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-Project Gutenberg's Geschichten aus den vier Winden, by Max Dauthendey
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
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-
-Title: Geschichten aus den vier Winden
-
-Author: Max Dauthendey
-
-Release Date: December 3, 2019 [EBook #60836]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN ***
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-Produced by Norbert H. Langkau, Matthias Grammel, and the
-Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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-Geschichten aus den vier Winden
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- Ein Verzeichnis
- sämtlicher Bücher von
- Max Dauthendey
- findet sich am Schluß
- dieses Buches
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- Max Dauthendey
-
- Geschichten aus den
- vier Winden
-
- 6. bis 8. Tausend
-
- Albert Langen Verlag, München
- 1921
-
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-
- Copyright 1915 by Albert Langen, Munich
- Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung.
- (Siehe auch Art. III der Übereinkunft zwischen
- Deutschland und Rußland zum Schutze von Werken
- der Literatur und Kunst vom August 1913.)
-
- _Albert Langen_ _Max Dauthendey_
-
- Druck von Hesse & Becker in Leipzig
- Einbände von E. Ä. Enders in Leipzig
-
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-Geschichten aus den vier Winden
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- Seite
-
- Das Giftfläschchen 7
-
- Himalayafinsternis 41
-
- Hecksel und die Bergwerkflöhe 77
-
- Zwei Reiter am Meer 129
-
- Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen 143
-
- Nächtliche Schaufenster 173
-
- An eine Sechzehnjährige 195
-
- Zur Stunde der Maus 209
-
- Die Kurzsichtige und der Komet 241
-
- Das Iguanodon 281
-
-
-
-
-Das Giftfläschchen
-
-
-Berlin war ein Feuerbrand von Sonne. Die Dächer der Häuser und die
-Fenster zitterten vor Junihitze, so wie die Hitzeluft über Steinwüsten
-zittert. Es war, als heizten die Scharen der Autos mit ihren
-Benzindämpfen die Straßen, wie fliegende Öfen. Und die Sonne schien
-an diesem heißen Junitag nicht von der Stelle zu wandern. Überall war
-Sonne, überall Höllenhitze.
-
-Vom Stettiner Bahnhof in Berlin fuhr abends der Zug voll von
-Skandinaviern nach Saßnitz. Es war, als ob alle Menschen vor der
-deutschen Junihitze flüchteten. Das vornehme palastartige Fährboot, das
-in vier Stunden in der Nacht von Saßnitz übers Meer nach Trelleborg
-fährt, landete aber am Morgen in Schweden im flachen Schonen immer noch
-wie von der berliner Hitze begleitet.
-
-Der Drang, möglichst rasch nach dem kühleren Norden zu kommen, ließ uns
-nirgends Halt machen. Wir, die Frau, die ich liebe, und ich, hatten
-uns vorgenommen, zuerst die Route an der Westküste von Trelleborg bis
-Strömstad zu fahren und dann nach Lappland zu reisen. Wir reisten die
-zwölf Stunden von Trelleborg bis zur nördlichen Grenze Schwedens an der
-Westküste ohne Aufenthalt, mit Ausnahme einer kurzen Mittagpause in
-Gothenburg, und wir waren am Abend um sieben Uhr am Ende unserer ersten
-Reiseroute in Strömstad angekommen.
-
-Zweiundzwanzig Stunden trennten mich hier von Berlin, so sagte mir der
-Fahrplan. Aber meine Augen hatten mir unterwegs von Stunde zu Stunde
-gesagt: jede Stunde wird hier ein Jahrtausend, und in Strömstad trennen
-dich zweiundzwanzig Jahrtausende von Berlin.
-
-Kaum stieg ich am Ende der Sackbahn in Strömstad aus, so versank ich
-in diese Jahrtausende wie ein Meteor, das von einem fremden Stern auf
-die Erde gefallen ist. Und nicht nur zwei kleine Stufen stieg ich
-vom Trittbrett der Eisenbahn bis zum Perron der schwedischen Erde,
-sondern ich war wie zweiundzwanzig Tausend Meilen tief in eine fremde
-Erde -- bei einem fremden Meer, bei einem fremden Himmel, bei einer
-fremden Sonne -- eingedrungen, als ich in Strömstad aus dem Waggon
-gestiegen war. Und ich kam nicht mehr los und saß dort bei Strömstad
-auf einer Insel im Meer und ließ mir neue Ohren wachsen, und soviel
-Haare ich sonst auf dem Kopf hatte, so viele Augen schien ich jetzt im
-Kopf zu haben. Mein Herz, das sonst in Deutschland im Gewohnten und
-Althergebrachten eingekapselt saß, flutete und löste sich und wurde wie
-das Herz Adams am Tag, da Gott ihm das Paradies zeigte und alle Bäume.
-
-Die Insel, auf der ich saß, und wo ich die Reisebillette meiner anderen
-beiden großen Reiserouten in Schweden verfallen ließ, hieß Koster.
-Es ist eine Insel im Kattegat, und sie wird dreimal in der Woche von
-einem Dampfschiff angelaufen, das den Weg in dreiviertel Stunden von
-Strömstad zurücklegt und die Post bringt. Das macht aber nichts, wenn
-auch die Post dreimal in der Woche dorthin kommt, diese Insel ist und
-bleibt doch für mich immer und ewig ein Pünktchen am Ende der Welt.
-
-Schon »am Ende der Welt« angekommen zu sein -- nachdem man noch
-zweiundzwanzig Stunden vorher in Berlin die Automobile rasen sah
---, das ist etwas Verblüffendes und Erstaunliches, und ich habe
-mir vorgenommen, ein ganzes dickes Buch über die Insel Koster zu
-schreiben. Aber mit dieser kleinen Erzählung hier will ich euch nur den
-Mund wässerig machen auf dieses Pünktchen am Ende der Welt, auf diese
-Insel, dieses Kopfkissen aller Seligkeit. Ob das Buch, das ich einmal
-über diese Insel schreiben will »die Königstöchter von Koster« heißen
-soll, oder »die Insel der heiligen Kühe«, oder »wilde Rosen, Wachholder
-und Urgestein«, oder »die Insel am Ende der Welt«, das weiß ich heute
-noch nicht genau zu sagen. Die Titel verrate ich aber hier nur deshalb,
-weil sie andeuten, was dort alles zu finden ist für den, der sich ein
-Billett nimmt und in zweiundzwanzig Stunden von Berlin hinreist und
-zweiundzwanzig Jahrtausende in der Zeit zurück, in der Urzeit dort
-ankommt.
-
-Stellt euch meine Insel vor. Nachdem wir in Südschweden, in Schonen,
-aus dem Eisenbahnfenster zuerst weite Kornflächen gesehen hatten und
-grüne Waldzüge, aus denen die herrlichsten Buchen und die stämmigsten
-Eichen nah am Meer die Luft mit Blätter- und Rindenduft würzen
-und die reichen Gehöfte dort umwehen, verläßt uns plötzlich die
-weiche sinnliche Erde. Statt der runden Buchenwälder wachsen runde
-Granithügel auf, und von allen Bäumen bleiben nur noch die Tannen am
-Wege, die Birken und die Eichen. Aber der Buche, dem Ahorn, der Pappel,
-dem Nußbaum und der Kastanie, -- allen diesen geht der Atem aus vor dem
-Granit, der mit rostroten Eisenadern gezeichnet ist. Das Land ist dort
-mit Granit gepanzert, und hinter Gothenburg beginnt eine Steinzone,
-wie sie sich kein Deutscher in keiner Ecke Deutschlands träumen kann,
-nicht in den Alpen, nicht im Riesengebirge, -- nirgends; und auf
-meiner Reise um die ganze Erde, die ich vor fünf Jahren machte, bin
-ich niemals, selbst nicht am Himalaja, einer solch grotesken Steinwelt
-begegnet, wie die ist, die sich von Gothenburg bis nach Strömstad
-breitet. Am Meer ist die unterhaltendste Partie dieser Steinwelt die
-Station Fjellbacka, die nur eine Schiffstation ist und keine Eisenbahn
-hat. An der Eisenbahn aber, zwischen Gothenburg und Strömstad, ist es
-hauptsächlich der Umkreis um die Station Tanum; hier ist die Steinwelt
-derart furchtbar, daß das Land hier nicht mehr von Menschen bevölkert
-scheint, nicht von Tieren, nicht von Vögeln, nicht von Bäumen, sondern
-von gigantischen blauen und grauen Granitfiguren.
-
-Das Meer, das vor Jahrhunderten noch hier in das Land hereinreichte,
-hat das Steinreich in ein Figurenreich verwandelt, durch urewige
-Waschungen. Die gerundeten Bergfiguren gleichen bald riesigen
-versteinerten Walrossen, bald meilenlangen Herdenzügen von Mammuttieren
-und den Rücken versteinerter Elefantenherden. Dazwischen lagern
-Schichten von versteinerten Urweltbäumen, von denen mancher eine Meile
-lang scheint; und von der Totenstille, die dieser blaugraue Granit
-ausströmt, macht sich kein Ohr, das bisher nur in Gebirgen, Feldern und
-in Wäldern gelebt hat, eine Vorstellung.
-
-Hier und da sitzen eine Holzhütte, ein zwerghafter Baum, ein winziges
-Fleckchen Rasen wie verschollen zwischen diesen ungeschlachten grauen
-Granitungeheuern. Das graue Land dort am Meer scheint wie mit einer
-einzigen Rüstung voll Eisenbuckeln bedeckt. Und wo der Bahnweg den
-Granit mit Dynamit zersprengt hat, wirkt der Mensch im Vorbeifahren
-wie eine Ameise, vor der Geste eines einzigen gespaltenen Blockes,
-der auch nach der Sprengung seinen Starrsinn nicht aufgegeben hat
-und herausfordernd daliegt, wie ein Gigant, den das Dynamit nur ein
-bißchen auf die Seite gerollt hat, an dem aber das Dynamit wie machtlos
-verrauchte. Denn wenn auch der gigantische Riesenblock gespalten wurde,
-er ist ja nur ein Sandkorn, auf das das Dynamit hintrat, und auf Meilen
-liegt hier die Welt voll neuer Granitbuckel. Und der Gedanke kommt
-einem, daß es kein Zufall ist, daß in Schweden, dem Granitlande, Nobel,
-der Erfinder des Dynamits, geboren wurde. Schweden, dieses Stein- und
-Eisenland von ursprünglichster Kraft, forderte direkt das menschliche
-Gehirn dazu auf, dem Steintrotz einen Menschentrotz entgegenzustemmen
-und das Dynamit zu erfinden.
-
-Ebenso steinig wie der Küstenlandstreifen von Gothenburg bis Strömstad
-sind auch die Inseln, die Schären, die dem Küstenstreifen vorgelagert
-sind. Und die Insel Koster ist ungefähr eine der letzten großen Schären
-im Norden, ehe das Meer in die Kristianiabucht einschneidet. Diese
-Steininseln und der Steinlandstreifen waren einst die eigentliche
-Heimat der alten Wikinger. Hier sind noch Inschriften, Runensteine, und
-bei Strömstad auf einem Hügel das berühmte steinerne Wikingschiff.
-
-Auf der Insel Koster gibt es aber in den Talsenkungen einige Bäume:
-Erlen und kurze Eichen. Die ganze Insel wirkt durch ihre seltsamen
-Zwergbäume, Zwergeichen und Zwergwacholder, die in gedrungenen grünen
-Figuren auf dem manchmal himmelblauen Granitgestein wachsen, zwerghaft
-wie die Landschaft eines japanischen Gartens.
-
-Zwischen dem Heidekraut auf dieser Insel und bei den reichen wilden
-Rosenbüschen, die ganz überschüttet von rosa Kelchen dastanden, als
-ich im Juni landete, liegen die seltsamsten Steine zerstreut; dort ein
-blendend weißer, wie ein großes Marmorei, dort ein gelber, wie ein
-harter Honigbrocken oder wie ein Stück Bernstein, dort ein rosenroter
-wie eine Fleischkeule von einem geschlachteten Tier, dort ein schwarzer
-flacher wie ein Rabenflügel oder ein runder wie ein Seehundkopf. Hinter
-den Wacholderfiguren und unter den schirmartigen kurzen Eichen, deren
-Kronen flach wie grüne Teller auf dem Stamm wachsen, von den Seewinden
-wie mit einem Messer beschnitten, -- bei diesen kleinen Eichen und
-großen Wacholderbüschen weiden glänzende rothaarige Kühe und Kühe, weiß
-und schwarz gesprenkelt, als hätten sie sich von der Nacht bemalen
-lassen mit dunkeln Flecken und mit weißen Flecken vom Mond, mit gelben
-und roten Flecken von der Sonne. Und die wandernden Kühe mit ihren
-Flecken, auf der totstillen Insel bei den Flecken der fleischfarbenen
-schwarzen, weißen und blauen Steine, wandern in der feuerblauen
-Meerumrahmung, zwischen den grünen Sonnenflecken unter den Eichen,
-zwischen den rosa Flecken der Rosenbüsche und im Weihrauchgeruch der
-Wacholderbüsche, wie vierbeinige kauende Götzenbilder. Tags fressen sie
-immer alle nach einer Richtung hin gewendet, den Sonnenschein zwischen
-den geschweiften Hörnern auf der Stirne tragend, und hinter ihnen
-kreischen die silberweißen Flecken von Möwenscharen im indigoblauen
-Junihimmel. Nachts, in den Sommernächten, in denen die Sonne kaum für
-eine Viertelstunde um Mitternacht untergeht, liegen die Kühe draußen
-unter den Eichen und schlafen alle mit der Stirn nach Osten gerichtet
-und liegen beieinander in der lauen Dämmerung der hellen Nacht und
-unter den Schirmen der Eichen wie ein schwarzweißer Teppich von
-Hermelin.
-
-Kleine Hütten sind überall zerstreut. In einer, bei einem großen
-Getreidefelde, wohnt der König von Koster. Es ist der älteste und der
-reichste Fischer und hat fast die ganze Insel mit seinen Söhnen und
-Töchtern bevölkert. Die Königstöchter waschen und bügeln, schlagen Gras
-und mähen Korn, melken die Kühe und singen abends. Die Königssöhne
-spielen abends auf Fideln und Mundharmonikas, nähen tags Fischernetze,
-fahren Mist, liegen draußen in den Booten, sehen nach ihren
-Hummerkästen und angeln Makrelen und Dorsche, drehen Taue und teeren
-Taue und ziehen im Winter hinunter nach Gothenburg auf den Heringsfang.
-
-Manche Fischer wurden Kapitäne auf Last- und Personendampfern an
-der Steinküste, andere wurden Matrosen und fahren rund um die Erde.
-Andere wanderten nach Amerika aus und wollten Gold holen in Klondyke,
-und kamen heim statt mit Gold mit amerikanischen Zeitungspapieren
-in den Taschen und gingen wieder zurück zu ihren Hummerkästen und
-Angelschnüren.
-
-_Nie aber, solange die Könige, die Königstöchter und die Königssöhne
-von Koster zurückdenken können, hat es auf dieser Insel einen Diebstahl
-oder gar einen Totschlag gegeben. Niemals war eine Gerichtssitzung
-oder ein Polizist auf Koster gewesen._ Die Menschen dieser Insel sind
-unschuldig wie der Mensch am ersten Tage der Schöpfung.
-
-Dies alles muß man vorher wissen, um die winzige Geschichte von dem
-winzigen Giftfläschchen zu verstehen. --
-
-Es war kurz nach Johanni, als das große Makrelenboot abfuhr, das
-die jungen Leute von Koster und von den umliegenden Inseln abgeholt
-hatte, um hinaus in die Nordsee zu fahren und draußen während des
-Makrelenfangs liegen zu bleiben, bis es Herbst wurde. Dieser war der
-wichtigste Sommertag für alle Bewohner der Insel: der Abfahrtstag des
-Makrelenbootes. Im kleinen Hafensund schwamm, als das große Boot mit
-seinen großen rotbraunen Segeln wie eine Riesenpflugschar im Meer um
-die Ecke der Insel verschwand, ein Dutzend Rudernachen. In jedem Boot
-saßen ein oder zwei Frauensleute und hielten ihre Schürzen vor das
-Gesicht und weinten. Es waren Frauen, die ihre Männer fortsegeln sahen,
-Bräute ihre Bräutigams und Mütter ihre Söhne.
-
-Das ganze weibliche Königsgeschlecht von Koster saß dort auf dem Wasser
-und weinte, und auf dem Mammutrücken der blauen Granitklippen standen
-vereinzelt einige Hofhunde, die hinter ihren fortziehenden Herren
-herbellten, und neben den weinenden Frauen in den Booten bellten andere
-Hunde, so daß die Luft voll Schluchzen und Bellen war.
-
-Ein älterer Mann, den alle den »Heiden« nannten, weil er fürchterlich
-fluchen konnte und seit Jahren niemals bei einer Kirchenversammlung
-auf einer der Inseln gesehen wurde, er, der früher Kapitän gewesen
-war und zwei Dampfschiffe verloren hatte, trat jetzt auf mich zu und
-reichte mir ein kleines Fläschchen mit einem zusammengefalteten kleinen
-Zettel. Der Alte war blaurot im Gesicht, und sein grauer Spitzbart
-saß ihm trotzig kurzgeschnitten am Kinn. Er hatte seinen guten blauen
-sonntäglichen Tuchanzug an und seine alte Kapitänsmütze auf, mit einer
-goldenen Borte daran.
-
-»Sir,« sagte er, denn er sprach mit Vorliebe einige Brocken Englisch,
-um seine höhere Weltkenntnis vor den andern Bewohnern der Insel
-hervorzutun. Er untermischte immer seine Rede mit »Well« und »Allright«
-und verabschiedete sich nie, ohne »Goodbye« zu sagen.
-
-»Sir, ich habe das gefunden,« sagte er und schob mir das kleine
-Fläschchen aufdringlich in die Hand, als wenn dieses mir eben erst aus
-der Tasche gefallen wäre. Und breitspurig wanderte er davon.
-
-»Ich habe das nicht verloren,« rief ich ihm nach. Er aber sah sich
-nicht mehr um und stolperte über die Granitbuckel und über das
-Heidekraut und zeigte mir seinen breiten ungeheuren Rücken, der so
-viereckig war, als trüge er eine große Schulschiefertafel unter dem
-Rock.
-
-Auf dem kleinen Zettel, den er mir mit dem Fläschchen gegeben hatte,
-und an welchem man noch den Abdruck des Fläschchens bemerkte, das
-in das Papier eingewickelt gewesen war, auf diesem Zettel stand
-mit vergilbter alter Tinte das Wort »Gift« geschrieben, dreimal
-unterstrichen und dann:
-
-»_Zehn Tropfen_ reizen die Sinnlichkeit (es war ein derberes Wort
-gebraucht, das ich hier nicht wiedergeben kann).
-
-_Zwanzig Tropfen_ bringen den _Wahnsinn_ und
-
-_jeder Tropfen_ darüber -- _den Tod_.« So stand auf dem Zettel. --
-
-Ich betrachtete das Fläschchen verblüfft. Es war mit einer
-gelbwässerigen Flüssigkeit zur Hälfte gefüllt und mochte vielleicht
-vierzig Tropfen enthalten.
-
-Da stand ich nun plötzlich mitten auf der großen unschuldigen
-Steininsel, umgeben von der Freudigkeit des Sommerhimmels, umgeben von
-der unendlichen Festlichkeit des durchdringend blauen Sommermeeres,
-sah die unschuldigen buntscheckigen Kühe ihre vollen Euter über das
-Heidekraut tragen, sah sie in friedlichen gutmütigen Reihen wildes
-Rosenlaub, Eichenlaub und Kräuter auf dem Granit abweiden, diese
-Kühe, die gutmütig wie die Erdgüte selber waren; ich hörte die wilden
-Bienen und die Hummeln, die sich über die Blüten des Heidekrauts
-summend verbreiteten, und sah sie Honig suchen, Sonnensüße für den
-Winter sammeln; ich sah dann über die Insel hin, auf welcher niemals
-noch eine böse Tat begangen worden war, wo man nicht Gefängnis, nicht
-Gericht und keine menschliche Niedertracht kennen gelernt hatte.
-Und ich, ich hatte da plötzlich ein schauderhaftes Gift in einem
-kleinen Fläschchen zwischen meinen Fingern, eine kleine Hölle von
-vierzig Tropfen. Mit diesen vierzig Tropfen konnte ich Selbstmord
-begehen und Mord. Ich schaute auf die weinenden Bräute hinunter, auf
-die jungen weinenden Frauen, die in den Booten neben den bellenden
-Hunden jetzt langsam wieder zum Ufer zurückruderten, und die von
-ihren Männern verlassen waren. Hier konnte ich Unheil stiften, ich
-konnte blindlings den Verführer spielen. Ein paar Tropfen in ein Glas
-Milch, ein paar Tropfen in einen Teller Suppe hätten die züchtigen,
-unschuldigen, aber zu derber Sinnlichkeit veranlagten Fischermädchen in
-geile, gierige, männertolle Furien verwandeln können. Ich schauderte
-vor diesen ekelhaften Gedanken, die mir von diesem Giftfläschchen
-aufgezwungen wurden, und wunderte mich. Ich schauderte vor dem winzigen
-Giftfläschchen, das da plötzlich in meine Hände gekommen war, hier
-fern von aller überreizten Kultur, fern von dem großen Menschentrubel
-Europas, fern von jener Welt, in der Abenteuer, Morde und Selbstmorde
-täglich die Zeilen der Zeitungen überschwemmten. Hier, sozusagen am
-Ende der Welt, wie kam hier, zweiundzwanzig Jahrtausende hinter Berlin,
-auf diese unschuldige Erde dieses rasend und liebestoll machende Gift?
-
-Die Geschichte des Fläschchens war die:
-
-Der Heide, der alte Kapitän, erzählte sie mir endlich notgezwungen
-nach ein paar Tagen. Ich traf ihn zufällig wieder, bei einem Besuch
-in einer Hütte, wo man seit ein paar Wochen einen plötzlich tobsüchtig
-gewordenen jungen Mann eingesperrt hielt. Die Leute sagten, der junge
-Mann hätte beim Fischen auf offener See einen Sonnenstich bekommen,
-und einige Männer, die nicht mit dem Makrelenboot auf den Nordseefang
-hinausgezogen waren, mußten abwechselnd bei dem Tobsüchtigen Wache
-halten, denn die Gemeinde hatte sich noch nicht entscheiden können,
-diesen als wahnsinnig in ein Spital einer der Städte an der Küste
-abzuliefern. Ich hatte bis jetzt noch nichts von dem geheimgehaltenen
-Wahnsinnigen der Insel gewußt und fand auf einem Spaziergang durch
-Zufall die Hütte, im Innern der Insel, wo der Tobsüchtige von seiner
-Wache von vier Männern, die sich täglich ablösten, festgehalten wurde.
-
-Dort fand ich auch unter den Wachthabenden den alten Kapitän, der mir
-das Giftfläschchen gegeben hatte.
-
-Er war besonders dort begehrt, da er, wie die Leute sagten, »feste
-Handschuhe anhabe«, womit sie seine straffen Fäuste meinten. Nach dem
-zufälligen Zusammentreffen am Makrelenbootstag mit dem Kapitän, hatte
-ich diesen täglich in seiner Hütte aufgesucht und ihn niemals daheim
-getroffen. Jetzt nahm ich ihn zur Seite und bestand darauf, daß er mir
-die genaue Herkunft des Giftfläschchens berichten sollte.
-
-Da hörte ich endlich nach vielem unverständlichem Geknurre: wohl habe
-er die Flasche »gefunden«; aber das war schon ungefähr _dreißig Jahre_
-her. Er fand sie in der Kapitänskabine eines Dampfers, den er sich
-gekauft hatte, und der ihm dann gestrandet war. In einem Geheimfach des
-Schiffsbücherschrankes stand dies Fläschchen in Papier eingewickelt,
-und der Alte behauptete, er habe bis heute keinen Tropfen daraus
-vergossen. Ich glaubte es ihm.
-
-Wir hockten einander gegenüber auf zwei Steinen im Heidekraut. In der
-Nähe bei uns rannte eine schwarze angepflockte Ziege, schwarz wie des
-Teufels Großmutter, meckernd hin und her. Und obwohl es schon gegen
-Abend war, wo sich die Kühle des Meeres mit der Granitwärme der Steine
-vermengt, wischte sich der alte Kapitän, während er mir erzählte,
-doch fortgesetzt die blaurote Stirn ab, auf welcher ihm ein steter
-Angstschweiß zu perlen schien.
-
-Ich hatte in den paar Tagen vorher niemals richtig den Entschluß fassen
-können, das Fläschchen ins Meer zu schleudern oder an einem Steine zu
-zerschellen oder es zu öffnen und den Inhalt auszuschütten. Hundert
-Gründe spukten in meinem Hirn und sprachen dafür und dagegen, das
-Fläschchen los zu werden. Welches Unglück konnte es anrichten, wenn das
-Fläschchen, das fest verkittet war, im Meer weiterschwamm und von einem
-Fischernetz oder einem Hummerkasten aufgefischt wurde!
-
-Oder wenn sein Inhalt, wenn ich es zerschellte, herumspritzte und
-vielleicht auf eine Erdbeere, eine Wacholderbeere oder irgend ein
-Teekraut fiel, welches Kinder sammelten. Ins Feuer werfen! Wer weiß
-ob das Fläschchen verbrannte und nicht in der Asche gefunden wurde.
-Irgendwo vergraben! Auch das war recht unzuverlässig. Ich durfte es
-nicht einmal mehr in meinem Zimmer stehen lassen, nicht in meinem
-Koffer. Seit ich dieses Giftfläschchen in die Hand bekommen hatte,
-lebte ich nicht mehr mein eigenes Leben. Ich lebte so wie die Wache,
-die einen Tobsüchtigen bewacht und ihre Aufmerksamkeit zersplittern
-muß zwischen Verstand und Irrsinn. Ich war nicht mehr harmloser
-Beobachter des Lebens. Ich trug mit dem Giftfläschchen wie ein
-Zauberer geheimnisvolle Kräfte der schwarzen Magie in der Tasche, ich
-erschien mir über alle menschlichen Begriffe einer dämonischen Kraft,
-einer Willkür, preisgegeben. Mit einem Wort, -- ich war nicht mehr ich.
-Ich war der Sklave dieses Giftfläschchens geworden. Ich schrie nachts
-im Traum auf, träumte vom Vergiften und Morden; und so wie der Kapitän
-jetzt, hatte ich mir in den letzten drei Tagen, seit ich das Gift
-besaß, hundertmal den Angstschweiß von der Stirn wischen müssen.
-
-»Dreißig Jahre,« hatte der Kapitän erzählt, »habe ich das Fläschchen
-mit mir getragen und habe es nicht los werden können. Jahrelang habe
-ich eine Lust gehabt, es zu behalten, jahrelang eine Lust, es zu
-vernichten. Mein ganzes Leben ist von diesem Fläschchen gelenkt worden.
-Bald fühlte ich mich übermütig allmächtig durch den Giftbesitz, bald
-unheimlich verfolgt. Die Leute nennen mich, seitdem ich das Gift
-besitze, den ›_Heiden_‹.«
-
-Ich begriff den alten Mann. Ich war in den drei Tagen, in denen ich das
-Gift besaß, mir selbst fremd geworden. Aber ich hätte das Fläschchen um
-keinen Preis hergegeben, wenn man es von mir gefordert hätte. Und als
-der Alte sagte: »Was haben Sie mit dem Giftfläschchen getan?« log ich
-mitten im Sonnenschein, zwischen den gütig kauenden Kühen, umgeben vom
-himmelblauen Meer, log ich mich aus dem Paradies hinaus. »Ich habe es
-fortgeworfen,« sagte ich, damit es der Alte nicht zurückfordern konnte.
---
-
-Was wollte ich mit dem Fläschchen tun? Ich wollte es doch los sein!
-Warum gab ich es ihm nicht? Warum warf ich es ihm nicht vor die Füße?
-Ich fühlte, wie mich das viereckige Fläschchen in meinem weißen
-Flanellsommeranzug unbequem drückte, und ich fuhr seitdem ängstlich,
-oft mitten in den ruhigsten Stunden, plötzlich mit der Hand nach meiner
-Westentasche. Ich wich dem Kapitän von diesem Tage an aus, damit er
-nicht nach dem Fläschchen fragen sollte. --
-
-Mitten in dem herrlichen Gesicht dieses Sommers 1910, mitten in dem
-herrlichen Gesicht dieser Insel am Ende der Welt, die nie eine Schuld,
-nie ein Verbrechen, nie eine Niedertracht kannte, trug ich nun diesen
-Ekelfleck mit mir in der Westentasche herum, diesen Giftfund, dieses
-Giftfläschchen. Täglich wünschte ich das Gift zu behalten und täglich,
-es los zu werden. --
-
-Ein nordischer Sommer ist schnell verflogen, ist schnell abgekühlt.
-Schon ein paar Wochen nach Johanni, wenn die Nächte wieder die
-Dunkelheit wie eine schwarze Maske über das Land legen und die
-paar Wiesenflecken abgemäht sind, die es da gibt, und die paar
-Kornstrecken, und Ende Juli schon der Stillstand eines frühen Herbstes
-die Bäume aussehen läßt, als wären sie aus verblichenem grünem Papier
-angefertigt, dann werden all die Kühe in die Ställe zu den Hütten
-heimgetrieben, und eine Totenstille, Langweile und Leere sitzt bald an
-Stelle des Saftes und der Frische im Steingesicht dieser Insel. Die
-kleinen Hütten ertrinken abends im Nebel. An Stelle der Kühe laufen
-weiße Möwenscharen auf den abgemähten Wiesen herum, Wiesen, die nur
-jährlich einmal Gras geben, dann nicht mehr wachsen und sich mit den
-weißen Möwen bedecken, die des Morgens vor Sonnenaufgang anzusehen sind
-wie der Vorschein frühen Schnees.
-
-Oft habe ich des Morgens vor Sonnenaufgang, da ich Bayer bin und in dem
-katholischen Lande an Morgenläuten, Mittag- und Abendläuten gewöhnt
-bin, hinausgehorcht. Aber nichts rührte sich. Es gab auf der Insel
-keine Kirche, keine einzige Glocke, und die Leute fuhren ihre Kinder
-zur Taufe mit Kähnen auf andere Inseln. Ebenso mußten die Brautpaare
-und die Leichen oft tagelang auf guten Segelwind warten, um zur
-Hochzeit oder ins Grab auf die ferne Kircheninsel zu kommen.
-
-Die Insel Koster selbst lag glockenlos in der großen blauen Glocke des
-Himmels, und der »Heide«, der alte Kapitän, hatte recht, wenn er einmal
-in der Handelsbude, in dem einzigen Kaufladen, den es auf der Insel
-gibt, dröhnend auf den Tisch schlug und ausrief:
-
-»Was brauchen wir hier Christentum, wir auf Koster! In alter Zeit waren
-wir Heiden und Helden. Und jetzt ist uns das Heldentum verboten. Aber
-Heiden sind wir immer noch im Grunde. Wir zahlen unsere Steuern, und
-die Sonne scheint nicht schöner, ob wir Christen sind oder Heiden. Und
-die Makrelen und die Heringe lassen sich so gut fangen von den Heiden,
-wie von den Christen.«
-
-Und das stämmige Königsgeschlecht von Koster lächelt gutmütig über
-seinen Stammheiden, über den Kapitän.
-
-Der Sommer war hier früher zu Ende, als man sich in Deutschland
-vorstellen kann. Und in den ersten Tagen des August sahen die Frau,
-die ich liebe, und der ich noch nichts von dem Giftfläschchen in meiner
-Westentasche erzählt hatte, und ich, wir beide sahen mit Frösteln das
-schnelle Müdewerden der nordischen Sommersonne. Und eine unbändige
-Sehnsucht nach neuer Sonne wachte jeden Morgen mit uns auf und war
-jeden Abend unser letztes Gespräch.
-
-Frauen, die sich sehr geliebt fühlen, fassen immer resoluteste
-Entschlüsse. So sagte diese Frau eines Tages:
-
-»Wir wollen nach Italien. Dort ist es noch Hochsommer. Es ist viel zu
-spät für die lappländische Reise. Wir würden nur den schönen Eindruck
-von Koster verwischen. Schweden ist zu schön, als daß man es in
-einem Sommer flüchtig durchreisen kann. Man muß viele Sommer darauf
-verwenden, um alle seine Schönheiten zu erreisen. Damit wir den Norden
-recht verstehen, sollen wir jetzt als Kontrast den Süden aufsuchen.«
-
-Ich deutete schwerfällig und gewissenhaft wie jeder Mann auf den großen
-Koffer, in welchem die Wintersachen für Lappland lagen, auf Pelz und
-Wolle. »Sollen die ganz umsonst hieher gewandert sein?« fragte ich.
-
-Aber hartnäckig, weil sie meine Sehnsucht nach Sonne kannte, sagte die
-Frau:
-
-»Wenn du soviel Respekt vor Koffern hast, möchte ich sie schon gleich
-ins Meer versenken.«
-
-»Gerade so wie ich mein Giftfläschchen,« entfuhr es mir. Und nun mußte
-ich die ganze Geschichte vom Giftfläschchen, das mir wie ein Dämon in
-der Westentasche saß, und das den Kapitän wie ein Dämon dreißig Jahre
-lang gefoltert hatte, meiner Geliebten erzählen.
-
-»Das ist ein neuer Grund,« rief diese erfinderisch aus. »Ich sehe,
-du und ich, wir werden dieses Giftfläschchen ebensowenig los wie der
-Heide, der Kapitän. Aber es fällt mir gar nicht ein, deine Liebe mit
-einer Giftflasche zu teilen. Wir müssen nach Rom und das Gift an der
-einzigen Stelle der Welt, wo es hingehört und keinen Schaden anrichtet,
-abliefern.«
-
-»Ja, wenn noch in Rom die alten Römer leben würden,« meinte ich. »Aber
-dort sind ja nur Ruinen, wie du selbst immer sagst.«
-
-»Dort ist der heilige Vater! Seiner Heiligkeit drückst du einfach das
-Fläschchen in die Hand, so wie es der Kapitän dir plötzlich in die Hand
-gedrückt hat.«
-
-»Liebende Frauen sind weise Frauen,« sagte ich. Und indessen sie die
-Koffer packte und die Wolle für Lappland zu unterst stopfte und dabei
-italienische Lieder vor sich hinsang, reiste ich in sechzig Stunden von
-Strömstad direkt nach Rom, immer das Giftfläschchen in der Westentasche
-betastend, daß es mir nicht auskäme.
-
-Als ich in Rom dann das Fläschchen Seiner Heiligkeit in die Hand
-drückte, wie es mir die weise und liebe Frau geraten hatte, lächelte
-Pius und sagte verständnisvoll:
-
-»Das macht nichts, das kommt öfters vor.«
-
-»Natürlich,« sagte ich eilfertig aus Verlegenheit. »Darf ich Eure
-Heiligkeit fragen, was Sie damit anfangen werden,« setzte ich neugierig
-hinzu.
-
-»Das stellen wir zu den andern,« nickte der Papst. Und ebenso nickte
-Seine Eminenz, der Kardinal del Val, der bei meiner Audienz zugegen
-war: »Das stellen wir zu den andern.«
-
-Das Gespräch wurde in den vatikanischen Gärten geführt, die mir
-durch ihre Regelmäßigkeit, regelrecht gestutzte Taxushecken, etwas
-pedantisch und langweilig vorkamen, mir, der ich gerade von der _Insel
-der heiligen Kühe_ kam, _vom Lande, wo die Steine sprechen_, von
-_Wacholder_, _wilden Rosen_ und _Urgestein_, _von_ der _schwedischen
-Heideninsel_, wo in der blauen Glocke des Himmels die Sonne täglich
-zu einem Fest geglänzt hatte, wo das große freie Meer geläutet hatte,
-und wo die Fischerleute arm, bescheiden und ehrlich waren wie der
-Fischer Petrus und wie die Apostel, welche einst Fischer waren am See
-Genezareth.
-
-»Und um die Erde sind Sie auch gereist?« meinte Seine Eminenz der
-Kardinal. »Und haben einen amerikanischen Bischof unterwegs getroffen,
-der von allen Göttern der Welt ein Probebild mit nach Philadelphia
-nahm! Der ganze Vatikan hat diesen Winter »die geflügelte Erde«
-studiert. Wenn die sündige Erde wirklich rundum so voll schöner Wunder
-ist, wie Sie da beschreiben, dann gibt sie uns hier vieles Nachdenken.
-Wir hatten wirklich nicht geglaubt, daß noch etwas irdisch Schönes
-an der Welt wäre. Wir dachten, wir hätten alles Verführerische mit
-heiliger Christenstrenge ausgemerzt.«
-
-»O!« rief ich aus und machte meinen Mund größer auf, als in den
-vatikanischen Gärten erlaubt ist, »wenn Sie nur ›die geflügelte Erde‹
-gelesen haben, dann haben Sie noch nicht vom Schönsten gehört, was ich
-gesehen habe.«
-
-Seine Heiligkeit, welche wir auf den Wegen des Gartens zwischen uns
-gehen ließen, setzte sich auf das Stühlchen, das die Schweizer Wache,
-die hinter uns ging, ihm unterschob. Der Papst hielt immer noch mein
-Giftfläschchen zwischen den Fingern, obwohl es ihm der Kardinal öfters
-hatte abnehmen wollen. Der Papst hielt das Giftfläschchen gegen die
-Sonne:
-
-»Wieviel Gifttropfen sind darin und wie wirken sie?«
-
-Ah, dachte ich. Dem Papst geht es jetzt wie dem Heiden auf Koster. Der
-Kapitän hat das Fläschchen auch nicht mehr hergegeben, als er es einmal
-zwischen den Fingern hatte. Und obwohl ich vom Allerschönsten, was es
-auf der Welt gab, eben hatte erzählen wollen, hatte der Papst nicht
-zugehört, sondern immer an das Gift denken müssen.
-
-Der Kardinal kam mir zuvor und beantwortete die Fragen, die das Gift
-betrafen, und ich bewunderte dabei des Kardinals scharfes Gedächtnis,
-der alles genau behalten hatte, was ich ihm über das Giftfläschchen
-vorher mitgeteilt hatte.
-
-»Was gibt es Schöneres in der Welt als Rom,« fragte der Papst,
-schwärmerisch durch das Giftfläschchen den römischen Himmel betrachtend.
-
-»Die Insel Koster,« sagte ich prompt. »Dort würden Eure Heiligkeit sich
-einmal recht von allem Glockengeläute erholen.«
-
-Auch der Kardinal ließ sich jetzt von der Schweizer Wache, die auf
-seinen Wink herbei eilte, ein Stühlchen unterschieben.
-
-Da saßen sie nun vor mir in dem Taxusheckengang, Seine milde Heiligkeit
-im weißen fleckenlosen Gewand und der Kardinal im Scharlachkleid.
-
-Wenn jetzt nur die Frau, die ich liebe, und die ich auf Koster singend
-beim Kofferpacken zurückgelassen habe, aus der Taxushecke käme! Nur sie
-könnte mir jetzt aus der peinlichen Verlegenheit helfen, dachte ich.
-Denn dieses mit dem Glockengeläute habe ich verkehrt gesagt, das sah
-ich den beiden Italienern an den gelben Gesichtern an.
-
-»Die Insel Koster, trotzdem sie keine Kirche und keine Glocken hat,«
-fuhr ich fort und eilte mich mit den Worten, um mich bei den Italienern
-wieder in Gunst zu reden, »diese Insel Koster ist nämlich heute noch
-der unschuldigste Platz der Welt. Dort gab es noch nie eine Lüge, nie
-einen Diebstahl, nie einen Mord; nie mußte dort jemals das Gericht
-einschreiten und keine Polizei. Die Menschen dort sind noch die
-reinsten unschuldigsten Heiden,« platzte ich heraus, weil mich die
-hochmütigen Gesichter der römischen Herren ärgerten.
-
-Meine Worte mußten sehr gut gewirkt haben, denn Seine Heiligkeit
-lächelte Seine Eminenz an, und Seine Eminenz lächelte Seine Heiligkeit
-an. Und diese Lächeln gingen miteinander über die Taxushecken, über die
-Palmen und über die weißen Geländer der Terrassen des vatikanischen
-Gartens, versöhnlich hinauf bis in den üppigen blauen römischen Himmel.
-
-Der Papst hob das Giftfläschchen, das zugleich mit dem großen Ring am
-Daumen seiner Hand funkelte, wieder ans Licht.
-
-Die Allmacht dieses Siegelringes zuckte mir zu gleicher Zeit mit dem
-Schiller des Giftfläschchens entgegen. Ich verstand nicht sogleich,
-daß diese Geste des Papstes mir meine schöne unschuldige Insel Koster
-beleidigen wollte.
-
-»Menschliches Gift kann lange im Verborgenen leben,« sagte der alte
-Mann mit den blassen Wangen, mit dem blassen Kinn, mit der blassen Nase
-und mit den blassen Augen, die mir plötzlich unheimlich lebensmüde aus
-dem dunkelgrünen schwülen Palmengarten entgegenleuchteten.
-
-»Lieber Dichter, habt Ihr nicht dieses Gift, wie Ihr erzählet, von
-jener Barbareninsel gebracht?« tönte es ironisch von seinen blassen
-Lippen.
-
-»Ja,« sagte ich eifrig, meine Insel Koster verteidigend. »Das Gift
-kam von der Welt dorthin. Aber jetzt ist kein Gifttropfen mehr dort.
-Ich habe alles Gift Eurer Heiligkeit gebracht, direkt nach einer
-Sechzigstundenfahrt, und das Giftfläschchen gleich übergeben, damit
-Eure Heiligkeit es aus der Welt schaffen.«
-
-»Mein Lieber,« sagte die weiße Figur vor mir, die da unter dem blauen
-römischen Himmel im Garten zugleich mit dem Kardinal von dem Stühlchen
-aufstand, und deren weiße Lippen tief Atem holten, als wollten sie mir
-eine tiefe Wahrheit sagen, und ich dachte schon vorschnell:
-
-Seine Heiligkeit wird sagen: _nichts kann das Gift der Welt aus der
-Welt schaffen, nicht der Papst, nicht der Dichter, nicht die Christen,
-nicht die Heiden. Und ich dachte, daß ich mit dieser großen Weisheit
-dann entlassen würde._
-
-Aber nein, -- Pius reichte mir nur die Hand, die das Giftfläschchen
-hielt, zum Abschiedskuß, und mit den Augen auf das Fläschchen deutend:
-
-»Mein Lieber, wir werden es zu den andern stellen.« -- -- --
-
-»Wenn das nur nicht großes Unglück anstiftet,« sagte später die Frau,
-die ich liebe, zu mir. »Das kann nicht gut sein, wenn man im Vatikan
-ein Giftfläschchen zum andern stellt. Der Kapitän auf Koster, der
-dreißig Jahre das Fläschchen aufbewahrt hatte, ist ganz wild davon
-geworden, und die Leute nannten ihn schließlich einen Heiden. Wenn nur
-nicht der ganze Vatikan von dem Kostergift wild wird!«
-
-Und wirklich, die vielgeliebte Frau hatte wieder recht. Ein paar Wochen
-später schon begann die Geschichte mit den Modernisteneiden, und die
-Bannflüche fliegen seitdem wie Giftpfeile aus dem Vatikan über die
-Alpen.
-
-»Das kommt davon,« sage ich zu meiner Frau (wenn ich die Bayerische
-Landeszeitung aus der Hand lege, worin der Memminger so genau die
-Zustände und die Aufregungen des Papstes schildert), -- »das kommt
-davon, daß der Papst als Ratgeber nur Kardinäle und keine Frau hat. Die
-Liebe einer Frau ratet besser als alle Kardinäle.« --
-
-
-
-
-Himalajafinsternis
-
-
-Das ist der Fluch und zugleich die Wollust des Reisens, daß es dir
-Orte, die dir vorher in der Unendlichkeit und in der Unerreichbarkeit
-lagen, endlich und erreichbar macht. Diese Endlichkeit und
-Erreichbarkeit zieht dir aber geistige Grenzen, die du nie mehr los
-werden wirst.
-
-Wenn sich deine Seele, ohne daß dein Leib reist, an einen Ort hin
-versetzt, in dem du nie warst, so kann sie an dem Ort bald im
-Sonnenschein, bald im Regen, bald im Winter, bald im Frühling wandern,
-geisterleicht in einer Geisterlandschaft. Hast du aber den Ort einmal
-reisend mit deinem Leib erreicht und wirkliche Tage dort erlebt, so
-bist du dem Gefängnis der Wirklichkeit verfallen. Sobald du dich in
-späteren Jahren an den bereisten Ort im Geist zurückversetzt, kommst du
-nicht über die Grenzen der ehemaligen wirklichen Tage hinaus. Du siehst
-jenen Ort immer wieder, in ermüdender Wiederkehr, in derselben Tages-
-oder Jahreszeitstimmung, in der du ihn damals gesehen. Du kannst ihn
-nicht willkürlich mehr verwandeln. Du bist verdammt, ihn ewig genau
-so zu sehen, wie er sich dir auf der Reise gezeigt hat. Dies ist der
-Fluch, der die Seele des Reisenden belastet. Die Flügel der Geistigkeit
-werden ihm von der Wirklichkeit beschnitten. Der Vielgereiste haftet
-mehr an der Erde als der Niegereiste. Er erscheint mir sterblicher als
-die übrigen Sterblichen.
-
-Es gibt eine einzige Möglichkeit, den Wirklichkeitsbann des
-Reisens zu durchbrechen und abzuschütteln. Das geschieht, wenn wir
-unsterbliche Erlebnisse heimbringen; wenn sich das Schicksal des
-Reisenden mit Menschenschicksalen fremder Orte so verknüpft, daß der
-Ort, die Landschaft, das Gesehene ganz an Bedeutung verlieren, ins
-Nichts sinken, und das am eigenen Schicksal Erfahrene Zeit, Ort und
-Wirklichkeit überragt.
-
-Solche Erlebnisse sind selten, aber eins, zwei solcher Erlebnisse auf
-großen Reisen bleiben einem im Blut und Geist haften und überfallen
-einen zeitweise in der Erinnerung, und solche Erlebnisse können
-uns modernen Menschen den Schauer, die Ehrfurcht und die Erhebung
-ersetzen, die die früheren naiven Menschen in Gotteshäusern vor ihren
-Altären und Göttern empfanden, vor Göttern, die wir Modernen längst zum
-alten Eisen gelegt haben.
-
-Ehe ich auf meinen Reisen oben im Himalajagebirge gewesen, konnte ich
-mir diese höchsten Erdzinken immer nur tief in weißem Schnee und unter
-ewig eisigblauem Himmel vorstellen, ähnlich den Erinnerungsbildern, die
-ich vom Montblanc, von den Dolomiten und den Schweizer Alpen mit mir
-trug. Jetzt aber, nachdem ich vor Jahren am Himalaja war, sehe ich dort
-im Geist keine ehernen Gletscher, keinen eisblauen Himmel mehr. Ich
-sehe dort die Erde grau in grau wandern, denn es war im Februar, als
-die Nebel aus der indischen Talsohle wie graue Felder heraufstiegen,
-Nebel in allen Schattierungen, in Schatten und Beleuchtungen wechselnd.
-Es war, als flögen die Berge; dann wieder versanken sie. In den
-Sternennächten wirbelten diese Nebel im Mondschein. Der riesige
-Himalaja schien sich fortzuwälzen. Bald stellten sich die Nebel wie
-Riesentreppen auf, schlugen sich zum Himmel hinauf und drehten sich
-um ihre Achsen wie ungeheuere Windmühlenflügel. Es blieb kein Oben,
-kein Unten, kein Links und kein Rechts mehr bestehen, als wäre der
-Himalaja eine Gedankenwelt geworden, in der sich fluchtartig Bilder und
-Eindrücke, Wirklichkeit und Unwirklichkeit jagten.
-
-Siebentausend Fuß hoch oben in Darjeeling, dem weltbekannten
-Erholungsort der englisch-indischen Beamten, Offiziere und reichen
-Kaufleute, waren im Februar die meisten Villen geschlossen. Sie liegen
-mit ihren Glaswänden und Glasveranden wie aus Bergkristall aufgebaut
-an der Berglehne der hohen Gelände von Darjeeling. Dazwischen ziehen
-sich Teegärten mit niedrigem Teegebüsch hin, denn der Tropenbrodem,
-der vom großen indischen Reiche am Fuße des Himalaja zu den Höhen von
-Darjeeling heraufraucht, bringt einen Atem von Fruchtbarkeit über diese
-Südabhänge des Himalaja.
-
-Heimgekehrt nach Europa, wäre ich jetzt, wenn ich an den Himalaja
-zurückdenke, ewig dazu verbannt, dort droben in Darjeeling den
-unendlichen, lautlosen, träufelnden Februarregen zu sehen, der aus den
-Nebelschwaden niedertroff, und ich müßte immer in die nebelwandernden
-Berge schauen, die mir nie mehr stillstehen würden, wäre mir nicht
-dort jenes Erlebnis begegnet, das mich zeitlos und weltlos ansieht,
-nicht gebunden an Tag und Jahreszeiten, sondern nur gebunden an die
-Allmenschlichkeit, an das Menschenherz, das rund um die Erde, an allen
-Orten gleich handelnd liebt und leidet, als wäre es ein einziges Herz.
-
-Eines Nachmittags hatten mich die fünf Tibetaner, die meine Rikscha
-schoben, nach dem einzigen tibetanischen Tempel gefahren, der an einem
-Ende des Bergdorfes Darjeeling, nach langen Fahrten, auf verschlungenen
-Wegen erreicht wird. Der Tempel war einfach wie ein weißgekalktes
-Scheunenhaus und unterschied sich fast in nichts von tibetanischen
-Bauernhäusern. Er lag am senkrechten Abhang, von einigen verwilderten
-Bäumen umstanden, ein wenig einfach, und man hätte ihn ebensogut von
-weitem für einen kleinen Gasthof halten können.
-
-Ich mußte einen nassen Vorgarten durchschreiten und hörte von weitem
-einen regelmäßig klingenden Ton. Es war der Laut der Gebetsmühlen, die
-nach jeder Umdrehung antönen. Unter dem Vordach des Tempelhauses stand
-eine mannshohe und mannsdicke gelbe Röhre aufgerichtet. Sie war von
-oben bis unten eng mit Gebeten beschrieben. Ein Tempelknabe in gelber
-Kutte drehte mit der Hand den gelben Zylinder, der sich auf einem
-Gestell rund um eine Achse bewegte. Jede Umdrehung des Zylinders galt
-soviel als das vollständige Ablesen der tausend Gebete, die eingedrängt
-auf ihr geschrieben waren.
-
-Drinnen im Tempel war es dunkel wie in einem Stall. Hinter dicken
-Holzgittern standen die geschnitzten Götter, deren alte gebräunte
-Vergoldung kaum noch glänzte. Da war kein friedlicher Gott darunter.
-Alle Götter standen oder hockten in wilden verrenkten Stellungen, als
-wären sie den verzerrten Nebeln draußen nachgebildet.
-
-Aus unzähligen Ölnäpfchen, voll kleiner Nachtlichter, flimmerten
-winzige Flämmchen. Wie die Futtertröge der Götter, so standen sie da
-vor den Gittern und nährten die speckigen Goldgesichter mit ihrem Ruß
-und belebten sie mit dem Gewimmel ihrer knisternden Flämmchen.
-
-Nicht an allen Wänden standen Götterbilder. Es waren da Lücken, und
-dort am berußten und schmutzigen Wandkalk entdeckte ich Photographien,
-Ansichtspostkarten und Holzschnitte aus illustrierten englischen
-Zeitungen. Es waren Bilder von englischen, deutschen, französischen,
-russischen Prinzen und Generälen und Abbildungen von neuerfundenen
-Maschinen, Bilder, welche von den tibetanischen Priestern heilig
-gesprochen waren, vielleicht um den Europäern zu schmeicheln,
-vielleicht auch aus abergläubischer Furcht vor unbekannten fremden
-Seelenkräften.
-
-Am Fußboden in einer Ecke bemerkte ich geleerte englische Bierflaschen.
-Ein paar tibetanische Priester mit glattrasierten kahlen Köpfen, in
-schmutziggelben Kutten, hockten am Boden und rauchten, lehnten mit dem
-Rücken an der Wand und stierten zur offenen Tür hinaus, zu der ein
-wenig Tageslicht in den fensterlosen Raum hereinfiel und glasig auf den
-Augäpfeln der Priester glänzte.
-
-Die knisternden Reihen von Nachtlichtern, die blöden Augen der
-Priester und hie und da hinter den Gittern ein Götterbauch, an
-dessen abgenütztem Gold sich die Ölflämmchen spiegelten, der
-süßliche Tabakrauch aus den Priesterpfeifen und ein noch süßlicherer
-Geruch von erkaltetem Räucherwerk, die grotesken Papierfetzen aus
-illustrierten europäischen Zeitschriften, -- dieser Wirrwarr von
-zeitlosem Spuk --, und draußen im Türviereck die ewig im Nebel
-fortwandernden Himalajaberge wie Spuklandschaften, die bald in den
-Himmel stiegen, bald zur Erde fielen, ein Nebelgekröse, das plötzlich
-bis zur Tür herankroch; die gelben Ungeheuer der Gebetmühlen, die sich
-einförmig drehten und in regelmäßigen Zwischenräumen mit einem dünnen
-Metallton anschlugen, -- all das sah abenteuerlich aus, einfältig und
-ungeheuerlich zu gleicher Zeit. Denn es bestand schon seit Tausenden
-von Jahren und schien unvergänglich wie die Götter der Dummheit,
-die neben den Göttern des Verstandes und des Gefühls ewig die Erde
-beherrschen.
-
-Aber wie die Abgründe draußen vor der Tempeltür, an deren Rändern
-das Schwindelgefühl saß, das Menschen, Tiere und Steinmassen in die
-Himalajaschluchten reißen konnte, so lag hinter dem Gefühl der dumpfen
-Dummheit, die in dieser stallartigen Tempelstube hockte, zugleich
-eine kaltblütige Grausamkeit. Sie blickte beinahe schelmisch aus den
-stieren Augen der kahlköpfigen tibetanischen Priester und grinste
-grotesk freundlich aus den lachenden Mäulern der Gesichtsmasken der im
-Halbdunkel hockenden Götterfiguren.
-
-Meine fünf tibetanischen Wagenschieber, die wie Eskimos in sackartigen
-Kleidern vermummt steckten und von hünenhaften Kräften waren, fuhren
-mich dann im Rikschawagen zurück, an fast senkrechten Bergwegen
-hinauf. Dabei wieherten sie wie Pferdchen, meckerten wie Geißböcke
-und prusteten wie Walrosse. Zugleich verfolgten meinen Wagen drei
-tibetanische Riesenweiber, die ihre Schmuckketten aus kleinen
-blauen Türkisen, Brocken Bergkristall und Stücken ungereinigter
-Silberbronze, mit rötlichem Carneol verarbeitet, vom Hals und von den
-Armgelenken rissen und mir zum Verkauf vor mein Gesicht hielten. Immer
-gestikulierend sprangen die Tibetfrauen neben meinen Wagenrädern hin
-und her, umgeben von einer bellenden Schar wilder Himalajahunde.
-
-Eine der Frauen nahm sich während des Springens die Türkisenohrringe
-ab, eine andere drehte von ihrer Hand einen plumpen Silberring mit
-rotem Carneolstein, die dritte zog sich bronzene Haarpfeile aus ihrem
-ungekämmten, verwilderten und vom Regen nassen Haarknoten. Einige Worte
-Englisch und hundert geschnatterte tibetanische Worte, durchsetzt
-mit Hundegebell und begleitet vom Gelächter und Geschnauf meiner
-schwitzenden Wagenschieber, schallten mir unausgesetzt vor den Ohren.
-
-Endlich kaufte ich dem einen Weib einen Ring ab, und da der
-Rikschawagen an den Abhangwegen im Fahren keinen Augenblick halten
-konnte, wurde der bewegte Handel durch Zuwerfen des Ringes und
-Zurückwerfen des Geldes abgeschlossen.
-
-Zwei der Frauen blieben jetzt zurück. Nur das dritte Weib, das immer
-noch ihre Haarpfeile verkaufslustig in der Luft schwang, haftete noch
-an der Seite meines Wagens, vom Gekläff der Hunde umgeben.
-
-Als die Tibetanerin mich kaufunlustig sah, lockte sie mit den Augen,
-so daß ihr die Wagenschieber tibetanische Scherzworte zuriefen, gegen
-die sie sich eifrig verteidigte. Da mich die Haarpfeile nicht reizten
-und des Weibes Augen mich nicht überreden konnten, fuhr sie immer neben
-dem Wagen herspringend, mit den Händen in die Falten ihres sackgroben
-Mantelkleides und fand in irgend einer Tasche eine kleine Silberkette,
-die mir aber ebensowenig gefiel. Zugleich aber, wie sie die Kette in
-der Luft schüttelte, flog, zwischen ihren Fingern durch, ein kleines
-Bronzeamulett, das an einer Darmseite angebunden gewesen, und flog zu
-mir in den Wagen auf meinen Schoß.
-
-Mit einem Blick sah ich, daß das Amulett ein echtes kleines
-Bronze-Götzenbild war, nicht größer als ein Fingerglied. Es stellte in
-viereckigen primitiven Formen zwei winzige Menschen dar, einen nackten
-Mann, an welchem eine nackte Frau emporkletterte.
-
-Ich schloß meine Hand, in die das Amulett gefallen war, griff mit
-der andern Hand in meine Westentasche, in der ich loses Silbergeld
-trug, und warf dem Weib ein paar große Silbermünzen zu. Sie sah mich
-erstaunt an, fing blitzschnell das Geld auf und blieb zurück. Zufällig
-bog der Wagen um eine Wegecke. Ich konnte jetzt das Weib, das in dem
-Haufen der bellenden Hunde stillstand, noch einmal von weitem sehen.
-Sie schüttelte fortwährend den Kopf, als verstünde sie nicht, wie sie
-zu dem Gelde gekommen sei. Sie hielt die Haarpfeile im Mund zwischen
-den Zähnen und wickelte die Geldstücke in ein kleines Stückchen gelben
-Tuches. Vielleicht war es dasselbe Stückchen Tuch, in welchem vorher
-die Silberkette und das Amulett eingewickelt gewesen.
-
-Ich vergaß die Begebenheit, denn es ereignete sich jeden Augenblick
-viel Neues in der mich umgebenden Reisewelt. Ich entsinne mich nur,
-daß, als ich eine halbe Stunde später im Hotel das Amulett betrachtete,
-mir nicht mehr dieses eine Weib in Erinnerung kam, sondern die zwei
-anderen, die zurückgeblieben waren, und deren Wangen mit einer
-roten Masse eingerieben waren. Ich fragte einen der tibetanischen
-Fellverkäufer, die in der Vorhalle des Hotels bei ihren Pelzwaren
-kauerten, und die alle Englisch sprachen, mit was sich die Weiber hier
-die Wangen einrieben, daß sie so braunrot würden. Er sagte, daß die
-Farbe Ochsenblut sei. Aber nur die Witwen bestreichen sich die Wangen
-mit Ochsenblut und nur diejenigen Witfrauen, die den Männern zeigen
-möchten, daß sie wieder heiraten wollen.
-
-Während ich noch sprach, läutete die erste Dinnerglocke im Stiegenhaus
-des Hotels, die Glocke, welche die reisenden Damen und Herren darauf
-aufmerksam macht, daß es an der Zeit ist, sich für das Mittagessen, daß
-um 7 Uhr serviert wird, umzukleiden. Denn auch hoch oben im Himalaja
-erscheinen die englischen Herren abends in Frack und Smoking und die
-Damen in Schleppkleidern, tief ausgeschnitten und frisiert, als wären
-sie für eine Galaoper geschmückt.
-
-Ich ging in mein Zimmer, wo eben ein tibetanischer Zimmerbursche das
-Kaminfeuer angezündet hatte und jetzt nebenan im Baderaum, welcher zum
-Zimmer gehörte, Wasser in die Badewanne schleppte.
-
-Der Baderaum hatte einen besonderen Eingang durch einen Balkon, der an
-der Rückseite des Hauses entlang lief. Nachdem das Bad hergerichtet
-war, murmelte der tibetanische Diener sein »all right Sir« und
-verschwand durch die Hintertür des Badezimmers.
-
-Nachdem ich ins Bad gestiegen war und aufrecht im dampfenden Wasser
-stand und einige Turnübungen ausführte, fühlte ich im Rücken einen
-eiskalten Luftstrom, als ob jemand die Hintertür des Baderaumes zum
-Balkon geöffnet habe. Ich rufe auf Englisch: »Tür zu!« Und um mich vor
-dem eisigen Luftstrom zu schützen, tauche ich im heißen Wasser der
-Badewanne bis zum Hals unter. Ich bemerke zugleich durch den Dampf, der
-das Zimmer füllte, den Schatten einer Gestalt und frage: »Wer ist da?«
-
-Nur der Strahl des Kaminfeuers fiel von meinem Schlafzimmer in den
-Baderaum herein, und ich merkte zu meinem Erstaunen, daß die kleine
-Lampe, welche der Diener in eine Fensternische gestellt hatte, die aber
-vorher kaum leuchtete, jetzt vollständig ausgegangen war.
-
-Als ich auf meine zweimaligen Zurufe keine Antwort bekam, erhob ich
-mich wieder aus dem dampfenden Wasser. Im selben Augenblick fühlte ich
-wieder den Eishauch von der Türe her, die wahrscheinlich wieder hinter
-dem Dampfnebel geöffnet worden war. Der menschliche Schatten, den ich
-vorher gesehen hatte, war aber verschwunden.
-
-Mir schien, wenn ich mir die Gestalt vergegenwärtigte, als wäre es eine
-Frau gewesen, die vorher eingetreten und die jetzt wieder verschwunden
-war.
-
-Ich tastete in den Dampfnebel, fragte noch ein paar Mal, beendete dann
-mein Bad schneller, als ich es sonst getan hätte, wickelte mich ins
-Badelaken, machte Licht im Schlafzimmer und leuchtete in den Baderaum,
-fand aber niemand. Dann kleidete ich mich an, klingelte und fragte den
-Diener, ob man jemand hereingelassen, während ich im Bad war.
-
-Dieser schüttelte den Kopf und wußte von nichts.
-
-Ich vergaß auch diese Begebenheit wieder. Aber nach Mitternacht, als
-ich mich zu Bett legte, schloß ich vorsichtig alle Türen.
-
-Das Amulett hatte ich genau betrachtet, und nach dem Alter der
-Darmseite zu schließen, an die es gebunden und die vom Tragen sehr
-abgenützt war, konnte ich mir vorstellen, daß das Amulett wohl schon
-mehrere Menschenalter um den Hals verschiedener Personen gehangen
-und auf der Brust verschiedener Leute geruht haben mußte. Bis diese
-starke Darmseite sich abnützen und durchwetzen konnte, mußten manche
-Menschenleben dahingegangen sein.
-
-Die an der Männergestalt emporkletternde kleine Frauengestalt war von
-geschwärzter Silberbronze. Der Mann schien aus Eisenbronze zu sein.
-
-Klobig, simpel, primitiv war die nußgroße Figurengruppe
-zusammengeschweißt, wahrscheinlich in irgend einer Bergschmiede
-tief im Himalajagebirge. Vielleicht war sie in einer tibetanischen
-Klosterschmiede gearbeitet, in einem jener ungeheuerlichen Klöster,
-die an unzugänglichen Stellen, an Bergabhängen und Bergseen zerstreut
-liegen auf der Straße nach Lassa hin, jener Straße, die zu der
-geheimnisvollsten Klosterstadt der Welt führt.
-
-Ich mußte wieder an das stattliche Tibetweib denken, wie es da mitten
-im Haufen bellender Hunde gestanden und gedankenvoll mein Geld in das
-gelbe Tuch gewickelt hatte.
-
-Plötzlich fiel mir ein: nach ihrem verwunderten Gesicht zu schließen,
-hatte die Frau, als mir das Amulett zuflog, vielleicht gar nicht
-gewußt, daß sie es mir zugeworfen hatte. Sie hatte eine Silberkette
-in der Hand geschüttelt, und wenn ich jetzt darüber nachdachte, so
-schien es mir, als wäre ihr unbewußt das Amulett aus den Fingern
-geglitten, denn ihr Gesicht war verblüfft und nachdenklich, als sie
-meine Silbermünzen auffing und einsteckte. Jedenfalls aber hatte ich
-das Amulett mit meinem Gelde bezahlt, und es war mein. So sagte ich mir
-und legte mich beruhigt zu Bett.
-
-Ich weiß nicht, wie viel Stunden ich geschlafen hatte, als ich durch
-einen Knall und ein Scherbenklingen geweckt wurde. Ich fuhr auf und
-hörte ein Geräusch wie von flatternden Flügelschlägen.
-
-Das Kaminfeuer war vollständig niedergebrannt, und der kleine
-Glutbrocken leuchtete nicht mehr an die Zimmerdecke und nicht mehr an
-die Wände, von wo aus das klatschende Flügelschlagen herkam.
-
-Ich machte Licht und sah ein schwarzes Tier, groß wie eine Eule, von
-Winkel zu Winkel fliegen. Als ich auf einen Stuhl stieg, sah ich, daß
-es eine große Vampirfledermaus war. Ich öffnete die Schlafzimmertüre,
-die nach der Treppe ging, weit, und rief ins Treppenhaus hinunter,
-indessen ich mich in meinen Mantel wickelte. Drunten am Kaminfeuer
-saßen immer einige Diener, die die Nachtwache hatten. Einer von
-den Männern kam nun herauf, riß die Bettdecke von meinem Bett und
-schlug mit dem Tuch nach dem Tier in die Luft und scheuchte die
-Riesenfledermaus durchs geöffnete Fenster in die Nacht hinaus.
-
-Im Fenster selbst fanden wir dann eine Ecke der Scheibe eingestoßen.
-Doch unerklärlich war es mir, wie die weiche und zartknochige
-Fledermaus es fertig gebracht hatte, die harte Fensterscheibe
-einzustoßen.
-
-In dieser Nacht schlief ich nicht mehr. Ich ließ das Licht brennen und
-befahl dem Diener, das Kaminfeuer zu schüren. Ich setzte mich dann an
-den Kamin und las, das heißt, ich wollte lesen, um nicht einzuschlafen.
-Aber mehrmals mußte ich aufhorchen. Es war mir, als hörte ich Schritte
-auf dem Balkon, auf welchen das zerbrochene Fenster führte.
-
-Ich sah vom Lesen nicht auf. Ich sagte mir, es wird einer der Diener
-sein, der sich überzeugen will, ob mein Kaminfeuer noch brennt, und der
-mich nicht zu stören wagt und deshalb auf dem Balkon herumschleicht und
-hereinsieht.
-
-Nach einer Stunde war mir, als verbreite sich ein durchdringender
-Blumengeruch im Zimmer. Ich schloß die Augen, lehnte meinen Kopf im
-Ledersessel zurück und überlegte, ob die Nachtnebel, die aus den
-Himalajateegärten und aus der indischen Tiefebene heraufstiegen,
-solch einen betäubenden Blütengeruch mit sich führen können. Durch
-das zerbrochene Fenster schien der Geruch mit dem Nebelrauch
-hereinzuziehen, denn ich sah einen feinen bläulichen Dampf, der vom
-zerbrochenen Fenster her das Zimmer erfüllte. Ich wollte aufstehen, ein
-Handtuch oder einen Reiseschal nehmen und die zerbrochene Scheibenecke
-zustopfen, um den betäubenden Nebel abzuwehren.
-
-Aber es blieb bei dem in meinem Gehirn sich immer wiederholenden
-Wunsch, aufzustehen. Meine Augen fielen zu. Einige Zeit hielt ich das
-Buch noch in der einen Hand fest. Aber das Buch schien immer größer
-und schwerer zu werden. Das Buch wuchs und stand vor mir wie die Wand
-so groß. Und immer, wenn ich mich aufrichten wollte, stand vor mir das
-aufgerichtete wandgroße Buch. Es war mir, als wohne ich nicht mehr
-in einem Zimmer. Ich wohnte in einem Buch. Und ich hatte das Gefühl,
-dieses Riesenbuch könnte zuklappen und mich zwischen seinen Seiten
-erdrücken. Das Buch roch so süß wie die Süße aus einem alten Schrank,
-in welchem getrocknete Blumen und Lavendel lagen. Mit diesem gemischten
-Gefühl von Süße und drückender Bangigkeit verbrachte ich, wie es mir
-schien, Jahre, ohne daß sich etwas in meinem Zustande änderte.
-
-Ich wachte durch ein Klopfen auf. Es klopfte irgendwo jemand auf meinen
-Schädel. Es wurde lange und heftig geklopft. Bald war es mir auch
-wieder, als klopfe man schon jahrelang. Ich horchte auf. Meine Augen
-öffneten sich und sahen immer noch Kaminglut. Draußen war es immer noch
-Nacht. Das Klopfen kam von den verschiedenen Zimmertüren im Korridor.
-Die Hotelgäste wurden geweckt.
-
-Ich erinnerte mich jetzt, daß unsere Reisegesellschaft, die zehn Damen
-und Herren, die sich hier in Darjeeling im Hotel zusammengefunden,
-verabredet hatten, um drei Uhr morgens bei Mondschein aufzubrechen,
-um auf Paßwegen zu dem zweitausend Fuß höher gelegenen »Tigerhill« zu
-reiten, wo man den Sonnenaufgang über dem Mont Everest und anderen
-Riesen des Himalaja erwarten wollte.
-
-Im Zimmer war noch immer der süßliche Dunst. Ich kleidete mich im
-halbtrunkenen Zustand an. Ein Diener brachte mir dann den Morgentee und
-sagte, daß die Pferde gesattelt seien und unten an der Veranda warten.
-
-Als ich ein paar Minuten später aufs Pferd stieg, freute ich mich über
-die klare Bergluft, über den eisklaren Halbmond, der am Himmel hing,
-und über den reinen Neuschnee, der gefallen war, und ich hatte bald
-ganz und gar den Blumendunst vergessen und die letzten Stunden jenes
-schweren Schlafes, der mehr einem Alpdruck als einem gesunden Schlaf
-ähnlich gewesen.
-
-Auf den schmalen Paßwegen, auf denen die Pferde hintereinander
-schreiten mußten, schwiegen das Geplauder und Gelächter der Damen und
-Herren. Es war, als ritten wir nicht auf der Erde, sondern auf Wolken,
-an Wolkenrändern entlang. Die Mondsichel hatte nicht Kraft genug, die
-Himalajagründe auszuleuchten. Meere von Finsternis lagen an den Rändern
-der Paßwege, die nur einige Hufbreiten breit auf den Berggraten entlang
-zogen. Bäume, die so alt waren, daß sie kein Blatt mehr trieben und nur
-wie moosbehangene Skelette ragten, waren durch Nebel und Schnee wie vom
-Erdboden abgeschnitten und hingen in der Luft wie vom Himmel herab.
-Einige waren wie hausgroße Skelette ungeheuerlicher Fledermäuse. Diese
-Gespensterbäume und der jasminweiße Mond auf dem grünlichen Nachtäther
-erinnerten mich wieder an mein Nachterlebnis. Aber die großen
-geöffneten unergründlichen Himalajaabgründe, die den Eindruck gaben,
-als könnte man so tief in die finstere Erde hineinsehen, so tief wie in
-den Nachthimmel, diese Abgründe, an denen die Pferde zagend und tastend
-und lautlos im glitschigen Schnee wie balancierend zwischen Leben und
-Tod entlang gingen, verschluckten Rückerinnerungen und Gedanken, diese
-Abgründe wollten mich einschläfern, stärker noch als der Blumengeruch
-es vorher getan hatte.
-
-Der warme, schweißdampfende Pferderücken, der mich trug und der mich
-rüttelte, war das einzige Stück Wirklichkeit, das ich noch fühlte,
-denn der Traumzustand der Gespensterlandschaft wollte sich mit dem
-Traumzustand meiner noch nicht völlig wachen Gedanken vermischen und
-mich in die Abgründe ziehen.
-
-Endlich verflüchtete sich die Nacht, und wir erreichten in der
-blaugrauen Dämmerung, die dem Sonnenaufgang vorausgeht, die Höhe des
-Tigerhills.
-
-Tibetanische Diener waren vom Hotel vorausgeschickt worden. Ein großer
-Holzstoß war angezündet worden, aber das Holz war naß und rauchte mehr
-als es brannte. Der Schnee war im Umkreis des Feuers weggeschmolzen.
-Wir versuchten, unsere vom Reiten erstarrten Füße beim Feuer zu wärmen,
-umwanderten stampfend den qualmenden Holzstoß, vertrieben uns die Zeit
-mit Teetrinken und warteten auf die ersten Zeichen des Sonnenaufgangs.
-
-Auf einmal sagte jemand neben mir: »Das ist der
-Schmetterlingshändler!« Der Genannte war ein Deutsch-Engländer aus
-Darjeeling, der einen tibetanischen Antiquitätenladen dort hatte und
-zugleich einen Handel mit Himalajaschmetterlingen trieb, von denen er
-die schönsten Exemplare auf Bestellung nach Europa sandte.
-
-Wie der Mann auf den Tigerhill gekommen, ob er uns auf einer
-Nachtreise aus dem Inneren des Gebirges begegnet war, oder ob er
-die Reisegesellschaft von Darjeeling aus begleitet hatte, wußte
-ich nicht. Ich dachte nur im selben Augenblick, wie ich das Wort
-»Schmetterlingshändler« hörte, an die seltsame Trommel, die ich in
-seinem Laden zwei Tage vorher gekauft hatte; eine Trommel, angefertigt
-aus den Hirnschalen zweier Menschen, aus der Hirnschale eines Mannes
-und aus der eines Weibes. Jede Schalenhöhle war mit einer Membrane
-überzogen; an der Wölbung aber waren die beiden Gehirnschalen
-zusammengeschweißt, so daß sie zwei kleine Trommeln bildeten.
-Schüttelte man diese, so schlug in jeder Schädelhöhle eine kleine,
-hinter der Membrane eingesperrte Elfenbeinkugel an die Schädelwand und
-an die Membrane und trommelte unausgesetzt. Der Schmetterlingshändler
-hatte mir erzählt:
-
-»Ich habe diese Trommel von einem tibetanischen Priester in einem
-tibetanischen Tempel gekauft. Es sind die Schädelschalen eines
-treulosen Mannes und eines treulosen Weibes. Diese Trommel wurde
-täglich zur Gebetstunde angeschlagen, denn die Treulosen sollen, ewig
-aneinander gekittet, im Tode keine Ruhe haben. Der Priester, der auf
-dem Leichenstein beim Tempel die Leichen zu zerschneiden und den
-Vögeln hinzuwerfen hat, hat das Recht, die Schädelschalen zweier,
-die die Treue gebrochen haben, nach dem Tode zu solchen Trommeln zu
-verarbeiten.« --
-
-Mit großer Mühe hatte der Schmetterlingshändler die Trommel aus dem
-Tempel erhalten.
-
-Machte es die dünne hohe Gebirgsluft, daß meine Ohren jetzt plötzlich
-aus allen finstern Himalajaabgründen ein Donnern hörten, als seien die
-Bergschlünde trommelnde Schädelhöhlen von Ungetreuen?
-
-»Hören Sie die Lawinen, die bei Sonnenaufgang sich von den Gletschern
-lösen und in die Tiefe donnern?« sagte ein Herr neben mir zu einer
-Dame. Dann war tiefe Stille. Keine Teetasse klapperte, kein Schritt im
-Schnee knirschte mehr. Die Pferde spitzten die Ohren und schnupperten.
-Drüben im Nebel, über einem tageweiten Abgrund, erschien der fleischige
-Arm eines Riesen, die rosige fleischige Brust einer Frau, Nacken,
-Schultern, Hüften in gigantischen Dimensionen. Es waren die Umrisse des
-Mount Everest und des Kantschindschanga, die wie ein nacktes Riesenpaar
-höher als der Mond im Himmel lagen.
-
-»Die Sonne,« flüsterte eine Dame.
-
-Ich sah über meine Schulter von den Bergen fort und entdeckte eine rote
-glühende Lawine, die sich auf Nebelfeldern kaum merklich fortrollte und
-größer und röter wurde, -- die Sonne. Wie eine große rote Sintflut gab
-sie den Gletschern Blut und machte den Schnee zu Fleisch.
-
-Im selben Augenblick, mitten in diesem feierlichsten Augenblick des
-Sonnenaufgangs, nahm jemand meine Hand, führte meine Finger in eine
-Westentasche und sagte: Wo ist das Amulett, das du gestern kauftest?
-Sehen die großen fleischfarbenen Gletscher dort nicht aus wie die
-Männer- und die Frauenfigur deines Amuletts, das du der Tibetfrau
-gestern abkauftest?
-
-Das Amulett war nicht in meiner Westentasche. Aber das Geld, das ich
-dafür bezahlt hatte, die drei großen Silberstücke, befand sich wieder
-in meiner Westentasche.
-
-Der Gedanke an das Amulett hatte meine Hand in die Westentasche
-geschoben.
-
-Wer hat jetzt laut gelacht? Alle Gesichter sahen sich nach mir um. Es
-wurde mir unheimlich vor mir selbst. Wie ich meinen Pelzrock geöffnet
-hatte, um das Amulett zu suchen, stieg mir aus der Kleiderwärme
-wieder jener geheimnisvolle Blumengeruch entgegen. Aber jetzt bei der
-aufgehenden Sonne, in der Schneefrische des Morgens, erkannte ich in
-dem Geruch ein betäubendes tibetanisches Tempelräucherwerk, das, in
-großen Massen eingeatmet, einschläfert und Visionen verschafft, und
-dieser Geruch steckte noch von der Nacht her in meinen Kleidern.
-
-Auf dem Pferderücken vorhin war mir schon der Geruch stark in die Nase
-gestiegen. Ich selbst war aber noch zu sehr von der Schlafzimmerluft
-betäubt gewesen, um seinen Ursprung zu erkennen.
-
-Jetzt wandte ich mich mit einem energischen Ruck an den
-Schmetterlingshändler, um ihn zu fragen: »Glauben Sie, daß es Amulette
-gibt, die ihren Besitzern so teuer sind, daß sie sie für nichts
-verkaufen würden? Glauben Sie, daß, wenn ein tibetanisches Weib
-ein solches Amulett zufällig von sich geschleudert hätte, es alle
-Listen seiner listigen Natur anwenden würde, um das Amulett wieder
-zu erhalten? Glauben Sie, daß es durch Hintertüren in die Häuser
-eindringen würde und sich nicht scheuen würde ein Fenster einzustoßen,
-um das Amulett zu erhalten?
-
-Sie werden mir sagen: ›Das zerbrechende Fenster würde jedermann
-wecken!‹ Aber ich sage Ihnen: Man kann zugleich durch das zerbrochene
-Fenster eine lebende Fledermaus ins Zimmer werfen, die die
-Aufmerksamkeit auf sich lenkt und nicht den Gedanken aufkommen läßt,
-daß ein Mensch mit Absicht das Fenster zerschlagen hätte. Betäubt man
-dann noch durch eine Räucherstange den im Zimmer Anwesenden, so ist es
-ein leichtes, nachher mit dem Arm durch die zerbrochene Fensterscheibe
-in das Zimmer zu langen, den Fensterknopf von innen aufzudrücken,
-durchs geöffnete Fenster vom Balkon hineinzusteigen, das verlorene
-Amulett zu suchen, zu finden und, wenn eine Kaufsumme dafür hergegeben
-war, das Geld wieder hinzulegen und das Amulett mitzunehmen.«
-
-Alles dieses wollte ich mit energischem Entschluß den
-Schmetterlingshändler jetzt fragen. Ich öffnete den Mund. Aber die
-Worte, die ich sprechen wollte, verwandelten sich in Atemrauch, und ich
-hörte in meinen Ohren, daß ich sagte: »Wenn Sie wieder einige seltene
-Exemplare von Himalajaschmetterlingen haben, können Sie mir dieselben
-an meine Adresse nach Europa senden.« Dabei nahm ich aus meiner
-Westentasche dasselbe Silbergeld, womit ich gestern schon das Amulett
-bezahlt hatte, und bezahlte im voraus den Preis für drei Schmetterlinge.
-
-Ich hatte nichts mehr gesprochen. Die Sonne war bald wieder in Nebeln
-verschwunden, und wir ritten im Tageslicht, das aber mehr dem Mondlicht
-glich, an den nebelnden Abgründen zurück nach Darjeeling.
-
-Das Amulett fand ich nicht mehr. Es war nicht auf meinem Tisch zu Hause
-im Hotelzimmer, nicht in meinen Taschen, nicht in meinen Koffern.
-
-Ich erinnerte mich jetzt, daß, als ich gestern abend nach dem
-Diner durch die Billardsäle zu den Spielzimmern gegangen war, wo
-die befrackten Herren und die dekolletierten Damen an den grünen
-Spieltischen vor den lodernden Kaminen saßen, mich einen Augenblick
-eine Sehnsucht gepackt hatte, fortzukommen aus den europäischen Sälen,
-die man hier in Asien sogar noch hoch im Himalaja für verwöhnte
-Millionäre und Milliardäre hingestellt hat.
-
-Ich war dann auf die breite Hotelterrasse hinausgetreten und hatte
-dem Hexenspiel der rollenden Bergnebel über den Schluchten zugesehen
-und den Sternen, die über den bewegten Nebeln zu tanzen schienen.
-Dann fielen ein paar Regentropfen, mit Schneeflocken untermischt, aus
-fortflüchtenden Nebelwellen, die um den Mond kreiselten.
-
-Als ich wieder ins Hotel zurückgehen wollte, war mir, als sähe ich
-ein großes Tier unter der Terrassenbrüstung um die Hausecke laufen.
-Gestern abend hatte ich gedacht, es sei ein Hund. Jetzt wußte ich
-aber, daß es ein Mensch gewesen, der auf allen vieren ging, eine Frau,
-wahrscheinlich die Frau, deren Amulett ich besaß, die während der
-ganzen Nacht um das Hotel geschlichen war, und die sich mit aller List
-das Amulett aus meinem Zimmer von meinem Tisch geholt hatte.
-
-Dies bedachte ich jetzt nach der Rückkunft vom Mondscheinritt im
-Hotel und sehnte mich, mit jemandem darüber zu sprechen. Aber meine
-europäischen Reisegefährten schienen mir alle zu banal, als daß
-ich Lust gehabt hätte, sie in die Mystik dieses Nachterlebnisses
-einzuweihen.
-
-Nachmittags um drei Uhr sollte mein Zug abgehen, der mich zum Abend
-wieder hinunter in die Kaffeegärten und Zuckerrohrpflanzungen Indiens
-bringen würde, und der am nächsten Morgen mit mir in Kalkutta
-eintreffen sollte.
-
-Auf dem Weg zum Bergbahnhof konnte ich mich nicht enthalten, die
-Rikscha am Laden des Schmetterlingshändlers warten zu lassen. Ich stieg
-aus. Als ich die Ladentüre öffnen will, wird seltsamerweise dieselbe
-schon von Innen aufgemacht, und an mir vorbei läuft ein tibetanisches
-Weib heraus. Ich hätte aber die Frau kaum wiedererkannt, da mir alle
-Tibetanerinnen untereinander so ähnlich schienen, sowie auch die Neger
-und Chinesen für den Europäer immer einander ähnlich sehen, hätte die
-Frau nicht mit einer heftig erschrockenen Bewegung in die Brustfalten
-ihres Mantelrockes gegriffen, als wolle sie dort etwas beschützen, was
-ich ihr hätte entreißen können. Mir schien, als ob sie hohläugiger und
-blasser wäre als am Tage vorher. Laut mit sich selbst sprechend und
-mit den Ellenbogen in die Luft fuchtelnd, als müßte sie hundert Hände
-abwehren, die sich nach ihr streckten, stürzte sie die Bergstraße
-hinunter fort, begleitet vom Gelächter meiner Rikschaschieber, welche
-das Gebaren der Frau noch sonderbarer fanden als ich.
-
-Im Laden kam ich nicht dazu, dem Schmetterlingshändler vom Amulett
-zu sprechen, denn ehe ich noch den Mund öffnen konnte, zeigte er
-mir in einem geschnitzten Kästchen einen aufgespießten sogenannten
-Handflächenschmetterling. Jene Frau hatte ihm eben den seltenen
-Schmetterling verkauft. Er wurde in einem Kästchen aus Kampferholz
-aufbewahrt, denn der Geruch dieses Holzes schützt die Schmetterlinge
-gegen zerstörende Witterungseinflüsse. Durch Generationen hindurch
-kann man einen solchen Schmetterling im Kampferholz bei vollem Glanz
-erhalten. Auch diese Frau hatte den Schmetterling schon lange als ein
-Erbstück ihrer Familie besessen. Warum sie ihn verkaufen wollte, da er
-doch unbezahlbar war, konnte der Schmetterlingshändler nicht begreifen,
-denn ein Handflächenschmetterling wird alle hundert Jahre einmal
-im Gebirge gefunden. Auf seinen Flügeln sind dunkle Linien, deren
-Zeichnung den Linien in der Handfläche einer Menschenhand gleichen.
-
-»Diese Frau,« sagte der Schmetterlingshändler, »muß vielleicht für
-irgendeine eingebildete Schuld ein Tempelopfer bringen, da sie mit
-einem solchen Schmetterling ihren besten Familienschatz verkauft, um
-Opfergeld zu erlangen.«
-
-Ich erstand den Schmetterling. Und kaum hatte ich ihn in Händen,
-so wurde mir auch, ohne daß ich fragte, eine Erklärung über meinen
-Amulettverlust zuteil.
-
-Der Schmetterlingshändler erzählte mir, daß jene Frau eine sogenannte
-»ewige Witwe« sei, eine von jenen, die ihre Wangen nicht mit Ochsenblut
-bemalen und nicht mehr das Verlangen haben, einen anderen Mann als
-den Gestorbenen zu lieben. Um aber auch des Toten sicher zu sein, daß
-dieser ihr im nächsten Leben treu wird, wie sie ihm treu sein will,
-trägt eine solche Frau an einer unzerreißbaren Darmseite ein Amulett
-an der Brust, welches ein Menschenpaar darstellt. Wenn die Witwe
-aber dieses Amulett verliert, -- denn ein Amulett wird eine Frau nie
-verkaufen, -- hat sie damit die Treue des Toten verloren und wird
-ihren Geliebten im nächsten Leben nicht wieder finden.
-
-Ein solches Amulett wird niemals verkauft, und sollte es verloren
-gehen, so setzt eine jede tibetanische Frau ihr Leben daran, um das
-kostbare Amulett der Treue wieder zu erhalten. --
-
-Während dieses Nachmittags, als ich im Zug saß und in die finsteren
-Abgründe des Himalaja hinunterfuhr, sah ich im Dampf, der aus der
-Lokomotive kam, und der in den Dschungelwäldern und an den Urwaldästen
-hängen blieb, hunderte Male die Gestalt jener ewigen Witwe, wie sie
-bald gebückt und geduckt suchte, und wie sie aufgerichtet forttanzte
-über die Urwaldwipfel, wie sie die Arme an die Brust drückte und nach
-dem Amulett fühlte, das ihr die Treue und die Liebe ihres Geliebten im
-nächsten Leben versprach.
-
-Dann, als es dunkel wurde und ich draußen keinen Wald und keinen
-Dampf mehr sah, betrachtete ich lange bei der trüben Wagenlampe den
-großen Handflächenschmetterling in dem Kampferkästchen, dessen Linien
-so verschlungen sind wie die Schicksalslinien in den Handflächen
-der Menschen und dessen Linien in dunkle Nachtränder auslaufen, in
-unergründliche Finsternisse, ähnlich den Himalajaabgründen, die voll
-Finsternis und Aberglauben draußen dicht bei den Schienengeleisen der
-Bergbahn drohten.
-
-
-
-
-Häcksel und die Bergwerkflöhe
-
-
-Häcksel war der Sohn des Finsterer, und der war Bergmann im Annaschacht
-gewesen. Und Finsterer war der Sohn des Labemann, und der war Bergmann
-im Annaschacht gewesen. Und Labemann war der Sohn des Flegels, und
-Flegel war Bergmann im Annaschacht gewesen. Keiner von denen war
-ehelich geboren. Dieses aber ist der Stammbaum der Geliebten der Mütter
-jener Bergmänner.
-
-Häcksel war, was alle seine außerehelichen Vorfahren gewesen, Bergmann,
-und er war mehr unter der Erde als auf der Erde zu Hause.
-
-Der junge Bursch von fünfundzwanzig Jahren war, solange er sich unter
-der Erde befand, höflich, friedlich und zufrieden. Aber oben auf der
-Erdoberfläche, beim Tageslicht besehen, schien Häcksel das Gegenteil zu
-sein, störrisch, unfreundlich und ungemütlich. Teils war es das Licht
-und die laute Welt, die ihn im Gegensatz zur molligen Grabesstille
-und traulichen Dunkelheit, an die er unter der Erde gewöhnt war,
-immer wieder von neuem reizten. Aber Licht und Lärm waren es nicht
-allein, die den stillen harmlosen Burschen in ein widerhaariges Ekel
-verwandelten. Wenn Häcksel sichs klar gemacht hätte, warum er sich oben
-auf der Erde, außerhalb des Schachtes, verwandelte, so würde er erzählt
-haben, daß ihm draußen im Leben, außerhalb der Kohlengrube, seine
-liebsten Unterhalter fehlten, die Bergwerkflöhe, denen er zugetan war,
-und die neben der Arbeit seine volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen.
-
-Die Bergwerkflöhe aber lieben nur die laue Wärme, die im Erdinnern
-herrscht, und sind nicht zu bewegen, jemals an die Oberfläche zu
-kommen. Sie begleiten den Bergmann, den sie sich als Nahrungsfeld
-ausersehen haben, nie ans Licht. Sie springen immer im letzten
-Augenblick ab, ehe der Förderkorb den Schacht verläßt.
-
-Häcksel hatte sich durch nichts als durch sein süßes Blut bei den
-Flöhen des Annaschachtes beliebt gemacht. Vielleicht war er deshalb
-beliebter, weil sein Blut seit Geschlechtern außerehelich, also
-wildsüß, gezeugt worden war.
-
-Wenn keiner einen Floh im Schacht hatte, Häcksel hatte immer einen zur
-Unterhaltung bereit, und dieses verschaffte ihm manchen wahren Freund
-im Bergwerk. Denn die Bergleute rechnen in ihrem unterirdischen Dasein
-die Anregung und Unterhaltung, die ihnen die Bergwerkflöhe bieten, als
-eine Erhöhung ihrer lahmgelegten Lebenslust.
-
-Wenn irgendwo in einem entlegenen Stollen zur Erhöhung der Geselligkeit
-ein Floh fehlte, schickten die Leute hin zu Häcksel und erhielten auch
-schon für einen Schluck kalten Kaffee einen schönen ausgewachsenen Floh
-von Häcksel geliefert.
-
-Man weiß aber, daß durch fortgesetzte Inzucht auch die lebhaftesten
-Flöhe allmählich verblöden können, und das geschah, -- nachdem aus den
-Zeiten Flegels, Labemanns und Finsterers, die, solange das Bergwerk
-bestand, drei Menschengeschlechter hindurch, immer nur untereinander
-gelebt und sich fortgezeugt hatten, -- zur Zeit, da Häcksel
-fünfundzwanzig Jahre alt wurde und von Schwächezuständen befallen war.
-Die Bergleute stellten fest, daß die heutigen Flöhe ihres Geschlechtes
-nicht mehr so hoch springen konnten, daß sie sich auch nicht mehr so
-lebhaft untereinander angezogen fühlten, nicht mehr dieselben Tänze
-vollführten, die vorher die halbnackten Bergleute auf Brust und Rücken
-ihrer Kameraden bewundert hatten. Man konnte ihrem Mutterwitz nicht
-mehr vertrauen. Sie ließen sich von jeder täppischen Hand fangen. Sie
-versimpelten so sehr, daß es eine Schande für das ganze Bergwerk war.
-
-Eines Tages, es war im Februar, im Taumonat, der die Erde aufweckt und
-auch die Triebe der Bergwerkflöhe in der Erde beleben kann, fühlte sich
-Häcksel, der eben Feierabend machen wollte und seinen Pickel, womit
-er Kohlen gehackt hatte, an die Flötzmauer stellte, besonders lebhaft
-hinterm linken Ohr gebissen, so lebhaft, wie seit langem nicht mehr.
-Häcksel glaubte, es sei Stänker, sein Leibfloh, der frühlingslustig
-geworden wäre. Aber als der Bergmann mit dem Zeigefinger hinters Ohr
-fühlte, merkte er, daß ein kleiner, zierlicher, weiblicher Floh dasaß,
-und er erkannte auch bald, daß es Zinnoberchen war, eine Flöhin, die
-so genannt wurde, weil sie am rötesten von allen Flohdamen leuchtete,
-wenn sie sich an Menschenblut satt getrunken hatte und man sie auf
-der Hand vor das Grubenlicht hielt. Zinnoberchen war so zart, daß das
-Menschenblut aus ihrem Körper einen rötlichen Schatten neben sie legte,
-wo sie gerade saß.
-
-Häcksel war über den unerwarteten Besuch ein wenig erstaunt. Denn um
-die Feierabendstunde, die die Flöhe gut kannten, war meistens jede
-Unterhaltung zwischen den Bergleuten und ihren lieben Leibtierchen zu
-Ende. Die kleinen Herrschaften zogen sich jeden Abend unaufgefordert
-in den Pferdestall des Bergwerks zurück. Dieser Stall lag neben den
-Kohlenschachten und befand sich ebenso wie diese viele Hundert Fuß
-unter der Erde. Die alten Gäule, die dort fern vom Tageslicht in der
-Grube zum Ziehen der Kohlenkarren gehalten wurden, bekamen niemals
-die Sonne zu sehen und wurden mit der Zeit blind. Im Mähnenhaar der
-Blinden, auf den Rückenwirbeln und in den Schwanzhaaren übernachteten
-die Bergwerkflöhe mit Vorliebe. Dorthin eilten sie, wenn die
-Feierabendstunde nahte.
-
-»Ich dachte, du wärest schon schlafen gegangen,« sagte Häcksel, als er
-Zinnoberchen auf seinem Zeigefinger ans Grubenlicht hielt. »Du bist ja
-ganz abgehärmt, liebes Kind,« fuhr er in Gedanken lautlos zu reden
-fort. »Ich weiß, Euch fehlt neues Blut.« Er nickte und hüstelte.
-
-Der junge Häcksel war nicht stark. Er war schwer lungenleidend. Seine
-Vorfahren, die da unter der Erde in der weichlichen Luft seit einem
-Jahrhundert Kohlenstaub schluckten, hatten ihm keine starke Lunge
-vererben können. Der Bergwerksarzt hatte zu dem schwindsüchtigen
-Häcksel gesagt, ein schwacher Mann wie er dürfe nicht heiraten, und er
-dürfe auch keine Frau küssen, da er mit Kuß und Umarmung nur Unheil
-anstiften könne. Ein Schwindsüchtiger müsse nicht daran denken, Kinder
-zu zeugen. Durch ihn würden nur armselige kranke Menschen entstehen,
-die ihm und der Welt zur Last fallen würden.
-
-Häcksel hatte es am Feierabend darum nie so eilig wie seine Kameraden,
-um hinauf ans Licht der Welt zurückzukehren. Ihm war im Bauch der
-Erde wohl, wo es in Dunkel und Einsamkeit keine Wünsche gab. Nichts
-erwartete ihn außerhalb des Bergwerkes als ein Strohsack in seiner
-Kammer, und es lockte ihn nicht einmal dieser, da das Stroh ein
-Geheimnis verbarg. Häcksel hatte im Stroh seit Jahren eine alte
-Geldtasche verborgen. Die war voll alter Silbergulden. Die hatte er
-in einem blinden Stollen unter der Erde gefunden, in einem Gang des
-Bergwerks, der nur ihm allein bekannt war, und der im Bergwerksbuch
-als vor Jahren von einem schlagenden Wetter verschüttet aus dem
-Bergwerkplan ausgestrichen und nur als blinder Stollen bezeichnet stand.
-
-Häcksel hatte von jenem Unglück von seinem Vater öfters erzählen
-hören. Der Alte hatte behauptet, bei den Verschütteten dort in dem
-blinden Stollen müsse sich auch Geld befinden, denn es war bei den
-Verunglückten damals ein zufälliger Besucher des Bergwerks mit
-umgekommen. Man hatte wohl versucht, nachzugraben, hatte aber die
-mühsamen Arbeiten bald eingestellt und den Stollen verlassen.
-
-Häcksel strolchte dort gern im Bergwerk herum und klopfte mit seinem
-Pickel jahraus jahrein nach Feierabend in dem verschütteten Gang das
-Gestein zur Seite. Eines Tages stieß er auf ein Gerippe, bald auf ein
-zweites und drittes Gerippe, und dort fand er auch die alte Geldkatze
-voll alter Silbergulden bei den Gebeinen liegen.
-
-Häcksel konnte gut schweigen. Wenn ihn manchmal der Gedanke lockte,
-seinen Kameraden von dem Fund zu erzählen, so hustete er sich schnell
-und heftig den Sprechreiz aus Brust und Kehle fort.
-
-Das Bergwerk lag in der Nähe eines oberbayrischen Sees, in den
-Vorbergen der Alpen, und eine kleine Bummelbahn führte von dort an den
-Dörfern vorüber bis München. In mancher Nacht, wenn Häcksel daheim in
-seiner Hütte die alten Silbergulden mit gepulverter Kreide blankputzte,
-nahm er sich vor, am nächsten Tag hinein nach München zu fahren und
-das Geld bei einem Wechsler in Markstücke umzutauschen. Aber er hatte
-sich fest vorgenommen: zum Leben wollte er nichts von diesem Geld
-ausgeben. Das Geld sollte nur für sein Begräbnis ausgegeben werden.
-Denn der Todesgedanke war Häcksels Lieblingsgedanke. Er sagte sich
-immer, vom Tod könne er nur das Beste erwarten. Vor allem erwartete er
-vom Tod Gesundheit. Wenn er diesen kranken, elenden, ewig hüstelnden
-Körper abgelegt hätte, dann würde er gesund auferstehn, meinte Häcksel.
-Es stand fest und klar in ihm, daß er mit seinem Tod ein neues und
-gesundes Dasein beginnen würde. Darum war sein Sterben sein schönstes
-und stolzestes Ereignis, das er zu erwarten hatte, und er wünschte
-sich, um diese Verwandlung von Krankheit zur Gesundheit würdig zu
-begehen, ein würdiges Begräbnis, eine teuere Seelenmesse, mit Orgel,
-Musik und Glockengeläute, ebenso wie das, das unlängst der Hauptmann
-der Feuerwehr des Bauernortes, in welchem Häcksel wohnte, bekommen
-hatte, welches ein erstklassiges Begräbnis gewesen war. Ob nun das
-Silbergeld im Berg bei den Gerippen lag, untätig und unnütz, oder ob es
-für ein schönes Grab und einen schönen Sarg Verwendung finden würde,
-das konnte den Gebeinen des Kaufmanns, den der Kohlenschutt deckte,
-wohl gleich sein.
-
-An diesem Feierabend, an welchem Häcksel auf seinem Zeigefinger die
-kleine Flöhin Zinnoberchen vor das Grubenlicht hielt, dachte er eben
-lebhaft daran, einen Tag festzusetzen, um endlich die Silbergulden in
-der Stadt in Markstücke umzuwandeln, als ihm die Flöhin lebhaft hinter
-das linke Ohr gebissen hatte. Dann ging er mit dem Tierchen nach dem
-Pferdestall, um Zinnoberchen sorgsam auf einen Pferderücken zu setzen.
-Aber auf halbem Weg war ihm seine alte Flohbekanntschaft vom Finger
-verschwunden. Er glaubte, sie habe allein den Weg zum Pferdestall
-gesucht. Der Floh aber war auf seine Bergwerkmütze gesprungen. Dort saß
-er zwischen Hutschirm und Band, und in der Nacht in Häcksels Kammer
-blieb er beharrlich auf Häcksels Mütze sitzen, und als es ganz still
-im Zimmer war, hörte der Bursch den Floh auf der flachen Mütze leise
-springen.
-
-»Ah,« sagte Häcksel zu sich, »Zinnoberchen hat meinen Entschluß gehört!
-Vielleicht habe ich laut vor mich hingesprochen im Bergwerk unten?
-Zinnoberchen will mit nach München.«
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-»Ja, das will ich,« gab der fröhlich hüpfende Floh durch Tanzlaute auf
-der Mütze kund.
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-In der Nacht noch band sich Häcksel die alte Geldtasche voll
-Silbergulden um den Leib. Ehe das Tageslicht kam, setzte er seine
-Mütze auf, auf der der Floh Sprünge machte, die, wenn man sie in Töne
-umgesetzt hätte, Juchzer gewesen wären.
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-Der Bursch ging durch den Wald zur nächsten Bahnstation. Es war
-Sonntagmorgen, und er wollte nicht vom Bahnhof des Heimatortes
-abreisen, damit man seine Reise nicht bemerken sollte. Am nächsten Tag
-wollte Häcksel wieder zurückkehren und wollte eine Ausrede gebrauchen.
-Er wollte sich im Bergwerk entschuldigen und sagen, er habe sich zwei
-Tage im Walde verirrt und verlaufen.
-
-Der Floh, den morgens im kalten Februarwald fror, setzte sich
-hinter Häcksels linke Ohrmuschel unter das warme Haar des Burschen
-und betrachtete von dort die Gegend. Bald merkte Häcksel, daß alle
-Gedanken, die er im linken Ohr hörte, ihm von Zinnoberchen eingegeben
-waren, und nur die Gedanken im rechten Ohr waren seine eigenen. So
-schritt er mit den zweierlei Gedanken wie im Frage- und Antwortspiel
-über den holprigen Waldweg, wo der Schnee getaut war und fast laues
-Vorfrühlingswetter herrschte.
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-»Ich bin der erste Bergwerkfloh der Welt, der an das Tageslicht kommt,«
-sagte Zinnoberchen zum linken Ohre Häcksels.
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-»Nun weiß ich, warum ich so zufrieden bin,« meinte das rechte Ohr zum
-linken Ohr, »weil ich Bergwerkgesellschaft habe am hellen Tag.«
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-Zinnoberchen hing sich an einem Schläfenhaar fest und schaukelte an
-diesem Haar im Winde hin und her, denn es war ihm kreuzwohl.
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-Plötzlich aber fuhr dem Häcksel ein schrecklicher Gedanke durch das
-rechte Ohr, und fuhr ihm vom Ohr in Hals und Brust, so daß er heftig
-und schmerzhaft husten mußte.
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-Die Flöhin sprang bei der Erschütterung aus dem Haar fort und rasch
-hinter Häcksels Ohr, kam aber gleich wieder zurück, unerschrocken, und
-hing sich wieder fest an das Schläfenhaar und schaukelte weiter.
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-Der wilde Gedanke schoß aber in Häcksel kreuz und quer und rief:
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-»Vielleicht ist dir deshalb heute ein Bergwerkfloh zum erstenmal ans
-Tageslicht gefolgt, weil es heute in der Grube ein Unglück gibt. Denn
-man sagt, die Bergwerkflöhe verlassen nur dann die tiefen Stollen, wenn
-sie schlagende Wetter vorauswittern.«
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-Dieses wußte Häcksel aus dem Munde seines seligen, außerehelichen
-Vaters.
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-»Nein, nein und nochmals nein,« antwortete aber darauf das linke Ohr,
-das von Zinnoberchen beraten war. »Es ist eine höhere Notwendigkeit,
-warum ich das Bergwerk heute verließ.«
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-»Eine höhere Notwendigkeit?« echote es in Häcksel erstaunt.
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-»Jawohl,« rief die Flöhin auf Häcksels Kopf von links. »Daß ich
-heute reise, geschieht aus allerhöchster Notwendigkeit. Ich bin eine
-Abgesandte. Ich muß Flohmänner ins Bergwerk herbeiholen, frische
-kräftige gesunde starke Flohkerle.«
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-»Warum ist Stänker, mein Leibfloh, zu diesem Auftrag nicht gut genug
-gewesen,« fragte Häcksel ein wenig verletzt die Flöhin.
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-»Hat man je gehört, daß ein Flohkerl so reizend ist, daß seinetwegen
-andere Flohkerle einen Sprung machen? Es muß schon eine Flöhin kommen,
-wenn Flohmänner sich holen lassen sollen.«
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-»Und da hat man dich also, die Zarteste, mit mir nach München
-geschickt?«
-
-»Ach was! Man hat nicht mich mit dir geschickt. Sondern du bist von
-mir und uns allen ausersehen worden, mich nach München zu bringen,«
-behauptete die Abgesandte hinter Häcksels Ohr.
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-»Ich gehe meinethalben und nicht deinethalben, nicht in
-Flohangelegenheiten, sondern in meinen gesunden Todesangelegenheiten
-gehe ich nach München,« meinte Häcksel störrisch, als eben das
-Morgenlicht aus den Waldbäumen grell auf seine Nase schien. »Licht und
-Lärm kommen immer zusammen,« fügte er mürrisch und gereizt hinzu.
-»Wenn ich nun aber umkehre?« setzte er fort. »Was dann?«
-
-»Dann lassen wir dir irgend etwas Schlechtes geschehen. Unsere Art zu
-erhalten, dazu ist uns kein Ausweg zu ungeheuer. Und ein Menschenleben
-ist noch lange kein Flohleben wert, noch dazu ein so wackeliges
-Menschenleben wie deines, das nur noch an einem Faden, sagen wir
-lieber, nur noch an einem Fädchen hängt.«
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-»Ich wußte es ja,« schmunzelte Häcksel plötzlich aufgeräumt. »Ich
-sterbe bald. Ich habe es auch nur deshalb so eilig, weil ich die alten
-Gulden umwechseln will, um Geld zu einem schönen Begräbnis bereit zu
-haben.«
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-»Den Glauben will ich dir gern lassen,« meinte die Flöhin zweideutig.
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-»Wie meinst du das?« fuhr Häcksel auf. »Werde ich am Ende doch nicht
-bald sterben? Oder werde ich das Geld am Ende gar nicht zum Begräbnis
-verwenden dürfen?«
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-»Das kommt darauf an. Versprechungen oder gar Belehrungen teilen wir
-Flöhe eigentlich selten aus. Wir denken zuerst an uns. Und da du als
-Mensch in unserer Flohgewalt bist, mußt du gehorchen.«
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-»Hoho!« hustete Häcksel und hustete sich blaurot vor Eifer. »Ich bin in
-niemandes Gewalt. Ich bin ein freier Bergwerkarbeiter. Nicht mal der
-Grubenherr hat mir außerhalb des Bergwerkes etwas zu sagen. Heutzutage
-herrscht Freiheit im Arbeitervolk. Wir sind keine altmodischen Knechte
-mehr.«
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-»Daß ich nicht lach,« kicherte Zinnoberchen und ließ das schaukelnde
-Schläfenhaar los, sprang zurück und biß herzhaft dem Häcksel in das
-linke Ohrwatschel, so daß ein Blutstropfen, groß wie der dickste Floh,
-dem Burschen aus der Haut quoll.
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-Häcksel hielt wie immer still, wenn ihn ein Floh biß, teils um seiner
-Gesellschaft nicht verlustig zu gehen, teils weil er es so seit
-Väterszeiten im Bergwerk gewöhnt war.
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-Zinnoberchen setzte sich an den Blutstropfen, sagte nichts mehr und
-frühstückte lebhaft beschäftigt, während der arme Bursche unter den
-kahlen Waldbäumen ging, manchmal von Husten geschüttelt und von Hunger
-gekrümmt.
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-Als die Flöhin von Menschenblut satt war, sagte sie nicht einmal
-»danke«, sondern kroch unter dem Mützenrand unten durch auf Häcksels
-Kopf, wo die Luft zwischen Haar und Mützenfutter gemütlich warm war.
-Dort machte sie sich's bequem. Zuerst putzte sie ihre furchtbaren
-Beißwerkzeuge, strich dann ihre gewaltigen Springbeine glatt, dehnte
-sich und streckte sich auf dem weichen fettigen Haarboden zu einem
-Verdauungsschläfchen aus. Sie hüstelte nicht, sie dachte nicht an den
-Tod. Sie dachte nur an Lebensfortsetzung und Lebensgenuß. Sie murmelte
-im Einschlafen, indem sie mit den Hinterbeinen zum Vergnügen ein wenig
-auf den Haarboden trommelte: »Dummkopf! Dummkopf! Du meinst, du bist
-der Stärkere! Du, der mir doch zum Frühstück dienen muß!« Dann schlief
-die altadlige Flöhin aus dem vornehmen Bergwerkgeschlecht sanft ein,
-indessen der hungrige Bergmann unter ihr wie ein Kamel weitertrabte und
-hungernd und hustend den Bahnhof des nächsten Dorfes erreichte.
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-Häcksel hatte auf der letzten Strecke zum Bahnhof stark nachgegrübelt,
-wie er unauffällig mit dem nächsten Zug nach München kommen könnte.
-Niemand sollte seine Abwesenheit oder seine Reise bemerken. Da war ihm
-eingefallen, daß immer ein langer Kohlengüterzug um diese Morgenstunde
-nach München fuhr. Er kannte aber den Bremser des Zuges, und dieses
-schien ihm gefährlich, denn er wollte sich niemandem anvertrauen, um
-seine Silbergulden ungestört umwechseln zu können. Er beschloß, sich
-unter einem Kohlenwagen anzuklammern und dort in dem Versteck sich nach
-München fahren zu lassen.
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-Der Kohlenzug kam immer langsam und gemächlich daher und hielt einen
-Augenblick draußen vor dem Bahnhof, bis die Weiche gestellt wurde und
-er dann ebenso gemächlich weitertrotten konnte. Dieses hatte Häcksel
-früher beobachtet, und diesen Augenblick wollte er benutzen und sich
-unter den Wagen an den Ketten dort anhängen. Der Platz war schrecklich
-unheimlich und grauenhaft qualvoll, und der Güterzug würde erst in
-der Nacht in München ankommen. Aber was machte das dem Burschen, der
-so dringend ein reiches Begräbnis erster Klasse haben wollte. Für die
-Ehren, die seinen Leichnam später dann einmal erwarten würden, hätte er
-gern noch Schlimmeres ertragen.
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-Indessen nun der junge Bergmann eingeklemmt und gemartert zwischen
-Rädern, Ketten und Eisenstangen hing und in ewiger Todesgefahr schwebte
-und der furchtbare Eisenlärm, das Schütteln und Rasseln und Stampfen
-des Wagens, unter dem er schweißtriefend angeklammert war, ihn zu
-betäuben drohte, schlief die Flöhin im Kopfhaar des Burschen köstlich,
-und wenn sie hungrig wurde, krabbelte sie an Häcksels Nacken entlang
-und suchte sich eine möglichst zarte Stelle seines Rückens oder seiner
-Brust aus, biß herzhaft zu und sog das süße heiße Menschenblut in sich
-ein.
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-So kamen beide, jedes auf seine Art, vorwärts. Der Mensch geplagt,
-geängstigt und verliebt in seinen Tod, der Floh zufrieden, gesättigt
-und verliebt in Blut und Leben.
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-Spät in der Nacht fuhr der Güterzug langsam in den Bahngeleisen von
-München ein. Unbemerkt machte der erschöpfte blinde Mitreisende sich
-unter dem Wagen los und schlich sich im Güterbahnhof auf Seitenwegen
-über Schienen, über einen Stachelzaun und eine Plankenwand kletternd
-davon.
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-Der Güterbahnhof lag abseits, und in dem Stadtviertel in nächster Nähe
-standen einfache schweigende Häuserreihen, und in weiten Abständen
-brannten einsame Laternen. Häcksel wollte einen Gasthof aufsuchen und
-am nächsten Morgen die alten Guldenstücke umwechseln und dann mit
-der Bahn gemächlich auf einem Sitzplatz zurückfahren und auf einer
-Haltestelle, etwas entfernt vom Heimatdorf, aussteigen. So würde dann
-die Reise unbemerkt geblieben sein, er wäre dann nur als Waldverirrter
-in die Kohlengrube zurückgekehrt und hätte ohne viel Worte seine Arbeit
-im Stollen aufgenommen, nachdem das gewechselte Geld im Strohsack
-versteckt und eingenäht worden wäre.
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-Aber es sind immer bei Entschlüssen mehrere Mächte mitbeteiligt, und
-niemand führt einen Entschluß allein aus. Das sollte jeder bedenken,
-ehe er Heimliches tun will. Unser Alleinsein ist immer nur ein
-scheinbares, in Wirklichkeit ist jedes Handeln unsichtbar mit tausend
-Mithandelnden verknüpft.
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-So hatte Häcksel nicht daran gedacht, daß nach der langen Fahrt unter
-dem Kohlenwagen sein Kopf betäubt, seine Kräfte erschöpft, sein Herz
-schreckhaft und gedankenlos sein würde, wie es nicht am Morgen, da er
-frisch ausgeschlafen die Reise angetreten, gewesen war.
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-Außerdem hatte er vergessen, daß es Fastnachtsonntag war. Der
-Fastnachttrubel in der Großstadt München war ihm ganz unbekannt.
-Häcksel lebte jahraus, jahrein menschenscheu und ins Bergwerkleben
-versunken, so daß er ganz abseits stand von allen Lebenserfahrungen.
-Nie war er in einer Stadt gewesen, nichts wußte er von Faschingstagen,
-nichts vom närrischen Treiben einer Maskenwelt, die er nie gesehen oder
-erlebt hatte.
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-So ging er, in München angekommen, mit schwankenden müden Knien unter
-den dunkeln Vorstadthäusern hin, die ihn mit ihren vielen Stockwerken
-und ihren vielen dunkeln Fenstern einschüchterten. Als seine Schritte
-in der Nacht so einsam auf dem leeren Vorstadtpflaster hallten, wurde
-ihm schwindlig vor Hunger, Schwäche und Aufregung. Und ängstlich
-gemacht, weil er glaubte, die stillen Häuserbewohner wecken zu können,
-zog er seine harten Stiefel aus und ging auf lautlosen Socken weiter.
-
-Er hatte keine Ahnung, daß in den leeren Häusern, die meistens
-Neubauten waren, noch gar keine Menschen wohnten, und so schlich er an
-den unbewohnten frischweißen Häusern stumm und behutsam und lautlos
-wie ein Nachtvogel hin und wußte nicht, daß er wie ein ertappter Dieb
-aussah.
-
-Zinnoberchen aber, seine Flohherrin, war längst wach und aufmerksam
-und witterte mit Begierde, von Häcksels linker Schläfe aus, die
-tausend Flöhe der Stadt München, die jetzt in der Nacht alle auf
-waren und springend bei Tanz und Leibesfreuden wacher als die Sterne
-am kalten Februarhimmel lebten. Trotzdem die Häuser hier unbewohnt
-waren, witterte die eifrige Flöhin den menschlichen Blutgeruch aus den
-nächsten bewohnten Stadtteilen, und Häcksels Beine gingen ihr viel zu
-langsam vorwärts; sie wäre am liebsten in großen Sprüngen über die
-nächsten Dächer dem vor Schwäche taumelnden Häcksel vorausgeeilt.
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-Und nun stieß Häcksel gar mit dem Kopf an einen Laternenpfahl, wankte
-und fiel, von Hunger und Überanstrengung geschwächt, besinnungslos
-neben der Laterne nieder.
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-Das brachte die Flöhin ganz aus ihrer Ruhe, und sie stieß einen jener
-Pfiffe aus, den nur die feinen Flohohren hören können, der aber weiter
-zu hören ist als jeder Menschenruf. Dem groben Menschenohr aber ist ein
-Flohpfiff zu fein, das menschliche Trommelfell steht wie eine Mauer
-tot dort, wo ein Flohohr noch Laute hört. Sofort antwortete der Flöhin
-ein Antwortpfiff. Es war aber kein Floh, sondern auch eine Flöhin,
-die sich aus einem Neubau bemerkbar machte. Im dunkeln Bau brannte
-ein rotglühender Trockenofen und dort bei dem Arbeiter, der den Ofen
-bewachte, saß ein Mädchen auf ein paar aufgeschichteten Backsteinen.
-Das hatte die Flöhin, die Häcksels Flöhin zupfiff, im Nacken sitzen.
-Der Arbeiter vor dem Ofen hatte eine Teufelsmaske auf seine Stirn
-hinaufgerückt, so zeigte er zwei Gesichter übereinander. Der Mann war
-gerade von einem Maskenball in der Nacht auf den Bau gekommen, und
-seine Tänzerin, die eine »Königin der Nacht« vorstellte, hatte ihn
-begleitet. Beide stritten eben, wer von ihnen das meiste seiner Habe
-zum Pfandhaus getragen habe. Das Mädchen behauptete, sie habe nur noch
-einen Sonnenschirm bei einer Tante vergessen, den könne sie morgen noch
-versetzen. Der Arbeiter aber behauptete, das Mädchen habe ihn betrogen,
-weil sie bei einer Freundin noch ein Bügeleisen verborgen halte, das
-sie nicht versetzen wolle. Er sagte, er wolle morgen nicht mehr mit ihr
-zum Tanzen gehen, sie solle sich einen andern Tänzer suchen.
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-»Ich habe auch noch einen Floh, den ich nicht versetzt habe,« lachte
-das Mädchen übermütig und sagte frech, sie werde sich nicht erst
-morgen, sondern gleich für diese Karnevalsnacht noch einen neuen Tänzer
-suchen.
-
-Der Arbeiter gab ihr einen Tritt, daß sie von den Backsteinen aufflog
-und es an der Zeit fand zu verschwinden. Aber ehe sie ging, warf sie
-noch einen Backstein hinter sich in den Trockenofen, so daß Funken und
-Feuer dem fluchenden Mann um seine zwei Gesichter flogen.
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-Die Königin der Nacht öffnete rasch die Plankenzauntüre und wollte
-nochmals dem Arbeiter eine rohe Antwort zurückrufen, als sie nahe bei
-sich unter der nächsten Laterne den ohnmächtigen Häcksel liegen sah.
-
-Inzwischen hatten sich aber die beiden Flohweiber schon laut
-verständigt und verstanden.
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-»Ich habe da einen Esel von einem Kerl,« rief Zinnoberchen der andern
-Flöhin, die sich »Vielliebchen« nannte, zu. »Ich will nicht in der
-Nacht mit dem Dickschädel zusammen erfrieren. Wissen Sie nicht, wie
-man einen solchen Tölpel zur Besinnung zurückruft? Ich habe nämlich
-Eile und will auf ihm weiterreiten. Nein, was einen doch manchmal die
-Menschentiere ärgern können! Ich habe ihn schon in den Augendeckel
-gebissen, aber er schlägt die Augen nicht auf.«
-
-»Guten Abend,« rief Vielliebchen vom Nacken des Mädchens. »Ist Ihnen
-Ihr Mensch gestürzt? Ach Gott, springen Sie doch lieber ab und kommen
-Sie herüber zu mir. Ich nehme Sie auf meinem Vieh mit zur Stadt.«
-
-»Ach, nein, das geht nicht,« pfiff Zinnoberchen, »ich würde den
-Schwächling schon gern verlassen, da er doch bald krepiert, der Kerl.
-Aber erst muß er mich doch noch nach unserem Bergwerk zurücktragen.«
-
-»Ah, ah, Sie sind aus einem Bergwerk,« wunderte sich die Stadtflöhin
-laut. »Sie sind wohl zum Tanzvergnügen in die Stadt gekommen?«
-
-»Ja, hm, hm,« meinte die Flöhin Häcksels, welche sich ärgerte, daß die
-Rednerin kein Floh war, den sie hätte ins Bergwerk einladen können.
-Doch ihren Auftrag, Männer zu suchen, wollte sie nicht gleich verraten.
-
-Der Kopf der »Königin der Nacht« bog sich eben ganz nah über
-Häcksels Kopf, und die beiden Flohfrauen konnten sich schweigend
-betrachten, indessen die maskierte Menschenfrau die Westentaschen des
-besinnungslosen Bergmannes nach Geld durchsuchte. Als sie nichts fand,
-nahm sie die Stiefel, die neben Häcksel lagen, und warf den einen über
-den Bretterzaun dem Arbeiter am Ofen an den Kopf.
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-»Das geht nicht. Den Stiefel her, sie muß sofort den Stiefel wieder
-holen,« begehrte heftig ärgerlich Zinnoberchen. »Wir brauchen den
-Stiefel zum Heimweg.«
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-»Den Stiefel her,« rief jetzt auch Vielliebchen.
-
-»Er kommt schon,« antwortete ein dritter weiblicher Floh fernher vom
-Bauch des Arbeiters am Trockenofen. Und zugleich warf der erboste
-Arbeiter, der das Wurfgeschoß im Eifer für einen zweiten Backstein
-gehalten hatte, den Stiefel über den Zaun zurück, und er fiel Häcksel
-auf die Stirn, so daß der Besinnungslose erwachte, als eben die
-Maskierte seine Hosentasche nach Geld durchsuchen wollte.
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-»O, o,« seufzte Häcksel und starrte auf die in schwarze Schleier
-gehüllte Gestalt, an der unzählige stählerne aufgenähte
-Paillettensterne im Laternenlicht bläulich glitzerten. »Wer bist du?«
-fragte der Erwachte.
-
-»Wer ich bin? Ich bin halt eine von der Gasse. Ach, du betrachtest
-meine Sterne am Gewand! Ja, ich stelle nämlich die Königin der Nacht
-vor. So heißt man meine Maskentracht.«
-
-Verdutzt und verblödet vor Schwäche und Staunen schüttelte Häcksel den
-Kopf.
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-»Wenn ich nur was zu essen hätte,« murmelte er, »dann wär alles gut.«
-
-»Wenn du ein Geld hast, gehst halt mit mir; ich bring dich schon wohin,
-wo du bald satt wirst.«
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-Erschrocken fuhr Häcksel mit den Händen um seinen Leib und tastete
-nach seinem Leibgurt, und er wurde kräftig, als er merkte, daß ihm die
-Silbergulden nicht fehlten.
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-Nachdem er verwundert zugesehen, wie ihm die Königin der Nacht
-geholfen, die Stiefel anzuziehen, wanderten beide nebeneinander weiter.
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-Aber vorher sah Häcksel noch etwas Schreckliches. Er erblickte durch
-die offenstehende Plankentür im Erdgeschoß eines Hauses einen großen
-fensterlosen Raum, dort stand ein glühender Ofen, und vor der offenen
-roten Ofentüre stocherte ein Mann mit zwei Gesichtern im Feuer herum.
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-»Was tut der dort?« stotterte Häcksel erschrocken.
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-»Komm weiter!« sagte die geheimnisvolle Schwarzverschleierte, »das ist
-mein Schatz gewesen, der war mit mir beim Tanzen heute. Aber ich laß
-ihn laufen, weil der arme Teufel kein Geld nie hat. Du bist jetzt mein
-Schatz, wenn du ein Geld hast. Aber erst zeigen!«
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-»Was zeigen?« fragte Häcksel.
-
-»Geld zeigen,« schnauzte ihn die Königin der Nacht barsch an.
-
-»Niemals,« gab der Verwirrte zurück. »Das ist mein Begräbnisgeld, das
-verausgabe ich nicht fürs Tanzen. Das gäb ich auch nicht dem Teufel!«
-
-»Was, du Aff, du blöder,« kreischte ihn das Frauenzimmer an. »Von mir
-aus kannst du dich auf dem Mist begraben lassen!« Und da sie von fern
-den Schritt eines Schutzmannes hörte, gab das Frauenzimmer dem Häcksel
-eine sausende Ohrfeige und sprang in die Nacht davon.
-
-Dieser Backenstreich hatte das Gute, daß er den Burschen wärmer machte,
-als wenn er einen Kognak bekommen hätte. Und ganz wach geworden, begann
-auch er zu laufen, so rasch er konnte, dorthin, wo am Ende der dunklen
-Neubautenstraße der Nachthimmel heller leuchtete, und wo ihm Leben zu
-sein schien, das ihn lockte.
-
-»Danke Ihnen!« hatte Zinnoberchen dem Vielliebchen noch nachgerufen,
-als sie spürte, wie ihr Menschenvieh wieder flott weitertrabte. Sie
-hatte, während Häcksel sich mit Hilfe des Mädchens aufgerafft hatte,
-allerhand Ratschläge von der Flöhin erhalten, besonders nachdem
-sie berichtet hatte, welches ihr Reisezweck war. »Sie müssen Ihren
-Kerl in ein Haftlokal lenken,« hatte ihr die kluge Stadtflöhin noch
-zuletzt geraten. »Dort wimmelt es von allerhand Möglichkeiten,
-Flohmännerbekanntschaften zu schließen.« Dann hatte sie ihrem
-Menschenvieh ins Ohr geschrien: »Haue ihm eine Ohrfeige hin.« Was
-auch geschah. Also ermuntert von dem guten Einfall Vielliebchens, war
-Häcksel stark und unternehmend ins Leben zurückgekehrt und fühlte
-sein Blut besonders auf der linken Gesichtshälfte, wo der Schlag
-hingefallen, angenehm warm kreisen.
-
-Man ist doch in der Hauptstadt gleich mitten im Leben, dachte heiß
-der Geohrfeigte. Die Königin der Nacht und der Teufel sind mir schon
-begegnet. In unserem Bergwerk daheim werden die Flöhe staunen, wenn sie
-davon hören.
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-Und er überzeugte sich, mit dem Zeigefinger hinter sein Ohr tastend,
-daß er die Flöhin Zinnoberchen noch nicht verloren hatte, und war
-zufrieden darüber.
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-Dann fand Häcksel endlich eine lebhaftere Straße, und da funkelte
-Licht, und erleuchtete Wagen ohne Pferde surrten heran und jagten
-vorüber. Und in der nächsten Straße war so viel Licht, als wenn Häcksel
-einen Schlag mit der Faust ins Auge bekommen hätte und Feuerfunken
-tanzen sehen könnte. Menschen, Männer und Frauen, Arm in Arm, sich
-wiegend und lachend und kreischend, kamen herangezogen. Manche hatten
-weiße, andere rote, andere schwarze Gesichter, und einige hatten
-besonders große Nasen vom Gesicht abstehen, aber alle grinsten
-vergnügt. Häcksel hatte niemals ähnliche Menschen gesehen und wurde
-scheu und ängstlich. Und wie er an ein besonders hellerleuchtetes
-Haus kam, dachte er, das müsse ein Gasthaus sein. Denn es war ein
-leuchtendes Schild davor, das glänzte auf und verschwand, und der Wirt,
-der das Gasthaus besaß, hieß »Kino«.
-
-Der Mann stand in einem langen grünen Rock vor der hellerleuchteten
-Türe, und viele goldene Knöpfe glänzten an ihm und goldene Tressen.
-
-»Ach, Herr Wirt,« grüßte Häcksel den Türwächter des Kinotheaters, das
-er für ein Wirtshaus hielt, »kann ich hier ein Glas Bier trinken.«
-
-»Natürlich,« nickte der, »Bier gibt es auch in den Zwischenpausen.«
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-Dann mußte Häcksel an einer Kasse einen Platz für das Biertrinken
-bezahlen und kam in einen dunkeln Saal, wo man mit dem Licht sparte.
-Das kam ihm seltsam vor. Im dunkeln Saal war nur eine helle Wand, durch
-die sah man hinaus auf eine lebendige Welt.
-
-Häcksel dachte: Die Leute sitzen hier wie in der Kirche, und die
-Dunkelheit ist gruselig, vielleicht ist das das Jüngste Gericht. Denn
-alle Anwesenden waren totenstill und alle sahen auf Schattenmenschen,
-die auf einer Wand erschienen und zitternd in einem Lichtstrahl
-vorüberliefen, lautlos und ohne Stimme, und dazu ertönte von
-unsichtbaren Musikanten eine Musik. Aber Häcksel nahm sich vor,
-lieber auch auf das Glas Bier zu verzichten, als sich dem totstillen
-Jüngsten Gericht auszuliefern und einzugestehen, daß er einen Gurt voll
-unrechtmäßig erworbener Silbergulden bei sich habe.
-
-Er drehte sich rasch entschlossen auf dem Absatz um und lief wieder
-auf die Straße hinaus.
-
-Da kam ein erleuchteter langer Straßenbahnwagen gefahren, und Häcksel
-sah, daß viele Leute dort in den Wagen einstiegen. Und allen Leuten
-glitzerten bunte Kleider unter den Mänteln, und alle trugen bunte
-Mützen, und die Frauen hatten Kapuzen überm Kopf, und alle kicherten
-und lachten und kreischten, und sie waren so vergnügt, als ob sie in
-den Himmel führen.
-
-Und Häcksel drängte auch mit in den Wagen, und als das Gefährt sich
-bewegte, begann er zu schwanken und fiel auf den Schoß eines Mannes,
-der hatte einen pechschwarzen Backenbart um ein rosiges Gesicht
-hängen. Und er hatte einen breiten Leibgurt und war in tiroler Tracht
-gekleidet, und auf dem Gurt stand mit silbernen Fäden gestickt:
-»Andreas Hofer«.
-
-Daß das der Andreas Hofer selbst war, glaubte Häcksel nicht. Er müßte
-höchstens dann von den Toten auferstanden sein. Aber es war vielleicht
-ein Verwandter von Andreas Hofer, der den Gurt geerbt hatte, meinte der
-Bergmann. Und wie er noch ganz verblüfft dem Andreas Hofer im Schoß
-saß, schien ihm der Mann so anziehend, als wenn er gar kein Mann,
-sondern eine Frau wäre. Und er blieb ruhig sitzen, wo er warm und weich
-saß, weil gar kein Platz im Wagen war als auf dem Schoß von Andreas
-Hofer.
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-Inzwischen flüsterte ihm dieser heimlich ins Ohr: »Ich heiße Ida
-Fliegenhitzer. Willst mit? Dann bist gern eingeladen!«
-
-Der Häcksel war zwar ein schwachbrüstiger, sonst aber ein ganz
-schmucker Bursch. Wenn er nicht die Schwindsucht gehabt hätte, wäre er
-eine Männerschönheit gewesen. Es fehlte ihm nichts als rote Backen und
-ein Brustkasten.
-
-Eine wunderschöne Stadt, diese Stadt München! Die Männer verwandeln
-sich in Weiber, sogar wenn sie vorher Andreas Hofer geheißen haben und
-einen schwarzen Backenbart besitzen.
-
-Also ging Häcksel mit der Ida Fliegenhitzer in ein Bräu, nachdem sie
-ihm vorher gezeigt hatte, daß ihr Bart nicht angewachsen war. In dem
-Brauhaus war es noch erstaunlicher als auf der Straße.
-
-Im Gedräng erschien dort plötzlich ein Mann mit goldener Krone auf dem
-Kopf, das war der König, und er hatte auch einen roten Mantel und ein
-goldenes Zepter. Der nahm augenblicklich dem Häcksel die Andreas Hofer
-vor der Nase weg und hob sie auf seine Schulter und trug sie davon.
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-Der Häcksel staunte schon bald über gar nichts mehr, auch nicht, als
-er sich ein Glas Bier bestellte und es ihm von einem vorübertanzenden
-Neger mitgenommen und ausgetrunken wurde.
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-In der Straßenbahn war der Bergmann im Gedräng mitgefahren, ohne zu
-bezahlen; im Kino hatte er das einzige Zehnmarkstück, das er bei
-sich hatte, aus der Hand verloren oder hatte es dem Andreas Hofer in
-den Schoß fallen lassen; er wußte es nicht mehr genau. Er wußte nur,
-daß er plötzlich kein Geld hatte als die ungewechselten altmodischen
-Silbergulden. Als ihm das Bier ausgetrunken wurde, bezahlte er es
-nicht, sondern drückte sich heimlich auf die Straße zurück.
-
-Dabei fühlte Häcksel plötzlich, daß ihm viel Leben in die Kleider
-gekommen war. Denn die Bergwerkflöhin hatte überall im Gedräng
-Flohgenossen gewittert und diese laut zu sich eingeladen, und die
-Neuangekommenen untersuchten nun das Vieh, das die Flöhin ritt, um
-sich zu entscheiden, ob diese Menschenart ihnen zusagte, ehe sie
-einwilligen wollten, die Reise nach dem Bergwerk mitanzutreten.
-
-Das Zinnoberchen lobte Häcksels Blut über alle Maßen. Es wäre besonders
-süß, sagte sie, da der Bursch immer Fieber habe, und deshalb sei sein
-Blut immer um einiges wärmer, als Menschenblut sonst ist.
-
-Die Flöhe aber waren alle zimperliche verwöhnte Stadtherren und fanden
-gar keinen Gefallen an Häcksel. Sie nahmen sich vor, einer nach dem
-andern wieder im Gedränge abzuspringen und die Bergwerkflöhin mit ihrem
-Menschenvieh allein zu lassen, denn sie fanden sein Blut matt und
-abgestanden. Trotz der Ohrfeige, die, wie die Flöhin ihnen versicherte,
-das Vieh eben bekommen habe, fanden sie das Bergmannblut nicht süß,
-sondern säuerlich. Ein älterer Flohherr gab der Bergwerkflöhin noch
-rasch einen guten Rat, ehe er zum Absprung ansetzte. Sie müsse den
-Menschenkerl in ein Haftlokal bringen, dort wäre manchmal eine Zufuhr
-von frischen Arbeiter- und Kroatenflöhen vorrätig. Diese könnten dem
-Bergwerk gut zur Auffrischung der Lebenslust dienen.
-
-Häcksel, dessen Magen leer und überhungert war, schwankte wieder in
-das Brauhaus zurück, denn es war ihm zu seinem Hunger auch noch ein
-großer Schrecken in die Glieder gefahren. Er hatte draußen unter einer
-Laterne den leibhaftigen Tod aus einer Droschke aussteigen sehen.
-Eine lange weiße Gestalt mit einer Sense in der Knochenhand hatte
-er gesehen, und unter einem weißen Laken grinste ihn ein Totenkopf
-so schaurig an, wie nur die Totenköpfe der Verschütteten ausgesehen
-hatten, die Häcksel im blinden Stollen ausgegraben, ehe er auf den
-Geldgurt gestoßen war.
-
-Rasch wendete sich Häcksel, am ganzen Leibe schlotternd, wieder in
-das Brauhaus zurück und ließ sich vom Gedränge vorwärtsschieben, halb
-erwürgt von Hunger, Durst, Schwäche und Angst.
-
-Da stand ein hübsches Mädchengesicht vor ihm; das war von einem
-Vergißmeinnichtkranz umrahmt, und kleine flachsblonde Locken kräuselten
-sich ihr zierlich um Stirn und Nacken und verdeckten die Ohren. Vom
-Kopf fiel ein bräutlicher Schleier, der war dem blonden Geschöpf unterm
-Kinn zusammengebunden und hüllte auch den Körper zart und dicht ein.
-Auch Silberspangen und Silbergürtel glänzten an ihr.
-
-»Bist du mein Schutzengel?« stieß der geängstigte Häcksel hervor. Die
-weiße Gestalt nickte geheimnisvoll und hing sich an seinen Arm und
-legte ihren weißbehandschuhten Zeigefinger auf ihren Mund, zum Zeichen,
-daß sie schweigen müsse.
-
-Der Bursche war froh, daß er nach dem Anblick des Totenkopfes jetzt von
-dem vergißmeinnichtbekränzten Mädchen begleitet wurde. Er bestellte bei
-der Kellnerin zwei Glas Bier und vieles Essen und entschloß sich, die
-Zeche von seinem Begräbnisgeld zu bezahlen.
-
-»Du bist ja so blaß,« wisperte der Schutzengel und schmiegte sich am
-Biertisch, der dichtbesetzt war, auf Häcksels Schoß. Die Bekränzte
-reichte ihm dann aus ihrem Handtäschchen einen Spiegel und einen roten
-Stift. Während Häcksel in den Spiegel guckte, malte das Mädchen ihm
-gesunde rote Backen und eine kräftige rote Nase in sein Gesicht.
-
-Häcksel mußte lachen und sich wundern über das, was die Schutzengel
-alles verstehen. Er, der kranke blasse Häcksel, sah nun wie das
-glühende Leben aus. Mindestens so rot, als ob er zwei neue Ohrfeigen
-links und rechts und einen Faustschlag auf die Nase bekommen hätte.
-
-Während er eben erleichtert aufatmen wollte, fand er sich ums
-Zwerchfell besonders leicht geworden, und er bemerkte, wie ihm sein
-Schutzengel den schweren Geldgurt abgeknöpft hatte, indessen er in sein
-gesundes rotbackiges Spiegelbild vertieft gewesen. Der Schutzengel
-wollte eben den Gurt in der Tiefe seiner Schleier verschwinden lassen,
-als Häcksel zugriff und den Gurt heftig an sich riß.
-
-Dieses geschah im gleichen Augenblick, als die Kellnerin mit vielen
-Tellern und Schüsseln, voll mit leckerem Braten, Kraut, Kartoffeln
-und Brot und mit Biergläsern beladen, sich über den Tisch beugte und
-Essen und Trunk vor Häcksel niedersetzte. Die Bratendämpfe stiegen dem
-schwachen Burschen wunderbar anregend in die Nase, und er vergaß den
-Schutzengel einen Dieb zu nennen, da Bier und Speisen, die vor ihm
-hingerückt waren, ihn ganz mit Essensgier erfüllten.
-
-Aber ein lautes Klingeln und Rollen von vielen Silberstücken unter
-Tisch und Stühlen und der offene leichte Geldgurt, aus dem ihm alle
-Silbergulden fortgerollt waren, erschreckten ihn, und er fuhr auf.
-Der helle Schutzengel, der sich noch nach einigen Silbergulden gebückt
-hatte, verschwand rasch im Gedränge zwischen den nächsten Tischen.
-
-Die Leute in nächster Nähe, die das viele Geldherumrollen hörten,
-bückten sich alle zugleich und suchten nach dem Geld. Viele halfen die
-Gulden aufheben. Man lachte und brachte die Gulden zurück, aber viele
-Gulden blieben auch in den Händen der Suchenden und unter ihren Füßen,
-die sich fest daraufstellten und nicht weiterrückten.
-
-Häcksel bekam nicht die Hälfte der Gulden zurück, und der Gurt war viel
-leichter als vorher, und es schmerzte den Burschen sehr, als er dachte,
-um wievieles weniger schön sein Begräbnis nun werden würde. Und Schuld
-daran war sein diebischer Schutzengel.
-
-Inzwischen hatten sich auch einige Bratenteller geleert und das Bier
-war verschwunden, und nur ein Teller mit Brot war vor Häcksel stehen
-geblieben. Er war eben dabei, ein Brot zu nehmen und den ersten
-Bissen, den er an diesem Tag bekam, in den Mund zu stecken, als ihm
-das Brot aus der Hand genommen wurde und der Schutzengel wieder mit
-einem rothaarigen Menschen vor Häcksel stand und diesen für einen
-Falschmünzer erklärte.
-
-Die alten Gulden wären nachgemachte Gulden aus Zinn, erklärte der
-Rothaarige und forderte von Häcksel, daß er ihm augenblicklich den
-Ledergurt mit den Münzen ausliefere.
-
-Häcksel sagte das, was er sich für alle Fälle vorher zurechtgelegt
-hatte, er habe die Silbergulden geerbt.
-
-»Es sind Zinnmünzen,« erklärte der Rothaarige und winkte einem
-Schutzmann, der den Schutzengel und Häcksel beide zum Saal
-hinausdrängte. Viel Volk begleitete sie, und draußen wurden beide in
-die Droschke gepackt, aus der vorher der Tod ausgestiegen war.
-
-Dem Häcksel schwirrte der Kopf. Der Schutzengel aber und der
-Schutzmann, die mit ihm in der Droschke saßen, flüsterten miteinander.
-Dann hielt der Wagen, und beide stiegen aus und hießen ihn warten.
-Der Rothaarige, der beim Kutscher auf dem Bock gesessen hatte, sagte,
-nachdem er sich mit dem Schutzengel am Wagenschlag leise besprochen
-hatte, Häcksel müsse aussteigen und an einem Tor warten, bis sie
-wiederkämen. Wenn er sich aber rühren würde, dann kämen die Bluthunde
-hinter dem Zaun hervor und würden ihn zerreißen.
-
-Häcksel, der kaum noch vor Hunger und Aufregung sehen und hören konnte,
-setzte sich auf einen Prellstein am Tor nieder.
-
-Dort fand ihn nach mehreren Stunden ein seltsames Paar. Ein in ein Fell
-eingenähter Mensch, der einen künstlichen Löwenkopf aufgestülpt hatte,
-und ein kahlköpfiger Alter in grauem Kaftan, der eine Laterne in der
-Hand trug, die fanden Häcksel tief eingeschlafen.
-
-Der Löwe beschnupperte den Schlafenden, und der Laternenmann
-beleuchtete ihn, und dann setzten sich Löwe und Greis zu beiden Seiten
-neben Häcksel nieder und schliefen neben Häcksel ein. Die Laterne,
-die auf dem Pflaster stand, beleuchtete alle drei Gesichter, und
-auf Häcksels Stirn kamen seine Schicksalslenker zusammen. Das waren
-stattliche Flohkerle, die aus den Polstern der alten Droschkenkissen zu
-Häcksels Flöhin Zinnoberchen gehüpft waren. Die Flöhe berieten, was aus
-ihnen werden sollte, denn sie hatten gesehen, wie der Rothaarige, der
-Schutzmann und der Schutzengel Häcksels ganzes Geld behalten hatten,
-und sie wußten, daß diese Leute Spitzbuben gewesen waren.
-
-»Seid nur ruhig!« sagte ein Floh des Laternenmannes. »Wir treffen alle
-zusammen im Haftlokal wieder. Sie sind schon verhaftet worden, weil die
-vielen Silbergulden, die sie ausgaben, Verdacht erweckten.«
-
-Und ein Floh aus dem Löwenfell machte Zinnoberchen stark den Hof und
-tat sehr verliebt und versicherte, ihr bis ans Weltende folgen zu
-wollen. Als er aber von ihr seinen verliebten Willen erreicht hatte,
-sprang er vergnügt hoch in die Luft, kam aber aus der Luft nicht mehr
-zurück. Denn er war heimlich hinter den Plankenzaun gesprungen, wo ein
-Hühnerhaus stand, und dort ließ er es sich wohl sein bei den Flöhen der
-Hühner.
-
-Die Laterne brannte noch, als es schon Tag wurde, und der Löwe, der
-Greis und Häcksel, alle drei schliefen fest und schnarchten wie
-besessen, trotzdem die Bäckerjungen auf Fahrrädern mit Körben und
-Säcken voll Brot an ihnen vorbeiradelten und ihr Morgenlied pfiffen.
-
-Einmal aber versah sich einer der Bäcker aus Erstaunen über die drei
-Schläfer, so daß sein Rad an den Straßenrand stieß und sein Korb mit
-Brot im Bogen fortflog und gerade dem schlafenden Häcksel an die Stirn
-fiel.
-
-Häcksel erwachte, sah vor sich einen offenen Korb, der voll duftender
-frischer Brötchen war. Er griff mit beiden Händen zu, und er hatte
-bereits zwei Wecken verschlungen, als der gestürzte Bäckerbursche
-herbeigelaufen kam und ein großes Geschrei aufschlug, weil er Häcksel
-sah, der ein Brot nach dem andern verzehren wollte. Auch der Löwe
-und der Greis waren erwacht und griffen, da es sie hungerte, nach
-dem Brot. Als der Bäcker so sehr schrie, warf ihm der eine die
-brennende Laterne an den Kopf. Zuletzt aber, wie der Bäcker die
-drei einträchtlich seine Brötchen verschlingen sah und sie genauer
-betrachtete, lachte er hellauf und fuhr rasch radelnd davon, denn er
-war in der Nacht als weiblicher Schutzengel verkleidet gewesen und
-erkannte plötzlich Häcksel wieder, dem er das Silbergeld gestohlen
-hatte. Er war entschlüpft, als man seine Kameraden, den Rothaarigen
-und den Schutzmann, verhaftet hatte und hatte zu Hause seinen
-Vergißmeinnichtkranz, seine blonde Perrücke und sein Schleiergewand
-abgelegt und war in seine Bäckerei, wo er Lehrling war, geeilt, weil
-er die Wecken austragen mußte. Jetzt aber fürchtete er, von Häcksel
-erkannt zu werden, und eilte schleunigst fort.
-
-In dem Korb waren aber auch Bierbrezeln, und als der Löwe und der Greis
-sich satt gegessen hatten, ließen sie Häcksel den Korb und sagten,
-als er ihnen klagte, daß ihm sein Geld gestohlen sei, er solle die
-Bierbrezeln in den Wirtshäusern verkaufen, damit er Heimreisegeld
-bekäme. Dann raffte der Greis seine Laterne auf, und der Löwe verbeugte
-sich, und beide verschwanden am Ende der Straße im Morgennebel.
-
-Häcksel aber, dem der Mund trocken war, ging zu einer Straßenpumpe,
-wo eben ein Kutscher seinem Gaul Wasser gab. Er bat den Kutscher, daß
-er ihm vom Wasser aus der Pferdekufe trinken lasse. Als er getrunken
-hatte und sich aufrichtete, erzählte er auch diesem Kutscher, daß man
-ihm sein Geld gestohlen hatte. Der sagte, er habe schon davon gehört.
-Ein Kollege habe ihm heute morgen erzählt, daß zwei Fahrgäste, ein
-Rothaariger und einer, der als Schutzmann verkleidet war, einem Mann
-einen Ledergurt mit Silbergulden gestohlen hätten, und daß beide von
-wirklichen Schutzleuten zum Haftlokal geführt worden seien.
-
-Dem Häcksel wurde ganz wohl, als er das hörte, und er schenkte dem
-Kutscher die Bierbrezeln und bat, ihn dafür zu jener Polizeistation zu
-fahren, da er seinen Ledergurt wiederholen wollte.
-
-Der Kutscher tat das auch. Und Zinnoberchen, als es hörte, daß Häcksel
-freiwillig zum Haftlokal fahren wollte, war vergnügt und guter Dinge
-und vermißte ihren treulosen Floh aus dem Löwenfell nicht länger.
-
-Aber auch Flöhe bekommen nicht in allem ihren Willen. Häcksel wurde
-nicht ins Haftzimmer, sondern nur in die Polizeiwachtstube geführt.
-Dort fand die Flöhin gar nicht, was sie wollte.
-
-Man gab Häcksel seinen Gurt zwar nicht zurück, aber man zeigte ihm
-denselben, und er erkannte ihn als den seinen.
-
-Dann wurde ein Polizist beauftragt, Häcksel in sein Heimatdorf zu
-begleiten und dort in Erfahrung zu bringen, wie Häcksel zu dem
-Silbergeld gekommen sei.
-
-Häcksel behauptete immer noch, er habe es geerbt. So kam Häcksel auf
-Polizeikosten zurück in sein Heimatdorf. Nach langem Fragen glaubte
-man endlich Häcksel, und man ließ ihn wieder seine Bergwerkarbeit
-antreten.
-
-Zinnoberchen bekam inzwischen viele Junge. Es waren Flohkinder, von
-ihm, der damals in der Nacht über den Plankenzaun in den Hühnerstall
-geflüchtet war. Die Flohmänner waren ihr unterwegs alle wieder abhanden
-gekommen. Sie kehrte einsam und nur mit vielen Kindern beschenkt mit
-Häcksel ins Bergwerk zurück.
-
-Häcksel aber bekam zwar jenen Geldgurt zurück, doch fand sich kein
-einziger Silbergulden mehr in dem Gurt. Die letzten waren auf der
-Polizei herausgerollt, und niemand wußte wohin.
-
-Als Häcksel den leeren Gurt umschnallte, wurde er schwermütig. Er
-fieberte täglich heftiger und heftiger und wollte doch nicht sterben,
-da ihn kein Begräbnis erster Klasse erwartete.
-
-Häcksel hat sich dann im Bergwerkpferdestall anstellen lassen und kam
-gar nicht mehr an die Erdoberfläche. Davon, daß er überhaupt nicht
-mehr die Luft wechselte und immer in der durchwärmten Schachtluft
-wohlbeschützt dahinlebte, heilte seine Lunge aus, und er genas von
-seiner Schwindsucht und dem Fieber.
-
-Aber eines Tages schlug ihm ein Pferd, als er sich eben bückte, mit dem
-Hinterfuß vor den Kopf, da Häcksels Leibfloh das Pferd unsanfter als
-sonst in die Weichen gebissen hatte.
-
-Eine ganze Nacht lag Häcksel in seinem Blut unter dem Pferd. Niemand
-war da, und nur die Flöhe sahen von allen Pferderücken herunter
-neugierig zu, wie so ein Menschenvieh endlich einmal stirbt. Sie
-lachten und kicherten, bissen in die Pferdeweichen und hatten es
-wunderschön, indessen Häcksel nochmals die Nacht durchlebte, da er
-alles Geld verloren hat. Der Teufel mit zwei Gesichtern setzte sich
-auf eine Pferdekrippe in die Stallecke, wo der rote Laternenschein
-den Stall schwach aufhellte, und von der Decke über dem Heu, wo die
-Spinnweben dick festhingen, löste sich die Königin der Nacht los
-und krallte eine Hand in Häcksels Kopfwunde, die ihm der Pferdehuf
-geschlagen hatte.
-
-»Laß mich, laß mich,« krächzte der Verwundete und wälzte sich zum
-Vergnügen der jungen Flöhe hin und her. Und er sah dann, wie der
-schwarzbärtige Andreas Hofer mit der Königin der Nacht zu ringen
-begann. Es wurde im Stall heller, weil die Nacht von Andreas Hofer
-besiegt wurde.
-
-Dann nahte der vergißmeinnichtbekränzte Schutzengel und fragte Häcksel
-streng, ob er noch etwas zu gestehen hätte, er solle sich das Herz
-durch ein Geständnis erleichtern.
-
-Die Flöhe verfolgten von den Pferderücken herunter dieses Theater im
-fiebernden Hirn des Sterbenden mit Spannung. Denn da sie ihr Lebenlang
-mit dem Menschenblut des Häcksels aufgefüttert waren, verstanden sie
-dieses Blutes Sprache gut und sahen alles, was der Sterbende zu sehen
-vermeinte.
-
-»Ich wette, er wird nichts gestehen,« lachte der Jüngste der Flohbrut.
-»Gesteh nichts, sag nichts, es ist dein gutes Recht zu schweigen,« rief
-er mit Eifer zu Häcksel herunter.
-
-»Nein, sage es nur! Er weiß es ja schon selber, daß du die Silbergulden
-aus dem blinden Stollen gestohlen hast,« kreischte der Chor der andern
-frech und lustig.
-
-Häcksel schwieg und ächzte. Er schwieg auch, als alle Toten aus dem
-blinden Schacht mit vorwurfsvollen Gesichtern an ihm vorüberzogen.
-
-Da winkte der Teufel in der Ecke des Stalles, und herein sprang der
-Höllenhund und stand wie ein großer Löwe mitten im Stall und schüttelte
-sich knurrend.
-
-Aber zugleich kam auch ein Greis herein -- das war Petrus -- und faßte
-den Höllenhund an der Mähne, so daß er sich nicht auf Häcksel stürzen
-konnte.
-
-»Gesteh, daß du das Silbergeld nicht geerbt hast,« drohte der
-glatzköpfige Petrus und griff nach der Stallaterne und drohte,
-daß er das Lebenslicht in der Laterne, das dem Häcksel gehörte,
-ausblasen würde, so daß der Halsstarrige dann vom finstern Höllenhund
-verschlungen werden müßte.
-
-»Bravo,« lachten die Flöhe und höhnten, »siehst du, jetzt hast du dein
-erstklassiges Begräbnis im Bauch des Höllenhundes.«
-
-»Ich habe das Geld -- das gar kein Geld war, von dem ich gar nichts
-ausgegeben habe, von dem ich mir nicht einmal ein Glas Bier bezahlt
-habe, -- im Stollen ausgegraben und nicht geerbt,« schrie Häcksel.
-
-»Hier hast du ein Stück Holzkohle aus dem Feuerbecken des Teufels. Mit
-diesem schreibe dein Geständnis an die Kalkwand des Stalles, damit die
-Leute dein Geständnis schwarz auf weiß haben.«
-
-Dann, als Häcksel geschrieben hatte, sagte Petrus und hob den
-Zeigefinger drohend:
-
-»Siehst du, mein lieber Häcksel, du hast es erleben sollen, daß
-unehrlich angeeignetes Gut nicht den kleinsten Genuß bereitet. Und daß
-Diebstahl einem mehr Mühe, Schweiß und Ärger bereitet als die härteste
-ehrliche Arbeit, das weißt du jetzt.
-
-Da du aber im Leben bereits deine Tat gebüßt hast, will ich dir nun
-doch ein Begräbnis erster Klasse auf himmlische Staatskosten bereiten.
-Komm und steige in die Himmelskutsche, die vor der Stalltüre steht. Mit
-dir wird aber auch Zinnoberchen den Himmel und das Begräbnis erster
-Klasse teilen, denn der Pferdehuf hat sie auf deiner Stirn zertreten,
-als er dich traf.«
-
-Da erst erfuhr die Flohbrut den Tot ihrer Mutter. Und nun duckten sie
-sich alle vor Schrecken. Und das Pferdeblut und das Menschenblut in
-ihren Leibern wurde ganz blaß, und sie sprangen für diese Nacht weit
-fort in das Bergwerk und kehrten erst nach Tagen in den Stall zurück,
-als man Häcksels Leichnam an die Erdoberfläche gebracht und dort wieder
-in die Erde gebettet hatte.
-
-Dieses ist die Geschichte von Häcksel und den Bergwerkflöhen. Und wenn
-die Flöhe inzwischen im Bergwerk nicht doch ausgestorben sind, so leben
-sie heute noch dort, so frech wie damals.
-
-
-
-
-Zwei Reiter am Meer
-
-
-Einige Gäste erhoben sich und verabschiedeten sich von der in Trauer
-gekleideten Hausfrau und vom Hausherrn, der die Abschiednehmenden durch
-die Diele zum Vorzimmer begleitete.
-
-Ein Herr und ich waren allein die Letzten in dem großen
-Bibliothekzimmer, wo wir nach dem Abendessen, zu dem wir geladen
-gewesen, alle um einen runden Mahagonitisch beim Licht einer
-grünverschleierten elektrischen Hängelampe plaudernd gesessen hatten.
-
-Ich hatte mich an diesem Abend nicht viel am Gespräch beteiligen
-können. Die weitgeöffneten Türen in die erleuchteten Nebenräume, in das
-Musikzimmer, in den Speisesaal und in das Teezimmer, in denen überall
-sanftes Licht und eine unendliche Ruhe sich ausbreiteten, hatten meine
-Gedanken immer weiter von mir fortgezogen, und es war mir, als stünde
-mein Stuhl nicht im Bibliothekzimmer eines vornehmen Landhauses
-draußen im Waldhäuserviertel am Rande einer Weltstadt, sondern am
-Rande eines Weltteils stand ich und sah auf ein Weltmeer, auf einen
-grauen Ozean, dessen Wasserlinie in der Ferne zu Himmelswolken wurde,
-zu Nebelbrodem; und nur in weiten Abständen warf manches Mal eine
-langgezogene Strandwelle eine weiße Sprühschaumwolke in die Luft. Nur
-diese eine große Wellenzuckung zeigte Leben auf jenem Wasserweltteil.
-Sonst waren Himmel und Wasserfläche atemlos ausgebreitet und
-verschwanden weit draußen im Nichts der Unendlichkeit.
-
-Vor mir aber, ganz nahe am Wasserrand im Dünensande, lebte das rassige
-Gliederspiel zweier vorüberschreitender Reitpferde, die von zwei
-Menschen geritten wurden, die ich aber nicht näher beachtete, weil
-vorerst nur die beiden Pferde und das einheitliche ungeheuerliche
-Weltalleben von Meer und Himmel meine Aufmerksamkeit anzogen.
-
-Der Glanz von den Flanken der spiegelglatten Tiere und hie und da der
-Glanz im Meer, der von den weithin streichenden Linienwellen angeregt
-auf- und abzuckte, machten Pferde und Reiter wie zu Spiegelgebilden,
-zu Schattentänzern vor dem weiten Luft- und Wasserraum.
-
-Es war ein hoheitsvolles Schreiten in den Beinen und Fesseln der
-spielend und tänzelnd auftretenden Pferdegestalten. Es war wie ein
-Musizieren in der Luft, ein gaukelndes Tönespiel in der adligen
-Beweglichkeit der Tiere, als müßten das Meer und der Himmel zu einem
-riesigen Instrument werden, auf dem Melodien geboren wurden beim
-rhythmischen Vorwärtsschreiten beider Reitpferde.
-
-Es kam mir nicht zum Bewußtsein, daß der lautlose Dünensand alle
-Geräusche verschlucken könnte. Auch der Sand, schien mir, wurde zu
-rieselnden Tönen unter der Berührung der zierlichen und rassigen
-Glieder der Pferde.
-
-Das Weltall um die Reitenden tönte bald gedämpft jauchzend auf, bald
-klang es schneidend weh zu mir her wie die Geräusche der langen
-schneidenden Linien der flachen Strandwellen.
-
-Dieses Bild, das ich so lebendig sah, das Bild der zwei Reiter am Meer,
-hing im nächsten Zimmer, im Musiksaal, in goldenem Rahmen über dem
-Flügel. Ich konnte es vom Bibliothekzimmer aus nicht mehr sehen, aber
-das Bild kam immer wieder zu mir.
-
-Der Hausherr hatte mich, als wir nach dem Abendessen aus dem Speisesaal
-kamen, auf das Bild, das ihm das Lieblingsgemälde seines Hauses war,
-aufmerksam gemacht. Und ich hatte mich einen Augenblick auf eine
-Sessellehne gestützt und hatte meinen Körper am Sessel verlassen und
-war mit meinem Geist durch den Rahmen des Bildes aus dem Haus, aus dem
-Land weit fort gegangen und an den Meerrand getreten. Als wir dann
-später im Bibliothekzimmer um den runden Tisch saßen, war es, wie
-ich es eben beschrieb. Das Bild kam immer wieder zu mir. Es hob die
-Wände der Zimmer fort. Die Ruhe der beleuchteten Nebensäle wurde zur
-Ruhe des Weltmeeres, das gedämpfte Licht in den Räumen zur Ruhe des
-Himmelslichtes über den Urwassern.
-
-So wußte ich, als ich mechanisch aufgestanden war und der Hausherr mit
-einigen Gästen das Zimmer verließ, bald nicht mehr, was Wirklichkeit
-und was Unwirklichkeit war.
-
-Es stand eine weite gedämpfte Festlichkeit um mich, von der ich mich
-halb nicht trennen konnte, und halb wieder getrennt fühlte, da diese
-Festlichkeit nicht mir gehörte. Denn es war die Festlichkeit der
-Schmerz und Freude ausgleichenden Todesstunde, die aus den Zimmern
-dieses Hauses noch nicht gewichen war, die den Alltagsräumen eine
-höhere Verklärung hatte geben können, als es sonst hier laute Feste
-vermocht hatten.
-
-Ich war in demselben Hause vor Jahren zu einem großen Abendfest
-gewesen, aber die erlesen geschmückten Frauen und geistesgewandten
-Männer hatten bei Tanzschritten, Witz und Fröhlichkeit, bei Wein und
-Musik keine ähnliche Größe der Festlichkeit schaffen können, keine
-ähnliche Erhöhung des Hauses, wie es jetzt ein einziger Mensch getan,
-ein junger Mensch, der einzige Sohn, der durch seinen Todesschritt das
-Haus an den Rand der Unendlichkeit gestellt hatte. Wie diesem war es
-nur dem Künstler gelungen, das Haus fortzuheben, ihm, der jenes Gemälde
-geschaffen, das nicht bloß über dem Flügel im Nebenzimmer hing, sondern
-das die Kraft hatte, Haus und Beschauer an das Erdende zu entrücken,
-dorthin, wo das Reich der fliehenden Wasser, das menschenleere Reich
-der Ozeane beginnt, darauf der Mensch nur zeitweiliger Gast sein, aber
-nicht Fuß fassen kann, wo ihn Tiefe und Weite verschlängen, wenn er die
-Grenze von der Wirklichkeit zum Nichts überschreiten würde.
-
-Ich stand noch unschlüssig, überlegend, ob ich den Gästen, die gegangen
-waren, folgen sollte, oder ob ich noch bei der Todesfestlichkeit, die
-in diesen Räumen lag und mich anzog, verweilen durfte.
-
-Der Gestorbene war ein junger Musiker gewesen. Drüben am Flügel
-hatten Mutter und Sohn oft Stunden verbracht, wenn sie sang, was
-der junge Mann erdacht; wenn er ihr vorspielte, was die Stimme
-seiner Jünglingsgefühle, seines Jünglingsernstes und seiner
-Jünglingseinsamkeit auftönen lassen mußte.
-
-Damals waren beider Herzen, das der Mutter und das des Sohnes, wie die
-zwei Reiter am Meer gewesen, deren Pferde im gleichen Takt schritten,
-und die melodisch vor der Unendlichkeit des Himmels und des Meeres, vor
-der Zukunft und vor der Vergangenheit hinzogen.
-
-Nun war die Einheit zerrissen. Die zarte und zierliche, tief getroffene
-Mutter stand noch fassungslos vor dem unfaßbaren Schmerz. Die Melodie
-der Einheit war abgebrochen. Das Leben gab keinen Klang mehr als den
-des Schluchzens. Schluchzen noch nachts in den Träumen, Schluchzen
-morgens beim Erwachen, Schluchzen am Tage beim Schreiten durch die
-lautlosen Räume des Hauses und durch den noch lautloseren Raum des
-eigenen Herzens.
-
-In den letzten Sommertagen war der junge Mann noch Leben und Lebenslust
-gewesen. Dann war er erkrankt. Seine Lunge fieberte. Die Sprache, seine
-Stimme, starb zuerst. Dann entglitt der Blick, die Augen erlöschten,
-und der warme Körper, den die Mutter umschlang, entfremdete sich selbst
-dem Mutterherzen und verschwand in der Kälte des Todes.
-
-Nun waren Monate vergangen. Niemals mehr hatte die Mutter den Flügel
-im Musikzimmer öffnen können. Sie hatte den Sohn immer noch begraben
-müssen, den Gestorbenen immer wieder begraben. Sie hatte noch nicht
-die Kraft gehabt, den Sohn verklärt vor sich auferstehen zu lassen.
-Aber alles Abschiednehmen muß von einem Wiederkommen abgelöst werden.
-Auf die Trennung, die das Sterben bringt, folgt die Wiederkehr, die
-Stunde der Auferstehung. Das Leben läßt sich nicht bis ins Unendliche
-begraben, auch das tote Leben nicht. Auch im Tod ist ein Wellenschlag.
-Das Land hat seine Berge und Hügel, das Meer seine Wellen und Wogen,
-der Himmel seine Wolken und seine Glätte. Und auch das vergangene Leben
-hat sein Gehen und Wiederkehren.
-
-An diesem Abend war mir unbewußt klar geworden: der Tote war zu seiner
-Mutter und zu seinem Vater verklärt wiedergekehrt. Er war wieder
-auferstanden in den Räumen des Hauses. Der junge Mann stand neben uns
-und wollte uns von seiner Übersinnlichkeit einen Ausdruck geben. Seine
-Todeswelle, raumloser als die räumlichen Wellen, die wir Lebenden
-fühlen, wollte sich vor uns verkörpern.
-
-Dieser feierliche Schauder berührte mich noch, als die trauernde Frau
-des Hauses zu mir sagte und auf den Gast deutete, der außer mir noch im
-Zimmer geblieben war:
-
-»Sie gehen doch noch nicht? Ich dachte, wir wollten heute abend noch
-ein wenig Musik hören. Sie wissen, es ist seit Monaten kein Ton in
-diesem Hause gespielt worden.«
-
-Der junge Mann, den sie zum Spielen aufforderte, war ein sehr feiner,
-künstlerisch ernster und gewandter Klavierspieler. Er spielte uns dann
-gute Werke großer Komponisten vor, verabschiedete sich aber bald.
-
-Mich jedoch hielt eine Spannung fest, eine Erwartung, eine Sehnsucht
-nach der Verkörperung der überirdischen Festlichkeit des Todes, die
-mich in diesen Räumen nicht verließ.
-
-Die beiden Klavierlampen brannten noch am offenstehenden Flügel. Unweit
-von mir auf einem kleinen Damenschreibtisch stand die Photographie des
-jungen Verstorbenen.
-
-Draußen vor den weißverschleierten Fenstern des Hauses lehnte das
-Schweigen des dunkeln Gartens, des dunkeln Waldes. Ich wußte, die
-Nachtlandschaft draußen war schneelos und winterlich düster. Es
-war Februar, und das Grab des Toten lag fern irgendwo in einem der
-mächtigen Großstadtfriedhöfe. Und jenes Grab unterschied sich in nichts
-von der Wintererde und in nichts von den andern Millionen Grabhügeln,
-die überall auf der Welt jahraus, jahrein hervorwachsen, die im Sommer
-begrünt sind wie die Wälder und Wiesen und im Winter verlassen scheinen
-wie die Wälder und Wiesen.
-
-Der Geist der Toten aber lebt Sommer und Winter in einer verklärten
-Jahreszeit, die wir auf Erden nicht kennen, die sich aber auf uns
-herabsenkt, wenn sich ein Toter uns mitteilen will. Beim Gemisch der
-eisigen Wellen des Toten und der Wärmewellen unseres Herzens entsteht
-jene schauersüße Stimmung, in der wir fröstelnd fühlen, der Tote ist
-auferstanden und kehrt verklärt bei uns ein.
-
-Ich wagte unter dem Bann dieser Stimmung die Frage an die trauernde
-Mutter, ob sie nicht ein Lied ihres verstorbenen Sohnes singen oder ein
-Musikstück von ihm spielen möchte.
-
-Sie lächelte schmerzlich und ging zum Flügel. Aber als wenn sie sich
-selbst vom gleichen Wunsch zum Klavier hingezogen gefühlt hätte, schien
-sie mir dabei freudiger im Gang, von einer verhaltenen Freude umgeben.
-Allein im Hause, hätte sie es vielleicht nicht gewagt, jetzt schon vor
-dem Vater des Verstorbenen Lieder und Töne aufleben zu lassen.
-
-Als die Trauernde sich zwischen die zwei hellen verschleierten Lampen
-an den schwarzglänzenden Flügel setzte und ihre schwarz eingehüllten
-schmalen Schultern sich von den schneeweißen Tüllvorhängen abhoben, die
-senkrecht vor den Fenstern hinter ihr herabhingen, da war es mir noch
-nicht gewiß, ob Leben aus dem Flügel erwachen würde. Ich mußte immer
-noch denken, daß diese in tiefe Trauer gehüllte Mutter den Sohn immer
-noch begrub. Der Flügel vor ihr wurde mir wie zum glänzend schwarzen
-Sarg, an dem sie sich, wie mir schien, niederlassen mußte, um zu
-schluchzen, um zu weinen und zu begraben.
-
-Ich wußte nicht, ob die Trauernde schon reif war, den Toten auferstehen
-zu lassen, in jener Verklärung, in der ich als Fremder ihn bereits in
-den Räumen eingetreten fühlte.
-
-Es würde mich nicht verwundert haben, wenn die noch schwer Erschütterte
-nach den ersten Tönen das Spiel abgebrochen und ihr Gesicht in die
-Hände vergraben hätte.
-
-Aber sie war reif zum Empfang des Zurückkehrenden. Mit einem
-wunderbaren Mut, als überschritte sie selbst freudig die Schwelle vom
-Leben zum Tod, entlockte sie dem Flügel die alten Wohllaute, die nur
-ihr vertrauten einsamen Jünglingsgefühle des Sohnes, die männlich junge
-Lust und die männlich jungen Zweifel, die einst in ihm gerungen hatten.
-
-Und als sie eines der letzten seiner Lieder sang, geschah vor
-meinen Augen das Wunderbare: die reife schöne Frau sang sich an den
-jugendlichen Weisen ihres Sohnes zur eigenen frühesten Jugend zurück.
-Und ihr Frauengesicht wurde mädchenhaft, aller Enttäuschungen bar.
-Mädchenhaft gläubig und vertrauend wurden die Augen beim Aus- und
-Einatmen der Musik. Die Vergrämte verklärte sich unter der Verklärung
-des Toten. Und ich sah Mutter und Sohn auf zwei großen, überweltlich
-großen, jugendlichen Rossen, von denen jedes die Verkörperung eines
-Schicksals zu sein schien, am Meer der Unendlichkeit hinreiten.
-
-So sehe ich beide dort heute noch und in Ewigkeit als zwei Reiter am
-ungeheuren Meer am Rand der Welt.
-
-Und wenn ich in neuen Stunden und in anderen Räumen dieser Frau
-wiederbegegnen werde, sie wird für mich immer die vom Todesschmerz
-mädchenhaft verklärte Mutter sein, die, auf der Linie zwischen Leben
-und Tod, lebender in der Entrückung auflebt als im Irdischen.
-
-
-
-
-Auf dem Weg zu den Eulenkäfigen
-
-
-Ich habe manchmal darüber nachgedacht, wenn ich Frau Claudia nach
-Jahren in dieser oder jener Weltstadt wiedersah, womit sich ihre Augen
-vergleichen ließen. Es machte mich oft in ihrer Nähe unruhig, daß ich
-keinen Maßstab für ihre Augen fand, und wenn ich aus der Ferne, bei
-Gesprächen oder in Gedanken, das Bild Claudias vor mich hinstellte,
-stotterte meine Vorstellung, möchte ich sagen, und brachte niemals
-einen Vergleich zustande, eine Beschreibung jener Frauenaugen.
-
-Sie sind schwarz, aber man kann sie nicht einfach schwarz nennen, denn
-sie sind nicht schwarz, wenn sie einen treffen. Sie sind von einer
-Dunkelheit, die ist über Schwarz hinaus, eine abgründigere Farbe,
-vielleicht müßte man diese Augen Saturnschwarz nennen.
-
-Einmal habe ich von Claudia, welche die Frau eines meiner Freunde ist,
-und mit der mich nur rein freundschaftliche Beziehungen verbinden, ein
-wenig ehebrecherisch geträumt.
-
-Es war ein ziemlich harmloser Ehebruchstraum. Da ich gar nicht für
-Vielweiberei veranlagt bin, erstaunte mich der Traum, und ich mußte am
-Morgen ein kleines Gedicht darüber schreiben. Das Gedicht schilderte
-ein paar Tanzschritte, die ich im Traum mit Claudia tanzte. Sie war
-vom Hals bis zum Fuß in einen weißen Seidenschal schlank eingewickelt,
-und wir hielten uns zum Tanz nah, und dabei sahen Claudias Augen, jene
-unbeschreibbaren Augen, unerbittlich in mich hinein. Ich fand auch in
-jenem Gedicht wieder keinen zutreffenden Vergleich für diesen Blick,
-sondern nur den ganz blöden romanhaften, daß Claudias Auge ähnlich
-einer Messerklinge war, die auf schwarzem Samt liegt.
-
-Dieser Vergleich mag mir deshalb gekommen sein, weil Claudia einmal in
-einer zornigen Aufwallung ein spitzes Messer nach ihrem leichtlebigen
-Gatten geschleudert hatte. Dieses Messer sauste damals, ich weiß nicht,
-ob ich sagen soll zum Glück oder zum Unglück, an dem sich behend
-Duckenden vorbei, blieb aber senkrecht wie ein Stahlpfeil im Türbrett
-stecken, wo es noch eine lange Weile zitterte.
-
-Nur deshalb verzieh ich mir in dem Gedicht jenen romantischen
-Vergleich. Aber jetzt brauche ich mich überhaupt nicht mehr abzumühen,
-mir die Augen Claudias zu erklären. Sie selbst hat es neulich getan.
-
-Es war im Winter, ich hatte mich mit einigen Freunden und Freundinnen,
-unter denen auch Claudia war, verabredet, mich mit ihnen am Eingang
-des Zoologischen Gartens zu treffen. Ich kam etwas verspätet aus
-einer Kunstausstellung und dachte, daß alle Freunde schon gekommen
-wären. Durch die großen Scheiben des Autos blickte ich unruhig der
-Fahrt voraus, um schnell zu wissen, ob ich wirklich der letzte sei,
-denn die Verspätung ärgerte mich. Meine Uhr aber schien falsch zu
-gehen. Ich war noch zu zeitig da, sogar einer der ersten, denn nur
-Claudia wartete schon vor dem Eingang. Ich sah sie dort im schwarzen
-Samtmantel mit schwarzem Skunksschal, schwarzer Samtkappe mit schwarzem
-Reiher, schwarz auf dem hellen kahlen Asphaltpflaster im kahlen
-Januarnachmittag stehen und sich nach meinem vorfahrenden Auto umsehen.
-
-Aber es ist nicht richtig, wenn ich sage, daß ich all dieses Schwarz,
-in dem Frau Claudia jetzt immer mit Vorliebe auf der Straße erschien,
-zuerst gesehen hätte. Ich sah zuerst nur jene schwarzen Augen, nachdem
-mich ihr Blick aus dem immer todbleichen Gesicht traf. Auch Claudias
-Haar ist schwarz, wie ihre Kleidung. Dieses schwarze Haar trennt sich
-aber vom Gesicht nicht mehr als das Kleid. Es lebt nicht mehr als
-dieses. Leben haben nur Claudias Augen, ein Leben, das ungeheuerlich
-weit aus dem Gesicht fortgerückt scheint. Nicht Leben, das einem
-entgegenkommt. Man könnte sagen, daß man eine aufgezeichnete Landkarte
-vom Leben, Weltteile von einem Leben, in den schwarzen Augen schaute,
-wenn der Blick jener Frau einen traf.
-
-Nach einer Weile kamen die andern Freunde, und wir traten in den leeren
-Zoologischen Garten ein, wo die blätterlosen Bäume öde gegen den
-mattgrauen Winterhimmel standen und, ebenso wie die Augen Claudias,
-nur Lebenslinien, hoch von der Erde weggerückt, Haltung und Bestimmung
-zeigten, aber keine blätterrauschende Sommerfreude.
-
-»Wo wollen wir zuerst hin?« fragte einer den andern.
-
-Jemand schlug vor, zu den Raubtieren zu gehen. Ein anderer wollte
-zu den Affen. Ein dritter zu den Papageien. Nur Claudia sagte immer
-dazwischen:
-
-»Aber zu den Eulen müssen wir auch gehen! Ihr wißt nicht, wie schön die
-Eulen sind. Ihr habt ihre Augen sicher nie betrachtet. Ich sage euch,
-es sind wunderschöne Vögel. Ich gehe nie aus dem Zoologischen Garten
-fort, ohne bei den Eulen gewesen zu sein.«
-
-Als Claudia so eifrig die Eulen bevorzugte, ging sie in der Mitte
-der kleinen Gesellschaft, von den Damen und Herren umgeben, und sie
-blickte nur ab und zu nach links und rechts, und sie lächelte. Und ich
-mußte an den Rattenfänger von Hameln denken, der an der Spitze einer
-Kinderschar schreitet und diese mit seinen eindringlichen gleichmäßigen
-Flötenlauten in einen finsteren Berg lockt, der sich bald hinter den
-Ahnungslosen schließen wird.
-
-So gingen diese schwarzen Augen, die ich bis zu jener Stunde immer noch
-nicht beschreiben konnte, allen anderen Augen voran, von denen keine
-mit so schicksalstiefen Blicken, unheimlichen Flötenlauten ähnlich,
-anziehen konnten wie Claudias Augen. Mir schien, wir andern wären
-plötzlich alle schwarz wie Claudia gekleidet, als sie uns immer wieder
-von den düsteren Eulen sprach. Eulen waren ihr die liebsten Tiere des
-ganzen Gartens und die schönsten Vögel der Welt. Und ich konnte mich
-bald nicht mehr des Wunsches erwehren, zu keinen anderen Tieren zu
-gehen als zu den Eulen. So ging es schließlich allen, die um Claudia
-waren. Die Eulen wurden für jeden der Mittelpunkt des Gartens. Und
-während die Stimme der schwarzäugigen Frau die Eulen pries, wie ich es
-noch nie von jemandem gehört hatte, und während einer nach dem andern
-seine eigenen Wünsche fallen ließ, sah ich auf dem Fünfminutenweg hin
-zu den Eulenkäfigen Claudias Leben, das sich rasend vor mir abspielte.
-Man sagt, daß einem von einem Turm oder Berg Stürzenden innerhalb
-der Sturzsekunden das Leben in blitzartigen Bildern vor den Augen
-vorüberrase. So geschah es mir mit Claudias Leben auf dem Weg zu den
-Eulenkäfigen.
-
-Vorher hatte ich es nie im Zusammenhang gesehen. Nie hatte sie
-selbst mir viel erzählt. Nur Andeutungen, nur Sätze und nur kurze
-Geschehnisse, erzählt von gemeinsamen Freunden über sie, lagen
-zerstreut in mir.
-
-Nun aber schossen mir alle diese Eindrücke, wie von einem Magneten
-angezogen, auf dem Weg zu den Eulen zu einem so tragischen
-Lebensbilde zusammen, daß mich jeder Schritt marterte, den ich neben
-Claudia weitergehen mußte. Und doch lockte mich die Erhabenheit
-eines verfinsterten Menschenlebens, so wie schmerzliche Flötenlaute
-bestricken und uns fortführen können in ein Dickicht, durch Stacheln
-und Dornen.
-
-Claudia war einst eine starke, mutige, das Leben herausfordernde,
-tapfere, junge Studentin gewesen. Der Mann, den sie heute noch liebt,
-trotzdem er ihr Grauen einflößt, trotzdem er täglich Mühlsteine an
-ihre Seele hängt, war damals ein hoher schlanker Student. Claudia
-hatte ihm den Namen Dagon gegeben; Dagon, der biamesische Gott des
-Ungeheuerlichen, der Gott des Verschlingens ohne Ende, der Gott der
-Lebensunsicherheit, zu dem alle Sterblichen beten, und der ihnen nichts
-für ihr Gebet gibt, keine andere Gewißheit als den Tod. Dagon, der
-Gott des grauenhaften Nichts, der Schicksalsrachen, der die Menschheit
-zermalmt, dem niemand Widerstand leisten kann, der Gott, für den die
-Blumen welken, die Vögel tot aus dem Himmel fallen, vor dem aus Furcht
-die Erde zu zwei Dritteilen in das bittere Angstwasser ihrer Meere
-gehüllt steht, während nur ein Drittel der Erde Dagon die Stirnen der
-Berge als Widerstand hinstellt.
-
-Claudia hatte diesen Namen wie in einer Vorahnung ihres Schicksals dem
-jungen Studenten gegeben, damals noch nicht wissend, wie tief erkennend
-sie dabei war. Denn wie stark der Gott allmächtiger Willkür in dem
-Geliebten verkörpert war, das erfuhr sie erst im Laufe der Zeit.
-
-Es waren zuerst nur Kleinigkeiten gewesen, die Claudia den Namen Dagon
-und damit die Erscheinung des gruseligen Gottes vor die Augen führte,
-wenn sie den jungen Mann und zukünftigen Lebensgefährten beobachtete.
-Es belustigte sie, den Geliebten auf Widersprüchen zu ertappen, aus
-denen er sich lächelnd und kühl überlegend oder mit einem gewandten
-Geistessprung ins Blaue ihren starken schwarzen Augen entrückte. Damals
-merkte sie zuerst, daß jener Mann in noch einer ihr fremden Dimension
-lebte, die sie nicht an anderen Menschen kannte, die Dimension des
-Fabelhaften, die Dimension, in der die Wirklichkeit und der Schein,
-die Wahrheit und die Lüge nebelhaft ineinander gleiten. Eine Welt
-war in ihm, wo Wirklichkeit auf dem Kopf steht und Unwirklichkeit
-wird, ähnlich wie Häuser am Ufer eines Flusses im Spiegelglanz des
-Wassers mit dem Dach nach unten stehen und scheinbar auf einer anderen
-Weltseite leben, einer Welt, die tief scheinen will, unergründlich
-aussehen will, die aber nichts ist als ein auf den Kopf gestelltes
-Zerrbild der Wirklichkeit.
-
-So spiegelte das Gehirn jenes Mannes, mit scheinbaren
-Unergründlichkeiten verblüffend, die Ufer des Lebens wieder, indem
-es das Feste beweglich machte, es wahnwitzig verzerrte, es für
-unergründlich ausgab.
-
-Ehe Claudia sich mit dem Studenten verlobte, war ein anderer Mann
-ihrem schwarzen Blick verfallen, ein junger Adeliger, der sich von
-ihrer Anziehungskraft nicht losmachen konnte, trotzdem er von Claudia
-nichts zu hoffen hatte. Sie trug damals ihr schwarzes Haar kurzlockig
-geschnitten und, nach Knabenart, in der Mitte gescheitelt. Sie rauchte
-auch, als es noch nicht allgemein war, daß Frauen Zigaretten rauchten.
-Sie wäre vielleicht auch am liebsten in Herrenkleidung ausgegangen. Ihr
-immer elfenbeinblasses Gesicht zeigte rote frische trotzige Lippen, und
-alles Verwegene, Herausfordernde, menschlich Kühne erregte sie, da ihr
-eigener junger Körper der Welt knabenhaft verwegen und widerspruchsvoll
-gegenübertrat.
-
-Ein Freund jenes jungen Adeligen suchte sie eines Tages in ihrem
-Studentenzimmer auf und bat sie, sich doch zu entscheiden, ob sie
-nicht die Frau seines Freundes werden wollte. Als sie »nein« sagte,
-schlug der Abgesandte, der ein ernster und zielbewußter Mensch war,
-in ehrlichem Zorn mit der Hand auf den Tisch und fragte Claudia, was
-sie veranlasse, die Hand eines ehrbaren jungen Mannes mit einem Nein
-abzuweisen.
-
-Die Gefragte sagte ganz einfach, daß sie bereits gewählt habe, und
-nannte den Namen Dagons.
-
-»Dann prophezeie ich Ihnen, daß sie niemals glücklich werden,« entfuhr
-es dem heftig Erregten, der seinen Freund verdrängt sah von einem, der
-ihm Widerwillen einflößte. »Aber sagen Sie mir, ehe ich gehe,« fügte er
-hinzu, »was haben Sie gegen meinen Freund einzuwenden?«
-
-»Daß er adelig ist,« antwortete ihm frei und stolz die junge Studentin,
-»ist der Grund, der immer bleiben würde, wenn ich nicht bereits einen
-andern vor ihm gewählt hätte. Ich will nicht, daß man in seiner Familie
-auf mich als auf eine Bürgerliche herabschaut.«
-
-Claudia prahlte niemals mit ihren Anbetern. Nur einmal, als ich sie
-tief unglücklich antraf und ganz natürlich fragte: »Wie sind Sie denn
-mit diesem Mann zusammengekommen, der Ihnen jetzt so viel Qualen
-bereitet?«, da erzählte sie diese kleine Verlobungsperiode, und sie
-schloß: »Gerade weil mich der Freund jenes Adeligen vor Dagon warnte
-und mir Unheil prophezeite, gerade das war es, was mich herausforderte,
-Dagon erst recht zu wählen. Es machte mir Lust, mit meinem Geliebten
-Seele gegen Seele zu ringen. Das fabelhaft Verwandlungsfähige seiner
-Seele reizte die eisernen, starren und gefestigten Lebensbegriffe in
-mir. Mir war, als könnte Dagon alles Feste in Wolken auflösen. Mir
-war, als sähe ich einem Zauberer zu, wenn er mich leise und lächelnd
-schon in der ersten Zeit unseres Bekanntwerdens belügen konnte. Dann
-drang ich mit meinen Augen in ihn ein, und mir war, als müßte ich das
-Lügen aus ihm ausbrennen. Er lächelte wieder und log hilflos weiter und
-tat, als hätte ich wirklich das leichte Lügen an der feinsten Wurzel
-in ihm abgetötet. Aber ich ahnte ja nicht, daß er immer wieder neue
-Fäden der Lüge hinter sich herziehen konnte, wie die Spinne ihre Fäden,
-daran sie tanzt, daran sie sich über Abgründe schwingt. Während ich
-aber glaubte, in Dagon die Lüge abzutöten, wurde ich langsam von ihm
-abgetötet, entkräftet. Denn Unheil ist sein Schaffen, und nur Unheil
-war er für mein ganzes Leben.«
-
-Und Claudia erzählte weiter:
-
-»Am ersten Weihnachtsfest, das wir zusammen als Verlobte feiern
-wollten, reiste ich zum erstenmal in meinem Leben zum Fest nicht nach
-Hause, trotz der Bitten meiner Eltern und Geschwister und obwohl
-ich wußte, daß mein Vater alt und krank war. Aber am Nachmittag des
-Weihnachtsabends, auf den ich mich so sehr gefreut hatte, bekam ich
-ein Telegramm, das mir den Tod meines Vaters anzeigte. Ich saß eine
-Stunde später im Eisenbahnzug und durfte den Abend weder bei dem
-geliebten Mann, noch in meiner geliebten Familie verbringen, sondern
-war in einer Hölle von Einsamkeit, zwischen zwei Zielen hin und her
-schwankend, zwischen dem Ziel des Lebens und dem Ziel des Todes.
-Leidend, weinend und erschüttert saß ich in der weihevollen Nacht als
-einziger Reisender im leeren Zug, von Selbstvorwürfen gepeinigt, weil
-ich meinem toten Vater den letzten Wunsch nicht erfüllt hatte, ihn auf
-seinem Krankenbett am Weihnachtsabend zu besuchen.
-
-Ich hatte nun an diesem Abend nichts, weder den Geliebten, noch das
-Heim. Ich hatte die Leere. Das war der Anfang des Verschlingens, das
-von Dagon ausgeht. Aber ich hatte mir Dagon gewählt, das mußte ich mir
-immer wieder sagen. Ich hätte auf dem Landgut des Adeligen vielleicht
-ein ruhiges, seßhaftes Leben führen können, gepflegt von einem mich
-aufrichtig Liebenden. Ich hatte es nicht gewollt. Mich hat der Kampf
-mit dem Unklaren, Ungewissen gelockt. Ich wußte es damals nicht: es ist
-der Kampf mit dem Nichts gewesen.«
-
-So erzählte mir Claudia ohne Pathos, ohne große Geste, mit
-schwarzblanken Augen, die glänzend zu sein schienen von den Abgründen
-ihres Unglückes. Es war auch, als triumphiere in ihrem Blick das
-Bewußtsein des Unentrinnbaren, als käme sich jene Frau selbst
-erstaunlich vor und als ließe sie ihr Erstaunen über sich aus ihrer
-Augenschwärze strahlen. Deshalb klagte sie eigentlich nicht, wie andere
-klagen, wenn sie Grauenhaftes, Martervolles erleben. Sie lebt in einer
-Unglücksekstase, und mir scheint, ihre Augen werden immer glänzender,
-je unglücklicher sie von Jahr zu Jahr wird.
-
-Nur einmal in jenem Winter erschrak ich. Da verflüchtigte sich das
-Feuer ihres Willens zum Unglück. Ihre Augen sahen so verklärt aus, als
-ginge sie nur noch mit den Zehenspitzen wie eine Traumwandlerin auf den
-Dächern der Welt.
-
-Als Claudia und Dagon ein Jahr verheiratet waren und sie sich schwanger
-werden fühlte, waren sie beide nach Kanada ausgewandert. Sie wußte
-nicht mehr, wer zuerst den Plan gehegt hatte. Sicher blieb nur, daß
-es ihr Unglück war, daß er ausgeführt wurde. Sie, die schon damals
-fühlte, daß sie in dem Mann so wenig Sicherheit hatte, als wenn sie
-sich an seinen Schatten anklammern würde, hatte begeistert den Weg ins
-freiheitliche Amerika angetreten, schwärmend für alles Großzügige,
-Unbegrenzte, nie Dagewesene. Dort in dem jugendlichen Land Amerika,
-wo die Frau den Mann regiert, hoffte Claudia vielleicht, Dagon allein
-für sich zu bekommen und seine Augen, die alle Frauen wie Irrlichter
-umgleiten konnten, zum festen Blick zu zwingen, der sich dann von
-ihrem Herzen nicht mehr abwenden sollte. Denn Claudia wollte Dagons
-eidechsenhaften Seelenbewegungen die schwerthafte Stärke ihrer Augen
-geben.
-
-Aber was half es ihr. Alle ihre Kraft verpuffte nur wie nasses Pulver,
-da Dagons Schicksal feindlich gegen ihr Schicksal gerichtet war.
-
-Kaum waren beide in Amerika gelandet, so erhielten sie die
-Nachricht, daß Dagon seinen Vater verloren habe und wegen wichtiger
-Erbschaftsangelegenheiten nach Deutschland zurückkehren müsse.
-
-Claudia konnte nicht umkehren; sie hatte eben ihr erstes Kind geboren
-und lag zu Bett. Und Dagon entglitt ihr, wie sie es immer erwartet
-hatte. Der Ozean trennte sie bald. Sie, die keine Stunde ohne ihn sein
-wollte, war gezwungen, ihm von einem Weltteil zum andern nachzuklagen.
-Und als Dagon später Claudia nachkommen ließ und sie in Europa
-erwartete, hatten sie nicht den Ozean hinter sich gelassen, als sie
-sich wieder die Hände reichten. Zwischen ihrer beider Augen blieb der
-erste Ozean der Trennung, und viele Ozeane folgten, die sich einer an
-den andern reihten. Denn Dagon hatte Claudia von da ab mit der und
-jener Frau betrogen, mit der und jener Freundin. Wenn sie auch immer
-Geständnisse aus ihm herauslockte, das Urversprechen einer Treue, einer
-männlichen Festigkeit, auf der ihre schwarzen Augen ruhen wollten,
-konnte sie Dagon nie abringen.
-
-Claudia warf sich dann auf die Arbeit. Sie hatte studiert, hatte
-ihr Examen gemacht. Sie wurde Ärztin und arbeitete an Dagons Seite
-unentwegt und damals noch ungelähmt. Sie tat ihre Arbeit gern, um ihren
-Mann zu ihrem Schuldner zu machen. Denn Dagon hatte kein Vermögen
-geerbt, wie sie beide es erwartet hatten. Dagons Geschwister hatten es
-vermocht, den sterbenden Vater zu veranlassen, seinen leichtlebigen
-Sohn zu enterben, ihn nur auf Pflichtteil zu setzen, und dieses Geld
-sollte Claudias Kindern und nicht Dagon ausgezahlt werden.
-
-Sie verdiente nun neben ihrem Mann, denn sie hatten beide hohe
-Lebensansprüche. Die Luft um Dagon wurde immer trüber. Er blieb halbe
-Tage fort, ohne daß Claudia wußte, wo er war. Sie erfuhr immer wieder
-von neuen kleinen Leidenschaften zu Frauen aller Kreise, die Dagon
-fesselten und die er ausleben mußte.
-
-Er selbst spaßte nur darüber, als wären seine Liebeserlebnisse nicht
-mehr als kleine Warzen an der Hand, die kommen und gehen und dem
-Wohlergehen nicht weiter schädlich sind.
-
-Bei jedem neuen Erlebnis ihres Mannes hoffte Claudia, es würde das
-letzte sein. In jener Zeit war es einmal, daß ihr die Geduld plötzlich
-riß und sie ein Messer nach Dagon schleuderte, das in der Tür stecken
-blieb. Und endlich mußte sie erkennen, daß ihres Mannes Seele, wenn
-sie nach ihr griff, immer ihrer Hand entglitt, so wie man den feinen
-Wüstensand nicht in der Hand behalten kann; denn wenn man die Faust
-zudrückt, rieselt dieser ewig bewegliche und ewig erhitzte Sand durch
-die Fingerritzen, und wenn man die Faust öffnet, hat man nichts in der
-Hand.
-
-So war das Herz Dagons in der Hand Claudias. Wenn sie es noch eben
-festhielt, -- es war nicht mehr da, wenn sie die Hand öffnete und
-nachsah.
-
-Darüber wurde ihr eigenes Herz dürr. Es wurde von den Leiden und
-Schmerzen und von der Leidenschaft versüßt wie getrocknete Datteln,
-die zuckriges Fleisch um einen steinharten Kern tragen. Den Stein
-in Claudias Herzen löste nichts auf. Der Stein saß im süßen Fleisch
-unbeweglich, und das süße Fleisch welkte und dörrte.
-
-Da wurde eines Tages Claudia von Verzweiflung gepackt. Ich war damals
-nicht in ihrer Nähe und hörte nur aus Briefen meiner Freunde, daß jene
-Frau ihrem Mann Gleiches mit Gleichem vergolten und sich einen Freund
-genommen hatte, einen jungen Kaukasier, mit dem sie fortgereist war,
-um ihre gereizten Gefühle zu beschwichtigen. Später hörte ich, daß sie
-diesen Freund wieder verlassen, ihr und Dagons Kind zu sich genommen
-habe und in verschiedenen Weltteilen allein herumreise. Sie hatte
-nach dem Tode ihrer Mutter ein Vermögen geerbt, und da ihr die Arbeit
-keine Freude mehr machte, lebte sie in dem Genuß des Müßiggangs. Die
-Liebeslust und die Arbeitslust waren in ihr abgetötet. Sie lebte dem
-Kinde, das sie fernhalten wollte von dem Unheilschatten jenes Mannes,
-dem sie glaubte entronnen zu sein.
-
-Er aber lebte wie ein Junggeselle, bald hier, bald dort, in den
-verschiedensten Städten, vertiefte sich in Wissenschaften, wie er sich
-in Frauen vertiefte, hastig, blendend und geblendet.
-
-Dann plötzlich eines Tages, als ich in jene Großstadt kam, wo
-Claudia und Dagon vorher gewohnt hatten, hörte ich, daß beide wieder
-zusammenlebten. Ich besuchte sie. Da hingen im Korridor große welke
-Kränze mit langen breiten Seidenbändern. Dagon glaubte plötzlich eine
-musikalische Begabung bei sich entdeckt zu haben und hatte öffentlich
-eigene Kompositionen gespielt und seine ersten Konzerte gegeben.
-
-Seltsamerweise hatten alle Wohnungen, welche jene beiden Menschen
-bewohnten, den gleichen hellen und lichten Reiz eines glücklichen
-Heims. Niemand konnte in diesen weiten, behaglichen und lässig vornehm
-eingerichteten Räumen vermuten, daß hier zwei hausten, die sich
-marterten. Beider Zartfühligkeit traf sich hier und vereinigte sich im
-Ausdruck von Möbeln, Spiegel und Bildern. Die innere Zartfühligkeit
-Claudias gab den Räumen vornehme Ruhe, und die äußere Zartfühligkeit
-Dagons gab den Räumen jene unnachahmbare lässige Vornehmheit, die den
-Besucher glücklich einlullte. Erlesene Bücher, erlesene Kunstwerke
-und Musikinstrumente täuschten jeden, der nicht eingeweiht war in
-die Herzensschrecknisse, die sich hier zwischen zwei Lebenskameraden
-abspielten.
-
-Claudia leitete ihr Haus lautlos, erzog ihr Kind glücklich und wußte
-sich immer ihren Freunden in ihrem Äußeren reizvoll modisch in Kleid,
-Haartracht und Schmuck zu zeigen.
-
-Nie fehlen Blumen auf ihrem Teetisch, nie geht bürgerlich langweilige
-Luft durch ihre Zimmer. Es ist Claudia ein Genuß, wenigstens äußerlich
-glücklich zu wirken -- auf die nicht Eingeweihten, die nicht in ihren
-schwarzen Augen zu lesen verstehen.
-
-Lange Zeit erschien sie immer als glückliche Gattin, die, leicht die
-Achsel zuckend, die Lebensweise ihres Mannes hinzunehmen schien. Und
-viele mögen verblüfft gewesen sein, als Claudia plötzlich mit dem
-Kaukasier verschwand. Aber nicht einer hatte es ihr beim näheren
-Hinsehen verdenken können.
-
-Und nun zurückgekehrt, scheint sie die Rolle der Glücklichen nicht mehr
-harmlos spielen zu können. Dazu ist ihr Gesicht doch zu blaß geworden,
-und ihre Züge sind wachsmaskenartig erstarrt. Ihre Augen funkeln nicht
-mehr lebenstrotzig. Der Trotz sieht versteinert aus und steckt als Kern
-in ihrem Herzen.
-
-Am Weihnachtsabend, als ich bei Claudia und Dagon mit einigen
-Gästen eingeladen war und jene Frau uns alle unter den brennenden
-Weihnachtsbäumen ihres Salons beschenkte, da schien es für Sekunden,
-als könnte doch vielleicht das Wachs ihres Gesichtes nochmals weich
-werden und schmelzen. Dann aber, als es während des Abendessens
-klingelte und unter den Geschenken, die von Bekannten geschickt wurden,
-auch Aufmerksamkeiten von einigen Damen waren, deren Gunst Dagon in
-letzter Zeit errungen hatte, da sah ich, wie Claudia zu frieren begann.
-Trotzdem die Zimmer von der Wärmeleitung und den Weihnachtskerzen
-heiß waren, bat sie, daß man die Fenster schließen möchte, die eine
-der eingeladenen Damen geöffnet hatte. Die Gepeinigte fror von innen
-heraus. Ich glaube, sie muß ihr Herz in diesem Augenblick so schmerzend
-gefühlt haben, wie man in der Winternacht das Eisen einer Türklinke
-brennend kalt fühlt, wenn man die Hand darauf legt.
-
-Dagon hat schon längst keine Geheimnisse mehr vor seiner Frau. Das
-letzte Schamgefühl ist zwischen ihnen gefallen. Im Gegenteil, er
-will, daß Claudia nichts fühlen soll und nichts mit ihm teilen soll
-als die Lust, die ihm seine Abenteuer geben. Sie soll die Lust an dem
-Verbrechen, das er an ihrer Liebe begeht, sich selbst verleugnend mit
-ihm genießen.
-
-Wieder haben jetzt beide eine Wohnung, in der kein Hauch von Unglück
-zu spüren ist. Die hellen weißen und himmelblauen Gemächer, mit
-gelbseiden verschleierten elektrischen Lampen und voll mit Bildern und
-Büchern und von zierlichen asiatischen Nippes belebt, sind wie eine
-irisierende Haut über einem Pfuhl von pechschwarzem Wasser.
-
-Aber die einzige tiefe Empfindung, die man in diesen hellen und
-gefälligen Räumen erlebt, kommt nicht von den Büchern in den
-Schränken und nicht von den Kunstwerken aus, sie geht aus von den
-unglücksglänzenden schwarzen Augen Claudias; diese Augen, denen das
-Weinen schon längst kein Trost und keine Erlösung mehr ist, glänzen vor
-Schmerzen.
-
-Bald nach dem Weihnachtsfest sah ich Claudia bei einem Besuch wieder.
-Sie stand an ihrem Teetisch und trug über dem schwarzen Seidenrock
-eine goldgelbe Seidenjacke, die war von einem etwas dunkleren Goldgelb
-als die Schleier ihrer Lampen. Sie schien Ruhe und Wärme auszuströmen,
-und ich fragte mich erstaunt: was geht in ihr vor? Ihre Augen
-waren entkräftet und schienen außerhalb des Zimmers traumwandelnd
-herumzugehen. Ich erfuhr dann, daß sie krank sei, sie hustete, sie
-hatte Fieber. Es war eine rein äußerliche Krankheit, und Claudia trug
-diese Krankheit wie ein Weihnachtsgeschenk des Himmels mit sich. Sie,
-die einstmals so stark war, daß sie nicht für den Tod geboren schien,
-freute sich, daß ihr Fieber täglich stieg, freute sich, daß ihre Augen
-erlöschen wollten. Und wenn man sagte, daß sie sich pflegen müßte,
-lächelte sie nur. Sie erwartete das Sterben und freute sich.
-
-Der Tod kam nicht. Die Schwäche ging vorüber. »Weshalb?« fragte sie
-erschrocken.
-
-Sie lebt jetzt immer noch im selben Hause mit dem, mit dem sie einst
-gerungen und gekämpft hat. Sie lebt kampflos jetzt. Beide sehen sich
-täglich, aber sie sprechen sich wenig. Claudia weiß nie, wohin Dagon
-geht, wenn er abends seinen Frack anzieht. Sie will es auch gar nicht
-wissen.
-
-Und er fragt nicht, wenn Claudia ins Theater fährt, wohin sie geht. Und
-das ist vielleicht noch schmerzlicher für sie zu ertragen, daß er sie
-gehen läßt, wohin sie will.
-
-Das Kind, ihre Tochter, ist bald erwachsen und sieht und versteht und
-hört alles. Und das ist das Allerschmerzlichste für Claudia.
-
-Der selbstherrliche Mann schont die beiden Frauen nicht, nicht die
-Tochter und nicht die Mutter. Er lächelt über sie hinweg, plaudert zu
-den beiden von seinen Erfolgen bei den Frauen, will, daß sie mit ihm
-über die Scherze, die er mit dem Liebesleben und seinem eigenen Herzen
-treibt, lachen sollen.
-
-Und Dagon lächelt sein allesverschlingendes Lächeln, wenn die beiden
-Frauen ihm ausweichen. Wenn die beiden Frauen anklagen, lächelt er und
-verschlingt ihre Anklagen. Wenn die beiden Frauen ihn morden wollen,
-lächelt er und verschlingt ihre Mordgedanken.
-
-Er ist liebenswürdig, spaßhaft; er ist nie mürrisch. Er ist nur
-launenhaft verschlossen, wo er sich fürchtet zu sprechen, weil er sich
-bei aller lächelnder Offenheit nie ganz offen gibt.
-
-Seine lächelnde Offenheit ist ein Abgrund, in den er die Offenheit
-der andern hineinlockt. Und er sieht lächelnd zu, wie Menschen in
-diesen stürzen, die er angelockt hat. Er lächelt und gleitet über die
-Angstblicke, die er sehen müßte, hinweg.
-
-Welches ist das Schicksal, das ihn ereilen wird? Wo ist die Grenze, die
-seiner Unendlichkeit im Grausamsein gesetzt ist?
-
-Seht, dieses sind die Blicke, die als einziges Leben aus den
-Augen Claudias starren. Will sie sein Ende erleben, und ist sie
-deshalb noch nicht gestorben? fragte ich mich. Das ungeheuerliche
-Ende, die ungeheuerliche Todesstunde, die in der Brust Dagons das
-lächelnde Herz voll Ungeheuerlichkeiten töten wird, die ihm und sein
-allesverschlingendes Lächeln aus der Welt schaffen wird, -- wartet
-Claudia darauf? --
-
-Als wir zu den Eulenkäfigen kamen, trug ich diese letzte Frage in
-mir. Da saßen wie seltsame weiße und graue Federgruppen die Eulen,
-diese weichen, lautlosen Nachtgeschöpfe, auf den Ästen abgestorbener
-Bäume hinter den Gitterstäben. Einige konnten die Köpfe ganz rund
-um den Nacken drehen. Andere spitzten die katzenartigen Ohren. Aber
-alle saßen da wie ausgestopfte Federbälge. Die einen hatten wunderbar
-silberweißes Gefieder, und es wirkte jeder weiße Vogel wie eine einzige
-ungeheuerliche Riesenschneeflocke. Andere graue Eulen waren wie ein
-dicker Ballen Spinnweben. Und wenn sie nicht manchmal die Köpfe rundum
-gedreht hätten, so daß das Gesicht nicht auf der Brust, sondern
-plötzlich auf den Rücken stand, so hätte man in ihnen kein Leben
-vermutet.
-
-So sahen die Eulen aus, als wir von weitem an die Käfige kamen. Aber
-als wir nähertraten, da verschwanden die Federkörper. Da standen nur
-in der Luft über den abgestorbenen Baumästen paarweise ungeheuerliche
-schwarze Augen. Augen, die so groß und rund in ihrer Schwärze starrten,
-als müßten sie alles und nichts sehen; als könnten sie die Tiefe des
-ganzen Weltalls umfassen, alle Schmerzen und alle Trostlosigkeiten der
-Abgründe des Lebens.
-
-Während sich alle meine Freunde beim Näherkommen über die Federn, die
-Haltung, die Kopfwendungen der Eulen ereifert hatten, wurden sie jetzt
-stumm. Und nur Claudia, die vorher stumm gewesen war, als wir die Eulen
-zuerst erblickten, wurde jetzt vor den Eulenaugen laut und begeistert.
-
-»Haben diese Vögel nicht die schönsten Augen der Welt? Da sprechen
-die Menschen immer von glotzenden Eulenaugen, und ich finde, es
-sind die feierlichsten, ausdrucksvollsten, geheimnisreichsten und
-schicksalsschwersten Blicke, mit denen nur je ein lebendes Wesen auf
-die Welt herabsehen kann. Solche Augen möchte ich haben,« setzte
-Claudia hinzu. »Wie ich diese Tiere um ihre Augen beneide! Auf was
-warten sie nur, diese Eulenaugen?« --
-
-Als wir uns später unter dem schwerhölzernen, blutroten chinesischen
-Tor am Ausgang des Zoologischen Gartens trennten und der Abend schon
-über den Straßenschachten dunkelnd lag, die elektrischen Lampen in
-den Straßenfluchten aufleuchteten, ging ich einsam heim. Der Himmel
-wurde immer nachtdunkler, und als ich in den nachtschwarzen Äther sah,
-der noch sternlos über den Dächern der Häuser stand, erkannte ich in
-dem schwarzen Himmelsabgrund, den Eulenaugen und Claudias Augen eine
-Einheit. In der Nacht und in jenen Augen war kein Blick mehr, den man
-hätte fühlen können. Sie schienen alles innere Leben hergegeben zu
-haben. Und nur ein Wille war in ihrer Finsternis. Der: mit stummer
-Macht den Untergang der Lebenden, auf die sie herabsahen, zu erwarten.
-
-
-
-
-Nächtliche Schaufenster
-
-
-Wenn ich spät nach Mitternacht in der Potsdamerstraße nach Hause
-ging, eilte ich mich meistens nicht sehr, denn die Nachtluft kam mir
-erfrischend entgegen. Sie war wie ein Wanderer, der aus Grenzwäldern
-über Flüsse und Seen herkam und über Berlin hinschritt. Und während
-ich von einer Laterne zur andern ging, war die Nachtluft schon über
-die Provinz Brandenburg fortgezogen an die Elbe, an den Rhein, und im
-Vorübergehen hatte sie mich leicht verhext und hatte mir Meilengedanken
-gegeben, so daß ich darnach nicht mehr zwischen Laternen weiter ging,
-sondern fort über mich selbst.
-
-Auf einer Plakatsäule sah ich in einer Nacht einen großen Tigerkopf.
-Darunter stand »Indien in Berlin«. Der gefleckte Tigerkopf sah aus
-gelbem Bambusröhricht heraus und war ein praller Katzenkopf; über ihm
-lag ein bleichblau gemalter Himmel.
-
-Eine Weile schien mir dann, als ginge ich durch indische Dschungeln,
-indessen ich doch nur auf dem Streifen breiter Pflasterplatten
-wandelte, die sich als eine lange Zeile in der Mitte des Bürgersteiges
-hinzogen.
-
-Die vielen offenen und dunkeln Schaufensterscheiben glitzerten
-neben mir wie mondbeschienene Gewässer auf, ähnlich den heimlichen
-Tränkestätten von Raubtieren, die unhörbar durch die Dschungeln
-schleichen. Eine Autohuppe brüllte manchmal in einer Nebengasse. Dieser
-Laut wurde mir fast zu Löwengeheul. Und schleifte der Gummireifen eines
-vorbeisausenden Autos mit surrendem Laut über den glatten Asphalt des
-Fahrdammes, dann waren da in der Vorstellung galoppierende Dickhäuter,
-pfauchende Nashornherden und aufgescheuchte Scharen von Nachtvögeln,
-die vorbeifegten.
-
-Ich blieb an einem Schaufenster stehen. Das kannte ich gut. Dort stand
-ich immer eine Weile in jeder Nacht und nahm mir vor dem Schlafengehen
-Zeit, die lebende gefiederte Ware einer Vogelhandlung zu bedauern.
-
-Da waren chinesische Nachtigallen in Drahtkäfigen mit roten Schnäbeln
-und grüngelber Brust. Und smaragdgrüne Sittiche aus Australien
-und afrikanische Finken, silbergrau wie deutsche Schwalben und mit
-korallenroten Schnäbeln. In einem Käfig allein saß eine deutsche
-schwarze Amsel, und ein anderer Käfig war voll mit zitronengelben
-Kanarienvögeln. Da waren auch Käfige mit Turteltauben, deren Federleib
-war silbrig und weiß wie Holzasche.
-
-Alle diese Vögel saßen in ihren Drahtzellen wie bestrafte Verbrecher.
-Die meisten von ihnen waren zwar im Käfig geboren, aber ich mußte
-nachgrübeln, was wohl ihre Vorfahren in China, Afrika, Australien
-begangen haben mochten, daß ihre Kindeskinder hier, verbannt und
-gefangen, im Schaufenster der Potsdamerstraße ihre Lebenstage
-verbringen mußten.
-
-Das elektrische Licht der nächsten Straßenlaterne sah schrecklich grell
-durch die glänzenden Drahtstäbe der Gitter auf die dünnen geschlossenen
-Augenhäute der kleinen unruhigen Schläfer. Das scharfe unnatürliche
-Licht mußte noch den Schlaf der Gefangenen schmerzhaft machen. Und die
-brüllenden Autohuppen, deren Fahrzeuge mit Gedröhn während der ganzen
-Nacht die große Stadt durchrasten, mußten die feinen musikalischen
-Ohren der Singvögel noch im Schlaf quälen.
-
-Vögel, die gewöhnt sind, in lauschigen Buschverstecken in der Urstille
-ewiger Wälder zu nisten, zu picken, zu flattern und die grünen
-Dämmerungen der Blättergehäuse alter Bäume zu durchfliegen, hatten hier
-einen kaum fußbreiten Raum zwischen den blitzenden Metallgittern. Aber
-sie schienen sich sanft und gütig zu bescheiden und schienen mir weiser
-zu sein als ihre gefangenen Wärter.
-
-Einmal hatte ich am Tage hier an dem Schaufenster um die Mittagstunde
-mit den Händen in den Taschen einen armen, ganz dürftig gekleideten
-Arbeiter stehen sehen. Der schien sich in das Leid der Vögel
-hineingedacht zu haben. Er sah andächtig jedes Tierchen an und war
-verwundert, wie mir schien, daß diese schönen geflügelten Geschöpfe
-kein besseres Schicksal hatten als das des Gefängnisses. Nicht einmal
-ihren Gesang konnten sie genießen. Denn es singen die verschiedenen
-Vogelarten zu gleicher Zeit lärmend durcheinander. Es sang der Weltteil
-Afrika, der Weltteil Australien, der Weltteil Asien. Die Spitzen der
-Flugfedern an Schwanz und Flügeln haben sich die Vögel an den Gittern
-abgestoßen. Am Tag fallen ihnen die Augen vor Müdigkeit zu, und nachts
-reißen sie sie auf vor Schrecken und gequält von dem stechenden,
-kaltweißen Bogenlicht der Straße und von den wütend jagenden
-Automobilen.
-
-Um zwei Uhr, drei Uhr, vier Uhr nachts rücken die armen Vögel immer
-noch unruhig hin und her, zu müde, um wach sein zu können, und zu wach
-gehalten, um einschlafen zu können.
-
-Ich kam mir unbehaglich wie ein großer wandelnder Turm vor, solange
-ich vor den winzigen Vögelchen stand, und so ging ich weiter, an den
-Glaswänden der Schaufenster entlang. Es ist da auch ein Blumenladen,
-den eine Dame besitzt, die am Tage immer mit schönen frauenhaften
-Bewegungen frische Blumen dort ausstellt, geschmackvoll in Vasen und
-Körben geordnet, und die ein Band oder ein Buch in die Nähe der Blumen
-legt und an den grauen Wandschirm, der im Hintergrund des Schaufensters
-steht, ein Bild hinhängt, das einer beliebten Tänzerin, oder einen
-alten Kupferstich, darstellend eine längst verstorbene Prinzessin.
-
-Hier erhole ich mich etwas von meinem Leid. Vielleicht leiden
-abgeschnittene Blumen ebensoviel wie eingesperrte Vögel. Aber sie sind
-nicht Fleisch und Blut, und deshalb leide ich bei ihnen ebenso wenig,
-als ich mit meinen Haaren leide, wenn ich sie schneiden lasse.
-
-Wie gerne möchte ich einer Einbrecherbande angehören, dachte ich
-neulich. Die müßte aber nicht einbrechen des Diebstahls wegen, sondern
-der Ordnung wegen. Dann würde ich nachts die Tür der Vogelhandlung
-aufbrechen und mit meinen Spießgesellen alle Käfige herausholen.
-Fliegen würde ich die Vögel nicht lassen. Sie würden sonst verhungern
-und erfrieren. Ich würde aber die Tür auch des Blumenladens aufbrechen,
-und dort in der lauwarmen Luft wollte ich alle Futternäpfe der Vögel
-zwischen die Schalen der Anemonenvasen stellen, zwischen die Körbe voll
-Hyazinthen, zwischen die dicken Efeukränze und um den hohen Krug, darin
-die Weidenruten voll Silberkätzchen stecken. Und über den Töpfen der
-Mimosen bei den gespenstig geformten Figuren der Orchideenblüten und
-bei den geisterhaft weißen Bechern der Callablüten, dort würde ich die
-fliegenden Bewohner von Afrika, Australien und Asien es sich wohl sein
-lassen.
-
-Einige Häuser weiter von dieser Blumenhandlung ist, ehe ich zu meiner
-Haustüre komme, noch solch ein exotischer Sklavenmarkt. Dort sitzen
-im Schaufenster neben kleinen Affen und Papageien in winzigen Käfigen
-weiße Mäuse und in Gläsern Laubfrösche.
-
-Kein Schaufenster von ganz Berlin ist am Tage so von Leuten aller
-Stände besucht wie dieses, an dem ich immer vorüber muß, wenn ich
-aus dem Hause trete. Dort habe ich Bekanntschaft gemacht mit einem
-Mammosettäffchen. Ich habe keine Ahnung, warum das Tier Mammosett
-heißt. Aber der Name steht auf einem Zettel am Käfig. Und ich denke
-immer, der Name müßte von Mimose kommen, da das Tier von mimosenhafter
-Empfindsamkeit ist. »Wird sehr zahm« steht auch daneben. Das glaube
-ich gern. Gewöhnlich, wenn die Tiere sehr zahm geworden sind, sterben
-sie weg, wie jenes Pferd, von dem der Bauer behauptete, daß es von der
-Luft allein leben könnte, und das starb, als es sich eben ans Hungern
-gewöhnt hatte.
-
-Mammosett erschien um die Weihnachtszeit im Schaufenster. Trotzdem
-es in diesen Tagen Lawinen schneite, blieben alle Leute stehen, um
-Mammosett zu betrachten. Das winzige, nur handgroße Äffchen ist »das
-kleinste Äffchen der Welt«, -- das steht auch auf dem Zettel am
-Käfig. Aber ich finde, trotzdem hätte man Mammosett nicht in einen
-Kanarienvogelkäfig sperren dürfen. Denn auch seine Winzigkeit verlangt
-Bewegung und Freiheit. In den ersten Tagen sprang das Tierchen wie
-irrsinnig in seinem Käfig herum, ähnlich den weißen Tanzmäusen in den
-Nebenkäfigen, die Tag und Nacht um eine Spule rennen. Die kamen mir
-immer vor wie kleine tanzende Derwische, die heftig rund herum rennen,
-damit sie eines Tages tot umfallen und so aus der Gefangenschaft des
-Lebens befreit sind.
-
-Ich erkundigte mich in der Tierhandlung, was Mammosett kostet. Aber ich
-hörte am selben Tag von einer Dame, daß diese Äffchen, wenn sie zahm
-werden, alles zerreißen, was ihnen unter die Finger kommt. Seit ich das
-weiß, möchte ich auch hier beim Mammosettäffchen Einbrecher werden und
-Mammosett befreien. Und ich hab mir schon eine Geschichte ausgedacht,
-wie dieses Mammosettäffchen, frei gelassen, alle seine Mitgefangenen,
-die Papageien, die Mäuse und die Laubfrösche, und zuletzt den
-Tierhändler selbst in kleine Stückchen zerreißen würde. Vom Tierhändler
-müßte das Äffchen jeden Tag nur ein Stückchen abreißen, einmal ein
-Ohrläppchen, einmal einen Nasenflügel, einmal einen Haarschopf, bis der
-Tierhändler daläge wie ein zerstückelter Brief im Papierkorb.
-
-Jetzt, nach zwei Monaten, ist das Äffchen in seinem Käfig ruhiger
-geworden, »zahm« würde der Tierhändler sagen. Ich sage »todesmatt«.
-Es kauert in einem Häufchen Holzwolle und knabbert manchmal an einem
-Kuchenstück und zittert den ganzen Tag.
-
-Auf der Stange des Käfigs, darauf eigentlich ein Kanarienvogel sitzen
-sollte, kauert mühsam das Äffchen. Die Stange ist zu schmal, und es
-fällt oft herunter. Wenn es sich in dem winzigen Gitterraum bewegen
-wollte, müßte es sich rund um sich selbst bewegen wie die weißen Mäuse
-und müßte irrsinnig werden. Weil es aber ein sanftes Tierchen ist,
-so will es keines irrsinnigen, sondern eines sanften Todes sterben.
-Es wird also scheinbar zahm, das heißt, es sitzt auf einem Fleck und
-stirbt langsam ab.
-
-Wenn ich die nächtlichen Straßen hinauf und hinunter sehe, so scheinen
-mir die menschlichen Häuser auch nichts anderes als steinerne Käfige
-zum Zahmwerden und zum Absterben.
-
-An einer Straßenecke stand während zweier Monate in jeder Nacht um
-zwei, drei, vier Uhr eine und dieselbe Frau. Sie war gekleidet wie eine
-Hausmeisterin in ein einfaches Hauskleid und hatte nur ein wollenes
-Tuch über dem Kopf und über der wollenen Manteljacke. Armselig, aber
-atemlos lauernd, stand sie immer am selben Fleck. Sie _wartete_ nicht
-auf jemanden, aber sie _horchte_ nach jemandem hin. Sie horchte
-nach der Richtung einer Haustüre hin. Sie war eine vertrocknete,
-abgearbeitete Frau, die sich durch Spionage einen Nachtverdienst
-machte, das erfuhr ich eines Abends. Im Haus aber, das sie behorchte,
-sang oft in der Nacht im Oberstock eine Frauenstimme.
-
-Wenn ich mit Freunden dort vorbei ging, oder wenn ich allein aus
-Theatern und Gesellschaften kam, immer stand diese Aufpasserin an dem
-Gitter des Vorgartens, angewurzelt wie ein Baum. Immer horchte sie
-nach jener Haustüre hin, aber nicht immer sang die Frauenstimme in der
-einzelnen Villa.
-
-Eines Abends, als ich eben wieder von meiner Vogelhandlung und von dort
-zur Blumenhandlung und von dort zum Mammosettäffchen gewandert war, kam
-eine vornehme Dame aus dem Schatten eines Haustores. Sie schien mir
-wie von der Nachtluft aus irgend einer fremden Stadt hergeweht auf die
-Potsdamer Straße. Vielleicht hatte sie mich schon längst beobachtet und
-hatte mich bei den gefangenen Vögeln, dann bei den gefangenen Blumen
-und jetzt bei dem gefangenen Äffchen stehen sehen.
-
-»O, mein Herr,« sagte sie, »darf ich Sie um einen Dienst ersuchen?« Und
-ihre Stimme war wehklagend wie die Stimme einer Gefangenen. »Würden
-Sie mir den Gefallen tun, jene Frau dort um die Ecke anzureden und zu
-fragen, warum sie immer Nacht für Nacht dort steht, und wer sie dort
-hingestellt hat zum Aufpassen?«
-
-»Gern,« sagte ich. »Ich bin selbst neugierig, es zu wissen.«
-
-»Ich werde Sie hier erwarten,« sagte die erregte Dame. Ihre Brust hob
-und senkte sich, und ihr zitternder Atem kam wie ein feiner Nebel aus
-ihrem Schleier und verflüchtigte sich in der eisigen Nachtluft.
-
-Dieser feine graue Hauch aus den Lippen der sichtbar Geängstigten,
-trieb mich zur Eile an.
-
-Ich ging und zwang meine Schritte, daß sie möglichst gleichgültig
-schienen. Ich bog um die Straßenecke und ging dort zuerst an dem
-horchenden kleinen ältlichen Weib vorbei. Ich sah sie gar nicht an.
-Dann wendete ich wieder einige Schritte um und ging langsam denselben
-Weg zurück. Dabei betrachtete ich die Aufpasserin genau, denn sie sah
-mir unter der Laterne, wo sie stand, ins Gesicht.
-
-Ihr dumpfrotes dickes Kopftuch war ein wenig vom Schädel
-zurückgerutscht, und sie sah mit dem grauen platten Haar elend
-und armselig aus. Aber ihre kleine Stirn hatte etwas hartnäckig
-Ausdauerndes wie ein Stein, den man vergeblich auf Steine stößt und
-der nicht zerspringt. Mager und blutleer, ausgekältet von ewigen
-Nachtfrösten, stand sie dort. Aber nicht zusammengekauert vom Elend,
-sondern verzweifelt, halsstarrig wie ein Nagel, der spitz aus einer
-Kiste heraussteht, und an dem sich alle Vorübergehenden die Kleider
-zerreißen. Der Nagel aber weicht nicht, er sticht und reißt jeden in
-die Haut, der unvorsichtig in seine Nähe kommt. So stand diese Gestalt
-seit Monaten von Mitternacht bis zum Morgengrauen und wich nicht und
-änderte ihren Standplatz nie.
-
-Sie hatte keinen wirklichen Blick in ihren Augen. Trotzdem sie mich
-anstarrte, schien sie mich nicht zu sehen. Sie horchte nur, immer
-weilte ihre Aufmerksamkeit nur in ihren Ohren. Man merkte es ihr aber
-an, daß sie geschäftsmäßig, auf Bestellung und für Bezahlung dastand,
-denn sie zeigte in Haltung und Miene ärmlich weiblichen Pflichteifer.
-
-»Sagen Sie mir,« fragte ich laut und dabei lächelnd und blieb eine
-Sekunde im Gehen stehen, »warum um Gottes willen warten Sie Nacht um
-Nacht bis zum Morgen hier? Ich habe Sie nun schon oft beobachtet. --
-Dürfen Sie es nicht sagen?« fuhr ich fort, als sie schwieg. Sie hatte
-mich einen Augenblick von der Seite angesehen, beinahe ebenfalls
-belustigt wie ich, dann aber starrte sie mit abgewendetem Gesicht nach
-einer andern Himmelsrichtung, wie ein Hund, den man anredet, und der
-fortsieht und sich besinnt, ob er böse werden soll oder nicht.
-
-»Na, wenn Sie es nicht sagen wollen,« sagte ich gedehnt und wartete, um
-ihr Zeit zu lassen. Sie aber sah immer starr in die Seitenstraße und
-rührte sich nicht.
-
-»Wenn Sie nichts sagen dürfen --,« lachte ich und ging langsam und
-nahm mir vor, wenn nicht heute, dann doch morgen von neuem zu fragen.
-Aber diese Frau würde sicher nie antworten, sagte ich mir zugleich.
-Sie mußte ihr Geld verdienen und verdiente es nur, wenn sie schwieg
-und horchte. Mir schien, man hätte ihr ein Stemmeisen zwischen die
-Lippen stoßen können, sie hätte keinen Laut von sich gegeben und den
-Mund nicht geöffnet. Dieses war mein Eindruck. Welch schrecklicher
-Gefangenwärter war sie! Und wessen Gefängnis mochte sie bewachen? --
-
-Ich bog in die Seitenstraße und ging bis zur Potsdamer Straße zurück.
-Dort fand ich die Dame im Schatten eines tiefen Haustores, auch stand
-ein Automobil am Straßenrand, dessen Tür offen war.
-
-Ich schüttelte von weitem den Kopf, und die Fremde nickte und kam mir
-entgegen. »Ich wußte, daß diese Kreatur nichts verraten würde,« klagte
-die Dame enttäuscht. »Ich habe sie neulich bereits selbst gefragt und
-habe sie befragen lassen, aber sie antwortet niemandem. Sie bewacht
-nämlich die Haustüre einer unglücklichen Freundin von mir. Und ich
-möchte wissen, ob der ungetreue Mann meiner Freundin oder andere Leute
-diese reinste aller Frauen beobachten lassen, um sie in Verdacht
-zu bringen.« Sie dankte mir dann und entschuldigte sich und ging
-zum Auto, das ein Privatwagen war. Ich hatte das Fahrzeug vorher in
-meiner Überraschung, und da ich in Gedanken am Schaufenster bei dem
-Mammosettäffchen gestanden hatte, gar nicht bemerkt. Der Wagenschlag
-wurde vom Kutscher zugeworfen, und die Dame flog wie der Nachtwind aus
-meiner Sehweite fort. Ich stand und wunderte mich eigentlich gar nicht.
-Denn daß ein Geheimnis, eine Grausamkeit, eine Ungerechtigkeit mit der
-geheimnisvollen nachtwachenden Kreatur drüben um die Straßenecke in
-Verbindung stand, das hatte ich mir schon lange gedacht.
-
-An einem der nächsten Abende begleitete ich eine mir befreundete Dame
-vom Künstlertheater nach Hause, und da es eine sternhelle Nacht war,
-wollte meine Begleiterin nicht fahren, sondern sie wollte schlendern
-und die Nachtluft atmen. Wir kamen in der Nettelbeckstraße an dem
-Schaufenster eines Juweliers vorüber, das die ganze Nacht über
-beleuchtet dasteht. In diesem Laden gibt es nur alte Schmucksachen,
-alte Familienschmuckstücke, Familiensilber, altmodische Fingerringe.
-Da sind viele ergraute Perlen, müde gewordene Edelsteine, graue matte
-Rosensteine in grauen, trüb gewordenen Silberfassungen.
-
-Wir standen und ließen unsere Augen wühlen und freuten uns, uns
-gegenseitig zu überraschen mit unserer Vorliebe für die verschiedenen
-Steine, indem wir in allen Verstecken des Schaufensters nach besonders
-edlen Fassungen und besonders schönen Schmuckstücken suchten.
-
-Bei diesem lässigen Spiel kam mir der Gedanke, daß die alten
-Schmuckwaren hinter der Glasscheibe mehr Sorge als Freude in sich
-trügen, und daß das Schaufenster aussah wie voll Gefangener, die da,
-herausgerissen aus ihren Lebenswegen, warten mußten, bis sie aus dem
-Fenster befreit würden, bis sie wieder an warmen Menschenhänden, an
-zarten Frauennacken, in Frauenhaaren und an Frauenwangen leuchten,
-aufleben und frei sein durften. Denn das Leben der Steine beginnt
-erst, wenn sie in Schönheit getragen werden, bei festlichem Licht und
-festlichem Blut.
-
-Und ich mußte bei den alten gefangenen Edelsteinen an die Schaufenster
-voll gefangener Vögel, Blumen und Affen denken.
-
-Ich sagte dieses zu meiner Begleiterin, und im Anschluß an die
-Erzählung von meinen nächtlichen Schaufenstern berichtete ich ihr
-auch mein Erlebnis mit der Dame und der Aufpasserin, die jenes Haus
-allnächtlich bewachte.
-
-Meine Freundin wollte sofort, daß wir die Aufpasserin besuchen sollten.
-Wir kamen dann vor jenes Haus, aber wir vermieden die Häuserseite und
-gingen unter den winterkahlen Bäumen der anderen Straßenseite am Rande
-eines schwarzen Kanalwassers entlang.
-
-Wir sahen die Frau wieder horchend am Eisengitter des Vorgartens
-stehen, oben aber in der Villa, deren Tür die Aufpasserin ins Auge
-gefaßt hatte, waren zwei erleuchtete Fenster.
-
-Meine Begleiterin, die ein sehr feines Gehör besitzt, sagte plötzlich
-zu mir: »Hören Sie doch, im Hause singt eine Frauenstimme!«
-
-Wir standen hinter einem breiten Baumstamm still, und in den Pausen,
-die zwischen dem Lärm vorübersausender Autos nur sekundenweise
-eintraten, hörten wir einen wundervollen Gesang. Dazu die feine
-Begleitung eines Instrumentes.
-
-Ich hätte die Autos aufhalten mögen, die sich immer wieder an dem Kanal
-und der Baumreihe entlangstürzten und die mich nur kleine Stücke des
-großen Liedes auffangen ließen.
-
-»Eine Sängerin,« sagte meine Begleiterin mit begeisterten Augen. »Und
-zwar muß es eine große Sängerin sein, denn ihre Stimme ist herrlich.«
-»Sie singt,« sagte ich, »sie singt so erschütternd und ergreifend. Es
-ist, als schluchzt sie die Töne, als wäre sie eine weinende Quelle in
-einem heiligen Hain, wo die Bäume dunkel und feierlich nicht rauschen
-dürfen, solange die Quellenstimme singt.«
-
-Wir standen lange still. Dann verdunkelte sich oben das eine Fenster,
-und für einen Augenblick erschien der dunkle Umriß einer schöngebauten
-Frauengestalt hinter dem Vorhang, die in Haltung und Wuchs edel war
-wie ihr Lied. Es war eine hoheitsvolle mütterliche Erscheinung. Der
-Kopf schien in den bestirnten Nachthimmel zu schauen, und mir war,
-als trüge sie noch die Rhythmen des Liedes wie große Schwingen an
-ihrer aufgerichteten Gestalt. Das Aufpasserweib unten am Vorgarten
-stierte hoch und ging langsam, wie beunruhigt, einige Schritte von der
-Haustüre fort. Dann wurde nach einer Weile das Licht oben ausgelöscht.
-Das Haus lag wie ein toter Käfig bei den andern Häuserkäfigen. Und
-die Aufpasserin stand wieder an ihrem Platz wie eine Schildwache. Wir
-gingen dann weiter. Meine Begleiterin war nachdenklich geworden. Sie
-schien im Geist in jenes Haus eingedrungen zu sein, um die bewachte und
-singende Frau dort auszuforschen. Aber sie schien dabei ebenso wenig
-eine Antwort zu bekommen wie ich damals, als ich die Aufpasserin in
-jener Nacht gefragt hatte.
-
-»Sie ist unglücklich und kann dabei noch singen, wunderschön singen,
-verstehen Sie das?« fragte sie mich dann.
-
-»Das tun die Nachtigallen auch, die unglücklich sind, wenn sie
-eingesperrt sind, sie singen um so schöner, je dunkler es um sie wird,«
-mußte ich erwidern. »Aber warum ist sie bewacht, wenn sie engelrein
-ist, wie ihre Freundin sagte? Verstehen Sie das?« fragte sie mich
-hartnäckig weiter.
-
-»Der Schuldige belauert immer den Unschuldigen. Ihr Mann soll ihr
-untreu sein, hat jene Dame neulich nachts gesagt,« suchte ich zu
-erklären.
-
-»Aber warum trennen die beiden sich nicht, warum? Können Sie mir das
-erklären?«
-
-»Das kann ich nicht erklären,« sagte ich darauf.
-
-»Aber Sie müssen es mir erklären,« bat meine Begleiterin ängstlich.
-»Ich fühle, ich kann in dieser Nacht nicht schlafen und werde immer an
-jene singende Frau denken müssen, die ihren Gram, ihren Herzkummer und
-ihre Einsamkeit sich fortsingen muß.«
-
-Und welche Stimme, dachte ich bei mir: so singen nur die Erzengel vor
-Gottes Thron, so mächtig, wenn sie aufweinen über die Schmerzen der
-Welt.
-
-»Erklären Sie mir das Geheimnis! Erklären Sie mir, wie kann man
-Ungerechtigkeit erdulden, ohne sich zu wehren?«
-
-»Wie wehren sich die gefangenen Singvögel, wie wehren sich wehrlose
-Frauen? Sie singen aus Notwehr, wenn sie Stimme und angeborene Musik
-in sich tragen; sie singen sich ihr Weh vom Leibe. Sie singen sich vom
-Gift der Qualen frei. Anders wehren sich die, die innerlich singen
-können, nie.«
-
-
-
-
-An eine Sechzehnjährige
-
-
-Wenn ich an Oda denke, wird mein altes Herz süß wie eine Blume, die man
-sich gedankenlos zwischen die Zähne steckt und am Stiel hin und her
-dreht, während man eine selbsterfundene Melodie ohne Anfang, ohne Ende,
-nur einem selbst hörbar, vor sich hinsummt.
-
-Oda ist knapp sechzehn Jahre alt.
-
-Die Luft um Odas Augen ist ohne Licht, nicht bloß, weil Sechzehnjährige
-eine Binde tragen, da sie mit dem Leben noch Blindekuh spielen, sondern
-weil die Sonne, die so viele Millionen Jahre alt ist, für dieses Alter
-gar nicht aufgehen mag. Denn sie hat für dieses Alter gar kein Licht,
-das jung genug wäre.
-
-In Odas Nähe reizt mich vor allem immer eine gewisse natürliche und
-doch jungfräulich mystische Dunkelheit, in der Oda sich selbst Licht
-spendet. Nur ein zerstreutes Licht ist um sie, nicht mehr als um ein
-Küken im Ei, ehe es die Schale zerbrochen hat.
-
-Und doch -- wie glänzen Odas mohnrote Augen! Ich behaupte, die
-Jugendliche hat mohnrote Augen. Ich fühle Röte und viele Träume in
-ihren Augen, Träume, wie nur ein Opiumraucher sie haben kann.
-
-Wenn Oda dieses lesen würde, würde sie finden, daß ich alles das, was
-ich von ihr schreibe, über mich selbst schreibe. Denn sie glaubt sich
-klar zu sehen wie eine Photographie. Das mag sein, ich gebe ihr recht.
-Ich beschreibe nicht Odas Augenbild, sondern ihr Wirkungsbild.
-
-Ich habe noch niemals Frauen sehen, sondern stets nur fühlen können.
-Ich fühle sie mit den Augen, fühle sie mit den Ohren, fühle sie mit dem
-Blut.
-
-Liebe Oda, da du dich also nicht fühlen kannst, wie das Feuer sich
-nicht als heiß und hell fühlt, das Wasser sich nicht selbst als naß und
-weich fühlt, -- so mußt auch du, wenn du dieses einmal über dich lesen
-wirst, mir glauben, wie du von mir gefühlt wirst.
-
-Du möchtest Schauspielerin werden, und ich zittere für dich, daß du
-Wege gehen mußt, die dich weglos wie einen Kometen in eine Irrwelt
-werfen können.
-
-Aber du willst, und alle wollen mit dir, was du willst. Und wenn ich
-das bedenke, müßte ich eigentlich nicht mehr für dich zittern, denn
-deine Wege können höchstens Umwege, aber keine Abwege werden, wie ich
-dich kenne. Wenn du nur immer weißt, daß du willst.
-
-Du kommst und setzt dich, wenn alle Damen in deiner Mutter Teestunde
-schon, eifrig plaudernd, das Zimmer unruhig wie ein auf- und
-abwankendes Fahrzeug machen. Du setzt dich mit deiner sechzehnjährigen
-Mädchenruhe in einen leeren Diwanwinkel und hast deine Glieder, wie
-nackt ohne Kleid, ohne Bewußtheit, mitgebracht und hast nicht deinen
-Körper vergessen, wie viele der viel zuviel gekleideten Damen es tun.
-
-Dein Mund redete noch nicht, auch deine Glieder reden noch nichts.
-Du fühlst auch noch nichts. Und du bist da in deiner Dunkelheit vor
-mir, von deiner Mutter mit Sorgfalt in einfache zarte Kittel aus Seide
-gekleidet. Neulich war es grüne, herbgrüne Seide, deren Grün nichts
-gemein hatte mit Pflanzen oder Metallen oder Tierfarben. Es war ein
-fernweltliches Grün, weil aus dir ein Erlebnis strahlte. Du kamst aus
-einer Welt her, wo eine grüne Sonne geschienen hatte, und davon warst
-du noch feierlich zartglänzend und lieblich leuchtend.
-
-Du sitzt auffällig in deiner Unauffälligkeit vor mir, und ich höre
-alles, was du nicht redest, lauter als rundum die glänzenden Reden der
-Sprechenden. Dein Herz aber ist flüssig, wenn es so, nichts sprechend,
-mit uns allen und mit niemandem spricht. Während uns die Teetassen
-in den Fingern zittern und der Witz der Nachbarn uns benachrichtigen
-will von Geschehnissen, die uns anfallen, bald kalt, bald glitzernd
-von Neugier, Eitelkeit und geistreicher Gewandtheit, bist du, Oda,
-verschwunden und wieder erschienen. Es rief dich irgend ein göttlich
-zweckloser Zweck.
-
-Neulich, als ich zum ersten Mal seit Jahren wieder zu euch zu Besuch
-kam, war es der kleine zahme Kanarienvogel, den du in der Hand
-brachtest und mir auf den Ärmel setztest; und du lachtest, als ich
-verwundert aufschaute.
-
-Warum brachtest du nicht alle Kanarienvögel der Stadt, damit ich dich
-hätte tausendmal lachen hören können! Ich sah den zahmen kleinen
-Vogel kaum, ich fühlte nur mein Herz schmerzen, weil du nur so kurz
-gelacht hattest, und weil, wenn du laut wirst wie die andern, ich
-dann unendlich viel Wirklichkeit von dir erleben möchte, von deinem
-unwirklichen und noch weltfernen Dasein.
-
-Bei meinem zweiten Besuch fand ich dich, ein Tabakhäufchen zwischen
-zwei Fingern zu einer kleinen Kugel drehend, am Schreibtisch deines
-Vaters, und du stopftest eine kleine japanische Silberpfeife, die
-du dann rauchtest. Und du lachtest wieder kurz auf, als ich aus dem
-Nebenzimmer von den andern fortgegangen war, von Tee und Musik, und
-dich fand. Wie ein Eichhorn in einem Waldbusch versteckt, so kauertest
-du auf der Ottomane unter dem blauen Nebel des Tabakrauches und ließest
-dich nicht stören. Du lachtest einmal nur dieses kurze, gestoßene
-Lachen, und wieder schmerzte durch einen kleinen Ruck mein großes altes
-Herz, weil du einmal und nicht tausendmal lachen konntest. Weil die
-Lust so kurz ist, die du anschlägst und auslöschst.
-
-Warum schmerzte aber mein Herz nicht, als du ein andermal am gleichen
-Schreibtisch, ans Telephon gerufen, mit einem jungen Kameraden
-lachtest? Er wollte dich mit andern jungen Damen abholen und zum
-Eisplatz zum Schlittschuhlaufen begleiten. Hinter dir aber stand
-dein Vater wie ein lang gen die Zimmerdecke gezeichneter Schatten
-und lächelte und war neckisch und sagte dir, da du um eine Antwort
-am Telephon verlegen warst, daß du absagen müßtest. Der Bursche am
-Telephon sei fad und nicht klug genug für dich. Du lachtest kurz auf,
-aber ich fühlte nichts bei diesem Lachen, diesmal nicht den Seufzer,
-nicht den zitternden Wunsch, dich noch mehr lachen zu hören.
-
-Und wieder an einem andern Sonntag, zu einer andern
-Nachmittagsteestunde, als ein Freund eures Hauses, ein beweglicher,
-nicht alter, nicht junger Mann, vor dir hockte und vom Theater
-plauderte und du in einem Sessel, an die hohe Lehne zurückgedrückt, vor
-dem Sprecher saßest, da zitterte Schrecken in mir. Denn der Erzähler
-war ein gewandter Frauenverführer, und er war geistreich, weltlustig
-und zielte mit seinen Augen auf dich wie ein geübter Revolverschütze
-auf eine Scheibe. Und wie eine Zielscheibe flach lehntest du, in
-den Sessel tief zurückgedrückt, an der Sessellehne, und diese deine
-Stellung war jenem Mann Triumph genug. Und gleich wandte er sich an
-deine Mutter und machte den Vorschlag, dich mit ihm die Probe eines
-neuen Stückes besuchen zu lassen, der er beiwohnen wollte.
-
-Und ich sah seinen vorgebeugten, glattrasierten Kopf, der wie ein
-Straußenei unterm Kronleuchter glänzte, und sah, wie er mit Eifer deine
-Mutter davon überzeugte, daß diese Theaterprobe dir nützen würde für
-deine Theaterkenntnis, die du dir aneignen möchtest.
-
-Und es wurde verabredet, daß du an einem der nächsten Morgen um 11
-Uhr in seine Loge kommen solltest, um die Probe zu sehen. Er hob den
-Zeigefinger und sagte:
-
-»Aber es darf kein Geräusch gemacht werden, denn die Regie ist streng,
-und es darf eigentlich niemand wissen, daß wir zur Probe kommen. Aber
-im dunkeln Theaterraum und in der finsteren Loge wird niemand uns
-finden, wenn wir ganz leise sind.«
-
-Ich sah dich bereits im Geist lautlos in jener dunkeln Loge und fühlte,
-wie du neben deinem Verführer im Dunkeln kaum zu atmen wagtest aus Lust
-am Theater, wie jener aber kaum zu atmen wagte aus Lust an dir.
-
-Es waren drei Tage bis zu jenem Tage der Verabredung, die du, Oda, mit
-dem andern hattest. Und in jeder Nacht von diesen beiden Nächten, die
-zwischen den drei Tagen lagen, wachte ich auf und horchte. Ich hörte
-zuerst nur ferne Automobile durch die todstillen Straßen surren. Ich
-fühlte aber dann, wie sich die Häuser auflösten und wie sie ihre Mauern
-und ihre Steine nach mir warfen. Die ganze große Stadt steinigte meine
-Brust. Ich stöhnte, und morgens erwachte ich wie zerschlagen. Und
-mitten am Tage in meiner Arbeit wollte ich ans Telephon gehen. Es war
-mir, als müßte ich deine Mutter rufen und weiter nichts zu ihr sagen
-als: »Hilfe, Hilfe!« wie einer, der ein Unglück sieht und ratlos ist.
-
-Zufällig hörte ich dann später von deiner Mutter, du würdest doch nicht
-zu jener Theaterprobe gehen. Aber ich glaubte es nicht. Warum glaubte
-ich es nicht? Warum atmete ich nicht auf? Ich glaubte es nicht, weil du
-ja doch deine Umwege oder Irrwege gehen mußt, wie wir alle sie gingen,
-denn keine andern führen ins Leben.
-
-Als ich nach Wochen wieder einmal zu deinem Vater kam, nötigte er mich,
-zum Mittagessen zu bleiben. Ganz flüchtig sollte der Besuch sein, denn
-wir hatten nur geschäftlich zu sprechen.
-
-Du warst mit deiner Mutter in der Stadt, und ihr machtet an diesem Tage
-andere Besuche und wart nicht zum Essen zu Hause.
-
-Dein kleiner Bruder Nickel, der flinke und geweckte Junge, sprang
-mit seinem graublonden Lockenkopf mitten beim Essen vom Tisch auf und
-holte plötzlich den kleinen Kanarienvogel aus dem Bauer und setzte ihn
-auf das Tischtuch. Dort spazierte das hellgelbe Vögelchen zwischen dem
-weißen Porzellan und den Kristallgläsern und um das Silbergeräte und
-pickte und lugte mich mit einem Auge an.
-
-Der kleine Kanarienvogel war erbärmlich anzusehen. Ein Beinchen war
-ihm gebrochen, das schleifte er nach sich. Aber der Bruch war schon
-geheilt und schmerzte ihn nicht mehr. Doch sein Köpfchen war ganz kahl.
-Er hatte alle Federn am Kopf verloren, und man sah, was man sonst nie
-sehen konnte, die großen Ohrlöcher des Vogels zu beiden Seiten des
-Köpfchens. Sie waren im nackten Schädel wie Löcher, durch die eine
-Kugel gegangen war.
-
-Wieviel hat dieser Vogel gefühlt mit diesen Ohrlöchern? Wieviel Weh-
-und Wohllaute zogen durch den kleinen Schädel in das Herz ein?
-
-Er hat Oda lachen und weinen gehört. Er hat Oda tanzen gehört und auch
-gehört, wie sie aufstampfte im Zorn. Er hat Oda besungen, wenn er
-andächtig wurde.
-
-So gerupft gehen wir alle aus der Lebensandacht hervor, dachte ich bei
-mir. Früher oder später zieht das Herz einen geknickten Fuß nach. Oder
-man verliert die Locken des Mutes.
-
-Nach dem Essen, als ich noch einen Augenblick in deines Vaters
-Schreibzimmer im Ledersessel saß, las und rauchte und auf deinen
-Vater wartete, der sich zum Ausgehen umzog, da tönte des gerupften
-blankschädligen Vögeleins Singstimme aus dem Nebenzimmer.
-
-O, er sang, als wäre er gerührt über sich selbst. Er sang so schmelzend
-und zärtlich, als hätte dein Bruder Nickel einen Spiegel geholt und
-der Kanarienvogel hätte sein verunglücktes Bild im Glase gesehen. Und
-er sang, um den trauernden gerupften Vogel im Spiegel zu trösten, sein
-lebenssüßestes Lied. Denn er erkannte sich selbst nicht und glaubte für
-einen Fremden zu singen.
-
-Da hätte ich gewünscht, Oda, du hättest mit meinen Ohren hören, mit
-meinen Augen sehen können.
-
-Ich habe Wiedersehen gefeiert mit eigenem Leid. In deinen
-sechzehnjährigen Augen sehe ich meine eigenen Gebrechen wie in einem
-Spiegel, alle Wunden, die mir das Leben angetan.
-
-An einem der nächsten Abende, zu dem ich mich mit deinen Eltern
-verabredet hatte, wurde ich zu Hause bei mir ans Telephon gerufen.
-
-Als ich Antwort gab, rief mir eine Stimme zu: »Ich bin es!«
-
-»Wer?« fragte ich ahnungslos.
-
-»Ich, ich, ich,« riefst du mir zu, und es belustigte dich, daß ich
-deine Stimme nicht gleich erkannte.
-
-Wie seltsam, daß ich deine Stimme nicht wiedererkannte!
-
-Aber da lachtest du das kurze Stoßlachen, das immer wieder zu rasch
-auslöscht.
-
-Da erkannte ich dich wieder.
-
-Noch oft im Leben werde ich dich nicht erkennen, wenn du sprichst, aber
-ich hoffe, daß ich dich immer erkennen werde, wenn du lachst.
-
-
-
-
-Zur Stunde der Maus
-
-
-In einer Stadt der Provinz hatte ein Südfrüchtenhändler einen Laden
-eingerichtet, der sich über einem tiefen Keller befand, zu welchem eine
-Falltüre hinunterführte.
-
-Aus diesem Keller kamen jede Nacht die Mäuse in Scharen in die
-Südfrüchtenhandlung herauf. Sie nagten dort die schönen, in
-Seidenpapier eingewickelten Kalvillenäpfel an, sie fraßen Datteln
-und Feigen, Rosinen und Bananen und schonten auch nicht die
-jungen Gemüse und die Maltakartoffeln. Keine Ware, die sich in
-der Südfrüchtenhandlung befand, war vor den kleinen zudringlichen
-Nagetieren zwischen Mitternacht und Sonnenaufgang sicher.
-
-Solange nachts Lärm auf den Straßen war und die Wagen fuhren, hielten
-sich die Mäuse noch still im Keller. Aber sobald es Mitternacht
-geschlagen hatte und es still in jener Straße wurde, kamen sie in
-Scharen, vergnügten sich an den süßen Vorräten und feierten wahre
-Freßorgien, deren Spuren den Südfrüchtenhändler jeden Morgen beim
-Betreten des Ladens in Verzweiflung setzten.
-
-Den Laden zu räumen und einen anderen zu beziehen, das ging nicht gut
-an, da hier im Mittelpunkt der Stadt ein gutes Absatzgebiet war und dem
-Händler durch einen Umzug wahrscheinlich viele Kunden verloren gegangen
-wären.
-
-Und so versuchte er, sich auf alle Weise gegen die Mäuse zu schützen.
-Er schaffte sich Katzen an, aber er mußte sie wieder abschaffen, da es
-vorgekommen war, daß die Tiere in der Nacht den Ladenraum verunreinigt
-hatten und der Geruch davon, der am Morgen nicht auszutreiben war, die
-Käufer entsetzt hatte.
-
-Er schaffte sich dann Hunde, Rattenfänger, an. Aber diese stürmischen
-Tiere schlugen in den Nächten ein wildes Gebell auf, wenn sie hinter
-den Mäusen herjagten, und sie warfen dabei, wenn sie über die mit Obst
-gefüllten Körbe sprangen, Früchte und Körbe über den Haufen, so daß der
-Händler auch die Hunde wieder abschaffen mußte, weil die Nachbarn sich
-über das nächtliche Gebell beschwert hatten und der Schaden, den die
-hetzenden Hunde anstifteten, dem Schaden der Mäuse gleichkam.
-
-Gift gegen die Mäuse zu legen, war nicht ratsam, da die halbvergifteten
-Tiere das Gift über die Eßwaren verschleppen konnten und dann großes
-Unglück durch die Vergiftung von Früchten hätte entstehen können.
-
-So blieb dem armen, von Mäusen geplagten Südfrüchtenhändler nichts
-übrig, als sich um Mitternacht, zur Stunde der Maus, in den Ladenraum
-zu begeben und, versehen mit einem Stock, seine Fruchtkörbe selbst zu
-bewachen und durch Händeklatschen und Fußstampfen die eindringenden
-Mäusescharen zu verjagen.
-
-Er allein konnte nicht Nacht um Nacht wachen, und so teilte er sich mit
-seiner Frau in die Nachtwachen. Aber dieses ermüdete auf die Dauer die
-beiden sehr.
-
-Da kamen sie auf den Gedanken, eine entfernte Verwandte, die gerade
-eine Stellung suchte, zu sich ins Haus zu nehmen, damit diese die
-Mäusewache jede dritte Nacht übernähme.
-
-Der Südfrüchtenhändler hatte es sich aber zur Pflicht gemacht, manchmal
-nachzusehen, wenn das junge Mädchen die Wache hatte, ob es nicht
-eingeschlafen wäre.
-
-Er traf das Mädchen aber niemals schlafend an, denn es vertrieb sich
-die Zeit mit Lesen von Balladen und Romanzen, für die es eine Vorliebe
-hatte.
-
-Mit der Zeit waren dem Händler die Augenblicke, die er zur Stunde der
-Maus mit dem jungen Mädchen verplauderte, wenn sie im Laden zusammen
-hinter die Körbe schauten, um die kleinen Ladenräuber zu verjagen, oder
-wenn sie ihm eine ihrer Romanzen vortrug, die sie bald alle auswendig
-kannte und die sie bei der Nachtwache laut hersagte, damit sie mit
-ihrer Stimme die Mäuse verjagte, -- so zur angenehmen Gewohnheit
-geworden, daß er die Minuten im Laden unbewußt immer länger ausdehnte
-und sich eines Nachts klar wurde, daß er sich in das junge Mädchen
-verliebt habe.
-
-Das kam, als das junge Fräulein ihn eines Nachts, da er wieder lange
-ihren Balladen zugehört hatte und noch eine Romanze zu hören wünschte,
-daran erinnerte, es sei Zeit, daß er wieder hinauf ins Schlafzimmer zu
-seiner Frau ginge. Und sie hatte lachend hinzugesetzt, sie wisse, daß
-er recht glücklich verheiratet wäre.
-
-Dabei hatte sie den Kalvillenapfel, den er als den schönsten für sie
-ausgesucht und ihr für ihren Balladenvortrag zum Geschenk gemacht
-hatte, vorsichtig wieder in das schützende Seidenpapier eingewickelt
-und hatte ihn auf die Apfelpyramide zurückgelegt, von wo ihn der
-Händler genommen hatte.
-
-»Für mich sind weniger schöne Äpfel auch gut genug. Auch wird sich
-vielleicht Ihre Frau ärgern, wenn ich den besten Apfel, der im Laden
-ist, aufesse.«
-
-Als sie dieses gesagt, hatte sie leise geseufzt, und der Mann war aus
-dem Laden gegangen. Vorher hatte er ihr noch lachend zugerufen:
-
-»Natürlich bin ich glücklich verheiratet, sogar sehr glücklich.«
-
-Aber seit dieser Stunde, seit dieser Versicherung seines Glückes,
-war der Mann von einer Unruhe geplagt, die ihn unglücklich machte.
-Es war ihm, als habe er im Augenblicke der öffentlichen Feststellung
-seines Eheglückes den Gipfelpunkt dieses Glückes schon überschritten.
-Denn er war abergläubisch und glaubte bestimmt daran, daß er mit dem
-Eingeständnis seines Glückes sich ein Unglück ins Haus eingeladen
-habe. Er war aber zugleich ein ehrlicher und treuer Mann, der seine
-ihm angetraute Frau niemals betrogen hatte, und dessen Herz heftig
-erschreckte, als es zur Stunde der Maus seine Augen dabei ertappte,
-wie sie mit Wohlgefallen an dem Gedichte vortragenden Mädchen im
-mitternächtigen Laden hängen geblieben waren, so daß er die Zeit und
-den Schlaf vergessen konnte.
-
-Das junge Geschöpf mit seinen erdbraunen Augen und seinen tabakfarbenen
-Haaren paßte gut zwischen die Pyramiden von Blutorangen und goldgrünen
-Zitronen und neben die weinduftenden Ananasfrüchte. Und oft am Tage,
-wenn der Südfrüchtenhändler die Kunden bediente und das Mädchen gar
-nicht im Laden anwesend war, schien ihm, als ob in den leichten flachen
-Holzschachteln die plattgepreßten gedörrten Malagatrauben oder die
-in Silberstanniol eingewickelten spanischen Mandarinen den gleichen
-Duft ausströmten, der ihm vom Nacken jenes Mädchens, von den feinen
-Haarwurzeln ihrer tabakbraunen Locken entgegengeströmt war und den er
-deutlich kannte von den Augenblicken, da sie beide zur Stunde der Maus
-hinter den Säcken mit Maltakartoffeln und hinter den Körben voll von
-afrikanischem Blumenkohl mit Stöcken nach den Mäusen geschlagen hatten.
-
-Des Händlers Unruhe wuchs allmählich, besonders seiner Frau gegenüber,
-die er wirklich aufrichtig liebte und die er mit seiner Untreue nicht
-betrüben wollte.
-
-Er wußte sich keinen Rat mehr, wenn er sich auch vornahm, das junge
-Mädchen zur Zeit, da es Wache hatte, nicht mehr im Laden aufzusuchen.
-Doch nützte ihm das nicht viel, denn er traf es am Tage, und er konnte
-nicht daran denken, es fortzuschicken, weil es für die Nachtwachen
-unentbehrlich war; und er hätte auch gar keinen Grund gehabt als den
-seiner Zuneigung, den er aber natürlich kaum sich selbst eingestehen
-wollte und den er noch weniger jemand anderem offenbaren konnte.
-
-Es geschah auch, daß, wenn er dem Mädchen jetzt am Tage auf der Treppe
-oder im Ladenraum oder in seiner Wohnung begegnete, er ein kühleres
-Gesicht aufsetzte, um seine Gefühle mit Gewalt zu verleugnen. Und ihm
-schien es dann, als ob das junge Mädchen durch sein verändertes Wesen
-verletzt wurde, und daß es ihn leicht verächtlich behandelte.
-
-Es war ihm in der Erinnerung unangenehm, daß er zu dem Mädchen gesagt
-hatte, er sei glücklich, sehr glücklich. Er fand es roh und häßlich,
-daß er glücklich sein sollte, während das junge Geschöpf glücklos war
-und die Lebenstage nur für die bezahlte Arbeit kommen und gehen sah.
-
-Bei einem größeren Einkauf einer Warensendung, die er immer in der
-nächsten Hafenstadt, wo die Frachtschiffe aus dem Süden ankamen, machen
-mußte, wurde ihm der Vorschlag unterbreitet, ein Zweiggeschäft in
-jener großen Seestadt zu gründen, damit er die durch die Verpackung
-und Reise schon etwas beschädigten, aber noch guten Obstvorräte, denen
-eine Eisenbahnversendung nicht gut bekommen würde, an Ort und Stelle
-absetzen könnte.
-
-Der Händler ging mit Freuden auf dieses Geschäftsunternehmen ein.
-Und da ihn die Fruchtversteigerungen oft nach der Hafenstadt gerufen
-hatten, so fand auch seine Frau es ganz in der Ordnung, wenn ihr Mann
-dem neuen Zweiggeschäft in der Hafenstadt vorstünde, wogegen sie den
-Laden in der Provinzstadt weiterführen wollte.
-
-Für die Festtage des Jahres hatten die Eheleute verabredet, sich zu
-besuchen. Da aber die Frau zur Weihnachtszeit nicht von dem Laden
-abkommen konnte, erwartete sie der Mann erst zum Neujahrsabend, zur
-Silvesterfeier.
-
-In der ersten Zeit der Trennung war der Südfrüchtenhändler von seinem
-neuen Geschäft so in Anspruch genommen, daß er weder seine Frau noch
-das junge Mädchen, das nach wie vor in dem Laden in der Provinz die
-Nachtwache hatte, vermißte.
-
-Aber als das neue Geschäft im Gang war und sich eintönig abwickelte,
-kehrten seine Erinnerungen doppelt heftig zurück, und die Gerüche der
-Früchte im Laden, die ihre Süßigkeit durch die Luft verbreiteten,
-erweckten wieder, besonders, wenn er abends den Laden geschlossen,
-seine Rechnungsbücher durchgesehen und zugeklappt hatte und sich
-der Beschaulichkeit und dem Träumen überlassen durfte, das Bild des
-Mädchens und den Duft ihres Leibes, wie er ihm begegnet war vormals zur
-Stunde der Maus.
-
-Er merkte, daß er sich sogar einzelner Verse jener Balladen und
-Romanzen erinnerte, die sie immer in der nächtlichen Stille im
-Kreis der Fruchtkörbe vorgetragen hatte, und die ihn auf ferne
-Inseln und zu fernen Ländern, unter fremdartige Bäume, zu feurigen
-und fremdgearteten Menschen versetzt hatten, deren Sprache voll
-auffallender Leidenschaftsworte lebhaft leuchtete, wie die Farben der
-Südfrüchte, die von den nüchternen Eisensäulen des Ladens, von den
-kahlen Kalkwänden und vom strengen Kassenpult wie bengalische Feuer
-abstachen, die man im nüchternen Tageslicht abbrennt.
-
-Wenn der Mann dann aus dem Laden in sein Zimmer in einem der höher
-gelegenen Stockwerke des Hauses kam, wo er jetzt ohne Weib hausen
-mußte, gingen die Düfte der südlichen Länder, die an seinem Rock
-hafteten, mit in seine Träume. Und er umarmte in seinem Schlaf nicht
-sein Weib, sondern er zog das junge Mädchen an sein Herz, während ihm
-ihre Brüste wie zwei frische Kalvillenäpfel entgegendufteten.
-
-Und besonders zur Stunde der Maus lag er oft auf dem Kissen wach, mit
-den verschränkten Armen unter seinem Kopf, und stellte sich seinen
-Laden in der Provinz vor, wo eine der Gaslampen brannte und sie, die er
-ersehnte, mit hochgezogenen Beinen auf dem Drehstuhl beim Ladentisch
-saß und ihre Balladen sprach und dazwischen aufsprang und nach einer
-Ecke schlich, wo überall Mausefallen waren, die aber den Mäusen so
-bekannt waren, daß keine mehr Lust hatte, sich fangen zu lassen.
-
-Dann sah er, wie sie sich bückte und eine Falle, die von selbst
-zugeklappt war, wieder aufstellte, wobei sie vielleicht den Vers
-hersagte:
-
- Ein Held, deß' Herz wie Feuer war,
- Ritt durch die Wälder sieben Jahr.
- Verschwiegen hat er sieben Jahr,
- Daß er ein Fraß der Flammen war.
-
-Bald mußte sich der Händler auch am Tage mit seinen verliebten Träumen
-beschäftigen. Und der Gedanke, daß seine Sehnsucht die Ersehnte
-vielleicht herziehen könnte, wollte nicht mehr von ihm weichen.
-
-Er nahm sich endlich vor, einen Brief zu schreiben und seiner Frau
-zu sagen, daß er eine Hilfe im Laden brauche und daß er nicht
-immer die Ladentüre abschließen könne, wenn er stundenlang zu den
-Fruchtversteigerungen gehen müsse, und er wollte ganz harmlos im Briefe
-bemerken, daß sie ihm jene Verwandte schicken sollte.
-
-Er hatte den Brief im Geist vielleicht tausendmal abgefaßt, nachts und
-am Tag. Wo er ging und stand, schrieb er diesen Brief in Gedanken.
-
-Aber er konnte sich nicht entschließen, die Feder in die Hand zu
-nehmen, die Tinte und das Briefpapier. Er wäre sich wie ein Verräter
-vorgekommen, Verräter an der Treue, die er seiner Frau halten wollte,
-und Verräter an seinem Herzen, das ehrlich bleiben wollte.
-
-So schrieb er diesen Brief nur mit den Augen in die Luft. Er schrieb
-ihn abends stundenlang, wenn er seine Rechnungen abgeschlossen
-hatte, unter die Summen der Zahlen ins Hauptbuch, in das er brütend
-starrte. Er schrieb den Brief mit den Augen auf die Kistendeckel der
-Orangensendungen, wenn er das Kistenbrett in der Hand hielt und in
-Gedanken anstarrte, statt es in eine Ecke zu stellen. Er schrieb den
-Brief auf die rötlichen blanken Schalen der Blutorangen. Er schrieb den
-Brief an die leeren Kalkwände seines Verkaufsgewölbes, und er las ihn
-am Tag hundertmal, während er Früchte in die weißen Tüten hineinzählte,
-die er den jungen Mädchen und Frauen zureichen mußte. Auf allen
-Frauenhänden, die die Fruchttüten aus seiner Hand empfingen, las er
-jenen Brief, den seine Augen unaufhörlich schrieben.
-
-Aber wie man sich scheut, mit bloßen Füßen durch brennendes Feuer zu
-gehen oder die bloßen Hände in helles Feuer zu legen, so scheute er
-sich, seine Hände und seinen Willen dazu herzugeben, den Brief zu
-schreiben und abzusenden, den Brief, der die heimlich Ersehnte zu ihm
-bestellen sollte.
-
-Der Gefolterte suchte sich mit der Zeit die brennende Sehnsucht nur
-dadurch ein wenig zu erleichtern, indem er tat, als ginge er auf die
-Forderungen seines Blutes scheinbar ein. Er ging, wenn es ihm seine
-Zeit erlaubte, in die Warenhäuser und kaufte Dinge für sein Zimmer ein,
-die er sonst nie für sich gekauft hätte, und die er aufstellte wie
-zum Empfang für diejenige, die er noch nie empfangen hatte. Er kaufte
-Kissen für das Sofa, unnütze Vasen, in die er Blumensträuße stellte,
-die er aber verwelken ließ wie die Stunden seiner Träume. Er kaufte
-romantische Bilder, mit denen er die Wände schmückte, kaufte Balladen-
-und Romanzenbücher, die er auf ein Bücherbrett aufreihte. Er kaufte
-Weingläser, eine Porzellanschale für Kuchen, eine Kristallschale für
-Früchte und eine große seidene Bettdecke.
-
-Er kaufte sich neben seinen gewöhnlichen Zigarren, die er täglich
-rauchte, eine Schachtel bester und teuerster Havannastengel, die er
-nur dann rauchen wollte, wenn der ersehnte Besuch gekommen sein würde.
-
-Mit diesen und noch mancherlei Einkäufen beschwichtigte er das still
-schwellende Sehnsuchtsfieber, das in ihm umging wie ein unheimlicher
-Feueratem, der ihn entfachen wollte.
-
-Aber den Brief, den er hätte schreiben müssen, schrieb er nicht.
-
-Oft, wenn ihm ein Besuch angezeigt wurde, fuhr er erschreckt zusammen
-und dachte, jenes Mädchen könne plötzlich auf seiner Türschwelle
-stehen, gerufen von den lautlosen Hilfeschreien seines geknebelten
-Herzens.
-
-Zum Silvester kam dann, wie es verabredet war, seine ahnungslose Frau
-zu ihm zu Besuch.
-
-Sie war, seit er den Laden in der Hafenstadt aufgemacht hatte, noch
-nicht bei ihm gewesen. Und als er sie jetzt vom Bahnhof abholte und in
-sein Zimmer führte, wo von der Decke eine rosa Glasampel hing, die er
-angezündet hatte, da schlug die gute Frau erstaunt die Hände zusammen
-und vergaß, den Hut und den Mantel abzulegen. Sie drehte sich auf
-einem Fleck, mitten im Zimmer stehend, um sich selbst und ließ die
-zerbrechlichen feinen Vasen mit Blumen auf sich wirken, die schönen
-gebundenen aufgereihten Bücher auf dem Bord, den Porzellanteller mit
-Kuchen, die Kristallschale mit Früchten, die vielen romantischen Bilder
-an den Wänden. Und als sie zuletzt gar die gleißende Seidendecke auf
-dem breiten Bett bemerkte, da gingen ihr gerührt die Augen über, und
-sie umarmte ihren Gatten und bedankte sich, daß er so zärtlich alles
-für ihren Empfang hergerichtet hatte.
-
-Der sagte nichts und umarmte seine Frau wieder. Denn während er diese
-Dinge zum Schmuck des Zimmers alle eingekauft und aufgestellt hatte,
-hatte er auch da nie mit Bewußtheit und Offenheit sich eingestanden,
-daß er dies nicht für seine Frau, sondern für das junge Mädchen tat.
-
-Er hatte wie ein Schlafwandelnder gehandelt, getrieben von einer
-inneren Lust, sein Zimmer zu schmücken, handelnd zwischen Wachen und
-Träumen. Und wie er nun seine Frau, die er immer noch treu liebte und
-vor der er sich keine untreue Handlung vorzuwerfen hatte, umarmte,
-schien es ihm wirklich einen Augenblick als wahrscheinlich, daß er für
-sie und sich zur Silvesterfeier und zum Wiedersehen das Zimmer so
-sorgsam und festlich geschmückt hatte.
-
-Am Abend gingen Mann und Frau mit Bekannten in eine Weinstube, und dort
-tranken sie, bis es zwölf Uhr schlug und das neue Jahr anbrach. Und von
-Glühwein und Bowle erhitzt, wurde der Südfrüchtenhändler lustig und
-ausgelassen, wie ihn seine Frau selten gesehen hatte.
-
-Als nun das neue Jahr mit vielen »Prosit« empfangen worden war, sehnte
-sich die Frau aus dem lärmenden Kreis der Menschen fort und dachte an
-das schön geschmückte Zimmer, das sie beide erwartete, das ihr Mann
-mit soviel Zärtlichkeit hergerichtet hatte, und wo sie ihm jetzt mit
-gleicher Zärtlichkeit zu danken wünschte.
-
-Sie zupfte ihren Mann am Ärmel, aber der schien an gar kein
-Nachhausegehen denken zu wollen und trank immer wieder seinen Freunden
-zu und ließ sich zutrinken und bestellte neuen Wein.
-
-Aber es waren auch noch andere Frauen im Kreise, die auch heimzugehen
-wünschten, und die Frauen verabredeten sich untereinander und standen
-auf und setzten ihre Hüte auf und zogen ihre Mäntel an und traten
-dann angekleidet vor die im Tabakrauch und Weindunst laut schwatzenden
-Männer und baten sie, heimgeführt zu werden.
-
-Die Männer wollten auch folgsam alle gehen. Nur der Südfrüchtenhändler
-wollte ans Aufbrechen nicht denken. Der saß auf seinem Stuhl fest und
-behauptete, er ginge nicht zur Stunde der Maus nach Hause, denn da
-gingen Gespenster bei ihm um.
-
-»Was für Gespenster?« fragten ihn alle.
-
-»Mäuse und junge Mädchen,« entfuhr es dem etwas Angetrunkenen.
-
-Die Männer lachten und warfen sich zwinkernde Blicke zu. Die Frauen
-aber trieben beharrlich zum Aufbruch an.
-
-Die Frau des Südfrüchtenhändlers war bei der Rede ihres Mannes
-plötzlich blaß und zitternd geworden, und auf der Straße zog sie ihren
-Gatten auf die Seite:
-
-»Was hast du da geschwatzt von Gespenstern, von Mäusen und jungen
-Mädchen, die bei dir umgehen? Nun weiß ich es, für wen du das Zimmer so
-festlich geschmückt hast! Jedenfalls nicht für mich.«
-
-»Was?« sagte der unschuldige Mann. »Was habe ich von jungen Mädchen
-gesagt?« und er hielt seinen Hut in der Hand und ließ die eisige
-Nachtluft seinen erhitzten Kopf abkühlen. »Du glaubst wohl gar, daß ich
-junge Mädchen nachts bei mir empfange?«
-
-»Ja, was soll ich denn anderes glauben?« wimmerte die weinende Frau und
-drückte ihren Muff vors Gesicht. »Du hast es ja selbst vorhin vor allen
-Freunden gesagt, daß zur Stunde der Maus junge Mädchen bei dir umgehen.«
-
-»Da habe ich im Weinnebel Dummheiten gesprochen,« verteidigte sich der
-Mann. »Mein Zimmer hat niemals ein anderer Frauenfuß betreten als der
-deinige, mit Ausnahme des alten Weibes, das dort Ordnung macht und
-täglich die Stube reinigt.«
-
-»Ist das wahr?« sagte die Frau des Südfrüchtenhändlers und sah ihren
-Mann an und zog ihn am Arm, damit er ihr ins Gesicht sehen sollte.
-
-»Ich schwöre es dir,« beteuerte er. Aber er sah sie nicht an, sondern
-starrte hinauf in den Himmel, wo die Sterne wie Pyramiden aufgehäufter
-goldener Früchte glänzten.
-
-Die Frau atmete auf und lachte sich selbst aus, daß sie so schnell
-Übles gedacht hatte von dem, den sie immer als rechtschaffen und treu
-gekannt hatte. Und sie nahm sich jetzt erst recht vor, zärtlich zu
-ihm zu sein, da er nun doch das Zimmer nur für sie so schön geschmückt
-hatte.
-
-Zu Hause, als sie den Mantel abgelegt, sah sie, wie ihr Mann, nachdem
-er nach der Uhr gesehen, nach einem der Balladenbücher griff und es vom
-Bücherbord herunterlangte. Und statt sich auszukleiden, streckte er
-seine Beine auf dem Sofa aus und schlug das Buch auf und las für sich.
-
-Die Frau entkleidete sich inzwischen und kämmte ihr Haar am Spiegel
-aus, schlüpfte dann ins Bett unter die seidene Bettdecke und verhielt
-sich eine Weile mäuschenstill, um abzuwarten, bis ihr Mann ausgelesen
-hatte.
-
-Nach einer Weile klappte er das Buch zu, und sie sah, wie er sich aus
-einer bisher ungeöffneten Zigarrenschachtel eine große Zigarre holte
-und diese anzündete. Und als sie den fein duftenden Rauch roch, dachte
-sie bei sich: so gute Zigarren raucht er doch sonst nicht. Die hat er
-auch zu meinem Empfang gekauft.
-
-Und sie nahm jede Rauchwolke, die er von sich blies, als eine Huldigung
-dar.
-
-Dabei kam ihr der Gedanke, daß sie eigentlich noch gern einen Schluck
-schwarzen Kaffee getrunken hätte. Und da fragte sie ihn:
-
-»Hättest du nicht auch gern ein Täßchen Kaffee zu deiner guten Zigarre?«
-
-Da stand er auf und ging zu einem kleinen Kredenzschrank, holte eine
-neue vernickelte Kaffeemaschine und zwei winzige Mokkatassen, stellte
-sie auf den runden Tisch unter die Ampel und goß Spiritus in den
-Brenner, nahm aus einer Büchse gemahlenen Kaffee und schickte sich an,
-den Kaffee zu bereiten, von dem sie gesprochen.
-
-Sie sah vom Bett aus mit Erstaunen seinen Händen nach, und plötzlich
-schienen ihr die Hände des lautlosen Mannes, die da am Tisch handelten,
-die gespensterhaften Hände eines Traumwandlers zu sein. Und sie
-fühlte mit den Augen einer liebenden Frau, wie das Herz dessen, der
-da umherging, nicht im Zimmer anwesend war. Sie wurde wieder bestürzt
-und ratlos und fühlte, daß Gespenster umgingen hier im Zimmer zur
-Stunde der Maus, so wie es ihr Mann vorher beim Wein gesagt hatte.
-Zugleich wußte sie auch, daß ihr Mann sie niemals belügen konnte. Und
-sie schaute in die fremde Welt des fremdgeschmückten Zimmers, wo sie
-den, den sie liebte, nicht mehr erkannte. Nur wie ein Gespenst saß er
-dort auf dem Sofa. Auch sein Rauchen war unnatürlich und gezwungen.
-Seine Augen sahen in die Spiritusflamme, die da unter dem Kessel
-leise sauste, und dabei schienen sie die Flamme doch nicht zu sehen.
-Seine Ohren schienen auf die summende Kaffeemaschine zu lauschen und
-schienen doch noch anderes zu hören. Seine eine Hand aber streichelte
-unausgesetzt und wie abwesend den Deckel des Buches, das vor ihm lag.
-Und mit eifersüchtigem Liebessinn wurde die Frau von jenem Buche
-angezogen. Und als das Kaffeewasser kochte und ihr Mann an die Maschine
-trat, um den Kaffee in die Tassen einzuschenken, da stieg sie leise aus
-dem Bett und zog, scheinbar harmlos, das Buch vom Tisch an sich. Sie
-blätterte darin und erkannte sofort, daß es Balladen waren, die jene
-junge Verwandte, die sie daheim hatte, immer las und vortrug.
-
-Sie wußte jetzt mit raschem Gedankengang plötzlich, wer das Gespenst
-war, wer das junge Mädchen war, das um die Stunde der Maus im Zimmer
-ihres Mannes umging.
-
-Sie fühlte, daß seine Gedanken nur bei jener Verwandten weilten, und
-sie wurde zornig, da sie glaubte, er habe sie in jenen Augenblicken, da
-er das Mädchen zur Nachtwache im Provinzladen aufgesucht, daheim schon
-betrogen.
-
-Als der Mann mit der gefüllten Kaffeetasse zu ihr ans Bett trat, wies
-sie den Kaffee zurück, wandte das Gesicht gegen die Wand und brach
-in Schluchzen aus. Und auf seine Fragen stürzten ihr Vorwürfe über
-die Lippen. Aber er konnte ruhig entgegnen, daß kein Wort und nichts
-zwischen ihm und jenem Mädchen ausgetauscht worden war, was seine Treue
-hätte in Frage stellen können.
-
-»Es muß aber doch etwas zwischen euch gewesen sein,« fuhr die Frau
-hartnäckig fort, »denn ich erinnere mich jetzt, daß du ganz plötzlich
-deine Aufsicht über die Nachtwachen im Laden abgebrochen hast. Sage
-mir, was war das letzte Wort, das ihr dort zusammen spracht?«
-
-»Ich sagte ihr, daß ich glücklich, sehr glücklich verheiratet bin,«
-erwiderte der Mann nach einigem Nachdenken.
-
-Die Frau sah erstaunt mit tränendem Gesicht zu ihm auf und sagte: »Ich
-glaube dir's. Aber ich weiß doch, daß sie allein das Gespenst ist, das
-nach Mitternacht hier umgeht. Kannst du mir wirklich versichern, daß du
-alles das, die Tassen, die Kaffeemaschine und alle Dinge im Zimmer nur
-für mich und dich gekauft hast und die andere im Geist niemals neben
-dir hast sitzen sehen?«
-
-Da sagte er einfach und langsam: »Wenn ich jetzt um diese Stunde an das
-Mädchen erinnert werde, wird es mir klar, daß ich alles, was du hier
-siehst, eingekauft habe, um sie und nicht dich zu empfangen. In allen
-andern Stunden wußte ich nichts davon.«
-
-Da weinte die Frau. Und als ihr Mann sich neben sie aufs Bett setzte
-und die seidene Decke über sie legte, stieß sie die Decke heftig
-zurück. Und ihm war es, als habe sie mit dieser Bewegung nach dem
-Mädchen gestoßen, das er neben ihr heimlich liebte.
-
-Da löste sich sein geknebeltes Herz auf. Und er ging und setzte sich
-in eine entfernte Zimmerecke und bedeckte sein Gesicht mit den beiden
-Händen.
-
-Gegen Morgen, als das Geräusch der vorüberfahrenden Milchwagen und der
-ersten Straßenbahn die Fensterscheiben leise klirren machte, rief die
-Frau vom Bett aus ihres Mannes Namen. Aber als er dann zu ihr trat,
-brach sie wieder in Weinen aus.
-
-»Es ist dir nichts geschehen und wird dir nichts geschehen, denn ich
-werde mich nie diesem Mädchen verraten. Meine Gedanken an sie werden
-mit der Zeit erkalten müssen. Wenn du mich nicht an sie verrätst, werde
-ich sie vergessen können.«
-
-Und die Frau versprach ihm, wenn sie heimkommen würde, dem Mädchen,
-das so unschuldig war wie ihr Mann, nicht gram sein zu wollen und über
-alles zu schweigen, was sie von ihm in dieser Nacht erfahren. Er wußte,
-was sie versprochen habe, würde sie auch halten.
-
-Nachdem die Frau wieder abgereist war, nahm der Mann bald ein Bild
-nach dem andern von den Wänden herab und rückte die Vasen in eine Ecke
-eines hohen Schrankes, wo er sie nicht sehen konnte, rollte die seidene
-Decke zusammen und packte sie fort. Auch die Balladenbücher nahm er
-vom Brett und legte sie in eine Schublade, die er verschloß. Denn seit
-jener Aussprache in der Silvesternacht war der Geist des Mädchens, der
-sonst um die Stunde der Maus in seinem Herzen schwül umgegangen war,
-von ihm ferngeblieben, und die stille Leidenschaft starb in dem Mann
-allmählich ab. Der Händler ging eifrig seinen Geschäften nach, vermied
-es, die Abende allein zu verbringen, suchte Freunde und Bekannte auf
-und schien allmählich vollständig zu genesen von dem Liebesalp, der ihn
-so lange heimlich bedrückt hatte.
-
-Da erhielt er eines Tages ein Telegramm, worin seine Frau ihn bat,
-schleunigst nach Hause zu kommen, da jener jungen Verwandten ein
-schweres Unglück zugestoßen wäre.
-
-Der Mann zitterte einen Augenblick, als er das Papier mit der Nachricht
-in den Händen hielt. Dann aber machte er sich kühl und hart gegen alte
-auflodernde Gefühle und reiste mit dem nächsten Zug nach Hause.
-
-Die Frau empfing ihn mit verweinten Augen und schluchzte an seinem Hals
-und sagte ihm, daß das junge Mädchen durch einen plötzlichen Unfall
-getötet worden war. Dabei aber stotterte sie:
-
-»Du wirst glauben, ich bin schuld an ihrem Tod. Aber ich schwöre dir,
-ich bin unschuldig.«
-
-Der Mann erstaunte und fragte, welches Unglück sich ereignet habe, und
-hörte dann von der schluchzenden Frau, daß das Mädchen durch einen
-unvorsichtigen Schritt in die geöffnete Falltür, die sich im Fußboden
-des Ladens befand, abends im Dunkeln, als sie eben die Nachtwache
-antreten wollte, in den tiefen Keller gestürzt war, auf dessen mit
-Steinplatten gepflastertem Boden man die Unglückliche mit gebrochenem
-Rückgrat tot aufgefunden hatte.
-
-»Aber wer hat denn die Tür in den Keller aufstehen lassen?« fragte der
-Südfrüchtenhändler entsetzt.
-
-Die Frau verbarg das Gesicht an seiner Brust und schluchzte von neuem:
-
-»Ich bin es gewesen, ich. Ich bin wohl an ihrem Tode schuld, aber ich
-habe ihn nicht absichtlich verschuldet.«
-
-Da durchlief den Mann ein Schauder, und er zog sich aus der Umarmung
-seiner Frau zurück.
-
-Sie aber klammerte sich fest an ihn und rief verzweifelt: »Als es
-mir plötzlich einfiel, daß ich die Kellertür offen gelassen hatte,
-bin ich oben aus dem Zimmer in das Stiegenhaus gestürzt und habe ihr
-nachgerufen, sie solle nicht in den Laden gehen, da die Falltür zu dem
-Keller offen wäre. Im selben Augenblick aber hörte ich schon einen
-Schreckensruf und den polternden Aufschlag eines Körpers im tiefen
-Gewölbe.«
-
-Die Frau setzte sich auf einen Stuhl und schluchzte in ihre beiden
-Hände. Und als sie nach einer Weile wieder aufsah, war das Zimmer leer.
-
-Sie glaubte, der Mann wäre auf den Kirchhof in die Leichenhalle
-gegangen, um das Mädchen noch einmal zu sehen. Aber er war, ohne
-Abschied zu nehmen, in sein Geschäft in der Hafenstadt zurückgereist
-und ließ seine Frau deutlich fühlen, daß er es nicht glauben konnte,
-sie habe die Falltür ohne Absicht offenstehen lassen.
-
-Gleich nach der Beerdigung des Mädchens reiste sie zu ihm und erklärte
-ihm noch einmal, daß sie unschuldig wäre. Er aber ging wieder aus dem
-Zimmer und wollte nicht mit ihr sprechen.
-
-Sie kehrte in den Laden in der Provinz zurück, verzweifelt darüber, daß
-sie ihren Mann nicht zum Glauben an ihre Unschuld bringen konnte.
-
-Von dem ausgestandenen Schrecken und von dem Schweigen ihres fernen
-Mannes gefoltert, wurde sie immer schwächer und erkrankte zuletzt an
-einem Gehirnfieber.
-
-Eines Tages erhielt der Südfrüchtenhändler einen Eilbrief von einem
-Arzt, der ihn aufforderte, schleunigst zu kommen, wenn er seine Frau
-noch am Leben finden wollte, denn ihre Stunden wären gezählt.
-
-Der Mann kam, aber die Fiebernde kannte ihn nicht mehr. Der Arzt sagte,
-er solle sich an ihr Bett niedersetzen, es wäre möglich, daß sie kurz
-vor dem Sterben zum Bewußtsein kommen und ihn erkennen würde.
-
-Da saß er nun und hörte die Fiebergespräche, in denen sie immer wieder
-die Worte wiederholte, daß sie unschuldig wäre. Aber er konnte es doch
-nicht glauben. Sie hat aus Eifersucht getötet, sagte er zu sich selbst.
-
-Plötzlich richtete sich die Fiebernde im Bett auf und erkannte ihren
-Mann.
-
-»Bist du gekommen, mir zu glauben?« rief sie erleichtert aus.
-
-Da sah er in ihre Augen, und beim Ton ihrer Stimme mußte er glauben,
-daß sie unschuldig war am Tod der andern.
-
-Und er bat in seinem Herzen das Schicksal um ein Wunder: Die Sterbende
-soll leben bleiben und gesund werden, wenn sie unschuldig ist, sagte er
-in seinem Schweigen.
-
-Er sah ihr fest ins Auge und beschwor ihr fliehendes Leben mit seinem
-innersten Wunsch.
-
-»Ich glaube dir. Du bist unschuldig. Wir haben beide keine Schuld und
-wollen glücklich und ruhig weiterleben,« sagte er laut zu der Kranken,
-deren Kopf erschöpft auf die Seite sank, während ihre Augen ihn
-halbverklärt betrachteten.
-
-»Ich will schlafen, und wenn ich aufwache, will ich mit dir glücklich
-sein wie früher,« sagte die Frau mit schwacher Stimme.
-
-Seine Hände betteten ihren Kopf sorgsam in die Kissen. Er wachte dann
-zwölf Stunden an ihrem Bette, und in all der Zeit hielt er ihre Hände
-in seinen Händen.
-
-Nach zwölf Stunden schlug die Frau einen Augenblick die Augen auf, und
-als sie sein Gesicht neben sich sah, lächelte sie.
-
-»Schlafe dich gesund!« sagte ihr Mann. Sie schloß wieder die Augen und
-schlief noch einmal zwölf Stunden. Und nach der vierundzwanzigsten
-Stunde saß der Mann immer noch wach an ihrem Bett und hielt ihre Hände
-fest wie in der ersten Stunde.
-
-Sie schlug die Augen auf, und als sie ihn immer noch neben sich
-sah, war sie glücklich und gestärkt und fühlte, daß sie zum Leben
-zurückkehrte. Und sie fuhr streichelnd mit der Hand über die Augen
-ihres Mannes. Dann sank sein Kopf zu ihr auf die Kissen, und er schlief
-ein, und sie schliefen beide noch einmal zwölf Stunden.
-
-Dann erwachte sie gesund und gestärkt. Und seit dieser Stunde war bei
-ihnen alles Vergangene vergessen, und ihr Leben wurde von jetzt ab
-glücklich wie in den ersten Jahren ihrer Ehe.
-
-
-
-
-Die Kurzsichtige und der Komet
-
-
-Es war in einem Winter, als die Astronomen von Europa einen bisher
-unbekannt gewesenen kleinen Kometen entdeckt hatten, der kurz nach
-Sonnenuntergang am Abendhimmel mit bloßen Augen zu sehen sein sollte,
-später in der Nacht aber hinterm Horizont verschwand.
-
-In jenem Winter sah man täglich um die fünfte Abendstunde die Leute mit
-Operngläsern in den Händen auf verschiedenen freien Plätzen von Berlin
-sich zusammenrotten. Und einer versuchte vom andern die Stellung des
-neuen Kometen zu erfahren. Indessen der Wagenstrom laut und lärmend
-wie immer auf dem Straßendamm rollte, stockte auf den Bürgersteigen
-der Verkehr. Die Leute schoben und drängten und standen den Eilenden
-im Wege, und niemals haben zu gleicher Zeit nachts so viele Augen in
-den Sternen gesucht als in jenen Winterabenden in der Stunde nach
-Sonnenuntergang in Berlin und in ganz Europa.
-
-Ich hatte mehrmals am Potsdamer Platz versucht, den Kometen für mich
-zu entdecken, aber die Lichtreklamen, die dort über den Kaffeehäusern
-und über den Dächern der Potsdamer Straße und der Königsgrätzer Straße
-gegen den Himmel auf- und abflammten, erschwerten das ruhige Betrachten
-des Nachthimmels.
-
-Deshalb war ich eines Abends mit der elektrischen Straßenbahn nach
-dem südlichen Teil der Stadt zum Kreuzberg gefahren, um dort von den
-Parkanlagen des Hügels aus beschaulicher nach dem Kometen suchen zu
-können.
-
-Als ich in der Nähe des Kreuzbergs aus der Straßenbahn stieg, bemerkte
-ich, daß viele Leute denselben Weg nahmen wie ich. Ganze Familien
-gingen in Reihen vor mir her. Auch laute Schulknaben, die sich
-zusammengerottet hatten, und stille Liebespaare stiegen dort in den
-Parkwegen hügelaufwärts und Hunderte kamen vom Kreuzberg herunter. Es
-war ein allgemeines Wandern, als wäre da oben ein Jahrmarkt.
-
-Die Wege waren ziemlich dunkel; selten brannte eine Laterne. Schnee
-lag in dünner Schicht vor den finstern Tannengruppen, und der klare,
-eisige Winterhimmel war trotz der späten Stunde noch leicht hell und
-schimmerte zwischen den finstern Bäumen.
-
-Dort, wo es in den Anlagen ganz dunkel war und Treppenstufen zwischen
-künstlichen aufgetürmten Stufen emporstiegen, halfen sich die Menschen
-mit lautem Gelächter weiter. Die Heruntersteigenden lachten, und die
-Hinaufkletternden lachten. Und man tastete sich aneinander vorüber,
-und die jungen Mädchen, in Pelzmäntel vermummt, kicherten, und die
-jungen Männer erschreckten sie mit plötzlichen Zurufen; und mancher
-zündete ein Streichholz an, um ein Geländer oder eine Treppenstufe zu
-beleuchten.
-
-Ich hatte mich an meinem Spazierstock bergauf getastet und traf, bald
-oben, auf der Höhe des Hügels unter den Bäumen eines verschneiten
-Grasplanes wohl hundert Menschen, die über die Häuserwelt von Berlin
-wegsahen und, gen Westen gewendet, den Himmel absuchten, wo die Sonne
-untergegangen war und ein Stückchen vom zunehmenden Mond blinkte.
-
-Mir kam es aber vor, als ob keiner den Kometen wirklich fände, alle
-aber ihn im Geiste sahen. Und da sie ihn heftig gern zu sehen
-wünschten, deuteten sie auch alle nach einer Richtung, wo hier und da
-ein Stern blitzte, und jeder vermeinte, in diesem oder jenem Stern den
-Kometen zu sehen. Ich glaube, jeder fand sich seinen eigenen Kometen.
-Die, die keinen am Himmel entdeckten, fanden ihn sicher auf der Erde.
-Denn es streifte im Dunkeln manch blitzendes Auge umher. Alle Menschen
-hier hatten den einen Zweck, herumzustehen, und manche durften sich
-anreden und ihrer Redelust Luft machen und ihrer Wissenslust und ihrem
-Gefühlsdrang Raum geben beim Schauen in den aufrichtigen Nachthimmel,
-auf diesem Hügel, der da im weiten steinernen Häuserkranz Berlins wie
-eine Insel zwischen Wellenkämmen lag.
-
-Man lieh sich gegenseitig Gläser und Brillen und Fernrohre. Man half
-sich, im nächtlichen Garten des Himmels spazierenzugehen, wobei die
-Augen als Füße dienten, und man unterstützte sich gegenseitig hilfreich
-im Lustwandeln am Nachtfirmament.
-
-Manche Pärchen sonderten sich ab und setzten sich trotz Kälte und
-Schnee auf einsame Bänke, die da auf der Hügelhöhe standen.
-
-Einige Knaben bildeten Gruppen, einzelne rauchten verbotene Zigaretten,
-und die anderen leisteten ihnen neidisch Gesellschaft.
-
-Ältere Herren im Kreise von Bekannten erzählten von früheren
-Kometenjahren, und auch Fremde stellten sich um sie herum und gaben
-ihre Weisheit dazu.
-
-Von der Stadt sah man nur einige mattgelb erleuchtete Straßenzüge
-mit unzähligen glitzernden Fenstern. Aber eigentlich fühlte man von
-der großen Stadt hier oben nichts mehr. Berlin war nur noch ein
-gespenstiger Körper rund um den Hügel, ein Körper, der sich ins
-Unendliche verlor und hier und da aus seinen Poren Feuerstaub zu atmen
-schien.
-
-Ich hatte so eine Weile in Betrachtung der Stadt, der Menschen und des
-Himmels mich an meinem Stock gelehnt, den ich wagrecht gegen den Stamm
-eines Kiefernbaumes gestemmt hatte.
-
-Vor mir lichtete und verdichtete sich das Gedränge der Menschen. Nur
-der Himmel über mir blieb immer gleich klar und unbeweglich.
-
-Ich stellte mir eben vor: so aller Berufe entkleidet, so gleichgemacht
-und von dem einen einzigen Gedanken der Ewigkeit und Unendlichkeit
-entrückt, müßten auf irgendeinem Eiland, wenn es das gäbe, die Schatten
-der Gestorbenen umhergehen, aufgestiegen in Höhen, wo sich keine
-Weltunrast mehr findet, und hingegeben einzig dem Betrachten der
-Ewigkeit in uns und um uns...
-
-Schatten gingen und neue Schatten kamen über den weißen, leicht
-beschneiten Grasflächen. Menschen lösten sich aus Bäumen, und andere
-schienen in Bäume zu verschwinden.
-
-Der Schnee, der fein bläulich schimmerte wie eine Phosphormasse,
-schien mir aus weißen, eisigen Blüten zu bestehen, den Blumen der
-Vergessenheit, die diesem Eiland im Weltraum unklares Licht gaben, und
-über denen die Schatten der Menschen sich lautlos begegneten.
-
-Sobald wir vergessen können, sind wir selbst nicht mehr und werden
-unendliches Gefühl ohne Wissen...
-
-Wie ich noch diesem Gedanken nachhing, sah ich eine Dame, ein wenig
-vorgebeugt, mit unsicheren kleinen Schritten über den Schnee kommen,
-und ich erkannte sie sofort, trotzdem ich nichts sah als den schwarzen
-Schattenriß ihrer Gestalt. Sie war aus einer dunklen Baummasse
-hervorgetreten, und wie ein Teil des Dunkels erinnerte sie mich an
-Geschehnisse, an Herzenserlebnisse, die in meiner Vergangenheit lagen,
-in jener gespenstigen Vergangenheit, die wir im Rückblick Jugend nennen.
-
-Wer kann aber sagen, daß er jemals altert!
-
-Die zierliche kleine Dame kam näher, und ich sah, wie sie sich
-bückte. Zu beiden Seiten ihrer Füße stand je ein kleiner Hund, und
-sie band diese beiden Tierchen an einen Riemen. Die Tiere liefen dann
-aneinandergekoppelt vor ihr her, indessen sie die Riemenschnur in der
-Hand hielt.
-
-Sie kam gerade auf den Baum zu, an dessen Stamm gestützt ich meinen
-Stock hielt. Mir schien es, als wollte sie die Hunde an den Baumstamm
-anbinden.
-
-An ihrem Gang und ihrer Art merkte ich, daß sie noch immer sehr
-kurzsichtig war, und ich erinnerte mich jetzt, daß sie schon viele
-Abenteuer infolge dieser starken Kurzsichtigkeit hatte erleiden müssen.
-
-Ich wollte abwarten, bis die Dame ihre Hunde an den Baum gebunden habe,
-und wollte dann zu ihr treten und sie begrüßen.
-
-Wir hatten uns viele Jahre nicht gesehen, seit langen Jahren uns aus
-den Augen verloren, und vielleicht wäre es gar nicht gut, wenn ich die
-beinah Vergessene begrüßen würde. Vielleicht würden die Erinnerungen,
-die wir aufwühlen mußten, Martern werden.
-
-Man lernt sein eigenes Wesen niemals ganz kennen und weiß niemals, wie
-tief die Wunden zuheilen. Wir wissen auch nicht, ob wir Unheilbares in
-uns tragen, oder ob wir unverwundbar sind. Solange wir atmen in diesem
-warmen Leibe, den wir uns aufgebaut haben, studieren wir diesen Leib,
-von dem wir wissen, daß er nur künstlich und vergänglich ist. Aber wir
-schaudern oft im geheimen vor seinem Dasein, weil unser Leib uns ebenso
-fremd bleibt wie unser ewiges Teil. Weil der Leib plötzlich im Blut
-Sehnsüchte wie Abgründe öffnen kann.
-
-Gottlob, daß Leib und Seele nicht mit Zahlen, nicht mit Gesetzen, nicht
-mit Maßstäben, nicht mit Erfahrungen zu begreifen und zu ergründen
-sind. In seiner Unbegreiflichkeit ergänzt der sterbliche Teil den
-ewigen Teil.
-
-Ich wußte nicht, sollte ich jene Dame grüßen oder sollte ich ihr
-ausweichen. Ich wollte eben meinen Spazierstock, den ich in der Höhe
-meiner Hüfte wagrecht gegen den Baumstamm gestellt hatte, zurückziehen
-und wollte einige Schritte weitergehen.
-
-Da sehe und fühle ich erstaunend, daß die Dame ihre Foxterrier an
-meinen Spazierstock, den sie wohl für einen Baumast hielt, festband.
-
-Ich hielt den Stock jetzt belustigt still, während mich der eine Hund
-beschnüffelte und der andere an seine Herrin hochsprang.
-
-Diese war ganz in ihre mühsame Arbeit vertieft und band die
-Riemenschnur um meinen Stock zu einem festen Knoten. Vorher hatte sie
-ganz flüchtig mit ihrer behandschuhten Hand meinen nicht glatten,
-sondern etwas knorrigen Stock abgetastet und sich überzeugt, daß er
-fest genug war, um die beiden Hunde zu halten.
-
-Viele Leute kamen und gingen. Ich fiel der Dame nicht weiter auf, sie
-hielt mich eben für einen der vielen Herumstehenden, die nach dem
-Kometen suchten.
-
-Wie seltsam war dieses Wiedersehen! Tragisch-komisch, wie alle
-kurzsichtigen Abenteuer jener Dame.
-
-Ich sah, daß sie ein Opernglas umhängen hatte, und zugleich baumelte an
-einer langen Kette über ihrem Mantel ein Lorgnon, das ich so gut aus
-früheren Jahren kannte.
-
-Die Dame entfernte sich jetzt einige Schritte, nachdem sie ihren Hunden
-geboten hatte, sich niederzulegen.
-
-Die Tiere aber gehorchten nicht gleich. Sie zerrten an der Schnur, und
-ich mußte mich mit meiner ganzen Kraft mit dem Stock gegen den Baum
-stützen und hatte alle Mühe, meinen Spazierstock festzuhalten.
-
-Sie aber sah nichts anderes als ihre Hunde. Sie rief ihnen nochmals zu,
-und da sie glaubte, daß sie sie an einem Baumast festgebunden, ging sie
-weiter, wobei sie ihr Opernglas aus dem Lederbehälter nahm.
-
-Ich kannte die Hunde beim Namen, und als die Dame weit genug über
-den Schnee fortgegangen war, flüsterte ich den Tieren ihre Namen zu.
-Sie sahen erstaunt nach mir und stellten das gemeinsame Kläffen ein,
-beschnüffelten mich nochmals, wedelten ein wenig belustigt mit ihren
-Schweifstummeln und setzten sich still zu meinen Füßen nebeneinander.
-
-Ich nahm mir vor, die Terrier festzuhalten und meinen Stock einen
-Baumast vorstellen zu lassen, bis die Hunde von der Kurzsichtigen
-wieder abgeholt wurden.
-
-Ich sah die zierliche Gestalt der Dame sich am Rand der Hügelfläche
-gegen den Nachthimmel abzeichnen und sah, wie sie abwechselnd das
-Lorgnon nahm und dann wieder das Opernglas, um unter den Menschen zu
-suchen und unter den Sternen am Himmel.
-
-Es war eine Unruhe über ihr, die mir von ihrer Kurzsichtigkeit
-auszugehen schien. Und während alle Leute den Kometen im Westen finden
-wollten, hatte sie sich allein nach der östlichen Himmelsrichtung
-gewendet, wo sie den Kometen sicher niemals erblicken konnte. --
-
-Wir hatten uns vor Jahren auf eine sonderbare Weise kennen gelernt.
-
-Ich saß damals eines Tages auf der Terrasse des Café Josti am
-Potsdamer Platz. Es war an einem Nachmittag zur Pfingstzeit.
-Frühlingslebhaftigkeit war über allen Menschen. Blumenverkäuferinnen
-mit Flieder, Schneeballen und Pfingstrosen standen mit ihren breiten
-Körben draußen vor der Terrassenbrüstung neben den Zeitungsverkäufern.
-Damen mit neuen Sommerhüten und Herren mit neuen Strohhüten spazierten,
-eilten und schlenderten vorüber.
-
-Die langen Reihen der Straßenbahnen, die Autos und Lastkarren
-stockten manchmal, wenn einer der vielen Polizisten an den breiten
-Straßenmündungen die weißbehandschuhte Hand hob.
-
-Ich sah zufällig über den Platz hin und bemerkte, daß ein Schutzmann
-eine junge Dame, die mit zwei Foxterrier den Fahrdamm überschreiten
-wollte, herübergeleitete, und daß die Dame, am Trottoirrand angekommen,
-ihr Portemonnaie zog, um den Schutzmann ein Trinkgeld zu geben.
-
-Die Umstehenden lachten. Der vielbeschäftigte Schutzmann aber grüßte
-nur kurz und ließ die Dame stehen. Diese erkannte die Verlegenheit, in
-die sie den Schutzmann und die Umstehenden gebracht hatte, und darüber
-etwas ratlos, gab sie das Geldstück, das sie nun einmal in der Hand
-hielt, einer Blumenverkäuferin.
-
-Diese meinte natürlich, die Dame wolle eines ihrer kleinen
-Moosrosensträußchen kaufen, und beeilte sich, ihr einen Strauß aus
-ihrem Korb zu geben. Indessen schritt aber die Kurzsichtige schon zum
-Eingang der Terrasse des Cafés. Die Blumenverkäuferin wußte nun nicht,
-wem sie das Sträußchen geben sollte, und gab es einem Herrn, der den
-Verkauf beobachtet hatte, und bat ihn, der Dame nachzueilen.
-
-Der Herr lachte und holte die Dame gerade am Eingang des Cafés ein.
-Dort zog er höflich den neuen Strohhut, verneigte sich und reichte
-der Kurzsichtigen den kleinen Rosenstrauß. Sie sah den Herrn erstaunt
-von der Seite an. Ohne ihn einer Antwort zu würdigen, ließ sie ihn
-mit den Blumen stehen, denn sie hielt ihn augenscheinlich für einen
-Zudringlichen und glaubte wahrscheinlich, die Überreichung des
-Sträußchens bezwecke eine Annäherung. Dann stieg die Dame die wenigen
-Stufen zur Caféhausterrasse empor, und die Foxterrier, die in der Hitze
-mit offenen Mäulern stoßweise atmeten, zogen die Dame seltsamerweise
-nach meinem Tisch hin.
-
-Vielleicht hatten die Terrier mein Interesse, das ich an ihrer Herrin
-nahm, in Fernwirkung empfunden. Denn ich hatte die Ankommende zwischen,
-über und neben den Köpfen der um mich Sitzenden mit meinen Augen
-aufmerksam verfolgt.
-
-Und nun saß sie nach einer Weile neben mir. Die Hunde lagen unter
-dem Tisch. Sie entnahm einer Handtasche ein kleines Taschentuch und
-säuberte eifrig die Gläser ihres Lorgnons.
-
-Sie war unauffällig geschmackvoll gekleidet. Ich erinnere mich, daß
-ein großer, brauner Strohhut mit sehr breiter Krempe mir ihr Gesicht
-verdeckte, das ich nur einen Augenblick vorher gesehen hatte. Es war
-mild und blaß, und zwei dunkelbraune Augen schauten aus ihm in die
-Welt, ohne die Welt genau zu sehen.
-
-Die Dame kam mir damals vor, als ginge sie in einer Dunkelheit und
-müsse sich im Gehen und Handeln mehr auf ihren Instinkt als auf ihre
-Augen verlassen.
-
-Sie hatte bei dem vorüberrennenden Kellner eine Limonade bestellt. Der
-Kellner hatte mir eben auch meine Limonade gebracht. Ich las dann aber
-in meiner Zeitung weiter und wurde für ein paar Augenblicke von einem
-Artikel gefesselt. Als ich wieder aufsah, trank die Kurzsichtige neben
-mir meine Limonade aus meinem Glase.
-
-Ich rührte mich nicht und ließ die Dame im Glauben, daß das ihre
-Limonade war. Bis der Kellner kam, hatte sie das Glas ausgetrunken. Und
-als er die bestellte Limonade vor sie hinsetzte, sah sie ihn erstaunt
-an, nahm ihr Lorgnon vor die Augen und bemerkte nun auch mich. Aus
-ihren Bewegungen konnte ich ersehen, wie sie sich über sich ärgerte.
-Ich dachte, sie würde mir jetzt ihre Limonade anbieten und eine
-Entschuldigung vorbringen. Sie aber ließ ihr Lorgnon fallen, zuckte
-mit der einen Schulter, legte rasch Geld aus ihrem Portemonnaie auf
-den Tisch und murmelte dabei: »Das ist doch unverschämt.« Dann stand
-sie mit einem Rucke auf, zog ihre Hunde, die sich eben zum Schlafen
-hingestreckt hatten, hinter sich her und verließ offensichtlich
-geärgert die Terrasse.
-
-In der Schnelligkeit hatte sie nicht bemerkt, daß ihr Taschentuch
-von ihrem Schoß unter den Tisch gefallen war. Ich war aber durch den
-Ausspruch »Das ist unverschämt« so verwundert, daß ich mich nicht
-gleich bücken mochte. Dann aber belustigte mich das Ganze. Ich nahm das
-Taschentuch an mich, und als der Kellner kam, fragte ich ihn, ob er die
-Dame kenne, die eben da gesessen.
-
-»Ja,« sagte er, »sie hat ein paar Mal morgens ihren Kaffee hier
-getrunken. Sie scheint sehr zerstreut zu sein. Neulich hat sie in
-Gedanken unsere Getränkekarte beim Aufstehen mitgenommen, und als einer
-von uns sie darauf aufmerksam machte, zeigte es sich, daß sie geglaubt
-hatte, ihr Notenheft in der Hand zu halten. Sie ist Musikschülerin, und
-ich sah sie auch schon öfters mit einem Geigenkasten vorübergehen. Sie
-muß hier in der Nähe wohnen.«
-
-Ich hatte das Taschentuch zu mir gesteckt und mir vorgenommen, es der
-jungen Dame selbst auszuhändigen, wenn ich sie einmal wieder sehen
-sollte.
-
-Gleich am nächsten Nachmittag, ungefähr um die selbe Stunde, traf ich
-die Kurzsichtige wieder. Diesmal war sie ohne ihre Hunde.
-
-Sie stand an dem Schaufenster eines Photographen und betrachtete
-durch ihr Lorgnon die Bilder. Der Kasten befand sich dicht an einer
-Straßenecke.
-
-Ich war auf der anderen Seite der Straße und mußte einige Automobile
-vorüberfahren lassen, ehe ich den Fahrdamm überschreiten konnte. Als
-ich dann durch das Wagengedränge hinüberkam, sah ich, wie die Dame,
-immer noch mit dem Lorgnon vor den Augen, um die Ecke der Straße ging.
-Dort mußte sich ein zweiter Photographenkasten befinden, denn sie sah
-mit voller Aufmerksamkeit gegen das Haus.
-
-Ich zögerte einen Augenblick, ihr sofort zu folgen, und stellte mich
-vor die Bilder an den Kasten, vor dem sie vorher gestanden. Mein Herz
-klopfte ein wenig, als ich überlegte, mit welchen Worten ich ihr das
-Taschentuch überreichen sollte hier an der Straßenecke. Wahrscheinlich
-würde sie mich gar nicht anhören, wenn ich mich verbeugen und meinen
-Hut ziehen würde. Vielleicht würde sie mich kurz angebunden stehen
-lassen, wie sie den Herrn neulich mit dem von ihr selbst bezahlten
-Rosenstrauß hatte stehen lassen.
-
-Nur wenige Augenblicke überlegte ich das alles und stellte mir vor:
-wenn ich jetzt um die Ecke des Hauses treten würde, wollte ich mich
-zuerst neben sie stellen und die Widerspiegelung ihres Gesichtes in
-dem Schaukasten ein wenig beobachten, ehe ich sie anspräche. Ich
-konnte sehen, daß sie noch dort stand, denn ich sah die Spitze ihres
-grünseidenen Sonnenschirms.
-
-Zugleich bemerkte ich aber jetzt, daß die meisten Leute, die an
-der Dame vorübergegangen waren und um jene Straßenecke bogen, sich
-erstaunt, verblüfft oder belustigt lachend nach ihr, die nur mir noch
-verborgen war, umsahen.
-
-Es war doch nicht möglich, daß sie alle diese Leute kannte! Auch sah
-ich nicht, daß ein einziger von ihnen grüßte oder gegrüßt hatte. Einige
-sogar kehrten um, und ich sah an den Schatten, die über den weißen
-Asphalt der Straße fielen, daß sich Menschen dort ansammelten, wo sie
-stand.
-
-Was ist da nur so Urkomisches an dem Schaukasten des Photographen zu
-sehen, fragte ich mich.
-
-Ich trat nun um die Ecke des Hauses. Da war gar kein Photographenkasten
-an der Wand. Da war auch kein Plakat, keine Inschrift. Da war nur eine
-leere Mauer, eine einfach gekalkte Wand, an deren Mörtel für mich
-nichts zu sehen war. Aber vor der Wand stand jene Dame, die ich suchte,
-mit ihrem Lorgnon vor den Augen und sah so hin und her an der Wand, ein
-wenig hinauf, ein wenig zur Seite, ebenso wie sie es vorher vor dem
-Schaufenster getan hatte.
-
-In einigem Abstand hinter ihr waren die Leute stehen geblieben,
-vorübergehende Herren und Damen, Dienstboten und Arbeiter, die sich mit
-Gesten und Blicken stumme Zeichen machten.
-
-Ich begriff nun: die Kurzsichtige mußte tief in Gedanken sein, und weil
-sie an der einen Seite der Ecke vorher Bilder betrachtet hatte, schien
-sie auch hier Bilder erwartet zu haben, und schien im Geist auch solche
-zu sehen.
-
-Das Ganze spielte nur wenige Sekunden. Dann schien die Dame sich bewußt
-zu werden, daß die Wand leer war.
-
-Auf diesen Augenblick mußten alle Umstehenden gewartet haben. Mit
-demselben Ruck, mit dem die Kurzsichtige gestern vom Tisch aufgestanden
-war, trennte sie sich plötzlich von der leeren Wand, erleuchtet von
-einer schreckhaften Erkenntnis ihrer Zerstreutheit. Dann schob sie das
-Lorgnon zusammen und schritt energisch an den Leuten vorbei, in Flucht
-vor dem grausamen Lächeln der anderen. Sie überquerte den Fahrdamm und
-trat drüben mit demselben Ruck und Eifer in einen Schreibwarenladen ein.
-
-Nun wußte ich, ich würde ihr öfters begegnen, und ich beeilte mich
-nicht, ihr mit dem Taschentuch nachzulaufen. Ich hatte an ihrem Gang
-gemerkt, daß sie in dieser Straße zu Hause war. Sie schien immer zu
-dieser Stunde Besorgungen oder einen Spaziergang zu machen.
-
-Ich hatte aber nicht gedacht, daß ich bald ihren Namen erfahren würde,
-ohne sie danach gefragt zu haben.
-
-Einen Tag später merkte ich zu meinem Erstaunen, daß von dem
-Schreibwarenladen, in welchem jene Dame neulich eingetreten war, bis zu
-einem Haus nahe bei jenem, in welchem meine Wohnung lag, Visitenkarten
-reihenweise hingefallen lagen. Es regnete, und einige Karten waren
-von den Füßen der Straßengänger in den Rinnstein geschoben worden.
-Dort schwammen sie im Regenbach entlang der Straße, wie weiße, kleine
-Gondeln.
-
-Als ich eben an der Haustüre, wo das letzte Visitenkartenhäufchen lag,
-vorübergehen wollte, öffnete sich diese und eine Frau trat heraus,
-die die Hausmeisterin jenes Hauses sein mußte. Sie schlug die Hände
-zusammen und sah schmunzelnd und lachend auf die verlorenen Karten. Und
-als sie mich auch staunen sah, erklärte sie mir, in ihrem Hause wohne
-eine kurzsichtige und sehr zerstreute Geigenspielerin. Die habe ein
-Paketchen Visitenkarten so ungeschickt nach Hause getragen, daß sie
-alle Karten auf dem Wege zwischen dem Laden und der Haustüre verloren
-habe. Die Schachtel, die seitlich zu öffnen gewesen, habe sie leer nach
-Hause gebracht, da die Gummischnur unterwegs zerrissen war, die das
-Päckchen zusammengehalten hatte. Die Dame schäme sich nun fürchterlich
-oben in ihrem Zimmer, und darum habe sie die Hausmeisterin gebeten,
-hinauszugehen und die Visitenkarten aufzulesen.
-
-Ich benützte die Gelegenheit und gab der Hausmeisterin, als sie mir
-eine Visitenkarte gezeigt hatte, das Taschentuch, das die Dame neulich
-im Café hatte liegen lassen.
-
-»O,« sagte die Frau, »sie weiß nie, wohin ihre Taschentücher
-verschwinden. Aber über die ganze Stadt liegen ihre Taschentücher
-zerstreut.«
-
-Dann fragte mich die Hausmeisterin, ob ich der Herr sei, der im
-Nebenhause die Atelierwohnung gemietet habe.
-
-Als ich es bejahte, sagte sie, das kurzsichtige Fräulein habe die
-gleiche Wohnung in diesem Hause, Atelier, Schlafzimmer und Küche. Die
-Häuser seien Zwillingshäuser und hätten dieselbe Einteilung.
-
-Da schoß es mir durch den Kopf, daß vor einigen Wochen jemand nachts
-um zwölf Uhr, als ich mich ausgekleidet hatte, um zu Bett zu gehen,
-am Schloß meiner Flurtür mit einem Schlüssel herumgestochert hatte.
-Erst hatte ich geglaubt, es wäre ein Einbrecher, dann war mir das
-Geräusch doch zu selbstverständlich erschienen, und ich dachte, es
-müßte sich jemand im Stockwerk geirrt haben. Als nun die Hausmeisterin
-weiter erzählte, daß die kurzsichtige Dame eines Nachts die Haustüren
-verwechselt hätte, wußte ich, daß es die Kurzsichtige gewesen war, die
-mich an meiner Tür erschreckt hatte.
-
-Am nächsten Nachmittag war schönes Wetter, und ich stellte mich ans
-Fenster, um die Dame, wenn sie ausgehen würde, zu beobachten. Sie
-kam auch, wie ich mir gedacht hatte. Sie hielt in der einen Hand
-einen Brief, und dann sah ich, wie sie den Brief in ihre Seitentasche
-schob und langsamen Schrittes am Bürgersteig hinging bis zum nächsten
-Briefkasten. Dort aber steckte sie nicht den Brief in den Kasten,
-sondern ein kleines Futteral, das nur ein Brillenfutteral sein konnte.
-
-Ich mußte herzlich für mich lachen. Ich sah der Dame weiter nach. Sie
-überschritt die Straße und ging in eine Konditorei, wo sie in einem
-stillen Hinterzimmer ungestört ihren Nachmittagskaffee trinken wollte.
-
-Die Arme hat ihre Brille in den Briefkasten geworfen und wird sie sehr
-bald vermissen! Ich muß ihr die Brille wieder verschaffen und sie ihr
-in die Konditorei bringen.
-
-Sie war wie eine hübsche kleine Japanerin, harmlos und gedankenvoll,
-scheinbar immer der Welt entrückt.
-
-Ich nahm Hut und Stock und ging hinunter an den Briefkasten und
-wartete, bis der Radler auf seinem Postrad kam, der den Briefkasten in
-seine große braune Leinwandtasche leeren sollte. Ich sagte ihm, ich
-hätte aus Versehen mit einem Brief zusammen mein Brillenfutteral in den
-Briefkasten gesteckt.
-
-Er begriff mich erst nicht, und ich mußte meine Rede wiederholen.
-Dann lachte er, und mich ein wenig geringschätzig von Kopf bis zu Fuß
-ansehend, wie man einen bedauerlichen Dummkopf betrachtet, händigte er
-mir, nachdem er den Kasten aufgeschlossen, ein viel gebrauchtes und
-abgenütztes Brillenfutteral ein, in welchem eine Brille klapperte.
-
-In der Konditorei drüben fand ich die Dame dann bei einer Zeitung
-sitzend.
-
-Ich näherte mich ihr. Sie hatte ihr Lorgnon schnell bei der Hand, und
-es kam mir vor, als habe sie mich erstaunlicherweise erkannt; und doch
-war sie ein wenig sprachlos, denn wir kannten uns ja gar nicht. Aber
-die Hausmeisterin mußte ihr erzählt haben, daß ich ihr Taschentuch
-aufgehoben hatte.
-
-»Können Sie denn meinen Brief schon haben?« fragte sie. Bin ich denn
-stundenlang hier gesessen und weiß es gar nicht? setzten ihre unruhigen
-Augen hinzu.
-
-»Nein, Ihren Brief habe ich nicht bekommen. Aber ich habe Ihr
-Brillenfutteral, das ich Ihnen hier bringe.«
-
-»Um Gottes willen, wo habe ich das wieder liegen lassen?« stieß sie
-gequält hervor und sank auf einen Stuhl.
-
-»Im Briefkasten lag es,« sagte ich und zwang mich, ein möglichst
-harmloses Gesicht zu machen.
-
-Sie begriff sofort, und mit jenem Ruck, den es ihr immer gab, wenn eine
-blitzartige Erkenntnis über sie kam, griff sie nach ihrer Manteltasche
-und tastete darin nach dem Brief, den ich knistern hörte.
-
-Ohne aber den Brief aus der Tasche zu ziehen, bat sie mich, Platz
-zu nehmen, und berichtete mir, sie habe mir geschrieben und für das
-Taschentuch gedankt und zugleich um Entschuldigung gebeten, daß sie
-einen harten Ausdruck gegen mich gebraucht habe. Das Wort »unverschämt«
-sei ihr aber entfahren, weil sie mich für jenen Herrn gehalten habe,
-der ihr unverschämterweise einen Rosenstrauß am Eingang des Cafés
-angeboten. Sie hätte im Brief dazugesetzt, daß sie sich persönlich
-entschuldigen wollte, wenn wir uns einmal begegnen würden.
-
-Dann erzählte sie mir seufzend, daß ihre Kurzsichtigkeit und ihre
-Zerstreutheit ihr schon viel Schabernack gespielt habe.
-
-Das wußte ich schon. Wir sprachen dann von etwas anderem, von Musik,
-von Tagesangelegenheiten, und waren nach einer Weile wie alte Bekannte
-geworden.
-
-Die Konditorei hatte noch ein kleines Nebenzimmer, in welchem an einer
-Säule ein Springbrunnen plätscherte, um den Wassergläser standen, die
-zum Kaffee gereicht wurden.
-
-Der Springbrunnen störte mich ein wenig mit seinem plätschernden Laut,
-der so einförmig wie ein Regenfall war. Es fiel mir auf, daß während
-unseres Gespräches die kurzsichtige Dame öfters leicht bekümmert zur
-Seite horchte, und dann sprach sie vom schlechten Wetter der letzten
-Tage.
-
-Ich hielt das für eine Eigenart von ihr und dachte, sie leide
-vielleicht bei schlechtem Wetter an Gliederreißen oder etwas Ähnlichem.
-
-Nach einer Weile stand ich auf und verabschiedete mich von ihr. Sie
-sagte, daß sie das Wetter erst abwarten wollte.
-
-Ich glaubte, sie fühle ein heraufziehendes Gewitter kommen und fürchte
-sich zu Hause allein zu sein.
-
-Ich ging, und als ich nach ein paar Stunden wieder am Laden vorüberkam
--- es war inzwischen kein Unwetter gewesen, schöner stiller Himmel und
-Sommerabend voll Sterne und Klarheit --, da stand der Konditor unter
-der Türe und blinzelte mir mit den Augen zu und sagte:
-
-»Ihre Dame ist eben erst fortgegangen!«
-
-»Welche Dame?« fragte ich ganz in Gedanken und erstaunt.
-
-»Nun, die Kurzsichtige, die im Hause neben Ihnen wohnt. Sie hat beim
-Geräusch von meinem Springbrunnen geglaubt, daß es regnet, und hat
-Kaffee getrunken und Chokolade getrunken und Limonade getrunken und
-alle Zeitungen gelesen, weil sie bei dem trostlosen Regenabend, wie sie
-sagte, nicht zu Hause sitzen wollte, und weil sie ein Kleid anhatte,
-von dem sie behauptete, daß es von den Regentropfen Flecken bekommen
-könnte. Dann hat sie gegessen und getrunken und gelesen. Endlich
-hat sie einen meiner Gehilfen zu sich gerufen und hat ihn zu ihrer
-Hausmeisterin hinübergeschickt und hat sich ihren Schirm holen lassen.
-Die Frau konnte gar nicht begreifen, warum das gnädige Fräulein bei dem
-schönen klaren Abend einen Schirm nötig habe. Wir waren ebenfalls sehr
-erstaunt, bis die Dame beim Fortgehen zur Ladentür kam und verwundert
-entdeckte, daß kein Tropfen Regen fiel. Dann ist sie aber ganz wütend
-über sich selbst fortgerannt, und war wahrscheinlich ärgerlich,
-daß sie den schönen Abend im Laden verbracht und den plätschernden
-Springbrunnen für einen Regen gehalten hatte.«
-
-Sie lebte das Leben auf ihre eigene Weise. Und als ich sie einmal
-befragte, ob sie sich nicht fürchte, überfahren zu werden, wenn sie so
-in Gedanken sei, sagte sie: »Nein, ich habe meinen eigenen Gott, dessen
-Schutz ich mich immer empfehle.«
-
-»Was ist das für ein Gott?« fragte ich.
-
-»Der Gott der Idioten,« sagte sie schmunzelnd und kicherte ein feines
-Lachen, das ihr sehr gut stand.
-
-Unter anderem war ihr auch einmal passiert, daß sie nach einem
-Mittagessen in einem Restaurant beim Fortgehen einen großen silbernen
-Löffel senkrecht vor sich hergetragen. Und als der Kellner sie
-aufmerksam gemacht, daß sie ja einen silbernen Löffel mitnähme, war
-sie zu Tod erschrocken gewesen, denn sie hatte geglaubt, sie halte den
-silbernen Griff ihres Sonnenschirms in der Hand.
-
-Als ich sie dann zum letztenmal sah, es war an einem Hochsommerabend,
-da ich von einem Ausflug heimradelte, begegnete sie mir in unserer
-Straße. Sie schien sehr in Hast zu sein, als wenn sich wieder etwas
-ereignet hätte, was sie kopflos machte.
-
-Ich ließ meine Fahrradklingel trillern, vielleicht etwas heftiger als
-sonst, da ich die Dame zum Aufschauen zwingen wollte, um sie grüßen zu
-können. Aber mein Schrecken war groß. Kaum, daß meine Glocke schrillte,
-lag die junge Dame flach auf der Erde wie umgeklappt, als wenn ein
-unsichtbares Fahrrad über sie fortgeradelt wäre.
-
-Ich sprang ab und half ihr auf und entschuldigte mich, sie erschreckt
-zu haben.
-
-Sie war tief in Gedanken gewesen, sagte sie, und das laute Klingeln
-schien ihr so nah, daß sie sich geduckt hatte, ausgeglitten und
-gefallen war mit dem Gefühl, sie sei überfahren worden.
-
-Nachdem sie sich aufgerichtet und ein wenig erholt hatte, erklärte sie
-mir, sie wäre so schreckhaft, weil oben bei ihr ein betrunkener Mensch
-auf der Treppe läge. Sie wolle morgen aufs Land reisen und habe ihren
-Koffer gepackt, und sie würde erst im Herbst in die Stadt zurückkehren.
-Sie fürchtete, der Betrunkene sei vielleicht ein Einbrecher gewesen,
-der sie bestohlen habe. Sie habe die Hausmeisterin rufen wollen, diese
-sei aber nicht zu Hause gewesen, und nun wäre sie fortgerannt, um an
-der nächsten Straßenecke einen Polizisten zu holen, denn jener liege
-quer über den Treppenabsatz, und sie getraue sich nicht, über ihn
-hinwegzusteigen.
-
-Ich erbot mich mit ihr hinaufzugehen, um den Betrunkenen aufzuwecken
-und fortzuweisen.
-
-Sie dankte mir, und wir gingen in ihr Haus, und atemlos horchend
-stiegen wir zusammen hinauf.
-
-In dem Stockwerk, das unter ihrer Wohnung lag, sagte ich, sie solle
-warten. Mit meinem Stock tüchtig aufstampfend, um den unverschämten
-Eindringling zu stören, ging ich allein höher.
-
-Nichts regte sich in der Dämmerung des Treppenhauses. Auf dem
-Treppenabsatz stand in der Ecke ein gepackter Korbkoffer und quer
-bei der Treppe, in einen Plaidriemen eingeschnallt, lag ein langer
-zusammengerollter Reiseschal. Diesen muß die Kurzsichtige für einen
-Menschen gehalten haben.
-
-Ich rief ins Treppenhaus hinunter, und die Dame kam scheu und
-vorsichtig heraufgestiegen und wollte es mir nicht glauben, daß kein
-Mensch da wäre und daß nur ihr zusammengerollter Reiseschal sie
-erschreckt hätte. Sie behauptete, der Mensch wäre fortgelaufen.
-
-Ich sah es ihr an, wie sie sich schämte, es sich selbst einzugestehen,
-daß sie wieder getäuscht worden sei. Ich fragte, ob sie den Menschen
-durch ihr Lorgnon gesehen hätte. Nein, sie hatte ihr Lorgnon vergessen,
-wollte aber trotzdem nicht zugeben, daß sie den Reiseschal für einen
-Menschen angesehen hatte. Dann bat sie mich, da ich mal oben war, einen
-Augenblick bei ihr einzutreten.
-
-Drinnen in den Zimmern war alles in größter Unordnung. Wie buntes
-Gemüse lagen die Dinge durcheinander, und sie entschuldigte sich,
-daß sie mit dem Packen noch nicht fertig sei. Ich mußte zwischen
-verschiedenen Gegenständen in einer Ecke des Sofas Platz nehmen.
-
-Dann ging sie in die Küche, wo die Terrier eingeschlossen waren, die
-ihr sehr zugetan schienen. Sie konnte aber den Knoten der Schnur, die
-an die Türklinke angebunden war, nicht aufmachen, und so ging ich hinzu
-und half ihr.
-
-Mein Blick fiel zufällig, während ich den Knoten löste, auf
-einen Kohlenkasten, der da stand, und ich wurde von ein paar
-seltsam blauen Papieren, die dort lagen, angezogen. Es schienen
-zerknitterte Geldscheine zu sein. Ich hob dann auch wirklich ein
-paar Hundertmarkscheine auf, die, wie sich herausstellte, das ganze
-Reisegeld der Dame waren. Das Geld hatte sie vorher erst von der Bank
-geholt. In der Meinung, es seien alte blaue Briefumschläge, hatte sie
-die Geldscheine in der Hast des Packens fortgeworfen, während sie den
-leeren Briefumschlag sorgfältig in ihre Handtasche gesteckt hatte.
-
-Nun begann sie vor Schrecken zu weinen, und wie zu ihrer Entschuldigung
-sagte sie:
-
-»Jemand hat mir nicht nur mein Herz, sondern auch meinen Kopf
-gestohlen.«
-
-Später, als sie mir sehr schön auf ihrer Violine vorgespielt hatte,
-sagte ich ihr, sie müsse mir das Bild dessen zeigen, der sie dem Gott
-der Idioten ausgeliefert habe.
-
-Sie zeigte mir das Bild eines jungen Kapellmeisters, der außer einem
-großen Haarbüschel, der ihm in die Stirn hing, nichts besonderes zu
-bieten schien. Und ich war sicher, daß auch hier, in der Liebe zu dem
-Musikanten, ihre Kurzsichtigkeit ihr einen Streich spielte. Sicher
-liebte sie mehr die unklare Vorstellung, die sie sich von dem Menschen
-machte, als das klare Bild des Mannes selbst, das sie niemals sehen
-konnte.
-
-Ich war eifersüchtig auf diesen Haarmenschen, das fühlte ich, und
-ich fühlte auch, wie leicht es sein würde, diesen Nebenbuhler zu
-verdrängen, der, wie mir schien, seine Rolle im Herzen der jungen Dame
-bereits ausgespielt hatte. Ich tat, wozu mich mein Herz drängte, und
-warb von dieser Stunde an um jenes Mädchen. Ich folgte ihr nach aufs
-Land, wo sie den Sommer verbrachte, und im nächsten Winter besuchte ich
-in Berlin mit ihr Konzerte und Vergnügungen.
-
-Nachdem wir glückliche Monate verlebt hatten, in denen ich ihre
-Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit zuerst als eine belustigende
-Lebenswürze genossen hatte, wurde ich allmählich von dem Doppelleben,
-das sie führte, nervös, denn es war auf die Dauer unheimlich, wieviel
-Zeit und Lebenskraft sie aufwenden mußte, um die Abenteuer zu
-überstehen, die ihr ihre Zerstreutheit und Kurzsichtigkeit bereiteten.
-Und Tage reichten oft nicht aus, gut zu machen, was sie in Sekunden der
-Zerstreutheit harmlos sich und anderen angetan hatte.
-
-Sie ging später auf Konzertreisen, und wir schrieben uns immer
-seltener. Ohne daß wir uns Vorwürfe machten, fühlten wir beide, daß die
-Zeit unserer Innigkeit vorüber war. Die junge Dame fand viele Verehrer,
-denn sie war liebreizend und von heiterer Gemütsart und wurde nicht
-einmal verstimmt, wenn sie an ihre Kurzsichtigkeit und Zerstreutheit
-erinnert wurde. --
-
-Nun stand sie dort, nicht weit von mir, im Schnee und suchte den
-Kometen, der im Westen stand, mit ihrem Opernglas im Osten. Und ich
-hielt ihre beiden Terrier, die zitternd zu meinen Füßen saßen, an
-meinem Spazierstock, den sie für einen Baumast gehalten hatte, fest.
-
-Bald aber bemerkte ich, daß meine Freundin ihr Opernglas gar nicht mehr
-zum Himmel richtete, sondern daß sie den Hügelabhang hinuntersah, wo
-immer noch einzelne Menschen bergauf stiegen.
-
-Während ihre Augen noch suchten, trat die dunkle Gestalt eines jungen
-Mannes an ihre Seite. Er hielt einen Schneeballen in der Hand. Er
-schien sie zu begrüßen und schien der zu sein, den sie mit ihrem
-Opernglas im Himmel und auf Erden gesucht hatte. Er streckte ihr den
-Schneeballen hin, den sie in ihrer Kurzsichtigkeit für seine Hand
-hielt, worüber er laut auflachte. Worauf sie den Schneeballen nahm und
-ihm denselben vertraulich an die Brust warf.
-
-Da zog ich meinen Stock vom Baum zurück und streifte den Riemen, an
-denen die Hunde gebunden waren, vom Spazierstock ab und sagte zu den
-beiden Tieren: »Lauft!«
-
-Die munteren Tiere verstanden mich sofort und sprangen kläffend zu
-ihrer Herrin. Ich ging indessen langsam zu einer Bank, wo ich mich
-niedersetzte.
-
-Von der Kurzsichtigen hörte ich einen Ausruf des Erstaunens. Sie
-glaubte, die Hunde hätten den Baumast abgebrochen.
-
-Der junge Mann lachte und rief laut: »Das glaube ich niemals. Du wirst
-die Hunde an die Luft angebunden haben.«
-
-Ich hätte ihm am liebsten eine Ohrfeige geben mögen, da er so
-respektlos zu ihr sprach. Aber ich sagte mir, er wird wahrscheinlich
-mit ihr schon hundert ähnliche Fälle erlebt haben und hatte das Recht
-zum Lachen.
-
-Nun hörte ich, wie die junge Dame sagte, sie wolle den Baumast ansehen.
-Er könne sich überzeugen. Der Ast müsse abgebrochen sein.
-
-Ich sah, wie sie zum Baum ging und dort in die Luft fühlte, wo mein
-Stock gewesen. Aber da war in ihrer Handhöhe weder oben noch unten
-irgendein Zweig am Stamm. In doppelter Menschenhöhe erst setzten die
-Zweige der Tanne an.
-
-Sie sah sprachlos am Baum empor und begriff jetzt erst, daß sie sich
-getäuscht haben müsse.
-
-»Aber es war doch ein daumendicker Ast da,« hörte ich sie versichern.
-
-»Was du gesehen und gefühlt hast, braucht noch lange nicht ein Ast
-gewesen zu sein,« höhnte der junge Mann.
-
-»Es war ein Ast. Ich habe das Holz gefühlt. Wo ich bin, ist die Welt
-immer verhext,« erklärte sie zuletzt. »Denke dir, was mir gestern
-wieder passiert ist!«
-
-Sie kamen beide im Sprechen näher zur Bank, auf der ich mit
-hochgeschlagenem Mantelkragen und mit in die Stirn gezogener Pelzmütze
-saß und in den Himmel starrte. Ich brauchte bei ihrer Kurzsichtigkeit
-nicht zu fürchten, daß sie mich erkennen würde. Sie ließ sich in der
-Mitte der Bank nieder, kaum eine Handbreite von mir weg, während ihr
-Begleiter sich neben sie setzte.
-
-»Gestern abend, als du nicht kamst, wollte ich mir die Zeit vertreiben,
-und da ich Appetit auf einen Pfannkuchen hatte und ich seit Ewigkeit
-keinen selbstgebackenen Pfannkuchen gegessen habe, ging ich aus, um
-alles zum Backen Nötige einzukaufen. Ich kaufte die Sachen gleich
-in allernächster Nachbarschaft, Milch, Mehl und Eier. Unterwegs kam
-ich an einem Postkartenstand vorbei, wo in kleinen offenen Kasten
-Ansichtspostkarten geschlichtet lagen. Ich bücke mich mit Milchflasche,
-Mehltüte und Eiertüte und gehe langsam an dem Kasten entlang und
-betrachte mir die Postkarten. Plötzlich höre ich einen glucksenden Laut
-und sehe, daß die letzten Tropfen meiner Milchflasche auslaufen. Ich
-hatte beim Entlanggehen an dem Kasten meinen ganzen Milchvorrat über
-die verschiedenen Serienfächer des Ansichtskartenverkaufes gegossen,
-denn der Kork hatte sich von der Flasche gelöst. Ich war außer mir vor
-Schrecken und rannte davon.
-
-In meiner Aufregung presse ich aber unterwegs die Mehltüte und das
-Eierpaket fest an mich, um sie ja nicht zu verlieren. Bei meiner
-Haustür angekommen, scheint mir die Mehltüte unverhältnismäßig dünn
-geworden zu sein. Ich ahne nichts Gutes und bemerke auch zugleich
-hinter mir eine weiße Mehlfährte, die von der Postkartenhandlung bis
-zu meiner Haustüre führte. Die Tüte war geplatzt, und das Mehl war
-ausgelaufen. Ich warf die leere Tüte in den Rinnstein. Als ich oben in
-meinem Zimmer die Eiertüte öffnete, war nur noch eine gelbe Brühe und
-zerbrochene Eierschalen im Papier. Verzweifelt habe ich mich aufs Sofa
-gesetzt, habe gehungert und geweint und endlich musiziert.«
-
-Diese letzten Worte sprach die Kurzsichtige zu mir, denn sie hatte
-wahrscheinlich vergessen, auf welcher Seite der Bank ihr Begleiter
-saß. Dann nahm sie ihr Lorgnon, und ich dachte schon, sie wolle sich
-klar machen, daß sie nach der falschen Seite hinsprach. Aber nein.
-Sie betrachtete meinen Stock, griff mit der Hand danach, immer noch
-meinend, daß ich ihr Begleiter sei und rief jubelnd:
-
-»Da hast du ja den Baumast in der Hand! O, du Falscher, du hast ihn
-heimlich abgebrochen, damit ich glauben sollte, ich hätte mich geirrt.«
-
-»Entschuldigen Sie, das ist mein Stock,« erwiderte ich ruhig und stand
-auf.
-
-Ich wußte, sie hatte meine Stimme erkannt, denn es wurde grabstill
-neben mir. Da rief der junge Mann, der während der ganzen Zeit mit dem
-Opernglas den Himmel abgesucht hatte, laut:
-
-»Ich habe den Kometen gefunden!«
-
-Ich hörte noch wie sie tief aufatmete und doppelsinnig sagte: »Ich habe
-auch einen entdeckt, trotz meiner Kurzsichtigkeit, aber er ging so
-schnell, wie er einmal kam.«
-
-
-
-
-Das Iguanodon
-
-
-In einem überheißen August kam ich über die Alpen durch Tirol an den
-Gardasee.
-
-Ehe man in Torbole oder Riva aussteigt hat der Zug hinter Mori ein
-ungeheueres, von einem vorzeitlichen Bergsturz verwüstetes Gesteintal
-durchklettert, darin ein grüner sterbender Seetümpel liegt. Dort an den
-zackigen Steinblöcken, die um den Tümpel liegen und zu Tausenden das
-Tal füllen, lebt auch noch im Sonnenschweigen vor deinem inneren Ohr
-das Gekrach und Gedröhn jener furchtbaren Minuten auf, als hier einst
-in grauester Vergangenheit ein Berg den anderen erschlagen wollte. Man
-glaubt, ein wahnwitziger Fluch sei damals ausgestoßen worden und habe
-rundum die Steine und die Bergwände in Bewegung gesetzt.
-
-Die Legende erzählt, daß sich Dante hier den Eingang zur Hölle
-vorgestellt hätte, den er in der Göttlichen Komödie schildert. Wie
-ungeheuerliche, versteinerte Qualen, wie ein himmelragender steinerner
-Dornenkranz starrt das spitzige, verwitterte Gebirge, von Wolken
-umraucht, im Norden des Gardasees in den Himmel. Es sieht aus, als
-wären höllische Blitze und höllische Erdbeben die Baumeister dieser
-Bergungetüme gewesen.
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-Während im Süden der Gardasee sich in breiter sonniger Fläche dem
-heiteren Himmel Italiens und unendlicher Fruchtbarkeit entgegenstreckt,
-ragen im Norden die kahlen Alpenketten wie Ambosse der Götter in den
-Himmel, und es ist, als würden dort furchtbare Schicksale geschmiedet.
-
-Freunde hatten mir geraten, in Torbole zu wohnen, wo viele Österreicher
-im Sommer baden, und wo am See ein lustiges Leben herrscht. Andere
-hatten mir das stillere Malcesine empfohlen, das am Fuß einer Burg bei
-schönen Gärten liegt.
-
-Ich kannte den Gardasee noch nicht, und nachdem ich mir die beiden Orte
-angesehen, war mir der eine zu lebhaft, der andere zu langweilig schön.
-Und eines Morgens ließ ich mich von einem Schiffer auf die Seefläche
-segeln, um hier zwischen Himmel und Wasser zu überlegen und Entschlüsse
-zu fassen, wo ich bleiben wollte.
-
-Ich hatte an diesem Morgen zuerst den Ponalewasserfall besucht, der
-unweit Riva, zwischen zwei Felsen eingeklemmt, aus Himmelhöhe gegen
-den See niederstürzt. Da kam mir der Gedanke, daß ich auf dem Weg
-nach Malcesine, auf der anderen Seeseite am Tag vorher, einen Ort
-hatte liegen gesehen, am Fuß senkrechter Felsenwände, und daß mir dort
-die schönen Reihen der weißen Pfeiler von Zitronengärten von weitem
-aufgefallen waren. Diese sahen in der Ferne aus wie die marmornen
-Tasten einer riesigen Orgel, und eine weihevolle Festlichkeit lag
-über diesen Hunderten von Säulen, die da, regelmäßig gereiht, die
-Felsenabhänge schmückten. Eine hübsche Kirche mit freistehendem
-Glockenstuhl und eine Schar dichtgedrängter hellgelber und rosenroter
-Häuser um einen kleinen Hafen, in welchem winzige italienische
-Motorboote lagen, waren mir noch gut in Erinnerung. Den Ort selbst
-hatte ich von meinen Bekannten nie nennen hören, und ich hatte ihn auch
-im Reisehandbuch übersehen. Ich bedeutete nun den Fischer, mich dorthin
-zu fahren.
-
-Jeder, der in Riva einmal übernachtet hat oder in Torbole am Gardasee,
-weiß, daß ihn dort nachts, wenn die ersten Sterne heraufziehen, ein
-seltsames Blitzlicht in Erstaunen setzte, das wie ein Wetterleuchten
-weit draußen mitten in der Seefläche auftaucht und bis in die Fenster
-des Hotels hereinleuchtet und auch kalkweiß über die Gesichter derer
-hinstreicht, die am Seeufer im Dunkeln einen Abendweg machen.
-
-Der Lichtstrahl sticht Nacht um Nacht an den beiden Seiten der
-Felsenwände hoch, die den See einschließen, und zeichnet für Sekunden
-scharf jeden Olivenbaum, jeden Ziegel der einsamsten Hütte am
-Felsengehäng und haut, wie ein weißes Schwert zertrennend, einen
-weißen Keil in die Finsternis. Ich mußte immer an das Flammenschwert
-denken, das den Eingang zum Paradies bewacht, wenn dieser Lichtstrahl
-unermüdlich Wasser und Gebirge bestrich in allen Stunden der Nacht.
-
-Ich erfuhr dann, daß jenes spukhafte Licht von den Scheinwerfern der
-kleinen italienischen Wachtschiffe kam, die dort, wo die Grenze von
-Italien quer über den See geht, in jeder Nacht hin und her fuhren, die
-Bergscheide und das Wasser nach Schmugglern abzuleuchten. Denn Tabak
-und Zucker wurden gern zur Nachtzeit von Österreich nach Italien über
-die Grenze geschleppt.
-
-Die Station dieser Nachtboote befand sich in jenem kleinen Ort, zu dem
-ich wollte, den die Dampfschiffe nur kurz bei der Rundfahrt um den See
-berühren, den nur manchmal einige Segelboote von Riva aus besuchen,
-und in dem sich noch kein Fremdengetriebe breit machte. Hart bei jenem
-Ort, ehe man um einen Felsenabhang segelte, zog sich, an Zitronengärten
-vorbei, die italienische Grenze hin.
-
-Dieses berichtete mir der Schiffer während der Segelfahrt und nannte
-mir den Namen des Ortes, der Limone heißt, dahin er mich jetzt bringen
-sollte.
-
-In der Seemitte packte plötzlich einer jener Sturmwinde unser Boot,
-die dort jählings ohne Vorboten einsetzen und den Segelnden gefährlich
-werden können.
-
-Wir flogen in dem kleinen Kahn vor dem Stoßwind her, und der See begann
-zu knirschen; schäumende Wasserwalzen rollten schneller, als das Boot
-fliehen konnte, an uns vorbei; Seile und Segel ächzten und schienen
-zerreißen zu wollen. Der See lebte ungeheuerlich. Seine Wellen schienen
-eine wandernde Tierherde zu sein, die sich durcheinanderschob, und
-alle Wellentiere schienen nach einer Richtung fortzustürzen.
-
-Knapp, ehe der Sturm seine Höhe erreichte, jagten wir mit dem Boot in
-das kleine Hafenviereck von Limone ein.
-
-Der Wind klirrte und fegte draußen über das Wasser. Aber hier in der
-Bucht war es windstill, schwül und dunstig. Die Riesenmauern des
-Berghintergrundes hielten jeden Windatem ab, und die Zitronen konnten
-hier gut reifen, wie Eier in einem Brutkasten. Das dachte ich, als ich
-den Fuß ans Land setzte.
-
-Land kann man zu dem Erdstreifchen dort nicht gut sagen, denn es ist
-nur spärlich Raum zwischen dem Felsengetürm eines ungeschlachten Berges
-und der Seefläche. Die einzige größere Gasse, die der Ort hat, ist so
-eng, daß sich die Leute von Haus zu Haus die Hände reichen können.
-
-Es war Mittag, und ich begegnete nur einigen Marinesoldaten der
-Zollflottille. Die Handwerker arbeiteten, ohne aufzuschauen, unter
-ihren Türen. Ein Esel schrie an einer Straßenecke, und die hohe
-Bergwand drückte beengend die Luft in den Gassen zusammen, in denen es
-nach Fischen und Olivenöl roch.
-
-Der Schiffer führte mich zum einzigen Gasthaus, das ein schmuckes altes
-Herrenhaus war und in einem Blumengarten gegen den See hin lag.
-
-In der Weltverlorenheit dieses italienischen Nestes fühlte ich mich
-wohl. Es war nichts banal Schönes hier. Aber etwas Geheimnisvolles,
-das mich schon aus der Ferne an diesen Ort gelockt hatte, tat mir
-auch jetzt wohl. Es schien mich hier etwas zu erwarten, vielleicht
-ein ungeheurer Schrecken, mit darauffolgendem süßem Aufatmen.
-Jedenfalls spürte ich ein neugieriges und angenehmes Gruseln an diesem
-totenstillen Flecken, wo keine Fremdenschwärme, keine Gasthäuser das
-Dasein kindisch machten.
-
-Es war mir zumute, wie wenn man nach langen eintönigen heißen Tagen
-ein Gewitter nahen fühlt, das mit seiner großen elektrischen Spannung
-die Welt auf den Kopf stellen, Totes lebendig machen und Leben in Tod
-verwandeln kann.
-
-Ich lese gern in der feurigen Schrift der Blitze. Wenn sie ihre großen
-Aussprüche auf das sonst so leere Blatt des Himmels schreiben, so ist
-mir, als läse ich in den Augen alter Propheten, und Schrecken und
-Erschütterungen, die sie über der Alltagswelt verbreiten, machen mich
-fruchtbar. Gewitter stärken mein Herz.
-
-Und unsichtbare Seelengewitter schienen hier in dem stillbrütenden,
-der Welt unbekannten kleinen Ort auf den Fremden zu lauern. Vom
-Augenblick an, da ich mich entschloß, durch den Schiffer, der mich
-hergesegelt, meinen Koffer aus Torbole holen zu lassen und hier in
-Limone zu bleiben, kam ich mir wie ein gewaltiger Unglücksucher vor.
-Wie einer, der in eine unterirdische Tropfsteinhöhle eingedrungen ist,
-die nur wenige vor ihm betreten haben, und die ihn in ein unheimliches
-Labyrinth lockt.
-
-Zwei Dinge, die ich liebe, waren es, die mich bestimmten, in Limone zu
-bleiben. Das erste war meine Vorliebe für den Duft von Zitronen und
-Zitronenblüten, das zweite meine Sehnsucht nach brütender Wärme.
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-Von diesen beiden Genüssen wurde ich reichlich hier gesättigt. Aber ich
-erwartete mehr als nur Gefühlsbefriedigungen. Ich weiß, daß aus Hitze
-und Duft Gebilde im Menschenhirn entstehen, wie aus den verschiedenen
-Elektrizitäten zweier Wolken die Blitze.
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-Auch war es mir wunderbar, jetzt an dem Ort zu sein, von dem nachts das
-große flammende Schwert des Scheinwerfers auf den See hinausgesendet
-wurde. Hier im Hafen lagen die kleinen Eisenboote, die die Seewache
-hatten von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Und ich fühlte mich
-wohl dabei, daß ich mich nicht mehr zu dem Lichtschein, der mich in
-Torbole nachts immer aufschauen gemacht und in die Ferne gelockt hatte,
-hinsehnen mußte. Ich war jetzt dort, wo das nächtliche Feuer geboren
-wurde.
-
-Der Wirt des Gasthauses, der zugleich Bürgermeister war, hatte ein
-langes Tiergesicht, und sein Körper war so sonderbar gebaut, daß er,
-wenn er vor mir stand, aussah, als stünde er bis zu den Knien im
-Erdboden.
-
-Er war noch jung, einige dreißig Jahre alt, sah aber müde aus wie
-jene grauen nickenden Esel, die lange schweigen und plötzlich
-ohrenbetäubende Schreie ausstoßen können. Dieser Mann war aber sonst
-ein angenehmer, höflicher und sorgsamer Wirt und arbeitete tagsüber
-in seinem gutgepflegten Garten, in welchem Oleanderbäume, Bambus,
-Geranienbüsche, Rosen und Myrten zu Seiten eines langen beschatteten
-Weinlaubenweges standen. In diesem grün überwölbten Weg hingen dicke
-dunkle Trauben, und am Ende lag dicht vor der weißen Steinschwelle und
-den weißen Steinpfosten der Gartentür das blaue Wasser des Sees wie ein
-abgrundtiefer Himmel.
-
-An der einen Seite des Gartens war eine überlaubte Spielbahn, wo
-nachmittags die italienischen Soldaten, Sizilianer, Neapolitaner,
-Genuesen, schwarzhaarige und braunhäutige Kerle, zwischen Vesper und
-Abendläuten mit viel Lachen und Witz ihr Boccia spielten.
-
-Die Küche des Gasthauses war bescheiden, der Wein gut und feurig.
-Mein steingepflastertes Zimmer, sauber und geräumig, sah nach dem See
-und dem Berg Monte Alto. Die Tageszeiten in Limone wurden nicht bloß
-durch das viele Läuten der Kirche eingeteilt, sondern auch von dem
-dreimaligen Vorüberfahren der großen Passagierdampfer, die täglich die
-Rundreise um den See machten.
-
-Unter einem großen japanischen Mispelbaum im Garten bei der Haustreppe
-nahm ich meine Mahlzeiten ein. Und hier spielten sich auch die Szenen
-jenes inneren Gewitters ab, das ich beim Betreten jenes schwülen, scheu
-versteckten Ortes vorausgeahnt hatte.
-
-Nach dem Mittagessen am Tage meiner Ankunft, nachdem ich auf meinem
-neuen Zimmer ausgeruht hatte, schlenderte ich in der Abenddämmerung
-durch den Ort. Als ich aus dem Garten auf die Straße trete, höre ich
-ein Gekicher, und an meiner Seite vorüber läuft ein zwergartiger
-Mann mit gewaltigen langen Armen, großem, höckerigem Kopf, wie ein
-Orangutang anzusehen, in eine Seitengasse hinein.
-
-Ein paar Frauenzimmer, die vor einer Haustüre auf niedrigen Hockern
-kauerten, rieben sich mit der Handfläche Mund und Wangen ab und
-deuteten mir mit ihren Augen an, daß der Zwergmensch sie beide
-unversehens eben umarmt und geküßt hatte. Die eine, die Ältere, drohte
-hinter ihm her mit ihrem Holzpantoffel, die andere hatte noch seine
-Mütze in der Hand, die sie ihm wahrscheinlich vom Kopf gerissen hatte,
-und sie schleuderte die Kappe dem Fortstürmenden mit einem kreischenden
-Zuruf nach.
-
-Ich war verblüfft über die Häßlichkeit des Zwerggeschöpfes, das sich so
-männlich und so kindlich zu gleicher Zeit gebärden konnte, und das sich
-jetzt aus der Ferne umschaute, seine Mütze an sich riß und den Frauen
-die Zunge herausstreckte.
-
-Ein wenig weiter fort begegnete ich einem kleinen verwachsenen Weib,
-das einen melonengroßen Kopf hatte. Die Frau reichte mir nicht bis zur
-Hüfte. Einen Krug trug sie in der Hand, den sie kaum schleppen konnte.
-
-Überall sah ich ähnliche Wesen. Neben den gut gewachsenen Gestalten
-unter den Ladentüren und in den Werkstätten stand oder saß oder
-schabernakte ein koboldartiges Zwergwesen. Es schien mir, als sei jede
-Familie mit solch einem Geschenk der Hölle belastet.
-
-Ich war bei meinem Weg durch die Gasse an alten eisernen kleinen Türen
-vorübergekommen. Die waren nur eine rostige Masse. Das verwitterte
-Eisen schälte sich wie die Rinde von Bäumen. Über die Türschlösser und
-Angeln und über das Gitter des Guckloches hingen verfilzte Spinnweben.
-Ganze Familien von großen Kreuzspinnen hausten da seit Jahrhunderten
-ungestört. Auch waren da ebenso zugesponnene und mit rostigen Gittern
-versehene, alte, erblindete Fenstervierecke. An die grauen Mauern dort
-waren mit Rötelstift und Kohle unflätige, brünstige Bilder mit ein
-paar Linien hingezeichnet, Bilder, wie sie nur in den Hirnen dieser
-ungebändigten und verwilderten Krüppelgestalten entstehen konnten.
-
-Als ich in der Abenddämmerung vor den Ort hinaus unter alte Olivenbäume
-kam, die dort in verrenkten Stellungen, verkrümmt und verwachsen, in
-Scharen mit ihrem graunebeligen dünnen Laubwerk in den Bergfeldern
-stehen, war mir, als seien die Zwerggeschöpfe der Stadt aus jenen
-ungestalten gespenstigen Olivenstämmen geboren worden.
-
-Als in der Dämmerung ein Esel, auf dem ein Weib und ein Knabe saßen,
-mit humpelndem Gang in dem unheimlichen Olivenhain, darin sich
-kein Blatt rührte, auftauchte, schauderte mich, weil ich in diesem
-zusammengepackten Tier- und Menschenhaufen wieder neue Verkrüppelungen
-zu sehen glaubte.
-
-Unter dem schleierartigen dünnen Laubgewebe der Oliven, deren Zweige
-sich nicht wiegen, durch die der blasse Abendhimmel fein zerkritzelt
-zur Erde sieht, hatte ich das Gefühl, als ob ein Netz von unheimlichen
-Erregungen -- das mich hier in Limone bald umgeben sollte -- schon nah
-über mir hing.
-
-Ich konnte nach kurzer Zeit in dem Hain nicht mehr weitergehen. Das
-stille Grauen in mir nahm so überhand, daß es mich forttrieb aus dem
-Kreise der grimassenreißenden Baumstämme, die umherstanden, gespalten
-und zerschlitzt, dreibeinig und zehnbeinig, mehr Tieren als Bäumen
-ähnlich.
-
-Ich wollte lieber zu den krüppligen Menschen des Ortes zurückkehren,
-als hier länger bei den hölzernen Urvätern der Krüppel zu weilen, die
-trocken und herzlos wie halbtote Greise, in sich versunken und in sich
-gekrümmt, den Weg begleiteten, der Schar aller Mühseligkeiten ähnlich,
-die einem lang Lebenden begegnen können.
-
-Zurückgekommen zum eisernen Gitter des Gasthausgartens sah ich
-gegenüber unter der trüben Petroleumlaterne, die als Straßenbeleuchtung
-an einer Hausecke hing, in einem kahlen Ladengelaß wieder einen
-Zwerg mit einem Stock stehen. Der Stock war ein Stück größer als
-der Zwerg, und es war doch nur ein gewöhnlicher Spazierstock. Mit
-diesem Stock deutete der Krüppel wichtig und sich höflich verneigend
-auf einen Tisch, an den er kaum mit der Nase hinaufreichen konnte.
-Dort lagen, sorgfältig nebeneinander gereiht, einzelne Birnen, große
-dicke Kochbirnen, die wir in Deutschland Katzenköpfe nennen. An
-der Tischkante stand eine brennende, flackernde Kerze, die in einem
-Zinnleuchter stak.
-
-Der Laden war ganz kahl. Ich hatte beim Fortgehen vor einer Stunde
-diesen Fruchtverkäufer noch nicht bemerkt. Es schien mir, als habe
-er seinen Verkaufsstand eben erst eingerichtet, vielleicht weil er
-gehört hatte, daß ein Fremder ins Gasthaus eingezogen war, was ihn
-unternehmungslustig gemacht haben mochte.
-
-Ein paar Schritte weiter bei einem Schuhmacher kauerte jener Zwerg, der
-vorhin die Weiber geküßt hatte; er glotzte in die beleuchtete Glaskugel
-des Schusters, bei deren grellem Blendlicht der Meister und seine
-Gesellen, auf dem Straßenpflaster hockend, arbeiteten.
-
-Die Gassen hinter den beleuchteten Köpfen verschwanden in Gewinkel und
-Finsternis, manchmal geteilt von kleinen Lichtscheinen, die aus Türen
-oder Fensterluken auf das Pflaster fielen.
-
-Auf der Mauer beim Gartentor meines Gasthauses hockten zwei
-andere Zwerge, die mich schweigend und argwöhnisch, wie zwei
-aneinanderhängende Affen, von der Mauerhöhe herunter beobachteten.
-
-Ich war verblüfft über die Unzahl von Mißgeburten und auch ermüdet
-von den neuen Reiseeindrücken, so daß ich schweigend vorüberging und
-nur mit einem Kopfnicken die lauten feierlichen Grüße der Krüppel
-beantwortete.
-
-Als ich dann in den Garten eingetreten war und mich zum Abendessen
-unter den Mispelbaum setzen wollte, unter eine wenig leuchtende
-Petroleumlampe, die in den Zweigen des Baumes hing, kam der Wirt zu
-mir und sagte mir, morgen würde das Zimmer neben dem meinigen besetzt.
-Er habe eben mit dem Abenddampfschiff einen Brief von einer Russin
-erhalten, die schon voriges Jahr den Herbst hier verbracht hatte. Die
-Dame habe zugleich geschrieben, daß ihr das Portemonnaie unterwegs
-gestohlen worden sei, und der Wirt hatte ihr noch mit dem selben
-Nachtschiff Geld nach Desenzano geschickt, wo sie übernachten wollte.
-
-Ich dachte sofort an eine Nihilistin, denn einer wohlhabenden
-Russin konnte es wohl kaum einfallen, dieses weltentlegene Ufernest
-aufzusuchen und hier einen Herbst zuzubringen; aber später hörte ich,
-daß die Dame die Gattin eines Generals war.
-
-Am nächsten Tag saß ich gegen Mittag auf dem Steinbalkon, der gegen den
-Garten hin vor dem Eßzimmer lag, unter dem sich die Küchenhalle befand.
-Ich schrieb Briefe und saß ohne Hut, und die Mittagssonne brannte auf
-meinem Kopf.
-
-Als ich mich später in dem Speisesaal, dessen Decke mit bunten
-mittelalterlichen Malereien, Wappen und Blumen bemalt war, zu Tisch
-setzte, sah ich vor der Glastüre, die auf den Korridor führte, eine
-kleine ältere Dame stehen, die, während sie einen Schleier um ihren
-Kopf band, zwischen den Vorhängen an der Glasscheibe hindurchblinzelte.
-Dann trat sie ein, und der Wirt folgte ihr und stellte sie als die
-russische Dame vor.
-
-Die Generalin hatte kleine, lebhafte, etwas belustigt zwinkernde Augen
-und machte viele kleine Bewegungen, die ihr etwas rührend Kindliches
-gaben. Als sie sich vor ihren Teller gesetzt hatte, begann sie sogleich
-mit mir eine lebhafte Unterhaltung und erzählte vom Comosee, von dem
-sie eben kam, und vom italienischen Dichter Fogazzaro, den sie dort in
-seiner Villa besucht hatte.
-
-Sie forderte blindlings Interesse von mir, weil sie sich für Fogazzaro
-und den Comosee interessierte. Aber mein Kopf schmerzte mich. Er
-wurde schwer, als wollte er anschwellen wie ein Zwergenkopf, und ich
-fühlte bald, daß ich beim barhäuptigen Sitzen in der Mittagsonne einen
-Sonnenstich bekommen hatte.
-
-Es wurde mir grau und weiß vor den Augen, und das ganze Zimmer mit der
-buntbemalten Decke und dem rotsteinernen Fußboden kreiselte um mich,
-als wäre es eine russische Schaukel.
-
-Ich wollte vom Tisch aufstehen, aber ich fühlte, daß ich umfallen
-würde. Während die Russin immer weiter sprach und mir nichts anmerkte,
-wartete ich still ab, bis ich mich wieder so stark fühlen würde, daß
-ich mein Zimmer ohne Hilfe erreichen konnte. Ich sagte dann der Dame
-im Fortgehen, daß ich glaubte, ich sei von einem Sonnenstich unwohl
-geworden.
-
-Ich legte mich auf mein Bett und ließ mir Eis bringen. Mir war bei
-jeder Bewegung sehr übel. Zugleich begann mich ein heftiges Fieber zu
-schütteln.
-
-Nach einer Weile klopfte es an meiner Tür, und die Russin brachte mir
-ein großes Senfpflaster, das sollte ich auf meinen Rücken legen.
-Während sie noch im Zimmer war, klopfte es wieder, und ich hörte die
-Stimme einer jungen Dame, die draußen mit dem Dienstmädchen sprach.
-Sie sagte, sie hätte im Hotel in Torbole im Fremdenbuch meinen Namen
-gelesen, und es war ihr gesagt worden, daß ich nach Limone gezogen sei.
-Ich erkannte die Stimme einer jungen Bekannten, die ich seit einem
-Jahre nicht gesehen hatte. Die Neuangekommene wollte, daß ich ihr
-Limone zeigen sollte.
-
-Ich ließ ihr sagen, daß ich halb im Sterben läge, und sie möchte
-entweder meinen Tod oder meine Genesung abwarten.
-
-Sie ließ mir darauf zur Antwort geben, daß sie einige Tage im gleichen
-Gasthaus in Limone wohnen bliebe.
-
-Den Sonnenstich im Kopf, ein Senfpflaster auf dem Rücken, einen
-Eisumschlag auf der Stirn und einen Herzchock in der Brust,
-hervorgebracht durch das bevorstehende Wiedersehen mit einem seltsamen,
-reizend schönen Mädchen, an das ich lange nicht mehr gedacht hatte,
--- so lag ich auf meinem Bett und mußte mich gedulden, bis die
-Sonne untergegangen war und in der kühleren Abendluft, bei den weit
-geöffneten Fenstern, der Blutandrang zum Gehirn schwächer wurde, und
-ich mich allmählich wieder gesund werden fühlte.
-
-Ulrike, die junge Dame, die mich so plötzlich besuchte, war Studentin
-der Chemie, und ich kannte sie aus Freiburg, wo sie studierte. Sie war
-eine jener schönen rothaarigen Frauen, die jetzt in Deutschland so
-selten werden. Sie hatte jene milchweiße Hautfarbe, mit leichtem rosa
-Hauch, die wie eine sanfte Kamelienblüte unter blauem Himmel leuchtet.
-
-Aber es ging nicht die Kühle der Blüte von diesem schönen Geschöpf
-aus. Das leuchtende Milchfleisch ihrer Wangen und ihres Nackens neben
-dem dumpfroten Haar war von einer leuchtenden Lüsternheit verklärt.
-Man hätte das junge Mädchen nie unverschleiert gehen lassen dürfen, da
-ihre Reize so stark waren, daß ihr Gesicht, ihre Hände und ihr Nacken
-beinahe schamlos wirkten, wie enthüllte Blößen.
-
-Im Mittelalter wurden solche verwirrend schöne Frauen den
-Folterknechten als Hexen hingegeben, und die Männerfäuste schlugen mit
-Wollust Wunden in dieses allzu aufreizende Frauenfleisch.
-
-So war Ulrike, die hier plötzlich auftauchte in jener Luft, in der
-ich seit Stunden das Herannahen ereignisschwangerer Augenblicke
-vorausgefühlt hatte.
-
-»Was suchen Sie hier?« fragte ich sie hundertmal in meinem Herzen,
-während meine Tür geschlossen war und ich den Besuch noch nicht gesehen
-hatte. Und Ulrikes Geist antwortete mir: »Ich suche Unruhe, Fieber. Ich
-suche, wenn es nicht Glück sein kann, Unglück, Vernichtung, wie du, wie
-ihr alle.«
-
-Als ich dann, des Fragens müde, erschöpft eingeschlafen war, weckten
-mich Mandolinenmusik und italienischer Gesang aus dem Garten.
-
-Ich stand auf. Es war Nacht geworden. Es mußte neun oder zehn Uhr
-sein. Ich fühlte mich ganz gesund. Draußen auf dem See suchte der
-Scheinwerfer des Wachbootes die Berge ab und schoß ab und zu in den
-Garten unten, wie ein Eindringling, zwischen die Bäume, und mir war,
-als müßte es jedesmal einen schrillen Laut in den Blättern geben,
-wenn der Lichtpfeil durch das schlafende Laub schoß, das dann wie
-Metallschlacken hell und dunkel aufglänzte.
-
-Wahrscheinlich hatte Ulrike schon den ganzen Ort zu Freunden. Während
-der paar Stunden, in denen ich schlief, und in denen die Russin, die
-fließend italienisch sprach, sie spazieren führte, hatte sie, das
-wußte ich gewiß, blendender als jener Lichtstrahl, der da ruckweise vom
-See in den Garten fegte, schon alle Männer des Ortes geblendet.
-
-Als ich im großen steinernen Treppenhause von meinem Zimmer in den
-unteren Stock hinabstieg, schallte mir einzig Ulrikes Stimme entgegen.
-Sie hielt einen Vortrag über Politik, über die Notwendigkeit, daß
-Italien zu Deutschland aufschaue, da es von Deutschland viel zu lernen
-hätte.
-
-Sie sagte in ihrer unverfrorenen norddeutschen Art, daß die Italiener
-lügen, betrügen, daß sie falsch seien und faul, kurz, sie sagte alle
-diese ungerechten Aussprüche, die unwissende Deutsche immer schnell
-bereit haben, wenn über Italien geredet wird.
-
-Ulrike erlaubte sich, da sie immer nur anbetenden Männeraugen
-begegnete, alles das in die Luft zu schreien, was man bei einigem
-Überlegen taktvoll zu verschweigen hat. Aber wahrscheinlich reizte es
-sie, daß alle Männer Honig aus ihrer Schönheit sogen, und sie wollte
-Widersprüche erwecken. Denn da ihr Gesicht Süße austeilte, wollte ihre
-Seele Bitternisse in die Seelen der anderen träufeln, damit nicht das
-Leben um sie vor lauter Anbetung verstummte.
-
-Ich stand im halbdämmerigen Hausflur und beobachtete durch die
-offenstehende Haustüre die Gesellschaft im tiefer gelegenen Garten,
-die dort an einem länglichen Tisch unter dem Mispelbaum saß, mit der
-Hängelampe über den Köpfen und vom weißen Tischtuch beleuchtet.
-
-An der Spitze des Tisches saß wie eine immer bewegte, surrende, graue
-Spindel die silberhaarige Generalin, in Mäntel, Schals und Reisedecken
-eingemummt; und nur ihr kleines, blasses Gesicht mit dem einen
-geschlossenen Auge und mit dem andern zwinkernden Auge sah belustigt
-und mit sich selbst vergnügt von einem zum andern.
-
-Neben ihr an der Tischecke auf einem Stuhl, den sie hintüber hin und
-her bewegte, schaukelte mit übereinandergeschlagenen Beinen Ulrike und
-hielt sich dabei mit der einen Hand an der Lehne des Stuhles der Russin
-fest.
-
-An derselben Längsseite des Tisches, nicht weit von ihr, saßen zwei
-junge Männer. Der eine war ein blasser italienischer Student, auf
-seine Art ebenso schön wie Ulrike. Er war aber eine jener altmodisch
-schmachtenden Jünglingsschönheiten, wie man sie bei jungen Heiligen
-auf glasgemalten italienischen Kirchenbildern des zwölften und
-dreizehnten Jahrhunderts findet. Ein elastischer Jünglingskörper, von
-einem schwärmerischen Geist wie von einer blauen Flamme durchwallt.
-An ihm war nichts von der durch Sport und Gedankenzucht straffen
-Jungemännerschönheit, die jetzt im nördlichen Europa den altmodischen,
-altchristlichen Schönheitstypus verdrängt.
-
-Es war rührend zu sehen, wie der junge, schwarzgekleidete, schmale
-Mensch jetzt eben ein Lied zu singen anhob, einen gewöhnlichen
-italienischen Gassenhauer, den er sicher noch nie in anständiger
-Gesellschaft gesungen hatte, und den er mit einer einfältigen Andacht
-vortrug, als handele es sich um eine Heldensage. Und dies alles nur
-deshalb, weil Ulrike den jungen Mann bereits entgeistert hatte. In
-seinem Herzen sang er sicher ein hohes Lied festlicher Liebesanbetung
-vor ihr. Davon trug sein Gesicht den andächtigen Ausdruck. Aber sein
-Mund mußte einen Gassenhauer hinsingen, weil die ungeduldige Ulrike nur
-Straßenkunst hören wollte.
-
-Neben dem jetzt singenden Studenten spielte ein anderer junger Mann
-eine Mandoline, die er auf dem einen Knie hielt, bei der er tief
-gebückt saß, und deren Saiten er so innig zärtlich zupfte, als wären
-sie aus dem verführerischen roten Haar der jungen Deutschen gesponnen.
-Denn Ulrike machte sein alltägliches, reizloses Gesicht blutrot
-aufleuchten, wenn er zufällig beim Mandolinenspiel zu ihr hinübersah.
-
-Der Spieler hatte grobe Hände, die tagsüber in einem Drogenladen
-im Ort, der ihm gehörte, Leinöl und Petroleum in Krüge füllte und
-Farbstoffe auf einer Wagschale wog, wovon seine Nägelränder noch
-bläulich, rötlich und gelblich schimmerten. Er schlug trotz aller
-Innigkeit grob und derb die Saiten. Er war nicht viel älter als der
-Student, aber er tat laut erzählend sich etwas darauf zugut, bereister
-zu sein als jener, und er versuchte, aus Notwehr gegen Ulrikes
-auffallendes verführerisches Frauenfleisch, sich mit einer Grobheit zu
-panzern, die ihn kaltblütig erscheinen lassen sollte.
-
-Ich hatte gehört, wie er vorhin, kurz ehe das Lied anhob, Ulrike ins
-Gesicht gesagt hatte, er hasse alle Österreicher, und er gab an,
-daß jene die Eigenschaften hätten, die die Deutschen den Italienern
-zuschieben.
-
-Ulrike war keine Österreicherin. Darum hörte sie auf seinen Haß gar
-nicht hin, sondern forderte ein neues Lied. Sie wußte wahrscheinlich
-auch, daß ihre weiße Hand, die sich an die Stuhllehne der Russin hielt,
-aufmerksam, ebenso wie ihr Nacken, von einem Zolloffizier beobachtet
-wurde, der hinter ihr an einem kleinen, runden gedeckten Tisch saß, wo
-er zu Abend gespeist hatte, und wo er jetzt seinen Kaffee trank, mit
-einer Zeitung rasselte und seine Zigarette rauchte.
-
-Vor dem Offizier brannte ein Windlicht auf dem Tisch, sein Lichtkreis
-traf noch Ulrikes roten Haarknoten und ihren weißen Nacken, dessen
-Biegung sich dem Offizier hinhielt, als wollte dieser Nacken
-gestreichelt und geküßt werden.
-
-Am Stamm des Mispelbaumes lehnte der junge Wirt mit seinem langen,
-schmalen Tiergesicht. Seine Augen schienen ganz verblödet zu sein vom
-langen Hinstieren auf Ulrike. Er stand dort ziemlich unbemerkt im
-Schatten und war nur von den Knien abwärts beleuchtet.
-
-Über ihm im weiten Geäst des schlangenartig geformten Baumes kauerten
-die Hauskatzen. Es hockten dort drei, vier Katzen und Kater wie
-buckelige Auswüchse auf den glatten, ausgestreckten Ästen, und
-manchmal jagte ein Tier das andere, und sie flohen höher in die dunkle
-Laubkrone. Dann sah Ulrike hinauf und rief: »Miau«. Gleich standen die
-Katzen still und kauerten sich nieder, denn der Katzenlaut, den das
-junge Mädchen rief, war verblüffend naturgetreu.
-
-Von meinem erhöhten Standpunkt im Hausflur sah ich auch ein Stück vom
-Gittertor neben der Gartenmauer, und dort kauerten, aufgereiht wie
-Kürbisse zum Trocknen, die mumienhaften, großgesichtigen Köpfe jener
-Zwerge, denen ich vorher auf der Straße begegnet war.
-
-Die Zwerge entdeckte ich aber erst, als der Scheinwerfer vom See für
-Augenblicke seinen Lichtstrahl in die Gartentiefe hereinwarf.
-
-Daß hier ein Unglück wucherte und in irgendeiner Gestalt aufstehen
-würde, fühlte ich an der seltsamen Gruppierung der Menschen, der Tiere
-und der Dinge, die alle von dem magnetischen Wesen Ulrikes angezogen
-waren. Die Spannung und die Unsicherheit, die diese junge Dame um sich
-verbreitete, machte, daß alles, was im Garten anwesend war, wie auf
-einer dünnen Eisfläche lebte, die jeden Augenblick irgendwo einbrechen
-und irgendeinem der Anwesenden tödlich verhängnisvoll werden konnte.
-Aber sie schienen alle das Unglück begierig zu suchen.
-
-Ich trat jetzt vom Haus hinaus auf die Treppe, die zum Garten
-hinunterführte. Bei meinem Schritt sah ich niemand als Ulrike an.
-Aber sie schien sich nicht klarmachen zu können, von welcher Seite
-das Geräusch der Schritte kam, und so sah sie zuerst unwillkürlich
-nach dem Gartentor und der Gartenmauer. Im selben Augenblick erhellte
-ein neuer Lichtstrahl des Scheinwerfers die Köpfe der ungeheuerlichen
-Mißgestalten der Zwerge, die dort lauschten.
-
-Ulrike schnellt empor, läuft von ihrem Stuhl fort und schlägt unter der
-Mauer ein fröhliches und fast kindliches Gelächter auf, aber wendet
-den Kopf nach mir, und nachdem sie den Zwergen ein spöttisches »Guten
-Abend« zugerufen, kommt sie zu mir gelaufen und begrüßt mich in ihrer
-sprudelnden Sprechweise.
-
-»Welchen abenteuerlichen Ort haben Sie da aufgesucht!« rief sie mir
-zu. »Welch ein Talent Sie haben, schauerliche Szenerien zu entdecken!«
-Und mit einer Geste, mit einer stummen, aber höhnenden Geste, deutet
-sie über den andächtig singenden Studenten, über den Baum, in dem die
-Katzen sprangen, und nach dem Gartentor, wo jetzt die Zwerge im Dunkel
-beieinander hockten, und auf den Scheinwerfer, der jetzt hoch im Himmel
-den Monte Alto grell aufhellte.
-
-Sie hatte recht. Wo sang man sonst Gassenhauer wie Kirchenlieder,
-während Katzen in den Bäumen buhlten, Zwergköpfe auf der Mauer wuchsen
-und dazu ein irrsinnig wandernder Lichtstrahl aus dem Dunkel Berge vom
-Himmel fallen ließ.
-
-An diesem Abend geschah nichts weiter, er war nur der Auftakt für die
-nächsten Ereignisse. Der Student lud, als er und sein Freund, der
-Drogenhändler, aufbrachen, Ulrike und mich zum nächsten Morgen in
-den Weingarten seines Freundes ein, wo beide täglich mit Leimruten
-Singvögel einfingen, da die Zeit des Durchzuges der nordischen
-Singvögel war. Aber auch der Zolloffizier ließ uns durch den Wirt
-sagen, wenn wir das Scheinwerferboot nachts besuchen wollten, sollten
-wir es ihn wissen lassen.
-
-Die Zwerge aber stießen kreischende Pfiffe aus und riefen zur
-Verabschiedung Ulrike ein geheultes »Guten Abend« zu.
-
-Ulrike war müde und zog sich schon bald auf ihr Zimmer zurück, nachdem
-wir nur noch ein wenig geplaudert hatten. Ich blieb bei der Russin
-sitzen, die aus ihren Schals und Mänteln wie aus einer gepolsterten
-Loge hervorsah, von der aus sie den Anfang eines Dramas gespannt
-verfolgte.
-
-»Sie ist für die Männer, was der Baldrian für die Katzen ist«, sagte
-die Russin, als Ulrike gegangen war. Sie wiegte sich in ihren Decken.
-»Welch eine Sippe hat sich hier zusammengefunden! Wo ich hinkomme, ist
-aber auch immer etwas Unheimliches los. So war es immer, so lange ich
-lebe. Zwar brechen durch mich nicht Ereignisse herein. Aber ich habe
-eine im Blut liegende Witterung für aufregende Zeiten, Menschen und
-Gegenden, und werde wahrscheinlich unsichtbar angezogen von Zuständen,
-bei denen eine gewisse Spannung in der Luft liegt.
-
-Als Sie heute bei Tisch so blaß wurden und den Sonnenstich fühlten,
-dachte ich bei mir: Da bist du ja gerade recht gekommen, um gleich
-ein Unglück vorzufinden und helfen zu können. In den meisten Fällen
-aber kann ich nicht helfen. Da muß ich nur Zuschauer sein und muß froh
-sein, wenn ich nicht selbst dabei den Kopf verliere. Denn sehen Sie,
-einen leichten Schlaganfall habe ich schon einmal gehabt. Den erhielt
-ich infolge eines Schreckens, als ich Mann, Kind und Vermögen in einem
-Augenblick verlor.«
-
-Und dann erzählte die russische Dame mir ihr Leben. Sie stammte von
-deutschen Eltern, war aber in Rußland geboren und hatte einen Russen
-geheiratet. Ihr Mann war Leutnant, als sie Hochzeit machten. Aber sie
-waren nur wenige Wochen vermählt gewesen, da brach der Krimkrieg aus,
-und die junge Frau wußte, daß ihr Mann fort von ihrer Seite in den
-Krieg und vielleicht in den Tod ziehen mußte.
-
-Sie machte sich auf, besuchte seinen General und bat ihn, daß sie als
-Krankenschwester dem Regiment ihres Mannes folgen dürfte. Das wurde ihr
-gewährt.
-
-Ihren Mann, der in den Schlachten war, sah sie natürlich nur selten,
-und wenn sie mit den anderen Rotekreuzschwestern nach den Kämpfen die
-Verwundeten in den Feldern aufsuchte, dann zitterte ihr Herz jedesmal,
-wenn sie einem am Boden Liegenden den Kopf umwendete und das Gesicht zu
-sehen suchte, denn sie vermeinte immer, ihren Mann zu finden.
-
-Und eines Tages wurde sie auch zu ihm gerufen. Er lag verwundet in
-einem Schanzgraben. Nur sein Bursche war bei ihm. Die junge Frau
-brachte wochenlang in dem Schanzloch zu und hütete und pflegte ihren
-Mann.
-
-Von dieser Kriegszeit her, die sie bei Blut, Grausen und Ängsten auf
-schmerzdurchkreischten Schlachtfeldern durchgemacht hatte, war ihr ein
-schwaches Herz geblieben.
-
-Nach vielen Jahren, als sie schon einen großen Sohn, einen
-hübschen Knaben hatte, traf sie aber ein viel schlimmeres Weh, als
-jener Krieg ihr antun konnte. Ihr Knabe wurde am Meer von einer
-Dampferlandungsbrücke durch eine Sturmwelle ins Wasser gerissen, und
-ihr Mann sprang rasch entschlossen hinter seinem Kinde her, um es zu
-retten. Aber das Meer gab sie nicht mehr zurück. Beide ertranken.
-Außerdem hatte der General gerade an diesem Tage seine Wertpapiere,
-die er auf eine Bank bringen sollte, in der Brusttasche. So waren der
-Russin in einer Sekunde Mann, Sohn und Vermögen entrissen worden.
-
-Seit jener Zeit beobachtete sie, daß sie einen Instinkt für Unglück
-hatte.
-
-Als sie zum erstenmal zum italienischen Schriftsteller Fogazzaro kam,
-war diesem eben sein Kind ertrunken. Als sie vor Jahren zum erstenmal
-an den Gardasee kam, geschah dort das größte Unglück, das der See je
-erlebt hatte. Durch Platzen des Dampfkessels eines Vergnügungsdampfers
-verloren Hunderte von Menschen ihr Leben. Und so wußte sie noch viele
-Fälle zu berichten. Und sie war gar nicht verwundert, als ich heute den
-Sonnenstich erlitt. Sie hatte immer eine ganze Hausapotheke bei sich,
-da sie ja die Begleiterin hundertfacher Unglücke gewesen war.
-
-»Es ist besser,« sagte ich ihr, »wenn Ulrike bald wieder abreist. Der
-junge Student ist schon ganz blaß verliebt in sie und sieht krank aus,
-als ob er in ihrer Nähe ein betäubendes Gas eingeatmet hätte. Und
-die andern, der Offizier und der Drogist, stolpern über ihre eigenen
-Beine vor Verwirrtheit, wenn sie sich vor der schönen Ulrike verbeugen
-sollen. Sie wird auch noch die Zwerge und die Katzen in sich vernarrt
-machen, die Berge werden umfallen wollen, um zu ihr zu kommen, und der
-See wird wandern wollen, um ihr nachzulaufen.«
-
-»Daran ist nichts zu ändern,« sagte die Russin. »Es kann sogar sein,
-daß wir auch Schaden nehmen dabei. Denn wo ein Unglückswirbel einsetzt,
-reißt er auch Fernstehende um. Heute, als Sie schliefen und oben in
-Ihrem Zimmer krank lagen, spielte Ulrike Boccia hier im Garten mit den
-italienischen Zollsoldaten. Die Männer bekamen fast eine Schlägerei,
-denn jeder wollte ihr zuerst den Ball zureichen dürfen. Und auf der
-Straße, als Ulrike einem Zwerg eine Zigarette schenkte, entriß der
-andere Zwerg dem ersten das Geschenk und verbarg die Zigarette an
-seinem Herzen. Der Beraubte zog dann sein Taschenmesser und wollte auf
-den Rivalen losstechen. Der aber zog auch ein Messer und stach wieder
-zurück. Und wenn die Soldaten die beiden Krüppel nicht getrennt hätten,
-würden sie sich in Stücke zerschnitten haben. Ich bin gespannt, wie es
-morgen wird«, setzte die Russin hinzu. »Der Wirt, der Bürgermeister,
-hat mir heute schon gesagt, er wolle sich eine deutsche Grammatik
-anschaffen, damit er Fräulein Ulrike schreiben könne, wenn sie wieder
-in Deutschland sein würde. Und im Winter wollte er dann eine Reise
-nach Deutschland machen. Alle sind in Ulrike vernarrt wie die Fliegen
-in ein Stück Zucker. Sie hat wie ein roter Blitz hier in den Ort
-eingeschlagen.«
-
- * * * * *
-
-Am nächsten Morgen früh, als die Wiesen am See und ihre gelben
-Dotterblumen noch taufeucht waren, stand ich am Fenster, kurz nachdem
-das erste Dampfschiff getutet hatte. Da hörte ich, daß im Garten unten
-Neuangekommene nach Zimmern fragten. Es war jetzt Anfang September, und
-der Wirt hier hatte im September doch einige immer wiederkehrende Gäste
-in seinem Hause, denn der Herbst ist die Jahreszeit, in der auch jeder
-entlegenste Winkel des Gardasees von Naturschwärmern aufgesucht wird.
-
-Als ich mich rasiert hatte, sah ich wieder vom Fenster hinunter in den
-Garten, und da saß eine seltsame Gesellschaft um einen Tisch auf dem
-weiten Steinbalkon, auf dem ich mir gestern den Sonnenstich geholt
-hatte. Zwei Vettern des Wirtes, die ein paar hübsche Fischerburschen
-waren, hatten ein Ehepaar an einen Tisch geleitet. Sie setzten sich
-soeben alle nieder. Ein älterer Mann von fünfzig Jahren und eine
-dreißigjährige Frau.
-
-Der Mann schien nicht ganz bei Verstand zu sein. Ich sah ihm zu,
-wie er Dutzende von Chenilleäffchen verschiedener Größen aus einer
-Handtasche auspackte und zu gleicher Zeit kleine Bändchen und Fähnchen.
-Und nun begannen die Burschen, die Frau und der Mann, die Affenpuppen
-mit Bändern zu schmücken, und alle vier spielten kindisch mit ihnen
-und kitzelten sich gegenseitig am Gesicht und am Hals mit den Äffchen.
-Dabei hatte der Mann ein katholisches Traktätchen, eine gedruckte
-Zeitschrift, neben sich liegen, in welcher Heilige abgebildet waren,
-aus welcher er gern ab und zu Erbauungsgebete vorlas.
-
-Ich hatte bereits von Annunziata, dem Dienstmädchen, gehört, daß ein
-ganz verrücktes Ehepaar erwartet würde. Das Mädchen war nicht sehr
-erbaut von seiner Ankunft, denn die Frau, sagte sie, wäre verliebt
-in die beiden Fischerburschen, denen sie im Winter, und überhaupt
-vom Tag ihrer Abreise an bis zu ihrer Wiederkunft, fast täglich die
-zärtlichsten Briefe schriebe. Aber Annunziata selbst liebte den einen
-Burschen und fand es abscheulich, daß, so lange das Ehepaar im Gasthaus
-wohnte, sie auf ihre Liebe verzichten sollte.
-
-Ich hatte in meinem Leben vorher nie etwas Widerlicheres gesehen, als
-diesen mageren, bebrillten, greisenhaften, kichernden Mann und seine
-schwammige, übel aufgeputzte Frau. Sie lehnte mit ihrem Kinn auf ihrem
-üppigen Busen, der in eine Seidenbluse eingespannt war, und er grinste
-über seine schmale Hakennase und über die Brillenränder zu den Burschen
-hin, wenn seine Frau die Burschen mit den Chenilleäffchen hinter die
-offenen Hemdkragen kitzelte.
-
-Der eine Bursche hielt einen Leierkasten unter dem Arm, in welchen
-Platten eingelegt wurden, und auf dem man wahrscheinlich bald Musik
-machen wollte.
-
-Der Wirt hatte mir erzählt, das Ehepaar habe eine Seidenblumenfabrik in
-Norddeutschland.
-
-Ich sah mit einem Blick: wenn der Leierkasten spielen und die
-Chenilleaffen tanzen würden, wenn die Zwerge, die Marinesoldaten,
-der Student, der Drogist, der Zolloffizier sich untereinander Duelle
-wünschen und die Russin wie eine Unke neues Unglück prophezeien würde,
-wäre meines Bleibens hier nicht lange, und ich würde bald von diesem
-Ort fortflüchten müssen. Das wäre vielleicht das einzige Unglück, das
-mir passieren könnte. Denn ich hatte ein keimendes Abenteuer im Herzen,
-von dem ich mich nicht gern eher getrennt hätte, als bis es erlebt war.
-
-Das Haus, in welchem sich der Gasthof befand, war halbiert. Der vorige
-Besitzer hatte das Anwesen in zwei Hälften verkaufen müssen. In der
-Mitte waren durch das Haus, durch die Prunksäle, Wände durchgezogen
-worden. Dahinter in der zweiten Hälfte hauste jetzt der einzige
-Briefträger des Ortes mit einer Unzahl von Kindern. Auf dem Balkon aber
-hielt seine älteste Tochter, eine bleiche Italienerin, jeden Morgen
-Nähstunden ab für ihre jüngeren Geschwister und ihre Freundinnen. Im
-Saal, neben meinem Zimmer, wo, dem Schall nach zu urteilen, sich kein
-einziges Möbelstück befand als ein alter Flügel, ließ der Briefträger
-den ganzen Tag seine Hände galoppieren und braute Melodien, zu denen
-die Geister aller Komponisten Europas zitiert wurden.
-
-Niemals war mir vorher ein so entsetzlich musikalischer Briefträger
-begegnet. Er hatte nur dreimal am Tage, wenn die Dampfschiffe kamen,
-Post auszutragen, und diese Botengänge waren nur kurz; da die Gassen
-des kleinen Ortes kurz waren und die Leute hier nur wenig mit der
-Außenwelt in Verbindung standen, so blieb ihm viel Zeit zum rasenden
-Spiel.
-
-Die Frau des Briefträgers war bei der Geburt des letzten Kindes
-gestorben, und die zwanzigjährige Tochter mußte die zwölf jüngeren
-Geschwister erziehen. Der Vater aber wies, so sagte man, jedem Freier,
-der, angelockt von der Madonnenschönheit der Zwanzigjährigen, sich über
-die Schwelle wagen wollte, brüsk die Tür.
-
-»Sie hat Pflichten,« rief er jedem mit italienischem Pathos zu,
-»Pflichten gegen ihren Vater und ihre zwölf Schwestern, und ich erwürge
-den mit meinen zehn Fingern, der es wagen sollte, meine Tochter diesen
-ihren Pflichten abspenstig zu machen.«
-
-Er selbst aber schien keine anderen Pflichten für seine Familie zu
-fühlen als die, das mutterlose leere Haus mit seinem Klaviergetöse
-anzufüllen. Er kam sich gewiß wie ein Ritter der Musik vor. Die adligen
-Räume, die er zufällig, mit seiner ganzen Ärmlichkeit, bewohnen mußte,
-schienen es ihm angetan zu haben. Die altitalienischen Wappen an den
-Decken, die griechischen Götter, die dort auf abendroten Wolken saßen,
-grell hingemalt in Perspektiven an den Deckenkalk, so daß der arme
-Briefträger kein ruhiges Dach über seinem Schädel hatte, der gemalte
-Regenbogen über seinem Kopf, auf dem die neun Musen samt Apollo saßen
-und ihre wohlgeformten nackten Beine über den alten Klavierkasten
-herunterhängen ließen, -- das alles schien den Mann in Ekstasen zu
-versetzen, die ihn fähig machten, stundenlang bei Trillern und Läufen
-am Tastenwerk auszuhalten. Dazwischen stieß er gegen seine Kinder
-Flüche und Drohungen aus, die von Blut und Mordgedanken trieften.
-
-Ich hörte täglich den Musiklärm und seine fluchende Stimme nah
-wie durch eine Papierwand. Im Treppenhaus war eine verriegelte
-Verbindungstür zwischen den zwei Haushälften. Diese stand einmal
-zufällig offen, und ich hatte einen Augenblick im Vorübergehen den
-schrecklich bunten Apollosaal für einige Sekunden bewundern können.
-
-Die Tochter des Musikgespenstes grüßte öfters mit einem leisen Lächeln
-im Gesicht zu mir herüber, wenn ich ans Fenster trat, indessen ihr
-Vater drinnen fluchte oder musizierte. Dieser Gruß war, als wollte sie
-um Vergebung bitten für den unaufhörlichen Lärm, an dem sie sich doch
-schuldlos fühlte.
-
-Ich hatte mir den Spaß gemacht und manchmal den Kindern drüben in
-Stanniol gewickelte Schokoladestückchen zugeworfen. Nun kannten sie
-mich alle und sahen erwartungsvoll nach mir, wie kleine Vögel, die man
-vom Fenster aus füttert.
-
-Am letzten Nachmittag war ich der ältesten Tochter begegnet, am
-Seeufer, das hart vor dem Garten lag. Sie stand bei den Weibern,
-die dort am Wasser knieten und wuschen, und sie hatte einige ihrer
-Geschwister um sich und nähte wie immer, -- sie nähte auch, während
-sie spazieren ging. Aber mit den Weibern am Ufer Wäsche waschen, das
-durfte sie nicht. Das wäre zu erniedrigend gewesen für die Tochter des
-wichtigen Staatsbeamten, für den sich der Briefträger hielt.
-
-Bei dieser Begegnung war mir der Gedanke gekommen, das schöne Geschöpf
-zu fragen, ob sie nicht in der Mondnacht mit mir eine kleine Kahnfahrt
-auf dem See machen wollte. Aber der Wind rauschte in den großen
-Silberpappeln am Ufer, und ich hätte laut schreien müssen, um diese
-Frage zu stellen, und die waschenden Weiber hätten dann ihre Köpfe
-gewendet und große Augen gemacht. Darum unterdrückte ich den Wunsch,
-der auch nicht heftig genug war, um sich gegen alle Widerstände
-durchzusetzen.
-
-Aber heute abend, wenn Ulrike auf das Scheinwerferboot gehen würde, vom
-Zolloffizier eingeladen und vom singenden Studenten und dem die Gitarre
-spielenden Drogisten begleitet, dann wollte ich, dem Briefträger zum
-Trotz, das schöne Mädchen zu einer Nacht- und Nebelfahrt auffordern.
-
-Während ich noch dieses träumte, erschien unten im Garten Ulrikes
-roter Kopf und stand gegen den blauen See wie eine große dunkelrote
-Geranienblüte. Sie beschattete mit den immer lebendigen Fingern ihre
-Augen, sah zu mir herauf und rief mir zu, sie sei fertig angekleidet,
-um mit mir in jenen Weingarten der Italiener zu gehen, wo die Leimruten
-für den Vogelfang aufgestellt wären.
-
-Jetzt im Morgen schien mir Ulrike nicht mehr wie der Brennpunkt alles
-Lebenden zu sein. Wohl stand sie rotleuchtend im Garten, aber ihr
-helles Gesicht und ihre Hände blitzten kühl und blank wie die Seewellen
-draußen. Und es fiel mir auf, daß ihre Schönheit, beim starken
-Tageslicht besehen, beim frischen Morgenwellenschlag des Sees, unterm
-unendlichen silberblauen Morgenhimmel, bei dem die mächtigen Berge
-wie alte tausendjährige Propheten saßen, eigentlich nicht mehr Kraft
-ausstrahlte als die silberne Flaumfeder einer Seemöwe, die zwischen ihr
-und mir jetzt eben in der Gartenluft vorüberschwebte.
-
-Freilich, gestern in der Rembrandtbeleuchtung des nächtlichen Gartens,
-wo die Welt rundum schwarz ausgelöscht war, lebte ihr weißes Fleisch
-magnetisch im Kreis der Männer. Und heute Abend, das wußte ich, würde
-es wieder mit gleicher Kraft seine Anziehung ausstrahlen. Der Tag aber
-wollte Gegenwart, lebende Wirklichkeit. Die Nacht nur ist wie von
-Vergangenheit ausgefüllt, und alle Dinge wachsen dann in Jahrtausende
-zurück, machen eine Rückentwickelung durch, vergrößern sich im Finstern
-und nehmen Gestalten der Urzeit an, Gestalten vorsündflutlicher,
-ausgestorbener Geschlechter. Es ist, als würden dann in der Finsternis
-jene Formen wieder lebendig, von denen wir Menschen nur Ahnungen aus
-den Gesteinschichten bekommen, wenn wir die Abdrücke versunkener
-Riesengeschlechter, gigantischer Farren und gigantischer Amphibien
-finden, -- Gestalten, von denen wir kaum feststellen können, ob sie
-dem Luft-, dem Erd- oder dem Wasserreich angehörten.
-
-Von solch ungewissen, grauenhaften Ungeheuern schien mir der Garten
-gestern Abend angefüllt gewesen zu sein. Jeder war da im Dunkeln
-über sich hinausgewachsen, die Menschen, die Zwerge, die Musik, die
-Lampe, der Mispelbaum, die Katzen und die vom Scheinwerfer ruckweise
-belichtete Seelandschaft.
-
-Harmlos war das alles jetzt am Morgen, und der Morgen selbst unschuldig
-wie ein Ei, das eine Henne ins Stroh fallen ließ, unschuldig wie die
-Milch der Kühe, unschuldig klar wie frisches Wasser in einem Glas, und
-ich atmete jetzt auf und verbannte im hellen Morgen die Schrecken, die
-ich gestern Nacht gefürchtet, leicht von mir, wie man den Rauch einer
-Zigarette rasch von sich bläst.
-
-Ulrike und ich hatten nicht weit zu gehen, keine fünf Minuten vom
-Gasthaus durch die höckerige Straße, die dort anstieg und sich hinaus
-in den Olivenhain verlor. Dort hinter den Mauern, die am Ende der
-Häuser noch eine Weile den Weg einengten, lagen alte Weingärten.
-Hier und da war eine Pforte oder eine Nische mit einem verstaubten
-Madonnenbild in den Mauern; und an den Mauerflächen huschten graublaue
-winzige Eidechsen hin. Verschlungene Feigenbäume streckten ihre
-Fünffingerblätter aus und ließen schwarzblaue Früchte reifen. Niemand
-begegnete uns als spielende Kinder und ein paar meckernde Ziegen, und
-weißer wirbelnder Staub flog am Wege hinter uns her.
-
-Auch hier waren am Morgen keine Gespenster mehr am Wege, und als uns
-einer der orangutangähnlichen Zwerge einholte, der für uns den Klöppel
-am Gartentor anschlug, in das wir eintreten sollten, da sah auch der
-arme verwachsene Kerl dürftig und unschädlich aus wie ein humpelnder
-Hase, schreckhaft und ängstlich.
-
-Ulrike stellte sich etwas wunderbar Lustiges unter dem Vogelfang vor.
-Sie dachte, man fängt die Vögel mit der Hand wie Schmetterlinge von
-den Blumen. Und sie dachte, es müßte ein so hübsches Geschäft sein wie
-Gärtnerei oder Mandolinenspiel.
-
-Drinnen aber im Weingarten stockte uns beiden der Atem. Mit etwas
-bleichen, übernächtigen Gesichtern fanden wir dort den Studenten und
-den Drogisten bei ihrer Henkerarbeit.
-
-Am Ende des Gartens, der zum See abfiel, lag eine Wiese, und dort
-in einem Mauerwinkel, auf einer breiten Böschung, saß der Student,
-nur mit Hose und Hemd bekleidet wie ein Cowboy. Die Andacht und
-der Schmelz, mit dem er gestern Abend gesungen, waren aus seinem
-Gesicht wie fortgeblasen. Er war nur voll Eifer beim mörderischen
-Vogelfang, durchdrungen vom Ernst eines Sachkenners. Man durfte nicht
-laut sprechen, man durfte nicht laut auftreten. Man mußte wie bei
-Wegelagerern im Hinterhalt lauern.
-
-Zwischen den nächsten Büschen waren lange, dünne Ruten gesteckt. Die
-waren mit klebrigem Leim bestrichen, der nicht trocknete.
-
-In seinem Mauerwinkel lugte der Student durch eine Art Schießscharte
-nach seinen Ruten und pfiff ab und zu auf einer kleinen silbernen
-Vogelpfeife. Die gab einen leisen zwitschernden Laut. Der Lockruf wurde
-manchesmal von einem Baum oder aus den Büschen beantwortet.
-
-An einigen Rutenspitzen waren auch ein paar winzige Vögelchen
-angebunden. Die flatterten und versuchten vergeblich, sich loszumachen.
-Die in der Luft vorüberziehenden Vögel glaubten, von jenen käme das
-Gezwitscher, und ab und zu kam ein Vöglein vom nächsten Baum oder aus
-der Luft herbei und setzte sich auf eine der Leimruten, um zu erfragen,
-warum die Flatternden nicht fortfliegen wollten, und warum sie riefen.
-
-Bald aber mußte der Neugierige dann seine Freiheit lassen. Sein
-Brustflaum klebte an der Rute fest, ebenso seine feinen Krallen.
-Allmählich hafteten auch seine Flügel, mit denen er um sich schlug, an
-dem Klebstoff der Rute. Und wie eine Fliege im Sirup, so quälte sich
-der kleine Vogel vergebens loszukommen. Andere flogen dann auf das
-jammernde Gepieps der Kameraden herbei. Auch sie blieben haften. Und
-die Ruten schaukelten unter dem Gezappel der jämmerlich verstörten und
-zu Tode geängstigten Tierchen heftig in der Luft hin und her. Und immer
-neue kamen neugierig und hilfsbereit und umflatterten mitleidig die
-piepsenden Gefangenen, die sich trotz aller Anstrengung nicht von den
-Leimruten befreien konnten.
-
-Das gestern so andächtige Auge des schmächtigen Studenten glitzerte
-jetzt wie ein Wieselauge, und auch sein Rücken bewegte sich unruhig und
-lauernd, wenn er durch die Mauerscharte spähte. Ab und zu flüsterte er
-uns die sich steigernde Zahl der an den Leimruten zappelnden Opfer zu.
-
-»Vier, sieben, zehn, hui, -- vierzehn!« stieß er begierig hervor.
-Dann sprang er plötzlich aus seinem Versteck, war mit drei, vier
-Sätzen bei den Ruten, griff mit langen Armen und großen Händen in
-die Luft über die Büsche und pflückte die Vögel von den Ruten ab. Er
-stopfte die Vögel in seine Tasche, wo sie, vom Leim besudelt, alle
-aneinanderklebten und bald nur noch ermattet zuckten. Dann stellte der
-junge Mann schleunigst mit frischem Leim angestrichene Ruten in die
-Büsche. Es geschah geschäftig und blitzartig, als wäre jede Minute
-seiner Handlung kostbar für die Weltgeschichte.
-
-Nachdem er wieder zu uns in das Versteck zurückgekehrt war, holte
-er Stück um Stück der Vögel aus seiner Tasche und zerdrückte jedem
-zappelnden Tierchen zwischen seinem Daumen und dem Zeigefinger das
-Köpfchen. Dann warf er den blutenden Vogelbalg zu dem Beutehaufen
-ins Gras, wo bereits dreißig bis fünfzig Stück, die er in diesen
-Morgenstunden gefangen, als tote Klumpen beieinander lagen.
-
-Ulrike wurde blaß und wendete sich ab. Aber der Student grinste und
-sagte achselzuckend: »Das ist Jagd.« Aber es war mir, wie er grinste,
-als wäre sein Gesicht schwarz wie das eines menschenfressenden Negers
-geworden. Schwarz vor Schuld, Scham und Verlegenheit, -- so sah ich ihn
-für einen Augenblick vor meinem inneren Auge.
-
-Über unseren Köpfen waren hier bei der Mauer Stangen auf
-Backsteinpfeiler gelegt. Sie trugen ein Rebengewirr, durch dessen Laub
-die Sonne grün leuchtete. Und große Trauben, goldgelbe und dunkelblaue,
-hingen darin zum Greifen nah.
-
-Trotzdem der italienische Student die Verstimmung deutlich merkte, die
-sein grauenhafter Jagdsport in unseren deutschen Gemütern anrichtete,
-bewahrte er seine südlich lässige Höflichkeit und lud uns ein, von
-den Trauben zu pflücken. Und der Zwerg, der dabei stand, kletterte
-behend an einem Pfeiler hoch und riß ein paar Trauben ab, die er uns
-hinreichte.
-
-Mir aber saß noch das Herz im Hals von der Vogelmetzelei, die ich hier
-gesehen hatte, hier im harmlosen blauen Morgen, den die Wiesenblumen
-und das Vogelgezirp schmücken sollten, und wo man unter den laubigen
-Traubengängen keine Verräter und Mörder der Morgenunschuld vermuten
-konnte.
-
-Ich mochte keine Traube anrühren, und auch Ulrike legte die ihr
-zugereichte Traube, ganz beklommen dankend, neben sich ins Gras.
-
-Sie sagte mir leise, sie wolle gehen. Der Student verstand es und
-sagte, er wolle uns noch in den Weingarten führen, wo sein Freund viele
-Netze aufgespannt hätte und die Vögel in einer anderen Weise einfinge
-als er.
-
-Im Garten droben nahm uns dann der Drogist in Empfang. Er führte uns
-durch die dichten Laubengänge, in denen hohe Rebenstöcke standen, die
-an Drähten ausgebreitet wuchsen und hohe Korridore bildeten. In diesen
-Gängen, an den Traubenwänden entlang, waren große haardünne Netze
-aufgespannt. In ihnen verfingen sich die kleinen Vögel im Durchfliegen.
-Sie zappelten hier in den Maschen wie die anderen vorhin an den
-Leimruten. Aber das Erschütterndste hier waren nicht die Netze, es war
-nicht die Fangart, sondern die Lockweise. Es waren da eine Reihe Käfige
-an der Wand. In denen hielt sich der Drogist geblendete Nachtigallen.
-Den Nachtigallen, die er gefangen hatte, hatte er die Augen
-ausgestochen, damit sie in ewiger Finsternis besser singen sollten.
-Die armen Tiere waren also doppelt gefangen, doppelt geängstigt, und
-ihre Klagen wurden doppelt schmelzend, doppelt sehnsüchtig.
-
-»Das haben Sie getan?« fragte Ulrike unbefangen, aber zugleich blieb
-sie wie erstarrt vor einer blinden Nachtigall stehen. Sie konnte es
-noch gar nicht begreifen, daß es schändliche Wirklichkeit war, was
-sie sah. Und der Drogist grinste. Aber er hatte eine seltsame Art,
-über die Köpfe der Menschen fortzusprechen. Was er nicht hören wollte,
-übersprach er. Nur sein Blut, das ihm leicht zu Kopf stieg, zeigte, daß
-er gehört hatte.
-
-Auch mir grauste es jetzt vor diesem Garten, der da am See hinter
-hohen Mauern eingeschlossen wie eine große Mördergrube lag. Von außen
-hätte man der harmlosen Mauer nicht ansehen können, daß dahinter die
-freiesten Geschöpfe der Erde, die kleinen, dem Menschenherzen so
-wohlgefälligen Nachtigallen und andere Singvögel, lebenslängliche
-Folterqualen und Tausende von ihnen einen gräßlichen Tod erleiden
-mußten.
-
-Also dieses war das Grauen, dachte ich, als ich mit Ulrike den Garten
-verlassen hatte, das ich durch die Mauern gefühlt habe, als ich am
-ersten Abend durch den kleinen, brütend schwülen Ort hinaus zu den
-grimassenschneidenden Olivenhainen am Bergabhang gewandert war.
-
-»Ich will keine Musik mehr von diesen beiden hören und kein Lied«,
-sagte Ulrike ganz erschüttert. »Pfui! Wenn ich das gestern abend gewußt
-hätte, daß die beiden solche Scheusale sind!«
-
-»Sie werden aber heute abend doch mit den jungen Leuten auf das
-Scheinwerferboot gehen und über den See kreuzen, wozu Sie gestern abend
-der Offizier eingeladen hat.«
-
-»Nein, nein,« rief sie heftig. »Ich habe den beiden eben gesagt,
-sie sollten lieber elende Schmuggler werden. Denn besser als die
-Vogeltöterei ist dann doch das Schmuggeln. Sie haben natürlich
-verstanden, daß ich sie nicht mehr sehen will, und wurden beide blaß
-und rot.«
-
-Im Gasthaus mußte ich ein kräftiges Glas Wein trinken, um die Übelkeit
-herunterzuspülen und das Grauen, das mich befiel, wenn ich an die
-Vogelfänger zurückdachte.
-
-Ulrike, in ihrer lebhaften Art, sagte, sie hätte am liebsten beiden die
-Augen eigenhändig ausgestochen und die Frevler lebenslänglich mit den
-Leimruten gepeitscht.
-
-Der Tag wurde dann sehr heiß. Die Russin, Ulrike und ich saßen im
-Garten umher oder im kühlen Speisesaal, lesend oder schreibend. Nach
-dem Mittagessen war die Glut aufs höchste gestiegen, und der See
-draußen leuchtete mit seinen Lichtflammen brennend in die Zimmer
-herein. Nirgends war Schutz vor der Hitze.
-
-Die Damen hatten sich zum Schlafen zurückgezogen. Ich lag in einer
-Hängematte unter dem Mispelbaum, und mir schwand bald das Bewußtsein,
-aber Schlaf war es nicht, denn ich wachte und erlebte Seltsames dabei.
-
-Die Hitze betäubte meinen Verstand, aber meine Augen und Ohren wurden
-unendlich wach und hatten ein Gesicht, das kein Traum war.
-
-Ich schaute durch den Laubengang hindurch hinaus auf die
-lichtüberrieselte Seefläche, und dort sah ich ein Tier aufsteigen. Das
-hatte den Kopf einer Eidechse, den Hals einer Giraffe, den Bauch einer
-watschelnden Ente und den langen Schweif eines Krokodils.
-
-Mitten im See hob es sich, grüngrau, wie aus tausendjährigem Schlamm
-geboren. Seine Haut hatte menschenkopfgroße Warzen.
-
-Das Tier nickte mit seinem langen Hals wie ein Vogel Strauß. Das
-glitzernde Wasser rieselte in Bächlein an ihm nieder, und Büschel von
-großen Seepflanzen wuchsen dem Tier auf dem Rücken. Es sah aus, als
-habe es jahrhundertelang in der Seetiefe geschlafen und richtete sich
-jetzt auf, um Umschau zu halten, ehe es weiterschlief.
-
-Ich erinnerte mich, ich hatte dieses Tier in einer lebensgroßen
-Nachahmung aus Stein im Zoologischen Garten in Berlin, an der
-Freitreppe zum Aquariumhaus gesehen, und wußte auch, daß auf einer
-Tafel darunter »Iguanodon« stand, und »seit zwanzig Millionen Jahren
-auf der Erde ausgestorben«. Es war eines jener vorsündflutlichen Tiere,
-an die ich gestern abend gedacht hatte, als Ulrike den Garten verhexte
-mit ihrer über alle menschlichen Begriffe starken Anziehungskraft, die
-die Zwerge, die Katzen und alle Männer entzündete. Vor meinem inneren
-Blick war Ulrike da in ein Fabelwesen verwandelt worden, für das man
-keine gewohnten Maßstäbe findet. Und nun sah ich am hellen, heißen
-Nachmittag ein Iguanodon seinen zwanzig Millionen Jahre langen Schlaf
-unterbrechen und mitten im See aufsteigen und Rundschau nach den Ufern
-halten, als wollte sich die langhalsige Gestalt mit einem ebenbürtigen
-Feinde messen, der es heraufgerufen und zum Zweikampf herausgefordert
-hätte.
-
-Und seltsam, -- ich erkannte plötzlich die Berge, die sonst Erde und
-Stein waren, auf dem anderen Seeufer und über meinen Häuptern und
-hinter den Hausdächern des am Berg hinaufkletternden Ortes nicht
-mehr. Diese einzelnen Berge schienen die Stümpfe von Urweltbäumen zu
-sein, deren jeder ein paar Meilen im Durchmesser maß. Und gegen diese
-riesigen Baumstümpfe wirkte das haushohe Iguanodon wie eine winzige
-Ameise. Die vorsündflutliche Welt, in der der Mensch weniger als ein
-Infusionstierchen in einem Tropfen Wasser war, erschreckte mich nicht;
-sie stand schrecklich schön im Sonnenschein vor mir. Und auch als das
-Iguanodon eine pfeilartige weiße Zunge, wie eine lange dünne Röhre,
-ausstreckte, die es langsam anwachsen ließ, erschrak ich noch nicht.
-Erst als die Zunge wie ein dünner Sauger die Ufer, die Berge und
-endlich die einzelnen Häuserflächen, die nach dem Wasser sahen, von der
-Mitte des Sees aus abtastete, da packte mich ein panischer Schrecken.
-Denn der weiße Strahl der Zunge zog sich, wenn er ein Haus berührt
-hatte, wie ein langer Schneckenfühler wieder zu dem Tier zurück.
-
-Mit einem Male hörte ich Geschrei, ein Angstgezirp, ähnlich dem, das
-die zappelnden Vögel an den Leimruten im Morgen gezirpt hatten. Ich sah
-mit Entsetzen, daß die Zunge des vorsündflutlichen Tieres jedesmal,
-wenn sie ein Haus berührte, ein Fenster oder einen Laden eindrückte und
-sich einen Menschen aus den Zimmern holte, und der Geraubte verschwand
-angeklebt mit der eingezogenen Zunge im Schnabelrachen des Tieres.
-
-Das Iguanodon, das ich hier sah, war wohl zwanzigmal größer als die
-Abbildung, die ich einmal in Stein, von einem Bildhauer gearbeitet, in
-Berlin gesehen hatte. Den Menschen, den die Riesenbestie verschluckte,
-sah man im langen dünnen Tierhals nicht hinabgleiten, denn der
-Hautbehang des Halses schien fest und dick zu sein wie Panzerplatten.
-
-Mein Grauen wuchs. Jetzt stürzten unter der Gartentür vom See her
-in den Garten herein die Weiber, die am Ufer gewaschen hatten, und
-viel Volk ihnen nach, das vor der Zunge des Tieres flüchtete. Ich
-fühlte aber, daß ich mich mit den Fußspitzen und meinen Armen in dem
-Maschennetz der Hängematte verwickelt hatte, so daß ich mich nicht
-zur Flucht aufrichten konnte. Nur meinen Kopf konnte ich hin und her
-bewegen.
-
-Ich sah, wie auf den Lärm im Garten der Wirt, die russische Generalin,
-das heute morgen angekommene Ehepaar und die zwei Fischerknaben,
-letztere mit den Chenilleaffen und der Drehorgel bepackt, aus dem Hause
-kamen und nach der Kellertür strömten, die der Wirt öffnete, und wohin
-alles, was im Garten war, dem Wirt nachdrängte, der dann, als alle in
-den Keller geflohen waren, behutsam die Kellertür von innen schloß. Ich
-hörte, wie der Wirt zuriegelte, und wie die Leute drinnen erst alle
-durcheinanderschwatzten, und wie es dann atemlos still wurde und sie
-alle zu horchen schienen. Jetzt war die Zunge des Tieres, glänzend weiß
-wie der Lichtstrahl eines Scheinwerfers und pfeifend über die Krone des
-Baumes, unter dem ich in der Hängematte gefesselt lag, auf das Gasthaus
-zugeschossen und hatte die Glastür im Speisesaal eingedrückt, deren
-Scherben laut klingend auf den steingepflasterten Fußboden fielen.
-
-Alle Leute im Keller waren in Sicherheit. Auch die Tochter des
-Briefträgers war vorhin mit den Menschen dort hinuntergeflüchtet, und
-ich staunte nachträglich noch, wie furchtlos sie eigentlich gewesen
-war. Das junge Ding schien nur vom Strom der Flüchtlinge mitgerissen
-worden zu sein. Denn sie nähte, während sie in den Keller stieg, ruhig
-an ihrer Arbeit weiter.
-
-Nur Ulrike hatte ich nicht aus dem Haus fliehen sehen. Aber ich wußte
-doch, daß sie in ihrem Zimmer oben war und Siesta hielt. Plötzlich zog
-sich die Tierzunge, die dünne, tastende und saugende Zungenspitze des
-Iguanodons, vom Hause zurück und schnellte wie eine zurückgeworfene
-Leimrute hoch in die Luft, gleichsam, als sei das vorsündflutliche Tier
-draußen im See tief erschreckt worden.
-
-Mich schüttelten Frost und Kälte. Wie leicht konnte die Zunge jetzt
-pfeilschnell durch das Geäst des Baumes wieder zurückschießen und mich
-aus der Hängematte ziehen!
-
-Da aber hörte ich, daß sich ein Fenster im Zimmer Ulrikes öffnete,
-und ich wollte dem schönen Mädchen zurufen, sie solle fliehen und
-sich verbergen, als ich sah, wie ein eben solcher Tierkopf, nur viel
-kleiner als der des Ungeheuers auf dem See draußen, sich aus dem
-Fenster reckte. Sein Hals wuchs und stand wie eine lange ungeheure
-Fahnenstange aus der Fensteröffnung. Seine Zunge schoß aus dem Rachen
-und züngelte lebhaft. Aber statt der Warzen hatte dieses neue Tier
-rote lockige Haarbüschel an seinem Giraffenhals, Haare, so rot wie
-Ulrikes Haar. Zugleich aber sah ich, daß die Zunge, die dieses Tier
-ausstreckte, keine lange Saugröhre war, sondern daß elektrische
-Flammen, elektrische Strahlenbündel, die viel schneller und viel
-gewaltiger waren als die Zunge des anderen Tieres, weit auf den See
-hinaussprühten und furchtbare Schläge ins Wasser austeilten. Und wo
-dieses Tieres Elektrizität hinschlug, schien der See bis in die Tiefe
-zu kochen.
-
-Das Iguanodon draußen in der Seemitte hatte seine Zunge eingezogen,
-legte seinen Hals flach wie einen schwimmenden Baumstamm aufs
-Wasser, und es schien mir, als überlege es, ob es den Kampf mit der
-Nebenbuhlerin am Ufer aufnehmen, oder ob es wieder versinken sollte in
-sein jahrtausendealtes Wassergrab.
-
-Plötzlich aber dröhnte die Erde. Der Baum, an dem meine Hängematte
-hing, zitterte und schüttelte sich, als wenn ihn ein Schauder
-durchführe. Zwischen den hohen vorweltlichen Baumstümpfen, die die
-Höhe des Monte Alto hatten, flog eine Herde blutfarbener Drachen auf.
-Die hatten mächtige Fledermausflügel aus roten Häuten. Der Himmel
-verfinsterte sich blutrot. Und die Drachen zeigten gelbe Bäuche und
-grünliche Brüste, hinter denen ich einen dunkelblauen Herzwulst pochen
-sah.
-
-Im See aber tauchte lautlos das Iguanodon unter. Auch das Tier im Hause
-hörte auf, Blitze zu werfen, und zog seinen langen Hals in das Fenster
-zurück und verschwand. Die roten Drachen aber füllten die ganze Luft
-und wurden zu Millionen Drachen.
-
-Ich sah eine Weile noch den Sonnenschein, der die vielen ausgespannten
-Drachenflügel rot durchleuchtete. Und von dieser Röte wurde auch der
-Baumstamm, unter dem ich lag, rot beschienen und ebenso Äste und
-Blätter. Der rote Stamm sah wie die blutige Gurgelröhre aus, die man
-einem mächtigen Tier ausgenommen hat. Und der Baum begann zu sprechen,
-und seine Äste begannen sich im Wind zu ballen wie Fäuste, und sie
-wuchsen und schlugen an die verschlossene Kellertüre, dahinter sich die
-Menschen des Hauses geflüchtet hatten. Und der Baum schrie zuletzt
-auf, und ich verstand jedes Wort, und mich schauderte, als er mich in
-der Hängematte hin und her schleuderte. Des Baumes Stimme aber rief:
-
-»So lange ihr Menschengezücht euch höher dünkt und gewaltiger als das
-Höhenreich und das Unterreich, so lange sollt ihr keinen Frieden haben,
-da ihr keinen Frieden geben wollt. Ihr sollt nicht sicher sein in euren
-Häusern, nicht sicher in euren Betten, nicht sicher unter uns Bäumen.
-Wir werden immer wieder zu euch hereinbrechen, wir aus dem Unterreich
-und aus dem Höhenreich, deren Leben ihr erloschen glaubt. Und ihr
-werdet kämpfen müssen, so lange ihr Kampf wollt. Die roten Drachen, sie
-werden über euch geschickt, sie werden euch immer wieder besiegen, auch
-wenn eure Kämpfer elektrisches Feuer speien. Die roten Drachen, die aus
-dem Urblut aufstiegen, aus dem auch ihr gezeugt wurdet, sie sind es,
-die euch züchtigen sollen.«
-
-Nachdem der Baum also dröhnend gesprochen hatte, wurde es still. Die
-rote Dunkelheit, die die Landschaft und alles um mich entrückt hatte,
-wich allmählich, und es wurde hell wie vorher. Der erhitzte Garten im
-Nachmittagslicht, voll blühender roter Nelken und roter Geranien,
-lag am See, trocken und scharf beleuchtet. Niemand sprach. Nichts
-Ungewöhnliches war zu sehen. Im Hause schien noch alles zu schlafen.
-Gerade vor mir an der Gartenmauer reckten sich einige blaugrüne,
-tierähnliche Kakteenstauden. Auf den fleischigen, gepanzerten Pflanzen
-sonnten sich grünschillernde Fliegen, und neben ihnen züngelte eine
-kleine Eidechse.
-
-Meine Füße waren ein wenig in der Hängematte verwickelt. Ich konnte
-aber doch leicht aufstehen, ging zum Tisch und setzte mich in einen
-Strohsessel im Schatten des Hauses und dachte über das sonderbare
-vorsündflutliche Gesicht nach, das ich zwischen Wachen und Träumen eben
-erlebt hatte.
-
-Später kamen die Damen zur Kaffeestunde aus ihren Zimmern in den
-Garten, und wie wir da zusammen unter dem Mispelbaum saßen, wollte ich
-ihnen mein Traumgesicht beschreiben. Aber als ich den Mund zum Sprechen
-öffnen wollte, tauchten mir ganz andere Bilder auf. Ein innerer Wille
-zwang mich, ganz andere Worte zu sprechen als die, die ich hätte sagen
-wollen. Es war von jenem Gesicht her eine unerklärliche Angst in mir
-geblieben, die mir ergab, daß ich neuen Schrecken, der sich hier
-entwickeln konnte, dadurch im voraus Einhalt tun könnte, daß ich die
-Zukunft den Damen so schilderte, als wäre sie bereits Ereignis gewesen.
-
-Und ich erzählte:
-
-»Vorhin war es Nacht hier im Garten und draußen auf dem See. Die Lampe
-unterm Mispelbaum brannte, und auf Ihrem Stuhl hier saßen Sie, gnädige
-Frau« -- und ich verneigte mich leicht gegen die russische Dame.
-»Zu Ihren Füßen lagerten alle Katzen des Hauses, graue und schwarze
-nebeneinander, scheinbar schlafend, aber eigentlich mit Ihnen in die
-Dunkelheit horchend. Um den Tisch herum saßen alle Zwerge des Ortes.
-Der eine Zwerg hatte eine Kappe voll Birnen vor sich liegen, der andere
-Zwerg seine Kappe voll Trauben, der dritte seine Kappe voll getöteter
-Singvögel. Die anderen Zwerge, die neben Ihnen saßen, hatten leere
-Kappen, aber sie warteten, so schien es mir, jeder einen unbewachten
-Augenblick ab, um aus den drei gefüllten Kappen etwas zu stehlen.
-Aber die drei Zwerge mit den gefüllten Kappen horchten mit Ihnen
-und den Katzen gegen den See hin, wo eben nach dem Abendläuten das
-Scheinwerferboot tutete, das dann das kleine Hafenbassin von Limone
-verließ und seine Nachtwache an dem Ufer entlang antrat.«
-
-Die um den Tisch Sitzenden mußten angestrengt horchen, da tief im
-Hause, in einem der letzten Zimmer, der Drehorgelkasten gespielt wurde.
-Der am Morgen angekommene alte Herr spielte das kreischende Instrument,
-während seine Frau mit den beiden Fischerbuben schlurchend über den
-Steinboden tanzte.
-
-»Ich selbst befand mich auf dem See in einem Nachen und ruderte. Am
-Ende des Bootes saß die schöne Tochter des Briefträgers. Sie hatte den
-neuen Vollmond vor sich auf dem Schoß liegen wie ein Stück Weißzeug.
-Der Mond war entzweigerissen, und sie nähte mit einer großen goldenen
-Nadel seine Risse zusammen.
-
-Alles Unnatürliche in meinem Traum war so selbstverständlich, wie wir
-jetzt hiersitzen und Kaffee trinken. Ich konnte überall zu gleicher
-Zeit sein, im Garten, im Haus, im Kahn und auf dem Scheinwerferboot«,
-erzählte ich weiter.
-
-»Auf dem Zollboot, das wie ein langer schmaler Walfisch aus Eisen,
-nur wenig erhöht, über die Wasserfläche hinschoß, sah ich, umgeben
-von Zolloffizieren und Matrosen, Ulrike stehen. Es unterhielt sie
-besonders, einem Manne zuzusehen, der den Scheinwerfer handhabte.
-Vom Boot war über dem Wasser nichts zu sehen als nur ein kleiner
-Schornstein, der Lichtapparat des Scheinwerfers und ein dünnes
-Eisengeländer, das um das längliche Verdeck lief. In der Form einer
-Zigarre, und einem Wasserkäfer ähnlich, eilte das Boot auf der
-Seefläche hin und kreuzte pfeilartig von Ufer zu Ufer. Die Offiziere
-rauchten Zigaretten und freuten sich über Ulrike und über ihr
-rotleuchtendes Haar, das in der Nacht noch stark mit seiner Feuerfarbe
-lockte.
-
-Plötzlich kam Bewegung unter die Matrosen. Ein Offizier neben dem
-Scheinwerfermann gab leise Befehle, und alle andern Offiziere drängten
-sich zu ihm heran, und jeder sah durch ein neben dem Scheinwerfer
-angebrachtes Fernrohr eifrig und lebhaft erregt hinauf ans Ufer.
-
-Man hatte Schmuggler entdeckt. Ich aber wußte, da ich auch zugleich
-oben auf dem Berg sein konnte, daß die vom Fernrohr entdeckten
-Gestalten im weißen Lichtstrahl des Scheinwerfers dort oben
-keine Schmuggler waren, sondern der Student und der Drogist, die
-der Aufforderung Ulrikes nachgekommen waren und die Schmuggler
-spielten, nur um die Abendfahrt für Ulrike auf dem Scheinwerferboot
-unterhaltender zu machen.
-
-Die Offiziere aber sagten Ulrike nicht, daß sie Schmuggler entdeckt
-hätten. Einer bot ihr den Arm und führte sie auf den Wink der andern
-in die Kajüte, wo er ihr einen Spiegel zeigte, in welchem man nicht
-sich, sondern sein vorsündflutliches Urbild sehen konnte. Ulrike lachte
-herzlich, als sie sich in dem Spiegelglas als eine Art Iguanodon
-erkannte.
-
-Im selben Augenblick hörte Ulrike ein Tuten, und es wurden Befehle
-durch ein Sprachrohr an die Bergwand hinauf zu den Schmugglern gerufen:
-›Stillgestanden! Oder wir geben Feuer!‹
-
-Ulrike wandte sich vom Spiegel ab und zeigte dem Offizier ihr schönes
-Mädchengesicht und sagte:
-
-›Ihr werdet doch nicht auf den Studenten und auf den Drogisten
-schießen, die nur zum Spaß die Schmuggler machen?‹
-
-Im selben Augenblick krachten aber fünf Schüsse knapp hintereinander
-aus einem Maschinengewehr, das am Kiel des Bootes angeschraubt war.
-Vom Berg hörte man ein Niederrasseln von Steinen. Nach ein paar
-Augenblicken rauschte das Seewasser vom Fall zweier Körper schäumend
-auf.
-
-›Ihr habt zwei Menschen getötet,‹ schrie Ulrike.
-
-Die Schüsse aber in der Nacht wurden zu hundert Echos in den Bergen.
-Und in den Häusern von Limone erhellten sich viele Fenster. Viele Leute
-kamen aufgestört mit Lichtern und Laternen an den Strand, und viele
-Frauen warfen sich am Wasser händeringend auf den Boden und riefen:
-›Man hat uns unsere Männer getötet!‹ Denn diese waren Schmuggler und
-befanden sich in dieser Nacht auf den Paßwegen mit Waren beladen, die
-sie im Finstern über die Grenze schleppen sollten.
-
-Zugleich rannte der Briefträger kreischend am Ufer entlang und schrie:
-›Meine Tochter ist verschwunden! Mit diesen meinen Händen werde ich den
-erwürgen, der sie entführt hat.‹
-
-In der allgemeinen Aufregung gellte noch die Stimme Annunziatas, des
-Dienstmädchens im Gasthause. Die rief einem alten Herrn, der sie
-schüttelte, ins Gesicht:
-
-›Jawohl, ich habe dem Mann die Frau vergiftet, weil sie immer mit
-meinem Geliebten tanzt und nicht genug an einem Mann und einem
-Geliebten hat, sondern einen Mann und zwei Geliebte haben will.‹
-
-Der Wirt des Gasthauses aber verwandelte sich in einen Esel, stand an
-einer Straßenecke auf vier gespreizten Beinen und wehklagte in die
-Nacht.
-
-Im Garten starrte die Generalin, die bei den Katzen und den Zwergen
-saß, wie entgeistert nach der Haustüre des Gasthofes, wo der alte Mann
-herauswankte, der den Drehorgelkasten gespielt hatte, und dessen Frau
-tot war. In ihm erkannte die Generalin plötzlich ihren vor Jahren
-ins Meer gestürzten Gemahl, dem damals im Schreck, als sein Sohn
-ertrank, das Erinnerungsvermögen geschwunden war, der sich aus dem
-Meer gerettet hatte, aber nicht mehr wußte, wer er war, und der damals
-nach Deutschland gereist war, eine künstliche Blumenfabrik gekauft und
-wieder geheiratet hatte.
-
-Jetzt stürzte dieser Mann wie die andern nach dem Strand, wo ein
-allgemeines Geschrei und Gerufe durch die Nacht hallte.
-
-Die Generalin erlitt vom Erkennungsschreck einen Schlaganfall. Sie sank
-einseitig gelähmt vom Stuhl. Die Katzen im Garten flohen alle in den
-offenen Keller, und auch die Zwerge erschraken und liefen hinter den
-Katzen in das Kellerversteck. Dort balgten sie sich um die Birnen, die
-Trauben und die toten Vögel.
-
-Birnen und Trauben schmatzend und tote Vögel zerkauend, kamen die
-Zwerge nach einer Weile aus dem Keller vorsichtig hervorgekrochen. Sie
-zupften die umgefallene Generalin am Ohr und an der Nase und schleiften
-sie, mutig geworden, weil sie sich nicht rührte, am Mantel und an den
-Schalzipfeln den Garten hinunter an den See, wo sie sie unter Gekicher
-von der Landungsbrücke ins Wasser stießen.
-
-Die Tochter des Briefträgers im Kahn hatte die Risse im Mond
-zusammengenäht und gab die Mondscheibe frei, die aus ihrem Schoß fort
-an den Himmel hinaufschwebte, wo sie im Zenit stehen blieb, und wo sie
-nun die Seelandschaft mit ihrem Licht wieder verklärend beleuchtete.
-Das Mädchen selbst aber sprang aus dem Boot, nachdem sie zu mir noch
-gesagt hatte: ›Mein Vater ruft mich. Er darf mich nicht bei Ihnen
-finden. Dann sind Sie des Todes.‹ Dann war sie leicht über das Wasser
-fortgelaufen, als wäre der See eine Glasplatte, und sie kam heil an das
-Ufer, wo sie ihrem Hause zueilte.
-
-Ich aber wollte nicht mehr nach Limone zurück. Ich hatte genug von
-dem abenteuerlichen Aufenthalt und wollte noch in der Nacht nach
-Torbole rudern. Da glitt das Scheinwerferschiff an mir vorbei, und mit
-dem verzweifelten Schrei: ›Nehmen Sie mich auf!‹ sprang Ulrike vom
-Boot herunter zu mir in den Kahn. Dann ruderte ich aus Leibeskräften
-und schloß die Augen und ruderte, nur von dem Gedanken der Flucht
-angetrieben.
-
-Ulrike aber hing mir an meinem Halse während ich ruderte, und die junge
-Dame flehte mich an, sie zu ihrem Bräutigam nach Freiburg zu rudern, da
-sie gewiß nie mehr einen anderen Mann ansehen wollte als ihn und kein
-Unglück mehr suchen wollte, sondern das Glück der Ehe, soweit das einem
-Iguanodon möglich sei.«
-
-Also hatte ich gefabelt.
-
-Ulrike, die längst ein Taschentuch vor den Mund gehalten und öfters
-während meiner Erzählung wiehernd aufgelacht hatte, stöhnte jetzt:
-
-»Uff, uff, Sie haben recht. Ich werde heute noch nach Freiburg
-abreisen, um nicht all das Unglück anzustiften, das Sie mit solcher
-Wollust auf den Kaffeetisch malen. Es ist nur so schade, daß ich
-allein reisen soll, und daß ich Sie beide in dem stimmungsvollen
-Weltwinkel hier zurücklassen soll, während ich vor meiner
-Iguanodonseele fliehen muß.«
-
-»Daß Sie mich aber auf so schreckliche Weise umbringen lassen! Ich
-soll im Wasser umkommen, nachdem ich meinen ertrunken geglaubten Mann
-wiedergesehen habe! Was habe ich Ihnen getan, daß Sie mir ein so
-fürchterliches Schicksal ausdenken?« rief die Generalin, ihr Unglück
-genießend, aus.
-
-»Sie haben nichts getan, als daß Sie sich immer in Ihrem Innersten
-dramatische Schicksale gewünscht haben. Sie dramatisieren mit Ihrer
-Sehnsucht zum Unglück Ihr eigenes Schicksal, da Sie Angst haben, daß es
-sich sonst friedlich wie ein Idyll entwickeln könnte,« antwortete ich
-ihr.
-
-»O, Sie haben eine sonderbare Art,« sagte die Russin, »einem
-Aufklärungen über sich selbst beizubringen. Sie nehmen einem Unglücke
-vorweg, die man das Recht hatte, zu erwarten,« fügte sie beinahe
-schmollend hinzu.
-
-»Ich habe nichts anderes hier erwartet,« rief Ulrike jetzt, gleichfalls
-schmollend. »Sie glauben, daß wir alle an Sonnenstichen leiden,
-und Sie legen uns eine Eiskompresse aufs Herz. Dafür bin ich Ihnen
-eigentlich doch dankbar. Sie leuchten wie ein Scheinwerfer in uns
-hinein und erzählen uns dann Märchen, die Sie in uns gesehen haben, wie
-ein Großpapa seinen Enkeln Gruseln macht. Und recht belehrende Märchen
-sind das, das muß ich sagen.«
-
-Die Russin ereiferte sich aber und meinte:
-
-»Jedenfalls ist die Gewitterstimmung hier zerstört. Ich bin dagegen,
-daß man die Menschen von ihren Handlungen, die sie tun müßten,
-durch solch haarsträubenden Anschauungsunterricht vom blinden
-Leidenschaftsweg abschreckt. Jetzt wird Ulrike sicherlich nicht heute
-Abend mit dem Offizier auf das Scheinwerferboot gehen wollen. Der
-Student und der Drogist sind durch Tod abgeschafft. Ich finde, der
-Erzähler solcher Märchen müßte jetzt wenigstens neue Menschen und neue
-Ereignisse herbeischaffen. Denn damit, daß eine erzählte Geschichte aus
-ist, ist doch nicht das Leben der Zuhörer aus. Wir leben weiter und
-wollen erleben.«
-
-»Hier kommt schon neues Leben,« rief Ulrike.
-
-Mit dem Wirt traten zum Gartentor zwei fremde Herren in den Garten
-herein. Sie trugen kleine Handtaschen, und der Wirt stellte uns die
-Herren im Vorübergehen als zwei italienische Ärzte vor, die für einige
-Wochen hier bleiben sollten, und die soeben erst mit dem Dampfschiff
-angekommen wären.
-
-Wir hörten nur noch, wie die Herren zum Wirt sagten, sie wollten nur
-rasch ihre Hände waschen, und dann die Wiese aufsuchen und den Platz
-bezeichnen, wo die Krankenzelte aufgeschlagen werden sollten.
-
-»Ja, ist denn eine Epidemie ausgebrochen?« rief die Generalin, mit
-ihrem einen Auge belustigt zwinkernd, und richtete sich aufgeräumt aus
-ihren Schals und Mänteln empor.
-
-Die Herren waren aber schon mit dem Wirt ins Haus getreten und hatten
-beim Geräusch der Schritte die Frage überhört.
-
-Wir sahen einander verwundert an. Ich erinnerte mich, in der Zeitung
-gelesen zu haben, daß in Venedig Cholerafälle vorgekommen seien. Aber
-ich verschwieg es, um die Damen nicht zu erschrecken.
-
-Jetzt kam Annunziata, das Dienstmädchen. Sie hatte am Gartentor dem
-Briefträger die Post abgenommen und brachte uns Zeitungen und Briefe.
-Dabei sagte sie geheimnisvoll:
-
-»Die Dame, die heute morgen angekommen ist, ist sehr krank. Der Wirt
-hat gesagt, die Krankheit könne Cholera sein.«
-
-»Da haben wir es, das Unglück,« rief die Russin begeistert aus. »Ich
-packe sofort meine Koffer.«
-
-Ulrike und ich lachten, und Ulrike sagte:
-
-»Jetzt bekomme ich es, wie ich es gewollt habe. Jetzt werden alle
-mit mir abreisen. Wie froh ich bin, daß sich doch etwas Allgemeines
-ereignet, und daß meine Abreise nicht allein das Tagesereignis sein
-muß.«
-
-Ich hatte inzwischen rasch die neue Zeitung aufgeschlagen und las,
-daß verschiedene Cholerafälle in Venedig und auch am Gardasee
-gemeldet waren. Ich schlug dann den Damen vor, zusammen noch einen
-letzten Abschiedsspaziergang nach den Wiesen zu machen, was die
-Damen auch gerne taten. Draußen vor dem Ort, in der Nähe eines alten
-Pestfriedhofes, der jetzt wie ein harmloser Rosengarten zwischen
-prächtig düsteren Zypressen lag, trafen wir die beiden Ärzte, die
-den Arbeitern zusahen, welche dort ein großes vitriolgrünes Zelt
-errichteten.
-
-Bei der Farbe des Zeltes mußte ich an das Haus des vorsündflutlichen
-Tieres denken, das sich in meinem Traum aus dem See gereckt hatte
-und mit seiner Zunge in die Häuser eingedrungen war, aus denen es die
-Menschen einzeln herausgezogen hatte, um sie zu verschlingen. Bald
-würden hier Tragbahren ankommen. Bald würden die Häuser des kleinen
-Ortes einzelne ihrer Bewohner als Opfer der Cholera in dieses Zelt dem
-unerbittlichen Choleragespenst hingeben müssen.
-
-Während wir noch dastanden, wurde schon auf einer verhüllten Bahre die
-erste Kranke aus dem Gasthaus, in dem wir wohnten, gebracht, die Dame,
-die mit ihrem Mann heute morgen aus Venedig angekommen war. Der Wirt
-mit seinem demütigen Eselsgesicht stand neben mir und stöhnte laut und
-hörbar, denn er wußte, jetzt würden seine Gäste fortziehen und alle
-Bewohner des Ortes sein Haus meiden. Und wer wußte es denn, ob nicht
-er und alle, die hier standen, bereits vom geheimnisvollen Choleratod
-gezeichnet waren?
-
-Es war aber gar nicht mehr so leicht, dem Ort des Schreckens zu
-entfliehen. Die Dampfschiffe weigerten sich, in Limone anzulegen, und
-das Schiff, das die Ärzte gebracht hatte, war das letzte gewesen, das
-die Landungsbrücke berühren wollte.
-
-In der Nacht, als der Mond, von einer dünnen Wolke in zwei Teile
-geteilt, über dem See und dem Monte Alto hing, stießen geheimnisvoll
-zwei Boote bei der Gartentüre des Gasthauses ab. In dem einen saß ich
-und ruderte Ulrike und unsere Koffer, da wir uns keinem Bootsmann
-vertrauen wollten. Im anderen Boot saßen die russische Generalin und
-der Mann der vor zwei Stunden gestorbenen Frau, der eine heillose
-Angst hatte und nicht einmal die Beerdigung seines toten Weibes hatte
-abwarten wollen. Dieses Boot ruderten die beiden Fischerknaben, da es
-schwer und mit den großen Koffern der Generalin beladen war.
-
-Während der ganzen Nacht ruderten die Boote lautlos Seite an Seite, und
-als wir die Bucht von Limone verlassen hatten, war in der Dunkelheit
-nichts mehr von diesem Ort bei uns als der säuerliche Duft der
-Zitronenfrüchte, der uns aus den Säulengärten in der milden Nacht über
-das Wasser noch nachkam, lockend und verführerisch, wie ein lebendes
-Wesen, das auf den Wellen wandern kann, ohne zu versinken.
-
-Aber der Scheinwerfer des Wachtbootes, der sonst die Nacht so unruhig
-machte, war in der Mondhelle, in welcher keiner zu schmuggeln wagte,
-auf der anderen Seite des Sees tätig, und er streifte drüben mit seinem
-weißen Strahl die vom Mondschatten verdunkelten Bergwände ab.
-
-Als wir einige Zeit gerudert hatten, riefen die Fischerknaben vom
-anderen Boot mir zu:
-
-»Jetzt sind wir über die Grenze gekommen. Jetzt sind wir auf
-österreichischem Seegebiet.«
-
-»Jetzt sind wir bald in Freiburg,« lachte Ulrike. Sie war im Geist
-längst nicht mehr auf dem See, sondern weit über den Alpen bei ihrem
-Bräutigam.
-
-Ich aber war froh, daß wir dem Abenteuerherd entrannen, den ich vom
-ersten Augenblick an, als ich im Sturmwind in das kleine Wasserbassin
-von Limone hineingefegt worden war, beim Betreten des Landes mit allen
-Sinnen gewittert hatte.
-
-Aber die Russin meinte, Abenteuerherde müsse es überall geben, denn
-sonst wäre das Leben eine Einöde. Und sie suchte begierig nach neuem
-Unglück.
-
-
-
-
-Notizen des Bearbeiters:
-
-gesperrter Text markiert durch _ ... _
-
-Das Verzeichnis "sämtlicher Bücher von Max Dauthendey", das auf der
-zweiten Seite angekündigt wird, befindet sich nicht in den zu
-bearbeitenden Seiten.
-
-Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
-
-
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-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTEN AUS DEN VIER WINDEN ***
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