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-The Project Gutenberg EBook of Dahinten in der Haide, by Hermann Löns
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
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-
-Title: Dahinten in der Haide
-
-Author: Hermann Löns
-
-Release Date: October 5, 2019 [EBook #60428]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAHINTEN IN DER HAIDE ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original in Antiqua
- gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
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-Hermann Löns / Dahinten in der Haide
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- Dieses Werk ist in der Auswahlreihe des Volksverbandes der
- Bücherfreunde erschienen und wir nur an dessen Mitglieder
- abgegeben. Der Druck erfolgte in der Jaeckerfraktur durch die
- Buchdruckerei Bär & Hermann in Leipzig.
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- Dahinten in der Haide
-
- Roman
-
- von
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- Hermann Löns
-
- [Illustration]
-
- Volksverband der Bücherfreunde
- Wegweiser-Verlag G. m. b. H.
- Berlin
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-
- Nachdruck verboten
- Copyright 1912 by Adolf Sponholtz Verlag G. m. b. H.
- Hannover
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-Der Ortolan.
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-Der Südwind strich warm über den Kopf des hohen Haidbrinkes und bewegte
-die Zweige der Hängebirke, die voll von Blütenkätzchen und jungen
-Blättern waren, hin und her.
-
-Lüder Volkmann lag längelangs auf dem Rücken, lehnte sich gegen den
-großen Findelstein und hörte zu, wie der Ortolan in der Birke sang.
-
-Er hielt seine Pfeife abseits und atmete den Geruch der blühenden
-Postbüsche, den der Wind aus dem Bruche mitbrachte, und den
-Juchtenduft, der aus dem Birkenlaube kam, tief ein, und ihm war, als
-sei er noch in den Wäldern von Kanada, wo es im April auch nach Post-
-und Birkenlaub roch; aber der Ortolan sang da nicht; dort, wo Volkmann
-getrappt und gefischt hatte, gab es keine Landstraßen.
-
-Er stopfte sich eine neue Pfeife aus dem ledernen Tabaksbeutel, auf
-dem mit Glasperlen ein Kranz von braunen Bibern und schwarzen Raben
-gestickt war.
-
-Eine rote Mordwespe, die über seine Hose kroch, zog seine Blicke auf
-seine Kleidung. »Noch vier Wochen Landstraße und die Tippelkundenkluft
-ist fertig,« dachte er und lächelte, denn ihm fiel ein lustiger Abend
-in Berlin ein. Er hatte mit einer großen Gesellschaft in der vornehmen
-Weinwirtschaft zusammengesessen, die Männer im Frack, die Frauen und
-Mädchen in ausgeschnittenen Kleidern, und mitten zwischen ihnen war
-jener sonderbare Mann in dem alten Gehrock, Peter Hille, der Dichter,
-und der hatte, indem er seine Austern aß, im Gange der Unterhaltung zu
-seiner Nachbarin gesagt: »Ganz wohl fühlt man sich erst, Exzellenz,
-wenn man gesellschaftlich nichts mehr zu verlieren hat, sagt Böcklin.«
-
-Lüder Volkmann sah sein Zeug an; er hatte es in Omaha gekauft und
-die Stiefel in Chikago, und zwar an dem Tage, als er in einer
-Singspielhalle dem französischen Pferdehändler, der über Deutschland
-einen schlechten Witz machte, die Champagnerflasche in die Zähne warf,
-daß der Mann für tot fortgetragen wurde, und als drei andere Franzosen
-ihm an den Balg wollten, boxte er ihnen das Mittagessen aus dem Leibe.
-Dann hatte er der Musik zehn Dollar hingelegt, einen Freitrunk für
-jeden Mann, der eine Gurgel im Leibe hat, bestellt, und die Wacht am
-Rhein, Heil dir im Siegerkranz und Deutschland, Deutschland über alles
-spielen lassen, und alle mußten mitsingen, ganz gleich unter welcher
-Flagge sie geboren waren.
-
-Er mußte hell auflachen, als er daran dachte, welche dummen Gesichter
-die beiden Engländer gemacht hatten, als er mit ihnen anstieß und rief:
-»Trinkt, Jungs, auf die deutsche Flott'!« Dann hatte er fünf Dollar
-hingelegt und gerufen: »Das Flottenlied!« Aber in derselben Nacht hatte
-sich zuerst das Heimweh an seinen Arm gehängt und ihn nicht eher wieder
-losgelassen, als bis er an Bord der Anna Rickmers war. Als Kohlenzieher
-hatte er die Fahrt gemacht; seine tausend Dollar, die er sich in zwei
-Jahren zusammengetrappt und beieinandergefischt hatte, waren auf dem
-Asphalt der großen Stadt kleben geblieben.
-
-Er sah auf seine große Hand. Arbeiten, ja, das konnte die, aber sparen,
-nein! »Herr Doktor, Sie haben eine Ritterhand,« hatte auf dem Hofballe
-die Herzoginmutter gesagt, »und ich verstehe nicht, daß Sie mit der
-Feder fechten, statt mit dem Säbel.« Ihre guten alten Augen hatten ihn
-lange angesehen und dann meinte sie: »Daß Sie nicht von Adel sind!«
-Er hatte gelächelt. »Bin ich, Euer Hoheit, tausche mit keinem von den
-Prominenzen hier in dieser Richtung, die fürstlichen Herrschaften
-ausgenommen; die Volkmanns saßen wohl schon auf ihrem Haidhofe, als
-Exzellenz Drusus über die mangelhaften Chausseen in Germanien bei
-Seiner Majestät Augustus submissest Klage führte.« Da hatte sie so
-herzlich aufgelacht, daß der Leibarzt dem Herzoge sagte: »Hoheit müßten
-veranlassen, daß der Doktor Volkmann öfter mit Ihrer Hoheit zusammen
-ist; sie liebt ihn und lachen ist die beste Medizin für ein müdes Herz.«
-
-Lüder Volkmann sah auf das silbergraue Renntiermoos. So hatte das Haar
-der alten Herzogin ausgesehen. Sie war aus jenen Kreisen der einzige
-Mensch gewesen, der ihm nach seinem Falle geschrieben hatte. Er wußte
-den Brief halb auswendig; die eine Stelle lautete: »Sie kennen mich,
-lieber Herr Doktor; wenn ich später noch lebe, vergessen Sie nicht, daß
-Sie an mir immer eine Freundin haben.«
-
-Er drehte einen blanken Mistkäfer, der hilflos im Sande auf dem Rücken
-lag, um, sah, daß es die dreihörnige Art war, aber ein Weibchen, denn
-die Hörner fehlten ihm, und dann fiel ihm das Indianermädchen ein, das
-ein und ein halbes Jahr in seinem Blockhause gewohnt hatte, und das
-jeden Schmetterling aus dem Spinnennetze nahm. Ihre Seele war klein,
-aber ihr Herz war groß, in ihrem letzten Hauche flüsterte sie: »Lhütär«
-und dann nahm der Schneesturm ihre weiße Seele mit und wirbelte sie zum
-großen Geiste hin.
-
-Acht Wochen lang hatte ihr Leib, in glänzende Bärenfelle gehüllt, im
-Windfange gelegen; dann erweichte der Tauwind den Boden, Lüder begrub
-die Gefährtin seiner Einsamkeit, und die indianischen Holzarbeiter
-kamen alle, sangen gurgelnd ein verschollenes Lied und errichteten
-einen hohen Steinhaufen über dem Grabe, der Wölfe wegen und weil
-Margerit aus edlem Blute war.
-
-»Adel bleibt Adel, wenn es wirklich welcher ist,« dachte Lüder
-Volkmann, der Landstreicher, und vor ihm stand die Frau, an der er
-gescheitert war. Warum hatte er geglaubt, daß er sie liebte? In den
-Brombeerbüschen am Fuße des Brinkes sang der Goldammer; es war fast
-dasselbe Lied, das der Ortolan sang, aber des Goldammers Lied war
-klarer Frieden und in des Ortolans Sang war unstete Unklarheit.
-
-Er schüttelte den Kopf über sich selber. Also darum, darum hatte er
-sein Leben auf die Landstraße geworfen, darum! Er hatte die Frau gar
-nicht geliebt. Als er noch die bunte Mütze trug und jede Woche frische
-Schmisse hatte, da hatte er die Frau seines liebsten Lehrers lieb
-gewonnen und hatte sofort die Exmatrikel genommen. Ein Jahr später
-war die totgetretene Liebe aus ihrem Grabe auferstanden, hatte vor
-ihm gestanden und die Hände gerungen. Und jene andere Frau, an der
-sein Leben strandete, eine Volksausgabe der Frau des Professors war es
-gewesen, die neben jener in seiner Erinnerung stand, wie der dunkle,
-krankhaft süße Gesang des Ortolans neben dem lieben starken Liede des
-Goldammers.
-
-Früher hatte er sich oft gefragt, warum grade ihm das Schicksal die
-Schlinge über den Weg gelegt hatte. Er lachte nun darüber; warum lähmte
-die rote Wespe grade diese lustige Spinne mit ihrem Giftstachel und
-schleppte sie in ihre Höhle, wo sie sich so lange hinquälen mußte,
-bis die Wespenbrut sie bei lebendigem Leibe auffraß? Und er war groß,
-stark und gesund; also konnte ihm das Schicksal etwas mehr zumuten,
-als den Skrälingern mit dem dünnen Blute und dem weichen Fleische.
-Außerdem: was war, und war es auch hart und bitter, es sah von weitem
-eigentlich nur noch interessant aus. Er hatte sich daran gewöhnt, sein
-Unglück mit dem umgedrehten Pürschglase zu betrachten, und klein und
-lustig sah dann aus, was anfangs riesig und schrecklich erschien. Und
-nun wollte er Post- und Maibaumduft riechen und sich sattsehen an der
-braunen Haide und den gelben Wegen und den weißen Wolken, die über den
-schwarzen Wäldern standen, und wo irgendwo der Bauernhof lag, der
-Hilgenhof, der heilige Hof, dem sein Geschlecht entstammte.
-
-Wie schön es sich in dem Haidkraute lag! Er ließ den weißen Sand durch
-seine braunen Finger fließen und freute sich an den dichten Polstern
-der Krähenbeere, die den roten Stein umspannen. Vor ihm trippelte eine
-Haidlerche umher, ein grüner Sandkäfer blitzte auf, hoch oben kreiste
-der Bussard, bald wie Silber, bald wie Gold leuchtend, und nun rief
-sogar Wodes heiliger Vogel über ihm ein lautes Wort, das wie eine alte
-Rune war, und machte einen Bogen, als er den Mann äugte.
-
-Und dann der rotlodernde Post in der Grund, und die goldgrünen
-Machangeln auf dem Anberge, und die weißen Birkenstämme in der braunen
-Haide, und der silberne Bach und das goldene Risch, ein Tag war es,
-an dem die Gefühle des Menschen, der gut erhaltene Sinne hat, leicht
-und lustig tanzen müssen, wie helle Schmetterlinge, auch wenn er zum
-heimlosen Straßenläufer ward.
-
-»Aber nun wäre es Zeit,« dachte er, »daß Ruloff Ramaker käme; vom Sehen
-wird kein Mensch satt.« Volkmann legte sich auf die rechte Seite und
-deckte sein linkes Ohr mit dem Lodenhute zu, wie er es schon als ganz
-kleiner Junge mit der Bettdecke gemacht hatte, und wohlig schnurrte er,
-als die Besinnung ihn verließ, wie er es stets zu tun pflegte, wenn er
-sein Bewußtsein zu Bett brachte.
-
-Über ihm in der Hängebirke aber sang der Ortolan immer und immer
-wieder: »Ich bin müde.«
-
-
-
-
-Der Goldammer.
-
-
-Schwer und tief war der Schlaf des Mannes, und doch sprang er klaräugig
-auf die Füße, als Tritte im Haidkraute knisterten. Der Gendarm stand
-vor ihm und musterte ihn vom Hute bis zu den Stiefeln.
-
-Er sah gut aus, der Beamte; er war einen knappen Zoll kleiner als
-Volkmann: er hatte ein offenes Gesicht, einen prachtvollen blonden
-Bart und helle blaue Augen. Und da er inwendig so war wie außen, so
-stellte er sich erst recht barsch an und fragte mit rauher Stimme:
-»Zeig mal Deine Papiere!« Er zog die Augenbrauen hoch, als der Stromer
-antwortete: »Erstens habe ich keine und zweitens möchte ich Sie
-höflichst ersuchen, mich nicht zu duzen. Sie sind wohl noch nicht lange
-von der Front fort?«
-
-Der Gendarm bekam einen roten Kopf; er sah ein, daß er eine Dummheit
-gemacht hatte. Der Mann trug schäbige, aber gutsitzende Kleidung, und
-das Schuhzeug, das waren hochfeine Jagdschuhe von braunem genarbten
-Leder mit ausgenähtem Rand und Schnellschnürung, und, Donnerja, er
-hatte das ganze Gesicht voller Schmisse, und ein Benehmen, wie der
-Herr Amtsrichter. Köllner lenkte ein: »Entschuldigen Sie, es war
-nicht so schlimm gemeint. Und ich sehe, daß ich mich irrte; eine
-Steckbriefbeschreibung paßte ungefähr auf Sie, bis auf die Schmisse.
-Und einen krummen Zeigefinger haben Sie rechts auch nicht. Aber Sie
-werden doch Papiere haben?« Der andere schüttelte den Kopf: »Nein, sie
-sind mir vor vierzehn Tagen in Hamburg gestohlen.« Der Beamte wiegte
-den Kopf hin und her: »Ja, dann müssen Sie mich schon begleiten.«
-
-Er brach seine Rede mitten im Worte ab und sah in die Haide hinunter.
-Auf dem weißen Pattwege kam ein barhäuptiger Mann angelaufen; er schrie
-und winkte zu dem Hügel hinauf und zeigte nach einem Wachholderbusche
-hinter sich, wo ein weißer Frauenhut leuchtete. Es war Ruloff Ramaker;
-er war in Schweiß gebadet und keuchte: »Komm schnell, schnell, das
-Fräulein ist von einer Adder gebissen.«
-
-Mit großen Sätzen sprang Volkmann den Hügel hinab und war eher bei
-dem Machangel, als Ramaker und Köllner, denn jener war außer Atem und
-dieser mußte erst sein Pferd abbinden.
-
-Einen Blick warf Volkmann auf das junge Mädchen, als er tief den Hut
-zog. Er sah Erstaunen in ihrem Gesicht und das Blut schoß ihm in den
-Kopf; aber schon kniete er nieder, nahm den schmalen, kräftigen Fuß
-in die Hand und fragte: »Wo?« Eine Stimme, die ihm süßer klang als
-das Lied des Goldammers, trotz der Angst, die darin klirrte, oder
-vielleicht um so mehr noch, antwortete: »Hier!« und die schmale, leicht
-gebräunte Hand zeigte nach der großen Zehe. »Das ist gut,« meinte der
-Mann. »Wie lange ist es her?« fragte er dann, indem er einen Bindfaden
-hervorholte: »Eben.« Er nickte. »Keine Angst; Sie sind gesund und der
-Biß sitzt gut. Aber nun muß ich Ihnen weh tun.«
-
-Er schlang den Bindfaden um die Zehe, schnürte ihn fest, steckte einen
-Haidstengel darunter, wirbelte ihn zweimal herum, und tat einen
-schnellen Schnitt in die Zehe. »Hat es sehr weh getan?« fragte er dann.
-Das Mädchen schüttelte den Kopf und lächelte aus ihrer Blässe heraus.
-
-»Soll ich etwas Alkohol besorgen?« fragte der Gendarm, »in zehn
-Minuten bin ich bei der Wirtschaft.« Volkmann nickte: »Besser ist
-besser. Reiten Sie los; ich und er, wir wollen das Fräulein Ihnen
-entgegentragen. Gehen ist nicht gut; die Hauptsache ist Ruhe und kaltes
-Blut. So, mein Fräulein, nun ziehen Sie bitte den Strumpf über und
-legen Sie Ihre Hände auf unsere Schultern. Sie brauchen keine Angst zu
-haben; von hundert Otterbissen geht kaum einer schlimm aus und auch
-meist nur bei Kindern.«
-
-Mit schnellen Schritten gingen die beiden Männer die Landstraße
-entlang, auf ihren verschränkten Händen das Mädchen tragend, das ihre
-Arme um die Schultern der Männer gelegt hatte. Ruloff Ramakers Gesicht
-glühte vor Verlegenheit; Lüder Volkmann aber sah düster aus.
-
-»Es ist doch nicht gleich,« dachte er, »ob man noch ein anständiger
-Kerl vor der Welt ist, oder nicht.« Er wünschte, er wäre alt und
-häßlich gewesen, aber ohne den Sprung in seinem Rufe; dann hätte er mit
-dem Mädchen sprechen dürfen, mit ihr, die an Wuchs und Angesicht und
-Stimme ganz so war wie jene Frau in Göttingen, vor der er floh, weil er
-sie so lieb gehabt hatte.
-
-Viel schöner war diese hier noch, viel adliger von Gestalt, und noch
-süßer hatte ihre Stimme geklungen, viel, viel süßer. Und der Duft ihrer
-goldenen Flechten war köstlich. Wie gern hätte er zu ihr gesprochen;
-aber sollte er, der Strolch, den jeder Gendarm stellen durfte, dieses
-Weib hier anreden? Zu Fürstinnen spricht man nicht ungefragt. Rot
-schlug ihm die Scham in das Gesicht, und tief seufzte er auf.
-
-»Ich bin Ihnen wohl sehr schwer?« fragte die klare Stimme an seiner
-Schulter. Er schüttelte den Kopf; er wollte weiter schweigen, aber die
-Stimme öffnete seine Lippen. »Wie ist das gekommen, mein Fräulein?« Sie
-lächelte: »Ich laufe so gern barfuß in dem reinen Sande und auf der
-trockenen Haide; an die Schlangen hatte ich nicht gedacht.« Sie schwieg
-und wartete auf eine Gegenrede.
-
-Mit scheuen Blicken streifte sie sein Gesicht. Daß es noch solche
-Männer gab! Das war ja eine Gestalt aus dem Nibelungensang, trotz des
-schäbigen Rockes, trotz des Halbwochenbartes.
-
-Was er wohl sein mochte? Wie er wohl auf die Landstraße gekommen war?
-Auf der linken Backe hatte er drei lange Schmisse und einen rechts
-unter der Lippe. Wie schön der Mund dieses Mannes war, ein stolzer
-Knabenmund. Mitleid stieg in ihr auf und feuchtete ihre blauen Augen.
-
-»Da kommt der Gendarm«, sagte der Mann und sah sie an, und dann wurde
-er rot wie ein Weib, denn er sah in ihren Augen, daß sie Anteil an ihm
-nahm, und sie wandte den Kopf ab, denn auch ihr war das Blut in das
-Gesicht geschossen.
-
-»Es ist guter Portwein,« sagte der Beamte, als er die Flasche
-hervorzog, »das gnädige Fräulein können ihn ruhig trinken. An den
-Doktor ist schon telephoniert; er ist unterwegs.« Er sah die Männer an.
-»Soll ich einen von Ihnen ablösen?« Volkmann und Ramaker schüttelten
-die Köpfe und setzten sich in Bewegung.
-
-Als sie nach einer Weile bei der Wirtschaft waren, stand Doktor
-Hellweger schon da. Er sah Volkmann erstaunt an, untersuchte den Fuß,
-nickte mit dem Kopfe und sagte, als er die Wunde ausgewaschen und statt
-des Bindfadens einen Gummiring um die Zehe gelegt hatte: »Wie lange
-nach dem Biß ist der Schnitt gemacht?« und als das Mädchen sagte: »Nach
-höchstens fünf Minuten«, fuhr er fort: »Dann ist keine Gefahr da;
-es ist nur eine ganz kleine örtliche Schwellung vorhanden. Noch ein
-Gläschen Portwein, ehe der Wagen kommt! Das hält das Herz frisch.«
-
-Volkmann sah den Arzt an: »Das ist eine veraltete Theorie, Herr Doktor;
-das Schlangengift geht durch die Blutbahn in den Verdauungstraktus.
-Alkohol ist gutes Gegengift, doch nur, weil er das Gift im Magen
-bindet. Versuche an Hunden, bei denen ich zugegen war, haben das
-ergeben.« Der Arzt machte runde Augen und fragte: »Sind Sie Mediziner?«
-Der Strolch schüttelte den Kopf und ging in das Haus; Ramaker folgte
-ihm.
-
-»Da kommt mein Wagen, liebes Fräulein,« rief Hellweger. »Wo ist der
-Herr, der mir geholfen hat?« fragte das Mädchen; »ich muß ihm danken.«
-Der Arzt trat auf die Deele und sah sich um. »Sie haben sich nur ein
-Glas Milch geben lassen und sind schon weiter«, antwortete die Frau.
-Der Doktor schüttelte den Kopf: »Merkwürdig!« Holde Rotermund wurde
-blaß, als er ihr sagte, daß die Fremden schon fort wären.
-
-Als der Arzt sie nach dem Pfarrhause von Hülsingen fuhr, dachte er
-darüber nach, wo er den Mann schon gesehen hatte, denn daß er ihn
-kannte, das wußte er. Diesen Prachtkopf und den zackigen Schmiß auf der
-rechten Backe vergaß man nicht. Der Arzt blätterte in seiner Erinnerung
-hin und her, fand aber die richtige Stelle nicht.
-
-Der Wagen hielt vor der Pfarre. Ein Jägeroffizier trat an den Schlag,
-küßte Holde beide Hände, grüßte den Arzt, machte sich bekannt, und
-sagte: »Urlaub bekommen; der Alte brummte zwar, ging aber nicht anders.
-Zu große Sehnsucht!«
-
-Er lachte, daß die weißen Zähne in seinem hübschen Gesicht blitzten;
-aber als seine Braut aus dem Wagen stieg, zog er die Stirne kraus, denn
-er sah, daß sie nur einen Schuh anhatte. »Ja,« erklärte sie lächelnd,
-»mich hat eine Schlange gebissen. Ich war ein bißchen barfuß im Sande
-herumgelaufen.«
-
-Der Leutnant sagte nichts, aber seine Lippen schlossen sich fest
-zusammen und seine Stimme klang kalt, als er der Magd zurief, sie solle
-Hausschuhe bringen.
-
-Bevor er Holde in das Haus geleitete, dankte er in verbindlicher,
-gemessener Weise dem Arzte. Als dieser sagte, daß ein fremder Mann,
-allem Anscheine nach ein verbummeltes Genie, die erste Hilfe geleistet
-und die Bißstelle ausgesaugt hatte, fuhr Leutnant von Zollin zurück und
-machte ein Gesicht, als hätte er ein Haar in der Zigarre gefunden. Er
-lud den Arzt ein, am Frühstück teilzunehmen, der aber dankte kühl und
-fuhr los.
-
-Das Frühstück verlief laut, aber es war keine Laune dabei. Holde
-Rotermund lag auf dem Sofa, aß fast nichts und hatte ein nachdenkliches
-Gesicht, so daß ihre Vatersschwester solange ihrer Angst Ausdruck gab,
-bis das Mädchen sagte: »Aber, Tantchen liebes, Gefahr ist gar nicht;
-mir ist der Portwein in die Glieder gefahren.«
-
-Zerstreut hörte sie zu, wie ihr Verlobter vom Dienst, von der Jagd und
-von den Rennen sprach und daß die Prinzessin Mathilde sich nach ihr
-erkundigt und gesagt hatte: »Frau Leutnant von Zollin schlägt uns noch
-einmal alle tot mit ihrem Gesicht;« er lachte seiner Braut zu und hob
-das Glas gegen sie.
-
-Die aber sagte: »Ich glaube, ich muß erst ein bißchen schlafen« und
-hielt dem Bräutigam die Backe hin. »Nicht mehr?« fragte der und küßte
-sie fest auf den Mund und mit purpurrotem Gesicht machte sie sich los.
-
-In ihrem Schlafzimmer stand sie vor dem Waschtische und sah in den
-Spiegel. Dann fuhr sie sich mit dem Schwamm über das heiße Gesicht und
-dreimal über ihre brennenden Lippen.
-
-Sie lag auf dem Bette und sah gegen die weißen Deckenbalken; Dienst,
-Jagd, Rennen, der Hof, das war alles, wovon Wladslaw sprach, heute und
-morgen und übermorgen.
-
-Wovon der fremde Mann wohl sprach? Wer mochte er sein und wo mochte er
-jetzt sein? Ihr war es, als hörte sie seine Stimme immer noch, diese
-warme, gute, reine, volle Stimme. Draußen lachte ihr Bräutigam. Ach ja,
-er war ja ein netter Kerl, und hübsch war er und schnittig gewachsen
-und artig und aufmerksam; aber, aber, an dem, was sie rührte, ging
-er gleichgültig vorbei; wenn am Himmelsrande das rote Licht und das
-schwarze Gewölk Hochzeit machten, sah er nur die Rehe in den Wiesen,
-und in der Haide erblickte er nichts als Ödland. Was sie schon bald
-gedacht hatte, jetzt wurde es ihr klar: sie paßten nicht zusammen.
-
-Im Garten sang der Goldammer; heute früh hatte er gesungen: »Wie, wie
-hab ich dich lieb!« Aber nun sang er: »Mein Nest ist weit, weit, weit!«
-
-
-
-
-Der Täuber.
-
-
-Wenn Lüder Volkmann geahnt hätte, daß Holde Rotermunds geheimste
-Gedanken hinter ihm herflatterten, so hätte er sein Haupt wohl noch
-tiefer auf die Brust hängen lassen.
-
-Ruloff Ramaker wußte nicht, was in den anderen gefahren war; Lüders
-Augen hafteten auf dem Boden und seine Lippen waren nicht zu sehen.
-Ramaker war nur ein Bauernknecht, aber er liebte seinen Genossen und es
-betrübte ihn, daß der im Schatten ging.
-
-Es war so wundervoll da in der wilden Wohld; das Sonnenlicht fiel durch
-die Zweige der Fuhren, das Farrenkraut reckte sich aus dem Boden, die
-gelben Kohmolken blühten im Graben und unter dem Buschwerk die weißen
-Windröschen; viele Vögel sangen und der Täuber rief.
-
-In der Nacht hatten die beiden Männer in der Ochsenhütte vor dem Bruche
-geschlafen; Volkmann hatte bis gegen Mitternacht vor der Türe gesessen
-und dem Brummen der Rohrdommel und dem Meckern der Himmelsziege
-zugehört. Er schlief noch, als der Vormorgen kam, und als Ramaker wach
-wurde, hörte er, wie der andere stöhnte und murmelte, und er sah, wie
-er sich hin und her warf.
-
-Nun lag er mit dunklem Gesicht da und lächelte kein bißchen, als zwei
-verliebte Eichkatzen auf dem Knüppeldamm hin und her sprangen, fauchten
-und schnalzten und auf alberne Art mit den Schwänzen wippten.
-
-Sein Blick bekam noch nicht einmal Leben, als aus dem Unterholze der
-Schwarzstorch heraustrat; wie Flammen leuchtete der Schnabel und wie
-Edelerz funkelte das Gefieder, als er in die Sonne kam.
-
-Volkmanns Stirn wurde noch krauser, als er den Waldstorch sah. Er
-erblickte ein Gleichnis in ihm. Ein adelig Tier war es, stolz und
-schön, alter deutscher Urwaldheimlichkeit letztes Vermächtnis, und in
-Acht und Aberacht erklärt von einer herzlosen, seelenarmen Zeit, die
-es ihm, dem Adewar, dem Otternwehrer, nicht vergab, daß er die Forelle
-und den Junghasen nicht verschmähte.
-
-Kerle, die sich Jäger nannten, aber zu der Schinderzunft gehören
-müßten, knallen das vornehme Geflügel nieder, wann und wo sie es
-antreffen, Leute, die statt des Herzens eine Geldbörse im Leibe haben.
-
-Ruloff machte eine hastige Bewegung, als der Waldstorch aus dem Gebüsch
-trat; drei Sprünge tat der Vogel, schwang sein Gefieder und verschwand.
-»Was war das?« fragte Ruloff seinen Genossen; »solch ein Tier habe ich
-meinen Tag noch nicht gesehen!«
-
-Dumpf klang Volkmanns Antwort: »Der schwarze Storch«, denn er dachte
-grade daran, daß er selber auch in Acht und Aberacht war, wie jener
-Vogel, und nur, weil er das Gesetz in seiner Brust über das papierne
-Recht gestellt hatte.
-
-»Das Leben ist eine traurige Posse für ernste Menschen«, dachte er;
-das Weib, das er schützte, indem er seinen ehrlichen Namen auf den
-Richtblock legte, war nicht wert gewesen, daß er ihretwegen ein
-Fingerglied opferte; aber damals hatte er sie geliebt, weil sie
-das matte Spiegelbild jener schönen Frau war, der sein junges Herz
-entgegengeblüht hatte.
-
-Und die war wieder nur ein Vorspuk der Tausendschönen gewesen, deren
-Stimme gestern sein Herz gerührt hatte. Wie sie wohl gerufen wurde?
-Ein Name mußte es sein, wie die hellichte Morgensonne, warm und voller
-Kraft.
-
-Mit Freuden würde er sein Leben unter ihre Füße legen, und seinen
-ehrlichen Namen, hätte er noch einen, und kein Dankeswort würde er
-dafür begehren. Seine Liebe schwang sich über den Wald und über das
-Moor und flog zu dem Hause, in dem ihre Stimme klang.
-
-Ernst klang sie und Pfarrer Behrmann machte ein ganz unglückliches
-Gesicht und rauchte, wie unklug vor Aufregung seine lange Pfeife.
-»Nein, lieber Ohm,« sprach seine Nichte, »nein, ich liebe ihn nicht.
-Ich war ein Kind, als ich mich mit ihm verlobte. Ein Leutnant, ein
-hübscher Leutnant, du lieber Himmel, ich war so selig, wie damals, als
-ich die Schreipuppe zum Weihnachtsfeste bekam, als ich zum ersten Male
-mit ihm über die Straße ging.
-
-Aber weißt du, liebes Öhmchen, ich mochte eigentlich nie, daß er mich
-küßte. Jaja, ich weiß, was du sagen willst, aber du gehst irre, wenn
-du glaubst, die Ehe würde die Liebe vertiefen. Das Gegenteil wird
-der Fall sein. Bedenke: ich bin nicht adelig, habe nur ein kleines
-Vermögen; ich kann dir sagen, die Sammetaugen der schönen Panna Zollin,
-geborene von Mielczewska, waren kalt wie Eis, als ich ihr die Hand
-küßte.
-
-Und Wladslaw? Er liebt das an mir, was am wenigsten Wert ist; mein
-Inneres versteht er nicht. Sein Gott ist die Gesellschaft, seine Moral
-das Herkommen. Er ist klug, aber ich glaube, er hat ein unterernährtes
-Herz. Es wird ihm wohl nicht abwelken, wenn er morgen meinen Brief
-liest, und seiner Laufbahn wird die Aufhebung des Verlöbnisses auch
-nicht schaden, eher nützt sie ihm bei Hofe.«
-
-Sie gab dem alten Herrn einen Kuß auf die faltenreiche Backe und ging
-in den Garten.
-
-In dem Wirrwarr des Bocksdornbusches in der Mauerecke saß der Goldammer
-und sang seine Weise, die man auf Lust und auf Leid deuten konnte.
-
-Holdes helle Augen beschatteten sich; sie dachte an den fremden Mann
-im schäbigen Rock, an das stolze Gesicht unter dem abgetragenen
-Lodenhut, an die Stimme, so rund und so voll, wie ferner Täuberruf, an
-die großen, schönen, braunen, langfingrigen Hände, die so sicher und so
-zart zufaßten.
-
-Ihr ganzes Leben lang würde sie an diesen Mann denken müssen, und
-niemals würde sie es sich verzeihen, daß er gegangen war, ohne daß sie
-ihm dankend die Hand gedrückt hatte.
-
-Sie fühlte, wie ihr Gesicht aufflammte; von diesem Manne würde sie sich
-gern auf den Mund küssen lassen, ohne zu fragen: wer bist du und was
-geschah dir, daß auf deinen Schuhen der Staub der Landstraße liegt?
-
-Sie hatte ihm mehr zu danken, als die Hilfe, die er ihr brachte; er
-hatte ihre Seele gerettet. Wäre er ihr nicht entgegengetreten, so hätte
-sie wohl nicht den Mut gefunden, den goldenen Reif von ihrer Linken zu
-streifen, der sie dem Manne eignete, vor dem ihre Seele sich verkrochen
-hatte, wenn sie seine Stimme hörte.
-
-Mit klingendem Schwingenschlage schwang sich ein Ringeltäuber in die
-Eiche und sang sein dunkles Lied: »Du, du, du, du, du,« hörte Holde
-Rotermund heraus, und dasselbe dachte ihr Herz.
-
-Es dachten noch mehr Leute an den Fremdling, vor allem Doktor
-Hellweger. Er kegelte mit dem Amtsrichter, dem Lehrer, dem Pastor aus
-Deipenwohle und dem Oberförster. Was er tat, der dicke Doktor, das tat
-er ganz; aber heute war er nicht bei der Sache. Noch nie hatte er so
-viele Pudel geschoben.
-
-Gedankenlos sah er der Kugel nach, sah alle Kegel außer dem ersten
-fallen, und anstatt, wie er sonst tat, wenn er gut warf, das Lied
-vom gerechten Heuschreck zu pfeifen, sah er in die Luft, als die
-Kegeljungen sangen: »Acht und acht ums Vordereck, ist so rar wie
-Ziegenspeck.« Er mußte immer daran denken, wo er den Landstreicher
-schon einmal gesehen hatte.
-
-In diesem Augenblicke ging der Gendarm vorüber. Der Amtsrichter, dem
-der Arzt seine Begegnung mit dem fremden Manne erzählt hatte, rief den
-Beamten heran: »Schenken Sie sich ein Glas Bier ein, Herr Wachtmeister.
-Sagen Sie, wie hießen denn die beiden Leute, die Fräulein Rotermund zum
-Kruge trugen; oder haben Sie sich die Namen nicht angemerkt?«
-
-Köllner zog sein Taschenbuch hervor: »Doch, Herr Amtsrichter,
-hinterher fiel es mir ein, daß ich das über der Aufregung ganz
-vergessen hatte, und ich ritt ihnen nach. Der eine, der ohne Schmisse,
-ist ein ehemaliger Knecht namens Ruloff Ramaker; der andere heißt
-Lüder Volkmann und sagte, er wäre früher Schriftsteller gewesen und
-sei kürzlich von Amerika zurückgekommen. Ich mochte ihn nicht dem
-Amtsgerichte zuführen; er sah nicht so aus, als ob er irgendwie
-verdächtig wäre, und der andere auch nicht; der hatte übrigens Papiere.«
-
-»Volkmann, Volkmann?« murmelte der Amtsrichter; »das ist ja ein
-hiesiger Name; und Lüder? wenn die Angabe stimmt, dann ist der Mann ja
-der Erbe von dem Hilgenhofe. Vielleicht weiß er das noch gar nicht.
-Wissen Sie was, Herr Wachtmeister? Stecken Sie sich das Amtsblatt mit
-dem Aufrufe ein, in dem Lüder Volkmann aufgefordert wird, sich zu
-melden. Vielleicht treffen Sie ihn noch einmal bei Ihren Dienstritten
-und können dem Mann zu seinem Eigentum verhelfen. Wie der Herr
-Doktor sagt, hat er ja einen sehr guten Eindruck gemacht trotz der
-abgerissenen Kleidung und auf Sie auch. Lüder Volkmann! Es ist mir,
-als ob ich den Namen sonst schon gehört hätte.«
-
-Wie gewöhnlich, setzten sich die Kegelfreunde noch eine Weile in das
-Vereinszimmer. »Wie sah der Fremde aus?« fragte Pastor Meyer den Arzt,
-und als der die Beschreibung gegeben hatte, sagte der Pastor: »Dann
-stimmt das. Meine Frau kam gestern nach Hause und erzählte: denke dir
-nur, Karl, bei der neuen Mühle begegnen mir zwei arme Reisende; der
-eine hatte Schmisse und sah aus, wie Armin der Cherusker in Zivil. Das
-ist augenscheinlich dieser Mann gewesen. Wie mag der auf die Walze
-gekommen sein?«
-
-Sonst ging es nach dem Kegeln immer lustig her; der Arzt hatte einen
-trockenen Humor und der Amtsrichter lachte gern; dieses Mal kam aber
-so recht keine Stimmung auf. Sie dachten alle an Lüder Volkmann, den
-Landstreicher.
-
-Am meisten beschäftigte sich Doktor Hellweger mit ihm. »Wo habe ich das
-Gesicht doch schon gesehen?« dachte er in einem fort, als er in seinem
-Wagen durch die Abendhaide fuhr, in der die Himmelsziegen meckerten und
-die Mooreulen riefen.
-
-Plötzlich wußte er es. Richtig! Göttingen, das Paukzimmer, die
-gemeine Korpshatz zwischen den Kölnern und den Longobarden. In einem
-fort hatten die Kölner angefragt: »Herr Unparteiischer, drüben mit
-Kopf zurückgegangen?« Da hatte schließlich auch der Sekundant der
-Longobarden angefragt, und immer hieß es: »Nichts bemerkt!« Endlich
-hatte er gesagt: »Bitte darauf zu achten.« Und wieder hieß es auf seine
-Anfrage: »Nichts bemerkt!« Da hatte er sich umgedreht, gewinkt, und
-hinter ihn trat der Ersatzsekundant, und da fragte er lächelnd: »Herr
-Unparteiischer, zu was sind Se eigentlich bloß da?«
-
-Das gab einen gewaltigen Krach; hier Wutgezisch, da Hohngelächter, und
-der Sekundant mußte abtreten. Ein ganzes Semester lang war er eine
-Berühmtheit, der lange schöne Fechtwart der Longobarden, der cand. rer.
-nat. Lüder Volkmann.
-
-
-
-
-Das Käuzchen.
-
-
-Der Wachtmeister ritt am nächsten Tage nach Quelingen. Als er so
-dahinritt, hörte er die Kiebitze rufen; er stellte sich in die Bügel,
-denn er dachte, daß da ein Fuchs wäre, und sah die beiden Landstreicher
-über die Wiesen kommen. Er wartete, bis sie an der Straße waren,
-schwang sich aus dem Sattel und rief: »Guten Tag, Herr Volkmann!«
-
-Lüder Volkmann grüßte wieder. »Ich habe immer noch keine Papiere.« Der
-Wachtmeister lachte und griff in die Tasche: »Aber ich habe eins für
-Sie; das hier soll ich Ihnen im Auftrage des Herrn Amtsrichters zeigen.«
-
-Volkmann las, aber seine Züge veränderten sich kaum, als er Ramaker die
-Anzeige wies. »Merkwürdig!« sagte er, »wir wollten grade dahin; ich bin
-als Kind dort oft bei meinem Oheim gewesen.«
-
-Ramaker schüttelte Volkmann die Hand: »Wie mich das freut, wie mich das
-freut!« Aber dann setzte er hinzu: »Jetzt hat unsere Freundschaft wohl
-ein Ende?«
-
-Der andere schüttelte den Kopf: »Da kennst du mich schlecht, Ruloff.
-Aber nun müssen wir wohl auf Reethagen zu. Wie weit ist das?«
-
-Der Wachtmeister überlegte: »So Stücker drei bis vier Stunden.«
-Volkmann reichte ihm das Blatt zurück und zog den Hut: »Sie sollen auch
-bedankt sein, Herr Wachtmeister, und Ihr Herr Amtsrichter auch.«
-
-Er wollte sich zum Gehen wenden, aber Köllner gab ihm die Hand: »Ich
-wünsche Ihnen viel Glück, Herr Volkmann,« und als er sah, daß der
-andere errötete, warf er noch hinterher, indem er in den Steigbügel
-trat: »In Reethagen kehren Sie im Weißen Roß ein; grüßen Sie den Wirt
-Nordhoff von mir.« Er legte die Hand an den Helm und ritt weiter.
-
-»Mensch, Mensch,« schrie Ramaker und schlug sich auf den Schenkel, »das
-Glück, das Glück!«
-
-Der andere sah ihn ernst an: »Ob es eins ist? Wer weiß? Theodor
-Volkmann, der mir den Hof verschrieb, oder Ohm Töde, wie ich ihn
-nannte, war Naturforscher; es hieß von ihm, er sei überspönig, weil er
-ein gelehrter Mann war, sich aber wie ein Bauer trug. Er hatte damals
-schön geschimpft, als ich studieren wollte. ›Bauer mußt du werden, dann
-hat dir kein Mensch was zu sagen‹, knurrte er.«
-
-Es war um die Ulenflucht, als die beiden Männer in Reethagen ankamen
-und sich nach dem Weißen Rosse hinfragten. Das war eine Wirtschaft nach
-alter Art mit einem Strohdache, aus dessen Giebelloch der Herdrauch
-herauskam.
-
-Als sie über die Deele gingen, sah der Wirt sie erst von der Seite an.
-Er war ein mittelgroßer Mann mit ernstem Gesicht und ruhigen Augen;
-wenn er sprach, sah es aus, als täte es ihm leid, daß er den Mund
-aufmachen müsse; darum sprach er durch die Zähne.
-
-Er setzte Volkmann und Ramaker Brot, Wurst, Butter und Bier hin und
-sagte: »Laßt es Euch schmecken!«
-
-Als sie gegessen hatten, fragte Volkmann, ob sie über Nacht bleiben
-könnten. Der Wirt nickte: »Ja, wenn ihr beide in einem Bette liegen
-gehen wollt? Die andere Kammer hat der Jagdpächter.« Volkmann nickte
-und brannte sich seine Pfeife an. Dann fragte er: »Ist der Vorsteher
-wohl heute noch zu sprechen?« »Ja,« sagte Nordhoff, »der kömmt gleich;
-er hat mit dem Jäger allerlei zu besprechen.«
-
-Draußen gingen Schritte, die Tür klinkte auf und der Jäger trat herein.
-Er bot die Tageszeit und sagte: »Nordhoff, gebt mir schnell eine
-Flasche Bier; ich bin ganz dröge im Halse. Es ist doch ein Ende hin vom
-Donnermoore bis hierher. Und heute will ich durchschlafen; habe jetzt
-drei Nächte wegen der Birkhähne um die Ohren geschlagen. Sieh, da ist
-ja auch der Vorsteher! Guten Abend, Garberding! Freimut läßt grüßen; er
-schimpfte Mord und Brand, daß er nicht mitkonnte, aber er hat viel zu
-tun und morgen eine Verteidigung in einer schweren Sache. Na, die Sache
-mit Engelkens Apfelbäumen können wir beide ja auch abmachen.«
-
-Während er aß, besprach er mit dem Vorsteher, wieviel der Anbauer
-Engelke wohl für den Schaden haben müsse, den die Hasen ihm im
-Nachwinter gemacht hatten, und dann ging er in seine Schlafkammer.
-
-Da trat Volkmann an den Vorsteher heran: »Ich würde Sie gern in einer
-Sache sprechen, wenn Sie Zeit haben.« Vollmeier Garberding sah ihn an
-und nickte.
-
-»Dann geh du man in die Kammer, Ruloff«, sagte Volkmann, »und wenn Sie
-es nicht übelnehmen, Herr Wirt, am liebsten wäre es mir, wenn ich dem
-Herrn Vorsteher meine Angelegenheit unter vier Augen vortragen könnte.«
-
-Als er allein mit Garberding war, nannte er seinen Namen. Der Vorsteher
-sah ihn groß an: »Dann gehört Ihnen ja der Hilgenhof.« Der andere
-nickte und erzählte, wie es ihm gegangen war, denn der Vorsteher, das
-sah er dem langen hageren Mann am Gesichte an, war ein Mensch, der
-das nicht weiter herumbrachte. So schlug er denn die Hauptstellen aus
-seinem Lebensbuch vor ihm auf.
-
-Der Vorsteher verzog keine Miene, aber als Volkmann das Buch zuschlug,
-gab er ihm die Hand und sagte: »Daß Sie kein schlechter Mann sind, weiß
-ich von Ihrem Oheim, der mir Ihre Sache seinerzeit verklarte, als in
-den Zeitungen darüber geschrieben wurde. Nun Ihnen der Hof auf dem
-Hilgenberge zu eigen ist, gehören Sie zu uns, denn der Hof gehört noch
-zu Reethagen. Das meiste Land hatte der alte Volkmann verpachtet; es
-ist in guten Händen; für sich hatte er bloß so viel zurückbehalten, als
-er Bedarf dafür hatte. Nach alle dem, was Sie mir erzählten, glaube
-ich, daß Sie mit der Zeit selber den Bauern spielen können. Ich glaube
-auch, daß Sie dadurch am besten von Ihren Gedanken abkommen.«
-
-Er sah Volkmann an und fuhr fort: »Die anderen brauchen von Ihrem
-Vorleben nichts zu wissen; kommt es später rund und haben Sie Verdruß
-davon, dann wenden Sie sich nur an mich. Klatschen und Neidböcke
-wachsen auf jedem Boden, aber die mehrsten Leute hier sind anständiger
-Art. Wenn Sie sich in die hiesige Art schicken und sich zu den
-Leuten zu stellen wissen, fragt kein einer danach, was Ihnen draußen
-zugestoßen ist.
-
-So, eins noch: Das meiste Bargeld hat der alte Volkmann für Stiftungen
-hingegeben; der Rest, der Ihnen zugeschrieben ist, liegt auf dem Amte.
-Sie werden doch noch jemanden haben, der Sie als Erbberechtigten
-ausweisen kann? Da Sie ja keine Papiere haben, ist das das nächste,
-was Sie tun müssen. Morgen früh bei Klocke achte will ich mit Ihnen
-nach dem Hilgenhofe gehen. Und nun: Gute Nacht; lassen Sie sich was
-Schönes träumen.«
-
-Er stand auf und gab Volkmann die Hand. In der Türe drehte er sich
-noch um: »Unter uns: Das halbe Haus ist vermietet, aber da ist doch
-noch Platz genug für Sie. Die eine Hälfte hat der Pächter und die, wo
-Ihr Ohm lebte, hat seine Haushältersche, eine Frau Grimpe, ein ganz
-tüchtiges Frauenzimmer, die auf Hochzeiten und so als Köksche ihren
-Mann steht.«
-
-Er biß an seiner Zigarre herum: »Ob es das Richtige ist, daß Sie mit
-ihr zusammenleben, das ist eine andere Sache. Die Frau ist nicht von
-hier; sie soll alles mögliche gewesen sein, wird erzählt. Hier hält
-sie sich ganz anständig, aber immerhin, für ganz voll wird sie nicht
-genommen. Dem alten Volkmann hat sie zwei Jahre die Wirtschaft geführt,
-aber das war ein alter Mann. Na, es ist ja Ihre Sache, wie Sie sich zu
-ihr stellen. Also: bis morgen.«
-
-Als Ramaker und Volkmann in dem breiten Bette in der Fremdendönze
-lagen, sagte Ramaker: »So ein Bett, das ist doch etwas Gutes!« und
-Volkmann erwiderte: »Na, du kannst ja nun immer in einem richtigen
-Bette schlafen.«
-
-Er hatte es sich vorgenommen, den Mann zu behalten. Er war ein
-Bauernknecht aus der Grafschaft Bentheim; Lüder hatte ihn wintertags
-im Emsemoore angetroffen, als der Mann, der halb verhungert und ganz
-ausgefroren war, sich grade aufhängen wollte, hatte ihm zu essen
-gegeben und ihm die dummen Gedanken aus dem Kopfe geredet, denn Ramaker
-war das Leben leid geworden, weil er nirgends in Arbeit behalten wurde.
-
-Er hatte nämlich in der Trunkenheit einen Totschlag begangen, mehr aus
-Zufall, denn aus Absicht, aber durch die Zeugenaussagen wurde der Fall
-so gedreht, daß er mehrere Jahre bekam. Das hing ihm überall nach.
-
-Nun aber hatte die Not ein Ende: »Bauer,« sagte er zu Volkmann, »du
-sollst sehen, wie ich arbeiten kann; ich sage dir, wenn ich erst den
-Pflugsterz in der Hand habe, kennst du mich nicht wieder. Nein, so ein
-Glück, so ein Glück!« hatte er noch im Halbschlafe gemurmelt.
-
-Lüder Volkmann lag noch lange wach. Er hatte erst keine große Lust, den
-Hof zu behalten; er dachte, er wollte ihn verkaufen und mit Ramaker
-zusammen in Südafrika anfangen, denn er wußte, selbst hier hinten in
-der Haide würde er doch ab und an gegen seine Vergangenheit anlaufen.
-
-Anderseits: der Haidhunger, der ihn aus Kanada forttrieb, der würde
-sich auch in Afrika neben ihn stellen; er stammte aus der Haide,
-wenn auch sein Vater und sein Ahne Stadtleute gewesen waren. Was man
-ein Leben nennen konnte, gab es für ihn nur in der Haide; nur, wenn
-er früher in seiner Haidjagd waidwerkte und Pürschstiege schlug und
-Kanzeln baute, hatte er sich wohl gefühlt; in der Stadt war er sich
-eigentlich immer albern vorgekommen zwischen dem lauten, unruhigen
-Volk, das sich wie die Spatzen benahm: immer in hellen Haufen und
-ständig den Schnabel offen.
-
-Draußen rief das Käuzchen; Lüder schien es im Anschlafe, als riefe es:
-»Bliw hier, bliw hier!«
-
-
-
-
-Die Rabenkrähe.
-
-
-Das erste, was er hörte, als er aufwachte, war wieder das Käuzchen, und
-es rief immer noch: »Bliw hier, bliw hier!«
-
-Er ging in den Hof und wusch sich am Sood; als der Morgenwind ihm
-das Gesicht abtrocknete, machte ihm die Eule vom Speicherdache einen
-Diener, rief noch einmal: »Bliw hier!« und verschwand im Uhlenloche.
-
-Ein gelbbunter Schäferhund kam aus dem Hause, sah den Fremden erst
-mißtrauisch an und umging ihn, aber so wie er unter Wind kam, wedelte
-er, kam heran und ließ sich abliebeln.
-
-Nordhoff, der grade aus der großen Türe trat, machte runde Augen, als
-er das sah, denn Strom ging sonst ganz selten zu fremden Leuten, und
-es war dem Wirte immer ein Zeichen, wie er einen Menschen einschätzen
-sollte, je nachdem der Hund sich dazu stellte.
-
-Darum machte er die Lippen auf und sagte: »Na, gut geschlafen?«
-Volkmann nickte und der Krüger fuhr fort: »Denn haben Sie wohl auch
-Hunger; wollen Sie Kaffee oder Grütze? Wir sind hier nämlich noch
-von der altväterischen Art.« Sein Gast lachte: »Ich auch; ich habe
-früher gar nichts anderes zur Morgenzeit gegessen,« antwortete er im
-Haidjerplatt. »Na, dann essen Sie mit uns,« kam es zurück.
-
-»Er spricht platt, also gehört er zu unserer Art«, dachte Nordhoff, und
-als nachher Lieschen, seine jüngste Tochter, ein scheues Kind, ohne
-sich zu zieren dem Fremden das Händchen gab und sich auf den Schoß
-nehmen ließ, sah er seinen Gast mit ganz anderen Augen an, als am Abend
-vorher.
-
-Schlag acht war Volkmann auf Tormanns Hof. Er hatte sich den Bart
-abgenommen, sich gründlich abgebürstet, seine Schuhe geputzt und sah
-wieder ganz anständig aus. Als er auf die Deele trat, kam ihm eine
-riesenhafte Frau von gewaltigem Leibesumfang entgegen, die aber ein
-Gesicht hatte, wie die liebe Güte selber.
-
-»Herzlich willkommen,« rief sie mit einer so dünnen Stimme, daß
-Volkmann erst dachte, jemand anders hätte das gerufen: »Garberding
-kommt gleich; setzen Sie sich so lange.«
-
-Gleich darauf kam der Vorsteher, begrüßte seinen Gast und ging mit ihm
-in die Dönze; »Schade, daß Sie nicht etwas besser im Zeuge sind; der
-Hut ist ziemlich alle.« Er langte in den Schrank. »Der paßt wohl; er
-ist noch ganz neu. Und hier ist ein reines Halstuch; das sieht gleich
-ordentlicher aus, und da ist ein Handstock. Übrigens: meiner Frau habe
-ich so ungefähr Bescheid gesagt; aus der kommt nichts wieder heraus.
-Ein bißchen frühstücken wollen wir aber erst einmal. Hier ist Feder und
-Tinte; da können Sie an den schreiben, der vor Gericht aussagen kann,
-daß Sie der richtige Erbe sind.«
-
-Volkmann setzte sich an den Schreibtisch und überlegte. Der
-Rechtsanwalt Freimut fiel ihm ein. Als er am Abend vorher den Namen
-hörte, hatte er sich bei dem Vorsteher danach erkundigt. Er hatte mit
-dem Baumeister Schönewolf die Reethagener Jagd.
-
-Volkmann kannte ihn aus einem Verein; näher war er ihm aber nicht
-gekommen. Das geschah erst an dem Tage, als das Urteil gesprochen
-wurde. Volkmann sah es noch, als wenn es erst drei Tage her gewesen
-wäre, wie der lange Mann quer durch den Schwurgerichtssaal storchte,
-daß sein blonder Bart nur so flog, und ihm mit Tränen in den Augen die
-Hand schüttelte.
-
-Er wußte, wenn einer, so würde der ihm in jeder Weise beistehen, und so
-schrieb er ihm in diesem Sinne.
-
-»Du lieber Himmel,« sagte Frau Garberding draußen zu ihrem Manne; »es
-geht doch nirgendswo toller her, als auf der Welt! Was für Takelzeug
-läuft auf freiem Fuße herum, und diesem Manne da mußte es so gehen.«
-
-Sie stellte das Frühstück hin, und obzwar es erst zwei Stunden her war,
-daß Volkmann gegessen hatte, so konnte die Bäuerin so gutherzig bitten,
-zuzulangen, daß ihr Gast herzhaft einhieb.
-
-Der Bauer stellte ihm Zigarren und Streichhölzer hin, zog sich die
-bessere Jacke an, langte seinen Stock her und sagte: »So, von mir aus
-kann es losgehen!«
-
-Es war ein schöner Vormittag; die Luft war rein und der Himmel blau und
-weiß, die Vögel sangen und die Hähne krähten vor Wähligkeit. Der Weg
-führte zwischen den Wiesen und der Haide hin, so daß Feldlerchen und
-Dullerchen durcheinander sangen.
-
-Eine Viertelstunde waren sie gegangen, da machte der Vorsteher halt,
-zeigte auf den Graben vor ihnen und sagte: »Hier hört mein Besitz auf
-und da fängt Ihrer an, und das ist der Hilgenhof.« Dabei wies er auf
-einen Busch, der auf dem Berge lag, und aus dessen Bäumen ein weißes
-Fachwerkhaus mit schwarzen Balken hervorsah, und auf das der Weg zulief.
-
-»Es sind alles zusammen vierhundert Morgen ohne den Anteil am Moore;
-früher waren es noch mehr, aber es ist allerlei davon in andere Hände
-gekommen, als Ihr Urgroßvater gestorben war. Es ist aber noch mehr als
-genug und der drittgrößte Hof in der Gemeinde.«
-
-Volkmann wurde die Brust eng; daß er einen so großen Besitz antreten
-sollte, daran hatte er nicht gedacht, denn er hatte ganz vergessen zu
-fragen, wie viel Morgen der Hof habe.
-
-War es auch ein Glück zu nennen, daß er ihn erbte, er konnte dessen so
-recht nicht froh werden; immer und immer wieder klang ihm die Stimme
-des schönen Mädchens durch den Sinn, und wo er ging und stand, sah er
-ihr gutes Gesicht und ihr goldenes Haar.
-
-Nicht einmal hatte er daran gedacht, daß er ihr etwas sein könnte,
-zumal sie ja mit einem anderen versprochen war, denn sie trug einen
-Ring an der Hand; sein Wunsch ging nicht weiter, als daß er mit Ehren
-vor ihr stehen könnte.
-
-Immer, wenn sie ihm in den Sinn kam, in ihrem hellen Leinenkleide,
-frisch und rein und rosig, dann sah er sich mit kahl geschorenem Kopf
-und bartlosem, blassem Gesichte, angetan mit dem grauen Linnen des
-Zuchthäuslers und ihm war, er müsse sich schämen, daß er an sie dachte,
-er, der Mann mit dem hingerichteten Namen.
-
-Und nun waren sie vor dem Hilgenhofe. Da lag sein Haus und lachte ihm
-in der hellen Sonne durch die rauhen Stämme der Hofeichen zu. Ein Hahn
-krähte zum Willkommen, die Finken schlugen, die Hülsenbüsche hinter
-der klobigen Findlingsmauer, aus der die Farne heraushingen, blitzten
-in der Sonne, gleich als wollten sie den angrünenden Machangeln, die
-sich zwischen sie quälten, und den blühenden Schlehbüschen, die sich
-über die Mauer rekelten, den Platz streitig machen und den Efeu von den
-moosigen Steinen fortdrängen und es nicht zugeben, daß die Wildrosen
-und die Brummelbeeren ihr Recht behielten und die Hundsveilchen,
-die Grasnelken, die Windröschen und die Goldnesseln, die da überall
-blühten. Eine Elster schnatterte in der Pappel, Dohlen lärmten hin und
-her und über dem Hausbusche riefen ein paar Turmfalken. Lüder Volkmann
-tat einen tiefen Atemzug.
-
-»Ja,« sagte sein Begleiter, »der Hof liegt man einmal schön. Nun
-wollen wir Frau Grimpe Bescheid sagen. Na, die wird Augen machen! Und
-passen Sie auf, die redet einem ein Loch in den Strumpf und wenn man
-Kniestiefel anhat. Da ist sie ja schon!«
-
-Eine untersetzte Frau von rundlicher Gestalt mit dicken weißen Armen
-kam aus der Türe; sie mochte so in den dreißiger Jahren sein, sah
-freundlich und sauber aus, hatte aber einen unsteten Blick.
-
-Sie schoß auf Garberding zu: »Guten Morgen, Herr Vorsteher; wo komme
-ich zu die Ehre? Wollen Sie nicht ein büschen näher treten? Sie haben
-doch noch nicht gefrühstückt? Doch! Schade! He, Pollo! Der Hund kann
-sich immer noch nicht an die Katze gewöhnen, so viele Schläge er darum
-auch schon gekriegt hat. Ein Glück, daß Sie erst jetzt kommen; bis
-Uhre sechse haben wir gewuracht; die eine Sau hat Junge gekriegt, acht
-Stück. Wollen Sie sie mal sehen? Das eine hat, mit Respekt zu sagen,
-keine Leibesöffnung. Was macht man bloßig damit? Die Ferkel haben ja
-jetzt gute Preise; vielleicht kann der Tierarzt da was an machen. Oder
-was meinen Sie, ob 'ne Opratschon Sweck hat? Das arme Tierchen! Es
-säuft aber trotz alledem. Ja, wer kann vor Malheur!«
-
-»Das ist der Besitzer vom Hilgenhofe, Herr Volkmann«, mit diesen Worten
-hackte der Vorsteher ihr das Wort vor dem Munde ab.
-
-»Aurelie Grimpe,« stellte sich die Frau mit einem Knixe vor,
-der Volkmann an den erinnerte, den seine Wirtin, die dicke
-Hofbäckermeisterfrau, zu machen pflegte, wenn die Herzoginmutter ihr
-vom Wagen aus zunickte. Einen Augenblick war Frau Grimpe verdutzt, dann
-aber zog sie die Schleuse wieder auf.
-
-»Meinen ergebensten Glückwunsch, geehrter Herr! Das ist man gut, daß
-hier wieder ein Mann hinkommt. So weit es ging, habe ich ja alles in
-Stande gehalten, aber eine schwache Frau kann nicht das, was ein Mann
-kann, und so'n Pächter, na, man weiß ja!«
-
-Der Vorsteher machte lustige Augen und sah ihre Schultern und ihre
-Arme an, sie aber polterte weiter durch dick und dünn: »Ihrem seligen
-Herrn Onkel habe ich zwei Jahre die Wirtschaft geführt; eine Seele von
-Mann war das. Natürlich hatte er seine Grappen; sehen Sie mal da!« sie
-zeigte nach der Miststatt, »da wachsen an die zweihundert Königskerzen,
-daß man fast nicht mehr heran kann. Glauben Sie, daß die wegdurften?
-Ordentlich verniensch ist er geworden, als ich darauf zuschlug und er
-sagte: ›Das ist das Schönste am ganzen Hofe.‹ Na ja, es sieht ja ganz
-ramantisch aus, wenn sie ihre Blüten entfalten, aber die Propertät
-leidet darunter.
-
-Das Schlimmste war, er machte sich aus dem Essen gar nichts. Wenn ich
-ihn fragte: ›Herr Volkmann‹, fragte ich, ›was soll ich kochen?‹ Dann
-sagte er: ›Das ist meine Sache nicht.‹ So war er. Ach, du meine Güte,
-sind doch wahrhaftig wieder die Hühner im Garten! Hscht! Wollt ihr
-wohl! Ja, und wenn ein Swein geslachtet werden sollte, dann machte er,
-daß er wege kam, so'n Herz hatte der Mann! Und keinmal habe ich ein
-Huhn vor ihm braten dürfen und eine Taube schon gar nicht.
-
-In anderer Weise konnte er dagegen wie ein Stein sein; keinem armen
-Reisenden gab er auch man zwei Pfennige. ›Bleibt auf dem Lande und
-arbeitet bei den Bauern!‹ sagte er einen jeden, wo hier fechten kam.
-Und wenn auf die Franzosen die Rede kam, denn, wenn der Herr Paster und
-der Herr Dokter kam, dann wurde sehr politisch geredet, dann sagte er:
-›Kaput getrammpt muß die Bande werden!‹ Ja, so war er.
-
-Aber nun sehen Sie sich bitte das Haus an; es ist meist allens wie es
-war. Die Sammlungen sind an das Museum in Bremen gekommen, Käfer und
-Bienen und Steine und andere Wissenschaftlichkeiten, denn darin war
-er groß. Denken Sie bloßig, der pflanzte allerhand wilde Blumens an,
-bloßig damit die wilden Bienen danach kamen. Den ganzen Tag konnte er
-bei seinen Büchern und Kästen sitzen, und wenn ich ihm sagte, daß das
-Essen da ist, dann wurde er falsch. Hscht! Ist mir das Viehzeug von
-Spatzen bei die jungen Erbsen. Ja, man hat seine liebe Not!«
-
-So ging es in einem Strange fort. Volkmann hörte nur mit einem halben
-Ohre hin; er sah sich das alte Haus an, den Garten mit den gut
-gepflegten Obstbäumen und Beerensträuchern, die große Alpenanlage,
-die zwischen dem Hause und dem Grasgarten lag, in der zwischen und
-auf den Tuffsteinen viele hundert Blumen und Kräuter wuchsen und sich
-in den kleinen und großen Wasserkübeln spiegelten, die in den Boden
-eingelassen waren und in denen allerlei Wasserpflanzen gediehen, die
-Hainbuchenlaube mit dem Steintische und der grünen Bank, von der
-man einen Blick über die Haide bis zu dem blauen Walde hatte, die
-sechs Fischteiche, die hinter dem Grasgarten lagen, die Stallungen
-und den Rest von dem Vieh, das noch geblieben war; er hörte auf die
-verständigen Worte, die Garberding an ihn richtete, und dachte, daß es
-vielleicht doch ein Glück wäre, daß der Hof nun sein Eigentum sei.
-
-Vor ihm, neben ihm und hinter ihm, je nachdem, was sie zu zeigen
-hatte, witschte Aurelie Grimpe hin und redete Korn und Kaff
-durcheinander.
-
-Er aber hörte nicht mehr darauf, als auf das, was die schwarze Krähe
-quarrte, die über den Hof wegflog.
-
-
-
-
-Die Schwalbe.
-
-
-Es kamen nun zwei graue Regentage, legten sich auf das Land und
-drückten des Hilgenhoferben Stimmung zu Boden.
-
-Mit ernstem Gesichte half er Nordhoff bei der Arbeit auf dem Hofe, denn
-der Krüger hatte die Wirtschaft und den Kramladen nur so nebenbei, und
-Ramaker arbeitete auf dem Felde mit, weil der Knecht eine schlimme Hand
-hatte. Den beiden Männern kam das sehr zu Passe, denn Volkmanns letzter
-Taler war verzehrt und so konnten sie Kost und Nachtlager mit ihrer
-Hände Arbeit bezahlen.
-
-Als am Sonnabend Nachmittag Feierabend gemacht wurde, kam die Sonne
-durch. Lüder setzte sich in den Garten und machte dem kleinen Lieschen
-eine Puppe, und Strom, der immer bei ihm war, sah zu. Im blühenden
-Kirschbaume sang die Schwarzdrossel. Die Grauartschen schwatzten auf
-der Hecke und von dem Windbrette zwitscherten die Schwalben.
-
-»So,« sagte Volkmann, »nun ist sie fertig, die Puppe. Und jetzt geh
-nach Deiner Mutter; es ist Abendbrotzeit für Dich.« Das Kind nahm ihn
-in den Arm und gab ihm einen Kuß auf die Backe, bei dem es dem Manne
-warm um das Herz wurde; dann lief es mit glänzenden Augen in das Haus
-und Strom schwänzelte hinterher.
-
-Volkmann steckte sich eine Zigarre an und sah nach den gelben
-Osterblumen hin, die in dicken Horsten aus dem Rasen kamen und um die
-ein Ackermännchen herumsprang und nach Fliegen schnappte. Über ihm
-zwitscherte die Schwalbe in einem fort.
-
-Seine Stirn hellte sich auf: ja, er wollte es wagen, wollte den Hof
-auf dem Hilgenberge antreten, wollte da hinten in der Haide ein Bauer
-werden, von dessen Giebel die Schwalbe lustig zwitscherte, und nicht
-wieder staubige Straßen fahren, an denen der Ortolan sein müdes Lied
-sang.
-
-Die Welt der Stadtleute lag abseits von seinem Wege; das Schicksal
-hatte ihn nach harter Buße dahin gestellt, wo er hingehörte, in die
-Haide; es hatte ihm den Pflugsterz in die Hand gegeben und er wollte
-ihn festhalten. Und das Geschick hatte ihm einen Gehilfen gegeben
-in dem heimatlosen Knecht, so daß er nicht ganz alleine mit sich und
-seiner Erinnerung war.
-
-Ein Wagen hielt vor der Wirtschaft und eine tiefe Männerstimme, die
-Lüder bekannt vorkam, rief die Tageszeit. Dann kamen Schritte über den
-Gang, ein Schatten fiel über das Gras, und als Volkmann aufsah, stand
-der lange Freimut vor ihm. Bis auf einige graue Haare war er noch
-derselbe Mann wie vordem; seine Augen hatten noch denselben Kinderblick
-und der blonde Bart bedeckte die ganze Oberbrust. Er war in Jagdkittel
-und Manchesterhosen und trug Schmierstiefel.
-
-Er stand vor Volkmann, lächelte und schüttelte den Kopf: »Da schlag
-doch Gott den Deubel dot! Sagt bloß, wo kommt Ihr eigentlich her? Wir
-lauern und lauern, aber kein Volkmann läßt sich sehen. Einen Preis
-haben wir auf Euer edles Haupt gesetzt, bestehend in zwölf Pullen
-Forster Kirchenstück Auslese; aber selbst das half nicht. Schließlich
-hieß es, Wodan habe eine seiner Schwertjungfern losgeschickt und Euch
-zu einem längeren Abendschoppen gebeten.
-
-Doch Spaß beiseite. Jetzt wollen wir einmal ernsthaft reden: was trinkt
-Ihr lieber, weiß oder rot? denn ich habe meinen eigenen Wein hier.
-Die Sache ist nämlich die: Baumeister Schönewolf, auch einer von uns
-Niefelheimern, und ich, wir haben die Jagd hier, fünfzehntausend Morgen
-zusammenhängend, uneingerechnet das große Moor, denn da weiß kein
-Deubel die Grenze, und der Hilgenhof gehört mit dazu.
-
-Eine Frage noch: wer kennt Eure Verhältnisse hier? Der Vorsteher!
-Bonus, wie der Küchenlateiner sagt; dann sind wir unser vier: ~tres
-faciunt collegium~, alleine vier ist auch nicht dumm.«
-
-Er rief in das Haus hinein: »Deern, lauf mal nach dem Vorsteher, er
-möchte sofort kommen; eine wichtige Angelegenheit harret seiner.
-Kriegst auch nachher 'n Söten!«
-
-Das Mädchen quiekte und lief los. »Und nun an die Gewehre! Ich habe
-einen Schmacht, daß ich Mazzes fressen könnte.«
-
-In der besseren Stube saß der Baumeister und streckte Volkmann die Hand
-hin. Freimut sagte: »Unser Freund weiß Bescheid; er hat Euretwegen
-einen Lümmel einmal backgepfiffen und ihm nachher eine tadellose Terz
-in die Rippen gesetzt. So, nun wollen wir der selbstgeschlachteten
-Wurst die gebührende Ehre antun. Da ist ja auch der Vorsteher! Guten
-Abend, Vatter Garberding, ~comment vous portemonnez-vous~? Und nun, ihr
-deutschen Männer,« er füllte vier Gläschen mit altem Korn, »erhebet
-euch und die Stimmen zum uralten germanischen Weihegesang: Wenn alle
-eenen hebbt, will eck ook eenen hebben! denn so ist es der Brauch bei
-den Mannen, so im Rheinischen Hof in Niefelheim, der Stätte der Gräuel,
-nächtlicherweile tagen.
-
-Und ich soll euch grüßen von der ganzen Schwefelbande, vor allem vom
-kleinen Doktor, der mitgekommen wäre, wenn er nicht zufällig grade
-heute freite, und von Knüppel, dem Kunstmaler aus Deutschland, der ein
-Weib genommen hat und sich nur noch Sonnabends betrinken darf, aber nur
-ein ganz bißchen. Und hallo, das Wichtigste; als ich grade in die Bahn
-stieg, sah ich Herrn Mehls; er hat sein ganzes Geld in Kuxen verjuxt
-und ich führe fünf Prozesse gegen ihn, und an dem Tage, wo er so weit
-ist, daß er sich sein Mittag aus dem Mülleimer sucht, da will ich dem
-heiligen Hubertus eine Kerze stiften für hundert Reichsmark.«
-
-Lüder schwoll die Brust, als er den Namen Mehls hörte. Das war der
-Mann, der ihn zu Tode gehetzt hatte, einst sein Freund, und dann sein
-Todfeind, den seine politischen Gegner auf seine Wundfährte gelegt
-hatten, um ihn zur Strecke zu bringen.
-
-»Ja,« sprach der Rechtsanwalt und warf seinem Hunde eine Hand voll
-Wursthäute hin, »auf dem Bauche soll er kriechen und Staub fressen,
-der Schweinehund. Ich habe jetzt ein paar Wechsel von ihm in der Hand,
-damit bringe ich ihn an den Galgen. Seine zweite Frau, wenn es nicht
-schon die dritte ist, ist ihm ausgerückt, sein Haus ist ihm verkauft,
-keinen Kredit hat er ooch nicht mehr. Kinder, das Leben ist doch schön!
-Es lebe das edle Waidwerk und die Jagd auf das Raubzeug! Horüdhoh, do,
-do, do, do!«
-
-Es wurde ein gemütlicher Abend; der Vorsteher, der sich sonst sehr
-zurückhielt, taute auf, denn er mochte den langen Rechtsanwalt gern und
-den Baumeister auch.
-
-Als der Tisch abgeräumt war, wurden Volkmanns Angelegenheiten
-besprochen. Garberding und Schönewolf waren der Meinung, daß Volkmann
-den Hof selbst bewirtschaften sollte; Freimut sagte nichts dazu.
-Nachdem Garberding sich verabschiedet hatte und Schönewolf, der vor
-Tau und Tag zur Birkhahnbalz in das Moor wollte, zu Bett gegangen war,
-sagte er:
-
-»Das mit dem Hofe halte ich für Duffsin. Zum ersten, weil Ihr von
-der dicken Kartoffelzucht nichts versteht, zum zweiten, weil es ein
-bethlehemitischer Kindesmord wäre, wenn Ihr Euch hier verkriechen
-wolltet. Freunde habt Ihr genug; ich würde kaltlächelnd wieder die
-Feder in die Faust nehmen und darauf loshauen. Wir haben damals bei
-der ganzen befreundeten Presse angefragt, ob sie ferner von Euch
-Leitartikel und Kunstbesprechungen nehmen würde, und überall hieß es:
-›Nun grade!‹ Verpachtet den Hof gut, behaltet Euch eine Stube vor,
-damit Ihr mit uns jagen könnt, oder noch besser zwei, dann sind wir
-gleich mitten drin in der Jagd, denn dem guten Nordhoff liegt an Bett-
-und Mittagsgästen scheußlich wenig und er ist froh, wenn wir ihm sein
-Bitterbier austrinken und ihn sonst in Frieden lassen. Ihr gehört vorne
-an, Mann, und nicht hinten in die Haide. Das ist meine Meinung.«
-
-Volkmann schüttelte den Kopf: »Nein, lieber Freimut, ich bleibe hier.
-Erstens ekelt mich die Parteipolitik an; denn ob schwarz, blau oder
-rot, mit Wasser wird überall gekocht, mit sehr trübem Wasser oft.
-Selbst bei meiner Niedersächsischen Bauernzeitung, bei der ich doch
-alle Parteiklüngelei ausließ, habe ich mich oft drehen und wenden
-müssen. Und meine anderen Schreibereien? Du lieber Himmel, das, was
-ich als Kunstkritiker und im Feuilleton leistete, das können hundert
-andere auch und manche viel besser. Überhaupt ist mir alles, was nach
-Luxus und Asphalt riecht, in die Seele verhaßt; am wohlsten habe ich
-mich gefühlt, als ich im Blockhause lebte und keine andere Gesellschaft
-hatte als meine Margerit, meinen Schweißhund und den Homer.
-
-Unsere Parteipolitik, unsere Kunst, unser Feuilleton, lieber Mann, es
-ist wie der Asphalt; es sieht glatt und sauber aus, und besieht man
-es in der Sonne, dann klebt es und stinkt. Ich danke ergebenst! Ich
-will das werden, was meine Ahnen waren: ein Bauer und von dem ganzen
-Stadtkrempel mit seiner Talmikultur keinen Schwanzzipfel mehr sehen.
-Habe ich mich in Kanada, wo doch das Wort gilt: ~Trapping for sport
-very well, for Life damned~, bequem durchgebracht und noch einen
-Rucksack voll Dollarnoten dabei übrig gehabt, so werde ich hier auch
-schon durchkommen. Und ich habe ja Ruloff Ramaker bei mir. Ich weiß,
-Ihr meint das gut mit mir, aber ich habe mit allem abgeschlossen, was
-außerhalb meines Ichs liegt.«
-
-Gellendes Hasenquäken weckte ihn am anderen Morgen. Er fuhr im Bette
-in die Höhe, das er jetzt allein hatte, da Ramaker bei dem Knechte
-schlief, und sah Freimut vor sich stehen.
-
-»Auf! sprach der Fuchs zum Hasen; hörst du nicht den Jäger blasen?«
-schrie der und warf ihm einen Jagdanzug auf das Bett: »Host Euch damit
-an, Hochedler, denn Eure Kluft ist mehr interessant, als sonntagsgemäß.
-Wir wollen dem Amtsrichter auf die Bude rücken; ich bin gestern bei ihm
-vorgefahren und er erwartet uns. Wir duzen uns beide; er war mit mir
-in Berlin im V. d. St. und mit seiner Frau bin ich so auf Umwegen auch
-noch verwandt, denn sie ist eine Hasselmann, Schwester von unserem
-Hasselmann, der jetzt in Deutschsüdwest herumtobt.
-
-Donnerhagel, sitzt Euch das Zeug fein, besser als mir! Hier ist ein
-Hut, und hier ein Wanderstab, wie es sich für den deutschen Mann
-gehört. Der Vorsteher schickt ihn; Ihr sollt ihn behalten. Seht, da hat
-er die Volkmannsche Hausmarke hineingeschnitten.«
-
-Hell leuchtete aus dem dunklen Schlehenstocke die alte Eigenrune der
-Hilgenbauern heraus, und Volkmann wurde seltsam zumute, als er den
-Stock in die Hand nahm; ihm war es, als träte er damit das Erbe an.
-
-Sie frühstückten und fuhren los. Die Birkenstämme an der Straße
-blitzten in der Sonne und wehten mit ihrem grünen Gezweige, die Wiesen
-waren weiß vom Schaumkraut, die Grabenufer leuchteten von den gelben
-Kohmolken, überall stelzten die Störche umher, und die Luft war voll
-von Lerchengesang und Krähengequarre.
-
-Das ganze Land sah aus, als wenn es frisch aus der Wäsche gekommen
-wäre, alle Leute, die ihnen begegneten, hatten blanke Augen, und vor
-jedem Hause war Hundegekläff und hinter allen Hahnengekrähe.
-
-Der Anwalt schlug Volkmann auf den Schenkel: »Mann, ich glaube, Ihr
-habt recht; ist das hier schön! Ich wollte verdammt auch lieber hinter
-dem Pfluge gehen, als Akten durchwurzeln und Verteidigungsreden
-herausrasseln. Hol's der Deuwel!«
-
-Amtsrichter Ketel Frerksen winkte mit der langen Pfeife, als der Wagen
-herankam. Er war lang und schlank und man sah ihm den Reserveleutnant
-an, aber sein Benehmen war das des frohen Burschen, der auf der hohen
-Schule gewesen war.
-
-»Freut mich von Herzen, Sie kennen zu lernen,« rief er und drückte
-Volkmann die Hand; »kommen Sie, erst will ich Sie meiner Familie
-vorstellen.« Er schob seine Gäste in den Garten, wo ein zierliches
-Frauchen, einen anderthalbjährigen Blondkopf an der linken Hand, mit
-dem Spargelstecher zwischen den Beeten herumspähte.
-
-»Hier, Lottchen, das ist Herr Volkmann, genannt der Hilgenbur, und das
-ist mein ältester Sohn, Ubbe Ketelsen; wir sind nämlich Friesen. Und da
-ist das Frühstück: selbstgeschlachtete Radieschen, selbstgesäte Würste
-und Spargelsalat gibt es auch, und der Handkäse läuft weg, wenn wir
-ihn nicht schlachten. Aber was hat denn der Junge? Du willst zu dem
-fremden Onkel auf den Arm? Das ist doch sonst deine Art nicht? Komm,
-Väterchen will dich nehmen! Nicht? Na, das ist die Höhe!«
-
-Volkmann nahm das Kind hin, das ihm die Backen strich, ihn fest in
-den Arm nahm und ihm einen Kuß auf das Haar gab. Die hübsche Frau des
-Amtsrichters schlug die Hände zusammen: »Das hat er noch nie bei einem
-Fremden getan, noch nicht einmal bei seiner Minna. Bitte, Minna, nehmen
-Sie das Kind.«
-
-Das Mädchen kam, aber der Junge fing gefährlich an zu brüllen, als er
-von Volkmann fort sollte, er klammerte sich fest an ihn an und jubelte
-auf, als Lüder der Magd abwinkte, und er jauchzte vor Wonne, als er aus
-der braunen Hand ein Butterbrötchen bekam.
-
-Das Ehepaar saß ganz verwundert da. Dem Hilgenbauer aber war zumute,
-als streichelte die kleine weiche Hand, die ihm über die Backen fuhr,
-jede Erinnerung an die graue Zeit fort.
-
-In der Linde vor der Laube zwitscherte die Schwalbe.
-
-
-
-
-Der Wendehals.
-
-
-Lüder Volkmann hatte die Erbschaft angetreten; es gereute ihn
-keineswegs.
-
-Zuerst wußte er nicht, was er so recht anfangen sollte, da Lembke, der
-das Ackerland und einen Teil der Wiesen in Pacht hatte, vorderhand
-allein mit der Arbeit fertig wurde, zumal Ramaker ihm von früh bis spät
-half, ohne mehr zu verlangen als Essen und Trinken und freien Tabak.
-
-Freimut und Schönewolf hatten Volkmann gebeten, die Aufsicht über die
-Jagd zu übernehmen und ihm freie Flinte dafür gewährt, und so lag er
-die meiste Zeit draußen, weniger, um zu waidwerken, als um die Zeit
-totzuschlagen.
-
-Auf die Dauer wurde ihm das aber langweilig und er suchte sich Arbeit.
-In Reethagen hatte er einen ganzen Vormittag dem Strohdecker zugesehen,
-und da das Hausdach auf der Wetterseite schadhaft geworden war, so
-lieh er sich von ihm die Dachstühle, das Dachmesser, die Dachnadel und
-das Dachholz, ließ sich Bindedraht besorgen und machte sich mit Ramaker
-daran, das Dach zu flicken.
-
-Anfangs hatte er vor, nur eine kleine Ecke auszubessern, aber dann fand
-er, daß die ganze Dachkante undicht war, und da Stroh genug da war für
-die Schoofe, so ließ er nicht eher nach, als bis keine Fehlstelle mehr
-an dem ganzen Dache war.
-
-Sodann sah er sich nach anderem Tagewerk um. Der Zaun zwischen dem Hofe
-und dem Grasgarten war morsch; er sägte Ständer und Latten zurecht und
-setzte einen Zaun hin, daß Frau Grimpe die Hände zusammenschlug und
-rief: »Nein, Herr Volkmann, aber über Ihnen aber auch! an Sie ist ja
-ein Tischlermeister verloren gegangen.«
-
-Die Fischteiche waren arg verschlammt, denn davon hatte Lembke keinen
-Verstand; so ließ der Bauer einen nach dem anderen ab, reinigte und
-vertiefte ihn, düngte ihn und ließ ihn sich begrünen und besetzte ihn.
-
-Je mehr er sich umsah, um so mehr fand er, was nicht in der Reihe war;
-hier fehlte ein Brett, da stockte ein Graben, dort sackte ein Weg weg;
-Lüder hatte allmählich so viel zu tischlern, zu graben und zu dämmen,
-daß ihm kein Tag mehr lang wurde.
-
-Der alte Immenschauer fiel fast um; er baute an einer besseren Stelle
-einen neuen, der doppelt so viel Stöcke aufnahm, und acht Tage lang
-quälte er sich damit ab, die Bohlen auf dem Heuboden, von denen mehrere
-recht schlecht waren, auszuflicken oder zu ersetzen, und Frau Grimpe
-sah bewundernd zu und rief: »Nein, Herr Volkmann, als wenn Sie auf
-Zimmermann studiert hätten!«
-
-Aurelie Grimpes Herz hatte allerlei Liebe aushalten müssen, aber sie
-fühlte sich frisch genug, es noch einmal damit zu versuchen.
-
-Je länger der Bauer auf dem Hofe war, um so heißer wurde es ihr unter
-dem Schürzenlatze, der jetzt immer schlohweiß war, wie sie denn auch
-seitdem am Kopfe und an den Füßen stets herumging, wie aus der Beilade
-genommen.
-
-Das Haus hielt sie so sauber, daß es eine Freude war, und obzwar sie
-wieder angefangen hatte, im stillen Kämmerlein mit Feile, Rosawachs
-und Wildleder ihre Hände so zu pflegen wie damals, als sie noch
-Dreimarkchampagner für vier Taler an ihre Gäste verkaufte, wenn die
-Mädchen ihnen die Köpfe heiß gemacht hatten, den Garten hielt sie so
-schnicker wie vordem.
-
-Dumm war sie nicht; sie hatte es sofort herausbekommen, daß der Bauer
-keiner von den Männern war, die man leicht einfängt; so sparte sie ihre
-runden Armbewegungen und ihre einladenden Blicke, legte in ihr Lächeln
-so viel Mütterlichkeit, wie sie auftreiben konnte, und ließ ihre Zunge
-Schritt laufen, so schwer ihr das auch wurde.
-
-Sie wollte den großen schönen Mann langsam an sich herangewöhnen, ihn
-leinenführig machen und ihn soweit bringen, daß er sich sagen mußte:
-»Aurelie Grimpe oder keine!«
-
-Vorläufig schien es damit allerdings noch gute Weile zu haben, denn
-der Bauer sah weder die krausen Nackenlocken und die weißen Arme, noch
-den innigen Augenaufschlag und das mütterliche Lächeln; er ging und
-kam mit kurzem Gruße, und wenn er mit der Frau sprach, dann war es um
-alltägliche Dinge und geschah in derselben trockenen Art, mit der er zu
-dem Pächter sprach.
-
-Aurelie Grimpe stellte sich oft genug in ihrer Dönze vor den Spiegel,
-knetete sich die Krähenfüße von den Schläfen weg, zupfte die
-Stirnlöckchen zurecht und fragte ihr Widerbild ganz erstaunt, wie es
-wohl möglich wäre, daß ein so strammer Kerl, der rein nichts an der
-Hand habe, an einer so schieren und molligen Frau, wie sie war, Aurelie
-Grimpe, geborene und so weiter, vorbeisehen könne, als wenn sie die
-Altmutter Lembke mit dem kahlen Scheitel und dem leeren Mund wäre.
-
-Alles mögliche hatte sie angestellt, um dem Bauern zu beweisen, daß sie
-Verständnis für höhere Bildung habe; sie hatte ihn gefragt, ob sie sich
-aus dem Rest der Bücher, die der alte Volkmann zurückgelassen hatte,
-Leselektüre holen dürfe, aber der Bauer hatte nur »Bitte schön« gesagt,
-und als sie ihn fragte, was dies oder jenes in dem Buche bedeute, da
-hatte er, ohne eine Miene zu verziehen, gesagt: »Das verstehen Sie doch
-nicht!« und war an seine Arbeit gegangen.
-
-Dann hatte sie eine Zeitung, in der das Allerneueste zu finden war,
-bestellt, und nun ging es ab und zu: »Herr Volkmann, haben Sie schon
-gehört?« oder »Herr Volkmann, denken Sie sich bloßig?« Er aber sagte:
-»Tun Sie mir den einzigen Gefallen und lassen Sie mich mit solchen
-Geschichten in Frieden!« Er sagte das ganz freundlich, aber es betrübte
-sie doch sehr, daß es ihr nicht gelingen wollte, einen Weg von ihrem zu
-seinem Herzen zu finden.
-
-Obzwar sie anfangs nur an die gute Versorgung gedacht hatte, mit der
-Zeit fing sie an zu brennen wie eine alte Scheune und stellte mit
-Besorgnis fest, daß sie, wenn sie nicht ihren Zweck erreichte, auf
-dem besten Wege wäre, den Glanz ihrer Augen und die Frische ihrer
-Farbe loszuwerden, und so beugte sie dem mit Antimon und Karmin vor,
-das der geheimnisvolle Kasten enthielt, den sie in den Tiefen ihres
-großmächtigen Reisekorbes verborgen hielt.
-
-Das Allerbetrüblichste aber war, daß der alte Spruch, der da sagt, daß
-die Liebe durch den Magen gehe, auf Volkmann durchaus nicht zutraf.
-Sie hatte sich alle Mühe gegeben, um herauszubringen, was wohl seine
-Leibgerichte wären, aber immer und immer wieder hatte sie in die
-Brennessel gefaßt, wenn sie danach fragte.
-
-Er aß Morgen für Morgen seinen steifen Buchweizenbrei mit einer
-dreizolldicken Hausbrotschnitte, er war zufrieden, wenn es zum
-Frühstück acht Tage dieselbe langweilige Wurst oder ein und denselben
-gemeinen Käse gab, er fragte nicht danach, ob die Kartoffeln kroß mit
-Speck oder mit Butter weich gebraten waren, ob die dicke Milch alt oder
-jung, ob das Rauchfleisch herzlich schmeckte oder streng.
-
-»Die reine Dranktonne,« dachte Aurelie Grimpe mit Wehmut und
-verzweifelte immer mehr, wenn sie sah, daß er den einen Tag die
-halbkalten Pellkartoffeln mit dem alten Speck ebenso gleichgültig
-hinunteraß wie Tags zuvor die schöne Gemüsesuppe mit dem zarten
-Schinkenende darin. Das gefiel ihr nicht an dem Manne.
-
-Eines Sonntagnachmittags, als Lembkes in das Dorf gegangen waren,
-beschloß sie, drei Pferde vor den Wagen zu spannen, um durch den Sand
-zu kommen.
-
-Der Bauer schlief, denn er war um zwei Uhr in der Nacht aufgestanden
-und mit dem Drilling und Söllmann, dem Schweißhunde Freimuts,
-losgegangen, weil er vermutete, daß hinten im Moor gewildert wurde.
-Er war erst gegen Mittag nach Hause gekommen und hatte sich dann lang
-gemacht.
-
-Aurelie sagte sich, daß die Gelegenheit günstig wäre, die dicken
-Trümpfe auszuspielen.
-
-Sie zog ihre süßesten Strümpfe und ihre zuckrigsten Schuhe an, ein
-Spitzenhemd und ein Korsett, wie es das weit und breit nicht gab, und
-einen Unterrock, der gerade so lang war, wie er sein sollte, machte
-sich ihr Haar so hübsch wie möglich, gab ihren Augen durch ein wenig
-Antimon noch mehr Feuer, sah sich lange im Spiegel an, machte sich
-einen Knix, langte ihren Handspiegel her, besah sich von hinterwärts,
-und dann setzte sie sich auf den Bettrand und wartete.
-
-Sie mußte sehr lange warten, so lange, daß ihr allerlei dumme Gedanken
-kamen, Gedanken, die nicht gerade geeignet waren, ihren Augen helleren
-Glanz und ihren Backen mehr Farbe zu geben. Sie wurde müde, aber sie
-wagte nicht zu schlafen, einmal der wunderbaren Haaraufmachung wegen,
-und dann überhaupt und so.
-
-Sie sah ihr Photographiealbum durch, in dem meistens aufgedonnerte
-Mädchen mit weit aufgerissenen Augen zu sehen waren, und Männer
-unterschiedlicher Art, ordnete den Inhalt ihres Reisekorbes, in den
-sie niemals einen Menschen hineinsehen ließ, und las schließlich zum
-soundsovielten Male in den gelben Heften, auf deren Vorderblatt ein
-Männerkopf mit rabenschwarzen Locken zu sehen war, worunter die Worte
-standen: Memoiren eines Scharfrichters oder das Geheimnis der Gräfin
-Olga.
-
-Auf einmal sprang sie auf; sie hatte gehört, daß im Fleet Schritte
-gingen. Sie trällerte ein Liedchen vor sich hin, warf einen Blick
-in den Spiegel, rumpelte einen Stuhl hin und her, zupfte sich eine
-Locke zurecht, rieb sich unter den Augen umher, die vom langen Warten
-Fensterladen bekommen hatten, warf noch einen Blick in den Spiegel,
-übte schnell einen züchtigen Augenaufschlag ein, ergriff die Blechkanne
-und schoß in demselben Augenblick, als die Schritte des Mannes ihrer
-Tür gegenüber waren, heraus und Volkmann mitten vor den Leib.
-
-Die Kanne fallen lassen, einen gellenden Jungfernschrei ausstoßen
-und gleich hinterher den Atem anhalten, so daß etwas ähnliches wie
-Schamröte ihr Gesicht färbte, die runde Hand an das Korsett pressen,
-doch so, daß die schöne Hemdenspitze nicht verdeckt wurde, und dann mit
-wildem Busengewoge nach Atem ringen und schmachtend jappend: »O, Herr
-Volkmann, wie hab' ich mir doch verschrocken; daß Sie mir auch so sehen
-müssen!« das war alles eins.
-
-Der Bauer aber änderte sein Gesicht kein bißchen und liebelte nur den
-Hund ab, der vor Schreck zurückgefahren war, als ihm die Kanne vor
-der Nase hinknallte; gleichgültig sah der Mann auf die sorgfältig
-hergestellte Pracht, und während Aurelie Grimpe in ihre Kammer
-zurückschoß, schnitt er für sich und den Hund Brot und Speck ab,
-wickelte es ein, steckte es in die Tasche, langte den Drilling von dem
-Rehgehörn am Türrahmen und ging über den Hof.
-
-Als er im Grasgarten war, blieb er stehen, denn im Apfelbaum saß der
-Wendehals, schrie nach der Schwierigkeit und drehte den Hals wie
-albern. Und da mußte der Bauer im Halse lachen, denn es fiel ihm ein,
-welche Mühe die gute Aurelie sich seit Wochen um ihn mit Augenverdrehen
-und Halsverrenken gegeben hatte, just so wie der Wendehals, der in dem
-Apfelbaume saß.
-
-Aber dann ging das Lächeln aus seinem Gesichte fort. Das Weibsstück
-war ihm längst zuwider, einmal wegen ihrer schwarzen Kraushaare, dann
-wegen ihrer Anschummelei, und außerdem wußte er, was mit ihr los war,
-denn als Freimut sie das erstemal sah, hatte er hinterher in der
-Haide gesagt: »Mann, wie kommt dieses Besteck hierher? Ich dachte,
-die hätte der Satan längst lotweise geholt. Aurelie Grimpe, geborene
-Sziembowska aus Filehne, eheverlassene Juckenack und eheentlaufene
-Grimpe, unter dem Übelnamen die Gräwin weit bekannt an den Stätten,
-wo die Orchideen der Nacht wachsen, mehrfach wegen Begünstigung der
-Kuppelei hineingerasselt und wegen schweren Kuppelpelzhandels leider
-freigesprochen. Backt ihr eine Zehnpfennigmarke auf und schickt sie als
-Muster ohne jeglichen Wert dahin, wo der spanische Pfeffer wächst, denn
-das Weibsbild taugt in dem Grund nichts!«
-
-Volkmann hatte derartiges schon immer geahnt, aber nicht recht gewußt,
-wie er es anstellen sollte, um die Person loszuwerden; jetzt, nach
-dem Bajonettangriff, den sie auf ihn verübt hatte, wollte er ihr aber
-aufsagen.
-
-Während er das bei seinem Gange über die Haide mit sich abmachte, lag
-Aurelie auf ihrem Bette, biß in die Kissen, strampelte mit den Beinen,
-daß die Lackspitzen an ihren Schuhen Sprünge kriegten, sauste dann
-auf die Deele, schmiß einen Teller auseinander, gab der Katze, die
-entsetzt unter dem Brennholze hervorschoß, einen Tritt, warf sich in
-den Spinnstuhl, heulte ihre feine Hemdenspitze naß, und dann ermannte
-sie sich, ging an den Schrank und trank drei Schnäpse.
-
-Als Lembkes zurückkehrten, saß sie in einem ehrbaren Kleide und in
-biederen Strümpfen vor der Tür und strickte, wie es sich für eine gute
-Haushälterin gehört.
-
-Neben sich hatte sie das Gesangbuch liegen.
-
-
-
-
-Der Kuckuck.
-
-
-Es war außer Aurelie Grimpe noch jemand auf dem Hofe, oder vielmehr, es
-waren zwei, die mit Lüder Volkmann nicht zufrieden waren, nämlich der
-Pächter Lembke und seine Ehefrau.
-
-Lembke stammte aus der Lüchower Gegend; er war ein Mann mit
-zerknittertem Gesicht und einem Benehmen wie eine Birke bei Sturmwind;
-seine Frau blühte wie eine Pfingstrose, und wo sie ging, da stand das
-Gras so bald nicht wieder auf.
-
-Es war dem Pächter schlecht zu Passe gekommen, als Volkmann plötzlich
-da war wie der Habicht zwischen den Hühnern, aber als er ihn reden
-hörte, die Schmisse sah und bemerkte, wie der Rechtsanwalt und der
-Baumeister sich zu ihm stellten, da meinte Lembke zu seiner Frau:
-
-»Kaline, ich glaube, wir brauchen keine Bange nicht zu haben, brauchen
-wir nicht, daß es anders werden tut; das ist ein studierter Herr, ist
-er, wenn er jetzt auch man wie ein Pracher aussehen tut. Der wird sich
-die Hände nicht schwarz machen, wird er nicht. Wenn er das Pachtgeld
-hat, wird er in die Stadt fahren und es verwichsen, wird er, und wenn
-er keins hat, wird er hier bleiben und auf die Jagd gehen, wird er.
-Und so wird er mit der Zeit mehr Geld brauchen, wird er, als der Hof
-abwirft, glaube ich, und wir werden ihm etwas vorschießen, werden wir,
-oder Land abkaufen, und so bei kleinem wird der Hof unser werden, wird
-er.«
-
-Karoline hatte genickt und von der krummbeinigen Gestalt ihres Mannes
-zu dem Bauern hingesehen, der lang und schlank über den Hof ging.
-
-Lembkes merkten aber bald, daß Volkmann nicht daran dachte, sich selber
-das Wasser abzugraben; zwar ging er anfangs viel mit dem Gewehre los,
-aber als das Geld vom Gerichte kam, fuhr er damit nicht in die Stadt,
-sondern gab das meiste dem Vorsteher, der es auf die Kreissparkasse
-brachte.
-
-Auch feine Kleider kaufte er sich nicht und weder gute Zigarren noch
-dergleichen; er trug sich wie die Bauern und Knechte, rauchte seine
-Pfeife und Sonntags wohl einmal eine Zigarre von Nordhoff, der ein ganz
-gutes Kraut führte, das ihm der Baumeister besorgt hatte; im Essen und
-Trinken war er nicht anders als der gemeine Mann, obzwar er dreist mehr
-dafür anlegen konnte, wenn er gewollt hätte.
-
-Nach vier Wochen sagte Lembke zu seiner Frau: »Wenn das so beibleibt,
-Kaline, dann wird der Hof nicht unser, wird er nicht!«
-
-Als der Bauer dann anfing, das Strohdach zu flicken und den neuen Zaun
-hinstellte und das Immenschauer baute und den Heuboden zurecht machte,
-da ließ Lembke die Ohren immer mehr hängen, und als Volkmann hier den
-Graben und dort den Weg ausbesserte, die Fischteiche austiefte und
-alles in die Reihe brachte, was nicht ganz eben war, da sah Lembke
-immer scheeläugiger, achtete auf alles, was nicht ganz in der Ordnung
-war, und machte es schnell selber zurecht, damit der Bauer sich das
-Arbeiten nicht noch mehr angewöhnen solle.
-
-Die Folge davon war, daß der Hof wie abgeleckt aussah, so daß der
-Vorsteher, der ab und zu kam, die Augenbrauen hochnahm und sagte: »Bei
-mir sieht es doch auch ordentlich aus, Hilgenbur, aber bei dir, das ist
-ja, als wenn jedweden Tag Wochenabend ist.«
-
-»Kaline,« sagte eines Abends Jochen Lembke, als er im Bette lag,
-»Kaline, was ich dir sagen will, sage ich dir, wie fangen wir es an?
-Gestern hat er mir beis Torfriegeln geholfen, hat er, und dann sagte
-er, beis Heumachen will er auch helfen, will er. Und ich sage dir,
-Kaline, sage ich, er hat das Kleemähen raus, hat er, und wenn die Ernte
-hin ist, dann kann er mähen als wie ich, kann er. Wo er das man gelernt
-hat, das Umgehen mit die Axt und die Säge, als wie ein gelernter
-Zimmermann kann er es, Kaline, kann er.«
-
-Aber Frau Lembke sagte: »Drähn nicht so viel, ich will schlafen!« und
-damit drehte sie sich um und dachte daran, wie glatt es ausgesehen
-hatte, als der Bauer den Vormittag in Hemd und Hose Holz klein gemacht
-hatte und sein Haar in der Sonne aussah wie eitel Gold. Jochens Haar
-sah aus wie altes Dachstroh.
-
-Aber wenn sie ihren Jochen auch nur genommen hatte, weil es klapperte
-und klingelte, wenn er sich auf die Tasche schlug, deswegen blieb er
-doch ihr Mann, und wenn sie ihm auch nicht so nachsah wie dem Bauern,
-so gehörte sie dennoch zu ihm.
-
-Sie hatte es längst gemerkt, daß Aurelie Grimpe dem Bauern Blumen und
-Buntpapier auf den Weg warf, daß ihm aber so wenig daran lag, als wenn
-es Häcksel gewesen wäre, und daß er der Haushälterin nicht mehr, als
-nötig war, Rede und Antwort stand und dabei meistens anderswohin sah.
-
-Dagegen, wenn er mit ihr selber sprach, sah er ihr voll in die Augen,
-stand auch gern bei ihr, wenn sie beim Melken war oder das Federvieh
-fütterte, und es kam ihr manchesmal so vor, als wenn er hinter ihr
-hersah, vorzüglich, wenn sie in bloßen Armen war oder die Röcke
-aufgesteckt hatte. Und so machte sie sich einen Plan zurecht, bei dem
-sowohl sie selber wie Jochen auf seine Kosten kommen sollte.
-
-Den ganzen nächsten Tag dachte sie darüber nach, und da es sich gerade
-traf, daß der Bauer die Türe vor ihr aufmachte, als sie in jeder Hand
-eine Satte Dickmilch hatte und der Zug die Türe zuschmiß, so erblickte
-sie darin eine Liebeserklärung deutlichster Art; als er ihr zudem
-hinterher beim Futteraufschütten half und ihr das Wasserholen abnahm,
-da stand es bei ihr fest, daß ihr Plan nicht uneben war.
-
-»Jochen,« sagte sie, als sie abends im Bette lag, »Jochen, hör' zu;
-ich glaube, ich weiß, wie wir ihn herumkriegen. Es ist doch gegen die
-Natur, daß so ein Kerl, wie er, keine Frau und auch sonst nichts hat,
-denn was die Grimpesche ist, und wenn sie ihm auch noch so viel mit
-ihren Locken und weißen Schürzen unter die Augen geht, so macht er sich
-noch nicht einmal so viel aus ihr wie aus unserer Mutter.
-
-Nun hör' zu, Jochen, und versteh' mich auch recht: auf mich hat er ein
-Auge, an mir sieht er nicht vorbei, wenn er zu mir redet, und ich kann
-es ohne Hoffärtigkeit sagen, er sieht manches liebe Mal hinter mir her,
-wenn ich bei ihm vorbei muß. Und denn: alle Augenblicke geht er mir
-zur Hand, im Garten oder beim Vieh; gestern hat er die Türe vor mir
-aufgemacht und mir Wasser getragen.«
-
-Sie hielt einen Augenblick an und spann dann weiter: »Jochen, nun mein
-ich, du verstehst doch, wie ich es meine? Ich kann ja so tun, als wenn
-mir auch was an ihm gelegen ist, bis er mich mal anfaßt oder sowas. Und
-dann können wir uns das besprechen, daß du und die Grimpesche beide
-nicht da seid, das heißt, du mußt doch da sein, bloß so, daß er dich
-nicht spitz kriegt, und zusehen, was er anfängt; na, und wenn er dann
-an mich heran will, dann kannst du ja von ungefähr dazukommen, und denn
-haben wir ihn da, wo er hin soll.
-
-Ich glaube, Jochen, auf eine andere Art geht es nicht; er geht darauf
-aus, uns hier rauszuschmeißen, sonst würde er nicht wie ein Knecht
-arbeiten; im Weedergrund hat er ja wohl einen ganzen Morgen abgeplaggt,
-weil er da Fuhren anpflanzen will, und für umsonst hat er nicht ein
-neues Stück im Meinsbruche eingehachelt. Also, Jochen, was sagst du
-dazu?«
-
-Jochen richtete sich im Bette auf, sah seine Frau an, nickte dreimal
-mit dem Kopfe und sagte: »Kaline, ich sage dir, sage ich, das ist ein
-Plan, ist er, das hast du großartig ausklamüsert, hast du, und ich
-glaube wahrhaftig, glaube ich, auf die Art kommen wir doch noch dahin,
-wo wir hin wollen, kommen wir.«
-
-Dann drehte er sich um, und seine Frau dachte: »Wenn es glückt, haben
-wir beide etwas davon.«
-
-Es glückte aber nicht, so langsam und bedächtig Frau Lembke auch
-vorging, indem sie, wenn sie mit dem Bauern allein war, mit ihren
-runden Schultern oder ihren breiten Hüften an ihn herankam, wenn es
-sich unauffällig machen ließ; Volkmann stellte sich an wie ein Kind und
-wollte mit Gewalt nichts merken.
-
-Wenn Jochen abends fragte: »Kaline, wo weit bist du mit ihm, bist du?«
-Dann sagte sie: »Jochen, jedes Werk muß seine Zeit haben; laß mich man
-machen!« Aber ihr war es selbst verwunderlich, daß der Bauer sich wie
-ein Stock anstellte.
-
-Sie stopfte ihm seine Strümpfe mit Wolle, die sie aus ihren eigenen
-Strümpfen gerewwelt hatte, sie nötigte ihm eine Frühbirne in den Mund,
-die sie seit drei Tagen in der Kleidertasche getragen, drei Nächte
-unter ihrem Kopfkissen gehabt und drei Tage in ihre Schürze gewickelt
-hatte, aber auch das wollte nicht einschlagen.
-
-Als sie aber anfing, wenn er mit ihr sprach und lustig wurde,
-vertraulich zu ihm zu werden, ihn auf den Arm oder auf das Bein zu
-schlagen, da hatte sie ganz ausgespielt, denn von da ab ging er um sie
-genau so herum wie um die andere, und wenn er zu ihr sprechen mußte,
-sah er nach der Wand oder aus dem Fenster.
-
-Als Jochen sie eines Abends wieder fragte: »Kaline, wo weit bist du nun
-mit ihm, bist du?« Da schnauzte sie ihn an, daß er auf den Gedanken
-kam, mit ihr und dem Bauern stehe die Sache nicht so, wie es ihm passen
-könne, denn es war ihm schon lange verdächtig, daß Volkmann jetzt ganz
-anders zu ihr war, was er für Verstellung hielt.
-
-Alle Augenblicke, wenn er im Stalle oder auf dem Felde zu tun hatte,
-kam er in das Haus geschossen, weil er bald dieses, bald jenes
-vergessen hatte, und als er eines Mittags sah, daß seine Frau bei dem
-Bauern stand, machte er ihr hinterher eine große Schande.
-
-Ganz unglücklich wurde ihm aber zu Sinne, als der Bauer ihn eines Tages
-in den Garten rief und sagte, indem er auf einen Stachelbeerbusch
-hinwies: »Hast du schon so etwas gesehen, Lembke? Da hat eine Grasmücke
-ihr Nest gebaut und nun sitzt ein junger Kuckuck darin und hat die
-kleinen Grasmücken herausgeschmissen, so daß sie elend haben umkommen
-müssen. Ja, man soll sehen, wen man bei sich aufnimmt.«
-
-Lembke hatte ihn mit einem halben Auge angesehen und war dann an seine
-Arbeit gegangen, abends im Bette aber sagte er zu seiner Frau: »Ich
-sage dir, Kaline, sage ich, er hat was gemerkt, hat er.«
-
-
-
-
-Die Bachstelze.
-
-
-Es war Aurelie Grimpe nicht verborgen geblieben, daß Karoline Lembke um
-den Bauern herumschlich wie der Fuchs um den Hühnerstall.
-
-Sie war sehr falsch darüber, und während es bisher immer »liebe Frau
-Lembke« hier und »liebe Frau Lembke« da geheißen hatte, hielt sie die
-Nase jetzt so hoch wie der Hund in den Nesseln und ging mit einem
-Gesicht wie sauer Bier an ihr vorbei.
-
-Da nun bei Frau Lembke in der letzten Zeit die Wolken tief hingen, so
-sah es im Hause nach Regen aus, und eines Vormittags, als die beiden
-Frauen allein zu Hause waren, ging das Wetter nieder.
-
-Als das Gewitter auf der Höhe war, wurde die Obertüre aufgestoßen und
-der Bauer sah hinein. Er sagte gar nichts, aber nach dem Mittag sagte
-er Lembke, er solle den Kastenwagen anspannen. Dann legte er Frau
-Grimpe ihren Lohn für den nächsten Monat auf den Tisch und sagte ihr,
-sie könne gehen, und zwar sofort.
-
-Er ging in das Bruch, und als er am Abend wiederkam, war sie fort.
-Frau Lembke wollte ihm erzählen, wie sie sich angestellt habe, aber er
-winkte ab.
-
-Nachdem er gemerkt hatte, wie wenig es Lembke passe, daß er ihm bei der
-Feldarbeit und beim Heumachen half, hatte er entweder für sich Haide
-oder Moor zu Land gemacht oder er hatte Peter Suput bei der Arbeit
-geholfen, der bei Garberdings Häusling war.
-
-Frau Suput segnete den Tag, an dem Volkmann gekommen war, denn nun
-konnte sie sich besser der Kinder annehmen und brauchte sich nicht so
-sehr abzuhetzen.
-
-So standen sich beide Teile gut, denn Suput kannte die Arbeit aus dem
-Grunde und hatte einen anschlägigen Kopf, so daß bei wichtigen Sachen
-der Vorsteher meist fragte: »Peter, was meinst du dazu?«
-
-Da nun der Hilgenbauer sich für keine Arbeit zu gut hielt und Suput bei
-allem half, so kam er in alles, was zu Hof- und Feldarbeit gehört, gut
-hinein, und mehr als einmal sagte ihm der Vorsteher: Ȇbers Jahr, wenn
-Lembke aufhört, kannst du das Leit selber in die Hand nehmen.«
-
-Während der Erntezeit aß Volkmann meist bei Garberdings, und da ihm
-Lembkes von Tag zu Tag weniger gefielen, so saß er späterhin, als
-die schlimmste Arbeit vorbei war, abends meist bei Suput, mit dem er
-sich gut unterhalten konnte, denn der Häusling ging immer nach seinem
-eigenen Kopfe und trat sich überall Richtewege.
-
-Manchesmal glückte ihm das und Volkmann wunderte sich oft, wie
-selbständig der Mann über politische Dinge urteilte; hier und da lief
-Suput aber auch ins Moor und mußte einen großen Umweg machen, bis er
-wieder auf einen festen Weg kam.
-
-Er kannte seine Bibel so gut wie der Pastor oder, wie er meinte, noch
-besser, und da darin nur von einem Sabbat, aber von keinem Sonntag die
-Rede war, so verlangte er von dem Pastor, er solle den Sonnabend zum
-Ruhetage machen. Das konnte und wollte der nicht und da erklärte ihm
-der Häusling: »Dann werde ich mich an das Wort halten, Herr Pastor,«
-zog am Sonnabend sein Kirchenzeug an und setzte sich mit der Bibel
-hinter das Haus, und am Sonntag ging er hin und haute Haide.
-
-Auch sonst hatte er seine Eigenheiten; wenn er zu Pferde war oder
-fuhr, grüßte er keinen Menschen, mochte es sein, wer es wolle, zuerst;
-an seinem ganzen Zeuge war kein Knopfloch und kein Knopf, sondern
-nur Haken und Ösen, und er konnte es nicht leiden, wenn man Blumen
-abschnitt und auf den Tisch stellte.
-
-Er hatte zwei Feldzüge mitgemacht, war dreizehnmal im Feuer gewesen und
-besaß das eiserne Kreuz, trug es aber niemals, weil er nicht hoffärtig
-erscheinen wollte. Er hatte einen Bruder, der in Amerika eine gute
-Farm besaß, und der hatte so lange gequält, bis er auch nach drüben
-ging; nach einem Jahre aber war er wieder da. »Es konnte mir da nicht
-gefallen,« sagte er; das war aber auch alles.
-
-Mit diesem Manne unterhielt sich Volkmann liebendgern, anfangs über
-Bodenbestellung und Viehzucht, dann über Politik und Religion, und
-durch vernünftiges Vorstellen brachte er es dahin, daß Suput zum
-Pastor ging und sagte: »Herr Pastor, ich will es jetzt wieder nach der
-gebräuchlichen Art machen; ich glaube, ich hatte mich verbiestert.«
-
-Das war dem Geistlichen sehr lieb, denn der Häusling war einer der
-tüchtigsten Männer in der Gemeinde, und der Vorsteher war es erst recht
-zufrieden, denn in der hillen Zeit war es ihm oft sehr störend gewesen,
-wenn sein Lehnsmann am Sonnabend ausgeblieben war.
-
-Suput hatte bei dem Zusammenarbeiten mit Volkmann herausgefunden, daß
-dieser jedes Getier und alle Kräuter mit Namen zu nennen wußte, und
-da er von klein auf an draußen gearbeitet und auf alles ein achtsames
-Auge gehabt hatte, so kam er Volkmann fortwährend mit Fragen, die dazu
-beitrugen, daß die Unterhaltung zwischen ihnen nicht abriß.
-
-So sagte er ihm eines Tages: »Als Engelke sich vor dem Moore hier
-anbaute als junger Kerl, da war hier bloß Haide. Da gab es Dullerchen
-und nach dem Moore zu Moormännchen, und in der großen Sandkuhle
-Lochschwalben. Nachher, als das Haus eben fertig war, bauten gleich
-Schwalben, und mit der Zeit kamen auch Spatzen, und als hier Land
-unter den Pflug kam oder zu Wiesen gemacht wurde, da war mit eins auch
-die Singlerche da, alles Vögel, die man auf Ödland doch nicht antrifft.
-Nun bedünkt mich, daß alle diese Vögel, und noch andere, als wie der
-Storch und der Kiebitz und der gelbe Wippsteert, daß sie alle früher
-hier nicht waren und erst zugereist sind, nachdem die alten Deutschen,
-wie es in den Büchern zu lesen ist, hier an die Herrschaft kamen und
-Viehzucht und Feldwirtschaft hier einführten, denn anders kann ich mir
-das nicht erklären. Aber das ist bloß so meine dumme Meinung, weil ich
-davon doch keinen rechten Verstand habe.«
-
-Volkmann mußte lächeln, als der Mann so redete. Ihm, dem Fachzoologen,
-war diese Tatsache, daß die deutsche Tierwelt aus zwei ziemlich scharf
-getrennten Schichten, der des Urlandes und der des Baulandes und der
-Siedelung, bestehe, wohl aufgefallen, aber nachgedacht hatte er darüber
-noch nicht weiter.
-
-Nun saß dieser Häusling da, Peter Suput, rauchte seinen Rippenkanaster
-und stellte eine Theorie auf, die, wenn sie irgendein Gelehrter
-gefunden hätte, wohl Veranlassung gewesen wäre, daß dieser wer weiß wie
-hoch gesprungen wäre, die Theorie von der Quintärfauna; und das hätte
-ein dickes Buch mit vielen Karten und Tafeln und einen großen Aufstand
-in der Zoogeographie gegeben.
-
-Aber Peter Suput hatte noch etwas anderes: »Diesen Sommer hat bei der
-Mühle ein Vogel gebaut, aus dem ich mir nicht klug werden kann. Er
-sieht aus wie ein Wippsteert, ist aber unten gelb. Es ist aber nicht
-der, der auf den Wiesen im Grase brütet und dem Vieh das Ungeziefer
-absucht, sondern er benimmt sich ganz so wie der weiße Wippsteert, und
-was der Hahn ist, der ist schwarz am Halse und das Nest stand unter dem
-hohlen Ufer.«
-
-Der Hilgenbauer war neugierig, ging mit dem Häusling nach der Mühle und
-stellte fest, daß der Vogel die Bergbachstelze war, die er sonst nur im
-Berglande gefunden hatte. Aber als er daraufhin die Augen aufmachte,
-fand er, daß der Vogel weit und breit bei Mühlen und Stauwehren
-brütete, und er schüttelte bei sich den Kopf über Peter Suput und seine
-Beobachtungen.
-
-Durch den Häusling erfuhr er auch, daß der Schulmeister Owerhaide
-für solche Dinge ein Auge habe und allerlei Sachen sammele, die er
-den Kindern zeigte, Steine, Baumfrüchte, Schlangen in Spiritus und
-dergleichen.
-
-Der Lehrer bekam einen roten Kopf, als Volkmann ihn bei Gelegenheit
-bat, ihm die Sammlung zu zeigen, weil er, wie er sagte, davon auf dem
-Seminare so gut wie nichts gelernt hätte, und so war es auch, denn
-er hatte Korn und Kaff durcheinander gesammelt und die Hälfte falsch
-bestimmt.
-
-Um so froher war er, als Volkmann Flachs und Hede auseinanderbrachte,
-jedem Dinge seinen wahren Namen gab und die richtige Reihenfolge
-herstellte.
-
-Drei Dinge aber nahm er heraus: eine alte Münze, deren Ränder wie
-Messing glänzten, eine grüne Schwertklinge und ein schwarzes Steinbeil,
-die alle beim Torfmachen gefunden und dem vorigen Lehrer gebracht
-waren, und sagte:
-
-»Diese drei sind zu schade für eine Dorfsammlung; sie gehören in ein
-großes Museum. Schicken Sie sie versichert an das Bremer Museum und
-bieten Sie sie zum Ankauf an. Sie bekommen dann sicher soviel, daß Sie
-einen Sammlungsschrank für die Schule und einige gute Bücher anschaffen
-können.«
-
-Da der Lehrer und der Schulvorstand damit einverstanden waren, wurde
-die Sache so gemacht, und es kam auch einige Zeit darauf die Antwort,
-daß die Sachen angekommen wären; das Nähere sollte mündlich abgemacht
-werden.
-
-Vierzehn Tage später kam ein Herr mit greisem Bart und jungen Augen
-angefahren, sah sich die Sammlungen an und machte dem Schulvorstande
-folgenden Vorschlag:
-
-Die Schule bekommt zwei Sammlungsschränke, Präparatengläser, gestopfte
-Tiere, eine kleine Heimatbücherei, Nachbildungen der drei Gegenstände
-und tausend Mark bar.
-
-Der Schulvorstand fiel beinahe um, als er das vernahm, und der
-Schulmeister stieg mächtig in Achtung, und Volkmann, von dem man wußte,
-daß er zu dem Angebot geraten hatte, erst recht.
-
-Als er abends mit dem Bremer Museumsleiter bei dem Lehrer saß, erzählte
-er von den Beobachtungen Peter Suputs, und der Professor sagte: »Sie
-sind ja Zoologe; schreiben Sie uns doch darüber. Viel zahlen wir grade
-nicht, aber immerhin etwas.«
-
-Es gab einen großen Aufstand, als die Schränke ankamen, denn sie
-waren so groß, daß sie in der Schule keinen Platz hatten; und da
-die Schulbehörde nichts dawider hatte, so wurde auf Vorschlag des
-Schulmeisters, dem Volkmann das eingeblasen hatte, ein eigener Anbau
-dafür gemacht, der ganz in der alten Art gehalten wurde und in der
-Mitte durchgeteilt war, so daß in dem einen Zimmer die Schränke mit
-den Tieren und Steinen und Heidentöpfen und Büchern untergebracht
-wurden; das andere wurde ganz wie eine alte Dönze gehalten, und es
-dauerte keine acht Tage, da wußte der Lehrer nicht, wo er mit dem
-Urväterhausrat, der ihm zugebracht wurde, bleiben sollte, denn jedes
-Gemeindeglied wollte mit einem Stück darin vertreten sein.
-
-Das Dorf war sehr stolz auf sein Museum, zumal von weit und breit
-Männer kamen, die es sich ansahen und photographierten und die
-Bilder in »Niedersachsen« herausbrachten, und Lehrer Owerhaide wurde
-ein vielgenannter Mann, denn der Hilgenbauer hatte ihm das Wort
-abgenommen, daß von ihm selber nicht die Rede sein sollte.
-
-Er kümmerte sich auch weiter nicht darum, da er dabei war, die Jagd mit
-einem Netz von Pürschsteigen und mit Hochständen zu versehen; er machte
-das ganz heimlich, um den Rechtsanwalt und den Baumeister damit zu
-überraschen, wenn die Jagd auf den Rehbock aufging.
-
-
-
-
-Die Winterkrähe.
-
-
-Damit hatte es aber noch lange Zeit, denn mittlerweile war es Dezember
-geworden. Es war ein harter Winter und der Bauer mußte mit dem
-Steigemachen in der Wohld und durch die Dickungen aufhören, denn die
-Tage waren zu kurz und die Wege zu weit.
-
-Auf dem Felde und im Hofe gab es nichts zu tun, Lembkes ging er aus dem
-Wege, Suput war den ganzen Tag beim Vorsteher, weil der Knecht beim
-Holzabfahren Unglück gehabt hatte und mit einem Gipsverband liegen
-mußte, der Schulmeister hatte sich eine Frau genommen und saß vor dem
-Honigtopfe, Freimut kam ganz selten, da er mehr zu tun hatte, als ihm
-lieb war, und der Baumeister reiste in Ägypten umher.
-
-So war Volkmann meist allein, und wenn er auch ab und zu losging,
-um für den Anwalt einen Küchenhasen zu schießen oder einen Marder
-auszutreten und an der Beeke die Enten zu beschleichen, er hatte doch
-mehr freie Zeit, als ihm gut war. Er packte die Bücherkisten des alten
-Volkmann aus und stellte die Bücher wieder auf, aber zum Lesen hatte er
-wenig Lust.
-
-Wie die grauen Winterkrähen mit den schwarzen Flügeln, die aus dem
-Osten kamen, sich längs der Landstraßen in der Haide umhertrieben und
-über den Dächern des Dorfes quarrten, so flogen aus den entlegenen
-Gegenden seiner Erinnerung, in die die gute Jahreszeit kaum anders als
-im Traume gekommen war, die grauen Gedanken herbei und schlugen mit
-ihren schwarzen Flügeln um ihn her.
-
-Stundenlang konnte er dann, wie er es von drüben gewohnt war, mit dem
-Kopfe auf der Hand auf dem Bette liegen, rauchen und in den Beilegeofen
-sehen, der seine Dönze erwärmte. Als er im Blockhause lag, waren
-Lebleu, der alte Indianer, und Quivive, der Schweißhund, bei ihm
-gewesen.
-
-Gesprochen hatte Lebleu wenig, wenn er, den Kopf mit den spärlichen
-Kinnhaaren auf den Knien, dasaß, rauchte und in das offene Feuer sah,
-während draußen die Uhus schrien und die Wölfe vor Hunger heulten, bis
-Quivive zur Türe hinausfuhr und sie fortbrachte; aber er hatte doch ein
-Herz neben sich gehabt, das an ihm hing.
-
-Denn der Alte liebte ihn, liebte ihn mehr als sein Weib und seine
-vierzehn Söhne, die als Holzhauer, Flößer und Fallensteller sich und
-die Ihren durchbrachten, denn er, den die Händler und Wirte siebenzig
-Jahre um den Ertrag seiner Jagdbeute betrogen hatten, hatte in Volkmann
-zum ersten Male einen weißen Mann gesehen, der Halbpart mit ihm machte.
-
-Er war hungrig und müde in das Blockhaus gekommen, hatte sich, ohne
-ein Wort zu sagen, neben das Feuer gekauert, hatte seine kalten Hände
-gewärmt und kein Auge auf das Wildpret geworfen, das in dem Kessel
-schmorte. Als aber der Trapper die Hirschkeule in zwei Teile schnitt
-und die eine Holzschüssel Lebleu hinschob, ihm Schiffszwieback hinlegte
-und Tee eingoß, da hatte der alte Mann gegessen, bis nichts mehr da war.
-
-Dann setzte ihm Volkmann den hohlen Baumknorren hin, in dem er seinen
-Tabak aufhegte, und der Indianer nahm und rauchte und blies den Rauch
-durch die Nase. Endlich sah er seinen Gastgeber an, zeigte auf das
-kleine scharfe Beil, das er beim Eintreten aus dem Strick genommen
-hatte, mit dem er die alte Soldatenhose auf seinen dürren Lenden
-festhielt, und sagte:
-
-»Ich armes Indianer, du reiches Allemand. Ich wissen Bär, du nicht. Ich
-Baum abhauen, du Bär schießen. Jetzt Lebleu schlafen.« Damit hatte er
-sich in ein paar alte Decken gewickelt.
-
-Am anderen Morgen hatte er gegessen, als hätte er drei Tage nichts
-gehabt; dann waren sie mit dem Schlitten nach einem Bruche gegangen,
-bis der Indianer vor einem hohlen Ahorn stehenblieb, den Stamm ansah
-und sprach: »Ich Beil, du Gewehr, da Bär!«
-
-Dann hatte er Schlag um Schlag getan, daß jedesmal ein breiter Span in
-den Schnee sprang, bis der Baum fiel, der Baribal seinen Kopf aus dem
-Loche steckte und Lüder ihm die Kugel antrug.
-
-Von den vielen Dollarscheinen, die der Wirt des Holzfällerlagers für
-die Haut und einen Teil des Wildprets zahlte, gab der Trapper die
-Hälfte dem Indianer. Der sah ihn erst fassungslos an, steckte dann das
-Geld in seinen Tabaksbeutel und sagte: »Du gutes Freund; armes Indianer
-jetzt reiches Mann.«
-
-Dann verschwand er und als er nach acht Tagen wiederkam, hatte er
-ein Mädchen bei sich, das ein Gesicht hatte, so freundlich, wie der
-Indianersommer, und dessen schwarze, mit Glasperlen durchflochtene
-Zöpfe ihm bis in die Kniekehlen hingen, und er hatte gesagt: »Altes
-Indianer schlechtes Gesellschaft für junges Mann; junges Weib besser.
-Altes Indianer jetzt Biber suchen und Skunks.« Und er war in dem
-Schneegeriesel untergetaucht.
-
-Margerit aber hatte das Feuer geschürt, Schnee zum Tee geschmolzen,
-Wildpret in Scheiben geschnitten und abwechselnd mit Speckfladen auf
-einen Stab gezogen, die Holzteller abgewaschen, die Messer geputzt,
-Brot hingelegt, und dann hatte sie sich vor das Feuer gekauert und
-den Bratspieß so lange über der Glut gewendet, bis Fleischschnitte
-um Fleischschnitte sich krümmte, und jede, die gar war, streifte sie
-herunter und legte sie dem Trapper vor. Als er ihr sagte, sie solle
-auch essen, sah sie ihn groß an und bediente ihn weiter.
-
-Erst, als er gesättigt war, und sie ihm die Pfeife gestopft und einen
-glühenden Zweig gereicht hatte, kauerte sie sich mit dem Gesichte
-gegen die dunkle Ecke des Blockhauses, aß lautlos den Rest von Braten
-und Brot und trank ohne einen Laut eine Tasse Tee durch das Stückchen
-Kandis, das sie zwischen den Lippen hielt.
-
-Anderthalb Jahre war sie die Gefährtin des einsamen Mannes mit der
-verregneten Vergangenheit und der ausgewinterten Zukunft gewesen; wie
-sein Schatten war sie.
-
-Wenn die schwarzen Gedanken um seine Stirne flogen und er auf den
-Hirschdecken lag und rauchend vor sich hinbrütete, dann kauerte sie bei
-ihrer Näharbeit und sah durch ihre langen Augenwimpern mitleidig auf
-ihn; flog aber das schwarze Geflügel von dannen, pfiff er ein Lied und
-nahm das Schnitzmesser her, und sah er sie dann an, dann färbten sich
-ihre Backen rot und ihre Augen waren voll von demutsvoller Zärtlichkeit.
-
-Wenn er sie auf seine Knie zog, dann bebte sie, und wenn er morgens
-erwachte und sich den Nachtschlaf fortgähnte, dann stand sie schon
-neben dem Block, auf dem die Waschbütte mit dem stubenwarmen Wasser
-stand, hatte den aufgetrennten Brotsack in der Hand, der ihm als
-Handtuch diente, und auf dem Feuer kochte die Wildsuppe. Wenn er ihr
-dann lächelnd zunickte und sie heranwinkte, dann glühte ihr Gesicht und
-der Kuß, der seine Stirne streifte, war wie der Hauch des Südwindes,
-der im Mai über das blumige Ufer kam.
-
-»Margerit, meine kleine Margerit!« dachte er und sah auf die
-Ofenplatte, in der das springende Pferd schwarz auf glührotem Grunde
-stand. »Ich war dein Glück und du bist mein Trost gewesen.«
-
-Eines Tages im Mai, als der Waldboden bunt wurde, war ein Handelsjude
-mit seinem Planwagen angefahren gekommen und hatte allerlei Tand
-feilgeboten; Lüder hatte Stoff zu zwei Kleidern für das Mädchen
-gekauft, blitzende Ohrringe und eine funkelnde Brosche, bunte
-Glasperlenschnüre für ihr Haar und allerlei Schürzen und Tücher, eines
-immer greller als das andere.
-
-Margerit hatte durcheinander gelacht und geweint und ihm die Hände
-küssen wollen, wie man es sie als Kind in der Schule gelehrt hatte. Er
-aber hatte sich aus dem Kasten des Händlers noch zwei silberne Ringe
-herausgesucht, an denen keine Steine waren, einen weiten und einen
-engen, und war mit ihr und Quivive nach dem Lager gegangen, wo, wie der
-Jude erzählt hatte, ein Wanderprediger das bißchen Halbchristentum der
-indianischen Holzfäller auffrischte.
-
-Margerit hatte erst gar nicht begriffen, was es heißen sollte, daß sie
-in dem kleinen Zelte vor dem Mann mit dem schwarzen Rocke und den hohen
-Stiefeln neben Lüder hinknien sollte, aber als der fremde Mann sie
-fragte, ob sie des Trappers Lüder Volkmann christliches Eheweib werden
-wollte, da hatte sie ein Gesicht gemacht, als spräche die Stimme des
-großen Geistes zu ihr und hatte am ganzen Leibe gezittert, als sie den
-Ring an den Finger bekam.
-
-Als ihre Brüder und die anderen Holzfäller, die Lüder zu einem
-Festmahle geladen hatte, sie mit einem »Vive 'sjö, vive m'dame«
-begrüßten, ein altes indianisches Hochzeitslied herausgurgelten und
-weiße Waldblumen vor ihre Füße warfen, hatte sie die Augen nicht
-aufgeschlagen und geweint, daß ihr die Tränen über das Gesicht liefen,
-bis Lüder sie oben an den Tisch führte, wo für sie und den Prediger ein
-weißes Tischtuch aufgelegt war; da endlich hatte sie aufgesehen und
-ihre rechte Hand neben seine gelegt, mit der linken Hand über beide
-Ringe gestrichen und ihren Kopf auf einen Augenblick an seine Schulter
-gelegt.
-
-Da hatte plötzlich auch Lebleu dagestanden, zitternd vor Erregung,
-Lüder die Hand gegeben, sich unten an den Tisch gesetzt und so gern
-er sich auch sonst voll und toll trank, keinen Schnaps angerührt, ehe
-Lüder und Margerit aufbrachen; dann aber hatte er sich so voll gesogen,
-daß er drei Tage schlief.
-
-Ein und ein halbes Jahr war Margerit Lüders Frau gewesen; in der
-ganzen Zeit hatte sie ihm nicht ein einziges Mal eine Minute Verdruß
-bereitet, keinmal hatte er sich ihrer zu schämen brauchen, trotzdem sie
-die Tochter eines trunksüchtigen Fallenstellers war und ihre Brüder
-arme Holzarbeiter waren, denn das Stammeshäuptlingsblut, das sie von
-ihrer Mutter her hatte, war stark in ihr geblieben, und seitdem sie des
-deutschen Mannes Ehefrau geworden war, zeigte sie vor der Welt eine
-Würde, als hätte sie nie Waldbeeren in den Lagern feilgeboten.
-
-Eines Tages war ein ganzer Trupp englischer Lachsangler vor dem
-Blockhause erschienen, die Herren in karrierten Anzügen und ihre Damen
-mit seidenen Schleiern an den Panamas, um sich den deutschen Trapper
-anzusehen, der mit einem indianischen Weibe verheiratet war. Margerit
-hatte sie mit Tee, Gebäck und Honig bewirtet und mit so liebenswürdigem
-Hochmute darüber hinweggesehen, daß die Engländerinnen mit Lüder, der
-frisch rasiert war und eine reine Bluse anhatte, recht unverschämt
-liebäugelten, sehr zum Ärger der Männer, daß Volkmann sich das Lachen
-kaum verbeißen konnte.
-
-Die Engländer hatten ihn und sie eingeladen, sie in ihrem Zeltlager am
-Flußeinlaufe der Seebucht zu besuchen, doch hatte er abgelehnt, worüber
-Margerit sehr froh war.
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-Eine Lungenentzündung hatte sie ihm genommen, sie und das Kind, das sie
-erwartete.
-
-Er hatte so manches Mal, wenn er die Sohlen durch den Staub der
-Landstraße schleppte, gedacht, daß das das beste für sie beide war,
-nun aber war er anderer Meinung.
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-Sie, die Frau, die in ihm alles sah, was es auf der Welt für sie
-gab, die nichts wollte, als daß es ihm schmeckte und er sie dafür
-anlächelte, die im Blockhause seine demütige Magd war, die erst aß,
-wenn er satt war, sie war das Weib für ihn, den verlorenen Mann.
-
-Das Mädchen mit dem goldenen Haare und der Stimme, wie Rotkehlchensang
-im frühtaufrischen Walde, deren rotes Blut unter seinem Messer auf
-ihren weißen Fuß geperlt war, was war sie ihm anders, denn ein heller
-Traum in dunkler Nacht, der vor dem scharfen Tageslichte dahinschwand,
-wie der Tau auf der Flur.
-
-Schwarze Fittiche schlugen gegen seine Stirne, und laut quarrten die
-Winterkrähen.
-
-
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-Die Meise.
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-Es war wie ein Gewitterregen nach dürren Wochen für den Bauern, als
-Ende Januar eines Vormittags Freimut auf dem Hilgenhofe auftauchte,
-zwei große Koffer abladen ließ und lostrompetete:
-
-»Sintemalen und alldieweil Aurelie Grimpe geborene Sziembowska,
-geschiedene Juckenack und entlaufene Grimpe durch Abwesenheit glänzt,
-ist ja für mich wohl auf vierzehn Tage Platz. Jetzt ist die Zeit, wo
-die Betze rennt, jetzt wird auf den Fuchs gepirscht und die wilde Aante
-beschlichen. Mann, ich bringe den Vorfrühling mit. Hört, kaum bin ich
-da, so singt die Speckmeise schon im saueren Appelbaum!
-
-Und Mehls ist auf der Strecke. Ha la lit! Da ligget dat Schinneaas
-in'n Graben! Zwei und ein halbes Jährchen wegen qualifizierter
-Qualifiziertheiten in idealer Konkurrenz mit höherer Gemeinerei.
-
-Was gibt es zu Mittag? Weiße Bohnen mit 'nen Schinkenknochen mit was
-daran? Gestern habe ich mich durch acht Gänge durchgehungert und mein
-Trost waren meine Nachbarinnen, die aufgebrochen jede ihre zwei Zentner
-wogen.«
-
-Er legte Volkmann die Hände auf die Schultern, sah ihn an, schüttelte
-den Kopf und sprach: »Stark abgekommen seit dem Spätherbst! Zu
-eintönige Äsung! Zu regelmäßig gelebt! Ist keine Sache für unsereins,
-nur für das Stallvieh, die Philister; wir kriegen die Mauke, geht es
-uns andauernd gut.
-
-Schönewolf läßt grüßen; elende Jagd im Pharaonenlande: Schakale nennen
-sie's, räudige Dorffixe sind es; Nilkrokodile gibt es bloß im Berliner
-Zoologischen Garten lebendig, da unten nur als Mumjen. Hyänen nur im
-Kellnerfrack; alles Schwindel bis auf das, was Cheops und seine blassen
-Nachkommen mimten.
-
-Aber, Mann, Ihr gefallt mir mies; seht ebenso bleich- wie süchtig aus.
-Ja, man soll heiraten; ich tät's auch gern, bin bloß noch zu rüstig.
-Und dann, wer weiß, ob nicht das dicke Ende nachgehinkt kommt. Meine
-liebe Frau Mutter sagt immer: ›Jochimchen, sieh doch bloß zu, daß du
-von der Straße kommst!‹ Ist nicht so einfach, wie es aussieht; ist man
-erst aus dem Schneider, dann sieht man nicht bloß auf die Hübschigkeit.
-Und dann hab' ich so viel zu tun! Weiß der Deuwel, warum die Menschen
-sich nicht vertragen können, daß ich gar keine Zeit habe, mich zu
-verschießen. Hurra, da kommt die Suppe; Mutter, meinen großen Löffel!«
-
-So redete er, indem er Aurelies Dönze mit dem Inhalte seiner Koffer
-verschönte. »Dieses hier wollen wir alles austrinken«, sagte er und
-zeigte auf eine stattliche Reihe blankhäuptiger Flaschen, »und hiervon
-nehme ich nichts wieder mit,« und er wies auf die Zigarrenkisten und
-Konservenbüchsen.
-
-»Und mein Jagdzeug bleibt alles hier; was noch bei Vatter Nordhoff ist,
-das bringen wir heute abend mit. Mann, so tut doch endlich einmal das
-Geäse auf! Sagt nichts und grient, wie ein Honigkuchenpferd! Jawollja,
-Frau Lembke, wir sind da!«
-
-Er setzte sich an den Tisch, schlug eine Klinge wie ein Drescher und
-stöhnte, als er aufhörte, indem er seinen Barbarossabart strich: »Ein
-Segen, daß ich hier nicht immer esse, Frau Lembke, ich paßte sonst in
-keinen Sarg mehr,« und er schlug sie zwischen die Blätter, daß alles an
-ihr wabbelte und Jochen Lembke ein Gesicht machte, wie ein Hund vor der
-Terpentinflasche.
-
-Aber als Volkmann sagte: »Wir wollen nach dem Kronsbruche, denn da
-stecken seit drei Wochen Sauen,« da juchzte der Anwalt los, daß Hund
-und Katz machten, daß sie aus dem Hause kamen, und im Handumdrehen
-hatte er das weiße Zeug übergezogen und storchte los.
-
-Am dritten Tage schoß er einen überlaufenden Frischling und vier
-Tage hinterher eine grobe Sau, zwischendurch ein Dutzend Enten, eine
-Wildgans und drei Füchse, und da er die schlimmsten Prozesse hinter
-sich hatte und mit einem jungen Anwalt zusammenarbeitete, so blieb er
-drei Wochen, ließ den Bauern keine Stunde aus den Fingern und als er
-abfuhr, rief er:
-
-»So, nun seht Ihr doch wieder wie ein deutscher Mann und nicht wie eine
-anämische höhere Tochter aus, und wenn ich zur Balz und zur Murke
-wiederkomme, wünsche ich keinen Rückfall zu erleben, ansonsten ich Euch
-alle Verzierungen abdrehe.«
-
-Seine Kur hatte angeschlagen, oder die längeren Tage hatten schuld, daß
-Lüder das Krächzen der Winterkrähen nicht mehr hörte; jeden Tag schlug
-die Speckmeise im Garten, die Stare schickten ihre Vorboten, an der
-Südwand des Hauses hatte der Haselbusch geflaggt und an der Beeke die
-Eller; es wehte eine andere Luft über dem Bauern, und wenn über seine
-helle Laune auch einmal dunkles Gewölk zog und Schlackerschnee auf
-seine Saaten fiel, im ganzen war er gut zuwege und lag nicht mehr halbe
-Tage da, rauchte und sah auf die Ofenplatte.
-
-Er arbeitete sich in die höhere Tierwelt wieder hinein und schrieb
-sich aus dem Gedächtnisse alles Getier auf, das er über Sommer bei
-Wege angetroffen hatte; als der März kam, der Wald lebendig und die
-Büsche laut wurden, da hatte er genug anzumerken, so daß er, als die
-Feldbestellung wieder anfing und er bei Garberding mithalf, was es nur
-gab, einen zolldicken Stoß Papier mit Beobachtungen gefüllt hatte.
-
-Kam er müde nach Hause, so trug er auf lose Zettel ein, was er hier und
-da gesehen und aus alten Leuten herausgefragt hatte über Vögel, die
-seitdem verschwunden oder selten geworden waren.
-
-So war er nie müßig und eines Tages waren die Winterkrähen nicht nur
-von der Straße, sondern auch aus seiner Erinnerung verschwunden. Es
-machte ihm Freude, daß die Pflugschar ihm immer mehr zu willen wurde,
-er streute den Kunstdünger fast so ebenmäßig wie Suput, der ihm oftmals
-sagte: »Noch ein Jahr, dann kann ich dir nichts mehr lernen.«
-
-Um diese Zeit reiste ein Berliner in der Gegend umher, der großartig
-auftrat und so viel Bier und Wein ausgab, als jeder trinken wollte; er
-hieß Ludwig Neumann und war Bohrunternehmer.
-
-Von Hause aus war er Ingenieur, hatte Glück im Kauf und Verkauf von
-Kuxen gehabt und eine Gesellschaft zusammengebracht, die Öl und Kali in
-der Haide suchte.
-
-Aus allerlei Anzeichen hatte er geschlossen, daß bei Reethagen
-Aussichten vorhanden wären, daß man fündig würde; so steckte er sich
-hinter einzelne Leute und die bearbeiteten andere und die wieder
-noch welche, so daß er fast von zwei Dritteln der Gemeindemitglieder
-Vorverträge in den Händen hatte.
-
-Er kam auch auf den Hilgenhof, trat sehr bescheiden auf, versprach
-goldene Berge, richtete aber vorläufig bei dem Bauern nichts aus, weil
-der den Vorvertrag nicht unterschrieb. Volkmann ging vielmehr sofort zu
-dem Vorsteher, bei dem der Berliner noch nicht gewesen war, weil ihm
-gesagt wurde, das wäre ein ganz altmodischer Mann und nicht anders für
-das Unternehmen zu haben, als wenn ihm das Feuer von drei Seiten käme.
-
-»Hm,« brummte Garberding, »soll die Schweinerei hier auch losgehen?
-Wenn hier erst Bohrtürme stehen, dann haben wir das Leit aus der Hand
-gegeben. Zu leben haben wir alle, und die nichts haben, die stehen sich
-dann noch schlechter, dieweil das Werk doch bloß lauter Pollacken,
-Krabatten und anderes Tatternvolk heranzieht.«
-
-Als der Unternehmer abgereist war, berief der Vorsteher eine allgemeine
-Gemeindeversammlung, zu der jeder seinen Vorvertrag mitbrachte, und
-da stellte es sich heraus, daß die Verträge sehr verschieden waren,
-je nachdem das Land lag und auch insofern, als Neumann mit einem
-hellen Manne oder mit einem zu tun hatte, der sich in die Sache nicht
-hineinfinden konnte.
-
-Das ärgerte diejenigen, die dabei nicht so gut gefahren waren, ganz
-gewaltig; als der Berliner nun wieder ankam, merkte er bald, daß jetzt
-der Wind von Mitternacht wehte.
-
-Nun hatte er den Krüger Fürbotter in Schedensen, dem ein kleines
-Anwesen in Reethagen gehörte, ganz auf seiner Seite, zum ersten, weil
-er dort viel verzehrte und oft über Nacht blieb, dann aber auch, weil
-der Krüger sich für seine Wirtschaft viel Gewinn aus dem Unternehmen
-versprach.
-
-Dieser Mann hatte es ihm hinterbracht, daß der Hilgenbauer es war,
-der es herausbekommen hatte, daß die Verträge so ungleich waren.
-Deshalb hing sich Neumann nun an Volkmann und suchte ihn zu sich
-herüberzuholen; als er damit kein Glück hatte, ging er daran, ihm die
-Wurzeln abzugraben.
-
-Er wohnte nämlich in Hannover, wo er sein Hauptquartier hatte, bei
-Aurelie Grimpe, die sich mit Abvermieten durchschlug, und die hatte ihm
-über die Leute in Reethagen manchen nützlichen Wink gegeben und auch
-über den Hilgenbauer, dessen Vorleben sie mittlerweile in Erfahrung
-gebracht hatte.
-
-Volkmann merkte nach und nach, daß ihn einzelne, dann immer mehr Leute
-von der Seite ansahen, glaubte aber, da er seine Anforstungen im Kopfe
-hatte, das seien nur die Bauern, die wegen des Bohrvertrages anderer
-Meinung waren als der Vorsteher und er; so gab er darauf nichts.
-
-Mit der Zeit wurde es aber doch auffällig, und schließlich rückte
-Nordhoff damit heraus, was im Dorfe erzählt würde.
-
-Der Hilgenbauer war von dem Tage an, da er das Erbe antrat, darauf
-gefaßt gewesen, daß sein Unglück sich wieder zu ihm hinfinden werde,
-aber es biß ihm doch in das Herz, daß Leute, denen er vielfach gefällig
-gewesen, ihm aus dem Wege gingen oder die Zähne nicht auseinander
-bekamen, wenn sie an ihm vorbeigingen.
-
-Sogar Suput und seine Frau waren anders als vordem, denn als er sich
-dazu erbot, dem Häusling wieder Arbeit abzunehmen, wußte der immer
-einen Ausweg zu finden.
-
-Lüder hatte es im Sinne behalten, daß er sich an den Vorsteher wenden
-sollte, wenn es soweit kam, aber den wollte er darum nicht angehen,
-weil es Garberding nicht gut ging, indem er eine schwere Erkältung
-nicht loswerden konnte.
-
-So tat er, als sei ihm alles gleich, ging an jedem, der nicht so war
-wie früher, ohne Gruß vorbei, plaggte Haide ab, warf im Bruche Gräben
-aus und sagte sich, daß die Leute schon zu Vernunft kommen würden,
-zumal mehrere unter ihnen waren, die auch kein reines Hemd anhatten.
-
-Um diese Zeit kam Lembke ihm etliche Male von hintenherum mit einer
-Verlängerung der Pacht, doch schlug der Bauer darauf nicht zu, und
-nun hängte erst Lembke und dann andere Besitzer den Jagdpächtern
-Wildschadenklagen an den Hals, und was früher keinmal vorgekommen
-war, Jagdstörungen und Vergrämen des Wildes, das begab sich von da ab
-fortwährend.
-
-Da aber die Jagd groß genug war, so ließen sich die Pächter in der
-abgelegensten Ecke eine Jagdbude bauen. Eines Tages brannte sie ab und
-acht Morgen Haide und Fuhren mit ihr, und obzwar es augenscheinlich
-war, daß böswillige Brandstiftung vorlag, setzte Fürbotter es doch
-durch, daß die Gemeinde Schedensen, zu der das ausgebrannte Stück
-Haidland gehörte, gegen Schönewolf und Freimut auf Schadenersatz
-klagte, wobei allerdings nichts anderes herauskam, als daß die
-Gemeindekasse ein gutes Stück Geld dabei zusetzte.
-
-Da nun der Baumeister und der Rechtsanwalt, so überlegte Fürbotter,
-durch ihren Verkehr mit Volkmann diesem immer noch bei vielen Leuten
-von Nutzen waren, so mußte ihnen die Jagd auf andere Weise verekelt
-werden.
-
-Im Kruge zu Schedensen, der an der Landstraße lag, kehrte allerlei Volk
-ein und da der Berliner gesagt hatte: »Der Kerl muß von dem Hilgenberg
-herunter, und wenn es tausend Mark kostet,« so stand bald kein Hochsitz
-mehr, alle guten Wechsel waren verstänkert, alle Dickungen lagen voll
-von Zeitungspapier, und schließlich verlangte erst Schedensen, dann
-Breeden und schließlich auch Reethagen, da Garberding in Andreasberg
-war, weil seine Lunge nicht so wollte, wie sie sollte, und die
-Kalipartei auf diese Art die Hand am Henkel hatte, die Jagdpächter
-sollten den Wildstand auf ein Zehntel verringern, widrigenfalls sie
-nicht darauf rechnen könnten, daß sie die Jagden wieder bekämen.
-
-Volkmann tat es in der Seele weh, daß die beiden Männer seinetwegen
-soviel Mißgunst ausstehen mußten, und er erklärte eines Abends, er
-wolle wieder in die Welt.
-
-Aber da ging Freimut in die Luft: »Das fehlte noch gerade! Nun erst
-recht nicht! Und wenn ich die Büchse für immer an den Nagel hängen
-soll; so bin ich nun doch nicht gebaut, daß ich vor dieser Berliner
-Quadratschnauze und diesem Pottekel von Fürbotter über den Zaun gehe.
-
-Ihr habt mir ja einmal erzählt, wie Euer Freund Lebleu es mit den
-Stinktieren machte. Skunk gut, wenn Mann zu Skunk gut. So sagte er,
-ging hin, verrammelte den Bau mit Schnee, goß warmes Wasser darauf und
-ließ es überfrieren, und am anderen Tage fiel es keinem Skunk mehr ein,
-sich übel zu benehmen; tot waren sie alle. Stinktiere muß man sachte
-behandeln, damit sie erst gar nicht dazu kommen, sich penetrant zu
-benehmen.
-
-Laßt mich nur machen. Wenn Euch in der nächsten Woche ein kleiner
-Mann, der einen roten Bart und ein Schmetterlingsnetz hat, über die
-Kleewiese läuft, so schnauzt ihn vor allen Leuten so grob wie möglich
-an, denn das ist unser Bureauvorsteher, Herr Meisel, der früher
-Kriminalschutzmannsanwärter war, aber hinausflog, weil er einmal in
-Gedanken eine seltene Motte fing, unterdessen ihm ein ganz gemeiner
-Taschendieb unter dem Hute fortflog. Er sollte sowieso Urlaub haben;
-nun kann er das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden.«
-
-Der Plan war nicht schlecht; Meisel kam, lief Volkmann durch die
-Kleewiese; wurde angeschnauzt, rannte nach Schedensen zu Fürbotter, bei
-dem er wohnte, schimpfte Mord und Brand über den groben Kerl auf dem
-Hilgenberge, machte die Bekanntschaft von Neumann und Lembke und von
-jedem, der auf Volkmann nicht gut zu sprechen war, gab fleißig Runden
-aus, schwatzte so viel Unsinn, daß ihn Fürbotters Gäste für dümmer
-als eine Kuh hielten und sich vor ihm kein bißchen in acht nahmen,
-steckte der Magd ab und zu einen Groschen in die Hand und reiste mit
-dem Versprechen, bald von sich hören zu lassen, ab.
-
-Acht Tage später fuhr Freimut bei Fürbotter vor, ging in das
-Vereinszimmer, bestellte sich Rehbraten und Rotwein, aß und trank und
-bat den Wirt, mitzuhalten, und dann sagte er ihm: »Herr Meisel ist mein
-Bureauvorsteher; bitte, behalten Sie gehorsamst Platz! und Sie sind ein
-großer Schweinehund. Laufen Sie bitte nicht fort! Ich habe noch mehr in
-der Tüte.
-
-Sie haben veranlaßt, daß gewisse Leute, die Namen habe ich alle im
-Taschenbuche, die Hochsitze abgerissen haben; Sie werden auch wissen,
-wer das Jagdhaus angesteckt hat. Nein? Na, vielleicht hilft der
-Staatsanwalt Ihrem Gedächtnis nach.
-
-Sie haben ferner durch Ihre Leute uns bei Ausübung der Jagd gestört;
-in drei Fällen kann ich den Nachweis führen, macht Summa Summarum
-hundertachtzig Mark. Sie haben gesagt, ich sei ein Säufer, und
-Garberding halte es mit seiner Magd, und haben von dem Baumeister
-erzählt, er habe übergejagt, und außerdem haben Sie seit Jahren
-gewilderte Rehe gekauft, und das ist Hehlerei und darauf steht
-Zuchthaus!
-
-Und wenn Sie nun nicht herumgehen und alles wieder in die Reihe
-bringen, erstens die Rederei über Volkmann und das mit der Jagd, dann
-ziehen Sie bitte gleich fünf Groschen mehr ab, damit Sie sich einen
-Strick kaufen können, denn so wahr ich Joachim Freimut heiße und in
-Kolberg an der Persante geboren bin, ich werde dafür sorgen, daß Sie
-auf einige Jahre auf Staatskosten in Celle verpflegt werden.
-
-So, und nun bringen Sie mir ein Glas Bier mit, aber ein großes, denn
-nach solcher schönen Rede wird man durstig. Der Wein war übrigens gut
-und der Rehbraten auch; ich glaube, das kommt daher, weil er in meiner
-Jagd gewachsen ist.«
-
-Genau so wie bei Fürbotter, ging Freimut mit Lembke und noch einigen
-anderen Leuten um; nach einigen Tagen wehte der Wind anders in den drei
-Dörfern.
-
-Als der Anwalt abfuhr, trank er bei Fürbotter ein Glas Bier, gab ihm
-die Hand und sagte: »Halten Sie sich munter; auf Wiedersehen!«
-
-
-
-
-Der Markwart.
-
-
-Nachdem die Kalipartei es wieder für angemessen hielt, dem Hilgenbauern
-Gruß und Handschlag zu bieten, tat dieser, als wäre nichts vorgefallen,
-hielt sich aber von diesen Leuten zurück, soweit es eben ging.
-
-Zu Herzen hatte er sich nur das Benehmen des Ehepaares Suput genommen,
-und wenn der Häusling auch versuchte, wieder an ihn heranzukommen,
-Volkmann ließ ihn höchstens über die Halbtüre reden.
-
-Das war für Suput besonders ärgerlich, weil Lüder für die nächste Zeit
-Herr über ihn war. Der ging alle paar Tage bei Frau Garberding vor,
-teils um zu fragen, wie es dem Vorsteher gehe, anderseits, weil er sich
-gern mit ihr etwas erzählte, denn sie war wie eine Mutter zu ihm.
-
-Als er ihr klagte, daß er manchmal nicht genug zu tun hätte, weil
-Lembke ihn aus guten Gründen nicht an die Arbeit heranließ, meinte sie
-mehr aus Scherz denn im Ernst: »Ja, mein Jung', dann kannst du ja hier
-so lange den Bauern spielen, bis Garberding wieder da ist; mir wird
-das zuviel, wo ich so schlecht auf den Füßen bin, und es geht allerlei
-verkehrt, wenn man nicht überall selbst dabei ist.«
-
-Er schlug sofort ein, ließ noch am selben Tage seine und Ramakers
-Sachen holen, denn Frau Garberding räumte ihm die Gastdönze ein und
-stellte den Knecht für den Sommer an, weil sehr viel zu tun war. Nun
-gab es eine fröhliche Zeit für ihn. Er stand als erster auf dem Hofe
-auf, sah überall nach dem Rechten, verteilte die Arbeit, faßte mit an,
-wo es nötig war, und lernte in dieser Zeit mehr als bisher.
-
-Suput ging mit scheuen Augen an ihm vorbei und machte sich wegen seiner
-Schlechtigkeit allerhand Vorwürfe.
-
-Die Erntezeit war für den Hilgenbauer ein Fest; er war von früh bis
-spät im Gange, arbeitete wie im Stundenlohn, aber je mehr er schanzte,
-um so heller wurden seine Augen, um so leichter sein Gang.
-
-Ramaker sah ihm oft bewundernd nach und sagte zu Suput: »Es ist
-gerade, als wenn das, was anderen Leuten die Knochen krumm macht, ihn
-aufrichtet.« Suput nickte nur, denn vor Ramaker hatte er Angst.
-
-In der Zeit, als über den Hilgenbauer im Kruge einmal dreckig geredet
-wurde, hatte Ramaker ihm auf dem Heimwege gesagt: »Du bist auch so'n
-Ducknackscher; die halbe Arbeit hat er für dich getan, und jetzt
-sitzest du da und sagst nichts dagegen, was die andern reden. Mit dem
-Munde bist du ja mehr als fromm, aber das macht es nicht allein. Und
-für solche Leute bedanke ich mich schönstens.«
-
-Aber nicht allein die Arbeit machte den Hilgenbauer frisch und
-fröhlich, sondern zumeist der Umstand, daß er sich zu einer Frau
-aussprechen konnte, der er zugetan war.
-
-So lächerlich die riesige Frau mit dem gewaltigen Leibe und dem
-winzigen Haarknoten auch auf den ersten Blick wirkte, zumal, wenn sie
-mit ihrer dünnen Kinderstimme anfing zu sprechen, sie hatte ein Herz
-von Gold und Verstand für dreie.
-
-Nichts machte ihr mehr Vergnügen, als aufzutischen; ihre größte Freude
-war, wenn sie irgendwo helfen konnte, und bei jedem Wochenbette und in
-jedem Krankenzimmer war sie anzutreffen.
-
-Mut hatte sie wie ein Mann. Damals, als das Gerede über Volkmann im
-Kirchspiele umging, hatten nach der Kirche in der Wirtschaft mehrere
-Bauernfrauen auf ihre Männer gewartet, die wegen des Moorkanals noch
-eine Besprechung hatten, und da war es über Volkmann hergegangen.
-
-Mit einem Male hatte Frau Garberding gesagt: »Es war bislang hier nicht
-Landesbrauch, gleich nach der Kirche seinem Nächsten gegen den Rock zu
-spucken. Und was den Hilgenbauer anbetrifft: hätte der Herr mir Kinder
-beschert und es wäre eine mannbare Deern dabei, und der Hilgenbauer
-würde sie zur Frau verlangen, Garberding und ich würden mit Freuden
-unser Jawort dazugeben.
-
-Ich weiß ganz genau, was es mit ihm für ein Bewenden gehabt hat, aber
-deswegen freue ich mich doch jedes einzige Mal, wenn er bei uns kommt.«
-Als man in sie drang, sie solle erzählen, was sie wisse, sagte sie:
-»Das tu' ich nicht; deswegen hat Garberding mich das nicht wissen
-lassen.«
-
-Da Volkmann irgendeine Entschädigung für seine Hilfe ablehnen würde,
-wie sie annahm, strickte sie ihm Strümpfe, ließ ihm Hemden und
-Unterzeug machen, woran es ihm fehlte, und er nahm das dankend an, denn
-es war ihm, als käme es von seiner Mutter.
-
-Wenn sie beide allein waren, erzählte er ihr von seinem Leben in den
-kanadischen Wäldern und sie weinte still vor sich hin, als sie die
-Geschichte von der kleinen Margerit vernahm.
-
-Als dann eines Abends Lüder ihr sein Herz ganz ausschüttete und ihr
-haarklein erzählte, warum er keinen heilen Namen mehr habe, wuchs er
-ihr vollends in das Herz, und ihr war, als wenn es ihr eigener Sohn
-wäre.
-
-Da er in Kleidung und Gebaren ganz zum Bauern geworden war, sah sie
-sich im Kirchspiele nach einer Frau für ihn um und ließ sich bald auf
-diesen, bald auf jenen Hof fahren, setzte es durch, daß Lüder sie dabei
-begleitete und freute sich, wenn sie bemerkte, daß manches wohlhabende
-Bauernmädchen auf ihn mit Wohlgefallen sah.
-
-Als sie aber einmal ganz von weitem die Rede darauf brachte, daß es
-an der Zeit wäre, daß er sich eine Frau nähme, und er nicht darauf
-zuschlug, nahm sie vorläufig davon Abstand.
-
-Zu Jakobi hörte Volkmanns Pachtzeit auf, und nun zogen Volkmann und
-Ramaker wieder auf den Hilgenhof; anfangs führte eine Witfrau mit ihrer
-fünfzehnjährigen Tochter ihm den Haushalt.
-
-Im Januar kam Ramaker nach langem Drucksen damit zutage, daß er ein
-Mädchen an der Hand habe, eine Kätnertochter aus Breeden, und wenn der
-Bauer nichts dawider habe und ihn dann noch behalten wollte, so möchten
-sie wohl bald heiraten.
-
-Lüder paßte das sehr gut, besonders, als er das Mädchen kennengelernt
-hatte, denn Frau Könnecke war mürrischer Art und nicht gewöhnt, abseits
-vom Dorfe zu leben.
-
-So richtete denn Volkmann das Häuslingshaus her, in dem bislang die
-alten Lembkes gewohnt hatten, Frau Garberding steuerte aus ihrem
-Wäscheschrank Ramaker aus, und Ende Februar konnte gefreit werden.
-
-Die junge Frau war freundlich und fleißig und nahm es mit Freuden
-an, daß sie das Wohnhaus mit in Ordnung hielt und dort gleich für
-alle kochte und der Einfachheit wegen aßen die drei Leute da meist
-miteinander. Auch abends blieben sie oft zusammen, falls Volkmann nicht
-Frau Garberding besuchte, und er las dann seinen Leuten aus irgendeinem
-guten Buche vor, bis es Schlafenszeit war.
-
-So verging der Winter in Ruhe und Frieden und der Bauer hörte keinmal
-mehr das Fuchteln der schwarzen Flügel vor seiner Stirn, zumal er in
-seiner freien Zeit an einer naturwissenschaftlichen Arbeit schrieb und
-nebenher die Geschichte der alten Bauerngeschlechter von Reethagen,
-Breeden und Schedensen zusammensuchte.
-
-An einem schönen Sonntag vormittag im April saß der Bauer mit einem
-Buche in der Hainbuchenlaube und sah dem Eichelhäher zu, der zwischen
-dem Holze und dem Grasgarten hin und her flog, weil er im Garten
-Hühnerfedern suchte; er hatte den Vogel gern, der im Walde zwar das
-Wild vor dem Jäger warnte, dafür diesem aber auch den Fuchs und den
-Bock meldete und dem die Bauern deshalb den Namen Markwart gegeben
-hatten. Er ergötzte sich an dem bunten Narren, der mit gesträubter
-Holle auf dem Rasen umherhüpfte und sich fortwährend scheu umsah, als
-wären ihm die Federn nicht gegönnt.
-
-Plötzlich duckte er sich, kreischte auf und strich ab. Schritte kamen
-über den Steinweg, die Pforte klinkte auf, und als der Bauer aufsah,
-kam der Vorsteher mit freudigem Gesichte auf ihn zu und streckte ihm
-beide Hände entgegen:
-
-»Du sollst auch vielmals bedankt sein, Lüder,« rief er und schüttelte
-Volkmann die Hände, »für den vielen Beistand, den du mir geleistet
-hast. Das muß ich sagen: es ist alles so in der Reihe, als wenn ich
-selber da war. Suput sagte: »Ja, der, der ist jetzt ein ganzer Bauer.«
-Na, und Suput macht schon allerlei Ansprüche.
-
-Na, und dir geht es gut, das sehe ich, und mir auch, wenn ich auch
-wohl niemals wieder der Kerl von früher werde. Jetzt heißt es Schritt
-fahren, wenn ich über den Berg kommen soll. Mein seliger Vater hat es
-auch an der Lunge gehabt, und hat mit vierzig von uns fort müssen.
-
-So, und wenn du kein besseres Mittag hast, dann möchtest du zu uns
-kommen; ich habe aus Hannover einen ganz gefährlichen Kalbsbraten
-mitgebracht, und Trina sagt, den kriegen wir allein nicht auf.
-
-Hier hast du übrigens auch alles gut im Stande; nun fehlt bloß noch
-eine glatte Frau und denn ist alles richtig.«
-
-Lüder nahm mit Dank an, und dann gingen sie langsam durch die Haide.
-Als sie an dem Graben waren, der die Grenze zwischen der Hilgenhofer
-Haide und der des Vorstehers war, blieb Garberding stehen, sah Volkmann
-an und sagte: »Weißt du, was heute für ein Tag ist? Vor zwei Jahren
-standen wir zum ersten Male hier.«
-
-Als er weiterging, setzte er hinzu: »Du hast mir damals gleich gefallen
-und meiner Trina auch. Junge, wenn die nicht auf die sechzig ginge, ich
-könnte es wahrhaftig mit dem Übelnehmen kriegen: sie redet von nichts
-weiter, als von dir; ich bin jetzt man Handpferd geworden.«
-
-Er sah sich in der Haide um: »Ja, es ist doch man einmal schön hier bei
-uns. Da oben auf dem Harze, ich weiß nicht, schön ist es da ja wohl,
-und auch die Leute können mir ganz gut gefallen, und gesund ist es da
-auch für die Lunge, aber leben möchte ich da nicht. Man stößt mit den
-Augen meist überall gegen die Berge und denn redet mir das Volk auch
-zuviel. Und die Unruhe, die Unruhe! Selbst im Winter ist da alles voll
-von Stadtleuten, die vor Langerweile mit Kinderschlitten die Berge
-herunterrutschen oder sich mit den unklugen Schneeschuhen abmarachen,
-als wenn sie dafür bezahlt werden. Da ist es hier doch besser. Wie
-schön der Post riecht und das Birkenlaub! Der Doktor meinte, ich sollte
-noch dableiben, aber ich sagte ihm: Dann werde ich wieder krank.«
-
-Er blieb wieder stehen und atmete mühsam: »Nun erzähl du; gehen und
-sprechen zusammen kann ich nicht mehr.«
-
-Volkmann teilte ihm alles Wichtige mit, auch über das Kesseltreiben,
-das man gegen ihn veranstaltet hatte, und auf welche Weise Freimut sich
-dabei benommen hatte. Der Vorsteher lachte im Halse; einen Teil hatte
-er von seiner Frau schon vernommen, und er freute sich, daß Volkmann so
-gut dabei abgeschnitten hatte.
-
-Nach dem Mittag ließ Garberding sich den Liegestuhl, den er sich
-mitgebracht hatte, in den Garten stellen und sagte: »Da liegt man nun
-zugedeckt, als wie ein Wiegenkind, und sieht ein Loch in den Himmel.
-So, nun schmök mir was vor; ich habe es mir abgewöhnen müssen; es geht
-auch so.
-
-Jetzt wollen wir einmal die alte Bohrgeschichte besprechen. Der
-Mann, Neumann heißt er ja wohl, läßt nicht locker und hat hier einen
-Vorvertrag geschickt, der für die politische und für die Realgemeinde
-gültig sein soll, damit ich ihn in der Gemeindeversammlung vorlegen
-kann. Ich habe ihn zehnmal und mehr durchgelesen, und ich glaube, so
-ganz uneben ist er gerade nicht. Hier ist er!«
-
-Volkmann las die dreißig Abschnitte des Vertrages durch, fand aber
-bald mehrere Stellen, die für die Gemeinde gefährlich werden konnten,
-und deshalb schlug er vor, die Landwirtschaftskammer in Hannover solle
-über den Vertrag erst ein Gutachten abgeben. Nach acht Tagen kam der
-Vertrag zurück und ein anderer dabei, der auf den von der Kammer
-entworfenen Mustervertrag zugeschnitten war, und mit dem sich die
-Gemeindeversammlung zufrieden erklärte.
-
-Der Berliner machte ein Gesicht, wie der Hund zu dem Zaunigel, als ihm
-gesagt wurde: So oder überhaupt nicht! reiste ab, um den Vorvertrag
-seiner Gesellschaft vorzulegen, und nach vierzehn Tagen fand die
-Versammlung statt, in der die Annahme erfolgen sollte.
-
-Der Wind hatte drei Tage von Morgen geweht, und die Luft war voller
-Staub; das war günstig für Neumann, denn so wurde von Anfang an scharf
-getrunken. Er hatte seine Getreuen schon die Tage vorher aufgesucht und
-die hatten die anderen bearbeitet.
-
-Als der Vorsteher und der Hilgenbauer in den Krug kamen, war der Saal
-blau von Tabaksdampf und viele Köpfe waren rot. Neumann schmiß einen
-kalten Blick nach den beiden Männern, stürzte dann auf sie zu, lächelte
-süß, drückte ihnen die Hände und sprudelte los: »Wir müssen noch ein
-Augenblickchen warten, es sind noch nicht alle da.«
-
-Garberding sah nach der Uhr: »In zehn Minuten fange ich an; auf drei
-Uhr ist angesetzt. Danke,« fuhr er fort, als ihm der Ingenieur ein
-Glas Wein hinstellen wollte, »ich bin um diese Zeit Kaffee gewöhnt und
-Alkohol darf ich überhaupt nicht mehr.«
-
-Auch Volkmann bestellte sich Kaffee, und die großen Bauern riefen einer
-nach dem anderen: »Nordhoff, mir auch,« und sie setzten hinzu: »Es geht
-um Tausende und da ist es besser, man bleibt bei Verstand.« Schließlich
-trank alles Kaffee, und Neumann sah grün im Gesichte aus.
-
-»Bevor ich den Vertrag verlesen lasse, frage ich an, ob jemand vorher
-einen Antrag zu stellen hat?« rief der Vorsteher.
-
-Volkmann stand auf: »Ich beantrage zweimalige Lesung; in der zweiten
-Lesung Einzelabstimmung über jeden Abschnitt.« Der Berliner lächelte
-gezwungen, als der Antrag gegen drei Stimmen durchging.
-
-»Hat noch jemand einen Antrag?«
-
-Wieder stand Volkmann auf. »Ich beantrage, daß die Versammlung
-beschließen möge, daß die Bohrungen nicht in der Feldmark und auf den
-alten Wiesen, sondern nur in der Haide unter dem Dorfe, im Bruche und
-im Moore stattfinden sollen.«
-
-Die Bohrgarde murrte, aber Volkmann fuhr fort: »Ich war letzte Woche in
-Wietze-Steinförde; da sieht es bunt aus; der Bauer hat da gar nichts
-mehr zu sagen; vor dem Wohnhause hat er den Fallmeißel und dahinter
-die Sonde. Ich will gegen den Wert der Bohrungen im allgemeinen nichts
-sagen, aber Segen bringen sie uns nicht. Zu leben hat jeder von uns
-hier, und Geld, das einem so zufällt und nicht erworben wird, das
-bleibt nicht.
-
-Wo ist der Ölheimer geblieben? Vor die Hunde ist er gegangen mitsamt
-seinem Gelde. Was ist aus der Familie Janke geworden? Der Alte ist über
-dem vielen Gelde verrückt geworden, und der Junge hat sich scheiden
-lassen von seiner Frau und lebt mit so einem Weibsstück.
-
-Ihr sollt sehen, steht hier erst alles voller Bohrtürme, dann müßt ihr
-tanzen, wie die Gesellschaft flötjet!
-
-Und ob eure Frauen und Töchter dann noch alleine über die Landstraße
-gehen können, das ist sehr die Frage. Es ist jetzt schon schlimm genug
-in der Haide; Messerstechereien sind jetzt an der Tagesordnung, und
-Raubanfälle und Einbrüche auch.
-
-Hier,« er holte eine Zeitung heraus und ließ sie rund gehen, »das
-ist der dritte Lustmord in zwei Jahren bei uns! Früher wußte man von
-solchen Greueltaten hier nichts; aber seitdem Pollacken und Kroaten
-und Italiener hier herumlaufen, ist kein Frauensmensch seines Lebens
-mehr sicher.
-
-Und deswegen haben der Vorsteher und ich es uns vorgenommen: Wir beide
-schließen nicht ab.«
-
-Ehe er sich noch gesetzt hatte, sprang Neumann auf und wollte
-lospoltern, doch der Vorsteher winkte ab: »Herr Neumann, Ihre Ansicht
-kommt hier nicht in Frage. Wir wollen jetzt die Abschnitte verlesen.
-Ihr seid es wohl zufrieden, daß Volkmann das tut; mir ist das viele
-Reden nicht gut.«
-
-Neumann biß sich auf die Lippen; er hatte geglaubt, daß man ihm das
-Vorlesen überlassen werde. Die Abschnitte eins, zwei und drei waren
-verlesen, als Volkmann aber den vierten verlesen hatte, bat er um
-das Wort: »In dem Vorvertrage steht, daß jeder Besitzer für jeden
-angebrochenen Morgen entschädigt wird; hier aber ist zu lesen: für
-jeden Morgen.«
-
-Neumann wurde blaß, denn die Bauern stießen sich an und sahen kalt
-zu ihm hin. Volkmann fuhr fort: »Der Unterschied ist sehr wichtig,
-denn nach der neuen Schreibart sind wir die Dummen, indem wir, wenn
-ein Bohrloch oder sonst etwas nicht so viel Platz einnimmt, daß es
-einen Morgen ausmacht, wir keinen blanken Pfennig bekommen. Und solche
-Sachen stehen mehr in dem neuen Vertrage, trotzdem Herr Neumann sagte,
-seine Gesellschaft habe nur hier und da die Schreibweise ein bißchen
-verfeinert.
-
-Kurz und gut: wir sollen hier über den Löffel balbiert werden, denn wir
-sind ja man bloß dumme Haidbauern und das da in Berlin sind vornehme
-Herren. Sehr vornehme Herren sind es, denn sie wollen ja nur unser
-Bestes, nämlich unser Geld.«
-
-Ein Hohngelächter schallte durch den Saal und sogar Nordhoff meckerte
-laut los.
-
-»Ist richtig!« »So ist es!« »Das ist die Wahrheit!« »Schwindel!«
-»Betrügerei!« so schrie es, und selbst die Neumannsche Leibwache
-stimmte mit in das Hohngelächter und das Entrüstungsgepolter ein.
-
-Der Berliner, der vor Aufregung zu hastig getrunken hatte, sprang auf
-und kreischte: »Ist das eine Art und Weise von 'ner Sache! Einen hier
-erst herlotsen und dann zum Narren halten? Und wer ist denn der Herr,
-der Sie um die schöne Entschädigung bringen will? Ist es ein Bauer,
-ist es einer von Ihnen? Fragen Sie im Celler Zuchthause an, wer es ist!«
-
-Weiter kam er nicht. Alle Bauern bis auf den Vorsteher und Volkmann
-sprangen auf und es war ein Gebrüll, daß Frau Nordhoff in der Küche
-schrie: »Herr im hohen Himmel, das gibt Mallör!«
-
-Nordhoff schloß schnell die kleine Tür auf und als der Agent noch reden
-wollte, schob er ihn ziemlich unsachte hinaus.
-
-»I so 'n Lümmel,« sagte der Vollmeier Röpke; »so 'n Lümmel! Nordhoff,
-nun aber schnell Bier. Es ist man ein Segen, daß der Klabautermann sich
-dünne gemacht hat, denn mir fing die Hand schon an zu jucken.«
-
-Als jeder Bier hatte, rief der lange junge Mann: »Unser Freund
-Volkmann, der uns vor schwerem Schaden bewahrt hat, er soll leben vivat
-hoch und abermals hoch und zum dritten Male hoch.«
-
-Während alle mit dem Hilgenbauer anstießen, hub der Schneider Fricke,
-der kein Freibier vertragen konnte, mit seinem verschossenen Tenor zu
-singen an: »Er lebe hoch, hoch, hoch!« denn er war Mitbegründer des
-Gesangvereins Reethagen.
-
-
-
-
-Die Nachtigall.
-
-
-Weiter in der Umgegend hatte der Agent mehr Glück gehabt. Von
-Schedensen und Breeden aus konnte man die schwarzen Bohrtürme in den
-grünen Feldern sehen.
-
-Wenn die Bauern aus den Nachbardörfern nach der Kirche erzählten,
-welche Einnahmen sie jetzt schon aus den Bohrverträgen hätten,
-dann kauten die Bauern von Schedensen und Breeden taub und manche
-Reethagener auch; aber der Berliner hatte von Reethagen ein so
-schlechtes Bild gemacht, daß sich dort kein Agent mehr sehen ließ.
-
-Eines Tages hieß es im Weißen Rosse: »Nordhoff, hast du all gehört?
-Fürbotter hat sich aufgehängt; er hat sich in Bohrkuxen verspekuliert.«
-
-So war es auch und er war nicht der einzige, der sich bei den Papieren
-einen Bruch gehoben hatte.
-
-Hier schlug ein Bauer lang hin, da kippte ein Ziegeleibesitzer um, dort
-lag ein Kaufmann auf der Nase; alle hatte das Bohrfieber umgeworfen.
-Sie hatten Kuxe gekauft, wenn eine Gesellschaft fündig geworden war und
-hinterher kamen die Zubußen.
-
-Hier hatte bei der Anwendung des Gefrierverfahrens der Magnesiumzement
-sich entmischt und der Schwemmsand sprengte die Tubbings des Schachtes;
-da war man auf hundertfünfzig Meter niedergegangen, erlebte einen
-Wassereinbruch und der Schacht ersoff rettungslos; da kam es gar nicht
-zum Abteufen, denn auf sechzig Meter trieb der Sand und knickte die
-Mannesmannstahlrohre wie Stroh.
-
-An einer anderen Stelle hatten sich ölige Schichten auf den Moorgräben
-gezeigt; eine Gesellschaft riß alles Land, das sie kriegen konnte, zu
-hohen Preisen an sich und bezahlte zum Teil mit Kuxen, worüber die
-Verkäufer sehr froh waren. Dann kam ein Geologe von der Königlichen
-Landesanstalt und stellte fest, daß das kein Öl, sondern humussaures
-Eisenoxyd war. Da nun schon eine Straße gebaut und ein Schienengeleise
-gelegt, Dampfmaschinen hingebracht, Bohrtürme und Schuppen gebaut
-waren, so mußten die Kuxeninhaber nachzahlen, daß ihnen die Augen
-bluteten.
-
-Aber die Krankheit ließ trotzdem nicht nach, denn kaum stieß man
-weiterhin auf Kali, so stürzte sich alles, was etwas bar Geld liegen
-hatte, auf die Kuxe, wie die Bremsen auf die Heugespanne, und als es
-sich herausstellte, daß dort kein abbaufähiges Lager, sondern nur eine
-Linse stand, da hatte mancher Mann alles verloren, was er in zwanzig
-Jahren zusammengebracht hatte.
-
-Dazu kam noch, daß es überall dort, wo gebohrt oder gar gefördert
-wurde, immer ungemütlicher ward.
-
-Die fremden Arbeiter, die gut verdienten, saßen in den Wirtschaften
-vornan und es verging keine Woche, ohne daß es eine böse Schlägerei
-zwischen ihnen und den jungen Leuten aus dem Dorfe gab; dem Wirt in
-Hülsingen wurde das halbe Haus zerschlagen, in Kronshagen wurde einem
-Anbauernsohne ein Auge ausgestochen, in Altmühlen kam es zu einer
-wahren Völkerschlacht, wobei es acht Schwerverwundete und einen Toten
-gab, und bei Schütthusen wurde die Frau des Schneiders Mögebier
-ermordet und beraubt im Busche gefunden.
-
-Bald hier, bald da wurde eingebrochen, Vieh verschwand von der Weide,
-Wäsche von der Bleiche, überall wurde gewildert, die Brandstiftungen
-nahmen kein Ende, denn die Landstraßen waren lebendig voll von
-verdächtigem Volke, und wer nicht gab, der hatte den Schaden.
-
-So dankten die Reethagener es ihrem Schöpfer, daß der Hilgenbauer sie
-vor dem Abschlusse bewahrt hatte, denn bei ihnen war noch ein ruhiges
-Leben möglich.
-
-Da nun Volkmann bis auf die Schmisse in seinem Gesichte ganz so wie
-ein richtiger Bauer war, auch ursprünglich aus der Gegend stammte
-und jedem gefällig war mit Rat und Abfassen von Schriftsätzen an die
-Behörden, und die Leute, denen daran lag, ihn in den Graben zu werfen,
-verschwunden waren, so stand er im Herbste anders da, als das Jahr
-vorher, und er hätte überall anklopfen können, wo eine Tochter war.
-
-Der Vorsteher und seine Frau ließen es an Anspielungen nicht fehlen,
-und er selbst sah ein, daß er nicht länger ledig bleiben dürfe; aber
-wenn er auch hier und da eine Bauerntochter antraf, die ihm ganz gut
-gefiel, sowie sie den Mund auftat, sah er einen Graben zwischen sich
-und ihr, denn dann fiel ihm die Stimme ein, die an jenem Vormittag
-im April an seiner Schulter gefragt hatte: »Ich bin Ihnen wohl recht
-schwer?«
-
-Nicht, daß er mit Hoffnung an das schöne Mädchen, das wohl längst
-Frau und Mutter war, dachte, aber sie war ihm der Maßstab, den er
-überall anlegte, wo er mit einem Mädchen zusammenkam, die auf den
-Hilgenhof gepaßt hätte. Da er nun schwer arbeitete, dem Vorsteher alle
-Schreibereien abnahm und alle weiten Wege, so daß er abends meist schon
-einschlief, ehe er beide Beine unter der Decke hatte, so kam es ihm
-wenig in den Sinn, daß er ein einsamer Mann war.
-
-Hatte er das Bedürfnis, mit einem Frauenzimmer zu reden, so ging
-er in das Häuslingshaus und freute sich an der fixen Frau Ramaker,
-die Zwillinge zu versorgen hatte und doch mit der vielen Arbeit zu
-Gange kam, oder er saß bei Garberdings und schnackte mit der Bäuerin
-oder er blieb eine Stunde im Kruge und erzählte sich etwas mit den
-Frauensleuten, denn Nordhoff ging nur in die Gaststube, wenn er mußte.
-
-Mit dem Vorsteher wurde es wieder schlechter, als es auf den Winter
-zuging, und so entbot er die sechs Vollmeier zu sich, sagte ihnen, er
-könne nicht mehr länger Vorsteher sein und fragte sie, wer der Gemeinde
-wohl am besten anstehe.
-
-»Am besten wäre Volkmann,« meinte Röpke, »wenn die Regierung nur keine
-Bedenken hat.«
-
-Der Vorsteher schüttelte den Kopf: »Das hat sie nicht; was ihm
-zugestoßen ist, gilt mehr als ein Unglück, als eine, ja, na, als etwas,
-das nicht ehrenhaft ist. Ich habe mit dem Landrate lang und breit
-darüber gesprochen. Und meine Meinung ist: einen besseren Vorsteher
-kriegen wir nicht; er steht gut da, hat mehr gelernt, als wir alle
-zusammen, reibt es aber keinem unter die Nase, er schickt sich ganz in
-unsere Art, ist gefällig, wie nur einer, und er hat die Gemeinde vor
-großem Schaden bewahrt. Und da ihr ja alle meiner Meinung seid, ist
-es das beste, ihr beredet euch mit den anderen, damit er einstimmig
-gewählt wird, denn ohne das, glaube ich, nimmt er nicht an.«
-
-Der Plan lief nach Wunsch aus; Garberding legte sein Amt nieder, und
-der Hilgenbauer wurde einstimmig zu seinem Nachfolger gewählt. Volkmann
-wurde erst blaß und dann rot, als er gewählt wurde, und er wußte erst
-nicht, ob er annehmen sollte. Da stand Garberding auf und sprach:
-
-»Ich weiß, warum unser Freund sich bedenkt, und viele, ja wohl die
-meisten von uns, werden es auch wissen. Es steht mancher Mann hoch in
-Ansehen, dessen Hand ich nicht in meiner haben will, und mancher Mann
-gilt nicht für ehrenhaft vor der Welt, zu dem ich mich liebendgern
-an den Tisch setze. Was bedarf es noch vieler Worte? Wir haben unser
-eigenes Recht, das älter ist als die Gesetze, die in den Büchern stehen
-und manches Mal gar nicht auf unsere Art passen. Unser erstes Gesetz
-heißt die Gemeinde, das ist das Haupt; alles andere liegt weit weg.
-Und wenn ich, der ich meinen Freund durch und durch kenne, keinen
-lieber, als ihn, hier sehe, wo ich jetzt bin, und wenn der Herr Landrat
-ebenfalls der Ansicht ist, daß wir keinen besseren Vorsteher kriegen,
-so kannst du,« und damit drehte er sich nach Volkmann und gab ihm die
-Hand, »meinen Glückwunsch getrost annehmen.«
-
-Als Vorsteher Volkmann aus der Versammlung nach Hause ging, mußte
-er immer an den Tag denken, an dem er auf dem Haidberge lag und dem
-Ortolan zuhörte, der in der Birke saß und sang.
-
-Ein Landstreicher war er damals gewesen, ein heimatloser Mann, den
-jeder Gendarm stellen und nach seinen Papieren fragen durfte; jetzt
-hatte ihm die ganze Bauernschaft eine Ehre angetan, die er, der Bauern
-kannte, nach ihrem vollen Werte einschätzen konnte.
-
-Als er auf den Hof trat, ging ihm Ramaker entgegen; die Augen des
-Häuslings glänzten, und er stotterte vor Aufregung, als er dem Bauern
-Glück wünschte, denn als er in der Haide Plaggen haute, war der
-Briefträger mit dem Rade den Pattweg heruntergekommen und hatte ihm
-zugerufen: »Den Bauern haben sie zum Vorsteher gemacht!«
-
-Auch Frau Ramaker lachte über ihr ganzes rundes Gesicht, gab ihm die
-Hand, sagte: »Viel Glück auch!« und warf hinterher: »Wie sagt man denn
-jetzt: Bauer oder Herr Vorsteher?«, und als Volkmann antwortete: »Es
-bleibt alles so, wie es ist,« schüttelte sie den Kopf, daß ihr eine
-Flechte losging, und indem sie die feststeckte, rief sie: »Das will ich
-nicht hoffen, denn jetzt muß hier eine Frau her! Was ist denn das für
-ein Werk! Ein lediger Vorsteher? Das habe ich meinen Tag noch nicht
-erlebt. Und mir wird es mit der Arbeit zuviel: einen Mann, zwei kleine
-Kinder, das Vieh und zwei Haushaltungen, das halte ich nicht lange mehr
-aus.«
-
-Am anderen Tage kam Freimut angefahren: »Mann,« schrie er über den Hof,
-daß die Schruthähne an zu kullern fingen, »siehst du mir nichts an?«
-
-Volkmann lachte: »Bist du Justizrat geworden?«
-
-Der Anwalt schnaubte: »Sehe ich denn schon so bresthaft aus?« Er hielt
-ihm seine linke Hand vor die Augen, die so groß war, daß ein junges
-Mädchen ihn einst bat: »Ach bitte, Herr Referendar, halten Sie doch
-Ihre Hand vor die Tür, es zieht so.«
-
-Der Anwalt lachte: »Ja, die Liebe, sie hat mich zur Strecke gebracht,
-mich, den letzten der Mannen von Niefelheim, der die alte gute Sitte
-hochhielt und als dreimal destillierter Junggeselle einsam hinter
-dem Biertopf saß, wenn die anderen den Hausschlüssel nicht bekommen
-konnten. Nun barst auch diese letzte Säule, verödet ist die Stätte, wo
-das schöne Lied von den Brummelbeeren so oft erklang, denn jedweden
-Abend mache ich jetzt bei meiner Braut hübsch.
-
-Hier ist sie.« Er zog ein Bild aus der Tasche. »Hildegard heißt sie,
-hat ein Haus mit einem Garten drum herum und auch sonst noch Vorzüge
-mannigfacher Art, vor allem den, daß sie beinahe so lang wie Schreiber
-Diese ist.
-
-Mensch, nun mußt du auch noch heiraten, und ein Mädel, das auch
-von deinem Kaliber ist, und dann können wir singen: Deutschland,
-Deutschland über alles, über alles in der Welt!
-
-Bis Montag habe ich Urlaub, denn meine Hilde ist nach ihrer Tante
-gefahren, und ich will jetzt einige Hasen erschlagen.«
-
-Als er von Ramaker hörte, daß sein Freund Vorsteher geworden war,
-schlug er auf den Tisch, daß es knallte, küßte Lüder ab und schrie:
-»Bei meinem Barte! Die Bauern hier sind noch klüger, als ich dachte.
-Donnerhagel noch einmal, werde ich aber mit dir protzen; mein
-Duzfreund, der Vorsteher!
-
-Denn, mein Lieber, wenn du dich auch sträubst, wie ein Borgfarken, zu
-meiner Hochzeit mußt du kommen. Es werden nur tüchtige Kerle und schöne
-Frauen und Mädchen eingeladen, und die Kirche soll voll von Maibäumen
-sein, daß es darin aussieht wie in der Lüneburger Haide, wenn die
-Dullerchen singen. Und meine zukünftige Hausehre hat dir schon eine
-Tischnachbarin ausgesucht, die schönste, die es auf der Welt geben soll
-von allen, was seine Haare in Flechten trägt.
-
-So, und nun wollen wir los; mir kribbelt es im Drückefinger und ich
-will morgen Hasenpfeffer so essen, wie es sich gehört, und nicht
-solchen labberigen Bratenabfall, den sie einem in den lackierten
-Herbergen als das auftischen.« Und er sang mit seinem Bierbasse: »Auf
-und an, spannt den Hahn, lustig ist der Jägersmann!«
-
-Die Wintermonate sprangen Volkmann unter den Fingern fort, soviel
-Arbeit brachte ihm das Vorsteheramt. Die Arbeit machte ihm aber Freude,
-denn er lernte viel dabei und konnte allerlei Gutes wirken.
-
-Ohne daß sie es merkten, brachte er den Bauern Verständnis für die
-Schönheiten der Landschaft bei, rettete den alten Wahrbaum vor dem
-Dorfe, der der Straßenverbreiterung weichen sollte, ließ die beiden
-Steingräber in der Haide, die zu Brückensteinen zerschossen werden
-sollten, für ewige Zeit schützen und verhinderte es, daß allerlei
-überflüssige Vereine sich bildeten und das dörfliche Leben städtisch
-machten.
-
-Da die Vorarbeiten für die Bruchentwässerung in Angriff genommen
-wurden und eine Nachverkopplung notwendig wurde, die viel Lauferei und
-Schreibarbeit mit sich brachte, so war es mit einem Male mitten im
-Frühling, und es war ihm, als er die erste Lerche über der grünen Saat
-hörte, als wäre sie den Tag zuvor erst fortgezogen.
-
-An einem Aprilabend, als er aus dem Bruche kam und an dem Ellernbusche
-vorbeiging, der zu beiden Seiten der Beeke lag, hörte er einen fremden
-Ton und sofort sagte er sich: »Das ist ja eine Nachtigall.«
-
-Er blieb stehen und wartete, bis sie weiterschlug, und dann mußte er
-lachen, denn an seine naturgeschichtliche Arbeit hatte er den ganzen
-Winter nicht denken können und an vieles andere auch nicht.
-
-Ganz selten einmal, wenn er im Schummern am Herdfeuer saß und rauchend
-in die roten Flammen sah, hatte er an das große, schöne Mädchen mit
-der hellen, reinen Stimme gedacht, und nur so, wie man an einen Traum
-denkt, den man nicht vergessen kann und nicht vergessen will.
-
-Nun aber, als er abends allein bei dem Feuer saß und an den einen
-Laut dachte, der aus dem Ellernbusche kam, war es ihm, als hätte er
-tags zuvor erst ihre Stimme an seiner Schulter gefühlt, und als der
-Spinnstuhl sich meldete, bedünkte es ihm, als hätte die Allerschönste
-dort eben gesessen und müsse im Augenblicke wieder hereinkommen, ihn
-anlächeln und ihre Stimme ihm entgegenflattern lassen.
-
-Als er dann in der Dönze saß und noch einige Zahlen aus seinem
-Taschenbuche eintrug, da schrieb er, fast ohne zu wissen, was er
-tat, ein Dutzend Zeilen auf einen leeren Streifen Papier, und dann
-schüttelte er den Kopf über sich selber, denn seit seiner Burschenzeit
-hatte er kein Gedicht mehr geschrieben.
-
-Er las es durch und nickte zustimmend, als hätte jemand anders es
-geschrieben, das Liedchen, das in zwölf Zeilen die Empfindung
-ausdrückt, die ein Mensch hat, der tief im braunen Bruche einen
-einzigen verlorenen Nachtigallenlaut vernimmt.
-
-Er las es noch einmal, lächelte und dachte, daß es wirklich gar kein
-schlechtes Gedicht wäre, und als er im Bette lag, war es ihm, als sei
-es nicht die Nachtigall gewesen, sondern eine andere Stimme, die ihn
-gezwungen hatte, stehenzubleiben.
-
-Freimut hatte seine Hochzeit auf den ersten Mai, »den Tag der
-Odinsfreite,« wie er schrieb, angesetzt und dabei bemerkt: Frack
-brauchst du nicht; wir kommen alle im Gevatterrock, dieweil wir nicht
-den Ehrgeiz haben, wie Kellner auszusehen. Einen Polterabend kann ich
-mir nicht leisten; ich habe an dem Tage eine Verteidigung.
-
-So packte Volkmann den Kirchenrock und den hohen Hut in den Reisekorb,
-den Freimut dagelassen hatte, und fuhr los. Seine Gabe, eine sehr
-schöne alte Beilade mit reicher Schnitzerei, die er hatte zurechtmachen
-lassen, hatte er durch den Baumeister schon in das Heim der Brautleute
-schicken lassen.
-
-Als er in der großen Stadt war, suchte er sich ein ruhiges Gasthaus,
-ging dann durch die Straßen, kaufte sich Handschuhe und leichte Schuhe
-und ließ sie nach dem Gasthofe schicken. Dann setzte er sich an der
-Hauptstraße in ein Kaffeehaus, um hinter der Efeuwand her das bunte
-Leben zu betrachten.
-
-Alle Leute blickten auf, als der bäuerlich angezogene lange, schöne
-Mann mit dem braunen, bartlosen Gesichte zwischen den Marmortischen
-einherging. Die Männer lächelten spöttisch, die Frauen aber reckten
-sich die Hälse nach ihm aus und mehr als eine flüsterte: »Wie
-interessant; ein Bauer mit Schmissen!«
-
-Als er sich gesetzt hatte und dem Kellner winkte, dachte er so bei
-sich: Was für unverschämte Augen die Frauensleute hier doch machen!
-denn er hatte sich schon ganz an die dörfliche Art gewöhnt.
-
-Er fand, daß er an dem städtischen Leben gar keinen Anteil mehr hatte;
-so manches Gesicht kannte er noch von früher her, sah fein angezogene
-Leute, die damals einfach gingen, und andere, denen es nicht so gut zu
-gehen schien wie vordem.
-
-Der Lärm, die Rastlosigkeit, die Reklame, der abscheuliche Gegensatz
-zwischen Protzerei und Elend, alles das widerte ihn an, und als der
-Kellner einen vor Nervenschwäche am ganzen Leibe fliegenden Mann, der
-Ansichtspostkarten feilbot, hinausweisen wollte, stand der Bauer auf,
-kaufte drei Karten und gab dem armen Menschen ein Zweimarkstück.
-
-Grade war er dabei, die Aufschriften abzufassen, denn er wollte die
-Karten an Garberding, Ramaker und Nordhoffs Lieschen schicken, da fuhr
-er in die Höhe, denn eine Stimme, die er nur einmal und nicht wieder in
-seinem Leben gehört hatte, erklang jenseits der Efeuwand.
-
-Der Bleistift fiel ihm aus den Fingern, er sprang auf und trat auf die
-Straße, sah aber nur noch den Lohnwagen im Gewühl verschwinden.
-
-Wie vor den Kopf geschlagen fiel er auf den Stuhl, trank einen Schluck
-von dem Bier, bezahlte und ging, ohne seine Postkarten mitzunehmen.
-
-Er wanderte von der Hauptstraße nach den Anlagen und von da wieder in
-das Gewühl, ohne etwas zu sehen, ohne daran zu denken, daß er noch
-essen und sich umziehen müsse.
-
-Mit knapper Not kam er in seinen Kirchenrock, ließ sich einen Wagen
-kommen und drängte sich durch den Kreis der Zuschauer in dem
-Augenblick in die Kirche, als die Orgel losjubelte und das Brautpaar
-zum Altare schritt.
-
-Er sah nichts, er hörte nichts, denn alle seine Sinne waren bei seinem
-Erlebnisse an jenem Vormittage im April, als der Ortolan in der
-Hängebirke sang und die Luft nach Post und Juchten roch.
-
-Die Kirche war voll von Juchtenduft, denn sie war mit grünen Maibäumen
-ausgeziert, und der Geruch der Heimathaide legte sich so eng um den
-Mann, daß er den Altar und den Priester und das Brautpaar wie ein Bild
-sah, das ihn kein bißchen anging, und die Traurede hörte sich für ihn
-nur an, wie das Rauschen von Laub im Winde.
-
-Dann aber machte sein Herz einen Satz, seine Augen wurden groß und er
-tat einen Schritt voran, besann sich aber und sah nur, indem ihm das
-Blut umschichtig zum Kopfe und zum Herzen schoß, dahin, wo die stand,
-deren Stimme er an jenem Apriltage und heute jenseits der Efeuwand
-vernommen hatte.
-
-Er kannte sie auf den ersten Blick, trotzdem ihr Gesicht und ihre
-Gestalt etwas voller waren als damals, und obgleich sie ihm in dem
-ausgeschnittenen Kleide und den bloßen Armen ein wenig fremd vorkam.
-Er fühlte viel Glück in sich, und ein jähes Durstgefühl machte seine
-Lippen trocken, dann aber ging ihm ein Stich durch das Herz; sie war
-schon lange eines anderen Frau. Er trat auf dem Läufer leise näher,
-um die Gesichter der Männer zu sehen und zu erraten, wer es wohl sein
-könnte, der zu ihr gehörte.
-
-Die Traurede war nur kurz, ihm aber deuchte sie, kein Ende zu haben,
-und als das Brautpaar an ihm vorüberging, der junge Ehemann ihm
-zunickte und die junge Frau ihn anlächelte, starrte er sie an, als wenn
-er sie nicht kenne.
-
-Dann aber kam der Baumeister auf ihn zu, nahm ihn beim Arm und,
-indem er sagte: »Kommt her, ich muß Euch Eurer Tischdame vorstellen,
-Ihr Bummler, der Ihr seid«, führte er ihn zu jener, der er dereinst
-dahinten in der Haide Beistand leistete.
-
-Es waren nur zehn Schritte, die der Bauer zu machen hatte, aber er war
-todmüde und elend vor Aufregung, als er sie hinter sich hatte, und
-erst, als Schönewolf gesagt hatte: »Ihr Tischherr, Fräulein Rotermund,
-der Vorsteher Volkmann, genannt Hilgenbur aus Reethagen«, da bekam er
-wieder Kraft und sah sie an.
-
-Als sie mit glührotem Gesicht ihren Arm unter seinen schob und er sie
-zum Wagen führte, kam er sich vor, als machte er selber heute Hochzeit.
-
-
-
-
-Die Haidlerche.
-
-
-Auf dem Hilgenhofe gab es einen großen Aufstand an diesem Abend, denn
-um acht Uhr kam der Briefträger angeradelt und brachte eine dringende
-Depesche für Ramaker.
-
-Der drehte das Papier unschlüssig in der Hand um, denn er hatte noch
-nie eine Depesche gesehen, und schließlich mußte der Briefträger es
-aufmachen und vorlesen, was darin stand, und der Häusling, die Frau und
-die Magd standen da, hielten die Hände im Schoß zusammen und machten
-Gesichter, als ginge es auf Leben und Sterben.
-
-Aber es stand bloß darin: »Ich bleibe noch drei Tage hier. Sagt
-Garberding Bescheid und haltet euch munter. Volkmann.« Da atmeten sie
-alle auf.
-
-Um drei Uhr nachts war der Bauer in seinen Gasthof gekommen; als es
-fünf war, lag er noch wach. Er stand auf, zog sich an, ließ sich von
-der Magd, die das Gastzimmer aufwusch, Frühstück geben und schenkte ihr
-einen blanken Taler, so daß sie ihm ganz verdutzt nachsah, denn sein
-Benehmen war nicht so, als ob er Unrechtes mit ihr im Sinne habe.
-
-Volkmann ging durch die Straßen, in deren Vorgärten die Tulpen unter
-den blühenden Bäumen in allen Farben leuchteten und über deren Dächern
-die Mauersegler vor Wähligkeit schrien, denn es war ein prachtvoller
-Morgen und der Himmel war hoch und hell.
-
-Hoch und hell sah es auch in dem Bauern aus, als er leichten Schrittes
-dahinging, und manches niedliche Dienstmädchen, das mit dem Korbe zum
-Bäcker wippte, machte ihm runde Augen, denn er sah aus, als ob er die
-ganze Welt in den Arm nehmen wollte.
-
-Das hätte er auch am liebsten getan, denn zuviel Glück war in ihm. Er
-ging in den Stadtwald, in dem das Sonnenlicht mit dem Nebel spielte und
-der voll von Vogelliedern war, und suchte in dem Teil, wo die hohen
-Fuhren ragten, eine Bank auf, die ganz versteckt an einem Graben lag.
-
-Dort war früher sein Lieblingsplatz gewesen, wenn er, abgespannt von
-der Arbeit bei der Zeitung und dem Parteikampfe, Erholung gesucht
-hatte, und wo er an dem Morgen des Tages saß, in dessen Verlaufe ihm
-das Genick gebrochen wurde.
-
-Vor ihm öffnete sich der Wald zu einer Lichtung, die bunt von vielerlei
-Blumen war und von wo Efeuranken, silbern in der Sonne blitzend, an den
-roten Fuhrenstämmen emporkrochen.
-
-Volkmann zog seine Uhr heraus und seufzte; es war erst sieben und vor
-zehn Uhr konnte er doch nicht gut dahin gehen, wohin es ihn zog. Er
-nahm den Hut ab und zog die Jacke aus, so heiß war ihm, nicht aber vom
-schnellen Gehen und von der Sonne, sondern vor Seligkeit.
-
-Wie war das eigentlich alles gekommen? Er saß im Wagen und sie ihm
-gegenüber; sie hielt seine braune Hand in ihren weißen Händen und es
-war, als wenn viele, viele kleine rosige Kinderhände ihn streichelten,
-als sie sagte: »So habe ich doch noch Gelegenheit, Ihnen meinen Dank
-für das zu sagen, was Sie an mir taten.«
-
-Er hatte gestottert, wie ein Schuljunge, als er abwehrte: »Das ist
-doch nicht der Rede wert!« Aber sie war rot geworden, hatte reizend
-gelächelt und gesagt: »Sie wissen ja gar nicht, was ich meine,« und
-als er sie verwundert fragte, was das sei, da war sie rot geworden
-bis auf die Brust und hatte mit niedergeschlagenen Augen geflüstert:
-»Vielleicht später.«
-
-Seine Tischnachbarin zur Linken war von ihrem Herrn so in Anspruch
-genommen, daß Lüder sich um sie nicht zu kümmern brauchte, und es
-dauerte gar nicht lange, da stieß die junge Frau Freimut ihren Mann
-an und sagte: »Sieh die beiden an; ich glaube, die kennen sich schon
-lange. Herr Gott, gäbe das ein schönes Paar!«, worauf ihr Mann
-erwiderte: »Dann würde ich nicht bedauern, an diesem Feste teilgenommen
-zu haben,« und dann rief er »Au!«, denn seine Frau hatte ihn auf den
-Fuß getreten und »Ekel!« gesagt.
-
-Lüder und Holde aber vergaßen Essen und Trinken, und mehr als einmal
-stand der Oberkellner mit seinem Gehilfen achselzuckend hinter dem
-Paare und sah hilfeflehend zu Freimut hin, bis der über den Tisch
-rief: »Volkmann, magst du keine Forellen? Es sind Haidjerinnen aus
-Bienenbüttel!«
-
-Und Volkmann sah verwirrt um sich, nahm, vergaß zu essen und sprach
-oder hörte zu, denn viele Abschnitte ihrer Lebensbücher lasen sie
-zusammen, und als Pastor Wunderlich eine so lustige Rede auf die
-Schwiegermütter im allgemeinen und die in diesem Falle vorzüglich in
-Betracht kommenden hielt, daß aller Augen an seinem Munde hingen, da
-drückten Lüder und Holde sich unter dem Tische die Hände und sie schob
-ihm ihren Ring an den kleinen Finger der linken Hand.
-
-Ein goldener Schein flammte über die Lichtung hin; der Pirol war es.
-Er sah mit seinen rubinroten Augen nach dem Bauern, schwang sich
-empor und ließ aus der Krone der Fuhre einen goldenen Jubelruf zu dem
-Manne herabklingen, verstummte und jauchzte aus der Ferne weiter,
-während rund umher Fink und Meise, Amsel und Drossel und alle die
-anderen vielen Vögel ihre Lieder ineinanderflochten und die gelben
-Zitronenfalter so lustig über die hellen Blumen tanzten, wie Lüders
-Erinnerungen über dem Abend, der hinter ihm lag.
-
-»Ich bin der allerglücklichste Mensch auf der Welt,« sagte er vor sich
-hin. »Wäre ich wohl so glücklich, wenn ich nicht so lange Jahre im
-Schatten gegangen wäre?« dachte er. »Sicher nicht. Ich wäre bei dem
-unruhigen Leben in der großen Stadt verflacht, hätte mein Herz nach und
-nach verzettelt und wäre schließlich ein Geldjäger und Bierphilister
-geworden.
-
-Den Staub, den ich auf der Seele hatte, habe ich mit Unglück und
-Einsamkeit abgewaschen, und nun stehe ich rein da, wenn auch nicht vor
-der Welt, so doch vor ihr, die mir von Anbeginn bestimmt war, und darf
-ihren roten Mund küssen, soviel ich lustig bin.«
-
-Ein Zaunkönig setzte sich drei Schritte vor ihm auf eine moosige Wurzel
-am Grabenbord, machte ihm einen Diener und sang ihm sein lautestes Lied
-vor.
-
-Lüder lächelte; er hätte auch singen mögen, so laut singen, daß der
-ganze Wald schallte, und ein Gebet wäre das Lied, das zum Himmel
-steigen müßte.
-
-Nun war er nicht mehr allein auf dem Hilgenhofe; ein Kamerad würde bei
-ihm sein, der im Hause das Leit in der Hand hielt, wenn er hinter dem
-Pfluge ging, und der abends, wenn die Arbeit getan war, dafür Sorge
-trug, daß seine Seele nicht auf die Erde fiel und am Boden kleben
-blieb, wie die bunte Motte, die vor seinen Füßen lag.
-
-Alles, alles hatte er ihr gesagt, als er gestern neben ihr saß. Das
-Wichtigste hatte ihr schon Freimut gesagt. Er hatte ihr von der kleinen
-Margerit mit dem großen Herzen erzählt und von der Frau, in die er
-sich als froher Bursche verliebte und der sie, Holde Rotermund, so
-sehr ähnlich sähe. Und da hatte sie gefragt: »Wie hieß sie?«, und als
-er sagte: »Frau Professor Rödiger,« da sagte sie leise: »Es war meine
-älteste Schwester; sie starb vor vier Jahren.«
-
-Und als er ihr erzählte, daß er dann den schlechten Abklatsch der
-Toten, Frau Mehls, zu lieben vermeint hatte, und daß er, als ihr Mann
-sie los sein wollte, nachdem er sie abscheulich behandelt und dadurch
-dem Hausfreund in die Arme getrieben hatte, in der Scheidungsklage
-unter Eid bestritt, Umgang mit ihr gehabt zu haben.
-
-»Sie stehen für mich fleckenlos da,« hatte Holde gesagt; »verweigerten
-Sie den Eid, so war die Frau gerichtet, und da Sie sie zu lieben
-glaubten, blieb Ihnen nichts anderes übrig.«
-
-Da hatte er solchen Mut bekommen, daß er, als der Geistliche die
-Schwiegermütter als lichte Engel abmalte, ihr gestand, daß er seit
-dem Tage, da er ihre Stimme vernahm, kein Weib mehr habe schön
-finden können, und sie flüsterte ihm zu, daß auch ihr seine Stimme
-nachgeklungen wäre, wo sie auch war. Und da hatten sich ihre Hände
-unter dem Tische Treue gelobt.
-
-Er sah nach der Uhr; es war noch immer viel zu früh. Da hatte er noch
-Zeit, zum Gasthof zurückzugehen; er wollte Garberdings schreiben, daß
-er eine Braut gefunden habe.
-
-Im Hausflur sagte ihm die Magd, es sei ein großes Paket für ihn
-abgegeben worden, sie habe es auf sein Zimmer gelegt. Dabei sah sie
-ihn so an, daß er dachte: »Hier hast du mit deinem Taler ein kleines
-Unglück angerichtet.«
-
-Als er den großen Karton aufmachte, sah er zu oberst auf der Verpackung
-einen Brief liegen; die Aufschrift war von Freimut; er schrieb:
-
-»Noch einmal, liebster Lüder, unseren herzlichsten Glückwunsch! In
-Anbetracht der veränderten Umstände nehme ich an, daß du für deinen
-hiesigen Aufenthalt die Rustikalität ein wenig ablegen mußt. Sintemalen
-und alldieweil ich mir nun denke, daß es dir ebenso gehen wird wie
-mir, indem ich niemals einen fertigen Anzug bekommen kann, denn die
-Nummer Enak ist heutigen Tages aus der Mode gekommen, gestatte ich
-mir kurzhändig und ergebenst, dir die anbeiige Kluft zu verehren, die
-für eine elegantere Gestalt mehr geeignet ist als für die mirige. Er
-hängt schon seit einem Jahre im Schranke. Verzehre ihn in Gesundheit,
-desgleichen die Anlagen. In vier Wochen will ich auf der Osterwiese den
-Bock schießen; stelle ihn solange kalt. Frau Rechtsanwalt Freimut kommt
-mit nach dem Hilgenberge. Handschlag! Jochen.«
-
-Volkmann packte aus und schüttelte den Kopf: Alles war da, wie es sich
-für einen Stadtmenschen gehört, ein voller Anzug, drei Hemden, Kragen,
-Halsbinden, Manschettenknöpfe und sogar farbige Strümpfe.
-
-Der liebe Kerl! Volkmann war ganz gerührt, denn so wie er ging, ganz
-bäuerlich, paßte er allerdings schlecht neben Holde auf den Asphalt,
-und einen Anzug, der ihm saß, fand er in dem ganzen Nest nicht, das
-konnte er sich denken.
-
-Er zog sich schnell um, fand, daß er trotz des bartlosen
-Bauerngesichtes vortrefflich aussah, und ging barhaupt die Treppe
-hinunter, denn ein Hutgeschäft war nebenan.
-
-In der Gastzimmertür stand die Magd und sperrte die Augen weit auf; der
-Mann war ihr rätselhaft: als Bauer kam er und als Graf ging er. Denn
-so sah er aus bis auf den Schwarzdornstock mit dem sonderbaren gelben
-Zeichen darin, das ihr, als sie das Bett machte, schon aufgefallen war.
-
-Auch der Kellner in dem Kaffeehause, in dem der Bauer tags vorher
-eingekehrt war, riß die Augen sperrangelweit auf, holte die
-Ansichtskarten heraus, die Volkmann hatte liegen lassen und sagte, als
-er am Tresen die Bestellung ausführte: »Mir ist schon viel passiert,
-aber so wat noch nich, Fräulein Frida; der Herr da mit den drei
-Durchziehern kam gestern als Bauer an und heute sieht er aus wie ein
-richtigjehender Jraf. Haben Sie Wörter?«
-
-An einem Tische saß ein Ehepaar, das auch am Tage vorher dagewesen war.
-Er, ein dürftiges Männlein von einfacher Eleganz, las im Börsenkourier
-die Kurse, und sie, ein überüppiges, protzig gekleidetes Weib, sah
-sich die Männer an.
-
-»Siegfried,« sagte sie, »sieh mal, der Bauer von gestern, der mit
-den Schmissen, du weißt doch, elegant ist er heute, sag' ich dir!«
-Siegfried knurrte: »Nu, wenn schon! Mathildenhall sind schon wieder
-gefallen. Der verfluchte Kali!«
-
-Als Volkmann an der Tür des Hauses, in dem Frau Konsistorialrat Freimut
-wohnte, klingelte, lächelte das alte Dienstmädchen etwas schelmisch.
-»Herr Volkmann?« Er nickte. »Ich wünsche auch viel Glück! Sie möchten
-im Garten hinter dem Hause doch ein wenig warten!«
-
-Er ging um das Haus herum und sah in der Laube einen Tisch gedeckt.
-Dann hörte er hinter den Büschen eine Harke im Kiese kratzen, und
-als er seine Augen dahin brachte, sah er einen blauen Rock, um den
-eine weiße Schürze wehte, darunter Holzpantoffeln und darüber blaue
-Wollstrümpfe mit weißen Hacken, ein rotes Leibchen, kurze weiße
-Hemdsärmel und einen geblümten Helgoländer. So gingen die Mädchen in
-der Haide zum Heuen.
-
-Die Sache kam ihm verdächtig vor; er ging näher und da drehte sich die
-Haidjerin um, juchte leise auf, warf die Harke fort, nahm ihn um den
-Hals und rief:
-
-»Nun hat man sich angezogen, um neben seinen Jungen hinzupassen und
-da kommt er als Stadtjapper an! Ist das rücksichtsvoll? Ist das
-zartfühlend? Ist das nett?«
-
-Sie sah an sich herunter. »Seh' ich nicht fein aus?« Er lachte
-glücklich. »Ja, heute morgen um halb acht habe ich schon zu Frau
-Schönewolf geschickt und mir die Sachen holen lassen; sie hat sie
-zu einem Maskenfeste getragen. Nun komm aber in die Laube. Unsere
-Gardemama schläft noch; sie hat einen kleinen Brummer von gestern.
-
-Wie haben Sie denn geschlafen, mein Herr und Gebieter? Gar nicht? Ich
-prachtvoll, nämlich auch nicht; ich habe immer an einen Vagelbunden von
-Gemeindevorsteher denken müssen.
-
-Auf deinem Schoß soll ich sitzen? Ja, schickt sich das auch? Und
-wo haben wir uns denn von fünf bis jetzt herumgetrieben? Und ich
-sitze hier seit sieben Uhr und hungere mir Kringel unter die schönen
-blauen Augen. Aber jetzt hört der Unsinn auf; jetzt wird anständig
-gefrühstückt. Keine Faulheit vorgeschützt, das gibt es nicht.«
-
-Lüder ließ sie aber so bald nicht los, bis sie ernst machte. Dann
-aß er und hörte zu, wie ihre Stimme um ihn war, und ihr fröhliches
-Kinderlachen, und ließ sich nötigen, denn das verstand sie, wie eine
-Bäuerin. »Na, dann hiervon wenigstens noch ein bißchen; die Wurst ist
-ganz frisch. Oder vielleicht Schinken? Aber ein paar Radieschen doch
-noch? Wie wäre es mit etwas Kräuterkäse? Oder ist dir Rahmkäse lieber?
-Von der Knackwurst hast du noch gar nichts genommen! Und der Lachs ist
-großartig. Ach, Bengel, wenn du gar nichts ißt, dann macht das ganze
-Verloben keinen Spaß.« Und sie saß wieder auf seinem Schoße und ließ
-sich küssen.
-
-»Weißt du,« flüsterte sie, »eigentlich darf ich es gar nicht sagen,
-denn es ist zu unpassend: ich habe sehr oft gedacht, wie es wohl wäre,
-wenn du mich küssen würdest. Und nun sprich, daß ich deine Stimme
-höre, die ich nicht wieder vergessen konnte, und um derentwillen ich
-einen Gutsbesitzer, Witwer mit zwei Kindern, aber sonst noch ganz gut
-erhalten, samt seinem Rittergute habe abfahren lassen. Und daß ein
-königlich preußischer Regierungsrat acht Tage lang an Weltschmerz
-bettlägerig war, daran hat dieser Bauer hier auch schuld.
-
-Junge, ist das eine merkwürdige Geschichte mit uns: ich denke an dich
-und du an mich die ganzen drei Jahre; er fährt Mist und pflügt, und ich
-hacke vor Elend Kartoffeln und füttere das Federvieh, und so richtet
-sich der eine nach dem anderen und kein einer weiß etwas davon.
-
-So, hier hast du eine Zigarre; ich ziehe mich um und dann gehen wir zum
-Promenadenkonzert. Hast du mir auch einen Veilchenstrauß mitgebracht?
-Ohne Veilchenstrauß geht hier keine anständige Braut zum ersten Male
-mit ihrem Bräutigam über die Straße.«
-
-Sie klapperte mit ihren Holzpantoffeln den Steinweg hinunter, und
-Lüder sah ihr nach, bis sie hinter dem dunklen Eibenbusch verschwand.
-Dann sah er seine Schuhe an, seinen Anzug, seinen Hut und schüttelte
-den Kopf, denn er meinte immer noch, daß er träumte. Er fütterte die
-Buchfinken mit Krümchen, streute den Goldfischen zerriebene Brotrinde
-in das Becken und ging schließlich ungeduldig auf und ab, bis ihm ein
-langer Aktenumschlag vor die Füße flog, auf dem zu lesen war: »An
-den Herrn Gemeindevorsteher Volkmann, genannt Hilgenbur zu Hilgenhof
-bei Reethagen dahinten in der Haide,« und in der linken Ecke stand
-»Kußpflichtige Dienstsache«, und in dem Briefe »Im Rosengarten will ich
-deiner warten, im grünen Klee, im weißen Schnee.« Da ging er um das
-Haus und sah sie ganz in weiß auf dem Rasen zwischen den Rosenstöcken
-stehen.
-
-Er gab ihr den Arm und ging mit ihr erst in einen Blumenladen, denn auf
-ihren Veilchenstrauß bestand sie, und dann am Promenadenkonzert vorbei
-zum Walde; und alle Leute sahen ihnen nach, ihm die Frauen und ihr die
-Männer.
-
-Aber sie sahen von den Menschen nichts und von der Musik hörten sie
-auch nicht viel, denn Lüder sagte: »Weißt du, Holde, wie mir zu Sinne
-ist? Als gingen wir über die Haide und alle Haidlerchen sängen.«
-
-Sie nickte: »Übermorgen sollen sie das: ich will den Hilgenhof sehen!«
-
-
-
-
-Der Fasan.
-
-
-Die Hochzeit fand am Tage der Sommersonnenwende statt; sie wurde bei
-Garberding gefeiert.
-
-Die beiden alten Leute hatten sich erst ein bißchen verjagt, als Lüder
-mit Holde vorgefahren kam, denn sie meinten, sie würde sich nicht in
-die bäuerische Art schicken.
-
-Nach einer Stunde aber waren sie schon anderer Ansicht; sie fanden bald
-heraus, daß das Mädchen das ländliche Hauswesen gut kannte, denn sie
-war auf dem Dorfe groß geworden und hatte auch späterhin viel auf dem
-Lande gelebt.
-
-»Weißt du was,« sagte Garberding, der ordentlich auflebte, seitdem sie
-auf dem Hofe war, am dritten Tage, »was ich dir vorschlagen möchte? Du
-hast nach keinem Menschen was zu fragen; bringe alles, was du hast, zu
-uns, bis ihr freit. Das ist für Volkmann gut und für dich auch, denn
-von unserer Mutter lernst du dann, wie es hier zugeht. Jedes Land hat
-seine Eigenheiten, und wo einer wohnt, da muß er sich nach dem andern
-richten. Du lernst dann auch so nach und nach die Leute hier kennen,
-besser noch, als wenn du erst da hinten auf dem Hilgenhofe bist. Platz
-ist eine Masse für dich da, und du kannst es dir einrichten, wie du es
-gewohnt bist.«
-
-»Mit tausend Freuden nehme ich das an, Vatter Garberding,« sagte das
-Mädchen, »ich hatte das gleich gewünscht. Vor Oktober wollte ich ja
-sowieso keine Stelle wieder annehmen, sondern bei einer Freundin
-bleiben, die mich schon lange eingeladen hat. Daraus kann nun nichts
-werden, denn es ist mir zu wichtig, zu lernen, wie man sich hier zu den
-Leuten stellen muß. Ich war erst auf einem Gute in Westfalen, wo die
-Frau kränklich war; da war ganz leicht mit den Diensten umzugehen, wenn
-sie auch etwas dickköpfig waren; nur freundlich mußte man sein, nicht
-befehlen, sondern anordnen. Dann, als das Gut verkauft wurde, ging ich
-nach dem Posenschen; da war es ganz anders: mit Freundlichkeit kam
-man mit dem Volke da nicht aus; da mußte man kurz sein und den Herrn
-zeigen, sonst blieb die Arbeit liegen.«
-
-Sie reiste ab und kam nach ein paar Tagen wieder. »So,« rief sie, »nun
-kann die Nähersche kommen; ich habe mir alles besorgt, wie es sich
-für eine richtige Bauersfrau gehört. Aber ich sage euch, Augen haben
-sie gemacht beim Kaufmann! Beinahe so, wie in der Stadt, denn bei
-Frau Freimut klingelte es den ganzen Tag und dann ging es los: Liebes
-Fräulein, haben Sie sich das auch überlegt? Sie mit Ihrer Bildung und
-ein gewöhnlicher Bauer. Das tut nicht gut.«
-
-Wie Volkmann im vorigen Sommer, so war sie jetzt morgens die erste, die
-aus dem Bette sprang, und wenn Frau Garberding in die Küche kam, war
-der Kaffee schon fertig. »Mädchen,« sagte die alte Frau, »du bist unser
-Besuch und arbeitest wie eine Magd?«
-
-Holde hielt ihr die Hände vor das Gesicht: »Sieht man es ihnen an?
-So laß mir mein Vergnügen; wenn ich nicht überall zufasse, lerne ich
-nichts.«
-
-Sie ging mit auf die Weide und melkte zur Verwunderung der Mägde, als
-wenn sie nie etwas anderes getan hätte, sie half im weißen Fluckerhut,
-roten Leibchen und blauen Rock beim Heumachen, sie hackte das Gemüse im
-Garten und wandte die Wäsche auf der Bleiche und abends saß sie mit dem
-Strickstrumpfe in der Hand mit Lüder und dem Bauern vor der Türe, denn
-Lüder kam jedweden Abend.
-
-»Junge,« sagte der alte Bauer zu ihm, »Junge, du kannst lachen. So 'ne
-Frau wie die!«
-
-Ob Volkmann wollte oder nicht, die Hochzeit wurde bei Garberding
-gefeiert. »Wir haben nicht Kind und Kegel und wollen auch unser
-Vergnügen haben,« meinte Frau Garberding.
-
-Es war keine große Hochzeit, denn es war in der Heuezeit und die
-Brautleute hatten keinen Anhang im Dorfe, und außer Freimut und
-seiner Frau waren keine Fremden eingeladen, aber es war eine lustige
-Hochzeit, darüber waren alle einer Meinung, und noch wochenlang nachher
-gnickerte mancher sauertöpfische Bauer vor sich hin, wenn er an die
-Rede dachte, die der lange Rechtsanwalt gehalten hatte. So eine Rede
-hatte noch keiner gehört, denn was er von Bauernart und Bauernstolz
-und Bauernarbeit sagte, das ging den Leuten glatt herunter.
-
-»Mein Lieber,« stöhnte der Anwalt einige Zeit später, »mit meiner Rede
-auf deiner Hochzeit habe ich mir schön was an die Hacken gehängt!
-Ich habe schon sowieso genug zu tun, und nun kommt mir noch euer
-ganzes Kirchspiel mit seinen Prozessen. Wenn das so fortgeht, muß ich
-wahrhaftig die Jagd zur nebenamtlichen Beschäftigung machen.«
-
-Er kam jetzt meist mit seiner Frau. »Weißt du,« sagte sie eines Tages
-zu Holde, »das, was man Flitterwochen nennt, das hast du nicht kennen
-gelernt. Na, ich ja auch nicht. Ganze acht Tage waren wir im Harz,
-da hatte Jochen es satt, das heißt, das Gasthausleben. Und wer weiß,
-wozu es gut ist. Ich habe eine Freundin, die leistete sich ein ganzes
-Flittervierteljahr, denn sie hatte es dazu. Na, die haben auf Vorrat
-geküßt, denn jetzt ist er das ebenso leid wie sie. Ihr Bauern seid
-darin vernünftiger. Weißt du, was Jochen neulich sagte? Wenn es ein
-Junge wird, und das will ich hoffen, dann soll er nicht auf dem Asphalt
-hinter dem dreckigen Groschen herlaufen; Bauer soll er werden.«
-
-Als Freimut ankam, legte er seiner Frau die Hände auf die Schultern und
-sagte: »Rate einmal, was du heute geworden bist?«
-
-Sie sah ihn verwundert an und er lachte: »Anbauersfrau! Ich habe
-Garberding das dumme Stück Abland, wie er immer sagt, da zwischen
-Bruch und Haide abgekauft. Wie stehe ich jetzt da? Nun wird da eine
-Häuslingswohnung hingebaut und da verleben wir hinfüro die Zeit, in
-der ich keine Männerreden vor Gericht zu schmettern und zu Hause keine
-Akten durchzuwurzeln habe.
-
-Die Sache ist nämlich die: solange ich lebe und eine Knarre schleppen
-kann, behalte ich Garberdings und Lüders Jagd und die andere
-hoffentlich auch noch. Nun wird erst höchst eigenhändig der Busch
-gerodet und ein Obstgarten angelegt und Forellen- und Karpfenteiche
-gebuddelt und so nach und nach wird das dann deine Sommerfrische, und
-dann habe ich doch immer einen vernünftigen Grund, zur Jagd zu gehen,
-und Oldwig kann zu Hause Aktenstaub schlucken.
-
-Im April geht die Bauerei los, und die Grundsteinlegung wird
-schauderhaft festlich mit Flaschenbier und selbstgeschlachteten
-Würsten gefeiert. Und auf meine Namenskarte lasse ich jetzt drucken:
-Jochen Freimut, Anbauer, Jagdidiot und im Nebenamt Rechtsverdreher.«
-
-Es wurde auch eine sehr lustige Feier, aber der Hilgenbauer war nur
-eine Stunde dabei und seine Frau gar nicht, denn sie hatte ihm am
-Morgen dieses Tages Zwillinge geschenkt, einen Jungen und ein Mädchen.
-
-»Hochgeöhrte Anwesende, geliebte Festgenossen, werte Gäste,«
-hatte Freimut seine Rede angefangen, »der augenblickliche Tag ist
-bedeutungsvoll für uns. Zum ersten, weil wir hier den Grundstein zu
-dem Hause legen, in dem hoffentlich einst mein ältester und vorläufig
-einziger Sohn Lüder etwas Vernünftigeres treiben wird als sein die
-Natur mit Pulverdampf erfüllender Vater; zum zweiten besteht die
-Familie Volkmann seit fünf Uhr dreißig Minuten heute früh aus vier
-Köpfen, sintemal und alldieweil der Adebar zweimal geflogen kam,
-wie das, wie man bei Ramakers gesehen hat, dort das übliche zu sein
-scheint. Gehet hin und tuet desgleichen, so daß man nach zehntausend
-Jahren noch singen kann, Musik!!: Deutschland, Deutschland über alles!«
-
-Als Freimut hinterher zum Hilgenhofe ging, denn er mußte den Abend
-noch abreisen, fand er Garberdings da. Die alten Leute waren selig,
-und besonders die Bäuerin lachte und weinte durcheinander und sagte in
-einem fort: »Jetzt bin ich doch noch Großmutter geworden!«
-
-Und sie wurde die Großmutter, und es verging kaum ein Tag, daß der
-Garberdingsche Wagen nicht angefahren kam, und war das Wetter schön, so
-konnte man darauf rechnen, daß auch Garberding mitkam, denn der Bauer
-mußte sich sehr vorsehen.
-
-»Mit mir ist nicht mehr viel Staat zu machen,« sagte er zu Volkmann,
-»wenn ich den Winter noch überstehe, so ist es ein Wunder. Es schadet
-auch nichts; ich kann mit meinem Leben zufrieden sein; fünfundsechzig
-bin ich, das ist ein schönes Ende.
-
-Und nun will ich dir was sagen, mein Junge: sieh mal, Kinder haben wir
-beide nicht, Trina und ich, und was wir an Verwandtschaft haben, das
-ist so weitläufiger Art, daß wir da nichts von wissen, und wir beide
-sind ja auch noch verwandt miteinander. Deswegen habe ich das mit
-unserer Mutter so abgemacht: du sollst meinen ganzen Hof haben mit
-allem, was drum und dran ist, und das bare Geld, das nicht ganz wenig
-ist, kann bis auf einiges, das ich anderer Weise verwenden will, die
-Verwandtschaft kriegen.
-
-Ich bin noch nicht fertig; hör zu; der Tormannshof, auf den ich
-geheiratet habe, hat ein großes Stück von dem Hilgenhofe zu sich
-herübergezogen, denn als dein Großvater starb und hinterher der Anerbe,
-verkaufte dein Oheim, weil er doch in der Stadt sein Geschäft hatte,
-dreihundert Morgen an meinen Schwiegervater, während dein anderer Ohm,
-der Professor, das andere bekam. Unsere Mutter und ich sind beide in
-demselben Augenblick auf diesen Gedanken gekommen.«
-
-Der Hilgenbauer hatte einen ganz roten Kopf bekommen. »Ich kann das
-so ohne weiteres nicht annehmen, Garberding,« versetzte er, »ein
-solches Geschenk. Einmal wird mir das Mißgunst schaffen im Dorfe, und
-dann, ob Ihr mit Eurer Verwandtschaft auch noch so weit auseinander
-seid, Verwandtschaft bleibt Verwandtschaft. Bedenke, sie könnte mir
-Erbschleicherei vorwerfen.
-
-Und schließlich, meine politischen Ansichten stehen dem auch entgegen.
-Ich hätte dann weit über tausend Morgen, und das ist zu viel.
-Großgrundbesitzer haben wir mehr als genug, was uns fehlt, das sind
-Bauern. Ein Musterwirt von Gutsbesitzer ist nicht so viel wert für die
-Erhaltung der deutschen Volkskraft als zehn Kleinbauern, die nach der
-alten Art wirtschaften. Er kann zehn Kinder haben meinetwegen, dann
-haben aber die zehn Bauern hundert.
-
-Wenn du mir etwas Land schenken willst von unserem alten Besitz, so
-danke ich dir herzlichst im Namen meines Jungen; aber alles kann ich
-nicht annehmen.«
-
-Acht Tage später kam der Großknecht vom Garberdingschen Hofe
-angeritten; der Bauer war in der Nacht gestorben. Ganz sanft war er
-hinübergegangen. Die Bäuerin war sehr gefaßt: »Es ist hart für mich,«
-seufzte sie, »aber ich sah es ja kommen. Zu guter Letzt sagte er noch:
-›Mutter, nun bist du doch nicht allein, wo du die Kinder hast.‹ Und das
-ist auch mein Trost.«
-
-Sie gab den Hof in Pacht und zog auf den Hilgenhof. »Verzieh mir die
-Kinder nicht so, Großmutter,« mußte Frau Volkmann jeden Tag wohl
-dreimal sagen, denn den ganzen Tag war Frau Garberding mit den Kleinen
-zu Gange, und als nach zwei Jahren noch ein Junge da war, da war sie
-ganz glücklich.
-
-»Wenn das unser Vater noch erlebt hätte,« rief sie, lachte listig in
-sich hinein und fuhr, sobald Holde sich wieder helfen konnte, zur Stadt.
-
-Fünf Jahre lebte sie noch auf dem Hofe, bis ihr an einem Maiabend die
-Luft wegblieb. »Die Kinder,« stöhnte sie, und man brachte sie zu ihr.
-
-Sie strich jedem über den Kopf und lächelte müde. Noch einmal hob sie
-den Kopf: »In der Beilade!« Um ihren Mund stand ein verschmitztes
-Lächeln, ehe sie verschied.
-
-Als nach dem Begräbnis Frau Volkmann die Beilade der Toten
-aufschloß, fand sie oben auf dem Sonntagszeuge einen Brief, dessen
-Aufschrift lautete: An Lüder Volkmann; er enthielt eine Abschrift
-der Erbverschreibung, wonach Katharina Hermine Magdalene Garberding
-vormalige Tormann nach dem Willen ihres Mannes ihren gesamten Besitz
-und was dazugehörig war an Lüder Volkmann vermachte. »Doch,« so hieß es
-am Schlusse, »soll er nicht gehalten sein, alles zu behalten, vielmehr
-darf er mit Ausnahme der dreihundert Morgen, die vordem beim Hilgenhofe
-waren, darüber frei verfügen.«
-
-Frau Volkmann wurde blaß, als sie das Schriftstück las. »Lieber
-Lüder,« sagte sie, »das geht doch nicht. Wer weiß, ob nicht unter den
-Verwandten von unserer Großmutter Leute sind, die es sehr nötig haben.«
-
-Ihr Mann nahm sie in den Arm: »Das freut mich, Holde, daß du auch
-so denkst; genau dasselbe habe ich zu Garberding gesagt, als er mir
-kundgab, daß er uns seinen Hof hinterlassen wolle. Wir wollen uns nach
-der Verwandtschaft umsehen; vielleicht ist einer darunter, der auf den
-Hof paßt.«
-
-Als es im Dorfe bekannt wurde, daß der Vorsteher den ganzen
-Tormannschen Hof geerbt habe, gab es erst ein großes Gerede, aber als
-es sich herumsprach, daß Volkmann nur die dreihundert Morgen behalten
-wolle, das andere aber bis auf ein Stück, das der Rechtsanwalt Freimut
-zukaufen wollte, an einen aus der Garberdingschen Verwandtschaft
-hingeben wolle, da war das Gerede noch größer, und hatten etliche Leute
-erst angedeutet, daß Volkmann es schlau angefangen habe, um das Erbe
-zu bekommen, so taten dieselben Männer jetzt so, als wenn er nicht alle
-fünf Sinne beieinander habe.
-
-Er aber kümmerte sich weder um die feindlichen noch um die mitleidigen
-Blicke und beauftragte Freimut, Erkundigungen über die Verwandtschaft
-einzuziehen.
-
-Über ein Jahr ging darauf hin; schließlich fand der Anwalt heraus, daß
-am Rhein eine Fuhrmannswitwe Tormann lebte, deren ältester Sohn ein
-tüchtiger Bauernknecht sein sollte.
-
-Sobald er konnte, reiste Freimut hin, und als er wiederkam, meinte
-er: »Das ist der richtige; ein Kerl wie ein Baum, Augen wie ein Kind,
-Fäuste wie ein Hausknecht und ein Herz wie ungemünztes Gold. Die Leute
-können eben leben; es sind noch zwei Mädchen da, eine von vierzehn und
-eine von siebzehn Jahren, ganz prächtige Mädels, und die Mutter ist
-auch so. Ich habe natürlich nicht gesagt, um was es sich handelt, ich
-sagte nur, daß sie von dem baren Gelde geerbt hätten; wieviel es wäre,
-wüßte ich nicht. Da sagte der älteste, Hermann heißt er: ›So viel ist
-es wohl nicht, daß wir uns ein paar Morgen Land kaufen könnten; hier
-ist billig etwas zu kriegen.‹ Den Mann nimm, Lüder. So, und wo ist der
-Bock, den du mir währenddem ausmachen wolltest?«
-
-Volkmann meinte, das ließe sich wohl hören, es sei nur fraglich, ob
-ein Rheinländer sich bei ihnen eingewöhnen werde. Als er nachher
-mit Freimut durch das Bruch ging, um ihm zu zeigen, wo der Bock
-stand, traten sie ein beflogenes Gesperre Fasanen heraus, und da
-sagte Freimut: »Siehst du, du meintest zuerst, die Fasanen würden
-verstreichen; dieses hier aber ist das sechste Gesperre, das wir jetzt
-haben. Meinst du noch, daß Hermann Tormann sich hier nicht hineinfinden
-wird?«
-
-Er behielt recht; Hermann Tormann kam angereist, als ihm geschrieben
-wurde, er solle unter Umständen den Hof haben, doch müsse er erst
-ein Jahr Knecht auf dem Hilgenhofe sein, was er ganz richtig fand.
-Er war allerhand anders gewöhnt, aber er fand sich schnell in die
-landesübliche Weise, und da er freundlich und von sinniger Art war,
-stellte er sich gut mit den jungen Leuten aus dem Orte, mit denen er
-aber nicht viel zusammenkam, da er von sich aus keine Wirtschaften
-besuchte.
-
-Als das Jahr um war, rief der Bauer ihn in die Dönze. »Du bist mir ein
-guter Knecht gewesen, Hermann,« sagte er, »dein Jahr ist um und hier
-ist der Lohn, den du noch zu bekommen hast. Morgen fährst du nach Hause
-und holst deine Mutter und deine Schwestern; unterdessen trete ich dir
-den Tormannschen Hof ab, das heißt nicht ganz. Du weißt, die Koppeln im
-Rodewischen sind so abgelegen, daß sie immer verpachtet werden mußten;
-die will ich Ramaker als Anbauerstelle geben. Er hat die Jahre so viel
-für mich getan, daß ich das mit Geld gar nicht gutmachen kann. Und
-jetzt, Tormannsbur, hier ist der Stock vom alten Garberding, den er
-immer trug und den ihm sein Schwiegervater gab; der ist jetzt dein, und
-das Zeichen darin, das ist jetzt deine Hausmarke. Und nun reise gut und
-grüße deine Mutter und die Schwestern.«
-
-Es dauerte einen Monat, ehe Tormann zurückkam, denn, wie er schrieb,
-mußte seine Mutter erst ihr Häuschen mit dem bißchen Land und den
-Hausrat zu Geld machen, ohne es zu verschleudern. Es war so, wie
-Freimut gesagt hatte; die Frau und ihre Töchter gefielen Volkmann von
-Anbeginn; sie machten keine großen Worte, aber man sah es ihnen an den
-Augen an, wie glücklich sie waren.
-
-Am allerseligsten aber waren Ramakers. Der Häusling sagte gar nichts,
-als ihm der Bauer den Besitzschein für die Anbauerstelle übergab; er
-wurde weiß um die Nase und setzte sich auf den Hackklotz. Aber als er
-sich etwas erholt hatte, war sein erstes, daß er fragte: »Wo willst du
-jetzt aber einen neuen Häusling herkriegen?«
-
-Seine Frau saß auf der Deele auf der Eimerbank und lachte und weinte
-durcheinander. »Denn,« sagte sie, »mit Lustigkeit alleine komme ich
-darüber nicht weg.«
-
-
-
-
-Die Lerche.
-
-
-Seitdem Frau Holde auf dem Hilgenhofe war, hatte sich der Bauer in
-der schlechten Jahreszeit wieder an seine Arbeit gemacht und seine
-Quintärfauna von Deutschland in einer wissenschaftlichen Zeitung
-erscheinen lassen.
-
-Die Arbeit machte großes Aufsehen, und in dem führenden Fachblatte
-wurde sie die wichtigste zoo-geographische Arbeit aus der deutschen
-Fauna genannt, die in den letzten fünfzig Jahren erschienen wäre.
-
-Neben der Beschäftigung mit dieser Arbeit hatte der Bauer den Stoff für
-eine andere gesammelt, in der er die Veränderungen darstellen wollte,
-die die höhere Tierwelt des Gaues von den ältesten Zeiten bis auf seine
-Tage erfahren hatte, doch kam er davon ab, als er die Einzelheiten aus
-der Literatur, die ihm der naturwissenschaftliche Verein zu Bremen
-beschaffte, und aus allerlei Akten zusammensuchte, und aus den alten
-Leuten in der Gegend herausfragte, und auf einen anderen Gedanken.
-
-Der Name seines Hofes und die Tatsache, daß die gewaltige Eiche, die
-mit den dreihundert anderen dort stand, nicht unter die Axt gekommen
-war, hatten ihn auf die Vermutung gebracht, daß es mit dem Hilgenhofe
-eine besondere Bewandtnis haben müsse.
-
-Als er Thöde Volkmanns Bücher durchsuchte, fand er darunter einen
-mühsam zusammengebrachten Stammbaum der Hilgenbauern, der zwar einige
-kahle Stellen aufwies, aber weit zurückreichte, und in demselben
-Hefte eine Menge Aufzeichnungen über die Geschichte des Hofes und der
-Besitzer, sowie in einem Fache des Schrankes alle Literatur, in denen
-der Hilgenhof und Reethagen vorkamen.
-
-Der Hilgenbauer fühlte sich mit seinem Hofe so sehr verwachsen, daß
-er selbst schon allerlei über ihn und seine Besitzer zusammengetragen
-hatte; er forschte weiter nach, wo er irgendwelche Urkunden, Akten und
-Aufzeichnungen vermutete und trug alles in das grüne Heft seines Ohms
-ein; dann zog er daraus den Stammbaum und trug ihn in einen starken
-Band mit Lederdeckel ein, den er eigens zu diesem Zwecke gekauft hatte
-und der das Hausbuch der Hilgenbauern werden sollte und davor in
-knapper Fassung die Geschichte des Hilgenhofes und seiner Besitzer, und
-die Bäuerin, die sehr gut zeichnete und malte, fügte Bilder von dem
-Hause, dem alten Wahrbaume, dem Hilgenberge, dem Grasgarten und dem
-Fleet hinzu und ihre, ihres Mannes und der Kinder Abbildungen.
-
-Lüder hatte schon auf der Lateinschule sehr viel gelesen und auf der
-Hochschule und später noch mehr; jetzt las er nur ganz selten noch und
-eigentlich nur solche Bücher, die sich mit der Geschichte der Heimat
-und ihrem Volke beschäftigten, schöne Literatur dagegen gar nicht.
-
-Dadurch kam er ganz zu sich selbst und lenkte seine Gestaltungskraft,
-die fortwährend in ihm arbeitete und die in den letzten Jahren ganz
-von der Arbeit für den Hof mit Beschlag belegt war, nicht ab, sondern
-speicherte einen großen Vorrat davon in sich auf.
-
-Als ihm nun beim Holzabfahren in der Wohld ein Stamm den rechten Fuß
-so schwer gequetscht hatte, daß der Arzt ihm für lange Wochen Liegen
-verordnete, fühlte er sich sehr unbequem, denn mit dem Lesen von
-Büchern konnte er seiner Unruhe nicht Herr werden.
-
-»Schreibe deine Gaufauna fertig,« riet ihm seine Frau, und sie
-beschaffte ihm ein Pult, das an das Bett geschraubt wurde. Er begann
-zu schreiben, aber während er bei der Einleitung war, in der er das
-Land schilderte, wie es zu den Zeiten ausgesehen haben mochte, als noch
-Urochs, Bär, Adler und Uhu dort lebten, traten, je weiter er kam, immer
-mehr die Menschen vor ihn, während das Getier zurückwich.
-
-Er klagte seiner Frau sein Leid, aber sie sagte ihm: »Die Hauptsache
-ist, daß du dir die Zeit vertreibst. Die Tiere laufen dir nicht fort,
-und wenn sich die Menschen vordrängen, so werden sie wohl ihre Ursache
-dazu haben. Das, was du bis jetzt geschrieben hast, ist sehr schön.«
-
-So tat er, was er mußte, ließ den Hilgenhof entstehen, schilderte
-die Schicksale der Leute, die darauf saßen, und als er in kurzen
-Zügen die alte Zeit dargestellt hatte, langte er bei Helmold Hilgen
-an, der während des Dreißigjahreskrieges lebte und dessen zweiter
-Sohn Hennecke, der herzoglicher Amtsschreiber war, ein Heft mit
-Aufzeichnungen über das, was ihm sein Vater erzählt hatte, hinterließ.
-
-Dadurch bekam Lüder Boden unter die Füße, so daß er weiterkommen konnte
-bis zu Henning Volkmann, der auf den Hilgenhof heiratete und zur Zeit
-des ersten Napoleon lebte. Das war ein ausnehmend gescheiter Mann; er
-hatte ein Tagebuch über alle wichtigen Geschehnisse auf dem Hofe und im
-Kirchspiele geführt und immer die großen Zeitereignisse dabei bemerkt,
-soweit sie Einfluß auf den Hof hatten, auch seine eigenen Gedanken
-dabei nicht vergessen, die er sich darüber gemacht hatte.
-
-Da nun ein Schillscher Offizier, der lange mit einer schweren Wunde auf
-dem Hilgenhofe lag, sowohl den Bauern als die Bäuerin und die Kinder
-als Schattenrisse in das Heft hineingezeichnet hatte, auch auf zehn
-Seiten in trefflicher Weise das Leben auf dem Hofe beschrieben hatte,
-so hatte Lüder diesen seinen Ahnen sichtbar vor Augen und konnte nicht
-eher von ihm fortkommen, als bis er in zehn Schreibheften das ganze
-Leben dieses ausgezeichneten Bauern, der ein Mehrer des Hofes und
-fünfzig Jahre lang Bauernvogt war, beschrieben hatte.
-
-In vier weiteren Heften schloß sich der Niedergang des Hofes an, bis
-im fünfzehnten und letzten Hefte die beiden letzten Volkmanns, der
-weltflüchtige Gelehrte Thöde und Lüder, der Landstreicher, den Beschluß
-bildeten.
-
-Es war Ende Februar, als der Bauer mit der Geschichte des Hofes zu
-Rande war. Sein Fuß hatte sich sehr gebessert, zumal er sich während
-des Schreibens ruhig verhalten hatte, denn je mehr er schrieb, um so
-ruhiger wurde es in ihm.
-
-Er gab die fünfzehn Hefte der Bäuerin; sie las sie trotz der engen
-Schrift in einem Zuge durch, faßte seinen Kopf mit beiden Händen,
-gab ihm einen Kuß und sagte: »Das kannst du mir schenken, es ist
-wundervoll.« Er nickte, und als sie weiter fragte: »Darf ich damit
-machen, was ich will?« nickte er wieder und sagte: »Gewiß, Holde, was
-du willst!«
-
-Da die Sonne warm schien, hatte er Lust, nach draußen zu gehen, denn
-bis dahin war er nur im Hause auf und ab gegangen. Die Bäuerin gab ihm
-den Arm und führte ihn in den Garten, wo in der Alpenanlage, die Thöde
-Volkmann angelegt hatte, allerlei frühe Blumen blühten, und von da bis
-zum Ende des Grasgartens, weil dort die Vormittagssonne am wärmsten war.
-
-Als sie auf die Saat sahen, die vortrefflich durch den Winter gekommen
-war, flog aus dem dichten Grün die erste Lerche hoch, stieg auf und
-sang. »Ich habe es gut getroffen, Holde,« sagte der Bauer, »gleich
-beim ersten Schritte vor das Haus singt mir die Lerche zu.« Seine Frau
-nickte lächelnd; sie hatte ihre eigenen Gedanken.
-
-In der Folge, als Lüder wieder mehr draußen war, um nach den Knechten
-zu sehen, denn er hatte jetzt drei Knechte außer dem neuen Häusling
-Lüdeke, mit dem er es gut getroffen hatte, saß die Bäuerin jeden Tag
-und schrieb die Geschichte des Hilgenhofes sauber ab, und wenn ihr Mann
-sie dabei antraf und sie fragte, warum sie sich soviel Mühe gäbe, dann
-sagte sie lächelnd: »Du hast gesagt, ich kann damit machen, was ich
-will.«
-
-Wenn aber Freimut zur Jagd da war und sich auf dem Hofe sehen ließ,
-dann hatte sie immer Wichtiges mit ihm zu reden; manchmal steckte er
-ihr auch einen Brief zu, und als Lüder das einmal bemerkte, lächelte
-seine Frau ganz so, wie damals Mutter Garberding gelächelt hatte, als
-sie sich zur Kreisstadt fahren ließ, um ihre Erbverschreibung aufsetzen
-zu lassen.
-
-»Es ist ein gesegnetes Jahr,« meinte der Bauer, als sie die Deele zum
-Erntebier rüsteten.
-
-Die Frau stimmte ihm mit den Augen zu, aber sie dachte nicht an die
-Ernte, die auf dem Felde gewachsen war, und nicht an die Gartenfrüchte
-und an die Obstbäume, die sich alle tief bückten, noch weniger.
-
-Zuzeiten fragte Lüder sie, was sie habe, denn wenn sie auch immer
-heiteren Sinnes war, in ihren Augen war seit einiger Zeit ein ganz
-eigenes Leuchten, und noch nie hatte sie soviel gesungen und gelacht,
-wie zu dieser Zeit, und war sie früher schon schön, so wurde sie es
-jetzt noch viel mehr, trotzdem sie von früh bis spät mit dem Haushalte
-zu tun hatte und außerdem noch auf die Kinder, deren es mit der Zeit
-vier geworden waren, zu achten hatte.
-
-So kam der Weihnachtsabend heran. Lüder saß in der großen Wohnstube in
-dem Anbau, in dem jetzt die Familie lebte, da das alte Haus zu klein
-geworden war, und hatte das jüngste Kind auf dem Schoße, während die
-anderen mit gemachter Ruhe die Bilder in einem Tierbuche besahen. Die
-Geschenke für seine Frau hatte er der Großmagd gegeben.
-
-Um sieben Uhr kam die Bäuerin herein; sie hatte, wie die anderen
-auch, ihr bestes Zeug an, und in ihren Augen war eine heimliche
-Ausgelassenheit, so daß ihr Töchterchen sagte: »Mutter, du siehst heute
-wirklich zu schön aus!«
-
-Bald darauf läutete es; die Bäuerin faßte ihren Mann an die Hand und
-führte ihn auf die Deele, wo der Lichterbaum brannte; um ihn herum
-standen das Gesinde und der Häusling mit seiner Familie.
-
-Nachdem die Kinder mit klaren Stimmen das Weihnachtslied gesungen
-hatten, wurden erst Lüdekens beschert, dann das Gesinde, worauf
-schließlich die Kinder zu ihren Gaben gewiesen wurden; zuletzt führte
-Lüder seine Frau dahin, wo seine Geschenke lagen, alltägliche Dinge,
-die ihr fehlten und die er sich im Verlaufe des Jahres gemerkt
-hatte, und einiges, das nicht so notwendig war und von liebevoller
-Aufmerksamkeit Zeugnis gab.
-
-»Du, lieber Lüder,« sagte die Bäuerin, nachdem das Gesinde mit seinen
-Geschenken in die Leutestube gegangen war, »du bekommst wie gewöhnlich
-das wenigste; da sind zwölf Paar Strümpfe, sechs für den Sommer und
-sechs aus Schnuckenwolle für wintertags, und zwei Kisten Räucherwerk
-und natürlich einen Weihnachtskuß, weil du bis auf die Dummheit mit
-dem gequetschten Fuß dich das ganze Jahr gut betragen hast. Gern hätte
-ich dir noch ein besseres Angebinde verehrt, aber du hast ja so wenig
-Bedürfnisse, daß man nie weiß, was man dir schenken soll. Unter den
-Strümpfen liegt noch eine Kleinigkeit, die dir vielleicht Freude macht.«
-
-Neugierig packte er die Strümpfe fort und fand darunter ein Heft einer
-vornehmen Zeitschrift liegen, auf dessen aufgeschlagener Seite eine
-Stelle blau bezeichnet war. Er las und wurde ganz rot im Gesicht, denn
-da stand:
-
-»Im Verlage des Deutschen Vereins für ländliche Wohlfahrt- und
-Heimatpflege ist ein Buch erschienen, das in der Weihnachtsliteratur
-dasteht wie eine Eiche im Felde. Es heißt »Der hohe Hof« und behandelt
-die Geschichte einer bäuerlichen Familie der Lüneburger Haide. Sein
-Verfasser nennt sich Lüder Volkmann; wir wissen nicht, wer das ist,
-aber wir wissen, daß er ein großer Künstler ist. Seine Sprache ist
-rein und klar, wie die Luft in der Haide; da stäubt kein überflüssiges
-Wort, da fliegt kein falscher Ausdruck. Sein Satzbau ist von jener
-Natürlichkeit, die so schwer zu treffen ist, und seine Bilder sind
-ungesucht und neu. Das Buch wird demnächst ausführlicher besprochen;
-für heute sagen wir nur: es ist ein köstliches Werk.«
-
-Als Lüder aufsah, warf sich Holde an seine Brust. »Ich habe nur die
-Namen etwas geändert; alles andere blieb, wie es war. Du sagtest, ich
-könnte damit anfangen, was ich wollte, da habe ich es drucken lassen.«
-
-Sie schlug die weißleinene Decke zurück, und zwei Bücher kamen zum
-Vorschein, das eine in kostbarer, das andere in einfacher Ausstattung.
-
-»Das, Lüder, ist die Volksausgabe. Dein Buch muß in recht viele Hände
-kommen, darum ist gleich eine ganz billige Ausgabe herausgegeben.
-Inhaltlich sind beide Ausgaben gleich, nur kostet dieses Buch zwei,
-jenes sechs Mark.
-
-Und nun gib mir einen Kuß, damit ich weiß, daß du mir nicht böse bist.«
-
-Sie lehnte sich an ihn und sah mit Augen zu ihm auf, die vor Glück und
-Stolz feucht glänzten.
-
-Ihr Mann küßte sie auf die Stirne: »Du!« sagte er und weiter nichts.
-
-
-
-
-Der Brachvogel.
-
-
-Am Altjahrsabend dröhnte die Stimme Freimuts über die Deele: »Mann,«
-trompetete er, »die Welt ist deines Ruhmes voll, und was das beste ist,
-sie schimpfen sogar schon über dich in den Zeitungen, die an pikante
-Gerichte, wie Rollmops mit Vanillesauce gewöhnt sind. Mann, ich werde
-von jetzt ab Sie zu dir sagen und dich nur noch in der dritten Person
-anreden.
-
-Haben Euer Gnaden das schon gelesen?«, er holte eine Zeitung aus
-der Tasche, »und das und das und das? Lasse dich schleunsamst
-photographieren und schaffe dir einen Mann an, oder besser deren
-drei, die gerade solche Haarfarbe haben wie du, und lege dir einen
-Schreibknecht bei, denn ich sage dir, wenn die Haide blüht, wird die
-Wallfahrerei zum Hilgenhofe losgehen und dann kannst du Widmungen
-schreiben, dein Kunterfei an flötende und hold lächelnde Mägdeleins
-verschenken und deine Locken wirst du sänftlich los!
-
-Nun ergreif dein Glas; sobald die Glocke das neue Jahr ansagt, wollen
-wir auf das nächste Buch trinken, von dem ich hoffe, daß darin ein
-gewisser Jochen Freimut eine große Rolle spielt, und auf deine liebe
-Frau, denn ohne die wäre aus dir nichts Vernünftiges geworden.«
-
-Lüder lachte: »Das stimmt,« sagte er und nickte seiner Frau zu.
-
-In diesem Winter stellte er seine große naturwissenschaftliche Arbeit
-fertig, in der er erzählte, wie sich im Laufe von Jahrhunderten je
-nach der Art der Pflanzenwelt und der Kultur die wilde Tierwelt
-zusammensetzte, von der Zeit an, als noch mongoloide Fischer und Jäger
-dort hausten, bis die blonden Weidebauern sie von dannen trieben, die
-Fichten und Fuhren zurückdrängten und die Eiche begünstigten, wodurch
-eine ganz andere Tierwelt aufkam. Dann wurde aus dem Weide- ein
-Ackerbauer und wieder änderte sich die Tierwelt; die Lüneburger Saline
-und der schreckliche Krieg nahmen die alten Eichen fort und abermals
-traten Fichten und Fuhren und mit ihnen andere Tiere vorn hin; die
-Vorderlader, die Eisenbahn, die Vergrößerung des Landstraßennetzes,
-die Ablösung der Waldhutung in den Staatsforsten, die zunehmende
-Entwässerung und Urbarmachung gaben der Zusammensetzung der Fauna
-wieder ein anderes Gesicht, und so zeigte er in seiner klaren, ruhigen
-Schreibart, warum Blauracke und Wiedehopf verschwinden mußten und
-weshalb Haubenlerche und Grauammer in die Haide einwanderten, und als
-das Buch erschien, fand es überall Lob.
-
-Vielerlei Leute suchten den Hilgenbauer auf, Forscher und Künstler,
-aber nur wenige kamen an ihn heran. Die Bäuerin hatte helle Augen,
-und wenn sie erkannte, daß nur Neugier oder Geschäftsmacherei einen
-Menschen auf den Hof trieben, dann blieb ihr Mann damit verschont, denn
-obzwar er jetzt wußte, daß er mehr war als nur ein Bauer, so wollte er
-im Grunde nichts als ein Bauer sein.
-
-Nur in der stillen Zeit, wenn das Feld und die Wiese eingeschlafen
-waren, nahm er die Feder in die Hand, aber auch nur dann, wenn die
-viele Kraft, die in ihm war, Frucht angesetzt hatte.
-
-Da er nicht dem Ruhme nachlief und nicht hinter dem Gelde her war,
-mähte er seine Gedanken nicht, bevor ihr Jakobstag da war, und trieb
-keinen Raubbau mit seiner Seele. So wurde jedes Buch, das er schrieb,
-reif und nahrhaft.
-
-An dem Tage, als sein ältester Sohn aus der Dorfschule kam, hatte er
-ihn gefragt, was er werden wolle, denn der Junge hatte nebenbei bei dem
-Pastor Unterricht in den alten Sprachen, in Geschichte und Erdkunde
-bekommen. »Ich will die Lateinschule besuchen,« hatte der Junge gesagt,
-»bis ich damit zu Ende bin.«
-
-Lüder dünkte das sonderbar, denn Dettmer hatte viel Freude an der
-Landwirtschaft, und so fragte er: »Willst du denn studieren?« Da hatte
-der Junge ihn groß angesehen: »Studieren? Wo ich doch Hoferbe bin!
-Aber ich will überall mitreden können, denn der Pastor sagt, was einer
-lernt, ist gleich, wenn er nur etwas lernt; wer gut Latein kann, der
-wird auch seinen Hof gut im Stande halten.«
-
-Am andern Tage fuhr der Bauer mit seiner Frau nach Hülsingen; sie aßen
-in demselben Kruge, wo sie an dem Tage gewesen waren, als die Schlange
-sie zusammengeführt hatte.
-
-Der Haidbrink, auf dem Lüder, der Landstreicher, damals gelegen hatte,
-als er auf Ramaker wartete, war fast noch so, wie an jenem Tage, nur
-daß die Haide höher war und die Zweige der Birke bis auf die Erde
-hingen. Der Ortolan sang nicht, denn er war noch nicht wieder da, aber
-auf dem Brombeerbusche unten an dem Brinke saß der Goldammer und sang
-sein friedliches Lied, und über dem Postbruche kreiste der Brachvogel
-und rief laut.
-
-Holde ging zu dem Machangelbusche, bei dem sie Lüder zuerst gesehen
-hatte; sie wollte sich einen Zweig zum Andenken mitnehmen. Der Bauer
-sah dorthin, wo der Brachvogel sich mit abnehmendem Rufe niederließ.
-
-Die Füße fest auf der Heimaterde, aber die Gedanken darüber; so soll es
-sein, dachte er. Und dann sah er dorthin, wo vor dem dunklen Busche das
-blonde Haar der Bäuerin in der Sonne leuchtete, und er dachte daran,
-was er gewesen war, ehe er sie gesehen hatte, und was er jetzt war.
-
-Er dachte an seine Verfehlung und die Strafe, die dafür über ihn
-gekommen war und daß er ohne beide sich wohl niemals auf sich selber
-besonnen hätte, sondern mit der Zeit abgestanden und schal geworden
-wäre, wie so mancher treffliche Mann in dem Wirrwarr der großen Stadt.
-
-Seine Frau kam den Hügel hinauf, hing sich in seinen Arm und sagte,
-indem sie den Geruch des Machangelzweiges einatmete, den sie in der
-Hand hielt: »Man sagt, Kreuzottern seien böse Tiere; die mich damals
-gebissen hat, war gut; Ramaker hätte sie nicht totschlagen sollen.«
-
-»Ja, Holde,« pflichtete ihr Mann ihr bei, indem er sie an sich zog,
-»das ist wohl so, es sieht manches wie ein Unglück aus und nachher wird
-es uns zum Segen!«
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die
- Originalschreibweise wurde, soweit nicht unten aufgeführt,
- beibehalten. Das Cover wurde aus dem Originalcover und der
- Titelseite kombiniert und unter die Public-Domain-Lizenz gestellt.
-
- Korrekturen:
-
- S. 50: einen → einem
- die redet {einem} ein Loch in den Strumpf
-
- S. 81: Karline → Karoline
- {Karoline} hatte genickt
-
- S. 152: Niffelheim → Niefelheim
- letzten der Mannen von {Niefelheim}
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- S. 188: belebt → erlebt
- Wenn das unser Vater noch {erlebt} hätte
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-
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-
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-
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-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
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-
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-
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-
-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-works.
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-concept of a library of electronic works that could be freely shared
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