diff options
| -rw-r--r-- | .gitattributes | 4 | ||||
| -rw-r--r-- | LICENSE.txt | 11 | ||||
| -rw-r--r-- | README.md | 2 | ||||
| -rw-r--r-- | old/62481-0.txt | 5720 | ||||
| -rw-r--r-- | old/62481-0.zip | bin | 133074 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/62481-h.zip | bin | 197949 -> 0 bytes | |||
| -rw-r--r-- | old/62481-h/62481-h.htm | 7401 | ||||
| -rw-r--r-- | old/62481-h/images/cover.jpg | bin | 62352 -> 0 bytes |
8 files changed, 17 insertions, 13121 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize +this eBook outside of the United States should confirm copyright +status under the laws that apply to them. diff --git a/README.md b/README.md new file mode 100644 index 0000000..891ac94 --- /dev/null +++ b/README.md @@ -0,0 +1,2 @@ +Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for +eBook #62481 (https://www.gutenberg.org/ebooks/62481) diff --git a/old/62481-0.txt b/old/62481-0.txt deleted file mode 100644 index b45425c..0000000 --- a/old/62481-0.txt +++ /dev/null @@ -1,5720 +0,0 @@ -The Project Gutenberg EBook of Südliche Reise, by -Albert Heinrich Rausch and Henry Benrath [pseud.] - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Südliche Reise - -Author: Albert Heinrich Rausch - Henry Benrath [pseud.] - -Release Date: June 26, 2020 [EBook #62481] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÜDLICHE REISE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - - - - - ALBERT H. RAUSCH - - SÜDLICHE REISE - - - 1 . 9 . 2 . 0 - - EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN - - - - - ALLE RECHTE, BESONDERS DAS - DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN - - AMERIKANISCHES COPYRIGHT 1914 - BY EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN - - - DRITTE AUFLAGE - - - - - VON DIESEM WERK WURDEN - 15 EXEMPLARE AUF BÜTTEN GEDRUCKT - UND VOM VERFASSER GEZEICHNET - - - - -INHALT - - - WIDMUNG SEITE 3 - - RAVENNA » 9 - - FLORENZ » 37 - - ROM » 65 - - NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN » 105 - - PALERMO » 121 - - TUNIS / WÜSTE » 151 - - HELLAS (ABEND IN SEGESTA / TAGE - IN SYRAKUS / CAPRI) » 191 - - - - -WIDMUNG: AN MARIA-VICTORIA - - -Es ist Nacht. Das Fenster steht offen, die feuchte Luft weht auf den Tisch -und bewegt den Strauß von Pflaumenblüten neben deinem Bilde. Du blickst mir -ins Antlitz, und ich erwidere ruhig deinen Blick. - -Die Frucht ist reif. Du kannst fordern, was dir gehört. Auch dieses Buch -ist eine Heimkehr zu dir. In die größte Entfernung der Seele dringt dein -Ruf. Selbst in die schöpferische Abgeschiedenheit weht der Hauch deines -stummen Lebens. Du forderst nie und rechtest nie um einen Inhalt, der dir -gehört. Du bist nur da, eindringlich und natürlich, ohne Anfang, ohne Ende. - -Haben wir es nicht an uns selbst verspürt, daß Abgründe Seele von Seele -scheiden? Ist dieses Wissen nicht unsere Geschichte geworden? Hat es uns -nicht von dem fruchtlosesten aller Kämpfe befreit und uns eine Klarheit des -gemeinsamen Lebenszustandes gegeben, die uns vor Enge und Irrtum bewahrt? -Welche wirkenden Kräfte unsrer Seele müssen wir eindämmen oder ersticken, -um einander die Treue zu wahren? Ist irgendein Leben in uns, das wir -einander nicht eingestehen dürfen? Haben wir nicht in den Jahren unsres -Wachsens die grenzenlose Verehrung für alles Lebendige gelernt? Das -schlichteste Leben eines Dinges hat uns das erhöhte Leben der vereinten -Dinge gezeigt, im scheinbar Gewöhnlichsten hat sich das Außergewöhnliche -offenbart. Nichts blieb gesondert, alles war in einen unergründlichen -Zusammenhang von Beseelung gerückt, der uns die Schönheit der Welt -offenbarte. - -Ziele und Zwecke? Wie fern ist unser Schicksal von einem Ziel, wie fern -unser Leben von einem Zweck, da wir längst wissen, daß alles Lebendige -ununterbrochen in sich selbst kreist, daß jede Ruhe ein Schein ist, und daß -wir weiter müssen, unaufhörlich weiter. - - · · · - -Es sind Erhöhungen meines einfachen Lebens, die ich für dich aufgeschrieben -habe. Es ist eine große Leidenschaft des Erlebens, die ich zu dir trage. -Es ist meine Seele, in tausend fremden Bildern und Wellen gespiegelt, -übergossen von Licht, geweitet in einer Ferne, die dich vielleicht -beklemmen könnte, wenn sie dir nicht selbst so sehr aus den vielen Stunden -vertraut wäre, wo du Zeiträume durchmaßest, welche die ungeübte Seele nicht -erträgt. - -Wie du die Zeit in dir verwandelt hast! Wie unbegreiflich frei du bist von -den Zeitmaßen einer Frau! Was hat es geändert in den Zeitläuften -deiner Seele, Gattin und Mutter zu sein? Wie ein Morgenwind über die -unergründliche See hinfährt und vielleicht die Welle zu einem flüchtigen -Lächeln kräuselt, haben dich die äußeren Wandlungen deines Lebens -getroffen, hat das Stundenhafte dieser Dinge das Unbegrenzbare deines -inneren Daseins angerührt: es hat sich nichts gelöst in dir und nichts -gebunden: der Erscheinungen kleine Zahl hat sich um ein kleines vermehrt. - -Die große Kraft deines Lebens aber blieb unberührt und keusch wie zuvor. - -In dieser großen Kraft ruht unsere Gemeinschaft. Über ferne Meere ziehst du -die Seele deines Freundes zurück, der ein Abenteurer ist und bleiben muß, -solange ihn die Götter lieben. - -Tausend verschiedene Leben sind in mir und wollen erfüllt sein, tausend -Gesichter trage ich vor mir her und kann von jedem sagen: es ist mein -Gesicht und aus mir selbst entsprungen. - -Aber alle sind nur auf den einen, stillen Spiegel deines Lebens gerichtet, -der ihre Vielheit in dem Abgrund seiner Ruhe aufnimmt, so daß mir nur die -eigne Einheit aus der Tiefe entgegenstrahlt. - - - - -RAVENNA - - -So war die Anfahrt an Ravenna: - -Grün dehnte sich rings in der schweren Luft: Korn- und Weizenfelder, von -vielen frühen Gewitterregen aufgetrieben. Feuchter Dunst lag über der -reglosen Fläche. Mitten in die Acker waren Ölbäume gepflanzt. Das dünne -Silber der Zweige warf eine bezaubernde Leichtigkeit in die Schwüle. Von -Stamm zu Stamm rankte Weinlaub in niedrigen Bögen, die fast die Spitzen der -Ähren berührten. Die Sinne ermüdeten an dem ununterbrochen gleichen Bild, -die Augenlider schlossen sich leicht und zuckten nur ein wenig weiter -auf, wenn unverhofft ein zerbröckelndes Bauernhaus, ein Garten voll weißer -Lilien oder eine Oase hochroten Mohnes auftauchte. - -Das Licht wurde leiser, unwahrscheinlicher, aber im Steigen der Sonne ein -wenig goldner. Ganz fern, wo der Himmel an die Erde rührte, zogen lange -Regenstreifen den Viertelkreis ihres feinen Staubes. Kurze Pappelalleen -tauchten in gelben Wiesengründen auf und verschwanden, selten nur stand -am Rand eines Feldes ein Lorbeerstrauch, noch seltener hob sich aus -abgeschlossenen Parken eine Zypresse. In dem blaugrauen Schleier des -Himmels formten sich kleine, runde Wolken, die Luft wurde heiß, der -Goldstrom der Regenstreifen begann zu ermatten. Plötzlich schimmerte die -Ahnung eines Turmes in dem ruhigen Niederfluß des Lichtes, unkörperlich, -mit schwachen Umrissen. Das Bild eines zweiten Turmes schob sich -daneben, nicht minder undeutlich, dann die Giebel schmuckloser, -unendlich einförmiger Häuser. Ebene und Stadt waren eines, ohne Grenze -ineinandergeschoben und aufgelöst in der Traurigkeit des teilnahmlosen -Himmels, der dieses Land nicht liebte. - -Nun schimmerten Kanäle auf, einige breit und fortlaufend, andere -willkürlich hier und dort zwischen die Felder gezogen. Das Wasser leuchtete -braun über dem Untergrund irgend einer Fäulnis, manchmal auch weiß und -leblos wie über bleiernen Böden. In der Ferne, wo das Meer liegen mußte, -hatten sich die Wolken vollkommen geschlossen, die Stadt lag brütend -und gleichgültig in unaufhaltsamem Siechtum: eine stumme, erschütternde -Anklage. - -Ich stand wie gelähmt auf dem kleinen, verstaubten Platz, ehe ich mich -entschließen konnte, einen Wagen zu nehmen, und sah im Kreise umher, ob -nicht irgend ein freundliches Bild, ja nur der Ausschnitt eines Bildes, den -Fremdling willkommen heißen wolle: Aber da war nichts als grauer und gelber -Staub über einem ausgetretenen Pflaster, graue und gelbe Häuserwände mit -blinden, leblosen Fenstern und hoffnungslos erstorbenen Blendbögen, graue -und gelbe Ziegeldächer, von vielen schmutzigen Regengüssen gedunkelt, und -ein paar verwahrloste Menschen mit grauen und gelben Gesichtern, in denen -quälerisch das Wort geschrieben stand, das der Fluch dieser ganzen Stadt -ist und jeden Menschen so rasch aus ihren Mauern forttreibt: Fieber .. -Langsames Fieber, das sich im Blute einnistet und immer wieder aufsteht, -wenn es die feuchte Hitze des Sommers und der Morastatem des Herbstes aus -dem trügerischen Schlaf zum Leben ruft. Wie blöd waren die Blicke, die an -mir haften blieben, wie verständnislos und mißtrauisch gegen den -Fremden, der nur hierher kommt, um das heimliche Leben in seinen Winkeln -aufzusuchen, das diese hoffnungslosen Gassen überblüht. Alles ist -verwahrlost, was der Blick streift, es gibt keine Mauer mehr, an der nicht -der Kalk oder das Gestein losbröckelte, keine Flucht von Fenstern, deren -Glas nicht gesprungen wäre, kein Tor, das nicht klaffte oder sich in -unverrosteten Angeln drehte. Was will es bedeuten, daß zuweilen das Auge in -stillen Blumenhöfen und Binnengärten versinkt, wo blasse Rosensträucher -in grauen Tonschalen wuchern und ihre Blüten über schmale Treppen fallen -lassen .. wo reglose Stachelpalmen die matte, taube Luft durchstechen und -uralter Efeu sein schwarzes Laub über verfallende Mauern wirft? Vielleicht -auch leuchtet plötzlich ein Geranienbeet an dem leeren Behälter -des versiegten Springbrunnens auf und wirft dir den Frevel seines -leidenschaftlichen Blühens in das Gesicht. O Kranksein dieser zerrütteten -Stadt! Immer wieder fiel es mich an, während mein Wagen auf dem -abgescheuerten Pflaster dahinfuhr. Zuweilen trat eine Frau aus dem -angelehnten Tor und goß einen Eimer voll Spülwasser in die kaum noch -erkennbare Rinne: dann schrak das Pferd ein wenig auf und ging schneller, -die Räder aber ließen lange noch die feuchten Spuren hinter sich, zwei -braune Geleise, die matter und matter wurden, bis der Staub sie aufgesogen -hatte. Schon fingen die Augen an zu brennen von dem blendenden Licht, -das immer noch durch den grauweißen Filter des Wolkendunstes rann, sich -manchmal etwas verdichtete und fast den Schatten eines Hauses zeichnete: da -hielt der Wagen vor dem Eingang von San Vitale. - - * - -O Name voll Duft und Keuschheit, dessen Musik das Ohr entzückt. - -Blasse Rosen an den schmalen Säulen der Eingangshalle streuten in ihrem -weichen Geruch die Ahnung kommender Süßigkeit, dann öffnete sich eine Türe, -ein paar Stufen führten abwärts .. Unwillkürlich hob sich der Blick, von -der geheimen Gewalt schwebender Bogenwölbungen nach oben gelenkt; und -siehe: aus der stillen Tiefe einer seitlichen Halbkuppel wehte ihm ein -überirdisches Grün entgegen, durchsichtig wie der sommerliche Abendhimmel, -wenn die ersten scheuen Sterne sprühen. Jede Schwere war in diesem Leuchten -gelöscht. Es nahm den Pfeilern die Mühe des Tragens und den Kuppelwänden -das Bewußtsein des Getragenwerdens. Dienst und Gegendienst aller Teile hob -es in die fließende Zartheit seines Duftes empor, die mit der Verheißung -der Gottnähe alles Aufstreben krönte. Nun erst wagte das Auge die Schau -in den Umkreis. Von allen Seiten des oberen und unteren Umganges floß die -Helle zusammen, der Sinn einer jeden Wölbung war, das Licht zu fangen und -der beherrschenden Mitte des heiligen Kreises zu geben, über dem sich, -fast schwebend und wie von unsichtbaren, goldnen Seiten emporgehalten, die -allerlösende, allstillende Kuppel hoch und sieghaft aufhob. Aber dieses -Licht war nicht weiß, nicht grau, nicht gelb wie der fiebernde Äther: es -war millionenmal gebrochen und verinnerlicht in allen Farben, die aus -dem Mosaik der Wände aufblühten, es war gemildert und gereinigt in den -Schatten, welche die Bögen und seitlichen Halbkreise der sieben Nischen ihm -abrangen. Auch der Marmor der Tragsäulen, das Geflecht und die Blumen der -Kapitäle gaben ihm neue, geläuterte Strahlung, und selbst vom Fußboden -hob es sich wieder in sanfter Tönung auf. Es hatte Stimme bekommen, es -war Gesang geworden und rieselte in die Stille, die ganz gesättigt war von -Traum und Leben. Die große, erlauchte Mitte aber gab dieses Licht an den -halbgeöffneten Altarplatz weiter, der sich nach Sonnenaufgang zu aus dem -Bann der Kreise hinausschob und in die Feierlichkeit einer strahlenden -Apsis mündete. Wie diese Helle lockte, wie heiter sie zu sich hinüberlud. -Sie spielte den Jubel ihres Lichtes gegen die dunkle Schönheit der -Mitte aus und wußte dennoch, daß sie nur eine Dienerin war in dem Traum -unlöslicher Einheit. Ich trat langsam näher: jeder Schritt auf diesem Boden -zwischen den roten und grauen Täfelungen der Pfeiler, zwischen dem warm- -und stilleuchtenden Marmor der Säulen, war scheu, fast furchtsam: denn -jedes Weitergehen war das Verlassen einer Schönheit, in der sich gerade die -Sinne gefangen hatten, und brachte eine neue, die der früheren feindlich -war. Und als die Augen eben schon das wallende Licht über dem Altare, die -Wände und Kuppeln mit allem Übermaß der schillernden Mosaikbilder, mit -allen Aus- und Ineinanderströmen undeutbarer Farben in einer Schau zu -nehmen versuchten: mußte der Blick noch einmal anhalten vor dem blühenden -Steinfiligran der Altar-Schranken, in dem das reine Gold der Morgenluft -flimmerte. War die Sonne aus den Wolken gebrochen? Über meine Füße fiel -der Schatten einer Säule: so mußte draußen die Sonne scheinen. Als ich -die Augen wieder aufhob von den Blumen der Steinranken, von den -Clematissternen, den offnen Lilien und Diclytraherzen, bebten die Lider vor -der weißgoldnen Welle, die aus den Fenstern wallte und sich in die Mitte -ergoß, vorbei an dem Glanz der Bilder, die alle Wände und Deckengewölbe -dieses Raumes schmückten und durch vierzehn Jahrhunderte die ungebrochene -Kraft ihrer Schönheit bewahrt hatten. Welche Glut des Glaubens hat die -Erfinder dieser Gemälde beseelt, wenn sie den Ruhm Gottes und das Wunder -der Entsühnung in einer solchen Saat von Farben ausgießen konnten: wenn sie -die Gabe hatten, aus all diesen Sternen, diesen kleinen Bögen und Punkten, -diesen Zacken und Vierecken, diesen Kreisen und Kreuzen, aus dem Gewühl -dieser Blumen und Girlanden einen solchen Jubel von Anbetung zu schaffen, -daß kaum noch die Frage aufsteigt, wer die menschlichen Gestalten sind, -deren Legenden in der flammenden Buntheit der Ornamente ihre Sprache -verloren haben. Was sind sie anders, als selbst ein Ornament, eine kaum -erbebende Melodie in der unteilbaren Gewalt der Toneinklänge? Was bedeutet -es, daß wir wissen: hier throne Christus in der Kuppel der Apsis und dort, -über der linken Seitenwand, opfere Abraham seinen Sohn Isaak? Nur zwei -Mosaikbilder sind in die Wand eingefügt, die fremd im Jubel dieses -Gotteshauses bleiben und grausam unvermittelt den wehen Hintergrund -erschließen, auf dem die mittelalterliche Geschichte Ravennas seit dem -Untergang der Goten ruht: Es sind die Gemälde des kaiserlichen Hofstaates, -auf der einen Seite Justinian mit seinem Gefolge, auf der anderen Theodora -mit ihren Frauen. Wie ausgebrannt ist das langgezogene, regungslose Antlitz -der kaiserlichen Hure, die sich in ihrer Jugend den Soldaten preisgab und -als Geliebte des slawischen Abenteurers den Thron erklomm .. wie liegen -ihre kranken Sinne offen um diesen blutenden Mund und die übergroßen, -unersättlichen Augen. Sie schreitet der Kirche zu, ihre Hände tragen ein -goldnes Weihgefäß. Je tiefer der Blick sich in das Scheinbar-Tote -dieser Mosaiksteine einsieht, desto erschreckender wird das Leben in -den halbverwüsteten Gesichtern deutlich und das Fieber, das in diesen -strengverhüllten Körpern auf- und niederfliegt. Die Kleider sinken, lüstern -und schamlos, der Heiligenschein um den Kopf der Kaiserin taucht in den -schwachen Dunst von hellem Blute, nackte, hagere Hüften zeigen ihre heiße -Blässe, fallende Schultern und erschöpfte Brüste, auf denen nur das Mal der -Warze brandrot flackt. Armselige, mißbrauchte Leiber, an denen nichts mehr -blühend ist und dennoch nichts gestillt. Wer bist du, Nachbarin Theodoras -zur Linken, in deinem karminfarbigen Gewand mit den breiten Goldborten und -dem hellen Überwurf der Schultern, den deine rechte Hand festhält? Bist du -vielleicht Eudoxia, die Gemahlin Belisars? Welche Nächte mußt du gesehen -haben, wenn du es wagen darfst, dich so an die Kaiserin zu lehnen .. Und -du, Nächstfolgende im hyazinthblauen Kleid und rostbraunen Überhang, du, -mit den wundervollen Brauen und der schmalen Nase, mit der übersatten -Frucht des Mundes und den schweren Lidern über der glühenden Ruhe -der Pupillen? Noch ist eine Beherrschtheit in dir (oder ist es eine -Grausamkeit, die es gewohnt ist, ihre Opfer zu verachten?), aber deine Hand -ist krank und kündet auch dein Schicksal. Vielleicht wolltest du nicht mit -hinabgezogen werden .. aber deine unwillkommne Tugend hätte leicht an -einer zarten seidnen Schnur enden können. Nur der einen, der allerletzten -begleitenden Frau, ist ein Hauch nicht ganz ertöteten Gefühls in dem -traurigen Gesicht stehen geblieben. Sie hat sich abgewandt, ihre Augen -suchen irgend eine fremde ausgelöschte Ferne. - -San Vitale! Heller Ruf des silbernen Hornes im Morgenwind .. Der Traum des -besudelten Purpurs zerstob. Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen: -daß Theodora die goldne Schale zum Altare trägt. Was war der Glaube dieser -Frau, der um ihr Haupt den Schein der Heiligen wob? Die halbverschüttete -Sehnsucht ihrer Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in Kasteiung -endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie den schlaffen Körper -über die scharfkantigen Stufen vor dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne -auf die Schnitte und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die -aufstachelnde Kälte des Marmors preßt. Die Hände, von der Überzahl der -Ringe gelähmt, umklammern die Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über -den Rücken, an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das Blut .. -Die Nüstern stehen gebläht .. Duft und Dunst des eignen Blutes, als Opfer -dem Gekreuzigten gebracht, der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch -zu süßer Kerzen niederlächelt .. Letzter Kuß der verirrten Lippe auf den -üppigen Mund des Gottes-Sohnes .. Und viele Stunden später das Erwachen im -tiefgedämpften Licht des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die Düfte -der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven auf das erste befehlende -Wort der Herrin warten, deren Haupt wie leblos im Schoß Eudoxias ruht .. -O Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte, Name einer -Büßerin, die das Kreuz der Liebe trug und alle, deren Leben sie berührte, -an ihrem verachteten Leid mitleiden ließ .. Unmerklich hatte sich das Bild -vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend .. das letzte der Gesichte -losch aus. Nur die Seele der Farbe gab noch eine Antwort und verkündete -nichts anderes mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das Nebeneinander -dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder, das Lorbeergrün des Fußbodens -und das weiche Gold des angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines -schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien des Blutes, die -in diesen Menschen wohnten. Sein Name ist vergessen: aber seine Liebe zur -Schönheit ist ewig in ihrer zeugenden Kraft. - - * - -Die Pförtnerin öffnete ein schmales Tor. Ich trat über wenige flache Stufen -ins Freie. Warmer Duft schlug mir entgegen, Duft von Erde, in welcher noch -der letzte Regen verdunstet, von Gras und von Rosen, die an einer -hellen Ziegelmauer emporwuchsen, blaßrot und klein wie die Blüten der -Mandelsträucher. In dem matten Sonnenlicht, das zwischen den flachen -Firsten fremder Dächer und einer vergißmeinnichtblauen Bucht des Himmels -stand, klang die gedämpfte Musik von San Vitale weiter. Jenseits des -freien Platzes, der halb Garten, halb Hof, halb Schuttstätte war, lag -das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia über der Grundfläche eines -lateinischen Kreuzes, ohne einen anderen Schmuck als die Rundbogen blinder -Arkaden und den gezackten Fries unter dem Ansatz des Daches, wundervoll -lebendig in dem satten Sepia der Ziegelsteine. Ich vergaß es, daß der Tag -schon der Mittagshöhe zulief, daß noch viele Schönheiten meiner warteten: -ich saß, die Arme über den hochgezogenen Knieen verschränkt, das Auge halb -durch die Bläue, halb über den stumpfen Goldhauch der Mauern und Dächer -spielen lassend, auf dem niedrigen Grashügel und sann dem Leben der -Kaiserin nach. - -Es war das Erbteil des mütterlichen Blutes, das sie so sehr zur Römerin -machte, aber vom Vater hatte sie das Königliche des Wesens, die -Inbrunst des Willens und die große staatsmännische Begabung. Es gibt ein -wundervolles Bild des großen Theodosius auf einem silbernen Schild, der bei -Merida in Spanien gefunden wurde. Das schmale Gesicht trägt die Züge einer -vergeistigten Schönheit. Der Mund, voll verschwiegner Sinnlichkeit in das -schmale Oval der Wangen gedrängt, ist nicht viel breiter als die Spanne -zwischen den beiden Nasenflügeln, die leichtgebläht über der unmerklich -schiefgezogenen Oberlippe stehen, der Lippe eines Mannes, dessen Sinne -verfeinerter Genüsse bedürfen. Enträtselt aber wird dieses Gesicht erst in -den weitgeöffneten Augen, deren durchsichtiger Glanz den dunklen Zug der -Brauen noch verdunkelt und nur im Leuchten der gemeißelten Stirne eine -Antwort findet. Alle Formen sind gebunden in der Zucht des Geistes, in dem -Wach-sein einer außergewöhnlichen Klugheit und eines unbeugsamen Willens. -Ja, vielleicht war der Glaube dieses Kaisers, sein leidenschaftliches -Eintreten für das athanasianische Bekenntnis, nur die Frucht einer -unerbittlichen Selbstschulung. Auch Galla hatte diesen Glauben des Vaters: -doch ganz in die Beseelung, ganz in die Sehnsucht eines leidenden Herzens -verwandelt: sie war eine Frau, unfähig, ihrer Natur zu entrinnen. Alle -andren Eigenschaften des Vaters aber lebten ungebrochen in ihr weiter: am -deutlichsten jene Gabe der unbedingten Herrschaft über sich selbst, die -ihrem Leben die kaiserliche Haltung gab. Daß sich über ihren Zügen (so -wie sie das Medaillon am Kreuz der Heiligen Helena zu Brescia zeigt) eine -Melancholie breitet, daß in der Dunkelheit der übergroßen Augen ein nicht -gelöstes Fragen steht, daß ein Schatten von Bitternis den vollen, stillen -Mund umspielt: wird auch den nicht erstaunen, der sich nur flüchtig in -ihrem Leben verlor. In seiner Erinnerung aber wird das andere, viel weniger -ausdrucksvolle Bildnis dieser Kaiserin beherrschend weiterleben, welches -die kleine Elfenbeinplatte im Domschatz zu Monza überliefert: Hier ist -Placidia ganz die Fürstin-Mutter, hochaufgerichtet, ihrer Würde tiefbewußt -neben dem kleinen, dumpfen Sohn, dessen kindliches Antlitz schon die -schlaffe, sinnliche Weichheit des Verwöhnten aufweist. Nichts an diesem -unbeseelten Bild der Kaiserin würde den Eindruck der Unnahbarkeit mildern, -wäre nicht die verräterische, rechte Hand, die nur Seele ist: von Müdigkeit -und Verlangen durchhaucht, so wie die elfenbeinerne Starrheit der offnen -Rose zwischen Daumen und Zeigefinger. - -Galla Placidias Größe wuchs an dem Maß ihrer Schicksale. Die Kraft zu -tiefem Erleben und tiefem Ertragen war ihr eingeboren. Sie verlangte nach -Bewegung, nach Wechsel, sie ging gerne auf Reisen und liebte eine große -Führung des Lebens. Sie zog die Weltstadt Rom Ravenna vor, solange sie -keine Pflicht an den Hof band. Rom gab ihr weitere Möglichkeiten. Sie sah -gerne den Glanz der Feste und den ununterbrochenen Wettstreit des Schönen. -Wie alle vornehm Gesinnten hatte sie die Leidenschaft für große, heroische -Vergangenheiten. Nur wer viele Zusammenhänge erfaßt hat, kann so einfach -sein, wie sie war. Sie liebte die Perlen: den schlichtesten und kostbarsten -Schmuck zugleich. Als der Feldherr des Westgotenkönigs Athaulf in das -Peristyl trat und ihr gesenkten Hauptes die Gefangennahme verkündete, stand -sie ruhig und abweisend: die Wirklichkeit war machtlos gegen ihre Haltung. -Sie nannte die Dienerinnen, die ihr zu folgen hatten, und begab sich in das -feindliche Lager. Der junge König empfing sie so, wie es einer kaiserlichen -Prinzessin zukommt und geleitete sie in ihr Zelt. Er zeigte ihr die Pferde -und die Sänften, die bestimmt waren, sie auf den langen Wanderzügen des -Heeres zu tragen. Sie lächelte ein wenig und achtete nicht weiter auf ihn. -Sie hielt sich abseits mit ihren Dienerinnen und gewöhnte sich bald an die -Unruhe des Lagerlebens. Ja, sie faßte eine gewisse Liebe zu diesem freien -Zug durch die Lande. Ihr starkes Gefühl für die Wirklichkeiten ließ sie die -Änderungen bald nicht mehr schwer ertragen. Die vornehmen gotischen Frauen -aber, die im Lager weilten, waren durch das Liebenswürdige ihres Wesens -bezaubert. So kam es, daß sich an manchen Abenden in ihrem Zelt ein kleiner -Kreis versammelte, der ihren Erzählungen von Byzanz, von Ravenna und Rom -lauschte. Auch der König saß unter den Gästen und schaute unverwandten -Auges nach der schlanken, dunkeläugigen Prinzessin, die so anders aussah -als die Frauen seines Stammes. Sie gewahrte es und lächelte ihm zu, wie sie -einem jungen Römer zugelächelt hätte, der ihr zuviel von seiner Bewunderung -zeigte. Den König aber machte dieses Lächeln traurig. Sein Blut nahm es -auf .. er war ein Gote. Placidia liebte die Augen dieses jungen Mannes und -das blasse Gold seiner Haare, die er längst auf römische Art trug. Sie -war zu klug, um nicht zu wissen, daß die Goten ihre Heirat mit dem König -wünschten. Aber sie wußte ebenso genau, daß ihr Bruder, der weströmische -Kaiser Honorius, sich schon dem Gedanken dieser Ehe widersetzen würde. Und -dennoch tat er nichts, um sie zu befreien. Er blieb untätig in Ravenna, -indes sein Feldherr Constantius das Gotenheer nach Westen trieb. Vielleicht -lag ihm nichts an dem Schicksal seiner Schwester. Sie hatte zuviel -ursprüngliche Menschenkenntnis, um nicht auch diesem Gedanken -nachzugehen .. Sie war nicht minder einsam im Lager Athaulfs als sie es am -Hofe zu Ravenna gewesen wäre. Im Gegenteil: die stumme Liebe des Königs gab -ihr ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Es konnte der Römerin vornehmster -Schicht kaum faßlich scheinen, daß ein Mann solange schweigend eine Liebe -trug. Sie lernte hier ein Fühlen kennen, das ihr ein Wunder bleiben mußte. -Vielleicht lernte sie zum erstenmal an einen Menschen glauben .. vielleicht -das einzige Mal. Eines Abends sprach der König. Er hatte seine Lippen auf -ihre Hände gedrückt. Die Hochzeit wurde im königlichen Palaste zu Narbonne -gefeiert, im Anfang des Jahres 413. Der Kaiser in Ravenna fiel in Wut. In -Byzanz sprach man von einer unerhörten Schmähung des kaiserlichen Namens. -Placidia war glücklich. Die Liebe ihres Gemahls war ein Dienst. Es gab -keine Römerin, der ein Gleiches widerfuhr. Sie gebar einen Sohn, aber das -Kind starb früh in der Verwirrung der Kriegszüge. Schon waren die Goten bis -nach Nordspanien zurückgedrängt worden. Man lagerte bei Barcelona. Da wurde -der König ermordet. Im Stall, von einem gedungenen Knecht. Man sagte, -es sei auf Betreiben der römischen Kaiser geschehen. Placidia wurde von -Athaulfs Nachfolger und Feind aus dem Palast getrieben und mußte als -Gefangene vor seinem Triumphwagen herschreiten. Sie begriff nicht mehr. Das -Leben, kaum erblüht, stürzte im Abgrund ihrer Seele zusammen. Was sich -eben hatte öffnen und zum Fluge ausbreiten wollen, starb im Sturz. Nur die -Römerin blieb: abweisend und verschlossen, auch in der tiefsten Demütigung. -Honorius sandte das Lösegeld und ließ die Schwester zurückholen. Sie ging, -beladen mit der Schwere eines Schmerzes, den keiner am römischen Hofe -verstehen konnte. Man staunte sie an um ihres seltsamen Schicksals willen, -und der Duft einer großen Fremdheit und Entfernung gab ihrer dunklen -Schönheit doppelten Reiz. Sie aber vergrub, vergrub ohne Unterlaß -im Abgrund ihres Bewußtseins das Heilig-Gewesene und wurde ganz die -kaiserliche Frau, der ein frühes, qualvolles Geschick den einen Weg -gewiesen hatte, den sie zu gehen noch für würdig fand: den Weg der -Purpurgeborenen, die sich anschickte, dem Vorbild des großen Vaters zu -folgen und ihre natürliche Anlage des Herrschens im Dienste des wankenden -Staates fruchtbar werden zu lassen. Sie fühlte sich berufen, zumal sie bei -der Frühreife ihrer Einsicht die Unfähigkeit ihres Bruders in Ravenna -rasch erkannt haben mußte. Auch von dem byzantinischen Kaiser, ihrem Neffen -Theodosius II., war keine schöpferische Leitung der Geschäfte zu erwarten. -So fiel ihr selbst die große Aufgabe zu. Schon ihre zweite Ehe mit -Constantius, demselben Feldherrn, der ihren ersten Gemahl so weit nach -Spanien zurückgedrängt hatte, beweist, wie sehr sie zu seelischen Opfern -bereit war. Von dem Augenblick an, der ihr Klarheit darüber gegeben hatte, -daß diese Verbindung den herrschenden Umständen entgegenkam, vertrat sie -in seltener Selbstzucht die Bedeutung ihrer neuen Lage. Sie gebar ihrem -zweiten Gemahl eine Tochter und einen Sohn. Da Honorius keine Kinder besaß, -war nun zum wenigsten die Thronfolge gesichert. Aber sie dachte nicht an -eine Trennung der weströmischen Herrschaft von Byzanz. Im Gegenteil: sie -gerade wollte den Fortbestand der alten Reichseinheit. Die Erinnerung -an den Glanz der väterlichen Regierung bestimmte die Richtung ihrer -Staatskunst, und sie ließ es -- als nach wenigen Jahren auch ihr zweiter -Gatte starb -- um ihrer Überzeugung willen zum Bruch mit Honorius kommen, -dem ihre Abreise nach dem Hofe von Byzanz nur erwünscht sein konnte. Für -sie selbst aber war dieser Schritt die notwendige Folge dessen, was -sie anstrebte: eine Stärkung der kaiserlichen Hausmacht durch engen -Zusammenschluß, jenseits persönlicher Neigungen und Abneigungen. Sie hegte -wohl kaum ein Gefühl für ihren Neffen, noch für dessen Schwester Pulcheria, -die fast von Glaubenswahnsinn befallen war: aber sie brauchte diese beiden -Kinder ihres ältesten Bruders, um sich in Ravenna für ihren kleinen Sohn -Valentinian durchzusetzen. Auch ahnte sie voraus, daß mit dem Sterben des -kranken Honorius Wirren eintreten würden, denen sie allein nicht gewachsen -war. Sie hatte kaum in Byzanz das Land betreten, als man sie von dem -Tod ihres Bruders in Ravenna und von dem Ausbruch eines Aufstandes -benachrichtigte, den der Primiscerius Notariorum, Johannes, im Bunde mit -Aëtius angeregt hatte. Beide wollten -- gegen Placidias Absichten -- dem -weströmischen Reich eine deutlichere Sonderstellung geben, in Wirklichkeit -nur, um selbst darin die Herrschaft auszuüben, die sie der kaiserlichen -Frau nicht gönnten. Placidia kämpfte leidenschaftlich für ihre Rechte: -Es gelang, den Aufruhr zu bändigen. Eine byzantinische Flotte und ein -ostgotisches Heer eroberten Ravenna, Placidia kehrte mit ihren Kindern in -die Stadt zurück, von Theodosius II. mit der Führung der Geschäfte betraut, -solange Valentinian noch unmündig war. Abermals konnte sich die Kaiserin -ihrer staatsmännischen Einsicht und ihres Erfolges freuen: Die Macht -gehörte ihr, unwiderruflich, das Gesetz ihres Lebens erfüllte sich, wie sie -vorausgesehen hatte. Und wieder war es ihre Klugheit, die ihr weiterhalf: -Sie fühlte, daß die Macht besitzen nichts anderes heißen könne, als die -Macht erhalten. Es begann die größte Arbeit ihres Lebens: es galt, im -Schwanken des Parteilebens die unantastbare, sicherruhende Mitte zu -bleiben. Auch dies gelang. Es lag eine bannende Gewalt in der Erscheinung -dieser außergewöhnlichen Frau. Der Zwiespalt verstummte vor der Hoheit -ihres Zieles, und die Zügelung ihres Lebens zwang zu Verehrung und -Bewunderung. Sie hatte die Gabe aller großen Menschen: ihre Schmerzen -vor der Welt abzuschließen. Jeder mußte wissen, daß sie litt, aber sie -belastete niemanden mit dem Schatten eines Leides. Man sah nicht, wie sie -trug. Man spürte nur die Wirkung ihres stummen Tragens. Ferner und steiler -ward die Kluft, die sie von ihrer Umgebung trennte, einsamer der große -Traum, der sie von den Bedürfnissen des Tages schied. Freunde starben: sie -blieb. Ihre Tochter wurde von dem Erzieher geschändet und in ein Kloster -nach Byzanz verbannt, ihr Sohn ging langsam an seinen Lüsten unter, der -Mutter fremd, als ob sie ihn nicht geboren hätte. - -Für wen hatte sie gekämpft, für wen geopfert? - -Schon war die Höhe des Lebens überschritten .. und nirgends winkte -die Ablösung, nirgends der Friede. Es bedurfte noch eines Kampfes, des -bittersten, den eine Seele kämpft. - -Sie saß in mancher Sommernacht am Fenster ihres Palastes und lauschte in -das leise Branden des lauen Meeres hinunter. - -Was blieb? Nur sie .. Ihr Leben fiel in sich zurück. Sie mußte bis zum -äußersten Ende weitergehen, dem Purpur getreu, den ihr Körper und ihre -Seele trug. - -Sie raffte die letzten Kräfte zusammen in einem übermenschlichen Verzicht -auf jede Ernte: und trat auch aus dem Bannkreis ihrer Mutterschaft in ihre -tiefste Einsamkeit. - -Was blieb? Gott. Sie ließ Gott Kirchen bauen, eine schöner und inbrünstiger -als die andere .. den letzten Ruf ihres Herzens aber und ihr letztes -Aufschluchzen warf sie in die Schönheit ihres Grabmal-Himmels hinüber, -der in den Grundwassern der Seele spiegelt, dort, wo sie die einzige Liebe -begraben hatte: in der dunkelblauen Tiefe eines deutschen Königsnamens. - - * - -O Himmel voll Veilchenwiesen! Wie sich der Schmerz, zur Lust gedämpft, auf -Sammetflügeln wiegt .. - -War eine Schwelle, über die ich eintrat in das Brausen dieses blauen -Gesanges, der über rotgoldnen Fahnen schwebt? Gold war am Anfang, vom -Fuße kühler Marmorwände aufsteigend, Gold, an die schweren Sarkophage der -Nischen emporgehaucht, Gold an der Decke, in lauen Tropfen niederfallend. -Dann losch es aus in der Wendung eines einzigen Schrittes, und rötliches -Glühen des Gesteines drang vor: Purpur des Abends auf fernen Inseln der -Meere .. im Geäder der Marmorbrüche gefangen. Rote Blumen gehen auf im -Grund der Himmelsau, tiefeingebettet in den Schoß der Mutterfarbe. Und -alles sinkt und steigt auf der Woge der überirdischen Musik. Silbern jubeln -die Flöten: weiße Sternblumen öffnen ihre Kronen .. die Harfen wehen: -Pfirsichblüten rieseln .. Nun singen Knaben: ein Duft von Veilchen zieht -vorüber. Fruchtkränze winden sich im Halbrund breiter Bögen: von tausend -Geigen der dunkelgrün gebundene Strich, an dessen Saum die goldnen -Funken knistern .. Aus starrem Lorbeer drängen sich die Rosen: das erste -Liebeslied bewegt die Lippe der Mädchen. - -Kaiserliche Frau! was war dein Leben, wenn deine Seele diesen Traum trug? -War es so wenig, daß du alle Liebe aufsparen konntest für diesen einen -Abendgesang? Und woher nahmst du die Kraft, alle Sehnsuchten so rein und -glühend zu bilden, daß sie diese Lohe auswerfen, in der das Gefäß deines -Leibes verglühte? War Gott so tief in deinen Kämpfen? So tief der Himmel -schon in deiner Irdischkeit? In übersinnlichen Gesichten hat deine Seele -gelebt, indes du Wirklichkeiten schufst .. Eine wehende Kerze im Wind -Gottes war deine Seele, und du schienst seelenlos im kühlen Wägen deiner -Pläne. Wie sehr mußt du die Welt verachtet haben, an die du so gefesselt -schienst! Du letzte große Römerin und du erste große Wissende um die -Erkenntnis einer neuen Zeit. Entdeckerin der Seele, Künstlerin, die den -Gott aus sich in das Werk hinüberschuf .. So war der Gott, der in dir -brannte, wie jener Hirte im goldnen Bogen über der Tür deiner Grabkapelle: -Dunkel und schön, ein junger Herrscher, Apollos Bruder, um Christi tiefe -Schmerzen reicher. Blumenkränze schweben zu seinen Häupten im unendlichen -Blau. Die bunten Kreise fangen an zu schwingen, leicht, wie vom Wind -getrieben. Goldregenblüten rieseln auf Vergißmeinnicht. Tauben nisten im -Mandelgesträuch .. Frühling am See Genezareth .. O Duft des Morgenlandes .. - -Noch einmal siegt das Blau. Ein dichter Mantel von Heliotrop, mit Smaragd -und Gold gefüttert, sinkt es auf Schultern und Sinne .. Nirwana der -Schönheit, die kein Geist mehr erträgt. - - * - -Es mochte Mittag sein, als ich zu dem Grabmal des Theoderich hinausfuhr. -Im Hafen ruhten kleine Schiffe auf dem Pfuhl eines grünlichen Gewässers, -Geruch von Tang und Fäulnis bannte den Atem. Verlumpte Arbeiter schliefen -in den Winkeln der Schuppen, wie unnütze Kranke in irgend eine Ecke -geworfen, wo sie liegen bleiben konnten, bis der Hunger oder das Fieber -sie fraß. Der Wagen warf sich von einer Seite auf die andere, die Räder -versanken in dem grauen, dünnen Staub, der bis zu den Schuhen aufwirbelte. -An einer Kreuzung versperrte ein Lastkarren den Weg. Die Pferde hatten -sich losgerissen und fraßen am Blattwerk einer niedrigen Hopfenhecke, -der Kutscher lag schlafend am Boden, das gelbe Gesicht zur Hälfte in -Taubnesseln vergraben. Es war unmöglich, weiterzufahren. Ich ging zu Fuß -die kurze Strecke bis zu meinem Ziel. Der Wärter öffnete das Gittertor, -am Ende eines langen Gartenwegs lag das Grabmal, grau und verwittert. -Die flache Kuppel stand in grausamer Nacktheit gegen das längst wieder -erblindete Licht des Himmels, an den Quadern des oberen Rundbaus war -schwarzes Moos angewachsen, über das Treppengeländer hingen Rosen, -blühendes Mitleid an diesem ganz verödeten Bau, der langsam in den feuchten -Feldern versinkt, indessen sich zwischen den Arkadenpfeilern des unteren -Geschosses die verwesenden Wässer der schmutzigen Regengüsse ansammeln. -Aus dem Innern des leeren Gewölbes schlägt modernde Luft. Keine Seele -mehr redet aus der Türmung dieser Mauern, hier ist nichts verinnerlichter -Ausdruck eines königlichen Lebens: nur der Machtgedanke eines Herrschers -findet seine Sprache in diesem Denkmal: die Gewalt, über Völker zu gebieten -durch den Krieg. Es wird keine Liebe wach vor diesem Stein, kein Wunsch, -sich in die Schicksale des Fürsten zu versenken, der hier begraben sein -wollte. Nur der Name bleibt und das Schaudern vor einer Zeit, die gewaltsam -und gesetzlos war, heroisch und dennoch unfruchtbar. Ein Schimmer von -Byzanz liegt über der Jugend des Gotenkönigs: er hatte bis zu seinem -siebzehnten Jahr am Hofe gelebt. Aber dieser flüchtige Schein verweht. -In seinen Taten ist die Einsamkeit der Empörer, in seiner Herrschaft die -Klugheit des Herrschgewohnten: Er ließ Paläste und Kirchen bauen, es war -sein Ehrgeiz, kein Barbar zu sein. Es ist schwer zu sagen, was er war, kein -Grieche, kein Römer, kein Gote .. von allem etwas und keines ganz. Die Sage -hat sich seiner angenommen. Sein Andenken ist kühl und blinkend geblieben, -wie das Metall ritterlicher Rüstung, ein Beispiel, ohne Sehnsucht, ohne -Heimweh. Es war kein Geheimnis über seiner Kraft. Er war zu königlich, um -ein Abenteurer zu sein, zu sehr sein eigner Feldherr, um das Rätsel des -Purpurs zu vertiefen. - -Vielleicht werden einmal die gelben Rosen, die sich am eisernen -Treppengeländer emporziehen, über die Kuppel bis in die Gärten -weiterwachsen. Dann wird die Seele des Fremden tiefer ergriffen werden, -wenn die Natur das Allzudeutliche verhüllt. Man wird nicht mehr nachdenken, -man wird nur schauen und von den Rosen erzählen, die das Grabmal eines -frühen deutschen Königs zudecken: Rosen von Ravenna .. so wie man sagt: die -Veilchen von Parma, die Zypressen von Tivoli .. - - * - -Ich fuhr in die Stadt zurück. Im Wagen lag ein Strauß von Jasminblüten, -den eine alte Frau mir gereicht hatte. Ich nahm ihn mit zu dem dritten -Totendenkmal, dem meine Sehnsucht galt: Zum Sarkophage Guidarellis, des -jungen ravennatischen Kriegers, der in der Schlacht von Imola den Tod fand. - -Die Hände wagen nicht, Blüten hinzustreuen. Der dort in seiner vollen -Rüstung auf dem Sarge ausgestreckt liegt -- Tullio Lombardi meißelte den -Stein -- scheint noch zu atmen. Er könnte fühlen, wenn er die Blumen sieht, -daß wir ihn schon gestorben wähnen. Wie bitter ist sein Mund. Die obere -Lippe, ein wenig zurückgezogen, läßt die Zähne sehen. Oder ist es ein -Lächeln, das diesen Mund geöffnet hält? die Ahnung eines Lächelns, das -in seiner Geburt starb? Welche Bilder dämmern noch hinter dieser Stirn? -Plötzlich fühlst du: er lebt nicht mehr, er ist schon tot .. und atmest -auf, wie wenn du mitten im Hinübergleiten gewesen wärst. Du legst deine -Blumen über seine gefalteten Hände -- und schreckst zurück: er lebt noch .. -er hat das Kühle der weißen Sterne an seinem Arme gespürt, sein rechtes -Auge hat die Blumen noch erkannt, indes im linken schon das Licht erloschen -ist. Da redest du zu ihm, du beugst dich über ihn, als ob du noch einen Zug -seines Atems erhaschen müßtest, Worte quellen im matten Glanz von Tränen, -leise, süße Worte, wie man sie tausendmal denen sagt, die sterben müssen -und nicht sterben wollen .. - - ›O nur Geduld, nur ein paar Atemzüge lang - Soviel Geduld, daß sich nicht Bitternis - In diesen Hingang mischt .. Wir lieben dich, - Wir helfen dir .. Ja, draußen ist der Wind, - Und auf dem Rasen läuft das goldne Gras .. - Der Duft? Von Rosen .. Alle Rosen blühn .. - Die Helle dort? Die Sonne in den Wipfeln - Des alten Erlenbaumes .. Nun wirst du eines - Mit alle dem .. Die Flügel? Große Flügel - Sind veilchenblau gespannt zu deinen Häupten .. - Blau .. nichts als Blau .. Leb wohl .. Zum letztenmal - Leb wohl .. Der Vogel rauscht ..‹ - - * - -Über dem späten Nachmittag lag eine Müdigkeit. San Apollinare Nuovo und San -Giovanni in Fonte sah das Auge wie durch bunte Schleiertücher: Nachspiele -einer lodernden Glut .. Dann aber verlangten die Sinne nach der offenen -Ebene, nach der Ahnung des Meeres. - -Ich ließ mich hinausfahren in das Land, in das einförmige, kranke Land. -Die Wolken waren schon bis an den Saum der weiten Fläche zum Regnen -geschlossen, die Felder lagen wartend, leblos ergeben an alles, was ihnen -geschah. Irgendwo mußte man schon das Heu geschnitten haben. Breitgeladene -Wagen, mit Kühen bespannt, zogen im hellen Staub der Landstraße. Wieder -starrten mich die gelben, durchfurchten Gesichter an, die kein Lachen -kannten .. Über Sumpfgräben gingen meine Augen: immer wieder sahen sie das -gleiche Bild: aufgeschossenes Schilfgras, gelbe oder braune Wasserlachen, -auf denen die Mücken tanzten, dann ein kurzes Stück trockengelegtes -Land, einen Kleeacker, ein Feld voll wilder Lilien .. und wieder Morast, -schmälere und breitere Rinnsale, zu Vierecken ausgezogen, oft abbrechend, -und weiter hinaus wieder bleiern aufglänzend. Einmal ging es über eine -Brücke, an der ein Ulmenbaum stand, dann hob sich die Straße ein wenig, und -an dem Rand einer niederen Böschung zur Linken wurde die Pineta -sichtbar: Dantes Pinienwald, breite, schwarze Wipfel vor dem Perlgrau der -langgezogenen Wolkenwände. Dante: Name, den ich nicht mehr mit irgend -einem Ort der Erde zu verknüpfen weiß: nur noch Symbol, in dem das Wunder -schläft, Luft, die wir atmen, ohne zu fühlen, daß sie da ist. Und dennoch -ergriff mich der Anblick des übrig gebliebenen Waldes. Ich mußte an Guido -Polenta denken, der den großen florentinischen Flüchtling in seinem Hause -aufnahm, und an jene Francesca Polenta, Malatesta von Riminis unglückliche -Gemahlin, für deren Liebe Paolo starb. Schatten, süße, traurige Schatten, -nur angedeutet in der Sehnsüchtigkeit ihres Lebens .. und darum ewig -gegenwärtig. - -Vor San Apollinare-in-Classe ließ ich den Wagen halten. Die Einsamkeit des -Ortes bestrickte mich. Mitten im Feld, zwei Schritte von der Landstraße, -lag das Wunder einer christlichen Basilika. Unscheinbar außen, wie alle -Bauten aus der gleichen Zeit, doch groß und vornehm in ihrer Einfachheit. -Das Tor stand offen. Der Eintritt aus der freien Luft in die Halle blieb -ohne Übergang. Wie tief nimmt dieser Raum den Nahenden auf .. Etwas von -Pfingsten weht in der feierlichen Klarheit, Freude spielt im Ebenmaß der -Säulen von Bogen zu Bogen und klingt am Hochaltar zusammen, hinter dem das -Mosaik der Apsiswölbung aufsteigt. Hell glänzt das Kreuz auf goldnem Grund -inmitten lichter Bläue, zwischen Blumen und weißen Lämmern steht verkündend -der Heilige. Man möchte niedersitzen und lange ausruhen, man möchte die -Augen in das flache Feld hinauswenden, das langsam im Abend versinkt. Aber -die Fieber wachsen in den Sümpfen, wenn die Nacht kommt. Das Land kennt -nicht die Lust der Dämmerung. Die Fenster müssen sich schließen, der Mond -wirft giftige Dünste auf. - -Der Wagen wendete. Aus den nordwestlichen Himmeln, von Ferrara her, quoll -schmutziges Abendrot. Die Ebene lag in leisem Glühen. Kein Lufthauch wehte. -Die ersten Tropfen fielen, laues Blut. Dann losch das Feuer. Noch zögerte -der Regen. Die Stadt war grau an die Erde hinabgedrückt, sinkend .. -sinkend. Es kam kein Rauschen in den Wipfeln, es fegte kein Wind über die -Straßen und warf die klaffenden Fenster zu: aus lahmen Kiefern spülte das -Dunkel die trübe Brühe des Regens auf die Dächer nieder. Die Dächer gaben -sie weiter an die zerbrochenen Rinnen, aus denen sie in breiten Güssen -auf die Straße stürzte. Erde, Stadt und Himmel waren nur noch eines: ein -brauner und grünlicher Morast, der nach dem Wüten der Julisonne schrie, -um einmal aus sich selbst befreit zu werden. Dann mußte der Staub kommen, -Staub und Sand, und die Stadt würde gelb wie frischgebrannter Lehm .. gelb -wie die ausgedorrte Steppe: dicht neben dem unerbittlich fliehenden Meer. - - - - -FLORENZ - - -Den Nachmittag und Abend des nächsten Tages verbrachte ich in Florenz. -Still blühend lag die Stadt in der Sonne, Anmut und Leichtigkeit. -Heimatlich begrüßt sie jedesmal den wiederkehrenden Freund, obwohl sie -stets voll Geheimnis bleibt, und sei es nur im Wechsel der Lichter, im ewig -neuen Wandern ihrer Wolken. Wolken von Florenz! milde Dämpfer zu üppigen -Goldes, selbst mit Gold gefüttert, das sich in breiten Säumen über die -Ränder neigt: euch folgt der Flug der Seele wie keiner eurer Schwestern, -ihr gebt den Bergen das unerschöpflich feuchte Blau, den Hainen -das fließende Grün, aus dem es kühl herüberwinkt in den Brand der -kornblumenfarbenen Tage. - -Ich fuhr nach einem alten, kleinen Schloß, in dem ich einmal helle, süße -Tage verlebt hatte. Es liegt in den Hügeln von San Miniato, hoch über der -Stadt. Ich ließ den Wagen auf Umwegen über den Viale Petrarca und durch die -Porta Romana zur Höhe des Torre del Gallo hinaufgehen. Langsam wurde das -Bild der Stadt geboren, über hohen, grauen Gartenmauern, Villendächern -und unbewegten Pinienkronen. Zwischen blaß-blauen Glycinenranken stand das -goldbraune Gewühl der Häuser. Den herrischen Wuchs der Zypressen besiegend, -ragte der Turm der Signoria. Fensterscheiben blinkten in der Sonne, -Arkaden grüßten über dunklem Lorbeer. Schon stieg der leichte Rauch eines -verfrühten Herdfeuers aus wenigen Schornsteinen. Unwillkürlich lauschte -das Ohr nach einem Angelus .. Noch war es zu früh. Die Wärme, die aus -den Gärten aufwehte, wies noch auf Nachmittag. Bilder kamen und gingen im -Vorüberfahren .. - -Niemand erwartete mich im Castello Acciajoli. Vielleicht war niemand zu -Hause. Ich zog die Schelle. Es dauerte eine Weile, bis der Diener öffnete. -Er erkannte mich wieder und führte mich in das Empfangszimmer. Wenige -Minuten später saß ich im Gespräch mit dem Hausherrn. Jahre waren -vergangen, seit wir uns gesehen hatten. Er war der einzige, der um -ein Erleben wußte, das hier seinen Anfang gefunden und fern, in einer -nordischen Stadt, sein Ende genommen hatte. Noch lag der Schein der Liebe -auf allen Dingen, zart, heimlich, wie ihn das ergriffene Herz damals -hingezaubert hatte. Ich ging zu jedem Baum, zu jedem Strauch, der noch wie -damals stand, wie damals blühte. Wie fröhlich war alles gewesen, wie -frei und einfach! Besonders die Abende waren schön. Die Mahlzeiten in dem -kleinen Speisezimmer, die vielen hellen Blumen auf dem Tisch, der rote Wein -in schlanken Henkelkannen und das Hin- und Herflittern der leichten Worte -zwischen Menschen, die zusammengehörten, so wie sie waren, gebunden durch -die gleichen Gewohnheiten, vertraut in der gleichen Anbetung der Schönheit --- und nur geschieden durch jenes feinste Gefühl innerer Besonderheit, wie -es die große Übung des Erlebens entfaltet. Nichts war laut, nichts war -ein Übergriff. Was hier geschah, war selbstverständlich. Es gab viele -gemeinsame Spaziergänge in den Wiesen und Baumstücken, die zum Schloß -gehörten, an kleinen Bächen entlang, die hastig niederstürzen, sich -manchmal in uralten Steinbecken fangen und weiterfliegen, dem Arno zu. Dann -ein Ausruhen auf einer leichten Anhöhe in hohem Gras, bei Lorbeerbüschen -und Gaisblattranken. Wohin das Auge schweifte, standen die milden Ölbäume, -deren wundervoll belebte Seele der Nordländer so schwer versteht. Die -Akazien blühten hoch in der stillen Bläue oder im Bernsteinglanz der -Abendhimmel, die Nachtigallen sangen in jedem Gesträuch. Und über allem lag -die Liebe. Aus der Gemeinsamkeit des Genießens löste sich die Sonderheit -dieses Glückes, jenes Aufgelöstsein in Schweigen, das wortlose Untertauchen -in jeder beseelten Schönheit. Im Wehen eines Olivenzweiges, im Atmen eines -Rosenbeetes lag die Vertauschung der Seele und das Auswechseln der Sinne. -Milde war in allem: Toskanas Milde .. und eine reine, scheue Süße, wie Duft -von Veilchen oder Teerosen. - -Der Diener hatte den Tee im Speisezimmer aufgetragen. Die Unterhaltung -kam auf deutsche Dinge und hielt sich lange dort. An den Namen gemeinsamer -Freunde spann sich das Gespräch weiter, leicht und fast kühl, da es -einfachen Wirklichkeiten galt, bis sich unmerklich ein leises Heimweh -einschlich. Denn im Reden über so viele, die vor Jahr und Tag mit uns -hier oben zusammengesessen hatten, wurde die Zeit lebendig, die trennend -zwischen heute und damals stand, die Schwere alles Zwischenerlebens schob -sich über das Spiel der Erinnerung, die fast Gedicht geworden war. Wir -verstummten. Wir schauten durch das Gitter des offenen Fensters in die -Ebene hinunter, den Baumwipfeln der grünen Bandita entlang. Dann kamen -plötzlich die Fragen: Entsinnen Sie sich noch jenes Vormittags, als wir zu -Gino gingen? Wie hieß die Frau mit den Rubinohrringen, welche die Arie -der Armida sang? Spielt Octavio noch so schön Klavier? Was ist an der -Geschichte wahr, die man von dem Abbate Celli las? Ohne Aufhören fiel Frage -auf Frage, Antwort auf Antwort, während wir in dem Haus umhergingen. Wir -stiegen die Treppen in das Obergeschoß empor, wo die Schlafräume lagen. -Da war mein altes Zimmer! Nichts war verändert: dieselben alten Bilder, -dieselben Leuchter, und dasselbe dunkle Himmelbett. Wie stiegen die -Morgende des Erwachens auf, wenn der Diener eintrat und die Läden -zurückstieß, wenn plötzlich das ganze, in helles Sonnenlicht getauchte -Land in den Fensterrahmen trat: die Wipfel der Pappeln, die im frischen -Morgenwind schwankten und ihr flüsterndes Blattwerk spielen ließen, die -schweren wiegenden Zypressen über den Dächern von San Miniato, die -ganze östliche Stadt, die im dünnen blauen Dunst des Sommertages zu dem -Hügelkranz von Fiesole emporwuchs. An der Mauerwand aber schlug der warme -Duft der Erde empor, und wehte bis auf die Kissen .. - -Wir gingen zurück in das untere Stockwerk. Ich war traurig geworden, und -fühlte mich erst leichter, als wir in dem großen Arbeitsraum des Hausherrn -saßen, wo so viele ausgelassene Gespräche und Erzählungen die Abende -verkürzt hatten. Als ob der Freund meine Gedanken erraten hätte, fragte er, -indem er sich in einen hohen, roten Seidensessel setzte: - -»Haben Sie manches Mal an die Gräfin d'Ys gedacht?« - -Da war mit einem Male das Lachen geboren -- und mit ihm jener -göttlich-leichte Frühlingsabend, als uns Octavio Poggiolini die reizende -Geschichte erzählte .. - - · · · - -Wir saßen im Kreis um den Kamin. Ein kleines Feuer brannte auf dem -eisernen Rost, denn der helle Mondabend war kühl und etwas feucht. Die -Champagnergläser waren aus dem Speisezimmer herübergetragen worden und -standen neugefüllt, die Damen zerlegten Orangen auf dünnen Glastellern, -einige der Herren rauchten. Man hatte nur ein paar gelbe Wachskerzen -angezündet, da der Schein der Flamme reichlich Helle gab und außerdem durch -das Fenster ein breiter Streifen Mondlicht in blaßgrünem Dreieck über -den Boden fiel. Octavio Poggiolini saß nahe am Feuer und hatte die -Beine übereinandergeschlagen. Auf seinem Gesicht stand die Vorfreude des -Erzählens. Vielleicht gab dies Marita Branconi einige Bedenken, denn sie -sagte, als er eben beginnen wollte: - -»Ist die Geschichte sehr unanständig?« - -»Was denken Sie? fiel ihr Octavio ins Wort, sehr unanständig! Im Gegenteil! -Sie ist ganz einfach das Loblied auf die Klugheit!« - -Aber Marita ließ sich nicht beirren: - -»Haben Sie die Geschichte selbst erlebt?« - -»Nein, ich berichte, was man mir gesagt hat.« - -»Dann ist es vielleicht doch besser, wir Frauen gehen solange ins -Musikzimmer.« - -»Um Gottes Willen, rief Octavio, nein! Ich hätte keine Freude mehr am -Erzählen. Es ist durchaus eine Geschichte für Frauen, zumal für solche, die -leider nur als flüchtige Gäste in meiner schönen Vaterstadt weilen.« - -Damit wandte er sich zu der jugendlichen Gräfin Voss und ihrer noch -jugendlicheren Schwester Katarina von Pleß, die ihn lächelnd ansah und mit -dem langen Blick ihrer blauen Augen ermutigte: - -»Es ist natürlich die Geschichte einer Frau, die Sie erzählen wollen?« - -»Gibt es überhaupt Geschichten ohne Frauen?« - -Marita lehnte sich tiefer in ihren Sessel zurück, um sich einen besseren -Halt zu geben, während Katarina sich ein wenig bückte und aus dem -getriebenen Messingeimer ein neues Holzscheit in die Flammen warf, so -daß einen Augenblick lang das schmale Diamantband aufleuchtete, das sie -ziemlich tief am Hals über dem Ausschnitt des Kleides trug. - -Octavio begann: - -»Vor etwa sieben Jahren verlobte sich Isabella Giramonte ziemlich -unerwartet mit dem Grafen d'Ys. Es war eigentlich niemandem klar, warum -das schöne, noch sehr junge Mädchen diesem Manne ihre Hand reichte: er -sah nicht schlecht aus, war ebenfalls noch nicht viel über die Mitte -der zwanzig hinaus und hatte reiche und ausgedehnte Besitzungen in der -Normandie. Isabella war wenig vermögend, man sagte, die Spiellust des -Vaters habe den größten Teil des mütterlichen Vermögens verschlungen. Nun -ist es ja wahr, daß die Giramonte von jeher leidenschaftliche Spieler -mit Geld und Schicksalen waren, ich glaube aber (nach dem, was man mir -zugetragen hat), daß die Mitgift von Isabellas Mutter -- Sie wissen doch, -daß sie die Tochter eines gewissen Herrn von Didier aus Rouen war -- bei -weitem nicht die Höhe erreichte, die Giulio Giramonte erwartet hatte .. und -daß er also wahrscheinlich das Vermögen nicht für groß genug hielt, um es -vor den Möglichkeiten des Spieltisches zu schonen. Kurz, wie dem auch sei: -den beiden Eltern konnte Isabellas Vermählung mit dem Grafen Roger d'Ys nur -angenehm sein, ganz Eingeweihte wollen sogar wissen, die Verlobung sei ein -lange vorbereiteter und gut berechneter Schachzug der Mutter gewesen, die -aus Rache gegen gewisse italienische Enttäuschungen ihres eigenen -Ehelebens die halbfranzösische Tochter unter allen Umständen gegen jeden -italienischen Bewerber an ihr eignes Vaterland zurückspielen wollte. Daß -Isabella in Wahrheit aber viel mehr zu der Art des italienischen Mannes -neigte, wurde als belanglos übergangen: blonde und schwarze Mischung hatte -noch immer die besten Ehen gegeben, und außerdem gehörten die Grafen von -Ys und Dieuleveuille zum französischen Uradel, während die Giramonte -weit weniger vornehm waren, die Didier aber sogar nur zur napoleonischen -Aristokratie zählten. Die Frage des Blutes aber hatte jederzeit Isabellas -Mutter tief bewegt. Nun wäre dies alles eigentlich vollkommen gewesen, wenn -nicht Roger d'Ys einen so großen Fehler besessen hätte (oder vielleicht -eine so große Tugend, je nachdem man es nimmt), daß das Glück der -Ehe dadurch ernstlich bedroht werden konnte. Er war nämlich von einer -Schlichtheit des Verstandes, wie sie sich eigentlich nur der Uradel -gestatten darf: und das Schlimme (oder das Gute, je nachdem man es nimmt) -war, daß seltsamerweise der Ausdruck seines Gesichtes davon gar nichts -verriet. Sein Gesicht war hübsch, in seinen blauen Augen lag viel feine -Güte, und sein Mund war einer der edelsten Frankreichs. Die Nase war -wohlgebildet und durchaus nicht zu klein (was bei sehr blonden Gesichtern -ja des öfteren vorzukommen pflegt), vor allem aber erschien die -feingemeißelte Stirn unter der seidnen Welle goldnen Haares als das -deutlichste Merkmal sehr vornehmer Geburt. Nun hätte ja Isabella, die -stets in äußeren Vorzügen ziemlich viel Ersatz für gewisse innere Mängel zu -finden wußte (dank ihres väterlichen Blutes) vielleicht das geringe Maß -an Geistigkeit an ihrem Gemahl noch ertragen: zumal sie ein offenes Haus -führte, so daß ihr gar nicht einmal allzuviel Zeit blieb, in dem geistigen -Reich des Grafen zu Gast zu sein: aber es gab eine noch tragischere Frage -in dieser Ehe, die ich allerdings nicht ohne Bedenken aufzurollen wage. -Ich werde mich sehr vorsichtig ausdrücken, vor allem werde ich zu erklären -versuchen. Roger d'Ys war der letzte seines Stammes, unweigerlich. Wenn -er ohne Nachkommen blieb, fielen Vermögen und Güter an eine Seitenlinie -niederer Gattung, die sich besonders dadurch im hohen Adel mißliebig -gemacht hatte, daß sie einige Söhne ohne Bedenken als Offiziere in das -republikanische Heer hatte eintreten lassen. Roger d'Ys gab sich nun ohne -Zweifel auch redlich Mühe, dieser entsetzlichen Möglichkeit vorzubeugen .. -und Isabella zeigte ein selbst bei Frauen nicht gewöhnliches Verständnis -für die Politik ihres Gatten, obwohl sie kraft eines gesunden Spürsinnes -für Dinge, in denen sie nur eine einmalige Erfahrung besitzen -konnte, längst und schmerzlich erkannt hatte, daß die Natur in ihrem -Verfeinerungsbedürfnis an der Männlichkeit des letzten Grafen d'Ys und -Dieuleveuille entschieden zu weit gegangen war. Sie hatte geradezu eine -Sünde begangen. Sie hatte kaum noch einen Menschen, sondern eine vollkommen -schöne Statue gebildet: die ganz erfüllt in dem Wunder ihres eigenen -Ebenmaßes lebt und kaum noch etwas davon weiß, daß das Leben nicht die -edle Beschränkung, sondern die leidenschaftliche Fülle, nicht die kühle -Vornehmheit des l'art pour l'art: sondern die zielbewußte Arbeit des l'art -pour l'oeuvre verlangt! - -Aber Isabella war schon im dritten Jahr ihrer Ehe angelangt, ohne daß eine -Hoffnung auf Nachkommenschaft bestanden hätte. Die Gräfin-Mutter war auf -das Schloß gekommen und hatte ihr ernsthaft ins Gewissen geredet, auch der -Pfarrer war einige Male bei ihr gewesen, und selbst der uralte Erzbischof, -dessen Rufe zu dem Heiligen Geist in der französischen Aristokratie eine -nicht unberechtigte Berühmtheit genossen, hatte ihr sagen lassen, daß er -Gott den Herrn bitten werde .. Ihre eigene Mutter aber, weniger gläubig -und mit einem stärkeren Sinn für die Wirklichkeit begabt, war mit ihr -zu einigen großen Ärzten gefahren, von denen nicht ein einziger verfehlt -hatte, ihr die Versicherung einer geradezu mustergültigen Vollkommenheit zu -geben -- -- und sie war genau so klug, als sie gekommen, nach Château d'Ys -zurückgekehrt. Es ging auf den Winter zu, und sie begann zu kränkeln. -Wie viele Edelleute aus der Normandie hatte Roger die Gewohnheit, wegen -gewisser Jagden, die er geben mußte, weil es die Sitte seiner Familie so -verlangte, ziemlich lange auf dem Schloß zu bleiben und die Wohnung in -Paris erst im November zu beziehen. Er wäre ja gerade in diesem Jahre -gerne geneigt gewesen, seiner Frau zuliebe schon Ende Oktober in die Stadt -überzusiedeln, aber die Gräfin-Mutter fand den Grund nicht ausreichend, -zumal gewisse klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis außerordentlich -durch den Erfolg der Feste und Gelage auf Château d'Ys bedingt war. - -Da erklärte Isabella ohne jeden Umschweif, daß sie sich gewiß diesen -geheiligten Sitten nicht widersetzen wolle, daß sie aber die Rolle, die -sie bei solchen Gelegenheiten zu spielen habe, der wesentlich gewandteren -Gräfin-Mutter zurückgeben und ohne jeden Widerspruch Anfang Oktober auf -einige Wochen nach Florenz fahren werde. Diese Reise scheine ihr die -einzige Möglichkeit zu bieten, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, -das sie bei den herrschenden Umständen ein wenig verloren habe. Die -Gräfin-Mutter war außer sich und trug von diesem Tage an bis zu einem -gewissen anderen Tag, der aber in dieser Geschichte erst viel später -vorkommt, eine offene Feindschaft zur Schau, ja sie soll allen Ernstes -die Frage erwogen haben, im äußersten Falle bei dem Heiligen Vater eine -Ungültigkeitserklärung der Ehe zu erlangen. Es steht nicht fest, ob sie -ihrem Sohne gegenüber einen ähnlichen Gedanken geäußert hat: wenn sie -es aber getan hätte, wäre sie ohne Zweifel auf den heftigsten Widerstand -gestoßen. Denn Roger liebte seine Gemahlin über alle Maßen, und es war -eigentlich nur die obenerwähnte allzugroße Schlichtheit seines Geistes, -die es ihm unmöglich machte, Isabella gebührend gegen die Oberhoheit seiner -Mutter in Schutz zu nehmen. So fand er auch -- trotz seines wirklichen -Schmerzes über Isabellas Vorhaben -- in diesen bedeutungsvollen Tagen weder -das richtige Wort noch die richtige Haltung, er sagte sich nur, daß es -das beste sei, Isabella ohne Widerspruch gehen zu lassen und es ganz ihrem -eigenen Gefühl anheimzugeben, wann sie sich wieder an der Seite ihres -Gatten einfinden würde. Er teilte diesen Entschluß, den er in einer -ziemlich schlaflosen Nacht gefaßt hatte, seiner Mutter mit, die sich in -Voraussicht der kommenden Dinge schon von Paris nach Château d'Ys begeben -hatte. Aber sie warf nur einen Blick gegen den Himmel und führte ihre -weiße, schmerzliche Hand nach der gefesselten Fülle des Busens, als wolle -sie sagen, daß sie sich zwar vollkommen unschuldig an einem solchen Sohne -fühle, sich aber mit der Demut einer wahren Christin auch in diese Prüfung -Gottes füge wie schon in so viele andere, von denen sie mehr ahnen ließ als -verriet. Am meisten aber litt Isabella. Doch hütete sie sich, dies merken -zu lassen, sie schien vielmehr ganz erfüllt von dem Gedanken ihrer Rückkehr -und fast schon ihrer Umgebung entrückt. Während sie jedoch scheinbar eifrig -und sorgfältig die Vorbereitungen zu ihrer Abreise traf, ging sie tief mit -sich zu Rate und überlegte, wie sich ihr zukünftiges Leben gestalten würde. -Gerade weil sie ein wirklich ehrliches Gefühl für ihren Gemahl hegte, war -es nicht leicht, das Rechte zu erkennen. Sie war nun einmal die Gräfin d'Ys -und Dieuleveuille, und sie mußte es unter allen Umständen bleiben. Aber sie -fürchtete sich vor dem Augenblick, wo vielleicht in ihren Empfindungen für -den Gatten etwas wie eine Windstille eintreten würde, weil er .. nun ja, -einmal weil er sich in seiner unschattierten Geistigkeit so unerhört gleich -blieb, sodann aber auch, weil .. ja, wie soll ich dies nun wieder sagen .. -weil das rein Bildmäßige seiner Erscheinung, das allzustrenge Verharren in -seiner Schönheit, das allzugeringe Aus-sich-Herausgehen eines Tages eine -empfindliche Lähmung ihrer Freude an ihm mit sich bringen würde. Und sie -folgerte ganz richtig, daß etwas ähnliches ja eigentlich schon eingetreten -sein müsse, da sie so außerordentlich klare Vorstellungen von dieser -Verschiebungsmöglichkeit des Gefühles hatte. Sie würde nicht einen -Augenblick lang solchen Gedanken nachgegangen sein, wenn sie ein Kind -gehabt hätte. Sie sehnte sich leidenschaftlich nach einem Kind, nicht, weil -sie damit gewissermaßen ihre Pflicht gegen das Geschlecht des Grafen d'Ys -erfüllt hätte: sondern weil sie zu den Frauen gehörte, die auch in der -Mutterschaft eine Erfüllung ihres eigenen Lebens zu sehen vermögen. Und -wie es ja fast immer zu geschehen pflegt, daß gerade Frauen mit starkem -Sinnenleben die besten Mütter werden, weil ihre Liebe nur das sichtbar zu -Greifende, bedingt Wirkliche zu fassen vermag und unbestimmten Inhalten -abhold ist: so hätte Isabella in einem Kinde einen gewissen Ersatz gefunden -für manches, das ihrem ehelichen Leben fehlte. Aber selbst an diesen -heißgehegten Wunsch legte ihr großer Verstand eine Bresche: Wie würde ein -Kind von Roger d'Ys geworden sein? Noch weiter in ihrer Verfeinerung konnte -die Natur nicht gut gehen, und wenn Isabella auch der gesunden Art ihres -eigenen Blutes Kraft genug zutraute, bei der letzten Entscheidung über -äußere und innere Gestalt des werdenden Wesens ein sehr bedeutsames Wort -mitzureden: so faßte sie trotz dieser Zuversicht zuweilen eine große Furcht -an, sobald sie an die Verwirklichung ihres Wunsches dachte: denn es waren -ihr zu viele Beispiele bekannt geworden -- und ganz besonders seit ihrem -Aufenthalt im Schoße derer von Ys und Dieuleveuille -- daß das Unbegabte -über das Begabte den Sieg davonzutragen pflegt. Ja, diese Erfahrung schien -ihr manchmal in so hohem Maße ein allgemein gültiges Gesetz einzuschließen, -daß es Stunden gab, wo sie ihre Kinderlosigkeit als ein Werk der Vorsehung -empfand. Aber was sollte dann aus ihrem Leben werden? Sie war noch nicht -einundzwanzig Jahre alt! Welche Zeiten lagen vor ihr! - -Eben in diesen Tagen, als die Qual zu groß in ihr wurde und allein -der Gedanke an den Stumpfsinn der nahenden Jagdgesellschaften sie fast -trübsinnig machte, beschloß sie, nach Florenz zu fahren. Wie der übermüdete -Schwimmer, der nicht mehr gegen den Strom ankann, die erste Weidengerte -des Ufers erfaßt, so klammerte sie sich an diesen Namen: Florenz -- und an -einem der ersten Oktobertage traf sie in unserer geliebten Vaterstadt ein. -Ihr Gemahl hatte sie natürlich nach Paris begleitet und ihr als Zeichen -seiner Liebe einen großen Rosenstrauß mitgegeben, zu dem er selbst jede -einzelne späte Blüte im Schloßpark zusammengesucht hatte: Als sie aber nun -im offenen Wagen an der Seite ihrer strahlenden Mutter, die natürlich von -den inneren Zusammenhängen keine Ahnung hatte, durch die Via Tornabuoni -über den Ponte Santa Trinità hinauf nach dem Boboli fuhr, hinter dem -die Villa der Eltern lag, hatte sie vollkommen vergessen, warum sie aus -Frankreich entflohen war. Sie fand es ganz selbstverständlich, daß sie in -ihrer Vaterstadt weilte, ja, sie konnte es kaum noch begreifen, daß sie -weit über zwei Jahre die Trennung von der heimatlichen Erde ertragen hatte, -zumal in der Umgebung, in die sie ihre Heirat gestellt hatte. Und noch ehe -der Wagen vor der Haustür hielt, war sie sich klar darüber, daß kein Herbst -und kein Frühling mehr vergehen würde, ohne daß sie einige Wochen in -der Heimat zubrachte. Mochte die Gräfin-Mutter wegen der mißratenen -Schwiegertochter jede Woche zweimal zum Erzbischof laufen: sie würde -sich nicht daran kehren. Sie würde sich überhaupt nicht mehr an all diese -lächerlichen Zustände in Château d'Ys kehren. Sie würde sich durchsetzen, -ganz unzweideutig. Vor allem würde sie sehr viel auf Reisen gehen. Drei -Monate auf dem Schloß und drei in der Stadt müßten vollkommen genügen, über -die andere Hälfte des Jahres würde sie selbst bestimmen. All diese Dinge -wurden ihr im Fluge klar und mit einer Entschiedenheit, wie sie nur die -klare, helle Luft unserer Stadt zu erzeugen vermag. - -Sie schrieb noch am selben Abend einen glückseligen Brief an ihren Gemahl, -in dem zu lesen stand, daß der Mond im glänzenden Laube der Pappeln spiele, -daß aus dem Garten der Duft später La Francerosen in ihr Zimmer dringe, und -daß zwischen den dünnen, wehenden Ölbaumzweigen das Wasser des Arno silbern -aufleuchte. Allein schon der Anblick der Ölbäume habe ihre Seele gelöst, -schrieb sie gegen den Schluß hin, und sie sei des festen Glaubens, daß sie -in der Heimat so weit genesen werde, um gesund und hoffnungsfroh zu ihm -zurückkehren zu können. - -Daß aber am gleichen Abend der wunderschöne Graf Primoli sich unversehens -bei ihren Eltern als Gast angesagt hatte und bis gegen Mitternacht -geblieben war (was man eigentlich unter ganz vornehmen Leuten nicht mehr -tut): das schrieb sie nicht. Sie schrieb auch nicht, daß dieser Primoli -gefragt hatte, ob er seine Schwester mit ihr bekannt machen dürfe, die -gerade bei ihm zu Besuch sei. Vor allem aber schrieb sie nicht, daß eine -geradezu übersinnliche Erleuchtung sich plötzlich ihres ganzen Wesens -bemächtigt hatte, als dieser Primoli ihr die Hand beim Abschied küßte .. -eine Erleuchtung, so gewaltsam und divin, daß sie plötzlich an den alten -Erzbischof und die Macht seiner hierarchischen Gebete denken mußte. - -Nach etwa drei Wochen aber schrieb sie den längsten und schönsten Brief, -den ihr Gemahl jemals von ihr bekommen hatte. Der Brief war so schön, daß -Roger d'Ys die Wahlen und die Jagden und seine vom nahen Weltuntergang -überzeugte Mutter im Stich ließ und geradeswegs nach Florenz fuhr, wo er -in dem kleinen Mauergarten der Villa seiner Gemahlin zu Füßen sank und ihr -fast unter Tränen gestand, er habe seit ihrer Abreise keine frohe Stunde -mehr gehabt, und er fühle, daß ihre Nähe ihm teurer und wertvoller sei als -alles andere auf der Welt. Während er dies aussprach, hatten seine Wangen -sich gerötet, und seine hyazinthblauen Augen hatten einen innerlichen -Glanz bekommen. Sein feiner Mund stand ein wenig geöffnet, die weißen, -gleichmäßigen Zähne wurden sichtbar -- und er sah so schön aus, daß -Isabella gerne ihre Lippen länger auf den seinen ruhen ließ, als sie sonst -zu tun pflegte. Sie hatte nun wirklich keinen Zweifel mehr, daß an jenem -Abend, als Diomede Primoli ihr so lange die Fingerspitzen und die zarten -blauen Adern des Handgelenkes geküßt hatte, der heilige Geist über sie -gekommen war und ging mit dem glückseligen Lächeln einer Märtyrerin durch -die herbstliche Sonne am Arm ihres Gatten dem Hause zu. Roger wich fortan -nicht von ihrer Seite, und es verbreitete sich allenthalben die Kunde ihres -Glückes. Kinderlose Ehepaare nahmen sie sich zum Muster, und einmal, als -Monsignore Zacconi in der Annunziata eine lange Predigt damit geschlossen -hatte, daß es kein wahres eheliches Glück ohne Kinder gebe (obwohl er -doch hier eigentlich nicht gut mitreden konnte) stellten ihn bei einem -Abendessen, das die Marchesa Prioressa gab, einige Damen und Herren sehr -unverblümt zur Rede über diese seltsame mittelalterliche Ansicht und -verwiesen frohlockend auf Isabella und Roger, die Arm in Arm an einer -Säule standen und aufmerksam mit zuhörten, wie der Graf Primoli von der -Einrichtung seines Hauses erzählte. Ich muß hier zufügen, daß er sich -geradezu eines Rufes als Renaissancekenner erfreute, und daß selbst aus -entlegenen Ländern Besucher zu ihm kamen und seine schönen Möbel- und -Schmuckstücke betrachteten. Seltsamerweise war Graf d'Ys noch nicht bei ihm -gewesen, was eben gerade den Anlaß dazu gegeben hatte, die Teestunde des -nächsten Nachmittags zu einem Besuche festzusetzen. Isabella wurde in -demselben Augenblick, als Roger sie um ihre Ansicht fragte, von der -Herzogin von Levanto in ein Gespräch über französische Geflügelzucht -gezogen und somit einer Antwort überhoben. Roger indessen zweifelte nicht -eine Minute daran, daß seine Gemahlin einverstanden sei und sagte zu. - -Diomede hatte alle Zimmer mit Blumen schmücken lassen, insbesondere aber -sein Schlafgemach, das schöner als alle anderen Räume war. Das köstlichste -Gebäck der Pasticceria Giuco wurde aufgetragen, alle Messer und Löffel -wiesen die bezauberndsten Goldschmiedearbeiten der Frührenaissance auf, -in einer Räucherpfanne, die aus dem Nachlaß der Päpstin Johanna stammte, -verpuffte in goldenen Wolken ein wenig Würze von Rosmarin: Kurz, der Graf -d'Ys mußte zugeben, daß er niemals zuvor in einer Umgebung so ausgewählten -Geschmackes von einem so liebenswürdigen Gastgeber empfangen worden sei. -Ja, er äußerte lebhaft und mehrere Male hintereinander den Wunsch, doch -noch des öfteren während seines florentinischen Aufenthaltes den Grafen -besuchen zu dürfen, worauf dieser entgegnete, er wüßte nichts, was ihm -angenehmer wäre. Auch Isabella meinte, es gäbe ja nichts Schöneres als -das Verweilen in diesem Hause, wo jeder Winkel den Kunstsinn und die feine -Gesittung seines Bewohners verrate. Diomede wandte lächelnd ein, daß sie -übertreibe, aber Roger wiederholte wörtlich, was seine Gemahlin gesagt -hatte und verlangte auch, die oberen Gemächer zu sehen, während Isabella, -eine Ermüdung vorschützend, sich im Garten ausruhte. Wohl eine halbe Stunde -lang verweilten die Herren im Schlafgemach. Roger, dem es zum ersten Mal -in seinem Leben klar wurde (obwohl er einige Bücher von d'Annunzio gelesen -hatte) was dieser Raum einem Menschen bedeuten konnte, wollte sich nicht -trennen von den unzähligen Schönheiten, die hier das Auge ergötzten, sei -es, daß er vor einem Engel der Verkündigung stehen blieb und andächtig in -die verheißungsvollen Züge emporstarrte, sei es, daß er in den kostbaren -alten Brokatbänden blätterte, die auf dem Nachttisch lagen, sei es, daß er -staunend und neidisch das Bett betrachtete, von dem eine seltsame Macht auf -ihn auszuströmen schien. Diomede trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die -Schulter: - -»Ist es nicht wundervoll?« - -»Wundervoll, erwiderte Roger wie im Traum, und so breit, so bequem, beinahe -feierlich. Ich wünschte, es wäre mein.« - -»Nichts leichter als dies, mein Teurer, entgegnete Diomede, genau das -gleiche Bett ist noch bei Rondinelli zu haben. Wenn Sie es kaufen wollen, -werde ich Ihnen gerne behilflich sein.« - -»Tausendmal Dank, rief Roger entzückt, Sie überschütten mich mit -Freundlichkeiten. Ich werde es kaufen!« - -In den nächsten Tagen konnte der Graf d'Ys keinen anderen Gedanken -mehr fassen, als Möbel zu kaufen, alte, echte Renaissancemöbel für sein -normännisches Schloß. Und er war bitter enttäuscht, als Primoli den Kopf -schüttelte und etwas nachlässig sagte, während er sich in dem Schaukelstuhl -zurücklehnte und die Beine übereinanderschlug: - -»Lieber Graf d'Ys, das würde ich an Ihrer Stelle doch nicht tun. Man muß -die Dinge der Umgebung anpassen, in die sie gehören. Da Sie mir ja selbst -erzählten, daß der Donjon Ihres Schlosses aus dem zwölften Jahrhundert -und der Rest des Bauwerkes aus dem dreizehnten stammt, da außerdem dieses -Schloß in der Normandie und nicht südlich des Apennin liegt, so dürften -florentinische Renaissancemöbel doch nicht ganz das Richtige sein.« - -»Sie haben vollkommen recht, mein lieber Diomede, sagte Roger, und ich -kann Ihnen versichern, daß ich selbst schon einen ähnlichen Gedanken gehabt -habe. Aber sehen Sie: es dreht sich ja nur darum, Isabella eine Freude zu -machen. Ich merke es an allem, wie glücklich sie hier unten in ihrer Heimat -ist, in der heiteren, geistvollen Gesellschaft dieser Stadt, die man um so -lieber gewinnt, je länger man darin weilt: und ich dachte, vielleicht würde -sie das allerdings ganz andere Leben in der Normandie leichter ertragen, -wenn sie möglichst viel Dinge um sich sähe, die sie an Florenz erinnern!« - -»Ganz im Gegenteil, fiel Primoli ein. Sie kennen die Seele der Frauen -schlecht! Ganz im Gegenteil! Da ja die Täuschung doch nur oberflächlich -bleiben kann, wird ihr Heimweh nicht gemildert, sondern nur verstärkt -werden. Und Sie werden genau das Entgegengesetzte von dem erreichen, was -Sie anstreben. Aber -- fügte er hinzu, und er gab diesem Aber einen ganz -besonderen Nachdruck, ohne jedoch das leicht Hingeworfene seiner Rede -deswegen aufzuheben -- wenn Sie der Gräfin eine Freude machen wollen, die -einen wirklich tiefen Sinn hat: so kaufen Sie doch eine von den unzähligen -kleinen Villen hier in den Colli und richten Sie sie so ein, wie es zur -Umgebung paßt.« - -Der Graf d'Ys fuhr von seinem Sessel auf: - -»Wundervoll! wundervoll! rief er laut, indem er die Hände Primolis ergriff, -Sie haben doch immer die besten Gedanken ..« - -»Aber dieser Gedanke lag doch so nahe, so unsäglich nahe ..«, -beschwichtigte jener. - -»Gewiß, gewiß .. Wenn ich es jetzt überdenke .. Natürlich lag er sozusagen -auf der Hand. Aber es geht ja bekanntermaßen oft genug so, daß man vor -lauter Bäumen den Wald nicht sieht.« - - · · · - -Etwa eine Woche später verkündete Roger seiner Gemahlin, die schon zu Bett -lag, während er selbst noch ein wenig am Rand ihres Lagers saß, daß er die -alte Villa Giramonte gekauft habe. Isabella starrte ihn an. Sie wußte nicht -recht, ob sie vielleicht schon im Halbschlaf geträumt hatte, oder ob dies -alles Wirklichkeit war. Als aber Roger einen Kaufbrief aus seiner Tasche -nahm und auf die weißseidene Steppdecke legte, brach sie vor Freude und -Erschütterung fast in Weinen aus. Nur der Gedanke, daß ein solches Geschenk -sofort das Gegengeschenk erfordere, hemmte ihre Tränen: Sie gestand dem -Grafen, daß sie guter Hoffnung sei. Er konnte es kaum fassen, er rannte im -Zimmer umher, bestürmte sie ein über das andre Mal mit Fragen, ob sie sich -nicht täusche: aber sie lag mit geschlossenen Augen in den tiefen Kissen, -neigte ganz leicht und mit der Miene der Dulderin ihren schönen Kopf und -sagte wie im Traum: - -»Die Heimat, mein Freund, das Glück, in dieser süßen, milden Luft zu -atmen .. überhaupt: alle die anderen Verhältnisse ..« - -So entschlief sie. Er aber blieb lange vor ihr stehen und sah auf ihren -zarten, heiligen Körper nieder, indessen etwas wie ein Dankgebet aus seiner -Seele zum Himmel aufstieg. Und in der gleichen Nacht noch schrieb er einen -langen Brief an die Gräfin-Mutter, um sie in ihrem Groll zu versöhnen und -den Ausfall der Jagden und Wahlgesellschaften verschmerzen zu lassen. - -Als Isabella am nächsten Morgen den gesiegelten Umschlag auf dem Tisch -liegen sah, nahm sie ihn stillschweigend zwischen ihre Fingerspitzen und -schaute fragend in das erstaunte Gesicht ihres Gatten. Sie las die Antwort -in seinem Blick. - -»Nein, Geliebter, sagte sie, ich möchte noch nicht, daß man in unserem -Kirchensprengel für mich betet: vor allem aber möchte ich deiner Mutter -noch nicht die Gelegenheit zu neuer Gottwohlgefälligkeit geben. Ich möchte -ihr überhaupt erst mit dem fait accompli vor Augen treten: das heißt -in diesem Falle erst dann, wenn ich mein Kind im Arm halten kann. Mein -veränderter Zustand wird natürlich eine Menge von Änderungen mit sich -bringen, über die wir am besten sogleich reden. Ich denke, wir halten es -so: Vor allem werde ich vor meiner Niederkunft nicht mehr nach Frankreich -zurückkehren. Ich will erst als Mutter Château d'Ys wiedersehen .. und -Paris würden wir ja ohnehin für diesen Winter aufgeben müssen. Ich glaube, -wir bleiben am besten über Weihnachten hier, gehen dann vielleicht ein -wenig nach Rom oder an die Riviera und beziehen im April hier unser neues -Haus solange, bis alles vorüber ist. Rufen dich einmal für kurze Zeit die -Geschäfte zurück: so bedeutet das ja weiter nichts ..« - -Roger wagte nicht zu erwidern. Gewiß hatte er sich das alles ganz anders -gedacht, aber die Entschiedenheit in Isabellas Sprache und die große -Klarheit ihrer Pläne ließ auch diesmal keinen Widerspruch aufkommen. Wozu -auch? Es galt jetzt, die junge Frau zu schonen, und er hatte ja schon -des öfteren sagen hören, daß Frauen in solchen Zuständen manchmal die -seltsamsten Launen haben. - -Isabella aber wurde nur viel stiller, als sie sonst zu sein pflegte, und -die innere Lösung aller Verkettungen schien für sie einzig in der Frage zu -gipfeln, ob das Kind ein Sohn oder eine Tochter sein würde. - -Und siehe: auch dieses Mal betrog sie ihre geheimste Hoffnung nicht: -sie genas im Juni in ihrer Villa zu Florenz einer wundervollen, kleinen, -schwarzen Tochter, von der man zwar durchaus nicht sagen konnte, daß sie in -irgend etwas der Blondheit derer von Ys und Dieuleveuille nahekam: es ließ -sich nur feststellen, daß sie ein äußerst vornehmes und wahrhaft gräfliches -Kind sei. - -Isabella aber dankte dem Herrn für die Erhörung ihrer stummen Gebete: denn -von nichts war sie nun mehr überzeugt, als daß jene große Erleuchtung des -letzten Herbstes wirklich göttlicher Natur gewesen sei, und daß sie, um -Gott und den Menschen wohlgefällig zu sein, nur da fortzufahren brauche, wo -sie so glanzvoll begonnen hatte. - -Und siehe: als sie den Herbst wieder mit Gemahl und Tochter im Frieden -ihrer florentinischen Villa zugebracht und sich zwischen Roger und Diomede -eine wirkliche Freundschaft entwickelt hatte, schenkte sie im nachfolgenden -Hochsommer ihrem Gemahl jenen wundervollen Knaben, dessen Schönheit in -gewissen Kreisen unserer lieben Vaterstadt schon heute anfängt, ebenso -sprichwörtlich zu werden, wie es noch vor drei Jahren diejenige des Grafen -Primoli war. - -So war auch in Isabellas Mutterliebe die göttliche Dreiheit hergestellt: -und dies Ergebnis gewährte ihr eine solche innere Befriedigung, daß -sie sich willig dem französischen Schönheitsgesetz fügte, das es für -außerordentlich schädlich erklärt, wenn eine Frau mehr als zweimal die -Lasten der Mutterschaft erträgt. Sie führte fortan das Leben der wahrhaft -großen Dame -- zumal sie ja in dem Gefühl treu erfüllter Pflicht gegen -das Geschlecht derer von Ys und Dieuleveuille eine ausreichende Schwere -sittlichen Gleichgewichtes besaß -- und man empfand es in Paris wie eine -gewisse Erleichterung, als eines Tages ein bekannter Weltmann sich -die Bemerkung gestatten durfte, daß sogar die spröde Gräfin d'Ys dem -unentrinnbaren Einfluß der Pariser Luft zu erliegen scheine, insofern, als -sie sich des öfteren ganz zwanglos mit einem jungen Diplomaten deutscher -Herkunft im Theater und in den Salons zeige. - -Mit diesem jungen Deutschen aber ist natürlich meine Geschichte schon -deshalb zu Ende, weil er mittlerweile vierzig »Elegieen einer geistigen -Liebe auf eine Florentinische Dame« geschrieben hat.« - - · · · - -So ungefähr hatte uns damals Octavio Poggiolini erzählt, dem die Anmut und -das wundervolle Heidentum seiner Vaterstadt eingeboren waren. Und gleich -darauf, als er sein neugefülltes Glas geleert hatte, ließ er sich auf den -verblaßten Sammetschemel zu Füßen seiner rehbraunen Nachbarin Constanze -Torregiani nieder und hob die schwarzen Augen an den Falten des -himbeerfarbigen Seidengewandes bis zu ihren Blicken empor. Aber die Römerin -schaute streng und strafend nieder, und die Hände, die er gern ein wenig -auf seinem dichten, blauschwarzen Haar gefühlt hätte, dachten nicht daran, -den Löwenknauf des hohen Sessels zu verlassen. Da erbarmte sich Katarina -von Pleß seiner: - -»Octavio, sprach sie, Octavio: Ihr sucht Euren berechtigten Lohn bei einer -Unerbittlichen. Ihr vergeßt, daß sie eine geborene Colonna ist und sich -noch nicht lange genug in Eurer Stadt aufhält, um von dem Geist erfüllt zu -sein, der hier seit Jahrhunderten geheiligt ist. Wenn sie aber des öfteren -Eure Geschichten gehört hat, wird sie Euch gnädiger gesinnt sein. Sofern -Ihr aber mit mir vorlieb nehmen wollt -- obwohl ich, wie Ihr wißt, nur eine -schlichte deutsche Frau bin und außerdem die Base jenes jungen Deutschen, -dessen geistige Liebe Eurer süßen Geschichte ein Ende setzte: wenn Ihr also -mit mir vorlieb nehmen wollt, so will ich Euch gerne gänzlich ungeistig -geben, was Euer ist: so wie Ihr der Muse gabt, was der Muse ist.« - -»Ihr macht mich erröten, Herrin, entgegnete Octavio, da Ihr mich hoffen -laßt, was meine kühnsten Wünsche nicht erträumt hätten. Die deutschen -Frauen gelten hierzulande für unnahbar ..« - -»Naht Euch getrost, versetzte Katarina mit einem sanften Lächeln, indem sie -das runde Kissen, worauf ihre kleinen weißen Seidenschuhe nur leicht geruht -hatten, ein wenig von sich schob, und mögen die Umsitzenden Zeugen sein, -wie man die Dichter ehrt. Sollten Euch aber -- was ich Euch durchaus -zutraue -- Gewissensbisse anfallen, Ihr könnet die Seele einer deutschen -Frau durch den Zauber Eurer Erzählung, zu dem sich die ganze Anmut Eurer -jugendlichen Erscheinung gesellt, mehr als erlaubt ist von den Bahnen der -Sittsamkeit entfernt haben: so laßt Euch zur Erleichterung im voraus sagen, -daß in meiner Ehe alle Angelegenheiten bereits so weit fortgeschritten -sind, daß es keiner Erleuchtung mehr bedarf, wie sie über Eure göttliche -Isabella Giramonte kam.« - -Und mitten im lauten Jubel unseres Lachens küßte sie den schönen Octavio -auf den schönen, hingehaltenen Mund. - -Dann fiel der Vorhang über dem Spiel. Der große Halbkreis löste sich -in kleine Gruppen auf, ich warf den Mantel über und trat ins Freie. Man -fühlte, daß der Tau schon im Fallen war, noch standen keine Tropfen an den -halbgeschlossenen Rosenblüten, aber das Gras war beschlagen und das Licht -des Vollmondes rieselte in feinem silbernem Dunst. Die Schlagschatten an -den Wänden schnitten große, bläuliche Dreiecke in das weiße Gestein. Tief -unten im Tal lag der ungewisse Schimmer der Häuser und Kuppeln. - -»Kennen Sie Siena?« fragte mich plötzlich der Graf Arnedal, ein junger -Schwede, mit dem ich wenige Tage vorher in Deutschland bekannt worden war. - -»Nein, noch nicht.« - -»Sie müssen es mit mir zusammen sehen. Wenn Sie dort gewesen wären, würden -Sie begreifen, warum mir in einer Nacht wie dieser die Frage aufstieg.« - -Er nahm meinen Arm und zog mich auf die taghelle Landstraße hinaus. Wir -gingen langsam bergauf. Er sprach von den Mondnächten Sienas, von dem -silbernen Rauschen seiner unzähligen Brunnen, bis wir selbst unerwartet -vor einem breiten, moosbewachsenen Becken standen, in dessen klare Flut -ein weißer, dünner Strahl sein Wasser goß. Wir tauchten die Hände ein: sie -schienen ganz im Mond gebadet .. wir schüttelten sie: tausend sprühende -Tropfen sprangen in den Behälter zurück. Von der Höhe wehte ein leichter -Lufthauch den Geruch der Akazienblüten, tief unter uns, in der Richtung -des Hauses, erwachte der milde, goldne Glanz einer männlichen Stimme -über leisen Lautenklängen. Wir lehnten am Brunnenrand und lauschten. Axel -Arnedal sah in den Glanz der jenseitigen Arnohügel: - -»Wenn wir morgen nach Siena führen?« - - - - -ROM - - -Rom: Ewige Welt im Banne eines Namens .. Traumhaftes Anklingen -tiefgedämpfter Trommelwirbel über dem weichen Golde der Posaunen. - - * - -Eines möchte ich wieder erleben: Die frühe Morgenstunde, als ich zum -erstenmal über die Piazza delle Terme in die Stadt hinunterfuhr: jenes -Licht auf den gelben Häuserwänden, das Zerstäuben der Wassergarben über den -offenen Brunnenbecken, das Wehen der Palmen im frischen, blauen Ostwind, -den Duft des Sprühregens, der aus großen Gießfässern auf die Straße sprang, -die Musik der tausendfachen Rufe aus Höfen und Hallen, aus Winkeln und von -hohen Balkonen, den Flug des leichten Wagens, das frohe, helle Aufschlagen -der Hufe, das Bellen des kleinen Hundes, der neben dem Kutscher saß und mit -den Pfoten an einer hochroten Halsschleife spielte .. und dann den Eintritt -in das Haus der Freunde, die kühle Dämmerung des Marmorvestibüls, das -Schweigen der hohen, weißen Wände und den herben Geruch der Lorbeerbäume, -die in niedrigen Behältern neben einem schlanken Spiegel standen. - -Warmes, braunes Halbdunkel, von Grün durchweht, füllte das Zimmer, in das -man mich führte: die Läden waren geschlossen, die Vorhänge gesenkt, nur -hier und da vom Gold der Luft gesprenkelt. An allen Wänden, an der Decke, -am Fußboden floß Gold: weich wie der Wein von Frascati in die glatten, -runden Gläser fließt. Narzissensträuße standen auf den Tischen, aus langen -Korridoren hallten Worte herüber, Schatten flogen und verschwanden. - -Seitdem sind Jahre vergangen. Abschiede und Wiedersehen sind gewesen, und -nach jeder Trennung die Gewißheit neuer Wiederkehr. - -Es gibt keinen Abschied von Rom. Mit allen nordischen Städten kann man zu -einem Ende ohne Widerruf kommen: Rom lächelt, wenn wir gehen. Es läßt -seine Brunnen weiterrauschen, seine Schwalben im hellen Abendrot über den -Ziegeldächern weiterkreuzen und streut den Samen des Heimwehs aus. - -Rom ist die Heimat aller, die vom Wissen ruhen, vom Forschen genesen -wollen, das Vaterland der Kämpfer, die über ihrem Ziel den großen Sonntag -nicht vergessen. Lege deinen Kopf an den Schaft der abgebrochenen Säule -und laß dein Auge die Krone der hochschwebenden Pinie suchen, sitze am -schmalgefaßten Wasserbecken des Forums und folge dem Zug der Wolken in der -stillen Tiefe der Flut, strecke dich im hohen Grase des Palatin aus und laß -die Bienen über Glockenblumen und Asfodelen schwirren, trete tief in den -Gesang einer Kirche hinein, wenn aus der klaffenden Türe der Kerzenflimmer -dein Auge trifft: Du ruhst. Von allem ruhst du aus, fast wie ein Kranker, -den das Gefühl gesund macht, daß ihm nichts mehr geschehen kann, solange -das Bett ihn hütet. Niemand mehr hat eine Forderung an ihn, niemand kann -kommen und ihn mit Fragen quälen, die Stunden sind rechtlos geworden .. die -Tage .. vielleicht die Wochen. Er fühlt, wie sich die Kräfte seines Lebens -wieder sammeln und das ermüdete Blut leichter und fröhlicher machen. - -O wunderbar geschlossene Seele Roms! Keine Gegensätze mehr sind im Krieg -miteinander, keine Welten mehr wollen sich umstürzen: mitten in das Rund -des lateinischen Tempels hat die christliche Sehnsucht ihrem neuen Gott die -Wohnung gebaut, Säulen, die um Altäre Jupiters und Apollos standen, tragen -das Dach der christlichen Basilika, du kaufst die griechische Gemme -bei demselben Juwelier, der dir die neueste Schöpfung des heimischen -Goldschmiedes vorlegt, in dem Antlitz eines kleinen Zeitungsträgers findest -du die Züge irgend einer geliebten römischen Büste wieder, in der Rede -eines Abgeordneten hörst du Worte, die ein Tribun sagen konnte, und seine -pathetischen Handbewegungen erinnern an die Geste des antiken Staatsmannes, -wie ihn Marmor und Bronze überliefert haben. Alles gilt vor allem in der -Seele dieser unergründlichen Stadt, und alles löst sich in allem auf. Auf -ununterbrochen sich kreuzenden Wegen schafft sich der Geist des Fremdlings -aus den Widersprüchen die innere Einheit der Stadt: und dieses rastlose -Zusammenfügen von Getrenntem gibt Bewegung und Anmut, es bewahrt vor -Erstarrung, indem es immer tieferes Erstaunen schenkt. So wird allmählich -schon das Schauen zum Erkennen: der geübte, selbst nur flüchtige Blick -rührt an das Wesen der Dinge. - -Sitze nur einen Abend oder Nachmittag vor den großen Kaffeehäusern, -Aragno oder Faraglia, sieh, wie sich diese Gruppen bilden, wie sie sich -verschieben und auflösen, sieh das scheinbare Warten der Menschen auf -irgendein Ernsthaftes und die Freude an der Begrüßung des ersten, der -zufällig des Weges kommt. Dicht am Rande des Fußsteiges stehen alle diese -jungen Leute, den Fuß ein wenig vorgesetzt, die Hände in den Hosentaschen, -so daß sich der Rock über den Schenkeln emporschlägt. Der Hut ist nach dem -Nacken zurückgeschoben, das schwarze Haar fällt in dichter Welle auf die -Stirne. Sie pfeifen leise mit gespitztem Mund, wenn sie lachen, blinken -die breiten, gesunden Zähne auf. In der linken Brusttasche steckt das bunte -seidne Tuch, es hat die Farbe der Krawatte und der Strümpfe. Sie stehen und -warten. Sie schauen den Corso hinauf und den Corso hinunter, sie gehen -ein paar Schritte in eine Seitengasse: du kannst sicher sein, daß sie in -wenigen Minuten zurück sind. Sie mustern sich und prüfen die Kleidung, sie -glätten eine Falte und ziehen den Knoten einer Krawatte, während sie sich -in einem blanken Schaufenster bespiegeln. Sie sind glücklich in dem, was -sie sind: glücklich zu leben, zu jedem Abenteuer bereit, leichtsinnig bis -zur Göttlichkeit, voller Schulden, bezaubernd körperlich, leidenschaftlich -in jeder Empfindung, in der Gebärde ritterlich, traumlos und wundervoll -gedankenlos. Sie sind genau so lange da, als sie vor dir stehen, aber sie -sind nie gewesen, sobald sie nur um die nächste Ecke biegen und im Dunkel -verschwinden. Kein Wunsch in dir wird wach, zu wissen, was sie treiben, -was sie gelernt haben, ob sie Kaufleute oder Beamte sind. Sie können alles -sein. Was sie wirklich bewegt, was ihnen das Leben schön macht, sind die -stets gleichen Dinge: sie spielen, sie wetten auf die Rennpferde, sie -denken an ihre Weiber. Jedoch dies alles haben andere junge Leute in -anderen Städten auch. Aber sie sind Römer! Frage einen, was er ist, höre -den Tonfall der Antwort: - -»Sono Romano.« - -Da ist der Abgrund, der sie von der Umwelt scheidet -- und die Brücke, -die unbeschreiblich-schwanke, unfehlbar-sichere Brücke, auf der ihre Seele -zweitausendjahreweit in die Seele der großen Ahnen zurückflieht: - -»Civis Romanus sum.« - -Nimm ihnen die Kleider fort, wirf ihnen Toga und Tunika über, gehe zwischen -ihnen über das Forum: und du mußt mitten im Leben der alten Stadt sein. -Höre wieder auf ihre Sprache: Spiel, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe, -Sklavenaufstände, Huren .. - -Nimm sie einzeln: Es bleibt nicht sehr viel. Es bleibt ein Ebenmaß, eine -Schönheit mittleren Grades: ein straffer, oft ein wenig gedrungener Körper, -hartgemeißelte Schläfen, ein klarer Ansatz der glänzend-schwarzen Haare an -Stirn und Nacken, die offene Flamme des dunklen, mandelförmigen Auges. - -Nimm sie gleich darauf wieder zusammen, fühle ihre Einheit: und du -spürst die unbegreifliche Kraft einer Rasse, die sich über den trübsten -Schicksalen blühend erhalten konnte. Du spürst ganz Rom. Rom lebt dir aus -ihnen entgegen, sie sind die unfreiwilligen Mittler. Wer Rom erlebt, -muß sie erleben und in seine Liebe einbeziehen. Wer sie aus Dünkel oder -Gleichgültigkeit übersieht, nimmt seinen Lohn voraus: Sie hemmen, wo sie -gerne helfen möchten. - - * - -An einem späten Nachmittag, als ein Gewitter die Luft gereinigt hatte, ging -ich zur Villa Borghese hinauf. Abseits, im Grunde der Gärten, liegen die -beiden Brunnen, denen mein Kommen galt, umspielt vom Schatten hellgrüner -Akazien, die in den Sonnenglanz der stillen Abendlüfte greifen. Sie liegen -halbvergessen auf feuchtem, braunem Boden, der den Klang jedes Schrittes -auslöscht und Kühle haucht. Reicher tropfen die Schalenränder des ersten, -verträumter die des anderen. Gleich süß sind beide der Ruhe suchenden -Seele. Wie geht es sich leicht zwischen den Steineichen des schmalen -Pfades, der beide verbindet, wie bannt ihr wechselnder Anblick das immer -wieder entzückte Auge! Stehst du am einen und schaust nach rückwärts, -so siehst du am andern den Kranz goldner Perlen in die oberste Schale -tröpfeln, neue Perlen sammeln und an verdichteten Schnüren über smaragdenes -Moos zur zweiten Schale herabfallen, die ihn noch länger behält und ihn der -dritten gibt, wo er versinkt. Stehst du am andern, so hast du die Sonne zur -Seite und sieht nur ein silbergrünes Tropfen und viele zerrinnende Kreise -im unteren Becken. Hebt sich ein Windhauch, so rieseln die weißen Blüten -auf das Wasser, fangen das Gold eines Tropfens und lassen sich weiterspülen -in den traumhaften Tod. Kaum sah ich Menschen hier. Einmal lag ein Knabe -auf einer Steinbank und starrte in die Bläue. Jedesmal, wenn sich das Laub -im Winde regte, schien er zu warten, ob eine Blüte auf ihn niederfalle .. -und lächelte, wenn sie auf seine Wimpern sank. Fast eine Stunde lag er so, -vertieft in sich und in sein Spiel, ein junger Flurgott, der nichts -von seiner Herkunft weiß. Später trat er zum Brunnenrand und fing die -Silbertropfen mit dem Munde .. - -Ein andres Mal kam ich mit einer Frau, die lange krank gewesen war. Sie -ging sehr langsam, in ihren Augen brannte Müdigkeit. Sie tauchte die -Hände in das Wasser, eine breite, goldne Welle floß über, ihre Rubinringe -flammten neben dem hellgrünen Moos auf .. Sie starb im gleichen Jahr. Im -Fall der Tropfen haben wir die letzten Worte zusammen gesprochen. O Brunnen -der Erinnerung! Es ist keine Liebe zu einem Menschen oder einem Ding, die -ohne Trauer wäre. Nun scheuchte mich der Schatten dieser Frau. Mit der -hohlen Hand fing ich die erblindeten Tropfen. Wo blieb das Gold? .. Schon -hob sich weiß der Mond und kündete kühl die silberne Nacht. - -O Brunnen der Verwandlung. - -O Wasser Roms. - - * - -Viele stehen Abend für Abend am Geländer des Pincio und warten auf die -Nacht. Ihre Augen sind geweitet, manche voll Grauen, manche voll Heimweh. -Noch tauchen Namen auf in ihrem Hirn. Sie wissen: Dort ist der Janiculus, -dessen Pinienkronen wie stille Inseln im korallenfarbigen Duft schwimmen. -Die Kuppel St. Peters erscheint vergrößert im silbergrauen Dunst. Noch -weiter rechts hebt sich der Monte Mario, neue Pinienkronen schließen -sich an, eine schwebende Brücke zwischen Land und Land über den goldnen -Wolkenbrüchen der Tiefe, in denen die Sonne versinkt. Ein Fremder tritt -zu der Gruppe und nennt Kirchen, die über dem Durcheinander der Dächer -aufsteigen. Wo ist der Fluß?, fragt einer laut .. Man kann ihn nicht sehen -von hier, die Häuser verbergen ihn, aber dort, wo das Castello San Angelo -auftaucht, muß er fließen. Und obwohl sie wissen, daß sie ihn nicht -erblicken können, spähen sie sehnsüchtig nach dem glänzenden Streifen aus, -der einen Weg in dem verwirrenden Bilde weist. Nun können sie suchen, wo -ihr Haus liegt, ihr Platz, ihre Straße. Das Wehe des Verlorenseins löst -sich auf im Gefühl der Beruhigung, daß sie irgendwo dort unten zu Hause -sind. So entrinnen sie dem Abendgrauen und wissen nicht, daß sie der -traumhaftesten Schönheit Roms entrinnen. - -O, nicht mehr zu wissen, was diese Hügel, diese Türme, diese Dächer sind! -Rom sind sie -- Rom im Dunst von blassem Blut, im Schiefergrau barmherziger -Schleier, die das rote Niederrieseln langsam, langsam im dunkelnden -Gewebe töten. Nur fühlen, wie dies stumme Ganze sinkt, zusammenfällt, ein -Riesenschutt nachglühender Asche, wie sich auf den gelben und geschwärzten -Ziegeln das stumpfe Blau sammelt, ein Deckel von Basalt, und stehen bleibt. - -So schließt der Abend seine Tore und hält die Stadt gefangen. Du bist -mit eingeschlossen, du mußt hinunter zu ihren Lichtern und ihren Stimmen. -Schatten wehen in deinem Rücken und treiben dich zur Treppe. Stufe um -Stufe nimmt dein Fuß, schon wachsen körperlose Wände über dir empor, graue, -erloschene Mauern streifen deine Flanke, Licht einer Lampe fällt aus nahem -Zimmer auf deine Hände, Laute werden deutlich, Worte erkennbar. Du bist am -Boden. Du wendest dich. Hoch über dem Gesims der Treppe stehn die schwarzen -Palmenwedel. Perlgrau glänzt der Himmel, in dem die Frühe eines Sternes -funkelt. - - * - -Irgend einer hatte bei dem Abendessen, das uns die Gräfin Arnedal -- Axels -Mutter -- gab, die Rede auf Marc Anton gebracht. Das Gespräch hielt uns -bis Mitternacht, und als wir alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse der -Trinità de' Monti schlenderten, sagte Axel ungefähr folgendes: - -»Ich habe neulich eine halbe Stunde lang die Büste dieses Mannes betrachtet -und nicht eine Spur geistigen Lebens gefunden, die das übertrieben-Weiche -dieser Züge zusammenhält und verschönt. Da ist nichts als Fleisch, sorgsam -in Locken gelegtes Haar und ein Mund, dem eigentlich die Anmut fehlt, -obwohl er schmal und sanft von Wange zu Wange zieht. Das Kinn versinkt, die -Augen liegen tief und schimmern feucht. Sie müssen sehr schön gewesen -sein, ganz ohne Seele, nur Sinnlichkeit. Ich kann mir nicht denken, daß sie -schwarz waren. Ich empfinde sie grau, sehr matt und sehr verschleiert. Mit -seiner Sinnlichkeit allein bezwang dieser Mann das Volk nach Caesars Tod. -Seine Worte waren wie das Geschmeide, das eine schöne Frau sehr schön -zu tragen weiß. Er ließ sie funkeln und schillern, er wand sich in ihrem -kühlen Flitter und machte das dumpfe Volk befangen. Die Worte perlten: und -schimmerten im Glanz von Tränen. Sie bluteten: und ließen die Wunde des -Herzens ahnen: Wo eine Preisgabe sondergleichen war, sah die Menge noch die -Beherrschung des vornehmen Mannes, dem Stand und Sitte nicht gestatten, -den ganzen Schmerz zu zeigen. Vielleicht war es ein schlimmer Übergang -in seinem Leben, als er erkannte, daß eine Sinnlichkeit, die gleichmäßig -aufgeteilt ein ganzes Wesen beherrscht, selbst da noch eine große Macht -besitzt, wo jede Kraft der Seele versagt. Auch kam dieses Erkennen zu spät -und mußte gefährlich sein als Maß für die Haltung eines Mannes. Antonius -war vierzig Jahre alt, als Caesar starb. Octavian aber war achtzehn: Ein -wesenloses Alter an irgend einem Gegner, aber nicht wesenlos, wenn das -Gesicht dieses Gegners die Züge Octavians trug. Antonius fühlte nicht den -Unterschied. Er sah die Schönheit wohl: doch daß es die reine Schönheit -eines unbeugsamen Willens war, der eine tiefverschlossene träumerische Glut -in Zucht hält, sah er nicht. Was war ihm dieser Knabe? Der Bruder -seiner Gemahlin, vielleicht einmal der flüchtige Reiz einer späten -Gastmahlsstunde.« - -Wir standen alle um den Sprecher, der plötzlich abbrach und mit der Hand -nach der Kuppel von San Carlo wies, als ein Schwarm von aufgestörten Tauben -silbertriefenden Fluges hinter der Wölbung verschwand. Perlmutterfarbene -Wolkenflocken schwebten über den Gärten der Villa Medici. - -»Woher wissen Sie alle diese Dinge?« fragte eine Dame. - -Axel lächelte unmerklich: - -»Nur aus der Statue. Ich höre das Blut in den Adern klopfen. Ich kenne den -Klang der Stimme, wenn ich gefunden habe, wie die Augen aussahen. Ich lerne -es langsam wieder, das Wesen eines Menschen aus seinem Körper zu deuten. -Ich gebe mir Mühe, den tieferen Sinn des Leibes zu erfassen. Wir waren viel -zu lange krank an Seele und Vergeistigung. Wir messen Werte nur noch mit -diesen Gewichten. Aber die Sprache des beseelten Körpers ist uns -verloren gegangen. Rom wies mir den Weg zur Umkehr. Rom führte mich nach -Griechenland. Wie eine tiefe Beschämung fiel es auf mich, als ich vor -Jahren zum erstenmal das Kapitol, den Vatikan und die Thermen durchwanderte --- und an unsre armen Körper dachte, an denen nichts mehr gilt als das -Gesicht. Die Verhüllungen unseres Leibes haben uns den Sinn des plastischen -Ausdrucks genommen. So kommt es, daß wir anfangs fast hilflos vor den -Marmorbildern stehn, bis unerwartet die Erleuchtung in uns kommt: die -Wehmut einer Schulter, das Müde einer Hüfte, die atmende Glückseligkeit -einer Brust lassen uns begreifen. Dann beginnt die Arbeit, mit der wir die -lange Verwahrlosung sühnen. Und langsam, langsam ernten wir die wundervolle -Frucht.« - -Schon während der letzten Worte hatte Axel die Blicke nach dem Aufgang der -spanischen Treppe gerichtet. Nun winkte er uns leise an das Geländer und -deutete nach dem schmalen Altan, der die mittleren Stufenläufe aufnimmt: An -der Mauer lagen in tiefem Schlaf zwei halberwachsene Kinder. Ihre -Gesichter -- deutlich erkennbar im bläulichen Mondlicht -- spiegelten tiefe -Beruhigung, das Hemd über der dunklen Brust stand ein wenig offen. Keiner -von uns sprach. - -Da mußte ich an alle die Vielen denken, die Nacht für Nacht im Schutz der -Kirchentüren schlafen, Arme und Alte, in zerrissene Kleider gehüllt, -die Glücklichen unter ihnen in einen zerlumpten Mantel, den sie irgendwo -erbettelt oder fortgenommen haben. Wie oft sah ich sie plötzlich vor mir -liegen, wenn ich unachtsam die nächtigen Stufen einer Kirche emporstieg .. - -O Armut Roms! Die am Tage über die alten blinden Bettler klagen und nicht -mehr wissen, wo ein Almosen frommt und wo nicht, mögen des Nachts an -die Kirchentreppen gehen und stumm den Schlafenden die stumme Wohltat -erweisen. -- -- - -Schweigend verließen wir die Terrasse der Trinità de' Monti und gingen -nach der Via Veneto zurück. Auf dem freien Platz vor San Isidoro nahm ich -Abschied, um nach der Piazza Barberini hinabzusteigen. Der Tritonbrunnen -warf mir das Silber seines Wassers entgegen, als ich in das Innere des -Hauses trat. - -Ich konnte lange nicht schlafen. So fing ich an, in der Geschichte der -frühen römischen Kaiser zu lesen, bis zu Caligula hinauf. Schon flog die -blasse Röte des Morgens durch die Luft, als ich das Licht löschte; in -einem fernen Hof fing eine Magd schon an zu singen, eine jener langgezognen -römischen Melodien, die um einen ruhenden Ton kreisen und wie ein müder -Brunnenstrahl immer von neuem in sich zurückfallen. Die harten Blätter -der Platanen raschelten im leichten Frühwind, eine Schafherde kam die Via -Sistina heruntergezogen und verschwand in der Via Quattro Fontane. - - * - -Ein hellblauer Morgen sprühte herauf. Es war kühler geworden. Die -Tramontana wehte; in allen Fensterscheiben, in allen Wipfeln flog der Glanz -der Frühe auf und nieder. Von den Blumenständen sprangen die Farbflecken -auf: hochrot und gelb, weiß und blau. Die weißen Tücher auf den Tischen vor -den Trattorien flatterten über die Kanten empor, die Schreie der Ausrufer -hallten doppelt laut und deutlich durch die klare Luft aus den Straßen -herauf, der Tritonbrunnen warf seinen Strahl von einer Seite auf die -andere. - -Ich verließ das Haus sehr zeitig. Da der Morgen an den Tag meiner ersten -Ankunft in Rom gemahnte, ließ ich mich auf großen Umwegen über die Piazza -delle Terme, durch die vielvertraute Via Cavour, an den Treppenschnüren von -Santa Maria Maggiore vorüber, und durch den Spezereiduft der Via Baccini -bis zur Piazza Aracoeli fahren. Hier stieg ich aus. Wie so oft schon, blieb -ich am Sockel des Löwen lehnen, der zwischen dem Aufgang zum Kapitol und -der unvergleichlichen Treppe zur einsamen Kirche Santa Maria in Aracoeli -ruht. Diese Stufen fließen in das Licht empor. Sie sind Welle geworden, die -golden an die schlichtgewölbte Eingangstüre der nackten Fassade anschlägt. -Keine Verzierung schmückt die leblose Fläche dieser hohen Wand: nur die -zarte Narzisse einer gotischen Rosette öffnet zur Linken des Torbogens -ihren achtzackigen Stern und blüht vor dem Hochaltar der Mutter Gottes, -die bei den Römern als Juno Capitolina an der gleichen Stelle im Haus der -weißen Säulen wohnte. Es müßten Kinder kommen an einem solchen Morgen, -Kinder in weißen, flüsternden Kleidern, Blumen mit ihren kleinen Armen -an die kleinen Brüste drücken -- Kamelien und Azaleen -- und die Stufen -hinaufflattern, indes die Blüten hinter ihnen niederrieseln .. Ihre dünnen, -silbernen Stimmen müßten sich zum Gesang erheben, so daß eine Woge von Weiß -vor den Thron der einsamen Frau strömte, die fern vom Glanz prunkvoller -Kirchen hier über allen Giebeln thront. - - * - -Ich ging zum Kapitol hinauf. - -Ich blieb lange bei Caligulas Traurigkeit. - -Von seinem Vater Drusus konnte Helle in seinem Leben sein. Man sagt auch, -daß er als Knabe fröhlich war. Von seiner Mutter Agrippina, der Enkelin -des ersten Augustus, hatte er das Trübe, Gequälte. Ihr Schicksal warf einen -schweren Schatten. Sie war voll Größe, voll Herrschsucht und Mißtrauen. -Sie wagte, die Feindin des Tiberius zu sein und büßte mit Verbannung. -Man tötete ihre beiden ältesten Söhne. Das ertrug sie nicht. Sie gab sich -selbst den Hungertod. - -Trüb und hart ist das Auge Caligulas, wie es die Büste zeigt, trüb und hart -die selbstquälerische Stirne, unwillig, doch unberührt der Mund. - -Ein Wüstling? Nie. Ein Gelähmter, Zurückgebliebener, verstört durch das -unerhörte Schicksal seiner Mutter, das seinem harmlos-heiteren Geist den -Glauben an die gute Ordnung der Dinge nahm. Grausam: aus Mißverständnis. -Willkürlich: aus zerstörtem Glauben. Voll Größenwahn: weil im Erstarren -seines Willens die Masse für die schöpferische Tat verloren gingen. -Verloren: da er sich selbst nie besaß. - -In eines Mannes Sinken wird das Sinken eines Volkes klar .. Ewiges Gesetz -des Verbrauchten, Stoff, der sich selbst vernichtet. - -Seele Roms! - -Wunderbare Trauer Roms! - -»Rom sank und sinkt ..« - - * - -Eine Stunde später stand ich vor der Büste des jugendlichen Augustus in der -Sala dei Busti des Vatikan. Ich war zu Fuß gegangen, das linke, eintönige -Tiberufer entlang und an den Palästen der Falconieri und Farnese vorbei. -Oft genug hatte das Auge das frische Grün des Janiculushügels gesucht, ehe -es wieder am bräunlichen Schillern der Flußwellen unter den Brückenbögen -haften blieb. Ich durchquerte den Borgo Vecchio, um auf den Petersplatz zu -gelangen. Die trübsten Toreingänge und Kaufgewölbe hatten an diesem Morgen -einen Schimmer von Helle aufgefangen, der grünliche Beschlag der Wände -schien weniger krank und modernd, der stickige Atem der Kramläden war -in dem schmalen Streifen Bläue verflogen, der hoch über den engen -Giebelfluchten stand. Nur das unergründliche Gemisch der römischen Gerüche -war geblieben: ein widerwärtiger Duft vom Blut der frischgeschlachteten -Tiere, die an gebogenen Hölzern vor den Türen hingen, die scharfe Süße -alter Orangen und Zitronen, Parfüme von Zimt und Pfeffer, von Nelken und -Öl, von dem Bodensatz geleerter Weinfässer, die vor den Kellern lagen, und -dem süßen Fäulnisarom halbwelker Rosensträuße, die jemand auf die Straße -geworfen hatte. Schmutzige Kinder lagen auf den Pflastersteinen, Weiber in -hellen Blusen schrieen sich über die Straße unverständliche Worte zu und -fuhren sich mit den hölzernen Stricknadeln in das geölte Haar, in der Stube -eines Barbiers lehnte am abgeschabten Plüschsessel ein braungebrannter -Bersagliere und log den Umstehenden Kasernengeschichten vor. Der -Hahnenbusch auf seinem Helm ging wie ein Wedel durch die Fliegenschwärme .. - -Der Kopf des jungen Octavian zeigt die Verwandtschaft mit Caligula. Was -aber bei dem Urenkel krankhafte Übertreibung und Verfall war, ist hier -von wundervoll bewußter Kraft gemäßigt und gebunden. Nichts als ein großer -Wille steht in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch, vom Schicksal für eine -Aufgabe vorbereitet, die der Neunzehnjährige wohl gläubig ahnen, doch -nicht entwickeln konnte. Berufensein und leidenschaftliche Sehnsucht nach -Erfüllung bestimmen den Ausdruck dieses jugendlichen Gesichtes. Der Geist -hat die Herrschaft, nicht das Gefühl, noch viel weniger die Sinne. Herrisch -geht über das rechte Auge die abgebrochene Braue, und über die Braue die -unerbittliche Falte des Grüblers. Dieses Antlitz hatte keine Träume, -es hatte einen Traum. Daraus wuchs das Spiel der Kräfte: Einsicht und -Machtbegabung mischend. Das Lebensgesetz, das tiefe, unbewußte Künstlertum -des römischen Staatswesens hat sein Symbol in diesen Zügen: zu herrschen -durch die Kraft, die sich selbst das Gleichgewicht zu halten weiß: die alle -Gegensätze aufsaugt, in dem sie alle einem Endziel dienstbar macht. - - * - -Auf der steilen Strada delle Mura, die das Stadtviertel des Trastevere -abschließt, ging ich der Villa Doria Pamphili zu. Ein Verlangen nach Grün, -nach stillen Wiesenflächen trieb mich aus der Stadt. Schon stand die Sonne -hoch, der Wind war in die oberen Lüfte gezogen und spielte in den Kronen -der Bäume. Unter den Pappeln einer kleinen Osteria, die zwischen hellen -Kleefeldern ein wenig abseits vom Wege lag, hielt ich kurze Rast. Ich ließ -mir Brot und Wein bringen und sprach mit der Bäuerin, die über einer großen -irdenen Schüssel Bohnen schälte. Ihr Mann hatte Artischocken in die Stadt -getragen zu einem Wirt an der Piazza Navona, der sie auf eine besondere Art -zuzubereiten verstand. Er zahlte gut, weil ihn die Fremden gut bezahlten. -Die Fremden! Sie lachte mir in das Gesicht, als sie die Worte wiederholte. -Ich nickte. »Aus welchem Land ich sei .. Warum die Deutschen so gerne -nach Rom kämen .. Warum sie so selten im Wagen fahren und so oft auf den -schlechtesten Feldwegen spazieren gehen. Im Februar seien des öfteren zwei -junge Leute gekommen, um Veilchen auf den Wiesen der Villa Doria Pamphili -zu suchen, ganze Hände voll Veilchen. Einmal habe sie ihnen einen kleinen -Bastkorb verkauft, da sie die Blüten nicht mehr in Händen halten konnten .. -In wenig Tagen werde der Mohn in den Kleefeldern vor dem Hause aufgehen, -dann müsse ich wiederkommen. Gegen abend, wenn die Kuppel von St. Peter -zwischen den beiden Pappelbäumen hart über dem Scharlachrot stehe ..« - -Im Inneren des Hauses schrie ein Kind. Sie stellte die Schüssel auf den -Tisch und lief davon. Der Geruch der frischgeschnittenen Bohnen wehte auf, -ein Geruch von Erde und Regen, im festen, kühlen Grün gemischt. Ich trank -meinen Wein aus und ging auf der schattenlosen Straße bis zum Park der -Villa weiter. - -Dieses Grün nimmt dich hin, es macht dich leicht und trägt dich empor in -das ruhige, ruhige Blau über seinen Wipfeln. Du hebst die Arme auf, die -stille Seligkeit zu fassen, die unaussprechlich bleibt und doch so nah, so -greifbar wirklich ist. Dann gehst du weiter und weißt kaum wie, Wege öffnen -sich und schließen sich im schweren Laub, öffnen sich wieder und weisen in -eine runde, goldne Helle, ganz fern .. unerreichbar fern .. Lässig wandelst -du hinab im Spiel der Sonnenkringel. - -Das Rund des Ausgangs erweitert sich, wo nur Licht war, steht wieder -Landschaft, eine Wiese steigt zu stillen Steineichen hinan, Sternblumen und -Salbei blühen im hohen Gras. Geblendet trittst du in die Lichtung. Bienen -schwirren. Die Statuen am Giebelsims der Villa glänzen. Die Blumenvasen -oder Feuerpfannen auf dem höchsten Geländer des Daches glänzen. Ein neuer -Lorbeerweg führt zu einer neuen Lichtung. Vögel flattern. Auf dem Spiegel -eines Teiches gleiten hochmütige Schwäne. Pfauenaugen tanzen über den -Halmen. Vor dir liegt wieder offnes Land, die braune Campagna, und hinter -ihr Frascati, der Monte Cavo mit den Häusern von Rocca di Papa über den -alten Kastanienwäldern. -- - -Glocken drangen durch die Stille. Es läutete Mittag. Die Stunde war -gekommen, nach San Pietro in Montorio hinabzusteigen und Rom enthüllt im -Wüten des Lichtes zu sehen. - -Das Auge, noch eben gehütet von der Sanftmut des unbewegten Grüns, -stürzt in ein Gelb, ein Rot, ein Weiß hinab, so jäh, daß sich die Wimpern -schmerzend schließen. Es hilft dir nichts, daß du im Laub des fernen -Pinciohügels Beruhigung suchst: eh noch dein Blick auf diese Höhe gelangt, -haben ihn tausend aufreizende Lichtspeere getroffen, die aus der Tiefe -schießen, feindlich und wild. Aus allen Glasfenstern springt dir -die erhitzte Helle entgegen, aus den Bleirinnen der Dächer, aus den -Kupferplatten und Goldbändern der Kuppeln, aus dem Marmor der Säulen und -Friese, aus den Schuppen der Tiberwellen, aus Höfen und Winkeln, aus -jeder kochenden Wand. Ganz Rom ist nichts anderes mehr als ein sinnloses, -steinernes Gleißen, hart und verräterisch. Rom wirft sich zum Kampf auf -gegen das spähende Auge, wie die belagerte Stadt sich vor den Blicken der -Spione wehrt. Sein rätselvoller Dämmer droht zu zerstieben, seine purpurne -Macht zu verblassen: Zerbrochene Mauern, zerbröckelnder Kalk, Dächer, -von Ruß geschwärzt, mit fehlenden Ziegeln, Höfe voll Unrat und Verwesung, -verstaubte, erblindete Fenster mit geborstenen Rahmen, trostlose Stuben mit -armen, zerlumpten Betten, Balkone mit klaffenden Eisengeländern, durch die -ein Kind auf die Straße stürzen kann, zerschlagene Schornsteine, aus denen -die Funken im niederwehenden Rauch auf die Dächer fallen, durchlöcherte -Dachrinnen, die das schmutzige Regenwasser nicht mehr halten können. Wer -nennt, was er sieht? - -Und was will zuletzt all dieses Zerfallende und Zerbröckelnde noch vor -einem Himmel heißen, der seine Gnade unerschöpflich ausgießt und das -Verwahrloste immer wieder in den tiefen Schutz seiner Bläue aufnimmt? - -Luft schon ist Hülle hier, Luft schon heilt die Wunden. O Rom! wage, dich -preiszugeben! Noch mit deiner Schwäche wirst du siegen, mit deinem -Elend noch Entzückung streuen. Unverwundbar bleibt die Herrschaft deiner -Schönheit. - -Ich wende die Augen nach Süden: Ich sehe den Monte Testaccio, den -Scherbenberg, auf dem die uralten, zertrümmerten Weinkrüge der Römer wieder -zu Staub geworden sind. Ich sehe die einsame Pyramide des Cestius und ferne -die Kuppel St. Pauls. Ich sehe die träumenden Hügel des Aventin, San Sabas -wehmütig wiegende Erlenwipfel über dem Dach, San Alessios Türme, und -ich errate die Gärten, die unter dem Priorate der Maltheser zum Fluß -hinabsteigen. - -Ich wende die Augen nach Osten: Feldwege kreuzen im Licht, vor -Lorbeergesträuch und Pinien hebt sich die Villa Celimontana, und hinter ihr -San Stefano Rotondo. Ruhig im Golde, fern und gelassen, breitet der Palatin -seine Mauern, seine Zypressen wachsen hoch in die Bläue wie die Statuen am -First des Lateran. Bläue bricht aus den Fensterhöhlen des Kolosseum, Bläue -aus den Wipfeln des Esquilin. - -Ich wende die Augen nach Norden, die Kuppel des Quirinals überfliegend, die -Zypressen der königlichen Gärten und die schmale Säule Trajans. Wie flammt -die Villa Medici neben den Türmen der Trinità ! Wie mögen meine Brunnen -rieseln im heißen, stummen Mittag, wie mag das Gold ihrer Tropfen schwer -und gesättigt in die dunkelgrüne Tiefe des untersten Beckens fallen .. - - * - -In keiner aller früh durchwanderten Städte ging ich so oft am Abend in die -armen Viertel hinunter wie in Rom. In keiner saß ich stiller, träumender -bei Taglöhnern und Dirnen. In den finsteren, nur halb ausgebauten Straßen -am Testaccio, durch die Marmorata, am Tiber entlang bis zur Bocca della -Verità und weiter über die Piazza Montanara im alten Ghettoviertel ging ich -in mancher warmen Nacht. Die Freunde schüttelten die Köpfe und warnten. -Ich fühlte, daß mir nichts geschehen konnte. Der späte Wanderer, der mich -ansprach, mußte fühlen, daß ich ein Gleicher unter Gleichen ging. Wenn ich -mich vor einer kleinen, trüben Schenke hinsetzte, fragte mich keiner, woher -ich komme und was ich hier zu suchen habe. Nie bot sich eine Dirne an, -nie bettelte eine um Geld. Einmal, als ich am Flußbett niederstieg, sprang -einer auf, der im Gesträuch gelegen hatte. Noch ehe er den Mund öffnen -konnte, fragte ich nach dem Pfad, der zum Boothaus hinabführt. Seine Züge -wurden freundlicher: - -»Sie wollen rudern?« - -»Ich will zu Giuseppe Pangi.« - -»Er ist vor einer halben Stunde in die Kneipe zur Carolina gegangen. Wenn -es Ihnen recht ist, kann ich Sie hinausfahren.« - -»Nein. Ich kenne Sie nicht.« - -»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich bin genau dasselbe, was Pangi -ist.« - -»Sind Sie Soldat gewesen?« - -»Jawohl! Drei Jahre lang in Caserta.« - -»Wollen Sie mich bis zum Ponte Palatino fahren?« - -Er reichte mir die harte Hand und führte mich durch Cichoriensträucher -den steilen Abhang hinunter. Die Ketten des Bootes klirrten auf den hohlen -Brettern, die Ruder schlugen in den Schlamm des Ufers. Auf träger Welle -gewannen wir die Mitte des Stromes. Meine Augen suchten den steilen Anstieg -des Aventin. Die Wipfel ragten schwermütig in die schwüle Luft, die graue -Watte des Himmels hing unbewegt über den schwarzen Bäumen. Auf der anderen -Seite des Flusses, hinter dem Landungsplatz des Großen Hafens, hob sich die -monotone Front des Armenhauses. Hinter einigen Fenstern brannte schwaches -Licht. - -»Kranke, sagte der Schiffer, sie fühlen den Scirocco und können nicht -schlafen. Vielleicht sind sie morgen tot.« - -Ich hieß ihn bald zurückfahren. Wir gingen nebeneinander der Stadt zu. An -der Bocca della Verità bog ich ab, um nach dem Judenkirchhof zu gehen. Der -Fremde begleitete mich. Fast schon im Feld, hart an einem halbverseuchten -Bach, aus dem ein fauler Atem aufsteigt, liegt dieser Friedhof mit seinen -vielen Zypressen. Mein Gesicht rührte an die eisernen Stangen des Tores; -bleich und wesenlos dämmerten die weißen, schmucklosen Mäler durch die -Nacht. Dürstend stand das Schwarz der Bäume im Dunst der bleiernen Luft. - -Wir wandten uns nach der Bocca zurück. Zerbröckelnd in der Asche ihres -Gesteins lag Santa Maria in Cosmedin, die süße Kirche, in deren Namen schon -der Orient funkelt: Byzanz, die Stadt aus Gold und Lapislazuli. Wie müd -ist dieser Brunnen in der Mitte des offenen Platzes, wie müd der runde -Sonnentempel mit seinen korinthischen Säulen, wie müd sind die fleckigen -Wände dieser armen Häuser. Lastfuhrwerk zieht hier am Tag entlang, -Frachtkähne treiben im Strom, Geschrei kommt vom Großen Hafen herüber, -Staub weht -- des Nachts geht achtlos kaum ein Wandrer hier vorüber. Hier -war der Rindermarkt der Alten und etwas weiter, wo noch der Bogen der -Geldwechsler steht, der Kaufplatz für die feinen Speisen der Tafel. Wie -müd vom wesenlosen Hin und Her so vieler Tritte sind diese Straßen, wie -abgebraucht und elend. Erbarmungslose Nacht über kranken Mauern! Kein -Silberstreifen Mond, kein Tau von Sternen schenkte leise Linderung. In -jedem Augenblick konnten die ersten Tropfen fallen. - -Wir traten in eine Schenke, nahe der Piazza Montanara. Meine Stirne -war feucht. Die Zunge war kaum vom Gaumen zu lösen. Das Kreuz begann zu -schmerzen .. Scirocco .. - -Fremde Gesichter starrten mich an. Ein Mädchen schlief an der Schulter -eines großen Bauernburschen, eine andere malte gedankenlos Figuren in -das Verschüttete ihres Weinglases. Viele Schiffer standen am Schanktisch, -hinter dem eine alte, ernste Frau teilnahmlos und fast feindlich saß. -Giuseppe Pangi kam mir entgegen. Er gab mir die Hand: - -»Sie waren auf dem Wasser?« - -Ich deutete auf meinen Begleiter, der schweigend neben mir saß. - -»Warum hast du mich nicht gerufen?« fuhr Giuseppe den andren an. - -»Ich wurde nicht darum gebeten!« - -Giuseppe sah nach mir. Ich lachte: - -»Es wäre für die kurze Fahrt nicht der Mühe wert gewesen. Sie wissen, daß -ich es nicht vorherbestimmen kann, wann ich nachts herunterkomme ..« - -Umsitzende waren auf das Gespräch aufmerksam geworden. Einige traten -heran. Plötzlich fragte ein Kerl, aus welchem Lande ich sei. Wütend sprang -Giuseppe auf: »Geht es dich etwas an, du frecher Hund? Willst du dich -unterstehen, einen Fremden auszuforschen, der noch kein Wort zu dir -gesprochen hat? Habe ich jemals gefragt? Und ich rudere ihn seit Wochen auf -den Fluß hinaus?« - -Ich unterbrach ihn und wandte mich an den Frager, der mich prüfend maß: - -»Warum wollen Sie wissen, aus welchem Lande ich bin?« - -»Ich will es Ihnen sagen: wenn Sie ein Deutscher sind, dann sollen Sie -verrecken! Ich bin ein Kutscher, und ein Deutscher hat mich heute um fünf -Lire betrogen ..« - -»Ich bin ein Deutscher«, sagte ich ruhig und stand auf. - -Ich fühlte, wie sich zwei Parteien bildeten. Giuseppe trat hinter mich: - -»Schmeißt den Kerl hinaus, der die Fremden beschimpft, an denen wir unser -Geld verdienen, den Lump, die Saufeule!« - -Ein fürchterlicher Lärm hob an, die Wirtin jammerte und schlug die Hände -ein über das andere Mal auf die breiten Hüften .. Die Tür flog auf -- man -hörte einen Augenblick lang das Aufklatschen des Regens -- dann war tiefe -Stille. - -Ich ließ Wein und Zigarren bringen. Sie saßen alle um mich, Pferdeknechte -und Bauern, Steinklopfer und Gärtner, Schiffer und Maurer -- und ich -erzählte von meinem Land: von Arbeit und Lohn, von Achtstundentag und -Sonntagsruhe, von Heer und Flotte, von Verwaltung und Gericht .. von allem, -was einem Wunsch oder einem Bedürfnis ihres einfachen Lebens entgegenkam. -Sie warfen Fragen dazwischen, sie stellten Vergleiche an, selbst die Wirtin -hatte sich herangesetzt und hörte mit zu. - -Es war fast ein Uhr, als ich aufbrach. Alle boten ihre Begleitung an. -Ich bat einen oder zwei, mich bis zur nächsten Haltestelle der Wagen zu -bringen. Ich fürchtete, der Hinausgeworfene könne irgendwo im Dunkel auf -mich lauern. Aber es ließ sich niemand blicken. - -»Porco d'un Napoletano!« sagte Giuseppe, während er in weitem Bogen -ausspuckte .. - - * - -Ich ging mit Axel dem Palatin zu. Am Eingang der Via San Teodoro nahm uns -blauer Schatten auf. Wir blieben bei den Pferden stehen, die Tag für Tag -vor einer Stallung dieser Straße an niedrigen Wassertrögen geputzt werden. -In den großen Augen der Tiere schwamm das Gold des Abendlichtes. Axel -streichelte die Nüstern eines schlanken, braunen Füllens und legte den Kopf -an die weiche Seide des dünnen Halses. Der Knecht ließ Bürste und Striegel -sinken. Er sah mich an, wie wenn er meine Bestätigung suchte und sagte -strahlenden Auges: - -»O l'aspetto! la testa d'un bel cavallo e la faccia d'un bel Signorino ..« - -Wir traten schweigend durch die schmale eiserne Schranke des Eingangs auf -den Grasweg, der zur Höhe des Palatin führt. Die späte Sonne lag auf den -Mauerzinnen. Das schwere Grün regloser Wipfel grüßte aus hoher Bläue. Durch -kühle Bogengänge gelangten wir auf die Höhe, wo die Trümmer der Paläste -liegen. Wir standen vor Blumenvestibülen, die den Schritt müder Kaiser in -ihre Stille gelockt hatten, vor abgebrochnen Säulen, auf denen einst die -goldnen Ziegeldächer ruhten. Unwillkürlich lenkten wir die Schritte nach -den abgelegenen Mauern, die ganz von Maréchal Niel-Rosen bedeckt sind. -Schon hatten einige Blüten die süße Streu ihrer Blätter auf das gebleichte -Gras geschüttet. Wir wandelten auf und nieder, verloren uns für Augenblicke -zwischen Gebüsch und Trümmern und trafen uns wieder vor dem Glanz einer -Blume, vor dem Rätsel eines zartgemeißelten Säulenknaufs oder dem dunklen -Aufbruch einer Zisterne. Axel hatte einen Grashalm durch den Mund gezogen -und stand bloßen Hauptes gegen den Schatten einer Zypresse. - -Alle Weiten waren süß und still im Abendlicht. Alle Büsche und Wipfel -hatten das dunkle Gold der Lüfte fest an sich gezogen. Wir fühlten -nicht mehr, daß Lärm von staubigen Landstraßen heraufdrang, Knarren der -Wagenräder von hellgelben Feldwegen, die sich hinter dem Aventin und tief -in der Campagna verloren. Wir waren so abgeschieden wie auf einer einsamen, -spät umsonnten Waldwiese, die die Nacht kommen fühlt. Wir ließen uns im -Grase niedersinken bei hohen, gelben Ginsterbüschen und suchten über uns -das weiche Schweben breiter Pinienkronen, das Flattern einer Lerche, die -singend aufstieg. Wir sahen nach den Oleanderbäumen hinüber und fanden -die weißen und roten Knospen weiter aufgeschlossen als am Tage zuvor. Wir -suchten das Gerank der Winden und staunten, wie hoch es in die Baumwipfel -hineinwuchs. Wundervolle Winden gibt es auf dem Palatin: Kelche aus -seidenem Samt, tiefblau und weiß, und manche mit purpurnen Zungen auf -violettem Grund. Sie hängen aus Efeugebüsch nieder, sie drängen sich aus -der grünen Wildnis feuchtwarmer Ecken ans Licht und säumen die Ränder des -Weges. Süß ist ihr Hauch und krankhaft zart wie der Nachduft einer feinen -Salbe. Sie trinken ihr Leben aus der Tiefe des Tages. Wenn Dämmerung naht, -schließen sie langsam die Blumen und sterben. Sie ertragen die Hand -der Menschen nicht. Die scheueste Berührung läßt Wunden und tötet ihren -Schmelz. -- -- - -Später gingen wir bis hinter den Palast des Septimius Severus und sahen -nach der Appischen Straße hinunter. Mohnfelder wuchsen die stillen Hügel -hinan, schwere Gespanne zogen heimwärts. Der Fremde, der dort unten den -Abend kommen fühlt, schreitet rascher aus und bannt ein Grauen am letzten -Sonnenglanz der Kuppeln. O Heimweh vor den Toren Roms! Wie wehtest du uns -an, als über den Villen von Frascati bleiche Rosenkränze aufblühten und die -Erlenwipfel über San Sabas Hof sich leise regten. Axel sah mich lange an. -Seine Brauen waren hochgezogen, das ganze Gesicht in unendlicher Bewegung -angespannt: - -»Fühlen Sie es auch?« fragte er, fast ohne den Mund zu öffnen .. - -Ich senkte die Stirn. - -Er atmete tiefer. - -»Wir müssen zurück in unsere nordische Seele. Dieses Land nimmt uns die -Fröhlichkeit. Es macht uns feierlich. Wir sind zu weich. Wir fühlen zu -viel Schönheit und haben keine Waffen. Es hilft uns nichts, daß wir schöne -Strophen schreiben, um unser Übermaß an Fühlen zu bannen: die Künste -steigern nur, sie mildern nicht. Sie vertiefen alles und lösen -nichts.« -- -- - -Wir wandten uns und gingen die Terrasse entlang nach rückwärts, um den -Ausgang zu erreichen, der zur Via di San Gregorio hinunterführt. Der Abhang -lag im Schatten. Zwischen Rosengebüsch und Lorbeersträuchern traten wir auf -das Mohnfeld, das sich bis zur Straße hinabzieht. Dann durchquerten wir -den Konstantinbogen und gingen dem Forum zu. Ein Wärter, der uns kannte, -öffnete eine schmale Seitenpforte. Vor einem kleinen Wasserbecken setzten -wir uns nieder. Rosen umblühten den Rand der Einfassung. Die Abendröte -spiegelte tief in dem unbewegten Gewässer. - -Und Axel Arnedal begann von Schwedens Buchenwäldern und weißen -Sommernächten zu erzählen .. - -Wir beschlossen den Tag auf dem Aventin in San Sabas stillem Orangenhof. -Zwischen den niedrigen Hecken der Obst- und Weingärten führt der Feldweg -zur Kirche empor. Brennesseln wuchern am Rain, Königskerzen, Winden und -Schirling. Tiefe Furchen zeigen den Lauf der Karrenräder. Gesang der -arbeitenden Mädchen schwingt über der grünen Einsamkeit. Eine ferne -männliche Stimme antwortet, noch weiter hebt eine andre die neue Frage -auf .. und kaum noch vernehmbar zittert im letzten Lichtsaum der Gegensang. -Taubenschwärme fliegen aus den Beeten auf. Wasserträger kommen von den -Brunnen, am Ende des Pfades winkt die kleine Kirche. Die Säulenbögen -des oberen Geschosses stehn in stillem Glanze. Übervoll vom Dufte der -Orangenblüten ist der kühle, feuchte Hof. Die Seele des inneren heiligen -Raumes, ergreifend schlicht und unbeholfen, enthüllt die frühesten -christlichen Jahrhunderte. Die hierher beten kommen, sind arme Bauern, die -rings ihr Feld bestellen und Gott um Regen oder Sonne anflehen. - -Wir blieben lange und gingen erst nach Sonnenuntergang. Vor uns, im blassen -Grün der Lüfte, schwebte die überirdisch-süße Säulenapsis von San Giovanni -e Paolo. - - * - -Tivoli: Wenn das Auge lange genug auf dem blauumdufteten Grün der -Bergkuppen geruht hat, wenn es vollgesogen ist vom honiggelben Überfluß der -Ginsterblüten, vom Regenbogenschimmer des aufwirbelnden Kaskadenstaubes, -mag es tief in der dunklen Stille des Gartens versinken, der an den Treppen -der Villa d'Este niedersteigt. - -Hier ist vollkommenes Abgeschiedensein wie auf dem Palatin. Auch Schritt -und Stimme fremder Besucher vermögen nicht mehr die versunkene Seele -aufzuscheuchen. Aber es ist ein anderes Alleinsein, in das du hier -untertauchst: weniger weit, weniger unbestimmt. Du fühlst dich deiner -eigenen Zeit und ihren Träumen näher, das Raunen dieser Stille ist dir -vertrauter. Wie süße, zu keiner Melodie gebundene Musik webt es über den -Wipfeln. Ein Windhauch hebt die Töne auf, ein andrer verwischt sie -und trägt sie weiter in das hellgrüne Leuchten einer Wiese oder in den -Schattengang der ewig unbewegten Zypressen. Aus den Wassern steigt das -unwirkliche Lied und versinkt in den Wassern, wie der kurzgebrochene Lauf -einer silbernen Windharfe. Nur wo das Lorbeerdickicht jeden Atemzug der -Lüfte bannt, wo feuchter Dunst in schwarzen Hecken steht und Asfodelen -blühen, müssen die Klänge verstummen. Verwitterte Steingesichter sehn dich -klagend an, zwischen Unkraut zerbröckelt der graue Rand geschweifter Vasen. -Es hält dich nicht länger im Brüten dieser Einsamkeit. Leichter erträgt -sich das Wunder des Gartens am Rande der breiten Steinbecken, in die das -kristallene Bergwasser einströmt: grün wie die Bäche, die aus Gletschern -stürzen. Steineichen lassen die Äste auf der Flut schleifen. Gold der Lüfte -tröpfelt zwischen den Zweigen. Dein schwankendes Antlitz lächelt aus dem -bewegten Grunde zurück. Bläue wiegt sich im schaukelnden Spiegel. Helle, -feierliche Bilder werden geboren: Von den Treppen steigt im Morgenlicht -die Prozession. Scharlach unter gelben Baldachinen, weißwehende Gewänder -blumentragender Frauen. Die Weihrauchfässer dampfen .. die Litaneien ziehen -dem Zuge nach. - -Ippolito d'Este, der Kardinal, wußte, was er zuweilen dem Volk von Tivoli -schuldig war. Aber dann blieben die Gärten wieder verschlossen .. die -tiefen, kühlen Gärten mit dem Geheimnis ihrer anderen Feste .. - -Ganz am Ende der südwestlichen Mauer ist ein kleiner, halbrunder Ausbau. -Dort saß ich lange mit Axel und betrachtete das Land, das sich hinter -Ölbaumhügeln und Weingärten dehnte. Schirlingsträucher, hoch wie ein Mann, -schossen im Mauerwinkel empor und hoben den feinen Schattenhauch ihrer -Blumen aus dem Schaft .. ganz in der Tiefe zog die Straße, weiß und -verstaubt, nach Rom. Da die mattsinkende Sonne einen Abend von Purpur -und Lila versprach, ließen wir den Wagenlenker die Richtung von Nemi -einschlagen. Axel deutete im Vorüberfahren nach der Zypressenallee der -Villa Adriana und fragte: - -»Wissen Sie, ob Antinous mit dem Kaiser nach Rom kam und dort am Hofe -gelebt hat?« - -»Ich weiß es nicht. Doch glaube ich, daß Antinous schon gestorben war, als -Hadrian in die Hauptstadt zurückkehrte.« - -»Wie qualvoll muß ihm diese Heimkehr gewesen sein, wie traumlos! Er -hatte seinen Gott verloren, die Schönheit, welche ihm Welt und Kaisertum -erträglich machte ..« - -Axel hatte sich mir zugewandt. Sein weiches Profil stand gegen das getrübte -Orange des westlichen Horizontes. Leidenschaftlich fuhr er fort: - -»Ich habe nie ohne Ergriffenheit gelesen, daß das Volk dem Liebling seines -Kaisers Altäre baute, ja daß die christlichen Priester noch bis in das -fünfte Jahrhundert gegen diese Kulte eifern mußten« -- -- - -Schon flog ein bleiches Grün am Rande der Himmelswölbung empor, als wir -den Hügel von Frascati umfuhren. Von den Kuppen war der letzte Sonnenglanz -gewichen, sie standen basaltblau gegen die graue Seide des oberen Äthers. -Kein Hauch ging in den Wipfeln. Erstarrt in seiner Armut lag Albano, ein -Haufen bröckelnden Gesteines, Ariccia, etwas heller auf der Höhe, Genzano, -leicht von safrangelbem Schimmer überflogen .. erblindet aber, leblos, im -schwarzen Grunde fiebernd, der Nemi-See. Ob die Mittagsonne goldne Nägel -in das Blei des brütenden Gewässers schlägt, ob Abendblau von allen Hügeln -fließt, ob Veilchenpurpur aus dunstigen Sonnenuntergängen fliegt wie nun, -da wir im Garten der Villa Cesarini standen und in die Tiefe sahen: immer -wohnt hier der Tod. Schrecklich ist dieses Wasser, ohne Frische, ohne -Atemzüge, leblos von der erschütterten Flanke eines Kraters aus vergiftetem -Grunde heraufgespült. Es ist kein Friede über dieser Landschaft. Hier ist -nichts ausgeruht und nichts voll Wonne an die Abendkühle hingegeben. -Hier ist nur Tod, metallener Tod: Stahl die Berge, Messing und Kupfer der -Himmel, Quecksilber die Flut. - -Axel trat von der Mauerbrüstung zurück. In seinen Zügen lag eine Abwehr wie -von bitter Gekautem: - -»Ich hasse dieses Gewässer. Es graut mich vor allem, was krank und -verdorben ist. Ich bin lüstern nach dem, was strahlt und weht« -- -- - -Im Brande der Campagna fuhren wir Rom entgegen. Hinter dem Wagen wogte die -rote Wolke des Staubes, die Lüfte glühten wie Pechnelkenbeete. Wir flogen -dahin, vorbei an flammenden Herden, an flammenden Brunnen, an blutigen -Tümpeln und blutigen Mauern, an entzündeten Gehöften und Brückenbögen, an -ausgeglühten Wasserleitungen und halbverkohlten Pinien .. mitten hinein in -die lichtgrünen Golfe über den Dächern der Stadt, in den beruhigenden Hafen -hinter den langezognen Sandbänken aus Rosa und Heliotrop. - - * - -Axel war gekommen, um mit mir auszufahren. - -Ich war gerade aus dem Sabinergebirge zurückgekehrt, wo ich ausländische -Freunde auf ihrem Landgute besucht hatte. - -Ihr Haus lag auf einem kleinen Hügel unter hohen Ulmenbäumen, in Feld -und Garten standen Kastanien, Steineichen und Birken. Ich hatte weiße -Wolkenberge über blaugrünen Bergrücken aufsteigen sehen, ich hatte -schäumende Waldbäche rauschen hören. In allen Gärten längs des Weges hatten -Löwenmäuler und Lilien geblüht, Federnelken und Moosrosen. Geruch von -Wiesentriften und kühlem Moosboden war mir an jeder Wende der Straße -entgegengeschlagen, und nur die hellbraunen Bergkuppen, wo über -Ginsterfeuern die nackten kleinen Städte wuchsen, hatten immer wieder daran -erinnert, daß dies römisches Land war. - -Ich war bis nach dem steilen Subiaco hinaufgefahren, um die berühmten -Klöster zu sehen und hatte lange in dem wildblühenden Säulenhof von Santa -Scolastica gesessen, während mir ein Mönch die Geschichte der Heiligen -erzählte. Noch länger aber hatte ich auf dem heißen Grasweg geruht, bei -Glockenblumen und Löwenzahn, und das unersättliche Auge am Wechsel der -Wolkenschatten auf den Hügeln vollgesogen. Im Wehen des Windes war -das Rauschen der Aniowellen zu mir herufgeklungen, und einmal hatten -raschverwehte Glockenklänge den Weg durch die glänzenden Lüfte bis zu -meinem Ohr gefunden. Um mich her weideten braune Füllen, junge Esel waren -an einem Olivenbaum festgebunden und fraßen an dem kurzen, harten Gras. -Kinder standen im Kreise um mich her, seltsam still und ernst. Als ich -bergab stieg, folgten sie mir scheu bis zu dem Wagen, der an der schattigen -Landstraße wartete. - -Am Abend aber nahm mich das Haus der Freunde auf, gefüllt vom Zauber des -ländlichen Sonntags und tief in Ströme reinen Abendgoldes eingetaucht. -Alle Gespräche waren heiter und leicht beim gemeinsamen Mahl. Der Wein -des Landes duftete aus flachen Gläsern, Risotto, Maccaroni und Fleisch -von Hühnern dampften auf den Schüsseln, Kirschen und Nespeln lagen im -geflochtenen Bastkorb. Dann kam der starke schwarze Kaffee, der blaue Rauch -der schweren Zigarren und die Vertiefung des Gespräches. Und alles löste -sich am Ende auf in der silbernen Sonate von Scarlatti, die aus den dünnen, -eingeschlafenen Saiten aufstieg. Es war spät geworden. Die Sterne standen -im offnen Fenster, die Birkenwipfel fingen an, sich im Nachtwind zu regen, -Leuchtkäfer flogen -- Tausende von grünen Funken -- im Dunkel duftender -Rosmarinsträucher, und mitten in das Rieseln und Lachen der Alegrettoläufe -fiel lautes Schluchzen träumender Nachtigallen. -- -- - -Dies alles hatte ich erzählt, während Axel einige welke Blätter aus einem -Kamelienstrauß entfernte und eine Blüte in das Knopfloch steckte. Er setzte -sich auf das Fensterbrett und fragte: - -»Wollen Sie wirklich morgen reisen?« - -»Bestimmt. Ich fahre am Nachmittag nach Neapel und nehme abends den Dampfer -nach Palermo.« - -»Ich verstehe Sie und verstehe Sie doch nicht. Es liegt soviel Grausamkeit -in der Art Ihrer Beschlüsse ..« - -Es wurde an die Türe geklopft. Man meldete, daß der Wagen bereit stehe. - -Wir fuhren nach den Thermen, um noch einmal zusammen den Epheben von -Subiaco zu sehen. Ich kenne keinen Torso, der mich tiefer ergreift. Kopf -und Hände fehlen -- der Leib allein offenbart die grenzenlose Leidenschaft, -das inbrünstige Hinverlangen nach dem ersehnten Ziel. Der Marmor blüht in -dunkelgoldner Fülle, die Poren atmen warm und gesund, die Lust des Tieres -und die stille Beseelung des ganz von einer inneren Sehnsucht ergriffenen -Menschen ist in dem Rhythmus der stürmischen Bewegung vermengt, die um so -tiefer hinreißt, je weniger sie bedingt gedeutet werden kann. - -Axels Hände lagen auf den Hüften der Statue. - -»Ich kann nicht anders, sagte er leise. Ich muß berühren, was ich liebe. -Mit meinen Fingerspitzen muß ich fühlen, was ich besitzen will. Ich bin wie -Kinder und Blinde, die erst im Tasten ganz erkennen.« - -Niemals mehr werde ich diese schmale, starke Hand mit den flammenden -Smaragdringen auf dem stummdurchglühten Stein vergessen. - - * - -Der Schattenweg, der zu Santa Sabina hinaufführt, nahm uns in seine hohen -Mauern auf. Wir gingen langsam in den breiten Windungen empor. Kaum war -etwas Grünes zu sehen: eine kurze Rasenböschung zur Rechten, verdorrt -und staubig, sonst nichts als brauner Stein und blaue Luft .. später -eine Baumpflanzung, ein freier Platz, unsäglich einsam, mit kurzem Gras -bewachsen, und zwischen vier korinthischen Säulen der Eingang zu der alten -christlichen Basilika. Hier weht im Schwung der schönen Halbkreise, die -dem Raum jugendliche Belebung und das Maß der klaren Mitte schenken, die -einfach-freie Seele des antiken Tempels. Das ganze Gotteshaus ist Frühling. -Über seinen Dächern müßten blühende Kirschbaumäste schwanken, durch die -offenen Fenster müßte ihr süßer Rauch statt Weihrauches wehen, wenn die -Kerzen der Frühmesse am Altare flammen. Bienen müßten im Mittag zwischen -den weißen Kelchen schwirren, und Schwalben, die leichten Schwalben des -Aventin, sich über dem Abendgesang der Kinder wiegen. - - * - -Wenige Schritte von Santa Sabina liegt die Villa der Maltheserritter. - -Eine Pförtnerin öffnete das Tor. - -Wir schritten entblößten Hauptes den tiefen, von dunklem Laub gewölbten -Gartenweg hinab zur goldnen Lichtung, in der Sankt Peters ewige Kuppel -stand. - -Abwehrend liegt das Priorat des großen Ordens am steilsten Abhang des -Aventin. Sein Garten steigt zwischen dichten Mauern in kleinen Terrassen -die Böschung hinunter und öffnet seinen stillen, grünen Schoß der -Abendsonne. Alles in diesen Laubgängen, in diesen Blumenbeeten deutet auf -Abend, auf Frieden und Entlastung, auf lange, klare Gespräche, auf Sammlung -und Traum. Wenig Fremde kommen hierher: wenige wissen von dem Geist, der -hier um Baum und Blume schwebt, von der stillen Heiligkeit, die kaum ein -ungebetener Schritt stört. Wer hierher geht, weiß im voraus, wo er ist. -Und was er erwartet, fließt aus dem Einklang seiner Seele mit der Seele des -Bodens, auf dem er wandelt: Wie tief ist das Gefangensein im Dämmer dieser -Hecken, im Sonnenlicht, das um die alten Steinbänke spielt. In einem -kleinen Brunnen singt der scheue, silberne Strahl Rosen und Schwertlilien -das nie verstummende Lied, so zart-erinnerungsvoll im windverwehten Fall -der Töne wie das Flötenlied eines Hirtenknaben hinter verlorenen Halden. -Aber die schwache Melodie überschwebt nur den tiefer wogenden Gesang, den -sie im Ohr des Lauschers weckt: Hymne der Liebe, welche den großen Gedanken -im Herzen erregt und die große Tat. - -Arm in Arm wandeln die wieder erwachten Schatten der Ritter die stillen -Pfade herauf: La Valette und der Marquis von Posa, St. Priest und Créqui, -die Helden von St. Elmo. Malta steigt auf, steinern und rosa aus dem Email -des Meeres gegen den Himmel getürmt, lodernd wie der Glaube seiner Hüter. - -Da fällt das Heimweh über dich: das namenlose uralte Heimweh des -Vaterlandslosen nach seinem Vaterland: nach den Reichen des Geistes, der -dich selbst beseelt und mit den Widerständen einer entgötterten Zeit ringt. -Du weißt es, daß Tausende wie du im Dunkel glühn und leiden, du weißt -es, daß tausend Sehnsuchten, der deinen gleich, die helfend-verbündete -Sehnsucht suchen, daß ein Wille nach Zusammenschluß in all diesen -Zerstreuten lebt, die einzeln unfruchtbar, als Ganzes eine unbesiegbar -schöne Macht bedeuten müßten. Wenn einer käme, vom gleichen Geist erfüllt, -zum Herrschen geboren und zum Wirken berufen, und seine Stimme zur Sammlung -durch alle Länder schickte, Befreiung und Schönheit eines klaren, einfachen -Lebens verkündend: wenn die Gefesselten sich um ihn scharten: so könnte -ein Sturmwind durch die verängstete Menschheit fahren, forttreiben, was -im Innern krank und verkrüppelt lebt und reinigen, was in verfaulter Luft -geatmet hat. Wenn ein solcher käme und schüfe wieder Gleichgewicht! Setzte -den Leib als unbedingtes schönes Maß und gäbe dem Geist die Herrschaft in -der vorgeschriebenen Umgrenzung .. vertiefte die Irdischkeit und ließe das -Feuer des schöpferischen Willens das Wirkliche so rein durchglühen, daß -in der einfachsten menschlichen Tat die Gottheit fühlbar würde und Gestalt -annähme! Wenn sich ein Orden derer formte, die das große Beispiel gäben: -die aus der Arbeit an sich selber den Glauben an ihre Fruchtbarkeit nähmen, -und dem Geiste getreu lebten, der nur dem Werk und nie dem Wirkenden dient! - - - - -NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN - - -Neapel: Stadt voll ewiger Gegenwart, hellblau- und goldene Bewegung, Wehen -von tausend bunten Tüchern im Winde, göttlicher Schmutz und göttliche -Faulheit, Volk, nichts als Volk, frech und bescheiden zugleich, stolz und -anschmiegsam, verdorben und harmlos, bezaubernd betrügerisch, maßlos in -seiner Freude am Geld, sinnlich und wundervoll schamlos, ganz Körper, ganz -Lust, ein Volk, in dessen Leben du gleitest, ohne zu wissen wie. Das ist -nicht mehr das bewußte Hinabgehen zu den kleinen Leuten wie in Rom, das -Aufsuchen ihrer Stadtviertel und ihrer Schenken: wo du gehst, wo du nur -einen Augenblick verweilst, bist du mitten unter ihnen. Sie laufen dir -nach, sie schreien dir zu, sie winken, sie bieten tausend verlockende Dinge -an, Katzen und Hunde, Vögel, Blumen, Dirnen, Kuchen, Karten, Knaben, Eis, -Zuckerwasser, Kastanien, eine Ziege .. Wenn du nur ahnen läßt, es könne -dich irgendeine dieser Anpreisungen locken, bist du verloren. Du kannst -nicht weitergehen, sie rühren dich an, der Hauch ihres schreienden Mundes -streift dein Gesicht, die Flamme ihrer Augen lodert dicht vor deinen Augen, -ihre Stimme wird bittend, einschmeichelnd, listig und überzeugend, die -Hände helfen der Stimme nach, sie schließen sich in den Fingerspitzen -am Mund, sie öffnen sich wieder, wenn sie ein leidenschaftliches Ecco -begleiten. Erst wenn du die Redenden durch eine unerschütterliche Ruhe -fühlen lässet, daß du längst dies alles kennst, wenn du nur lächelst und -sie mitlaufen läßt, so lange sie wollen, ohne ein Wort des Unwillens (warum -auch Unwillen?), bleiben sie langsam zurück. Aber einer oder zwei werden -dir dennoch weiter folgen, vielleicht in einiger Entfernung und ganz voll -neuer Angriffspläne. Sie warten, wenn du in ein Haus trittst, bis du wieder -herauskommst, sie werden sich auf den Treppen herumtreiben und Würfel -spielen. Nimmst du einen Wagen, so kann es leicht geschehen, daß sie auf -dem Trittbrett mitfahren. Laß sie ruhig da stehen. Es ist ja so schön, in -ihre verbrannten, verwahrlosten Gesichter zu schauen, denen kein Schmutz -das Leuchten und das knabenhafte Gaunertum nehmen kann. Laß sie immer -wieder bitten und betteln: Der Tonfall ihrer Sprache ist das Lied, das -deine Fahrt begleitet. Sag ihnen, sie sollen sich auf den Boden des Wagens -setzen, zünde dir eine Zigarette an und reiche ihnen wie einem Signore das -Etui: Du wirst erstaunt sein, wie zurückhaltend-liebenswürdig sie sich eine -Zigarette nehmen, die kleinste, die zerdrückteste .. frage sie dann nach -ihren Eltern, nach ihren Geschwistern, nach dem Gehen und Kommen der großen -Dampfer (sie wissen genau die Namen und den Fahrplan, denn der Hafen -ist seit ihrer frühesten Kindheit ihr Leben) .. frage sie nach ihren -Vergnügungen und ihren Plänen: und du wirst so reizend plaudern wie mit -deinesgleichen, sie werden ganz im leichten Ton deiner Frage antworten, -höflich und sicher. Sie werden vergessen, daß sie irgend etwas von -dir wollten, sie fahren ja spazieren, sie rauchen, und sie machen eine -Unterhaltung mit einem Signore. Gehst du vielleicht zu deinen Bronzen oder -Marmorstatuen und bist geneigt, ein Äußerstes zu tun, so nimm sie mit, -wenn sie schön genug sind. Lasse sie neben dir die Wehmut des Antinous -betrachten, und die Herbheit des Doryphoros, den ruhenden Hermes und die -Nike im Flug. Sieh, wie ihr Auge diese Schönheit liebkost, wie sie sich in -das Leben dieser Statuen hineinlehnen, das ihnen wirklich lebt und nicht -erstarrt ist .. ja sieh, wie ihre Haltung unwillkürlich nachahmt, was sie -sehen, wie sie zu lauschen scheinen mit Narziß-Dionysos und nachsinnen -mit dem feinen, gedankenvollen Antlitz des athenischen Epheben. Gewiß: -sie fassen nicht die Seele, nicht den inneren Sinn dieser Werke: aber sie -spüren an sich die ganze unbewußte Macht der künstlerischen Schöpfung, die -ihnen Liebe und Ehrfurcht erweckt. Sie fühlen, daß diese Werke unantastbar -sind, jenseits von allem, was der Tag ihrem einfachen Augenblicksleben -zuträgt, und sie ehren die Gottheit, indem sie das Göttliche bewundern. - -Dieses Volk von Neapel ist noch das einzige, in dem du die griechische -Seele auf römischer Erde findest. Noch lebt -- von keiner Mischung des -Blutes erdrückt -- das Erbe der hellenischen Siedler in diesen Menschen. -Es lebt die Leichtigkeit der Einfühlung, die unbeschreibliche Bewegung von -Geist und Sinnlichkeit, die sie so süß-unwiderstehlich macht, selbst da, wo -schon Zerfall und Entartung sichtbar werden. - - * - -Nun war ich zum erstenmal am Abend in Neapel angekommen und hatte -mich geradeswegs zum Hafen hinunterfahren lassen, um mich noch vor der -Dunkelheit einzuschiffen. Ich wußte, daß ich mir selbst Gewalt antat, als -ich so rasch und fast geschlossnen Auges die geliebten Straßen durchfuhr. -An jeder Ecke winkte Erinnerung, und ich wäre fast umgekehrt, als ich, -umringt von rufenden Männern und Frauen, dicht bei der Villa del Popolo, an -der Immacolatella Nuova ausstieg. Schon ehe ich den Wagen verließ, war ein -brauner Kerl auf das Trittbrett gesprungen und hatte mir lachend die Hand -gereicht: er kenne mich wieder, er habe im vorigen Jahre mein Gepäck auf -den Morgendampfer nach Capri gefahren, unten, bei Santa Lucia. Ein Schwall -von Fragen stürzte dann über mich, auf die ich nicht eine einzige Antwort -gab. Andere Träger wollten sich inzwischen über meine Koffer hermachen. -Drohend und fluchend wies sie der zuerst Gekommene zurück, indem er die -Lüge zu Hilfe nahm: er kenne mich sehr gut, ich habe ihm meine Ankunft -gemeldet. Er ganz allein habe sich um meine Sachen zu kümmern, niemand -sonst. Und aufgeregt das feuchte, erhitzte Gesicht mir zuwendend: »Non è -vero? Signore? Signore! non dico la verità ?« Ich nickte nur mit dem Kopf -und klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter. »Verissimo! Andate!« .. Der -Streit war geschlichtet, es gab keine Widersprüche mehr. Das Gepäck wurde -zusammengebunden, aufgestapelt und blieb am Ufer stehen, bis eine kleine -Barke frei wurde, die mich zum Dampfer nach Palermo übersetzen konnte. -Die Menge war ganz dicht an mich herangetreten. Kinder -- irgendein -Menschliches in prachtvollen Lumpen -- kletterten über die großen Koffer -und sprangen von oben in den Staub herunter. Weiber in halboffnen Blusen -und schleifenden Röcken, die Arme über den tiefen Brüsten gekreuzt, -versuchten die Namen der vielen bunten Plakate zu entziffern, ein alter -Mann befühlte meinen Mantel und fragte nach dem Namen des Stoffes, und wie -ein Luchs umschlich ein gelblicher Flegel von vielleicht zwölf Jahren die -Schirmhülle, aus der die goldne Krücke eines Stockes herausschaute. Ein -Hauch von Teer und Öl wechselte mit dem Fäulnisduft der schmutziggrünen -Hafenpfütze. Die Sonne war im Sinken, die verwischten Schatten verkündeten, -daß sie in Dünsten unterging. - -Es war schwül, unendlich schwül. - -Wir fuhren über. Der Dampfer lag weit draußen, weiter als gewöhnlich, -da Schiff an Schiff sich in dem Hafenbecken drängte und kaum eine ruhige -Anfahrt zu finden war. Die Wellen gingen hoch, die offne See hatte harten, -stahlblauen Glanz. - -Man hatte mir eine Kabine auf Deck gegeben, luftig, breit und rein. - -Ich kam mit dem Kapitän ins Gespräch. Er schaute nach einem großen Dampfer, -der dicht neben uns lag. Hunderte von Soldaten standen an Backbord und -sahen nach dem Land zurück. - -»Sie gehen in den Krieg nach Tripolis,« sagte der Kapitän. Ich war erstaunt -über die Traurigkeit seiner Stimme und sah ihn an. - -Er zuckte die Achseln: - -»Wer weiß, wie viele zurückkommen? Es mag ja sein, daß dieser Krieg für -unser Land notwendig war: ob er sich lohnt, ist eine andere Frage, von der -das Volk nichts weiß. Es fließt viel Blut, und es wird viel gelitten. Sand, -Wüste, Krankheit und die Wut der Barbaren. Wir kämpfen schon so lange und -sehen so wenig großen Erfolg ..« - -Er winkte einigen Soldaten, die vom hohen Rand ihres Schiffes zu uns -niederschauten. Sie winkten wieder. Ihre Gesichter waren ernst, still und -unbewegt, angespannt in verborgener Erregung. - -Plötzlich kam ein Zittern in den Rumpf des Kriegsschiffes, ein dickes, -schwarzes Tau fiel aufklatschend ins Meer, dichter Wogenschaum schoß weiß -um den Bug .. dann abermals ein Zittern, stärker und leise dröhnend .. -Schon ward die Drehung fühlbar .. Tücher wehten vom Uferrand, wo das -Schreien der Menge verstummte, Tücher wehten vom Schiff zurück .. die -Soldaten standen entblößten Hauptes, die Augen unverwandt auf die Küste -richtend. Jeder Mensch, der in diesem Augenblick im Hafen war, fühlte, daß -noch irgend etwas kommen mußte, das die entsetzliche Spannung löste, ein -Aufschreien oder Aufjubeln, ein Rufen oder eine laut einfallende Musik, die -die Qual dieser langsamen Loslösung in ihren Strudel riß: Nichts von allem -kam. Aber wie von unsichtbaren Lippen begonnen, von hundert unsichtbaren -Lippen aufgenommen und weitergeführt, schwebte mit einem Male dunkler -Gesang in der dunkelnden Luft: kein Kriegslied, keine Landeshymne: nur das -unaussprechliche: - - Addio Napoli .. - -Der Abend war trüb und schwül, die Häuser verschwammen schon in leichten -Schatten: Da war es über sie gekommen, dies Unbeschreibliche, das selbst -der Fremde spürt, dies Wehe, Hinsterbende des Abschieds, wie es nur die -eine, unsterbliche Melodie zu sagen weiß. Und sie hatten der Stadt gegeben, -was jeder Scheidende ihr gibt. -- - -Ich saß am äußersten Ende des Schiffes und sah auf die dämmernde Stadt. -Meine Augen suchten aus dem Gewühl der Häuser loszulösen, was sie -noch erkennen konnten. In dem leichten Dunst hatten sich Raum und Höhe -verschoben, nur was vom Sonnenuntergang noch einen Schein auffing, war -körperhaft und deutlich. Meine Augen ruhten lange auf dem schlanken Turm -von Santa Maria del Carmine, und Konradins Andenken wurde wach. Sein armer, -geschändeter Körper liegt dort begraben, unter dem Denkmal, das die Liebe -des bayrischen Königs ihm errichtet hat. Nicht weit von der Kirche ist der -Marktplatz, wo sein und seines Freundes Haupt fiel. An den Bäumen der -Villa del Popolo wurden mildere Gedanken wach. Erinnerungen an warme, -helle Abendstunden, als ich mit Bettlern, Viehtreibern, Kesselflickern, -Straßenkehrern, Dirnen und alten Vetteln dem Vorleser lauschte, der das -Schicksal des Grafen von Monte-Christo erzählte. O wundervoll zufriedenes -und bescheidenes Volk. Wer sie so sitzen sah, so stehn, so liegen, so ganz -in die Wunder der erdichteten Welt gebannt, eine Orange schälend oder an -klebenden Datteln kauend und die Kerne weit im Bogen von sich spuckend .. -wer ihren Schmutz so überstrahlt von innerer Einfalt sah, von einem -Träumen, das nie den Neid kannte: der muß sie lieben, muß sie fast -beneiden, die ganz am Boden leben, und doch so gern, so leidenschaftlich -leben. - -Meine Blicke wanderten im Halbkreis weiter bis zur Höhe von San Martino -hinauf. Gitarren- und Zitherklänge wehten aus dem Dunkel weitgeöffneter -Türen. Hier und da glomm schon ein Licht in hohen Zimmern auf. Ein später -Dudelsackpfeifer ward einen Augenblick an einer nahen Straßenecke sichtbar -und verschwand im Verhallen der Töne. Ganz fern erschienen über den -dünnen Eisenstäben eines schwebenden Balkons die Köpfe zweier Ziegen. Die -hellblaue Gestalt einer Frau ward neben den Tieren sichtbar. Sie ließ sich -auf einem Schemel nieder und begann zu melken. -- Über der nördlichen Stadt -schloß sich der Himmel langsam wieder auf, weiße, flache Dächer fingen noch -einmal an zu leuchten, Palmenwipfel zückten ihre schwarzen Spitzen in die -safrangelbe Helle. Die Häusermassen rückten steilgeschichtet zusammen, was -eben noch gedehnt-verwischt erschien, wurde eng und deutlich. Hügel kamen -aus geöffneten Himmeln, lila und mildgewölbt. Villen blinkten auf. Der -Seewind strich kühl über die Flanken des fliehenden Schiffes. Wir -waren schon unter dem letzten Leuchtturm am Molo San Vincenzo. In einer -plötzlichen Wendung nahm das Schiff südlichen Kurs. Eine Schelle rief -zum Abendessen. Ich saß noch immer, in meinen Mantel gehüllt, allein am -zitternden Steuerbord, ganz hingegeben an die ununterbrochene Verwandlung -der weichenden Stadt. Mit jedem Wellenschlag sank sie mehr in sich selbst -zurück .. mit jedem Wellenschlag entfaltete sie weiter den Kranz ihrer -Hügel und die langen, glitzernden Schnüre ihrer Hafenlichter, von Santa -Maria del Carmine über das Ufer von Santa Lucia bis an den Fuß des -Posilipp. Schwarz-verschwommen tauchten noch einmal die Baumkronen der -Villa Nazionale auf, glühende, selige Nachmittage weckend: Gewühl und Duft -von weißen, dünnen Kleidern, lautes Lachen, Wogen vermischter Parfüme, -Schwirren von Geigen im warmen Wind, Klirren von Tassen und Tellern, -Aufleuchten der grünen, gelben, roten Getränke in den schlanken und flachen -Gläsern, grüne, gelbe, rote, violette, weiße, blaue Flecken und Tupfen -von hundert aufgespannten Sonnenschirmen -- und nah, zum Greifen nah, das -hochansteigende Meer voll wiegender Barken .. das blaue, kristallene Meer, -endlos .. endlos .. - - * - -Ich ließ mein Essen an einem kleinen Tische auftragen, abseits von der -großen Tafel, und schaute durch die offnen Luken auf die bewegte See. Die -Wogen überschlugen sich rasch in schwarzem Glänzen, ganz in der Ferne hoben -sich lange, weiße Kämme. Die ersten Sterne warfen ihr silbergrünes Licht in -den letzten, rostigen Brand des Horizontes. Man fühlte, daß die Nacht -kühl und klar sein würde. Es waren nicht mehr als fünfzehn Reisende im -Speisesaal. Fast niemand sprach. Keiner kannte den andern. - -Auf Deck erklang eine Mandoline. Eine tiefe Stimme fiel ein. Ich konnte die -Worte nicht verstehen. Die Melodie hatte ich einmal auf Ischia gehört. Das -Lied verstummte. Ein anderes Vorspiel begann, eine hellere, jüngere -Stimme nahm den Gesang auf. Im Saal schloß einer das Fenster, ein dünner -Sprühregen war über Tische und Sessel gefallen. Das Meer warf stärkere -Wellen, die Schaumränder verzischten breiter und leuchtender. Das grüne -Blitzen der Sterne wurde rosa auf dunkelgrauem, seidnem Grund. - -Ich ging auf das Deck zurück, nach vorne, wo die Matrosen saßen. Sie -grüßten. Einer stand auf und bot mir seinen Platz an. Ich dankte und setzte -mich auf eine kleine Holztreppe mitten unter sie. - -»Wir werden rauhes Meer bekommen?« - -»Nein, Herr. Wenn wir an Capri vorbei sind, wird sich der Wogengang -ausgleichen. Es ist immer im Golf bewegter als draußen.« - -»Es fahren wenig Leute um diese Zeit.« - -»Fast keiner mehr. Es ist zu heiß.« - -»Seid ihr Napolitaner?« - -»Die beiden dort. Der hier ist aus Trapani, ich selbst aus Messina.« - -»Waren Sie während des Erdbebens in der Stadt?« - -»Nein, Herr. Ich war auf einem Handelsschiff in Malta. Als ich zurückkam, -waren meine Eltern tot. Mein Bruder starb am gleichen Tag im Krankenhause. -Seitdem bin ich nicht mehr in der Stadt gewesen. Ich fahre zwischen Neapel -und Tunis. Aber nur noch in diesem Jahre. Dann gehe ich fort. Weit fort. -Nach Südamerika. Ich habe hier nichts mehr zu suchen. Ich gehe auf die Farm -meines Bruders. Ich verdiene dort viermal so viel Geld als hier und habe -ein gutes Leben.« - -»Werden Sie den Wechsel ohne weiteres ertragen? Man sagt, wer sich an das -Meer gewöhnt hat, kann nur schlecht am Lande leben.« - -»Ich glaube, Herr, man kann alles ertragen ..« - -Der aus Trapani fing an, auf einer Harmonika zu spielen .. ein fremdartiges -Lied, das an das jüdische Kol Nidrei erinnerte. Die anderen summten leise -mit. Ich stieg die Treppe empor und sah in die Weite. Unmittelbar vor uns -lag Capri, schwarz und verschlossen. Nur wenige Laternen im Hafen warfen -gelbes Licht. Hart an der höchsten Gipfelkante stand eine Wolke, auf deren -Rand von unten Mondlicht fiel. - -»Sie kennen Capri?« fragte der aus Messina, der mir gefolgt war. - -»Ich kenne es gut.« - -Schon schwand der Hafen hinter der Punta Vitara. Genau vor uns auf der Höhe -mußte Anacapri liegen. - -»Wie oft bin ich dort oben spät am Abend gegangen, um das Schiff -nach Palermo vorüberfahren zu sehen! Wie oft habe ich mir gewünscht, -mitzufahren.« - -»Sie gehen zum erstenmal nach Sizilien?« - -»Zum allererstenmal.« - -Nun fuhren wir um das Nordwestkap der Insel. Die letzten Lichter loschen. -Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren Mondes dämmerten die -grauen Ölbaumhänge auf. Dann kam noch einmal dünnes Licht aus kleinen -Bauernhäusern und losch im selben Augenblick. Im Wasser zog plötzlich ein -heller, silberner Streifen, zuckte auf, verschwand, kam wieder, nun schon -ein rieselnder Bach, ging nochmals unter und tauchte wieder auf als eine -weiche, bläulichweiße Flut. Zu unsrer Linken stand die zunehmende Sichel -des Mondes, gegen das Meer hinabgeneigt. - -So fuhren wir auf kühlem Silber in die Tiefe der Nacht. - -Lange noch lag ich wach in meinem Bett. Das Schiff ging still, in leichtem, -einschläferndem Schüttern. Der Gesang der Matrosen klang leise nach .. ein -dunkles, summendes Wiegen .. durch den Vorhang des offnen Fensters. - - * - -Irgend ein Geräusch hatte mich geweckt. Ich mußte mich einen Augenblick -lang besinnen, wo ich war. Da rief die Stimme wieder vor dem Vorhang: - -»Signore! Signore! l'Isola! l'Isola!« - -Und gleich darauf wurde der Kopf des Matrosen aus Messina sichtbar. - -»Buon giorno, Signore. Ecco la Sicilia!« - -Ich trat an die offne Luke. Silberner, sprühender Seewind schlug mir -entgegen. Das Meer ging hoch und hellblau im ersten Gold der Frühe. Ich sah -nichts als Meer. - -»Dove, dove? Non vedo!« - -Da faßte der Matrose meinen Kopf und drehte ihn nach links, so daß die -Augen genau die Richtung seines Zeigefingers einhalten mußten. - -Und ich begann zu sehen: Ganz ferne, unwirklich aus grauem Weihrauch -gewoben, von einem silbernen Seidenfaden eingefaßt, der erste Umriß der -sizilischen Küste. Wenig später stand ich ganz vorn am Bug des Schiffes, -mitten im Wehen, im Sprühen, im Rauschen und Knistern von Wind und Licht -und Meer .. hingebannt .. hingerissen, in die aufstrahlende Ferne starrend, -in der das Ziel so langer Liebe lag. - -Im Schiff war das Leben erwacht. Heizer und Arbeiter kamen auf Deck, Taue -wurden gerollt, Segeltücher zusammengeschlagen, die Planken gewaschen. -An den Fenstern der Kabinen klirrten die Messingringe der Vorhänge, -verschlafene Gesichter schauten heraus und verschwanden wieder. Rinder -brüllten in ihrem tiefen Gefängnis, ein Pferd fing an zu wiehern, Krane -wurden aufgedreht und Kisten aus der Tiefe emporgeleiert, Gepäckstücke und -Warenballen wurden aufgestapelt. Kinder liefen vom Zwischendeck unter die -Matrosen und ließen sich an den Armen hochheben. Arme Frauen, die nach -langer, trauriger Trennung die Heimat zum erstenmal wiedersahen, saßen am -Boden und weinten still in ihre mageren Hände. - -Doch alles dies blieb schattenhaft gedämpft in meinem Rücken. Ich war -nur Auge. Jede Sekunde brachte ein neues Licht, einen neuen Duft über der -Ferne. Schon sah man Berg an Berg geschoben, nun übereinandergedrängt, nun -leicht gelöst, nun mit einem neuen Gipfel scheinbar verwachsen und gleich -darauf wieder geschieden. Schon brach ein farbiger Schimmer durch die -duftige Bläue der Hügel, bald lichtes Braun, bald bleiches Lila, bald -silbernes Rosa. Dann kam ein Gelb dazu. Eine Sekunde lang zuckte ein -harter Glanz auf: so wie wenn einer spiegelblanke goldne Platten im Lichte -schüttelt -- über einem steilen Grat zerriß ein Schleier: Purpurn tauchte -der Fels in reines Enzianblau. Auf grauem Geröll flogen goldne Dünste zur -Tiefe. Falte um Falte schloß sich auf, weich und gewölbt, von ewigmilder -Luft geglättet, so wie der basaltene Block vom Meer. Brausend flog der -Schaum unter dem schneidenden Kiel. Abermals fiel ein silbernes Gewebe: Da -stand in roter Flamme der Pellegrino vor uns, Palermos Warte. - -Dann aber schwand das Vermögen, noch das einzelne nebeneinander zu -unterscheiden. Häuser kamen, schneeweiß und elfenbeinern, mit blauen -Schlagschatten an den kahlen Wänden, Fensterscheiben flammten. Türme und -Kuppeln tauchten auf. Hafendämme, Schuppen, Lagergebäude schoben sich -am Ufer nebeneinander .. Menschen standen an der Mole und winkten .. -Wasserträger schrieen, betäubend, ohne Unterbrechung: Acquà a .. Acquà a .. -Weiße Sonne sprang vom weißen Gestein in das blendende Auge .. Die Hitze -prasselte aus dem Lodern der Bläue, trotzdem es noch früh am Tage war .. -Acquà a, schrie die unermüdliche Stimme .. Acquaà à  .. - - - - -PALERMO - - -Palermo: Goldsprühende Garbe. -- - -Wie brennende Tücher schlug die Luft in mein Gesicht, als ich über die -Schwelle des Gasthofs ins Freie trat. Zögernd gab sich der Körper, über -Leib und Hüften ging ein kurzer, aufreizender Schauer .. die weißen Schuhe -nahmen tastend das Pflaster, das Auge suchte die Milderung der satten -Bläue, im Schreiten wurde der Seewind fühlbar, der vom Hafen heraufstrich. -Das Meer lag unbewegt, ein riesiger Türkis im weißen Gold der Hafenfassung. -Ich wandte mich in das Innere der Stadt. - -Wie leicht waren die Schritte, die keine Schwere des Vertrautseins hemmte, -kein Ziel! Ich ging nur .. ohne Absicht, ohne Plan. Hier lockte eine Kuppel -und dort eine Palme, das laue Halbdunkel einer gewundenen Straße lud -zum Eintritt -- und nach wenigen Minuten stand ich auf einem glühenden -Steinplatz. Ich träumte vor den Auslagen der Juweliere -- und suchte den -Schutz des weißen Zeltdaches vor einem Café, um den Durst an einem herben -Zitronengetränk zu stillen. Auf den besprengten Steinfliesen verdunstete -das unermüdlich ausgegossene Wasser, hinter dem Gitter der gelbgrünen -Papyrusstauden flogen die Schatten der Vorübergehenden auf und nieder. - -In hellem Strome flutete das morgendliche Leben durch die Hauptstraßen, -hastig und schillernd bewegt, nur an der Kreuzung der Via Maqueda und des -Corso ein wenig verlangsamt und oft aus seiner geraden Linie im Winkel zur -Seite gelenkt. Die Menschen sind freundlich und zurückhaltend. Im bleichen -Oval der Gesichter brennen die schwarzen Augen, über vielen Lippen liegt -eine fremde, nachsinnende Wehmut und verrät die Mischung arabischen Blutes. - -Ich ging bis gegen Mittag durch die eilige Menge und betrachtete die Züge -der einzelnen. Viele waren schön und streng, sehr viele hart und gequält -(an die spanische Zeit erinnernd), ein Zauber lag nur in denen, die an -die morgenländische Heimat gemahnten. Hier war der Glanz der Augen -verinnerlicht und oft in weicher, lässiger Sinnlichkeit verschleiert. Ich -sah unmerklich feine Schatten unter den Lidern und Wimpern wie aus langen, -schwarzen Seidenfäden über dem weiten, traurigen Schimmer der Pupille. - -Am Nachmittag blieb ich zu Hause. Wie in einem Märchenbuch las ich in der -Geschichte des Geschlechtes Hauteville: in der Chronik der normännischen -Könige. Erst gegen Abend, als wieder etwas Wind vom Meere heraufkam, ging -ich in den Dom und ließ mich vor den Königsgräbern nieder. Kinder spielten -im Sonnenglanz der Vorhalle bei roten Oleanderbäumen, im Innern der Kirche -war es kühl und leer. Ganz leer. Nicht einer saß und betete. Die Helle des -übergroßen Raumes lockt nicht zu gläubiger Versenkung. Nur aus den dunklen -Porphyrsarkophagen weht noch der heilige Duft von Schmerz und Größe. Sie -ruhen seitlich unter schwerem Baldachin. Ein eisernes Gitter umschließt sie -alle: nur die Luft zwischen ihnen hält die Trennungen wach, die auch -der Tod nicht überbrücken kann. Noch im Tode bleibt der Sohn vom Vater -geschieden, die Gattin vom Gatten, der Schwiegersohn vom Schwiegervater: -Mit Fluch beladen ruht Heinrich VI., vereinsamt und unglücklich seine -Gemahlin Constanze, die Tochter des großen Roger und die Mutter des noch -größeren Friedrich. - -Ich saß und schaute. Die Schatten stiegen auf, die meine Seele rief. - -»O Fremdling in der goldnen Abendluft, es kommen viele, die uns nicht -rufen. Sie tasten mit teilnahmlosen Fingern an den dunkelroten Stein und -sagen nur: Dies ist der Sarkophag, wo Roger schläft. - -Ich schlafe nicht. Ich liege überwach in der kalten Porphyrschale und -lächle immer noch. Mein Leben war schön. Viel Sturm -- und viele, viele -Bläue. Ich liebte den großen Wind und das Ewig-Offne des Meeres. Ich liebte -die Buntheit des Lebens. Sie galt mir mehr als ein fanatischer -Gedanke: denn selbst im scheinbar Zwiespältigen sah ich das leuchtende -Verbundensein. - -In meinen Gärten war Vergessen. Wie rieselten meine Brunnen leise und -träumerisch in die Marmorschalen. Ich hatte Pfauen und Fasanen. Ich liebte -Glanz. Ich liebte Überfluß. Ich liebte die Schönheit, und sie schalten mich -einen Heiden. Ich liebte Gold. Und Frauen .. viele Frauen. Ich liebte die -zarten Finger meiner Seidenweberinnen. Ich ging durch ihre Reihen und -küßte ihr süßes Haar. Sie woben meiner Liebe die weichen Gewänder, und -durchwirkten den Stoff mit Blumen und Heiligen, mit goldnen Adlern und -korrallenfarbigen Reihern. Auf meinen Betten lagen ihre Schlafdecken und -teilten meinem Schlummer so viele stumme Sehnsucht mit: Sie liebten mich. -Sie woben ihre Liebe in die Ornamente. - -Wenn Fremde an meine Schwelle kamen, war ich voll Güte. Sie staunten über -die Fülle meines Lebens: Ich lächelte und ließ sie Schmuck und Kleider als -Andenken wählen. In ferne Länder trugen sie die Ehrengewänder und wurden -unwissend meine Feinde, indem sie von der Pracht meines Hofes Zeugnis -gaben. Ein fanatischer Mönch -- Bernhard von Clairvaux -- predigte gegen -das Sündhafte meines Lebens und gegen mein gestohlenes Königtum: mich habe -nicht der rechte Papst gekrönt und meine Krone sei nicht von Gott. Ich -lächelte nur. Meine Krone war von mir selbst und das Erbe meiner Väter. -Meine Krone war mein Recht. Was konnte ich anderes sein als König? Da rief -der Mönch zum Krieg. Mein Name war der Widerstand, an dem er seine Glut -entfachte. Er zog im Land umher und predigte auf den Kanzeln. Das Volk -stand offnen Mundes und nannte ihn einen Heiligen. Ein deutscher Kaiser -ließ sich bereden und zog mit Papst und Prediger gegen mich. Die fremden -Heere verwüsteten mein Land, Apuliens Städte flammten: Da faßte mich die -Wut. Das Blut der skandinavischen Ahnen -- zwiefach gebannt im fränkischen -und arabischen Geist -- quoll aus dem Abgrund auf. Ein Sturm- und Feuerwind -fuhr ich die Fremden an. Mein Sohn fing mir den Papst. Ich aber gelobte -dem Heiligen Vater Treue, nachdem er meine Krone gesegnet hatte. Der Krieg -verschlang mein Geld: es war billiger, einem alten Mann -- sofern er den -Anstand gegen einen König zu wahren wußte -- eine freundliche Gesinnung zu -bewahren. Ich suchte nie den Krieg. Er ward mir aufgezwungen. Da ich ihn -führen mußte, führte ich ihn mit Leidenschaft. Ich haßte das Halbe. Wie -kann ein König Unvollkommenes lieben? --« - -»Was aber war mein Los? fiel nun Constanzes Stimme ein. Ich wurde geboren, -als du schon gestorben warst. Hätte ich nur einmal den Klang deiner Stimme -vernommen, o Vater, nur eine leise Erinnerung an dich in meine Jugend -tragen können: so wäre ich weniger unglücklich geworden! O, wer begreift -noch, was mein Leben war! Ich war eine Kaiserin und trug fünf Kronen -- und -ich wurde so voll Elend wie nicht die geringste meiner Dienerinnen: fremd -am Hof des düsteren Bruders, fremd am Hof der traurigen Königin-Witwe und -fremd -- bis zum Erstarren fremd -- als Gattin des Gemahls, der mich im -eignen Blute traf und keine Schonung kannte, obwohl meine Lippen von Weinen -gesprungen und meine Kniee von Beten wund waren. Die Schuld war mein, -obwohl ich schuldlos war: ich war als eines großen Königs Tochter geboren -und hatte dreißig Jahre im Dunkel gelebt. Nun winkte die Freiheit, die -kaiserliche Höhe des Lebens, nach der meine Wünsche brannten. Die Krone -winkte. Ach! Ich ging in mein Grab bei lebendem Leibe. Ich schlief -- -mißbrauchtes Werkzeug -- auf dem Lager des Mannes, der mein Vaterland -schändete. Ich gab ihm den Erben, indes er meines Neffen Tankred kleinen -Sohn auf beiden Augen blenden ließ. Ich lag noch in den Wehen, im -winterlichen Bergnest Jesi, als heimische Boten mir die Kunde brachten. O, -wie der Haß in meinem mißhandelten Blute aufschoß! War nicht mein Sohn: im -Schlafe hätte ich den Mörder erwürgt. Ein Fieber fraß ihn auf. Zu spät. Zu -spät ..« - -Und Friedrich sprach: - -»O dämpfe deine Stimme, arme Mutter. Klage nicht -- und klage nicht mehr -an. Wer Kronen trug, muß vor sich selber schweigen lernen. Auch der Tod -darf seine Einsamkeit nicht mehr durchbrechen. Der Schmerz zu leben, ist -unermeßlich groß. Wir haben es alle erfahren, und jedem blieb am Ende -die gleiche Weisheit: daß wir ein Spiel von tausend Schatten, -undeutbar-unergründlich sind. Was sind unsere Siege, was sind unsere -Niederlagen? Das Licht und das Dunkel, in dem unsere Kräfte zerflattern. -Vielleicht hat nichts zu verlieren, wer nie gelebt hat: Doch wer geboren -ist, muß fühlen, daß ihm das Schicksal die Erde bestimmt hat. So gab ich -mich hin an die Weihe des Lebens, groß und voll irdischer Leidenschaft: und -ging meine Wege, die meine Zeit mir gezeichnet. Ich liebte den Frieden und -war ein Träumer, ganz voll Schönheit. In meiner Sehnsucht war nichts von -Krieg. Krieg ward mir aufgezwungen. Ein großer Fürst hat keine Wahl. Süße, -stille Oasen im Brennen der Wüste waren die wenigen Friedensjahre meiner -Herrschaft .. immer seltner und karger, jemehr die Zahl meiner Jahre sich -häufte. Ich wuchs in die Seele des Krieges und lernte die Tücke. Ich -lernte die Feindschaft und die Seele der Falschheit .. und ich brauchte -die gleichen, vor meinem Ziele geheiligten Waffen. Sie trafen die reine -Sehnsucht des Herzens niemals: Ich wollte nichts als die Ordnung, da -Ordnung Schönheit und Einklang ist. Ich wollte schönes Leben erhalten und -schlafendes erschließen: Und ich mußte ringen um rohen Besitz, der längst -schon mein war! Nie gab es ein Ende, nie blieb ein Errungenes friedvoll. -Wie ein verfluchter Wandrer, gestachelt von Gram und Ungewißheit, zog -ich von Lager zu Lager, von Landschaft zu Landschaft. Von Palermo nach -Deutschland, von Deutschland nach Rom und zurück nach Sizilien -- und -wieder nach Rom und gegen die lombardischen Städte und hinab nach Apulien -und weiter nach Palästina und wieder nach Haus und wieder nach Deutschland -und endlos, endlos zuletzt durch Italien. Kaum war es mir vergönnt, im -Frieden meiner Hauptstadt zu leben: nur einmal -- o einzige, glückliche -Zeit -- sechs Jahre lang, ehe Gregor zum Kreuzzug trieb. Ich liebte -Sizilien. Es war meine Heimat und voll Schönheit. Es war deine Heimat, -o Mutter, und viele Frevel meines Vaters waren zu sühnen. Ich dachte -tausendfach Tränen zu trocknen. Was die Erde an Schönheit umfaßte, sollte -mein Land besitzen, jeder Fremdling sollte bis zu den entferntesten Küsten -die Kunde tragen, wie ich den Vater entsühnte und die Qual der mütterlichen -Seele stillte. Sechs Jahre nur blieben an Frieden: kaum Zeit genug, soviel -Ruhe zu sichern, daß ich die Saat meiner großen Träume ausstreuen konnte. - -Dann trieb mich der Eifer des Pfaffen nach Akkon. Und niemals mehr wurde -Frieden. Maßlos wuchs der Gram meines Herzens. Drei Gattinnen starben -mir .. Ich verlor meine Söhne. Heinrich, dem ich ein Königtum gab, sann auf -Empörung. Ich mußte ihn strafen und in die calabrische Festung verbannen: -Dort fand er den unerwarteten Tod. Enzio schlug eine Schlacht für mich und -ward mir gefangen. Ich bot meine Schätze: Bologna blieb ohne Erbarmen. Sie -wußten, daß er mein Liebling war, von all meinen Söhnen der schönste, nur -Manfred vergleichbar. Und Freunde sah ich vor mir sterben, die selten nur -ein Kaiser findet. Hermann von Salza starb zu Salerno und Thaddäus von -Suessa fiel bei Vittoria. Der aber, den ich am unwandelbarsten treu -gewähnt, sann Verrat: Petrus von Vinea, der alternde Kanzler dem alternden -Kaiser. Der Bannfluch schreckte ihn! Noch wäre ich bereit gewesen, Frieden -zu schließen und wartete in Rieti auf den Papst: Aber Innozenz floh -- bei -Nacht -- auf genuesischen Galeeren und wandte sich nach Lyon. Dort hielten -die Pfaffen ein Konzil ab .. O wie sie meinen Namen zerrissen, wie sie sich -meiner Krone bemächtigten, all meiner Kronen, wie sie meine Würden von mir -streiften, so wie der Henker dem Verbrecher die Kleider bis aufs Hemd vom -Leibe streift. Ich war kein König mehr in Deutschland, kein Kaiser mehr, -Siziliens Los war der Entscheidung des Heiligen Vaters anheimgegeben -- Die -Bettelmönche ließ der Pfaffe los, wie eine Schar von Ratten, die Treue -zu vergiften. Bis an das Ohr des deutschen Sohnes wagte sich das -Geflüster -- -- - -Als mir die Kunde der Beschlüsse kam, ließ ich mir meine Kronen bringen -- -ich trug sie nie -- und aus dem Glanz der Edelsteine brach meines Lebens -letzte Glut und Schönheit: Kampf bis zum Tod. Nicht mehr ein Kampf -um Ordnung: Ein Kampf des freien Gedankens gegen die Lüge, die Gottes -Unendlichkeit mißbraucht. Kampf meines klaren Glaubens gegen die Fäulnis -und den Betrug der Kirche. Ich fühlte den Gott auf der Erde, und ich -liebte die Erde. Nun riß es mich hin und überflutete mein Leben. Die Ahnung -entbundener Welt schlug noch wie Morgenrot in mein Gefühl, eine letzte -Entlastung des tausendfach müden, belasteten Lebens .. Da zerrann die -Klarheit im Zwielicht meines Sterbens. Ich war nicht glücklich, Mutter, -doch ich hatte Flügel. Ich trug nur Schwere und war leichten Geistes. Ich -wollte viel Macht, viel Glück, viel Schönheit: Schicksal und Sehnsucht -lösten sich auf ..« - - * - -Ich hatte Axel Arnedals empfehlende Karte zu Angelina Lancisi geschickt und -anfragen lassen, ob ich sie am Abend besuchen dürfe. Ich fand die Antwort, -als ich in den Gasthof zurückkehrte: Sie bat mich, bei ihr zu speisen. -Ich traf in der Villa außer der Besitzerin Margerita Avellino und Percy -Vantadour, einen jungen Provenzalen, der in den städtischen Archiven -arbeitete. - -Die Fenster und Vorhänge des Speisezimmers waren noch dicht geschlossen. -Das Kupfer weniger Kerzen brannte in dem goldnen Halbdämmer. - -»Es wird Ihnen in Palermo ergehen wie mir, sagte Percy Vantadour: Sie -werden beginnen, die neue Schönheit zu enträtseln und immer tiefer im -Geheimnis versinken. Ich kam vor zwei Monaten, mitten im Frühling hierher, -und dachte einige Wochen zu bleiben: Es ist Juni -- und ich bin noch immer -da. Ich kann auch nicht sagen, wann ich gehe. Ich liebe diesen Sommer, -ich liebe die Hitze des Steines, der fast den Fuß versengt, die Glut der -Gitterstäbe, den trocknen Geruch des Staubes und die monotone Helle der -Landstraßen, die sich im Zickzack an den kahlen Berghängen hinauf- und -hinunterziehn. Ich liebe das Bröckeln des Steines in der blauen Starrheit, -das Dorren der Ginstersträucher an den Hügeln, den Zerfall des Grases auf -allen Plätzen. Ich liebe die machtlose Bucht des Meeres, die kaum noch -Kühle gibt, da der gleißende Spiegel die Strahlen, die er löschen soll, nur -verdoppelt zurückwirft. Blumen, in die sich mein Gesicht vergraben möchte, -wenn früher Frühling ist, Blumen, die in den langen Wintern von Paris -selbst aus meinem Schlafzimmer nicht verschwinden, sind mir wesenlos in -dieser Landschaft. Ja, ich vermeide die Gärten. Ich sitze lieber in der -glitzernden Kühle der Kathedralen, in der Capella Palatina oder im Dom von -Monreale, am allerliebsten im Dom von Cefalù. Vielleicht nur deshalb, weil -diese Stadt so einsam ist: ein Haufen brauner und gelber Steinmassen über -dem Lasur des Meeres. Schon ihr Name atmet Backsteinöde.« - -Als die Tafel aufgehoben war, gingen wir in das Nebenzimmer, dessen -Flügeltüren nach dem Brunnenhof geöffnet standen. Ein breiter Wasserstrahl -quoll in der Schale auf und floß durch flache Rinnen in seitliche Becken, -die einen stillen Abendhimmel spiegelten. Die Luft war wie von unsichtbaren -Händen angehalten, ein laues Seidentuch, das kaum die Wange streifte. Aus -hohen Terrakottavasen stürzten die Geranien auf den Boden. Wir waren alle -ins Freie getreten. Margerita Avellino hatte den Arm ihrer Freundin gefaßt, -Percy stand neben mir. - -»Sagen Sie mir doch, Percy, begann nach einem kurzen Schweigen Margerita, -wann zum erstenmal ein Vantadour nach Sizilien kam und was er dort tat.« - -Wir setzten uns vor den Brunnen, und Percy erzählte: - -»Adelasia, die Mutter des zweiten Roger, war eine Gräfin Montferrat, und -brachte die geselligen Gewohnheiten ihres väterlichen Hauses und vor allem -die Liebe zu den Künsten mit nach Sizilien. Der Herrschaft Montferrat -benachbart lag die Heimat der Vantadour. Bernhard, mein Urahn, kam oft -auf das Schloß des Grafen. Er übte die Kunst des Gesanges und war gerne -gesehener Gast. Man nahm ihn als Freund und Vertrauten des Hauses auf. -Als nun Roger I. um 1112 gestorben war und Adelasia nur mit dem einzig -überlebenden Sohne zurückblieb, war nichts natürlicher, als daß sie so viel -wie möglich die Fühlung mit ihrer Heimat zu wahren suchte. Es liegt -immer im Sinn einer Mutter, dem Sohn die Liebe zum mütterlichen Land und -Geschlecht zu erwecken. Sie ließ viele Provenzalen an den Hof kommen, und -als einen der ersten den alten Freund Bernhard Vantadour.« - -»Sie sagten eben, unterbrach Angelina, daß Adelasia früh mit ihrem -Sohne Roger allein blieb. Ist in dem Wesen dieses Königs ihr Einfluß zu -verspüren?« - -»Gewiß! Herrschertum lag ihm vom Vater her im Blute, von dem Geschlecht -der Hauteville, in denen der Geist der Wikinger noch lebendig war. Aber die -große, innere Gesittung, die Zartheit seines Fühlens und sein bedeutender -Sinn für die Kunst waren mütterliches Erbteil. Roger war ein Fürst, der -sich in allem pflegte. Er soll sehr schön gewesen sein: und er wußte, was -schön sein hieß. Auch seine große Güte und das leichte Ergriffensein des -Gefühles kamen von Adelasia, die an dem Kummer einer großen Enttäuschung -starb.« - -»Woran starb sie?« fragte Margerita, die ihren Arm um Angelinas Schulter -gelegt hatte und nichts als Lauschende war, fast wie ein Bildnis anzusehen -in ihrem weißen Seidenkleid, das von der linken Brust bis zur rechten Hüfte -einen schmalen Glycinenzweig als einzige Verzierung trug. Ihre kleinen -Füße spielten mit den Dolden eines Geranienbusches, und die dünnen goldnen -Armspangen über den blauen Adern ihres Handgelenkes klirrten leise bei der -geringsten Bewegung. - -Percy sah sie an, ohne Antwort auf ihre Frage zu geben, die in gleichem -Tonfall wiederholt wurde: - -»Woran starb sie?« - -Percy zuckte leicht zusammen .. - -Er wollte gerade antworten, als eine Uhr im Innern des Hauses neun schlug. - -»Mein Gott, rief Angelina, wir müssen aufbrechen! Ich habe die Schiffer -um neun an die Piazza della Kalsa bestellt. Percy kann uns im Wagen -weitererzählen.« - -Sie ging rasch voran ins Haus. Ich folgte ihr. Als ich mich zufällig im -Rahmen der Glastür umwandte, sah ich im Zwielicht die dunklen Gestalten -Margeritas und Percys noch einmal die Rundung des Brunnenweges -abschreiten. -- -- - -Vor der flachen Marmortreppe stand der Wagen mit zwei kleinen, -goldgeschirrten Rappen bespannt. Ein Diener hatte die weißen Mäntel der -Frauen über dem Arme und wartete. - -Vier Schiffer hatten sich an der Piazza della Kalsa eingefunden und -geleiteten uns zu dem Landungssteg, an dem die große Barke lag. - -»Wie ist das Meer?« fragte Angelina. - -»Marchesa, es ist ganz ruhig, wie meistens um diese Jahreszeit,« antwortete -ein alter Mann, indem er sich verneigte und wie einen Befehl erwartend zur -Seite trat. - -»Können wir bis gegen Solunt rudern und nicht allzuspät zurück sein?« - -»Ohne jeden Zweifel ..« - -Der Diener brachte Obst und Wein, ein junger Schiffer breitete Kissen und -Decken aus und drehte die Windlichter so, daß sie nicht blendeten. Ein -anderer reichte den Damen Nelkensträuße, ein vierter gab Percy und mir -weiße Kamelien für das Knopfloch. Die Ruder tauchten in die glatte, -glänzende Tiefe, die Barke drehte, und wir nahmen die östliche Richtung des -Kap Zaffarano. Die Luft war weich wie Rosenblätter, lautlos glitt das Boot. -Die braunen Männer summten im Takt der Ruder ein Lied, indes die Küste -unmerklich vor unsern Augen floh und die Kette der Hafenlaternen sich -dichter schloß. Wir lagen schweigend auf den Polstern, hingegeben an -die Glückseligkeit dieses traumhaften Schwebens, uns selbst entrückt und -willenlos dahingetragen, so leicht, so körperlos wie der Mond, der in -dünnen roten Wolkenflören aufging. Margerita hatte ihre Schulter an -Angelinas Brust gelegt. Sterne fielen. - -Ich dachte an meine Heimat, an die Mutter, an die Freunde. Wie fern war -alles. Ich dachte an mich selbst, an Kampf und Sehnsucht meines -Lebens. Auch dies war fern. Nichts mehr war. Nur dies Schweben, dies -Hinabdämmern. -- -- - -Percy hatte die Augen geschlossen. Er sah aus, als ob er schliefe. Über -seinen Zügen lag der Duft des Mondes .. lag ein Lächeln, das nur die Seele -der Dichter kennt. - -Angelina hob die Hand vor die Augen und sah nach der Küste. - -»Wo sind wir?« fragte sie die Schiffer. - -»Auf der Höhe des Kap Mongerbino. Es sind anderthalb Stunden verflossen -seit der Abfahrt.« - -Der Mond stand silbern auf den Hügeln und löste das Gestein in bronzene -Schatten auf. Die Häuser eines kleinen Dorfes glänzten in grünem Atlas. - -»Wenn wir die Barke hier ruhen ließen?« meinte Margerita. - -Percy öffnete seine Augen und lächelte, während seine dunkle Stimme ganz -leise einsetzte: - - »La barque dort, dormez mes longues peines, - Restons bercés par l'onde du silence .. - O douce nuit d'amour, nuit de clémence, - O nuit d'oubli .. Faut-il mourir, ma Reine?« - - * - -Am nächsten Tage war das Fest eines Heiligen. Ein Feiern wie am Sonntag lag -über Dächern und Straßen, als ich früh am Morgen nach der Martorana-Kirche -ging. Wundervoller Name: dunkelblaue Vokale, an goldnen Schnüren -aufgezogen, weicher, langer Bogenstrich auf der untersten Saite der Viola. -Zwischen Rosengebüsch und Palmenwedeln hebt der Glockenturm auf schwerem -Mauerwerk die leichten, goldumstrahlten Säulenbündel in die Höhe. Alles in -diesen Bögen ist Aufgang, Sehnsucht, frei wie ein Vogel in der klaren Luft -zu schweben: und doch zu ruhen. - -Im Innern tragen alle Wände Mosaik, ein wenig verwildert, wie Blumen in -vergessenen Gärten. Es leuchtet keine verhüllte Tiefe auf wie in Ravennas -blauer Glut. Die Steine schillern, sie strahlen nicht. Sie bezaubern, sie -rühren nicht. - -Auch San Cataldo sah ich an diesem Morgen, die Backsteinkirche, die ihre -karminroten Kuppeln auf dem flachen Dache trägt. Verschlossen ragt der -verlassene Bau auf kahler Steinterrasse. Die hohlen Fenster deuten in -violettes Dunkel. Erlösend haucht die Kühle, sobald der Fuß die Schwelle -überschritten hat und in das Säulenviereck tritt, auf dem die mittlere -Kuppel ragt. Schatten fliegen von den Wänden. Alle Fensterbögen sind nun -mit hellem, blauem Glanz gefüllt, besonders licht und süß das eine, das aus -der Apsiswölbung sich in die tiefe Flut des Himmels hinüberlehnt: Das ist -die letzte Hoffnung der Erde: Der Blick in das Paradies, in das Firdusi .. - -Sehr spät am Nachmittag ging ich zur Cala, dem alten Hafen, hinunter. Auch -hier war Stille. Die müden Fischerbote lagen Reih' an Reihe in dem seichten -Wasser, von schwarzem und von grünem Moos bezogen. In dem Getakel saß das -heiße Gelb des wolkenlosen Abendhimmels. Die Sonne senkte sich nach den -Belliemibergen. Der Monte Pellegrino hing schon voll roter Schatten. -- -Die Türen der verwahrlosten Häuser standen offen und ließen trübe, feuchte -Gänge sehen, ausgetretene, enge Treppen und kleine, schmutzige Höfe, in -denen Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Auch über dem Eisengitter der -brüchigen Balkone hing farbiges Zeug. Vor einer Schenke standen kleine -Tische und zerrissene Strohstühle. Halbgeleerte Gläser, in denen der Rest -des Weines verdunstete, verrieten, daß hier getrunken worden war. Vor einem -andren Hause lagen geöffnete Austernschalen, ein Bäcker hatte einen gelben -Kuchen ausgestellt, auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte zu -Ornamenten ausgelegt waren. Im Rahmen eines Fensters kämmte eine alte Frau -ihr Haar. Als sie mich gewahrte, trat sie zur Brüstung des engen -Balkones und ließ die grauen Strähnen von ihren Schläfen über das Gitter -niederhängen. Ich lachte ihr zu und winkte mit der Hand einen Gruß hinauf. -Aber sie blieb unbewegt. Sie ließ aus ihrem welken Mund langsam einen Faden -silbernen Speichels fallen, der im Sinken golden wurde, und blickte lange -auf den feuchten Fleck am Boden. - -Dann kam ich an die Stelle, wo eine schmale Treppe ins Wasser führt. -Knaben badeten in der Pfütze. Ihre Lumpen hatten sie über den Rand eines -vermoderten Kahnes gelegt, auf den sie manchmal kletterten, um sich zu -trocknen. Sie hatten ein seltsames Spiel erfunden. Sie rieben Schlamm -auf ihren Körper und wuschen ihn um die Wette mit dem grünlichen Wasser -herunter. Wer zuerst sauber war, hatte gewonnen. Einer kam die Treppe -herauf und bat mich, Geld auszuwerfen, damit sie danach tauchen könnten. -Ich wies sie nach einer Stelle, wo das Wasser klarer war, und ging voran. -Sie liefen hinter mir her und stürzten sich an der nächsten Treppe hastig -in die Flut. Ich warf meine Soldi: Ein endloser Jubel brach aus, -helles ergreifendes Lachen, wie es der Norden nicht kennt. Ich mußte -an Hafenkinder denken, die ich in Hamburg gesehen hatte, in Brest, in -Liverpool, in Dublin -- an trübe, kranke, unheimliche Kinder -- und -sah dann wieder auf die braunen, schlanken Körper vor mir, die sich -im Sonnenlicht und Wasser dehnten und reckten, sich faßten und wieder -losließen, eben eine Gruppe bildeten und im nächsten Augenblick wieder in -die lauen Wellen auseinanderstoben. - -Ich ging bis an das Ende der Mole, so weit es möglich war, und wandte das -Gesicht den Bergen zu, die eine kühle Nacht versprachen. Leuchtend hob sich -die Stadt über dem Viertel der Armen. Aber ich achtete nicht auf die weißen -Villen, nicht auf die Kuppel des Domes und Zinnen des Königspalastes: Ich -sah nur das öde, verfallende Meerkastell und die Schiffsmaste der einsamen -Cala, die so hilflos in das schwere, schwere Gold des Abends ragten. Ich -sah nur die spielenden Knaben, die sich auf den Kies gelegt hatten und mit -fühllosen Fingern an ihre schönen kleinen Körper tasteten, ohne zu ahnen, -daß es Menschen gibt, die um die Schönheit kämpfen müssen, wie ihre armen -Eltern um das geringe tägliche Brot. - - * - -Am Abend besuchte mich Percy Vantadour. Wir blieben lange bei Tisch sitzen. -In jedem Wort, das er sagte, war der Dichter, der unermüdliche Aufspürer -von Zusammenhängen, der Sucher der Gesetze, der Schöpfer der Schönheit. Die -Rede flog von seinem Mund, sie wurde Begeisterung und Gedicht, ohne daß -er es fühlte. Rhythmen kamen, Reimworte, die das Gewicht eines Satzes -unverhofft in den Hafen des Gleichklanges lenkten und an den nächsten Satz -weiter gaben. Er glitt in die Dinge, und prüfte mit allen Fibern der Seele -und der Sinne. Er tastete Formen herauf, wo Bruchstücke waren, er löste ein -falsches Ganze in rettende Teile auf. Doch über allem war die Liebe, die -sinnlose, leidende, jubelnde Liebe des Künstlers, die die ganze Welt voll -Leidenschaft aufgreift und der schöpferischen Flamme als Beute vorwirft. - - * - -Zehn Säulen aus Granit tragen im Mittelschiff die arabischen Hufeisenbögen, -über denen die Wände in das Deckengewölbe emporwachsen. Leuchter schweben -an goldnen Schnüren zwischen den reichen Kapitälen. Fünf Stufen führen -zum Chor hinauf, den eine unerwartete Helle so überirdisch füllt, daß das -Flammen der Kerzen auf dem Hochaltar dunkel erscheint. Tausend, zehntausend -bunte Kolibri flattern in der Luft, wiegen sich, halten an, kreuzen sich -im Flug, bleiben im Inneren der Bögen sitzen, an den Friesen der Decke, -auf den Rändern der Kanzel, in den Zacken und Ornamenten des hohen -Opferleuchters. Es schwirrt und flitzt von bunten Funken in einer Woge -aufgeregten Goldes. Es funkelt und sprüht vom Glanz der rastlosen Flügel, -es blendet und erweckt fast Schwindel: das ist die Capella Palatina, der -leidenschaftlichste Traum des großen Roger, in der Sprache von Millionen -bunter Glassteine gedeutet. Suche nicht zu ergründen, löse die einzelnen -Bilder nicht los, entziffre keine Inschrift, frage nicht nach den Namen -der schlanken Heiligen: bleibe ganz still im Flittern des Lichtes, sitze -irgendwo nieder und gib dich hin an den Glanz, bis du die Einheit spürst, -bis sich dein tiefes Erstaunen in tiefes Fühlen verwandelt, bis Wesen -erwacht, wo Schein dich traf. Spinne die schimmernden Fäden zurück bis in -Gallas schwermütig-dunkelnde Gruft zu Ravenna, gedenke noch einmal der tief -nach innen gedeuteten Sehnsucht des heilverlangenden Herzens, dessen Träume -ungewiß über der Schwelle zweier Zeiten schwebten: und schwinge dich dann -im Flug der umgewandelten Jahrhunderte bis in die breite Lichtung eines -grenzenlos-berauschenden Lebens hinüber, das dieses Gotteshaus als ein -Symbol in den Himmel des Herrn warf. Halte dich hoch in dem Licht mit den -Vögeln, wiege dich mit und netze die Schwinge der Seele im Taugeglitzer der -Blumentriften, die an den hohen Wänden blühen. Was dich umgibt, ist nicht -mehr abgeschlossner Raum: es ist die weite Lust der Erde, der Frühling des -Lebens, der schon in Sommer übergeht. - -Alles, was lebt, Mensch, Tier und Ding, erhebt den Lobgesang der Welt, -die Gottes Schönheit spiegelt. Das Übersinnlichste in Ton und Farbe bleibt -einfach, nah und ganz Natur: Nicht eine Kraft ist im Symbol verflüchtigt. -Die Seele Rogers strahlt aus seinem Werk: die unbeschreibliche Freude, zu -leben. Die Freude, die keinen Grund hat -- so wie es eine Trauer ohne Anlaß -gibt -- die Freude, die aus dem hellen Blut des Helden weht, den seine -Götter lieben. - - * - -Meine Hände hoben die weißen Rosen empor: Mund, Stirn und Haare versanken -in dem kühlen Überfluß. O, Küsse dieser Rosen! Durst nach Schönheit mitten -in der Erfüllung: San Giovanni degli Eremiti: du Gift Palermos, das trunken -macht und brennende Fernen einflößt. Dich bekennt kein Wort: vielleicht -enthüllt dich der Herzschlag des Besiegten, der an dem Brunnen deines -Säulenhofes hinsinkt und über Rosen weint, die in den weißen Sonnenkringeln -laufen, die von den weißen Säulenbündeln stürzen und sich vom Rand der -Mauer in die Bogen niederlassen .. - -Da ist ein Palmenwedel ausgebreitet und reicht bis an das Ziegelrot der -Kuppeln, da ist ein Lorbeerbaum und hilft dem atemlosen Anstieg violetter -Clematisblüten in die Kühle seines glänzenden Laubes, Efeu, fast schwarz, -speit das Blut der Geranien von sich. Am Ende des Gartens, im Schatten -von Limonengrün, führt zwischen hohem Gras und Schirling ein Pfad zu einem -ruhenden Wasserbecken: Von dort umfaßt der Blick den Turm der Kirche und -vier der roten Kuppeln im Rahmen eines einzigen Kreuzgangbogens. Gold -tröpfelt durch die Blätter der Zitronenbäume, die reifen Früchte atmen -scharfe Süße. Die Luft steht still, ganz blau und still. Die Hummeln -fliegen. Das Licht schlägt Wurzel in den weißen Säulen. Der weiße Rundgang -malt die malvenfarbigen Schatten seiner Bögen auf den Boden. Die Hitze -siedet und schlägt Wellen auf .. - - Schließe die Augen, die müden, - Rufe den stillenden Traum: - Bald fährt ein Schiff dich nach Süden - Bis zu dem purpurnen Saum - - Ewig dorrenden Landes, - Wo dir das Wunder ersprießt - Und sich im Rieseln des Sandes - Über dir schließt. - - * - -Am Sonnabend, als das Wetter etwas kühler geworden war, schickte mir -Angelina Lancisi ihren Wagen zu einem Ausflug nach Monreale. Ich fuhr sehr -früh am Nachmittag, da ich über die Höhe von San Martino und Baida zu Fuß -in die Stadt zurückkehren wollte. In den Baumwipfeln der vielen Gärten -längs der Straße spielte ein zarter Wind, über allen Dächern und Türmen war -duftige Belebung, aus dem Geriesel der Pappelblätter sprühten weiße Funken -in das Wehen der Bläue. Und im Rücken lag das Meer mit breiten, violetten -Wellen. Die zierlichen, hellbraunen Pferde liefen in kurzem Trab die gerade -Straße entlang. Der Staub dämpfte den regelmäßigen, knappen Aufschlag der -Hufe. Die beiden Kutscher saßen kerzengerade in ihren hellgrauen Livreen, -ohne zu sprechen. Kurz vor dem Dorfe Rocca begannen die Hügel. Alle Berge -waren nahegerückt, man konnte jeden Stein und jeden Busch in der fließenden -Klarheit der Lüfte erkennen. An dem Abhang, der nach dem Dorfe Bocca di -Falco hinüberführt, leuchtete das Bernsteingelb offener Kakteenblüten über -rotem Gestein und roter Erde. Zur Linken lagen dichte Orangengärten. Wir -fuhren an einer Mauer entlang, die ganz erdrückt war vom Überfluß roter -Geranien. Auf dem Domplatz von Monreale hielt der Wagen. Ich hieß die -Kutscher nach Hause fahren, da sich sofort eine Schar von Kindern und -Bettlern angesammelt hatte, und blieb allein auf dem schattenlosen -Sandviereck stehen. Die Blätter einer verdorrten Palme raschelten, die -vergoldeten Spitzen am Torgitter der Kathedrale züngelten gegen die -hellen Säulenschäfte empor. Einsam und schwer, an eine nordische Festung -gemahnend, ragten die ungleichen Türme über der Balustrade der Vorhalle. -Noch zögerte mein Fuß, voranzugehen: ich hatte fast eine Furcht vor der -neuen Erfüllung. Doch als ich endlich den Platz überschritt und in das -Innere trat, als ich die ersten trunkenen Blicke hob und senkte, war eine -süße, weiche Ruhe über mich gekommen, ein feierliches Stillesein der Sinne, -ein Jubel, der keine Sprache mehr verlangt, gedämpft in jenem sanften -Glücklichsein, das wie ein Augenschließen über allen trüben Dingen ist. - -Und ich ging langsam, langsam durch den Dom von Monreale, so wie wir -manches Mal in der warmen Sonntagsfrühe durch die wogenden Kornfelder -unserer Heimat schreiten, auf ausgefurchten Feldwegen, die ihren blühenden -Rand in zitternde Fernen hinausziehen. - -Alles ist Milde, Maß und Größe in dieser Kathedrale: und die Seele, deren -Sprache uns so weich umfängt, ist die Seele des Raumes. Der bunte Glanz -engt nicht mehr die Wände: das Licht dient nur dem Raum. Ein Wille, -geistig und wissend, bändigt hier den Überfluß: hinter dem Blitzen der -Mosaikgemälde funkelt die Inbrunst einer tiefbewegten Seele. -Rogers I. leidenschaftliche Größe, Rogers II. unersättliche Freude am -rauschend-Schönen findet die letzte, künstlerische Lösung in dem Gesetz -der ausgleichenden Masse, das die Seele Wilhelms II. beherrschte. Alle -Trunkenheiten sind in tiefes, klares Gefühl erhoben. Hoch an der Decke, -mit gnadenvoll gebreitetem Flügelschlag, der stilles, goldnes Feuer streut, -schwebt übersinnlich die Taube Gottes. - - * - -Seitlich vom Dom liegt der Kreuzgang des alten Benediktinerklosters. -Verbenen, Rosen, Heliotropen und Lilien blühten in dem Garten. Hellblauer -Wind war über den Blumen und trieb den Duft mit leisen, seidenen Schlägen -in die Hallen. Und Wind war in dem Strahl des arabischen Brunnens, der in -der Ecke zwischen stillen Säulen ruht. Wind war auf den flachen, warmen -Stufen, die zum Niederstieg an das Wasser winkten. Wer weiß, wie lange mich -das Wasser bannte? Es hauchte Kühle, hauchte Leben, und mein Gesicht war -ganz voll Sonne, so hingehalten, hingegeben an des Genießens Wonne. Und der -Wind trug meine Wünsche weiter -- die Augen die eben noch entzückt auf den -Kapitälen geruht hatten auf Blumen, Vögeln und menschlichen Gestalten, die -sich im unentwirrbar-reichen Ornament zu regen begannen, vergaßen die nahen -Schönheiten über dem Auftauchen fernerer Bilder und hielten das erträumte -Neue, das sie grüßten .. - -O Hindämmern über das südliche Meer .. - - Oleanderhaine winken, - Und es winken die Moscheen, - Alle Gläubigen versinken - Im Gebete und vergehen. - Auf den rosenroten Dächern, - Die den Abend kommen sehen, - Wird aus schweigenden Gemächern - Bald ein Hauch vorüberwehen. - In den tiefen Brunnenbecken - Werden leis die Sterne drehen, - Und auf seidnen Lagerdecken - Wird die Lust der Nacht erstehen. - - * - -Kinder wiesen mir den Weg nach Santa Maria delle Croci. Zwischen Felsgeröll -und Kakteenpflanzen ging der Pfad bergan. Aus allen Steinen hauchte Feuer. -Auf einem halbverbrannten Grasplatz lag die kleine Kirche, zu der ein paar -Stufen emporführten. Von der Treppe aus umspannte das Auge die heroische -Landschaft: Ebene, Stadt und Meer, reich, edel und freudig. Nicht ein Hauch -von Wehmut floß in dem silbernen Saum des hellen Horizontes. In braunen -Hügelfalten glänzten weiße Dörfer, seltene Pinien, noch seltnere Zypressen -ragten auf brauner Grassteppe. In der Fruchtschale der Ebene aber -leuchtete das gesättigte Grün der Orange- und Zitronengärten. Dicht -aneinandergedrängt hingen die goldnen Kugeln im Laube, zur Ernte reif. - -Die sinkende Sonne mahnte zum Abstieg. Ich ging die Fahrstraße nach Rocca -hinunter. Arbeiter kamen aus der Stadt zurück, verbrannt und bis an die -Kniee mit weißem Kalkstaub bedeckt. Bauern fuhren auf Eselskarren nach -Hause. Sie saßen halb schlafend auf der Kante des Wagens und trieben -die Tiere durch das unermüdlich wiederholte, schläfrige Ahii, Ahii zum -Weitergehen an. - -Von Rocca aus nahm ich den Feldweg nach Bocca di Falco. Ich erreichte -die ersten Häuser des Dorfes um die Stunde, wo die Frauen beginnen, -die Abendmahlzeit zu richten. Dünnes Rauchgewölk schwebte über den -Schornsteinen, aus den Türen und Fenstern drang Dunst von Öl und -Gebackenem: es war Sonnabend. Soldaten waren heimgekommen und standen bei -den Mädchen, frischgeputzte Pferde wurden an eine Tränke geführt, es war -kaum möglich, die kleine Piazza zu durchqueren, so viele Menschen hatten -sich hier angesammelt. In einer Ecke las ein junger Mensch mit lauterregter -Stimme eine Spalte aus der Tribuna vor ebenso erregten Hörern, aus einer -engen Seitengasse wurden weiße Ziegen ins Freie getrieben. Vor manchen -Häusern war ein Tisch gedeckt, in einer Schmiede flammte das Feuer der -Esse und warf unruhige Schatten über die harten, verrußten Gesichter der -Arbeiter .. Ein junger Kaplan wies mir den Weg nach Baida. Ich mußte die -Fahrstraße verlassen und über viele schmutzige Treppen durch niedrige -Bogengänge aufwärts steigen. Frauen saßen plaudernd auf den Stufen, Hühner -liefen hin und her und pickten Körner, in den Hausfluren lagen Hunde und -Katzen, Schweine wälzten sich auf breiten Misthaufen. Junge Lämmer waren an -den Pfosten der Haustüren festgebunden, in den Ställen brüllten Kälber -und Rinder. Oft schwankten weiße Rosen über die bröckelnden Mauern, einmal -schoß roter Phlox neben einem blauen Hoftore auf. Je höher ich stieg, desto -spärlicher wurden die Häuser, und als ich endlich bei einer rosenfarbigen -Villa den Ausgang des Dorfes erreicht hatte und auf den Weg nach dem -Kloster Baida trat, strömte der Glanz des Abends so warm und purpurn -über mein Gesicht, daß ich die Augen schließen mußte, die nach dem langen -Zwielicht soviel Helle nicht mehr faßten. Ganz langsam und gesenkten -Blickes ging ich weiter. Zur Rechten lief eine Mauer, zur Linken begann -ein Hügel. Obstfelder tauchten auf, Kleeäcker, ein Mohnfeld, eine -Rosenpflanzung und plötzlich -- nach einer kaum gefühlten Wende des Weges --- das Kloster Baida, das weiße, im Frieden seiner Zypressen, dicht an die -duftblaue Halde des Berges gelehnt. - -O, wie der Duft an diesen Bergen hing! Blau, blau und schiefergrau gedämpft -vom hellen Glanz des Gipfelsaumes, der noch im Lichte stand. Wie -diese schroffen Felsenhöhen die Schattenkühle in sich sogen, sich ganz -hinüberlegten in den Duft. In welche Milde all dies Ausgeglühte tauchte, -in welchen tiefgestillten Atemzug der großen und gedankenvollen Nacht. Und -ferne -- ach, fast übersehen -- das Meer, so unersättlich blau und still, -so still und blau das Meer .. wie auf die Ebene hingestrichen, ohne Segel, -ohne Schaum, ohne Flut. Ich saß, halb liegend, den Kopf in meine linke Hand -gestützt, am tiefen Rand der Mauer. Dies war der Ort zu ruhen, friedvoll zu -sein mit sich und seinem Los. Warum noch weiter gehen? Kein Wunsch mehr -zog mich in das weiße Haus. Sein Bannkreis war betreten und seine Schönheit -blieb viel süßer, wenn eine leichte Ferne noch die schlummervolle Seele -wachhielt: So ist Musik, die aus dem Innern eines Hauses an unser Ohr -schlägt: Sie wiegt und wiegt: wir aber fühlen tiefer, daß uns dunkle Hände -tragen: - -Ruhe, ruhe, Seele! Halte Wacht über dem großen Gefühl! Ich denke an dich, -Geliebte, und an die Ruhe deines Herzens, in der mein Leben stille liegt. -Ich denke an den Tag, als ich ausfuhr: nun sind schon Wochen dahin, und -ich bin übersättigt von Schönheit. Wenig fehlt, und die letzte Schranke ist -überschritten, hinter der das Vergessen wohnt. Soll ich untertauchen? Soll -ich aufhören zu sein, was ich bin? Das Blut drängt hinüber, es drängt mein -entzündeter Wille, und meine Sinne drängen. Ich kann das Meer nicht mehr -sehen, ohne zu wissen, daß mich die Woge noch ferner entführt. Im Schlaf -sucht mein Auge die Palmen der Wüste und die Zisternen der Wüste. An den -Urgrund des Lebens will ich hinunter: in die endlose Ebene des Sandes und -die endlose Wölbung des Himmels, dahin, wo der Anfang der Seele mit dem -Anfang Gottes verschmilzt. Ich will in die Anfänge des ungestalteten -Gottes, der noch keine Form und noch keine Symbole gefunden hat, noch nie -von Menschen gedeutet, noch nie von Priestern verkündet ist. - -In tausend Wesen habe ich Gott gespürt und konnte ihn nennen. Er war ein -Gott der Zeiten und glich der Seele der Zeit. Er war die Sehnsucht der -Menschen und abgewandelt wie die Seele der Sehnsucht. Ich fand ihn in dir -und sagte: Geliebte. Ich fand ihn im Freunde und sagte: Geliebter. Ich fand -ihn in allem, das sich selbst genügt und in der eigenen Erfüllung lebt und -sagte: die Schönheit. - -In Ravenna fand ich den Gott, der als Seele den Leib überwuchert und mit -tränenverschleierter Stimme flüstert: Der Leib ist ein Staub und die Seele -das Feuer, in dem sich der Staub verzehrt. - -In Florenz fand ich den Gott, der lächelnd verkündet: Seht, die Klarheit -ist alles! Seid hell wie der Himmel, den meine Güte euch wölbt. Seid gütig -und lernt das entwaffnende Lächeln. Ich heiße euch sanft sein und leicht, -daß ihr schwebt, wie mein Licht auf der Schwere der Erde. - -In Rom fand ich den Gott, der als Seele zerbrochenen Lebens in die -Seele der Gegenwart weht und aus tausend vergessenen Schönheiten und den -rastlosen Zielen des äußeren Lebens die unbegreiflich versöhnende Schönheit -mischt. Und seine Stimme ruft aus dem Purpur: Ergründet nicht! Taucht nicht -in die Tiefen des Rätsels: Seid glücklich im Schönsein. Das Heil ist dem, -der blind bleibt! - -In Neapel fand ich den Gott, der die Seele der Kinder bewohnt, in Gutem und -in Bösem. Den Gott, der die Pfaffen auslacht. Den Gott, der die gottlose -Menge bewegt und die harmlose Sünde behütet, indem er die Triebe aufgehen -läßt wie das Vogelfutter aus den winzigen Samenkörnern. Laßt doch mein Volk -in Ruhe, sagt er den Pfaffen! Das Volk ist mein und ich habe es lieber -als euch! Sühnt irdisch, wo irdische Frevel sind. Aber quält nicht mit der -Flamme des Geistes, was jenseits des Geistes ist und seiner und eurer nicht -bedarf! Laßt in der Einfalt, was in der Einfalt schön ist und heilig vor -meinem Auge .. - -In Palermo fand ich den Gott, der in goldnem Wagen über den Häuptern fährt. -Den Gott, der die Taten segnet und Taten als Lohn für seine Liebe fordert. -Den Gott, der ein Fürst ist über den Fürsten: und sein Name ist Fülle und -Glanz. - - - - -TUNIS / WÜSTE - - -Ich fuhr mit demselben Dampfer nach Tunis, der mich von Neapel nach Palermo -gebracht hatte. Cesare Salvari, jener Matrose aus Messina, hatte mir an -einer geschützten Stelle des Deckes einen Liegestuhl hergerichtet, und ich -ruhte nun in der Mittagsglut des Hafens, den Blick in die Bläue gehoben, -die wie ein großes, seidnes Zelttuch über Mast und Stangen hing. Es war so -still, daß niemand ahnen konnte, das Schiff werde in einer Viertelstunde -fahren. Einige Pferde für Trapani waren schon früh verladen worden, das -wenige geringe Volk des Zwischendeckes hatte sich schon lange vor mir -eingeschifft, ein junger Mensch, der aus Kleinasien kam, war mein einziger -Reisegefährte. - -Über den Häusern der Stadt flimmerte die Luft. Nicht eine einzige -Rauchsäule stieg auf. An den Abhängen des Monte Grifone schimmerten weiße -und gelbe Wände zwischen dem Grün der Orangengärten. Über dem Pellegrino -wob eine lilagraue Helligkeit, in der zuweilen das Licht silbern aufzuckte. -Das Schiff schwankte ganz leise in der Richtung seiner Länge, und dieses -Schaukeln weckte eine weiche, lässige Schläfrigkeit. Wundervoll war das -Rieseln der Wärme: wie das Rieseln unsichtbar feinen Sandes über dem -nackten Körper. Und obwohl von der See keine Kühle wehte, gab der Geruch -von Algen, Tang und Teer ein Gefühl von Frische und Weite. Kein Fahrzeug -war am weiten Horizont zu sehen. Leerer Himmel stieg in leere Luft. Das -Meer stand. - -Die Stadt vor mir war längst nicht mehr Palermo: es war irgend ein -südlicher, sonniger Hafen, in dem mein Schiff eine kurze Ruhe hielt. Ich -hörte, wie die Brücke hochgezogen wurde, wie der Kapitän noch etwas ans -Land rief, wie die Sirene aufheulte und die fernen Bergwände das Echo -verschluckten. Dann war ein Gequirl von Wogen, ein Stampfen und Zittern -und Brausen, und wir fuhren. Ich mochte nicht aufstehen. Den Kopf zur -Seite gewandt, sah ich das Fliehen der Küste und der flach-hingebetteten -Häuser .. - -»Ihr Abende auf dem Meer -- und ihr Abende in Angelinas Garten, ihr -Wagenfahrten am Corso der Via Libertà , du seltsames Maskenspiel südlicher -Menschen, die das Wesen von Puppen annehmen, wenn sie sich in der leisen -Betäubung des ewigen Auf- und Niedergleitens begegnen, ihr stillen -Morgengänge nach Acqua-Santa und Romagnolo: Lebt wohl! Lebt wohl für lange, -vielleicht für immer ..« - -Die endlose Flucht der steilen Küste begann. Wir fuhren in weitem Bogen auf -das offene Meer hinaus, sobald wir Mondello und das Kap Gallo hinter uns -hatten. Das Ufer wich in immer tieferen Buchten, einmal schob sich ein Saum -von flachen, grünen Steppen in die Flut, dann zog der Golf von Castellamare -die Gestade an sich. Die Berge rückten zusammen und schienen sich zu -drehen, kahle, verbrannte Kuppen wuchsen hellbraun und lila aus der Masse -des tiefen Gesteines. Lila, wie ganz verblaßter Flieder, und lila wie der -nächtige Duft auf reifen Pflaumen, ein wenig feucht und kühl, und wieder -andere lilablau, wie späte Waldveilchen, schon halb entkräftet von zu -langem Licht. Dann plötzlich zeigte sich zwischen grauen Falten ein -hellgrünes Tal, verweilte wenige Augenblicke, und verschwand. Besonders -schön war dies: wie man im Golf die Küste weichen fühlte und, ganz an -dieses leichte Fernergleiten verloren, schon auf der anderen Seite neue -Berge kommen sah, viel steiler, viel zerrissener in den Abhängen, doch -still gerundet in den Kuppen, weich in der goldnen Luft entfaltet. Das nahe -Lila wich dem ferneren Indigo; einmal hob sich ein heliotropfarbener Kegel -in ungeahnter Milde über starren Graten. Lag irgendwo ein Haus in baumloser -und schattenloser Öde am Strand, so wuchs der Schauer der Einsamkeit. Ganz -einsam aber stand der Leuchtturm von San Vito. Hier lenkte das Schiff nach -Süden und gab die erste Mahnung an das Ziel. Wir waren in die Gewässer von -Trapani eingefahren. Ich schaute zwischen den Stangen des Geländers und den -flatternden Vorhängen in der Richtung des Monte San Giuliano, des Heiligen -Berges, auf dem das alte Heiligtum der Venus Erycina lag: Klar und -braun stand er plötzlich im Licht, doch über seinem Gipfel schwebte eine -rosenfarbige Wolke, ganz dünn, ein Schleier nur, ein süßer Dunst. So, wie -von Rosenopfern einst der Weihrauch der Altäre aufstieg, wenn die nackten -Chöre auf den Tempeltreppen sangen und die Kithara schlugen. In wildem Efeu -lag das weiße Haus, dessen vierfacher First nach allen Himmeln wies und die -flammende Schrift seiner Zinnen den fernen Meerfahrern hinhielt, so daß -die Matrosen von den Schiffen aufsahen und die Sehnsucht ihrer entwöhnten -Lenden doppelt brennend fühlten. - -Um fünf Uhr warf das Schiff vor Trapani Anker. Ich ließ mich übersetzen -und fuhr in das Innere der gelben, sandigen Stadt, durch tote Straßen, über -leere Plätze ohne Grün und ohne Schatten. Aus glühenden Kasernenhöfen drang -das Schmettern der Trompetensignale, goldne Helmbuge blinkten über hohen, -weißen Mauern auf. - -Ich kehrte bald zurück und trank den Tee an Bord. Die Pferde wurden -ausgeladen, schwarzes Gesindel, unheimlich und verwahrlost, trieb sich in -bunten Lumpen auf der Mole umher. Die Stunden gingen. Cesare trat zu mir. -Wir standen am Geländer und schauten auf Stadt und Meer. In das Gold der -Luft war ein Rosa geflogen. Der Monte San Giuliano hatte den Schleier um -seinen Gipfel dichter gezogen. Über den Dächern wob eine Stille, die ganz -voll Fremdheit war, verflüchtigend und entkörpernd. Alle Gestalten, die -über die schmale Brücke auf das Schiff gingen, schienen aus einem Dunst von -Blut zu kommen, in einigen Fenstern flammte dunkelrotes Feuer. Der Kapitän -ging vorbei und bat mich, zu Tisch zu kommen. - -Wir waren zu dreien in dem großen Speisesaal. Alle Fenster standen -weitgeöffnet, das Wasser gurgelte leise an den Flanken, ein Geruch von Salz -und Tang kam manchmal über die Tafel, die mit Verbenen geschmückt war. Wir -aßen schweigend. Der Wein war schwer und dunkel, Conca d'Oro vecchio aus -Palermo, und Marsala, goldflüssig und gewürzt wie frischer Honig. Das -Obst fiel über die Ränder der großen silbernen Schalen auf das Tischtuch: -Bananen und Feigen, Limonen und Kirschen, Orangen und Nespeln. Als der -schwarze Kaffee gebracht wurde, schoß eine Purpurwelle durch die westlichen -Fenster, alle Wände, alle Stühle, die Blumen, die Tassen, die Vorhänge, -die Diwanreihen loderten auf, laute Rufe des Entzückens wurden über uns auf -Deck vernehmbar -- wir erhoben uns rasch und gingen nach oben. - -Es war kein Flammen mehr, es war ein Wüten von dunkelrotem Feuer in diesem -Sonnenuntergang, am Boden beginnend, in flachen Wellen steigend und hart -über der schwarzen Silhouette der Stadt hinrauschend. Ein Bündel stahlblau -glänzender Dolche, stachen die wenigen Palmenwipfel über den glatten -Dächern in diesen Brand. Die breite Kuppel der Kathedrale ließ dünne -Blutbäche in den Bugen der Wölbungen niederrieseln, nirgends mehr war -das Erlösende eines milden Goldes. Schwärze und Purpur lagen fanatisch -ineinandergewühlt, durcheinandergeschleift, als das Schiff aus der Enge des -Hafens fuhr. - -Und es kam kein Gold mehr. Auch nicht mehr jenes zarteste, durchsichtige -Apfelgrün, in dem so gerne der Tag noch über dem offnen Meere verweilt, -ehe die Nacht sinkt. Es kam nicht das süße Aufblitzen der Sterne, nicht -ihr silbernes Ruhen im blassen Aquamarin: es kam ein rasches, stummes -Verlöschen des Feuers, ein kaum zu fassendes Stillestehen des Lichtes --- taubengrau und thymianlila -- und gleich darauf die Nacht, die tiefe, -dunkelblau gesättigte Nacht mit dem Gewühl der Sterne, die jeden Augenblick -aus ihrer weichen Fassung brechen konnten, um Luft und Meer und Schiff zu -begraben. - -Ich lag auf dem obersten Deck in meinen Stuhl gestreckt, das Gesicht zum -Himmel gewendet. Am Boden neben mir saß Cesare und lehnte seinen Kopf -an den Sessel. Keine Stimme war lebendig auf dem Schiff, keine Mandoline -klang. - -Da fühlte ich: Dies war nicht mehr die Nacht Siziliens: dies war die Nacht -über Afrika. - -Die Bläue senkte sich, das Meer schwoll ihr entgegen, die Sterne drängten -nieder, zitternd in ihrer eignen Glut, Lichtbündel schossen in die Wogen -- -doch plötzlich schien das Spiel zu ruhen. - -Noch einmal tiefer hatte sich das Blau gebauscht, offne, stille Blumen -quollen langsam aus der Mündung eines ungeheuren Füllhorns, Lilienbüschel, -weiß und smaragdengrün, und sanken .. sanken auf das einsame Meer. - - * - -Es war halb fünf Uhr, als Cesare mich weckte. Ich warf den Mantel über und -trat einen Augenblick an die Türe. Blaßblaue Berge standen unendlich fern -in der dunstigen Luft, am Fuß von bräunlichem Rauch umlagert. Die Sonne -goß eine brütend-aufgelöste Wärme durch das Milchglas des verschleierten -Himmels, das Wasser blendete bis zum Schmerz. - -»Scirocco, sagte Cesare, indem er die Hand vor die Augen hob und die Brauen -steil zusammenzog, um dem Blick eine größere Schärfe zu geben .. Aber ich -sehe den Hügel von Karthago, ein gutes Zeichen. Das Wetter wird hell und -trocken werden.« - -Ich kleidete mich an und ließ das Frühstück auf Deck tragen. Die Luft war -unerträglich schwül, alle Glieder waren wie zerschlagen, obwohl ich vier -Stunden lang gut geschlafen hatte. Die Augen wagten kaum, sich zu öffnen. -Ein tauber, weher Druck zog die Lider herunter. Auch das Haar schmerzte, -und in den Ohren klopfte das Blut. Der ganze Körper war in ein Netz von -leichtem Fieber gespannt. - -Die Anfahrt an die Stadt war nur ein Hinüberdämmern wie im Halbschlaf. - -Bilder kamen und wechselten, traumhaft .. gleichgültig .. Bergspitzen und -Bergabhänge, braun und rosa, blaue, weiche Mulden und Streifen flachen, -gelben Landes drehten umeinander, während das Schiff kaum fühlbar -voranfuhr. - -Ich lag wieder auf meinem Stuhl, Cesare saß mit untergeschlagenen Beinen -am Boden und nähte an einer Hose. Vom Zwischendeck kamen wilde, -unverständliche Laute herauf, schwarze Köpfe wurden zwischen Geländer und -Gestänge sichtbar, Weiber in hochroten Kopftüchern, mit großen Goldmünzen -im Ohr .. Kinder spielten Nachlauf und schrieen, wenn sie sich gefangen -hatten .. Nackte Heizer, schwarz von Ruß und den Dunst des Öles -ausströmend, kamen einen Augenblick zum Vorschein und wischten mit groben, -blauen Tüchern den Schweiß von ihren glänzenden Körpern. Sie leckten mit -der Zunge die vollen Lippen und ließen den Mund offen stehen, um die -Luft zu trinken. Die glühenden Augen starrten gegen das Land. Eine -unbeschreibliche Geilheit straffte diese harten Leiber, die Tag und Nacht -in die Glut der dumpfen Kesselräume gebannt blieben. Sie waren nur noch -Geschlecht, wie sie so dastanden in der bleichen Sonne, mit eingezogenem -Unterleib und breitherausgedrückten Brüsten. Wenn sie lachten, fletschten -die weißen Zähne wie im Maul eines gefangenen Tieres auf, und wenn sie sich -scherzend anstießen oder an den feuchten Armen packten, glich ihre Bewegung -dem plumpen Spiel junger Pantherkatzen. - -»Sie haben Judenweiber in Tunis, sagte Cesare, als er auf meinem Gesicht -das Gemisch von Mitleid, Bewunderung und Ekel las. Sie können es nicht -abwarten, bis sie hinüberkommen. Sobald das Schiff landet und alle -Heizarbeit für die Weiterfahrt vorbereitet ist, gehen sie in die Stadt und -bleiben bis zum Abend. Wenn sie dann zurückkommen, sind sie mit Obst -und Zuckerzeug beladen, besonders mit goldgelben Lukkumwürfeln, die sie -manchmal den Gästen verkaufen. Betrunken sind sie nie. Eine Weile lang -flüstern sie noch heimlich zusammen und lachen in der Erinnerung an das -Erlebte, ist aber die Erregung ganz vorbei, so werden sie wieder schweigsam -und fleißig. Ich weiß, daß der jüngere von seinem geringen Lohn jede Woche -seiner Mutter in Neapel noch ein paar Lire schenkt ..« - -Die braunen Gestalten waren verschwunden. Das Schiff ging rascher. Wir -näherten uns dem Hügel von Karthago, der steil und deutlich in das Meer -vorsprang. Weiße flache Häuser tauchten zwischen blühendem Grün empor, das -kleine arabische Dorf Sidi-Bou-Said zog sich am Berge hin. - -Durch die Enge zwischen den Landzungen von La Goletta und Radès fuhr das -Schiff in den schmalen Kanal ein, der den Bahira-See durchschneidet -und geradeswegs dem Hafen zuläuft. Nun erst fiel die ganze Schwüle des -Sciroccomorgens über uns, doppelt quälerisch in dem weißen Dunst, der auf -dem unbewegten Wasser lag. Selbst Cesare, der schon so lange an -diesen Wechsel der Winde gewöhnt war, atmete schwerer und klagte über -Kopfschmerzen. Ich war ihm nach dem vorderen Teile des Schiffes gefolgt, -um die Anfahrt an die Stadt zu sehen. Ich saß auf einem Bündel -zusammengerollter Taue und schaute auf die weißansteigenden Dächer, auf -all diese flachen, scharfgezogenen Flächen, die sich senkrecht und wagrecht -bergan schoben und sich hart die schwarzen, abgeschnittenen Dreiecke ihrer -Schatten zuwarfen. Doch all diese Schatten dämpften nicht das übertriebene -Weiß der Wände, sie steigerten es und schienen selbst nicht da zu sein. -So blieb nur der Eindruck einer siedenden Helle: weiß wie silberne -Wasserdämpfe .. weiß wie berghoch aufgeschüttete Magnolienblätter .. weiß -wie der Glanz der Mondsteine .. - -Das Wasser hatte grünliche Färbung angenommen und atmete Fäulnis. An den -Rändern einer kleinen Insel standen rote Flamingos und bargen die Schnäbel -im Brustgefieder, während sie die schwarzen Schwungfedern kurz und häufig -aufzucken ließen .. - - * - -Kurz nach sieben trat ich in den Gasthof. Das Treiben in dem Vestibül -ließ eine viel spätere Stunde vermuten. Ich ruhte eine Stunde, nahm das -Frühstück unter einem Palmenbaum im Garten und ließ einen Wagen für den -ganzen Tag mieten. Nie habe ich schönere Wagen gesehen als in -Tunis: Halbverdecke auf Gummirädern, weich gepolstert und von einem -blendend-weißen Zeltdach überspannt .. und nirgends schönere Pferde: -mittelgroße, schwarze Tiere, knapp in Gang und Haltung, lebhaft, gepflegt -und gestriegelt, daß man sich im Glanz der kurzen Haare bespiegeln konnte. -Mein Kutscher war ein Süditaliener aus Cosenza, klug, feinfühlig und nicht -im geringsten geschwätzig. Neben ihm saß ein zehnjähriger arabischer Knabe, -der die Aufgabe hatte, mich in den Basaren zu führen, in die wir nicht -einfahren konnten. Wie ein kleiner König saß er da in seinen hellblauen -Hosen und seinem weißen Hemd. Den dunkelroten Fez hatte er tief in den -Nacken zurückgeschoben, so daß eine Welle glänzender Haare auf seine -gebräunte Stirne fiel. Er kaute trockene Feigen, die er aus der Tasche -zog. Jedesmal, wenn der Wagen anhielt, glitt er wie ein Wiesel auf die Erde -nieder, reichte mir die Hand zum Aussteigen und kauerte auf dem Trittbrett, -bis ich zurückkam. - -Wir durchfuhren zunächst die südliche Stadt, die Rebat-Bab-Djazira. Da, -wo die Moschee des gleichen Namens liegt, sah ich einen langen Zug Kamele -kommen, die Kohlen nach dem Markte schleppten. Die Tiere gingen schwer, -unwillig, wie geschändet durch die aufgezwungene Last, mit einem Ausdruck -hilflosen Vorwurfs in den guten Augen, deren Blick mich schon in der -frühen Kindheit ergriffen hatte, wenn ich auf den Jahrmärkten den Gauklern -nachlief, die am Halfter ein müdes, graues Dromedar hinter sich herzogen, -auf dessen Rücken ein frecher Affe Nüsse fraß. -- Schweigende Treiber -schlürften in klappenden Schuhen neben den Tieren über die Pflastersteine. -Viele hatten kleine Jasminsträuße hinter die Ohren gesteckt, Gemüse- und -Obsthändler zogen die Djazirastraße entlang, Karrenschieber, aus deren -Wagen bunte Farbflecken aufleuchteten: Kirschen, Rüben, Salatbüsche, -Fenchelstiele. Als wir an der Kasba vorbeifuhren, der alten Zitadelle der -Stadt, verkündeten Trompetensignale, daß diese weißen Kalkmauern jetzt eine -Kaserne umschließen. »Zuaven«, sagte der Kutscher mit einer wegwerfenden -Handbewegung. Je weiter wir nördlich kamen, desto belebter wurde die -Straße. Frauen in dunklen Gewändern und mit verhülltem Gesicht führten -kleine Kinder an der Hand und gingen ruhigen Schrittes in der Mitte der -Straße. Männer in Gruppen, schweigsam oder leise redend, saßen auf den -Bänken vor den Häusern in der Sonne. Einige hatten die weißen Tücher vom -Kopfe fortgenommen, andere dicht gewickelt und tief in die Stirne gezogen. -Auch auf den grellen Dächern wurden weiße Gestalten sichtbar. Ihre blauen -Schatten brachen scharf an der Brüstung ab. Manchmal warf der breite Wipfel -eines Baumes eine grünliche Dämmerung in das Milchweiß der brütenden Luft. -Aber vergebens spähte das Auge nach einer Bewegung der Blätter. Nur der -Windhauch des Fahrens gewährte eine ganz leise Erfrischung. Sobald -der Wagen hielt, schien der Atem zu stocken. Wir kamen bis zu dem -nordwestlichen Tore Bab-Bou-Sadoun, wo viele alte Männer gesenkten Hauptes -saßen. Sie sahen kaum nach meinem Wagen auf. Auch beachteten sie nicht den -Staub, der beim Umwenden in die Höhe wirbelte und zu ihnen hinüberzog. An -dem Halfaouinplatze stand eine große Menge -- wie wartend -- umher. Viele -bunte Farben tauchten hier neben dem Weiß der faltigen Burnusse auf: Viel -Gelb und Ziegelrot an Wams und Weste, auch lichtes Blau und Zinnoberbraun. -Ich ließ den Wagen anhalten und trat an eines der vielen Cafés, die hier -im Kreis umherliegen. Ich hatte mich kaum gesetzt, als man auf ziselierter -Messingplatte die heißen, hochgefüllten Mokkabecher brachte, an deren Rand -der kupferne Schaum dünne, bunte Blasen trieb. Der Duft war so belebend, -daß ich auf Augenblicke die fürchterliche Glut der Luft vergaß. Aber kaum -hatte ich das heiße Getränk zu mir genommen, als ein Feuer in mir aufschlug -wie von zu scharf gewürzter Speise und perlende Feuchtigkeit am unteren -Augenlid hervortrieb. Ein Schwindel faßte mich an .. vor den Pupillen -stoben rotgoldne Funkengarben auseinander .. Ich netzte die Stirne mit -Wasser .. und erkannte wieder den Platz und den Wagen vor mir. Ich hieß den -Kutscher rasch nach den Basaren fahren. Wir durchquerten die Bab-Souika, -wo einiges Grün das Auge auf Minuten beruhigte, umfuhren halb die -Sidi-Mahrez-Moschee, und endeten am Kasbaplatz, wo ich den Wagen warten -ließ. Der Knabe folgte mir, und als wir in das Halbdunkel der ersten, -überdachten Basarstraßen traten, faßte er meine Hand, um mich in dem Gewühl -nicht zu verlieren. Seine nackten braunen Füße berührten nur leicht die -Steinfliesen, der feine Körper schwebte nur in den flüchtigen Hüften .. -Erquickende Kühle wallte in den endlosen Gängen. Der Boden war in der Frühe -begossen worden und hauchte noch den Geruch des Wassers aus, die weißen, -faltigen Burnusse der Schreitenden schlugen die Luft und ließen Frische -nachwehen: etwas wie einen Duft von grüner Bleiche und Mandelseife. - -Ich blieb eine Weile an der Auslage eines Schneiders stehen und sah mit zu, -wie er ein Gewand aus weißem Kaschmir mit goldnen Borten benähte. Die Nadel -knisterte, wenn sie im Flug den Stoff durchfuhr, der aus den weichen Falten -ein elfenbeinernes Licht warf. Ein Gewühl von bunten Atlasresten war auf -dem Boden ausgebreitet: wollüstiges Bad der suchenden Hände. -- Auch bei -einem Schuster saß ich einige Minuten und ließ mir purpurne Prunkschuhe und -safrangelbe Pantoffel zeigen, die mit Silberfiligran umsponnen waren. --- Ein Kupferschmied aber zündete mir auf einem alten, vierzehnarmigen -Tempelleuchter die braunen Wachskerzen an, so daß ein Hauch wie brennender -Honig an die Decke des niederen Gewölbes schlug. - -Es war fast Mittag, als ich in den Souk-el-Birka zu den Juwelieren -hinüberging. Ich kaufte einen Talisman aus grünem Email und einen schmalen, -schwarzblauen Dolch, dessen Griff mit silbernen Nägeln und blassen -Turmalinen übersät war. Als ich gehen wollte, bat mich der alte Besitzer -des Ladens, noch einen Augenblick zu verweilen und rief seinem Sohn ein -paar arabische Worte in einen Nebenraum zu. Gleich darauf wurden zwei große -Kästen gebracht und auf einen maurischen Schemel gestellt. Der Alte türmte -Kissen aufeinander und lud zum Sitzen ein. Vater und Sohn standen dicht -nebeneinander und hoben die Hände in einer fast schmerzlichen Bewunderung -empor, als sich die roten Seidenetuis öffneten und auf weißem Samt die -unvergleichlichsten Gewebe goldnen Filigranes sichtbar werden ließen, -die je mein Auge erblickte. Mit einer Geste, als seien seine Finger nicht -heilig genug, die Kostbarkeiten zu berühren, hob nun der Alte den größeren -Schmuck in die Höhe und legte ihn über die crêmefarbige Seide einer -nachgeahmten Frauenbüste. Nun erst erkannte ich, was dieses Netz bedeutete. -Es war der kühle Panzer für die nackten Schultern und Brüste einer Frau. An -jeder Kreuzung zweier Goldfäden taute ein blasser Rubintropfen: da, wo -die dunkelroten Knospen der Brüste aus dem Gewebe drängen mußten, war eine -runde Öffnung gelassen, die ganz von spitzen, heißen Diamanten umsäumt -stand. Man fühlte das Atmen der blassen Haut unter dieser Hülle, das weiche -Schlucken der Kehle, wenn die Lust in die Glieder rieselte, die leichte -Blähung des Unterleibes über dem Geschlecht, und die flache Höhlung an -den Seiten der leidenschaftlich eingezognen Schenkel. Man spürte die blaue -Rohseide der Lagers, den irrenden Duft des Jasmines in den Decken, das laue -Feuchte auf den leicht geöffneten Lippen, die an den glatten Strich der -Schneidezähne rührten. - -Die Juweliere sahen mich erwartend an. Der Sohn ließ seine weichen Finger -durch die Maschen spielen, wie wenn er das warme Fleisch unter dem kühlen -Geriesel abtastete, und sagte zu mir: - -»Die schönste Jüdin von Tunis wird in diesem Schmuck noch heute abend -tanzen. Ihr Freund, ihr reicher Freund, der nur vorübergehend in der Stadt -weilt -- er lebt auf seinen Farmen im Innern des Landes -- hat ihn bei uns -arbeiten lassen. Wir haben Monate gebraucht, ihn herzustellen. Wir haben -nie etwas Ähnliches angefertigt. Es hat nicht seines Gleichen auf der -Welt« .. - -»Wenn nicht das andere Stück, fiel der Vater ein, zeige das andere Stück -- -die Wahl ist schwer.« - -»Es ist für eine arabische Dame, erklärte er weiter, als der Sohn das -Haarnetz über seine Hand fallen ließ, so daß es sich wie eine flache -Mitra an sieben Platinkreisen entfaltete, die von den zartesten Brillanten -starrten und miteinander durch unwahrscheinlich dünne Silberschnüre -verbunden waren. Am linken Rand des weitesten Reifes war eine schmale Öse -für den Reiherbusch und an den inneren Wänden ein Spiel von goldnen Nadeln -angebracht, um die sprühende Haube über der Welle des Haares zu halten. - -»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte, indem er sich dicht zu mir -hinüberneigte und mir in die Augen sah. - -»Ich ziehe keines von beiden vor. Sie sind gleich wundervoll. Für meine -Gattin würde ich das Haarnetz kaufen, für meine Freundin den Panzer ..« - -»Auf Ehre, ich sage das Gleiche, erwiderte rasch der Jude. Doch ob mir die -Gattin oder die Freundin lieber ist, sage ich nicht ..« - -Wir betraten den Souk-el-Attârin, wo die kostbaren Essenzen verkauft -werden. Wie von Rosenhügeln kam uns ein Hauch aus der schmalen Lichtsäule -entgegen, die durch eine offne Dachluke fiel. Ich konnte der Bitte des -jungen Verkäufers nicht widerstehen, der mich zum Eintreten in seinen Laden -lud und mir Kaffee und Zigaretten anbot. Er kniete vor meinem Sitze nieder -und breitete auf einem seidnen Teppich von wundervoll geblaßtem Himbeergelb -und Erdbeerrot eine Menge zierlicher Flacons aus, die selbst verschlossen -eine heftige Süße verströmten. Die kleinen Behälter -- kugelrund oder eckig -abgeschliffen -- waren aus altem, etwas erblindetem Kristall und ganz -mit dünnen, goldnen Ornamenten übersät. Der Händler tupfte die Spitze der -gläsernen Stopfen auf dünne Watteflocken, die er in die Luft warf. Ich sog -geschlossenen Auges die endlos sich erneuende Welle auf: so wie man Töne -unergründlicher Melodien schlürft oder das Überraschende, nur Halbgelöste -im enharmonischen Wechsel der Akkorde. Ich dachte an nichts: kein Bild und -keine Vorstellung bannte das Unendliche des Genusses. Ich atmete nur, so -wie ich der Musik nur lausche, ohne ihr Überirdisches an Erscheinungen zu -deuten. Duft bleibt mir Duft: so wie mir Klang nur Klang bleibt: vollkommen -in sich: rein in Wesen und Ausdruck. Einmal fiel mein Blick auf den Knaben. -Er saß etwas abseits, mit vorgeschobenem Gesicht und leicht geblähten -Nüstern, ein kleines, braunes Reh, das gierig wittert. Der Verkäufer selbst -schien wie entrückt. Die vollen Lippen lüstern ausgezogen, so daß in der -Grube der feinen Mundwinkel ein bläulicher Flaum lag, trank er die immer -wechselnden Hauche und wurde nicht müde, immer neue Flacons zu öffnen und -neue Schneeflocken fallen zu lassen. Schließlich stand er auf, nahm alle -die kleinen Wattekugeln und warf sie in die Höhe: Da ging ein Regen von -Balsam nieder, ein Glockenspiel von fünfzigfach gemischter Süßigkeit. -Ich hatte die Schwüle, die Müdigkeit, die Kopfschmerzen vergessen und lag -halbtrunken auf dem Brokat der maisgelben Kissen, indes wir eine Mischung -besprachen, die ich für mich bereiten lassen wollte. Der Araber sah mich -lange an, sah meine Hände an und befühlte sie, langsam und prüfend, -mehrere Male. Er betrachtete meine Ringe und den bläulichen Halbmond der -Nagelwurzeln. Er tastete die Hügel der Fingerspitzen ab und befühlte die -Haare an den Schläfen. Dann sagte er langsam, während er neuen Kaffee -brachte und dem Kleinen ein Stück Lukkum reichte: - -»Vous êtes artiste.« - -»Parfaitement. Je suis poète.« - -»Je l'ai bien deviné. Mais c'est difficile chez vouz. Votre extérieur -trompe. Vous cachez votre profession, vous ne voulez pas qu'on voie ce que -vous êtes. Mais vous êtes passionément artiste .. si fort que cela domine -votre vie. Vous êtes de race germanique.« - -»Je suis Allemand.« - -»Comme je vous connais! J'ai le flair des races! Depuis mon enfance! Je -sais exactement quel parfum il vous faudra. Pas pour le prendre: c'est -autre chose! mais pour vous exprimer. Il faudra envelopper le centre chaud -et mou d'un ruban simple et plutôt sec .. Il faudra beaucoup cacher sans -dissimuler.« - -Damit ging er in den hinteren Raum des Ladens und holte einige größere -Flaschen, in denen smaragdene und amethystene Flüssigkeiten leuchteten. Die -Mischung wurde in ein köstliches rundes Gefäß aus altem Kristall gegossen -und in ein Bett von grünem Atlas gelegt. Zum Überfluß aber schenkte mir -der Händler ein zierliches Glas voll Jasminduft, der in dieser Stadt heilig -ist, so wie die Blume selbst. - -Dann aber fingen wir an zu plaudern. Der blaue Rauch unserer Zigaretten -stieg in schmalen Bändern empor, vor der Türe wogte die leise Brandung -der Menge. Helle und Dunkel flog auf und nieder im Wechsel der Gestalten, -unaufhörlich wallte der Duft im gleitenden Luftzug .. - -Und der Araber sprach von den Oasen des Landes, von Gafsa, von El Djem, von -Dougga. Ich lag flach auf dem Rücken und lauschte .. Immer wieder, wie -ein Becken, in dem sich der Strom seiner Rede sammelte, kehrte die Mahnung -wieder: - -»Scheuen Sie nicht die Mühe .. gehen Sie in die Wüste ..« - - * - -Es verlangte mich zurück zum offnen Licht. Ein heller Wind schlug mir -entgegen, als ich mich dem Ausgang der Basare näherte. Die Decken der -Ladentische wehten, die seidnen Aushängefahnen wehten, die Gewänder -der Fußgänger wehten .. Und die reinste, tiefste Bläue wehte über den -schneeweißen Dächern, als ich ins Freie trat. Baumwipfel rauschten, der -leicht durchbrochene Schatten der Zweige tanzte auf dem Boden. Die Schwüle -war fort .. die belebende Hitze sprühte golden und leicht in den befreiten -Lüften. - -Wir fuhren wieder nördlich, nach der Halfaouinstraße. Ich ging, von dem -Knaben geführt, in das Labyrinth der Gassen, die einsam und geheimnisvoll -im klaren Lichte lagen, eine endlose Monotonie von weißen Würfeln in -satter Bläue, nur selten durch das Grüne eines Wipfels oder das Bunte eines -Blumenstrauches unterbrochen. Die Türen waren geschlossen. Kaum ein Mensch -war sichtbar. Das Leben lag verschüttet im weißen Licht: abgestumpft, -unbewegt. Etwas, das nicht mehr will. - -Wir waren aufs Geradewohl gegangen und kamen an der Synagoge heraus. Hier -schickte ich den Knaben fort, um den Wagen herbeizuholen und ging auf ein -kleines Café zu, an dessen Schwelle zwei Tänzerinnen saßen. Ich ließ kalten -Tee bringen und setzte mich in eine kühle Ecke. Die Frauen kamen zu mir. -Ihr Gesicht war so stark gepudert, der Mund so giftig-blaurot überstrichen, -daß mich ein Ekel faßte, als im Sprechen ein feuchter Glanz auf diese -Lippen trat. Aber die Augen hatten so viel Milde, ja fast eine Traurigkeit. -Die aufgedunsenen, kleinen Hände, die von unechten Ringen starrten, fuhren -zuweilen in das wirre Haar, das kein Öl ganz zu glätten vermochte -und stützten sich dann wieder auf die breiten, häßlichen Hüften. Den -Achselhöhlen entstieg der scharfe, beizende Geruch des Geschlechtes. - -»Was treiben Sie heute nachmittag?« fragte die jüngere und legte die Hand -auf mein Knie. - -»Ich fahre nach dem Belvedere-Park.« - -»Was wollen Sie jetzt dort tun? Es ist alles verdorrt! Kommen Sie zu uns, -wir werden Ihnen die Zeit vertreiben ..« - -»Womit?« - -»Womit Sie wollen.« - -Die ältere schob die Zunge zwischen die Lippen, die schmale, zugespitzte -Falte einer karminroten Zunge, auf der ein gelblicher Speichel stand. Sie -lachte und zeigte verdorbene Zähne. - -»Ich will gar nichts,« erwiderte ich und zündete eine neue Zigarette an, um -die Fliegen fern zu halten .. - -»Desto besser, sagten die beiden. Wir wissen schon ..« - -Und sie sahen sich an wie solche, die glauben, verstanden zu haben. - -»Hören Sie, begann wieder die jüngere, wir tanzen heute nicht. Wir können -am Nachmittag tun und lassen, was wir wollen. Kommen Sie in unser Zimmer. -Wir werden Opium rauchen.« - -Die andere lüftete das Tuch und ließ ihre schlaffen, feuchten Brüste sehen. - -»Geben Sie uns zwanzig Lire, einer jeden, und die Nacht gehört Ihnen .. Die -Nacht zu dreien ..« - -Sie spreizte die Beine und zog die Knie höher. Die Brüste fielen ganz -aus den weißen Schleiern. Über der linken Warze stand ein bräunlicher -Blutfleck, die letzte schwindende Spur eines Bisses. Sie sah mich lange -an .. abwartend .. Ich lächelte und rauchte weiter .. - -Da standen beide auf. Mit einem leichten Gruß, als ob nichts gewesen sei, -gingen sie auf ihre alten Plätze zurück. - -Es währte noch eine Weile, bis der Wagen kam. Ich sah in die Luft, die -über den Steinen flimmerte, und lauschte einem Dudelsackpfeifer, der hinter -fernen Höfen zu spielen begann. - - * - -Das Gras auf den Wiesen des Belvedere-Parkes war schon verbrannt, aber die -Oleanderbäume schütteten die hellrote Flut ihres Blühens über das feste -Grün der Blätter. Es war ein Oleandergarten, durch den der Wagen langsam -bergan fuhr. O seltsamer Duft dieser Blüten: Duft, der mitten in der Süße -abbricht, der nicht zu Ende geht und da verflüchtigt, wo sich der tiefe -Atemzug ganz seiner Wonne bemächtigen will .. ein Duft wie Harfenklänge: er -weckt die Sehnsucht und löst sie nicht mehr aus. - -Mit einem dünnen Palmblatt scheuchte der arabische Knabe die Fliegen, als -ich mich hoch oben am Pavillon zur Ruhe niederließ. Die Augen fielen mir -zu. Langsam versank der Abstieg von Dächern und Kuppeln vor mir. Als -ich erwachte, war nur die endlose Bläue über mir aufgerollt, weiße Vögel -wiegten sich auf blühenden Schwingen südlich über dem Meer gegen den -leichten Hauch der Hügel von Zaghouan. Der rote Duft der Oleanderblüten -stand aufrecht in dem Garten .. der Duft, der seine Seele in sich festhält, -im Schenken süß, noch süßer im Versagen .. - - * - -Gegen sechs Uhr abends kam ich nach Radès, zu Achmet Fouad, einem -türkischen Freunde Axel Arnedals. Ich fand genau den Menschen, den ich zu -finden erwartet hatte. Die erste Viertelstunde unseres Gespräches gab eine -Vertrautheit, als ob man sich schon lange gekannt hätte. - -Jedes Wort, das der Vierundzwanzigjährige sprach, hatte seine Schwere und -Eindeutigkeit. Alle Gedanken wurden einfach und mit jener Würde gegeben, -die der nordischen und westlichen Jugend fremd ist. Schon die Stimme -war Ruhe, tief und tönend, jede Silbe im Kupfer ihres Klanges umhüllend. -Dieselbe Kraft, zu bannen und einzuschließen lag in den großen -mandelförmigen Augen. Die Brauen standen flach und stark gezogen an der -niedrigen Stirn. Über den kräftigen, schlanken Händen lag mildverteilt die -Sinnlichkeit des Orientalen. - - * - -Wir ruhten auf gelben Matten und sahen die Nacht herniedersteigen. Die -trockene Wärme des Daches strömte langsam in unseren Rücken. - -Schiffe lagen im Hafen, fern und kaum zu erkennen im Widerschein des roten -Himmels. Auf einem Bett von Nelken ging der Abend schlafen. Silbern tauten -die Sterne am Rand der Blumen. Das Meer rollte den bronzenen und rollte den -stahlgrünen Samt. Im Norden blitzten die Lichter von Karthago auf. Keine -Barke zog aus. Achmet hob noch einmal den schweren, dunklen Kopf, hob die -Arme, wie wenn er das letzte Licht fassen wollte und ließ sich leise ganz -zu Boden gleiten, indessen mich tiefes Bangen auf den Knieen hielt. Eine -Stunde später brannten die Ampeln, und der Jasminstaub verpuffte in den -hohen Räucherpfannen. Der schwarze Diener ging zum letztenmal. Die Tür -stand offen. Palmenwipfel wiesen in die Tiefe des Gartens. Die Silberbäche -der Sterne stürzten an der nächtigen Kuppel nieder. Wie Nadelspitzen schlug -das Fieber des Duftes empor. Schon glitten Wolken vor dem sinkenden Auge. -Rosenfelder liefen im Morgenwind und trugen mich fort. Dann noch ein -allerletztes Dämmern .. ein Ruf ohne Antwort .. O Haschisch! wehes -Hanfkraut! Süßes Hanfkraut, das dieses Schweben schenkt .. - -Und dann der tiefe, tiefe Fall durch weiße Sternenseen in ein warmes, -blaues Meer, das wiegt und wiegt .. und leise singt und weiterwiegt .. - -Sehr mild und weichumrissen kamen die Gesichte auf goldnen Dünsten der -Frühe: - -Aus einem Veilchenhügel wurde der rührende Leib des Mädchens geboren, von -der aufgehenden Sonne bestrahlt. Glückselig stand der Mund und trank -die Morgenluft. Auf den Spitzen der herben Brüste glühte das Silber des -Lichtes. Um die gereckten Hüften und die zarte Flucht des Schoßes lag es -wie ein dünner, schmiegsamer Panzer .. und es glänzte in den Kniescheiben. - -Aus den Lüften schwebte der Knabe nieder, den Tau der Dämmerung aus den -Haaren schüttelnd und das feuchte Gesicht in den Händen trocknend. Er -umschlang die Schulter der Geliebten und glitt in ihren Leib hinüber. Sie -aber schloß die Arme über dem Kreuz seiner Hüften und trug halb schon -im Sinken, halb noch im ungewissen Gleichgewichte, die Last, von der sie -selbst getragen wurde. Die Lippen des Knaben aber hatten sich festgesogen -an der Mandelblüte der linken Brust und tranken das hellrote Blut, das im -Kreislauf in das schenkende männliche Geschlecht zurückrann. Da waren beide -Körper plötzlich ganz verwachsen, und jenseits des Geschlechtes, das Mann -und Weib scheidet, im Schoß der Lust bis in den Abgrund alles Werdens -untergetaucht. - -Andere Bilder lösten sich aus dem wachsenden Licht: auf hellblauem Lager -die schlafend vereinigten Freunde, im Duft ihrer blonden und dunkleren -Jugend verloren .. auf purpurnen Betten die schmerzlichen lesbischen -Frauen .. Leda und der küssende Schwan, der die Schwungfedern an den -wartenden Schoß drängt, Danaë mit den offnen Schenkeln, in die der -Goldregen niederrieselt .. - -Aus der Woge aber, die mich wiegte, sang eine Stimme -- und es sang aus dem -rauschenden Licht: - -Ich bin die Lust. Ich bin ein Eines und bin so viele Viel, als niemals -eines Menschen Hirn zu träumen vermag. Jenseits von Tugend und Sünde -beginnt mein Leben, und ich lächle, wenn ihr mir Gesetze andichtet, da -ich gesetzlos bin und ganz mir selbst genüge. Ich frage nicht darnach, was -eurem Leben frommt und euren Zwecken dient. Ich habe keinen Zweck. Ich bin -nur da, ich war und werde sein. Ich treibe den Mann zum Weib und den Mann -zum Mann und das Weib zum Weib und den Menschen zum Tier und den Menschen -zum Ding und das Tier zum Tier und das Tier zum Ding und das Ding zum Ding. -Ich bin voll Geheimnis und weiß es selbst nicht, in wieviel Kräften ich -bin. Ich bin in den Giften und bin im Balsam. O daß ihr einmal sehen -lerntet und alles Lebendige gleichsetztet! Bin ich nicht aufgewachsen in -den Zellen eines kleinen Hanfkrautes? Wohne ich nicht in einem winzigen -Tropfen ausgepreßten Öles, der genügt, euren Willen zu brechen und eure -gefesselten Sinne zu entfesseln, sodaß ihr die Wahrheit fühlt? Eine arme -Pflanze des Feldes setze ich über den Hochmut eures Geistes! Ja, ich -kann euch töten mit den Körnern der Mohnblume! Ich kann in euer Blut -überspringen und mich so dehnen, daß das Gefäß eurer Adern zerreißt. - -Wes nennt ihr die Liebe? Was eure Ordnung erhält und eure Art fortpflanzt. -Aber ich bin keine Gottheit der Ordnung und keine Gottheit der Art. Ich -bin die Gottheit, die als Anfang der Welt über den Wassern war. Ich befehle -euch nichts und verbiete euch nichts, da jedes Geschehen mir gleich ist, in -dem ich mich selbst erkenne. Ich lohne euch nicht und strafe euch nicht: Ob -ihr mich preist, ob ihr mir flucht: Ich lächle -- und bin. - - · · · · · · · · · · · - -Morgengrauen. Aufbruch aus der kleinen arabischen Stadt, in der die -Karawane am Abend zuvor eingetroffen war. Ein langer, quälend langer Ritt -durch Steppe, Sand und Wüste, bis zu einem toten Gewässer, an dessen -Rand das Mittagslager aufgeschlagen wurde. Agaven, Aloë, Palmen und -das schreiende Gelb der Kakteenblüten. Schutt, bröckelndes, verlassenes -Gemäuer, angebrannte Grasflächen. Am Himmel die gleißende, zischende -Diamantscheibe der Sonne, deren überhitzter Glast ringsum die Bläue -auffraß. Dann das weiße Zelt mit dem dünn gefilterten Gold in dem groben -Gewebe. Teppiche und Kissen am Boden. Ein Gehen und Kommen der Beduinen, -bis alles hergerichtet war. Dann Ruhe .. beklemmende Ruhe .. - -Achmet Fouad lag halbnackt in dem weißen Seidenburnus ausgestreckt, dem -Schlummer nah. Ich selbst, in allen Sinnen überwach, saß auf dem Polster -und lauschte in das Knistern der betäubenden Luft. Die Hitze schoß in -tausend Pfeilen durch die Tuchwände. Sie sprang vom Sand und dem siedenden -Glanz des erblindeten Wassers empor. Ich hörte, wie draußen einer ein Kamel -schlug, das sich nicht umlegen wollte. Der Stock sauste auf das verwollte -Fell nieder. Das Tier stieß einen wilden, bösen Schrei aus und glitt in -die Kniee. Lange noch drang sein Schnaufen zu mir herüber. Ich versuchte -zu rauchen. Die Kehle war zu trocken. Das Blut drängte in meine Augen und -begann in meinen Ohren zu sausen. Ich riß die Kleider von mir und warf mich -auf das Lager. Die Hitze drang wie Nadelstiche in meinen Leib, in allen -Poren schlug ein brennender Schmerz auf, krampfhaft kurz .. im gleichen -Augenblick schon in einer unerhörten Lust aufgelöst. Der ganze Körper -schien ertötet, entkörpert in der Arbeit der Glutwellen, die ihn von -allen Seiten anfielen. Der Atem wurde frei. Tiefe Müdigkeit sank auf die -Augenlider. -- - -Achmet stand lächelnd vor mir, als ich erwachte. Dunkles Orange wogte -im Zelt, er schlug den Vorhang etwas zur Seite, und ich sah wieder die -glänzende Wand des lasurenen Himmels, die über Palmengestrüpp emporwuchs. -Die Schatten der gesattelten Kamele fielen auf den gelben Boden, ein -Beduine fragte, ob wir bereit seien. Wir ritten tief in den Abend hinein. -Bei einem Sykomorengebüsch wurden die Zelte wieder aufgeschlagen. Die -Wachtfeuer brannten an der Erde, der blaue Rauch wirbelte in den roten -Dunst der Lüfte. Schwarz lagen die Kamele gegen den Purpur der Zelttücher, -der langsam blaßte, auf der welligen Weite war eine Saat von bleichen -Rosenblättern ausgestreut, die in jeder Minute weiterwelkte. Aus den -goldnen Brunnen der Sterne fiel der Tau. Flachen Leibes lag ich auf dem -Sand, den Kopf in die aufgestützten Arme gebogen. So lag vor tausenden -von Jahren der Nomade auf dem Boden der Wüste, wenn er in den kühlen, -durchscheinenden Nächten von seinen ruhlosen Wanderzügen ruhte, und -schuf an der Weite des funkelnden Himmels und der noch weiteren Weite des -wehenden Sandes den Raum seiner tiefen und kindlichen Seele. So barg er das -wilde Antlitz im Staub der einsamen, unentweihten Erde, so hob er das wilde -Antlitz nach den Sternfeldern, die den Wohnungen Gottes vorgelagert sind: -Da wuchsen die ersten Silben im Abgrund der Seele, Schauder und Wonne, -in einem dunkeln Klang gebunden: und das Gebet war geboren: der große -vermittelnde Gesang zwischen dem, was endlich ist, und dem, was ewig ist. - - * - -Achmets Finger rührten an meine Schläfe: - -»Der Tag bricht an ..« - -Ich hob mich aus dem tiefen Schlaf. - -Das blasse Öllicht flackte in dem Messingbecken. Stimmen wurden vor dem -Zelte laut. Achmet schlug weit den Vorhang auf. Die Luft kam weich und -kühl von Osten. Ich löste mich aus den Decken und trat in das Freie. Die -Beduinen grüßten. Einige knieten schon am Boden. Über dem blauen Milchdunst -am äußersten Saum der Erde schleifte der trübe Rand eines purpurnen -Vorhangs, der an grauen Wolkenbändern aufgehängt war. Plötzlich teilte sich -dieser Vorhang der ganzen Länge nach und öffnete dem Auge einen Blick in -kühle, blanke, smaragdene Tiefen. Im gleichen Augenblick bauschten sich die -Wolkenstreifen, Ströme von hellem Blut stürzten in die grüne Klarheit -der Mitte. Am Boden aber leckten schon kurze Topasflammen nach oben, -weißglühende Dolche zuckten im Halbkreis nach und durchstachen das schon -gerinnende Blut: zwei-, drei-, vier-, fünfmal raste eine mörderische -Lohe bis in den Zenit hinauf -- und die große, weingoldne Sonne stand in -erdrückender Ruhe über dem verwüsteten Horizont. - -Ein Kamel zerrte am Halfter und schrie auf. Ein zweites schrie, ein -drittes, ein viertes, ein fünftes .. dann schrieen alle. Vielleicht schreit -einer so, dem das Messer in die Eingeweide saust. - --- -- - -Wir ritten .. ritten .. - --- -- - -Wir ritten .. ritten .. ritten .. - --- -- - -Gegen Abend erreichten wir die Oase. - - * - -Gebadet und erquickt lagen wir am Rand der Quelle. Braune Kinder spielten -um uns. Frauen kamen und füllten die gelben Tonkrüge, die sie auf der -Schulter davontrugen. Die Sonne war am Untergehen und schüttete ihr letztes -Licht über die breiten Palmenwedel und Olivenwipfel. Dichtes, blühendes -Oleandergebüsch säumte den Abhang vor uns, jenseits der Böschung vor uns -standen Weizenäcker voll Kornblumen und Klatschrosen. Da mußte ich an das -heimatliche Land denken, an das grüne, wellige Land um Pfingsten .. an die -Feldwege nach Sonnenuntergang .. - -Ganz leise, ganz beruhigt war das Gespräch mit Achmet. Ein Gespräch voll -Abend und süßer Traurigkeit. Keine Pläne mehr, kein Rechnen mit Meilen und -Stunden: nur das lautlose, wunschlose Übergehen von Wesen zu Wesen. Kein -Unterschied des Alters mehr, kein Unterschied der Rassen: was uns irgend -trennen konnte, war mit dem lauen Wind verweht, der in den Wipfeln ging. -Wir sprachen von unserer Kindheit, von unseren Müttern, von Freunden -und von Frauen. Es war alles so ähnlich, die selben Träume, dieselben -Bitternisse, dieselben Tröstungen. Nur die großen innern Ziele waren anders -gesetzt: weil das Schicksal des Vaterlandes verschieden war. Achmets Liebe -zu seinem Volke war ein dunkles, unterirdisches Lodern, das sein ganzes -Wesen ergriff und hinriß: eine Liebe voll Fanatismus und Sehnsucht sich -zu opfern, tragisch in ihrer Artung und zu jedem tragischen Ende bereit, -unklar und grandios. Er sprach von Enver Bey, dem Heldenhaften, der zart -und melancholisch war wie eine Frau, ein Brand von Liebe und Schmerz. Da -spürte ich zum erstenmal im Rhythmus der Sprache, im Fall der Töne, die -ganze Leidenschaft, die dieses tiefe, stille Herz verschloß, die innere, -geistige Schönheit, in der die Kraft lag, ein ganzes Leben läuternd zu -durchdringen. -- - -Wir verstummten vor der wachsenden Schönheit des Abends. Fern im Osten -hing zum erstenmal die gelbe, scharfgeschnittene Sichel des Mondes an einem -Himmel von Kupfer und Grünspan. An den Palmenschäften glänzten wie Buckeln -am Schilde die Stümpfe der abgefallenen Blätter, die langsam wiegenden -Wedel schlugen das ruhende Gold des Äthers. Wie sich ein helles leichtes -Zeltdach niederläßt, ließ sich die Nacht hernieder. Wir gingen Arm in Arm -zwischen Ölbaumgärten und gelben Feldern, auf schmalen Lehmwegen. Esel, -mit hochgefüllten Gemüse- und Blumenkörben beladen, trabten dem Stalle zu, -Kamele schlürften an einer Tränke langsam das Wasser, in einer offnen Türe -brannte die rötliche Ampel, in einem Hofe zupfte eine schläfrige Hand die -Zither. Schatten füllten die Winkel und Ecken und wehten dem Dunkel der -ruhenden Wipfel entgegen. Die Wege verloren sich, leuchteten über fernen, -blassen Hügeln noch einmal auf und sanken ganz in Finsternis. - -»Wie wird dies alles fremd,« sagte ich leise zu Achmet .. - -»Und weit, fügte er ebenso leise hinzu. Ich höre die Quellen fließen.« - -Und er hielt ein im Schreiten. - -»Ich höre das Kommen der Nacht .. Wie ein Flug von weißen Vögeln kommt -diese Nacht ..« - - · · · · · · · · · · · - -Als ich die Augen aufschlug, lag schwere, dunkelgrüne Dämmerung über -den golden durchleuchteten Wänden. Das helle Plätschern eines dünnen -Brunnenstrahles kam über den bläulich-kühlen Flur, nach dessen Tiefe hin -die Türe offen stand, und flüchtiger Rosenduft war in das Atmen des -Wassers gesprengt. Die Sirene eines Schiffes durchbrach die heiße Stille .. -Tunis .. Radès .. die Villa Achmet Fouads. - -Ich richtete mich empor und sah nach der Uhr. Es war um die achte -Morgenstunde .. Ich hatte nie so tief, so traumlos tief geschlafen. Meine -Glieder waren gelöst, gebadet in wunderbringenden Wassern .. leicht und -selig durchrieselt von genossenem Glück. - -Kein Ton drang aus der Tiefe des Hauses. Grüne Fliegen summten, -ihre kleinen Schatten zuckten über die oberen Kalkwände. Ich begann -nachzusinnen .. aber die Bilder in meinem Gedächtnis verwirrten sich. Jahre -waren vergangen, viele, heiße, schattenlose Jahre. - -Achmet trat auf die Schwelle. - -Wir nahmen das Frühstück im Garten des Brunnenhofes. Zitronenfalter flogen -über den offenen Blumen, mit jedem Flügelschlag fiel eine Schuppe matten -Goldes in das tiefe Blau der Lüfte. Tausend kleine, weiße Flecken tüpfelten -den Boden unter den Büschen. Bäche von elfenbeinernen Blüten stürzten aus -dem harten Laub der Jasminsträucher. Ich sah zum ersten Mal diesen Garten. -Halbträumend trank ich den leichten Tee, wie einer, dem keine Zeit mehr -gesetzt ist. Draußen war ja keine Karawane mehr zur Abreise bereit, es -warten keine Kamele, die schon gesattelt standen und unruhig die geduldigen -Köpfe drehten, keine Beduinen, die kaum die roten Lippen über dem schwarzen -Barte zu einem Wort öffneten. Es wartete auch kein Schiff im Hafen .. Der -Tag war frei .. zeitlos frei .. - -Aber morgen abend lag das Schiff an der schwarzen Mole, und eine Stunde -nach Sonnenuntergang trug es mich hinaus durch den Kanal des Bahira-Sees in -das offene, nächtige Meer. - -Da schärften sich die verträumten Sinne .. Deutliche Bilder wuchsen -im goldnen Flimmern des Morgenlichtes herauf und blieben stehen: klare -Symbole, die den hellen Sinn des Lebens verkünden. - -»Wo sind Sie?« fragte Achmet. - -Ich sah ihn fast erschrocken an. - -»In Griechenland.« - -Er bewegte langsam, fast traurig den Kopf: - -»Mir ist die griechische Seele fremd. Auch ihre Gleichnisse sind mir fremd. -Ich habe oft versucht, zu verstehen, ich habe mich abgequält darum, es -ist mir nie gelungen, da in meinem Wesen weder eine Stimme fragt, noch -antwortet. Wie oft habe ich mit Axel Arnedal in Rom den Vatikan und das -Kapitol durchwandert! Das Rätsel blieb, und ich habe es aufgegeben, an -Lösungen zu denken.« - -Er lächelte -- wieder dieses gütige, halb überlegene Lächeln des -Orientalen, und blies den blauen Rauch seiner Zigarette langsam zwischen -den vollen Lippen in die Luft. Dann stand er auf und winkte mir mit -dem Kopf, ihn zu begleiten. Wir traten durch ein vergoldetes Tor in die -purpurne Verdorrtheit eines Palmengartens, der hinter dem Hause lag. In -allen Wipfeln hingen ziegelrote Geranien, ein Heliotropenbeet hielt die -Mitte des verbrannten Rasens, und ganz am Ende, wo die Lehmwände ein wenig -Schatten in ihrem Winkel fingen, gossen sich gelbe Rosen bis auf den Sockel -einer Antinousstatue. - -»Ich weiß nicht, wie sie hierherkam, sagte Achmet. Als ich das Haus -mietete, fand ich sie dort.« - -Der weiche Leib des Knaben blühte in dem gedämpften Gold, mild und von -innen, wie alter penthelischer Marmor. Auf den flachen Hügeln der Brust -schloß sich die Süße des Lichtes in weißem Feuer, während ein warmer, -violetter Schatten sich tief in die reife, ruhende Frucht des Geschlechtes -einsog. Aber das Auge war nichts als verflüchtigte Wehmut, der Mund verbarg -nicht seinen großen Überdruß. Jenseits der Mauer, den Hügel hinan, -blühte ein Feld von weißem Mohn. Dort ruhte der betrübte Blick, dem Meere -abgewendet, das in der Tiefe zwischen Olivenwipfeln blaute. - - * - -Am Nachmittag fuhr ich in die Sammlungen des Bardo hinaus, an dorrenden -Feldern vorbei, die Öde eines arabischen Friedhofs streifend, und dann -weiter unter den flüsternden Wipfeln der breiten Allee, immer die Berge -vor Augen, die so leicht in der heißen, spielenden Luft ruhten und doch in -allen Adern ihres Gesteins brannten. Ein Feuer von lilaroten Clematisblüten -loderte die weißen Kalkwände des Hauses empor .. ein weicher, violetter -Mantel sank die Kühle der Eingangshallen auf die Schultern .. - -Ich sah das Weinstockmosaik mit den pickenden Vögeln und geflügelten -Eroten, welche die Trauben abernten .. ich sah ein andres mit dem Bildnis -des Vergil zwischen Clio und Melpomene .. ich sah die Seitenwand eines -gemeißelten Sarges mit den Grazien und Jahreszeiten, einen Hermaphroditen, -einen androgynischen Eros als Fackelträger, Kameen aus Jaspis, Achat und -Kornalin, punische Kleinodien aus den Gräbern von Karthago, Halsketten, -Ohrgehänge, Armbänder, Amulette und Ringe, wundervolle Ringe aus weißem und -rotem Gold, gehämmerte und ziselierte, von halberblindeten Steinen gekrönt. - -Dies alles sah ich in seiner verwirrenden Fülle .. Da stand auf einmal -in der Helle einer offnen Türe jener geflügelte Bronze-Eros, der auf dem -versunkenen athenischen Schiff bei Mahdia gefunden wurde. Ich vergaß, -was mich noch vor wenigen Minuten entzückt hatte: ich war ganz Auge, -hingerissen von der unwiderstehlichen Macht hellenischer Schönheit, -hellenischer Jugend. Wie selig-erfüllt ruht dieser Gott auf breitem -Marmorsockel, er wiegt sich auf den schlanken Füßen, als ob er tanzen -wolle .. Die Flügel haben sich im Streichen der Luft geöffnet und lösen die -letzte verharrende Schwere in einer Ahnung beginnenden Fluges auf. - -Noch tiefer aber ergriff mich das Leben einer kleinen Gemme, die unter Glas -auf blassem Sammet ruhte: Da hebt sich auf grauem Grunde das bläuliche -Weiß des Gesichtes, das Blut rinnt unter der klaren, angespannten Haut. Der -Jüngling lebt in seiner strengen Schönheit, für die der Künstler das Symbol -des Kriegsgottes fand. Er lebt so sehr, daß die Seele des Betrachters -nachschaffend in die steinernen Züge hinübergleitet und mitlächelt, wenn -sie das feine Lächeln in den schmalen Mundwinkeln spürt und in den grauen, -klugen Augen, wo sinnliche Zartheit mit dem Blitz des raschen Entschlusses -und gebietenden Willens kämpft. - - * - -Um fünf Uhr holte mich Achmet ab. Wir fuhren zum letztenmal durch die -südlichen Viertel der Stadt. Ich fühlte den Abschied, der mit dem Abend -leis und schmerzlich sank. Ich sah auf Achmet. Er saß gesenkten Kopfes zu -meiner Linken und spielte mit ein paar Jasminblüten, die ein Kind in den -Wagen geworfen hatte. - -Wer war Achmet? - -Ich wußte es nicht, und wir hatten vierzehn Tage wie Freunde gelebt. Ich -wußte nur: er hatte die Seele eines Kindes, weich und klar, ohne -Berechnung und ohne Zwiespalt. Er hatte die Seele des Orientalen, die über -unergründlich-sinnlicher Trauer lächelt .. - -Zu Hause las ich Briefe, viele schöne Seiten von der Mutter, von deutschen -Freunden, die meiner Reise von ferne folgten, und ein langes Schreiben -von Axel Arnedal, das gar kein Brief mehr war, sondern eine sommerliche -Dichtung, in der ein Hauch von Schwedens grünen Buchenwäldern und weißen -Julinächten wehte. Da stiegen die Berge der deutschen Heimat auf, die -kühlen, schmalen Hügel, die sich so lautlos in das fruchtbare Land -hinlassen, die Eichenwälder, die Tannenforste und die Wiesen, auf denen das -blühende Gras um die Gruppen der Sternblumen zittert .. Die Kuckucksrufe -und das scheue Schreiten der Rehe am abendlichen Saum der Gehölze, die -goldgefüllten Lichtungen hinter feuchten, braunen Schneisen .. Die Bäche -mit dem weichen, singenden Schaum und das einsame Kreisen des Vogels, von -der grundlosen Tiefe des blauen Teiches gespiegelt .. Und die Wolken, die -schimmernd geballten Wolken, die über den Feldern von Weizen und Gerste, -von Mohn und Kornblumen aufsteigen. - -Und als wir am Abend wieder auf dem Dache saßen, als die Glocke des -Himmels in maisgelber Glut stand und aus dem unterirdischen Rosenbett der -schlafenden Sonne ein Qualm von Purpurdüften aufwehte: als das Meer in -Karmesin und Henna brannte, so daß die müden Segelschiffe auf Flammen -zu lagern schienen: als auf die Häuser von La Goletta eine Streu von -Pfirsichblüten niederging und der Byrsahügel auf den Trümmerfeldern -Karthagos in einer Säule roten Rauches stand: da blieben die deutschen -Bilder über die Ferne des Meersaumes hingegossen und in ihrer zarten -Schönheit voll Sehnsucht neben die griechischen Gesichte hingelehnt, mit -denen sie langsam im Sinken des Abends verschmolzen. - -In der Nacht aber, als alles tief im Hause schlief und mich der Abschied -wachhielt, stieg ich in den Garten hinunter und saß noch einmal im -wachsenden Mondlicht bei Antinous: - - ›So treibt noch einmal mich die Einsamkeit - Hinab zu dir, o Bildnis, halb verwaist .. - Die Mondnacht sinkt und macht die Landschaft weit: - Wie bin ich voll von dem, was Mondnacht heißt .. - - Sieh, wie das Licht die lauen Tropfen füllt, - Die schon vom Tau auf allen Blüten stehn: - Ich werde deinen Garten nicht mehr sehn, - Wenn wieder Nacht den neuen Tag verhüllt. - - Das Schiff entflieht -- es flieht dein Angesicht, - Das in so langer Schau fast meines war.. - Von deiner Stirn, von deinem weichen Haar - Die abendliche Wehmut folgt mir nicht. - - Und nähm ich dich und trüg dich fort von hier - Aus deinen Rosen, deinen Lorbeerhecken: - Dich würde so des Nordens Trübsinn decken, - Daß du verstummtest. -- Und was bliebe mir? - - Das Land, mein Freund, das meine Heimat heißt, - Ist von der Sonne selten nur umworben, - Es liegt verhüllt und oftmals wie erstorben - Im Nebel, der um Fichtenwälder kreist. - - Und selbst an Tagen, wo die Stirne freier - Sich in das Blau geklärter Lüfte hebt, - Bleibt irgendwo im Äther noch ein Schleier - Aus grauen Seidenfäden hingewebt. - - Nie leuchtet klar der Berge fernes Rund - In deutlicher Umgrenzung: Dünste zittern - Wie hinter ewig zugeschlossnen Gittern - Und geben niemals frohe Götter kund. - - Euch aber lachten aus den kleinsten Dingen - Die Himmlischen verheißungsvoll und heiter an: - All ihre Süße konnte euch durchdringen - Und eure Irdischkeit war nie ein Wahn. - - Sie waren eins mit eurem tiefsten Wesen, - Sie lebten unter euch, einfach und mild, - Gott war an Mensch und Mensch an Gott genesen - Und einer stets des andren Ebenbild.‹ - - - - -HELLAS - -(ABEND IN SEGESTA / TAGE IN SYRAKUS / CAPRI) - - -Als es zum zweiten Male Abend wurde, stieg ich den Hügel empor, der zu dem -Tempel von Segesta führt. Kein Mensch war ringsum zu sehen, kein Bauer, -kein Hirte. Ich war von dem hochgelegenen Calatafimi zu Fuß das Flußtal -hinabgegangen, hatte die kleine Brücke überschritten und nahm den letzten -Aufstieg hinter dem Gehöft, in dem der Wächter wohnt. Alle Kuppen lagen -blau im Blauen, es war ein großes Stillestehn in Licht und Lüften, wie oft -um die Stunde, wenn sich der Tag im letzten Leuchten sammelt und auch im -engen Tal noch keine Schatten steigen. Sonne .. weiche flüssige -Sonne, soweit das Auge den Kreis der sanften Hügel umspannte .. gelbe -Ginsterbüsche im harten, braunen Gestein, stille Pappelwipfel mit -aufgeschlagenen Blättern und hoch in der Helle, von tausend bunten Faltern -umflogen, mitten im blühenden Distelfeld, der Tempel. - -Da ließ ich mich auf die Stufen niedergleiten, das Antlitz ganz im -Abendgold gebadet. In meinen Knieen rieselte die Glut des uralten Gesteins, -aus dem heiligen Boden stieg die Welle der befruchtenden Wärme aufwärts, -gewürzt vom Duft der Disteln und der Thymiankräuter. Meine Schläfe glitt an -die stillbeglänzte Säule. - -Nun wußte ich -- wunderbar geweitet, in Wissen und Gefühl übersinnlich -aufgelichtet -- daß alle Wege meiner Jugend in diesem Weg zusammenliefen. -Ich war in Meiner Heimat und bei Meinen Göttern, die ich aus dem begreifen -kann, was in mir selber ist: - -»O meine Götter: wie süß ist meinem Herzen die Natur, aus deren Schoß ihr -leicht in eure Bilder stiegt! Wie seid ihr fremd dem unduldsamen Gott der -Juden, der wie ein Starrkrampf auf dem Volke lag -- wie einfach seid ihr -und wieviel näher als der Gott Christi! Soll ich mich denen anvertrauen, -die euch zerschlugen, euch, die ewigen Symbole des weiten, großen Lebens, -und schwankend Hingedachtes über die klare Fülle der gottdurchströmten -Irdischkeiten setzten? Ich glaube an die Welt: an Trieb und Tat und an das -ewig-erlösende Gesetz ihres Wechsels. Ich sehe nicht die Widersprüche -in einem Gott gelöst, den man die Liebe nennt: und was die Priester -Offenbarung nennen, dünkt mich ein Schein, nur eine tausendmal umgewandelte -und verdunkelte Sehnsucht, im Menschen selbst das Ewige zu spüren. Aber -die Gottheit kann sich nicht in Einem Mittler offenbaren, und die Tiefe der -Gottheit ist nicht deutbar in einem Gefühl, das trügerisch die Gegensätze -in einer künstlichen Entkräftung auslöscht. Der Sinn des Lebens dünkt -mich die unendliche Kette der Bewegung von Qual und Freude: der Sinn der -Gottheit aber die Befruchtung in Gut und Böse, jenseits der Liebe. - -Große Götter: Ihr schürt die Kämpfe, aus denen die Jugend fließt -- ihr -seid in den Widersprüchen und schafft die Einheit, indem ihr das Ewige -im Irdischsten fühlbar macht: und ihr verlangt nicht die Verwüstung der -Formen, die ihr selber schuft, um einer qualvoll eingeengten Seele den Weg -in euer Licht zu öffnen. Ihr heiligt den Leib: und der heilige dient euch.« - - · · · · · · · · · · · - -Es war um die siebente Abendstunde, als ich in Syrakus ankam. Da die Villa -Politi im alten Stadtviertel der Achradina schon geschlossen war, mußte -ich unten auf der Halbinsel Ortygia in einem Gasthof des Hafens wohnen. -Glühende Straßen entlang ging die Fahrt, durch weißen Kalkstaub, der so -dicht und hoch lag, daß weder das Rollen der Räder noch das Stampfen der -Hufe zu hören war. Ununterbrochen wogte eine leichte Wolke, vom Purpur der -Lüfte angestrahlt, auf dem Boden des Wagens über meinen Schuhen, und, wo -ein andres Fuhrwerk uns entgegenkam, glitten wir in einen roten Sprühregen -feiner Nadelspitzen hinüber. Erlösend winkten ferne die dunkelgrünen -Baumwipfel des Ufers und die Maste der wenigen Segelschiffe auf dem -glatten, hellblau spiegelnden Meer. - -Ich verbrachte den Abend unter den Bäumen am Ufer. Halb war es ein Sinnen, -halb war es ein Träumen, das mich wiegte, leise und schmeichelnd wie der -Nachtwind die schwarze, seidene Flut. Mit jeder flachen, schaumlosen Welle -ringelten gelbe Hafenlichter in die Tiefe, auf dem Schiff, das noch in -der Nacht nach Malta hinabfuhr, sangen Matrosen ein fremdländisches Lied. -Abermals tauchte die steile Insel in meinem Erinnern empor, steinern und -rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, so wie ich sie -eines Abends vom Rande des nahenden Schiffes aus gesehen hatte .. und -die Schatten kamen auch wieder, mahnend und tröstend mit dem Feuer ihrer -leidenschaftlichen Seele: La Valette und Posa, St. Priest und Créqui. - -Viele Menschen wandelten am Ufer und genossen das Fächeln des Windes -nach dem glühenden Tag. Es war mir seltsam, daß ich unter diesen dunklen, -forschenden Blicken auf- und niederging, während ich gedacht hatte, den -Abend in irgend einem verlorenen Gartenwinkel der Villa Politi hoch über -dem Meere zu verträumen. Ich sah hinüber in der Richtung, wo die alte -griechische Festung mit ihren blumenüberwucherten Steinbrüchen und -Trümmerfeldern lag, und folgte dem Fall der Sterne, die schmale Furchen -durch das weiche Dunkel zogen und ihr kühles Silber auf die stummen Wipfel -gossen. Erst als um Mitternacht das Schiff nach Malta lautlos und einsam -aus dem Hafen fuhr, erhob ich mich und ging nach Hause. - - * - - -AN AXEL - - Was mir aber aus unseren früheren Tagen an Erinnerung blieb, glich der - Schönheit blauer Buchten, zu denen kaum ein Pfad hinunterführt. Ich sah - dich immer von weitem, auch wenn du neben mir gingst, und suchte keinen - Weg, der in dein Inneres führte. Du warst kein Mensch, auf den man - Wünsche legte. So leicht auch das Gewebe deiner Seele war, so bunt - und so beweglich: der Wille, der die tausend ausgespannten Fäden - zusammenhielt, blieb fast abwehrend deutlich. Mein Staunen wuchs, so - oft ich darüber nachdachte, einen wie großen Spielraum du den Dingen - lassen konntest, ohne nur einen Augenblick lang die Herrschaft über - ihre Vielheit zu verlieren. Ich wußte nicht, daß eine Sehnsucht in dir - war, die einen Menschen forderte: ich wußte nicht, daß du den Austausch - suchtest mit einer Seele, die du nicht besaßest. Aber was du suchst, - ist weniger ein Mensch: es ist ein großer Glaube, der einen Menschen - hält und deinem Glauben gleichkommt. - - Alle Widersprüche des Lebens versinken in deiner rastlosen Sehnsucht - nach Schönheit: mir aber erschließt sich die Einheit des Seins im - Schaffen der Schönheit. Wir mußten uns begegnen: das bindende Gefühl - wächst aus der Mitte unseres Wesens. - - Ich konnte nie die Liebe von der Freundschaft scheiden, denn der Sinn - der Liebe ist mir nicht die Zeugung. Wenn ich auch tausend Gesetze im - Wesen der Natur vermute und verspüre: so habe ich doch nie einen Zweck - verspürt, und ich weise es immer leichteren Sinnes von mir, daß irgend - ein Ding eine Bedeutung haben könne, die den Rahmen seines einfachsten - Wesens durchbricht. - - Was fragt meine Erkenntnis nach Regeln, wie sie eine bedingte - Einsicht erfand, um letzte Möglichkeiten in den Zwang einer - nützlich-unfruchtbaren Ordnung zurückzudrängen? Es heißt nicht den - Göttern dienen, wenn man die Natur verletzt, und es heißt nicht den - Menschen dienen, wenn man die Ursprung-Triebe, die aus der göttlichen - Wurzel schlagen, mit der Waffe des blinden Gedankens erschlägt. - - Will wirklich der ordnende Geist sich anmaßen, Eros zu zügeln? - - Es ist ein anderes, ob ein fanatischer Pfaffe wider die Ewige - Natur wettert und seinem unduldsamen Gott den seelischen Pachtzins - einschachert, oder ob der große, der einfache Mensch, der aus - schlichten und tiefen Ursprüngen lebt, mit der Kraft seines lauteren - Willens dem Trieb eine Grenze setzt und das glühende Feld des Geistes - öffnet. Und es ist ein anderes, ob der beschränkte Erzieher dem Knaben - befiehlt, die Lust der Sinne zu töten: oder ob der Knabe aus einem - tieferen, eingeborenen Wissen heraus das Göttliche des Körpers begreift - und die Lust -- die wundervolle, in keinem Gleichnis auszuschöpfende - Lust -- in solche Maße dämpft, daß sie wie süßer, silberner Morgenwind - die Schönheit des Leibes beseelt und erhöht. - - Ich sehe die Flamme: und niemals das Scheit, aus dem sie emporschlägt. - Hat ein Licht die Kraft, zu verschönen, so gilt es mir heilig. - - * - -In der Frühe des Sonntags stand ich auf und trat an das offene Fenster. -Von allen Hügeln gegen Floridia, Cannicattini und Belvedere wehte das -kaum geborene Licht, über den Ebenen des Anapo- und Kyaneflusses wob ein -blaßgrüner Schimmer. Aber die Luft war blau -- blau wie Ehrenpreis und -nicht vom Hauch einer Wolke getrübt. Die kühle Belebung, welche den -Aufgang der Sonne umgibt, floß über dem Spiegel des Meeres. Ich lag mit -aufgestützten Armen in dem Fenster und konnte nicht tief genug die leichte -Berauschung dieses griechischen Morgens in mich auftrinken, der den -allerfrühsten Zeiten anzugehören schien, als sich die korinthischen Siedler -auf der schmalen Halbinsel Ortygia niederließen und in dem lichten Duft -der Hügel, der Olivenhaine und Weingärten die heimatliche Landschaft -wiederfanden .. Ein Schwarm von weißen Vögeln, der vom Rande eines -schlafenden Bootes aufflog und landeinwärts in der Richtung der Epipolae -schwenkte, mahnte, daß es Zeit sei, sich anzukleiden und in die alte Stadt -hinaufzufahren. Es war sieben Uhr, als ich an das Tor der Villa Landolina -klopfte, die zwischen weißen Mauern, unfern der Latomia di Santa Venere -liegt. Eine junge Frau, die öffnete, sah erstaunten Auges auf den -Rosenstrauß, der mir im Arme lag. Ich fragte nach Platens Grab. Sie wies -mir den Weg so weit, daß ich ihn nicht mehr verfehlen konnte. Ich ging -abwärts und aufwärts, einen schmalen Pfad entlang, bis an die Ausbuchtung, -in der das Denkmal des Dichters steht. Der alte, schlichte Stein, den der -Graf Landolina seinem Gaste setzen ließ, ruht rechts an einer Mauer unter -wildem Efeu- und Lorbeergestrüpp. Dort ließ ich die Rosen niedersinken, -eine nach der anderen, manche mit den Fingern zerpflückend, so daß ein -Regen gelber und roter Blütenblätter über den einsamen Marmor rieselte, auf -dem die Schrift schon verwittert. Dann setzte ich mich auf einen Baumstamm -und sah in die Bläue, die zwischen den Wipfeln des tiefliegenden Gartens -floß. Eine Woge von Grün schlug aus dem Abgrund auf: Pappeln, Lorbeer, -Zypressen, Oliven. Bis in die Kronen hinauf schlangen sich die blauen -Samtwinden, die mich so oft auf der Höhe des Palatin entzückt hatten .. In -allen Zweigen lief das Rauschen des Morgenwindes, es war ein beständiges -Flittern und Blitzen von Silber in den Lüften, wo sich ein glänzendes Blatt -regte, sprühte das weiße Licht auseinander, durch die ferneren Wipfel aber, -die einen dunklen Saum auf den Abstieg des ruhigen Himmels zogen, wallte es -in leichten, stillen Strömen .. und ganz am Ende des Horizontes versank das -Auge im Lächeln des Meeres. So hingehaucht, so überirdisch zart war dieser -Streifen hellblau gespannter Seide, so weit hinausgerückt, daß keine Grenze -mehr andeutete, wo die silberne Kugel des Himmels in die Flut stieg. - -Auf dieser fernen Bläue hatten die letzten schweifenden Blicke des großen -Toten geruht .. von dort herüber war die letzte versöhnende Schönheit in -die Neige seines Lebens geflossen. Welcher Trost, zu wissen, daß das Meer -bis an sein Grab hinüberlächelt, daß der Wind des Meeres, der Wind der -blauen Weiten, die hütenden Zypressen wiegt .. der süße Wind, in dem die -Götter ihre Lieblinge grüßen. Trug er nicht selbst ihre zuckende Flamme am -Saum der Stirn? Wenn er im Morgenlicht über die Felsengrate der Achradina -ging und über der funkelnden Höhe des Meeres die Sonne erwartete, küßten -sich Flamme und Flamme und wehten durch die winterlichen Lüfte in den Schoß -der Himmlischen zurück. - - * - -AN AXEL - - Nun ist auch dieser Weg gegangen, nach dem es mich hinverlangte, seit - ich Platens Schicksal und Schönheit begreifen lernte. Schon daß die - Menge ihn nie verstehen konnte, erweckte mir eine Liebe. Denn von - je ergriff mich die einfache, dienende Hingabe eines Menschen an - die Schönheit, die stumme, unbeirrte Anbetung, die das niedrige - Zweckbewußtsein der Massen aufstört und verwirrt. - - Ich sah, wie sich im Leben Platens langsam die griechische Sehnsucht - entfaltete und unter Kämpfen in die lautere Gelöstheit seiner letzten - Jahre aufstieg. Ich sah ein Werden aus erschütterten Tiefen herauf. - Platen war meiner Seele Beispiel. Wie er dem Gott in sich durch Wehen - und Kämpfe treu blieb, gab mir den unerschütterlichen Glauben an den - Sinn des Lebens, gab mir den Trost seiner menschlichen Nähe und das - über seinen Tod hinaus fruchtbare Mitgefühl. Platen war kein Grieche: - er wurde es, indem er nur er selbst zu werden trachtete. Platens Seele - war nordisch und krank an dem unheilvollen Zwiespalt zwischen Körper - und Seele, dem er erlegen wäre, wenn nicht der Gott in ihm solange die - kämpfenden Kräfte genährt hätte, bis der innere Sieg errungen war und - der Flug zur letzten Erfüllung beginnen konnte. Die Leidenschaft - dieses Hinfluges bleibt das Erschütterndste in dem Leben dieses großen - Heimatsuchers: so stürzen gefangene Vögel sich über das brandende Meer - in den Aufgang der Sonne, sobald sie die ersten befreiten Flügelschläge - spüren, und wer ihnen nachschaut, muß weinen. Die Frucht seines Lebens - aber war in dem, was er an Wissen von dem Wesen der Seele mit seiner - letzten Sehnsucht schöpferisch verband. Darin liegt der neue Reichtum, - mit dem er griechische Schönheit füllte: die unbegrenzte Möglichkeit, - in der er griechische Formen weiten konnte. - - Als mit der Lehre Christi die Seele bis zur Krankheit überwucherte und - zu einem Brand wurde, der das Gefäß des Leibes zerfraß, blieb neben - allem gefährlichen Irrtum ein Gewinn: Konnte auch der Urstoff der - Weltseele nicht vergrößert werden (das Göttliche ist nicht dehnbar), - so wurde doch die Wirkung seiner Einzelkräfte durch viele Übung in - eine tiefere Bewußtheit gerückt. Es traten Dinge befruchtend in die - menschliche Erkenntnis, die vorher unbewußt -- nicht unfruchtbar, doch - undeutbar -- im allgemeinen Spiel der Grundkräfte gebunden lagen. Wo - vorher dumpfe Ahnungen gewesen waren, gab es nun Namen und Begriffe, - der Menge zur Qual, wenig Erwählten zum Gewinn. Christus hatte die - Natur des Künstlers: er war Bildner, Stoff und Werk zugleich. Das - Mißverstehen seiner Jünger hat -- wie es noch jedesmal im gleichen - Fall geschah -- die Form des Meisters zerschlagen, und was für ihn, den - _Einen_ galt, in blindgewordener Liebe aus seinem Gehäuse gerissen und - zerstückt vor die hungernde Meute der Bedrückten geworfen, die einen - neuen Trostgedanken brauchte. Christi Lehre ist nicht mehr Christi - Einheit: Was ein unglaubhaft auf sich selbst gelenkter schöpferischer - Wille zu einem neuen, großen seelischen Beispielswerte umschuf, mußte - den Zusammenhang mit seiner reinen Herkunft verlieren, mußte zur - Krankheit werden, wenn es in willkürlichen Wiederholungen entkräftet - wurde. - - Nur der künstlerische Geist konnte dazu berufen sein, der neuen - Schönheit, die in Christi Erscheinung selbst ihr erstes Sinnbild fand, - durch das Kunstwerk eine uns verfälschte Deutung zu geben: ohne den - Geist zu verletzen, dem _alles_ Lebendige heilig ist. Nur der Künstler - vermochte so tief in das Geheimnis des »Gott-Sohnes« zu dringen (kraft - seiner eigenen Gott-Gebundenheit), daß er den alten Göttern - weiterdienen konnte, ohne das Beispiel des neuen Verkünders zu - verleugnen. Der Geist, der die Schönheit als letzte Klärung des - Lebens sucht, muß die Einheit des Irdischen und Göttlichen suchen: die - lebenvernichtende Lehre aber zerstört die Gottheit selbst, indem sie - das vornehmste Sinnbild zerstört, durch das sich das Ewige verkündet, - den Leib, die Form. Es gibt nur Unterschiede des Ausdrucks, nicht des - Wesens, in den Werken, die das Walten göttlicher Kräfte verkünden, und - nur die Leidenschaft der Hingabe an das zu schaffende Werk gibt das - reine Maß für die Gottergriffenheit des Künstlers: Es ist nicht weniger - Göttlichkeit in der hinreißenden Süße eines Satyrtorsos oder im Rücken - und Unterleib eines Hermes -- wie sie Praxiletes schuf -- als in - dem rauschenden Flügelschlag, der Platens Sizilianische Hymne oder - Morgenklage trägt. Daß wir aus vielen Irrtümern heraus das Gefühl - dieser Gleichordnung wieder lernen mußten, bleibt die Schuld einer - erkrankten Zeit, welche Leib und Seele auseinanderzerrte und einem - zügellos gewordenen Geist die Herrschaft anvertraute, an der die - einfache Einheit des Menschen zerschellte. - - Aber es bleibt ja der ewige Trost: daß es niemals einen Sieg des - Denkens gibt, sondern einzig den Sieg der Tat! Wie sich die menschliche - Sehnsucht auch wende: die letzten Rätsel löst nur das Gebilde: das - wesenhaft Gestalt-Gewordene: was es auch sei: die Frucht, die aus dem - Geist erblüht, den wir _Hellas_ nennen. - - Hellas lebt und wird leben: durch die umbildende Kraft seiner Seele, - die sich den sprödesten Stoff der Jahrhunderte dienstbar macht .. und - durch den Glauben der Künstler, daß im heiligen Maß des Werkes die - höchste Menschlichkeit als Offenbarung Gottes strahle. - - Laß uns dieses Maß preisen, an dem wir die Klarheit und Durchleuchtung - des Lebens gewinnen! Beherrschung -- und nicht Askese -- sei uns - Gesetz. In der freien Bestimmung der Kräfte laß uns die Grenzen finden, - ohne die keine Furchtbarkeit denkbar ist. - - Rückwärts geht mein Erinnern: aus der mystischen Lapisglut Ravennas kam - ich, ergriffen von dem Schauder einer Schönheit, die schon die Grenze - des Daseins überfliegt .. Lange wiegte der spielerisch-schillernde - Glanz, den Palermos Doppelseele ausstrahlt, den unsicheren Geist, der - dürstend und ungestillt zu dem Saum der Wüste hinabfloh, wo Traum - und Tod in einem Strom von Purpur rauschen: bis er, befreit und ganz - genesen, in das stille, silberblaue Leuchten emportauchte, das Hellas - heißt! - - Es gibt keinen Ausweg: Alle müssen hier landen, die aus der Krankheit - ihrer Zeit in das einfache Leben zurückwollen: in die Freude. - - · · · · · · · · · · · - -Der Hafen von Sorrent lag hinter uns. Das Schiff machte eine Wendung, -umfuhr in einem kurzen Bogen den Bagno della Regina Giovanna -- und vor -uns stiegen die gezackten Berge Capris aus dem stahlblau rauschenden, -sprühenden Meer. Heller Wind flog über die geklüfteten Firste herüber, die -im leuchtenden Gold der Luft standen, scharf gepreßt und in jeder -rötlichen Kante sichtbar. Die weißen Villentupfen sprangen aus dem starren -Niederstieg der Felsen, langsam nur schob sich das lösende Grün kleiner -Bäume und Büsche zwischen die Massen des Gesteins. Die Insel lag ganz in -die Glut des Hochsommers gebettet, lodernd in ihrer unbegreiflichen Fülle, -ein helles zitterndes Feuer zwischen Kornblumenblau und Kornblumenblau. -Rosa und gelb winkten die Häuser der Grande Marina, die Wäsche auf den -flachen Dächern flatterte, weiß stieg die Straße zum San Costanzohügel über -kurzem Gestrüpp hinan .. Nun wurden am Strande die Boote gelöst und glitten -uns langsam entgegen .. Gesang der braunen Schiffer wehte im Wind herüber: -die Spagnola .. immer wieder das alte, wiegende Lied. Ich hätte vom -Geländer in die Wogen hinunterspringen mögen, hinschwimmen an das Land, -das meine leidenschaftlichste Liebe bleibt .. Vom Gesang hätte ich mich -hinübertragen lassen mögen, kein Fremder, kein dreimal Wiederkehrender: ein -ewiger Gast, dem diese Küste längst zur Heimat geworden war, diese früheste -griechische Siedlung Campaniens, die ganz erfüllt in ihrer eignen Schönheit -lebt. Auf jedem Wipfel hatte liebkosend meine Sehnsucht ausgeruht, -auf jedem Kieselstein des Strandes, auf jedem sonnigen Dach und jedem -Blumenstrauch. Gab es einen Winkel, den ich nicht kannte? einen Hügel, von -dem ich nicht morgens und mittags und abends das ewige Meer grüßte? Gab es -Gärten, deren Geheimnis ich nicht hinter den wehrenden Mauern erspähte? Gab -es eine Blume, die ich nicht suchte? Und wenn ich durch wilde Kakteen und -über das Geröll steiler Hänge klettern mußte: es war mir keine Mühe zu -viel, zu der Blüte zu gelangen und das Auge an ihrem fremden Glanz, an der -seltnen Form ihres Kelches zu entzücken. O all meine Blumen Capris! Ich -komme wieder zu euch! Ich laufe euch nach! Ich suche euch alle auf! Ich -weiß, wo ihr blüht, die kleinste Wiese kenne ich und die verborgenste -Trift: Ihr kleinen, roten Orchideen auf der halben Höhe des Monte Tiberio, -ihr weißen Strandrosen an dem Faraglioniweg, Ginster über der Bucht der -Piccola Marina, wilde Erika am Solaro, Schwertlilien und Gladiolen in den -Grundstücken unter der Punta Tragara, Rhododendren in dem verwahrlosten -Garten einer verlassenen Villa bei der Certosa, Mimosen an der Mauer der -Villa Mezzomondo, und im Garten der Villa Discopoli ein Gewühl von Rosen -und Bougainvillien .. Und wenn auch für manche von euch vielleicht schon -die Zeit der Fülle vorüber ist: eine letzte Blüte habt ihr mir offen -gelassen zur Erinnerung an den Überschwang des Frühlings! .. Und ihr, meine -Bäume, meine schwarzen Steineichen und meine grauen Oliven, ihr wißt es, -wie oft ich euer ernstes und mildes Laub in die Ferne meiner nordischen -Winter zauberte und über meinem Einschlafen eure Zweige flüstern ließ .. -Und ihr, meine Wege, meine glühenden, gewundenen Mauerwege mit den -lilafarbigen Schatten, mit dem Niedersturz der Geranien an jeder Biegung -und den unerwarteten Treppen, auf denen die goldengrünen Eidechsen sitzen: -ihr Wege zum Meer hinab und ihr Wege vom Meer herauf, in dem braunen Brand -der Hänge, zwischen Wicken und Seerosen, o ihr Wege an Wänden rubinfarbener -Kakteen entlang, auf grüne, tiefe Gärten mündend, ich komme, ich komme! -Meine Füße sind ungeduldig bis sie wieder auf euren steinernen Fliesen -hinauf- und hinabgehen, meine Arme breiten sich aus, bis sie wieder -emporgreifen in den Purpur eurer hängenden Blüten und die weichen Büschel -vor das glühende Antlitz pressen .. - -Stimmen riefen von der Tiefe der Wassers, die Kähne der Fischer schaukelten -in den blanken Höhlen der Wogen, die Hitze prallte von der blauen Flut -zurück, als wir vor Anker gingen. Ich stand an der Treppe. Die nackten, -braunen Schultern der rudernden Männer brannten im Licht. - -»Signore! Signore! Buon giorno! Io! Io!« - -»Buon giorno, Girolamo! Ritorno, ritorno!« - -Die Lippen des jungen Schiffers spalteten sich im Lachen, die Augen -flammten auf, als mich die dunkle, derbe Hand von der untersten Stufe der -Landungstreppe in den Kahn hinüberzog. Der Duft des verbrannten Rückens -schlug über mein Gesicht, ein Duft gesunden, wilden Blutes, vermengt -mit dem bitteren Salzgeruch der See. Frage um Frage sprühte zwischen den -blitzenden, feuchten Zähnen hervor, eine die andere überstürzend, von -selbstgegebenen Antworten abgelöst. - -»Fahren wir heute mittag hinaus? Vielleicht sind Sie zu müde.« - -»Fahren wir heute abend? Ja, wir fahren, um sechs.« - -»Wollen sie bei den Faraglioni baden? Ich rudere Sie an die Stelle, die Sie -besonders lieben ..« - -»Morgen gehen wir in die Grotte.« - -»Bleiben Sie lange hier?« - -»Sie müssen den ganzen Sommer bleiben.« - -»Wie gesund Sie aussehen, Sie sind so braun wie wir ..« - -Und dann ein Schrei an das Land -- ein heftiges Winken mit dem Arm: - -»Sebastiano! Sebastiano!« - -Und wieder das Flehen der Augen zu mir: - -»Fahren wir heute mittag hinaus?« - -Und dann ganz dicht vor meinem Munde, die Augen fast in meinen Augen: - -»Wenn Sie fahren: nur ich! nur ich! Sie versprechen es: nur ich! ..« - -O Jubel einer menschlichen Stimme! Leidenschaft im kleinsten Wort, -göttliche Gesundheit und reinigende Kraft in diesen biegsamen Leibern! -Wilde Männlichkeit: einfach und groß wie das Leben der Woge, die auf den -Strand rauscht, wie das Brausen der Winde auf den steilen Garten bei Tag -und bei Nacht .. - - * - -Überall bekannte, lächelnde und grüßende Gesichter, als ich von der -kleinen Piazza her die glatt gepflasterte Straße nach dem Gasthof -hinunterschritt .. Am Fuß der kleinen Treppe, die ins Vestibül hinaufführt, -dieselben bettelnden Kinder, die den roten Soldo gerne mit dem weißen -Stück Zucker vertauschen, und in der Halle die liebgewordenen, -vertrauten Dinge .. der gleiche dunkle Türhüter und die gleiche alte -Korallenverkäuferin mit ihrem gebrannten und gefurchten Gesicht. Aber die -Teppiche waren aufgenommen und die bunten Fliesen mit Wasser besprengt. Man -gab mir zu ebner Erde Zimmer, die auf eine breite Terrasse mündeten und den -Blick auf Garten und Meer hatten. Ich trat an das Geländer und versank im -ersten Schauen .. Nein, es war kein Frühling mehr in diesem Bilde. Es war -der Sommer, in seine höchste Kraft gesteigert, doch fern der dorrenden Öde, -wie ich sie schon in den Blumengärten Palermos getroffen hatte. Hier war -das Grün noch Grün und die Farbe der Blüten noch frisch, eine Lust, kein -Fieber. Doch es war anders, als ich es je zuvor gesehen hatte .. Wo sonst -an der hellen Mauer des Zitronengartens, hinter dem das Meer aufsteigt, -die großen Kugeln der Sternblumensträucher sich weiß und gelb aus der Bläue -wölbten, hing nun ein dichtes, rotes Rosengeschlinge, wo einst die bunten -Inseln der Schwertlilien, Tulpen und blassen Federnelken im glänzenden Grün -des weichen Rasens schimmerten, quollen nun die Beete von Heliotropen und -Verbenen aus hartem Gras hervor, und der alte, hängende Eukalyptusbaum -stand einsamer und herrischer im hellen Licht. Wie war das Licht auf allen -Dingen verwandelt! Das Gold war verhärtet und das Blau verdichtet. Schärfer -und deutlicher stand jedes einzelne Blatt in den Lüften, die sich weniger -schmiegten und trockner brannten. Auch das Meer war anders: unsäglich -still, hochaufstehend und dicht unter die breiten Wipfel der Feigenbäume -gerückt, die über dem hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens -ausgespannt lagen. Das Meer war gesättigt: schwer von der Frucht der -Himmelsglut in der Tiefe seines Schoßes: dunkelblauer, warmer Wein in dem -brennenden Pokal der roten Bucht. Kein Segel, kein fernes Schiff schwamm -in den Weiten. Die Stille des Mittags -- ein unbegreifliches Anhalten aller -Atemzüge -- stand brütend auf der funkelnden Flut. Es war kein Zittern in -den Lüften über den vielen, weißen Villen, über all den vertrauten Gärten -und Hügeln: es war ein langsames, glattes Niedersinken dichter, blauer -Seidentücher, in denen das Netz der goldnen Fäden lief. Die Schatten in -den Winkeln, in den Arkaden, über den Fensterbögen und Kuppeln lagen -stumm, fast leblos: dicker, violetter Samt, mit den Händen zu fassen und -fortzunehmen .. Da traf ein übersüßer Hauch meinen Mund: nicht länger -als das Zucken eines Augenlids -- und dennoch lang genug, um im Flug das -andere, leichtere Frühlingsbild aufzuwecken und eine flüsternde, singende -Bewegung in dieses Stillestehn zu zaubern. Ich lehnte mich rückwärts über -die Brüstung und hob den Kopf nach den Balkonen über mir: Und siehe: da -blühten noch die letzten silbernen Trauben der Glycinen, der angebeteten -Glycinen, die an den Wänden niederstürzen und sich im Sturz in ihren eignen -Atemzügen wieder auffangen. In hellen Sträußen hatten sie im Frühling auf -meinem Tisch gestanden und ihren Duft über jeden Gedanken geworfen, der -sich dort in der Stunde der Mittagsruhe zum Wort wandelte. Und nachts, wenn -der Wind sich vom Meer aufmachte und in den Ästen wühlte, war auf der Welle -des Mondlichtes ihr beruhigter Hauch bis auf das halbentschlafene Gesicht -geweht, um den Träumen die Wege zu weisen .. - - * - -Es hielt mich nicht länger: ich mußte hinüber in die Ölbaumhänge und dann -auf steilem, gelbem Pfad am Rand der Klippe zu meiner Wiese hinauf. Nur -eine sonnige Mauerecke noch hoch oben in Anacapri liebe ich ebenso wie -diese schmale, kaum von Menschen betretene Trift die unter den Steinwänden -der Punta Tragara liegt, zwischen Himmel und Meer, losgelöst von den Massen -des Felsgestades, eine duftende, hellgrüne Wolke, auf der es sich leise -über der nahen Erde hinschwebte .. Durch die silbernen Dünste der Frühe, -durch den weichen Purpur des Abends und das smaragdene Licht der Mondnächte -war ich auf dieser Wolke gefahren, nun kam ich zum erstenmal im hohen -Mittag hastig und heiß den Mauerweg hinab gelaufen. Ich ließ den braunen -Säulenhof der Certosa rechts liegen, streifte nur flüchtig die weiße Villa -Carmela mit ihren scharlachsprühenden Granatbäumen und schlüpfte zwischen -hohen Büschen in das Filigran der Ölbaumzweige, unter denen der kleine -Erdpfad beginnt. Längst war das Lupinenfeld abgeblüht, hellgelbe Quasten -hingen an den Kaktusblättern, zwischen fetten Halmen züngelten die dünnen -Flammen der letzten Gladiolen, ein Teppich von goldenen Wicken deckte -den Boden zur Rechten und zur Linken. Plötzlich wehte ein fremder Duft .. -Salbei? Ich brach eine violette Staude und hielt sie an das Gesicht .. -Es war nicht der Duft des Salbeis, den ich gewittert hatte. Meine Augen -suchten, indes ich stehen blieb .. Da, und dort weiter hinauf und zwischen -den schleifenden Ästen der Olivenbäume bis zur hellblauen Höhe hinan: -Myrten .. Myrten .. Myrten, von Millionen weißer Flocken übersät, die -ersten Myrten, die ich blühend sah. Ich kniete hin und bog das Gesicht -über die schwarzgrünen Sträucher, ich fuhr mit leisen Fingern über die -traumvollen, keuschen Blüten, die hoch auf den glühenden Felsen im Wind des -Meeres ihr Leben erschlossen und ihren Duft zu den Göttern wehen ließen .. -Solange der Weg noch aufstieg, liefen die Büsche mit am Rande empor, -zwischen Thymian und Glockenblumen. Ganz oben aber, wo die Wiese an einer -Baumpflanzung aufhörte, zog sich ein breiter Saum von blutendem Mohn. So -lag ich im roten Dämmer der Schlafblumen, mitten im offnen Licht, und sah -hinab auf das einsame Meer. Wo sonst der Schaum in flachen Halbkreisen an -den Strand spülte, von Bucht zu Bucht, bis zur Piccola Marina und weiter -hinaus zur Punta Ventroso, lag nun die Flut so still, wie wenn sie nie -von Wind und weichem Getriebensein gewußt hätte. Da stand in metallenem -Pfauenblau das verwischte Grün aller Türkisen und in diesem wieder die -matten, ausgewaschenen Töne der Hortensia. Eine runde Lache schob sich -langsam in die andere, wurde oval .. und trat wieder in die Form des -Kreises zurück, ausgewechselt im Spiel der Farben, bald heller, bald -dunkler aufleuchtend, flüssiger Achat. In der Ferne aber wuchs die Flut -in den Himmel hinauf, der dunstlos, wolkenlos das unerbittliche Blau der -Wölbung schloß. Die Augen fielen mir zu. Vor den Lidern begann ein leises, -dunkelrotes Wogen. In den Schläfen sang das Blut. - - * - -Als um die vierte Nachmittagsstunde noch keine Nachricht eingetroffen war, -die Axels Ankunft meldete, beschloß ich, nach Anacapri zu fahren und in den -schönen Ölbaumhängen den Abend zu erwarten. - -Die Felsmassen des Monte Solaro lagen in goldlackbraunen Feuern -aufgeschichtet, nur in die langen Risse des Gesteines waren blaue Schatten -eingezwängt. Das Grün der tiefen, westlichen Hänge stand breit und dunkel -an den funkelnden Wänden und trug eine Welle von spätem Ginster zu den -Graten empor. An einer Wende der Straße verschwand das Bild, der Wagen -lief im Schatten, und das rückwärts gewandte Auge hing an den heiß -überschütteten Klüften der Forte San Michele. Links in der Tiefe, am Fuß -der üppigen Gärten, lag die weiße Grande Marina mit den vielen, kleinen -Ruderbooten. Die schmale Mole war verlassen, fern an der Punta Capo, unter -dem Berg, der die Trümmer des Tiberiuspalastes trägt, schwammen, trunken -vom Licht, kleine Segelboote, die von Sorrent oder Amalfi herkommen -konnten .. Meine Augen folgten dieser Richtung: Die Berge der -Sorrentinischen Halbinsel standen steil, kahl und flammend -übereinandergeschichtet, hier und da schimmerte der lichte Flecken eines -Hauses neben einer einsamen Zypresse. Unten schlug das Ufer die weichen -Falten der sanfteren Abhänge auseinander, die ganz voll feuchten, -veilchenfarbenen Dämmers hingen. Unmittelbar im Norden aber türmte Neapel -die strahlenden Fronten und Dächer gegen Camaldoli hinan, eine weiße, -steinerne Saat zwischen Posilipp und Vesuv. Pozzuoli schob seine Villen -über den Spiegel des Meeres, Bajä ließ sich nach rückwärts erraten -hinter dem steilen Misen .. Wie faßte mich wieder die Liebe zu diesen -unsterblichen Ufern, wie riefen die Gärten, die Villen herüber! Nun mußten -ja alle Oleanderbüsche blühen, alle Rhododendren und Myrten, alle Rosen -und Nelken .. Die Weingärten mußten reifen über dem wilden Mohn .. O Villa -Patrizi! Villa Ricciardi! Floridiana! Villa Vergils .. - -Wieder bog der Wagen um eine Ecke. Da war plötzlich nichts mehr als eine -hohe, umschattete Mauerwand, voll Ginsterblüten, die steinige, staubige -Straße, und über der Brüstung das helle, aufglänzende Meer. In der Luft -lief eine leise Bewegung, die erste Ahnung des Abends. - -Und bei der nächsten Kehr wehte auch das süße Ischia empor, wie ein -Gestade, das seine ersten Atemzüge wagt. Auf Silberdünsten schwamm es, fast -körperlos, ganz um den Saphirhügel des Epomeo emporgedrängt, ein solcher -Überfluß von duftigem Blau, daß selbst das Meer vor dieser Fülle bleich und -zart erschien. - -Wir hatten die ersten Häuser von Anacapri erreicht. Ich fuhr fast bis an -das Dorf Caprile, und nahm den seitlichen Pfad, der nach dem grünen Weg -zur Migliera führt. Nun war ich wieder in meinen Obstgärten, die ich noch -blühend gesehen hatte, ich ging unter Nußbäumen und Feigenbäumen dahin -und hatte keinen anderen Gedanken mehr als an die Tage, die nun kommen -mußten .. an alle Nachmittage, die wir hier oben verträumen würden, wo die -Seele im tiefen Grün ausruht, und die Winde leichter das Feuer der Lüfte -kühlen. Ich träumte mich ganz hinüber in die Abgeschiedenheit dieses -Lebens, das hier oben zur Erfüllung werden sollte .. in die blaue Stille -hellenischer Tage. Der Abend in dem Priorate der Maltheser fiel mir ein, -als wir den langen Laubgang bis an die Lichtung der Mauer hinuntergegangen -waren. Unwillkürlich wandte ich mich um und hob die Hand vor die Augen: Der -Golf von Neapel war leer, auch in der Höhe von Ischia war kein Schiff -zu sehen .. Da ging ich weiter. Die Gärten wurden spärlicher, die bunten -Häuser von Anacapri mit ihren leichten Kuppeln waren hinter grünem Laub -zusammengerückt, von der weißen Wölbung der Kirche überragt. Das Auge -sah frei auf die vielen Gehöfte hinunter, die sich zwischen Oliven und -reifenden Äckern zum Strande hinabzogen. Silbergraues Flittern lief durch -die hängenden Zweige, die Gräser begannen zu beben, der Dunst am Fuß von -Ischia wurde leichter, fast durchsichtig. Das Steingeröll verminderte -sich, Ginster und Myrten brachen zwischen den scharfen Kanten hervor. Nach -wenigen Schritten stand ich auf der einsamsten Höhe der Insel, umbraust vom -warmen, sommerlichen Wind, der die Fülle seines Glanzes um meine Schultern -schlug. Weit hinaus flogen die Blicke von dieser einsamen Warte .. weit -hinaus in die Ferne eines heroisch-gedachten Lebens. Die Arme brauchten -sich nur auszubreiten und den fließenden, wallenden Äther zu fassen: so -rührten die Finger an die Füße der Götter, die dicht über dem wehenden -Haare des Hauptes hingleiten. - -Als ich mich umwandte und auf tieferen Pfaden unterhalb Capriles der alten -Windmühle zuging, sah ich, wie weit hinter Ischia, da, wo die flachen -Ponzainseln leuchteten, die Sonne lange, gleißende Goldbarren durch das -Wasser zog, aus dem helle, fast unsichtbare Dämpfe emporstiegen. In jedem -Augenblick blitzten die Goldströme anders auf, bald weiß wie schmelzendes -Silber im Messingtiegel, bald rötlich wie Lava aus unterirdischen Höhlen. -Da schien es mir, aus diesen Horizonten müsse das Schiff des Freundes -auftauchen, leicht wie eine gleitende Wolke, von korallenfarbigen -Abend-Schwänen gezogen .. Aber die Weite blieb leer. Nur die Goldflüsse -wallten und dampften. Durch gelbe Weizenfelder, zwischen niedrigen, grauen -Steinmauern ging ich zu der Stelle zurück, wo der Wagen wartete .. In jedem -Garten blühten die Rosen, die Kakteen und Geranien. Alle Türen der Häuser -und Hütten standen geöffnet, hier und da wurde schon Gesang wach, wie er -sich mit dem sinkenden Abend löst. Bauern kamen aus dem Feld zurück und -trugen Körbe voll Kirschen auf den Schultern, Frauen gingen mit schlanken -Tonkrügen zum Brunnen, Kinder trieben die Ziegen zum Stall. Der erste Rauch -schlug aus den Schornsteinen in die kupferne Luft. Über den lila-dämmernden -Hügeln von Sorrent schwebte der weiße Vollmond im reinsten Äther, eine -taghelle Nacht verheißend. Um Ischia und Procida wehten schon die purpurnen -Schleier über feuchtem Schwertlilienblau. - -Auf der Höhe von Castellamare aber lag das weiße, schlanke Schiff. - - * - -Der Tisch war im Garten gedeckt, vor einem Heliotropenbeet. In einer -dünnen Kristallvase stand der weiße Camelienstrauß, den Axel aus Neapel -mitgebracht hatte, über die weiße Decke waren Rosen gestreut. Der Wind, der -sich kurz vor Sonnenuntergang aufgemacht hatte, war wieder eingeschlafen, -blaßgrüne Streifen Mondlichtes fielen über den Rasen auf die Steinfliesen, -zwischen den starren Blättern der Palmen und dem hängenden Gezweig des -Eukalyptusbaumes funkelten die dünnen, smaragdenen Sterne. - -Axel war schmäler geworden. In seinen Zügen stand die Arbeit vieler -Gedanken. Er erzählte ruhig von den Wochen, die seit unserer Trennung -verflossen waren. Plötzlich brach er ab. Er hob das Glas und ließ es an -meines klingen: - -»Es ist Zeit zu schweigen. Die Stunde kommt, wo wir anfangen müssen zu -leben!« - -Die Früchte wurden aufgetragen. - -Aus den Gärten erhob sich Mandolinenspiel. - -Vom Meer herauf kam ein Gesang, ähnlich wie das Lied der Matrosen auf dem -Schiff, das in der Nacht nach Malta fuhr. - -Als die letzten Gäste von den Nachbartischen aufgestanden waren, ließen wir -die Lampen vor uns löschen: Ein Gewebe von lavendelblauem Atlas hing über -dem Garten. Die Büsche atmeten im verwandelten Licht, jeder Strauch, jeder -Wipfel war verdeutlicht und vergeistigt zugleich. Das Wesen der Dinge -begann in der Tiefe der Formen zu leben. Aus den Glycinenblüten rieselte -die Helle nieder. In jedem Tropfen Duft ein Tropfen Licht. - -Wir gingen langsam bis zum Meer hinunter, entblößten Hauptes, so wie -wir von der Tafel aufgestanden waren. Unwillkürlich lenkten sich unsere -Schritte nach der Piccola Marina, der einsamen, verlassenen Bucht, in der -die Stille Capris tief gesammelt ist. Wo die zwei wilden Lorbeerbüsche aus -flachen, weichen Kieseln aufwachsen, setzten wir uns auf den Boden. Bis an -die Füße spielte der raunende Schaum. In jeder flachen Welle zerrann das -Mondlicht. Wir fingen die Flut in den hohlen Händen und ließen das Wasser -an den Fingern niedertröpfeln. In jeder Perle glühte das Mondlicht. Auf der -Höhe des Meeres aber war die silberne Harfe aufgestellt: In den Saiten sang -das Mondlicht: - - ›Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt. - Das Meer bleibt das Meer, und der Fels bleibt der Fels. - Aber ich töte was starr ist und wecke was schön ist. - Wollt ihr mich fangen, es wird nicht gelingen! - Wollt ihr mich sagen .. was ist mir das Wort? - Weiße Vögel tragen mich nieder vom Hause der Götter, - Von ihren Schwingen trieft meine Flut, - Sie nisten auf Wolken und schlafen auf Hügeln - Ihr hängender Flügel trocknet im Frühlicht.‹ - - * - -Es war um Mitternacht, als wir nach Hause kamen. Wir blieben lange auf der -Terrasse. Der Mond war hinter die Hügel getreten. Auf der Höhe des Meeres -wallte sein ruhiges, grünes Licht und zog ihm nach, den Fuß der steilen -Küste schon mit schmalen Bändern umsäumend. Hell glühte der Wein in der -Schale. - -Axel goß den ersten Tropfen in das Gewühl der Rosen, die am Geländer -hingen. Funkelnd floß das Blut auf die Blüten und tropfte weiter zu dem -warmen, durstigen Boden. - -»Den Göttern, die wir lieben ..« - -Ich neigte mein Glas: - -»Den Göttern, die uns lieben.« - -Da schlug die Antwort von der Erde auf: Eine Welle leidenschaftlich -gebundener Düfte: Rosen, Levkoyen, Heliotropen, den Duft der hängenden -Glycinen überholend .. und immer wieder Rosen .. Rosen .. - - -Druck von F. E. Haag, Melle i. H. - - - - - VOM SELBEN VERFASSER: - - - DAS BUCH DER TRAUER - - GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1902-1907 - - - NACHKLÄNGE · INSCHRIFTEN · BOTSCHAFTEN - - GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1908-1909 - - - FLUTUNGEN - - NOVELLEN AUS DEN JAHREN 1902-1909 - - - VIGILIEN - - (TRAUM DER TREUE · MISSA SOLEMNIS · TRISTAN / MIT EINEM - VORSPIEL: CYPRIANS TOD) - - DICHTUNGEN AUS DEM JAHRE 1907 - - - DIE GEDICHTE DES GRAFEN PLATEN - - AUSGEWÄHLT UND HERAUSGEGEBEN / MIT EINER VORREDE: - DIE GEISTIGE HALTUNG PLATENS - - - DIE JUGEND UNSERER ZEIT - - DREI AUFSÄTZE / 1909 - - - SONETTE (DIE TOSKANISCHEN / DIE HESSISCHEN) - - AUS DEM JAHRE 1911 - - - JONATHAN / PATROKLOS - - AUS DEM JAHRE 1914 (MAI-JUNI) - - - KASSIOPEIA - - HYMNEN, ELEGIEEN, ODEN - AUS DEN JAHREN 1909-1919 - - - DIE SEELE LOTHRINGENS - - AUS DEM JAHRE 1917 - - - IN VORBEREITUNG: - - DIE PROSADICHTUNGEN: - - LES PRÉLUDES - - EROS ANADYOMENOS - - DIE TRÄUME VON SIENA - - DEUTSCHLAND - - BERLIN - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben. Das -Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende vor die Widmung verschoben. - -Darstellungsweise gesperrter Schrift: _gesperrt_ - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - im Inhaltsverzeichnis: - ")" eingefügt - (TAGE IN SYRAKUS / CAPRI)) - - Seite 15: - "." eingefügt - (an einer zarten seidnen Schnur enden können.) - - Seite 24: - "hate" geändert in "hatte" - (erfüllte sich, wie sie vorausgesehen hatte) - - Seite 31: - "langezogenen" geändert in "langgezogenen" - (Wipfel vor dem Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände) - - Seite 45: - "be-bevorstanden" geändert in "bevorstanden" - (klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis) - - Seite 69: - "über sieht" geändert in "übersieht" - (Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht) - - Seite 72: - "zusammsn" geändert in "zusammen" - (alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse) - - Seite 74: - "«" eingefügt - (der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«) - - Seite 75: - "aplstischen" geändert in "plastischen" - (plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es) - - Seite 76: - "Morger" geändert in "Morgen" - (Ein hellblauer Morgen sprühte herauf) - - Seite 79: - "grüb lerisch" geändert in "grüblerisch" - (in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch) - - Seite 115: - "immernoch" geändert in "immer noch" - (Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren Mondes) - - Seite 127: - "," geändert in "." - (Ich liebte Sizilien.) - - Seite 130: - "Gesangss" geändert in "Gesanges" - (Er übte die Kunst des Gesanges) - - Seite 131: - "wuße" geändert in "wußte" - (und er wußte, was schön sein hieß) - - Seite 131: - "»?" geändert in "?«" - (»Woran starb sie?«) - - Seite 135: - "Sreifen" geändert in "Streifen" - (auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte) - - Seite 153: - "einam" geändert in "einsam" - (Ganz einsam aber stand der Leuchtturm) - - Seite 164: - "«" eingefügt - (»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte) - - Seite 185: - "Schneisen  ." geändert in "Schneisen .." - (hinter feuchten, braunen Schneisen ..) - - Seite 189: - "/" eingefügt - (ABEND IN SEGESTA /) - - Seite 207: - "der" geändert in "des" - (hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens) - - Seite 210: - "Ruderboten" geändert in "Ruderbooten" - (Grande Marina mit den vielen, kleinen Ruderbooten) - - Seite 213: - "ein" geändert in "eine" - (Vollmond im reinsten Äther, eine taghelle Nacht verheißend) - - Seite 213: - "." eingefügt - (purpurnen Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.) - - Seite 215: - "‹" geändert in "›" - (›Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Südliche Reise, by -Albert Heinrich Rausch and Henry Benrath [pseud.] - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÜDLICHE REISE *** - -***** This file should be named 62481-0.txt or 62481-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/4/8/62481/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/old/62481-0.zip b/old/62481-0.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index a3cb04b..0000000 --- a/old/62481-0.zip +++ /dev/null diff --git a/old/62481-h.zip b/old/62481-h.zip Binary files differdeleted file mode 100644 index bdb6faa..0000000 --- a/old/62481-h.zip +++ /dev/null diff --git a/old/62481-h/62481-h.htm b/old/62481-h/62481-h.htm deleted file mode 100644 index ad71c99..0000000 --- a/old/62481-h/62481-h.htm +++ /dev/null @@ -1,7401 +0,0 @@ - - -<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" - "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> - -<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> - -<head> -<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html; charset=iso-8859-1" /> -<meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> - -<title>The Project Gutenberg eBook of -Südliche Reise -by -Albert Heinrich Rausch</title> - -<link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> -<style type="text/css"> - -body {margin-left: 10%; margin-right: 10%;} - -h1 {font-size: 250%; text-align: center; font-weight: normal; margin-top: 0; line-height: 1;} -h2 {font-size: 125%; text-align: left; font-weight: normal; margin-top: 4em; margin-bottom: 1em; line-height: 1.2; page-break-before: always;} - -p {text-indent: 0; text-align: justify; margin-top: 0.75em; margin-bottom: 0.75em;} - -hr {width: 25%; margin-top: 1.5em; margin-bottom: 1.5em; page-break-before: avoid;} - -.ce {text-align: center; text-indent: 0;} -.ci {margin-left: 5%; margin-right: 5%; text-indent:0;} -.ge {font-style: normal; letter-spacing: .12em; padding-left: .12em;} -.nd {text-decoration: none;} -.pb {page-break-before: always;} - -.fsxl {font-size: 210%;} -.fsl {font-size: 125%;} -.fss {font-size: 85%;} -.fsxs {font-size: 70%;} - -.mt2 {margin-top: 2em;} -.mt4 {margin-top: 4em;} - -table {margin-left: auto; margin-right: auto; margin-top: 1em; margin-bottom: 1em;} -.tdli {text-align: left; vertical-align: top;} -.tdl {text-align: left; vertical-align: top; padding-left: 1em; text-indent: -1em;} -.tdc {text-align: center; vertical-align: bottom; white-space: nowrap;} -.tdr {text-align: right; vertical-align: bottom; white-space: nowrap;} - -a[title].pagenum {position: absolute; right:3%;} - -a[title].pagenum:after { - content: attr(title); - border: 1px solid silver; - display: inline; - font-size: x-small; - text-align: right; - color: #808080; - background-color: inherit; - font-style: normal; - padding: 1px 4px 1px 4px; - font-variant: normal; - font-weight: normal; - text-decoration: none; - text-indent: 0; - letter-spacing: 0; -} - -</style> -</head> - - -<body> - - -<pre> - -The Project Gutenberg EBook of Südliche Reise, by -Albert Heinrich Rausch and Henry Benrath [pseud.] - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - - -Title: Südliche Reise - -Author: Albert Heinrich Rausch - Henry Benrath [pseud.] - -Release Date: June 26, 2020 [EBook #62481] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÜDLICHE REISE *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - - -<p class="pb mt2 ce fsxl">ALBERT H. RAUSCH</p> - -<h1>SÜDLICHE REISE</h1> - - -<p class="mt4 ce fsl">1  .  9  .  2  .  0<br /> -EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN</p> - -<p class="mt2 ce fsl">ALLE RECHTE, BESONDERS DAS<br /> -DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN</p> - -<p class="ce fsl">AMERIKANISCHES COPYRIGHT 1914<br /> -BY EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN</p> - -<p class="mt2 ce">DRITTE AUFLAGE</p> - -<p class="mt2 ce fsl">VON DIESEM WERK WURDEN<br /> -15 EXEMPLARE AUF BÜTTEN GEDRUCKT<br /> -UND VOM VERFASSER GEZEICHNET</p> - - - - -<h2 class="ce">INHALT</h2> - - -<table class="fsl" summary="" border="0" cellpadding="3"> - <tr> - <td class="tdli">WIDMUNG</td> - <td class="tdc fsxs">SEITE</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">3</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdli">RAVENNA</td> - <td class="tdc fsxs">»</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_007">9</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdli">FLORENZ</td> - <td class="tdc fsxs">»</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_035">37</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdli">ROM</td> - <td class="tdc fsxs">»</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_063">65</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdli">NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN</td> - <td class="tdc fsxs">»</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_103">105</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdli">PALERMO</td> - <td class="tdc fsxs">»</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_119">121</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdli">TUNIS / WÜSTE</td> - <td class="tdc fsxs">»</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_149">151</a></td> - </tr> - <tr> - <td class="tdli">HELLAS (ABEND IN SEGESTA / TAGE<br />IN SYRAKUS / CAPRI)</td> - <td class="tdc fsxs">»</td> - <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_189">191</a></td> - </tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001"> </a> -WIDMUNG: AN MARIA-VICTORIA</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -<b>E</b>s ist Nacht. Das Fenster steht offen, die feuchte Luft -weht auf den Tisch und bewegt den Strauß von -Pflaumenblüten neben deinem Bilde. Du blickst mir ins -Antlitz, und ich erwidere ruhig deinen Blick.</p> - -<p>Die Frucht ist reif. Du kannst fordern, was dir gehört. -Auch dieses Buch ist eine Heimkehr zu dir. In die größte -Entfernung der Seele dringt dein Ruf. Selbst in die -schöpferische Abgeschiedenheit weht der Hauch deines -stummen Lebens. Du forderst nie und rechtest nie um -einen Inhalt, der dir gehört. Du bist nur da, eindringlich -und natürlich, ohne Anfang, ohne Ende.</p> - -<p>Haben wir es nicht an uns selbst verspürt, daß Abgründe -Seele von Seele scheiden? Ist dieses Wissen nicht unsere -Geschichte geworden? Hat es uns nicht von dem fruchtlosesten -aller Kämpfe befreit und uns eine Klarheit des -gemeinsamen Lebenszustandes gegeben, die uns vor Enge -und Irrtum bewahrt? Welche wirkenden Kräfte unsrer -Seele müssen wir eindämmen oder ersticken, um einander -die Treue zu wahren? Ist irgendein Leben in uns, das wir -einander nicht eingestehen dürfen? Haben wir nicht in -den Jahren unsres Wachsens die grenzenlose Verehrung -für alles Lebendige gelernt? Das schlichteste Leben eines -Dinges hat uns das erhöhte Leben der vereinten Dinge -gezeigt, im scheinbar Gewöhnlichsten hat sich das Außergewöhnliche -offenbart. Nichts blieb gesondert, alles war -in einen unergründlichen Zusammenhang von Beseelung -gerückt, der uns die Schönheit der Welt offenbarte.</p> - -<p>Ziele und Zwecke? Wie fern ist unser Schicksal von -einem Ziel, wie fern unser Leben von einem Zweck, da -wir längst wissen, daß alles Lebendige ununterbrochen -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -in sich selbst kreist, daß jede Ruhe ein Schein ist, und -daß wir weiter müssen, unaufhörlich weiter.</p> - -<p class="ce">· · ·</p> - -<p>Es sind Erhöhungen meines einfachen Lebens, die ich -für dich aufgeschrieben habe. Es ist eine große Leidenschaft -des Erlebens, die ich zu dir trage. Es ist meine -Seele, in tausend fremden Bildern und Wellen gespiegelt, -übergossen von Licht, geweitet in einer Ferne, die dich -vielleicht beklemmen könnte, wenn sie dir nicht selbst -so sehr aus den vielen Stunden vertraut wäre, wo du -Zeiträume durchmaßest, welche die ungeübte Seele nicht -erträgt.</p> - -<p>Wie du die Zeit in dir verwandelt hast! Wie unbegreiflich -frei du bist von den Zeitmaßen einer Frau! Was -hat es geändert in den Zeitläuften deiner Seele, Gattin -und Mutter zu sein? Wie ein Morgenwind über die unergründliche -See hinfährt und vielleicht die Welle zu -einem flüchtigen Lächeln kräuselt, haben dich die äußeren -Wandlungen deines Lebens getroffen, hat das Stundenhafte -dieser Dinge das Unbegrenzbare deines inneren -Daseins angerührt: es hat sich nichts gelöst in dir und -nichts gebunden: der Erscheinungen kleine Zahl hat sich -um ein kleines vermehrt.</p> - -<p>Die große Kraft deines Lebens aber blieb unberührt -und keusch wie zuvor.</p> - -<p>In dieser großen Kraft ruht unsere Gemeinschaft. Über -ferne Meere ziehst du die Seele deines Freundes zurück, -der ein Abenteurer ist und bleiben muß, solange ihn die -Götter lieben.</p> - -<p>Tausend verschiedene Leben sind in mir und wollen -erfüllt sein, tausend Gesichter trage ich vor mir her und -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -kann von jedem sagen: es ist mein Gesicht und aus mir -selbst entsprungen.</p> - -<p>Aber alle sind nur auf den einen, stillen Spiegel deines -Lebens gerichtet, der ihre Vielheit in dem Abgrund seiner -Ruhe aufnimmt, so daß mir nur die eigne Einheit aus -der Tiefe entgegenstrahlt.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_007"> </a> -RAVENNA</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -<b>S</b>o war die Anfahrt an Ravenna:</p> - -<p>Grün dehnte sich rings in der schweren Luft: Korn- -und Weizenfelder, von vielen frühen Gewitterregen aufgetrieben. -Feuchter Dunst lag über der reglosen Fläche. -Mitten in die Acker waren Ölbäume gepflanzt. Das -dünne Silber der Zweige warf eine bezaubernde Leichtigkeit -in die Schwüle. Von Stamm zu Stamm rankte -Weinlaub in niedrigen Bögen, die fast die Spitzen der -Ähren berührten. Die Sinne ermüdeten an dem ununterbrochen -gleichen Bild, die Augenlider schlossen sich -leicht und zuckten nur ein wenig weiter auf, wenn unverhofft -ein zerbröckelndes Bauernhaus, ein Garten voll -weißer Lilien oder eine Oase hochroten Mohnes auftauchte.</p> - -<p>Das Licht wurde leiser, unwahrscheinlicher, aber im -Steigen der Sonne ein wenig goldner. Ganz fern, wo -der Himmel an die Erde rührte, zogen lange Regenstreifen -den Viertelkreis ihres feinen Staubes. Kurze Pappelalleen -tauchten in gelben Wiesengründen auf und -verschwanden, selten nur stand am Rand eines Feldes -ein Lorbeerstrauch, noch seltener hob sich aus abgeschlossenen -Parken eine Zypresse. In dem blaugrauen -Schleier des Himmels formten sich kleine, runde Wolken, -die Luft wurde heiß, der Goldstrom der Regenstreifen -begann zu ermatten. Plötzlich schimmerte die Ahnung -eines Turmes in dem ruhigen Niederfluß des Lichtes, -unkörperlich, mit schwachen Umrissen. Das Bild eines -zweiten Turmes schob sich daneben, nicht minder undeutlich, -dann die Giebel schmuckloser, unendlich einförmiger -Häuser. Ebene und Stadt waren eines, ohne -Grenze ineinandergeschoben und aufgelöst in der Traurigkeit -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -des teilnahmlosen Himmels, der dieses Land nicht -liebte.</p> - -<p>Nun schimmerten Kanäle auf, einige breit und fortlaufend, -andere willkürlich hier und dort zwischen die -Felder gezogen. Das Wasser leuchtete braun über dem -Untergrund irgend einer Fäulnis, manchmal auch weiß -und leblos wie über bleiernen Böden. In der Ferne, wo -das Meer liegen mußte, hatten sich die Wolken vollkommen -geschlossen, die Stadt lag brütend und gleichgültig -in unaufhaltsamem Siechtum: eine stumme, erschütternde -Anklage.</p> - -<p>Ich stand wie gelähmt auf dem kleinen, verstaubten -Platz, ehe ich mich entschließen konnte, einen Wagen -zu nehmen, und sah im Kreise umher, ob nicht irgend -ein freundliches Bild, ja nur der Ausschnitt eines Bildes, -den Fremdling willkommen heißen wolle: Aber da war -nichts als grauer und gelber Staub über einem ausgetretenen -Pflaster, graue und gelbe Häuserwände mit blinden, -leblosen Fenstern und hoffnungslos erstorbenen Blendbögen, -graue und gelbe Ziegeldächer, von vielen schmutzigen -Regengüssen gedunkelt, und ein paar verwahrloste -Menschen mit grauen und gelben Gesichtern, in denen -quälerisch das Wort geschrieben stand, das der Fluch -dieser ganzen Stadt ist und jeden Menschen so rasch aus -ihren Mauern forttreibt: Fieber .. Langsames Fieber, das -sich im Blute einnistet und immer wieder aufsteht, wenn -es die feuchte Hitze des Sommers und der Morastatem -des Herbstes aus dem trügerischen Schlaf zum Leben ruft. -Wie blöd waren die Blicke, die an mir haften blieben, -wie verständnislos und mißtrauisch gegen den Fremden, -der nur hierher kommt, um das heimliche Leben in seinen -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Winkeln aufzusuchen, das diese hoffnungslosen Gassen -überblüht. Alles ist verwahrlost, was der Blick streift, -es gibt keine Mauer mehr, an der nicht der Kalk oder -das Gestein losbröckelte, keine Flucht von Fenstern, -deren Glas nicht gesprungen wäre, kein Tor, das nicht -klaffte oder sich in unverrosteten Angeln drehte. Was -will es bedeuten, daß zuweilen das Auge in stillen Blumenhöfen -und Binnengärten versinkt, wo blasse Rosensträucher -in grauen Tonschalen wuchern und ihre Blüten -über schmale Treppen fallen lassen .. wo reglose Stachelpalmen -die matte, taube Luft durchstechen und uralter -Efeu sein schwarzes Laub über verfallende Mauern wirft? -Vielleicht auch leuchtet plötzlich ein Geranienbeet an -dem leeren Behälter des versiegten Springbrunnens auf -und wirft dir den Frevel seines leidenschaftlichen Blühens -in das Gesicht. O Kranksein dieser zerrütteten Stadt! -Immer wieder fiel es mich an, während mein Wagen auf -dem abgescheuerten Pflaster dahinfuhr. Zuweilen trat -eine Frau aus dem angelehnten Tor und goß einen Eimer -voll Spülwasser in die kaum noch erkennbare Rinne: -dann schrak das Pferd ein wenig auf und ging schneller, -die Räder aber ließen lange noch die feuchten Spuren -hinter sich, zwei braune Geleise, die matter und matter -wurden, bis der Staub sie aufgesogen hatte. Schon fingen -die Augen an zu brennen von dem blendenden Licht, -das immer noch durch den grauweißen Filter des Wolkendunstes -rann, sich manchmal etwas verdichtete und -fast den Schatten eines Hauses zeichnete: da hielt der -Wagen vor dem Eingang von San Vitale.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -O Name voll Duft und Keuschheit, dessen Musik das -Ohr entzückt.</p> - -<p>Blasse Rosen an den schmalen Säulen der Eingangshalle -streuten in ihrem weichen Geruch die Ahnung -kommender Süßigkeit, dann öffnete sich eine Türe, ein -paar Stufen führten abwärts .. Unwillkürlich hob sich -der Blick, von der geheimen Gewalt schwebender Bogenwölbungen -nach oben gelenkt; und siehe: aus der stillen -Tiefe einer seitlichen Halbkuppel wehte ihm ein überirdisches -Grün entgegen, durchsichtig wie der sommerliche -Abendhimmel, wenn die ersten scheuen Sterne -sprühen. Jede Schwere war in diesem Leuchten gelöscht. -Es nahm den Pfeilern die Mühe des Tragens und den -Kuppelwänden das Bewußtsein des Getragenwerdens. -Dienst und Gegendienst aller Teile hob es in die fließende -Zartheit seines Duftes empor, die mit der Verheißung -der Gottnähe alles Aufstreben krönte. Nun erst wagte -das Auge die Schau in den Umkreis. Von allen Seiten -des oberen und unteren Umganges floß die Helle zusammen, -der Sinn einer jeden Wölbung war, das Licht -zu fangen und der beherrschenden Mitte des heiligen -Kreises zu geben, über dem sich, fast schwebend und -wie von unsichtbaren, goldnen Seiten emporgehalten, -die allerlösende, allstillende Kuppel hoch und sieghaft -aufhob. Aber dieses Licht war nicht weiß, nicht grau, -nicht gelb wie der fiebernde Äther: es war millionenmal -gebrochen und verinnerlicht in allen Farben, die aus dem -Mosaik der Wände aufblühten, es war gemildert und -gereinigt in den Schatten, welche die Bögen und seitlichen -Halbkreise der sieben Nischen ihm abrangen. Auch der -Marmor der Tragsäulen, das Geflecht und die Blumen -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -der Kapitäle gaben ihm neue, geläuterte Strahlung, und -selbst vom Fußboden hob es sich wieder in sanfter -Tönung auf. Es hatte Stimme bekommen, es war Gesang -geworden und rieselte in die Stille, die ganz gesättigt -war von Traum und Leben. Die große, erlauchte Mitte -aber gab dieses Licht an den halbgeöffneten Altarplatz -weiter, der sich nach Sonnenaufgang zu aus dem Bann -der Kreise hinausschob und in die Feierlichkeit einer -strahlenden Apsis mündete. Wie diese Helle lockte, wie -heiter sie zu sich hinüberlud. Sie spielte den Jubel ihres -Lichtes gegen die dunkle Schönheit der Mitte aus und -wußte dennoch, daß sie nur eine Dienerin war in dem -Traum unlöslicher Einheit. Ich trat langsam näher: -jeder Schritt auf diesem Boden zwischen den roten und -grauen Täfelungen der Pfeiler, zwischen dem warm- und -stilleuchtenden Marmor der Säulen, war scheu, fast furchtsam: -denn jedes Weitergehen war das Verlassen einer -Schönheit, in der sich gerade die Sinne gefangen hatten, -und brachte eine neue, die der früheren feindlich war. -Und als die Augen eben schon das wallende Licht über -dem Altare, die Wände und Kuppeln mit allem Übermaß -der schillernden Mosaikbilder, mit allen Aus- und Ineinanderströmen -undeutbarer Farben in einer Schau zu -nehmen versuchten: mußte der Blick noch einmal anhalten -vor dem blühenden Steinfiligran der Altar-Schranken, -in dem das reine Gold der Morgenluft flimmerte. -War die Sonne aus den Wolken gebrochen? Über meine -Füße fiel der Schatten einer Säule: so mußte draußen -die Sonne scheinen. Als ich die Augen wieder aufhob -von den Blumen der Steinranken, von den Clematissternen, -den offnen Lilien und Diclytraherzen, bebten -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -die Lider vor der weißgoldnen Welle, die aus den Fenstern -wallte und sich in die Mitte ergoß, vorbei an dem -Glanz der Bilder, die alle Wände und Deckengewölbe -dieses Raumes schmückten und durch vierzehn Jahrhunderte -die ungebrochene Kraft ihrer Schönheit bewahrt -hatten. Welche Glut des Glaubens hat die Erfinder dieser -Gemälde beseelt, wenn sie den Ruhm Gottes und das -Wunder der Entsühnung in einer solchen Saat von Farben -ausgießen konnten: wenn sie die Gabe hatten, aus all -diesen Sternen, diesen kleinen Bögen und Punkten, diesen -Zacken und Vierecken, diesen Kreisen und Kreuzen, aus -dem Gewühl dieser Blumen und Girlanden einen solchen -Jubel von Anbetung zu schaffen, daß kaum noch -die Frage aufsteigt, wer die menschlichen Gestalten sind, -deren Legenden in der flammenden Buntheit der Ornamente -ihre Sprache verloren haben. Was sind sie anders, -als selbst ein Ornament, eine kaum erbebende Melodie -in der unteilbaren Gewalt der Toneinklänge? Was bedeutet -es, daß wir wissen: hier throne Christus in der -Kuppel der Apsis und dort, über der linken Seitenwand, -opfere Abraham seinen Sohn Isaak? Nur zwei Mosaikbilder -sind in die Wand eingefügt, die fremd im Jubel -dieses Gotteshauses bleiben und grausam unvermittelt -den wehen Hintergrund erschließen, auf dem die -mittelalterliche Geschichte Ravennas seit dem Untergang -der Goten ruht: Es sind die Gemälde des kaiserlichen -Hofstaates, auf der einen Seite Justinian mit seinem Gefolge, -auf der anderen Theodora mit ihren Frauen. Wie -ausgebrannt ist das langgezogene, regungslose Antlitz -der kaiserlichen Hure, die sich in ihrer Jugend den Soldaten -preisgab und als Geliebte des slawischen Abenteurers -<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -den Thron erklomm .. wie liegen ihre kranken -Sinne offen um diesen blutenden Mund und die übergroßen, -unersättlichen Augen. Sie schreitet der Kirche -zu, ihre Hände tragen ein goldnes Weihgefäß. Je tiefer -der Blick sich in das Scheinbar-Tote dieser Mosaiksteine -einsieht, desto erschreckender wird das Leben in den -halbverwüsteten Gesichtern deutlich und das Fieber, das -in diesen strengverhüllten Körpern auf- und niederfliegt. -Die Kleider sinken, lüstern und schamlos, der Heiligenschein -um den Kopf der Kaiserin taucht in den schwachen -Dunst von hellem Blute, nackte, hagere Hüften zeigen -ihre heiße Blässe, fallende Schultern und erschöpfte Brüste, -auf denen nur das Mal der Warze brandrot flackt. Armselige, -mißbrauchte Leiber, an denen nichts mehr blühend -ist und dennoch nichts gestillt. Wer bist du, Nachbarin -Theodoras zur Linken, in deinem karminfarbigen Gewand -mit den breiten Goldborten und dem hellen Überwurf -der Schultern, den deine rechte Hand festhält? Bist du -vielleicht Eudoxia, die Gemahlin Belisars? Welche -Nächte mußt du gesehen haben, wenn du es wagen darfst, -dich so an die Kaiserin zu lehnen .. Und du, Nächstfolgende -im hyazinthblauen Kleid und rostbraunen -Überhang, du, mit den wundervollen Brauen und der -schmalen Nase, mit der übersatten Frucht des Mundes -und den schweren Lidern über der glühenden Ruhe der -Pupillen? Noch ist eine Beherrschtheit in dir (oder ist -es eine Grausamkeit, die es gewohnt ist, ihre Opfer zu -verachten?), aber deine Hand ist krank und kündet auch -dein Schicksal. Vielleicht wolltest du nicht mit hinabgezogen -werden .. aber deine unwillkommne Tugend -hätte leicht an einer zarten seidnen Schnur enden können. -<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Nur der einen, der allerletzten begleitenden Frau, ist ein -Hauch nicht ganz ertöteten Gefühls in dem traurigen -Gesicht stehen geblieben. Sie hat sich abgewandt, ihre -Augen suchen irgend eine fremde ausgelöschte Ferne.</p> - -<p>San Vitale! Heller Ruf des silbernen Hornes im Morgenwind .. -Der Traum des besudelten Purpurs zerstob. -Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen: -daß Theodora die goldne Schale zum Altare trägt. Was -war der Glaube dieser Frau, der um ihr Haupt den Schein -der Heiligen wob? Die halbverschüttete Sehnsucht ihrer -Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in Kasteiung -endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie -den schlaffen Körper über die scharfkantigen Stufen vor -dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne auf die Schnitte -und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die -aufstachelnde Kälte des Marmors preßt. Die Hände, -von der Überzahl der Ringe gelähmt, umklammern die -Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über den Rücken, -an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das -Blut .. Die Nüstern stehen gebläht .. Duft und Dunst -des eignen Blutes, als Opfer dem Gekreuzigten gebracht, -der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch zu -süßer Kerzen niederlächelt .. Letzter Kuß der verirrten -Lippe auf den üppigen Mund des Gottes-Sohnes .. Und -viele Stunden später das Erwachen im tiefgedämpften -Licht des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die -Düfte der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven -auf das erste befehlende Wort der Herrin warten, -deren Haupt wie leblos im Schoß Eudoxias ruht .. O -Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte, -Name einer Büßerin, die das Kreuz der Liebe -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -trug und alle, deren Leben sie berührte, an ihrem verachteten -Leid mitleiden ließ .. Unmerklich hatte sich das -Bild vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend .. -das letzte der Gesichte losch aus. Nur die Seele der -Farbe gab noch eine Antwort und verkündete nichts -anderes mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das -Nebeneinander dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder, -das Lorbeergrün des Fußbodens und das weiche Gold -des angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines -schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien -des Blutes, die in diesen Menschen wohnten. Sein -Name ist vergessen: aber seine Liebe zur Schönheit ist -ewig in ihrer zeugenden Kraft.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Die Pförtnerin öffnete ein schmales Tor. Ich trat über -wenige flache Stufen ins Freie. Warmer Duft schlug -mir entgegen, Duft von Erde, in welcher noch der letzte -Regen verdunstet, von Gras und von Rosen, die an einer -hellen Ziegelmauer emporwuchsen, blaßrot und klein -wie die Blüten der Mandelsträucher. In dem matten Sonnenlicht, -das zwischen den flachen Firsten fremder Dächer -und einer vergißmeinnichtblauen Bucht des Himmels -stand, klang die gedämpfte Musik von San Vitale weiter. -Jenseits des freien Platzes, der halb Garten, halb Hof, -halb Schuttstätte war, lag das Mausoleum der Kaiserin -Galla Placidia über der Grundfläche eines lateinischen -Kreuzes, ohne einen anderen Schmuck als die Rundbogen -blinder Arkaden und den gezackten Fries unter dem -Ansatz des Daches, wundervoll lebendig in dem satten -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -Sepia der Ziegelsteine. Ich vergaß es, daß der Tag schon -der Mittagshöhe zulief, daß noch viele Schönheiten meiner -warteten: ich saß, die Arme über den hochgezogenen -Knieen verschränkt, das Auge halb durch die Bläue, -halb über den stumpfen Goldhauch der Mauern und -Dächer spielen lassend, auf dem niedrigen Grashügel -und sann dem Leben der Kaiserin nach.</p> - -<p>Es war das Erbteil des mütterlichen Blutes, das sie so -sehr zur Römerin machte, aber vom Vater hatte sie das -Königliche des Wesens, die Inbrunst des Willens und -die große staatsmännische Begabung. Es gibt ein wundervolles -Bild des großen Theodosius auf einem silbernen -Schild, der bei Merida in Spanien gefunden wurde. Das -schmale Gesicht trägt die Züge einer vergeistigten Schönheit. -Der Mund, voll verschwiegner Sinnlichkeit in das -schmale Oval der Wangen gedrängt, ist nicht viel breiter -als die Spanne zwischen den beiden Nasenflügeln, die -leichtgebläht über der unmerklich schiefgezogenen Oberlippe -stehen, der Lippe eines Mannes, dessen Sinne verfeinerter -Genüsse bedürfen. Enträtselt aber wird dieses -Gesicht erst in den weitgeöffneten Augen, deren durchsichtiger -Glanz den dunklen Zug der Brauen noch verdunkelt -und nur im Leuchten der gemeißelten Stirne -eine Antwort findet. Alle Formen sind gebunden in der -Zucht des Geistes, in dem Wach-sein einer außergewöhnlichen -Klugheit und eines unbeugsamen Willens. Ja, -vielleicht war der Glaube dieses Kaisers, sein leidenschaftliches -Eintreten für das athanasianische Bekenntnis, -nur die Frucht einer unerbittlichen Selbstschulung. -Auch Galla hatte diesen Glauben des Vaters: doch ganz -in die Beseelung, ganz in die Sehnsucht eines leidenden -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -Herzens verwandelt: sie war eine Frau, unfähig, ihrer -Natur zu entrinnen. Alle andren Eigenschaften des Vaters -aber lebten ungebrochen in ihr weiter: am deutlichsten -jene Gabe der unbedingten Herrschaft über sich selbst, -die ihrem Leben die kaiserliche Haltung gab. Daß sich -über ihren Zügen (so wie sie das Medaillon am Kreuz -der Heiligen Helena zu Brescia zeigt) eine Melancholie -breitet, daß in der Dunkelheit der übergroßen Augen -ein nicht gelöstes Fragen steht, daß ein Schatten von Bitternis -den vollen, stillen Mund umspielt: wird auch den -nicht erstaunen, der sich nur flüchtig in ihrem Leben -verlor. In seiner Erinnerung aber wird das andere, viel -weniger ausdrucksvolle Bildnis dieser Kaiserin beherrschend -weiterleben, welches die kleine Elfenbeinplatte im -Domschatz zu Monza überliefert: Hier ist Placidia ganz -die Fürstin-Mutter, hochaufgerichtet, ihrer Würde tiefbewußt -neben dem kleinen, dumpfen Sohn, dessen kindliches -Antlitz schon die schlaffe, sinnliche Weichheit des -Verwöhnten aufweist. Nichts an diesem unbeseelten -Bild der Kaiserin würde den Eindruck der Unnahbarkeit -mildern, wäre nicht die verräterische, rechte Hand, die -nur Seele ist: von Müdigkeit und Verlangen durchhaucht, -so wie die elfenbeinerne Starrheit der offnen Rose -zwischen Daumen und Zeigefinger.</p> - -<p>Galla Placidias Größe wuchs an dem Maß ihrer Schicksale. -Die Kraft zu tiefem Erleben und tiefem Ertragen -war ihr eingeboren. Sie verlangte nach Bewegung, nach -Wechsel, sie ging gerne auf Reisen und liebte eine große -Führung des Lebens. Sie zog die Weltstadt Rom Ravenna -vor, solange sie keine Pflicht an den Hof band. Rom gab -ihr weitere Möglichkeiten. Sie sah gerne den Glanz der -<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Feste und den ununterbrochenen Wettstreit des Schönen. -Wie alle vornehm Gesinnten hatte sie die Leidenschaft -für große, heroische Vergangenheiten. Nur wer viele -Zusammenhänge erfaßt hat, kann so einfach sein, wie -sie war. Sie liebte die Perlen: den schlichtesten und kostbarsten -Schmuck zugleich. Als der Feldherr des Westgotenkönigs -Athaulf in das Peristyl trat und ihr gesenkten -Hauptes die Gefangennahme verkündete, stand sie ruhig -und abweisend: die Wirklichkeit war machtlos gegen -ihre Haltung. Sie nannte die Dienerinnen, die ihr zu -folgen hatten, und begab sich in das feindliche Lager. -Der junge König empfing sie so, wie es einer kaiserlichen -Prinzessin zukommt und geleitete sie in ihr Zelt. Er -zeigte ihr die Pferde und die Sänften, die bestimmt waren, -sie auf den langen Wanderzügen des Heeres zu tragen. -Sie lächelte ein wenig und achtete nicht weiter auf ihn. -Sie hielt sich abseits mit ihren Dienerinnen und gewöhnte -sich bald an die Unruhe des Lagerlebens. Ja, sie faßte -eine gewisse Liebe zu diesem freien Zug durch die Lande. -Ihr starkes Gefühl für die Wirklichkeiten ließ sie die -Änderungen bald nicht mehr schwer ertragen. Die vornehmen -gotischen Frauen aber, die im Lager weilten, waren -durch das Liebenswürdige ihres Wesens bezaubert. So -kam es, daß sich an manchen Abenden in ihrem Zelt ein -kleiner Kreis versammelte, der ihren Erzählungen von -Byzanz, von Ravenna und Rom lauschte. Auch der König -saß unter den Gästen und schaute unverwandten Auges -nach der schlanken, dunkeläugigen Prinzessin, die so -anders aussah als die Frauen seines Stammes. Sie gewahrte -es und lächelte ihm zu, wie sie einem jungen Römer zugelächelt -hätte, der ihr zuviel von seiner Bewunderung -<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a> -zeigte. Den König aber machte dieses Lächeln traurig. -Sein Blut nahm es auf .. er war ein Gote. Placidia liebte -die Augen dieses jungen Mannes und das blasse Gold -seiner Haare, die er längst auf römische Art trug. Sie war -zu klug, um nicht zu wissen, daß die Goten ihre Heirat -mit dem König wünschten. Aber sie wußte ebenso genau, -daß ihr Bruder, der weströmische Kaiser Honorius, sich -schon dem Gedanken dieser Ehe widersetzen würde. -Und dennoch tat er nichts, um sie zu befreien. Er blieb -untätig in Ravenna, indes sein Feldherr Constantius das -Gotenheer nach Westen trieb. Vielleicht lag ihm nichts -an dem Schicksal seiner Schwester. Sie hatte zuviel ursprüngliche -Menschenkenntnis, um nicht auch diesem -Gedanken nachzugehen .. Sie war nicht minder einsam -im Lager Athaulfs als sie es am Hofe zu Ravenna gewesen -wäre. Im Gegenteil: die stumme Liebe des Königs gab -ihr ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Es konnte -der Römerin vornehmster Schicht kaum faßlich scheinen, -daß ein Mann solange schweigend eine Liebe trug. Sie -lernte hier ein Fühlen kennen, das ihr ein Wunder bleiben -mußte. Vielleicht lernte sie zum erstenmal an einen -Menschen glauben .. vielleicht das einzige Mal. Eines -Abends sprach der König. Er hatte seine Lippen auf ihre -Hände gedrückt. Die Hochzeit wurde im königlichen -Palaste zu Narbonne gefeiert, im Anfang des Jahres 413. -Der Kaiser in Ravenna fiel in Wut. In Byzanz sprach -man von einer unerhörten Schmähung des kaiserlichen -Namens. Placidia war glücklich. Die Liebe ihres Gemahls -war ein Dienst. Es gab keine Römerin, der ein Gleiches -widerfuhr. Sie gebar einen Sohn, aber das Kind starb -früh in der Verwirrung der Kriegszüge. Schon waren die -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -Goten bis nach Nordspanien zurückgedrängt worden. -Man lagerte bei Barcelona. Da wurde der König ermordet. -Im Stall, von einem gedungenen Knecht. Man sagte, -es sei auf Betreiben der römischen Kaiser geschehen. -Placidia wurde von Athaulfs Nachfolger und Feind aus -dem Palast getrieben und mußte als Gefangene vor -seinem Triumphwagen herschreiten. Sie begriff nicht -mehr. Das Leben, kaum erblüht, stürzte im Abgrund -ihrer Seele zusammen. Was sich eben hatte öffnen und -zum Fluge ausbreiten wollen, starb im Sturz. Nur die -Römerin blieb: abweisend und verschlossen, auch in der -tiefsten Demütigung. Honorius sandte das Lösegeld und -ließ die Schwester zurückholen. Sie ging, beladen mit -der Schwere eines Schmerzes, den keiner am römischen -Hofe verstehen konnte. Man staunte sie an um ihres seltsamen -Schicksals willen, und der Duft einer großen Fremdheit -und Entfernung gab ihrer dunklen Schönheit doppelten -Reiz. Sie aber vergrub, vergrub ohne Unterlaß im -Abgrund ihres Bewußtseins das Heilig-Gewesene und -wurde ganz die kaiserliche Frau, der ein frühes, qualvolles -Geschick den einen Weg gewiesen hatte, den sie -zu gehen noch für würdig fand: den Weg der Purpurgeborenen, -die sich anschickte, dem Vorbild des großen -Vaters zu folgen und ihre natürliche Anlage des Herrschens -im Dienste des wankenden Staates fruchtbar -werden zu lassen. Sie fühlte sich berufen, zumal sie bei -der Frühreife ihrer Einsicht die Unfähigkeit ihres Bruders -in Ravenna rasch erkannt haben mußte. Auch von dem -byzantinischen Kaiser, ihrem Neffen Theodosius II., war -keine schöpferische Leitung der Geschäfte zu erwarten. -So fiel ihr selbst die große Aufgabe zu. Schon ihre zweite -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -Ehe mit Constantius, demselben Feldherrn, der ihren -ersten Gemahl so weit nach Spanien zurückgedrängt hatte, -beweist, wie sehr sie zu seelischen Opfern bereit war. -Von dem Augenblick an, der ihr Klarheit darüber gegeben -hatte, daß diese Verbindung den herrschenden Umständen -entgegenkam, vertrat sie in seltener Selbstzucht -die Bedeutung ihrer neuen Lage. Sie gebar ihrem zweiten -Gemahl eine Tochter und einen Sohn. Da Honorius -keine Kinder besaß, war nun zum wenigsten die Thronfolge -gesichert. Aber sie dachte nicht an eine Trennung -der weströmischen Herrschaft von Byzanz. Im Gegenteil: -sie gerade wollte den Fortbestand der alten Reichseinheit. -Die Erinnerung an den Glanz der väterlichen -Regierung bestimmte die Richtung ihrer Staatskunst, -und sie ließ es – als nach wenigen Jahren auch ihr zweiter -Gatte starb – um ihrer Überzeugung willen zum Bruch -mit Honorius kommen, dem ihre Abreise nach dem Hofe -von Byzanz nur erwünscht sein konnte. Für sie selbst -aber war dieser Schritt die notwendige Folge dessen, was -sie anstrebte: eine Stärkung der kaiserlichen Hausmacht -durch engen Zusammenschluß, jenseits persönlicher Neigungen -und Abneigungen. Sie hegte wohl kaum ein -Gefühl für ihren Neffen, noch für dessen Schwester Pulcheria, -die fast von Glaubenswahnsinn befallen war: aber -sie brauchte diese beiden Kinder ihres ältesten Bruders, -um sich in Ravenna für ihren kleinen Sohn Valentinian -durchzusetzen. Auch ahnte sie voraus, daß mit dem Sterben -des kranken Honorius Wirren eintreten würden, -denen sie allein nicht gewachsen war. Sie hatte kaum in -Byzanz das Land betreten, als man sie von dem Tod ihres -Bruders in Ravenna und von dem Ausbruch eines Aufstandes -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -benachrichtigte, den der Primiscerius Notariorum, -Johannes, im Bunde mit Aëtius angeregt hatte. Beide -wollten – gegen Placidias Absichten – dem weströmischen -Reich eine deutlichere Sonderstellung geben, in -Wirklichkeit nur, um selbst darin die Herrschaft auszuüben, -die sie der kaiserlichen Frau nicht gönnten. Placidia -kämpfte leidenschaftlich für ihre Rechte: Es gelang, den -Aufruhr zu bändigen. Eine byzantinische Flotte und ein -ostgotisches Heer eroberten Ravenna, Placidia kehrte -mit ihren Kindern in die Stadt zurück, von Theodosius II. -mit der Führung der Geschäfte betraut, solange Valentinian -noch unmündig war. Abermals konnte sich die -Kaiserin ihrer staatsmännischen Einsicht und ihres Erfolges -freuen: Die Macht gehörte ihr, unwiderruflich, -das Gesetz ihres Lebens erfüllte sich, wie sie vorausgesehen -hatte. Und wieder war es ihre Klugheit, die ihr -weiterhalf: Sie fühlte, daß die Macht besitzen nichts -anderes heißen könne, als die Macht erhalten. Es begann -die größte Arbeit ihres Lebens: es galt, im Schwanken -des Parteilebens die unantastbare, sicherruhende Mitte -zu bleiben. Auch dies gelang. Es lag eine bannende Gewalt -in der Erscheinung dieser außergewöhnlichen Frau. -Der Zwiespalt verstummte vor der Hoheit ihres Zieles, -und die Zügelung ihres Lebens zwang zu Verehrung und -Bewunderung. Sie hatte die Gabe aller großen Menschen: -ihre Schmerzen vor der Welt abzuschließen. Jeder mußte -wissen, daß sie litt, aber sie belastete niemanden mit dem -Schatten eines Leides. Man sah nicht, wie sie trug. Man -spürte nur die Wirkung ihres stummen Tragens. Ferner -und steiler ward die Kluft, die sie von ihrer Umgebung -trennte, einsamer der große Traum, der sie von den Bedürfnissen -<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -des Tages schied. Freunde starben: sie blieb. -Ihre Tochter wurde von dem Erzieher geschändet und -in ein Kloster nach Byzanz verbannt, ihr Sohn ging langsam -an seinen Lüsten unter, der Mutter fremd, als ob sie -ihn nicht geboren hätte.</p> - -<p>Für wen hatte sie gekämpft, für wen geopfert?</p> - -<p>Schon war die Höhe des Lebens überschritten .. und -nirgends winkte die Ablösung, nirgends der Friede. Es -bedurfte noch eines Kampfes, des bittersten, den eine -Seele kämpft.</p> - -<p>Sie saß in mancher Sommernacht am Fenster ihres Palastes -und lauschte in das leise Branden des lauen -Meeres hinunter.</p> - -<p>Was blieb? Nur sie .. Ihr Leben fiel in sich zurück. -Sie mußte bis zum äußersten Ende weitergehen, dem -Purpur getreu, den ihr Körper und ihre Seele trug.</p> - -<p>Sie raffte die letzten Kräfte zusammen in einem übermenschlichen -Verzicht auf jede Ernte: und trat auch aus -dem Bannkreis ihrer Mutterschaft in ihre tiefste Einsamkeit.</p> - -<p>Was blieb? Gott. Sie ließ Gott Kirchen bauen, eine -schöner und inbrünstiger als die andere .. den letzten -Ruf ihres Herzens aber und ihr letztes Aufschluchzen -warf sie in die Schönheit ihres Grabmal-Himmels hinüber, -der in den Grundwassern der Seele spiegelt, dort, -wo sie die einzige Liebe begraben hatte: in der dunkelblauen -Tiefe eines deutschen Königsnamens.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>O Himmel voll Veilchenwiesen! Wie sich der Schmerz, -zur Lust gedämpft, auf Sammetflügeln wiegt ..</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -War eine Schwelle, über die ich eintrat in das Brausen -dieses blauen Gesanges, der über rotgoldnen Fahnen -schwebt? Gold war am Anfang, vom Fuße kühler Marmorwände -aufsteigend, Gold, an die schweren Sarkophage -der Nischen emporgehaucht, Gold an der Decke, -in lauen Tropfen niederfallend. Dann losch es aus in der -Wendung eines einzigen Schrittes, und rötliches Glühen -des Gesteines drang vor: Purpur des Abends auf fernen -Inseln der Meere .. im Geäder der Marmorbrüche gefangen. -Rote Blumen gehen auf im Grund der Himmelsau, -tiefeingebettet in den Schoß der Mutterfarbe. Und -alles sinkt und steigt auf der Woge der überirdischen -Musik. Silbern jubeln die Flöten: weiße Sternblumen -öffnen ihre Kronen .. die Harfen wehen: Pfirsichblüten -rieseln .. Nun singen Knaben: ein Duft von Veilchen -zieht vorüber. Fruchtkränze winden sich im Halbrund -breiter Bögen: von tausend Geigen der dunkelgrün gebundene -Strich, an dessen Saum die goldnen Funken -knistern .. Aus starrem Lorbeer drängen sich die Rosen: -das erste Liebeslied bewegt die Lippe der Mädchen.</p> - -<p>Kaiserliche Frau! was war dein Leben, wenn deine -Seele diesen Traum trug? War es so wenig, daß du alle -Liebe aufsparen konntest für diesen einen Abendgesang? -Und woher nahmst du die Kraft, alle Sehnsuchten so -rein und glühend zu bilden, daß sie diese Lohe auswerfen, -in der das Gefäß deines Leibes verglühte? War Gott so -tief in deinen Kämpfen? So tief der Himmel schon in -deiner Irdischkeit? In übersinnlichen Gesichten hat deine -Seele gelebt, indes du Wirklichkeiten schufst .. Eine -wehende Kerze im Wind Gottes war deine Seele, und -du schienst seelenlos im kühlen Wägen deiner Pläne. -<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -Wie sehr mußt du die Welt verachtet haben, an die du -so gefesselt schienst! Du letzte große Römerin und du -erste große Wissende um die Erkenntnis einer neuen -Zeit. Entdeckerin der Seele, Künstlerin, die den Gott -aus sich in das Werk hinüberschuf .. So war der Gott, -der in dir brannte, wie jener Hirte im goldnen Bogen -über der Tür deiner Grabkapelle: Dunkel und schön, -ein junger Herrscher, Apollos Bruder, um Christi tiefe -Schmerzen reicher. Blumenkränze schweben zu seinen -Häupten im unendlichen Blau. Die bunten Kreise fangen -an zu schwingen, leicht, wie vom Wind getrieben. Goldregenblüten -rieseln auf Vergißmeinnicht. Tauben nisten -im Mandelgesträuch .. Frühling am See Genezareth .. -O Duft des Morgenlandes ..</p> - -<p>Noch einmal siegt das Blau. Ein dichter Mantel von -Heliotrop, mit Smaragd und Gold gefüttert, sinkt es auf -Schultern und Sinne .. Nirwana der Schönheit, die kein -Geist mehr erträgt.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Es mochte Mittag sein, als ich zu dem Grabmal des -Theoderich hinausfuhr. Im Hafen ruhten kleine Schiffe -auf dem Pfuhl eines grünlichen Gewässers, Geruch von -Tang und Fäulnis bannte den Atem. Verlumpte Arbeiter -schliefen in den Winkeln der Schuppen, wie unnütze -Kranke in irgend eine Ecke geworfen, wo sie liegen bleiben -konnten, bis der Hunger oder das Fieber sie fraß. -Der Wagen warf sich von einer Seite auf die andere, die -Räder versanken in dem grauen, dünnen Staub, der bis -zu den Schuhen aufwirbelte. An einer Kreuzung versperrte -ein Lastkarren den Weg. Die Pferde hatten sich -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -losgerissen und fraßen am Blattwerk einer niedrigen -Hopfenhecke, der Kutscher lag schlafend am Boden, das -gelbe Gesicht zur Hälfte in Taubnesseln vergraben. Es -war unmöglich, weiterzufahren. Ich ging zu Fuß die -kurze Strecke bis zu meinem Ziel. Der Wärter öffnete -das Gittertor, am Ende eines langen Gartenwegs lag das -Grabmal, grau und verwittert. Die flache Kuppel stand -in grausamer Nacktheit gegen das längst wieder erblindete -Licht des Himmels, an den Quadern des oberen -Rundbaus war schwarzes Moos angewachsen, über das -Treppengeländer hingen Rosen, blühendes Mitleid an -diesem ganz verödeten Bau, der langsam in den feuchten -Feldern versinkt, indessen sich zwischen den Arkadenpfeilern -des unteren Geschosses die verwesenden Wässer -der schmutzigen Regengüsse ansammeln. Aus dem -Innern des leeren Gewölbes schlägt modernde Luft. -Keine Seele mehr redet aus der Türmung dieser Mauern, -hier ist nichts verinnerlichter Ausdruck eines königlichen -Lebens: nur der Machtgedanke eines Herrschers findet -seine Sprache in diesem Denkmal: die Gewalt, über Völker -zu gebieten durch den Krieg. Es wird keine Liebe -wach vor diesem Stein, kein Wunsch, sich in die Schicksale -des Fürsten zu versenken, der hier begraben sein -wollte. Nur der Name bleibt und das Schaudern vor -einer Zeit, die gewaltsam und gesetzlos war, heroisch und -dennoch unfruchtbar. Ein Schimmer von Byzanz liegt -über der Jugend des Gotenkönigs: er hatte bis zu seinem -siebzehnten Jahr am Hofe gelebt. Aber dieser flüchtige -Schein verweht. In seinen Taten ist die Einsamkeit der -Empörer, in seiner Herrschaft die Klugheit des Herrschgewohnten: -Er ließ Paläste und Kirchen bauen, es war -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -sein Ehrgeiz, kein Barbar zu sein. Es ist schwer zu sagen, -was er war, kein Grieche, kein Römer, kein Gote .. -von allem etwas und keines ganz. Die Sage hat sich seiner -angenommen. Sein Andenken ist kühl und blinkend -geblieben, wie das Metall ritterlicher Rüstung, ein Beispiel, -ohne Sehnsucht, ohne Heimweh. Es war kein Geheimnis -über seiner Kraft. Er war zu königlich, um ein -Abenteurer zu sein, zu sehr sein eigner Feldherr, um das -Rätsel des Purpurs zu vertiefen.</p> - -<p>Vielleicht werden einmal die gelben Rosen, die sich -am eisernen Treppengeländer emporziehen, über die -Kuppel bis in die Gärten weiterwachsen. Dann wird -die Seele des Fremden tiefer ergriffen werden, wenn die -Natur das Allzudeutliche verhüllt. Man wird nicht mehr -nachdenken, man wird nur schauen und von den Rosen -erzählen, die das Grabmal eines frühen deutschen Königs -zudecken: Rosen von Ravenna .. so wie man sagt: -die Veilchen von Parma, die Zypressen von Tivoli ..</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Ich fuhr in die Stadt zurück. Im Wagen lag ein Strauß -von Jasminblüten, den eine alte Frau mir gereicht hatte. -Ich nahm ihn mit zu dem dritten Totendenkmal, dem -meine Sehnsucht galt: Zum Sarkophage Guidarellis, -des jungen ravennatischen Kriegers, der in der Schlacht -von Imola den Tod fand.</p> - -<p>Die Hände wagen nicht, Blüten hinzustreuen. Der dort -in seiner vollen Rüstung auf dem Sarge ausgestreckt -liegt – Tullio Lombardi meißelte den Stein – scheint -noch zu atmen. Er könnte fühlen, wenn er die Blumen -<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -sieht, daß wir ihn schon gestorben wähnen. Wie bitter -ist sein Mund. Die obere Lippe, ein wenig zurückgezogen, -läßt die Zähne sehen. Oder ist es ein Lächeln, das -diesen Mund geöffnet hält? die Ahnung eines Lächelns, -das in seiner Geburt starb? Welche Bilder dämmern -noch hinter dieser Stirn? Plötzlich fühlst du: er lebt -nicht mehr, er ist schon tot .. und atmest auf, wie wenn -du mitten im Hinübergleiten gewesen wärst. Du legst -deine Blumen über seine gefalteten Hände – und schreckst -zurück: er lebt noch .. er hat das Kühle der weißen Sterne -an seinem Arme gespürt, sein rechtes Auge hat die Blumen -noch erkannt, indes im linken schon das Licht erloschen -ist. Da redest du zu ihm, du beugst dich über -ihn, als ob du noch einen Zug seines Atems erhaschen -müßtest, Worte quellen im matten Glanz von Tränen, -leise, süße Worte, wie man sie tausendmal denen sagt, -die sterben müssen und nicht sterben wollen ..</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">›O nur Geduld, nur ein paar Atemzüge lang</td></tr> - <tr><td class="tdl">Soviel Geduld, daß sich nicht Bitternis</td></tr> - <tr><td class="tdl">In diesen Hingang mischt .. Wir lieben dich,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wir helfen dir .. Ja, draußen ist der Wind,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und auf dem Rasen läuft das goldne Gras ..</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der Duft? Von Rosen .. Alle Rosen blühn ..</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Helle dort? Die Sonne in den Wipfeln</td></tr> - <tr><td class="tdl">Des alten Erlenbaumes .. Nun wirst du eines</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit alle dem .. Die Flügel? Große Flügel</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sind veilchenblau gespannt zu deinen Häupten ..</td></tr> - <tr><td class="tdl">Blau .. nichts als Blau .. Leb wohl .. Zum letztenmal</td></tr> - <tr><td class="tdl">Leb wohl .. Der Vogel rauscht ..‹</td></tr> -</table> - -<p class="ce">*</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Über dem späten Nachmittag lag eine Müdigkeit. San -Apollinare Nuovo und San Giovanni in Fonte sah das -Auge wie durch bunte Schleiertücher: Nachspiele einer -lodernden Glut .. Dann aber verlangten die Sinne nach -der offenen Ebene, nach der Ahnung des Meeres.</p> - -<p>Ich ließ mich hinausfahren in das Land, in das einförmige, -kranke Land. Die Wolken waren schon bis an den -Saum der weiten Fläche zum Regnen geschlossen, die -Felder lagen wartend, leblos ergeben an alles, was ihnen -geschah. Irgendwo mußte man schon das Heu geschnitten -haben. Breitgeladene Wagen, mit Kühen bespannt, -zogen im hellen Staub der Landstraße. Wieder starrten -mich die gelben, durchfurchten Gesichter an, die kein -Lachen kannten .. Über Sumpfgräben gingen meine Augen: -immer wieder sahen sie das gleiche Bild: aufgeschossenes -Schilfgras, gelbe oder braune Wasserlachen, auf -denen die Mücken tanzten, dann ein kurzes Stück trockengelegtes -Land, einen Kleeacker, ein Feld voll wilder -Lilien .. und wieder Morast, schmälere und breitere Rinnsale, -zu Vierecken ausgezogen, oft abbrechend, und weiter -hinaus wieder bleiern aufglänzend. Einmal ging es -über eine Brücke, an der ein Ulmenbaum stand, dann -hob sich die Straße ein wenig, und an dem Rand einer -niederen Böschung zur Linken wurde die Pineta sichtbar: -Dantes Pinienwald, breite, schwarze Wipfel vor dem -Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände. Dante: Name, -den ich nicht mehr mit irgend einem Ort der Erde zu -verknüpfen weiß: nur noch Symbol, in dem das Wunder -schläft, Luft, die wir atmen, ohne zu fühlen, daß sie da -ist. Und dennoch ergriff mich der Anblick des übrig gebliebenen -Waldes. Ich mußte an Guido Polenta denken, -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -der den großen florentinischen Flüchtling in seinem -Hause aufnahm, und an jene Francesca Polenta, Malatesta -von Riminis unglückliche Gemahlin, für deren -Liebe Paolo starb. Schatten, süße, traurige Schatten, nur -angedeutet in der Sehnsüchtigkeit ihres Lebens .. und -darum ewig gegenwärtig.</p> - -<p>Vor San Apollinare-in-Classe ließ ich den Wagen halten. -Die Einsamkeit des Ortes bestrickte mich. Mitten -im Feld, zwei Schritte von der Landstraße, lag das Wunder -einer christlichen Basilika. Unscheinbar außen, wie -alle Bauten aus der gleichen Zeit, doch groß und vornehm -in ihrer Einfachheit. Das Tor stand offen. Der Eintritt -aus der freien Luft in die Halle blieb ohne Übergang. -Wie tief nimmt dieser Raum den Nahenden auf .. -Etwas von Pfingsten weht in der feierlichen Klarheit, -Freude spielt im Ebenmaß der Säulen von Bogen zu Bogen -und klingt am Hochaltar zusammen, hinter dem das -Mosaik der Apsiswölbung aufsteigt. Hell glänzt das -Kreuz auf goldnem Grund inmitten lichter Bläue, zwischen -Blumen und weißen Lämmern steht verkündend -der Heilige. Man möchte niedersitzen und lange ausruhen, -man möchte die Augen in das flache Feld hinauswenden, -das langsam im Abend versinkt. Aber die Fieber -wachsen in den Sümpfen, wenn die Nacht kommt. -Das Land kennt nicht die Lust der Dämmerung. Die -Fenster müssen sich schließen, der Mond wirft giftige -Dünste auf.</p> - -<p>Der Wagen wendete. Aus den nordwestlichen Himmeln, -von Ferrara her, quoll schmutziges Abendrot. Die -Ebene lag in leisem Glühen. Kein Lufthauch wehte. Die -ersten Tropfen fielen, laues Blut. Dann losch das Feuer. -<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -Noch zögerte der Regen. Die Stadt war grau an die -Erde hinabgedrückt, sinkend .. sinkend. Es kam kein -Rauschen in den Wipfeln, es fegte kein Wind über die -Straßen und warf die klaffenden Fenster zu: aus lahmen -Kiefern spülte das Dunkel die trübe Brühe des Regens -auf die Dächer nieder. Die Dächer gaben sie weiter an -die zerbrochenen Rinnen, aus denen sie in breiten Güssen -auf die Straße stürzte. Erde, Stadt und Himmel waren -nur noch eines: ein brauner und grünlicher Morast, -der nach dem Wüten der Julisonne schrie, um einmal -aus sich selbst befreit zu werden. Dann mußte der Staub -kommen, Staub und Sand, und die Stadt würde gelb wie -frischgebrannter Lehm .. gelb wie die ausgedorrte Steppe: -dicht neben dem unerbittlich fliehenden Meer.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_035"> </a> -FLORENZ</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -<b>D</b>en Nachmittag und Abend des nächsten Tages verbrachte -ich in Florenz. Still blühend lag die Stadt -in der Sonne, Anmut und Leichtigkeit. Heimatlich begrüßt -sie jedesmal den wiederkehrenden Freund, obwohl -sie stets voll Geheimnis bleibt, und sei es nur im Wechsel -der Lichter, im ewig neuen Wandern ihrer Wolken. Wolken -von Florenz! milde Dämpfer zu üppigen Goldes, -selbst mit Gold gefüttert, das sich in breiten Säumen -über die Ränder neigt: euch folgt der Flug der Seele wie -keiner eurer Schwestern, ihr gebt den Bergen das unerschöpflich -feuchte Blau, den Hainen das fließende Grün, -aus dem es kühl herüberwinkt in den Brand der kornblumenfarbenen -Tage.</p> - -<p>Ich fuhr nach einem alten, kleinen Schloß, in dem ich einmal -helle, süße Tage verlebt hatte. Es liegt in den Hügeln -von San Miniato, hoch über der Stadt. Ich ließ den Wagen -auf Umwegen über den Viale Petrarca und durch die -Porta Romana zur Höhe des Torre del Gallo hinaufgehen. -Langsam wurde das Bild der Stadt geboren, über -hohen, grauen Gartenmauern, Villendächern und unbewegten -Pinienkronen. Zwischen blaß-blauen Glycinenranken -stand das goldbraune Gewühl der Häuser. Den -herrischen Wuchs der Zypressen besiegend, ragte der -Turm der Signoria. Fensterscheiben blinkten in der Sonne, -Arkaden grüßten über dunklem Lorbeer. Schon stieg -der leichte Rauch eines verfrühten Herdfeuers aus wenigen -Schornsteinen. Unwillkürlich lauschte das Ohr nach -einem Angelus .. Noch war es zu früh. Die Wärme, die -aus den Gärten aufwehte, wies noch auf Nachmittag. Bilder -kamen und gingen im Vorüberfahren ..</p> - -<p>Niemand erwartete mich im Castello Acciajoli. Vielleicht -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -war niemand zu Hause. Ich zog die Schelle. Es -dauerte eine Weile, bis der Diener öffnete. Er erkannte -mich wieder und führte mich in das Empfangszimmer. -Wenige Minuten später saß ich im Gespräch mit dem -Hausherrn. Jahre waren vergangen, seit wir uns gesehen -hatten. Er war der einzige, der um ein Erleben wußte, -das hier seinen Anfang gefunden und fern, in einer nordischen -Stadt, sein Ende genommen hatte. Noch lag der -Schein der Liebe auf allen Dingen, zart, heimlich, wie ihn -das ergriffene Herz damals hingezaubert hatte. Ich ging -zu jedem Baum, zu jedem Strauch, der noch wie damals -stand, wie damals blühte. Wie fröhlich war alles gewesen, -wie frei und einfach! Besonders die Abende waren schön. -Die Mahlzeiten in dem kleinen Speisezimmer, die vielen -hellen Blumen auf dem Tisch, der rote Wein in schlanken -Henkelkannen und das Hin- und Herflittern der leichten -Worte zwischen Menschen, die zusammengehörten, -so wie sie waren, gebunden durch die gleichen Gewohnheiten, -vertraut in der gleichen Anbetung der Schönheit -– und nur geschieden durch jenes feinste Gefühl -innerer Besonderheit, wie es die große Übung des Erlebens -entfaltet. Nichts war laut, nichts war ein Übergriff. -Was hier geschah, war selbstverständlich. Es gab viele -gemeinsame Spaziergänge in den Wiesen und Baumstücken, -die zum Schloß gehörten, an kleinen Bächen -entlang, die hastig niederstürzen, sich manchmal in uralten -Steinbecken fangen und weiterfliegen, dem Arno zu. -Dann ein Ausruhen auf einer leichten Anhöhe in hohem -Gras, bei Lorbeerbüschen und Gaisblattranken. Wohin -das Auge schweifte, standen die milden Ölbäume, deren -wundervoll belebte Seele der Nordländer so schwer versteht. -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -Die Akazien blühten hoch in der stillen Bläue oder -im Bernsteinglanz der Abendhimmel, die Nachtigallen -sangen in jedem Gesträuch. Und über allem lag die Liebe. -Aus der Gemeinsamkeit des Genießens löste sich die -Sonderheit dieses Glückes, jenes Aufgelöstsein in Schweigen, -das wortlose Untertauchen in jeder beseelten Schönheit. -Im Wehen eines Olivenzweiges, im Atmen eines -Rosenbeetes lag die Vertauschung der Seele und das Auswechseln -der Sinne. Milde war in allem: Toskanas Milde .. -und eine reine, scheue Süße, wie Duft von Veilchen oder -Teerosen.</p> - -<p>Der Diener hatte den Tee im Speisezimmer aufgetragen. -Die Unterhaltung kam auf deutsche Dinge und hielt sich -lange dort. An den Namen gemeinsamer Freunde spann -sich das Gespräch weiter, leicht und fast kühl, da es einfachen -Wirklichkeiten galt, bis sich unmerklich ein leises -Heimweh einschlich. Denn im Reden über so viele, die -vor Jahr und Tag mit uns hier oben zusammengesessen -hatten, wurde die Zeit lebendig, die trennend zwischen -heute und damals stand, die Schwere alles Zwischenerlebens -schob sich über das Spiel der Erinnerung, die fast -Gedicht geworden war. Wir verstummten. Wir schauten -durch das Gitter des offenen Fensters in die Ebene hinunter, -den Baumwipfeln der grünen Bandita entlang. -Dann kamen plötzlich die Fragen: Entsinnen Sie sich -noch jenes Vormittags, als wir zu Gino gingen? Wie -hieß die Frau mit den Rubinohrringen, welche die -Arie der Armida sang? Spielt Octavio noch so schön -Klavier? Was ist an der Geschichte wahr, die man -von dem Abbate Celli las? Ohne Aufhören fiel Frage auf -Frage, Antwort auf Antwort, während wir in dem Haus -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -umhergingen. Wir stiegen die Treppen in das Obergeschoß -empor, wo die Schlafräume lagen. Da war mein -altes Zimmer! Nichts war verändert: dieselben alten Bilder, -dieselben Leuchter, und dasselbe dunkle Himmelbett. -Wie stiegen die Morgende des Erwachens auf, wenn -der Diener eintrat und die Läden zurückstieß, wenn -plötzlich das ganze, in helles Sonnenlicht getauchte Land -in den Fensterrahmen trat: die Wipfel der Pappeln, die -im frischen Morgenwind schwankten und ihr flüsterndes -Blattwerk spielen ließen, die schweren wiegenden Zypressen -über den Dächern von San Miniato, die ganze -östliche Stadt, die im dünnen blauen Dunst des Sommertages -zu dem Hügelkranz von Fiesole emporwuchs. An -der Mauerwand aber schlug der warme Duft der Erde -empor, und wehte bis auf die Kissen ..</p> - -<p>Wir gingen zurück in das untere Stockwerk. Ich war -traurig geworden, und fühlte mich erst leichter, als wir -in dem großen Arbeitsraum des Hausherrn saßen, wo -so viele ausgelassene Gespräche und Erzählungen die -Abende verkürzt hatten. Als ob der Freund meine Gedanken -erraten hätte, fragte er, indem er sich in einen -hohen, roten Seidensessel setzte:</p> - -<p>»Haben Sie manches Mal an die Gräfin d'Ys gedacht?«</p> - -<p>Da war mit einem Male das Lachen geboren – und -mit ihm jener göttlich-leichte Frühlingsabend, als uns -Octavio Poggiolini die reizende Geschichte erzählte ..</p> - -<p class="ce">· · ·</p> - -<p>Wir saßen im Kreis um den Kamin. Ein kleines Feuer -brannte auf dem eisernen Rost, denn der helle Mondabend -war kühl und etwas feucht. Die Champagnergläser -waren aus dem Speisezimmer herübergetragen -<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -worden und standen neugefüllt, die Damen zerlegten -Orangen auf dünnen Glastellern, einige der Herren rauchten. -Man hatte nur ein paar gelbe Wachskerzen angezündet, -da der Schein der Flamme reichlich Helle gab und -außerdem durch das Fenster ein breiter Streifen Mondlicht -in blaßgrünem Dreieck über den Boden fiel. Octavio -Poggiolini saß nahe am Feuer und hatte die Beine -übereinandergeschlagen. Auf seinem Gesicht stand die -Vorfreude des Erzählens. Vielleicht gab dies Marita Branconi -einige Bedenken, denn sie sagte, als er eben beginnen -wollte:</p> - -<p>»Ist die Geschichte sehr unanständig?«</p> - -<p>»Was denken Sie? fiel ihr Octavio ins Wort, sehr unanständig! -Im Gegenteil! Sie ist ganz einfach das Loblied -auf die Klugheit!«</p> - -<p>Aber Marita ließ sich nicht beirren:</p> - -<p>»Haben Sie die Geschichte selbst erlebt?«</p> - -<p>»Nein, ich berichte, was man mir gesagt hat.«</p> - -<p>»Dann ist es vielleicht doch besser, wir Frauen gehen -solange ins Musikzimmer.«</p> - -<p>»Um Gottes Willen, rief Octavio, nein! Ich hätte keine -Freude mehr am Erzählen. Es ist durchaus eine Geschichte -für Frauen, zumal für solche, die leider nur als -flüchtige Gäste in meiner schönen Vaterstadt weilen.«</p> - -<p>Damit wandte er sich zu der jugendlichen Gräfin Voss -und ihrer noch jugendlicheren Schwester Katarina von -Pleß, die ihn lächelnd ansah und mit dem langen Blick -ihrer blauen Augen ermutigte:</p> - -<p>»Es ist natürlich die Geschichte einer Frau, die Sie erzählen -wollen?«</p> - -<p>»Gibt es überhaupt Geschichten ohne Frauen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -Marita lehnte sich tiefer in ihren Sessel zurück, um sich -einen besseren Halt zu geben, während Katarina sich ein -wenig bückte und aus dem getriebenen Messingeimer -ein neues Holzscheit in die Flammen warf, so daß einen -Augenblick lang das schmale Diamantband aufleuchtete, -das sie ziemlich tief am Hals über dem Ausschnitt des -Kleides trug.</p> - -<p>Octavio begann:</p> - -<p>»Vor etwa sieben Jahren verlobte sich Isabella Giramonte -ziemlich unerwartet mit dem Grafen d'Ys. Es war -eigentlich niemandem klar, warum das schöne, noch -sehr junge Mädchen diesem Manne ihre Hand reichte: -er sah nicht schlecht aus, war ebenfalls noch nicht viel -über die Mitte der zwanzig hinaus und hatte reiche und -ausgedehnte Besitzungen in der Normandie. Isabella war -wenig vermögend, man sagte, die Spiellust des Vaters -habe den größten Teil des mütterlichen Vermögens verschlungen. -Nun ist es ja wahr, daß die Giramonte von -jeher leidenschaftliche Spieler mit Geld und Schicksalen -waren, ich glaube aber (nach dem, was man mir zugetragen -hat), daß die Mitgift von Isabellas Mutter – Sie wissen -doch, daß sie die Tochter eines gewissen Herrn von -Didier aus Rouen war – bei weitem nicht die Höhe erreichte, -die Giulio Giramonte erwartet hatte .. und daß -er also wahrscheinlich das Vermögen nicht für groß genug -hielt, um es vor den Möglichkeiten des Spieltisches -zu schonen. Kurz, wie dem auch sei: den beiden Eltern -konnte Isabellas Vermählung mit dem Grafen Roger -d'Ys nur angenehm sein, ganz Eingeweihte wollen sogar -wissen, die Verlobung sei ein lange vorbereiteter und gut -berechneter Schachzug der Mutter gewesen, die aus Rache -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -gegen gewisse italienische Enttäuschungen ihres eigenen -Ehelebens die halbfranzösische Tochter unter allen Umständen -gegen jeden italienischen Bewerber an ihr eignes -Vaterland zurückspielen wollte. Daß Isabella in Wahrheit -aber viel mehr zu der Art des italienischen Mannes -neigte, wurde als belanglos übergangen: blonde und -schwarze Mischung hatte noch immer die besten Ehen -gegeben, und außerdem gehörten die Grafen von Ys und -Dieuleveuille zum französischen Uradel, während die -Giramonte weit weniger vornehm waren, die Didier aber -sogar nur zur napoleonischen Aristokratie zählten. Die -Frage des Blutes aber hatte jederzeit Isabellas Mutter -tief bewegt. Nun wäre dies alles eigentlich vollkommen -gewesen, wenn nicht Roger d'Ys einen so großen Fehler -besessen hätte (oder vielleicht eine so große Tugend, je -nachdem man es nimmt), daß das Glück der Ehe dadurch -ernstlich bedroht werden konnte. Er war nämlich von -einer Schlichtheit des Verstandes, wie sie sich eigentlich -nur der Uradel gestatten darf: und das Schlimme (oder -das Gute, je nachdem man es nimmt) war, daß seltsamerweise -der Ausdruck seines Gesichtes davon gar nichts -verriet. Sein Gesicht war hübsch, in seinen blauen Augen -lag viel feine Güte, und sein Mund war einer der edelsten -Frankreichs. Die Nase war wohlgebildet und durchaus -nicht zu klein (was bei sehr blonden Gesichtern ja -des öfteren vorzukommen pflegt), vor allem aber erschien -die feingemeißelte Stirn unter der seidnen Welle goldnen -Haares als das deutlichste Merkmal sehr vornehmer Geburt. -Nun hätte ja Isabella, die stets in äußeren Vorzügen -ziemlich viel Ersatz für gewisse innere Mängel zu finden -wußte (dank ihres väterlichen Blutes) vielleicht das -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -geringe Maß an Geistigkeit an ihrem Gemahl noch ertragen: -zumal sie ein offenes Haus führte, so daß ihr gar -nicht einmal allzuviel Zeit blieb, in dem geistigen Reich -des Grafen zu Gast zu sein: aber es gab eine noch tragischere -Frage in dieser Ehe, die ich allerdings nicht ohne -Bedenken aufzurollen wage. Ich werde mich sehr vorsichtig -ausdrücken, vor allem werde ich zu erklären versuchen. -Roger d'Ys war der letzte seines Stammes, unweigerlich. -Wenn er ohne Nachkommen blieb, fielen -Vermögen und Güter an eine Seitenlinie niederer Gattung, -die sich besonders dadurch im hohen Adel mißliebig -gemacht hatte, daß sie einige Söhne ohne Bedenken als -Offiziere in das republikanische Heer hatte eintreten lassen. -Roger d'Ys gab sich nun ohne Zweifel auch redlich -Mühe, dieser entsetzlichen Möglichkeit vorzubeugen .. -und Isabella zeigte ein selbst bei Frauen nicht gewöhnliches -Verständnis für die Politik ihres Gatten, obwohl -sie kraft eines gesunden Spürsinnes für Dinge, in denen -sie nur eine einmalige Erfahrung besitzen konnte, längst -und schmerzlich erkannt hatte, daß die Natur in ihrem -Verfeinerungsbedürfnis an der Männlichkeit des letzten -Grafen d'Ys und Dieuleveuille entschieden zu weit gegangen -war. Sie hatte geradezu eine Sünde begangen. Sie -hatte kaum noch einen Menschen, sondern eine vollkommen -schöne Statue gebildet: die ganz erfüllt in -dem Wunder ihres eigenen Ebenmaßes lebt und kaum -noch etwas davon weiß, daß das Leben nicht die -edle Beschränkung, sondern die leidenschaftliche Fülle, -nicht die kühle Vornehmheit des l'art pour l'art: sondern -die zielbewußte Arbeit des l'art pour l'oeuvre verlangt!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Aber Isabella war schon im dritten Jahr ihrer Ehe angelangt, -ohne daß eine Hoffnung auf Nachkommenschaft -bestanden hätte. Die Gräfin-Mutter war auf das Schloß -gekommen und hatte ihr ernsthaft ins Gewissen geredet, -auch der Pfarrer war einige Male bei ihr gewesen, und -selbst der uralte Erzbischof, dessen Rufe zu dem Heiligen -Geist in der französischen Aristokratie eine nicht unberechtigte -Berühmtheit genossen, hatte ihr sagen lassen, -daß er Gott den Herrn bitten werde .. Ihre eigene Mutter -aber, weniger gläubig und mit einem stärkeren Sinn -für die Wirklichkeit begabt, war mit ihr zu einigen großen -Ärzten gefahren, von denen nicht ein einziger verfehlt -hatte, ihr die Versicherung einer geradezu mustergültigen -Vollkommenheit zu geben – – und sie war genau -so klug, als sie gekommen, nach Château d'Ys zurückgekehrt. -Es ging auf den Winter zu, und sie begann -zu kränkeln. Wie viele Edelleute aus der Normandie -hatte Roger die Gewohnheit, wegen gewisser Jagden, die -er geben mußte, weil es die Sitte seiner Familie so verlangte, -ziemlich lange auf dem Schloß zu bleiben und die -Wohnung in Paris erst im November zu beziehen. Er -wäre ja gerade in diesem Jahre gerne geneigt gewesen, -seiner Frau zuliebe schon Ende Oktober in die Stadt -überzusiedeln, aber die Gräfin-Mutter fand den Grund -nicht ausreichend, zumal gewisse klerikale Wahlen bevorstanden, -deren Ergebnis außerordentlich durch -den Erfolg der Feste und Gelage auf Château d'Ys bedingt -war.</p> - -<p>Da erklärte Isabella ohne jeden Umschweif, daß sie -sich gewiß diesen geheiligten Sitten nicht widersetzen -wolle, daß sie aber die Rolle, die sie bei solchen Gelegenheiten -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -zu spielen habe, der wesentlich gewandteren Gräfin-Mutter -zurückgeben und ohne jeden Widerspruch -Anfang Oktober auf einige Wochen nach Florenz fahren -werde. Diese Reise scheine ihr die einzige Möglichkeit zu -bieten, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, das sie bei -den herrschenden Umständen ein wenig verloren habe. -Die Gräfin-Mutter war außer sich und trug von diesem -Tage an bis zu einem gewissen anderen Tag, der aber in -dieser Geschichte erst viel später vorkommt, eine offene -Feindschaft zur Schau, ja sie soll allen Ernstes die Frage -erwogen haben, im äußersten Falle bei dem Heiligen -Vater eine Ungültigkeitserklärung der Ehe zu erlangen. -Es steht nicht fest, ob sie ihrem Sohne gegenüber einen -ähnlichen Gedanken geäußert hat: wenn sie es aber getan -hätte, wäre sie ohne Zweifel auf den heftigsten Widerstand -gestoßen. Denn Roger liebte seine Gemahlin über -alle Maßen, und es war eigentlich nur die obenerwähnte -allzugroße Schlichtheit seines Geistes, die es ihm unmöglich -machte, Isabella gebührend gegen die Oberhoheit -seiner Mutter in Schutz zu nehmen. So fand er -auch – trotz seines wirklichen Schmerzes über Isabellas -Vorhaben – in diesen bedeutungsvollen Tagen weder -das richtige Wort noch die richtige Haltung, er sagte -sich nur, daß es das beste sei, Isabella ohne Widerspruch -gehen zu lassen und es ganz ihrem eigenen Gefühl anheimzugeben, -wann sie sich wieder an der Seite ihres Gatten einfinden -würde. Er teilte diesen Entschluß, den er in einer -ziemlich schlaflosen Nacht gefaßt hatte, seiner Mutter mit, -die sich in Voraussicht der kommenden Dinge schon von -Paris nach Château d'Ys begeben hatte. Aber sie warf -nur einen Blick gegen den Himmel und führte ihre weiße, -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -schmerzliche Hand nach der gefesselten Fülle des Busens, -als wolle sie sagen, daß sie sich zwar vollkommen unschuldig -an einem solchen Sohne fühle, sich aber mit der -Demut einer wahren Christin auch in diese Prüfung -Gottes füge wie schon in so viele andere, von denen sie -mehr ahnen ließ als verriet. Am meisten aber litt Isabella. -Doch hütete sie sich, dies merken zu lassen, sie schien -vielmehr ganz erfüllt von dem Gedanken ihrer Rückkehr -und fast schon ihrer Umgebung entrückt. Während sie -jedoch scheinbar eifrig und sorgfältig die Vorbereitungen -zu ihrer Abreise traf, ging sie tief mit sich zu Rate und -überlegte, wie sich ihr zukünftiges Leben gestalten würde. -Gerade weil sie ein wirklich ehrliches Gefühl für ihren Gemahl -hegte, war es nicht leicht, das Rechte zu erkennen. Sie -war nun einmal die Gräfin d'Ys und Dieuleveuille, und -sie mußte es unter allen Umständen bleiben. Aber sie -fürchtete sich vor dem Augenblick, wo vielleicht in ihren -Empfindungen für den Gatten etwas wie eine Windstille -eintreten würde, weil er .. nun ja, einmal weil er sich in -seiner unschattierten Geistigkeit so unerhört gleich blieb, -sodann aber auch, weil .. ja, wie soll ich dies nun wieder -sagen .. weil das rein Bildmäßige seiner Erscheinung, -das allzustrenge Verharren in seiner Schönheit, das allzugeringe -Aus-sich-Herausgehen eines Tages eine empfindliche -Lähmung ihrer Freude an ihm mit sich bringen -würde. Und sie folgerte ganz richtig, daß etwas ähnliches -ja eigentlich schon eingetreten sein müsse, da sie so außerordentlich -klare Vorstellungen von dieser Verschiebungsmöglichkeit -des Gefühles hatte. Sie würde nicht einen -Augenblick lang solchen Gedanken nachgegangen sein, -wenn sie ein Kind gehabt hätte. Sie sehnte sich leidenschaftlich -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -nach einem Kind, nicht, weil sie damit gewissermaßen -ihre Pflicht gegen das Geschlecht des Grafen d'Ys -erfüllt hätte: sondern weil sie zu den Frauen gehörte, die -auch in der Mutterschaft eine Erfüllung ihres eigenen -Lebens zu sehen vermögen. Und wie es ja fast immer zu -geschehen pflegt, daß gerade Frauen mit starkem Sinnenleben -die besten Mütter werden, weil ihre Liebe nur das -sichtbar zu Greifende, bedingt Wirkliche zu fassen vermag -und unbestimmten Inhalten abhold ist: so hätte Isabella -in einem Kinde einen gewissen Ersatz gefunden für -manches, das ihrem ehelichen Leben fehlte. Aber selbst -an diesen heißgehegten Wunsch legte ihr großer Verstand -eine Bresche: Wie würde ein Kind von Roger d'Ys geworden -sein? Noch weiter in ihrer Verfeinerung konnte -die Natur nicht gut gehen, und wenn Isabella auch -der gesunden Art ihres eigenen Blutes Kraft genug zutraute, -bei der letzten Entscheidung über äußere und -innere Gestalt des werdenden Wesens ein sehr bedeutsames -Wort mitzureden: so faßte sie trotz dieser Zuversicht -zuweilen eine große Furcht an, sobald sie an -die Verwirklichung ihres Wunsches dachte: denn es waren -ihr zu viele Beispiele bekannt geworden – und ganz besonders -seit ihrem Aufenthalt im Schoße derer von Ys und -Dieuleveuille – daß das Unbegabte über das Begabte den -Sieg davonzutragen pflegt. Ja, diese Erfahrung schien ihr -manchmal in so hohem Maße ein allgemein gültiges Gesetz -einzuschließen, daß es Stunden gab, wo sie ihre Kinderlosigkeit -als ein Werk der Vorsehung empfand. Aber -was sollte dann aus ihrem Leben werden? Sie war noch -nicht einundzwanzig Jahre alt! Welche Zeiten lagen vor -ihr!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Eben in diesen Tagen, als die Qual zu groß in ihr wurde -und allein der Gedanke an den Stumpfsinn der nahenden -Jagdgesellschaften sie fast trübsinnig machte, beschloß -sie, nach Florenz zu fahren. Wie der übermüdete Schwimmer, -der nicht mehr gegen den Strom ankann, die erste -Weidengerte des Ufers erfaßt, so klammerte sie sich an -diesen Namen: Florenz – und an einem der ersten Oktobertage -traf sie in unserer geliebten Vaterstadt ein. -Ihr Gemahl hatte sie natürlich nach Paris begleitet und -ihr als Zeichen seiner Liebe einen großen Rosenstrauß -mitgegeben, zu dem er selbst jede einzelne späte Blüte -im Schloßpark zusammengesucht hatte: Als sie aber nun -im offenen Wagen an der Seite ihrer strahlenden Mutter, -die natürlich von den inneren Zusammenhängen keine -Ahnung hatte, durch die Via Tornabuoni über den Ponte -Santa Trinità hinauf nach dem Boboli fuhr, hinter dem -die Villa der Eltern lag, hatte sie vollkommen vergessen, -warum sie aus Frankreich entflohen war. Sie fand es ganz -selbstverständlich, daß sie in ihrer Vaterstadt weilte, ja, -sie konnte es kaum noch begreifen, daß sie weit über -zwei Jahre die Trennung von der heimatlichen Erde ertragen -hatte, zumal in der Umgebung, in die sie ihre -Heirat gestellt hatte. Und noch ehe der Wagen vor der -Haustür hielt, war sie sich klar darüber, daß kein Herbst -und kein Frühling mehr vergehen würde, ohne daß sie -einige Wochen in der Heimat zubrachte. Mochte die -Gräfin-Mutter wegen der mißratenen Schwiegertochter -jede Woche zweimal zum Erzbischof laufen: sie würde -sich nicht daran kehren. Sie würde sich überhaupt nicht -mehr an all diese lächerlichen Zustände in Château d'Ys -kehren. Sie würde sich durchsetzen, ganz unzweideutig. -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -Vor allem würde sie sehr viel auf Reisen gehen. Drei -Monate auf dem Schloß und drei in der Stadt müßten -vollkommen genügen, über die andere Hälfte des Jahres -würde sie selbst bestimmen. All diese Dinge wurden ihr -im Fluge klar und mit einer Entschiedenheit, wie sie nur -die klare, helle Luft unserer Stadt zu erzeugen vermag.</p> - -<p>Sie schrieb noch am selben Abend einen glückseligen -Brief an ihren Gemahl, in dem zu lesen stand, daß der -Mond im glänzenden Laube der Pappeln spiele, daß aus -dem Garten der Duft später La Francerosen in ihr Zimmer -dringe, und daß zwischen den dünnen, wehenden Ölbaumzweigen -das Wasser des Arno silbern aufleuchte. -Allein schon der Anblick der Ölbäume habe ihre Seele -gelöst, schrieb sie gegen den Schluß hin, und sie sei des -festen Glaubens, daß sie in der Heimat so weit genesen -werde, um gesund und hoffnungsfroh zu ihm zurückkehren -zu können.</p> - -<p>Daß aber am gleichen Abend der wunderschöne Graf -Primoli sich unversehens bei ihren Eltern als Gast angesagt -hatte und bis gegen Mitternacht geblieben war -(was man eigentlich unter ganz vornehmen Leuten nicht -mehr tut): das schrieb sie nicht. Sie schrieb auch nicht, -daß dieser Primoli gefragt hatte, ob er seine Schwester mit -ihr bekannt machen dürfe, die gerade bei ihm zu Besuch -sei. Vor allem aber schrieb sie nicht, daß eine geradezu -übersinnliche Erleuchtung sich plötzlich ihres ganzen -Wesens bemächtigt hatte, als dieser Primoli ihr die Hand -beim Abschied küßte .. eine Erleuchtung, so gewaltsam -und divin, daß sie plötzlich an den alten Erzbischof und -die Macht seiner hierarchischen Gebete denken mußte.</p> - -<p>Nach etwa drei Wochen aber schrieb sie den längsten -<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -und schönsten Brief, den ihr Gemahl jemals von ihr bekommen -hatte. Der Brief war so schön, daß Roger d'Ys -die Wahlen und die Jagden und seine vom nahen Weltuntergang -überzeugte Mutter im Stich ließ und geradeswegs -nach Florenz fuhr, wo er in dem kleinen Mauergarten -der Villa seiner Gemahlin zu Füßen sank und ihr -fast unter Tränen gestand, er habe seit ihrer Abreise keine -frohe Stunde mehr gehabt, und er fühle, daß ihre Nähe -ihm teurer und wertvoller sei als alles andere auf der -Welt. Während er dies aussprach, hatten seine Wangen -sich gerötet, und seine hyazinthblauen Augen hatten -einen innerlichen Glanz bekommen. Sein feiner Mund -stand ein wenig geöffnet, die weißen, gleichmäßigen -Zähne wurden sichtbar – und er sah so schön aus, daß -Isabella gerne ihre Lippen länger auf den seinen ruhen ließ, -als sie sonst zu tun pflegte. Sie hatte nun wirklich keinen -Zweifel mehr, daß an jenem Abend, als Diomede Primoli -ihr so lange die Fingerspitzen und die zarten blauen Adern -des Handgelenkes geküßt hatte, der heilige Geist über -sie gekommen war und ging mit dem glückseligen Lächeln -einer Märtyrerin durch die herbstliche Sonne am Arm -ihres Gatten dem Hause zu. Roger wich fortan nicht von -ihrer Seite, und es verbreitete sich allenthalben die Kunde -ihres Glückes. Kinderlose Ehepaare nahmen sie sich zum -Muster, und einmal, als Monsignore Zacconi in der Annunziata -eine lange Predigt damit geschlossen hatte, daß -es kein wahres eheliches Glück ohne Kinder gebe (obwohl -er doch hier eigentlich nicht gut mitreden konnte) stellten -ihn bei einem Abendessen, das die Marchesa Prioressa -gab, einige Damen und Herren sehr unverblümt zur Rede -über diese seltsame mittelalterliche Ansicht und verwiesen -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -frohlockend auf Isabella und Roger, die Arm in Arm an -einer Säule standen und aufmerksam mit zuhörten, wie -der Graf Primoli von der Einrichtung seines Hauses erzählte. -Ich muß hier zufügen, daß er sich geradezu eines -Rufes als Renaissancekenner erfreute, und daß selbst aus -entlegenen Ländern Besucher zu ihm kamen und seine -schönen Möbel- und Schmuckstücke betrachteten. Seltsamerweise -war Graf d'Ys noch nicht bei ihm gewesen, -was eben gerade den Anlaß dazu gegeben hatte, die Teestunde -des nächsten Nachmittags zu einem Besuche festzusetzen. -Isabella wurde in demselben Augenblick, als -Roger sie um ihre Ansicht fragte, von der Herzogin von -Levanto in ein Gespräch über französische Geflügelzucht -gezogen und somit einer Antwort überhoben. Roger indessen -zweifelte nicht eine Minute daran, daß seine Gemahlin -einverstanden sei und sagte zu.</p> - -<p>Diomede hatte alle Zimmer mit Blumen schmücken -lassen, insbesondere aber sein Schlafgemach, das schöner -als alle anderen Räume war. Das köstlichste Gebäck -der Pasticceria Giuco wurde aufgetragen, alle Messer -und Löffel wiesen die bezauberndsten Goldschmiedearbeiten -der Frührenaissance auf, in einer Räucherpfanne, -die aus dem Nachlaß der Päpstin Johanna stammte, -verpuffte in goldenen Wolken ein wenig Würze von -Rosmarin: Kurz, der Graf d'Ys mußte zugeben, daß -er niemals zuvor in einer Umgebung so ausgewählten -Geschmackes von einem so liebenswürdigen Gastgeber -empfangen worden sei. Ja, er äußerte lebhaft und mehrere -Male hintereinander den Wunsch, doch noch des öfteren -während seines florentinischen Aufenthaltes den Grafen -besuchen zu dürfen, worauf dieser entgegnete, er wüßte -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -nichts, was ihm angenehmer wäre. Auch Isabella meinte, -es gäbe ja nichts Schöneres als das Verweilen in diesem -Hause, wo jeder Winkel den Kunstsinn und die feine -Gesittung seines Bewohners verrate. Diomede wandte -lächelnd ein, daß sie übertreibe, aber Roger wiederholte -wörtlich, was seine Gemahlin gesagt hatte und verlangte -auch, die oberen Gemächer zu sehen, während Isabella, -eine Ermüdung vorschützend, sich im Garten ausruhte. -Wohl eine halbe Stunde lang verweilten die Herren im -Schlafgemach. Roger, dem es zum ersten Mal in seinem -Leben klar wurde (obwohl er einige Bücher von d'Annunzio -gelesen hatte) was dieser Raum einem Menschen -bedeuten konnte, wollte sich nicht trennen von den unzähligen -Schönheiten, die hier das Auge ergötzten, sei -es, daß er vor einem Engel der Verkündigung stehen -blieb und andächtig in die verheißungsvollen Züge emporstarrte, -sei es, daß er in den kostbaren alten Brokatbänden -blätterte, die auf dem Nachttisch lagen, sei es, daß -er staunend und neidisch das Bett betrachtete, von dem -eine seltsame Macht auf ihn auszuströmen schien. Diomede -trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter:</p> - -<p>»Ist es nicht wundervoll?«</p> - -<p>»Wundervoll, erwiderte Roger wie im Traum, und so -breit, so bequem, beinahe feierlich. Ich wünschte, es wäre -mein.«</p> - -<p>»Nichts leichter als dies, mein Teurer, entgegnete Diomede, -genau das gleiche Bett ist noch bei Rondinelli -zu haben. Wenn Sie es kaufen wollen, werde ich Ihnen -gerne behilflich sein.«</p> - -<p>»Tausendmal Dank, rief Roger entzückt, Sie überschütten -mich mit Freundlichkeiten. Ich werde es kaufen!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -In den nächsten Tagen konnte der Graf d'Ys keinen -anderen Gedanken mehr fassen, als Möbel zu kaufen, -alte, echte Renaissancemöbel für sein normännisches -Schloß. Und er war bitter enttäuscht, als Primoli den -Kopf schüttelte und etwas nachlässig sagte, während er -sich in dem Schaukelstuhl zurücklehnte und die Beine -übereinanderschlug:</p> - -<p>»Lieber Graf d'Ys, das würde ich an Ihrer Stelle doch -nicht tun. Man muß die Dinge der Umgebung anpassen, -in die sie gehören. Da Sie mir ja selbst erzählten, -daß der Donjon Ihres Schlosses aus dem zwölften Jahrhundert -und der Rest des Bauwerkes aus dem dreizehnten -stammt, da außerdem dieses Schloß in der Normandie -und nicht südlich des Apennin liegt, so dürften florentinische -Renaissancemöbel doch nicht ganz das Richtige -sein.«</p> - -<p>»Sie haben vollkommen recht, mein lieber Diomede, -sagte Roger, und ich kann Ihnen versichern, daß ich selbst -schon einen ähnlichen Gedanken gehabt habe. Aber sehen -Sie: es dreht sich ja nur darum, Isabella eine Freude zu -machen. Ich merke es an allem, wie glücklich sie hier -unten in ihrer Heimat ist, in der heiteren, geistvollen Gesellschaft -dieser Stadt, die man um so lieber gewinnt, je -länger man darin weilt: und ich dachte, vielleicht würde -sie das allerdings ganz andere Leben in der Normandie -leichter ertragen, wenn sie möglichst viel Dinge um sich -sähe, die sie an Florenz erinnern!«</p> - -<p>»Ganz im Gegenteil, fiel Primoli ein. Sie kennen die -Seele der Frauen schlecht! Ganz im Gegenteil! Da ja die -Täuschung doch nur oberflächlich bleiben kann, wird -ihr Heimweh nicht gemildert, sondern nur verstärkt werden. -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -Und Sie werden genau das Entgegengesetzte von -dem erreichen, was Sie anstreben. Aber – fügte er hinzu, -und er gab diesem Aber einen ganz besonderen Nachdruck, -ohne jedoch das leicht Hingeworfene seiner Rede -deswegen aufzuheben – wenn Sie der Gräfin eine Freude -machen wollen, die einen wirklich tiefen Sinn hat: so -kaufen Sie doch eine von den unzähligen kleinen Villen -hier in den Colli und richten Sie sie so ein, wie es zur -Umgebung paßt.«</p> - -<p>Der Graf d'Ys fuhr von seinem Sessel auf:</p> - -<p>»Wundervoll! wundervoll! rief er laut, indem er die -Hände Primolis ergriff, Sie haben doch immer die besten -Gedanken ..«</p> - -<p>»Aber dieser Gedanke lag doch so nahe, so unsäglich -nahe ..«, beschwichtigte jener.</p> - -<p>»Gewiß, gewiß .. Wenn ich es jetzt überdenke .. Natürlich -lag er sozusagen auf der Hand. Aber es geht ja bekanntermaßen -oft genug so, daß man vor lauter Bäumen -den Wald nicht sieht.«</p> - -<p class="ce">· · ·</p> - -<p>Etwa eine Woche später verkündete Roger seiner Gemahlin, -die schon zu Bett lag, während er selbst noch ein -wenig am Rand ihres Lagers saß, daß er die alte Villa -Giramonte gekauft habe. Isabella starrte ihn an. Sie wußte -nicht recht, ob sie vielleicht schon im Halbschlaf geträumt -hatte, oder ob dies alles Wirklichkeit war. Als aber Roger -einen Kaufbrief aus seiner Tasche nahm und auf die -weißseidene Steppdecke legte, brach sie vor Freude und -Erschütterung fast in Weinen aus. Nur der Gedanke, daß -ein solches Geschenk sofort das Gegengeschenk erfordere, -hemmte ihre Tränen: Sie gestand dem Grafen, daß -<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -sie guter Hoffnung sei. Er konnte es kaum fassen, er -rannte im Zimmer umher, bestürmte sie ein über das -andre Mal mit Fragen, ob sie sich nicht täusche: aber sie -lag mit geschlossenen Augen in den tiefen Kissen, neigte -ganz leicht und mit der Miene der Dulderin ihren schönen -Kopf und sagte wie im Traum:</p> - -<p>»Die Heimat, mein Freund, das Glück, in dieser süßen, -milden Luft zu atmen .. überhaupt: alle die anderen Verhältnisse ..«</p> - -<p>So entschlief sie. Er aber blieb lange vor ihr stehen und -sah auf ihren zarten, heiligen Körper nieder, indessen -etwas wie ein Dankgebet aus seiner Seele zum Himmel -aufstieg. Und in der gleichen Nacht noch schrieb er einen -langen Brief an die Gräfin-Mutter, um sie in ihrem Groll -zu versöhnen und den Ausfall der Jagden und Wahlgesellschaften -verschmerzen zu lassen.</p> - -<p>Als Isabella am nächsten Morgen den gesiegelten Umschlag -auf dem Tisch liegen sah, nahm sie ihn stillschweigend -zwischen ihre Fingerspitzen und schaute fragend in -das erstaunte Gesicht ihres Gatten. Sie las die Antwort -in seinem Blick.</p> - -<p>»Nein, Geliebter, sagte sie, ich möchte noch nicht, daß -man in unserem Kirchensprengel für mich betet: vor -allem aber möchte ich deiner Mutter noch nicht die -Gelegenheit zu neuer Gottwohlgefälligkeit geben. Ich -möchte ihr überhaupt erst mit dem fait accompli vor -Augen treten: das heißt in diesem Falle erst dann, wenn -ich mein Kind im Arm halten kann. Mein veränderter -Zustand wird natürlich eine Menge von Änderungen -mit sich bringen, über die wir am besten sogleich reden. -Ich denke, wir halten es so: Vor allem werde ich vor -<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -meiner Niederkunft nicht mehr nach Frankreich zurückkehren. -Ich will erst als Mutter Château d'Ys wiedersehen .. -und Paris würden wir ja ohnehin für diesen -Winter aufgeben müssen. Ich glaube, wir bleiben am -besten über Weihnachten hier, gehen dann vielleicht ein -wenig nach Rom oder an die Riviera und beziehen im -April hier unser neues Haus solange, bis alles vorüber -ist. Rufen dich einmal für kurze Zeit die Geschäfte zurück: -so bedeutet das ja weiter nichts ..«</p> - -<p>Roger wagte nicht zu erwidern. Gewiß hatte er sich -das alles ganz anders gedacht, aber die Entschiedenheit -in Isabellas Sprache und die große Klarheit ihrer Pläne -ließ auch diesmal keinen Widerspruch aufkommen. Wozu -auch? Es galt jetzt, die junge Frau zu schonen, und er -hatte ja schon des öfteren sagen hören, daß Frauen in -solchen Zuständen manchmal die seltsamsten Launen -haben.</p> - -<p>Isabella aber wurde nur viel stiller, als sie sonst zu sein -pflegte, und die innere Lösung aller Verkettungen schien -für sie einzig in der Frage zu gipfeln, ob das Kind ein -Sohn oder eine Tochter sein würde.</p> - -<p>Und siehe: auch dieses Mal betrog sie ihre geheimste -Hoffnung nicht: sie genas im Juni in ihrer Villa zu Florenz -einer wundervollen, kleinen, schwarzen Tochter, von -der man zwar durchaus nicht sagen konnte, daß sie in -irgend etwas der Blondheit derer von Ys und Dieuleveuille -nahekam: es ließ sich nur feststellen, daß sie ein äußerst -vornehmes und wahrhaft gräfliches Kind sei.</p> - -<p>Isabella aber dankte dem Herrn für die Erhörung ihrer -stummen Gebete: denn von nichts war sie nun mehr -überzeugt, als daß jene große Erleuchtung des letzten -<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -Herbstes wirklich göttlicher Natur gewesen sei, und daß -sie, um Gott und den Menschen wohlgefällig zu sein, -nur da fortzufahren brauche, wo sie so glanzvoll begonnen -hatte.</p> - -<p>Und siehe: als sie den Herbst wieder mit Gemahl und -Tochter im Frieden ihrer florentinischen Villa zugebracht -und sich zwischen Roger und Diomede eine wirkliche -Freundschaft entwickelt hatte, schenkte sie im nachfolgenden -Hochsommer ihrem Gemahl jenen wundervollen -Knaben, dessen Schönheit in gewissen Kreisen unserer -lieben Vaterstadt schon heute anfängt, ebenso sprichwörtlich -zu werden, wie es noch vor drei Jahren diejenige des -Grafen Primoli war.</p> - -<p>So war auch in Isabellas Mutterliebe die göttliche Dreiheit -hergestellt: und dies Ergebnis gewährte ihr eine -solche innere Befriedigung, daß sie sich willig dem französischen -Schönheitsgesetz fügte, das es für außerordentlich -schädlich erklärt, wenn eine Frau mehr als zweimal -die Lasten der Mutterschaft erträgt. Sie führte fortan das -Leben der wahrhaft großen Dame – zumal sie ja in dem -Gefühl treu erfüllter Pflicht gegen das Geschlecht derer -von Ys und Dieuleveuille eine ausreichende Schwere sittlichen -Gleichgewichtes besaß – und man empfand es in -Paris wie eine gewisse Erleichterung, als eines Tages ein -bekannter Weltmann sich die Bemerkung gestatten durfte, -daß sogar die spröde Gräfin d'Ys dem unentrinnbaren -Einfluß der Pariser Luft zu erliegen scheine, insofern, als -sie sich des öfteren ganz zwanglos mit einem jungen -Diplomaten deutscher Herkunft im Theater und in den -Salons zeige.</p> - -<p>Mit diesem jungen Deutschen aber ist natürlich meine -<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -Geschichte schon deshalb zu Ende, weil er mittlerweile -vierzig »Elegieen einer geistigen Liebe auf eine Florentinische -Dame« geschrieben hat.«</p> - -<p class="ce">· · ·</p> - -<p>So ungefähr hatte uns damals Octavio Poggiolini erzählt, -dem die Anmut und das wundervolle Heidentum -seiner Vaterstadt eingeboren waren. Und gleich darauf, -als er sein neugefülltes Glas geleert hatte, ließ er sich auf -den verblaßten Sammetschemel zu Füßen seiner rehbraunen -Nachbarin Constanze Torregiani nieder und hob -die schwarzen Augen an den Falten des himbeerfarbigen -Seidengewandes bis zu ihren Blicken empor. Aber die -Römerin schaute streng und strafend nieder, und die -Hände, die er gern ein wenig auf seinem dichten, blauschwarzen -Haar gefühlt hätte, dachten nicht daran, den -Löwenknauf des hohen Sessels zu verlassen. Da erbarmte -sich Katarina von Pleß seiner:</p> - -<p>»Octavio, sprach sie, Octavio: Ihr sucht Euren berechtigten -Lohn bei einer Unerbittlichen. Ihr vergeßt, daß -sie eine geborene Colonna ist und sich noch nicht lange -genug in Eurer Stadt aufhält, um von dem Geist erfüllt -zu sein, der hier seit Jahrhunderten geheiligt ist. Wenn -sie aber des öfteren Eure Geschichten gehört hat, wird -sie Euch gnädiger gesinnt sein. Sofern Ihr aber mit mir -vorlieb nehmen wollt – obwohl ich, wie Ihr wißt, nur -eine schlichte deutsche Frau bin und außerdem die Base -jenes jungen Deutschen, dessen geistige Liebe Eurer -süßen Geschichte ein Ende setzte: wenn Ihr also mit mir -vorlieb nehmen wollt, so will ich Euch gerne gänzlich -ungeistig geben, was Euer ist: so wie Ihr der Muse gabt, -was der Muse ist.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -»Ihr macht mich erröten, Herrin, entgegnete Octavio, -da Ihr mich hoffen laßt, was meine kühnsten Wünsche -nicht erträumt hätten. Die deutschen Frauen gelten hierzulande -für unnahbar ..«</p> - -<p>»Naht Euch getrost, versetzte Katarina mit einem sanften -Lächeln, indem sie das runde Kissen, worauf ihre -kleinen weißen Seidenschuhe nur leicht geruht hatten, -ein wenig von sich schob, und mögen die Umsitzenden -Zeugen sein, wie man die Dichter ehrt. Sollten Euch -aber – was ich Euch durchaus zutraue – Gewissensbisse -anfallen, Ihr könnet die Seele einer deutschen Frau durch -den Zauber Eurer Erzählung, zu dem sich die ganze Anmut -Eurer jugendlichen Erscheinung gesellt, mehr als -erlaubt ist von den Bahnen der Sittsamkeit entfernt haben: -so laßt Euch zur Erleichterung im voraus sagen, daß -in meiner Ehe alle Angelegenheiten bereits so weit fortgeschritten -sind, daß es keiner Erleuchtung mehr bedarf, -wie sie über Eure göttliche Isabella Giramonte kam.«</p> - -<p>Und mitten im lauten Jubel unseres Lachens küßte sie -den schönen Octavio auf den schönen, hingehaltenen -Mund.</p> - -<p>Dann fiel der Vorhang über dem Spiel. Der große -Halbkreis löste sich in kleine Gruppen auf, ich warf den -Mantel über und trat ins Freie. Man fühlte, daß der Tau -schon im Fallen war, noch standen keine Tropfen an den -halbgeschlossenen Rosenblüten, aber das Gras war beschlagen -und das Licht des Vollmondes rieselte in feinem -silbernem Dunst. Die Schlagschatten an den Wänden -schnitten große, bläuliche Dreiecke in das weiße Gestein. -Tief unten im Tal lag der ungewisse Schimmer der Häuser -und Kuppeln.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -»Kennen Sie Siena?« fragte mich plötzlich der Graf -Arnedal, ein junger Schwede, mit dem ich wenige Tage -vorher in Deutschland bekannt worden war.</p> - -<p>»Nein, noch nicht.«</p> - -<p>»Sie müssen es mit mir zusammen sehen. Wenn Sie -dort gewesen wären, würden Sie begreifen, warum mir -in einer Nacht wie dieser die Frage aufstieg.«</p> - -<p>Er nahm meinen Arm und zog mich auf die taghelle -Landstraße hinaus. Wir gingen langsam bergauf. Er sprach -von den Mondnächten Sienas, von dem silbernen Rauschen -seiner unzähligen Brunnen, bis wir selbst unerwartet -vor einem breiten, moosbewachsenen Becken standen, in -dessen klare Flut ein weißer, dünner Strahl sein Wasser -goß. Wir tauchten die Hände ein: sie schienen ganz im -Mond gebadet .. wir schüttelten sie: tausend sprühende -Tropfen sprangen in den Behälter zurück. Von der -Höhe wehte ein leichter Lufthauch den Geruch der Akazienblüten, -tief unter uns, in der Richtung des Hauses, erwachte -der milde, goldne Glanz einer männlichen Stimme -über leisen Lautenklängen. Wir lehnten am Brunnenrand -und lauschten. Axel Arnedal sah in den Glanz der jenseitigen -Arnohügel:</p> - -<p>»Wenn wir morgen nach Siena führen?«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_063"> </a> -ROM</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -<b>R</b>om: Ewige Welt im Banne eines Namens .. Traumhaftes -Anklingen tiefgedämpfter Trommelwirbel -über dem weichen Golde der Posaunen.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Eines möchte ich wieder erleben: Die frühe Morgenstunde, -als ich zum erstenmal über die Piazza delle Terme -in die Stadt hinunterfuhr: jenes Licht auf den gelben -Häuserwänden, das Zerstäuben der Wassergarben -über den offenen Brunnenbecken, das Wehen der Palmen -im frischen, blauen Ostwind, den Duft des Sprühregens, -der aus großen Gießfässern auf die Straße sprang, -die Musik der tausendfachen Rufe aus Höfen und Hallen, -aus Winkeln und von hohen Balkonen, den Flug des -leichten Wagens, das frohe, helle Aufschlagen der Hufe, -das Bellen des kleinen Hundes, der neben dem Kutscher -saß und mit den Pfoten an einer hochroten Halsschleife -spielte .. und dann den Eintritt in das Haus der Freunde, -die kühle Dämmerung des Marmorvestibüls, das Schweigen -der hohen, weißen Wände und den herben Geruch -der Lorbeerbäume, die in niedrigen Behältern neben -einem schlanken Spiegel standen.</p> - -<p>Warmes, braunes Halbdunkel, von Grün durchweht, füllte -das Zimmer, in das man mich führte: die Läden waren geschlossen, -die Vorhänge gesenkt, nur hier und da vom Gold -der Luft gesprenkelt. An allen Wänden, an der Decke, am -Fußboden floß Gold: weich wie der Wein von Frascati in -die glatten, runden Gläser fließt. Narzissensträuße standen -auf den Tischen, aus langen Korridoren hallten Worte -herüber, Schatten flogen und verschwanden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -Seitdem sind Jahre vergangen. Abschiede und Wiedersehen -sind gewesen, und nach jeder Trennung die Gewißheit -neuer Wiederkehr.</p> - -<p>Es gibt keinen Abschied von Rom. Mit allen nordischen -Städten kann man zu einem Ende ohne Widerruf -kommen: Rom lächelt, wenn wir gehen. Es läßt seine -Brunnen weiterrauschen, seine Schwalben im hellen -Abendrot über den Ziegeldächern weiterkreuzen und -streut den Samen des Heimwehs aus.</p> - -<p>Rom ist die Heimat aller, die vom Wissen ruhen, vom -Forschen genesen wollen, das Vaterland der Kämpfer, -die über ihrem Ziel den großen Sonntag nicht vergessen. -Lege deinen Kopf an den Schaft der abgebrochenen Säule -und laß dein Auge die Krone der hochschwebenden Pinie -suchen, sitze am schmalgefaßten Wasserbecken des Forums -und folge dem Zug der Wolken in der stillen Tiefe -der Flut, strecke dich im hohen Grase des Palatin aus -und laß die Bienen über Glockenblumen und Asfodelen -schwirren, trete tief in den Gesang einer Kirche hinein, -wenn aus der klaffenden Türe der Kerzenflimmer dein -Auge trifft: Du ruhst. Von allem ruhst du aus, fast wie -ein Kranker, den das Gefühl gesund macht, daß ihm -nichts mehr geschehen kann, solange das Bett ihn hütet. -Niemand mehr hat eine Forderung an ihn, niemand kann -kommen und ihn mit Fragen quälen, die Stunden sind -rechtlos geworden .. die Tage .. vielleicht die Wochen. -Er fühlt, wie sich die Kräfte seines Lebens wieder sammeln -und das ermüdete Blut leichter und fröhlicher -machen.</p> - -<p>O wunderbar geschlossene Seele Roms! Keine Gegensätze -mehr sind im Krieg miteinander, keine Welten -<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -mehr wollen sich umstürzen: mitten in das Rund des -lateinischen Tempels hat die christliche Sehnsucht ihrem -neuen Gott die Wohnung gebaut, Säulen, die um Altäre -Jupiters und Apollos standen, tragen das Dach der christlichen -Basilika, du kaufst die griechische Gemme bei -demselben Juwelier, der dir die neueste Schöpfung des -heimischen Goldschmiedes vorlegt, in dem Antlitz eines -kleinen Zeitungsträgers findest du die Züge irgend einer -geliebten römischen Büste wieder, in der Rede eines Abgeordneten -hörst du Worte, die ein Tribun sagen konnte, -und seine pathetischen Handbewegungen erinnern an -die Geste des antiken Staatsmannes, wie ihn Marmor -und Bronze überliefert haben. Alles gilt vor allem in der -Seele dieser unergründlichen Stadt, und alles löst sich in -allem auf. Auf ununterbrochen sich kreuzenden Wegen -schafft sich der Geist des Fremdlings aus den Widersprüchen -die innere Einheit der Stadt: und dieses rastlose -Zusammenfügen von Getrenntem gibt Bewegung und -Anmut, es bewahrt vor Erstarrung, indem es immer tieferes -Erstaunen schenkt. So wird allmählich schon das -Schauen zum Erkennen: der geübte, selbst nur flüchtige -Blick rührt an das Wesen der Dinge.</p> - -<p>Sitze nur einen Abend oder Nachmittag vor den großen -Kaffeehäusern, Aragno oder Faraglia, sieh, wie sich -diese Gruppen bilden, wie sie sich verschieben und auflösen, -sieh das scheinbare Warten der Menschen auf -irgendein Ernsthaftes und die Freude an der Begrüßung -des ersten, der zufällig des Weges kommt. Dicht am -Rande des Fußsteiges stehen alle diese jungen Leute, den -Fuß ein wenig vorgesetzt, die Hände in den Hosentaschen, -so daß sich der Rock über den Schenkeln emporschlägt. -<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -Der Hut ist nach dem Nacken zurückgeschoben, -das schwarze Haar fällt in dichter Welle auf die Stirne. -Sie pfeifen leise mit gespitztem Mund, wenn sie lachen, -blinken die breiten, gesunden Zähne auf. In der linken -Brusttasche steckt das bunte seidne Tuch, es hat die Farbe -der Krawatte und der Strümpfe. Sie stehen und warten. -Sie schauen den Corso hinauf und den Corso hinunter, -sie gehen ein paar Schritte in eine Seitengasse: du kannst -sicher sein, daß sie in wenigen Minuten zurück sind. Sie -mustern sich und prüfen die Kleidung, sie glätten eine -Falte und ziehen den Knoten einer Krawatte, während -sie sich in einem blanken Schaufenster bespiegeln. Sie -sind glücklich in dem, was sie sind: glücklich zu leben, -zu jedem Abenteuer bereit, leichtsinnig bis zur Göttlichkeit, -voller Schulden, bezaubernd körperlich, leidenschaftlich -in jeder Empfindung, in der Gebärde ritterlich, -traumlos und wundervoll gedankenlos. Sie sind genau -so lange da, als sie vor dir stehen, aber sie sind nie gewesen, -sobald sie nur um die nächste Ecke biegen und -im Dunkel verschwinden. Kein Wunsch in dir wird wach, -zu wissen, was sie treiben, was sie gelernt haben, ob sie -Kaufleute oder Beamte sind. Sie können alles sein. Was -sie wirklich bewegt, was ihnen das Leben schön macht, -sind die stets gleichen Dinge: sie spielen, sie wetten auf -die Rennpferde, sie denken an ihre Weiber. Jedoch dies -alles haben andere junge Leute in anderen Städten auch. -Aber sie sind Römer! Frage einen, was er ist, höre den -Tonfall der Antwort:</p> - -<p>»Sono Romano.«</p> - -<p>Da ist der Abgrund, der sie von der Umwelt scheidet -– und die Brücke, die unbeschreiblich-schwanke, unfehlbar-sichere -<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Brücke, auf der ihre Seele zweitausendjahreweit -in die Seele der großen Ahnen zurückflieht:</p> - -<p>»Civis Romanus sum.«</p> - -<p>Nimm ihnen die Kleider fort, wirf ihnen Toga und -Tunika über, gehe zwischen ihnen über das Forum: und -du mußt mitten im Leben der alten Stadt sein. Höre -wieder auf ihre Sprache: Spiel, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe, -Sklavenaufstände, Huren ..</p> - -<p>Nimm sie einzeln: Es bleibt nicht sehr viel. Es bleibt -ein Ebenmaß, eine Schönheit mittleren Grades: ein straffer, -oft ein wenig gedrungener Körper, hartgemeißelte -Schläfen, ein klarer Ansatz der glänzend-schwarzen -Haare an Stirn und Nacken, die offene Flamme des dunklen, -mandelförmigen Auges.</p> - -<p>Nimm sie gleich darauf wieder zusammen, fühle ihre -Einheit: und du spürst die unbegreifliche Kraft einer -Rasse, die sich über den trübsten Schicksalen blühend -erhalten konnte. Du spürst ganz Rom. Rom lebt dir aus -ihnen entgegen, sie sind die unfreiwilligen Mittler. Wer -Rom erlebt, muß sie erleben und in seine Liebe einbeziehen. -Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht, -nimmt seinen Lohn voraus: Sie hemmen, wo sie -gerne helfen möchten.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>An einem späten Nachmittag, als ein Gewitter die Luft -gereinigt hatte, ging ich zur Villa Borghese hinauf. Abseits, -im Grunde der Gärten, liegen die beiden Brunnen, -denen mein Kommen galt, umspielt vom Schatten -hellgrüner Akazien, die in den Sonnenglanz der stillen -Abendlüfte greifen. Sie liegen halbvergessen auf feuchtem, -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -braunem Boden, der den Klang jedes Schrittes auslöscht -und Kühle haucht. Reicher tropfen die Schalenränder -des ersten, verträumter die des anderen. Gleich -süß sind beide der Ruhe suchenden Seele. Wie geht es -sich leicht zwischen den Steineichen des schmalen Pfades, -der beide verbindet, wie bannt ihr wechselnder Anblick -das immer wieder entzückte Auge! Stehst du am -einen und schaust nach rückwärts, so siehst du am andern -den Kranz goldner Perlen in die oberste Schale tröpfeln, -neue Perlen sammeln und an verdichteten Schnüren über -smaragdenes Moos zur zweiten Schale herabfallen, die -ihn noch länger behält und ihn der dritten gibt, wo er -versinkt. Stehst du am andern, so hast du die Sonne zur -Seite und sieht nur ein silbergrünes Tropfen und viele -zerrinnende Kreise im unteren Becken. Hebt sich ein -Windhauch, so rieseln die weißen Blüten auf das Wasser, -fangen das Gold eines Tropfens und lassen sich weiterspülen -in den traumhaften Tod. Kaum sah ich Menschen -hier. Einmal lag ein Knabe auf einer Steinbank -und starrte in die Bläue. Jedesmal, wenn sich das Laub -im Winde regte, schien er zu warten, ob eine Blüte auf -ihn niederfalle .. und lächelte, wenn sie auf seine Wimpern -sank. Fast eine Stunde lag er so, vertieft in sich -und in sein Spiel, ein junger Flurgott, der nichts von -seiner Herkunft weiß. Später trat er zum Brunnenrand -und fing die Silbertropfen mit dem Munde ..</p> - -<p>Ein andres Mal kam ich mit einer Frau, die lange krank -gewesen war. Sie ging sehr langsam, in ihren Augen -brannte Müdigkeit. Sie tauchte die Hände in das Wasser, -eine breite, goldne Welle floß über, ihre Rubinringe -flammten neben dem hellgrünen Moos auf .. Sie starb im -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -gleichen Jahr. Im Fall der Tropfen haben wir die letzten -Worte zusammen gesprochen. O Brunnen der Erinnerung! -Es ist keine Liebe zu einem Menschen oder einem -Ding, die ohne Trauer wäre. Nun scheuchte mich der -Schatten dieser Frau. Mit der hohlen Hand fing ich die erblindeten -Tropfen. Wo blieb das Gold? .. Schon hob sich -weiß der Mond und kündete kühl die silberne Nacht.</p> - -<p>O Brunnen der Verwandlung.</p> - -<p>O Wasser Roms.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Viele stehen Abend für Abend am Geländer des Pincio -und warten auf die Nacht. Ihre Augen sind geweitet, -manche voll Grauen, manche voll Heimweh. Noch tauchen -Namen auf in ihrem Hirn. Sie wissen: Dort ist der -Janiculus, dessen Pinienkronen wie stille Inseln im korallenfarbigen -Duft schwimmen. Die Kuppel St. Peters erscheint -vergrößert im silbergrauen Dunst. Noch weiter -rechts hebt sich der Monte Mario, neue Pinienkronen -schließen sich an, eine schwebende Brücke zwischen -Land und Land über den goldnen Wolkenbrüchen der -Tiefe, in denen die Sonne versinkt. Ein Fremder tritt zu -der Gruppe und nennt Kirchen, die über dem Durcheinander -der Dächer aufsteigen. Wo ist der Fluß?, fragt -einer laut .. Man kann ihn nicht sehen von hier, die Häuser -verbergen ihn, aber dort, wo das Castello San Angelo -auftaucht, muß er fließen. Und obwohl sie wissen, daß -sie ihn nicht erblicken können, spähen sie sehnsüchtig -nach dem glänzenden Streifen aus, der einen Weg in -dem verwirrenden Bilde weist. Nun können sie suchen, -wo ihr Haus liegt, ihr Platz, ihre Straße. Das Wehe des -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -Verlorenseins löst sich auf im Gefühl der Beruhigung, -daß sie irgendwo dort unten zu Hause sind. So entrinnen -sie dem Abendgrauen und wissen nicht, daß sie der -traumhaftesten Schönheit Roms entrinnen.</p> - -<p>O, nicht mehr zu wissen, was diese Hügel, diese Türme, -diese Dächer sind! Rom sind sie – Rom im Dunst von -blassem Blut, im Schiefergrau barmherziger Schleier, die -das rote Niederrieseln langsam, langsam im dunkelnden -Gewebe töten. Nur fühlen, wie dies stumme Ganze sinkt, -zusammenfällt, ein Riesenschutt nachglühender Asche, -wie sich auf den gelben und geschwärzten Ziegeln das -stumpfe Blau sammelt, ein Deckel von Basalt, und stehen -bleibt.</p> - -<p>So schließt der Abend seine Tore und hält die Stadt -gefangen. Du bist mit eingeschlossen, du mußt hinunter -zu ihren Lichtern und ihren Stimmen. Schatten wehen -in deinem Rücken und treiben dich zur Treppe. Stufe um -Stufe nimmt dein Fuß, schon wachsen körperlose Wände -über dir empor, graue, erloschene Mauern streifen deine -Flanke, Licht einer Lampe fällt aus nahem Zimmer auf -deine Hände, Laute werden deutlich, Worte erkennbar. -Du bist am Boden. Du wendest dich. Hoch über dem -Gesims der Treppe stehn die schwarzen Palmenwedel. -Perlgrau glänzt der Himmel, in dem die Frühe eines -Sternes funkelt.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Irgend einer hatte bei dem Abendessen, das uns die Gräfin -Arnedal – Axels Mutter – gab, die Rede auf Marc Anton -gebracht. Das Gespräch hielt uns bis Mitternacht, und -als wir alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse der -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -Trinità de' Monti schlenderten, sagte Axel ungefähr -folgendes:</p> - -<p>»Ich habe neulich eine halbe Stunde lang die Büste -dieses Mannes betrachtet und nicht eine Spur geistigen -Lebens gefunden, die das übertrieben-Weiche dieser -Züge zusammenhält und verschönt. Da ist nichts als -Fleisch, sorgsam in Locken gelegtes Haar und ein Mund, -dem eigentlich die Anmut fehlt, obwohl er schmal und -sanft von Wange zu Wange zieht. Das Kinn versinkt, -die Augen liegen tief und schimmern feucht. Sie müssen -sehr schön gewesen sein, ganz ohne Seele, nur Sinnlichkeit. -Ich kann mir nicht denken, daß sie schwarz waren. -Ich empfinde sie grau, sehr matt und sehr verschleiert. -Mit seiner Sinnlichkeit allein bezwang dieser Mann das -Volk nach Caesars Tod. Seine Worte waren wie das Geschmeide, -das eine schöne Frau sehr schön zu tragen -weiß. Er ließ sie funkeln und schillern, er wand sich in -ihrem kühlen Flitter und machte das dumpfe Volk befangen. -Die Worte perlten: und schimmerten im Glanz -von Tränen. Sie bluteten: und ließen die Wunde des -Herzens ahnen: Wo eine Preisgabe sondergleichen war, -sah die Menge noch die Beherrschung des vornehmen -Mannes, dem Stand und Sitte nicht gestatten, den ganzen -Schmerz zu zeigen. Vielleicht war es ein schlimmer Übergang -in seinem Leben, als er erkannte, daß eine Sinnlichkeit, -die gleichmäßig aufgeteilt ein ganzes Wesen beherrscht, -selbst da noch eine große Macht besitzt, wo -jede Kraft der Seele versagt. Auch kam dieses Erkennen -zu spät und mußte gefährlich sein als Maß für die Haltung -eines Mannes. Antonius war vierzig Jahre alt, als -Caesar starb. Octavian aber war achtzehn: Ein wesenloses -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -Alter an irgend einem Gegner, aber nicht wesenlos, wenn -das Gesicht dieses Gegners die Züge Octavians trug. -Antonius fühlte nicht den Unterschied. Er sah die Schönheit -wohl: doch daß es die reine Schönheit eines unbeugsamen -Willens war, der eine tiefverschlossene träumerische -Glut in Zucht hält, sah er nicht. Was war ihm dieser -Knabe? Der Bruder seiner Gemahlin, vielleicht einmal -der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«</p> - -<p>Wir standen alle um den Sprecher, der plötzlich abbrach -und mit der Hand nach der Kuppel von San Carlo -wies, als ein Schwarm von aufgestörten Tauben silbertriefenden -Fluges hinter der Wölbung verschwand. Perlmutterfarbene -Wolkenflocken schwebten über den Gärten -der Villa Medici.</p> - -<p>»Woher wissen Sie alle diese Dinge?« fragte eine Dame.</p> - -<p>Axel lächelte unmerklich:</p> - -<p>»Nur aus der Statue. Ich höre das Blut in den Adern -klopfen. Ich kenne den Klang der Stimme, wenn ich gefunden -habe, wie die Augen aussahen. Ich lerne es langsam -wieder, das Wesen eines Menschen aus seinem Körper -zu deuten. Ich gebe mir Mühe, den tieferen Sinn des -Leibes zu erfassen. Wir waren viel zu lange krank an -Seele und Vergeistigung. Wir messen Werte nur noch -mit diesen Gewichten. Aber die Sprache des beseelten -Körpers ist uns verloren gegangen. Rom wies mir den -Weg zur Umkehr. Rom führte mich nach Griechenland. -Wie eine tiefe Beschämung fiel es auf mich, als ich vor -Jahren zum erstenmal das Kapitol, den Vatikan und die -Thermen durchwanderte – und an unsre armen Körper -dachte, an denen nichts mehr gilt als das Gesicht. Die -Verhüllungen unseres Leibes haben uns den Sinn des -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es, daß -wir anfangs fast hilflos vor den Marmorbildern stehn, -bis unerwartet die Erleuchtung in uns kommt: die Wehmut -einer Schulter, das Müde einer Hüfte, die atmende -Glückseligkeit einer Brust lassen uns begreifen. Dann -beginnt die Arbeit, mit der wir die lange Verwahrlosung -sühnen. Und langsam, langsam ernten wir die wundervolle -Frucht.«</p> - -<p>Schon während der letzten Worte hatte Axel die Blicke -nach dem Aufgang der spanischen Treppe gerichtet. Nun -winkte er uns leise an das Geländer und deutete nach -dem schmalen Altan, der die mittleren Stufenläufe aufnimmt: -An der Mauer lagen in tiefem Schlaf zwei halberwachsene -Kinder. Ihre Gesichter – deutlich erkennbar -im bläulichen Mondlicht – spiegelten tiefe Beruhigung, -das Hemd über der dunklen Brust stand ein wenig offen. -Keiner von uns sprach.</p> - -<p>Da mußte ich an alle die Vielen denken, die Nacht für -Nacht im Schutz der Kirchentüren schlafen, Arme und -Alte, in zerrissene Kleider gehüllt, die Glücklichen unter -ihnen in einen zerlumpten Mantel, den sie irgendwo erbettelt -oder fortgenommen haben. Wie oft sah ich sie -plötzlich vor mir liegen, wenn ich unachtsam die nächtigen -Stufen einer Kirche emporstieg ..</p> - -<p>O Armut Roms! Die am Tage über die alten blinden -Bettler klagen und nicht mehr wissen, wo ein Almosen -frommt und wo nicht, mögen des Nachts an die Kirchentreppen -gehen und stumm den Schlafenden die stumme -Wohltat erweisen. – –</p> - -<p>Schweigend verließen wir die Terrasse der Trinità de' -Monti und gingen nach der Via Veneto zurück. Auf dem -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -freien Platz vor San Isidoro nahm ich Abschied, um nach -der Piazza Barberini hinabzusteigen. Der Tritonbrunnen -warf mir das Silber seines Wassers entgegen, als ich in -das Innere des Hauses trat.</p> - -<p>Ich konnte lange nicht schlafen. So fing ich an, in der -Geschichte der frühen römischen Kaiser zu lesen, bis zu -Caligula hinauf. Schon flog die blasse Röte des Morgens -durch die Luft, als ich das Licht löschte; in einem fernen -Hof fing eine Magd schon an zu singen, eine jener langgezognen -römischen Melodien, die um einen ruhenden -Ton kreisen und wie ein müder Brunnenstrahl immer -von neuem in sich zurückfallen. Die harten Blätter der -Platanen raschelten im leichten Frühwind, eine Schafherde -kam die Via Sistina heruntergezogen und verschwand -in der Via Quattro Fontane.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Ein hellblauer Morgen sprühte herauf. Es war kühler -geworden. Die Tramontana wehte; in allen Fensterscheiben, -in allen Wipfeln flog der Glanz der Frühe auf -und nieder. Von den Blumenständen sprangen die Farbflecken -auf: hochrot und gelb, weiß und blau. Die weißen -Tücher auf den Tischen vor den Trattorien flatterten -über die Kanten empor, die Schreie der Ausrufer hallten -doppelt laut und deutlich durch die klare Luft aus den -Straßen herauf, der Tritonbrunnen warf seinen Strahl -von einer Seite auf die andere.</p> - -<p>Ich verließ das Haus sehr zeitig. Da der Morgen an -den Tag meiner ersten Ankunft in Rom gemahnte, ließ -ich mich auf großen Umwegen über die Piazza delle -<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Terme, durch die vielvertraute Via Cavour, an den Treppenschnüren -von Santa Maria Maggiore vorüber, und -durch den Spezereiduft der Via Baccini bis zur Piazza Aracoeli -fahren. Hier stieg ich aus. Wie so oft schon, blieb -ich am Sockel des Löwen lehnen, der zwischen dem Aufgang -zum Kapitol und der unvergleichlichen Treppe zur -einsamen Kirche Santa Maria in Aracoeli ruht. Diese Stufen -fließen in das Licht empor. Sie sind Welle geworden, -die golden an die schlichtgewölbte Eingangstüre der nackten -Fassade anschlägt. Keine Verzierung schmückt die leblose -Fläche dieser hohen Wand: nur die zarte Narzisse einer -gotischen Rosette öffnet zur Linken des Torbogens ihren -achtzackigen Stern und blüht vor dem Hochaltar der Mutter -Gottes, die bei den Römern als Juno Capitolina an -der gleichen Stelle im Haus der weißen Säulen wohnte. -Es müßten Kinder kommen an einem solchen Morgen, -Kinder in weißen, flüsternden Kleidern, Blumen mit ihren -kleinen Armen an die kleinen Brüste drücken – Kamelien -und Azaleen – und die Stufen hinaufflattern, indes -die Blüten hinter ihnen niederrieseln .. Ihre dünnen, -silbernen Stimmen müßten sich zum Gesang erheben, -so daß eine Woge von Weiß vor den Thron der einsamen -Frau strömte, die fern vom Glanz prunkvoller Kirchen -hier über allen Giebeln thront.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Ich ging zum Kapitol hinauf.</p> - -<p>Ich blieb lange bei Caligulas Traurigkeit.</p> - -<p>Von seinem Vater Drusus konnte Helle in seinem Leben -sein. Man sagt auch, daß er als Knabe fröhlich war. Von -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -seiner Mutter Agrippina, der Enkelin des ersten Augustus, -hatte er das Trübe, Gequälte. Ihr Schicksal warf einen -schweren Schatten. Sie war voll Größe, voll Herrschsucht -und Mißtrauen. Sie wagte, die Feindin des Tiberius zu -sein und büßte mit Verbannung. Man tötete ihre beiden -ältesten Söhne. Das ertrug sie nicht. Sie gab sich selbst -den Hungertod.</p> - -<p>Trüb und hart ist das Auge Caligulas, wie es die Büste -zeigt, trüb und hart die selbstquälerische Stirne, unwillig, -doch unberührt der Mund.</p> - -<p>Ein Wüstling? Nie. Ein Gelähmter, Zurückgebliebener, -verstört durch das unerhörte Schicksal seiner Mutter, -das seinem harmlos-heiteren Geist den Glauben an die -gute Ordnung der Dinge nahm. Grausam: aus Mißverständnis. -Willkürlich: aus zerstörtem Glauben. Voll -Größenwahn: weil im Erstarren seines Willens die Masse -für die schöpferische Tat verloren gingen. Verloren: da -er sich selbst nie besaß.</p> - -<p>In eines Mannes Sinken wird das Sinken eines Volkes -klar .. Ewiges Gesetz des Verbrauchten, Stoff, der sich -selbst vernichtet.</p> - -<p>Seele Roms!</p> - -<p>Wunderbare Trauer Roms!</p> - -<p>»Rom sank und sinkt ..«</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Eine Stunde später stand ich vor der Büste des jugendlichen -Augustus in der Sala dei Busti des Vatikan. Ich -war zu Fuß gegangen, das linke, eintönige Tiberufer -entlang und an den Palästen der Falconieri und Farnese -vorbei. Oft genug hatte das Auge das frische Grün des -<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Janiculushügels gesucht, ehe es wieder am bräunlichen -Schillern der Flußwellen unter den Brückenbögen haften -blieb. Ich durchquerte den Borgo Vecchio, um auf den -Petersplatz zu gelangen. Die trübsten Toreingänge und -Kaufgewölbe hatten an diesem Morgen einen Schimmer -von Helle aufgefangen, der grünliche Beschlag der Wände -schien weniger krank und modernd, der stickige Atem -der Kramläden war in dem schmalen Streifen Bläue verflogen, -der hoch über den engen Giebelfluchten stand. -Nur das unergründliche Gemisch der römischen Gerüche -war geblieben: ein widerwärtiger Duft vom Blut der -frischgeschlachteten Tiere, die an gebogenen Hölzern -vor den Türen hingen, die scharfe Süße alter Orangen -und Zitronen, Parfüme von Zimt und Pfeffer, von Nelken -und Öl, von dem Bodensatz geleerter Weinfässer, -die vor den Kellern lagen, und dem süßen Fäulnisarom -halbwelker Rosensträuße, die jemand auf die Straße geworfen -hatte. Schmutzige Kinder lagen auf den Pflastersteinen, -Weiber in hellen Blusen schrieen sich über die -Straße unverständliche Worte zu und fuhren sich mit -den hölzernen Stricknadeln in das geölte Haar, in der -Stube eines Barbiers lehnte am abgeschabten Plüschsessel -ein braungebrannter Bersagliere und log den Umstehenden -Kasernengeschichten vor. Der Hahnenbusch auf -seinem Helm ging wie ein Wedel durch die Fliegenschwärme ..</p> - -<p>Der Kopf des jungen Octavian zeigt die Verwandtschaft -mit Caligula. Was aber bei dem Urenkel krankhafte -Übertreibung und Verfall war, ist hier von wundervoll -bewußter Kraft gemäßigt und gebunden. Nichts als ein -großer Wille steht in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch, -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -vom Schicksal für eine Aufgabe vorbereitet, die -der Neunzehnjährige wohl gläubig ahnen, doch nicht -entwickeln konnte. Berufensein und leidenschaftliche -Sehnsucht nach Erfüllung bestimmen den Ausdruck -dieses jugendlichen Gesichtes. Der Geist hat die Herrschaft, -nicht das Gefühl, noch viel weniger die Sinne. -Herrisch geht über das rechte Auge die abgebrochene -Braue, und über die Braue die unerbittliche Falte des -Grüblers. Dieses Antlitz hatte keine Träume, es hatte -einen Traum. Daraus wuchs das Spiel der Kräfte: Einsicht -und Machtbegabung mischend. Das Lebensgesetz, -das tiefe, unbewußte Künstlertum des römischen Staatswesens -hat sein Symbol in diesen Zügen: zu herrschen -durch die Kraft, die sich selbst das Gleichgewicht zu -halten weiß: die alle Gegensätze aufsaugt, in dem sie alle -einem Endziel dienstbar macht.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Auf der steilen Strada delle Mura, die das Stadtviertel -des Trastevere abschließt, ging ich der Villa Doria -Pamphili zu. Ein Verlangen nach Grün, nach stillen -Wiesenflächen trieb mich aus der Stadt. Schon stand die -Sonne hoch, der Wind war in die oberen Lüfte gezogen -und spielte in den Kronen der Bäume. Unter den Pappeln -einer kleinen Osteria, die zwischen hellen Kleefeldern -ein wenig abseits vom Wege lag, hielt ich kurze Rast. Ich -ließ mir Brot und Wein bringen und sprach mit der -Bäuerin, die über einer großen irdenen Schüssel Bohnen -schälte. Ihr Mann hatte Artischocken in die Stadt getragen -zu einem Wirt an der Piazza Navona, der sie auf eine -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -besondere Art zuzubereiten verstand. Er zahlte gut, weil -ihn die Fremden gut bezahlten. Die Fremden! Sie lachte -mir in das Gesicht, als sie die Worte wiederholte. Ich -nickte. »Aus welchem Land ich sei .. Warum die Deutschen -so gerne nach Rom kämen .. Warum sie so selten -im Wagen fahren und so oft auf den schlechtesten Feldwegen -spazieren gehen. Im Februar seien des öfteren -zwei junge Leute gekommen, um Veilchen auf den Wiesen -der Villa Doria Pamphili zu suchen, ganze Hände voll -Veilchen. Einmal habe sie ihnen einen kleinen Bastkorb -verkauft, da sie die Blüten nicht mehr in Händen halten -konnten .. In wenig Tagen werde der Mohn in den Kleefeldern -vor dem Hause aufgehen, dann müsse ich wiederkommen. -Gegen abend, wenn die Kuppel von St. Peter -zwischen den beiden Pappelbäumen hart über dem Scharlachrot -stehe ..«</p> - -<p>Im Inneren des Hauses schrie ein Kind. Sie stellte die -Schüssel auf den Tisch und lief davon. Der Geruch der -frischgeschnittenen Bohnen wehte auf, ein Geruch von -Erde und Regen, im festen, kühlen Grün gemischt. Ich -trank meinen Wein aus und ging auf der schattenlosen -Straße bis zum Park der Villa weiter.</p> - -<p>Dieses Grün nimmt dich hin, es macht dich leicht und -trägt dich empor in das ruhige, ruhige Blau über seinen -Wipfeln. Du hebst die Arme auf, die stille Seligkeit zu -fassen, die unaussprechlich bleibt und doch so nah, so -greifbar wirklich ist. Dann gehst du weiter und weißt -kaum wie, Wege öffnen sich und schließen sich im -schweren Laub, öffnen sich wieder und weisen in eine -runde, goldne Helle, ganz fern .. unerreichbar fern .. -Lässig wandelst du hinab im Spiel der Sonnenkringel.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -Das Rund des Ausgangs erweitert sich, wo nur Licht -war, steht wieder Landschaft, eine Wiese steigt zu stillen -Steineichen hinan, Sternblumen und Salbei blühen im -hohen Gras. Geblendet trittst du in die Lichtung. Bienen -schwirren. Die Statuen am Giebelsims der Villa glänzen. -Die Blumenvasen oder Feuerpfannen auf dem höchsten -Geländer des Daches glänzen. Ein neuer Lorbeerweg führt -zu einer neuen Lichtung. Vögel flattern. Auf dem Spiegel -eines Teiches gleiten hochmütige Schwäne. Pfauenaugen -tanzen über den Halmen. Vor dir liegt wieder offnes Land, -die braune Campagna, und hinter ihr Frascati, der Monte -Cavo mit den Häusern von Rocca di Papa über den alten -Kastanienwäldern. –</p> - -<p>Glocken drangen durch die Stille. Es läutete Mittag. -Die Stunde war gekommen, nach San Pietro in Montorio -hinabzusteigen und Rom enthüllt im Wüten des Lichtes -zu sehen.</p> - -<p>Das Auge, noch eben gehütet von der Sanftmut des unbewegten -Grüns, stürzt in ein Gelb, ein Rot, ein Weiß -hinab, so jäh, daß sich die Wimpern schmerzend schließen. -Es hilft dir nichts, daß du im Laub des fernen Pinciohügels -Beruhigung suchst: eh noch dein Blick auf -diese Höhe gelangt, haben ihn tausend aufreizende Lichtspeere -getroffen, die aus der Tiefe schießen, feindlich und -wild. Aus allen Glasfenstern springt dir die erhitzte Helle -entgegen, aus den Bleirinnen der Dächer, aus den Kupferplatten -und Goldbändern der Kuppeln, aus dem Marmor -der Säulen und Friese, aus den Schuppen der Tiberwellen, -aus Höfen und Winkeln, aus jeder kochenden Wand. -Ganz Rom ist nichts anderes mehr als ein sinnloses, steinernes -Gleißen, hart und verräterisch. Rom wirft sich zum -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -Kampf auf gegen das spähende Auge, wie die belagerte -Stadt sich vor den Blicken der Spione wehrt. Sein rätselvoller -Dämmer droht zu zerstieben, seine purpurne -Macht zu verblassen: Zerbrochene Mauern, zerbröckelnder -Kalk, Dächer, von Ruß geschwärzt, mit fehlenden -Ziegeln, Höfe voll Unrat und Verwesung, verstaubte, -erblindete Fenster mit geborstenen Rahmen, trostlose -Stuben mit armen, zerlumpten Betten, Balkone mit klaffenden -Eisengeländern, durch die ein Kind auf die Straße -stürzen kann, zerschlagene Schornsteine, aus denen die -Funken im niederwehenden Rauch auf die Dächer fallen, -durchlöcherte Dachrinnen, die das schmutzige Regenwasser -nicht mehr halten können. Wer nennt, was er -sieht?</p> - -<p>Und was will zuletzt all dieses Zerfallende und Zerbröckelnde -noch vor einem Himmel heißen, der seine -Gnade unerschöpflich ausgießt und das Verwahrloste -immer wieder in den tiefen Schutz seiner Bläue aufnimmt?</p> - -<p>Luft schon ist Hülle hier, Luft schon heilt die Wunden. -O Rom! wage, dich preiszugeben! Noch mit deiner -Schwäche wirst du siegen, mit deinem Elend noch Entzückung -streuen. Unverwundbar bleibt die Herrschaft -deiner Schönheit.</p> - -<p>Ich wende die Augen nach Süden: Ich sehe den Monte -Testaccio, den Scherbenberg, auf dem die uralten, zertrümmerten -Weinkrüge der Römer wieder zu Staub geworden -sind. Ich sehe die einsame Pyramide des Cestius -und ferne die Kuppel St. Pauls. Ich sehe die träumenden -Hügel des Aventin, San Sabas wehmütig wiegende Erlenwipfel -über dem Dach, San Alessios Türme, und ich errate -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -die Gärten, die unter dem Priorate der Maltheser -zum Fluß hinabsteigen.</p> - -<p>Ich wende die Augen nach Osten: Feldwege kreuzen -im Licht, vor Lorbeergesträuch und Pinien hebt sich die -Villa Celimontana, und hinter ihr San Stefano Rotondo. -Ruhig im Golde, fern und gelassen, breitet der Palatin -seine Mauern, seine Zypressen wachsen hoch in die -Bläue wie die Statuen am First des Lateran. Bläue bricht -aus den Fensterhöhlen des Kolosseum, Bläue aus den -Wipfeln des Esquilin.</p> - -<p>Ich wende die Augen nach Norden, die Kuppel des -Quirinals überfliegend, die Zypressen der königlichen -Gärten und die schmale Säule Trajans. Wie flammt die -Villa Medici neben den Türmen der Trinità! Wie mögen -meine Brunnen rieseln im heißen, stummen Mittag, wie -mag das Gold ihrer Tropfen schwer und gesättigt in die -dunkelgrüne Tiefe des untersten Beckens fallen ..</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>In keiner aller früh durchwanderten Städte ging ich so -oft am Abend in die armen Viertel hinunter wie in -Rom. In keiner saß ich stiller, träumender bei Taglöhnern -und Dirnen. In den finsteren, nur halb ausgebauten -Straßen am Testaccio, durch die Marmorata, am Tiber -entlang bis zur Bocca della Verità und weiter über die -Piazza Montanara im alten Ghettoviertel ging ich in -mancher warmen Nacht. Die Freunde schüttelten die -Köpfe und warnten. Ich fühlte, daß mir nichts geschehen -konnte. Der späte Wanderer, der mich ansprach, mußte -fühlen, daß ich ein Gleicher unter Gleichen ging. Wenn -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -ich mich vor einer kleinen, trüben Schenke hinsetzte, -fragte mich keiner, woher ich komme und was ich hier -zu suchen habe. Nie bot sich eine Dirne an, nie bettelte -eine um Geld. Einmal, als ich am Flußbett niederstieg, -sprang einer auf, der im Gesträuch gelegen hatte. Noch -ehe er den Mund öffnen konnte, fragte ich nach dem -Pfad, der zum Boothaus hinabführt. Seine Züge wurden -freundlicher:</p> - -<p>»Sie wollen rudern?«</p> - -<p>»Ich will zu Giuseppe Pangi.«</p> - -<p>»Er ist vor einer halben Stunde in die Kneipe zur Carolina -gegangen. Wenn es Ihnen recht ist, kann ich -Sie hinausfahren.«</p> - -<p>»Nein. Ich kenne Sie nicht.«</p> - -<p>»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich bin genau -dasselbe, was Pangi ist.«</p> - -<p>»Sind Sie Soldat gewesen?«</p> - -<p>»Jawohl! Drei Jahre lang in Caserta.«</p> - -<p>»Wollen Sie mich bis zum Ponte Palatino fahren?«</p> - -<p>Er reichte mir die harte Hand und führte mich durch -Cichoriensträucher den steilen Abhang hinunter. Die -Ketten des Bootes klirrten auf den hohlen Brettern, die -Ruder schlugen in den Schlamm des Ufers. Auf träger -Welle gewannen wir die Mitte des Stromes. Meine Augen -suchten den steilen Anstieg des Aventin. Die Wipfel -ragten schwermütig in die schwüle Luft, die graue Watte -des Himmels hing unbewegt über den schwarzen Bäumen. -Auf der anderen Seite des Flusses, hinter dem Landungsplatz -des Großen Hafens, hob sich die monotone -Front des Armenhauses. Hinter einigen Fenstern brannte -schwaches Licht.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -»Kranke, sagte der Schiffer, sie fühlen den Scirocco und -können nicht schlafen. Vielleicht sind sie morgen tot.«</p> - -<p>Ich hieß ihn bald zurückfahren. Wir gingen nebeneinander -der Stadt zu. An der Bocca della Verità bog ich -ab, um nach dem Judenkirchhof zu gehen. Der Fremde -begleitete mich. Fast schon im Feld, hart an einem halbverseuchten -Bach, aus dem ein fauler Atem aufsteigt, -liegt dieser Friedhof mit seinen vielen Zypressen. Mein -Gesicht rührte an die eisernen Stangen des Tores; bleich -und wesenlos dämmerten die weißen, schmucklosen -Mäler durch die Nacht. Dürstend stand das Schwarz der -Bäume im Dunst der bleiernen Luft.</p> - -<p>Wir wandten uns nach der Bocca zurück. Zerbröckelnd -in der Asche ihres Gesteins lag Santa Maria in Cosmedin, -die süße Kirche, in deren Namen schon der Orient funkelt: -Byzanz, die Stadt aus Gold und Lapislazuli. Wie -müd ist dieser Brunnen in der Mitte des offenen Platzes, -wie müd der runde Sonnentempel mit seinen korinthischen -Säulen, wie müd sind die fleckigen Wände -dieser armen Häuser. Lastfuhrwerk zieht hier am Tag -entlang, Frachtkähne treiben im Strom, Geschrei kommt -vom Großen Hafen herüber, Staub weht – des Nachts -geht achtlos kaum ein Wandrer hier vorüber. Hier war -der Rindermarkt der Alten und etwas weiter, wo noch -der Bogen der Geldwechsler steht, der Kaufplatz für die -feinen Speisen der Tafel. Wie müd vom wesenlosen Hin -und Her so vieler Tritte sind diese Straßen, wie abgebraucht -und elend. Erbarmungslose Nacht über kranken -Mauern! Kein Silberstreifen Mond, kein Tau von Sternen -schenkte leise Linderung. In jedem Augenblick konnten -die ersten Tropfen fallen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Wir traten in eine Schenke, nahe der Piazza Montanara. -Meine Stirne war feucht. Die Zunge war kaum vom -Gaumen zu lösen. Das Kreuz begann zu schmerzen .. -Scirocco ..</p> - -<p>Fremde Gesichter starrten mich an. Ein Mädchen schlief -an der Schulter eines großen Bauernburschen, eine andere -malte gedankenlos Figuren in das Verschüttete ihres Weinglases. -Viele Schiffer standen am Schanktisch, hinter dem -eine alte, ernste Frau teilnahmlos und fast feindlich saß. -Giuseppe Pangi kam mir entgegen. Er gab mir die Hand:</p> - -<p>»Sie waren auf dem Wasser?«</p> - -<p>Ich deutete auf meinen Begleiter, der schweigend neben -mir saß.</p> - -<p>»Warum hast du mich nicht gerufen?« fuhr Giuseppe -den andren an.</p> - -<p>»Ich wurde nicht darum gebeten!«</p> - -<p>Giuseppe sah nach mir. Ich lachte:</p> - -<p>»Es wäre für die kurze Fahrt nicht der Mühe wert gewesen. -Sie wissen, daß ich es nicht vorherbestimmen -kann, wann ich nachts herunterkomme ..«</p> - -<p>Umsitzende waren auf das Gespräch aufmerksam geworden. -Einige traten heran. Plötzlich fragte ein Kerl, -aus welchem Lande ich sei. Wütend sprang Giuseppe auf: -»Geht es dich etwas an, du frecher Hund? Willst du -dich unterstehen, einen Fremden auszuforschen, der noch -kein Wort zu dir gesprochen hat? Habe ich jemals gefragt? -Und ich rudere ihn seit Wochen auf den Fluß -hinaus?«</p> - -<p>Ich unterbrach ihn und wandte mich an den Frager, der -mich prüfend maß:</p> - -<p>»Warum wollen Sie wissen, aus welchem Lande ich bin?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -»Ich will es Ihnen sagen: wenn Sie ein Deutscher sind, -dann sollen Sie verrecken! Ich bin ein Kutscher, und ein -Deutscher hat mich heute um fünf Lire betrogen ..«</p> - -<p>»Ich bin ein Deutscher«, sagte ich ruhig und stand auf.</p> - -<p>Ich fühlte, wie sich zwei Parteien bildeten. Giuseppe -trat hinter mich:</p> - -<p>»Schmeißt den Kerl hinaus, der die Fremden beschimpft, -an denen wir unser Geld verdienen, den Lump, die Saufeule!«</p> - -<p>Ein fürchterlicher Lärm hob an, die Wirtin jammerte und -schlug die Hände ein über das andere Mal auf die breiten -Hüften .. Die Tür flog auf – man hörte einen Augenblick -lang das Aufklatschen des Regens – dann war tiefe -Stille.</p> - -<p>Ich ließ Wein und Zigarren bringen. Sie saßen alle um -mich, Pferdeknechte und Bauern, Steinklopfer und Gärtner, -Schiffer und Maurer – und ich erzählte von meinem -Land: von Arbeit und Lohn, von Achtstundentag und -Sonntagsruhe, von Heer und Flotte, von Verwaltung und -Gericht .. von allem, was einem Wunsch oder einem Bedürfnis -ihres einfachen Lebens entgegenkam. Sie warfen -Fragen dazwischen, sie stellten Vergleiche an, selbst die -Wirtin hatte sich herangesetzt und hörte mit zu.</p> - -<p>Es war fast ein Uhr, als ich aufbrach. Alle boten ihre -Begleitung an. Ich bat einen oder zwei, mich bis zur -nächsten Haltestelle der Wagen zu bringen. Ich fürchtete, -der Hinausgeworfene könne irgendwo im Dunkel auf -mich lauern. Aber es ließ sich niemand blicken.</p> - -<p>»Porco d'un Napoletano!« sagte Giuseppe, während er -in weitem Bogen ausspuckte ..</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a> -Ich ging mit Axel dem Palatin zu. Am Eingang der Via -San Teodoro nahm uns blauer Schatten auf. Wir blieben -bei den Pferden stehen, die Tag für Tag vor einer Stallung -dieser Straße an niedrigen Wassertrögen geputzt werden. -In den großen Augen der Tiere schwamm das Gold des -Abendlichtes. Axel streichelte die Nüstern eines schlanken, -braunen Füllens und legte den Kopf an die weiche -Seide des dünnen Halses. Der Knecht ließ Bürste und -Striegel sinken. Er sah mich an, wie wenn er meine Bestätigung -suchte und sagte strahlenden Auges:</p> - -<p>»O l'aspetto! la testa d'un bel cavallo e la faccia d'un bel -Signorino ..«</p> - -<p>Wir traten schweigend durch die schmale eiserne Schranke -des Eingangs auf den Grasweg, der zur Höhe des Palatin -führt. Die späte Sonne lag auf den Mauerzinnen. Das -schwere Grün regloser Wipfel grüßte aus hoher Bläue. -Durch kühle Bogengänge gelangten wir auf die Höhe, -wo die Trümmer der Paläste liegen. Wir standen vor -Blumenvestibülen, die den Schritt müder Kaiser in ihre -Stille gelockt hatten, vor abgebrochnen Säulen, auf denen -einst die goldnen Ziegeldächer ruhten. Unwillkürlich -lenkten wir die Schritte nach den abgelegenen Mauern, -die ganz von Maréchal Niel-Rosen bedeckt sind. Schon -hatten einige Blüten die süße Streu ihrer Blätter auf das -gebleichte Gras geschüttet. Wir wandelten auf und nieder, -verloren uns für Augenblicke zwischen Gebüsch und -Trümmern und trafen uns wieder vor dem Glanz einer -Blume, vor dem Rätsel eines zartgemeißelten Säulenknaufs -oder dem dunklen Aufbruch einer Zisterne. Axel -hatte einen Grashalm durch den Mund gezogen und -stand bloßen Hauptes gegen den Schatten einer Zypresse.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -Alle Weiten waren süß und still im Abendlicht. Alle -Büsche und Wipfel hatten das dunkle Gold der Lüfte -fest an sich gezogen. Wir fühlten nicht mehr, daß Lärm -von staubigen Landstraßen heraufdrang, Knarren der -Wagenräder von hellgelben Feldwegen, die sich hinter -dem Aventin und tief in der Campagna verloren. Wir -waren so abgeschieden wie auf einer einsamen, spät umsonnten -Waldwiese, die die Nacht kommen fühlt. Wir -ließen uns im Grase niedersinken bei hohen, gelben -Ginsterbüschen und suchten über uns das weiche Schweben -breiter Pinienkronen, das Flattern einer Lerche, die -singend aufstieg. Wir sahen nach den Oleanderbäumen -hinüber und fanden die weißen und roten Knospen weiter -aufgeschlossen als am Tage zuvor. Wir suchten das Gerank -der Winden und staunten, wie hoch es in die Baumwipfel -hineinwuchs. Wundervolle Winden gibt es auf -dem Palatin: Kelche aus seidenem Samt, tiefblau und -weiß, und manche mit purpurnen Zungen auf violettem -Grund. Sie hängen aus Efeugebüsch nieder, sie -drängen sich aus der grünen Wildnis feuchtwarmer Ecken -ans Licht und säumen die Ränder des Weges. Süß ist ihr -Hauch und krankhaft zart wie der Nachduft einer feinen -Salbe. Sie trinken ihr Leben aus der Tiefe des Tages. -Wenn Dämmerung naht, schließen sie langsam die Blumen -und sterben. Sie ertragen die Hand der Menschen -nicht. Die scheueste Berührung läßt Wunden und tötet -ihren Schmelz. – –</p> - -<p>Später gingen wir bis hinter den Palast des Septimius -Severus und sahen nach der Appischen Straße hinunter. -Mohnfelder wuchsen die stillen Hügel hinan, schwere -Gespanne zogen heimwärts. Der Fremde, der dort unten -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -den Abend kommen fühlt, schreitet rascher aus und bannt -ein Grauen am letzten Sonnenglanz der Kuppeln. O Heimweh -vor den Toren Roms! Wie wehtest du uns an, als über -den Villen von Frascati bleiche Rosenkränze aufblühten -und die Erlenwipfel über San Sabas Hof sich leise regten. -Axel sah mich lange an. Seine Brauen waren hochgezogen, -das ganze Gesicht in unendlicher Bewegung angespannt:</p> - -<p>»Fühlen Sie es auch?« fragte er, fast ohne den Mund zu -öffnen ..</p> - -<p>Ich senkte die Stirn.</p> - -<p>Er atmete tiefer.</p> - -<p>»Wir müssen zurück in unsere nordische Seele. Dieses -Land nimmt uns die Fröhlichkeit. Es macht uns feierlich. -Wir sind zu weich. Wir fühlen zu viel Schönheit und -haben keine Waffen. Es hilft uns nichts, daß wir schöne -Strophen schreiben, um unser Übermaß an Fühlen zu -bannen: die Künste steigern nur, sie mildern nicht. Sie -vertiefen alles und lösen nichts.« – –</p> - -<p>Wir wandten uns und gingen die Terrasse entlang nach -rückwärts, um den Ausgang zu erreichen, der zur Via di -San Gregorio hinunterführt. Der Abhang lag im Schatten. -Zwischen Rosengebüsch und Lorbeersträuchern traten -wir auf das Mohnfeld, das sich bis zur Straße hinabzieht. -Dann durchquerten wir den Konstantinbogen und gingen -dem Forum zu. Ein Wärter, der uns kannte, öffnete eine -schmale Seitenpforte. Vor einem kleinen Wasserbecken -setzten wir uns nieder. Rosen umblühten den Rand der -Einfassung. Die Abendröte spiegelte tief in dem unbewegten -Gewässer.</p> - -<p>Und Axel Arnedal begann von Schwedens Buchenwäldern -und weißen Sommernächten zu erzählen ..</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Wir beschlossen den Tag auf dem Aventin in San Sabas -stillem Orangenhof. Zwischen den niedrigen Hecken der -Obst- und Weingärten führt der Feldweg zur Kirche -empor. Brennesseln wuchern am Rain, Königskerzen, -Winden und Schirling. Tiefe Furchen zeigen den Lauf der -Karrenräder. Gesang der arbeitenden Mädchen schwingt -über der grünen Einsamkeit. Eine ferne männliche Stimme -antwortet, noch weiter hebt eine andre die neue Frage -auf .. und kaum noch vernehmbar zittert im letzten Lichtsaum -der Gegensang. Taubenschwärme fliegen aus den -Beeten auf. Wasserträger kommen von den Brunnen, am -Ende des Pfades winkt die kleine Kirche. Die Säulenbögen -des oberen Geschosses stehn in stillem Glanze. -Übervoll vom Dufte der Orangenblüten ist der kühle, -feuchte Hof. Die Seele des inneren heiligen Raumes, ergreifend -schlicht und unbeholfen, enthüllt die frühesten -christlichen Jahrhunderte. Die hierher beten kommen, -sind arme Bauern, die rings ihr Feld bestellen und Gott -um Regen oder Sonne anflehen.</p> - -<p>Wir blieben lange und gingen erst nach Sonnenuntergang. -Vor uns, im blassen Grün der Lüfte, schwebte die überirdisch-süße -Säulenapsis von San Giovanni e Paolo.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Tivoli: Wenn das Auge lange genug auf dem blauumdufteten -Grün der Bergkuppen geruht hat, wenn es vollgesogen -ist vom honiggelben Überfluß der Ginsterblüten, -vom Regenbogenschimmer des aufwirbelnden Kaskadenstaubes, -mag es tief in der dunklen Stille des Gartens versinken, -der an den Treppen der Villa d'Este niedersteigt.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -Hier ist vollkommenes Abgeschiedensein wie auf dem -Palatin. Auch Schritt und Stimme fremder Besucher vermögen -nicht mehr die versunkene Seele aufzuscheuchen. -Aber es ist ein anderes Alleinsein, in das du hier untertauchst: -weniger weit, weniger unbestimmt. Du fühlst -dich deiner eigenen Zeit und ihren Träumen näher, das -Raunen dieser Stille ist dir vertrauter. Wie süße, zu keiner -Melodie gebundene Musik webt es über den Wipfeln. Ein -Windhauch hebt die Töne auf, ein andrer verwischt sie -und trägt sie weiter in das hellgrüne Leuchten einer Wiese -oder in den Schattengang der ewig unbewegten Zypressen. -Aus den Wassern steigt das unwirkliche Lied und -versinkt in den Wassern, wie der kurzgebrochene Lauf -einer silbernen Windharfe. Nur wo das Lorbeerdickicht -jeden Atemzug der Lüfte bannt, wo feuchter Dunst in -schwarzen Hecken steht und Asfodelen blühen, müssen -die Klänge verstummen. Verwitterte Steingesichter sehn -dich klagend an, zwischen Unkraut zerbröckelt der graue -Rand geschweifter Vasen. Es hält dich nicht länger im -Brüten dieser Einsamkeit. Leichter erträgt sich das Wunder -des Gartens am Rande der breiten Steinbecken, in die -das kristallene Bergwasser einströmt: grün wie die Bäche, -die aus Gletschern stürzen. Steineichen lassen die Äste -auf der Flut schleifen. Gold der Lüfte tröpfelt zwischen -den Zweigen. Dein schwankendes Antlitz lächelt aus dem -bewegten Grunde zurück. Bläue wiegt sich im schaukelnden -Spiegel. Helle, feierliche Bilder werden geboren: Von -den Treppen steigt im Morgenlicht die Prozession. Scharlach -unter gelben Baldachinen, weißwehende Gewänder -blumentragender Frauen. Die Weihrauchfässer dampfen .. -die Litaneien ziehen dem Zuge nach.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -Ippolito d'Este, der Kardinal, wußte, was er zuweilen -dem Volk von Tivoli schuldig war. Aber dann blieben -die Gärten wieder verschlossen .. die tiefen, kühlen -Gärten mit dem Geheimnis ihrer anderen Feste ..</p> - -<p>Ganz am Ende der südwestlichen Mauer ist ein kleiner, -halbrunder Ausbau. Dort saß ich lange mit Axel und betrachtete -das Land, das sich hinter Ölbaumhügeln und -Weingärten dehnte. Schirlingsträucher, hoch wie ein -Mann, schossen im Mauerwinkel empor und hoben den -feinen Schattenhauch ihrer Blumen aus dem Schaft .. -ganz in der Tiefe zog die Straße, weiß und verstaubt, -nach Rom. Da die mattsinkende Sonne einen Abend von -Purpur und Lila versprach, ließen wir den Wagenlenker -die Richtung von Nemi einschlagen. Axel deutete im -Vorüberfahren nach der Zypressenallee der Villa Adriana -und fragte:</p> - -<p>»Wissen Sie, ob Antinous mit dem Kaiser nach Rom -kam und dort am Hofe gelebt hat?«</p> - -<p>»Ich weiß es nicht. Doch glaube ich, daß Antinous schon -gestorben war, als Hadrian in die Hauptstadt zurückkehrte.«</p> - -<p>»Wie qualvoll muß ihm diese Heimkehr gewesen sein, -wie traumlos! Er hatte seinen Gott verloren, die Schönheit, -welche ihm Welt und Kaisertum erträglich machte ..«</p> - -<p>Axel hatte sich mir zugewandt. Sein weiches Profil stand -gegen das getrübte Orange des westlichen Horizontes. -Leidenschaftlich fuhr er fort:</p> - -<p>»Ich habe nie ohne Ergriffenheit gelesen, daß das Volk -dem Liebling seines Kaisers Altäre baute, ja daß die christlichen -Priester noch bis in das fünfte Jahrhundert gegen -diese Kulte eifern mußten« – –</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -Schon flog ein bleiches Grün am Rande der Himmelswölbung -empor, als wir den Hügel von Frascati umfuhren. -Von den Kuppen war der letzte Sonnenglanz gewichen, -sie standen basaltblau gegen die graue Seide des -oberen Äthers. Kein Hauch ging in den Wipfeln. Erstarrt -in seiner Armut lag Albano, ein Haufen bröckelnden Gesteines, -Ariccia, etwas heller auf der Höhe, Genzano, -leicht von safrangelbem Schimmer überflogen .. erblindet -aber, leblos, im schwarzen Grunde fiebernd, der -Nemi-See. Ob die Mittagsonne goldne Nägel in das -Blei des brütenden Gewässers schlägt, ob Abendblau von -allen Hügeln fließt, ob Veilchenpurpur aus dunstigen -Sonnenuntergängen fliegt wie nun, da wir im Garten der -Villa Cesarini standen und in die Tiefe sahen: immer -wohnt hier der Tod. Schrecklich ist dieses Wasser, ohne -Frische, ohne Atemzüge, leblos von der erschütterten -Flanke eines Kraters aus vergiftetem Grunde heraufgespült. -Es ist kein Friede über dieser Landschaft. Hier ist -nichts ausgeruht und nichts voll Wonne an die Abendkühle -hingegeben. Hier ist nur Tod, metallener Tod: -Stahl die Berge, Messing und Kupfer der Himmel, Quecksilber -die Flut.</p> - -<p>Axel trat von der Mauerbrüstung zurück. In seinen -Zügen lag eine Abwehr wie von bitter Gekautem:</p> - -<p>»Ich hasse dieses Gewässer. Es graut mich vor allem, -was krank und verdorben ist. Ich bin lüstern nach dem, -was strahlt und weht« – –</p> - -<p>Im Brande der Campagna fuhren wir Rom entgegen. -Hinter dem Wagen wogte die rote Wolke des Staubes, -die Lüfte glühten wie Pechnelkenbeete. Wir flogen dahin, -vorbei an flammenden Herden, an flammenden Brunnen, -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -an blutigen Tümpeln und blutigen Mauern, an entzündeten -Gehöften und Brückenbögen, an ausgeglühten -Wasserleitungen und halbverkohlten Pinien .. mitten -hinein in die lichtgrünen Golfe über den Dächern der -Stadt, in den beruhigenden Hafen hinter den langezognen -Sandbänken aus Rosa und Heliotrop.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Axel war gekommen, um mit mir auszufahren.</p> - -<p>Ich war gerade aus dem Sabinergebirge zurückgekehrt, -wo ich ausländische Freunde auf ihrem Landgute besucht -hatte.</p> - -<p>Ihr Haus lag auf einem kleinen Hügel unter hohen -Ulmenbäumen, in Feld und Garten standen Kastanien, -Steineichen und Birken. Ich hatte weiße Wolkenberge -über blaugrünen Bergrücken aufsteigen sehen, ich hatte -schäumende Waldbäche rauschen hören. In allen Gärten -längs des Weges hatten Löwenmäuler und Lilien geblüht, -Federnelken und Moosrosen. Geruch von Wiesentriften -und kühlem Moosboden war mir an jeder Wende der -Straße entgegengeschlagen, und nur die hellbraunen Bergkuppen, -wo über Ginsterfeuern die nackten kleinen Städte -wuchsen, hatten immer wieder daran erinnert, daß dies -römisches Land war.</p> - -<p>Ich war bis nach dem steilen Subiaco hinaufgefahren, -um die berühmten Klöster zu sehen und hatte lange in dem -wildblühenden Säulenhof von Santa Scolastica gesessen, -während mir ein Mönch die Geschichte der Heiligen erzählte. -Noch länger aber hatte ich auf dem heißen Grasweg -geruht, bei Glockenblumen und Löwenzahn, und -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -das unersättliche Auge am Wechsel der Wolkenschatten -auf den Hügeln vollgesogen. Im Wehen des Windes war -das Rauschen der Aniowellen zu mir herufgeklungen, -und einmal hatten raschverwehte Glockenklänge den -Weg durch die glänzenden Lüfte bis zu meinem Ohr gefunden. -Um mich her weideten braune Füllen, junge -Esel waren an einem Olivenbaum festgebunden und -fraßen an dem kurzen, harten Gras. Kinder standen im -Kreise um mich her, seltsam still und ernst. Als ich bergab -stieg, folgten sie mir scheu bis zu dem Wagen, der an -der schattigen Landstraße wartete.</p> - -<p>Am Abend aber nahm mich das Haus der Freunde auf, -gefüllt vom Zauber des ländlichen Sonntags und tief -in Ströme reinen Abendgoldes eingetaucht. Alle Gespräche -waren heiter und leicht beim gemeinsamen -Mahl. Der Wein des Landes duftete aus flachen Gläsern, -Risotto, Maccaroni und Fleisch von Hühnern dampften -auf den Schüsseln, Kirschen und Nespeln lagen im geflochtenen -Bastkorb. Dann kam der starke schwarze -Kaffee, der blaue Rauch der schweren Zigarren und die -Vertiefung des Gespräches. Und alles löste sich am Ende -auf in der silbernen Sonate von Scarlatti, die aus den -dünnen, eingeschlafenen Saiten aufstieg. Es war spät geworden. -Die Sterne standen im offnen Fenster, die Birkenwipfel -fingen an, sich im Nachtwind zu regen, Leuchtkäfer -flogen – Tausende von grünen Funken – im Dunkel -duftender Rosmarinsträucher, und mitten in das Rieseln -und Lachen der Alegrettoläufe fiel lautes Schluchzen -träumender Nachtigallen. – –</p> - -<p>Dies alles hatte ich erzählt, während Axel einige welke -Blätter aus einem Kamelienstrauß entfernte und eine -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -Blüte in das Knopfloch steckte. Er setzte sich auf das -Fensterbrett und fragte:</p> - -<p>»Wollen Sie wirklich morgen reisen?«</p> - -<p>»Bestimmt. Ich fahre am Nachmittag nach Neapel und -nehme abends den Dampfer nach Palermo.«</p> - -<p>»Ich verstehe Sie und verstehe Sie doch nicht. Es liegt soviel -Grausamkeit in der Art Ihrer Beschlüsse ..«</p> - -<p>Es wurde an die Türe geklopft. Man meldete, daß der -Wagen bereit stehe.</p> - -<p>Wir fuhren nach den Thermen, um noch einmal zusammen -den Epheben von Subiaco zu sehen. Ich kenne keinen -Torso, der mich tiefer ergreift. Kopf und Hände fehlen -– der Leib allein offenbart die grenzenlose Leidenschaft, -das inbrünstige Hinverlangen nach dem ersehnten -Ziel. Der Marmor blüht in dunkelgoldner Fülle, die -Poren atmen warm und gesund, die Lust des Tieres und -die stille Beseelung des ganz von einer inneren Sehnsucht -ergriffenen Menschen ist in dem Rhythmus der stürmischen -Bewegung vermengt, die um so tiefer hinreißt, je -weniger sie bedingt gedeutet werden kann.</p> - -<p>Axels Hände lagen auf den Hüften der Statue.</p> - -<p>»Ich kann nicht anders, sagte er leise. Ich muß berühren, -was ich liebe. Mit meinen Fingerspitzen muß ich fühlen, -was ich besitzen will. Ich bin wie Kinder und Blinde, die -erst im Tasten ganz erkennen.«</p> - -<p>Niemals mehr werde ich diese schmale, starke Hand -mit den flammenden Smaragdringen auf dem stummdurchglühten -Stein vergessen.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Der Schattenweg, der zu Santa Sabina hinaufführt, nahm -uns in seine hohen Mauern auf. Wir gingen langsam in -den breiten Windungen empor. Kaum war etwas Grünes -zu sehen: eine kurze Rasenböschung zur Rechten, verdorrt -und staubig, sonst nichts als brauner Stein und -blaue Luft .. später eine Baumpflanzung, ein freier Platz, -unsäglich einsam, mit kurzem Gras bewachsen, und zwischen -vier korinthischen Säulen der Eingang zu der alten -christlichen Basilika. Hier weht im Schwung der schönen -Halbkreise, die dem Raum jugendliche Belebung und -das Maß der klaren Mitte schenken, die einfach-freie -Seele des antiken Tempels. Das ganze Gotteshaus ist -Frühling. Über seinen Dächern müßten blühende Kirschbaumäste -schwanken, durch die offenen Fenster müßte -ihr süßer Rauch statt Weihrauches wehen, wenn die Kerzen -der Frühmesse am Altare flammen. Bienen müßten -im Mittag zwischen den weißen Kelchen schwirren, und -Schwalben, die leichten Schwalben des Aventin, sich -über dem Abendgesang der Kinder wiegen.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Wenige Schritte von Santa Sabina liegt die Villa der Maltheserritter.</p> - -<p>Eine Pförtnerin öffnete das Tor.</p> - -<p>Wir schritten entblößten Hauptes den tiefen, von dunklem -Laub gewölbten Gartenweg hinab zur goldnen -Lichtung, in der Sankt Peters ewige Kuppel stand.</p> - -<p>Abwehrend liegt das Priorat des großen Ordens am steilsten -Abhang des Aventin. Sein Garten steigt zwischen -dichten Mauern in kleinen Terrassen die Böschung hinunter -<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -und öffnet seinen stillen, grünen Schoß der Abendsonne. -Alles in diesen Laubgängen, in diesen Blumenbeeten -deutet auf Abend, auf Frieden und Entlastung, -auf lange, klare Gespräche, auf Sammlung und Traum. -Wenig Fremde kommen hierher: wenige wissen von dem -Geist, der hier um Baum und Blume schwebt, von der -stillen Heiligkeit, die kaum ein ungebetener Schritt stört. -Wer hierher geht, weiß im voraus, wo er ist. Und was er -erwartet, fließt aus dem Einklang seiner Seele mit der -Seele des Bodens, auf dem er wandelt: Wie tief ist das -Gefangensein im Dämmer dieser Hecken, im Sonnenlicht, -das um die alten Steinbänke spielt. In einem kleinen -Brunnen singt der scheue, silberne Strahl Rosen und -Schwertlilien das nie verstummende Lied, so zart-erinnerungsvoll -im windverwehten Fall der Töne wie das -Flötenlied eines Hirtenknaben hinter verlorenen Halden. -Aber die schwache Melodie überschwebt nur den tiefer -wogenden Gesang, den sie im Ohr des Lauschers weckt: -Hymne der Liebe, welche den großen Gedanken im Herzen -erregt und die große Tat.</p> - -<p>Arm in Arm wandeln die wieder erwachten Schatten der -Ritter die stillen Pfade herauf: La Valette und der Marquis -von Posa, St. Priest und Créqui, die Helden von -St. Elmo. Malta steigt auf, steinern und rosa aus dem -Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, lodernd -wie der Glaube seiner Hüter.</p> - -<p>Da fällt das Heimweh über dich: das namenlose uralte -Heimweh des Vaterlandslosen nach seinem Vaterland: -nach den Reichen des Geistes, der dich selbst beseelt -und mit den Widerständen einer entgötterten Zeit ringt. -Du weißt es, daß Tausende wie du im Dunkel glühn und -<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -leiden, du weißt es, daß tausend Sehnsuchten, der deinen -gleich, die helfend-verbündete Sehnsucht suchen, -daß ein Wille nach Zusammenschluß in all diesen Zerstreuten -lebt, die einzeln unfruchtbar, als Ganzes eine unbesiegbar -schöne Macht bedeuten müßten. Wenn einer -käme, vom gleichen Geist erfüllt, zum Herrschen geboren -und zum Wirken berufen, und seine Stimme zur -Sammlung durch alle Länder schickte, Befreiung und -Schönheit eines klaren, einfachen Lebens verkündend: -wenn die Gefesselten sich um ihn scharten: so könnte -ein Sturmwind durch die verängstete Menschheit fahren, -forttreiben, was im Innern krank und verkrüppelt lebt -und reinigen, was in verfaulter Luft geatmet hat. Wenn -ein solcher käme und schüfe wieder Gleichgewicht! Setzte -den Leib als unbedingtes schönes Maß und gäbe dem -Geist die Herrschaft in der vorgeschriebenen Umgrenzung .. -vertiefte die Irdischkeit und ließe das Feuer des -schöpferischen Willens das Wirkliche so rein durchglühen, -daß in der einfachsten menschlichen Tat die -Gottheit fühlbar würde und Gestalt annähme! Wenn sich -ein Orden derer formte, die das große Beispiel gäben: -die aus der Arbeit an sich selber den Glauben an ihre -Fruchtbarkeit nähmen, und dem Geiste getreu lebten, -der nur dem Werk und nie dem Wirkenden dient!</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_103"> </a> -NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -<b>N</b>eapel: Stadt voll ewiger Gegenwart, hellblau- und -goldene Bewegung, Wehen von tausend bunten Tüchern -im Winde, göttlicher Schmutz und göttliche Faulheit, -Volk, nichts als Volk, frech und bescheiden zugleich, -stolz und anschmiegsam, verdorben und harmlos, bezaubernd -betrügerisch, maßlos in seiner Freude am Geld, -sinnlich und wundervoll schamlos, ganz Körper, ganz -Lust, ein Volk, in dessen Leben du gleitest, ohne zu wissen -wie. Das ist nicht mehr das bewußte Hinabgehen zu den -kleinen Leuten wie in Rom, das Aufsuchen ihrer Stadtviertel -und ihrer Schenken: wo du gehst, wo du nur -einen Augenblick verweilst, bist du mitten unter ihnen. -Sie laufen dir nach, sie schreien dir zu, sie winken, sie -bieten tausend verlockende Dinge an, Katzen und Hunde, -Vögel, Blumen, Dirnen, Kuchen, Karten, Knaben, Eis, -Zuckerwasser, Kastanien, eine Ziege .. Wenn du nur -ahnen läßt, es könne dich irgendeine dieser Anpreisungen -locken, bist du verloren. Du kannst nicht weitergehen, -sie rühren dich an, der Hauch ihres schreienden Mundes -streift dein Gesicht, die Flamme ihrer Augen lodert dicht -vor deinen Augen, ihre Stimme wird bittend, einschmeichelnd, -listig und überzeugend, die Hände helfen der -Stimme nach, sie schließen sich in den Fingerspitzen am -Mund, sie öffnen sich wieder, wenn sie ein leidenschaftliches -Ecco begleiten. Erst wenn du die Redenden durch -eine unerschütterliche Ruhe fühlen lässet, daß du längst -dies alles kennst, wenn du nur lächelst und sie mitlaufen -läßt, so lange sie wollen, ohne ein Wort des Unwillens -(warum auch Unwillen?), bleiben sie langsam zurück. -Aber einer oder zwei werden dir dennoch weiter folgen, -vielleicht in einiger Entfernung und ganz voll neuer Angriffspläne. -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -Sie warten, wenn du in ein Haus trittst, bis -du wieder herauskommst, sie werden sich auf den Treppen -herumtreiben und Würfel spielen. Nimmst du einen -Wagen, so kann es leicht geschehen, daß sie auf dem -Trittbrett mitfahren. Laß sie ruhig da stehen. Es ist ja -so schön, in ihre verbrannten, verwahrlosten Gesichter -zu schauen, denen kein Schmutz das Leuchten und das -knabenhafte Gaunertum nehmen kann. Laß sie immer -wieder bitten und betteln: Der Tonfall ihrer Sprache ist -das Lied, das deine Fahrt begleitet. Sag ihnen, sie sollen -sich auf den Boden des Wagens setzen, zünde dir eine -Zigarette an und reiche ihnen wie einem Signore das -Etui: Du wirst erstaunt sein, wie zurückhaltend-liebenswürdig -sie sich eine Zigarette nehmen, die kleinste, die -zerdrückteste .. frage sie dann nach ihren Eltern, nach -ihren Geschwistern, nach dem Gehen und Kommen der -großen Dampfer (sie wissen genau die Namen und den -Fahrplan, denn der Hafen ist seit ihrer frühesten Kindheit -ihr Leben) .. frage sie nach ihren Vergnügungen -und ihren Plänen: und du wirst so reizend plaudern wie -mit deinesgleichen, sie werden ganz im leichten Ton -deiner Frage antworten, höflich und sicher. Sie werden -vergessen, daß sie irgend etwas von dir wollten, sie fahren -ja spazieren, sie rauchen, und sie machen eine Unterhaltung -mit einem Signore. Gehst du vielleicht zu deinen -Bronzen oder Marmorstatuen und bist geneigt, ein Äußerstes -zu tun, so nimm sie mit, wenn sie schön genug sind. -Lasse sie neben dir die Wehmut des Antinous betrachten, -und die Herbheit des Doryphoros, den ruhenden Hermes -und die Nike im Flug. Sieh, wie ihr Auge diese Schönheit -liebkost, wie sie sich in das Leben dieser Statuen -<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -hineinlehnen, das ihnen wirklich lebt und nicht erstarrt -ist .. ja sieh, wie ihre Haltung unwillkürlich nachahmt, -was sie sehen, wie sie zu lauschen scheinen mit Narziß-Dionysos -und nachsinnen mit dem feinen, gedankenvollen -Antlitz des athenischen Epheben. Gewiß: sie fassen -nicht die Seele, nicht den inneren Sinn dieser Werke: -aber sie spüren an sich die ganze unbewußte Macht der -künstlerischen Schöpfung, die ihnen Liebe und Ehrfurcht -erweckt. Sie fühlen, daß diese Werke unantastbar sind, -jenseits von allem, was der Tag ihrem einfachen Augenblicksleben -zuträgt, und sie ehren die Gottheit, indem -sie das Göttliche bewundern.</p> - -<p>Dieses Volk von Neapel ist noch das einzige, in dem du -die griechische Seele auf römischer Erde findest. Noch -lebt – von keiner Mischung des Blutes erdrückt – das -Erbe der hellenischen Siedler in diesen Menschen. Es lebt -die Leichtigkeit der Einfühlung, die unbeschreibliche -Bewegung von Geist und Sinnlichkeit, die sie so süß-unwiderstehlich -macht, selbst da, wo schon Zerfall und -Entartung sichtbar werden.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Nun war ich zum erstenmal am Abend in Neapel angekommen -und hatte mich geradeswegs zum Hafen hinunterfahren -lassen, um mich noch vor der Dunkelheit -einzuschiffen. Ich wußte, daß ich mir selbst Gewalt antat, -als ich so rasch und fast geschlossnen Auges die geliebten -Straßen durchfuhr. An jeder Ecke winkte Erinnerung, -und ich wäre fast umgekehrt, als ich, umringt -von rufenden Männern und Frauen, dicht bei der Villa -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -del Popolo, an der Immacolatella Nuova ausstieg. Schon -ehe ich den Wagen verließ, war ein brauner Kerl auf das -Trittbrett gesprungen und hatte mir lachend die Hand gereicht: -er kenne mich wieder, er habe im vorigen Jahre -mein Gepäck auf den Morgendampfer nach Capri gefahren, -unten, bei Santa Lucia. Ein Schwall von Fragen -stürzte dann über mich, auf die ich nicht eine einzige Antwort -gab. Andere Träger wollten sich inzwischen über -meine Koffer hermachen. Drohend und fluchend wies sie -der zuerst Gekommene zurück, indem er die Lüge zu -Hilfe nahm: er kenne mich sehr gut, ich habe ihm meine -Ankunft gemeldet. Er ganz allein habe sich um meine Sachen -zu kümmern, niemand sonst. Und aufgeregt das -feuchte, erhitzte Gesicht mir zuwendend: »Non è vero? -Signore? Signore! non dico la verità?« Ich nickte nur mit -dem Kopf und klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter. -»Verissimo! Andate!« .. Der Streit war geschlichtet, -es gab keine Widersprüche mehr. Das Gepäck wurde zusammengebunden, -aufgestapelt und blieb am Ufer stehen, -bis eine kleine Barke frei wurde, die mich zum Dampfer -nach Palermo übersetzen konnte. Die Menge war ganz -dicht an mich herangetreten. Kinder – irgendein Menschliches -in prachtvollen Lumpen – kletterten über die -großen Koffer und sprangen von oben in den Staub herunter. -Weiber in halboffnen Blusen und schleifenden -Röcken, die Arme über den tiefen Brüsten gekreuzt, versuchten -die Namen der vielen bunten Plakate zu entziffern, -ein alter Mann befühlte meinen Mantel und fragte -nach dem Namen des Stoffes, und wie ein Luchs umschlich -ein gelblicher Flegel von vielleicht zwölf Jahren -die Schirmhülle, aus der die goldne Krücke eines Stockes -<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -herausschaute. Ein Hauch von Teer und Öl wechselte -mit dem Fäulnisduft der schmutziggrünen Hafenpfütze. -Die Sonne war im Sinken, die verwischten Schatten verkündeten, -daß sie in Dünsten unterging.</p> - -<p>Es war schwül, unendlich schwül.</p> - -<p>Wir fuhren über. Der Dampfer lag weit draußen, weiter -als gewöhnlich, da Schiff an Schiff sich in dem Hafenbecken -drängte und kaum eine ruhige Anfahrt zu finden -war. Die Wellen gingen hoch, die offne See hatte harten, -stahlblauen Glanz.</p> - -<p>Man hatte mir eine Kabine auf Deck gegeben, luftig, breit -und rein.</p> - -<p>Ich kam mit dem Kapitän ins Gespräch. Er schaute nach -einem großen Dampfer, der dicht neben uns lag. Hunderte -von Soldaten standen an Backbord und sahen nach -dem Land zurück.</p> - -<p>»Sie gehen in den Krieg nach Tripolis,« sagte der Kapitän. -Ich war erstaunt über die Traurigkeit seiner Stimme und -sah ihn an.</p> - -<p>Er zuckte die Achseln:</p> - -<p>»Wer weiß, wie viele zurückkommen? Es mag ja sein, -daß dieser Krieg für unser Land notwendig war: ob er -sich lohnt, ist eine andere Frage, von der das Volk nichts -weiß. Es fließt viel Blut, und es wird viel gelitten. Sand, -Wüste, Krankheit und die Wut der Barbaren. Wir -kämpfen schon so lange und sehen so wenig großen -Erfolg ..«</p> - -<p>Er winkte einigen Soldaten, die vom hohen Rand ihres -Schiffes zu uns niederschauten. Sie winkten wieder. Ihre -Gesichter waren ernst, still und unbewegt, angespannt -in verborgener Erregung.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -Plötzlich kam ein Zittern in den Rumpf des Kriegsschiffes, -ein dickes, schwarzes Tau fiel aufklatschend ins Meer, -dichter Wogenschaum schoß weiß um den Bug .. dann -abermals ein Zittern, stärker und leise dröhnend .. Schon -ward die Drehung fühlbar .. Tücher wehten vom Uferrand, -wo das Schreien der Menge verstummte, Tücher -wehten vom Schiff zurück .. die Soldaten standen entblößten -Hauptes, die Augen unverwandt auf die Küste -richtend. Jeder Mensch, der in diesem Augenblick im -Hafen war, fühlte, daß noch irgend etwas kommen mußte, -das die entsetzliche Spannung löste, ein Aufschreien oder -Aufjubeln, ein Rufen oder eine laut einfallende Musik, -die die Qual dieser langsamen Loslösung in ihren Strudel -riß: Nichts von allem kam. Aber wie von unsichtbaren -Lippen begonnen, von hundert unsichtbaren Lippen aufgenommen -und weitergeführt, schwebte mit einem Male -dunkler Gesang in der dunkelnden Luft: kein Kriegslied, -keine Landeshymne: nur das unaussprechliche:</p> - -<p class="ce">Addio Napoli ..</p> - -<p>Der Abend war trüb und schwül, die Häuser verschwammen -schon in leichten Schatten: Da war es über sie gekommen, -dies Unbeschreibliche, das selbst der Fremde -spürt, dies Wehe, Hinsterbende des Abschieds, wie es -nur die eine, unsterbliche Melodie zu sagen weiß. Und -sie hatten der Stadt gegeben, was jeder Scheidende ihr -gibt. –</p> - -<p>Ich saß am äußersten Ende des Schiffes und sah auf die -dämmernde Stadt. Meine Augen suchten aus dem Gewühl -der Häuser loszulösen, was sie noch erkennen -konnten. In dem leichten Dunst hatten sich Raum und -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -Höhe verschoben, nur was vom Sonnenuntergang noch -einen Schein auffing, war körperhaft und deutlich. Meine -Augen ruhten lange auf dem schlanken Turm von Santa -Maria del Carmine, und Konradins Andenken wurde -wach. Sein armer, geschändeter Körper liegt dort begraben, -unter dem Denkmal, das die Liebe des bayrischen -Königs ihm errichtet hat. Nicht weit von der Kirche ist -der Marktplatz, wo sein und seines Freundes Haupt fiel. -An den Bäumen der Villa del Popolo wurden mildere -Gedanken wach. Erinnerungen an warme, helle Abendstunden, -als ich mit Bettlern, Viehtreibern, Kesselflickern, -Straßenkehrern, Dirnen und alten Vetteln dem Vorleser -lauschte, der das Schicksal des Grafen von Monte-Christo -erzählte. O wundervoll zufriedenes und bescheidenes -Volk. Wer sie so sitzen sah, so stehn, so liegen, so -ganz in die Wunder der erdichteten Welt gebannt, eine -Orange schälend oder an klebenden Datteln kauend und -die Kerne weit im Bogen von sich spuckend .. wer ihren -Schmutz so überstrahlt von innerer Einfalt sah, von -einem Träumen, das nie den Neid kannte: der muß sie -lieben, muß sie fast beneiden, die ganz am Boden leben, -und doch so gern, so leidenschaftlich leben.</p> - -<p>Meine Blicke wanderten im Halbkreis weiter bis zur -Höhe von San Martino hinauf. Gitarren- und Zitherklänge -wehten aus dem Dunkel weitgeöffneter Türen. -Hier und da glomm schon ein Licht in hohen Zimmern -auf. Ein später Dudelsackpfeifer ward einen Augenblick -an einer nahen Straßenecke sichtbar und verschwand im -Verhallen der Töne. Ganz fern erschienen über den dünnen -Eisenstäben eines schwebenden Balkons die Köpfe -zweier Ziegen. Die hellblaue Gestalt einer Frau ward -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -neben den Tieren sichtbar. Sie ließ sich auf einem Schemel -nieder und begann zu melken. – Über der nördlichen -Stadt schloß sich der Himmel langsam wieder auf, weiße, -flache Dächer fingen noch einmal an zu leuchten, Palmenwipfel -zückten ihre schwarzen Spitzen in die safrangelbe -Helle. Die Häusermassen rückten steilgeschichtet zusammen, -was eben noch gedehnt-verwischt erschien, wurde -eng und deutlich. Hügel kamen aus geöffneten Himmeln, -lila und mildgewölbt. Villen blinkten auf. Der Seewind -strich kühl über die Flanken des fliehenden Schiffes. Wir -waren schon unter dem letzten Leuchtturm am Molo -San Vincenzo. In einer plötzlichen Wendung nahm das -Schiff südlichen Kurs. Eine Schelle rief zum Abendessen. -Ich saß noch immer, in meinen Mantel gehüllt, allein am -zitternden Steuerbord, ganz hingegeben an die ununterbrochene -Verwandlung der weichenden Stadt. Mit jedem -Wellenschlag sank sie mehr in sich selbst zurück .. mit -jedem Wellenschlag entfaltete sie weiter den Kranz ihrer -Hügel und die langen, glitzernden Schnüre ihrer Hafenlichter, -von Santa Maria del Carmine über das Ufer von -Santa Lucia bis an den Fuß des Posilipp. Schwarz-verschwommen -tauchten noch einmal die Baumkronen -der Villa Nazionale auf, glühende, selige Nachmittage -weckend: Gewühl und Duft von weißen, dünnen Kleidern, -lautes Lachen, Wogen vermischter Parfüme, -Schwirren von Geigen im warmen Wind, Klirren von -Tassen und Tellern, Aufleuchten der grünen, gelben, -roten Getränke in den schlanken und flachen Gläsern, -grüne, gelbe, rote, violette, weiße, blaue Flecken und -Tupfen von hundert aufgespannten Sonnenschirmen – -und nah, zum Greifen nah, das hochansteigende Meer voll -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -wiegender Barken .. das blaue, kristallene Meer, endlos .. -endlos ..</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Ich ließ mein Essen an einem kleinen Tische auftragen, abseits -von der großen Tafel, und schaute durch die offnen -Luken auf die bewegte See. Die Wogen überschlugen sich -rasch in schwarzem Glänzen, ganz in der Ferne hoben sich -lange, weiße Kämme. Die ersten Sterne warfen ihr silbergrünes -Licht in den letzten, rostigen Brand des Horizontes. -Man fühlte, daß die Nacht kühl und klar sein würde. -Es waren nicht mehr als fünfzehn Reisende im Speisesaal. -Fast niemand sprach. Keiner kannte den andern.</p> - -<p>Auf Deck erklang eine Mandoline. Eine tiefe Stimme fiel -ein. Ich konnte die Worte nicht verstehen. Die Melodie -hatte ich einmal auf Ischia gehört. Das Lied verstummte. -Ein anderes Vorspiel begann, eine hellere, jüngere Stimme -nahm den Gesang auf. Im Saal schloß einer das Fenster, -ein dünner Sprühregen war über Tische und Sessel gefallen. -Das Meer warf stärkere Wellen, die Schaumränder -verzischten breiter und leuchtender. Das grüne Blitzen der -Sterne wurde rosa auf dunkelgrauem, seidnem Grund.</p> - -<p>Ich ging auf das Deck zurück, nach vorne, wo die Matrosen -saßen. Sie grüßten. Einer stand auf und bot mir -seinen Platz an. Ich dankte und setzte mich auf eine -kleine Holztreppe mitten unter sie.</p> - -<p>»Wir werden rauhes Meer bekommen?«</p> - -<p>»Nein, Herr. Wenn wir an Capri vorbei sind, wird sich -der Wogengang ausgleichen. Es ist immer im Golf bewegter -als draußen.«</p> - -<p>»Es fahren wenig Leute um diese Zeit.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -»Fast keiner mehr. Es ist zu heiß.«</p> - -<p>»Seid ihr Napolitaner?«</p> - -<p>»Die beiden dort. Der hier ist aus Trapani, ich selbst aus -Messina.«</p> - -<p>»Waren Sie während des Erdbebens in der Stadt?«</p> - -<p>»Nein, Herr. Ich war auf einem Handelsschiff in Malta. -Als ich zurückkam, waren meine Eltern tot. Mein Bruder -starb am gleichen Tag im Krankenhause. Seitdem bin ich -nicht mehr in der Stadt gewesen. Ich fahre zwischen -Neapel und Tunis. Aber nur noch in diesem Jahre. Dann -gehe ich fort. Weit fort. Nach Südamerika. Ich habe -hier nichts mehr zu suchen. Ich gehe auf die Farm meines -Bruders. Ich verdiene dort viermal so viel Geld als hier -und habe ein gutes Leben.«</p> - -<p>»Werden Sie den Wechsel ohne weiteres ertragen? Man -sagt, wer sich an das Meer gewöhnt hat, kann nur -schlecht am Lande leben.«</p> - -<p>»Ich glaube, Herr, man kann alles ertragen ..«</p> - -<p>Der aus Trapani fing an, auf einer Harmonika zu spielen .. -ein fremdartiges Lied, das an das jüdische Kol Nidrei -erinnerte. Die anderen summten leise mit. Ich stieg die -Treppe empor und sah in die Weite. Unmittelbar vor -uns lag Capri, schwarz und verschlossen. Nur wenige -Laternen im Hafen warfen gelbes Licht. Hart an der -höchsten Gipfelkante stand eine Wolke, auf deren Rand -von unten Mondlicht fiel.</p> - -<p>»Sie kennen Capri?« fragte der aus Messina, der mir gefolgt -war.</p> - -<p>»Ich kenne es gut.«</p> - -<p>Schon schwand der Hafen hinter der Punta Vitara. Genau -vor uns auf der Höhe mußte Anacapri liegen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -»Wie oft bin ich dort oben spät am Abend gegangen, -um das Schiff nach Palermo vorüberfahren zu sehen! -Wie oft habe ich mir gewünscht, mitzufahren.«</p> - -<p>»Sie gehen zum erstenmal nach Sizilien?«</p> - -<p>»Zum allererstenmal.«</p> - -<p>Nun fuhren wir um das Nordwestkap der Insel. Die letzten -Lichter loschen. Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren -Mondes dämmerten die grauen Ölbaumhänge -auf. Dann kam noch einmal dünnes Licht aus kleinen -Bauernhäusern und losch im selben Augenblick. Im Wasser -zog plötzlich ein heller, silberner Streifen, zuckte auf, -verschwand, kam wieder, nun schon ein rieselnder Bach, -ging nochmals unter und tauchte wieder auf als eine weiche, -bläulichweiße Flut. Zu unsrer Linken stand die zunehmende -Sichel des Mondes, gegen das Meer hinabgeneigt.</p> - -<p>So fuhren wir auf kühlem Silber in die Tiefe der Nacht.</p> - -<p>Lange noch lag ich wach in meinem Bett. Das Schiff ging -still, in leichtem, einschläferndem Schüttern. Der Gesang -der Matrosen klang leise nach .. ein dunkles, summendes -Wiegen .. durch den Vorhang des offnen Fensters.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Irgend ein Geräusch hatte mich geweckt. Ich mußte mich -einen Augenblick lang besinnen, wo ich war. Da rief -die Stimme wieder vor dem Vorhang:</p> - -<p>»Signore! Signore! l'Isola! l'Isola!«</p> - -<p>Und gleich darauf wurde der Kopf des Matrosen aus -Messina sichtbar.</p> - -<p>»Buon giorno, Signore. Ecco la Sicilia!«</p> - -<p>Ich trat an die offne Luke. Silberner, sprühender Seewind -<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -schlug mir entgegen. Das Meer ging hoch und hellblau -im ersten Gold der Frühe. Ich sah nichts als Meer.</p> - -<p>»Dove, dove? Non vedo!«</p> - -<p>Da faßte der Matrose meinen Kopf und drehte ihn nach -links, so daß die Augen genau die Richtung seines Zeigefingers -einhalten mußten.</p> - -<p>Und ich begann zu sehen: Ganz ferne, unwirklich aus -grauem Weihrauch gewoben, von einem silbernen Seidenfaden -eingefaßt, der erste Umriß der sizilischen Küste. -Wenig später stand ich ganz vorn am Bug des Schiffes, -mitten im Wehen, im Sprühen, im Rauschen und Knistern -von Wind und Licht und Meer .. hingebannt .. hingerissen, -in die aufstrahlende Ferne starrend, in der das -Ziel so langer Liebe lag.</p> - -<p>Im Schiff war das Leben erwacht. Heizer und Arbeiter -kamen auf Deck, Taue wurden gerollt, Segeltücher zusammengeschlagen, -die Planken gewaschen. An den Fenstern -der Kabinen klirrten die Messingringe der Vorhänge, -verschlafene Gesichter schauten heraus und verschwanden -wieder. Rinder brüllten in ihrem tiefen Gefängnis, -ein Pferd fing an zu wiehern, Krane wurden aufgedreht -und Kisten aus der Tiefe emporgeleiert, Gepäckstücke -und Warenballen wurden aufgestapelt. Kinder liefen vom -Zwischendeck unter die Matrosen und ließen sich an den -Armen hochheben. Arme Frauen, die nach langer, trauriger -Trennung die Heimat zum erstenmal wiedersahen, saßen -am Boden und weinten still in ihre mageren Hände.</p> - -<p>Doch alles dies blieb schattenhaft gedämpft in meinem -Rücken. Ich war nur Auge. Jede Sekunde brachte ein -neues Licht, einen neuen Duft über der Ferne. Schon sah -man Berg an Berg geschoben, nun übereinandergedrängt, -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -nun leicht gelöst, nun mit einem neuen Gipfel scheinbar -verwachsen und gleich darauf wieder geschieden. Schon -brach ein farbiger Schimmer durch die duftige Bläue der -Hügel, bald lichtes Braun, bald bleiches Lila, bald silbernes -Rosa. Dann kam ein Gelb dazu. Eine Sekunde -lang zuckte ein harter Glanz auf: so wie wenn einer -spiegelblanke goldne Platten im Lichte schüttelt – über -einem steilen Grat zerriß ein Schleier: Purpurn tauchte -der Fels in reines Enzianblau. Auf grauem Geröll flogen -goldne Dünste zur Tiefe. Falte um Falte schloß sich auf, -weich und gewölbt, von ewigmilder Luft geglättet, so -wie der basaltene Block vom Meer. Brausend flog der -Schaum unter dem schneidenden Kiel. Abermals fiel ein -silbernes Gewebe: Da stand in roter Flamme der Pellegrino -vor uns, Palermos Warte.</p> - -<p>Dann aber schwand das Vermögen, noch das einzelne -nebeneinander zu unterscheiden. Häuser kamen, schneeweiß -und elfenbeinern, mit blauen Schlagschatten an den -kahlen Wänden, Fensterscheiben flammten. Türme und -Kuppeln tauchten auf. Hafendämme, Schuppen, Lagergebäude -schoben sich am Ufer nebeneinander .. Menschen -standen an der Mole und winkten .. Wasserträger schrieen, -betäubend, ohne Unterbrechung: Acquàa .. Acquàa .. -Weiße Sonne sprang vom weißen Gestein in das blendende -Auge .. Die Hitze prasselte aus dem Lodern der -Bläue, trotzdem es noch früh am Tage war .. Acquàa, -schrie die unermüdliche Stimme .. Acquaàà ..</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_119"> </a> -PALERMO</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a> -<b>P</b>alermo: Goldsprühende Garbe. –</p> - -<p>Wie brennende Tücher schlug die Luft in mein Gesicht, -als ich über die Schwelle des Gasthofs ins Freie -trat. Zögernd gab sich der Körper, über Leib und Hüften -ging ein kurzer, aufreizender Schauer .. die weißen -Schuhe nahmen tastend das Pflaster, das Auge suchte -die Milderung der satten Bläue, im Schreiten wurde der -Seewind fühlbar, der vom Hafen heraufstrich. Das -Meer lag unbewegt, ein riesiger Türkis im weißen Gold -der Hafenfassung. Ich wandte mich in das Innere der -Stadt.</p> - -<p>Wie leicht waren die Schritte, die keine Schwere des Vertrautseins -hemmte, kein Ziel! Ich ging nur .. ohne Absicht, -ohne Plan. Hier lockte eine Kuppel und dort eine -Palme, das laue Halbdunkel einer gewundenen Straße -lud zum Eintritt – und nach wenigen Minuten stand ich -auf einem glühenden Steinplatz. Ich träumte vor den -Auslagen der Juweliere – und suchte den Schutz des -weißen Zeltdaches vor einem Café, um den Durst an -einem herben Zitronengetränk zu stillen. Auf den besprengten -Steinfliesen verdunstete das unermüdlich ausgegossene -Wasser, hinter dem Gitter der gelbgrünen -Papyrusstauden flogen die Schatten der Vorübergehenden -auf und nieder.</p> - -<p>In hellem Strome flutete das morgendliche Leben durch -die Hauptstraßen, hastig und schillernd bewegt, nur an -der Kreuzung der Via Maqueda und des Corso ein wenig -verlangsamt und oft aus seiner geraden Linie im Winkel -zur Seite gelenkt. Die Menschen sind freundlich und zurückhaltend. -Im bleichen Oval der Gesichter brennen -die schwarzen Augen, über vielen Lippen liegt eine fremde, -<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a> -nachsinnende Wehmut und verrät die Mischung arabischen -Blutes.</p> - -<p>Ich ging bis gegen Mittag durch die eilige Menge und betrachtete -die Züge der einzelnen. Viele waren schön und -streng, sehr viele hart und gequält (an die spanische Zeit erinnernd), -ein Zauber lag nur in denen, die an die morgenländische -Heimat gemahnten. Hier war der Glanz der Augen -verinnerlicht und oft in weicher, lässiger Sinnlichkeit -verschleiert. Ich sah unmerklich feine Schatten unter den -Lidern und Wimpern wie aus langen, schwarzen Seidenfäden -über dem weiten, traurigen Schimmer der Pupille.</p> - -<p>Am Nachmittag blieb ich zu Hause. Wie in einem Märchenbuch -las ich in der Geschichte des Geschlechtes -Hauteville: in der Chronik der normännischen Könige. -Erst gegen Abend, als wieder etwas Wind vom Meere -heraufkam, ging ich in den Dom und ließ mich vor den -Königsgräbern nieder. Kinder spielten im Sonnenglanz -der Vorhalle bei roten Oleanderbäumen, im Innern der -Kirche war es kühl und leer. Ganz leer. Nicht einer saß -und betete. Die Helle des übergroßen Raumes lockt nicht -zu gläubiger Versenkung. Nur aus den dunklen Porphyrsarkophagen -weht noch der heilige Duft von Schmerz -und Größe. Sie ruhen seitlich unter schwerem Baldachin. -Ein eisernes Gitter umschließt sie alle: nur die Luft zwischen -ihnen hält die Trennungen wach, die auch der Tod -nicht überbrücken kann. Noch im Tode bleibt der Sohn -vom Vater geschieden, die Gattin vom Gatten, der Schwiegersohn -vom Schwiegervater: Mit Fluch beladen ruht -Heinrich VI., vereinsamt und unglücklich seine Gemahlin -Constanze, die Tochter des großen Roger und die Mutter -des noch größeren Friedrich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Ich saß und schaute. Die Schatten stiegen auf, die meine -Seele rief.</p> - -<p>»O Fremdling in der goldnen Abendluft, es kommen -viele, die uns nicht rufen. Sie tasten mit teilnahmlosen -Fingern an den dunkelroten Stein und sagen nur: Dies -ist der Sarkophag, wo Roger schläft.</p> - -<p>Ich schlafe nicht. Ich liege überwach in der kalten Porphyrschale -und lächle immer noch. Mein Leben war -schön. Viel Sturm – und viele, viele Bläue. Ich liebte -den großen Wind und das Ewig-Offne des Meeres. Ich -liebte die Buntheit des Lebens. Sie galt mir mehr als ein -fanatischer Gedanke: denn selbst im scheinbar Zwiespältigen -sah ich das leuchtende Verbundensein.</p> - -<p>In meinen Gärten war Vergessen. Wie rieselten meine -Brunnen leise und träumerisch in die Marmorschalen. -Ich hatte Pfauen und Fasanen. Ich liebte Glanz. Ich liebte -Überfluß. Ich liebte die Schönheit, und sie schalten mich -einen Heiden. Ich liebte Gold. Und Frauen .. viele -Frauen. Ich liebte die zarten Finger meiner Seidenweberinnen. -Ich ging durch ihre Reihen und küßte ihr süßes -Haar. Sie woben meiner Liebe die weichen Gewänder, -und durchwirkten den Stoff mit Blumen und Heiligen, -mit goldnen Adlern und korrallenfarbigen Reihern. Auf -meinen Betten lagen ihre Schlafdecken und teilten meinem -Schlummer so viele stumme Sehnsucht mit: Sie -liebten mich. Sie woben ihre Liebe in die Ornamente.</p> - -<p>Wenn Fremde an meine Schwelle kamen, war ich voll -Güte. Sie staunten über die Fülle meines Lebens: Ich -lächelte und ließ sie Schmuck und Kleider als Andenken -wählen. In ferne Länder trugen sie die Ehrengewänder -und wurden unwissend meine Feinde, indem sie von der -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -Pracht meines Hofes Zeugnis gaben. Ein fanatischer -Mönch – Bernhard von Clairvaux – predigte gegen das -Sündhafte meines Lebens und gegen mein gestohlenes -Königtum: mich habe nicht der rechte Papst gekrönt -und meine Krone sei nicht von Gott. Ich lächelte nur. -Meine Krone war von mir selbst und das Erbe meiner -Väter. Meine Krone war mein Recht. Was konnte ich -anderes sein als König? Da rief der Mönch zum Krieg. -Mein Name war der Widerstand, an dem er seine Glut -entfachte. Er zog im Land umher und predigte auf den -Kanzeln. Das Volk stand offnen Mundes und nannte ihn -einen Heiligen. Ein deutscher Kaiser ließ sich bereden -und zog mit Papst und Prediger gegen mich. Die fremden -Heere verwüsteten mein Land, Apuliens Städte -flammten: Da faßte mich die Wut. Das Blut der skandinavischen -Ahnen – zwiefach gebannt im fränkischen und -arabischen Geist – quoll aus dem Abgrund auf. Ein -Sturm- und Feuerwind fuhr ich die Fremden an. Mein -Sohn fing mir den Papst. Ich aber gelobte dem Heiligen -Vater Treue, nachdem er meine Krone gesegnet hatte. -Der Krieg verschlang mein Geld: es war billiger, einem -alten Mann – sofern er den Anstand gegen einen König -zu wahren wußte – eine freundliche Gesinnung zu bewahren. -Ich suchte nie den Krieg. Er ward mir aufgezwungen. -Da ich ihn führen mußte, führte ich ihn mit -Leidenschaft. Ich haßte das Halbe. Wie kann ein König -Unvollkommenes lieben? –«</p> - -<p>»Was aber war mein Los? fiel nun Constanzes Stimme -ein. Ich wurde geboren, als du schon gestorben warst. -Hätte ich nur einmal den Klang deiner Stimme vernommen, -o Vater, nur eine leise Erinnerung an dich in meine -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -Jugend tragen können: so wäre ich weniger unglücklich -geworden! O, wer begreift noch, was mein Leben war! -Ich war eine Kaiserin und trug fünf Kronen – und ich -wurde so voll Elend wie nicht die geringste meiner -Dienerinnen: fremd am Hof des düsteren Bruders, fremd -am Hof der traurigen Königin-Witwe und fremd – bis -zum Erstarren fremd – als Gattin des Gemahls, der mich -im eignen Blute traf und keine Schonung kannte, obwohl -meine Lippen von Weinen gesprungen und meine -Kniee von Beten wund waren. Die Schuld war mein, obwohl -ich schuldlos war: ich war als eines großen Königs -Tochter geboren und hatte dreißig Jahre im Dunkel gelebt. -Nun winkte die Freiheit, die kaiserliche Höhe des -Lebens, nach der meine Wünsche brannten. Die Krone -winkte. Ach! Ich ging in mein Grab bei lebendem Leibe. -Ich schlief – mißbrauchtes Werkzeug – auf dem Lager -des Mannes, der mein Vaterland schändete. Ich gab ihm -den Erben, indes er meines Neffen Tankred kleinen Sohn -auf beiden Augen blenden ließ. Ich lag noch in den -Wehen, im winterlichen Bergnest Jesi, als heimische -Boten mir die Kunde brachten. O, wie der Haß in meinem -mißhandelten Blute aufschoß! War nicht mein -Sohn: im Schlafe hätte ich den Mörder erwürgt. Ein -Fieber fraß ihn auf. Zu spät. Zu spät ..«</p> - -<p>Und Friedrich sprach:</p> - -<p>»O dämpfe deine Stimme, arme Mutter. Klage nicht – -und klage nicht mehr an. Wer Kronen trug, muß vor -sich selber schweigen lernen. Auch der Tod darf seine -Einsamkeit nicht mehr durchbrechen. Der Schmerz zu -leben, ist unermeßlich groß. Wir haben es alle erfahren, -und jedem blieb am Ende die gleiche Weisheit: daß wir -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -ein Spiel von tausend Schatten, undeutbar-unergründlich -sind. Was sind unsere Siege, was sind unsere Niederlagen? -Das Licht und das Dunkel, in dem unsere Kräfte -zerflattern. Vielleicht hat nichts zu verlieren, wer nie gelebt -hat: Doch wer geboren ist, muß fühlen, daß ihm das -Schicksal die Erde bestimmt hat. So gab ich mich hin an -die Weihe des Lebens, groß und voll irdischer Leidenschaft: -und ging meine Wege, die meine Zeit mir gezeichnet. -Ich liebte den Frieden und war ein Träumer, -ganz voll Schönheit. In meiner Sehnsucht war nichts von -Krieg. Krieg ward mir aufgezwungen. Ein großer Fürst -hat keine Wahl. Süße, stille Oasen im Brennen der Wüste -waren die wenigen Friedensjahre meiner Herrschaft .. -immer seltner und karger, jemehr die Zahl meiner Jahre -sich häufte. Ich wuchs in die Seele des Krieges und lernte -die Tücke. Ich lernte die Feindschaft und die Seele der -Falschheit .. und ich brauchte die gleichen, vor meinem -Ziele geheiligten Waffen. Sie trafen die reine Sehnsucht -des Herzens niemals: Ich wollte nichts als die Ordnung, -da Ordnung Schönheit und Einklang ist. Ich wollte schönes -Leben erhalten und schlafendes erschließen: Und -ich mußte ringen um rohen Besitz, der längst schon mein -war! Nie gab es ein Ende, nie blieb ein Errungenes friedvoll. -Wie ein verfluchter Wandrer, gestachelt von Gram -und Ungewißheit, zog ich von Lager zu Lager, von Landschaft -zu Landschaft. Von Palermo nach Deutschland, -von Deutschland nach Rom und zurück nach Sizilien – -und wieder nach Rom und gegen die lombardischen -Städte und hinab nach Apulien und weiter nach Palästina -und wieder nach Haus und wieder nach Deutschland -und endlos, endlos zuletzt durch Italien. Kaum war es -<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -mir vergönnt, im Frieden meiner Hauptstadt zu leben: -nur einmal – o einzige, glückliche Zeit – sechs Jahre -lang, ehe Gregor zum Kreuzzug trieb. Ich liebte Sizilien. -Es war meine Heimat und voll Schönheit. Es war deine -Heimat, o Mutter, und viele Frevel meines Vaters waren -zu sühnen. Ich dachte tausendfach Tränen zu trocknen. -Was die Erde an Schönheit umfaßte, sollte mein Land -besitzen, jeder Fremdling sollte bis zu den entferntesten -Küsten die Kunde tragen, wie ich den Vater entsühnte -und die Qual der mütterlichen Seele stillte. Sechs Jahre -nur blieben an Frieden: kaum Zeit genug, soviel Ruhe -zu sichern, daß ich die Saat meiner großen Träume ausstreuen -konnte.</p> - -<p>Dann trieb mich der Eifer des Pfaffen nach Akkon. -Und niemals mehr wurde Frieden. Maßlos wuchs der -Gram meines Herzens. Drei Gattinnen starben mir .. -Ich verlor meine Söhne. Heinrich, dem ich ein Königtum -gab, sann auf Empörung. Ich mußte ihn strafen und in -die calabrische Festung verbannen: Dort fand er den unerwarteten -Tod. Enzio schlug eine Schlacht für mich und -ward mir gefangen. Ich bot meine Schätze: Bologna blieb -ohne Erbarmen. Sie wußten, daß er mein Liebling war, -von all meinen Söhnen der schönste, nur Manfred vergleichbar. -Und Freunde sah ich vor mir sterben, die selten -nur ein Kaiser findet. Hermann von Salza starb zu -Salerno und Thaddäus von Suessa fiel bei Vittoria. Der -aber, den ich am unwandelbarsten treu gewähnt, sann -Verrat: Petrus von Vinea, der alternde Kanzler dem -alternden Kaiser. Der Bannfluch schreckte ihn! Noch -wäre ich bereit gewesen, Frieden zu schließen und wartete -in Rieti auf den Papst: Aber Innozenz floh – bei -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -Nacht – auf genuesischen Galeeren und wandte sich -nach Lyon. Dort hielten die Pfaffen ein Konzil ab .. O -wie sie meinen Namen zerrissen, wie sie sich meiner -Krone bemächtigten, all meiner Kronen, wie sie meine -Würden von mir streiften, so wie der Henker dem Verbrecher -die Kleider bis aufs Hemd vom Leibe streift. -Ich war kein König mehr in Deutschland, kein Kaiser -mehr, Siziliens Los war der Entscheidung des Heiligen -Vaters anheimgegeben – Die Bettelmönche ließ der -Pfaffe los, wie eine Schar von Ratten, die Treue zu vergiften. -Bis an das Ohr des deutschen Sohnes wagte sich -das Geflüster – –</p> - -<p>Als mir die Kunde der Beschlüsse kam, ließ ich mir meine -Kronen bringen – ich trug sie nie – und aus dem Glanz -der Edelsteine brach meines Lebens letzte Glut und -Schönheit: Kampf bis zum Tod. Nicht mehr ein Kampf -um Ordnung: Ein Kampf des freien Gedankens gegen -die Lüge, die Gottes Unendlichkeit mißbraucht. Kampf -meines klaren Glaubens gegen die Fäulnis und den Betrug -der Kirche. Ich fühlte den Gott auf der Erde, und -ich liebte die Erde. Nun riß es mich hin und überflutete -mein Leben. Die Ahnung entbundener Welt schlug noch -wie Morgenrot in mein Gefühl, eine letzte Entlastung -des tausendfach müden, belasteten Lebens .. Da zerrann -die Klarheit im Zwielicht meines Sterbens. Ich war nicht -glücklich, Mutter, doch ich hatte Flügel. Ich trug nur -Schwere und war leichten Geistes. Ich wollte viel Macht, -viel Glück, viel Schönheit: Schicksal und Sehnsucht lösten -sich auf ..«</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Ich hatte Axel Arnedals empfehlende Karte zu Angelina -Lancisi geschickt und anfragen lassen, ob ich sie am -Abend besuchen dürfe. Ich fand die Antwort, als ich in -den Gasthof zurückkehrte: Sie bat mich, bei ihr zu speisen. -Ich traf in der Villa außer der Besitzerin Margerita -Avellino und Percy Vantadour, einen jungen Provenzalen, -der in den städtischen Archiven arbeitete.</p> - -<p>Die Fenster und Vorhänge des Speisezimmers waren -noch dicht geschlossen. Das Kupfer weniger Kerzen -brannte in dem goldnen Halbdämmer.</p> - -<p>»Es wird Ihnen in Palermo ergehen wie mir, sagte Percy -Vantadour: Sie werden beginnen, die neue Schönheit -zu enträtseln und immer tiefer im Geheimnis versinken. -Ich kam vor zwei Monaten, mitten im Frühling hierher, -und dachte einige Wochen zu bleiben: Es ist Juni – -und ich bin noch immer da. Ich kann auch nicht -sagen, wann ich gehe. Ich liebe diesen Sommer, ich -liebe die Hitze des Steines, der fast den Fuß versengt, -die Glut der Gitterstäbe, den trocknen Geruch des Staubes -und die monotone Helle der Landstraßen, die sich -im Zickzack an den kahlen Berghängen hinauf- und hinunterziehn. -Ich liebe das Bröckeln des Steines in der -blauen Starrheit, das Dorren der Ginstersträucher an den -Hügeln, den Zerfall des Grases auf allen Plätzen. Ich -liebe die machtlose Bucht des Meeres, die kaum noch -Kühle gibt, da der gleißende Spiegel die Strahlen, die er -löschen soll, nur verdoppelt zurückwirft. Blumen, in die -sich mein Gesicht vergraben möchte, wenn früher Frühling -ist, Blumen, die in den langen Wintern von Paris -selbst aus meinem Schlafzimmer nicht verschwinden, sind -mir wesenlos in dieser Landschaft. Ja, ich vermeide die -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -Gärten. Ich sitze lieber in der glitzernden Kühle der -Kathedralen, in der Capella Palatina oder im Dom von -Monreale, am allerliebsten im Dom von Cefalù. Vielleicht -nur deshalb, weil diese Stadt so einsam ist: ein Haufen -brauner und gelber Steinmassen über dem Lasur des -Meeres. Schon ihr Name atmet Backsteinöde.«</p> - -<p>Als die Tafel aufgehoben war, gingen wir in das Nebenzimmer, -dessen Flügeltüren nach dem Brunnenhof geöffnet -standen. Ein breiter Wasserstrahl quoll in der -Schale auf und floß durch flache Rinnen in seitliche -Becken, die einen stillen Abendhimmel spiegelten. Die -Luft war wie von unsichtbaren Händen angehalten, ein -laues Seidentuch, das kaum die Wange streifte. Aus hohen -Terrakottavasen stürzten die Geranien auf den Boden. -Wir waren alle ins Freie getreten. Margerita Avellino -hatte den Arm ihrer Freundin gefaßt, Percy stand neben -mir.</p> - -<p>»Sagen Sie mir doch, Percy, begann nach einem kurzen -Schweigen Margerita, wann zum erstenmal ein Vantadour -nach Sizilien kam und was er dort tat.«</p> - -<p>Wir setzten uns vor den Brunnen, und Percy erzählte:</p> - -<p>»Adelasia, die Mutter des zweiten Roger, war eine Gräfin -Montferrat, und brachte die geselligen Gewohnheiten -ihres väterlichen Hauses und vor allem die Liebe zu -den Künsten mit nach Sizilien. Der Herrschaft Montferrat -benachbart lag die Heimat der Vantadour. Bernhard, -mein Urahn, kam oft auf das Schloß des Grafen. Er übte -die Kunst des Gesanges und war gerne gesehener Gast. -Man nahm ihn als Freund und Vertrauten des Hauses -auf. Als nun Roger I. um 1112 gestorben war und Adelasia -nur mit dem einzig überlebenden Sohne zurückblieb, -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -war nichts natürlicher, als daß sie so viel wie möglich die -Fühlung mit ihrer Heimat zu wahren suchte. Es liegt -immer im Sinn einer Mutter, dem Sohn die Liebe zum -mütterlichen Land und Geschlecht zu erwecken. Sie ließ -viele Provenzalen an den Hof kommen, und als einen -der ersten den alten Freund Bernhard Vantadour.«</p> - -<p>»Sie sagten eben, unterbrach Angelina, daß Adelasia früh -mit ihrem Sohne Roger allein blieb. Ist in dem Wesen -dieses Königs ihr Einfluß zu verspüren?«</p> - -<p>»Gewiß! Herrschertum lag ihm vom Vater her im Blute, -von dem Geschlecht der Hauteville, in denen der Geist -der Wikinger noch lebendig war. Aber die große, innere -Gesittung, die Zartheit seines Fühlens und sein bedeutender -Sinn für die Kunst waren mütterliches Erbteil. -Roger war ein Fürst, der sich in allem pflegte. Er soll -sehr schön gewesen sein: und er wußte, was schön sein -hieß. Auch seine große Güte und das leichte Ergriffensein -des Gefühles kamen von Adelasia, die an dem Kummer -einer großen Enttäuschung starb.«</p> - -<p>»Woran starb sie?« fragte Margerita, die ihren Arm um -Angelinas Schulter gelegt hatte und nichts als Lauschende -war, fast wie ein Bildnis anzusehen in ihrem weißen Seidenkleid, -das von der linken Brust bis zur rechten Hüfte -einen schmalen Glycinenzweig als einzige Verzierung -trug. Ihre kleinen Füße spielten mit den Dolden eines -Geranienbusches, und die dünnen goldnen Armspangen -über den blauen Adern ihres Handgelenkes klirrten leise -bei der geringsten Bewegung.</p> - -<p>Percy sah sie an, ohne Antwort auf ihre Frage zu geben, -die in gleichem Tonfall wiederholt wurde:</p> - -<p>»Woran starb sie?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -Percy zuckte leicht zusammen ..</p> - -<p>Er wollte gerade antworten, als eine Uhr im Innern des -Hauses neun schlug.</p> - -<p>»Mein Gott, rief Angelina, wir müssen aufbrechen! Ich -habe die Schiffer um neun an die Piazza della Kalsa bestellt. -Percy kann uns im Wagen weitererzählen.«</p> - -<p>Sie ging rasch voran ins Haus. Ich folgte ihr. Als ich mich -zufällig im Rahmen der Glastür umwandte, sah ich im -Zwielicht die dunklen Gestalten Margeritas und Percys -noch einmal die Rundung des Brunnenweges abschreiten. – –</p> - -<p>Vor der flachen Marmortreppe stand der Wagen mit -zwei kleinen, goldgeschirrten Rappen bespannt. Ein Diener -hatte die weißen Mäntel der Frauen über dem Arme -und wartete.</p> - -<p>Vier Schiffer hatten sich an der Piazza della Kalsa eingefunden -und geleiteten uns zu dem Landungssteg, an -dem die große Barke lag.</p> - -<p>»Wie ist das Meer?« fragte Angelina.</p> - -<p>»Marchesa, es ist ganz ruhig, wie meistens um diese Jahreszeit,« -antwortete ein alter Mann, indem er sich verneigte -und wie einen Befehl erwartend zur Seite trat.</p> - -<p>»Können wir bis gegen Solunt rudern und nicht allzuspät -zurück sein?«</p> - -<p>»Ohne jeden Zweifel ..«</p> - -<p>Der Diener brachte Obst und Wein, ein junger Schiffer -breitete Kissen und Decken aus und drehte die Windlichter -so, daß sie nicht blendeten. Ein anderer reichte -den Damen Nelkensträuße, ein vierter gab Percy und -mir weiße Kamelien für das Knopfloch. Die Ruder tauchten -in die glatte, glänzende Tiefe, die Barke drehte, und -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -wir nahmen die östliche Richtung des Kap Zaffarano. Die -Luft war weich wie Rosenblätter, lautlos glitt das Boot. Die -braunen Männer summten im Takt der Ruder ein Lied, -indes die Küste unmerklich vor unsern Augen floh und -die Kette der Hafenlaternen sich dichter schloß. Wir -lagen schweigend auf den Polstern, hingegeben an die -Glückseligkeit dieses traumhaften Schwebens, uns selbst -entrückt und willenlos dahingetragen, so leicht, so körperlos -wie der Mond, der in dünnen roten Wolkenflören -aufging. Margerita hatte ihre Schulter an Angelinas Brust -gelegt. Sterne fielen.</p> - -<p>Ich dachte an meine Heimat, an die Mutter, an die Freunde. -Wie fern war alles. Ich dachte an mich selbst, an Kampf -und Sehnsucht meines Lebens. Auch dies war fern. -Nichts mehr war. Nur dies Schweben, dies Hinabdämmern. – –</p> - -<p>Percy hatte die Augen geschlossen. Er sah aus, als ob er -schliefe. Über seinen Zügen lag der Duft des Mondes .. -lag ein Lächeln, das nur die Seele der Dichter kennt.</p> - -<p>Angelina hob die Hand vor die Augen und sah nach der -Küste.</p> - -<p>»Wo sind wir?« fragte sie die Schiffer.</p> - -<p>»Auf der Höhe des Kap Mongerbino. Es sind anderthalb -Stunden verflossen seit der Abfahrt.«</p> - -<p>Der Mond stand silbern auf den Hügeln und löste das -Gestein in bronzene Schatten auf. Die Häuser eines kleinen -Dorfes glänzten in grünem Atlas.</p> - -<p>»Wenn wir die Barke hier ruhen ließen?« meinte Margerita.</p> - -<p>Percy öffnete seine Augen und lächelte, während seine -dunkle Stimme ganz leise einsetzte:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> - »La barque dort, dormez mes longues peines,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Restons bercés par l'onde du silence ..</td></tr> - <tr><td class="tdl">O douce nuit d'amour, nuit de clémence,</td></tr> - <tr><td class="tdl">O nuit d'oubli .. Faut-il mourir, ma Reine?«</td></tr> -</table> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Am nächsten Tage war das Fest eines Heiligen. Ein Feiern -wie am Sonntag lag über Dächern und Straßen, als -ich früh am Morgen nach der Martorana-Kirche ging. -Wundervoller Name: dunkelblaue Vokale, an goldnen -Schnüren aufgezogen, weicher, langer Bogenstrich auf -der untersten Saite der Viola. Zwischen Rosengebüsch -und Palmenwedeln hebt der Glockenturm auf schwerem -Mauerwerk die leichten, goldumstrahlten Säulenbündel -in die Höhe. Alles in diesen Bögen ist Aufgang, Sehnsucht, -frei wie ein Vogel in der klaren Luft zu schweben: -und doch zu ruhen.</p> - -<p>Im Innern tragen alle Wände Mosaik, ein wenig verwildert, -wie Blumen in vergessenen Gärten. Es leuchtet -keine verhüllte Tiefe auf wie in Ravennas blauer Glut. -Die Steine schillern, sie strahlen nicht. Sie bezaubern, sie -rühren nicht.</p> - -<p>Auch San Cataldo sah ich an diesem Morgen, die Backsteinkirche, -die ihre karminroten Kuppeln auf dem flachen -Dache trägt. Verschlossen ragt der verlassene Bau auf -kahler Steinterrasse. Die hohlen Fenster deuten in violettes -Dunkel. Erlösend haucht die Kühle, sobald der -Fuß die Schwelle überschritten hat und in das Säulenviereck -tritt, auf dem die mittlere Kuppel ragt. Schatten -fliegen von den Wänden. Alle Fensterbögen sind nun -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -mit hellem, blauem Glanz gefüllt, besonders licht und süß -das eine, das aus der Apsiswölbung sich in die tiefe Flut -des Himmels hinüberlehnt: Das ist die letzte Hoffnung -der Erde: Der Blick in das Paradies, in das Firdusi ..</p> - -<p>Sehr spät am Nachmittag ging ich zur Cala, dem alten -Hafen, hinunter. Auch hier war Stille. Die müden Fischerbote -lagen Reih' an Reihe in dem seichten Wasser, von -schwarzem und von grünem Moos bezogen. In dem Getakel -saß das heiße Gelb des wolkenlosen Abendhimmels. -Die Sonne senkte sich nach den Belliemibergen. Der -Monte Pellegrino hing schon voll roter Schatten. – Die -Türen der verwahrlosten Häuser standen offen und ließen -trübe, feuchte Gänge sehen, ausgetretene, enge Treppen -und kleine, schmutzige Höfe, in denen Wäsche zum -Trocknen aufgehängt war. Auch über dem Eisengitter der -brüchigen Balkone hing farbiges Zeug. Vor einer Schenke -standen kleine Tische und zerrissene Strohstühle. Halbgeleerte -Gläser, in denen der Rest des Weines verdunstete, -verrieten, daß hier getrunken worden war. Vor -einem andren Hause lagen geöffnete Austernschalen, ein -Bäcker hatte einen gelben Kuchen ausgestellt, auf dem -die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte zu Ornamenten -ausgelegt waren. Im Rahmen eines Fensters kämmte -eine alte Frau ihr Haar. Als sie mich gewahrte, trat sie -zur Brüstung des engen Balkones und ließ die grauen -Strähnen von ihren Schläfen über das Gitter niederhängen. -Ich lachte ihr zu und winkte mit der Hand einen -Gruß hinauf. Aber sie blieb unbewegt. Sie ließ aus -ihrem welken Mund langsam einen Faden silbernen Speichels -fallen, der im Sinken golden wurde, und blickte -lange auf den feuchten Fleck am Boden.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -Dann kam ich an die Stelle, wo eine schmale Treppe ins -Wasser führt. Knaben badeten in der Pfütze. Ihre Lumpen -hatten sie über den Rand eines vermoderten Kahnes -gelegt, auf den sie manchmal kletterten, um sich zu trocknen. -Sie hatten ein seltsames Spiel erfunden. Sie rieben -Schlamm auf ihren Körper und wuschen ihn um die Wette -mit dem grünlichen Wasser herunter. Wer zuerst sauber -war, hatte gewonnen. Einer kam die Treppe herauf und bat -mich, Geld auszuwerfen, damit sie danach tauchen könnten. -Ich wies sie nach einer Stelle, wo das Wasser klarer -war, und ging voran. Sie liefen hinter mir her und stürzten -sich an der nächsten Treppe hastig in die Flut. Ich -warf meine Soldi: Ein endloser Jubel brach aus, helles -ergreifendes Lachen, wie es der Norden nicht kennt. Ich -mußte an Hafenkinder denken, die ich in Hamburg gesehen -hatte, in Brest, in Liverpool, in Dublin – an trübe, -kranke, unheimliche Kinder – und sah dann wieder auf -die braunen, schlanken Körper vor mir, die sich im Sonnenlicht -und Wasser dehnten und reckten, sich faßten -und wieder losließen, eben eine Gruppe bildeten und im -nächsten Augenblick wieder in die lauen Wellen auseinanderstoben.</p> - -<p>Ich ging bis an das Ende der Mole, so weit es möglich -war, und wandte das Gesicht den Bergen zu, die eine -kühle Nacht versprachen. Leuchtend hob sich die Stadt -über dem Viertel der Armen. Aber ich achtete nicht auf -die weißen Villen, nicht auf die Kuppel des Domes und -Zinnen des Königspalastes: Ich sah nur das öde, verfallende -Meerkastell und die Schiffsmaste der einsamen -Cala, die so hilflos in das schwere, schwere Gold des -Abends ragten. Ich sah nur die spielenden Knaben, die -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -sich auf den Kies gelegt hatten und mit fühllosen Fingern -an ihre schönen kleinen Körper tasteten, ohne zu ahnen, -daß es Menschen gibt, die um die Schönheit kämpfen -müssen, wie ihre armen Eltern um das geringe tägliche -Brot.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Am Abend besuchte mich Percy Vantadour. Wir blieben -lange bei Tisch sitzen. In jedem Wort, das er sagte, war -der Dichter, der unermüdliche Aufspürer von Zusammenhängen, -der Sucher der Gesetze, der Schöpfer der -Schönheit. Die Rede flog von seinem Mund, sie wurde -Begeisterung und Gedicht, ohne daß er es fühlte. Rhythmen -kamen, Reimworte, die das Gewicht eines Satzes -unverhofft in den Hafen des Gleichklanges lenkten und -an den nächsten Satz weiter gaben. Er glitt in die Dinge, -und prüfte mit allen Fibern der Seele und der Sinne. Er -tastete Formen herauf, wo Bruchstücke waren, er löste -ein falsches Ganze in rettende Teile auf. Doch über allem -war die Liebe, die sinnlose, leidende, jubelnde Liebe des -Künstlers, die die ganze Welt voll Leidenschaft aufgreift -und der schöpferischen Flamme als Beute vorwirft.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Zehn Säulen aus Granit tragen im Mittelschiff die arabischen -Hufeisenbögen, über denen die Wände in das -Deckengewölbe emporwachsen. Leuchter schweben an -goldnen Schnüren zwischen den reichen Kapitälen. Fünf -Stufen führen zum Chor hinauf, den eine unerwartete -Helle so überirdisch füllt, daß das Flammen der Kerzen auf -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -dem Hochaltar dunkel erscheint. Tausend, zehntausend -bunte Kolibri flattern in der Luft, wiegen sich, halten an, -kreuzen sich im Flug, bleiben im Inneren der Bögen -sitzen, an den Friesen der Decke, auf den Rändern der -Kanzel, in den Zacken und Ornamenten des hohen -Opferleuchters. Es schwirrt und flitzt von bunten Funken -in einer Woge aufgeregten Goldes. Es funkelt und -sprüht vom Glanz der rastlosen Flügel, es blendet und -erweckt fast Schwindel: das ist die Capella Palatina, der -leidenschaftlichste Traum des großen Roger, in der -Sprache von Millionen bunter Glassteine gedeutet. Suche -nicht zu ergründen, löse die einzelnen Bilder nicht los, -entziffre keine Inschrift, frage nicht nach den Namen der -schlanken Heiligen: bleibe ganz still im Flittern des -Lichtes, sitze irgendwo nieder und gib dich hin an den -Glanz, bis du die Einheit spürst, bis sich dein tiefes Erstaunen -in tiefes Fühlen verwandelt, bis Wesen erwacht, -wo Schein dich traf. Spinne die schimmernden Fäden -zurück bis in Gallas schwermütig-dunkelnde Gruft zu -Ravenna, gedenke noch einmal der tief nach innen gedeuteten -Sehnsucht des heilverlangenden Herzens, dessen -Träume ungewiß über der Schwelle zweier Zeiten -schwebten: und schwinge dich dann im Flug der umgewandelten -Jahrhunderte bis in die breite Lichtung -eines grenzenlos-berauschenden Lebens hinüber, das -dieses Gotteshaus als ein Symbol in den Himmel des -Herrn warf. Halte dich hoch in dem Licht mit den -Vögeln, wiege dich mit und netze die Schwinge der -Seele im Taugeglitzer der Blumentriften, die an den -hohen Wänden blühen. Was dich umgibt, ist nicht -mehr abgeschlossner Raum: es ist die weite Lust der -<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Erde, der Frühling des Lebens, der schon in Sommer -übergeht.</p> - -<p>Alles, was lebt, Mensch, Tier und Ding, erhebt den Lobgesang -der Welt, die Gottes Schönheit spiegelt. Das Übersinnlichste -in Ton und Farbe bleibt einfach, nah und -ganz Natur: Nicht eine Kraft ist im Symbol verflüchtigt. -Die Seele Rogers strahlt aus seinem Werk: die unbeschreibliche -Freude, zu leben. Die Freude, die keinen -Grund hat – so wie es eine Trauer ohne Anlaß gibt – -die Freude, die aus dem hellen Blut des Helden weht, -den seine Götter lieben.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Meine Hände hoben die weißen Rosen empor: Mund, -Stirn und Haare versanken in dem kühlen Überfluß. O, -Küsse dieser Rosen! Durst nach Schönheit mitten in der -Erfüllung: San Giovanni degli Eremiti: du Gift Palermos, -das trunken macht und brennende Fernen einflößt. -Dich bekennt kein Wort: vielleicht enthüllt dich der -Herzschlag des Besiegten, der an dem Brunnen deines -Säulenhofes hinsinkt und über Rosen weint, die in den -weißen Sonnenkringeln laufen, die von den weißen Säulenbündeln -stürzen und sich vom Rand der Mauer in die -Bogen niederlassen ..</p> - -<p>Da ist ein Palmenwedel ausgebreitet und reicht bis an -das Ziegelrot der Kuppeln, da ist ein Lorbeerbaum und -hilft dem atemlosen Anstieg violetter Clematisblüten in -die Kühle seines glänzenden Laubes, Efeu, fast schwarz, -speit das Blut der Geranien von sich. Am Ende des Gartens, -im Schatten von Limonengrün, führt zwischen -hohem Gras und Schirling ein Pfad zu einem ruhenden -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -Wasserbecken: Von dort umfaßt der Blick den Turm der -Kirche und vier der roten Kuppeln im Rahmen eines -einzigen Kreuzgangbogens. Gold tröpfelt durch die -Blätter der Zitronenbäume, die reifen Früchte atmen -scharfe Süße. Die Luft steht still, ganz blau und still. Die -Hummeln fliegen. Das Licht schlägt Wurzel in den weißen -Säulen. Der weiße Rundgang malt die malvenfarbigen -Schatten seiner Bögen auf den Boden. Die Hitze -siedet und schlägt Wellen auf ..</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Schließe die Augen, die müden,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Rufe den stillenden Traum:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bald fährt ein Schiff dich nach Süden</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bis zu dem purpurnen Saum</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Ewig dorrenden Landes,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wo dir das Wunder ersprießt</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und sich im Rieseln des Sandes</td></tr> - <tr><td class="tdl">Über dir schließt.</td></tr> -</table> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Am Sonnabend, als das Wetter etwas kühler geworden -war, schickte mir Angelina Lancisi ihren Wagen zu einem -Ausflug nach Monreale. Ich fuhr sehr früh am Nachmittag, -da ich über die Höhe von San Martino und Baida -zu Fuß in die Stadt zurückkehren wollte. In den Baumwipfeln -der vielen Gärten längs der Straße spielte ein -zarter Wind, über allen Dächern und Türmen war duftige -Belebung, aus dem Geriesel der Pappelblätter sprühten -weiße Funken in das Wehen der Bläue. Und im -Rücken lag das Meer mit breiten, violetten Wellen. Die -zierlichen, hellbraunen Pferde liefen in kurzem Trab die -<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -gerade Straße entlang. Der Staub dämpfte den regelmäßigen, -knappen Aufschlag der Hufe. Die beiden Kutscher -saßen kerzengerade in ihren hellgrauen Livreen, -ohne zu sprechen. Kurz vor dem Dorfe Rocca begannen -die Hügel. Alle Berge waren nahegerückt, man konnte -jeden Stein und jeden Busch in der fließenden Klarheit -der Lüfte erkennen. An dem Abhang, der nach dem -Dorfe Bocca di Falco hinüberführt, leuchtete das Bernsteingelb -offener Kakteenblüten über rotem Gestein und -roter Erde. Zur Linken lagen dichte Orangengärten. Wir -fuhren an einer Mauer entlang, die ganz erdrückt war -vom Überfluß roter Geranien. Auf dem Domplatz von -Monreale hielt der Wagen. Ich hieß die Kutscher nach -Hause fahren, da sich sofort eine Schar von Kindern und -Bettlern angesammelt hatte, und blieb allein auf dem -schattenlosen Sandviereck stehen. Die Blätter einer verdorrten -Palme raschelten, die vergoldeten Spitzen am -Torgitter der Kathedrale züngelten gegen die hellen Säulenschäfte -empor. Einsam und schwer, an eine nordische -Festung gemahnend, ragten die ungleichen Türme über -der Balustrade der Vorhalle. Noch zögerte mein Fuß, -voranzugehen: ich hatte fast eine Furcht vor der neuen -Erfüllung. Doch als ich endlich den Platz überschritt und -in das Innere trat, als ich die ersten trunkenen Blicke hob -und senkte, war eine süße, weiche Ruhe über mich gekommen, -ein feierliches Stillesein der Sinne, ein Jubel, -der keine Sprache mehr verlangt, gedämpft in jenem -sanften Glücklichsein, das wie ein Augenschließen über -allen trüben Dingen ist.</p> - -<p>Und ich ging langsam, langsam durch den Dom von -Monreale, so wie wir manches Mal in der warmen Sonntagsfrühe -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -durch die wogenden Kornfelder unserer Heimat -schreiten, auf ausgefurchten Feldwegen, die ihren blühenden -Rand in zitternde Fernen hinausziehen.</p> - -<p>Alles ist Milde, Maß und Größe in dieser Kathedrale: -und die Seele, deren Sprache uns so weich umfängt, ist -die Seele des Raumes. Der bunte Glanz engt nicht mehr -die Wände: das Licht dient nur dem Raum. Ein Wille, -geistig und wissend, bändigt hier den Überfluß: hinter -dem Blitzen der Mosaikgemälde funkelt die Inbrunst -einer tiefbewegten Seele. Rogers I. leidenschaftliche -Größe, Rogers II. unersättliche Freude am rauschend-Schönen -findet die letzte, künstlerische Lösung in dem -Gesetz der ausgleichenden Masse, das die Seele Wilhelms II. -beherrschte. Alle Trunkenheiten sind in tiefes, -klares Gefühl erhoben. Hoch an der Decke, mit gnadenvoll -gebreitetem Flügelschlag, der stilles, goldnes Feuer -streut, schwebt übersinnlich die Taube Gottes.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Seitlich vom Dom liegt der Kreuzgang des alten Benediktinerklosters. -Verbenen, Rosen, Heliotropen und Lilien -blühten in dem Garten. Hellblauer Wind war über -den Blumen und trieb den Duft mit leisen, seidenen -Schlägen in die Hallen. Und Wind war in dem Strahl -des arabischen Brunnens, der in der Ecke zwischen stillen -Säulen ruht. Wind war auf den flachen, warmen Stufen, -die zum Niederstieg an das Wasser winkten. Wer weiß, -wie lange mich das Wasser bannte? Es hauchte Kühle, -hauchte Leben, und mein Gesicht war ganz voll Sonne, -so hingehalten, hingegeben an des Genießens Wonne. -<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Und der Wind trug meine Wünsche weiter – die Augen -die eben noch entzückt auf den Kapitälen geruht hatten -auf Blumen, Vögeln und menschlichen Gestalten, die -sich im unentwirrbar-reichen Ornament zu regen begannen, -vergaßen die nahen Schönheiten über dem Auftauchen -fernerer Bilder und hielten das erträumte Neue, -das sie grüßten ..</p> - -<p>O Hindämmern über das südliche Meer ..</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Oleanderhaine winken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und es winken die Moscheen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Alle Gläubigen versinken</td></tr> - <tr><td class="tdl">Im Gebete und vergehen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Auf den rosenroten Dächern,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die den Abend kommen sehen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wird aus schweigenden Gemächern</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bald ein Hauch vorüberwehen.</td></tr> - <tr><td class="tdl">In den tiefen Brunnenbecken</td></tr> - <tr><td class="tdl">Werden leis die Sterne drehen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und auf seidnen Lagerdecken</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wird die Lust der Nacht erstehen.</td></tr> -</table> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Kinder wiesen mir den Weg nach Santa Maria delle Croci. -Zwischen Felsgeröll und Kakteenpflanzen ging der Pfad -bergan. Aus allen Steinen hauchte Feuer. Auf einem halbverbrannten -Grasplatz lag die kleine Kirche, zu der ein -paar Stufen emporführten. Von der Treppe aus umspannte -das Auge die heroische Landschaft: Ebene, Stadt und -Meer, reich, edel und freudig. Nicht ein Hauch von -Wehmut floß in dem silbernen Saum des hellen Horizontes. -<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -In braunen Hügelfalten glänzten weiße Dörfer, -seltene Pinien, noch seltnere Zypressen ragten auf brauner -Grassteppe. In der Fruchtschale der Ebene aber leuchtete -das gesättigte Grün der Orange- und Zitronengärten. -Dicht aneinandergedrängt hingen die goldnen Kugeln -im Laube, zur Ernte reif.</p> - -<p>Die sinkende Sonne mahnte zum Abstieg. Ich ging die -Fahrstraße nach Rocca hinunter. Arbeiter kamen aus der -Stadt zurück, verbrannt und bis an die Kniee mit weißem -Kalkstaub bedeckt. Bauern fuhren auf Eselskarren nach -Hause. Sie saßen halb schlafend auf der Kante des Wagens -und trieben die Tiere durch das unermüdlich wiederholte, -schläfrige Ahii, Ahii zum Weitergehen an.</p> - -<p>Von Rocca aus nahm ich den Feldweg nach Bocca di -Falco. Ich erreichte die ersten Häuser des Dorfes um die -Stunde, wo die Frauen beginnen, die Abendmahlzeit zu -richten. Dünnes Rauchgewölk schwebte über den Schornsteinen, -aus den Türen und Fenstern drang Dunst von -Öl und Gebackenem: es war Sonnabend. Soldaten waren -heimgekommen und standen bei den Mädchen, frischgeputzte -Pferde wurden an eine Tränke geführt, es war -kaum möglich, die kleine Piazza zu durchqueren, so viele -Menschen hatten sich hier angesammelt. In einer Ecke -las ein junger Mensch mit lauterregter Stimme eine Spalte -aus der Tribuna vor ebenso erregten Hörern, aus einer -engen Seitengasse wurden weiße Ziegen ins Freie getrieben. -Vor manchen Häusern war ein Tisch gedeckt, in -einer Schmiede flammte das Feuer der Esse und warf unruhige -Schatten über die harten, verrußten Gesichter der -Arbeiter .. Ein junger Kaplan wies mir den Weg nach -Baida. Ich mußte die Fahrstraße verlassen und über viele -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -schmutzige Treppen durch niedrige Bogengänge aufwärts -steigen. Frauen saßen plaudernd auf den Stufen, Hühner -liefen hin und her und pickten Körner, in den Hausfluren -lagen Hunde und Katzen, Schweine wälzten sich auf -breiten Misthaufen. Junge Lämmer waren an den Pfosten -der Haustüren festgebunden, in den Ställen brüllten Kälber -und Rinder. Oft schwankten weiße Rosen über die -bröckelnden Mauern, einmal schoß roter Phlox neben -einem blauen Hoftore auf. Je höher ich stieg, desto spärlicher -wurden die Häuser, und als ich endlich bei einer -rosenfarbigen Villa den Ausgang des Dorfes erreicht -hatte und auf den Weg nach dem Kloster Baida trat, -strömte der Glanz des Abends so warm und purpurn -über mein Gesicht, daß ich die Augen schließen mußte, -die nach dem langen Zwielicht soviel Helle nicht mehr -faßten. Ganz langsam und gesenkten Blickes ging ich -weiter. Zur Rechten lief eine Mauer, zur Linken begann -ein Hügel. Obstfelder tauchten auf, Kleeäcker, ein Mohnfeld, -eine Rosenpflanzung und plötzlich – nach einer -kaum gefühlten Wende des Weges – das Kloster Baida, -das weiße, im Frieden seiner Zypressen, dicht an die duftblaue -Halde des Berges gelehnt.</p> - -<p>O, wie der Duft an diesen Bergen hing! Blau, blau und -schiefergrau gedämpft vom hellen Glanz des Gipfelsaumes, -der noch im Lichte stand. Wie diese schroffen Felsenhöhen -die Schattenkühle in sich sogen, sich ganz hinüberlegten -in den Duft. In welche Milde all dies Ausgeglühte -tauchte, in welchen tiefgestillten Atemzug der großen -und gedankenvollen Nacht. Und ferne – ach, fast übersehen -– das Meer, so unersättlich blau und still, so still -und blau das Meer .. wie auf die Ebene hingestrichen, -<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -ohne Segel, ohne Schaum, ohne Flut. Ich saß, halb liegend, -den Kopf in meine linke Hand gestützt, am tiefen -Rand der Mauer. Dies war der Ort zu ruhen, friedvoll -zu sein mit sich und seinem Los. Warum noch weiter -gehen? Kein Wunsch mehr zog mich in das weiße Haus. -Sein Bannkreis war betreten und seine Schönheit blieb -viel süßer, wenn eine leichte Ferne noch die schlummervolle -Seele wachhielt: So ist Musik, die aus dem Innern -eines Hauses an unser Ohr schlägt: Sie wiegt und wiegt: -wir aber fühlen tiefer, daß uns dunkle Hände tragen:</p> - -<p>Ruhe, ruhe, Seele! Halte Wacht über dem großen Gefühl! -Ich denke an dich, Geliebte, und an die Ruhe deines -Herzens, in der mein Leben stille liegt. Ich denke an den -Tag, als ich ausfuhr: nun sind schon Wochen dahin, und -ich bin übersättigt von Schönheit. Wenig fehlt, und die -letzte Schranke ist überschritten, hinter der das Vergessen -wohnt. Soll ich untertauchen? Soll ich aufhören zu sein, -was ich bin? Das Blut drängt hinüber, es drängt mein -entzündeter Wille, und meine Sinne drängen. Ich kann -das Meer nicht mehr sehen, ohne zu wissen, daß mich -die Woge noch ferner entführt. Im Schlaf sucht mein -Auge die Palmen der Wüste und die Zisternen der Wüste. -An den Urgrund des Lebens will ich hinunter: in die -endlose Ebene des Sandes und die endlose Wölbung des -Himmels, dahin, wo der Anfang der Seele mit dem Anfang -Gottes verschmilzt. Ich will in die Anfänge des ungestalteten -Gottes, der noch keine Form und noch keine -Symbole gefunden hat, noch nie von Menschen gedeutet, -noch nie von Priestern verkündet ist.</p> - -<p>In tausend Wesen habe ich Gott gespürt und konnte ihn -nennen. Er war ein Gott der Zeiten und glich der Seele -<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -der Zeit. Er war die Sehnsucht der Menschen und abgewandelt -wie die Seele der Sehnsucht. Ich fand ihn in -dir und sagte: Geliebte. Ich fand ihn im Freunde und -sagte: Geliebter. Ich fand ihn in allem, das sich selbst -genügt und in der eigenen Erfüllung lebt und sagte: die -Schönheit.</p> - -<p>In Ravenna fand ich den Gott, der als Seele den Leib -überwuchert und mit tränenverschleierter Stimme flüstert: -Der Leib ist ein Staub und die Seele das Feuer, in dem -sich der Staub verzehrt.</p> - -<p>In Florenz fand ich den Gott, der lächelnd verkündet: -Seht, die Klarheit ist alles! Seid hell wie der Himmel, den -meine Güte euch wölbt. Seid gütig und lernt das entwaffnende -Lächeln. Ich heiße euch sanft sein und leicht, -daß ihr schwebt, wie mein Licht auf der Schwere der -Erde.</p> - -<p>In Rom fand ich den Gott, der als Seele zerbrochenen -Lebens in die Seele der Gegenwart weht und aus tausend -vergessenen Schönheiten und den rastlosen Zielen des -äußeren Lebens die unbegreiflich versöhnende Schönheit -mischt. Und seine Stimme ruft aus dem Purpur: Ergründet -nicht! Taucht nicht in die Tiefen des Rätsels: Seid -glücklich im Schönsein. Das Heil ist dem, der blind -bleibt!</p> - -<p>In Neapel fand ich den Gott, der die Seele der Kinder -bewohnt, in Gutem und in Bösem. Den Gott, der die -Pfaffen auslacht. Den Gott, der die gottlose Menge bewegt -und die harmlose Sünde behütet, indem er die Triebe -aufgehen läßt wie das Vogelfutter aus den winzigen Samenkörnern. -Laßt doch mein Volk in Ruhe, sagt er den -Pfaffen! Das Volk ist mein und ich habe es lieber als -<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -euch! Sühnt irdisch, wo irdische Frevel sind. Aber quält -nicht mit der Flamme des Geistes, was jenseits des Geistes -ist und seiner und eurer nicht bedarf! Laßt in der Einfalt, -was in der Einfalt schön ist und heilig vor meinem Auge ..</p> - -<p>In Palermo fand ich den Gott, der in goldnem Wagen -über den Häuptern fährt. Den Gott, der die Taten segnet -und Taten als Lohn für seine Liebe fordert. Den Gott, -der ein Fürst ist über den Fürsten: und sein Name ist -Fülle und Glanz.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_149"> </a> -TUNIS / WÜSTE</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -<b>I</b>ch fuhr mit demselben Dampfer nach Tunis, der mich -von Neapel nach Palermo gebracht hatte. Cesare Salvari, -jener Matrose aus Messina, hatte mir an einer geschützten -Stelle des Deckes einen Liegestuhl hergerichtet, -und ich ruhte nun in der Mittagsglut des Hafens, den -Blick in die Bläue gehoben, die wie ein großes, seidnes -Zelttuch über Mast und Stangen hing. Es war so still, -daß niemand ahnen konnte, das Schiff werde in einer -Viertelstunde fahren. Einige Pferde für Trapani waren -schon früh verladen worden, das wenige geringe Volk -des Zwischendeckes hatte sich schon lange vor mir eingeschifft, -ein junger Mensch, der aus Kleinasien kam, -war mein einziger Reisegefährte.</p> - -<p>Über den Häusern der Stadt flimmerte die Luft. Nicht -eine einzige Rauchsäule stieg auf. An den Abhängen des -Monte Grifone schimmerten weiße und gelbe Wände -zwischen dem Grün der Orangengärten. Über dem Pellegrino -wob eine lilagraue Helligkeit, in der zuweilen das -Licht silbern aufzuckte. Das Schiff schwankte ganz leise -in der Richtung seiner Länge, und dieses Schaukeln -weckte eine weiche, lässige Schläfrigkeit. Wundervoll war -das Rieseln der Wärme: wie das Rieseln unsichtbar feinen -Sandes über dem nackten Körper. Und obwohl von -der See keine Kühle wehte, gab der Geruch von Algen, -Tang und Teer ein Gefühl von Frische und Weite. Kein -Fahrzeug war am weiten Horizont zu sehen. Leerer Himmel -stieg in leere Luft. Das Meer stand.</p> - -<p>Die Stadt vor mir war längst nicht mehr Palermo: es war -irgend ein südlicher, sonniger Hafen, in dem mein Schiff -eine kurze Ruhe hielt. Ich hörte, wie die Brücke hochgezogen -wurde, wie der Kapitän noch etwas ans Land -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -rief, wie die Sirene aufheulte und die fernen Bergwände -das Echo verschluckten. Dann war ein Gequirl von -Wogen, ein Stampfen und Zittern und Brausen, und wir -fuhren. Ich mochte nicht aufstehen. Den Kopf zur Seite -gewandt, sah ich das Fliehen der Küste und der flach-hingebetteten -Häuser ..</p> - -<p>»Ihr Abende auf dem Meer – und ihr Abende in Angelinas -Garten, ihr Wagenfahrten am Corso der Via Libertà, -du seltsames Maskenspiel südlicher Menschen, die das -Wesen von Puppen annehmen, wenn sie sich in der leisen -Betäubung des ewigen Auf- und Niedergleitens begegnen, -ihr stillen Morgengänge nach Acqua-Santa und -Romagnolo: Lebt wohl! Lebt wohl für lange, vielleicht -für immer ..«</p> - -<p>Die endlose Flucht der steilen Küste begann. Wir fuhren -in weitem Bogen auf das offene Meer hinaus, sobald wir -Mondello und das Kap Gallo hinter uns hatten. Das -Ufer wich in immer tieferen Buchten, einmal schob sich -ein Saum von flachen, grünen Steppen in die Flut, dann -zog der Golf von Castellamare die Gestade an sich. Die -Berge rückten zusammen und schienen sich zu drehen, -kahle, verbrannte Kuppen wuchsen hellbraun und lila -aus der Masse des tiefen Gesteines. Lila, wie ganz verblaßter -Flieder, und lila wie der nächtige Duft auf reifen -Pflaumen, ein wenig feucht und kühl, und wieder andere -lilablau, wie späte Waldveilchen, schon halb entkräftet -von zu langem Licht. Dann plötzlich zeigte sich zwischen -grauen Falten ein hellgrünes Tal, verweilte wenige Augenblicke, -und verschwand. Besonders schön war dies: wie -man im Golf die Küste weichen fühlte und, ganz an dieses -leichte Fernergleiten verloren, schon auf der anderen -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -Seite neue Berge kommen sah, viel steiler, viel zerrissener -in den Abhängen, doch still gerundet in den Kuppen, -weich in der goldnen Luft entfaltet. Das nahe Lila wich -dem ferneren Indigo; einmal hob sich ein heliotropfarbener -Kegel in ungeahnter Milde über starren Graten. -Lag irgendwo ein Haus in baumloser und schattenloser -Öde am Strand, so wuchs der Schauer der Einsamkeit. -Ganz einsam aber stand der Leuchtturm von San Vito. Hier -lenkte das Schiff nach Süden und gab die erste Mahnung -an das Ziel. Wir waren in die Gewässer von Trapani eingefahren. -Ich schaute zwischen den Stangen des Geländers -und den flatternden Vorhängen in der Richtung des -Monte San Giuliano, des Heiligen Berges, auf dem das alte -Heiligtum der Venus Erycina lag: Klar und braun stand -er plötzlich im Licht, doch über seinem Gipfel schwebte -eine rosenfarbige Wolke, ganz dünn, ein Schleier nur, ein -süßer Dunst. So, wie von Rosenopfern einst der Weihrauch -der Altäre aufstieg, wenn die nackten Chöre auf -den Tempeltreppen sangen und die Kithara schlugen. In -wildem Efeu lag das weiße Haus, dessen vierfacher First -nach allen Himmeln wies und die flammende Schrift seiner -Zinnen den fernen Meerfahrern hinhielt, so daß die -Matrosen von den Schiffen aufsahen und die Sehnsucht -ihrer entwöhnten Lenden doppelt brennend fühlten.</p> - -<p>Um fünf Uhr warf das Schiff vor Trapani Anker. Ich -ließ mich übersetzen und fuhr in das Innere der gelben, -sandigen Stadt, durch tote Straßen, über leere Plätze ohne -Grün und ohne Schatten. Aus glühenden Kasernenhöfen -drang das Schmettern der Trompetensignale, goldne -Helmbuge blinkten über hohen, weißen Mauern auf.</p> - -<p>Ich kehrte bald zurück und trank den Tee an Bord. Die -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -Pferde wurden ausgeladen, schwarzes Gesindel, unheimlich -und verwahrlost, trieb sich in bunten Lumpen auf -der Mole umher. Die Stunden gingen. Cesare trat zu mir. -Wir standen am Geländer und schauten auf Stadt und -Meer. In das Gold der Luft war ein Rosa geflogen. Der -Monte San Giuliano hatte den Schleier um seinen Gipfel -dichter gezogen. Über den Dächern wob eine Stille, die -ganz voll Fremdheit war, verflüchtigend und entkörpernd. -Alle Gestalten, die über die schmale Brücke auf -das Schiff gingen, schienen aus einem Dunst von Blut -zu kommen, in einigen Fenstern flammte dunkelrotes -Feuer. Der Kapitän ging vorbei und bat mich, zu Tisch -zu kommen.</p> - -<p>Wir waren zu dreien in dem großen Speisesaal. Alle -Fenster standen weitgeöffnet, das Wasser gurgelte leise -an den Flanken, ein Geruch von Salz und Tang kam -manchmal über die Tafel, die mit Verbenen geschmückt -war. Wir aßen schweigend. Der Wein war schwer und -dunkel, Conca d'Oro vecchio aus Palermo, und Marsala, -goldflüssig und gewürzt wie frischer Honig. Das Obst -fiel über die Ränder der großen silbernen Schalen auf -das Tischtuch: Bananen und Feigen, Limonen und Kirschen, -Orangen und Nespeln. Als der schwarze Kaffee -gebracht wurde, schoß eine Purpurwelle durch die westlichen -Fenster, alle Wände, alle Stühle, die Blumen, die -Tassen, die Vorhänge, die Diwanreihen loderten auf, -laute Rufe des Entzückens wurden über uns auf Deck -vernehmbar – wir erhoben uns rasch und gingen nach -oben.</p> - -<p>Es war kein Flammen mehr, es war ein Wüten von dunkelrotem -Feuer in diesem Sonnenuntergang, am Boden -<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -beginnend, in flachen Wellen steigend und hart über der -schwarzen Silhouette der Stadt hinrauschend. Ein Bündel -stahlblau glänzender Dolche, stachen die wenigen Palmenwipfel -über den glatten Dächern in diesen Brand. -Die breite Kuppel der Kathedrale ließ dünne Blutbäche -in den Bugen der Wölbungen niederrieseln, nirgends mehr -war das Erlösende eines milden Goldes. Schwärze und Purpur -lagen fanatisch ineinandergewühlt, durcheinandergeschleift, -als das Schiff aus der Enge des Hafens fuhr.</p> - -<p>Und es kam kein Gold mehr. Auch nicht mehr jenes zarteste, -durchsichtige Apfelgrün, in dem so gerne der Tag -noch über dem offnen Meere verweilt, ehe die Nacht -sinkt. Es kam nicht das süße Aufblitzen der Sterne, nicht -ihr silbernes Ruhen im blassen Aquamarin: es kam ein -rasches, stummes Verlöschen des Feuers, ein kaum zu -fassendes Stillestehen des Lichtes – taubengrau und thymianlila -– und gleich darauf die Nacht, die tiefe, dunkelblau -gesättigte Nacht mit dem Gewühl der Sterne, -die jeden Augenblick aus ihrer weichen Fassung brechen -konnten, um Luft und Meer und Schiff zu begraben.</p> - -<p>Ich lag auf dem obersten Deck in meinen Stuhl gestreckt, -das Gesicht zum Himmel gewendet. Am Boden neben -mir saß Cesare und lehnte seinen Kopf an den Sessel. -Keine Stimme war lebendig auf dem Schiff, keine Mandoline -klang.</p> - -<p>Da fühlte ich: Dies war nicht mehr die Nacht Siziliens: -dies war die Nacht über Afrika.</p> - -<p>Die Bläue senkte sich, das Meer schwoll ihr entgegen, -die Sterne drängten nieder, zitternd in ihrer eignen Glut, -Lichtbündel schossen in die Wogen – doch plötzlich -schien das Spiel zu ruhen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -Noch einmal tiefer hatte sich das Blau gebauscht, offne, -stille Blumen quollen langsam aus der Mündung eines -ungeheuren Füllhorns, Lilienbüschel, weiß und smaragdengrün, -und sanken .. sanken auf das einsame Meer.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Es war halb fünf Uhr, als Cesare mich weckte. Ich warf -den Mantel über und trat einen Augenblick an die Türe. -Blaßblaue Berge standen unendlich fern in der dunstigen -Luft, am Fuß von bräunlichem Rauch umlagert. Die -Sonne goß eine brütend-aufgelöste Wärme durch das -Milchglas des verschleierten Himmels, das Wasser blendete -bis zum Schmerz.</p> - -<p>»Scirocco, sagte Cesare, indem er die Hand vor die Augen -hob und die Brauen steil zusammenzog, um dem Blick -eine größere Schärfe zu geben .. Aber ich sehe den Hügel -von Karthago, ein gutes Zeichen. Das Wetter wird hell -und trocken werden.«</p> - -<p>Ich kleidete mich an und ließ das Frühstück auf Deck -tragen. Die Luft war unerträglich schwül, alle Glieder -waren wie zerschlagen, obwohl ich vier Stunden lang -gut geschlafen hatte. Die Augen wagten kaum, sich zu -öffnen. Ein tauber, weher Druck zog die Lider herunter. -Auch das Haar schmerzte, und in den Ohren klopfte das -Blut. Der ganze Körper war in ein Netz von leichtem -Fieber gespannt.</p> - -<p>Die Anfahrt an die Stadt war nur ein Hinüberdämmern -wie im Halbschlaf.</p> - -<p>Bilder kamen und wechselten, traumhaft .. gleichgültig .. -Bergspitzen und Bergabhänge, braun und rosa, blaue, -<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a> -weiche Mulden und Streifen flachen, gelben Landes drehten -umeinander, während das Schiff kaum fühlbar voranfuhr.</p> - -<p>Ich lag wieder auf meinem Stuhl, Cesare saß mit untergeschlagenen -Beinen am Boden und nähte an einer Hose. -Vom Zwischendeck kamen wilde, unverständliche Laute -herauf, schwarze Köpfe wurden zwischen Geländer und -Gestänge sichtbar, Weiber in hochroten Kopftüchern, -mit großen Goldmünzen im Ohr .. Kinder spielten Nachlauf -und schrieen, wenn sie sich gefangen hatten .. Nackte -Heizer, schwarz von Ruß und den Dunst des Öles ausströmend, -kamen einen Augenblick zum Vorschein und -wischten mit groben, blauen Tüchern den Schweiß von -ihren glänzenden Körpern. Sie leckten mit der Zunge die -vollen Lippen und ließen den Mund offen stehen, um -die Luft zu trinken. Die glühenden Augen starrten gegen -das Land. Eine unbeschreibliche Geilheit straffte diese -harten Leiber, die Tag und Nacht in die Glut der dumpfen -Kesselräume gebannt blieben. Sie waren nur noch Geschlecht, -wie sie so dastanden in der bleichen Sonne, mit -eingezogenem Unterleib und breitherausgedrückten Brüsten. -Wenn sie lachten, fletschten die weißen Zähne wie im -Maul eines gefangenen Tieres auf, und wenn sie sich -scherzend anstießen oder an den feuchten Armen packten, -glich ihre Bewegung dem plumpen Spiel junger Pantherkatzen.</p> - -<p>»Sie haben Judenweiber in Tunis, sagte Cesare, als er -auf meinem Gesicht das Gemisch von Mitleid, Bewunderung -und Ekel las. Sie können es nicht abwarten, bis sie -hinüberkommen. Sobald das Schiff landet und alle Heizarbeit -für die Weiterfahrt vorbereitet ist, gehen sie in die -<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a> -Stadt und bleiben bis zum Abend. Wenn sie dann zurückkommen, -sind sie mit Obst und Zuckerzeug beladen, -besonders mit goldgelben Lukkumwürfeln, die sie manchmal -den Gästen verkaufen. Betrunken sind sie nie. Eine -Weile lang flüstern sie noch heimlich zusammen und -lachen in der Erinnerung an das Erlebte, ist aber die Erregung -ganz vorbei, so werden sie wieder schweigsam -und fleißig. Ich weiß, daß der jüngere von seinem geringen -Lohn jede Woche seiner Mutter in Neapel noch -ein paar Lire schenkt ..«</p> - -<p>Die braunen Gestalten waren verschwunden. Das Schiff -ging rascher. Wir näherten uns dem Hügel von Karthago, -der steil und deutlich in das Meer vorsprang. Weiße -flache Häuser tauchten zwischen blühendem Grün empor, -das kleine arabische Dorf Sidi-Bou-Said zog sich am -Berge hin.</p> - -<p>Durch die Enge zwischen den Landzungen von La Goletta -und Radès fuhr das Schiff in den schmalen Kanal -ein, der den Bahira-See durchschneidet und geradeswegs -dem Hafen zuläuft. Nun erst fiel die ganze Schwüle des -Sciroccomorgens über uns, doppelt quälerisch in dem -weißen Dunst, der auf dem unbewegten Wasser lag. -Selbst Cesare, der schon so lange an diesen Wechsel der -Winde gewöhnt war, atmete schwerer und klagte über -Kopfschmerzen. Ich war ihm nach dem vorderen Teile -des Schiffes gefolgt, um die Anfahrt an die Stadt zu sehen. -Ich saß auf einem Bündel zusammengerollter Taue und -schaute auf die weißansteigenden Dächer, auf all diese -flachen, scharfgezogenen Flächen, die sich senkrecht und -wagrecht bergan schoben und sich hart die schwarzen, -abgeschnittenen Dreiecke ihrer Schatten zuwarfen. Doch -<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a> -all diese Schatten dämpften nicht das übertriebene Weiß -der Wände, sie steigerten es und schienen selbst nicht -da zu sein. So blieb nur der Eindruck einer siedenden -Helle: weiß wie silberne Wasserdämpfe .. weiß wie berghoch -aufgeschüttete Magnolienblätter .. weiß wie der -Glanz der Mondsteine ..</p> - -<p>Das Wasser hatte grünliche Färbung angenommen und -atmete Fäulnis. An den Rändern einer kleinen Insel -standen rote Flamingos und bargen die Schnäbel im -Brustgefieder, während sie die schwarzen Schwungfedern -kurz und häufig aufzucken ließen ..</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Kurz nach sieben trat ich in den Gasthof. Das Treiben -in dem Vestibül ließ eine viel spätere Stunde vermuten. -Ich ruhte eine Stunde, nahm das Frühstück unter einem -Palmenbaum im Garten und ließ einen Wagen für den -ganzen Tag mieten. Nie habe ich schönere Wagen gesehen -als in Tunis: Halbverdecke auf Gummirädern, -weich gepolstert und von einem blendend-weißen Zeltdach -überspannt .. und nirgends schönere Pferde: mittelgroße, -schwarze Tiere, knapp in Gang und Haltung, -lebhaft, gepflegt und gestriegelt, daß man sich im Glanz -der kurzen Haare bespiegeln konnte. Mein Kutscher war -ein Süditaliener aus Cosenza, klug, feinfühlig und nicht -im geringsten geschwätzig. Neben ihm saß ein zehnjähriger -arabischer Knabe, der die Aufgabe hatte, mich in -den Basaren zu führen, in die wir nicht einfahren konnten. -Wie ein kleiner König saß er da in seinen hellblauen -Hosen und seinem weißen Hemd. Den dunkelroten -<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a> -Fez hatte er tief in den Nacken zurückgeschoben, -so daß eine Welle glänzender Haare auf seine gebräunte -Stirne fiel. Er kaute trockene Feigen, die er aus der Tasche -zog. Jedesmal, wenn der Wagen anhielt, glitt er wie ein -Wiesel auf die Erde nieder, reichte mir die Hand zum -Aussteigen und kauerte auf dem Trittbrett, bis ich zurückkam.</p> - -<p>Wir durchfuhren zunächst die südliche Stadt, die Rebat-Bab-Djazira. -Da, wo die Moschee des gleichen Namens -liegt, sah ich einen langen Zug Kamele kommen, die -Kohlen nach dem Markte schleppten. Die Tiere gingen -schwer, unwillig, wie geschändet durch die aufgezwungene -Last, mit einem Ausdruck hilflosen Vorwurfs in -den guten Augen, deren Blick mich schon in der frühen -Kindheit ergriffen hatte, wenn ich auf den Jahrmärkten -den Gauklern nachlief, die am Halfter ein müdes, graues -Dromedar hinter sich herzogen, auf dessen Rücken ein -frecher Affe Nüsse fraß. – Schweigende Treiber schlürften -in klappenden Schuhen neben den Tieren über die -Pflastersteine. Viele hatten kleine Jasminsträuße hinter -die Ohren gesteckt, Gemüse- und Obsthändler zogen die -Djazirastraße entlang, Karrenschieber, aus deren Wagen -bunte Farbflecken aufleuchteten: Kirschen, Rüben, -Salatbüsche, Fenchelstiele. Als wir an der Kasba vorbeifuhren, -der alten Zitadelle der Stadt, verkündeten Trompetensignale, -daß diese weißen Kalkmauern jetzt eine -Kaserne umschließen. »Zuaven«, sagte der Kutscher mit -einer wegwerfenden Handbewegung. Je weiter wir nördlich -kamen, desto belebter wurde die Straße. Frauen in -dunklen Gewändern und mit verhülltem Gesicht führten -kleine Kinder an der Hand und gingen ruhigen -<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a> -Schrittes in der Mitte der Straße. Männer in Gruppen, -schweigsam oder leise redend, saßen auf den Bänken vor -den Häusern in der Sonne. Einige hatten die weißen -Tücher vom Kopfe fortgenommen, andere dicht gewickelt -und tief in die Stirne gezogen. Auch auf den grellen -Dächern wurden weiße Gestalten sichtbar. Ihre blauen -Schatten brachen scharf an der Brüstung ab. Manchmal -warf der breite Wipfel eines Baumes eine grünliche -Dämmerung in das Milchweiß der brütenden Luft. Aber -vergebens spähte das Auge nach einer Bewegung der -Blätter. Nur der Windhauch des Fahrens gewährte eine -ganz leise Erfrischung. Sobald der Wagen hielt, schien -der Atem zu stocken. Wir kamen bis zu dem nordwestlichen -Tore Bab-Bou-Sadoun, wo viele alte Männer gesenkten -Hauptes saßen. Sie sahen kaum nach meinem -Wagen auf. Auch beachteten sie nicht den Staub, der beim -Umwenden in die Höhe wirbelte und zu ihnen hinüberzog. -An dem Halfaouinplatze stand eine große Menge – -wie wartend – umher. Viele bunte Farben tauchten hier -neben dem Weiß der faltigen Burnusse auf: Viel Gelb -und Ziegelrot an Wams und Weste, auch lichtes Blau -und Zinnoberbraun. Ich ließ den Wagen anhalten und -trat an eines der vielen Cafés, die hier im Kreis umherliegen. -Ich hatte mich kaum gesetzt, als man auf ziselierter -Messingplatte die heißen, hochgefüllten Mokkabecher -brachte, an deren Rand der kupferne Schaum dünne, -bunte Blasen trieb. Der Duft war so belebend, daß ich -auf Augenblicke die fürchterliche Glut der Luft vergaß. -Aber kaum hatte ich das heiße Getränk zu mir genommen, -als ein Feuer in mir aufschlug wie von zu scharf -gewürzter Speise und perlende Feuchtigkeit am unteren -<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a> -Augenlid hervortrieb. Ein Schwindel faßte mich -an .. vor den Pupillen stoben rotgoldne Funkengarben -auseinander .. Ich netzte die Stirne mit Wasser .. und -erkannte wieder den Platz und den Wagen vor mir. Ich -hieß den Kutscher rasch nach den Basaren fahren. Wir -durchquerten die Bab-Souika, wo einiges Grün das Auge -auf Minuten beruhigte, umfuhren halb die Sidi-Mahrez-Moschee, -und endeten am Kasbaplatz, wo ich den Wagen -warten ließ. Der Knabe folgte mir, und als wir in -das Halbdunkel der ersten, überdachten Basarstraßen -traten, faßte er meine Hand, um mich in dem Gewühl -nicht zu verlieren. Seine nackten braunen Füße berührten -nur leicht die Steinfliesen, der feine Körper schwebte -nur in den flüchtigen Hüften .. Erquickende Kühle -wallte in den endlosen Gängen. Der Boden war in der -Frühe begossen worden und hauchte noch den Geruch -des Wassers aus, die weißen, faltigen Burnusse der -Schreitenden schlugen die Luft und ließen Frische nachwehen: -etwas wie einen Duft von grüner Bleiche und -Mandelseife.</p> - -<p>Ich blieb eine Weile an der Auslage eines Schneiders -stehen und sah mit zu, wie er ein Gewand aus weißem -Kaschmir mit goldnen Borten benähte. Die Nadel knisterte, -wenn sie im Flug den Stoff durchfuhr, der aus den -weichen Falten ein elfenbeinernes Licht warf. Ein Gewühl -von bunten Atlasresten war auf dem Boden ausgebreitet: -wollüstiges Bad der suchenden Hände. – Auch -bei einem Schuster saß ich einige Minuten und ließ mir -purpurne Prunkschuhe und safrangelbe Pantoffel zeigen, -die mit Silberfiligran umsponnen waren. – Ein Kupferschmied -aber zündete mir auf einem alten, vierzehnarmigen -<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a> -Tempelleuchter die braunen Wachskerzen an, so daß -ein Hauch wie brennender Honig an die Decke des niederen -Gewölbes schlug.</p> - -<p>Es war fast Mittag, als ich in den Souk-el-Birka zu den -Juwelieren hinüberging. Ich kaufte einen Talisman aus -grünem Email und einen schmalen, schwarzblauen Dolch, -dessen Griff mit silbernen Nägeln und blassen Turmalinen -übersät war. Als ich gehen wollte, bat mich der -alte Besitzer des Ladens, noch einen Augenblick zu verweilen -und rief seinem Sohn ein paar arabische Worte -in einen Nebenraum zu. Gleich darauf wurden zwei -große Kästen gebracht und auf einen maurischen Schemel -gestellt. Der Alte türmte Kissen aufeinander und lud -zum Sitzen ein. Vater und Sohn standen dicht nebeneinander -und hoben die Hände in einer fast schmerzlichen -Bewunderung empor, als sich die roten Seidenetuis öffneten -und auf weißem Samt die unvergleichlichsten Gewebe -goldnen Filigranes sichtbar werden ließen, die je -mein Auge erblickte. Mit einer Geste, als seien seine Finger -nicht heilig genug, die Kostbarkeiten zu berühren, -hob nun der Alte den größeren Schmuck in die Höhe -und legte ihn über die crêmefarbige Seide einer nachgeahmten -Frauenbüste. Nun erst erkannte ich, was dieses -Netz bedeutete. Es war der kühle Panzer für die nackten -Schultern und Brüste einer Frau. An jeder Kreuzung -zweier Goldfäden taute ein blasser Rubintropfen: da, wo -die dunkelroten Knospen der Brüste aus dem Gewebe -drängen mußten, war eine runde Öffnung gelassen, die -ganz von spitzen, heißen Diamanten umsäumt stand. -Man fühlte das Atmen der blassen Haut unter dieser -Hülle, das weiche Schlucken der Kehle, wenn die Lust -<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a> -in die Glieder rieselte, die leichte Blähung des Unterleibes -über dem Geschlecht, und die flache Höhlung an den -Seiten der leidenschaftlich eingezognen Schenkel. Man -spürte die blaue Rohseide der Lagers, den irrenden Duft -des Jasmines in den Decken, das laue Feuchte auf den -leicht geöffneten Lippen, die an den glatten Strich der -Schneidezähne rührten.</p> - -<p>Die Juweliere sahen mich erwartend an. Der Sohn ließ -seine weichen Finger durch die Maschen spielen, wie -wenn er das warme Fleisch unter dem kühlen Geriesel -abtastete, und sagte zu mir:</p> - -<p>»Die schönste Jüdin von Tunis wird in diesem Schmuck -noch heute abend tanzen. Ihr Freund, ihr reicher Freund, -der nur vorübergehend in der Stadt weilt – er lebt auf -seinen Farmen im Innern des Landes – hat ihn bei uns -arbeiten lassen. Wir haben Monate gebraucht, ihn herzustellen. -Wir haben nie etwas Ähnliches angefertigt. Es -hat nicht seines Gleichen auf der Welt« ..</p> - -<p>»Wenn nicht das andere Stück, fiel der Vater ein, zeige -das andere Stück – die Wahl ist schwer.«</p> - -<p>»Es ist für eine arabische Dame, erklärte er weiter, als -der Sohn das Haarnetz über seine Hand fallen ließ, so -daß es sich wie eine flache Mitra an sieben Platinkreisen -entfaltete, die von den zartesten Brillanten starrten und -miteinander durch unwahrscheinlich dünne Silberschnüre -verbunden waren. Am linken Rand des weitesten Reifes -war eine schmale Öse für den Reiherbusch und an den -inneren Wänden ein Spiel von goldnen Nadeln angebracht, -um die sprühende Haube über der Welle des -Haares zu halten.</p> - -<p>»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte, indem -<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a> -er sich dicht zu mir hinüberneigte und mir in die Augen -sah.</p> - -<p>»Ich ziehe keines von beiden vor. Sie sind gleich wundervoll. -Für meine Gattin würde ich das Haarnetz kaufen, -für meine Freundin den Panzer ..«</p> - -<p>»Auf Ehre, ich sage das Gleiche, erwiderte rasch der -Jude. Doch ob mir die Gattin oder die Freundin lieber -ist, sage ich nicht ..«</p> - -<p>Wir betraten den Souk-el-Attârin, wo die kostbaren -Essenzen verkauft werden. Wie von Rosenhügeln kam -uns ein Hauch aus der schmalen Lichtsäule entgegen, die -durch eine offne Dachluke fiel. Ich konnte der Bitte des -jungen Verkäufers nicht widerstehen, der mich zum -Eintreten in seinen Laden lud und mir Kaffee und Zigaretten -anbot. Er kniete vor meinem Sitze nieder und -breitete auf einem seidnen Teppich von wundervoll geblaßtem -Himbeergelb und Erdbeerrot eine Menge zierlicher -Flacons aus, die selbst verschlossen eine heftige -Süße verströmten. Die kleinen Behälter – kugelrund -oder eckig abgeschliffen – waren aus altem, etwas erblindetem -Kristall und ganz mit dünnen, goldnen Ornamenten -übersät. Der Händler tupfte die Spitze der -gläsernen Stopfen auf dünne Watteflocken, die er in die -Luft warf. Ich sog geschlossenen Auges die endlos sich -erneuende Welle auf: so wie man Töne unergründlicher -Melodien schlürft oder das Überraschende, nur Halbgelöste -im enharmonischen Wechsel der Akkorde. Ich -dachte an nichts: kein Bild und keine Vorstellung bannte -das Unendliche des Genusses. Ich atmete nur, so wie ich -der Musik nur lausche, ohne ihr Überirdisches an Erscheinungen -zu deuten. Duft bleibt mir Duft: so wie mir -<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a> -Klang nur Klang bleibt: vollkommen in sich: rein in -Wesen und Ausdruck. Einmal fiel mein Blick auf den -Knaben. Er saß etwas abseits, mit vorgeschobenem Gesicht -und leicht geblähten Nüstern, ein kleines, braunes -Reh, das gierig wittert. Der Verkäufer selbst schien wie -entrückt. Die vollen Lippen lüstern ausgezogen, so daß in -der Grube der feinen Mundwinkel ein bläulicher Flaum -lag, trank er die immer wechselnden Hauche und wurde -nicht müde, immer neue Flacons zu öffnen und neue -Schneeflocken fallen zu lassen. Schließlich stand er auf, -nahm alle die kleinen Wattekugeln und warf sie in die -Höhe: Da ging ein Regen von Balsam nieder, ein Glockenspiel -von fünfzigfach gemischter Süßigkeit. Ich hatte die -Schwüle, die Müdigkeit, die Kopfschmerzen vergessen -und lag halbtrunken auf dem Brokat der maisgelben -Kissen, indes wir eine Mischung besprachen, die ich für -mich bereiten lassen wollte. Der Araber sah mich lange -an, sah meine Hände an und befühlte sie, langsam und -prüfend, mehrere Male. Er betrachtete meine Ringe und -den bläulichen Halbmond der Nagelwurzeln. Er tastete -die Hügel der Fingerspitzen ab und befühlte die Haare -an den Schläfen. Dann sagte er langsam, während er -neuen Kaffee brachte und dem Kleinen ein Stück Lukkum -reichte:</p> - -<p>»Vous êtes artiste.«</p> - -<p>»Parfaitement. Je suis poète.«</p> - -<p>»Je l'ai bien deviné. Mais c'est difficile chez vouz. Votre -extérieur trompe. Vous cachez votre profession, vous -ne voulez pas qu'on voie ce que vous êtes. Mais vous -êtes passionément artiste .. si fort que cela domine votre -vie. Vous êtes de race germanique.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a> -»Je suis Allemand.«</p> - -<p>»Comme je vous connais! J'ai le flair des races! Depuis -mon enfance! Je sais exactement quel parfum il vous -faudra. Pas pour le prendre: c'est autre chose! mais pour -vous exprimer. Il faudra envelopper le centre chaud et -mou d'un ruban simple et plutôt sec .. Il faudra beaucoup -cacher sans dissimuler.«</p> - -<p>Damit ging er in den hinteren Raum des Ladens und -holte einige größere Flaschen, in denen smaragdene und -amethystene Flüssigkeiten leuchteten. Die Mischung -wurde in ein köstliches rundes Gefäß aus altem Kristall -gegossen und in ein Bett von grünem Atlas gelegt. Zum -Überfluß aber schenkte mir der Händler ein zierliches -Glas voll Jasminduft, der in dieser Stadt heilig ist, so wie -die Blume selbst.</p> - -<p>Dann aber fingen wir an zu plaudern. Der blaue Rauch -unserer Zigaretten stieg in schmalen Bändern empor, vor -der Türe wogte die leise Brandung der Menge. Helle -und Dunkel flog auf und nieder im Wechsel der Gestalten, -unaufhörlich wallte der Duft im gleitenden Luftzug ..</p> - -<p>Und der Araber sprach von den Oasen des Landes, von -Gafsa, von El Djem, von Dougga. Ich lag flach auf dem -Rücken und lauschte .. Immer wieder, wie ein Becken, -in dem sich der Strom seiner Rede sammelte, kehrte die -Mahnung wieder:</p> - -<p>»Scheuen Sie nicht die Mühe .. gehen Sie in die Wüste ..«</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Es verlangte mich zurück zum offnen Licht. Ein heller -Wind schlug mir entgegen, als ich mich dem Ausgang -<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a> -der Basare näherte. Die Decken der Ladentische wehten, -die seidnen Aushängefahnen wehten, die Gewänder der -Fußgänger wehten .. Und die reinste, tiefste Bläue wehte -über den schneeweißen Dächern, als ich ins Freie trat. -Baumwipfel rauschten, der leicht durchbrochene Schatten -der Zweige tanzte auf dem Boden. Die Schwüle war -fort .. die belebende Hitze sprühte golden und leicht -in den befreiten Lüften.</p> - -<p>Wir fuhren wieder nördlich, nach der Halfaouinstraße. -Ich ging, von dem Knaben geführt, in das Labyrinth der -Gassen, die einsam und geheimnisvoll im klaren Lichte -lagen, eine endlose Monotonie von weißen Würfeln -in satter Bläue, nur selten durch das Grüne eines Wipfels -oder das Bunte eines Blumenstrauches unterbrochen. -Die Türen waren geschlossen. Kaum ein -Mensch war sichtbar. Das Leben lag verschüttet im -weißen Licht: abgestumpft, unbewegt. Etwas, das nicht -mehr will.</p> - -<p>Wir waren aufs Geradewohl gegangen und kamen an -der Synagoge heraus. Hier schickte ich den Knaben -fort, um den Wagen herbeizuholen und ging auf ein -kleines Café zu, an dessen Schwelle zwei Tänzerinnen -saßen. Ich ließ kalten Tee bringen und setzte mich in -eine kühle Ecke. Die Frauen kamen zu mir. Ihr Gesicht -war so stark gepudert, der Mund so giftig-blaurot -überstrichen, daß mich ein Ekel faßte, als im Sprechen -ein feuchter Glanz auf diese Lippen trat. Aber die -Augen hatten so viel Milde, ja fast eine Traurigkeit. -Die aufgedunsenen, kleinen Hände, die von unechten -Ringen starrten, fuhren zuweilen in das wirre Haar, das -kein Öl ganz zu glätten vermochte und stützten sich -<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a> -dann wieder auf die breiten, häßlichen Hüften. Den -Achselhöhlen entstieg der scharfe, beizende Geruch des -Geschlechtes.</p> - -<p>»Was treiben Sie heute nachmittag?« fragte die jüngere -und legte die Hand auf mein Knie.</p> - -<p>»Ich fahre nach dem Belvedere-Park.«</p> - -<p>»Was wollen Sie jetzt dort tun? Es ist alles verdorrt! -Kommen Sie zu uns, wir werden Ihnen die Zeit vertreiben ..«</p> - -<p>»Womit?«</p> - -<p>»Womit Sie wollen.«</p> - -<p>Die ältere schob die Zunge zwischen die Lippen, die -schmale, zugespitzte Falte einer karminroten Zunge, auf -der ein gelblicher Speichel stand. Sie lachte und zeigte -verdorbene Zähne.</p> - -<p>»Ich will gar nichts,« erwiderte ich und zündete eine neue -Zigarette an, um die Fliegen fern zu halten ..</p> - -<p>»Desto besser, sagten die beiden. Wir wissen schon ..«</p> - -<p>Und sie sahen sich an wie solche, die glauben, verstanden -zu haben.</p> - -<p>»Hören Sie, begann wieder die jüngere, wir tanzen heute -nicht. Wir können am Nachmittag tun und lassen, was -wir wollen. Kommen Sie in unser Zimmer. Wir werden -Opium rauchen.«</p> - -<p>Die andere lüftete das Tuch und ließ ihre schlaffen, feuchten -Brüste sehen.</p> - -<p>»Geben Sie uns zwanzig Lire, einer jeden, und die Nacht -gehört Ihnen .. Die Nacht zu dreien ..«</p> - -<p>Sie spreizte die Beine und zog die Knie höher. Die Brüste -fielen ganz aus den weißen Schleiern. Über der linken -Warze stand ein bräunlicher Blutfleck, die letzte schwindende -<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a> -Spur eines Bisses. Sie sah mich lange an .. abwartend .. -Ich lächelte und rauchte weiter ..</p> - -<p>Da standen beide auf. Mit einem leichten Gruß, als ob -nichts gewesen sei, gingen sie auf ihre alten Plätze zurück.</p> - -<p>Es währte noch eine Weile, bis der Wagen kam. Ich sah -in die Luft, die über den Steinen flimmerte, und lauschte -einem Dudelsackpfeifer, der hinter fernen Höfen zu spielen -begann.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Das Gras auf den Wiesen des Belvedere-Parkes war schon -verbrannt, aber die Oleanderbäume schütteten die hellrote -Flut ihres Blühens über das feste Grün der Blätter. -Es war ein Oleandergarten, durch den der Wagen langsam -bergan fuhr. O seltsamer Duft dieser Blüten: Duft, -der mitten in der Süße abbricht, der nicht zu Ende geht -und da verflüchtigt, wo sich der tiefe Atemzug ganz -seiner Wonne bemächtigen will .. ein Duft wie Harfenklänge: -er weckt die Sehnsucht und löst sie nicht mehr -aus.</p> - -<p>Mit einem dünnen Palmblatt scheuchte der arabische -Knabe die Fliegen, als ich mich hoch oben am Pavillon -zur Ruhe niederließ. Die Augen fielen mir zu. Langsam -versank der Abstieg von Dächern und Kuppeln vor mir. -Als ich erwachte, war nur die endlose Bläue über mir -aufgerollt, weiße Vögel wiegten sich auf blühenden -Schwingen südlich über dem Meer gegen den leichten -Hauch der Hügel von Zaghouan. Der rote Duft der -Oleanderblüten stand aufrecht in dem Garten .. der Duft, -<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a> -der seine Seele in sich festhält, im Schenken süß, noch -süßer im Versagen ..</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Gegen sechs Uhr abends kam ich nach Radès, zu Achmet -Fouad, einem türkischen Freunde Axel Arnedals. -Ich fand genau den Menschen, den ich zu finden erwartet -hatte. Die erste Viertelstunde unseres Gespräches -gab eine Vertrautheit, als ob man sich schon lange gekannt -hätte.</p> - -<p>Jedes Wort, das der Vierundzwanzigjährige sprach, hatte -seine Schwere und Eindeutigkeit. Alle Gedanken wurden -einfach und mit jener Würde gegeben, die der -nordischen und westlichen Jugend fremd ist. Schon -die Stimme war Ruhe, tief und tönend, jede Silbe im -Kupfer ihres Klanges umhüllend. Dieselbe Kraft, zu -bannen und einzuschließen lag in den großen mandelförmigen -Augen. Die Brauen standen flach und stark -gezogen an der niedrigen Stirn. Über den kräftigen, -schlanken Händen lag mildverteilt die Sinnlichkeit des -Orientalen.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Wir ruhten auf gelben Matten und sahen die Nacht herniedersteigen. -Die trockene Wärme des Daches strömte -langsam in unseren Rücken.</p> - -<p>Schiffe lagen im Hafen, fern und kaum zu erkennen im -Widerschein des roten Himmels. Auf einem Bett von -Nelken ging der Abend schlafen. Silbern tauten die Sterne -am Rand der Blumen. Das Meer rollte den bronzenen -und rollte den stahlgrünen Samt. Im Norden blitzten die -<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a> -Lichter von Karthago auf. Keine Barke zog aus. Achmet -hob noch einmal den schweren, dunklen Kopf, hob die -Arme, wie wenn er das letzte Licht fassen wollte und ließ -sich leise ganz zu Boden gleiten, indessen mich tiefes Bangen -auf den Knieen hielt. Eine Stunde später brannten die -Ampeln, und der Jasminstaub verpuffte in den hohen -Räucherpfannen. Der schwarze Diener ging zum letztenmal. -Die Tür stand offen. Palmenwipfel wiesen in die Tiefe -des Gartens. Die Silberbäche der Sterne stürzten an der -nächtigen Kuppel nieder. Wie Nadelspitzen schlug das -Fieber des Duftes empor. Schon glitten Wolken vor dem -sinkenden Auge. Rosenfelder liefen im Morgenwind und -trugen mich fort. Dann noch ein allerletztes Dämmern .. -ein Ruf ohne Antwort .. O Haschisch! wehes Hanfkraut! -Süßes Hanfkraut, das dieses Schweben schenkt ..</p> - -<p>Und dann der tiefe, tiefe Fall durch weiße Sternenseen -in ein warmes, blaues Meer, das wiegt und wiegt .. und -leise singt und weiterwiegt ..</p> - -<p>Sehr mild und weichumrissen kamen die Gesichte auf -goldnen Dünsten der Frühe:</p> - -<p>Aus einem Veilchenhügel wurde der rührende Leib des -Mädchens geboren, von der aufgehenden Sonne bestrahlt. -Glückselig stand der Mund und trank die Morgenluft. -Auf den Spitzen der herben Brüste glühte das Silber des -Lichtes. Um die gereckten Hüften und die zarte Flucht -des Schoßes lag es wie ein dünner, schmiegsamer Panzer .. -und es glänzte in den Kniescheiben.</p> - -<p>Aus den Lüften schwebte der Knabe nieder, den Tau der -Dämmerung aus den Haaren schüttelnd und das feuchte -Gesicht in den Händen trocknend. Er umschlang die -Schulter der Geliebten und glitt in ihren Leib hinüber. -<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a> -Sie aber schloß die Arme über dem Kreuz seiner Hüften -und trug halb schon im Sinken, halb noch im ungewissen -Gleichgewichte, die Last, von der sie selbst getragen -wurde. Die Lippen des Knaben aber hatten sich festgesogen -an der Mandelblüte der linken Brust und tranken -das hellrote Blut, das im Kreislauf in das schenkende -männliche Geschlecht zurückrann. Da waren beide Körper -plötzlich ganz verwachsen, und jenseits des Geschlechtes, -das Mann und Weib scheidet, im Schoß der -Lust bis in den Abgrund alles Werdens untergetaucht.</p> - -<p>Andere Bilder lösten sich aus dem wachsenden Licht: -auf hellblauem Lager die schlafend vereinigten Freunde, -im Duft ihrer blonden und dunkleren Jugend verloren .. -auf purpurnen Betten die schmerzlichen lesbischen -Frauen .. Leda und der küssende Schwan, der die -Schwungfedern an den wartenden Schoß drängt, Danaë -mit den offnen Schenkeln, in die der Goldregen niederrieselt ..</p> - -<p>Aus der Woge aber, die mich wiegte, sang eine Stimme -– und es sang aus dem rauschenden Licht:</p> - -<p>Ich bin die Lust. Ich bin ein Eines und bin so viele Viel, -als niemals eines Menschen Hirn zu träumen vermag. -Jenseits von Tugend und Sünde beginnt mein Leben, -und ich lächle, wenn ihr mir Gesetze andichtet, da ich -gesetzlos bin und ganz mir selbst genüge. Ich frage nicht -darnach, was eurem Leben frommt und euren Zwecken -dient. Ich habe keinen Zweck. Ich bin nur da, ich war -und werde sein. Ich treibe den Mann zum Weib und den -Mann zum Mann und das Weib zum Weib und den -Menschen zum Tier und den Menschen zum Ding und -das Tier zum Tier und das Tier zum Ding und das Ding -<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a> -zum Ding. Ich bin voll Geheimnis und weiß es selbst -nicht, in wieviel Kräften ich bin. Ich bin in den Giften -und bin im Balsam. O daß ihr einmal sehen lerntet und -alles Lebendige gleichsetztet! Bin ich nicht aufgewachsen -in den Zellen eines kleinen Hanfkrautes? Wohne ich -nicht in einem winzigen Tropfen ausgepreßten Öles, der -genügt, euren Willen zu brechen und eure gefesselten -Sinne zu entfesseln, sodaß ihr die Wahrheit fühlt? Eine -arme Pflanze des Feldes setze ich über den Hochmut -eures Geistes! Ja, ich kann euch töten mit den Körnern -der Mohnblume! Ich kann in euer Blut überspringen und -mich so dehnen, daß das Gefäß eurer Adern zerreißt.</p> - -<p>Wes nennt ihr die Liebe? Was eure Ordnung erhält und -eure Art fortpflanzt. Aber ich bin keine Gottheit der -Ordnung und keine Gottheit der Art. Ich bin die Gottheit, -die als Anfang der Welt über den Wassern war. Ich -befehle euch nichts und verbiete euch nichts, da jedes -Geschehen mir gleich ist, in dem ich mich selbst erkenne. -Ich lohne euch nicht und strafe euch nicht: Ob ihr mich -preist, ob ihr mir flucht: Ich lächle – und bin.</p> - -<p class="ce">· · · · · · · · · · ·</p> - -<p>Morgengrauen. Aufbruch aus der kleinen arabischen -Stadt, in der die Karawane am Abend zuvor eingetroffen -war. Ein langer, quälend langer Ritt durch Steppe, Sand -und Wüste, bis zu einem toten Gewässer, an dessen Rand -das Mittagslager aufgeschlagen wurde. Agaven, Aloë, -Palmen und das schreiende Gelb der Kakteenblüten. -<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a> -Schutt, bröckelndes, verlassenes Gemäuer, angebrannte -Grasflächen. Am Himmel die gleißende, zischende Diamantscheibe -der Sonne, deren überhitzter Glast ringsum -die Bläue auffraß. Dann das weiße Zelt mit dem -dünn gefilterten Gold in dem groben Gewebe. Teppiche -und Kissen am Boden. Ein Gehen und Kommen der -Beduinen, bis alles hergerichtet war. Dann Ruhe .. beklemmende -Ruhe ..</p> - -<p>Achmet Fouad lag halbnackt in dem weißen Seidenburnus -ausgestreckt, dem Schlummer nah. Ich selbst, in -allen Sinnen überwach, saß auf dem Polster und lauschte -in das Knistern der betäubenden Luft. Die Hitze schoß -in tausend Pfeilen durch die Tuchwände. Sie sprang vom -Sand und dem siedenden Glanz des erblindeten Wassers -empor. Ich hörte, wie draußen einer ein Kamel schlug, -das sich nicht umlegen wollte. Der Stock sauste auf das -verwollte Fell nieder. Das Tier stieß einen wilden, bösen -Schrei aus und glitt in die Kniee. Lange noch drang sein -Schnaufen zu mir herüber. Ich versuchte zu rauchen. Die -Kehle war zu trocken. Das Blut drängte in meine Augen -und begann in meinen Ohren zu sausen. Ich riß die Kleider -von mir und warf mich auf das Lager. Die Hitze -drang wie Nadelstiche in meinen Leib, in allen Poren -schlug ein brennender Schmerz auf, krampfhaft kurz .. -im gleichen Augenblick schon in einer unerhörten Lust -aufgelöst. Der ganze Körper schien ertötet, entkörpert -in der Arbeit der Glutwellen, die ihn von allen Seiten -anfielen. Der Atem wurde frei. Tiefe Müdigkeit sank auf -die Augenlider. –</p> - -<p>Achmet stand lächelnd vor mir, als ich erwachte. Dunkles -Orange wogte im Zelt, er schlug den Vorhang etwas -<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a> -zur Seite, und ich sah wieder die glänzende Wand des -lasurenen Himmels, die über Palmengestrüpp emporwuchs. -Die Schatten der gesattelten Kamele fielen auf -den gelben Boden, ein Beduine fragte, ob wir bereit -seien. Wir ritten tief in den Abend hinein. Bei einem Sykomorengebüsch -wurden die Zelte wieder aufgeschlagen. -Die Wachtfeuer brannten an der Erde, der blaue Rauch -wirbelte in den roten Dunst der Lüfte. Schwarz lagen -die Kamele gegen den Purpur der Zelttücher, der langsam -blaßte, auf der welligen Weite war eine Saat von bleichen -Rosenblättern ausgestreut, die in jeder Minute weiterwelkte. -Aus den goldnen Brunnen der Sterne fiel der -Tau. Flachen Leibes lag ich auf dem Sand, den Kopf in -die aufgestützten Arme gebogen. So lag vor tausenden -von Jahren der Nomade auf dem Boden der Wüste, wenn -er in den kühlen, durchscheinenden Nächten von seinen -ruhlosen Wanderzügen ruhte, und schuf an der Weite -des funkelnden Himmels und der noch weiteren Weite -des wehenden Sandes den Raum seiner tiefen und kindlichen -Seele. So barg er das wilde Antlitz im Staub der -einsamen, unentweihten Erde, so hob er das wilde Antlitz -nach den Sternfeldern, die den Wohnungen Gottes -vorgelagert sind: Da wuchsen die ersten Silben im Abgrund -der Seele, Schauder und Wonne, in einem dunkeln -Klang gebunden: und das Gebet war geboren: der -große vermittelnde Gesang zwischen dem, was endlich -ist, und dem, was ewig ist.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Achmets Finger rührten an meine Schläfe:</p> - -<p>»Der Tag bricht an ..«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a> -Ich hob mich aus dem tiefen Schlaf.</p> - -<p>Das blasse Öllicht flackte in dem Messingbecken. Stimmen -wurden vor dem Zelte laut. Achmet schlug weit -den Vorhang auf. Die Luft kam weich und kühl von -Osten. Ich löste mich aus den Decken und trat in das -Freie. Die Beduinen grüßten. Einige knieten schon am -Boden. Über dem blauen Milchdunst am äußersten Saum -der Erde schleifte der trübe Rand eines purpurnen Vorhangs, -der an grauen Wolkenbändern aufgehängt war. -Plötzlich teilte sich dieser Vorhang der ganzen Länge -nach und öffnete dem Auge einen Blick in kühle, blanke, -smaragdene Tiefen. Im gleichen Augenblick bauschten -sich die Wolkenstreifen, Ströme von hellem Blut stürzten -in die grüne Klarheit der Mitte. Am Boden aber leckten -schon kurze Topasflammen nach oben, weißglühende -Dolche zuckten im Halbkreis nach und durchstachen -das schon gerinnende Blut: zwei-, drei-, vier-, fünfmal -raste eine mörderische Lohe bis in den Zenit hinauf – -und die große, weingoldne Sonne stand in erdrückender -Ruhe über dem verwüsteten Horizont.</p> - -<p>Ein Kamel zerrte am Halfter und schrie auf. Ein zweites -schrie, ein drittes, ein viertes, ein fünftes .. dann schrieen -alle. Vielleicht schreit einer so, dem das Messer in die -Eingeweide saust.</p> - -<p>– –</p> - -<p>Wir ritten .. ritten ..</p> - -<p>– –</p> - -<p>Wir ritten .. ritten .. ritten ..</p> - -<p>– –</p> - -<p>Gegen Abend erreichten wir die Oase.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a> -Gebadet und erquickt lagen wir am Rand der Quelle. -Braune Kinder spielten um uns. Frauen kamen und füllten -die gelben Tonkrüge, die sie auf der Schulter davontrugen. -Die Sonne war am Untergehen und schüttete ihr -letztes Licht über die breiten Palmenwedel und Olivenwipfel. -Dichtes, blühendes Oleandergebüsch säumte den -Abhang vor uns, jenseits der Böschung vor uns standen -Weizenäcker voll Kornblumen und Klatschrosen. Da -mußte ich an das heimatliche Land denken, an das grüne, -wellige Land um Pfingsten .. an die Feldwege nach Sonnenuntergang ..</p> - -<p>Ganz leise, ganz beruhigt war das Gespräch mit Achmet. -Ein Gespräch voll Abend und süßer Traurigkeit. Keine -Pläne mehr, kein Rechnen mit Meilen und Stunden: nur -das lautlose, wunschlose Übergehen von Wesen zu Wesen. -Kein Unterschied des Alters mehr, kein Unterschied -der Rassen: was uns irgend trennen konnte, war mit dem -lauen Wind verweht, der in den Wipfeln ging. Wir sprachen -von unserer Kindheit, von unseren Müttern, von -Freunden und von Frauen. Es war alles so ähnlich, die selben -Träume, dieselben Bitternisse, dieselben Tröstungen. -Nur die großen innern Ziele waren anders gesetzt: weil -das Schicksal des Vaterlandes verschieden war. Achmets -Liebe zu seinem Volke war ein dunkles, unterirdisches -Lodern, das sein ganzes Wesen ergriff und hinriß: eine -Liebe voll Fanatismus und Sehnsucht sich zu opfern, tragisch -in ihrer Artung und zu jedem tragischen Ende bereit, -unklar und grandios. Er sprach von Enver Bey, dem Heldenhaften, -der zart und melancholisch war wie eine Frau, -ein Brand von Liebe und Schmerz. Da spürte ich zum -erstenmal im Rhythmus der Sprache, im Fall der Töne, -<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a> -die ganze Leidenschaft, die dieses tiefe, stille Herz verschloß, -die innere, geistige Schönheit, in der die Kraft -lag, ein ganzes Leben läuternd zu durchdringen. –</p> - -<p>Wir verstummten vor der wachsenden Schönheit des -Abends. Fern im Osten hing zum erstenmal die gelbe, -scharfgeschnittene Sichel des Mondes an einem Himmel -von Kupfer und Grünspan. An den Palmenschäften -glänzten wie Buckeln am Schilde die Stümpfe der abgefallenen -Blätter, die langsam wiegenden Wedel schlugen -das ruhende Gold des Äthers. Wie sich ein helles leichtes -Zeltdach niederläßt, ließ sich die Nacht hernieder. -Wir gingen Arm in Arm zwischen Ölbaumgärten und -gelben Feldern, auf schmalen Lehmwegen. Esel, mit -hochgefüllten Gemüse- und Blumenkörben beladen, -trabten dem Stalle zu, Kamele schlürften an einer Tränke -langsam das Wasser, in einer offnen Türe brannte die -rötliche Ampel, in einem Hofe zupfte eine schläfrige -Hand die Zither. Schatten füllten die Winkel und Ecken -und wehten dem Dunkel der ruhenden Wipfel entgegen. -Die Wege verloren sich, leuchteten über fernen, blassen -Hügeln noch einmal auf und sanken ganz in Finsternis.</p> - -<p>»Wie wird dies alles fremd,« sagte ich leise zu Achmet ..</p> - -<p>»Und weit, fügte er ebenso leise hinzu. Ich höre die -Quellen fließen.«</p> - -<p>Und er hielt ein im Schreiten.</p> - -<p>»Ich höre das Kommen der Nacht .. Wie ein Flug von -weißen Vögeln kommt diese Nacht ..«</p> - -<p class="ce">· · · · · · · · · · ·</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a> -Als ich die Augen aufschlug, lag schwere, dunkelgrüne -Dämmerung über den golden durchleuchteten Wänden. -Das helle Plätschern eines dünnen Brunnenstrahles kam -über den bläulich-kühlen Flur, nach dessen Tiefe hin die -Türe offen stand, und flüchtiger Rosenduft war in das -Atmen des Wassers gesprengt. Die Sirene eines Schiffes -durchbrach die heiße Stille .. Tunis .. Radès .. die Villa -Achmet Fouads.</p> - -<p>Ich richtete mich empor und sah nach der Uhr. Es war -um die achte Morgenstunde .. Ich hatte nie so tief, so -traumlos tief geschlafen. Meine Glieder waren gelöst, -gebadet in wunderbringenden Wassern .. leicht und selig -durchrieselt von genossenem Glück.</p> - -<p>Kein Ton drang aus der Tiefe des Hauses. Grüne Fliegen -summten, ihre kleinen Schatten zuckten über die -oberen Kalkwände. Ich begann nachzusinnen .. aber -die Bilder in meinem Gedächtnis verwirrten sich. Jahre -waren vergangen, viele, heiße, schattenlose Jahre.</p> - -<p>Achmet trat auf die Schwelle.</p> - -<p>Wir nahmen das Frühstück im Garten des Brunnenhofes. -Zitronenfalter flogen über den offenen Blumen, -mit jedem Flügelschlag fiel eine Schuppe matten Goldes -in das tiefe Blau der Lüfte. Tausend kleine, weiße Flecken -tüpfelten den Boden unter den Büschen. Bäche von -elfenbeinernen Blüten stürzten aus dem harten Laub der -Jasminsträucher. Ich sah zum ersten Mal diesen Garten. -Halbträumend trank ich den leichten Tee, wie einer, dem -keine Zeit mehr gesetzt ist. Draußen war ja keine Karawane -mehr zur Abreise bereit, es warten keine Kamele, -die schon gesattelt standen und unruhig die geduldigen -Köpfe drehten, keine Beduinen, die kaum die roten Lippen -<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a> -über dem schwarzen Barte zu einem Wort öffneten. -Es wartete auch kein Schiff im Hafen .. Der Tag war -frei .. zeitlos frei ..</p> - -<p>Aber morgen abend lag das Schiff an der schwarzen Mole, -und eine Stunde nach Sonnenuntergang trug es mich hinaus -durch den Kanal des Bahira-Sees in das offene, nächtige -Meer.</p> - -<p>Da schärften sich die verträumten Sinne .. Deutliche -Bilder wuchsen im goldnen Flimmern des Morgenlichtes -herauf und blieben stehen: klare Symbole, die den -hellen Sinn des Lebens verkünden.</p> - -<p>»Wo sind Sie?« fragte Achmet.</p> - -<p>Ich sah ihn fast erschrocken an.</p> - -<p>»In Griechenland.«</p> - -<p>Er bewegte langsam, fast traurig den Kopf:</p> - -<p>»Mir ist die griechische Seele fremd. Auch ihre Gleichnisse -sind mir fremd. Ich habe oft versucht, zu verstehen, -ich habe mich abgequält darum, es ist mir nie gelungen, -da in meinem Wesen weder eine Stimme fragt, noch antwortet. -Wie oft habe ich mit Axel Arnedal in Rom den -Vatikan und das Kapitol durchwandert! Das Rätsel -blieb, und ich habe es aufgegeben, an Lösungen zu denken.«</p> - -<p>Er lächelte – wieder dieses gütige, halb überlegene -Lächeln des Orientalen, und blies den blauen Rauch seiner -Zigarette langsam zwischen den vollen Lippen in die -Luft. Dann stand er auf und winkte mir mit dem Kopf, -ihn zu begleiten. Wir traten durch ein vergoldetes Tor -in die purpurne Verdorrtheit eines Palmengartens, der -hinter dem Hause lag. In allen Wipfeln hingen ziegelrote -Geranien, ein Heliotropenbeet hielt die Mitte des -<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a> -verbrannten Rasens, und ganz am Ende, wo die Lehmwände -ein wenig Schatten in ihrem Winkel fingen, gossen -sich gelbe Rosen bis auf den Sockel einer Antinousstatue.</p> - -<p>»Ich weiß nicht, wie sie hierherkam, sagte Achmet. Als -ich das Haus mietete, fand ich sie dort.«</p> - -<p>Der weiche Leib des Knaben blühte in dem gedämpften -Gold, mild und von innen, wie alter penthelischer Marmor. -Auf den flachen Hügeln der Brust schloß sich die -Süße des Lichtes in weißem Feuer, während ein warmer, -violetter Schatten sich tief in die reife, ruhende -Frucht des Geschlechtes einsog. Aber das Auge war -nichts als verflüchtigte Wehmut, der Mund verbarg nicht -seinen großen Überdruß. Jenseits der Mauer, den Hügel -hinan, blühte ein Feld von weißem Mohn. Dort ruhte -der betrübte Blick, dem Meere abgewendet, das in der -Tiefe zwischen Olivenwipfeln blaute.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Am Nachmittag fuhr ich in die Sammlungen des Bardo -hinaus, an dorrenden Feldern vorbei, die Öde eines arabischen -Friedhofs streifend, und dann weiter unter den -flüsternden Wipfeln der breiten Allee, immer die Berge -vor Augen, die so leicht in der heißen, spielenden Luft -ruhten und doch in allen Adern ihres Gesteins brannten. -Ein Feuer von lilaroten Clematisblüten loderte die weißen -Kalkwände des Hauses empor .. ein weicher, violetter -Mantel sank die Kühle der Eingangshallen auf die -Schultern ..</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a> -Ich sah das Weinstockmosaik mit den pickenden Vögeln -und geflügelten Eroten, welche die Trauben abernten .. -ich sah ein andres mit dem Bildnis des Vergil zwischen -Clio und Melpomene .. ich sah die Seitenwand eines gemeißelten -Sarges mit den Grazien und Jahreszeiten, einen -Hermaphroditen, einen androgynischen Eros als Fackelträger, -Kameen aus Jaspis, Achat und Kornalin, punische -Kleinodien aus den Gräbern von Karthago, Halsketten, -Ohrgehänge, Armbänder, Amulette und Ringe, wundervolle -Ringe aus weißem und rotem Gold, gehämmerte -und ziselierte, von halberblindeten Steinen gekrönt.</p> - -<p>Dies alles sah ich in seiner verwirrenden Fülle .. Da -stand auf einmal in der Helle einer offnen Türe jener geflügelte -Bronze-Eros, der auf dem versunkenen athenischen -Schiff bei Mahdia gefunden wurde. Ich vergaß, -was mich noch vor wenigen Minuten entzückt hatte: ich -war ganz Auge, hingerissen von der unwiderstehlichen -Macht hellenischer Schönheit, hellenischer Jugend. Wie -selig-erfüllt ruht dieser Gott auf breitem Marmorsockel, -er wiegt sich auf den schlanken Füßen, als ob er tanzen -wolle .. Die Flügel haben sich im Streichen der Luft geöffnet -und lösen die letzte verharrende Schwere in einer -Ahnung beginnenden Fluges auf.</p> - -<p>Noch tiefer aber ergriff mich das Leben einer kleinen -Gemme, die unter Glas auf blassem Sammet ruhte: -Da hebt sich auf grauem Grunde das bläuliche Weiß -des Gesichtes, das Blut rinnt unter der klaren, angespannten -Haut. Der Jüngling lebt in seiner strengen -Schönheit, für die der Künstler das Symbol des Kriegsgottes -fand. Er lebt so sehr, daß die Seele des Betrachters -nachschaffend in die steinernen Züge hinübergleitet -<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a> -und mitlächelt, wenn sie das feine Lächeln in den schmalen -Mundwinkeln spürt und in den grauen, klugen -Augen, wo sinnliche Zartheit mit dem Blitz des raschen -Entschlusses und gebietenden Willens kämpft.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Um fünf Uhr holte mich Achmet ab. Wir fuhren zum -letztenmal durch die südlichen Viertel der Stadt. Ich -fühlte den Abschied, der mit dem Abend leis und schmerzlich -sank. Ich sah auf Achmet. Er saß gesenkten Kopfes -zu meiner Linken und spielte mit ein paar Jasminblüten, -die ein Kind in den Wagen geworfen hatte.</p> - -<p>Wer war Achmet?</p> - -<p>Ich wußte es nicht, und wir hatten vierzehn Tage wie -Freunde gelebt. Ich wußte nur: er hatte die Seele eines -Kindes, weich und klar, ohne Berechnung und ohne -Zwiespalt. Er hatte die Seele des Orientalen, die über -unergründlich-sinnlicher Trauer lächelt ..</p> - -<p>Zu Hause las ich Briefe, viele schöne Seiten von der -Mutter, von deutschen Freunden, die meiner Reise von -ferne folgten, und ein langes Schreiben von Axel Arnedal, -das gar kein Brief mehr war, sondern eine sommerliche -Dichtung, in der ein Hauch von Schwedens grünen -Buchenwäldern und weißen Julinächten wehte. Da -stiegen die Berge der deutschen Heimat auf, die kühlen, -schmalen Hügel, die sich so lautlos in das fruchtbare -Land hinlassen, die Eichenwälder, die Tannenforste und -die Wiesen, auf denen das blühende Gras um die Gruppen -der Sternblumen zittert .. Die Kuckucksrufe und das -scheue Schreiten der Rehe am abendlichen Saum der Gehölze, -<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a> -die goldgefüllten Lichtungen hinter feuchten, -braunen Schneisen .. Die Bäche mit dem weichen, -singenden Schaum und das einsame Kreisen des Vogels, -von der grundlosen Tiefe des blauen Teiches gespiegelt .. -Und die Wolken, die schimmernd geballten Wolken, die -über den Feldern von Weizen und Gerste, von Mohn -und Kornblumen aufsteigen.</p> - -<p>Und als wir am Abend wieder auf dem Dache saßen, -als die Glocke des Himmels in maisgelber Glut stand -und aus dem unterirdischen Rosenbett der schlafenden -Sonne ein Qualm von Purpurdüften aufwehte: als das -Meer in Karmesin und Henna brannte, so daß die müden -Segelschiffe auf Flammen zu lagern schienen: als auf die -Häuser von La Goletta eine Streu von Pfirsichblüten niederging -und der Byrsahügel auf den Trümmerfeldern -Karthagos in einer Säule roten Rauches stand: da blieben -die deutschen Bilder über die Ferne des Meersaumes -hingegossen und in ihrer zarten Schönheit voll Sehnsucht -neben die griechischen Gesichte hingelehnt, mit denen -sie langsam im Sinken des Abends verschmolzen.</p> - -<p>In der Nacht aber, als alles tief im Hause schlief und -mich der Abschied wachhielt, stieg ich in den Garten hinunter -und saß noch einmal im wachsenden Mondlicht -bei Antinous:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">›So treibt noch einmal mich die Einsamkeit</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hinab zu dir, o Bildnis, halb verwaist ..</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Mondnacht sinkt und macht die Landschaft weit:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie bin ich voll von dem, was Mondnacht heißt ..</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Sieh, wie das Licht die lauen Tropfen füllt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die schon vom Tau auf allen Blüten stehn:</td></tr> - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a> - Ich werde deinen Garten nicht mehr sehn,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn wieder Nacht den neuen Tag verhüllt.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Das Schiff entflieht – es flieht dein Angesicht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das in so langer Schau fast meines war..</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von deiner Stirn, von deinem weichen Haar</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die abendliche Wehmut folgt mir nicht.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Und nähm ich dich und trüg dich fort von hier</td></tr> - <tr><td class="tdl">Aus deinen Rosen, deinen Lorbeerhecken:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dich würde so des Nordens Trübsinn decken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß du verstummtest. – Und was bliebe mir?</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Das Land, mein Freund, das meine Heimat heißt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist von der Sonne selten nur umworben,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es liegt verhüllt und oftmals wie erstorben</td></tr> - <tr><td class="tdl">Im Nebel, der um Fichtenwälder kreist.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Und selbst an Tagen, wo die Stirne freier</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sich in das Blau geklärter Lüfte hebt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bleibt irgendwo im Äther noch ein Schleier</td></tr> - <tr><td class="tdl">Aus grauen Seidenfäden hingewebt.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Nie leuchtet klar der Berge fernes Rund</td></tr> - <tr><td class="tdl">In deutlicher Umgrenzung: Dünste zittern</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie hinter ewig zugeschlossnen Gittern</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und geben niemals frohe Götter kund.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Euch aber lachten aus den kleinsten Dingen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Himmlischen verheißungsvoll und heiter an:</td></tr> - <tr><td class="tdl">All ihre Süße konnte euch durchdringen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und eure Irdischkeit war nie ein Wahn.</td></tr> - <tr><td> </td></tr> - <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a> - Sie waren eins mit eurem tiefsten Wesen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sie lebten unter euch, einfach und mild,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Gott war an Mensch und Mensch an Gott genesen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und einer stets des andren Ebenbild.‹</td></tr> -</table> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_189"> </a> -HELLAS<br /> - -(ABEND IN SEGESTA / TAGE IN SYRAKUS / CAPRI)</h2> - - -<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a> -<b>A</b>ls es zum zweiten Male Abend wurde, stieg ich den -Hügel empor, der zu dem Tempel von Segesta führt. -Kein Mensch war ringsum zu sehen, kein Bauer, kein -Hirte. Ich war von dem hochgelegenen Calatafimi zu Fuß -das Flußtal hinabgegangen, hatte die kleine Brücke überschritten -und nahm den letzten Aufstieg hinter dem Gehöft, -in dem der Wächter wohnt. Alle Kuppen lagen blau -im Blauen, es war ein großes Stillestehn in Licht und -Lüften, wie oft um die Stunde, wenn sich der Tag im -letzten Leuchten sammelt und auch im engen Tal noch -keine Schatten steigen. Sonne .. weiche flüssige Sonne, -soweit das Auge den Kreis der sanften Hügel umspannte .. -gelbe Ginsterbüsche im harten, braunen Gestein, stille -Pappelwipfel mit aufgeschlagenen Blättern und hoch in -der Helle, von tausend bunten Faltern umflogen, mitten -im blühenden Distelfeld, der Tempel.</p> - -<p>Da ließ ich mich auf die Stufen niedergleiten, das Antlitz -ganz im Abendgold gebadet. In meinen Knieen rieselte -die Glut des uralten Gesteins, aus dem heiligen -Boden stieg die Welle der befruchtenden Wärme aufwärts, -gewürzt vom Duft der Disteln und der Thymiankräuter. -Meine Schläfe glitt an die stillbeglänzte Säule.</p> - -<p>Nun wußte ich – wunderbar geweitet, in Wissen und -Gefühl übersinnlich aufgelichtet – daß alle Wege meiner -Jugend in diesem Weg zusammenliefen. Ich war in -Meiner Heimat und bei Meinen Göttern, die ich aus dem -begreifen kann, was in mir selber ist:</p> - -<p>»O meine Götter: wie süß ist meinem Herzen die Natur, -aus deren Schoß ihr leicht in eure Bilder stiegt! Wie seid -ihr fremd dem unduldsamen Gott der Juden, der wie ein -Starrkrampf auf dem Volke lag – wie einfach seid ihr -<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a> -und wieviel näher als der Gott Christi! Soll ich mich -denen anvertrauen, die euch zerschlugen, euch, die ewigen -Symbole des weiten, großen Lebens, und schwankend -Hingedachtes über die klare Fülle der gottdurchströmten -Irdischkeiten setzten? Ich glaube an die Welt: an Trieb -und Tat und an das ewig-erlösende Gesetz ihres Wechsels. -Ich sehe nicht die Widersprüche in einem Gott gelöst, -den man die Liebe nennt: und was die Priester -Offenbarung nennen, dünkt mich ein Schein, nur eine -tausendmal umgewandelte und verdunkelte Sehnsucht, -im Menschen selbst das Ewige zu spüren. Aber die Gottheit -kann sich nicht in Einem Mittler offenbaren, und die -Tiefe der Gottheit ist nicht deutbar in einem Gefühl, das -trügerisch die Gegensätze in einer künstlichen Entkräftung -auslöscht. Der Sinn des Lebens dünkt mich die unendliche -Kette der Bewegung von Qual und Freude: der -Sinn der Gottheit aber die Befruchtung in Gut und Böse, -jenseits der Liebe.</p> - -<p>Große Götter: Ihr schürt die Kämpfe, aus denen die Jugend -fließt – ihr seid in den Widersprüchen und schafft -die Einheit, indem ihr das Ewige im Irdischsten fühlbar -macht: und ihr verlangt nicht die Verwüstung der Formen, -die ihr selber schuft, um einer qualvoll eingeengten -Seele den Weg in euer Licht zu öffnen. Ihr heiligt den -Leib: und der heilige dient euch.«</p> - -<p class="ce">· · · · · · · · · · ·</p> - -<p>Es war um die siebente Abendstunde, als ich in Syrakus -ankam. Da die Villa Politi im alten Stadtviertel der Achradina -schon geschlossen war, mußte ich unten auf der -Halbinsel Ortygia in einem Gasthof des Hafens wohnen. -<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a> -Glühende Straßen entlang ging die Fahrt, durch weißen -Kalkstaub, der so dicht und hoch lag, daß weder das -Rollen der Räder noch das Stampfen der Hufe zu hören -war. Ununterbrochen wogte eine leichte Wolke, vom -Purpur der Lüfte angestrahlt, auf dem Boden des Wagens -über meinen Schuhen, und, wo ein andres Fuhrwerk uns -entgegenkam, glitten wir in einen roten Sprühregen feiner -Nadelspitzen hinüber. Erlösend winkten ferne die dunkelgrünen -Baumwipfel des Ufers und die Maste der wenigen -Segelschiffe auf dem glatten, hellblau spiegelnden -Meer.</p> - -<p>Ich verbrachte den Abend unter den Bäumen am Ufer. -Halb war es ein Sinnen, halb war es ein Träumen, das -mich wiegte, leise und schmeichelnd wie der Nachtwind -die schwarze, seidene Flut. Mit jeder flachen, schaumlosen -Welle ringelten gelbe Hafenlichter in die Tiefe, auf dem -Schiff, das noch in der Nacht nach Malta hinabfuhr, -sangen Matrosen ein fremdländisches Lied. Abermals -tauchte die steile Insel in meinem Erinnern empor, steinern -und rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel -getürmt, so wie ich sie eines Abends vom Rande -des nahenden Schiffes aus gesehen hatte .. und die Schatten -kamen auch wieder, mahnend und tröstend mit dem -Feuer ihrer leidenschaftlichen Seele: La Valette und Posa, -St. Priest und Créqui.</p> - -<p>Viele Menschen wandelten am Ufer und genossen das -Fächeln des Windes nach dem glühenden Tag. Es war mir -seltsam, daß ich unter diesen dunklen, forschenden Blicken -auf- und niederging, während ich gedacht hatte, den -Abend in irgend einem verlorenen Gartenwinkel der -Villa Politi hoch über dem Meere zu verträumen. Ich sah -<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a> -hinüber in der Richtung, wo die alte griechische Festung -mit ihren blumenüberwucherten Steinbrüchen und Trümmerfeldern -lag, und folgte dem Fall der Sterne, die schmale -Furchen durch das weiche Dunkel zogen und ihr kühles -Silber auf die stummen Wipfel gossen. Erst als um Mitternacht -das Schiff nach Malta lautlos und einsam aus dem -Hafen fuhr, erhob ich mich und ging nach Hause.</p> - -<p class="ce">*</p> - - -<p class="ci">AN AXEL</p> - -<p class="ci">Was mir aber aus unseren früheren Tagen an Erinnerung -blieb, glich der Schönheit blauer Buchten, zu denen -kaum ein Pfad hinunterführt. Ich sah dich immer von -weitem, auch wenn du neben mir gingst, und suchte -keinen Weg, der in dein Inneres führte. Du warst kein -Mensch, auf den man Wünsche legte. So leicht auch das -Gewebe deiner Seele war, so bunt und so beweglich: der -Wille, der die tausend ausgespannten Fäden zusammenhielt, -blieb fast abwehrend deutlich. Mein Staunen wuchs, -so oft ich darüber nachdachte, einen wie großen Spielraum -du den Dingen lassen konntest, ohne nur einen -Augenblick lang die Herrschaft über ihre Vielheit zu -verlieren. Ich wußte nicht, daß eine Sehnsucht in dir war, -die einen Menschen forderte: ich wußte nicht, daß du -den Austausch suchtest mit einer Seele, die du nicht besaßest. -Aber was du suchst, ist weniger ein Mensch: es -ist ein großer Glaube, der einen Menschen hält und deinem -Glauben gleichkommt.</p> - -<p class="ci">Alle Widersprüche des Lebens versinken in deiner rastlosen -Sehnsucht nach Schönheit: mir aber erschließt sich -<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a> -die Einheit des Seins im Schaffen der Schönheit. Wir -mußten uns begegnen: das bindende Gefühl wächst aus -der Mitte unseres Wesens.</p> - -<p class="ci">Ich konnte nie die Liebe von der Freundschaft scheiden, -denn der Sinn der Liebe ist mir nicht die Zeugung. Wenn -ich auch tausend Gesetze im Wesen der Natur vermute -und verspüre: so habe ich doch nie einen Zweck verspürt, -und ich weise es immer leichteren Sinnes von mir, -daß irgend ein Ding eine Bedeutung haben könne, die -den Rahmen seines einfachsten Wesens durchbricht.</p> - -<p class="ci">Was fragt meine Erkenntnis nach Regeln, wie sie eine -bedingte Einsicht erfand, um letzte Möglichkeiten in den -Zwang einer nützlich-unfruchtbaren Ordnung zurückzudrängen? -Es heißt nicht den Göttern dienen, wenn -man die Natur verletzt, und es heißt nicht den Menschen -dienen, wenn man die Ursprung-Triebe, die aus der göttlichen -Wurzel schlagen, mit der Waffe des blinden Gedankens -erschlägt.</p> - -<p class="ci">Will wirklich der ordnende Geist sich anmaßen, Eros -zu zügeln?</p> - -<p class="ci">Es ist ein anderes, ob ein fanatischer Pfaffe wider die -Ewige Natur wettert und seinem unduldsamen Gott den -seelischen Pachtzins einschachert, oder ob der große, der -einfache Mensch, der aus schlichten und tiefen Ursprüngen -lebt, mit der Kraft seines lauteren Willens dem Trieb -eine Grenze setzt und das glühende Feld des Geistes -öffnet. Und es ist ein anderes, ob der beschränkte Erzieher -dem Knaben befiehlt, die Lust der Sinne zu töten: -oder ob der Knabe aus einem tieferen, eingeborenen -Wissen heraus das Göttliche des Körpers begreift und -die Lust – die wundervolle, in keinem Gleichnis auszuschöpfende -<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a> -Lust – in solche Maße dämpft, daß sie wie -süßer, silberner Morgenwind die Schönheit des Leibes -beseelt und erhöht.</p> - -<p class="ci">Ich sehe die Flamme: und niemals das Scheit, aus dem -sie emporschlägt. Hat ein Licht die Kraft, zu verschönen, -so gilt es mir heilig.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>In der Frühe des Sonntags stand ich auf und trat an -das offene Fenster. Von allen Hügeln gegen Floridia, -Cannicattini und Belvedere wehte das kaum geborene -Licht, über den Ebenen des Anapo- und Kyaneflusses -wob ein blaßgrüner Schimmer. Aber die Luft war blau -– blau wie Ehrenpreis und nicht vom Hauch einer Wolke -getrübt. Die kühle Belebung, welche den Aufgang der -Sonne umgibt, floß über dem Spiegel des Meeres. Ich -lag mit aufgestützten Armen in dem Fenster und konnte -nicht tief genug die leichte Berauschung dieses griechischen -Morgens in mich auftrinken, der den allerfrühsten -Zeiten anzugehören schien, als sich die korinthischen -Siedler auf der schmalen Halbinsel Ortygia niederließen -und in dem lichten Duft der Hügel, der Olivenhaine und -Weingärten die heimatliche Landschaft wiederfanden .. -Ein Schwarm von weißen Vögeln, der vom Rande eines -schlafenden Bootes aufflog und landeinwärts in der Richtung -der Epipolae schwenkte, mahnte, daß es Zeit sei, -sich anzukleiden und in die alte Stadt hinaufzufahren. -Es war sieben Uhr, als ich an das Tor der Villa Landolina -klopfte, die zwischen weißen Mauern, unfern der Latomia -<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a> -di Santa Venere liegt. Eine junge Frau, die öffnete, -sah erstaunten Auges auf den Rosenstrauß, der mir im -Arme lag. Ich fragte nach Platens Grab. Sie wies mir den -Weg so weit, daß ich ihn nicht mehr verfehlen konnte. -Ich ging abwärts und aufwärts, einen schmalen Pfad entlang, -bis an die Ausbuchtung, in der das Denkmal des -Dichters steht. Der alte, schlichte Stein, den der Graf -Landolina seinem Gaste setzen ließ, ruht rechts an einer -Mauer unter wildem Efeu- und Lorbeergestrüpp. Dort -ließ ich die Rosen niedersinken, eine nach der anderen, -manche mit den Fingern zerpflückend, so daß ein Regen -gelber und roter Blütenblätter über den einsamen Marmor -rieselte, auf dem die Schrift schon verwittert. Dann -setzte ich mich auf einen Baumstamm und sah in die -Bläue, die zwischen den Wipfeln des tiefliegenden Gartens -floß. Eine Woge von Grün schlug aus dem Abgrund -auf: Pappeln, Lorbeer, Zypressen, Oliven. Bis in die -Kronen hinauf schlangen sich die blauen Samtwinden, -die mich so oft auf der Höhe des Palatin entzückt hatten .. -In allen Zweigen lief das Rauschen des Morgenwindes, -es war ein beständiges Flittern und Blitzen von Silber in -den Lüften, wo sich ein glänzendes Blatt regte, sprühte -das weiße Licht auseinander, durch die ferneren Wipfel -aber, die einen dunklen Saum auf den Abstieg des ruhigen -Himmels zogen, wallte es in leichten, stillen Strömen .. -und ganz am Ende des Horizontes versank das Auge im -Lächeln des Meeres. So hingehaucht, so überirdisch zart -war dieser Streifen hellblau gespannter Seide, so weit -hinausgerückt, daß keine Grenze mehr andeutete, wo die -silberne Kugel des Himmels in die Flut stieg.</p> - -<p>Auf dieser fernen Bläue hatten die letzten schweifenden -<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a> -Blicke des großen Toten geruht .. von dort herüber war -die letzte versöhnende Schönheit in die Neige seines Lebens -geflossen. Welcher Trost, zu wissen, daß das Meer -bis an sein Grab hinüberlächelt, daß der Wind des Meeres, -der Wind der blauen Weiten, die hütenden Zypressen -wiegt .. der süße Wind, in dem die Götter ihre Lieblinge -grüßen. Trug er nicht selbst ihre zuckende Flamme -am Saum der Stirn? Wenn er im Morgenlicht über die -Felsengrate der Achradina ging und über der funkelnden -Höhe des Meeres die Sonne erwartete, küßten sich Flamme -und Flamme und wehten durch die winterlichen Lüfte -in den Schoß der Himmlischen zurück.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p class="ci">AN AXEL</p> - -<p class="ci">Nun ist auch dieser Weg gegangen, nach dem es mich -hinverlangte, seit ich Platens Schicksal und Schönheit -begreifen lernte. Schon daß die Menge ihn nie verstehen -konnte, erweckte mir eine Liebe. Denn von je ergriff mich -die einfache, dienende Hingabe eines Menschen an die -Schönheit, die stumme, unbeirrte Anbetung, die das -niedrige Zweckbewußtsein der Massen aufstört und verwirrt.</p> - -<p class="ci">Ich sah, wie sich im Leben Platens langsam die griechische -Sehnsucht entfaltete und unter Kämpfen in die lautere -Gelöstheit seiner letzten Jahre aufstieg. Ich sah ein Werden -aus erschütterten Tiefen herauf. Platen war meiner -Seele Beispiel. Wie er dem Gott in sich durch Wehen -und Kämpfe treu blieb, gab mir den unerschütterlichen -Glauben an den Sinn des Lebens, gab mir den Trost -<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a> -seiner menschlichen Nähe und das über seinen Tod hinaus -fruchtbare Mitgefühl. Platen war kein Grieche: er wurde -es, indem er nur er selbst zu werden trachtete. Platens -Seele war nordisch und krank an dem unheilvollen Zwiespalt -zwischen Körper und Seele, dem er erlegen wäre, -wenn nicht der Gott in ihm solange die kämpfenden -Kräfte genährt hätte, bis der innere Sieg errungen war -und der Flug zur letzten Erfüllung beginnen konnte. Die -Leidenschaft dieses Hinfluges bleibt das Erschütterndste -in dem Leben dieses großen Heimatsuchers: so stürzen -gefangene Vögel sich über das brandende Meer in den -Aufgang der Sonne, sobald sie die ersten befreiten Flügelschläge -spüren, und wer ihnen nachschaut, muß weinen. -Die Frucht seines Lebens aber war in dem, was er an -Wissen von dem Wesen der Seele mit seiner letzten Sehnsucht -schöpferisch verband. Darin liegt der neue Reichtum, -mit dem er griechische Schönheit füllte: die unbegrenzte -Möglichkeit, in der er griechische Formen weiten -konnte.</p> - -<p class="ci">Als mit der Lehre Christi die Seele bis zur Krankheit -überwucherte und zu einem Brand wurde, der das Gefäß -des Leibes zerfraß, blieb neben allem gefährlichen Irrtum -ein Gewinn: Konnte auch der Urstoff der Weltseele nicht -vergrößert werden (das Göttliche ist nicht dehnbar), so -wurde doch die Wirkung seiner Einzelkräfte durch viele -Übung in eine tiefere Bewußtheit gerückt. Es traten -Dinge befruchtend in die menschliche Erkenntnis, die -vorher unbewußt – nicht unfruchtbar, doch undeutbar -– im allgemeinen Spiel der Grundkräfte gebunden lagen. -Wo vorher dumpfe Ahnungen gewesen waren, gab -es nun Namen und Begriffe, der Menge zur Qual, wenig -<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a> -Erwählten zum Gewinn. Christus hatte die Natur des -Künstlers: er war Bildner, Stoff und Werk zugleich. Das -Mißverstehen seiner Jünger hat – wie es noch jedesmal im -gleichen Fall geschah – die Form des Meisters zerschlagen, -und was für ihn, den <em class="ge">Einen</em> galt, in blindgewordener -Liebe aus seinem Gehäuse gerissen und zerstückt vor die -hungernde Meute der Bedrückten geworfen, die einen -neuen Trostgedanken brauchte. Christi Lehre ist nicht -mehr Christi Einheit: Was ein unglaubhaft auf sich selbst -gelenkter schöpferischer Wille zu einem neuen, großen -seelischen Beispielswerte umschuf, mußte den Zusammenhang -mit seiner reinen Herkunft verlieren, mußte zur -Krankheit werden, wenn es in willkürlichen Wiederholungen -entkräftet wurde.</p> - -<p class="ci">Nur der künstlerische Geist konnte dazu berufen sein, -der neuen Schönheit, die in Christi Erscheinung selbst -ihr erstes Sinnbild fand, durch das Kunstwerk eine uns -verfälschte Deutung zu geben: ohne den Geist zu verletzen, -dem <em class="ge">alles</em> Lebendige heilig ist. Nur der Künstler -vermochte so tief in das Geheimnis des »Gott-Sohnes« -zu dringen (kraft seiner eigenen Gott-Gebundenheit), -daß er den alten Göttern weiterdienen konnte, ohne das -Beispiel des neuen Verkünders zu verleugnen. Der Geist, -der die Schönheit als letzte Klärung des Lebens sucht, -muß die Einheit des Irdischen und Göttlichen suchen: -die lebenvernichtende Lehre aber zerstört die Gottheit -selbst, indem sie das vornehmste Sinnbild zerstört, durch -das sich das Ewige verkündet, den Leib, die Form. Es -gibt nur Unterschiede des Ausdrucks, nicht des Wesens, -in den Werken, die das Walten göttlicher Kräfte verkünden, -und nur die Leidenschaft der Hingabe an das zu -<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a> -schaffende Werk gibt das reine Maß für die Gottergriffenheit -des Künstlers: Es ist nicht weniger Göttlichkeit in -der hinreißenden Süße eines Satyrtorsos oder im Rücken -und Unterleib eines Hermes – wie sie Praxiletes schuf -– als in dem rauschenden Flügelschlag, der Platens Sizilianische -Hymne oder Morgenklage trägt. Daß wir aus -vielen Irrtümern heraus das Gefühl dieser Gleichordnung -wieder lernen mußten, bleibt die Schuld einer erkrankten -Zeit, welche Leib und Seele auseinanderzerrte und einem -zügellos gewordenen Geist die Herrschaft anvertraute, -an der die einfache Einheit des Menschen zerschellte.</p> - -<p class="ci">Aber es bleibt ja der ewige Trost: daß es niemals einen -Sieg des Denkens gibt, sondern einzig den Sieg der Tat! -Wie sich die menschliche Sehnsucht auch wende: die -letzten Rätsel löst nur das Gebilde: das wesenhaft Gestalt-Gewordene: -was es auch sei: die Frucht, die aus dem -Geist erblüht, den wir <em class="ge">Hellas</em> nennen.</p> - -<p class="ci">Hellas lebt und wird leben: durch die umbildende Kraft -seiner Seele, die sich den sprödesten Stoff der Jahrhunderte -dienstbar macht .. und durch den Glauben der -Künstler, daß im heiligen Maß des Werkes die höchste -Menschlichkeit als Offenbarung Gottes strahle.</p> - -<p class="ci">Laß uns dieses Maß preisen, an dem wir die Klarheit -und Durchleuchtung des Lebens gewinnen! Beherrschung -– und nicht Askese – sei uns Gesetz. In der -freien Bestimmung der Kräfte laß uns die Grenzen finden, -ohne die keine Furchtbarkeit denkbar ist.</p> - -<p class="ci">Rückwärts geht mein Erinnern: aus der mystischen Lapisglut -Ravennas kam ich, ergriffen von dem Schauder einer -Schönheit, die schon die Grenze des Daseins überfliegt .. -Lange wiegte der spielerisch-schillernde Glanz, den Palermos -<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a> -Doppelseele ausstrahlt, den unsicheren Geist, der -dürstend und ungestillt zu dem Saum der Wüste hinabfloh, -wo Traum und Tod in einem Strom von Purpur -rauschen: bis er, befreit und ganz genesen, in das stille, -silberblaue Leuchten emportauchte, das Hellas heißt!</p> - -<p class="ci">Es gibt keinen Ausweg: Alle müssen hier landen, die -aus der Krankheit ihrer Zeit in das einfache Leben zurückwollen: -in die Freude.</p> - -<p class="ce">· · · · · · · · · · ·</p> - -<p>Der Hafen von Sorrent lag hinter uns. Das Schiff machte -eine Wendung, umfuhr in einem kurzen Bogen den Bagno -della Regina Giovanna – und vor uns stiegen die gezackten -Berge Capris aus dem stahlblau rauschenden, -sprühenden Meer. Heller Wind flog über die geklüfteten -Firste herüber, die im leuchtenden Gold der Luft standen, -scharf gepreßt und in jeder rötlichen Kante sichtbar. Die -weißen Villentupfen sprangen aus dem starren Niederstieg -der Felsen, langsam nur schob sich das lösende -Grün kleiner Bäume und Büsche zwischen die Massen -des Gesteins. Die Insel lag ganz in die Glut des Hochsommers -gebettet, lodernd in ihrer unbegreiflichen Fülle, -ein helles zitterndes Feuer zwischen Kornblumenblau -und Kornblumenblau. Rosa und gelb winkten die Häuser -der Grande Marina, die Wäsche auf den flachen Dächern -flatterte, weiß stieg die Straße zum San Costanzohügel -über kurzem Gestrüpp hinan .. Nun wurden am Strande -die Boote gelöst und glitten uns langsam entgegen .. Gesang -der braunen Schiffer wehte im Wind herüber: die -<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a> -Spagnola .. immer wieder das alte, wiegende Lied. Ich -hätte vom Geländer in die Wogen hinunterspringen -mögen, hinschwimmen an das Land, das meine leidenschaftlichste -Liebe bleibt .. Vom Gesang hätte ich mich -hinübertragen lassen mögen, kein Fremder, kein dreimal -Wiederkehrender: ein ewiger Gast, dem diese Küste -längst zur Heimat geworden war, diese früheste griechische -Siedlung Campaniens, die ganz erfüllt in ihrer eignen -Schönheit lebt. Auf jedem Wipfel hatte liebkosend -meine Sehnsucht ausgeruht, auf jedem Kieselstein des -Strandes, auf jedem sonnigen Dach und jedem Blumenstrauch. -Gab es einen Winkel, den ich nicht kannte? -einen Hügel, von dem ich nicht morgens und mittags -und abends das ewige Meer grüßte? Gab es Gärten, -deren Geheimnis ich nicht hinter den wehrenden Mauern -erspähte? Gab es eine Blume, die ich nicht suchte? Und -wenn ich durch wilde Kakteen und über das Geröll -steiler Hänge klettern mußte: es war mir keine Mühe -zu viel, zu der Blüte zu gelangen und das Auge an ihrem -fremden Glanz, an der seltnen Form ihres Kelches zu -entzücken. O all meine Blumen Capris! Ich komme wieder -zu euch! Ich laufe euch nach! Ich suche euch alle auf! -Ich weiß, wo ihr blüht, die kleinste Wiese kenne ich und -die verborgenste Trift: Ihr kleinen, roten Orchideen auf -der halben Höhe des Monte Tiberio, ihr weißen Strandrosen -an dem Faraglioniweg, Ginster über der Bucht -der Piccola Marina, wilde Erika am Solaro, Schwertlilien -und Gladiolen in den Grundstücken unter der Punta -Tragara, Rhododendren in dem verwahrlosten Garten -einer verlassenen Villa bei der Certosa, Mimosen an -der Mauer der Villa Mezzomondo, und im Garten der -<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a> -Villa Discopoli ein Gewühl von Rosen und Bougainvillien .. -Und wenn auch für manche von euch vielleicht -schon die Zeit der Fülle vorüber ist: eine letzte -Blüte habt ihr mir offen gelassen zur Erinnerung an -den Überschwang des Frühlings! .. Und ihr, meine -Bäume, meine schwarzen Steineichen und meine grauen -Oliven, ihr wißt es, wie oft ich euer ernstes und mildes -Laub in die Ferne meiner nordischen Winter zauberte -und über meinem Einschlafen eure Zweige flüstern ließ .. -Und ihr, meine Wege, meine glühenden, gewundenen -Mauerwege mit den lilafarbigen Schatten, mit dem Niedersturz -der Geranien an jeder Biegung und den unerwarteten -Treppen, auf denen die goldengrünen Eidechsen -sitzen: ihr Wege zum Meer hinab und ihr Wege vom -Meer herauf, in dem braunen Brand der Hänge, zwischen -Wicken und Seerosen, o ihr Wege an Wänden rubinfarbener -Kakteen entlang, auf grüne, tiefe Gärten mündend, -ich komme, ich komme! Meine Füße sind ungeduldig -bis sie wieder auf euren steinernen Fliesen hinauf- und -hinabgehen, meine Arme breiten sich aus, bis sie wieder -emporgreifen in den Purpur eurer hängenden Blüten -und die weichen Büschel vor das glühende Antlitz -pressen ..</p> - -<p>Stimmen riefen von der Tiefe der Wassers, die Kähne -der Fischer schaukelten in den blanken Höhlen der -Wogen, die Hitze prallte von der blauen Flut zurück, -als wir vor Anker gingen. Ich stand an der Treppe. Die -nackten, braunen Schultern der rudernden Männer brannten -im Licht.</p> - -<p>»Signore! Signore! Buon giorno! Io! Io!«</p> - -<p>»Buon giorno, Girolamo! Ritorno, ritorno!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a> -Die Lippen des jungen Schiffers spalteten sich im Lachen, -die Augen flammten auf, als mich die dunkle, derbe -Hand von der untersten Stufe der Landungstreppe in -den Kahn hinüberzog. Der Duft des verbrannten Rückens -schlug über mein Gesicht, ein Duft gesunden, wilden -Blutes, vermengt mit dem bitteren Salzgeruch der See. -Frage um Frage sprühte zwischen den blitzenden, feuchten -Zähnen hervor, eine die andere überstürzend, von -selbstgegebenen Antworten abgelöst.</p> - -<p>»Fahren wir heute mittag hinaus? Vielleicht sind Sie zu -müde.«</p> - -<p>»Fahren wir heute abend? Ja, wir fahren, um sechs.«</p> - -<p>»Wollen sie bei den Faraglioni baden? Ich rudere Sie -an die Stelle, die Sie besonders lieben ..«</p> - -<p>»Morgen gehen wir in die Grotte.«</p> - -<p>»Bleiben Sie lange hier?«</p> - -<p>»Sie müssen den ganzen Sommer bleiben.«</p> - -<p>»Wie gesund Sie aussehen, Sie sind so braun wie wir ..«</p> - -<p>Und dann ein Schrei an das Land – ein heftiges Winken -mit dem Arm:</p> - -<p>»Sebastiano! Sebastiano!«</p> - -<p>Und wieder das Flehen der Augen zu mir:</p> - -<p>»Fahren wir heute mittag hinaus?«</p> - -<p>Und dann ganz dicht vor meinem Munde, die Augen -fast in meinen Augen:</p> - -<p>»Wenn Sie fahren: nur ich! nur ich! Sie versprechen es: -nur ich! ..«</p> - -<p>O Jubel einer menschlichen Stimme! Leidenschaft im -kleinsten Wort, göttliche Gesundheit und reinigende -Kraft in diesen biegsamen Leibern! Wilde Männlichkeit: -einfach und groß wie das Leben der Woge, die auf den -<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a> -Strand rauscht, wie das Brausen der Winde auf den steilen -Garten bei Tag und bei Nacht ..</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Überall bekannte, lächelnde und grüßende Gesichter, -als ich von der kleinen Piazza her die glatt gepflasterte -Straße nach dem Gasthof hinunterschritt .. Am Fuß der -kleinen Treppe, die ins Vestibül hinaufführt, dieselben -bettelnden Kinder, die den roten Soldo gerne mit dem -weißen Stück Zucker vertauschen, und in der Halle die -liebgewordenen, vertrauten Dinge .. der gleiche dunkle -Türhüter und die gleiche alte Korallenverkäuferin mit -ihrem gebrannten und gefurchten Gesicht. Aber die -Teppiche waren aufgenommen und die bunten Fliesen -mit Wasser besprengt. Man gab mir zu ebner Erde Zimmer, -die auf eine breite Terrasse mündeten und den Blick -auf Garten und Meer hatten. Ich trat an das Geländer -und versank im ersten Schauen .. Nein, es war kein Frühling -mehr in diesem Bilde. Es war der Sommer, in seine -höchste Kraft gesteigert, doch fern der dorrenden Öde, -wie ich sie schon in den Blumengärten Palermos getroffen -hatte. Hier war das Grün noch Grün und die Farbe der -Blüten noch frisch, eine Lust, kein Fieber. Doch es war anders, -als ich es je zuvor gesehen hatte .. Wo sonst an der -hellen Mauer des Zitronengartens, hinter dem das Meer -aufsteigt, die großen Kugeln der Sternblumensträucher -sich weiß und gelb aus der Bläue wölbten, hing nun ein -dichtes, rotes Rosengeschlinge, wo einst die bunten Inseln -der Schwertlilien, Tulpen und blassen Federnelken im -glänzenden Grün des weichen Rasens schimmerten, quollen -<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a> -nun die Beete von Heliotropen und Verbenen aus -hartem Gras hervor, und der alte, hängende Eukalyptusbaum -stand einsamer und herrischer im hellen Licht. -Wie war das Licht auf allen Dingen verwandelt! Das Gold -war verhärtet und das Blau verdichtet. Schärfer und deutlicher -stand jedes einzelne Blatt in den Lüften, die sich -weniger schmiegten und trockner brannten. Auch das -Meer war anders: unsäglich still, hochaufstehend und -dicht unter die breiten Wipfel der Feigenbäume gerückt, -die über dem hellgrünen Weingerank des nachbarlichen -Gartens ausgespannt lagen. Das Meer war gesättigt: -schwer von der Frucht der Himmelsglut in der Tiefe -seines Schoßes: dunkelblauer, warmer Wein in dem -brennenden Pokal der roten Bucht. Kein Segel, kein -fernes Schiff schwamm in den Weiten. Die Stille des -Mittags – ein unbegreifliches Anhalten aller Atemzüge – -stand brütend auf der funkelnden Flut. Es war kein Zittern -in den Lüften über den vielen, weißen Villen, über -all den vertrauten Gärten und Hügeln: es war ein langsames, -glattes Niedersinken dichter, blauer Seidentücher, -in denen das Netz der goldnen Fäden lief. Die Schatten -in den Winkeln, in den Arkaden, über den Fensterbögen -und Kuppeln lagen stumm, fast leblos: dicker, violetter -Samt, mit den Händen zu fassen und fortzunehmen .. -Da traf ein übersüßer Hauch meinen Mund: nicht länger -als das Zucken eines Augenlids – und dennoch lang -genug, um im Flug das andere, leichtere Frühlingsbild -aufzuwecken und eine flüsternde, singende Bewegung -in dieses Stillestehn zu zaubern. Ich lehnte mich rückwärts -über die Brüstung und hob den Kopf nach den -Balkonen über mir: Und siehe: da blühten noch die -<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a> -letzten silbernen Trauben der Glycinen, der angebeteten -Glycinen, die an den Wänden niederstürzen und sich -im Sturz in ihren eignen Atemzügen wieder auffangen. -In hellen Sträußen hatten sie im Frühling auf meinem -Tisch gestanden und ihren Duft über jeden Gedanken -geworfen, der sich dort in der Stunde der Mittagsruhe -zum Wort wandelte. Und nachts, wenn der Wind sich -vom Meer aufmachte und in den Ästen wühlte, war auf -der Welle des Mondlichtes ihr beruhigter Hauch bis auf -das halbentschlafene Gesicht geweht, um den Träumen -die Wege zu weisen ..</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Es hielt mich nicht länger: ich mußte hinüber in die Ölbaumhänge -und dann auf steilem, gelbem Pfad am Rand -der Klippe zu meiner Wiese hinauf. Nur eine sonnige -Mauerecke noch hoch oben in Anacapri liebe ich ebenso -wie diese schmale, kaum von Menschen betretene Trift -die unter den Steinwänden der Punta Tragara liegt, zwischen -Himmel und Meer, losgelöst von den Massen des -Felsgestades, eine duftende, hellgrüne Wolke, auf der es -sich leise über der nahen Erde hinschwebte .. Durch die -silbernen Dünste der Frühe, durch den weichen Purpur -des Abends und das smaragdene Licht der Mondnächte -war ich auf dieser Wolke gefahren, nun kam ich zum -erstenmal im hohen Mittag hastig und heiß den Mauerweg -hinab gelaufen. Ich ließ den braunen Säulenhof der -Certosa rechts liegen, streifte nur flüchtig die weiße Villa -Carmela mit ihren scharlachsprühenden Granatbäumen -und schlüpfte zwischen hohen Büschen in das Filigran -der Ölbaumzweige, unter denen der kleine Erdpfad beginnt. -<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a> -Längst war das Lupinenfeld abgeblüht, hellgelbe -Quasten hingen an den Kaktusblättern, zwischen fetten -Halmen züngelten die dünnen Flammen der letzten Gladiolen, -ein Teppich von goldenen Wicken deckte den Boden -zur Rechten und zur Linken. Plötzlich wehte ein fremder -Duft .. Salbei? Ich brach eine violette Staude und -hielt sie an das Gesicht .. Es war nicht der Duft des -Salbeis, den ich gewittert hatte. Meine Augen suchten, -indes ich stehen blieb .. Da, und dort weiter hinauf und -zwischen den schleifenden Ästen der Olivenbäume bis -zur hellblauen Höhe hinan: Myrten .. Myrten .. Myrten, -von Millionen weißer Flocken übersät, die ersten Myrten, -die ich blühend sah. Ich kniete hin und bog das -Gesicht über die schwarzgrünen Sträucher, ich fuhr mit -leisen Fingern über die traumvollen, keuschen Blüten, -die hoch auf den glühenden Felsen im Wind des Meeres -ihr Leben erschlossen und ihren Duft zu den Göttern -wehen ließen .. Solange der Weg noch aufstieg, liefen -die Büsche mit am Rande empor, zwischen Thymian und -Glockenblumen. Ganz oben aber, wo die Wiese an einer -Baumpflanzung aufhörte, zog sich ein breiter Saum von -blutendem Mohn. So lag ich im roten Dämmer der Schlafblumen, -mitten im offnen Licht, und sah hinab auf das -einsame Meer. Wo sonst der Schaum in flachen Halbkreisen -an den Strand spülte, von Bucht zu Bucht, bis -zur Piccola Marina und weiter hinaus zur Punta Ventroso, -lag nun die Flut so still, wie wenn sie nie von Wind und -weichem Getriebensein gewußt hätte. Da stand in metallenem -Pfauenblau das verwischte Grün aller Türkisen und -in diesem wieder die matten, ausgewaschenen Töne der -Hortensia. Eine runde Lache schob sich langsam in die -<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a> -andere, wurde oval .. und trat wieder in die Form des -Kreises zurück, ausgewechselt im Spiel der Farben, bald -heller, bald dunkler aufleuchtend, flüssiger Achat. In -der Ferne aber wuchs die Flut in den Himmel hinauf, -der dunstlos, wolkenlos das unerbittliche Blau der Wölbung -schloß. Die Augen fielen mir zu. Vor den Lidern -begann ein leises, dunkelrotes Wogen. In den Schläfen -sang das Blut.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Als um die vierte Nachmittagsstunde noch keine Nachricht -eingetroffen war, die Axels Ankunft meldete, beschloß -ich, nach Anacapri zu fahren und in den schönen -Ölbaumhängen den Abend zu erwarten.</p> - -<p>Die Felsmassen des Monte Solaro lagen in goldlackbraunen -Feuern aufgeschichtet, nur in die langen Risse des -Gesteines waren blaue Schatten eingezwängt. Das Grün -der tiefen, westlichen Hänge stand breit und dunkel -an den funkelnden Wänden und trug eine Welle von -spätem Ginster zu den Graten empor. An einer Wende -der Straße verschwand das Bild, der Wagen lief im Schatten, -und das rückwärts gewandte Auge hing an den heiß -überschütteten Klüften der Forte San Michele. Links in -der Tiefe, am Fuß der üppigen Gärten, lag die weiße -Grande Marina mit den vielen, kleinen Ruderbooten. Die -schmale Mole war verlassen, fern an der Punta Capo, -unter dem Berg, der die Trümmer des Tiberiuspalastes -trägt, schwammen, trunken vom Licht, kleine Segelboote, -die von Sorrent oder Amalfi herkommen konnten .. -Meine Augen folgten dieser Richtung: Die Berge der Sorrentinischen -Halbinsel standen steil, kahl und flammend -<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a> -übereinandergeschichtet, hier und da schimmerte der -lichte Flecken eines Hauses neben einer einsamen Zypresse. -Unten schlug das Ufer die weichen Falten der -sanfteren Abhänge auseinander, die ganz voll feuchten, -veilchenfarbenen Dämmers hingen. Unmittelbar im Norden -aber türmte Neapel die strahlenden Fronten und -Dächer gegen Camaldoli hinan, eine weiße, steinerne Saat -zwischen Posilipp und Vesuv. Pozzuoli schob seine Villen -über den Spiegel des Meeres, Bajä ließ sich nach -rückwärts erraten hinter dem steilen Misen .. Wie faßte -mich wieder die Liebe zu diesen unsterblichen Ufern, -wie riefen die Gärten, die Villen herüber! Nun mußten -ja alle Oleanderbüsche blühen, alle Rhododendren und -Myrten, alle Rosen und Nelken .. Die Weingärten mußten -reifen über dem wilden Mohn .. O Villa Patrizi! Villa -Ricciardi! Floridiana! Villa Vergils ..</p> - -<p>Wieder bog der Wagen um eine Ecke. Da war plötzlich -nichts mehr als eine hohe, umschattete Mauerwand, -voll Ginsterblüten, die steinige, staubige Straße, und -über der Brüstung das helle, aufglänzende Meer. In -der Luft lief eine leise Bewegung, die erste Ahnung des -Abends.</p> - -<p>Und bei der nächsten Kehr wehte auch das süße Ischia -empor, wie ein Gestade, das seine ersten Atemzüge wagt. -Auf Silberdünsten schwamm es, fast körperlos, ganz um -den Saphirhügel des Epomeo emporgedrängt, ein solcher -Überfluß von duftigem Blau, daß selbst das Meer vor -dieser Fülle bleich und zart erschien.</p> - -<p>Wir hatten die ersten Häuser von Anacapri erreicht. Ich -fuhr fast bis an das Dorf Caprile, und nahm den seitlichen -Pfad, der nach dem grünen Weg zur Migliera führt. -<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a> -Nun war ich wieder in meinen Obstgärten, die ich noch -blühend gesehen hatte, ich ging unter Nußbäumen und -Feigenbäumen dahin und hatte keinen anderen Gedanken -mehr als an die Tage, die nun kommen mußten .. an alle -Nachmittage, die wir hier oben verträumen würden, wo -die Seele im tiefen Grün ausruht, und die Winde leichter -das Feuer der Lüfte kühlen. Ich träumte mich ganz hinüber -in die Abgeschiedenheit dieses Lebens, das hier -oben zur Erfüllung werden sollte .. in die blaue Stille -hellenischer Tage. Der Abend in dem Priorate der Maltheser -fiel mir ein, als wir den langen Laubgang bis an die -Lichtung der Mauer hinuntergegangen waren. Unwillkürlich -wandte ich mich um und hob die Hand vor die -Augen: Der Golf von Neapel war leer, auch in der Höhe -von Ischia war kein Schiff zu sehen .. Da ging ich weiter. -Die Gärten wurden spärlicher, die bunten Häuser von -Anacapri mit ihren leichten Kuppeln waren hinter grünem -Laub zusammengerückt, von der weißen Wölbung der -Kirche überragt. Das Auge sah frei auf die vielen Gehöfte -hinunter, die sich zwischen Oliven und reifenden -Äckern zum Strande hinabzogen. Silbergraues Flittern -lief durch die hängenden Zweige, die Gräser begannen -zu beben, der Dunst am Fuß von Ischia wurde leichter, -fast durchsichtig. Das Steingeröll verminderte sich, Ginster -und Myrten brachen zwischen den scharfen Kanten -hervor. Nach wenigen Schritten stand ich auf der einsamsten -Höhe der Insel, umbraust vom warmen, sommerlichen -Wind, der die Fülle seines Glanzes um meine -Schultern schlug. Weit hinaus flogen die Blicke von dieser -einsamen Warte .. weit hinaus in die Ferne eines heroisch-gedachten -Lebens. Die Arme brauchten sich nur -<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a> -auszubreiten und den fließenden, wallenden Äther zu -fassen: so rührten die Finger an die Füße der Götter, die -dicht über dem wehenden Haare des Hauptes hingleiten.</p> - -<p>Als ich mich umwandte und auf tieferen Pfaden unterhalb -Capriles der alten Windmühle zuging, sah ich, wie -weit hinter Ischia, da, wo die flachen Ponzainseln leuchteten, -die Sonne lange, gleißende Goldbarren durch das -Wasser zog, aus dem helle, fast unsichtbare Dämpfe -emporstiegen. In jedem Augenblick blitzten die Goldströme -anders auf, bald weiß wie schmelzendes Silber -im Messingtiegel, bald rötlich wie Lava aus unterirdischen -Höhlen. Da schien es mir, aus diesen Horizonten -müsse das Schiff des Freundes auftauchen, leicht wie eine -gleitende Wolke, von korallenfarbigen Abend-Schwänen -gezogen .. Aber die Weite blieb leer. Nur die Goldflüsse -wallten und dampften. Durch gelbe Weizenfelder, zwischen -niedrigen, grauen Steinmauern ging ich zu der -Stelle zurück, wo der Wagen wartete .. In jedem Garten -blühten die Rosen, die Kakteen und Geranien. Alle Türen -der Häuser und Hütten standen geöffnet, hier und da -wurde schon Gesang wach, wie er sich mit dem sinkenden -Abend löst. Bauern kamen aus dem Feld zurück -und trugen Körbe voll Kirschen auf den Schultern, Frauen -gingen mit schlanken Tonkrügen zum Brunnen, Kinder -trieben die Ziegen zum Stall. Der erste Rauch schlug aus -den Schornsteinen in die kupferne Luft. Über den lila-dämmernden -Hügeln von Sorrent schwebte der weiße -Vollmond im reinsten Äther, eine taghelle Nacht verheißend. -Um Ischia und Procida wehten schon die purpurnen -Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a> -Auf der Höhe von Castellamare aber lag das weiße, -schlanke Schiff.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Der Tisch war im Garten gedeckt, vor einem Heliotropenbeet. -In einer dünnen Kristallvase stand der weiße Camelienstrauß, -den Axel aus Neapel mitgebracht hatte, -über die weiße Decke waren Rosen gestreut. Der Wind, -der sich kurz vor Sonnenuntergang aufgemacht hatte, -war wieder eingeschlafen, blaßgrüne Streifen Mondlichtes -fielen über den Rasen auf die Steinfliesen, zwischen -den starren Blättern der Palmen und dem hängenden -Gezweig des Eukalyptusbaumes funkelten die dünnen, -smaragdenen Sterne.</p> - -<p>Axel war schmäler geworden. In seinen Zügen stand die -Arbeit vieler Gedanken. Er erzählte ruhig von den -Wochen, die seit unserer Trennung verflossen waren. -Plötzlich brach er ab. Er hob das Glas und ließ es an -meines klingen:</p> - -<p>»Es ist Zeit zu schweigen. Die Stunde kommt, wo wir -anfangen müssen zu leben!«</p> - -<p>Die Früchte wurden aufgetragen.</p> - -<p>Aus den Gärten erhob sich Mandolinenspiel.</p> - -<p>Vom Meer herauf kam ein Gesang, ähnlich wie das Lied -der Matrosen auf dem Schiff, das in der Nacht nach Malta -fuhr.</p> - -<p>Als die letzten Gäste von den Nachbartischen aufgestanden -waren, ließen wir die Lampen vor uns löschen: Ein -Gewebe von lavendelblauem Atlas hing über dem Garten. -Die Büsche atmeten im verwandelten Licht, jeder Strauch, -jeder Wipfel war verdeutlicht und vergeistigt zugleich. -<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a> -Das Wesen der Dinge begann in der Tiefe der Formen -zu leben. Aus den Glycinenblüten rieselte die Helle nieder. -In jedem Tropfen Duft ein Tropfen Licht.</p> - -<p>Wir gingen langsam bis zum Meer hinunter, entblößten -Hauptes, so wie wir von der Tafel aufgestanden waren. -Unwillkürlich lenkten sich unsere Schritte nach der Piccola -Marina, der einsamen, verlassenen Bucht, in der die -Stille Capris tief gesammelt ist. Wo die zwei wilden Lorbeerbüsche -aus flachen, weichen Kieseln aufwachsen, -setzten wir uns auf den Boden. Bis an die Füße spielte -der raunende Schaum. In jeder flachen Welle zerrann -das Mondlicht. Wir fingen die Flut in den hohlen Händen -und ließen das Wasser an den Fingern niedertröpfeln. -In jeder Perle glühte das Mondlicht. Auf der Höhe -des Meeres aber war die silberne Harfe aufgestellt: In -den Saiten sang das Mondlicht:</p> - -<table summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">›Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das Meer bleibt das Meer, und der Fels bleibt der Fels.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Aber ich töte was starr ist und wecke was schön ist.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wollt ihr mich fangen, es wird nicht gelingen!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wollt ihr mich sagen .. was ist mir das Wort?</td></tr> - <tr><td class="tdl">Weiße Vögel tragen mich nieder vom Hause der Götter,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von ihren Schwingen trieft meine Flut,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sie nisten auf Wolken und schlafen auf Hügeln</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ihr hängender Flügel trocknet im Frühlicht.‹</td></tr> -</table> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Es war um Mitternacht, als wir nach Hause kamen. Wir -blieben lange auf der Terrasse. Der Mond war hinter die -Hügel getreten. Auf der Höhe des Meeres wallte sein -<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a> -ruhiges, grünes Licht und zog ihm nach, den Fuß der -steilen Küste schon mit schmalen Bändern umsäumend. -Hell glühte der Wein in der Schale.</p> - -<p>Axel goß den ersten Tropfen in das Gewühl der Rosen, -die am Geländer hingen. Funkelnd floß das Blut auf die -Blüten und tropfte weiter zu dem warmen, durstigen -Boden.</p> - -<p>»Den Göttern, die wir lieben ..«</p> - -<p>Ich neigte mein Glas:</p> - -<p>»Den Göttern, die uns lieben.«</p> - -<p>Da schlug die Antwort von der Erde auf: Eine Welle -leidenschaftlich gebundener Düfte: Rosen, Levkoyen, -Heliotropen, den Duft der hängenden Glycinen überholend .. -und immer wieder Rosen .. Rosen ..</p> - - -<p class="mt2 fss ce"><a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a> -Druck von F. E. Haag, Melle i. H.</p> - - - - -<p class="pb ce mt4 fss">VOM SELBEN VERFASSER:</p> - - -<p class="ce">DAS BUCH DER TRAUER<br /> -<span class="fss">GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1902-1907</span></p> - -<p class="ce">NACHKLÄNGE · INSCHRIFTEN · BOTSCHAFTEN<br /> -<span class="fss">GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1908-1909</span></p> - -<p class="ce">FLUTUNGEN<br /> -<span class="fss">NOVELLEN AUS DEN JAHREN 1902-1909</span></p> - -<p class="ce">VIGILIEN<br /> -<span class="fss">(TRAUM DER TREUE · MISSA SOLEMNIS · TRISTAN / MIT EINEM<br /> -VORSPIEL: CYPRIANS TOD)<br /> -DICHTUNGEN AUS DEM JAHRE 1907</span></p> - -<p class="ce">DIE GEDICHTE DES GRAFEN PLATEN<br /> -<span class="fss">AUSGEWÄHLT UND HERAUSGEGEBEN / MIT EINER VORREDE:<br /> -DIE GEISTIGE HALTUNG PLATENS</span></p> - -<p class="ce">DIE JUGEND UNSERER ZEIT<br /> -<span class="fss">DREI AUFSÄTZE / 1909</span></p> - -<p class="ce">SONETTE (DIE TOSKANISCHEN / DIE HESSISCHEN)<br /> -<span class="fss">AUS DEM JAHRE 1911</span></p> - -<p class="ce">JONATHAN / PATROKLOS<br /> -<span class="fss">AUS DEM JAHRE 1914 (MAI-JUNI)</span></p> - -<p class="ce">KASSIOPEIA<br /> -<span class="fss">HYMNEN, ELEGIEEN, ODEN<br /> -AUS DEN JAHREN 1909-1919</span></p> - -<p class="ce">DIE SEELE LOTHRINGENS<br /> -<span class="fss">AUS DEM JAHRE 1917</span></p> - - -<p class="ce mt2 fss">IN VORBEREITUNG:</p> - -<p class="ce">DIE PROSADICHTUNGEN:</p> - -<p class="ce">LES PRÉLUDES<br/> -EROS ANADYOMENOS<br /> -DIE TRÄUME VON SIENA<br /> -DEUTSCHLAND<br /> -BERLIN</p> - - -<hr /> - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p>Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben. Das -Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende vor die Widmung verschoben. </p> - -<p>Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, -mit folgenden Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">im Inhaltsverzeichnis: -")" eingefügt<br /> -(TAGE IN SYRAKUS / CAPRI))</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(an einer zarten seidnen Schnur enden können.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_024">24</a>:<br /> -"hate" geändert in "hatte"<br /> -(erfüllte sich, wie sie vorausgesehen hatte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_031">31</a>:<br /> -"langezogenen" geändert in "langgezogenen"<br /> -(Wipfel vor dem Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br /> -"be-bevorstanden" geändert in "bevorstanden"<br /> -(klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_069">69</a>:<br /> -"über sieht" geändert in "übersieht"<br /> -(Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br /> -"zusammsn" geändert in "zusammen"<br /> -(alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_074">74</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_075">75</a>:<br /> -"aplstischen" geändert in "plastischen"<br /> -(plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_076">76</a>:<br /> -"Morger" geändert in "Morgen"<br /> -(Ein hellblauer Morgen sprühte herauf)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br /> -"grüb lerisch" geändert in "grüblerisch"<br /> -(in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_115">115</a>:<br /> -"immernoch" geändert in "immer noch"<br /> -(Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren Mondes)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_127">127</a>:<br /> -"," geändert in "."<br /> -(Ich liebte Sizilien.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_130">130</a>:<br /> -"Gesangss" geändert in "Gesanges"<br /> -(Er übte die Kunst des Gesanges)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_131">131</a>:<br /> -"wuße" geändert in "wußte"<br /> -(und er wußte, was schön sein hieß)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_131">131</a>:<br /> -"»?" geändert in "?«"<br /> -(»Woran starb sie?«)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_135">135</a>:<br /> -"Sreifen" geändert in "Streifen"<br /> -(auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_153">153</a>:<br /> -"einam" geändert in "einsam"<br /> -(Ganz einsam aber stand der Leuchtturm)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_164">164</a>:<br /> -"«" eingefügt<br /> -(»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_185">185</a>:<br /> -"Schneisen ." geändert in "Schneisen .."<br /> -(hinter feuchten, braunen Schneisen ..)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_189">189</a>:<br /> -"/" eingefügt<br /> -(ABEND IN SEGESTA /)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_207">207</a>:<br /> -"der" geändert in "des"<br /> -(hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_210">210</a>:<br /> -"Ruderboten" geändert in "Ruderbooten"<br /> -(Grande Marina mit den vielen, kleinen Ruderbooten)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_213">213</a>:<br /> -"ein" geändert in "eine"<br /> -(Vollmond im reinsten Äther, eine taghelle Nacht verheißend)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_213">213</a>:<br /> -"." eingefügt<br /> -(purpurnen Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_215">215</a>:<br /> -"‹" geändert in "›"<br /> -(›Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.)</p> - - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Südliche Reise, by -Albert Heinrich Rausch and Henry Benrath [pseud.] - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÜDLICHE REISE *** - -***** This file should be named 62481-h.htm or 62481-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/4/8/62481/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This file was produced from images -generously made available by The Internet Archive) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions -will be renamed. - -Creating the works from public domain print editions means that no -one owns a United States copyright in these works, so the Foundation -(and you!) can copy and distribute it in the United States without -permission and without paying copyright royalties. Special rules, -set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to -copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to -protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project -Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you -charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you -do not charge anything for copies of this eBook, complying with the -rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose -such as creation of derivative works, reports, performances and -research. They may be modified and printed and given away--you may do -practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is -subject to the trademark license, especially commercial -redistribution. - - - -*** START: FULL LICENSE *** - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project -Gutenberg-tm License (available with this file or online at -http://gutenberg.org/license). - - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm -electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all -the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy -all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. -If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project -Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the -terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or -entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. - -1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be -used on or associated in any way with an electronic work by people who -agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few -things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works -even without complying with the full terms of this agreement. See -paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project -Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement -and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic -works. See paragraph 1.E below. - -1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" -or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project -Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the -collection are in the public domain in the United States. If an -individual work is in the public domain in the United States and you are -located in the United States, we do not claim a right to prevent you from -copying, distributing, performing, displaying or creating derivative -works based on the work as long as all references to Project Gutenberg -are removed. Of course, we hope that you will support the Project -Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by -freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of -this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with -the work. You can easily comply with the terms of this agreement by -keeping this work in the same format with its attached full Project -Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. - -1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern -what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in -a constant state of change. If you are outside the United States, check -the laws of your country in addition to the terms of this agreement -before downloading, copying, displaying, performing, distributing or -creating derivative works based on this work or any other Project -Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning -the copyright status of any work in any country outside the United -States. - -1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: - -1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate -access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently -whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the -phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project -Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, -copied or distributed: - -This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with -almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or -re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included -with this eBook or online at www.gutenberg.org/license - -1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived -from the public domain (does not contain a notice indicating that it is -posted with permission of the copyright holder), the work can be copied -and distributed to anyone in the United States without paying any fees -or charges. If you are redistributing or providing access to a work -with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the -work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 -through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the -Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or -1.E.9. - -1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted -with the permission of the copyright holder, your use and distribution -must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional -terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked -to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the -permission of the copyright holder found at the beginning of this work. - -1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm -License terms from this work, or any files containing a part of this -work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. - -1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this -electronic work, or any part of this electronic work, without -prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with -active links or immediate access to the full terms of the Project -Gutenberg-tm License. - -1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, -compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any -word processing or hypertext form. However, if you provide access to or -distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than -"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version -posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), -you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a -copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon -request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other -form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm -License as specified in paragraph 1.E.1. - -1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, -performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works -unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. - -1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing -access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided -that - -- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from - the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method - you already use to calculate your applicable taxes. The fee is - owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he - has agreed to donate royalties under this paragraph to the - Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments - must be paid within 60 days following each date on which you - prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax - returns. Royalty payments should be clearly marked as such and - sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the - address specified in Section 4, "Information about donations to - the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." - -- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies - you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he - does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm - License. You must require such a user to return or - destroy all copies of the works possessed in a physical medium - and discontinue all use of and all access to other copies of - Project Gutenberg-tm works. - -- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any - money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the - electronic work is discovered and reported to you within 90 days - of receipt of the work. - -- You comply with all other terms of this agreement for free - distribution of Project Gutenberg-tm works. - -1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm -electronic work or group of works on different terms than are set -forth in this agreement, you must obtain permission in writing from -both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael -Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the -Foundation as set forth in Section 3 below. - -1.F. - -1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable -effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread -public domain works in creating the Project Gutenberg-tm -collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic -works, and the medium on which they may be stored, may contain -"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or -corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual -property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a -computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by -your equipment. - -1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right -of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project -Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project -Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all -liability to you for damages, costs and expenses, including legal -fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT -LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE -PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE -TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE -LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR -INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH -DAMAGE. - -1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a -defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can -receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a -written explanation to the person you received the work from. If you -received the work on a physical medium, you must return the medium with -your written explanation. The person or entity that provided you with -the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a -refund. If you received the work electronically, the person or entity -providing it to you may choose to give you a second opportunity to -receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy -is also defective, you may demand a refund in writing without further -opportunities to fix the problem. - -1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth -in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER -WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO -WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. - -1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied -warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. -If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the -law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be -interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by -the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any -provision of this agreement shall not void the remaining provisions. - -1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the -trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone -providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance -with this agreement, and any volunteers associated with the production, -promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, -harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, -that arise directly or indirectly from any of the following which you do -or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm -work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any -Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. - - -Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm - -Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of -electronic works in formats readable by the widest variety of computers -including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists -because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from -people in all walks of life. - -Volunteers and financial support to provide volunteers with the -assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's -goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will -remain freely available for generations to come. In 2001, the Project -Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure -and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. -To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation -and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 -and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. - - -Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive -Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at -http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent -permitted by U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. -Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered -throughout numerous locations. Its business office is located at -809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email -business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact -information can be found at the Foundation's web site and official -page at http://pglaf.org - -For additional contact information: - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To -SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any -particular state visit http://pglaf.org - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. -To donate, please visit: http://pglaf.org/donate - - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic -works. - -Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm -concept of a library of electronic works that could be freely shared -with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project -Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. - - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. -unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily -keep eBooks in compliance with any particular paper edition. - - -Most people start at our Web site which has the main PG search facility: - - http://www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - -</pre> - -</body> -</html> - - diff --git a/old/62481-h/images/cover.jpg b/old/62481-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 906da9e..0000000 --- a/old/62481-h/images/cover.jpg +++ /dev/null |
