fromme Haynacherin das grauenvolle Leiden dieser vier Tage und Nächte -überstanden hätte. - -»Fromm?« wiederholte Jesunder. »Habt Ihr denn nicht gemerkt, daß -dieses Weib eine Irrgläubige ist?« - -»Nein. Im Gegenteil. Sie erschien mir im Sterben als eine Christin von -seltenen Herzenskräften.« - -»Für solche Unterscheidungen gebricht es Euch an der angeborenen -Fähigkeit. Wie beurteilt Ihr die Sache als Medicus?« - -Die Verwachsung der beiden Kinder wäre ein Irrtum der Natur _ab -ovo_ gewesen. Doch alle beide hätten leben können. Der vorzeitige -Tod des einen Kindes wäre einer äußerlichen Ursache zuzuschreiben, -einem Stoß, den die Haynacherin bekommen hätte, oder einer schweren -Kränkung. »Der junge Bauer erzählte mir, daß es mit seiner Martle seit -der Weihnacht nimmer richtig gewesen wäre.« In dem Schweigen, das -dieser Bemerkung folgte -- ein Schweigen, bei dem sich viele Augen -auf Jesunder hefteten -- sprach Lewitter nur noch wenige Worte. Sie -hatten den Klang einer tiefen Menschlichkeit. Und plötzlich, nach -allem spitzfindigen Debattengewoge, stand klagend und erschütternd das -Erlöschen zweier armer Seelchen, der heilige Tod eines leidenden Weibes -und das zerschlagene Lebensglück eines redlichen Menschen zwischen den -stummgewordenen Herren. - -Jesunder sagte heiser: »Kommt zur Sache! Schließlich seid auch Ihr es -gewesen, der uns in diese Schwierigkeit versetzte. Nun zeigt auch einen -Weg, wie wir da herauskommen. Ihr haltet doch als geschickter Chirurgus -eine Trennung der feindlichen Gebiete ohne Grenzverletzung für möglich? -*Ja?*« Dieses letzte Wort war nachdrücklich betont. Verstand Lewitter -nicht, daß man von seinem Ja eine Erleichterung der Sachlage erhoffte? -Er schüttelte den Kopf, blieb als Arzt bei den Tatsachen, sprach -von der Verwachsung der zarten Knöchelchen, von der Verwebung der -Muskeln und machte so, um der wissenschaftlichen Wahrheit willen, die -verzweiflungsvolle Streitfrage noch unlösbarer. Als man ihn ungnädig -und nicht ohne warnenden Hinweis auf die Bedenklichkeit seiner Lage -entlassen hatte, ging der Wirbeltanz der widersprechenden Meinungen in -gesteigertem Grade los. Herr Anton Cajetan, der schon mehrmals hinter -der schlanken Hand gegähnt hatte, übertrug dem Kapitular Graf Saur den -Vorsitz und sagte: »Von dem Beschlusse, den die Herren fassen, bitte -ich mich am Morgen zu verständigen.« Nach der Entfernung des Fürsten -gestaltete sich der Sitzungsverlauf noch aufgeregter. Man hatte sich -früher wenigstens im Ton gemäßigt. Jetzt wurden die Köpfe heiß, die -Kehlen rauh. - -Schweigend sah Pfarrer Ludwig in den wirren, wachsenden Lärm hinein. -Was er da erlebte? Wie war das menschenmöglich? Und wer trug die Schuld -daran? Keiner von diesen erhitzten Schreiern! Sie alle, mit kleinen -Einschränkungen, waren ehrenhafte, wohlmeinende Männer. Da glaubte -jeder seine Pflicht zu erfüllen, den Gesetzen der Kirche und dem -Himmel zu dienen. Was will der Himmel? Was die Kirche? Nur immer das -Veraltete und Überlebte? Wenn das die Kirche zu wollen scheint? Kann -auch der Himmel das wollen? Der Schöpfer eines ewig sich erneuernden -Frühlings? Der Vernichter des Morschgewordenen, der rastlose Erwecker -neuer Blüte? Bei diesem Gedanken mußte Pfarrer Ludwig umherblicken in -dem alten gotischen Kapitelsaal. Der ganze Bau des Stiftes, draußen -der Markt, alle Gassen und Häuser, die Dörfer im Tal, alle Bilder -des Lebens, sogar die Formen der steinernen Berge hatten im Laufe der -Jahrhunderte sich geändert, sich gewandelt zum Neuen und Besseren. Nur -dieser alte Saal der Entschlüsse -- ein Gleichnis der Dinge, die in ihm -geschahen -- war seit länger als einem halben Jahrtausend immer der -gleiche geblieben. Und da wunderten sich die Lakaien des Alten in ihren -verblichenen Tressen, daß zwischen den Rippen der Sehnsuchtsvollen -immer ein Neues wuchs und sein Recht begehrte! Freilich, der Wert alles -Neuen ist schwer zu erkennen. Aber ist es nicht schon das Bessere, nur -*weil* es das Jugendliche ist, das Kräfteschenkende, das Strebende? Wie -sagte einer zu Amsterdam, den sie verfluchten? »Sei ein Suchender, und -du näherst dich mit jedem Schritte der ewigen Wahrheit!« - -Die freudige Zustimmung, die ein Vorschlag des Grafen Saur gefunden -hatte, weckte den Pfarrer Ludwig aus den Gedanken, in die er versunken -war. Der Vorschlag hatte was Bestechendes. Man sollte unterhalb der -Umwallungssteine des Friedhofes ein Grab ausheben, senkrecht unter der -Mauermitte, mit der einen Hälfte hinausreichend in die ungeweihte Erde, -mit der anderen Hälfte hereingreifend in den geweihten Boden. In diesem -heidnischchristlichen Grabe sollte man das schwarzweiße Doppeltödchen -bestatten, die schwarze Erbsünde nach außen, das weiße Heil nach innen. -Dann sollte man, scharf an der Grenze des Weißen und Schwarzen, aus -Gipsguß eine Scheidewand verfertigen und draußen die ungeweihte Erde -einfüllen, innen die geweihte. - -Alle Herren klatschten dem Grafen Saur den verdienten Beifall zu. Nur -Jesunder machte eine wehrende Handbewegung. Der Vorschlag berührte -sein Doktorwerk über die Penetrabilität einer Mauer für die Weihe. Da -*mußte* er sich äußern. »Meine hochedlen Herren! Ein scharfsinniger -Fürschlag! Gewiß! Aber Diffizilitäten seh ich auch hier. Es soll -vorerst noch unentschieden bleiben, ob die gipserne Scheidewand -genau unter der *Mitte* der Mauer anzubringen wäre. Ich verweise -auf meine Dissertation. Aber kann denn unter der dicken Mauer ein -Grab mit solcher Genauigkeit ausgehoben werden, daß die geweihten -und ungeweihten Schollen nicht durcheinander kollern? Und wenn man -dagegen ein Mittel fände? Wird da nicht späterhin das unterirdische -Larvengewimmel eine Grenzüberschreitung begehen, die verhindert werden -*muß*? Unter allen Umständen! Aber wie?« Die Debatte war von neuem -entfesselt. Man kämpfte, bis die Morgenglocken läuteten. Und nicht -die Klärung der Ansichten löste den leidenschaftlichen Streit, nur -die Ermüdung, nur der begreifliche Wunsch nach dem dringend nötigen -Frühstück. Ehe man die Sitzung ergebnislos vertagte, versuchte man es -noch mit einer Abstimmung. Es schien nun doch zur Lösung des Dilemmas -nichts anderes übrig zu bleiben, als die unvereinbaren Gegensätze -des Schwarzen und Weißen durch einen operativen Eingriff voneinander -zu scheiden. Graf Saur, der als erster seine Stimme abzugeben hatte, -zuckte die Achseln: »Ich bin ratlos, _parfaitement_!« Sein Beispiel -beeinflußte die anderen, keiner wagte Nein oder Ja zu sagen. Pfarrer -Ludwig, als er zur Abstimmung aufgerufen wurde, ließ zwischen den -Wangenfalten die große Warze tanzen. »Auseinanderschneiden? Was -Besseres findet ihr nit? Also gut! Schneidet!« - -»Doch wenn vom Getauften was hängen bleibt am Ungetauften. Da wird sich -der Himmel kränken.« - -»Soweit ich den Himmel kenne, ist das nit wahrscheinlich. Doch wenn -ihr's vermutet, muß es vermieden werden.« - -»Wenn aber vom Ungetauften was hinüberschleicht ins Geweihte? Da wird -sich in Bosheit die Hölle freuen!« - -»Gotts Not und Leiden!« Pfarrer Ludwig verlor die Geduld. »*Soll* -sich die Höll halt freuen! Vergönnt ihr doch in so schauderhaften -Zeitläuften ein bißl Vergnügen! Amen. Ich leg mich ins Bett.« Ohne des -empörten Lärms zu achten, der sich hinter ihm erhob, verließ er den -Kapitelsaal. - -Drei Viertelstunden später vertagte man die ergebnislose Sitzung bis -zum Abend. - -In der grauen, kalten Armeseelenkammer lag auf der langen Totenbank -ein kleines, weißes Bündel mit noch unentschiedenem Schicksal -- ruhte -hinter vergittertem Fenster und versperrter Türe, deren Schlüssel beim -Chorkaplan Jesunder in Verwahrung blieb. - -Und im Tal der Ache, die durch den erwachenden Morgen rauschte, saß ein -Gebrochener neben der Wiege seines schlafenden Bübchens und schnitzte -an einem hölzernen Kreuz, das er auf den geweihten Grabhügel der Martle -stecken wollte, noch ehe die Sonne käme. - -Eine Nachbarin erbot sich, für den Christl die Morgensuppe zu kochen. -Er nickte dankbar, ohne ein Wort zu finden. Als auf dem Herd das Feuer -prasselte, setzte er sich in die Wärme, und während seine zitternden -Hände an dem kleinen Kreuze schnitzelten, erzählte er mit leiser, -wunderlich versunkener Stimme, wie fromm und gottergeben seine Martle -gestorben wäre. Eine Weile sah er schweigend in die Flamme. Nun hob er -das entstellte Gesicht. »Nachbarin?« - -»Was, guter Christl?« - -»So heilig sterben können, das ist nit irrgläubig.« Er tat einen -schweren Atemzug. »Gott verzeih mir die Sünd: ich tu drauf schwören, -daß meine Martle droben ist in der Seligkeit.« Seine Augen hingen am -flackernden Feuer. »Schier mein' ich, es kommt auf Kittel und Farb -nit an, bloß allweil aufs Ehrliche in der Seel und auf den redlichen -Menschenweg.« Die Nachbarin, die eine Gutgläubige war, blieb stumm. -Barmherzig war sie gerne, aber auf solche Reden wollte sie sich nicht -einlassen. Da faßte Christl die Frau am Arm. »Du? Hast du nit gehört, -was sie da droben machen im Herrenstift?« - -Was er meinte, verstand sie gleich. Mit dem Kochlöffel in der Pfanne -rührend, schüttelte sie den Kopf. - -Er stellte das vollendete Kreuz in den Herdwinkel, legte das Messer -fort und nahm die Stirn zwischen die Hände. »Jesus, Jesus, jetzt muß -ich mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen! Eins für mein -Bübl in der Wieg, eins für die Martle auf dem Gerstenacker. Und -zwei Viertelen -- ich weiß nit, wohin ich die schmeißen muß!« Mit -den Bewegungen eines schwer Betrunkenen taumelte er hinaus in den -erwachenden Tag. - - - - -Kapitel XI - - -Die Dinge der vergangenen Nacht bekamen laufende Füße. Ehe der Morgen -hell wurde, erörterte man schon in allen Stuben von Berchtesgaden -die ungeheuerliche Sache. Für die Unsichtbaren war's eine bange -Beklommenheit, für die Treugebliebenen gab das schwarzweiße -Himmelszeichen Anlaß zu abergläubischem Schreck oder zu zorniger -Erbitterung gegen die evangelische, will sagen preußische Gefahr, auf -die der Herrgott mit strafendem Finger hingewiesen hatte. - -Es war an diesem Morgen der Kirchweg reichlicher bevölkert als sonst. -Zwischen den aufgeregten Leutgruppen wanderten zwei Menschenkinder, -die sich nirgends verhielten und mit niemand sprachen -- Luisa und -Sus. Dem Sorgenblick der Magd war es anzumerken, daß sie von der -schwarzweißen Gotteswarnung schon Kenntnis hatte. Sie schwieg nur, weil -der Meister ihr geboten: »Red nit drüber mit dem Kind!« Um der Sache -selbst willen machte sie sich keine schweren Gedanken. Eine Verirrung -der Natur und das Unglück eines braven Menschen. Was anderes war es -nicht für die grade, verständige Sus. Aber ruhelose Sorge wühlte in -ihr, weil des Meisters Freund in die Sache verwickelt war, und weil -sie früh im Morgengrau den Muckenfüßl mit vier Gottessoldaten hatte -hinausmarschieren sehen zum Mälzmeisterhaus. Unbeschwichtigt zitterte -in ihr auch noch der Kummer über das zerstörte Bildwerk, das nach -ihrer Meinung seit Erschaffung des Paradieses das Schönste von allem -Schönen gewesen war. - -Blaß und schweigend, mit gesenkten Augen, ging Luisa neben der blonden -Magd. Aus den Glockenfalten des grünen Mantels lugte wie immer der -Rosenkranz hervor, dessen Zittern nicht nur herrührte von der Bewegung -des Schreitens. An Luisas schmerzhaft zusammengezogenen Brauen war es -zu sehen, daß peinvolle Gedanken in ihr kämpften. Erst beim Eintritt in -die Kirche, aus deren Dämmerung die brennenden Wachskerzen wie schöne -Geheimnisse herausflimmerten, löste sich die irrende Qual in ihrem -Gesicht. Sie war bei Gott, und bei Gott ist Wahrheit. Gerechtigkeit -geht von ihm aus, um alle Menschentorheit gütig zu vergeben, alle -leidenden Seelen zu erfüllen mit reiner Kraft. Unbeweglich kniete -sie in ihrem Kirchstuhl und hielt unter inbrünstigem Gebet die Stirn -auf ihre verklammerten Hände gepreßt. Als die Schellen zur Wandlung -klingelten, hob sie das ruhiggewordene Gesicht. Der Glanz eines -neugestärkten Glaubens leuchtete wieder in den klaren Mädchenaugen. -Während Luisa sich bekreuzte, sprach ihre Seele: »Gott weiß, was in den -Menschen ist, allweil kennt er die Seinen; auch gegen die anderen, die -wider ihn trutzen, bleibt er gerecht und wird durch einen irdischen -Richter nit bestrafen lassen, was guter und redlicher Wille war.« Diese -Zuversicht blieb in ihr, als sie neben der blonden Magd die Kirche -verließ. Mit einer seltsamen Freudigkeit sagte sie: »Geh heim, gute -Sus! Daß der liebe Vater auf sein Frühmahl nit warten muß. Ich hab -einen Weg, den ich nit verschieben darf.« Von dem, was Luisa sagte, -schien Sus nur die drei Worte >der liebe Vater< gehört zu haben. Eine -Blutwelle schoß ihr in die Wangen, und sie rannte, um so flink wie -möglich dem Meister zuschreien zu können: »Heut hat sie gesagt: der -*liebe* Vater. Meister, es wird heller in deinem Haus!« - -Unter dem Strom der Leute ging Luisa hinüber zur Wohnung des -Chorkaplans. Als sie die Glocke ziehen wollte, kam Mutter Jesunder aus -der Sakristei. Die alte Frau war so dick in warme Dinge gewickelt, -daß man glauben konnte, ihre Magerkeit hätte während dieser -aufregungsvollen Nacht das Sorgenfett in kugeliger Fülle angesetzt. -Auch roch sie auffällig nach Kamillen. Bei Luisas Anblick versuchte -sie einen zärtlichen Augenaufschlag. »Ei guck, da ist ja unser frommes -Kindl schon wieder --« - -»Mutter Jesunder?« Das klang so ernst, daß die nachtschwache Frau -sofort ein heftiges Mißtrauen empfand. Streng betrachtete Luisa -das jähverwandelte Runzelgesicht. »Was ich in meiner Herzensnot -dem hochwürdigen Herrn hab anvertrauen müssen? Ist es wahr, Mutter -Jesunder, daß du das in deinem Marktkörbl zum Pfleger getragen hast?« - -»Aber Kindl,« begann die Frau zu klagen, »wie kannst du nur so was -denken von mir --« - -Schweigend wandte Luisa sich ab. Die Verlegenheitsglut, die der alten -Frau mit Pfingstrosenfarbe ins Gesicht gefahren war, hatte deutlich -gesprochen. Unter erschrockenem Wortgesprudel rannte die Jesunderin -dem Mädchen nach und beschwor ihre Schuldlosigkeit. Luisa ging -davon, ohne das Gesicht zu drehen. Da erkannte Frau Apollonia die -Zwecklosigkeit ihrer Zungenmühe, schickte dem Mädchen einen Wutblick -nach und murrte: »So eine unverschämte Gans! Die will ich ankreiden bei -unserem Herrgott!« Diese Drohung war so ernsthaft gemeint, wie Frau -Jesunder überzeugt war, daß Gott Vater das Menschengeschlecht nach -ihren Ratschlägen regiere. Das schloß aber die betrübliche Wahrheit -nicht aus, daß Frau Apollonia in dem nassen Schneequatsch kalte Füße -bekam, einen Rückfall ihres nächtlichen Leidens befürchtete und mit -Beschleunigung ihrer Haustür zustreben mußte. So wurde sie an der -Beobachtung der sonderbaren Tatsache verhindert, daß Luisa die Richtung -nach dem Hause eines zwar nicht vor Gottes Allwissenheit, aber doch vor -dem Scharfblick der Frau Apollonia höchst verdächtigen Mannes einschlug. - -Pfarrer Ludwig, als er das zaghafte Pochen an seiner Stubentür vernahm, -ließ die große Warze in ein vergnügtes Schmunzeln hinübergleiten. »Nur -allweil herein!« Beim Anblick seines Gastes zeigte er den Ausdruck -einer erstaunten Menschenseele. »Liebes Kind? Was suchst du bei *mir*?« - -Die Art, wie der Pfarrer das letzte Wörtchen betonte, erzwang von Luisa -die zornige Antwort: »Zum Jesunder geh ich nimmer.« - -»Oh! Ooh! Oooh!« Mißbilligend schüttelte Herr Ludwig den weißen Kopf. -Ein Diplomat schien er nicht zu sein. Statt Luisa zu beruhigen, wie -es doch vermutlich seine Absicht war, blies er durch sein Verhalten -kräftig in das Feuer ihrer Erregung. - -»Zum Jesunder geh ich nimmer!« wiederholte sie unerbittlich. »Ich tu's -nit, und müßt ich auch verzichten auf jede Seelentröstung.« - -»Kind! Was hast du gegen den Jesunder?« - -»Hochwürden?« Sie sah erschrocken zu ihm auf. »Wisset Ihr nimmer, was -Ihr in meiner Kammer geredet habt zu mir?« - -Da sagte er mit ernstem Vorwurf: »Was ich an junger Narretei hab sehen -müssen in deiner Kammer und was wir geredet haben, das war gebeichtet. -Nit? Und da liegt für mich ein Schleier des Vergessens drauf, den keine -Menschenhand nimmer hebt. Genau so heilig wie der Beichtstuhl ist -jedes menschliche Vertrauen. Eh' man da einem redlichen Priester ein -Wörtl entreißen könnt, da tät er sich lieber die Knochen aus dem Leib -herausbrechen lassen. Du tust dem Jesunder unrecht! Daß seine Mutter -nit so schwerhörig ist, wie meine Schwester, dafür kann der Jesunder -nichts. Oder -- -- Kind? Du wirst doch nit glauben, daß *ich* was -ausgeredet hätt? Vor deinem Vater?« Ohne das heftige Kopfschütteln des -Mädchens zu bemerken, sprach der Pfarrer in Erregung weiter: »Nein, -liebes Kind! Dein Vater ist der wahrhafteste von allen Mannsleuten. Da -müßt er im Leben zum erstenmal ein unwahres Wörtl geredet haben! Nein, -nein, nein! Das kann ich nit glauben von einem so redlichen Menschen!« - -Sie hatte in Hast das Gebetbuch und den Rosenkranz auf den Tisch -gelegt. »So ist das nit. Daß der Vater von meiner so sündhaften wie -törigen Narretei kein Fäserlein erfahren hat, das hab ich gut gemerkt. -Der Vater --« Sie stockte. Und ihre Wangen fingen zu brennen an. »Der -Vater glaubt was anderes von mir.« - -»Was anderes?« fragte der Hochwürdige überrascht. - -»Der Vater glaubt, ich hätt so einen hilflosen Wirbel im Köpfl, weil -ich --« - -»Weil du?« half Herr Ludwig nach. - -»Weil ich dem Leupolt gutgeworden wär.« Sie fügte stammelnd hinzu: »Aus -Sorg und Barmherzigkeit, meint der Vater.« - -»Um Gotteswillen!« Der Pfarrer schlug die langen Hände zusammen. »Wie -kann denn so ein gescheites Mannsbild so was Unmögliches denken!« Nach -diesen Worten blieb es in der weißen Stube still, und Herr Ludwig -guckte verwundert drein, ganz ehrlich verwundert. Er schien eine -Antwort erwartet zu haben. Sie kam nicht. Den Kopf mit dem spanischen -Federhütl in den Nacken gepreßt, stand Luisa unbeweglich und sah durch -das Fenster hinauf zu einem blauen Himmelsfleck. Diesen Moment der -Ablenkung benützte Pfarrer Ludwig zu einigem Nachdenken. Dann nickte -er: »Das ist merkwürdig --« - -Rasch wandte Luisa die Augen. »Was, Hochwürden?« - -»Daß einem das unsinnigste Ding um so glaubhafter fürkommt, je länger -man drüber studiert. Es könnt wohl sein, Kindl, daß dein gescheiter -Vater recht hat. Einem sonst so redlichen Buben gut werden? Ja, ja! -Aber -- *nur* aus Barmherzigkeit? Das begreif ich nit. Allweil bin ich -des Glaubens gewesen: man liebt aus Herz und Seel, aus Blut und Jugend. -Freilich, was versteh ich altes Pfarrle von solchen Sachen! Ich weiß -nur, du hast zu barmherziger Sorg um den armen Buben einen Grund. Und -weil du deine heilige Barmherzigkeit nit vereinen kannst mit deiner -Treu im Glauben? Und dem Buben doch gutsein *mußt*? Deswegen bist du -zu mir gekommen? Um Hilf und Rat?« - -Sie schüttelte den Kopf. »Nein, Hochwürden!« In ihrer Stimme war wieder -die alte Strenge. »Zwischen mir und dem anderen ist kein Weg. Da darf -ich mir einen Rat nit geben lassen.« - -»Gut also! Soll der Bub in sein Elend rennen. Dein unverdächtiger -Vater darf sich nur warnen lassen von einem Gutgläubigen. Tut's ein -anderer, der muß ins Eisen, darf Sonn und Mond nimmer schauen. So ist -es christlich. Aber gekommen *bist* du doch zu mir? Da muß ich fragen: -warum?« - -»Schier weiß ich es selber nit.« Luisas Gesicht, aus dem jede Spur -von Farbe verschwunden war, bekam den Ausdruck einer qualvollen -Verzweiflung. »Es hat mich halt hergetrieben in meiner Not. Mir ist so -weh ums Herz, ich weiß nit, wie. Alles verdreht sich in mir.« - -»Sooo? *Des*wegen willst du einen Trost von mir? Für dich allein?« - -Sie stand wie betäubt. Dann nickte sie müde. - -»Kind! Bevor ich dich trösten kann, muß ich wissen, ob du Vertrauen -hast zu mir? Es ist mir so fürgekommen, daß du nit nur ein -unbegründetes Mißtrauen gegen deinen redlichen Vater hast, sondern daß -deine frommgläubige Seel auch mich für einen Verdächtigen nimmt?« - -Sie senkte das erglühende Gesicht. - -»Kindl? Ist das so oder nit?« Da nickte sie ehrlich und war in diesem -schamvollen Bekennen so hold und liebenswert, daß der alte Pfarrer die -Arme streckte, als möchte er das brennende Mädchengesicht zwischen -seine Hände nehmen und zärtlich diese flehenden Augen küssen. Doch er -wurde ernst und fragte: »Kind? Wer ist nach deinem Glauben unter allen, -die gelebt und gelitten haben, der Wahrhafteste und der Gerechteste -gewesen?« - -Sie lispelte: »Unser heiliger Herr Jesus Christ.« - -»Da denkst du, wie ich.« Er legte den Arm um Luisas Schulter. »Komm! -Und schau ihn an! Da hängt er an der Mauer, so schön, wie ihn dein -gläubiger Vater herausgeschnitten hat aus dem Holz! Das ist länger her, -als du lebst. Ja, Kindl, damals hat dein Vater die geschickte Hand noch -gehabt, die ihm ein ungerechtes Urteil hat wegschlagen lassen. Warum? -Weil dein Vater barmherzig gewesen ist. Weil er in seiner Güt nit -unterschieden hat zwischen römisch und evangelisch, zwischen weiß und -schwarz. Und weil er denken hat müssen: Mensch ist Mensch, und wo einer -leidet, da muß man helfen.« Während der Pfarrer langsam diese Worte -sprach, betrachtete er Luisas Gesicht mit forschender Aufmerksamkeit. -Und plötzlich fragte er verwundert: »Kind? Was tut dich erschrecken?« - -Luisas erweiterte Augen waren in Pein und Hilflosigkeit auf das -Kreuzbild gerichtet. Gleich einer frommen Opfergabe hingen da zwei -weiße, zerschnittene Tüchelchen an dem eisernen Nagel, von dem die -blutenden Füße des Erlösers durchbohrt waren. - -Pfarrer Ludwig schien von einem heißen Verlegenheitskummer befallen zu -werden. »Ach, Gott, ich bin aber doch ein grausamer Esel!« Er sprang -auf das Kreuzbild zu, packte die zwei Tüchelchen, stopfte sie in die -Hosentasche und sagte betrübt: »So wenig hab ich mir denken können, -daß *du* zu *mir* kommst! Sonst hätt ich doch nit die zwei weißen -Fähnlein deiner Torheit aufgesteckt, wo du sie sehen hast müssen auf -den ersten Blick. Das ist mir leid.« - -Stumm, unter Tränen, schüttelte Luisa den Kopf. - -»Aber ich seh doch, es hat dir weh getan, daß die Tüchlen dich erinnert -haben an deine gottferne Narretei. Wie ich heimgekommen bin aus deiner -Kammer, hab ich sie da hergehangen und hab zum Allgütigen gesagt: -Gelt, tu dem jungen Kindl nit verdenken, was ausgesehen hat wie ein -Kinderspott auf dein heiliges Leiden, sie hat es nit so gemeint, ihre -Seel ist fromm.« - -»Nit, Hochwürden,« unterbrach sie ihn leise, »ganz verdreht bin ich -gewesen. Und die zwei Tüchlen sehen müssen, das ist mir gewesen jetzt -wie eine verdiente Straf.« - -»Jetzt sind sie doch nimmer da. Und wo sie gewesen sind -- schau, Kind, -da leg ich, um dein Vertrauen zu verdienen, meine Hand jetzt hin und -sag: Ich bin im Glauben geblieben, der ich allweil gewesen bin. Wie ich -gelebt hab, so will ich sterben: als Christ und getreuer Mensch. Ich -glaub an Gottes Güt und Gerechtigkeit, glaub an sein ewiges Walten. -Ich glaub an den Himmel und glaub an das Recht der Menschen auf Gottes -Gnad, glaub an die Pflicht der Menschen zu redlichem Leben und zu -hilfreicher Barmherzigkeit gegen Freund und Feind. Ob einer getreu ist -oder da drüben steht, ich weiß nit, wo -- ein leidender Mensch, da -muß man helfen. Ja, lieb Kind, das hab ich gelernt von deinem Vater.« -Nach diesen ernsten Worten fragte der Pfarrer lächelnd: »Ist das ein -Christentum, das dir verdächtig erscheint?« - -Sie schüttelte den Kopf. Dann streckte sie die zitternde Hand und bat: -»Hochwürdiger Herr! Tu mir verzeihen in christlicher Güt!« - -»Verzeihen?« Er streichelte ihr schönes Haar. »Dir bin ich doch nie -nit harb gewesen. Allweil hab ich verstanden, wie wertvoll deine liebe -Jugend ist. Und komm, jetzt setzen wir uns zum Fenster hin!« Er führte -sie in die helle Mauernische und stellte für sie einen Stuhl ganz nah -an die Scheiben. Da konnte sie alles gewahren, was da drunten geschah, -in dem von weißen Schneeresten übersprenkelten Hof, der zwischen der -Kirche und dem Gerichtsgebäude lag. Aber Luisa wandte keinen Blick -zum Fenster; in dürstendem Erwarten sah sie zum erregten Gesicht des -Pfarrers auf, der schwarz an der weißen Mauer stand und in den Hof -hinunterspähte, als müßte da drunten was geschehen, was er mit Ungeduld -erwartete. »Schau, Kindl, eh wir reden können von dem Trost, den du -suchst für dich allein, müssen wir ein bißl reden von einem anderen.« -Er sah das jähe Erglühen ihres Gesichtes und lächelte. »Von deinem -Vater.« Sie atmete erleichtert auf. »Wie kommt es, Kindl, daß du so -mißträulich gegen deinen Vater bist?« - -»Man hat mir viel von ihm gesagt, worüber ich hab erschrecken müssen.« - -»Sooo? Freilich, die Graden reden grad, die Krummen krumm. Einmal, am -Königssee, der ein Stündl von Berchtesgaden liegt, hat ein kleines Bübl -mich gefragt: >Was ist das für ein buckliges Häufl da draußen?< Weißt -du, was das Bübl gemeint hat? Den großmächtigen Untersberg. So sehen -deinen Vater die Leut, die sein mannhaftes Herz nie gesehen haben in -der Näh!« - -»Oft redet der Vater, wie man als Christ nit reden sollt.« - -»Sooo? Da hab ich nie was gehört davon.« - -»So hab ich ihn reden hören mit dem Lewitter.« Scheu fügte sie hinzu: -»Und oft mit Euch.« - -Der Pfarrer lachte, als hätte dieses Wort ihn freundlich erheitert. -»Mit mir? Und deswegen bin ich verdächtig worden für dich? Aber schau, -ich versteh noch allweil nit. Was reden wir?« - -»Lewitter und mein Vater nehmen Gottes Wort nit, wie es verkündet -steht. Sie machen was anderes draus, sie deuten es um.« - -»Tust du denn das nit auch?« - -Erschrocken stammelte sie: »Um aller Seligkeit willen, das tu ich nit. -Das wär eine arge Sünd. Was Gott geredet hat, steht geschrieben. Das -muß man glauben, wie Gott es gesagt hat.« - -Wortlos betrachtete der Pfarrer eine Weile ihr heißes Gesicht. Dann -sagte er leis: »Wie seltsam!« Wieder warf er einen raschen Blick durch -das Fenster. - -»Hochwürden? Was ist seltsam?« - -»Daß die anderen, die man die Unsichtbaren schimpft, genau so predigen -wie du. Die legen die Hand auf das heilige Buch und sagen: >Was Gott -geredet hat, steht geschrieben, das muß man glauben, wie Gott es -gesagt hat.< Ja, Kind! Und *du* bist doch nit irrgläubig?« Der Pfarrer -schmunzelte. »Da mußt du mir jetzt erzählen, was im Paradies geschehen -ist, beim Apfelbaum, bevor Frau Eva, die Mutter von uns allen, sich -versündigt hat zum erstenmal.« - -»Sie wär gehorsam geblieben, wenn nit vom Baum herunter der höllische -Verführer zu ihr geredet hätt.« - -»Wer?« fragte Pfarrer Ludwig. - -»Der höllische Verführer.« - -»Ooooh?« Der Pfarrer griff zu seinem Schreibtisch hinüber, nahm ein -kleines dickes Buch, schlug es auf, spähte durch das Fenster, las mit -lauter Stimme den lateinischen Text des Sündenfalles und schüttelte den -Kopf. »Kind, auf mein Latein versteh ich mich. Da find ich kein Wörtl -vom höllischen Verführer. Da steht: die *Schlange*.« - -»Das ist er ja doch gewesen!« - -»Wer?« - -»Der höllische Feind!« - -»In Gottes Wort, da heißt es: die *Schlange*! Aber schau, lieb Kind, -ich denk wie du. Wir zwei, wir wissen, daß Schlangen nit reden können. -Drum deuten wir das Gleichnis der Falschheit um, machen was anderes -draus, was wir verstehen, und sagen: der höllische Feind und Verführer. -Aber was wir selber tun, mein Kind, das dürfen wir doch den anderen nit -zum Fürwurf machen?« Plötzlich, wie von Kummer befallen, sah Pfarrer -Ludwig durch das Fenster hinaus und flüsterte: »Ach, Gott! Der gute, -schuldlose Bub!« - -Erblassend, von einem Taumel der Verstörung befallen, sprang Luisa zum -Fenster hin. Der Pfarrer streckte erschrocken die Arme: »Vom Fenster -weg! Das sollst du nit sehen! Das tät dich schmerzen.« - -Sie klammerte die Hände um den Fensterriegel, preßte die Stirn an das -geriefelte Glas und atmete schwer. Was da drunten geschah, war deutlich -zu erkennen, obwohl es verkrümmt wurde durch die Rippen des Glases: -zwischen einem lärmenden Leuthaufen führten zwei Fronknechte den Jäger -Leupolt Raurisser vom Gerichtsgebäude zum Gefängnis hinüber. Er trug -die gekreuzten Fäuste hinter dem Rücken. Nun verschwand der lärmende -Schwarm, und der Hof da drunten war wieder leer. - -Luisa wandte sich langsam vom Fenster ab und tastete gegen den Pfarrer -hin. »Das darf man doch nit geschehen lassen! Das tät ein Unrecht sein!« - -»Unrecht!« klagte der Pfarrer und schritt mit seinen langen Beinen -aufgeregt durch die Stube. »Unrecht! Freilich ein Unrecht! So deutest -du es aus mit deinem guten Herzen. Aber da ist der Muckenfüßl! So ein -Rindvieh und Kummer Gottes! Und der Landrichter mit der Sauermilch im -Gehirn. Der macht aus einer redlichen Sach das Gegenteil und wirft den -schuldlosen Buben in Schand und Eisen. Und sagt: dem muß man den jungen -und schmucken Leib zermartern! Den muß man zerbrechen an Herz und Seel! -Bloß weil er als Mensch barmherzig gewesen ist und nit leiden hat -mögen, daß man ein Unrecht verübt an deinem schuldlosen Vater. Tu mich -nit falsch verstehen, Kind! Mich erbarmt der Leupolt nit.« Er sah den -Zorn auf ihrer Stirn und beteuerte: »Was geht mich der Leupolt an? Der -steht da drüben. Ich denk wie du, lieb Kind! Aber Unrecht ist allweil -ein Ding, das den Gütigen am Kreuz da droben traurig macht.« - -Der zarte Körper des Mädchens schien zu wachsen und ihre Stimme bekam -einen schrillen Klang. »Man darf so ein Unrecht nit geschehen lassen. -Da muß man helfen!« - -»Helfen? Wer denn? Du vielleicht? Geh, sei verständig, Kind! Du willst -doch nit gar hinüberlaufen zum Richter? Du? Ein verzagtes und mutloses -Mädel? Das tät ich verhindern müssen. Und schau, was tätst du dem -Richter sagen? Ich wüßt nit, was.« - -Jetzt wurde ihre Stimme ruhig und rein. »Ich tät ihm sagen, was wahr -ist! Daß der Leupolt den Vater nit gewarnt hat aus Ungehorsam wider die -Obrigkeit.« - -»So? Nit? Und warum denn sonst?« - -»Er hat's getan --« - -»So sag's doch! Sag's!« - -»Bloß weil er mich lieb hat.« - -»Aber Kind, tu töriges! Wahr ist's freilich, tausendmal wahr! Der hat -dich lieber als Vater und Mutter, lieber als Augen und Leben. Aber -daß er da drüben steht bei den Verdächtigen? Das darf man doch nit -vergessen.« - -Mit erregter Strenge sagte sie: »Ein Mensch ist allweil ein Mensch.« - -»Freilich, freilich, aber ich weiß doch, wie so ein dummes Mädel ist! -Da könnt der beste von allen Buben um ihretwegen versterben müssen -- -von Liebhaben und süßer Vertraulichkeit, vom Heimgart, zu dem er hätt -kommen mögen, von Spinnrädl und Haustür, von so was redet doch ein -Mädel nit vor dem Richter. Auch nit das redlichste und tapferste. Da -muß man rot werden, verlegen und geschämig sein! Da muß man --« - -»Hochwürden!« In Luisas Augen war ein Glanz, wie in den Stunden, in -denen sie betete. »Da kennt Ihr die redlichen Mädlen schlecht.« Sie -nahm ihr Buch und den Rosenkranz. Bei der Türe wandte sie das Gesicht. -»Den Trost, um den ich gekommen bin für mich allein, den hol ich ein -andermal. Jetzt muß ich zum Richter.« Ruhig wehrte sie mit der Hand, -weil der Pfarrer eine Bewegung machte, als möchte er sie festhalten. -»Das muß ich tun. Gelobt sei Jesus Christus und die heilige Mutter -Marie!« - -»In Ewigkeit Amen!« antwortete Pfarrer Ludwig mit einer Stimme voll -inniger Zärtlichkeit. Er sah die Tür an, lachte vor sich hin und kam -überraschenderweise zu einem ähnlichen Urteil, wie es Frau Apollonia -Jesunder über Luisa abgesprochen hatte. Nur der Klang war ein anderer. -»Du liebes Gänsl! Lauf nur! Und lauf durch Schmerzen hinein in dein -junges Glück!« - -Aus der anderen Tür der Stube schob Schwester Franziska den Kopf -heraus, mit Sorge in den Augen. Der Pfarrer sah sie an und sagte -heiter: »Schwester! Wärst du nit taub wie ein Ofenloch, so tätst du -mich jetzt für einen argen Komödianten halten, nach einem Stündl, in -dem ich für ein leidendes Menschenkind ein hilfreicher Priester war.« -Franziska verstand nicht, aber sie atmete auf, weil sie den Bruder -lachen sah. Er trat auf sie zu, legte ihr die Hand auf die Schulter -und schrie ihr ins Ohr: »Vor sieben Jahr, wie wir ausgezogen sind aus -der Stiftspfarrei? Ist da nit ein kleines Kistl dagewesen, mit alten -Schlüsseln?« Geschäftig nickte die Schwester, lief davon und war von -einer Sorge befreit, ohne zu ahnen, daß sie zur Mithelferin einer -Heimlichkeit wurde, bei der ihr hochwürdiger Bruder, weil er menschlich -empfand, um Ehre und Freiheit spielen mußte. - - - - -Kapitel XII - - -Im großen frostigen Flur des Richterhauses standen viele Leute, die -ihrem Verhör entgegenbangten. Alle Verwandten der Hasenknopfin waren -da, Bauern und Weiber von Unterstein und von der Wies. Simeon Lewitter -stand blaß in einer Fensternische. Nun wurde er vorgerufen. Während -er sich zur Richterstube hinzappelte, trat Meister Niklaus heraus. -Der hatte eine rote Stirn, aber ruhige Augen; ohne ein Wort zu sagen, -tröstete er den Freund durch ein aufmunterndes Blinzeln und durch das -verabredete Zeichen dafür, daß Leupolt kein Wort gesprochen hatte, das -die Freunde belastete. Pfarrer Ludwig hatte das richtig vorausgesagt: -»Auf uns wird sich der grade Bub nit ausreden. Wird nur sagen: er hat -uns für schuldlose Leut gehalten, und drum hat er uns warnen müssen. -Über das Mädel schnauft er keinen Laut. Nur über sich selber wird er -die Wahrheit sagen, die ihn verläßlich ins Eisen bringt. Bei jedem -redlichen Wörtl wird die Sauermilch auf dem Richterstuhl glauben: Das -ist gelogen! -- _Sancta justizia!_« - -Simeon Lewitter trat in die Richterstube, und Meister Niklaus schritt -durch den langen Flur der Haustür zu, ohne der aufgeregten Männergruppe -zu achten, in deren Mitte eine halb von Schmerz erwürgte, halb -wunderlich verzückte Stimme zu hören war. Die Zeugen, die über das -schwarzweiße Doppeltödchen auf der Schwelle des Chorkaplans Jesunder -etwas auszusagen hatten, die Musketiere, Lakaien und Jägerknechte -standen um den Christl Haynacher herum, der immer vom heiligen Sterben -seines Weibes erzählte. Das war in ihm zu einem Rad geworden, das -mit eisernen Zähnen die verstörte Seele des Christl gefaßt hatte und -nimmer losließ. Die aufgeregte Leutgruppe, die ihm zuhörte, schied sich -deutlich in zwei Parteien: in eine solche, die sich über den Christl -ärgerte oder über ihn lachte, und in eine solche, die schweigend -lauschte, mit heißem Glanz in den Augen. »Allweil bin ich ein -Gutgläubiger gewesen!« klang die bebende, von einem fast unheimlichen -Unterton durchfieberte Stimme des Christl. »Nie hab ich mich arg -versündigt, Leut, und trotzdem bin ich elend worden an Leib und Seel. -Und muß mein Herz auseinanderreißen in vier Viertelen, in eins für mein -gottseligs Martle --« - -»Gottselig?« unterbrach ihn von den Musketieren einer. »Als -Gutgläubiger mußt du sagen: verflucht auf ewig. Hat man nit das -verbotene Teufelsbuch gefunden in ihrem Bett?« - -Christl Haynacher hob die Arme. »Wahr ist's, Leut! Aber ein Weibl, das -so gottselig gestorben ist, wär wieder rechtgläubig worden, wenn's noch -leben hätt dürfen! Da glaub ich dran, so fest, wie ich glaub, daß mein -Weibl im Himmel ist.« - -Eine Stimme lachte: »Im Himmel, ja, wo man die Leberwurst mit Schwefel -schmälzt!« Viele von den anderen, die bisher schweigsam geblieben, -schalten den groben Spötter. Und Christl Haynacher mahnte: »Nit -streiten, Leut! Auf der Welt muß Fried werden. Gütigkeit muß mithelfen, -daß die verloffenen Seelen wieder heimfinden zur heiligen Mutter. -Freilich, da därf man die Leut nit an Weihnächten aus der Kirch -jagen. Und hätt man nit meiner Martle auf ihren gesegneten Leib einen -Stoß gegeben, daß eins von ihren lieben Kinderlen hat schwarz werden -müssen unter ihrem gottseligen Herzl --« Seine Trauer erwürgte, was -er sagen wollte. Geleitet vom Feldwebel Muckenfüßl kam Lewitter aus -der Richterstube, huschte flink wie ein Wiesel davon und war schon -verschwunden, noch ehe Christl Haynacher die verlorene Stimme wieder -fand. »Meine Martle hat leiden müssen, ärger als ein vergrabenes Leben -unter hausgroßen Steinbrocken. Aber nit ein einziges Zornwörtl hat sie -dawider gehabt, daß man sie gepeinigt hat bis auf den Tod. Und wie sie -sterben hat können, ihr guten Leut, das ist gewesen wie ein schönes -Wunder. Allweil ist Gott ein Trost für die Seinen, hat sie gesagt. -Und wie der Schnee im Frühling wegrutscht von den Berghalden, so ist -der Wehdam abgefallen von ihrem gemarterten Leib. In den Augen hat -ihr ein Glanz gebronnen, so heilig, als tät sie das Himmelreich offen -sehen. Glaubet mir, Leut, so fromm und schön ist nie noch ein Bischof -und Papst gestorben. Wär das Martle nit droben im Himmel, so wär der -Tag nimmer Tag. Der Singvogel müßt ein Käfer in der Mistgrub sein. Und -einer wie ich, so ein Elendsbröckl, ich wär ein vergnügtes Mannsbild -mit drei gutgetauften lebendigen Kinderlen und einem lustigen Weibl, -das tanzen geht, hoppsa und huiserla --« Der Christl nahm den Kopf -zwischen die Fäuste und brach in Schluchzen aus. - -In dem Schweigen, das ihn umgab, klang es streng von der Richterstube -her: »Was ist denn das _in loco hujus_ für ein fürlauter Subjektivus?« - -»Schauet, ihr christlichen Leut, mein gottseliges Martle --« - -»Not und Sakeramentum!« Muckenfüßl stieß den Säbel auf die -Steinfliesen. »Wird der Subjektivus bald _silentium_ observieren und -das Maul halten?« - -Christl Haynacher guckte drein wie ein aus frommen Träumen zu bösem -Leben Erweckter. Er nahm die Kappe herunter. »Guter Herr, ich tu -doch bloß von meiner Martle erzählen! Das kann mir doch keiner nit -verbieten. Von christgläubigen Sachen muß man doch reden dürfen?« - -Gegenüber diesem unerwarteten Widerstand versagte dem Feldwebel die -Kanzleisprache. Kummervoll erklärte er in makellosem Deutsch: »Da -muß man einschreiten!« und trat in die Richterstube. Das war ein -weißgetünchter, von Spitzbogen überwölbter Raum mit braunem Holzgerät. -Früher hatte die weiße Mauer ein großes Gemälde des Jüngsten Gerichtes -getragen. Der neue Landrichter hatte das Bild übertünchen lassen, -weil er der Meinung war, daß es die Schuldlosen verzagt mache und die -verlogene Vorsicht der Verbrecher schärfe. - -Auf der Zeugenbank, neben der blassen Mutter Agnes, saß der Mälzmeister -Raurisser, ein festgezimmertes Mannsbild, das angenehm nach der -Bierpfanne roch und das Aktengemuffel der Richterstube durch einen -Duft von gerösteter Gerste milderte. In dem braunen Gesichte waren die -Zornadern an den Schläfen merklich verdickt. Aber trotz aller Sorge um -den zu Pfahl und Eisen verurteilten Sohn schien der Mälzmeister vor -dem Richter und der ihm innewohnenden Gefährlichkeit einen scheuen -Respekt zu haben. Unbeweglich saß er auf der Bank und hielt mit der -Linken die rechte Hand der Frau Agnes umklammert, die in Tapferkeit -und Erbitterung um den Sohn gekämpft hatte. So oft sie sich rührte, -klammerte der Mälzmeister die Faust noch fester um ihre Hand, wie in -Sorge, daß sie wieder etwas Aufreizendes sagen möchte. Augenscheinlich -war er kein Menschenkenner, auch gegenüber seinem Weibe nicht, mit -dem er seit einem Vierteljahrhundert im gleichen Bette schlief. Frau -Agnes bot nicht den Anblick, als wäre sie zu weiterem Widerspruch -entschlossen. Freilich sah sie den Richter unablässig an, aber nicht -mehr in Angst, sondern auf eine Art, als wäre dieser würdevolle, -schwarzgewandete und weißgelöckelte Herr für sie etwas völlig -Unbegreifliches und ein Gegenstand des tiefsten Ekels geworden. - -Hinter erhöhtem Tische, auf dem zu beiden Seiten eines Kruzifixes viele -dickbäuchige Bücher lagen, saß der Richter in würdiger Haltung neben -dem Schreiber, dem er mit großem Aufwand lateinischer und französischer -Worte den Schluß eines Protokolls diktierte. Zwischen den gepuderten -Haarschnörkeln der umständlich gedrechselten Roßhaarperücke stach -ein hageres Gesicht heraus, mit runden, kleinen, schwarzglänzenden -Spitzmausaugen. Die Zahl der Jahre, die dieser Richter auf seinen -schmalen Schultern trug, war schwer zu erraten. Er hatte was Kindliches -und dennoch etwas Greisenhaftes, in jener rätselvollen Mischung, -die stets in der innigen Ehe eines unbegründeten Selbstbewußtseins -mit beklagenswerter Geistesarmut erzeugt wird. Das war der neue -Landrichter, für die Leute zu Berchtesgaden eine halb beklemmende, halb -lächerliche Person, die von Amts wegen das unverantwortliche Recht -besaß, jede Wahrheit als Lüge, jede Lüge als Wahrheit zu erkennen und -ihre tägliche Unheilsration zum Schaden der Menschheit anzustiften. -In seinem Privatleben ein harmloser, vielleicht sogar ein ehrenwerter -Mensch, wurde er in Ausübung seines Berufes eine um so gefährlichere -Amtsbestie, je mehr er von der Unfehlbarkeit seiner richterlichen -Entscheidungen überzeugt war. Ein Gleichnis für seine Justizmethode war -die Form, zu der er seinen winzigen Namen aufblies. Jeder vernünftige -Mensch des gleichen Namens hätte sich >Ring< geschrieben. Der -Landrichter _Dr._ Willibald hatte dazu vier überflüssige Buchstaben -nötig und schrieb sich >Hringghh<. In gleicher Weise formte er seine -Urteile. Gewiß, er suchte die Wahrheit mit Beflissenheit. Aber er fand -sie nicht. Für seinen Scharfblick verwandelten sich alle Dinge ins -Gegenteil ihres Wesens. - -Bei dem verstaubten Gerichtsformalismus einer Zeit, die den _Dr._ -Willibald Hringghh als juridische Mißgeburt erzeugte, leider als -eine nach der Geburt lebendig gebliebene, konnte ein Irrtum zuweilen -auch einem guten Richter widerfahren. Unter dem Heiligenschein der -Daumschrauben erschien vor dem Richtertische nichts so unwahrscheinlich -als die Wahrheit, nichts so glaubwürdig als ein mit Ruhe geschworener -Meineid. Aber bei guten Richtern wurden die Fehlgriffe zu Ausnahmen, -bei _Dr._ Willibald mit den vier überflüssigen Buchstaben -- bei -diesem würdigen Enkel der Hexenrichter, die ein unmündiges Mädelchen -stundenlang über das _Semen frigidum_ des Teufels inquirieren konnten --- trat der Irrtum als beängstigende Regel auf. Wer vor seinen -Richterstuhl berufen wurde, dem konnte man voraussagen: »Du sprichst -die Wahrheit, dein Fall ist klar, du bist im Recht, also wirst du -verurteilt werden.« Die Herren des Stiftes kannten ihn. Immer nannte -ihn der Fürstpropst mit lächelnder Gnade: »Unser getreues Justizkamel!« -Und ließ ihn weiter amtieren. Diese Duldung seiner Oberen war das -größere Verbrechen als die bedauerliche Sünde, die eine unbegreifliche -Schicksalsfügung dadurch beging, daß sie dem Lande Berchtesgaden dieses -richterliche Käsgehirn als schädliche Laus in die Lebenswolle setzte. - -Neben diesem Richter stand als ein ihn geistig überragender Gehilfe -der Feldwebel Muckenfüßl und schnaufte sehr aufgeregt. Solange der -Landrichter diktierte, mußte Muckenfüßl schweigen. Als der Streusand -rieselte, fing der Feldwebel gleich zu kanzleieln an: »Euer Hoch-Ehren! -Rapportiere subordinaliter, daß da draußen _in loco hujus_ ein -Subjektivus befindlich ist, der _vulgo_ Haynacher, der das schwarzweiße -Monstrum hat produzieren helfen, und deß nit genug, reißt er -impertinalimentisch den Brotladen auf, räsonnieret wider den Papst und -macht mit landsverräterischen Rumoribus die Population im Glauben irr. -Das hat mein eigener _ego ipsus in loco hujus_ observieren müssen.« - -Der magere Hals des Landrichters verlängerte sich, und weißer Puder -nebelte ihm auf die schwarzen Schultern herunter. Er machte eine -winkende Handbewegung und wollte sprechen. Da klang eine erregte -Mädchenstimme im Flur, die Tür wurde aufgerissen, und Luisa im grünen -Mantel, den der Luftzug auseinanderwehte, stand atemlos auf der -Schwelle der Richterstube. - -Ein leiser Laut, halb Schreck und halb Freude, fuhr über die Lippen der -Mutter Agnes. - -Erstaunt und unwillig betrachteten die kleinen Spitzmausaugen des -Richters das junge Mädchen, das nach Atem rang. Was aus Luisas -angstvollen und dennoch wundersam frohen Augen redete, aus der -wechselnden Glut und Blässe ihres Gesichtes und aus dem Zittern ihrer -Hände, von denen die eine das kleine Gebetbuch und die andere den -Rosenkranz an der kämpfenden Brust umklammert hielt, war menschlich -so klar und leichtverständlich, daß es der Richter mit den vier -überflüssigen Buchstaben mißverstehen *mußte*. Nach seiner Meinung -war der Schuldlose immer ruhig, immer mit der Fähigkeit begnadet, -sich zu beherrschen. Jede Erregung erschien ihm als verdächtig, als -Zeichen eines befleckten Gewissens. Er machte den Hals noch länger, -und deutlich war es an der Runzelbildung seiner niederen Stirn zu -verfolgen, wie sich im Lakrizentopf seines Unverstandes die Umwandlung -des ersten Staunens zur Ahnung einer verbotenen Sache vollzog. Mit -strenger Würde richtete er an Muckenfüßl die Frage: »Wer hat diese -verdächtig aufgeregte Jungfer citiert?« - -Ehe der Feldwebel antworten konnte, trat Luisa an den Tisch und -stammelte: »Herr Richter! Ich hab gesehen, daß man den schuldlosen -Leupolt zum Eisen führt. Da muß ich Zeugschaft geben für ihn --« - -Eine erledigende Handbewegung. Fein lächelten die überflüssigen -Buchstaben und ließen nur die eine Silbe vernehmen: »Ssssso?« - -Die hoheitsvolle Kälte dieses Lautes schien wie Eiswasser über Luisa -hinzuströmen. »Herr Richter --« - -Wieder jene Handbewegung, etwas kräftiger. »Augenblicklich besitze ich -für formwidrige Dinge kein Ohr. Die aufgeregte Jungfer wird deponieren, -wenn man sie zitieren und inquirieren sollte.« - -»Herr Richter?« flehte Luisa verstört. »Ist es für die Wahrheit nit -allweil Zeit?« - -»Nein. Jedes Ding _secundum juris regulam_. Nach der dubiosen Weisheit -uncitierter Zeugen, auch wenn sie in Kenntnis irgendwelcher Wahrheit -sich befinden sollten, wird nicht entschieden vor Gericht. Vor allem -müssen die Formalitäten des Prozeßverfahrens observiert werden.« - -»Herr Richter?« Luisas erschrockene Augen erweiterten sich. »Steht die -Unschuld eines Menschen nit höher --« - -»Nein!« unterbrach er sie. »Deshalb wird die Jungfer sich jetzt -entfernen. Ich erkenne ihre unzulässige Voreingenommenheit für den -Inkulpaten und bezweifle, ob man sie überhaupt zur Zeugnislegung -berufen wird.« - -Sie stammelte: »Aber guter Herr Richter! Da muß doch ein Irrtum --« - -»Irrtümer vonseite der Gerechtigkeit, der ich diene, sind -ausgeschlossen.« _Dr._ Willibald wollte die Feder in die Tinte tauchen, -irrte sich und fuhr mit dem Kiel in die Streusandbüchse. - -»Aber Herr! Ich bin's doch gewesen, mit der in selbiger Nacht der -Leupolt geredet hat! Ich bin doch die einzige, die weiß --« - -Wieder unterbrach er sie: »Über den Glauben, der einem Zeugen zu -schenken ist, entscheidet weder die Tatsächlichkeit der Ereignisse, -noch die persönliche Qualität des zeugenden Subjekts, sondern einzig -und allein meine richterliche Räson. Punktum!« Zu diesem Worte -des Richters machte Feldwebel Muckenfüßl erfreut die Bewegung des -Streusandschüttens. Die dünne Stimme des _Dr._ Willibald verschärfte -sich: »Sollte sich die Jungfer nach dieser Aufklärung nicht entfernen, -so werde ich sie durch eine Amtsperson zur Tür expedieren lassen.« Er -vertiefte sich in die Durchsicht des Protokolls, das er vor einer Weile -dem Schreiber diktiert hatte. - -Luisa stand wie betäubt und sah den Tisch der Gerechtigkeit so ratlos -an, als wäre sie in eine unverständliche Welt geraten, die ihr so -schreckhaft wie unmöglich erschien. Da legte sich ein Arm um ihre -Schultern, und als sie aufblickte, sah sie das blasse Gesicht und die -guten Augen der Mutter Agnes. »Geh, lieb Kind!« sagte die Mälzmeisterin -leise. »Der liebe Gott wird wissen, warum er's duldet. Ich will meinem -Buben sagen lassen, daß du reden hättst mögen für ihn. Da wird es ihm -leichter werden, wenn er leiden muß. Gott ist mit uns, lieb Kind, drum -dürfen wir nit verzagen.« - -Das Mädchen sah erschrocken den Feldwebel Muckenfüßl an, der nach einem -Wink des Richters auf sie zutrat. »Jesus --« Mit der Hand, die den -Rosenkranz zwischen den zitternden Fingern hatte, tastete Luisa ins -Leere. Dann verließ sie bleich und wortlos die Richterstube. Menschen -und Mauer, Licht und Dunkel, alles schwamm ihr vor den Augen. Wie -im eintönigen Geräusch des Regens das Hämmern einer Traufe klingt, -so hörte sie in dem schwirrenden Lärm eine fiebernde Stimme rufen: -»Da gibt's kein Verbieten nit! Was wahr ist, muß einer sagen dürfen. -Und tät mein gottseligs Weibl nit im Himmel sein, so tät ich einen -Misthaufen heißen, was Gerechtigkeit ist. Mein Weibl ist so heilig und -fromm gestorben --« - -Die Stimme erlosch. Ein schweres Keuchen, ein hartes Klappern -genagelter Schuhsohlen. Dann die gemütlich klingende Rede: »Gelt, du -Subjektissimus, jetzt kannst du _silentium_ observieren!« - -Luisa trat in die Morgensonne und preßte den Arm über die vom -Himmelslicht geblendeten Augen. Dann schritt sie gegen die Marktgasse -hinüber, immer schneller, und schließlich fing sie zu laufen an, daß -ihr ein paar Leute verwundert nachsahen. Nicht viele. Obwohl es in der -Marktgasse von Menschen wimmelte. In aufgeregten Gruppen standen Weiber -und Männer beisammen. Überall war lauter Zank oder scheues Gewisper, -grollendes Wortknirschen oder erbitterte Schimpferei. Überall klangen -die gleichen Worte: schwarz und weiß, Heil und Verdammnis. Und immer -wieder die vier Namen: Haynacher, Hasenknopfin, Lewitter und Leupolt. - -Als Luisa ihres Vaters Haus erreichte, glich sie einem Menschenkind, -das völlig von Sinnen ist. Sie hörte nicht den Sorgenschrei der Sus. An -der blonden Magd vorüber, tastete sie gegen die Werkstatt ihres Vaters -hin. - -Meister Niklaus stand bei seiner neuen Arbeit und legte, als er sein -Kind so kommen sah, erschrocken die beinerne Spachtel fort, mit der er -gebosselt hatte an dem roten Wachs. »Um Gotteswillen! Kind? Was hast -du?« - -Sie sah nicht die schöne Morgensonne in dem großen Raum, sah nicht die -werdende Arbeit ihres Vaters: diese schlanke von Schmerz und Sehnsucht -bewegte Gestalt eines jungen, arm gekleideten Weibes, das mit seitwärts -gebreiteten Armen wie angeschmiedet an einer halb zertrümmerten Mauer -steht und den dürstenden Blick nach oben richtet. Nur das Gesicht des -Vaters schien Luisa zu sehen, nur seine Augen. Und als er das spanische -Hütl von ihrem Scheitel nahm und den Rosenkranz aus ihren zuckenden -Fingern löste, fragte sie mit erwürgter Stimme: »Vater, was ist -Gerechtigkeit?« - -Eine Weile sah er sie prüfend an. Dann antwortete er mit ruhigem Ernst: -»Das kann ich dir nit sagen, Kind. Allweil hab ich an sie geglaubt, -allweil hab ich sie gesucht auf Erden. Schau her, was ich gefunden -hab.« Er streckte den Arm mit der hölzernen Hand. - -Ihre Augen wurden groß. So stand sie zitternd. Und plötzlich mußte -sie schreien in ihrem Schmerz. Und sah, wie ihr Vater erschrak. Unter -rinnenden Tränen stammelte sie: »Du bist gut!« Schluchzend hing sie an -seinen Hals geklammert. »So viel mißträulich bin ich gewesen! Tu mir -verzeihen, Vater! Ich will dein treues Kind sein. Wie du auch deutest -und redest, ich glaub an dich und ich hab dich lieb.« Ihre Stimme -erlosch, und eine Schwäche schien sie zu befallen. - -Er hob sie auf seine Arme. Glück und Sorge wirrten sich im Klang seiner -Worte durcheinander: »Sus! Sie muß verkrankt sein in der eisigen Kirch. -Am Morgen hat sie kein Brösl gegessen. Schnell, liebe Sus! Das Kindl -muß gleich was Kräftiges haben.« Er trug sie über die Treppe hinauf, in -ihre Kammer. - -Die Sus rannte wie verrückt in die Küche, schürte das Feuer und -schaffte, als möchte sie jede Minute zur Sekunde machen. Und wie ein -Husch mit dem dampfenden Schüsselchen über die Stiege hinauf. Unter -der Kammertüre nahm ihr der Meister die Suppe ab und sagte fröhlich: -»Vergeltsgott, gute Sus! Das ist gegangen als wie gezaubert.« Er sah -nicht das glückliche Leuchten in den Augen der Magd, sah nur das -zinnerne Schüsselchen an und trug es auf vorgestreckten Händen zum -Bett seines Kindes. »So, liebs Weibli, jetzt komm und iß.« - -Luisa richtete sich in den Kissen auf. Noch brannten ihre Augen vom -Weinen, noch schimmerte die Feuchtigkeit der Tränen auf ihren Lippen. -Aber ruhig war sie, ganz ruhig. Und als sie das qualmende Schüsselchen -auf dem Schoß hatte, sah sie mit einem wunderlich verträumten Blick -zu ihrem Vater auf. »Es ist dir in den Augen, wie freudig du sinnest -an deiner Arbeit. Das tust du mir jetzt zu lieb, gelt ja, und tust um -meinetwegen nimmer Zeit verlieren?« - -Er beugte sich zu ihr nieder, küßte ihr Haar, und als wär' sie eine -Schlafende, ging er auf den Fußspitzen aus der Kammer. In der Werkstatt -stand er lange unbeweglich. Immer lächelte er und betrachtete sein -Werk. Sich reckend, rief er über die Schulter: »Sus!« - -Gleich war sie da. »Soll ich den lichtblauen Kittel antun?« - -»Nit nötig! Wie irdischer du bleibst, so besser. Stell dich dort an -die sonnige Mauer hin! Schau her da, so!« Er deutete auf das rote -Wachsfigürchen. - -In scheuer Freude betrachtete Sus das neue Werk und wußte nicht, daß -sie schon einmal an der Wand gestanden. So! Fast eine Stunde hielt sie -unbeweglich aus. Und Meister Niklaus arbeitete so leicht und flink, -als wäre seine hölzerne Hand wieder Bein und Blut geworden. Man sah -es ihm an, wie ihn nach der glücklichen Wandlung, die er an seinem -Kinde wahrgenommen, nun auch die Freude an seinem werdenden Werke neu -belebte. Plötzlich machte Sus eine erschrockene Bewegung, hob lauschend -den Kopf, sprang zum Ofen hin und warf sich auf die Knie, als müßte -sie das niedergebrannte Feuer schüren. Auch Meister Niklaus hatte den -Schritt seines Kindes vernommen und sagte leis: »Da mußt du nimmer -erschrecken, Sus! Dem Kindl gehen die Augen fürs Leben auf. Da wird sie -begreifen, was sie gestern noch nit verstanden hätt.« Er dachte bei -diesen Worten nur an seine Arbeit, die des lebenden Vorbildes nicht -entbehren konnte. Daß die Maria der Verkündigung nach dem Körper der -Magd gebildet war, das hatte er vor Luisa immer verheimlichen müssen; -sie hätte ihm das in ihrem Klosterglauben als schwere Versündigung -angerechnet. Doch Sus schien aus den Worten des Meisters etwas anderes -herausgehört zu haben. In ihren Zügen war der Ausdruck einer müden -Qual, und heftig schüttelte sie den Kopf, wie um zu sagen: das wird sie -nie verzeihen. - -Luisa trat ein. Sie trug ein ziegelfarbenes Hauskleid, das sich lind an -ihren Körper schmiegte. Als sie die Magd beim Ofen sah, ging sie rasch -zu ihr hin und sagte mit warmer Herzlichkeit: »Laß *mich* das tun, -liebe Sus! Alles, was dem Vater freundlich ist, will ich schaffen.« -Stumm erhob sich die Magd und verließ die Werkstatt. Achtsam legte -Luisa die Scheite in den Ofen. Ein Krachen und Prasseln, das Rauschen -der erwachenden Flamme. »Jetzt wirst du nimmer kalt haben, Vater!« Er -sah in Freude zu ihr hinüber. Sie trat an seine Seite und betrachtete -das neue Werk. Eine seltsame Erschütterung befiel sie, und etwas tief -Innerliches war in ihrer leisen Stimme, als sie sagte: »Das redet mir -heilig in die Seel. Schaut man es an, so möcht man weinen und muß sich -doch freuen dran.« - -Ein frohes Aufatmen ihres Vaters. »Dann wird es, wie es sein muß.« - -Sie hob die Augen. »Aber da ist kein Engel nit?« - -»Eine Verkündigung soll das nit werden.« - -»Eine christliche Blutzeugin?« - -»Auch nit.« - -»Eine Heilige?« - -»Kann sein.« Ein Lächeln huschte um seinen Mund. »Es gibt doch eine -heilige Kümmernis? Da kann's auch eine heilige Sehnsucht geben. -Vielleicht auch eine heilige Menschheit. Was ich da machen hab müssen, -das ist mir ein Bild des irdischen Lebens, das allweil leidet, allweil -glaubt und in Sehnsucht allweil auf Erlösung hofft. Lang muß man -harren. Einmal kommt sie.« - -Luisa sah den Vater an, als hätte sie den Sinn seiner Worte nicht ganz -verstanden. Wieder betrachtete sie das rote Wachs, diese von Qual und -Erwartung durchglühte Frauengestalt. Wie eine Träumende flüsterte sie: -»Ja, Vater, das ist wahr! Die Erlösung ist vom Kreuz zu den Menschen -heruntergestiegen. Und allweil wieder kommt sie. Sonst tät man nimmer -glauben können.« Ein leises Aufatmen. »Ich glaub, daß der gnädigste -Fürst gerecht ist und einen Schuldlosen begnaden muß.« Sie schlang die -Hände ineinander und stand unbeweglich. - -Bei der Stille, die in der sonnigen Werkstatt war, hörte man von ferne -her ein rasselndes Geräusch -- den Hall der Polizeitrommel. - - - - -Kapitel XIII - - -Wo der Platz vor dem Leuthaus sich hinüberbog in die Marktgasse, -war ein schweigsames Leutgedränge. Frauen und Mädchen guckten aus -allen Fenstern heraus. Die Trommel rasselte. Und der Feldwebel des -Pflegeramtes, begleitet von vier Soldaten Gottes, verkündete den -Lauschenden: Zum ersten, daß jeder Untertan, so vom Aufenthalt der -Hasenknopfischen Menscher, wie von der verbotenen Außerlandsfahrt des -irrgläubigen Hasenknopf in geringster Kenntnis wäre, dies unversäumt, -zur Vermeidung geziemender Straf, der Obrigkeit bekanntgeben müsse. -Zum anderen, daß die Untertanen, ausgenommen den sonntäglichen -Kirchgang, jede Rottierung auf der Straße, wie jedes Herumtragen von -Unruh erzeugenden Redereien unter Androhung dreitägiger Inhaftierung -zu vermeiden hätten. Zum dritten, daß nach gerechtem Spruch der Jäger -Leupolt Raurisser wegen Ausschwätzung eines geheimen Amtsbefehls -zu Pfahl und Eisen gesprochen wäre und kommenden Sonntags nach dem -Hochamt seine schuldige Buß _in loco hujus_ vor aller Leut Augen und -zu wohlmeinender Warnung der Population erleiden würde. Die Trommel -rasselte. Und die fürsorgliche Obrigkeit bewegte sich weiter. Das -Leutgedränge rann auseinander. Die Mannsleute blieben stumm. Man sah -nur manchmal ein müdes Lächeln oder einen zornfunkelnden Blick. Von -den Fenstern verschwanden die Frauenhauben und die Mädchenschöpfe, die -Straße wurde fast leer von Erwachsenen und blieb nur ein Spielplatz -der heiteren Kinder. Berchtesgaden war an diesem kühlsonnigen -Hornungstage anzusehen, wie die Heimat des schönsten Landfriedens. -Dennoch sprangen Mißmut und Erbitterung, Aberglaube und Geflüster, -Klatsch und Anklage, Scheu und Hoffnung von Haus zu Haus. - -Für die wachsamen Augen der Obrigkeit blieb alles ein Unsichtbares. -Bewegung, die ihr sichtbar wurde, herrschte nur im Hausflur des -Landgerichts. _Dr._ Willibald Hringghh war sehr beschäftigt. Ruhelos -hatte er Protokolle zu diktieren und Streusand zu bewegen. Um vor dem -gefährlichen Richter als dienstwillig zu erscheinen, kamen viele, -die von den Hasenknopfischen was zu wissen glaubten. Jene, die etwas -wußten, blieben aus. Als der Landrichter gegen Abend das Ergebnis der -aufgenommenen Protokolle revidierte, trat der seltene Fall ein, daß er -scharf eine Wahrheit erkannte: »Schier sechzig Bogen! Und nichts steht -drin.« Zur Beendigung seines staatsbeschützenden Tagewerkes erteilte er -noch die menschlich angehauchte Ordre: den Christl Haynacher aus der -Verwarnungshaft zu entlassen. - -Seit dem Morgen hatte der stummgewordene Verkünder vom heiligen -Absterben seines Weibes jene billige Wohnung genossen, in der nicht -Mond, noch Sonne scheint. Als ihm nun in Milde gestattet wurde, das -schwindende Abendlicht zu erblicken, begriff er das ebenso wenig, wie -er verstand, daß jedes Wort über den frommen Tod seiner gutgläubigen -Martle ein Verbrechen wäre, für das er, wenn er es nur ein einzigesmal -noch beginge, so schwer wie für Diebstahl oder Brandstiftung zu büßen -hätte. Sein Gesicht war bleich und sonderbar verändert, in seinem -unruhigen Blick war eine Mischung von Zorn und Trauer, von Angst -und Wirrsinn. Obwohl er fürchtete, daß sein Bübl in der Wiege seit -dem Morgen hatte hungern müssen, schlug er nicht den geraden Weg zu -seinem Lehen ein, sondern machte einen Umweg und spähte suchend über -die Mauer des Gottesackers: ob da nicht irgendwo ein frischgehügeltes -Doppelgräbchen zu sehen wäre? Nichts! Nur zertretener Schnee, nur große -Gräber mit dem vergilbten Rasen des vergangenen Herbstes. - -Immer den Kopf schüttelnd, ging Christl Haynacher davon. Als er -heimkam, fand er sein Bübl zufrieden und gesättigt, fand alle Arbeit -im Stall getan und die Milch in den Rainen aufgesetzt. Dankbar lief -er zur Nachbarin hinüber. Die mußte ihm verlegen sagen, daß sie den -ganzen Tag nicht Zeit gefunden hätte, nach seinem Bübl zu schauen. Als -Christl durch die farbige Dämmerung zurückwanderte zu seiner Haustür, -murmelte er wie ein Träumender: »Die Unsichtbaren sind barmherzige -Leut! Was wahr ist, müßt einer sagen dürfen.« Er trat ins Dunkel -seines Hauses. Für sich zu kochen, das brachte Christl nicht fertig. -Er hob das schläfrige Bübl aus der Wiege, wickelte das Kind in einen -Lodenmantel und ging mit ihm hinüber zum Gerstenacker. Als er sah, -daß vom schwarzen Grabhügel seines Weibes das Kreuz verschwunden -war -- irgend ein Strenggläubiger oder ein Gottesmusketier hatte es -herausgerissen und verworfen -- da knirschten ihm zuerst die Zähne. -Zitternd setzte er sich auf die kalte Erde hin, hielt sein Kind -umklammert und erzählte dem schlafenden Bübchen leise vom gottseligen -Tod der >lieben, herzguten Mutter<. Während er so flüsterte, spähte -er immer in der sinkenden Dämmerung umher, ob nicht einer erlauschen -könnte, daß der Christl Haynacher erzählen mußte, was ihm bei schwerer -Strafe zu erzählen verboten war. Als er das Bübl heimgetragen hatte, -wurde er auch in der finsteren Stube nicht stumm, schaukelte die Wiege -und redete immer ins Dunkle hinein, bis er von einer Übligkeit befallen -wurde. Das kam wohl nur von der Leere seines Magens. Wo nicht Mond und -Sonne leuchtet, gibt es auch keine Dinge, die den Menschen stärken. -Immerhin war es möglich, daß der Zustand, der den Christl Haynacher -befiel, etwas Seuchenartiges hatte. Unter ähnlichen Erscheinungen -erkrankten am gleichen Abend auch noch andere Leute. - -Simeon Lewitter, der in der Marktgasse immer wieder das gleiche Wort -hatte hören müssen: »Der Jud!« -- häufig auch in der Zusammensetzung -mit einer unreinlichen Silbe -- wagte sich nimmer auf die Straße, -schützte seine Haustür und in der leeren Kinderstube auch alle Fenster -durch eiserne Stangen, wurde ruhelos gepeinigt von der Erinnerung -an den roten Tauftag vor fünfzehn Jahren, bekam vor Aufregung einen -Fieberanfall und legte sich ins Bett. Das letztere tat an diesem -Abend auch Pfarrer Ludwig, obwohl noch eine Minute früher nicht das -geringste Zeichen von Kränklichkeit an ihm zu bemerken war. Vor -Anbruch des Dunkels ließ er sich wegen Unpäßlichkeit von der auf die -siebente Abendstunde anberaumten Kapitelsitzung entschuldigen. Als -die Hausglocke gezogen wurde und Chorkaplan Jesunder in Begleitung -der vier überflüssigen Buchstaben bei dem Patienten erschien, den -man im Verdacht hatte, daß er aus bedenklichen Gründen die über die -schwarzweiße Gefahr entscheidende Kapitelsitzung schwänzen möchte, -schlürfte Pfarrer Ludwig gerade den schmerzstillenden Glühwein, dessen -lieblicher Zimtgeruch die Stube frühlingsähnlich durchduftete. Seine -Pein verbeißend, machte der Pfarrer den Versuch, die eintretenden -Herren freundlich zu begrüßen. Ehe sie sein Bett erreichten, entstellte -sich in schreckhafter Weise sein unheimliches Warzengesicht, und -angstvoll brüllte er die taube Schwester an: »Franziskaaa! Schnell! Es -kommt schon wieder -- _salva venia_, Ihr guten Herren --« Er fuhr mit -den langen mageren Beinen aus dem Bett. - -Fluchtartig verließen Jesunder und _Dr._ Willibald Hringghh die -gefährliche Krankenstube. Kaum sie verschwunden waren, sprang der -Pfarrer vollends aus dem Bett, schob die erschrockene Schwester zur -anderen Tür hinaus, kleidete sich hastig an, öffnete einen Schrank und -zerrte einen Mantel hervor, der nicht priesterlich schwarz, sondern -gebändert und farbig war wie weltliche Herrentracht. Unter dem Kissen -seines Krankenbettes holte er einen großen, von Rost zerfressenen -Schlüssel hervor, blies die brennende Kerze aus und sprang mit den -Bewegungen eines völlig genesenen Mannes zum Fenster. Hier stand er an -die Mauer gedrückt und spähte hinaus. - -In dem milden Glimmlicht, das aus vielen erleuchteten Fenstern -durch den Abend glänzte, schritt der Kaplan in Begleitung der vier -überflüssigen Buchstaben über den weiten Hof zum Stift hinüber. -Jesunder war von Pfarrer Ludwigs bedauerlichem Zustand nicht völlig -überzeugt, war noch immer mißtrauisch. Doch unter dem Barett des -Landrichters vollzog die fettfleckige Hirnsubstanz einen Gärungsprozeß -zur Ausbutterung der mit Scharfsinn erkannten Wahrheit. »Nein, -_Reverende_,« sagte er, »in diesem Falle tut Ihr ihm unrecht. _In -contrario naturae_ versagt jeder Versuch einer Simulation. Hier -arbeitet das _organon humanum_ ganz nach eigenem Gutdünken. Nein, -Reverend, ich irre mich nicht, er ist wirklich ein schwer Leidender.« -Barmherzig fügte er bei: »Ob es nicht die rote Ruhr ist? Armer, -verlorener Mann!« - -Als die beiden den Kapitelsaal erreichten, war die erneute Debatte -über die Diffizilitäten der ungetauftgetauften Mißliebigkeit schon in -leidenschaftlichem Gange. Die Sache verwirrte sich immer mehr. Der -Fürst war abwesend, um bei der Allergnädigsten zu speisen. Von Stunde -zu Stunde ließ er sich Botschaft über den Verlauf der Debatte senden. -Nach der dritten hoffnungslosen Nachricht, um die 10. Nachtstunde, -schickte er den Grafen Tige mit dem Befehl: die Kapitularen müßten -bis um elf zu einer Entscheidung kommen, damit alles Nötige noch vor -Mitternacht erledigt werden könnte und der anbrechende Sonntag nicht -bedroht wäre durch eine Entweihung. Man empfand den Befehl des Fürsten -als eine hilfreiche Zwangslage. Doch jeder Versuch einer Abstimmung -mißglückte. Schließlich blieb den erregten Herren kein anderer Ausweg, -als die verschiedenen Vorschläge auf Zettel zu schreiben und den Grafen -Tige als Vertreter des zarteren Alters, als eine Art von Waisenkind, -das Los erküren zu lassen. Immer spricht bekanntlich der Himmel durch -den Mund der Unschuld. Graf Tige fischte in graziösester Form den -Schicksalsspruch aus der Urne und las: »Anatomische Trennung, Begräbnis -der weißen Heilhälfte in geweihter Erde, Verscharrung des schwarzen, -ewigverlorenen Abschnitzels auf dem Freimannsanger.« In Wahrheit sagte -dieses durch die Wirkung der Unschuld verkündete Gottesurteil keinem -der Kapitularen zu. Aber es war die unwiderrufliche Entscheidung. Man -mußte sich mit ihr versöhnen. Rasch. Es fehlten nur noch wenige Minuten -bis elf. - -Man ließ den Freimann holen, dazu den Wildmeisterknecht, der sich -aufs Zerwirken verstand. Jesunder wurde zum theologischen Kommissär, -der Landrichter zum Protokollisten _ad usum juris_ ernannt, zwei -Kapitularen hatten als Zeugen zu fungieren, und wer nicht schläfrig -war, schloß sich dem weltgeschichtlichen Vorgang als neugieriges -Publikum an. Unter Voraustritt einiger Fackelträger bewegte sich der -würdevolle Zug durch das Nachtschweigen auf die Armeseelenkammer zu. -Jesunder, der den Schlüssel in Verwahrung hatte, wollte das Türschloß -aufsperren. Dabei hatte er nicht mit dem gewissenhaften Formalismus -der vier zwecklosen Buchstaben gerechnet. _Dr._ Willibald Hringghh -verlangte eine peinlich genaue Untersuchung darüber: daß erstens nur -ein einziger, in Verwahrung des Chorkaplans Jesunder befindlicher -Schlüssel vorhanden sei; daß zweitens jede Möglichkeit eines Mißbrauchs -dieses Instrumentes als absurd zu gelten hätte, und drittens die -Türe noch ordnungsgemäß versperrt, das Fenster noch undurchdringlich -vergittert und somit die Tatsache, daß kein menschlicher Fuß die -Armeseelenkammer betreten haben konnte, als unanfechtbare Wahrheit -festgestellt wäre. - -Alle Punkte wurden mit gründlichster Genauigkeit erforscht und -zu Protokoll genommen. »Jetzt!« sagte _Dr._ Willibald gnädig zum -Chorkaplan. Jesunder öffnete die versperrte Tür, wißbegierig -drängten die Herren heran, die Fackelträger traten voraus in den -finsteren, sonderbarerweise ein bißchen nach Zimt duftenden Raum, und -da erhob sich nach stummer Verblüffung ein fürchterliches Geschrei -des abergläubischen Schrecks, ein wirres Durcheinanderlallen der -fassungslosesten Gemütszustände. Sogar der wahrheitsfeindliche Mann mit -den vier entbehrlichen Schriftzeichen mußte als unbestreitbares Faktum -erkennen: daß jener arme kleine schwarzweiße Doppeltod, der so viel -gefährliche _rumores_ erregt und so viel ratlose Verlegenheit erzeugt -hatte, völlig unsichtbar geworden und spurlos aus der vergitterten, -festverschlossenen Armeseelenkammer verschwunden war. Man suchte auf -und unter dem Totenbrett, suchte in der Fensternische, suchte in jedem -Winkel, und der Freimann mußte sogar auf Befehl des Landrichters mit -einem eisernen Schürhaken in alle Mauslöcher hineinstochern. - -Nichts. - -Der Wildmeisterknecht und die Fackelträger flüsterten gleich von einem -Höllenstreich. Ein paar Verständige unter den Kapitularen nahmen -das Unbegreifliche heiter und brachen, ein bißchen schadenfroh, in -Gelächter aus. Der Chorkaplan stand vor dem leeren Totenschragen, -als wäre ihm ein kalter Blitzstrahl durch alle Gelenke gefahren, -und unter sämtlichen Augenzeugen des unerklärlichen Rätsels befand -sich nur ein einziges, restlos glückliches Menschenkind: der _Dr._ -Willibald Hringghh. Der segnete seine Weisheit, weil er in unbewußter -Ahnung aller Möglichkeiten keine Formalität versäumt hatte und außer -_obligo_ war. Da gab es kein Deuten und Rütteln. Alles war formaliter -erwiesen. Alles stand auf dem Papier. Nur die Wahrheit nicht. Um sie -zu erforschen, begann er sich augenblicklich ans Werk zu machen, begann -zu verhören, zu untersuchen, zu protokollieren. »Da bin ich neugierig, -was unser justiziarisches Rhinozeros herauskitzelt!« flüsterte Graf -Saur einem der Herren zu. »Glauben wir dann das Gegenteil, so sind wir -der Wahrheit am nächsten.« - -Den Fürstpropst konnte man aus höflichen Gründen im Verlaufe dieser -Nacht von dem Vorgefallenen nicht mehr unterrichten. Aber der Kanzler -von Grusdorf wurde nach Mitternacht unbarmherzig aus den Federn -herausgeläutet. Als er keuchend, in dickem Pelz, mit hohen Filztöpfen -über den Gichtzehen, die von Menschen umwimmelte Armeseelenkammer -erreichte und sofort ein polizeiliches Schweigverbot erließ, war das -unerklärliche Wunder, nein, dieses gottverwünschte Teufelswerk schon -ausgeschrien bei allen Lakaien, Jägerknechten und Musketieren. Wie -Flugfeuer hinhüpft über trockenes Heu, so sprang die Erregung noch -während der Nachtstunden von Fenster zu Fenster. In welchem Grade dabei -der Respekt vor den Regierungsgewalten flöten ging, das mußte _Dr._ -Willibald an sich selbst erfahren. Er fand vor seiner Haustür unter dem -schönen Frühgeläut ein Gedränge von Menschen vor, die, in auffälligem -Gegensatze zur Zeitstimmung, nicht in zwei erbitterte Parteien -gespaltet waren, sondern in einträchtiger Heiterkeit sich erlustigten. -Als Ursache ihres Vergnügens erwies sich ein großer gelblicher -Papierbogen, der an der Haustür des Landrichters befestigt war und in -plumpen, fast kindlichen Schriftzügen die Verse trug: - - »Ein Richter, so ein falsches Urtl fällt, - Ist eine Mißgeburt auf Gottes Welt, - Halb Leben, halb Tod, - Halb Lachen, halb Not, - Halb weiß, halb schwarz, - Halb Kot, halb Farz, - Halb Skorpion und halb ein bös Kamel, - Doch sunst ein Menschenkindl ohne Fehl!« - -Während das Hringghhische Perückenantlitz immer länger wurde, quirlte -im Morgengrau ein fröhliches Leutgekicher. *Alle* lachten. Ohne -Ausnahme. Jeder von diesen wohltuend Erheiterten, ob gutgläubig -oder unsichtbar, hatte schon irgend einmal die schmerzhafte -Wahrheitsforschung der weißgelöckelten Sauermilch am eigenen Leib -erfahren. - -_Dr._ Willibald löste mit blassen, etwas tintenfleckigen Fingerspitzen -das kleine Volkslied von der Türe, ohne die Wahrheit zu erkennen, die -ihm da schwarz auf gelb übermittelt wurde. So leicht man an die Einfalt -der anderen glaubt, so schwierig ist es, sich von der eigenen Dummheit -zu überzeugen. - -Als der Landrichter im Haus verschwand, erhob sich auf der Gasse ein -schadenfrohes Gelächter, ein lärmendes Durcheinanderschwatzen. Immer -größer wurde im wachsenden Frühschimmer das Leutgedräng. Noch ehe -die Glocken zum Hochamt riefen, waren die Stiftshöfe und alle Gassen -von Berchtesgaden mit einem Menschengewimmel angefüllt, das an die -viertausend Köpfe zählte. In der Sonne, die über das Dächergezack -herunterglänzte, blitzten die Messingknöpfe auf den schwarzen Gewändern -der Salzknappen, leuchteten die Farben der ländlichen Trachten und -schimmerten die Silberschnüre der Bauernhüte und das zinnerne -Schaugeschmeid der Weiber. Die vielen roten Joppen der jungen Burschen -und die kirschfarbenen oder gelben Mädchenmieder erschienen wie tausend -leuchtende Feuertupfen. Unter den kurzen, nur handbreit über das Knie -reichenden Sonntagsröcken der Bäuerinnen waren die weißen Wadenstrümpfe -wie rührsame Schneeflecken. Das bunte Gewühl dieser straffgewachsenen, -festgefügten Menschengestalten, dieser gesunden Jugend und dieses noch -kraftvollen Alters mit den von Sonne und Schnee gebräunten Gesichtern -wäre ein herzerfreuender Anblick gewesen, wenn nicht die Zeitsorge, die -Erregung der Stunde, das spähende Mißtrauen und die gereizte Heiterkeit -einen Fieberglanz der Unruh in allen Augen erweckt und dem ganzen Bilde -etwas Beängstigendes gegeben hätte. Dieses Leutgewoge war anzusehen wie -ein Menschenhauf in jenen Augenblicken, die eine Masse von Tausenden -emporreißen zu schöner Begeisterung oder sie verführen zu sinnlosen, -verbrecherischen Dingen. - -Es gärte seit langer Zeit in diesen Bedrückten. In ihnen brannte -das wühlende Erbe aus Jahrhunderten des Leidens, die gallige -Unzufriedenheit über geistliche und weltliche Unerträglichkeiten, die -dürstende Hoffnung auf Hilfe und das fiebernde Suchen nach dem Neuen -und Besseren. Was sich formte in ihnen, hatte ein kindliches Gesicht. -Zu gutmütig, um sich in Aufrührer zu verwandeln, wurden sie Träumer -und Schwärmer. Das hatte unerstickbar in ihnen geglommen, schon lange, -und war in den beiden letzten Jahren, seit dem großen Auspeitschen -der Dreißigtausend aus Salzburg, als ein Unsichtbares hinter -ihren Stirnen gewachsen. Die Behörden waren blind. Und an diesem -bedrohlichen Sonntagsmorgen, an dem es aussah, als würde von der Seele -des Volkes ein Schleier fortgezogen, konnte die Obrigkeit warnende -Wahrnehmungen nicht machen, weil sie die zwecklos versäumte Nachtruhe -bei Sonnenaufgang nachholen mußte. Sogar der einzige Musketier, der -vor dem Stiftstor auf Wache war, hatte die Augen geschlossen. Mit der -ungeladenen Feuersteinflinte zwischen den Knien saß er schlummernd -auf dem sonnbeschienenen Wächterbänkl, ohne geweckt zu werden von dem -wachsenden Stimmenlärm. - -Schon manchmal, wenn Schreck und Unruh durch das kleine Land geronnen -waren, hatte das Bild des sonntäglichen Kirchgangs einer heißen -Suppe geglichen, in der man rührt mit einem groben Löffel. So, wie -an diesem Hornungsmorgen, war es noch nie gewesen. Hatten die Zeiten -der stumm ertragenen Pein, die Klagstimmen in den Andachtsnächten -der Unsichtbaren, Leupolts Mahnung bei der Untersteiner Krippe, das -schwarzweiße Unglück im Haynacherlehen und die Ungerechtigkeiten, die -viele gerade in diesen letzten Tagen erfahren mußten, die leidende -Geduld des Volkes bis zum äußersten gespannt? Und sollte nun die mit -Schreck oder Aberglauben, mit frommer Scheu oder schweigendem Staunen -vernommene Kunde von dem unerklärlichen Mirakel der Armeseelenkammer -zum letzten Anstoß werden, der das vollgeschüttete Geduldfaß zum -Bersten und Überlaufen brachte? - -In der Morgensonne, die um alle Dächer, um das weite schöne Tal und um -die weißen Berge einen mit tiefem Blau verbrämten, silberglitzernden -Mantel wob, fingen auf drei Kirchtürmen die sieben Glocken zu läuten -an, deren hallende Stimmen sich melodisch ineinander woben. Das -lärmende Gewühl der Menschen begann sich zu schieben und strömte nach -drei Richtungen. Inmitten dieser Menschenwoge war nur ein Einziger, -der allem Aufruhr dieses Morgens entzogen blieb. Das war gerade der -Hauptbeteiligte, der von seinem dunkelgrünen Bauernhut drei schwarze -Trauerbänder herunterhängen hatte. Wäre Christl Haynacher nicht das -unglückseligste Mannsbild der Welt gewesen, so hätte er sich an diesem -Morgen beinah als einen Glücklichen fühlen können. Beim ersten Wort, -das er vom Mirakel in der Armeseelenkammer vernommen hatte, war es für -ihn eine ausgemachte Sache, daß sein gottseliges Martle mit treuen -Mutterhänden aus dem Himmel heruntergegriffen, ihr liebes Pärl aller -irdischen Pein entzogen und die zwei kleinen, unzertrennlichen Seelchen -hinaufgehoben hatte in den ewigen Glanz. Und *das* zu erzählen, das -war ihm polizeilich *nicht* verboten. Jedem Menschen, mit dem er auf -dem Kirchgang Seite an Seite geriet, verkündete er das gottschöne -Wunder seiner in die Seligkeit emporgeflogenen Kinder. »Gelt, so was -Heiliges macht die Mutlosen wieder gutgläubig! Schau, jetzt bin ich -nach allem Elend wieder ein aufrechtes Mannsbild! Und daß ich kein -Wörtl nit geredet hab von meinem gottseligen Weibl, nit von ihrem -Erlösungswunder, nit von ihrem schönen und heiligen Tod? Gelt, Mensch, -das kannst du bezeugen und tät's einen kreuzweis geschworenen Eid vor -dem selbigen kosten, der alles Gute verbietet.« - -Während Christl so redete, hatte er immer einen nassen Schimmer in -den Augen, hatte immer ein Lachen des Glückes um den von Schmerzen -zuckenden Mund. Und als er zwischen tausend anderen in der Kirche war -und unter dem Rauschen der Orgel in seinem Betstuhl tiefgebeugt auf den -Knien kauerte, fühlte er sich in seinem Herzen als einen so treuen und -dankbaren Katholiken, wie er's in seinem ganzen Leben noch nie gewesen. -Und für die schwere Sünde, die er gleich nach dem Hochamt begehen -mußte, bat er den lieben Herrgott im voraus um Vergebung. Anstelle des -ausgerissenen Kreuzes ein neues auf das Grab seiner Martle zu stecken? -Freilich, das war nicht gutgläubig und war verboten. Aber der Christl -mußte das tun. Und wenn der liebe Herrgott da droben die Martle mit -ihren zwei seligen Kinderlen ansieht, dann versteht er es schon und muß -es verzeihen. - -Alle Kirchen waren schon dicht gefüllt, Schulter an Schulter, und noch -immer strömten lange Menschenzüge heran, die nimmer Einlaß fanden und -vor den Toren sich anstauten zu großen Gruppen, in denen die letzten -Nachzügler nur noch das Orgelspiel und die Klingeltöne, aber nimmer die -Worte der Predigt vernehmen konnten. - -Der Brunnenplatz und die Marktgasse waren still und leer, alle -Haustüren versperrt, alle Fenster geschlossen und verhängt. Auch der -Musketier vor dem Stiftstor war verschwunden, war aufgewacht und -frühstückte in der Torstube seine Bratwurst. Nur die zerfließenden -Schneeflecken, die Sonne und der Schatten waren noch da. Und das -Brunnenrauschen. - -In dieser schweigsamen Öde erschien am Ende der Marktgasse ein -Stiftslakai, spähte an den Häusern hin und verduftete wieder. Nach -einer kurzen Weile kehrte er zurück und schritt einer reich mit Silber -verschnörkelten Sänfte voran, die von zwei Jägerknechten getragen wurde -und zugezogene Gardinen hatte. - -Als die Sänfte durch die Torhalle des Stiftes gaukelte, trat die Wache -nicht ans Gewehr, und man trommelte nicht. Mit Rücksicht auf die -Kirchenzeit. - -Wenige Minuten später, unter der Brennschere und Puderquaste des -parisischen Perückenmeisters, mußte Herr Anton Cajetan, welcher -gutausgeschlafene Augen hatte, die Kunde des Mirakels vernehmen, das in -der Nacht geschehen war. Nach dem ersten Staunen sagte er mit gerechtem -Ärger, aber in bestem Deutsch: - -»Welcher Schafskopf hat mir denn *das* schon wieder angerichtet?« - - - - -Kapitel XIV - - -In der schönen, frühlingskühlen Sonnenstille läuteten die Glocken zur -Wandlung. Als ihre letzten Klänge mit Gesumm verhallten, wurde es in -der schlummerfriedlichen Torhalle des Stiftes ein bißchen lebendig. -Unter Führung des Wildmeisters erschienen acht Jägerknechte mit -vier großen, zweirädrigen Karren. Drei von diesen sanftholpernden -Fahrzeugen waren mit Jagdnetzen, Stellstangen, Pflöcken und Seilen -beladen. Auf dem vierten Karren befanden sich zwischen zwei großen -Klappkisten die drei kleineren Kastenfallen mit den sechs Füchsen, die -vor der Mittagsstunde >geprellt< werden sollten, um der edlen Aurore -de Neuenstein und ihrem galanten Hofstaat ein Sonntagsvergnügen zu -bereiten. Der Wildmeister schmunzelte immer, wie in Erwartung eines -ganz besonders fröhlichen Ereignisses. Auch die Jäger befanden sich -in guter Laune. Sie waren Mitverschworene bei dem vom Grafen Tige -ersonnenen Knalleffekt, der das Fuchsprellen zur Überraschung der -Demoisellen lustig beschließen sollte. Munter kuderten die Jäger, als -der Wildmeister befahl: »Nur langsam über den Straßgraben, daß sich die -vier lieben Kostbarkeiten in den großen Kästen nit überpurzeln. Wenn -die einander die Bäuch aufreißen, wär der ganze feine Jux beim Teufel!« - -Der Karrenzug ging eine Strecke über die zum Tal der Ache führende -Straße hinunter und dann hinauf zu der großen, noch von dünnem -Schnee bedeckten Wiese, die sich an den gestutzten Hofgarten -anschloß. Was man den >Hofgarten< nannte, bot nicht den Anblick eines -fürstlichen Parkes. Es war nur ein großes, umzäuntes Gemüsefeld, -jetzt schneefleckig, mit entblätterten Beerstauden und Obstbäumen, -die man der Zeitmode zulieb ein bißchen versaillisiert und mit der -Schere höchst sonderbar in Form von Bechern, Leiern und Pyramiden -zugestutzt hatte -- ein halb komisches, halb trauriges Gleichnis für -die Mißgeburten der modischen Pariserei, für das Wollen und Nichtkönnen -der kleinen, durch sinnlose Verschwendung überschuldeten Höfe. - -Auf der freien Wiese, die neben diesem fürstpröpstlichen Hofgarten -lag, wurden die Netze für die galante Festivität des Fuchsprellens -aufgestellt. Sonst war es nicht üblich, die Population an den -Erlustigungen des Hofes teilnehmen zu lassen. Das niedere Volk -in seinem Unverständnis war immer rasch bereit, die graziöseste -Galanterie als Schweinerei zu verschreien. Drum pflegte man sonst -den Festraum solcher Ergötzlichkeiten mit hohen, undurchsichtigen -Jagdtüchern zu umschließen. Doch für das muntere Fuchsprellen hatte -man, einem staatsweisen Rate des Herrn von Grusdorf entsprechend, die -durchsichtigen Netze gewählt. Der Kanzler war der Meinung, daß der -gnädig bewilligte Mitgenuß bei solch einem heiteren Spektakel eine -wünschenswerte Beruhigung der bedenklich erregten Subjekte inaugurieren -würde. - -Der Schaulust des Volkes wurde an diesem sonnleuchtenden Hornungsmorgen -auch noch auf andere Weise gedient. Während auf der Hofwiese die -Netze für das Fuchsprellen gespannt wurden, brachten zwei Bußknechte -aus der Torhalle den langen, schweren, mit festen Eisenklammern -versehenen Schandbalken herausgetragen. Seine Farbe -- er war von dem -vielen eingetrockneten Blut beinahe schwarz geworden -- konnte davon -erzählen, daß die Schaustellung an diesem Holz der Unehr nicht nur -eine qualvolle, auch eine lebensbedrohliche Sache war. Die robustesten -Inkulpaten hielten das Hängen in diesen schneidenden, Haut und Muskeln -zerreißenden Eisenklammern nicht länger als zehn Stunden aus, ohne -der Erschöpfung und dem Blutverlust zu erliegen. Die meisten der -Verurteilten wurden schon gleich zu Beginn der Marter ohnmächtig, und -löste man sie vom Balken, so krankten sie Wochen und Monate an den -schwärenden Wunden. - -Dieses häufig benötigte _instrumentum justitiae_ aufzurichten, -verursachte geringe Arbeit. Man brauchte nur aus dem dicht am Brunnen -befindlichen Mauerloch den deckenden Holzstöpsel herauszuziehen und -den Balkenfuß hineinzusenken. »Lupp auf!« Die zwei Freimannsleute -hoben mit den Schultern. Ein kollerndes Gepolter, und nun stand der -hohe Balken aufrecht, ähnlich einem Galgen ohne Querholz. Eine kleine -Leiter wurde angelehnt, und alle Vorbereitungen für diese Sonntagsgabe -der Hringghhischen Wahrheitsforschung waren erledigt, gerade in dem -Augenblick, als alle Kirchenglocken den Segen des Hochamtes melodisch -auszuläuten begannen. Aus dem Schattendunkel des Tores kam ein kleiner -Zug heraus: zwei Musketiere, hinter ihnen der gutwillige und deshalb -ungefesselte Verbrecher zwischen dem Freimann und seinem Knechte, -dann wieder zwei wachsame Soldaten Gottes und als Beschluß der etwas -schläfrige Feldwebel Muckenfüßl, der, um seinem staatserhaltenden Amte -zu genügen, von seiner Christenpflicht ein kleines, für den lieben -Gott gewiß nicht belangreiches Zipfelchen hatte abzwicken müssen. - -Leupolt Raurisser ging aufrecht, mit festem Schritt. Er hatte keine -Spur von Scham oder Zorn im Gesicht. Der Blick seiner glänzenden -Stahlaugen war so still, als wäre für ihn, was hier geschah, eine -fremde Sache. Die sinnende Ruhe, mit der er hinauf sah ins leuchtende -Blau, war fast ein heiteres Lächeln. Der Schein der Morgensonne glänzte -auf seiner Stirn und auf den Strähnen seines dichten Blondhaars. -Meister Raurisser hatte das beim Pflegeramt erbettelt: daß man seinem -Buben den Kopf nicht schor wie einem Ehrlosen. Man hatte dem Vater -diese unverdiente Gnade aus Klugheit bewilligt, weil der Mälzmeister -die Güte des Bieres, das er für die Herren braute, leicht durch eine -unerweisbare Bosheit zu mißliebigen Wirkungen permutieren konnte. - -Am Schandpfahl durfte Leupolt das fürstpröpstliche Jägerkleid nicht -tragen; man hatte ihm die Uniform jenes Aufenthalts verliehen, in dem -es nicht Mond noch Sonne gibt: einen langen Kittel aus grauem Zwilch, -dessen schlappe Falten einen zutreffenden Schluß auf die Feuchtigkeit -der Mauern gestatteten, zwischen denen Leupolt seit seiner Heimkehr -vom Königssee viele dunkle und doch von einem Stern durchleuchtete -Stunden verbracht hatte. Pfarrer Ludwig, wenn er den Leupolt so -gesehen hätte, würde vielleicht im Sinne Spinozas wieder gesagt haben, -daß kein Ding auf Erden so bös ist, um sich nicht irgendwie in ein -Gutes für die Menschen verwandeln zu können. In keiner Jägertracht, -auch nicht in der Weidmannsgala mit den Silbertressen und den hohen -Knöpfelgamaschen war es so deutlich wie in diesem schmiegsamen, von -Sickerwasser durchtränkten Sträflingskittel zu erkennen gewesen, welch -einen schönen, stracken, prachtvoll gebauten Jünglingskörper der -Leupolt Raurisser von Mutter und Vater, von Gott und Natur empfangen -hatte. Schade, daß Pfarrer Ludwig, der schöne Menschen immer mit Freude -sah, diese Wahrnehmung nicht machen konnte; von seiner Unpäßlichkeit -gepeinigt, lag er noch immer zu Bett und litt so schwer, daß er seit -dem vergangenen Abend den Bader schon viermal hatte holen lassen. - -Als die Karawane der Gerechtigkeit zum Brunnen kam, sagte Muckenfüßl -mit einem sanften Unterton von Barmherzigkeit: »Jetzt tu nit obstinat -sein, junger Inkulpatant! Und mach dem Freimann _in loco hujus_ -keine Schwulitäten nit!« Der Feldwebel brauchte nicht weiterzureden. -Die Leiter verschmähend und mit einem Sprung, so flink, daß die -erschrockenen Soldaten Gottes einen Fluchtversuch vermuteten, schwang -sich Leupolt auf den marmornen Brunnenrand, stieg auf den kleinen -Fußblock des Balkens, drehte hurtig den Körper, preßte den Rücken -gegen den Pfahl, verschlang hinter ihm die Arme und sagte: »So! Ich -steh. Jetzt haket die Eisen ein!« Gleich war der Freimannsknecht auf -der Leiter, und Muckenfüßl, der für menschliche Werte nicht so völlig -blind war wie der gelöckelte Rechtsbalbierer, sagte anerkennend: »Tät -sich jeder Inkulpatant so kommoditätisch wie du traktieren, da wär -die justiziarische Mühsamkeit für meinen _ego ipsus_ ein sanftmütiges -Knödelschlucken. So! Jetzt tu schön pazientisch aushalten. Acht -Stündlen bis zum Betläuten am Abend ist eine gnädige Tempora für so -eine schwere Crimination.« Gähnend schritt der Feldwebel davon, um -sich ein Stündl aufs obrigkeitliche Ohr zu legen. Die vier Musketiere -blieben als Wache zurück, und der Freimannsknecht erledigte seine -klirrende Arbeit. - -Leupolt stand unbeweglich am Pfahl und zog nur die Brauen ein bißchen -zusammen, als die schweren, rostrauhen und scharfkantigen Eisenbänder -seine Fußknöchel, seine Handgelenke und seinen Hals umklammerten. Der -körperliche Schmerz war keine Pein für ihn. Sein Leiden begann erst, -als nach den letzten Glockenschlägen des Segengeläuts der bunte Schwarm -der Kirchgänger heranströmte. Von vieren hoffte Leupolt, daß sie nicht -kommen würden; seiner Mutter, dem Vater und den Brüdern hätte er an -diesem Tag nicht gern in die Augen gesehen; durch einen Bußknecht, -der sich ihm freundlich erwies, hatte er die viere bitten lassen, den -Marktplatz nicht zu betreten. Und gerne hätte er das auch einer anderen -noch sagen lassen. Alle, alle sollten kommen. Nur diese Einzige nicht! -Die barmherzig für ihn hatte reden wollen vor dem Richter! Die sollte -ihn nicht hängen sehen am Holz der Unehr. Und nicht um seinetwegen, -um ihrer selbst willen sollte sie das nicht sehen müssen. Er wußte: -weil sie gerecht war, würde sie leiden bei seinem Anblick. Dieser -Gedanke wurde ihm zu einer Qual. Dennoch war in dieser Marter auch eine -Süßigkeit, die ihm schön durch die Seele und durch jeden Blutstropfen -rieselte. - -Schon begann sich ein Schwarm von Kindern um den Brunnen zu sammeln, -Burschen und Mädchen blieben stehen, Männer und Weiber. Erst war's -nur ein scheues Flüstern, dann ein erregtes Durcheinanderreden, -ein wirrer Lärm. Immer dichter sammelten sich die Menschen, schon -waren es Hunderte, ein Paar Tausend jetzt, ein Gewühl von Schultern -und Köpfen, und Leupolt wußte, nun würde das kommen, wie es immer -kam, wenn ein zum Eisen Gesprochener am Balken hing: das höhnende -Geschrei, der grausame Spott, das Wasserspritzen und Kittelzupfen. -Sich im Eisen streckend, hob er die Augen zum Blau und sprach mit -lauter Stimme das Gebet des preußischen Königsprinzen: »Herr, wenn ich -Dich nur hab, so frag ich nimmer nach Himmel und Welt; auch wenn mir -Leben und Seel verschmachten, bleibst Du mein Heil und meines Herzens -Trost!« Hell, wie der Klang eines stählernen Hammers tönte seine feste -Jünglingsstimme über den weiten Brunnenplatz. Eine seltsame Bewegung -ging über die Menschenmenge. Wie ein Rauschen war es, so, wie jenes -dumpfe, wunderliche Sausen ist, wenn in der Stille vor einem Gewitter -der erste Sturmstoß in die belaubten Bäume fährt. Leupolt sah das nicht -und hörte keinen Laut. Das Gesicht emporgerichtet, hatte er die Augen -geschlossen, weil die Sonne ihn blendete. In dem purpurnen Schein, -der ihm kreisend hinschwamm über die geschlossenen Lider, standen -plötzlich, gleich einer wirklichgewordenen Erinnerung, die Linien eines -Holzschnittes, den er im Winter beim Wildmeister gesehen hatte: wie der -Küstriner Henker dem Leutnant Katte das Haupt herunterschlägt, und wie -an einem Festungsfenster der kleine, magere Kronprinz Friedrich von -zwei Offizieren an den Armen festgehalten wird, um nach seines Vaters -Willen das Grauenvolle mit eigenen Augen anzuschauen. - -Noch immer die Lider geschlossen haltend, flüsterte Leupolt: »Was ist -mein Leiden dagegen? Ein Stäubl.« Seine Brust hob sich unter einem -tiefen Atemzug. »Ob der Königssohn wohl so gebetet hat in jener harten -und blutigen Stund? Und hat das Gebet ihn hinübergelupft in die -friedsame Ruh? Da wird es auch mich hinüberlupfen über das bißl Weh. -Über so einen leichten Tag! Zum ruhsamen Stündl nach der Betläutzeit!« - -War sie schon da? Diese stille Stunde? Langsam öffnete Leupolt die -Augen, und während ihm an Hals und Händen schon das Blut unter dem -scheuernden Eisen herauströpfelte, sah er wie ein Träumender über die -zusammengestaute Menschenmenge hin, die schon angewachsen war auf drei, -vier Tausende. Nur ein dumpfes Gesumm, kein lautes Wort, keine höhnende -Rede, kein Kittelzupfen und kein Wasserschütten. Alle Gesichter waren -ihm zugewendet, alle Augen waren auf ihn gerichtet, und in jedem Aug, -auf das er hinuntersah, war Erregung und Verstörtheit oder Trauer und -Erbarmen. - -Daß alle, die da standen, hart umpeitscht waren von der Woge der -Zeit; daß jeder zu tragen hatte an einer Pein des Lebens; daß alle -Gemüter und Gehirne an diesem Morgen durchwirbelt waren vom Mirakel -der Armeseelenkammer; daß die Unsichtbaren fühlten: dieser Gequälte -ist der Unsere, der für uns duldet und mit dem wir leiden; und daß -die Gutgläubigen wußten: das ist der Leupolt Raurisser, von unseren -Buben der redlichste, der Sohn der frömmsten, treuesten und gütigsten -Bürgerin im Land -- das war es nicht allein, was aus diesen tausend -trauernden oder funkelnden Augen redete. Es war in ihrem Blick noch -etwas anderes, etwas Tieferes und Stärkeres, etwas Dunkelschönes -und Unnennbares. Das sah und fühlte der Blutende am ehrlosen Holz. -Und zwischen dem Schwarm der Kinder, die stumm und scheu zu ihm -hinaufblickten, stand eine engzusammengepreßte Gruppe von sieben -alten, graubärtigen Männern. Der vorderste am Brunnen, das war der -greise Fürsager von der Untersteiner Krippe, und neben ihm stand der -bejahrte Fürsager von Bischofswies, der von Ilsank, von der Ramsau, vom -Taubensee, vom Schwarzeneck und von der Gern. Und der Untersteiner, -der zwei andere an den Armen umklammert hielt, streckte dem Leupolt -das Gesicht mit vorstechendem Bart entgegen und flüsterte immer mit -langsamen Lippen, wie man redet zu einem Taubgewordenen, damit er -lesen soll aus den Zeichen des Mundes. Leupolt erfaßte keinen Laut; -den blutenden Hals im Eisen reckend, spähte er immer auf diese welken -Lippen hinunter, mit dem gleichen bohrenden Jägerblick, mit dem er -droben über den Wänden den Flug eines kreisenden Adlers zu verfolgen -pflegte -- und plötzlich verstand er, nickte dem Alten lächelnd zu -und begann mit lauter Stimme die Worte der Bergpredigt vor sich -hinzusagen. Wieder ging jenes seltsame Rauschen über die tausend Köpfe -und Gesichter. Von den Musketieren tuschelte einer seinem Kameraden zu: -»Flink zum Muckenfüßl! Mir gefallen die Leut nit. So sind sie noch nie -gewesen.« - -Irgendwo ein Gewirr von lauten Rufen. Eine wachsende Unruh. Da drüben -war's, wo hinter der Stiftsmauer das enge Gässel herausmündete. Und -jetzt eine scharfe, in Erregung schreiende Frauenstimme: »Lasset mich -durch, ihr Leut! Eine Mutter muß allweil einen Weg zu ihrem Buben -haben!« Leupolt erblaßte. Er versuchte hinüber zu sehen, konnte aber -den Kopf im Eisen so weit nicht wenden. Es rannen ihm nur am Hals die -Blutfäden dicker unter den Zwilchkittel. Und da war schon im Gedräng -eine schmale Gasse offen, und Frau Agnes, mit einem Körbl zwischen den -zitternden Händen, kam zum Brunnen her. Ihr Gesicht war fast so weiß -wie ihre Haube. »Bub!« sagte sie. »Schau, deine Mutter ist da!« Es -wurde so still, daß man im leisen Brunnengeplätscher jedes ihrer Worte -bis zu den Häusern hinüber verstehen konnte. »Deine Brüder hab ich -eingeriegelt im Haus. Die täten Dummheiten machen. Ich tu, was recht -ist, nit mehr. Und alles hab ich bei mir, was du brauchst. Tut dich -hungern? Ich hab's im Körbl.« - -»Frau!« murrte ein Musketier. »Das ist verboten.« - -Die Mälzmeisterin hörte das nicht. Sie sprach zu ihrem Buben hinauf: -»Tut dich dürsten? Ich hab's in der Flasch.« Gleich wollte sie -auspacken. - -Er sah in Freude und Kummer zu ihr hinunter. »Mutter! Du Gute! Was tust -du mir!« - -Sie hörte nicht seine Zärtlichkeit, nur seinen Vorwurf. »Ich tu, was -ich gelernt hab von der heiligsten aller Mütter. Ist die nit auch -als Mutter unter dem blutigen Holz gestanden? Soll ich daheimbleiben -und Krapfen backen? Da tät mich die heiligste Mutter im Leben nimmer -anschauen mit ihren gütigen Augen.« Nun sah sie das Blut über seine -Hände rinnen und mußte aufschreien, zerrte das weiße Tuch von ihrem -Hals, fuhr damit in den Brunnen und wollte die Hände ihres Buben -kühlen. Ein Musketier schob seine Feuersteinflinte zwischen Frau Agnes -und den Balken. »Das ist verboten, du!« Die Augen der Mälzmeisterin -funkelten. Aber sie blieb verständig, zog nur ein bißchen mit der Hand -aus, in der sie das triefende Tuch umklammert hielt. »Verboten oder -nit, ich tu's! Und tätst du's wehren, so schlag ich dir das nasse -Tüchl ums Maul, daß du von deinem Weib noch nie eine festere Schell -gekriegt hast.« - -Ein heißes Auflachen von tausend Menschen. Auch das hörte die -Mutter Raurisser nicht. Während ihr die Tränen über das Kinn -herunterkollerten, streckte sie sich am Holz der Unehr hinauf und -hob die Arme. Der Musketier wollte sie fassen, doch einer von seinen -buntgelitzten Kameraden packte ihn am Arm, wurde bleich und knirschte: -»Die Frau tust du in Ruh lassen. Gelt!« Das hörte und sah von den -Tausenden niemand, alle sahen nur die Mutter Agnes an, die mit dem -nassen Tuch die blutenden Hände ihres Buben wusch. Und aus dem -Menschengewühl flog über den Brunnen her eine grillende Mädchenstimme: -»Recht so, Mutter!« Es war das Untersteiner Mädel mit den zerschlagenen -Brüsten. »Recht so, Mutter! Und gelt, da tust du nit grüßen: Gelobt -sei Herr Jesuchrist!« Die letzten Worte gingen unter in dem einmütigen -Aufschrei der Tausende: »Recht so, Mutter! Recht so!« Der Zorn einer -erbitterten Menschenseele hatte den Tausenden das Wort der Stunde -gegeben. Dann ein verblüfftes Schweigen und Schauen. - -Aus der Halle des Stiftstores klang eine heitere Hifthornweise heraus, -fein harmonisch ineinander geblasen. Tausend Menschen drehten die -Gesichter und streckten die Hälse. Aber was in diesen Augen blitzte, -war nicht die Neugier, nicht die Lachlust derer, die der deutschferne -Wortschatz des Pflegeramtes als Subjekte zu bezeichnen pflegte. Herr -von Grusdorf hatte sich in seinen staatsmännischen Kalkulationen -wieder einmal geirrt. Sehr verhängnisvoll. Der bunte, nach Pariser -Grazie strebende Zug der Fuchsprellerpaare hätte in keinem Augenblick -erscheinen können, so falsch gewählt, wie dieser. - -Vorerst aber sahen die Hunderte, die vor den Stäben der Läufer -auseinander wichen, dieses unnatürliche Schritthüpfen und gezierte -Steifrockschwenken mit schweigendem Staunen an, den Zorn nur in den -Augen. - -Voraus die drei betreßten Jäger mit den in der Sonne blitzenden -Hifthörnern, dann die Pagen, an deren gebänderten Stäben die -Fuchsschwänze baumelten, dann die sechs Prellerpaare, als erstes Graf -Tige mit der Allergnädigsten in grüner Seide und wehenden Pelzflocken, -dann die fünf anderen Domizellaren mit den hübschen Beamtentöchtern, -deren geschmacklos zusammengestoppelter Aufputz genau so Pariser -Mode war, wie der gestutzte Hofgarten ein Park von Versailles. Die -Festlaune der sechs Pärchen war überaus munter. Immer gab's da was zu -kichern über galante Scherze, über unzulängliches und komisch wirkendes -Französisch. Unter den schmelzenden Hifthornklängen, umtänzelt von den -Pagen, die mit ihren Fuchsschwänzen die Demoisellen an den Hälsen und -Nasen kitzelten, hüpften und menuettierten die Prellerpaare an den -Bürgern und Bauern vorüber, in deren Gedräng es laut zu werden begann. -Aurore de Neuenstein, die wohl lieblich zwitscherte, aber nicht ganz -so pflaumenzart, nicht ganz so unschuldsvoll und kindlich aussah wie -sonst, wurde plötzlich überraschend ernst, sah fast erschrocken in das -lärmende Gewühl hinein, wollte sagen: »_Qu'est-ce que c'est que le -peuple_« -- vergaß wie vor dem Haynacherlehen ihrer modischen Bildung -und stotterte: »Was hawe denn die dumme Leit?« Graf Tige schien das -Bedrohliche der Situation zu empfinden, und befahl den Hornbläsern: -»_Vite! En avant!_« Er zog das Händchen der Allergnädigsten, die er -zierlich an erhobenen Fingerspitzen geleitet hatte, schutzfreudig unter -seinen Arm und machte den anderen Pärchen jene flinke, sehr natürliche -Gangart vor, die man vor Ausbruch eines Gewitterregens einzuschlagen -pflegt. So gelang es ihm, den faschingsbunten Zug zur Hofwiese -hinüberzubringen, bevor die erregten Subjekte ihren mißverständlichen -Zorn in polizeilich unzulässigen Formen zu äußern begannen. - -Es sah in dieser Stunde mit der Schaulust und Lachfreudigkeit der -niederen Population sehr mager aus. Nur ein Häuflein Kinder zappelte -dem hohen Netz entgegen, das den höfischen Festplatz umspannte, -und außer einigen vorsichtigen Mannsleuten, denen es auf dem -Brunnenplatze nimmer geheuer erschien, bestand das dankbare Publikum -des beginnenden Fuchsmartyriums fast nur aus den Müttern, Schwestern -und spöttischen Basen der fünf bürgerlichen Demoisellen, die man der -hohen Ehre, an solchem Hofspektakel teilzunehmen, als würdig erfunden -hatte. Unbekümmert um Gunst oder Mißgunst derer von da unten, fand -die Prellgesellschaft innerhalb des Netzes rasch ihre vergnügte -Laune wieder, und Aurore de Neuenstein zwitscherte mit entzückender -Kindlichkeit die politische Meinung aus, man müsse da bald einmal -»rechtschaffe dezimiere«, um wieder erquickliche Ruh ins Ländle zu -bringen. - -Vor der Mündung des langen, durch eng aneinander gesteckte Rutenbogen -gebildeten >Fuchslaufes< stellten sich die Paare erwartungsvoll in -bunte Reihe, Schulter neben Schulter. Jeder Demoiselle stand ihr -Monsieur, jedem Monsieur seine Demoiselle gegenüber. Zwischen jedem -Pärchen im _vis-à-vis_ lag quer vor dem Fuchslauf die spannenbreite -und drei Ellen lange Prellgurte auf dem Schnee, mit festen Holzgriffen -für die Hände an den Enden. »_Attention, mesdames et messieurs!_« -kommandierte der Wildmeister, der kein Französisch verstand und es -aussprach, wie man Haselnüsse knackt. »_Exit le premier renard!_« -Die Hifthörner bliesen eine Gavotte, die erste Kastenfalle wurde -geöffnet, und gleich einer langgestreckten roten Flamme sauste der in -der Falle mit einem Schwefelfaden gebrannte Fuchs durch den langen -Laufgang der Rutenbogen. Im Gesichtchen der Allergnädigsten zeigte -sich der Ausdruck einer fiebernden Spannung. Jetzt fuhr der Fuchs, -dem die Sonne grün in den Augen funkelte, aus den Rutenbogen heraus. -»Huppla!« schrie Aurore de Neuenstein mit einer von süßer Grausamkeit -durchzitterten Freude ihrem Partner zu. Ein Zuck der in weißem -Ziegenleder steckenden Händchen, die Prellgurte schnellte wie der Blitz -in die Höhe, und der Fuchs, von dem heftigen Netzschlag an der Weiche -gefaßt, flog ein Dutzend Ellen hoch in die blauen, hornungskühlen -Sonnenlüfte hinauf. Heiter lachte Graf Tige: »_Le voilà!_« Alle die -jungen, blitzenden Augen waren auf den fliegenden Fuchs gerichtet, der -bei seiner Luftreise drollig zappelte, elegante Kapriolen machte und -absonderliche Purzelbäume schlug. Vom Schusse seines Laufes im Fluge -noch weitergetrieben, fiel er in das dritte Prellnetz. »Huppla!« Von -kräftigeren Fäusten aufgeprellt, sauste er noch höher in die Luft, -überschlug sich wie ein hurtiges Feuerrad mit wehendem Kometenschwänzl, -fiel in das vierte Prellnetz, sauste wieder in die Höhe, und als -er nach dem letzten Sonnenfluge außerhalb der glitzerbunten Reihe -dieser lieblichen Jugend wie ein kleiner roter Sandsack schwer -herunterplumpste in den weißen Schnee, hatte er, mit rotem Schaum vor -den gefletschten Zähnen, seine irdische Ruh gefunden und war entseelt. - -Die Hifthörner bliesen die melancholische Fuchstodweise. Ein -Beifallklatschen -- nur innerhalb des Netzes -- ein seliges -Durcheinanderzwitschern; der erlöste Fuchs, der blutbefeuernde Reiz -der Stunde, der rotfleckige Schnee, die Sonne, der Himmel, das -silberne Bild der Berge, alles war »_Superbe!_« war »_Magnifique!_« -und »_Très délicat!_« Nur nach dem Brunnenplatz verirrte sich kein -Blick der seligblitzenden Unschuldsaugen. »_Attention, mesdames et -messieurs! Exit le second renard!_« Die Hörner gavottierten, die rote -Flamme sauste durch die Rutenbogen -- »Huppla!« -- und während das -zweite Opfer dieser graziösesten aller Menschenfreuden gegen die Sonne -wirbelte, schien es plötzlich, als wäre da drüben auf dem Brunnenplatze -aller Lärm versunken in ein lautloses Schweigen. - -Nein! Da drüben war es nicht völlig still geworden. Es übertönten nur -die Hörner das beklommene Gesumm. Alle, die in der Nähe des Brunnens -waren, hatten gesehen, daß der Blutende, den die Kraft schon verlassen -wollte, sich plötzlich in den Eisen reckte und mit Schreck und Freude -über das Gewoge der Köpfe nach einer Gassenstelle spähte. Viele drehten -die Gesichter nach dieser Richtung und suchten mit den Augen. Und viele -sahen und hörten das: wie Leupolt Raurisser an allen schmerzenden -Gliedern entkräftet in sich versank, in den schneidenden Klammern hing, -sich lächelnd wieder aufreckte, kraftvoll am Balkan stand, verklärte, -heißglänzende Augen bekam und zu Frau Agnes hinuntersagte: »Mutter, -jetzt kommt das Härteste und Schönste!« Viele sahen, wie er gewaltsam -seine aufrechte Kraft erzwingen wollte, wieder zu sinken begann und -mit der Kehle an den Kanten des rotgewordenen Eisens hing. Und während -Leupolts erloschene Stimme wieder zu beten anfing: »Herr, wenn ich -Dich nur habe --«, kam ein Stoßen und Armwühlen von den Häusern durch -die gestaute Menschenmenge herüber, viele Leute redeten aufgeregt -durcheinander, und immer schrie eine bange, von Sorge umklammerte -Mädchenstimme: »Meister, Meister --« - -Den dreien, die da kamen, wurde Platz gemacht. Hundert Stimmen wirrten -sich durcheinander, und dennoch hörte man das Betteln der Sus: »Ach -Meister, ich tu Euch bitten, kommet mit heim! Habt Ihr nit Sorg um -Euretwillen, so schauet doch Eurem Kind in die Augen!« - -Wie halb von Sinnen, blaß und zitternd, mit verstörtem und dennoch -gierig suchendem Blick, hing Luisa an den Vater geklammert, der sie mit -dem rechten Arm umschlungen hielt und mit dem linken immer weiteren -Raum in dem aufgeregten Menschengewühl erzwang. Als die flehende Magd -sich vor ihn hindrängte, schob er sie aus seinem Weg und sagte durch -die Zähne: »Geh, Sus! Das wirst du nit hindern. Ich tu, was ich muß.« -Sie bettelte: »Meister, um aller Seligkeit willen --« Da preßte Luisa -die Hand auf den Mund der Magd: »Sei nit so mutlos! Was du haben willst -vom Vater, ist unbarmherzig. Wenn Gerechtigkeit nimmer bei den Richtern -ist, so muß sie bei uns anderen sein.« - -Meister Niklaus drängte vorwärts, und die blonde Magd, obwohl sie sich -verzweifelt wehrte, wurde zurückgerissen in das lärmende Gewühl. Nun -standen die beiden vor dem Brunnen, Hand in Hand. Luisa mußte die Augen -schließen und preßte zitternd den Arm vor das entstellte Gesicht. -Ihr Vater, die Stirn überronnen von einer kalkigen Blässe, sah zu -dem Blutenden am Balken hinauf, und seine Stimme, nach einem ersten -Schwanken, wurde fest und laut: »Mich hast du behüten wollen vor einem -harten Ding. Um meintwegen mußt du büßen. Helfen kann ich dir nit, Gott -sei's geklagt. Aber wo du leidest, da ist mein Platz.« - -Leupolt lächelte. Dann schien ihm zu entrinnen, was noch an Kraft in -seinen zuckenden Gliedern war. Den Kopf im Eisen nach vorne pressend, -daß ihm ein roter Sickerstrich herunterging über den grauen Kittel, -sagte er mühsam: »Vergeltsgott! Aber gelt, jetzt tust du wieder -heimgehen.« In den Eisen sinkend, schloß er die Augen. »Wie das liebe -Mädel zittert -- Meister, das kann ich nit sehen.« Seine Stimme erlosch. - -»Barmherziger!« schrie Mutter Agnes. »Mein Bub verscheint!« Aus -einer Flasche füllte sie einen Zinnbecher und wollte auf den Brunnen -steigen. Da faßte ein Musketier die Frau am Kittel. »Es därf nit sein, -Meisterin!« Sie kreischte wie von Sinnen: »Hat nit ein römischer -Musketier dem Erlöser am Kreuz einen Kühltrunk hinaufgehoben? Steht -das im Urtl, daß wir gutkatholischen Christen unbarmherziger sein -müssen, als die Heiden gewesen sind?« Die Erregung der Tausende war -wie wachsendes Sturmrauschen. Und der Musketier machte ratlose Augen. -»Steht das im Urtl?« schrie die Mälzmeisterin. Nein. Es stand nicht -drin. _Dr_. Halbundhalb hatte vergessen, dieses Wesentliche seinem -die Wahrheit bekämpfenden Dokumente einzuverleiben. Und Mutter Agnes -in ihrer Seelenangst entschied: »Was nit verboten ist, muß erlaubt -sein!« Sie wollte klettern. Da war ein Kleiderwehen neben ihr, und -ein tausendfacher Zuruf der erregten, näherdrängenden Menschen. »Nit, -Mutter Agnes,« hatte Luisa aufgeschrien, »laß *mich* das tun!« Und -hatte der Mälzmeisterin den Becher aus der Hand genommen und stand -schon droben auf dem Gesims des Brunnens. Um zu helfen, umklammerte -Frau Agnes die Knie des Mädchens: »Streck dich, Kindl, ich laß nit -aus, du tust nit fallen!« Sich hinaufreckend am Holz der Unehr, schob -Luisa die linke Hand hinter Leupolts Nacken und hob den Becher an -seine bläulichen Lippen. »Komm! Tu trinken, du guter Mensch!« Ein -wunderliches Geschrei der Tausende. Es klang wie Zorn, wie Aufruhr, -hatte etwas Erschreckendes und war doch Freude, war aufatmendes -Erbarmen. - -Leupolt hatte die Augen geöffnet. - -Wieder sagte sie: »Komm! Tu trinken!« Und das Geschrei der drängenden -Menschen verstummte plötzlich und wurde ein Staunen und Lauschen. - -Er lächelte, schien nicht zu hören, was sie sagte, und sah nur in ihre -Augen. Der Glanz seines Blickes und das Fadengerinne seines Blutes -machten sie so verstört, daß sie heftig zu zittern begann. Sie drohte -umzusinken. Während ihr alle Sinne taumelten, hörte sie wie aus einem -kreisenden Brunnen herauf die bettelnde Mutterstimme: »Du tust nit -fallen! Streck dich, Kindl, ich laß nit aus!« Da wurde es wieder hell -vor ihrem Blick, sie konnte das Blut des Büßenden und seine Augen -sehen, streckte sich an dem Lächelnden hinauf, und weil sie nicht -sprechen konnte, streichelte sie nur sein Haar und hob zwischen seinen -Lippen den Becher. Als er am Kinn die rinnenden Fäden des Trunkes -fühlte, verstand er, konnte die verbissenen Zähne öffnen und trank. -Luisa reichte den geleerten Becher hinunter und schrie: »Gib, Mutter! -Gib! Er dürstet noch allweil!« Solang ihre Hand ohne Hilfe war, hatte -sie nicht den Mut, zu ihm aufzublicken, auch dann nicht, als er leis -ihren Namen sagte: »Luisli?« Sie sah sein Lächeln nicht, doch sie hörte -es aus dem Klang seiner Stimme und senkte das Gesicht noch tiefer. Erst -als sie den gefüllten Becher umklammerte, wagte sie die Augen wieder -aufzurichten, hob den Trunk zu ihm hinauf und flüsterte: »So komm!« - -Er trank und leerte den Becher. - -Wieder schrie sie zur Mälzmeisterin hinunter: »Gib! Er dürstet!« -Lächelnd schüttelte Leupolt den Kopf: »Nit, du Gütige! Es ist genug.« -Aus jedem Laut seiner Stimme war es zu hören, wie die erschöpften -Kräfte neu erwachten in ihm. »So heilig ist mir noch nie ein Trunk in -die Seel gegangen, derzeit ich leb. Ich sag dir Vergeltsgott, Luisli!« -Seine Augen flehten. »Und gelt, jetzt tust du mir was zulieb?« - -Ihr blasses Gesicht erglühte. »Alles -- was nit wider Gott ist.« - -»So tu ich dich bitten, geh heim! Du tust es mir leichter machen. -Willst du?« - -Sie nickte, wandte sich von ihm ab wie ein folgsames Kind, sah nicht, -wie blutig ihr Kleid und ihre Hände geworden waren, ließ sich von -Mutter Agnes und vom Meister hinunterheben und sagte: »Komm, Vater, wir -gehen heim. Der Leupi will's haben. So muß es sein.« - -Während die beiden einen Weg durch die Mauer der Menschen suchten, -hörte man, wie in der halben Stille, die noch immer herrschte, die -zittrige Stimme eines alten Mannes zur Sonne hinaufschrie: »Sei -gesegnet, du heilige Barmherzigkeit!« - -Diesen Schrei hatte Leupolt nicht vernommen. Immer sah er den beiden -nach, die verschwanden, wieder auftauchten und dann nimmer zu sehen -waren. Er erwachte erst aus seiner lächelnden Versunkenheit, als -tausend Arme sich erhoben und tausend Stimmen das Wort des alten Mannes -wiederholten: »Sei gesegnet, du heilige Barmherzigkeit!« Dann wieder -ein halbes Schweigen in der funkelnden Sonne, und Frau Agnes stammelte -klagend zum Holz der Unehr hinauf: »Ach, Bub, dein liebes, dein junges -Leben!« Mit dem Blick eines Glücklichen sagte er: »Man muß das Leben -nit lieb haben um des Lebens willen, nur um der heiligen Stündlen -wegen, die's einem schenken kann.« Noch tiefere Stille. Und plötzlich, -nahe dem Brunnen, klang eine schrillende Weiberstimme, wie völlig -sinnlos, ähnlich dem Verzweiflungsschrei einer Wahnwitzigen: »Gott? -Unser Herr und Gott? Warum hast Du uns verlassen?« Da reckte sich der -Blutende in den roten Eisen. Er straffte sich an allen Gliedern, seine -Augen glänzten über die tausend wogenden Köpfe hin, und seine rufende -Stimme wurde wie Stahl: »Weil wir lügen und heucheln. Gottes Hilf ist -bei den Mutigen, die wahrhaft sind!« - -»Jesus!« stammelte Mutter Agnes erschrocken und streckte wehrend die -Hände zu ihrem Sohn hinauf. Und ein Musketier stieß den Kolben seiner -Flinte gegen Leupolts Füße: »Kerl, du! Willst du nach aller Gnädigkeit -das Maul aufreißen und die Leut verhetzen? Du?« Inmitten eines jähen -Verstummens der Tausende gab Leupolt die klingende Antwort: »Gott -ist mir gnädig! Soll's jeder halten, wie er meint und muß. Ich will -bei der Wahrheit bleiben.« Er hob den Kopf aus dem Eisen, daß die -rote Scheuerwunde an seiner Kehle sich entblößte, und seine Stimme -wurde wie der frohe Schrei eines beseeligten Menschen. »Jetzt bin -ich kein Unsichtbarer nimmer. Leut! Ob Leben oder Tod, ich bin ein -evangelischer Christ.« Der Mutter Agnes brachen die Knie. Sie fiel auf -die Brunnenstufen hin, bedeckte das Gesicht mit den Händen und mußte -weinen. - -Die Musketiere kreischten: »Jesus, Jesus, wo bleibt der Muckenfüßl?« -Im gleichen Augenblick zappelte aus dem Stiftstor der Kamerad heraus, -der fortgelaufen war, um die kanzleideutsche Obrigkeit zu ermuntern. -Ein Dutzend Soldaten hatte er aus ihren Stuben herausschreien können. -Von den Herren hatte er keinen gesehen. Wie der Müde _in loco hujus_, -so schlummerte der vom Verbieten erschöpfte Kanzler, so schnarchte der -gekränkte Wahrheitsmörder Halbundhalb, so träumte Jesunder aufgeregt -von dem unerklärlichen Armeseelenkammerrätsel, und so duselten alle, -die wach geblieben waren in der vergangenen Mirakelnacht. Nur die als -Sukkurs gerufenen Musketiere klapperten diensteifrig aus dem Tor heraus -und hörten das erregte Stimmengewoge hinrauschen über den Brunnenplatz. -Was die Tausende durcheinanderschrien? War es Abwehr oder Zustimmung, -Zorn oder Hoffnung? Es war alles zugleich und wuchs zu einem tosenden -Lärm. »Gotts Not! Was ist denn da los?« Der Musketier, der neben dem -Balken der Unehr stand, gab Antwort: »Der da droben am Schandholz hat -sich ausgeschrien als Evangelischen. Und verhetzt das gutmütige Volk. -Dem luthrischen Narren sollt man alle Knochen in Scherben schlagen!« -Weil er mit dem Flintenkolben eine Bewegung machte, faßte die -Mälzmeisterin gleich einer Wahnwitzigen den Mann an der Säbelkoppel: -»Unmensch, du!« - -»Unmensch? So?« Er schüttelte die Frau von sich ab. »Und du? Eine -Gutkatholische? Du weißt wohl nit, was für eine Straf die evangelischen -Ketzer verdienen?« - -Noch ehe Frau Agnes antworten konnte, stand zwischen den beiden die -Moidi von Unterstein, jenes Mädel, dem der alte Fürsager die blauen -Faustmale der Brüste mit dem heiligen Buche bedeckt hatte. Das Gesicht -des jungen Geschöpfes war so wächsern wie das Antlitz einer Sterbenden, -doch in den weitgeöffneten Braunaugen glänzte etwas Freudiges und -Schönes. So streckte sie sich an dem schweren Soldaten Gottes hinauf -und fragte mit heller Stimme: »Was verdienen die? So sag's doch! Sag's!« - -»Die verdienen, daß sie all zusammen auf den Scheiterhaufen kommen.« - -Da breitete das kleine hagere Mädel mit einem leisen, wunderlich frohen -Schrei die Arme auseinander und rief: »So mußt du mich auch verbrennen. -Ich bin eine evangelische Christin. Schon ins vierte Jahr.« - -Ein knirschender Soldatenfluch. »Packet das unverschämte Mensch!« Drei, -vier Musketiere fielen über das Mädel her, und während sie ihm die Arme -hinter den Rücken preßten, drängte sich aus dem schreienden Gewühl der -Menschen ein alter Bauer heraus, der Fürsager von Unterstein, kreuzte -selber die Hände und streckte sie den Soldaten hin: »Nehmet mich -auch gleich mit! Ich bin ein Evangelischer. Ich bin's, derzeit ich -denken hab können. Und meine Buben und Töchter, meine Schwieger und -meine sechzehn Enkelen, wir alle sind evangelisch.« Wie ein fröhlich -Betrunkener drehte er den grauen Bart über die Schulter und schrie -mit der Stimme eines jungen Menschen: »Kinderlen! Her zu mir! Unser -Christenherz will maien! Jetzt geht es ins Himmelreich!« Erschrocken -guckten die Musketiere die vielen Kinder des Alten an, die sich -herdrängten von allen Seiten, Männer und Greise, Bürger und Bauern, -Weiber, Kinder, hochstämmige Burschen und halbwüchsige Mädchen. An die -vierzig, an die fünfzig und sechzig waren es, und mit jeder Sekunde -wuchs ihre Zahl, und sie alle waren Kinder vom Geiste dieses Alten, -auch wenn sie einen anderen Namen trugen, als er. - -Erschrocken sah Frau Agnes in das jauchzende Gewühl der haufenweis -herbeiströmenden Bekenner hinein und griff sich mit beiden Händen an -die Schläfe, daß ihr die weiße Haube zurückfiel in den Nacken. Zitternd -taumelte sie gegen das Holz der Unehr hin und umklammerte die rot -übersickerten Füße ihres Sohnes: »Mein Bub! Mein Blut und Fleisch! Was -hast du verschuldet!« - -»Nichts, Mutter!« Der Klang seiner Stimme war ruhig. »In meines Lebens -heiligstem Stündl hab ich ein Wegweis der redlichen Wahrheit werden -müssen.« - -Sein Wort ging unter in dem wachsenden Stimmengebraus der Hunderte, die -sich herandrängten, um das Schneekleid ihrer Seelen abzustreifen und -Sichtbare zu werden. Fast alle, wenn sie die Hände hinboten, hatten -das gleiche Wort: »Mich auch! Wie schön ist die Wahrheit! Jetzt geht -es ins Himmelreich!« Immer vier oder fünfe wurden von den Musketieren -in die Torhalle hineingeführt, und doppelt so viele folgten aus freiem -Willen, bis die Soldaten Gottes müde wurden des Verhaftens. Nur drei -von ihnen blieben beharrlich. Und da faßten sie im Gedräng einen -Bauer. Der wehrte sich wie irrsinnig und kreischte: »Lasset mich aus! -Ich bin ein Gutgläubiger. Mein Weibl ist römisch und meine Kinder -sind's. Die laß ich nit. Gelobt sei Jesus Christus, ich glaub ans -Fegfeuer, in Ewigkeit Amen. Und wie mein Herzfleck ist mir mein Haus -und Acker. Und müßt ich zum luthrischen Sand hinunter, ich wüßt nimmer, -wie ich noch schnaufen könnt. So lasset mich doch aus, ihr Herren! -Vor Weihbrunnkessel und Meßbuch will ich's beschwören: Ich bin ein -Gutgläubiger!« - -Der Blutende am Holz der Unehr wandte das Gesicht im Eisen. Er hatte -seinen Widersacher von der Untersteiner Krippe erkannt. Mit einer -Stimme, so hell und stark, daß sie allen Lärm übertönte, rief er hinaus -in die Sonne: »Lügen heißt leiden. Und einer, an den wir glauben, -hat gesagt: >Wer mich verleugnet vor den Menschen, den will ich auch -verleugnen vor meinem himmlischen Vater.<« - -Der Bauer, den die Musketiere schon freigegeben hatten, blieb stehen -wie ein Gelähmter. Langsam wandte er die Augen und sah zum Balken -hinauf. Ein Erblassen rann ihm über das verstörte Gesicht. Nun tat -er einen tiefen Atemzug, ging auf einen der Musketiere zu und bot -ihm die gekreuzten Hände hin: »Mich auch! Alles verlieren! Nur nit -die Seligkeit. Ich bin evangelisch.« Der Soldat verhaftete ihn -nicht, sondern sah den Bauer mit erweiterten Augen an, warf die -Feuersteinflinte in den Brunnen, riß den Dreispitz und die Säbelkoppel -herunter, schleuderte alles wie in Ekel von sich und sagte: »Da tu ich -nimmer mit. Komm, Bruder, wir gehen selbander ins Himmelreich!« Er -legte den Arm um den Hals des Bauern, küßte ihn auf die Wange und trat -mit ihm in den Schatten der Torhalle. - -Ein unversiegendes Herandrängen von allen Seiten. Jetzt irgendwo eine -jauchzende Stimme: »Leut! Ihr lieben Leut! So schön, wie der Frühling -der Wahrheit ist, so gottschön ist kein Blumenwuchs auf der besten -Alm!« Das Wort des Einen wurde zum frohen Seelenschrei von Hunderten: -»Frühling der Wahrheit! Frühling der Wahrheit!« In dem brausenden -Bekennergewimmel, das schon den Hof des Stiftes zu füllen begann, fing -einer mit klingender Kehle zu singen an. Viele Stimmen wuchsen mit -freudigen Kräften hinzu. Aus Tor und Halle schwoll das Lied um den -Brunnen her, sprang hinüber zu den Türen, zu den Fenstern, und rauschte -über die Gasse hin: - - »Nun freut euch, liebe Christengmein, - Und laßt uns fröhlich springen --« - -Alle, die so sangen in dieser Frühlingsstunde ihrer Seelen, sangen das -Lied in ihrem Leben zum erstenmal mit lauten und unverschüchterten -Stimmen. Fast war es nicht wie Gesang. Es war wie ein unersättliches, -nicht enden wollendes Aufjauchzen der Freiheit und Erlösung. - - - - -Kapitel XV - - -Der Hall des tausendstimmigen Liedes, das emporschwoll über die -Dächer des Stiftes, klang auch hinüber zu der galanten Jugend, die -sich _à la Versailles_ amüsierte und kaum einen Laut dieser über -alles Irdische emporgehobenen Menschenfreude vernahm. Es erging den -graziös Erheiterten, wie es einem leichtsinnigen Träumer geschieht, -der beim Rauschen eines fröhlichen Baches den Donner des aufsteigenden -Gewitters überhört. Auf der Hofwiese gavottierten die Hifthörner in -rasendem Tempo, obwohl sie die klagende Fuchstodweise hätten blasen -müssen. Der letzte Prellfuchs war schon seit geraumer Weile entseelt. -Er zappelte nimmer, während er flog, sauste aber immer wieder hinauf -ins schöne Blau. Die Allergnädigste schien sich des blutspritzenden -Spiels nicht ersättigen zu können, und so wurde der leblose Tierklumpen -zu einer Kostbarkeit, um die sich alle Prellerpaare in ausgelassener -Heiterkeit zu raufen begannen. Nun fing auch die Zuschauermenge vor dem -Netz zu wachsen an. Viele, die den Marktplatz erschrocken verlassen -hatten, wurden festgehalten durch das farbige Flatterbild, doch nicht -in Schaulust, sondern in Zorn. Inmitten einer erregten Frauengruppe -deutete ein mauerblasses Weib auf den fliegenden Fuchs und schrie: -»So prellen sie unsere Seelen, unser Gut und Leben, bis uns allen der -Schnaufer vergeht. Die sollt der Teufel einmal reiten! Kreuzweis!« - -Hatten die Dunklen der Unterwelt diesen Segenswunsch erhört? Aus -zwei großen Kästen, die auf einen heimlichen Wink des Grafen Tige -auseinanderfielen, sausten vier schwarzborstige Unholde mit Grunzen -heraus, prallten gegen die gespannten Netze, rasten blind nach einer -anderen Richtung, spritzten im Lauf den blutigen Schnee auseinander, -wurden wie besessen und überrannten jedes lebendige Hindernis. Diesen -Vorgang begleitete ein sechsstimmiges Damengeschrei, das sich aus -toller Heiterkeit sehr flink verwandelte in schrilles Angstgezeter. -Gleich zu Beginn des Scherzes merkte Graf Tige, daß der graziöse -Knalleffekt ein übles Ende zu nehmen drohte. Erschrocken befahl er dem -Wildmeister und den Jägern: »Abfangen! Abfangen!« Es war zu spät. Mit -gehobenen Röcken, grillend wie geängstigte Kinder, jagten die unter -Schminke und Schönheitspflästerchen entfärbten Demoisellen sinnlos -zwischen den Netzen hin und her, um den jungen, sausenden Wildschweinen -zu entrinnen. Keiner gelang es. Jede wurde von solch einem -blindsurrenden Borstenklotz zu Boden geworfen. Hinter den Schweinen, -halb noch lachend, halb schon in Sorge, sprangen die Domizellaren und -Jäger mit den blanken Hirschfängern einher. - -Bevor man das erste der rasenden Schweinchen zu Boden bringen konnte, -waren die sechs Demoisellen schon zum Erbarmen zugerichtet, mit -zerrauften Frisuren, mit zerfetzten Kleidern, beschmutzt, vom Schnee -durchnäßt, an Gesichtern und Händen mit roten Flecken gesprenkelt, -die vom Abklatsch des überall ausgespritzten Fuchsblutes herrührten. -Das zweite und dritte Wildschwein wurden in den Netzen erstochen. -Den letzten Überläufer mußte man, bevor er den Todesstoß empfangen -konnte, an den Hinterläufen unter dem tonnenartigen Steifrock -der Allergnädigsten hervorzerren. Aurore de Neuenstein lag mit -ausgespreizten Armen im Schnee und zeterte ununterbrochen die beiden -Worte: »_Mon Dieu! Mon Dieu! Mon Dieu!_« -- in einem wesentlich -anderen Ton, als Damen zu kichern pflegen, wenn sie charmant -kascholiert werden. Und während dieses weidmännische Accouchement unter -beträchtlicher Kränkung zarter Prinzipien vollzogen wurde, ließ sich -ein zorniges Spottgelächter vernehmen. Drei der Demoisellen huschten -durch die Leierbüsche des gestutzten Hofgartens davon, um dem Hohn der -Subjekte zu entrinnen. Und Aurore de Neuenstein war anzusehen wie eine -Nachtwandlerin mit geöffneten Augen. - -Das ungraziöse Überraschungsspiel der bösen Schweinchen schien sich -bei ihr mit einer sinnverwirrenden Entdeckung zu komplizieren. Als -aller Schreck schon längst überstanden war, wurde die Allergnädigste -plötzlich von einer befremdenden Erschütterung der Verdauungsorgane -befallen -- ein Symptom, über das Graf Tige nicht minder erschrak, als -Aurore de Neuenstein. Zu einer Erörterung der unliebsamen Katastrophe -verblieb den beiden vorerst keine Zeit. Atemlos erschien auf der -Hofwiese der aus seinem Sonntagsschläfchen aufgestörte Muckenfüßl, -schlotterbackig, ohne Säbel, und kreischte: »Ihr Herren und Jäger! -Jesus, Jesus! Die Welt geht unter _in loco hujus_! Unsere Bauern -rebellieren wider Himmel und Gott! Wir brauchen Hilf! Alles hinüber -zum gnädigsten Fürsten!« Der Wildmeister, alle Domizellaren -- -ausgenommen den Grafen Tige -- die Pagen und Hifthornbläser sprangen -mit dem stotternden Feldwebel durch den Schloßgraben zum Stift hinüber, -aus dessen Höfen das Lied der tausend Bekennerstimmen in die Sonne -schwoll. Sechs von den Jägern zerrten die abgestochenen Wildschweine -hinter sich her. - -Auf der Straße war ein ruheloses Durcheinander. Leute rannten -schreiend gegen den Markt hinauf, und viele, denen die Seele angstvoll -geworden, strebten hastig ihren Höfen zu: die noch Unentschlossenen, -die nicht sichtbar werden wollten, und die Gutgläubigen, denen das -Bekennungswunder dieses Morgens die frommen Gemüter mit Trauer und -Schreck erfüllt hatte. Inmitten eines Schwarmes dieser Heimläufer -kreischte ein Aufgeregter: »Mich haben die Musketierer dreimal -gepackt. Allweil hab ich mich ausweisen können mit polizeimäßigen -Glaubenswörtlen. Wer tät denn gutgläubig sein, wenn's ich nit bin? -Hättst du das Erlösungswunder meiner Martle gesehen, so tätst du -glauben, Mensch! Erzählen darf ich es nit. Aber für's Martle tu ich ein -neues Kreuzl schneiden. Sie hat's verdient! Wenn eins heruntergreift -aus dem Himmel und meine Kinderlen hinaufholt in die Ewigkeit -- so -eine Gottselige wird wohl ein Kreuzl verdienen? Nit? Und müßt auch -ihr Leichnam in heidnischen Boden kommen wie eine ungetaufte Katz, -bevor sie stinkig wird.« Der Haynacher betrachtete unter verzerrtem -Lächeln das erstochene, in Schneegebrösel und Blutklumpen eingewickelte -Wildschwein, das von zwei Jägern in den Schloßgraben hinuntergezogen -wurde. Mit dem Finger deutend, kicherte Christl: »Auch ein Ungetauftes! -Findt aber doch eine christliche Ruhstatt. Weil's die geistlichen -Herren hinunterschlucken in ihre geweihten Mägen!« - -Da kam einer aus dem Tal herauf. »Christl? Jeder Redliche lauft der -Wahrheit zu. Und *du* gehst *heim*?« - -»Wohl, Mensch!« Der Haynacher lächelte schlau. »Mich haben sie wieder -auslassen müssen. Weil ich so gutgläubig bin, wie mein Martle und -jedes von meinen getauften Kinderlen gewesen ist.« Der andere, halb -in Zorn und halb in Erbarmen, machte eine Handbewegung und ging -vorüber. Christl Haynacher keuchte in die Sonne hinaus: »Kann sein, -mir ist ein unheiliger Zweifel durchs Hirndächl gelaufen, ich weiß -nit, wann. Aber wie das Wunder mit meinen Kinderlen geschehen ist, -da bin ich gutgläubig worden. Wenn aus der Seligkeit zwei liebe Händ -heruntergreifen zur irdischen Not! Und lupfen das unschuldsweiße Pärl -aus dem amtsmäßigen Riegel heraus! Und allweil höher hinauf zum ewigen -Gottesglanz! Schau, Mensch, da mußt du doch selber sagen --« Er merkte, -daß er allein stand. »So so?« Dem Christl liefen zwei Tränen über die -Feuerflecken seiner Backen. »Schau, von meinen gottseligen Kinderlen -will kein Mensch mehr ein Wörtl wissen!« - -Diese Weisheit glich einem der wahrheitsfernen Irrtümer, wie sie der -lyrisch verherrlichte _Dr._ Halbundhalb zu fabrizieren pflegte. Gerade -in dem Augenblick, in welchem Christl seine falsche Rechnung aussprach, -erwachte die Erinnerung an das Haynacher'sche Zwillingspaar in einer -Menschenseele, der man ein so treues Gedenken gar nicht zugetraut hätte --- in der Seele der allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Von dem -verwüsteten Fuchsprellplatze hatte Graf Tige den leidenden Engel in -zerrupftem Zustand hinübergeleitet zu einem Salettchen des gestutzten -Hofgartens. Hier saß die Neuenstein auf einem Holzbänkl. Graf Tige -lag vor den Knitterbrüchen des Steifrockes auf den Knien, labte die -schwache Demoiselle mit Biskuitstückelchen -- und da wiederholte sich -plötzlich jene befremdende Erschütterung ihres innersten Wesens. Es -wurde der Allergnädigsten in beklagenswertem Grade übel, und dieses -war der Augenblick, in dem Aurore de Neuenstein sich jener _chose -effroyable_ erinnern mußte, die sie auf dem Stubentische des Christl -Haynacher hatte liegen sehen. Aber statt von menschlichem Erbarmen -bewegt zu werden, geriet sie in einen schwer erklärlichen Jähzorn, und --- billeripatsch -- versetzte die Allerungnädigste dem Grafen Tige -eine schallende Ohrfeige, viel kräftiger, als man es diesem zartesten -aller Händchen hätte zutrauen mögen. In Tränen ausbrechend, entzog sie -sich flink durch eine Ohnmacht jeder weiteren Konversation. Graf Tige -mit der brennenden Wange eilte durch den gestutzten Hofgarten davon, -um Hilfe für Aurore de Neuenstein herbeizurufen. Als er die sekrete -Gartenmauer erreichte, hörte er das Stimmengebraus der Marktgasse und -den mächtig wachsenden Klang eines verbotenen Liedes, das von Tausenden -gesungen wurde. Ratlos guckte er in die Sonne und wurde von zwei -Menschen, die es eilig hatten, aus dem Weg gestoßen. - -Neben einem blonden, sich wie irrsinnig gebärdenden Mädel, sprang der -lange Stiftspfarrer Ludwig in dünnen Hausschuhen durch Schnee und -Pfützen. Der schwer erkrankte Mann konnte plötzlich so hurtig rennen -wie der gesündeste Bauernbub. Über die Wasserlachen vor dem Garten -des Meister Niklaus machte Pfarrer Ludwig Sprünge wie ein Wettläufer -vor dem Ziel. Er wollte atemlos in die Werkstatt treten, fand die Tür -verschlossen und schrie: »Ums Himmels willen, Nicki, so tu doch auf!« -Hinter der Tür eine zornbebende Stimme: »Man hat mich eingesperrt.« -Die Sus stammelte: »Da ist der Schlüssel!« Nun mußte der Pfarrer -lachen. »Du hast ihn eingekastelt?« Dem Mädel kollerten die Tränen über -das angstvolle Gesicht. »Was hätt ich denn tun sollen? Der Meister -ist stärker als ich. Wie ich heimgekommen bin und hab erzählt, daß -die Evangelischen hundertweis bekennen, hat der Meister gleich zum -Bekenntnis laufen wollen. Da bin ich in meiner Seelenangst aus der Tür -gerumpelt, hab zugesperrt und bin zu Euch gesprungen.« - -»Und das Luisichen?« fragte der Pfarrer sorgenvoll. »Weiß sie, was der -Meister hat tun wollen?« Sus schüttelte den Kopf: »Die hab ich droben -eingesperrt in ihrem Stübl. Gar nit gemerkt hat sie's. So durstig hat -sie gebetet vor dem Jesukind.« Der Pfarrer atmete auf: »Dich sollt man -zum Kanzler von Berchtesgaden machen. Du bist die Gescheiteste von uns -allen. Jetzt tu das Mädel behüten, derweil ich red mit dem Meister.« -Während dieser Worte des Pfarrers rüttelte der Eingesperrte immer an -der Tür: »Gotts Not, so machet doch auf!« - -»Ja, guter Nick! Erst muß ich das Schlüsselloch finden. Ich bin ein -Kranker, mir zittern die Händ.« Dieser unanfechtbaren Wahrheit zum -Trotze wußte der Pfarrer, als er die Tür geöffnet hatte und über die -Schwelle gesprungen war, sehr flink wieder auf der Innenseite den -Schlüssel ins Schloß zu bringen und umzudrehen. - -Meister Niklaus bekam eine dunkelrote Stirne. »Pfarrer! Meinen Weg gib -frei!« - -»Gleich, Herzbruder! Nur ein Wörtl!« - -»Gewissen und Wahrheit vertragen kein Biegen nit.« - -Der Pfarrer sah, daß das Fenster offen stand und das schwere Gitter -verbogen war. »Gewissen und Wahrheit sind wie eiserne Stangen. Ein bißl -Biegen, wenn es vernünftig ist, vertragen sie schon. Nur gegen die -Unvernunft sind sie bockbeinig. Und da ist's ein Glück, daß es noch -allweil Schlosser gibt, die verläßliche Arbeit machen.« - -»Pfarrer?« Meister Niklaus streckte sich. »Willst du mich hindern, als -Christ meine Pflicht zu tun?« - -»Ganz im Gegenteil! Ich will dich in deiner Pflicht bestärken.« Weil -der Meister den Pfarrer beiseite drängen und die Schwelle gewinnen -wollte, stemmte der Greis sich gegen das Türschloß, in dem noch der -Schlüssel stak. »Aber Herzbruder! Tu nit so grob mit mir! Seit gestern -bin ich ein todkranker Mensch.« Dem Meister fielen kraftlos die Arme -hinunter. Und der Pfarrer, nachdem er den Türschlüssel abgezogen hatte, -sagte ruhig: »Schau, Nick! Ein Christ sein, ist ein wundervolles Ding. -Aber *jede* Pflicht verlangt vom Menschen ein bißl Treu. Von deiner -Kunst will ich nit reden. Die ist durch deine Redlichkeit eh' schon zu -kurz gekommen um eine geschickte Hand. Aber willst du vergessen, daß -du auch ein pflichttreuer Vater sein mußt? Willst du das Gute, das in -deinem Mädel gewachsen ist, wieder in Scherben schlagen? Willst du dein -Kind in Tod und Verzweiflung treiben?« Das Gesicht in die beiden Hände -pressend, von denen nur die hölzerne nicht zitterte, stand der Meister -wortlos am offenen Fenster, überglänzt von einem steilen Strahlenbündel -der Mittagssonne. »Komm, Herzbruder! Setz dich zu mir aufs Bänkl her! -Da wollen wir reden miteinander.« - -In der friedsamen Stille, die diesen Worten folgte, richtete draußen -vor der Türe die Sus sich auf und bekreuzte unter einem Atemzug der -Erquickung das blasse Gesicht. Heißen Blickes emporschauend nach der -Richtung, in der sie den Wohnsitz Gottes vermutete, sprach sie mit -jagender Flüsterstimme zwei Gebete, zuerst ein evangelisches, dann -ein gutkatholisches. Und flink über die Stiege hinauf, um abermals -zu lauschen -- an Luisas Tür. Deutlich konnte sie die inbrünstigen -Stammellaute einer Litanei vernehmen. Leis drehte Sus den Schlüssel -und trat in die weiße, sonnige Mädchenstube. Vor dem flimmernden -Jesuschrein lag Luisa auf den Knien, die blutfleckigen Hände ineinander -gekrampft. Sie hörte nicht, daß jemand den flehenden Hilfeschrei der -Litanei zur heiligen Gottesmutter andächtig mitsprach: »Bitt für ihn --- bitt für ihn --« Als Luisa wieder ein Ave Maria beginnen wollte, -sagte die blonde Magd mit lauter Stimme das Amen, faßte die Haustochter -unter den Armen und hob sie vom Boden auf. »Komm, Kindl! So fromm hast -du gebetet, daß die heiligste Mutter ihm helfen *muß*! Und schau, du -mußt doch das blutfleckige Kleidl heruntertun! Mußt dir die roten -Händlen waschen!« Lautlos bewegte Luisa die Lippen, umklammerte den -Hals der Magd und preßte das Gesicht an ihre Schulter. Nach heiteren -Worten suchend, führte Sus die Haustochter zu einem Sessel, begann -sie zu entkleiden und stellte das Waschbecken zurecht. Dabei lauschte -sie immer in den Flur hinunter. Es dauerte lang, bis drunten das -Klappen der schweren Tür an des Meisters Werkstätte zu hören war. -Kein Schritt. Die Sus atmete erleichtert auf. Sie wußte gleich: der -Meister ist daheim geblieben, und nur der Pfarrer in seinen lautlosen -Filzschuhen ist davongegangen. Als sie zum Fenster hinhuschte, sah sie -den Hochwürdigen auf die Straße treten. Jetzt sprang der lange Pfarrer -nimmer. Sehr achtsam umging er die Wasserlachen. - -Ein Menschengerenne hin und her. Trotz des wogenden Lärms, der die -Marktgasse füllte, war nicht das geringste Zeichen von Rebellion zu -erkennen. Das flutende Leutgedränge hatte was Festliches. Und während -der Klang des evangelischen Liedes herscholl von den Stiftshöfen, ragte -auf dem Brunnenplatz der leergewordene Schandbalken über das Gewühl -der Köpfe hinaus. Man hatte den Büßenden aus Staatsräson begnadigt, -um die Aufregung der Subjekte zu mildern. Dieser notwendig gewordene -Gnadenakt hatte die Regierungsseele des Herrn von Grusdorf bedenklich -aus dem Gleichgewichte gebracht. Das stand unter verschobenem Lockenbau -auf seinem Katzenjammergesicht zu lesen, als er, von sechs Musketieren -flankiert, hinüberwatete zum Sanssouci der Allergnädigsten, die ihn -durch ein geheimnisvolles Eilbriefchen zu sich berufen hatte. Sein -Prophetengeist war so verwirrt, daß er nicht ahnen konnte, welcher -familiären Bestürzung er mit seinen Gichtzehen entgegenzappelte. - -Unter munteren Worten bohrte sich der Pfarrer durch das wogende -Leutgewühl zu dem Hause seines Freundes Lewitter. In dem dunklen Flur, -in dem es nach Gewürzen duftete, fragte er die stumme Lena: »Ist dein -Herr daheim?« Da hörte er aus dem Oberstock den leisen Gesang einer -müden Greisenstimme. Es war nicht das erstemal, daß Pfarrer Ludwig -in Lewitters Haus diese alte, schwermütige, wunderlich verzierte -Tempelweise vernahm. Er hastete über die steile Treppe hinauf und -hämmerte mit dem Fingerknöchel gegen die Türe. »Simmi! Tu auf! Ich -bin's! Ein Mensch!« Eiserne Stangen klirrten, und zwei Schlüssel -drehten sich in den schweren Schlössern. Simeon Lewitter schlüpfte -durch einen schmalen Spalt und fragte tonlos: »Ist Gefahr?« Der Pfarrer -schüttelte den Kopf. »Die Leut von heut sind ungefährlicher als die -von gestern. In ihnen ist Freud und Hoffnung. Bloß die Regierung hat -Magenweh. Und ich bin gestern marod geworden. Der Bader hat seine Not -mit mir gehabt.« - -»Den Bader hast du holen lassen?« Simeons Augen wurden groß. »Warum -denn mich nit?« - -»Du bist der bessere Doktor. Aber der Bader schwefelt vor unserem -Justizkamel das glaubhaftere Zeugnis.« - -Erschrocken fragte Lewitter: »Wirst du's nötig haben?« - -Der Pfarrer lachte. »Wenn dem Willibald ein Tröpfl Verstand lebendig -wird in der Stöckelmilch! Wahrscheinlich ist's *nit*. Aber allweil noch -so möglich, wie daß der Gockel eine Henn wird, wenn man ihm freundlich -zuredet. Und da sollst du außer Spiel bleiben, Simmi! Aber weil mir der -Bader nit geholfen hat, drum bin ich in den Filzpatschen hergelaufen zu -dir. Und du hast mir ein feines Medikament verzapft. Gelt ja?« - -Ohne zu antworten, huschte Lewitter davon, brachte eine haselnußgroße -Pille und schob sie dem Pfarrer zwischen die Lippen. »Jetzt brauch ich -nit lügen.« - -»Und ich brauch nimmer im Bett liegen. Da ist uns beiden geholfen.« - -»Eine seltsame Krankheit! So glaubhaft --« Lewitters Stimme wurde leis, -»wie das Mirakel der Armeseelenkammer.« - -Schmunzelnd beugte sich der Pfarrer gegen das Gesicht des Freundes -hin. »Gott sei Dank, Simmi, daß *du* nit der Landrichter bist.« Ein -heiteres Lachen. In der Stille, die ihm folgte, klang der Hall des -tausendstimmigen Bekennerliedes wie das ferne Rauschen einer Mühle. -Herr Ludwig wurde ernst und fragte flüsternd: »Weißt du, was geschieht -da drunten?« - -Lewitter wehrte mit beiden Händen und schlüpfte in seine leere -Kinderstube. Drinnen klirrten die eisernen Stangen. Vor sich -hinnickend, stapfte der Pfarrer die Treppe hinunter. In das Gewühl der -Marktgasse wagte er sich nimmer. Hinter den Häusern watete er durch -die Traufenbäche und begann, bevor er seine Wohnung erreichte, heftig -zu niesen. Die Folgen seiner Verkühlung in den nassen Filzpantoffeln -entwickelten sich mit der Schnelligkeit eines fürstpröpstlichen -Läufers. Dem Jammer seiner Schwester konnte Pfarrer Ludwig das -tröstende Wort entgegenhalten: »Gott bleibt allweil barmherzig. Wie -nötiger ein Leiden ist, um so flinker schickt er's.« - -Brausend klang von den Stiftshöfen herauf das fromme Lied. »Tät die -Regierung nit sagen, das ist Rebellion, so möcht man glauben, das -ist schöner Gottesdienst.« Der Pfarrer ließ sich den Lehnstuhl ans -Fenster rücken. Hier saß er, in wollene Decken gewickelt, sich immer -schnäuzend, und blickte hinunter auf das Menschengewühl, das sich in -dem weiten Hof mit jeder Minute vergrößerte. - -Nicht nur Bauern und arme Handwerker standen da drunten, um auf die -Eintragung in die Ketzerliste zu warten, auch wohlhabende Bürger des -Marktes, die man noch nie als Unsichtbare verdächtigt hatte, zahlreiche -Salzknappen und viele Dienstleute des Stiftes. Die fassungslose -Regierung mußte die Wahrnehmung machen, daß sie seit Jahren von ->Abtrünnigen< umgeben war bis zu den vergoldeten Füßen ihres Thrönchens. - -Nichts von Aufruhr. Kein Schimpfen und Spektakulieren. Das Verhalten -der Bekenner war ruhig, war durchglänzt von einem freudigen Glück. In -dichten Gruppen standen sie beisammen, und immer wieder fing einer -zu singen an, und hundert und tausend fielen ein, daß ihr froher -Gesang wie das Osterlied einer Orgel war. »Christen? Ketzer?« Pfarrer -Ludwig sah zum Geheimfach seines Schreibtisches hinüber. »Hat der -Amsterdamer Singvogel recht, so sind es tausend Gotteskinder, näher dem -Himmel als der Welt. Weil sie vorwärts drängen und Wahrheit suchen.« -Sinnend betrachtete er die lange Menschenkette, die sich gegen das -Gerichtsgebäude hinüberschob. Bei aller friedsamen Bürgerruhe, die da -drunten herrschte, gab es doch auch erregte Szenen. Es kamen gutgläubig -gebliebene Frauen, verstört und weinend, um ihre evangelischen Männer -und Söhne zu reuevoller Umkehr zu beschwören. Es kamen zornige Männer, -die ihre >verführten< Weiber und Töchter herausreißen wollten aus -der Bekennerschar. Doch immer ruhiger wurden diese Wortkämpfe, je -deutlicher die Regierung eine Hilflosigkeit bekundete, von der man -Gefahren für Gut oder Leben nimmer zu besorgen brauchte. Wie man den -Leupolt Raurisser vom Holz der Unehr heruntergenommen hatte, ließ man -auch alle Verhafteten wieder frei. Die gesetzliche Macht beschränkte -sich darauf, zur Festlegung der Bekennernamen ein Tribunal zu -errichten, dessen Vorsitz der Kanzler von Grusdorf übernehmen sollte. -Leider mußte man auf seine Mitwirkung verzichten; er war von dem Besuch -bei seiner unpäßlichen Nichte Aurore de Neuenstein in einem Zustand -heimgekehrt, der einem Schlagfluß ähnelte. So mußte den Vorsitz des -Tribunals der aus dem Schlaf gerüttelte _Dr._ Halbundhalb übernehmen. -Als er in gespensterhafter Blässe zur dienstlichen Mißhandlung der -Wahrheit antrat, richtete Herr Anton Cajetan diese Rede an ihn: -»Willibald! Daß du ein Esel bist, hab ich immer gewußt. Aber so -deutlich wie in diesen Tagen hast du es noch nie bewiesen. Ich möchte -weinen über die Arbeit, die du fabriziert hast. Daß du die Ehrlichen -als Verbrecher erkennst und die Lumpen für Apostel der Wahrheit nimmst, -das ist noch lange nicht die übelste von deinen Schädigungen des -Staates. Du wirkst wie ein Fäulniskeim. In allen Redlichen erschütterst -du den Glauben an die Gerechtigkeit, und den geheiligten Richterstand -machst du verächtlich vor allen Subjekten. _Mais, que Dieu nous soit en -aide_, die böse Stunde läßt dich unentbehrlich erscheinen -- ich habe -kein Rechtskamel, das kleiner ist. Setze dich hinauf, laß die andern -amten, suche würdevoll auszusehen und halte das Maul! Besser kannst -du mir nicht dienen.« Als Beisitzer gab ihm Herr Anton Cajetan vier -Kapitelherren, die beiden Chorkapläne und fünf Domizellaren. Graf Tige -war nicht aufzufinden. - -Die Moidi von Unterstein, die man zuerst verhaftet hatte, wurde -auch zuerst verhört. Als Graf Saur die Frage an sie richtete: »Was -glaubst du?«, öffnete sie das Mieder, zeigte die schwärenden Male der -Faustschläge und sagte: »Ich glaub, daß es Gottes Willen nit ist, ein -Menschenkind so zuzurichten.« Die Herren waren ein bißchen betreten, -und der Richter mit den verriegelten Zähnen klappte wie eine Eule -die Augendeckel zu, weil der unsittliche Anblick seinen Prinzipien -zuwiderlief. Dabei ließ er sich zu zwei verbotenen Worten hinreißen: -»Du Schwein!« In Zorn antwortete das Mädel: »Auf den Hintern haben mich -die Soldaten Gottes nit gehauen. Sonst hätt ich Euch *den* gezeigt. Und -mir hätt's weniger weh getan.« Graf Saur beruhigte die Empörte. Dann -wurde sie drei Stunden lang über alle Glaubenssätze vernommen. - -Als Zweiten wollte man den Fürsager von Unterstein citieren. -Da polterte ein Ungerufener in die Amtsstube: der Mälzmeister -Raurisser. Er hatte die von seiner Frau versperrte Haustür in Fetzen -geschlagen, um sich als evangelisch zu bekennen. Unter allem, was er -zähneknirschend vor sich hinbiß, hatten nur die Worte Verstand, die -er über die >unchristliche Peinigung< seines Sohnes sagte; doch sein -Glaubensbekenntnis war so verworren, daß man mit Sicherheit nicht -unterscheiden konnte, ob der alte Raurisser schon evangelisch oder -noch gutkatholisch wäre. Dieses Dilemma wurde von Graf Saur durch die -salomonischen Worte entschieden: »Mein lieber Mälzmeister! Geh er -wieder heim, glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin -eine so bekömmliche Biersorte wie bisher.« - -Nun wurde der Alte von Unterstein vorgerufen. Sein Verhör entwickelte -sich für die beiden Chorkapläne zu einem erbitterten Wortgefecht. -Der Greis in seiner unerschütterlichen Ruhe, in seiner graden und -schlichten Einfalt, blieb ihnen keine Antwort schuldig und übertraf -an Bibelfestigkeit die zwei Theologen bei weitem. Sie hätten seine -Nierenprüfung ausgedehnt bis in die Nacht, wenn Graf Saur nicht -festgestellt hätte, daß mit drei Verhören fünf kostbare Stunden -vertrödelt wurden. »Protokollieren wir so weiter, dann müssen wir ein -halbes Jahr lang durch Tag und Nacht verhören und sind im Herbst, -wenn schon die Hirsche röhren, noch immer nicht fertig.« Es war -dringend notwendig, die Tribunalpraxis in ein summarisches Verfahren -zu verwandeln. Es wurden sechs Tische aufgestellt. An jedem zwei -Schreiber. Und nun wanderten die endlosen Reihen der Bekenner an den -sich immer länger füllenden Listen vorüber. Man schrieb nur Namen, -Alter, Lehen und Gnotschaft auf. Dann weiter um eine Nummer. Erst gegen -die zweite Morgenstunde wurden die Stiftshöfe leer. Und als man an den -Tischen des Ketzertribunals summierte, ergab sich die erschreckende -Ziffer 2714. - -Schon früh am Morgen begann die Zuwanderung der Bekenner aufs neue. -Am Abend standen 4372 Namen verzeichnet. In der Dämmerung des dritten -Abends waren es 5816, und als in den Nachmittagsstunden des folgenden -Mittwochs der Strom der Subjekte, die sich als evangelisch bekannten, -endlich versiegte, konnte die Regierung ihre Hände über der Ziffer 6394 -zusammenschlagen. Mehr als zwei Drittel der gesamten Einwohnerzahl des -gefürsteten Landes von Berchtesgaden! Herr Anton Cajetan stand ratlos -und erschüttert vor dieser ungeahnten Katastrophe. Er hatte schlaflose -Nächte, Herr von Grusdorf entsetzliche Tage. Der Kanzler fühlte die -Last der Verantwortung, wagte sich nimmer ins Stift und maskierte -seine chronische Absenz durch einen schweren Anfall von Podagra. Auch -jeden Besuch bei der Allergnädigsten unterließ er. Wurde ihr Name vor -ihm genannt, so bekam er einen Gallenkrampf. - -An Jesunder waren Zeichen einer Melancholie zu entdecken, die in -Geistesstörung überzugehen drohte. Er zankte sich ununterbrochen mit -seiner verehrten Frau Mutter, versagte bei jedem Bekehrungsversuch -und konnte durch Tag und Finsternis an nichts anderes denken, als nur -an das ungelöste Rätsel der Armeseelenkammer. Immer hängte sich sein -ganzes Sinnen und Grübeln an diesen *einen* Verdacht: der Pfarrer -Ludwig! Um dem Chorkaplan diese aberwitzige Vorstellung aus dem Gehirn -herauszubeweisen, verschwendete _Dr._ Willibald alle Schärfe seines -Geistes. Zu Dutzendmalen sagte er: »Aber Bester! Endlich *muß* man sich -doch von einer notorischen Wahrheit überzeugen lassen!« Im Bewußtsein, -etwas justiziarisch Zweckloses zu unternehmen, nur, um den gequälten -Jesunder von dieser Wahnvorstellung abzubringen, überraschte er den -Pfarrer durch einen inquisitorischen Besuch. Der Verdächtige war jetzt -wirklich krank, litt an einem Schnupfen von gewalttätigen Symptomen. -Weil die Sache unbestreitbar war, begann der Landrichter an ihr zu -zweifeln und sagte zu Jesunder: »Nun erkenne ich, daß Ihr nicht völlig -unrecht habt.« Er mußte die infizierte Nase putzen. »Der Pfarrer -simuliert.« - -Während solche Gedankenblitze unter den gepuderten Roßhaarwickeln -des Landrichters wetterleuchteten, ging ein hoffnungsvolles Aufatmen -durch das Berchtesgadnische Land. In allen Häusern und Hütten der -Bekenner war's wie ein stiller, schöner Ostermorgen der Wahrheit. Die -Freude glänzte in den Augen der Evangelischen. Doch nirgends hörte man -lauten Jubel, nie ein übermütiges Wort. Diese Sechstausend schienen -wie erneut in ihrem Leben, wie erhoben und geläutert an allen Kräften -ihres Herzens. Am Tage gingen sie fleißig ihrer Arbeit nach. Am Abend -versammelten sie sich zur Fürsage und hörten das Wort Gottes. Und im -ganzen Ländl erwies es sich, daß es für die Bekenner verschiedenen -Glaubens kein Ding der Unmöglichkeit ist, verträglich Seite an Seite -zu leben. In den Gutgläubigen, die treu an ihrem alten Himmel hingen, -zitterte wohl der Schreck und die Trauer. Auch der Zorn. Aber in diesem -gesunden, prächtigen Volksschlag gab es viele Verständige, die sich -gut darauf verstanden, den Nebenmenschen nicht nach der Kittelfarbe -einzuschätzen, sondern nach Herz und Leben. Auch waren die Unterschiede -in den Glaubenssätzen nicht so beträchtlich, daß ein nachbarliches -Brückenschlagen nicht möglich gewesen wäre für Menschen, die sich nicht -leiten ließen von blindem Haß. Es standen auf katholischer Seite viele -Männer und Frauen, die wesensverwandt mit dem Pfarrer Ludwig und der -tapferen Frau Agnes waren, jeden aufbrennenden Hader besänftigten und -immer sagten: »Ist unser Erlöser nit der gleiche? Sind wir nit geboren -auf gleichem Boden? Sind wir nit deutsche Leut, die zusammengehören in -Freud und Pein?« - -Auch in den Häusern, in denen ein >tiefer Graben< ausgeschaufelt -war zwischen Mann und Weib, zwischen Eltern und Kindern, begann es -friedsamer zu werden, seit man nimmer zu besorgen hatte, daß man -auseinandergerissen würde. Zwei Drittel der Einwohner eines Landes -kann man nicht um Dach und Heimat bringen und über die Grenze jagen. -Die Herren müssen zur Einsicht kommen, sie haben schon den Anfang -gemacht, haben den Leupolt nach der vierten Stund am roten Balken -begnadigt, haben keinen Bekenner ins Eisen geschmissen, werden sich -verständigen mit den Evangelischen, wie's der Westfälische Frieden -allen Deutschen vermeint hat, und müssen den Leuten ein ruhsames -Nebeneinanderhausen vergönnen. Not und Elend ist aus dem Ländl -hinausgeblasen, alles Böse wird linder sein, und die >gute Zeit< wird -kommen, auf die man in Schmerzen gewartet hat seit hundert Jahren und -länger. Wie eine feste, heiße und schöne Freude war dieser Glaube in -allen. - -Der Fürsager von Unterstein schickte an die verschwundene, drüben im -Bayerischen versteckte Hasenknopfin die Botschaft: »Komm wieder heim -mit deinem Mädel! Im Ländl ist lieber Gottfrieden.« Die Hasenknopfin -konnte ihr Mißtrauen nicht überwinden, wollte die Heimkehr ihres Mannes -aus dem Preußischen außerhalb der Grenze abwarten, blieb unsichtbar für -die Berchtesgadnische Regierung und fühlte sich wohl auf bayerischem -Boden. - -Sie war eine weise Frau. - - - - -Kapitel XVI - - -In der Nacht vom Donnerstag auf den Freitag schlug das Wetter um. Früh -am Morgen fing es zu schneien an, still, ohne das leiseste Windwehen. -Senkrecht fielen die großen Flocken aus der Luft herunter. - -Im schwarzwollenen Hauskittel stand Pfarrer Ludwig am Fenster. Er -hatte eine rotverschwollene Nase zwischen entzündeten Augen und mußte -noch manchmal niesen. Im Widerspruch zu diesem Leiden war seine Laune -überraschend heiter und wurde noch immer fröhlicher, je dichter -da draußen die Flocken fielen. »Nur schön herunter mit dem weißen -Leintüchl! Dann such, du justiziarisches Dromedar!« - -Sehr heftig rasselte die Hausglocke. Schwester Franziska, mit -erweiterten Angstaugen, trat in die Stube: »Der Hochwürdige soll -hinüberkommen zum Fürsten.« - -Pfarrer Ludwig schrie mit seiner vom Schnupfen noch heiseren Stimme: -»Die hohen Stiefel! Flink!« Als er allein war, runzelte er die Stirne -wie unter angestrengter Gedankenarbeit. Er sprang zum Kasten, zerrte -einen Mantel heraus, der farbig und gebändert war wie weltliche -Herrentracht, ballte ihn zu einem Knäuel zusammen und schob ihn hastig -ins Ofenloch. Das gab ein hurtiges Feuer. »Es stinkt ein bißl, aber -hilfreich ist es.« Pfarrer Ludwig lachte. »Der Schlüssel im tiefsten -Brunnen! Der Totengräbermantel in der schönsten Glut!« Nun flink -hinüber zum Schreibtisch. Er ließ das Geheimfach aufspringen, zerriß -drei lateinisch beschriebene Blätter in kleine Stücke und beförderte -sie ebenfalls in die Flamme. »Früher hat man die Klugen selber -verbronnen, jetzt röstet man nur noch ihren Verstand. Allweil duldsamer -wird die Menschheit.« Aus einer Lade nahm er zehn Guldenstücke und -zwanzig Sechser, legte die Münzen schön geordnet in das Geheimfach, -ließ die Feder wieder zuschnappen, zog in der Stube alle Schlüssel ab -und schob sie in die Tasche. Als ihm die Schwester die Stiefel brachte, -fuhr er mit den Füßen hurtig in die Schäfte. »Nach Rosenwasser riechen -sie nit. Der Gnädigste wird das Näsl verziehen.« Er nahm den Radmantel -um und stülpte schmunzelnd die schwarze Pelzkappe übers weiße Haar. -»So, Schwester, tu mir das Haus schön hüten! Und kriegst du Besuch, so -unterhalt dich gut!« - -Bevor er hinaustrat in den jungen Schnee, spähte er nach den Fenstern -des Chorkaplans Jesunder und konnte gewahren, wie Frau Apollonia -zurückfuhr von ihrem Lauerposten. »So so?« Er schlug den Radmantel -um die Schultern, wanderte gegen das Stift, blieb wieder stehen und -blickte heiter dem flinken Menschenkind entgegen, das herankam durch -den Vorhang der weißen Himmelsfäden. Flaumig hing der Schnee am -Federtuff des spanischen Hütls. Schultern und Ärmel des grünen Mantels -waren versilbert. Kein Gebetbuch, kein Rosenkranz. Zwischen den Händen, -die aus den Mantelsäumen herauslugten, zitterte ein braunes Tiegelchen, -das mit einem Schweinsblasenfleck überbunden war. »Guten Morgen, Kind! -Wohin denn im tiefen Winter?« - -»Zur Mutter Agnes.« - -Der Hochwürdige schien zu erschrecken. »Ich kann doch nit denken, daß -dein besonnener Vater dich schickt?« - -»Ich geh von selber.« Sie atmete schwer. »Die Mutter Agnes ist eine -Gutgläubige.« - -»Freilich! Aber in ihrem Haus, da liegt doch einer, der zur bösen Lawin -der Siebenthalbtausend den ersten Schneeballen hat laufen lassen?« - -»Wie alles ist, weiß bloß ein Einziger.« Sie hob das vergrämte Gesicht -zur weißverschleierten Höhe. - -»Kind? Warum hast du Tränen in den Augen?« - -»Weil ich allweil denken muß --« - -»An den Leupi und seine Schmerzen?« - -Sie schüttelte den Kopf. »An den Kummer Gottes.« - -»Freilich!« Der Pfarrer nickte. »Gott muß sorgenvolle Zeiten haben. -Erschafft einen prächtigen Buben, hat seine Freud an ihm, und jetzt -liegt er in Blut und Schwären.« Er legte die Hand auf ihren Arm. »Ich -hätt dir den heutigen Weg gern ausgeredet. Aber ich merk, du tust dich -da nimmer halten lassen. Was christliche Barmherzigkeit ist, versteh -ich doch auch. Jeder gütige Menschenweg bleibt allweil ein Sträßl -Gottes. Und was ich dir neulich gesagt hab über deinen Vater? Also? -*Ist* er jetzt einer von den Siebenthalbtausend?« - -»Wär's gekommen, wie ich geforchten hab, ich hätt's nit überlebt.« In -ihren großen nassen Augen erwachte ein froher Glanz, als wäre das die -einzige Freude dieser harten Zeit: »Jetzt glaub ich, daß der Vater -glaubt.« - -»Siehst du! Hat man nit grad vier überflüssige Buchstaben im Hirn, so -kommt man schließlich im Leben hinter jede Wahrheit. Geh mit Gott, -mein Luisichen!« Lächelnd segelte der Hochwürdige in den langen -Schmierstiefeln über die weiße Welt, aufmerksam begleitet vom -Späherblick der Mutter Apollonia. Frau Jesunder leistete dabei eine -zwecklose Arbeit. Daß Pfarrer Ludwig zum Fürsten berufen war, das wußte -sie schon, wußte sogar noch mehr, hätte aber auch gerne gewußt, welche -Richtung das grüne Mäntelchen einschlug. Doch bis die neugierige Mutter -Apollonia in ihrer Behausung zu einem winzigen Hinterfenster sprang, -durch das sie die Welt nur in notwendigen Ausnahmefällen zu betrachten -pflegte, war Luisa nimmer zu entdecken. - -Sie hatte bereits das Mälzmeisterlehen betreten. Zitternd stand sie da -im Flur und betrachtete ratlos die drei geschlossenen Türen. Ach, wie -viel Herzklopfen verursachen die Wege der christlichen Barmherzigkeit! - -In dem kleinen Flur war nichts Katholisches, nichts Evangelisches zu -gewahren. Ein bißchen roch es nach Seife und lauem Wasserdampf. Doch -mehr nach Frühling. Hopfenproben und geröstete Gerste duften kräftiger -als manche Blumen. - -Von den drei Türen war es die nach der Gartenseite, zu der man das -größte Vertrauen haben konnte. Die Küchentür. Als Luisa sie öffnete, -sah sie zwei Wasserbottiche mit blutfleckiger Bettwäsche und sah eine -schlafende Frau. Wahrhaftig, man konnte glauben, daß Mutter Agnes -schlief. So unbeweglich saß sie auf dem spreizbeinigen Bänkl über das -Gesims des Gartenfensters hingesunken, vor dem der Fall der Schneefäden -herunterging, und hielt das Gesicht in den Armen vergraben. Über den -entblößten Scheitel rieselte ein schauerndes Zucken. Frau Agnes hörte -nicht, daß jemand gekommen war. Erst diese lispelnde Stimme weckte sie: -»Liebe Meisterin --« Da fuhr sie auf, als sähe sie ein Wunder. »Kindl? -Du?« Luisa nickte: »Schau, da hab ich ein wehstillendes Sälbl gekocht -und hab's in lindem Feuer viermal geläutert. Gestern, wie noch heller -Himmel gewesen, hab ich es klären können in der Sonn. Und heißer hab -ich gebetet dabei, als je im Leben.« In den zitternden Händen hielt sie -ihr das braune, mit Schweinsblase verschlossene Tiegelchen hin. »Magst -du es haben?« Mutter Agnes versuchte zu lächeln, blieb stumm und beugte -den Kopf. »Jesus!« stammelte Luisa. Erst jetzt gewahrte sie dieses -Erschreckende. Die Mälzmeisterin, deren Scheitel am Sonntag vor dem -Holz der Unehr noch blond gewesen, war in fünf Nächten grau geworden. - -In der stillen Küche knisterte das Herdfeuer, und das siedende Wasser -brodelte. Das war wie eine verträumte Stimme, die gerne singen möchte, -aber nur die Weise findet und kein Wort dazu. - -Frau Agnes erhob sich und legte den Arm um Luisas Schultern. »Komm!« -Sie führte das Mädchen in den Flur und vor eine Tür, die sie öffnete. -»Da, schau!« Es war seine Kammer. An einem Zapfenbrette hingen allerlei -Jagdgeräte, die Schneereifen und Steigeisen, der Bergsack, die -stählernen Schlagfallen für den Fuchsfang, die neue Feuersteinflinte -und eine Armbrust aus Urgroßvaters Zeiten. Eine schmale weiße Stube, -ohne Ofen, mit spärlichem Gerät, so alt, wie die Armbrust war. An -der Mauer ein kleines Kruzifix. In der Ecke, dem tief in der Mauer -sitzenden Fenster gegenüber, stand das plumpe Bett, mit einer grauen -Wildschur und mit Kissen, von denen der Überzug heruntergenommen war. - -Luisa entfärbte sich. - -»Schau, da hat er noch gestern gelegen, so klaglos und gottsfreudig -wie einer von den Heiligen, die sie gemartert haben.« Frau Agnes -streichelte ein Kissen, das feuchte Flecken hatte. »In der Nacht ist -der Wildmeister gekommen, mit zwei Jägerknechten. Die haben ihn im -blutigen Verband auf ein Rößl gehoben und haben ihn fortgeführt, ich -weiß nit, wohin.« - -Wie eine Erlöste atmete Luisa auf. - -Da sah die Mälzmeisterin sie an. »Ach, Kindl, wie tust du zittern! -Komm, setz dich ein bißl daher!« Sie zog die Widerstrebende auf das -leere Bett ihres Sohnes. »Mein Alter meint, die Herren hätten den Buben -bloß fortgeschafft, daß er den Leuten aus den Augen wär. Krieg ich -Botschaft, wo er ist, so schick ich ihm gleich dein Tiegerl, gelt!« Sie -konnte lächeln. »Ob's heilsam ist oder nit, es wird ihm wohltun. Darf -ich es ihm sagen?« - -»Was, Meisterin?« - -»Daß es von dir ist.« - -Sie nickte. - -»Und daß du ihm gut bist?« - -»Ja, Mutter!« - -»Und daß ihr zwei, wenn die verständigen Zeiten wieder einkehren --« - -Luisa bekam das strenge Klostergesicht. »Das nit! Eine Hoffnung tät -Sünd werden. Er ist drüben, ich bin, wo ich sein muß. Da ist kein Weg -nimmer.« - -»Eins von euch beiden muß doch fügsam werden. Wie soll's denn enden?« - -Ein Lächeln. »Mit einem einsamen Tod.« - -Das ging der Mälzmeisterin gegen die gesunde Natur. »Ach geh, du -Schäfle! Tät ich vom Sterben reden, so hätt's Verstand. Bei dir ist's -Narretei. Das mach ich dir nit zum Fürwurf. Ist doch die halbe Welt -verdreht!« Der Zorn war in dieser ausgeglichenen Frau eine seltene -Sache. Jetzt wurde er wach. »Tät unser Herrgott doch endlich einmal -einen Stecken nehmen und die ganze hirnkranke Menschheit so lang -karbatschen, bis sie alle betteln: Hör auf, wir wollen verstandsam -bleiben!« Sie wurde ruhiger und klagte: »Er tut's halt nit. Der muß -einen Geduldfaden haben, daß man ihn auf der Weltkugel nit aufknäulen -könnt in hunderttausend Jahr. Freilich, unser Herrgott hat Zeit zum -warten. Wir Menschen nit. Komm, Kindl! Wir wollen ein Wörtl reden mit -ihm. Eine schmerzhafte Mutter und von allen Jüngferlen das frömmste. Da -*muß* er doch hören! Meinst du nit auch?« - -»Ja, Mutter Agnes!« - -»Aber das Tiegerl mußt du auslassen. Schau nur, was du für glühheiße -Händlen hast! Was Heilsams muß allweil kühl haben.« Sie stellte den -kleinen braunen Tiegel an das Fenster, dessen Scheiben mit Schnee -behangen waren. »So, Kindl!« - -Nun knieten die beiden vor dem Kruzifix auf die frischgescheuerten -Dielen nieder und falteten die Hände. Aus aller Frömmigkeit ihres -Herzens sprach Mutter Agnes den >Notschrei der wahren Christen im -tiefsten Elend<. Und Luisa, mit einer von Süßigkeit durchfieberten -Inbrunst, betete die Worte: »Hilf uns, o Herr! Hilf uns, Du Gütiger und -Gerechter, Du Allbarmherziger! Hilf uns, Du ewiger Vater!« Das hatte -sie schon hundertmal gebetet, mit einer Seele, die nur glauben konnte, -nicht denken. Jetzt zum erstenmal zuckte ihr durch die Verzückung des -Gebets ein menschlicher Gedanke: »Christen sind sie doch auch! Die von -da drüben! Sie glauben an Gott und Erlöser. Da sind sie doch keine -Heiden nit!« Sie mußte zittern, beschuldigte sich einer schweren Sünde -und empfand doch eine Freude, die den Klang ihrer betenden Worte noch -heißer und inniger machte. -- - --- Um die gleiche Stunde betete auch ein anderer, nur in taumelnder -Seele, mit stummen Lippen, die sich so matt bewegten wie der Mund eines -Verschmachtenden. Sein Gesicht glühte, seine Augen waren geschlossen, -sein Körper wurde geschüttelt vom Wundfieber. Im Hallturmer Jägerhaus, -das nur einen Büchsenschuß von der bayerischen Grenze entfernt stand -- -in einem Bodenraum, über dem die Lücken des Schindeldaches verkrustet -waren mit angewehten Schneeklumpen -- lag er ausgestreckt auf dem -Heu, in seinem Bergjägerkleid, mit nackten Füßen. Rotgesprenkelte -Wundverbände umwanden die Fußknöchel, die Handgelenke und den Hals. - -Nun zuckten seine Glieder. Der wachsende Schmerz hatte ihn aus dem -Fiebertaumel gerüttelt. Halb sich aufrichtend, ließ er die heißen Augen -hingleiten über die niedere Balkenwand und über die Schneekrusten, die -zwischen den Schindeln hingen. Undeutlich hörte er aus dem Unterstock -des Hauses eine fluchende Stimme heraufklingen. Und sein Blick fragte: -Wo bin ich? Er schloß die Augen wieder. »Herr, wenn ich Dich nur hab ---« Die Worte des Gebetes flüsternd, fiel er zurück aufs Heu. Sein -zerrissenes Erinnern mischte sich mit jagenden Fieberbildern. Er hörte -die Mutter reden, sah ein Gewoge von Köpfen und Schultern, fühlte den -schmerzenden Druck der Eisenbänder, die zu glühen schienen, vernahm -das schöne Brausen des evangelischen Bekennerliedes, sah zwei Augen, -die er mehr als sein Leben liebte, spürte einen Becher an den Lippen -und hörte eine zärtliche Stimme: »Komm, tu trinken.« Er lächelte, und -mit diesem Lächeln schlief er ein. - -Es knarrte auf der hölzernen Treppe. Aus dem offenen Stiegenloch -tauchte ein geselchtes Mannsbild heraus, lang und dürr, mit einem -weißen Schnauzer in dem mageren, wettergebräunten Gesicht, mit -wasserblauen, mißmutigen Augen. Das war der fürstpröpstliche Grenzjäger -Matthias Schneck. Der staatsmännische Auftrag, den ihm der Wildmeister -hinterlassen hatte, war ihm ungemütlich. »Kreuzteufel und Elend!« -knirschte er vor sich hin, während er aufmerksam den Schlafenden im -Heu betrachtete. Ein guter und fester Jäger war der Leupolt, von der -ganzen Berchtesgadnischen Jägerei der beste, freilich, aber halt -auch ein Ketzer, ein ewig verfluchter! So was hat ein guter Katholik -wie der Hiesel Schneck nicht gern unter Dach. »Teufel, Teufel, eine -abgestochene Sau wär mir lieber im Haus.« Nach diesem Weisheitsspruche -zog der Alte den Schnauzer zurück, tappte über die steile Stiegenleiter -in die Herdstube hinunter, zog über seinem Kopf die Bodenklappe zu und -schimpfte: »Kreuzteufel und narrischer Himmelhund! Allweil und allweil -schlaft er!« - -»So?« erwiderte ein kleines, abgearbeitetes Weibl mit versunkenen -Kinderaugen in einem weißen Runzelgesicht. Weil sie das kurze, nur -wenig über die Knie reichende Röckl trug, sah sie noch kleiner aus, -als sie war, und glich einem braunen Borkenstöpsel, der auf zwei -weißbeinernen Stricknadeln steht. Auch schien es ihr an häuslichem -Verstand zu mangeln. Sie kochte was in einer kleinen Pfanne, für die -ein winziges Feuer ausgereicht hätte; aber auf dem Herdstein rauschte -eine große Flamme, von der eine sengende Hitze ausging. Und noch immer -legte das Weibl einen Ast um den anderen dazu. Und sagte: »Du! Schneck! -Wann's dir nit recht ist, daß er schlaft, so hättst ihn ja wecken -können.« - -»Wecken? Wecken?« Ganz rasend wurde der Hiesel. »Du Gans ohne Federn! -So was tut man doch nit.« - -Das Weibl schmunzelte. »Warum denn nit?« - -»Höll, Himmel und Haberstroh! Hast nit ein *bißl* Verstand unter dem -Hafendeckel? Ein einzigsmal seit der Ewigkeit hat unser grundgütiger -Herrgott ein boshaftes Stündl verspürt, und da hat er ihm so ein -Weiberleut ausstudiert! Kreuz Teufel, enk sollt man hauen den ganzen -Tag. Der hat vierundzwanzig Stündlen. Wann sie nit reichen, könnt man -die Nacht noch hernehmen dazu! Verstehst?« - -»Ja ja, Schneck, versteh schon!« - -»Also, in Gotts Namen!« Er setzte sich auf die Mauerbank und begann -für einen Schneemarsch die Filzgamaschen um die Waden zu schnüren. -So oft der Riemen nicht in die Haftel schlüpfen wollte, gab's einen -fürchterlichen Fluch. Das Fluchen ist ein verhölltes Ding, und wo -sich der Teufel rührt, wird's finster. Wohl möglich, daß die alten -Balkenmauern in den fünfunddreißig Jahren, seit der Schneck und die -Schneckin zwischen ihnen hausten, vom vielen Fluchen des Hiesel so -schwarz wurden. Augenblicklich waren diese teufelsfarbenen Wände auch -noch angeglüht von der großen Flamme. Alles in der Stube funkelte, -der ganze Herd mit der Rauchmuschel darüber, in der anderen Ecke das -zweischläfrige Bett mit den hochgetürmten Kissen, in der dritten -Ecke der Tisch, in der vierten der alte Geschirrkasten und die -Geweihstangen, die als Kleiderrechen an die Balken genagelt waren. Kaum -merkte man inmitten dieser Funkelglut, daß es draußen Tag war. Auch -sonst hatte die Stube noch was Höllisches. Neben der Tür, die ins Freie -führte, ging ein niederes Türchen in den Geißstall. Da trug man an den -Sohlen immer was über die Schwelle. Drum roch es beim Hiesel Schneck --- außer nach Ruß, nach Rauchtabak und geschmierten Bergschuhen -- -auch sehr heftig nach Ziegenpillen und Bockmist. Dennoch merkte man es -der Stube an, daß sie behütet wurde von zwei fleißigen Frauenhänden. -Gegen den Stallgeruch konnte die Schneckin nicht aufkommen, weil sie -sich seit dreißig Jahren an ihn gewöhnt hatte und nur selten merkte, -daß er da war. Die Ziegen hatten alle paar Jährchen gewechselt, der -Geruch war der gleiche geblieben. Auch der Hiesel Schneck. Der hatte -schon vor fünfunddreißig Jahren, in der ersten Woche nach der Hochzeit -so lästerlich geflucht. Das war der jungen Schneckin hart auf die -Seele gefallen. Und eines Tages hatte sie gebettelt: »Tu dich doch -nit allweil so versündigen, Mann!« Da hatte er in Zorn gebrüllt: -»Kreuzteufel, Himmelhund und Höllement! Wer sagt denn, daß ich mich -versündig? Wie denn? Wann denn? Wo denn?« Seit damals wußte die -Schneckin, daß das Sakermentieren am Hiesel nur eine Haut war, wie am -Fichtenbaum die Borke. Die ist rauh, das Holz ist gut. So gewöhnte sich -die Schneckin an die höllmentischen Borsten ihres Schneck, wie sie -sich um der guten Geißmilch willen an die Düfte des Bockmistes gewöhnen -mußte. Länger als ein Vierteljahrhundert hatte sie der Schneckischen -Flüche nimmer geachtet. Erst im vergangenen Herbste hatte sie wieder -Ohren dafür bekommen. Das ließ sie den Hiesel aus triftigen Gründen -nicht merken. - -Als er die Filzgamaschen prall an seine Waden hingeflucht hatte, -nahm er Branntwein und Ziegenkäs in den Bergsack, hängte die -Feuersteinflinte hinter die Schultern, warf den Wettermantel drüber und -sagte leis: »Paß auf, Schneckin! Das Süppl, Kreuzteufel, das muß er -haben! Aber ordentlich versalzen mußt du's. Verstehst?« - -»Wohl, Schneck, versteh schon. Ich salz, daß der Bub verdursten muß -über Nacht.« - -»Höllement und Himmelhund, verstehst du denn nit, du Schaf ohne Woll! -Nit gar so fest! Bloß daß er merkt, wie gut er's überall haben könnt, -viel besser als wie bei uns. Verstehst?« - -»Ja ja, Schneck, gut versteh ich.« - -»Daß er frieren muß da droben, wie die Feldmaus an Weihnächten, das -wird mithelfen. Und du mußt ihm halt allweil fürreden, daß er keine -hundert Sprüng nit braucht bis zur bayrischen Grenz. Verstehst?« - -»Ja, Schneck, versteh schon. Allweil stell ich mich ans Bodenfenster -und sag: ja guck nur, guck, wie gut man von da den Grenzbaum sieht!« - -»No also! Endlich verstehst ein bißl! Und wirst wohl wissen, -wie's der Wildmeister haben will. Kein Wörtl von der luthrischen -Narretei. Tu fürsichtig das Maul halten! Wir zwei sind gute Christen. -Kreuzhöllement! Unser Herrgott ist unser Brot. Verstehst? Wie flinker -er nüberspringt ins Bayrische, um so lieber ist es den Herren. -Verstehst?« - -»Wohl, Schneck, versteh schon! Wenn's nächtet, ist der Bub nimmer -droben am Heuboden.« - -»Gott soll's geben!« Der Hiesel ging zur Türe. »Gelobt sei Jesus -Christus und die heilige Mutter Marie.« - -Ruhig sagte das kleine Weibl am Herd: »Von nun an bis in Ewigkeit -Amen!« Und legte drei schwere Holzprügel in die große, rauschende -Flamme. - -»Höll, Himmelhund und narrische Fasnacht, was tust du denn so unsinnig -feuern, Weib?« - -»Daß ich nit frieren muß.« Dabei rannen der Schneckin die Schweißperlen -über das von der Hitze halb gebratene Gesicht. »Verstehst?« Nein, -das verstand der Hiesel nicht. Er fing über die Dummheit der Weiber -wie ein Wilder zu fluchen an und schlug die Türe hinter sich zu. Man -hörte noch immer seine wütenden Himmelhunde bellen, als seine Schritte -schon versunken waren im tiefgewordenen Schnee. Kaum er draußen war, -sprang die Schneckin zur Treppe hinüber und lupfte die Bodenklappe, daß -die Wärme hinaufströmen konnte. Und wieder zum Herd, und wieder ein -paar feste Prügel ins Feuer. Sie kostete, was sie gekocht hatte, und -weil die Milchsuppe ein bißchen nach dem Geißstall bitterte, rührte -die Schneckin ein Löffelchen Honig hinein. Daß einer im Wundfieber -nichts Heißes trinken soll, das wußte sie auch. Drum sprang sie in den -weißen Flockenfall hinaus, um das Blechschüsselchen mit der dampfenden -Suppe im Schnee zu kühlen. Wieder kostete sie und nickte zufrieden. -In der Art, wie die Schneckin das alles tat, war etwas Mutterhaftes. -Sieben Kinder hatte sie ihrem Höllementshiesel geboren, alle in -dieser schwarzen Stube, und keines hatte sie behalten. Drei waren -an den Blattern gestorben, die zwei ältesten Buben dienten bei der -Schellenberger Saline, der dritte war Soldat bei der Reichsarmee, und -das jüngste von ihren Kindern, ihr liebes Mädel, hatte im vergangenen -Sommer einen Halleiner Knappen geheiratet. Bei der Schneckin waren nur -der Hiesel, seine Himmelhunde und der Bockmist geblieben. - -Achtsam trug sie das kühle Schüsselchen über die steile Treppe hinauf, -huschelte sich neben dem Schlafenden ins Heu, betrachtete sein -glühendes Gesicht und streichelte den Wundverband an seinem Handgelenk. -Dann saß sie unbeweglich, bis der Schlummernde zu erwachen schien. Sie -schob ihm sacht die Hand unter den Nacken. Als er die Augen öffnete, -hob sie das Schüsselchen und sagte freundlich: »So komm, tu trinken!« - -Mit einem erstickten Laut riß Leupolt den Kopf in die Höhe, sah -verstört in die Augen der alten Frau, schob die Schüssel von sich fort -und fiel zurück. - -»Bub? Tust du mir leicht nit trauen?« - -Leupolt schwieg. - -Da neigte die Schneckin den Mund zu seinem Ohr. »Es ist ein heilig -Ding, ist deins und meins. Komm, lieber Bruder in Christ, tu trinken!« - -Noch während sie sprach, umklammerte er mit zuckenden Händen ihren Arm -und fragte: »Bist du am Sonntag auf dem Markt gewesen?« - -»Wohl, Bub, da hab ich dich leiden sehen.« - -»Hast du gesehen, daß eine mich trinken hat lassen aus ihrem Becher?« - -»Ja, Bub!« - -»So hab ich es nit geträumt?« Aufatmend nahm er das Schüsselchen -aus ihren Händen, trank mit gierigen Zügen und sagte lächelnd: -»Vergeltsgott, gute Schwester!« Er schloß die Augen, noch immer -lächelnd. Nach einer Weile fragte er leis: »Wer bist du?« - -»Die Schneckin, Bub! Kennst du mich nit?« - -»Das Weib des Jägers an der Grenz? Und bist du am Sonntag auch den Weg -der Wahrheit gegangen?« Die Frau blieb stumm und verfärbte sich ein -bißchen. Leupolt öffnete die Augen. »Warum nit, Schwester?« - -Ruhig sagte sie: »Den Schneck tät's umbringen.« - -Er nickte. »Jeder, wie er meint, daß es recht ist.« Seine Brauen zogen -sich zusammen. »Drunten in der Herdstub hab ich einen schelten hören. -Ist das der Schneck gewesen?« - -»Wohl, Bub! So tut er allweil.« - -»Weil du evangelisch bist?« - -Sie schüttelte den Kopf. »Das weiß er nit.« - -»Kann's ein Mannsbild geben, das nit Augen hat für die Seel in seinem -Weib?« - -Ein bißchen lächelte sie. »So ist der Schneck. Tät die Himmelsglock -herunterfallen auf die Welt, da müßt ich dem Meinigen sagen: Du, -Schneck, paß auf! Sonst merkt er es nit.« Sie sah, daß Leupolt die -Zähne übereinanderbiß. Erschrocken fragte sie: »Hast du Schmerzen?« - -»Nit arg.« - -»Ich will dich pflegen. Drunten in der Herdstub hätt ich's leichter. -Meinst du, daß du hinunterkommst?« - -Mit ihrer Hilfe hob er sich aus dem Heu. Die Füße trugen ihn nicht. -»Mußt mich halt noch ein Stündl liegen lassen. Dein guter Trunk wird -helfen, daß ich zu Kräften komm.« Er hielt mit seinen glühenden Fingern -die Hand der Schneckin umspannt. »Weiß meine Mutter, wo man mich -hingeführt hat?« - -»Bub, da bin ich überfragt.« - -»Magst du ihr Botschaft geben?« - -Das hatte der Wildmeister über Auftrag der Regierung streng verboten. -»Ja, Bub,« sagte die Schneckin, »das wird sich schon machen lassen. Ich -hab am Ellbogen ein Überbein und red dem Meinigen ein, daß es blutet. -Verstehst, ein Überbein blutet doch nie. Und da lauft der Meinige -gleich zum Jud um ein Pflaster. So ein Jud ist allweil schlau. Und -lügen kann er halt nit, der Schneck, verstehst? Da redet er allweil so -dumm daher, daß man alles merkt. Und der Jud wird's dem Pfarrer sagen, -und der Pfarrer tragt's deiner Mutter zu. Ja, Bub, die Wahrheit geht -allweil den kürzesten Weg.« - -»So ist alles gut.« - -Schweigend lag er und atmete ruhig, bis der Fieberschlaf ihn wieder -befiel. - -Unter dem verschneiten Dache war es warm geworden. Zwischen den -Schindeln begannen die Schneeklumpen zu schmelzen, und die Tropfen -fielen so reichlich von den Balken, wie sie im tauenden Frühling von -den Bäumen fallen. - - - - -Kapitel XVII - - -Pfarrer Ludwig trat in das Fürstenzimmer, aus dem die verschnörkelte -Pariserei allen deutschen Hausrat verdrängt hatte. - -Herr Anton Cajetan, in einem Hofkleid aus schwarzem Atlas, unter -frischgepudertem Lockenbau, schlürfte seine Morgenschokolade. Er -hatte unausgeschlafene Augen. Spinettspiel und Cyperwein hatten -sich wirkungsloser erwiesen als sonst. Zehntausend Untertanen und -siebentausend Abtrünnige! Und die innersten Regierungsstätten ein -Tummelplatz erschreckender Mirakel -- die gereizten Seelenzustände der -schönen Freundin _en titre_ noch gar nicht in Rechnung gezogen -- wie -soll man da schlafen können als Fürst? Mit einem Augenwink schickte -Herr Anton Cajetan den Lakai aus dem Zimmer und trat erregt auf den -Pfarrer zu. »Was sagst du zu dieser konsternierenden Sache! Fast -siebentausend!« Da sah er die verschwollene Nase des Pfarrers und wich -zurück. »Es scheint, daß du *wirklich* katarrhalisch bist?« - -»Haben Euer Liebden daran gezweifelt? Aber es wird schon besser. Und im -Abflauen ist eine Krankheit nimmer ansteckend.« - -»Immerhin wollen wir vorsichtig sein und den Tisch _entre nous_ -postieren. Nimm Platz -- da drüben!« Forschend betrachtete Herr Anton -Cajetan den Greis. »Ich will deine Meinung hören. Man muß zu einer -Dezision kommen, was man tun soll. Der Salzburger Hof, an den ich einen -Kurier detaschiert habe, schweigt sich aus. Und die Gehirne meiner -eigenen Kanzleikamele befinden sich in einer desolaten Konstitution.« - -»Wenn man nur merkt, wie man dran ist mit ihnen. Da schadet's minder.« - -»Weißt du mir einen Rat?« - -Dem Pfarrer stieg das Blut ins Gesicht. Er hatte sich nichts Gutes von -dieser Stunde erwartet. Nun fühlte er ihre Verantwortung. War es nicht -denkbar, daß diese Stunde auch Segen bringen konnte? »Einen Rat?« Er -atmete tief und nickte. »Es geht da um unser Ländl und Volk. Kann sein, -um *mehr*! Um ein notwendiges Ding im Reich --« - -»Was, Reich!« lehnte Anton Cajetan verdrießlich ab. »Laß -Nebensächliches _à part_! Was soll ich tun in dieser desperaten -Fatalität?« Der Fürst tauchte ein Biskuit in die Schokolade. - -Pfarrer Ludwig zog die Brauen zusammen. »Man kann von zehntausend -Untertanen nit siebentausend über die Grenz jagen. An verläßlichen -Stiftsleuten bringen Euer Liebden kein halbes Hundert nimmer auf. -Fünfzig wider siebentausend, das ist so siegreich wie ein Frosch wider -einen Ochsen.« Zur Bekräftigung dieser Wahrheit mußte der Pfarrer -niesen. - -Anton Cajetan streckte mißmutig die Hand. »Rück weiter vom Tische!« -Seufzend schob er das lindgeweichte Biskuit an seinen Bestimmungsort. -»Du meinst also?« - -»Daß Euer Gnaden sich mit den Siebentausend in Güt verständigen müssen.« - -»Ganz meine Meinung.« - -»Ja, Herr?« fuhr es dem Pfarrer mit freudigem Laut heraus. - -»Wie denkst du dir die Bekehrungsmethode?« - -»Bekehrung?« Dem Enttäuschten wurden die Augen groß. »Freilich, wenn es -an den Brotkorb geht, werden viele umfallen. Alle Schwachmütigen. Zu -Eurem Nutzen wär es, Euch die Tüchtigen zu erhalten. Oder Euer Ländl -wird blutarm werden wie ein junges Weib, dem der Mann genommen ist.« - -»Ludwig, du bist opulent an unpriesterlichen Bildern. Oder --« Anton -Cajetan richtete einen mißtrauischen Blick auf den Pfarrer. »Bist du -vielleicht deines eigenen Glaubens nicht mehr sicher?« - -»Doch, Herr!« Die große Warze des Pfarrers zuckte ein bißchen. »Aber -ich spür, daß viele von diesen Abtrünnigen die besseren Menschen sind, -als manche von den Treugebliebenen.« - -Zornig fuhr der Fürst vom Sessel auf und bespritzte die schimmernde -Hose mit Schokolade. Auf das weiße Fenster zutretend, tupfte er mit dem -Spitzentuch die Flecken vom schwarzen Atlas. Dann lachte er kurz und -murrte: »Die besseren Menschen! Diese Treulosen an ihrem Fürsten und -Gott!« - -»Alles Neue faßt am tiefsten die Menschen an, in deren Seelen der -fruchtbarste Boden ist. Was blüht in einer sehnsüchtigen Seel, erhebt -den Menschen, macht ihn stärker und schöner in allen Kräften, zündet in -seinem Blut und Herzen ein lauteres Feuer an. Und *das* sind die Leut, -die Ihr nit verjagen dürft. Bekehren? Nein, Herr! Und hält man sie nit -zurück, so wird das Land seine fleißigsten Händ verlieren.« - -Etwas ruhiger geworden, kehrte Anton Cajetan zum Tisch zurück und -setzte sich wieder zu seiner Schokolade. »Man darf doch diese -üblen Dinge nicht laufen lassen, wie sie laufen? Wenn sich auch ein -hilfreicher Weg im Augenblick nicht präsentiert, so hat man als Fürst -doch seine Verpflichtungen. Wer Herr heißt, trägt das Schwert nicht -umsonst. Man muß die Rädelsführer zu fassen suchen, muß aus dem Weg -räumen, was der Ordnung _contre coeur_ ist. Ein Fürst, der es -unterließe, wäre ein Erwürger seiner eigenen Herrschaft.« - -Der Pfarrer bekam eine rote Stirn. »So sprachen wohl auch die römischen -Cäsaren, als sie das Christentum zu verfolgen begannen. Haben sie es -ausgerottet?« - -Anton Cajetan verlor seine gebesserte Laune wieder. »Christentum und -evangelische Narretei sind verschiedene Dinge.« - -»Für Euch als Priester. Nit für Euch als Fürst. Ist das deutsche Blut -im Schwedenkrieg umsonst geflossen? Sind die Protestanten nach den -Satzungen des Westfälischen Friedens nit privilegiert im ganzen Reich?« - -Der Fürstpropst, vom Sessel aufspringend, vergaß seiner Würde so weit, -daß er mit der Faust wie ein Bauer losdrosch auf die Tischplatte. -»Diese siebentausend Rebellen meines Landes *sind* keine Protestanten. -Das sind hirnverdrehte Schwarmgeister, die ihren Wahn herausspinnen aus -besoffenen Gehirnen. Diese verrückten Kujons haben doch niemals noch -einen Prediger ihres Glaubens gehört.« - -»Vielleicht ist eben deswegen ihr Glauben so fest!« - -»Oh? Pamphletierst du gegen den eigenen Stand?« - -»Das nit! Ich glaub, daß für die Menschen nichts nötiger ist als eine -hilfreiche Seelenweisung. Aber es kann die Schwachgewordenen nit arg -im Glauben festen, wenn neben dem Priester allweil der Muckenfüßl mit -seinem gefährlichen Notizbuch steht: Brauchst du das Weihwasser und den -Rosenkranz? Glaubst du ans Fegfeuer? Und wenn du nit glauben magst, so -mußt du zahlen!« - -Der Fürstpropst wurde nachdenklich. - -Das sah der Pfarrer und sagte mit herzlicher Mahnung: »Ihr spürt es -doch in Euch selber, daß da endlich ein Wandel kommen muß. Lieber Herr! -Schauet das Leben doch an! Sonst überall ist Wahl und Freiheit. Was tät -man sagen, wenn der Muckenfüßl austrommeln wollt: >Subjekt, du darfst -nur den schwarzen Rettich essen, nit den weißen!< Oft vertragt einer -halt den schwarzen nit, weil er so raß ist.« - -Empört fuhr Anton Cajetan auf: »Vergleichst du die Religion mit einem -Rettichschwanz?« - -»Ach, Herr, so ein kleines, unverdauliche Schwänzl hat *jedes* Ding auf -der Welt.« - -»Das sind Parabeln, auf die ich mich nicht einlassen kann.« Heißer -Unmut begann im Fürsten zu wühlen. »Das Volk ist undankbar. Es sollte -kapieren, daß es heute besser dran ist, als in vergangenen Zeiten.« - -»Besser?« Der Blick des Pfarrers war wie ein Rückschauen in grauenvolle -Bilder. »Wahr ist's, der Henker hat ein bißl weniger Arbeit heut, als -vor hundert Jahren. Da hat man dem deutschen Land durch Ketzerbrennen, -Ersäufen und Köpfen eine schauderhafte Zahl von rechtschaffenen Leuten -entzogen. Und hat für die Kirch nichts anderes zustand gebracht als -üblen Geruch.« - -»Sie hat ihren Schaden observiert und hat es abgestellt.« - -»Um ihre widerspenstigen Kinder leben zu lassen und sie lieber so lang -zu peinigen, bis sie die Rute küssen.« - -Der Fürst machte echauffiert einen Gang durch das Zimmer und sagte -gereizt: »Rom könnte nicht mehr bleiben, was es ist, wenn es aufhören -wollte, die Widersacher zu bestrafen. In solchen Dingen muß man -konsequent sein.« - -»Was hat's geholfen, Herr? Aus lauter römischer Konsequenz ist das -halbe deutsche Reich schon lutherisch. Und haben die justiziarischen -Seifenschläger bei uns nit ausposaunt: das Land ist rein, und wollt -man suchen mit des Diogenes Latern, es wär kein Evangelischer nimmer -zu finden. Und jetzt? Siebentausend bei uns! Und in Salzburg waren es -über die Dreißigtausend! Gefahr und Ketten, Not und Armut haben die -Salzburger lieber ertragen wollen, als untreu werden ihrem Seelentrost. -Man hat die Weiber aus den Armen der Männer gerissen, Tausende von -Kindern hat man ihnen weggenommen --« - -»Ludwig?« unterbrach Herr Anton Cajetan. »Hast du geheime Verbindung -mit Salzburg? Da müßte ich deiner Neugier einen Riegel vorschieben.« - -»Mich wird er nit drucken, Herr!« Der Pfarrer zog den Atem rückwärts, -um nicht niesen zu müssen. »Drucken und einengen wird er nur Euch. -Verschließt alle Grenzen mit eisernen Mauern und tausend Musketieren --- die Botschaft, die Euer Völkl hören *will*, wird allweil einen -Weg zu seinem Herzen finden.« Er streckte die Hände. In seiner -Erregung fiel es ihm nicht auf, wie schnell der Allergnädigste vor -der Infektionsgefahr retirierte. »Herr! Ich bitt Euch, laßt Euch -raten von mir! Rühren Euch die Kanzleischöpse einen bösen Brei in den -fürstlichen Topf, so seid doch Ihr es, der ihn austunken muß. Was in -den Siebentausend zu heißem Leben geboren ist, das macht der Muckenfüßl -nimmer zum Kadaver. Das ist in ihnen wie gesundes Frühlingsholz. -Versenkt es in Eurem Königssee bis auf den Grund, beschwert es mit -Steinen, laßt eine Eisdeck drüberwachsen! Das Eis wird springen, die -Felsbrocken werden zerfallen, und das gute Holz steigt wieder in die -Höh. Es wird aus der schmerzhaften Tief heraufbrausen mit einem Stoß -und Auftrieb -- -- das könnt Euch umschmeißen, Herr!« - -Der Fürst war bleich geworden, ging hastig zur Tür und schrie in den -Flur hinaus: »Ist dieser gottverlassene Filou noch immer nicht zurück?« -Man hörte die verneinende Antwort eines Lakaien. - -Stumm betrachtete Pfarrer Ludwig den Fürsten, jäh herausgerissen aus -aller keimenden Hoffnung. Der Ausdruck schweren Kummers sprach aus -seinem verschwollenen Gesicht, aus den vom Schnupfen tränenden Augen. - -Anton Cajetan hatte die Türe krachend ins Schloß geworfen, wanderte -hilflos durch die prunkvolle Stube und sagte ein paarmal flink -hintereinander: »Das muß man überlegen! Das muß man sich doch -überlegen!« - -»Ja, Herr! Ein füreiliger Entschluß könnt Euch ein böses Sträßl in die -Zukunft bauen.« Die Stimme des Pfarrers klang so hart, daß der Fürst -verwundert aufsah. Ganz still war's einen Augenblick in dem großen -Raum. »Zu End müssen wir das allweil reden, Herr! Ich tu's und wenn's -um den Hals geht.« - -»Eine anrüchige Einleitung! Was willst du sagen?« - -»Ich mein', es handelt sich da nit *nur* um Gott und Himmel. Es kommt -mir so für, als tät hinter dem unverträglichen Eigensinn, mit dem die -Katholiken und Evangelischen gegeneinander hadern, noch was anderes -stecken. Römisch? Evangelisch? Das liegt doch nit so weit überzwerch, -daß man sich unter deutschen Nachbarsleuten nit verstehen könnt.« - -Verdrossen murrte der Fürst: »Gott muß sich schön was denken, wenn er -dich als katholischen Priester so räsonnieren hört!« - -»Da glaub ich erstens, daß Gott was Gescheiteres zu tun hat, als auf -mich aufzupassen. Und zweitens mein' ich, daß es ihm gleich ist, ob -die Menschen von rechts oder von links zu ihm kommen. Wenn sie nur -nit ausbleiben. Und schauet, Herr, zwischen einem Katholiken, wenn es -kein schlechter, und einem Evangelischen, wenn es ein rechter ist, wär -allweil ein ruhvolles Nebeneinanderleben möglich. Nit zwischen den -Hetzern und Streithammeln. Da ist Krieg, bis ihnen die bösen Kräft -entrinnen. Ich will hoffen auf den Sieg des Guten. Hoffnung muß das -ewige Laster aller Menschheit bleiben. Und da glaub ich, Herr, daß -der Hader um die Religion in Deutschland nur halb herausgewachsen ist -aus dem Kirchboden. Das geht noch auf was anderes zurück, als auf die -sprenkligen Glaubensfarben und auf das dreißigjährige Morden im Reich. -Das Ding ist älter. Der Gegensatz im Glauben hat's nur erneut und -aufgeblasen zu gefährlicher Unform.« - -»Ich verstehe nicht. Was meinst du damit?« - -»Den bockbeinigen Eigensinn und die händelsüchtige Rechthaberei der -Deutschen! Der tiefe Graben, der überall aufgerissen ist zwischen -allen deutschen Stämmen, will ein Sumpfloch werden, in dem das Beste -der deutschen Kraft versinkt. Sonst ist die unglückselige Torheit nur -daheimgewesen in den Herbergen und Studentenbursen, auf den Märkten -und Kirchweihen. Jetzt hängen sich die landsmännischen Galläpfel an -alles Große und Wichtige im Reich. Ein verzweifeltes Elend! Überall die -gleiche Narretei und Unvernunft: daß man den anderen, weil er anders -redet, in anderem Hut oder Kittel geht, allweil minder einwertet als -sich selber.« - -Ungeduldig sagte Herr Anton Cajetan: »Das war so, seit es Deutsche -gibt. Und es wird so bleiben.« - -»Dann werden die Deutschen dran zu Grund gehen.« - -»Ach, Torheit! Und hat es sich seit zwei Jahrhunderten immer mehr -verschärft -- wer ist der Schuldige?« - -Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's, er hat uns Römischen eine bittere -Mahlzeit eingebrockt. Aber wer weiß, ob das Ding mit ihm so weit -gegangen wär, wenn man auf unserer Seit ein bißl einsichtsvoller hätt -sein können, ein bißl menschlicher und -- weniger konsequent.« - -»Ludwig?« fiel Herr Anton Cajetan dem Pfarrer zornig in die Rede. -»Willst du nicht lieber gleich hinübergehen zur Ketzerliste und dich -inskribieren?« - -Der Pfarrer lächelte. »Ich? Nein, Herr! Ich mein' nur, eine Sonn, die -sticht, bleibt allweil auch eine Sonn, die geleuchtet hat.« Etwas -Heißes und Bestürmendes kam in den Klang seiner Worte, obwohl sie -leiser wurden. »Herr? Habt Ihr nie seine Bibel gelesen? Nur um der -Sprach willen? Als deutsches Buch?« - -Anton Cajetan machte mit den Schultern eine graziöse Bewegung. -»Deutsch!« - -»Ein kurzes Wörtl! Aber die kürzesten, Herr, sind allweil die tiefsten --- wie Gott und Herz, wie Glück und Not.« Noch leiser wurde die von -Erregung bebende Stimme des Pfarrers. »Herr! Des Luthers Bibel, und -wär's nur um ihrer kraftvollen und neugeborenen Sprach willen, ist -ein Gesundbrunnen, eine heimatliche Erweckung für uns Deutsche. Wie -der Heiland gesprochen hat zur Tochter des Jairus, so spricht jedes -Blatt dieses Buches zum deutschen Volk: Steh auf und rede! Und *das*, -Herr, *das* vor allem ist der geheimnisvolle Zauber, den dieses -Buch auf unsere deutschen Bürger und Bauern übt! Da verstehen sie, -wenn sie lesen. Und spüren, daß sie dem vaterländischen Boden noch -nit entwachsen, noch nit pariserisch oder spanisch geworden sind, -sondern allweil noch mit Blut und Herz an der Heimat hängen.« Die -hagere Gestalt des Greises streckte sich, und in seinem Blick war -ein Hoffnungsglanz, wie in den Augen eines Jünglings, der von den -Heiligkeiten seiner Liebe spricht. »Besinnen sich die Herren ihrer -Pflicht und Herkunft nit, ihres nötigen Rückwegs in die Heimat, so wird -das deutsche Bürgertum und das Volk der deutschen Bauern dem kranken -Reich einen Weg zu gesundem Heil und zu neuer Zukunft bauen -- auch -*ohne* die Herren!« Pfarrer Ludwig vermochte nicht weiter zu sprechen, -weil er heftig niesen mußte, so unerwartet, daß er sich nimmer völlig -beiseite wenden konnte. - -Der Fürstpropst war in aufmerksamer Spannung nähergetreten. Jetzt wich -er fluchtartig zurück, brachte sein Spitzentüchelchen und das goldene -Riechsalzfläschl in flinke Tätigkeit und klagte erbittert: »_Eh bien_, -nun hast du mir auch noch mitten in die Physiognomie hineingenossen.« - -Der Pfarrer tat einen schweren Atemzug. »Das ist traurig, Herr: denken -müssen, daß ich Euch vielleicht beredet hätt zu einem verständigen -Entschluß -- wenn ich nit katarrhalisch wär. Ja, ja: die kleinen -Ursächlen und die betrübsamen Wirkungen!« Er versuchte sich seiner -Erregung durch ein heiteres Wort zu entwinden. »Vielleicht wär auch die -Welt nit erschaffen worden, wenn sich der liebe Gott vor dem ersten -Schöpfungstag im kühlen Chaos ein Tropfnäsl geholt hätt.« - -»_Mon cher!_ Du beginnst impertinent zu werden. Es war nicht nur -gesundheitsgefährlich, heute mit dir zu konferieren, ich muß auch -die Wahrnehmung machen, daß ich mich gründlich in dir getäuscht -habe. Inkommodiere mich nicht mehr mit deinem Volk! Wo tauber Same -in morastigem Acker fault, da siehst du Frühlingssaat. Dein Volk ist -widerspenstig und voll Eigennutz. Dein Volk ist dumm. Dein Volk ist -schlecht.« - -Das Gesicht des Pfarrers bekam so grimmige Züge, daß es mit seinen -häßlichen Warzen dem Antlitz eines mehr als verdächtigen Menschen -glich. »Nein, Herr! Das Volk ist weder gut noch bös, ist weder weiß -noch schwarz. Das Volk ist grau, wie sein Elend ist. So hat man das -Volk mit Seelenzwang, mit Jammer und Not gefärbt. Und nit zu verkennen -ist das, Euer Liebden, daß in geistlichen Fürstentümern das Volk weit -elender ist, als unter weltlichen Herren. Die geistlichen Fürsten -sagen: Selig sind die Armen, denn ihrer ist das Himmelreich. Und weil -sie als Priester wollen müssen, daß jeder selig wird, drum sorgen sie -als Fürsten dafür, daß jedermann arm ist.« - -In Zorn machte Herr Anton Cajetan eine Bewegung, als möchte er auf den -Pfarrer zuschreiten. Doch er hielt sich ferne. »Mein langer Ludovice! -Du bist entweder ein großer Mensch, oder ein ganz erstaunlicher Narr.« - -»Wofür entscheiden sich Euer Liebden?« - -»Für das letztere.« - -»Da werde ich mit dem Ratschlag, den ich noch geben muß, kaum Glück -haben. Aber geben muß ich ihn. Und daß ich vom fürstlichen Priester hab -reden müssen, ist schon eine Staffel gewesen. Den Entschluß, den die -Not Eures Lands und die Sorg um das Reich von Euch fordern, könnt Ihr -niemals finden als Priester. *Nur* als Fürst. In Euch selber könnt Ihr -Euch nit auseinander schneiden. So müßt Ihr den Schnitt zwischen Euch -und Eurem Ländl machen.« - -»Oh?« Herr Anton Cajetan schien sich sehr zu amüsieren. »Abdanken, -meinst du?« - -»Wär nit genug.« - -»Wie anspruchsvoll!« - -Je mehr im Fürsten die Heiterkeit erwachte, um so ernster wurde der -Pfarrer. »Schauet das Reich doch an! Wie ist da alles zerstückelt -und zerrissen! Festen Halt hat nur das groß und stark aneinander -Geschmiedete. Es gibt Stimmen, die sagen, es wär die einzige Genesung -der Deutschen: *ein* Volk, *ein* Reich, *ein* Herr! So sag ich nit. Die -Stammverschiedenheit ist wie gute Hefengärung im schweren deutschen -Teig. Nur fest aneinanderschlingen müßt man sich. Und müßt das wüst -ins Unkraut schießende Spötteln, das sinnlose, hochmütige, blitzdumme -Aufmucken unterlassen, bei denen im Süden wider die im Norden, bei den -Schwaben gegen die Sachsen, bei denen im Norden wider die im Süden. -Ist denn das um Herrgottswillen so ein schweres Kunststück, von einem -Bruder zu sagen: So ist er, und wie er ist, so müssen wir ihn nehmen -und nutzen!« - -»Laß das!« unterbrach der Fürst. »Was geht das *mich* an! Ich bin -kuriös auf dein Rezept.« - -»Wollt Ihr handeln als deutscher Fürst, so müßt Ihr aus der Landsnot, -die Euch bedrückt, einen Nutzen heraushämmern für das Reich. Müßt -helfen dazu, ein Fürbild der Verträglichkeit zu geben. Müßt helfen -dazu, daß ein gewichtiger Teil im Reich noch standhafter ins Wachsen -kommt.« - -»Ich verstehe deine sibyllinische Weisheit nicht.« Der sarkastische -Ton verriet, daß Herr Anton Cajetan doch schon ein bißchen was zu -ahnen begann. Es gewitterte sehr merklich in seinen schwarzgefärbten -Augenbrauen. - -»Beugt sich in Euch der Fürst vor dem Priester, so macht Ihr unser -Völkl elend, und Euer Land verblutet. Stellt Ihr den Fürsten *über* den -Priester, laßt Ihr Euch das Landwohl nit verpanschen von der berühmten -Konsequenz und macht Ihr Frieden mit den Siebentausend, so fallt Ihr in -Streit und Hader mit allen Hitzköpfen unseres geweihten Standes. Herr! -Da gibt's nur einen einzigen Ausweg.« - -Die bleichen Lippen des Fürsten wurden schmal. »Und welchen?« - -»Erlöst Euch selber und Euer Land aus allem Zwist, stärket durch Euer -Bröckl Fürstenherrlichkeit ein gesundes Land im Reich und bindet den -Berchtesgadnischen Sehnsuchtswinkel an das feste Bayern. Da seid Ihr -als Fürst, wie als Priester, ledig aller Not und habt den Ärger und die -giftigen Schulden los. Der neue Landsherr wird mit reichen Mitteln den -stockenden Blutsaft unseres Völkls wieder in Gang bringen und wird sich -als weltlicher Fürst mit den Siebentausend so leicht verständigen, wie -es für Euch als fürstlichen Priester unmöglich ist.« - -Anton Cajetan legte die Hände hinter den Rücken. »Du? Bist du ein -bezahlter Emissär des bayrischen Churfürsten?« - -»Herr!« Es dauerte eine Weile, ehe der Pfarrer weitersprach. »Das muß -ich heiter nehmen. Wär' es ernst, so müßt ich mit Kummer fragen: Was -ist siebzigjährige Treu eines Untertan gegen sein Land und seinen -Fürsten? Und die Antwort tät lauten: Eine schauderhafte Dummheit!« - -Es war dem Fürsten anzumerken, daß Zorn und Verstand, Stolz und -Hilflosigkeit einen harten Kampf in ihm ausfochten. Er begann -französisch zu sprechen und kehrte wieder zu seinem ungeliebten Deutsch -zurück: »Mag sein, daß ich mich im Wort vergriffen habe. Aber ich -kapiere noch immer nicht, wie du dich einer solchen Kühnheit vermessen -kannst.« - -»Kühnheit? Das ist nur ein schmerzhaftes Rechenexempel. Handel und -Steuern gehen rückwärts, die Schuldzinsen fressen bei Butz und -Stingel auf, was eingeht, und das Borgen wird allweil hoffnungsloser. -Lang wird's ohnehin nimmer dauern mit der Stiftsherrlichkeit zu -Berchtesgaden. Und Eure Landsnot mit entschlossenem Mut verwandeln -in einen deutschen Hilfswillen? Herr? Wär das nit schöner als der -fürstpröpstliche Bankerott und das Elend der Siebentausend, die heut -noch an Seelenfreiheit und Erlösung glauben?« - -Ratlos faßte Herr Anton Cajetan seine gepuderten Locken zwischen die -schönberingten Hände. »Wenn's nicht so wahr wäre! Zum Verzweifeln ist -das!« Er fiel auf einen Sessel und sagte kleinlaut: »Du meinst also?« - -Im Pfarrer schien eine neue Hoffnung zu erwachen. Doch beim ersten -Schritt, den er machte, um seinem verzagten Fürsten näher zu sein, -wehrte Anton Cajetan erschrocken: »Nein! Bleibe, wo du stehst! Ich -fühle bereits, daß ich niesen muß.« Ein paar französische Jammersätze. -Dann ein deutscher Ausbruch seines verstörten Zornes. »Glaubst du denn, -man legt einen Fürstenhut ab, wie man eine Perücke zum Frisieren gibt? -Und die vielen, die da in Mitleidenschaft geraten!« Anton Cajetan -sprach im Plural, obwohl er nur an ein Persönchen im Singular dachte. -»Aber ich muß gestehen, die Dinge liegen so desperat -- ich werde nicht -umhin können, meiner fürstlichen Seele diese schwere Dezision --« Das -Zeitwort blieb ungesprochen. Lauschend hatte der Fürst die weißen -Locken erhoben. Bevor er den Sessel noch verlassen konnte, kam der -Lakai mit einem gesiegelten Schreiben auf silbernem Teller. »_Ah, ah, -bienvenu, mon cher!_« Halb noch zitternd, halb schon wieder lächelnd, -brach der Fürst mit ungeduldigen Fingern das große rote Siegel auf, -schickte gnädig den Lakai aus dem Zimmer und begann zu lesen. Je -mehr sein blasses Antlitz während des Lesens sich aufheiterte, um so -bleicher wurde der Pfarrer. Als er sah, wie fröhlich der Fürst das -Schreiben in seinem Frack verwahrte, sagte er ruhig: »Ich schätz die -Salzburger Hilf auf fünf-, sechshundert Musketier und ein Dutzend -Kapuziner. Hätten Euer Liebden Geld oder einen deutschen Rat verlangt, -so wär die Antwort magerer ausgefallen.« - -Mit halbem Lachen fragte der Fürst: »Hast du mir, während ich las, über -die Schulter geguckt?« - -»Nein, Herr! Ich hab mein katarrhalisches Bannfleckl nit verlassen. Aber -die Gradschauenden kommen allweil in den Verdacht, daß sie um die Mauer -blinzeln.« - -»Du solltest dich hüten, irgendwie in Verdacht zu geraten. Da wär es -möglich, daß du mißliebige Experienzen machen mußt.« - -»Soll's kommen, wie's mag, ich kann noch allweil von Glück sagen. Wär -ich vor hundert Jahren geboren worden, mit meinen zwei grauslichen -Warzen im Gesicht, so hätt' ich als Teufelsbündler auf den -Scheiterhaufen müssen.« Ein versunkenes Lachen. »Es ist unverkennbar, -Zeit und Menschen gehen nach aufwärts.« - -Herr Anton Cajetan wurde überaus liebenswürdig. »Mein guter Pfarrer! Du -hast die Warzen nicht nur im Gesicht, auch im Gehirn und an der Seele. -Das kann lebensgefährlich werden.« - -»Vielleicht! Aber schauet, Herr, ich bin von den Glücklichen einer, -denen nichts mehr geschehen kann. Mein Gott ist mein Gott. Jeder Tag -bringt mich vorwärts auf dem Weg zu ihm.« - -Der Fürst lachte munter. »So muß ich dich, wenn du strafbar werden -solltest, zu einem langen Leben verdammen.« Ein Handwink, und Pfarrer -Ludwig war entlassen. Schon stand er bei der Tür. Da klang es hinter -ihm mit spöttischem Laut: »_À propos, mon cher!_ Ich höre, man -beschuldigt dich einer üblen Sache.« - -»Soooo?« Der Pfarrer schmunzelte. »Vielleicht einer Menschlichkeit? Die -wär von allen Zeitverbrechen das größte.« - -Anton Cajetan schien sich zu ärgern. »Man hat dich in Verdacht, daß -*du* der Wundertäter warst, der das Mirakel in der Armeseelenkammer -wirkte und die schwarzweiße Gefahr verschwinden ließ in die ewige Ruhe?« - -Behaglich wiegte Pfarrer Ludwig den grauen Kopf. »Schau! Was für ein -netter Einfall! Hätt ich ihn gehabt, ich tät mich um seinetwegen nit -schämen.« - -Ein paar heftige Schritte des Fürsten. Und ein Ton wie aus Wolkenhöhe. -»Ludwig? Lügst du?« - -»Mein gütiger Herr!« antwortete der Greis mit Seelenruhe. »Die -redlichsten Wahrheiten schauen allweil einer Lug so zum Verwechseln -ähnlich, wie ein Rattenschweif dem Schnauzer des Muckenfüßl.« - -Der Fürst verhehlte seinen Mißmut nimmer. »Weil du so gern diesen -diensteifrigen Mann citierst, wirst du vielleicht Gelegenheit finden, -dich eingehend mit ihm zu okkupieren.« Noch über die Schulter die -strenge Mahnung: »Daß es Dienstgeheimnisse gibt, das weißt du.« Herr -Anton Cajetan verzog das Gesicht, als ob er niesen müßte, und zerrte -das Riechfläschl aus der Atlasweste. - -Das konnte der Pfarrer noch sehen. Halb belustigt, halb mit dem Groll -seines wühlenden Kummers, murrte er in Gedanken vor sich hin: »Meinen -Schnupfen *hat* er! Jetzt kriegt ihn die allergnädigste Aurore de -Neuenstein. Und der vergönn ich ihn.« Er grüßte freundlich die Lakaien -im Korridor. Als er durch den reichlich fallenden Schnee hinüberschritt -zu seinem Hause, war er nicht ärmer um eine Hoffnung. Die Stunde mit -dem Fürsten war so gewesen, wie er befürchtet hatte, daß sie sein -würde. Und war für Augenblicke ein irrender Hoffnungsgedanke in ihm -erwacht, so war's geschehen wider Verstand und besseres Wissen. »Er -ist, wie er ist. So bleibt er bis zu seiner letzten Schlittenfahrt, und -so muß man ihn nehmen. Nur daß er mich *jetzt* grad rufen hat lassen --- das vergrämt mich ein bißl.« Bei diesem Gedanken spähte er zu den -Fenstern des Chorkaplans Jesunder hinüber. Frau Apollonia, obwohl keine -Evangelische, war unsichtbar. »Da haben sie also nichts gefunden. -Sonst tät sie vergnügt aus dem Fenster grinsen.« Nein, es war für den -emeritierten Stiftspfarrer Ludwig *keine* Überraschung, als er seine -Haustür eingedrückt, alle Schränke und den Schreibtisch erbrochen fand. -Von dem Silbergeld im aufgemeißelten Geheimfach fehlte kein Sechser. -Unleugbar, die Polizei war ehrlich. - -Eine Überraschung war der Besuch des Feldwebels Muckenfüßl und der -Soldaten Gottes nur für die Schwester Franziska gewesen. Eine ganz -fürchterliche. Sie weinte, daß es zum Herzzerbrechen war. Der Pfarrer -legte ihr zärtlich den Arm um die Schultern und schrie ihr ins Ohr. -»Geh, sei gescheit und trink ein Schnäpsle! Das richtet dich wieder -auf.« - -Es blieb unentschieden, ob sie das verstanden hatte. Unter Tränen sah -sie den Bruder an und klagte: »Ach, Gott, wie *viel* haben sie gefragt! -Aber weißt du, ich hab allweil falsch gehört.« - -»Ja ja, Schwester! Wenn der Mensch nur immer weiß, wie er seine -mangelhaften Instrumente gebrauchen muß.« Der Pfarrer nahm den -Radmantel ab, zog die Schmierstiefel aus und begann in der übel -zugerichteten Stube wieder Ordnung zu machen. - - - - -Kapitel XVIII - - -Die folgenden Tage waren im Lande Berchtesgaden reich an -Überraschungen. Nachdem es einen Tag und eine Nacht lang tüchtig -geschneit hatte, kam blauer Himmel mit klarer Sonne. Die Welt sah -aus, wie neu vom lieben Herrgott versilbert. Und am Samstag, in -den Morgenstunden, wurde zu Berchtesgaden ausgetrommelt, daß der -allergnädigste Herr Fürst, um wieder einmal inmitten seiner getreuen -Landskinder zu weilen, für den folgenden Sonntag im Schützenhaus ein -fröhliches Fastnachtsschießen angeordnet hätte, mit vielen Preisen -und Aufmunterungen für die besten Schützen des Landes. Nicht nur die -Mitglieder der hochehrenwerten Schützengesellschaft vom heiligen Martin -wären eingeladen, sondern alle Mannsleute, so eine Schußwaffe besäßen. -Die Austrommlung endete mit dem munteren Vers: - - »Wie mehrer die Gäst, - So schöner das Fest, - So froher der Fürst, - 's gibt Freibier und Würst!« - -Unter den vielen, die das zu Berchtesgaden austrommeln hörten, befand -sich auch der Hiesel Schneck, der bei dem Juden ein Pflaster für das -Überbein seiner Schneckin hatte holen müssen. Das Schützenfest schien -ihm keine Freude zu bereiten. Die unzählbaren Himmelhunde, die er -hinaufknurren ließ zur Sonne, bewiesen, daß der Hiesel Schneck in übler -Laune war. Ihn quälte der Ärger darüber, daß so ein Jud wieder einmal -schlauer gewesen war, als der redlichste von allen Christen. Hiesel -hatte geschwiegen wie ein luthrisches Grab, auf dem kein Hügel und -kein Kreuzl ist. Dennoch hatte Lewitter plötzlich ganz genau gewußt, -wo Leupolt Raurisser versteckt war, und hatte dem Hiesel nicht nur -die Quetschbehandlung eines Überbeins auseinandergesetzt, sondern -hatte ihm auch Verbandzeug, ein fieberstillendes Mittel und etwas zum -Waschen für schwärende Wunden mitgegeben, obwohl sich der gewissenhafte -Schneck wie ein Rasender dagegen gewehrt hatte. Man trägt als treuer -Christ in seinem Bergsack nicht gern eine obrigkeitlich verbotene -Sache, die für einen Luthrischen wohltätig ist. Unter grimmigen Flüchen -fühlte er mit seiner braunen Tatze immer wieder nach hinten: ob das -verdächtige Päckl nicht gottsgnädigerweis so spurlos verschwinden -möchte, wie die preußische Gefahr aus der Armeseelenkammer. Aber wenn -im Menschengedräng einer gegen ihn hinpuffte, brüllte er gleich: -»Blitzhimmelsausen und Höllementshund, gib doch Obacht, ich hab was -Gläsernes auf'm Buckl.« - -Bei dieser angstvollen Fürsorge war er nicht in der Laune, sehr -aufmerksam auf die Muckenfüßl'sche Überraschung zu horchen. Auch hatte -der Hiesel Schneck in diesen Tagen eine viel größere Überraschung schon -erlebt. Damals, als es zu schneien anfing. Da war er spät am Abend -heimgekehrt, in der sicheren Erwartung, daß der unbequeme, vermaledeite -Ketzer schon über die bayrische Grenze gesprungen wäre und nimmer -droben läge auf dem Heuboden. Teilweise war auch eingetroffen, was -die Schneckin ihrem Schneck versprochen hatte: Leupolt lag nimmer auf -der Heuschütt, sondern herunten neben dem Herdfeuer im Ehebett des -Hiesel. Und die Schneckin hockte im Ofenwinkel auf einem Strohsack, -den sie so breit gemacht hatte, daß er zwieschläfrig zu benutzen war. -Hiesel ließ die wildesten Höllemente los, wenn auch -- weil Leupolt -schlief -- mit gedämpfter Stimme. Da mochte die Schneckin hundertmal -flüstern: »Verstehst?« -- der Schneck verstand nicht und war verbohrt -in die unzutreffende Meinung: daß es die Schneckin »aber schon *ganz* -saudumm« angestellt haben müßte. »Soll den Kerl über die Grenz hatzen -und laßt ihn ins Bett hupfen! Kreuzhimmel, Bluthöllement und Bratwürst -übereinander!« Grollend saß er auf dem Herdrand. Schließlich, wenn er -in dieser Schneenacht neben seiner Schneckin liegen wollte, blieb ihm -nichts anderes übrig, als mit dem Strohsack vorlieb zu nehmen. Bis -lange nach Mitternacht bellten seine gedämpften Himmelhunde. Am Morgen, -freilich, da sah auch der Hiesel das ein: daß man mit einem Fieber, in -dem »alle Knöchelen scheppern«, nicht ins Bayrische hinüberlaufen kann. -Und jetzt, unter den Rasselklängen der Muckenfüßl'schen Austrommlung, -erzeugte der Schneck in seinem langsamen Gehirn den Trostgedanken: -»Wenn ich dem Buben das jüdische Päckl zutrag, daß er bald über die -Grenz hupfen kann, so tu ich bloß, was die Herren haben wollen. -Verstehst?« Die vielen Himmelhundsmonologe, die er mit sich führte, -verhinderten ihn, auf dem Marktplatz und während des Heimweges der -freudigen Bewegung zu achten, die der Feldwebel Muckenfüßl mit seiner -sonst so gefürchteten Trommel in der Bevölkerung erweckt hatte. - -So splendid und wohlwollend hatte sich der Landesfürst schon lange -nicht mehr erwiesen. War in der Verkündigung auch nicht deutlich -ausgesprochen, was sie bezweckte, so war doch ihr schöner Sinn so -klar, wie die alte Sonne über dem jungen Schnee. Die Gutgläubigen -nahmen die Ansage des Festes als deutliche Mahnung zur Verträglichkeit, -die Evangelischen empfanden sie als Friedensverheißung, als -Wegweis zu naher Verständigung und zur Freiheit ihrer Seelen. Seit -Menschengedenken war zu Berchtesgaden nimmer so gut und herzlich von -der Obrigkeit gesprochen worden, wie es an diesem silbernen Samstage -tausendstimmig geschah. In allen Häusern wurde gesungen und gelacht, -aus allen Truhen wurde das Feiertagsgewand und versteckter Schmuck -herausgenestelt. Überall an den Fenstern saßen die Mannsleute und -putzten ihre Schießgewehre. In der Mittagsstunde böllerten durch das -sonnfunkelnde Tal die Probeschüsse. Einer sagte: »Wie wenn beim größten -von allen Bauern eine Hochzeit wär!« Und bekam die lachende Antwort: -»Das wird wohl ein Metzensäckl Pulver wert sein, wenn der gnädigste -Herr Fürst mit seinem Völkl Versöhnung feiert!« - -Den ganzen Nachmittag umstanden Scharen von Mädchen und Kindern -das Schützenhaus, um den gewaltigen Vorbereitungen zuzuschauen, -die für das Fest getroffen wurden. Die Mannsleute, die man sonst -nur zähe zur Fronarbeit herbeibrachte, boten sich ungerufen zur -Hilfeleistung. Von der großen Festwiese neben dem Schützenhaus -wurde der Schnee fortgeschaufelt, und Lachen, frohes Geschrei und -dröhnendes Hammerklopfen begleitete den flinken Bau des »Mahlsaales«, -einer mächtigen Bretterbude, die ein paar tausend Schützenbrüder -fassen konnte, um in Verträglichkeit und Frohsinn bei Freibier und -Speckwürsten mit den gütigen Herren beisammenzusitzen. Man arbeitete -noch bei Fackelschein bis gegen Mitternacht. - -Der große Morgen kam. Die Tausende auf Berchtesgadnischer Erde waren -willig zur Freude. Nur der liebe Gott schien an diesem Versöhnungstage -kein rechtes Wohlgefallen zu haben und steckte die Sonne in einen -mächtigen Wolkensack. Feine Eiskrystalle rieselten aus dem Grau -herunter, scharf wie Nadelspitzen. Das verdarb keinem Fröhlichen die -Laune. - -Als man zum Kirchgang läutete, war die Zuwanderung der Andächtigen -ein bißchen schütter. Die Erlösung von allem Gewissenszwang -vorausgenießend, hielten die Evangelischen den Gottesdienst dieses -Freudentages daheim in ihren Stuben ab oder besuchten eine Fürsagung, -ohne Schneekleid, völlig sichtbar. Erst nach dem Hochamt, während -mit allen Glocken der Gottesfriede dieses Sonntages verkündet wurde, -begannen die Marktgasse, der Brunnenplatz und die Stiftshöfe sich zu -füllen mit einem farbenbunten und fröhlich gestimmten Menschengewühl. -Obwohl es immer nebelte, sah die lärmende Bewegung der farbigen -Menge sich an wie ein jubelndes Lebensfest. Die Frauen und Mädchen -hatten sich aufgeputzt und waren durch Jugend, Gesundheit, Freude und -hoffendes Vertrauen noch schmucker geziert, als durch die feuerfarbenen -Mieder, durch das leuchtende Bänderwerk und die mattfunkelnden -Schaumünzen. Stolz trugen die Mannsleute ihre klobigen Schießgewehre, -und fast jeder hatte auf seinem gebänderten Hütl ein paar von den -Blumen stecken, die bei frierendem Winter blühen in den warmen -Bauernstuben. Dem wirbelnden Frohsinn dieses Bildes tat es keinen -Eintrag, daß im Gewühl der Leute keiner von den Herren zu sehen war. -Es tauchte nur der Feldwebel Muckenfüßl auf, dem ein paar Musketiere -bei der Ordnung des tausendköpfigen Schützenzuges behilflich waren. -Als die Hifthörner der fürstlichen Jägerei den Festruf bliesen und die -Trompeten und Klarinetten der Salzknappen mit ihrer lustig dudelnden -Marschmusik einfielen, erhoben die Tausende dieser fröhlichen, von -harter Zeit erlösten Menschen ein Jauchzen, daß ihr Freudenspektakel -alles Blechgeschmetter übertönte. - -Wie ein vom Glück dieses Tages Ausgeschlossener, mit unfrohen Augen, -Zorn und trauernde Erbitterung in dem blassen Warzengesicht, saß -Pfarrer Ludwig am Fenster seiner Stube und blickte hinunter auf das -fröhliche Gepräng des Schützenzuges. »Ob in Sonn oder unter Wolken -- -gibt's auf der Welt ein schöneres Ding, als die vertrauensselige Freud -eines hoffenden Volkes? Und gibt's auf Erden ein übleres, als dieser -Tag es bringen wird?« Immer wieder brannte in ihm der Gedanke: Reiß -das Fenster auf, schrei diesen Jauchzenden eine Warnung zu! Nicht die -fürstliche Mahnung an das Dienstgeheimnis hielt ihn zurück, nur die -Erkenntnis, daß seine Warnung das Schicksal dieses Tages nicht wenden, -sondern Aufruhr und Totschlag heraufbeschwören würde. - -Der weite Hof unter dem Fenster des Pfarrers war leer und still -geworden. Immer ferner tönten die fröhlichen Jauchzer, das -Klarinettenquieksen und der Trompetenklang. Nun das donnerähnliche -Dröhnen eines Böllerschlages. Dann knatterten die Stutzenschüsse -durcheinander, als hätten hundert Heinzelmännchen zu dreschen -begonnen. Das ging zwei Stunden lang so weiter. Dann läuteten die -Mittagsglocken. Auf der Festwiese verstummten die Schüsse. Und nebelnde -Stille lag über den Dächern des Stiftes. Jetzt der Hufschlag eines -Pferdes. Von der Salzburger Straße kam ein erzbischöflicher Dragoner -über den Hof geritten und verschwand im Stiftstor. Pfarrer Ludwig -nickte. »Die Konsequenz! Sechs Füß hat sie! Und hat zwei Köpf, von -denen jeder was anderes denkt.« Wenige Minuten später mußte er zu -der beschämenden Einsicht gelangen, daß er die Salzburgische Hilfe -militärisch unterboten, katechetisch überschätzt hatte: nicht ein -volles Dutzend Kapuziner, nur neune; aber statt der fünfhundert -Soldaten, auf die er geraten hatte, kamen achthundert Musketiere, -scharf bewaffnet, dazu ein halbes Tausend Dragoner, hoch zu Roß. »Guck -nur!« knirschte der Pfarrer vor sich hin. »Neben der Gotteshilf macht -Salzburg noch ein gutes Geschäft! Den ganzen Heerwurm müssen ihm unsere -Bauern füttern, wer weiß, wie lang!« - -Es litt ihn nimmer in der Stube. Flink in die hohen Schmierstiefel, -aus dem Haus und hinunter zur Festwiese. Auf einem Fußsteig, der über -die verschneiten Wiesengehänge kletterte, blieb er erschrocken stehen -und spähte zur Fahrstraße hinüber. Unter den vielen Leuten, die nach -der Festwiese strebten, sah er den Meister Niklaus und Luisa. Der -Pfarrer schrie den Namen des Freundes und watete durch den tiefen -Schnee. Als er die Straße erreichte, war er so atemlos, daß er kaum zu -sprechen vermochte: »Kehr um, Nicki! Führ dein Mädel heim und laß dich -einsperren von der Sus!« - -»Hochwürden?« stammelte Luisa. Und der Meister fragte erblassend: »Um -Gottswillen, was ist denn los?« - -»Getroffen, Nicki!« Der Pfarrer lachte grell. »Um *Gotts* willen ist -was los! Und da wirst du dir denken können, wie es ausschaut.« Er faßte -Luisas Arm und flüsterte: »Mädel! Wenn du deinen redlichen Vater nit -auch noch verlieren willst, so schau, daß du ihn heimbringst in die -Werkstatt und zu seiner Arbeit! Geh, Nicki, sei verständig! Noch ein -letztesmal! Ich tät's nit raten, wenn es nit sein müßt. Und du, Mädel, -tu beten vor deinem Jesuschrein! Andächtiger als je!« Die Stimme des -Pfarrers bekam einen harten Zornklang. »Heut wird deine fromme Seel -noch was umzudeuten kriegen. Die heilige Mutter soll dir's geben, daß -du eine Deutung findest, die deinen standhaften Glauben nit verdächtig -macht vor den Konsequenten.« - -Luisa, deren Gesicht sich entfärbt hatte, umklammerte stumm die lebende -Hand des Vaters. Und Niklaus stammelte: »Mensch! Was ist denn?« - -Heiser lachend deutete Pfarrer Ludwig mit dem Hakenstock gegen die -Wolken. »Guck doch in die Höh! Da mußt du doch merken, daß heut ein Tag -ist, an dem unser Herrgott sich in seinen ewigen Mantel wickelt und um -die Menschen trauert.« Er sagte mit heißer Mahnung: »Geh heim, Nicki! -Deinem Kind zulieb!« - -»Und du?« - -»Ich bin doch ein Priester, nit? So einer ist allweil auf dem Weg zu -den Hoffnungslosen. Wie heut, so neugierig bin ich noch nie gewesen: -ob der Amsterdamer recht hat, wenn er sagt, es wär kein Ding auf Erden -so schlecht, daß es nit ein Gutes werden könnt für die Menschen.« -War's noch vom Schnupfen, oder hatte es einen neuen Grund, daß dem -Pfarrer das Wasser in die Augen trat? Dann sagte er zu Luisa: »Laß den -Vater nimmer aus! Mädlen, die tapfere Kinder sind, werden die besten -Frauen.« Er wandte sich ab und eilte die Straße hinunter. Das Gesumm -einer großen Volksmenge klang ihm durch den ziehenden Nebel entgegen. -Hunderte von Frauen, Mädchen und Kindern umstanden in heiterer Laune -die große Bretterbude des Mahlsaales, in dem die Trompeten und -Klarinetten der Salzknappen eine lustige Tanzweise spielten. Fast -alle Mannsleute waren schon im Saal versammelt. Nur ein paar Burschen -wimmelten in ihren roten Joppen noch vergnügt umher, schäkerten mit -der weiblichen Jugend oder machten harmlose Späße über die Bratwürste, -die noch immer nicht duften wollten, und über die geduldigen Mägen -der Herren, die noch unsichtbarer wären, als es die Evangelischen vor -dem Bekennertag gewesen. Unter Muckenfüßls kanzleideutschem Kommando -drängten sich Lakaien und Musketiere im Frauengewühl umher, faßten -die rotjoppigen Buben ab und schoben sie in den Saal, immer unter -der gleichen Mahnung: »Flink! Nur flink! Die Bräuknecht haben schon -angezapft!« Nun schoben sie den letzten von den Burschen durch die enge -Tür hinein, die aussah wie ein Festungsschlupf. Und durch den Türspalt -leuchtete das rote Flackerlicht der Kienfackeln heraus, die man in der -fensterlosen Bretterbude angezündet hatte, um sie hell zu machen. - -Die Weibsleute guckten ein bißchen verwundert drein, weil an die -zwanzig, mit Flinten und Terzerolen bewaffnete Musketiere vor der -Saaltür aufzogen wie eine kriegsmäßige Wache. Als Muckenfüßl mit den -Lakaien und Jägerknechten das Schützenhaus besetzte, in dessen Halle -die Schießgewehre der Bauern verwahrt standen, kam Pfarrer Ludwig -in Hast von der Straße herübergeschritten. Er spähte mit blitzenden -Augen, sprang auf die Saaltür zu und wollte eintreten. Zwei Musketiere -kreuzten vor seiner Brust die Flinten. »Ruckwärts, Hochwürden! Niemand -darf passieren. Befehl des gnädigsten Herrn!« - -»Aber Leut!« Der Pfarrer lachte. »Ich will doch auch meine Freimaß -haben und mein Würstl! Geh, seid doch nit gar so neidisch!« Er hatte -die beiden Flinten beiseite geschoben und drückte die Saaltür vor -sich auf. Ein Musketier faßte ihn am Radmantel. »Wirst du auslassen?« -Mit einem zornigen Fauststreich machte der Pfarrer sich frei und -trat in den von einem wogenden Mannsgewühl, von dudelnder Musik, -von Flackerschein und Fackelqualm, von Lärm und Gelächter erfüllten -Brettersaal. An langen, leeren Tischen saßen die Bürger und Bauern, die -Handwerker und Salzknappen auf hochbeinigen Holzbänken. In den schmalen -Gassen drängten sich Hunderte umher, die noch keinen Platz gefunden. -Die roten Joppen leuchteten wie Blutflecken, und die Gesichter, die -schmutzig wurden vom Fackelruß, schienen in der trüben Flackerhelle -verzerrt zu einem ruhelosen Grinsen. Und doch war Freude in allen -Gesichtern, fröhliche Erwartung in allen Augen. Freilich, derbe Späße -gab es in Hülle und Fülle, weil man schon wartete seit einer halben -Stunde und noch immer den Duft keiner Bratwurst witterte. Doch in jedem -Scherz war heitere Geduld, war noch immer ehrfürchtige Dankbarkeit für -den allergnädigsten Wirt dieses freudenreichen Versöhnungstages. Nur in -der hintersten Saalecke, wo die rotjoppigen Burschen dick beisammen -saßen, begann es ein bißchen übermütig zu werden; da trommelten sie mit -den Fäusten auf die Tische und begannen kleine Spottlieder zu singen, -wie der Augenblick sie gebar. - -Als der Pfarrer, noch in den Radmantel gewickelt, von der Türschwelle -stumm hineinsah in dieses heiter lärmende Männergewühl, war sein -Gesicht entstellt, daß ihn die Leute nicht gleich erkannten. Es mußte -erst ein Fröhlicher schreien: »Herr Jöi! Unser gütiges Pfarrherrle!« -Und einer brüllte über alle Tische: »Leut! Jetzt geht's aber an! Der -erste von unseren Herren ist da!« Während der Lärm sich ein bißchen -dämpfte, drängten viele gegen den Pfarrer Ludwig hin, zu einem Gruß, -zu einem Händedruck. Von einer nahen Bank erhob sich einer, der ein -kleines Bübl auf dem Arm hatte. In seinen Augen war ein verstörter -Blick, doch unter dem Braunbart lachte sein blasser Mund, als wäre er -der Fröhlichste unter diesen tausend Festfrohen. Rittlings über der -Bank stehend, winkte er mit dem Arm und kreischte: »Hochwürden! Zu mir -her! Euch geb ich mein Plätzl. Ich muß nit sitzen. Mich halten Herz und -Seel in der Höh.« Der Christl Haynacher lachte wie ein Glücklicher und -preßte das scheuguckende Bübchen an seine Brust. »Jetzt, Hochwürden, -ist alles am Tag! Gelt ja? *Mir* müssen die Leut Vergeltsgott sagen. -Wär mein Weibl nit so heilig und fromm gestorben, und hätt mein Weibl -nit hilfreich aus dem ewigen Glanz heruntergegriffen zur kreistenden -Menschennot? Da täten wir trauern und seufzen müssen, gelt! Jetzt -können wir Freud haben und wieder glauben. Alle Herzviertelen sind -wieder schön beisammen. Und Fried und Brüderschaft ist überall auf der -gottschönen Welt. Die guten Herren! Die soll unser Herrgott segnen für -den heutigen Tag.« Während Christl Haynacher so redete, mit umkippenden -Tönen, schrien es die anderen von Tisch zu Tisch, daß von den Herren -der erste gekommen wäre. Die dudelnde Knappenmusik geriet außer Takt -und verstummte. Aller Lärm versickerte, es wurde immer stiller im Saal. -Und da streckte sich der Pfarrer, hob die beiden Hände aus dem Mantel -und rief: »Ihr guten Leut! Laßt mich ein brüderlichs Wörtl reden mit -euch!« - -Überall ein Gucken und Hälsestrecken, von allen Bänken erhoben -sich die Männer und Burschen, einer der schlechtgezimmerten Tische -knickte krachend zusammen, ein Gelächter, dann viele Stimmen, die -zum Schweigen mahnten. Jetzt war die Ruhe da. Nur noch das Rauschen -der Fackelflammen, das schwere Atmen der vielen Hunderte in dem -qualmigen Raum. Und da lauschten sie alle -- nicht auf den Pfarrer, -der mit zerdrückter Stimme zu reden begann. Sie lauschten auf das -Unerklärliche, das von draußen hereinklang durch die fensterlosen -Bretterwände. Es war ein aufwirbelndes Geschrei von vielen Weibern und -Kindern. Wie gellende Angst war es anzuhören. Und es mußte doch Freude -sein? Kamen die Herren? Fragende Rufe schwirrten von Tisch zu Tisch. -Und einer kreischte mit Lachen: »Hört ihr die Mädlen juchzen? Jetzt -kommt der gnädigste Herr Fürst! Höi, Trompeter! Blaset den Herrengruß!« -Ein fröhliches Blechgeschmetter. Niemand hörte mehr auf den Pfarrer. -Seine Stimme versank im lärmenden Festjubel dieser treuen, beglückten -Untertanen. - -Vor der Saaltür ein Gepolter und ein aufgeregtes Stimmengewirr. Immer -deutlicher hob sich aus ihm die schrillende Stimme eines Mädels heraus. -Es war wie das Zetergeschrei einer Irrsinnigen. Ein Gerüttel an der -kleinen Tür. Jetzt patschte da draußen ein Pistolenschuß -- nicht wie -ein Pulverknall, nur wie das Klatschen einer festen Peitsche -- und -über die Schwelle der aufgedrückten Türe stürzte schreiend ein junges -Geschöpf herein, jenes Untersteiner Mädel, das unter dem Holz der -Unehr, am Bekennersonntag, als erste mit verzückter Freude gerufen -hatte: »So müßt ihr mich auch verbrennen! Ich bin eine evangelische -Christin!« - -Was sie schrie und lallte, während sie hintaumelte gegen die erste -Bank, war im aufrauschenden Lärm des Saales nicht zu verstehen. Immer -schreiend, stieg sie neben dem stummgewordenen Christl Haynacher -auf die Bank, sprang auf die Tischplatte und stand da droben, mit -aufgereckten Armen, einer Verzückten ähnlich, oder einer Wahnwitzigen. -Immer lallte und schrie das Mädel, die Augen erweitert, das Gesicht -wie Kalk so weiß. Im versinkenden Lärm des Saales klang vom Tisch der -Salzknappen eine verzweifelte Bubenstimme: »Barmherziger Herrgott! -Moidi! Du blutest!« Sie drehte das Gesicht gegen die Stelle hin, -von der die Stimme kam, lächelte ein bißchen, reckte sich und rief: -»Ihr lieben Brüder! Haltet fest am Gütigen, der für uns gestorben -ist am Kreuz! Hilf ist nur im Himmel noch. Hilf ist nimmer auf der -Welt. Gewalt ist über uns! Zehntausend heidnische Dragoner reiten -über das Schneefeld her!« Das Mädel wankte, straffte sich wieder an -allen Gliedern, wollte reden, hatte keinen Laut mehr und preßte die -zitternden Fäuste gegen das Mieder. In der Stille, die plötzlich im -Saal entstand, hörte man sie mit leiser und froher Stimme sagen: »Herr -Jesu, dir leb ich -- Herr Jesu, dir sterb ich --« Viele Hände streckten -sich nach der Sinkenden, Pfarrer Ludwig fing die Erloschene in seinen -Armen auf, und Christl Haynacher, dessen Bübl das Gesicht am Hals des -Vaters versteckte und zu greinen begann, brüllte plötzlich wie ein -Betrunkener: »Herrgott! Herrgott! Ist's noch allweil nit genug?« - -Ein tausendstimmiger Laut im Saal, wie das Aufstöhnen eines gewaltigen -Tieres, dem das mordende Eisen ins Leben fährt. Nun ein dumpfes Gewühl, -ein Zusammenkrachen aller Tische und Bänke -- und jetzt ein mahnender -Männerschrei, so kraftvoll und gebietend, daß er die tausend Verstörten -beherrschte und zum Lauschen zwang. »Ihr Leut! Ihr guten Leut!« Pfarrer -Ludwig war heiser geworden von diesem Schrei. »Schauet her! Ich hab -den Tod auf den Armen. Drum muß ich ein Wörtl sagen für euer Leben. -Heut geht Gewalt vor Recht. Die Zeit wird kommen, in der sich's wendet. -Seid besonnen, ihr guten Leut! Oder ihr stoßt euch alle, eure Weiber -und Kinder ins hilflose Elend! Christ sein, heißt nit: zuschlagen mit -Fäusten und Tischfüßen, einander würgen und niedertrampeln. Christ -sein, heißt noch allweil, ein Mensch unter Menschen bleiben und -sein Leidwesen dem gütigen Heiland in die Hand legen. Der wird uns -aufrichten. Der wird uns helfen!« Man hörte von draußen den Schritt -einer marschierenden Truppe, hörte die Trommel, die schon nah bei -der Tür war. Pfarrer Ludwig, dem die Arme unter der Last zu zittern -begannen, die sie trugen, sagte ruhig: »Drei evangelische Brüder sollen -mir helfen. Wir wollen das fromme Christenkind, das in Gottes Reich -gegangen, heimtragen zu seiner Mutter.« - -»Nachbar!« keuchte der Haynacher. »Nimm mein Bübl ein bißl! Da muß man -helfen.« Er sprang an die Seite des Pfarrers und raunte auf eine Art, -wie die Fieberkranken reden: »Gelobt sei Jesuchrist und die heilige -Mutter Marie.« Jetzt kamen die Salzburgischen Gottesmusketiere unter -Trommelschlag in den Saal marschiert, zu vieren dicht aneinander -gedrängt, die Gewehrläufe vorgestreckt, den Finger am Bügel. Außer dem -Schrittklappen und den soldatischen Befehlsworten war kaum ein Laut im -Saal. Die Leute wichen vor dem immer breiter werdenden Soldatengürtel -zurück, die einen scheu und mit blassen Gesichtern, die anderen mit dem -stummen Zorn auf der Stirn und in den Augen. Den ersten aufwühlenden -Sturm in ihnen hatte das Wort des Pfarrers bezwungen. Nun lähmte sie -der Schreck, das betäubende Bewußtsein ihrer Wehrlosigkeit und noch ein -Härteres: die Bitterkeit der Enttäuschten, die Trauer über den Betrug, -der da begangen wurde an ihrem frohen, gläubigen Vertrauen. - -Hinter der Kette der Musketiere stehend, verkündete Muckenfüßl das -pröpstliche Edikt auf Konfiskation aller Schützengewehre. Jedem -reumütigen Subjekte sei die Gnade des Fürsten zugesagt, jedem -Widerspenstigen das strengste Gericht. Zur Ermahnung der Seelen sei -von einer fürsorglichen Obrigkeit beschlossen worden, jede Gnotschaft -des Landes mit achtzig Musketieren und fünfzig Dragonern samt Rößl -zu belegen, für deren Bedarf an Zehrung und Trank die Gnotschaft -aufzukommen hätte, insolang, als eine Besserung des rebellischen -Geistes nicht in glaubhaftem Ausmaß sichtbar würde. Nach dieser -Verkündigung formierten die Musketiere eine Gasse durch den ganzen -Saal. Eine Gnotschaft nach der anderen wurde aufgerufen. Wenn die -Männer, die zur gleichen Gnotschaft gehörten, alle beisammen waren, -wurden sie paarweis abgeführt. Einige Burschen, die sich unehrerbietig -zu äußern wagten, wurden verhaftet. Auch einen von den vier Trägern der -»schön und gottselig gestorbenen« Moidi von Unterstein -- den Christl -Haynacher -- mußte man festnehmen. Bei seiner Verhaftung gebärdete -sich der hirnverdrehte Suspiziosus, wie Muckenfüßl ihn nannte, so -rebellisch, daß die Anwendung von eisernen Handschellen nötig wurde. - -Draußen im Schnee, zwischen Mahlsaal und Schützenhalle, standen, -gleichmäßig abgezählt und in militärischer Ordnung ausgerichtet, für -jede Gnotschaft die achtzig Musketiere und die fünfzig berittenen -Dragoner parat. Bei jedem Trupp -- gleich einem Leutnant neben seiner -Kompagnie -- befand sich ein Kapuziner. - -Die Abwanderung der Gnotschaftsleute mit ihrer militärischen Bedeckung -dauerte bis in die Dunkelheit. Und die Soldaten, die ihr Quartier zu -Berchtesgaden bekamen, bewiesen noch vor Anbruch der Nacht, daß sie -nicht nur dem Himmel, sondern auch der Kunst zu dienen vermochten. -Mit großen Töpfen und langen Tüncherpinseln wanderten sie durch die -Gassen und bemalten an jedem Haus, in welchem ein der Ketzerliste -Einverleibter wohnte, die Türen und Fensterstöcke mit knallroter Farbe. - - - - -Kapitel XIX - - -Spät am Abend wurde an der Haustür des Meisters Niklaus gepocht, so -leise, daß es die drei, die in der Werkstatt waren, nicht gleich -vernahmen. Der Meister, um ruhig zu bleiben, hatte sich zu seiner -Arbeit gestellt. Und Luisa und Sus waren mit ihren Spinnrädern aus der -Küche zu ihm in die Werkstatt gekommen. Helle Kerzen brannten auf dem -eisernen Reif. An dem großen Fenster war der Laden geschlossen. Nur -das Schnurren der Spinnräder und manchmal der Schritt des Meisters, -wenn er zurücktrat, um sein Werk zu betrachten. Da hörte Luisa das -kaum vernehmliche Klopfen. Ihre Augen vergrößerten sich, als sie -stammelte: »Vater! Es pochet.« Die Sus wollte zur Türe. »Bleib!« sagte -der Meister. »Ich selber geh.« Er brauchte keine Frage zu tun; beim -Hall seiner Schritte klang es draußen in der Nacht: »Tu auf, Nicki! Ein -Mensch!« - -»Gott sei gelobt!« Aufatmend stieß der Meister den Riegel zurück und -hob den Sperrbalken aus dem Mauerloch, während Sus und Luisa wortlos -aus der Werkstatt gesprungen kamen. Der Pfarrer trat in den Flur, und -Sus verwahrte die Türe wieder. »Gotts Gruß zum traurigen Abend! Weil -ich nur bei euch bin. Aufatmen tu ich.« Pfarrer Ludwig hängte den -Radmantel an das Zapfenbrett und fragte die Sus: »Hast du noch warmes -Wasser? Ich muß mich waschen. 's ist eine Zeit, in der man rot wird, -vor Zorn oder von was anderem.« An seinem schwarzen Gewande sah man -die eingetrockneten Blutflecken nicht, nur an den Händen. »Jesus?« -stammelte Luisa. »Ist's *Euer* Blut?« - -Er schüttelte den Kopf. »Das tät ich lieber sehen. Es wär um meine paar -letzten Tröpflen minder schad.« - -Die Sus war in die Küche gesprungen, in der ein mattes Ölflämmchen -glomm, und schöpfte Wasser aus der kupfernen Herdkufe. Nun kamen die -anderen drei zu ihr, und der Pfarrer wusch die zitternden Hände. Schwer -atmend fragte er über die Schulter: »Wißt ihr schon, was geschehen -ist?« Die beiden Mädchen schwiegen. Der Meister nickte. »Da brauchen -wir nimmer reden drüber.« Pfarrer Ludwig griff nach dem Handtuch und -schob die Sus von sich, die vor ihm auf die Dielen hinkniete, um sein -Gewand zu säubern. »Das nit! Mannsbilderhosen sind leichter waschen, -wenn man sie nit am Leib hat.« Er legte den Arm um die Schulter des -Meisters. »Nick? Weißt du, was eine Mutter ist?« - -»Das weiß man, glaub ich.« - -»Was meinst du, daß eine Mutter sagt, wenn ihr liebes Kind am Morgen -lachend aus dem Haus gegangen ist, und man bringt es ihr am Abend heim, -wie ich das Moidi hab bringen müssen?« - -Mühsam antwortete der Meister. »Ich wüßt nit, was ich schreien tät.« - -»In Unterstein hat eine Mutter ihres toten Mädels Kopf zwischen die -Händ genommen und in freudiger Ruh gesagt: Mein Kindl, dich muß -der Heiland lieb haben, uns anderen ist er feind, drum müssen wir -weiterschnaufen in der irdischen Not!« Mit beiden Händen rüttelte der -Pfarrer die Schultern des Meisters. »Mensch! Kann's einer besser sagen, -wie die Zeit ist?« Dann wandte er sich an die Sus: »Tätst du dich -trauen, daß du zum Simmi hinüberspringst?« - -»Ich trau mich alles, wenn's für den Meister ist.« - -»Für den ist's auch. Heut möcht' ich, daß wir beisammen sind. Traut -der Lewitter sich nit aus dem Haus, so sag ihm, daß ich krank wär. Da -kommt er. Gelogen ist's nit. Alles leidet in mir, was Leben heißt. Aber -fürsichtig mußt du sein. Sonst packen dich die Soldaten Gottes mit -Gelobt sei Jesuchrist!« - -»Soll mich nur einer anrühren!« Das weißblonde Mädel sprang zur -Haustür. Der Meister ging mit ihr, und als er im dunklen Flur den -Riegel aufstieß, sagte er leis: »Vergeltsgott, du Treue!« - -In der Küche legte Pfarrer Ludwig die Hand auf Luisas Scheitel. »Also? -Hast du die fromme Deutung für den heutigen Versöhnungstag schon -gefunden?« - -Sie sah verstört zu ihm auf. »Hochwürden! Ich weiß nimmer, wo die -Christen sind.« - -»Christen sind überall. Nur finden muß man sie können. Und selber muß -man einer sein.« - -Die Tränen fielen über ihr blasses Gesicht. »Ich seh keinen Weg nimmer. -Überall ist Wirrnis und Sünd. Dürft ich nit morgen kommen um einen -Seelentrost?« - -»Ja, komm nur!« Er streichelte ihr schönes Haar. »Ich will dich -trösten.« Die Stimme dämpfend, beugte er sich zu ihrem Ohr. »Seit dem -Morgen weiß Mutter Agnes, wo der Leupolt ist. Beim Hiesel Schneck.« - -Sie fing zu zittern an. »Wo hauset der?« - -An der Flurtür klapperte der Sperrbalken. Und draußen, in der nebligen -Dunkelheit, huschte die Sus um die Bretterplanke des Gartens. Als -sie hinüberkam zum Leuthaus, mußte sie in einen finsteren Schuppen -springen. Hufschläge klapperten über das Pflaster her, und mit dem -Lärm, den die vielen genagelten Bauernsohlen machten, vermischte sich -das Marschgeklirre der Soldaten Gottes. Es waren die Bischofswiesener, -an die siebenhundert Männer und Burschen, mit ihren achtzig Musketieren -und fünfzig berittenen Dragonern, von denen jeder den blanken Säbel in -der Faust hatte. - -Am Schwänzl des Zuges ging der Hiesel Schneck. Er hatte sich -angeschlossen, weil er den weiten Weg nicht einsam wandern wollte, und -weil er als Gutgläubiger sich verpflichtet hielt, dem Pater Kapuziner -während des langen Nachtmarsches ein bißl Gesellschaft zu leisten. -»Ja, ja, verstehst?« Er fluchte aus Rücksicht auf den geweihten -Wandergesellen überraschend wenig, war aber doch in verdrießlicher -Laune, weil er schon wieder was Verbotenes im Rucksack tragen mußte. -Freilich, immer noch lieber als das gläserne Judenfläschl war ihm das -irdene Tiegelchen. Sollte er's auch einem ewig Verfluchten zutragen, -so kam's doch von der Mälzmeisterin, von einem rechtschaffenen -Christenweibl. - -Die Bauern wanderten schweigend zwischen den Soldatenreihen. Ihre -Gestalten waren schwarz in der frostigen Nacht, die der Schnee nur -wenig aufhellte. Kein Stern war da, um einen Glanz in ihren Augen zu -wecken. Dennoch hoben sie immer wieder die Gesichter zum Himmel. Und -während sie paarweis gingen, hielten viele sich bei den Händen gefaßt, -wie Blinde und Sehende, die einander führen. - -Hinter Bischofswiesen, wo unter Weibergeschrei und Hundegebell die -Austeilung der Soldatenquartiere begann, mußte Hiesel Schneck seinen -Nachtweg in Einsamkeit erledigen. Jetzt, da ihn der Kapuziner nimmer -hörte, konnte er fluchen nach Bedarf. Er fluchte, so oft ihm der -Strohsack einfiel. Manchmal sakermentierte er und wußte selber nicht -recht, warum. Auch dem Hiesel Schneck, so eisentreu er an seinem -Fürsten hing, hatte der Versöhnungstag mißfallen. Kein Gedanke verriet -ihm diese Wahrheit; sie war nur in seinem Blut, in seinen Flüchen. -Und ohne daß er es merkte, verwandelte sie diesen Höllementskünstler -so folgenschwer, daß er die neue Überraschung, der seine Nagelflöße -entgegenwanderten, wesentlich anders aufnahm, als es geschehen wäre, -wenn er das leutselige Schützenfest nicht erlebt, das Blut der Moidi -von Unterstein nicht hätte rinnen sehen. - -Als er vor dem Hallturm in das waldige Seitentälchen ablenkte, konnte -er gewahren, daß in seinem Herdstübl noch die Specklampe brannte. -Obwohl er kein Übersparsamer war und eigentlich gar nicht verstand, -warum ihn diese leuchtende Sache so fürchterlich erboste, fing er ein -Himmelhundstreiben an, daß der Schnee davon knirschte. Immer schlug er -mit der Faust in die Luft und nannte seine Schneckin einen Kindsschädel -ohne Hirn, ein Grillenei ohne Dotter, sogar eine Sau ohne Speck, was -doch sicher eine unmögliche Sache ist. Die Wut, die in ihm rasselte, -beeinträchtigte die getrübten Verstandeskräfte des Hiesel Schneck bis -zu völliger Urteilslosigkeit. Fluchend und schnaubend tappte er durch -den Schnee. Nah bei der Haustür wurde er festgehalten vom Anblick -einer Schneefährte, die er sich, ein so geschulter Weidmann er war, -durchaus nicht erklären konnte. Es waren große, kreisrunde, tief in -den Schnee gesenkte Tapper. Welch ein ungeheuerliches Nachtvieh -mochte das Haus des Hiesel Schneck umwandert haben? Auch nicht der -beste fürstpröpstliche Hirsch trat solche Fährten aus! Es blieb -dem Hiesel keine andere Lösung, als diese Schneelöcher -- die das -Blechschüsselchen der Schneckin schmolz, wenn sie die Mahlzeit des -Fieberkranken kühlte -- für Huftritte des Teufels zu halten, der sich -nach dem Verbleib der ihm zustehenden Ketzerseele ein bißchen erkundigt -hatte. »Also, da haben wir's!« Das Gruseln kannte der Hiesel nicht. -Für ihn als redlichen Christenmenschen war der Teufel eine Sache, so -ungefährlich wie ein Eichkätzl. Aber dem strohdummen Weibl, diesem Igel -ohne Borsten, gedachte er ein paar schmerzhafte Stacheln einzusetzen. -Schon drehte er sich gegen die Haustür. Da hielt ihn der Klang der -beiden Stimmen fest, die aus der Herdstube heraustönten. Unter einem -knirschenden Himmelhündchen beugte er sich gegen das Fenster hin und -guckte in den milden Schein. - -Eine flackernde Lampe, auf dem Herd noch eine rote Glut. Leupolt lag -aufgestützt im Bette, den Fieberbrand auf den Wangen. Sein Hals und die -Handgelenke waren frisch verbunden. Jetzt wusch ihm das Schneckenweibl, -das auf dem Lehmboden kniete, mit zärtlicher Vorsicht die breite Wunde, -die den Knöchel des rechten Fußes umzog. Dabei redeten die beiden -mit ruhigen Stimmen, und es machte den Hiesel Schneck ein bißchen -perplex, weil die zwei zu einander Bruder und Schwester sagten. Diese -Verwandtschaft war was völlig Neues für ihn. - -»Seit der Herbstzeit?« fragte Leupolt. - -»Wohl, Bruder!« Die Schneckin begann die lange, weiße Binde zu wickeln. - -»Wie ist das gekommen, Schwester, daß deine Seel sich erhoben hat? Hast -du ein Unrecht erfahren müssen?« - -Sie schüttelte den grauen Kopf. »Mein liebes Mädl, verstehst, die ist -verheuert an einen Knappen in Hallein. Und im Herbst, wie die Hirsch -geröhrt haben und mein Schneck allweil draußen hat sein müssen im Holz, -da ist sie über einen Sonntag bei mir auf Besuch gewesen. Allweil -hat mich das Mädl angeschaut so scheu und verzagt, und allweil hab -ich fragen müssen: Was ist denn? Sie hat nit rausrucken wollen mit -der Farb. Ich frag: Gelt ja, jetzt flucht halt der Deinige auch? Und -das Mädl -- jetzt ist sie ein Weibl und bald ein Mutterl, aber noch -allweil muß ich halt Mädl sagen -- und das Mädl beutelt ihr Köpfl. Ich -frag: Herr Jesus, er wird dich doch ums Himmelswillen nit prügeln, der -Deinig? Und das Mädl sagt: Der Meinig ist von allen der beste, grad wie -der Vater Schneck! Und tut mich halsen wie irrsinnig und heult mir ins -Ohr: Mein Hansl ist evangelisch und ich bin's auch, gelt, tu's nur dem -Vater nit sagen, der tät versterben dran!« - -Der Hiesel Schneck verstarb nicht, stand nur im Schnee, wie verwandelt -zu einer hölzernen Säule. - -»Erst hab ich gemeint vor Schreck, es tät mir das Blut gerinnen!« sagte -die Schneckin. »Aber wenn's schon wahr sein muß, daß ihr Hansl verhöllt -ist, wird doch sein Weibl nit einschichtig aufs Himmelreich trachten? -Verstehst? Beisammen sein, ist allweil das Best, ob in Kält oder Glut. -Und schau, da hat mir mein Mädl was fürgelesen von einem luthrischen -Blättl. Schöner und fester hab ich nie noch ein deutsches Mannsbild -reden hören. Das ist einem eingegangen, ich kann's nit sagen. Alles -hat mir das Kindl verzählt: wie ihr der Hansl das Evangelische allweil -fürgeredet hat, verstehst? Und gählings ist es in mir gewesen.« Die -Schneckin guckte den Leupolt an. »Wenn einem sein liebes Mädl so was -sagt? Verstehst? Da *muß* man doch glauben.« - -»Nit allweil!« - -Diese beiden Worte waren so leis gesprochen, daß der Hiesel sie -nicht verstand. Aber deutlich hörte er das wehe Klagen seines -Schneckenweibls: »Schau, und so ist's halt, wie es ist. Und die junge, -evangelische Gottesfreud wär so schön in meiner Seel! Bloß eins ist -hart: daß ich herüben bin, und mein Schneck ist drüben. Und kommt er -drauf -- im ganzen Leben hat mir der gute Kerl noch nie ein Streichl -gegeben, verstehst -- aber muß er merken, daß er eine evangelische -Schneckin hat, da haut er mir alle Knöchelen im Leib auf Scherben.« - -Das tat der Hiesel nicht, obwohl er was gemerkt hatte, wenn auch -ein bißchen langsam. Unbeweglich stand er im Schnee und hörte den -Leupolt sagen: »Dein Schneck ist ein redliches Mannsbild. Und heut ist -Versöhnungstag gewesen. Fried und Seelenfreiheit wird hausen im Ländl. -Schwester, wie gottsfreudig müssen heut alle Leut gewesen sein!« Der -Fiebernde ließ sich hinfallen auf das Kissen. »Von allen Schmerzen, die -mich angefallen haben, ist das der härteste: daß ich heut nit sehen -hab dürfen, wie Herren und Leut einander die Hand bieten auf Glück und -Treu!« - -Da taumelte der Hiesel Schneck vom Fenster zurück, als hätte ihm dieses -gläubige Wort einen Stoß vor die Brust gegeben. Er fand keinen Fluch, -ließ nicht den kleinsten seiner Himmelhunde bellen. Weglos stapfte -er in den Schnee hinaus, irrte hin und her wie ein Tier, das von der -Drehkrankheit befallen ist, und als er den Waldsaum fand, er wußte -nicht, wie, da ließ er sich hinfallen und keuchte in die Nacht hinaus: -»Die Herren! Was die Herren alles treiben! Ach Jesus, Jesus!« Schauernd -an allen Knochen, grub er das Gesicht zwischen die Fäuste und begann -zu weinen wie ein kleines Kind. Das war eine Beschäftigung, die er -schon sechzig Jahre lang nimmer getrieben hatte. Drum zerriß ihm ihre -ungewohnte Übung fast die Rippen. - -War eine Stunde oder mehr vergangen? Vom Schneckenhäusl klang ein -sorgenvoller Erkundungsschrei in die Nacht hinaus: »Schneeeheeeeck!« -Nach einer Weile wieder. Die Schneckin sorgte sich, obwohl sie wußte, -daß ihr Schneck Augen an den Schuhsohlen hatte. Und wo sich glückhafte -Leute versöhnen, wird das Sitzleder dauerhaft. »Die haben ihn halt -nit fortlassen vom Freibierbänkl.« Sie verkürzte den Docht der Lampe -und raschelte sich in die Strohsackmulde. »Gut Nacht, Leupi!« Der -Fiebernde schlief bereits. Auch die Schneckin brauchte nicht lang, um -einzutunken. Sie erwachte erst, als der Hiesel Schneck sich wortlos -hinlegte auf den Strohsack. »Gott sei Lob und Dank,« sagte sie, »weil -du nur daheim bist. Ist's lustig gewesen?« - -»In Ruh laß mich!« knurrte er durch die Zähne. - -»No, no, geh, verzähl doch ein bißl was!« - -Da gab der Hiesel eine stumme Antwort. Sonst pflegte er so zu liegen, -daß die Schneckin ihr graues Köpfl an seine Schulter lehnen konnte, und -da waren ihr am Morgen immer die Falten seines Hemdärmels in die Wange -gedrückt. Jetzt drehte er sich heftig auf die Seite hinüber. Ganz und -gar. - -»Schneck! Jesus! Wirst doch nit krank sein?« - -»Was Gescheiteres fallt dir nimmer ein? Du --« Nein, der Schneck -brachte es nicht fertig, zu seiner Schneckin zu sagen: »Du Christin -ohne Herrgott!« - -Verwundert sann das Weibl in der Finsternis über die unerklärliche -Tatsache nach, daß der Hiesel nicht fluchte. Da *mußte* ihm doch was -weh tun, wie einem Baum, der im Frühling nicht grünen will. Bei diesem -Schweigen stöhnte plötzlich der Hiesel: »Ganz schauderhaft ist so was!« - -»Was denn?« fragte das Weibl erschrocken. - -»Wie heut der Bockmist stinkt!« - -»Schneck, da mußt du dich verkühlt haben! Beim Kathari hat einer -allweil so ein empfindsams Naserl.« Sie setzte sich auf. »Wart, da koch -ich dir gleich ein heißes Weinsüppl mit Nagerlblüten.« - -Jetzt fluchte der Hiesel, und zwar so fürchterlich, daß die Schneckin -rasch zur Einsicht gelangte: »Krank ist er nit!« Nach vielen -stichelhärigen Himmelhunden murrte er: »Jetzt wirst du mich aber doch -bald schlafen lassen, verstehst? Rumpel dich auf'n Strohsack hin, du -Wagen ohne Deichsel!« Weiter gab er keine Antwort mehr und tat so, als -ob er schliefe. Seine Augen blieben offen, bis der Morgen graute. Ohne -auf die Geißmilchsuppe zu warten, stapfte er, von seinen kummervollen -Himmelhunden begleitet, in das Schneegeriesel des Morgens hinaus. - -Die Schneckin sah ihm in ratloser Sorge nach. Was war denn nur -mit ihrem Hiesel? Hatte er beim Schützenfest was Unverständiges -angerichtet? Sie lief hinüber zum Hallturm. Ob da nicht von den -Soldaten was zu erfahren wäre? Ja, die wußten was! Sehr viel. Wenn -auch nichts vom Hiesel. Und als die Schneckin heimkam, merkte es -Leupolt gleich an ihrem blassen Gesicht, daß etwas Hartes geschehen -war. Schweigend hörte er an, was sie vom Versöhnungstag erzählte. Dann -nahm er ihre Hand. »Nit trauern, Schwester! Soll man uns jede Bruck -zerbrechen. Es ist ein Baumeister, der einen neuen Weg für uns auftut.« - -»Ja, Bub, da muß man glauben dran. Sonst tät man verzagen.« -Nachdenklich sah die Schneckin vor sich hin. »Jetzt weiß ich, warum -der Schneck heut nacht so gewesen ist. Falschheiten vertragt er nit. -So ist er! Jetzt kommt's auf, wo er den Bockmist hat schmecken müssen. -Verstehst?« Für alle Fälle wollte die Schneckin dafür sorgen, daß die -empfindsam gewordene Nase des Hiesel wenigstens unter dem eigenen Dache -nimmer gekränkt würde. Drum leistete sie an diesem Tag im Geißstall -eine Arbeit, daß sie an den König Augias hätte denken können, wenn sie -was von ihm gewußt hätte. - -Zur Mahlzeit kam der Schneck nicht heim. Erst am Abend. Der Schneckin, -die gleich zum Herd sprang, um sein Essen aufzuwärmen, vergönnte er -keinen Blick. Er ging zum Bett und griff in den Rucksack. »Heut in der -Nacht, verstehst, da hab ich vergessen, daß mir die Mälzmeisterin was -mitgegeben hat für dich.« - -»Die Mutter?« fuhr Leupolt in Freude auf. - -»Ob's deine Mutter ist, weiß ich nit,« sagte der Hiesel gallig, »auf -der Welt gibt's allerlei Verwandtschaften. Himmelkreuzbluthöllement, es -könnt am End gar noch aufkommen, daß du mein Schwager bist.« - -Der Sinn dieser Worte war für die Schneckin eine dunkle Sache. Und -Leupolt hörte nicht, was der Hiesel redete; langsam, weil seine -entzündeten Hände noch nicht gehorchen wollten, wickelte er das Päckl -auf und schälte das braune Tiegelchen aus der Leinwand. Eine Salbe? -Sonst nichts? Kein Gruß, keine Nachricht? Endlich fand er das kleine, -versteckte Blättl und las bei der Feuerhelle des Herdes die winzig -zusammengedrängte Schrift: »Mein herzlieber Bub! Die Sorg ist linder, -seit ich weiß, wo du bist. Es wird sich schon geben, daß ich schicken -kann, was du nötig hast. Kommen darf ich nit. Tu mir bald gesunden, tu -allweil hoffen, Bub, Hoffnung ist eine so feste Sach wie Gott, der sie -uns armen Menschen gegeben hat. Das Sälbl ist vom Luisli. Sie hat's -selber gebracht, das liebe Kind, hat's in der Sonn geläutert und hat -dich lieb. Alles ander müssen wir in Gott befehlen. Ich tu dich grüßen. -Bleib, wie du bist, mein Bub, da bist du kein schlechter nit. Das weiß -ich, deine Mutter in Treu.« - -Hätten der Schneck und die Schneckin jetzt hinübergeguckt zu ihrem -zwieschläfrigen Bett, so hätten sie sehen können, wie die Augen eines -Glücklichen leuchten. Aber die Schneckin mußte auf die Schüssel achten, -die sie zum Tische trug, und der Hiesel starrte kummervoll in den -Herrgottswinkel. Das Schneckweibl hielt es für nötig, zu fragen: »Wie -hat's denn die Mälzmeisterin erfahren, daß der Leupi bei uns ist?« - -»Was weiß denn ich?« brüllte der Hiesel. -»Kreuzhimmelhundblutshöllement, es gibt halt söllene Fensterln, wo -einer was auskundschaften kann, wenn er ausputzte Luser hat!« Wie -sonderbar, daß der Hiesel jetzt so unverständliche Sachen redete! -Sonst pflegte er nur Dinge zu sagen, die jedes Kind verstand. Seufzend -ging die Schneckin zum Herd. Und Leupolt sagte wie ein Träumender: »In -der tiefsten Freud wird auch die höchste Not ein Lindes. Magst du mir -nit erzählen, Schneck, wie's gestern gewesen ist?« Der Hiesel beutelte -wütend den Kopf, schob die Schüssel fort, riß den Tabakbeutel vom -Gürtel und begann die Holzpfeife zu stopfen. »So was ist schauderhaft! -Ganz schauderhaft!« Das bezog die Schneckin natürlich auf den Bockmist -und sagte gekränkt: »Schau hinaus ins Geißstallerl! Ob's nit so sauber -ist, daß man am Sonntag vom Stallboden essen könnt.« Mit Tränen in den -Augen zündete sie einen Kienbrand an und verließ die Stube, um draußen -noch ein bißchen nachzufegen. Da wurde plötzlich der Hiesel Schneck ein -völlig anderer. Alle Wut erlosch in ihm. Schweigend sah er die kleine -Stalltür an, in den kreisrunden Augen einen so hilflosen Kummer, daß -sein weißschnauziges Gesicht etwas Kindhaftes bekam. Wie zerschlagen an -allen Knochen trat er zum Herd, um ein glühendes Kohlenbröckl in die -Pfeife zu legen. - -»Schneck!« sagte Leupolt. »Weil das gute Weibl draußen ist, wollen -wir's ausreden als grade Menschen. Ich spring nit hinüber zum -Grenzbaum, tu nit flüchten. Vergönn mir das Plätzl in deinem Haus! Ich -will's vergelten. Sobald die Füß mich tragen, leg ich mich hinauf ins -Heu. Kann ich wieder laufen, so mußt du mich helfen lassen bei deinem -harten Dienst. Daß du's leichter hast. Ich versprech dir, daß ich -nichts tu, was dir Ungelegenheiten macht. Ich will nit konventikeln und -heimlichen Weg laufen. Will sein, wie du wollen mußt, daß ich bin. Ist -dir's recht so?« Er streckte die Hand. - -»Meintwegen!« murrte der Hiesel, ohne die Hand zu fassen. »Stapfen wir -selbander durchs Holz, so kannst du mir auseinanderkletzeln, was denn -eigentlich dran ist -- an der luthrischen Narretei? Daß in der besten -Menschenseel so ein Unsinn zündet! Es ist halt, weil einer verstehn -will, was er nit versteht. Verstehst?« - -»Fragst du, so geb ich Antwort.« Wieder streckte Leupolt die Hand. -»Magst du nit einschlagen? Wir sind doch Gesellen, wo Verlaß ist auf -einander. Nit?« - -Der Hiesel bewies, daß er trotz aller Bescheidenheit seines Verstandes -klüger sein konnte als andere Menschen. »Mannderl,« sagte er, »wenn -ich dein verschwollenes Pratzl drucken tät, möchtest du einen -schönen Brüller machen!« Er guckte über die Schulter, weil er aus -dem Geißstall ein heftiges Wassergeplätscher vernahm. »So was ist -schauderhaft! Ganz schauderhaft!« Er sprang zur Stalltür hinüber. »Du! -Kreuzhimmelhundshöllement und christgläubiges Elend! Wirst du nit bald -auf'n Strohsack rutschen? Verkühlst dich ja draußen! Du Zeiserl ohne -Kröpfl!« Keinen Kropf zu haben, ist eigentlich eine schöne Sache. Aber -der Hiesel dachte bei diesem wütenden Kosenamen an einen Vogel, dem -Gott wohl keinen Gesang gegeben hatte, dafür aber Federn, mit denen man -schreiben kann. - -Die gekränkte Schneckin plätscherte noch eine Stunde lang. Als sie -endlich die Ruhe suchte, lag ihr Schneck schon hinübergedreht nach der -feindseligen Seite. »So,« sagte sie, »jetzt wirst du ihn aber nimmer -schmecken!« Das stimmte. Gegen den Knasterqualm, den der Hiesel in die -Stube geblasen hatte, kam der Geißstall nicht merklich auf. Dennoch -knurrte der Unversöhnliche in die Nacht: »Ganz schauderhaft ist so -was! Schauderhaft!« Da drehte sich auch die Schneckin beleidigt auf -die andere Seite, und während ihre Tränen kollerten, hielt der Hiesel -verzweifelt seinen brennenden Schädel zwischen den Fäusten. Die Stube -des Grenzjägers beim Hallturm war in dieser Nacht eine Parabel des -Lebens, in welchem Trostlosigkeit und Hoffnung, Glück und Not, Zorn und -Liebe in unvereinbarem Widerspruche bei einander wohnen. - -Leupolt sah mit offenen Augen ins Dunkel, das braune Tiegelchen -zwischen den Händen. Wie in der klingenden Mondnacht auf dem Königssee, -so waren wieder in ihm zwei kämpfende Gedanken, die einander hart -bedrängten. Seine Trauer über das üble Herrenwerk des Versöhnungstages -und seine Sorgen um die leidenden Brüder umschatteten die blühende -Botschaft der Mutter: »Sie hat dich lieb.« Aus dieser Zwiesprach -seines Kummers und seiner Träume riß ihn ein Himmelsköter des Hiesel -Schneck, der wütend in die Finsternis hineinbellte: »Wie, du -- jetzt -hätt ich vor lauter Schauderei schiergar vergessen! Hörst oder nit? Du -Haubenstock ohne Mascherl! Wirst du dich bald umdrehen, ja? Und den -überbeinigen Ellbogen gib her! Verstehst?« Der Hiesel mochte schneller -zugegriffen haben, als die Schneckin zu geben bereit war. Sie ließ ein -so wehleidiges Quieksen vernehmen, daß Leupolt erschrocken fragte: -»Schneck? Was tust du denn deinem Weibl?« - -»Nit mehr, als was mir der Jud zur Schuldigkeit auftragen hat, -verstehst? Soll die saumäßige Zeitnot ausschauen, wie sie mag, ein -Überbein ist allweil ein Überbein.« In der Finsternis bügelte der -Hiesel Schneck das neugewachsene Ellbogenknöcherl seiner Schneckin. -Weil sie wieder ein bißchen wimmerte, brüllte er: »Ja, pfeif nur, -pfeif, du Spinnrädl ohne Schmier! Wenn's dir wohltät, gelt, da -könnt ich rippeln bis vierzehn Täg nach der Ewigkeit.« Nun ließ das -Schneckenweibl keinen Laut mehr vernehmen. Als der Hiesel mit dem -Knochenbügeln endlich Feierabend machte, konnte die Schneckin nicht in -Abrede stellen, daß ihr Überbein sich merklich verkleinert hatte. Sie -beobachtete auch noch eine andere Wirkung der gewalttätigen Kur: ihr -Schneck war von der >jüdischen Dokterei< so müde geworden, daß er vor -dem Einschlafen vergaß, sich auf die feindselige Seite hinüberzudrehen. -Mit Vorsicht rückte die Schneckin auf der Raschelmatratze ein bißchen -näher, fand das Kissen wieder, an das sie seit fünfunddreißig Jahren -gewöhnt war, und schloß als zufriedenes Menschenkind die Augen. - - - - -Kapitel XX - - -Am Morgen, als der Hiesel mit seinem verschwiegenen Christenkummer sich -wieder hinausfluchte in die tröstende Waldeinsamkeit und sein Weib -von den Schneckischen Hemdärmelfalten auf der Wange eine Zeichnung -hatte, ähnlich den Eisblumen am Fenster, fühlte sich Leupolt Raurisser, -obwohl ihm vom Wundfieber noch immer die Pulse hämmerten, so weit bei -Kräften, daß er hinüberhumpeln konnte zur Fensterbank. Und da wurde er -sein eigener Arzt -- weil er das kostbare braune Tiegelchen von keiner -anderen Hand berühren ließ. - -Zwischen wechselndem Schneegestöber blinzelte manchmal die Sonne durch -das verschneite Fenster, während Leupolt vor dem Zinnspiegelchen -der Schneckin saß, wie einer, der sich selbst rasieren muß. Ein -feingeglätteter Holzspan diente ihm als ärztliches Messer, mit dem er -die Halswunde so sauber schabte, daß die Schneckin gestehen mußte: -»*Viel* besser schaut's aus!« Mit zärtlicher Achtsamkeit verteilte er -die in der Morgensonne der Liebe geläuterte Wundsalbe über den frischen -Leinwandstreif. »So!« sagte er, als alles Rote am Hals bedeckt und -die lange Binde darumgewickelt war. Dabei glänzten ihm die Augen, wie -sie nur einem Menschen glänzen können, der ein unsagbares Wohlgefühl -empfindet. Und immer schüttelte er lächelnd den Kopf, so oft die -Schneckin barmherzig klagte: »Jesus, Jesus, es muß dir ja grausam -wehtun!« Mit den Fußknöcheln hatte er leichtere Arbeit. Auch beim -Verbinden der Handgelenke durfte ihm die Schneckin nicht beispringen; -er nahm die Zähne zu Hilfe. Und gleich, mit dem Bergstecken des Hiesel, -versuchte er's, in der Stube auf und ab zu schreiten. Immer besser -ging's. Freilich, der braune Tiegel war ausgeräumt bis auf das letzte -Glitzerbröselchen. »Da muß mein Schneck halt wieder ein Sälbl holen, -verstehst?« - -»Mehr braucht's nit. Das hilft aufs erstemal. Ich spür's.« - -Die Schneckin mußte zu ihren Geißen. Als sie wieder in die Stube -kam, war Leupolt umgezogen, saß hinter dem Herd auf dem kummervollen -Strohsack des Hiesel und las den kleinen Zettel der Mutter, las so -lange, als wäre das winzige Stück Papier ein Buch ohne Ende. - -Hundertmal im Verlauf des Tages sagte das Schneckenweibl: »Heut am -Abend freut er sich, mein Schneck! Weil er sein Bett wieder hat, -verstehst?« Aber am Abend freute sich der Hiesel gar nicht. Auch -während der folgenden Tage, unter wehendem Schneegestöber, blieb er so -mürrisch, so verdrossen, so rätselhaft traurig, daß in der Schneckin -der beklommene Verdacht erwachte: der Hiesel hat was gemerkt von ihrem -evangelischen Geheimnis. Aber nein! »Da tät er doch dreinschlagen -mit dem Bergstecken, tät umfallen vor lauter Kümmernis und tot sein! -Verstehst?« Stundenlang, wenn der Schneck mit den Fuchseisen draußen -im Gestöber war, beredete sie's mit Leupolt. Der sagte: »Es ist was -anderes. Grausen tut ihm. Was er sehen hat müssen beim Schützenfest, -das verwindt er nimmer. Nit viel im Leben ist härter, als übel von -einem Herren denken müssen, dem man zugeschworen ist in Treu und -Ehrfurcht.« - -Die Schneckin tat einen Seufzer: »Ach, lieber Herr Jesus! Was für eine -schieche Zeit ist das!« Von den schrecklichen Dingen, die im Land -geschahen, wußte sie nur wenig. Die hohen Schneewächten legten um das -einsame Haus einen schützenden Riegel. Und was die Schneckin drüben im -Hallturm von der eindringlichen Bekehrung hörte, die mit Musketieren -und Kapuzinern betrieben wurde, mit Strafgeldern, Angebereien, -Ausstoßungen aus den Handwerksgilden, Haussuchungen und Polizeichikanen --- das verschwieg sie vor Leupolt. Einen Wundkranken darf man nicht -aufregen. Auch sonst hatte das Schneckenweibl ihre Not mit ihm. Immer -wollte er arbeiten, sich nützlich machen. Jede Pflege wies er ab. Sie -schalt: »So geht's nit weiter, Bub! Du mußt dich wieder verbinden -lassen.« Er streichelte lächelnd ihre Hand: »Nit, Weibl! Ich spür schon -das Heiljucken. Nachhelfen muß man bloß bei schwachen und mühsamen -Dingen. Den starken und guten Sachen muß man ihr Sträßl lassen und muß -ihnen Zeit vergunnen. Komm! Es nächtet. Tu für den Schneck das Mus -kochen! Wenn das Feuer scheint, ist liebe Stund. Da sag ich dir wieder -ein Lied.« Als die Flamme züngelte und die schwarze Stube rotscheinig -wurde, sang er leis in die flackernde Feuerhelle: - - »Herz, laß dich nie nichts dauern mit Trauern! Sei stille! - Wie Gott es fügt, so sei's vergnügt dein Wille. - Bleib nur in allem Handel ohn' Wandel! Steh feste! - Wie's Gott verleiht, ist's allzeit das Beste. - Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine - Steht allem für und gibt auch dir das Deine.« - -Das Schneckenweibl brach in Tränen aus wie ein armseliges Häuflein -Elend und klagte: »Bub! Tät's unser Herrgott allweil aufs beste -richten, so könnt der Schneck nit im Ländl bleiben, wenn's so kommen -tät, daß ich auf Wanderschaft müßt. Verstehst?« Wie die Schneckin es -meinte, so verstand es Leupolt nicht. Sie hatte es nicht übers Herz -gebracht, ihm zu sagen, was drüben im Hallturm zu hören war: daß man -zu Berchtesgaden zwischen Judica und Palmarum das Exulations-Edikt -wider alle Verstockten anschlagen würde, die vor dem Karfreitag -nicht reumütig zurückgekehrt wären zum alten, allein seligmachenden -Glauben. Leupolt verstand nur, daß Kummer und Verstörtheit dem alten -Schneckenweibl fast die Seele zerdrückten. Er streckte die Hand, deren -Gelenk umwulstet war von dem starrgewordenen Verband, legte sie auf den -Arm der Weinenden und wiederholte mit tröstender Herzlichkeit den Vers: - - »Du sollst nit heut dich sorgen ums Morgen! Der Eine - Steht allem für und gibt auch dir das Deine!« - -Draußen vor der Haustür pochte Hiesel Schneck den Schnee von den -Schuhen. Als er eintrat, versuchte er zu lachen und warf unter dem -fröhlich tuenden Gebell eines kleinen Himmelhundes zwei schöne Füchse, -die er aus den Fallen genommen, vor die Herdmauer. »Also! Hat der -Mensch auch wieder einmal ein bißl Freud! Verstehst? Für d' Füchslen, -freilich, war 's Vergnügen minder.« Mit seinem gereizten Lachen mischte -sich ein wühlender Zornklang. »Was müssen die Rindviecher hinschnufeln -zum eisernen Fensterl! Da kann einer allweil was hören! Verstehst?« -Er drehte sich gegen die Balkenwand, um sein von Schnee umwickeltes -Zeug an die Geweihzacken zu hängen. »Freilich, was Guts ist allweil -dabei. Wird halt die Meinige jetzt ein ofenwarms Pelzkragerl auf -ihren Kirchenmantel kriegen!« Dieses zärtliche Versprechen hatte eine -sonderbare Wirkung. Heftig zusammenzuckend, ließ die Schneckin den -Kochlöffel ins Mus fallen, fuhr mit den Fäusten nach den Augen und -bekam einen Schreikrampf, der sich zu hilflosem Schluchzen löste. Eine -Weile stand der Hiesel wie versteinert. Dann fing er mit gesteigertem -Höllementsreichtum zu fluchen an und brüllte: »Du Wiedehupfin ohne -Schöpfl! Warum flennst du denn jetzt?« - -»Weil -- weil ich merk --« - -»Was?« fragte der Hiesel erschrocken. - -»Daß du mir -- eine Freud machen willst -- und grad für'n Kirchenmantel --- Jesus, Jesus, für'n Kirchenmantel!« Unter den Tränenstürzen ihrer -Verstörtheit vergaß sie völlig, daß sie das Mus für ihren Schneck -gekocht hatte, war der Meinung, es wäre die Kost des Fieberkranken, -und trug das Schüsselchen in die Dunkelheit hinaus, um es im Schnee -zu kühlen. Bei dieser Gelegenheit konnte der Hiesel Schneck die -überraschende Entdeckung machen, daß nicht der ketzergierige Satan, -sondern die menschliche Barmherzigkeit seiner Schneckin die »unsinnigen -Tapper« in den Neuschnee hineingefährtet hatte. Nachdenklich -wiederholte er das Kummerwort seiner letzten Nächte: »Ganz schauderhaft -ist so was!« Dann fluchte er unter heftigem Faustgefuchtel so -entsetzlich nach allen Windrichtungen, daß die schwarze Stube sich -noch dunkler zu schwärzen schien. Leupolt sagte lächelnd: »So was ist -seltsam.« - -»Was?« brüllte der rasende Schneck. - -»Wie die Lieb oft herausredet aus der Menschenseel.« - -Dieses Wort machte den Hiesel zuerst bestürzt. Dann schrie er: »Wann -ich raufen muß mit der Meinigen, da tu dich nit einmischen! Schau -lieber, daß du bald mit mir auf ein rechtschaffens Waldstraßl kommst. -Daß man reden kann miteinander. Oder verstehst nit, du luthrischer -Narrenkasten ohne Riegel, daß einer verstehn will, was er nit versteht? -Verstehst?« - -Leupolt gab keine Antwort. Er lächelte nur. -- - -In dem kleinen Jägerhaus kamen stille Tage. Keine schönen. Es stöberte, -daß der Schnee vor der Hausmauer immer höher wuchs. Manchmal in den -Nächten krachte das alte Dach unter der weißen Last. Dann plötzlich, -von einem Tag auf den anderen, setzte der Föhnsturm ein, mit Brausen -und Toben, mit klatschenden Regengüssen. - -Die Herren zu Berchtesgaden schienen den Jäger Leupolt Raurisser -entweder vergessen zu haben, oder sie erwarteten von ihm noch immer, -daß er seinem fürstlichen Herrn die Gefälligkeit erweisen möchte, -jenseits der bayerischen Grenze zu verschwinden. Es kam vom Stifte -keine Nachricht, kein Befehl. Alle paar Tage brachte das Schneckenweibl -ein Bündel, das jemand im Hallturm für den Hiesel abgegeben hatte. -Immer war's eine Sendung der Mutter Agnes für ihren Sohn. Schließlich -hatte Leupolt alles beisammen, was ein Jäger braucht -- ausgenommen -die Flinte. Am Tage nach dem Versöhnungsfest hatte die Polizei seine -Waffen konfisziert. Bei jeder Sendung war ein verstecktes Zettelchen -der Mutter, die sich um die Gesundheit ihres Buben sorgte. Über die -Dinge, die zu Berchtesgaden geschahen, schrieb sie kein Wort. Es hieß -nur immer: »Ach, das Leben ist nimmer schön!« -- »Bub, man weiß bald -nimmer, was man denken und glauben soll!« -- »Ach, Bub, sei froh, daß -du weit bist vom Marktbrunnen! Der Schandpfahl hat nimmer Feierabend.« -Nie ein Wort über Luisa, nie ein Gruß von ihr. Nur einmal, als sich -schon die ersten Frühlingszeichen an den sonnseitigen Gehängen -entdecken ließen, schrieb Mutter Agnes: »Hab gestern ein liebes Veigerl -gesehen, das nimmer blühen mag. Da hilft kein Wörtl nit. Man muß an -die Sonn glauben, die dem armen Blüml das Köpfl wieder aufrichtet.« -Als Leupolt dieses Zettelchen gelesen hatte, trat er zum Fenster, sah -in den rauschenden Regen hinaus und sagte: »Die Sonn ist bloß hinter -Wolken. Da ist sie allweil. Komm, Schneck, nimm den Mantel, ich geh mit -dir hinaus ins Holz. Wo die Bäum wachsen, wohnt der Herrgott.« - -»Wohl!« brummte Hiesel. »Aber was für einer?« - -Draußen wurde dem langen Schneck die Nässe ungemütlich. Er wußte eine -Holzerhütte zu finden, brachte ein Feuerchen in Brand, stopfte seine -Holzpfeife und fing wieder zu fragen an, wie immer, wenn er mit Leupolt -allein war. Dabei schien er nur die Worte des anderen zu hören, nicht -den Herzklang, von dem sie erfüllt waren, nicht die ruhige Festigkeit, -die in ihnen glänzte. Wieder schüttelte er nach stundenlangem Lauschen -den grauen Kopf: »Da kann mir einer sagen, was er will, ich versteh's -halt nit!« Etwas Verzweiflungsvolles brannte ihm in den kummervollen -Augen. »Aber was soll denn einer machen, wenn er muß?« Das war wieder -eine von den dunklen Reden, die der Hiesel sich angewöhnt hatte seit -dem Versöhnungsfest. - -»Schneck? Magst du mir nit sagen, was dich druckt?« - -Der Alte erhob sich vom Feuer. »Der Verstand druckt mich nit. Sonst tät -ich's verstehn. Verstehst?« - -Je näher es auf die Osterwoche ging, umso wortkarger wurde der -Hiesel Schneck, ersann immer seltsamere Flüche und fand für sein -Schneckenweibl immer wunderlichere Vergleiche, denen das Nötigste -fehlte. Er nannte sie ein Wasser ohne Brunnenrohr, ein Mühlrad ohne -Mehl, ein Bänkl ohne Füß, ein Zöpfl ohne Haar, sogar eine arme Seel -ohne Fegfeuer. Mit Menschen zusammenzukommen, das schien der Hiesel zu -fürchten, wie ein Gebrannter das Feuer. Die angstvolle Schneckin quälte -ihn eines Tages mit hundert verwirrten Fragen. Der Hiesel schwieg sich -aus, beteuerte ein Dutzendmal, daß so was schauderhaft wäre, ganz -schauderhaft, nahm die Feuersteinflinte und ließ seine Himmelhunde -hinausknurren in den nassen Frühlingswald. Die Schneckin, völlig -verdreht, wollte ihm nachlaufen. Leupolt hielt sie zurück und sagte: -»Laß ihn, Weibl! Im Holz draußen findt er die Ruh schon wieder. Ein -guter Mensch ist er. Und was er hören und sehen muß, das geht ihm über -den Herzfrieden.« Wenn Leupolt auch wenig wußte von den Dingen im Land, -so wußte er doch so viel, daß er sein Versprechen, keinen heimlichen -Weg zu machen, wie eine Kette zu empfinden begann. Einmal sagte er zur -Schneckin: »Nit helfen können, ist das Härteste.« - -Es war in diesen Wochen im Lande Berchtesgaden ein neuer Gruß erfunden -worden, nicht von der Polizei, sondern von denen, die ihn verschwiegen -vor ihr. Begegnete einer dem anderen, und hatten sie mit den Augen -geblinzelt, so sagte der eine: »Schieche Zeit, Bruder!« Und der andere -knirschte zwischen den Zähnen: »Gott soll's geben, daß der Helfer -kommt!« - -Der Weg zu den Stiftsgefängnissen wurde in dieser Zeit das belebteste -Sträßl im Land. Um der jungen Mädchen willen gab es blutige -Schlägereien zwischen den Burschen und Musketieren. Die Soldaten und -ihre Rosse fraßen die evangelischen Bauern arm. Was in den Seelen der -Bedrückten noch übrig blieb an Hoffnungsfestigkeit, das wurde gebeizt -und gesotten bei den stundenlangen Hauspredigten der Kapuziner. Von -ihrem schwitzenden Eifer kam ein Sprichwort in Umlauf: »Der tröpfelt -wie ein Bußprediger.« Und was diese emsige Seelsorge, was die Muketiere -und ihre fressenden Gäule, die Polizeiverhöre und die Herbergsstunden -ohne Mond und Sonne nicht fertig brachten, das vollendete die -Verhetzung innerhalb der evangelischen Familien, die Behinderung eines -jeden Erwerbs, der Frondienst und die Geldbuße, die Viehpfändung, -der Entzug des Hauslehens und noch eine andere dunkle Sache, die im -ganzen Lande wie ein drückender Alp auf allen Menschen lag. Es schien, -als ginge in den Häusern einer umher, der nicht zu sehen, nicht zu -hören und nicht zu greifen war, jedes Wort erschnappte, jede Rede -verdrehte, jeden Gedanken herauskitzelte und denunzierte. Dank diesem -emsigen Lauschergeiste war der Landrichter Willibald Halbundhalb -durch die gesteigerten Geschäfte seiner Wahrheitsforschung so grausam -überbürdet, daß man ihm vier Assessoren zur Hilfe beigeben mußte. -Weil der Herbergsraum ohne Mond und Sonne stets überfüllt war, wurde, -um Platz zu sparen und die Einkünfte des Stiftes zu erhöhen, alles -minder Gravierende durch hohe Geldbußen erledigt. Das hatte einen -doppelten Erfolg: zum erstenmal seit Jahren konnte die Rechnungskammer -des Stiftes die an Ostern fälligen Schuldzinsen glatt begleichen, und -noch vor dem Palmsonntag konnte man amtlich registrieren, daß von den -Siebenthalbtausend der jubelnden Bekennertage schon mehr als die Hälfte -bußbereit wieder heimkehrte zum »fürstpröpstlichen Glauben«. Gegen -die dreitausend noch Verstockten wurde das Exulations-Edikt an allen -Kirchtoren von Berchtesgaden angeschlagen. - -Wie schweres Nebelgewölk, so lag die dumpfe Herztrauer der Wehrlosen -über dem ganzen Land. Aber auch *diese* Zeit, so unerträglich sie war, -konnte den Witz des gesunden Volkes nicht völlig ersticken. Unter das -Polizeigebot, das neben dem Exulations-Edikte angenagelt war und jeden -»Befund dreier gleichzeitiger Personen auf der Straße« mit schwerer -Strafe bedrohte, hatte einer die Frage geschrieben: »Wie ist das bei -einer schwangeren Mutter, die mit Zwillingen geht? Das sind doch -auch drei Gleichzeitige? Muß da der Muckenfüßl vor dem Grillenhäusl -auf die Überzähligen passen? Oder muß er die Haustür einschlagen?« -Der Wahrheitsforscher mit den vier überflüssigen Federstrichen, -der den Dichter des Volksliedes vom _Dr._ Halbundhalb noch immer -nicht ausgeforscht hatte, mußte sich mit einem neuen Geheimnis der -Schriftenkunde befassen, um es *nicht* zu lösen. - -Die Sonne begann zu lachen und machte die Tage vor dem Osterfeste lind -und schön. Auf den Talwiesen begann das erste Grün zu spitzen, an den -Bächen kätzelten die Weidenstauden und auf den Berghängen schrumpfte -der Schnee immer weiter durch die Wälder empor. - -Am Morgen des Karfreitags wanderte Hiesel Schneck mit seiner Schneckin -nach Bischofswiesen, um das heilige Grab zu besuchen -- der Hiesel -trotz der himmelschönen Frühlingsfrühe verdrossener als je, das -Schneckenweibl bei aller Seelenangst viel freudenreicher als seit -Wochen. Wie warm die Sonne heizte, das schien die Schneckin nicht zu -bemerken; sonst hätte sie nicht das dickgefütterte Wintermäntelchen mit -dem neuen Fuchspelzkragen spazierengeschleppt. Jedem Menschen, dem die -beiden begegneten, sah die Schneckin fragend in die Augen. Dann bekam -der andere einen scheuen Blick und dachte: »Der bin ich verdächtig!« -Die Schneckin aber schmunzelte stolz: »Dem gefallt mein Fuchspelzl -auch!« - -Um für Hiesel einen freien Morgen zu machen, hatte Leupolt den -Hegerdienst übernommen. Seine Karfreitagsandacht hielt er im Bergwald. -Nur der Gott, an den er glaubte, sah den Leupolt Raurisser zwischen -den ersten Frühlingsblumen des Waldes knien, mit gefalteten Händen, -mit entblößtem Scheitel, mit klingender Menschenseele, mit hoffendem -Glanz in den Augen. Wie aus Holz geschnitten sah er aus, in dem -verwitterten Bergjägerkleid, mit den starr und grau gewordenen -Wundverbänden um den Hals, um Fußknöchel und Handgelenke. Das Rauschen -der Frühlingswässer und leises Vogelgezwitscher war um ihn her, und -durch das kahle Gezweig der Buchen, an denen die Knospen zu schwellen -begannen, spann die Morgensonne ihre funkelnden Fäden. Als er heim -kam ins stille Jägerhaus, brannte er auf dem Herd ein Feuer an und -hängte den kupfernen Wasserkessel drüber. Mit dem warmen Wasser -weichte er die zusammengekrusteten Verbände auf. Die Wunden waren -geheilt. Die erneute Haut umzog den braunen Hals wie ein weißes Band. -Ebenso war's an den Fußknöcheln und Handgelenken. Lächelnd flüsterte -Leupolt vor sich hin: »Vergeltsgott, Luisli!« Und weil er's nicht -übers Herz brachte, die Verbandlappen fortzuwerfen, verbrannte er -sie im Herdfeuer. Aus der Flamme quoll ein feiner Harzduft heraus, -der an den Wohlgeruch des keimenden Waldes erinnerte. Leupolt wusch -sich und zog die Feiertagskleider an, die seine Mutter ihm geschickt -hatte. Im Herrgottswinkel aß er die Geißmilchsuppe. Dann setzte er -sich vor der Haustür auf das sonnige Bänkl. Wie still und schön war -diese heilige Frühe! Jedes Gefühl in ihm verwandelte sich in dankbare -Andacht, die schmerzend umschleiert war von den Gedanken an die -leidenden Glaubensbrüder. Wie mochte es aussehen in den Herzen der -Schwachgewordenen, die unter Gewalt und Pein die Wahrheit ihrer Seelen -verleugnet hatten? Wie in den Herzen der aufrecht Gebliebenen, die -keinem Zwang sich beugten und doch der Stunde entgegenzitterten, in der -sie, verarmt und schutzlos, zum Exulantenstecken greifen und die Heimat -verlassen mußten, um einem ungewissen Schicksal entgegen zu wandern. - -»Gott soll dich hüten, mein liebes Glück! Ich geh mit der ersten Schar.« - -Ruhigen Auges hinausblickend in den Glanz der Morgensonne, überlegte -er, wie er den Wandernden nützen könnte, welchen Weg sie nehmen, -wohin sie sich wenden sollten auf der Suche nach einer neuen Heimat? -Übers Wasser nach England oder Amerika? Auf Landwegen nach Holland -oder Dänemark? Solchen Weg hatten viele von den Salzburgern genommen. -Leupolt schüttelte den Kopf. »Sind wir nit deutsche Leut? Wir gehören -auf deutschen Boden!« Da gab's nur einen einzigen Weg: über den Main -und über die Elbe hinunter, ins preußische Land. Aber wie für die weite -Wanderung alle nötigen Mittel finden, Zehrung für die Verarmten, Pflege -für die Erkrankten, neues Heimatland, Boden für den Hausbau, Balken -und Kalk, Hausrat und Ackerzeug? Wer wird da brüderlich und barmherzig -sein? Wer wird helfen? Leupolt hob das Gesicht zur Sonne. »Einer, -der allweil hilft!« Da fiel ihm etwas zwischen die Hände, die er auf -den Knien liegen hatte. Wie der Schauer eines heiligen Geheimnisse -durchrieselte es ihn, als er das goldgelbe Aurikelsträußchen -betrachtete, das ihm zugeflogen war, als wär' es heruntergefallen vom -Himmel. Ein heißer Glücksgedanke durchzuckte sein Herz. Gleich verwarf -er ihn wieder. An das Luisli zu denken, war Torheit, war Irrsinn! - -Jetzt hörte er hinter der Hausecke die Sprünge eines flinken Fußes -über kiesigen Grund. Er lief zur Hauskante hinüber und sah ein -blondschopfiges Mädel zwischen den Fichtenstauden verschwinden. War -das nicht die Tochter der Hasenknopfin? Dann war der Hasenknopf von -seiner Wanderung ins Preußische heimgekommen! Und in dem Sträußl war -eine Botschaft! Leupolt suchte zwischen den Blüten. Unter den grünen -Stengeln knisterte was: ein kleiner Zettel, eng beschrieben mit -verstellter Schrift, in der Ecke ein Kreis mit vier Punkten -- das nur -den Verläßlichsten bekannte Namenszeichen des Hasenknopf. Leupolt las: -»Es ist ein heilig Ding, ist deins und meins. Dem mußt du dienen. Vor -dem Neumond, am Abend um die fünfte Stund, da kommen von Reichenhall -zwei Auslandrische geritten, ein evangelischer Herr mit seinem Diener. -Die mußt du erwarten, wo man die verbronnene Plaienburg sieht. Tu dich -ausweisen mit deinen Wundmalen. Du mußt um Christi willen gehorsamen, -auch wenn es so ausschauen tät, als wär's gegen Treu und Eid. Es ist -nit so, ist alles zu christlicher Hilf. Es wollen die zwo in der -Neumondnacht zu einem, der nimmer lebt und ewig lebendig bleibt. Da -mußt du sie umsichtig führen und gut behüten. In Jesu leb ich, in Jesu -sterb ich. Den Zettel mußt du verbrennen. Gleich.« Ein zweitesmal las -er, ein drittesmal. Dann ging er ins Haus, legte den Zettel auf die -glühenden Kohlen und sah ihn zu Asche werden. - -»Ein Helfer kommt!« - -Die Freude machte ihm das Blut in den Adern heiß, machte ihm das Herz -gegen die Rippen hämmern. Den Helfer führen? Zu einem, der nimmer lebt? -Das war der Tote Mann, der Ramsauer Waldberg, auf dem die Evangelischen -in der Neumondnacht sich versammelten. - -Stunde um Stunde wartete Leupolt mit Ungeduld auf den Hiesel Schneck. -Der mußte ihm das Versprechen zurückgeben: keinen heimlichen Weg zu -machen. Die Mittagsstunde ging vorüber, ohne daß die Hausleute kamen. -Erst gegen Abend zappelte das Schneckenweibl über die Wiese her, -schwitzend unter dem Fuchspelz ihres Kirchenmantels. Von weitem rief -sie dem Leupolt, der wartend vor der Haustür stand, die Frage zu: ob -der Schneck schon daheim wäre? Als Leupolt den Kopf schüttelte, fing -die Schneckin in seltsamer Verstörtheit zu klagen an: sie hätte eine -Besorgung gehabt; die hätte ein bißl lang gedauert; und als sie wieder -zurückgekommen wäre ins Wirtshaus, wäre der Hiesel nimmer dagewesen; -sie hätte ihn überall gesucht, nirgends gefunden und hätte gemeint, -er wäre schon heimgelaufen. »Und jetzt ist er nit da! Jesus, Jesus, -ich muß ihm was sagen!« Sie lief zur Straße zurück, guckte und schrie, -kam heim, begann die Fastenspeise zu kochen und rannte wieder vor die -Haustür, um nach dem Hiesel auszuschauen. Endlich, da es schon zu -dämmern anfing, sah sie ihn kommen. - -Ganz langsam ging er, merklich gebeugt, als wäre er seit dem Morgen -um ein paar drückende Jährchen älter geworden. Als er sein Weibl so -aufgeregt schwatzen hörte, blieb er stumm, tat einen schweren Atemzug -und guckte zum Himmel hinauf. Plötzlich machte er einen raschen Griff, -faßte mit der groben Pranke die Hand seines Weibes und sagte wunderlich -zart und leise: »Schneckin! Paß auf! Jetzt muß ich dir was sagen. -*Dir* z'lieb, verstehst? Heut hab ich mich einschreiben lassen als -luthrischer Exulant.« Das Schneckenweibl stand wie zu Stein erstarrt. -Ihre Tränen begannen zu rinnen, bevor sie sich rühren konnte. Von einem -Schreikrampf befallen, schlug sie die Hände über dem Kopf zusammen und -klagte in den sternschönen Frühlingsabend hinaus: »O Jesus, Jesus! -*So* ein Unglück! Und ich, bloß daß ich nit fort hätt müssen von dir, -verstehst, ich hab mich heut wieder bekehren lassen vom Kapuziner!« - -Es gab zu dieser Stunde im trauervollen Lande Berchtesgaden nicht viele -Menschen, die so unglücklich waren, wie der evangelische Hiesel Schneck -und seine neukatholische Schneckin. - - - - -Kapitel XXI - - -Nach Ostern, am Vormittage vor der Neumondnacht im April, fuhr ein -Leiterwägelchen, das von Berchtesgaden kam, durch Bischofswiesen gegen -den Hallturm. Die Sus kutschierte. Hinter ihr saßen zwei Paare, die -nicht zu einander gehörten und sich doch bei den Händen gefaßt hielten: -Meister Niklaus und Mutter Agnes auf dem ersten Brett, Pfarrer Ludwig -und das Luisli auf dem anderen. Ihre Gesichter und Augen erzählten von -harten Tagen. Während der Fahrt durch Bischofswiesen redete keins von -den Fünfen ein Wort. Und die Sus schlenkerte immer die Zügel und trieb -das Gäulchen, als könnte sie das kaum erwarten: zum letzten Hause des -erschreckenden Dorfes zu kommen. - -Ein Frühlingsmorgen, voll Sonne, duftend von allem Reiz des neu -Erstehenden in der Natur. Was dieser Morgenglanz an Leben umschimmerte, -war Trauer, Menschenelend und Verwüstung. Viele Häuser standen leer -und hatten rot angestrichene Türen und Fensterstöcke. Die Leute, die -man aus ihren Lehen getrieben hatte, wohnten hinter den Hausgärten -in Bretterschuppen. Mit dem eng übereinander gestellten Hausrat -sahen diese Zufluchtsstätten aus wie Trödlerbuden eines unfröhlichen -Jahrmarktes. Nur wenige Häuser waren gegen früher völlig unverändert. -Dazwischen lagen bewohnte Lehen, deren gewaschene Fensterstöcke -und Türen nur noch einen matten, rötlichen Schiller hatten -- das -Zeichen der Heimkehr zum fürstpröpstlichen Glauben. Wer sich aus der -Bekennerliste streichen ließ, bekam mit der Anwartschaft auf die ewige -Seligkeit auch ein Fläschl Terpentin, um Türen und Fensterstöcke wieder -gutgläubig zu machen. - -Lenzfreude und munteres Leben ließ sich auch an den Häusern nicht -entdecken, die noch bewohnt waren. Alte Weibsleute hockten stumm in -den Höfen; an den Fenstern sah man verschüchterte Kindergesichter; -bejahrte Männer waren beim Umgraben der Gärten. Durch offene Türen -sah man in leere Ställe. Das Vieh war davongetrieben. Den Bußfertigen -hatte man reichlich des Himmels Gnade zugesagt, aber die Rinder nicht -mehr zurückgegeben. Die waren von der Salzburgischen Soldateska schon -aufgefressen, bevor im Bauer die christliche Reu erwachte. Neben -einem geplünderten Hause war ein Feld überstreut mit den Holzscherben -zerschlagener Kästen und Bettstellen; es erinnerte an des Haynachers -Gerstenacker, auf dem die Holzfetzen der Kreuze umherlagen, die der -Christl unermüdlich, mit einem an Wahnwitz grenzenden Eigensinn auf -das Grab seiner Martle steckte, und die von gutgläubigen Händen immer -wieder zertrümmert wurden. Dann kam in der Dorfgasse ein grau und -schwarz gesprenkeltes Loch, die Brandstätte dreier Höfe. Überall fingen -die Bäume und Hecken zu grünen an; die Obstbäume der niedergebrannten -Höfe trieben keine Knospe mehr; sie waren von der Feuerhitze versengt, -waren fuchsig rot wie verschmachtete Wacholderbüsche. - -Nur die spielenden oder brünstig trabenden Hunde, die den Frühling in -sich verspürten, und die gackernden Hennen schienen zu Bischofswiesen -noch beweisen zu wollen, daß die Freuden des Lebens nie ganz erlöschen. -Hörte man fröhliche Menschenstimmen, so kam's von den Soldaten Gottes, -die in der Sonne auf Bänken saßen und mit dem Knöchelbecher einander -das Plündergut und die Bekehrungsgroschen abnahmen. Im Gärtl des -Wirtshauses war eine halbe Kompagnie beisammen. Als die Soldaten das -Leiterwägelchen kommen sahen, reckten sie die Köpfe, und ein Lustiger -rief: »Ihr tapferen Eisenbeißer! Zum Sturm! Da rutschen zwei saubere -Weibsleut her!« Gleich kam das ganze buntgelitzte Rudel herangesaust. -Die Sus bekam ein zorniges Gesicht, Luisa wurde bleich, und Mutter -Agnes schrie der blonden Magd über die Schulter zu: »Tu doch das Rößl -treiben!« Das Gäulchen war schon umstellt und festgehalten. - -Da zuckte Pfarrer Ludwig vom Sitzbrett auf. In seiner schwarzen -hageren Länge sah er wunderlich aus, verblüffend durch sein grimmiges -Warzengesicht mit dem wehenden Weißhaar. Die Soldaten stutzten -und wurden unschlüssig. Weil der Pfarrer das merkte, konnte er -einen heiteren Ton finden: »Die sturmfreudigen Herren haben sich -umsonst bemüht. Mutter Mälzmeisterin, zeig den gütigen Kindlen -Seiner apostolischen Majestät den Passierschein der Pflegerkanzlei! -Die vier Leut da sind vom gnädigsten Herrn Fürsten meinem Schutz -vertraut. Ich bin Kapitelherr des Stiftes.« Diese beiden letzten Sätze -waren eine anderthalbfache Lüge. Auf einem Spaziergang war Pfarrer -Ludwig dem Wägelchen begegnet; in seiner Sorge um den Freund war er -aufgesprungen und mitgefahren, ohne zu wissen, wohin. Und seit dem -Versöhnungsschießen stand Pfarrer Ludwig auf der schwarzen Tafel, was -bedeutete: daß man ihm an Pfingsten zu Ehren des heiligen Geistes die -Kapitelfähigkeit herunterkratzen würde. Er schien der Meinung zu sein, -daß er die kurze Zeit seiner stiftsherrlichen Unverletzlichkeit noch -ausnützen müßte, stieg über das Vorderbrett, nahm der Sus die Zügel -aus der Hand, klatschte dem Gaul eins über den runden Hinterbacken und -lachte unter dem Geholper des flinkwerdenden Wagens: »Wenn der Mensch -nur allweil bei der Wahrheit bleibt! Da findet er überall offenen Weg.« -Hinter dem Rädergerassel verklangen die Späße der Musketiere. - -Meister Niklaus drehte mit zornfunkelnden Augen das blasse Gesicht -und ließ die Feder seines Stockdegens, den er gelockert hatte, wieder -einschnappen. »Alles um Gottes wegen!« - -»Nit, Vater!« Luisa legte die zitternde Hand auf seinen Arm. »Tu nit -lästern! Das wär kein Segen für den heutigen Weg. Gott ist fern von -den bösen Dingen, die jetzt geschehen auf der Welt. Warum er sie nit -hindert, das versteh ich nimmer.« - -»Ach, Kindl!« seufzte die Mälzmeisterin. »Beim Anblick der irdischen -Narretei wird sich der Allgütige halt denken: ich muß die blinden -Schermäus einmal wursteln lassen, bis sie einsehen, wie schafköpfig und -strohdumm sie sind.« - -»Ganz so wird's wohl nit sein.« Im Gesicht des Pfarrers tänzelte -die große Warze. Er gab der Sus die Zügel und kletterte zu seinem -Brett zurück. »Ein solches Experiment deines Allgütigen wär für die -Menschheit ein bißl zu kostspielig.« - -»Allmächtig ist er aber doch? Warum also laßt er so viel Zwidrigkeiten -zu?« - -»Lang dauert's nimmer, bis ich hinaufkomm zu ihm. Da will ich ihn -fragen. Dann schreib ich dir ein Wolkenbrieferl und schick's mit dem -Weihnachtsengel.« - -Halb erheitert, schüttelte die Mälzmeisterin den graugewordenen Kopf. -»Und allweil noch ein Späßl!« - -»Ist's nit hilfreicher als der Jammer, als der Zweifel und die -Schimpferei?« - -Von diesem Wortwechsel hatte Meister Niklaus nicht viel gehört. Immer -hatte er zurückschauen müssen zu dem verwüsteten Dorf. »Wie schön ist -das Örtl gewesen! Und jetzt!« - -»Ja, Nicki! Kein Wunder, wenn einem die Wanderlust in die Sohlen fahrt. -Gestern hat sich als Exulant einer einschreiben lassen, von dem ich es -nie erwartet hätt. Der Christl Haynacher.« - -Erregt, eine irrende Verstörtheit in den Augen, sagte Niklaus: »Sogar -*der* bekennt!« - -»Das nit! Der exuliert als Katholik. Augen kriegt er, aus denen was -Schreckhaftes herausschaut. Und allweil ist das seine Klag: daß die -undankbare Menschheit sein schwarzweißes Pärl schon völlig verschwitzt -hat.« Der Pfarrer nickte. »Wahr ist's! Außer dem Christl und meinem -hochverehrten Herrn Amtsbruder Jesunder denkt an das traurige -Doppeltödl nur noch ein einziger! Bei Tag und bei Nacht!« - -Ernst fragte der Meister: »*Wer*, Ludwig?« - -»Das Justizkamel!« Der Pfarrer lächelte. »Er bohrt und bohrt und -bringt es halt nit heraus. Und den Christl -- den einzigen, der ihm -sagen hätt können, wie das Wunder geschehen ist -- den hat er gestern -hinauswerfen lassen aus der Kanzlei. Da ist der Christl geraden Wegs -zum Exulantentischl gelaufen.« - -Der Meister knirschte erbittert vor sich hin: »Es wühlt in jedem.« Was -war an diesem kleinen Wort? Die Sus bekam erweiterte Augen, und Luisa -erschrak, daß ihre Züge sich veränderten. »Vater?« Die angstvolle -Frage blieb ohne Antwort. Zwei Grenzmusketiere, die auf der Straße -marschierten, hatten das Wägelchen kommen sehen und verstellten ihm den -Weg. Der eine, ein altgedienter Soldat, faßte den Gaul am Zaum. »Wohin, -ihr Leut?« - -»Zum Hallturm hinaus.« - -»Da lasset uns aufsitzen, wir haben einen pressanten Dienstweg. Sonst -müßt ich das Wägl in Beschlag nehmen.« - -»Es geht schon!« sagte die Mälzmeisterin flink. »Komm, Sus, gib das -Bockbrettl her! Du hast noch Platz zwischen dem Meister und mir.« -Während die Musketiere aufkletterten, flüsterte der jüngere dem älteren -zu: »Tu sie ausfragen!« Dieser Musketier schien die Aufmerksamkeit des -Pfarrers zu erwecken. Er gab seinem Freunde einen Stupps und zwinkerte -gegen den Soldaten hin. Der war auch dem Meister schon aufgefallen, -wegen des schwarzen Bartgestrüpps, das ein bißchen an den Fasching -erinnerte. Seine Bewegungen waren nicht sehr militärisch. Der ältere -Musketier fragte so unermüdlich, daß schließlich nur Mutter Agnes noch -Antwort gab. Der Junge mit dem sonderbaren Bart sprach keine Silbe -mehr. Als das Wägelchen in der Nähe des Hallturmes vor der Herberg -hielt, glitt er flink vom Wagen herunter, salutierte faschingsmäßig und -ging rasch davon. »Ein wüster Kerl, ein grauslicher!« murrte die Sus, -während sie dem Rößl das Zaumzeug über die Ohren zog. - -Der Pfarrer nahm den Meister beiseite. »Ich laß mir einen Finger -abschneiden, wenn das nit ein Polizeispion gewesen ist. Was er beim -Hallturm sucht, das kann ich mir denken.« Seine Stimme wurde noch -leiser. »Heut in der Nacht ist Neumond.« Er sah zum weißen Schneegrat -des Toten Mannes hinauf. »Verstehst du, Nick?« - -Der Meister atmete in schwüler Unruh. Und drüben beim Wägelchen nahm -Mutter Agnes Luisas Gesicht, das in Glut und Blässe wechselte, zwischen -zärtliche Hände. »Nit aufregen, Kind! Es wird schon alles gut gehen. -Fest beispringen mußt du mir halt!« Luisa nickte, und ihre suchenden -Augen füllten sich mit Tränen. »Nit, Kindl! Du gehst einem Lachen -entgegen, keinem Leid. Wär ich ein Bub, so tät ich sieben glückselige -Sprüng machen um dich.« Frau Agnes schmiegte die Wange an Luisas Haar. -»Alles in dir ist Sehnsucht worden. Sonst hab ich allweil gehofft auf -meinen Herrgott, heut hoff ich auf dich. Mein Bub hat doch Augen. Nit?« - -Der Pfarrer kam. »Also, wir machen es, wie's beredet ist?« - -Mutter Agnes bettelte: »Wär's nit doch am besten, ich tät gleich -hinüberlaufen zu ihm?« - -»Bei den Schneckischen hättst du ein hartes Reden. Komm, die -Herbergmutter wird schon wen haben, der ihn holen kann. Derweil -bestellen wir für unser Sechse eine feste Mahlzeit.« - -Frau Agnes und Luisa sagten das gleiche Wort: »Ich kann nit essen.« - -»Das muß man können.« Der Pfarrer legte den beiden die Arme um die -Schultern. »Ach, ihr Weiberleutlen! Ob Freud oder Weh, allweil hängt -ihr zuerst den Magen an den Bindfaden.« - -Niklaus stand noch immer auf der Straße, spähte zum Toten Mann hinauf -und wieder hinüber gegen die Büsche, hinter denen der Musketier mit dem -sonderbaren Bart verschwunden war. Nun ging der Meister zur Herberg -hinüber. Da kam die Sus gelaufen, mit großgeöffneten Sorgenaugen: -»Meister? Was ist das für ein Wörtl gewesen? Daß es wühlt in jedem?« - -Den Kopf beugend, fragte er in Trauer: »Verstehst du das nit?« Eine -Weile stand sie unbeweglich, dann nickte sie stumm. Ganz leis wurde -seine Stimme. »Wenn's so kommen müßt? Was tätst du, Sus?« - -Mit einem Lächeln, aus dem alle treue Tiefe ihres aufgeopferten Lebens -herausglänzte, sagte sie: »Bleibt der Meister, so bleib ich. Geht der -Meister, so geh ich.« - -An den beiden surrte ein junger Bub vorbei. Der sprang hinüber zum -Schneckenhäusl. Nach einer Weile brachte er die Botschaft: »Der Jäger -Raurisser ist nit daheim, ist droben am Berg. Am Nachmittag, hat die -Schneckin gesagt, gegen die vierte Stund muß er heimkommen.« Das -wurde nun eine qualvolle Zeit des Wartens. Alle paar Minuten guckte -Frau Agnes nach der Sonnenuhr, die über der Herbergstür an der Mauer -war. »Heut muß die Sonn langsamer laufen, wie sonst.« Noch ehe der -Schattenstrich hinrückte gegen die Vier, verlor die Mälzmeisterin ihre -letzte Geduld. Sie umklammerte die heiße Hand des Mädchens. »Komm! -Jetzt springen wir ihm entgegen, den Berg hinauf, und schreien uns -die Seelen aus dem Hals. Darf der Kuckuck schreien im Frühling, warum -sollen die Menschen nit schreien dürfen?« Sie riß das wortlose Mädchen -mit sich fort. Zum Haus des Hiesel Schneck hinüber war es nicht weit. -In dem engen Wiesentälchen konnte man den Weg nicht verfehlen. Auch -war der Pfad gut ausgetreten von den Schneckischen Nagelflößen. Drei -schwarze Ziegen trotteten mit kleinen Bimmelschellen und klunkernden -Eutern über den Weg, man hörte die müde Stimme des Schneckenweibls -locken, und durch die Stauden schimmerte in der Sonne die alte -Balkenmauer. - -Ein erstickter Laut. Mutter Agnes fing an allen Gliedern zu zittern -an. »Mein Bub! Da kommt er!« Nun ein leises Betteln: »Kindl? Gelt? -Das erste Wörtl tust du der Mutter lassen!« Nur nicken konnte Luisa -und sprang in den knospenden Buchenwald hinein. Mutter Agnes, immer -fröhlicher atmend, hing mit leuchtendem Blick an der festen Gestalt -des Sohnes, den das Gewirr der Stauden noch umschleierte. Er war ohne -Waffe, trug den Bergsack auf dem Rücken, den langen Griesstecken in -der Faust. Gleich sah die Mutter: der ist gesund, gesünder als je! -Huschend glitt vor ihren Gedanken ein Bild vorüber: der Marktplatz -zu Berchtesgaden, der Brunnen mit den Musketieren, das erregte -Menschengewühl und der Blutende am Holz der Unehr. - -Leupolt, langsamer schreitend, blickte nicht auf den Pfad, sah und -lauschte immer gegen den Hallturm hinüber. Und plötzlich sprang er auf -die Stauden zu, wandte sich gegen die bayrische Grenze und verschwand -hinter brechendem Gezweig. - -»Leupi!« schrie die Mutter mit erdrosseltem Laut. - -Ein Rauschen im Gebüsch. Nun tauchte er aus den Stauden heraus, Schreck -und Hoffnung in den Augen. Ein heißer, glückseliger Schrei: »Herr -Jesus! Mutter!« Hätte sie es noch nie gewußt, wie er hing an ihr, mit -jeder Faser seines Lebens, mit jedem Blutstropfen seines Herzens, -so hätte ihr's dieser Schrei gesagt, dieses glückliche Aufglänzen -seiner Augen. Lachend wie ein Kind, stieß er den Griesstecken in den -Wiesgrund, warf das Hütl dazu und sprang ihr entgegen: »Mutter! Mutter! -Mutter!« Verstummend riß er sie an sich, und sie hing an seinen Hals -geklammert, in Freude stöhnend unter dem Druck seiner stählernen Arme. - -Nicht weit von den beiden stand eine Zitternde im Schatten des Waldes -und preßte das Gesicht in die Hände. Noch in keiner träumenden -Sonnenstunde, noch in keinem Blutschauer ihres jungen Leibes, in keiner -von den schlaflosen, mit wirrem Gebet durchstammelten Nächten hatte sie -so brennend den Durst nach dem Augenblick empfunden, in dem seine Arme -sie umklammern würden, wie er jetzt die Mutter umschlungen hielt. - -Er hob das Gesicht. Weil die Haube seiner Mutter zurückgefallen war -in den Nacken, sah er das graugewordene Haar. Schweigend küßte er den -entfärbten Scheitel, preßte die Mutter noch fester an sich, erschrak -- -und fragte: »Hab ich dir weh getan?« - -Mit feuchten Augen lachte sie an ihm hinauf. »Das ist doch einer -Mutter liebste Freud, wenn sie merkt, wie stark ihre Buben sind. Jetzt -ist mir's mit blauen Flecken auf den Leib geschrieben, wie gesund du -wieder bist.« Sie sah die weiße Narbe an seinem Hals und strich mit den -Fingerspitzen drüber. »Du, das ist schön geheilt.« - -Er nickte. »Was du mir geschickt hast von ihr, ist wie ein Wunder -gewesen. Sag ihr ein Vergeltsgott von mir! Sag ihr: mir ist gewesen wie -einem Baum, wenn ihm der Frühling die Eisrind forthaucht! Mutter, wie -lebt sie? Wann hast du sie das letztmal gesehen?« - -Ein Erglühen ging ihr über das Gesicht. »Nit lang ist's her.« - -»Das mußt du mir alles erzählen -- einmal -- nit jetzt.« Er warf -einen forschenden Blick nach dem Stand der Sonne. »Heut haben wir nit -viel Zeit. Ich muß einen Weg machen, den ich nit versäumen darf. Aber -allweil reicht's noch ein paar Vaterunser lang. Muß ich halt nachher -doppelt springen.« Er sah nicht, wie sie erblaßte. »Da drüben, komm, -wo der Baum liegt, können wir uns niedersetzen.« Die Wange an ihr -Haar schmiegend, führte er sie über den Weg hinüber. Als sie auf dem -Baumblock saßen, nahm er ihre Hände. »Wie geht's dem Vater und den -Brüdern?« - -Alle Freude war zerdrückt in ihr. »Wie's einem halt gehen kann in -heutiger Zeit. Keiner hat mehr ein richtiges Lachen.« - -Da sagte er froh und fest: »Die Zeit wird besser. Tu dich gedulden.« -Eine Sorge schien ihn zu befallen. »Mutter? Daß du bei mir bist, so? -Wirst du das nit ungut zahlen müssen?« - -Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab Verlaub.« - -Zögernd wiederholte er dieses Wort. »Verlaub?« Sein Blick wurde -schärfer. »Von wem?« - -»Vom gnädigen Herrn.« Sie sah, wie sein Körper sich streckte. Angstvoll -umklammerte sie seine Hand und brachte kaum einen klaren Laut heraus. -»Gestern -- da hat er mich rufen lassen -- und hat mich in aller Güt -gefragt, ob mich nit bangen tät nach dir --« - -»Güt?« Er machte mit der Hand eine Bewegung. »Nein, Mutter! Güt ist -ein ander Ding. Rechtschaffene Güt vergönnt jeder Menschenseel, was -ihr heilig ist, will nit ausbrennen, was tief im Leben sitzt. Du -sollst mir die Botschaft des Fürsten nit ausrichten. Da bist du mir -zu gut dafür. Verstanden hab ich schon.« Eine Sekunde schwieg er. »Am -Osterdienstag hat mir der Wildmeister einen Deuter geschickt. Heut -schicken sie mir die Mutter. Weil sie meinen, was meinem Herzen das -Wärmste ist, das tät mich umschmeißen! -- Mutter? Hast du dir nit -gesagt: das ist mein Leupi?« - -»Allweil und allweil hab ich mir's fürgesagt. Und bin halt doch -gesprungen in Freud und Zutrauen. Tust du mir das verdenken, Bub?« - -Er zog sie an sich, streichelte mit schwerer Hand ihr erloschenes Haar -und sagte ruhig: »Ich soll mich bußfertig erweisen? Gelt? Soll den -Glauben niederdrucken, soll lügen wider Gott und gegen mich selber? Und -alles, was sie Untreu heißen, tät mir verziehen sein? Weil sie meinen: -die Dritthalbtausend, die noch standhalten, die sich nit haben umwerfen -lassen von Kapuziner und Musketier, von Geldbuß und Hausbrand, von Not -und Elend, von Kinderaugen und Landslieb -- die soll mein Beispiel -wacklig machen und umreißen? Gelt?« - -Sie zitterte. »Ach, Bub --« - -»Ich will nit reden von der Wahrheit in mir, von Ehr und Treu. Keiner, -Mutter, ist um seiner selbst willen auf der Welt. Jeder ist um der -anderen wegen da. Und ein Wegweiser darf nit Brennholz werden. Ein -Sturm kann ihn werfen, und faul kann er werden im Balken. Da müßt ihn -aber erst das Alter dürr machen. Ich bin jung, mich wirft der Sturm -nit, und was Faulkrankes ist mir nit in der Seel. Die Brüder und -Schwestern, die in Not und Verzweiflung nach einem Helfer dürsten ---« Verstummend, von einem Schreck befallen, hob er das Gesicht gegen -die Sonne und stammelte: »Jesus! Mutter, du gute! Jetzt muß ich fort. -Ich muß!« Mit hetzenden Sprüngen jagte er über den Weg hinüber, riß -den Griesstecken aus der Erde, raffte das Hütl vom Boden auf, kam -zurückgesprungen und schlang den Arm um den Hals der Mutter. »Sag's dem -gnädigen Herrn! Ein anderes Wörtl hab ich nit. Daß ich dich sehen hab -dürfen, das soll dir unser Herrgott in Güt vergelten.« - -Eine letzte Hoffnung in den Augen, flehte sie zu ihm hinauf: »Der -*unsere*?« - -Um seinen Mund ging ein schmerzendes Lächeln. »Muß ich halt sagen: der -deine und der meinige. Tu mir den meinen nit schelten, und ich will -den deinigen in Ehren halten. Wir zwei, Mutter, haben uns noch allweil -verstanden. Täten es uns die anderen nachmachen, so wär der Weltboden -ein Frühlingsacker. Tu mir den Vater grüßen, gelt! Jetzt muß ich --« - -Sie hielt seinen Arm umklammert, und ihre Stimme schrillte: »Luisli! -Luisli! Allgütiger, so hilf mir doch!« - -Leupolt, sich verfärbend, stand einen Augenblick wie zu Stein -verwandelt. Das traf ihn, als wär's ein Balkenstoß gegen seine Kehle, -und wurde binnen drei Herzschlägen für ihn eine trinkende Freude, ein -Rausch seiner Liebe. Die sein Gedanke und seine Sehnsucht war bei Traum -und Wachen, die Seele seiner Seele, das Blut seines Blutes, der süßeste -Inhalt seines Lebens -- da stand sie vor ihm, hold und liebenswert, -eine zur Blume entbronnene Knospe, ein weibgewordenes Gebet, die Hände -nach ihm gestreckt, die nassen Augen glänzend und bekennend. Alle Welt -versank ihm, er sah die Mutter nimmer, sah nicht den Meister und den -Hochwürdigen, die inmitten des ergrünenden Tälchens standen. »Luisli!« -Ein Sprung, der wie ein Aufjauchzen seines jungen Körpers war. - -Erschrocken stieß sie die Arme vor sich hin, wie um ihn fernzuhalten. -Oder wollte sie seine Hände fassen, seine Brust berühren, seinen Hals -umwinden? Und versagte ihr nur die Kraft? Ihre Arme fielen. Halb einer -Ohnmacht nahe, stand sie vor ihm. Alles Blut war aus ihren Wangen -entflohen. Nur ihre Augen lebten und hatten Glanz, waren voll Scham und -Sehnsucht, voll Zweifel und Hoffnung. »Leupi?« Das war ein Laut, als -spräche nicht ihr Mund, nur ihre Seele. »Magst du dich nit besinnen? -Tust du es nit mir zulieb? Um deiner Seel wegen hat mir der liebe Gott -befohlen, daß ich die Wahrheit reden muß. Derzeit du am Holz gehangen, -ist alles Kühle und Fromme in mir ein anderes worden. Tu ich beten, so -kann ich nimmer an die Heiligen denken, muß allweil denken an dich. -Jede Nacht ist mir ein einziges Träumen von dir. Jeder neue Morgen hat -mir den Glauben in die Seel geschrien: heut kommt der Leupi. Ich hab -geharret den ganzen Tag. Am Abend ums Betläuten hab ich in Trauer sagen -müssen: heut wieder nit! Und hab in der Nacht aus Sünd und Seligkeit -tausendmal die Händ gehoben -- nach meinem Herrgott oder nach dir, ich -weiß nit recht -- so lieb bist du mir worden, ich kann's nit sagen --« -Verstummend preßte sie das erglühende Gesicht in die Hände, und ihr -feines, schmuckes Körperchen krümmte sich tief zusammen. - -Frau Agnes, zwischen Hoffnung und Sorge, nickte immer wieder ihrem -Buben zu und machte mit den Händen nachhelfende Bewegungen. Und neben -dem Meister Niklaus, der in Unruh die zwei jungen Menschen betrachtete, -als würde hier nicht nur das Lebensglück seines Kindes, auch noch etwas -anderes entschieden -- neben diesem erregten Manne stand der lange -Pfarrer, hielt den Kopf zwischen die Schultern gezogen, schlenkerte -seinen Hakenstock, guckte mißmutig drein und murrte: »Da wird's halt -wieder aufkommen, daß Manndl und Weibl schwerer wiegen, als Himmel und -Höll!« - -Leupolt schwieg noch immer, unbeweglich, den Bergstecken vor sich -hingestemmt, einen frohen, heiligen Glanz in den Augen, ein Lächeln -seiner tiefen Freude um die stummen Lippen. Nun beugte er sich langsam -gegen das Mädchen hin und sagte leis: »So heb doch das Köpfl, Luisli! -Schau mich an! Ein rechtes Vergeltsgott muß man einem in die Augen -sagen. Du hast mich zum reichsten Mannsbild auf der Welt gemacht. -Jetzt ist mir alles ein Maigarten und Sonnenweg. Vergeltsgott, du -Liebe!« Er streckte die Hand und ließ sie zärtlich hingleiten über -ihr schimmerndes Haar. Als hätte diese Berührung seine feste Ruhe -verwandelt in einen Sturm seines Durstes nach ihr, so klammerte er -plötzlich den Arm um ihren Nacken und preßte den Mund auf ihren -Scheitel. »Daß ich dein bin und keiner anderen nimmer? Gelt, Luisli, -das weißt du?« - -In Freude stammelte Frau Agnes: »Gott sei Lob und Dank!« Und Luisa, -unter glückseligem Auflachen, verschönt, erglühend, nahm sein Gesicht -zwischen die zitternden Hände: »Gelt, jetzt gehst du mit uns?« - -Er schüttelte den Kopf. »Heut nit. Das kann nit sein, Herzliebe!« Ein -rascher Blick nach der Sonne. »Heut hab ich einen Weg. Da darf mir auch -das Glück und alle Herzfreud keinen Riegel nit drüberschieben.« - -Meister Niklaus bekam ein brennendes Gesicht, und die mißmutige Laune, -die in dem Warzengesicht des Pfarrers gewittert hatte, schien sich -merklich zu bessern. - -Erschrocken bettelte Luisa: »Schau, je flinker du bereuen tust, so -gottsfreudiger machst du deinen Weg.« - -»Bereuen?« Er richtete sich auf. Sein Lächeln blieb. »Ich wüßt nit, was -ich bereuen müßt. Mein Weg ist ein anderer, als du meinst. Das ist ein -Festes. Ich geh mit der ersten Exulantenschar. Aber kommen tu ich noch. -Zu dir. Und frag dich, ob du mitgehst.« - -Sie wehrte mit den Händen. - -»Nit so! Das mußt du dir in Ruh überlegen. Kannst du es tun, so sollst -du auf jedem Weg meine Händ unter deinen Füßlen spüren. Mußt du Nein -sagen, so bleib ich allweil -- ich weiß nit wo -- der deinige bis -zum letzten Schnaufer.« Ein tiefer Atemzug. »Jetzt muß ich fort. Die -Sonn will über den Berg hinüber.« Seine Hand umschloß die ihre. »Du -Liebe! Alle Gütigen im Himmel sollen dich hüten! -- Und dich, Mutter!« -Ein paar flinke Sprünge, und er war schon drüben bei den Stauden. Da -verstellte ihm einer den Weg. Betroffen wandte Leupolt das Gesicht und -sah in die leuchtenden Augen des Meister Niklaus. - -Ein leises, fröhliches Wort. »Bub, du hast es mir leicht gemacht. Ich -will bekennen.« - -In heißer Freude klammerte Leupolt die Hand um die Schulter des -Meisters. Ein Zögern, ein kurzer Kampf, nun ein rasches, lachendes -Flüstern: »Tu dich aufrichten! Ein Helfer kommt.« Dann sprang er in die -Stauden und war verschwunden. Wie ein Träumender sah Niklaus zu seinem -Kind hinüber, das schluchzend am Hals der Mutter Agnes hing. - -Pfarrer Ludwig kam auf den Meister zugegangen, viel größer, als er vor -einer Minute ausgesehen hatte. »Nick? Was sagst du?« Er deutete mit -dem Hakenstock gegen die Stauden hin, die hinter dem Verschwundenen -noch schwankten. »Wie der Bub davongesprungen ist, da hab ich mir was -denken müssen.« Seine Stimme bekam einen jungen Klang. »Römisch oder -evangelisch? Das ist die Frag nit. Zwei feste Geschwister, die Zeit -und der Menschenverstand, die werden Brücken bauen. Die Frag für uns -ist: deutsch oder undeutsch! Laß den deutschen Boden verkuhwedelt sein, -pariserisiert und versaut, wie er mag --« Wieder deutete er gegen die -Stauden hin: »*Die* Rass' schlagt allweil wieder durch. Wie der Bub -da, sind Tausend und Hunderttausend im Reich. Sie wissen es nit. Und -hegen es doch in sich wie ein heiliges Feuer. *Wann* das Aufwachen -kommt? *Wann* dem blauen Untersberg da draußen die schläfrigen Riegel -springen? Ob morgen oder in hundert Jahr, ich weiß nit, wann -- -- ich -weiß nur: *es kommt*!« Er legte dem Freunde lächelnd den Arm um die -Schultern und deutete gegen die Buchen, in deren Wipfelgezweig eine -Ringdrossel flötete. »Lus, Nicki! Ein deutsches Lied! Ist's nit noch -schöner, als wie der Amsterdamer Vogel singt?« - -In das leise Lachen des Pfarrers schnitt ein klagender Mädchenlaut -hinein. Luisa taumelte auf den Vater zu und weinte: »Tu mich wieder -zu den frommen Schwestern ins Kloster! Alles in mir ist Sünd, die mich -verbrennt. Beten kann ich nimmer, wenn ich nit bet' für ihn. Und jedes -Gebet für ihn ist Frevel wider Gott. So kann ich nimmer leben. Alles -ist Trauer, alles ist Elend! Wo ist die Ruh?« Aufschreiend lief sie mit -flatterndem Kleid durch das leuchtende Tälchen. Und die Mälzmeisterin -zappelte erschrocken der verzweifelten Mädchenseele nach, klagend, -bettelnd, mit beruhigenden Worten, schließlich ein bißchen scheltend. -Auch Meister Niklaus wollte springen. Der Pfarrer hielt ihn am Ärmel -fest. »Nur nit verlieren, was die Neuenstein als Kontenanz bezeichnet. -Laß das kleine Weibl sich ausheulen. Ein Wasser oder ein tiefer Graben -ist nit in der Näh. Und daß sie wie ein Eichkätzl auf einen Baum -hinaufkraxelt und herunterspringt, ist mehr als zweifelhaft!« - -Während die beiden Männer davonschritten durch die Nachmittagssonne, -hörte man die Sorgenstimme der Schneckin und das Schellengebimmel der -Ziegen, die aus ihrem reinlichen Ställchen mit erleichterten Eutern -wieder hinaustrabten zu ihrer duftenden Frühlingsweide. - - - - -Kapitel XXII - - -Über dem tiefen Reichenhaller Talbecken glänzte der milde Nachmittag. -Alle Wiesen grün, mit den blassen Kelchen der Herbstzeitlosen, mit -Himmelsschlüsseln, Margariten und Steinnelken. In der Talsohle sproßten -bereits die Hecken, und der Fichtenwald war schneefrei bis hinauf zur -halben Höhe. Alle Bergspitzen stachen weiß wie funkelnde Silberstufen -in das Blau des Himmels. Taubenschwärme und Viehherden waren auf den -Feldern, und viele Drosseln huschten bei der Käferjagd an den Hecken -hin. - -Über die harte Straße, die von Reichenhall emporführte zu den Ruinen -der Plaienburg und gegen den Hallturm, klapperten die Hufe von sechs -Pferden. Voran ein Reitknecht in bürgerlicher Reisetracht und ein -hochgestiefelter, steifzopfiger Soldat. Jeder führte am Zügel ein mit -Mantelsäcken und Ledertaschen beladenes Packpferd. Dann kamen zwei -Reiter, die sich in französischer Sprache unterhielten. Zur Linken -ritt ein bejahrter Herr in vornehmer Reisekleidung aus braunem Tuch, -mit offenem Mantelkragen. Aus der weißen Perücke sah ein freundliches -Gesicht heraus. Das war der preußische Geheimrat von Danckelmann, der -Präsident des zu Regensburg amtierenden _Corpus evangelicorum_, dem -die Wahrung der durch den Westfälischen Frieden gewährleisteten Rechte -der Protestanten im deutschen Süden übertragen war. Während des großen -Jagens, das die Scharen der Salzburger in die Fremde trieb, hatte -Danckelmann viele Tausendzüge der Exulanten ins Brandenburgische und -nach dem schwachbevölkerten Ostpreußen geleitet. Jetzt ritt er zu Herrn -Anton Cajetan, als Gesandter des Königs von Preußen, dessen Hilfe die -Berchtesgadnischen Bekenner in ihrer Verzweiflung angerufen hatten. Der -mit der Bärentatze geschriebene Auftrag des Königs an Danckelmann hatte -gelautet: »Betrachte dir die Petenten genau. Ist es zweifelhaftes Volk, -so laß die Hände davon. Faulpelze, Gotteskomödianten und Mauldrescher -können wir auf unserem mageren Boden nich gebrauchen, haben schon genug -davon, so des Wegräumens bedarf. Seind es tüchtige Leute, insonderheit -Protestanten bis auf die Knochen, so nimm ihrer, so viele du erwischen -kannst. Aller Beistand soll ihnen bewilliget sein. Bei gutem -Menschenkauf muß der Sparmeister ein Verschwender werden. Oder er wäre -als Fürst ein gottverlorener Esel. Wär auch kein Preuße nich. Preußen -muß sich helfen, wie es kann. Mach er seine Sache gut!« - -Am Abend vor Danckelmanns Abreise von Regensburg hatte sich -unangemeldet ein Begleiter bei ihm eingestellt, der auf abgehetztem -Pferde über Ansbach gekommen war. In der Art, wie der Geheimrat mit -diesem jungen Reisekameraden sprach, den er zur Rechten reiten ließ, -war bei aller Höflichkeit eine stete Fürsorge, bald für den jungen -Reiter selbst, bald für seinen glanzhaarigen Fuchs, der mit der -schlanken, zart erscheinenden Hand, von der er gelenkt wurde, nicht -einverstanden schien und schäumend an der Stange kaute. - -Im Gespräch der beiden war keine Rede vom Zweck ihrer Reise. In hurtig -gleitendem Französisch, das der Jüngere besser beherrschte als der -Geheimrat, sprachen sie von der Herrlichkeit der Natur, von der -zaubervollen Keuschheit der Frühlingslandschaft und von der Schönheit -der Berge, deren Anblick den staunenden Jüngling heiß erregte. -Immer sprach er. Sprach mit einer klangvollen, ungemein melodischen -Stimme. Warf er manchmal zwischen das Französische einen kurzen -deutschen Satz hinein, so war das ein sonderbares, unbehilfliches -Gemisch aus Fremdwörtern, altmodischer Beamtensprache, pommerischem -Platt und Berliner Vulgärdialekt. Und hurtig kehrte er wieder zum -Französischen zurück, in dem er mit Geist und Klarheit auszusprechen -vermochte, was Glut in ihm war. Für sein leidenschaftliches Entzücken -fand er Worte, wie ein von Schönheit berauschter Poet sie findet in -schwärmender Ekstase. Plötzlich ein kühles Ernstwerden des altklugen -Knabengesichtes. »Danckelmann! Sehen Sie doch! Diese schwarze, -fruchtbare Erde! Das ist ein Boden, auf dem nur gesunde, feste Kerle -wachsen können. Wär' es anders, so wär's eine Pflichtwidrigkeit der -Natur, eine Gewissenlosigkeit Gottes. Aber Gott muß doch höchste -Verantwortung sein, Natur ist ewiggewordene Pflicht.« Da machte, -an steil abfallender Wegstelle, das Pferd des jungen Reiters einen -scheuenden Seitensprung. Erschrocken suchte der Geheimrat den Zügel -des steigenden Gaules zu haschen. Das war überflüssig. Das Pferd hatte -sich schon beruhigt und gehorchte. Der schlanke Reiter streifte seinen -Begleiter mit einem halb mißmutigen, halb ironischen Blick. »Ich kann -reiten, lieber Danckelmann! Auch wenn es manchmal so aussieht, als -hätt' ich es nicht gelernt.« - -Der alte Herr schien seinen Schreck noch nicht überwunden zu haben und -glich einem sorgenvollen Pädagogen, der sich verantwortlich fühlt für -einen zu unberechenbaren Streichen geneigten Schützling. Und dieser -Schützling, ein Einundzwanzigjähriger von feiner Zierlichkeit, war -Soldat und trug die Offiziersuniform eines preußischen Regiments, mit -dem Rangzeichen des Obristen. In seiner Erscheinung war etwas seltsam -Gegensätzliches. Körperliche Schwäche schien vereinigt zu sein mit -innerlicher Kraft. Er hatte als Soldat eine schlechte Haltung. Dennoch -konnte man sich keine Tracht denken, die besser für ihn gepaßt hätte -als dieser dunkelblaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen. Der saß -nicht sonderlich straff und militärisch an der zarten Jünglingsgestalt, -die manchmal so gebeugt und haltlos erschien, als möchte die gelbe -Hose mit dem ganzen zierlichen Figürchen schlapp hineinsinken in die -braunen Reitstiefel. Doch wenn ein neuer Ausblick zwischen den Kulissen -der Landschaft den jungen Reiter entzückte, straffte das Feuer seines -Innern auch den versunkenen Körper. Dann schien er ein anderer zu -werden. Seine Bewegungen waren flink und zugleich bedachtsam; es war in -ihnen eine Mischung von feurigem Vorwärtstrieb und einer zähen Kunst -des Sichruhigverhaltens, eine Mischung aus Seele und Willen, aus der -Kraft eines ehrgeizigen Jünglings und der Ruhe eines klugen Greises. - -Er trug nicht den soldatischen Zopf. Hinter dem betreßten Dreispitz war -das braune Haar von einer schwarzen Bandmasche locker zusammengefaßt. -Zwischen gelösten Haarwischen, mit denen der milde Bergwind spielte, -schob sich hager ein ovales Gesicht hervor, nicht schön, doch scharf -und edel geschnitten, Stirn und Nasenrücken eine gerade Linie, bei der -man zugleich an einen Widderkopf und an griechischen Profilschnitt -denken mußte -- ein Gesicht, das einer sanften Mutter gleichen wollte -und ähnlicher einem strengen Vater war. Wie große strahlenflinke Sterne -glänzten aus diesem Gesichte zwei feuchte, enthusiastische Augen -heraus, in der Gier des unermüdlichen Spähens ein bißchen vorgequollen --- Augen, die etwas seelisch Verzücktes hatten und etwas von der -Trauer eines gequälten Tieres. Es war Leidenschaft und dennoch Stille -in diesem ruhelos gleitenden Blick, ein Gemenge aus Spottlust und -jugendlichem Frohsinn, aus allem Zartgefühl und allen tiefgründigen -Wildheiten einer rätselvollen Menschenseele. Abstoßend und anziehend -war dieser Blick, mißtrauisch und gläubig, befremdend und erstaunlich, -überredend und bezwingend. Und diese Augen waren jetzt durchleuchtet, -dieses Gesicht durchglüht von der Freude an allem Frühlingsreiz der -aufblühenden Bergnatur. Bei unersättlichem Schauen verhielt der junge -Oberst plötzlich mit einem kaum sichtbaren Zügelruck das Pferd, -daß es unbeweglich stand. In den Bügeln sich hebend, reckte er den -schmächtigen Körper, tat einen wohligen Atemzug und sagte in der Art -eines Berauschten: »Danckelmann! In dieser Stunde ist ein Gefühl in -mir, das mich nicht mehr verlassen wird bis zu meiner Todesstunde.« - -Wie erlöst von seiner Sorge fragte der Geheimrat: »Das Gefühl der -erneuten Freude am Leben?« - -»Nein. Das Gefühl der Freiheit. Nie in meinem Leben genoß ich eine -freie Stunde. Jetzt trinke ich Freiheit. Sie ist das Beste im -Menschen.« Ein heiteres Auflachen. Und jäh ein Umschlag ins Müde und -Gallige. »Gute Dinge verlangen ihren Preis. Ich habe die Freiheit -dieser Tage teuer bezahlt.« Er gab dem Pferd, das nach einer grünen -Staude haschte, einen unwilligen Sporendruck, und weil es den saftigen -Zweig nicht lassen wollte, schlug er ihm jähzornig die Reitpeitsche -zwischen die Ohren. Mit jagenden Sprüngen nahm der erschrockene Gaul -die steile Weghöhe; droben, wo die Straße sich wieder abwärts senkte, -durfte das Pferd in ruhigen Schritt fallen. Als Danckelmann mit -bekümmertem Antlitz nachgeträppelt kam, fragte der junge Oberst auf -sonderbare Art über die Schulter: »Ganz offen, unter uns, was redet man -über meine Braut?« - -Nach kurzem Schweigen der Verlegenheit sagte der Geheimrat: »Man -erzählt, sie wäre eine überaus gottesfürchtige Dame.« - -Der junge Oberst schien erheitert zu sein. »Da hat man unter ihren -unerquicklichen Eigenschaften die übelste herausgefischt.« Ein -Lippenzucken, fast hochmütig und verächtlich. »Welch ein geistiges -Armutszeugnis ist die Gottesfurcht! Gott ist groß und gerecht. Größe -ist nie ohne Güte. Und was Gerechtigkeit ist, das brauchen nur die -Schelme zu fürchten. Gott lieben und ihm vertrauen, jeder nach seiner -Art, das ist besser, als Gott fürchten.« Gebeugt im Sattel, die großen -runden Augen ins Leere gerichtet, sagte er langsam: »Wenn einer, wie -ich, in bösen Nächten eine herzzerdrückende Angst vor dem Ewigen -fühlt, so hat das seine Ursachen. Solch ein verzweifelt sündenloses -Frauenzimmer hat keinen Anlaß, vor dem Himmel zu zittern.« Ein wehes -Lächeln, das sich zum Spott erheben wollte und Trauer blieb. »Nun -ist's entschieden. Wie das Mensch ist, das man wählte für mich, so muß -ich es lieben. Ich will's erzwingen. Noch ist sie mir widerlich. Ihr -verschlucktes Kichern ist etwas Entsetzliches. Ich liebe das Lachen und -die Heiterkeit. Nur müssen sie aus Herz und Gehirn kommen, nicht aus -den Gedärmen. Unter allen, die in Wahl kamen, hat man die ledernste für -mich ausgesucht. Und das mein Freudenbissen für ein ganzes Leben!« - -Tiefe Schwermut umschleierte alles Schöne in seinen Augen. Was der -Geheimrat mit vorsichtiger Mahnung zu ihm redete, schien er nicht zu -hören. Plötzlich, wie ein Erwachender, streckte er sich, weil er den -flötenden Schlag einer Ringdrossel vernommen hatte. Mit stillen Augen -sah er umher, war ruhig und sagte ernst: »Es ist wohl so, weil es so -sein muß. Damit ich lerne, unter dem meschanten Gesindel für mich -allein zu bleiben. Würde der Olympier eine Olympierin finden, das gäbe -Söhne, die diese miserable Welt übern Haufen schmeißen, um aus den -Scherben eine neue zu machen, die besser ist.« Über dieses Wort befiel -ihn selbst ein Verwundern, das sich vor dem seltsamen Blick seines -Begleiters verwandelte in einen knabenhaften Schreck. Sein verjüngtes -Gesicht war glühend vor Scham, seine flüsternde Stimme hatte fast den -Klang einer ängstlichen Bitte: »Danckelmann! Sie werden vergessen, -was ich da sagte in meiner Torheit.« Nach einer Weile, die Zügel des -Gaules kräftiger fassend, sprach er hart vor sich hin: »Es ist meines -Vaters Wille. Da gibt es keine Antwort als Gehorsam. Ich darf und -will den Vater durch Stützigkeit nicht mehr irre machen, seit er mit -Überraschung zu der Ansicht kam, daß etwas in mir steckt. Es gab eine -rote Stunde, in der ich ihn für einen Tollhäusler hielt. Nun weiß ich, -daß sein Verstand um so tiefer ist, je langsamer er sich offenbart. -Ich muß mich strecken nach seiner Größe. Wenn später alles drunter und -drüber ginge, würde er im sicheren Steinsarg über mich lachen. Das wäre -noch übler, als sein grober Stock gewesen. Besser, ein um eigene Schuld -Geprügelter zu sein, als fühlen, daß man verachtet wird.« - -Er deutete mit der Reitgerte nach den blühenden Erikastauden, die den -südwärts blickenden Straßenrain überwucherten. »Wie schön! Was Frühling -heißt, ist der einzige überzeugende Gottesbeweis.« Er lächelte. »Bei -uns daheim in der Haide sind sie noch schöner.« Das Pferd verhaltend, -sah er in die nördliche Ferne. »Heimat? Ich sehe Moor und Sand. -Sehe den Rauch der schmacklosen Abendsuppen von Zorndorf, sehe den -schlammigen Fluß, armselige Dörfer und schläfrige Menschen.« Ein -Aufzucken des schmächtigen Körpers. »Sie sollen erwachen.« Er trieb das -Pferd, hatte enggereihte Falten auf der jungen Stirn und lachte. Ein -Blick in das von einem weißen Bach durchsprudelte Waldtal, über dessen -Wipfel der Hügel mit den Ruinen der Plaienburg hervortauchte, entriß -ihm einen Ausruf des Entzückens. Alle Freude des Schauens sprudelte -jugendlich aus ihm heraus. Immer deutete seine Hand mit der Reitgerte. -Immer sprach er, immer fröhlicher und erregter, in enthusiastischen -Ausdrücken, in französischen Verzückungen, die sich anhörten wie Verse. -Plötzlich ein müder Blick auf den Begleiter. Dazu in deutscher Sprache -die halb verdrießliche, halb ironische Frage: »Wat, Geheimrat? Ick -quazle wohl wieder etwas kopiösemang?« - -Danckelmann antwortete lächelnd: »Kein Wort, das ich nicht gerne gehört -hätte.« - -Der junge Oberst, wieder französisch, sagte mit irrendem Blick: »Wenn -man seine Fehler nur einsieht. Da ist Hoffnung vorhanden, daß ich noch -der Einsilbigste aller Deutschen werde.« Verstummend trieb er das -Pferd. Die Straße führte auf ebener Strecke in einen hochstämmigen -Wald, der verwüstet war vom Bergwinter. Wirr hingen Hunderte von -Bäumen durcheinander, die unter dem Schneedruck niedergebrochen waren. -»Hier sieht es aus wie im verunheiligten Deutschen Reich.« Kühler -Abendschatten fiel über die beiden Reiter herab. Die Pferde trabten. -Danckelmann schaukelte sich gewandt im Sattel. Sein Begleiter bockelte -mit losen Ellenbogen, zeichnete schlaffen Körpers jede Unebenheit des -Bodens nach, schien das alles nicht zu fühlen und war in Gedanken -versunken. Da kam eine Lawinengasse, die der stürzende Schnee von der -Berghöhe hinuntergebrochen hatte bis in die Bachtiefe. Die Straße war -überworfen von einem breiten Buckel festgestampfter Schneemassen, -aus denen zersplitterte Äste und zerquetschte Wipfel hervorlugten. -Danckelmann hielt: »Wie bringen wir da die Pferde hinüber?« - -Drüben stand der Soldat. Er hatte seine beiden Gäule dem Reitknecht des -Geheimrats übergeben und wollte über die Schneewulsten herüberklettern, -um das Pferd seines Vorgesetzten zu führen. Der rief ihm ärgerlich zu: -»Bleib, wo de bist!« Die Reitgerte zischte. Ein Dutzend wilder, hin und -her schwankender Sätze, und der glanzhaarige Fuchs mit seinem Reiter -war drüben. Der junge Oberst lachte. Die Sache schien ihm Spaß gemacht -zu haben. Nun sah er verwundert den Soldaten an. »Kerl? Wat machste da? -'n Cavalerist des Königs von Preußen jehört mit seinen Arsch in den -Sattel. Nich mit den Stiebeln in die Drecksuppe.« Erschrocken rannte -der Soldat in seinen plumpen Klapperschäften davon, daß der steife Zopf -hinter seinem Nacken pendelte. Erst jetzt erinnerte sich der Oberst -seines Begleiters. »Ach --« Er wandte das Pferd. Da fiel ihm ein Bild -von hinreißender Schönheit in die Augen. Zwischen den schwarzgrünen -Baumwänden der Lawinengasse sah man einen Ausschnitt des Reichenhaller -Tales. Die winzigen Dächer, die Herden auf der Weide, die Wiesen, -die Brachfelder und Hecken, die Bäche und Wäldchen, alles funkelte -vom Glanz der Abendsonne, nicht wie etwas Irdisches, sondern wie ein -märchenhaftes Spielzeug, in Schimmer herausgeschnitten aus blankem -Kupfer. Und hinter diesem frohen Geglitzer stand ernst und schön, -in tiefes Blau getaucht, die steile Schattenwand des Hohen Staufen. -Der Berg mit seiner weißen, von Glanz umzüngelten Höhe war anzusehen -wie ein Riesenfürst auf seinem Thron, wie ein kaiserlicher Greis im -wallenden Weißhaar, unbeweglich, mit schlummernden Augen, auf der -hohen, reinen Stirn die strahlenzuckende Krone. - -»Danckelmann!« Das klang wie der atemlose Schrei eines von Freude -verwirrten Kindes. »Kommen Sie! Das müssen Sie sehen! Gibt es denn -solche Dinge auf der Welt? Geheimrat! So kommen Sie doch endlich! Das -Herrliche beginnt zu erlöschen.« - -Eben kletterte Danckelmann mit seinem Falben vorsichtig über den -Lawinenschnee herunter. Was er noch zu sehen bekam, war verdämmernde -Schönheit. - -Der junge Oberst saß unbeweglich im Sattel, das scharfgeschnittene -Gesicht zur Höhe gehoben. Als die letzte Strahlenflamme des weißen, -sich blau umschleiernden Berghauptes zu schwinden begann und nur noch -eine dünne Feuerlinie die steilen Schneegrate säumte, trank er einen -tiefen Atemzug in seine schmale Brust und sagte langsam: »Ich habe -gesehen, was noch keiner sah.« - -Danckelmann, ein bißchen verstimmt, betrachtete ihn verwundert, eine -Frage nur in den Augen. - -»Ich sah das Gewesene und sah das Kommende.« Ein Lächeln von heiliger -Innerlichkeit. Ruhig wandte er das Pferd und ritt in den stillen, -dunkelnden Wald hinein. Blitze flammten in seinen herrlichen, -stahlblauen, weitgeöffneten Augen. Jäh beugte er sich aus dem Sattel -und legte seine Hand auf den Arm des Begleiters. »Nein! Ich habe nicht -zu teuer bezahlt. Um einen Hauch Freiheit zu atmen, kann man kuschen -wie ein Hund. So stark ist keiner, daß ihn Gemeinheiten, die er -erleben muß, nicht schwach machen. Man muß hinunter, Danckelmann, tief -hinunter, um die Wege zur Höhe zu finden.« Er zog die bartlosen Lippen -von den Zähnen. »Im Mai oder Juni sperren sie mich in das Grillenhaus -einer fürchterlichen Ehe. Ich genieße die ersten und letzten Tage -meiner Freiheit. Was kommt, ist Pflicht. Sie wird hart sein.« Der Ernst -dieses Wortes schlug über in einen klagenden Laut. »Wer hilft mir?« -Dann sagte er deutsch: »Ick bin ein egariertes Schaf des Lebens, habe -keen Menschenskind, das mich zu wat nütze is, habe nur mir selbst, -den dubiosesten von allen Wegweisern.« Das Gesicht, das der Geheimrat -zu diesen Worten machte, schien dem jungen Oberst die verlorene -Heiterkeit zurückzugeben. Lustig tippte er mit der Reitgerte nach -seinem Begleiter, als möchte er vom Mantelkragen des würdigen Herrn -eine Fliege fortkitzeln, und fragte französisch: »Ist das nicht wie ein -spaßhaftes Wunder? Daß ich da so lakaienfern und unbeschnüffelt reite -wie in einem Märchenwald und noch immer auf meinen Schultern einen Kopf -habe.« - -Erst erschrak der Geheimrat. Dann sagte er aufatmend: »Ein Glück, daß -man diesen jungen Kopf nicht abhauen ließ, wie es der Kaiser erwartete.« - -Froher Spott umzuckte den feinen Mund des anderen. »Weil er's zu -erwarten schien, begann ich zu begreifen, wie steif ich diesen Kopf -aufsetzen muß.« - -Eine Lichtwoge strömte in das Düster des Waldes herein. Die Straße -öffnete sich gegen einen Wiesenhang von smaragdenem Frühlingsgrün, noch -überhaucht von einem letzten Sonnenschimmer, der durch tiefgeschnittene -Bergschatten herfunkelte aus der westlichen Ferne. Der Reitknecht des -Geheimrats kam den Herren entgegen getrabt und meldete: »Der Jäger -ist da. Auch das Mädchen für die Weisung zur Herberg.« Die Reiter -lenkten von der Straße weg in ein Seitentälchen, das umhuschelt war von -knospenden Erlenstauden. Überall Finkenschlag, Meisengezwitscher und -immer aufs neue der melodische Lockruf einer Ringdrossel. Das Tälchen -schon tief umschattet, und über ihm das zitronenfarbene Leuchten -des reinen Abendhimmels. Bei den zwei Packpferden, die zu grasen -begannen, stand mit scheuem Blick die Tochter der Hasenknopfin; neben -ihr, aufrecht und äußerlich ruhig, der Jäger Leupolt Raurisser im -grauverwitterten Bergzeug, in der Hand den langen Griesstecken, hinter -dem Rücken den Waldsack. Auf seiner Stirne brannte noch die Nachglut -seiner Begegnung mit Luisa und der Mutter. Als er die zwei Herren -kommen sah, erwachte ein dürstendes Forschen in seinem Blick. Welcher -von den beiden war der Helfer für seiner Brüder verzweiflungsvolle -Seelennot? Welcher hatte die starke Hand des ersehnten Retters? Das -junge, windige Soldätl? Das schlapp herunterrutschte vom Gaul? Den Hut -ziehend, hoffenden Glanz in den Augen, trat Leupolt auf den Geheimrat -zu: »Gottslieben Gruß in meiner notvollen Heimat. Es ist ein heilig -Ding, ist Euers und meins. Ich bin geboten zu Eurem Dienst. Viel gute -Herzen harren auf Euch in Drangnus und Sorgen.« - -Noch im Sattel fragte Danckelmann: »Kann er sich ausweisen?« - -Leupolt, wie es ihm der Zettel des Hasenknopf befohlen hatte, entblößte -die breite weiße Narbe an seinem braunen Hals. Da fühlte er, daß ein -Arm sich um seine Schulter legte. Neben ihm stand das Soldätl, hatte -einen glänzenden Blick und sagte ernst: »So invulnerabel is sein -Glaube? Daß ihn keen Eisen lädieren kann?« - -Verwirrt vom Leuchten dieser stahlblauen Augen, antwortete Leupolt -verlegen: »Herr, ich versteh nit.« Sich dem Arm des Offiziers -entwindend, sah er zu Danckelmann auf: »Lang dürfen wir uns nit -verhalten. Es geht über mürben Schnee, und der Weg ist weit. Wir müssen -vor Nacht im Hüttl sein. Da können wir rasten. Wer geht außer Euch noch -mit?« - -»Wir alle, sobald die Pferde versorgt sind.« - -»Vier Leut?« Der Jäger schüttelte den Kopf. »Mir ist geboten: du führst -einen Herrn und seinen Diener. Es geht um heilige Sachen. Da muß man es -machen, wie's recht ist.« - -Danckelmann wollte ärgerlich erwidern. Da wehrte der junge Offizier -französisch: »Das ist ein gewissenhafter Mensch. Was er haben will, -muß geschehen.« Mit Wohlgefallen betrachtete er den Jäger und sagte -deutsch: »Er führt uns beede. Det is der Herr, ick bin der Diener.« -Er ging auf den Soldaten zu. »Hänne! Meine Grammatik!« Der Mann riß -hurtig ein kleines Buch aus der Satteltasche, reichte es seinem Herrn -und salutierte so wunderlich eckig, daß Leupolt schmunzeln mußte. Der -Offizier schob das Buch in die Rocktasche. »Weiter, Hänne! Versorg man -die Gäule gut! Gieß er nich zu viel hinter de Binde und molestier er -die Menscher nich. Man kann es missen. Uff morjen!« - -Als der Soldat und der Bediente hinter dem Mädel, das sie zur Herberg -führen sollte, davonritten, rief Leupolt: »He! Wo ist denn das Zeug für -die Herren?« - -»Unsere Mäntel haben wir!« sagte Danckelmann. »Was noch? Ist Zehrung -nötig?« - -»Das nit. Mit Zehrung hat die Schneckin das Hüttl gut versorgt.« - -»Wer?« staunte der junge Offizier. - -»Die Schneckin.« Leupolt war auf den Bedienten zugegangen. »Wo sind die -Hemmeder? Jeder von den Herren muß ein Hemmed haben.« - -Neugierig fragte das feine Soldätl: »Wat is det: ein Himmat?« - -Danckelmann verdolmetschte: »_Je crois qu'il veut dire une chemise._« - -»_Mais voilà_ --« der junge Oberst zog in heiterer Laune den -Soldatenrock auseinander, »ick habe bereits ein Himmat.« - -Leupolt blieb ernst. »Durch den Schnee hinauf wird's schwitzen heißen. -Und droben geht ein schneidiger Luft. Da müssen die Herrn in trückene -Wäsch kommen.« - -»Danckelmann, det is 'n fürsorglicher Mensch.« Der junge Oberst rief -dem Soldaten zu: »Flink, Hänne, raus mit 'n Himmat!« Und wieder zu -Danckelmann, französisch: »Ich beginne Deutsch zu lernen.« - -Als Leupolt das zusammengewickelte Päckl mit den zwei Hemden erhielt, -fragte er: »Und die Bergschuh?« - -Der Geheimrat wurde ungeduldig. »Er sieht doch, daß wir tüchtig -gestiefelt sind.« - -»Ja, Herr, das sind grad die richtigen Rutschkarren. Die bleiben Euch -stecken im Schnee, wie das Mäusl in einem Mehlsack.« - -»Wat anderes als meine königlich preußischen Kommißkanonen hab ick -nich!« lachte der Oberst. »Die muß ick ooch heil wieder heimbringen. -Sonst kreiden se mich beim Regiment den außerdienstlichen Schaden an.« - -Auch Danckelmann wurde heiter. »Soll ich vielleicht die Lackschuhe -meiner Gesandtengala auspacken?« - -Leupolt verstand, daß da nichts zu wollen war, und sagte zu der Tochter -der Hasenknopfin: »Weißt, fremde Leut, die sich bei uns nit auskennen! -Sind die Rößlen versorgt, so spring zum Hiesel Schneck. Er soll meine -neuen Schuh zum Holzerhüttl hinaufbringen. Die passen dem gnädigen -Herrn. Und für das Soldätl, das Füßlen hat wie ein Weiberleut, muß -die Schneckin ihre Sonntagstäpperlen hergeben. Und feste Söckeln. Und -Schneegamaschen. Wenn der Schneck sich tummelt, kann er droben sein im -Hüttl, bis wir kommen. Unser Umweg um die Grenz ist weit. Und im Hüttl -soll der Schneck gut feuern. Daß die Herren nit frieren müssen. Gelt?« -Das Mädel sprang den Gäulen voraus. Leupolt gab das Hemdenpäckl mit dem -Kragen des Geheimrats in seinen Rucksack und schob den Militärmantel -des Obersten hinter die Tragriemen. »So, Ihr Herren! Los!« Bei der -ersten Haselnußstaude zog er das Messer. - -»Wat macht er da?« - -»Für die Herren schneid ich einen guten Stecken.« - -»Ick will keenen Stock!« sagte das junge Soldätl mit seltsamer -Heftigkeit. - -»Muß ich den Stecken halt tragen derweil, bis der Herr ihn nimmt.« -Leupolt reichte dem Geheimrat den eigenen Bergstock. »Der ist minder -schwer, weil er dürr ist.« Im Weiterschreiten säuberte er die zwei -geschnittenen Stöcke von den Zweigen. - -Durch das von Stauden eingedeckte Tälchen lief ein Fußpfad hinauf, der -unter dem Widerschein des leuchtenden Himmels wie Messing glänzte. -Der junge Oberst war immer voraus. Er schien die Wanderung in der -Abendkühle und in der reinen Höhenluft wie eine sein ganzes Wesen -belebende Erfrischung zu genießen. Einmal blieb er stehen, breitete die -Arme, als möchte er alle Schönheit des Abends in seine Seele reißen, -und deklamierte französische Verse mit dem Pathos eines verzückten -Schauspielers. Häufig glitt er aus, kam aber nie zu Fall, rettete sich -jedesmal mit einem kecken Sprung auf sicheren Boden und lachte. - -Danckelmann begann mit dem Jäger zu reden, fragte nach den -Berchtesgadnischen Bekennern, nach ihrer Not, nach ihren Plänen. -Leupolt, während er antwortete, hob immer lauschend den Kopf. Endlich -merkte er, daß dieses leise Klirren, das ihn an Grenzmusketiere denken -ließ, von den Sporen der Herren kam. »Die müssen weg. Da könnt's im -Holz einen Purzelbaum geben.« Erst schnallte er dem Geheimrat die -Riemen von den Füßen, dann holte er mit flinken Sprüngen den anderen -ein, kniete vor ihm nieder, löste seine Sporen und band im kreuzweis -eine feste Schnur um jede Stiefelsohle. »Da rutschet Ihr minder.« - -»Sieh mal,« lachte das Soldätl, »sonne Strippe, richtig appliziert, -kann zu allerlei nützlichen Dingen servieren. Zum Hängen und zum fest -uff die Beene stellen.« - -»So, Herr!« Leupolt erhob sich. »Und nit so hitzig beim Steigen. Da -verliert man fürzeitig den Schnaufer. Bei uns, wo steiler Bergweg ist, -da grüßt man allweil: Zeit lassen.« - -»'n gutes Wort!« Die blitzenden Stahlaugen träumten ins Weite. »Zeit -lassen?« Freundlich legte der junge Oberst dem Jäger die Hand auf -die Schulter. »Also, her mit 'n Stock! _En avant_, voran! Von 'nem -Verständjen läßt man sich jerne dirigieren.« - -Sie stiegen der von schwarzen Wäldern umflossenen, von tausend -Schneeflecken durchwürfelten Höhe zu. Das Rauschen der Wildwässer hing -wie das Lied eines Unsichtbaren in der schimmernden Abendluft. - - - - -Kapitel XXIII - - -Vor der letzten Dämmerung raffelte Hiesel Schneck durch den Bergwald -hinauf, begleitet von einem Ringelspiel seiner wütenden Himmelhunde. -Zeitlebens war ihm vieltausendmal die Galle übergelaufen. Aber bei so -schlechtem Humor wie seit Ostern war er noch selten gewesen. Seine -verzweifelte Schneckin mußte unablässig heulen. Freilich, wie hätte -ein >Neuevangelikaner<, gleich dem Hiesel Schneck, sich friedsam -vertragen können mit so einem >rekatholizierten Weiberleut<! Und noch -viel rasender machte ihn dieses andere: daß man in der Wildmeisterei -sein mutiges Bekennertum so wenig ernst nahm! Ganz fürchterlich hatten -sie über ihn gelacht, als er am Osterdienstag in der Jagdkanzlei -erschienen war. Der Wildmeister hatte ihn angeböllert: »Mach, daß du -heimkommst, du Kalbskopf, du überzwercher! Und eh du den evangelischen -Rausch nit verschlafen hast, kommst du mir nimmer zum Rapport!« Diese -Unterschätzung seiner heiligsten Gefühle hatte dem Hiesel Schneck den -evangelischen Eigensinn wie mit großen glühenden Nägeln hineingehämmert -in das kleine Kindergehirn. »Jetzt grad mit Fleiß! Kreuzteufelsausen -und Höllementsnot in der Sauwelt übereinand!« Er guckte zum Himmel -hinauf, nicht um den Wohnort seines neuen Gottes zu suchen, sondern -weil er den knurrenden Falzlaut einer streichenden Schnepfe vernommen -hatte. Wie ein graues Pudelköpfl mit langen Wackelohren kam sie in der -Dämmerung über die Birkenwipfel hergeschwommen. »Wart, du!« Hiesel riß -die Feuersteinflinte vom Buckel und pulverte. Die Schnepfe fiel nicht. -Sie ließ nur etwas fallen. Die Wut über diesen Hohn erzeugte im Hiesel -Schneck den langschwänzigsten aller Himmelhunde, die seinem Gemüt noch -jemals entronnen waren. »Mir vergunnt halt mein luthrischer Herrgott -kein Faserl nimmer, seit ihm die Schneckin wieder kündigt hat.« - -Den Kopf in die Dämmerung bohrend, fluchte er sich über den -steilen Hang hinauf. Was Graues klunkerte ihm auf dem Rücken: die -zwei Paar Schneegamaschen. Und was Schwarzes klingelte vor seinem -betrübten Herzen: die neuen Bergschuhe des Leupolt und die netten -Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls. Das Raurisserische Schuhwerk -und die Gamaschen waren für den Hiesel eine erklärliche Sache. Wozu -man aber beim evangelischen Weltumsturz die Feiertagshäferln seiner -Schneckin benötigte? Das verstand er nicht. Trotz allem Nachdenken kam -er nicht drauf. Er hatte die Botschaft der Hasenknopfischen Tochter nur -ausgeführt, weil er dunkel hoffte, daß es irgend eine Feindseligkeit -gegen den wildmeisterischen Glauben wäre. - -Bei Anbruch der Finsternis erreichte er die Holzerhütte. Tisch, Bänkl -oder Sessel gab's da nicht. Nur eine große Stangentruhe mit Heu zur -Liegerstatt, ein bißchen Geschirr und im schwarzberußten Balkenwinkel -ein niederes Sitzmäuerchen um die Aschengrube. Hiesel schürte im -Herdloch ein Feuer an, daß es waberte, und machte verdutzte Augen, -als er das Wandkästl mit allerlei schmackhaften Dingen angeräumt -fand. Da waren Speckwürste und ein Krug mit Milch, Weißbrot und -geselchtes Wildpret, ein paar Dutzend Eier und frische Butter. Die -Schneckische Seelenverzweiflung begann sich zu mildern. Gleich fing -er zu knuspern an und hätte alles, was man für Seine Exzellenz den -Gesandten des Königs von Preußen eingewirtschaftet hatte, ratzenkahl -aufgefressen, wenn nicht Leupolt auf der Hüttenschwelle erschienen -wäre: »Barmherziger Herrgott, Hiesel, das ist doch die Zehrung für -meine Herrenleut!« Der Evangelikaner riß das Butterbrot, das er -zwischen den Zähnen hatte, erschrocken aus dem Rachen und warf es ins -Feuer. »Nit schlecht!« Hinter diesen zwei dunkelsinnigen Worten ließ er -ein Himmelhündchen einherschwänzeln. - -Auf dem letzten Hang vor der Hütte, als man den wegweisenden -Feuerschein sehen konnte, war Leupolt den Herren vorausgesprungen, um -ein Wort mit dem Hiesel zu reden. Er nahm den Schneck nicht gerne mit -hinauf zur heiligen Fürsagung in der Neumondnacht. Aber es mußte sein. -Ohne Hilfe hätte Leupolt den Geheimrat nimmer über den schweren Schnee -der Höhe gebracht. »Kaum, daß ich ihn herlupfen hab können bis zum -Hüttl. Drunten hab ich gemeint, es fallt mir zuerst das klebere Soldätl -um. Aber wie mühsamer der Weg, um so lebfrischer ist das Männdl worden. -Alles freut ihn, jeden Vortl hat er flink heraus. Sein Herr, der Alte, -ist ein fürnehmes Mannsbild. Aber das feine Soldätl -- es muß schon -wahr sein, daß die niederen Leut oft die besseren sind als wie die -Gottsöbersten. Jetzt gib mir die Hand her, Schneck! Tu mir versprechen, -daß du den Schnabel halten willst über die heutige Nacht. Es geht um -unser Not und Erlösung, Mensch! Gelt, du machst mir nit Schand und -Unehr?« - -Hiesel streckte die braune Tatze und brummte: »Ich bin doch ein -Evangelischer.« - -»Ja, Schneck, aber was für einer!« sagte Leupolt bekümmert. Weil er -Stimmen hörte, zerrte er den Bergsack herunter, packte die zwei Hemden -aus, riß ein brennendes Scheit aus dem Feuer und sprang in die Nacht: -»Höi huuup!« Als er die Herren in die Herdhelle der Hüttentür brachte, -ging von den erhitzten Bergsteigern in der Nachtkühle der Dampf auf, -wie von Pferden bei einer Schlittenfahrt. »Nur gleich herein ins Hüttl! -Mein Kamerad, der Schneck, hat warm gemacht.« - -»_Ah, je comprends_,« lachte der junge Oberst, nahm den Dreispitz ab -und schüttelte den Schweiß von der Stirne, »_c'est le Cheneque de la -Chenequine_!« Er spähte vergnügt in die vom Feuerschein durchzüngelte -Hütte. - -»Ist sein Kamerad ein vertrauenswürdiger Mann?« fragte der Geheimrat -halblaut, zwischen hurtigem Atempumpen. »Ein Protestant?« - -»Verträulich ist er, der Schneck, ah ja! Kann auch sein, er wird noch -richtig ein Evangelischer. Glauben tu ich es nit.« - -Von dieser leisen Zwiesprach hatte der Hiesel keinen Laut vernommen. -Nur die französischen Worte hatte er gehört, dabei sehr deutlich -die Worte Schneck und Schneckin. Daraus zog er den Schluß, daß das -feinbeinlete Soldätl das Französische nicht gut verstand; wenn die -Kapitelherren auf der Jagd parisisch redeten, hieß Schneck immer -»Tätewoh«. Ein bißchen wunderte sich der Hiesel darüber, daß man auch -drunten im lutherischen Sand von ihm und seiner Schneckin was wußte. -Aber die Sache machte ihn auch mißtrauisch. Was konnte man in einer -Sprache, die ihm fremd war, nicht alles über ihn reden! Er begann -den heiteren Soldaten sehr unfreundlich zu betrachten. Der war doch -auch in jener Gegend daheim, aus der das luthrische Elend gekommen -war, das seit dem Versöhnungsschießen dem Hiesel Schneck das Köpfl -so schauderhaft zerwirbelte. Bocksteif, ohne zu grüßen, stand er mit -seinem rotangestrahlten Schädel neben dem wabernden Feuer, bis ihn -Leupolt mit dem Eimer zum Brunnen um Waschwasser schickte. Kaum war -er draußen in der Nacht, da himmelhündelte er so wütend in den Ganter -hinein, daß das Blech davon einen summenden Widerhall bekam. Noch ein -zweitesmal mußte er um Wasser laufen und schimpfte: »Sauberkeit laß -ich mir gefallen! Aber *so* waschen! So was Weiberleutigs paßt doch -nit für ein Mannsbild. Freilich, ausschauen tut er eh, wie die magere -Schwester vom Lazarus!« Und als nun der Hiesel gar zum drittenmal mit -dem Eimer springen mußte, gewann er über das kühlungsbedürftige Soldätl -die Meinung: »Das ist kein Mensch nit! Wie er pritschelt und fludert im -Wasser! Mit seine mageren Flügerln! Da laß ich mich köpfen: das muß ein -verwunschener Eisvogel sein!« Endlich gab es für den Hiesel Raum und -Rast in der Hütte. Leupolt scheuerte die Pfanne und klapperte die Eier -hinein. Die zerfließende Butter begann angenehm zu duften. - -Der hohen, vom nassen Schnee durchweichten Reitstiefel ledig, staken -die Füße der Herren in den hölzernen Hüttenpantoffeln der beiden Jäger. -Der blaue Soldatenrock mit den roten Aufschlägen, der schokoladfarbene -Reitfrack des Geheimrates und die zwei dampfenden Hemden hingen auf -den Herdstangen. Danckelmann, mit etwas konfus gewordener Perücke, -drehte sich vor dem Feuer hin und her. Der junge Oberst, hemdärmelig -in seinen Militärmantel gewickelt, hatte sich auf das Herdmäuerchen -niedergelassen. Erfrischt, das Antlitz brennend, saß er gegen die -Balkenwand gelehnt und blickte mit vorgeschobener Nase in den -Funkenflug, der viele glitzerige Sternchen hinwehte an die berußte -Sparrendecke. Plötzlich, wie ein Erwachender, schien er etwas zu -suchen, fand das kleine Buch, rückte näher ans Feuer und fing zu lesen -an, alles um sich her vergessend. Danckelmann schien das nicht gerne zu -sehen. Unter einem Seufzer fragte er: »Schon wieder Voltaire?« - -»Nein!« Der junge Oberst hob dem Geheimrat das kleine Buch vor die -Nase. Es war eine Taschenausgabe der Luther'schen Bibel. - -In Verblüffung sagte der alte Herr: »So fromm?« - -»Auch das nicht. Ich studiere diese deutsche Grammatik, um mein -Kutscherdeutsch nach Möglichkeit zu verbessern.« - -Der Hiesel, weil die Herren französisch redeten, brannte wütend seine -Pfeife an und blies Wolken vor sich hin, daß er völlig eingewickelt -wurde von diesem grauen Vorhang. Ein paarmal fuchtelte der junge Oberst -mit der Hand den beizenden Knasterqualm vor seiner Nase weg. Halb in -Zorn und halb erheitert rief er zu Danckelmann hinüber: »Der fehlt -noch in der Tabagie. Er würde zu hohen Ehren kommen.« Leupolt, als -sein mahnendes Augenblinzeln beim Hiesel kein Verständnis fand, sprang -von der Pfanne weg, zog dem Schneck die Pfeife aus den Zähnen und -öffnete die Hüttentür. Jetzt kapierte der Hiesel Schneck und brummelte -gallig: »Ah, freilich, die Preißen! Die rauchen bloß Muskatblütln und -Pomeranzen! Was?« Erschrocken sah Leupolt zu den Herren hinüber. Die -schienen von der Weisheit des Hiesel Schneck keinen Laut vernommen zu -haben. Danckelmann hatte sich auf die Heutruhe gesetzt und schien ein -Nickerchen zu machen. Der andere war in das Buch versunken, war seltsam -erregt, wie befallen von einem wühlenden Seelensturm. Im Rauschen der -Herdflamme eine lautwerdende, von innerem Aufruhr bebende Stimme. Den -Rücken gebeugt, das Gesicht fast niedergetaucht auf das kleine Buch, -las der junge Oberst: »Absalom sprach zu Joab: Warum bin ich von Gessur -kommen? Es wäre mir besser, daß ich noch da wäre. So laß mich nun das -Angesicht des Königs sehen! Ist aber eine Missetat an mir, so töte -mich!« - -Leupolt, der die Stelle aus dem zweiten Buche Samuelis erkannte, -lauschte mit glänzenden Augen. Nun sah er betroffen auf das schreckhaft -verwandelte Gesicht des jungen Soldaten. Der las zwischen knirschenden -Zähnen, die verzerrten Wangen von Tränen überglitzert, fast in der Art -eines Menschen, der an der hinfallenden Krankheit leidet und einen Stoß -seines Übels zu empfinden scheint: »Und Joab ging hinein zum Könige -und sagte es ihm an. Und er rief dem Absalom, daß er hinein zum Könige -kam, und er fiel nieder vor dem Könige, auf sein Antlitz zur Erde. -Und der König küßte Absalom.« Verstummend preßte er das Gesicht auf -die Blätter. War das ein Schluchzen? Oder war es ein Lachen? Nun ein -jähes Aufzucken des vom Haar umwirrten Gesichtes. Und ein kreischender -Laut, zu Danckelmann hinüber, in französischer Sprache: »Absalom starb -an der Eiche. Wo sterbe ich?« Ein jähes Erlöschen alles seelischen -Aufruhrs, ein ruhiges Lächeln, ein heiterer Klang in der melodischen -Stimme: »Wenn's auf dem Boden eines deutschen Sieges wäre, sollt' es -mir recht sein in jeder Stunde.« - -Danckelmann, der aus seinem Müdigkeitsdusel noch nicht völlig ermuntert -war, sah ratlos drein. Und Leupolt fragte in Sorge: »Ist dem jungen -Herrn übel?« - -»_Mais non!_« Der Oberst lachte. »Mich is wohler denn je. Det war nur -Rebelljon der Jedärme. Mir hungert.« - -Kopfschüttelnd verließ der Hiesel Schneck die Hütte, stolperte in die -Nacht hinaus und klagte: »So was! Und söllene Leut möchten die deutsche -Welt verbessern und den alten Herrgott umnageln. Ich versteh's nit! -Kreuzhimmelhöllementshundsviecherei!« Zur Beruhigung seiner verärgerten -Seele hatte er die Pfeife mit heraus genommen. Er schlug Feuer, daß die -Funken stoben, wühlte den stinkenden Schwamm unter die Tabaksasche, und -als die Pfeife festen Zug hatte, blies er einen dicken Rauchfaden durch -ein Astloch der Hüttentür. »So, schmeck's, du Preiß, du abzirkelter!« -Er fühlte sein Gemüt erleichtert, trat auf einen Felsschnacken -hinaus und spähte in die schwarze, von schönen Sternen überfunkelte -Neumondnacht. Zu den strahlenden Lichtern der Ewigkeit zog es den Blick -des Hiesel nicht empor. Immer guckte er hinunter auf das dustere Loch -einer kleinen Talmulde und mummelte melancholisch: »Ob wohl jetzt das -liebe alte Radl ohne Wagen rekatholisch träumt oder evangelikanisch?« - -In der Hütte klapperten die irdenen Teller. Flinkes Französisch. -Immer wieder das heitere Lachen des Soldätleins. Dann ein lebhafter -Wortwechsel, der von energischem Deutsch unterbrochen wurde: »Denk -er an seine fumfzich Jahre, Danckelmann! Leg er sich hin uffs Heu! -_Sans façon!_ Ick will 's.« Merkwürdig, dachte der Hiesel Schneck, -wie im Preußischen ein Knechtl reden darf mit seinem Herrn! Dann -guckte er wieder in die Tiefe. Da draußen, gegen Bischofswiesen zu, -gaukelte was durch den schwarzen Wald gegen den Gratsattel hinter dem -Toten Mann hinauf wie ein winziges Sternchen. »Was ist denn da los?« -So viel wußte der Hiesel schon: daß von den Evangelischen keiner -mit einer Latern zur heimlichen Fürsagung wandert. Die machen sich -seit dem Versöhnungsschießen unsichtbarer als je. Was war da los? -Um an eine Gefahr für die Brüder in Christ zu denken, dazu war die -Bekennerseele des Hiesel noch nicht evangelisch genug. Er fand für das -gaukelnde Laternenrätsel nur die Lösung: daß da einer von der Jägerei -zu Berg stiege, um für den Fürsten oder für die -- »Sagen wir halt: -Allergnädigste!« -- einen Auerhahn zu verlusen. Diese Vorstellung, -statt sein Jägerherz zu erfreuen, machte den Hiesel so traurig, daß er -sich auf den Schnee hinsetzen und das Gesicht in die Fäuste drücken -mußte. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. »Komm, Schneck, und -schlaf ein Stündl! Wir müssen uns heut noch plagen in der Nacht.« - -In der Hütte kein Feuer mehr. Doch zwischen der Asche lag noch eine -große Kohlenglut und strahlte ihren roten Schimmer in den stillen -Raum. Der Geheimrat, mit seinem Mantelkragen zugedeckt, lag im Heu -und schnarchte ein bißchen. Auf dem Sitzmäuerchen, gegen die Balken -gelehnt, schlief der junge Oberst, das Gesicht vom Haar überhangen, -klein zusammengehuschelt in dem dunklen Militärmantel. »Was einer -ist als Mensch, das sieht man allweil am besten im Schlaf!« so -philosophierte der Hiesel Schneck. »Dahocken tut das Preißerl wie ein -Häufl Elend.« Freilich, eine Minute später hockte dieser lange Weise -nicht viel anders in seinem Winkel. Der Schlaf ist einer von den -Gleichmachern des Lebens. Tod, Notdurft und Wollust heißen die anderen. - -Leupolt hatte sich lautlos zum Sitzmäuerchen hingeschlichen. Seine -Augen blieben offen. Manchmal schob er sacht einen Holzstorren unter -die Kohlen, damit die Glut nicht völlig ohne Nahrung bliebe und die -schlafenden Herren nicht frieren müßten. Fing das Holz unter den -Kohlen zu glosten an, so pufften fahle Rauchfäden aus der Asche -heraus, und kleine bläuliche Flammen tanzten über der Glut, wie -Frühlingsschmetterlinge um eine rote Blume gaukeln. Sinnend blickte -Leupolt in das Spiel der kleinen Feuerseelen, sah zwei heiße, von -Tränen umflossene, in Scham und Sehnsucht bekennende Mädchenaugen und -hörte eine leise, von Erregung fiebernde Stimme flüstern: »Du bist mir -so lieb geworden, ich kann's nit sagen.« Da weckte ihn ein stöhnender -Laut aus seinem gläubigen Sinnen. Der junge Soldat schien böse Träume -zu haben; sein gebeugter Jünglingskörper zuckte unter den Falten des -Militärmantels. Halblaute Worte, deutsch und französisch, wirrten sich -durcheinander. Die Hände begannen zu stoßen, als möchten sie sich einer -Fessel entwinden, und plötzlich streckten sie sich mit gespreizten -Fingern, wie zur Abwehr eines grauenvollen Bildes. Die Augen des -Träumers waren starr geöffnet, hatten den Blick eines verzweifelten -Menschen, und eine von Zorn und Angst durchrüttelte Knabenstimme -bettelte: »Nich schlagen, Vater! Alles, was du willst! Nur nich -schlagen!« - -»Junger Herr!« Leupolt faßte den Mantel des Traumverstörten und zupfte. -»Ihr träumet ungut. Da muß man Euch wecken.« - -Ein stumm gleitender Blick des Erwachens, ein staunendes Beschauen -des von Rotglut durchschimmerten Raumes. Fester gegen die Balkenmauer -rückend, hüllte sich der junge Oberst wieder in seinen Mantel, schloß -die Augen und sagte mißmutig: »Weck er mich, wenn es Zeit is. Nich -früher.« - -Wieder die rotflimmernde Stille, das schwere Atemziehen des Geheimrates -und das Duselgebrumm des Hiesel Schneck. Leupolt saß unbeweglich, -beugte nur manchmal den Kopf, um durch das kleine Fenster nach dem -Stand der Sterne zu schauen. Als es auf Mitternacht zuging, legte -er Kienspäne über die Glut, gab ein paar kleine Scheite in die sich -ermunternde Flamme, goß die Geißmilch in die Kupferpfanne und stellte -sie über den Feuerbock. Nun weckte er den jungen Schläfer am Herd. -»Herr! Zeit ist's!« Der Oberst fuhr in die Höhe, straffte sich nach -militärischer Art und sprach ins Leere: »_Me voilà! Je ne dors plus!_ -Befehlen Sie, Vater! Ick will gehorchen.« Da hörte er das freundliche -Herdgeprassel, schien völlig zu erwachen, streifte mit einem prüfenden -Blick den Jäger und sagte ruhig: »An jedem Morgen soll man sich -erinnern, daß man Gottes is. Sprech' er ein Gebet!« - -Leupolt kniete auf das Herdmäuerchen hin, verschlang die Hände vor der -Brust und betete: »Herr, wenn ich dich nur hab, so frag ich nimmer nach -Himmel und Welt. Auch wenn mir Leben und Seel verschmachten, du bleibst -mein Heil und meines Herzens Trost.« Gleich bei den ersten Worten des -Gebetes hatte der junge Oberst blitzschnell das Gesicht gegen den -Jäger gedreht. In seinen Augen war eine Verblüffung, die sich in Zorn -zu verwandeln drohte. Leupolts Anblick schien den Erregten wieder zu -beruhigen. Mehr neugierig als unmutig fragte er: »Wie kommt er zu -diesem Gebet?« - -»So hat uns auf dem Toten Mann ein Salzburger fürgebetet, der uns -Botschaft gebracht hat aus dem Preußischen. Er hat erzählt: so hätt -er den preußischen Königsprinzen beten hören, der den Exulanten -beigesprungen ist mit hilfreicher Güt. Jetzt bet ich allweil so. Die -schönen, gottsfreudigen Wörtlen haben mich hinübergehoben über viel -Hartes.« - -Der junge Oberst legte die Hand auf Leupolts Arm. »Det Gebet for -sich alleene macht es nich. Gott is am willigsten, den Starken zu -sekourieren, der sich _spontanément_ zu helfen weiß.« Lächelnd ging er -zur Heutruhe, weckte den Geheimrat, indem er ihn mit einem Halm an der -Nase kitzelte, brach über Danckelmanns Ermunterungsseufzer in Lachen -aus und begann mit ihm in französischer Sprache ein hurtiges Geplauder. -Dabei rasselte sich auch der Hiesel Schneck aus seinem letzten -Schnarcher heraus, schien nicht zu wissen, wessen Gottes er war, und -begrüßte die Mitternachtsstunde mit einem gegen die Haare gebürsteten -Himmelhund. - -Nach der Geißmilchsuppe brachte die Schuhprobe ein paar muntere -Minuten. Dem Geheimrat saßen die neuen Schuhe des Leupolt wie -angemessen. Die Sonntagstäpperlen des Schneckenweibls mußten, um für -das schlanke >Weiberleutsfüßl< des Soldätleins zu passen, zwischen -Leder und Söckeln noch ein bißchen mit Heu gepolstert werden. Die -Schneegamaschen, die darüberkamen, hielten alles verläßlich zusammen. -Und nun hinaus in die kühle, schwarze, von großen, strahlenschießenden -Sternen durchfunkelte Neumondfrühe. Ein schönes Rauschen ging über -die finsteren Wipfel hin. Alle paar Schritte stehen bleibend, spähte -der junge Oberst unersättlich in diesen wundersamen Nachtzauber. Mit -enthusiastischen Worten stammelte er sein Entzücken vor sich hin und -sagte französisch zu Danckelmann: »So groß und weit und herrlich -sind die Nächte in der Tiefe nicht. Auf der Höhe zu wandeln, hat -seine kostbaren Reize.« Er tappte bis an die Hüften in ein Schneeloch -hinunter, zog sich lachend heraus und scherzte: »_Tiens, voilà mon -sort_, auf herrlicher Höhe gibt es auch Löcher, um sich die Knochen -zu brechen -- eine Erfahrung, die mir nicht neu ist, obwohl ich zum -erstenmal im Leben einen rechtschaffenen Berg besteige.« Hiesel, der -sich über das viele Französisch ärgerte, knurrte spöttisch: »Gelt ja, -sterngucken und bergkraxeln passen nit gut zu einander! Verstehst? -Mit'm Nasenspitzl in der Höh geht's allweil abwärts, nie nit aufwärts.« -Kopfschüttelnd tappte er davon. »Und söllene Kniespatzen möchten die -christliche Welt umschustern.« Der junge Oberst, der den Sinn dieser -Worte nur halb, aber zureichend die Grobheit ihres Tones verstanden -hatte, rief erheitert zu Danckelmann zurück: »'n agreabler deutscher -Bruder!« - -Da mahnte Leupolt, der den Geheimrat am Henkel hatte: »Schneck! Mach -langsame und feste Tapper, daß der Herr hinter dir in gute Stapfen -kommt.« Nun wanderten sie schweigend hintereinander. Manchmal trug die -gefrorene Schneedecke, dann kamen wieder mürbe Stellen, an denen man -hinunterbrach bis übers Knie. Schon nach einer Viertelstunde fragte -Danckelmann in Erschöpfung: »Haben wir noch weit?« - -»Nit, Herr! Ein paar hundert Vaterunser. Sonst ist die Fürsagung -allweil ganz da draußen gewesen auf dem Toten Mann. Heut ist sie ein -Stündl herwärts. Daß die Herren nit gar so weit steigen müssen, bloß -ein Katzensprüngl.« Seufzend machte der Geheimrat die Bemerkung: -»Die Katzen von Berchtesgaden, nach ihren Sprüngen zu schließen, -scheinen Tiger zu sein.« Aus dem geschlossenen Walde ging es hinaus -auf eine freie, steile Schneelehne, an die hundert Schritte breit. -Schneck und der junge Oberst hatten den weißen Steilhang schon zur -Hälfte überquert, als ihn Leupolt mit dem Geheimrat erreichte. »Jetzt -ein bißl Fürsicht, Herr! Der Schnee könnt rutschen.« Leupolt hatte -kaum gesprochen, als sich über die Lehne her ein leiser, lachender -Schrei vernehmen ließ. Mit dem jungen Oberst war eine stubengroße -Schneescholle ins Gleiten geraten. Und je mehr der Lachende sich -plagte, um aus der rutschenden Masse herauszukommen, desto tiefer -sank er in den gleitenden Teig. »Jesus!« brüllte der Hiesel Schneck. -Er dachte an die Wände, die da drunten waren, und machte Sprünge wie -ein irrsinniger Wolf. Und von der anderen Seite der Lehne kam Leupolt -schief heruntergesaust und überholte die rutschende Scholle. Zwischen -zwei Felszacken eingestemmt, warf er seine Brust dem gleitenden Schnee -entgegen. Er wurde weiß überschüttet. Die fahrende Masse stockte einen -Augenblick, und da sprang der Hiesel über die Wulsten her, riß das -halb versunkene Soldätl, das noch immer lachte, aus dem Schnee heraus, -umklammerte den schlanken Körper unter den Armen und steuerte mit -wilden Sprüngen, die der andere gelehrig mitmachte, gegen den festen -Waldgrund hinüber. »Hiesel?« schrie Leupolt aus der Nacht heraus. »Hast -du ihn?« - -»Wohl!« - -Von droben klang die aufgeregte Stimme des Geheimrates: »Ist etwas -geschehen?« - -»Nit sorgen, Herr!« antwortete Leupolt. »Ist alles gut! Ich komm schon.« - -Drüben am Waldsaum, neben einer Fichte, die von den Frühlingslawinen -schiefgebogen war, schüttelte der junge Offizier die Schneebrocken von -seiner Uniform, während der Hiesel Schneck mit Lachen sagte: »Gott -sei Lob und Dank!« Man vernahm aus der Tiefe herauf einen schweren, -krachenden Plumps. Wieder lachte der Hiesel. »Hörst es, Preißerl!« - -»Wat war 'n det?« - -»Der Schnee. Verstehst? Wär der Leupi nit gewesen, so täten wir jetzt -da drunt liegen! Kreuzsausen und Himmelhund! Und 's Schneckenweibl -könnt ihre Sonntagstäpperlen suchen, sie weiß nit, wo!« - -Da legte der junge Oberst dem Hiesel Schneck die Hand auf den Arm. -»Ick hab ihn for 'nen Rüpel jehalten und merke, daß er 'n janz famoser -Patron is.« Ein feines, herzliches Auflachen. »Die Haut scheint bei -uns deutschen Brüdern nich det Wesentliche zu sein. Man muß hinter -'s Leder kieken. Geb er mich seine Hand!« Der Hiesel rührte seine -Tatze nicht, weil er lauschend den weißen Schädel strecken mußte. »Du, -da!« sagte er scheu und leise. »Lus!« Er deutete gegen die Höhe, über -der die großen Sterne des Berghimmels funkelten. Hatte das summende -Rauschen des Waldes einen geheimnisvollen Mitsänger gefunden? Wie -das Klingen einer fernen und sanften Glocke war es, war wie das -rhythmische Murmeln eines ruhig fließenden Baches, hatte dennoch einen -leidenschaftlichen, von Leid und banger Sehnsucht durchzitterten -Unterton, verstärkte sich und sank, wurde vernehmlicher und schmolz -aufs neue zusammen mit dem Rauschen der Bäume, daß es nimmer von ihm zu -scheiden war. - -»Wat is 'n det?« - -»Ich hab als Evangelikaner noch ein bißl junge Ohrwascheln. Aber -täusch ich mich nit, so singen da droben hinter dem Bergsattel die -Unsichtbaren.« Ein lauer, föhniger Windhauch, der dem Morgen voranging, -wehte über den Hang herunter, und der Liedklang vieler menschlicher -Stimmen wurde deutlich. Der junge Offizier erkannte das Lutherlied. In -einer Erregung, die ihn schüttelte wie einen Fieberkranken, riß er den -Dreispitz herunter, preßte ihn mit den Fäusten gegen die Brust, sah -unbeweglich zu den strahlenden Sternen hinauf und sprach die Worte der -letzten Liedstrophe, die da droben gesungen wurde, mit lauter Stimme in -die Nacht: - - »Nehmen sie den Leib, - Gut, Ehr, Kind und Weib, - Laß fahren hin, - Sie haben's kein Gewinn, - Das Reich muß uns doch bleiben.« - -Nur noch das Rauschen im Wald und der schweigende Sternglanz, von -dessen Widerschein die Schneekrystalle an den Felszacken feine, -farbige Lichterchen bekamen. Der junge Oberst drückte den Dreispitz -über den Scheitel und begann mit ungeduldiger Hast das steile Gehäng -hinaufzuklettern. »Komm er!« Bei einer Wende des Waldsaumes trafen -die zwei mit den beiden anderen zusammen, und atemlos begann der -Geheimrat ein französisches Gewirbel seiner Sorge herauszustammeln. -Der junge Oberst machte eine unmutige Handbewegung und sagte deutsch, -mit einer soldatisch harten Stimme: »Laß er, Danckelmann! Wir haben -kostbare Minuten verläppert. Dort oben seind unsere neuen Kinder. -Eenen, der leidet, darf man nich warten lassen. Hinauf!« Er kletterte, -als hätte dieses Wort ihm Kräfte gegeben, die alles Zarte seines -Körpers verwandelten zu stählernem Willen. Leupolt Raurisser, von -einer schweren Erschütterung befallen, tastete nach der Schulter -des Grenzjägers. »Hies!« Die Stimme wollte leise sein und war doch -ein glückheißes Jauchzen. »Ich bin ein Blinder gewesen.« Seine Hand -deutete hinter dem Steigenden her, den die Dunkelheit zu umschleiern -begann. »*Der* ist der Helfer!« Ein frohes Aufatmen. Dann ein heiteres -Flüstern: »Komm! Der braucht uns nit. Wir müssen das alte Knechtl -hinter ihm herlupfen.« Jetzt ging es flink nach aufwärts, ohne daß der -Geheimrat sich plagen mußte. Ein Eichhörnchen schnalzte. Ein zweites. -Leupolt gab Antwort mit dem gleichen Laut. Und Danckelmann fragte: »Was -ist das?« - -»Es sind die Wächter.« Wie graue Steinblöcke, in den Kitteln der -Unsichtbaren, standen die Wächter im Schnee, der eine am Waldsaum, der -andere draußen auf dem freien Hang. Als die Aufwärtssteigenden schon -verschwunden waren, klang auf dem Schneefeld eine leise Knabenstimme: -»Vater? Meinst du, er ist dabeigewesen?« Aus der Finsternis des Waldes -antwortete die Stimme eines alten Mannes, so voll Inbrunst wie die -Stimme eines Betenden in tiefstem Leide: »Gott soll's geben, Bübl, daß -der Helfer kommen ist. Oder es müßt die deutsche Welt verzweifeln.« - -Nach stummer Weile ein flehender Laut: »Mir banget, Vater! Darf ich -hinüber zu dir?« - -»Jetzt nit. Dort ist dein Plätzl. Da hat man dich hingestellt. Da mußt -du bleiben, bis der Morgen kommt. Ein Hoffender muß verlässig sein.« - -Nur noch das Rauschen der schwarzen Wipfel. Und manchmal sprang eine -kleine Schneescholle lautlos über den weißen Hang in die schwarze Tiefe -hinunter. - - - - -Kapitel XXIV - - -Unter dem Gewimmel der Sterne, die groß und glanzvoll am schwarzblauen -Himmel funkelten, erreichten die vier Männer einen steinigen Grat, -von dem die Frühlingssonne den Schnee schon fortgeschmolzen hatte. -Wie eine große Muschel wölbte sich die Felsmauer, auf deren Höhe sie -standen, um einen halbgerodeten Waldfleck, dessen wenige Bäume finster -emporstachen aus einer grauweißen, absonderlich gewellten Fläche. Man -hörte undeutlich den Klang einer greisen Stimme und sah einen matten -Glutschein, der übriggeblieben war von einem erloschenen Feuer. Leupolt -trat auf den jungen Oberst zu, der suchend in das Zwielicht spähte. -»Schauet, gnädiger Herr, da ist die heilige Fürsagung.« - -»Ick sehe niemand. Wo seind die Leute?« - -»Grad vor uns. Mehr als tausend müssen es sein.« - -Vor dem Glutschein da drunten bewegte sich ein graublauer Schatten. -»Eenen seh ick,« sagte der junge Offizier, »nee, viele seind es, -viele!« Der Platz unter der Felswand, auf dem die Evangelischen -knieten, standen oder saßen, eng aneinander gedrängt, mit ihren weißen -Kitteln und Kapuzen, im Halbkreis um den Glutschein herum, glich einem -Gewirre mehlgrauer Maulwurfshügel, die mit schwachen Schimmerlinien -gesäumt waren und sich immer hoben und senkten. Es war ein Bild, das -ergreifend und geheimnisvoll berührte, aber auch befremdend war, -so sehr, daß es auf die mangelhaft entwickelte Evangelikanerseele -des Hiesel Schneck belustigend wirkte. Er buckelte sich zusammen, -hämmerte mit der Faust aufs Knie und ließ ein halbverschlucktes Lachen -vernehmen: »Ho ho hohohooo!« Das Gesicht des jungen Obersten fuhr nach -ihm herum, und die zornscharfe Stimme sagte: »Wat hat er? Ick finde an -diesen Menschen nichts Lächerlichs.« - -»Gotts Not und Elend,« stotterte Hiesel erschrocken, »ich versteh's -halt nit, verstehst?« - -Leupolt legte zuerst dem jungen Offizier, dann dem Geheimrat den -Mantel um die Schultern. »Es weht ein schneidiger Luft, wenn's auf -den Morgen zugeht. Die Herren müssen sich gut einwickeln. Ich steig -derweil zu den Alten hinunter und red mit ihnen.« Lautlos verschwand er -hinter den Schrofen in der Finsternis. Während er über das Felsgezack -hinunterstieg, hörte er immer deutlicher die Stimme des Fürsagers von -Unterstein: »Die Törigen nahmen ihre Lampen; aber sie nahmen nit Öl mit -sich. Die Klugen aber nahmen Öl in ihren Gefäßen samt ihren Lampen. Da -nun der Bräutigam verzog, wurden sie alle schläfrig und entschliefen. -Zur Mitternacht aber ward ein Geschrei: Siehe, der Bräutigam -kommt, gehet aus, ihm entgegen!« Die sanfte Stimme des Alten wurde -unterbrochen durch einen verzückten Knabenschrei: »Da steigt einer aus -dem Berg heraus! Ein Lichtschein ist um ihn her!« - -Aus tausend Kehlen ein wunderlicher Laut. Alle weißen Gestalten -zuckten auf. Einer, der gegen die Felswand hingesprungen war, erkannte -den Jäger und rief: »Der Leupi!« Von Mund zu Mund ging es, wie ein -frohes Rauschen, wie ein Aufatmen der Hoffnung: »Der Leupi Raurisser -ist kommen!« Viele drängten ihm entgegen. Er stand wie eine graue -Säule im Schnee und rief über das Gewühl der ihm entgegendrängenden -Weißgestalten hin: »Ein jeder soll bleiben an seinem Platz. Jeder soll -Ruh halten. Ich bring den Morgen unserer Not. Nur einen Schnaufer -Geduld noch, ihr guten Leut! Erst muß ich reden mit den Alten.« Das -Gedräng der Weißgestalten wich auseinander. Wieder bildete sich der -Halbkreis, wie er zuvor gewesen. Ein erregtes Stimmengewirr. Man hörte -seltsames Aufkichern, hörte leise, fast krankhaft klingende Schreie, -hörte das Fiebergestammel einer Verzweiflung, die in Freude verwandelt -war, und hörte lallende Laute, wie Betrunkene sie ausstoßen, die lachen -möchten und näher dem Weinen sind. - -Droben auf der schwarzen Felsmauer sagte einer, dem die Stimme kaum -gehorchen wollte: »Danckelmann, das ist erschütternd! Was müssen diese -Menschen gelitten haben!« - -Auf der weißen Rodung, rings um den roten Glutschein, war Stille. -Von der alten Fichte, die sich schwarz neben der Kohlenglut erhob, -sprangen elf Weißverhüllte auf Leupolt zu, die Fürsager der neun -berchtesgadnischen Gnotschaften, bei ihnen der Mann der Hasenknopfin -von Unterstein und der Christoph Raschp von der Wies, die in der -Osterwoche heimgekehrt waren aus dem Preußischen. Alle streckten -die Hände nach dem Jäger, alle stammelten die gleiche Frage: »Ist -er kommen?« Leupolt deutete gegen die Höhe. Etwas wundersam Frohes -war in seiner Stimme: »Da droben steht er. Ihr sehet ihn nit in der -Finsternis. Und er ist doch unser Licht, ist unser Helfer in aller -Not!« Einer von den Alten schrie wie ein Entrückter: »Holz in die -Glut! Leut, es taget über unseren Seelen!« Viele sprangen gegen den -Glutschein hin. Die Scheite klapperten und klirrten. Ein Knistern -und Geprassel. Schwarze Rauchwolken umwirbelten die alte Fichte. Ein -Leuchten, ein wechselndes Lichtgezitter. Schön und lodernd stieg die -wachsende Flamme gegen die Sterne hinauf. Die knorrigen Wetterbäume -schienen funkelnde Blüten zu tragen, der Schneegrund war überwoben von -blitzendem Glanz und violettem Schatten, alle nahen Felswände begannen -zu glimmen, und die tausend Weißgestalten standen angestrahlt, als -wären ihre Leinwandkittel verwandelt in purpurne Gewänder. »Zündet die -Kienbränd!« rief der Alte von Unterstein. »Wir Fürsager, alle neun, wir -steigen hinauf und holen den Helfer zum Feuer!« - -»Ihr müßt den Umweg machen über den Karrensteig!« sagte Leupolt. »Unser -Helfer tät auch herkommen über das Wändl. Der zwingt jeden Weg. Aber es -ist ein Müder bei ihm. Der muß ein linderes Sträßl haben. Und eh wir -den Helfer holen, müssen wir sicher sein, daß sich kein Unbeschaffener -nit eingeschlichen hat durch die Wächterzeil.« Er hob die Arme: -»Die Gnotschaftsmeister! Zu mir!« Neun Männer kamen gesprungen, von -verschiedenen Stellen her. Zu ihnen sagte Leupolt: »Das Feuer ist hell. -Jeder zu seiner Gnotschaft! Schauet jedem unter die Kapp, jedem in -die Augen! Wär einer dabei, dem ihr nit trauet auf Stein und Bein, so -müßt ihr ihn ausweisen aus der Wächterzeil.« Er ließ einen Kienbrand -aufflammen am Feuerstoß. »Kommet, Fürsager, ich führ euch.« Während im -Ring der rotbestrahlten Weißgestalten die Gnotschaften sich voneinander -sonderten, ging der Zug der Kienbrandträger gegen den dichteren Wald -hinüber. Hinter den Bäumen verschwanden die Lichter halb und gaukelten -mit rauchigem Schein. Bei den Gnotschaftsplätzen, wo einer um den -andern sich gegen das Feuer wenden und die Kapuze heben mußte, schrie -plötzlich eine Knabenstimme: »Wir Bischofswiesener sind hundertfünfe, -da sind zwei Überzählige.« Ein zorniges Hindrängen. Aus den Reihen der -Männer wühlten sich zwei Weißverhüllte mit schlagenden Armen heraus und -sprangen in wilden Sätzen hinunter gegen den tieferen Wald der Ramsauer -Talseite. Die Verfolger jagten sie über die Wächterzeile hinaus. Ein -flinker Bub vermochte den einen noch zu haschen, riß ihm die Kapuze -herunter, bekam einen Faustschlag ins Gesicht, taumelte über den Schnee -und behielt zwischen seinen Fingern die schwarzen Zotten eines falschen -Bartes. - -»Ich bin nit schuld, Leut!« sagte der Gnotschaftsmeister. »Jeder von -den Meinen hat mir die heilige Losung sagen müssen. Daß bei uns die -Polizeischnufler umschliefen wie die Mäus in der Mehlkammer, das spüren -wir lang.« Aus der Unruh der anderen rief der Hasenknopf heraus: »Wie -härter die Prüfung, so fester unsere Seelen. Bloß um den Leupi muß ich -mich sorgen. Der ist sichtbar gewesen. Da blüht es ihm morgen, daß er -Sonn und Mond nimmer sieht.« - -»Dem Leupi wird einer beistehen, der stark in ihm gewesen ist am -Bekennertag. Sell droben -- schauet, Leut! -- da bringen die Fürsager -den Morgen unserer Not vom sternscheinigen Himmel her! Machet die Augen -sichtbar! Alle! Vor dem Helfer dürfen wir uns nit verstecken.« Der -Gnotschaftsmeister streifte die weiße Kapuze in den Nacken zurück. Bei -der Feuerhelle sah man ein hageres Gesicht, in dem zwei sehnsüchtige -Augen brannten. Wie dieser eine, so taten alle. Tausend Gesichter -enthüllten sich, junge und graubärtige, und alle waren einander -ähnlich, hatten den gleichen dürstenden Hoffnungsglanz in den Augen, -das gleiche stumme Leiden, das sie standhaft ertragen hatten um ihres -Glaubens willen. Alle diese heißfunkelnden deutschen Bauernaugen -waren emporgerichtet zur Höhe der Felsmauer, über deren Saum die von -rotem Licht umzitterten Kienbrandträger mit den zwei fremden Herren -herunterkamen. - -Der Hallturmer Grenzjäger war nicht bei ihnen. Der war in der -Finsternis zurückgeblieben. Was er sah, dieses Wunderliche, zum -Lachen Reizende und doch Ergreifende, bedrängte ihm hart das langsame -Kindergehirn und machte ihn völlig hilflos. Mit dem Kopf zwischen -den Fäusten, stand er wie ein Holzklotz, guckte dem Gaukelzug der -Kienbrände nach, getraute sich nimmer zu lachen und klagte in das -Nachtschweigen: »Herr Jesu mein, ich versteh's nit! Und ich versteh's -halt nit!« - -Die Kienbrände qualmten im schwarzen Wald. Nun kamen sie auf die -Rodung. Deutlich sahen die Tausend beim Feuerschein den alten würdigen -Herrn im braunen Mantelkragen; er ging entblößten Hauptes, und seine -weiße Perücke war im Flammenschein wie ein aus Kupfer gebuckelter Helm. -An seiner Seite schritt ein anderer, klein, mager, gebeugt; das eckig -vorgeschobene Jünglingsgesicht zwischen den losen Haarwischen ging -immer hin und her; immer spähten seine Augen; der dunkle Soldatenmantel -war von roten Feuerlinien umzeichnet, und die Tressen glitzerten an -seinem Dreispitz wie die Juwelen eines Diadems. Das stumme Schauen -der Tausend verwandelte sich in unruhiges Stimmengesumm: »Ein Soldat! -Da kommt ein Soldat!« Schreck und Sorge klangen aus diesen Lauten. -Die Leiden der vergangenen Wochen wirkten nach in den Seelen der -Evangelischen. Manchen durchfieberte noch das zornvolle Grauen, -das er davongetragen hatte vom Versöhnungsschießen, und alle waren -sie eingedenk der Mißhandlungen, die sie erlitten hatten von den -Musketieren und Dragonern. »Ein Soldat! Da kommt nichts Gutes. Ein -Soldat hat allweil den Teufel am Bändel.« - -Der Hasenknopf versuchte die Aufgeregten zu beschwichtigen. »Ohne Sorg, -Leut! Bei den Preußen ist's allweil so: ob was Irdisches oder Heiliges, -überall ist ein Soldat dabei. Das sind nit solche Landschäden wie die -unseren. Ein Soldat des Königs von Preußen ist voll rechtschaffener -Zucht, ist allweil eine Landshilf und ein Leutfreund.« Das klang -so unwahrscheinlich, daß es nicht beruhigend wirkte. Die Hände -erhebend, mahnte der Hasenknopf: »Aber Brüder! Ich bin doch gewesen im -Preußischen, hab's doch selber gesehen, wie da auf jedem Bodenfleck -der Menschenfleiß und das Recht hausen. Was ich euch erzählt hab von -des Königs Güt und vom Hilfswillen der evangelischen Leut? Ist das -alles gählings verschwitzt? Bloß weil an einem Soldatenhütl die Litzen -glanzen? Was geht der Soldat euch an? Der ist halt mitgeritten zur -Sicherheit für den Herrn. Für uns ist *der* die Hauptsach. Als Fürstand -des evangelischen Korpus von Regensburg ist er für die Salzburger -Exulanten ein Baum und Schild gewesen.« Das Mißtrauen der Leute schien -nicht völlig zu schwinden, aber sie wurden ruhiger und sahen dem Zug -der Kienbrandträger mit schweratmender Erwartung entgegen. - -Eine Stille, in der nur das Rauschen der großen Flamme noch zu hören -war, das Fauchen des Morgenwindes, der immer schärfer blies, und das -hurtige Summen der fernen Talbäche. Die Fürsager kamen mit den beiden -Herren zum Feuerstoß und warfen auf eine schweigsame, festliche Art -die Kienbrände in die Flamme. Danckelmann trat gegen den Halbkreis -hin und schwenkte freundlich und dennoch würdevoll die Reisemütze -gegen die tausend Männer: »Grüß Gott, ihr lieben Leute! Ihr habt um -Hilfe nachgesucht, ich bringe sie im Namen meines allergnädigsten -Herrn, des Königs von Preußen, des Treuesten und Väterlichsten aller -Evangelischen.« Schüchtern antworteten viele Stimmen: »Grüß Gott! Grüß -Gott!« Und alle Augen hingen an dem würdigen alten Herrn, zu dem man -Vertrauen haben konnte. Nur ein einziger, Leupolt Raurisser, sah in -erregter Erwartung immer den anderen an. Der war bescheiden hinter -dem Geheimrat zurückgeblieben, hatte ein bißchen geschmunzelt, als -Danckelmann vom Väterlichsten aller Evangelischen sprach, war auf das -Feuer zugeschritten und hielt nun, während seine Augen neugierig über -die vielen Gesichter huschten, die kleinen Hände wie ein Frierender nah -an die Flamme. Im Schatten der Helle war seine zierliche Gestalt eine -schwarze Fläche, in der sich nichts unterscheiden ließ, und war nicht -wie der Umriß eines Jünglings, sondern wie die Silhouette eines müden -Greises. Rote Glutlinien umschimmerten den schwarzen Riß und drängten -ihn noch dünner zusammen. - -»Ist der Mann anwesend,« fragte Danckelmann, »der zu Regensburg im -Auftrag der Evangelischen von Berchtesgaden bei mir war?« - -»Wohl, Herr!« Der Hasenknopf trat vor und machte, obwohl er keinen Hut -hatte, eine Handbewegung, als müßte er den Kopf entblößen. - -»Hat er den Leuten alles aufrichtig erzählt, was er auf seiner Reise -durchs Preußische wahrgenommen?« - -»Wohl, Herr! Von allem Guten hab ich verzählt, vom evangelischen -Hilfswillen und von der festen Ordnung im Land. Von der Sicherheit, -in der jeder Bürger und Bauer lebt. Und von der Glaubensfreiheit, von -den unbedrückten Seelen, von den evangelischen Gotteshäusern, von den -Kanzelherren, die so gottfest predigen, und von den Pfarrhöfen, in -denen gütige Frauen hausen, mit einem Häufl von lieben Kindern.« Bei -dieser Feststellung fiel dem Hasenknopf eine wichtige Sache ein, die er -den Leuten noch nicht erzählt hatte. Er wandte sich gegen den Halbkreis -der Gnotschaften. »Wahr ist's, Leut, in der Gegend von Jüterbog« -- -man kicherte ein bißchen bei diesem wunderlichen Namen -- »da bin ich -in einem winzigen Pfarrhöfl gewesen. Leut, da hat's gewummelt als wie -im Immenkorb. Sind erst fufzehn Jährlen verheuert gewesen, das Pfarrle -und die Pfarrfrau, und haben siebzehn Kinderlen gehabt, das achtzehnte -schon unterwegs.« Im Ring der Leute prasselte ein heiteres Lachen -auf, und man hörte eine Bubenstimme: »Sakrawolt, wie gottfest muß das -preußische Pfarrmänndle gepredigt haben!« Wieder ein hundertstimmiges -Lachen. Das klang so froh, als wär' es für diese bedrückten Herzen -ein wohltuende Erlösungswunder: daß sie nach Monaten des Leidens -das ausgehungerte Zwerchfell ein bißchen bewegen durften. Während -das Gelächter hinknatterte über die vielen Köpfe, rief das magere -Schwarzfigürchen vom Feuerstoß französisch zu Danckelmann hinüber: »Das -ist die wirksamste Pastorenpredigt, von der ich noch je vernommen habe. -Sie hat tausend betrübte Christen im Handumdrehen fröhlich gemacht. Der -fähige Gottesmann muß Konsistorialrat werden.« - -Es blieb auch in der Stimme des Hasenknopf ein munterer Klang zurück. -»Wie von allem Guten, Herr, so hab ich den Leuten auch redlich verzählt -von allem Harten. Daß die Steuern nit linder sind, als bei uns. -Freilich, die schlupfen wieder fürs Leutwohl ins Land hinein und gehen -nit für Schuldzinsen und parisische Kebsföhlen drauf. Muß der Bauer im -Preußischen zahlen, so kriegt er auch was. Arg plagen muß er sich. Der -Boden ist mühsam. Da muß man tief hinunterackern, muß driefach misten, -und schwitzen muß man um Halm und Frucht. Aber die Leut sind riegelsam, -und der Wuchs ist überall gut. Die Küh haben Euter wie Metzenkörb, -und die Ross' haben Flachsen wie Eisen. Die Arbeit muß einer gern -haben im Preußischen. Sonst wär die Freud am Leben ein bißl mager. -Die Gegnet schaut aus, als hätt sie der Höllische eben geklopft mit -seiner Ofenschaufel. Kein Berg und kein Bergl nit. Alles Wasser lauft -sandig und langsam. Nirgends ein lustiger Bach. Der Wind muß die Mühlen -treiben, sonst tät die Halbscheid der Preußen kein Mehl nit haben. -Aber lebfreudig sind sie doch allweil und lachen gern. Sind standhafte -Leut. Wie man sagt bei uns: >Herr Jesu, dir leb ich, dir sterb ich!< -- -so sagen's die Preußen bei aller Gottslieb von ihrem Land und König. -Aber wie die Leut da drunten reden! Man lust und lust und versteht's -nit recht. Da müssen wir im Deutschen ein bißl umlernen, wenn wir ins -Preußische kommen. Bei uns im Wirtshäusl schafft einer an: >Gelt, -Marianndl, bist so gut und bringst mir ein paar Schweinshaxln!< Im -Preußischen muß einer kommandieren: >He! 'n Eisbein! Wuppdich!<« Wieder -prasselte ein Lachen über die tausend Köpfe hin. »Wahr ist's, Leut, die -Preußischen reden kurzzipflet und flink. Oft tut's unsereinem weh in -den Ohrwascheln, ich weiß nit warum. Im Anfang hat's mich schier aus -dem Häusl gebracht. Da kommt so ein Preuß und sagt was. Du meinst, daß -er beißen möcht. Hörst du aber ein bißl gutwillig hin, so kommt's dir -für, als möcht er ganz freundlich Grüßgott sagen. Er kann's halt nit -anders. Sein Maulofen hat nit die richtig Wärm. Ist schad drum. Täten -die Preußischen mit unsereinem reden, wie sie schaffen und einwendig -sind -- wahr ist's, Leut, die müßt man gern haben.« - -»Jedes Land hat seinen Boden, jedes Volk seine Art,« fiel Danckelmann -ein, »man muß das nehmen, wie es ist. Bei euch im Süden ist auch -nicht alles, wie es den Preußen zusagt.« Er schien gegenüber den -Weisheiten der Hasenknopfischen Preußenforschung die Geduld ein bißchen -verloren zu haben. Hinter ihm, beim Feuerstoß, klang ein herzliches -Knabenlachen. Dann halblaut das französische Wort: »Dieser ehrliche -Mann hat recht, mein lieber Geheimrat! Wir sollten versuchen, etwas -Wärme hinter das Klappergebiß zu bringen.« Wieder lachend, drehte der -junge Oberst die Brust gegen die Flamme, breitete die mageren Ärmchen -und sperrte, ein bißchen in parodistischer Art, die Zähne auseinander, -um den heißen Hauch des Feuerstoßes reichlich in seine Brust zu saugen. -Da fand auch Danckelmann seine freundliche Ruhe wieder. Er sagte: die -Evangelischen dürften aller zureichenden Hilfe gewärtig sein; doch -läge es dem König von Preußen fern, dem Lande Berchtesgaden einen -Untertan abwendig zu machen; Hilfe hätten nur jene zu erwarten, die -als Exulanten eingeschrieben, also von ihrem Fürsten innerlich schon -gelöst wären und sich einwandfrei als Protestanten erkennen ließen; -deshalb wäre, ehe man von der Hilfe sprechen dürfte, eine Prüfung ihrer -Glaubenssätze unerläßlich; man könnte nicht tausend Menschen auf ihren -Glauben befragen; so möchten die Evangelischen einen aus ihrer Mitte -wählen, der die notwendigen Fragen für sie alle zu beantworten hätte. -Gleich riefen Hunderte von Stimmen: »Der Leupi Raurisser.« Danckelmann -sagte: »Das scheint die Majorität zu sein. Wer dagegen wäre, daß dieser -Mann für eure Seelen Zeugnis gibt, soll die Hand ausstrecken.« Keine -Hand erhob sich. - -Dem Jäger war eine heiße Verlegenheitsglut über das Gesicht -geflogen. Jetzt nahm er im Feuerschein den grünen Hut vor die Brust. -»Vergeltsgott, meine Brüder! Das ist mir Ehr, die ich als heilig spür.« -Er ging auf den jungen Oberst zu: »Fraget, gütiger Herr! Ich will alles -ehrlich sagen, was mir in Herz und Seel ist.« Das feurig angestrahlte -Soldätl machte verdutzte Augen und sagte, fast erschrocken: »Vor mich? -Nee!« Höflich komplimentierend deutete er auf Danckelmann. Der fragte -schon mit würdevollem Ernst: »Was glaubt er von Gott, vom Geiste, von -Gottes Sohn und vom Werke der Erlösung?« Ein praktisch erfahrener -Katechet schien Danckelmann nicht zu sein; was er fragte, war für den -ersten Anhieb reichlich viel. Der junge Oberst, ohne eine Miene zu -verziehen, flüsterte dem Geheimrat französisch zu: »Milder! Milder! -Ich wäre schon in Verlegenheit!« Auch Leupolt mußte sich eine Weile -besinnen, um die vier Antworten verständig zusammenzubinden. Dann -sprach er mit der Ruhe eines reifen Menschen, mit der Inbrunst eines -gläubigen Herzens und doch mit der Einfalt eines Kindes. Alles sagte -er, daß jedes Wort zu erweisen war durch eine Stelle der Bibel. Und -als der Geheimrat mit lauter Stimme fragte: »Glaubt ihr das alle so?« --- da fuhren die paar tausend weißen Arme in die Höhe, und die tausend -Stimmen riefen wie aus einer einzigen, andachtsvollen Seele heraus: -»Wir glauben!« Das war im sternfunkelnden Nachtschweigen, beim Rauschen -des Feuers und in der Traumstille des zwischen Winter und Frühling -kämpfenden Waldes ein so wundervoller Laut, daß der junge Oberst vor -tiefer Erschütterung bleich wurde bis in die schmalen, hart aufeinander -gepreßten Lippen. Vorgebeugt, das spitz herausgeschobene Gesicht -scharf abgehoben von der Feuerhelle, die übereinander gepreßten Hände -auf den Degenknauf gestützt wie auf einen Krückstock, sah er mit groß -erweiterten Augen den Jäger an und spähte über alle Gesichter hin, über -das rötliche Glimmbild der wunderlich gestalteten Felsen und über das -Funkelgewölbe des schwarzblauen Himmels, den fern im Osten schon eine -matte Lichtahnung des kommenden Morgens überschlich. - -Auch Danckelmann schien unter dem Eindruck dieses Augenblicks zu -stehen. Seine Stimme klang unsicher, als er fragte: »Was glaubt er -von der Taufe, von der Sündenvergebung und vom heiligen Abendmahl?« -Da brauchte Leupolt sich nicht zu besinnen. Was er sagte, riß die -Tausend wieder zu dem frohen Schrei empor: »Wir glauben!« Dennoch -schien der Geheimrat nicht völlig zufriedengestellt. Diese fromme -evangelische Seelenmusik erschien ihm nicht völlig frei von Klängen, -die ein strenger Protestant als halb katholisch empfinden konnte. Eine -Einwendung erhob er nicht, sondern fragte weiter: »Was glaubt er von -Himmel und Hölle?« - -»Himmel ist überall, wo der Herrgott ist. Und allweil bei Gott und in -ewiger Freud ist die Wohnstatt der Guten, wenn sie verschnauft haben -als redliche Christen. Zu jeder sauberen Seel in ihrer Todesstund -sagt Jesuchrist: Noch heute wirst du bei mir im Paradiese sein! -- -Überall, wo Gott nit weilen mag, ist Höll und ewige Pein. Da hausen die -Unverbesserlichen im Bösen.« - -»Glaubt ihr das alle so?« - -»Wir glauben!« - -»So sag er mir --« - -Der junge Oberst legte wehrend die Hand auf den Arm des Geheimrats. Der -merkte das in seinem Eifer nicht und fragte: »Sag er mir, was glaubt er -vom sogenannten Fegefeuer?« - -»Ans Fegfeuer glaub ich nit.« - -»Warum nicht?« - -»Weil Gottes Weisheit das Nutzlose nit erschafft und ein zweckloses -Ding zwischen Himmel und Höll nit dulden kann. Die im unsauberen -Laster und in der Sünd Verstockten kommen aus dem Feuer nimmer heraus. -Da reicht die Höll. Die redlichen Willens sind, die sündigen nit -unverzeihlich und kommen nit hinein ins Feuer. Da reicht der Himmel. -Ohne Schuld auf Erden ist bloß ein einziger gewesen. Der Menschensohn. -Was sonst noch lebt, und tät es der Beste sein, ist alles wie ein -Hälml, das sich biegt unter hartem Wind und sich wieder aufrichtet in -guter Stund. Wozu ein Fegfeuer? Redliche Reu hebt jede schwachgewordene -Seel dem Herrgott entgegen. Da ist siebenfache Freud in der Höh. So -steht's geschrieben. So ist es.« - -Noch ehe Danckelmann eine Frage an die Tausend richtete, riefen schon -alle Stimmen: »Ans Fegfeuer glauben wir nit.« - -»Was hält er von jenen, die anderen Glaubens sind als er?« - -Leupolt schwieg, seine Brauen zogen sich zusammen. - -»Warum unterläßt er es, zu antworten?« - -Da wandte der Jäger die trauernden Augen von dem würdigen Manne ab, sah -den jungen Oberst an und sagte ruhig: »Herr! Meine Mutter, von allen -Müttern die beste, ist eine gutkatholische Frau.« - -»Will er damit sagen --« fiel Danckelmann ein. Weiter kam er nicht. -Neben ihm klang eine leise, scharfe Stimme: »_Assez!_« Wieder legte -sich die schlanke weiße Jünglingshand auf seinen Arm. Dann ein flinkes -Gewirbel französischer Worte, halb ernst, halb mit spöttischem Klang: -»Wir wollen da Schluß machen. Wer katechisieren will, soll's besser -verstehen als der andere. Jeder von diesen Christen, mein lieber -Danckelmann, glaubt hundertmal mehr als Sie. Von mir nicht zu reden. -Ich stehe nackt und frierend vor diesen warm umwickelten Seelen.« Er -trat erregt auf Leupolt zu, betrachtete ihn mit einem freundlich -forschenden Blick und fragte mit leiser Zärtlichkeit, die seine Stimme -völlig veränderte: »Hat er ooch 'ne Schwester?« - -Der Jäger schüttelte stumm den Kopf. - -»Schade!« Und langsam, fast schleppend -- als wär' es für ihn eine -Gedankenarbeit, die reindeutschen Worte zu finden -- sprach der kleine, -zierliche Offizier zu dem glühenden Gesicht des Jägers hinauf: »Mutter -is der Name alles Gütigen uff Erden. Det Treueste und Wärmste heißt -Schwester. Er hätte verdient, 'ne Schwester zu haben.« Seine weiße -schlanke Hand faßte eine Falte an Leupolts Kittel. Der zärtliche Klang -war erloschen, die Stimme verwandelt zu harter Strenge. »Er is so 'n -reinlicher Christ, wie 'n wohljeschaffener Mensch. Wird er ooch 'n -ebenso beschaffener Bürger werden?« Ein huschendes Lächeln. »Wat hält -er von der weltlichen Obrigkeit?« - -»Daß sie so nötig ist, wie die hilfreiche Sonn über dem Boden und wie -die Feuchtigkeit im Acker. Wenn's die richtige ist, die allweil im Land -das Gute und Rechte will, das Leben nit nötet, die Seelen nit zwängt, -so muß man ihr gehorsamen auf Schnaufer und Sterben.« - -»So? Meint er?« Wieder dieses flinkverschwindende Lächeln. »Und welche -is unter solcher Obrigkeit die notwendigste Tugend eines guten Bürgers?« - -»Die Treu.« - -»Ooch. Es gibt 'ne bessere.« - -»Mutige Tapferkeit wider jeden Landsfeind.« - -»Ooch. Es gibt 'ne bessere.« - -Leupolt schwieg, verwirrt durch den funkelnden Stahlglanz dieser -strengen Jünglingsaugen. - -»Ick will 's ihm sagen: *die Pflicht*. Det is der Hammer for alle -steinernen Nüsse des Lebens. Un weeß er ooch, wat for'n Unterschied is -zwischen Fürst und Bürger? Ick will's ihm sagen. Ein guter Fürst und -'n pflichtvergessener Bürger, da is der Fürst der höhere. Ein guter -Bürger und 'n pflichtvergessener Fürst, da is der Bürger der bessere. -Ein pflichtgetreuer Fürst und ein pflichtgetreuer Bürger, da is keen -Unterschied nich. Jeder ein Diener seines Volkes.« Nun das leise, -feinspielende Lächeln wieder. »Nna? Kann er det ooch glauben?« - -»Wohl, Herr!« Mit zitternden Fäusten preßte Leupolt den Hut an die -Brust. »Jetzt steht das für mich geschrieben. So ist es. Da glaub ich -dran.« - -»Denn soll 'r seinen Glauben den anderen predigen. So fleißig und -gottfest, wie der Paster von Jüterbog das Predigen verstund. Und -Preußen wird Wachstum haben. Jeb er mich seine Hand! Will er _dans cet -esprit_ der Unsere werden, denn bin ick der Seine. Und nu ruf er die -anderen her. Denen will ick sagen, wie der König von Preußen ihnen -helfen wird. Besser sollen sie's _naturellement_ nich haben als unsere -Preußen. Aber ooch nich schlechter.« - -In einem Sturm von Glück und Freude schrie Leupolts klingende Stimme -in das schöne kalte Nachtschweigen: »Her zu unserem Herrn, ihr -Brüder in Christ! Der Helfer will reden zu euch!« Wie eine große, -rauschende, weißgraue Woge strömte neben dem Feuerstoß der Halbkreis -der Gnotschaften gegen den Jäger hin und schloß sich um die beiden -Herren und die Fürsager zu einem engen Ring. Die Vordersten warfen sich -auf die Knie und kauerten sich auf den Boden, damit die hinter ihnen -Stehenden sehen und hören könnten. In diesem Ring von vorgestreckten -Köpfen, von glanzäugigen, zwischen grellem Feuerschein und schwarzem -Schatten wechselnden Gesichtern klang die langsame, nach deutschem -Ausdruck ringende, scharfgepreßte und dennoch wohllautende Stimme des -Sprechenden. Bei der atemlosen Stille, mit der sie lauschten, vernahmen -die Tausend jedes Wort. - -Nur ein einziger verstand nicht; der einsame Hiesel Schneck auf der -rotglimmenden Felswand droben. Über die Wand hinunterzusteigen und -hinüberzuspringen zum Ring der Lauschenden -- auf diesen Einfall -konnte er nicht kommen. So erfindungsreich und beweglich war sein -sechzigjähriges Kindergehirnchen nicht. Gewissenhaft blieb der -Hiesel, wo man ihn hatte stehen lassen. Obwohl er sich mit dem halben -Leib hinaushängte über den Steinrand und die braunen Tatzen wie -Suppenschüsseln um die Ohrmuscheln wölbte, konnte er nur manchmal -ein Wort erschnappen. Da drunten wurde alles beredet: die Lösung von -der Leibeigenschaft auf Kosten des Königs von Preußen; das Reisegeld -für die völlig Unbemittelten, die alles verloren hatten; Führung und -Fürsorge, Verpflegung und Unterkunft für die Dauer der weiten Wanderung -bis ins Brandenburgische und nach Ostpreußen; die Zuteilung von -gutem Ackerboden in fruchtbarer Gegend; zwanzig Morgen Feld für den -einzelnen Mann, zwanzig bis dreißig Morgen für kinderreiche Familien; -Bauholz, Steine, Kalk und Arbeitshilfe für Errichtung von Wohnstätten; -Begabung mit Rindern, Pferden und Ackergerät; unbedrückende, auf -viele Jahre verteilte Rückzahlung der empfangenen Werte; zehnjährige -Steuerfreiheit für das neue Dach; Einteilung in die Seelsorge; freier -Gottesdienst und Freiheit der Seelen. - -Daß da drunten beim Feuerstoß der Schnapsgutter oder ein Weinkrug -reichlich herumgereicht worden wäre, davon hatte der Hiesel Schneck -trotz seiner ruhelos spähenden Luchsaugen nicht das Geringste gewahren -können. Drum blieb es ihm auch völlig unverständlich, daß die Tausend -beim lodernden Feuerstoß und in ihren grellbeleuchteten Schneekitteln -sich zu gebärden begannen wie froh und selig Betrunkene. Alle -drängten sie jubelnd gegen die fremden Herren hin, jeder wollte einen -Händedruck des Helfers erhaschen, und die freudigen Jauchzer schrillten -durcheinander, als würde da drunten nicht eine polizeilich verbotene -Trutzversammlung abgehalten, sondern eine heilige, das Blut und die -Seelen durchleuchtende Sonnwendfeier. Aus dem freudetrunkenen Gewirbel -der tausend Seligkeitslaute hörte der verdutzte Hiesel Schneck eine -verzückte Bubenstimme herausschrillen: »Du Kaiser im Untersberg! Schlaf -weiter, so lang wie du magst! Da ist ein Lebendiger, der uns auflupft -aus aller deutschen Not!« Dann eine Greisenstimme mit trunkenem Schrei -und voll junggewordener Kraft: »Du Schneekittel, du mutloser und -trauriger! Ich brauch dich nimmer. Gucket, Brüder, wie lustig mein -Lugenröckl brennt!« Wie dieser eine tat, so taten hundert, so taten -alle. Gleich großen weißen Vögeln flogen die Kittel und Kapuzen der -Sichtbargewordenen ins Feuer. Die lodernde Flamme wuchs und schlug noch -höher empor, als die Wipfel der höchsten Bäume standen. - -Mit großen Augen guckte der Hiesel Schneck hinunter auf diese -märchenhafte Sache, die er nicht begriff. Das verrückte -Durcheinandergewirr und das jubelnde Geschrei erschien ihm als etwas -Lächerliches und stimmte ihn doch so sonderbar traurig, daß er am -liebsten wieder heulen hätte mögen wie damals in jener Schneenacht, -die ihm die evangelikanischen Heimlichkeiten seines Schneckenweibls -verraten hatte. Um sich dieser unbehaglichen Gefühlsbedrückung zu -entreißen, rührte er mit den Fäusten in der Luft herum und knurrte -gallig hinauf zum sternschönen Himmel: »Mar' und Josef, ich versteh's -nit, kreuzikruzisaxundfixige Weltsnoterei und Höllementshund du -verteufelter, und ich versteh's halt nit!« - -Wie der heilige Georg mit seiner Lanze losgestochen hatte auf den -menschenfressenden Giftdrachen, so stieß der Hiesel den Eisenspitz -seines Bergsteckens zwischen die Steinrippen der unbegreiflichen Welt -und sauste mit wütenden Sprüngen über den steilen Hang hinunter zur -Holzerhütte, um in der Herdgrube ein Feuer anzuschüren, wie es Leupolt -ihm aufgetragen hatte. Seine Pflicht und Schuldigkeit tat der Hiesel -unter allen Umständen, auch wenn er nicht verstand, wozu es nötig war. -In dieser Hinsicht konnte man den Schneck mit einem guten Preußen -vergleichen, freilich unter dem Risiko, daß der sonst so gutmütige -Hiesel mit seinem Bergstecken unbarmherzig auf jeden losdreschen würde, -der so was Schauderhaftes über ihn aussprach. - - - - -Kapitel XXV - - -Um die Dächer von Berchtesgaden blaute die Morgenfrühe, die nach der -Neumondnacht zu leuchten begann. Die höchsten, noch weißen Bergzinnen -waren schon rosig angestrahlt, die Täler noch umsponnen von grauem -Frühschatten. Auf drei Türmen läuteten die Glocken. Frauen und Mädchen -wanderten schweigsam zur Messe. Sie trugen das Gebetbuch und den -Rosenkranz zwischen vorgestreckten Händen. Neben den vielen Musketieren -waren nur wenige Mannsleute und Burschen zu sehen, selten einer mit -frohen Augen. - -Nicht nur die müden Menschengesichter, auch die Häuser und ihre Mauern -erzählten von den erbitterten Glaubenskämpfen der vergangenen Wochen. -Viele Kaufgewölbe waren geschlossen. Zwischen Häusern mit grünen -Fensterläden und Flurpfosten stand immer wieder eines, dessen Türen -und Kreuzstöcke mit Mohnfarbe angestrichen waren. Dadurch hatte die -Marktgasse unleugbar an malerischem Reiz gewonnen. Das prächtige, -reichlich verschwendete Rot und das saftige Frühlingsgrün stimmte gut -mit dem silbernen Weiß der Mauern zusammen, das freilich der früher -üblichen Reinheit ein bißchen entbehrte. Mit Kohle oder schwarzer -Wagenschmiere, sogar mit einer Farbe, die man sonst bei künstlerischer -Betätigung nicht zu verwenden pflegt, waren auf den weißen Mauern -phantasievolle Teufelsgestalten mit schweinsartig geringelten -Schwänzchen angemalt. Diese Zeugnisse einer naiven Volkskunst waren -textlich belebt durch Stoßseufzer der christlichen Nächstenliebe, -gegen die man den Vorwurf einer gewissen Eintönigkeit erheben mußte. -Auf jeder Mauer wiederholten sich die gleichen Geistesblitze: -»Luthrischer Siach!«, »Du Salzlecker!«, »Verhöllter Saukerl!«, -»Schwarzweißer Preiß!«, »Evangelischer Teufelsbraten!« Von dieser, -seit dem Versöhnungsschießen epidemisch gewordenen Volkskunst waren -auch die Mauern der Gutgläubigen nicht verschont geblieben. Es erwies -sich wieder einmal das Sprichwort: »Schrei hinein in den Wald und so -hallte heraus.« Man hatte die Wände der Treugebliebenen geziert durch -Mönchsköpfe mit Ablaßzetteln als ausgestreckte Zungen, durch Heilige -mit Geldsäcken unter den Armen, durch Kapuziner mit Säbel, Muskete -und Bratwurstkränzl. Diese Bilder waren aber nur noch fragmentarisch -vorhanden, weil man sie wieder heruntergekratzt hatte. Das war -polizeilich erlaubt: an ketzerischen Mauern war jedes Erlösungswerk -verboten; hier hieß es: »Volksstimme, Gottesstimme.« - -Häufig waren Häuser zu sehen, deren Türen und Fensterstöcke nach -ausgiebiger Terpentintaufe nur noch einen blaßroten Schimmer -hatten. Man durfte da nicht immer auf eine reumütige Heimkehr zum -fürstpröpstlichen Glauben schließen. Gleich in den ersten Nächten -nach dem Versöhnungsschießen hatten »evangelikanische Inkulpatanten«, -wie Muckenfüßl rapportierte, zu heimtückischem Ausgleich auch die -Fensterstöcke und Haustüren gutgläubiger Nachbarn mit roter Farbe -bestrichen. Viel Terpentin war nötig. Die Preise der erlösenden -Flüssigkeit stiegen. Weil man schließlich -- helfe, was helfen kann --- die fälschlich verketzerten Haustüren mit Kirschwasser, mit -Zwetschkengeist und doppelt gebranntem Enzian waschen mußte, ergab -es sich, daß alles, was unter die Bezeichnung Spiritus fiel, im Lande -Berchtesgaden eine schwer erschwingliche Sache wurde. Der Rausch -war ein seltenes Ding, man sah auch an Sonn- und Feiertagen keinen -Betrunkenen mehr, und Pfarrer Ludwig konnte heiter zu Lewitter sagen: -»Er hat doch recht, der Amsterdamer! Keine Sach des Lebens ist so -kotzmiserablig, daß sie nit irgendwie zur moralischen Besserung der -Menschheit dienen könnt.« - -Wie fast alle Häuser der Marktgasse, so hatten auch die großen, -altersdunklen Torflügel des Stiftes ein neuzeitliches Aussehen. -An ihnen waren die vier großen, engbedruckten Papierbogen mit den -vielen Paragraphen des Exulationsediktes angeschlagen; der Mann -mit den entbehrlichen Schriftzeichen hatte hier die zwecklose -Buchstabenverschwendung zu einer Orgie ausgestaltet. Und wie ein -Herrscher sich umgeben sieht von seinen Generälen und Soldaten, so -war das große Papierquartett der Landsverweisung aller Evangelischen -im Ring umnagelt mit allen Polizeiverboten, die aus dem Schoß der -Bekehrungswochen herausgesprungen waren. An diesen weißen Zetteln -ging der stille Strom der Kirchgänger vorüber. Und ging vorüber an -einem wunderlich blickenden Menschen, der auf den Marmorstufen des -Marktbrunnens hockte, zwischen den Armen ein schlummerndes Bübchen, -auf dem Bauernhut drei von Sonne und Regen verblichene Trauerbänder. -Jedesmal, wenn zwischen den Weibsleuten ein Mannsbild an ihm -vorüberging, rief er mit erwürgter Stimme die gleichen Worte: »Höi! -Luset! Kauft nit einer meinen Hausrat, meine Küh und meine Geißen, -mein Feld und mein Futter? Ich geb's um den halben Preis. Bloß der -Gerstenacker muß mein bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll -man nit misten und mähen. Das ander alles kann einer haben um den -halben Preis.« Ein sonderbares Lächeln. »Jeder kann's kaufen. Alles ist -gutkatholische War.« Die Leute sahen den Christl Haynacher in Erbarmen -an oder schüttelten die Köpfe. Manche erkannten ihn nimmer. Er hatte -sich verändert. Sehr. - -Nach der Woche ohne Mond und Sonne, die ihm das Versöhnungsschießen -eingetragen hatte, war Christl Haynacher ein geduldiger Mann geworden. -Er versorgte seine Kühe und Geißen, kochte für sein Bübl das Mus, -richtete unverdrossen auf dem Grabhügel seiner Martle ein neues Kreuz -wieder auf, wenn das andere verschwunden war, schreinerte schließlich -die nötigen Kreuze im Vorrat für eine ganze Woche, und verschwieg -gehorsam die polizeilich verbotene Geschichte vom gottseligen Absterben -seines Weibes. Nur von dem heiligen Mirakel erzählte er, das seine -zwei »Preußenkinderlen« aus der Armeseelenkammer in den Glanz des -Himmels hinaufgehoben hatte. So blieb er, bis der Kanzler von Grusdorf -aus Gründen der Staatsräson in der geduldigen Ergebung des Christl -Haynacher einen Wandel hervorrief. Unter Androhung vierzehntägiger -Haftstrafe verbot man dem Christl, etwas »Kreuzähnliches« auf das -Grab seiner Martle zu stecken, und zwei Dutzend Stockstreiche sollten -ihm gewährleistet sein, wenn er nur einem einzigen Menschen noch die -Himmelfahrtsgeschichte seines ungetauftgetauften Zwillingspärchens -vorschwindle. »So so?« sagte Christl, als ihm Muckenfüßl diese -Regierungsverlautbarung aus dem gefährlichen Notizbuch vorgelesen -hatte. Das Grab seines Weibes blieb ohne Kreuz, und um das Schweigen -leichter zu erlernen, vermied es Christl, mit Menschen beisammen zu -sein, wurde erschreckend mager und bekam die Augen eines wilden Tieres. - -Vor zwei Tagen hatte man ihn zum Landgericht befohlen. Der Mutter -Jesunder war es aufgefallen, daß der Haynacher immer häufiger in der -Kirche fehlte. Nun sollte er die schwarze Seele weißwaschen. Während -seine verstörten Augen über den Tisch der Gerechtigkeit glitten, -sagte er ruhig: »Mein Bübl muß sein Mus haben. Eine Magd kann ich nit -bezahlen. Soll ich fleißig die Meß besuchen, so müssen mir die Herren -eine Kindsmagd stellen.« Trotz andauernden Kopfschüttelns wollte sich -aus dem justiziarischen Sauermilchgehirn keine verwertbare Butter -absondern. Bezahlte man dem Haynacher eine Magd, so mußte doch wieder -das Mädel die Kirche versäumen. Das war also gehupft wie gesprungen. -Und dem Stifte kam es billiger zu stehen, wenn der Himmel nur um das -Kirchengebet des Christl Haynacher verkürzt wurde. Man mußte die Sache -auf sich beruhen lassen. Damit aber das Verhör nicht völlig ohne -Resultat bliebe, stellte der Landrichter _in miraculi sororum geminarum -causa_ an den Christl allerlei schwerbegreifliche Fragen. Der wortkarge -Haynacher, als er merkte, daß ihm das Reden nicht nur gestattet, sogar -befohlen war, wurde überaus gesprächig, bekam einen heilig entrückten -Blick und schilderte das gottschöne Wunder seiner Martle so genau, -als wäre er selbst dabei gewesen. »Und schauet, lieber Herr, da -ist's in der Finsternis allweil heller worden. Wie die Sonn an einem -Frühlingsmorgen, so ist der lichtscheinige Himmelsglanz hergefallen -über das gottsliebe Pärl. Zwei treue Mutterhändlen haben herausgelangt -aus der Höh --« - -»Ssssssso?« Der Landrichter ließ den Puder seiner Wuckelperücke -nebeln. »Feldwebel! Schmeiß er das besoffene Schwein aus meiner -Kanzlei!« Das geschah. Und *wie* es geschah, in einem so gottsheiligen -Augenblick, das richtete im Verstand des Christl Haynacher eine so -verheerende Wirkung an, daß er wie ein Verrückter hinüberlief zur -Exulationskommission und sich einschrieb in die Liste der evangelischen -Emigranten, mit der ausdrücklichen Beifügung: »als gutkatholischer -Christ«. So ganz verstört war er, daß ihm bei der Eintragung sein -Bübchen nicht einfiel. Und nun bot er schon den zweiten Tag seine Habe -zum Verkauf: »Ich geb's um den halben Preis! Bloß der Gerstenacker -soll bleiben für den gottsfreien Blumenwuchs. Da soll man nit misten -und mähen.« Immer dünner wurde der Zug der Kirchgänger. Jetzt öffnete -sich die Tür eines nahen Hauses, und würdevoll erschienen die vier -entbehrlichen Federstriche, mit großer Aktenmappe, mit tadellos -überpudertem Gehirnpelz. Mißmutig musterten die kleinen Mausaugen -die frischgeweißte Hauswand. Sei es, daß man die tünchende Schicht -zu dünn genommen, sei es, daß die Feuchtigkeit der Morgenluft den -Kalk transparent machte, so oder so, das vierzeilige Lied, das ein -unerforschbarer Missetäter mit roter Farbe auf diese Mauer geschrieben -hatte, leuchtete deutlich durch: - - »Du Christenschnufler, du Gottsentdecker, - Tust du als fleißiger Seelenschmecker - Dem Inkulpaten durch's Nasenloch gucken? - Oder mußt du dich tiefer bucken?« - -In Anbetracht der Gedankenspiele, die das doppelhöckerige Justizgehirn -des Landrichters durchkribbeln mußten, konnte man, als sein Scharfblick -von der getünchten Mauer hinüberglitt zum Christl Haynacher, eine -Besserung seiner Laune kaum erhoffen. Dennoch kam sie. Mit einem fast -heiteren Lächeln blieb er vor dem Bauer stehen. »Nun? Er hat sich ja, -wie ich höre, inskribieren lassen als Exulant?« - -»Wohl, Herr!« Langsam hob der Christl die tiefliegenden Augen. »Aber -nit als Evangelischer. Ich und mein Bübl, wir bleiben gutkatholische -Christen bis zur erlösenden Sterbstund.« - -Das Lächeln des Landrichters wurde noch fröhlicher. »Ich observiere -mit Satisfaktion, daß er seinen Deszendenten ausdrücklich als -katholisch nominiert und will es _ad notam_ nehmen.« Dieses Deutsch -verstand der Christl nicht. Er guckte stumm. »Aber meint er nicht, -mein guter Haynacher, daß es, wenn, auch außerdienstlich, ein hoher -Gerichtsbeamter mit ihm spricht, generaliter empfehlenswürdig wäre, -sich vom Sitzfleisch zu erheben?« - -»Das geht nit, Herr, mein Bübl schlaft. Es hat nit schlafen können die -ganze Nacht. Ein bißl Ruh, Herr, muß man einer Menschenseel vergönnen.« - -»Ja. Gut! Bleib er also sitzen! Aber hat diese Schlafsucht seines -Kindes nicht eine andere Ursache? Man hat mir rapportiert, daß er viel -mit seinem Bübchen redet, auf eine sonderbare Weise.« - -»So so?« Der Bauer legte den Hut mit den Trauerbändern auf die -Marmorstufe und strich sich mit der Hand übers Haar, das hinter dem -rechten Ohr einen weißlichen Fleck bekam, vom vielen Kratzen. - -Im Blick des Landrichters glänzte die Freude eines inquisitorischen -Fundes. »Da erzählt er wohl jetzt seinem *Kinde*, was den Leuten zu -erzählen ihm verboten ist?« - -»Gott bewahr!« Christls Augen funkelten wie Wolfslichter. »Ich tu -allweil gehorsamen, Herr!« - -»Was schwatzt er dann immer mit seinem Kind?« - -»Ich tu nit schwatzen, Herr! Ich tu dem Bübl, wenn es nit schlafen -kann, ein Liedl singen.« - -»Man rapportiert mir aber, das wäre geredet, nicht gesungen.« - -Ein hartes Lachen irrte um Christls aschgraue Lippen. »Jeder singt, -wie er's kann. Und wie man ihn laßt.« Der Haynacher erhob sich, -schmiegte das wachgewordene Bübl an seine Brust und sagte fromm: -»Gelobt sei Jesuchrist und die heilige Mutter Marie, drietausendmal -in Ewigkeit Amen!« Ehe die vier überflüssigen Buchstaben denkfähig -wurden, war der Haynacher schon davongegangen. Erst nach einer Weile -vermochte Doktor Halbundhalb die Wahrheit zu ergründen: es handle -sich da um einen schwachsinnigen Menschen, der, als Inskribierter, -nicht im klaren war über die politische Zuständigkeit seines -eingestandenermaßen katholischen Deszendenten. »Man kann das Kind einem -solchen Narren nicht länger überlassen. Das wäre unmenschlich.« In -diesem Gedankengange wurde der Landrichter durch einen jungen, schon -zu körperlicher Rundung neigenden Klosterbruder unterbrochen, der aus -dem Stiftshof herauskam und auf ihn zutrat. Obwohl er glatt rasiert -war, erinnerte er merklich an den Grenzmusketier mit dem zottigen -Faschingsbart. Das gedunsene Gesicht sah ein bißchen ermüdet aus, ein -bißchen abgehetzt. Die Hände in die Kuttenärmel geschoben, verneigte -er sich demütig und sprach ein paar leise Worte -- nicht: »Gelobt sei -Jesus Christus!« -- er sagte was anderes und flüsterte vom Leupolt -Raurisser. Doktor Willibald stutzte. Rasch verschwanden die beiden in -der Torhalle des Stiftes. - -Eine Viertelstunde später trabten auf flinken Gäulen zwei Dragoner -und ein berittener fürstpröpstlicher Jäger gegen die zum Hallturm -führende Straße hinaus, vorüber am aufblühenden Freudengärtl der -allergnädigsten Aurore de Neuenstein, die eben aus ihrem Schlafzimmer -auf das zierlich verschnörkelte Altänchen heraustrat, um in der -milden Sonne des schönen Lenzmorgens ihre Schokolade einzunehmen. -Trotz der frühen Stunde trug das kindhafte Fräulein kein bequemes -_Deshabillé_, sondern war schon geschnürt, wenn auch nicht völlig -zur zarten Wespentaille wie sonst. Frisiert war sie noch nicht, aber -schon geschminkt und schönbepflastert. Sehr reichlich. Sonst hatte -sie nur immer zwei Schönheitspflästerchen neckisch verwendet. Jetzt -trug sie ein halbes Dutzend. Das hatte unliebsame Ursachen. Ihr holdes -Unschuldsgesichtchen war seit einiger Zeit ein bißchen verpustelt, -als wäre sie eine Liebhaberin heftig gewürzter Speisen geworden. Auch -schien sie von dem Familienübel derer von Grusdorf befallen zu sein: -von der Gicht. Täglich nahm sie ein gesalzenes Bad, so heiß, wie es -eine zarte Menschenhaut nur mit Aufwand größter Tapferkeit zu ertragen -vermag. Auch an seelischen Depressionen krankte sie und wurde häufig -von Weinkrämpfen befallen, wie ein den weißen Mäuschen zuneigender -Zechbruder sie im besoffenen Elend zu bekommen pflegt. Doch an jedem -Abend, wenn der Landesherr sich mit seiner Freundin _en titre_ zur -gemeinsamen Mahlzeit setzte, wurde Aurore de Neuenstein überraschend -liebenswürdig, sprühte von Heiterkeit und wußte ihren _maître adoré_ in -eine Stimmung zu versetzen, die ihn seiner vielen abtrünnigen Subjekte -völlig vergessen ließ. In solch einer gutgelaunten, für köstlichen -Nachtschlaf sorgenden Stunde äußerte er einmal die anerkennende -Meinung: einer reizvolleren Freundin könne sich auch der König von -Polen nicht erfreuen, dem doch bekanntlich die größte Auswahl zur -Verfügung stünde. - -Dankbar für ein so ehrenvolles Kompliment, überbot sich Aurore de -Neuenstein in entzückenden Munterkeiten, die ihr um so leichter -gelangen, weil Graf Tige, an langwieriger Verkühlung leidend, sich -chronisch von der intimen Tafel der Allergnädigsten exkusieren ließ. -Das nannte Herr Anton Cajetan »so verwunderlich wie das unerforschbare -Rätsel der Armeseelenkammer«. Nicht ganz begreiflich war ihm auch der -Zustand andauernder Feindseligkeit, der zwischen seiner niedlichen -Freundin und ihrem morosen Onkel von Grusdorf zu bestehen schien. Bei -einer Diskussion dieses erstaunlichen Familienzwistes vergaß Aurore de -Neuenstein wieder einmal ihrer feinen Pariser Bildung und schwäbelte in -bebendem Zorn: »E rechts Kameel isch'r. Wo was schief geht im Ländle, -isch'r ratlos und weiß koi Mittel nit.« Sie selbst erschrak über diesen -heimatlichen Ausbruch ihrer dunkelsten Unruhe. Herr Anton Cajetan aber -hatte nur eine politische Wahrheit herausgehört, die ihn nachdenklich -klagen ließ: »Ein großer, in allen Relationen versierter Staatsmann -ist so selten, wie ein reiner Engel auf Erden.« Er küßte galant das -Händchen seiner verblüfften Freundin, die erleichtert aufatmete. Über -solch jähes Erschrecken, wie über das ruhelose Mißtrauen, von dem sie -stets erfüllt schien, konnte sie nie einen völlig hüllenden Schleier -ziehen. Wenn die harmloseste Sache geschah, wenn der Klopfer an ihrem -Gartentor gerührt wurde, wenn ein Lakai erschien, wurde sie immer -zuerst von einer heftigen Konfusion befallen, bevor sie ihre Kontenanz -und ihr unschuldsvolles Lächeln wieder fand. Und als sie auf ihrem -Altänchen das Hufgeklapper hörte und die beiden Dragoner in Begleitung -eines fürstpröpstlichen Jägers so hurtig traben sah, erschrak sie _à -tel point_, daß sie unter der rosigen Schminke erblaßte. Allerdings, -diesmal entbehrte ihr Schreck auch einer realen Beziehung nicht. -Vor einigen Tagen hatte sie, für alle unvorhergesehenen Fälle, ihre -kostbarsten Schmuckstücke, die Mehrzahl ihrer Pariser Toiletten, -ihre feinste brabantische Spitzenwäsche und zwei schwere Kassetten -mit klug ersparten Dukaten nach Reichenhall geschickt, über die -berchtesgadnische Grenze. Just *dieser* Grenze trabten die zwei -Dragoner und der fürstpröpstliche Jäger entgegen, mit einer Eile, -als hätten sie auf amtlichen Befehl was flüchtig Gewordenes wieder -einzufangen. In der ersten Bestürzung zeterte Aurore de Neuenstein: -»Soldate! Soldate! Was isch denn? Halt! Ihr saudumme Kerle, höret ihr -denn nit?« - -Sie hörten nicht. Und die Allergnädigste verbrachte eine qualvolle -Stunde, bis ihre Zofe aus der Pflegerkanzlei die beruhigende Nachricht -brachte, daß die Drei nur davongeritten wären, um den Leupolt Raurisser -wegen Teilnahme an einer nächtlichen Fürsagung dem Aufenthalt ohne -Mond und Sonne entgegenzuführen. Zur Beruhigung des überstandenen -Nervensturmes nahm Aurore de Neuenstein ein dampfendes Salzbad, -ungefähr um die gleiche Stunde, in der die drei Berittenen die -Grenzwache beim Hallturm erreichten. Hier gab's einen Aufenthalt. -Vornehme Gäste wurden feierlich empfangen, der Gesandte des Königs -von Preußen mit seinem Geleitsoffizier, dem Obristen von Berg. Eine -Eilstafette mußte absausen, um dem fürstpröpstlichen Hof die Ankunft -des Gesandten zu melden. Erst, als die beiden Herren im Schritt -davonritten, hinter einer Ehreneskorte von sechs Dragonern, fanden die -Drei, die zum Hiesel Schneck wollten, einen Führer. - -Das kleine Jägerhaus lag schweigsam, mit verschlossener Tür. Im -offenen Geißstall plätscherte was. Als die Soldaten durch den niederen -Einschlupf guckten, erschrak das Schneckenweibl fürchterlich. Die -Drei sprangen auf die Stubentür zu und fanden den Hiesel schnarchend -im Bett. »Kerl, was liegst du am lichten Tag in den Federn? Das ist -verdächtig.« Mit einer an ihm seltenen Beweglichkeit des Geistes -antwortete Schneck: »Heut in der Nacht bin ich beim Hahnverlusen -gewesen. Verstehst?« Der fürstpröpstliche Jäger bestätigte: »Allweil -schlaft man nach dem Hahnverlusen.« Er wandte sich an Hiesel: -»Deintwegen kommen wir nit. Wo ist der Raurisser?« - -Schneck, dem das Blut in die Stirn fuhr, nahm seine Zuflucht zu einem -gesunden Himmelhund: »Kreuzteufel und Höllementsnoterei, was weiß denn -ich?« Damit der Schläfer auf dem Heuboden erwachen und durch eine -Dachluke entspringen möchte, schrie er aus Leibeskräften: »Ich bin doch -nit dem Leupi seine Kindsmagd! Wird halt draußen im Wald sein. Das -hat er nit schmecken können, der Leupi, daß die *Dragoner* kommen.« -Das Wort war wie ein Trompetenstoß. Droben über der Stubendecke ein -leichtes Gepolter. »Gott sei Dank,« dachte Hiesel, »jetzt fahrt er -davon!« Dabei tat er, um jedes Geräusch da droben zu übertönen, einen -brüllenden Fluch um den andern und strampelte mit den Beinen gegen -die Bettlade. Er war ein prächtiges Mannsbild, der Schneck, nur kein -Menschenkenner. An der Decke wurde die Stiegenklappe gehoben, und -man hörte eine ruhige Stimme sagen: »Ich bin daheim. Und komm schon. -Gleich.« Die Schneckin heulte in ihre Schürze, und Hiesel knirschte -wütend gegen die Wand: »So ein Rindviech, so ein ehrenhafts!« - -Leupolt kam über die Stiege herunter, in dem verwitterten -Bergjägerkleid, das er in der Nacht getragen hatte. »Was soll's, ihr -Leut?« - -»Du mußt mit uns. Befehl der Stiftskanzlei.« - -»Gut!« Seine Augen glänzten. Als ihn die Dragoner packten, ihm die -Hände hinter den Rücken zogen und den Strick um die Gelenke schnürten, -sagte er lächelnd: »Das wär nit nötig. Ich geh gutwillig. Jetzt ist -kein Weg nimmer, der nit der Erlösung zulauft.« Er drehte das Gesicht. -»Vergeltsgott, Mutter Schneckin! Für alles. Und Vergeltsgott, Hies! Dir -bleib ich gut.« Er trat hinaus in die Sonne, die drei anderen hinter -ihm. Mit einem fürchterlich gestichelten Himmelsköter sprang Hiesel -Schneck aus dem Bett heraus, im Hemd. Das war seit vierzig Jahren, -trotz seltener Wäsche, ein bißchen eingegangen und kurz geworden. -Man sah, was man nicht sehen wollte. Der Hiesel hatte magergeselchte -Beine, fast so haarig wie Ziegenläufe. Gar nicht appetitlich sah er -aus. Dennoch war etwas Schönes an ihm, als er die schüttelnden Arme -hob und hinaufklagte zur schwarzen Stubendecke: »Herrgott, Herrgott, -was für eine Welt ist das, verstehst! Wo der Redlichste nimmer sicher -ist seiner Haut und Seel!« Eine knirschende Wut befiel ihn. »Her da, -Schneckin! Her zu mir!« Er machte mit dem Zeigefinger eine Bewegung, -wie schlechte Hundepädagogen sie zu machen pflegen, wenn sie einen -widerspenstigen Teckel heranbefehlen. Als er das schluchzende Weibl -umklammert hielt, brüllte er in seinem ehrlichen Menschenzorn: »Jetzt, -Schneckin, verstehst, jetzt hat der christliche Hafen bei mir ein Loch. -Heut in der Nacht, verstehst, da bin ich noch allweil kein richtiger -Evangelikaner gewesen. Jetzt bin ich einer. Gottsherrgottsakerment, ich -exulier, ich exulier und ich exulier, jetzt grad mit Fleiß! Verstehst, -Alte?« - -»Wohl, Schneck, versteh schon!« weinte sie. »Aber ehnder du exulieren -kannst, mußt du allweil ins Hösl schlupfen! Verstehst?« Der Hiesel -verstand nicht. Er sprang unter einem Himmelhund, der so lang wurde -wie eine Wagendeichsel, zum kleinen Fenster hin und legte sich, um -hinauszugucken, mit beiden Armen in die Nische. Dadurch wurde das -kurze Hemd noch kürzer. Auch die Stimme des Schneck erinnerte an -ein klagendes Kind: »Herr Jesus, Jesus, Schneckin, jetzt binden die -Saubrüder, die gottverfluchten, den Buben an die Rösser an!« So -schrecklich, wie es für den Hiesel aussah, war es in Wirklichkeit -nicht. Als die zwei Dragoner aufgestiegen waren, knüpfte jeder ein Ende -des Strickes, mit dem sie Leupolt gefesselt hatten, an den Sattelknauf. -Und fort. Der Jäger zwischen den beiden Gäulen. Die hatten keinen -allzulangen Schritt. Da war schon mitzukommen. Aber sobald die Reiter -auf der breiten Straße waren, fingen sie zu traben an, weniger aus -Diensteifer als aus Neugier; sie wollten den Einzug des preußischen -Gesandten zu Berchtesgaden nicht versäumen. Leupolt mußte springen, -verlor den Hut und sagte: »Leut! Mein Hütl! Haltet ein bißl!« - -Ein Dragoner lachte: »Wo du hinkommst, brauchst du kein Hütl nimmer. -Sei froh, wenn du den Kopf behaltst.« Und weil er sah, wie flink der -Leupolt Raurisser zu springen verstand, begann er den Gaul zu spornen, -als wäre er neugierig, welcher von beiden der bessere Springer wäre, -der Jäger oder das Roß. Die gefesselten Hände hinter dem Rücken, den -Kopf in den Nacken zurückgelegt, das Gesicht umweht von den feuchten -Strähnen des Blondhaars, die Brust nach vorne geschoben, mit ruhig -pumpenden Atemzügen, so sprang der Jäger und war nicht langsamer als -die Gäule. In seinen Augen schwamm ein heißer und froher Glanz, in -seiner Seele der Gedanke: »Dort, wo ich hinspring, ist der Helfer -und mein Glück.« Die Dragoner, die für ihre Gäule ehrgeizig wurden, -begannen zu galoppieren. Leupolt sprang, ein Lächeln um den halb -offenen, durstig atmenden Mund. Der junge schlanke, stahlsehnige Jäger, -der das Beste seiner Kraft herausholte aus den beschwingten Gliedern, -bot einen Anblick, daß der Herrgott, hätte er auf ihn heruntergeschaut, -in Stolz und Freude hätte sagen müssen: »Wie schön und kraftvoll ist -der Mensch, den ich erschuf!« - -Schon tauchten die Dächer und der Kirchturm von Bischofswiesen über -die Hügel. Auf der harten Kalksteinstraße war der hämmernde Hufschlag -weit zu hören. Nahe den ersten Häusern ritten im Schritt die sechs -Dragoner, die man dem preußischen Gesandten als Ehreneskorte gegeben -hatte. Der junge Oberst, mitten im französischen Geplauder, drehte -das Gesicht nach Art eines wachsamen Soldaten, sah den springenden -Menschen zwischen den beiden hetzenden Gäulen, erkannte den Jäger, -riß unter einem kurzen Laut das Pferd herum und jagte den Dragonern -entgegen. Ein Dutzend Schritte vor ihnen verhielt er den Fuchs und -streckte die Reitpeitsche seitwärts, als wär's eine Schranke, über die -es kein Hinüber gab. »_Ne bougez pas! Gredins!_« Seine Augen blitzten. -In der Gewohnheit der Sprache, die ihm geläufiger war als die Sprache -der Heimat, quirlten die jähzornigen Worte aus ihm heraus: »_Hé! Vous! -Êtes-vous des soldats allemands ou des bourreaux? Rendez la liberté à -cet homme!_ Wollt ihr? _Hein?_ Gebt den Mann da frei!« Danckelmann, mit -Sorge in den Augen, kam herangetrabt und wisperte französische Worte. -»Ach wat!« Ein unwilliges Kopfschütteln. »Det duld ick nich. Sei es uff -preußischem Sand oder fremdem Boden.« Der junge Oberst gab dem Fuchs -einen Sporendruck und trieb ihn gegen die beiden Dragoner hin. »Wat -hat der Mann da verbrochen?« Die Dragoner, ohne zu antworten, machten -verdutzte Köpfe, und Leupolt, zwischen den schnaufenden Gäulen, stand -aufrecht, mit glanzvollen Augen, so kraftvoll atmend, daß ihm die -Schultern und der Brustkorb auf und nieder gingen. »Habt ihr Wolle in -den Ohren? Ick frage, wat der da verbrochen hat.« - -Verdrossen murrte einer von den Dragonern: »So ein luthrischer Siach -ist er.« - -»Wat?« Eine rasche Wendung gegen den Geheimrat: »_Est-ce que vous avez -compris? Moi pas._« - -Danckelmann verdolmetschte: »_Il prétend que le chasseur est un de ces -infâmes luthériens._« - -»Oh?« Der junge Oberst lächelte. »Sonst hat er nischt verschuldet?« - -»Nit um ein Härlhaar!« sagte der Fürstpröpstliche. »Ist allweil der -Beste von unserer Jägerei gewesen.« - -Gegen den linken Dragoner hinreitend, befahl der junge Oberst: »Er! Vom -Gaul herunter!« Weil der Dragoner zögerte, wurde die Stimme schärfer. -»Kennt er keenen Offizier nich? Runter vom Gaul! Den Mann da vom -Strick!« Jetzt stieg der Dragoner aus dem Sattel; während er den Strick -vom Gaul und von Leupolts Händen nestelte, brummte er immer vor sich -hin, nicht freundlich. Der junge Oberst lachte. »Na, Kerl, er kann sich -seinem Herrgott rekompensieren, daß er keen Preuße nich is. Sonst säß -er morgen im verdienten Loch.« - -Als Leupolt frei war, hob er die leuchtenden Augen. »Vergeltsgott, -Herr! Man spürt, daß der Helfer kommen ist.« - -»Zeig er mich seine Hände!« Sich niederbeugend, betrachtete der Oberst -neugierig die weißen Narbenbänder, die sich um Leupolts Handgelenke -zogen. Man sah nur die eingewürgten Striemen, kein Blut. Wieder ein -heiteres Lachen: »Det luthrische Leder is dauerhaft. Kann er reiten? So -steig er uff den leeren Gaul! Und komm er an meine Seite.« Der junge -Offizier in der Mitte, Danckelmann zur Rechten, der hutlose Leupolt -Raurisser zur Linken, so ritten die Drei davon. Immer schwatzte der -Oberst mit dem Geheimrat. Plötzlich wandte er das fröhliche Gesicht dem -Jäger zu: »Wie lange hat er so springen jemußt?« - -»Vom Hallturm bis zu Euch, Herr!« - -»_Parbleu!_« Ein drolliges Staunen war in den großen Stahlaugen. »Mir -jeht die Puste aus, wenn ick hundert Sprünge mache. Wat muß er Luft in -die Lungen haben und Schmalz in die Beene.« Französisch zu Danckelmann: -»Das wird ein Preuße, um den der Ritt sich gelohnt hat.« Der Lachende -verstummte, seine Augen glitten staunend ins Weite. Hinter dem -Untersberg und seinen vorgelagerten Waldnasen hatte der hohe Göhl sich -hervorgeschoben, die ganze herrliche Silberkette bis zum Steinernen -Meer. Und ihr zu Füßen der keimende Frühling. »Wie schön ist das!« In -enthusiastischem Entzücken, mit einem Wirbelsturm von Worten, schüttete -der Begeisterte alle Freude einer andächtigen Knabenseele aus sich -heraus. Und griff hinüber zum Arm des Jägers, mit einem Ton, der etwas -Beleidigendes hatte: »Kerl, sonne Heimat verläßt er?« - -Leupolts Stirne wurde heiß. Dann tat er einen tiefen Atemzug und sagte -ruhig: »Man tut's nur um Gottes wegen.« - -Der junge Oberst blieb stumm, war nachdenklich, saß gebeugt im Sattel -und blickte immer vor sich hin. Jetzt ein Aufzucken, ein ernster Blick -auf den Geheimrat. »Danckelmann!« Nach diesem deutschen Namen die -französischen Worte: »Nun beginne ich die Menschen erst zu begreifen, -die wir gesehen haben in dieser Nacht. Welch ein gottverlorener Esel -muß ein Fürst sein, der solche Untertanen über die Grenze jagt. -Von diesen Christen soll Preußen noch Gewinn haben. Und ich will -sorgen dafür, daß sie Gewinn haben von Preußen.« Sie hatten die -ersten Häuser von Bischofswiesen erreicht. Es kamen die Brandstätten, -die geplünderten Ställe. Der schweigsam gewordene Offizier, mit -vorgeschobenem Gesicht, ließ immer die Augen gleiten. Er schien nur -das Bild der Verwüstung zu sehen, nicht die Musketiere, die neben der -Straße salutierten, nicht die Männer und Burschen, die zu den Zäunen -gesprungen kamen, ein hoffendes Erkennen im Blick. Mit einem Laut -des Ekels wandte er sich von einer Wiese ab, die überstreut war mit -zertrümmertem Hausgerät, und sagte französisch zu Danckelmann: »Trab! -Dieser Lieblichkeit muß man entrinnen. Wir Deutsche mögen viel Gutes -haben. Witz und Geist besitzen die Franzosen. Nur *ihre* Sprache konnte -das aktuelle Wortspiel ersinnen: _chrétien, crétinisme_.« Er ritt, mit -gebeugtem Kopf, ritt immer schneller, hielt die Augen halb geschlossen -und hatte was Greisenhaftes in dem jungen Gesicht. Schon lange war -das verwüstete Dorf hinter grünenden Hügeln verschwunden, als Leupolt -sagte: »Da kommen die berchtesgadnischen Herren.« - -Der Oberst straffte ruckartig den Körper, ließ den Geheimrat -vorausreiten, war verwandelt in einen anderen Menschen, war jung, -war liebenswürdig, aufmerksam auf jedes Wort, und machte, während -Danckelmann den Obristen von Berg als seinen Begleitoffizier den -zwei Kapitelherren vorstellte, so graziöse Komplimente, als hätte -die erfahrenste Dame der großen Welt sie ihm einstudiert. Graf Tige -begann über dieses zierliche Wesen zu schmunzeln und flüsterte dem -Domizellaren von Stutzing in die Perücke: »Der? Ein Soldat? Ach nein! -Das ist ein markierter Tanzmeister.« Besser schien der junge preußische -Offizier dem Grafen Saur zu gefallen. Der Kapitular fand während des -Weiterrittes Vergnügen an dem eleganten Französisch, das gespickt -war mit prickelnden Wortspielen, mit enthusiastischen Hymnen auf die -Schönheit des berchtesgadnischen Landes. Mitten im heitersten Geplauder -wurde der junge Oberst ernst: »_Cher comte!_ Eine Angelegenheit, die -mir dringlich erscheint! Ein Mann wurde entgegen den Reichsgesetzen in -brutaler Weise wie ein Verbrecher mißhandelt, nur weil er Protestant -ist. Ich habe den Schuldlosen unter meinen Schutz genommen und stelle -die Bitte, daß mir dieser Landkundige für die Dauer meines Aufenthaltes -zugeteilt werde zu meinem persönlichen Dienst.« - -»Ich glaube das zusagen zu können, auch ohne Rücksprache mit meinem -Allergnädigsten. Wer ist der Mann?« - -»Der da hinten auf dem Dragonergaul, der junge Mensch ohne Hut.« - -Graf Saur wandte die Augen und schien sehr unliebsam berührt zu sein; -doch höflich sagte er: »Ihr Wunsch, Herr Oberst, ist bewilligt. Seine -Liebden der Fürstpropst werden meiner Ansicht beistimmen.« - -Das Wohlgefallen, das Graf Saur an dem preußischen Offizier gefunden -hatte, schien erloschen zu sein; er wandte sich im Gespräch fast nur an -Danckelmann. - -Lächelnd und schweigsam, mit ruhelos gleitenden Augen, ritt der junge -Oberst neben den beiden her. - - - - -Kapitel XXVI - - -Vor dem Leuthaus zu Berchtesgaden war eine Ehrenwache aufgezogen. Die -drei Gesandtenzimmer waren in Bereitschaft gesetzt, im Salon war zum -Imbiß gedeckt, die Betten hatte man mit Pariser Essenzen parfümiert, -und ein Lakai vom persönlichen Dienst Seiner Liebden überwachte alle -Vorbereitungen. Weil es trotz der heftig duftenden Blumenwässer in den -lange nicht mehr benützten Zimmern noch immer sehr merklich muffelte, -hatte man zur Lüftung alle Fenster aufgerissen. Freundlich schimmerte -die Frühlingssonne des milden Nachmittages auf den Gesimsen, und -durch die offenen Fenster quoll ein gedämpftes Stimmengesumm. Der -ganze Hof des Leuthauses -- ausgenommen eine von den Polizeisoldaten -freigehaltene Gasse -- war angefüllt mit einer gestauten Menschenmenge. -Immer hörte man die kanzleideutschen Befehle Muckenfüßls, der überaus -aufgeregt war und ungeachtet des ihm innewohnenden Begriffsvermögens in -eine Eigenschaft des Hiesel Schneck verfiel: er verstand etwas nicht. -Seit Wochen war es zu Berchtesgaden eine Rarität gewesen, wenn man ein -Mannsbild auf der Gasse sah. Nun plötzlich wimmelte es von Männern und -Burschen. Muckenfüßl erkannte die meisten von ihnen als Inskribierte. -»Die Sach ist perplexierend!« sagte er zum Kommandanten der Ehrenwache. -»Wir von der Polizei, wir haben doch _in loco hujus_ nit ausgeratscht, -wer da von Reichenhall her adveniert? Und doch muß jeder evangelische -Floh schon einen Schmeck davon haben! Dem landsverrätrischen Gesindel -sticht die Freud wie Schneckenhörndln _per oculos_ heraus!« Diese -Muckenfüßl'sche Beobachtung war kein Irrtum. Den paarhundert Männern -und Burschen, die sich außerhalb des Polizeispaliers mit entblößten -Köpfen Schulter an Schulter drängten, glänzte in den abgezehrten -Gesichtern der Hoffnungstrost, den sie in der Morgendämmerung -heimgetragen hatten vom Toten Mann. - -Als die Herren geritten kamen, ließ sich kein Zuruf und kein Gruß -vernehmen; außer dem Pferdegetrappel und dem Gewehrklappern der -salutierenden Musketiere kaum ein Laut. Jene, die nur aus Neugier -zusammengelaufen waren, guckten stumm, und die anderen, die das -Erlösungsfeuer der Neumondnacht gesehen hatten, grüßten nur mit einem -Augenleuchten, mit einem lächelnden Aufatmen. In der Stille, die den -Empfang der fremden Herren umringte, gab es an der Ecke des Leuthauses -plötzlich ein Gedräng. Ein aufgeregtes Mädel wollte sich aus dem Gewühl -heranarbeiten und bettelte immer: »Lasset mich doch hinaus, ich muß -zum Meister heim!« Es war die Sus. Sie kämpfte mit Ellenbogen und -Fäusten. Als sie sich endlich freien Weg erstritten hatte, rannte sie, -daß ihr Rock wie eine Fahne flatterte. Vor der Haustür preßte sie die -Fäuste auf die Brust, als möchte sie gewaltsam still machen, was in ihr -hämmerte. Aus der Werkstatt klangen gleichmäßige Meißelschläge, und im -Gesicht der Sus verriet sich eine grübelnde Gedankenarbeit. Wie sollte -sie das machen: daß der Meister nicht herausgerissen würde aus seiner -schönen Arbeit, und daß Luisa doch erfuhr, welchen hutlosen Reiter die -Sus auf einem Dragonergaul hatte sitzen sehen? Ruhig trat sie in die -Werkstatt des Meisters. Er hämmerte mit festen Streichen vor dem roten -Wachsmodell an der lebensgroßen Holzstatue der >heiligen Menschheit<. -Neben dem Ofen saß Luisa hinter dem Spinnrad, mit gesenkten Augen. -Der Meister, ohne die Arbeit zu unterbrechen, fragte: »Was ist los im -Markt?« - -»Zwei Fremde sind eingeritten, ein fürnehmes Mannsbild und ein junger -Soldat. Die Stiftsherren haben die Gäst zum Leuthaus komplimentiert.« - -Der Meister hämmerte weiter. Es war ihm nicht aufgefallen, daß die -Stimme der Sus anders klang wie sonst. Aber Luisa, unter raschem -Handgriff nach dem Rädl, hob das Gesicht und sah die Augen der Magd in -stummer Sprache auf sich gerichtet. Dann wandte sich die Sus und ging. -Die Wangen überhaucht von einer fieberhaften Röte, erhob sich Luisa. -»Kind?« fragte Niklaus unter den hallenden Hammerschlägen. »Wohin?« - -»Ich muß die Sus was fragen.« - -Seit Wochen war es der Meister so gewöhnt, daß Luisa immer bei ihm -blieb, wenn er arbeitete. Es fehlte ihm was, sobald er das Spinnrad -nicht schnurren hörte. »Kommst du wieder?« - -»Gleich, Vater!« Draußen im Flur fand Luisa die Magd, die schon -wartete. »Sus?« Das war keine Stimme, nur ein Hauch. »Was Ungutes?« - -Sus faßte die Haustochter bei der Hand, zog sie in die Küche, schlang -den Arm um ihre Schultern und flüsterte: »Mit den Herren ist der -Leupolt eingeritten.« - -Ein Erblassen rann über Luisas Stirn: »Gefangen?« - -»Frei und wie von den Herren einer ist er auf gesatteltem Gaul -gesessen. Das tät nit sein können, wenn ihn der Fürst nit begnadigt -hätt.« - -Luisa stand mit geschlossenen Augen. »Begnadigt?« - -»Er wird halt reumütig geworden sein, eurem Glück zulieb!« Ein heißes -Drängen kam in die Stimme der Sus. »Kindl, jetzt sei gescheit! Ich seh -doch, wie du vor Sehnsucht schier versterben mußt. Denk nit an Höll -oder Himmel, denk an dein Glück! Unter allem Heiligen ist Glück und -Freud das Heiligste in der Menschenseel.« - -Noch immer zitterte Luisa in der Erschütterung, von der sie befallen -war. »Begnadigt? Das muß man der Mutter Agnes zu wissen tun.« Sie riß -sich aus den Armen der Sus und sprang zur Haustür hinaus, ohne Hut -und Tuch, in dem ziegelfarbenen Hauskleid, angetan mit der grünen -Spinnschürze. Wie wunderlich die Leute auf der Gasse sie ansahen, -das merkte sie nicht. Vor dem Leuthaus war, so gierig auch Luisas -Augen suchten, kein gesattelter Gaul und kein begnadigter Reiter -zu gewahren, nur die Schildwach vor der Tür und ein Schwarm von -Burschen, die in freudiger Erregung mit einander flüsterten. Wußten -die es auch schon, daß der Leupolt begnadigt war? Und zwei Herren -kamen feierlich zum Leuthaus gegangen, festlich gekleidet und frisch -gepudert, der Stiftsdekan mit dem abgemagerten, gichtisch knaxenden -Kanzler von Grusdorf. Beriefen die beiden den Leupolt zum Fürsten? Und -die leere Sänfte, die ihr in der Marktgasse begegnete, voraus zwei -Läufer, auf deren blauen Seidenkappen die Straußenfedern so zufriedene -Bewegungen machten? Holte die Sänfte den Leupolt? Zum Vergelt für -die ungerechten Leiden? In Luisa wurde alles zu einem Märchen, zu -einem Kindertraum, und war doch nichts anderes als der glühende, -sinnverwirrende Blutschauer eines liebenden Weibes. Sie war so ganz in -das Glück dieser Stunde verloren, daß sie eine Frau nicht erkannte, an -der sie doch sonst nicht blind vorüberging. Hatte dieser gnadenreiche -Tag alle Menschen so verdreht gemacht, wie Luisa war? Auch Mutter -Jesunder zappelte an dem Mädchen vorbei, als hätten ihre Augen das -Sehen verlernt. Was aus dem verstörten Runzelgesicht der Frau Apollonia -herausblinkerte, war keine Gnadenfreude. Sie machte in ihrer Sorge um -den leidenden Sohn einen Weg, den sie in ihrem Leben noch nie gegangen -war. - -Die rätselvolle Seelenkrankheit, an welcher Jesunder litt, hatte -sich in der vergangenen Nacht zu einer schrecklichen Traumkrise -angewachsen. Die auf ewig verdammte Marta Haynacherin war ihm -erschienen als grauenhafte Feuergestalt, war an sein weißes Bett -getreten und hatte in fehlerfreiem Latein zu ihm gesprochen: »Gib -mir meine Kinder wieder, das schwarze und das weiße!« Unter kaltem -Angstschweiß hatte er geantwortet, ebenfalls im besten, ciceronischen -Idiom: »Ich habe sie nicht, ich möchte doch selber wissen, wo sie -sind.« Und die entsetzliche, unerbittliche Haynacherin: »Du hast sie, -gib sie mir wieder! Ich weiß, du verschlucktest sie, wie ein Wolf das -schwarze und weiße Lämmlein!« Etwas Ähnliches hatte er selbst schon -in Augenblicken geistiger Verwirrung höchst unmedizinisch vermutet, -wenn er auch angenommen hatte, daß das unzertrennliche Pärchen nur in -seinen Gehirnwindungen eingekapselt wäre, nicht in seinem Unterleib. -Verzweifelt schrie er, mit einer Stimme, die nicht traumhaft blieb, -sondern so laut wurde, daß man sie vernehmen konnte im ganzen Haus: -»So nimm sie dir, schneide sie mir aus dem Bauch heraus, ich muß es -dulden in christlicher Ergebung!« Das war der Moment gewesen, in dem -die Mutter Jesunder ungemein real, mit weißer Nachthaube und rotem -Unterrock bekleidet, in den mystischen Traumvorgang hereingesprungen -war. Zitternd und unter Tränen hatte der wachgewordene Sohn am Hals -der Mutter gehangen und jedes Bekenntnis verweigert. Erst im Verlauf -des Vormittages, noch immer in den schwülen Wöchnerkissen liegend, -hatte er soviel Tapferkeit gefunden, um seiner kummervollen Mutter -den lateinischen Traum ins Deutsche zu übersetzen. Frau Jesunder -rannte im ersten Schreck zum Bader. Der scheuerte sich ratlos -hinter den Ohren. Sie lief zum Stiftsphysikus. Der lachte in einer -Anwandlung von Gemütsroheit, sprach von _vaporibus obstinatis_ und -empfahl die schattenseitige Applizierung von lauwarmer Sole, sanft -gemildert durch Olivenöl. Unmöglich! Wie hätte sich Mutter Jesunder -ihrem hochwürdigsten Herrn Sohn gegenüber zur Anwendung solch einer -unpriesterlichen Maßregel entschließen können? Und da wußte sie -schließlich in ihrer Verzweiflung keine andere Hilfe mehr, nur diesen -von ihr noch nie betretenen, mit den glühenden Steinen christlicher -Vorwürfe gepflasterten Weg: zum getauften Juden Simeon Lewitter. - -Als sie scheu in das enge Gässelchen hineinsurrte, erreichte Luisa in -entgegengesetzter Richtung das schattige Häusergewinkel hinter der -nördlichen Stiftsmauer. Vor der Hintertür von Pfarrer Ludwigs Wohnung -stockte für einen Augenblick ihr jagender Fuß. Einen Rat holen? Dieser -Gedanke, kaum geboren, war schon wieder verworfen. Das zitternde -Jubelklingen in ihrem Herzen? War das nicht von allen Ratgebern der -verläßlichste? Weiter mit wehendem Rock und fliegender Schürze! Auf der -Schwelle des Mälzmeisterhauses ein Stoßgebet und ohne Besinnen hinein -in die Stube. Wie freundlich diese schmucke, schimmerblanke Stube war! -Hinter dem weißgescheuerten Tisch, im sonnigen Herrgottswinkel, saß -Mutter Agnes und schneiderte. Die große Schere fiel ihr klappernd aus -der Hand. - -»Mutter!« War das der Hilfeschrei einer versinkenden Menschenseele oder -der scheue, atemlose Jauchzer eines auferstandenen Herzens? »Mutter! -Mutter! Unser Leupi ist da!« Bevor Frau Agnes noch herauskam aus der -Bank, hing Luisa schon an ihren Hals geklammert. Eine Weile hielten -sich die beiden schweigend umschlungen, und man hörte in dieser Stille -das scharfe Tacken einer großen Pendeluhr. Das klang wie eine stählerne -Mahnung der unerbittlich schwindenden Zeit und sagte immer die gleiche, -befehlende Silbe: »Tu's! -- Tu's! -- Tu's! --« Die Mälzmeisterin fand -zwischen Weinen und Lachen zuerst die Sprache. »So red doch, Kind! Um -Christi Barmherzigkeit! Wo ist denn mein Bub?« - -»Mit den Herren ist er eingeritten im Leuthaus. Und ist begnadigt vom -gütigen Fürsten.« - -Aller Aufruhr in Mutter Agnes beschwichtigte sich. »Siehst du, Kind! -Hab ich's nit allweil gesagt!« Lächelnd hob sie die nassen Augen zu -dem mit Palmzweigen geschmückten Kreuz im Herrgottswinkel. »Auf den da -droben ist Verlaß! Tät der ganze Weltkäfig ein schecketes Narrenhaus -werden, beim Ewigen bleibt allweil der glashelle Verstand daheim.« Sie -fühlte, wie der schlanke Mädchenkörper in ihren Armen bebte. »Komm, -liebes Kind! Tu dich hersetzen zu mir! Und sag, wo hast du denn unseren -Buben gesehen? Beim Leuthaus drüben? Da ist er doch nimmer weit von -uns? Da muß er doch kommen? Bald!« Nun fuhr der Mälzmeisterin eine -Hausfrauensorge durch das Mutterglück. »O du heiliger Schnee, jetzt -kommt der Bub, und sein Stübl ist nit parat! Ist noch allweil, wie's -gewesen ist nach dem roten Tag. Das müssen wir richten. Komm, Kindl, -und hilf! Wir zwei, wir betten unseren Buben, daß er in seinem Nest -ein Träumen haben soll wie ein Schwalbenmänndl im Mai!« Sie lachte -aus fröhlichem Herzen. »Ach, Mädel, da brauchst du nit so sorgenvoll -dreingucken! Er tut's nit allein. Da kannst du dich verlassen drauf. -Aber flink, Weible, jetzt müssen wir schaffen!« - -Schlüssel klapperten, Schubladen quieksten, Kastentüren flogen auf -und zu. Und immer dieses glückliche Stammeln und Schwatzen. Es blieb -aber doch in aller lachenden Freude noch immer ein leiser Sorgenklang. -Leupolt? Als ein Reumütiger heimkehrend zum fürstpröpstlichen Glauben? -Luisa konnte das hoffen, Mutter Agnes nicht. Während sie schaffte und -die Kissen schüttelte, wurde jedes Wort in ihr lebendig, das ihr Sohn -im Jägerkobel zu Bartholomä und da draußen im Buchenwald beim Haus des -Hiesel Schneck zu ihr gesprochen hatte. Die Sonne macht Tag um Tag -ihren Wandel durch, geht unter und morgen wieder auf. Der Leupi färbelt -nicht. Der bleibt, wie er war. Aber gekommen ist er doch! Ist frei! Und -da muß er doch auch begnadigt sein! Das freudige Wunder ist geschehen. -Wie? Der Herrgott wird's wissen. Es ist von aller unnötigen Arbeit -die dümmste: daß sich die verdrehten Menschen bei ihrem Seelengezappel -allweil den Kopf des Ewigen zerbrechen. Wie's Gott macht, ist es -wohlgetan. Allweil! Und um so größer und schöner sind seine treuen -Wunder, je minder so ein armseliger Menschenverstand sie begreift. Als -Mutter Agnes zu diesem Schlußgedanken kam, wurde ihr Lachen so frei, -daß auch Luisa immer froher und gläubiger wurde. In Leupis kleinem -Stübl lagen die Kissen frisch bezogen auf dem weißen Bett. Da fragte -Luisa mit glühendem Gesicht: »Meinst du nit, man tät ein paar Blümlen -finden?« - -»Freilich, liebs Weible, spring nur! Draußen im Gärtl, wo viel -Sonn gewesen, da blüht schon was!« Während Luisa durch die Küche -davonhuschte, sprang die Mälzmeisterin in die Wohnstube hinüber, um -Weihwasser zu holen und die Kammer ihres heimkehrenden Buben zu segnen. -Schon hob sie die Hände, um das zinnerne Kesselchen vom Türpfosten -herunterzunehmen. Da sanken ihr die Arme wieder. »Er tät's nit haben -wollen. So darf ich's nit tun.« Den Kopf beugend, preßte sie das -Gesicht in die Hände. Ein Schatten glitt über das sonnige Fenster, -und auf der Pflasterung vor der Haustür klang ein fester Schritt. -Den kannte Mutter Agnes, wie die Sterne ihren Weg am Himmel kennen; -aber das freudige Erschrecken fuhr ihr so lähmend in alle Glieder, -daß sie nicht von der Stelle kam. War's eine Ewigkeit, war's eine -Sekunde -- Leupolt stand schon auf der Stubenschwelle, mit dem frohen -Lachen eines Glücklichen, brauchte keinen Hut herunterzunehmen, weil -er keinen hatte, riß die Mutter an sich und hielt sie umschlungen. -Erst weinte sich Frau Agnes an seiner Schulter tüchtig aus, um die -Unsicherheit ihres Glückes loszuwerden. Immer streichelte Leupolt ihr -grau gewordenes Haar, bis sie ruhiger wurde und fragen konnte: »Darfst -du jetzt bleiben? Daheim?« - -»Den Abend und die Nacht. Ja, Mutter! Morgen muß ich bei meinem neuen -Herrn zum Dienst antreten.« - -»Bei --« Die Sprache versagte ihr. »Dein neuer Herr? Wer ist das?« - -»Der starke Helfer in unserer Not. Ach, Mutter, wie schön ist das -Leben, wenn es Trost und Hoffnung hat und einen graden, sauberen Weg.« - -Sie wollte was sagen, mußte aber immer ihren Buben ansehen. So -aufrecht, mit so festem Gesicht und so leuchtenden Augen hatte sie ihn -noch nie gesehen. War das an ihres lieben Herrgotts schwerbegreiflichem -Wunder das Beste? Oder wußte der Leupi schon, daß sein Luisli im -Haus war? Jesus, das Luisli! Auf das kleine Weibl, das um die Blumen -gelaufen war, hatte die Mälzmeisterin ganz vergessen. Und da klingelte -draußen im Hausflur schon das winzige Schuhwerk über die Dielen. »Bub, -da ist wer!« stammelte Frau Agnes. »Tu dich gedulden einen Schnaufer -lang!« Sie glitt aus der Stube, zog die Türe hinter sich zu und haschte -auf der Kammerschwelle das Mädel. Zwischen den Händen hielt Luisa einen -rund und hübsch gebundenen Strauß von roten Aurikeln, der aussah wie -ein großer reifer Apfel mit festem Stiel. Dieser Vergleich mußte der -Mälzmeisterin eingefallen sein, weil sie sagte: »Komm, du Everl du -liebs, deine paradeisischen Blümlen sollen gleich an das Plätzl kommen, -für das der gescheite Herrgott sie erschaffen hat.« Zärtlich schob sie -das Mädel in die Stube, klinkte hurtig die Türe wieder zu und flüsterte -in einer wirbligen Mischung von Glück und Trauer: »Finden und hergeben! -Zwei Wörtlen! Und alles ist gesagt, was Freud einer Mutter heißt.« Von -der mütterlichen Klugheit sprach sie nicht, handelte aber doch nach -ihrem Gebot, drehte leis im Schloß der Stubentüre den Schlüssel um, -zog ihn ab und schob ihn in die Schürzentasche. »So!« Jetzt sollten -ihr die beiden nimmer aus der Stube kommen, bevor sie nicht eins -miteinander wären. Draußen im offenen Buchenwald an der bayrischen -Grenze, wo die Welt wohl einen Schlagbaum hat und doch nicht vernagelt -ist mit Brettern, da konnten zwei verrückte Menschenkinder rennen, -Gott weiß wohin. Zwischen vier festen Mauern mußten sie aushalten, -bis der gefrorene Verstand ihnen ausschlug zu verheißungsvollen -Frühlingsknospen. - -Diese menschliche Logik war so fehlerlos, wie das Traumlatein des -Chorkaplans Jesunder. Dennoch hatte sie einen Haken. Vorerst, als die -Mälzmeisterin an der Türe lauschte, schien tiefster Friede in der Stube -zu herrschen. Man konnte nur hören, wie die alte Pendeluhr das mahnende -Knack und Tack der schmelzenden Zeit verkündete. Da war es für Mutter -Agnes eine ausgemachte Sache: die zwei jungen Leut mit ihren brennenden -Herzen hatten kürzeren Prozeß gemacht, als ihn der Landrichter -Halbundhalb mit Tinte, Streusandbüchse und zahllosen Überflüssigkeiten -zu machen pflegte, hatten sich herzhaft um den Hals genommen und hingen -Schnabel an Schnabel. - -So war es nicht. Es war viel schöner. Luisa stand mit dem Rücken -gegen die heimtückisch verschlossene Tür gelehnt, ohne zu ahnen, -welche Gewalttätigkeit sich da vollzogen hatte, hielt den runden -Apfel der roten Aurikeln zwischen den fiebernden Händen und sah in -Glut, mit Bangen und doch in sehnsüchtigem Hoffen zu diesem stummen, -prachtvollen Menschen hinauf, den die Staubwolken der Reichenhaller -Straße bis über die Hüften so weiß überpulvert hatten, als hätte er -durch eine Mehlkiste springen müssen. Er stand ein paar Schritte vor -ihr, sah sie immer an und konnte nicht reden, konnte nur lächeln in -seiner Freude. Neben Gott und Ehre war sie ihm stets das Schönste des -Lebens gewesen; aber so reizvoll wie in dieser Stunde hatte er sie -noch nie gesehen, auch nicht im Hallturmer Buchenwald; da draußen war -die Pflicht zwischen ihr und ihm gestanden; jetzt stand das Glück bei -ihnen und übergoß für ihn die Geliebte mit einem Zauber ohnegleichen. -Ihr ziegelfarbenes Hauskleid brannte wie Mohn in der Sonne, und vor -der grünen Spinnschürze, an der noch viele glitzernde Fäden hingen, -flackerte beim Zittern ihrer Hände der rote Aurikelbuschen. Aber -schöner und feiner blühten noch die Farben ihrer selbst, der rosige -Bluthauch und die blaßblauen Adern ihres schlanken Halses, die Glut -auf ihren Wangen, die dunkle Tiefe der glänzenden Augen und der sanfte -Schimmer des reichen Haars. Es war in seinem dürstenden Blick: daß er -sie gern in der ersten Freude an sich gerissen hätte, um sie nimmer -zu lassen. Und die alte Pendeluhr, als wäre sie der Pfarrer Ludwig, -mahnte immer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Er überwand es. Luisa war ihm viel zu -lieb und zu kostbar, als daß er sie hätte berühren mögen mit seinen -verstaubten, von der Zügelschwärze beschmutzten Händen. Auch lag noch -immer zwischen ihnen ein tiefer Graben, den die Liebe erst überbrücken -mußte; doch er fühlte, daß das Glück der gegenwärtigen Stunde diese -Brücke bauen würde. »Deine Blumen, Luisli?« sagte er und deutete nur -ein bißchen mit der Hand. »Sind die für mich?« - -In ihrer Verwirrung schien sie nicht recht zu wissen, welche Antwort -sie gab. Es war ein Wort, das den innersten Schatz ihres Herzens vor -ihm entschleierte. Mit glücklichen Augen zu ihm aufblickend, sagte sie: -»Für dich ist alles.« - -Da nahm er die roten Blumen. »Vergeltsgott, du Meine! Daß ich nit lüg, -das weißt du. Deine Blumen, auch wenn sie dürr geworden, sollen mir -allweil das Beste sein, was der Frühling verschenken kann. Und komm! -Wir wissen, was wir einander gelten. Da wollen wir alles nach Pflicht -und Treu bereden.« Sie mußte sich am Tisch zu dem Fenster setzen, durch -das die Sonne hereinglänzte. Willig tat sie, was er haben wollte. -Er saß ihr gegenüber. An seinem Kittel wischte er den Staub und die -Riemenschwärze von den Fingern, wölbte zärtlich die Hände um Luisas -roten Blütenapfel, sah ihr in die Augen und beugte sich über die -Tischplatte zu ihr hinüber. »Schau, ich frag dich gleich mit dem ersten -Wörtl: Gehst du mit mir?« - -Sie erschrak, daß ihr Gesicht sich veränderte. Dennoch war es nicht -mehr der gleiche verstörende Schreck, wie draußen im Hallturmer -Buchenwald. Was aus ihren erloschenen Worten herauszitterte, war mehr -Sorge als Angst: »Ach, Jesus! Gehst du denn wirklich?« - -»Ja, Luisli! Von morgen den fünften Tag. Ich führ den ersten Zug. Das -sind die Ärmsten. Die führ ich. Unser Weg geht über Reichenhall, über -Ingolstadt, Bayreuth und Wittenberg hinunter ins Brandenburgische und -auf Ostpreußen zu.« - -Sie wollte sprechen und brachte keinen Laut heraus. - -Leupolt sah, daß ihre Augen sich mit Tränen füllten. Die roten Blumen -an seinen weißnarbigen Hals pressend, beugte er sich noch näher zu ihr -hin und flüsterte aus aller Glut seines Herzens: »Gehst du mit mir? Ich -mein', dein guter Vater tät uns das Glück nit wehren. Dich hat er lieb. -Kann sein, daß er hinzieht, wo wir hausen werden. Sorg mußt du nit -haben. Ich krieg einen Herrn, der mir gütig ist. Von Vater und Mutter -hab ich ein bißl was, versteh mich auf mein Sach und bin ein richtiger -Schaffer. Verschwören kann es der Redlichste nit, was kommt. Aber ich -trau mir's zu, daß ich dir und mir ein Glück bau, fest fürs Leben wie -eine eiserne Mauer. -- Luisli? Kommst du mit?« - -Sie wehrte mit schwachen Händen und klagte: »Es geht nit, geht nit, -Leupi! Alles in mir ist dein. Und schelten kann ich es nimmer, daß du -da drüben bist. Aber hinüber zu dir?« Den Mut, ihn anzusehen, hatte -sie nicht. Sie sprach ins Leere hinaus. »Das wär' wider Gott und die -Seligkeit. Ich kann nit verlassen, was mir heilig und ewig ist.« - -»Das müßt nit sein. Deswegen könnten wir allweil in Treu und Glück -miteinander leben. Mußt du nit schelten, was ich glaub, so will ich -allweil in Ehren halten, was dir heilig ist. Geh, schau mir doch ein -bißl in die Augen, Liebe! Ich tät mich viel leichter reden.« Er legte -seine Hand auf die ihre. »Kannst du es tun, so gibst du mir Leben und -Glück. Mußt du es wehren, so legst du mir das einschichtige Elend auf -Leib und Seel. Verzweifeln werd ich nit müssen. Bloß allweil dürsten -nach dir. Und im Dürsten muß ich mich ausstrecken, geh meinen graden -Weg und tu meine Pflicht als Mensch und Christ. Ich kann nit anders. --- Luisli!« Hoffender Jubel klang aus diesem Namen. Er sah, wie ihre -heißen Augen sich ihm zuwandten und wie sie hingen an ihm. Und sah, -wie alles Wirre und Hilflose in ihrem lieben Gesicht sich zu mildern -und zu lösen begann. »Luisli? Meinst du nit, wir zwei, die uns so lieb -gewonnen, könnten für Tausend, die an der gleichen Irrnis leiden, ein -gutes Fürbild sein? Daß man nit hadern und streiten muß um Himmel und -Herrgott? Und daß man als deutsche Leut in Glück und Fried miteinander -hausen könnt? Herrgott bei Herrgott, Glauben bei Glauben und Herz neben -Herz.« - -Zitternd faßte sie ihren Kopf mit den Händen, schüttelte immer das -stumme Nein und konnte doch mit ihrem Blick seine Augen nimmer lassen. -Ein Schwimmen und Gleiten kam ihr in die Sinne, ein Brausen und Klingen -war in ihren Ohren, in ihrem Blut. Sie verstand seine Worte nimmer, -hörte und fühlte nur die Zärtlichkeit und die zwingende Macht seiner -Stimme. Alle Sehnsuchtsbilder schlafloser Nächte wurden wach in ihr. -Was so rein und freudig in ihrem Herzen zu glühen begann? Konnte das -Sünde sein? Dürfte das in ihr lebendig werden, wenn nicht Gott es in -ihre Seele gegeben hätte, wie er den Aurikelblüten das leuchtende Blut, -dem Himmel das keusche Blau und der Sonne die linde Frühlingswärme -gab? Dieser Glaube wuchs ihr fest in die Seele, immer ruhiger und -froher wurde sie, und je länger und tiefer sie in Leupolts glänzende -Augen sah, um so heißer fühlte sie, daß sie das grausame Nein nimmer -sagen konnte. - -Bei aller Redlichkeit war Leupolt doch auch ein guter, flinkschauender -Jäger. Gleich merkte er den erlösenden Umschwung, der sich in Luisa -vollzog, huschte mit glückseligem Auflachen zu ihr hinüber, saß an -ihrer Seite, legte den Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. Sie -wehrte sich nimmer, drängte sich aufatmend an seine Brust und schmiegte -unter frohem Lächeln die Wange an seinen Hals. Er neigte in seiner -brennenden Freude schon das Gesicht, um sie zu küssen. Und immer sagte -die Uhr an der Mauer: »Tu's! Tu's! Tu's!« Aber der alte Räderkasten -kannte den jungen Leupolt nicht. Der war zu gewissenhaft. Dem hatte die -Neumondnacht ein eisernes Wort ins Leben gegossen: Pflicht! »Schau, -Luisli,« sagte er an ihrem Ohr, »ich spür doch, wie sich alles in dir -zum Guten wendet. Nehmen darf ich dich nit, du mußt dich geben, frei -und unberedet! Luisli? Gehst du mit mir?« - -Schon wollte sie nicken, schon hob sie die Arme zu seinem Hals. Da -fiel ihr plötzlich etwas Steinernes in das erblassende Gesicht. Und -erschrocken starrten ihre erweiterten Augen auf eine schreckliche Sache --- auf diese unerbittliche Uhr an der weißen Mauer. So freundlich klang -ihre tackende Stimme und war doch ein höhnender Mord an dem blühenden -Glück dieser Stunde. Nicht wie der hilfreiche Pfarrer Ludwig war diese -Uhr. Sie war wie der Chorkaplan Jesunder, der eine gläubige Seele bei -schönem Orgelrauschen hinausgestoßen hatte aus dem Gotteshaus. - -Ein altes Meisterstück. Geschaffen von einem grüblerischen Handwerker, -dem Gedanken unter dem Haardach wuchsen. Der hatte sich gesagt: -»Die laufende Zeit ist Gottes Kind, der sein Geschöpf bewacht in -jeder Sekunde und die schwachen Menschen mit jedem Pendelschlag vor -dem Bösen warnt und sie ermahnt zum Guten.« Aus solchem Gedanken -hatte der geschickte Mann diese verhängnisvolle Uhr geschaffen. Ein -silbernes Zifferblatt mit geschnörkelten Zeigern. Über dem Kreis -der Stundenzahlen wachte das Auge Gottes, nicht gemalt, sondern -plastisch und lebendig. Inmitten eines von Flammen umloderten Dreiecks -funkelte das dunkle Auge mit weißen Winkeln. Durch einen unsichtbaren -Mechanismus -- wie die ewige Vorsehung unter Schleiern waltet -- war -das ruhelose Auge mit dem Pendelgang verbunden. Tackte der Pendel hin -und her, so glitt das wachende Auge her und hin. Sah es nach rechts, -so war es freundlich, und seitwärts aus dem Uhrgehäuse hob sich mit -winkendem Palmzweig ein weißbeschwingter Engel hervor. Sah es nach -links, so war es zornig, und ein schwarzgeflügelter Teufel fischte mit -dem Höllenzagel nach einer ewig verdammten Seele. - -Leupolt, ungeduldig auf eine Antwort harrend, fragte in Herzlichkeit: -»Luisli? Gehst du mit mir?« - -Das Weiße des gleitenden Auges flimmerte zornig nach links, und der -Höllische kicherte boshaft: »Tu's!« - -Wie eine Fiebernde stammelte Luisa: »Ich kann's nit sagen. Das muß ich -erst mit Gott bereden in der Kirch.« - -Freundlich glänzte das dunkle Auge nach rechts, und der unschuldweiße -Engel mahnte: »Tu's!« - -»Mein alles bist du! Mein Glück und Leben! Du kannst mich doch nit -verlassen? Schau mir doch in die Augen! Nimm mich um den Hals! Gelt ja, -du bleibst die Meine?« - -Bevor der huschende Warnerblick das Weiße schrecklich nach links -hin drehen und der ewige Widersacher alles Menschenglückes die -scheinheilige Verführungssilbe schmunzeln konnte, riß sich Luisa mit -erloschenem Schrei aus Leupolts Armen, kämpfte sich aus der Bank -heraus, deutete verstört auf das Auge Gottes und preßte zitternd das -Gesicht in die Hände. Die Uhr an der Mauer sagte: »Tu's!« Und Luisa -wußte nimmer, ob da der Engel oder der Höllische geredet hatte. Wie -eine Irrsinnige sprang sie zur Tür hinüber, fand sie verschlossen -und wurde von einem grauenvollen Entsetzen befallen. Als Leupolt, -bleich und bestürzt, dem Mädel nachgesprungen kam, stieß ihn Luisa -mit den Fäusten von sich, tastete nach der Klinke, riß und rüttelte -an der Tür und fing zu schreien an wie ein angstvolles Kind in den -Gichtern. Mit Leupolts stammelnden Worten mischte sich draußen im Flur -das erschrockene Klagen der Mutter Agnes. Der Schlüssel klapperte -im Schloß, die Tür sprang auf, und Luisa jagte an der ratlosen -Mälzmeisterin vorüber, durch den Flur, hinaus in die Sonne. - -»Bub? Herr Jesus, was ist denn da?« - -»Ich weiß nit, Mutter, was da geschehen ist. Weiß nur, mein Glück und -Leben und alles ist in Scherben!« - -Diesen von Gram zerdrückten Schrei konnte Luisa noch hören. Ein -verständiges Besinnen schien sie zu überkommen, weil sie die -fürchterliche Uhr nimmer sah. Aber da klang das verführerische -Teufelskichern, so nah, als wär' es versteckt in ihren Zöpfen: »Tu's!« -Die Hände über die Ohren pressend, huschte sie in ihrem ziegelroten -Kleid wie eine wehende Flamme hinüber zum Stiftshof und dem Tor der -Kirche zu. - -Das war gerade der Augenblick, in welchem Simeon Lewitter, nach -gründlicher Untersuchung der ciceronischen Traumzustände des -Chorkaplans Jesunder, sehr nachdenklich heraustrat aus der Pfarrei. -Er sah das Mädel vorüberflattern und in der Kirche verschwinden. »Was -ist nur da schon wieder? Mir scheint, die ganze Welt hat scheckige -Zwillingskinder im Gehirn.« Seufzend täppelte er seiner heiligen -Kinderstube zu, kehrte wieder um, spähte zu den Fenstern seines -langen Freundes Ludwig hinauf und trat nach einigem Zögern in das -Gerichtsgebäude. - -Die vier überflüssigen Buchstaben waren sehr beschäftigt und verzogen -sich zu einer mißtrauischen Grimasse, als Lewitter schüchtern sagte: -»Ich hätt ein Wörtl zu reden. Unter vier Augen.« Er mußte erst noch -beifügen, daß es sich um Leben und Verstand eines wackeren Mannes -handle, ehe Doktor Halbundhalb sich entschließen konnte, seine -Gehirnlatwerge vom Formaljustiziarischen loszureißen, den Schreiber -aus der Stube zu schicken und sich einzulassen auf eine sekrete -Konversation. - -»Also?« - -Lewitter faßte sich kurz: seit dem Verschwinden des Haynacher'schen -Zwillingspärchens aus der Armeseelenkammer wäre der Chorkaplan von -Wahnvorstellungen befallen, die seinen Verstand bedrohen. Jetzt bilde -er sich ein -- - -»Mir schon bekannt!« unterbrach der Allwissende unter der mehligen -Roßhaarperücke. »Zuerst die sinnlose Annahme, daß Pfarrer Ludwig der -Schuldige wäre -- eine Hypothese, die sich bei aller Plausibilität als -verfehlt _in nuce_ erwies -- und nun dieser neue beklagenswerte Wahn! -Der Mann erbarmt mich. Hoffentlich findet Ihr ein rettendes Remedium?« - -»Es gibt nur ein einziges. Man muß dem Jesunder über den Verbleib des -Pärleins die Wahrheit mitteilen.« - -»Ausgeschlossen!« sagte der Landrichter mit Energie und mit einer das -Thema erledigenden Handbewegung. - -Lewitter schmunzelte, kaum merklich. »Ist denn die Wahrheit Euer -Gestreng bekannt?« - -Der Landrichter schob den Hals der Gerechtigkeit lang aus der Krause -heraus. Wie der Himmel dunstet, wenn er in unmutige Laune gerät, so -senkte sich aus den weißen Lockenschnecken ein nebliger Niederschlag. -»Vermutet Ihr, daß es jemals eine Wahrheit gab, die ich *nicht* -erforschte?« - -»Da dürft Ihr sie dem armen Jesunder nit vorenthalten. Seid barmherzig, -Herr!« - -»Unmöglich.« - -»Dann sitzt der leidende Chorkaplan an Pfingsten im Narrenturm. Das -wird für die Regierung kein erquicklicher Fürgang sein. Und könnte -traurige Folgen haben. Der Bevölkerung dürfte das wie eine offenkundige -Gottesstraf erscheinen, und es wär nit undenkbar, daß es zu neuem -Aufruhr kommt, der die Exulantenliste wieder um viele hundert Namen -vermehrt. Was wird der Allergnädigste Herr da sagen? Und mir, Gestreng, -wird es nit zu verübeln sein, daß ich mich dem Fürsten gegenüber -salvieren muß, nachdem mein nützlicher Rat das verdiente Gehör nit -gefunden hat.« - -Herr Willibald Hringghh, einem folgenschweren Dilemma gegenübergestellt -und in Erinnerung der Standrede seines Allergnädigsten, begann vor -Aufregung und Ratlosigkeit so heftig zu transpirieren, daß seine -niedere Stirn wie übersät erschien mit zahllosen Glassplitterchen. -Gerade, um seinem Allergnädigsten eine schmerzende Unerquicklichkeit zu -ersparen, hatte er unter heftigen Seelenkämpfen mit seinem Amtsgewissen -jede weitere Untersuchung in Sachen des an der Armenseelenkammer -begangenen Raubes niedergeschlagen. Es war ihm vor Wochen ein Gerede -zu Ohren gekommen. Dem hatte er mit wahrheitsschädlicher Emsigkeit -nachgeforscht und hatte einen Zeugen eruiert, der unter Eid bekundete: -er wäre in der Mirakelnacht am Gottesacker vorbeigekommen und -hätte deutlich gesehen, daß ein junger schlanker Mensch in einem -hellfarbigen, gebänderten und gemäschelten Herrenmantel hurtig mit -einer Schaufel ein Loch in den Boden grübe; dabei hätte der Zeuge -sich nur gedacht, daß wohl einer von den lustigen Domizellaren wieder -einmal einen übermütigen Streich verüben möchte; mehr wisse er nicht. -Schon vierundzwanzig Stunden nach der Streubesandung dieses Protokolles -wußte Willibald, der Wahrheitsforscher, wesentlich mehr und hatte -den geheimnisvollen Totengräber verläßlich ausgeforscht: den Grafen -Tige. Mit justiziarischer Schlingensicherheit war nachzuweisen, daß --- nicht in der zweiten, wohl aber in der ersten Kapitelnacht, es lag -hier einer von jenen häufigen Irrtümern vor, wie sie einem Zeugen bei -Zeitbestimmungen leicht zu widerfahren pflegen -- daß der leichtsinnige -und frivole Junker in jener Nacht das Bett seiner Domizellarenstube -nicht berührt, nach anzunehmender Friedhofsschändung die restlichen -Nachtstunden in den innersten Gemächern der allergnädigsten Aurore -de Neuenstein verbracht und so den Leichenschmack gewissenlos in das -Freudengärtlein des vertrauensseligen Landesfürsten transferiert -hatte. Durch diesen Sachbefund war nicht nur die fleckenlose Unschuld -des widersinnig verdächtigten Pfarrers zur Evidenz erwiesen; es -hatte sich auch die betrübsame Angelegenheit für die vier zu Tod -erschrockenen Entbehrlichkeitslettern in eine _res sacra_ verwandelt, -vor der die Gerechtigkeit ihre Augen doppelt verbinden mußte. Und -drum hatte das >getreue Justizkamel< den für die Herzensruhe des -Landesfürsten gefährlichen Akt mit submissester Ergebenheit in dem -durch Riegel und Vorhangschlösser gesicherten Geheimarchiv seiner -Kanzlei verschwinden lassen. Wie hätte man nun dem verrückten Jesunder, -der sogar seine Träume hinausbrüllte in die Welt, solch eine delikate -Wahrheit anvertrauen dürfen? »Unmöglich!« Aber diese neue Gefahr nun! -Gottesstrafe, Aufruhr, Wachstum der Exulantenliste und Verderb des -ganzen, bisher so glücklich geratenen Bekehrungswerkes! In dieser -desperaten Lage fand der schwitzende Wahrheitsgräber keinen anderen -Ausweg, als sich dem klugen Simeon Lewitter ohne Rückhalt zu eröffnen. - -»Freilich,« nickte Simmi unter leisem Lächeln, »*das* kann man dem -armen Jesunder nit preisgeben!« - -»Was aber soll man tun?« - -»Man wird -- die Wahrheit in allen Ehren -- zur Rettung des -beklagenswerten Mannes einen barmherzigen Schwindel ersinnen müssen.« - -»Glaubt Ihr damit zu reüssieren?« - -»Vielleicht. Wenn Euer Gestreng mir hilfreich beistehen wollen?« - -»Mit Freuden!« Die weißen Perückenschnecken des Landrichters machten, -weil die vier Überflüssigen einen tiefen Atemzug der Erleichterung aus -sich herausbliesen, eine sonderbare Nickbewegung. »Seid meines Dankes -gewiß für alle Fälle. Und weil wir schon von getrübten Gehirnen reden --- habt Ihr nicht in letzter Zeit dem Christl Haynacher Eure Beachtung -als Arzt gewidmet?« - -»Warum?« fragte Lewitter ernst. - -»Der gute Mann scheint völlig schwachsinnig geworden zu sein. Wir -sorgen uns um seinen katholischen Deszendenten. Auch Muckenfüßl ist der -Meinung, daß man da einschreiten müßte. Bald.« - -»Euer Gestreng!« Simeons Brauen zogen sich hart zusammen. »Da muß ich -auf das Eindringlichste abraten. Ich bitt Euch, laßt diesen Mann in -Fried! Der Haynacher ist bei vollem Verstand --« - -Eine erledigende Handbewegung unterbrach den Arzt. »Diesmal irrt Ihr -Euch, mein guter Lewitter!« Und lächelnd trug Herr Willibald seinen -weiß überlöckelten Unverstand zur Tür hinüber, um den beurlaubten -Schreiber herbeizurufen für weitere Mißhandlung der irdischen -Gerechtigkeit. - -Schweigend verließ Lewitter die mufflige Pfründenstube der Frau -Justitia. Draußen in der Sonne sah er seinen langen Freund mit wehenden -Rockflügeln herüberkommen vom Mälzmeisterhaus, ein heiteres Lachen -auf dem zwinkernden Warzengesicht. »Mein gescheiter Simmi!« Lustig -legte der Pfarrer seinen Arm um die Schultern Lewitters. »Jetzt rat -einmal, warum von heut auf morgen ein liebes junges Menschenglück zu -Berchtesgaden in Scherben gehen soll?« - -Simeon fragte nur mit den Augen. Und der Pfarrer lachte: »Weil vor -anno Towak ein Nürnberger Uhrmacher ein geschickter Kampl, aber ein -gottslästerlicher Hornochs gewesen ist!« Der weitere Gedankenaustausch -der beiden Freunde wurde gestört durch einen feierlichen Staatsakt, der -sich vor ihren Augen im großen Stiftshofe vollzog. Die Trommeln der -Torwache rasselten, daß man an Krieg und Schlachten hätte denken mögen. -Zwischen einem Spalier von präsentierenden Musketieren, denen unter dem -Dreispitz bolzensteif der Zopf hervorstach, sah man hinter den Läufern -mit ihren baumelnden Straußenfedern eine lindgeschaukelte Sänfte -gleiten. Durch ihr blitzblankes Fenster gewahrte man einen würdevollen -Herrn in goldstrotzender Gesandtengala und neben ihm einen kleinen, -bescheiden uniformierten jungen Offizier mit neugierigem Spitzgesicht. - - - - -Kapitel XXVII - - -Im gotischen Saal der Entschlüsse, auf dessen Kronleuchtern bei -noch halbem Tag alle Kerzen brannten, war feierlicher Empfang des -preußischen Gesandten. Herr Anton Cajetan im Prunkornat saß auf -dem berchtesgadnischen Thron, flankiert von den Würdenträgern. Für -Danckelmann und seinen Begleitoffizier hatte man Samtstühle und -einen goldgeschnörkelten Tisch mit Schreibgerät vor den Thronstufen -aufgestellt, die Kapitelherren und Domizellaren standen in doppelter -Reihe, und der Kanzler von Grusdorf, pompös peruckiert, verlas mit -Würde das Kreditiv: - - »Wir Friedrich Wilhelm von Gottes Gnaden König in Preußen, Marggraf - zu Brandenburg usw. usw. geben Ew. Lbd. hierdurch zu vernehmen, - wasmaßen wir gut befunden, Unsern Geheimen Hof-Rath von Danckelmann - dorthin abzuschicken, um unsere daselbst emigrirenden neuen - Unterthanen in staatsrechtlichen Schutz zu übernehmen und deren - bewegliche oder allda verbleibende Vermögen in Sicherheit zu erheben. - Wir ersuchen Ew. Lbd., Sie wollen Uns die Freundschaft erweisen, - besagtem Geheimen Hof-Rath von Danckelmann zu baldiger Ausrichtung - solcher Ihm aufgetragenen Commission alles dasjenige angedeyen - zu lassen, was desfalls dem Westphälischen Friedens-Schluß und - anderen Reichs-Constitutionen gemäß ist, gestalt wir uns solches - zuversichtlich promittiren, und wollen auch Wir gegen Ew. Lbd. zur - Bezeugung angenehmer Gefälligkeiten stets willig verbleiben. - - Berlin, den 22. März 1733. - - Friedrich Wilhelm. - - An den Herrn Abt zu Berchtesgaden.« - -Der Kanzler hatte vor dem Wörtchen Abt verlegen gestockt. Dem Fürsten -fuhr um dieser unzulänglichen Titulierung willen das Blut ins Gesicht; -doch er lächelte nachsichtig und flüsterte Herrn von Grusdorf heiter -zu: »Man scheint uns in Berlin für Kapuziner zu halten.« Dann begann -er mit Danckelmann eine liebenswürdige Konversation in französischer -Sprache, die für den ganzen Verlauf des feierlichen Aktes, wie -späterhin für die geschäftlichen Debatten beibehalten wurde. Bei der -Vorstellung des jungen Obristen von Berg sagte Danckelmann empfehlend -zum Fürsten: »Für unsere Majestät eine _persona gratissima_.« - -Ein fröhliches Auflachen des kleinen, zierlichen Offiziers: »Der -freundliche Geheimrat übertreibt. Will man _gratia_ mit Gnade -übersetzen, dann freilich stimmt es. Seine Majestät mein Herr und König -haben mich vor kurzem gnädiglich dem Schafott eschappieren lassen.« - -»Mit Recht!« sagte Herr Anton Cajetan, nachdem er seine Verblüffung -überwunden hatte. »Es wäre schade gewesen um einen ebenso klugen -wie wahrheitsliebenden Kopf. Allzu unverzeihlich werden wohl die -Verfehlungen des Herrn Obersten nicht gewesen sein?« - -»Insubordination und andre Sträflichkeiten schwersten Kalibers.« - -»Insubordination?« lachte der Fürst. »Unter dem preußischen Drill?« - -»Ausnahmen bestätigen die Regel. Ich gelte als der einzige unbrauchbare -Soldat der preußischen Armee.« - -»Dann werden der Herr Oberst, der jung zu hohem militärischem Grad -gelangte, sich wohl durch andere Vorzüge ausgezeichnet haben.« -Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte sich Herr Anton Cajetan dem -Geheimrat zu. Höflich den Ärger darüber verschleiernd, daß man einem -Gesandten für das gefürstete Berchtesgaden als Begleitoffizier einen -begnadigten Militärverbrecher beigegeben hatte, versprach er an einem -der nächsten Tage eine Kommission zur Vorberatung zu berufen und lud -die preußischen Herren für den vierten Tag zu einem Großen Jagen mit -anschließender Fürstentafel. Nach würdevoller Verneigung betonte der -Geheimrat seine kurzbemessene Zeit. Ohngeachtet mancher Orientierung, -die er bereits bei evangelischen Männern eingeholt hätte, bedürfe er -dreier Tage, um mit ihnen alles Notwendige über Reiseweg und Ansiedlung -zu bereden. Für den vierten Tag stelle er sich der Einladung Seiner -Liebden mit Freuden zu Diensten, am fünften Tage müsse er seine -Rückreise antreten, und so bäte er, sofort in die geschäftlichen -Verhandlungen einzutreten. Verdutzte Augen im ganzen Saal. Herr Anton -Cajetan blieb höflich, zog sich mit seinen Würdenträgern zu einer -Besprechung zurück, erschien nicht mehr, weil er zum Tee bei Aurore de -Neuenstein erwartet wurde, und designierte den Kanzler, den Dekan und -den Grafen Saur zur geschäftlichen Verhandlung. Das Kleeblatt setzte -sich mit den preußischen Herrn inmitten der gespannten Kapitularen um -den goldgeschnörkelten Tisch. Als die Unterhaltung begann, erschien -verspätet der Pfarrer Ludwig. Weil es keinem der Kapitularen einfiel, -ihn den preußischen Herren vorzustellen, besorgte er das selbst. -Der junge Oberst reichte ihm freundlich die Hand, sah aufmerksam zu -dem heiteren Warzengesicht hinauf und plauderte munter, während am -goldenen Tische ernst verhandelt wurde. Weil Ludwig bei schwächlichem -Französisch einen Schnitzer um den anderen herauswimmelte, begannen -sich die Domizellaren zu belustigen. Das störte den Pfarrer nicht. -Zufrieden mit der neuen Bekanntschaft, die er geschlossen hatte, ging -er zu seinem Kapitelstuhl und kreuzte die Arme. - -Die Verhandlung gestaltete sich zäh und spann sich in die Länge. -Nie beteiligte sich der junge Oberst. Er betrachtete aufmerksam die -gotischen Ornamente oder musterte die Gesichter aller Anwesenden. Nach -der zweiten Debattenstunde war der erste Verhandlungspunkt -- Höhe -der Ablösung für die Leibeigenschaft -- noch immer nicht erledigt. -Herr von Grusdorf wollte unter 20 Gulden pro Kopf nicht heruntergehen -und hielt in schlechtem Französisch Reden von der Länge gereizter -Sonntagspredigten. Der junge Oberst verriet Zeichen von Ungeduld, -tauchte die Kielfeder ein und begann mit hurtiger Hand schief über -ein Blatt zu schreiben. Außer Danckelmann, der ein bißchen irritiert -erschien, achtete niemand dieses Vorganges. Der junge Oberst schrieb: -»Unsere Forderungen: 1) Jeder evangelische Exulant ist als preußischer -Untertan zu erachten, dem der Schutz seines Königs gebührt. -- 2) Für -alle Strafen, die um des evangelischen Bekenntnisses willen verhängt -wurden, wird von Stund an volle Amnestie gewährt; neue Verurteilungen -werden nicht ausgesprochen. -- 3) Der erste Zug der Exulanten verläßt -die berchtesgadnische Grenze am fünften Tage _post datum_; die weiteren -Züge folgen nach Verwertung des liegenden Besitzes. -- 4) Bei Verkauf -des evangelischen Eigentums werden Bedrückungen nicht erfolgen; die -Berchtesgadnische Regierung haftet für Eingang der Kaufschillinge bis -zu vier Fünfteln des landüblichen Wertes. -- 5) Die Leibeigenschaft -wird pro Kopf, Mann, Weib, oder Kind, mit 5 Gulden abgelöst; dafür -haftet der preußische Staatsschatz. -- 6) Geheimrat von Danckelmann und -seine Begleiter sind für drei Tage zu freizügigem Besuch des Landes -ermächtigt, um mit den Evangelischen alles Notwendige festzusetzen; -diese Genehmigung ist rückwirkend für den bisherigen Reiseverlauf.« - -Dieses Blatt reichte der junge Oberst dem Geheimrat. Dem wurde unter -den weißen Locken die Stirn ein bißchen heiß. Er gab das Blatt nach -kurzem Zögern mit einem zustimmenden Augenwink zurück. Der junge Oberst -machte eine Abschrift, verwahrte sie zwischen den Knöpfen seines -blauen Soldatenrockes und erhob sich. »Bewilligen mir die Herren ein -paar Worte?« Der Kanzler sah verdutzt den Geheimrat an: »Ist Herr -Oberst von Berg berechtigt --« Danckelmann sagte rasch: »Herr von -Berg scheint geheime Aufträge Seiner Majestät empfangen zu haben -- -als Offizier.« Schweigen im Saal. Lächelnd und liebenswürdig sagte -der Oberst: »Die Herren werden rascher zu einem Entschluß gelangen, -wenn sie durch unsere Gegenwart sich nicht behindert fühlen. Hier sind -unsere schriftlich niedergelegten Vorschläge. Wir ersuchen um ihre -unveränderte Annahme bis zur zehnten Abendstunde.« Auch der Geheimrat -nahm seinen Dreispitz unter den Arm. Herr von Grusdorf, der mit einem -raschen Blick das Blatt überflogen hatte, stammelte entgeistert: -»Wenn aber die Regierung begründete Veranlassung zur Abwehr dieser -Wünsche hätte?« Danckelmann hob die Schultern und deutete auf seinen -Begleitoffizier. Der Kanzler drehte die runden Augen hinüber: »Würde -das etwa gar den -- den -- den Krieg bedeuten?« Da fand der junge -Oberst ein heiteres, herzliches Lachen: »Ich bin so begeistert von den -Herrlichkeiten Ihres zaubervollen Landes, daß ich jedem preußischen -Grenadier den Genuß so erhabener Schönheit vergönnen würde.« Schritt -um Schritt zurücktretend, machte er nach allen Seiten hin so zierliche -Verneigungen, daß Graf Tige seinen Witz vom maskierten Tanzmeister -wiederholte. Eine Wirkung erzielte der depossedierte Verkündigungsengel -der allergnädigsten Aurore de Neuenstein mit seinem Scherzwort nicht. -Die Gesichter aller Kapitularen blieben lang. Nur einer lachte vergnügt -und ließ seine große Warze hüpfen. Graf Saur begleitete die Herren zur -Sänfte. Hinter ihnen im Kapitelsaal erhob sich ein Heidenlärm. Auch bei -jener Nachtsitzung über das Schicksal des schwarzweißen Doppeltödchens -war es nicht lebhafter zugegangen. - -Zwischen vier hellbrennenden Wachsfackeln gaukelte die Sänfte durch -die stille, abenddunkle Marktgasse. Danckelmann schwieg, weil der -Polizeifeldwebel sich immer dicht neben dem Fenster hielt; und der -junge Oberst, der die durchwachte Nacht zu spüren begann, nickte -bei diesem sanften Geschaukel ein bißchen ein. Im Leuthaus war für -die beiden Herren zum Nachtmahl gedeckt; der fürstpröpstliche Lakai -wurde höflich verabschiedet, und der steifzopfige, stiefelklappernde -Soldat mußte bedienen; er machte die Sache, wie man eine Kanone lädt -und abfeuert. Der junge Oberst begann mit Gier zu schlingen, trank -den schweren Klosterwein wie Wasser, schwatzte immer sein quirlendes -Französisch und fragte endlich den wortkargen Geheimrat: »Hab ich Ihm -die diplomatische Laune verdorben?« - -»Das nicht, aber -- was tun wir, wenn Ihre römische Kurzangebundenheit -eine Abfuhr erleidet?« - -Ein heiteres Lachen. »Wozu soll ich mir den Kopf über Dinge zerbrechen, -von denen ich voraussetze, daß sie nicht eintreffen. Die Herren haben -nicht darnach ausgesehen, als wollten sie mit eisernem Schädel durch -die Mauer fahren.« Ohne bösartig zu werden, begann der junge Oberst die -Köpfe der Kapitelherren mit drolliger Spottlust zu silhouettieren. »Nur -einer war dabei, der mir gefallen hat, der Lange mit dem prächtigen -Weißkopf und den zwei schrecklichen Warzen. Der hat etwas Rolandeskes, -hat Menschlichkeit in den deutschen Augen und Gedanken hinter der -Stirne. Dennoch ist er heiter. Das ist ein Mensch mit erhöhter Seele.« - -»Glauben Sie, daß er --« - -Gleich verstand der junge Oberst. »Ein heimlicher Protestant? Der? -Nein. Ihre evangelische Seele ist hochmütig, lieber Geheimrat. Wir -dürfen nicht jeden wertvollen Menschen für uns in Beschlag nehmen. -Sokrates und Leonidas waren Heiden, Salomo war Jude. Und der lange -Weißkopf? Ich wette, der ist ein Katholik vom reinsten Wasser.« Nach -kurzem Schweigen wieder das muntere Auflachen. »Ich ertappe mich -manchmal bei einer höchst unnordischen Sympathie für die Katholiken. -Sie sind mir in manchen Dingen lieber als unsere Orthodoxen, hinter -deren Eisblöcken noch immer der verflossene Scheiterhaufen ein bißchen -raucht.« Die schmalen Lippen lächelten malitiös. »Vor zwei Jahren, als -ich gute Worte nötig hatte, schrieb mir ein katholischer Abt aus der -Rheingegend diesen Vers in meinen Canisius: - - Ein schlechter Protestant, ein schlechter Katholik, - Da frißt der Teufel den Segen, das Glück. - Ein guter Katholik, ein guter Protestant, - Und driefach wächst die Ernte im Land. - -Glauben Sie, Danckelmann, daß jemals einer von unseren -Oberkonsistorialräten einen solchen Vers in den Katechismus eines -katholischen Prinzen schreiben würde?« - -»So darf man diese Dinge nicht nehmen, Königliche Hoheit! Man muß als -Staatsmann Distanz bewahren, um sich von Fall zu Fall das Notwendige -mit Ruhe überlegen zu können.« - -»Ruhe? Für alle Fälle? Nein, Danckelmann! Das ist die unergiebigste -Eigenschaft der Menschen.« Ein lächelndes Sinnen. »Zeit lassen? Beim -Bergsteigen mag es vernünftig sein, wenn man kurzen Atem hat. Heut, -als dieser Jäger zwischen den grausamen Dragonergäulen sprang wie ein -Hirsch, bewies er, daß das Hilfreiche die eiserne Ausdauer ist, die -schnelle Kraft und der leidenschaftliche Wille. Im Leben und in der -Geschichte, wenn die Schose vorwärts gehen soll, muß Sturm wehen. Komm -ich einmal zur Arbeit, so will ich in der ersten Stunde was beginnen, -worüber die Welt zusammenfahren soll bis in die Knochen.« Sich -erhebend, leerte er sein Weinglas und winkte auf etwas parodistische -Art mit der Hand. »Gute Nacht, mein ruhsamer Geheimrat! Ich sehne mich -nach meinem Nachtgebet. Das will ich _piano_ erledigen, damit es Ihm -den Schlummer nicht davonpfeift.« - -Ein paar Minuten später, als der junge Oberst in >Himmat< und -Reithose auf dem Bett saß, und der Soldat ihm die von der Schneenässe -enggewordenen Stiefel herunterziehen wollte, hörte man zwei Stimmen im -Salon. Dann streckte Danckelmann den Kopf zur Türe herein: »Der Bote -war da. Alles bewilligt.« - -»Na also!« Ein kurzes, fast kindliches Auflachen der melodischen -Stimme. Dazu in flinkem Französisch: »Hat man 120000 wohldressierte -Kerle hinter sich, so kann man sich vernünftige Worte erlauben. Umwege -und geduldige Schwäche machen sich schlecht bezahlt. Entschlossene -Gradheit bleibt immer die beste Politik.« Und wieder deutsch: »Na, -Hänne, nu zieh mal feste! Spuck in die _la main_! Denn wird's schon -jehen.« - -Der Geheimrat legte sich mit erleichtertem Gemüt zu Bett. Er hatte -schon eine berchtesgadnisch-salzburgisch-österreichische Koalition -in der Luft hängen sehen. Jetzt konnte er aufatmen. Kaum lag er -in den Kissen, da hörte er durch zwei Mauern sanft gedämpft das ->Nachtgebet< des jungen Obersten herüberklingen: pedantische -Flötenläufe, erst langsam und immer schneller, Töne wie Soldaten, die -nach dem Paradeschritt den Sturmlauf üben. Dann ein innig träumendes -Adagio, das einer Klavierübung von Bach entnommen und für die Flöte -zugeschnitten war. Erst gegen Mitternacht verstummten die zärtlichen -Klänge. Das blieb politisch nicht ohne Folgen. In der Geisterstunde -wurde Herr von Grusdorf aus dem ersten Schlaf herausgebimmelt, um -von Muckenfüßl den überraschenden Geheimrapport entgegenzunehmen: -daß der impertinalimentische Patron, der sich _in loco hujus_ vor -den Kapitelherren so arroganzialiter aufgespielt hätte, gar kein -prussianischer Offizier sein könnte, sondern probabilitätisch ein -verkappter Musikant und Schwegelpfeifer wäre. Graf Tige hatte also mit -seinem maskierten Tanzmeister nicht weit daneben geraten. Aber wie -die Dinge lagen, war nichts mehr zu ändern. Man konnte nur bei den -bevorstehenden Hoffestlichkeiten die Verteilung der Jagdstände und die -Tischordnung _eo modo_ dirigieren, daß dieser zweifelhafte Kumpan aus -der allergnädigsten Nähe Seiner Liebden removiert wurde. - -Eine dunkle Nacht verging. In den Bürgerhäusern der Marktgasse -war nach der zehnten Abendstunde das Brennen von Licht seit dem -Versöhnungsschießen polizeilich verboten. Aurore de Neuenstein und ihr -Schlafzimmer standen selbstredend außerhalb des Wirkungskreises der -mittleren Regierungsorgane. An der schon halb zum Unlustschlößchen -gewordenen Villa blinzelte durch die herzförmigen Ausschnitte der -geschlossenen Fensterläden ein rosiger Schein heraus, der erst kurz -vor Anbruch des Morgens erlosch. Da die sekrete Sänfte sich schon vor -Mitternacht gegen das Stift bewegt hatte, war den Polizeiwächtern -diese zwecklose Lichtvergeudung der Allergnädigsten nicht erklärlich; -sie rieten auf Gespensterfurcht; unmöglich konnten sie vermuten, -daß Aurore de Neuenstein die restlichen Nachtstunden zum Einpacken -noch unentfernter Kostbarkeiten verwendete. Ein ahnungsvoller Engel, -sah sie den Strapazen des Großen Jagens, das sie als parisische -Diana verschönen sollte, mit dunkler Besorgnis entgegen und wollte -die drei folgenden Tage, in denen sie dank einer immer wirksamen -Ausrede von allen zärtlichen Verpflichtungen enthoben war, noch gut -für ihre Zukunft benützen. Kurz vor Anbruch des Tages verließen -zwei schwerbepackte Saumtiere, von Aurorens verläßlichem Hausknecht -geleitet, das in der Frühlingswärme still erblühende Freudengärtlein in -der Richtung gegen Reichenhall. - -Unter dem gleichen Frühgrau pochte Leupolt Raurisser an die noch -verschlossene Tür des Leuthauses. Eine Stunde später, während -die kommende Sonne alle westlichen Bergspitzen mit Rosenglut zu -überschütten begann, ritten die zwei preußischen Herren gegen -Unterstein hinaus, begleitet von dem steifzopfigen Soldaten und von -Leupolt, der ernst und blaß war, doch so ruhig, daß die Herren, wenn -sie mit ihm sprachen, keinen Wandel gegen den vergangenen Tag an ihm -bemerkten. Als die Reiter am Haynacherlehen vorüberkamen, grüßte -Leupolt in herzlichem Erbarmen den Christl, der wunderlich erregt vom -Zauntor seines Gehöftes gegen das Sudhaus hinüberspähte. Lange stand -er und guckte so. Jetzt tat er einen schweren Atemzug. »Da kommt er!« -Dem Haynacherlehen wanderte ein kleiner, zaundürrer Bauer entgegen, in -dessen schmunzelndem Runzelgesicht zwei flinke Wieselaugen funkelten. -Er trug eine schwere Geldkatze um den Magen herumgeschnallt. »Gelobt -sei Jesus Christus und die heilige Mutter Marie.« - -»In Ewigkeit Amen!« sagte Christl und scheuerte den weißen Haarfleck -hinter dem Ohr. - -Der kleine Bauer stieß den Stecken auf den Boden. »Daß wir gleich alles -ausreden: den Hausrat, 's Vieh und 's Futter mußt du mir aufweisen. -Dein Feld und den Waldzipf kenn ich. Wie viel verlangst du für alles?« - -»Die Nachbarsleut schätzen mein Sach katholisch auf vierzehnhundert -Gulden.« - -»Ich hab dich ausrufen hören: du gibst es um den halben Preis?« - -»Was ich sag, ist Stein und Eisen.« Christls tiefliegende Augen -begannen zu funkeln. »Daß man der Martle ihr Gerstenfeld nit ackern -und misten darf, das müssen wir protokollarisch machen. Was mein Bübl -braucht an Wäsch und Zuig, und was --« Dem Christl kam ein Schwanken in -die Stimme. »Was noch übrig ist von meiner Martle, das nimm ich mit. -Alles andre ist dein.« - -»Schauen wir's an.« Der kleine Bauer nahm die Sache genau. Jedes Stück -Hausrat untersuchte er bis auf die Leimfugen; jede Ziege hob er auf -seinen Schoß, jeder Kuh knutschte er das Maul, den Hals, die Wampe, -das Euter, und jedem Kälbl guckte er aufmerksam unter den Schwanz. -Der stumme Christl stand mit aschfarbenem Gesicht daneben. »Gut! -Vierhundert kriegst du bei der Unterschrift, dreihundert bei der -Übergab. Wann soll ich zum Protokollieren kommen?« - -»Gleich.« - -Der kleine Bauer lachte. »Pressiert's dir denn gar so?« - -»Wohl.« Christl Haynacher trug sein Bübl zur Nachbarin hinüber und -wanderte mit dem Käufer zum Landgericht. Das wunderliche Kaufdokument -mit dem Paragraph über das Gerstenfeld: nit ackern und nit misten --- verursachte den vier überflüssigen Buchstaben eine muntere -Viertelstunde. Als Christl unterschrieben hatte, fragte ihn der -Landrichter lachend: »Wann will er denn exulieren?« - -»Morgen.« Der Haynacher hob die brennenden Augen. »Am liebsten tät -ich's noch heut.« - -»Heute? Nein. Heut nachmittag wird er schön daheim bleiben. Da wird -noch etwas zu erledigen sein.« - -Christl lächelte sonderbar. »Was wär denn das?« - -»Seine Neugier wird sich gedulden können.« Eine entlassende -Handbewegung. Als die zwei Bauern mit schweren Schuhen davongepoltert -waren, schwang sich der muntere Liebling der Gerechtigkeit zu einem -philosophischen Erguß über die in Bauernköpfen generaliter grassierende -Verbohrtheit auf. Seine heitere Laune sollte sich noch weiterhin -erhöhen. Pfarrer Ludwig betrat schmunzelnd die Amtsstube. »Oh? -_Reverende?_ Was führt Euch zu mir?« - -Das Schmunzeln des Pfarrers verstärkte sich. »Um ehrlich zu sein: ein -Werk der Barmherzigkeit. Oder, um gleich _in medias res_ zu hupfen: ich -will --« Nach einem Augenwink auf den Schreiber sprach er lateinisch -weiter: »Ich will meine schwerbedrückte Seele entlasten und ehrlich -zu Protokoll geben, daß ich es gewesen bin, der das Haynacher'sche -Zwillingspärl verschwinden ließ.« - -Der Landrichter schickte hurtig den Schreiber aus der Stube und platzte -los. Was Lustigeres war ihm zeit seines Lebens noch nicht begegnet. -Zwischen Lachen und Lachen sagte er: »Unglaublich! Dieser Lewitter! -So viel Schlauheit hätt' ich ihm gar nicht zugetraut, obwohl man in -dieser Materie von einem Juden viel attendieren darf.« Es dauerte ein -Weilchen, bis er sich von seiner unjustiziarischen Fröhlichkeit so -weit erholt hatte, um die Gänsefeder in die Streusandbüchse tauchen -zu können. Die Feder schrieb nicht. »Seht doch,« sagte der muntere -Willibald, »wie klug meine Feder ist! Sie weigert sich, bei dieser -barmherzigen Torheit mitzuagieren.« Er griff nach einem anderen Kiel. -Diesmal fand er beim Eintauchen richtig das Tintenfaß. »Also?« Dabei -lachte er schon wieder. »Was soll ich protokollieren?« - -»Daß ich aus Erbarmen mit dem unglücklichen Vater, aus Mitleid mit dem -armseligen Pärl, auch sonst aus Vernunfts- und Menschlichkeitsgründen -dem beklagenswerten Kapitelstreit ein notwendiges Ende bereitet -habe.« Pfarrer Ludwig war sehr ernst geworden. »Was ich bekenne, Euer -Gestreng, ist die reine Wahrheit. Mit einem Schlüssel, den ich aus der -Zeit meiner Amtstätigkeit noch besaß, hab ich in jener Kapitelnacht -die Armeseelenkammer aufgesperrt. Um mich unkenntlich zu machen, hab -ich einen gemäschelten Herrenmantel umgehangen, den ich mir vor Jahren -für ein höfisches Maskenfest hab schneidern lassen. So vermummelt -hab ich das arme Pärl im Friedhof zur ewigen Ruh bestattet. Mein -priesterliches Gewissen ist ohne Vorwurf. Lewitter hat uns das im -Kapitel doch auseinandergesetzt: mit der Verwebung der Muskeln, mit der -Diffusion des Blutes, _et cetera_. Da muß doch vom getauften Blut was -übergeflossen sein ins ungetaufte, also quasi eine Mittaufe des nur -leblos *scheinenden* Körperchens erfolgt sein. Nit?« - -»Aaaaah! Glänzend debattiert!« staunte der hocherfreute Richter, der -nun auch den Grafen Tige, wenigstens inbetreff seiner nächtlichen -Friedhofstätigkeit gerechtfertigt sah. »Warum habt Ihr denn diese -hilfreiche Konklusion nicht im Kapitel vorgebracht?« - -»Weil sie mir erst _post festum_ eingefallen ist. Daß ich also bis zu -gewissem Grad gegen kirchliche und weltliche Gesetze handelte, das weiß -ich. Und bekennen muß ich es, weil ich nicht will, daß ein halbwegs -Schuldloser leiden soll um meinetwillen.« - -»Ssssso!« sagte der von fröhlichem Glück erstrahlende Landrichter nach -einer Weile, indem er unter das letzte Wort des Protokolls einen netten -Schnörkel machte. »Und wirklich, _Reverende_, dieses Bekenntnis wollt -Ihr unterschreiben?« Pfarrer Ludwig, ohne zu antworten, nahm die Feder -und kritzelte seinen Namen unter das Protokoll. Da bewegten sich die -vier überflüssigen Buchstaben. Mit einer Herzlichkeit, wie sie noch -kein anderes Menschenkind von ihm erfahren hatte, streckte Willibald -Hringghh dem Pfarrer die Hände hin und sagte voll Rührung: »Reicht mir -Eure hilfreiche Christenhand! Ich *muß* sie drücken. Es ist mir doch -bekannt, daß Jesunder stets Euer Gegner war. Um so ehrenwerter ist es -von Euch, daß Ihr einem so erbitterten Widersacher zu Hilfe kommt, der -nahe daran war, die übelsten Dinge über Euch heraufzubeschwören.« - -»Herr Richter!« Pfarrer Ludwig blieb noch immer ernst. »Ich hab keinen -Schwindel gemacht, ich hab die Wahrheit gesagt.« - -Ein fröhliches Lachen erschütterte das Sauermilchgehirn der -Gerechtigkeit. »Die *reinste* Wahrheit! Auch im Groben famos erfunden. -Aber permittiert mir, Euch aus dem reichen Tresor meiner richterlichen -Experienzen auf ein paar laienhafte Dissonanzen aufmerksam zu machen. -Da ist von einem Schlüssel die Rede. Wenn nun der Richter früge: >Wo -ist dieser Schlüssel?< Nein, Ihr sollt mir nicht antworten. Ich will -es Euch sagen.« Der vergnügte Willibald lächelte allwissend. »Nicht -wahr? Diesen Schlüssel habt Ihr in einen tiefen Brunnen geworfen?« - -»Stimmt!« - -»Und den gemäschelten Herrenmantel habt Ihr wohl verbrannt in Eurem -Stubenofen?« - -»Stimmt!« - -»Aber! _Reverende!_« Der Landrichter lachte, daß von den heftigen -Schüttelbewegungen die Roßhaarwuckeln seiner Perücke weißlich -zu qualmen begannen. »Euch, der die herrliche Sache mit der -diffundierenden Taufe zu finden wußte, sollte doch auch hier etwas -Witzigeres einfallen. Der tiefe Brunnen und das Ofenfeuer sind die -abgedroschensten Hilflosigkeiten vor dem Richtertische. Doch um Euch -einleuchtend zu demonstrieren, *wie* laienhaft in juridischem Sinn Eure -barmherzige _fabula_ ersonnen ist, will ich noch eine Frage stellen. In -welcher Nacht behauptet Ihr, das angebliche _crimen_ verübt zu haben? -Ihr wollt doch wohl nicht sagen: >In der ersten<? Nämlich in der Nacht, -in der es durch einen mir bekannten Täter wirklich geschah! Da ist doch -zu beweisen, daß Ihr im Kapitel wart. Nun also? Wann?« - -»In der anderen Nacht.« - -»Aber Hochwürden!« Die justiziarischen Mausaugen blitzten von -überlegenem Humor. »Da wart Ihr doch, wie ich mich selbst überzeugte, -ein schwerleidender Patient.« - -»Ich hab die Krankheit simuliert, um das Kapitel schwänzen zu können.« - -»Ausgezeichnet!« Hell auflachend klatschte Doktor Willibald die Hand -auf den geduldigen Tisch der Justitia. »Ich will Euch sogar gestehen, -daß eine ähnliche Konjektur auch mich zu befallen drohte, bevor sich -der Gegenbeweis ergab. Daß man vor dem Scharfblick eines Richters -mancherlei Krankheiten zu simulieren versucht, ist mir nicht neu. -Es gibt da Simulanten von erstaunlicher Fertigkeit. Aber --« Erst -mußte der Landrichter die Tränen fortwischen, die ihm der Witz des -Vorganges aus den Molchaugen beizte. »*So* geschickt hat noch niemals -einer von meinen Inkulpaten simuliert, daß ich von seiner fingierten -Krankheit infiziert wurde. Ihr seid der erste, der da reüssierte. -Eure _simulatio_ hat mir vierzehn Tage beschert, in denen meine Nase -permutiert war zu einer qualvollen Hölle. Nun? Was sagt Ihr jetzt?« - -Der Pfarrer schwieg. Seine große Warze begann zu hüpfen, und dann -brach er in ein Gelächter aus, daß er mit beiden Händen die Mitte -seiner Länge umklammern mußte. Eine völlig gegensätzliche Wandlung -vollzog sich im Molkentopf des Hringghhischen Verstandes. Ernst -geworden, mit schöner Würde, erhob er sich vom Fundament der vier -überflüssigen Lettern. »Merkt Ihr jetzt, wie aussichtslos es ist, vor -einem erfahrenen Richter einen unrealen Bären produzieren zu wollen? -Aber gestattet nun, daß ich den armen Jesunder sofort von seinem Wahn -kuriere. Ich dank Euch, liebste Hochwürden! Ihr habt mir in mancher -Hinsicht eine große Gefälligkeit erwiesen. Grüßt mir auch den klugen, -vortrefflichen Lewitter!« - -Als Pfarrer Ludwig hinaustrat in die Sonne, faltete er wie ein frommes -Kind die Hände und sprach ohne Worte zum blauen Himmel hinauf: »Du -lieber Herrgott! Gibt's denn irgendwo auf der Welt noch einen größeren -Schafskopf? Sag mir's! Dann reis' ich hin. So was Unwahrscheinliches -muß man mit Händen greifen, bevor man's glauben kann.« Lachend ging er -zu seinem Haus hinüber. Doch diese Heiterkeit war ohne Dauer. Seine -Augen wurden ernst, fast traurig. »Und so was richtet über Schicksal -und Ehr, über Leben und Tod der Menschen.« - -Bevor noch eine Stunde verflossen war, trat Doktor Willibald Hringghh -mit dem Lächeln eines Siegers in die Stube des Pfarrers. »Gestreng?« -fragte Herr Ludwig. »Was noch?« Die Sauermilch der vier Überflüssigen -wurde geistreich. »Der gemäschelte Herrenmantel,« Willibald zog das -Protokoll aus dem Busen, »soll verdiente Gesellschaft erhalten.« Ging -auf den Ofen zu und schob das Dokument der Gerechtigkeit ins Feuerloch. -Der Pfarrer schüttelte den Kopf: »Das muß ich mißbilligen. Wenn -Jesunder das Prozeßverfahren gegen mich fordert?« - -»Er wird es unterlassen.« Lächelnd streckte sich Doktor Halbundhalb zum -Ohr des langen Pfarrers hinauf. »Um eine gelinde, politisch notwendig -gewordene Verfehlung gegen meine Amtspflicht von mir abzulösen, hab -ich beim Chorkaplan *gebeichtet*. Es war die einzige Methode, die ihn -zwingen konnte, das Geheimnis zu bewahren.« Seiner siegreichen Klugheit -vollbewußt, sah der weise Richter dem Pfarrer in die Augen. »Als ich -mein Confiteor begann, war der arme Jesunder noch ein gequälter Narr, -bei der Absolution schon ein sanierter Mensch. Namentlich das Motiv der -diffundierenden Taufe hat ihn ungemein beruhigt. Und die Hilfe kam, als -die Not am höchsten war. Den Verstörten bedrückte bereits der Wahn, daß -er preußische Zwillinge gebären müßte. Eben, da ich kam, wollte er -seine verzweifelte Mutter zur Hebamme schicken.« - -Pfarrer Ludwig, als er allein blieb, sprach mit einem kleinen Zusatz -die Worte des spinozistischen Briefes vor sich hin: »Alles Wissen und -Geschehen, auch alle Narretei und Dummheit muß dem Leben dienen, damit -der Mensch teilhaftig werde des ihm möglichen Glückes!« Dann fort, -zu seinem Freunde Simmi. Und von Lewitters Haus hinüber zum Meister -Niklaus. Er traf ihn mit Luisa und Sus bei der Mahlzeit, setzte sich -zu ihnen, schien besser gelaunt als je und erzählte die Geschichte -vom preußischen Kapitelsieg. »Die wissen, wie man's zu machen hat. -Einen feindseligen Hammel muß man aufs Maul schlagen. Kitzelt man ihm -freundlich die Ohren, so stoßt er.« Während der Pfarrer schwatzte, -huschten seine forschenden Augen immer wieder zu Luisa hinüber. Ihr -Gesicht war wie aus Alabaster geschnitten und erzählte stumm von einer -herzzerdrückenden Kummernacht. Nie hob sie den Blick, sprach keine -Silbe und atmete schwer. »Ja,« sagte der Pfarrer, »gestern im Kapitel -hab' ich lachen können. Dafür hab' ich kurz vorher einen netten Schreck -mit der guten Mälzmeisterin erlebt. Übrigens, Luisli, weißt du denn -schon, daß der Leupi wieder daheim ist?« - -Luisa nickte stumm und beugte das Gesicht noch tiefer gegen den Tisch. -»Kind?« fragte der Meister halb erstaunt und halb erschrocken. »Und -da sagst du mir kein Wörtl davon? Ist was geschehen zwischen Euch? -Du bist seit gestern, daß ich dich schier nimmer kenn.« Sie wollte -sprechen und brachte keinen Laut aus der Kehle. Die Sus wurde rot -bis unter die Haarwurzeln, und Niklaus fragte nicht weiter, weil -ihm der Pfarrer unter der Tischplatte einen mahnenden Puff versetzte -und dazu verständlich mit den Augen zwinkerte: »Ja, Nick, da hab ich -wieder einmal sehen können, wieviel Wunderliches in Menschenköpfen -umeinanderhupft. Du weißt doch, was für ein gescheites, wahrhaft -frommes Weibl die Mälzmeisterin ist. Und gestern, ich sitz daheim, -und da surrt der Mutter Agnes ihr Mädel zu mir herein in die Stub, -heult wie unsinnig und bettelt, ich soll doch um Gotteswillen gleich -hinüberkommen, die Mutter Agnes hätt den Verstand verloren.« - -Niklaus sah ratlos den lächelnden Pfarrer an, die Sus stammelte ein ->Jesus Maria!<, und Luisa hob das blasse Gesicht mit erweiterten Augen, -aus denen alle Qual einer verstörten Seele redete. - -»Da kannst du dir denken, Nicki, wie ich gesprungen bin. Ich komm -hinüber, und da sitzt der prächtige Bub auf der Herrgottsbank, hat -ein Gesicht wie ein Gestorbener, und hält mit den Armen die Mutter -fest, als müßt er Sorg haben, daß sie was Unsinniges anstellen möcht. ->Was ist denn?< frag ich. Und da kriegt die Mälzmeisterin ein bißl -Luft, reißt sich von ihrem Buben los, springt zur Mauer hinüber -- und -du weißt doch, bei den Mälzmeisterischen hängt so eine hirnrissige, -lästerliche Gottsaugenuhr in der Stub. Und jetzt rat, was die Mutter -Agnes getan hat? Ausgesehen hat's freilich, als wär sie verrückt. Aber -flink bin ich draufgekommen, daß sie gescheiter ist als wir alle. Und -so springt das zornwütige Weibl auf die Mauer zu, packt die dumme Uhr, -reißt sie von der Wand herunter, trampelt mit den Schuhsohlen drauf -herum, wie man was Giftiges totmacht, und schreit dazu in Kummer und -Tränen: >Frömmigkeit, ja, Frömmigkeit! Rechte Frömmigkeit ist das -Schönste auf der Welt, aber kindischer Aberglauben ist allweil das -Schiechste vor Gottes Blick!< Ich sag dir, Nicki --« Pfarrer Ludwig -verstummte, sah über den Tisch hinüber und fragte verwundert: »Luisli? -Ist dir nit gut?« - -Wankend, als wäre sie nah dem Erlöschen, hatte Luisa sich erhoben. -Der Meister erschrak, die Sus sprang auf. Und da taumelte Luisa schon -zur Tür hinaus, den einen Arm vor die Augen gepreßt, mit der anderen -Hand ins Leere tastend. Die Sus sprang ihr nach mit einem erstickten -Sorgenschrei. Den Meister, der das Gleiche tun wollte, faßte Pfarrer -Ludwig am Arm. »Bleib, Nicki! Die Sus macht das schon. Die weiß, wie -man vor einer füreiligen Dummheit den Schlüssel im Türschlößl umdreht.« - -»Mensch!« zürnte der Meister. »Was treibst du denn da?« - -»Was der Simmi treibt, wenn er für eine Krankheit das richtige Tränkl -mischt.« Lächelnd legte der Pfarrer den Arm um den Hals des Freundes. -»Sei nit neugierig! Das Kind muß in ihm selber das Rechte finden.« - -»Pfarrer?« stammelte Niklaus. - -»Verstehst du nit? Hast du im Leben noch nie erfahren, zu was die -hungrige Lieb einen treiben kann?« - -Ohne zu antworten, grub Meister Niklaus seine Stirn in die Hände. - -Der Pfarrer betrachtete ihn mit einem herzlichen Blick und verließ ohne -weiteres Wort die Stube. - -Auf dem Heimwege begegnete er einem heftig monologisierenden -Menschenkind. In der milden Mittagssonne schusselte der weißschnauzige -Hiesel Schneck am Pfarrer vorüber und strebte durch die Stiftshöfe -gegen den Brunnenplatz. In seinem Gesicht war eine Mischung -gegensätzlicher Seelenstimmungen. Man konnte da ebensogut auf -fuchsteufelswilde Himmelhundslaune, wie auf freudenreiche Befriedigung -raten. Die letztere schien im Hiesel das Übergewicht zu gewinnen, -als er beim Marktbrunnen sein Schneckenweibl daherzappeln sah, so -festtäglich aufgeputzt wie ihr Schneck. Hätte jedes von den beiden noch -einen Rosmarinstrauß an der Brust gehabt, so hätte man sie für ein -goldenes Hochzeitspaar halten können. »So,« sagte die Schneckin, »jetzt -haben wir's!« Dabei war auch an ihr das gleiche, seltsame Durcheinander -von Kummer und Glück zu gewahren. Sie tat einen steinschweren Atemzug -und wiederholte lächelnd: »Jetzt haben wir's!« - -»Und wie!« Der Hiesel legte den Arm um das alte Weibl und tuschelte -zärtlich, ohne den winzigsten Himmelsköter. »Jetzt ist alles wieder in -der schönsten Ordnung!« - -Der Schneckin brannte ein mädchenhaftes Erglühen über das -Runzelgesicht. Verwundert guckte sie am Hiesel hinauf und flötete: -»Jesus, wer hat's dir denn schon wieder verraten?« - -»Was?« - -»Daß ich mich dir z'lieb wieder einschreiben hab lassen als -evangelikanische Exulantin.« - -Der Hiesel Schneck, dem der himmelwärtsstrebende Schnauzer sonderbar -zu zittern anfing, hob zuerst sprachlos die geballten Fäuste gegen -das Frühlingsblau hinauf und verzog das schmerzhafte Maul bis zu den -Ohren. Dann fuhr ihm aus der verzweifelten Seele eine langschwänzige -Höllementskreatur heraus. Diesem Fluchgeprassel folgte die weinerliche -Klage: »Du Narrenkapp ohne Bändel! Du Feiertagsschmarren ohne Schmalz! -Du alte Fuierbüx ohne Zündloch! Hast du denn um Gottswillen nit ein -*bißl* Verstand unterm Kuferdeckel!« Weil die Schneckin bitterlich zu -heulen anfing, wurde der Hiesel etwas sanfter. »Weibl, so geht's nit! -So kommen wir zwei unser Lebtag nimmer auf gleich. Kreuzteufelundkruzi ---« Kummervoll erwischte er den Himmelhund, der aus ihm herausfahren -wollte, beim Schwanz und verschluckte ihn wieder. »Verstehst du denn -nit? So was von Füreiligkeit! Du bei die Evangelikanischen drent! -Und ich seit halber Zwölfe wieder der beste Katholik! Wir zwei, wir -bleiben doch allweil grabenweit auseinander, wenn sich nit eins mit der -Gottsfreudigkeit ein bißl zruckhalten kann. Verstehst?« - -Die Schneckin hatte verstanden. Drum flossen ihre Tränen so reichlich, -daß dem Hiesel das Erbarmen in die wirblige Seele tröpfelte. »Geh, -deswegen mußt du nit so grausam röhren! Es gibt auf der Welt kein -Narrenstückl, das man nit wieder aufpolieren könnt.« - -Mit nassen Augen guckte sie hinauf zu seinem zitternden Schnauzer. -»Meinst, ich soll mich gleich wieder ausstreichen lassen?« - -»Ausstreichen? Was? Du Roß ohne Schweif! Da müßt sich der Kommissar -was Nobels denken von dir. Der tät doch sagen: du bist ja wie 's -Wetterweibl um Ostern, bald drin im Häusl, bald wieder draußen. Ah na! -So soll mir keiner nit reden von meiner Schneckin. Verstehst? Ich -bring die Sach schon wieder auf gleich. Der Hiesel kann's machen, wie -er mag. Da lachen die kommissarischen Schöpsnasen und sagen halt wieder -auf französisch: Tätewoh! Meintwegen! Ein Buckel, wie der Schneckische, -vertragt's.« - -Den Hut lüftend, als wäre ihm schwül geworden unter dem struppigen -Haardach, surrte der Hiesel Schneck, eine Perlenkette neuartig -gelöckelter Himmelhunde drechselnd, hinüber zur Kommissariatskanzlei. -Die Schneckin konnte nur neun Vaterunser beten, da war der Hiesel schon -wieder da. »So, Weibl! Jetzt hat der Schmarren wieder sein Schmalz. -Jetzt soll's auf der Welt kein' bessern Evangelikaner nimmer geben, als -wie der Hiesel Schneck einer ist. Verstehst?« Trotz aller Ruhe, mit der -sich der Hiesel aufspielte, schien doch ein böses Gewissenswürmchen -an seiner Seele zu nagen. Jählings erblassend zog er sein Weibl mit -sich fort, so flink, daß die Schneckin das Aussehen einer schiefen -Zappelfigur bekam. Und das geschah aus keinem anderen Grunde, als -weil der Hiesel Schneck den heitergestimmten Landrichter in amtlicher -Begleitung aus dem schattigen Stiftstor heraustreten sah in die Sonne. - - - - -Kapitel XXVIII - - -Zur Linken der vierfach entbehrlichen Gerechtigkeit wandelte der -Feldwebel Muckenfüßl mit dem Krückstock der polizeilichen Gewalt. -Hinter den beiden marschierten vier Soldaten Gottes mit aufgepflanzten -Bajonetten. Dieses Doppelkleeblatt der Weltbeglückung verfügte sich ins -Tal der Ache und zum Lehen des Christl Haynacher. - -In dem sonst so stillen Gehöfte war es lebhaft. Vieh wurde -davongetrieben; bei den Hecken fing man die gackernden Hennen; Heu -und Stroh wurde auf einen Leiterwagen geladen, und ein paar lustig -schwatzende Burschen schleppten allerlei Hausgerät aus dem Flur -und stellten es in die Sonne. Nachbarsleute standen bei der Hecke; -sie schwatzten leis miteinander oder guckten zum Haus hinüber, wo -der Christl Haynacher auf der Türbank saß, das schlafende Bübl mit -leisen Bewegungen auf seinem Schoße wiegend. Sein verzerrtes Gesicht -war aschenfarbig, und die tief eingesunkenen Augen brannten aus -bläulichen Ringen heraus. Dennoch bot er den Anblick eines ruhigen -Menschen und lächelte immer ins Leere, als wären die Dinge, die um -ihn her geschahen, für sein Herz und Hirn eine ferne Sache. Manchmal -machte er mit der Hand einen raschen Griff nach seiner Hüfte, um -zu fühlen, ob die Geldkatze noch da wäre, die er nach der Übergabe -umgeschnallt hatte. Einer von den Nachbarn ging auf den Christl zu -und sagte: »Mensch! Warum tust denn du exulieren? Du bist doch ein -Gutkatholischer!« - -»Wohl! Und *was* für ein guter!« nickte der Haynacher und schaukelte -sein Bübchen. »Aber exulieren tu ich.« - -»Du Narr! Warum denn?« - -Das lächelnde Gesicht des Christl wurde wie eine starre Maske. »Warum?« -Er hob die funkelnden Tieraugen. »Schnaufen muß ich wieder können. -Luft muß ich haben. Ein Kreuz muß ich aufstecken, ich weiß nit wo. Und -erzählen muß ich dürfen, wie gottselig meine Martle gestorben ist.« Ein -heiseres Aufkichern. »Mein Vieh und mein Zuig ist alles verkitscht. -Morgen, eh die Sonn kommt, bin ich schon über der Grenz. Gott soll euch -gutbleiben, ihr Nachbarsleut! Mich sehet ihr nimmer.« Da rief bei der -Hecke drüben eine schrille Weiberstimme, wie warnend: »Christl! Die -Soldaten Gottes kommen.« - -»So so?« sagte Christl. Was gingen ihn die Soldaten Gottes an? »Die -kommen, ich weiß nit zu wem. Bloß nit zu mir. Bei mir ist alles -protokollarisch. Mein Kopfgeld hab ich schon gestern gezahlt. Zwanzig -Gulden, Nachbar!« Er lachte wieder. »Weil ich ein Gutkatholischer bin. -Als Luthrischer hätt ich's billiger haben können um fufzehn Gulden. Ja, -Nachbar, der richtige Glauben ist einen Batzen wert. Da zahlt einer -gern. Gelt, ja?« - -Der Nachbar schüttelte den Kopf, ohne zu antworten, guckte scheu zur -Straße hinüber und ging auf die Hecke zu. Er hatte ein gutes Gewissen, -seine Haustür und seine Kreuzstöcke waren nicht rot angestrichen, -aber wenn die Soldaten Gottes kommen, ist's immer besser, man ist -weit davon. Auch die Leute, die nach protokollarischem Recht das -Haynacherlehen ausräumten, stellten ihre muntere Arbeit ein und -drückten sich hinter die Scheune. Würdevoll, die Amtsmiene mit einiger -Heiterkeit aufgeschmälzt, betrat der Landrichter unter Muckenfüßls -kanzleideutschem Geleit den stillgewordenen Hofraum des Haynacherlehens -und gab den vier Gottessoldaten einen Wink, sich vorerst in Reserve -zu halten. Schweigend schritten die beiden der Haustür zu. Weil sie -die Sonne über dem Nacken hatten, krochen ihre verkürzten Schatten wie -kleine schwarze Teufelchen vor ihnen her. - -»Grüß Gott, ihr Herren!« sagte Christl ruhig, nur ein bißchen -verwundert. »Aufstehen kann ich nit. Mein Bübl schlaft.« - -»So wird er es wecken müssen. Um Abschied von ihm zu nehmen.« Die -vier Entbehrlichkeiten hatten das reinste Deutsch gesprochen. -Dennoch verstand der Christl nicht. Doktor Halbundhalb mußte sich -entschließen, etwas deutlicher zu werden: die Regierung hätte nichts -dagegen einzuwenden, daß der Haynacher das Land verlasse; einen -unverbesserlichen Narren gewaltsam festzuhalten, läge nicht im -Interesse der Obrigkeit; keinesfalls aber dürfe sie damit einverstanden -sein, daß ihr ein zweifellos katholischer Deszendent entzogen würde, -der sich zu einem verwendbaren Subjekte anzuwachsen verspräche. -Weil Christl noch immer so wunderlich dreinguckte, fiel Muckenfüßl -erläuternd ein: »Kapierst du denn nit, du _Rhinoceratissimus_? Du -selber därfst marschieren, wie's dir quodlibetiert. Dein Kindl bleibt -_in loco hujus_.« - -Trotz des gehäuften Lateins begann im Haynacher das Verständnis zu -erwachen. Sein Gesicht entfärbte sich, seine Augen wuchsen, und fester -schlossen sich seine Arme um das schlummernde Bübl. - -»Man hat für sein Kind eine freundliche Unterkunft eruiert und wird es -christlich erziehen,« sagte der Landrichter mit beruhigender Milde, -»wobei natürlich dem Kindsvater die Pflegekosten zufallen, die er für -zehn Jahre zu deponieren hat, mit 26 Gulden _pro anno_.« - -»Herr?« Das war kein verständlicher Laut, war wie ein gurgelndes -Husten. Der Christl tat ein paar schwere Atemzüge, wurde wieder ruhig, -schüttelte den Kopf und konnte lächeln. »Guter Herr, da müßt Ihr Euch -verschaut haben in der Hausnummer. Ich bin kein Evangelischer nit, dem -man sein katholisches Kind wegnehmen därf. Ich bin noch allweil --« Er -verstummte, weil er im Gesicht des Feldwebels etwas gesehen hatte, was -ihm kalt in die Adern fiel. Langsam erhob er sich, preßte das Kind an -seinen Hals, wich ein paar Schritte zurück und ließ die Augen irren wie -ein gefangenes Tier, das nach einem Ausweg späht. - -Aus reicher Erfahrung verstand sich Muckenfüßl auf das leiseste -Anzeichen von Renitenz; er hatte gegen die Musketiere mit zwei Fingern -eine Gabel und dann einen bogenförmigen Wink gemacht. Solang diese -Ordre nicht ausgeführt war, erschien ihm Milde empfehlenswerter als -polizeiliche Strenge. Mit biersanfter Herzlichkeit sagte er zum -Haynacher: »Jetzt tu nit obstinat sein, du verdrehter Subjektivus! -Und mach keine Spurifaxen nit, wo's die Obrigkeit _in loco hujus_ -deinem Kindl aus christlicher Pietätigkeit so gütig vermeint.« Der -Landrichter, als wäre seine amtliche Mitwirkung bei diesem gutgläubigen -Vorgang beendet, trat gegen die Hecke hin und betrachtete aufmerksam -das ungeackerte Gerstenfeld, auf dem die Frühlingsblumen zu blühen -begannen, obwohl da keine Menschenhand gesät hatte. Und Muckenfüßl -hängte den Krückstock der Polizeigewalt an seine Säbelkuppel, trat -mit ermunterndem Lachen auf den Christl Haynacher zu, streckte -die gespreizten Finger wie eine freundliche Kindsmagd und sagte -wohlwollend: »Schau, Christl, sei ein bißl intelligentisch. Tu -gehorsamen und gib halt in Gottesnamen das Würml her!« - -Der Haynacher sah aus, als möchte er in seinem ratlosen Gram einen -Kniefall machen und um Gnade betteln; aber sein Körper streckte sich -hart; dabei klang seine Stimme wie das Klagen eines gequälten Kindes: -»Jesus, Jesus, nit um Leben und Sterben, mein Bübl laß ich nit aus.« - -»Was einer nit gibt, das muß man nehmen.« Wieder, und diesmal mit -obrigkeitlichem Unterton, fügte der Feldwebel bei: »In Gottesnamen!« - -Der irrende Blick des Bauern sah vom Straßenzaun zwei Musketiere -herankommen. Nun hörte er die klirrenden Sprünge der beiden -anderen, die ums Haus herumgelaufen waren und hinter der Mauerkante -hervortauchten. Ein Ausweg war da nimmer. Im Gesicht des Christl -Haynacher, dem die Verzweiflung das Gehirn zerwirrte, vollzog sich eine -grauenvolle Veränderung. Unter heiserem Auflachen riß er das große -Bauernmesser von seiner Hüfte und grub es mit raschem Stoß in das Herz -seines schlummernden Kindes. Das Bübchen zuckte nur ein bißchen, wie -Kinder im Traum zusammenfahren, und ließ das Köpfl auf der Schulter -des Vaters liegen, als schliefe es friedlich noch immer weiter. Das -Gesicht des Christl war so weiß wie die Mauer seines verlorenen -Hauses. Die rechte Hand war rot geworden. Er streckte sie hinauf gegen -die Sonne und schrie: »Meines Kindes Blut soll kommen über alle, die -uns Menschen plagen im Namen Gottes!« Mit Sprüngen, wie ein von Hunden -gehetztes Wild sie macht, unter rasselnden Atemzügen, rannte er gegen -die Hecke hin, warf sich durch die Stauden und gewann den Gerstenacker, -während hinter ihm das Geschrei der Obrigkeit, der Musketiere und der -erschrockenen Nachbarsleute zeterte. - -Hinfallend auf die beiden Knie, ließ der Haynacher das entseelte -Bübchen von seiner Schulter gleiten und stieß das blutige Messer, das -zwischen Griff und Klinge eine stählerne Querspange hatte, in den -grünwerdenden Grabhügel der Martle. »So, Weibl!« keuchte er. »Jetzt -hast du dein Kreuz!« Ein grelles Lachen zerriß ihm die Stimme. »Ist -kein heiliges nit, aber eins, das die Herren nimmer verbieten können.« -Er zuckte vom Boden auf. Mit dem Ausdruck eines entrückten Bekenners -hob er die roten Hände und schrie zum Himmel: »Sie hat's verdient! Von -allen Christenseelen die frömmste! Und ist gestorben, so schön, wie -seit dem heiligen Peter und Paul kein römischer Bischof nimmer sterben -hat können auf seinem vergoldeten Sessel!« Nach diesem Schrei überkam -ihn eine steinerne Ruhe. Das verzerrte Gesicht drehend, gewahrte -er bei der grün überhauchten Hecke die obere Hälfte des schwarzen -Landrichters mit dem kalkweißen Gesicht und der schneeblanken Perücke. -Er sah nicht den Feldwebel, der mit geschwungenem Säbel halblateinisch -kommandierte, sah nicht die Musketiere, die sich durch die Hecke -warfen, sah nicht die schreienden Leute. Nur den Doktor Willibald -Hringghh. Mit zuckenden Händen griff er in die Luft. »Wie, du! Komm -her! Oder traust du dich nit?« Ein wildes, jedem menschlichen Klang -entrücktes Lachen, gleich dem Gebrüll eines gepeinigten Tieres. »Schau -her, du! Meine Händ sind leer. Ich hab kein Messer nimmer. Und mag nit -greifen nach einem Prügel. So viel wie ein räudiger Hund verdienst du -nit.« Mit greifenden Fäusten stürzte er auf die erschrocken wackelnde -Perücke zu. »Für einen, wie du, da reichen zehn römischkatholische -Finger aus!« Dem Christl Haynacher fiel der Kopf vornüber, und seine -Fäuste sanken. Zwei obrigkeitstreue Bajonette waren ihm in die Brust -gefahren. Übersprudelt vom roten Brunnen seines Lebens, fiel er auf den -Gerstenacker hin und lag wie ein Entseelter in den jungen Blumen. Nun -bewegten stoßende Atemzüge seine Brust. Er tat die Augen auf, die er -schon geschlossen hatte, hob sich mit stemmenden Armen vom Boden und -sprach in Verzückung: »Es ist ein Gott, und ich glaub. Ihr Sünder, euer -Irrtum ist des Erbarmens wert. Mehr sag ich nimmer.« Lächelnd fiel er -zurück, und das Leben entrann ihm. - -Drüben bei der Hecke des Nachbarlehens fingen die Leute wie verrückt -zu schreien an. Die Musketiere standen mit verdutzten Gesichtern, -als begriffen sie nicht recht, was da im Handumdrehen geschehen war, -und Muckenfüßl fühlte eine Anwandlung von Übligkeit, weil er Blut in -solcher Menge nicht sehen konnte. Nur Doktor Willibald Hringghh, obwohl -seine Nase so weiß wie seine Perücke war, erkämpfte bis zu amtlich -notwendigem Grade seine Fassung, lüftete das Barettchen und sagte -kurzatmig: »Hier hat Gott gewaltet und seine ewige Gerechtigkeit.« Mit -kummervoller Einsicht fügte er bei: »Zu spät erkenne ich die Wahrheit, -daß dieser unglückselige Mensch kein Schwachkopf, sondern ein geborener -Verbrecher war.« Getreu seinen Pflichten, erledigte er die peinlich -genaue Inaugenscheinnahme des Tatortes, begab sich in das leergewordene -Haus, ließ Tisch und Stühle in die ausgeräumte Stube zurücktragen und -verfaßte unter häufigem Kopfschütteln ein ausführliches Protokoll. In -seinem Amtseifer überhörte er den wachsenden Lärm, der vom Gerstenacker -des Christl Haynacher herüberscholl. - -Als der Landrichter bei rotwerdender Sonne das abgestorbene Haus -verließ, befiel ihn vor dem Anblick des lärmenden Gewühls von zwei, -drei hundert Menschen ein sichtliches Unbehagen. Er fühlte sich -zwischen dem Muckenfüßlschen Polizeisäbel und den gottsmilitärischen -Bajonetten nicht mehr sicher und schlug ein überhastetes Tempo an. -Dadurch gestaltete er die Situation noch unerquicklicher. Eine -schreiende, schmähende, von Zorn durchfieberte Leutmenge rannte hinter -ihm her und begann mit Steinen zu werfen. Es wäre zu bösen Dingen -gekommen, wenn nicht eine unerwartete Wendung das Trauerspiel dieser -Stunde halb und halb in das Gegenteil verkehrt hätte. Ein großer -Rattenpinscher, der, gereizt durch die Blutwitterung, schon immer -aufgeregt gebelfert hatte und nun den springenden Landrichter erspähte, -mißverstand die Sachlage, verwechselte die Gerechtigkeit mit dem -Verbrechertum, schoß wie ein Pfeil hinter dem Fliehenden her, erwischte -ihn und riß ihm nicht nur einen langen Flügel aus dem richterlichen -Talar, auch noch ein mageres Stück Fleisch aus einer Körpergegend, die -sogar ein Liebling der Justitia beim Sitzen nicht zu entbehren vermag. - -Aller Zorn der aufgeregten Menschen schlug in befreiendes Hohngelächter -um, als sie den siegreichen Rattler das schwarze, ein bißchen -rotgetüpfelte Fähnlein der Gerechtigkeit so stolz in der stichelhärigen -Schnauze umhertragen sahen. Und während Muckenfüßl und die Musketiere -rasch den klagenden Herrn davonführten, der eine purpurne Träufelspur -seines amtlichen Waltens hinter sich zurückließ, rief ein junger -Mensch, den die Amnestie aller Evangelischen erst am Morgen aus dem -Aufenthalt ohne Mond und Sonne erlöst hatte: »Gucket, Leut! Jetzt hat -er einen von seinen vier überflüssigen Buchstaben eingebüßt! Gott -soll's geben zum Wohl der Menschen, daß man ihm die drei anderen auch -noch ausknuspert. Kann er die Gerechtigkeit nimmer im Sitzfleck haben, -so könnt man hoffen, daß sie ihm hinaufsteigt ins Gehirn.« - -Bevor die Sonne noch über den Toten Mann hinuntertauchte, kamen -viele Musketiere und Dragoner zum Gerstenacker des Christl Haynacher -marschiert, um die in staatsgefährlichem Grad gestörte Bürgerruhe -wieder herzustellen. Als man die beiden kaltgewordenen Menschenkinder, -Vater und Bübl, zur Armeseelenkammer brachte, war die Geldkatze des -Christl spurlos verschwunden. Nach Anbruch der Dunkelheit wurden die -zwei Entseelten, die als gutgetaufte Christen ein unverlierbares -Anrecht auf heiligen Boden hatten, ohne Aufsehen im Friedhof bestattet. -Und der von seinem bedrohlichen Wahn geheilte Jesunder benützte -diese Gelegenheit, um unauffällig den durch ein schwarzes Heidenkind -entweihten Gottesacker neu zu konsekrieren. Er vollzog die heilige -Handlung so nachdrücklich, daß er mit einiger Berechtigung hoffen -durfte: die Weihe würde sogar bis zur Außenseite der Friedhofsmauer -penetrieren. - -Solang die Polizeistunde noch nicht geschlagen hatte, ging es auf dem -Brunnenplatz und in der Marktgasse sehr unruhig zu -- am unruhigsten im -Hof des Leuthauses. Da standen ein paar hundert Menschen beisammen. Die -hätten gerne noch erfahren, was die zwei preußischen Herren mit ihrem -Nachtbesuch beim Kanzler von Grusdorf zur Beruhigung der evangelischen -Mütter und Väter auszurichten vermochten. Die Polizeistunde schlug, -ohne daß die Harrenden eine Nachricht hörten; sie mußten heim in ihre -Stuben, mußten sich im Bangen um ihre Kinder noch gedulden durch eine -lange Sorgennacht. - -Früh am Morgen rasselte die Polizeitrommel. Der Feldwebel Muckenfüßl -begleitete sie nicht. An seiner Stelle mußte ein anderes Polizeiorgan -der lauschenden Population verkünden: daß, zum ersten, die exulierenden -Väter und Mütter das unbedrängte Verfügungsrecht über Verbleib oder -Mitreise ihrer Kinder hätten. Und zum anderen: daß der allergnädigste -Fürst den traurigen Vorfall im Haynacherlehen aus gerechter Empfindung -beklage und die beiden Beamten, denen eine folgenschwere Unüberlegtheit -vorzuwerfen sei, ihres Amtes enthoben hätte. - -Es war eine aufgeregte Nachtstunde gewesen, in der sich Herr Anton -Cajetan diesen Entschluß von der fürstlichen Seele gerungen hatte. -Den Feldwebel Muckenfüßl fallen zu lassen, war ihm nicht allzu schwer -geworden; nach unten hin verdünnen sich die Regierungsverpflichtungen. -Doch gerne hätte er den armen Willibald gehalten; aus Dankbarkeit -für mancherlei sekrete Dienstleistungen. Man beriet alle rettenden -Möglichkeiten und fand keinen Ausweg. Willibald mußte hinuntertauchen -in das Nichts, weniger aus Ursache der »folgenschweren Unüberlegtheit«, -als weil er durch den Verlust eines notwendigen Buchstäbchens dem Fluch -einer Lächerlichkeit überliefert war, die ihm jedes weitere Wirken als -getreues Justizkamel entschieden verweigerte. Dem Stiftsherrn, der -dem Beklagenswerten diese Botschaft mit dem Pflaster eines gnädigen -Ruhegehaltes überbrachte, konnte der leidende Mann nicht in die Augen -schauen, weil er zu besserer Bequemlichkeit des nähenden Stiftsphysikus -auf der sehenden Seite liegen mußte. - -Zum kummervollen Nikodemus Muckenfüßl hatte man keinen Stiftsherrn -geschickt, nur einen fürstpröpstlichen Lakai. Der entthronte Feldwebel, -obwohl er auf ein durststillendes Versorgungspöstchen im Stiftskeller -hoffen durfte, gab durch längere Zeit keine Perle seines Sprachschatzes -von sich. »So, du Rindviech,« sagte seine tapfere, unverdrossene Frau -zu ihm, »jetzt red lateinisch!« - -Im Verlaufe dieses Tages konnte Pfarrer Ludwig von seinem Fenster aus -eine Wahrnehmung machen, die ihn wieder an den Amsterdamer Singvogel -und an die These denken ließ: daß alles Geschehen unter der Sonne, so -hart und übel es auch wäre, sich doch immer wieder verwandle zu einer -aufwärts führenden Staffel des Lebens, zu einer Glückshilfe für die -Menschen. Der Tod des Christl Haynacher war ein Werk der Erlösung für -hundert bedrückte Herzen geworden. Viele Frauen, evangelische Mütter, -die in Sorge gewesen waren um den Besitz ihrer Kinder, wanderten zum -Friedhof und legten Sträuße und kleine Kränze von Frühlingsblumen auf -das frische Grab. Der alte Mesner konnte sich nicht erinnern, daß seit -Menschengedenken ein Friedhofshügel so reichen Schmuck empfangen hätte, -als die Ruhestätte des Christl. Wie sehr man diesen Blutzeugen der -Vaterliebe in Ehren hielt, das erwies sich auch an einem Vorfall, der -sich auf des Haynachers Gerstenacker ereignete. Hier gedachte gleich am -Morgen nach Christls Tod der kleine magere Bauer mit den schlauen Augen -eine nutzbringende Tätigkeit zu entwickeln. Er wollte das brachliegende -Feld mit dem Spaten umgraben -- das wäre nicht >geackert< -- und -wollte schaffweis die Jauche ausgießen -- das wäre nicht >gemistet< -in protokollarischem Sinne. Dieser klugen Auslegung dessen, was -schwarz auf weiß geschrieben stand, schlossen sich die Nachbarn des -Haynacherlehens nicht an. Sie verprügelten neben dem Grab der Martle -den wifen Protokollisten so fürchterlich, daß er das Misten und Ackern -sogar auf den eigenen Feldern für längere Zeit versäumte. - -Außer dem sühnenden Schwertstreich, der auf die Amtsperücken des -Landrichters und des Polizeifeldwebels niedergefahren war, tat -die Regierung auch sonst noch unter den vier preußischen Augen -ihr Möglichstes, um die Stimmung der Population nach Kräften zu -besänftigen. Alle Polizeiverbote, die einen Hauch des Muckenfüßlschen -Geistes atmeten, wurden vom Stiftstor entfernt, so daß sich die vier -Bogen des Exulationsediktes aller würdigen Sozietät entblößt sahen. -Wie den Kanzler von Grusdorf bisher das Verbieten ermüdet hatte, so -fatiguierte ihn jetzt das Erlauben. - -Aus Rücksicht auf die gereizte Stimmung der Subjekte wurden auch alle -Vorbereitungen für das Große Jagen mit Ausschluß der Öffentlichkeit -betrieben. Die zahlreichen Fahrzeuge mit den Stellnetzen und hohen -Tüchern, die Menagerievehikel mit den Hirschkäfigen, Sauzwingern -und Fuchskästen, die Küchenwagen und Proviantkarren, alles wurde -zu nachtschlafender Zeit in Bewegung gesetzt, um der kritischen -Neugier des Volkes entrückt zu bleiben. Im alten Tiergarten des -Wimbachtales arbeiteten unter Leitung des Wildmeisters und der Jägerei -zweihundert Musketiere und Dragoner drei Tage und drei Nächte lang, -um die eingegatterten Wildbestände in die Käfigfallen zu treiben, -sie nach dem Hintersee zu verbringen, an dessen Ufern das große -Prunkjagen stattfinden sollte, und sie dort nach dem höfischen Rang -der Schützen in die Kammern der zu den Ständen führenden Ausläufe zu -verteilen. Was da jagdlich mit vielen Kunstkniffen inszeniert wurde --- in einer Jahreszeit, in der die Hirsche keine Geweihe trugen und -jede Kreatur des Waldes und der Berge die Spuren der winterlichen -Entbehrung zeigte -- war >edles Weidwerk< im gleichen Sinne, in dem der -gestutzte Hofgarten als fürstlicher Park und der verflossene Doktor -Halbundhalb als himmlischer Sendbote der ewigen Gerechtigkeit gelten -konnte. Wie unter dem Strom der Pariser Moschusdüfte viel Gesundes -auf deutschem Boden permutiert war zu üblem Geruch, so war auch der -höfische Jagdbetrieb verwandelt zu einer französischen Fratze dessen, -was man seit Jahrhunderten als deutsches Weidwerk verstand. Und im -Stifte hatten sie ihren Ehrgeiz dareingesetzt, dem Gesandten des -Königs von Preußen weidlich zu imponieren und ihm den gutkatholischen -Wildsegen ausgiebig unter die evangelische Nase zu reiben. Zahlreiche -Einladungen waren ergangen. Weil nach altem Brauch an einem Großen -Jagen, das man auch als Kapiteljagd bezeichnete, alle Stiftsherren -teilzunehmen pflegten, konnte man auch den Stiftspfarrer Ludwig um die -ihm gebührende Invitation nicht verkürzen. Er nahm sie an, weil sie -ihm ein Wiedersehen mit dem jungen Offizier in Aussicht stellte, der -sich ihm mit heiteren Worten in das alte deutsche Herz hineingeplaudert -hatte. »Jetzt schau nur,« sagte der Pfarrer zu seiner Schwester, »daß -du noch ein Fläschl Terpentin erwischen kannst, um aus meinem grünen -Jagdfrack die verjährten Weintrenzer herauszuputzen!« - -Am Vorabend des Großen Jagens konnte der Wildmeister seinem -allergnädigsten Fürsten melden, daß für das weidmännische _spectaculum_ -alles in bester Bereitschaft wäre, und daß auch der Himmel einen -selten schönen Frühlingsmorgen verspräche. Auf die vierte Frühstunde -war das _Rendezvous_ in den Stiftshöfen angesagt. Schon um Mitternacht -begannen die Pfannenfeuer aufzulodern und überglänzten die Stiftsmauern -mit grellem Zitterschein. Um zwei Uhr rückte alles aus, was zur -fürstpröpstlichen Jägerei gehörte. Punkt halb vier erschien Graf -Saur, der als Oberstjägermeister fungierte. Dann trafen von zwei -zu zwei Minuten, je nach ihrem höfischen Rang, die Jagdgäste ein, -zuerst die Stiftsbeamten, drauf die Offiziere der salzburgischen -Soldateska, nach ihnen die Domizellaren, von denen die Barone Stutzing -und Kulmer zur Einholung der Allergnädigsten ausgeschickt wurden, -dann die Kapitularen und der Kanzler von Grusdorf. Alle Herren zu -Pferde. Es war ein Gewieher, ein Rosseschnauben und Hufgeträppel, -daß die Stiftsmauern davon widerhallten. Fünf Minuten vor vier -erschienen die zwei preußischen Herren mit den beiden Jägern, die -man ihnen attachiert hatte -- Geheimrat von Danckelmann mit dem -Leupolt Raurisser, Oberst von Berg mit dem Hiesel Schneck, der seinem -Jagdherrn aus diplomatischer Courtoisie und mit einigem Schmunzeln als -»Auchevangelischer« bezeichnet wurde. Zwei Minuten vor vier intonierten -die Hörner den Dianengruß. Aurore de Neuenstein, in einem grünen, durch -goldene Nesteln schürzbaren Reitkleide mit flimmernden Stickereien, -kam auf einem zierlichen Pferdchen allerniedlichst in Begleitung ihrer -beiden Kavaliere angaloppiert. Die Dianenweise schwenkte hinüber -in den schmetternden Herrengruß, und aus dem Stiftsportal, dessen -Flügel sich wie durch Zauber öffneten, trat, von Windlichtträgern und -Läufern flankiert, der Landesfürst hervor, in grüner, goldstrotzender -Prunkjagdgala. Er küßte das Händchen seiner hübschen, etwas reichlich -schönbepflasterten Freundin, begrüßte liebenswürdig den Gesandten, -merklich gedämpfter den jungen Oberst, stieg zu Pferd und gab das -Zeichen zum Ausritt. Die Hörner bliesen den »Aufbruch zur Jagd«. Hinter -den hopsenden Läufern und zwischen den gaukelnden Wachsfackeln setzte -sich die lange Kavalkade in klappernde Bewegung. Als man außerhalb der -letzten Häuser auf der Ramsauer Straße war, wurden die Wachsfackeln -ausgelöscht, um den romantischen Reiz des Rittes zu erhöhen und in den -vollen Genuß des strahlenden Sternzaubers zu gelangen. - -Der junge Oberst, der, solange die Fackeln noch gebrannt hatten, mit -beißendem Spott diesen »kleinhöfischen Seifenblasenschwindel« so -unbarmherzig persiflierte, daß Danckelmann in verlegene Unruh geriet, -wurde plötzlich ein stumm Entzückter, als die Lichter erloschen und -diese von den Geheimnissen der Ewigkeit durchblitzte Nacht ihn umgab. -Der reine Himmel wie ein stahlblauer Schild, gegen Osten hin schon -milchig aufgehellt. Die Berge in das tiefe Blau und in die falbe -Helle schwarz hineingezeichnet, mit weißen Schneemützen in der Höhe. -Stern an Stern in zitterndem Gefunkel. Die Milchstraße wie ein mit -Goldsand überstreutes Band. Gleich einem ewigen Feuerzeichen stand -das Sternbild des Orion über dem Toten Mann, und wie eine große -Fackel, strahlenschießend, brannte in einer Bergscharte des hohen -Göhl die Venus. Neben der Straße brauste die weißquirlende Ramsauer -Ache so laut, daß alles Hufgetäppel unhörbar wurde. Wie eine herrlich -summende Glockenstimme schwamm das ruhelose Wasserrauschen durch die -sternfunkelnde Schönheit der erlöschenden Nacht. - -»Danckelmann!« Es klang wie die Stimme eines Fiebernden. »Das ist -eine von den Wunderstunden, die mich Heiden zum Christen machen. Man -fühlt den Atem Gottes, fühlt die Größe seines Werkes, fühlt seinen -ewigen Willen zum Schönen.« In dieses enthusiastische Seelenjauchzen -zwitscherte ein heiteres Auflachen der Allergnädigsten hinein. Der -Oberst, vom Französischen ins Deutsche fallend, stieß mit galligem -Ärger vor sich hin: »Na ja, un denn freecht man sich, wer ihm det -Schöne mit so 'nem Geschmeiß bedreckte.« - -Dieses Gespräch wurde durch ein Wort des Fürsten unterbrochen, der -den Geheimrat an seine Seite rief. Nun ritten die Drei hinter den -hopsenden Läufern an der Spitze des Zuges, zur Rechten Herr Anton -Cajetan, zur Linken der Gesandte, in der Mitte das ruhelos piepsende -Evasvögelchen. Die Laune der Allergnädigsten _en titre_ hatte bei -aller Munterkeit etwas Gereiztes und erinnerte an den Geschmack -einer versalzenen Suppe, den ein geschickter Koch durch exotische -Gewürze prickelnd zu meliorieren verstand. Der hüllende Nachtschleier -verleitete sie zu gewagten _jeux de mots_, die sie bei hellerem Lichte -auch in galantester Stunde vermieden hätte, und manchmal, wenn sie so -pfefferig aufkicherte, wandte sie flink das Gesicht nach der Richtung -hin, aus der das Wortgewirbel des Grafen Tige, ihres verschnupften -Verkündigungsengels, zu vernehmen war. - -Der junge Oberst, immer emporspähend zu dem grauwerdenden Gezack der -Berge, ritt einsam vor den beiden Jägern her, die auf dem Rücken die -vier aus den fürstpröpstlichen Waffenschränken für die preußischen -Herren ausgesuchten Jagdflinten trugen. Leupolt, wie verwachsen mit dem -Sattel, sah immer auf die Ohren seines Pferdes. Hiesel Schneck, der -unruhig hin und her wetzte, schob immer wieder den Zeigefinger zwischen -die Lippen, um ihn zu netzen und den Zug des Windes prüfen zu können. -»Heut bleibt 's Wetter nit sauber. Kreuzteufel und Hundsnoterei! Der -Wind fackelt umeinander, als tät er noch allweil nit wissen, ob er -evangelikanisch oder gutkatholisch ist. Verstehst? Kunnt sein, wir -kriegen heut ein Donnerwetter. Und was für eins!« - -»Sonn ist allweil!« sagte Leupolt leise. - -Während Hiesel grübelte, um den Sinn dieser drei Worte herauszukitzeln, -die wunderlich geklungen hatten, lenkte der einsame Reiter vor ihm sein -Pferd aus der Reihe. Gleich fragte der Hiesel dienstwillig: »Herr? Was -ist denn?« Er bekam keine Antwort. Der junge Oberst ließ den Kanzler -und die Kapitularen an sich vorüberreiten, lenkte sein Pferd neben den -steifbeinigen Hoppelgaul des Pfarrers hin und sprach den langen Reiter -französisch an: »Hochwürden? Wollen Sie für mich in dieser Nacht den -Dolmetsch Ihrer schönen Heimat machen?« - -»Gern, Herr Oberst!« Der Pfarrer lachte. »Ich besorge nur, daß mein -wackliges Französisch Ihre verwöhnten Ohren mißhandelt.« - -»Für die mangelhafte Form wird mich der Inhalt entschädigen. Den finde -ich bei Ihnen. Und Ihr Französisch, liebe Hochwürden, ist immer noch -besser, als mein erbärmliches Deutsch.« - -Sie ritten Seite an Seite, wurden beim Geplauder warm, heiter, fast -kameradschaftlich, und mit wachsendem Vergnügen beantwortete Pfarrer -Ludwig die vielen neugierigen Fragen des jungen Offiziers. Bei Anbruch -des grauen Morgens erreichte der Jagdzug die ersten Häuser der Ramsau, -und der Oberst verstummte. Er hatte die getröstete Trauer und die -neuerweckte Hoffnung, die unter diesen niederen Dächern wohnte, -vor zwei Tagen in der Sonne gesehen, und die Erinnerung machte ihn -nachdenklich. Plötzlich fragte er: »Was meinen Sie, Hochwürden, wie -werden die Exulanten sich auf dem neuen Boden eingewöhnen -- da -drunten?« - -»Schwer. Aber nur um der dickeren Luft willen und aus Sehnsucht nach -dem Bild der Berge. Alles andere, die neue Art der Arbeit, Knappheit -des Lebens, Umgang mit neuen Menschen, neue Pflicht und neuer Weg, das -alles wird ihnen leicht werden. Es ist ein fügsamer und verläßlicher -Menschenschlag. Und die Zweitausend, die wandern müssen --« die -Stimme des Pfarrers wurde leis, »das sind von den Unseren nicht die -Schlechtesten.« - -Ein rasches, zustimmendes Nicken. »Raten Sie mir, Hochwürden! Jeden -Ratschlag will ich mit eisernem Griffel in mein Gedächtnis graben. Wie -muß man sie nehmen? Wie muß man sie behandeln?« - -»Das ist mit einem einzigen Wort zu sagen: freundlich. Dann hat man -sie. Bei ihrem gesunden Seelenmagen vertragen sie alles. Immer sind sie -ohne Neid, auch gegenüber dem Besserwissen. Nur muß der Klügere ihnen -das vormachen, daß er, was er besser wissen will, auch besser *kann*. -Lacht einer über sie, weil er vermutet, daß sie die Dümmeren wären -- -oder hält sie einer für minderwertig, nur weil sie anders sind, der hat -sie verloren. Für immer.« - -Dem jungen Offizier fuhr es heiß in das aufmerksame Gesicht. »Waren Sie -viel auf Reisen, da drunten?« Er deutete mit flinker Handbewegung gegen -Norden. - -»Ich? Nein.« Der Pfarrer lächelte. »Regensburg war der Nordpol meines -Lebens. Über die Donau bin ich nie hinausgekommen.« - -»Was veranlaßte Sie, mir zu sagen, was Sie eben sagten?« - -Pfarrer Ludwig sah dem Oberst in die von der Nacht umschleierten Augen. -»Das war die Klage vieler Salzburger, die lieber wieder heimkehrten in -die Knechtschaft ihrer Seelen.« - -Sinnend schwieg der junge Oberst, mit einer Furche zwischen den Brauen. -Dann sprach er rasch und erregt ein Wort, dessen Zusammenhang mit dem -Gespräch der Pfarrer nicht ganz zu begreifen schien: »Ein Glück, daß es -in jedem verschweinten Jahrhundert doch überall und immer noch Menschen -gibt, die rein, verständig und redlich sind.« Wieder das nachdenkliche -Schweigen. Dann unter heiterem Lächeln das italienische Sprichwort: -»_Chi ha tempo, ha vita._« - -Das Latein des Pfarrers reichte aus, um das zu verstehen: wer lernt mit -der Zeit, wird leben. - -Da legte sich die schmale Hand des anderen auf das im Steigbügel weit -ausgebuckelte Knie des langen Pfarrers. »Sagen Sie mir alles, liebe -Hochwürden, was Ihre Sorge um die Exulierenden zu sagen für notwendig -hält.« Und während der Pfarrer sprach, mit aller Herzlichkeit seines -Glaubens an den Wert der Menschen, die seiner Heimat genommen wurden, -lauschte der junge Oberst so aufmerksam, daß er keinen Blick mehr -auf die wechselnden Bilder der Landschaft warf, das Tagwerden und -den ersten Glanz der Sonne nicht bemerkte, den klingenden Morgengruß -der Hörner nicht vernahm und kein Auge hatte für den aufleuchtenden -Farbenprunk des Jagdzuges. Erst als die Kavalkade auf einer kleinen -Rodung am Seeufer ins Stocken kam, blickte er auf wie ein Erwachender. -In der Windstille zwischen den dunklen Waldmauern kräuselte nicht die -leiseste Welle den Spiegel des blaugrünen Wassers. Der See als See war -kaum zu erkennen; man sah nur, daß die Schilfbeete nach aufwärts und -nach abwärts grünten; daß die Fichtenmauer mit zierlichen Wipfeln zur -Höhe strebte und gleichgültig, nur etwas blässer, in die Tiefe wuchs; -daß die von der Sonne rosig angeglühten Felsriesen mit den gleißenden -Schneefeldern hoch hinaufkletterten ins Blau und ebenso tief -hinuntersanken ins Bodenlose; und daß ein leuchtender Himmel da droben -war, ein leuchtender Himmel da drunten. Vor diesem zaubervollen Bilde -verjüngte und erhellte sich das ernste Gesicht des fremden Offiziers. -Mit einem fast mädchenhaften Lächeln sagte er vor sich hin: »Wie schön!« - -Stimmengewirbel, heiteres Lachen und ein flinkes _déjeuner à -cheval_. Weißgekleidete Köche und rotweinfarben kostümierte Küfer -mit Hirschlederschürzen sprangen im Heidekraut umher und hoben die -kunstvoll aus Holz geschnitzten Platten und die silbernen Becher zu -den Herren hinauf. Unter hilfreicher Mitwirkung der Natur hatte die -ganze Aufmachung des festlich prunkenden Bildes etwas Pompöses, etwas -wahrhaft Fürstliches. Der junge Oberst sah mit sonderbaren Augen den -Pfarrer Ludwig an: »Ist das Kloster zu Berchtesgaden so reich?« - -»Gewesen einmal! Was man heute verschluckt und verpulvert, wird man in -fünfzig oder sechzig Jahren bezahlen mit bayerischer Münze.« Das war -vom Pfarrer sehr ernst gesagt, fast traurig; dennoch lachte der junge -Oberst heiter und spöttisch auf: »_Tout le monde à la façon du roi de -Pologne, sauf le grand économe de Berlin!_« Das helle Knabenlachen -klang hinüber zu der Stelle, wo Aurore de Neuenstein neben dem -frühstückenden Fürsten huldreichen Cercle hielt; Herr von Grusdorf -drehte das morose Gesicht über die Schulter, und Danckelmann geriet -in Verlegenheit. Schon mehrmals hatte der Geheimrat zarte Versuche -gemacht, den jungen Oberst ins Gespräch mit dem allergnädigsten Paar -_en titre_ zu ziehen; aber so höflich Herr Anton Cajetan sich gegen -Danckelmann gab, so schwerhörig war er für diese diplomatischen -Vermittlungsversuche; und als der Geheimrat seine Bemühung erneuerte, -fand er Widerstand auf der anderen Seite -- der junge Oberst machte -eine nur Danckelmann verständliche Handbewegung und wandte sich -wieder seinem Gespräch mit dem Pfarrer zu. Die Fabel vom verkleideten -Schwegelpfeifer schien zu wirksamer Publizität gediehen zu sein. Es -begann auffällig zu werden, wie der Begleitoffizier des preußischen -Gesandten von allen Kapitularen geschnitten wurde. So auffällig war -es, daß es sogar für den Hiesel Schneck nicht unbemerkbar blieb. »Du!« -sagte er zu Leupolt Raurisser, der mit ihm zwischen den Gäulen am -Ufer stand. »Dein preißischer Helfer? Verstehst? Der muß nit gar viel -Reputation haben.« - -»So? Meinst du?« Leupolt fand an diesem Morgen das erste Lächeln. - -»Wohl! Um den kümmert sich keine Katz nit.« - -Leupolt hob von der Erde einen kleinen Kalksteinsplitter auf, hielt ihn -auf der Hand dem Schneck vor die verdrießliche Nase und fragte: »Was -ist das?« - -»So ein Steinl halt, so ein dreckets, wie's hunderttausend gibt.« - -Ein Kopfschütteln. »Das ist nichts anderes, Hiesel, als wie der große -Eisberg da droben, von dem's bloß einen einzigen gibt.« Leupolt ließ -von der ausgestreckten Hand den Kiesel in den See fallen. Gaukelnd -sank die flache Steinscheibe in die blaugrüne Himmelstiefe, schien -immer größer zu werden und war umspielt von regenbogenfarbenen -Ringen. Der Hiesel guckte mit runden Augen, verstand wieder etwas -nicht und brummelte nach einem vorsichtigen Höllementsköter: »Auf'm -Stand droben wird's aufkommen, was er für einer ist. Grad neugierig -bin ich auf die preißische Pulverei.« Mißtrauisch guckte er zu dem -kleinen mageren Soldätl hinüber, das lebhaft mit dem Pfarrer sprach -und eben in hurtigem Französisch sagte: »Auf irgend eine Weise muß es -doch kommen einmal. Der Hader um Gott und Kirchenmauer kann doch auf -deutschem Boden nicht ewig währen, kann doch alles Zusammengehörige -nicht immer von neuem entzweireißen! Sie, Hochwürden, als menschlich -fühlender Priester? Halten Sie denn das für völlig ausgeschlossen, daß -sich zwischen Katholizismus und Lutheranertum in absehbarer Zeit eine -friedliche Einigung in allen Glaubensdingen ergibt?« - -»Das kann und wird nicht kommen, Herr Oberst! Aber man darf als -Deutscher etwas anderes erhoffen: daß man in einer kommenden Stunde -der Not sich brüderlich Schulter an Schulter preßt. Und daß der -drohende Untergang uns allen, ob römisch oder evangelisch, das deutsche -Lebensgesetz hineinschreit in die Herzen: Liebe deinen Gott, achte den -Glauben des anderen und bleibe dir bewußt bei jedem Zornschrei und bei -jedem Lachen, daß du ein Deutscher bist. Kommt es so, dann ist alles -gut. Und *das* kann ich glauben.« - -In dem strengen Gesicht des jungen Offiziers, um dessen schmalen und -dennoch edel gezeichneten Mund ein leises Lächeln dämmerte, blitzten -die stahlblanken, herrlichen Augen. »Da müßte man die Stunde segnen, -die uns Deutschen von aller Not die schwerste über die bockbeinigen -Köpfe hagelt.« - -Ein klingender Hornruf. An den Waldmauern ein mehrfaches Echo. Geklirr -und Bewegung. Heiter, nur mit etwas geschraubten Tönen zwitschernd, -trabte die Allergnädigste zwischen Herrn Anton Cajetan und dem -Geheimrat auf einen weißbesandeten Waldweg zu. Ihr schwarzgetüpfeltes -Unschuldsgesicht war vom genossenen Wein und von der Anstrengung des -Rittes gerötet. Manchmal reckte sie sich ärgerlich im Sattel und atmete -dazu in einer Art, als wäre der Wunsch in ihr, etwas minder geschnürt -zu sein. Hinter den Dreien hielten sich dienstbereit die Domizellaren -von Stutzing und Kulmer, die zu weidmännischer Nachhilfe für Aurore de -Neuenstein und ihre zierliche Feuerbüchse auf den Fürstenstand befohlen -waren. Unter einem köstlichen Spiel von Lichtern und Schatten ging's -eine Viertelstunde empor durch den von grauen und weißen Felsklötzen -durchwürfelten Frühlingswald. Danckelmann fand gerechten Anlaß, das -jagdliche Arrangement mit Begeisterung zu loben. Von Stellnetzen -und hohen Tüchern war nichts zu sehen. Die Kammern und Ausläufe des -massenhaft zusammengefangenen und eingepferchten Wildes blieben -unsichtbar. Alles Künstliche war durch Tausende von eingepflöckten -Fichtenbäumchen und durch Moosballen so dick maskiert, daß man sich -immer in Gottes freier Natur zu befinden glaubte. Nur selten hörte -man irgendwo eine Jägerstimme, und manchmal klangen Pflockschläge -vom Hintersee herauf, wo jetzt, nach Abzug der Herrschaften vom -Frühstückplatz, die letzten Vorbereitungen für die weidmännische -Apotheose des Großen Jagens getroffen wurden: für den Seebogen und die -Wasserjagd. - -In der Nähe des Fürstenstandes, neben dem ein Hornquartett den -Herrengruß ins Grüne schmetterte und hinüberschmolz in die zärtliche -Dianenweise, stieg man aus dem Sattel. Aurore de Neuenstein brauchte, -um niederzukommen, vier galante Domizellarenhände. Dragoner, die -schon gewartet hatten, führten die Pferde davon. Vier Büchsenspanner -geleiteten Herrn Anton Cajetan zum Fürstenstand, der aussah wie -eine mit grünem Sammet tapezierte Kanzel. Als der Fürstpropst dem -Geheimrat schon »Weidmannsheil!« gewünscht hatte, zwitscherte Aurore -de Neuenstein französisch über die Schulter: »Meine beste, liebste -Exzellenz! Nicht wahr, Sie sagen gelegentlich Ihrem kleinen Pfeifer, -daß er ein großer Flegel ist. Adieu!« - -Bis zur Fürstenkanzel waren es in sanfter Steigung kaum hundert -Schritte; sie schienen der Allergnädigsten _en titre_ wachsende -Atembeschwerden zu verursachen. - - - - -Kapitel XXIX - - -Die Stände des Großen Jagens waren so weit voneinander entfernt, -daß kein Schütze seinen Nachbar gewahren oder durch unvorsichtige -Schießerei gefährden konnte. Man schien einsam für sich im Walde -zu sitzen. Dem jungen Oberst, als er mit dem Hiesel Schneck seinen -grünumflochtenen Stand erklettert hatte, schien das zu gefallen. Es -war ihm anzumerken an der Art, wie er, behaglich aufatmend, sich auf -die Bank niederließ, die Arme kreuzte, die schlanke Nase vorschob -und mit den flinken Blitzaugen fröhlich herumguckte in dem von -der Morgensonne durchwobenen Bergwald. Inzwischen lud der Hiesel -gewissenhaft die beiden Feuersteinflinten, schüttete Feinkraut ins -Pfänndl, legte die Waffen schußfertig über die Auflagstangen und -huschelte sich hinter seinen Jagdherrn. »So, jetzt bin ich neugierig, -was wir ausrichten miteinander.« Dem jungen Offizier, dem das Bild -des stillen Waldes genügte, schien jede Neugier auf den Verlauf des -Großen Jagens zu mangeln. Das war wieder gut für den Hiesel Schneck. -So lang er nicht gefragt wurde, konnte er schweigen wie der Tod. Nur -über die Lage der Stände durfte er Auskunft geben. Rechts, gegen die -Berghöhe, lagen die Stände des Herrn von Grusdorf, des Grafen Saur, des -preußischen Gesandten und zu oberst der Doppelstand des Herrn Anton -Cajetan und der Allergnädigsten; zur Linken, gegen den See hinunter, -die Stände der Stiftsherren und Domizellaren, der salzburgischen -Offiziere und der Stiftsbeamten, in strenger Rangabstufung. Über alle -übrigen Geheimnisse des Großen Jagens mußte Hiesel unverbrüchliches -Stillschweigen bewahren; es konnte für einen Gast den Reiz des Jagens -nicht erhöhen, wenn er im voraus wußte, was da kommen würde, und daß -je drei Füchse für den Fürsten, die Allergnädigste und den preußischen -Gesandten, je zwei Füchse für den Grafen Saur und den Kanzler, je ein -Fuchs für den Oberst von Berg und jeden Kapitelherrn, drei Füchse -für vier Domizellaren und je zwei Füchse für fünf salzburgische -Offiziere und für sieben Stiftsbeamte in den mehr oder minder -wahrscheinlichen Tod springen mußten. Nach ähnlicher Abstufung waren -auch die Wildschweine, das Kahlwild, die Gemsen und »Prunkhirsche« für -den Aussprung nach den verschiedenen Ständen eingekammert. Alles war -gerichtet aufs Schnürchen. Hätte die gleiche ordnungsgemäße Vorsehung, -wie die Fürsten sie bei ihren französisch frisierten Hofjagden zu -erzielen wußten, auch im heiligen Römischen Reiche geherrscht, welch -ein Segen wäre das für das deutsche Volk gewesen. - -Ganz konnte Hiesel Schneck nicht schweigen. Er deutete mit dem Finger -und tuschelte: »Da droben, da kommt bald was! Verstehst? Da droben, wo -der weiße Steinbrocken liegt.« Das hätte der junge Oberst auch ohne -den barmherzigen Fingerwink des Hiesel erraten können. Von dem weißen -Steinbrocken zog sich eine Bodenmulde gegen den Stand herunter, auf -beiden Seiten abgesperrt durch dichtstehende Fichtenbäumchen. Kam -da droben ein Wild, so hatte es einen Auslauf von 200 Schritten bis -zum Stand, mußte auf 30 Schritt am Schützen vorbei und konnte, wenn -sein Leben bis dahin erhalten blieb, in einem grünen Heckentrichter -verschwinden, um der »Seekammer« und einem unanzweifelbaren Schicksal -entgegenzuspringen. Vorerst war lautlose Stille im schönen, -frühlingsduftenden Bergwald, der wohlig unter dem Glanz der Sonne -träumte und keine Ahnung davon hatte, wie übel er mißbraucht wurde. -Darüber schien sich auch der junge Oberst keine Gedanken zu machen. Die -träumende Waldstille gefiel ihm, und seine Augen glänzten. - -Hoch droben wurde mit hallendem Hörnerklang das Jagen angeblasen, und -es dauerte nicht lang, so krachten bei der Fürstenkanzel zahlreiche, -flink aufeinanderfolgende Schüsse, man hörte das jauchzende -Piepsstimmchen der Allergnädigsten und dann die melancholische -Fuchstodweise des Hornquartetts. Bumm, bumm, bummbum, knatterte es -unter herrlichem Echo von den Ständen des Geheimrats, des Grafen Saur -und des Kanzlers herunter, und geheimnisvoll zischelte der Hiesel -Schneck: »Hö! Obacht! Es kommt was.« - -Lachend drehte der junge Oberst das Gesicht. »_Mon cher monsieur -Cheneque!_ Ick habe selber Oogen.« - -»*Was* hast?« fragte Hiesel verdutzt. Sein Jagdherr deutete mit beiden -Zeigefingern auf seine fröhlich glänzenden Augen. Jetzt verstand der -Hiesel. »Ah so!« Und des weiteren hielt er wütend das Maul, obwohl -der verhöllte Preiß, weil er keinen Griff nach der Flinte machte, -den heranschnürenden Fuchs nicht zu sehen schien. Der rote Bruder -Reineke erledigte seine Promenade in den voraussichtlichen Tod mit -ruhiger Gemütlichkeit, spähte und lauschte nach allen Seiten, ließ -die gestreckte Rute zittern, kam bis auf 40 Schritte heran, setzte -sich erstaunt auf die Hinterbacken und betrachtete den jungen -Oberst äußerst aufmerksam. Dieses persönliche Interesse schien ein -gegenseitiges zu sein und währte so lang, daß Hiesel Schneck in -Besorgnis durch die Zähne knirschte: »Himmelherrgottblutsakerment, so -schieß doch einmal!« - -»Neeee!« klang die melodische Frohstimme des jungen Nichtschützen. -»Det brave Fückschen soll Mäuse fangen, die dem Bauer am Hafer -knabbern.« So freundlich diese Stimme sich anhörte, so mißtrauisch -machte sie den Fuchs. Er sauste unter dem Geböller, das auf den -tieferen Nachbarständen losging, wie der Blitz davon und verschwand -in dem grünen Heckentrichter, der ihn einem minder barmherzigen -Vorgang entgegenlenkte. Hiesel Schneck schlug fassungslos die braunen -Tatzen über dem Haardach zusammen, vergaß seines evangelikanischen -Herrgotts und ließ aus empörter Jägerseele den gutkatholischen Seufzer -herausfahren: »O du Mar' und Josef und alle vierzehn Helfer in der -christlichen Not!« Bedrückt von einem sorgenvollen Zukunftsgedanken, -guckte er in das grüne Loch, in dem der Fuchs verschwunden war. Da kam --- eines jagdbaren Keilers hatte man den maskierten Schwegelpfeifer -nicht gewürdigt -- unter Horngeschmetter, hurtigem Flintenknall und -rollendem Echo eine schwere Bache mit zwei kleinen Überläufern durch -die Mulde heruntergesurrt, vernehmlich grunzend in ihrer ahnungsvollen -Angst um die beiden Borstenkinder. Der Hiesel Schneck, weil er mit -Recht vermutete, daß sich das gewitzte Wildschwein nicht neugierig vor -einen Preißen hinsetzen würde, konnte seinen Jägerseelensturm nicht -länger im Zaum halten. »Hö! Du! Verstehst? Dö Sau frißt keine Mäuslen -nit! Da wirst dich ein bißl tummeln müssen!« Er packte eine der beiden -Flinten, um sie seinem Jagdherrn hinzubieten. Der schob sie mit der -Hand zurück: »Uff so 'n jutes Muttchen losknallen? Neeee!« Wortlos -schüttelte Hiesel Schneck den Schädel mit dem zitternden Schnauzer, -schien sich in bedenklicher Nähe eines Gehirnschlages zu befinden und -klagte: »Da fehlt's weit!« - -Neues Horngeschmetter, eine gesteigerte Knallerei auf allen Ständen, -und durch die Mulde trollten in zerzaustem Winterkleid zwei junge -Hirsche herab, die ihre Geweihe schon abgeworfen hatten. Auch sie -passierten unbeschossen den Stand des jungen Offiziers. Das begriff -der Hiesel, und seine grimmige Laune schien sich zu bessern. Aber -gleich darauf ereignete sich etwas Schauderhaftes, etwas für den -Hiesel völlig Unfaßbares. Unter einem Fortissimo der Hörner, die -eine Steigerung aller Reize des Großen Jagens zu verkünden schienen, -sausten mit wundervollen Fluchten zwei Gemsböcke durch die Mulde -herunter, mit schön gebogenen Krucken über den weißgelben Backen, -noch im schwarzen, wenig geschädigten Winterkleid, bei ihrem dichten -Pelzwerke kugelrund erscheinend, die wachelnde Bartsäge über den Rücken -hin. Vom aufwärtsziehenden Sonnenwinde gewarnt, wollten sie seitwärts -aus der Mulde fahren, prallten gegen die elastische Fichtenhecke, -wurden zurückgeschleudert und überschlugen sich, rafften sich wieder -auf und hetzten nun mit schnellenden Weitsprüngen gerades Weges gegen -den Stand herunter. »Aber jetzt,« lachte der Hiesel Schneck, »gelt -ja, jetzt rührt sich der Preiß ein bißl!« Das stimmte. Der junge -Oberst war aufgesprungen, konnte sich an dem prachtvollen, ihn heiß -erregenden Bilde nicht sattschauen, wirbelte sein fast kindhaftes -Entzücken mit einem französischen Wortgeprassel aus sich heraus, und -als die beiden Gemsböcke drei Schritte vor ihm mit hohen Fluchten -über die grünverkleidete Kanzeltreppe setzten, applaudierte er so -leidenschaftlich, wie er's noch niemals in einer französischen Komödie -getan hatte, schlug den sprachlosen Hiesel Schneck begeistert auf die -Schulter und lachte: »Menschenskind! Det war jeradezu himmlisch!« - -»Da legst dich nieder!« murrte der Hiesel trostlos und wälzte in -verstörter Seele den Gedanken umher: wie das mit ihm werden würde, -wenn *alle* Preißen so schauderhafte Jäger sind? Da lief er, wenn -er exulierte, einem Leben entgegen, bei dem er sich Tag für Tag so -namenlos ärgern mußte, daß ihm schließlich vor Gift und Zorn die -weidmännische Galle verläßlich platzen würde. Etwas Verzweiflungsvolles -redete aus seinen Wasseraugen, als er zögernd fragte: »Herr? Sind im -luthrischen Sand da drunt die Jäger *alle* so wie Ös?« - -»Wie wer?« - -Im Hiesel begann es zu kochen. »Kreuzikruzi --« Der Himmelhund, der nur -ein bißchen aus dem Schneck herausgeblinzelt hatte, blieb ungeboren. -»Verstehst denn nit? Der Ös bist du! Und wissen muß ich, ob im -Preißischen *alle* Jäger so sind wie du?« - -Der junge Oberst lachte erheitert. »Neee! Da bin ick der Eenzichste. De -anderen seind alle die gleichen Schlächter un Pulverschweine als hier -zuland.« - -»So so? Jetzt weiß ich, wie ich dran bin.« Hiesel Schneck tat einen -Atemzug der Erleichterung; also gab's im Preißischen auch gute und -richtige Jäger; da brauchte sich der Hiesel doch nicht gerade mit *dem* -da einzulassen, der einer war, daß Gott erbarm'! Bei dieser schlauen -Rechnung erschien dem halbgesottenen Evangelikaner das Exulieren minder -schauderhaft als vor einer Minute. Und hurtig rührte sich wieder der -gewissenhafte Jäger in ihm. »Psssst! Obacht!« Der Klang der Hörner in -der Höhe wurde feierlich. Und droben bei dem weißen Stein erschien mit -ruhigem Schritt ein guter Kronenhirsch, fein abgezeichnet vom grünen -Hintergrund, mit vorgebuchteter Kehlzotte, über dem straff erhobenen -Haupt das prächtig verästelte Zwölfergeweih. Leis kicherte Hiesel: -»Gelt, Preißerl, da schaust!« Verwundert sah der junge Offizier den -langsam niedersteigenden Hirsch und wieder den Jäger an: »Werfen denn -hier de ollen Hirsche det Jeweih nich ab im Frühling?« - -»Jöises!« klagte der Hiesel. »Jetzt weiß der so was nit! Wann's halt -ein Gschnittener ist! Verstehst?« - -»Wat?« - -»Kreuzsakra! Den hat halt der Wildschneider im Herbst kastriert. Da -wirft einer 's Geweih nimmer ab. Söllene sind an die Dreißig im Jagen.« - -»Ach, det arme Luder!« Mit einer harten Furche zwischen den Brauen -griff der junge Oberst rasch nach der Flinte. Ein Ruck an die Wange. -Im Feuer überschlug sich der Hirsch, lag verendet zwischen den -Steinblöcken, und der Schütze, unmutig das Gewehr fortstellend, sagte -mit leiser Stimme: »_Délivré des bienfaits de la providence humaine!_« - -Jetzt applaudierte der Hiesel Schneck, ohne zu verstehen, daß dieser -barmherzige Erlösungsschuß für seinen Jagdherrn alles andere, nur -keine weidmännische Freude war. Was der Hiesel in seiner vergnügten -Anerkennung noch schwatzen wollte, ging unter in einem Heidenlärm, -der plötzlich den Wald zu erfüllen begann. Unter dem Geschmetter der -Hörner, die »Schluß des Jagens« bliesen, klangen die jauchzenden -Stimmen der Jäger und vieler zur Jagdfron befohlener Musketiere und -Dragoner durch den Wald herunter, näher und näher. Bei den Ständen -hallten die aufgeregten Hussarufe und Halalischreie, mit denen man -dem wundgeschossenen Wild den Fangstoß versetzte, überall scholl der -Hetz- oder Standlaut der Schweißhunde und Saupacker, manchmal auch das -Aufheulen eines Hundes, dem ein weidkranker Gemsbock das nadelscharfe -Krickel durch die Gedärme gerissen hatte; bald in der Höhe, bald -in der Tiefe sang ein Jagdhorn den »Sautod«, den »Hirschtod«, den -»Gemstod«, den »Fuchstod«; und dieser ganze, noch immer wachsende -Heidenspektakel wälzte sich von den Ständen gegen den See hinunter, um -sich völlig auszutoben in der höfischen, treu nach französischem Muster -zugeschnittenen Apotheose des Großen Jagens. - -Als der junge Oberst, schon angewidert von den roten Bildern, die -er gesehen hatte, mit dem aufgeregten Hiesel Schnack hinunterkam -ans Wasser, war das herrliche _spectaculum_ Dianä bereits in Gang. -Schützen, Jäger, Musketiere und Hundejungen mit den in den Halszwingen -heulenden Bracken standen rings um das Ufer her. Das schöne Spiegelbild -der Wasserfläche war zerwirbelt von rinnenden Wellenkreisen. Jubelnde -Hornfanfaren, hallendes Echo an den Felswänden. Und vom Südufer des -Sees, wo hinter einer dunklen Wipfelsäge das sonnglänzende Dach der -fürstpröpstlichen Försterei emporspitzte, glitt das mit falschen -Blumen, Bändergirlanden, Fähnlein und Wimpelchen grellfarbig -aufgeputzte Schiff der gesegneten Göttin rauschend gegen die Seemitte. -Auf einem geschnitzten Hirsch, der mit vergoldetem Riesengeweih als -Galion sich herausstreckte über den Schiffsschnabel, ritt -- nicht Herr -Anton Cajetan -- nur der fürstliche Wildmeister _à la place du maître -adoré_. Hinter ihm, in einer vergoldeten Muschel, stand die heftig -atmende, ein bißchen blaß gewordene Diana mit hellenischer Lanze und -einem funkelnden Halbmöndchen über dem gepuderten Lockenbau. Auf der -anschließenden, grüngeländerten Plattform hatten sich rings um den -Allergnädigsten Herrn die bevorzugten Jagdgäste höchster Rangordnung -und die hilfsbereiten Domizellaren versammelt, alle mit langen -Jagdspeeren bewaffnet. Und hinter der Plattform rauschte das Wasser -weiß um die zwanzig Ruderschaufeln, die von maskierten Schiffern, -von haarigen Faungestalten regiert wurden. Eine neue Fanfare, ein -Hussajubel und Brackengeläute rings um den schimmerigen See, ein -dröhnender Böllerschuß mit endlos rollendem Echo, und aus einer grünen -Triumphpforte -- wie ein schlammiger Wasserschwall sich im Bogen -hervorstürzt aus einer jäh geöffneten Schleuse -- schnellte sich eine -braune, schwarze, rötliche Zappelmasse vom Ufer in das aufspritzende -Wasser: das in der »Seekammer« angesammelte Wildgewühl, hinter dem die -Hetzhunde her waren. Von beiden Ufern klatschten die gelösten Bracken -heulend in die Wellen hinein, trieben den schwimmenden Wildknäuel gegen -den flitterfarbig heranrauschenden Dianentempel, und da stießen und -stachen vom goldenen Sitz der Göttin und von beiden Seiten der grünen -Plattform das hellenische Länzlein und die langen Speere auf und -nieder, daß es immer blitzte von den zuckenden Klingen. Das erstochene -Wild drehte die Bäuche nach oben, wobei das schöne blaugrüne Wasser -sich mit schmutzigem Rot zu färben begann. Und Jubelgeschrei und -Hörnerschall ohne Ende. Das gefiel nicht allen, die es sahen. Pfarrer -Ludwig, der in seinem verblichenen Jagdfrack an eine grün umwickelte -Hopfenstange erinnern konnte, war gar nicht zum Ufer gekommen. Und der -junge Oberst knirschte in Zorn und Ekel vor sich hin: »Fui Deibel!« Den -Hiesel Schneck seinen langgeschwänzten Himmelhunden überlassend, wandte -er sich vom Ufer ab und schritt immer tiefer in den Wald hinein. - -Eine Stunde später, als schon der Streckenruf, der Fürstengruß und die -Dianenweise geblasen waren, mußten viele Jäger durch den Wald springen -und den Namen des Obersten von Berg zwischen die Bäume schreien. Er -ließ sich von Leupolt finden, dessen Stimme er erkannte, deutete mit -der Gerte, die er im Wald gebrochen hatte, über das Ramsauer Tal und -gegen den Toten Mann hinauf, lächelte schmal und sagte: »Det war -schöner!« Die Freude über dieses Wort schoß dem Leupolt Raurisser -mit heißer Blutwelle in das ernste Gesicht, das zu mannhaft war, um -den Gram der vergangenen Tage merken zu lassen. Dann rief er, zum -Zeichen für die suchenden Jäger, ein klingendes Hojoh in den Wald. -Sie kamen gesprungen, mit ihnen auch der schauderhaft abgehetzte -Hiesel Schneck. Die Freude lachte ihm aus den Augen, als er seinen -Jagdherrn wieder hatte, der freilich ein Preiß war -- aber was für -ein Schütz! »Kreuzikruziundsikerafaxhöllementshündl, hat *der* dem -Hirsch dös preißische Kügerl auffizirkelt aufs richtige Fleckl! -Verstehst?« Das wurde -- wie für den verewigten Christl Haynacher -das Wunder der Armeseelenkammer -- für das Kindergehirn des Hiesel -Schneck eine ruhelos schnurrende, unsterbliche Geschichte. Während -ihr schweigsamer Held zwischen den heiterschwatzenden Grünröcken -der Försterei am See entgegenwanderte, klang das beginnende -Tafelkonzert der fürstpröpstlichen Hofkapelle durch den Wald wie -sommerliches Grillengezirp. Auch die Mittagsschwüle des heißgewordenen -Frühlingstages hatte was Sommerliches. Wechselnde Windzüge zerrten -die Wipfel hin und her, und kleine, kugelige Weißwolken schwammen in -auseinanderstrebenden Reihen über die wildzerrissenen Schneegrate der -Mühlsturzhörner empor. - -Daß die Sonne sich ein bißchen verschleierte, das war ein Glück für -die Strecke, die auf einer Wiese der Försterei in langen Linien -ausgerichtet lag, bewacht von den schweißleckenden Bracken. Den -reichsten Weidmannssegen schien die huldreiche Göttin dieses Tages -sich selbst beschert zu haben; fast ein Viertel des erlegten Wildes -war gekennzeichnet durch die kirschroten Seidenmaschen der heute -noch allergnädigsten Aurore de Neuenstein. Und gerade um diese -rotgezierten, wie mit Mohnsträußen geschmückten Wildstücke sumste -die größte Fliegenmenge. Die kleinen zarten Dianenhände hatten, bis -die Lanze ins Leben ging, sehr häufig zustechen müssen. Diese vielen -allergnädigsten Wunden besaßen für das Fliegengesums einen anziehenden -Reiz. Schweißgeruch und säuerliche Düfte umwitterten das Leichenfeld -französischer Jagdfreude und wehten bei jedem Umschlag des Windes -hinüber bis zur offnen Mahlstätte, von der die Tafelmusik und der -fröhliche Becherlärm der grünen Herren hinausklang in die Waldstille. -An die Försterei war ein großer Holzsöller angebaut, ganz eingewickelt -in Fichtengrün, die Zwischenräume der das Dach tragenden Balken -durchschlungen von Girlanden aus den ersten Blumen des Frühlings. Durch -die Lücken leuchtete das Farbengepräng der Mahlgesellschaft heraus, -und überall sah man weiße Köche, gelbe Schüsselträger, blaue Läufer -und weinrotfarbene Küfer springen. Unter dem bewimpelten Torbogen, -zu dem vier breite Stufen hinaufstiegen, erschien der Geheimrat in -sorgenvoller Erregung, sah den winkenden Hiesel Schneck und rief mit -dem Lachen eines Erlösten: »Endlich? Kommt er?« Ungeduldig schritt -er dem Erwarteten entgegen und überbrachte ihm die Kunde eines -diplomatischen Sieges. Man hatte den Oberst von Berg ganz unten an -der Tafel bei dem alten Pfarrer und den jungen Domizellaren placiert. -Danckelmann hatte sich ins Mittel gelegt, und nun erwartete den -Verspäteten der Platz an der Herzseite der Allergnädigsten. - -»Meinen schuldigen Dank, lieber Geheimrat, aber ich setze mich zum -Pfarrer. Der hat mehr Charme in seinen haarigen Warzen, als das Mensch -an allen rosigen Nuditäten. Die Sorte hab ich satt.« Danckelmann -war ratlos. Eine Änderung erschien ihm völlig unmöglich. »Alles ist -möglich. Man muß nur wollen!« Und der junge Oberst, höflich nach allen -Seiten komplimentierend, ging in der Mahlhalle gerades Weges zum -unteren Ende der Tafel und auf den Pfarrer zu, legte dem Grafen Tige -die Hand auf die Schulter und sagte liebenswürdig: »Verzeihen Sie, -Graf! Jedem das Seine. Ihr Platz, vermute ich, ist dort oben.« Der -Domizellar erhob sich verdutzt, errötete mit zartem Farbenspiel und -hatte noch keine Antwort gefunden, als der junge Oberst schon behaglich -auf dem eroberten Sessel saß. Nach dem leeren Platz an der Herzseite -der Allergnädigsten schien Graf Tige keine Sehnsucht zu empfinden, war -wütend und ließ für sich, um in Gefechtsnähe zu bleiben, dem jungen -Oberst gegenüber einen Sessel zwischen die Barone von Stutzing und -Kulmer schieben. Dabei hörte man von der allergnädigsten _tête_ der -Tafel ein so auffällig Dianenlachen, daß die Annahme, der Geheimrat -hätte eine witzige Ausrede gefunden, nicht unberechtigt war. - -»Hochwürden!« sagte der junge Oberst unter dem Gezirp der Tafelmusik -zum Pfarrer. »Im Walde hab ich nachgedacht über alles, was wir sprachen -auf dem Wege durch die Ramsau. Sie haben recht mit Ihrer Forderung nach -verständnisvoller Freundlichkeit. Aber Schuld ist auf beiden Seiten. -Mir ist da -- Dichter sind immer Propheten und Erzieher -- eine alte -deutsche Fabel eingefallen. Die muß ich Ihnen erzählen. Vielleicht auf -dem Heimweg.« - -Pfarrer Ludwig kam zu keiner Antwort, weil Graf Tige in gereizter -Fehdelust über den Tisch herüber fragte: »Verzeihen Sie meine Neugier, -Herr Oberst! Ihr Name, von Berg? Das ist wohl preußischer Beamtenadel?« - -»Jawohl, lieber Graf!« Ein graziöses Kompliment begleitete diese Worte. -»Die Männer meines Hauses haben von jeher ihren Stolz dareingesetzt, -die treuesten Diener des Staates zu sein.« - -»Gedenken auch Sie diesen Stolz in sich zu erziehen?« - -Mit einem fast komisch wirkenden Ernst antwortete der junge Offizier: -»Seit einiger Zeit beginne ich das zu lernen.« - -»Bei Ihrer Jugend kann diese Übung noch nicht lange gedauert haben.« -Graf Tige lachte. »In Preußen scheint Mangel an gereiften Männern zu -herrschen, weil man die Zwanzigjährigen zu Obristen macht. In welcher -Bataille haben Sie sich diesen Lohn erworben?« - -Ein hartes Lächeln, hinter dem es kaum merklich wetterleuchtete. »In -einem Kampf, bei dem es um Kopf und Kragen ging.« - -Graf Tige guckte mit verwunderten Augen. »War denn Preußen zu Ihren -Lebzeiten in einen Krieg verwickelt? Allerdings, die preußische -Sandbüchse liegt so entfernt von uns, daß man es nicht immer gewahren -kann, wenn sich der Sand da unten ein bißchen bewegt.« - -Pfarrer Ludwig bekam einen roten Kopf. »Denken Sie nicht übel von uns, -Herr Oberst! Auch hierzulande gibt es wohlerzogene Leute.« - -Das schien der junge Offizier nicht zu hören. Sein Gesicht war bleich. -Nur auf den Backenknochen, die man plötzlich schärfer sah als zuvor, -glühten zwei kleine rote Flecken. Seine Augen, die unbeweglich auf den -Grafen gerichtet waren, hatten etwas Verschleiertes. Nun verschwand die -Blässe, das Blut stieg ihm ins Gesicht, schwellte die Schläfenadern, -und unter der schönen Stirne brannte der Feuerblick einer stolzen und -furchtlosen Seele. So nickte er dem Pfarrer lächelnd zu und sprach -dann mit heiterklingender Stimme über den Tisch hinüber: »Der Sand -da unten gedenkt noch Wellen zu schlagen, die man spüren wird in der -ganzen Welt. Ich glaube, der König dieser kleinen Sandbüchse wird unter -den Großen der Erde noch eine stattliche Figur abgeben. Möglich, daß -ich das nicht erlebe. Ich habe nicht den Wunsch, sehr alt zu werden. -Aber manchmal wünsche ich, in hundert oder zweihundert Jahren wieder -für einen Tag auf die Welt zu kommen, nur um zu sehen, was aus Preußen -geworden ist. Ich hoffe: viel!« Nun fand er ein Lächeln, auch für den -Grafen Tige. »Setzen Sie gütigst diesen Glauben auf Rechnung meiner -verzeihlichen Liebe zu dem Lande, das mich gebar. Im übrigen weiß ich -sehr wohl, daß ich mich als Gast an dieser Tafel jeder bescheidenen -Höflichkeit gegen den liebenswürdigsten meiner Wirte zu befleißigen -habe.« - -Das Gespräch wurde durch eine lärmvolle Sensation unterbrochen. Sie -war verursacht durch eine zwiefache Neuigkeit der Speisenordnung: auf -großen, braunglänzenden Prunkschüsseln aus sächsischem Porzellan wurden -nach Krapfenart gebackene Kartoffeln aufgetragen, zwei Dinge, die man -zu Berchtesgaden bislange noch nie gesehen hatte. Das gab Veranlassung, -daß viele Becher sich erhoben, um Seiner Liebden für diese Überraschung -die verdiente Reverenz zu erweisen. Trunk und Zutrunk über die Tafel -hin und her. Man lupfte die Kannen, wie die Bürstenbinder schlucken, -und völlerte, wie es Mode und Gewohnheit war. Dazu, immer lärmvoller, -das französische Lautgewirbel, gut und schlecht, manchmal durchwürfelt -mit einigen deutschen Worten, die sich ausnahmen wie feste Steine in -glitzerndem Wassergeriesel. Bei diesem Spektakel fanden der junge -Oberst und Pfarrer Ludwig sich im Gespräch zusammen. Nach ihren Augen -und Gesichtern zu schließen, redeten sie von ernsten Dingen. Immer -lauschte Graf Tige hinüber, in der Erwartung, die erlittene Abfuhr -wettzumachen und ein Häkchen zu finden, an das eine Bosheit anzuspießen -war. Als er das Wort Exulanten hörte, fragte er lachend: »Werden denn -auch die Dritthalbtausend, um die Sie uns erleichtern, Platz finden in -dem kleinen Berlin?« - -»Nicht gut. Aber man wird brüderlich zusammenrücken.« Der junge Oberst -wandte sich wieder an den Pfarrer: »Ich bin Ihrer Meinung, liebste -Hochwürden! Ein Volk, das fähig ist eines starken und tiefen Glaubens, -ist immer ein Volk, das aufwärts steigt. Brave Kerle, die aus ehrlichem -Herzen glauben, sind die Streiter, mit denen man siegt. Solche Leute -haben wir in Deutschland. Auf Ihrer und auf unserer Seite. Das ist eine -Verheißung. Drum ist es Fürstentorheit, an den Religionen wie an einem -kranken Gaul herumkurieren zu wollen. Man darf ihnen die Gesundung -nicht erschweren, die sie suchen aus Natur und eigenem Antrieb. Dann -gibt sich alles von selbst. Daß die Hölle mit ihren gewichtlosen -Flammen im Inneren der Erde steckt? Das wird man nicht mehr glauben -können, wenn gelehrte Männer wie Newton beweisen lernten, daß die Erde -in ihrem Inneren schwerer an Gewicht ist, als an der Oberfläche. Alle -Jerichotrompeten überleben sich.« - -Graf Tige schmunzelte. »Sie? Als bibelfester Protestant? Sie -bezweifeln, daß die Sonne von Jericho stillgestanden? Ich glaube das.« - -Ruhig, doch mit leisem Spottzucken, antwortete der junge Oberst. »Da -glauben Sie etwas Unbestreitbares, lieber Graf! Kopernikus und Keppler -haben doch bewiesen, daß die Sonne *immer* stillsteht. Da dürfte sie -vor Jericho kaum eine Ausnahme gemacht haben.« - -Heiteres Gelächter erhob sich rings um die beiden. Und Graf Tige -unternahm geärgert einen neuen Ausfall. »Das Gewicht des Erdkernes -wäre noch immer kein Beweis gegen die Hölle. Verfluchte, mit Sünden -belastete Seelen müssen doch schwerer sein, als die verklärten Geister -in der Höhe. Oder schätzen Sie das Gewicht einer verdammten Seele -leichter ein?« - -»Es gibt solche, die im Tausend noch keinen Gänsekiel aufwiegen.« - -»Oh? Was für Seelen können Sie meinen?« - -»Die Seelen aller verdammten Fürsten, die auf Erden miserabel regierten -und ihre Völker ins Unglück brachten. Gewissenlose Herrscher sind von -allen pflichtwidrigen Menschen die verfluchenswertesten. Sie haben -nur die eine Entschuldigung, daß sie ihren Beruf nicht von anderen -lernen konnten, wie ein Schusterjunge von seinem Meister, sondern ihn -erziehen mußten in sich selbst. Der Fürstenpädagog _à la mode_, dieser -Macchiavel, dieser dümmste und schädlichste von allen Schulbonzen der -Erde, erzieht den Herrscher, der seines Volkes erster und treuster -Diener sein soll, nur zum Hauptschwein seiner eichelfressenden Herde. -Auch das Salböl macht die Könige nicht. Sie machen sich selbst zu -Fürsten oder bleiben Schelme, bleiben die übelsten Ursächer des -Aufruhrs. Tiefer, als alle anderen Fürsten der Welt, müssen das die -deutschen Fürsten sich ins Gewissen schreiben. Bei anderen Völkern -führt aller Aufruhr, den fürstliche Mißwirtschaft erzeugte, über die -Verelendung der Nation wieder zurück zum Despotismus. Bei den Deutschen -wäre Aufruhr der Weg zu ewigem Untergang. Ich kann mir jedes romanische -Volk als Oligarchie oder Republik denken. Nicht das deutsche. Für -uns Deutsche ist echte Monarchie und gewissenhaftes Königtum so -unentbehrlich, wie der Atem für die menschliche Lunge. Wehe jedem -deutschen Fürsten und Bürger, der diese Wahrheit nicht voll erkennt und -nur der geringsten seiner Pflichten sich entschlägt.« - -Inmitten des heiteren Tafeltrubels blieb nach diesen Worten um den -jungen Oberst her ein schweigsames Inselchen. Ein salzburgischer -Hauptmann flüsterte seinem Nachbar zu: »Dieser junge Mensch ist vorlaut -und unerquicklich, aber -- er fesselt mich wider Willen.« Und der -andere sagte: »Ein wunderlicher Patron! Der Kleinste an der Tafel, nur -ein Suppenlöffel voll Mannsbild. Aber seine Augen funkeln, als möchte -er einem Riesen die Nase aus dem Gesicht reißen.« - -Bevor Graf Tige sich von seiner Verblüffung erholen und einen neuen -Lanzenstoß seines Geistes versuchen konnte, umklammerte Pfarrer Ludwig -die Hand des jungen Offiziers: »Herr Oberst, ich möchte wünschen, Sie -wären ein deutscher Fürstensohn.« Dieses Wort verwandelte sich für den -Grafen Tige zu einem Futterkörnchen seines Witzes: »Äußere Anflüge sind -vorhanden! Oder sollten Sie nicht wissen, Herr Oberst, daß Sie einige -Ähnlichkeit mit den Bildern besitzen, die von Ihrem berühmt gewordenen -Kronprinzen Friedrich in Umlauf sind?« - -»Wahrhaftig?« In dem strengen, von versunkenen Schmerzen erzählenden -Jünglingsgesicht erschien ein seltsames Lächeln. »Sie sind der erste, -der mir eine so überraschende Mitteilung macht.« - -Dieser unerschütterlichen Ruhe gegenüber wurde Graf Tige ungezogen in -Blick und Ton. »Der einzige sind Sie wohl nicht, der in Preußen unter -Mißachtung des königlichen Soldatenzopfes diese freigeistige Haarmasche -nach hohem Muster trägt. Wenn Fürsten oder Fürstensöhne um guter oder -übler Eigenschaften willen berühmt oder berüchtigt werden, findet sich -mancher, der sich frisiert nach ihrer Silhouette.« - -Pfarrer Ludwig erschrak, doch der junge Offizier behielt das -unveränderliche Lächeln und sagte mit dem gewinnendsten Klang seiner -Stimme: »Da haben Sie eine überaus treffende Bemerkung gemacht, mein -lieber Graf! Nachahmung ist die billigste und erbärmlichste Kunst -aller Menschen. Wenn sie ihre Blähungen blasen hören, glauben sie den -Donner zu kopieren und wähnen Jupiter zu sein. In solchen Künsten -sündigen gerade wir Deutschen am verwerflichsten. Wollen wir nicht -völlig zu Affen werden, so muß ein Erlöser kommen, der uns wieder zu -selbstbewußten Menschen macht. Verzeihen Sie also bei der Allgemeinheit -dieses deutschen Lasters auch mir eine kleine Sünde der Eitelkeit! -Man ist leider, wie man ist. Gott scheint kein Töpfer zu sein. Eines -ehrlichen Töpfers Bestreben ist es, nur runde und gute Töpfe zu drehen. -Gott dreht nicht nur so vortreffliche Menschen, wie Sie einer sind, -mein liebster Graf! Er dreht auch Menschen von so verzweifelt buckliger -Art, wie ich einer bin. Aber ich will nicht unverbesserlich sein und -verspreche Ihnen, meine Frisur so entschieden zu ändern, daß fernerhin -an mir keine Spur von Perückenähnlichkeit mit einem Menschen zu finden -sein wird, den ich um seiner üblen Vergangenheit willen heute noch -häßlicher sehe, als ihn der eigene Vater sehen mußte.« - -Während Pfarrer Ludwig sich schweigend auf dem Sessel zurückbeugte und -den jungen Oberst mit großen, forschenden Augen betrachtete, warf der -salzburgische Hauptmann mißbilligend ein: »So sollte ein Offizier nicht -sprechen von seinem zukünftigen König. Der Gott aller soldatischen -Religion heißt Loyalität und muß nach obenhin so blind sein, wie die -Justitia.« - -»Verzeihen Sie, Herr Kamerad, die Religion des preußischen Offiziers -muß eine andere sein. Sie muß hellsehende Augen haben nach oben und -nach unten. Ihr einziges Dogma muß lauten: die Arbeit zu tun, die von -einem klugen Führer befohlen ist, seine Pflicht höher einzuschätzen, -als sein Glück, sich selbst zu verleugnen und sein ganzes Leben den -Zukunftszwecken des Staates, dem Wohl seines Volkes zu unterwerfen und -nur den einzigen Ehrgeiz zu besitzen, ein guter Preuße zu sein und ein -deutsches Herz zu haben.« - -Der salzburgische Hauptmann schüttelte den Kopf und lachte: »Herr -Oberst, Sie predigen die soldatische Sklaverei.« - -»Im Gegenteil, Herr Kamerad! Der freieste Mensch ist nicht jener, der -immer tun kann, was ihm persönlich zusagt. Der ist der freieste, der -die notwendigen Gesetze am redlichsten achtet, seiner vaterländischen -Pflicht am willigsten genügt und kein Stäubchen von Vorwurf oder Reue -auf seiner Seele fühlt. Und das freieste von allen Völkern ist jenes, -das die meisten Soldaten solcher Art besitzt. Da sollen die Feinde -kommen. Man haut sie auf die Köpfe.« - -»Oh, wie gewalttätig!« warf der sanftblickende Domizellar von Stutzing -ein. »Sie scheinen gering von dem zu denken, was man hier auf Erden -als Frieden bezeichnet?« - -»Nein! Friede ist das schönste von den Dingen der Welt. Nur nicht -möglich unter allen Umständen. Die Friedfertigen um jeden Preis -zerstören wohl keine fremden Häuser, aber sie bauen auch das eigene -nicht auf.« In der Erregung, mit der der junge Oberst sprach, wurden -seine Gesichtsmuskeln von nervösen Reizungen befallen, die aussahen wie -Grimassen. »Es gibt gewiß viel bessere Dinge auf der Welt, als Soldat -sein müssen. Aber so lange die Menschen bleiben, wie sie sind -- und -sie werden *immer* so bleiben -- so lange ist jenes Volk auf Erden am -sichersten, das die schlagfertigste und gewissenhafteste Armee erzieht. -Eine solche Armee ist nicht nur höchste Geborgenheit des Staates, nicht -nur eine militärische, auch eine moralische Macht, eine Schule der -Selbsterziehung des Volkes.« - -»Und Sie meinen,« spottete Graf Tige, »eine Armee von solch fabulöser -Beschaffenheit wäre die preußische?« - -»Ja.« - -»Was hat sie denn schon geleistet? Für uns in der Ferne erscheint sie -nur als ein Gamaschenklotz ohne Zweck.« - -»Dieser Klotz wird sich bewegen.« - -»Wann?« - -»Sobald das Wort gesprochen wird, das ihn belebt. Sie, lieber Graf, -als angehender Priester der katholischen Kirche werden vermutlich ohne -Kinder bleiben.« Die brennende Verlegenheitsröte übersehend, die dem -Neuensteinischen Verkündigungsengel in die Wangen fuhr, sprach der -junge Oberst mit jagenden Worten weiter: »Aber Brüder oder Schwestern -haben Sie wohl? Deren Kinder und Kindeskinder werden mitzehren an -den deutschen Früchten jenes beweglich gewordenen Gamaschenklotzes. -Deutscher Boden droht die Schüssel für alle fressenden Hunde der -Nachbarschaft zu werden. Die vergönnen uns die eigene Mahlzeit nur, -wenn wir die Faust haben, den nach unseren Knochen Lüsternen die -Zähne einzuschlagen. Sieger wird keiner, der nicht alles gibt, was in -ihm ist. Diese Opferfreudigkeit wollen wir in unseren Offizieren und -Soldaten, in unserem ganzen Volk erziehen. Dann wird dafür gesorgt -sein, daß uns die Welt nicht unterkriegt. Das gelänge ihr nur, wenn -man ihresgleichen wäre. Wir haben die Pflicht und Absicht, uns -wesentlich zu unterscheiden von ihr. Dann wird die Zeit kommen, in der -das kleine Preußen zu wachsen gedenkt. Und was ein Segen für Preußen -ist, wird zum Heil werden für alle Deutschen. Der Aufstieg und die -politische Neugeburt des deutschen Volkes wird uns nicht durch den -strohdreschenden Reichstag und nicht durch die schimmelig und hohl -gewordene römische Kaiserpuppe beschert werden, sondern durch das -junge, erstarkende Preußen der Zukunft.« - -Diesen Worten folgte an der Tafel ein etwas unfrohes, fast höhnisches -Gelächter. Nur Pfarrer Ludwig blieb ernst und grollte in Zorn: »Wie -kann man da lachen? Wenn jeder Deutsche so denken würde, müßte man -nicht in Durst, in Zweifel und Sehnsucht auf den Augenblick harren, -der den Kaiser im Untersberg von seiner finsteren Schlafsucht kurieren -wird.« - -Graf Tige sagte mit spottender Heiterkeit: »Wie reizend, Hochwürden! -Ihre siebzig Jahre befinden sich in kindlicher Märchenlaune!« - -Da beugte sich der junge Oberst, die zitternden Hände um den -Champagnerbecher geklammert, über die Tafel hinüber. In dem -vorgestreckten Spitzgesichte flammten die Augen, während er mit -leiser und dennoch scharfklingender Stimme sprach: »Die Kindermärchen -der Völker sind ihre schönsten und tiefsten Sehnsuchtsschreie. -Solche Sehnsucht braucht nur beharrlich zu sein, um die Erfüllung zu -erzwingen.« - -»Herr Oberst!« Die Stimme des hübschen Domizellaren erinnerte ein -bißchen an das parisische Gezwitscher der Allergnädigsten. »Das stimmt -nicht für Märchen. Die erfüllen sich nie. Noch weniger stimmt es für -politische Phantastereien. Ihr heimatliche Selbstbewußtsein in allen -Ehren! Ich mache Ihnen hierüber sogar mein Kompliment. Es frägt sich -nur, ob das deutsche Volk und die deutschen Fürsten auch gewillt wären, -sich von Preußen an den Roßschwanz nehmen zu lassen?« - -Das Gesicht des jungen Offiziers, in dem alle Erregung plötzlich -erloschen schien, war verwandelt zu ruhigem Lächeln. So wandte er sich -dem Pfarrer zu und sagte: »Man muß die Deutschen selig machen *gegen* -ihren Willen. Oder sie werden es nicht.« - - - - -Kapitel XXX - - -An der fürstpröpstlichen Jagdtafel ereignete sich abermals eine -kulinarische Überraschung: man servierte neben dem Champagner zum -erstenmale heißen, schwarzen Kaffee, von dem die Sage verbreitet war, -daß er den Appetit zu reizen vermöchte, den Durst erneuere und gegen -den Katzenjammer ein vorbeugendes Remedium wäre. Auch noch aus einem -anderen Grunde war die dampfende Köstlichkeit, die überaus angenehm -duftete, an der Tafel willkommen. Wer nicht zureichende Weinhitze in -sich hatte und der natürlichen Blutwärme entbehrte, fröstelte schon -ein bißchen. Bei sinkendem Nachmittag verkühlten die Frühlingslüfte. -Das böse Wetter, das der windkundige Hiesel Schneck vorausgeahnt -hatte, begann sein Herannahen bemerkbar zu machen. Immer häufiger -erloschen die Sonnenlichter zwischen den von Windstößen geschaukelten -Girlandenbogen. - -Graukühler Schatten überschleierte die farbenbunte Tafel, als Graf -Saur sich erhob, eine schmetternde Fanfare blasen ließ und die -witzigen Verse seines Dianentoastes zu sprechen begann. Eine galant -durchprickelte Stimmung herrschte an der lauschenden Tafel. Nur die -gefeierte Göttin selbst schien jedem munteren Lächeln entrückt zu sein -und sollte -- _entre la coupe et les lèvres_ -- den jauchzenden Zuruf -»_Vive la reine divine de la chasse!_« nicht mehr erwarten können. -Sei es, daß Aurore de Neuenstein sich durch die jähe Dämpfung der -Frühlingstemperatur in nachteiligem Grade angeschauert fühlte, oder -sei es, daß die Ermüdung nach dem emsigen Lanzenschwingen, der allzu -reichlich genossene Champagner oder andere Umstände mit im Spiele -waren -- sie wurde während des geistreichen Reimgeklingels plötzlich -zwischen den schwarzen Schönheitspflästerchen so blaß, daß ihr -schmales Unschuldsgesicht beinah einer preußischen Miniaturstandarte -zu vergleichen war. Gewaltsam die _contenance_ bewahrend, schloß sie -die Augen und überlegte flink alle hilfreichen Möglichkeiten einer -Ohnmacht. Es war für diesen klugen Gedanken bereits zu spät. Inmitten -einer Lachsalve, die ein entzückender Dianenscherz des Grafen Saur -entfesselte, mußte sie sich hastig erheben, um in fluchtartiger -Eile den Tisch und die Mahlhalle zu verlassen. Auch das gelang -nicht mehr. Weil die Natur schneller arbeitete als alle französisch -geschulte Geistesgegenwart, kam die unpaß gewordene Göttin nur bis zur -Söllerbrüstung und fand hier zwingende Veranlassung, sich rasch über -den grüngirlandierten Balkenbord hinauszubeugen. Ein solcher Vorgang -war bei zeitgenössischen Trinkgelagen keine ungewöhnliche Erscheinung. -Dennoch verlor Graf Saur den Faden seiner witzigen Reime, und eine -unbehagliche Verblüffung rieselte über die ganze Tafelrunde hin, von -Herrn Anton Cajetan bis hinunter zum Grafen Tige. - -Kanzler von Grusdorf, der sich gleichfalls entfärbte, als wäre er -von der Indisposition seiner Nichte schon infiziert, versuchte der -Leidenden durch die naheliegende Vermutung zu Hilfe zu kommen: »Ach, -Barmherziger, augenscheinlich hat sie die heftig bewegte Schaukelfahrt -auf dem Dianenschiffe nicht gut vertragen!« Niemand lachte, alle -Herren schienen teilnahmsvoll und besorgt zu sein. Dennoch wuchs das -Bedrückende der Tafelstimmung. Und in der halben Stille, die für einen -Augenblick entstanden war, sagte der junge Oberst mit der Ruhe eines -großen Gelehrten, dem die Entdeckung einer unanzweifelbaren Wahrheit -gelang: »Das? Eine Artemis? Nein. Das ist eine Göttin der guten -Hoffnung.« - -Dieser Moment bewies, wie wohlerzogen alle diese adligen Herren waren -und wie sehr sie sich nach reichlich verschlucktem Wein zu beherrschen -wußten. Keiner von ihnen wollte das klärende Wort des jungen Offiziers -verstanden haben, wie vernehmlich es auch gesprochen war. Immerhin -hatte die Macht der Wahrheit für einigen menschlichen Farbenwechsel -gesorgt, der sich konträr vollzog: Herr Anton Cajetan war bleich -geworden, Graf Tige dagegen dunkelrot. Es hätte, dank aller höfischen -Galanterie, die Situation vielleicht noch gerettet werden können, wenn -nicht Aurore de Neuenstein selbst, unterstützt durch das Bewußtsein -einer leidlich gesicherten Zukunft, sie verloren gegeben hätte. Im -Zustande merklicher Erholung betätigte sie mit flinker Grazie ihr -Brabanter Spitzentüchelchen, trat tapfer auf die Tafel zu, griff -nach dem Champagnerbecher ihres sprachlosen, in einen Kreidestein -verwandelten Onkels, leerte den Kelch bis auf den letzten Tropfen, -stellte den Becher mit hörbarem Klaps wieder hin und zwitscherte in -ihrem zierlichen Französisch: »Weshalb so erstaunt, meine Herren? -So etwas Ähnliches hat sich seit Mutter Evas Zeiten schon mehrmals -ereignet. Ich bin nicht die erste.« - -Da war es mit aller hoheitsvollen Selbstbeherrschung des Herrn Anton -Cajetan, der sich fern jeder Schuld zu fühlen vermochte, jäh und -gründlich vorbei. Sich erhebend, sagte er kalt, doch immer noch mit -Würde: »Madame! Um die Grenzen unseres Landes zu verlassen, sind Ihnen -vierundzwanzig Stunden Zeit gegeben.« - -Während Herr von Grusdorf eine Knickbewegung tiefster Erschütterung -machte, wurde Aurore de Neuenstein überaus heiter. »Vierundzwanzig -Stunden? Ach, wie gnädig!« Das waren die letzten französischen -Laute, die man am fürstpröpstlichen Hofe von ihr vernahm. Trotz -aller Peinlichkeit des Augenblickes erwachte in Aurore de Neuenstein -der schwäbische Mutterwitz. Mit den Fingerspitzen das geschürzte -Reitkleid auseinanderspreitend, machte sie vor Herrn Anton Cajetan -einen tadellosen Hofknicks und sagte lustig in ihrem niedlichen -Dillinger Idiom: »So groß, wie Dei' Ländl isch, bring i dees Hüpfle -über de Grenzbaum fertig in em halbe Stündle.« Lustig lachend, -sichtlich erfreut über den sieghaften Abgang, den sie gefunden, -schwebte die vermenschlichte Göttin des Großen Jagens der bewimpelten -Söllerpforte entgegen. Huldreich winkte sie mit dem hübschen Händchen -nach allen Richtungen der Tafelrunde, ohne den sorgenvollen Grafen -Tige einer besonderen _célébration des adieux_ zu würdigen, und -nickte noch freundlich und versöhnt dem jungen Oberst zu, der nun -sichtliches Wohlgefallen an ihr zu finden begann und fast so begeistert -applaudierte, wie er's beim Anblick der beiden fliehenden Gemsböcke -getan hatte. - -Das drohende Unwetter begünstigte Aurorens Abschied. Alle Pferde der -Jagdgesellschaft waren schon bereit zum Heimritt. Munter schwatzend -ließ die Neuenstein sich in den Sattel heben und galoppierte mit ihrem -Kammerlakai und Büchsenspanner davon, um in Reichenhall so ziemlich -alles wiederzufinden, was sie zu Berchtesgaden unter beträchtlichem -_accroissement_ der Stiftsschulden klug zurückgelegt hatte. - -Dem vorsichtigen Wildmeister, der für die prompte Bereitschaft der -Pferde gesorgt hatte, war auch ein willkommenes Erlösungswerk an der -schwülgewordenen Stimmung in der Söllerhalle zu verdanken. Er brachte -Seiner Liebden die Meldung des bedenklichen Wetterumschlages. »Wollen -die gnädigsten Herren nit naß werden bis aufs Häutl, so wird's wohl -nötig sein, daß man reitet auf der Stell.« - -Einem turbulenten Aufbruch von der Tafel folgte ein beschleunigtes -Abschiednehmen unter fröhlichem Horngeschmetter. Herr Anton Cajetan, -der nicht gerne naß wurde, zog es vor, sich einen einsamstillen, aber -trockenen Schmollwinkel in der Försterei bereiten zu lassen, auch auf -die Gefahr einer schlaflosen Nacht, die umwittert zu werden drohte von -den üblen Verwesungsdüften der riesigen Wildstrecke. Beim Abschied -zeigte er eine bewundernswerte Haltung und war in so guter Laune, wie -man nach kleinen, harmlos verlaufenen Scherzen zu sein pflegt. Den -unerquicklichen Schwegelpfeifer und begnadigten Militärverbrecher in -diplomatisch zulässigem Ausmaß ignorierend, bedachten Seine Liebden -den Geheimrat von Danckelmann mit erlesenen Liebenswürdigkeiten und -entbanden ihn gnädigst von allen ceremoniellen Abschiedspflichten. Bei -der Rückkehr nach Berchtesgaden würde Seine Exzellenz das fürstliche -Rekreditiv im Leuthaus vorfinden. Herr Anton Cajetan unterließ es, -beizufügen, daß dieses historische Dokument als letzte Amtstätigkeit -des weiland Kanzlers von Grusdorf zu erachten sei. - -Vermochte der bedrohte Staatsmann unter der Stirne seines Herrn zu -lesen? Mit bleichen Lippen stammelte der entlastete Elefant Aurorens: -»Euer Liebden! Ich bin trostlos --« - -Eisig unterbrach ihn der Fürst: »Da suche er seinen Trost, wo er ihn -zu finden hofft.« Das war klar gesprochen. Dennoch erwachte in der -Schlotterkreide des Herrn von Grusdorf nur zögernd die Erkenntnis, -daß er in diesem Augenblick ein bedauernswerter Schicksalsgenosse des -Doktor Willibald Hringghh und des Polizeifeldwebels Muckenfüßl geworden -war. - -Der schöne Schmetterklang des Fürstengrußes, an den sich keine -Dianenweise mehr anzärtelte, geleitete Herrn Anton Cajetan unter -bleigrauem Himmel zur Försterei, und als er in der niederen Tür -verschwunden war, löste sich bei dämmerndem Abend aller Pomp des Großen -Jagens auf in ein Wettrennen vieler Gäule, deren Reiter die schützenden -Dächer von Berchtesgaden noch vor dem drohenden Platzregen zu erreichen -hofften. - -Weit hinter der jagenden Klapperkavalkade der Stiftsherren und -Domizellaren blieben fünf Reiter zurück, weil der junge Oberst den -Pfarrer Ludwig, der sich an den Sattellappen die Waden aufgewetzt hatte -und nur mit bescheidener Geschwindigkeit noch vorwärts kam, nicht -der Einsamkeit überlassen wollte. Bei Ausbruch des Regens erreichten -die Fünf, zwischen Ramsau und Berchtesgaden, in der Schmiede von -Ilsank einen schützenden Unterstand. Die große Werkstätte gab Raum -für die Reiter und Pferde. In der Esse, deren Kohlen noch glühten, -schürte Leupolt ein Feuer an. Und während draußen in der sinkenden -Nacht der wilde Frühlingsregen der Berge trommelte und in der großen -Schmiedhöhle das Feuergeflacker alle rußigen Dinge vergoldete, ließ -sich Pfarrer Ludwig vom alten Hufschneider, der ein geschickter -Viehdoktor war, die aufgescheuerten Waden mit Hirschtalg salben und -mollig mit Leinwand überbinden. Danckelmann hatte sich gegen den Ambos -gelehnt, der junge Oberst saß auf einem umgestürzten Schubkarren, -das rechte Bein übers linke Knie gelegt, die Hände um den braunen -Reitstiefel geschlungen. Immer schwatzten und lachten die Drei. -Der wunderliche Reiz dieser Stunde im Flackerglanz, das mystische -Wechselbild zwischen Glut und Schwärze, die Nachwirkung der feurigen -Klosterweine und des Champagners, das Erinnern an alle schönen Natur- -und Waldbilder des Tages, an die qualmenden, ekelhaften Blutströme -des Großen Jagens, an den zum Spott herausfordernden, lächerlichen -Abklatsch des französischen Hofschwindels und an die Komödie der -gesegneten, so munter zum Orkus entschwundenen Göttin Diana -- das -alles wirbelte im Gespräche der Drei mit Ernst und Laune, mit Zorn -und Hohn, mit Witz und sprühendem Übermut durcheinander und gab -ihnen eine Stunde, an der sie Freude hatten. Sie lachten bei diesem -Schwatzen so oft und so fröhlich, daß Hiesel Schneck, der immer -mitlachen mußte, ohne zu wissen warum, ein bißchen wütend wurde und -nach einem mäßig geschwänzten Himmelhündchen zum schweigsamen Leupolt -Raurisser sagte: »Was die für kreuzlustige Sachen reden müssen! Und -unsereiner versteht's halt nit! Aufpassen tu ich wie der Haftelmacher. -Und versteh's halt nit! Kreuzhimmel und Höllementsnot, hol' doch der -Teufel die ganze Französianerei! Wann einer, der schießen kann wie das -preißische Soldätl, wann so einer ebbes sagt? Und zittert und fiebert -und augenblitzt! Da muß er doch reden, als wie er schießt! Und so was -möcht halt unsereiner verstehn! Verstehst?« - -Raurisser schien nicht zu hören. Neben dem Essenfeuer an der schwarzen -Mauer lehnend, alles Harten und Schönen des eigenen Lebens vergessend, -in der Faust die zusammengebundenen Zügel der drei Herrengäule, sah -Leupolt unbeweglich zu dem jungen Oberst hinüber, lauschte mit großen -glänzenden Augen, lauschte mit einem gläubigen Lächeln seiner Freude -auf jeden Laut dieser melodischen, wundersam bezwingenden Stimme, -verstand so wenig wie der Hiesel Schneck und verstand doch mehr, viel -mehr, als der Hiesel verstanden hätte, wenn er der beste Franzose -gewesen wäre. - -Jetzt sprach der junge Offizier allein. Die zwei Herren, mit -vorgebeugten Gesichtern, hörten gefesselt zu, lachten immer wieder -erheitert auf, vergaßen des Lachens und wurden ernst. In dem -Bild, das der leidenschaftlich Sprechende bot, war der gleiche, -schwerbegreifliche Gegensatz wie in seinem ganzen Wesen. Grell -angestrahlt von der Feuerhelle, in dem schmucklosen, fast ärmlichen -Soldatenkleid mit den Funkelknöpfen, auf dem gestürzten, radlosen -Karren sitzend, neben den stampfenden, schnaubenden, durch das -Essenfeuer beunruhigten Gäulen und neben der Finsternis da draußen, in -der das Getrommel des schweren Regens war, das falbe, dem Flammenschein -von Brandstätten gleichende Aufleuchten der umnebelten Blitze, das -Donnerrollen des Frühlingsgewitters, bald wie knatternde Gewehrsalven, -bald wie dröhnende Kanonenschläge -- sah er aus wie ein junger -Heerführer, der in einer Feldnacht zwischen Kampf und Kampf vor einem -lodernden Wachtfeuer ruht, sich müde fühlt und doch von lebensprühender -Erregung durchfiebert ist, alle wühlende Sorge in sich mit Heiterkeit -zu umschleiern vermag, so zu den Seinen redet, ruhig und gläubig in -die dunkle Ferne späht und mit der deutenden, blitzschnell zuckenden -Hand Befehl um Befehl erteilt. Doch sein Gesicht war alles andere, nur -nicht soldatisch. Das spitzvorgeschobene, heißwangige Antlitz mit dem -lächelnden Spöttermund und den strahlenden Feueraugen war das Gesicht -eines geistvollen, vom Funken der Stunde erfaßten Poeten, der sich -immer wandelte, Ernst und Witz durcheinander schüttelte, mit sich und -den anderen zu spielen schien, bald sprach wie ein kluger Greis und -bald wie ein träumender Knabe, allen Esprit der französischen Sprache -erschöpfte und mit diesem fremdländischen Wortgefunkel ein altes, -sinnvolles Märchen der Deutschen erzählte: die Fabel von dem weisen und -liebenswürdigen Jüngling, der sich alle Menschen der Welt zu Freunden -machte. - -Dieser Jüngling war so kraftvoll und klug, daß sein Verstand gegen -jede Gefahr und Not einen siegreichen Gedanken fand. Und war so schön -und gütig, daß sein warmer Blick und sein herzliches Lächeln jeden -Neider und Gegner verwandelte in einen Freund. Alle Seelen flogen -ihm zu, alle Wege der Welt erschlossen sich ihm. Die einen sagten: -»Sein Verstand erzwingt es.« Die anderen: »Nein, sein gewinnendes -Herz!« Das sagten die Leute so oft, bis Herz und Hirn im Körper des -Jünglings von Eifersucht befallen wurden. In einer Gewitternacht, als -der Jüngling schlummerte, fingen Herz und Hirn in ihm wie erbitterte -Widersacher zu hadern an und vergaßen, daß sie brüderliche Teile des -gleichen Körpers waren. »Du da droben unter der Stirne,« sagte das -gekränkte Herz, »sei nicht so stolz! Die sieghafte Kraft unseres Herrn -entspringt nicht deinen erfindungsreichen, doch kalten Ratschlägen. -Nur mir allein verdankt er seine Erfolge, dem fröhlichen Blut, mit dem -ich ihn erfülle, dem gewinnenden Glanz, den ich entzünde in seinem -Blick!« Höhnisch lachte das beleidigte Gehirn: »Du aufgedunsener -Fleischklumpen! Bist du vom Größenwahn befallen? Wenn er mich nicht -hätte, wäre unser Herr ein stumpfsinniges Tier. Nur die Funken meines -Geistes erwecken in ihm das Göttliche und machen ihn zum Sieger in -aller Gefahr.« Zornig antwortete das Herz: »Du lügst! Alle Freunde -unseres Herrn verärgerst du durch dein spottendes Besserwissen. -Immer hab ich zu tun, um durch freundliche Güte wieder zu mildern, -was du versalzen hast.« Und das Gehirn erwiderte: »Du schwächlicher -Versöhnungslappen! Jeden kühnen Gedanken, den ich erwecke in unserem -Herrn, verwässerst du durch säuselndes Wohlwollen, durch nachgiebige -Biederkeit!« Mit Tränen antwortete das geschmähte Herz: »Das hab ich -satt! Ich lasse mich nicht länger unterschätzen. Gott befohlen!« -Lachend sagte das triumphierende Hirn: »Vergnügte Reise! Jetzt will ich -beweisen, was ich vermag, auf mich allein gestellt.« - -Das Herz entsprang den Rippen des Schlafenden und glich einem roten -Frosch, der schwerfällig hinhüpfte durch den Staub der Straße. Das -Gehirn entschlüpfte der Stirn und war wie eine weißgraue Tarantel, die -sich mit vielen Gedankenbeinen hastig bewegte. So zogen die beiden -in die Welt, jedes für sich allein. Eines frühen Morgens kehrten -sie zurück, und jedes weinte vor Freude beim Anblick des anderen. -Klagend erzählte das aus vielen Wunden blutende Herz: »Ach, wie -erbärmlich ist es mir ergangen! Überall nannten sie mich die hüpfende -Qualle. Jeden liebevollen Schrei meiner Güte haben sie gedeutet -als ein Zeichen meiner Schwäche, haben mich verlacht, verhöhnt und -mit den Füßen beiseite gestoßen! Hilf mir, du kluges Gehirn, sonst -muß ich verbluten!« Und das vor Schmerzen zuckende Hirn erzählte: -»Ach, wie niederträchtig sind der Unverstand und die Bosheit der -Erde mit mir umgesprungen! Überall nannten sie mich den giftigen, -stechenden Skorpion. Jeden Funken meines Geistes verleumdeten sie als -weltbedrohendes Feuer. Kaum entrann ich ihren Lügen und Drachenzähnen. -Hilf mir, du gutes Herz, ich bin müde zum sterben!« - -Da suchten die beiden eine reine Quelle, um zu baden. Als sie versöhnt -dem Haus ihres Herrn entgegenwanderten, vernahmen sie die Klagen -und das Hohngelächter vieler Menschen. Die hatten den schlafenden -Jüngling für tot gehalten und wollten ihn begraben. Jene, denen er -Gutes getan, betrauerten seinen Tod. Doch jene, die er kraftvoll -überwunden, beschimpften seine Leiche und verteilten unter sich die -funkelnden Waffen seiner Siege. Schon wollten sie den stählernen Sarg -für ewig über seinem wehrlosen Körper schließen. Da schlüpfte ihm das -geläuterte Herz unter die Rippen, das reingewordene Gehirn unter die -Stirne. Und das Herz begann zu hämmern, wie das Gehirn es ihm gebot, -und das Hirn, vom pochenden Herzen befeuert, begann seine leuchtenden -Funken zu sprühen. Die strahlenden Augen des Jünglings öffneten sich, -mit frohem Lächeln erhob er sich, und gedoppelte Kraft erfüllte seine -Glieder. Jubelnd umringten ihn seine Getreuen, erschrocken beugten -sich seine Feinde, und von Stund an war der Jüngling schöner und -gütiger, war kühner und klüger, als er je gewesen. Und weil er um der -Ewigkeit seiner Kräfte willen nicht untergehen kann, so lange die Welt -besteht, drum wird die Wahrheit seiner Geschichte nicht enden mit den -Märchenworten: Starb er nicht lange schon, so lebt er noch heute. - -Der junge Oberst, der seine Fabel mit spottender Grazie begonnen hatte, -war ernst geworden. Als er verstummte, blieb sein Mund eine schmale -Linie, und seine großen Augen blickten in die Essenglut, als wäre sie -das redende Geheimnis kommender Dinge. Wie ein Erwachender sah er auf, -weil er die Stimme des Pfarrers hörte. Der war auf ihn zugetreten. -»Herr Oberst, ich danke Ihnen.« Er streckte dem jungen Offizier die -Hand hin, die dieser lächelnd ergriff. »Ich bin ein alter Mann. Aber -so lang ich noch atme, soll mir diese Fabel ein Lehrbuch des deutschen -Lebens bleiben.« Tief atmend nickte der Pfarrer. »Fabel? Die Todesnot -der schlafenden Deutschen wird sie zur Wahrheit machen. Freilich gehört -auch der helfende Mann dazu.« - -Da sagte Leupolt Raurisser neben der glühenden Esse: »Ihr Herren! -Das Sturmwetter hat aufgehört. Die Nacht wird schön.« Er führte die -drei Herrengäule durch das Tor der Schmiede auf die finstere Straße -hinaus. Mit dem klirrenden Hufschlag mischte sich hinter ihm ein -fröhliches, fast übermütiges Knabenlachen. Es galt dem Aussehen des -Pfarrers. In dem verwachsenen Jagdrock und mit den klumpig von weißer -Leinwand umwickelten Waden sah er so komisch aus, daß er selber nicht -ernst bleiben konnte. Und als man heimritt durch die vom Bachrauschen -erfüllte Finsternis, leuchteten die beiden milchigen Wickelklötze wie -führende Laternen. - -Gegen Westen, wo der Himmel klar geworden, schimmerten schon die -Sterne. Über Berchtesgaden und den Zinnen des Untersberges hing noch -eine schwarze Wolke, in der es manchmal aufdämmerte wie fernes Leuchten. - -Aus dem Tal der Ache ritten die Herren gegen die Höhe des Marktes -hinauf. Und Leupolt Raurisser stammelte erschrocken: »Da droben! Was -ist denn das? Allmächtiger, das ist Feuerschein! Das Stift und der -ganze Markt muß brennen.« Die fünf Gäule jagten. Als erster gewann der -junge Oberst die Kante des Hügels und stand mit seinem Pferde schwarz -eingezeichnet in diesen seltsam glimmenden Schein, der nicht von den -Dächern der Stiftsgebäude und des Marktes ausging. Es war ein großes, -von allen Steinspitzen, Felskanten und Baumwipfeln ausströmendes -Elmsfeuer, gleich einem gebänderten Nordlicht um die breite Zinne -des Untersberges herumgewunden, mit zarten Purpurstrahlen, die sanft -hinaufzüngelten gegen die glimmenden Säume der schwarzen Wolken. Das -war anzusehen, als trüge der Untersberg eine geisterhafte Riesenkrone, -die, kaum daß sie zu schimmern begonnen hatte, schon wieder zu -versinken begann im schwarzen Dunkel. Während die Herren in Erregung -debattierten, lallte der abergläubische Hiesel Schneck: »Herr Jesus! -Leupi! Was kann denn das sein?« Ein froher Atemzug. Und eine Stimme wie -der Klang eines Betenden: »Der Kaiser im Untersberg hat eine freudige -Seel. Die leuchtet so.« - -Für den ganzen Rest des Heimrittes beherrschte die wundersame -Lichterscheinung das Gespräch der Herren und überschimmerte auch wie -Weihe den Abschied, den sie vor dem Leuthaus voneinander nahmen. Der -grüblerische Ernst des jungen Obristen schlug erst wieder um in seine -knabenhafte Heiterkeit, als er auf seinem Bette saß und sich die -Stiefel herunterziehen ließ, während ihm Danckelmann das Rekreditiv -Seiner Liebden vorlas: - -»Durchlauchtigster König! Eure Königliche Majestät, besonders gnädiger -Herr! -- Was Ew. Königliche Majestät zu Faveur Unserer in dero -Königlich- und Chur-Fürstlichen Lande auf Veranlassung einer Religions- -und Gewissens-Freyheit emigrirenden Unterthanen vorschrifftlich an -Uns gelangen lassen, hat der anhero geschickte Geheime Hof-Rath von -Danckelmann behöriger Orten geziemend überreichet, und gleich wie -Wir sowohl in Regard Ew. Königlichen Majestät höchst-venerierenden -Vorschreibens, als auch derer selbst redenden Völker-Rechts-, auch -Civil-Gesätzen gemäß denen Emigranten das Ihrige angedeyen zu lassen, -Unserer desfalls eigen aufgestellten Comission die angemessenen -Befehle ertheilet, sofort dieses Geschäfft durch die sorgfältige -Negotia gedachten abgeordneten Geheimen Hof-Raths nunmehro zu seiner -vollkommenen, Zweiffels ohne vergnügten Endschafft gediehen, mithin -demselben seiner dabey bezeigten Conduite halben ein anständiges -Zeugnis zu ertheilen Anlaß nehmen, und Uns der Hoffnung erleuchten, -Ew. Majestät möge in Höchstdero so wohlexerzierter wie forchtbarer -Armee noch viele dermaßen hartnäckig und viktorios battaillirende -Offiziers als Höchstdero juchendligen und musikalischen Obrigsten -von Berg possediren, allso zweiffeln auch nicht, es werden Ew. -Königliche Majestät diese _ultra viniculum instrumenti pacis_ demselben -begünstigte Zubilligung so ansehen, wie Wir ambirt haben, das -Königliche hohe Vor-Wort mit ersinnlichster Hochachtung erfüllen zu -mögen, und damit verbleiben - -Von Gottes Gnaden des Heiligen Römischen Reichs Fürst, Probst und Herr -zu Berchtesgaden - - Ew. Königlichen Majestät - allzeit Dienst-geflißnister - Cajetan Antoni.« - -Die beiden Hände auf die Schenkel klatschend, platzte der junge Oberst -los: »I Jott, wat for 'ne Gedärmverwicklung.« Er wurde ernst. »Wüßt -man nich, daß es deutsch is, man möcht es nich glooben.« Dem Geheimrat -zunickend, streifte er die Reithose von den mageren Beinen und -huschelte sich unter das ungetüme Federbett. Nach Gewohnheit brachte -der Soldat das Lederetui mit der Elfenbeinflöte zum Nachtgebet. »Nee, -Hänne, laß man heute! Wir wollen musikalisch nich weiter in schlechte -Reputation jeraten. Um Viere weckste! Ick reite vor Tag.« Er drehte -sich lachend gegen die Wand. Nach Art eines memorierenden Schülers, dem -ein Stück Weisheit nicht hinein will in den Schädel, wiederholte er mit -halblauter Stimme mehrmals die schöne Wortbildung: »Dienstgeflißnister, -dienstgeflißnister, dienstgeflißnister --« Ein munteres Aufkichern. »Na -also! Et jeht _en avant_ mit's Deutsche.« - - - - -Kapitel XXXI - - -Bei grauendem Morgen brannte die Lampe in der Wohnstube des -Mälzmeisterhauses. Der alte Raurisser, mit rotglühendem Kopf, saß -im Herrgottswinkel, wickelte kleine Geldrollen und stopfte sie in -eine neue Lederkatze, die aussah wie ein Tiroler Bauerngürtel. Mit -buntem Garn waren die Anfangsbuchstaben von Leupolts Namen und sein -Geburtsjahr 1707 eingestickt; und rechts und links eine Gemse, die mit -enggestellten Läufen auf einem spitzigen Kegelchen stand. Immer dicker -und schwerer wurde der schöne Schatzbehälter. Und als der Meister beim -Wickeln seufzend eine Pause machte, sagte Mutter Agnes, mit Augen und -Stimme bettelnd: »Gib, Alterle, gib! Sein Weg ist weit.« Der Meister -wickelte wieder. Und Frau Agnes packte. Zwei große Rucksäcke standen -schon fertig geschnürt auf der Fensterbank. Jetzt füllte sie mit -zitternden Händen den dritten Sack und huschte immer wieder davon, -um ein für ihren Buben brauchbares Stück zu holen, das ihr noch -einfiel. Als der kugelrunde Sack verschnürt war, packte sie alles, was -die Magd mit verheulten Augen als Zehrungsbeitrag für die Exulanten -herbeischleppte, in den großen Wäschekorb auf der Ofenbank: geselchtes -Wildbret, geräucherte Saiblinge, Schinken und Speckwürste, ein paar -hundert hartgesottene Eier, Schmalzbüchsen und Buttertöpfe, Salzdüten, -Schnapsgutter und Weinflaschen, Brotlaibe und süße Wecken. Immer war es -der Mälzmeisterin noch zu wenig. »Lauf, Mädel, und bring! Da muß man -geben!« Zustimmend tackte die Gottsaugenuhr an der Mauer: »Tu's! Tu's! -Tu's!« Ob's der Engel oder das Teufelchen sagte, immer klang es mit -der gleichen heimlichen Freundlichkeit, und immer blickte das rollende -Gottesauge im Zustand des Wohlwollens gegen die Ofenbank, blickte nur -finster, wenn es hinüberschielte gegen die lautwerdende Straße. An der -schönen alten Uhr, die sich in tadellosem Gang befand, war nicht die -geringste Spur einer irrsinnigen Mißhandlung zu erkennen. Da mußte -der Pfarrer Ludwig, als er dem Luisli jene sonderbare Uhrgeschichte -erzählte, entweder an Wahnvorstellungen gelitten haben wie der -Chorkaplan Jesunder, oder der Pfarrer hatte wieder einmal gelogen, -diesmal anscheinend ohne Erfolg. Mit Spinozas Lehre von den für das -Menschenglück ersprießlichen Geschehnissen schien es in diesem Falle -nicht zu stimmen. - -Leupolt kam zur Tür herein, in dem verwitterten Bergjägerkleid, das er -getragen hatte, als er die preußischen Herren hinaufführte zum Toten -Mann. »Jetzt bin ich fertig.« Frau Agnes schien nicht zu hören; beim -Packen beugte sie nur das Gesicht ein bißchen tiefer gegen den Korb -hinunter. Für den Vater war das ruhige Wort des Sohnes wie ein Stoß -vor die Brust gewesen. Mit tattrigen Händen schnallte er die zwei -Kappen der Lederkatze zu. »So, Bub!« Er schob sich aus der Bank heraus. -»Schau, da ist, was du kriegst von mir. Sei halt ein bißl gescheit und -gib nit alles für die anderen aus. Für dich muß auch was bleiben.« - -»Vergeltsgott! Tust du die Brüder nit verkürzen?« - -Der Alte schüttelte den Kopf. »Beredet haben wir schon alles. Machen -wir's kurz. Ich muß ins Bräuhaus hinüber.« Als er die Arme um den -Hals des Sohnes legte, war er noch mannhaft. Kaum aber spürte er den -eisernen Zärtlichkeitsdruck seines Buben, da verlor er alle Fassung, -wühlte das Gesicht an die Brust des Sohnes und keuchte: »Bub, ich -wollt, ich tät mitdürfen!« - -»Ja, du!« grollte Mutter Agnes beim Packen mit zerdrückter Stimme -über die Schulter. »Du wärst der Richtige zum Exulieren! Wo du schon -den Schnaufer verlierst bis hinüber zum Bräuhaus. Möcht wissen, was -du sagen tätest auf der Wanderschaft, wenn du Wasser trinken müßtest, -statt Tag für Tag deine fünf Maß Bier.« Nun drehte sie das blasse -Gesicht und blinzelte dem Sohne zu, daß er's dem Vater leichter machen -sollte. - -»Komm, Vater!« sagte Leupolt ruhig. »Tu dich aufrichten als festes -Mannsbild! Bloß die Füß laufen von einander fort. Die Herzen bleiben -allweil beisammen.« - -»Bub! Bub!« Meister Raurisser, hin und her geworfen zwischen Zorn und -Kummer, war einem Schreikrampf nahe. »Alles Gute für dich! Alles Gute -auf der Welt! Du hast's verdient! Und so einen Buben jagen sie aus -dem Land! Die Herrgottsakermenter! Wenn sich so was nit strafen tät, -da müßt unser Herrgott -- Jesus, Jesus, zu was für einem Herrgott -muß ich denn hinaufschreien?« Er wollte die geballten Fäuste gegen -die Stubendecke heben und klammerte die Arme wieder um den Hals des -Sohnes. »Bub! Mein Bub, du mein lieber! Alles Gute für dich -- und -alles -- Bub, ich kann nimmer, es reißt mir alles auseinander!« Wie -ein Betrunkener machte er sich los, taumelte gegen die Türe hin und -brüllte: »Kronäugeln tu ich ins Bier, vergiften tu ich die Unmenschen, -die rotzmiserabligen!« Er schlug die Türe hinter sich zu, daß es wie -ein Böllerschuß durch das Haus hallte. - -Erschrocken sah Leupolt die Mutter an. Sie schüttelte den Kopf und -wischte die Tränen von den Wangen. »Auf die Wörtlen därf man beim Vater -nit gehen. Ist er drüben im Bräuhaus, so sucht er wieder das beste Malz -für die Herren aus. Wahr ist's, Bub, es hat nit leicht ein Kind auf der -Welt einen bräveren Vater, wie du!« Mit fahrigen Händen fing sie wieder -zu packen an. Und Leupolt stand inmitten der Stube, unbeweglich, den -Kopf zwischen den Fäusten. Nach einer Weile sagte er zaghaft: »Mutter! -So kann's das Luisli doch nit gemeint haben. Der Einsamkeit zulaufen -müssen, das ist hart. Meinst du nit, ich sollt noch eine letzte Frag an -das liebe Mädel tun?« - -Erst nach einer Weile konnte Frau Agnes antworten: »Da muß ich -abraten. Will Gott es haben, so gibt er's. Mag er es nit, so mußt du -es leiden.« Als sie das Gesicht von dem fertiggepackten Korb abwandte -und ihren Buben ansah, mußte sie barmherzig sagen: »Fürgestern hab -ich mit dem hochwürdigen Herrn geredet. Der hofft noch allweil.« In -der Gottsaugenuhr ein leises Geräusch, wie von einem schnurrenden -Rädchen; dann schlug die Uhr mit schönen, tiefen Klängen die sechste -Morgenstunde. Frau Agnes ging auf den Tisch zu und löschte die Lampe. -»Jetzt müssen wir von einander. Schau, es tagt! Da mußt du auf dem -Markt beim Brunnen sein, wenn die Notigen und Ratlosen kommen. Du bist -ihr Helfer und Wegweis.« Ihr Gesicht bekam etwas weiß Versteinertes, -während sie zur Türe ging und den Riegel vorschob. Stumm, mit müden -Bewegungen, trat sie an jedes Fenster und zog die blauen Vorhänge -zu. Eine milde, neblige Dämmerung war in der Stube. Mutter Agnes ging -zur Gottsaugenuhr, löste die Gewichte von den Schnüren und hängte den -Perpendikel aus; der Engel und das Teufelchen blieben auf halbem Wege -stecken, jedes auf der Schwelle seiner Pforte; das Auge Gottes, weder -böse, noch freundlich, blickte ruhig aus der Mitte des von Strahlen -umzüngelten Dreiecks, und Mutter Agnes sagte, nicht laut, nur in ihrem -zerrissenen Herzen: »Die Uhr soll von der jetzigen Stund an nimmer -schlagen, solang ich noch leb.« Ganz ruhig war sie, als sie auf Leupolt -zutrat. Von ihrem Schmerz war nichts an ihr zu erkennen; heiß und -gläubig strahlte die Liebe in ihren Augen. »Bub! Ich kann dich nit -segnen, wie's deinem Glauben recht ist. Darf ich dich segnen, wie's -mein Herz versteht?« - -»Eine Mutter darf alles.« Er ließ sich hinfallen auf die beiden Knie, -faltete in einer starren, hölzernen Art die Hände vor der Brust -und sah mit glänzenden Augen zum weißen Gesicht der Mutter hinauf. -Wortlos, kaum merklich die stummbetenden Lippen rührend, besprengte -sie ihrem Sohn den Scheitel, das Gesicht, die Schultern und die Hände -mit geweihtem Wasser. Und bekreuzte ihm die Stirne, den Mund und die -Brust. »Im Namen Gott des Vaters, Gott des Sohnes und Gott des heiligen -Geistes! Ist Gerechtigkeit im Himmel, und da glaub ich dran, so muß die -gütige Dreifaltigkeit dich hüten auf jedem Weg. An deiner sauberen Seel -ist nie kein Fleck und Schaden gewesen. Nie hast du ein Ding getan, von -dem ich sagen hätt müssen: das ist schlecht. Allweil bist du die Freud -deiner Mutter geblieben --« Die Stimme versagte ihr. Wie von einem -Frostschauer gerüttelt, beugte sie sich zu ihm hinunter und preßte das -Gesicht auf seinen Scheitel. »Vergeltsgott, Bub!« Er umklammerte die -Mutter, ohne einen Laut zu finden, und küßte den Schoß, der ihn geboren -hatte. Dann sah er zu ihr hinauf. »Dich und mich -- gelt, Mutter -- uns -schneidet man nit auseinander? Und nit mit der schärfsten Säg.« - -Nur den Kopf konnte sie schütteln. Und nun wurde sie von einer -Verstörtheit befallen, die sich ansah wie Raserei. Die Hände mit -gespreizten Fingern emporstreckend, schrie Mutter Agnes zur Höhe -hinauf: »Allmächtiger! Rührst du dich nit ein bißl? Siehst du nit, -wie's zugeht in tausend Mutterherzen von Berchtesgaden?« - -Am verhüllten Fenster ein heftiges Pochen. Und eine Stimme: »Bruder -Leupi?« - -Die beiden in der Stube umklammerten sich stumm. Erst als das Pochen am -Fenster sich wiederholte, konnte Leupolt antworten: »Wohl! Ich bin noch -daheim.« - -»Geh, komm! Die armen Leut wissen nit aus und ein. Alle schreien nach -dir.« - -»Ich komm.« Er sprang vom Boden auf, umhalste und küßte die Mutter --- »Gelt, du Liebe, jetzt muß es sein?« -- vergaß den Rucksack, den -er tragen sollte, vergaß die Geldkatze und den Zehrungskorb und kam -auf der Straße gerade zurecht, um ein kränkliches Weib, das zwischen -schreienden Kindern ohnmächtig geworden war, von der Erde aufzulupfen -und auf einen Wagen zu heben. - -Aus hundert Stuben von Berchtesgaden war der Abschiedsjammer -herausgetreten über die Schwelle, mit zärtlichem Gestammel und -Schluchzen, mit Umarmungen, die nicht enden wollten, mit Kindergeschrei -und Muttertränen, mit erbitterten Zornflüchen und himmelschreienden -Klagen zerrissener Herzen. Der ganze Marktplatz und alle zuführenden -Gassen waren unter dem Frühlingsblau und in der milden Morgensonne -verwandelt zu einer einzigen großen Stube des Menschengrams. Alle -Glaubensfeindschaft und aller religiöse Gegensatz schien erloschen und -verschwunden; der Schmerz der Wandernden, die man aus der Heimat jagte, -war übergeflossen in die Herzen der Bleibenden; in allen war das Gefühl -der Zusammengehörigkeit wach geworden, die nachbarliche Freundlichkeit -und das menschliche Erbarmen. - -Immer dichter und lärmender füllte sich die lange Marktgasse. Von -den Armen und Ärmsten, die nicht zu bleiben brauchten, bis Haus -oder Feld verkauft war, hatten sich Neunhundertundsieben zur ersten -Schar unter Leupolts Führung gemeldet, Greise, Männer und Weiber, -Burschen, Mädchen und Kinder. Unter ihnen auch Kranke, die nimmer -bleiben, nicht länger warten wollten auf den Tag der Seelenfreiheit. -Ein Bauer hatte seine siebzehnjährige Tochter, die den Fuß gebrochen, -auf eine Kraxe gebunden und brachte sie auf dem Rücken getragen. Den -Jakob Aschauer, einen Hundertjährigen, der schon ein Sterbender war, -mußten seine grauköpfigen Söhne auf den Leiterwagen heben und betten -im Stroh. Jede Mahnung, zu bleiben und den nahen Tod in der Heimat zu -erwarten, lehnte der Greis mit harter Handbewegung ab und sagte: »Das -ist vor Zeiten ein Sprichwort gewesen: Wen Gott lieb hat, den laßt -er fallen ins berchtesgadnische Land. Jetzt ist eine Zeit gekommen, -daß aus Berchtesgaden hinauskriechen möcht, wer nimmer laufen kann.« -Erschüttert durch diese Worte, das Gesicht von Tränen überflossen und -vom Geist befallen, stieg ein junges Weib auf den Wagen des Greises, -hob die Arme zum Himmel und begann zu predigen über das Wort: »Gehe -von deinem Vaterland, von deiner Freundschaft und deiner Mutter Haus -in ein Land, das ich dir zeigen werde.« Beim Brunnen begannen die -Evangelischen das Lutherlied zu singen: - - »Ein feste Burg ist unser Gott --« - -und auf der anderen Seite der Marktgasse sangen Hunderte das Wanderlied -der Salzburger: - - »Ich bin ein armer Exulant - Und därf daheim nit bleiben, - Man tut mich aus dem Vaterland - Um Gottes Wort vertreiben --« - -Mit dem inbrünstigen Klang der singenden Stimmen, mit dem verzückten -Lautgestammel des predigenden Weibes und mit den klingenden -Helferworten des Leupolt Raurisser, der ruhelos von Wagen zu Wagen -sprang, vermischte sich das Gerassel der verspäteten Karren, das -Gebrüll der Kühe, das Ziegengemecker und das Blöken der ängstlichen -Schafe. Der Tier- und Menschentrubel des Brunnenplatzes und der -Gasse glich dem Bild eines Viehmarktes, dessen Geschäft und Handel -unterbrochen wurde durch die Nachricht einer bösen, alle Menschen -verstörenden Landsnot. Köpfe und Arme streckten sich aus allen -Fenstern, und von überall warf man Kleiderbündel und Päcklein mit Geld -und Eßwaren herunter auf die Wagen der Exulanten. Aus allen Türen -kamen Frauen, Männer und Mägde, um herbeizuschleppen, was sie zu -geben hatten. Pfarrer Ludwig mit seiner Schwester, Lewitter und die -stumme Lena, die Sus und Meister Niklaus brachten große Körbe. Und -die Mälzmeisterin, als sie ihrem Buben die Geldkatze um die Hüften -geschnallt und die Rucksäcke mit dem Zehrkorb untergebracht hatte -auf dem Scharwagen, unter dessen Bocksitz die eiserne Truhe mit den -preußischen Hilfsgeldern an die Leitern angeschmiedet war, lief von -Karren zu Karren: »Ihr guten Leutlen, brauchet ihr noch was?« Sie -sprang in alle Kaufläden, raffte zusammen, was nötig war, hatte kein -Geld mehr und mußte immer sagen: »Schreibet nur auf! Ich zahl schon!« - -Zwischen Gram und Schluchzen spielten sich Szenen ab, über die man -in unbedrückter Stunde hätte lachen müssen, und die der Jammer der -Abschiedsstunde zu einer herzerschütternden Begebenheit machte. Zwei -Geschwister, die einander verlassen mußten, hielten einen kleinen -weißen Hund, den sie lieb hatten, am Strickl und stritten verzweifelt -miteinander, weil ihn jedes dem anderen überlassen wollte. »Nimm ihn, -um Gottes Barmherzigkeit, so nimm ihn doch, du tust mir was Liebes an!« -Auf einem Wagen spielte ein ähnlicher Streit, noch tränenreicher, noch -verzweifelter. Drei Kinder, die beim Vater blieben, hingen am Hals der -exulierenden Mutter und beschworen sie, den kleinen Käfig mitzunehmen, -in dem ein Distelfink zwischen den Stäben scheu umherflatterte. »Nimm, -Mutterle, nimm, du hast das Vögerl so viel lieb, du kannst nit leben -ohne das Vögerl!« Und die Mutter, von Schluchzen geschüttelt: »Nit! -Und tausendmal nit! Wandern muß ich nach meinem Herrgotts Willen. -Euer Vögerl ist nit des Himmels und nit der Höll. Eh tät ich lieber -sterben am Fleck, eh daß ich meinen Kinderlen die singende Freud aus -dem Leben tät reißen mögen.« Ihr Schluchzen verwindend, mit den Zähnen -knirschend, preßte sie den kleinen Käfig zum letztenmal an ihre nasse -Wange und schlang mit dem anderen Arm die Blondköpfe der weinenden -Kinder an ihre Brust. Und neben dem Wagen, zwischen einem Ziegenknäuel, -redete ein junger Bauer mit erbitterten Worten zu seinem blassen, -unbeweglichen Weib: »Um aller Seligkeit willen, tu dich besinnen im -letzten Stündl! Weibl, Weibl, bist du denn ganz verloren, daß du mich -lassen und mit den Luthrischen laufen kannst?« - -Die ekstatisch glänzenden Augen zur Höhe gerichtet, sagte sie leis: -»Ich geh, weil der liebe Gott mich ruft.« - -Er klagte: »Weibl, Weibl, du laufst dem Satan zu!« Und weil in ihm -die Sorge noch größer war, als der Zorn, machte er das schützende -Kreuzzeichen auf ihre Stirn. - -Da sah sie ihm lächelnd in die Augen. »Vergeltsgott, du Gütiger! Jetzt -kann mir die Höll nimmer schaden. Deine Lieb hat ein heiliges Kreuz -über mich gemacht.« - -Ein alter Mann und eine alte Frau, beide mit bleichen, entstellten -Gesichtern, hingen an die Arme ihres zwanzigjährigen Sohnes geklammert -und beschworen ihn zur Reue und zu christlichem Bleiben. Er zog die -Alten an sich, hielt ihre Köpfe an seine Rippen gepreßt und sagte: »Es -ist auf der Welt kein Ding, das mir lieber wär als Mutter und Vater. -Aber Gott ist mehr. Ihr habt euch anders besonnen, und ich tu's nit -schelten. Jeder so, wie er muß. Ich getrau mich bei eurem Glauben nit -selig zu werden. Und lügen kann ich nit. Ich tät mich schämen müssen -vor dem Leupi, der geblutet hat für uns alle. Jedem Redlichen muß die -Wahrheit heiliger sein als Glück und Leben.« - -Das hörte einer, dem dieses verzückte Wort den letzten Blutstropfen aus -den bärtigen Wangen jagte. »Meister?« stammelte die Sus erschrocken. -Er sagte zwischen den Zähnen: »Gib! Und gib! Wie mehr, so lieber ist -mir's. Ich hab einen Weg.« Vorüber an lautem Schluchzen und stillem -Weinen, vorüber an Zorn und Gram, an Tieren und Menschen. Beim Brunnen -sah er den Pfarrer und drängte sich hin zu ihm. Der fragte betroffen: -»Nick? Ist dir nit gut?« - -Der Meister sah ihm in die Augen. »So geht's nit länger. Ich kann's -nimmer hehlen. Ob Ruh oder Elend, ich muß bekennen heut.« - -»Dein Gesicht hat mir's kürzer gesagt.« Der Pfarrer legte den Arm um -den Hals des Freundes. »Tu, was du mußt! Jetzt red ich dir nimmer ab.« -Seine trauernden Augen irrten über den tausendköpfigen Jammer hin, der -die Gasse füllte. »Aber was du tun mußt, tu als mutiger Mensch! Der Weg -zum Listenkommissar ist leicht. Erst geh den härteren zu deinem Kind.« - -Der Meister nickte und bot dem Freunde die linke Hand, die lebende. -Stumm ging er davon und sah nimmer, daß ein leises Lächeln den -trauernden Ernst im Warzengesicht des Pfarrers milderte. Um sich in -der langen Gasse nicht wieder vorüberwühlen zu müssen an Menschen und -Tieren, schritt der Meister hinüber zum gestutzten Hofgarten und suchte -den Heimweg hinter den Zäunen. Wie das Rauschen eines großen Wassers -begleitete ihn der klagende Lärm der Marktgasse. - -Friedlich umschimmerte die Morgensonne sein Haus inmitten des Gartens, -in dem die Rosenstauden zu knospen begannen. Der Meister trat in den -Flur und rief über die Treppe hinauf: »Kind? Wo bist du?« - -In der Werkstätte ein erwürgter Laut. - -Durch das Fenster mit den verbogenen Eisenstäben flutete eine -goldschöne Sonnenfülle in den großen, schweigsamen Raum, umglänzte -die Holzstatue der >heiligen Menschheit< und streifte den Schoß des -jungen Mädchens, das im ziegelfarbenen Hauskleid hinter dem Spinnrad -auf der Holzbank saß, ähnlicher dem jungen Tod als einem atmenden -Menschenkind. Schweigend betrachtete Niklaus seine Tochter, in deren -Augen eine angstvolle Frage brannte. Dann glitt sein Blick, der wie -ein gramvolles Abschiednehmen war, über die Mauern, über alles Gerät, -und blieb an seinem Werke haften: an der schlanken, von dürstendem -Erwarten durchglühten Gestalt des jungen, ärmlich gekleideten -Weibes, das die Arme auseinanderbreitet und verklärt einem kommenden -Wunder entgegenblickt, aus starrem Holz verwandelt zu heißem Leben, -durchleuchtet von opferwilliger Liebe und hoffendem Glauben. Die Hand -auf seine Stirne legend, mit einem halb bitteren, halb frohen Lächeln, -wiederholte der Meister leis die Worte, die er an dieser Stelle vor -vielen Wochen zu seinem Kinde gesprochen hatte: »Lang muß man harren -auf Erlösung. Einmal kommt sie.« Er wandte das Gesicht. Sorge und -Zärtlichkeit waren in seiner Stimme. »Kind! Jetzt muß ich dir sagen, -was dir hart sein wird.« - -Sie schrie: »Was ist ihm geschehen?« - -»Wen meinst du? Den Leupi?« Wieder das wehe und dennoch freudige -Lächeln. »Mußt du schneller an den Leupi denken als an mich? Da -hab nit Sorg. Der ist ein Aufrechter, geht den Weg seiner redlichen -Pflicht, hat die Wahrheit im Herzen und ist ein Helfer für hundert -Leidende. Er geht mit den Ärmsten. Heut. Mit mir hat er nit geredet, -und ich bring dir keinen Gruß. Was ich dir sagen muß, lieb Kind, geht -nit um den Leupi. Das geht um dich und mich. Ich muß dir sagen --« - -Sie wehrte mit beiden Händen. Das glühende Rot, das ihre Wangen -überflossen hatte, war wieder verwandelt in wächserne Blässe. »Vater!« -Für einen Augenblick überkam's ihre Sinne wie Schwindel. »Ich hab -verstanden. Du bringst dein Herz nit über den heutigen Tag hinüber. Du -mußt -- bekennen?« - -»Ja.« Er trat zu ihr hin. »Und daß ich nimmer lügen kann? Auch nit um -deinetwillen? Kind? Muß deine fromme Seel mich drum verdammen?« - -Sich zusammenkrümmend, preßte sie das Gesicht in die Hände, schüttelte -den Kopf und klagte: »Bloß ein Einziger weiß, wie alles ist. Ich such -es allweil und kann's nit finden. Dich hab ich lieb ohne Reu und -Schmerzen. Mehr weiß ich nimmer.« - -Da sprang er zu ihr hin, warf sich vor ihr auf die Knie, zog ihr die -Arme herunter, küßte lachend ihre Hände, die naß waren von ihren -Tränen, sah zu ihren schwimmenden Augen hinauf, schmiegte das Gesicht -an ihre Schulter und stammelte: »Kind! Jetzt hast du deinem Vater das -Leben geschenkt. Und der Weg, den ich tun muß um der Wahrheit willen, -ist mir ein leichter und schöner.« Sich erhebend, umschlang er sie, -küßte ihre Wange, ihre Stirn, ihre Augen -- sprang mit frohem Auflachen -zur Tür hinüber und war verschwunden. - -Unbeweglich saß Luisa auf der Bank und sah die Tür mit erloschenen -Augen an, als wäre alles Denken in ihr zerdrückt. Da quoll in der -schönen Sonne, die ihren Leib umflutete, durch die Mauern ein Rauschen -zu ihr herein, das leis die Fensterscheiben erzittern machte. War -es das Brausen eines stürzenden Baches? Oder der ferne Lärm von -tausendstimmigem Menschengeschrei, in dem alles war, nur Freude nicht? - -»Vater!« Bei diesem gellenden Laut voll Schreck und Grauen griffen -ihre Hände gegen die Türe hin. »Vater! Vater! Vater!« Das Spinnrad -fortstoßend, daß es über die Dielen kollerte, sprang Luisa von der -Bank, jagte über die Schwelle, jagte mit gestreckten Armen hinaus -in die Sonne. »Vater! Vater!« Wie eine Verzweifelnde hetzte sie an -der Gartenplanke hin, gegen den Markt hinüber, in dem roten wehenden -Kleid, einer fliegenden Flamme gleich, und war nicht die einzige, die -so rannte, so verstört und ganz von Sinnen. Überall, auf der Straße, -auf den Fußwegen, auf den Wiesen, überall sah man viele springende -Menschen, die aufgeregt mit den Armen fuchtelten und wirre Worte -kreischten, als wäre ein großes Schadenfeuer ausgebrochen, das alle -Dächer und jedes atmende Leben bedrohte. Auch dröhnende Schläge, wie -beginnender Feuerlärm! Auf drei Türmen fingen alle Glocken zu läuten -an und füllten die sonnigen Lüfte mit schwebendem Hall. Sollte das -ein mahnender Abschiedsgruß der Kirche an die wandernden Seelen sein, -die sie verlor? Oder war es ein pröpstliches Freudengeläut, das die -Reinigung des berchtesgadnischen Landes von allem Irrglauben verkündete? - -Bei der Reichenhaller Straße kam Luisa nimmer weiter. Zwischen anderen -Menschen, welche weinten oder beteten, stand sie an die Scheunenmauer -des Leuthauses gepreßt, mit angstvoll erweiterten Augen im blassen -Gesicht, keiner Handbewegung und keines Lautes fähig. Ihr gegenüber -lugte über den Ziegelbord der sekreten Mauer das stille, ausgeräumte -Unlustschlößchen der weiland Allergnädigsten mit niedergelassenen -Jalousien hervor, und zwischen der weißen Mauer und dem versteinten -Mädchen war die enge Straße vollgepfropft durch Menschen, Tiere und -Karren, durch den vorwärts drängenden Zug der Exulanten, dem vier -rotjoppige Burschen mit ledernen Reisetaschen, mit schweren Rucksäcken -und langen Wanderstecken voranschritten, auf den grünen Bubenhüten -die ersten Blumen des Frühlings, mit rotgeränderten Augen in den -erbitterten Gesichtern. Einer von den Vieren sang mit der Stimme eines -Wahnsinnigen, zwei waren stumm und ließen die Köpfe hängen, der vierte -kreischte immer wieder die zwei gleichen Worte gegen die strahlende -Sonne hinauf: »Gottsheilige Himmelsfreud! Gottsheilige Himmelsfreud!« -Nur Leute, die ganz in der Nähe waren, verstanden diese Worte. Wie -bei einer Hinrichtung das Trommelgerassel den letzten Schrei des -Verurteilten erstickt, so übertönten die läutenden Kirchenglocken allen -klagenden Zorn und Jammer dieser Stunde, in welcher tausend gläubige, -redliche Menschen die Heimat verlieren mußten, an der sie hingen mit -Blut und Seele. - -Daß jeder Seufzer, jedes Wort und jeder Schrei erlosch in der -wogenden Glockenfülle, das milderte den erschreckenden Vorgang -dieses großen Jagens nicht, das sich ohne Hifthörner, ohne gelitzte -Jägergala und ohne französische Reimsprüche vollzog und dennoch -mehr des menschlichen Herzblutes verschüttete, als draußen in der -Schönheitsrunde des Hintersees an rauchendem Wildblut hineingeronnen -war in den Frühlingsboden des deutschen Waldes. Weil alle Menschenklage -versank im Glockenhall, im Rädergerassel und Viehgeplärr, verwandelte -sich das Bild des gramvollen Zuges zu einem grausam durchschauerten -Anblick, der schreiende Farben hatte und dennoch wirkte wie ein -stummes, unbegreifliche Schattenspiel. Auf den Karren und Wagen -hielten verstörte Menschen einander umschlungen, drehten immer die -Gesichter nach rückwärts und deuteten mit zuckenden Armen; die im Stroh -gebetteten Kranken machten sinnlose Handbewegungen und versuchten sich -aufzurichten; Bleibende, die von den Exulierenden nicht lassen konnten, -liefen zwischen den Viehtreibern und den von Staub überqualmten Tieren -umher, umarmten unersättlich die Scheidenden, hingen mit einer Hand -an die Wagenleitern geklammert und griffen mit der anderen unter -unverständlichen Worten immer zu den Weibern und Kindern hinauf, die -droben saßen auf den Brettern. Hinter dem Scharwagen des Zuges, dem -letzten aller Karren, kam der vielhundertköpfige Schwarm der Rüstigen, -der Männer, Weiber und Kinder, die nicht zu fahren brauchten, sondern -den heimatlichen Boden verlassen konnten auf den eigenen Sohlen. Die -Zahl der Wandernden hatte sich verdreifacht durch die für immer, oder -nur bis zum Tage des nächsten Exulantenzuges Bleibenden, und sie hingen -Arm in Arm an den Wanderleuten, um einem Vater, einer Mutter, einem -Bruder, einer Schwester noch das Geleit zu geben für eine Strecke des -bitteren Weges. - -Hinter dem Zuge schritt Leupolt Raurisser als der Letzte. Er ging -gebeugt, wie bedrückt von einer schweren Bürde. Vier schwarzweiße -Bänder wehten von seinem Jägerhut, als Zeichen des Führers. An den -Knauf seines langen Wandersteckens hatte ihm Frau Agnes ein rotes -Aurikelsträußchen gebunden. Er hielt den Arm um die Mutter gelegt, -die ohne Haube, mit zerrauftem Grauhaar neben ihm herschritt und das -blasse, von schmutzigen Tränenstrichen überzogene Gesicht an seiner -Schulter liegen hatte. Diesen zwei Letzten folgte noch ein Gedränge von -Kindern und Leuten, stumm, mit scheuen Augen, wie weltfremde Menschen -in erschrockenem Staunen herlaufen hinter den Affen und Kamelen -eines niegesehenen Gauklerzuges. Als dieser stille Schwarm unter dem -schönen Glockendröhnen sich vorüberschob an der sekreten Mauer des -frühlingsblühenden und doch verwelkten Freudengärtleins Seiner Liebden, -straffte sich plötzlich der gebeugte Körper des jungen Jägers. Unter -den Menschen, die neben dem Zuge dichtgepreßt an der Scheunenwand des -Leuthauses standen, hatte Leupolt das mohnfarbene Kleid gesehen. - -»Bub?« fragte Frau Agnes und sah zu ihm hinauf. - -»Nichts, Mutter! Komm!« Er legte den Arm noch fester um die Zitternde. -Bei ruhigem Weiterschreiten drehte er das ernste Gesicht und blickte -über den grauen Scheitel der Mutter hinüber zu dem rotleuchtenden -Farbenfleck an der Scheunenwand. Ein wehes Zucken irrte um seinen Mund. -Kein Laut. Nur sein Herz und seine heißen Augen hatten gesprochen: »Du -da drüben. Dich soll der Herrgott schützen und hüten! Mein Glück ist -tot, nur meine Pflicht lebendig.« - -Die Glocken dröhnten. Ihr Hall umschleierte den Lärm des Zuges, jeden -klagenden Menschenruf und jeden Schrei der getriebenen Tiere. Nur -dieses ungesprochene Wort erstickten die stimmgewaltigen Glocken -nicht. Wie klingendes Feuer war es aus trauernden Augen in eine zu Tod -erschrockene Mädchenseele gefallen. - -Das Staubgewölk des Zuges qualmte weiter und weiter gegen die -Reichenhaller Straße hinaus. Die Menschen, die zu beiden Seiten des -Weges gestanden, begannen sich zu verlaufen. Die Glocken verstummten. -Und noch immer stand Luisa an der Balkenwand, unbeweglich, rot, wie im -Blut ihres Leidens angenagelt an die Mauer. Von den Bleibenden, die den -Exulanten das Geleit gegeben, kamen schon viele zurück, die einen blaß -und stumm, andere unter aufgeregtem Schwatzen, wieder andere mit den -Händen vor den Augen. Immer dünner wurde die Reihe der Heimkehrenden. -Jetzt kam eine einsame Frau mit grauem Scheitel. Sie ging so still -und ruhig, als hätte der Jammer der verwichenen Glockenstunde keine -Gewalt über sie gewonnen. Nur ihre Hände taten etwas Widersinniges. -Wie Fieberkranke seltsam mit irgend einem Dinge spielen, so zog Frau -Agnes den Saum ihrer Schürze durch die zitternden Finger, hin und her, -wie eine müde Näherin einen langen Faden zieht. Nun blieb sie stehen, -nicht erschrocken und nicht erfreut. Hatte sie geträumt? Oder hatte sie -dieses leise Wort, das der letzte Laut ihres Sohnes gewesen war und -noch immer nachklang in ihrem bedrückten Herzen, wirklich vernommen? - -»Mutter?« - -Sie wandte das Gesicht gegen die Scheune hin, ihre gütigen Augen wurden -streng, und während die Tränen langsam über ihre Mundwinkel kollerten, -betrachtete sie das unbewegliche Mädchen und sagte ruhig: »Mutter? So -soll jedes ärmste, gottverlassene Elendskindl sagen dürfen zu mir. Du -nit!« Der Kopf sank ihr auf die Brust, und so ging sie davon, immer -tiefer gebeugt, den Saum der Schürze durch ihre Finger ziehend. - -Leute, die an der Scheune vorübergingen, verhielten sich und sprachen -zu Luisa, barmherzig und erschrocken. Sie hörte keinen Laut, sah -keinen Menschen. Ihr klagender Blick irrte umher, mit einem Ausdruck -des Entsetzens, als wären alle Bilder und Dinge der Welt etwas -Fremdes, etwas Unbegreifliches und Quälendes für sie geworden. Lautlos -betend klammerte sie vor der Brust die Hände in einander, fing zu -schreiten an und fand nach einem verstörten Hin und Her den Weg zum -Haus ihres Vaters. Immer rascher wurden ihre Schritte. Als sie zu -den Bretterplanken des Gartens kam, begann sie zu laufen, begann in -unverständlichen Worten zu lallen, rannte sinnlos dem Haus entgegen, -streckte die Hände und schrie mit erwürgter Stimme immer wieder die -zwei gleichen Worte: »Vater, Sus! -- Vater, Sus!« Kein Laut im Haus. -Sie lief in die Küche. »Vater! Vater!« Sie jagte zurück, stieß die Tür -der Werkstätte vor sich auf, sah das von Sonne umglänzte Holzbild der ->heiligen Menschheit< und schrie mit der schrillen Stimme eines zu -Tod geängsteten Kindes: »Sus? Barmherzige Sus? Wo bist du?« Keuchend -hetzte sie über die Treppe hinauf, rüttelte an der unverschlossenen -Tür der Wohnstube, ohne sie öffnen zu können -- »Vater! Vater! Vater!« --- sprang in ihre Kammer, riß das ziegelfarbene Hauskleid von sich -herunter und kleidete sich in Hast, als wäre ein hoher Feiertag -erschienen und sie müßte zur Kirche gehen. Unter heißem Schluchzen, -das sich anhörte wie ein glückseliges, nur etwas unbehilfliches Lachen, -warf sie sich auf den Boden hin, schlug an ihrem kleinen Klosterkoffer -den Deckel auf und nahm das brennende, von Tränen überströmte Gesicht -zwischen die Hände, um aus ihrem verstörten Kopf herauszugrübeln: was -man braucht auf einem weiten, weiten, viele Wochen währenden Wanderweg? - -Nur nach dem Allernötigsten griff sie: nach dem wächsernen Jesuskind -und nach der goldglitzernden Madonna. Voll Inbrunst küßte sie jedes der -zwei heiligen Bildwerke, bevor sie es achtsam einwickelte in linde, -verläßliche Wolle. Dazu die kleinen Leuchter, das silberne Ämpelchen -und die künstlichen Blumen, sieben Heiligenbilder und die Silhouetten -des Vaters und der Mutter, die über dem Bett gehangen, und die der -Vater mit seiner linken Hand geschnitten hatte, bevor sein Kind zu ihm -heimkehrte aus dem Kloster. Nach der Hetze dieser Arbeit sprang sie -zum Fenster und lauschte gegen die Reichenhaller Straße. Der Lärm des -Exulantenzuges klang nur noch wie mattes Summen aus weiter Ferne. - -»Hilf mir, hilf mir, heilige Gottesmutter, oder ich komm zu spät!« - -Mit dem Einpacken des Weihbrunnkesselchens ging es so flink, daß sie -es vorher zu leeren vergaß. Der Klosterkoffer war nicht wasserdicht, -unten tröpfelte es merklich heraus. Dafür hatte Luisa keine Augen, -weil sie besonders sorgfältig die Weihwasserflasche, die sie nach der -schrecklichen Warnung der Gottsaugenuhr aus der Kirche heimgebracht -hatte, mit zwei Paar Strümpfen überziehen mußte. Da lag nun alles, -was ihr heilig, kostbar und unentbehrlich war, wohlgeborgen in ihrem -Koffer. Und jetzt dazu, was noch Platz hatte an Kleidern, Wäsche, -Schuhen und täglich nötigen Dingen. Dann sprang sie wieder zum Fenster -hin und lauschte hinaus in die milde Sonne. Außer dem Lärm der Nähe -war kein Laut mehr zu hören. Auf der Reichenhaller Straße alles still! -Totenstill! In Schreck, in neuer Verzweiflung flog sie zur Tür und -schrie, daß es hallte in der Stille des Hauses: »Vater! Vater!« Keine -Antwort kam. Sie jagte über die Treppe hinunter. Und wieder in die -Werkstätte. »Vater!« Hinaus in den Garten. »Vater! Vater!« Da kam -ihr die Besinnung: der Vater ist gegangen, um zu bekennen, um sich -einzuschreiben in die Liste der Evangelischen. Diesen Gedanken empfand -sie wie ein tröstendes Glück. Und morgen wird der Vater nachkommen, -vielleicht noch heute. Und wer, wie ihr Vater, so mild und menschlich -über alle Dinge des Lebens urteilt, wird es verstehen, daß man den -Leupi keine Nacht mit so sterbenstraurigen Augen erleben lassen darf. - -Diese Wahrheit gab ihr Tapferkeit und Ruhe in das irrsinnig hämmernde -Herz. Die Ruhe währte aber nicht länger, als bis Luisa droben war -in ihrer weißen Kammer. Sie selber wußte nicht, wie es kam. Es war, -als hätte an der weißen Mauer, nur sichtbar für ihre fromme Seele, -eine warnende Schrift zu brennen begonnen. Das Gesicht mit den -Händen verhüllend, fiel sie auf den Boden hin, geschüttelt von einem -Schluchzen, das ihr junges Leben zu zerreißen drohte. Und da streckte -sie schon die Hände, um alles für die weite, schöne Wanderung Gepackte -wieder herauszuzerren aus der tröpfelnden Klostertruhe. Plötzlich -waren ihre Finger unbeweglich. Ihre Tränen versiegten. Ein frohes, -glückliches Leuchten war in ihren Augen. »Lang muß man harren auf -Erlösung! Einmal kommt sie.« - -Vor Luisas Abreise aus dem Kloster hatte die gütige, kluge, -fürsorgliche Frau Oberin auf der Innenseite des Kofferdeckels ein -geweihtes, von jungfräulichen Rosen umwundenes Schutzengelbild -festgekleistert und sogar noch mit goldfarbenem Lack überstrichen, -damit es nur ja nicht mehr herunterfallen könnte und für den frommen -Klostervogel ein verläßlicher Wegweis bliebe in allen Gefahren der -bösen Welt. Mit einer langen Stange, die unten eine Lanze und oben -eine Fahne war, durchstach der geharnischte und geflügelte Schutzengel -die Herzgegend einer drachenförmigen Schlange. Und die Fahne trug in -gotischen Lettern den wunderwirkenden Spruch: - - »Wo auch der bös Feind Uibles sinnt, - Dein Engel wird ihn gstillen. - Was frumb dein truies Herz beginnt, - Ist allweil sHimmels Willen. - Seel, laß dein Glück nit zagen, - Gott wirz auf Händen tragen, - Hab rechten Mut - Und sEnd ist gut!« - -Wie kann doch ein Schutzengel, wenn's nur der richtige ist, -vieltausendmal hilfreicher und klüger sein, als eine Nürnberger -Gottsaugenuhr! Und wie die liebe herzensgute Frau Oberin sich freuen -würde, wenn sie wüßte: daß ihre treue Fürsorge ein junges Menschenglück -gerettet hatte, das schon zerbrechen wollte zum siebenten und letzten -mal! Heiß beseligt, in dankbarer Freude, küßte Luisa das erlösende -Bild. Dann flink den Deckel zu und den Schlüssel abgezogen. Den -spanischen Hut mit dem weißen Federtuff übers braunblonde Haar, den -grünen Radmantel um die Schultern! Und während die schmalgewordenen -Mädchenwangen glühten wie am Johannistag die Rosen im Garten, lernte -der kleine Klosterkoffer kennen, was eine Schlittenfahrt ohne Schnee -bedeutet. Mit schrillendem Rutsch ging's über die Schwelle der -jungfräulichen Kammer hinaus, durch den Oberstock, über die Treppe -hinunter, und überall auf der hurtigen Glücksreise ließ der pfeifende -Wanderschlitten eine feuchte Tröpfelfährte hinter sich zurück. - -»Vater! Vater! Vater!« - -Flink hinein in die Werkstätte. Mit einem Rötelstift, der zum -Handwerkszeug des Meisters gehörte, schrieb Luisa auf die -weißgescheuerte Spinnbank: »Lieber Vater! Ich bins derweilen -vorausgewandert, weils den Leupi seine traurichen Augen nich därf -warten laß übernacht. Gelt du kommest bald. In Glück und Freiden -dein erlösenes Kint.« Schöner und fehlerfreier, als es auf der Bank -geschrieben stand, klang das in Luisas brennendem Herzen. Sie hatte -bei der klugen, fürsorglichen Frau Oberin besser beten als schreiben -gelernt. - -Eine Vaterunserlänge später bekamen viele Berchtesgadener eine -atemlose und einsame Exulantin zu sehen, deren Anblick niemand zu -Gram und Zorn bewegte, niemand erschütterte zu Tränen. Wie das junge, -bildhübsche Mädel im grünen wehenden Radmantel, mit erhitztem Gesicht -und strahlenden Glücksaugen ihren kleinen, träufelnden Koffer auf einem -großen Schubkarren in sehnsüchtiger Ungeduld über die Reichenhaller -Straße hinausradelte, das war mehr als ein liebliches, war ein -ergreifendes Bild. Dennoch erschien es den Leuten so komisch, daß sie -zuerst verwundert gucken, dann heiter schmunzeln und schließlich ohne -jedes Zartgefühl darüber lachen mußten. Während in einem erlösten -und beglückten Erdenkind von allen schönen Träumen des Lebens der -allerschönste zur Wahrheit wurde, kamen törichte Menschen zu der völlig -unzutreffenden Vermutung: diese verspätete und drum so eilfertige, -immer betende, weinende und lachende Emigrantin hätte einen reichlichen -Schoppen über den für ein Mädchen zulässigen Durst getrunken. - -Wenn es so schwer fällt, das Natürlichste des Natürlichen klar zu -erkennen? Wie darf man sich wundern darüber, daß dem Menschengeist -zuweilen auch bei den Klarstellungen des Übernatürlichen ein -wesentlicher Irrtum widerfährt? - - - - -Kapitel XXXII - - -Nach allem Seelensturm des verflossenen Morgens lag die Sonnenstille -des Mittags über dem leeren Haus des Meisters. Die heimgekehrten -Schwalben umflogen den First, bauten an ihren Nestern oder saßen -rastend auf den geschnitzten Holzzieraten des Giebels. - -Die Elfuhrglocke hatte schon geläutet, als Meister Niklaus herüberkam -vom Leuthaus. Die Sus, mit dem großen leergewordenen Korb über den -Zöpfen, betrachtete immer wieder in Sorge den wortlos vor sich -hinbrütenden Mann an ihrer Seite. Von der Freude, mit der er die -Hände seines verständig gewordenen Kindes geküßt hatte, war nichts -mehr an ihm zu merken. Auf den Erlösungsjubel, den ihm das offene -Bekenntnis seines Glaubens in die Seele gegossen, war ein drückender -Stein gefallen. Seiner Einzeichnung in die Exulantenliste hatte man -kein Hindernis bereitet, hatte auch der Sus keine Schwierigkeiten -gemacht, als sie ruhig und entschlossen ihre paar Buchstäbchen dicht -unter den Namen des Meisters kritzelte. Wegen seines Kindes erklärte -die Kommission: die Jungfer Zechmeister wäre als notorische Katholikin -in zureichenden Jahren, um selbst über ihr Schicksal entscheiden -zu können. Des weiteren müsse der Meister bedenken, daß man einen -so geschickten und notablen Künstler nicht über die Landesgrenze -ziehen lassen könne, auf die Gefahr hin, daß er die berchtesgadnische -Holzschneidekunst im Auslande verbreite, zur Schädigung der Heimat -und zum Nutzen der Augsburgischen, der Nürnberger oder gar der -preußischen _industria_. Die Entscheidung der Kommission hatte einige -Ähnlichkeit mit dem vom Grafen Saur über den Mälzmeister gefällten -Urteil: »Glaub er, was er wolle, und brau er uns auch fürderhin eine -so bekömmliche Biersorte wie bisher.« Wenn der Meister sein illustres -Kunstvermögen der Heimat treu erhalte, wolle man ihm in Glaubenssachen -keine fühlbaren Diffizilitäten bereiten; wäre aber sein Entschluß -zur Exulation ein unabänderlicher, so könne sein Auszug nur erfolgen -unter zureichender Kautionsstellung für allen Schadenersatz und nach -Ablegung eines heiligen, von zwei Bürgen unterstützten Eides: daß er im -Ausland für alle Lebenszeit auf jede Betätigung seiner Kunst verzichte. -»Ihr Herren, das heißt mein Leben erwürgen!« Ein Achselzucken war die -Antwort. - -Vor seiner Haustür blieb Meister Niklaus in der Sonne stehen, beugte -den Kopf und bedeckte die Augen mit der linken Hand. Die Sus wurde -bleich bis in die Mundwinkel. Aber sie hatte doch die Kraft, um ruhig -zu sagen: »Ich mein', der Meister sollt sich zu seiner schönen Arbeit -stellen. Da ist ihm noch allweil jedes harte Ding ein trägliches -worden. Ich schaff derweil, daß der Meister nit warten muß auf die -Mahlzeit.« - -Er nickte. »Ja, gute Sus! Vergiß auch nit, daß der Hochwürdige und -seine Schwester zum Essen kommen. Da ist noch Zeit, daß ich reden -kann mit dem Kind. Wir müssen's nehmen, wie es ist. Heut haben wir -so viel an Seelennot und Elend umlaufen sehen, daß wir nit klagen -dürfen, wenn uns ein schmerzhaftes Steinl hineingedruckt wird in den -eigenen Leib.« Er öffnete die Tür seiner Werkstätte. »Kind?« In dem -großen Raume blieb es still. Der Meister rief in den Flur hinaus: -»Das Kind muß droben in seinem Stübl sein. Gelt, sag ihr, sie soll -zu mir herunterkommen, gleich!« Draußen huschte die Sus über die -Stiege hinauf. Der Meister vertauschte den Gassenrock mit dem leichten -Arbeitskittel und band das lederne Schurzfell um. Eine Weile stand er -unbeweglich und betrachtete sein fast vollendetes Werk: die >heilige -Menschheit<. Schon dieses stille, halb zufriedene, halb mißtrauisch -forschende Sinnen schien ihm die drückende Seelenlast des Augenblicks -zu erleichtern. Er hörte nicht, daß droben die Sus ein paarmal den -Namen seiner Tochter schrie. Aufatmend griff er nach dem schweren -eisernen Schlägel und wollte unter den vielen Meißeln das Hohleisen -aussuchen, das er brauchte, um eine Gewandfalte zu vertiefen. Da sah -er das umgeworfene Spinnrad und ging, um es aufzuheben. Von der weißen -Spinnbank leuchtete ihm die rote Schrift entgegen, der Glücksbrief -seines ausgewanderten Kindes. Er las. In der Faust den eisernen -Schlägel, stieß er einen tonlosen Laut aus der Kehle. - -Da stürzte die Sus mit entfärbtem Gesicht in die Werkstatt: »Meister ---« Die gleichen Worte, die sie ihm hatte sagen wollen, schrie er -selbst: »Das Kind ist fort! Ist dem Glück und dem Leupi zugesprungen.« -Auflachend und doch mit schwimmenden Augen, schleuderte Niklaus den -schweren Schlägel zur Werkbank hinüber. Und während die gewichtige -Eisenmasse gegen den bankförmigen Unterbau der Statue schmetterte, riß -er das Schurzfell herunter und sprang zur Türe. - -»Das Gassenröckl!« Die Sus raffte den braunen Rock vom Sessel und -wollte dem Meister nachspringen. Hinter ihr ein Knirschen, wie wenn -ein Brett in Splitter geht. Sus drehte das Gesicht und sah, daß -die Statue der >heiligen Menschheit< sich zu bewegen begann, als -hätte sie jede Hoffnung auf den Himmel verloren und möchte sich mit -ausgebreiteten Armen niederneigen zur treueren Erde. Der Stoß des -Eisenschlägels hatte den Unterbau schief gedrückt; das viele Zentner -schwere Gewicht der Statue knickte das schräge Brett, und die Bildsäule -drohte vornüber zu stürzen. »Meister!« schrie die Sus mit gellendem -Laut, sprang gegen die Werkbank hin, um das Unglück zu verhüten, und -fing mit Brust und Armen das fallende Bildwerk auf. Sie war ein festes, -kraftvolles Mädel, die Sus. Dennoch brach sie unter dem Stoß, mit dem -die schwere Holzmasse gegen ihren Körper schlug, auf die Knie hinunter. -»Meister! Meister!« Immer schrie sie, immer schwächer klang ihre -Stimme. Mit dem Rest ihrer schwindenden Kräfte hielt sie die Statue -umklammert, um zu hindern, daß die Bildsäule gegen den Boden schlüge -und Schaden nähme. »Meister!« Tiefer und tiefer wurde das tapfere Mädel -gegen die Dielen niedergedrückt und lag unter der pressenden Holzmasse -ausgestreckt wie ein Weib, das in Liebe den Mann empfängt. »Meister, -ach, Meister --« Das waren Laute des Schmerzes, bei erlöschenden Sinnen -noch durchzittert von der Freude, daß des Meisters Arbeit, die für den -Glauben der Sus von allen Herrlichkeiten des Lebens die herrlichste -war, keinen Fehl und Makel erlitten hatte. Und schon so matt und müde -war dieser letzte Schrei, daß er nimmer hinausklang aus der Stille des -sonnenlos gewordenen Raumes. In keuchenden Zügen ging der Atem der -Ohnmächtigen. - -Vor dem Fenster, durch das der sonnige Himmel hereinblaute, klang -zuweilen ein feiner Schwalbenschrei. - -Und drüben beim Leuthaus rannte Meister Niklaus über die Reichenhaller -Straße hinaus. Von einer Höhe konnte er das Gelände bis Bischofswiesen -überschauen. Die Straße war leer. Nur in weiter Ferne ließ sich der -neblige Dunst erkennen, der von der Staubwolke des Exulantenzuges -zurückgeblieben war. - -»Gott mit dir, mein Kind! Glück ist mehr als alles andre.« - -Der Meister wandte sich und ging vorüber am Leuthaus, gegen den -Brunnenplatz. Die Marktgasse war wie abgestorben. Nur spielende Kinder. -Nicht viele. Und das Pflaster war bedeckt mit zerknickten Strohhalmen -und mit dem Unrat, den die abgewanderten Tiere zurückgelassen hatten. - -Vor dem Stiftstor trafen sie zusammen, Meister Niklaus und Pfarrer -Ludwig. »Nicki?« Ein erwartungsvoller Blick war in den Augen des -Pfarrers. - -»Das Kind ist fort.« - -»Also!« Lächelnd sah Herr Ludwig hinauf in das reine Blau. »Der Ewige -arbeitet doch verläßlicher, als ein Nürnberger Spielwerk.« - -»Mensch? Wahrhaftig? Daß mein Kind dem Leupi nachspringen muß? Das hast -du erwartet?« - -»Drum hab ich mich doch bei dir für heut zum Essen geladen. Daß du -dein Süppl nit allein verschlucken mußt. Und komm! Wir müssen das -gleich der Mutter Agnes bringen. Die verzweifelt schier.« Sie wandten -sich gegen das Stiftstor. »Guck, Nicki! Eine Parabel der Zeit!« Der -Pfarrer deutete auf die Fülle des Unrates, der das Pflaster bedeckte. -»Das bleibt der Regierung vom heutigen Tag. Sie wird nit lernen davon. -Statt den nutzbaren Mist für einen Acker zusammenzukehren, wird sie -ihn vornehm liegen lassen, bis ihn der nächste Regen verwässert. -Staatskunst, Nicki, Staatskunst!« - -Als Mutter Agnes die Botschaft vom Glück ihres Sohnes hörte, tat sie -einen Schrei, fiel auf die Mauerbank und wurde von einem so heftigen -Zittern der Beine befallen, daß die Absätze ihrer Schuhe auf dem -Fußboden ein flinkes Getrommel erhoben. Meister Raurisser, der vom -Bräuhaus heimkam und seine Frau so finden mußte, fragte in Sorge: -»Mutter, was hast du denn?« - -»Freud -- Freud -- Freud --« Sonst brachte sie unter dem Sturz ihrer -frohen Tränen kein Wort heraus. - -Pfarrer Ludwig, als er mit Meister Nick aus der Stube ging, deutete -auf eine ungefährlich gewordene Sache an der weißen Mauer. Und draußen -auf der Straße sagte er: »Der Dillinger Landschaden, der Grusdorf, die -überflüssigen Buchstaben, der Muckenfüßl und die Gottesaugenuhr mit -ihrem boshaften Teufel! Alles im Kehrichtfaß der Vergangenheit! Nick, -es geht halt doch ein bißl aufwärts mit der Menschheit. Deswegen muß -sie nit grad eine heilige sein.« Sie kamen zur Pfarrpfründe, und Herr -Ludwig klinkte an der Haustür, die er verschlossen fand. »Die Schwester -ist schon voraus zu dir.« Um den Weg zu kürzen, gingen sie hinter den -Häusern am gestutzten Hofgarten vorüber, dessen lächerlich beschnittene -Bäume unter Frühlingshilfe den Versuch begannen, aus der Pariserei -heranzuwachsen und sich wieder auszustrecken zu natürlicher Form. - -Beim Plankentor des Meisters blieben die beiden stehen und lauschten. -Im Haus eine schreiende Stimme. »Meine Schwester!« stammelte der -Pfarrer. Sie sprangen in den Flur, sahen die Tür der Werkstatt offen -und fanden neben der schreienden Schwester Franziska die Sus, wie -tot, von Blut umronnen, die Arme noch immer um die Statue geklammert. -Der Meister taumelte. Und Pfarrer Ludwig brüllte der Schwester ins -Ohr: »Zum Lewitter! Lauf, was du laufen kannst!« Nur mühsam gelang es -den beiden Männern, die schwere Statue vom Körper der Ohnmächtigen -emporzuheben. »Ach, Mädel, du gutes!« schrie der Meister, hob die -regungslose, von Blut überströmte Sus auf seine Arme und trug sie -über die Treppe hinauf. Ohne zu denken, nur weil es von den Türen -die nächste war, trug er die Blutende in Luisas Kammer und rannte -um Essig, um alles, was beleben konnte. Nichts wollte helfen. Die -geschlossenen Augen taten sich nicht auf, kein Herzschlag war an der -Sus zu spüren, kein Atemhauch vor den blassen Lippen, an denen ein -leises, unveränderliches Lächeln zu erkennen war. Nur das Blut sickerte -noch immer aus den Wunden, die das scharfkantige Holz in ihren Körper -geschnitten hatte. - -Schwester Franziska und Lewitter mit seiner Tasche traten in die Kammer. - -»Komm, Nicki!« Pfarrer Ludwig legte den Arm um den Hals des Meisters. -»Wir zwei sind überflüssig.« Sie gingen hinüber in die Wohnstube. -Der Pfarrer stand am Fenster. Stumm und unbeweglich saß Niklaus am -Tisch; nur seine Augen bewegten sich, wenn durch die Krippenwand ein -matter Laut aus der Kammer klang, oder wenn auf der Stiege draußen die -hastigen Täppelschritte der Schwester Franziska zu hören waren. Und -plötzlich warf er das Gesicht auf die Tischplatte hin. - -Der Pfarrer trat zu ihm und rüttelte ihn an der Schulter. »Nicki! Bleib -der Mensch, der du bist! Tu dich nit so verbohren in den Schreck! Tu -reden, Nicki!« - -Meister Niklaus hob das blasse Gesicht. »Einsam werden ist das -Grauenhafteste des Lebens. Mein Weib versunken, mein Kind ins Kloster -gesteckt -- um *Gottes* willen!« Er hob die hölzerne Hand und -betrachtete sie. »Daß ich es überleben hab können? Ich glaub, am Leben -hat mich nur die Hoffnung gehalten, daß ich *doch* wieder schaffen -könnt -- einmal.« Wieder streckte er die künstliche Hand vor sich -hin. »*Das* ist das Leichtere gewesen.« Er nahm den Kopf zwischen die -Fäuste, und seine Stimme wurde tonlos. »Das andere hat erst angefangen, -wie ich gemeint hab, ich wär schon wieder ein ruhiger Mensch. Fünf Jahr -lang hab ich nimmer gewußt, daß ich an Leib und Blut noch allweil ein -Mannsbild bin. Und gählings -- wie ein schweres Leiden, das kommt, man -weiß nit wie -- hat's angefangen: die Ruhlosigkeit in den Nächten, am -Tag das Nachschauen hinter den Weibsleuten, das Händzittern, wenn mir -ein junges Geschöpf in die Näh gekommen ist. Nur Eine, die allweil -bei mir war, hab ich nie drum angesehen. Sie ist mir immer das kleine -Mädel gewesen, als das sie zu uns ins Haus gekommen ist. Und ist schon -über die achtzehn Jahr gewesen. Im Frühling einmal, da hat sie sich im -Garten einen Dorn in den Finger gestoßen und ist gekommen: ich sollt -ihr helfen. Und wie ich sie bei der Hand hab und frag: Tut's weh? -- -und sie schüttelt den Kopf, da hab ich spüren müssen, wie sie zittert. -Ich schau sie verwundert an. Und gählings merk ich, wie schmuck sie -geworden ist. Mir ist der Teufel ins hungrige Blut gefahren --« - -»Was für einer?« fragte der Pfarrer. »Der von der Gottsaugenuhr?« - -Niklaus, ohne zu hören, redete vor sich hin: »Ich bin erschrocken -über mich. Und hab sie fortgeschoben. Und da brennt ihr Gesicht wie -Kohlenglut. Sie schaut mich an mit ihren treuen, barmherzigen Tieraugen -und sagt: >Was liegt an mir? Der Meister muß Ruh haben<.« - -Zwei leise Worte: »Heilige Menschheit!« - -Der andere schwieg. Nach einer Weile sagte er in Qual: »Sie hat sich -um meinetwegen zerschlagen mit Vater, Mutter und Geschwistern, hat -ihr junges Leben hingelegt vor meine Füß und hat gegeben, wie man ein -Kräutl gibt, das heilsam ist für Not und Trauer eines Menschen. Kann -sein, es ist ein Unrecht gewesen, daß ich genommen hab. Hungert einer, -so stiehlt er beim Bäcken. Nie hab ich sie lieb gehabt. Ich bin ihr nur -gut gewesen, nur dankbar.« Er preßte die Zähne übereinander. »Wie mein -Kind wieder im Haus gewesen ist, hab ich einen Riegel fürgeschoben und -hab die Sus nimmer angerührt. Allweil ist ihre treue Sorg um mich die -gleiche geblieben. Jedes andre -- kann sein, ich selber -- hätt heut -in der Werkstatt fallen lassen, was ich in Müh geschaffen hab. Die Sus -hat helfen müssen. Wie's zugegangen ist, das weiß ich nit. Ich weiß -nur, die Sus ist so. Sie muß dran sterben. Ich leb.« Langsam hob er das -Gesicht. »Pfarrer! Tät man einen verblutenden Leib noch anbinden können -an einen Lebendigen, so müßt ich bitten: du sollst mich trauen mit der -Sus!« Er wandte die Augen zur Krippenwand. »Jetzt hab ich sie lieb.« - -Schweigend trat der Pfarrer auf ihn zu und strich ihm mit der Hand -übers Haar. Dem Meister fuhr das Gesicht herum, weil er draußen einen -Schritt vernahm. Simeon Lewitter trat in die Stube. Und Niklaus, vom -Sessel aufzuckend, keuchte: »Ist Hilf?« Ohne die Antwort abzuwarten, -sprang er auf die Türe zu. Simmi breitete wehrend die Arme auseinander: -»Nit! Tu bleiben!« Er führte den Zitternden wieder zum Sessel und -sprach zu ihm in seiner sanften, halblauten Art. Der Pfarrer, -schweigend, ging zur Holzverschalung der Mauer und drückte auf den -versteckten Knopf. Lautlos öffneten sich die beiden Flügeltüren der -Krippe. Die sonnige Fensterhelle leuchtete hinein in die Nische, -machte alle Farben der hundert Figürchen flimmern, umglänzte die drei -Gestalten unter dem Kreuze, gab dem Frühlingsbild der zierlichen -Landschaft einen warmen Schein -- und ohne daß die kleinen Lampen -brannten, glitzerten die winzigen, aus Glassplittern gebildeten -Fenster an Kirche und Hütten, als wär's um die Morgenstunde, die einen -strahlenden Tag verspricht. - -»Komm, Nicki! Oder wär's nit so in dir, daß du beten mußt?« - -Nun standen die drei Männer wortlos vor der Nische, jeder mit dem -Arm um den Hals des anderen. Dieses Schweigen war das verbrüderte -Gebet ihres duldsamen Glaubens, war das ungesungene Lied ihres -gemeinsamen Harrens auf einen Menschenmorgen, der kommen mußte -- nach -Jahrhunderten, meinte der eine; nach Jahrzehnten, glaubte der andere; -bald, so hoffte der dritte. - -Auf den Kirchtürmen schlugen die Glocken mit schwebendem Hall die erste -Mittagsstunde. - -Das war die gleiche Stunde, in der die siebenhundert vom großen Jagen -aus dem Land Gepeitschten ihr letztes Gebet auf heimatlichem Boden zum -Himmel sangen. - -Sie hatten die steigende Wegstrecke vor dem Hallturm erreicht. -Alle Gesichter der Wandernden waren der Ferne zugerichtet, der sie -entgegenschritten. Nur die Augen der Kranken, die, mit den Köpfen -gegen die Zugtiere, gebettet lagen im Wagenstroh, waren rückwärts -gerichtet nach dem Lande, das sie verließen. Und plötzlich, während die -lange Karrenzeile schwerfällig hinaufkletterte über die Steigung, hob -der hundertjährige Jakob Aschauer die dürren, gichtisch verkrümmten -Hände aus den Strohhalmen, tat einen klagenden Schrei und griff mit -zuckenden Fingern gegen die blaue Heimat, die schon versunken war -hinter Hügeln und Gehölzen und noch ein letztesmal heraufstieg mit -gewellten Frühlingswiesen, mit blitzenden Gewässern, mit sammetgrünen -Fichtengehängen, mit sonnbeglänzten Dächern und Mauern, mit den -erwachenden Almen und den kettengleich ins Endlose geschichteten -Silberkanten der noch von Schnee umschütteten Zinnen. Und alles -hineingewoben ins reine Blau, alles umschmeichelt von warmer Sonne, -alles umgossen vom schönen Frieden der lautlosen Ferne. Wieder ein -Klagelaut, so schrill wie ein Falkenschrei. Und die mühsame Stimme des -Hundertjährigen: »Leut! Ihr Leut! Ach luget sell naus! Das Ländl! Das -liebe Ländl! Das Paradeis, aus dem sie uns alle verjagen!« - -Das faßte einen um den andern; alle Gesichter wandten sich; hundert -Stimmen rannen zusammen; der Zug der Wagen staute sich; die -Viehtreiber ließen die Stricke der Tiere fallen, um die Fäuste vor die -Augen zu pressen; viele Kinder fingen zu weinen an und klammerten sich -an die Röcke, an die Hälse der Mütter; Männer und Buben umschlangen -sich mit den Armen, und die siebenhundertfache Trauer und Liebe floß -ineinander zu einem einzigen, machtvollen Seelenschrei, der ähnlich -war dem Brausen eines stürzenden Wildbachs. Die Arme breiteten sie -aneinander wie Gekreuzigte, sie schrien verzückte Laute in das -Hallgewoge dieses hundertfältigen Schmerzes und griffen nach der Erde, -die sie verlassen mußten für immer. Kein Fluch und keine Verwünschung -war zu hören. Nur Segensworte, nur Laute der inbrünstigen Treue. Und -Leupolt Raurisser, um dessen Schultern die schwarzweißen Bänder des -Führers flatterten, hob neben dem Wagen des Hundertjährigen die Hände -gegen das Blau. Sein Gesicht war entstellt. Aus seinen Augen, die -trocken geblieben waren in der härtesten seiner Qualen, stürzten die -Tränen, während er mit klingender Stimme den Psalm begann: - - »Aus tiefer Not schrei ich zu dir, - Herr Gott, erhör mein Rufen --« - -Die Siebenhundert fielen ein, auf den Wagenbrettern und im Staub der -Straße lagen sie auf den Knien, und ihr betendes Lied, ihr letztes auf -dem Boden der Heimat, schwamm in den Lüften wie das Feiertagsgeläut -einer schönen, heiligen Glocke. - -Als sie zu tönen anfing, kamen aus einem Seitentälchen zwei alte Leute, -ein kleines Weibl mit kurzem Rock und ein langes, geselchtes Mannsbild -mit weißem Schnauzer. Vor einem schwerbeladenen Karren, an den drei -Ziegen und ein Geißbock angebunden waren, hingen die beiden in den -Zugriemen. Beim Hall des Liedes blieben sie stehen und guckten, das -Weib in Rührung, der Lange auf eine verdutzte Art, als wäre ihm etwas -unverständlich an den Klängen, die ihm entgegenrauschten. Er riß die -Augen auf und atmete schwül. In seinem braunen Gesicht erwachte etwas, -wie der Spiegelschein eines erschrockenen Gedankens. Immer härter -schnaufend, sah er sein Weibl an. »Du! Schneckin!« - -»Was?« - -»Wir zwei gehören da nit dazu. Die Leut da müssen einen Glauben -haben als wie ein Baum. Der unser ist bloß ein Stäudl, geht hin -und her und wackelt bei jedem Wind. Wir zwei, verstehst, wir zwei -gehören sell hin, wo der Bockmist düftelt.« Er hatte den Karren schon -gewendet. Die Schneckin begann zu weinen und der Hiesel knurrte: -»Kreuzhöllementsverteufelter Himmelhund, verstehst du denn nit, du -Schneehas ohne Löffel! Das ist doch kein Fürwurf.« Immer bitterlicher -weinte das Schneckenweibl. Da wurde der grobe Hiesel barmherzig und -legte den Arm um den kleinen, kurzröckigen Stöpsel. »Schau, was Guts -hat unsere Narrenschopferei halt doch gehabt. Verstehst?« Das Weib -schüttelte kummervoll den grauen Kopf, und tröstend sagte der Hiesel: -»So sauber, wie jetzt, ist unser Geißstallerl seit dreißig Jährlen noch -nie gewesen.« Die schwimmenden Augen der Schneckin wurden heller. So -viel Anerkennung hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nie geerntet. -Mit dankbarem Lächeln sah sie am Hiesel hinauf und flüsterte wie ein -schämiges Mädel: »Vergeltsgott, Schneck!« Der quieksende Karren mit den -Meckerziegen verschwand hinter den Stauden, während auf der Straße -die fromme Glaubensglocke der Siebenhundert immer machtvoller und -inbrünstiger tönte: - - »Ob bei uns ist der Sünden viel, - Bei Gott ist viel mehr Gnaden. - Sein Hand zu helfen hat kein Ziel, - Wie groß auch sei der Schaden. - Er ist allein der rechte Hirt, - Der Israel erlösen wird - Aus seinen Sünden allen.« - -Als das Lied zu Ende klang, war tiefe Stille über den siebenhundert -gebeugten Köpfen. Leises Schluchzen. Und der hundertjährige Aschauer -bettelte mit erloschener Stimme: »Ich kann nit fahren, so lang ich -die Heimat seh, ach Leut, ach Leut, ach lasset mich bleiben, so lang -ein Aichtl Sonnlicht über dem Ländl hängt. Wenn's finsteret, will ich -fahren von Herzen gern.« Das Wort lief hin über die lange Reihe der -Karren, und hundert Stimmen riefen: »Wie's der Älteste haben will, so -muß man es machen.« Für jeden war's eine tröstende Freude, daß er die -Heimat noch schauen durfte einige Stunden lang und sie erst verlassen -mußte, wenn die Nacht sie umschleierte. - -Nach allem Gram und Kummer dieses Tages hörte man heitere Worte. Alle -bedrückten, müdgewordenen Herzen lebten auf, und die schmale Zeile des -Exulantenzuges löste sich in die Breite. Die Hirten trieben das Vieh in -den Laubwald, um es weiden zu lassen; die Frauen und Mädchen stiegen -von den Karren, um die Ziegen und Kühe zu melken, damit die Kinder ihre -Milch bekämen; und die Männer und Buben trugen Holz zusammen für die -Kochstätten. An die hundert kleine Feuer fingen zu brennen an, und -in der Windstille des milden Nachmittages stiegen die Rauchsäulen wie -blaue Bäume zum Himmel hinauf. - -Die Sonne wurde Gold, die Berge im Osten brannten, die steilen Wälder -im Westen wurden eisenblau, und die jungen Buben begannen zu singen wie -beim Sonnwendfeuer, wie vor dem Fenster einer Almerin. Und gählings -geschah ein Ding, daß alle Leute verwundert die Köpfe streckten. -Leupolt Raurisser rannte gegen die Talstraße hinunter, so flink, daß -die schwarzweißen Bänder wagrecht hinter seinem Nacken standen. Weil er -auf der mit Karren vollgepfropften Straße nicht flink genug vorwärts -kam, sprang er im Zickzack zwischen den weidenden Kühen. Und als die -Straße frei wurde, fing er ein Rasen an, noch wilder und schöner als -zwischen den galoppierenden Dragonergäulen. Weit vor ihm, in der Tiefe -der Talstraße, kam ein winziges Fuhrwerkelchen daher: ein Schubkarren -mit einem kleinen Koffer. Zwischen der Gabel bewegte sich was Junges, -hurtig Zappelndes, mit einem weißen Federbusch auf dem spanischen Hut. -Über dem Koffer lag der grüne Mantel, schön gefaltet, weiß überpulvert -vom Straßenstaub. - -Leupolt schrie den Namen seines Glückes, daß von allen Wäldern ein Echo -kam. - -Sie hörte den Schrei, setzte den Karren nieder und blieb unbeweglich. - -Nun stand er vor ihr, heiß atmend vom jagenden Lauf, mit Augen, die -wie Sterne glänzten. Er streckte die Hände und wagte sein Glück nicht -zu berühren. Nach der ersten glühenden Scham tat Luisa einen frohen -Atemzug. Eine wundersame Ruhe überkam ihr Wesen. Sie sah zu ihm -hinauf. »Willst du mich nehmen, Leupi? Ich kann nit leben ohne dich. -Gott wird's verstehen. Der hat dich geschaffen. Da muß er auch wissen, -wie du bist.« - -Er stammelte: »Jesus!« Und wagte zuerst nur ihre Hand zu fassen. Als er -den Druck ihrer Finger fühlte, kam's wie ein lachender Taumel über ihn. - -Der spanische Hut verlor seinen graden Sitz. Und erst eine sehr -beträchtliche Weile später konnte Luisa sagen: »Evangelisch kann ich -nit werden. Daß ich im Herzen bei meiner Wahrheit bleib? Tust du mir -das verstatten?« - -»Bleib, wie du bist, und allweil wirst du die Richtige sein.« Droben -auf der Straßenhöhe riefen viele Stimmen seinen Namen. »Die brauchen -mich. Komm, Bräutl!« Er wollte die Gabel des Schubkarrens fassen, -richtete sich wieder auf und fragte in Sorge: »Dein Vater, Luisli? Kann -er denn schnaufen ohne dich? Tut er mir denn mein Glück vergönnen?« - -Sie sagte gläubig: »Der kommt uns nach. Heut hat er bekennen müssen und -ist eingeschrieben.« - -Ein heißer, frohseliger Jauchzer. Und der geduldige Schubkarren mußte -noch eine Weile rasten. Hat man sein Mädel um den Hals, so kann man -keine Karrengabel in den Händen haben. Und als das Rädl wieder lief, -blieb Leupolt stumm. Weil er sinnen mußte. Nun ein heiteres Auflachen. -Hundert Schritte vor dem ersten Exulantenwagen stellte er den Karren -nieder, nahm den grünen Mantel vom Koffer, schüttelte den Staub davon -und faßte die Hand seines Glückes. »Komm! Ich such dir ein feines -Plätzl.« Zwischen den Stauden fand er eines. »Schau nur, wie alles -blüht um dich herum! Da mußt du warten ein Vaterunser lang.« Er sprang -davon, und der Karren mußte sausen, obwohl es aufwärts ging. - -Auf dem Rücken eine Sesselkraxe, die er von einem Bauer geborgt hatte, -kam er wieder. »Schatzl? Gelt, du hast keinen Wanderschein?« - -Sie schüttelte den Kopf. »Weil ich nur dich hab! Mir ist's genug.« - -»Aber den Grenzmusketieren nit!« Er konnte nicht ernst werden, immer -mußte er lachen in seiner Freude. »Sie täten dich ohne Loskauf, Paß und -Polizeiverlaub nit über den Schlagbaum lassen. Schatz, es geht nimmer -anders, ich muß dich hinüberschwärzen in unser Glück. Aber deine Füßlen -sollen keinen Weg nit machen, der ein Unrecht ist. Hab ich die Freud, -so muß ich auch die Schuld haben.« Er ließ sich niederfallen auf die -Knie und flüsterte selig: »Komm! Steig auf! Und leg deinen Mantel auf -die Krax! Da hast du es linder.« - -Ein scheues Zögern, ein leises Auflachen. - -Leicht erhob sich Leupolt mit seiner lieben Last. In der Rechten den -Stecken, die Linke nach oben gestreckt als Halt für Luisas Hände, so -schritt er flink zwischen den Stauden hin, auf versteckten Wegen, wie -nur die Jäger sie kennen. Im dämmrigen Fichtenwalde verschwand er. - -Eine Weile später ging die Sonne hinunter. Es finsterte schon und die -Sterne glänzten, als Leupolt wieder kam, mit der leeren Kraxe auf dem -Rücken. - -Nun war's lebendig in der Karrenzeile. An der Spitze des Zuges tönten -drei Rufe eines Alphorns. Dann fingen die Räder zu knattern an, und die -lange Wagenreihe kletterte in der Dunkelheit über den Rest der Höhe -hinauf zur fürstpröpstlichen Grenze. Kleine Lichter -- wie Sterne, die -auf die Erde gefallen -- waren ausgestreut über die ganze Länge des -Zuges: die Wagenlaternen, und in zwei Reihen die Kienlichter, die von -den Jungbuben getragen wurden. - -Das Paßgeschäft beim Hallturm währte vier Stunden lang. Die -Grenzmusketiere nahmen es genau. Es war schon über Mitternacht, -als hinter dem Scharwagen mit knarrender Feierlichkeit der -berchtesgadnische Schlagbaum herunterfiel. Außerhalb der Grenze ordnete -Leupolt den Zug. Und als die Lichterkette sich in Bewegung setzte, -sprang er durch den finsteren Hochwald davon. Bei den alten, zerstörten -Festungswerken der bayerischen Grenzhut stand er wieder am Saum der -Straße. Nicht allein. - -Nun schritt er dem Zuge voraus, den Arm um Luisas Schultern -geschlungen. Sie hatte den Hut heruntergenommen und trug ihn am Gürtel. - -»Luisli? Siehst du den schönen Stern da draußen? Das ist der Nordstern. -Sell müssen wir hin. Dort ist das Land des gütigen Helfers.« - -Sie nickte stumm und schmiegte sich enger an seine Brust. Beugte er -sich ein bißchen nieder, so fanden seine Lippen ihr lindes Haar. Und -hob sie das Gesicht, so sah er beim Sternschein einen Glanz in ihren -Augen, ohne die Tränen zu sehen, die ihr von den Wimpern fielen. Die -einzige, die nasse Wangen hatte, war sie nicht. Viele weinten in der -Finsternis; die Frauen und Mädchen, die auf den Karren saßen; und alle -Mütter, auf deren Schoß und an deren Brüsten die müden Kinder schliefen -oder die furchtsamen wachten. - -Ein Rauschen in der Nacht. Man wußte nicht, wo. Bald klang es ferne, -bald wieder nah. - -Die Viere, die hinter Leupolt an der Spitze des Zuges schritten, fingen -zu singen an. Die Stimmen der Wandernden fielen ein. Sie sangen das -Stablied der Evangelischen, von dem man erzählte: daß es der gadnische -Bergmann Josef Schaitberger ersonnen hätte, den man vor vierzig Jahren -aus der Heimat trieb. - - »Jesu, mein Wanderstab, mit Dir kann ich sorglos ziehen - Aus meinem lieben Land! Mit Dir kann ich fliehen, - Wenn mich des Feindes List aus meiner Ruhstatt jagt! - Du bleibst mein bester Freund, wenn Pharao mich plagt. - - Jesu, mein Wanderstab, auf Dich kann ich mich lehnen, - Ach, sieh meine Flucht und zähl meine heißen Tränen, - Ich weiß, Du zählst sie, Du hältst sie in Deiner Hand, - Sei Du mein Himmelreich und mein neues Heimatland! - - Jesu, mein Wanderstab, mein Licht, das nie sich neiget, - Hilf Deinem müden Knecht, der bittend sich beuget! - Bleib bei mir, bleib bei mir, bleib jetzt und für und für, - Der Tag hat enden müssen, es ist die Nacht vor mir. - - Jesu, mein Wanderstab, die Heimat bleibt dahinten, - Mein Blick ist naß und sucht und kann sie nit finden. - Herr Jesu, kühl mir die Augen mit Deiner Hand, - Wo *Du* bist, Herr, da ist Heimat und Vaterland!« - - - - -Bücher von Ludwig Ganghofer: - - - Das Schweigen im Walde. *Roman*. Neue Ausgabe. 60. Tausend. Initialen - und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 5 M., geb. 6,50 M. - - Die Trutze von Trutzberg. *Eine Geschichte aus anno Domini 1445.* - Initialen und Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. 46. Tausend. - Geh. 4 M., geb. 5,50 M. - - Das große Jagen. *Roman aus dem 18. Jahrhundert.* Initialen und - Einbandzeichnung von Friedrich Felger. Geh. 6 M., geb. 7,50 M. - - Fliegender Sommer. *Novellen.* Neue Ausgabe. Der Reihe nach 21. - Tausend. Einbandzeichnung von Friedrich Felger. 8°. Geh. 3,50 M., - geb. 5 M. - - Doppelte Wahrheit. *Neue Novellen.* 8°. 6. Tausend. Geh. 4 M., geb. - 5,50 M. - - Das Kaser-Mandl. *Eine Erzählung.* Neue Ausgabe mit Illustrationen - von Carl Röhling. 12°. 11. Tausend. Kart. 1,50 M., geb. 2,20 M. - -Ob es die Deutschen genügend wissen, was sie an diesem Dichter für eine -Kraftquelle haben! Ob sie es ahnen, daß seine Schriften, so harmlos -und heiter sich viele derselben auch geben, eine Vorbereitung, eine -Stählung des Volksherzens für diesen ungeheuerlichen Verteidigungskrieg -geworden sind? Die Bayernkraft offenbarte Ganghofer uns, bevor sie zu -dem herrlichen Heldenringen auf den Plan trat. - - *Peter Rosegger.* - - -G. Grote'sche Verlagsbuchhandlung in Berlin - - - - -Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenöss. Schriftsteller - - - =*Charitas Bischoff*, Amalie Dietrich.= Ein Leben. Mit 8 Bildnissen. - Achtundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Bilder aus meinem Leben.= Mit sechzehn Vollbildern und fünf - Textillustrationen. Zwanzigstes Tausend. Geb. 5,50 M. - - =*Victor Blüthgen*, Gedichte.= Neue, verm. Ausgabe. Geb. 4,50 M. - - =*Walther Burk*, Der versunkene Herrgott.= Roman. Geb. 4,50 M. - - =*Gustaf Dickhuth*, Wie der Leutnant Hubertus von Barnim sich - verloben wollte und anderes.= Novellen. Geb. 4 M. - - =*Ernst Eckstein*, Murillo=. Dritte Auflage. Geb. 3 M. - - -- --, =Hertha.= Roman. Dritte Auflage. Geb. 8 M. - - -- --, =Themis.= Roman. Zwei Bände. Geb. 9,60 M. - - -- --, =Der Mönch vom Aventin.= Novelle. Vierte Auflage. Geb. 4 M. - - -- --, =Familie Hartwig.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M. - - -- --, =Kyparissos.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M. - - -- --, =Roderich Löhr.= Roman. Zweite Auflage. Geb. 8 M. - - -- --, =Adotja.= Novellen. Geb. 6,50 M. - - -- --, =Die Hexe von Glaustädt.= Roman. Dritte Auflage. Geb. 8 M. - - =*A. von der Elbe*, Der Bürgermeistersturm.= Ein Roman aus dem - fünfzehnten Jahrhundert. Zweite Auflage. Geb. 7 M. - - -- --, =In seinen Fußstapfen.= Roman aus Lüneburgs Vorzeit. Zweite - Auflage. Geb. 5,50 M. - - =*Gustav Falke*, Die Stadt mit den goldenen Türmen.= Die Geschichte - meines Lebens. Fünfzehntes Tausend. Geb. 5,50 M. - - =*Heinrich Federer*, Lachweiler Geschichten.= Fünf Erzählungen. - Siebzehntes Tausend. Geb. 5 M. - - -- --, =Berge und Menschen.= Roman. Zweiundvierzigstes Tausend. Geb. - 6,50 M. - - -- --, =Pilatus.= Eine Erzählung aus den Bergen. Neunzehntes Tausend. - Geb. 4,50 M. - - -- --, =Jungfer Therese.= Eine Erzählung aus Lachweiler. Achtzehntes - Tausend. Geb. 5 M. - - -- --, =Das Mätteliseppi.= Eine Schweizer Erzählung. - Fünfundzwanzigstes Tausend. Geb. 6,50 M. - - =*Gustav Frenssen*, Die Sandgräfin.= Roman. Achtundsiebzigstes - Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Die drei Getreuen.= Roman. Hunderteinundzwanzigstes Tausend. - Geb. 5,50 M. - - -- --, =Jörn Uhl.= Roman. Zweihundertneunundvierzigstes Tausend. Geb. - 5,50 M. - - -- --, =Hilligenlei.= Roman. Hundertneunundvierzigstes Tausend. Geb. - 6,50 M. - - -- --, =Peter Moors Fahrt nach Südwest.= Ein Feldzugsbericht. - Hundertsechsundachtzigstes Tausend. Geb. 3,50 M. - - -- --, =Klaus Hinrich Haas.= Roman. Neunundachtzigstes Tausend. Geb. - 6,50 M. - - -- --, =Der Untergang der Anna Hollmann.= Eine Erzählung. - Sechsundsechzigstes Tausend. Geb. 3,50 M. - - -- --, =Bismarck.= Epische Erzählung. Geb. 5 M. - - -- --, =Die Brüder.= Eine Erzählung. Fünfundachtzigstes Tausend. Geb. - 6,50 M. - - =*Ludwig Ganghofer*, Doppelte Wahrheit.= Neue Novellen. Sechstes - Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Fliegender Sommer.= Novellen. Einundzwanzigstes Tausend. Geb. - 5 M. - - -- --, =Das Schweigen im Walde.= Roman. Neue Ausgabe. - Einundsechzigstes Tausend. Geb. 6,50 M. - - -- --, =Die Trutze von Trutzberg.= Eine Geschichte aus Anno Domini - 1445. Sechsundvierzigstes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Das große Jagen.= Roman aus dem 18. Jahrh. Geb. 7,50 M. - - =*Hans Ferdinand Gerhard*, In der Jodutenstraße.= Roman. Drittes - Tausend. Geb. 4,50 M. - - =*Ola Hansson*, Der Schutzengel.= Roman. Geb. 4 M. - - =*Hermann Heiberg*, Reiche Leute von einst.= Roman. Geb. 4 M. - - =*Hans Hopfen*, Gotthard Lingens Fahrt nach dem Glück.= Roman. Geb. - 5,50 M. - - =*F. Hugin*, Durch den Nebel.= Roman. Viertes Tausend. Geb. 4,50 M. - - =*Johannes Jegerlehner*, Marignans.= Eine Erzählung. Fünftes Tausend. - Geb. 4,50 M. - - -- --, =Petronella.= Roman aus dem Hochgebirge. Fünftes Tausend. Geb. - 4,50 M. - - -- --, =Grenzwacht der Schweizer.= Eine Erzählung. Siebentes Tausend. - Geb. 2,50 M. - - =*Wilhelm Jordan*, Zwei Wiegen.= Ein Roman. Neue Ausgabe. Zwei Bände. - Fünftes Tausend. Geb. 7 M. - - =*Adam Karrillon*, Michael Hely.= Roman. Neuntes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Die Mühle zu Husterloh.= Roman. Siebentes Taus. Geb. 5,50 M. - - -- --, =_O domina mea._= Roman. Sechstes Tausend. Geb. 5.50 M. - - -- --, =Im Lande unserer Urenkel.= Drittes Tausend. Geb. 5 M. - - -- --, =Bauerngeselchtes.= Sechzehn Novellen aus dem Chattenlande. - Drittes Tausend. Geb. 4,50 M. - - -- --, =Adams Großvater.= Roman. Siebentes Tausend. Geb. 5,50 M. - - =*Joseph von Lauff*, Kärrekiek.= Roman. Zehntes Taus. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Pittje Pittjewitt.= Ein Roman vom Niederrhein. Zwanzigstes - Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Frau Aleit.= Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Die Tanzmamsell=. Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Sankt Anne.= Roman. Fünfzehntes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Revelaer.= Roman. Sechzehntes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =_Lux aeterna._= Roman. Elftes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Die Brinkschulte.= Roman. Zwölftes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Anne-Susanne.= Roman. Zweiundzwanzigstes Tausend. Geb. 5,50 M. - - -- --, =Sergeant Feuerstein.= Ein Roman aus großer Zeit. - Vierundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M. - - =*Hermann Lingg*, Schlußsteine.= Neue Gedichte. Geb. 4 M. - - =*Fritz Philippi*, Adam Notmann.= Ein Leben in der Zelle. Roman. Geb. - 4,50 M. - - =*Wilhelm Rabe*, Die Chronik der Sperlingsgasse.= Achtundneunzigste - Auflage. Geb. 4 M. - - -- --, =Horacker.= Zweiunddreißigstes Tausend. Geb. 4 M. - - -- --, =Unruhige Gäste.= Ein Roman aus dem Säkulum. Siebente Auflage. - Geb. 4 M. - - -- --, =Im alten Eisen.= Eine Erzählung. Siebente Auflage. Geb. 4 M. - - -- --, =Nach dem großen Kriege.= Eine Geschichte in zwölf Briefen. - Fünfte Auflage. Geb. 3,50 M. - - -- --, =Die Kinder von Finkenrode.= Achte Auflage. Geb. 4 M. - - -- --, =Halb Mär, halb mehr.= Erzählungen, Skizzen, Reime. Zweite - Auflage. Geb. 4 M. - - =*Otto Rodehorst*, Und wenn die Welt voll Teufel wär!= Eine - Erzählung. Achtes Tausend. Geb. 2,50 M. - - =*Erich Scheurmann*, Ein Weg.= Roman. Geb. 5 M. - - -- --, =Abseits.= Sechs Erzählungen. Geb. 3 M. - - =*Gustav Schröer*, Die Flucht von der Murmanbahn.= Eine Erzählung. - Achtes Tausend. Geb. 2,50 M. - - -- --, =Der Heiland vom Binsenhof.= Roman. Geb. 5,50 M. - - =*Ernst Schudert*, Ruhm.= Ein Novellenkranz um Friedrich den Großen. - Fünfzehn Novellen. Drittes Tausend. Geb. 4,50 M. - - -- --, =Der Sturmwind Gottes.= Zwei Erzählungen. Geb. 5 M. - - =*Heinrich Wolfgang Seidel*, Der Vogel Tolidan.= Neun Erzählungen. - Geb. 4,50 M. - - -- --, =Die Varnholzer.= Ein Buch der Heimat. Geb. 5,50 M. - - =*Heinrich Steinhausen*, Heinrich Zwiesels Ängste.= Eine Spießhagener - Geschichte. Geb. 5,50 M. - - =*Konrad Telmann*, Bohémiens.= Roman. Geb. 6,50 M. - - =*Johannes Trojan*, Auf der anderen Seite.= Streifzüge am - Ontario-See. Geb. 3 M. - - -- --, =Berliner Bilder.= Hundert Momentaufnahmen. Zweite Auflage. - Geb. 4 M. - - =*Ernst von Wildenbruch*, Das schwarze Holz.= Roman. Sechzehntes - Tauend. Geb. 5.50 M. - - -- --, =Lukrezia.= Roman. Siebzehntes Tausend. Geb. 6,50 M. - - =*Julius Wolff*, Till Eulenspiegel redivivus.= Ein Schelmenlied. - Sechsundzwanzigstes Tausend. Geb. 4,80 M. - - -- --, =Der Rattenfänger von Hameln.= Eine Aventiure. - Siebenundsiebzigstes Tausend. Geb. 4 M. 80 Pf. - - -- --, =Der wilde Jäger.= Eine Weidmannsmär. Hundertundachtes - Tausend. Geb. 4 M. 80 Pf. - - -- --, =Tannhäuser.= Ein Minnesang. Zwei Bände. Vierundvierzigstes - Tausend. Geb. 8 M. - - -- --, =Lurici.= Eine Romanze. Einundsiebzigstes Tausend. Geb. 6 M. - - -- --, =Die Pappenheimer.= Ein Reiterlied. Fünfundzwanzigstes - Tausend. Geb. 6 M. - - -- --, =Renata.= Eine Dichtung. Dreiunddreißigstes Taus. Geb. 6 M. - - -- --, =Der fliegende Holländer.= Eine Seemannssage. - Siebenunddreißigstes Tausend. Geb. 5 M. - - -- --, =Assalide.= Dichtung aus der Zeit der provençalischen - Troubadours. Siebzehntes Tausend. Geb. 6 M. - - -- --, =Der Landsknecht von Cochem.= Ein Sang von der Mosel. - Dreiundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M. - - -- --, =Der fahrende Schüler.= Eine Dichtung. Vierzehntes Tausend. - Geb. 6 M. - - -- --, =Der Sülfmeister.= Eine alte Stadtgeschichte. Zwei Bände. - Vierundsechzigstes Tausend. Geb. 8 M. - - -- --, =Der Raubgraf.= Eine Geschichte aus dem Harzgau. - Dreiundsiebzigstes Tausend. Geb. 7 M. - - -- --, =Das Recht der Hagestolze.= Eine Heiratsgeschichte aus dem - Neckartal. Vierundvierzigstes Tausend. Geb. 7 M. - - -- --, =Das schwarze Weib.= Roman aus dem Bauernkriege. - Sechsundzwanzigstes Tausend. Geb. 7 M. - - -- --, =Die Hohkönigsburg.= Eine Fehdegeschichte aus dem Wasgau. - Vierunddreißigstes Tausend. Geb. 6 M. - - -- --, =Zweifel der Liebe.= Roman aus der Gegenwart. - Einundzwanzigstes Tausend. Geb. 6 M. - - -- --, =Das Wildfangrecht.= Eine pfälzische Geschichte. Neunzehntes - Tausend. Geb. 6 M. - - -- --, =Der Sachsenspiegel.= Eine Geschichte aus der - Hohenstaufenzeit. Achtzehntes Tausend. Geb. 6 M. - - -- --, =Singuf.= Rattenfängerlieder. Siebzehntes Tausend. Geb. 4 M. - 80 Pf. - - -- -- =Aus dem Felde.= Gedichte. Vierte, vermehrte Auflage. Geb. 2 M. - 50 Pf. - - - =*Heinrich Federer*, Das Mätteliseppi.= Eine Erzählung. 25. Tausend. - Geh. 5 M., geb. 6.50 M. - -Vor zwölf Jahren habe ich diese unvergeßliche Figur in einer Novelle -behandeln wollen, und damals entstanden die Kapitel in der Webstube -und im Pfarrexamen in einem mehr humoristischen Fadenschlag. Ich -legte jedoch den unbefriedigenden Entwurf in die Schublade. Aber im -Herbst 1915, im Süden und im Heimweh nach den Buchen und Äpfeln und -Herzlichkeiten meines lieben Nordens, nahm ich die Papiere wieder -vor und arbeitete sie nun zu einem ... ach freilich so dicken! ... -Romane aus ... In die Schicksale des Ländleins und besonders der -Spichtigerfamilie ist nun das Mätteliseppi so verstrickt und hält -den Faden so stramm in der Faust, daß ich statt des ersten Titels -»Die Spichtiger« lieber seinen klassischen Namen »Das Mätteliseppi« -setzte. Es stört die Einheit der Erzählung keineswegs, stärkt sie -eher und gleicht in seiner rauhen und massiven Gewalt einem Berge, -in dessen wechselndem Schatten sich eine kleine Menschheit und -Menschheitsgeschichte entwickelt und bald behindert, bald gehoben ans -ordentliche Ziel gelangt. - -So hat es denn wirklich ein solches Mättelisepi gegeben? Seinen -Webstuhl und harten Flachsscheitel, seinen langen Stecken, sein -Unterrichtsgenie und seinen mörderlichen Kleiderkasten als Arrest? -Seine Helgen und Mären? wie? ... Ich antworte: all das auf den letzten -Tupf! Viele hundert Obwaldner werden euch das mit einem aus Respekt und -Schalkheit gemischten Lächeln bestätigen und noch reichlich glossieren -können. Und auf dem Friedhof von Sachseln findest du die Horat und -Molin und Herri und Tonoli, indessen der damalige Helfer Ludowig noch -heute, im Silber von fünfundsiebzig Jahren, als geistliche Spitze des -Kantons tapfer seines Amtes waltet ... Von all den vielen Knaben und -Mädchen, dem seltsamen Josef Tonoli zum Beispiel, der kalten, eitlen -Orla, dem kühnen, wilden Herri und dem glücklichern von Aar bis zum -Trunzibub hinauf und zur Botin Trunz selber und den Spichtigerleuten -als den Hauptpersonen des Romanes, von all dem ist keine Faser eitle -Phantasie dabei. Sie alle sind genau so in Fleisch und Blut und -starken Knochen an mir vorbeigegangen. Ich habe nur Namen geändert und -Örtlichkeiten verschoben. Viele leben noch, die meisten ruhen. - -Soll ich sagen, ob auch die tiefen Leiden und Zweifel und seelischen -Erhebungen im Buche historisch sind? Da erlasset mir das Wort. Das -sollet nun ihr sagen, die ihr das Buch leset! - - Heinrich Federer (in Grote's Weihnachtsalmanach 1916). - - - =*Ludwig Ganghofer*, Die Trutze von Trutzberg.= Eine Geschichte aus - anno Domini 1445. 46. Tausend. Geh. 4 M., geb. 5,50 M. - -Ganghofer hat mit seinem neuesten Roman dem deutschen Volke eine -prächtige Gabe beschert. Er führt seine Leser um ein paar Jahrhunderte -zurück in jene Zeit, da politische Forderungen die schöne Agnes -Bernauerin von der Seite des Bayernherzogs rissen. Wie ein düsterer, -unheimlicher Ton klingt dieses Ereignis durch die Wirrnisse der Fehde, -die die Trutze von Trutzberg mit ihren Burgnachbarn auszufechten haben. -Gleichzeitig beleuchtet es die Liebesgeschichte des Romans, die sich -zwischen dem Fräulein von Puechstein und dem Schäfer Lienhart abspinnt. -Hierbei ist Ganghofer die schwierige Aufgabe restlos zu lösen gelungen, -seine Leser für das ungleiche Liebespaar einzunehmen. Von der ersten -Bekanntschaft mit dem Schäfer Lienhart an muß man diesem Naturburschen -gut sein, so kernfest und treu-deutsch ist der junge Träumer und Held -gezeichnet. Deshalb versteht man das junge Edelfräulein, wenn es sein -Herz an den verachteten Schäfer verliert und einem verderbten Junker -den Laufpaß gibt. In treffenden Gegensätzen entrollt der Dichter ein -Bild vom Leben und Treiben in der vom Feinde belagerten Burg. Sein -köstlicher, echter Humor kommt dabei in vollem Umfang zur Geltung. -- -Ganghofers Buch kommt gerade zur rechten Zeit. Es wird vielen, unter -der Gegenwart Mühseligen und Beladenen, eine rechte Erquickung sein, -denn der Quell, der es genährt hat, heißt Gesundheit. - - Dresdner Nachrichten. - - - =*Ludwig Ganghofer*, Das Schweigen im Walde.= Roman. Neue Ausgabe. - 60. Tausend. Geh. 5 M., geb. 6,50 M. - -Hinauf auf die Berge und in den Hochwald führt der Dichter seinen -im Getriebe der Großstadt flügellahm gewordenen Helden und läßt -ihn gesunden am immer frischen Born reiner, hehrer Gottesnatur und -inmitten ihrer kernfesten, urwüchsigen Menschen. Charakteristisch -und scharf gezeichnet treten sämtliche Gestalten der interessanten, -reichbewegten Handlung gleichsam leibhaftig vor uns und erregen unsere -warme Sympathie bei allen ihren Leiden und Freuden. Den Mittel- und -Glanzpunkt der Dichtung aber bildet die herrliche Gebirgsnatur der -Tiroler Alpen, deren äußere Erscheinungen in edler, von poetischem -Zauber durchwobener Sprache mit einer plastischen Anschaulichkeit -geschildert sind, die Herz und Sinn des Lesers unwiderstehlich gefangen -nimmt. - - - =*Adam Karrillon*, Adams Großvater.= Roman. 7. Tausend. Geh. 4 M., - geb. 5.50 M. - -Adam Karrillon gehört zu den im deutschen Schrifttum nicht seltenen -Dichtern, die erst im gereiften Mannesalter aus einem im vollen -Leben tätigen Beruf in die Literatur gekommen sind. Im Odenwald, -in einem kleinen Waldnest geboren, war er von Jugend an mit Land -und Leuten seiner Heimat vertraut, später als Landarzt hatte er in -jahrzehntelanger Praxis im näheren und weiteren Bezirk Gelegenheit, -Herz und Nieren zu prüfen, seine Menschenkenntnis zu erweitern und zu -vertiefen. Als Karrillon als 47jähriger seinen ersten Roman herausgab, -merkte man gleich, daß da ein Eigener auftrat, einer, der aus dem -vollen schöpfte, der nicht in der Schreibstube nach einer landläufigen -Mode oder den Geboten einer »Richtung« einen Roman zusammenbastelte, -sondern die Erfahrungen eines Lebens vor uns ausbreitete, mit einem -grimmigen Humor, mit innerer Heiterkeit, oft mit Wehmut, knorrig, -kraus, sehr deutsch von Leben und Schicksalen seiner Leute erzählte. -So gab er in seinem ersten Buche, dem »Michael Hely«, ein Bild des -Odenwälder und Schwarzwälder Bauernvolkes, nicht verschönert und -verniedlicht, wie weiland Auerbach und Defregger es taten, auch nicht -so einseitig verzerrt und verroht, wie viele Moderne, sondern etwa -so wie Leibl gemalt hat, so stark, so wahr, so unerbittlich und doch -liebevoll. Dann kam die »Mühle zu Husterloh«, ein bei aller Komik -tiefernstes Buch, das die Erwürgung eines patriarchalischen ländlichen -Mühlenbetriebes durch ein modernes »Etablissement« zum Gegenstand hat, -endlich der Roman »_O domina mea_«, welcher mit einem heiteren, einem -nassen Auge das Geschick und die Liebe eines Bauernarztes erzählt. -Viel eigenes Leben und Leid des Dichters klingt hier schon auf. Nach -zwei kleineren Büchern, der launigen Schilderung einer Afrikafahrt und -einem Bande lustiger Bauernhistörchen tritt Karrillon nun wieder mit -einem größeren Bauernroman hervor, in dem er sein eigenes Geschlecht, -sein eigenes Jugendland darstellt. Ganz unverfälscht ist wieder -das Bauernvolk vorgeführt, der echte urwüchsige Bauer, das noch -ungebrochene deutsche Volkstum. Gestalten, wie den hartschädeligen, auf -seinen ererbten und mühsam vergrößerten Besitz stolzen Großvater, den -sie wegen seines Reichtums den »Kurfürsten« nennen, seinen windigen, -arbeitsscheuen Sohn, der jeder Schürze nachläuft und das väterliche -Erbe in Saus und Braus durchbringt, vergißt man nicht. Wieder leuchtet -Karrillons herzhafter Humor mildernd und versöhnend durch Leid und -Leidenschaft, wieder erfreut eine markige, in ihrer Bilderpracht oft an -Shakespeare gemahnende Sprache. - - - =*Gustav Schröer*, Der Heiland vom Binsenhofe.= Roman. Geh. 4 M., - geb. 5,50 M. - -Ein starkes, gutes und schönes Werk, aus der Tiefe und Fülle -menschlicher Empfindung und Erkenntnis geschöpft, edel im Gegenstand, -frei und maßvoll in der Gesinnung, geradlinig in der Führung, -einheitlich und geschlossen in der Erfindung und Darstellung, ohne -bilderreichen Überschwang und doch dichterisch beseelt, lebendige -Menschen und wirkende Natur, überzeugend und ergreifend. Es ist nur -eine einfache Bauerngeschichte, aber sie umspannt in ihrer kleinen -Welt den ganzen ewigen Kampf der Schwachen gegen die Mächtigen, der -Vernunft gegen den Aberglauben, der Güte gegen die Gemeinheit, der -Selbstlosigkeit gegen die Leidenschaft. Und als symbolischer Vertreter -dieses Kampfes erscheint der Schicksalsmensch, dem gerade seine besten -Eigenschaften einen tragischen Untergang bereiten und dem, wie seinem -göttlichen Vorgänger, im Leben zum Spott, im Tode zum Ruhm der Name des -»Heilands« zuteil wird. - -Gustav Schröer hat bereits durch die im vorigen Jahre in unserer -»Sammlung« erschienene Erzählung »Die Flucht von der Murmanbahn« und -andere Werke starke Talentproben abgelegt; durch dies neue Werk, das -einen bedeutenden Stoff in bedeutender Weise behandelt und in seinen -Folgerungen eine ernste Mahnung für vielleicht bevorstehende Tage ist, -hat er Anspruch, in weitesten Kreisen des deutschen Volkes gehört zu -werden. - - - =*Gustav Schröer*, Die Flucht von der Murmanbahn.= Nach den Berichten - eines Torgauer Husaren. 8. Tausend. Geh. 2 M., in Pappband geb. 2,50 - M. - -»Dieser Roman eines Torgauer Husaren ist wahrhaftig die beste -Abenteuergeschichte, die ich kenne: ganz einfach erzählt und dabei doch -fabelhaft eindrucksvoll.« - - Fedor v. Zobeltitz. - -»Das schöne Buch hat alle Anwartschaft, ein Volksbuch zu werden.« - - Carl Busse. - -»Am herrlichsten seit langem dünkt mich >Die Flucht von der -Murmanbahn<. Wie frisch, wahr, tüchtig! wie ist man dabei und leidet -und hofft und bangt mit! Und wie ist einem das Fensterlicht tief -unten an der norwegischen Küste dann selbst eine wahre Erlösung! Eine -ähnliche Natürlichkeit in Nerv und Seele findet man fast nie in den -ähnlichen abenteuerlichen Werken.« - - Heinrich Federer. - - - =*Heinrich Wolfgang Seidel*, Die Varnholzer.= Ein Buch der Heimat. - Geh. 4 M., geb. 5,50 M. - -Heinrich Wolfgang Seidel, der Sohn des Leberecht Hühnchen-Dichters, der -sich durch seine Novellen »Der Vogel Tolidan« und »Ameisenberg« bereits -einen anerkannten Namen in der Literatur erworben hat, tritt hiermit -mit seinem ersten Roman hervor, einem sehr liebenswürdigen Buche, voll -von Reizen der Stimmung und dichterischer Anschauung, voll Witz und -Laune und liebevollem Eingehen auf das Seelenleben der betrachteten -Menschen. - -Die Varnholzer sind der Freundeskreis des Anwaltes Varnholz, der mit -seiner Frau und seinen beiden Kindern im Mittelpunkt dieses Buches -steht. Er zieht in den Kampf gegen Rußland, wird gefangen und gewinnt -nach abenteuerlicher Irrfahrt die Heimat aufs neue. Dennoch ist die -Erzählung weniger eine Darstellung kriegerischer Vorgänge, als der -Versuch, in anschaulichen Bildern die Erlebnisse der deutschen Seele -widerzuspiegeln. Eine Fülle von Gestalten erlebt Frieden und Krieg, -und jede offenbart ein Stück deutschen Wesens. Heitere und tragische -Züge sind miteinander ausgeglichen, der Schauplatz wechselt vielfach, -und der Leser wird geführt durch Weltstadt und ländliche Gemeinschaft, -nach Weimar ebenso wie in die polnische Öde. Das Erleben der -Kleinstadtbürger und der Künstler, der dumpfen Masse und des einzelnen -Kulturträgers, der Wagemut des Mannes und die betende Geduld der Frau, -Kinder-Weihnachten und die Irrwege der in Selbstsucht Strauchelnden, -die grenzenlose Liebe zum Vaterland, aber auch die Vision Christi, -dessen Erbarmen den *Menschen* sucht, -- alles das vereinigt sich in -einem Akkord und läßt doch jeder Erscheinung ihre eigene leidvolle oder -triumphierende Stimme. - - - ==Heinrich Wolfgang Seidel=, Der Vogel Tolidan.= Neun Novellen. Geh. - 3 M., geb. 4,50 M. - -*Inhalt*: Der Vogel Tolidan -- Engelmann -- Advent -- Die Königsprobe --- Arm Wendelin und die schöne Susanne -- Die Bibliothek des möblierten -Herrn -- Ein Ferientag -- Herrn Honolts Abenteuer -- Die Ballspielerin. - - - =*Heinrich Wolfgang Seidel*, Ameisenberg. Die spanische Jacht.= Zwei - Novellen. Kart. 1,80 M., geb. 2 M. - - - - -Bei der Transkription vorgenommene Änderungen und weitere Anmerkungen: - -Der Abschnitt "Bücher von Ludwig Ganghofer:" wurde vom Anfang des Buchs -an das Ende verlegt, vor die sonstigen Verlagsanzeigen. - -In "Sonst hätt ich doch nit die zwei weißen Fähnlein deiner Torheit -aufgesteckt, wo du sie sehen hast müssen auf den ersten Blick." stand -"Fähnlen" statt Fähnlein. - -In "Ihr wollt doch wohl nicht sagen: >In der ersten<?" fehlte -das schließende einfache Anführungszeichen. Dies wurde nach -Sinnzusammenhang hinter "ersten" ergänzt. - -Im Abschnitt "Grote'sche Sammlung v. Werken zeitgenöss. Schriftsteller" -stand im Original, wenn die Liste der Werke eines Schriftstellers über -einen Seitenumbruch ging, am Anfang der neuen Seite noch einmal dessen -Name. Dies wurde ersetzt durch die Form "-- --," welche auch sonst -anzeigt, dass das nächste Werk von demselben Autor stammt. - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Das große Jagen, by Ludwig Ganghofer - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS GROßE JAGEN *** - -***** This file should be named 58219-8.txt or 58219-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/8/2/1/58219/ - -Produced by Heike Leichsenring and the Online Distributed -Proofreading Team at http://www.pgdp.net - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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