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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Kleine Lebensgemälde in Erzählungen - -Author: Julius von Voß - -Release Date: June 11, 2019 [EBook #59731] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEINE LEBENSGEMÄLDE *** - - - - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - - - - - - - - - Kleine - Lebensgemälde - - in - Erzählungen - - von - Julius von Voß. - - Berlin, 1821. - In der Sanderschen Buchhandlung. - Kurstraße No. 51. - - - - - Der - Besuch nach zwanzig Jahren - in der Vaterstadt. - - Ein Sittengemälde. - - - - -Der Besuch nach zwanzig Jahren. - - -Zwanzig Jahre sind eben so viele Umläufe des Erdballs um die Sonne; -regelmäßig ist die Wandlung, auf eine Minute voraus zu berechnen, in -welchem Abstand er sich an diesem oder jenem Tage von der Sonne, auch von -allen bisher entdeckten Planeten befinden wird. Es kann der Mensch stolz -seyn, daß er so erhabner Berechnungen fähig ist; sie unterscheiden ihn von -dem sprachlosen Thier. Stets kehren die Jahreszeiten regelmäßig wieder, und -die veränderte Witterung hängt an atmosphärischen Ursachen, die genau der -Mensch noch nicht ergründen konnte. Im Allgemeinen sind diese Abweichungen -aber nicht bedeutend, und man wird doch ziemlich voraussagen können, welch -ein Ansehn die Natur an diesem oder jenem Orte, in einem oder dem anderen -Monate, haben wird. - -Nicht so ist es bei dem Menschen. Er verfolgt auch einen Gang, dem an sich -Frühling, Sommer, Herbst und Winter zugetheilt sind; übrigens hat sein -Leben aber so wenig Regelmäßigkeit, und die Zukunft läßt sich so ungewiß -aus der Gegenwart bestimmen, daß oft eine ganz andere Erscheinung, als die -gehoffte, eintreten wird. Nach einem Zeitraum von zwanzig Jahren darf nur --- wer so lange denken kann -- sich fragen: welche Bekannte hatte ich, als -dieser Zeitraum anfing? Was ist aus ihnen geworden; und wie hofften und -glaubten sie einst, daß ihrem Wünschen und Streben die Fügung entsprechen -würde? Aus den vorhandenen Thatsachen werden nun die Beantwortungen -hervorgehn, und nicht wenig in Erstaunen setzen. - -Auf die allmähligen Veränderungen, welche in zwanzig Jahren mit unsern -Bekannten sich zutragen, achten wir bei dem Allen viel zu wenig, als daß -uns die entstandnen Kontraste zwischen Ehedem und Jetzt recht deutlich -ins Auge fielen. Wo die Farben nach und nach sich umwandeln, befremdet es -endlich kaum noch, wenn aus dem Weiß ein Schwarz sich hervorgebildet hat; -doch wer aus dem Mittag jähling in die Mitternacht träte, oder aus dem -Julius in den Februar, könnte von auffallenden Gegensätzen der Ansicht -reden. - -So auch, wenn wir die Bekannten in zwanzig Jahren nicht gesehn, auch -während dieser Zeit nicht das Mindeste von ihnen gehört haben. Diese -Erfahrung sollte ich machen, und ich entnahm daraus, wie viel merkwürdiger -noch es seyn muß, wenn der Zeitabschnitt dreißig oder noch mehr Jahre -beträgt. - -Ich wurde in einer Stadt mittlern Umfangs in Deutschland geboren. Mein -Vater bekleidete das Amt eines Rathsherrn, und stand in ausgezeichnetem -Ansehn; theils weil es seine Würde ihm gab, theils, weil er mit einem -anerkannt redlichen Sinn eine ungemein scherzhafte Laune verband, die ihn -jeden Zirkel, in den er trat, beseelen, und allenthalben Freunde gewinnen -ließ. Eben so war meine Mutter, ihres gutmüthigen und feinen Betragens -willen, in meiner Heimath geachtet. - -Ich hatte noch einen älteren Bruder Otto, welcher die Rechte studierte, -wogegen ich auf einer Hochschule der Cameralwissenschaft oblag. Meine -Schwester, Wilhelmine, zählte einige Jahre weniger als ich. - -Mit Otto stand ich von den Kinderjahren her nicht zum Beßten. Vater und -Mutter gaben mir einigen Vorzug; dies machte ihn zu meinem Feind. Unsre -Gemüthsweisen hatten eine große Verschiedenheit. Otto war einsilbig, -trocken, mißlaunig, galt daher nicht bei den Knabenspielen in unserer -Nachbarschaft für einen lustigen Gefährten; ein Lob, das mir hingegen ward, -bei meiner natürlichen, in jenen Zeiten oft muthwilligen, Lebhaftigkeit. -Man konnte Ottos Fleiß auf Schulen nicht tadeln; er zeigte vielmehr dort -guten Eifer, trieb jedoch Alles mechanisch, konnte es nur zu langsamen -Fortschritten bringen, und am Ende schien Alles bei ihm nur magres -Gedächtnißwerk. Die Mitschüler nannten ihn einen Pinsel; bei den Lehrern -aber galt er, weil er ihnen eine ungemein unterworfne Ehrerbietung bewies. -Mein Streben war nicht so ernst, allein die Arbeit wurde mir leicht; ich -konnte in einer Stunde mehr vor mich bringen, als Otto in einem halben -Tage. Daher übertraf ich ihn nicht selten, und erregte oft die Verwunderung -meiner Lehrer in Fragen, die von scharfsinnigem Nachdenken und treffendem -Urtheil zeugten; oder in Einfällen, die ihnen witzig schienen. Allein ich -trieb nebenbei auch manchen kleinen Unfug, war zu leichtsinnig die Gunst -der Lehrer auf solchen Wegen zu suchen, wie Otto, an dem ich vielmehr eine -kriechende, sklavische Höflichkeit bespöttelte. So gewann ich dort wenig -Gunst. - -Als wir gemeinschaftlich die Hochschule bezogen hatten, blieb unser -Verhältniß zu einander sich ähnlich. Otto galt mehr bei den Professoren, -ich mehr bei den aufgeweckten Burschen, war bald in meiner Landsmannschaft, -in meinem Orden ein strahlendes Licht. Otto wirthschaftete spärlich; weit -mehr kostete ich dem Vater. Bei dem Allen war ich ihm doch lieber, als mein -Bruder, nachdem wir von der Hochschule in die Vaterstadt zurückkamen. Meine -Außenseite schien ihm vortheilhafter, meine Unterhaltung geistreicher. -Unser Wissen dünkte ihm sich ungefähr die Wage zu halten; doch meinte er: -ich würde mit meinem Pfund gescheidter zu wuchern verstehn, die Wege, -auf denen man sein Glück macht, mit Scharfblick suchen, mit kluger -Beharrlichkeit verfolgen, und so bald an einem namhaften Ziele stehn. -Otto, pflegte er zu sagen, wird so ein sechs Jahre als Referendarius der -Jurisprudenz mitlaufen, und dann sich zum Senator, oder, wenn es hoch -kommt, zum Bürgermeister in einem Landstädtchen ernannt sehn, und damit -wird seine Laufbahn geschlossen seyn. An Wilhelm denke ich hingegen noch zu -erleben, daß er zum Geheimen-Finanz-Rath oder Präsidenten emporsteigt. - -Der gute Vater irrte, wie es die Folge zeigen wird. Ueberhaupt gehört es -auch zu meinen gesammelten Erfahrungen, daß häufig die Eltern ihrer Kinder -wahrscheinliches Loos unrichtig beurtheilen. - -Man stellte uns bei den zwei Collegien an, die in meiner Vaterstadt sich -befanden. Otto glänzte auf seinem Standpunkt gar nicht; meine Talente -wurden bald gepriesen. Doch hatte sich nach zwei Jahren da viel geändert. -Otto griff mehr und mehr ein, und hatte die Zuneigung der Obern, in seinem -höchst aufmerksamen Betragen, gewonnen. Die meinigen aber fanden an mir -dies und das zu erinnern. Ich hätte zwar Talente, hieß es, wäre aber auch -voreilig eitel darauf, ließe mir bald Nachlässigkeiten in der gebührenden -Achtung gegen Höherstehende, bald in den amtlichen Verrichtungen, zu -Schulden kommen, und wäre oft auch absprechend, anmaßend; wollte am Eingang -der Laufbahn manches besser verstehen, als Männer, die größtentheils sie -schon durchlaufen hätten. - -Doch ich will meine nächste Umgebung, in diesen zwei Jahren, beschreiben, -um hernach darzuthun, welche seltsame Wechsel zwanzig Jahre in den -Schicksalen der Menschen hervorzubringen fähig sind. - -Mein Vater hatte ein Einkommen, das für den Ort ansehnlich heißen durfte, -und auch meine Mutter hatte ihm einiges Vermögen zugebracht. Dies setzte -ihn in den Stand, oft Gäste einzuladen, oder, wie man es nennt, ein Haus -zu machen. Es entsprach seinen Neigungen zu heitrer Geselligkeit, und er -setzte auch eine Art Stolz in den Ruf: sein Haus könne ein Wohnsitz des -guten Geschmacks heißen. Er traf auch deshalb eine sorgsame Auswahl unter -den Leuten, mit welchen er vorzüglich umging; wenigstens mußten sie zur -feinsten Welt des Ortes gehören, und es lag ihm mehr daran, zu bewirthen, -als bewirthet zu werden. Daneben war gute, frohe Laune eine den -Hausfreunden gemachte Bedingung. Sie wohnte ihm selbst in hohem Maße bei, -und lange Weile floh er. - -Er liebte diesen Aufwand jedoch zu viel, erwog nicht genug, daß zwischen -seinen Einnahmen und Ausgaben kein richtiges Verhältniß bestände. Wir Söhne -hatten ihm auf der Hochschule auch nicht wenig gekostet, und durften in den -nächsten Jahren noch keinem Amtsgehalt entgegen sehn. Deshalb war um die -Zeit, als wir an den erwähnten Landesstühlen untergeordnete Plätze -gefunden hatten, das Vermögen seiner Gattin schon mit aufgezehrt. Nichts -destoweniger lebte mein Vater nach alter Weise, zum Theil einmal daran -gewöhnt, zum Theil auch aus überdachten Gründen. Er meinte, wenn er die -Obern seiner Söhne durch öftere Einladungen sich verbindlich machte, so -würden sie um so geneigter seyn, Jenen zu einem besseren Fortkommen -zu helfen. Zudem wuchs auch meine Schwester heran; eine glückliche -Verheirathung derselben gehörte zu den sehnlichsten Wünschen meiner beiden -Eltern. Die Mutter pflegte zu sagen: Ein Mädchen, das nicht gesehn wird, -kann auch nicht begehrt werden. Und so munterte sie ihn zu dem noch auf, -wovon ihn abzumahnen vielleicht rathsamer gewesen wäre. - -In der That mußte aber Wilhelmine nahe gesehn, nach ihren verschiednen -Eigenthümlichkeiten beobachtet werden, wenn diese auf Männerherzen Eindruck -machen sollten; es konnte dann jedoch ein namhafter seyn. Der Mitgift wegen -ließen Freier sich nicht absehn, und Wilhelmine hatte keinen Mangel an -Schönheit, zeichnete sich gleichwohl auch daran nicht aus. Sie hatte eine -mittlere, feine Gestalt, ein nicht unregelmäßiges, und allerdings auf -schönen inneren Sinn deutendes, aber wie gesagt, nicht ausgezeichnetes -Gesicht. Es hätte sich daran mehr frische Blüthe, und schärferer Ausdruck -in den Zügen wünschen lassen; sonst hingegen war es hold, freundlich und -angenehm. - -Viel hatten die Eltern an Wilhelminens Erziehung gewandt, und sie war ihren -Bemühungen stets mit regem Eifer entgegen getreten. Sie zählte nun achtzehn -Jahre, und hatte ihren natürlichen Verstand ungemein durch nützliche -Schriften, und vortheilhaft gewählte Freundinnen, ausgebildet. Der -französischen und italiänischen Sprache war sie mächtig, und dehnte ihr -Urtheil auf mannichfache Gegenstände im Gebiet der Wissenschaften und -Künste aus. Vor Allem nannte sie Tonkunst ihr Lieblingsthum, und erregte -in der That mit ihrem Gesang die Bewunderung der Kenner. Man sagte von ihr: -sie eine die Fertigkeit einer Virtuosin mit dem Gefühl einer Dilettantin; -und es war keine Schmeichelei. Sie wußte sich daneben mit einem edel -einfachen Geschmack zu kleiden, und trat allenthalben mit Anmuth und feiner -Darstellung auf. - -So mußte Wilhelminens Gesammtheit allerdings anziehend seyn, und in den -Augen sinniger Männer blieben auch schönere, doch weniger gebildete Mädchen -ihr weit nachgesetzt. Man feierte die Schwester auf eine ausgezeichnete -Weise; namentlich glänzte sie, wo man sie veranlaßte, ihre Meinung über -schönwissenschaftliche Gegenstände zu äußern, oder ihren Gesang tönen zu -lassen. - -Ohne tadelhaft eitel zu seyn, fühlte aber Wilhelmine doch, daß man sie -auszeichnete, und daß ihre geistigen und gemüthlichen Vorzüge ihr höhere -Ansprüche gäben, als vielen Mädchen. Schon weil sie das Ideal eines sehr -vollkommenen Mannes, einer höchst glücklichen Ehe, sich mit vielem Sinn und -Geschmack zu entwerfen wußte, hoffte sie auch, einen Bräutigam zu finden, -der geeignet wäre, ihre Wünsche -- dem größeren Theil nach mindestens -- zu -erfüllen. - -Ich hatte ihr Vertrauen mehr, als Otto; daher theilte sie mir oft ihre -Wünsche mit, und ich konnte das, ihr zartes Selbstgefühl Ehrende und -Verständige darin, nicht abläugnen. - -Ihres Standes sollte der Bräutigam seyn, oder auch höheren; das Letzte -würde, eben nicht aus stolzem Sinn, doch in dem Betracht, daß Wilhelmine -durch ihre sich angeeigneten Vorzüge sich bereits erhoben hatte, ihr nicht -unangemessen gedünckt haben. Reichthum gehörte nicht zu den Bedingungen, -welche sie aufstellte; Ueberfluß, meinte sie, wäre unnöthig, doch -unerläßlich nöthig auch, vor Nahrungssorgen und Mangel geschirmt zu seyn. -Eine mittlere Wohlhabenheit -- auf ein darüber Hinausgehn würde sie -auch nicht gezürnt haben -- stand hier also in Rede. Aber einen schönen -jugendlichen Mann wünschte sie vorzüglich; wie hätte sie dem an ihr -gerühmten feinen Geschmack sonst entsprechen können! Gleichwohl beschränkte -sie noch ihre Forderungen mäßig. Ein Adonis, ein Antinous, sagte sie, thut -g'rade nicht Noth, doch eine Gestalt, an der nichts Makelhaftes oder gar -Lächerliches heraustritt, die eine wahrhaft männliche zu nennen ist. Nichts -stelle ich mir kläglicher vor, als wenn ich an der Seite einer hagern, -gebrechlichen, oder sonst verbildeten Mißgestalt einhergehn müßte; ich -würde in Aller Augen Bespöttelung, und die Frage lesen: wie konnte sie aber -mit einem solchen Mann zum Altar gehn? Geist und Fühlbarkeit, eine -gewisse Romantik, Sinn für Poesie und Tonkunst durften in keinem Fall -ausgeschlossen seyn: je höher die Gabe von dem Allen, je besser. Am meisten -würde mein Fantasiebild jedoch erreicht seyn, fügte Wilhelmine hinzu, wenn -der Bräutigam auch mit irgend einem Tonwerkzeug virtuosenhaft auftreten, -mein Spiel am Pianoforte begleiten könnte, und wenn er daneben eine -wohllautende Baß- oder Tenorstimme ausgebildet hätte. Eine Doppelsonate, -ein Duett, müssen doch manche Stunden im langen Eheleben reitzend -ausfüllen. - -Nun, pflegte sie zu enden, dies Alles heißt doch nicht übertrieben, nicht -unbescheiden fordern. Es kann demungeachtet wohl seyn, daß ich es, nach -vollem Wunsch, nicht beisammen finden werde. Mag indeß meinem Vorbild -auch nur in den _Hauptzügen_ Wort gehalten seyn, der _Mehrzahl_ von meinen -Bedingungen nach. Darunter -- lasse ich aber mich nicht ein, und werde mich -hüten, leicht und voreilig meine Hand wegzugeben. - -Der Vater, sehr eingenommen für Wilhelminen, und selbst zum sanguinischen -Hoffen geneigt, bestärkte sie in den hochfliegenden Ansprüchen; die Mutter -hingegen schüttelte den Kopf, und sagte: einem Mädchen ohne Vermögen stände -leider wenig Auswahl zu. - -Außer unsern schon genannten Obern lud mein Vater nun, in jener Absicht, -häufig einen Baron von Lilienthal in sein Haus. Er hatte Wilhelminen an -öffentlichen Versammlungsorten große Aufmerksamkeiten bewiesen; das weckte -Aufmerksamkeit für ihn. - -Er stand als Offizier bei der Besatzung im Orte, und war in der That ein -schöner, einnehmender Mann, von etwa fünf und zwanzig Jahren. Was man ein -lustiges Betragen nennt, und an jungen Militärpersonen nicht eben selten -findet, ließ sich ihm nicht vorwerfen. Er schien jetzt wenigstens darüber -hinaus, mochte es auch früherhin ihm ein wenig eigen gewesen seyn. Er -sprach mit Geist und richtigem Urtheil, äußerte ein feines Empfinden; seine -Darstellung war höchst gefällig. Ueber seine Glücksumstände war man bei -uns nicht unterrichtet, hegte aber glänzende Vermuthungen; denn Lilienthal -zeigte sich stets in artiger Eleganz, hielt Reitpferde und Livreebedienten, -und fehlte bei keinen Bällen oder anderen Lustfestlichkeiten, welche die -sogenannte schöne Welt anordnete. In den Concerten, oder -- wenn reisende -Mimen eintrafen -- im Theater, blieb er noch weniger aus, gab hier den -Ton des Urtheils an, und mit sinnigem Geschmack. Er selbst blies die Flöte -ziemlich, konnte Wilhelminen allenfalls eine Sonate begleiten. - -Es schmeichelte ihr nicht wenig, daß Lilienthal ihren Vorzügen, mit so -vielem Sinn dafür, huldigte. Nicht allein, daß er nicht den mindesten -Adelstolz in unserm Hause zeigte, auch an öffentlichen Orten achtete er -auf keine Schönheit von Geburt mehr, so bald man Wilhelminen sah. Vieler -Mädchen Antlitz umwölkte Neid; denn unter allen jungen Männern der hiesigen -schönen Welt nahm Lilienthal, nach der gebildeten Schönheiten Anerkennung, -eine der obersten Rangstufen ein. - -Es wurde auch in der Stadt mancherlei von ihm gesprochen, was die -Theilnahme an ihm von Zeit zu Zeit erneute und erhöhte. Bald sagte man: -er habe mächtige Gönner am Hofe, die ihm nächstens zu einer einträglichen -Hauptmannsstelle helfen würden; bald: er habe einen reichen Oheim beerbt. - -Da wären nun die Hauptzüge von meiner Schwester Ideal so ziemlich vorhanden -gewesen. Daß Lilienthal mehr für sie empfinde, als eine gewöhnliche -Werthachtung ihrer ausgebildeten Talente, stellte sie in keinen Zweifel. -Seine Blicke sprachen von heißer Liebe; auch manches hingeflogne Wort ließ -diese ahnen. Zu einem unumwundenen Geständniß, einer netten Werbung um ihre -Hand, kam es demungeachtet nicht, obschon Wilhelmine oft meinte, beides -schwebe auf seinen Lippen. Als Jahr und Tag so entflohen waren, zweifelten -die Eltern, ob es hier zum Ernst hingehn würde; die Tochter aber nicht. - -Ferner lud man einen jungen Referendarius fleißig ins Haus, der auch -zu einem der Landesstühle gehörte, und sich mit uns auf der Hochschule -befunden hatte. Es war ein Herr von Soldin, und von ihm bekannt, daß ihm -sein Vater einst hunderttausend Thaler nachlassen würde. Seine übrigen -Eigenschaften wichen indeß sehr in den Schatten zurück, wo Lilienthal sich -zeigte. Soldin hatte eine zwar nicht verkrüppelte, aber doch unscheinbare -Gestalt, und trug sie noch krumm und unbeholfen. Sein Gesicht drückte rohen -Stumpfsinn aus, seine Gespräche verriethen überall Unwissenheit, seine -Kleidung war vernachlässigt. Die Amtslaufbahn, worin er sich schleppend -fortbewegte, hatte auch nur den Zweck, ihn seiner dörfischen Linkheit zu -entwöhnen, und er empfand einst weder Lust zu den Studien, noch jetzt zur -Dienstarbeit. Ist mein Vater todt, sagte er, nehme ich den Abschied, und -ziehe auf meine Güter. - -Ueber diese Güter allein wußte er mit einiger Sachkenntniß zu sprechen, und -zeigte auch hinsichtlich des Geldes und seines Werths richtige Begriffe. -Sein Vater unterstützte ihn namhaft; doch übte der Referendarius eine so -wirthliche Beschränkung, daß er mehr als die Hälfte davon sparte. Seine -einzige Liebhaberei bestand in einem Pudel, den er mit in unser Haus -bringen zu dürfen bat, auch dort mit großer Zuneigung streichelte und -fütterte. - -Wilhelmine urtheilte: es sei ein geschmackloser, in hohem Grad ungebildeter -Mensch -- häßlich wäre seine Gestalt aber doch nicht zu nennen. Ohne -allen Verstand wäre Soldin auch nicht: er bewiese ihn ein seiner klugen -Sparsamkeit; auch ein freundliches Gemüth lege er bei dem Pudel an den Tag. -Es würde nur eine Schleifung des rohen Diamants bedingen. - -Die hunderttausend Thaler milderten wohl ihr Gutachten über ihn so. - -Zwei Umstände machten sie aber noch gespannt. Soldin kam oft, auch -uneingeladen, zum Besuch; ihn mußte in unserm Hause folglich etwas anziehn. -Auch sagte er einmal denkwürdig: bei seiner Heirath wolle er nicht auf -Adel, nicht auf Reichthum sehn, vielmehr ganz nach Liebe wählen. Sein -Vater ließe ihm darin Freiheit, und könne auch nicht füglich mit Einreden -auftreten, weil auch er ein bürgerliches und ganz unbemitteltes Mädchen -geehlicht habe. - -Wilhelmine fand nicht rathsam, die löblichen Grundsätze zu tadeln, wohl -aber, so viel es thunlich sei, die anziehende Kraft zu erhöhen, die uns des -jungen Mannes so wiederholten Zuspruch verschaffte. Namentlich wenn sie mit -ihm allein sich befand -- was die Eltern so eifrig eben nicht hinderten -- -nahm sie an dem Pianoforte eine idealische Haltung an, und sang nicht wenig -schmelzend. Doch seltsam! was Alle hinriß, brachte sein Gefühl nicht aus -der Stelle. Soldin gähnte oft, schlief sogar etliche Mal ein; und wenn ihm -meine Schwester das freundlich verwies, gestand er freimüthig: daß ihm ein -Marsch, oder ein lustiges Stückchen, zum Beispiel, Freut Euch des Lebens, -mehr gefallen würde. Sie meinte dann, über den Geschmack sei nicht zu -streiten, und gab ihm das Verlangte zum Beßten. Doch wie sie auch Hände und -Mund für ihn gefällig bewegte, ließ er Wilhelminen immer noch nicht hören, -was sie gern vernommen hätte, zumal als es auch ihr zu scheinen begann: -Herr von Lilienthal liebe sie zwar ungemein, habe gleichwohl keine -Absichten auf ihre Hand. - -Es war, als ob eine Art Furcht ihm die Zunge bei Wilhelminen lähmte. -Nicht einmal ein fortlaufendes Gespräch konnte er mit ihr führen. Nicht -allenthalben ließ er eine ähnliche Zurückhaltung sehn. Mein Vater liebte -Scherz; oft ging Soldin darauf ein, wenn schon auf eine ziemlich derbe -Weise. Ueber Haushaltung richtete er oft ein Gespräch an die Mutter. -Auch hatten meine Eltern eine junge arme Verwandte ins Haus genommen, die -Charlotte hieß. Keinen Unterricht in Gegenständen, welche man zur feinen -Bildung zählt, hatte sie bekommen; nur schlicht bürgerlich war sie in einer -kleinen Landstadt erzogen. Sie führte meistens unsre häusliche Wirthschaft, -kam selten ins Besuchzimmer, und, wenn es geschah, blieb sie entweder -gänzlich unbeachtet, oder man blickte auch wohl befremdet und spöttisch auf -sie hin; denn sie stand allerdings in einem auffallenden Gegensatz zu der -so geistvollen, zarten, niedlichen, abgeglätteten Wilhelmine. Sie konnte -nur von den alltäglichsten Hausdingen reden. Ihre Gestalt war lang, -rund, derb; und wer noch das Beiwort plump beifügte, konnte es allenfalls -verantworten. Nicht einen Zug in dem Gesicht hätte interessant nennen -mögen, wer sich auf das Interessante verstand; unbedeutend, fade, selbst -gemein, würden Kunstrichter des Schönen es bezeichnet haben. Gleichwohl -konnte Soldin bisweilen sich eine gute halbe Stunde zu Charlotten in -einen Winkel setzen, und mit ihr ein Gespräch über Nichtiges unterhalten. -Wilhelmine, nach ihrer Gutmüthigkeit, legte ihm auch diesen Verstoß gegen -ihren, doch so viel höheren, Werth zum beßten aus. Sie äußerte sich: -auch dies sei ein Beleg guten Herzens an Soldin. Er fühle bei den -Zurücksetzungen, die Charlotten widerführen, Mitleid, und wolle ihr zeigen, -daß er keines Stolzes gegen übersehene Personen fähig sei. - -Indem sie aber zugleich urtheilte: die Gespräche von gewöhnlichem Stoff -hätten für Soldin eine behagliche Seite, weil er die Seelenkräfte dabei -nicht so zu spannen brauche, als wenn sie den Regionen der Wissenschaften -und Künste entgegen eilte, und ihm dahin zu folgen ansann, -- wollte sie -es ihm auch bequem machen, und fragte ihn bald um die Hühner, bald um die -Gänse auf den väterlichen Gütern. Sie empfing zwar befriedigende Antworten; -allein es schien demungeachtet, er könne das rechte Vertrauen zu ihr noch -nicht gewinnen. Sie meinte nun, Alles würde mit der Zeit sich finden; -auch hernach die allmählige Umbildung des jungen Mannes, welche ihn ihrem -Vorbilde näher brächte. - -Außer diesen beiden, stellten noch zwei andere junge Leute sich häufig ein. -Die Eltern bauten eben keine Entwürfe auf sie; es stand mit der Zeit, wo -sie an eine Heirath würden gehn können, zu weit aussehend. Allein sie waren -angenehm unterhaltende Gesellschafter, und hatten mit Otto und mir die -Schule besucht. Allenfalls konnten Jene auch denken: gesetzt es fände sich -für Wilhelminen nicht bald etwas Annehmlicheres und Einem oder dem Anderen -glückten feine Absichten, so möchte er als Eidam nicht verwerflich seyn. - -Eduard war ein junger Kaufmann, stand jedoch erst im Begriff, sich -anzusiedeln. Einige tausend Thaler hatte er zum Anfang; indem er gleichwohl -einsah, es würde sich damit nichts von Bedeutung unternehmen lassen, -wollte er zuvor nach Hamburg, Amsterdam, Bordeaux, Lion, Triest und -anderen berühmten Handelsstädten reisen. Dies sollte ihn eignen, sich die -vortheilhafteren Geschäfte auszuwählen, bedeutende Verbindungen anzuknüpfen -und gleich im Großen seinen Kredit zu gründen; so ließe auch zur Stelle im -Großen sich spekuliren und gewinnen. Eine Fabrikenanlage von Belang gehörte -auch zu Eduards hochfliegenden Planen. Die Landesregierung, meinte er, -würde ihm gewiß mit den dazu nöthigen Summen beistehn, wenn er ihr deutlich -bewiesen hätte: seine Fabrik würde nicht allein Hunderttausende, welche ins -Ausland flössen, zurückhalten, sondern noch Hunderttausende aus der Fremde -hereinziehn, auch Tausende von Armen nützlich beschäftigen, und was dessen -mehr war. Er behauptete: kluge Spekulationen, wie Unternehmungen von weitem -Umfange, müßten den Kaufmann nach weniger Zeit reich machen; dies habe eine -so einleuchtende Evidenz, wie das Einmaleins. Träfe es bei Vielen -nicht ein, so läge es an ihrem Mangel an kühner Regsamkeit; der echte -Handelsgeist beseele die Alltagsköpfe nicht. Er wußte auch von gar manchen -Grossirern, Wechslern, Rhedern zu erzählen, die mit nichts angefangen, und -doch Millionen vor sich gebracht hätten; und er fügte naiv hinzu: In so -fern die Wege doch bekannt sind, auf denen es ihnen gelang, sehe ich nicht -ein, warum ich sie nicht auch betreten sollte. - -Eduard war übrigens eine ganz hübsche Mannsperson, kleidete sich gut, -sprach wie Leute von Ton, und ließ sich gern finden, wo Leute von Ton -zusammenkamen. Er machte Wilhelminen so ehrerbietig als schmeichelhaft -seine Aufwartung, zeigte, daß es ihm so wenig, als Herrn von Lilienthal, an -Urtheil und Herz für hohe weibliche Vollkommenheit fehle. Ich zweifle auch -gar nicht, daß ihm die Schwester ihre Hand würde gereicht haben, wenn -er von seiner ersten Million vor der Hand nur den zwanzigsten Theil -aufgewiesen hätte. Er trug einige Mal auf ein vorläufiges Versprechen an, -und bewies dadurch wenigstens: er hege doch eine ernste Meinung. Wilhelmine -beschied ihn nicht abschlägig, war aber doch zu klug, sich voreilig zu -binden. Sie verwies ihn auf den Spruch des weisen Salomo: Jedes Ding hat -seine Zeit. - -Die Eltern hatten es auch so gewollt. Man hörte, des jungen Mannes ererbtes -Vermögen bestehe in drei- bis viertausend Thalern. Seit Vollendung seiner -Lehrjahre beschäftigten ihn aber nur die Entwürfe künftiger Plane, und er -lebte einstweilen, als ob schon gelungen sei, was erst späterhin gelingen -sollte, hatte auch deshalb mit seinem Vormund, der auf eine baldige -Ansiedlung in Kleinem drang, manchen Streit. Weil Eduard indeß bald darauf -nach Hamburg reis'te, und von dort schrieb: er sei schon auf dem beßten -Wege, seinen, gar nicht zu großen merkantilischen Ideen aufgelegten, -Vormund zu beschämen, konnte man dem echten Handelsgeist doch auch nicht -alles Glück absprechen wollen. - -Jetzt komme ich auf den genievollsten unter den vermeinten, und wirklichen, -Aspiranten zu Wilhelminens Torus. Es war ein Ex-Kandidat der Theologie, -sein Vorname August. Theils aus philosophischem Sinn, noch mehr aber, weil -er ausschließlich der Tonkunst leben wollte, hatte er die Gottesgelahrtheit -aufgegeben. Für Tonkunst, in Tonkunst lebte, webte und strebte sein Genius; -und so verstand es sich von selbst, daß er mit Wilhelminen in eine innigere -Wahlverwandtschaft treten konnte, als die Uebrigen. Er spielte Klavier -und Geige, sang auch einen recht artigen Bariton. Da kam es folglich zu -Doppelsonaten und Duetten, welche Andere mit Vergnügen hörten, wobei -die Vollziehenden aber das süßere und erhebendere Vergnügen empfanden. -Wilhelminens Notensammlung enthielt auch manches Lied, von Jenem in Töne -gesetzt, und sie redete manches von einem darin wehenden Geist, von den -neuen, eigenthümlichen Gedanken, welche diese Lieder enthielten. - -August wollte bei dem Allen höher hinaus. Es schien auch Noth zu thun, -nachdem er auf ein Predigtamt Verzicht geleistet hatte; wozu aber auch --- der Sage nach -- das Consistorium seinen Genius wenig tüchtig erachtet -haben sollte. Es schien, er habe über die Tonleiter die Himmelsleiter -vergessen, oder gemeint: die Tonleiter führe auch zu Himmelsgefilden. Er -sagte indeß vom hinderlichen Consistorium nichts. - -Dem sei wie ihm wolle, -- Vermögen, das geniale ausgenommen, besaß er -keineswegs, und mußte kümmerlich von musikalischem Unterricht leben. -Dagegen beschäftigte ihn seit einiger Zeit die Composition einer großen -Oper, und er zweifelte im mindesten nicht, es würde auch dem Kunstwerth -nach etwas Großes damit seyn. Denn nie hatte er solche Weihe im Genius -empfunden, als bei dieser Arbeit. Es ist auch wahr, daß er sich höheren -Aufflug gar sinnig zu bereiten verstand. Draußen in einem Garten der -Vorstadt, und zwar in einem Lusthause desselben, das auf einer Höhe lag, -und eine anmuthige Aussicht in die Umgegend öffnete, hatte er seine Wohnung -aufgeschlagen. Maienblüthe, Jasminduft, Aurora, Sommerabendroth, -helles Wintermondlicht übten begeisternde Einflüsse, und die heftig -leidenschaftlichen Stellen fertigte August, während Aequinoctialstürme -tobten. Nach Vollendung wollte er das geniale Singspiel den vorzüglichsten -Bühnen in Deutschland verkaufen, und rechnete -- auf dem Papier -- die -nöthige Summe zu einer Kunstwallfahrt ins gelobte Italien heraus. In -Venedig, Mailand, Florenz, Rom, Neapel, Palermo dachte er Opern in Mozarts -Styl zu schreiben, dann wie ein neuer Gluck in Paris, später in London -wie ein Händel =redivivus= aufzutreten, und endlich, nach vorangegangener -ansehnlichen Bereicherung, bei irgend einem deutschen Fürsten als -Kapellmeister zu glänzen. - -Der Plan schien so übel nicht, und der Meinung nach, welche die Schwester -von dem kunstsinnigen Jüngling hegte, mußte dessen Ausführung schier -nothwendig gelingen. Sie bezog sich dabei auf Schillers: - - Mit dem Genius steht die Matur im vertraulichsten Bunde; - Was der eine verspricht, leistet die andre gewiß. - -Mochten einige Kunstverständige auch sagen: es habe so gar viel mit dem -Talent des jungen Mannes nicht auf sich; er sehe es mit überschätzendem, -träumerischem Dünkel an, -- Wilhelmine sprach dagegen: das sei die Stimme -des Neides. Am liebsten würde sie den ihr so kunstverwandten August -geheirathet, für die -- ihm noch winkenden -- Honorare Soldins Reichthum -vergessen haben, und lieber auch Frau Kapellmeisterin als Frau von -Lilienthal gewesen seyn; weil in jenem Falle auch ihres Mannes berühmter -Name in allen europäischen Notenhandlungen glänzen würde. August war nicht -schön -- Alles ist nun einmal nie beisammen -- und Wilhelmine sagte: Eduard -gefalle ihr, der Außenseite nach, ungemein, auch noch mehr als Lilienthal; -dennoch galt ihr August, der genievollen Herrlichkeit wegen, den höheren -Preis. Sie war auch nicht abgeneigt, die ganze Reihe von Jahren zu warten, -in denen Italien, Frankreich und England des Geliebten Ruhm krönen sollten, -um endlich diesen Ruhm mit ihm zu theilen. - -Aber -- und das ehrt Wilhelminens Verstand -- sie war von Liebe auch nicht -so geblendet, daß sie, wenn eine andere anständige Heirath sich dargeboten -hätte, sie würde abgelehnt haben. Wilhelmine kannte den Vorzug gewisser -vor ungewissen Dingen. Doch -- dies stand ganz fest -- ihr Ideal sollte -meistens erreicht seyn; sonst wollte sie ihre Hand gar nicht vergeben, und -müßte sie auch lebelang unvermählt bleiben. - -Nach diesem flüchtigen Abbild meiner Schwester wird man gestehn, daß sie, -für ihren hellen Geist und ihr schön fühlbares Herz, auch ihr löbliches -Streben sich zu bilden, ein gutes Glück verdient hätte. - -Ich erwähne noch eines Advokaten, Namens Sauer, den man seltner, aber doch -von Zeit zu Zeit, in unserm Familienkreise sah. Mein Vater hatte allerlei -Geschäfte mit ihm, weshalb er denn aus Höflichkeit bisweilen eingeladen -wurde. - -Seinen Namen führte er mit der That: er war ein recht sauertöpfiger Gesell, -bei einer unvortheilhaften körperlichen Bildung. Sein Gesicht hatten die -Blattern entstellt, daneben war es schwammicht und fahl. Verstand ließ sich -ihm nicht absprechen, doch zeugte sein Urtheil von einem lieblosen Gemüth; -die satirische Laune, in welche er zuweilen ausbrach, hatte einen finstern -und hämischen Styl. Fühlloser gegen das Schöne konnte Niemand seyn. Lief -das Gespräch um reitzende Mädchen, so blieb er nicht allein eiskalt, -sondern wußte auch viel an den Gestalten zu tadeln, bis er sie völlig -herabgewürdigt hatte. Ueber Poesie spottete er wie über eine Narrheit, -Musik war ihm unleidlich. Deshalb, und wegen seiner ganzen Sinnesart, war -er auch meiner Schwester unleidlich; sie konnte ihr Mißvergnügen nicht -hehlen, wenn Sauer ins Zimmer trat, und wich den Unterhaltungen mit ihm -gerne aus. - -Einst kam Wilhelminen jedoch zu Ohren: der Advokat hätte an einem dritten -Orte gesagt: er ginge mit dem Vorhaben um, sie zu heirathen. Liebe, meinten -die Hinterbringer, schiene dabei eben nicht sein Antrieb, vielmehr wohl der -Umstand, daß man Wilhelminen, ihrer Talente wegen, so erhöbe; nun möchte -er stolz mit einer beneideten Frau prunken. Bald, hatte er indeß noch -erinnert, solle die Anwerbung nicht geschehn; in einigen Jahren erst, wenn -seine Berufsgeschäfte mehr empor gekommen wären. Denn es gehörte noch zu -dem Abstoßenden an diesem Ehrenmann, daß er wenig zu thun, und deshalb üble -Vermögensumstände, neben manchen Schulden, hatte. - -Wilhelmine entsetzte sich zum Theil, als sie das hören mußte, zum Theil -lachte sie hell auf. Ich würde vor ihm schaudern, sagte sie, und wenn er -eine Tonne Goldes besäße; ja, ich würde ihn, möchte er daneben auch jung -und schön seyn, seines verächtlichen Gemüths wegen, doch fliehn. Ha ha ha! -so ein Mann wäre für mich! Also nach etlichen Jahren will er obenein erst -kommen, und zählt jetzt schon mehr als dreißig. Zu meinen Bedingungen -gehört auch ein Abstand von höchstens sechs Jahren, zwischen Mann und Frau. -Und hier sollte ich -- -- Hu hu! Mögen ihm die Freunde sagen: er solle sich -den Verdruß eines, nicht einmal zierlich geflochtenen, Korbes sparen. Indeß --- wird es auch nicht einmal dahinkommen. Der saubre Freier will ja noch -etliche Jahre verziehn. - -Allerdings meinte Wilhelmine, sie würde, nach diesem Zeitraum, schon lange -angemessen vermählt seyn. Ich theilte diese Hoffnung; auf Soldin oder -Eduard rechnete ich am meisten, obwohl ich auch dachte: meiner Schwester -nicht alltägliche Vorzüge könnten noch andere zuständige Bewerber finden. - -Meine Eltern hatten jedoch Wilhelminens Verheirathung nicht allein im Auge; -ihre Söhne kamen daneben mit in Betracht. Keiner von jenen Vorgesetzten, -die uns zu guten Aemtern helfen konnten, hatte eine mannbare Tochter; sonst -dürften Jene vermuthlich hierauf einen Entwurf gebaut haben. Doch lebte -ein gewisser Commerzienrath Hill in unserm Wohnorte, den mein Vater, schon -seines aufgeweckten Humors wegen, gern sah. Hill sollte aber auch Reichthum -besitzen, und der Aufwand in seinem Hause stritt gegen die allgemeine -Sage nicht. Er hatte zwei Töchter, Emma und Minna, eben in der holdesten -Blüthenzeit begriffen, und weiterhin noch so angethan, daß sie vor allen -übrigen Mädchen in der Stadt glänzten. Beide waren ausgezeichnet schön: sie -übertrafen Wilhelminen ohne Zweifel in diesem Betracht; und konnte dasselbe -nicht von den ausgebildeten Talenten meiner Schwester gelten, so hatten -Jene doch Manches, was, bei der Menge wenigstens, noch mehr in die Augen -fiel. Dahin gehörte ein Studium des feineren Welttons, das sich kaum höher -getrieben denken ließ. Sie wußten über Vieles zu sprechen, und geschah es -nicht immer mit Gründlichkeit, so erwarben ihnen die einnehmende Weise, die -lebhaften und treffenden Bemerkungen, der eingemengte und unbefangene Witz, -Verehrer genug. Die Huldinnengestalten erschienen nicht bloß in den neusten -Moden, sie wählten auch davon mit bewundertem geschmackvollem Sinn, und an -_reicher_ Kleidung überschimmerten sie alle Nebenbuhlerinnen, wie man auch -in gefälligem, bildlichen Tanz ihnen das Meisterinnenthum zuerkannte. Die -jungen artigen Männer umflatterten sie emsig; von Bräutigamen verlautete -dagegen noch nichts. - -Die Eltern meinten: wir Brüder würden nicht übel thun, wenn wir es auf -Eroberung dieser Schönheiten anlegten. Reichen Mitgaben ließe sich bei -ihnen entgegen sehn, und ein Mann, der eine schöne Frau habe, komme dadurch -oft um so besser fort, weil er um so geachteter sei. - -Das ließ sich hören, und ich fühlte mich zudem aufgelegt, den elterlichen -Rath zu befolgen, weil Emma, die Schönere mir dünkend, bereits lange -einigen Eindruck auf mein Gefühl machte. Otto ging schwerer daran, hatte -auch einen gewissen steifen Ernst, und eine nach dem Amtsberuf klingende -Sprachweise, die ihm den Eingang zur Frauengunst wenig öffneten. Dennoch -versuchte er einige Aufwartung bei Minna. Sie that aber schneidend fremd, -und als sie erst seine wahre Absicht zu durchblicken schien, dergestalt -hochfahrend, daß Otto wohl ahnen konnte, sie wolle ihm alle Bemühung um -sie verleiden. Er stand nun auch gleich um so mehr davon ab, als er noch -daneben ausgekundet haben wollte: es stehe mit Hills Vermögensumständen -nicht so, wie die Eltern glaubten; Unterrichtete sprächen vielmehr -zweideutig davon. Ich meinte dagegen: Otto rede dem Fuchs ähnlich, bei den -Trauben, die er nicht erreichen konnte, und setzte meine schon begonnenen -Annäherungen bei Emma fort. Zuerst wär' es mir beinahe so schlimm gegangen, -wie dem Bruder. Emma trug das griechische Näschen ziemlich hoch, und that -schnippisch, wenn ich sie eine bedeutendere Zuneigung wahrnehmen ließ, als -die allgemeinen Huldigungen, welche sie erhielt. Der Widerstand entwaffnete -meine Liebe jedoch nicht, erhöhte sie vielmehr, und ich strebte bei allen -Gelegenheiten, ihr es darzuthun. Nach und nach schien es demungeachtet, als -ob ich ihr nicht ganz mißfiele, sie aber noch manches Bedenken trüge. -Oft ruhten die schönen tiefblauen Augen mit Theilnahme auf mir, ja, sie -blinkten und strahlten dergestalt Gefühl, daß ich die Hieroglyphen der -Gegenliebe entzifferte. Bei dem Allen suchte Emma näheren Erklärungen -sich zu entziehen. Um desto heller flammte es in meiner Brust: meine Liebe -erreichte einen hohen Grad heftiger Leidenschaft; Emma war es, nicht ihre -Glücksgüter, um die es in meinem Herzen rief, und ich dachte: wenn ich nur -genügendes Vermögen, oder ein Amt mit hinreichendem Einkommen besäße, so -würde ich Emma, wäre sie auch eine Bettlerin, mit Entzücken heirathen. - -Einmal fügte es sich gleichwohl, daß ich meiner Geliebten dies Alles sagen -konnte. Sie zuckte die Achseln. Mein Vater ist eigen, sagte sie, und Bitten -ändern seine Grundsätze nicht. Wären Sie Geheimer Rath, so würde er Ja, und -ich -- nicht Nein sagen. - -Geheimer Rath war ich aber nicht, und die Aussicht nach diesem Ziel -durchlief eine weite Bahn. - -Ich hehlte meinem Vater nichts. Er sagte: Wenn Hill seiner Tochter -zwanzigtausend Thaler Mitgift auszahlt, so könnt ihr einander bald -heirathen, und die Beförderung zum Geheimen Rath abwarten. Er gab dem -Commerzienrath dies zu verstehn; der schnitt jedoch den Faden kurz ab, und -besuchte, von der Zeit an, unser Haus mit seinen Töchter nicht mehr. Ich -hätte verzweifeln mögen. - -Noch manche Verdrießlichkeiten gesellten sich zum Schmerz meiner Liebe. -Ich hatte den Präsidenten an meinem Landesstuhl in aufwallender Hitze -beleidigt, weil er einen jüngeren Referendarius mir voranstellte. Um so -weniger durfte ich nun Beförderung hoffen. Da Otto, um eben dieselbe Zeit, -auf eine höhere Stufe in seinem Collegium erhoben ward, so demüthigte mich -die Zurücksetzung noch mehr. - -Es lebte jedoch ein Oheim in Rußland, der ein wichtiges Amt bekleidete. Er -hatte meinem Vater geschrieben: Schicke mir einen von deinen Söhnen; hat er -Kenntnisse, so werde ich leicht sein Glück machen. Otto hatte keine Lust, -in die Ferne zu gehn; ich hingegen überlegte nun, daß manche Deutsche -in Rußland zu einem schnellen Fortkommen gelangt wären, und daß, bei dem -mächtigen Einfluß des Oheims, mir eine um so größere Hoffnung winke. Den -Ort zu verlassen, wo mir so vieles theuer war, kostete meinem Herzen viel; -doch weil es am Ersten auch seine glühenden Wünsche zu stillen vermochte, -ermannte ich mich. - -Zuvor schrieb ich an Emma, und befragte sie: ob ich hoffen könne, daß sie -nach Rußland mir zu folgen geneigt seyn würde, sobald ich dort ein Amt von -Bedeutung erlangt hätte. Sie antwortete zur Hälfte zärtlich, zur Hälfte mit -kluger Vorsicht. Ihre Gegenliebe wurde so heiß geschildert, daß sie dadurch -sich bewogen fühlen müsse, jedem Verlangen, das ich an sie richten würde, -zu genügen; in so weit ihr Vater damit einverstanden sei. Wenn gleichwohl, -ehe ich meinen Wunsch aussprechen könnte, dieser Vater anderweitig über -ihre Hand zu gebieten veranlaßt werden sollte, dürfte sie -- freilich nicht -ungehorsam seyn. - -Ich mußte mich hiermit begnügen, und eilte nach Rußland. - -Was mir dort begegnet ist, mag nur flüchtig berührt werden. Ich gelangte -durch meinen Oheim in eine Laufbahn, auf der ich vermuthlich eine höhere -Ehrenstelle würde erreicht haben, wenn sich nicht gewisse Umstände ereignet -hätten. Auch schien es mir hier zu weit aussehend mit einer namhaften -Beförderung; ich hoffte schneller emporzusteigen, wenn ich mich in eine -geheime Verbindung einließe, deren eigentliches Ziel mir Anfangs nicht -bekannt war. Allerdings war es jugendliche Unbesonnenheit, die mich in -bedenkliche Umtriebe verwickelte. Es kam an den Tag; ich wurde abgesetzt, -und nach Sibirien geschickt. - -Hier theilte ich das Loos aller Verwiesenen, hatte Zeit genug, über meine -begangene Thorheit nachzudenken, und schleppte, zwischen Reue und Hoffnung, -ein elendes Leben hin. - -Erst nach beinahe zwanzig Jahren schlug die Befreiungsstunde; ich hatte -damals auf weiteres Hoffen bereits Verzicht gethan. - -Ich kam zurück nach St. Petersburg; mein Oheim war gestorben, hatte -mich aber, auf den Fall, daß meine Verbannung enden sollte, zum Erben -eingesetzt. Ein Vermögen von etwa dreißig tausend Rubeln wurde mir -ausgehändigt. - -Mit diesem Eigenthum beschloß ich wieder in meine Heimath zu gehn. Zwanzig -Jahre lang hatte ich nicht die mindeste Nachricht von dort erhalten, um so -stärker sehnte sich mein Herz nach Wiedersehn. - -Auch die Stimme der Liebe war noch nicht darin verhallt. Auf jenen einsamen -Schneegefilden hatte Emma nur zu oft meine Gedanken beschäftigt, und ihr -Bild um so lebendiger vor meiner Fantasie gestanden, als mich dort kein -Umgang mit anderen Frauenzimmern zerstreuen, oder in mir eine andere -Neigung erwachen lassen konnte. - -Freilich dachte ich aber auch oft: Sie wird längst verheirathet seyn. Es -ist nicht glaublich, daß so viel Liebenswürdigkeit ungesucht verblüht wäre. - -Auf dem Heimwege mußte ich zunehmend darauf gespannt seyn, in welchem -Verhältniß ich Emma antreffen würde. Bisweilen dachte ich: Ganz unmöglich -wäre es bei dem Allen nicht, sie noch ledigen Standes zu finden. Sie könnte -mehr gezaudert haben, als ihr Brief es zusagte, und, selbst wenn sie von -meinem Unglück Nachrichten bekommen hätte, einer nahen Befreiung davon -entgegen gesehn haben. Denn schrieb mein Oheim seinem Bruder von den -Ursachen meines Unglücks, so schilderte er mich gewiß auch weniger stafbar, -als leichtsinnig, und vertröstete auf eine glückliche Wendung meiner -Angelegenheit; die er selbst immer gehofft, und eifrig nachgesucht hatte, -wie ich nach meiner Rückkunft aus Sibirien erfuhr. Noch ein Umstand machte -es nicht ganz unwahrscheinlich, daß Emma unvermählt geblieben seyn könne, -denn noch vor meiner Abreise aus der Vaterstadt gewann Otto's Behauptung, -daß es um Hills Vermögen nicht am beßten stehe, Glaubwürdigkeit. So dachte -ich denn jetzt: Selbst schöne Mädchen, wenn sie unbemittelt sind, bleiben -zuweilen ohne Freier, und es könnte also hier auch so ergangen seyn. - -Vielleicht hatte sich Emma aber auch vermählt, und ich fand sie jetzt als -Wittwe. In jenem und in diesem Falle wollte ich sie besitzen. Ich träumte -mir noch die Reste ihrer ehemaligen Schönheit entzückend, und empfand, nur -etwas über vierzig Jahre hinaus, in meiner Brust um so mehr liebende Gluth, -als ich sie im nördlichen Asien nicht abgekühlt hatte. - -Daneben beschäftigte mich aber oft auch die Frage: Was mag aus den übrigen -Lieben in dem langen Zeitraum geworden seyn? Von den Eltern ließ es sich -kaum hoffen, daß sie noch lebten, wie heiß ich es auch wünschte; beide -standen nahe an den Funfzigen, als ich von ihnen schied. Unmöglich war es -demungeachtet nicht. Nächst ihnen lag mir die Schwester am Herzen. Vier -junge Männer schienen Wilhelminen zu lieben, als ich mich entfernte. Kurz -zuvor hatte es noch das Ansehn, als ob Lilienthal wirklich Ernst machen -wollte. Man sprach neuerdings von einem Erbe, das ihm zugefallen sei, und -einer ihm bevorstehenden Rangerhöhung. Ich konnte meinen: er habe räthlich -gefunden, erst diese Umstände abzuwarten. Wo nicht, so hatte vielleicht -Soldin bald nachher Entschlossenheit gewonnen, ihr sein Verlangen -darzuthun. Oder fände ich etwa in Eduard oder August meinen Schwager? - -Die Letzten sowohl, als jene Beiden, waren übrigens meine vorzüglichsten -Jugendfreunde; verwandt mit ihnen oder nicht, regten die Schicksale, welche -sie erfahren haben konnten, meine warme Theilnahme an. Ich wünschte Jeden -beim Wiedersehn glücklich zu finden, und es mangelte nicht an Gründen, -es zu hoffen. Lilienthal, der junge Officier voll Geist und Kraft, dessen -einnehmende Außenseite ihm allenthalben Freunde gewann, und der bei meiner -Abreise glänzende Aussichten hatte, war vielleicht nun Oberst, vielleicht -General; wenn er anders in den Kriegen, welche sich unterdessen -ereignet hatten, nicht geblieben war. Soldin lebte vermuthlich als ein -wohlbegüterter Landedelmann ruhig, und in wirthlich genossenem Ueberfluß. -Eduard konnte leicht mit seinem klugen Unternehmungsgeist viel erworben -haben; wenn auch nicht alle Erwartungen seiner jugendlichen Fantasie -eingetroffen waren. Ich glaubte mit Ueberzeugung, daß ich ihn wenigstens -als einen angesehenen, wohlbemittelten Kaufmann begrüßen würde. August -hatte einst Genialität dargethan; ich bezweifelte sie weniger, als einige -Andere, bei denen, wie ich meinte, wohl Neid im Spiele seyn konnte. Und -mochte einst, dachte ich nun, der junge Mann einen zu hohen Glauben an -sich nähren; das spornt den Strebeflug, ohne den nichts gelingen kann. Ich -zweifle, daß seine Plane nach ihrem ganzen Umfang gelungen seyn werden; mag -es aber auch nur ein bescheidner Kreis seyn, in welchem August mit Erfolg -sich bewegt: dann finde ich immer einen berühmten Componisten an ihm, den -mindestens auch einige Wohlhabenheit oder ein anständiges Auskommen in -einem, seinen Neigungen entsprechenden, Beruf erfreut. Ich dachte noch: -Wenn ich schon ein mittelmäßiges Vermögen besitze, werde ich vermuthlich -doch gegen die alten Freunde zurückstehn; August hat wenigstens einen -berühmten Namen in seinem Kunstgebiet, und ich habe den meinigen eben nicht -bekannt gemacht. Ich gestehe, daß ich an Otto weniger hing, als an jenen -Freunden, und deshalb sein Schicksal nicht so zum Gegenstand meiner Wünsche -und Hoffnungen erhob. Zwar verwies ich mir das aus Pflichtgefühl, als -unbrüderlich; allein es war nun einmal so. Unsere verschiedene Gemüthsweise -hatte schon in den Knabenjahren ein enges Vertrauen gehindert; und vor -meiner Abreise entzweite ich mich noch heftig mit ihm. Denn er gab mir auf -eine hochtrabende Weise Lehren, tadelte mein Benehmen im Collegium, und -verwies mit Stolz mich auf sein Beispiel und das schon erreichte höhere -Amt. Uebles konnte ich indeß meinem Bruder deshalb unmöglich wünschen, -und hielt übrigens dafür, Otto würde vermuthlich einigermaaßen seinen Weg -gemacht, aber es doch nicht zu etwas Ausgezeichnetem gebracht haben. Seine -trockne Engherzigkeit schien für diese Meinung zu sprechen. - -Auch unsere Verwandte, Charlotte, überging ich damal nicht, bei diesen, -mir so viele Theilnahme erregenden, Betrachtungen. Es war ein unbedeutendes -Ding, ohne Verstand und Schönheit, nur im Hauswesen tüchtig. Sicher glaubte -ich, die Arme würde ohne Mann geblieben, und, wenn meine Eltern nicht -mehr lebten, oder Wilhelmine sich ihrer nicht angenommen hätte, gezwungen -gewesen seyn, irgendwo ein Unterkommen als Ausgeberin zu suchen. Denn ich -urtheilte: ein Mann von Geschmack, selbst nur mit Charlotten in gleichem -Standesverhältniß, hätte wohl eine Person nicht begehren können, die einer -gewöhnlichen Magd -- die schönen darunter ausgenommen -- ähnlich sah. Und -einem kleinen Bürgersmann, der platt genug empfunden, auf Schönheit gar -nicht zu sehn, wohl aber eine rege Hauswirthin gesucht hätte, dürfte -schwerlich auch das Wagstück eingefallen seyn, sich um die Verwandte -eines Rathsherrn zu bemühen; und mein Vater _dann_ auch seine Einwilligung -versagt haben. Ich beschloß aber, wenn es sich dergestalt verhielte, -Charlottens Lage nach meinen Kräften zu verbessern. - -Endlich sah ich mit klopfender Brust die Thürme meiner Vaterstadt. Sie -waren unverändert geblieben, bis auf den an der Hauptkirche. Seines -baufälligen Zustandes wegen hatte man ihn bis zur Hälfte abgetragen, -und mit einem kleinen stumpfen Dache versehn. Er prangte einst mit einer -stattlichen Kuppel und Spitze; die Physiognomie der Stadt gewann durch ihn -etwas heiter Aufstrebendes. Als Knabe hatte ich ihn mit einem erhebenden -Wohlgefallen angesehn, und ihn oft bis zur sogenannten Haube erstiegen. -Es verdroß mich, den alten Freund als einen Krüppel wiederzufinden; schier -ahnte mir darin ein Zeichen übler Vorbedeutung. - -Als ich näher kam, lächelte mich eine neue, hoch empor gediehene, Pflanzung -von Pappeln an. Es war eine Verschönerung; sie würde mir gleichwohl -anderswo besser gefallen haben, als hier. Dem erinnernden Bilde in mir -widersprach sie, und machte mir die Gegend vor dem Thore fremd. - -Ich stieg aus dem Wagen, mich desto bequemer umzusehn, und ließ den -Postillon halten. Es war ein schöner Sommerabend; auf dem neuen Spaziergang -lustwandelten Einwohner. Ich mengte mich unter sie, fand aber nicht einen -der alten Bekannten hier. Auch das erregte mir Unmuth. Meinem Besuch -nach zwanzig Jahren in der Vaterstadt, hob ich bei mir an, scheint wenig -Freudiges entgegen treten zu wollen. - -Wenn auch nicht gerade schon trübe, war ich doch nicht so heiter, wie ich -auf der langen Reise gehofft hatte, daß ich es am Eingange der Heimath seyn -würde. Von dem geahnten traulich heiligen Empfinden wehte mich jetzt nichts -an, und ich klagte heimlich, daß es so sei. Immer wollte ich einen von den -Unbekannten anreden, ihn um meine Eltern, um Wilhelminen, um Emma fragen, -hatte gleichwohl nicht den Muth dazu. Ebenso zauderte ich, in die Stadt zu -gehn. - -Meine Blicke fielen auf die Thür des nahen Kirchhofs. Sie stand offen, und -ich fühlte einen schwermüthigen Zug hineinzugehn. O wie viele neue -Gräber! Doch auch viele neue Denkmähler, die von zugenommenem Luxus -und verfeinertem Geschmack zeugten. Baumanlagen, sonst nicht vorhanden, -Gitterwerke, die kleine Gärten umfingen, unter denen Todte ruhten, einzelne -Hügel, mit Blumen geschmückt, konnten als liebliche Veredlungen des -Anblicks trauernder Stille gelten. Aber sie riefen mir auch sehr lebhaft -den Gedanken zu: daß Alles endet, wie schön es einst auch blühen und -glänzen mochte. - -Ich schlich an den Gräbern hin, und las die mancherlei Inschriften der -weißen Steine und Eisenplatten. O, hier traf ich Bekannte genug! Ein Mal -über das andere stieß ich auf einen Namen, der mir einst wenigstens nicht -ganz gleichgültig ins Ohr tönte. Und nicht bloß ältere Personen, die ich -vor Zeiten werth hielt, auch jüngere sah ich nun lange schon der Verwesung -übergeben. Es war ein Mädchen darunter, das ich ein wenig geliebt hatte, -ehe noch Emma den bleibendern Eindruck auf mein Herz machte. Jene war im -ein und zwanzigsten Jahre verstorben, und ein Gespiele meiner frühsten -Kinderjahre hatte nur bis zum dreißigsten gelebt. - -Nun kann eine wahrhaft melancholische Stimmung über mich, und ich bebte, -Namen zu sehn, die mich noch stärker rühren könnten. Des Gottesackers -Hinterwand umliefen noch inwendig Begräbnißplätze in Gewölben. Mein Vater -hatte sich dort einen erkauft, und den nöthigen Bau daran ordnen lassen. -Als ich aus meiner Vaterstadt ging, hatten die Seinigen noch keine -Anwendung von der neuen Ruhestätte machen dürfen. Ich gewahrte sie -schaudernd, und nahte mich zitternd und wankend. Eine Steinplatte, mit -Zeilen versehn, war in die Außenwand gemauert. Schon sah ich sie, eh ich -die Zeilen noch lesen konnte. Ein Opfer also, dachte ich seufzend, hat sich -der Tod aus unserm Kreis genommen. Mit grauenvoller Neugier eilte ich zu -lesen, und vermochte es kaum. Es war die Mutter; sie schlief bereits zwölf -Jahre hier. Der Kirchhof warf viel auf meine Brust! - -Ich starrte einige Zeit die Tafel an, und ging langsam weg. Es gelang mir -nicht, durch die Vorstellungen mich zu trösten: daß es sich kaum anders -habe erwarten lassen, und daß ich von Glück sagen dürfe, wenn ich meinen -Vater noch unter den Lebenden antreffe. Ich fühlte in dem Augenblick, was -die übrigen Verwandten zwölf Jahre früher an diesem Grabe empfanden. - -Wieder hinausgetreten, sah ich einen dürren bleichen Mann daher kommen. Er -bewegte sich mit kleinen Schritten, und hustete im Gehen oft. Er trug ein -schlechtes Oberkleid, und sein ganzer Anzug zeugte nicht von Wohlhabenheit. -Mir war, als hätte ich ihn früher gesehn; doch besann ich mich auf Namen -und Stand nicht. Es schien mir auch, als hätten Blässe und Falten das -Gesicht merklich umgewandelt. - -Auch er faßte mich ins Auge, und ich war schon an ihm vorübergegangen, als -wir Beide zugleich still standen und nach einander umblickten. Jetzt rief -er meinen Namen. Auch die Stimme tönte mir bekannt, doch schwach und hohl. -Ich ging zu ihm, und sagte: »Verzeihen Sie, mein Herr; ich soll die Ehre -haben, Sie zu kennen, und besinne mich doch nicht gleich ...« - -Haben Sie Ihren alten Freund Lilienthal vergessen? Mit diesen Worten -unterbrach er mich. - -Ich trat staunend zurück, und konnte kein Wort sagen. - -Ja, fing er lächelnd wieder an, ich habe mich wohl ziemlich verändert. Sie -aber scheinen noch ganz munter. Noch nicht einmal, wie ich sehe, Ein graues -Haar. (Das seinige war schon zur Hälfte bleich.) - -Ich umarmte ihn nun, und stotterte: »Nein -- das hätte ich nicht gedacht -- -und wie gehts? Mit welchem Titel hat man Sie anzureden?« - -Er antwortete: Es geht verdammt schlecht. Ich bin invalider, pensionirter -Hauptmann. - -»Verwundet im Kriege?« - -Nein, die Gicht hat es mir gethan. Da muß ich mich nun mit dem schmalen -Gnadengehalt hinstümpern. Und wenn ich ihn noch ganz bekäme! So wird mir -aber noch für meine Gläubiger die Hälfte abgezogen. - -»Freund -- ich beklage unendlich, Sie nicht in einem glücklichern Zustande -wiederzusehn.« - -So geht es nun schon einmal. Wenn man in der Jugend zu rasch gelebt hat, -wird man früh alt. - -»Hm -- ich dachte, Sie besäßen außerdem ein ansehnliches Vermögen« -- - -Wo bist Du Sonn' geblieben! - -»Ehe ich vor zwanzig Jahren abreis'te, hieß es, Sie hätten eine bedeutende -Erbschaft« -- - -Ach, wie man's denn im Leichtsinn treibt. Ich hatte ein Paar tausend -Thaler; in ein Paar Jahren flogen sie aber hin. Einmal gewöhnt, auf einem -artigen Fuß zu leben, nahm ich auf, und sprengte, um meinen Kredit zu -befestigen, allerhand Mährchen aus. Eigentlich nicht ganz Mährchen. Ich -hatte begründete Hoffnung, zu steigen, zu erben, nur kein Glück. Manche -lebten wüster in den Tag hinein, als ich, und sind jetzt Obersten, -Generale, und haben keine Gicht. Das Glück tut alles auf der Welt. - -»Sind Sie verheirathet?« - -O! wenn ich noch Frau und Kinder hätte, schösse ich gar mich todt. -- Die -Abendluft wird kalt, ich muß unter Dach. Wir sehen uns wohl ein ander Mal. -Leben Sie wohl! - -»Erlauben Sie mir, Sie noch einen Augenblick zu begleiten. Ich bin in -zwanzig Jahren nicht hier gewesen, und möchte um Manches fragen.« - -Er that mir den Vorschlag, mit nach der Kegelbahn zu gehn, die er besuchen -wollte; da könnten wir noch eins mit einander plaudern. - -Der öffentliche Garten lag nahe. Ich trat mit Lilienthal hinein, und sah, -daß Einrichtungen und Gäste nur ein ziemlich mittelmäßiges Ansehn hatten, -so daß ich mich wunderte, wie Lilienthal sich an einen solchen Ort begeben -könnte. - -Unterweges fragte ich: »Lebt mein Vater noch?« - -Kann's wohl nicht recht sagen, hieß die Antwort; hab' ihn in langen Jahren -nicht gesehn. -- - -»Hm -- ein Rathsherr ist doch nicht so unbekannt« -- - -Jetzt besinn' ich mich. Er soll noch leben, ist aber schon lange in den -Ruhestand versetzt. Es geht ihm wie mir. - -»Wohnt er noch in seinem Hause?« - -Das ist schon lange verkauft. Irre ich nicht, so hält er sich bei der -Tochter auf. - -»Und die?« - -Sie lebt, das weiß ich gewiß. Noch vor etlichen Wochen ist sie mir mit -ihren Kindern begegnet. - -Ich wollte eben mit großer Spannung fragen, an wen sie verheirathet sei, -als etwas Anderes dazwischen trat. Der Wirth des Gartens kam, und fragte, -was uns beliebe. Ich wollte eine Flasche Wein geben lassen. Den habe ich -nicht, sagte er mit Achselzucken. Lilienthal nahm das Wort mit Lachen: Hier -giebt es nur diverse Biere und Aquavite. - -Ich hatte nach Jenem wenig gesehn; nun fiel mir auf, daß er seinen Mund an -Lilienthals Ohr legte, und ihn um etwas fragte, wobei er mich ansah. Der -invalide Hauptmann erwiederte: Ja, ja, er ists. - -Jetzt nahm ich den Wirth mit seinem Mützchen aus Sammet genauer ins Auge. -Wieder ein nicht fremdes, aber ziemlich schmalbäckiges Gesicht. Kaum traute -ich meinen Augen, und rief endlich: Eduard? - -Er gab mir die Hand. Ei, ei! Lange nicht gesehn. Eine dicke Stimme aus -der Kegelgesellschaft rief jedoch: Herr Wirth, noch ein Glas Breslauer! Da -eilte mein Jugendfreund schnell seinem Beruf nach. - -»Um Gottes willen, hob ich mit fast erstickter Rede zu Lilienthal an: _der_ -in einem Kegelgarten?« - -Der arme Teufel hat ihn gepachtet, wird aber auch nicht sonderlich bestehn; -es kommen nur wenig Gäste. - -»Er war doch Kaufmann« ... - -Hat einen kleinen Bankrott gemacht. Und was sollte er dann thun? Frau und -Kinder wollen ernährt seyn. - -Eduard hatte sein Geschäft besorgt. Ich nahm ihn bei der Hand, und führte -ihn aus der Kegelbahn in einen Gang. »Freund, sagte ich, wie geht es zu? -Dein spekulativer Sinn, Dein Unternehmungsgeist von ehedem! Ich dachte ... -ich hoffte ...« - -Die Stimme, von der ich Bescheid bekam, tönte nicht mehr so leicht und -hochfliegend; sie hatte etwas Schweres, neben dem Kleinlauten. Eduard schob -die Sammtmütze, um sich hinterm Ohr zu kratzen, und sagte nun: Wer kann -für Unglück! Ja hätte der Vormund mich nur in Hamburg gelassen, ich glaube -immer noch ... er schickte mir aber kein Geld; ich mußte zurück, und hier -meine Handlung mit Spezerei- und Materialwaaren antreten. Nun, ich habe -mich viele Jahre dabei hingestümpert. Aber rechts und links etablirten sich -Andere, verkauften um Spottpreis, die Consumption nahm in den schlechten -Zeiten ab, Einquartierung und andere Kriegslasten dazu -- so ward ich -endlich ruinirt. - -»Du wolltest ja eine große Fabrik anlegen.« - -Jung will man viel. Ohne große Mittel läßt sich aber nichts Großes -anfangen. - -»Du wolltest Dich um Summen an die Regierung wenden.« - -Das will mächtige Fürsprache. Ich habe geschrieben, da- und dorthin. Rund -abgeschlagen. - -»Armer Eduard!« - -Wären die Paar Tausend Thaler meiner guten Frau nur nicht mit darauf -gegangen! - -»Wen hast Du denn geheirathet?« - -Die Tochter meines Vorgängers in der Handlung. Der Vormund wollte es so, -hatte auch im Grunde nicht unrecht. Ich mochte mich in den ersten Jahren -wohl nicht genug nach der Decke strecken, nicht genug um meine Handlung -bekümmern; wie das so geht, wenn man denkt, es kann nicht fehlen. Man -bereut es hernach, doch zu spät. -- Und der Herr Bruder? Ich hörte von -Sibirien. Doch also wieder frei! Gratulire. Wie geht es sonst? - -»Schon darum übel, weil ich zwei alte Freunde nicht glücklich wiedersehe!« - -Was hilft's? Geschehene Dinge sind nicht zu ändern. Hier ist ja noch ein -Jugendfreund. He, Cantor, lieber Cantor! - -Ich sah den Mann herwatscheln, der mit einer dicken Stimme Breslauer Likör -verlangt hatte. Die weitere Gestalt entsprach dem. Keine schmale Wange; ein -ächtes Abend-Vollmondgesicht, denn es war mit Kupfer bestreut. - -Eduard nannte ihm meinen Namen. Ei, ei! rief er; lange nicht gesehn und -doch noch gekannt. Er schloß mich so weit in die feisten Arme, als der -Schmeerwanst es nicht hinderte, und sagte jovial: Darauf müssen wir gleich -eins trinken. =Cantores amant humores!= - -Verlegen erkundigte ich mich: von wem ich die Ehre hätte, mich umarmt zu -sehn? - -Karl! rief die fette Gestalt; und Du willst Deinen August nicht mehr -kennen? - -Ich wand mich los, und starrte aufs höchste betroffen in das faunische -Gesicht. In der That, es war August! - -Er kicherte: Nicht wahr, ich habe mir da einen runden Bauch angeschafft? Er -kostet mir aber auch manchen runden Thaler. Ha ha ha! - -»Freut mich, Dich wenigstens vergnügt zu sehn. Ich hoffte indeß gerade -nicht den Bauch zu finden ...« - -O, den laß mir in Ehren! - -»Bist Du nicht in Italien gewesen?« - -Was sollte ich da gethan haben! Und wo Geld hernehmen zur Reise! - -»Du hattest vor zwanzig Jahren doch gewisse geniale Ideen ...« - -Ja, Brüderchen, es gibt nur so vielen Widerstand. - -»Ich meinte, Du würdest gegen ihn ankämpfen, ihn besiegen.« - -Brüderchen, man wird denn ärgerlich, ist mitunter auch ein wenig faul ... - -»Du hattest damal die Composition einer Oper in Arbeit. Was ich davon -hörte, fand ich ungemein ...« - -Erinnre mich nicht daran. Ich hatte Aerger die Menge dabei, und Schaden. -Ließ zehn Abschriften machen, und schickte sie an deutsche Theater. Die -meisten remittirten, unter höflichen Ausflüchten. Einige nahmen sie; nur -von Einem bekam ich aber Geld, und das ersetzte mir die Kosten noch -nicht. Kabalen steckten auch dahinter, Kunstneid, Hudelei. Wo man die -Oper aufgeführt hatte, erschienen böse Kritiken, sprachen von entlehnten -Gedanken, veraltetem Styl. Ich hätte die Hunde von Recensenten todt prügeln -mögen. Hernach verschwor ich's mit den Opern. Aber ein Heft geistlicher -Oden und vierstimmiger Motetten habe ich noch herausgegeben; die wurden -ziemlich gut recensirt. - -»Darum kamst Du nicht nach Italien?« - -Italien, Italien! =Tempi passati=, sagen sie dort. - -»Und nach Frankreich, das einen Gluck =redivivus= in Dir sehn sollte?« - -Brüderchen, es taugt im Grunde den Teufel nicht, wenn man in der Jugend -Genie hat, und sitzt nicht auch an der Quelle, und weiß die Kabalen nicht -todtzumachen. Das Brotstudium wird darüber versäumt, man treibt =Allotria=, -und macht Plänchen, die wie Seifenblasen an der Luft zerplatzen. Jetzt habe -ich mir die angenehmen Träumereien abgewöhnt. =Non sum qualis eram.= Weißt -Du, was ich thun würde, wenn ich etliche und zwanzig Jahre zurück hätte, -oder was ich hätte thun sollen? Meine Theologie tüchtig treiben, mir -Freunde machen, eine gute Pfarre verschaffen, und hernach das liebe Minchen -heirathen. O, Minchen war mir gut, besonders am Klavier. Man schwärmte auch -ein bischen mit Klopstock, Göthe und Schiller. Alles vorbei! Ich frage auch -den Teufel mehr nach Amor; Vater Bacchus ist mein Mann. - -»Ei, ei! Und wie lebst Du denn sonst?« - -Nun, hier auf der Kegelbahn befinde ich mich ganz wohl, und dann geh ich -zum Duchstein*). Die Composition hab' ich an den Nagel gehängt; es kommt -nichts dabei heraus. Und, die Wahrheit zu sagen, ich bin auch zu faul, und -habe mit meiner Singschule, meiner Kirchenmusik ohnehin so viel zu thun. -Brüderchen, so viel kann ich Dir aber noch sagen: aus meinem Bariton ist, -ohne Ruhm zu melden, ein Bierbaß geworden, der sich gewaschen hat. Komm -nur den Sonntag in die Frühpredigt, Du wirst hören, daß alle Kirchenfenster -klingen. - - *) Ein Weißbier, das in Königslutter gebraut wird. - -Herr Cantor! rief man drinnen; Sie schieben. - -Eilig watschelte August davon, und ließ den Freund stehn. Eduard zuckte -die Achseln, und sagte: Er ist nun einmal nicht anders, und muß schon so -verbraucht werden. - -Lilienthal kam wieder zu mir. Es soll, nahm er das Wort, dem Cantor -nicht an Geschicklichkeit fehlen; nur betrübt, daß er sich dem Trunk so -leidenschaftlich ergeben hat! Es hieß schon einmal: er würde seine Stelle -deshalb verlieren. - -Ich fragte: »Ist er verheirathet?« - -Gewesen, erwiederte Eduard; aber von seiner Frau geschieden. Sie war die -Tochter des Rektors. Durch ihn kam er noch endlich zu dem Amt, das er sonst -wohl nicht erlangt hätte. - -Ich empfahl mich den alten Bekannten, ohne weitere Fragen zu thun, weil -ich vor der Hand genug hatte. Schwermüthig über Zeit und Menschenloos -nachsinnend, ging ich nach meinem Wagen, und fuhr in die Stadt. - -Es sah artiger darin aus, als vordem. Einige neue, einige verschönerte -Häuser, mehr Aufwand im Anzug der Bürgersleute, die mir auf der Straße zu -Gesicht kamen, zeugten von vermehrter Wohlhabenheit. Doch späterhin erfuhr -ich: es wäre nur mehr als sonst üblich, um schimmernde Außenseiten bemüht -zu seyn; den alten ächteren Wohlstand habe der Krieg zerstört. - -Ich ließ vor einem Gasthof halten. Als ich aus dem Wagen stieg, kam der -Advokat Sauer aus der Thür. Er hatte am wenigsten gealtert, auch sich -sonst eben nicht verändert; nur noch etwas grämlicher war das stets düstre -schwammichte Gesicht geworden. Augenblicklich erkannte ich ihn, sagte -ihm indeß nur eine flüchtige, kühle Höflichkeit; weil er mir ehedem nicht -gefallen hatte. - -Schwager, fiel er mir ins Wort; Schwager, kommt Ihr einmal wieder zu uns? -Willkommen aus Sibirien. - -Ich stutzte über die Anrede und den vertraulichen Ton. Nach einem -betroffenen Schweigen erwiederte ich: »Schwager?« - -Mein Gott, rief er, wißt Ihr denn nicht einmal, daß ich Eure Schwester -geheirathet habe? - -Mit dürrem Staunen sagte ich: »Das ist mir ganz neu!« - -Schon vor funfzehn Jahren. Wir haben drei Jungen und zwei Mädchen. Also gar -keine Nachricht von den Verwandten gehabt? Nun, in Sibirien, da wundert's -mich nicht. Und meines Schwiegervaters Bruder in Rußland ist ja auch schon -vor langer Zeit gestorben. Ihr wollt doch nicht im Gasthof logiren? Kommt -zu mir. Es ist wohl enge da; doch wir müssen sehn, wie man sich behilft. -Der Alte ist ja auch bei uns. Nur wieder in den Wagen; ich steige mit ein. - -Dies konnte ich nicht wohl ablehnen. Im Wagen fragte ich: Nun, wie lebt Ihr -denn mit Wilhelminen? - -Je nun, war die Antwort, so so. In der Ehe giebt es nun einmal viel -Aprilwetter. Anfangs hatte sie immer noch die eleganten Herrchen, die -Genies, im Kopf; da stand es um unsere Eintracht nicht am beßten. Ich -sagte: Das waren nichtige Courmacher, luftige Projektanten; ich bin ein -solider Geschäftsmann, und habe es doch ernst gemeint. Also ziemt es sich, -daß Madame so gütig ist, und mich liebt. Eine ätherische Liebe verlange -ich gleichwohl nicht; bloß eine irdische, wie sie eine deutsche vernünftige -Hausfrau kleidet. Wenn ich aber doch sah, daß Madame nicht so gütig seyn -wollte, und aus dem angenommenen Schein nur Verstellung hervorblickte, ja -dann hielt ich bisweilen eine Gardinenpredigt, und hatte Recht dazu. -Mit der ewigen Musik, und den Musenalmanachen hatte ich erst auch meinen -Verdruß, und ich gestehe, daß ich bisweilen ein Notenheft, oder ein -Bändchen Poesien ins Feuer geworfen habe. Indeß hat es sich gegeben. Sind -erst fünf Kinder im Hause, dann geht es prosaisch genug zu, und das liebe -Fortepiano wird in Monaten nicht berührt. Im Anfang überlief mich auch der -liederliche Cantor oft. Ich wies ihm die Thür; nun paßte er die Zeit ab, -wo ich Geschäfte außer dem Hause hatte. Es wurde mir aber gesteckt; ich kam -unvermuthet, und dies Mal warf ich ihn zur Thür hinaus. Ich kann's nicht -leugnen, daß ich -- und wer an meiner Stelle hätte es nicht auch gethan? -- -daß ich in der Hitze meinem Minchen eine kleine Ohrfeige gab. Nun, das hat -mich auch bei kaltem Blute nicht gereut; denn seitdem hat sich Minchen um -vieles gebessert. - -Diese Mittheilung empörte mich so, daß ich eben ausholen und meinem -Schwager eine große Ohrfeige appliziren wollte, als mir noch zur rechten -Zeit einfiel, daß meine Schwester davon am meisten zu leiden haben würde. -Fünf Kinder hatte sie zudem mit dem Unhold! So knirschte ich denn bloß mit -den Zähnen. - -Gott, dachte ich heimlich, wäre mir in dem langen Zeitraum all dies Unheil -nach und nach zu Ohren gekommen! Aber nun so auf Einmal! Und was mag mir -noch bevorstehn! - -Wir langten in Sauers Wohnung an. Wilhelmine stieß vor Freude einen -heftigen Schrei aus; ich hätte ihn vor Schrecken erwiedern mögen! O Himmel! -wie bleich, abgezehrt, und daneben wie alltäglich, zeigte sich jetzt die -einst so holde, einnehmende Schwester! Weder ihre Kleidung, noch der sie -umgebende Hausrath, deuteten auf eine vortheilhafte Lage. Die Kinder, -welche sie rief, den Oheim zu begrüßen, waren reinlich, aber ziemlich -dürftig gekleidet. Mich befiel ein Kummer ohne Gleichen. - -Sauer holte meinen Vater aus seinem Zimmer. Fast Entsetzen erregte mir sein -Anblick. Schneeweißes Haar, nichts als Runzeln, Kopf und Hände bebend. Und -so erkaltet war ihm das Gemüth, daß er kaum noch einige Freude über den -nach zwanzig Jahren wiedererscheinenden Sohn äußerte. Keine Spur mehr von -jener alten Herzlichkeit und dem heitern, aufgeweckten Sinn. - -Wir setzten uns zum Abendessen. Ich mußte von meinen Schicksalen im Norden -erzählen, wobei die Anderen meistens schwiegen, und ich so zu keinen Fragen -gelangte. Ich mochte deren auch keine mehr thun. Hatte ich nicht schon -freudenlose Antworten genug bekommen? - -Nachher schien es, als habe der Wein den Greis ein wenig aufgethaut, -oder als habe er in dem schwach gewordenen Kopfe nun überdacht, was sich -zugetragen hatte. Er schloß mich in die zitternden Arme, und weinte. Gott -sei Dank, sagte er, daß Du noch kamst. Etwas später, so hättest Du mich -nicht mehr gefunden. Ich werde bald zu Deiner Mutter gehn. - -O Gott! sagte ich, aufs Neue erschüttert; ich habe bereits an ihrem Grabe -gestanden. - -Mein Vater ging zu Bette, der Schwager sammt den Kindern auch; Wilhelmine -fragte mich: ob wir nicht noch ein halbes Stündchen plaudern wollten? - -Ich that das gern. Sie schilderte mir nun ihren häuslichen Zustand. Das -Betragen ihres Mannes umging sie zart; außerdem hatte sie aber von nichts -als Noth und Kummer zu erzählen. Sauer hatte wenig Freunde; nur Leute, die -einen Erzrabulisten suchten, wendeten sich an ihn. Das Einkommen reichte -bei fünf Kindern nicht zu; man steckte in peinlichen Schulden, und eben -so der alte Vater noch. Die Kreuzträgerin endete: Was ist zu thun? Ich muß -mich in Geduld fassen. Noch ein Glück für mein Mutterherz, daß meine Kinder -gesund, auch sonst ziemlich wohlgeartet sind. Vielleicht erlebe ich an -ihnen noch Freude. - -»Gute Schwester, erwiederte ich, einigermaaßen werde ich Deine Lage -verbessern können. Doch sage mir: wie hast Du Dich entschließen können, -Sauer'n zu heirathen?« - -Seufzend erklärte sie: Ja -- es ward mit den übrigen Aussichten nichts. - -»Ich dachte, Herr von Soldin ...« - -Schnell unterbrach sie mich: Auch nichts! und fuhr fort: Die Zeit ging hin; -ich war schon drei und zwanzig Jahr. Die Eltern fühlten sich immer mehr -bedrängt, und wollten mich versorgt sehn. Da kam mein Mann -- Es währte -lange, eh ich mich überwinden konnte; doch -- was blieb mir ... - -»O Gott! sagte ich; Du hast so vielen Fleiß auf die Bildung Deiner schönen -Talente gewandt! Was nützt es Dir nun!« - -Laß uns nicht mehr über das Vergangene reden, seufzte sie. Hin ist hin! -Jetzt lebe ich nur in meinen Kindern. - -Ich ging stumm auf und nieder, warf mich dann in das Sopha, und stützte -den Kopf auf die Hand; die Unruhe in meiner Brust war unbeschreiblich. -Ich dachte an die Worte eines Dichters, welche mir auf der Reise von -St. Petersburg hieher, mit einem süßen Anklang, oft einfielen: - - Froh werd' ich die Altäre - Der heimatlichen Höh'n, - Und froh die Wonnezähre - Der Jugendfreunde sehn. - Und sie, die einst im Lenze - Der schönen Minnezeit, - Sich bis zur dunkeln Gränze - Des Lebens mir geweiht -- - -Ach, so fand ich es nicht! -- Noch hatte ich nach Emma nicht gefragt. Was -ich bis jetzt gehört, ließ mich die Geliebte vergessen, indeß nur auf eine -kurze Zeit. Die Frage schwebte mir wieder auf der Zunge, doch immer -gewann ich keinen Muth dazu; mein Herz fürchtete hier zu viel von einer -niederwerfenden Botschaft. - -Endlich hob ich doch zu Wilhelminen stockend an: - -»Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?« - -Schon zehn Jahre todt. - -»Das glaubte ich nicht; wenigstens fand ich seinen Namen auf keinem -Leichenstein.« - -Er ist in der größten Dürftigkeit gestorben. Aufwand und mißlungene -Spekulationen ... - -»Hm -- und Minna, seine Tochter?« - -Die hat schmählich geendet. - -»Geendet?« - -Nach des Vaters Tode waren die Mädchen noch unverheirathet -- - -»Unverheirathet? Beide?« - -Ja! Minna wurde Gesellschafterin im Hause des Präsidenten Wernbach, ließ -sich aber in einen sträflichen Umgang mit ihm ein -- es ward ruchtbar. -- -Noch ein Glück, daß sie mit dem Kinde im Wochenbette starb. Die Präsidentin -ließ sich scheiden. - -»Das herrliche Mädchen und so ehrvergessen! In Gärten kann man aus der -Blüthe die Frucht voraussehn, bei den Menschen nicht -- Und ... und ...?« - -Guter Bruder, ich ahne, was Du noch fragen willst. - -»Du hast mein ganzes Vertrauen. Und Emma?« - -Frage mich nicht. _Die_ hast Du geliebt -- - -»Ich liebe sie noch, gute Wilhelmine! Hat sie keinen Mann -- wie auch ihre -Schönheit verblüht seyn mag, ich gebe ihr meine Hand!« - -Dies -- kannst Du nicht! - -»Warum nicht? Ihre Armuth soll mich nicht zurückstoßen. Sie hat einst -mein Herz reich an schönen Empfindungen gemacht, die im Zeitstrom nicht -untergegangen sind. Ich habe kein andres Hoffen mehr, als Emma noch mein zu -nennen.« - -Dies kannst Du ... nein, frage mich nicht. Erkundige Dich bei Andern. - -»Auch hier also warten entsetzliche Nachrichten auf mich? So gieb Du sie -mir. Wen an Einem Tage schon so viele Dolche trafen, der ist auf Alles -gefaßt.« - -Ich möchte nicht gern ... mache Dich frei von dieser unglücklichen Neigung! - -»Diese Neigung ist mein Glück. Ich will Emma mein nennen!« - -Dies kannst Du -- wenn Du es denn durchaus hören willst -- um einen mäßigen -Preis -- - -»Was sagst Du, Schwester! Ich hoffe doch nicht ...« - -Ihr blieb nach dem Tode ihres Vaters weiter nichts übrig, als sich mit -Putzarbeiten zu ernähren. Doch, an Hochleben und Müßiggang gewöhnt, wollte -sie sich in Spärlichkeit und Fleiß nicht fügen. -- Ihr Ruf ward zweideutig. - -»Gott!« - -Nach und nach sank Emma tiefer, und wurde zuletzt als öffentliche Buhlerin -bekannt. Da zog sie den Sohn eines reichen Kaufmanns an sich, plünderte -ihn aus, und verführte ihn, die Kasse seines Vaters um nahmhafte Summen zu -bestehlen ... - -»Höre auf. Doch nein -- nein -- ende!« - -Es kam an den Tag. Emma wurde auf vier Jahre ins Zuchthaus geschickt -- - -»Zu viel! zu viel!« - -Diese Strafe ist überstanden. Emma wurde wieder frei. Sie fing das alte -Treiben aufs Neue an; doch -- wie man hört, und es ihre Jahre vermuthen -lassen -- für sich mit schlechtem Erfolg. Dagegen hat sie eine Art von -Pflanzschule um sich -- - -»Genug! Beim Himmel, genug!« -- Ich riß mich von Wilhelminen weg, und -eilte zu meinem Lager, wo ich aber die ganze Nacht keine Ruhe fand. Eine -mehrtägige Krankheit folgte den Gemüthsbewegungen an dem schrecklichen Tag. - -Dann ergriff ich meinen Entschluß, und sagte der Schwester: »Meine Liebe -ist dahin! Ohne Liebe noch zu heirathen, wäre Thorheit. -- Wie hoch -belaufen sich die Schulden des Vaters und Deines Mannes?« - -Seufzend erwiederte sie: Wohl auf viertausend Thaler. - -»Die bezahle ich.« - -Bruder! -- O Bruder! - -»Von den Zinsen meines übrigen Vermögens will ich Deine Kinder erziehen -helfen, sie mögen einst meine Erben seyn. Ich will mich auch um ein Amt -hier bewerben, so kann ich desto mehr thun, und finde Zerstreuung in den -Geschäften.« - -Wilhelmine umarmte mich mit Freudenthränen. Es wurde mir doch etwas -leicht, daß ich solche Thränen fließen sah. Gott, rief ich, so frommen also -Schönheit, Talente, Bildung und andre beneidete Vorzüge nicht, wenn das -Glück nicht auch lächelt! O Jugend, auf das Unglück schicke Dich an, und -wahrlich am meisten, wenn Dir solche Vorzüge eigen sind! - -Mit einer edlen Fühlbarkeit sagte Wilhelmine nach einigem Schweigen: - -Und -- Emma? - -»O die Verworfne!« - -Auch die am tiefsten gefallen sind -- bleiben Menschen. - -»O gute Schwester!« - -Du hast sie geliebt. - -»Ich gebe ihr ein kleines Jahrgeld.« - -Auf Eine Bedingung -- - -»Versteht sich: daß sie dem ruchlosen Wandel entsagt, und sogleich diese -Stadt verläßt.« - -Dies macht Deinem Herzen Ehre. - -Bei diesem Gespräch kam erst noch zur Aufhellung, woran zeither noch -niemand gedacht hatte. Ich sagte: »Aber ist denn die ganze Menschheit in -späteren Jahren zum Unheil verdammt? Die Jugendfreunde, die Verwandten, -Alles muß ich unglücklich wiederfinden, und ...« Nicht Alles, fiel -Wilhelmine ein. Seltsam, daß Du nach unserm Bruder Otto noch nicht gefragt -hast. Zum Theil ist wohl Deine Krankheit Schuld daran, daß wir vergessen -haben, von ihm zu reden; zum Theil auch -- wird bei den Seinigen nicht eben -viel über ihn geredet -- - -Ich begreife selbst nicht, fiel ich ein, wie es zugegangen ist, daß ich -an Otto nicht gedacht habe. Von den übrigen bösen Zeitungen war mein -Gedächtniß so vollgepfropft, daß ... nun, was macht Otto? Ich wünsche ihm -alles Gute. - -Die Schwester antwortete: Er ist Minister des Herzogs. - -Es war sicherlich keine Mißgunst, was ich empfand; ich staunte nur, faltete -die Hände, und schüttelte den Kopf ein wenig. - -Jene fuhr fort: Er ist zugleich in den Adelstand erhoben. - -»Ist es möglich! Aber ist es möglich!« - -Einige Jahre nach Deiner Abreise wurde er Rath, und nicht lange darauf -Präsident eines anderen Collegiums; dann wurde er weiter empfohlen, und dem -Herzoge näher bekannt. Schon manches Jahr bekleidet er die erste Stelle im -Lande. - -Immer noch höchlich verwundert sagte ich: »Otto der trockne, engherzige -Otto, Minister des Herzogs?« - -Lächelnd erwiederte meine Schwester: Wenn nun der Herzog trockne, -engherzige Minister liebt? Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten. --- Dem Bruder gelang es auch noch weiter. Seine Würde verschaffte ihm -Gelegenheit, sich mit einem Fräulein aus einem reichen Hause zu verbinden. - -»Nun -- ich gönne ihm Alles; er ist mein Bruder. So höre ich doch nicht -lauter schlimme Nachrichten. Ei, ei! Es scheint also, als müßte -eine Anweisung, hier Glück zu machen, so lauten: Fleiß, tüchtigen -Geschäftsfleiß, wenn auch mehr dem Schein als der Wirklichkeit nach, und -den Fleiß so geregelt, wie ihn jeder alltägliche Kopf zu zeigen vermag; das -heißt: trocknen Schlendrian, immer Schlendrian, nie über das Gewöhnliche -hinaus. Zweitens Kriecherei, ächte, wahre Kriecherei vor allem Rang. -Endlich die so beliebte Engherzigkeit. Nun meinetwegen denn! Ich kann es -nicht ändern. Aber sage mir nur, wie es zugeht, daß unser Vater nach so -langjährigen, treuen Diensten eine so kärgliche Pension hat! Konnte sie -Otto nicht billig erhöhen? Konnte er Deinem Mann nicht eine gute Bedienung -verschaffen? Dein Mann mußte allenfalls ja auch sein Mann seyn.« - -Wilhelmine erwiederte: O, Se. Excellenz geruhen jetzt, sich Dero armer -Verwandten zu schämen. Als wir uns im Anfang von Otto's Erhebung an ihn -wandten, fertigte er uns mit kleinen demüthigenden Geschenken ab. Auf -wiederholte Bitten, etwas für den Vater, und für meinen Mann zu thun, gab -er zur Antwort: »Unmöglich könne er, auf seinem viel beobachteten Platze, -sich Nepotismus vorwerfen lassen; vielmehr habe er, aus Consequenz, -allenthalben zu vermeiden, daß er nicht für Angehörige und ältere Bekannte -eintrete. Der Pensionsfond sei zudem erschöpft, und Sauer habe nur -genügende Thätigkeit auf das Advociren zu verwenden, um bestehn zu -können.« Nun machte ich selbst eine Reise zu ihm. Es währte lange, ehe ich -vorgelassen wurde; und, als es endlich geschah, währte die gnädige -Audienz, überhäufter Geschäfte wegen, nur kurze Zeit. Otto blieb auch jetzt -unzugänglich, und sagte mir daneben: der Vater sowohl, als ich, hätten ihn -immer dem Bruder nachgesetzt, und an diesem ein höheres Talent und manche -andere Vorzüge erhoben. Nun, fügte er hinzu, das höhere Talent half -ihm nach Sibirien. Mag er von da seinen Lieben Zobelpelze schicken! -- -Empfindlich, daß er über Dein Unglück noch spotten konnte, verwies ich ihm -das, und sagte hernach: eben auch des unglücklichen Bruders wegen käme ich. -Glaube er, dem Vater und meinem Manne keine Gunst erzeigen zu dürfen, so -möchte er wenigstens den Herzog bewegen, sich am russischen Hofe mit einer -Bitte für Dich zu verwenden. O, sagten Se. Excellenz, da würde ich bei -Sr. Durchlaucht eine Fehlbitte thun, und noch Höchstihre Ungnade auf mich -laden. Mit dem Hofe in St. Petersburg steht der hiesige nicht am beßten. -Ich kann weiter nichts als den Unglücklichen bedauern. Seinem unbesonnenen -Leichtsinn muß er übrigens sein Schicksal zuschreiben. -- Nun folgte ein -stolz freundliches Entlassungszeichen. In den Gasthof schickte Otto mir -noch ein trocknes Billet, mit einer Summe, die meine Reisekosten vergüten -sollte. Ich sandte sie ihm, mit einem Briefchen in seinem eignen Styl, -zurück. Seit dieser Zeit haben wir uns so wenig um ihn bekümmert, wie er -sich um seine Verwandten. - -»Pfui,« rief ich aus; »pfui! -- Doch laß ihn! Er kann bei diesem unholden -Sinn, trotz allem Ansehn und Vermögen, sich nicht glücklich fühlen. Ich -danke um so mehr für Deine schwesterliche Liebe, die, so viel es anging, -doch zu handeln versuchte. Aber -- damit nicht auch ich keine Theilnahme -für arme Verwandten zeige -- ich habe noch nicht nach Charlotten gefragt. -Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?« - -Wilhelmine biß sich ein wenig in die Lippen; es fiel ihr schwer, -eine Antwort zu geben. Neid war nicht im Spiel; eines so gehässigen -Charakterzuges war sie nicht fähig. Aber einige Spuren von verwundeter, -weiblicher Eitelkeit las ich in ihren Augen, als sie über diesen Gegenstand -reden sollte. Ihre widrige Empfindung unter einem Lächeln zu verbergen -bemüht, hob sie endlich an: Charlotte ist lange verheirathet. - -»So hat sie doch einen Mann gefunden? Das freut, und -- wundert mich.« - -Glücklich verheirathet, wenigstens reich -- nein, in der That auch -glücklich; die Gemüthsart ihres Mannes paßt zu der ihrigen. - -»Reich obenein? Das Mädchenglück hat auch seine Launen.« - -Und oft gar seltsame. - -»Wer ist denn Charlottens Mann? Habe ich ihn gekannt?« - -O ja! Du wirst Dich bei seinem Namen wundern. Herr von Soldin. - -»Ist das Scherz oder Ernst?« - -Warum sollte ich Scherz treiben! - -»Ich meinte -- es hatte so ein Ansehn, und man konnte es unmöglich anders -deuten -- er habe Absichten auf Dich ...« - -Die häufigen Besuche galten Charlotten. Um _sie_ bemühte er sich, als wir -glaubten .... - -»Wie konnte -- fast möcht' ich sagen, das platte Geschöpf ihn anziehn!« - -Ueber den Geschmack ist nicht zu streiten. - -»Hm! -- Du nanntest ihn immer geschmacklos. Er hat diesen Ausspruch -bestätigt.« - -Unbedeutende Mädchen finden oft leichter eine Heirath, als gebildete. - -»Wie geht das zu? Etwa, weil es so wenig gebildete Männer giebt? Das ist -wohl gewiß nicht die Ursache. Der gebildeten Männer müssen ja viel mehr -seyn, als der gebildeten Mädchen; denn die Männer haben mehr Gelegenheit -sich zu bilden. Oder sollte Mädchenbildung mehr bewundert, als geliebt -seyn, ernste Neigung mehr verscheuchen, als befördern? Dies kann ich auch -nicht glauben.« - -Einen Grund findet man hier nicht leicht heraus; es bleibt nur dabei, daß -nichts verschiedner als der Geschmack, und -- daß die Liebe blind ist. - -»Ach -- meine Liebe war nicht blind. Emma hatte Schönheit, Verstand, und -ihrem Herzen ließ sich kein Vorwurf machen. Oder -- wäre meine Liebe in so -fern doch blind gewesen, daß sie eine heimliche Anlage zur Verworfenheit -nicht entdeckte? Hier fragt es sich gleichwohl immer noch: ob eine solche -Anlage in der That vorhanden war, oder ob nur die Einflüsse eines dürftigen -Zustands Emma zu dem hingezogen, was ihre Grundsätze einst verdammten. Zwar -sollte man fast schließen, eine Anlage müsse vorhanden gewesen seyn; sonst -wäre Emma nicht durch Armuth gefallen. Wohnen sonst doch Armuth und Tugend -oft zusammen. Zwar vielleicht öfter, wenn Tugend zeitig an Armuth gewöhnt -ist, als wenn sie sich erst dazu bequemen soll. Im letzten Falle wird -Armuth auch oft eine gefährliche Klippe für die Tugend.« - -Desto edler ist sie aber auch, wenn sie, wie ein Fels, dem Drange der -Armuth widersteht. - -»Freilich wohl. Will man indeß Entschuldigungen aufsuchen, so kann man es -vorzüglich beredt, wo die Armuth zu nennen ist.« - -Dann aber auch standhaft gebliebne Tugend um so beredter loben. - -»Allerdings! O Emma, wärst Du tugendhaft geblieben!« - -Dann würde sie noch einen späten Lohn in Deiner Hand empfangen haben. - -»Die Thörin noch, bei ihrer Verworfenheit! Was soll man übrigens zu einer -Anlage sagen, wie ich vorhin sie erwähnte? Ist sie natürlich, und können -die Grundsätze, welche eine sorgsame Erziehung einflößt, sie nicht -verdrängen, so entschuldigt das Verbrechen sich ja beinahe ganz.« - -Nein, da stimme ich Dir nicht bei. - -»Und eine Tugend, die nur in der Abwesenheit gewisser schlimmen Neigungen -besteht, folglich nicht kämpfen darf, hat keinen Werth.« - -Freilich wird die Tugend erst edel, wenn sie, vom edlen Grundsatz -begeistert, diesen in sich zu solcher Kraft erhebt, daß er die schlimme -Anlage niederzuhalten vermag. Dies aber soll und muß die Tugend. Gänzliche -Abwesenheit böser Neigungen ist wohl auch selten; die Umstände wecken sie, -wenn sie auch schlummern. - -»Die Heftigkeit des Temperaments, welche den Umständen entgegen tritt, ist -aber auch verschieden.« - -Wohl kein Phlegma ist so tief, daß nicht manche Lüste daraus hervorgerufen -werden könnten. - -»Es kommt aber in jedem Fall noch auf die Umstände an, ob sie mehr oder -weniger auf den Menschen eindringen. Die physische Gemüthsanlage bekommen -wir aus den Händen der Natur, über ihre Entwickelung vermögen die -Außendinge mehr, als wir. Manche sind glücklich genug, bei einem ruhigen -Sinn noch solchen Umständen fern zu bleiben, die verlockend auf sie -eindringen könnten.« - -Die Gemüthsanlage muß sich durch kräftigen Tugendwillen veredeln lassen. -Umstände, welche uns zu verlocken geeignet sind, nahen sich uns so leicht -nicht, wenn wir selbst vorsichtig davon entfernt bleiben. - -»Zum Theil gebe ich das zu, doch nur zum Theil. Immer wird auf dem -ungestümen Lebensmeere das Glück einen weiten Spielraum behalten.« - -Tugend bleibt dennoch auf diesem Meere der sicherste Pilot. Und umfängt -sie das Glück nicht, so wird sie doch am kräftigsten über das Entbehren -desselben trösten und beruhigen. - -»Ja, diesen Satz muß ich ohne Einschränkung unterschreiben. -- Doch -Schwester, ein Wort in Vertrauen. Dein Mann klagte über die öfteren -Besuche, die August Dir gemacht hat. Jetzt wirst Du ihn ohne Zweifel -verachten. Es geschah auch nur im Anfang Deiner Ehe, wo er noch nicht zum -Trinker herabgesunken war. Offen -- hatte Dein Mann gerechte Ursache, zu -fürchten?« - -Nein! Nur Wahlverwandtschaft unserer Ideen und Gefühle vereinigte mich mit -August. - -»Es scheint mir -- Du hast ihn einst wirklich geliebt, so gut wie ich Emma, -Und ihn so wenig richtig beurtheilt, wie ich die Geliebte.« - -Wenn ich das einräumte, so könnte ich getrost auch hinzufügen: daß ich -diese Liebe doch nie über meine Vernunft und Pflicht Herrin werden ließ. - -»Hätte sie es aber -- durch Zeit und nähere Gelegenheit als im Vaterhause --- nicht werden können?« - -Ich -- glaube nicht. - -»Du liebtest Deinen Mann nicht, und empfandest doch ein mächtiges Bedürfniß -zu lieben.« - -Eins will ich Dir gestehn. Als August sich nicht mehr bei mir einfand, -schmerzte es mich tief; späterhin war es mir aber äußerst lieb, daß ihn -mein Mann entfernt hatte. - -»Deine Tugend, gute Wilhelmine, hatte folglich -- Glück. O nicht allein -andere Menschen bleiben uns Räthsel, auch das eigne Herz bleibt es. Laß uns -aber nicht zu weit ins Feld der Moralphilosophie dringen. Erzähle mir von -Charlotten das Nähere.« - -Eigentlich -- möcht' ich es doch nicht blinde Liebe nennen, was Herrn von -Soldin an sie zog. Im Punkte der Schönheit empfand er einmal nicht wie -Andere. Charlottens runde, derbe Formen -- mochten anders Urtheilende sie -auch plump nennen -- hatten Reitz für ihn. - -»Ha ha ha! Er hatte den Geschmack der Algierer, welche ihre Mädchen zu -mästen pflegen. Auf das Gesicht kömmt es nicht an; Schönheit wird durch die -Fettigkeit bestimmt.« - -Soldin suchte eine wirthliche, anspruchlose, einfache Hausfrau; und weil -er sie fand -- ließ, nach seinem Sinn, die Wahl sich auch klug nennen. Und -soll man fremden oder eignem Sinn folgen? Bereuen durfte er seine Wahl auch -nicht. Sein Vater ist lange todt; beide Eheleute wirthschaften gut; die -Heimsuchung des Kriegs ist überstanden, und Soldin noch immer ein Mann von -hunderttausend Thalern. - -»So finde ich wenigstens Einen der Jugendfreunde nicht unglücklich.« - -Charlotten muß ich nachrühmen, daß sie weder stolz, noch fremd gegen uns -geworden ist. Sie schickt mir manches in Küche und Keller, und wenn die -Noth hier zuweilen hoch stieg, suchte ich bei ihr auch anderweitige Hülfe -nicht vergebens, ob sie gleich, wie ich, fünf Kinder hat. - -»Brav! ... Fortan sollst Du mit ähnlichen Bitten ihr nicht lästig -werden.« -- - -Ich that nun alles, was ich mir vorgenommen hatte, und fühlte mich im -Kreise der geliebten Schwester und ihrer Kinder, die ich bald, als wären -sie die meinigen, liebte, so glücklich als man es, über vierzig Jahre -hinaus, und -- in diesem Leben, seyn kann. Die erlittene Sklaverei in -Sibirien ließ mich das Glück der Freiheit um so höher achten und genießen. - -Auch Wilhelminens Ehe gewann nun, nach dem Verschwinden der Nahrungssorgen, -mehr Eintracht, und meine Gegenwart nöthigte ihren Mann zu einem sanfteren -Betragen. Auch Menschen von tadelhaftem Charakter bessern sich nach -Umständen. - -Möchten junge Leser durch meine Erzählung sich bewogen fühlen, _zeitig_ -über die Veränderungen nachzudenken, welche die Zeit hervorbringt! Möchten -sie, was ihnen das Glück gab, fest halten, da es launenhaft ist! Möchten -sie ihre Ansprüche nicht übertreiben, da diese oft betriegen! Möchten sie -im Schönheits-, im Talentgefühl, weniger Aufmunterungen zum Hoffen, als -Warnungen vor Mißbrauch sehn! Und endlich, möchten sie an Wilhelminens Satz -glauben: »Tugend ist der beßte Pilot auf dem Lebensmeer, und erhebt über -ein feindliches Schicksal.« - - - - -Der lustige Todesfall. - -Eine komische Erzählung. - - - - -Der lustige Todesfall. - - -Herr Lund, ein Kaufmann, der -- nach Börsentaxe -- hunderttausend Thaler, -und wohl noch einige Tausend darüber, werth seyn mochte, starb, zur größten -Verwunderung seiner Frau. Denn oft hatte sie gesagt: Mein Mann stirbt gewiß -nicht; er ist ja einer von den reichsten Leuten in der Stadt, und so klug -obenein! Er wird schon wissen, wie man es zu machen hat, daß man nicht zu -sterben braucht. Sagten ihr Bekannte dagegen: der Tod sei so unhöflich, -nicht Reichthum, nicht Klugheit zu achten; dann bemerkte Jene -- doch in -Vertrauen --: so stürbe ihr Mann gewiß nicht _vor_ ihr, sondern werde sie -überleben: sie habe kein Glück; was sie wünsche, treffe nie ein, das wisse -sie schon. - -Demungeachtet rief Jenen der Tod ab, und noch früher, als seine bis -dahin ziemlich feste Gesundheit es hätte erwarten lassen. Eine plötzliche -Erkältung zog ihm einen Schlagfluß zu, der in wenigen Stunden eine Ladung -für Charons Nachen aus ihm machte. - -Die Wittwe schlug ihre Hände zusammen. Da sieht man's, rief sie nun: -unverhofft kömmt doch oft! - -Ist er auch gewiß todt? fragte sie den noch beschäftigten Arzt. Kann ich -mich darauf verlassen? -- Der Arzt gab ihr die heiligsten Betheurungen, und -bekam einen reichen Ehrensold für die vergebens angewandte Mühe. - -Die Wittwe vergaß auch dem Manne nicht, was er zuletzt für sie gethan -hatte. Sie ordnete nicht nur eine stattliche Beerdigungsprozession an, -sondern bewies ihm auch ihre Dankbarkeit noch durch einen marmornen -Grabstein mit Urne und Todesengel. Unter den Lügen, welche die Inschrift -enthielt, war die gröbste: daß Lunds _betrübte_ Wittwe ihm dieses Denkmahl -errichtet habe. - -Prüfte man die Sache genau, so ließ es sich der Nachgebliebnen eben nicht -verübeln, wenn sie über den Todesfall ihre Haare nicht ausraufte. Sie hatte -über den Verstorbnen immer die -- auch nicht ungerechte -- Klage geführt, -daß er ihr zu wenig Vergnügen mache. Wenn Alles im Hause bereits zur Ruhe -gegangen war, saß er noch an den Büchern, und rechnete dem Buchhalter -nach. Morgens stand er am frühsten auf, weckte seine Leute, sah in die -Niederlagen, und schmälte arg, wenn er irgend etwas nicht so fand, wie -er es finden wollte. Abends und Morgens bekümmerte sich Lund folglich gar -nicht um seine Gattin, den Tag über hingegen desto mehr. Früh bekam sie -Weisungen, die Köchin zu mehr Sparsamkeit anzuhalten, und darüber zu -wachen, daß sie keine Provision am Markt-Einkauf nähme. Mittags gab es -gewöhnlich Verweise, daß das Essen zu gut sei, was für die schlechten -Zeiten nicht passe. Nachmittags empfahl er seiner Ehehälfte, als eine -gesunde Motion, die Mörserkeule zu regen, und gegen Abend ward sie ersucht, -den Ladendienern Corinthen, Mandeln, Reiß und andere Material-Waaren, von -Unsauberkeiten reinigen zu helfen. Von Schauspiel, Gastereien, und was -dahin gehört, war die Rede nie. Aeußerte Frau Lund bisweilen einen Wunsch -nach Zerstreuung, dann hieß es: der sonntägliche Kirchengang zerstreue -genug. Bei schöner Frühlings- und Sommerwitterung, nach vorsichtigem -Aussehn, ob nicht etwa Regen die Kleidungsstücke mit Nachtheil bedrohe, -ging Lund auch wohl mit Frau und Tochter am Sonntage vor's Thor. Da man -sich dort in das weiche Gras setzte, und in die Anmuth der Gegend sah, -würde es immer seine Idyllenwirkung nicht ganz verfehlt haben, wenn der -Hausvater, von Landluft umweht, die Stadt vergessen hätte. So aber pflegte -er diese Gelegenheiten zu nützen, seinen Frauenzimmern _ausführliche_ -Strafpredigten zu halten, weil die Geschäfte zu Hause ihm nur kurze -vergönnten. Er bewies dann seiner Frau: daß sie bei weitem nicht mit so -geringem Wirthschaftsgelde auszukommen verstehe, wie seine Mutter -vor dreißig Jahren, und daß sie eine dumme Gans sei, die sich von den -Köchinnen, so lange er sie zur Frau habe, Tag für Tag betriegen lasse. Er -hatte nicht völlig unrecht; denn was man _Geist_ nennt, war an Frau Lund -eben nicht zu erschaun: sie ließ es bei der _Seele_ bewenden. Wo hätte -sie aber auch Geist hernehmen sollen? Ihr Vater hatte sich zwar einst mit -Köpfen vielfach beschäftigt, doch für den Kopf seiner Tochter um so weniger -etwas gethan, als er sehr geitzig war. Weiland Haarkräusler, gehörte er -zu den kunstsinnigsten seiner Kunstgenossen, hatte deshalb auch die meiste -Beschäftigung in der Stadt, und frisirte keine Braut unter einem Thaler. -Vor zwanzig Jahren wollte Lund sich besetzen. Als Ladendiener hatte er nur -hundert Thaler zusammensparen können; nun meinte er: wenn er eine Frau mit -etlichen Tausenden nähme, und jene Hundert dazu fügte, so würde sich schon -eine solide Materialhandlung gründen lassen. Er klopfte da und dort an, wo -sich Tausende vermuthen ließen; doch nirgend wurde ihm aufgethan. Das -hatte seine Gründe. Wer Tausende besaß, wollte ihnen auch etwas Namhaftes -begegnen sehn; auch war Lund nicht eine schöne, sondern vielmehr eine -häßliche Mannsperson, und hatte ein nicht _für_, sondern _gegen_ ihn -einnehmendes Betragen. Nun spekulirte er endlich auf die Tochter des -Haarkräuslers. Sie war das einzige Kind; der Vater lief mehr als den halben -Tag in seinem gepuderten Rock umher; Präsidenten und Geheime Räthe, Damen -vom ersten Rang, gehörten zu dem weiten Kreis seiner Praxis. Auch ging die -Sage, daß es ihm gelungen wäre, zwei tausend Thaler zu sparen, die er in -sichern Handlungen auf gute Zinsen untergebracht habe. - -Lund pochte also auch hier an. Auf Schönheit und Betragen wurde eben nicht -gesehen, weil es bei der Friseurstochter um Beides auch nicht sonderlich -stand. -- Einen Kaufmann zum Schwiegersohn zu haben -- schmeichelte der -Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig; und auf sorgsame Erkundigung bei -des jungen Mannes vorigem Principal, erfuhr er: Lund verstehe sich auf die -italiänische doppelte Buchhaltung und die Waarenkunde ganz löblich, sei -aber auch einem so schmutzigen Geitz ergeben, daß er nicht einmal ein Paar -reputirliche Beinkleider habe. - -Nun meinte der Haarkräusler: _dem_ könne man schon eine Tochter anvertraun; -habe er jetzt wenig, so werde er einst viel haben. Er gab daher sein _Ja_, -sperrte sich aber im Punkte der Ausstattung ganz ungemein. So lange ich -lebe, sagte er, gebe ich nichts; dafür aber auch Alles, was ich habe, wenn -ich todt bin. Oh gehorsamer Diener, entgegnete Lund; da werde ich mich wohl -hüten, die Jungfer Tochter zu lieben. - -Endlich verstand der Brautvater sich doch dazu, zwei hundert Thaler, die -Kleider und Leibwäsche seiner verstorbenen Frau, sammt einigem Zinn und -Messing, herauszurücken. Lund hatte auf mehr gerechnet; weil der Friseur -indeß bleich und hager aussah, zuweilen auch hustete, ließ Jener sich -die Mitgabe doch gefallen. Denn als ein guter Rechner mußte er theils den -Husten ins Gewinn-Conto stellen, theils den Umstand ins Verlust-Conto: -daß er, wenn es hier nichts würde, vermuthlich in der ganzen Stadt kein -Mädchen, das nur hundert Thaler werth sei, bekommen würde. Ein -kupferner Kessel hätte doch beinahe Alles zerschlagen. Diesen wollte der -Schwiegersohn noch haben, und der Schwiegervater nicht geben. Den Kessel, -sagte Lund, und ich liebe; wo nicht, so lieb' ich nicht. Erst antwortete -man ihm zwar: So lassen Sie es bleiben! rief ihn aber doch von der Treppe -noch wieder zurück. - -Mit drei hundert Thalern fing nun Lund seine Material- und Spezereihandlung -an. Einiger Credit that freilich zu Anfang dabei Noth; er wurde indeß bald -ansehnlich, als die Börse nicht mehr zweifelte: Lund strahle unter allen -Filzen hiesigen Ortes wie ein Stern erster Größe hervor. - -Er füllte nach und nach seine Niederlagen mehr, und breitete seine -Geschäfte nach kleinen Städten aus, wo er die untergeordneten Krämer mit -Waaren versah. Bald discontirte er auch Wechsel, und handelte mit Papieren; -doch Alles mit einer so behutsamen Vorsicht, mit einem so richtigen Takt, -daß es zu den seltensten Erscheinungen gehörte, wenn es sich zeigte, daß -Lund einmal einen Fehlgriff gethan hatte. Nach funfzehn Jahren war es dahin -gekommen, daß Papiere, welche Lund kaufte, sogleich ein Procent stiegen, -und die Gattung hingegen, welche er ausbot, um etliche Procent fiel. Er -merkte sich das, und führte bisweilen die ganze Börse an. Einmal besonders, -in den Kriegszeiten, schrieen die Juden Weh über ihn. So eben war -eine Schlacht gewonnen, die auf den künftigen Preis der Papiere einen -entschieden vortheilhaften Einfluß erwarten ließ. Lund hatte Mittel -gefunden, von dem Ereigniß noch zeitiger unterrichtet zu seyn, als die -Juden. Er wußte, daß sie einen Agenten im Hauptquartier hielten, der ihnen -den Ausgang der nahe bevorstehenden Schlacht sogleich durch eine Estafette -melden sollte. Aber auch Lund hatte seinen Schwiegervater dorthin gesandt, -und, um viel zu gewinnen, etwas daran gewagt. Der Friseur mußte als Courier -herbeifliegen, und obenein auf den Postämtern etliche Schaffner bestechen, -daß sie die Juden-Depesche mit lahmen Pferden expedirten. Nun kam die -hochwichtige Botschaft um zwölf Stunden früher zu Lunds Ohren, und in -diese zwölf Stunden fiel gerade eine Börsenmorgenzeit. Er ließ heimlich -aussprengen: eine Hauptschlacht wäre verloren gegangen. Die Juden stritten -anfänglich; doch weil ihre Estafette nicht eintraf, so meinten sie: der -Feind könnte wohl schon die Postenverbindung stören, und fingen an, Lunds -Nachricht zu glauben. Lund kaufte nicht selbst, bot vielmehr emsig feil, -was den Papieren, auf die bereits das üble Gerücht wirkte, noch mehr -schadete. Seine Bevollmächtigten mußten dagegen zusammenkaufen, so viel sie -nur konnten. Eilig schlugen auch die Juden los, weil sie meinten: wäre -erst die officielle Nachricht da, dann könnte ein noch tieferes Fallen -der Papiere nicht ausbleiben. Damal gewann Lund auf Einen Schlag zwanzig -tausend Thaler; der arme schwindsüchtige Friseur hatte aber von seiner -übermäßigen Anstrengung den Tod. - -Nun glaubte Lund, noch die Erbschaft von dem Schwiegervater zu heben. Schon -lange sah er schmachtend danach aus; der Wohlselige aber blieb, bei seinem -mäßigen Leben, trotz seiner Schwindsucht, immerfort, wie er seit zehn -und mehr Jahren gewesen war. Nur der Couriergalopp hatte die Schwindsucht -endlich zu einer galoppirenden gemacht. - -Dies Mal täuschte sich Lund aber in seinen Erwartungen. Der Wohlselige -hatte in der That einst etliche Tausend Thaler beisammen; kaum war indeß -seine Tochter verheirathet, als die Mode seine Kunst in einen solchen -Verfall brachte, wie einst die Gothen und Vandalen alle Kunst und -Wissenschaft zu Rom. Schwedenköpfe, Titusköpfe, altdeutsche Köpfe, machten -den armen Friseuren die Köpfe so warm, daß sie damit gegen die Wände -hätten laufen mögen. In den ersten Zeiten ging es noch hin; nur junge Leute -dankten ihre Haarkräusler ab, obschon ältere sie Modenarren hießen. Doch -als erst im Lauf der Jahre auch Präsidenten und Geheime Räthe Zöpfe und -Locken abschafften, als erst auch die Weisen Modenarren wurden, und die -Damen ihr ungepudertes Haar durch Kammermädchen in Flechten aufstecken -ließen: da war bei den einst hochgeachteten Künstlern ihres Leides kein -Ende zu sehn. In so fern Lunds Schwiegervater jetzt nicht viel mehr -verdiente, mußte er sein Kapital angreifen und immer davon zusetzen. -Ein Unglück gesellte sich zum andern; in Folge des Kriegs hörte das -Handelshaus, worin er das meiste Vermögen niedergelegt hatte, zu zahlen -auf. Er sagte dem Eidam nichts von diesem Unglück, damit es seine Tochter -nicht in Klagen und Vorwürfen empfinden sollte. Des Schwiegervaters -nunmehrige Muße benutzte der Eidam genug, und vortheilhaft, zum Ausspähen -und Aussprengen dessen, was seinen spekulativen Absichten frommte. Er -mußte dabei auch andere, jetzt unbeschäftigte, Kunstgenossen in Thätigkeit -setzen, aber sie für ihre Mühe oft aus seiner eignen Tasche bezahlen. -Denn Lund versprach wohl ansehnliche Vergütungen; was er gab, war hingegen -unansehnlich genug: freilich nicht in Lunds Augen; denn _ihm_ galten schon -etliche Groschen für etwas Ansehnliches. Noch ein schwerer Unfall traf den -Verstorbenen. Wollte Lund durch fremde Hand kaufen lassen, so wurden des -Schwiegervaters Freunde bevollmächtigt; er selbst mußte aber in der Nähe -Acht haben, daß nicht Einer mit dem anvertrauten Gelde entwischte. Selbst -ein Polizeibeamter, des Alten Vetter, mußte, schnellen Ergreifens -wegen, bei der Hand seyn. Nichts destoweniger ging einmal ein Freund mit -fünfhundert Thalern davon. Zu leichtfüßig spottete er alles Nacheilens, -entkam aus der Stadt, und auch über die Landesgränze. Den Verlust hatte -nun der Schwiegervater zu decken, und es kam mit ihm so weit, daß er, trotz -seinem ehemaligen Vermögen und Geitz, doch wenig mehr als Puderbeutel, -Brenneisen und Kämme nachließ, die, weniger Nachfrage halben, nicht einmal -die Trödler kaufen wollten. Die übrige fahrende Habe reichte auch zu den -Begräbnißkosten nicht hin, wie spärlich auch Lund dabei zu verfahren gebot. -Er suchte für den Leichnam das Armenrecht in einem Gratissarg und Zubehör -nach; die Obrigkeit wollte sich aber nicht zur Liberalität bei einem Todten -verstehn, der einen reichen Schwiegersohn hinterließ. So mußte schon Lund -zutreten; und wie er auch allen eitlen Aufwand vermied, so kostete es ihm -doch um so mehr Aerger, als die an seines Schwiegervaters Ableben geknüpfte -Hoffnung gänzlich zerrissen war. - -Bei jenen sonntäglichen Spaziergängen im Freien blieb auch seine Gattin nie -mit Vorwürfen über die eben erzählten Umstände verschont. »Anstatt, daß -ich hoffte,« sagte Lund, »von Deinem Vater zu erben, mußte ich ihn noch -begraben lassen. Was habe ich nun von Dir gehabt, mein Kind? Zwei hundert -Thaler! Denn Kleider, Wäsche, Zinn, Messing und den kupfernen Kessel kann -ich doch nicht mitrechnen; _Du_ trägst sie, oder brauchst sie in der Küche. -Zwei hundert Thaler sind immer nicht zu verachten, das weiß ich wohl; aber -ich kann doch auch nicht einmal behaupten, daß sie mir zu Gute gekommen -sind. Denn in den langen Jahren hast Du gewiß zwei hundert Thaler in Essen -und Trinken verbraucht; ja, ich habe noch zulegen müssen; zu geschweigen, -was die Tochter kostet: eine Last, die Du mir auch aufgebürdet hast.« - -Frau Lund erwiederte ihm zwar: Auf meinen zwei hundert Thalern hat doch ein -ziemlicher Segen geruht, und mein verstorbener Vater brachte Dir auch noch -manchen Thaler ein. Herr Lund bewies aber: _seine_ Spekulationen, sein -saurer Fleiß und Schweiß hätten alles gethan. An dem Verlust, den ihr -Vater einige Mal gelitten hatte, sollte auch Niemand schuld seyn, als die -Tochter. »Du hättest ihn erinnern sollen,« sagte Herr Lund, »daß er sein -Geld nicht bei Weber =et compagnie= lassen müsse; man sprach von diesem -Hause schon lange nicht gut an der Börse. Mir wollte er immer nicht sagen, -wo sein Geld stände; sonst hätte ich ihm längst ein =aviso= gegeben. Du -hättest ihn auch vor dem spitzbübischen Friseur warnen können, der mit -fünfhundert Thalern durchging. Als eine Friseurs-Tochter hättest Du den -Spitzbuben wohl kennen sollen. Aber Du bist eine dumme Gans, von der ich -alle mein Lebelang nur Schaden gehabt habe.« - -Auch seine Tochter Philippine, die gegen das Ende seines Lebens etwa -neunzehn Jahre alt war, hatte bei den Spaziergängen ihre Noth. Der erste -Vorwurf ging immer auf ihr ganzes Daseyn. Hätte ich Dich nicht, sagte er, -o wie viel könnte ich sparen! Gewöhnlich folgten dann Verweise, daß seine -Tochter eine Putznärrin sei. Lund pflegte noch hinzuzusetzen: »Und warum -bist Du eine Putznärrin? Du denkst wohl einem Mann zu gefallen? Und das -könnte am Ende wohl seyn; denn -- auch ein großer Fehler an Dir! -- ganz -passabel siehst Du aus. Ah, gehorsamer Diener! Du sollst nicht heirathen, -kannst ledig bleiben. Wenn ein Bräutigam kommt, so will er auch haben; und -wo soll man's hernehmen bei den schlechten, nahrungslosen Zeiten, wo aller -Handel und Wandel stockt!« - -Noch mehr Scheltworte mußte Philippine darüber hören, daß sie ein Mädchen -war. Wärst Du ein Junge, hieß es, so könntest Du schon die Lehrjahre -überstanden haben, und im Comptoir sitzen. Ich brauchte den Buchhalter -nicht. Du könntest in ein Paar Jahren Dich nach einer gut bemittelten Frau -umsehn, die so viel Fonds noch zubrächte, als das Haus Lund schon hat; etwa -nach zwanzig Jahren änderte sich wohl die Firma, und zeichnete Gottfried -Lund und Sohn. Und müßt' ich nach dreißig Jahren, oder später, einmal an -meinen Tod denken, dann hätte ich doch die Aussicht, daß die Firma Lund, -die an der Börse zu Ehren zu bringen mir so viel Mühe und Schweiß gekostet -hat, nicht so bald aufhören würde. Da siehst Du, wie vielen Schaden es mir -thut, daß Du ein Mädchen bist. - -Philippinens Mutter vertrat sie denn wohl, und erinnerte den Mann: sie -doch nicht um etwas zu schelten, wofür sie nicht könne, ihr auch nicht -vorzuwerfen, daß sie eine Putznärrin wäre, da dies ja völlig ungerecht sei. -Nicht lange vor seinem Tode entstand hierüber ein heftiger Wortwechsel. Wie -kann sie eine Putznärrin seyn! sagte die Mutter; sie hat ja keinen Putz! - -»Nennst Du das keinen Putz, was sie da trägt?« - -Nein! Ein Hauskleidchen von wohlfeilem Kattun. - -»Oho! ich soll wohl gar theuren kaufen! Und wenn das kein Putz ist, so -möchte sie doch gern welchen haben. Ich seh' ihr ins Herz.« - -Mein Himmel, wär es denn auch gerade eine Sünde? Alle junge Mädchen putzen -sich gern. - -»Braucht sie denn gerade jung zu thun? Kann sie sich nicht alt und ehrbar -betragen? Ich habe so oft gesagt, die Kleider, welche Du ablegst, sollen -ihr zurecht gemacht werden. Bring' ichs wohl dahin?« - -Wie kann ich denn Kleider ablegen? Ich habe selbst nur noch zwei, die -so dünne sind, wie Spinnewebe, weil meine selige Mutter sie schon halb -abgetragen hat. - -»Daß Du ein Reißteufel bist mit Deinen Kleidern, weiß ich schon lange, und -Philippine tritt in Deine Fußstapfen. Erst vor drei Jahren habe ich ihr -das neue Kleid anschaffen müssen; das alte, hieß es, wäre nicht mehr zu -brauchen, und kam auf den Trödel.« - -Philippinchen hatte es so geschont, daß es der Trödler noch recht gut -bezahlte. Aber es war ihr zu kurz geworden. - -»Warum hatte es der Schneider nicht eingelegt? Uebrigens auch einer von -ihren Fehlern, daß sie so wächst. Sie braucht nicht allein so oft neue -Sachen, sondern immer mehr Zeug dazu.« - -Du magst sagen, was Du willst, mein Kind: sie muß doch wieder ein Kleid -haben. - -»Was? Schon wieder? Erst vor drei Jahren ...« - -Da war sie noch nicht sechzehn Jahre; seitdem ist sie erst recht -aufgeschossen. Eingelegt war das Kleid; es ist schon einige Mal -nachgelassen, nun geht es aber nicht mehr. Pinchen laß einmal das -Blumenpflücken, und steh auf ... Da siehst Du? Kaum sind noch die Waden -bedeckt. - -»Nun, ich sehe noch gar nicht, daß es so sehr zu kurz ist. Aber doch -unverantwortlich, wie das Mädchen wächst. Daran bist Du wieder Schuld, -sonst Niemand. Das kommt von dem Ueberfüttern.« - -In einem Vierteljahr werden vielleicht die Kniee zu sehen seyn. Bedenke -doch, was der Wohlstand fordert! - -»Wohlstand, Wohlstand! Eben das Mädchen macht, daß ich nimmermehr zu -einigem Wohlstand komme! ... Aus einem neuen Kleid wird nichts. Sie kann -Sonntags zu Hause bleiben, und im Predigtbuch lesen.« - -Und, mein Kind, daß Du immer sagst, Philippinchen soll nicht heirathen, -kommt mir auch wunderlich vor. Du wirst so bald nicht sterben. Ach, Gott! -ich glaube, Du stirbst in Deinem Leben nicht. -- - -»Ha ha ha! In meinem Leben freilich nicht, aber in meinem Tode. Du bist und -bleibst doch eine dumme Gans! Wenn's aber noch lange damit ansteht, soll es -mir lieb seyn.« - -O, es wird noch lange genug damit anstehn; Du bist ja gesund, wie ein Fisch -im Wasser. - -»Das thut meine Mäßigkeit in allen Dingen.« - -Wirklich, Du bist allzu mäßig, könntest Dir hier und da wohl manches zu -Gute thun, was nicht einmal Kosten verursachte. Aber weil Du selbst doch -sagst, daß Du einmal, trotz all' Deinem Verstand und Gelde, wirst sterben -müssen -- gerade darum sollte Philippine heirathen. Denn wer soll in der -Folge erben, was wir haben? - -»Sag nur nicht: was _wir_ haben. Das Vermögen gehört mir. Hast Du mir -zweihundert Thaler eingebracht, so hast Du mir wohl dreihundert gekostet.« - -Nun gut, _Dein_ Vermögen. Soll es denn in fremde Hände kommen? Ist denn -Dein eignes Fleisch und Blut Dir nicht lieber, als weitläuftige Vettern und -Muhmen? - -»Ei, daran werde ich denken, wenn ich dermaleinst dem Tode nahe bin.« - -Aber, Du meinst ja, erst in dreißig Jahren würde es dahin kommen. Dann wäre -Philippinchen beinahe funfzig Jahre, und das Heirathen könnte auch nicht -mehr helfen. - -»Im Grunde ist es unartig, Frau, daß Du so oft von meinem Tode sprichst. -Das hört Niemand gern, und ich habe doch erst fünf und vierzig Jahre auf -dem Nacken. Daß Du es übrigens lieber sehn würdest, wenn ich heute stürbe, -als morgen, weiß ich sehr gut.« - -Das wohl nicht. Aber Du würdest Dich freun, wenn Du mich begraben lassen -könntest; dann kostete ich Dir nichts mehr. - -»Ich werde mich aber hüten, daß ich Deinen Wunsch erfülle.« - -So viel an mir liegt, ich auch. Du kannst aber ruhig seyn; ich werde Dich -nicht überleben, habe nun einmal kein Glück in der Welt. - -»Kein Glück? Sei nicht undankbar gegen den Himmel! Dein Vater lief mit dem -Puderquast umher; und Du hast einen Mann, der nur Gottfried Lund zeichnen -darf, so gilt es an der Börse wie baares Geld.« - -Was hab' ich von dem Mann, was hab' ich von dem Geld? Doch laß uns nicht -von solchen verdrießlichen Dingen sprechen. Lieber wollen wir nachgerade an -Philippinchens Heirath denken. - -»Da kömmst Du schon wieder mit Deinem _wir_! _Ich_ bin Mann, und werde -sagen, wie ich's haben will; ihr müßt Order pariren. Bei dem Allen -- -wenn sich Einer fände, ein solider Mann bei Jahren, der keine Ausstattung -verlangte, keinen Heller -- wer weiß, was ich thäte! So brauchte ich das -Mädchen doch nicht länger zu ernähren.« - -Nach dieser Unterredung schien unsern Lund denn doch bisweilen ein Gedanke -an die Verheirathung seiner Tochter zu beschäftigen. Er sagte einige Mal: -»Ich hätte wohl einen Bräutigam für Philippinen; nur wird sie ihm zu hübsch -seyn. Ich kenne ihn; das hat er nicht gern.« Wenn seine Gattin nun fragte, -wer es sei, und ob sie den Auserwählten kenne; dann gab er zur Antwort: -»Noch ist es nicht so weit; erst muß seine Frau sterben. Da sie aber an -einem sogenannten Scirrhus leidet, so kann es damit höchstens noch ein Paar -Jahre währen.« - -Es währte aber nur ein Paar Monate, und Herr Kauser (so hieß der von -unserm Lund zum Schwiegersohn Erwählte), ebenfalls ein wohl renommirter -Handelsmann in Material- und Spezerei-Waaren, sah sich in den Wittwerstand -versetzt. Er galt an der Börse für gut, und daneben für Lunds Pylades oder -Jonathan, indem Beide völlig gleichen Sinnes waren. Er mochte etwa funfzig -Jahr alt seyn; aber für jedes konnte er auch wenigstens tausend Thaler auf -den Tisch zählen, und war folglich ein nicht zu verachtender Liebhaber, was -den einen Punkt betraf. Sollte in anderen Punkten auch etwas zu erinnern -seyn, meinte Herr Lund, so müsse man über den Hauptpunkt die Nebenpunkte -vergessen. Noch vor dem Ableben der Frau Kauser, hatte Lund den nunmehrigen -Wittwer befragt: ob nach demselben Philippine wohl auf seine Hand rechnen -dürfe, vorausgesetzt, daß sie nur eine leere Hand bringe, und alle Mitgabe -à Conto gestellt sei, bis nach des Vaters Tode. Herr Kauser nahm die Sache -in Bedenken, und bedachte heraus: daß es ja vollkommen einerlei wäre, ob -Lund oder er Philippinens Geld im Handel umwendete; daß Jener damit eben so -viel verdienen würde, wie er selbst, und auch eben so wenig unnütz verthun. -Ein so edles Vertrauen zwischen Beiden konnte in der That an Orest und -Pylades erinnern. - -Als die wohlselige Frau Kauser ihrer sanften Ruhestätte entgegen fuhr, -mußte auch Herr Lund sie begleiten, und in der Kutsche des Leidtragenden, -welche dem Trauerwagen zunächst folgte, seinen Ehrenplatz nehmen. Er hatte -eine schwarze Kleidung dazu entlehnt, und zuvor seiner Ehehälfte gesagt: -Philippine möchte sich bereit halten, ihren Bräutigam hernach zu empfangen: -denn um nicht viele Zeit an den Geschäften zu verlieren, würde er mit -demselben gleich hieher kommen. Auf diese Art könnten zwei Förmlichkeiten -zugleich abgethan werden. - -Frau Lund hatte doch so viele Begriffe von Anstand, daß sie erinnerte: -es würde an diesem Tage sich wenig ziemen, und solche Eil besonders dem -Bräutigam übel gedeutet werden. - -Herr Lund erwiederte: Solide Geschäftsleute schöben nicht auf, was sie -einmal thun wollten, und fragten nach dem Urtheil der Welt gar nicht. -Uebrigens sollte es eben keine Verlobung vor Notar und Zeugen seyn, wovon -er selbst einräume, daß sie für den Begräbnißtag nicht recht passend seyn -würde; sondern bloß ein vorläufiges Versprechen, im Kreis der nächsten -Verwandten. Es wäre zugleich eine Gelegenheit, daß Braut und Bräutigam -einander kennen lernten. - -Frau Lund fragte: welches Kleid nun Philippine anziehen sollte. Wie sie -bei dem Spaziergang vor etlichen Monaten vorausgesagt habe, sei durch -Philippinens abermaliges Wachsthum das einzige Sonntagskleid nun so kurz -geworden, daß wenigstens die Strumpfbänder zum Vorschein kämen. So könne -Philippine sich doch einem Bräutigam nicht zeigen! - -Herr Lund stampfte mit beiden Füßen. Meinen Sürtout, rief er, den ich im -Comptoir zu tragen pflege, habe ich nun zwölf Jahre. Warum kann Philippine -nicht auch ein Kleid zwölf Jahre tragen? Ein Kleid, das sie obenein nur -Sonntags anzieht! Eigentlich müßte es siebenmal so lange halten, als mein -Sürtout, =ergo= vier und achtzig Jahre! - -Die Mutter wandte ihm ganz vernünftig ein: daß er in den verflossenen zwölf -Jahren, die er den Sürtout besitze, auch nicht mehr gewachsen sei. Zugleich -äußerte sie den Wunsch: aus einem Kleiderladen einen fertigen Anzug gekauft -zu sehn, der sich für eine Brautbesichtigung zieme. - -Possen! rief Herr Lund; sie mag in dem alltäglichen Hausanzug von Damis -erscheinen. - -Es ist ja nicht einmal Damis, sagte Jene; nur gefärbte schlechte Leinwand. -Und auch schon alt, geflickt, unten ein breiter Saum angenäht, dessen Farbe -absticht. - -»Thut nichts! Da sieht Freund Kauser, daß man hier nicht überflüßige -Haushaltungskosten ins Cassa-Buch notirt, obwohl er sich das ohnehin -vorstellen kann. Und Philippine -- auch einer von ihren Fehlern, daß sie -nur allzu hübsch ist -- _soll_ ihm nicht gut ins Auge fallen. Er möchte -sonst zurückziehn; es kömmt ihm auf das Netto bei einer Frau an, nicht aufs -Brutto, und die Schönheit ist immer ein Brutto, wovon der Mann nur unnütze -Last hat. Er muß sorgen, wachen, daß nicht Andere zu der Waare Lust -bekommen, und je mehr eine Frau weiß, daß sie passabel aussieht, je ärger -quält sie den Mann noch um hübsche Emballage. Ich habe oft gesagt, daß ich -etwas darum gäbe, wenn Philippine häßlich wäre. Als Heirathsartikel ist es -doch immer einerlei; der Mann gewöhnt sich an eine häßliche Frau, wie -an eine hübsche; nach Jahr und Tag weiß er nicht mehr, wie seine Frau -aussieht. Doch er kann bei den Geschäften ruhiger seyn, und braucht nicht -an der Börse zu denken: jetzt ist ein Hausfreund bei meiner Frau; wenn er -so klug gewesen ist, sich eine zu nehmen, die nicht hübsch ist.« - -Dabei hatte es sein Bewenden. Philippine erfuhr mit geheimen Grauen ihre -Bestimmung. Nie hatte sie Herrn Kauser gesehn; aber es fehlte ihr nicht an -natürlichem Verstande, um =a priori= zu schließen: der Vater würde ihr wohl -eben nicht einen liebenswürdigen Mann aussuchen. - -Die Leser könnten mit Recht fragen: woher Philippine doch einen Begriff -von Liebenswürdigkeit genommen habe? In der That war sie einst gar schlecht -unterrichtet worden, kam nur bei den schon erwähnten Gelegenheiten aus, und -sah weiter Niemanden, als die Hausgenossen. Denn hatte Jemand in Geschäften -mit Lund zu reden, so mußten die Frauenzimmer sich entfernen, wenn sie -nicht ohnehin häusliche Verrichtungen hatten. - -Bei dem Allen war Philippine nicht ganz ungebildet. Erstlich hatte sie -einen lebhafteren natürlichen Verstand, als ihre Mutter. Zweitens ereignete -sich aber auch ein Umstand, wodurch einige Entwickelung dieser Anlage -entstehen konnte, und wirklich entstand. - -Vor Jahr und Tag hatten sich Lunds Geschäfte dergestalt erweitert, daß er, -neben den gewöhnlichen Ladendienern, eines Buchhalters bedurfte. Er hatte -zeither die Verrichtungen desselben theils allein besorgt, theils den -ältesten seiner Ladendiener dazu gebraucht. Dieser ging nun von ihm ab; -von den übrigen hatte keiner die nöthigen Kenntnisse, und überdem war, wie -schon gesagt, der Kreis, in welchem man sich tummelte, bei weitem größer -geworden. - -Als Lund damal einen Buchhalter suchte, war es nicht leicht, einen -nach seinem Wunsch zu finden. Junge Handelsbeflissene von Erziehung und -mannichfachen Kenntnissen pflegten ein gutes Gehalt, gute Beköstigung, -und eine anderweitige gute Behandlung zu wollen. Lund verlangte nun mehr -Kenntnisse, als er selbst hatte: der Buchhalter sollte in französischer, -englischer und italiänischer Sprache Correspondenz führen, was Lund nicht -verstand, was aber geschehen mußte, in so fern er die zeither nur auf -Deutschland beschränkten Geschäfte über dessen Gränzen hin ausbreiten -wollte. Disconto und Handel mit Papiergeld waren nicht mehr so lebhaft -wie sonst; Lund hatte namhafte Summen liegen, und mußte sehn, wie er den -größtmöglichen Ertrag davon zöge. Trieb er indeß auch manchen Großhandel, -so lebte er doch immer noch auf dem Fuß eines Kleinkrämers; ja, selbst bei -dem kleinsten unter den Kleinkrämern würde man wohl kaum eine so armselige -Lebensweise gefunden haben. Unter diesen Umständen wollte er zwar bei -seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse, aber ihn nur schlecht besolden -und schlecht beköstigen. Auch sollte der Buchhalter sich -- mitunter -wenigstens -- gefallen lassen, daß er schlecht behandelt würde; denn in -dem, was man behandeln nennt, ging Lund mit seinen Ladendienern gar -wenig zart um: sie mußten Rippenstöße und andere handgreifliche Weisungen -hinnehmen, und wurden nicht allein in der dritten Person angeredet, sondern -häufig auch in den Vocativen der Substantive Esel, Schlingel, Lümmel -u. s. w. Dies hatte freilich die Folge, daß keiner so leicht ein halbes -Jahr bei ihm aushielt. - -Als er sich jetzt an der Börse in seiner Absicht umthat, und die Mäkler um -junge Handelsbeflissene mit vorzüglichen Kenntnissen befragte, gab es deren -wohl, die ein Unterkommen suchten, doch nicht Einen, der es bei Lund finden -wollte. Wurde ihnen nur der Name genannt, so hörten sie auch schon auf, -von der Sache zu sprechen, und die Mäkler waren also nicht im Stande, -Herrn Lund ein taugliches Subjekt nachzuweisen. Einige Monate blieb dessen -Absicht unerfüllt; dann meldete sich aber ein hübscher junger Mensch von -selbst bei Herrn Lund, mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle eines -Buchhalters bekommen könne. - -Lund maß ihn vom Wirbel bis zu den Sohlen. Letztere waren etwas schadhaft, -und dort die Haare ohne alle Zierlichkeit geordnet. Ein abgetragner -Ueberrock von schlechtem Tuch kam hinzu. Dies Alles konnte dem Prüfenden -schon gefallen. Der junge Mensch hielt, dem Ansehen nach, nicht auf windige -Eleganz, und trug seine Kleidungsstücke so lange als möglich. Also konnte -er sich auch mit wenigem Gehalt begnügen. - -Herrisch fragte ihn Lund: ob er Zeugnisse aufzuweisen habe. Jener nahm -deren mehrere aus einem wurmstichigen Taschenbuch. Sie waren von namhaften -Häusern in Hamburg, Wien und Leipzig ausgestellt, wo der Jüngling -conditionirt hatte, und klangen sehr löblich. - -Lund hielt sie gegen das Fensterlicht, um zu sehen, ob auch nichts darin -radirt und beliebig geändert sei. Dann fragte er barsch: »Aber warum blieb -man nicht länger an einem Orte, und zieht umher, wie die Zigeuner?« - -Bescheiden wurde ihm geantwortet: Um an verschiedenen Orten meine -Kenntnisse zu erweitern. - -Nun mußte der junge Mann zur Probe einige verwickelte Handelsrechnungen -machen, oder lösen. Hierauf verstand sich Herr Lund; und er sah nun, daß -es schnell, richtig, und mit einer saubern Handschrift vollzogen ward. -Gleichwohl tadelte er Einiges daran. - -Nun führte er den jungen Mann in seine Speicher und Niederlagen. Dort mußte -er die Waaren nennen, ihre Güte beurtheilen, und ihre Preise abschätzen. -Auch hier bestand er wenigstens ziemlich. - -Lund schüttelte aber dennoch den Kopf, ging wieder mit ihm ins Comptoir, -und verlangte Geschäftsbriefe in mehreren Sprachen, nach einem durch ihn -bestimmten Inhalt. - -Sie waren bald vollendet, und hatten ein zierliches Ansehn. Selbst konnte -Lund sie nicht beurtheilen, und beschied deshalb Jenen auf den folgenden -Tag wieder zu sich. - -Unterdessen zeigte er die Briefe einigen Kaufleuten und Mäklern, die fremde -Sprachen verstanden, und hörte, daß nichts daran zu tadeln sei. - -Ketter -- so hieß der junge Mann -- fand sich um die bestimmte Zeit wieder -ein. - -Ganz bin ich zwar nicht zufrieden, sagte Lund; indeß -- ich will's -versuchen. Was verlangt man an Gehalt? - -Zu seiner Befremdung ward nur eine höchst mäßige Summe vorgeschlagen. Lund -bot demungeachtet nur die Hälfte. Der junge Mensch zuckte die Schultern, -berief sich auf die theure Zeit, und den Umstand: daß er eine unvermögende -Mutter habe, die er unterstützen müsse. Doch, setzte er hinzu, will ich für -das nächste Vierteljahr einschlagen; auf die Bedingung, daß mir der Herr -Principal Einiges zulegen, wenn meine Dienste Ihnen genehm sind. - -»Das kann vielleicht geschehn, erwiederte Herr Lund; doch muß ich erinnern, -daß man nur Hausmannskost finden wird.« - -Daran bin ich in meiner Jugend gewöhnt worden, und sie ist mir die liebste. - -»Auch, daß man nicht zu empfindlich seyn darf. Ich habe ein etwas hitziges -Naturell, meine es aber gut.« - -Ich werde mich stets um die Zufriedenheit des Herrn Principals bemühn; so -darf ich keinen Unwillen fürchten. - -»Auch, daß man nicht auf einerlei Arbeit muß beschränkt seyn wollen. In -meinem Hause kömmt mancherlei vor; und wer in meinem Lohn und Brot steht, -muß überall mit angreifen, wo es Noth thut.« - -Gern werde ich Ihnen so viele Dienste leisten, als ich nur vermag. - -»Auch, daß man ordentlich seyn muß, nicht Abends und Sonntags auslaufen, -keine junge lustige Bekannten in's Haus ziehn, die Unfug treiben.« - -Die Pflicht der Ordnung versteht sich von selbst; übrigens bin ich hier -fremd, und habe keine Bekannten. - -»Noch Eins! Man hat nur eine Kammer; auf eine geheitzte Stube lasse ich -mich nicht ein.« - -Ich bin jung und nicht frostig. - -»Am beßten auch, ein junger Mensch wärmt sich das Blut durch Arbeit. Nun -- -wann will man anziehn?« - -Noch heute; in diesem Augenblick, wenn Sie es befehlen. - -»Gut; so setz' Er sich gleich an den Schreibtisch.« - -In dem Augenblick, wo sich Lund in den wirklichen Principal des Buchhalters -verwandelt hatte, verwandelte er auch das bisherige _man_ in die -Anrede _Er_. Andere Buchhalter würden ihm die dritte Person mindestens -zurückgegeben haben; Ketter hingegen war so bescheiden, daß er sich -gefallen ließ, was Herrn Lund gefiel. - -Dieser hatte auch späterhin nicht die mindeste Ursache, Ketters Anstellung -zu bereun. Er verrichtete die ihm aufgegebenen Geschäfte nicht allein -pünktlich, sondern brachte auch, durch seinen klugen Rath, dem Brotherrn -manchen namhaften Vortheil. Er aß und trank so mäßig, wie es ein Harpagon -nur verlangen konnte; und waren am Abend die Comptoirgeschäfte vollendet, -hatte er nichts dagegen, wenn Lund ihn anwies, mit seiner Frau und Tochter -Spezereien zu verlesen, oder Düten zu kleistern. Ungemein selten ging er -Sonntags aus, und immer kam er schon nach einer Stunde zurück. In allen -Stücken konnte Lund sowohl auf die strengste Redlichkeit, als auf seinen -treusten Eifer, den Nutzen der Handlung zu fördern, bauen. - -Hatte indeß der Kaufmann, bei so vielem Vortheil, keinesweges Ursache zur -Reue, so ärgerte er sich dennoch über den Buchhalter; besonders, als das -erste Vierteljahr zu Ende ging. Lund war so weit entfernt, ihm nun eine -Gehaltszulage zu bewilligen, daß er vielmehr an einen Abzug dachte. Bei -den Ladendienern pflegte das immer zu geschehn; sie hatten irgend etwas -zerbrochen, das ihnen zu einem viel höheren, als dem wirklichen, Preise -angerechnet wurde, oder es fehlte irgend etwas; genug, Herr Lund verkürzte -ihnen den Lohn, und nicht selten bekamen sie gar nichts, oder mußten wohl -noch zugeben. Einen ähnlichen Anlaß konnte nun der Principal bei seinem -Buchhalter nicht auffinden, wie emsig er auch danach suchte; ja, nicht -einmal eine Ursache, ihn zu schelten. So konnte er auch, wenn beim Ablauf -des Vierteljahrs Ketter etwa an die ausbedungene Zulage erinnerte, ihm -nicht das Mindeste vorwerfen, um die Anschuldigung zu begründen: er sei -nicht zufrieden genug mit seinen Diensten, um sein Gehalt zu erhöhen. -Deshalb brach er manche Gelegenheit vom Zaun, den jungen Menschen zu -schelten. Doch auch hier wurde ihm nur Geduld entgegengesetzt, und als die -ersten drei Monate verflossen waren, erinnerte ihn Ketter nicht an jene -Bedingung, sondern ließ das kleine Gehalt auch ferner gelten. - -Die Abendstunden, wo Ketter sich mit den Frauenzimmern beschäftigen -mußte, hatten indeß ihre Nebenwirkungen. Lund pflegte dann oben in eine -wohlverwahrte Kammer zu gehn, die seine baaren Summen, und solche Papiere -enthielt, wovon Andere nichts wissen sollten. Stundenlang schloß er sich -dort ein, zählte, rechnete und schrieb. In seiner Gegenwart sprach Ketter -von nichts als von Geschäften, und meistens nur, wenn er befragt wurde; an -die Frauenzimmer richtete er nie ein Wort; es hatte das Ansehn, als wäre -der junge Mann zu blöde und verlegen dazu. - -So verhielt es sich aber in der That nicht; denn sobald Lund sich entfernt -hatte, erzählte Ketter Jenen Manches von den großen Städten, worin er sich -aufgehalten hatte, oder knüpfte andere Gespräche an, in welchen er -sich geistreich genug zeigte. Das unterhielt die so einsam gehaltenen -Frauenzimmer angenehm; besonders merkte Philippine eifrig auf Ketters -Reden, und zog manche Belehrung daraus. Ihre Mutter hatte nichts dagegen, -und sie selbst schöpfte immer mehr Vertrauen zu dem jungen Mann. Er äußerte -sich nun auch offen über den Umstand, daß Philippine so wenig Unterricht -bekommen hätte, da, bei ihren vortrefflichen natürlichen Anlagen, ihr doch -ein mannichfacher zu wünschen sei. Frau Lund sagte: Zu so etwas giebt -der Alte kein Geld her; ich selbst sehe wohl ein, daß es Schade um -Philippinchen ist, die hier ganz versauern muß, kann aber nichts dabei -thun. Nun erbot sich Ketter, in den Abendstunden zuweilen aus einem guten -Buche vorzulesen. Jene ließ das gern geschehn, hörte selbst mit großem -Vergnügen zu, und willigte auch ein, daß Philippine solche Bücher mit in -ihre Schlafkammer nehmen, und sich dort noch daraus belehren konnte. Der -junge Mann schrieb ihr auch kleine Aufgaben nieder, mit denen sie sich -einsam beschäftigen sollte. Daß man dies Alles vor Lund geheim halten -mußte, versteht sich von selbst. - -So gelangte Philippine nach und nach zu verschiednen nützlich belehrenden -Schriften. Ketter gab ihr Wilmsens Kinderfreund, Raffs Naturgeschichte, -Campens Rath für seine Tochter, einige auserlesene Schauspiele, einige -Romane von moralischer Tendenz, und mehr, was Geist und Herz bilden konnte. -Je angenehmer Philippinen die neuen Beschäftigungen wurden; desto mehr Zeit -wendete sie darauf, so viel sie es vor ihrem Vater konnte. Noch kein Jahr -war verflossen, und man hätte sagen mögen: mit Philippinen habe sich ein -halbes Wunder ereignet. Das sonst kalte, stumme, oder einsilbige Mädchen, -an dem nur bisweilen ein lebhaftes Augenblitzen, oder hie und da eine -wohl treffende, aber doch übel ausgedrückte Bemerkung ein nicht ganz -gewöhnliches Geschöpf ahnen ließ, zeigte nun tiefes, warmes Gefühl, helles -Urtheil, nicht selten gar muntern feinen Witz, und hatte im Gedächtniß -mannichfache Kenntnisse aufgesammelt. Hatte das -- scheinbare -- Gänschen -sich dergestalt umgewandelt, so konnte man auch bei der Mutter (die Lund -eine wirkliche Gans nannte) einige auffallende Entwicklung nicht verkennen. -Wenigstens hatte sie mehr Umsicht, als ehedem, wußte die Menschen richtiger -zu beurtheilen, und vertraute den eignen Augen mehr. - -Daß Lund von den Veränderungen, die mit Beiden vorgegangen waren, wenig -merkte, war natürlich. Einmal verbargen sie sich klug vor ihm, und zweitens -hatte er den Kopf zu voll von Geschäften, als daß er auf die Frauenzimmer -sorgsam hätte achten mögen. Auch sprach er mit ihnen immer nur vom -Nöthigen, oder schalt über das Erste Beßte. Ließ man sich dort einmal -unvorsichtig ein kluges Wort entfallen, so rief er: »Sehe doch Einer! die -Philippine wird am Ende gar naseweis! Willst Du schweigen?« Oder auch: »Die -Gans will noch auf ihre alten Tage klug thun.« - -Daß Philippine durch Ketters mündliche Unterhaltungen einen starken Impuls -auf Gemüth und Verstand bekommen hatte, litt übrigens keinen Zweifel. In -dem letzten Vierteljahre hatte sie oft auch Gelegenheit, ihn allein zu -sprechen. Es geschah während der sonntäglichen Spaziergänge ihrer Eltern, -welche sie, bei dem Mangel an einem neuen Kleide, nicht begleiten konnte. -Indeß war Ketter viel zu rechtlich, Mißbrauch von diesen Annäherungen zu -machen; er unterrichtete Philippinen nur um desto eifriger über moralische -und andere nützliche Gegenstände. - -Philippine hatte jetzt auch einige Begriffe von männlicher -Liebenswürdigkeit, und die mochte sie hauptsächlich wohl in dem letzten -Vierteljahre bekommen haben. Ketters Gestalt war nicht unedel; er kleidete -sich zwar ärmlich und wenig zierlich, Philippine hatte indeß nur selten -wohlgekleidete junge Männer gesehn, da sie nirgend hinkam. Uebrigens hatte -sie wenig natürlichen Hang zum Putz, und daher war ihr auch der Anzug eines -Mannes ziemlich gleichgültig. So viel sah sie indeß wohl, daß Ketter, wenn -er sich in eine elegante Kleidung würfe, andern artigen Männern keineswegs -in _der_ äußern Anmuth nachstehn würde, die sie einer solchen Kleidung -verdankten. - -Um so niedergeschlagner mußte sie aber seyn, als sie vernahm, daß ein von -ihrem Vater gewählter Bräutigam sich ihr zeigen würde. Die Mutter war mit -ihr besorgt, wußte ihr aber keinen Trost zu geben; denn Lund hörte auf -keine Einreden, trat ihnen stets vielmehr mit Hitze und Härte entgegen, und -setzte zuletzt immer despotisch seinen Willen durch. - -Nur Eine Hoffnung behielt Philippine noch, in dem Fall, daß sie dem -Bräutigam etwa nicht gefiele. Es war ihr daher lieb, in schlechter -Hauskleidung vor ihm erscheinen zu müssen; sie schwärzte diese Kleidung -noch absichtlich am Küchenherd, und machte sich auch noch selbst einige -Rußflecken in das Gesicht. Daneben beschloß sie, gebeugt und linkisch -aufzutreten, und auf Alles, was der Bräutigam sie fragen würde, so dumm und -albern als möglich zu antworten. - -Die Mutter sagte zwar: Ich kenne Herrn Kauser nicht, habe auch sonst nichts -von ihm gehört; es wäre aber doch möglich, daß wir uns Beide irrten, und -daß der Vater einen Mann ausgesucht hätte, der Dir gefallen könnte. Also -ist es nicht klug gehandelt, wenn Du ihm zu mißfallen suchst. - -Nein, nein! sagte Philippine; er wird mir nicht gefallen! Das weiß ich, ehe -ich ihn noch gesehn habe! - -Endlich rollte eine mit schwarzem Tuch überzogne Kutsche vor. Zwei schwarz -gekleidete Männer stiegen aus, Herr Lund und Herr Kauser. Die Luft war -durch Regen gerade sehr trübe, und die Wohnstube hinter dem Spezereiladen -hatte nur Ein Fenster in den etwas engen Hof, so daß es auch an hellen -Tagen hier ziemlich dunkel blieb; und vollend bei solchem Wetter, als -heute. - -Philippinens ohnehin trübes und finstres Gesicht bekam folglich nur ein -sehr mattes Licht; und da die Lilien und Rosen darin von den schwarzen -Flecken entstellt wurden, so that ihre Schönheit so gut als gar keine -Wirkung. - -Dazu kam auch noch, daß die kleine Stube, in welche die beiden schwarzen -Männer jetzt traten, schon lange nicht mehr geweißt war. - -Anfangs redeten sie vom Börsencours, ohne sich um die übrigen Anwesenden zu -kümmern. Nach einiger Zeit brachte Herr Kauser denn doch die Angelegenheit, -welche ihn hieher führte, zur Sprache. Apropos, fing er an, wenn Ihr keine -Ausstattung gebt, so müßt Ihr doch die Hochzeit ausrichten. »Das werd' -ich wohl bleiben lassen,« erwiederte Herr Lund; »wer heirathet, der trägt -billig auch die Kosten. Man braucht indeß keinen närrischen Aufwand zu -machen. Ein Paar Zeugen, ein Paar Tassen Kaffee, und damit gut.« - -Herr Kauser dachte ein Weilchen nach, und erwiederte dann: Nun, es -ist freilich, genau überlegt, am Ende gleichviel, ob Ihr die Hochzeit -ausrichtet oder nicht. Das heißt, wenn es noch dazu kommt. Ihr wißt meine -Bedingung. Wo ist die Tochter? Bei diesen Worten setzte er seine Brille auf -die Nase. - -Lund dagegen brachte seine Ohren in Bewegung, indem er bald hinter dem -einen, bald hinter dem andern kratzte. Das that er aus Verlegenheit und -Besorgniß, daß der Handel zurückgehn könne. - -Kauser fing wieder an: Ist sie schön, und putzt sich gern, so nehm ich sie -nicht. Dabei müßte ich mir den Schlag an den Hals ärgern. Ist sie das hier? -Hm -- nun, es geht damit noch an. Mir wollte Jemand sagen, sie wäre schön. -So arg ist es damit eben nicht. Nach ihrem Anzug scheint sie auch eine gute -Wirthin zu seyn. Nun ja -- ich lass' es mir gefallen. - -Philippine, die erst heimlich darüber seufzte, daß sie keine Mühe angewandt -hätte, reitzend zu erscheinen, fuhr bei den letzten Worten zusammen, als -ergriffe sie ein Fieberfrost. Sie hatte jedoch, seitdem Herr Kauser -ins Zimmer trat, nichts anderes empfunden als eine Reihe von kalten -Fieberschauern. Der zugewiesene Geliebte war schindeldürr, hatte ein -erdgelbes, vielgefaltetes Gesicht, eine lange dünne Habichtsnase, ein -spitzes Kinn, und ein Paar weitgeöffnete gelbbraune Augen, die gewöhnlich -zwar sehr matt aussahen, aber doch von einem gewissen Isegrimmsfeuer -loderten, wenn ein Affekt sie anregte. Die schwarze Kleidung war ihnen -günstig; ihr Leuchten trat nunmehr heraus. - -Bon jour, Mamsell, krächzte jetzt erst der Prüfende. Ich denke, wir wollen -uns schon mit einander vertragen. Werden Sie eine gute Frau seyn, so bin -ich ein guter Mann. So viel sag' ich Ihnen aber vorher, spaßen lass' ich -mit mir nicht. Servitör, Madam Lund! - -Jetzt wandte er sich halb um, auf's Neue mit dem Vater des Mädchens zu -sprechen, der jetzt viel leichter athmete, weil sich kein Hinderniß gezeigt -hatte. Nun sah die Braut Herrn Kauser, der seine Brille, nach vollendeter -Prüfung, wieder abnahm, von der Seite. Dies hatte sein Vortheilhaftes für -die convexe Nase und das concave Kinn. Der Zufall ließ aber dem Profil der -Gestalt noch einige malerische Ergänzungen angedeihen, welche der Fantasie -der Braut ungemein zu Hülfe kamen. Die weitgeöffneten Augen hatten bei ihr -den Effekt eines abgebildeten weitgeöffneten Höllenschlundes gethan. Die -Wirkung des Profils entsprach jener Illusion, nur daß sie vom Reich zu dem -Regenten überging. Das sollte nun der Fantasie noch über alle Erwartung -leicht gemacht werden. Der Bräutigam hatte pechfarbne, mit grau -durchmengte, struppige Haare, an deren Verschneidung lange nicht gedacht -war. Nun sträubten sich am Scheitel zwei gekrümmte, spitz auslaufende -Borsten auf, die, von der Seite gesehn, zwei mäßigen Hörnern glichen. -Kauser hatte sich aber in den etwas kurzen Trauermantel dergestalt -gewickelt, daß er sich bis nahe an die Mitte des Leibes heraufzog. Und -weil er darunter seinen Hut einklemmte, so fügte es sich, daß eine Ecke -desselben hinterwärts vorblickte, und zugleich einen rheinländischen Fuß -lang den schwarzen Flor niederwallen ließ. Nichts konnte lebhafter an den -Schweif erinnern, von dem man nicht weiß, ob ihn Lucifer wirklich hat, oder -ob ihn die Maler nur freigebig damit beschenken. - -Philippine war indeß nun vom Grausen übermannt, sank ihrer Mutter halb -ohnmächtig in die Arme, und rief zugleich, mit Wehmuth und Entsetzen zu -gleichen Theilen in ihrer Stimme: Hu, der Teufel leibhaftig! - -Herrn Kauser gefiel das Compliment freilich schlecht, und Herr Lund wallte -in dem grimmigsten Zorn darüber auf. Was Teufel, rief er, schickt es sich -für eine Braut, den Bräutigam Teufel zu nennen? Daß ich Dir nicht mit der -flachen Hand an das gottlose Maul komme! Du solltest wirklich meinen, der -Teufel wär' es! - -Philippine stotterte: Beßter Vater, ich flehe Sie um Erbarmen an! Geben Sie -mir den Tod, nur diesen Mann nicht. Ich kann ihn nicht heirathen! Mir graut -und schaudert vor ihm -- - -Jungfer Naseweis, fiel Herr Lund ein, wird Sie gefragt? Hat Sie auch eine -Stimme? - -Jene fuhr fort: Ich eigne mich auch nicht für ihn. - -Donnernd gebot ihr der Vater, zu schweigen, und fügte hinzu: Will das Ei -klüger seyn, als die Henne? Ich muß wissen, was zusammen paßt! - -Frau Lund, ihre Tochter im Arm haltend, brach nun in Thränen aus, und rief: -Nein, lieber Mann, der Unterschied in den Jahren ist zu groß. Mache Dein -Kind nicht unglücklich! - -Seht doch, entgegnete der liebe Mann; will die Gans auch drein schnattern? - -»Ich bin Mutter, und gebe meine Einwilligung nicht.« - -Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht um Deine Einwilligung gefragt, -und werde es auch bis an mein seliges Ende nicht thun. - -Ei, fiel Herr Kauser ein, mein lieber Lund, das hätte ich nicht gedacht! -Eure Frauenzimmer sind schlecht gezogen. Uebrigens thut bald, was Ihr thun -wollt; ich habe Posttag, und verliere meine Zeit. - -Gut, entgegnete Herr Lund, ich werde Euch vorläufig mit dem Mädchen -versprechen. Ein Zeuge muß wohl noch dabei seyn. Ich rufe meinen -Buchhalter. - -Er ging, und der Bräutigam wandte sich unterdessen an Philippinen. Mamsell, -sagte er, glauben Sie nicht etwa, daß ich so einfältig bin, Ihnen nicht -in's Herz zu sehn. Es ist nur Verstellung und Ziererei. Sie heirathen für -Ihr Leben gern, sind froh, daß ich gekommen bin. Man kennt die Jüngferchen, -sie machen's alle so. Meine selige Frau wollte auch durchaus nicht, der -Vater mußte Gewalt brauchen. Aber sie widersetzte sich nur zum Schein; die -Gewalt wäre gar nicht nöthig gewesen. Aergern Sie doch Ihren Vater nicht -unnützer Weise. Sie stellen sich, als wollten Sie das nicht, was Ihnen doch -sehr lieb ist. - -Lund fand sich wieder ein; Ketter folgte. Hier ist ein Zeuge, fing Jener -an; nun kein Sperren mehr, Jungfer Naseweis! Hingegangen zu Herrn Kauser, -gesagt: lieber Bräutigam, ich freue mich, daß ich die Ehre haben soll, -Ihre Frau zu werden. Dann ein Küßchen in Ehren gegeben. Allons, wie lange -währt's? - -Ketter staunte. Herr Lund, rief er, um Gottes willen! was denken Sie zu -thun! - -Mit großen Augen fragte dieser: Wa ... wa ... wa ... was ist das? - -»Sie könnten Ihre liebenswürdige Tochter so hinopfern?« - -Wa ... wa ... was geht Sie das an, junger Herr? Zeugen sollen Sie, -die Ohren brauchen, nicht den Mund. Wie kann sich auch der Buchhalter -unterstehn, seines Principals Verfahren zu tadeln! Da soll ja ... - -»Wie unedel muß ein Mann fühlen, der nicht allein an eben dem Tage, an -welchem er die vorige Gattin begraben hat, sich abermal versprechen will, -sondern auch ein Mädchen, das Grauen vor ihm einer Ohnmacht nahe bringt, -durch Zwang an sich gefesselt kann sehn wollen!« - -Ich sage Ihnen meinen Dienst auf! -- Herr Kauser rief: Und dann muß es -an der Börse öffentlich gesagt, ja selbst den Handelsfreunden weit umher -geschrieben werden: daß er widerspenstig gegen seinen Principal gewesen -ist, einen soliden angesehenen Kaufmann, dem er Respekt schuldig war, mit -himmelschreiend unehrerbietigen Worten beleidigt hat. An keinem Orte muß er -wieder eine Condition finden! Aber die Zeit vergeht. Macht fort, Lund! - -Der junge Mann rief: »Weigern Sie sich Philippine! Es gilt das Glück Ihres -Lebens. Die Gesetze berechtigen Sie, da Ihren Gehorsam zu versagen, wo man -Sie zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!« - -Philippine hatte mehr Muth, seitdem Ketter eingetreten war. Feierlich -schwör ich, sagte sie, daß ich diesem Mann nie meine Hand geben werde, und -sollte ich darüber auch untergehn. - -Frau Lund küßte ihre Tochter, billigte, was sie gesagt hatte, und versprach -ihren Beistand nach allen Kräften. - -Nun liefen die beiden Schwarzen in blindem Zorn mit den Köpfen an einander, -und wurden durch den Schmerz noch wilder. Kauser trat mit eingestemmten -Armen vor Philippinen hin, und sah ihr mit so strafenden und drohenden -Blicken ins Gesicht, daß selbst die Tapferkeit davor hätte zittern mögen. -Zu Worten gelangte sein Grimm dagegen nicht; Lunds Flüche hätten sie auch -übertäubt. - -Seitdem ihm Ketters kluge Thätigkeit wichtige Vortheile gebracht, hatte -Lund das Er doch in eine höflichere Anrede umgeändert, weil er meinte, -das _Sie_ koste ja nichts, und der junge Mann könne es anstatt einer -Gehaltszulage in Empfang nehmen. Jetzt aber rief er die Anrede mit _Er_ -zurück, nachdem schon Flüche vorhergegangen waren. Er packte den jungen -Mann zugleich an der Brust, und schrie: Bu -- bu -- Bursche! Er will meine -Tochter zum Ungehorsam verleiten? Wa -- wa -- was geht meine Tochter Ihn -an? - -Kaltblütig hielt Jener ihn ab, und sagte: Viel geht sie mich an. Ich sage -muthig, daß ich Philippinen liebe. Zuerst sah ich sie in der Kirche, wo -ihre Schönheit mich bezauberte. Ich wünschte, ihr nahe zu seyn, um mir ihre -Gegenliebe erwerben zu können. Darum kam ich in Ihr Haus, fügte mich in -jede Ihrer wunderlichen Launen, suchte durch Redlichkeit und Fleiß meines -Principals Wohlwollen zu verdienen. Schon manchen Jünglingen gelang unter -solchen Umständen endlich, was sie Anfangs nimmer hoffen durften. Ich -machte einen ähnlichen Entwurf, ob mich schon nicht Philippinens Reichthum, -sondern ihre Liebenswürdigkeit angezogen hatte. Daher bediente ich mich -einer List, doch keiner Arglist, sondern einer schuldlosen, auch dem -Redlichen erlaubten. Geben Sie mir Philippinen ohne alle Ausstattung. -Ganz so unbemittelt, wie ich es vorgab, bin ich nicht, und traue mir -hinreichende Geschicklichkeit zu, eine Frau zu ernähren. - -Philippine rief: Auch ich gestehe freimüthig, daß ich ihn liebe. - -Die beiden Schwarzen geberdeten sich, als wollten sie mit den Köpfen gegen -die Wände laufen, Wände und Köpfe zugleich einstoßen. Doch besannen sie -sich noch, und sprachen in dem heftigsten Zorne, beide zugleich. Herr Lund -rief zitternd: Also hat Er sich wie ein Betrieger in mein Haus geschlichen, -und obenein mir die Tochter verführt! Nicht genug, solchen Bösewicht -fortzujagen; verhaften, einstecken lassen muß man ihn. Ich will auf der -Stelle zu dem Polizeiamt! - -Er klemmte seinen Trauermantel in die Thür, als er beim Weggehn sie hinter -sich zuwarf, und ließ ihn, wie Joseph, lieber fahren, als daß er noch -zaudern mochte. - -Herr Kauser hatte mit ihm zugleich gesprochen: O, wenn es hier noch einen -jungen Wildfang giebt, der einem soliden Geschäftsmann böse Tücke spielen -könnte; wenn das Jüngferchen obenein in ihn vernarrt ist, so kann ich mich -bei einem vorläufigen Versprechen nicht beruhigen. Ich hole einen Notar; -gleich Schwarz auf Weiß, unterzeichnet und gehörig besiegelt. - -Er ging auch, blieb aber in den Mantel gewickelt; und dies kam ihm zu -Statten, wie man sogleich hören wird. - -Nie, seitdem er lebte, hatte sich Lund so heftig geärgert, wie diesen -Abend. Der Zorn hatte auch seinen ganzen Körper in den stärksten Schweiß -gesetzt. In seiner blinden Wuth hatte er gar nicht bedacht, was jetzt -das Klügste sei. Ihm, einem guten Rechner, mußte jeder Strich durch die -Rechnung ein Dorn im Auge seyn. Der heutige lange aber brachte ihn fast -ganz von Sinnen. - -So rannte er davon, und bemerkte nicht, daß sich der vorhin mäßige -Herbstregen in einen Platzregen verwandelt hatte, den man beinahe einen -Wolkenbruch hätte nennen mögen. Es war ziemlich weit nach dem Polizeiamt. -Jupiter =pluvius= drang durch den schwarzen leichten Rock, und -überschwemmte die Oberfläche des Körpers zum zweiten Male. Heiße und kalte -Nässe vertrugen sich nun so schlecht, daß aus ihrem Zwiespalt ein Zwiespalt -zwischen Lunds Leib und Seele entstand, dessen Natur gewiß irgend ein Arzt -den Lesern gern erklären wird, wenn sie ihn höflich darum fragen. - -Genug, Lund erkältete sich plötzlich auf seinen glühenden Zorn, und fiel, -ehe er noch das Polizeiamt erreicht hatte, auf der Straße nieder. Daß er -gerade in einen Rinnstein fiel, und daß einige Zeit verging, ehe man ihn -aufhob und ins Trockne brachte, vermehrte die Folgen der Erkältung bis zu -einem sehr hohen Grade. - -Bei einem Platzregen gehen natürlicher Weise schon wenige Menschen aus dem -Hause, und in einem Rinnstein kann man länger unbemerkt bleiben, als mitten -auf dem Fahrdamm. - -Erst nach einer Viertelstunde wurde Lund gesehn, und erkannt, doch im -Anfang für betrunken gehalten, bis verständige Leute bemerkten; _der_, bei -seinem Geitze, habe sich gewiß nicht betrunken; ihm sei eine Ohnmacht, ein -Krampf, wo nicht gar ein Schlagfluß, zu gestoßen. - -Endlich zog man den Röchelnden aus der Tiefe, und schaffte ihn mit einem -Tragsessel in seine Wohnung. Ehe dies geschah, untersuchte noch ein -vorbeigehender Chirurgus seinen Zustand. - -Als vorhin die beiden Schwarzen weggeeilt waren, thaten die -zurückgebliebnen Frauenzimmer, was Frauenzimmer unter solchen Umständen zu -thun pflegen: sie ließen Klagen auf Thränen folgen, und dann wieder Thränen -auf Klagen. Dem Buchhalter fiel das Trösten anheim, obwohl er selbst Trost -bedurfte. Er sagte indeß: Standhaft, gute Philippine; man kann und darf Sie -nicht zwingen. Wenn Ihre Mutter sich nicht zur Einwilligung bewegen läßt, -so muß ihr Wort doch auch gelten. Ich kann nun nicht mehr im Hause bleiben, -ob ich es gleich mit Schmerz verlasse. Eine Verhaftung besorge ich zwar -nicht, will auch vor jedem Richter vertreten, was ich gethan und gesagt -habe; Herr Lund hat mir aber den Dienst aufgekündigt. Nun, meine Bücher -sind in Ordnung. Nur eine kurze Anweisung für meinen Nachfolger, und ich -kann noch heute gehn. - -Philippine bat ihn weinend, zu bleiben, und sie in der Noth nicht zu -verlassen. So lange es möglich ist, soll es geschehn, erwiederte Ketter; -allein Ihr Vater wird auf meine Entfernung dringen, wenn er weiter nichts -vermag. O Philippine, ich weiß nun, daß Sie mich ein wenig lieben. Welche -Glückseligkeit, und welches Entsetzen zugleich für mich, da meine Trennung -von Ihnen jetzt nothwendig ist, und da ich nun überzeugt bin, von Ihrem -Vater nie mein Glück hoffen zu dürfen! - -Ketter, sagte Philippine ermannt; ja, ich liebe Sie! Zu sehr haben Sie -meine Achtung und meine Dankbarkeit gewonnen, als daß ich je einem Andern -meine Hand geben könnte. Braucht mein Vater Gewalt, so sag ich noch am -Altare Nein, und rufe die Gesetze zu Hülfe. Doch sagen Sie mir, Sie, der -Sie mich mit so vielem Guten, Rechten, Edlen und Schönen bekannt gemacht -haben: würde es in meiner Lage unrecht seyn, wenn ich zu entfliehn suchte? -Als Kammerjungfer, vielleicht sogar als Lehrerin, fände ich wohl ein -Unterkommen. Schwer würde es mir freilich seyn, mich von der guten Mutter -zu trennen; das müßte ich aber ja auch, wenn ich den verhaßten Kauser -heirathete. In jenem Fall wüßte sie mich doch vor dem schrecklichsten -Unglück gesichert. - -In dem einzigen Fall, erwiederte Ketter, daß Ihr Vater seine Absicht mit -Gewalt durchsetzen will, halte ich es für erlaubt, daß Sie entfliehn. Auf -meinen -- anspruchlosen -- Beistand können Sie dann sicher zählen. - -Ich will selbst helfen, schluchzte die Mutter, allen Zorn meines Mannes -tragen. -- - -Der Buchhalter ging ins Comptoir; die Frauenzimmer blieben, und weinten -ihre schmerzlichen Thränen fort. - -Da eilte, ehe noch der Tragsessel vor dem Hause war, jener Chirurgus -herein. Erschrecken Sie nicht, Madame, fing er an; ich bringe eine üble -Nachricht. Herrn Lund hat der Schlag gerührt. Er ist ohne alle Besinnung, -und -- fassen Sie sich -- es ist keine Hülfe mehr. - -Mutter und Tochter erschraken in der That sehr heftig; doch ihre Thränen -hörten sogleich auf zu fließen. Ist es möglich? rief Frau Lund; ist es -möglich? - -Man trug den Sterbenden bereits in die Hausthür. Die Gattin eilte ihm -entgegen, und wußte nicht, ob sie den eignen Augen trauen sollte. Doch that -sie nach Pflicht und Gewissen, was nöthig schien. Der Kranke wurde in das -Schlafzimmer gebracht, der nassen Kleidung entledigt, und in das gewärmte -Bett gelegt. Der Chirurgus öffnete zwei Adern, sagte aber voraus, daß -es unnütz seyn würde. Frau Lund befahl, daß noch ein Arzt geholt werden -sollte, der berühmteste in der Stadt. - -Bis er kam, beschäftigte der Chirurgus sich mit andern Rettungsmitteln. -Philippine, die ungemein verstört in die Küche geeilt war, half dem Mädchen -Thee bereiten und Steine wärmen. Von Zeit zu Zeit kam Frau Lund zu ihr, und -sagte: Er bleibt dabei, daß keine Hülfe ist. Wir müssen aber doch nichts -versäumen, daß wir uns nichts vorzuwerfen haben. - -Philippine erwiederte jedes Mal: Freilich müssen wir das; sonst behielten -wir ja kein gutes Gewissen. - -Der berühmte Arzt kam endlich, fand hier aber keine Gelegenheit mehr, noch -berühmter zu werden. Lunds Gesicht war zur Hälfte blau; nur selten vernahm -man ein Röcheln, und der Puls war kaum noch zu finden. - -Ist noch Hoffnung, Herr Doktor? fragte Frau Lund. - -Nur einige Minuten kann es noch währen, antwortete der Arzt, nach einem -bedauernden Achselzucken. - -Frau Lund eilte wieder in die Küche, und schlug die Hände zusammen. Es -ist bald aus, sagte sie; ich hätte es nie gedacht. Nun soll ich ihn doch -überleben. Da sieht man: unverhofft kömmt doch oft! - -Aengstlich sagte ihr Philippine ins Ohr: sie möchte nicht vergessen, ja -nicht vergessen -- was, das konnte sie nicht hervorbringen. - -Die Mutter eilte in die Wohnstube. Beide gingen neben einander auf und ab, -ohne etwas zu sagen. Bald kam der Arzt: Madame, ich bezeuge mein Beileid; -Ihr Mann hat geendet. - -Ist er auch gewiß todt? entfuhr der neuen Wittwe; kann ich mich darauf -verlassen? - -Philippine zupfte sie wieder ängstlich am Kleide, und Jener erklärte die -absolut tödtlichen Wirkungen einer solchen Apoplexie, wie die vorliegende. - -Er soll einen Grabstein von Marmor haben, sagte Frau Lund wieder, und -dachte dabei dunkel: zum Dank für die große Wohlthat, die er mir durch -seinen Tod erzeigt. - -Die Nichthülfe der Aerzte ward reichlich bezahlt, und Beide gingen ihres -Weges. - -Mutter und Tochter flogen zum Todten, und schauderten. Die entseelten -Züge schienen Trümmer von Geitz und Wuth. Lange war der Anblick nicht -auszuhalten; Jene eilten in die Wohnstube zurück. Noch immer waren sie im -Taumel einer Bestürzung, als kämen sie aus einem Kerker, und hätten noch -dazu ein Loos von funfzig tausend Thalern gewonnen. - -Träum' ich auch nicht? sagte Frau Lund; ist es denn wirklich wahr? - -Wahr, erwiederte die Tochter. Nur fassen Sie sich; lassen Sie nicht -merken ... - -Mein Gott, fiel die Mutter ein, hat er es denn danach gemacht, daß wir uns -über seinen Tod grämen können? Ich hatte keine frohe Stunde bei ihm, und -sein Kind wollte er auch noch ohne Erbarmen unglücklich machen. - -Hätte er noch einen letzten Willen abfassen können, sagte die Tochter, so -würde er sicher darin verordnet haben, daß ich Kausern heirathen sollte. - -Oder er hätte Dich enterbt, fiel die Mutter ein. - -Nun, sagte die Tochter wieder, heirathe ich Kausern doch nicht, liebe -Mutter? -- Und die Mutter umarmte sie. - -Ketter hatte von dem Allen nichts gehört. Jetzt trat er wehmüthig in die -Stube. Herr Lund, fing er an, kömmt nicht wieder; so will ich denn gehn. - -Er kömmt nicht wieder, sagte Frau Lund; Sie gehn aber nicht. Wer sollte -denn die Geschäfte meiner Handlung führen? Oder vielmehr: unsrer Handlung; -denn sie gehört mir und Philippinen zur Hälfte. - -Der junge Mann verstand sie nicht, und gerieth in das höchste Erstaunen, -als man ihm das Nähere sagte. Ungläubig ging er zu dem Leichnam, und kam -bald in großer Bestürzung wieder. Jetzt erschien auch Herr Kauser, von -einem Notar begleitet. Schwarz auf Weiß, rief er; Siegel und Zeichnung! - -Frau Lund sagte: Herr Kauser, ziemt es sich wohl, gleich nach einem -Todesfall ein Verlöbniß zu halten? - -Warum nicht? antwortete er; über Vorurtheile muß man sich hinwegsetzen, wo -es das Mein und Dein gilt. - -Gut, hob Frau Lund wieder an; nun habe ich zu reden. Herr Notar, ich -verspreche meine Tochter mit meinem Buchhalter, und Herr Kauser ist wohl so -gütig, als Zeuge sich zu unterschreiben. - -Herr Kauser rief: Was sind das für Possen! Wo ist mein Herzensfreund Lund? - -Man hinterbrachte ihm alles. O, wie würde ihn der Tod des Herzensfreundes -entzückt haben, wenn er schon mit Philippinen verheirathet gewesen wäre! - -Seine Einreden halfen nicht, da er nicht Schwarz auf Weiß hatte. Ketter und -Philippine wurden nach einigen Monaten ein frohes Paar. Der wurmstichige -Hausrath wurde abgeschafft; man genoß, was der Geitz zusammengescharrt -hatte, und freute sich des Lebens, doch mit Anstand und mäßig. - -Das Sonst und Jetzt waren im Lundschen Hause nun ziemlich verschieden. -So geht es im weiten launigen Reiche der Schicksalsgöttin. Oft sinken die -Freuden der Lebenden mit in ein Grab; bisweilen aber blühen ihnen auch -Rosen daraus hervor. - - - - - Drei - Liebespaare in Einem. - - Eine - romantische Kriegsbegebenheit. - - - - -Drei Liebespaare in Einem. - - -Der Sohn eines sächsischen, ziemlich bemittelten Landedelmanns wurde nach -D*** auf eine Schule gesandt. Er war träge im Lernen, fleißig aber -im Koboltschießen und Ballschlagen; oft vergaß er über einer glatten -Schlitterbahn im Winter, oder einem steigenden Papierdrachen im Herbst, daß -ihn eine Lehrstunde erwartete, und mußte daher ins Carcer. Die ihm jedes -Vierteljahr ausgestellten Zeugnisse lauteten ungemein übel; er mußte sie -jedes Mal in die Heimath schicken, von wo dann tüchtige Strafpredigten -erfolgten. Sechzehn oder siebzehn Jahre mochte er alt seyn, als, nach einem -ganz außerordentlich üblen Zeugniß, sein Vater in D*** anlangte, um einmal -selbst nach dem ungerathenen Sohn zu sehn. Er fand dessen Wohnzimmer in -solcher Unordnung, daß er die Hände über dem Kopf hätte zusammenschlagen -mögen. Bälle und Flitzbogen lagen umher, die Schulbücher waren zerrissen, -die Hefte voll Tintenflecke, und allerlei Fratzen darauf gezeichnet, so -wie auch an den Wänden. Lisuart -- so hieß das Söhnchen -- hatte sich nicht -gewaschen, nicht gekämmt; an Ellbogen und Knieen zeigten sich merklich -schadhafte Gegenden. - -Aber Junge, rief der Vater, Du spielst noch mit Bällen und Flitzbogen? Und -so liederlich sieht Alles neben und an Dir aus? Bist ein Edelmann, und hast -nicht mehr Ambition? Gehst mit zerrissenen Hosen, und das Hemd kuckt Dir an -den Ellbogen heraus? Wie lange ist es her, daß ich Geld zu neuen Kleidern -geschickt habe? - -Ehe Lisuart zu einer Antwort gelangen konnte, bekam er zwei derbe -Ohrfeigen; nun ward er tückisch, und antwortete gar nicht. - -Der Vater machte jedoch mit ihm eine Runde bei den Lehrern, um sich zu -erkundigen, woran es doch mit dem Buben läge. - -Der Rektor sagte: Zwei Umstände sind es hauptsächlich, an denen es liegt, -daß der junge Herr nichts lernt. Einmal schläft er zu lange, und kömmt -immer zu spät in die Classe, wie sehr ich ihm auch das =Aurora musis -amica= empfohlen, und ihn ermahnt habe, mit Tagesanbruch seine Uebungen -vorzunehmen. Zweitens aber stecken seine Taschen immer voll Kuchen und -Obst; er nascht während des Unterrichts in Einem weg verstohlen, und da -gilt folglich das =plenus venter non studet libenter= auch in Einem weg bei -ihm. - -Junge, hob der Vater wieder an, wo nimmst Du das Geld her? Ich habe Dir -doch nur acht Groschen zu Kleinigkeiten monatlich ausgesetzt. - -Der Rektor faßte ihm während dessen in die Taschen; in der einen -befand sich eine Mandel Abrikosen, in der andern ein Paket überzogner -Gewürzkuchen. - -Lisuart mußte nun reden, und gestand in abgebrochnen Worten: daß er bei -verschiednen Kuchenbäckern und Obsthökerinnen auf Borg nähme. - -Der Vater sagte zornig: Ich will in den Zeitungen bekannt machen lassen, -daß Dir auch nicht eine gebrannte Mandel, nicht eine Pflaume, kreditirt -werden soll. - -Der Conrektor und der Subrektor äußerten ebenfalls große Unzufriedenheit, -und klagten, daß der junge Mensch sich durch einen gewissen -erzschalkhaften, boshaften Sinn auszeichne. Es sollte damit, ihnen zufolge, -so weit gehen, daß er die Ehrerbietung vor seinen Lehrern vergäße. Beide -führten einige Beispiele an. Einer sagte: Wie oft ich es ihm auch schon -verboten, ja, ihn darum ins Carcer geschickt habe, nennt er mich doch oft, -anstatt Herr Conrektor, Herr _Kornrektor_, so daß alle Knaben lachen, und -die Aufmerksamkeit verloren geht. Ich bin nicht zu übermäßiger Strenge -geneigt; jung ist jung. Sollen aber zuweilen =allotria= getrieben werden, -so gescheh' es in den Freistunden, nicht in der Klasse. - -Und mich, fiel der Andere ein, redet er oft, anstatt Herr Subrektor, Herr -_Suppenrektor_ an. Man sagt wohl: =pueri puerilia tractant=; allein der -Herr Sohn sollte nicht mehr zu den Knaben gehören wollen. - -Sein College nahm abermal das Wort: Daß er es gerade so übel meine, -behaupte ich bei dem allen nicht. Die veränderte Silbe in Korn will sagen: -ein Mann von ächtem Schroot und Korn. Er sollte gleichwohl bei der alten -bleiben. - -Nein, hob Lisuart stotternd an; so habe ich es nicht gemeint ... - -Der Lehrer fragte: Wie denn sonst? - -Er bekam zur Antwort: Nun -- weil Sie so gerne Korn trinken. - -Hierüber gerieth der Conrektor fast außer sich, und wollte den Beleidiger -nicht mehr in seiner Klasse dulden. - -Feuerroth wollte nun auch der Subrektor hören, weshalb denn sein Titel eine -Veränderung erlitten habe. Der junge Mensch antwortete: es sei ihm zu -Ohren gekommen, der Herr Subrektor habe einmal auf einem Schmaus eine ganze -Terrine Suppe allein verzehrt. - -Nun wollte auch dieser ihn nicht mehr unterrichten. Wär' es noch -klassischer Witz, sagte er, so behielt' ich ihn in meiner Klasse; Allein -dieser Witz ist schal, trivial. - -Bei der Schule stand aber noch ein Quintus, der berühmt und berüchtigt -zugleich war: jenes, weil er mehrere Schriften herausgegeben, die Aufsehn -in der gelehrten Welt machten; dieses, weil er ehedem schon ein andres Amt -bekleidet, aber von den jungen Mädchen, die er unterrichten sollte, zwei -in einen Zustand versetzt hatte, nach welchem sie gesegnet zur Einsegnung -kamen. Man hatte ihn weggejagt und noch anderweitig hart bestraft; -ihn endlich aber, seiner trefflichen Kenntnisse wegen, doch wieder als -Schulmann -- nur nicht bei Mädchen -- angestellt. Dieser Quintus trat nun -für Lisuart ein. Er wollte bemerkt haben, daß der junge Mensch ein Genie -sei. Nur Geduld! setzte er hinzu; es wird sich schon entfalten, und dann -geht es auch mit den Studien über Hals und Kopf. Ich weiß, wie es bei mir -gegangen ist. - -Schon wollte der Vater seinen ungerathenen Sohn wieder mit nach Hause -nehmen; doch der kleine Schimmer von Hoffnung, auf welchen der Quintus -deutete, bestimmte ihn anders. Er versprach dem Conrektor und Subrektor, -ihnen ein Paar geräucherte Schinken in die Küche zu senden, wenn sie die -Sache gut seyn ließen. - -Lisuart wohnte bis jetzt bei einem Bürger, dem der Vater eine Art von -Aufsicht über ihn anvertraut hatte. Der Mann sagte aber: der junge Herr -folge nicht, und richte auch im Hause nur allerlei Unfug an; darum wäre es -ihm lieber, wenn der junge Herr auszöge. - -Dem Vater fiel nun ein, daß in D*** ein verabschiedeter Hauptmann lebe, der -sein Freund und Herr Bruder sei. Er ging mit Lisuart zu ihm, und fragte: ob -es anginge, und er ihm die Freundschaft erzeigen wollte, den Sohn in sein -Haus zu nehmen? -- Von dessen übler Aufführung verschwieg er nichts, setzte -aber hinzu: Strenge ist um so nöthiger; und kann Einer noch etwas aus ihm -machen, so bist Du es, Herr Bruder. - -Warum nicht, Herr Bruder? entgegnete der Hauptmann; das will ich Dir schon -zu Gefallen thun. Aber ich muß im Nothfall die Fuchtel brauchen dürfen. - -In Gottes Namen, erwiederte der Vater; brauche Sie nur recht oft! Er hat -neun Häute; thu' Alles Dir Mögliche, ihm auch durch die letzte zu kommen. - -Nicht öfter, sagte der alte Officier, als wenn er nicht pariren will. Von -Gelehrsamkeit versteh' ich den Teufel; aber daß er früh aufstehn und sich -an die Bücher setzen soll, will ich schon machen. Und kömmst Du wieder, und -er ist nicht in seinem Anzug, wie aus dem Ei geschält, so ... gerade soll -er mir auch gehn, wie eine Kerze. - -Der Hauptmann erfüllte sein Versprechen. Kaum war Lisuart einige Monate in -seinem Hause, als er in manchem Betracht sich gebessert hatte; aber doch -nur ein wenig, und nicht in allen Stücken. Die Kleidung war sauber, -stand ihm aber nicht gut; er ging gerade, doch steif, ohne Anmuth. Das -Kinderspielzeug war verschwunden; Lisuart stand auch, in Rücksicht auf die -schon einige Mal empfundenen Fuchtel, zeitig auf; doch an den Büchern wurde -noch immer nicht viel gethan, ja, eigentlich noch weniger, als zuvor, wo -er doch noch Gesichter mit langen Nasen hineingekritzelt hatte; was -der Hauptmann nicht mehr zugab. Noch immer lauteten die Schulzeugnisse -keineswegs rühmlich, und Lisuart saß noch in Quarta, obschon Manche, die -jünger als er waren, sich in Tertia, ja in Secunda befanden. - -Der Hauptmann nahm ihm einen Fechtmeister und einen Tanzmeister an, daß -sie ihm ein sogenanntes =air degagé= beibringen sollten. Bei Jenem machte -Lisuart einige Fortschritte, zum Tanzen hingegen hatte er so wenig Lust als -Geschicklichkeit. - -So kam sein achtzehntes Jahr heran, und auch der Winter, für den sein -neuer Mentor in eine Gesellschaft trat, die sich wöchentlich zu einem Ball -versammelte. Es geschah meistens um Lisuarts willen, der, wie Jener sagte, -hier noch mehr den Bauer ablegen, und feinere Lebensart bekommen sollte. - -Doch es hinkte auch da genug. Er sollte eine Dame zum Tanz auffordern, -weigerte sich aber aus Blödigkeit. Nur angedrohte Fuchtel konnten ihn -endlich bestimmen. Nun tanzte er freilich, indeß mit so krummen Knieen und -so verwirrt, daß man über ihn lachte. Beim Essen stopfte er dagegen so viel -Kuchen und Obst in sich, daß man mit Fingern auf ihn wies. Der Hauptmann -ärgerte sich sehr, und fuchtelte ihn noch um Mitternacht, als man wieder zu -Hause war. - -Auf dem nächsten Ball zeigte er etwas mehr Geschick beim Tanz, und etwas -weniger Naschgier an der Tafel; aber ganz unausgelacht kam er doch nicht -davon. Sie sollten sich schämen, sagte der Hauptmann daheim; so ein -hübscher junger Mensch, und beträgt sich -- hol mich der ...! -- so -ungehobelt wie -- nun, ich mag's nicht sagen. - -Dies Mal war Lisuart doch so dreist, daß er sagte: Wenn aber Jemand so viel -flucht, Herr Hauptmann, ist das gehobelt oder ungehobelt? - -Was? rief Jener, der junge Patron will noch auf mich sticheln? Das leid' -ich, Gott straf mich, nicht! Ich vertrete Vatersstelle bei ihm, und habe -Autorität. - -Um diese Autorität abermal thätig zu beweisen, zog er vom Leder; dies -Mal aber, anstatt einer gewichtigen Klinge, eine leichte, beräucherte -Gänsefeder, welche Lisuart aus einem Flederwisch gezogen und mit der Klinge -vertauscht hatte. Es war das erste Mal, daß er dem Hauptmann einen Streich -zu spielen wagte. - -Dieser rief: Wer hat das gethan? - -Ich nicht, antwortete Lisuart. - -»Können Sie schwören?« - -Hol mich der Teufel! - -»Können Sie auch Ihr Ehrenwort darauf geben?« - -Nein, das kann ich nicht! Ich hab' es gethan, weil ich dachte, eine Feder -thäte doch nicht so weh. - -Nun fiel ihm der Hauptmann um den Hals. Sieh! rief er; bist doch ein -tüchtiger Kerl, Junge! Schwörst wohl beim Teufel falsch, willst aber nicht -Dein Ehrenwort geben. Bravo! Und hast doch einmal Raupen im Kopf, einen -guten Einfall. Ich glaube, die zwei Bälle haben Dich schon etwas formirt. -Das muß ich gleich meinem Herrn Bruder schreiben. O, ich will zum Teufel -fahren, wenn nicht noch was aus Dir wird! - -Auf dem nächsten Ball setzte der Hauptmann sich neben eine ihm unbekannte -Dame, und hob ein Gespräch mit ihr an. Nicht lange nachher kam ihre, etwa -funfzehnjährige, Tochter aus den Reihen zurück, und nahm Platz bei der -Mutter. Pfui, Luischen! sagte diese, wie schlecht hast Du getanzt! Und wir -haben doch vier Monate einen Tanzmeister bei uns gehabt. Zwar bist Du zum -ersten Mal auf einem Ball; ich hätte aber doch nicht geglaubt, daß es so -schlecht gehn würde. - -O nur Uebung, gnädige Frau, sagte der Hauptmann; da wird das Fräulein -dreist. Ich habe da einen Eleven, der soll sie gleich wieder auffordern. -Lisuart, kommen Sie her! - -Schüchtern nahte sich dieser, und machte eine linkische Verbeugung. - -Fordern Sie das Fräulein auf, sagte der Hauptmann wieder; geschwind! - -Lisuart stammelte: Kann ich die Ehre haben ...? - -Die Dame nahm das Wort: Wird meiner Tochter viel Ehre seyn. Allons, Luise, -folge! - -Luise stand bebend auf, schien ungern wieder in den Reihen zu gehn. Der -Hauptmann sah zu. Es kam ihm vor, als nähme Lisuart sich dies Mal mehr -zusammen, und hielte sich dreist, zierlicher. - -Lisuart wies auch das Fräulein in den sogenannten Touren zurecht. Als aber -der Tanz vorüber war, liefen ihm große Tropfen Angstschweiß vom Gesicht. - -Der Hauptmann stand auf, lobte ihn, und sagte hernach leise: Nun setzen Sie -sich ein wenig neben die junge Dame, mit der Sie getanzt haben; unterhalten -Sie sich mit ihr. - -Lisuart wollte nicht, und suchte Ausflüchte. Sie sollen, ward ihm -erwiedert, oder es giebt zu Hause Fuchtel. Die Klinge ist eingesetzt. - -Lisuart fragte zaudernd: Was soll ich denn mit ihr sprechen? - -Tausend Sapperment! entgegnete der Hauptmann, was das für eine dwatsche -Frage ist! Eben da formirt sich ein junger Mensch, wenn er mit Damen -spricht, und es muß sich ja wohl etwas finden, wovon man sprechen kann, -in's Teufels Namen! Sprechen Sie, wovon Sie wollen, nur nichts Ungezognes! - -Lisuart nahm zagend neben dem Fräulein Platz, und hob an: Meine Gnädige -- -es ist heute schönes Wetter. - -Die Gnädige antwortete: So muß es eben erst schön geworden seyn. Als wir -kamen, schneiete es. - -Sie hatte, wie man sieht, etwas mehr Fassung, als er; denn sie hörte doch, -was er sagte, und daß es nicht ganz richtig schien. Er dagegen hatte so -wenig recht gewußt, was er sagte, als er recht hörte, was sie antwortete. -Beide dankten eigentlich dem Himmel, daß sie doch einige Worte -hervorgebracht hatten, weil es die Schicklichkeit so gebot. Das Fräulein -zeigte etwas mehr Gegenwart des Geistes im Reden, weil die weibliche Natur -es so mit sich bringt. Daß Lisuart dagegen beim Tanz sie darin übertroffen -hatte, rührte vielleicht davon her, daß er schon einige Mal öffentlich -getanzt, Luise aber heute den ersten Versuch machte. - -Nach und nach kamen Beide doch mehr und mehr ins Gespräch. Luise erzählte, -daß sie zum ersten Mal mit ihrer Mutter in D*** sei, was sie bereits an -schönen Sachen gesehn habe, und noch sehn werde, und mehr dergleichen. Ihr -Vater, sagte sie auch, der zu Hause geblieben wäre, hätte ihr prophezeiet, -sie würde sich recht wundern. Lisuarts Angst verlor sich auf einer Seite; -denn er vernahm allmählig, was seine Nachbarin sagte, und konnte dazwischen -erzählen: wie es ihm in D*** ergangen sei, und noch gehe; auf der anderen -Seite aber stieg diese Angst. Denn er fing an, ein ihm bis dahin ganz -unbekanntes wunderbares Vergnügen zu fühlen, als er so mit Luisen redete. -Und weil er so oft über das, was ihm Vergnügen gemacht, Tadel, Scheltworte, -selbst Ohrfeigen und Fuchtel bekommen hatte, fing er an zu fürchten: daß -ihm dieses Vergnügen aller Vergnügen noch etwas viel Schlimmeres zuziehen -würde. - -Zu seinem Erstaunen klopfte ihm aber der Hauptmann auf die Schulter, und -betheuerte bei Ehre und Reputation: so wäre es recht! - -Er setzte bei der Abendtafel sich wieder zu jener Dame, und Lisuart -mußte neben Luisen Platz nehmen. Der junge Mensch betrug sich fein und -angemessen, tanzte hernach noch einmal mit dem kleinen schönen Fräulein, -und Beiden ließ sich kein Fehler mehr vorwerfen. -- - -Am nächsten Morgen kam sein Aufseher in seine Stuben: Was ist das! -sagte er; Sie haben gewiß das Licht brennen lassen, und sind darüber -eingeschlafen. Der Teufel! so kann ja Feuer entstehn. - -Das noch glimmende Licht war ganz herunter gebrannt, und der junge Mensch -hatte noch die Kleidung von gestern Stück für Stück auf dem Leibe. - -Ich habe, erwiederte Lisuart verwirrt, ein nöthiges lateinisches Exercitium -gemacht, und bin darüber nicht zu Bette gegangen. Es war ja schon zwei Uhr, -als wir nach Hause kamen. - -Eigentlich verhielt sich die Sache so. Lisuart empfand, als er vom Ball -nach Hause kam, auch nicht die mindeste Neigung zum Schlaf. Des Fräuleins -Bild tanzte ihm unaufhörlich vor dem innern Auge: immer klangen ihre Worte, -und die Musik der beiden mit ihr getanzten Tänze, ihm vor dem innern Ohr, -und dies machte ihm wieder ein neues, so hohes Vergnügen, daß er sich -ihm weit lieber, als dem Schlaf überließ. Es stand ein Klavier auf seinem -Zimmer. Er bekam Unterricht in der Musik, hatte aber bis jetzt nur sehr -geringe Fortschritte gemacht; theils, weil seine Neigung zu dieser -Kunst nicht groß war, theils auch weil sein Lehrer darin nicht zu den -vorzüglichsten gehörte. Dieser hatte seinem Schüler binnen einem Jahre eine -alte sogenannte Klavierschule mit ganz leichten Anfangsstücken gebracht, -etliche Sonaten der Art von Vanhal und Pleiel, auch eine Operette von -Hiller, die Ouverture daraus zu lernen; allein der Schüler hatte bis jetzt -sehr wenig begriffen. - -Nur die alte Operette hatte ihn gewissermaaßen angezogen, weil sie Lisuart -und Dariolette hieß. Der Mensch ist nun einmal so, daß er seinen Namen gern -gedruckt sieht. Ein Kupfer am Titelblatt, welches einen jungen stattlichen -Ritter im Harnisch vorstellte, pflegte er oft anzusehn, und auch einige der -leichten Gesangmelodieen aus dem Werk zu klimpern. - -Jetzt, indem er so im Zimmer umherging, und der eben entflohenen Stunden -dachte, fiel ihm auch das Musikbuch in die Augen, und er betrachtete nun -zum ersten Male mit Antheil die junge Dame, welche im Kupfer neben dem -Ritter stand. Bald setzte er sich an das Klavier, und es schien ihm ganz -anders zu klingen. Er schlug Einiges von dem auf, was der Ritter Lisuart -von seiner Liebe singt, und es ergriff ihn gewaltig. Ihm dünkte, als wären -es seine eignen Empfindungen; und viel geläufiger, als sonst, konnte er -jetzt die Noten lesen, und die Finger rühren. Noch mehr hingerissen fühlte -er sich bei dem Gesang der Dame in den Worten: - - Reich Deine Hand als Bräut'gam mir, - Mein liebstes Gut auf Erden, - Und ich verspreche Dir dafür, - Nie ungetreu zu werden. - -Er konnte nicht aufhören, die einfache Melodie zu wiederholen und die -einfachen Worte dabei zu lesen. Ihm war, als sänge das Luise -- zu ihm; und -sterben hätte er mögen vor Entzücken über diese Vorstellung. Er beklagte -nur, daß nicht Dariolette jenen Namen hatte. Bis an den hellen Morgen -konnte er sich nicht von der süßen Beschäftigung losreißen. - -Und nun brachte er auch eine ganz veränderte Stimmung mit in die Schule. -Die Wissenschaften hatten ihm eine höhere Bedeutung gewonnen; er meinte: -was ihn so lange angeekelt habe, könne wohl hohes Vergnügen gewähren. Zum -ersten Male schämte er sich, immerfort getadelt worden und gegen Andere -zurückgeblieben zu seyn; es erwachte in ihm Ehrgeitz, das Verlangen, seinen -Mitschülern gleich, ja zuvor zu kommen, und er dachte nun auch, das könne -so schwer nicht seyn. - -Die ganze Woche hindurch zeigte er ungemeinen Fleiß, sowohl in den -Lehrstunden, als zu Hause, und fragte den Quintus um vielerlei, der sich -auch bereitwillig zeigte, ihm durch Winke und guten Rath fortzuhelfen. -Schon am Ende dieser Woche wurde er in eine höhere Klasse versetzt. Hierzu -trugen die Empfehlungen des Quintus das Meiste bei; dieser hatte nehmlich -dem Rektor versichert: Lisuarts Genie fange nun an, sich zu entwickeln. - -Gerade an diesem Tage führte ihn sein Mentor wieder auf den Ball. Lisuart -hatte sich recht sorgfältig und nett gekleidet, und war viel weniger -verlegen, als zeither; einige ältliche Damen, die müßig auf ihren Stühlen -die Versammlung musterten, machten die Bemerkung: der Lisuart staffire sich -recht gut heraus, und werde ein ganz hübscher Mensch. - -Schon die heutige Versetzung in eine höhere Klasse hatte dem jungen -Menschen mehr Muth gegeben; dazu kam aber noch, daß der Hauptmann -ihn, theils darüber, theils auch über seinen heutigen Anzug und sein -verbessertes Betragen gelobt hatte. Lob über ein gewisses Verdienst pflegt -dies Verdienst zu erhöhn, namentlich in jüngeren Lebensjahren. - -Aus dieser Ursache trat er nicht mehr so scheu vor Luisen, nach der er sich -die ganze Woche hindurch gesehnt hatte. Auch Luise war weniger betreten, -und daneben vortheilhafter, als neulich, gekleidet. Beide tanzten und -sprachen heute mehr mit einander, als vor acht Tagen, und menschenkundigen -Beobachtern hätte es nicht entgehn können, daß Beide sich sehr glücklich -fühlten, und daß sich in ihren Herzen die ersten Spuren der Liebe zeigten. - -Sonderbar übrigens, daß noch keins von Beiden des Anderen Namen wußte, und -auch den Muth nicht hatte, danach zu fragen. Lisuart bediente sich nur der -Anrede: meine Gnädige; und Luise war genöthigt, alle Anrede zu vermeiden. -Der Hauptmann saß am Spieltisch, und kam dies Mal nicht zu ihnen. - -Luisens Mutter begegnete dem jungen Menschen darum freundlich, weil er sich -immer zu ihr hielt; es war ihr ja daran gelegen, daß Luise, die bisher auf -dem stillen Lande erzogen war, sich in der Welt darstellen lernen sollte. -Und außer Lisuart kümmerte sich Niemand eben um Luisen; das noch halb -kindische Fräulein war den jungen Herren von Ton zu unbedeutend, und auch -in D*** nur wenig bekannt. - -Heute kam das Gespräch unter andern auf die Tonkunst. Lisuart erfuhr, das -Fräulein habe auch darin Unterricht gehabt; und nach ihren Aeußerungen -mußte sie viel größere Fortschritte darin gemacht haben, als er. Um so -schöner und vortrefflicher schien ihm nun die Musik. - -Er brachte den Rest der Nacht abermal am Klaviere hin, und mit noch höher -gesteigerten Empfindungen. Heute fand er in seinem alten Opernbuch eine -Romanze des Inhalts: - - Es war einmal ein Königssohn, - Ein Wüthrich, den die Menschen flohn. - Nicht bänger fliehn die Kinder, - Wenn Ruprecht kömmt, und nicht geschwinder. - Der Vater weinte bitterlich, - Und sprach vergebens: bessre Dich! - Die Lehrer zwang sein Fluchen, - Die Thore vom Pallast zu suchen. - - Einst führet sein Geschick ihn hin, - Wo eine junge Schäferin, - Von Hitz' und Lauf ermattet, - Die Nacht des grünen Walds beschattet. - Sie ruht im Schlaf, ihr Antlitz lacht - Gleich einer heitern Sommernacht, - Und frei und immer freier - Spielt Zephyr mit des Busens Schleier. - - Wie ward dem Wilden, der sie sah! - Wie eine Säule steht er da - Wohl eine ganze Stunde, - Mit starrem Blick und offnem Munde. - Doch sie erwacht, und eilt zu fliehn, - Die Ehrfurcht lehrt ihn niederknien; - Der Stolze ruft mit Thränen: - Verzeuch, o lieblichste der Schönen! - - Umsonst, sie flieht mit trübem Blick, - und mit Gefühl kehrt er zurück, - Das nimmer sich gereget, - Seit ihm ein Herz im Busen schläget. - Des Herzens Drang, des Wissens Lust, - Entflammen plötzlich seine Brust; - Der Alte will vor Freuden - Im Arm des neuen Sohns verscheiden. - - Er fragt: Wer hat Dich so bekehrt? - Der Jüngling sagts; der Alte schwört: - Ich rufe sie noch heute - Im Hochzeitschmuck an Deine Seite. - Sie reichen sich die frohe Hand. - Noch jetzt hört man im ganzen Land, - Vom Prinzen und der Schönen, - Ein Lob von allen Lippen tönen. - -Diese Verse setzten unsern Lisuart in Erstaunen, und gaben ihm noch -Deutungen, Aufschlüsse über sein Innres. Ja, so konnte _des Herzens Drang_ -erwachen und _des Wissens Lust_; o, wäre der Alte da gewesen! Doch sah der -junge Mensch wohl ein, daß davon bei einem Tertianer die Rede noch nicht -seyn könne; aber, dachte er, einst, einst! - -Wußte er doch nun ganz klar, daß er Luisen liebte, und seine Liebe sollte -eine ganze Ewigkeit dauern, keine Minute weniger. - -Verdoppelter Fleiß in der Schule und zu Hause, stets mit wachsendem -Vergnügen begleitet, war die Folge seiner erwachten Gefühle. Auch der -Conrektor und Subrektor lobten ihn nun; denn von einem Kornrektor und -Suppenrektor ließ er nichts mehr hören, sondern zeichnete sich nur durch -Wißbegierde aus, so wie durch leicht erworbene Kenntnisse und einen -Scharfsinn, der oft in Verwunderung setzte. Der Subrektor selbst gab ihm -das Lob: er habe jetzt zuweilen ächt witzige Einfälle. - -Ihm fiel aber auch ein, daß seine Kleidung ziemlich abgetragen, und gar -nicht recht nach dem Schnitt gemacht sei, wie andere junge Edelleute in -D*** sie trugen. Er bat den Hauptmann, ihm eine andere machen zu lassen. -Das thue ich von Herzen gern, bekam er zur Antwort; ist doch noch Geld da, -und mein Herr Bruder wird nicht geitzen, wenn er nur sieht, daß aus dem -Sohn ein Kerl wird. - -Lisuart trieb, daß die neue Kleidung zum nächsten Ball fertig werden -sollte. Als er darin vor den Spiegel trat, hatte er selbst einen kleinen -Anfall von närrischer Eitelkeit; denn er fand, was er bis jetzt nie -gefunden hatte, nehmlich, daß er doch ein ganz hübscher Mensch sei. - -Luise mußte das auch wohl finden; denn sie wurde, als sie ihn zuerst -erblickte, röther, und war hernach freundlicher, als zuvor. Sie schien ihm -aber auch heute bei Weitem reitzender; vielleicht, weil er, bei erhöhtem -Selbstgefühl, besonnenern Muth gewonnen hatte, sie mehr als flüchtig -anzusehn. Heute forderte Lisuart das Fräulein so oft zum Tanz auf, daß die -Mutter besorgte, es könnte Aufsehn erregen, und daß sie Luisen befahl, -die Aufforderungen nun abzulehnen. Sie vermied auch seine Nähe bei Tische, -worüber denn Lisuart sich recht sehr betrübte. - -Doch in recht eigentliche Schwermuth sank er, als am nächsten Balltag Luise -nicht mehr zu sehen war; auch späterhin nicht mehr kam. Endlich gewann -er es, mit großer Mühe, über sich, den Hauptmann, als sie im Dunkeln nach -Hause gingen, zu fragen: wo die fremde Dame geblieben seyn möchte -- von -der Tochter sagte er doch nichts --, neben welcher er, der Hauptmann, -neulich gesessen hätte. - -Ich weiß nicht, bekam er zur Antwort; vermuthlich ist sie abgereis't. - -Noch schwerer ging Lisuart an die Erkundigung: wie sie heißen, und wo sie -wohnen möchte? - -Der Hauptmann betheuerte, von dem Allen kein Wort zu wissen, und fügte -hinzu: Aha, junger Patron! Ich will des Teufels seyn, wenn Sie nicht in -die Tochter verliebt sind. Nun, recht gut das. Wenn sich ein junger Mensch -verliebt, fängt er auch an, etwas auf sich zu halten. Ich wette, nun werden -die Fuchtel nicht mehr nöthig seyn. - -Behüte! rief Lisuart; wie kommen Sie darauf! Die Fuchtel anlangend -- nun, -die werde ich mir künftig verbitten, Ihnen aber auch keine Gelegenheit dazu -geben, Herr Hauptmann! - -Bravo, erwiederte dieser; das soll mir recht lieb seyn. - -Er schrieb dem Herrn Bruder nun auch: der Sohn fange recht ernstlich an, -sich zu bessern; und schickte Zeugnisse von den Lehrern mit, die ungemein -vortheilhaft klangen. - -Lisuart machte jetzt in der That Fortschritte, die man ihm nicht zugetraut -hätte, und er selbst hatte mit jedem Tage eine höhere Freude daran. Auf der -anderen Seite war es ihm aber so schmerzlich, Luisen nicht mehr zu sehn, -und ihren Aufenthalt nicht zu wissen, daß eine merkliche Blässe im Gesicht -seinen Gram offenbarte. - -So kam der Frühling heran, und nun erst fand er die schönen Umgebungen -der Stadt sehr anziehend. Er schweifte oft darin umher, mit irgend einem -Dichter in der Tasche, um ihn da oder dort, auf einem Felsen sitzend, zu -lesen. Darüber entzündete sich in seiner eignen Brust poetisches Feuer. -Er staunte, als er die ersten Versuche niedergeschrieben hatte, daß es ihm -auch gelänge, Verse zu machen. Zum Theil enthielten sie Erinnerungen an -jenes Beisammenseyn mit der geliebten Luise; zum Theil Sehnsucht nach -Wiedersehn; doch einige enthielten nur Lob der schönen Natur. Die letzteren -wies er dem Quintus vor, der sie verbesserte, und ihm aufmunternde Lehren, -und Rath gab, was er zur ferneren Ausbildung seines Geschmacks lesen müsse; -und mit den Worten endete: Sagt' ich es doch voraus, daß hier Genie wäre. - -Natürlicher Weise freute sich der Jüngling hierüber. Als er dann -Shakespear, Schiller und Göthe las, verzweifelte er bald, Genie zu haben, -bald glaubte er wieder, daß es ihm nicht ganz daran fehle. _Genie des -Gefühls_, meinte er doch, könne man ihm nicht absprechen. - -Er kam nach Secunda, und ein halbes Jahr später nach Prima. Nun hatte -er die meisten von seinen Mitschülern, die ihm vorangeeilt waren, wieder -eingeholt. Freude hierüber, die zufriednen Briefe seines Vaters, und die -süße Zerstreuung, welche ihm die Poesie gewährte, scheuchten nach und nach -aus seinem Herzen den Gram der Liebe, doch keineswegs die Liebe selbst, -welche sich vielmehr in seiner Brust immer stärker befestigte. Er machte -allerlei Entwürfe, Luisen auszumitteln, und sich zu bestreben, daß er bald, -wie sein Vater es wünschte, ein Amt erlangen möchte, um Luisen dann seine -Hand anbieten zu können. - -Im Herbst erklärte man ihn fähig, die Hochschule zu beziehn, und Jena wurde -für ihn ausgewählt. - -Ein neuer Lebenskreis, Freiheit, und Gelegenheit sich jugendlichem Frohsinn -zu überlassen, wie zuvor nie! Lisuart hatte jedoch keine Neigung, wilden -Ergötzlichkeiten nachzugehn, und suchte Freunde von ähnlichem Sinn. Außer -den Rechtswissenschaften, trieb er philologische mit beinahe übermäßigem -Eifer, und zeichnete sich sogar unter den fleißigern und musterhaften -jungen Musensöhnen noch aus. - -Durch die mannichfachen, von ihm eingesammelten, Kenntnisse lernte er auch -sich selbst mehr kennen. Jetzt sah er wohl ein, daß, wenn er Luisen nicht -gesehn hätte, nie diese Neigung zu den Wissenschaften in ihm erwacht seyn, -und daß er vielmehr leicht dahin gekommen seyn würde, auf eine ihm höchst -nachtheilige Weise die akademische Freiheit zu mißbrauchen. Zu seiner Liebe -gesellte sich noch Dankbarkeit für sein Erwachen zu einem edleren Leben, -wodurch die Liebe noch mehr Nahrung bekam, und ihm in einem schönern Lichte -erschien. - -In den nächsten Sommerferien machte er eine Fußreise; wie er vorgab, die -schöneren Gegenden von Sachsen zu sehn, eigentlich aber, Luisens Wohnort zu -entdecken. Sie hatte einmal in ihrer Unterhaltung mit ihm gesagt: In D*** -bin ich noch nicht gewesen, wohl aber schon einige Mal in Leipzig, weil -dies nicht so weit von uns ist. Hieraus schloß nun Lisuart, ihr väterliches -Gut müsse in der Gegend von Leipzig liegen, und nahm sich vor, eine solche -Runde zu machen, daß er es nicht verfehlte. - -Die Mühe war indeß vergeblich. Wie sorgfältig er auch jedes Dorf besuchte, -das einen Herrenhof hatte, wie genau er auch die Gestalten der Mutter -und Tochter beschreiben mochte: es glückte ihm nicht, das Gewünschte zu -erfahren, und er mußte endlich unverrichteter Sache nach Jena zurückkehren, -was ihn denn tief betrübte. - -Als er neunzehn Jahre alt war, dachte er: nun ist Luise im sechzehnten; als -er das zwanzigste antrat: nun wird sie in das siebzehnte treten -- O, Gott, -wenn mir Jemand zuvorkäme! - -Er entschloß sich, an den Hauptmann zu schreiben, und ihm sein Geheimniß -halb und halb zu entdecken. Es müsse sich ja, schrieb er weiter, in D*** -wohl erforschen lassen, wer jene Dame gewesen sei; der Vorsteher -der Ballgesellschaft werde sie ohne Zweifel kennen. Er ließ die -angelegentlichste Bitte folgen, daß sich der Hauptmann nach ihr erkundigen -möchte. - -In der Antwort auf diesen Brief hieß es: Der Vorsteher aus jener Zeit sei -gestorben, und alles anderweitige Nachfragen habe wenig gefruchtet. - -Lisuart besuchte im nächsten Jahr seinen Vater, der ihn mit großer Freude -und Herzlichkeit empfing. Der Sohn ließ auch hier etwas von seinem innern -Zustand merken; da sagte aber sein Vater: Oho! jetzt schon an eine Heirath -zu denken, ist zu früh! Und ich habe übrigens halb und halb ... ein sehr -wohlhabender alter Freund, der eine einzige Tochter hat, die auch recht -schön und gebildet seyn soll ... - -Lisuart unterbrach ihn mit Betheurungen: er würde nie einem andern Mädchen -seine Hand geben können. -- - -Possen! sagte der Vater wieder; so reden alle junge Leute, und die Umstände -ändern viel. Nichts mehr davon! kömmt Zeit, kömmt Rath. - -Lisuart mußte wieder nach Jena. Seine Poesien machten bei Kennern Aufsehn, -und sie riethen ihm, eine Auswahl davon drucken zu lassen. Es geschah -endlich, doch so, daß er auf dem Titel nur seinen Vornamen nannte. Die _an -Luise_ überschriebenen Gedichte athmeten das meiste und stärkste Feuer. - -Doch jetzt, im Jahr 1813, loderte auch das Kriegsfeuer in Deutschland -auf. Lisuart meinte, die politische Rolle des Königs von Sachsen wäre nur -gezwungen; und, obschon dessen Unterthan, beschloß er doch in preussische -Dienste zu gehn, um gegen Deutschlands Unterdrücker zu kämpfen. Er bat -seinen Vater um Erlaubniß dazu, und dieser sagte: Thue, was Du willst; ich -mag nichts davon wissen. Gieb Dir aber lieber einen andern Namen, daß es -nicht heißen kann: Du habest gegen Dein sächsisches Vaterland gestritten. - -Lisuart ging nach Berlin, gab sich für einen Herrn von Breitenfeld aus, und -bekam eine Lieutenantsstelle bei einem neu errichteten Corps von leichter -Reiterei. - -Nichts von den Kriegsauftritten, denen er beiwohnte, außer, daß er durch -seine Tapferkeit bald Rittmeister wurde. - -Als nach der Schlacht bei Leipzig Napoleons Flüchtlinge verfolgt wurden, -und man sie theils zu ereilen, theils ihnen in die Seite zu kommen suchte, -gehörte Lisuarts Corps zu denen, welche am thätigsten waren. - -Im Hessischen machte er eines Tages eine Seitenpatrulle, und traf auf eine -Anzahl abgeschnittener französischer Husaren, die so eben einen Reisewagen -plünderten. Ein Landedelmann der dortigen Gegend wollte darin mit seiner -Tochter fliehn, und hatte das Unglück, in die Hände jener Unholden zu -fallen, welche übrigens auch die Tochter reitzend fanden, und geneigt -schienen, sie für eine gute Beute zu erklären. - -Lisuart, obgleich seine Mannschaft nur halb so stark war, stürzte sich in -die Feinde, und so entstand ein hartnäckiger Kampf. Die Preußen siegten; -ihren Rittmeister traf aber ein Säbelhieb in den Kopf, der ihn um alle -Besinnung brachte. - -Man gab dem Edelmann das ihm Gehörende zurück, und hoch erfreut, die Ehre -seiner Tochter gerettet zu sehn, dachte er durch die beste Verpflegung der -Verwundeten seine Dankbarkeit zu beweisen. Man versicherte ihm, daß er nun -nicht zu fliehen brauchte, weil die befreundeten Truppen schon nahe wären. -So entschloß er sich denn, nach seinem Dorfe zurückzukehren, und nahm den -halb todten Rittmeister in seinem Wagen mit sich, dem ein Feldarzt, der -sich glücklicher Weise gefunden, sogleich den ersten Verband um den Kopf -gelegt hatte. - -Lisuart galt sonst für einen schönen Officier; jetzt aber hätte sein -Anblick Entsetzen erregen können. Man denke sich zu einem starken, -dunkelbraunen Bart die bleiche Todtenfarbe und die bis an die Augen -reichenden Binden! - -Der gerettete Gutsbesitzer ließ in seinem Hause ihm ein Zimmer zurecht -machen, und einen Wundarzt aus der nächsten Stadt rufen, der um ihn bleiben -mußte. Erst nach einigen Tagen bekam Lisuart einen Theil seines Bewußtseyns -wieder, das indeß öftere Anfälle vom Wundfieber störten. Zusammenhängendes -Denken ward ihm ungemein schwer; seine Ideen durchkreuzten sich, wie im -Wahnsinn, denn der feindliche Säbel war sehr tief eingedrungen. Auch sah er -nicht recht hell, und der Wundarzt verhehlte ihm nicht, daß sein Leben noch -immer in Gefahr schwebe. - -Als die ersten Durchmärsche vorüber waren, herrschte in dem abgelegenen -Dorf mehr Ruhe. Dies that ihm wohl, und an Pflege ließ sein dankbarer Wirth -es nicht fehlen. Eines Abends hörte er im Nebenzimmer zu einem -Pianoforte singen. Die Stimme dünkte ihm vorzüglich schön, die Fertigkeit -ausgezeichnet. Es schien, als ob durch die Musik sein Fieber nachlasse, -sein Schmerz sich vermindre, und sein Kopf freier würde. - -Als der Gutsbesitzer -- was oft geschah -- ihn besuchte, sagte Lisuart: -Ich hörte da eben sehr schön spielen und singen; Musik ist mein größtes -Vergnügen. Wenn ich des Vergnügen öfter hätte, so würde es viel zu meiner -Genesung beitragen. - -Es war meine Tochter, erwiederte der Andere; so oft Sie es wünschen, soll -sie singen und spielen. Was kann sie weniger für ihren edelmüthigen Retter -thun! - -Von nun an spielte und sang das Fräulein oft; und, so wie Davids Harfe -Sauls Melancholie vertrieb, so wirkte auch hier die Gewalt schöner Töne auf -einen zerrütteten Seelenzustand. Mit jedem Tage besserte sich nun auch die -Wunde, und freiwillig, obgleich befremdet, gestand der Arzt: er zweifle, -ob, ohne Beihülfe einer so lieblichen Anregung der Lebenskräfte, der -Rittmeister zu retten gewesen seyn würde. - -Nach einigen Wochen war des Kranken Bewußtseyn vollkommen deutlich, und das -Wundfieber hatte sich verloren. Nur die Augen blieben noch schwach, weshalb -der Arzt die Fenster dicht verhängen ließ. - -Zuweilen brachte der Herr vom Hause seine Tochter mit, welche dann jedes -Mal dem Rittmeister für ihre Rettung dankte. Ihre Unterhaltungen schienen -nicht minder zu wirken, als ihr Gesang und Spiel; Lisuart meinte: so -geistvoll habe er noch keine Dame reden hören. Sie erbot sich auch, ihm -bisweilen vorzulesen. Er lehnte das zwar, als zu gütig, ab; aber dennoch -blieb sie dabei, ihren Retter auch auf diese Art zu unterhalten. Sie ging -dazu in das Nebenzimmer, und ließ die Thür offen, weil sie in dem halb -finstern Krankenzimmer nicht hätte sehen können. - -Eines Tages brachte sie einen Band Gedichte mit, und sagte ihm, daß diese -zu ihrer Lieblingslectüre gehörten. Wie staunte der Rittmeister, als sie -ihm nun aus _Lisuarts poetischen Versuchen_ vorlas. Die Empfindung, womit -sie es that, erregte bei ihm Rührung, Stolz und -- Gewissensvorwürfe. O -Gott! dachte er, sollt' ich dies Fräulein nicht lieben? nicht treulos an -Luisen geworden seyn, der ich doch in meinem Herzen ewige Liebe geschworen -habe? - -Doch bald dachte er auch: Luisen habe ich seit vier Jahren nicht gesehen, -und vielleicht sehe ich sie nie wieder. - -Und späterhin: Diesem Fräulein verdanke ich mein Leben; und das ist doch -noch mehr, als ich Luisen einst zu verdanken hatte. - -Nach gerade sah er heller, und so viel die herabgelassenen grünen Vorhänge -es zuließen, prüfte er des Fräuleins Gestalt. Sie war höher als Luise, und -ihr Ausdruck voll Adel und Anmuth. Die Gesichtszüge schienen ihm geistiger, -bedeutender, aber nicht so heiter, wie er sich Luisens noch erinnerte; -eine gewisse sanfte Schwermuth lag darin verbreitet, die er jedoch äußerst -anziehend fand. - -Einmal sagte er: Den Dichter, von dem Lisuarts poetische Versuche sind, -möchte ich beneiden, weil Sie ihm so viel Nachsicht schenken. Und doch -- -kann ich ihn nicht beneiden. Wissen Sie ihn? - -Sehr eilig rief Jene: Nein! Ist er Ihnen bekannt? Schon lange habe ich nach -seinem Namen gefragt. - -Dies Mal klang die Stimme dem Rittmeister heitrer, als sonst, und schien -ihm ein wenig bekannt. Nun faßte er auch die Gesichtszüge schärfer ins -Auge. - -Mein Fräulein, hob er wieder an, sind ... sind Sie einmal in D*** -gewesen? -- - -»Vor vier Jahren.« - -Auf dem Ball bei ***? - -»O Himmel!« - -Die Gedichte an Luise wurden -- an Sie geschrieben. - -»Meine Ahnung! Und Sie -- Sie retteten mich!« - -Sie retteten mein Leben! - -Nun konnte der Rittmeister aber nicht mehr zusammenhangend sprechen. Ein -heftiger Rückfall vom Fieber, und nichts als Irrereden. Zu stark war die -Erschütterung für seine nur erst schwach befestigte Gesundheit. - -Erst nach einigen Wochen kam er wieder so weit, als er schon gewesen war. -Nun hatten aber das Fräulein und ihr Vater das Gut verlassen, und es war in -andern Händen. - -Der neue Eigenthümer sagte: Schon lange wäre der Kaufvertrag abgeschlossen -gewesen, und nun der Termin seines Antritts herangekommen; indeß sollte es -dem Rittmeister an keiner Pflege fehlen. - -Lisuart fragte bestürzt: Wo ist denn der vorige Gutsherr geblieben? - -Er bekam zu Antwort: Genau weiß ich es nicht. Wie ich höre, ist er nach dem -Brandenburgischen gezogen. - -»Und sein Name? Noch immer habe ich nicht danach gefragt.« - -Von Rothenfeld. - -Lisuart bat, sobald er wieder schreiben konnte, Bekannte in Berlin, sich -nach dem Aufenthalt eines Herrn von Rothenfeld zu erkundigen. Welch ein -glückliches Wiederfinden, dachte er, und Luise liebt mich! Sie hat mein -Herz aus den Gedichten an sie errathen. Freilich reden einige deutlich -genug vom ersten Anblick, und den mächtigen Wirkungen der ersten Liebe. - -Er genas nach einigen Wochen völlig, und eilte nun dem Heer in Frankreich -nach. Aus Berlin bekam er jedoch keine günstige Antwort. Man wußte dort -nichts von einem Herrn von Rothenfeld und seiner Tochter. - -Das ging so zu. Luise hatte aus D*** eine gewisse Schwermuth gebracht, die -bei dem, zwei Jahre nachher erfolgenden, Tode ihrer Mutter sich mehrte. -Ihr Vater meinte, eine baldige Heirath würde das beßte Heilmittel seyn. -Er unterhandelte darüber mit einem alten Bekannten, einen Herrn von -Buchenthal, Vater eines einzigen Sohnes, von dem man viel Gutes sagte. Doch -die Kriegsunruhen kamen dazwischen. - -Luise gestand ihrem Vater: der Rittmeister von Breitenfeld sei schon lange -der Gegenstand ihrer Liebe, und trage, wie sie vermuthet habe, auch _sie_ -im Herzen. - -Aber, antwortete der Vater, ich habe Dich bereits versprochen, und Du wirst -auch zufrieden seyn. Dem Rittmeister müssen wir unsere Dankbarkeit auf -andere Art beweisen. - -So wenig Luise damit auch zufrieden war, mußte sie doch mit dem Vater nach -Sachsen reisen, wo er noch andere Güter hatte. Ein halbes Jahr nachher -schrieb sein Freund: Mein Sohn wird nun aus dem Kriege heimkehren. Mögen -die jungen Leute einander sehn. Können sie keine gegenseitige Neigung zu -einander fassen, so muß ihnen kein Zwang angethan werden. - -Nach einem Monate reis'te Luise mit ihrem Vater -- auf ergangne Einladung --- zu dem Herrn von Buchenthal. Sie bat unterwegs sehr viel, und -betheuerte: daß sie nur dem Rittmeister ihre Hand geben könne. - -Man langte an. Der Sohn war vor einer Stunde gekommen, und -- hatte seinem -Vater betheuert: nur _Eine_ könne seine Gattin werden. - -Luise trat kalt mit ihrem Vater ein. Neben dem Herrn von Buchenthal stand -ein schöner Officier. Sehr kalt verbeugte sie sich er auch. Er -- war -nicht mehr bleich, Binden und Bart waren verschwunden. Er sah das Fräulein -genauer an. Es war Luise! - -Sie ward vom Schrecken blaß. »Herr von Breitenfeld --« - -Ich heiße Buchenthal! - -Wie, rief Einer der beiden Väter, Ihr kennt einander? Und der Andere: Ei, -Sie sind ja unser Retter! - -Nun gab es kein Sträuben mehr. - - - - - Nachricht für Besitzer von Leihbibliotheken und Freunde einer - unterhaltenden Lektüre. - - -Die in der Verlagshandlung dieses Buches erschienene Sammlung von -Lafontaineschen Schriften gehörten unstreitig zu denen, die den Verfasser -zum Liebling des Publikums machten. Es sind folgende: Haus Bärburg -- -Barnek und Saldorf -- die beiden Bräute -- Eduard und Magaretha -- Emma --- Karl Engelmann -- Wenzel Falk -- Familienpapiere -- Fedor und Maria --- Gemäldesammlung -- Ida von Liburg -- Landprediger -- kleine Romane -- -Theodor. Zusammen 32 Bände, im Ladenpreis 48 Thlr. - -Um wiederholten Wünschen zu genügen, lassen wir diese ganze Sammlung bis zu -Ostern 1821 für 30 Thlr. - -Vorzüglich möchte diese Sammlung auch für Familien auf dem Lande, die -entfernt von Städten, eine angenehme Lectüre in den Winterabenden wünschen, -sich eignen. Die Verlagshandlung liefert die ganze Sammlung _schön -gebunden_, an solche für 6 Friedrichsd'or. - - Sandersche Buchhandlung. - - - Gedruckt bei L. Wilhelm Krause in Berlin, - Adlerstraße No. 6. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Symbole für abweichende Schriftarten: - - _gesperrt_ : =Antiqua= . - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich -uneinheitlicher Schreibweisen, mit folgenden Ausnahmen, - - Seite 5: - "den" geändert in "dem" - (doch wer aus dem Mittag jähling in die Mitternacht träte) - - Seite 5: - "den" geändert in "dem" - (oder aus dem Julius in den Februar) - - Seite 5: - "habeu" geändert in "haben" - (nicht das Mindeste von ihnen gehört haben) - - Seite 18: - "Absiche" geändert in "Absicht" - (lud mein Vater nun, in jener Absicht) - - Seite 31: - "Plan" geändert in "Plane" - (künftiger Plane, und er lebte einstweilen) - - Seite 60: - "das" geändert in "daß" - (daß es sich kaum anders habe erwarten lassen) - - Seite 62: - "in" geändert in "kein" - (Ich trat staunend zurück, und konnte kein Wort sagen.) - - Seite 75: - "erfnhr" geändert in "erfuhr" - (Doch späterhin erfuhr ich) - - Seite 84: - "«" eingefügt - (»Was ist denn aus dem Commerzienrath Hell geworden?«) - - Seite 94: - "»" eingefügt - (gab er zur Antwort: »Unmöglich könne er) - - Seite 96: - "«" eingefügt - (Lebt sie noch und in welchen Verhältnissen?«) - - Seite 101: - "Entwikelung" geändert in "Entwickelung" - (über ihre Entwickelung vermögen die Außendinge mehr) - - Seite 117: - "Firseurs" geändert in "Friseurs" - (schmeichelte der Eitelkeit des Friseurs doch ein wenig) - - Seite 119: - "," eingefügt - (wurde indeß bald ansehnlich, als die Börse) - - Seite 127: - "Vaten" geändert in "Vater" - (An dem Verlust, den ihr Vater einige Mal gelitten) - - Seite 128: - "«" eingefügt - (wo aller Handel und Wandel stockt!«) - - Seite 129: - "Comtoir" geändert in "Comptoir" - (Lehrjahre überstanden haben, und im Comptoir sitzen) - - Seite 145: - "Kentnisse" geändert in "Kenntnisse" - (bei seinem Buchhalter ungemein große Kenntnisse) - - Seite 146: - ";" geändert in ":" - (mit der Anfrage: ob er bei ihm die Stelle) - - Seite 147: - "." eingefügt - (wenigem Gehalt begnügen.) - - Seite 148: - "dara" geändert in "daran" - (daß nichts daran zu tadeln sei) - - Seite 171: - "«" eingefügt - (zwingen will, in Ihr Verderben zu gehn!«) - - Seite 174: - "Versprrchen" geändert in "Versprechen" - (ich mich bei einem vorläufigen Versprechen nicht beruhigen) - - Seite 177: - "dedurfte" geändert in "bedurfte" - (obwohl er selbst Trost bedurfte) - - Seite 197: - "Va-Vater" geändert in "Vater" - (In Gottes Namen, erwiederte der Vater) - - Seite 200: - "beweiseu" geändert in "beweisen" - (thätig zu beweisen, zog er vom Leder) - - Seite 208: - "jehr" geändert in "sehr" - (allein der Schüler hatte bis jetzt sehr wenig begriffen) ] - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Kleine Lebensgemälde in Erzählungen, by -Julius von Voß - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEINE LEBENSGEMÄLDE *** - -***** This file should be named 59731-8.txt or 59731-8.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/5/9/7/3/59731/ - -Produced by The Online Distributed Proofreading Team at -http://www.pgdp.net (This transcription was produced from -images generously made available by Bayerische -Staatsbibliothek / Bavarian State Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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