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-The Project Gutenberg EBook of Leibniz, by Wilhelm Wundt
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Leibniz
- Zu seinem zweihunderjährigen Todestag 14. November 1916
-
-Author: Wilhelm Wundt
-
-Release Date: December 8, 2019 [EBook #60879]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEIBNIZ ***
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-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text
- ist _so markiert_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so
- ausgezeichnet~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des
- Buches.
-
-
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-
- Leibniz
-
- Zu seinem zweihundertjährigen Todestag
-
- 14. November 1916
-
- Von
-
- Wilhelm Wundt
-
- [Illustration]
-
- Alfred Kröner Verlag in Leipzig
- 1917
-
-
-
-
- Copyright 1916
- by Alfred Kröner Verlag in Leipzig
-
-
- Druck von Metzger & Wittig in Leipzig
-
-
-
-
-Vorwort.
-
-
-Der Verfasser dieser kleinen Schrift hat sich vor sehr vielen Jahren
-einmal mit dem kühnen, vielleicht phantastischen Plan getragen,
-eine wissenschaftliche Leibniz-Biographie zu schreiben. Natürlich
-ist nichts aus dem Plan geworden, er ist nicht einmal bis zu den
-Anfängen seiner Ausführung gediehen. Aber als ich infolge meines
-späteren Lehrberufs von Zeit zu Zeit immer wieder veranlaßt war, zur
-Beschäftigung mit diesem merkwürdigen Manne zurückzukehren, sammelte
-sich mir im Lauf der Jahre eine Anzahl von Bemerkungen an, die mir in
-mancher Beziehung das Bild dieser Persönlichkeit in etwas verändertem
-Lichte gegenüber dem überlieferten erscheinen ließen. Diese Schrift
-beabsichtigt daher nicht, mit den verschiedenen Interpretationen der
-Leibnizschen Philosophie in Wettstreit zu treten, und sie hat deshalb
-auch nirgends Anlaß gehabt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Ich bin
-überhaupt nicht von seiner Philosophie, sondern zunächst von seinen
-mathematisch-physikalischen Arbeiten ausgegangen, die mich dann, so
-weit dies möglich war, zu gelegentlichen Beschäftigungen mit seinen
-sonstigen wissenschaftlichen und praktischen Interessen geführt haben.
-Von hier aus suchte ich endlich den Wegen nachzugehen, auf denen er
-zu seinen philosophischen Ideen gelangt ist. Er selbst ist ja, wie
-bekannt, im wesentlichen diesen Weg gegangen und darum, hierin nicht
-unähnlich seinem großen Nachfolger Kant, erst spät zu der Reihe von
-Gedanken gelangt, die man sein System zu nennen pflegt, und die doch
-eigentlich mehr den Charakter einer phantasievollen Verknüpfung seiner
-wissenschaftlichen Ideen als den eines strengen logischen Systems
-besitzen. Ich bekenne, daß mir im Zusammenhang mit dieser Betrachtung
-vieles in der Kultur seiner eigenen und der folgenden Zeit sowie in der
-weiteren Geschichte der deutschen Philosophie verständlicher geworden
-ist, als es zuvor war.
-
-Ich veröffentliche diese Studie zum zweihundertjährigen Todestag des
-Mannes, mit dem die neue deutsche Philosophie begonnen hat. Möge dieser
-Tag daran erinnern, daß die deutsche Philosophie, mehr als manche
-unserer Zeitgenossen Wort haben wollen, aus eigener Kraft entstanden
-ist, und daß sie zu einer Zeit geboren wurde, da die deutsche Nation
-ungleich mehr als heute einer ungewissen Zukunft entgegensah.
-
- Leipzig, im September 1916.
-
- =W. Wundt.=
-
-
-
-
-Inhalt.
-
-
- Seite
-
- I. Leibniz und seine Zeit 1
-
- II. Leibniz und die Scholastik 20
-
- ~a.~ Leibniz als Mathematiker 24
-
- ~b.~ Die dynamische Naturphilosophie 36
-
- ~c.~ Die Aktualität der Seele 57
-
- ~d.~ Die Einheit der Wissenschaften 66
-
- III. Leibniz und die neue Wissenschaft 73
-
- ~a.~ Der Wandel der Substanzbegriffe 79
-
- ~b.~ Die ~Lex continuitatis~ 90
-
- ~c.~ Der neue Idealismus 103
-
- ~d.~ Philosophie und Theologie 114
-
- IV. Leibniz und die Zukunft der deutschen Philosophie 121
-
- Anmerkungen 130
-
-
-
-
-I.
-
-Leibniz und seine Zeit.
-
-
-Daß der gegenwärtige Krieg der größte und furchtbarste sei, den die
-Welt jemals gesehen, ist ein in den letzten Monaten oft gehörtes Wort.
-Doch für uns Deutsche trifft dieses Wort nicht zu. Das deutsche Volk
-hat einen Krieg erlebt, furchtbarer und zerstörender als diesen. Das
-war jener Krieg, in welchem dreißig Jahre lang der deutsche Boden zum
-Kriegstheater geworden war, auf dem die Völker Europas ihre Kämpfe
-ausfochten und der schließlich nur deshalb zu Ende ging, weil die
-Söldnerscharen, die hier aus aller Welt zusammenströmten, in den
-niedergebrannten Dörfern und verarmten Städten nichts mehr zu plündern
-fanden. Unter den Trümmern der von ihr angerichteten Verwüstung hatte
-die Kriegsfurie zuletzt sich selber begraben. Zurückgelassen aber hatte
-sie an der Stelle einer zuvor blühenden Kultur eine durch Hunger,
-Seuchen und Gewalttaten dezimierte, um den kümmerlichen Aufbau ihres
-zerstörten Besitzes sich abmühende Bevölkerung. Über ein Jahrhundert,
-in manchen Gegenden das Doppelte dieser Zeit, soll nach der Schätzung
-der Wirtschaftsstatistik verflossen sein, bis der Wohlstand der Nation
-annähernd wieder auf der gleichen Höhe angelangt war, die er vor dem
-Kriege erreicht hatte. Doch wer könnte schätzen, was das deutsche
-Volk in diesem halben Jahrhundert der Friedlosigkeit versäumt hatte!
-Denn auch für ein Volk gilt in gewissem Sinne, was für den einzelnen
-Menschen gilt: eine verlorene Lebenszeit läßt sich nicht wieder
-ersetzen. Und was für eine gewaltige Zeit europäischer Kultur ist
-gerade diese erste Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts gewesen! Es
-ist das Zeitalter, in dem sich England zur ersten Seemacht der Welt
-zu erheben begann, in dem Frankreich zur unbestritten herrschenden
-Landmacht Europas geworden war, und in dem mit dem politischen
-Aufschwung in beiden Ländern die Blüte der Kunst und der Wissenschaft
-sich verband. Wohl kann man nicht ohne Rührung dessen gedenken, daß
-selbst in dieser trostlosen Zeit des deutschen Niedergangs neben den
-Nachfolgern Shakespeares und den großen französischen Klassikern
-die Stimmen der deutschen Dichtung ihren eigenen Reiz besitzen. Um
-so mehr lastete auf einem andern Gebiet geistigen Schaffens, das
-mehr als der Ausdruck seelischer Stimmungen in Poesie und Musik von
-der Gunst äußerer Bedingungen abhängt, das schwere Schicksal dieses
-Krieges. Es ist die _neue Wissenschaft_, die in diesem Jahrhundert
-den glänzenden Abschluß des Zeitalters der Renaissance bildet. Zwar
-die große Umwälzung der Himmelskunde, die ihr den Weg bereitete, war
-vorangegangen. Noch reichte das Leben des großen deutschen Forschers,
-der durch die Entdeckung der Gesetze der Planetenbewegungen dem neuen
-Weltsystem die Herrschaft gesichert hatte, in die Zeit der Schrecken
-des Krieges hinein. Doch Kepler fristete, unstet von Ort zu Ort
-wandernd, notdürftig sein Dasein und starb schließlich im Elend. An
-jenem Aufschwung auf allen Gebieten der Forschung, der vornehmlich in
-diese erste Hälfte des Jahrhunderts fällt, und von dem mit Recht gesagt
-worden ist, er sei nicht bloß eine Wiedergeburt, sondern eine völlige
-Neuschöpfung, an ihm hat die deutsche Wissenschaft keinen nennenswerten
-Anteil genommen.
-
-Indes die deutschen Universitäten zumeist in der ödesten Spätscholastik
-befangen geblieben waren, hatte Richelieu die Pariser Akademie
-gegründet, die sich rasch zu einer Art obersten Tribunals der
-Wissenschaften erhob. Ihr folgte bald die Königliche Gesellschaft zu
-London. Eine Reihe hervorragender Mathematiker und Physiker sammelte
-sich um diese neuen Pflanzstätten der Wissenschaft, die auch aus der
-Ferne die hervorragendsten Gelehrten in ihren Kreis zogen. Neben den
-exakten Wissenschaften sind es die Fragen des Staats- und Völkerrechts,
-die in dieser bewegten Zeit besonders die Geister beschäftigen. Vor
-allem aber erhebt sich unter dem mächtigen Impuls der Naturwissenschaft
-und in grundsätzlicher Abkehr von der aristotelischen Scholastik die
-neue Philosophie. Um die Zeit, in der der deutsche Krieg zu einem
-Weltkrieg zu werden begann, entwarf Francis Bacon sein großes Werk
-»Über den Wert und die Fortschritte der Wissenschaften«, in welchem er
-seine Übersicht über alles, was die neue Wissenschaft geleistet und
-was sie noch zu leisten habe, mit einer begeisterten Lobpreisung ihres
-Wertes für den Fortschritt der Menschheit begleitete. Und zwanzig Jahre
-später, als sich das zerstörende Werk des Krieges seinem Ende zuneigte,
-verfaßte Descartes jene Reihe seiner Schriften, die seinem und noch dem
-größten Teil des folgenden Jahrhunderts als die unbestritten größten
-Schöpfungen der Philosophie galten.
-
-Zwei Jahre vor dem Ende des Krieges ist Leibniz geboren. Seine Jugend
-fällt in eine Zeit, in die wir uns heute schwer hineindenken können.
-Wie anders mußte doch die Welt einem Geschlecht erscheinen, in welchem
-die jugendlichere Hälfte der Lebenden den Frieden noch niemals gesehen
-hatte, die ältere aber diesen Frieden nur noch in dem verklärenden
-Licht jugendlicher Erinnerungen erblickte, das durch den Kontrast
-gegen die Schrecken des seither Erlebten um so heller strahlte. So
-falsch es darum wäre, zu meinen, dieses Geschlecht habe nun sofort
-sich bemüht, auf dem geradesten Wege nachzuholen, was es bis dahin
-verabsäumt, so sehr würde man fehlgehen, wollte man vermuten, dieses
-so lange Jahre ohnmächtig der äußeren Gewalt fügsam gewordene Volk sei
-auf lange hinaus zu einer Wiedererhebung nicht mehr fähig gewesen. Das
-letztere würde womöglich noch irriger sein als das erste. Dies zeigt
-vor allem die Literatur dieser Jahre nach dem Krieg. Insbesondere
-ist es _eine_ Eigenschaft, die die Menschen dieser Restaurationszeit
-auszeichnet: das ist das rastlose Streben, die alten glücklichen
-Zustände wiederherzustellen, die den religiösen und politischen
-Wirren, auf die man diesen unseligen Krieg zurückführte, vorangegangen
-waren. So war denn dieses Geschlecht vor allem praktischen Interessen
-zugewandt. Es ist erstaunlich zu sehen, wie sehr in der Literatur
-dieser Zeit die politischen Fragen und die Verhandlungen über die
-religiösen Streitpunkte und ihre mögliche Ausgleichung vorherrschen.
-Der Krieg war ja zu einem guten Teil ein Religionskrieg gewesen. Konnte
-man nicht hoffen, daß fernerhin für alle Zeit Friede bleiben werde,
-wenn nur erst der Glaubenszwiespalt beseitigt sei? In den weitesten
-Volkskreisen gingen Gerüchte um, die von einem nahe bevorstehenden
-ewigen Religionsfrieden zu erzählen wußten. Der Erzkanzler Johann
-Philipp von Schönborn zu Mainz, ein den Protestanten geneigter Fürst,
-und sein Minister Boineburg, der selbst von der protestantischen
-zur katholischen Kirche übergetreten war, sollten sich, nach der
-Volkssage, mit dem Papste bereits über die wechselseitigen Konzessionen
-verständigt haben, unter denen die große Vereinigung der Religionen
-ins Werk zu setzen sei. Nicht weniger wie die Kirchenspaltung empfand
-man aber die politische Zerklüftung Deutschlands als eine Hauptursache
-des hereingebrochenen Unheils. In der Wiederaufrichtung des deutschen
-Reichs in alter Herrlichkeit, gefestigt durch ein unauflösliches, jede
-fremde Einmischung von den deutschen Grenzen künftighin fernhaltendes
-Bündnis der Fürsten, sah man die sichere Bürgschaft eines dauernden
-Friedens. Das lebendige Nationalgefühl und sein Widerspiel, der Kampf
-gegen welsche Mode und fremden Übermut, die uns bei den Dichtern des
-dreißigjährigen Krieges in so erfreuendem Kontrast zur Not dieser
-Zeit anmuten, sie setzen sich jetzt, wo der ersehnte Friede wirklich
-erreicht ist, in hoffnungsreiche Pläne einer politischen und nationalen
-Wiedergeburt um, die sich freilich allzu leicht über die äußeren
-Schwierigkeiten und die inneren Hemmungen hinwegtäuschen, denen diese
-patriotischen Wünsche begegnen.
-
-Um die Stellung, die Leibniz in seiner Zeit einnimmt, richtig zu
-würdigen, muß man diesen Charakter der Zeit selbst in Betracht
-ziehen. Je weniger wir uns aber heute mehr in jene hochgehenden und
-schließlich getäuschten Erwartungen zurückdenken können, um so mehr
-sind wir geneigt, einen Mann wie diesen, der mit dem, was er Bleibendes
-geschaffen, weit über sie hinausreicht, nach seinem Verhältnis zu uns,
-nicht nach dem zu seiner eigenen Umgebung und nach denjenigen Seiten
-seines Wirkens zu beurteilen, in denen er selbst die Hauptaufgabe
-seines Lebens gesehen hat. Wer Leibniz heute liest, der liest seine
-philosophischen, zum Teil wohl auch seine mathematischen Schriften,
-falls er sich hier nicht mit dem mehr oder weniger oberflächlichen
-Bericht in einer Geschichte der Mathematik begnügt. Selten wirft wohl
-einmal ein Jurist seinen Blick in die juristischen oder ein Historiker
-in die politischen Schriften. So bleibt denn nur der allgemeine
-Eindruck, daß wir hier einem Wissen und Können gegenüberstehen,
-das überhaupt, um möglich zu sein, nicht bloß einer erstaunlichen
-persönlichen Begabung, sondern vielleicht auch einer außerordentlichen
-Zeit bedurfte, in der die Kräfte der Nation nach langem Siechtum wieder
-zu neuem Leben erwacht waren. Fast ein Jahrhundert lang war ja die
-deutsche Wissenschaft nahezu stehen geblieben. Die Traditionen der
-älteren Zeit waren verloren gegangen, die deutschen Vorläufer der neuen
-Weltanschauung, ein Nikolaus von Kues, ein Paracelsus sind viel später
-erst, als das Interesse an ihnen ein rein historisches geworden war, in
-ihrer philosophischen Bedeutung wieder entdeckt worden.
-
-So hatte an der Begründung der neuen Philosophie die deutsche
-Wissenschaft bis dahin keinen Anteil genommen. Da ist es denn in der
-Tat, als habe der Geist der Nation in dieser einen Persönlichkeit
-nachholen wollen, was er bis dahin verabsäumt hatte. Der Reihe der
-hervorragenden Denker, die in England und Frankreich von verschiedenen
-Seiten, die einen von der empirischen Naturforschung, die anderen
-von der abstrakten Mathematik, noch andere von der Theologie oder
-der Staatswissenschaft ausgehend, das Gebäude der neuen Philosophie
-errichten halfen, tritt dieser deutsche Philosoph als ein einziger,
-ganz auf sich selbst gestellt, gegenüber. Er ist ihnen allen überlegen.
-Ihm scheinen die Hilfsmittel sämtlich zu Gebote zu stehen, über die
-jene nur teilweise verfügen. Er ist Jurist, Historiker und Philologe,
-Mathematiker, Physiker, Geologe, wohl bewandert in den verschiedenen
-Gebieten der Biologie, daneben unermüdlich bemüht um die theologischen
-Streitfragen der Zeit, endlich ein politischer Schriftsteller von
-unerreichter Virtuosität juristischer Beweisführung und von einer
-Kenntnis konkreter staatsrechtlicher Fragen, in der ihn keiner seiner
-Zeitgenossen erreicht. Und seine Philosophie besteht nicht etwa in
-beiläufigen Gedanken, die ebensogut unabhängig von diesen mannigfachen
-anderen Arbeiten entstanden sein könnten. Einer solchen Meinung hat
-Leibniz selbst mehrfach auf das Nachdrücklichste widersprochen. Ihr
-widerstreitet zudem seine Überzeugung von dem allgemeinen Zusammenhang
-der Wissenschaften, wie er denn auch verhältnismäßig erst spät zu
-seinen endgültigen philosophischen Anschauungen gelangt ist. Die
-Jurisprudenz und die Mathematik erklärt er für einander nahe verwandte
-Gebiete. Jene ist ihm geradezu eine Art Kalkül mit Begriffen, von dem
-mathematischen nur dadurch verschieden, daß es bei ihm mehr auf die
-Qualität als auf die quantitativen Verhältnisse ankommt. Auch meint er
-von der Jurisprudenz, von der seine eigenen Studien ausgingen und mit
-der er zeitlebens in enger Fühlung geblieben ist, sie führe zugleich
-bei allen ihren Aufgaben von dem abstrakten Begriff zu dem konkreten
-Inhalt der Wirklichkeit, so daß der wahre Jurist eigentlich ebensogut
-in der Naturwissenschaft wie in der Geschichte und Politik zu Hause
-sein müßte. Wie die Idee der Harmonie alles Seins und Geschehens
-schließlich das leitende Motiv seiner Philosophie geworden ist, so
-gehörte daher der Gedanke einer Harmonie der Wissenschaften, in
-der jede berufen sei, die andere zu ergänzen und, wo es nötig sei,
-zu erleuchten, zu seinen bleibendsten Überzeugungen. Darum hat es
-schwerlich einen Gelehrten gegeben, der mehr gewußt, sicherlich aber
-auch keinen, der auf bloße Vielwisserei einen geringeren Wert gelegt
-hätte wie Leibniz.
-
-Schon seine erste Schrift, die »~Dissertatio de arte combinatoria~«,
-mit der er als Zwanzigjähriger seine philosophische Magisterwürde
-erwarb, ist dafür bezeichnend. Sie behandelt, nach der Sitte der
-deutschen Hochschulen jener Zeit mit allerlei scholastischen Exkursen
-belastet, im wesentlichen die Aufgaben der heute noch sogenannten
-Kombinationsrechnung, allerdings, wie ihr Autor selbst später bemerkt
-hat, lückenhaft und unzulänglich. Aber wenn sie ihrem Inhalt nach
-eine bloß mathematische zu sein scheint, so ist sie dies doch ihrem
-Zweck nach durchaus nicht. Vielmehr möchte der jugendliche Autor die
-Grundlagen einer systematischen Methode der Ordnung und Gliederung
-der Begriffe überhaupt gewinnen. So ist die Arbeit ein erster Anlauf
-zur Verwirklichung jenes Planes einer allgemeinen Begriffsrechnung,
-der ihn unter dem Namen einer »~Charakteristica universalis~« sein
-Leben lang beschäftigt hat. Mit diesem Plan einer über die Gesamtheit
-der Wissenschaften sich ausbreitenden Methode der Forschung stehen
-dann noch zwei andere, von ihm von frühe an verfolgte, auf die
-äußere Systematisierung der Wissenschaft gerichtete Pläne in engem
-Zusammenhang. Der eine, die Gründung gelehrter Gesellschaften, der
-an die in Paris und London bereits bestehenden Vorbilder anknüpfte,
-ist bekannt. Er ist in der Gründung der Berliner Akademie noch zu
-seinen Lebzeiten, in den Akademien zu Wien und Petersburg bald nach
-seinem Tode zur Verwirklichung gelangt. Weniger pflegt bekannt zu
-sein, daß diese Gründungen von ihm von Anfang an als internationale,
-planmäßig zusammenarbeitende Assoziationen gedacht waren und namentlich
-auch praktische, volks- und staatswirtschaftliche Zwecke verfolgen
-sollten. Hier stehen sie daher zugleich mit seinen politischen und
-religiösen Friedensbestrebungen in nahem Zusammenhang. Der zweite,
-ebenfalls schon in seine Jugendzeit zurückreichende Plan ist vollends
-ganz in Vergessenheit geraten. Es war der Plan einer enzyklopädischen
-Vereinheitlichung der Literatur, den man wohl als eine Art Vorausnahme
-des Gedankens der neuerlichen Gründung der »Deutschen Bücherei«
-bezeichnen kann. An Stelle der vorhandenen Zersplitterung der Literatur
-sollte nach seinem Vorschlag der gesamte deutsche Büchermarkt in
-_einer_ Stadt, in Mainz, konzentriert, außerdem aber halbjährig ein
-vollständiger Katalog aller erschienenen Schriften herausgegeben
-werden, zu dessen Herstellung sich Leibniz selbst erbot.
-
-Überschritten schon diese wissenschaftlichen Pläne weit den
-gewöhnlichen Umfang der Wirksamkeit eines Gelehrten, so kamen nun
-aber dazu andere, für ihn noch zwingendere Motive, die es erklärlich
-machen, daß er nicht erst durch zufällige Begegnungen in die, wie
-man denken könnte, seiner Erziehung und Jugendbildung fernliegende
-Laufbahn des Staatsmannes und Diplomaten gedrängt wurde, sondern daß
-eben dies in der Tat sein früh erstrebter und frei gewählter Beruf war.
-Schwerlich würde er auch sonst den ehrenvollen Antrag einer Professur,
-den die damals eine angesehene Stellung unter den deutschen Hochschulen
-einnehmende Universität Altdorf ihrem zwanzigjährigen Doktoranden
-machte, abgelehnt und sich statt dessen vorläufig mit dem etwas
-fragwürdigen Amt des Sekretärs eines Nürnberger Rosenkreuzervereins
-begnügt haben. Wer die nach den verschiedenen Richtungen seiner
-Tätigkeit noch immer vollständigste Ausgabe Leibnizscher Schriften
-von Dutens durchblättert, nicht etwa bloß seine philosophischen oder
-mathematischen zu Rate zieht, dem muß sofort in die Augen springen:
-dieser Autor ist aus eigenstem Antrieb Jurist und Politiker gewesen,
-und er hat diesen Beruf mit jener Hingabe auf sich genommen, die nur
-da möglich ist, wo freie Wahl und Beruf zusammentreffen. Wer auch nur
-probeweise irgendeine seiner Staatsschriften liest, wie die unter dem
-Pseudonym »~Caesarinus Fürstenerius~« erschienene über die Souveränität
-der deutschen Fürsten und ihr Verhältnis zur Oberhoheit des Kaisers
-oder, um ein noch gleichgültigeres, wenn auch heute vielleicht wieder
-aktuell gewordenes Beispiel zu nehmen, seine Denkschrift über die Wahl
-eines Königs von Polen, dem tritt hier eine so erstaunliche Virtuosität
-juristischer und praktisch-politischer Dialektik entgegen, wie einer
-solchen niemand fähig ist, der nicht neben einer eminenten Sachkenntnis
-und einer unerreichten logischen Begabung zugleich das scharfe Schwert
-dieser Logik mit Begeisterung handhabt. Doch selbst die Frage, die
-Leibniz als »~Caesarinus Fürstenerius~« behandelt, hat heute auch für
-den Historiker nur noch ein mäßiges Interesse; sie gehört einer uns
-gleichgültig gewordenen Vergangenheit an. Das bedeutendste dieser
-Aktenstücke, die Denkschrift, die er, diesmal sogar ausnahmsweise unter
-Nennung seines Namens, im Auftrage des Kurfürsten von Mainz für Ludwig
-XIV. ausarbeitete und im Jahre 1672 selbst nach Paris brachte, ist
-nicht nur ungedruckt, sondern bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts,
-wo sie als Manuskript im Archiv zu Hannover entdeckt wurde, unbekannt
-geblieben: es ist die merkwürdige Denkschrift, in der dem französischen
-König eine Expedition nach Ägypten zur Bekämpfung der Türkenmacht
-vorgeschlagen wird. Der Plan ist wahrscheinlich in Leibniz' eigenem
-Kopf entstanden, doch hatte er dem Kurfürsten eingeleuchtet und dieser
-ihn daher mit den notwendigen Reisegeldern für einen mehrjährigen
-Aufenthalt in der französischen Hauptstadt ausgerüstet. Aber in so
-verlockenden Farben der Verfasser den Erfolg eines solchen Feldzugs
-schildert, den Frankreich im Namen der gesamten Christenheit führen
-und durch den sich der französische König zum unbestrittenen Oberhaupt
-der christlichen Fürsten Europas erheben würde, der Vorschlag blieb
-nicht weniger erfolglos wie der zur polnischen Königswahl. Ludwig XIV.
-empfing den Abgesandten nicht einmal, sondern ließ ihm durch seinen
-Minister sagen, seit Ludwig dem Heiligen seien die heiligen Kriege
-aus der Mode gekommen. Kurze Zeit nachher aber nahm er Lothringen
-weg, und einige Jahre später überfiel er Straßburg. Die Beraubung des
-durch den vorangegangenen Krieg erschöpften Deutschen Reichs galt ihm
-also zwar nicht, wie den heutigen Franzosen die nochmalige Eroberung
-der von ihnen geraubten Provinzen, als ein heiliger Krieg, jedenfalls
-hielt er sie aber für gewinnbringender als die ihn vielleicht etwas
-phantastisch anmutende Expedition nach Ägypten. Auch mag es sein, daß
-den französischen Staatsmännern die geheime Absicht des Autors, die
-Eroberungsgelüste ihres Königs von Deutschland abzulenken, nicht ganz
-verborgen blieb.
-
-Konnten diese zum Teil umfangreichen politischen Schriften im Hinblick
-auf ihre Erfolglosigkeit leicht in Vergessenheit geraten, um wie
-viel mehr gilt das nun aber von der Jahrzehnte sich hinziehenden
-Korrespondenz, in der Leibniz über die Frage verhandelte, die ihm mehr
-als jede andere, ja anscheinend mehr als seine wissenschaftlichen
-Interessen am Herzen lag, die der Wiedervereinigung der beiden
-christlichen Kirchen, an deren Stelle dann, als er schließlich auch
-hier notgedrungen auf einen Erfolg verzichten mußte, gegen Ende seines
-Lebens die andre einer Vereinigung der protestantischen Bekenntnisse
-trat. In diesen Unionsbestrebungen ist er eben der hervorragendste
-Repräsentant einer der mächtigsten geistigen Strömungen seiner Zeit.
-Zugleich galt ihm aber, wie manchen namentlich der weitersehenden
-seiner Zeitgenossen, die religiöse als ein wichtiges Mittel zur
-politischen Einigung der deutschen Stämme, und in diesem patriotischen
-Interesse war er daher, da nun einmal eine Verständigung nur auf dem
-Wege des Kompromisses geschehen konnte, überall bemüht, eine solche
-durch wechselseitige Zugeständnisse zu erzielen. Das war es aber
-schließlich, woran auch hier seine Bemühungen scheiterten und notwendig
-scheitern mußten. Wenn ihm der angesehenste Vertreter des französischen
-Katholizismus, Bossuet, am Ende eines mit ihm geführten Briefwechsels
-bemerkte, Glaubensdifferenzen seien nicht auf diplomatischem Wege zu
-beseitigen, so war diese Antwort in der Tat so treffend wie möglich. So
-ist es denn auch beinahe tragisch zu nennen, daß gerade die wirksamste
-seiner politischen Schriften keine diplomatische, sondern eher das
-Gegenteil einer solchen gewesen ist: es ist die kurz nach der mitten im
-Frieden erfolgten räuberischen Wegnahme Straßburgs durch die Franzosen
-unter dem Titel »~Mars christianissimus~« erschienene Streitschrift
-gegen Ludwig XIV. Mit beißendem Spott kennzeichnet ihr Verfasser den
-Charakter der Franzosen nicht weniger wie den ihres, wie er sich selbst
-nennt, »allerchristlichsten Königs«. Nach jedem der Raubzüge, die
-dieser König durch seine Generäle ausführen läßt, errichten ihm die
-Pariser Triumphbogen mit der Inschrift »Dem großen Ludwig«, obgleich
-sie wohl wissen, daß das einzige, was dieser Große während der Feldzüge
-getan hat, darin bestand, daß er sich in Paris amüsierte. Seine
-Qualität als allerchristlichster König bekundet er aber dadurch, daß er
-seine Feldherren in den eroberten Ländern wie die Mordbrenner hausen
-läßt. Leibniz hat damit der aus Empörung und Verachtung gemischten
-Volksstimmung Ausdruck gegeben, die noch bis vor wenig Jahrzehnten,
-ja vielleicht bis zum heutigen Tage in den süddeutschen Grenzlanden
-nachgewirkt hat. Aber auch dieser wirkungsvollsten seiner politischen
-Schriften ist nur eine kurze Lebensdauer beschieden gewesen, da sie
-durch ihr gelehrtes lateinisches Gewand von vornherein auf engere
-Kreise beschränkt blieb.
-
-Vergeblich getane Arbeit ist aber gerade darum, weil sie vergeblich
-ist, nicht selten mühseliger und zeitraubender als fruchtbringende. Das
-berühmte Problem der Brachystochrone, der Linie des kürzesten Falls, um
-das sich sein Freund Johann Bernoulli vergeblich bemüht hatte, löste
-Leibniz auf einer Spazierfahrt von Hannover nach Wolfenbüttel, und das
-Resultat dieser Leistung ist noch heute im Gedächtnis der Mathematiker
-erhalten geblieben. Die persönlichen Unterredungen, die Reisen und die
-Briefe, die er der Frage der Vereinigung der Kirchen gewidmet, haben
-Jahrzehnte lang einen großen Teil seiner Zeit in Anspruch genommen;
-doch sie sind so gut wie die ergebnislos gebliebenen politischen
-Schriften aus dem Gedächtnis der Nachwelt fast ganz verschwunden.
-Schon die nächste Generation hat in Leibniz fast nur noch den großen
-Philosophen und Mathematiker erblickt. Man hat dabei meist nicht
-beachtet, daß dadurch immerhin das Bild, das wir uns auch von dem
-Philosophen und Mathematiker machen, der Wirklichkeit nicht entspricht.
-Sein Leben ist nicht in erster Linie diesen abstrakten Wissenschaften
-gewidmet gewesen, während er nebenbei den Fürsten, an deren Hof er
-tätig war, mit seinem Rat an die Hand ging, sondern das Umgekehrte ist
-zutreffend: er ist, dem Drang der Zeit und eigenstem Bedürfnis folgend,
-Politiker gewesen, er hat sich aus diesem Bedürfnis heraus vor allem
-die juristische und staatswissenschaftliche Bildung der Zeit angeeignet
-und die äußere Stellung gesucht und gefunden, die ihm die Ausübung
-dieses politischen Berufs ermöglichte, ihn aber auch mit einer Last
-von Arbeit überhäufte, die für sich allein schon eine ungewöhnliche
-geistige Kraft in Anspruch nahm. Die Meisterschaft in der Behandlung
-der Fragen des Staats- und besonders des Fürstenrechts, über die er
-verfügte, hatte ihn frühe schon zur obersten Autorität nicht nur im
-Gebiet des letzteren, sondern in den die Zeit bewegenden politischen
-Fragen überhaupt gemacht. Die Verhandlungen über die geplante
-Kirchenvereinigung, die teils unter seiner persönlichen Assistenz zu
-Hannover, teils durch den von ihm geführten Briefwechsel stattfanden,
-haben ihn in den wechselnden Formen zuerst der Reunion der Katholiken
-und Protestanten, dann der Union der protestantischen Konfessionen sein
-Leben lang beschäftigt. Und daneben fehlte es nicht an fürstlichen
-Sukzessions- oder Erbfolgefragen sowie an den damals bei den deutschen
-Fürsten leider nicht selten vorkommenden Eheirrungen, bei deren
-Ausgleich Leibniz nicht selten als Rechtskonsulent tätig war. Daneben
-beschäftigten ihn von früh an allgemeinere Aufgaben des öffentlichen
-und privaten Rechts: so schon in Mainz ein nicht zur Vollendung
-gelangter »~Codex diplomaticus~«, der die wichtigsten Staatsverträge
-zusammenfassen sollte, ein systematisches Kompendium des ~Corpus
-juris~, der Entwurf einer Reform des juristischen Studiums und vieles
-andere. Wenn Leibniz seine wissenschaftlichen Ergebnisse, insbesondere
-die mathematischen und philosophischen, nicht in größeren Werken,
-sondern durchgängig in kurzen Mitteilungen und Briefen niederlegte,
-so hat man das zuweilen als ein Zeugnis dafür angesehen, daß es ihm
-nur um die Sache, wenig um die Geltendmachung seiner Autorschaft zu
-tun gewesen sei. Näher liegt es aber doch, daß sein politischer und
-diplomatischer Beruf neben den mit diesem zusammenhängenden praktischen
-Bestrebungen und privaten Konsultationen seine Zeit allzu sehr in
-Anspruch nahm. In Briefen an Freunde klagt er wiederholt, er müsse
-eine Menge mathematischer Probleme unerledigt lassen. »Ich wünschte
-mir,« sagt er gelegentlich, »um die Aufgaben zu lösen, die mir durch
-den Kopf gehen, zehn weitere Köpfe oder mindestens zwölf hilfreiche
-Freunde«, ein Ausspruch, der nebenbei zeigt, daß er sich seiner
-überragenden Fähigkeiten wohl bewußt war. Sein eigentlicher, den
-Hauptinhalt seines Lebens bildender Beruf ist eben der des praktischen
-Politikers gewesen. Und darin ist er ein Kind seiner Zeit. Der
-Gedanke der Wiederherstellung des Friedens in Staat und Kirche, fand
-in ihm ihren genialsten Vertreter. Die sonstigen Arbeiten, besonders
-die philosophischen und mathematischen, waren mehr Produkte seiner
-Mußestunden, die sich seinem eigentlichen Lebensberuf unterordneten.
-Nur zweimal, beidemal bezeichnenderweise auf der Reise, hat er sich
-mathematischen und physikalischen Studien in größerer Konzentration der
-Arbeit gewidmet. Seine Pariser Mission war nach zwei Jahren bereits
-endgültig gescheitert. Er konnte nach Hause zurückkehren; aber er blieb
-noch weitere zwei Jahre. In der höheren Mathematik war ihm eine neue
-Welt aufgegangen. In ihr völlig heimisch zu werden, empfand er als ein
-dringendes Bedürfnis, und er mochte überzeugt sein, daß ihm das nur
-hier, an der damals ersten Stätte mathematischer Forschung, möglich
-sei. Die Frucht dieser Jahre außerhalb des diplomatischen Dienstes ist
-die Erfindung der Differentialrechnung. Zehn Jahre später unternahm
-er im Auftrage des Kurfürsten von Hannover eine zweite mehrjährige
-Reise. Sie führte ihn nach Wien und Italien, wo er die Archive nach
-den Urkunden der Geschichte des Welfischen Hauses durchforschte. Hier
-begann er ein großes systematisches Werk über Dynamik, dem er einen
-kürzeren Essai bereits vorausgeschickt hatte. Dieses systematische Werk
-sollte seine jahrelangen Studien über dieses Gebiet zusammenfassen.
-Aber auch dieses Werk ist Fragment geblieben. Die archivalischen
-Arbeiten, um derentwillen er die Reise angetreten, mögen doch allzu
-sehr seine Zeit in Anspruch genommen haben.
-
-So hat über seinen wissenschaftlichen Werken das Verhängnis
-gewaltet, daß, abgesehen von kleineren Aufsätzen und Briefen,
-gerade von den philosophischen nur zwei von ihm vollendet worden
-sind. Von ihnen ist noch dazu das eine, die »Theodizee«, die er für
-die Königin Sophie Charlotte von Preußen schrieb, vielleicht zu
-gleichen Teilen seinen konziliatorischen religiösen Bestrebungen
-wie seinen philosophischen Arbeiten zuzurechnen. Wie er in der
-jahrelangen Korrespondenz mit dem Jesuitenpater Des Bosses in
-Hildesheim diesem einleuchtend zu machen sucht, daß, nötigenfalls
-mit einigen ergänzenden Hypothesen, die den Grundgedanken unberührt
-lassen sollten, das monadologische System mit dem katholischen
-Dogma in Einklang zu bringen sei, so will die Theodizee der für die
-kirchlichen Unionsbestrebungen lebhaft interessierten Königin die
-vollkommene Übereinstimmung seiner Philosophie mit dem Christentum
-überhaupt, besonders mit den der katholischen und protestantischen
-Kirche gemeinsamen Glaubensüberzeugungen dartun. Das zweite größere
-Werk, die »~Nouveaux Essais sur l'entendement humain~«, eine in
-Dialogform niedergeschriebene fortlaufende Kritik der Sätze des in
-jenen Tagen einen großen Einfluß ausübenden Werkes von Locke, trägt
-durchaus den Charakter von Notizen, die sich der Autor zu persönlichem
-Gebrauch gemacht hat. Leibniz soll die Veröffentlichung unterlassen
-haben, weil Locke während der Abfassung dieser Notizen starb. Aber
-die Anhänger Lockes lebten so gut wie die Schüler Descartes', den
-Leibniz, obgleich er längst gestorben war, zeitlebens bekämpfte. Es
-ist daher viel wahrscheinlicher, daß er die zu eigener Belehrung
-geschriebene Arbeit nicht geeignet zur Veröffentlichung fand. Daß ein
-halbes Jahrhundert nach seinem Tode das Manuskript dennoch gedruckt
-wurde, war sicherlich ein großer Gewinn für das Verständnis seiner
-Philosophie. Dennoch blieb es ein Verhängnis für diese, daß bis über
-die Hälfte des 18. Jahrhunderts hinaus die Theodizee sozusagen für
-die offizielle Darstellung seiner Philosophie galt. Dies bewirkte
-nicht nur, daß die Philosophie des 18. Jahrhunderts unter dem Schein
-des Anschlusses an Leibniz in Wahrheit weit hinter diesen zurückging,
-sondern daß selbst noch Kant nur ein mangelhaftes Verständnis seiner
-Philosophie besaß. Wenn Leibniz, wie nicht zu leugnen ist, durch die
-auch in seinen religiösen Unionsbestrebungen hervortretende allzu große
-Geneigtheit zu Kompromissen daran zum Teil selber die Schuld trägt,
-so hängt das mit zwei Eigenschaften zusammen, die, sonst in der Regel
-einander widerstrebend, bei ihm in seltener Weise vereinigt sind: er
-ist im höchsten Grade rezeptiv und produktiv zugleich. Er ist stets
-geneigt, einen ihm entgegentretenden neuen Gedanken sich anzueignen.
-Sagt er doch selbst von sich, in der Diskussion sei er mehr bereit,
-anderen zuzustimmen, als ihnen zu widersprechen. Aber seine Zustimmung
-ist gewissermaßen immer zugleich ein Widerspruch: er dreht und wendet
-den fremden Gedanken so lange, bis er sein eigener, damit aber auch
-ein anderer geworden ist. Eigentlich ist das ja nur eine besondere
-Anwendung der in den juristischen und politischen so gut wie in den
-philosophischen und theologischen Arbeiten zutage tretenden Virtuosität
-seiner Dialektik. Aber ohne Gefahr ist natürlich diese dialektische
-Gewandtheit nicht. Sie hat ihn gelegentlich zu Konzessionen getrieben,
-die er im letzten Augenblick wieder zurücknehmen mußte. So machten
-ihn seine katholischen Freunde darauf aufmerksam, nach allem, was
-er zugunsten der Wiedervereinigung der Kirchen sage, bleibe ihm
-eigentlich nichts übrig als selbst katholisch zu werden. Trotzdem hat
-er dreimal der in verlockender Form an ihn herantretenden Versuchung
-widerstanden. In Paris konnte er um den Preis des Konfessionswechsels
-Mitglied der Akademie, in Rom Bibliothekar beim Vatikan werden, in
-Wien eine einflußreiche Stellung am kaiserlichen Hof gewinnen: er
-widerstand der Versuchung in allen drei Fällen. »Ich würde,« das
-war die charakteristische Antwort, »ich würde, wenn ich katholisch
-wäre, nicht Protestant werden, eben darum werde ich aber auch, da ich
-Protestant bin, nicht katholisch.« Darum war er nicht bloß genial auf
-allen den mannigfaltigen Gebieten der Wissenschaft, denen er sich
-zuwandte, sondern er war auch ein genialer Diplomat; aber er war kein
-Mann aus dem Holze, aus dem Reformatoren geschnitzt werden. Auch seiner
-Philosophie ist diese Eigenschaft verhängnisvoll geworden. Sie hat
-nicht nur über seine wirklichen Überzeugungen, über das, was man seine
-»esoterische« Philosophie nennen kann, Mißverständnisse erweckt, die
-bis zum heutigen Tage nachwirken, sondern sie mag ihn auch bisweilen
-veranlaßt haben, Begriffe, die verschiedenen Entwicklungsstufen seines
-Denkens angehörten, zu verbinden oder je nach Umständen abwechselnd
-zu gebrauchen. So konnte der Schein der Mehrdeutigkeit um so leichter
-entstehen, als er vor andern zu den Philosophen gehört, die nur
-allmählich zu ihren endgültigen Überzeugungen gelangt sind.
-
-So vieles man nun aber von allem dem der persönlichen Eigenart
-zuschreiben mag, die ja besonders bei einer so hervorragenden
-Persönlichkeit stets zugleich einzig in ihrer Art ist, so ist es doch
-wiederum der Charakter der Zeit, der in diesem ihrem größten Sohne zum
-Ausdruck kommt. Das gilt schließlich auch von derjenigen Eigenschaft,
-die dem oberflächlichen Betrachter zunächst auffällt, bei der aber
-auch derjenige, der sich die geistige Physiognomie dieses Mannes näher
-zu vergegenwärtigen sucht, immer wieder als der bewundernswertesten
-und unbegreiflichsten stehen bleibt: von der Universalität seines
-Wissens und Könnens. So sehr in der Tat das deutsche Volk zu Leibniz'
-Zeit unter der Nachwirkung des furchtbaren Krieges hinter den
-Fortschritten, die indessen anderwärts die Wissenschaften gemacht
-hatten, zurückgeblieben war, die Spuren der tiefen geistigen Erregung,
-die die Reformation ausgeübt, waren ebensowenig erloschen, wie die
-Eigenart des deutschen Geistes verloren gegangen war, in der sich
-schon innerhalb der scholastischen Theologie und Philosophie die
-Reformation vorbereitet hatte, und die zum Teil abseits von der
-sonstigen scholastischen Tradition lag. Leibniz war in dieser deutschen
-Scholastik aufgewachsen. Als die neue Wissenschaft, vor allem die
-neue Naturwissenschaft, auf ihn einzuwirken begann, war er schon
-ausgestattet mit einem umfassenden Wissen; doch dieses Wissen war
-nach Umfang und Methode das der Scholastik. Und universell nach ihrem
-Umfang, einheitlich nach ihrer Methode war die Scholastik von Anfang
-an. Wenn Leibniz mit einer gründlichen scholastischen Jugendbildung
-der neuen Wissenschaft gegenübertrat, so kam er daher nicht mit
-leeren Händen. Was die Scholastik errungen, für die neue Wissenschaft
-fruchtbar zu machen, das war sein erstes, die Scholastik durch die neue
-Wissenschaft endgültig zu überwinden, das wurde sein letztes Ziel.
-
-
-
-
-II.
-
-Leibniz und die Scholastik.
-
-
-In einem seiner späteren Briefe klagt Leibniz, in seiner Jugendzeit
-habe in Deutschland noch die Scholastik geherrscht, während anderwärts
-bereits überall die neue Wissenschaft sich verbreitet hatte. Gleichwohl
-würde es irrig sein, wollte man daraus schließen, Leibniz stimme
-dem absprechenden Urteil zu, das zuerst die Humanisten und dann die
-Vertreter der neuen Naturwissenschaft gefällt hatten. Dem würde
-schon die unbegrenzte Hochachtung widersprechen, mit der er überall
-des Aristoteles gedenkt, der doch allezeit der Vater der Scholastik
-gewesen ist. Aber auch gegen die eigentliche Scholastik verhält er
-sich durchaus nicht ablehnend. Vielmehr kommt jene Neigung, die er
-selbst sich zuschreibt, lieber zuzustimmen als zu widersprechen,
-auch ihr gegenüber zur Geltung, und den Spuren seiner scholastischen
-Jugendbildung begegnet man überall in seinen späteren Schriften. Von
-Kindheit auf waren ihm Aristoteles und die Scholastik vertraut, bereits
-zu einer Zeit, als ihm nach seinem eigenen Bekenntnis die neuere
-Naturwissenschaft und Philosophie noch fremd geblieben. Mochte er
-auch, wie er später erzählt, als er auf der Universität mit der damals
-auf der Höhe ihres Ansehens stehenden Cartesianischen Philosophie
-bekannt wurde, eine Zeitlang schwanken, ob er den »substantiellen
-Formen« der Scholastiker oder den mechanischen Prinzipien Descartes'
-den Vorzug geben solle, bereits seine akademische Erstlingsschrift
-bewegt sich ganz in den Gedankenkreisen der Scholastik. Behandelt sie
-doch die damals hauptsächlich den Zankapfel zwischen den sogenannten
-Realisten und Nominalisten bildende echt scholastische Streitfrage,
-ob die individuellen Unterschiede der Dinge von der Form oder von der
-Materie herrührten. Diese scholastische Jugendbildung hat sein Leben
-lang in ihm nachgewirkt. Doch die Scholastik ist keine einheitliche
-Philosophie. Wir sind heute allzu sehr geneigt, den Eindruck, den
-besonders in den späteren Jahrhunderten der formalistische Betrieb der
-scholastischen Logik, die Herrschaft eines blinden Autoritätsglaubens
-und die Neigung zu leeren Begriffs- und Wortstreitigkeiten erwecken,
-auf die Wissenschaft dieses ganzen Zeitalters zu übertragen. Vor allem
-aber steht unser heutiges Urteil unter dem Einfluß der vernichtenden,
-natürlich einseitig orientierten Polemik der Humanisten und der
-bahnbrechenden Philosophen der Neuzeit, die, ähnlich wie dies dereinst
-Plato mit der Sophistik getan hatte, nach den abschreckenden Beispielen
-scholastischer Wort- und Begriffsklauberei eigentlich erst jenes
-typische Bild der Scholastik geschaffen haben, das heute noch das
-geläufige ist. Doch so treffend die Satire sein mag, in der schon die
-Erfurter Humanisten in den »Briefen der Dunkelmänner« gegen die Kölner
-und Leipziger Magister zu Felde zogen, diese Satire trifft eigentlich
-nur den vulgären Schulbetrieb einiger Hochschulen, während die
-Verfasser jener satirischen Briefe selbst und ihre Gesinnungsgenossen
-in wissenschaftlicher Beziehung noch ebenso wie die Reformatoren dem
-Gedankenkreis der Scholastik angehören. So hat denn noch über ein
-Jahrhundert später Leibniz Jena, Marburg und Helmstädt als die drei
-fortgeschrittensten Universitäten gerühmt, und er bekennt dankbar,
-daß ihm erst während des kurzen Semesters seiner Studienzeit in Jena
-durch Erhard Weigel ein neues Licht aufgegangen sei. Das will aber
-nicht bedeuten, daß auf jenen drei Universitäten die Scholastik nicht
-geherrscht hätte, oder daß Erhard Weigel ein Vertreter der modernen
-Philosophie gewesen wäre. Vielmehr ging das Bestreben gerade dieses
-Mannes vornehmlich dahin, die Scholastik mit der neuen Wissenschaft zu
-versöhnen, und wenn in irgend einer Richtung er auf Leibniz gewirkt
-hat, so ist es in der Tendenz gewesen, die durch die Scholastik
-geschaffenen Denkmittel, so weit er ihnen einen bleibenden Wert
-zuerkannte, für diese neue Wissenschaft fruchtbar zu machen.
-
-Außerdem aber gab es in der Scholastik selbst eine Richtung, die
-der herrschenden, streng an Aristoteles sich anschließenden fremd
-gegenüberstand, und in der ältere gnostische und neuplatonische
-Strömungen nachwirkten. Gerade ihr stand auch jener Erhard Weigel,
-der sich sein Leben lang mancherlei pythagoreisierenden Spekulationen
-und andern phantastischen Plänen hingab, nicht allzu fern. Weit mehr
-als in den Gegensätzen der Realisten und Nominalisten, die sich in
-ihrem wissenschaftlichen Lehrbetrieb meist wenig unterschieden, sind
-es diese mehr von einzelnen Persönlichkeiten ausgehenden mystischen
-Richtungen, die der Scholastik niemals fehlten und die besonders auch
-in den gelehrten Mönchsorden des 13. Jahrhunderts bedeutende Vertreter
-fanden, die sichtlich auf Leibniz in seiner Jugendzeit gewirkt haben.
-Zu ihnen gehören Meister Eckhard, der deutsche Dominikaner, zu ihnen
-Roger Bacon, der irische Franziskaner. Beide sind die hervorragendsten
-Repräsentanten zweier im ganzen heterogener Strömungen, die in dem
-Zeitalter der klassischen Scholastik nebeneinander hergehen. In
-der Predigt des Meister Eckhard überwiegt die von dem Gedanken der
-unmittelbaren Selbstoffenbarung der Gottheit getragene rein religiöse
-Mystik; in Roger Bacon verbindet sich dieser mystische Zug mit dem
-in dem intellektuellen Universalismus der klassischen Scholastik
-wurzelnden Streben nach einer vornehmlich von der wunderbaren Macht
-der Mathematik erhofften Welterkenntnis. In der zweiten dieser
-Richtungen beginnt sich daher zugleich der Geist der künftigen neuen
-Naturwissenschaft und ihres mächtigen Werkzeuges, einer über die
-Grenzen der bisherigen Rechenkunst hinausführenden höheren Mathematik,
-zu regen. Es ist eine eigenartige, seitdem nie wieder ganz erloschene
-Abzweigung der Mystik, die uns hier begegnet. Ein Hauptvertreter dieser
-teils mit dem Aberglauben der Zeit, teils mit dem allmählich sich
-regenden Gedanken einer neuen Naturerkenntnis sich berührenden Richtung
-ist ein zweiter Zeitgenosse des Meister Eckhard, der Spanier Raimundus
-Lullus, der vielleicht gerade deshalb, weil in ihm phantastische Mystik
-und mathematische Spekulation besonders innig verwebt sind, am längsten
-nachgewirkt hat. Noch Jahrhunderte nach ihm galt die »Lullische Kunst«
--- so nach dem Titel »~Ars magna~« seines Werkes genannt -- ähnlich der
-Alchemie als eine Art wissenschaftlicher Zauberei. Wie die Alchemie
-zum Experiment, so verhielt sich diese mystische Zahlenkunst zur
-wissenschaftlichen Mathematik. Der überraschende Eindruck, den das
-unerwartete Ergebnis einer Rechenoperation auf den Rechnenden selbst
-hervorbringen kann, macht es wohl begreiflich, daß dem mathematischen
-Denken dieser Zug zur Mystik eigen geblieben ist, und daß sich vollends
-in jenen Tagen, in denen der uralte Zahlzauber im Volksglauben noch
-eine größere Rolle spielte als heute, die Wissenschaft gelegentlich
-auch auf diesem Gebiet sich zur Magie steigerte. Schon der Astrologie
-hatte ja die mathematische Beihilfe, deren sie bedurfte, zum Teil
-ihr Übergewicht über die anderen sogenannten Geheimwissenschaften
-verschafft. So lag die Übertragung dieser Mystik der Zahlen auf die
-mathematischen Operationen selbst, wie sie den spezifischen Charakter
-der Lullischen Kunst und verwandter Bestrebungen ausmachte, nahe genug,
-während zudem der in der Scholastik herrschende logische Formalismus
-dieser Tendenz zu Hilfe kam.
-
-
-~a.~ Leibniz als Mathematiker.
-
-In der Tat ist es durchaus diese Richtung der mathematischen Mystik,
-die uns in der Schrift entgegentritt, mit der Leibniz die Reihe
-seiner mathematischen Arbeiten eröffnete, in der »~Dissertatio de
-arte combinatoria~«. Nach dem Titel ist man geneigt, in ihr eine
-Kombinationslehre im heutigen Sinne zu vermuten, und teilweise ist
-dies auch zutreffend. Aber ihr eigentlicher Zweck ist ein höherer.
-Er ist im wesentlichen der gleiche, den dereinst Raimund Lull mit
-seiner »~Ars magna~« verfolgt hatte; und nicht nur der Zweck, sondern
-auch die Mittel, ihn zu erreichen, sind im ganzen die nämlichen.
-Auch Raimund Lulls Werk war eine Art Kombinatorik gewesen. In der
-Verbindung einfacher zu komplexen Begriffen sah er eine »~Ars
-inveniendi~«, eine Erfindungskunst, die der theoretischen Erkenntnis
-wie ihrer praktischen Anwendung dienen und alle Wissenschaften zu einer
-großen Einheit verbinden sollte. Genau so schildert Leibniz später
-im Rückblick auf seine eigene Entwicklung die Gedanken, die ihm bei
-jener mathematischen Erstlingsschrift vorschwebten. Sein Plan sei
-gewesen, die »zusammengesetzten Begriffe der ganzen Welt in wenige
-einfache, gleichsam als deren Alphabet, zu zerlegen« und dann durch
-deren systematische Kombinationen zu verbinden. Dazu sollte außerdem
-ein zweckmäßiges Zeichensystem für die Charakteristik der Begriffe
-dienen. Danach ist die »~Ars combinatoria~« ein erster Versuch zur
-Ausführung jener »~Charakteristica universalis~«, deren Plan Leibniz
-sein Leben lang beschäftigt hat. Sie ist aber zugleich eine Erneuerung
-des Unternehmens von Raimund Lull. Ein wesentlicher Unterschied besteht
-allerdings zwischen beiden. Mag auch in den Hoffnungen, die Leibniz
-an seine ~Charakteristica universalis~ geknüpft hat, noch ein leiser
-Hauch mathematischer Mystik zu verspüren sein, von der phantastischen
-Mystik eines Raimund Lull, der unter anderem in der Kombinatorik
-ein Mittel sah, die Ungläubigen zum Christentum zu bekehren, ist er
-vollkommen frei. Er erkennt ihr nur insoweit den Charakter einer
-»Erfindungskunst« zu, als die Zerlegung und Verbindung der Begriffe
-der systematischen Ordnung derselben dienen kann. Darum bleibt nun
-aber auch das Resultat seiner »~Ars combinatoria~« im wesentlichen
-ein rein formales; und sie ist später ihrem Urheber selbst höchstens
-als eine Art Einleitung zu jener von ihm gesuchten »~Ars inventiva~«
-erschienen. Um so mehr ist gerade die Kombinatorik ein echtes Erzeugnis
-des scholastischen Formalismus, wie denn auch ihr Verfasser die
-Variationen der Urteilsformen in den syllogistischen Figuren als
-ein Hauptbeispiel gewählt hat. Gleichwohl spiegeln sich in dieser
-mathematischen Erstlingsschrift des Philosophen bereits die in ihm zur
-höchsten Ausbildung gelangten Seiten der Scholastik: ihre Universalität
-und das mit dieser zusammenhängende Streben nach einer streng logischen
-und zugleich einheitlichen Methode. Auf der einen Seite erblickt er in
-der Anwendbarkeit der Kombinatorik auf alle möglichen Begriffe eine
-Eigenschaft, die sie zu einer universellen Methode geeignet macht; auf
-der andern ist ihm ihr mathematischer Charakter eine Bürgschaft ihrer
-logischen Exaktheit.
-
-Doch als die Hoffnungen scheiterten, die Leibniz auf die Kombinatorik
-gesetzt hatte, verzichtete er darum noch keineswegs auf den Plan, zu
-dessen Verwirklichung sie ihm um ihrer universellen Anwendbarkeit
-willen zunächst dienen sollte. Aber man gewinnt den Eindruck, daß nun
-dieser Plan eine andere Gestalt annahm. Hatte die »~Ars combinatoria~«
-das ungeheure Problem einer universellen Methode mit einem Mal
-zu lösen versucht, so sollte nun eine stückweise Bewältigung der
-einzelnen mathematischen Aufgaben im Sinne einer die verschiedenen
-Gebiete in engere Beziehung zu einander bringenden Behandlung treten.
-Sehr bezeichnend tritt uns dieser mutmaßliche Wandel des Planes
-der »~Charakteristica universalis~« in einigen die mathematische
-Behandlung der Logik betreffenden Blättern entgegen, die J. E. Erdmann
-in der Bibliothek zu Hannover aufgefunden und in seiner Ausgabe der
-philosophischen Werke veröffentlicht hat. Sie enthalten einen Entwurf,
-in dem zum ersten Male der Versuch einer Darstellung der Logik in
-der Form eines dem arithmetischen nachgebildeten Algorithmus gemacht
-wird. Die Stellung dieser Aufgabe ist sichtlich aus der von Leibniz
-des öfteren ausgesprochenen Überzeugung entsprungen, die gesamte
-Mathematik sei eigentlich nichts anderes als eine erweiterte Logik.
-Er sucht demnach vornehmlich die veränderte Bedeutung festzustellen,
-welche den arithmetischen Fundamentaloperationen angewiesen werden
-muß, wenn man sie, statt speziell auf Größenbegriffe, auf irgendwelche
-logische Begriffe überhaupt anwendet. Ohne von diesem Leibnizschen
-Unternehmen etwas zu wissen, haben in neuester Zeit namentlich
-englische und amerikanische Mathematiker dasselbe Problem einer
-»symbolischen Logik« auf verschiedenen Wegen in Angriff genommen. Aber
-der Standpunkt der Behandlung ist dabei durchgängig ein diametral
-entgegengesetzter gewesen. Während Leibniz unmittelbar aus den
-logischen Denkformen selbst den ihnen eigentümlichen Algorithmus
-entwickelt, gehen jene neueren Forscher umgekehrt von der Mathematik
-aus, indem sie unter der Voraussetzung der Allgemeingültigkeit der
-arithmetischen Operationen einen zur Lösung spezifisch logischer
-Aufgaben geeigneten mathematischen Kalkül zu entwickeln suchen. Der
-Unterschied zwischen Leibniz und ihnen besteht also darin, daß diese
-lediglich den praktischen Zweck einer Gewinnung von mathematischen
-Methoden zur Lösung mehr oder weniger verwickelter syllogistischer
-Aufgaben verfolgen, ohne sich um die Frage nach dem Verhältnis der
-allgemein logischen zu den spezifisch mathematischen Denkoperationen
-zu kümmern, wogegen Leibniz ausschließlich diese theoretische
-Frage behandelt, ohne sich auf praktische Anwendungen einzulassen.
-Gerade dies rein theoretische Interesse an der Frage ist offenbar
-von der auf die Anregungen seiner scholastischen Jugendbildung
-zurückgehenden Hochschätzung der formalen Logik getragen, die bei
-den modernen Bearbeitern des gleichen Themas vielmehr dem Bestreben
-Platz gemacht hat, die unvollkommenen logischen Hilfsmittel durch
-vollkommenere mathematische zu ersetzen. Diese Wendung des Problems
-würde Leibniz wahrscheinlich als einen Versuch betrachtet haben,
-die allgemeinen Gesetze des logischen Denkens nicht zu erleuchten,
-sondern zu verdunkeln. Dagegen entspricht seine Behandlung durchaus
-dem aus der Beziehung zwischen Logik und Mathematik sich ergebenden
-theoretischen Problem, und sie liegt außerdem in der Richtung der von
-der Scholastik gepflegten Verwendung der aristotelischen Syllogistik
-in Geometrie und Arithmetik. Diese Verbindung hatte die Scholastik aus
-dem Altertum übernommen; die Elemente des Euklid blieben aber nicht
-zum wenigsten deshalb das führende und fast das einzige Lehrgebäude
-der Mathematik, weil bei ihnen bereits die aristotelische Syllogistik
-Pate gestanden und wesentlich mitgewirkt hatte, in der Wissenschaft
-des Abendlandes den Aristoteles jahrhundertelang zur unbestritten
-obersten Autorität zu erheben. Wie jedoch die »~Charakteristica
-universalis~« bei Leibniz von Anfang an ein Ideal ist, das in
-der Logik ihr zugleich die Sicherheit der Mathematik verbürgendes
-Vorbild hat, so legt dies den weiteren Gedanken nahe, den Maßstab der
-mathematischen Evidenz wiederum an die allgemeinen Operationen des
-logischen Denkens anzulegen und damit, wie bisher durch die Syllogistik
-eine Stütze für den mathematischen Beweis, so nun umgekehrt aus den auf
-eine exakte mathematische Form gebrachten Grundsätzen der logischen
-Denkoperationen ein Mittel für die Nachweisung wissenschaftlicher
-Wahrheiten überhaupt zu gewinnen. Der Versuch einer solchen in das
-Gewand einer mathematischen Symbolik gekleideten Logik erscheint so als
-eine Verallgemeinerung jener oben erwähnten Behauptung, Jurisprudenz
-und Mathematik seien einander verwandte Wissenschaften.
-
-Noch bewegten sich jedoch diese Pläne einer die Logik mit der
-Mathematik zu einem einheitlichen Ganzen zusammenfassenden
-Universalwissenschaft im wesentlichen auf dem Boden der
-Elementarmathematik und der überlieferten Logik. Neue und zugleich
-fruchtbarere Ausblicke in dieser Richtung eröffneten sich, als Leibniz,
-wie er selbst bekennt, zum erstenmal in Paris in den Geist der höheren
-Mathematik eindrang. Wenn er Descartes' Geometrie und Pascals Briefe
-über die Zykloide als die beiden Werke bezeichnet, deren Studium er
-die ersten Anregungen verdankt habe, so geschah dies hier freilich
-fast mehr in negativem als in positivem Sinne. Die Lektüre jener Werke
-regte ihn an, die Lösung der in ihnen behandelten Probleme auf einer
-neuen Grundlage zu versuchen. Dabei zeigt sich aber auch gerade in
-diesem Fall, daß er selbst jenen Problemen keineswegs mit leeren Händen
-entgegenkommt, sondern daß diejenigen Ideen, die deren ganze Behandlung
-auf eine neue Basis stellen sollten, tief in seiner scholastischen
-Jugendbildung wurzeln. Doch während seine bisherigen Bemühungen auf
-die Herstellung einer engeren Beziehung zwischen Mathematik und Logik
-gerichtet sind, veranlassen ihn die schwierigeren Probleme der höheren
-Mathematik, tiefer in den Vorrat überlieferter philosophischer Begriffe
-zurückzugreifen. Die Logik genügt dazu nicht mehr, die Mathematik
-muß zu Hilfe gerufen werden. Da sind es zwei Lücken, die ihm bei dem
-Studium der neueren mathematischen Arbeiten begegnen: die eine läßt
-ihn Descartes' analytische Geometrie als unzulänglich erkennen; die
-andere zeigt sich bei dem in jenen Tagen viel verhandelten Problem
-der Quadratur des Kreises, bei dem man immer noch im wesentlichen
-auf die alte Archimedische Exhaustionsmethode zurückging. Um diesen
-Mängeln abzuhelfen, dazu genügten die Hilfsmittel der in fest begrenzte
-Begriffsverhältnisse eingeschlossenen Logik nicht mehr. Wohl aber fand
-sich in dem Arsenal der aristotelisch-scholastischen Metaphysik ein
-bedeutsamer Begriff, den zwar die Mathematik gelegentlich gestreift,
-von dem sie aber nirgends eine folgerichtige Anwendung gemacht hatte.
-Das war der Begriff des _Unendlichen_. Fast könnte man sagen: es war
-eine Art ~Horror vacui~, der bis dahin die Mathematik wie die Logik
-von der Verwendung des Unendlichkeitsbegriffs ferngehalten hatte.
-Eine um so wichtigere Rolle hatte er in der Metaphysik gespielt.
-Ausgehend von der Voraussetzung einer Unendlichkeit der Zeit, die
-Aristoteles für das »Automaton«, jenen ersten Beweger, der für ihn
-einerseits mit der Gottesidee, anderseits mit dem Begriff einer
-unaufhörlich wirksamen Ursache des kosmischen Geschehens zusammenfiel,
-angenommen hatte, war die scholastische Theologie in ihrem Streben,
-die Gottesidee über alle denkbaren Grenzen zu erhöhen, zu dem Begriff
-einer absoluten Unendlichkeit fortgeschritten, der eben darum
-nicht mehr positiv bestimmt, sondern nur durch die Negation aller
-endlichen Eigenschaften definiert werden konnte. So entstand aus der
-ursprünglich der empirischen Wirklichkeit angehörenden aristotelischen
-Substanz (~ousia~), die in dem Einzelding ihre unmittelbare Grundlage
-hatte, der Begriff einer _absoluten_ unendlichen Substanz, der bis
-tief in die neuere Philosophie hinein fortgewirkt hat. Da dieser
-Begriff des Unendlichen von uns zwar als ein notwendiger erkannt
-wird, an sich aber die Fähigkeiten unserer begrenzten Erkenntnis
-überschreitet, so nennt ihn die Scholastik einen _transzendenten_.
-Dieses von ihr geschaffene Wort hat zuerst Leibniz von der Metaphysik
-in die Mathematik hinübergetragen, und die Anregung dazu gab ihm das
-Studium von Descartes' Geometrie. Descartes hatte in seinem Werk
-nur diejenigen geometrischen Gebilde analytisch behandelt, deren
-Gleichungen bloß einer begrenzten Zahl arithmetischer Operationen
-zu ihrer Lösung bedürfen. Kurven, bei denen diese algebraischen
-Hilfsmittel nicht zureichen, nannte er »mechanische Kurven«, insofern
-man sie sich gleichwohl durch eine nach irgendeinem Gesetz erfolgende
-Bewegung erzeugt denken kann. Sein Werk war also nicht eine analytische
-Geometrie im heutigen Sinne des Wortes, obgleich man es meist so zu
-bezeichnen pflegt, sondern eine algebraische Geometrie oder, wie man
-es vielleicht treffender nennen könnte, eine Theorie der algebraischen
-Funktionen und ihrer geometrischen Anwendungen. Dazu muß freilich
-bemerkt werden, daß der mathematische Begriff der Funktion, der unter
-diesem Namen erst später durch Johann Bernoulli eingeführt wurde,
-zu Descartes' Zeit noch nicht oder doch nur latent existierte. Hier
-erkannte nun Leibniz sofort in dieser Beschränkung einen Mangel, dem
-er durch die Forderung einer analytischen Behandlung auch dieser,
-die Hilfsmittel der gewöhnlichen mathematischen Elementaroperationen
-überschreitenden Funktionen zu begegnen suchte. Um diese neue,
-eine einheitliche Betrachtung aller analytischen Funktionen
-vermittelnde Aufgabe auch äußerlich zu kennzeichnen, greift er
-aber in den Begriffsschatz der scholastischen Metaphysik, indem er
-die »mechanischen Kurven« Descartes', eben weil sie die Grenzen der
-bisherigen Arithmetik überschreiten, als transzendente bezeichnet.
-Dabei ist freilich ein wichtiger Bedeutungswandel dieses Begriffes
-eingetreten. Transzendent in dem metaphysischen Sinne der Scholastik
-ist das unendliche, darum dem endlichen Erkennen unzugängliche
-Sein; transzendent im mathematischen Sinne ist seit Leibniz eine
-Aufgabe, deren Lösung neue, über die Hilfsmittel der gewöhnlichen
-Arithmetik hinausreichende mathematische Operationen fordert. Dort
-entzieht sich das transzendente Objekt endgültig unserer Erkenntnis,
-hier weist der Ausdruck umgekehrt auf neue Hilfsmittel hin, die
-das bisher Unerkennbare erkennbar machen. Im Hintergrund steht in
-beiden Fällen der Begriff des Unendlichen. Damit ist die Einführung
-des neuen Begriffs der transzendenten Funktion zugleich gebunden an
-die neue Rechnungsmethode, die man wohl auch eine ins Unendliche
-fortgeführte Arithmetik nennen kann, an die Differentialrechnung,
-oder, wie Leibniz selbst sie im Hinblick auf die Hilfe, die ihm
-dabei der Unendlichkeitsbegriff geleistet, genannt hat, an die
-_Infinitesimalrechnung_.
-
-Hier greift aber in diese von der Beschäftigung mit der Geometrie
-ausgehende Erweiterung des Funktionsbegriffs außerdem jenes andere
-Problem ein, um das sich zu dieser Zeit wiederholt die Mathematiker
-bemühten: die Quadratur des Kreises. Bis dahin ging man von dem uralten
-Prinzip der praktischen Feldmessung aus, eine krummlinig begrenzte
-ebene Fläche durch parallele Ordinaten in kleine Quadrate zerlegt zu
-denken, deren Summe dann das der betreffenden Fläche entsprechende
-Quadrat ergab. Je kleiner man sich diese Quadrate denkt, um so näher
-kommt natürlich das Resultat der Wirklichkeit. Doch eine bestimmte
-Grenze gibt dieses metrische Prinzip nicht an die Hand, und die
-Methode bleibt daher unbefriedigend. Leibniz suchte nun nach einem
-andern Verfahren, das ein solches absolutes Minimum ergebe. Er hoffte
-es zu finden, indem er, statt von dem relativen Unterschied des Großen
-und Kleinen, von dem absoluten Gegensatz des unendlich Großen und
-des unendlich Kleinen ausging. Dazu mußte vor allem als Maßelement
-ein solches gewählt werden, das seinem allgemeinen Begriff nach der
-Forderung der Einfachheit entsprach. Die in diesem Sinne einfachste
-Figur in der Ebene ist aber das Dreieck als die von der kleinsten Zahl
-von Geraden umschlossene Ebene. Leibniz, ohnehin überall geneigt,
-bei der Behandlung bestimmter Aufgaben neue Wege einzuschlagen,
-versuchte daher, durch die Zerlegung in Dreiecke statt in Quadrate
-dieses Ziel zu erreichen. So gelangte er zu der berühmten unendlichen
-Reihe 1 – 1/3 + 1/5 – 1/7 ... für den Flächeninhalt des Kreises vom
-Durchmesser 1. Indem zur Konstruktion der Dreiecke, die bei dieser
-»Arithmetisierung des Kreises«, wie er sein Verfahren nannte, die auf
-die Punkte des Kreisumfangs gelegten Tangenten und Sekanten benutzt
-wurden, führte aber diese Methode, auf Kurven von beliebiger Gestalt
-übertragen, unmittelbar zu dem Gedanken, das Dreieck zur Lösung der
-allgemeineren Aufgabe einer solchen Arithmetisierung des Verlaufs
-einer Kurve zu verwenden. Er dachte sich also ein zu diesem Zweck
-rechtwinkliges Dreieck aus den zu den zwei einander nächsten Punkten
-der Kurve gehörigen Koordinaten als Katheten und der für diesen Fall
-mit der Kurve selbst zusammenfallenden Tangente als Hypothenuse
-gebildet. Dieses Dreieck nannte er das »~Triangulum charakteristicum~«.
-Gewiß ist es kein Zufall, daß der Name an die ~Charakteristica
-universalis~ erinnert. Eine universelle, den Umkreis der überlieferten
-arithmetischen Operationen überschreitende Arithmetik hat Leibniz zu
-jeder Zeit unter ihr verstanden. Die Differentialrechnung ist aber
-tatsächlich eine solche: sie ist es mehr als alle vorangegangenen
-Bemühungen in ähnlicher Richtung, die zumeist erst durch sie ihre
-Erledigung fanden. Von der Differentialrechnung kann man darum wohl
-sagen: mit ihrer Erfindung hat er im wesentlichen erreicht, was er
-in seiner ~Charakteristica universalis~ erstrebt hatte. Wenn er das
-selbst nicht direkt anerkannt hat, so mag dies wohl darin seinen
-Grund haben, daß er nirgends eingestehen wollte, ein Problem könne
-jemals abgeschlossen sein, besonders aber darin, daß zur Anerkennung
-der Universalität der Methode ein notwendiges Desiderat fehlte: die
-Anwendung auf andere Wissenschaften, die er im Hinblick auf den von ihm
-behaupteten Zusammenhang alles Wissens forderte.
-
-Die Umwandlung, die der Unendlichkeitsbegriff auf seinem Wege von
-der aristotelischen Scholastik zu Leibniz und von diesem zur neueren
-Mathematik erfahren hat, ist übrigens zugleich eines der bedeutsamsten
-Stücke moderner Begriffsgeschichte. Der Scholastik galt, wie noch
-jetzt dem populären Bewußtsein, in welchem die scholastische Theologie
-heute noch nachwirkt, das Unendliche als oberster Grenzbegriff alles
-Denkbaren. Aber latent war darin vermöge des die Wissenschaft seit
-Aristoteles beherrschenden Prinzips der Antithetik, nach welchem
-jeder selbständige Begriff seinen Gegensatzbegriff fordert, auch der
-unterste Grenzbegriff des unendlich Kleinen bereits vorausgesetzt. Wir
-werden auf dieses Prinzip unten bei dem direkt auf ihm aufgebauten
-Begriffssystem der scholastischen wie der Leibnizschen Naturlehre
-zurückkommen. Dabei besteht nun die Selbständigkeit der Begriffe
-wesentlich darin, daß jeder unvermischt mit andern gedacht werde,
-weil er dann erst in seinem reinen Gegensatz zu dem ihn antithetisch
-ergänzenden erscheint. Darum sind solche Begriffe _absolute_
-Gegensätze, nicht bloß relative, und jedes Glied des Gegensatzes
-ist selbst ein absoluter Begriff. Dies gilt für das Unendliche in
-seinen beiden Formen, für das unendlich Große wie für das unendlich
-Kleine. So ist denn auch das »~Triangulum charakteristicum~« in den
-ersten Begründungen, die Leibniz der Differentialrechnung gab, das
-absolut, nicht das relativ kleinste Dreieck, das man zur Ausmessung
-einer Kurve verwendet. Daß es außerhalb dem absolut Kleinsten noch
-ein kleineres gebe, ist ihm hier eine widersprechende Annahme. Das
-charakteristische Dreieck ist also nicht eines neben andern, sondern
-ein einziges. Es ist, wie das Unendliche überhaupt, niemals in der
-Anschauung gegeben, wohl aber begrifflich das denkbar kleinste Dreieck
-an dem betreffenden Punkt der Kurve. Hier ist die Fluxionsmethode
-Newtons der Leibnizschen Infinitesimalmethode von vornherein überlegen.
-Indem jene nicht an das geometrische Bild der Funktion, sondern an
-das andere einer im gleichförmigen Flusse der Zeit veränderlichen
-Geschwindigkeit anknüpft, liegt ihr zwar in der gleichförmig fließenden
-Zeit eine metaphysische Voraussetzung zugrunde, die nämliche, deren
-sich Newton auch in seiner Naturphilosophie bedient hat; aber das Bild
-der Bewegung eines räumlichen Punktes führt doch ohne weiteres zu dem
-der Geschwindigkeitsänderung hinüber. Dagegen bietet der Leibnizsche
-geometrisch fundierte Differentialbegriff in dem aus dem Verhältnis
-der Koordinatenabschnitte des charakteristischen Dreiecks gebildeten
-Differentialquotienten von vornherein einen für die Gewinnung eines
-konsequent durchgeführten Algorithmus weit geeigneteren Ausgangspunkt.
-Dabei erwies sich gerade dieser Begriff eines absoluten, unveränderlich
-gedachten Minimums deshalb hilfreich, weil sich von ihm aus um so
-zwingender mittels der so eingeführten Symbolik ein Fortschritt zu
-weiteren, entsprechend gebildeten Differentialfunktionen ergab. Hierzu
-mußte dann freilich die absolute Bedeutung des unendlich Kleinen
-beseitigt, und durch die Feststellung einer allzeit nur _relativen_
-ersetzt werden. Das ergab sich aber mit Notwendigkeit aus der weiteren
-Aufgabe, einen entsprechenden Ausdruck für die _Richtungsänderung_
-einer Kurve zu finden. Und da konnte es nicht zweifelhaft sein, daß
-ein solcher Ausdruck aus einer Wiederholung desselben Verfahrens
-bestehen mußte, das zu dem ersten Differentialquotienten als dem
-arithmetischen Ausdruck der _Richtung_ geführt hatte. Sobald Leibniz
-die Richtungsänderung der Funktion als die reale Bedeutung des
-zweiten Differentialquotienten erkannte, konnte er sich aber auch
-der Möglichkeit einer unbegrenzten weiteren Fortsetzung der gleichen
-Operation nicht mehr entziehen. So verwandelte sich der Begriff des
-absoluten in den des _relativen Minimums_, das übrigens immerhin seinen
-Zusammenhang mit jenem absoluten Grenzbegriff darin bewahrte, daß die
-Grenze, bis zu welcher in der Bildung der Differentialfunktion zu gehen
-ist, durch die Natur des Problems jedesmal fest bestimmt wird, was im
-Erfolg der Feststellung eines absoluten Minimums gleichkommt. Damit
-hat Leibniz selbst schon den Übergang zur sogenannten Grenzmethode
-vollzogen, der später Maclaurin und d'Alembert nur eine anschaulichere
-Form gaben, und die noch heute, soweit man sich überhaupt auf eine
-Begründung der Differentialrechnung einläßt, als die bevorzugte gelten
-kann.
-
-Für Leibniz aber wurde die Erkenntnis der realen Bedeutung des
-zweiten Differentialquotienten ein epochemachendes Ereignis, ja sie
-ist in ihren Folgen vielleicht das epochemachendste gewesen, das er
-überhaupt in seinem Denken erlebt hat. Der Übergang vom absoluten zum
-relativen Unendlichkeitsbegriff bezeichnet für ihn eine Katastrophe,
-die durchaus nicht auf die Mathematik beschränkt bleibt, sondern sich
-von hier aus auf alle Gebiete der Wissenschaft und nicht zum wenigsten
-auf seine philosophische Weltanschauung erstreckt. Als das oberste
-Prinzip alles Wirklichen gilt ihm von da an die »~Lex continuitatis~«,
-das Gesetz der Stetigkeit, das, folgerichtig zu Ende gedacht, alle
-absoluten Gegensätze in relative umwandelt, indem es die Starrheit
-der alten Substanzbegriffe durch den Fluß aller tätigen Kräfte der
-Welt ersetzt. Dies ist der Punkt, bei dem zugleich die Entwicklung der
-Naturphilosophie an diesen Wandel der mathematischen Begriffe sich
-anschließt.
-
-
-~b.~ Die dynamische Naturphilosophie.
-
-Es ist eine oft gemachte Bemerkung, daß die späteren epochemachenden
-Leistungen bedeutender Männer ihrer allgemeinen Richtung nach nicht
-selten in ihren, oft an sich höchst unvollkommenen Erstlingsarbeiten
-bereits angedeutet sind. Von wenigen gilt das vielleicht mehr als von
-Leibniz und seiner »~Ars combinatoria~«. Wie in ihr zum erstenmal
-die »~Charakteristica universalis~« mit der hinter ihr stehenden
-Entwicklung seines mathematischen Denkens leise anklingt, so verrät
-sie, wenn auch mehr in einzelnen Abschweifungen als in wirklichen
-Ausführungen, den Einfluß der Scholastik auf seine Naturphilosophie.
-Während aber die Anfänge seines mathematischen Denkens an die
-Bestrebungen jener mathematischen Mystik anknüpfen, die namentlich
-seit dem 13. Jahrhundert eine Nebenströmung der klassischen Scholastik
-gebildet haben, ist es eine andere Seite der in der gleichen Zeit
-verbreiteten Bestrebungen, die in jenem Jugendwerk zur Geltung kommt:
-es ist der vielfach im Gegensatz zu der vorangegangenen Philosophie
-sich regende Versuch, die herrschende Scholastik durch den Rückgang
-auf ihre Quelle, die Aristotelische Philosophie, zu reformieren. In
-zwei merkwürdigen Beilagen zu jener Schrift tritt dies deutlich
-zutage: in einem vorausgeschickten Exkurs über den Beweis des Daseins
-Gottes, und in einem als Titelbild beigegebenen Schema der bekannten
-vier aristotelischen Elemente, Feuer, Wasser, Luft und Erde. Der
-Gottesbeweis sucht an Stelle der in der Scholastik aufgekommenen
-ontologischen und kosmologischen Beweise wieder den aristotelischen
-aus dem »Automaton« zu erneuern. Leibniz erklärt ihn für den einzigen,
-dem mathematische Evidenz innewohne, weil die Reihe der Bewegungen
-in der Natur notwendig einen ersten Beweger voraussetze, der selbst
-unbewegt sei. Dieser Versuch, in der Ableitung des Gottesbegriffs
-auf Aristoteles zurückzugehen, knüpft zwar an die bereits in der
-gleichzeitigen Scholastik herrschende Bevorzugung des sogenannten
-kosmologischen Beweises an, aber er entfernt aus ihm die Beziehungen
-zur Theologie, um ihn als eine rein naturphilosophische Voraussetzung
-bestehen zu lassen. Noch bedeutsamer ist die zweite Beigabe: das
-Schema der vier Elemente. Es ist weniger der Begriff der Elemente
-selbst als die Methode, durch die Aristoteles die Notwendigkeit ihrer
-Unterscheidung zu begründen gesucht hatte, worauf es dem Verfasser
-offenbar bei diesem Titelbild ankommt. Um die Bedeutung desselben zu
-würdigen, muß man sich vor allem die Stellung vergegenwärtigen, die
-die Aristotelische Deduktion der vier Elemente in der Geschichte der
-Naturphilosophie einnimmt. Nicht die Unterscheidung der Elemente selbst
-ist ja die entscheidende Tat, durch die er ihnen bis tief in die neuere
-Zeit zuerst eine fast ausschließliche Herrschaft und dann, nachdem die
-chemische Atomistik entstanden war, wenigstens eine Art Nebenherrschaft
-gesichert hat, sondern ihre logische Ableitung. In der älteren
-jonischen Naturphilosophie waren sie als makrokosmische Bestandteile
-der Welt schon vorgebildet. Der äußersten, den Gestirnen entsprechenden
-Feuersphäre folgt die Luft, dann das Wasser und endlich die feste
-Erde. Empedokles hatte sie in mikrokosmische Elemente verwandelt, aus
-denen sich die Einzeldinge zusammensetzen sollten. Was Aristoteles
-hinzubrachte, das war die logische Deduktion, nach der diese Elemente
-selbst wieder aus der Mischung von Urqualitäten hervorgehen sollten,
-die aus den allgemeinsten Eigenschaften der Dinge abstrahiert und nach
-Gegensätzen geordnet waren: fest und flüssig, kalt und warm. So ergab
-sich das Schema:
-
- Trocken Flüssig
-
- Kalt _Erde_ _Wasser_
- Warm _Feuer_ _Luft_
-
-Dieses Schema ist wohl das glänzendste Beispiel für die Aristotelische
-Behandlung der Erfahrungsbegriffe. Das empirisch Gegebene bildet die
-Grundlage einer Begriffsscheidung, die nach gegensätzlichen Merkmalen
-ausgeführt und, wenn nötig, durch Synthese der zu einander passenden
-Teilbegriffe zu einem logisch geschlossenen System geordnet wird. Die
-Erfahrung bildet das Material, die dialektische Begriffsgliederung
-das Mittel, um die empirischen Begriffe zugleich als logisch
-notwendige erscheinen zu lassen. Diese Methode der dualistischen
-Begriffsgliederung, welcher jedesmal von dem Philosophen gleichzeitig
-logische Notwendigkeit und metaphysische Gültigkeit zugesprochen
-wird, wiederholt sich in den mannigfaltigsten Gestaltungen in der
-Philosophie des Aristoteles. Sie bildet ein Seitenstück und eine
-Ergänzung zu der Methode der Begriffssubsumtion, die das ganze
-System des Philosophen beherrscht, und die überall darauf ausgeht,
-das Erfahrungsmäßige zugleich als ein begrifflich Notwendiges zu
-erweisen. Logisch notwendig ist aber derjenige Begriff, der durch
-einen anderen als sein Gegensatz gefordert wird. Hieraus entspringt
-jenes Prinzip dualer Begriffsgliederung, das auch anderwärts bei
-Aristoteles in der besonders wirkungsvollen Form der Viergliederung
-vorkommt: so in der Einteilung der Urteilsformen in bejahende und
-verneinende, allgemeine und besondere, oder in der Psychologie in
-der Einteilung der Erinnerungsformen in solche nach Ähnlichkeit und
-Gegensatz, Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge des Erinnerten. Ihren
-Vorzug für das systematische Denken gewinnen diese aus zwei logischen
-Zweigliederungen synthetisch gewonnenen Vierteilungen sichtlich eben
-dadurch, daß durch die Verflechtung der beiden Komponenten zu einem
-Ganzen nochmals das Prinzip der Dualität wiederkehrt. Wo eine solche
-Kombination zweier logischer Zweiteilungen zur Vierzahl nicht möglich
-ist, da kann dann auch eine unmittelbar einsetzende Verbindung der
-Gegensätze dem Bedürfnis nach logischer Einheit entgegenkommen: so bei
-der Aristotelischen Ableitung der Tugendbegriffe aus dem Prinzip der
-richtigen Mitte aus entgegengesetzten Fehlern, wie der Freigebigkeit
-aus Geiz und Verschwendung usw., oder bei den grundlegenden
-metaphysischen Begriffen Stoff und Form, die ebensowohl als Gegensätze
-wie als sich ergänzende Begriffe gedacht werden.
-
-Dieses Prinzip der dualen Gliederung beherrscht nun die Leibnizsche
-Naturphilosophie in ihrer ganzen Entwicklung. Den Ausgangspunkt bildet
-hier der bei ihm früh sich regende Zweifel an der Haltbarkeit des
-Cartesianischen Begriffs der Materie, mit dem seine Opposition gegen
-die Cartesianische Naturphilosophie begonnen hat. In einer bis zu
-einem gewissen Grade bereits ausgereifteren Gestalt begegnet uns jenes
-Schema zuerst in seiner für die ganze Entwicklung seiner Philosophie
-überaus bedeutsamen Schrift vom Jahre 1671 »~Hypothesis physica
-nova~«. Sie zeigt uns ihren Verfasser mitten auf dem Wege zwischen
-der unumschränkten Annahme der Cartesianischen Prinzipien, denen
-er sich in einem früheren Stadium zugeneigt hatte, und der vollen
-Abwendung von diesen in seinen späteren Arbeiten über Dynamik. In
-jener Schrift schließt er sich in der Erklärung der Himmelsbewegungen
-noch im wesentlichen an Descartes an, aber dessen Auffassung der
-Materie als des durch die einzige Eigenschaft der Ausdehnung im
-Raume gekennzeichneten Substrates der Naturerscheinungen bekämpft
-er als eine unmögliche. Die Ausdehnung kann, wie er erklärt, nur
-aus einer ausdehnenden Kraft begriffen werden, und nur sie macht
-jene passiven Eigenschaften der Materie verständlich, die zu Raum
-und Bewegung hinzukommen müssen, um den Widerstand eines Körpers
-gegenüber einem andern und das Beharren einer ihm mitgeteilten
-Bewegung zu erklären. So gelangt er hier bereits zu jener Aufstellung
-des Kraftbegriffs als des Grundbegriffs für die Interpretation der
-gesamten Naturerscheinungen und zugleich zu einer doppelten Gliederung
-dieses Begriffs: zunächst scheidet sich die Kraft in die passive,
-die den Körpern fortwährend innewohnt, und in die aktive, die in der
-Bewegung sich äußert; die passive Kraft aber scheidet sich wieder
-in die Festigkeit (Undurchdringlichkeit) und in die Trägheit, die
-Galileische ~Vis inertiae~. Von diesem ersten Entwurf an schreitet
-dann in den nach dem Jahr 1680 ausgeführten Arbeiten zur Dynamik diese
-Einteilung in folgerichtiger Weiterführung der begonnenen Subsumtion
-der Begriffspaare zu dem folgenden endgültigen Schema fort:
-
- { ~vis primitiva~ = ∞
- ~Vis = vera~ {
- ~Substantia~ { { { ~antitypia~
- { ~vis~ { ~vis passiva~ {
- { ~derivativa~ { { ~inertia~
- {
- { ~vis activa~ { ~vis mortua~
- { ~= const.~ {
- { { ~vis viva~
-
-Die Analogie dieses Schemas mit den Aristotelischen
-Begriffsgliederungen springt in die Augen. Dennoch ist die Beziehung
-der Begriffsglieder zu einander offenbar eine wesentlich andere
-geworden, und hinter diesem Wandel verbirgt sich der mächtige
-Einfluß, den die seit dem Galileischen Zeitalter eingetretene
-Umwälzung der Naturanschauungen selbst da hervorgebracht hat, wo man
-die neue Anschauung in die alten scholastischen Formen umzuprägen
-sucht. In der Tat ist das Schema, in welchem Leibniz seine gesamte
-Naturphilosophie zum Ausdruck bringt, ein deutliches Zeugnis dafür,
-daß diese Philosophie selbst gewissermaßen eine Resultante aus den
-zwei Weltanschauungen ist, die sich hier zu einem Ganzen vereinigen.
-In der Form ist dieses System noch in der scholastischen Denkweise
-befangen, in seinem Inhalt ist es ganz von den Anschauungen der
-neuen mechanischen Naturwissenschaft erfüllt, und es ist zugleich
-ein bedeutsamer, zweifellos der Cartesianischen Naturwissenschaft
-überlegener Versuch, diese Anschauung in ein einheitliches, von einem
-einzigen Grundbegriff, dem der Kraft, getragenes System zu bringen.
-Der wesentliche Unterschied in der Anwendung des Prinzips der dualen
-Gliederung bei Leibniz gegenüber der aristotelisch-scholastischen,
-wie ihn am ausgeprägtesten das von Leibniz selbst dereinst an die
-Spitze seiner ~Ars combinatoria~ gestellte Beispiel der vier Elemente
-zeigt, besteht darin, daß die Begriffsgliederung der Scholastik auf
-dem Prinzip der Subsumtion unter einen Oberbegriff beruht, während
-sie bei Leibniz stets zugleich eine kausale Beziehung der einander
-gegenübergestellten Begriffe in sich schließt. So sind trocken und
-flüssig unter dem allgemeinen Begriff des Aggregatzustandes enthalten,
-ohne über die Bedingungen, unter denen etwa die eine in die andere
-dieser Eigenschaften übergeht, etwas auszusagen. Die ~Vis primitiva~
-und ~derivativa~, die ~Vis viva~ und ~mortua~ sind dagegen derart in
-Beziehung zueinander gesetzt, daß die wegen der im Fortschritt der
-Zeit ins Unendliche sich erstreckende Summe aller vorangegangenen,
-gegenwärtigen und zukünftigen Kraftwirkungen als die an sich unendlich
-zu denkende Quelle der jeweils in der Natur vorhandenen Kräfte
-betrachtet wird; ebenso sind die ~Vis viva~ und ~mortua~ durch die
-Voraussetzung der Konstanz ihrer Summe nicht bloß Teilbegriffe der ~Vis
-activa~, sondern sie stehen derart in kausaler Beziehung, daß sie stets
-nur in äquivalenten Werten ineinander übergehen können.
-
-Aber dieses Schema des Kraftbegriffs enthält nicht bloß, wenngleich
-in äußerlich rein subsumierender Form, ~in nuce~ die reichen
-Wechselbeziehungen der Naturerscheinungen, die Leibniz durch die
-Modifikation seines Kraftbegriffs auszudrücken sucht, sondern es
-weist zugleich über das naturwissenschaftliche Gebiet hinaus auf die
-universelle philosophische Bedeutung hin, die bei ihm der Kraftbegriff
-gewinnt. Dies tritt vor allem in der dem Ganzen vorangestellten
-Begriffsbestimmung der Kraft als der »wahren Substanz« hervor. Eine
-eigentliche Definition enthält freilich dieses Attribut nicht, oder es
-weist doch höchstens indirekt auf eine solche hin, indem es die Kraft
-als den Grundbegriff bezeichnet, der künftighin an die Stelle der
-bisherigen Substanz zu treten habe. Nun reicht aber der Substanzbegriff
-über das Gebiet der Naturphilosophie hinaus. Er hatte sich in der
-bisherigen Philosophie zu dem Begriff eines beharrenden Seins
-entwickelt, das bald als allgemeines Substrat der Erscheinungswelt,
-bald als unendliches göttliches Sein oder auch als beides zugleich, wie
-in der Cartesianischen Dreiteilung der Substanzen in Seele, Körperwelt
-und Gott, gedacht wurde. Indem Leibniz die Kraft die wahre Substanz
-nennt, gibt er also seinem Kraftbegriff von vornherein ebenfalls
-eine universelle metaphysische Bedeutung. Da er anderwärts das Wesen
-der Kraft, im Gegensatz zu jenem Begriff der beharrenden Substanz,
-in die Tätigkeit und, wo diese nicht zur Wirkung gelangt, in das
-Streben nach Tätigkeit verlegt, so ist dieser Ersatz der beharrenden
-Substanz durch die tätige Kraft wiederum ein wesentlicher Punkt in
-seiner fortschreitenden Abkehr von Descartes. So überaus weittragend
-dieser neue Substanzbegriff ist, -- er kommt, wie wir sehen werden,
-der Aufhebung des Substanzbegriffs überhaupt gleich --, so hat er
-jedoch für die Prinzipien der Naturphilosophie auf den ersten Anschein
-keine allzu schwer wiegenden Folgen. Da Leibniz immerhin an der
-räumlichen Ausdehnung als der unmittelbar in der Anschauung gegebenen
-Eigenschaft der Körper festhält, so gilt auch für ihn der Satz, daß
-alles Geschehen in der Natur auf Bewegungen der Materie zurückzuführen
-ist, und es scheint zunächst wenig zu bedeuten, ob diese Bewegungen
-selbst als das Ursprüngliche angesehen werden oder ob man sie auf eine
-hinter ihnen stehende tätige Kraft zurückführt. Hat doch das erstere
-den Vorteil den, wie sich später d'Alembert ausdrückte, »mystischen«
-Kraftbegriff zu vermeiden, indem man sich nur an die Erscheinungen
-selbst hält. Auch muß man zugestehen, daß Descartes schwerlich ohne
-seine Voraussetzung der Identität von Raum und Materie auf den
-Gedanken gekommen wäre, die Eigenschaft der Unveränderlichkeit des
-Raumes auf die Bewegungen im Raum anzuwenden und so zur Aufstellung
-seines Prinzips der Erhaltung der Quantität der Bewegung zu gelangen,
-eines Prinzips, das zwar falsch war, aber immerhin das Verdienst
-hatte, den Gedanken der Konstanz von der Materie als dem Substrat der
-Naturvorgänge auf diese selbst zu übertragen. Dennoch offenbarte sich
-in dem über diese Frage entstandenen Streit zwischen Leibniz und den
-Cartesianern bald der gewaltige Unterschied, der zwischen beiden Formen
-der mechanischen Naturanschauung, jener eigentlich rein phoronomischen
-Betrachtung Descartes' und seiner Schüler und dieser dynamischen
-bestand, und der eben darin seinen tieferen Grund hatte, daß das System
-der Kraftbegriffe, wie es das obige Schema darstellt, in allen seinen
-Gliedern auf kausalen Beziehungen beruht.
-
-Die bedeutsamsten dieser Beziehungen sind nun die zwischen passiver
-und aktiver Kraft und vor allem die zwischen toter und lebendiger
-Kraft. Beide Unterscheidungen hängen aber auf das engste zusammen.
-Denn die passiven Kräfte, die der Materie außer ihrem Dasein im Raume
-zukommen, bewirken, daß die Bewegung Widerstände findet, die die
-aktuelle in eine potentielle, in ein bloßes Streben nach Bewegung
-umwandeln können, daher denn auch nicht, wie das Cartesianische
-Konstanzprinzip voraussetzt, die gesamte Quantität der Bewegung,
-sondern nur die _ganze_ ~Vis activa~, also die Summe der toten und der
-lebendigen Kräfte, konstant bleibt. Das ist das berühmte Prinzip der
-»Erhaltung der Kraft« beinah in demselben Sinne, in dem es fast zwei
-Jahrhunderte später von Robert Mayer formuliert wurde. Es ist durch
-eine merkwürdige Konfusion der ~Vis viva~ mit der ~Vis activa~ in dem
-System der Leibnizschen Kraftbegriffe als eine Vorausnahme und zugleich
-unberechtigte Verallgemeinerung des unter gewissen Voraussetzungen
-geltenden mechanischen Prinzips der »Erhaltung der lebendigen
-Kräfte« gedeutet worden. Das ist falsch, wie ein Blick auf das obige
-Schema ohne weiteres zeigt. Leibniz ist bereits im vollen Besitz des
-Erhaltungsprinzips, wie es die heutige Physik voraussetzt, wenn er
-auch selbstverständlich nach dem damaligen Zustand der Wissenschaft
-von den sogenannten Transformationen der Naturkräfte nichts wissen
-konnte, die erst durch die Nachweisung der Äquivalenz der Naturkräfte
-seine umfassendere empirische Bestätigung und Anwendung möglich
-gemacht haben. Jenes Mißverständnis ist aber hauptsächlich dadurch
-entstanden, daß der Folgezeit bis zu seiner Wiederentdeckung an der
-Hand des Äquivalenzgesetzes der Sinn des Streites, den Leibniz mit
-den Cartesianern kämpfte, verlorengegangen war. Man stritt im ganzen
-18. Jahrhundert nicht mehr um die Frage der Konstanz der Naturkräfte,
-sondern um die andere, ob diese nach Cartesius durch die Quantität der
-Bewegung ~m . v~ oder nach Leibniz durch die lebendige Kraft ~m . v²~
-zu messen seien. So kam es, daß im allgemeinen die Mathematiker es
-schließlich, der Autorität d'Alemberts folgend, für gleichgültig
-erklärten, welchen der beiden Ausdrücke man wähle, da diese Wahl nur
-davon abhänge, ob man unter den Gleichungen für die Bewegung schwerer
-Körper diejenige bevorzuge, die die Zeit der Bewegung, oder diejenige,
-die den zurückgelegten Weg enthalte. Auf die Physiker dagegen machte
-im allgemeinen der von Leibniz erbrachte Nachweis der Übereinstimmung
-seines Prinzips mit den Galileischen Fallgesetzen den größeren
-Eindruck. Da in diesem Beispiel das allgemeine Prinzip der Erhaltung
-der Kraft mit dem beschränkteren der »Erhaltung der lebendigen
-Kräfte« zusammenfiel, so befestigte sich aber dadurch um so mehr die
-Meinung, ~Vis viva~ und ~Vis activa~ bedeuteten eins und dasselbe.
-So ereignete es sich, daß die »lebendige Kraft« ein dauernder Besitz
-der Physik blieb, die »tote Kraft« dagegen geriet in Vergessenheit,
-bis sie unter verschiedenen andern Namen, wie »potentielle Energie«,
-»Spannkraft«, »Energie der Lage« durch die neuere Energetik wieder
-erweckt wurde. Unter diesen neuen Ausdrücken ist besonders die
-»potentielle Energie« bemerkenswert. Das Wort hängt mit dem Bestreben
-zusammen, das gute deutsche Wort Kraft wegen der mancherlei außerhalb
-der exakten Mechanik und Physik liegenden Bedeutungen, in denen es
-gelegentlich gebraucht wird, wie Lebenskraft, Denkkraft, ganz aus der
-Wissenschaft auszumerzen und durch ein anderes, in dieser Beziehung
-unverfänglicheres zu ersetzen. Damit hat die Geschichte dieses
-Begriffs einen merkwürdigen Kreislauf zurückgelegt. Leibniz hatte den
-alten Kraftbegriff nach dem Vorbild der Aristotelischen »Energeia«
-umgeformt, indem er als sein wesentliches Merkmal die Tätigkeit, oder,
-wie wir es modern ausdrücken können, die Leistung, für die mechanischen
-Kräfte also, da auch nach Leibniz alle Naturkräfte mechanische
-Kräfte sind, die _Arbeitsleistung_, betrachtete. Demgegenüber war
-natürlich die Aristotelische Energeia weit vieldeutiger gewesen, wie
-es denn noch heute das Wort Energie in der Mannigfaltigkeit seiner
-Bedeutungen mindestens mit der Kraft aufnehmen kann. Es dürfte also
-fraglich sein, ob der Begriff bei diesem Rückgang von Leibniz zu
-Aristoteles etwas gewonnen hat, vollends wenn man ihn außerdem in der
-Gegenüberstellung der potentiellen und aktuellen Energie den Umweg
-über die aristotelische Scholastik nehmen läßt, in der er mehr als bei
-Aristoteles selbst zur formelhaften Begriffsschablone geworden war.
-Demgegenüber sind die Ausdrücke tote und lebendige Kraft freilich nur
-veranschaulichende Metaphern, nicht abstrakte Begriffe wie ~Potentia~
-und ~Actus~, aber sie besitzen eben deshalb den Vorzug, nur eine
-Veranschaulichung der Begriffe, nicht, wie die Ausdrücke Spannkraft,
-Lageenergie, Veranschaulichungen und Beispiele zugleich zu sein.
-
-Immerhin ist der Rückgang der modernen Physik auf die alte
-Aristotelische Begriffsgliederung in doppelter Beziehung bedeutsam.
-Auf der einen Seite zeigt er, daß jene Neigung zu dualer Gliederung,
-mögen die Begriffe nun aus der Erfahrung abstrahiert oder logisch
-postuliert oder, wie gewöhnlich, aus einem Zusammenwirken apriorischer
-und empirischer Motive hervorgegangen sein, keineswegs mit der
-Scholastik verschwunden ist, auch in solchen Fällen, wo man nicht,
-wie bei Leibniz, an eine direkte Nachwirkung denken wird. Mag es auch
-sein, daß das scholastische Begriffspaar ~Potentia~ und ~Actus~
-durch schwache Fäden unbestimmter Erinnerung noch in die heutige
-Naturwissenschaft herabreicht; ein starker Antrieb, der in den Dingen
-selbst liegt, mußte doch hinzukommen, wenn solche längst für begraben
-gehaltene logischen Produkte wieder lebendig werden sollten. Denn
-logische Produkte, wenn nicht Artefakte, sind ja alle derartige nach
-dem Prinzip des dualen Gegensatzes ausgeführte Begriffsgliederungen.
-Daß sie in der Natur selbst existieren, ist jedenfalls im höchsten
-Grad unwahrscheinlich, denn, wo immer die Analyse der Erscheinungen
-in die Tiefe zu dringen vermag, da pflegen zahlreiche Vermittlungen
-von dem einen Glied des Gegensatzes zum andern zu führen, wie dies für
-die ethischen Gegensätze Aristoteles selbst bereits bemerkt hat. Aber
-als ein treffliches Hilfsmittel vorläufiger Ordnung der Erscheinungen
-bewährt sich tatsächlich jene Scheidung überall. Es ist eben der erste
-Schritt zur Ausführung einer begrifflichen Ordnung, wie er freilich
-auch niemals der letzte bleiben darf. Indem die aristotelische
-Scholastik dieses Prinzip zwar in einseitiger und schließlich zu einem
-äußeren Schematismus erstarrender Weise durchgeführt hat, bezeichnet
-sie daher nicht, wie noch jetzt, im Zeitalter historischer Würdigung
-der Zeiten und Zustände, von manchen geglaubt wird, eine Verirrung
-der Wissenschaft, die höchstens durch ihre Dauer bemerkenswert sei,
-sondern, geschichtlich betrachtet, ganz wie unsere eigene Zeit, eine
-in der vorangegangenen Entwicklung begründete und auf die folgende zum
-Teil bis zum heutigen Tage nachwirkende Stufe der Geistesgeschichte.
-Für Leibniz aber, der selbst noch aus der Schule der Scholastik
-hervorging, war sie mehr: sie bedeutete ihm eine der in seiner
-eigenen Zeit einander gegenüberstehenden Richtungen, aus der, wie aus
-allen andern, das Gute und Brauchbare zu übernehmen und das Irrige
-auszuscheiden sei.
-
-Wie die von der Scholastik in übertriebenem Maße geübte Distinktion
-der Begriffe unter geeigneten Umständen die empirische Analyse der
-Erscheinungen fördern kann, dafür bietet nun gerade die Geschichte des
-Erhaltungsprinzips einen sprechenden Beleg. Wenn Leibniz wiederholt
-hervorhebt, daß seine Formulierung desselben durch die Galileischen
-Fallgesetze bestätigt werde, während die Cartesianische diesen
-widerstreite, so würde es zunächst irrig sein, wollte man daraus
-entnehmen, sein Prinzip sei aus diesen Gesetzen selbst abstrahiert
-worden. Sie waren ihm vielmehr nur eine willkommene Bestätigung eines
-auf weit zurückgehende Überlegungen gegründeten Schlusses. In der Tat
-war Descartes selbst nicht einmal der erste, der die Idee der Konstanz
-der bewegenden Kräfte in die Naturbetrachtung einführte, sondern
-auch sie hatte sich bereits in der Scholastik und noch weiter zurück
-in dem Aristotelischen »Automaton« vorbereitet. Und anknüpfend an
-diesen Begriff eines ersten Bewegers und an den der Unveränderlichkeit
-der Himmelsbewegungen war schon in der scholastischen Theologie der
-Gedanke aufgetaucht, die Schöpfung sei nicht bloß einmal entstanden,
-sondern sie wiederhole sich fortwährend in der Unveränderlichkeit des
-Wirkens der Gottheit in der Natur. Hier trat nun Descartes in dem
-Bestreben, alle Erscheinungen aus mechanischen Ursachen abzuleiten,
-dieser Anschauung entgegen, um sich auf die Seite derer zu stellen,
-die die Schöpfung als einen _einmaligen_ Akt betrachteten. Gott hat
-nach ihm im Anfang der Dinge allen Teilen der Materie die Bewegung
-mitgeteilt, die sich nun unverändert in ihr erhält. So war, indem
-er die Immanenz Gottes in der Natur wieder in seine Transzendenz
-umwandelte, und den Gedanken der Unveränderlichkeit nun von Gott auf
-die Natur selbst übertrug, sein Prinzip der Konstanz der Quantität der
-Bewegung entstanden. Den allgemeinen Gedanken nahm Leibniz auf, aber
-er erkannte, daß er in der ihm von Descartes gegebenen Form unhaltbar
-sei, weil dieser die Hemmungen übersehen hatte, die die materiellen
-Teile durch ihre Wechselwirkung erfahren müßten. So half er sich
-denn mit einer jener scholastischen Unterscheidungen, die sich ihm
-sonst schon fruchtbar erwiesen hatten: er stellte den aktuellen die
-potentiellen Wirkungen gegenüber. Diese Auskunft nötigte ihn aber zu
-einem weiteren Schritt: auch der Anfang der Bewegung mußte in die Natur
-selbst verlegt werden, wenn jenes Streben nach Bewegung, das in den im
-Gleichgewicht miteinander stehenden materiellen Teilen erhalten blieb,
-möglich sein sollte. Dazu half ihm sein universeller Kraftbegriff mit
-seiner Scheidung in tote und lebendige Kräfte, wodurch sich von selbst
-das Cartesianische Prinzip der Erhaltung der Quantität der Bewegung
-in das neue der Erhaltung der Summe der toten und der lebendigen
-Kräfte verwandelte. Damit schloß aber dieses zugleich ein Prinzip der
-_Selbsterhaltung der Natur_ in sich, machte also jene erste Mitteilung
-aller Bewegung durch die Gottheit überflüssig. Hat auch Leibniz
-selbst diese Folgerung nicht ausdrücklich gezogen, so hat er doch in
-ihrem Sinne prinzipiell die Aufgabe der mechanischen Naturphilosophie
-folgerichtig zum erstenmal gelöst. So ist, wie man wohl sagen darf, das
-Prinzip der Erhaltung der Kraft an sich rein aus logischen Überlegungen
-hervorgegangen, ganz so wie Galilei sein Trägheitsprinzip ursprünglich
-lediglich auf solche gegründet hatte, um es dann erst durch seine
-Fallversuche zu bestätigen. Und ähnlich hat nun Leibniz sein
-Erhaltungsprinzip, nachdem er es durch Spekulation gefunden, durch den
-Nachweis der Übereinstimmung mit den Galileischen Gesetzen empirisch
-bestätigt.
-
-Noch blieb aber in der Ableitung des Prinzips eine Lücke, die
-die Einheit der Weltbetrachtung beeinträchtigte, und die
-bemerkenswerterweise zum Teil noch jetzt besteht, so daß die duale
-Begriffsgliederung nach dem Vorbild der Scholastik in der Wissenschaft
-noch heute fortlebt. Gleichwohl erkannte schon Leibniz in der späteren
-Periode seines Lebens, daß jene Unterscheidung toter und lebendiger
-Kräfte eigentlich nur einen provisorischen Wert besitze, da sie auf die
-Frage, wie tote in lebendige Kraft übergehen könne, natürlich keine
-Antwort gibt. Doch auch darüber, in welcher Richtung die künftige
-Lösung dieses Problems liegen müsse, hat er keinen Zweifel gelassen.
-Sie erscheint ihm vorgezeichnet durch das Prinzip der Kontinuität,
-dessen strenge Anwendung auf alle Gebiete der Erkenntnis ihm im Gefolge
-seiner mathematischen Studien als ein unerläßliches Postulat erschien.
-In diesem Sinne ist die Ruhe nicht ein Gegensatz zur Bewegung, sondern
-eine unendlich kleine Bewegung. Nicht um einen Wechsel absolut
-verschiedener Zustände kann es sich also handeln, sondern immer nur
-um Transformationen der Bewegung, wobei er sich die toten Kräfte als
-Formen einander wechselseitig aufhebender Molekularbewegungen zu denken
-scheint, wenn er sie gelegentlich »unsichtbare Bewegungen« nennt.
-Indem aber außerdem der Kraftbegriff selbst jene universelle Bedeutung
-gewinnt, vermöge deren die Materie überhaupt nur eine Erscheinungsweise
-der Kraft ist, greift derselbe Gesichtspunkt auf die sogenannten
-passiven Kräfte des obigen Schemas über. Auch die Undurchdringlichkeit
-und die Trägheit sind nicht ruhende Eigenschaften der Körper, sondern
-Resultanten innerer Bewegungen, wie der Widerstand beweist, den sie
-äußeren bewegenden Kräften entgegensetzen. Dies sind Gedanken, die
-in der Tat neuere physikalische Spekulationen in gewissem Sinne
-vorausnehmen, in denen versucht wird, diese von Leibniz sogenannten
-passiven Kräfte nicht als ursprüngliche und darum nicht weiter zu
-erklärende Eigenschaften der Materie aufzufassen, sondern sie aus den
-allgemeinen Bewegungsgleichungen materieller Systeme abzuleiten.
-
-In der späteren Entwicklung der Leibnizschen Naturphilosophie ist zu
-diesen Studien über die Grundbegriffe der Dynamik noch ein anderes,
-davon scheinbar weit abliegendes Problem hinzugetreten, das in
-der zweiten Hälfte des Jahrhunderts mehr und mehr die allgemeine
-Aufmerksamkeit gefesselt hatte, das aber den Hilfsmitteln der
-mechanischen Naturerklärung völlig unzulänglich zu sein schien: das
-_biologische_ der Entwicklung lebender Wesen. Wenn sich hier noch auf
-lange hinaus die Physiologie mit der Annahme einer zu den mechanischen
-Naturkräften hinzukommenden spezifischen Lebenskraft begnügte, als
-deren Teilkräfte nach dem Vorbild der Aristotelischen Vermögensbegriffe
-die einzelnen Lebensäußerungen betrachtet wurden, so ließ Leibniz
-zwar diese Lebenskräfte als höhere Formen der allgemeinen Naturkräfte
-gelten; dennoch hielt er die verbreitete Auffassung, die sie in einen
-Gegensatz zu den mechanischen Kräften brachte, für ausgeschlossen.
-Widersprach sie doch von vornherein dem Gesetz der Kontinuität.
-Hatte Aristoteles schon in der Reihe Pflanze, Tier, Mensch eine
-aufsteigende Entwicklung erblickt, so ergänzte daher Leibniz diese
-nach unten, indem er als deren letzte Glieder die in den leblosen
-Körpern wirkenden mechanischen Kräfte voraussetzte, in denen jene
-höheren potentiell bereits vorgebildet seien: und auch hier bot ihm
-Aristoteles in seiner Gliederung des Formbegriffs um so mehr einen
-Anhalt, als der Kraftbegriff ja selbst eigentlich eine Fortbildung
-dieses Aristotelischen Formbegriffs war. Gerade in diesem Punkt hatte
-die Scholastik die Grundbegriffe der Aristotelischen Metaphysik
-mehr verdunkelt als weitergebildet, indem sie beide zu der »~Forma
-substantialis~« vereinigte, aus der sich dann der Substanzbegriff der
-modernen Metaphysik entwickelt hat. Demgegenüber ging Leibniz auch
-hier auf Aristoteles selbst zurück, der in den beiden Begriffen der
-Energeia und der Entelecheia, von denen der erste ihm zugleich als
-der allgemeinere, den zweiten einschließende, dieser aber als die
-höhere Form galt, dem Gedanken der Einheit der Naturkräfte und ihrer
-Wertabstufung vorgearbeitet hatte. Auch für Leibniz sind danach die
-allgemeinen Naturkräfte Energien, diejenigen Kräfte dagegen, die ihren
-Ausdruck in den Lebenserscheinungen finden, Entelechien. Zugleich
-aber sieht er sich durch eben jenes Prinzip der Kontinuität, nach
-welchem er die Lebenskräfte der Reihe der allgemeinen Naturkräfte
-einordnet, genötigt, den in dem Begriff der Entelechie liegenden
-Zweckgedanken wieder nach rückwärts auf das Gebiet der allgemeinen
-Energien auszudehnen. So sind ihm die Naturkräfte auf ihren höheren
-Stufen in der organischen Welt aktuell zwecktätige, in den allgemeinen
-Naturerscheinungen latent zwecktätige. Hieraus entspringt für ihn
-aber das Motiv, den so geforderten Charakter der Zweckmäßigkeit, der
-sich bei den Lebenskräften den Wirkungen entnehmen läßt, hier, in der
-toten Natur, in die Ursachen, d. h. in die _Gesetze_ zu verlegen,
-durch die die Erscheinungen bestimmt sind. Dazu bietet dann wieder
-die scholastische Gliederung des Begriffs der Ursache in die ~Causa
-efficiens~ und in die ~Causa finalis~ einen willkommenen Anhalt. Die
-Naturkräfte sind allgemein ~Causae efficientes~, diese aber gewinnen
-auf ihren höchsten Stufen zugleich den Charakter von ~Causae finales~.
-Leibniz mag sich diese letzteren als komplexe Resultanten gedacht
-haben, -- ausgesprochen hat er sich hierüber nicht. Um so mehr betont
-er, daß allen Naturerscheinungen der Zweck insofern immanent sei, als
-die Prinzipien der Naturerklärung sämtlich den Zweckbegriff in sich
-schließen. Er beschränkt diese Prinzipien auf _drei_ von universeller
-und von axiomatischer Bedeutung, weil sie aus andern nicht abgeleitet
-werden können: das der Kontinuität, der Erhaltung der Kraft, der
-Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung. Es ist die Dreizahl der
-»~Leges naturae~«, die in verschiedener Form bei den Naturphilosophen
-des 17. Jahrhunderts, bei Descartes, Leibniz, Newton, wiederkehrt. Bei
-Leibniz sind die beiden ersten Gesetze von überwiegender Bedeutung:
-das Kontinuitätsprinzip ist eines der fruchtbarsten Denkmittel
-seiner gesamten Philosophie, das Erhaltungsprinzip beherrscht seine
-Naturphilosophie. Den Zweckgedanken tragen aber diese Prinzipien in
-sich selbst: das gilt in der Tat für das Leibnizsche Kraftprinzip
-so gut wie noch für das wesentlich mit ihm identische moderne
-Energieprinzip. Rein empirisch betrachtet ist es eine Hypothese, deren
-Geltung darauf beruht, daß, soweit unsere Erfahrung reicht, diese mit
-ihm übereinstimmt. Logisch betrachtet, ist es aber ein teleologisches
-Prinzip, da der Begriff des Beharrens eine Regel angibt, nach der
-künftige Zustände mit den gegenwärtigen und vorangegangenen verbunden
-sind.
-
-Für Leibniz liefert diese doppelte Erscheinungsform der Teleologie den
-Beweis für die Oberherrschaft, die dem Begriff des Zwecks überhaupt
-in den allgemeinsten Naturgesetzen und in den höchsten Erzeugnissen
-der Naturkausalität zukommt. Denn in dieser Übereinstimmung des ersten
-und des letzten Gliedes der Reihe der Entwicklungen liegt nach ihm
-ein Zwang, der uns nötigt, auch alle zwischenliegenden Glieder dem
-Zweckgedanken unterzuordnen. Darum, wenn er seine Übereinstimmung mit
-Aristoteles betont, so ist es vorzugsweise der Begriff der Entelechie,
-auf den er hinweist. Hierin liegt aber eine doppelte Übereinstimmung:
-die eine besteht in der Auffassung der Natur als einer _aufsteigenden
-Stufenfolge_, die andere in der _Einheit der physischen und der
-geistigen Welt_, wobei auf den niederen Stufen dieser Einheit
-vornehmlich die physische, auf den höheren Stufen die geistige Seite
-in die Erscheinung tritt. In beiden Momenten offenbart sich zugleich
-der tiefe Gegensatz gegen Descartes, der sich schon in den dynamischen
-Arbeiten vorbereitet hatte. Die Cartesianische Philosophie ist
-entwicklungslos, eine tiefe Kluft trennt den Menschen von der nur dem
-allgemeinen Mechanismus der Natur unterworfenen Tierwelt; sie ist
-dualistisch, die menschliche Seele ist nur äußerlich und vorübergehend
-mit dem Körper verbunden. Für Leibniz sind körperliches und geistiges
-Sein im letzten Grund eins und dasselbe, sie sind Äußerungen einer
-allbeherrschenden Kraft, die von Anfang an zwecktätige Kraft ist und
-als solche sich ebenso in den Gesetzen der Natur wie in denen des
-menschlichen Denkens offenbart. Damit erneuert er den Aristotelischen
-Begriff der Seele als der Lebenskraft, zu dem schon, freilich in
-mannigfach unter dem Einfluß des religiösen Dogmas veränderter Form,
-die Scholastik zurückgekehrt war.
-
-Wenn nun aber Leibniz überall bemüht war, die rein philosophische
-Begründung seiner Anschauungen mit einer religiösen Betrachtung der
-Dinge in Einklang zu bringen, so konnte er sich kaum verhehlen, daß
-in diesem Punkte der moderne Seelenbegriff Descartes' anscheinend dem
-religiösen Bedürfnisse besser gerecht werde als das Aristotelische
-Lebensprinzip. Da geschah eine Entdeckung, die die damalige
-wissenschaftliche Welt in die größte Aufregung versetzte, weil sie
-hier plötzlich eine neue Situation zu schaffen schien: es war die
-Entdeckung der sogenannten Spermatozoen durch den Holländer Leuwenhoek.
-Sie überraschte um so mehr, als kurz zuvor William Harvey durch
-seine sorgfältigen Beobachtungen über die Entwicklung des Hühnchens
-im Ei die ohnehin nächstliegende Annahme, daß das Ei der Träger der
-Entwicklungsvorgänge sei, vollauf zu bestätigen schien und daher
-zu dieser als selbstverständlich bereits geltenden Ansicht bloß
-die allerdings wichtige Ergänzung hinzufügte, daß organische Wesen
-überhaupt nur aus einem vorhandenen Ei hervorgehen könnten, nach dem
-Satze: »~Omne vivum ex ovo!~« Dem stellte nun Leuwenhoek auf Grund
-seiner Entdeckung der Spermatozoen, in denen er, wie die meisten
-seiner Zeitgenossen, wegen ihrer Bewegung kleinste lebende Tiere sah,
-den andern Satz gegenüber: »~Omne vivum ex animalculo!~« So entstand
-der berühmte Streit der Ovulisten und der Animalkulisten. Für Leibniz
-war aber dieser Streit mehr als eine bloß biologische Frage. Die
-Entdeckung der Spermatozoen bedeutete für ihn die Errettung aus einer
-schweren philosophischen Verlegenheit. In jenen schien ihm die Einheit
-von Seele und Körper augenfällig erwiesen zu sein. Aber es schien
-ihm auch, wie manchen andern, im höchsten Grade wahrscheinlich, daß
-damit das Problem der organischen Entwicklung überhaupt gelöst sei.
-Lag es doch nahe, anzunehmen, in dem Animalkulum sei das künftige
-Tier oder der künftige Mensch nicht bloß präformiert wie im Ei das
-individuelle künftige Hühnchen, sondern jenes sei das Tier selbst in
-einem noch unausgewachsenen Zustande. Damit konnte die Frage nach
-dem Ursprung des Lebens für gelöst gelten: das Leben, so lautete
-die Antwort, ist überhaupt nicht entstanden, sondern es bewegt sich
-für jedes Individuum nur zwischen den Stadien der Involution und
-Evolution, und die Entwicklungsgeschichte des individuellen Wesens ist
-nicht ein einmaliger, sondern ein periodischer, ins Unendliche sich
-wiederholender Vorgang. Wichtiger aber noch war eine weitere Folgerung,
-die dieser Anschauung ihre Anhänger schaffte. Der Cartesianischen
-Lehre von der bloß äußeren Verbindung von Seele und Körper, die der
-ersteren ihre Fortdauer nach dem Tode des Körpers sichere, hatte ihre
-Übereinstimmung mit dem religiösen Unsterblichkeitsglauben nicht zum
-wenigsten ihren Erfolg verschafft. Begreiflich daher, daß Leibniz die
-Hilfe willkommen war, die sich ihm in der Theorie der Animalkulisten
-bot, um so willkommener, als ihr die empirische Beobachtung zur Seite
-stand. Die Cartesianische Seele konnte niemand sehen, sie war eine
-bloß metaphysische Annahme. Die Spermatozoen konnte man jedermann
-unter dem Mikroskop demonstrieren. So war es Leibniz, der schließlich
-dieser Lehre ihren entscheidenden philosophischen Ausdruck gab: »~Non
-solum animae sed animalia sunt immortalia!~« Der Unsterblichkeit war
-anscheinend ein empirisches Argument zur Seite getreten, das den
-religiösen Glauben selbst zu einer Quelle wissenschaftlicher Erkenntnis
-erhob. Für uns, die wir wissen, daß die Spermatozoen keine Tiere,
-sondern bewegliche Formelemente sind, wie deren noch unzählig viele
-andere im Organismus vorkommen, ist natürlich die animalkulistische
-Evolutionshypothese und mit ihr womöglich noch mehr der Leibnizsche
-Satz von der Unsterblichkeit der Tiere längst hinfällig geworden.
-Dennoch wäre es verfehlt, anzunehmen, Leibniz würde, wenn er seinen
-Irrtum erkannt hätte, deshalb seinen Cartesianischen Gegnern das Feld
-geräumt haben. Seine Weltanschauung -- und das Verhältnis von Geist
-und Körper gehörte zu den wesentlichsten Bestandteilen derselben --
-stand nicht auf den gebrechlichen Füßen der damaligen mikroskopischen
-Beobachtung. Es waren ganz andere Stützen, auf die er seine neue
-Auffassung vom Wesen der Materie gegründet hatte, dieselben, die
-ihm seine dynamischen Untersuchungen an die Hand gaben. Sie sind es
-zugleich, die mit seinem neuen Aufbau der Psychologie auf das engste
-zusammenhängen.
-
-
-~c.~ Die Aktualität der Seele.
-
-An zwei Stellen pflegt man sich über Leibniz' psychologische
-Anschauungen Rat zu holen: in seiner Monadologie und in seiner
-Erkenntnistheorie. In so nahen Beziehungen beide aber auch zu
-jenen stehen mögen, so wenig geben sie Aufschluß über den Ursprung
-seines psychologischen Denkens. Will man die Ausgangspunkte seiner
-mehr und mehr über alle Gebiete sich erstreckenden psychologischen
-Überzeugungen erkennen, so muß man vielmehr auf seine physikalischen
-Studien zurückgehen, aus denen sich ihm zuerst der Begriff der
-Kraft als ein an sich gleichzeitig die physische und die geistige
-Welt umfassender Grundbegriff ergab. Da hierauf schließlich vor
-allem sein für die ganze neuere Philosophie entscheidend gewordener
-Gegensatz zu Descartes beruht, so ist es erforderlich, sich die auf
-die antike Philosophie zurückreichenden Quellen dieses Zwiespalts zu
-vergegenwärtigen. Dies ist um so nötiger, als durch einen merkwürdigen
-Wandel der Begriffe der Gegensatz selbst eine völlig veränderte
-Bedeutung gewonnen hat. Der Cartesianische Seelenbegriff hat seinen
-Ausgangspunkt in der Platonischen Ideenlehre, mit der ja auch die
-Lehre von den »angeborenen Ideen« zusammenhängt. Bei Plato war die
-Seele ein zwischen der übersinnlichen Welt der Ideen als der Urbilder
-der Begriffe und der Sinnenwelt vermittelndes Wesen, das als solches
-zugleich an der Unvergänglichkeit der Ideen teilnahm. Unter dem
-Einfluß der christlichen Gottesidee verwandelten sich bei dem großen
-Platoniker unter den Kirchenlehrern, dem heil. Augustinus, die Ideen
-in Schöpfungsgedanken Gottes, zu denen nun auch die menschliche Seele
-selbst gehörte. Alle Dinge hat Gott, ehe er sie schuf, vorausgedacht,
-unter ihnen ist aber die Seele dasjenige Wesen, das allein befähigt
-ist, sie nachzudenken: »Gott denkt die Dinge, ehe sie sind, unsere
-Seele denkt sie, nachdem sie sind.« Demnach ist die Seele ein denkendes
-Wesen und als solches befähigt, auch die Gottheit und die Dinge der
-Außenwelt zu erkennen. Das ist die Quelle der drei Substanzen der
-Cartesianischen Philosophie: Seele, Welt, Gott. Mit ihnen hat sich der
-Platonische Idealismus in einen dualistischen Realismus umgewandelt,
-zu dem als transzendente Ergänzung der Gottesbegriff hinzutritt. Für
-Leibniz ist auch hier Aristoteles der führende Philosoph. Dem neuen
-von Descartes unter der Leitung der neuen kirchlichen Philosophie
-aufgestellten Begriff der Seele als der denkenden Substanz gegenüber
-geht er auf den aristotelisch-scholastischen Begriff der Seele zurück:
-sie ist ihm das Prinzip des Lebens überhaupt und die Anlage zu ihren
-Fähigkeiten ruhen daher bereits in der allgemeinen Materie. Darum
-sagt er schon in seiner ~Hypothesis physica nova~: »Die Körper sind
-momentane Geister.« So haben sich anscheinend die Begriffe völlig
-umgekehrt: Descartes ist, vom Platonischen Idealismus ausgehend, zum
-Realisten, Leibniz, vom Aristotelischen Realismus ausgehend, zum
-Idealisten geworden. Freilich hat sich damit zugleich der Charakter des
-Idealismus selbst gewandelt: der moderne Idealismus ist nicht mehr der
-antike. Den ersten Versuch, diesen modernen Idealismus wissenschaftlich
-zu begründen, hat aber ohne Frage Leibniz gemacht. Doch es ist nicht
-die Monadologie, diese abschließende Darstellung seiner Metaphysik, und
-nicht die Erkenntnislehre der Essays über den Verstand, in denen wir
-Aufschluß über die Leibnizsche Psychologie suchen müssen, sondern seine
-Naturphilosophie. Denn, wie bei Aristoteles die Untersuchung über die
-Seele als »Entelechie des lebenden Körpers« der Physik als ihr letzter
-Teil sich anschließt, so führt bei Leibniz die Untersuchung über die
-Grundlagen der Physik unmittelbar zu dem Postulat einer idealistischen
-Naturauffassung und damit zu einer neuen Grundlegung der Psychologie.
-
-Das für diese Psychologie und den auf sie gegründeten Idealismus vor
-allen andern bedeutsame Werk ist nun jene »~Hypothesis physica nova~«
-mit einigen sie vorbereitenden kleineren Aufsätzen. Sie ist sein
-abschließendes Jugendwerk. In wesentlichen Punkten steht es noch auf
-dem Standpunkt der Cartesianischen Naturphilosophie, aber in dem, worin
-es von ihr abweicht, in dem Begriff der Materie, enthält es vieles, was
-bereits Gedanken der späteren dynamischen Schriften vorausnimmt, und in
-der Rolle, die in diesen Ausführungen der Begriff des unendlich Kleinen
-spielt, klingt leise schon die Infinitesimalrechnung an, obgleich die
-Probleme, die ihm in den folgenden Jahren seines Pariser Aufenthalts zu
-dieser geführt haben, ihm damals noch fern lagen. Die Unmöglichkeit,
-die Materie als Ausdehnung im Raum zu definieren, sucht er hier
-daraus zu beweisen, daß jedes noch so kleine Teilchen derselben in
-andere noch kleinere teilbar gedacht werden könne, so daß schließlich
-nichts übrig bleibe. Die Ausdehnung selbst setze daher eine Bewegung
-voraus, die sich in einer unendlich kleinen Zeit bereits über mehrere
-Teilchen erstrecke, so daß diese Bewegung nicht als ein räumlicher
-Vorgang, sondern nur als ein Streben nach Bewegung, als »~Conatus~«,
-gedeutet werden könne. Aus diesem Streben erkläre sich einerseits die
-Widerstandskraft, anderseits die Kohäsion der Teilchen der Materie.
-So entwickelt hier schon Leibniz eine Hypothese, die die geläufigen
-korpuskularen und atomistischen Vorstellungen zurückweist, um an ihre
-Stelle ein Kontinuum bewegender Kräfte zu setzen, das die selbständige
-Existenz einer diese Kräfte tragenden ausgedehnten Substanz
-ausschließt. Es erinnert, von der physikalischen Seite betrachtet,
-einigermaßen an die Faradayschen »Kraftfelder«. Wichtiger aber ist die
-weitere Folgerung, daß die Ausdehnung eine _Erscheinung_ der Materie,
-nicht die Materie selbst sei, die vielmehr als ein bloßes Streben nach
-Bewegung, demnach eigentlich als ein immaterielles Sein gedacht werden
-müsse. Das eben drückt jener Satz aus: »Die Körper sind momentane
-Geister!« Sie würden -- so können wir wohl diesen Satz interpretieren
--- Geister im vollen Sinne des Wortes sein, wenn die strebenden
-Kräfte, aus denen sie bestehen, ein Gedächtnis in sich trügen, das
-Vorangehendes und Folgendes verbände. Diese Eigenschaft unseres eigenen
-Geistes fehlt den leblosen Körpern. Aber da das Gedächtnis eine
-besondere, weitere Bedingungen voraussetzende Eigenschaft ist, so sind
-wir berechtigt, die Körper überhaupt als geistige Wesen, freilich,
-sofern ihnen die Eigenschaft abgeht, Vorangegangenes mit Zukünftigem
-zu verknüpfen, nur als momentane Geister aufzufassen, womit zugleich
-die Möglichkeit gegeben ist, die höheren geistigen Vorgänge aus ihnen
-entstanden zu denken.
-
-Diese Auffassung, die bereits deutlich auf das universelle Prinzip
-der Kontinuität alles Geschehens hinweist, schließt jedoch noch
-eine andere Folgerung ein. Descartes' Psychologie leitet aus dem
-Denken die Gesamtheit der geistigen Vorgänge ab. Sie ist nach dem
-vorangestellten Begriff der Seele durch und durch intellektualistisch.
-Auch die Leidenschaften der Seele beruhen, ebenso wie die Hilfsmittel
-zu ihrer Überwindung, im letzten Grunde halb auf logischen halb auf
-physischen Vorgängen. Leibniz überträgt hier, treu den Aristotelischen
-Begriffen von der Energie und Entelechie in ihrer physisches und
-geistiges Leben umfassenden Bedeutung, unmittelbar die leitenden
-naturphilosophischen Gesichtspunkte auch auf das Seelenleben. Alles
-geistige Geschehen ist ihm immerwährende Tätigkeit, diese wird aber
-in der Wechselwirkung ihrer Faktoren zugleich zu einem Streben, das
-neben jener Tätigkeit den Gesamtverlauf der psychischen Vorgänge
-bestimmt. So ist es die _Aktualität_ des Seelenbegriffs, die sich
-bei ihm gegenüber der Cartesianischen Seelensubstanz durchsetzt.
-Damit tritt dem Doppelbegriff Tätigkeit und Leiden bei Descartes ein
-neuer, Tätigkeit und Streben, gegenüber, -- ein Unterschied, der,
-so gering er auf den ersten Blick erscheinen mag, in Wahrheit einen
-völligen Wandel der Lebensanschauung in sich schließt. Tätigkeit und
-Leiden sind Wechselbegriffe, die beide auf die an sich der Außenwelt
-gegenüberstehende, von ihr spezifisch verschiedene, aber fortwährend
-ihren Einwirkungen unterworfene Seelensubstanz zurückführen.
-Tätigkeit und Streben sind psychische Begriffe, die den allgemeinen
-Naturbegriffen durchaus entsprechen, nur daß sie sich im Menschen
-zu klarem Bewußtsein erheben, während sie in der allgemeinen Natur
-noch latent bleiben und nur aus dem Zusammenhang der Naturvorgänge zu
-erschließen sind. In diesem Sinne finden sie in dem späteren, strenger
-durchgeführten Dualismus der naturphilosophischen Begriffe in der
-Unterscheidung der toten und der lebendigen Kräfte ihren Ausdruck.
-Sind doch die toten Kräfte nichts anderes als ein Streben nach
-Bewegung, das aber nun unter Zuhilfenahme des Prinzips der Konstanz der
-Naturkräfte mit der Tätigkeit selbst oder den lebendigen Kräften in
-einem gesetzmäßigen Zusammenhang steht. Von diesem Prinzip der Konstanz
-ist nun in der Leibnizschen Psychologie nicht die Rede: da widerstrebt
-ihm offenbar das Prinzip der Entelechie als der höheren bewußten Form
-der Naturkräfte, welches zugleich das Prinzip der Entwicklung der
-niederen zu den höheren, zwecktätigen Kräften in sich schließt. Hier
-durchkreuzt sich also sichtlich jenes allgemeine Naturgesetz, welches
-für die gesamte physische Welt und damit auch für die allgemeinen
-Naturgrundlagen des geistigen Lebens gilt, mit dem Prinzip der dieses
-Leben selbst beherrschenden schöpferischen Kausalität des geistigen
-Geschehens. Leibniz hat sich freilich über diesen scheinbaren
-Widerspruch seines psychologischen Entwicklungsgedankens mit seinen
-allgemeinen Naturgesetzen, ebenso wie über den Weg, der über diesen
-scheinbaren Widerspruch hinausführt, keine Rechenschaft gegeben.
-
-Dagegen ist es ein anderer Punkt, der ihn den Cartesianischen
-Intellektualismus vermeiden läßt, und in dem seine Auffassung
-des geistigen Lebens schließlich bestimmend geworden ist für die
-ganze moderne Psychologie. Es ist nicht das Denken, das ihm als
-ausschließliche Tätigkeit der Seele gilt, sondern, wie für ihn zwischen
-dem Seelenbegriff und dem Naturbegriff überhaupt keine strenge Grenze
-zu ziehen ist, so sind es, nur auf einer höheren Stufe, dieselben
-Grundkräfte, die die geistigen Vorgänge beherrschen, wie sie in den
-materiellen Erscheinungen vorgebildet sind. Unter jenen ist aber das
-Denken zwar eine eminent wichtige Äußerung, aber sie ist nicht mehr die
-einzige und sie ist vor allem nicht die grundlegende, sondern, wie ihr
-als ihre Vorstufen die lebendigen und toten Naturkräfte vorausgehen,
-so schließt sie jene einfacheren psychischen Vorgänge ein, die wir
-als bewußte Tätigkeit und als Streben unmittelbar in uns wahrnehmen.
-Das Bewußtsein, das uns zu dieser Selbstauffassung verhilft, ist aber
-hier wieder jene bewußte Kontinuität des psychischen Geschehens, die
-wir unter dem Begriff des Gedächtnisses zusammenfassen, während die
-leblosen Körper demgegenüber eben als »momentane Geister« betrachtet
-werden können. Indem Leibniz die Vorstellung als die Tätigkeit der
-Seele, das Begehren als ein Streben nach dieser Tätigkeit auffaßt,
-gilt ihm nicht, wie manchen Abirrungen der späteren Psychologie, die
-Vorstellung als eine Art subjektiven Spiegelbildes der wirklichen
-Dinge, sondern sie ist ihm, wie er wiederholt versichert, selbst
-immerwährende Tätigkeit, ebenso wie das Streben und Begehren, das
-von den gegebenen Vorstellungen fortwährend zu neuen hindrängt.
-Diese völlig veränderte Auffassung des geistigen Lebens ist aber in
-doppelter Weise epochemachend geworden für die kommende Psychologie.
-Auf der einen Seite ist aus ihr jener Gedanke eines Mechanismus des
-Vorstellungsverlaufs entstanden, der an sich gänzlich außerhalb des
-durch bestimmte logische Motive geleiteten Denkens liegt, und der von
-der Assoziationspsychologie an bis auf Herbart und seine Schule die
-Psychologie in weitem Umfang beherrscht hat. Auf der andern Seite
-enthält sie die Anfänge jenes »Voluntarismus«, der zu einer bald
-bewußt ausgebildeten, bald latent bleibenden Signatur der modernen
-Psychologie geworden ist. Denn indem alles Vorstellen mit bestimmten
-Gefühlen und in ihnen mit einem Streben nach einem Ziel der seelischen
-Tätigkeit verbunden ist, tritt uns bei Leibniz nunmehr bereits der
-Wille als der alle andern Seelentätigkeiten zusammenfassende Vorgang
-entgegen. Freilich hat er diesen sein psychologisches Denken überall
-beherrschenden voluntaristischen Gedanken nicht zu einem klaren
-Ausdruck gebracht, sondern, wie sein Aktualitätsprinzip von dem
-überlieferten Begriff der Substanz durchkreuzt wird, so hat er seinen
-Voluntarismus von der intellektualistischen Gedankenströmung der Zeit
-nicht völlig zu befreien vermocht. Wirkten doch hier der scholastische
-und der Cartesianische Intellektualismus zusammen, um ihn zum Teil in
-widersprechenden Gedanken festzuhalten, die in diesen neuen Zug seines
-Denkens als eiserner Bestand der Tradition mit eingehen. Bedenkt man
-diese entgegenwirkenden Motive, so ist es in der Tat erstaunlich genug,
-daß er, geleitet durch seine scharfe Beobachtungsgabe für die Zustände
-des Seelenlebens, trotzdem durch die bis zum heutigen Tage noch
-nicht überwundenen Irrungen einer Logik und Psychologie vermengenden
-Reflexion so wenig sich irre machen ließ. Im Verein mit dieser
-Abkehr von einem in die Wirklichkeit hinübergetragenen künstlichen
-Begriffssystem ist es ein anderer, noch bedeutsamerer Gegensatz, der
-hier Leibniz ebenso von den Cartesianern wie von Aristoteles und der
-Scholastik trennt. Descartes hatte das menschliche Seelenleben ganz,
-Aristoteles hatte es wenigstens in seinen höchsten Äußerungen dem der
-übrigen lebenden Wesen gegenübergestellt. Descartes hatte zwar eine
-Erklärung der physiologischen Funktionen aus den mechanischen Gesetzen
-gefordert, hinter den letzteren aber stand doch gerade in diesem Fall
-die schöpferische Macht Gottes, die jedem Naturwesen seine, eben in
-dem Mechanismus der Lebensvorgänge gesicherten Zwecke gesetzt habe.
-Für Aristoteles dagegen bestand zwischen der leblosen und der lebenden
-Natur eine Kluft, die das Prinzip der Entwicklung nur auf die letztere
-anwendbar machte, während sich ihm die übrigen Naturerscheinungen
-einer Anzahl verschiedener allgemeiner Ursachen unterordneten, die
-ein buntes Gemisch aus der oberflächlichen Erfahrung geschöpfter
-Begriffe gewesen waren, wie die des natürlichen Orts der Körper für die
-Fallerscheinungen, der gewaltsamen Bewegungen für den Wurf, endlich
-der zufälligen Bewegungen. Hier suchte nun Leibniz wiederum nach einer
-Vermittlung zwischen Descartes und der Scholastik. Mit dieser ist
-ihm die gesamte Natur bis herauf zum Menschen eine kontinuierliche
-Zweckreihe, die sich einem einzigen Prinzip unterordnet, das
-schließlich im menschlichen zwecktätigen Handeln seinen bewußten
-Ausdruck findet. In dieser universellen Kausalität der Erscheinungen
-wiederholt sich die allumfassende mechanische Gesetzmäßigkeit
-Descartes'. Nur fordert diese eine ihr entsprechende geistige
-Gesetzmäßigkeit, die sich über alle Naturreiche von ihren niederen bis
-zu ihren höchsten Formen erstreckt. Hier mag dann zugleich jener oft
-wiedergekehrte mystische Gedanke hereinspielen, der Leibniz in seiner
-scholastischen Jugendzeit nahegetreten war, und nach dem in seiner
-naturphilosophischen Umdeutung ein Jahrhundert vorher Giordano Bruno
-die Materie die »schwangere Mutter« der Formen genannt hatte, aus der
-die ganze Welt als eine einzige Stufenfolge von Wesen entsprungen sei.
-Es ist derselbe universelle Entwicklungsgedanke, von dem auch Leibniz
-erfüllt ist, aber er sucht ihn auf der Grundlage der neuen Dynamik und
-Biologie als das innere Wesen der Naturvorgänge überhaupt nachzuweisen.
-So entnimmt er das Prinzip der Universalität der Naturgesetze
-Descartes, aber es umfaßt ihm Natur und Geist zugleich; in dem Prinzip
-der »Entelechie« schließt er sich an Aristoteles an, aber er überträgt
-es von der lebenden Natur auf die gesamte geistige und physische Welt.
-Doch hieraus entspringt ihm eine neue Auffassung des geistigen Lebens
-und mit ihm der Natur. Beide, Natur und Geist, sind in Wahrheit eins
-und dasselbe: sie sind weder verschiedene Substanzen noch verschiedene
-Attribute einer Substanz, sondern sie sind einander ergänzende
-Standpunkte in der Auffassung der Welt. Unter ihnen ist an sich der
-nach innen gerichtete, der psychologische, der entscheidende. Denn
-er umfaßt den Inhalt der uns unmittelbar gegebenen Wirklichkeit, der
-damit ebenso für das geistige Leben, das außerhalb des Fokus unserer
-eigenen seelischen Erlebnisse liegt, wie für die äußere Natur, die sich
-in unserem Bewußtsein spiegelt, die Formen und Gesetze des Geschehens
-bestimmt. So führt ihn folgerichtig die psychologische Betrachtung
-vom Aristotelischen Realismus zu einem Idealismus, der dem objektiven
-Idealismus Platos eine neue Gestalt gibt. Den Cartesianischen Dualismus
-aber wandelt er in einen Monismus um, welchem die Natur selbst nichts
-anderes als der Geist in seiner Entwicklung ist.
-
-
-~d.~ Die Einheit der Wissenschaften.
-
-Das Wort »Geisteswissenschaften« ist bekanntlich eine neue, nicht über
-das 19. Jahrhundert hinaufreichende Schöpfung der Gelehrtensprache.
-Leibniz kennt also das Wort nicht. Aber er verfügt über einen
-Begriff, der noch darüber hinausreicht: das ist die _Einheit der
-Wissenschaften_. Er umfaßt nicht bloß die zu jener Zeit bereits
-konsolidierten Naturwissenschaften, sondern auch jene Gebiete, die wir
-heute Geisteswissenschaften nennen, und zu denen noch die abstrakten
-Disziplinen hinzukommen, die als allgemeine Grundlagen des Denkens dort
-wie hier die methodischen Hilfsmittel der Forschung darbieten: die
-Logik und die Mathematik. Beide gehören zusammen; denn die Mathematik
-ist nur eine erweiterte Logik, und insofern beide in übereinstimmender
-Weise in allen Wissenschaften vorkommen, vermitteln sie zugleich,
-abgesehen von den realen Beziehungen, in denen die Bestandteile
-unserer Erkenntnis durchgängig zueinander stehen, die Einheit der
-Wissenschaften.
-
-Leibniz hat diesen Gedanken, wie bereits oben bemerkt, vornehmlich
-für die Rechtswissenschaft in doppelter Beziehung durchgeführt:
-erstens ist sie nach ihm in hohem Grade logisch ausgebildet, darum der
-Mathematik nahe verwandt; und zweitens fordert er von dem Juristen eine
-gründliche Kenntnis der empirischen Wirklichkeit, wozu ihn das Studium
-der Naturwissenschaften vornehmlich anleiten soll. Denn gerade die
-Rechtswissenschaft und besonders ihre praktische Anwendung läßt nach
-ihm eine fremde Beihilfe in der Regel nicht zu. Hier muß schon in den
-Fällen des Zivil- und Kriminalrechts nicht selten der Einzelrichter auf
-Grund seiner Kenntnis der Gesetze nicht nur, sondern der sorgfältigen
-Erwägung der Tatsachen eine Entscheidung treffen. »~De casibus
-perplexis~« lautet schon das Thema der Abhandlung, über die er zur
-Erlangung der Doktorwürde in Altdorf disputierte, und es mag daher sein,
-daß ihm die Schwierigkeit der Beantwortung komplizierter juristischer
-Streitfragen die Vergleichung mit der Lösung mathematischer Probleme
-nicht minder wie den andern scheinbar paradoxen Ausspruch nahelegte:
-»Je spekulativer eine Wissenschaft ist, desto praktischer ist sie!«
-Ist doch die Wirklichkeit der Dinge durchweg verwickelter als unsere
-willkürliche Konstruktion, mögen die Dinge nun Rechtsfälle sein, wie
-die des Juristen, oder Naturerscheinungen, wie die des mathematischen
-Physikers. Was Leibniz juristischen Schriften noch ein besonderes
-Interesse verleiht, ist aber dies, daß sie augenfälliger als andere
-seiner Arbeiten von der Scholastik ausgehen, um dann später mehr und
-mehr aus ihrem Bannkreis herauszutreten. So ist bei der genannten
-Schrift über die perplexen Fälle schon die Wahl des Themas bezeichnend.
-Die Lust zu zwecklosem Disputieren, wie sie in der alten Hochschule
-heimisch war, die Neigung, dem Gegner Fallen zu stellen oder ihn ~ad
-absurdum~ zu führen, sie klingen deutlich in dieser Schrift an, deren
-Glanzleistung darin besteht, daß sie in dem berühmten Prozeß zwischen
-Protagoras und seinem Schüler Euathlos über das von dem letzteren
-zu zahlende Honorar eine neue Entscheidung zu geben sucht. Es ist
-derselbe Formalismus, der im wesentlichen in den andern juristischen
-Jugendschriften nach dem Vorbild der Literatur der Zeit wiederkehrt.
-Wo er sich gegen die seitherige Wissenschaft wendet, da ist es weniger
-die Scholastik als die Schule der »Ramisten«, die er wegen ihrer
-Häufung leerer Begriffsunterscheidungen und scholastischer Dichotomien
-bekämpft. Aber auch die Leibnizsche Schrift über die perplexen Fälle
-ist ein wahres Musterstück scholastischer Gelehrsamkeit. Schon das
-Thema ist kennzeichnend. Es sind nicht sowohl wirkliche Rechtsfälle
-als Beispiele jener Dilemmen, die bereits in der antiken Dialektik
-halb als scherzhafte logische Aufgaben, halb als ernste Probleme
-eine Rolle gespielt haben. Die Form des Rechtsstreites ist auch
-sonst für sie als eine besonders geeignete gewählt worden. Schon
-die Einleitung ist echt scholastisch. Zuerst wird der Begriff des
-Kasus definiert und in seiner Anwendung durch die verschiedenen
-Wissenschaften verfolgt, dann der Begriff der ~Perplexitas~, um endlich
-festzustellen, was ein ~Casus perplexus~ sei. So ist das Ganze mehr
-eine dialektische Verstandesübung als eine juristische Untersuchung.
-Nicht viel anders verhält es sich mit den »~Quaestiones philosophicae
-amoeniores ex jure~« und andern Arbeiten. Da glaubt man denn mit
-der dem Kurfürsten von Mainz zum Willkomm überreichten Schrift über
-die notwendige Reform des juristischen Studiums (~Methodus nova
-discendae docendaeque jurisprudentiae~, 1668) in eine andere Welt zu
-treten. Man fühlt sich in akademische Reformversuche neuester Zeit
-versetzt, wenn Leibniz hier den Vorschlag macht, den juristischen
-Lehrvortrag dadurch anregender zu gestalten, daß der Rechtslehrer,
-indem er die Rollen des Klägers, des Angeklagten, des Sachwalters
-und des Richters unter seine Schüler verteilt, eine Art dramatischer
-Nachbildung des öffentlichen Gerichtsverfahrens veranstaltet. Freilich
-wird man sich bei diesem originellen Vorschlag erinnern dürfen, daß
-auch der scholastische Lehrbetrieb beide Seiten vereinigte, ein ödes
-Diktieren und Auswendiglernen neben Kolloquien und Disputationen,
-die zugleich eine Art Rollenverteilung mit sich führten. Und es war
-neben der theologischen vorzugsweise die Artistenfakultät, in der
-diese Disputationen geübt wurden, während bei den Juristen wohl der
-dogmatische Lehrvortrag ausschließlich herrschend war, wie denn
-gerade in der Zeit nach dem großen Krieg die Umständlichkeit des
-schriftlichen Rechtsverfahrens ihren äußersten Grad erreicht zu haben
-scheint. So mochte Leibniz diesen von ihm selbst vielfach beklagten
-Mängeln am wirksamsten zu steuern meinen, wenn er das Übel bei der
-Wurzel, bei dem Studium der Rechtswissenschaft, anfaßte.
-
-Damit bezeichnet aber diese Schrift allerdings einen wichtigen
-Wendepunkt auch auf diesem Gebiete einer eigentlichen Fachwissenschaft,
-nicht unähnlich demjenigen, den er ungefähr um die gleiche Zeit in
-seinem naturwissenschaftlichen Denken erlebte. Es ist der Eintritt
-in das öffentliche Leben, die in den folgenden Jahren beginnende
-politische Tätigkeit, die diese Wendung von den einzelnen, ihn zum
-Teil mehr um ihres logischen Interesses als um ihrer nützlichen Zwecke
-willen fesselnden Problemen zu den allgemeinen Fragen des öffentlichen
-Rechts und der Gesetzgebung hinüberführt. So beschäftigt ihn vor allem
-die Reform des römischen Rechts, dessen logische Ordnung und als
-letztes Ziel die Schaffung eines neuen Gesetzbuchs, das die deutschen
-Rechtsquellen mit dem römischen Recht in ein der Zeit angemessenes Werk
-vereinige. Auch bei der ausführlichsten seiner politischen Schriften,
-dem »~Caesarinus Fuerstenerius~«, steht trotz des einzelnen Anlasses im
-Hintergrund das große Problem der Verfassung des deutschen oder, wie
-Leibniz, der Anhänger des alten Reichsgedankens mit Vorliebe es nennt,
-des Römischen Reichs, die Frage der Vereinbarkeit der vollen Autarkie
-der Einzelstaaten mit der Unterordnung unter das Reichsoberhaupt,
-dieser »~Casus perplexus~« des Staatsrechts damaliger Zeit.
-
-Zwei Gedanken sind es, die bei allen diesen späteren Arbeiten mehr
-und mehr in den Vordergrund treten. Der eine ist die Erkenntnis der
-geschichtlichen Bedingtheit des Rechts, den er gegen die unter dem
-Einfluß des angesehensten deutschen Juristen der Zeit zur Herrschaft
-gelangende Naturrechtstheorie in die Schranken führt. Wohl gibt es
-auch für ihn ein natürliches Recht, das in der sittlichen Natur
-des Menschen seine Quellen hat. Wirklichkeit hat aber zunächst das
-überlieferte Recht, das seinerseits geschichtlich bedingt ist, also
-nicht für alle Zeiten und Völker dasselbe sein kann. Der zweite
-leitende Gedanke ist der Zusammenhang des Rechts mit der Gesamtheit der
-Lebensinteressen, vor allem mit Moral und Religion. Daß sie Recht und
-Staat loszulösen gesucht von diesen höchsten menschlichen Gütern, daß
-sie die Selbstsucht zu ihrer Ursache und den äußeren Nutzen zu ihrem
-Zweck erhoben, das ist es, worin er vor allem seine Zeitgenossen Thomas
-Hobbes und Samuel Pufendorf bekämpft. Auch hier geht er auf Aristoteles
-zurück, mit dessen Ethik er die berühmten Rechtsideen der großen
-römischen Juristen schon in seiner Jugendschrift über die Methode des
-juristischen Studiums zu einer Dreiheit von Normen verbindet, die er
-dann noch einmal beinahe dreißig Jahre später in seinem Kodex des
-Völkerrechts in ihrer Vereinigung als die Grundlagen alles Rechts
-bezeichnet. »~Nemimem laedere, suum cuique tribuere, honeste vivere~«:
-der ersten und zweiten dieser Regeln entspricht die Aristotelische
-Dichotomie des Begriffs der Gerechtigkeit in die »ausgleichende«
-(~commutativa~) und in die »verteilende« (~distributiva~); die dritte
-aber verwandelt Leibniz aus dem ~honeste~ in ein »~pie vivere~«.
-So ergeben sich ihm _drei_ Grade des natürlichen Rechts, die er in
-jenen drei Rechtsregeln angedeutet sieht: das strenge Recht (~Jus
-strictum~), die Billigkeit (~Aequitas~) und die Frömmigkeit (~Pietas~).
-Führt man sie auf die ihnen entsprechenden Tugendbegriffe zurück, so
-entspricht aber dem ~Jus strictum~ die Gerechtigkeit im engeren Sinne
-des Wortes, der Billigkeit die Liebe. Die Frömmigkeit endlich ist
-die Liebe zu Gott, die als solche auch die andern Tugenden in sich
-schließt und auf diese Weise die vorangehenden Stufen zur Einheit
-verbindet. Gewiß entbehrt diese Zurückführung der Rechtsregeln auf
-die Tugendbegriffe nicht eines gewissen Zwangs, und vollends ist
-die Umwandlung des »~honeste vivere~« in das »~pie vivere~« eine
-geflissentliche Steigerung. Doch so kennzeichnend diese Anlehnung an
-das Überlieferte für die Leibnizsche Denkweise überhaupt ist, so wenig
-kommt sie hier für die Sache selbst in Betracht; ja vielleicht würde
-diese eindringlicher zur Geltung gelangen, wenn er sie als sein eigenes
-Werk hinstellte, was sie im Grunde ist, statt sich an Aristoteles und
-die alten Juristen anzulehnen. Worauf es ankommt, das ist doch nur,
-daß für ihn Recht und Moral eine untrennbare Einheit sind, und daß sie
-mit der Religion zusammen eine einzige sittliche Weltordnung bilden.
-Eben darum ist ihm aber auch der Staat, wie er in dem »~Monitum~« zu
-seinem ~Codex diplomaticus~ ausführt, kein bloßer Schutzvertrag zur
-Sicherung von Leben und Eigentum der einzelnen, sondern eine sittliche
-Lebensgemeinschaft zur Förderung der Glückseligkeit aller. Deshalb
-beziehen sich denn auch die allgemeinen Begriffe der Rechtsordnung
-ebenso auf die Staaten selbst wie auf die einzelnen Staatsbürger.
-Das Gebot, niemanden zu verletzen wird dort zur Pflicht, den Frieden
-zu bewahren, das Gebot, jedem das Seine zu gewähren zur Pflicht der
-Berücksichtigung der Interessen anderer Staaten im Verkehr mit ihnen.
-Dazu kommt endlich als die Grundlage aller dieser internationalen
-Regeln die Frömmigkeit, die in dem christlichen Gebot der allgemeinen
-Menschenliebe die Quelle findet, aus der die Pflichten der Staaten
-in ihrem wechselseitigen Verkehr entspringen. So verbinden sich
-in diesen Gedanken über Völkerrecht die Hauptmotive, die der
-Leibnizschen Weltanschauung ihr Gepräge geben. Den Eudämonismus der
-Zeit verleugnet auch sie nicht, aber sie vertieft ihn, indem sie das
-Glück des einzelnen an die sittliche Gemeinschaft der Menschen und
-diese wieder an die religiöse Bestimmung des Menschen bindet. Aus der
-sittlich-religiösen Richtung dieses Eudämonismus entspringt der durch
-keinerlei Mängel und Schmerzen des Daseins zu trübende Optimismus, und
-zu beiden gesellt sich das aus der mathematischen Betrachtung der Dinge
-entspringende Vertrauen auf eine gesetzmäßige Weltordnung.
-
-
-
-
-III.
-
-Leibniz und die neue Wissenschaft.
-
-
-»~Scienza nuova~«, neue Wissenschaft, hatte Galilei seine Mechanik
-und seine Lehre von den Fallgesetzen genannt. ~Scienza nuova~ nannte
-noch ein Jahrhundert später Giambattista Vico, Leibnizens jüngerer
-Zeitgenosse, seine Philosophie der Geschichte. »~Instauratio magna
-scientiarum~« hatte Francis Baron die Sammlung der Werke überschrieben,
-in denen er seine neue Philosophie darstellen wollte. ~Instauratio~ --
-nicht ~Restauratio~! Nicht um eine Verbesserung und Fortbildung des
-Überlieferten, um eine völlige Neuschöpfung handelte es sich dieser
-Zeit. Darin schied sich die Wissenschaft von der vorangegangenen
-Erneuerung der Kunst, die sich mit dem bescheideneren Titel einer
-»Wiedergeburt« begnügte. War es doch die Kunst des Altertums gewesen,
-die der neuen zuerst ihren Weg zurück zur Natur gewiesen hatte. Die
-neue Wissenschaft glaubte der überlieferten Weisheit völlig entraten
-zu sollen. Die Scholastik samt ihrem Meister Aristoteles erschien
-den Jüngern dieser Zeit als ein Hindernis, nicht als eine Förderung
-auf dem Wege zur Wahrheit. Eher mochten noch, so meinte Bacon, ein
-Plato und der schmählich vergessene Demokrit bisweilen das Richtige
-erkannt haben. Die Logik des Aristoteles, der diese seine Vorgänger
-in den Hintergrund gedrängt, und vollends die Scholastik war eine
-leere Wortkunst ohne theoretischen Wert und ohne praktischen Nutzen
-gewesen. So hat das Wort »Neue Wissenschaft« eine weit über jene
-einzelnen Werke hinausreichende Bedeutung. Es ist der Jubelruf der
-neuen Zeit, eine Absage an die Vergangenheit, die Verkündigung einer
-mit den großen Entdeckungen der Naturforschung endlich herangekommenen
-wahren Wissenschaft. So selbstbewußt aber die Naturforscher des
-Zeitalters diese durch ihre eigene Arbeit herbeigeführte Wendung der
-Dinge verkünden, so sind es doch vornehmlich die Philosophen, bei denen
-sich der Ruhm der neuen Zeit von jenem abfälligen Urteil über die
-Vergangenheit wirksam abhebt. Wie höflich behandelt Galilei in seinen
-~Discorsi~ den Aristoteliker Simplicio, wenn man seine rein sachlichen
-Richtigstellungen mit den Schmähungen vergleicht, mit denen Bacon
-den Aristoteles überhäuft, oder mit den gemäßigteren, aber, soweit
-es sich um die wissenschaftliche Leistungsfähigkeit der bisherigen
-Philosophie handelt, nicht minder geringschätzigen Bemerkungen
-Descartes'. Und soweit auch diese Männer in ihren eigenen Anschauungen
-auseinandergehen, in dem Preis der neuen Wissenschaft stimmen sie
-derart überein, daß man sich des Gedankens einer Beeinflussung des
-jüngeren durch den älteren der beiden Schriftsteller kaum erwehren
-kann. »~Antiquitas saeculi juventus mundi~,« sagt Bacon. Das Altertum
-ist das Jugendalter der Menschheit. In Wahrheit ist die neuere Zeit
-die ältere, die reifere an Wissen und Einsicht. »Die Schriften der
-Alten«, sagt Descartes, »erschienen mir zuerst wie prächtige Paläste,
-aber ich fand sie auf Sand gebaut.« Darum, nicht einen Fortschritt auf
-dem bisherigen Wege, sondern eine völlige Umkehr, einen neuen Anfang
-fordern beide, an der Stelle der bisherigen leeren Begriffsgliederungen
-neue fruchtbare Methoden. »Der Krüppel auf dem rechten Wege wird es
-dem Wettläufer auf dem falschen zuvortun,« oder, wie Descartes dieses
-Baconische Bild wiedergibt: »wer auf der richtigen Straße langsam
-geht, kommt weiter, als wer auf einem Irrpfade sich beeilt.« Nun
-würde es freilich ein Irrtum sein, wollte man hieraus schließen, diese
-Philosophen seien wirklich von der Vergangenheit unabhängig gewesen.
-Das trifft für Bacon, der es, trotz der tiefen Blicke, die er in
-das Wesen der experimentellen Methode getan hat, an scholastischen
-Begriffsspaltungen nicht fehlen läßt, so wenig zu wie für Descartes,
-der die Grundlagen seiner Metaphysik ebenso wie sein berühmtes »~cogito
-ergo sum~« dem Augustin, seinen Gottesbeweis dem Anselm von Canterbury
-verdankt. Niemand kann sich eben von der Vergangenheit lösen. Aber die
-Berufung auf Autoritäten lag nicht im Sinn einer Generation, die sich
-selbst als die Trägerin einer völligen Erneuerung der Wissenschaften
-fühlte.
-
-Wie anders steht hier Leibniz der vorangegangenen Zeit gegenüber! Wohl
-hat auch er nicht versäumt den Nutzen zu rühmen, den der Fortschritt
-der Wissenschaften der Menschheit gebracht habe. Aber wann wäre es
-ihm beigefallen, die neue Wissenschaft als die einzige zu preisen,
-die diesen Namen wahrhaft verdiene? Freilich war das vor allem eine
-Folge seiner in der Scholastik wurzelnden Jugendbildung. Konnte
-er sich auch, als er später mit der neuen Naturwissenschaft näher
-bekannt wurde, dem imponierenden Eindruck dieser nicht entziehen, so
-stellte sich doch, vornehmlich infolge der Bedenken, die sich gegen
-die Cartesianische Naturphilosophie in ihm regten, allmählich ein
-gewisses Gleichgewicht ein, das ihn mehr und mehr an dem ohnehin
-seiner Denkweise entsprechenden Grundsatze festhalten ließ, aus
-allem, was Vergangenheit oder Gegenwart Wertvolles bieten mochten,
-das Beste zu behalten. So wurde er in einer Zeit, die im ganzen an
-einem merkwürdigen Mangel an historischem Sinn litt, unterstützt durch
-seine ausgebreitete Literaturkenntnis, bei aller Selbständigkeit des
-Denkens ein Eklektiker im höchsten Sinne des Wortes. Rühmt er sich
-doch selbst dieser Eigenschaft, wenn er sagt, es sei sein Bestreben
-gewesen, die Atomistik mit den vernünftigen Samen der Stoiker und mit
-den Entelechien des Aristoteles zu verbinden. Fast steht er darum auch
-in der historischen Würdigung des jeweiligen Zustandes der Wissenschaft
-einsam da, nicht nur in seiner eigenen, sondern auch in der folgenden
-Zeit. Staunen wir doch noch bei der Lektüre Kants nicht selten über
-die merkwürdig oberflächliche Kenntnis, die dieser große Denker von
-den bedeutendsten Werken der vorangegangenen Philosophie besitzt. Wenn
-der Eifer, mit dem Leibniz eine Zeitlang gerade den Hauptvertretern
-der neuen Wissenschaft unter den Philosophen, einem Bacon, Descartes
-und Gassendi sich zuwandte, später einer ablehnenden Kritik Platz
-machte, um in Naturphilosophie und Psychologie dem Aristoteles, in der
-Theologie der Scholastik einen überwiegenden Einfluß zu gestatten,
-so war aber sichtlich nicht zum wenigsten die Tatsache schuld, daß
-jene begeisterten Verkünder der neuen Naturwissenschaft selbst nicht
-zu den führenden Naturforschern gehört und zum Teil sogar mit den
-neuen Ergebnissen nur mangelhaft vertraut waren. Dies gilt selbst von
-Descartes, der, ein so hervorragender Mathematiker er war, doch dem
-gewaltigen Umschwung, den Galileis epochemachende Arbeit in der Physik
-hervorbrachte, fremd gegenüberstand. Seine Naturphilosophie trägt daher
-ganz das Gepräge eines über die Naturerscheinungen spekulierenden
-Geometers. Es konnte nicht ausbleiben, daß dieser Mangel einem Manne,
-der, wie Leibniz, die Entwicklung der neueren Dynamik mit dem größten
-Interesse verfolgte, auf die Dauer nicht verborgen blieb und daß er
-in dem allgemeinen Begriffsschematismus der Aristotelischen Physik
-bald ein passenderes Mittel fand, die neuen Resultate ihm einzuordnen,
-als in den Hypothesen Descartes'. So traten denn in seiner Würdigung
-der Zeitgenossen mehr und mehr an die Stelle jener Naturphilosophen
-die Naturforscher, die durch ihre Entdeckungen die neue Wissenschaft
-begründet hatten. In Galilei verehrte er vor andern den Entdecker
-des Prinzips der Trägheit und der Fallgesetze, der damit zugleich
-den empirischen Beweis für die Richtigkeit des wahren Gesetzes der
-Erhaltung der Kraft bereits vor der Aufstellung desselben geliefert
-hatte; in Kepler den Entdecker der Gesetze der Planetenbewegungen.
-Meinte er doch, in diesem Fall wohl nicht ganz gerecht, das eigentliche
-Verdienst der Gravitationstheorie gebühre Kepler, nicht Newton, der
-sie durch den unmöglichen Gedanken der Wirkung in die Ferne gefälscht
-habe, während Kepler, indem er sie aus der Fortpflanzung durch ein
-kontinuierliches Medium abzuleiten suchte, auf dem richtigen Wege
-gewesen sei. So bewegt sich seine Schätzung der Vertreter der neuen
-Wissenschaft einigermaßen parallel der Stellung, die er gleichzeitig
-der Scholastik gegenüber einnimmt. Hier war er von dem an seiner
-heimischen Universität vorherrschenden, auch von seinem Lehrer Jacob
-Thomasius vertretenen Nominalismus ausgegangen. Dann trat in seinen
-naturphilosophischen Arbeiten Aristoteles selbst an die Stelle der
-Scholastik, um, wo es sich um ethische und theologische Fragen
-handelte, durch die ältere klassische Scholastik ergänzt zu werden.
-Unter den Vertretern der neuen Wissenschaft sind es zuerst die
-mehr als Herolde denn als Forscher wirkenden Philosophen, die sein
-Interesse fesseln, dann wendet er sich dem Zweigestirn der beiden
-großen Forscher zu, die uns noch heute als die Hauptbegründer der
-neuen Naturwissenschaft gelten. Ihr Einfluß kreuzt sich aber mit dem
-ihm zeitlebens eigen gebliebenen Aristotelischen Begriffssystem. So
-ereignet sich das Merkwürdige, daß, nachdem Galilei die Aristotelische
-Physik aus der Naturwissenschaft verwiesen hatte, die Leibnizsche
-Dynamik beide verbindet, um das allgemeinste Prinzip der modernen
-Naturwissenschaft, das der Erhaltung der Kraft, zu gewinnen. Die
-Methode der aristotelischen Begriffsgliederung ergibt ihm die
-brauchbare Form dieses Prinzips, aus den Galileischen Fallgesetzen
-beweist er seine Übereinstimmung mit der Erfahrung. Je mehr ihn
-aber die rechtsphilosophischen und theologischen Probleme zu einem
-Abschluß drängen, um so mehr wendet sich sein Blick zur klassischen
-Scholastik zurück, die hier vornehmlich in den Werken ihres größten
-Vertreters, des heil. Thomas, das Aristotelische System in einer dem
-christlichen Glauben entsprechenden Weise zu ergänzen versucht hatte.
-So mischen sich in der Leibnizschen Philosophie Gedankenströmungen der
-Vergangenheit und Gegenwart, wie sich dies weder früher noch später
-jemals wiederholt hat. Eben dadurch spiegelt dieser Philosoph den
-Charakter dieser ganzen von so mannigfaltigen geistigen Strömungen
-bewegten Zeit in einer Weise, die einzigartig mindestens in der
-Geschichte der neueren Wissenschaft dasteht. In nichts aber spricht
-sich dies deutlicher aus als in der besonderen Ausprägung, die er
-den die Entwicklung der Philosophie beherrschenden Grundbegriffen
-gegeben hat. In dieser, der eigentlich philosophischen Seite seiner
-Lebensarbeit, die erst in dem letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts
-eine festere Gestalt gewinnt, tritt dann zugleich immer offener die
-kritische Wendung zutage, die sein Auftreten in der Entwicklung des
-neueren Denkens bezeichnet. Wie diese im engeren Sinne philosophische
-Periode seines Lebens spät erst begonnen hat, so ist sie freilich
-niemals ganz zu Ende gelangt. Der Widerstreit der Motive, die sein
-Denken bewegen, ist zu gewaltig, als daß ein abschließendes Ergebnis
-möglich wäre. Dem widerstrebt überdies allzusehr sein konziliatorischer
-Charakter. So bleiben denn nur zu oft Begriffe nebeneinander
-stehen, die sich nicht miteinander vertragen. Neue Gedanken werden
-in ein Gewand gekleidet, das eigentlich einer überwundenen Periode
-seines eigenen Denkens angehört. Religiöse Einflüsse durchkreuzen
-wissenschaftliche Überzeugungen auch da, wo wir heute einen
-zureichenden Grund zum Konflikt durchaus nicht mehr sehen können. So
-wird es, wollen wir uns der vollen Bedeutung der Wendung, die sich hier
-vollzogen hat, bewußt werden, unerläßlich sein, auch den Schwankungen
-und Widersprüchen der Begriffe nachzugehen, wenn wir ein Bild der
-letzten entscheidenden Grundanschauungen dieses, die Wissenschaft
-seiner Zeit wie kein anderer beherrschenden Denkers gewinnen wollen.
-
-
-~a.~ Der Wandel der Substanzbegriffe.
-
-Das Zeitalter Leibnizens könnte, wenn man die Perioden der Philosophie
-nach einzelnen Begriffen, nicht nach Systemen oder ihren Urhebern
-benennen wollte, wohl auch das kritische Zeitalter des Substanzbegriffs
-genannt werden. Kant hat von diesem Begriff gesagt, er sei zu jeder
-Zeit schon von dem gemeinen Verstand als der eines beharrlichen, sogar
-in seiner Quantität unverändert bleibenden Trägers der Erscheinungen
-gedacht worden. Diese Äußerung ist gewiß eines der merkwürdigsten
-Zeugnisse für die Macht, welche Denkgewohnheiten auf uns ausüben;
-gleichwohl ist es nicht minder gewiß, daß den Tatsachen gegenüber
-diese Behauptung nicht bestehen kann, so oft man auch noch immer,
-wenn auch vielleicht nicht dem gemeinen Menschenverstand, so doch
-mindestens den alten jonischen Physikern den Besitz des Satzes von der
-Konstanz der Materie zuschreibt. Was diese Denker die »Archē«, den
-Anfang, nannten, das war sichtlich durchaus nicht das, woraus alles
-dauernd besteht, sondern das, woraus alles _ent_steht und in was es
-wieder _ver_geht. Wenn z. B. Thales behauptete, das Wasser sei die
-Archē der Dinge, so spricht nichts dafür, daß er gemeint habe, die
-Erde, das Feuer usw. bestünden aus Wasser. Die Verwandlung eines
-Dings in ein anderes ist für ein naiveres Bewußtsein durchaus nichts
-Wunderbares, wohl aber würde es einem solchen wahrscheinlich wunderbar
-vorkommen, wenn man ihm zumuten wollte, zu glauben, ein Gegenstand
-sei ein anderer geworden und doch eigentlich derselbe geblieben. Die
-ersten Spuren jenes Gedankens der Konstanz finden sich wohl in der
-Empedokleischen Lehre von den vier Elementen und namentlich in der
-Atomistik. Wenn aber Kant in der Anschauungsform der Zeit die Quelle
-jenes Prinzips sah, da, wie er meinte, der unablässige Fluß der Zeit
-ein unveränderliches Beharren fordere, an dem dieses Fließen gemessen
-werde, so zeigt gerade die Atomistik, daß das beharrende Substratum
-zu dieser fließenden Zeit nicht nochmals die Zeit, sondern der Raum
-ist, ohne den es in der Anschauung auch keine Zeit gibt. Darum behält
-der Satz Kants, daß der Begriff an die Anschauung gebunden ist, seine
-Geltung. Nur ist die Form dieser Anschauung nirgends die Zeit allein
-und nirgends der Raum allein, sondern sie besteht aus der Vereinigung
-beider, und diese räumlich-zeitliche Anschauung ist nur deshalb die
-Form, in die wir alle Inhalte unserer Erfahrung kleiden, weil sie
-die Form ist, die bei aller Abstraktion von dem wechselnden Inhalt
-unserer Erfahrung immer wieder zurückbleibt. In ihren sich ergänzenden
-Eigenschaften trägt aber schließlich diese räumlich-zeitliche
-Anschauung das Motiv zur Bildung zweier Gegensatzbegriffe in sich,
-die sich ebenso begrifflich ergänzen wie Zeit und Raum anschaulich:
-Veränderung und Beharren. Nun gibt es in der empirischen Wirklichkeit
-nur ein relatives Beharren und nur eine relative Veränderung, ein
-Bleibendes im Wechsel und ein Wechselndes gegenüber dem Bleibenden.
-Indem jedoch die aristotelisch-scholastische Naturphilosophie in einer
-rein begrifflichen Ordnung der Naturerscheinungen besteht, verzichtet
-sie auf die Bedingungen der Anschaulichkeit und setzt demnach die
-Begriffe als selbständige und doch überall verbundene Bestandteile
-der Dinge einander gegenüber: jeder Gegenstand ist nach ihr beharrend
-und veränderlich zugleich. Darum bezeichnet schon Aristoteles das
-einzelne Ding als die Substanz in der eigentlichen Bedeutung des
-Worts, und die Scholastik vereinigt in dem Begriff der »substantiellen
-Form« eben diese Dualität von Beharren und Veränderung, die jedem
-Wirklichen zukommt. In diesem Sinne definiert sie die Substanz auch
-als das »~Ens perdurabile atque modificabile~«. Nirgends ist hier von
-einem absoluten Beharren die Rede, darauf kommt es aber dieser rein
-logischen Naturbetrachtung überhaupt nicht an: sie konstatiert nur, daß
-beiden Begriffen gleichzeitig jedes wirkliche Ding subsumiert werden
-kann. Bei Kant hat sich infolge der Erkenntnis, daß alle Begriffe an
-Anschauungen gebunden seien, dieses Verhältnis derart verschoben, daß
-er die Veränderlichkeit der Dinge für die Anschauung zurückbehält und
-das Beharren in einen apriorischen Begriff umwandelt, dem er mit Hilfe
-seines Schemas einer beharrenden Zeit Anschaulichkeit zuschreibt.
-Die wirkliche Entstehung des Begriffs der beharrenden Substanz
-ist aber nicht auf dem Wege dieser von ihm schon dem natürlichen
-Bewußtsein zugeschriebenen künstlichen Konstruktion erfolgt, sondern
-sie ist, wie die Geschichte lehrt, im Altertum zunächst in jenen
-naturphilosophischen Theorien vorausgenommen worden, die, wie
-besonders die Atomistik, von den qualitativen Eigenschaften der Dinge
-abstrahierend, die Naturerscheinungen auf ein rein räumlich-zeitliches
-Geschehen zurückführten. Dabei ist es offenbar keinerlei apriorische
-Notwendigkeit, sondern lediglich der Vorzug der Einfachheit der
-Betrachtung gewesen, der die Atomistiker zu dieser der Verbindung
-der Begriffe Beharren und Veränderung ein anschauliches Substrat
-bietenden Hypothese geführt hat. Dagegen ist die ganze folgende
-Entwicklung der Wissenschaft bei der Aristotelischen Definition der
-Substanz stehen geblieben, die in dem scholastischen gleichzeitig
-beharrenden und veränderlichen Sein ihren treffendsten Ausdruck findet.
-Auch haben die mittelalterlichen Alchimisten bei ihren Bemühungen,
-wertlose Metalle in Gold zu verwandeln, offenbar in der Materie vor
-allem ein »~Ens modificabile~« gesehen. Erst die Renaissance hat der
-Substanz als einem nach Begriff und Anschauung beharrenden Substrat
-der Naturerscheinungen zum Siege verholfen. Dies ist aber zunächst
-durch die Rückkehr zu atomistischen oder in dieser Beziehung ihnen
-gleichwertigen korpuskularen Anschauungen geschehen, und hier ist es
-vor andern Descartes, der in doppelter Weise die Entwicklung dieses
-modernen Substanzbegriffs zu Ende geführt hat. Erstens bringt er in
-seinem Satz von der Ausdehnung als der einzigen Eigenschaft der Materie
-jene Übertragung der Konstanz des Raumes auf die der Gegenstände im
-Raum zu klarem Ausdruck. Zweitens stattet er nun nach dem Vorbild
-dieses materiellen Substanzbegriffs auch die zwei andern Substanzen,
-die er mit jenem in seinem System vereinigt, die Seele und Gott,
-mit dem gleichen Attribut des absoluten Beharrens aus, womit dann
-freilich diesen die Anschaulichkeit verloren geht. Dadurch entsteht
-aber bei ihnen das Bedürfnis nach einem Ersatz, der wiederum nur in
-Eigenschaften gesucht werden kann, mit denen der gleiche Begriff des
-Beharrens verbunden gedacht wird, wie bei der materiellen Substanz
-mit dem Raum. Das ist bei der Seelensubstanz das Denken, bei Gott die
-Unendlichkeit mit allem, was sie in sich schließt. Darum bleibt dieser
-vom Raum ausgegangene Substanzbegriff schließlich bei Spinoza, der
-diese Übertragung von den, wie Descartes sie schon nannte, endlichen
-oder »geschaffenen« Substanzen zu Ende führt, schließlich bei der
-_einen_ absoluten Substanz stehen, die Gott, Denken und Ausdehnung
-zugleich ist. So endet der in seinem Anfang in der sinnlichen
-Anschauung wurzelnde Begriff schließlich im völlig Transzendenten,
-das nur im Begriff, niemals in der Anschauung erfaßt werden kann. Das
-ist der Punkt gewesen, bei dem zuerst David Hume und dann Kant, indem
-sie sich auf die Forderung der Veranschaulichung besannen, vom Ende
-dieser Entwicklung wieder zu ihren beiden Ausgangspunkten zurückkehren
-mußten: Hume zu dem des Dings, Kant zu dem eines beharrenden Substrats
-der Naturerscheinungen, während für die Seele und Gott beide den
-Substanzbegriff ablehnten.
-
-Wie verhält sich nun Leibniz, der der Zeit nach zwischen Descartes
-und Hume, jenem näher als diesem steht, zu diesem im Wandel seiner
-Gestaltungen die gesamte Entwicklung der neueren Philosophie
-bestimmenden zentralen Begriff? Die gewöhnliche Antwort lautet:
-den Substanzbegriffen Descartes' und Spinozas hat er einen dritten
-gegenübergestellt, der in andere Attribute als beide das Wesen
-der Substanz verlegt, nämlich, statt in Ausdehnung und Denken, in
-_Selbständigkeit_ und _Einfachheit_. Die Monaden sind einfache Wesen,
-also Substanzen, und sie sind überdies selbständige Wesen. Zunächst
-springt in die Augen, daß die hier neu eingeführten Attribute reine
-Begriffe sind, nicht, wie bei den dogmatischen Begründern der neueren
-Philosophie, Tatsachen der äußeren und inneren Erfahrung, die, über
-jede Anschauung gesteigert, mit den transzendenten unendlichen
-Attributen der Substanz ausgestattet werden. Demgegenüber ist die
-Dreiheit der Leibnizschen Attribute, Einfachheit, Selbständigkeit
-und Beharrlichkeit, eine rein begriffliche. Wie man sie anschaulich
-zu denken habe, bleibt vorläufig ganz dahingestellt. Aber es kommt
-ein psychologischer Gesichtspunkt hinzu, der diese Lücke ausfüllt.
-Er beruht auf der unmittelbaren Gewißheit unserer inneren Erfahrung.
-Doch auch diese wird nicht ohne weiteres in der Form des Denkens
-vorausgesetzt, sondern in den allgemeinsten Formen des Verlaufs
-seelischer Vorgänge: im Vorstellen und Streben. Damit ist die
-gesamte lebende Welt gleichzeitig mit dem Menschen dem Seelenbegriff
-untergeordnet, und ihr fügt sich von selbst jener Satz an, den Leibniz
-schon in seiner »~Hypothesis physica nova~« ausgesprochen: die Körper
-sind momentane Geister. Mit diesem Satz hatte er bereits den Weg zum
-Idealismus beschritten, der sich in der Übertragung des seelischen
-Lebens auf die Substanz überhaupt vollendete. Darin liegt sein
-wesentlicher Gegensatz gegen die von der Naturanschauung ausgehende
-Substanzlehre der Cartesianer und Spinozas. Richtet sich doch auch bei
-diesem in dem berühmten Satz »die Ordnung und Verbindung der Ideen
-ist dasselbe wie die Ordnung und Verbindung der Dinge« die Idee nach
-dem Ding, nicht das Ding nach der Idee. Hier hätte Leibniz den Satz
-umgekehrt fassen können: die Dinge richten sich nach den Ideen. Damit
-verwandeln sich ihm die Dinge in eine Erscheinungswelt, die, wenn sie
-als objektive Wirklichkeit bestehen soll, einer philosophischen Prüfung
-bedarf: dann erst ist sie nach Leibniz' Ausspruch ein »~Phänomenon bene
-fundatum~«.
-
-Aber ist nicht der Leibnizsche Substanzbegriff willkürlich und
-widerspruchsvoll? Wenn seine Monaden einfache Wesen sind, so ist
-es undenkbar, daß sie zugleich Spiegel der Welt sind, daß sich in
-jeder, auch in der niedersten Monade, nur mit abgestufter Klarheit,
-das Universum spiegelt. Der Vorwurf ist so augenfällig, daß man ihn
-einem Leibniz eigentlich nicht machen sollte. Auch ist ja »einfach«
-kein eindeutiger Begriff, sondern er richtet sich nach dem Gegensatz,
-dem er gegenübergestellt ist. Dieser Gegensatz ist aber hier nicht
-sowohl das Zusammengesetzte als das Ganze. Nun ist die Monade an sich
-unteilbar: sie ist also jedenfalls das Einfachste, was dem Makrokosmos
-gegenübersteht. Auch die alten Atomistiker hatten die Atome wegen
-ihrer Einfachheit unteilbar genannt, obgleich, da sie räumliche
-Gestalten besaßen, an sich eine Teilung denkbar war. Die Monaden, die
-ideale Einheiten sind, besitzen überhaupt keine Ausdehnung: der Raum
-ist für Leibniz eine Erscheinung geworden, die zu den von ihm bildlich
-so genannten Spiegelungen der Welt in der Monade gehört. Es würde ihm
-vielleicht absurd erschienen sein, hätte man in die Seele außer ihrem
-eigenen Vorstellen und Streben auch noch die Eigenschaften der Welt
-außer ihr verlegen wollen. In diesem Sinne konnte er wohl mit größerem
-Recht, als die Atomistiker ihre Atome einfach nannten, so seine Monaden
-als die letzten unteilbaren Einheiten der Bewußtseinswelt bezeichnen.
-Und wenn außerdem noch der Satz »die Monaden haben keine Fenster« so
-oft bei ihm wiederkehrt, so hat dies wohl seinen guten Grund darin, daß
-er mit diesem Bild jede Annahme eines sogenannten ~Influxus physicus~
-so energisch wie möglich zurückweisen will. Die Monaden würden eben
-nicht geistige, an sich selbst unräumliche, aber das räumliche
-Vorstellungsbild der Welt erzeugende Wesen, sondern sie würden Atome
-sein, wenn sie solchen äußeren Einflüssen ausgesetzt wären. Darum eben
-bleibt nichts anderes übrig, als daß die Stufenordnung der Wesen, die
-nach dem Kontinuitätsprinzip in stetigen Übergängen vor sich geht,
-die ursprünglichste Weltordnung selbst ist. Die empirische Stütze
-hierfür findet er aber, wie für die Einfachheit der Wesen in der
-Unteilbarkeit, so für die Stufenordnung der Welt in der Stufenordnung
-der organischen Natur. Hier liegt dann der große Fortschritt des
-deutschen Philosophen gegenüber seinen Vorgängern: es ist der Übergang
-zum Entwicklungsgedanken, freilich noch nicht in der Form des
-Werdens, sondern, ähnlich wie ein Jahrhundert später in der deutschen
-Naturphilosophie, in der Form des _Gewordenseins_. Nach ihm gibt es
-nicht _eine_ Substanz und nicht neben der einen ungeschaffenen,
-der Gottheit, eine Vielheit von geschaffenen Substanzen, Seelen und
-Körpern, sondern alle Substanzen sind einander gleichartige geistige
-Wesen, und sie bilden eine stetige Aufeinanderfolge von den niedersten
-mit unendlich kleinen bis zu den höchsten mit unendlich großen
-seelischen Eigenschaften. Diese Philosophie ist echte transzendente
-Metaphysik. Aber den Vorwurf, einfach und zusammengesetzt zu
-verwechseln, kann man ihr nicht machen. Herbartsche »Reale« können
-und wollen diese Monaden nicht sein, ebensowenig wie Monaden im Sinne
-Giordano Brunos oder beseelte Atome. Vielmehr sind sie durchaus
-einheitlich als geistige Wesen gedacht, deren Vorstellung die Außenwelt
-ist, und die eine kontinuierliche Entwicklungsfolge bilden, in denen
-jedes von dem andern verschieden und doch jedes dem andern ähnlich ist.
-
-Wie verhält es sich nun mit der zweiten Eigenschaft der Leibnizschen
-Substanz, mit der _Selbständigkeit_? Gewiß kann hier von keiner
-absoluten Selbständigkeit die Rede sein, sondern eben nur von jener
-relativen, die beim Menschen an das Selbstbewußtsein gebunden, und
-vermöge deren eine Teilung dieses Selbstbewußtseins in einem und
-demselben Augenblick undenkbar ist. Es ist der lichte Punkt in
-unserer Seele, der diese selbst beleuchtet, jenes später von Fichte
-sogenannte »Ich bin Ich«. Für Leibniz ist das Selbstbewußtsein das
-Merkmal des Geistes. Er ist der erste, der den Satz der Identität als
-das oberste Axiom des Denkens hinstellt. Aber indem sich dasselbe
-im Fluß der Entwicklung befindet, setzt es niedrigere Stufen des
-Bewußtseins voraus, aus denen es sich entwickelt, und läßt auf höhere
-schließen, denen es zustrebt. Metaphysisch bilden daher das unendlich
-dunkle und das unendlich klare Bewußtsein die beiden Grenzpunkte der
-Weltharmonie. Indem jedes Einzelwesen in dieser unendlichen Reihe
-ein Glied bildet, nimmt es seine selbständige Stellung ein. Jenes
-»~Principium indiscernibilium~«, welches dereinst schon Nicolaus
-von Cues als Grundgesetz der Weltordnung hingestellt hatte, weil
-nicht zu unterscheidende Dinge dasselbe Ding sein würden, kommt
-hier dem Selbständigkeitsprinzip der Monade zu Hilfe. Es gehört
-zu den Bestandteilen mystischer Logik, deren so manche in das
-Leibnizsche System aus älterer Überlieferung übergegangen sind.
-Demnach ist das metaphysische Selbständigkeitsaxiom ein zunächst auf
-das Selbstbewußtsein gegründetes und von ihm aus auf die Gesamtheit
-der unter oder über der selbstbewußten Seele vorauszusetzenden
-Wesen übertragenes Postulat. Dieses Postulat führt aber seinerseits
-wieder auf dasjenige Prinzip zurück, das Leibniz am frühesten und am
-dauerndsten unter allen Bestandteilen seines Systems festgehalten hat:
-auf das Prinzip der Harmonie und mit diesem auf das große Gesetz der
-Kontinuität, das er als das Grundgesetz alles Seins und Geschehens
-betrachtet. Darum ist das Prinzip der Selbständigkeit eine in der
-gesamten Weltanschauung des Philosophen verankerte Überzeugung. Das
-menschliche Selbstbewußtsein liefert den empirischen Ausgangspunkt,
-der Entwicklungsgedanke den nach unten wie oben ins Unbegrenzte
-führenden Aufbau, endlich die Idee der Harmonie die letzte Grundlage.
-So trägt das Ganze auch hier durchaus den Charakter der metaphysischen
-Hypothese. Aber vor den Systemen der Zeitgenossen besitzt es zweifellos
-den Vorzug der Folgerichtigkeit. Ihn verdankt sie den zwei Gedanken,
-die es zum erstenmal in die neuere Philosophie einführt: der strengen
-Durchführung der ~Lex continuitatis~ und dem neuen Idealismus.
-
-Fremdartiger erscheint die dritte Eigenschaft der Substanz, diejenige,
-in deren Forderung Leibniz allem Anscheine nach mehr der Tradition,
-wie sie sich in seinem Zeitalter entwickelt hatte, als der Konsequenz
-seines Systems folgt: die _Beharrlichkeit_. Es ist bemerkenswert,
-daß gerade die zu dieser Zeit vorherrschende Philosophie, die
-Cartesianische, sich am widerspruchslosesten mit dieser Eigenschaft
-abfinden konnte. Die Materie, das Ausgedehnte, ist vermöge der
-Eigenschaften des Raumes absolut beharrlich; die Seele kann, da sie nur
-in ihren Erscheinungen erkennbar ist, trotz des Wechsels der letzteren
-an sich als beharrend vorausgesetzt werden, indem hierbei die Analogie
-mit dem Menschen und seinen Handlungen zu Hilfe kommt. Denn da wir nach
-dieser Philosophie die Seele selbst nicht kennen, sondern nur ihre
-Lebensäußerungen, so steht es natürlich frei, ob man sie beharrend
-denken will oder nicht. Anders die Leibnizsche Monade. Sie ist uns
-unmittelbar in unserem eigenen Bewußtsein gegeben. Mögen auch in diesem
-unendlich viele Strebungen und Vorstellungen, wenngleich zumeist nur
-unendlich dunkel, vorhanden sein, unser Selbstbewußtsein bietet uns
-klar das eigenste Wesen der Seele. Dieses Wesen ist fortwährende
-Tätigkeit, ein unaufhörliches Fließen der geistigen Vorgänge, niemals
-und nirgends ein Beharren. Mit dem Satze »~Vis est Substantia~« ist
-streng genommen der überlieferten Substanzlehre der Krieg erklärt.
-Denn der idealistische Grundgedanke bringt es mit sich, daß nicht etwa
-die Kraft an einem spezifischen Träger haftet, sondern, mag dies auch
-für die äußere Erscheinungswelt zutreffen, das seelische Geschehen hat
-nach Leibniz den Vorzug, daß es das wirkliche Geschehen selbst ist,
-so daß hier die Kraft und ihre Wirkung in eins zusammenfallen. Die
-Naturerscheinungen dagegen sind nach ihm nicht wirkliche Vorgänge im
-Sinne unserer Wahrnehmungen, sondern Erscheinungen. Zwar läßt er im
-allgemeinen dahingestellt, wie diese Erscheinungen auf ein hinter ihnen
-stehendes wirkliches Geschehen zurückzuführen seien; aber es steht
-nichts im Wege, anzunehmen, daß er die Hypothesen der Naturforschung,
-sofern sie zureichend durch Beobachtungen und Experimente begründet
-sind, als erste Annäherungen an die Lösung dieser Aufgabe betrachtet
-habe. Doch, wie er auch sein »~bene fundatum~« gemeint haben mag, fest
-steht jedenfalls, daß er das Dogma von der transzendenten beharrenden
-Substanz, das in dieser Zeit den Höhepunkt seiner Herrschaft erreicht
-hatte, wieder aufhob. Diese scheinbare Umkehr bedeutete freilich in
-Wahrheit keine Umkehr. Statt des widerspruchsvollen Mischbegriffs eines
-»~Ens perdurabile atque modificabile~«, eines Dings, das gleichzeitig
-beharrt und sich verändert, beschreitet er zum erstenmal den Weg, der
-auf den einzig unangreifbaren Standpunkt führt: dem eigenen geistigen
-Geschehen sind die Urbilder des Wirklichen zu entnehmen, unmittelbar,
-nicht auf Grund einer Phantasmagorie transzendenter Substanzen,
-sondern in der unaufhörlichen, in keinem Augenblick unseres wachen
-Bewußtseins stillehaltenden Tätigkeit, in der die Kraft selbst und ihre
-Wirkung in einem einzigen Geschehen zusammenfallen. Indem Leibniz den
-Übergang in einen neuen Idealismus vollbringt, wandelt er die Dinge der
-Erscheinungswelt wieder in das zurück, was sie vor der Umwandlung aus
-relativ in absolut beharrende Substanzen gewesen waren. Er entdeckt
-in der geistigen Welt die wirkliche Welt. Für sie gilt ihm aber in
-Wahrheit das Prinzip der _Aktualität_, nicht der Substantialität.
-Doch Leibniz konnte sich der Herrschaft, die sich der Substanzbegriff
-errungen, nicht entziehen. War diese Herrschaft dadurch entstanden,
-daß zuerst von dem körperlichen Ding der Begriff des Beharrens auf die
-hypothetischen Elemente der Körper und damit aus einem relativen in
-einen absoluten Begriff übertragen wurde, so wäre es wohl an der Zeit
-gewesen, diesen aus jener über alles, Geistiges und Körperliches und
-selbst über die Gottesidee sich ausbreitenden und so schließlich ins
-Unbestimmte zerfließenden Stellung zu beseitigen. Aber Leibniz hielt
-trotz seinem Idealismus an ihm fest. Nachdem nun einmal die Substanz
-die allgemeinere Bedeutung eines letzten Grundes der Dinge angenommen
-hatte, ohne daß man den Eigenschaften näher nachfragte, denen sie
-diese Bedeutung verdankte, glaubte er auch den Wert der Monaden nicht
-eindringlicher hervorheben zu können, als wenn er sie die »wahren
-Substanzen« nannte. Doch mag es wohl sein, wie gerade das Wort »wahr«
-andeutet, daß sie ihm eben doch nicht eigentliche Substanzen, sondern
-vielmehr, wie er sie häufiger nennt, Kräfte, Entelechien, Seelen sind.
-Das Wort Substanz hatte, das kam schon bei der Cartesianischen Seele
-zum Ausdruck, mit der Übertragung von der Körperwelt auf das geistige
-Leben einen Bedeutungswandel erlebt, der an der Stelle der ehemaligen
-Attribute nur noch den unbestimmten Begriff einer letzten, nicht weiter
-zurückzuverfolgenden Grundlage angenommen hatte. Darum hat sich erst in
-dem späteren Idealismus der Gedanke durchgesetzt, daß Substanzbegriff
-und geistiges Wirken inadäquate Begriffe seien. So zunächst bei
-Kant, der in seiner Erkenntnistheorie die Substanz sogar für die
-Naturwissenschaft als einen apriorischen Begriff beansprucht, für die
-Psychologie aber ihn gänzlich negiert, um ihn schließlich doch als
-religiöses Postulat abermals zuzulassen. Erst Fichte hat die Substanz
-als einen dogmatischen Begriff vergangener Zeiten erkannt, der sich
-vom Standpunkt des kritischen Idealismus aus in einen hypothetischen
-Hilfsbegriff der Naturwissenschaft umwandle.
-
-
-~b.~ Die ~Lex continuitatis~.
-
-Unter den drei »~Leges naturae~«, die Leibniz nach der Sitte der Zeit
-an die Spitze seiner Naturphilosophie stellt, ist das Gesetz der
-Stetigkeit das erste und wichtigste. Kein anderer der Zeitgenossen hat
-ihm diese beherrschende Stellung gegeben. Bei Leibniz schließt es die
-andern Prinzipien in gewissem Sinne als seine notwendigen Ergänzungen
-ein. An den stetigen Zusammenhang aller Kräftewirkungen schließt sich
-als seine quantitative Anwendung das Prinzip der Erhaltung der Kraft,
-an dieses der Satz von der Gleichheit der Wirkung und Gegenwirkung als
-seine nächste Folgerung. Nicht minder greift die ~Lex continuitatis~
-auf die geistige Welt über, die sich schließlich zusammen mit dem auch
-dieses Gesetz erfüllenden Zweckgedanken als seine eigentliche Heimat
-erweist. Von den beiden Quellen, aus denen Leibniz die frühesten
-Anregungen seines selbständigen Denkens schöpfte, ist es aber nicht
-die Neue Philosophie, aus der ihm dieser Gedanke zufloß. Wohl waren
-es hier alte Emanationsideen gewesen, die in der Mystik nachklangen
-und durch den Entwicklungsgedanken ihre Verwandtschaft mit dem
-Kontinuitätsprinzip bekundeten. Dagegen fehlte einem Descartes und
-Spinoza so gut wie einem Bacon und Newton jede ausgebildete Kosmogonie,
-und es fehlte ihnen noch mehr eine Vorstellung von der Entwicklung
-der lebenden Welt. Hier war es gerade Aristoteles gewesen, der in
-seiner die Biologie mit der Psychologie verbindenden Auffassung des
-Lebens das Schema einer aufsteigenden Entwicklung bot. Der Scholastik
-ist dieser Zug nicht verloren gegangen, sie hat ihn aber nicht bloß
-naturphilosophisch nach dem Vorbild des Aristoteles, sondern vorwiegend
-im theologischen Interesse verwertet. Die Stufenfolge der Wesen
-setzt sich ihr über den Menschen hinaus auf die himmlischen Wesen
-fort, oder die Naturkräfte steigern sich nach der Lehre des heil.
-Thomas zu übernatürlichen Kräften. Doch diese Ideen bleiben bei einer
-willkürlichen Stufenordnung stehen, die von einer Kontinuität der
-Entwicklung weit entfernt ist.
-
-Dies ist nun der große Schritt, den Leibniz getan hat, daß er, wenn
-auch vielleicht angeregt durch jene Gedanken, das Kontinuitätsprinzip
-folgerichtig auszubauen und exakt durchzuführen versuchte. Das
-Hilfsmittel dazu ist ihm aber die Mathematik in ihrer Ausbildung zur
-Infinitesimalmethode gewesen. Von ihr aus hat er jenen scholastischen
-Begriffsdualismus, der anfänglich sein Denken beherrschte, Schritt für
-Schritt überwunden. Die Ruhe wird ihm zur unendlich kleinen Bewegung,
-das Gleichgewicht zur Oszillation um eine Gleichgewichtslage, die
-bewußtlose Vorstellung zu einer dunkel bewußten, der Körper zum
-momentanen Geist. Aber gehören denn nicht -- so könnte man fragen
--- diese Begriffe in verschiedene Kontinua, die nicht miteinander
-vergleichbar und auf keine Weise aufeinander zurückzuführen sind?
-Mag es mit Hilfe der Auffassung der Ruhe oder des Gleichgewichts als
-unendlich kleiner Bewegung möglich sein, die dynamischen Begriffe in
-ein einziges Kontinuum zu ordnen, die psychologischen Begriffe stehen
-jenen anscheinend völlig fremd gegenüber. Heißt das also nicht, den
-Cartesianischen Dualismus auf einem Umweg wieder einführen? Doch
-Leibniz hat die ~Lex continuitatis~ so oft und so nachdrücklich nicht
-bloß als ein allgemeines Naturgesetz, sondern als ein universelles
-Weltgesetz in Anspruch genommen, daß es unmöglich ist, ihm einen
-so groben Widerspruch aufzubürden. Es scheint unabweisbar, er
-denkt sich alles Wirkliche als ein einziges großes Kontinuum, in
-dem man von jedem Punkt aus zu jedem beliebigen andern in stetigem
-Übergang gelangen kann. Doch für ihn hat, wie wir uns erinnern, der
-Unterschied zwischen Sein und Erscheinung ebensogut seine Geltung
-wie für Kant. Nur in _einem_, allerdings wesentlichen Punkt trennen
-sich beide: Leibniz verlegt das Sein, in der Sprache Kants das »Ding
-an sich«, in das geistige Leben, Kant erklärt das Sein überhaupt für
-unerkennbar. Und daran ist ein folgenreicher Unterschied geknüpft:
-auch das uns unmittelbar gegebene geistige Sein zählt Kant unter
-die »Erscheinungen«. So sehen wir uns rettungslos einer reinen
-Erscheinungswelt gegenüber, aus der nirgends ein Weg zum Sein führt.
-Die Idee dieses Seins ist in uns gelegt, niemand weiß, woher sie
-gekommen. Nur in dem Sittengesetz, das sich hier auf den Widerstreit
-gegen die sinnliche Natur des Menschen berufen kann, ist das Licht
-zu erblicken, das in die übersinnliche ideale Welt des Seins einen
-Ausblick eröffnet. Für Kant ist die sinnliche Welt ein gesetzmäßig
-geordneter Schein, für Leibniz ist sie ein »~Phaenomenon bene
-fundatum~«.
-
-Die zwei kleinen bedeutungsschweren Worte »~bene fundatum~« bezeichnen
-hier deutlich die Kluft zwischen Leibniz und Kant. Die Außenwelt ist
-auch nach Leibniz eine gesetzmäßig verbundene Kette von Erscheinungen,
-die unter unserer Mitwirkung entstehen, darum nicht die Dinge selbst
-sind, jedoch schon um des Gesetzes der Kontinuität willen als ihr
-wahres Wesen ein geistiges Sein annehmen lassen, ähnlich dem, das wir
-in uns selber finden. Gleichwohl kann uns in seinem wirklichen Sein
-nur der Inhalt unserer eigenen Seele gegeben sein, nicht irgendein
-fremdes Sein, das uns mit allem, was aus dem Makrokosmos in den
-Mikrokosmos der Seele eingeht, als eine Welt bloßer Erscheinungen
-gegenübersteht. Als eine solche weist sie hin auf ein Sein, aber sie
-ist nicht selbst dieses Sein. Bis dahin begegnen sich Leibniz und
-Kant. Beide unterscheiden Schein und Erscheinung. Alle Erkenntnis
-bleibt ein System unter Gesetze geordneter Erscheinungen. Diese Gesetze
-samt den Begriffen und Anschauungsformen, die sie voraussetzen,
-liegen ~a priori~ in uns, wenn auch erst der uns in der Empfindung
-gegebene Inhalt der Erfahrung die Wirksamkeit dieser Formen auslöst.
-So ist die Erscheinung für Kant das Mischergebnis eines gegebenen
-Stoffs und der diesen Stoff gestaltenden Formen. Es ist der alte
-Aristotelische Begriffsschematismus, der sich hier in strengerer
-logischer Umarbeitung wieder erneuert. Die Wissenschaften, die sich
-seitdem um die Probleme der Erscheinungswelt bemüht haben, bleiben
-beiseite. In die rein begriffliche Analyse der Erfahrung haben sie
-nicht dreinzureden. Ganz anders Leibniz. Ihm ist das seelische Erleben
-das wirkliche Sein. Vorstellende und strebende Kräfte sind die
-allgemeinen Formen dieses Erlebens, und die Vorstellungen von einer
-Außenwelt sind unlöslich an dieses unser eigenes Sein gebunden. Damit
-wird jedoch das Sein, das hinter den zu Inhalten unseres Vorstellens
-gewordenen Objekten steht, weder zu einem Schein noch auch zu einem
-unerkennbaren Ding an sich, sondern der erscheinende Gegenstand ist,
-wie Leibniz wiederholt versichert, ein »wohlbegründetes Phänomen«! Was
-will dieser Ausdruck sagen? Sollte auch er nur eine transzendente Idee
-bedeuten? Diese Vermutung ist schlechthin ausgeschlossen. Begleitet
-er doch so regelmäßig den Begriff des Phänomens, daß Leibniz ohne
-Frage einen bestimmten Sinn damit verbunden haben muß. Und kann es
-zweifelhaft sein, welches dieser Sinn gewesen ist? Es war _nicht_, wie
-man wohl gewöhnlich annimmt, das System der Monaden, an das er dabei
-dachte. Daß die Naturerscheinungen direkt aus der monadologischen
-Hypothese abgeleitet werden sollten, das wäre in der Tat ein so
-phantastischer Plan gewesen, daß man einen Leibniz, der inmitten der
-physikalisch-mathematischen Forschung seiner Zeit stand, dessen nicht
-für fähig halten sollte. Auch ist zu bedenken, daß die Monadologie
-in ihrer ausgebildeten Form den dynamischen Arbeiten, in denen er
-die festen Grundlagen für den Aufbau der Naturerkenntnis gewonnen
-zu haben glaubte, nachgefolgt, nicht vorangegangen ist. Es war aber
-schlechterdings unmöglich, daß er sein sorgfältig ausgearbeitetes
-System der Dynamik samt dem an seine Spitze gestellten universellen
-Prinzip der Kontinuität aus den Voraussetzungen der Monadenlehre
-ableitete. Vielmehr bestand der wirkliche Unterschied zwischen ihm und
-der späteren Lehre Kants eben darin, daß dieser unbewußt Aristoteliker
-blieb, indem er in der Spaltung der Begriffe nach dem Schema der
-Anschauungsformen und der Kategorien die spezifische Aufgabe der
-Erkenntnistheorie sah, während für Leibniz diese hier direkt _in die
-positive wissenschaftliche Aufgabe einmündete_. Für einen Mann, der
-insbesondere die von ihm selbst begründete Dynamik als die Vorschule
-der Erkenntnislehre schätzen gelernt hatte, konnte das Wort, die Welt
-außer uns sei nicht die Welt des Seins selbst, sondern nur eine Welt
-»wohlbegründeter Erscheinungen« keinen andern Sinn haben, als eben den,
-jede dieser Erscheinungen sei, ehe sie als wirklich angenommen werde,
-in ihrer objektiven Wirklichkeit wissenschaftlich sicherzustellen.
-Hier eröffnete ihm aber der _Kraftbegriff_ die Pforte, die ihn von
-der Physik zur Metaphysik führte. Suchte er doch schon in seiner
-»~Hypothesis physica nova~« zu erweisen, daß die Kraft jenes tote
-Substrat nach dem Bild der Cartesianischen Materie hinfällig mache,
-und daß der Zweckcharakter der Naturgesetze auf den geistigen, den
-Naturerscheinungen selbst immanenten Ursprung dieser Gesetze hinweise.
-Wenn er aber in der Erscheinungswelt die bewegenden, in der geistigen
-Welt die vorstellenden Kräfte als die Grundlagen der Weltordnung
-betrachtet, so muß man sich erinnern, daß er auch in Raum, Zeit und
-Bewegung Phänomene sieht, hinter denen als das Wirkliche die Kraft
-steht. Nicht die Erscheinung gewordene Kraft ist darum das Wirkliche,
-sondern das, was in gleicher Weise in der phänomenalen wie in der
-geistigen oder wirklichen Welt das Wesen der Kraft ausmacht: die
-Gesetze, die für beide Welten zugleich gelten. Denn es sind dieselben
-_Gesetze unseres Denkens_, nach denen in der äußeren Anschauung die
-bewegenden Kräfte wirken, und die die in uns liegenden geistigen
-Kräfte regieren. Hier ist daher der Punkt, wo die Erscheinungswelt und
-die Seinswelt, die körperliche und die geistige Welt zu einer Einheit
-zusammenfließen. Hier wie dort gelten die Prinzipien der Identität
-und des Widerspruchs und für einen großen Teil der Erscheinungswelt
-wegen der notwendigen Schranken unserer Erkenntnis das Prinzip des
-zureichenden Grundes. Auch dieses ist ein apriorisches Gesetz, aber
-infolge der Zuhilfenahme empirischer Erwägungen, deren es zu seinen
-Anwendungen bedarf, ist es das empirische Grundgesetz der Erfahrung,
-also der Erscheinungswelt. Auch kann es nicht, wie die beiden ersten
-jener logischen Gesetze, selbst wieder zu apriorischen, sondern nur
-zu empirischen Gesetzen von mehr oder minder großer Allgemeinheit
-verhelfen. Daraus, daß es die gleichen Denkgesetze sind, nach denen
-wir unsere eigene geistige Tätigkeit, und diejenigen, nach denen wir
-die Naturerscheinungen ordnen, wird es nun aber auch verständlich,
-daß alle Naturgesetze Zweckgesetze sind, das allgemeine Gesetz der
-Erhaltung der Kraft ebenso wie die Gesetze der Lebenserscheinungen.
-Hier, wo physische und geistige Welt einander berühren, trägt eben
-das Naturgesetz am deutlichsten das Gepräge eines geistigen Gesetzes
-an sich, das die von ihm beherrschte Erscheinung durch eine weite
-Kluft scheidet von dem Scheine. Wurde darum Leibniz zunächst durch die
-Dynamik und dann durch die Biologie in seiner Überzeugung befestigt,
-daß die geistige Welt die wirkliche Welt sei, so betrachtet er
-schließlich doch als den endgültigen Beweis für diese Auffassung die,
-wie er meinte, unmittelbar einleuchtende Tatsache, daß die Gesetze des
-logischen Denkens überhaupt die allgemeinsten Gesetze seien, die das
-Universum beherrschen. In dieser Überzeugung kommt bei ihm der gleiche
-Rationalismus zum Durchbruch, dessen rücksichtslosester Vertreter im
-gleichen Zeitalter Spinoza ist. Aber wie wenig im ganzen mit solchen
-Schlagwörtern gesagt wird, das zeigt sein Gegensatz zu diesem. Wie weit
-ab liegt hier insbesondere der Begriff des wohlbegründeten Phänomens
-von Spinozas »inadäquater Erkenntnis«! Diese ist nichts als Schein,
-schlimmer als der Irrtum, weil sie der wahren Erkenntnis im Wege steht.
-Bei Leibniz ist die Erscheinung auf die gleiche Denknotwendigkeit
-gegründet wie das Sein, ja sie gehört im Grunde als ein wesentlicher
-Bestandteil zu diesem. Denn in ihr kommt nur die niemals aufzuhebende
-Tatsache zum Ausdruck, daß das denkende Subjekt sich verschieden weiß
-von der es umgebenden Welt, daß aber diese Welt ebenso notwendig
-zu ihm wie es zu ihr gehört. Darum hat nun aber auch die rohe
-sinnliche Wahrnehmung, die das Läuterungsfeuer der wissenschaftlichen
-Prüfung noch nicht bestanden hat, keinen Anspruch auf den Begriff
-der Erscheinung im Leibnizschen Sinne. Sie ist nur Schein. Zur
-Erscheinung wird sie erst, wenn sie in dem kausalen Zusammenhang
-des Einzelnen und in der logischen Ordnung des Ganzen erkannt ist.
-Da übrigens diese gleichzeitig empirische und logische Ordnung der
-empirischen Wirklichkeit selbstverständlich eine niemals vollendbare
-Aufgabe ist, so liegt die Erscheinung in fortwährendem Kampf mit dem
-Schein. Sicheres scheidet sich innerhalb der Erscheinungswelt von dem
-Zweifelhaften, und der Fortschritt des Wissens bringt es mit sich, daß
-es auch an Zurücknahme von Irrtümern niemals fehlt.
-
-Leibniz hat dieses Prinzip der Relativität des Erkennens die
-»_Schranke_« genannt, die dem Einzelnen vermöge der allgemeinen
-Weltordnung zukommt. In dieser unabänderlich an das Wesen des Menschen
-gebundenen Schranke liegt ihm ebensosehr das unbegrenzte Streben nach
-ihrer Überwindung begründet, wie die Unmöglichkeit, dieses Ziel je ganz
-zu erreichen. Gäbe es überall nur ein beschränktes Erkennen, also nur
-Erscheinungen, so würde uns auch der Begriff eines Seins versagt sein.
-Aber in dem vollkommen klar Erkannten, in den Wahrheiten, die an und
-für sich einleuchten, wie in dem Satze ~A = A~ und in andern logischen
-und mathematischen Axiomen, sind uns unbedingte, also schrankenlose
-Wahrheiten zugänglich. Doch sie sind uns nicht als äußere Erfahrungen,
-sondern rein auf Grund unserer unmittelbaren inneren Erfahrung
-als an sich evidente Wahrheiten gegeben. Indem aus ihnen durch
-Verbindung und Schlußfolgerung andere abgeleitet werden, erweitert
-sich dann das Gebiet dieser notwendigen Wahrheiten und damit das des
-unbedingten Seins. Immerhin bleibt es ein beschränktes gegenüber
-der unerschöpflichen Erscheinungswelt, die mit jenen apriorischen
-Wahrheiten in mannigfaltiger Weise in Wechselwirkung tritt. Die beiden
-Sätze der Identität und des Widerspruchs betrachtet Leibniz als die
-letzten Grundsätze, auf denen die apriorischen Wissenschaften, in
-erster Linie die Logik und Mathematik in ihrer reinen, von empirischen
-Anwendungen unabhängigen Form beruhen. Doch er geht weit darüber
-hinaus, indem er selbst die Moral und die Metaphysik apriorische
-Wissenschaften nennt. Natürlich will er damit nicht sagen, diese
-gehörten in den Anwendungen auf das praktische Leben oder in ihren
-mit den empirischen Lebensverhältnissen zusammenhängenden Problemen
-zur Welt des reinen Seins. Das hat er ebensowenig geglaubt, wie er
-daran denken konnte, die konkreten mathematischen Aufgaben, mit denen
-er sich beschäftigte, in eine überempirische Welt zu verweisen. Nur
-die letzten Grundsätze des sittlichen Handelns sind nach ihm nicht
-aus der Erfahrung abzuleiten. Sie liegen in uns, wenn sie auch immer
-erst im Zusammenwirken mit den Eindrücken der Außenwelt in Aktion
-treten können. Hier sind es dann jene eine innere Einheit bildenden
-Tugenden der Gerechtigkeit, der Liebe und der Frömmigkeit, die er
-als absolute Sittengebote betrachtet. Sie sind ganz in dem Sinne,
-in dem später Kant das allgemeine Sittengesetz auffaßte, Normen, die
-ein Sollen, nicht Gesetze, die ein Sein oder Geschehen bedeuten,
-anders ausgedrückt: sie sind _Willensgesetze_, die die Möglichkeit
-der Unterlassung in sich schließen, nicht Seinsgesetze. Es ist Kants
-Verdienst, diese doppelte Form der Apriorität klar geschieden zu
-haben. Aber schon bei Leibniz ist sie stillschweigend vorausgesetzt.
-Nur daß er das Sittengesetz zugleich im Anschluß an die überlieferte
-Sittenlehre auf ein System von Tugendbegriffen zurückführt. Kant
-löst es erst aus dieser eine empirische Verursachung vortäuschenden
-Verbindung, um es in das innere Pflichtgebot, in die reine Form des
-»Du sollst« zu verlegen. Es ist ein bedeutsamer Wandel, den dieser im
-Laufe des 18. Jahrhunderts erfolgte Übergang von einer eudämonistischen
-und optimistischen Tugendlehre zu einer rigorosen und pessimistischen
-Pflichtenlehre bezeichnet. Er ist charakteristisch für die Zeit selbst,
-in der er sich in seinem Fortschritt von Leibniz über Wolff und seine
-Schule bis zu Kant verfolgen läßt. Aber nicht der ethische Gehalt
-ist es, der sich dabei geändert hat: auf das strenge Pflichtgebot
-ist diese ganze Ethik gegründet; es bildet das auszeichnende Merkmal
-der deutschen Moralphilosophie gegenüber dem in dieser Zeit bei den
-andern europäischen Nationen zur Herrschaft gelangten englischen
-Individualismus und Utilitarismus. Jene Ethik der Pflicht ist es,
-die sich bei Leibniz noch in die Form einer weltliche und religiöse
-Motive verbindenden Tugendlehre gekleidet hat. Die Lösung aus dieser
-Verbindung hat ihr dann bei Kant jene Macht eines sittlichen Pathos
-verliehen, das diesen zu ihrem eindrucksvollsten Verkünder erhob. Dazu
-war aber auch außerdem die ganze Folgerichtigkeit einer strengen, jeder
-Paktierung mit Selbstsucht und Neigungsmotiven abholden sittlichen
-Lebensauffassung erforderlich, wie sie Kant vertrat. Hier war daher
-die Größe Kants gebunden an seine einseitig moralische Wertung der
-Dinge.
-
-Befremdlicher mag es scheinen, daß Leibniz nicht bloß die Moral,
-sondern schließlich auch die _Metaphysik_ zu den apriorischen
-Wissenschaften zählt. Dennoch wird man zugestehen müssen, daß ihm kaum
-eine andere Wahl blieb. War es doch noch weniger zulässig, sie auf die
-Seite der von ihm sogenannten »tatsächlichen Wahrheiten« zu stellen.
-Hier zeigt es sich eben, daß es zwischen dem »Notwendigen« und dem
-»Tatsächlichen« noch eine Region gibt, die keines von beiden ist und
-gleichwohl an der Apriorität der sogenannten notwendigen Wahrheiten
-teilnimmt. Das ist die Region des ~a priori~ _Möglichen_. In der
-Tat ist eben dies überall der Charakter metaphysischer Hypothesen,
-sofern sie überhaupt ein Recht für sich in Anspruch nehmen können.
-Sie stützen sich auf apriorische Gründe, aber diese Gründe sind nicht
-objektiv zwingend, sondern hypothetischer Art. Auch findet man, so
-überzeugt sich Leibniz selbst an vielen Stellen zu seiner Monadologie
-bekennt, in dem Briefwechsel, den er über sie geführt, Belege genug
-dafür, daß er ihr eine andere als eine solche hypothetische Apriorität
-eigentlich nicht beigelegt hat. Bezeichnend ist in dieser Beziehung
-seine Hilfshypothese eines »~Vinculum substantiale~«, die er in
-der Korrespondenz mit den ihm befreundeten katholischen Theologen
-entwickelt, um diesen die Vereinbarkeit des Systems der Monaden mit
-dem Dogma der Transsubstantiation plausibel zu machen, und besonders
-bezeichnend ist seine beiläufige Äußerung, man könnte sich vielleicht
-auch die Monaden selbst durch ein substantielles Band ersetzt denken,
-das alle Teile der Welt potentiell miteinander verbinde. An Stelle der
-Monaden, die »keine Fenster haben«, würde dann ein einziges geistiges
-Kontinuum treten, ein Universum, das eigentlich _nur_ Fenster wäre,
-weil es in allen seinen Teilen zusammenhinge. So labil denkt sich
-Leibniz metaphysische Hypothesen, trotz ihrer Apriorität. Das Rätsel
-löst sich dadurch, daß für ihn die monadologische, wie jede andere
-Hypothese, nicht an sich, sondern nur insofern Bedeutung besitzt, als
-sie ein geeigneter Ausdruck für das universelle Weltgesetz selbst ist.
-Dieses Weltgesetz ist aber die _~Lex continuitatis~_. Auf sie kommt
-es an, nicht darauf, ob die Monaden das einzige denkbare Substrat für
-die Verwirklichung dieses Gesetzes sind oder nicht. Leibniz hält sie
-allerdings im Hinblick auf die seelische Natur der Monade für das am
-besten begründete. Ihren Hauptwert hat aber doch die monadologische
-Hypothese darin, daß sie ein anschauliches Bild des Gesetzes der
-Kontinuität selbst ist, sobald man das geistige Geschehen als den
-letzten Inhalt dieses Gesetzes ansieht. Unter diesem Gesichtspunkt
-tritt dann aber auch das Bild von der fensterlosen Monade in die
-richtige Beleuchtung. Gerade die Kontinuität des Systems bringt es
-mit sich, daß jedes einzelne Glied seine fest bestimmte Stelle in
-diesem Kontinuum einnimmt: nicht als stabiles Gebilde, sondern als
-immerwährende Kraftäußerung, als solche aber verschieden von jeder
-anderen und doch in gesetzmäßigem Zusammenhang mit jeder andern. Die
-Monaden oder Seelen haben keine Fenster, das bedeutet also: jede ist
-mit allen gesetzmäßig verbunden und außerhalb dieses Zusammenhangs der
-allgemeinen Weltordnung gibt es keinen ~Influxus physicus~, der von
-irgendeinem einzelnen Teil dieser Ordnung auf einen anderen übergehen
-könnte.
-
-Bewegt sich auf diese Weise das Gebiet der apriorischen Erkenntnis,
-mit den apodiktischen Sätzen der Logik und Mathematik beginnend, über
-die normativen der Moral schließlich bis zu den hypothetischen der
-Metaphysik, so umfaßt nun demgegenüber die empirische Erkenntnis die
-_Erscheinungswelt_. Leibniz nennt sie geradezu auch das Gebiet des
-»Zufälligen«. Damit ist natürlich nicht ein Zufall im objektiven Sinne
-des Wortes gemeint, sondern in jenem subjektiven Sinne, in welchem
-uns eine Erscheinung tatsächlich gegeben sein muß, wenn sie als wahr
-anerkannt werden soll. Darin ist schon ausgesprochen, daß hier jene
-apriorischen Axiome versagen, die nur aus uns selbst stammen, darum
-aber auch ursprünglich nur auf die in uns selbst liegenden Inhalte
-des Denkens angewiesen sind. Nichtsdestoweniger erstreckt sich der in
-unserem logischen Denken wurzelnde Erkenntnistrieb auf _alle_ Inhalte
-des Bewußtseins, also auch auf jene rein tatsächlichen. So entspringt
-hier eine Aufgabe, die in einem _dritten_ Prinzip ihren Ausdruck
-findet, das den beiden ersten der Identität und des Widerspruchs als
-das empirische oder phänomenologische an die Seite tritt: das Prinzip
-des _zureichenden Grundes_. Das Wort »zureichend« ist mit Vorbedacht
-gewählt. Es soll aussprechen, daß es sich hier um eine Maxime der
-Verknüpfung der Tatsachen handelt, der keine Notwendigkeit innewohnt,
-und die daher jederzeit einer Berichtigung zugänglich ist. Es ist,
-abweichend von dem in den rein spekulativen Systemen der Philosophie
-angewandten Begriff des Grundes, etwa von der »~ratio sive causa~«
-des Spinoza, ein empirisches Kausalprinzip, das Leibniz hier den
-Gesetzen des apriorischen Denkens gegenüberstellt. Zugleich ist aber
-ersichtlich, daß diese Scheidung der Prinzipien auf das engste mit
-der Scheidung von Sein und Erscheinung, von Seinswissenschaften und
-empirischen Wissenschaften zusammenhängt, die dieser neue Idealismus
-entwickelt. Insofern hat Leibniz hier einen Gedanken vorausgenommen,
-den später Schopenhauer gegen das Kantische Kategoriensystem einwandte:
-die einzige unter den zwölf Kategorien, die ihre Stellung behaupte, sei
-die Kausalität.
-
-
-~c.~ Der neue Idealismus.
-
-Zweimal hat die Geschichte der Philosophie die Begründung eines
-eigenartigen, auf lange hinaus die Wissenschaft beherrschenden
-Idealismus erlebt: in der Platonischen Ideenlehre und in dem
-Leibnizschen System. Für Plato bilden die Ideen eine rein geistige
-übersinnliche Welt, bei Leibniz ist diese geistige Welt der sinnlichen
-immanent. Dem antiken Idealismus ist die Sinnlichkeit eine Trübung der
-Ideen durch die Materie; dem neuen ist die Sinnlichkeit die Erscheinung
-des Geistes selbst. Der Platonische Idealismus ist dualistisch,
-der moderne ist monistisch. An diesen Gegensatz ist ein anderer
-folgenreicher geknüpft: die Platonische Seele ist ein Mittelwesen
-zwischen Ideen- und Sinnenwelt, das, in die Sinnlichkeit verstrickt,
-der Erhebung zu den Ideen und damit der Rückkehr zu diesen, von denen
-sie ausging, fähig ist. Die Leibnizsche Seele oder Monade gehört
-selbst zur Ideenwelt. Die Seelen oder Monaden umfassen die geistige
-Welt in ihrer ganzen unendlichen Totalität, aber beschränkt, weil sie
-als endliche vorstellende und strebende Kräfte nur einzelne unter den
-zahllosen Lichtpunkten sind, die das Universum in der unendlichen
-Stufenfolge jener Kräfte bilden. So wird der moderne Idealismus zum
-Pluralismus und an die Stelle der Zweiheit von Idee und Materie
-tritt die andere von Sein und Erscheinung. In dieser Einsetzung
-der Erscheinungswelt in ihre Rechte besteht der große Schritt, den
-dieser neue Idealismus getan hat, und der in doppelter Beziehung als
-die bedeutsamste philosophische Errungenschaft des Zeitalters der
-Erneuerung der Wissenschaften gelten kann. Auf der einen Seite ist
-es die volle Anerkennung der Erscheinungswelt als der Stätte des
-menschlichen Erkennens und Handelns, die sich hier durchgesetzt hat.
-Auf der andern Seite ist es die Erkenntnis, daß das geistige Leben
-selbst, nicht eine ihm äußerlich gegenüberstehende Welt transzendenter
-Ideen, Sein und Erscheinung aneinander bindet. Darum sind beide,
-Sein und Erscheinung, gleich wirklich. Wie das Sein die Wirklichkeit
-unseres eigenen Geistes, so ist die Erscheinung diejenige Wirklichkeit,
-die das Universum für uns besitzt. Damit wird aber auch erst die
-wissenschaftliche Erkenntnis, nicht die unmittelbare Wahrnehmung zum
-Maß der erscheinenden Wirklichkeit.
-
-Die neuere Philosophie hat nach Leibniz noch manche Versuche
-unternommen, auf der Basis jener Selbstgewißheit des Denkens, die zu
-jeder Zeit dem Idealismus seine Stütze gegeben hat, diesen in einer
-der modernen Wissenschaft entsprechenden Weise auszubilden. Sie alle
-berühren sich irgendwie mit dem Leibnizschen Idealismus. Er aber hat
-vor allen andern das Schicksal gehabt, in seiner wahren Bedeutung
-verkannt zu werden. Der Zeit nach am nächsten steht ihm Berkeley.
-Er stellt nur das eine der beiden idealistischen Argumente in den
-Vordergrund: das psychologische, und damit allerdings dasjenige,
-das am unmittelbarsten und einleuchtendsten wirkt. Wir können
-nicht aus unserer Seele hinaus, es sind immer nur unsere eigenen
-Vorstellungen, nicht die Dinge außer uns, die wir wahrnehmen. Ein
-Ding außer uns zu sein, ist selbst nur eine Vorstellung in uns.
-Das ist das unwiderlegbare Berkeleysche Argument. Aber es liefert
-die Welt restlos dem Schein aus. Es verwandelt nicht die Dinge in
-subjektive Täuschungen -- dagegen konnte Berkeley mit Recht Verwahrung
-einlegen --, aber es macht die Erkenntnis einer von uns unabhängigen
-Außenwelt illusorisch und stellt den Wert unseres praktischen Handelns
-und Strebens in Frage. Auf Berkeley folgte Kant. Er hat das Verhältnis
-von Schein und Erscheinung scharf herausgearbeitet, und sein Nachweis
-der Verbindung von Anschauung und Begriff in den Grundgesetzen
-der Erfahrungserkenntnis gehört zu den wenigen epochemachenden
-Entdeckungen der spekulativen Erkenntnistheorie. Im übrigen liegt
-jedoch der Schwerpunkt seiner Leistung in seinem ethischen Idealismus,
-in welchem er dem dualistischen Idealismus Platos verwandter ist als
-dem theoretisch folgerichtigeren, den Leibniz begründet hat. Eben
-deshalb hat aber Kant hier eine Bahn beschritten, die einen zunehmenden
-Zwiespalt zwischen Philosophie und positiver Wissenschaft herbeiführen
-mußte. Denn statt von der von der positiven Wissenschaft geleisteten
-Analyse der Erfahrung auszugehen, legte er die Synthese der sinnlichen
-Wahrnehmung mit allen Widersprüchen und subjektiven Täuschungen
-zugrunde, die dieser Analyse vorausgehen. So wurde ihm die Außenwelt
-nicht zu einer berechtigten und bis zu der jeweils erreichbaren Grenze
-auf ihr reales Substrat zurückführbaren Erscheinungswelt, sondern sie
-blieb ihm derselbe Schein, der sie gewesen, bevor sich die Wissenschaft
-um sie bemüht hatte. Daher denn auch die Grundgesetze, von denen nach
-Kant die Sinnenwelt beherrscht wird, mittels der Anschauungs- und
-logischen Denkformen ~a priori~ gegeben sind: sie werden von jeder
-Wissenschaft auf den Inhalt jeder beliebigen Erfahrung angewandt, auf
-den Sinnenschein ebensogut wie auf die Ergebnisse wissenschaftlicher
-Analyse.
-
-Dies ist zugleich der Punkt, wo Kants Vorbild auf die folgende
-Entwicklung des deutschen Idealismus trübend eingewirkt hat. Hatte
-sich Kant selbst noch vorwiegend in der Schule Newtons eine tiefe,
-nur etwas einseitig der mechanischen Naturlehre zugewandte Achtung
-vor der positiven Wissenschaft bewahrt, so rückte unter dem Einfluß
-der großen politischen Umwälzungen um die Wende der Jahrhunderte
-der Schwerpunkt der philosophischen Interessen auf die Seite der
-geschichtlichen Wissenschaften. Die nun kommende Generation betrachtete
-daher fortan, hierin weit über Kant hinausgehend, einen der
-Gesamtheit der Wissenschaften gegenübertretenden spekulativen Aufbau
-der Philosophie als ihre eigenste Domäne. Dieser Zwiespalt offenbarte
-sich zunächst in der Naturphilosophie, dehnte sich aber allmählich
-auch auf die historischen Wissenschaften aus. Die Scheidung hat sich
-nicht ausnahmslos durchgesetzt. An Anleihen der einen bei der andern
-Seite hat es wohl niemals gefehlt. Nachdem um die Mitte des vorigen
-Jahrhunderts die Entfremdung ihr Maximum erreicht haben dürfte,
-mag aber die Zeit nicht mehr allzu fern sein, in der der deutsche
-Idealismus wieder in die Bahnen ihres Begründers einmündet.
-
-Zu Leibniz' Zeit war in der Tat im Gegensatz zu dieser späteren
-Wendung der Dinge das Einheitsbewußtsein der exakten Wissenschaft
-und der Philosophie auf seinem Höhepunkt angelangt. Für Leibniz
-selbst standen Mathematik und Naturphilosophie im Vordergrund des
-wissenschaftlichen Interesses, und auf beiden Gebieten waren für ihn
-die allgemeineren Probleme zugleich philosophische Probleme. Galt das
-für dieses ganze Zeitalter, so trennte sich aber Leibniz in einem
-sehr wesentlichen Punkte von der vorangegangenen und gleichzeitigen
-Philosophie der andern Länder Europas. Die Cartesianische Philosophie
-war von der Geometrie, die Newtonsche Naturphilosophie von der Mechanik
-ausgegangen: das verlieh beiden einen stark realistischen Zug. Bei
-Leibniz verbanden sich vornehmlich die Analysis des Unendlichen und die
-Dynamik, um die einzigartige Schöpfung einer idealistischen Philosophie
-hervorzubringen, _die selbst von der Naturwissenschaft ausging_. Im
-Lichte der Infinitesimalmethode wandelte sich ihm die ausgedehnte
-Welt in die Erscheinungsform einer unendlichen Vielheit tätiger
-Kräfte um. Die Grundbegriffe der Dynamik gaben diesen Kräften ihren
-zwecktätigen Charakter und ließen in ihnen geistige Kräfte erkennen;
-und im Hinblick auf die unmittelbare Gewißheit unseres denkenden
-Selbstbewußtseins konnten diese geistigen Kräfte nicht wohl anders
-denn nach Analogie unseres eigenen Seelenlebens als strebende und
-vorstellende Tätigkeiten gedacht werden.
-
-Wie dieser Idealismus in seiner Eigenart von den früheren wie
-den späteren Formen dieser Denkweise abweicht, so auch in seiner
-Begründung. Die Natur ist für Leibniz nicht, wie für Plato, eine
-Trübung der rein geistigen, in einem übersinnlichen Jenseits
-liegenden Ideenwelt, und sie ist für ihn nicht, wie für Kant, eine
-gesetzmäßig geordnete, aber niemals innerhalb des sinnlichen Daseins
-zu überschreitende Erscheinungswelt, sondern beides zugleich: sie
-ist eine gesetzmäßig geordnete Welt, aber ihre Gesetze sind geistige
-Gesetze, und sie ist daher mit Notwendigkeit an unser eigenes geistiges
-Sein gebunden. Als Erscheinung ist sie aber auf ein System von
-Bewegungsgesetzen zurückzuführen, die den Prinzipien der Kontinuität
-und der Erhaltung untergeordnet sind. Auch die Begriffe des Raumes
-und der Zeit, nicht weniger wie die der Zahl sind daher nicht
-unabhängig von uns vorhandene Formen, sondern, wie Leibniz mehrfach
-hervorhebt, _ideale_ Formen, in die wir die Dinge ordnen. Demnach
-ist ein nach Denkgesetzen und Zweckprinzipien geordnetes System von
-Bewegungen offenbar im Sinne von Leibniz das notwendige Substrat der
-Erscheinungswelt: es ist nicht das Sein selbst, aber das »~Phänomenon
-bene fundatum~«. Dabei nimmt die Bewegung in ihrer räumlich-zeitlichen
-Gesetzmäßigkeit schon bei Leibniz eine von den ordnenden Begriffen
-und Gesetzen wesentlich verschiedene Stellung ein. Wenn er Raum und
-Zeit die Formen nennt, nach denen wir die Dinge im Raum ordnen und in
-der Zeit zählen, so ist damit dasselbe ausgedrückt, wofür Kant das
-treffende Wort »Anschauungsformen« gebraucht hat. Mit jenem Ordnen im
-Raum und jenem Zählen in der Zeit kennzeichnet er eine Tätigkeit des
-anschauenden Denkens im Gegensatz zu dem unanschaulichen abstrakten
-Begriff. Auch steht er schon auf der Schwelle der Erkenntnis der
-Zusammengehörigkeit beider Funktionen, der begrifflichen und der
-anschaulichen. In einem aber geht er über Kant hinaus: ihm ist die
-objektive Welt ein System nach Zweckgesetzen geordneter Bewegungen ohne
-ein anderes Substrat als das der tätigen Kräfte selbst. Das ist der
-Unterschied seines »wohlbegründeten Phänomens« von den nach Anleitung
-der Urteilsfunktionen geordneten Kategorien Kants.
-
-Daß Leibniz den neuen Idealismus nicht auf die Psychologie, wie nach
-ihm Berkeley, und nicht auf ein logisches Begriffssystem, wie der
-spätere spekulative Idealismus, noch endlich auf den Widerstreit
-zwischen Naturgesetz und sittlicher Norm gegründet hat, wie Kant,
-sondern auf diejenige Wissenschaft, die nach der bisherigen Meinung
-vom Idealismus am weitesten entfernt war, auf die Naturwissenschaft,
-dies bildet die große, allen andern Richtungen der gleichen Denkweise
-überlegene Macht dieses Idealismus. Auch ist sie es, die ihn eigentlich
-zum einzigen folgerichtig durchgeführten macht und ihm zu dem
-unschätzbaren Vorzug verhilft, daß er nicht außerhalb der positiven
-Wissenschaft steht, sondern sich auf diese selbst stützt. Wenn dieser
-Sachverhalt zumeist verkannt wird, so liegt das offenbar daran, daß man
-sich von der engen Zugehörigkeit der mathematischen und dynamischen
-Arbeiten zu seiner Philosophie keine zureichende Rechenschaft zu geben
-pflegt. Man orientiert seine Philosophie ganz nach der Monadologie und
-nebenbei nach den Essays über den Verstand. Doch die Monadologie gibt
-eigentlich nur ein ansprechendes Bild für das Prinzip der Kontinuität.
-An die Bedeutung dieses Prinzips selbst reicht sie nicht heran. Kann
-ihm, der von der engen Beziehung seiner mathematisch-physischen
-zu seinen philosophischen Arbeiten durchdrungen war, an diesem
-Mißverständnis kaum die Schuld aufgebürdet werden, so verhält es sich
-aber zum Teil anders mit dem Gebiet der _Moral_. Hier bildete später
-die Rückkehr zu Plato für Kant einen Vorzug, der ihm Vorgängern wie
-Nachfolgern gegenüber eine überragende Stellung gibt. Hier trat aber
-auch zutage, daß der gewaltige Umschwung, den als der erste Begründer
-des neuen Idealismus Leibniz gegenüber der transzendenten Ideenlehre
-bewirkt hatte, unvermeidlich zugleich mit einer Abschwächung des
-sittlichen Idealismus verbunden war, der dem Platonischen Gedanken
-seine dauernde Macht gegeben hatte. Der neue Idealismus, der das
-Geistige und Übersinnliche in ein dem Sinnlichen immanentes Sein
-verwandelte, mußte darauf verzichten, zwischen dem Sittlichen und
-Sinnlichen jene Kluft bestehen zu lassen, die dem Sittengesetz seinen
-höchsten, durch nichts mehr zu steigernden Wert verlieh. Diesen
-höchsten Wert brachte Kant zum Ausdruck, indem er das Sittengesetz
-selbst zur Gottesidee erhob. Wohl hatte schon Plato die Gottheit der
-Idee des Guten gleichgesetzt. Aber Kant erst verband beide zur vollen
-Einheit, als er seinen moralischen Gottesbeweis, im Gegensatz zu den
-von ihm als unhaltbar erkannten ontologischen und kosmologischen
-Beweisen, für den einzigen erklärte, so daß, wie dies später Fichte
-offen aussprach, an Stelle der bei Plato der übersinnlichen Welt
-angehörigen Idee des Guten das der Welt immanente Sittengesetz trat,
-eine Folgerung, die freilich Kant selbst nicht Wort haben wollte. Doch,
-wie dem auch sein mochte, dieses auf das Höchste gesteigerte sittliche
-Selbstbewußtsein war um so mehr bereit, auf die Erkennbarkeit der
-Sinnenwelt zu verzichten, je mehr es mit Plato wiederum darin einig
-war, daß die unbedingte Herrschaft des Sittengesetzes nur in einer
-idealen übersinnlichen Welt möglich sei. Hier war der Standpunkt
-Leibnizens in doppelter Beziehung ein anderer gewesen. Einerseits
-war ihm die Begründung der Gottesidee eine metaphysische Aufgabe. Er
-glaubte sie in einer Weise gelöst zu haben, die zugleich die Erkenntnis
-Gottes als des höchsten moralischen Gesetzgebers in sich schloß.
-Anderseits ist nach ihm das Sittengesetz dem Menschen selbst zugleich
-mit seinen sinnlichen und intellektuellen Trieben eingepflanzt.
-Darin lag für ihn auch das Motiv, dieses Gesetz mit den überkommenen
-Tugendbegriffen in Verbindung zu bringen. Darum formuliert er die
-Gerechtigkeit, Liebe und Frömmigkeit gleichzeitig als Tugenden und als
-Normen, letzteres in Anlehnung an die drei Rechtsnormen der römischen
-Jurisprudenz, denen er mit Hilfe jener Tugendbegriffe einen tieferen
-ethischen Wert gibt. Entfernt er sich schon darin von dem Eudämonismus
-der alten Tugendlehre, so geschieht dies noch weiter durch die die
-Strenge des ~Jus strictum~ nicht bloß mildernde ~Aequitas~, sondern
-durch die den Menschen an den Menschen bindende Liebe, deren letzte
-Wurzel die auf dem Gefühl der Einheit des Menschen mit Gott beruhende
-Frömmigkeit ist.
-
-Man hat es als einen Vorzug der Kantischen Ethik gerühmt, daß sie
-das Sittengesetz auf sich selbst stellt. Hat man dabei die vom
-scholastischen Nominalismus ausgegangene und bis in die neuere
-Orthodoxie sich forterstreckende heteronome Moral im Auge, so kann
-dem sicherlich nicht widersprochen werden. Aber die Gerechtigkeit
-fordert es doch hervorzuheben, daß die Leibnizsche ~Pietas~ mit diesem
-»statutarischen Kirchenglauben«, wie ihn Kant später nannte, nichts
-zu tun hat. Gerade diese Veräußerlichung des Sittlichen, wie sie die
-unmittelbar vorangegangene theologische Ethik vertreten hatte, wird
-bei ihm durch die Verbindung der drei Tugendnormen in ihr Gegenteil
-verkehrt, indem diese Einheit von ihm als eine ebenso an das eigene
-Wesen des Menschen wie an die göttliche Weltordnung gebundene gedacht
-wird. Außerdem muß man sich aber, um die Stellung dieser Ethik in
-ihrer Zeit richtig zu würdigen, ihr Verhältnis zu den im allgemeinen
-außerhalb dieser kirchlichen Strömungen sich bewegenden politischen
-und rechtsphilosophischen Gegensätze des Zeitalters vergegenwärtigen.
-Hier hatte zuerst in England der moderne Staatsgedanke Wurzel
-geschlagen. Seine Vertreter, mochten sie sonst den verschiedensten
-politischen Richtungen zugetan sein, waren in dem Widerstreben gegen
-die Gebundenheit des alten Autoritätsglaubens, außerdem aber auch in
-der Begründung von Sitte und Recht auf Maximen des äußeren Nutzens,
-also im letzten Grunde des Egoismus einig. Leibnizens angesehenster
-juristischer Zeitgenosse, Samuel Pufendorf, hatte auch in Deutschland
-diesen auf das Prinzip des egoistischen Interesses aufgebauten
-Standpunkt zur Geltung gebracht, und in dem überwuchernden Formalismus
-der deutschen Jurisprudenz nach dem großen Krieg hatte diese äußerliche
-Auffassung des Rechtsstaats eine fruchtbare Stätte gefunden. Da ist
-es Leibniz, der dieser Veräußerlichung von Recht und Moral energisch
-entgegentritt. Er geht zurück auf die in ihrer sittlichen Bedeutung
-verkannte römische Jurisprudenz, vornehmlich aber stützt er sich auf
-die in der klassischen Scholastik des 13. Jahrhunderts bereits zur
-Herrschaft gelangte Lehre von der Einheit von Recht und Sittlichkeit,
-um darauf eine normative Ethik zu gründen, die, mag sie auch von jenen
-vorangegangenen Gedankenrichtungen ihre Anregungen empfangen haben,
-im wesentlichen doch das eigenste Erzeugnis dieses neuen Idealismus
-ist. Eben darum, weil der Mensch ein geistiges und als solches allein
-ein sittliches Wesen ist, widerspricht es der eigensten Natur des
-Menschen, aus seinen sinnlichen Eigenschaften die sittlichen Motive
-und die Grundlagen der Rechtsordnung ableiten zu wollen. Indem sich
-so bei ihm der das römische Recht erfüllende Gedanke der Autonomie des
-Rechtsstaats mit der religiösen Gesinnung der klassischen Scholastik
-verbindet, erhebt sich seine Ethik zugleich über diese, da sie von
-der kirchlichen Gebundenheit der Scholastik frei ist. Ihm beruht das
-sittliche Wesen der Rechtsordnung nicht wie dieser darauf, daß die
-Kirche zu ihrer Aufrechterhaltung dem Staat das weltliche Schwert
-übergeben hat, sondern auf dem sittlichen Geist der Rechtsordnung
-und demnach auch des Staates selbst, dessen Auffassung als einer dem
-Einzelnen übergeordneten sittlichen Gesamtpersönlichkeit in dieser
-Leibnizschen Ethik zum erstenmal wieder zum vollen Ausdruck kommt.
-
-So beginnt mit Leibniz in doppelter Beziehung eine Reform der Ethik.
-Aus dem neuen Idealismus entspringt eine neue normative Ethik, und
-diese wird durch den Normgedanken zur Grundlage einer von sittlichem
-Geiste erfüllten Rechtswissenschaft. Leibniz hat kein System der Ethik
-geschrieben. Er hat nur an spärlichen Stellen seine ethischen Gedanken
-ausgesprochen, aber seine reiferen juristischen Werke sind überall
-von diesem Geiste beseelt. Im Hinblick hierauf kann von ihm gesagt
-werden, daß er nicht tiefer, aber umfassender das Problem einer reinen
-Ethik der Pflicht aufgenommen, als es später Kant zu Ende geführt
-hat. Während dieser sein Sittengesetz als eine durchaus individuell
-beschränkte Norm hinstellt, fließen in der Dreieinigkeit der Normen
-bei Leibniz individuelle Pflicht und sittliche Gebundenheit an die
-Gemeinschaft zusammen, und jedes von beiden Pflichtgebieten ordnet sich
-dem andern nach dem Wert seiner Bedeutung unter. Mag daher immerhin
-Kants »Metaphysische Rechtslehre« als ein Altersprodukt betrachtet
-werden, das der Vergangenheit des großen Ethikers kaum würdig ist,
-bezeichnend bleibt es doch, daß Kant hier durchaus den Spuren des
-alten individualistischen Naturrechts gefolgt ist, während Leibniz
-gerade in seinen Äußerungen über das Verhältnis des Einzelnen zur
-Gemeinschaft bereits kommende Zeiten vorausverkündet. Dieser Rückgang
-der auf Leibniz zunächst folgenden Zeit wird aber daraus verständlich,
-daß nicht bloß Kant, sondern dem ganzen Zeitalter, dem er angehörte,
-die Ethik und Rechtstheorie Leibnizens beinahe ein verschlossenes Buch
-war. Die mangelhafte Kenntnis, die das 18. Jahrhundert von Leibniz
-besaß, wie die allgemeine Geistesrichtung dieser Verstandesaufklärung
-brachte es mit sich, daß die Idee der Pflicht nur in ihrer individuell
-gerichteten Form auf Christian Wolff und seine Schule überging und in
-dieser Beschränkung wieder in die Bahnen der alten eudämonistischen
-Tugend- und Wohlfahrtsmoral einmündete. Hier hing dann dieser Wandel
-des Normbegriffs mit dem andern, folgeschweren des Zweckbegriffs auf
-das engste zusammen. Die Leibnizsche Teleologie war eine _immanente_
-gewesen. Jeder Teil des Universums, jedes lebende Wesen hat seinen
-Zweck in sich selbst. Liegt doch dieser Zweck unmittelbar ausgedrückt
-in den Gesetzen aller Erscheinungen von dem Mechanismus der leblosen
-Natur bis herauf zu dem Sittengesetz. Bei Wolff und seinen Schülern
-hat sich der Zweck in eine den Bedürfnissen des Menschen angepaßte
-Weltordnung umgewandelt. Eine solche anthropozentrische Teleologie
-war natürlich nur mit einer ebenso ausschließlich individualistischen
-Ethik vereinbar, und es bildet gegenüber dieser Veräußerlichung der
-deutschen Aufklärungsmoral immerhin ein Verdienst, daß sie sich auch
-in ihrer Beschränkung so ernst um das Problem der Pflicht bemüht, das
-in ihr mehr und mehr als die Zentralfrage der Philosophie hervortritt.
-Wenn Wolff auf das eindringlichste die »Selbstvervollkommnung« als
-die höchste aller Pflichten hinstellt, so liegt darin ebenso das
-Verdienst wie die Schranke dieser individualistischen Pflichtmoral
-ausgesprochen. Auch brachte es die Orientierung des Zwecks nach den
-Bedürfnissen des Menschen mit sich, daß diese Teleologie wieder in die
-Bahnen der theologischen Moral der Scholastik einlenkte, die Leibniz
-im Prinzip überwunden hatte. Hier setzt dann Kant ein. Er kehrt zur
-Idee des immanenten Zwecks zurück und gründet damit nicht mehr die
-Moral auf die Pflicht gegen Gott, sondern den Glauben an Gott auf das
-Sittengesetz. Doch rein individualistisch bleibt die Ethik Kants wie
-die des ganzen Zeitalters, in welchem die deutsche Pflichtmoral nur
-eine ihn vorbereitende Nebenströmung der über ganz Europa verbreiteten
-eudämonistischen Nützlichkeitsmoral gewesen war. Den zweiten großen
-Schritt, in welchem sich die mit Leibniz beginnende Entwicklung
-fortsetzt, den der Gemeinschaftsmoral, hat erst der mit Fichte
-beginnende neueste deutsche Idealismus getan.
-
-
-~d.~ Philosophie und Theologie.
-
-In keinem Jahrhundert ist wohl das Verhältnis der Philosophie zur
-Theologie ein vielgestaltigeres gewesen als in dem des großen
-Religionskrieges. Mit dem Opfertod Giordano Brunos auf dem
-Scheiterhaufen der Inquisition beginnt es, mit dem Auftreten des
-englischen Freidenkertums schließt es. Zwiespältig zwischen beiden
-stehen die im Lauf des Jahrhunderts auftretenden führenden Philosophen.
-Die Schriftsteller, denen Leibniz seine erste Kenntnis der neuen
-Philosophie verdankte, Descartes und Gassendi, legten sich in der
-Darstellung ihrer materialistischen Naturphilosophie keinen Zwang
-auf, aber sie versäumten selten zu versichern, daß sie jederzeit
-bereit seien zurückzunehmen, was in ihren Lehren etwa der Kirche
-mißfallen sollte. Wohl waren im ganzen die Zeiten vorüber, in denen
-das Verhältnis zur Kirche das Schicksal der Philosophen bestimmte,
-aber die Macht der Theologie war der Philosophie gegenüber immer noch
-die größere. Darum, wer seinen inneren und äußeren Frieden bewahren
-wollte, der folgte der Losung Pierre Bayles, des berühmten Skeptikers,
-in dem Zwiespalt zwischen Glauben und Wissen dem Glauben zu folgen
-und auf das Wissen zu verzichten, da es eine volle Gewißheit ohnehin
-nicht gebe. Freilich, was einmal vorüber ist, das läßt sich nicht
-unverändert erneuern, im Glauben so wenig wie im Wissen. Die Wahl, die
-Bayle stellt, ist selbst schon auf dem Boden der neuen Wissenschaft
-entstanden. Hinter ihr liegt bereits weit jener andere Standpunkt,
-auf dem es überhaupt keine Wahl gibt: das ist der der klassischen
-Scholastik, für den Theologie und Philosophie eins sind, weil die
-Philosophie, soweit man sie als ein gesondertes Gebiet anerkennen
-will, nur den Beruf hat, die Glaubenswahrheiten für die Vernunft
-einleuchtend zu machen und sie durch die bereits dem natürlichen
-Verstande zugänglichen Erkenntnisse zu ergänzen. Für Pierre Bayle gibt
-es, nachdem sich nun einmal die neue Wissenschaft gebildet hat, nur
-_eine_ Gewißheit: die wissenschaftliche; der Glaube ist ein Werk der
-Offenbarung. So ist der Standpunkt Bayles der auf dem Boden der neuen
-Wissenschaft folgerichtig zu Ende geführte Nominalismus der Scholastik.
-Auch Leibniz war von diesem Nominalismus ausgegangen. Hatte er doch
-in seiner Jugendschrift über die Kombinatorik den Aufbau der alten
-scholastischen Theologie zur Seite gelassen, um zum rein kosmologischen
-Gottesbegriff des Aristoteles zurückzukehren. Ganz anders, nachdem
-er auf dem Höhepunkt seiner durch Mathematik und Naturwissenschaft
-vermittelten idealistischen Denkweise angelangt ist. Jetzt wird ihm
-gerade in der Theologie die klassische Scholastik des 13. Jahrhunderts
-zur Führerin, und keine Autorität nennt er häufiger und mit größerer
-Anerkennung als die des heil. Thomas. Ja fast geht er in der strengen
-Durchführung des Systems der Gottesbeweise weiter als dieser. Es ist
-die ganze Skala der scholastischen Kausalbegriffe, die er durchmißt, um
-aus jedem eine besondere Grundlage für den Gottesbegriff zu gewinnen.
-Vor allem hilft ihm die »~Causa formalis~« zu derjenigen Gestalt des
-ontologischen Beweises, in deren rein logischer Fassung er sowohl den
-alten Anselmus wie Descartes hinter sich läßt. Jener hatte immerhin
-nebenbei, dieser sogar ausschließlich dem psychologischen Motiv der
-in uns lebenden Gottesidee seine Bedeutung gewahrt. Leibniz operiert
-im Sinne seiner Metaphysik als einer ~a priori~ möglichen Auffassung
-des Universums ganz mit den Begriffen des Möglichen und Wirklichen.
-Er definiert Gott als den Inbegriff aller Möglichkeiten, dem eben
-damit auch Wirklichkeit zukommen müsse. Das ist die berühmte Form
-des ontologischen Gottesbeweises, die später Kant benutzt, und von
-der man mit Recht gesagt hat, sie sei gar nicht die wirkliche. Kant
-hat sie in der Tat weder dem Anselm noch Descartes, sondern Leibniz
-entnommen, der sie erst durch ihre völlige Loslösung von dem denkenden
-Subjekt zu ihrer abstrakten Höhe erhoben hatte. Neben die »~Causa
-formalis~« stellt sich sodann die »~Causa efficiens~«, nach der Gott
-als die wirkende Ursache aller Dinge gedacht werden müsse. Es ist
-der kosmologische Beweis, den auch noch die Scholastik, selbst der
-Nominalismus, fast bis zuletzt neben dem Glaubensprinzip festgehalten
-hatte. Der dritte, für Leibniz wichtigste Beweis entspringt aber
-aus der »~Causa finalis~«: die Welt ist nach Zwecken geordnet, und
-nur ein höchstes geistiges Wesen kann als eine letzte Zweckursache
-angenommen werden. »Gott regiert«, so faßt er diesen teleologischen
-Beweis zusammen, »die Körper wie ein Techniker seine Maschine nach
-den Gesetzen der Mechanik, die Menschen aber wie ein Fürst seine
-Bürger nach den Gesetzen der Moral.« Er weist damit auf die beiden
-großen Zweckgebiete hin, die er in seiner Philosophie einander
-gegenüberstellt: die Naturgesetze und die sittlichen Normen. Er sucht
-den kennzeichnenden Unterschied beider durch diese Bilder zu beleuchten
-und dabei doch als eine unter dem religiösen Gesichtspunkt einheitliche
-Gesetzgebung aufzufassen. Diesen drei Argumenten stellt er endlich,
-als eine Art Abwandlung des dritten, das auf die Beziehung zu seiner
-Metaphysik hinweist, das der »Harmonie der Welt« zur Seite. Die Welt
-ist nicht nur zweckmäßig, sondern sie ist harmonisch, weil jedes
-Einzelne nicht bloß seiner eigenen Bestimmung, sondern auch der aller
-andern angepaßt ist. Hier liegt die hauptsächlichste Bereicherung, die
-Leibniz dem teleologischen Gottesbeweis gegeben, und um derentwillen
-noch Kant diesen den ehrwürdigsten genannt hat. Er ist in dieser Form
-im 18. Jahrhundert besonders verbreitet gewesen, hat aber auch die
-Wurzel jener Abirrung in eine äußerliche anthropozentrische Teleologie
-gebildet, die später in der Wolffschen Schule um sich griff, bis sie
-durch Kant wieder beseitigt wurde.
-
-Könnte Leibniz angesichts dieses Systems der Gottesbeweise als der
-bloße Wiedererneuerer der gesamten vorangegangenen scholastischen
-Theologie, insbesondere der klassischen Scholastik angesehen werden, so
-gewinnt nun aber diese Behandlung des Gottesproblems eine wesentlich
-tiefere Bedeutung im Hinblick auf seine Philosophie. Hier kommt bei
-ihm in bevorzugter Weise ein Prinzip zur Geltung, wenn auch freilich
-nicht zur folgerichtigen Durchführung, das auch sonst in seinem
-Denken eine bedeutende Rolle spielt: wir können es wohl das Prinzip
-der _Gleichberechtigung einander ergänzender Standpunkte_ nennen. Es
-sind vor allem der philosophische und der theologische Standpunkt,
-die bei der Betrachtung der Natur wie des sittlichen Lebens in
-diesem Sinne einander ergänzen, zugleich aber auch als Gegensätze
-erscheinen können, die erst bei einer tieferen Betrachtung der Dinge
-sich aufheben. Nirgends offenbart sich dieses Prinzip deutlicher
-als in der Monadologie. Denn aus diesem Ergänzungsprinzip ist das
-letzte, vielleicht das entscheidende Motiv des monadologischen
-Denkens hervorgegangen. Wohl haben der Infinitesimalbegriff, das
-Prinzip der tätigen Kraft, das Selbstbewußtsein als seelische Einheit
-ebenfalls wirksame philosophische Motive gebildet, aber entscheidend
-für Leibniz war doch, daß kein System so wie das monadologische die
-Zusammengehörigkeit des Ganzen zu einer höchsten, die Gottesidee
-befriedigenden Einheit in sich schloß. Darum gibt es für den
-Grundgedanken, die Harmonie des Universums, zwei Ausdrücke, die
-einander gegenüberstehen und doch dasselbe bedeuten: universelle
-Harmonie heißt das System philosophisch betrachtet, prästabilierte
-heißt es theologisch betrachtet. In streng philosophischen Erörterungen
-zieht Leibniz den ersten, in theologischen und in populär religiösen
-Schriften den zweiten Ausdruck vor. Dort entschlüpft ihm wohl
-gelegentlich das Wort »~Harmonia universalis id est Deus~«, hier
-gewinnt durch die Beziehung alles Geschehens auf eine göttliche Fügung
-das Universum die Bedeutung eines Schauplatzes unablässiger Tätigkeit
-Gottes. In dieser Doppelheit des Ausdrucks lag dann freilich auch der
-Anlaß zu einer Abweichung von jenem Prinzip der Gleichwertigkeit, da
-unter dem Begriff der prästabilierten Harmonie leicht den Ansprüchen
-der Theologie Zugeständnisse gemacht werden konnten, die über das
-vom philosophischen Gesichtspunkt der universellen Harmonie aus
-Erlaubte weit hinausgingen. Dafür bieten sowohl die Theodizee wie der
-theologische Briefwechsel zahlreiche Beweise. Die Neigung, andern
-Zugeständnisse zu machen, namentlich in religiösen Dingen, wie nicht
-minder die Virtuosität, fremde Gedanken den eigenen anzupassen,
-spielen hier nicht selten eine bedenkliche Rolle. Dazu leistet die
-Methode der scholastischen Begriffsspaltung eine weitere Hilfe.
-Sehen wir aber ab von den Dogmen der Trinität, der Ewigkeit der
-Höllenstrafen, der Gegenwart des Leibes Christi im Abendmahl u. a., die
-zum Teil bis auf Lessing und Kant herab nach dem Vorbild von Leibniz
-Gegenstände philosophischer Erörterungen gebildet haben, so sind es
-hier besonders zwei Gesichtspunkte, die unter diesen Zugeständnissen
-an die dogmatische Theologie eine gewisse Wirkung auf die Folgezeit
-geübt haben: der eine besteht in der aus der Scholastik überkommenen
-Unterscheidung des »Widervernünftigen« und des »Übervernünftigen«
-zur Erklärung des Wunders, der andere in der wohl von Leibniz selbst
-herrührenden Unterscheidung der »metaphysischen« und der »moralischen«
-Notwendigkeit zur Erklärung des Übels. Was den ersteren betrifft, so
-hat Leibniz höchstens das Verdienst, diese scholastische Distinktion
-durch seine Analogie mit einer mathematischen Funktion, die innerhalb
-bestimmter Grenzen einen gewissen Verlauf nimmt, darüber hinaus aber
-davon abweicht, verdeutlicht, damit aber freilich den Begriff des
-Wunders eigentlich überhaupt beseitigt zu haben. Der zweite Gedanke
-stammt aus der scholastischen Mystik. Doch durch die Verbindung mit der
-ebenfalls echt scholastischen Unterscheidung der metaphysischen und der
-moralischen Notwendigkeit hat auch er mehr verloren als gewonnen. Die
-Mystiker hatten das Übel als einen zum Heil des Menschen notwendigen
-Bestandteil der göttlichen Weltordnung angesehen, da der Weg zum Heil
-nur durch Leiden und Prüfungen führen könne. Sie hatten sich damit
-vollkommen naiv auf den Boden der Wirklichkeit gestellt, auf dem auch
-der Mensch mit den Vorzügen und Mängeln vorausgesetzt werden muß, die
-er tatsächlich besitzt. Die Theodizee, die den Schöpfer deshalb glaubt
-rechtfertigen zu sollen, weil er den Menschen nicht von vornherein ohne
-Fehl geschaffen hat, gehört bereits einer Zeit reflektierender Skepsis
-an, die besser täte daran zu zweifeln, ob eine nach menschlichem
-Ermessen absolut vollkommene Welt überhaupt einen ethischen Wert haben
-würde. Gleichwohl blieb bei Leibniz jenes Prinzip der Harmonie zwischen
-Theologie und Philosophie, nach welchem zwar der Gesichtspunkt der
-Betrachtung für jede von beiden ein anderer sei, darum aber doch keiner
-dem des anderen widersprechen dürfe, der herrschende Gedanke, und nach
-Analogie der Übereinstimmung der universellen und der prästabilierten
-Harmonie dachte er sich das Verhältnis von Religion und Wissenschaft
-überhaupt. Er ist diesem Programm keineswegs selbst nachgekommen, und
-noch mehr ist der Scheinrationalismus der folgenden Zeit infolge der
-überhandnehmenden theologisierenden Teleologie ihm untreu geworden.
-Doch verlorengegangen ist auch hier der Leibnizsche Gedanke nicht. In
-wesentlich anderer Form, aber vielleicht am ehesten in gleichem Geiste
-hat Hegel das gleiche Prinzip zu einer leitenden Idee seines Systems
-gemacht, wenn er die Religion im Reich der Vorstellungen dasselbe
-nannte, was die Philosophie im Reich der Begriffe sei.
-
-
-
-
-IV.
-
-Leibniz und die Zukunft der deutschen Philosophie.
-
-
-Die deutsche Philosophie ist von Leibniz ausgegangen. Was vor ihm lag,
-war nahezu der Vergessenheit anheimgefallen. Wenn er selbst es dereinst
-beklagte, in seiner Jugend sei die deutsche Wissenschaft noch in der
-Scholastik befangen gewesen, so ist dieses Schicksal vielleicht an
-ihm selbst zum Segen geworden. Er ist tiefer als irgend einer seiner
-Zeitgenossen wie Nachfolger in die Vergangenheit eingedrungen und hat
-aus ihr der neuen Wissenschaft verlorene Schätze wieder zuzuführen
-gewußt. So ist seine Philosophie eklektisch und schöpferisch im
-höchsten Sinne des Wortes. Niemand wird heute mehr daran denken, seine
-Weltanschauung unverändert erneuern zu wollen. Dazu trägt sie allzu
-sehr die Spuren seines Zeitalters an sich. Um so mehr lohnt es sich
-vielleicht, von diesem kurzen Überblick seiner reichen Gedankenarbeit
-ausgehend, noch einmal sich die Hauptmotive zu vergegenwärtigen, die
-in ihr zutage treten, und zu deren Fortbildung teils die folgende Zeit
-beigetragen, teils aber auch noch Wege offengelassen hat, die weiter
-zu verfolgen eine Aufgabe der Zukunft deutscher Philosophie sein
-wird. Hier steht in erster Linie seine Neubegründung des Idealismus.
-Sie ist in ihrem Aufbau auf der Naturphilosophie und auf der exakten
-mathematischen Naturwissenschaft einzig in ihrer Art, und, wenn
-nicht alle Anzeichen trügen, so wird ihr noch eine reiche Zukunft
-bevorstehen. Ein zweiter für die Zeit epochemachende Gedanke ist die
-Idee der Einheit und Harmonie des Universums. Er ist nicht vollkommen
-neu wie der vorige, aber Leibniz hat ihn tiefer erfaßt als irgend einer
-seiner Vorgänger, und er hat ihm in seinem Gesetz der Kontinuität
-eine festere Basis zu geben und ihn dadurch mit dem Grundgedanken
-seines Idealismus in Verbindung zu bringen gesucht. Eine Frucht dieser
-Verbindung war der Entwicklungsgedanke in seiner Anwendung auf die
-organische Natur, die er auf die im letzten Grunde überall gleichzeitig
-als mechanische Gesetze und als Zweckgesetze aufzufassenden allgemeinen
-Naturgesetze zurückzuführen sucht. Er hat diese Idee in einer
-Form theoretisch gestaltet, die an den mangelhaften biologischen
-Erkenntnissen des Jahrhunderts scheiterte, aber den Weg zu einer
-natürlichen Entwicklungstheorie hat er dem Prinzip nach eingeschlagen.
-Über diese Grenze hinaus hat er dann das geistige Leben als ein eng
-an das körperliche, das selbst eine Manifestation des geistigen Seins
-sei, gebundenes gedacht, um so die Prinzipien zu finden, die, beiden
-gemeinsam, notwendig zugleich übereinstimmende sein müßten. Er hat dem
-unvermeidlichen Intellektualismus der Zeit seinen Tribut gezollt, indem
-er als diese Prinzipien zunächst die logischen Denkgesetze betrachtete,
-deren universelle Gültigkeit von niemandem bestritten werde, sodann
-aber auf jene großen Zweckgesetze der unorganischen wie der organischen
-Welt hinwies, in denen sich die Harmonie des Universums bewähre.
-
-Die zweite, oft übersehene und an sich doch vielleicht noch
-bedeutsamere Leistung ist seine Begründung der Moral- und
-Rechtsphilosophie. Hier ist er der Schöpfer der kommenden deutschen
-Ethik der Pflicht nicht nur, sondern einer auf diese Ethik gegründeten
-Auffassung von Recht und Staat. Nicht als ob auch diese Ideen völlig
-neue gewesen wären, aber Leibniz hat als der erste die Fundamente
-einer weltlichen, auf die eigenste sittliche Natur des Menschen
-gegründeten Moral- und Rechtsphilosophie gelegt. Wenn dies übersehen
-worden ist, so beruht es zumeist wohl darauf, daß er die damit
-verbundene religiöse Betrachtungsweise durchaus in ihrer Berechtigung
-anerkennt, daß er sie aber nicht, wie der vorangegangene scholastische
-Nominalismus, für die einzige hält, sondern in der Natur des Menschen
-selbst ihre unmittelbaren Quellen zu finden sucht. Wenn darum
-irgendein Denker den theoretischen Egoismus und seine Nebenform, den
-Utilitarismus der Aufklärungszeit, im Prinzip überwunden hat, so ist es
-Leibniz gewesen.
-
-Der folgenden deutschen Philosophie sind zunächst unter dem
-überwiegenden Einfluß, den die englisch-französische Aufklärung auf
-das 18. Jahrhundert und seine populäre Philosophie ausübte, diese von
-Leibniz gestreuten fruchtbaren Keime zum großen Teil verlorengegangen.
-Nur die Pflichtmoral ist so weit erhalten geblieben, daß in Kant
-ihr ein Erneuerer erstehen konnte, der, indem er das Sittengesetz
-selbst zum höchsten Gesetz einer übersinnlichen Welt erhob, nach
-dieser ethischen Seite den Leibnizschen Gedanken in strengerer, aber
-auch beschränkterer Form wieder aufnahm. Schritt für Schritt sind
-sodann in der Folgezeit zu einem großen Teil die weiteren Motive des
-Leibnizschen Denkens hervorgetreten. Der deutsche Idealismus des
-19. Jahrhunderts hat so, ohne freilich selbst davon zu wissen, und
-zumeist in veränderter Gestalt die Ideen erneuert, die Leibniz in
-seinem Prinzip der universellen Harmonie vereinigt hatte. So ist vor
-allem der Gedanke, daß die logischen Gesetze die Welt regieren, in der
-späteren Geschichtsphilosophie dieses Idealismus wieder zur Herrschaft
-gelangt. Damit ist aber auch die Ethik und Rechtsphilosophie der
-Romantik abermals in die Bahnen eingelenkt, die Leibniz beschritten.
-Daneben sind schließlich in den positiven Wissenschaften in vielen
-Fällen Gedanken wieder lebendig geworden, die in ihm zuerst als
-allgemeine Konzeptionen in ihren Anfängen entstanden waren. Das
-Prinzip der Erhaltung der Kraft ist das glänzendste, die Einlenkung
-naturwissenschaftlicher Hypothesen in eine idealistische Weltanschauung
-das interessanteste dieser Beispiele.
-
-Daß ein Gedankensystem, das nach so vielen Seiten mannigfache,
-weit über sein eigenes Zeitalter hinausreichende fruchtbare Ideen
-hervorbrachte, ein in sich folgerichtiges und widerspruchsloses sei,
-wäre auch dann unmöglich, wenn es nicht, wie das Leibnizsche, zumeist
-in zerstreuten und zu verschiedenen Zeiten entstandenen Bruchstücken
-überliefert, und wenn nicht sein Urheber allzu oft geneigt gewesen
-wäre, dem Standpunkt seiner Leser sich anzupassen. Aber auch davon
-abgesehen war es unvermeidlich, daß der allgemeine Charakter der
-Zeit in den Schriften ihres größten Sohnes seinen Ausdruck fand. So
-folgenreich, weit dieser Zeit vorausgreifend der Gedanke war, den
-neuen Idealismus auf den Grundlagen der mathematisch-physikalischen
-Forschung, dieser seiner früher wie später zumeist hartnäckigsten
-Gegnerin, zu errichten, so sah sich doch in den Gesetzen des geistigen
-Geschehens, die er als die universellen Weltgesetze nachzuweisen bemüht
-war, Leibniz auf die sein Zeitalter beherrschenden Gedanken angewiesen,
-und dies waren und blieben schließlich die logischen Denkgesetze. So
-wurden ihm einerseits die allgemeinen logischen Axiome, nach denen wir
-unsere Begriffe ordnen, anderseits die Zweckprinzipien, unter denen
-wir die Erscheinungen der Wirklichkeit zusammenfassen, zu objektiven
-Weltgesetzen. Aber woher nahm er, so kann man fragen, die Gewißheit,
-daß die Regeln unseres Denkens die Gesetze der Gegenstände selbst sind,
-und woraus schöpfte er die Überzeugung, daß diese allgemeinen Denk-
-und Zweckprinzipien die unendliche Mannigfaltigkeit des Wirklichen
-erschöpfen? Mag man zugeben, jenes Postulat der Übereinstimmung der
-Normen des Denkens mit den allgemeinen Bedingungen der Wirklichkeit
-sei ein notwendiges, weil auf ihm ebenso die subjektive Entstehung
-der Denkgesetze wie die Möglichkeit ihrer objektiven Geltung beruhen
-muß, so gehört doch die ganze Einseitigkeit des Intellektualismus
-dieser Zeit dazu, um auf die abstrakten Sätze der Identität und des
-Widerspruchs und auf ihre Ergänzung durch den »zureichenden Grund« die
-ungeheure Mannigfaltigkeit alles Seins und aller Erscheinung begründen
-zu wollen. Auch bilden hier die weiter hinzutretenden Zweckbegriffe
-um so weniger eine volle Ergänzung, als wiederum dahingestellt
-bleibt, ob solche Sätze wie der der Kontinuität oder der Erhaltung
-der Kraft wirklich ~a priori~ notwendig sind oder nicht doch erst der
-Bestätigung durch die Erfahrung bedürfen. So fruchtbar ferner jene
-zum erstenmal von Leibniz einleuchtend dargestellte, der späteren
-Kantischen Auffassung ohne Frage überlegene Scheidung der Begriffe
-Sein und Erscheinung auch sein mag, so hat ihn doch offenbar wieder
-diese Scheidung dazu verführt, auch die allgemeinen Prinzipien des
-Denkens und die auf sie gegründeten Wissenschaften in einen Gegensatz
-zu bringen, den die wissenschaftliche Logik nicht aufrechterhalten
-kann. Es ist der Gegensatz der im engeren Sinne logischen Prinzipien
-der Identität und des Widerspruchs und des nach Leibniz die
-Erscheinungswelt beherrschenden Satzes vom Grunde. Daß die ersteren
-auch für die Erscheinungen gelten, erkennt er selbst an. Dagegen sollen
-die apriorischen Gebiete von der Logik und Mathematik an bis herauf
-zur Moral und Metaphysik nur von den logischen Axiomen, nicht vom
-Prinzip des Grundes beherrscht werden. Und doch kann es keinem Zweifel
-unterliegen, daß die Verknüpfung nach Grund und Folge nicht minder eine
-unerläßliche Aufgabe der sogenannten apriorischen Gebiete ist, daher
-er denn auch des begrenzenden Beisatzes »zureichend« bedarf, um das
-Prinzip unzweideutig auf seine empirische Verwendung einzuschränken.
-So verdienstlich es daher war, daß er der sonst in dem Rationalismus
-der Zeit verbreiteten völligen Vermengung von Erkenntnisgrund und
-Ursache zu steuern suchte, so hat ihn doch gerade seine epochemachende
-Festlegung des Begriffs der »wohlbegründeten Erscheinung« dazu
-verführt, hier noch einmal eine jener scholastischen Gliederungen
-einzuführen, die er im Prinzip selbst schon überwunden hatte.
-
-Aber noch in einer andern Beziehung treten die verschiedenen
-grundlegenden Voraussetzungen seines Idealismus miteinander in
-Widerstreit. Die logischen, kausalen und finalen Grundsätze bilden
-nicht die einzige Basis seines Gedankensystems, sondern neben diesen
-alten, wenn auch in neuer Form zu einem Ganzen gefügten Grundlagen
-des Rationalismus tritt ein neues Motiv hervor, das eigentlich ganz
-jenseits der Sphäre der intellektualistischen Denkweise der Zeit liegt.
-Auch ist es direkt von ihm gar nicht mit ihnen in Beziehung gebracht
-worden, und es gehört deshalb um so mehr einer neuen Gedankenwelt
-an. Es ist merkwürdigerweise gerade die Monadologie, die diese
-fremdartigen, an sich der Starrheit der rationalistischen Prinzipien
-widerstreitenden Elemente enthält. In ihr wird unaufhörlich betont,
-daß Streben und Vorstellen in ihrer fortwährenden Tätigkeit das wahre
-Wesen der Dinge selbst seien. Hier tritt dem scharfsinnigen Logiker
-der tiefblickende Psychologe zur Seite. Aber diese Bestandteile
-seines Denkens sind nicht gegeneinander ausgeglichen, Rationalismus
-und Psychologismus durchkreuzen sich, und man kann zweifeln, welche
-dieser Seiten, die intellektuale oder die im tiefsten Grunde
-emotionale, die überwiegende gewesen sei. Jedenfalls ist die letztere
-später hervorgetreten, und es duldet keinen Zweifel, daß neben der
-unmittelbaren psychologischen Beobachtung die Dynamik, also wiederum
-die naturwissenschaftliche Betrachtung, ihn nach dieser Seite gedrängt
-hat. Gerade dadurch aber ist seine abschließende philosophische
-Schöpfung, die Monadologie, am allermeisten ein aus heterogenen
-und widerspruchsvollen Bestandteilen gemischtes System geworden.
-Die Monadologie unternimmt es, den Begriff der Substanz in seiner
-abstraktesten Form zu entwickeln, aber in Wirklichkeit führt sie ihn
-in das Prinzip einer reinen Aktualität über, das den vollen Gegensatz
-zur beharrenden Substanz bildet. Sie will eine apriorische, also auf
-die allgemeinen logischen Axiome gegründete metaphysische Wissenschaft
-sein, und in Wirklichkeit ist sie doch unter allen spekulativen
-Systemen dieses Zeitalters dasjenige, das die rationalistischen
-Motive am meisten zurückdrängt, um an ihrer Stelle das unmittelbare
-seelische Erleben zum Urbild alles geistigen wie kosmischen Geschehens
-zu erheben. Dieser Wendung entspricht es, wenn schließlich nicht
-die Weltvernunft, sondern die Weltharmonie, also im Grunde eine
-ethisch-ästhetische Idee als der letzte Inhalt des Gottesbegriffs
-erscheint.
-
-In diesem Lichte gesehen gewinnt nun auch die von Leibniz unternommene
-Erneuerung der scholastischen Gottesbeweise eine wesentlich veränderte
-Bedeutung. Wir alle stehen heute noch unter dem Eindruck der Kritik,
-die Kant an diesen Beweisen geübt hat. Wenn dieser zeigte, daß die
-Möglichkeit eines Wesens noch nicht seine Wirklichkeit beweist, so wird
-dem niemand mehr widersprechen wollen, und wenn er weiterhin ausführte,
-daß der kosmologische und der teleologische Gottesbeweis nur besondere
-Anwendungen dieses ontologischen seien, so ist auch dieser Bemerkung
-unbedingt zuzustimmen. Denn auch bei ihnen handelt es sich um die
-Umwandlung einer möglichen in eine wirkliche Weltursache und eines
-möglichen in einen wirklichen Weltordner. In Wahrheit gewinnen aber
-die drei Beweise durch die Hinzunahme des Leibnizschen Prinzips der
-Anwendung verschiedener Standpunkte der Betrachtung auf den gleichen
-Gedankeninhalt einen andern Sinn. Es handelt sich bei ihnen überhaupt
-nicht um Beweise, sondern um die Betrachtung philosophischer Begriffe
-unter religiösen Gesichtspunkten. Wenn Leibniz sein Weltprinzip
-»~Harmonia universalis id est Deus~« nennt, so soll die Harmonie
-kein Beweis für das Dasein Gottes sein, sondern Harmonie und Gott
-sind nur verschiedene Ausdrücke für ein und dieselbe Sache. Harmonie
-ist der philosophische Begriff, Gott die ihm entsprechende religiöse
-Vorstellung. In dieser Bedeutung bleibt aber die Gottesidee bestehen,
-trotz der Kantischen Widerlegung des ontologischen Beweises. Nicht
-anders verhält es sich mit dem kosmologischen Beweis. Die Harmonie als
-Einheit aller Weltursachen gedacht ist das philosophische Prinzip, der
-Weltschöpfer die dem religiösen Gemüt sich aufdrängende persönliche
-Vorstellung dieser Ursache. Endlich die Harmonie als zweckvolle
-Ordnung des Universums ist der teleologische Begriff, unter dem die
-Philosophie auf Grund des inneren Zusammenhangs der Naturgesetze
-und der Geistesgesetze die Welt denken muß, ein weltordnender Gott
-ist die Vorstellung, in die die Religion diesen Begriff kleidet. Im
-Hinblick hierauf darf man wohl zweifeln, ob die Beibehaltung der drei
-Gestaltungen der Gottesidee in dieser dem Prinzip der Einheit von
-philosophischer und religiöser Weltbetrachtung entsprechenden Form
-die tiefere und befriedigendere sei, oder die Kantische Beschränkung
-auf den sogenannten moralischen Gottesbeweis, die sich auf einen Teil
-der Weltordnung beschränkt, für diesen aber an dem scholastischen
-Prinzip des logischen Beweises festhält. Wenn übrigens Kant nebenbei
-den sittlichen Imperativ eine »Erkenntnis aller unserer Pflichten
-als göttlicher Gebote« nennt, so ist es augenfällig, daß er damit
-für dieses besondere Gebiet zu dem gleichen Prinzip der doppelten
-Betrachtung zurückkehrt, dessen sich Leibniz zuerst bedient hatte. In
-Wahrheit ist es die einzige Form, in der Wissenschaft und Religion
-nebeneinander bestehen können, weil es die einzige ist, in der
-weder die Religion in die Geschäfte der Wissenschaft noch diese in
-die Bedürfnisse jener sich einmischt. Hier besteht aber der Wert
-der drei alten in die sogenannten Gottesbeweise gekleideten Formen
-der Gottesidee darin, daß sie sich auf die letzten Grundlagen des
-religiösen Glaubens beziehen, in denen sie nichts anderes als
-Grundlagen der Wissenschaft selbst in ihrer dem religiösen Bewußtsein
-adäquaten Form sind. Auch Leibniz hat allerdings ebenso wie später Kant
-dem Zeitalter seinen Tribut gezollt, indem er weit über die durch seine
-Deutung der Gottesbeweise gezogenen Grenzen hinaus die dogmatischen
-Inhalte der verschiedenen christlichen Religionen zu rechtfertigen
-unternahm. Hätte er sich dieser Ausschreitungen enthalten, so würde
-freilich seine Theodizee ungeschrieben geblieben sein.
-
-
-
-
-Anmerkungen.
-
-
-I. S. 4. Vgl. hierzu den Kritischen Exkurs G. E. Guhrauers in der
-Beilage zu Bd. 1 seiner Ausgabe von Leibniz' Deutschen Schriften. 1839.
-S. 5. Am ehesten darf wohl unter den Vertretern der Einzelgebiete,
-neben einigen Mathematikern, den Juristen nachgerühmt werden, daß
-einzelne Gelehrte begonnen haben, sich eindringender mit Leibniz zu
-beschäftigen. Vgl. besonders Gustav Hartmann, Leibniz als Jurist und
-Rechtsphilosoph. 1892. S. 8. Die Schriften zur Vereinheitlichung des
-Bücherwesens (1668) bei K. Prantl. Art. Leibniz in der Allg. deutschen
-Biographie. Daß der Plan der Konzentration des gesamten deutschen
-Buchhandels in einer einzigen Stadt und der andere der Herausgabe eines
-Halbjahrskatalogs sämtlicher erschienener Schriften zusammen dasselbe
-bezweckten, was durch die vor kurzem begründete »Deutsche Bücherei«
-in Leipzig erstrebt wird, ist einleuchtend. Wenn L. Mainz als Ort
-dieser enzyklopädischen Vereinigung vorschlug, so meinte er vielleicht,
-für den Ursprungsort der Buchdruckerkunst am ehesten die maßgebenden
-Persönlichkeiten gewinnen zu können. Außerdem hatte er in der gleichen
-Zeit bereits Beziehungen zu Mainz angeknüpft, die ihm die Aussicht
-eröffneten, hier selbst seinen dauernden Wohnsitz zu nehmen. S. 9. Die
-politischen Schriften finden sich am vollständigsten in der Ausgabe
-von Onno Klopp. 1864--66, die wichtigeren nebst den juristischen
-bei Dutens, ~Opera omnia, Tom. IV.~ 1768. Ausführlich behandelt die
-politische und sonstige öffentliche Tätigkeit L.' Edmund Pfleiderer in
-seinem Werk: Leibniz als Patriot, Staatsmann und Bildungsträger. 1870.
-Ich wundere mich, daß noch niemand auf den Gedanken gekommen ist, den
-»~Mars christianissimus~«, mit den nötigen historischen Bemerkungen
-versehen, ins Deutsche zu übertragen. S. 11. Der theologische
-Briefwechsel, der für die Unionsbestrebungen von besonderem Interesse
-ist, findet sich in ~Tom. I~ der Werke von Dutens.
-
-II. S. 22. Über Leibniz' Beziehungen zu Erhard Weigel vgl. Brucker
-~Vita Leibnitii, p. LXI~, Dutens, ~Tom. 1~. Einen kurzen Auszug aus
-Weigels Hauptschriften gibt F. Bartholomäi, Zeitschr. f. exakte Philos.
-Bd. 9, 250. Über Raimund Lull vgl. K. Prantl, Geschichte der Logik,
-III, 145. S. 26. J. E. Erdmann, ~Leibnitii opera philos.~, Nr. XVIII
-(~Fundamenta Calculi ratiocinatoris~). Als modernes Gegenbeispiel
-vgl. das Werk von G. Boole, ~The Laws of thought~, 1854. S. 27.
-~Dissertatio de Arte combinatoria~, Leibnizens Mathem. Schriften von
-Gerhardt, Bd. 1. Weitere Fragmente zur ~Characteristica universalis~
-Gerhardt, L.' Philos. Schriften, Bd. 7, 215. S. 28. ~De Quadratura
-arithmetica Circuli etc.~, Math. Schriften, Bd. 1, 80. Hauptschriften
-zur ~Analysis Infinitesimorum~ ebenda, 229. Dazu der Briefwechsel mit
-Joh. und Jac. Bernoulli, ebenda, Bd. 3, Abt. 1 und 2. Äußerungen L.'
-aus späterer Zeit (1712) zum Begriff des unendlich Kleinen im Sinne der
-Relativitätstheorie, ebenda 387. Vgl. dazu meine Logik II^3 241 ff.
-Eine Anzahl der wichtigeren mathematischen Schriften sowie der Briefe
-haben mit Recht Buchenau und Cassirer auch in ihre Sammlung von L.'
-ausgewählten Schriften in deutscher Übersetzung (Bd. 1 und 2) in der
-Kirchmannschen Bibliothek aufgenommen. S. 39 ff. ~Hypothesis physica
-nova.~ 1671. Gerhardt, Math. Schriften, Bd. 2. Philos. Schriften, Bd.
-4. (~Theoria Motus abstracti~, 61). ~De Causis gravitatis~, Math.
-Schriften, Bd. 2, 193. ~De Legibus Naturae~, 204. Als abschließende
-Schriften zur Dynamik: ~Essay de Dynamique~, 215. ~Specimen dynamicum
-pars I et II~, 234. ~Dynamica~, 284. Zur Geschichte der L.'schen
-Dynamik vgl. meine Schrift über die »Physikalischen Axiome« (1866), 2.
-Aufl. u. d. T.: »Die Prinzipien der mechanischen Naturlehre«, 1910. S.
-53. Zur Entwicklungstheorie: ~Principes de la Nature et de la Grace~,
-14. Briefe bei Dutens, ~Tom. II~, 32, 84, 330. Buchenau-Cassirer, L.'
-Hauptschr. II, 63, 74. S. 57. L.' Psychologie: ~Hypothesis physica
-nova~, Math. Werke, Bd. 2. S. 67. Über die Ramisten in Deutschland:
-Stintzing, Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft, Bd. 1, 145.
-S. 70. Über Pufendorf und sein Verhältnis zu Leibniz, Landsberg
-(Stintzing), ebenda, Abt. III, 1. Der ~Caesarinus Fuerstenerius~
-vereinigt wohl mit seinen andern Tendenzen auch die einer Gegenschrift
-gegen die vernichtende Kritik, die Pufendorf in einer pseudonymen
-Schrift an der Verfassung des deutschen Reichs geübt hatte. Vor
-allem hat aber die Gegnerschaft gegen P.s einseitige Betonung der
-Rechtsidee für Leibniz die Anregung zu seiner für die folgende Ethik
-epochemachenden Pflichtmoral gegeben. Wenn die abfällige Beurteilung
-des individualistischen Naturrechts eines Hobbes und Pufendorf den
-springenden Punkt in den rechtsphilosophischen Schriften bildet, so
-ist es übrigens nicht das Naturrecht überhaupt, gegen das er sich
-wendet, sondern auch ihm steht über allem positiven und historischen
-ein natürliches Recht, als notwendige Voraussetzung und Ergänzung des
-ersteren im Sinne seiner Definition der Gerechtigkeit als der durch die
-Pietas vermittelten »Einheit von Güte und Weisheit«. Bezeichnend für
-diese neue, erst in weit späterer Zeit ihre Früchte tragende Richtung
-des Naturrechts ist es, daß er die noch lange bei seinen Nachfolgern
-herrschende Vertragstheorie bereits gänzlich aus dem Naturrecht
-beseitigen will. So bilden überhaupt das Streben nach exakter
-Behandlung der Probleme und nach ethischer Begründung der allgemeinen
-Rechtsbegriffe, daneben die Verbindung geschichtlicher und logischer
-Betrachtung die hervorstechenden Züge der juristischen Arbeiten. Ein
-interessantes Beispiel dafür, wie er sich die mathematische Behandlung
-juristischer Probleme dachte, bietet eine unter den Manuskripten
-gefundene »~Meditatio juridico-mathematica~« über Zinseszinsrechnung
-und Rabatt (Mathem. Werke, Bd. 3, 125). Die für die ethische Begründung
-des Rechts bedeutsamsten Arbeiten sind die beiden Dissertationen zum
-Völkerrecht, Dutens ~Tom. IV, Pars III~, 287. Dazu die ~Observationes
-de Principiis Juris~, ebenda, 270. Diese Schriften sollten in keiner
-Ausgabe der philosophischen Werke fehlen, sie fehlen aber durchgehends.
-Gerhardt hat dagegen in Bd. 7 seiner Ausgabe, 73, eine Sammlung von
-Definitionen moralischer Begriffe veröffentlicht, mit ihnen zum Teil
-übereinstimmende Guhrauer in Leibniz' deutschen Schriften. Sie sind
-ausgeprägt eudämonistisch und rationalistisch gehalten und könnten
-ebensogut von Christian Wolff oder einem andern der späteren Aufklärer
-geschrieben sein. Leibniz' wirkliche Ethik ist eben nicht diesen
-schulmäßigen Definitionen im Stil der Zeit zu entnehmen, sondern den
-rechtsphilosophischen Ausführungen zum Kodex des Völkerrechts.
-
-III. S. 75. J. Jasper hat in seiner Dissert. Leibniz und die Scholastik
-(Münster i. W. 1898/99) eine Zusammenstellung zahlreicher Urteile L.'
-über die Scholastik gesammelt. Sie bilden äußerlich betrachtet ein
-ziemlich buntes Gemisch ablehnender und anerkennender Aussprüche.
-Wenn man die Zeiten, denen sie angehören, und die Fragen, auf die sie
-sich beziehen, beachtet, so entsprechen sie aber wohl ziemlich treu
-dem im Text angegebenen Verhältnis. S. 79. Zur Orientierung über die
-Entwicklung des Leibnizschen Idealismus mag folgende chronologische
-Aufzählung der wichtigeren hierher gehörigen Schriften dienen:
-~Hypothesis physica nova.~ 1671. ~Specimen dynamicum.~ ~Essay de
-dynamique.~ ~Dynamica.~ 1685--89. ~De motuum coelestium causis.~
-1689. ~De primae philosophiae emendatione et notione substantiae.~
-1694. ~Nouveaux Essais sur l'entendement humain.~ (Um 1704.) ~Essai
-de Théodicée.~ 1710. Monadologie. 1714. ~Principes de la nature et de
-la grâce.~ 1714. Aus dieser Chronologie erkennt man unmittelbar eine
-Entwicklung, die im wesentlichen in drei Perioden verläuft: einer
-naturphilosophischen, einer erkenntnistheoretisch-psychologischen,
-einer metaphysisch-ethischen. Unter den Briefen sind nach der Seite
-der Naturphilosophie vornehmlich der Briefwechsel mit den Cartesianern
-(Gerhardt, Phil. Schriften. Bd. 4) beachtenswert, für die Metaphysik
-und Theologie der mit Bayle und dem Pater Des Bosses (ebenda, Bd.
-2). Zu S. 112. ~Observationes de principio juris.~ Dutens ~Op.
-Tom. IV, P. III~, 270. ~De Actorum publicorum Usu etc.~ 287. S.
-114. An die theologischen Schriften schließt sich der umfangreiche
-Briefwechsel in Sachen der Reunion der beiden Kirchen und der Union
-der protestantischen Konfessionen bei Dutens, ~Tom. I.~ Mit welcher
-Vorsicht übrigens der theologische Briefwechsel benutzt werden muß,
-dafür legt, wie ich glaube, das Buch von Ed. Dillmann, Eine neue
-Darstellung der Monadenlehre, 1891, ein beredtes Zeugnis ab. Der
-Verf. hat unleugbar mit großem Scharfsinn aus der in den Briefen
-an katholische Theologen, besonders an Des Bosses, entwickelten
-Hilfshypothese über das »~Vinculum substantiale~« zur Erklärung des
-Wunders der Transsubstantiation eine Auffassung der Monadologie
-entwickelt, die jenen Begriff eigentlich zur Grundlage des ganzen
-Systems macht. Immerhin kann die Möglichkeit einer solchen Umdeutung
-zugleich als eine Art Bestätigung der oben gemachten Bemerkung dienen,
-daß die Monadologie für Leibniz selbst keineswegs das dogmatische
-System gewesen ist, für das man sie zu nehmen pflegt. Das ausführliche
-Werk von A. Pichler, Die Theologie des Leibniz, 2 Bde. 1869--70, ist
-für das Thema selbst wenig ergiebig, da die Zeiten und Anlässe, denen
-L.' Äußerungen angehören, wohl allzuwenig beachtet sind, wie denn auch
-der Verf. durch die Rücksicht auf die kirchlichen Parteiungen seiner
-eigenen Zeit vielleicht allzu sehr beeinflußt ist.
-
-
-
-
-Alfred Kröner Verlag in Leipzig
-
-
-Schriften von Wilhelm Wundt
-
- =Über die Aufgabe der Philosophie in der Gegenwart.=
- Rede, gehalten zum Antritt des öffentl. Lehramtes der
- Philosophie an der Hochschule in Zürich, am 31. Okt.
- 1874. gr. 8.
-
- ℳ --.60.
-
- =Über den Einfluß der Philosophie= auf die
- Erfahrungswissenschaften. Akademische Antrittsrede,
- gehalten zu Leipzig, am 20. November 1875. gr. 8.
-
- ℳ --.60.
-
- =Der Spiritismus=, eine sogenannte wissenschaftliche
- Frage. Offener Brief an Herrn Prof. Hermann Ulrici in
- Halle. gr. 8.
-
- ℳ --.50.
-
- =Essays.= Zweite Auflage. Mit Zusätzen u. Anmerk. gr. 8.
-
- ℳ 9.--;
- in Leinen geb. ℳ 10.50;
- in Halbfranz geb. ℳ 12.--.
-
- =Zur Moral der literarischen Kritik.= Eine
- moralphilosophische Streitschrift. gr. 8.
-
- ℳ 1.20.
-
- =System der Philosophie.= Dritte, umgearbeitete
- Auflage. 2 Bde. gr. 8.
-
- ℳ 14.--;
- in 2 Leinenbänden ℳ 16.--;
- in 1 Halbfranzband ℳ 17.--.
-
- =Hypnotismus und Suggestion.= Zweite, durchgesehene
- Auflage. 8.
-
- ℳ 1.40;
- in Leinen geb. ℳ 2.15.
-
- =Gustav Theodor Fechner.= Rede zur Feier seines
- hundertjährigen Geburtstages. Mit Beilagen und einer
- Abbildung des Fechner-Denkmals. 8.
-
- ℳ 2.--.
-
- =Sprachgeschichte und Sprachpsychologie.= Mit Rücksicht
- auf B. Delbrücks Grundfragen der Sprachforschung. gr.
- 8.
-
- ℳ 2.--.
-
- =Grundzüge der physiologischen Psychologie.= _Erster
- Band_: Sechste, umgearbeitete Auflage. Mit 161
- Figuren sowie Sach- und Namenregister. gr. 8.
-
- ℳ 13.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 16.--.
-
- -- -- _Zweiter Band_: Sechste, umgearbeitete Auflage.
- Mit 167 Figuren sowie Sach- und Namenregister. gr. 8.
-
- ℳ 15.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 18.--.
-
- -- -- _Dritter Band_: Sechste, umgearbeitete Auflage.
- Mit 71 Figuren sowie Sach- und Namenregister. gr. 8.
-
- ℳ 16.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 19.--.
-
- =Naturwissenschaft und Psychologie.= Zweite Auflage.
- Sonderausgabe des Schlußabschnitts zur sechsten
- Auflage der physiologischen Psychologie. gr. 8.
-
- ℳ 2.40;
- in Leinen geb. ℳ 2.90.
-
- =Festrede zur fünfhundertjährigen Jubelfeier der
- Universität Leipzig.= Mit einem Anhang: Die Leipziger
- Immatrikulationen und die Organisation der alten
- Hochschule. 8.
-
- ℳ 1.50.
-
- =Grundriß der Psychologie.= Zwölfte Auflage. Mit 23
- Figuren. gr. 8.
-
- ℳ 7.--;
- in Leinen geb. ℳ 8.--.
-
- =Völkerpsychologie.= Eine Untersuchung der
- Entwicklungsgesetze von Sprache, Mythus und Sitte.
- _Erster Band: Die Sprache. Erster Teil._ Dritte,
- neubearbeitete Auflage. Mit 40 Abbildungen. gr. 8.
-
- ℳ 14.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 17.--.
-
-
- -- _Zweiter Band: Die Sprache. Zweiter Teil._ Dritte,
- neubearbeitete Auflage. Mit 6 Abbildungen. gr. 8.
-
- ℳ 13.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 16.--.
-
- -- _Dritter Band: Die Kunst._ Zweite, neubearbeitete
- Auflage. Mit 59 Abbildungen. gr. 8.
-
- ℳ 12.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 15.--.
-
- -- _Vierter Band: Mythus und Religion. Erster Teil._
- Zweite, neubearbeitete Auflage. Mit 8 Abbildungen.
- gr. 8.
-
- ℳ 13.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 16.--.
-
- -- _Fünfter Band: Mythus und Religion. Zweiter Teil._
- Zweite, neubearbeitete Auflage. gr. 8.
-
- ℳ 11.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 14.--.
-
- -- _Sechster Band: Mythus und Religion. Dritter Teil._
- Zweite, neubearbeitete Auflage. gr. 8.
-
- ℳ 12.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 15.--.
-
- -- _Siebenter Band: Die Gesellschaft. Erster Teil._ gr. 8.
-
- ℳ 11.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 14.--.
-
-
- -- _Achter Band: Die Gesellschaft. Zweiter Teil._ gr. 8.
-
- ℳ 9.--;
- in Halbfranz geb. ℳ 12.--.
-
- =Kleine Schriften.= 2 Bände. 8.
-
- ℳ 26.--;
- in Leinen geb. ℳ 28.40.
-
- =Einleitung in die Philosophie.= Sechste Auflage. 8.
-
- ℳ 8.--;
- in Leinen geb. ℳ 9.--.
-
- =Elemente der Völkerpsychologie.= _Grundlinien
- einer psychologischen Entwicklungsgeschichte der
- Menschheit._ Zweite Auflage. gr. 8.
-
- ℳ 12.--;
- in Leinen geb. ℳ 14.--.
-
- =Reden und Aufsätze.= Zweite Auflage. 8.
-
- ℳ 7.--;
- in Leinen geb. ℳ 8.--.
-
- =Die Psychologie im Kampf ums Dasein.= Zweite Auflage. 8.
-
- ℳ 1.--.
-
- =Sinnliche und übersinnliche Welt.= 8.
-
- ℳ 8.--;
- in Leinen geb. ℳ 9.--.
-
- =Über den wahrhaften Krieg.= Rede, gehalten in der
- Alberthalle zu Leipzig am 10. September 1914. kl. 8.
-
- ℳ --.50.
-
- =Die Nationen und ihre Philosophie.= Ein Kapitel zum
- Weltkrieg. Zweite Auflage. 8.
-
- ℳ 3.--;
- in Leinen geb. ℳ 4.--.
-
- -- " -- Taschenausgabe
-
- in Leinen geb. ℳ 1.20.
-
- =Leibniz.= Zu seinem zweihundertjährigen Todestag. 8.
-
- ℳ 3.--;
- in Leinen geb. ℳ 4.--.
-
-
-Friedrich Nietzsches Werke
-
-Taschen-Ausgabe
-
-=11 Bände.= In Leinwand gebunden 55 Mark.
-
-
- Band I. Homer-Rede. =Die Geburt der Tragödie.=
- Der griechische Staat. Das griechische Weib.
- Musik und Wort. Homers Wettkampf. Zukunft
- unserer Bildungsanstalten. Das Verhältnis der
- Schopenhauerschen Philosophie zu einer deutschen
- Kultur. Philosophie im tragischen Zeitalter der
- Griechen. Über Wahrheit und Lüge.
-
- Band II. =Unzeitgemäße Betrachtungen.= Aus dem Nachlaß
- (1874/75).
-
- Band III. =Menschliches, Allzumenschliches I.= Aus dem
- Nachlaß (1874/77).
-
- Band IV. =Menschliches, Allzumenschliches II.=
- Vermischte Meinungen und Sprüche. Der Wanderer und
- sein Schatten. Aus dem Nachlaß (1877/79).
-
- Band V. =Morgenröthe.= Aus dem Nachlaß (1880/86).
-
- Band VI. Die ewige Wiederkunft. =Die fröhliche
- Wissenschaft.= Lieder des Prinzen Vogelfrei. Aus dem
- Nachlaß. Dichtungen (1871/88).
-
- Band VII. =Also sprach Zarathustra.= Aus dem Nachlaß
- (1882/85).
-
- Band VIII. =Jenseits von Gut und Böse.= =Genealogie der
- Moral.= Aus dem Nachlaß (1885/86).
-
- Band IX. =Der Wille zur Macht.= Versuch einer
- Umwerthung aller Werthe (1884/88).
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- Band X. =Der Wille zur Macht= (Fortsetzung).
- =Götzen-Dämmerung.= =Der Antichrist.=
- =Dionysos-Dithyramben= (1884/88).
-
- Band XI. Aus dem Nachlaß (1883/88). =Der Fall Wagner.=
- =Nietzsche contra Wagner.= =~Ecce homo.~=
-
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-Friedrich Nietzsche
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-Neue, billigere Miniatur-Ausgaben
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-Also sprach Zarathustra
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- Geheftet ℳ 5.--.
- In Leinen gebunden ℳ 6.--.
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-Gedichte und Sprüche
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- Geheftet ℳ 3.--.
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-Schriften von Ernst Haeckel
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- =Die Welträtsel.= Gemeinverständliche Studien über
- monistische Philosophie. 10. Auflage
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- ℳ 8.--;
- gebunden ℳ 9.--.
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- =Die Welträtsel.= Volksausgabe
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- kartoniert ℳ 1.20.
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- =Die Welträtsel.= Taschenausgabe
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- gebunden ℳ 1.20.
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- =Die Lebenswunder.= Gemeinverständliche Studien über
- biologische Philosophie. Ergänzungsband zu dem Buche
- über die Welträtsel. 4. Auflage
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- ℳ 8.--;
- gebunden ℳ 9.--.
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- =Die Lebenswunder.= Volksausgabe
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- kartoniert ℳ 1.20.
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- =Gott-Natur= (Theophysis) Studien über monistische
- Religion. 2. Auflage
-
- ℳ 1.--.
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- =Gemeinverständliche Vorträge und Abhandlungen aus dem
- Gebiete der Entwicklungslehre.= 2 Auflage. 2 Bände
- mit 81 Abbildungen im Text und 2 Tafeln in Farbendruck
-
- ℳ 12.--;
- gebunden ℳ 13.50.
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- =Aus Insulinde.= Malayische Reisebriefe. 2. Auflage.
- Mit 72 Abbildungen, 4 Karten und 8 Einschaltbildern
-
- gebunden ℳ 6.--.
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- =Arbeitsteilung in Natur und Menschenleben=
-
- ℳ 1.--.
-
- =Der Monismus als Band zwischen Religion und
- Wissenschaft.= Glaubensbekenntnis eines
- Naturforschers. Altenburger Vortrag. 15. Auflage
-
- ℳ 1.--.
-
- =Freie Wissenschaft und freie Lehre.= Eine Entgegnung
- auf Rudolf Virchows Münchener Rede über »Die Freiheit
- der Wissenschaft im modernen Staat«. 2. Auflage
-
- ℳ 1.60.
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- =Das Protistenreich.= Eine populäre Übersicht über
- das Formengebiet der niedersten Lebewesen. Mit 58
- Abbildungen
-
- ℳ 2.--.
-
- =Über den Ursprung des Menschen.= Cambridge Vortrag.
- 12. Aufl.
-
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- ℳ 1.--.
-
- =Das Weltbild von Darwin und Lamarck.= 2. Auflage
-
- ℳ 1.--.
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- =Zellseelen und Seelenzellen.= (Concordia)
-
- ℳ 1.--.
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-
-Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
-
-
-
-
-[Illustration: =KVA=]
-
-[Illustration: =KVA=]
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-Kröners Volksausgabe
-
-Jeder Band kartoniert 1 Mark 20 Pf.
-
-
- Die Entstehung der Arten
-
- Von =Charles Darwin=
-
-
- Abstammung des Menschen
-
- Von =Charles Darwin=
-
-
- Geschlechtliche Zuchtwahl
-
- Von =Charles Darwin=
-
-
- Reise um die Welt
-
- Von =Charles Darwin=
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-
- Wesen des Christentums
-
- Von =Ludwig Feuerbach=
-
-
- Das Wesen der Religion
-
- Von =Ludwig Feuerbach=
-
-
- Die Welträtsel
-
- Von =Ernst Haeckel=
-
-
- Die Lebenswunder
-
- Von =Ernst Haeckel=
-
-
- Philosophie des Unbewußten
-
- Von =Eduard von Hartmann=
-
-
- Über den Verstand
-
- Von =David Hume=
-
-
- Kritik der reinen Vernunft
-
- Von =Immanuel Kant=
-
-
- Zoologische Philosophie
-
- Von =Jean Lamarck=
-
-
- Die Arbeiterfrage
-
- Von =F. A. Lange=
-
-
- Geschichte des Materialismus
-
- Von =F. A. Lange=
-
-
- Emil oder Über die Erziehung
-
- Von =J. J. Rousseau=
-
-
- Aphorismen z. Lebensweisheit
-
- Von =Arthur Schopenhauer=
-
-
- Welt als Wille u. Vorstellung
-
- Von =Arthur Schopenhauer=
-
-
- Der Reichtum der Nationen
-
- Von =Adam Smith=
-
-
- Die Ethik
-
- Von =Baruch Spinoza=
-
-
- Voltaire
-
- Von =David Friedrich Strauß=
-
-
- Das Leben Jesu
-
- Von =David Friedrich Strauß=
-
-
- Der alte und der neue Glaube
-
- Von =David Friedrich Strauß=
-
-
-Alfred Kröner Verlag in Leipzig
-
-
-
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-[Illustration: =KTA=]
-
-[Illustration: =KTA=]
-
-Kröners Taschenausgabe
-
-Jedes Bändchen gebunden 1 Mark 20 Pf.
-
-
- Der moderne Mensch
-
- Von =B. Carneri=
-
-
- Handbüchlein der Moral
-
- Von =Epiktet=
-
-
- Epikurs Philosophie
-
- der Lebensfreude
-
-
- Die vier Evangelien
-
- Deutsch von =Heinrich Schmidt=
-
-
- Goethes Faust
-
- Erster und zweiter Teil
-
-
- Gracians Handorakel
-
- und Kunst der Weltklugheit
-
-
- Die Welträtsel
-
- Von =Ernst Haeckel=
-
-
- Die italienische Renaissance
-
- Von =K. P. Hasse=
-
-
- Die deutsche Dichtung
-
- Von =Karl Heinemann=
-
-
- Dichtung der Griechen
-
- Von =Karl Heinemann=
-
-
- Dichtung der Römer
-
- Von =Karl Heinemann=
-
-
- Selbstbetrachtungen
-
- Von =Mark Aurel=
-
-
- Philosophisches Wörterbuch
-
- Von =Heinrich Schmidt=
-
-
- Vom glückseligen Leben
-
- Von =Seneca=
-
-
- Der Charakter
-
- Von =Samuel Smiles=
-
-
- Die Erziehung
-
- Von =Herbert Spencer=
-
-
- Die Nationen und ihre Philosophie
-
- Von =Wilhelm Wundt=
-
-
-Alfred Kröner Verlag in Leipzig
-
-
-
-
-Alfred Kröner Verlag in Leipzig
-
-
-Elemente der Völkerpsychologie
-
-Grundlinien einer psychologischen Entwicklungsgeschichte der Menschheit
-
-Von
-
-Wilhelm Wundt
-
-Zweite Auflage. Geheftet 12 Mark. Gebunden 14 Mark
-
-Inhalt:
-
- =Einleitung.= Geschichte und Aufgabe der
- Völkerpsychologie. Ihr Verhältnis zur Völkerkunde.
- Analytische und synthetische Darstellung.
- Die Völkerpsychologie als psychologische
- Entwicklungsgeschichte der Menschheit. Einteilung in
- vier Hauptperioden.
-
-Erstes Kapitel. Der primitive Mensch.
-
- 1. Die Entdeckung des primitiven Menschen. 2. Die
- äußere Kultur des primitiven Menschen. 3. Der
- Ursprung der Ehe und der Familie. 4. Die primitive
- Gesellschaft. 5. Die Anfänge der Sprache. 6. Das
- Denken des primitiven Menschen. 7. Die Urformen
- des Zauber- und Dämonenglaubens. 8. Die Anfänge
- der Kunst. 9. Die intellektuellen und moralischen
- Eigenschaften des Primitiven.
-
-Zweites Kapitel. Das totemistische Zeitalter.
-
- 1. Allgemeiner Charakter des Totemismus. 2. Die
- Kulturkreise des totemistischen Zeitalters. 3. Die
- totemistische Stammesgliederung. 4. Die Entstehung
- der Exogamie. 5. Die Formen der Eheschließung. 6.
- Die Ursachen der totemistischen Exogamie. 7. Die
- Formen der Polygamie. 8. Die Entwicklungsformen
- des Totemglaubens. 9. Der Ursprung der
- Totemvorstellungen. 10. Die Tabugesetze. 11. Der
- Seelenglaube im totemistischen Zeitalter. 12. Der
- Ursprung des Fetisch. 13. Tierahne und menschlicher
- Ahne. 14. Die totemistischen Kulte. 15. Die Kunst des
- totemistischen Zeitalters.
-
-Drittes Kapitel. Das Zeitalter der Helden und Götter.
-
- 1. Allgemeiner Charakter des Heldenzeitalters. 2.
- Die äußere Kultur des Heldenzeitalters. 3. Die
- Entwicklung der politischen Gesellschaft 4. Die
- Familie innerhalb der politischen Gesellschaft.
- 5. Die Ständescheidung. 6. Die Berufsscheidung.
- 7. Der Ursprung der Städte. 8. Die Anfänge der
- Rechtsordnung. 9. Die Entwicklung des Strafrechts.
- 10. Die Sonderung der Rechtsgebiete. 11. Die
- Entstehung der Götter. 12. Die Heldensage. 13.
- Die kosmogonischen und theogonischen Mythen. 14.
- Der Seelenglaube und die jenseitige Welt. 15.
- Der Ursprung der Götterkulte. 16. Die Formen der
- Kulthandlungen. 17. Die Kunst des Heldenzeitalters.
-
-Viertes Kapitel. Die Entwicklung zur Humanität.
-
- 1. Der Begriff der Humanität 2. Die Weltreiche. 3.
- Die Weltkultur. 4. Die Weltreligionen. 5. Die
- Weltgeschichte.
-
-
-Zu beziehen durch alle Buchhandlungen
-
-
-Metzger & Wittig, Leipzig.
-
-
-
-
- Weitere Anmerkungen zur Transkription
-
-
- Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
- Unterschiedliche Schreibweisen, insbesondere der lateinischen
- Werkbezeichnungen, wurden beibehalten.
-
- Die vorderen Werbeseiten wurden ans Buchende verschoben.
-
- Korrekturen:
-
- S. 27: überkommen → übernommen
- hatte die Scholastik aus dem Altertum {übernommen}
-
- S. 40: Diagramm wurde gedreht
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Leibniz, by Wilhelm Wundt
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK LEIBNIZ ***
-
-***** This file should be named 60879-0.txt or 60879-0.zip *****
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- http://www.gutenberg.org/6/0/8/7/60879/
-
-Produced by The Online Distributed Proofreading Team at
-http://www.pgdp.net
-
-
-Updated editions will replace the previous one--the old editions
-will be renamed.
-
-Creating the works from public domain print editions means that no
-one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
-(and you!) can copy and distribute it in the United States without
-permission and without paying copyright royalties. Special rules,
-set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
-copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
-protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
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-charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
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-redistribution.
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-
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-
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-used on or associated in any way with an electronic work by people who
-agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
-things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
-even without complying with the full terms of this agreement. See
-paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
-Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
-and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
-works. See paragraph 1.E below.
-
-1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
-or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
-Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
-collection are in the public domain in the United States. If an
-individual work is in the public domain in the United States and you are
-located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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-works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
-are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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-through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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-1.E.9.
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-1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
-with the permission of the copyright holder, your use and distribution
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-terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
-to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
-permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
-
-1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
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-work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
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-electronic work, or any part of this electronic work, without
-prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
-active links or immediate access to the full terms of the Project
-Gutenberg-tm License.
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-1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
-compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
-word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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-"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
-posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
-you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
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