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-The Project Gutenberg EBook of Südliche Reise, by
-Albert Heinrich Rausch and Henry Benrath [pseud.]
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
-re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Südliche Reise
-
-Author: Albert Heinrich Rausch
- Henry Benrath [pseud.]
-
-Release Date: June 26, 2020 [EBook #62481]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÜDLICHE REISE ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This file was produced from images
-generously made available by The Internet Archive)
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-
- ALBERT H. RAUSCH
-
- SÜDLICHE REISE
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- 1 . 9 . 2 . 0
-
- EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN
-
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-
-
- ALLE RECHTE, BESONDERS DAS
- DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN
-
- AMERIKANISCHES COPYRIGHT 1914
- BY EGON FLEISCHEL & CO. / BERLIN
-
-
- DRITTE AUFLAGE
-
-
-
-
- VON DIESEM WERK WURDEN
- 15 EXEMPLARE AUF BÜTTEN GEDRUCKT
- UND VOM VERFASSER GEZEICHNET
-
-
-
-
-INHALT
-
-
- WIDMUNG SEITE 3
-
- RAVENNA » 9
-
- FLORENZ » 37
-
- ROM » 65
-
- NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN » 105
-
- PALERMO » 121
-
- TUNIS / WÜSTE » 151
-
- HELLAS (ABEND IN SEGESTA / TAGE
- IN SYRAKUS / CAPRI) » 191
-
-
-
-
-WIDMUNG: AN MARIA-VICTORIA
-
-
-Es ist Nacht. Das Fenster steht offen, die feuchte Luft weht auf den Tisch
-und bewegt den Strauß von Pflaumenblüten neben deinem Bilde. Du blickst mir
-ins Antlitz, und ich erwidere ruhig deinen Blick.
-
-Die Frucht ist reif. Du kannst fordern, was dir gehört. Auch dieses Buch
-ist eine Heimkehr zu dir. In die größte Entfernung der Seele dringt dein
-Ruf. Selbst in die schöpferische Abgeschiedenheit weht der Hauch deines
-stummen Lebens. Du forderst nie und rechtest nie um einen Inhalt, der dir
-gehört. Du bist nur da, eindringlich und natürlich, ohne Anfang, ohne Ende.
-
-Haben wir es nicht an uns selbst verspürt, daß Abgründe Seele von Seele
-scheiden? Ist dieses Wissen nicht unsere Geschichte geworden? Hat es uns
-nicht von dem fruchtlosesten aller Kämpfe befreit und uns eine Klarheit des
-gemeinsamen Lebenszustandes gegeben, die uns vor Enge und Irrtum bewahrt?
-Welche wirkenden Kräfte unsrer Seele müssen wir eindämmen oder ersticken,
-um einander die Treue zu wahren? Ist irgendein Leben in uns, das wir
-einander nicht eingestehen dürfen? Haben wir nicht in den Jahren unsres
-Wachsens die grenzenlose Verehrung für alles Lebendige gelernt? Das
-schlichteste Leben eines Dinges hat uns das erhöhte Leben der vereinten
-Dinge gezeigt, im scheinbar Gewöhnlichsten hat sich das Außergewöhnliche
-offenbart. Nichts blieb gesondert, alles war in einen unergründlichen
-Zusammenhang von Beseelung gerückt, der uns die Schönheit der Welt
-offenbarte.
-
-Ziele und Zwecke? Wie fern ist unser Schicksal von einem Ziel, wie fern
-unser Leben von einem Zweck, da wir längst wissen, daß alles Lebendige
-ununterbrochen in sich selbst kreist, daß jede Ruhe ein Schein ist, und daß
-wir weiter müssen, unaufhörlich weiter.
-
- · · ·
-
-Es sind Erhöhungen meines einfachen Lebens, die ich für dich aufgeschrieben
-habe. Es ist eine große Leidenschaft des Erlebens, die ich zu dir trage.
-Es ist meine Seele, in tausend fremden Bildern und Wellen gespiegelt,
-übergossen von Licht, geweitet in einer Ferne, die dich vielleicht
-beklemmen könnte, wenn sie dir nicht selbst so sehr aus den vielen Stunden
-vertraut wäre, wo du Zeiträume durchmaßest, welche die ungeübte Seele nicht
-erträgt.
-
-Wie du die Zeit in dir verwandelt hast! Wie unbegreiflich frei du bist von
-den Zeitmaßen einer Frau! Was hat es geändert in den Zeitläuften
-deiner Seele, Gattin und Mutter zu sein? Wie ein Morgenwind über die
-unergründliche See hinfährt und vielleicht die Welle zu einem flüchtigen
-Lächeln kräuselt, haben dich die äußeren Wandlungen deines Lebens
-getroffen, hat das Stundenhafte dieser Dinge das Unbegrenzbare deines
-inneren Daseins angerührt: es hat sich nichts gelöst in dir und nichts
-gebunden: der Erscheinungen kleine Zahl hat sich um ein kleines vermehrt.
-
-Die große Kraft deines Lebens aber blieb unberührt und keusch wie zuvor.
-
-In dieser großen Kraft ruht unsere Gemeinschaft. Über ferne Meere ziehst du
-die Seele deines Freundes zurück, der ein Abenteurer ist und bleiben muß,
-solange ihn die Götter lieben.
-
-Tausend verschiedene Leben sind in mir und wollen erfüllt sein, tausend
-Gesichter trage ich vor mir her und kann von jedem sagen: es ist mein
-Gesicht und aus mir selbst entsprungen.
-
-Aber alle sind nur auf den einen, stillen Spiegel deines Lebens gerichtet,
-der ihre Vielheit in dem Abgrund seiner Ruhe aufnimmt, so daß mir nur die
-eigne Einheit aus der Tiefe entgegenstrahlt.
-
-
-
-
-RAVENNA
-
-
-So war die Anfahrt an Ravenna:
-
-Grün dehnte sich rings in der schweren Luft: Korn- und Weizenfelder, von
-vielen frühen Gewitterregen aufgetrieben. Feuchter Dunst lag über der
-reglosen Fläche. Mitten in die Acker waren Ölbäume gepflanzt. Das dünne
-Silber der Zweige warf eine bezaubernde Leichtigkeit in die Schwüle. Von
-Stamm zu Stamm rankte Weinlaub in niedrigen Bögen, die fast die Spitzen der
-Ähren berührten. Die Sinne ermüdeten an dem ununterbrochen gleichen Bild,
-die Augenlider schlossen sich leicht und zuckten nur ein wenig weiter
-auf, wenn unverhofft ein zerbröckelndes Bauernhaus, ein Garten voll weißer
-Lilien oder eine Oase hochroten Mohnes auftauchte.
-
-Das Licht wurde leiser, unwahrscheinlicher, aber im Steigen der Sonne ein
-wenig goldner. Ganz fern, wo der Himmel an die Erde rührte, zogen lange
-Regenstreifen den Viertelkreis ihres feinen Staubes. Kurze Pappelalleen
-tauchten in gelben Wiesengründen auf und verschwanden, selten nur stand
-am Rand eines Feldes ein Lorbeerstrauch, noch seltener hob sich aus
-abgeschlossenen Parken eine Zypresse. In dem blaugrauen Schleier des
-Himmels formten sich kleine, runde Wolken, die Luft wurde heiß, der
-Goldstrom der Regenstreifen begann zu ermatten. Plötzlich schimmerte die
-Ahnung eines Turmes in dem ruhigen Niederfluß des Lichtes, unkörperlich,
-mit schwachen Umrissen. Das Bild eines zweiten Turmes schob sich
-daneben, nicht minder undeutlich, dann die Giebel schmuckloser,
-unendlich einförmiger Häuser. Ebene und Stadt waren eines, ohne Grenze
-ineinandergeschoben und aufgelöst in der Traurigkeit des teilnahmlosen
-Himmels, der dieses Land nicht liebte.
-
-Nun schimmerten Kanäle auf, einige breit und fortlaufend, andere
-willkürlich hier und dort zwischen die Felder gezogen. Das Wasser leuchtete
-braun über dem Untergrund irgend einer Fäulnis, manchmal auch weiß und
-leblos wie über bleiernen Böden. In der Ferne, wo das Meer liegen mußte,
-hatten sich die Wolken vollkommen geschlossen, die Stadt lag brütend
-und gleichgültig in unaufhaltsamem Siechtum: eine stumme, erschütternde
-Anklage.
-
-Ich stand wie gelähmt auf dem kleinen, verstaubten Platz, ehe ich mich
-entschließen konnte, einen Wagen zu nehmen, und sah im Kreise umher, ob
-nicht irgend ein freundliches Bild, ja nur der Ausschnitt eines Bildes, den
-Fremdling willkommen heißen wolle: Aber da war nichts als grauer und gelber
-Staub über einem ausgetretenen Pflaster, graue und gelbe Häuserwände mit
-blinden, leblosen Fenstern und hoffnungslos erstorbenen Blendbögen, graue
-und gelbe Ziegeldächer, von vielen schmutzigen Regengüssen gedunkelt, und
-ein paar verwahrloste Menschen mit grauen und gelben Gesichtern, in denen
-quälerisch das Wort geschrieben stand, das der Fluch dieser ganzen Stadt
-ist und jeden Menschen so rasch aus ihren Mauern forttreibt: Fieber ..
-Langsames Fieber, das sich im Blute einnistet und immer wieder aufsteht,
-wenn es die feuchte Hitze des Sommers und der Morastatem des Herbstes aus
-dem trügerischen Schlaf zum Leben ruft. Wie blöd waren die Blicke, die an
-mir haften blieben, wie verständnislos und mißtrauisch gegen den
-Fremden, der nur hierher kommt, um das heimliche Leben in seinen Winkeln
-aufzusuchen, das diese hoffnungslosen Gassen überblüht. Alles ist
-verwahrlost, was der Blick streift, es gibt keine Mauer mehr, an der nicht
-der Kalk oder das Gestein losbröckelte, keine Flucht von Fenstern, deren
-Glas nicht gesprungen wäre, kein Tor, das nicht klaffte oder sich in
-unverrosteten Angeln drehte. Was will es bedeuten, daß zuweilen das Auge in
-stillen Blumenhöfen und Binnengärten versinkt, wo blasse Rosensträucher
-in grauen Tonschalen wuchern und ihre Blüten über schmale Treppen fallen
-lassen .. wo reglose Stachelpalmen die matte, taube Luft durchstechen und
-uralter Efeu sein schwarzes Laub über verfallende Mauern wirft? Vielleicht
-auch leuchtet plötzlich ein Geranienbeet an dem leeren Behälter
-des versiegten Springbrunnens auf und wirft dir den Frevel seines
-leidenschaftlichen Blühens in das Gesicht. O Kranksein dieser zerrütteten
-Stadt! Immer wieder fiel es mich an, während mein Wagen auf dem
-abgescheuerten Pflaster dahinfuhr. Zuweilen trat eine Frau aus dem
-angelehnten Tor und goß einen Eimer voll Spülwasser in die kaum noch
-erkennbare Rinne: dann schrak das Pferd ein wenig auf und ging schneller,
-die Räder aber ließen lange noch die feuchten Spuren hinter sich, zwei
-braune Geleise, die matter und matter wurden, bis der Staub sie aufgesogen
-hatte. Schon fingen die Augen an zu brennen von dem blendenden Licht,
-das immer noch durch den grauweißen Filter des Wolkendunstes rann, sich
-manchmal etwas verdichtete und fast den Schatten eines Hauses zeichnete: da
-hielt der Wagen vor dem Eingang von San Vitale.
-
- *
-
-O Name voll Duft und Keuschheit, dessen Musik das Ohr entzückt.
-
-Blasse Rosen an den schmalen Säulen der Eingangshalle streuten in ihrem
-weichen Geruch die Ahnung kommender Süßigkeit, dann öffnete sich eine Türe,
-ein paar Stufen führten abwärts .. Unwillkürlich hob sich der Blick, von
-der geheimen Gewalt schwebender Bogenwölbungen nach oben gelenkt; und
-siehe: aus der stillen Tiefe einer seitlichen Halbkuppel wehte ihm ein
-überirdisches Grün entgegen, durchsichtig wie der sommerliche Abendhimmel,
-wenn die ersten scheuen Sterne sprühen. Jede Schwere war in diesem Leuchten
-gelöscht. Es nahm den Pfeilern die Mühe des Tragens und den Kuppelwänden
-das Bewußtsein des Getragenwerdens. Dienst und Gegendienst aller Teile hob
-es in die fließende Zartheit seines Duftes empor, die mit der Verheißung
-der Gottnähe alles Aufstreben krönte. Nun erst wagte das Auge die Schau
-in den Umkreis. Von allen Seiten des oberen und unteren Umganges floß die
-Helle zusammen, der Sinn einer jeden Wölbung war, das Licht zu fangen und
-der beherrschenden Mitte des heiligen Kreises zu geben, über dem sich,
-fast schwebend und wie von unsichtbaren, goldnen Seiten emporgehalten, die
-allerlösende, allstillende Kuppel hoch und sieghaft aufhob. Aber dieses
-Licht war nicht weiß, nicht grau, nicht gelb wie der fiebernde Äther: es
-war millionenmal gebrochen und verinnerlicht in allen Farben, die aus
-dem Mosaik der Wände aufblühten, es war gemildert und gereinigt in den
-Schatten, welche die Bögen und seitlichen Halbkreise der sieben Nischen ihm
-abrangen. Auch der Marmor der Tragsäulen, das Geflecht und die Blumen der
-Kapitäle gaben ihm neue, geläuterte Strahlung, und selbst vom Fußboden
-hob es sich wieder in sanfter Tönung auf. Es hatte Stimme bekommen, es
-war Gesang geworden und rieselte in die Stille, die ganz gesättigt war von
-Traum und Leben. Die große, erlauchte Mitte aber gab dieses Licht an den
-halbgeöffneten Altarplatz weiter, der sich nach Sonnenaufgang zu aus dem
-Bann der Kreise hinausschob und in die Feierlichkeit einer strahlenden
-Apsis mündete. Wie diese Helle lockte, wie heiter sie zu sich hinüberlud.
-Sie spielte den Jubel ihres Lichtes gegen die dunkle Schönheit der
-Mitte aus und wußte dennoch, daß sie nur eine Dienerin war in dem Traum
-unlöslicher Einheit. Ich trat langsam näher: jeder Schritt auf diesem Boden
-zwischen den roten und grauen Täfelungen der Pfeiler, zwischen dem warm-
-und stilleuchtenden Marmor der Säulen, war scheu, fast furchtsam: denn
-jedes Weitergehen war das Verlassen einer Schönheit, in der sich gerade die
-Sinne gefangen hatten, und brachte eine neue, die der früheren feindlich
-war. Und als die Augen eben schon das wallende Licht über dem Altare, die
-Wände und Kuppeln mit allem Übermaß der schillernden Mosaikbilder, mit
-allen Aus- und Ineinanderströmen undeutbarer Farben in einer Schau zu
-nehmen versuchten: mußte der Blick noch einmal anhalten vor dem blühenden
-Steinfiligran der Altar-Schranken, in dem das reine Gold der Morgenluft
-flimmerte. War die Sonne aus den Wolken gebrochen? Über meine Füße fiel
-der Schatten einer Säule: so mußte draußen die Sonne scheinen. Als ich
-die Augen wieder aufhob von den Blumen der Steinranken, von den
-Clematissternen, den offnen Lilien und Diclytraherzen, bebten die Lider vor
-der weißgoldnen Welle, die aus den Fenstern wallte und sich in die Mitte
-ergoß, vorbei an dem Glanz der Bilder, die alle Wände und Deckengewölbe
-dieses Raumes schmückten und durch vierzehn Jahrhunderte die ungebrochene
-Kraft ihrer Schönheit bewahrt hatten. Welche Glut des Glaubens hat die
-Erfinder dieser Gemälde beseelt, wenn sie den Ruhm Gottes und das Wunder
-der Entsühnung in einer solchen Saat von Farben ausgießen konnten: wenn sie
-die Gabe hatten, aus all diesen Sternen, diesen kleinen Bögen und Punkten,
-diesen Zacken und Vierecken, diesen Kreisen und Kreuzen, aus dem Gewühl
-dieser Blumen und Girlanden einen solchen Jubel von Anbetung zu schaffen,
-daß kaum noch die Frage aufsteigt, wer die menschlichen Gestalten sind,
-deren Legenden in der flammenden Buntheit der Ornamente ihre Sprache
-verloren haben. Was sind sie anders, als selbst ein Ornament, eine kaum
-erbebende Melodie in der unteilbaren Gewalt der Toneinklänge? Was bedeutet
-es, daß wir wissen: hier throne Christus in der Kuppel der Apsis und dort,
-über der linken Seitenwand, opfere Abraham seinen Sohn Isaak? Nur zwei
-Mosaikbilder sind in die Wand eingefügt, die fremd im Jubel dieses
-Gotteshauses bleiben und grausam unvermittelt den wehen Hintergrund
-erschließen, auf dem die mittelalterliche Geschichte Ravennas seit dem
-Untergang der Goten ruht: Es sind die Gemälde des kaiserlichen Hofstaates,
-auf der einen Seite Justinian mit seinem Gefolge, auf der anderen Theodora
-mit ihren Frauen. Wie ausgebrannt ist das langgezogene, regungslose Antlitz
-der kaiserlichen Hure, die sich in ihrer Jugend den Soldaten preisgab und
-als Geliebte des slawischen Abenteurers den Thron erklomm .. wie liegen
-ihre kranken Sinne offen um diesen blutenden Mund und die übergroßen,
-unersättlichen Augen. Sie schreitet der Kirche zu, ihre Hände tragen ein
-goldnes Weihgefäß. Je tiefer der Blick sich in das Scheinbar-Tote
-dieser Mosaiksteine einsieht, desto erschreckender wird das Leben in
-den halbverwüsteten Gesichtern deutlich und das Fieber, das in diesen
-strengverhüllten Körpern auf- und niederfliegt. Die Kleider sinken, lüstern
-und schamlos, der Heiligenschein um den Kopf der Kaiserin taucht in den
-schwachen Dunst von hellem Blute, nackte, hagere Hüften zeigen ihre heiße
-Blässe, fallende Schultern und erschöpfte Brüste, auf denen nur das Mal der
-Warze brandrot flackt. Armselige, mißbrauchte Leiber, an denen nichts mehr
-blühend ist und dennoch nichts gestillt. Wer bist du, Nachbarin Theodoras
-zur Linken, in deinem karminfarbigen Gewand mit den breiten Goldborten und
-dem hellen Überwurf der Schultern, den deine rechte Hand festhält? Bist du
-vielleicht Eudoxia, die Gemahlin Belisars? Welche Nächte mußt du gesehen
-haben, wenn du es wagen darfst, dich so an die Kaiserin zu lehnen .. Und
-du, Nächstfolgende im hyazinthblauen Kleid und rostbraunen Überhang, du,
-mit den wundervollen Brauen und der schmalen Nase, mit der übersatten
-Frucht des Mundes und den schweren Lidern über der glühenden Ruhe
-der Pupillen? Noch ist eine Beherrschtheit in dir (oder ist es eine
-Grausamkeit, die es gewohnt ist, ihre Opfer zu verachten?), aber deine Hand
-ist krank und kündet auch dein Schicksal. Vielleicht wolltest du nicht mit
-hinabgezogen werden .. aber deine unwillkommne Tugend hätte leicht an
-einer zarten seidnen Schnur enden können. Nur der einen, der allerletzten
-begleitenden Frau, ist ein Hauch nicht ganz ertöteten Gefühls in dem
-traurigen Gesicht stehen geblieben. Sie hat sich abgewandt, ihre Augen
-suchen irgend eine fremde ausgelöschte Ferne.
-
-San Vitale! Heller Ruf des silbernen Hornes im Morgenwind .. Der Traum des
-besudelten Purpurs zerstob. Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen:
-daß Theodora die goldne Schale zum Altare trägt. Was war der Glaube dieser
-Frau, der um ihr Haupt den Schein der Heiligen wob? Die halbverschüttete
-Sehnsucht ihrer Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in Kasteiung
-endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie den schlaffen Körper
-über die scharfkantigen Stufen vor dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne
-auf die Schnitte und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die
-aufstachelnde Kälte des Marmors preßt. Die Hände, von der Überzahl der
-Ringe gelähmt, umklammern die Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über
-den Rücken, an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das Blut ..
-Die Nüstern stehen gebläht .. Duft und Dunst des eignen Blutes, als Opfer
-dem Gekreuzigten gebracht, der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch
-zu süßer Kerzen niederlächelt .. Letzter Kuß der verirrten Lippe auf den
-üppigen Mund des Gottes-Sohnes .. Und viele Stunden später das Erwachen im
-tiefgedämpften Licht des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die Düfte
-der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven auf das erste befehlende
-Wort der Herrin warten, deren Haupt wie leblos im Schoß Eudoxias ruht ..
-O Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte, Name einer
-Büßerin, die das Kreuz der Liebe trug und alle, deren Leben sie berührte,
-an ihrem verachteten Leid mitleiden ließ .. Unmerklich hatte sich das Bild
-vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend .. das letzte der Gesichte
-losch aus. Nur die Seele der Farbe gab noch eine Antwort und verkündete
-nichts anderes mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das Nebeneinander
-dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder, das Lorbeergrün des Fußbodens
-und das weiche Gold des angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines
-schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien des Blutes, die
-in diesen Menschen wohnten. Sein Name ist vergessen: aber seine Liebe zur
-Schönheit ist ewig in ihrer zeugenden Kraft.
-
- *
-
-Die Pförtnerin öffnete ein schmales Tor. Ich trat über wenige flache Stufen
-ins Freie. Warmer Duft schlug mir entgegen, Duft von Erde, in welcher noch
-der letzte Regen verdunstet, von Gras und von Rosen, die an einer
-hellen Ziegelmauer emporwuchsen, blaßrot und klein wie die Blüten der
-Mandelsträucher. In dem matten Sonnenlicht, das zwischen den flachen
-Firsten fremder Dächer und einer vergißmeinnichtblauen Bucht des Himmels
-stand, klang die gedämpfte Musik von San Vitale weiter. Jenseits des
-freien Platzes, der halb Garten, halb Hof, halb Schuttstätte war, lag
-das Mausoleum der Kaiserin Galla Placidia über der Grundfläche eines
-lateinischen Kreuzes, ohne einen anderen Schmuck als die Rundbogen blinder
-Arkaden und den gezackten Fries unter dem Ansatz des Daches, wundervoll
-lebendig in dem satten Sepia der Ziegelsteine. Ich vergaß es, daß der Tag
-schon der Mittagshöhe zulief, daß noch viele Schönheiten meiner warteten:
-ich saß, die Arme über den hochgezogenen Knieen verschränkt, das Auge halb
-durch die Bläue, halb über den stumpfen Goldhauch der Mauern und Dächer
-spielen lassend, auf dem niedrigen Grashügel und sann dem Leben der
-Kaiserin nach.
-
-Es war das Erbteil des mütterlichen Blutes, das sie so sehr zur Römerin
-machte, aber vom Vater hatte sie das Königliche des Wesens, die
-Inbrunst des Willens und die große staatsmännische Begabung. Es gibt ein
-wundervolles Bild des großen Theodosius auf einem silbernen Schild, der bei
-Merida in Spanien gefunden wurde. Das schmale Gesicht trägt die Züge einer
-vergeistigten Schönheit. Der Mund, voll verschwiegner Sinnlichkeit in das
-schmale Oval der Wangen gedrängt, ist nicht viel breiter als die Spanne
-zwischen den beiden Nasenflügeln, die leichtgebläht über der unmerklich
-schiefgezogenen Oberlippe stehen, der Lippe eines Mannes, dessen Sinne
-verfeinerter Genüsse bedürfen. Enträtselt aber wird dieses Gesicht erst in
-den weitgeöffneten Augen, deren durchsichtiger Glanz den dunklen Zug der
-Brauen noch verdunkelt und nur im Leuchten der gemeißelten Stirne eine
-Antwort findet. Alle Formen sind gebunden in der Zucht des Geistes, in dem
-Wach-sein einer außergewöhnlichen Klugheit und eines unbeugsamen Willens.
-Ja, vielleicht war der Glaube dieses Kaisers, sein leidenschaftliches
-Eintreten für das athanasianische Bekenntnis, nur die Frucht einer
-unerbittlichen Selbstschulung. Auch Galla hatte diesen Glauben des Vaters:
-doch ganz in die Beseelung, ganz in die Sehnsucht eines leidenden Herzens
-verwandelt: sie war eine Frau, unfähig, ihrer Natur zu entrinnen. Alle
-andren Eigenschaften des Vaters aber lebten ungebrochen in ihr weiter: am
-deutlichsten jene Gabe der unbedingten Herrschaft über sich selbst, die
-ihrem Leben die kaiserliche Haltung gab. Daß sich über ihren Zügen (so
-wie sie das Medaillon am Kreuz der Heiligen Helena zu Brescia zeigt) eine
-Melancholie breitet, daß in der Dunkelheit der übergroßen Augen ein nicht
-gelöstes Fragen steht, daß ein Schatten von Bitternis den vollen, stillen
-Mund umspielt: wird auch den nicht erstaunen, der sich nur flüchtig in
-ihrem Leben verlor. In seiner Erinnerung aber wird das andere, viel weniger
-ausdrucksvolle Bildnis dieser Kaiserin beherrschend weiterleben, welches
-die kleine Elfenbeinplatte im Domschatz zu Monza überliefert: Hier ist
-Placidia ganz die Fürstin-Mutter, hochaufgerichtet, ihrer Würde tiefbewußt
-neben dem kleinen, dumpfen Sohn, dessen kindliches Antlitz schon die
-schlaffe, sinnliche Weichheit des Verwöhnten aufweist. Nichts an diesem
-unbeseelten Bild der Kaiserin würde den Eindruck der Unnahbarkeit mildern,
-wäre nicht die verräterische, rechte Hand, die nur Seele ist: von Müdigkeit
-und Verlangen durchhaucht, so wie die elfenbeinerne Starrheit der offnen
-Rose zwischen Daumen und Zeigefinger.
-
-Galla Placidias Größe wuchs an dem Maß ihrer Schicksale. Die Kraft zu
-tiefem Erleben und tiefem Ertragen war ihr eingeboren. Sie verlangte nach
-Bewegung, nach Wechsel, sie ging gerne auf Reisen und liebte eine große
-Führung des Lebens. Sie zog die Weltstadt Rom Ravenna vor, solange sie
-keine Pflicht an den Hof band. Rom gab ihr weitere Möglichkeiten. Sie sah
-gerne den Glanz der Feste und den ununterbrochenen Wettstreit des Schönen.
-Wie alle vornehm Gesinnten hatte sie die Leidenschaft für große, heroische
-Vergangenheiten. Nur wer viele Zusammenhänge erfaßt hat, kann so einfach
-sein, wie sie war. Sie liebte die Perlen: den schlichtesten und kostbarsten
-Schmuck zugleich. Als der Feldherr des Westgotenkönigs Athaulf in das
-Peristyl trat und ihr gesenkten Hauptes die Gefangennahme verkündete, stand
-sie ruhig und abweisend: die Wirklichkeit war machtlos gegen ihre Haltung.
-Sie nannte die Dienerinnen, die ihr zu folgen hatten, und begab sich in das
-feindliche Lager. Der junge König empfing sie so, wie es einer kaiserlichen
-Prinzessin zukommt und geleitete sie in ihr Zelt. Er zeigte ihr die Pferde
-und die Sänften, die bestimmt waren, sie auf den langen Wanderzügen des
-Heeres zu tragen. Sie lächelte ein wenig und achtete nicht weiter auf ihn.
-Sie hielt sich abseits mit ihren Dienerinnen und gewöhnte sich bald an die
-Unruhe des Lagerlebens. Ja, sie faßte eine gewisse Liebe zu diesem freien
-Zug durch die Lande. Ihr starkes Gefühl für die Wirklichkeiten ließ sie die
-Änderungen bald nicht mehr schwer ertragen. Die vornehmen gotischen Frauen
-aber, die im Lager weilten, waren durch das Liebenswürdige ihres Wesens
-bezaubert. So kam es, daß sich an manchen Abenden in ihrem Zelt ein kleiner
-Kreis versammelte, der ihren Erzählungen von Byzanz, von Ravenna und Rom
-lauschte. Auch der König saß unter den Gästen und schaute unverwandten
-Auges nach der schlanken, dunkeläugigen Prinzessin, die so anders aussah
-als die Frauen seines Stammes. Sie gewahrte es und lächelte ihm zu, wie sie
-einem jungen Römer zugelächelt hätte, der ihr zuviel von seiner Bewunderung
-zeigte. Den König aber machte dieses Lächeln traurig. Sein Blut nahm es
-auf .. er war ein Gote. Placidia liebte die Augen dieses jungen Mannes und
-das blasse Gold seiner Haare, die er längst auf römische Art trug. Sie
-war zu klug, um nicht zu wissen, daß die Goten ihre Heirat mit dem König
-wünschten. Aber sie wußte ebenso genau, daß ihr Bruder, der weströmische
-Kaiser Honorius, sich schon dem Gedanken dieser Ehe widersetzen würde. Und
-dennoch tat er nichts, um sie zu befreien. Er blieb untätig in Ravenna,
-indes sein Feldherr Constantius das Gotenheer nach Westen trieb. Vielleicht
-lag ihm nichts an dem Schicksal seiner Schwester. Sie hatte zuviel
-ursprüngliche Menschenkenntnis, um nicht auch diesem Gedanken
-nachzugehen .. Sie war nicht minder einsam im Lager Athaulfs als sie es am
-Hofe zu Ravenna gewesen wäre. Im Gegenteil: die stumme Liebe des Königs gab
-ihr ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Es konnte der Römerin vornehmster
-Schicht kaum faßlich scheinen, daß ein Mann solange schweigend eine Liebe
-trug. Sie lernte hier ein Fühlen kennen, das ihr ein Wunder bleiben mußte.
-Vielleicht lernte sie zum erstenmal an einen Menschen glauben .. vielleicht
-das einzige Mal. Eines Abends sprach der König. Er hatte seine Lippen auf
-ihre Hände gedrückt. Die Hochzeit wurde im königlichen Palaste zu Narbonne
-gefeiert, im Anfang des Jahres 413. Der Kaiser in Ravenna fiel in Wut. In
-Byzanz sprach man von einer unerhörten Schmähung des kaiserlichen Namens.
-Placidia war glücklich. Die Liebe ihres Gemahls war ein Dienst. Es gab
-keine Römerin, der ein Gleiches widerfuhr. Sie gebar einen Sohn, aber das
-Kind starb früh in der Verwirrung der Kriegszüge. Schon waren die Goten bis
-nach Nordspanien zurückgedrängt worden. Man lagerte bei Barcelona. Da wurde
-der König ermordet. Im Stall, von einem gedungenen Knecht. Man sagte,
-es sei auf Betreiben der römischen Kaiser geschehen. Placidia wurde von
-Athaulfs Nachfolger und Feind aus dem Palast getrieben und mußte als
-Gefangene vor seinem Triumphwagen herschreiten. Sie begriff nicht mehr. Das
-Leben, kaum erblüht, stürzte im Abgrund ihrer Seele zusammen. Was sich
-eben hatte öffnen und zum Fluge ausbreiten wollen, starb im Sturz. Nur die
-Römerin blieb: abweisend und verschlossen, auch in der tiefsten Demütigung.
-Honorius sandte das Lösegeld und ließ die Schwester zurückholen. Sie ging,
-beladen mit der Schwere eines Schmerzes, den keiner am römischen Hofe
-verstehen konnte. Man staunte sie an um ihres seltsamen Schicksals willen,
-und der Duft einer großen Fremdheit und Entfernung gab ihrer dunklen
-Schönheit doppelten Reiz. Sie aber vergrub, vergrub ohne Unterlaß
-im Abgrund ihres Bewußtseins das Heilig-Gewesene und wurde ganz die
-kaiserliche Frau, der ein frühes, qualvolles Geschick den einen Weg
-gewiesen hatte, den sie zu gehen noch für würdig fand: den Weg der
-Purpurgeborenen, die sich anschickte, dem Vorbild des großen Vaters zu
-folgen und ihre natürliche Anlage des Herrschens im Dienste des wankenden
-Staates fruchtbar werden zu lassen. Sie fühlte sich berufen, zumal sie bei
-der Frühreife ihrer Einsicht die Unfähigkeit ihres Bruders in Ravenna
-rasch erkannt haben mußte. Auch von dem byzantinischen Kaiser, ihrem Neffen
-Theodosius II., war keine schöpferische Leitung der Geschäfte zu erwarten.
-So fiel ihr selbst die große Aufgabe zu. Schon ihre zweite Ehe mit
-Constantius, demselben Feldherrn, der ihren ersten Gemahl so weit nach
-Spanien zurückgedrängt hatte, beweist, wie sehr sie zu seelischen Opfern
-bereit war. Von dem Augenblick an, der ihr Klarheit darüber gegeben hatte,
-daß diese Verbindung den herrschenden Umständen entgegenkam, vertrat sie
-in seltener Selbstzucht die Bedeutung ihrer neuen Lage. Sie gebar ihrem
-zweiten Gemahl eine Tochter und einen Sohn. Da Honorius keine Kinder besaß,
-war nun zum wenigsten die Thronfolge gesichert. Aber sie dachte nicht an
-eine Trennung der weströmischen Herrschaft von Byzanz. Im Gegenteil: sie
-gerade wollte den Fortbestand der alten Reichseinheit. Die Erinnerung
-an den Glanz der väterlichen Regierung bestimmte die Richtung ihrer
-Staatskunst, und sie ließ es -- als nach wenigen Jahren auch ihr zweiter
-Gatte starb -- um ihrer Überzeugung willen zum Bruch mit Honorius kommen,
-dem ihre Abreise nach dem Hofe von Byzanz nur erwünscht sein konnte. Für
-sie selbst aber war dieser Schritt die notwendige Folge dessen, was
-sie anstrebte: eine Stärkung der kaiserlichen Hausmacht durch engen
-Zusammenschluß, jenseits persönlicher Neigungen und Abneigungen. Sie hegte
-wohl kaum ein Gefühl für ihren Neffen, noch für dessen Schwester Pulcheria,
-die fast von Glaubenswahnsinn befallen war: aber sie brauchte diese beiden
-Kinder ihres ältesten Bruders, um sich in Ravenna für ihren kleinen Sohn
-Valentinian durchzusetzen. Auch ahnte sie voraus, daß mit dem Sterben des
-kranken Honorius Wirren eintreten würden, denen sie allein nicht gewachsen
-war. Sie hatte kaum in Byzanz das Land betreten, als man sie von dem
-Tod ihres Bruders in Ravenna und von dem Ausbruch eines Aufstandes
-benachrichtigte, den der Primiscerius Notariorum, Johannes, im Bunde mit
-Aëtius angeregt hatte. Beide wollten -- gegen Placidias Absichten -- dem
-weströmischen Reich eine deutlichere Sonderstellung geben, in Wirklichkeit
-nur, um selbst darin die Herrschaft auszuüben, die sie der kaiserlichen
-Frau nicht gönnten. Placidia kämpfte leidenschaftlich für ihre Rechte:
-Es gelang, den Aufruhr zu bändigen. Eine byzantinische Flotte und ein
-ostgotisches Heer eroberten Ravenna, Placidia kehrte mit ihren Kindern in
-die Stadt zurück, von Theodosius II. mit der Führung der Geschäfte betraut,
-solange Valentinian noch unmündig war. Abermals konnte sich die Kaiserin
-ihrer staatsmännischen Einsicht und ihres Erfolges freuen: Die Macht
-gehörte ihr, unwiderruflich, das Gesetz ihres Lebens erfüllte sich, wie sie
-vorausgesehen hatte. Und wieder war es ihre Klugheit, die ihr weiterhalf:
-Sie fühlte, daß die Macht besitzen nichts anderes heißen könne, als die
-Macht erhalten. Es begann die größte Arbeit ihres Lebens: es galt, im
-Schwanken des Parteilebens die unantastbare, sicherruhende Mitte zu
-bleiben. Auch dies gelang. Es lag eine bannende Gewalt in der Erscheinung
-dieser außergewöhnlichen Frau. Der Zwiespalt verstummte vor der Hoheit
-ihres Zieles, und die Zügelung ihres Lebens zwang zu Verehrung und
-Bewunderung. Sie hatte die Gabe aller großen Menschen: ihre Schmerzen
-vor der Welt abzuschließen. Jeder mußte wissen, daß sie litt, aber sie
-belastete niemanden mit dem Schatten eines Leides. Man sah nicht, wie sie
-trug. Man spürte nur die Wirkung ihres stummen Tragens. Ferner und steiler
-ward die Kluft, die sie von ihrer Umgebung trennte, einsamer der große
-Traum, der sie von den Bedürfnissen des Tages schied. Freunde starben: sie
-blieb. Ihre Tochter wurde von dem Erzieher geschändet und in ein Kloster
-nach Byzanz verbannt, ihr Sohn ging langsam an seinen Lüsten unter, der
-Mutter fremd, als ob sie ihn nicht geboren hätte.
-
-Für wen hatte sie gekämpft, für wen geopfert?
-
-Schon war die Höhe des Lebens überschritten .. und nirgends winkte
-die Ablösung, nirgends der Friede. Es bedurfte noch eines Kampfes, des
-bittersten, den eine Seele kämpft.
-
-Sie saß in mancher Sommernacht am Fenster ihres Palastes und lauschte in
-das leise Branden des lauen Meeres hinunter.
-
-Was blieb? Nur sie .. Ihr Leben fiel in sich zurück. Sie mußte bis zum
-äußersten Ende weitergehen, dem Purpur getreu, den ihr Körper und ihre
-Seele trug.
-
-Sie raffte die letzten Kräfte zusammen in einem übermenschlichen Verzicht
-auf jede Ernte: und trat auch aus dem Bannkreis ihrer Mutterschaft in ihre
-tiefste Einsamkeit.
-
-Was blieb? Gott. Sie ließ Gott Kirchen bauen, eine schöner und inbrünstiger
-als die andere .. den letzten Ruf ihres Herzens aber und ihr letztes
-Aufschluchzen warf sie in die Schönheit ihres Grabmal-Himmels hinüber,
-der in den Grundwassern der Seele spiegelt, dort, wo sie die einzige Liebe
-begraben hatte: in der dunkelblauen Tiefe eines deutschen Königsnamens.
-
- *
-
-O Himmel voll Veilchenwiesen! Wie sich der Schmerz, zur Lust gedämpft, auf
-Sammetflügeln wiegt ..
-
-War eine Schwelle, über die ich eintrat in das Brausen dieses blauen
-Gesanges, der über rotgoldnen Fahnen schwebt? Gold war am Anfang, vom
-Fuße kühler Marmorwände aufsteigend, Gold, an die schweren Sarkophage der
-Nischen emporgehaucht, Gold an der Decke, in lauen Tropfen niederfallend.
-Dann losch es aus in der Wendung eines einzigen Schrittes, und rötliches
-Glühen des Gesteines drang vor: Purpur des Abends auf fernen Inseln der
-Meere .. im Geäder der Marmorbrüche gefangen. Rote Blumen gehen auf im
-Grund der Himmelsau, tiefeingebettet in den Schoß der Mutterfarbe. Und
-alles sinkt und steigt auf der Woge der überirdischen Musik. Silbern jubeln
-die Flöten: weiße Sternblumen öffnen ihre Kronen .. die Harfen wehen:
-Pfirsichblüten rieseln .. Nun singen Knaben: ein Duft von Veilchen zieht
-vorüber. Fruchtkränze winden sich im Halbrund breiter Bögen: von tausend
-Geigen der dunkelgrün gebundene Strich, an dessen Saum die goldnen
-Funken knistern .. Aus starrem Lorbeer drängen sich die Rosen: das erste
-Liebeslied bewegt die Lippe der Mädchen.
-
-Kaiserliche Frau! was war dein Leben, wenn deine Seele diesen Traum trug?
-War es so wenig, daß du alle Liebe aufsparen konntest für diesen einen
-Abendgesang? Und woher nahmst du die Kraft, alle Sehnsuchten so rein und
-glühend zu bilden, daß sie diese Lohe auswerfen, in der das Gefäß deines
-Leibes verglühte? War Gott so tief in deinen Kämpfen? So tief der Himmel
-schon in deiner Irdischkeit? In übersinnlichen Gesichten hat deine Seele
-gelebt, indes du Wirklichkeiten schufst .. Eine wehende Kerze im Wind
-Gottes war deine Seele, und du schienst seelenlos im kühlen Wägen deiner
-Pläne. Wie sehr mußt du die Welt verachtet haben, an die du so gefesselt
-schienst! Du letzte große Römerin und du erste große Wissende um die
-Erkenntnis einer neuen Zeit. Entdeckerin der Seele, Künstlerin, die den
-Gott aus sich in das Werk hinüberschuf .. So war der Gott, der in dir
-brannte, wie jener Hirte im goldnen Bogen über der Tür deiner Grabkapelle:
-Dunkel und schön, ein junger Herrscher, Apollos Bruder, um Christi tiefe
-Schmerzen reicher. Blumenkränze schweben zu seinen Häupten im unendlichen
-Blau. Die bunten Kreise fangen an zu schwingen, leicht, wie vom Wind
-getrieben. Goldregenblüten rieseln auf Vergißmeinnicht. Tauben nisten im
-Mandelgesträuch .. Frühling am See Genezareth .. O Duft des Morgenlandes ..
-
-Noch einmal siegt das Blau. Ein dichter Mantel von Heliotrop, mit Smaragd
-und Gold gefüttert, sinkt es auf Schultern und Sinne .. Nirwana der
-Schönheit, die kein Geist mehr erträgt.
-
- *
-
-Es mochte Mittag sein, als ich zu dem Grabmal des Theoderich hinausfuhr.
-Im Hafen ruhten kleine Schiffe auf dem Pfuhl eines grünlichen Gewässers,
-Geruch von Tang und Fäulnis bannte den Atem. Verlumpte Arbeiter schliefen
-in den Winkeln der Schuppen, wie unnütze Kranke in irgend eine Ecke
-geworfen, wo sie liegen bleiben konnten, bis der Hunger oder das Fieber
-sie fraß. Der Wagen warf sich von einer Seite auf die andere, die Räder
-versanken in dem grauen, dünnen Staub, der bis zu den Schuhen aufwirbelte.
-An einer Kreuzung versperrte ein Lastkarren den Weg. Die Pferde hatten
-sich losgerissen und fraßen am Blattwerk einer niedrigen Hopfenhecke,
-der Kutscher lag schlafend am Boden, das gelbe Gesicht zur Hälfte in
-Taubnesseln vergraben. Es war unmöglich, weiterzufahren. Ich ging zu Fuß
-die kurze Strecke bis zu meinem Ziel. Der Wärter öffnete das Gittertor,
-am Ende eines langen Gartenwegs lag das Grabmal, grau und verwittert.
-Die flache Kuppel stand in grausamer Nacktheit gegen das längst wieder
-erblindete Licht des Himmels, an den Quadern des oberen Rundbaus war
-schwarzes Moos angewachsen, über das Treppengeländer hingen Rosen,
-blühendes Mitleid an diesem ganz verödeten Bau, der langsam in den feuchten
-Feldern versinkt, indessen sich zwischen den Arkadenpfeilern des unteren
-Geschosses die verwesenden Wässer der schmutzigen Regengüsse ansammeln.
-Aus dem Innern des leeren Gewölbes schlägt modernde Luft. Keine Seele
-mehr redet aus der Türmung dieser Mauern, hier ist nichts verinnerlichter
-Ausdruck eines königlichen Lebens: nur der Machtgedanke eines Herrschers
-findet seine Sprache in diesem Denkmal: die Gewalt, über Völker zu gebieten
-durch den Krieg. Es wird keine Liebe wach vor diesem Stein, kein Wunsch,
-sich in die Schicksale des Fürsten zu versenken, der hier begraben sein
-wollte. Nur der Name bleibt und das Schaudern vor einer Zeit, die gewaltsam
-und gesetzlos war, heroisch und dennoch unfruchtbar. Ein Schimmer von
-Byzanz liegt über der Jugend des Gotenkönigs: er hatte bis zu seinem
-siebzehnten Jahr am Hofe gelebt. Aber dieser flüchtige Schein verweht.
-In seinen Taten ist die Einsamkeit der Empörer, in seiner Herrschaft die
-Klugheit des Herrschgewohnten: Er ließ Paläste und Kirchen bauen, es war
-sein Ehrgeiz, kein Barbar zu sein. Es ist schwer zu sagen, was er war, kein
-Grieche, kein Römer, kein Gote .. von allem etwas und keines ganz. Die Sage
-hat sich seiner angenommen. Sein Andenken ist kühl und blinkend geblieben,
-wie das Metall ritterlicher Rüstung, ein Beispiel, ohne Sehnsucht, ohne
-Heimweh. Es war kein Geheimnis über seiner Kraft. Er war zu königlich, um
-ein Abenteurer zu sein, zu sehr sein eigner Feldherr, um das Rätsel des
-Purpurs zu vertiefen.
-
-Vielleicht werden einmal die gelben Rosen, die sich am eisernen
-Treppengeländer emporziehen, über die Kuppel bis in die Gärten
-weiterwachsen. Dann wird die Seele des Fremden tiefer ergriffen werden,
-wenn die Natur das Allzudeutliche verhüllt. Man wird nicht mehr nachdenken,
-man wird nur schauen und von den Rosen erzählen, die das Grabmal eines
-frühen deutschen Königs zudecken: Rosen von Ravenna .. so wie man sagt: die
-Veilchen von Parma, die Zypressen von Tivoli ..
-
- *
-
-Ich fuhr in die Stadt zurück. Im Wagen lag ein Strauß von Jasminblüten,
-den eine alte Frau mir gereicht hatte. Ich nahm ihn mit zu dem dritten
-Totendenkmal, dem meine Sehnsucht galt: Zum Sarkophage Guidarellis, des
-jungen ravennatischen Kriegers, der in der Schlacht von Imola den Tod fand.
-
-Die Hände wagen nicht, Blüten hinzustreuen. Der dort in seiner vollen
-Rüstung auf dem Sarge ausgestreckt liegt -- Tullio Lombardi meißelte den
-Stein -- scheint noch zu atmen. Er könnte fühlen, wenn er die Blumen sieht,
-daß wir ihn schon gestorben wähnen. Wie bitter ist sein Mund. Die obere
-Lippe, ein wenig zurückgezogen, läßt die Zähne sehen. Oder ist es ein
-Lächeln, das diesen Mund geöffnet hält? die Ahnung eines Lächelns, das
-in seiner Geburt starb? Welche Bilder dämmern noch hinter dieser Stirn?
-Plötzlich fühlst du: er lebt nicht mehr, er ist schon tot .. und atmest
-auf, wie wenn du mitten im Hinübergleiten gewesen wärst. Du legst deine
-Blumen über seine gefalteten Hände -- und schreckst zurück: er lebt noch ..
-er hat das Kühle der weißen Sterne an seinem Arme gespürt, sein rechtes
-Auge hat die Blumen noch erkannt, indes im linken schon das Licht erloschen
-ist. Da redest du zu ihm, du beugst dich über ihn, als ob du noch einen Zug
-seines Atems erhaschen müßtest, Worte quellen im matten Glanz von Tränen,
-leise, süße Worte, wie man sie tausendmal denen sagt, die sterben müssen
-und nicht sterben wollen ..
-
- ›O nur Geduld, nur ein paar Atemzüge lang
- Soviel Geduld, daß sich nicht Bitternis
- In diesen Hingang mischt .. Wir lieben dich,
- Wir helfen dir .. Ja, draußen ist der Wind,
- Und auf dem Rasen läuft das goldne Gras ..
- Der Duft? Von Rosen .. Alle Rosen blühn ..
- Die Helle dort? Die Sonne in den Wipfeln
- Des alten Erlenbaumes .. Nun wirst du eines
- Mit alle dem .. Die Flügel? Große Flügel
- Sind veilchenblau gespannt zu deinen Häupten ..
- Blau .. nichts als Blau .. Leb wohl .. Zum letztenmal
- Leb wohl .. Der Vogel rauscht ..‹
-
- *
-
-Über dem späten Nachmittag lag eine Müdigkeit. San Apollinare Nuovo und San
-Giovanni in Fonte sah das Auge wie durch bunte Schleiertücher: Nachspiele
-einer lodernden Glut .. Dann aber verlangten die Sinne nach der offenen
-Ebene, nach der Ahnung des Meeres.
-
-Ich ließ mich hinausfahren in das Land, in das einförmige, kranke Land.
-Die Wolken waren schon bis an den Saum der weiten Fläche zum Regnen
-geschlossen, die Felder lagen wartend, leblos ergeben an alles, was ihnen
-geschah. Irgendwo mußte man schon das Heu geschnitten haben. Breitgeladene
-Wagen, mit Kühen bespannt, zogen im hellen Staub der Landstraße. Wieder
-starrten mich die gelben, durchfurchten Gesichter an, die kein Lachen
-kannten .. Über Sumpfgräben gingen meine Augen: immer wieder sahen sie das
-gleiche Bild: aufgeschossenes Schilfgras, gelbe oder braune Wasserlachen,
-auf denen die Mücken tanzten, dann ein kurzes Stück trockengelegtes
-Land, einen Kleeacker, ein Feld voll wilder Lilien .. und wieder Morast,
-schmälere und breitere Rinnsale, zu Vierecken ausgezogen, oft abbrechend,
-und weiter hinaus wieder bleiern aufglänzend. Einmal ging es über eine
-Brücke, an der ein Ulmenbaum stand, dann hob sich die Straße ein wenig, und
-an dem Rand einer niederen Böschung zur Linken wurde die Pineta
-sichtbar: Dantes Pinienwald, breite, schwarze Wipfel vor dem Perlgrau der
-langgezogenen Wolkenwände. Dante: Name, den ich nicht mehr mit irgend
-einem Ort der Erde zu verknüpfen weiß: nur noch Symbol, in dem das Wunder
-schläft, Luft, die wir atmen, ohne zu fühlen, daß sie da ist. Und dennoch
-ergriff mich der Anblick des übrig gebliebenen Waldes. Ich mußte an Guido
-Polenta denken, der den großen florentinischen Flüchtling in seinem Hause
-aufnahm, und an jene Francesca Polenta, Malatesta von Riminis unglückliche
-Gemahlin, für deren Liebe Paolo starb. Schatten, süße, traurige Schatten,
-nur angedeutet in der Sehnsüchtigkeit ihres Lebens .. und darum ewig
-gegenwärtig.
-
-Vor San Apollinare-in-Classe ließ ich den Wagen halten. Die Einsamkeit des
-Ortes bestrickte mich. Mitten im Feld, zwei Schritte von der Landstraße,
-lag das Wunder einer christlichen Basilika. Unscheinbar außen, wie alle
-Bauten aus der gleichen Zeit, doch groß und vornehm in ihrer Einfachheit.
-Das Tor stand offen. Der Eintritt aus der freien Luft in die Halle blieb
-ohne Übergang. Wie tief nimmt dieser Raum den Nahenden auf .. Etwas von
-Pfingsten weht in der feierlichen Klarheit, Freude spielt im Ebenmaß der
-Säulen von Bogen zu Bogen und klingt am Hochaltar zusammen, hinter dem das
-Mosaik der Apsiswölbung aufsteigt. Hell glänzt das Kreuz auf goldnem Grund
-inmitten lichter Bläue, zwischen Blumen und weißen Lämmern steht verkündend
-der Heilige. Man möchte niedersitzen und lange ausruhen, man möchte die
-Augen in das flache Feld hinauswenden, das langsam im Abend versinkt. Aber
-die Fieber wachsen in den Sümpfen, wenn die Nacht kommt. Das Land kennt
-nicht die Lust der Dämmerung. Die Fenster müssen sich schließen, der Mond
-wirft giftige Dünste auf.
-
-Der Wagen wendete. Aus den nordwestlichen Himmeln, von Ferrara her, quoll
-schmutziges Abendrot. Die Ebene lag in leisem Glühen. Kein Lufthauch wehte.
-Die ersten Tropfen fielen, laues Blut. Dann losch das Feuer. Noch zögerte
-der Regen. Die Stadt war grau an die Erde hinabgedrückt, sinkend ..
-sinkend. Es kam kein Rauschen in den Wipfeln, es fegte kein Wind über die
-Straßen und warf die klaffenden Fenster zu: aus lahmen Kiefern spülte das
-Dunkel die trübe Brühe des Regens auf die Dächer nieder. Die Dächer gaben
-sie weiter an die zerbrochenen Rinnen, aus denen sie in breiten Güssen
-auf die Straße stürzte. Erde, Stadt und Himmel waren nur noch eines: ein
-brauner und grünlicher Morast, der nach dem Wüten der Julisonne schrie,
-um einmal aus sich selbst befreit zu werden. Dann mußte der Staub kommen,
-Staub und Sand, und die Stadt würde gelb wie frischgebrannter Lehm .. gelb
-wie die ausgedorrte Steppe: dicht neben dem unerbittlich fliehenden Meer.
-
-
-
-
-FLORENZ
-
-
-Den Nachmittag und Abend des nächsten Tages verbrachte ich in Florenz.
-Still blühend lag die Stadt in der Sonne, Anmut und Leichtigkeit.
-Heimatlich begrüßt sie jedesmal den wiederkehrenden Freund, obwohl sie
-stets voll Geheimnis bleibt, und sei es nur im Wechsel der Lichter, im ewig
-neuen Wandern ihrer Wolken. Wolken von Florenz! milde Dämpfer zu üppigen
-Goldes, selbst mit Gold gefüttert, das sich in breiten Säumen über die
-Ränder neigt: euch folgt der Flug der Seele wie keiner eurer Schwestern,
-ihr gebt den Bergen das unerschöpflich feuchte Blau, den Hainen
-das fließende Grün, aus dem es kühl herüberwinkt in den Brand der
-kornblumenfarbenen Tage.
-
-Ich fuhr nach einem alten, kleinen Schloß, in dem ich einmal helle, süße
-Tage verlebt hatte. Es liegt in den Hügeln von San Miniato, hoch über der
-Stadt. Ich ließ den Wagen auf Umwegen über den Viale Petrarca und durch die
-Porta Romana zur Höhe des Torre del Gallo hinaufgehen. Langsam wurde das
-Bild der Stadt geboren, über hohen, grauen Gartenmauern, Villendächern
-und unbewegten Pinienkronen. Zwischen blaß-blauen Glycinenranken stand das
-goldbraune Gewühl der Häuser. Den herrischen Wuchs der Zypressen besiegend,
-ragte der Turm der Signoria. Fensterscheiben blinkten in der Sonne,
-Arkaden grüßten über dunklem Lorbeer. Schon stieg der leichte Rauch eines
-verfrühten Herdfeuers aus wenigen Schornsteinen. Unwillkürlich lauschte
-das Ohr nach einem Angelus .. Noch war es zu früh. Die Wärme, die aus
-den Gärten aufwehte, wies noch auf Nachmittag. Bilder kamen und gingen im
-Vorüberfahren ..
-
-Niemand erwartete mich im Castello Acciajoli. Vielleicht war niemand zu
-Hause. Ich zog die Schelle. Es dauerte eine Weile, bis der Diener öffnete.
-Er erkannte mich wieder und führte mich in das Empfangszimmer. Wenige
-Minuten später saß ich im Gespräch mit dem Hausherrn. Jahre waren
-vergangen, seit wir uns gesehen hatten. Er war der einzige, der um
-ein Erleben wußte, das hier seinen Anfang gefunden und fern, in einer
-nordischen Stadt, sein Ende genommen hatte. Noch lag der Schein der Liebe
-auf allen Dingen, zart, heimlich, wie ihn das ergriffene Herz damals
-hingezaubert hatte. Ich ging zu jedem Baum, zu jedem Strauch, der noch wie
-damals stand, wie damals blühte. Wie fröhlich war alles gewesen, wie
-frei und einfach! Besonders die Abende waren schön. Die Mahlzeiten in dem
-kleinen Speisezimmer, die vielen hellen Blumen auf dem Tisch, der rote Wein
-in schlanken Henkelkannen und das Hin- und Herflittern der leichten Worte
-zwischen Menschen, die zusammengehörten, so wie sie waren, gebunden durch
-die gleichen Gewohnheiten, vertraut in der gleichen Anbetung der Schönheit
--- und nur geschieden durch jenes feinste Gefühl innerer Besonderheit, wie
-es die große Übung des Erlebens entfaltet. Nichts war laut, nichts war
-ein Übergriff. Was hier geschah, war selbstverständlich. Es gab viele
-gemeinsame Spaziergänge in den Wiesen und Baumstücken, die zum Schloß
-gehörten, an kleinen Bächen entlang, die hastig niederstürzen, sich
-manchmal in uralten Steinbecken fangen und weiterfliegen, dem Arno zu. Dann
-ein Ausruhen auf einer leichten Anhöhe in hohem Gras, bei Lorbeerbüschen
-und Gaisblattranken. Wohin das Auge schweifte, standen die milden Ölbäume,
-deren wundervoll belebte Seele der Nordländer so schwer versteht. Die
-Akazien blühten hoch in der stillen Bläue oder im Bernsteinglanz der
-Abendhimmel, die Nachtigallen sangen in jedem Gesträuch. Und über allem lag
-die Liebe. Aus der Gemeinsamkeit des Genießens löste sich die Sonderheit
-dieses Glückes, jenes Aufgelöstsein in Schweigen, das wortlose Untertauchen
-in jeder beseelten Schönheit. Im Wehen eines Olivenzweiges, im Atmen eines
-Rosenbeetes lag die Vertauschung der Seele und das Auswechseln der Sinne.
-Milde war in allem: Toskanas Milde .. und eine reine, scheue Süße, wie Duft
-von Veilchen oder Teerosen.
-
-Der Diener hatte den Tee im Speisezimmer aufgetragen. Die Unterhaltung
-kam auf deutsche Dinge und hielt sich lange dort. An den Namen gemeinsamer
-Freunde spann sich das Gespräch weiter, leicht und fast kühl, da es
-einfachen Wirklichkeiten galt, bis sich unmerklich ein leises Heimweh
-einschlich. Denn im Reden über so viele, die vor Jahr und Tag mit uns
-hier oben zusammengesessen hatten, wurde die Zeit lebendig, die trennend
-zwischen heute und damals stand, die Schwere alles Zwischenerlebens schob
-sich über das Spiel der Erinnerung, die fast Gedicht geworden war. Wir
-verstummten. Wir schauten durch das Gitter des offenen Fensters in die
-Ebene hinunter, den Baumwipfeln der grünen Bandita entlang. Dann kamen
-plötzlich die Fragen: Entsinnen Sie sich noch jenes Vormittags, als wir zu
-Gino gingen? Wie hieß die Frau mit den Rubinohrringen, welche die Arie
-der Armida sang? Spielt Octavio noch so schön Klavier? Was ist an der
-Geschichte wahr, die man von dem Abbate Celli las? Ohne Aufhören fiel Frage
-auf Frage, Antwort auf Antwort, während wir in dem Haus umhergingen. Wir
-stiegen die Treppen in das Obergeschoß empor, wo die Schlafräume lagen.
-Da war mein altes Zimmer! Nichts war verändert: dieselben alten Bilder,
-dieselben Leuchter, und dasselbe dunkle Himmelbett. Wie stiegen die
-Morgende des Erwachens auf, wenn der Diener eintrat und die Läden
-zurückstieß, wenn plötzlich das ganze, in helles Sonnenlicht getauchte
-Land in den Fensterrahmen trat: die Wipfel der Pappeln, die im frischen
-Morgenwind schwankten und ihr flüsterndes Blattwerk spielen ließen, die
-schweren wiegenden Zypressen über den Dächern von San Miniato, die
-ganze östliche Stadt, die im dünnen blauen Dunst des Sommertages zu dem
-Hügelkranz von Fiesole emporwuchs. An der Mauerwand aber schlug der warme
-Duft der Erde empor, und wehte bis auf die Kissen ..
-
-Wir gingen zurück in das untere Stockwerk. Ich war traurig geworden, und
-fühlte mich erst leichter, als wir in dem großen Arbeitsraum des Hausherrn
-saßen, wo so viele ausgelassene Gespräche und Erzählungen die Abende
-verkürzt hatten. Als ob der Freund meine Gedanken erraten hätte, fragte er,
-indem er sich in einen hohen, roten Seidensessel setzte:
-
-»Haben Sie manches Mal an die Gräfin d'Ys gedacht?«
-
-Da war mit einem Male das Lachen geboren -- und mit ihm jener
-göttlich-leichte Frühlingsabend, als uns Octavio Poggiolini die reizende
-Geschichte erzählte ..
-
- · · ·
-
-Wir saßen im Kreis um den Kamin. Ein kleines Feuer brannte auf dem
-eisernen Rost, denn der helle Mondabend war kühl und etwas feucht. Die
-Champagnergläser waren aus dem Speisezimmer herübergetragen worden und
-standen neugefüllt, die Damen zerlegten Orangen auf dünnen Glastellern,
-einige der Herren rauchten. Man hatte nur ein paar gelbe Wachskerzen
-angezündet, da der Schein der Flamme reichlich Helle gab und außerdem durch
-das Fenster ein breiter Streifen Mondlicht in blaßgrünem Dreieck über
-den Boden fiel. Octavio Poggiolini saß nahe am Feuer und hatte die
-Beine übereinandergeschlagen. Auf seinem Gesicht stand die Vorfreude des
-Erzählens. Vielleicht gab dies Marita Branconi einige Bedenken, denn sie
-sagte, als er eben beginnen wollte:
-
-»Ist die Geschichte sehr unanständig?«
-
-»Was denken Sie? fiel ihr Octavio ins Wort, sehr unanständig! Im Gegenteil!
-Sie ist ganz einfach das Loblied auf die Klugheit!«
-
-Aber Marita ließ sich nicht beirren:
-
-»Haben Sie die Geschichte selbst erlebt?«
-
-»Nein, ich berichte, was man mir gesagt hat.«
-
-»Dann ist es vielleicht doch besser, wir Frauen gehen solange ins
-Musikzimmer.«
-
-»Um Gottes Willen, rief Octavio, nein! Ich hätte keine Freude mehr am
-Erzählen. Es ist durchaus eine Geschichte für Frauen, zumal für solche, die
-leider nur als flüchtige Gäste in meiner schönen Vaterstadt weilen.«
-
-Damit wandte er sich zu der jugendlichen Gräfin Voss und ihrer noch
-jugendlicheren Schwester Katarina von Pleß, die ihn lächelnd ansah und mit
-dem langen Blick ihrer blauen Augen ermutigte:
-
-»Es ist natürlich die Geschichte einer Frau, die Sie erzählen wollen?«
-
-»Gibt es überhaupt Geschichten ohne Frauen?«
-
-Marita lehnte sich tiefer in ihren Sessel zurück, um sich einen besseren
-Halt zu geben, während Katarina sich ein wenig bückte und aus dem
-getriebenen Messingeimer ein neues Holzscheit in die Flammen warf, so
-daß einen Augenblick lang das schmale Diamantband aufleuchtete, das sie
-ziemlich tief am Hals über dem Ausschnitt des Kleides trug.
-
-Octavio begann:
-
-»Vor etwa sieben Jahren verlobte sich Isabella Giramonte ziemlich
-unerwartet mit dem Grafen d'Ys. Es war eigentlich niemandem klar, warum
-das schöne, noch sehr junge Mädchen diesem Manne ihre Hand reichte: er
-sah nicht schlecht aus, war ebenfalls noch nicht viel über die Mitte
-der zwanzig hinaus und hatte reiche und ausgedehnte Besitzungen in der
-Normandie. Isabella war wenig vermögend, man sagte, die Spiellust des
-Vaters habe den größten Teil des mütterlichen Vermögens verschlungen. Nun
-ist es ja wahr, daß die Giramonte von jeher leidenschaftliche Spieler
-mit Geld und Schicksalen waren, ich glaube aber (nach dem, was man mir
-zugetragen hat), daß die Mitgift von Isabellas Mutter -- Sie wissen doch,
-daß sie die Tochter eines gewissen Herrn von Didier aus Rouen war -- bei
-weitem nicht die Höhe erreichte, die Giulio Giramonte erwartet hatte .. und
-daß er also wahrscheinlich das Vermögen nicht für groß genug hielt, um es
-vor den Möglichkeiten des Spieltisches zu schonen. Kurz, wie dem auch sei:
-den beiden Eltern konnte Isabellas Vermählung mit dem Grafen Roger d'Ys nur
-angenehm sein, ganz Eingeweihte wollen sogar wissen, die Verlobung sei ein
-lange vorbereiteter und gut berechneter Schachzug der Mutter gewesen, die
-aus Rache gegen gewisse italienische Enttäuschungen ihres eigenen
-Ehelebens die halbfranzösische Tochter unter allen Umständen gegen jeden
-italienischen Bewerber an ihr eignes Vaterland zurückspielen wollte. Daß
-Isabella in Wahrheit aber viel mehr zu der Art des italienischen Mannes
-neigte, wurde als belanglos übergangen: blonde und schwarze Mischung hatte
-noch immer die besten Ehen gegeben, und außerdem gehörten die Grafen von
-Ys und Dieuleveuille zum französischen Uradel, während die Giramonte
-weit weniger vornehm waren, die Didier aber sogar nur zur napoleonischen
-Aristokratie zählten. Die Frage des Blutes aber hatte jederzeit Isabellas
-Mutter tief bewegt. Nun wäre dies alles eigentlich vollkommen gewesen, wenn
-nicht Roger d'Ys einen so großen Fehler besessen hätte (oder vielleicht
-eine so große Tugend, je nachdem man es nimmt), daß das Glück der
-Ehe dadurch ernstlich bedroht werden konnte. Er war nämlich von einer
-Schlichtheit des Verstandes, wie sie sich eigentlich nur der Uradel
-gestatten darf: und das Schlimme (oder das Gute, je nachdem man es nimmt)
-war, daß seltsamerweise der Ausdruck seines Gesichtes davon gar nichts
-verriet. Sein Gesicht war hübsch, in seinen blauen Augen lag viel feine
-Güte, und sein Mund war einer der edelsten Frankreichs. Die Nase war
-wohlgebildet und durchaus nicht zu klein (was bei sehr blonden Gesichtern
-ja des öfteren vorzukommen pflegt), vor allem aber erschien die
-feingemeißelte Stirn unter der seidnen Welle goldnen Haares als das
-deutlichste Merkmal sehr vornehmer Geburt. Nun hätte ja Isabella, die
-stets in äußeren Vorzügen ziemlich viel Ersatz für gewisse innere Mängel zu
-finden wußte (dank ihres väterlichen Blutes) vielleicht das geringe Maß
-an Geistigkeit an ihrem Gemahl noch ertragen: zumal sie ein offenes Haus
-führte, so daß ihr gar nicht einmal allzuviel Zeit blieb, in dem geistigen
-Reich des Grafen zu Gast zu sein: aber es gab eine noch tragischere Frage
-in dieser Ehe, die ich allerdings nicht ohne Bedenken aufzurollen wage.
-Ich werde mich sehr vorsichtig ausdrücken, vor allem werde ich zu erklären
-versuchen. Roger d'Ys war der letzte seines Stammes, unweigerlich. Wenn
-er ohne Nachkommen blieb, fielen Vermögen und Güter an eine Seitenlinie
-niederer Gattung, die sich besonders dadurch im hohen Adel mißliebig
-gemacht hatte, daß sie einige Söhne ohne Bedenken als Offiziere in das
-republikanische Heer hatte eintreten lassen. Roger d'Ys gab sich nun ohne
-Zweifel auch redlich Mühe, dieser entsetzlichen Möglichkeit vorzubeugen ..
-und Isabella zeigte ein selbst bei Frauen nicht gewöhnliches Verständnis
-für die Politik ihres Gatten, obwohl sie kraft eines gesunden Spürsinnes
-für Dinge, in denen sie nur eine einmalige Erfahrung besitzen
-konnte, längst und schmerzlich erkannt hatte, daß die Natur in ihrem
-Verfeinerungsbedürfnis an der Männlichkeit des letzten Grafen d'Ys und
-Dieuleveuille entschieden zu weit gegangen war. Sie hatte geradezu eine
-Sünde begangen. Sie hatte kaum noch einen Menschen, sondern eine vollkommen
-schöne Statue gebildet: die ganz erfüllt in dem Wunder ihres eigenen
-Ebenmaßes lebt und kaum noch etwas davon weiß, daß das Leben nicht die
-edle Beschränkung, sondern die leidenschaftliche Fülle, nicht die kühle
-Vornehmheit des l'art pour l'art: sondern die zielbewußte Arbeit des l'art
-pour l'oeuvre verlangt!
-
-Aber Isabella war schon im dritten Jahr ihrer Ehe angelangt, ohne daß eine
-Hoffnung auf Nachkommenschaft bestanden hätte. Die Gräfin-Mutter war auf
-das Schloß gekommen und hatte ihr ernsthaft ins Gewissen geredet, auch der
-Pfarrer war einige Male bei ihr gewesen, und selbst der uralte Erzbischof,
-dessen Rufe zu dem Heiligen Geist in der französischen Aristokratie eine
-nicht unberechtigte Berühmtheit genossen, hatte ihr sagen lassen, daß er
-Gott den Herrn bitten werde .. Ihre eigene Mutter aber, weniger gläubig
-und mit einem stärkeren Sinn für die Wirklichkeit begabt, war mit ihr
-zu einigen großen Ärzten gefahren, von denen nicht ein einziger verfehlt
-hatte, ihr die Versicherung einer geradezu mustergültigen Vollkommenheit zu
-geben -- -- und sie war genau so klug, als sie gekommen, nach Château d'Ys
-zurückgekehrt. Es ging auf den Winter zu, und sie begann zu kränkeln.
-Wie viele Edelleute aus der Normandie hatte Roger die Gewohnheit, wegen
-gewisser Jagden, die er geben mußte, weil es die Sitte seiner Familie so
-verlangte, ziemlich lange auf dem Schloß zu bleiben und die Wohnung in
-Paris erst im November zu beziehen. Er wäre ja gerade in diesem Jahre
-gerne geneigt gewesen, seiner Frau zuliebe schon Ende Oktober in die Stadt
-überzusiedeln, aber die Gräfin-Mutter fand den Grund nicht ausreichend,
-zumal gewisse klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis außerordentlich
-durch den Erfolg der Feste und Gelage auf Château d'Ys bedingt war.
-
-Da erklärte Isabella ohne jeden Umschweif, daß sie sich gewiß diesen
-geheiligten Sitten nicht widersetzen wolle, daß sie aber die Rolle, die
-sie bei solchen Gelegenheiten zu spielen habe, der wesentlich gewandteren
-Gräfin-Mutter zurückgeben und ohne jeden Widerspruch Anfang Oktober auf
-einige Wochen nach Florenz fahren werde. Diese Reise scheine ihr die
-einzige Möglichkeit zu bieten, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen,
-das sie bei den herrschenden Umständen ein wenig verloren habe. Die
-Gräfin-Mutter war außer sich und trug von diesem Tage an bis zu einem
-gewissen anderen Tag, der aber in dieser Geschichte erst viel später
-vorkommt, eine offene Feindschaft zur Schau, ja sie soll allen Ernstes
-die Frage erwogen haben, im äußersten Falle bei dem Heiligen Vater eine
-Ungültigkeitserklärung der Ehe zu erlangen. Es steht nicht fest, ob sie
-ihrem Sohne gegenüber einen ähnlichen Gedanken geäußert hat: wenn sie
-es aber getan hätte, wäre sie ohne Zweifel auf den heftigsten Widerstand
-gestoßen. Denn Roger liebte seine Gemahlin über alle Maßen, und es war
-eigentlich nur die obenerwähnte allzugroße Schlichtheit seines Geistes,
-die es ihm unmöglich machte, Isabella gebührend gegen die Oberhoheit seiner
-Mutter in Schutz zu nehmen. So fand er auch -- trotz seines wirklichen
-Schmerzes über Isabellas Vorhaben -- in diesen bedeutungsvollen Tagen weder
-das richtige Wort noch die richtige Haltung, er sagte sich nur, daß es
-das beste sei, Isabella ohne Widerspruch gehen zu lassen und es ganz ihrem
-eigenen Gefühl anheimzugeben, wann sie sich wieder an der Seite ihres
-Gatten einfinden würde. Er teilte diesen Entschluß, den er in einer
-ziemlich schlaflosen Nacht gefaßt hatte, seiner Mutter mit, die sich in
-Voraussicht der kommenden Dinge schon von Paris nach Château d'Ys begeben
-hatte. Aber sie warf nur einen Blick gegen den Himmel und führte ihre
-weiße, schmerzliche Hand nach der gefesselten Fülle des Busens, als wolle
-sie sagen, daß sie sich zwar vollkommen unschuldig an einem solchen Sohne
-fühle, sich aber mit der Demut einer wahren Christin auch in diese Prüfung
-Gottes füge wie schon in so viele andere, von denen sie mehr ahnen ließ als
-verriet. Am meisten aber litt Isabella. Doch hütete sie sich, dies merken
-zu lassen, sie schien vielmehr ganz erfüllt von dem Gedanken ihrer Rückkehr
-und fast schon ihrer Umgebung entrückt. Während sie jedoch scheinbar eifrig
-und sorgfältig die Vorbereitungen zu ihrer Abreise traf, ging sie tief mit
-sich zu Rate und überlegte, wie sich ihr zukünftiges Leben gestalten würde.
-Gerade weil sie ein wirklich ehrliches Gefühl für ihren Gemahl hegte, war
-es nicht leicht, das Rechte zu erkennen. Sie war nun einmal die Gräfin d'Ys
-und Dieuleveuille, und sie mußte es unter allen Umständen bleiben. Aber sie
-fürchtete sich vor dem Augenblick, wo vielleicht in ihren Empfindungen für
-den Gatten etwas wie eine Windstille eintreten würde, weil er .. nun ja,
-einmal weil er sich in seiner unschattierten Geistigkeit so unerhört gleich
-blieb, sodann aber auch, weil .. ja, wie soll ich dies nun wieder sagen ..
-weil das rein Bildmäßige seiner Erscheinung, das allzustrenge Verharren in
-seiner Schönheit, das allzugeringe Aus-sich-Herausgehen eines Tages eine
-empfindliche Lähmung ihrer Freude an ihm mit sich bringen würde. Und sie
-folgerte ganz richtig, daß etwas ähnliches ja eigentlich schon eingetreten
-sein müsse, da sie so außerordentlich klare Vorstellungen von dieser
-Verschiebungsmöglichkeit des Gefühles hatte. Sie würde nicht einen
-Augenblick lang solchen Gedanken nachgegangen sein, wenn sie ein Kind
-gehabt hätte. Sie sehnte sich leidenschaftlich nach einem Kind, nicht, weil
-sie damit gewissermaßen ihre Pflicht gegen das Geschlecht des Grafen d'Ys
-erfüllt hätte: sondern weil sie zu den Frauen gehörte, die auch in der
-Mutterschaft eine Erfüllung ihres eigenen Lebens zu sehen vermögen. Und
-wie es ja fast immer zu geschehen pflegt, daß gerade Frauen mit starkem
-Sinnenleben die besten Mütter werden, weil ihre Liebe nur das sichtbar zu
-Greifende, bedingt Wirkliche zu fassen vermag und unbestimmten Inhalten
-abhold ist: so hätte Isabella in einem Kinde einen gewissen Ersatz gefunden
-für manches, das ihrem ehelichen Leben fehlte. Aber selbst an diesen
-heißgehegten Wunsch legte ihr großer Verstand eine Bresche: Wie würde ein
-Kind von Roger d'Ys geworden sein? Noch weiter in ihrer Verfeinerung konnte
-die Natur nicht gut gehen, und wenn Isabella auch der gesunden Art ihres
-eigenen Blutes Kraft genug zutraute, bei der letzten Entscheidung über
-äußere und innere Gestalt des werdenden Wesens ein sehr bedeutsames Wort
-mitzureden: so faßte sie trotz dieser Zuversicht zuweilen eine große Furcht
-an, sobald sie an die Verwirklichung ihres Wunsches dachte: denn es waren
-ihr zu viele Beispiele bekannt geworden -- und ganz besonders seit ihrem
-Aufenthalt im Schoße derer von Ys und Dieuleveuille -- daß das Unbegabte
-über das Begabte den Sieg davonzutragen pflegt. Ja, diese Erfahrung schien
-ihr manchmal in so hohem Maße ein allgemein gültiges Gesetz einzuschließen,
-daß es Stunden gab, wo sie ihre Kinderlosigkeit als ein Werk der Vorsehung
-empfand. Aber was sollte dann aus ihrem Leben werden? Sie war noch nicht
-einundzwanzig Jahre alt! Welche Zeiten lagen vor ihr!
-
-Eben in diesen Tagen, als die Qual zu groß in ihr wurde und allein
-der Gedanke an den Stumpfsinn der nahenden Jagdgesellschaften sie fast
-trübsinnig machte, beschloß sie, nach Florenz zu fahren. Wie der übermüdete
-Schwimmer, der nicht mehr gegen den Strom ankann, die erste Weidengerte
-des Ufers erfaßt, so klammerte sie sich an diesen Namen: Florenz -- und an
-einem der ersten Oktobertage traf sie in unserer geliebten Vaterstadt ein.
-Ihr Gemahl hatte sie natürlich nach Paris begleitet und ihr als Zeichen
-seiner Liebe einen großen Rosenstrauß mitgegeben, zu dem er selbst jede
-einzelne späte Blüte im Schloßpark zusammengesucht hatte: Als sie aber nun
-im offenen Wagen an der Seite ihrer strahlenden Mutter, die natürlich von
-den inneren Zusammenhängen keine Ahnung hatte, durch die Via Tornabuoni
-über den Ponte Santa Trinità hinauf nach dem Boboli fuhr, hinter dem
-die Villa der Eltern lag, hatte sie vollkommen vergessen, warum sie aus
-Frankreich entflohen war. Sie fand es ganz selbstverständlich, daß sie in
-ihrer Vaterstadt weilte, ja, sie konnte es kaum noch begreifen, daß sie
-weit über zwei Jahre die Trennung von der heimatlichen Erde ertragen hatte,
-zumal in der Umgebung, in die sie ihre Heirat gestellt hatte. Und noch ehe
-der Wagen vor der Haustür hielt, war sie sich klar darüber, daß kein Herbst
-und kein Frühling mehr vergehen würde, ohne daß sie einige Wochen in
-der Heimat zubrachte. Mochte die Gräfin-Mutter wegen der mißratenen
-Schwiegertochter jede Woche zweimal zum Erzbischof laufen: sie würde
-sich nicht daran kehren. Sie würde sich überhaupt nicht mehr an all diese
-lächerlichen Zustände in Château d'Ys kehren. Sie würde sich durchsetzen,
-ganz unzweideutig. Vor allem würde sie sehr viel auf Reisen gehen. Drei
-Monate auf dem Schloß und drei in der Stadt müßten vollkommen genügen, über
-die andere Hälfte des Jahres würde sie selbst bestimmen. All diese Dinge
-wurden ihr im Fluge klar und mit einer Entschiedenheit, wie sie nur die
-klare, helle Luft unserer Stadt zu erzeugen vermag.
-
-Sie schrieb noch am selben Abend einen glückseligen Brief an ihren Gemahl,
-in dem zu lesen stand, daß der Mond im glänzenden Laube der Pappeln spiele,
-daß aus dem Garten der Duft später La Francerosen in ihr Zimmer dringe, und
-daß zwischen den dünnen, wehenden Ölbaumzweigen das Wasser des Arno silbern
-aufleuchte. Allein schon der Anblick der Ölbäume habe ihre Seele gelöst,
-schrieb sie gegen den Schluß hin, und sie sei des festen Glaubens, daß sie
-in der Heimat so weit genesen werde, um gesund und hoffnungsfroh zu ihm
-zurückkehren zu können.
-
-Daß aber am gleichen Abend der wunderschöne Graf Primoli sich unversehens
-bei ihren Eltern als Gast angesagt hatte und bis gegen Mitternacht
-geblieben war (was man eigentlich unter ganz vornehmen Leuten nicht mehr
-tut): das schrieb sie nicht. Sie schrieb auch nicht, daß dieser Primoli
-gefragt hatte, ob er seine Schwester mit ihr bekannt machen dürfe, die
-gerade bei ihm zu Besuch sei. Vor allem aber schrieb sie nicht, daß eine
-geradezu übersinnliche Erleuchtung sich plötzlich ihres ganzen Wesens
-bemächtigt hatte, als dieser Primoli ihr die Hand beim Abschied küßte ..
-eine Erleuchtung, so gewaltsam und divin, daß sie plötzlich an den alten
-Erzbischof und die Macht seiner hierarchischen Gebete denken mußte.
-
-Nach etwa drei Wochen aber schrieb sie den längsten und schönsten Brief,
-den ihr Gemahl jemals von ihr bekommen hatte. Der Brief war so schön, daß
-Roger d'Ys die Wahlen und die Jagden und seine vom nahen Weltuntergang
-überzeugte Mutter im Stich ließ und geradeswegs nach Florenz fuhr, wo er
-in dem kleinen Mauergarten der Villa seiner Gemahlin zu Füßen sank und ihr
-fast unter Tränen gestand, er habe seit ihrer Abreise keine frohe Stunde
-mehr gehabt, und er fühle, daß ihre Nähe ihm teurer und wertvoller sei als
-alles andere auf der Welt. Während er dies aussprach, hatten seine Wangen
-sich gerötet, und seine hyazinthblauen Augen hatten einen innerlichen
-Glanz bekommen. Sein feiner Mund stand ein wenig geöffnet, die weißen,
-gleichmäßigen Zähne wurden sichtbar -- und er sah so schön aus, daß
-Isabella gerne ihre Lippen länger auf den seinen ruhen ließ, als sie sonst
-zu tun pflegte. Sie hatte nun wirklich keinen Zweifel mehr, daß an jenem
-Abend, als Diomede Primoli ihr so lange die Fingerspitzen und die zarten
-blauen Adern des Handgelenkes geküßt hatte, der heilige Geist über sie
-gekommen war und ging mit dem glückseligen Lächeln einer Märtyrerin durch
-die herbstliche Sonne am Arm ihres Gatten dem Hause zu. Roger wich fortan
-nicht von ihrer Seite, und es verbreitete sich allenthalben die Kunde ihres
-Glückes. Kinderlose Ehepaare nahmen sie sich zum Muster, und einmal, als
-Monsignore Zacconi in der Annunziata eine lange Predigt damit geschlossen
-hatte, daß es kein wahres eheliches Glück ohne Kinder gebe (obwohl er
-doch hier eigentlich nicht gut mitreden konnte) stellten ihn bei einem
-Abendessen, das die Marchesa Prioressa gab, einige Damen und Herren sehr
-unverblümt zur Rede über diese seltsame mittelalterliche Ansicht und
-verwiesen frohlockend auf Isabella und Roger, die Arm in Arm an einer
-Säule standen und aufmerksam mit zuhörten, wie der Graf Primoli von der
-Einrichtung seines Hauses erzählte. Ich muß hier zufügen, daß er sich
-geradezu eines Rufes als Renaissancekenner erfreute, und daß selbst aus
-entlegenen Ländern Besucher zu ihm kamen und seine schönen Möbel- und
-Schmuckstücke betrachteten. Seltsamerweise war Graf d'Ys noch nicht bei ihm
-gewesen, was eben gerade den Anlaß dazu gegeben hatte, die Teestunde des
-nächsten Nachmittags zu einem Besuche festzusetzen. Isabella wurde in
-demselben Augenblick, als Roger sie um ihre Ansicht fragte, von der
-Herzogin von Levanto in ein Gespräch über französische Geflügelzucht
-gezogen und somit einer Antwort überhoben. Roger indessen zweifelte nicht
-eine Minute daran, daß seine Gemahlin einverstanden sei und sagte zu.
-
-Diomede hatte alle Zimmer mit Blumen schmücken lassen, insbesondere aber
-sein Schlafgemach, das schöner als alle anderen Räume war. Das köstlichste
-Gebäck der Pasticceria Giuco wurde aufgetragen, alle Messer und Löffel
-wiesen die bezauberndsten Goldschmiedearbeiten der Frührenaissance auf,
-in einer Räucherpfanne, die aus dem Nachlaß der Päpstin Johanna stammte,
-verpuffte in goldenen Wolken ein wenig Würze von Rosmarin: Kurz, der Graf
-d'Ys mußte zugeben, daß er niemals zuvor in einer Umgebung so ausgewählten
-Geschmackes von einem so liebenswürdigen Gastgeber empfangen worden sei.
-Ja, er äußerte lebhaft und mehrere Male hintereinander den Wunsch, doch
-noch des öfteren während seines florentinischen Aufenthaltes den Grafen
-besuchen zu dürfen, worauf dieser entgegnete, er wüßte nichts, was ihm
-angenehmer wäre. Auch Isabella meinte, es gäbe ja nichts Schöneres als
-das Verweilen in diesem Hause, wo jeder Winkel den Kunstsinn und die feine
-Gesittung seines Bewohners verrate. Diomede wandte lächelnd ein, daß sie
-übertreibe, aber Roger wiederholte wörtlich, was seine Gemahlin gesagt
-hatte und verlangte auch, die oberen Gemächer zu sehen, während Isabella,
-eine Ermüdung vorschützend, sich im Garten ausruhte. Wohl eine halbe Stunde
-lang verweilten die Herren im Schlafgemach. Roger, dem es zum ersten Mal
-in seinem Leben klar wurde (obwohl er einige Bücher von d'Annunzio gelesen
-hatte) was dieser Raum einem Menschen bedeuten konnte, wollte sich nicht
-trennen von den unzähligen Schönheiten, die hier das Auge ergötzten, sei
-es, daß er vor einem Engel der Verkündigung stehen blieb und andächtig in
-die verheißungsvollen Züge emporstarrte, sei es, daß er in den kostbaren
-alten Brokatbänden blätterte, die auf dem Nachttisch lagen, sei es, daß er
-staunend und neidisch das Bett betrachtete, von dem eine seltsame Macht auf
-ihn auszuströmen schien. Diomede trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die
-Schulter:
-
-»Ist es nicht wundervoll?«
-
-»Wundervoll, erwiderte Roger wie im Traum, und so breit, so bequem, beinahe
-feierlich. Ich wünschte, es wäre mein.«
-
-»Nichts leichter als dies, mein Teurer, entgegnete Diomede, genau das
-gleiche Bett ist noch bei Rondinelli zu haben. Wenn Sie es kaufen wollen,
-werde ich Ihnen gerne behilflich sein.«
-
-»Tausendmal Dank, rief Roger entzückt, Sie überschütten mich mit
-Freundlichkeiten. Ich werde es kaufen!«
-
-In den nächsten Tagen konnte der Graf d'Ys keinen anderen Gedanken
-mehr fassen, als Möbel zu kaufen, alte, echte Renaissancemöbel für sein
-normännisches Schloß. Und er war bitter enttäuscht, als Primoli den Kopf
-schüttelte und etwas nachlässig sagte, während er sich in dem Schaukelstuhl
-zurücklehnte und die Beine übereinanderschlug:
-
-»Lieber Graf d'Ys, das würde ich an Ihrer Stelle doch nicht tun. Man muß
-die Dinge der Umgebung anpassen, in die sie gehören. Da Sie mir ja selbst
-erzählten, daß der Donjon Ihres Schlosses aus dem zwölften Jahrhundert
-und der Rest des Bauwerkes aus dem dreizehnten stammt, da außerdem dieses
-Schloß in der Normandie und nicht südlich des Apennin liegt, so dürften
-florentinische Renaissancemöbel doch nicht ganz das Richtige sein.«
-
-»Sie haben vollkommen recht, mein lieber Diomede, sagte Roger, und ich
-kann Ihnen versichern, daß ich selbst schon einen ähnlichen Gedanken gehabt
-habe. Aber sehen Sie: es dreht sich ja nur darum, Isabella eine Freude zu
-machen. Ich merke es an allem, wie glücklich sie hier unten in ihrer Heimat
-ist, in der heiteren, geistvollen Gesellschaft dieser Stadt, die man um so
-lieber gewinnt, je länger man darin weilt: und ich dachte, vielleicht würde
-sie das allerdings ganz andere Leben in der Normandie leichter ertragen,
-wenn sie möglichst viel Dinge um sich sähe, die sie an Florenz erinnern!«
-
-»Ganz im Gegenteil, fiel Primoli ein. Sie kennen die Seele der Frauen
-schlecht! Ganz im Gegenteil! Da ja die Täuschung doch nur oberflächlich
-bleiben kann, wird ihr Heimweh nicht gemildert, sondern nur verstärkt
-werden. Und Sie werden genau das Entgegengesetzte von dem erreichen, was
-Sie anstreben. Aber -- fügte er hinzu, und er gab diesem Aber einen ganz
-besonderen Nachdruck, ohne jedoch das leicht Hingeworfene seiner Rede
-deswegen aufzuheben -- wenn Sie der Gräfin eine Freude machen wollen, die
-einen wirklich tiefen Sinn hat: so kaufen Sie doch eine von den unzähligen
-kleinen Villen hier in den Colli und richten Sie sie so ein, wie es zur
-Umgebung paßt.«
-
-Der Graf d'Ys fuhr von seinem Sessel auf:
-
-»Wundervoll! wundervoll! rief er laut, indem er die Hände Primolis ergriff,
-Sie haben doch immer die besten Gedanken ..«
-
-»Aber dieser Gedanke lag doch so nahe, so unsäglich nahe ..«,
-beschwichtigte jener.
-
-»Gewiß, gewiß .. Wenn ich es jetzt überdenke .. Natürlich lag er sozusagen
-auf der Hand. Aber es geht ja bekanntermaßen oft genug so, daß man vor
-lauter Bäumen den Wald nicht sieht.«
-
- · · ·
-
-Etwa eine Woche später verkündete Roger seiner Gemahlin, die schon zu Bett
-lag, während er selbst noch ein wenig am Rand ihres Lagers saß, daß er die
-alte Villa Giramonte gekauft habe. Isabella starrte ihn an. Sie wußte nicht
-recht, ob sie vielleicht schon im Halbschlaf geträumt hatte, oder ob dies
-alles Wirklichkeit war. Als aber Roger einen Kaufbrief aus seiner Tasche
-nahm und auf die weißseidene Steppdecke legte, brach sie vor Freude und
-Erschütterung fast in Weinen aus. Nur der Gedanke, daß ein solches Geschenk
-sofort das Gegengeschenk erfordere, hemmte ihre Tränen: Sie gestand dem
-Grafen, daß sie guter Hoffnung sei. Er konnte es kaum fassen, er rannte im
-Zimmer umher, bestürmte sie ein über das andre Mal mit Fragen, ob sie sich
-nicht täusche: aber sie lag mit geschlossenen Augen in den tiefen Kissen,
-neigte ganz leicht und mit der Miene der Dulderin ihren schönen Kopf und
-sagte wie im Traum:
-
-»Die Heimat, mein Freund, das Glück, in dieser süßen, milden Luft zu
-atmen .. überhaupt: alle die anderen Verhältnisse ..«
-
-So entschlief sie. Er aber blieb lange vor ihr stehen und sah auf ihren
-zarten, heiligen Körper nieder, indessen etwas wie ein Dankgebet aus seiner
-Seele zum Himmel aufstieg. Und in der gleichen Nacht noch schrieb er einen
-langen Brief an die Gräfin-Mutter, um sie in ihrem Groll zu versöhnen und
-den Ausfall der Jagden und Wahlgesellschaften verschmerzen zu lassen.
-
-Als Isabella am nächsten Morgen den gesiegelten Umschlag auf dem Tisch
-liegen sah, nahm sie ihn stillschweigend zwischen ihre Fingerspitzen und
-schaute fragend in das erstaunte Gesicht ihres Gatten. Sie las die Antwort
-in seinem Blick.
-
-»Nein, Geliebter, sagte sie, ich möchte noch nicht, daß man in unserem
-Kirchensprengel für mich betet: vor allem aber möchte ich deiner Mutter
-noch nicht die Gelegenheit zu neuer Gottwohlgefälligkeit geben. Ich möchte
-ihr überhaupt erst mit dem fait accompli vor Augen treten: das heißt
-in diesem Falle erst dann, wenn ich mein Kind im Arm halten kann. Mein
-veränderter Zustand wird natürlich eine Menge von Änderungen mit sich
-bringen, über die wir am besten sogleich reden. Ich denke, wir halten es
-so: Vor allem werde ich vor meiner Niederkunft nicht mehr nach Frankreich
-zurückkehren. Ich will erst als Mutter Château d'Ys wiedersehen .. und
-Paris würden wir ja ohnehin für diesen Winter aufgeben müssen. Ich glaube,
-wir bleiben am besten über Weihnachten hier, gehen dann vielleicht ein
-wenig nach Rom oder an die Riviera und beziehen im April hier unser neues
-Haus solange, bis alles vorüber ist. Rufen dich einmal für kurze Zeit die
-Geschäfte zurück: so bedeutet das ja weiter nichts ..«
-
-Roger wagte nicht zu erwidern. Gewiß hatte er sich das alles ganz anders
-gedacht, aber die Entschiedenheit in Isabellas Sprache und die große
-Klarheit ihrer Pläne ließ auch diesmal keinen Widerspruch aufkommen. Wozu
-auch? Es galt jetzt, die junge Frau zu schonen, und er hatte ja schon
-des öfteren sagen hören, daß Frauen in solchen Zuständen manchmal die
-seltsamsten Launen haben.
-
-Isabella aber wurde nur viel stiller, als sie sonst zu sein pflegte, und
-die innere Lösung aller Verkettungen schien für sie einzig in der Frage zu
-gipfeln, ob das Kind ein Sohn oder eine Tochter sein würde.
-
-Und siehe: auch dieses Mal betrog sie ihre geheimste Hoffnung nicht:
-sie genas im Juni in ihrer Villa zu Florenz einer wundervollen, kleinen,
-schwarzen Tochter, von der man zwar durchaus nicht sagen konnte, daß sie in
-irgend etwas der Blondheit derer von Ys und Dieuleveuille nahekam: es ließ
-sich nur feststellen, daß sie ein äußerst vornehmes und wahrhaft gräfliches
-Kind sei.
-
-Isabella aber dankte dem Herrn für die Erhörung ihrer stummen Gebete: denn
-von nichts war sie nun mehr überzeugt, als daß jene große Erleuchtung des
-letzten Herbstes wirklich göttlicher Natur gewesen sei, und daß sie, um
-Gott und den Menschen wohlgefällig zu sein, nur da fortzufahren brauche, wo
-sie so glanzvoll begonnen hatte.
-
-Und siehe: als sie den Herbst wieder mit Gemahl und Tochter im Frieden
-ihrer florentinischen Villa zugebracht und sich zwischen Roger und Diomede
-eine wirkliche Freundschaft entwickelt hatte, schenkte sie im nachfolgenden
-Hochsommer ihrem Gemahl jenen wundervollen Knaben, dessen Schönheit in
-gewissen Kreisen unserer lieben Vaterstadt schon heute anfängt, ebenso
-sprichwörtlich zu werden, wie es noch vor drei Jahren diejenige des Grafen
-Primoli war.
-
-So war auch in Isabellas Mutterliebe die göttliche Dreiheit hergestellt:
-und dies Ergebnis gewährte ihr eine solche innere Befriedigung, daß
-sie sich willig dem französischen Schönheitsgesetz fügte, das es für
-außerordentlich schädlich erklärt, wenn eine Frau mehr als zweimal die
-Lasten der Mutterschaft erträgt. Sie führte fortan das Leben der wahrhaft
-großen Dame -- zumal sie ja in dem Gefühl treu erfüllter Pflicht gegen
-das Geschlecht derer von Ys und Dieuleveuille eine ausreichende Schwere
-sittlichen Gleichgewichtes besaß -- und man empfand es in Paris wie eine
-gewisse Erleichterung, als eines Tages ein bekannter Weltmann sich
-die Bemerkung gestatten durfte, daß sogar die spröde Gräfin d'Ys dem
-unentrinnbaren Einfluß der Pariser Luft zu erliegen scheine, insofern, als
-sie sich des öfteren ganz zwanglos mit einem jungen Diplomaten deutscher
-Herkunft im Theater und in den Salons zeige.
-
-Mit diesem jungen Deutschen aber ist natürlich meine Geschichte schon
-deshalb zu Ende, weil er mittlerweile vierzig »Elegieen einer geistigen
-Liebe auf eine Florentinische Dame« geschrieben hat.«
-
- · · ·
-
-So ungefähr hatte uns damals Octavio Poggiolini erzählt, dem die Anmut und
-das wundervolle Heidentum seiner Vaterstadt eingeboren waren. Und gleich
-darauf, als er sein neugefülltes Glas geleert hatte, ließ er sich auf den
-verblaßten Sammetschemel zu Füßen seiner rehbraunen Nachbarin Constanze
-Torregiani nieder und hob die schwarzen Augen an den Falten des
-himbeerfarbigen Seidengewandes bis zu ihren Blicken empor. Aber die Römerin
-schaute streng und strafend nieder, und die Hände, die er gern ein wenig
-auf seinem dichten, blauschwarzen Haar gefühlt hätte, dachten nicht daran,
-den Löwenknauf des hohen Sessels zu verlassen. Da erbarmte sich Katarina
-von Pleß seiner:
-
-»Octavio, sprach sie, Octavio: Ihr sucht Euren berechtigten Lohn bei einer
-Unerbittlichen. Ihr vergeßt, daß sie eine geborene Colonna ist und sich
-noch nicht lange genug in Eurer Stadt aufhält, um von dem Geist erfüllt zu
-sein, der hier seit Jahrhunderten geheiligt ist. Wenn sie aber des öfteren
-Eure Geschichten gehört hat, wird sie Euch gnädiger gesinnt sein. Sofern
-Ihr aber mit mir vorlieb nehmen wollt -- obwohl ich, wie Ihr wißt, nur eine
-schlichte deutsche Frau bin und außerdem die Base jenes jungen Deutschen,
-dessen geistige Liebe Eurer süßen Geschichte ein Ende setzte: wenn Ihr also
-mit mir vorlieb nehmen wollt, so will ich Euch gerne gänzlich ungeistig
-geben, was Euer ist: so wie Ihr der Muse gabt, was der Muse ist.«
-
-»Ihr macht mich erröten, Herrin, entgegnete Octavio, da Ihr mich hoffen
-laßt, was meine kühnsten Wünsche nicht erträumt hätten. Die deutschen
-Frauen gelten hierzulande für unnahbar ..«
-
-»Naht Euch getrost, versetzte Katarina mit einem sanften Lächeln, indem sie
-das runde Kissen, worauf ihre kleinen weißen Seidenschuhe nur leicht geruht
-hatten, ein wenig von sich schob, und mögen die Umsitzenden Zeugen sein,
-wie man die Dichter ehrt. Sollten Euch aber -- was ich Euch durchaus
-zutraue -- Gewissensbisse anfallen, Ihr könnet die Seele einer deutschen
-Frau durch den Zauber Eurer Erzählung, zu dem sich die ganze Anmut Eurer
-jugendlichen Erscheinung gesellt, mehr als erlaubt ist von den Bahnen der
-Sittsamkeit entfernt haben: so laßt Euch zur Erleichterung im voraus sagen,
-daß in meiner Ehe alle Angelegenheiten bereits so weit fortgeschritten
-sind, daß es keiner Erleuchtung mehr bedarf, wie sie über Eure göttliche
-Isabella Giramonte kam.«
-
-Und mitten im lauten Jubel unseres Lachens küßte sie den schönen Octavio
-auf den schönen, hingehaltenen Mund.
-
-Dann fiel der Vorhang über dem Spiel. Der große Halbkreis löste sich
-in kleine Gruppen auf, ich warf den Mantel über und trat ins Freie. Man
-fühlte, daß der Tau schon im Fallen war, noch standen keine Tropfen an den
-halbgeschlossenen Rosenblüten, aber das Gras war beschlagen und das Licht
-des Vollmondes rieselte in feinem silbernem Dunst. Die Schlagschatten an
-den Wänden schnitten große, bläuliche Dreiecke in das weiße Gestein. Tief
-unten im Tal lag der ungewisse Schimmer der Häuser und Kuppeln.
-
-»Kennen Sie Siena?« fragte mich plötzlich der Graf Arnedal, ein junger
-Schwede, mit dem ich wenige Tage vorher in Deutschland bekannt worden war.
-
-»Nein, noch nicht.«
-
-»Sie müssen es mit mir zusammen sehen. Wenn Sie dort gewesen wären, würden
-Sie begreifen, warum mir in einer Nacht wie dieser die Frage aufstieg.«
-
-Er nahm meinen Arm und zog mich auf die taghelle Landstraße hinaus. Wir
-gingen langsam bergauf. Er sprach von den Mondnächten Sienas, von dem
-silbernen Rauschen seiner unzähligen Brunnen, bis wir selbst unerwartet
-vor einem breiten, moosbewachsenen Becken standen, in dessen klare Flut
-ein weißer, dünner Strahl sein Wasser goß. Wir tauchten die Hände ein: sie
-schienen ganz im Mond gebadet .. wir schüttelten sie: tausend sprühende
-Tropfen sprangen in den Behälter zurück. Von der Höhe wehte ein leichter
-Lufthauch den Geruch der Akazienblüten, tief unter uns, in der Richtung
-des Hauses, erwachte der milde, goldne Glanz einer männlichen Stimme
-über leisen Lautenklängen. Wir lehnten am Brunnenrand und lauschten. Axel
-Arnedal sah in den Glanz der jenseitigen Arnohügel:
-
-»Wenn wir morgen nach Siena führen?«
-
-
-
-
-ROM
-
-
-Rom: Ewige Welt im Banne eines Namens .. Traumhaftes Anklingen
-tiefgedämpfter Trommelwirbel über dem weichen Golde der Posaunen.
-
- *
-
-Eines möchte ich wieder erleben: Die frühe Morgenstunde, als ich zum
-erstenmal über die Piazza delle Terme in die Stadt hinunterfuhr: jenes
-Licht auf den gelben Häuserwänden, das Zerstäuben der Wassergarben über den
-offenen Brunnenbecken, das Wehen der Palmen im frischen, blauen Ostwind,
-den Duft des Sprühregens, der aus großen Gießfässern auf die Straße sprang,
-die Musik der tausendfachen Rufe aus Höfen und Hallen, aus Winkeln und von
-hohen Balkonen, den Flug des leichten Wagens, das frohe, helle Aufschlagen
-der Hufe, das Bellen des kleinen Hundes, der neben dem Kutscher saß und mit
-den Pfoten an einer hochroten Halsschleife spielte .. und dann den Eintritt
-in das Haus der Freunde, die kühle Dämmerung des Marmorvestibüls, das
-Schweigen der hohen, weißen Wände und den herben Geruch der Lorbeerbäume,
-die in niedrigen Behältern neben einem schlanken Spiegel standen.
-
-Warmes, braunes Halbdunkel, von Grün durchweht, füllte das Zimmer, in das
-man mich führte: die Läden waren geschlossen, die Vorhänge gesenkt, nur
-hier und da vom Gold der Luft gesprenkelt. An allen Wänden, an der Decke,
-am Fußboden floß Gold: weich wie der Wein von Frascati in die glatten,
-runden Gläser fließt. Narzissensträuße standen auf den Tischen, aus langen
-Korridoren hallten Worte herüber, Schatten flogen und verschwanden.
-
-Seitdem sind Jahre vergangen. Abschiede und Wiedersehen sind gewesen, und
-nach jeder Trennung die Gewißheit neuer Wiederkehr.
-
-Es gibt keinen Abschied von Rom. Mit allen nordischen Städten kann man zu
-einem Ende ohne Widerruf kommen: Rom lächelt, wenn wir gehen. Es läßt
-seine Brunnen weiterrauschen, seine Schwalben im hellen Abendrot über den
-Ziegeldächern weiterkreuzen und streut den Samen des Heimwehs aus.
-
-Rom ist die Heimat aller, die vom Wissen ruhen, vom Forschen genesen
-wollen, das Vaterland der Kämpfer, die über ihrem Ziel den großen Sonntag
-nicht vergessen. Lege deinen Kopf an den Schaft der abgebrochenen Säule
-und laß dein Auge die Krone der hochschwebenden Pinie suchen, sitze am
-schmalgefaßten Wasserbecken des Forums und folge dem Zug der Wolken in der
-stillen Tiefe der Flut, strecke dich im hohen Grase des Palatin aus und laß
-die Bienen über Glockenblumen und Asfodelen schwirren, trete tief in den
-Gesang einer Kirche hinein, wenn aus der klaffenden Türe der Kerzenflimmer
-dein Auge trifft: Du ruhst. Von allem ruhst du aus, fast wie ein Kranker,
-den das Gefühl gesund macht, daß ihm nichts mehr geschehen kann, solange
-das Bett ihn hütet. Niemand mehr hat eine Forderung an ihn, niemand kann
-kommen und ihn mit Fragen quälen, die Stunden sind rechtlos geworden .. die
-Tage .. vielleicht die Wochen. Er fühlt, wie sich die Kräfte seines Lebens
-wieder sammeln und das ermüdete Blut leichter und fröhlicher machen.
-
-O wunderbar geschlossene Seele Roms! Keine Gegensätze mehr sind im Krieg
-miteinander, keine Welten mehr wollen sich umstürzen: mitten in das Rund
-des lateinischen Tempels hat die christliche Sehnsucht ihrem neuen Gott die
-Wohnung gebaut, Säulen, die um Altäre Jupiters und Apollos standen, tragen
-das Dach der christlichen Basilika, du kaufst die griechische Gemme
-bei demselben Juwelier, der dir die neueste Schöpfung des heimischen
-Goldschmiedes vorlegt, in dem Antlitz eines kleinen Zeitungsträgers findest
-du die Züge irgend einer geliebten römischen Büste wieder, in der Rede
-eines Abgeordneten hörst du Worte, die ein Tribun sagen konnte, und seine
-pathetischen Handbewegungen erinnern an die Geste des antiken Staatsmannes,
-wie ihn Marmor und Bronze überliefert haben. Alles gilt vor allem in der
-Seele dieser unergründlichen Stadt, und alles löst sich in allem auf. Auf
-ununterbrochen sich kreuzenden Wegen schafft sich der Geist des Fremdlings
-aus den Widersprüchen die innere Einheit der Stadt: und dieses rastlose
-Zusammenfügen von Getrenntem gibt Bewegung und Anmut, es bewahrt vor
-Erstarrung, indem es immer tieferes Erstaunen schenkt. So wird allmählich
-schon das Schauen zum Erkennen: der geübte, selbst nur flüchtige Blick
-rührt an das Wesen der Dinge.
-
-Sitze nur einen Abend oder Nachmittag vor den großen Kaffeehäusern,
-Aragno oder Faraglia, sieh, wie sich diese Gruppen bilden, wie sie sich
-verschieben und auflösen, sieh das scheinbare Warten der Menschen auf
-irgendein Ernsthaftes und die Freude an der Begrüßung des ersten, der
-zufällig des Weges kommt. Dicht am Rande des Fußsteiges stehen alle diese
-jungen Leute, den Fuß ein wenig vorgesetzt, die Hände in den Hosentaschen,
-so daß sich der Rock über den Schenkeln emporschlägt. Der Hut ist nach dem
-Nacken zurückgeschoben, das schwarze Haar fällt in dichter Welle auf die
-Stirne. Sie pfeifen leise mit gespitztem Mund, wenn sie lachen, blinken
-die breiten, gesunden Zähne auf. In der linken Brusttasche steckt das bunte
-seidne Tuch, es hat die Farbe der Krawatte und der Strümpfe. Sie stehen und
-warten. Sie schauen den Corso hinauf und den Corso hinunter, sie gehen
-ein paar Schritte in eine Seitengasse: du kannst sicher sein, daß sie in
-wenigen Minuten zurück sind. Sie mustern sich und prüfen die Kleidung, sie
-glätten eine Falte und ziehen den Knoten einer Krawatte, während sie sich
-in einem blanken Schaufenster bespiegeln. Sie sind glücklich in dem, was
-sie sind: glücklich zu leben, zu jedem Abenteuer bereit, leichtsinnig bis
-zur Göttlichkeit, voller Schulden, bezaubernd körperlich, leidenschaftlich
-in jeder Empfindung, in der Gebärde ritterlich, traumlos und wundervoll
-gedankenlos. Sie sind genau so lange da, als sie vor dir stehen, aber sie
-sind nie gewesen, sobald sie nur um die nächste Ecke biegen und im Dunkel
-verschwinden. Kein Wunsch in dir wird wach, zu wissen, was sie treiben,
-was sie gelernt haben, ob sie Kaufleute oder Beamte sind. Sie können alles
-sein. Was sie wirklich bewegt, was ihnen das Leben schön macht, sind die
-stets gleichen Dinge: sie spielen, sie wetten auf die Rennpferde, sie
-denken an ihre Weiber. Jedoch dies alles haben andere junge Leute in
-anderen Städten auch. Aber sie sind Römer! Frage einen, was er ist, höre
-den Tonfall der Antwort:
-
-»Sono Romano.«
-
-Da ist der Abgrund, der sie von der Umwelt scheidet -- und die Brücke,
-die unbeschreiblich-schwanke, unfehlbar-sichere Brücke, auf der ihre Seele
-zweitausendjahreweit in die Seele der großen Ahnen zurückflieht:
-
-»Civis Romanus sum.«
-
-Nimm ihnen die Kleider fort, wirf ihnen Toga und Tunika über, gehe zwischen
-ihnen über das Forum: und du mußt mitten im Leben der alten Stadt sein.
-Höre wieder auf ihre Sprache: Spiel, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe,
-Sklavenaufstände, Huren ..
-
-Nimm sie einzeln: Es bleibt nicht sehr viel. Es bleibt ein Ebenmaß, eine
-Schönheit mittleren Grades: ein straffer, oft ein wenig gedrungener Körper,
-hartgemeißelte Schläfen, ein klarer Ansatz der glänzend-schwarzen Haare an
-Stirn und Nacken, die offene Flamme des dunklen, mandelförmigen Auges.
-
-Nimm sie gleich darauf wieder zusammen, fühle ihre Einheit: und du
-spürst die unbegreifliche Kraft einer Rasse, die sich über den trübsten
-Schicksalen blühend erhalten konnte. Du spürst ganz Rom. Rom lebt dir aus
-ihnen entgegen, sie sind die unfreiwilligen Mittler. Wer Rom erlebt,
-muß sie erleben und in seine Liebe einbeziehen. Wer sie aus Dünkel oder
-Gleichgültigkeit übersieht, nimmt seinen Lohn voraus: Sie hemmen, wo sie
-gerne helfen möchten.
-
- *
-
-An einem späten Nachmittag, als ein Gewitter die Luft gereinigt hatte, ging
-ich zur Villa Borghese hinauf. Abseits, im Grunde der Gärten, liegen die
-beiden Brunnen, denen mein Kommen galt, umspielt vom Schatten hellgrüner
-Akazien, die in den Sonnenglanz der stillen Abendlüfte greifen. Sie liegen
-halbvergessen auf feuchtem, braunem Boden, der den Klang jedes Schrittes
-auslöscht und Kühle haucht. Reicher tropfen die Schalenränder des ersten,
-verträumter die des anderen. Gleich süß sind beide der Ruhe suchenden
-Seele. Wie geht es sich leicht zwischen den Steineichen des schmalen
-Pfades, der beide verbindet, wie bannt ihr wechselnder Anblick das immer
-wieder entzückte Auge! Stehst du am einen und schaust nach rückwärts,
-so siehst du am andern den Kranz goldner Perlen in die oberste Schale
-tröpfeln, neue Perlen sammeln und an verdichteten Schnüren über smaragdenes
-Moos zur zweiten Schale herabfallen, die ihn noch länger behält und ihn der
-dritten gibt, wo er versinkt. Stehst du am andern, so hast du die Sonne zur
-Seite und sieht nur ein silbergrünes Tropfen und viele zerrinnende Kreise
-im unteren Becken. Hebt sich ein Windhauch, so rieseln die weißen Blüten
-auf das Wasser, fangen das Gold eines Tropfens und lassen sich weiterspülen
-in den traumhaften Tod. Kaum sah ich Menschen hier. Einmal lag ein Knabe
-auf einer Steinbank und starrte in die Bläue. Jedesmal, wenn sich das Laub
-im Winde regte, schien er zu warten, ob eine Blüte auf ihn niederfalle ..
-und lächelte, wenn sie auf seine Wimpern sank. Fast eine Stunde lag er so,
-vertieft in sich und in sein Spiel, ein junger Flurgott, der nichts
-von seiner Herkunft weiß. Später trat er zum Brunnenrand und fing die
-Silbertropfen mit dem Munde ..
-
-Ein andres Mal kam ich mit einer Frau, die lange krank gewesen war. Sie
-ging sehr langsam, in ihren Augen brannte Müdigkeit. Sie tauchte die
-Hände in das Wasser, eine breite, goldne Welle floß über, ihre Rubinringe
-flammten neben dem hellgrünen Moos auf .. Sie starb im gleichen Jahr. Im
-Fall der Tropfen haben wir die letzten Worte zusammen gesprochen. O Brunnen
-der Erinnerung! Es ist keine Liebe zu einem Menschen oder einem Ding, die
-ohne Trauer wäre. Nun scheuchte mich der Schatten dieser Frau. Mit der
-hohlen Hand fing ich die erblindeten Tropfen. Wo blieb das Gold? .. Schon
-hob sich weiß der Mond und kündete kühl die silberne Nacht.
-
-O Brunnen der Verwandlung.
-
-O Wasser Roms.
-
- *
-
-Viele stehen Abend für Abend am Geländer des Pincio und warten auf die
-Nacht. Ihre Augen sind geweitet, manche voll Grauen, manche voll Heimweh.
-Noch tauchen Namen auf in ihrem Hirn. Sie wissen: Dort ist der Janiculus,
-dessen Pinienkronen wie stille Inseln im korallenfarbigen Duft schwimmen.
-Die Kuppel St. Peters erscheint vergrößert im silbergrauen Dunst. Noch
-weiter rechts hebt sich der Monte Mario, neue Pinienkronen schließen
-sich an, eine schwebende Brücke zwischen Land und Land über den goldnen
-Wolkenbrüchen der Tiefe, in denen die Sonne versinkt. Ein Fremder tritt
-zu der Gruppe und nennt Kirchen, die über dem Durcheinander der Dächer
-aufsteigen. Wo ist der Fluß?, fragt einer laut .. Man kann ihn nicht sehen
-von hier, die Häuser verbergen ihn, aber dort, wo das Castello San Angelo
-auftaucht, muß er fließen. Und obwohl sie wissen, daß sie ihn nicht
-erblicken können, spähen sie sehnsüchtig nach dem glänzenden Streifen aus,
-der einen Weg in dem verwirrenden Bilde weist. Nun können sie suchen, wo
-ihr Haus liegt, ihr Platz, ihre Straße. Das Wehe des Verlorenseins löst
-sich auf im Gefühl der Beruhigung, daß sie irgendwo dort unten zu Hause
-sind. So entrinnen sie dem Abendgrauen und wissen nicht, daß sie der
-traumhaftesten Schönheit Roms entrinnen.
-
-O, nicht mehr zu wissen, was diese Hügel, diese Türme, diese Dächer sind!
-Rom sind sie -- Rom im Dunst von blassem Blut, im Schiefergrau barmherziger
-Schleier, die das rote Niederrieseln langsam, langsam im dunkelnden
-Gewebe töten. Nur fühlen, wie dies stumme Ganze sinkt, zusammenfällt, ein
-Riesenschutt nachglühender Asche, wie sich auf den gelben und geschwärzten
-Ziegeln das stumpfe Blau sammelt, ein Deckel von Basalt, und stehen bleibt.
-
-So schließt der Abend seine Tore und hält die Stadt gefangen. Du bist
-mit eingeschlossen, du mußt hinunter zu ihren Lichtern und ihren Stimmen.
-Schatten wehen in deinem Rücken und treiben dich zur Treppe. Stufe um
-Stufe nimmt dein Fuß, schon wachsen körperlose Wände über dir empor, graue,
-erloschene Mauern streifen deine Flanke, Licht einer Lampe fällt aus nahem
-Zimmer auf deine Hände, Laute werden deutlich, Worte erkennbar. Du bist am
-Boden. Du wendest dich. Hoch über dem Gesims der Treppe stehn die schwarzen
-Palmenwedel. Perlgrau glänzt der Himmel, in dem die Frühe eines Sternes
-funkelt.
-
- *
-
-Irgend einer hatte bei dem Abendessen, das uns die Gräfin Arnedal -- Axels
-Mutter -- gab, die Rede auf Marc Anton gebracht. Das Gespräch hielt uns
-bis Mitternacht, und als wir alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse der
-Trinità de' Monti schlenderten, sagte Axel ungefähr folgendes:
-
-»Ich habe neulich eine halbe Stunde lang die Büste dieses Mannes betrachtet
-und nicht eine Spur geistigen Lebens gefunden, die das übertrieben-Weiche
-dieser Züge zusammenhält und verschönt. Da ist nichts als Fleisch, sorgsam
-in Locken gelegtes Haar und ein Mund, dem eigentlich die Anmut fehlt,
-obwohl er schmal und sanft von Wange zu Wange zieht. Das Kinn versinkt, die
-Augen liegen tief und schimmern feucht. Sie müssen sehr schön gewesen
-sein, ganz ohne Seele, nur Sinnlichkeit. Ich kann mir nicht denken, daß sie
-schwarz waren. Ich empfinde sie grau, sehr matt und sehr verschleiert. Mit
-seiner Sinnlichkeit allein bezwang dieser Mann das Volk nach Caesars Tod.
-Seine Worte waren wie das Geschmeide, das eine schöne Frau sehr schön
-zu tragen weiß. Er ließ sie funkeln und schillern, er wand sich in ihrem
-kühlen Flitter und machte das dumpfe Volk befangen. Die Worte perlten: und
-schimmerten im Glanz von Tränen. Sie bluteten: und ließen die Wunde des
-Herzens ahnen: Wo eine Preisgabe sondergleichen war, sah die Menge noch die
-Beherrschung des vornehmen Mannes, dem Stand und Sitte nicht gestatten,
-den ganzen Schmerz zu zeigen. Vielleicht war es ein schlimmer Übergang
-in seinem Leben, als er erkannte, daß eine Sinnlichkeit, die gleichmäßig
-aufgeteilt ein ganzes Wesen beherrscht, selbst da noch eine große Macht
-besitzt, wo jede Kraft der Seele versagt. Auch kam dieses Erkennen zu spät
-und mußte gefährlich sein als Maß für die Haltung eines Mannes. Antonius
-war vierzig Jahre alt, als Caesar starb. Octavian aber war achtzehn: Ein
-wesenloses Alter an irgend einem Gegner, aber nicht wesenlos, wenn das
-Gesicht dieses Gegners die Züge Octavians trug. Antonius fühlte nicht den
-Unterschied. Er sah die Schönheit wohl: doch daß es die reine Schönheit
-eines unbeugsamen Willens war, der eine tiefverschlossene träumerische Glut
-in Zucht hält, sah er nicht. Was war ihm dieser Knabe? Der Bruder
-seiner Gemahlin, vielleicht einmal der flüchtige Reiz einer späten
-Gastmahlsstunde.«
-
-Wir standen alle um den Sprecher, der plötzlich abbrach und mit der Hand
-nach der Kuppel von San Carlo wies, als ein Schwarm von aufgestörten Tauben
-silbertriefenden Fluges hinter der Wölbung verschwand. Perlmutterfarbene
-Wolkenflocken schwebten über den Gärten der Villa Medici.
-
-»Woher wissen Sie alle diese Dinge?« fragte eine Dame.
-
-Axel lächelte unmerklich:
-
-»Nur aus der Statue. Ich höre das Blut in den Adern klopfen. Ich kenne den
-Klang der Stimme, wenn ich gefunden habe, wie die Augen aussahen. Ich lerne
-es langsam wieder, das Wesen eines Menschen aus seinem Körper zu deuten.
-Ich gebe mir Mühe, den tieferen Sinn des Leibes zu erfassen. Wir waren viel
-zu lange krank an Seele und Vergeistigung. Wir messen Werte nur noch mit
-diesen Gewichten. Aber die Sprache des beseelten Körpers ist uns
-verloren gegangen. Rom wies mir den Weg zur Umkehr. Rom führte mich nach
-Griechenland. Wie eine tiefe Beschämung fiel es auf mich, als ich vor
-Jahren zum erstenmal das Kapitol, den Vatikan und die Thermen durchwanderte
--- und an unsre armen Körper dachte, an denen nichts mehr gilt als das
-Gesicht. Die Verhüllungen unseres Leibes haben uns den Sinn des plastischen
-Ausdrucks genommen. So kommt es, daß wir anfangs fast hilflos vor den
-Marmorbildern stehn, bis unerwartet die Erleuchtung in uns kommt: die
-Wehmut einer Schulter, das Müde einer Hüfte, die atmende Glückseligkeit
-einer Brust lassen uns begreifen. Dann beginnt die Arbeit, mit der wir die
-lange Verwahrlosung sühnen. Und langsam, langsam ernten wir die wundervolle
-Frucht.«
-
-Schon während der letzten Worte hatte Axel die Blicke nach dem Aufgang der
-spanischen Treppe gerichtet. Nun winkte er uns leise an das Geländer und
-deutete nach dem schmalen Altan, der die mittleren Stufenläufe aufnimmt: An
-der Mauer lagen in tiefem Schlaf zwei halberwachsene Kinder. Ihre
-Gesichter -- deutlich erkennbar im bläulichen Mondlicht -- spiegelten tiefe
-Beruhigung, das Hemd über der dunklen Brust stand ein wenig offen. Keiner
-von uns sprach.
-
-Da mußte ich an alle die Vielen denken, die Nacht für Nacht im Schutz der
-Kirchentüren schlafen, Arme und Alte, in zerrissene Kleider gehüllt,
-die Glücklichen unter ihnen in einen zerlumpten Mantel, den sie irgendwo
-erbettelt oder fortgenommen haben. Wie oft sah ich sie plötzlich vor mir
-liegen, wenn ich unachtsam die nächtigen Stufen einer Kirche emporstieg ..
-
-O Armut Roms! Die am Tage über die alten blinden Bettler klagen und nicht
-mehr wissen, wo ein Almosen frommt und wo nicht, mögen des Nachts an
-die Kirchentreppen gehen und stumm den Schlafenden die stumme Wohltat
-erweisen. -- --
-
-Schweigend verließen wir die Terrasse der Trinità de' Monti und gingen
-nach der Via Veneto zurück. Auf dem freien Platz vor San Isidoro nahm ich
-Abschied, um nach der Piazza Barberini hinabzusteigen. Der Tritonbrunnen
-warf mir das Silber seines Wassers entgegen, als ich in das Innere des
-Hauses trat.
-
-Ich konnte lange nicht schlafen. So fing ich an, in der Geschichte der
-frühen römischen Kaiser zu lesen, bis zu Caligula hinauf. Schon flog die
-blasse Röte des Morgens durch die Luft, als ich das Licht löschte; in
-einem fernen Hof fing eine Magd schon an zu singen, eine jener langgezognen
-römischen Melodien, die um einen ruhenden Ton kreisen und wie ein müder
-Brunnenstrahl immer von neuem in sich zurückfallen. Die harten Blätter
-der Platanen raschelten im leichten Frühwind, eine Schafherde kam die Via
-Sistina heruntergezogen und verschwand in der Via Quattro Fontane.
-
- *
-
-Ein hellblauer Morgen sprühte herauf. Es war kühler geworden. Die
-Tramontana wehte; in allen Fensterscheiben, in allen Wipfeln flog der Glanz
-der Frühe auf und nieder. Von den Blumenständen sprangen die Farbflecken
-auf: hochrot und gelb, weiß und blau. Die weißen Tücher auf den Tischen vor
-den Trattorien flatterten über die Kanten empor, die Schreie der Ausrufer
-hallten doppelt laut und deutlich durch die klare Luft aus den Straßen
-herauf, der Tritonbrunnen warf seinen Strahl von einer Seite auf die
-andere.
-
-Ich verließ das Haus sehr zeitig. Da der Morgen an den Tag meiner ersten
-Ankunft in Rom gemahnte, ließ ich mich auf großen Umwegen über die Piazza
-delle Terme, durch die vielvertraute Via Cavour, an den Treppenschnüren von
-Santa Maria Maggiore vorüber, und durch den Spezereiduft der Via Baccini
-bis zur Piazza Aracoeli fahren. Hier stieg ich aus. Wie so oft schon, blieb
-ich am Sockel des Löwen lehnen, der zwischen dem Aufgang zum Kapitol und
-der unvergleichlichen Treppe zur einsamen Kirche Santa Maria in Aracoeli
-ruht. Diese Stufen fließen in das Licht empor. Sie sind Welle geworden, die
-golden an die schlichtgewölbte Eingangstüre der nackten Fassade anschlägt.
-Keine Verzierung schmückt die leblose Fläche dieser hohen Wand: nur die
-zarte Narzisse einer gotischen Rosette öffnet zur Linken des Torbogens
-ihren achtzackigen Stern und blüht vor dem Hochaltar der Mutter Gottes,
-die bei den Römern als Juno Capitolina an der gleichen Stelle im Haus der
-weißen Säulen wohnte. Es müßten Kinder kommen an einem solchen Morgen,
-Kinder in weißen, flüsternden Kleidern, Blumen mit ihren kleinen Armen
-an die kleinen Brüste drücken -- Kamelien und Azaleen -- und die Stufen
-hinaufflattern, indes die Blüten hinter ihnen niederrieseln .. Ihre dünnen,
-silbernen Stimmen müßten sich zum Gesang erheben, so daß eine Woge von Weiß
-vor den Thron der einsamen Frau strömte, die fern vom Glanz prunkvoller
-Kirchen hier über allen Giebeln thront.
-
- *
-
-Ich ging zum Kapitol hinauf.
-
-Ich blieb lange bei Caligulas Traurigkeit.
-
-Von seinem Vater Drusus konnte Helle in seinem Leben sein. Man sagt auch,
-daß er als Knabe fröhlich war. Von seiner Mutter Agrippina, der Enkelin
-des ersten Augustus, hatte er das Trübe, Gequälte. Ihr Schicksal warf einen
-schweren Schatten. Sie war voll Größe, voll Herrschsucht und Mißtrauen.
-Sie wagte, die Feindin des Tiberius zu sein und büßte mit Verbannung.
-Man tötete ihre beiden ältesten Söhne. Das ertrug sie nicht. Sie gab sich
-selbst den Hungertod.
-
-Trüb und hart ist das Auge Caligulas, wie es die Büste zeigt, trüb und hart
-die selbstquälerische Stirne, unwillig, doch unberührt der Mund.
-
-Ein Wüstling? Nie. Ein Gelähmter, Zurückgebliebener, verstört durch das
-unerhörte Schicksal seiner Mutter, das seinem harmlos-heiteren Geist den
-Glauben an die gute Ordnung der Dinge nahm. Grausam: aus Mißverständnis.
-Willkürlich: aus zerstörtem Glauben. Voll Größenwahn: weil im Erstarren
-seines Willens die Masse für die schöpferische Tat verloren gingen.
-Verloren: da er sich selbst nie besaß.
-
-In eines Mannes Sinken wird das Sinken eines Volkes klar .. Ewiges Gesetz
-des Verbrauchten, Stoff, der sich selbst vernichtet.
-
-Seele Roms!
-
-Wunderbare Trauer Roms!
-
-»Rom sank und sinkt ..«
-
- *
-
-Eine Stunde später stand ich vor der Büste des jugendlichen Augustus in der
-Sala dei Busti des Vatikan. Ich war zu Fuß gegangen, das linke, eintönige
-Tiberufer entlang und an den Palästen der Falconieri und Farnese vorbei.
-Oft genug hatte das Auge das frische Grün des Janiculushügels gesucht, ehe
-es wieder am bräunlichen Schillern der Flußwellen unter den Brückenbögen
-haften blieb. Ich durchquerte den Borgo Vecchio, um auf den Petersplatz zu
-gelangen. Die trübsten Toreingänge und Kaufgewölbe hatten an diesem Morgen
-einen Schimmer von Helle aufgefangen, der grünliche Beschlag der Wände
-schien weniger krank und modernd, der stickige Atem der Kramläden war
-in dem schmalen Streifen Bläue verflogen, der hoch über den engen
-Giebelfluchten stand. Nur das unergründliche Gemisch der römischen Gerüche
-war geblieben: ein widerwärtiger Duft vom Blut der frischgeschlachteten
-Tiere, die an gebogenen Hölzern vor den Türen hingen, die scharfe Süße
-alter Orangen und Zitronen, Parfüme von Zimt und Pfeffer, von Nelken und
-Öl, von dem Bodensatz geleerter Weinfässer, die vor den Kellern lagen, und
-dem süßen Fäulnisarom halbwelker Rosensträuße, die jemand auf die Straße
-geworfen hatte. Schmutzige Kinder lagen auf den Pflastersteinen, Weiber in
-hellen Blusen schrieen sich über die Straße unverständliche Worte zu und
-fuhren sich mit den hölzernen Stricknadeln in das geölte Haar, in der Stube
-eines Barbiers lehnte am abgeschabten Plüschsessel ein braungebrannter
-Bersagliere und log den Umstehenden Kasernengeschichten vor. Der
-Hahnenbusch auf seinem Helm ging wie ein Wedel durch die Fliegenschwärme ..
-
-Der Kopf des jungen Octavian zeigt die Verwandtschaft mit Caligula. Was
-aber bei dem Urenkel krankhafte Übertreibung und Verfall war, ist hier
-von wundervoll bewußter Kraft gemäßigt und gebunden. Nichts als ein großer
-Wille steht in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch, vom Schicksal für eine
-Aufgabe vorbereitet, die der Neunzehnjährige wohl gläubig ahnen, doch
-nicht entwickeln konnte. Berufensein und leidenschaftliche Sehnsucht nach
-Erfüllung bestimmen den Ausdruck dieses jugendlichen Gesichtes. Der Geist
-hat die Herrschaft, nicht das Gefühl, noch viel weniger die Sinne. Herrisch
-geht über das rechte Auge die abgebrochene Braue, und über die Braue die
-unerbittliche Falte des Grüblers. Dieses Antlitz hatte keine Träume,
-es hatte einen Traum. Daraus wuchs das Spiel der Kräfte: Einsicht und
-Machtbegabung mischend. Das Lebensgesetz, das tiefe, unbewußte Künstlertum
-des römischen Staatswesens hat sein Symbol in diesen Zügen: zu herrschen
-durch die Kraft, die sich selbst das Gleichgewicht zu halten weiß: die alle
-Gegensätze aufsaugt, in dem sie alle einem Endziel dienstbar macht.
-
- *
-
-Auf der steilen Strada delle Mura, die das Stadtviertel des Trastevere
-abschließt, ging ich der Villa Doria Pamphili zu. Ein Verlangen nach Grün,
-nach stillen Wiesenflächen trieb mich aus der Stadt. Schon stand die Sonne
-hoch, der Wind war in die oberen Lüfte gezogen und spielte in den Kronen
-der Bäume. Unter den Pappeln einer kleinen Osteria, die zwischen hellen
-Kleefeldern ein wenig abseits vom Wege lag, hielt ich kurze Rast. Ich ließ
-mir Brot und Wein bringen und sprach mit der Bäuerin, die über einer großen
-irdenen Schüssel Bohnen schälte. Ihr Mann hatte Artischocken in die Stadt
-getragen zu einem Wirt an der Piazza Navona, der sie auf eine besondere Art
-zuzubereiten verstand. Er zahlte gut, weil ihn die Fremden gut bezahlten.
-Die Fremden! Sie lachte mir in das Gesicht, als sie die Worte wiederholte.
-Ich nickte. »Aus welchem Land ich sei .. Warum die Deutschen so gerne
-nach Rom kämen .. Warum sie so selten im Wagen fahren und so oft auf den
-schlechtesten Feldwegen spazieren gehen. Im Februar seien des öfteren zwei
-junge Leute gekommen, um Veilchen auf den Wiesen der Villa Doria Pamphili
-zu suchen, ganze Hände voll Veilchen. Einmal habe sie ihnen einen kleinen
-Bastkorb verkauft, da sie die Blüten nicht mehr in Händen halten konnten ..
-In wenig Tagen werde der Mohn in den Kleefeldern vor dem Hause aufgehen,
-dann müsse ich wiederkommen. Gegen abend, wenn die Kuppel von St. Peter
-zwischen den beiden Pappelbäumen hart über dem Scharlachrot stehe ..«
-
-Im Inneren des Hauses schrie ein Kind. Sie stellte die Schüssel auf den
-Tisch und lief davon. Der Geruch der frischgeschnittenen Bohnen wehte auf,
-ein Geruch von Erde und Regen, im festen, kühlen Grün gemischt. Ich trank
-meinen Wein aus und ging auf der schattenlosen Straße bis zum Park der
-Villa weiter.
-
-Dieses Grün nimmt dich hin, es macht dich leicht und trägt dich empor in
-das ruhige, ruhige Blau über seinen Wipfeln. Du hebst die Arme auf, die
-stille Seligkeit zu fassen, die unaussprechlich bleibt und doch so nah, so
-greifbar wirklich ist. Dann gehst du weiter und weißt kaum wie, Wege öffnen
-sich und schließen sich im schweren Laub, öffnen sich wieder und weisen in
-eine runde, goldne Helle, ganz fern .. unerreichbar fern .. Lässig wandelst
-du hinab im Spiel der Sonnenkringel.
-
-Das Rund des Ausgangs erweitert sich, wo nur Licht war, steht wieder
-Landschaft, eine Wiese steigt zu stillen Steineichen hinan, Sternblumen und
-Salbei blühen im hohen Gras. Geblendet trittst du in die Lichtung. Bienen
-schwirren. Die Statuen am Giebelsims der Villa glänzen. Die Blumenvasen
-oder Feuerpfannen auf dem höchsten Geländer des Daches glänzen. Ein neuer
-Lorbeerweg führt zu einer neuen Lichtung. Vögel flattern. Auf dem Spiegel
-eines Teiches gleiten hochmütige Schwäne. Pfauenaugen tanzen über den
-Halmen. Vor dir liegt wieder offnes Land, die braune Campagna, und hinter
-ihr Frascati, der Monte Cavo mit den Häusern von Rocca di Papa über den
-alten Kastanienwäldern. --
-
-Glocken drangen durch die Stille. Es läutete Mittag. Die Stunde war
-gekommen, nach San Pietro in Montorio hinabzusteigen und Rom enthüllt im
-Wüten des Lichtes zu sehen.
-
-Das Auge, noch eben gehütet von der Sanftmut des unbewegten Grüns,
-stürzt in ein Gelb, ein Rot, ein Weiß hinab, so jäh, daß sich die Wimpern
-schmerzend schließen. Es hilft dir nichts, daß du im Laub des fernen
-Pinciohügels Beruhigung suchst: eh noch dein Blick auf diese Höhe gelangt,
-haben ihn tausend aufreizende Lichtspeere getroffen, die aus der Tiefe
-schießen, feindlich und wild. Aus allen Glasfenstern springt dir
-die erhitzte Helle entgegen, aus den Bleirinnen der Dächer, aus den
-Kupferplatten und Goldbändern der Kuppeln, aus dem Marmor der Säulen und
-Friese, aus den Schuppen der Tiberwellen, aus Höfen und Winkeln, aus
-jeder kochenden Wand. Ganz Rom ist nichts anderes mehr als ein sinnloses,
-steinernes Gleißen, hart und verräterisch. Rom wirft sich zum Kampf auf
-gegen das spähende Auge, wie die belagerte Stadt sich vor den Blicken der
-Spione wehrt. Sein rätselvoller Dämmer droht zu zerstieben, seine purpurne
-Macht zu verblassen: Zerbrochene Mauern, zerbröckelnder Kalk, Dächer,
-von Ruß geschwärzt, mit fehlenden Ziegeln, Höfe voll Unrat und Verwesung,
-verstaubte, erblindete Fenster mit geborstenen Rahmen, trostlose Stuben mit
-armen, zerlumpten Betten, Balkone mit klaffenden Eisengeländern, durch die
-ein Kind auf die Straße stürzen kann, zerschlagene Schornsteine, aus denen
-die Funken im niederwehenden Rauch auf die Dächer fallen, durchlöcherte
-Dachrinnen, die das schmutzige Regenwasser nicht mehr halten können. Wer
-nennt, was er sieht?
-
-Und was will zuletzt all dieses Zerfallende und Zerbröckelnde noch vor
-einem Himmel heißen, der seine Gnade unerschöpflich ausgießt und das
-Verwahrloste immer wieder in den tiefen Schutz seiner Bläue aufnimmt?
-
-Luft schon ist Hülle hier, Luft schon heilt die Wunden. O Rom! wage, dich
-preiszugeben! Noch mit deiner Schwäche wirst du siegen, mit deinem
-Elend noch Entzückung streuen. Unverwundbar bleibt die Herrschaft deiner
-Schönheit.
-
-Ich wende die Augen nach Süden: Ich sehe den Monte Testaccio, den
-Scherbenberg, auf dem die uralten, zertrümmerten Weinkrüge der Römer wieder
-zu Staub geworden sind. Ich sehe die einsame Pyramide des Cestius und ferne
-die Kuppel St. Pauls. Ich sehe die träumenden Hügel des Aventin, San Sabas
-wehmütig wiegende Erlenwipfel über dem Dach, San Alessios Türme, und
-ich errate die Gärten, die unter dem Priorate der Maltheser zum Fluß
-hinabsteigen.
-
-Ich wende die Augen nach Osten: Feldwege kreuzen im Licht, vor
-Lorbeergesträuch und Pinien hebt sich die Villa Celimontana, und hinter ihr
-San Stefano Rotondo. Ruhig im Golde, fern und gelassen, breitet der Palatin
-seine Mauern, seine Zypressen wachsen hoch in die Bläue wie die Statuen am
-First des Lateran. Bläue bricht aus den Fensterhöhlen des Kolosseum, Bläue
-aus den Wipfeln des Esquilin.
-
-Ich wende die Augen nach Norden, die Kuppel des Quirinals überfliegend, die
-Zypressen der königlichen Gärten und die schmale Säule Trajans. Wie flammt
-die Villa Medici neben den Türmen der Trinità! Wie mögen meine Brunnen
-rieseln im heißen, stummen Mittag, wie mag das Gold ihrer Tropfen schwer
-und gesättigt in die dunkelgrüne Tiefe des untersten Beckens fallen ..
-
- *
-
-In keiner aller früh durchwanderten Städte ging ich so oft am Abend in die
-armen Viertel hinunter wie in Rom. In keiner saß ich stiller, träumender
-bei Taglöhnern und Dirnen. In den finsteren, nur halb ausgebauten Straßen
-am Testaccio, durch die Marmorata, am Tiber entlang bis zur Bocca della
-Verità und weiter über die Piazza Montanara im alten Ghettoviertel ging ich
-in mancher warmen Nacht. Die Freunde schüttelten die Köpfe und warnten.
-Ich fühlte, daß mir nichts geschehen konnte. Der späte Wanderer, der mich
-ansprach, mußte fühlen, daß ich ein Gleicher unter Gleichen ging. Wenn ich
-mich vor einer kleinen, trüben Schenke hinsetzte, fragte mich keiner, woher
-ich komme und was ich hier zu suchen habe. Nie bot sich eine Dirne an,
-nie bettelte eine um Geld. Einmal, als ich am Flußbett niederstieg, sprang
-einer auf, der im Gesträuch gelegen hatte. Noch ehe er den Mund öffnen
-konnte, fragte ich nach dem Pfad, der zum Boothaus hinabführt. Seine Züge
-wurden freundlicher:
-
-»Sie wollen rudern?«
-
-»Ich will zu Giuseppe Pangi.«
-
-»Er ist vor einer halben Stunde in die Kneipe zur Carolina gegangen. Wenn
-es Ihnen recht ist, kann ich Sie hinausfahren.«
-
-»Nein. Ich kenne Sie nicht.«
-
-»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich bin genau dasselbe, was Pangi
-ist.«
-
-»Sind Sie Soldat gewesen?«
-
-»Jawohl! Drei Jahre lang in Caserta.«
-
-»Wollen Sie mich bis zum Ponte Palatino fahren?«
-
-Er reichte mir die harte Hand und führte mich durch Cichoriensträucher
-den steilen Abhang hinunter. Die Ketten des Bootes klirrten auf den hohlen
-Brettern, die Ruder schlugen in den Schlamm des Ufers. Auf träger Welle
-gewannen wir die Mitte des Stromes. Meine Augen suchten den steilen Anstieg
-des Aventin. Die Wipfel ragten schwermütig in die schwüle Luft, die graue
-Watte des Himmels hing unbewegt über den schwarzen Bäumen. Auf der anderen
-Seite des Flusses, hinter dem Landungsplatz des Großen Hafens, hob sich die
-monotone Front des Armenhauses. Hinter einigen Fenstern brannte schwaches
-Licht.
-
-»Kranke, sagte der Schiffer, sie fühlen den Scirocco und können nicht
-schlafen. Vielleicht sind sie morgen tot.«
-
-Ich hieß ihn bald zurückfahren. Wir gingen nebeneinander der Stadt zu. An
-der Bocca della Verità bog ich ab, um nach dem Judenkirchhof zu gehen. Der
-Fremde begleitete mich. Fast schon im Feld, hart an einem halbverseuchten
-Bach, aus dem ein fauler Atem aufsteigt, liegt dieser Friedhof mit seinen
-vielen Zypressen. Mein Gesicht rührte an die eisernen Stangen des Tores;
-bleich und wesenlos dämmerten die weißen, schmucklosen Mäler durch die
-Nacht. Dürstend stand das Schwarz der Bäume im Dunst der bleiernen Luft.
-
-Wir wandten uns nach der Bocca zurück. Zerbröckelnd in der Asche ihres
-Gesteins lag Santa Maria in Cosmedin, die süße Kirche, in deren Namen schon
-der Orient funkelt: Byzanz, die Stadt aus Gold und Lapislazuli. Wie müd
-ist dieser Brunnen in der Mitte des offenen Platzes, wie müd der runde
-Sonnentempel mit seinen korinthischen Säulen, wie müd sind die fleckigen
-Wände dieser armen Häuser. Lastfuhrwerk zieht hier am Tag entlang,
-Frachtkähne treiben im Strom, Geschrei kommt vom Großen Hafen herüber,
-Staub weht -- des Nachts geht achtlos kaum ein Wandrer hier vorüber. Hier
-war der Rindermarkt der Alten und etwas weiter, wo noch der Bogen der
-Geldwechsler steht, der Kaufplatz für die feinen Speisen der Tafel. Wie
-müd vom wesenlosen Hin und Her so vieler Tritte sind diese Straßen, wie
-abgebraucht und elend. Erbarmungslose Nacht über kranken Mauern! Kein
-Silberstreifen Mond, kein Tau von Sternen schenkte leise Linderung. In
-jedem Augenblick konnten die ersten Tropfen fallen.
-
-Wir traten in eine Schenke, nahe der Piazza Montanara. Meine Stirne
-war feucht. Die Zunge war kaum vom Gaumen zu lösen. Das Kreuz begann zu
-schmerzen .. Scirocco ..
-
-Fremde Gesichter starrten mich an. Ein Mädchen schlief an der Schulter
-eines großen Bauernburschen, eine andere malte gedankenlos Figuren in
-das Verschüttete ihres Weinglases. Viele Schiffer standen am Schanktisch,
-hinter dem eine alte, ernste Frau teilnahmlos und fast feindlich saß.
-Giuseppe Pangi kam mir entgegen. Er gab mir die Hand:
-
-»Sie waren auf dem Wasser?«
-
-Ich deutete auf meinen Begleiter, der schweigend neben mir saß.
-
-»Warum hast du mich nicht gerufen?« fuhr Giuseppe den andren an.
-
-»Ich wurde nicht darum gebeten!«
-
-Giuseppe sah nach mir. Ich lachte:
-
-»Es wäre für die kurze Fahrt nicht der Mühe wert gewesen. Sie wissen, daß
-ich es nicht vorherbestimmen kann, wann ich nachts herunterkomme ..«
-
-Umsitzende waren auf das Gespräch aufmerksam geworden. Einige traten
-heran. Plötzlich fragte ein Kerl, aus welchem Lande ich sei. Wütend sprang
-Giuseppe auf: »Geht es dich etwas an, du frecher Hund? Willst du dich
-unterstehen, einen Fremden auszuforschen, der noch kein Wort zu dir
-gesprochen hat? Habe ich jemals gefragt? Und ich rudere ihn seit Wochen auf
-den Fluß hinaus?«
-
-Ich unterbrach ihn und wandte mich an den Frager, der mich prüfend maß:
-
-»Warum wollen Sie wissen, aus welchem Lande ich bin?«
-
-»Ich will es Ihnen sagen: wenn Sie ein Deutscher sind, dann sollen Sie
-verrecken! Ich bin ein Kutscher, und ein Deutscher hat mich heute um fünf
-Lire betrogen ..«
-
-»Ich bin ein Deutscher«, sagte ich ruhig und stand auf.
-
-Ich fühlte, wie sich zwei Parteien bildeten. Giuseppe trat hinter mich:
-
-»Schmeißt den Kerl hinaus, der die Fremden beschimpft, an denen wir unser
-Geld verdienen, den Lump, die Saufeule!«
-
-Ein fürchterlicher Lärm hob an, die Wirtin jammerte und schlug die Hände
-ein über das andere Mal auf die breiten Hüften .. Die Tür flog auf -- man
-hörte einen Augenblick lang das Aufklatschen des Regens -- dann war tiefe
-Stille.
-
-Ich ließ Wein und Zigarren bringen. Sie saßen alle um mich, Pferdeknechte
-und Bauern, Steinklopfer und Gärtner, Schiffer und Maurer -- und ich
-erzählte von meinem Land: von Arbeit und Lohn, von Achtstundentag und
-Sonntagsruhe, von Heer und Flotte, von Verwaltung und Gericht .. von allem,
-was einem Wunsch oder einem Bedürfnis ihres einfachen Lebens entgegenkam.
-Sie warfen Fragen dazwischen, sie stellten Vergleiche an, selbst die Wirtin
-hatte sich herangesetzt und hörte mit zu.
-
-Es war fast ein Uhr, als ich aufbrach. Alle boten ihre Begleitung an.
-Ich bat einen oder zwei, mich bis zur nächsten Haltestelle der Wagen zu
-bringen. Ich fürchtete, der Hinausgeworfene könne irgendwo im Dunkel auf
-mich lauern. Aber es ließ sich niemand blicken.
-
-»Porco d'un Napoletano!« sagte Giuseppe, während er in weitem Bogen
-ausspuckte ..
-
- *
-
-Ich ging mit Axel dem Palatin zu. Am Eingang der Via San Teodoro nahm uns
-blauer Schatten auf. Wir blieben bei den Pferden stehen, die Tag für Tag
-vor einer Stallung dieser Straße an niedrigen Wassertrögen geputzt werden.
-In den großen Augen der Tiere schwamm das Gold des Abendlichtes. Axel
-streichelte die Nüstern eines schlanken, braunen Füllens und legte den Kopf
-an die weiche Seide des dünnen Halses. Der Knecht ließ Bürste und Striegel
-sinken. Er sah mich an, wie wenn er meine Bestätigung suchte und sagte
-strahlenden Auges:
-
-»O l'aspetto! la testa d'un bel cavallo e la faccia d'un bel Signorino ..«
-
-Wir traten schweigend durch die schmale eiserne Schranke des Eingangs auf
-den Grasweg, der zur Höhe des Palatin führt. Die späte Sonne lag auf den
-Mauerzinnen. Das schwere Grün regloser Wipfel grüßte aus hoher Bläue. Durch
-kühle Bogengänge gelangten wir auf die Höhe, wo die Trümmer der Paläste
-liegen. Wir standen vor Blumenvestibülen, die den Schritt müder Kaiser in
-ihre Stille gelockt hatten, vor abgebrochnen Säulen, auf denen einst die
-goldnen Ziegeldächer ruhten. Unwillkürlich lenkten wir die Schritte nach
-den abgelegenen Mauern, die ganz von Maréchal Niel-Rosen bedeckt sind.
-Schon hatten einige Blüten die süße Streu ihrer Blätter auf das gebleichte
-Gras geschüttet. Wir wandelten auf und nieder, verloren uns für Augenblicke
-zwischen Gebüsch und Trümmern und trafen uns wieder vor dem Glanz einer
-Blume, vor dem Rätsel eines zartgemeißelten Säulenknaufs oder dem dunklen
-Aufbruch einer Zisterne. Axel hatte einen Grashalm durch den Mund gezogen
-und stand bloßen Hauptes gegen den Schatten einer Zypresse.
-
-Alle Weiten waren süß und still im Abendlicht. Alle Büsche und Wipfel
-hatten das dunkle Gold der Lüfte fest an sich gezogen. Wir fühlten
-nicht mehr, daß Lärm von staubigen Landstraßen heraufdrang, Knarren der
-Wagenräder von hellgelben Feldwegen, die sich hinter dem Aventin und tief
-in der Campagna verloren. Wir waren so abgeschieden wie auf einer einsamen,
-spät umsonnten Waldwiese, die die Nacht kommen fühlt. Wir ließen uns im
-Grase niedersinken bei hohen, gelben Ginsterbüschen und suchten über uns
-das weiche Schweben breiter Pinienkronen, das Flattern einer Lerche, die
-singend aufstieg. Wir sahen nach den Oleanderbäumen hinüber und fanden
-die weißen und roten Knospen weiter aufgeschlossen als am Tage zuvor. Wir
-suchten das Gerank der Winden und staunten, wie hoch es in die Baumwipfel
-hineinwuchs. Wundervolle Winden gibt es auf dem Palatin: Kelche aus
-seidenem Samt, tiefblau und weiß, und manche mit purpurnen Zungen auf
-violettem Grund. Sie hängen aus Efeugebüsch nieder, sie drängen sich aus
-der grünen Wildnis feuchtwarmer Ecken ans Licht und säumen die Ränder des
-Weges. Süß ist ihr Hauch und krankhaft zart wie der Nachduft einer feinen
-Salbe. Sie trinken ihr Leben aus der Tiefe des Tages. Wenn Dämmerung naht,
-schließen sie langsam die Blumen und sterben. Sie ertragen die Hand
-der Menschen nicht. Die scheueste Berührung läßt Wunden und tötet ihren
-Schmelz. -- --
-
-Später gingen wir bis hinter den Palast des Septimius Severus und sahen
-nach der Appischen Straße hinunter. Mohnfelder wuchsen die stillen Hügel
-hinan, schwere Gespanne zogen heimwärts. Der Fremde, der dort unten den
-Abend kommen fühlt, schreitet rascher aus und bannt ein Grauen am letzten
-Sonnenglanz der Kuppeln. O Heimweh vor den Toren Roms! Wie wehtest du uns
-an, als über den Villen von Frascati bleiche Rosenkränze aufblühten und die
-Erlenwipfel über San Sabas Hof sich leise regten. Axel sah mich lange an.
-Seine Brauen waren hochgezogen, das ganze Gesicht in unendlicher Bewegung
-angespannt:
-
-»Fühlen Sie es auch?« fragte er, fast ohne den Mund zu öffnen ..
-
-Ich senkte die Stirn.
-
-Er atmete tiefer.
-
-»Wir müssen zurück in unsere nordische Seele. Dieses Land nimmt uns die
-Fröhlichkeit. Es macht uns feierlich. Wir sind zu weich. Wir fühlen zu
-viel Schönheit und haben keine Waffen. Es hilft uns nichts, daß wir schöne
-Strophen schreiben, um unser Übermaß an Fühlen zu bannen: die Künste
-steigern nur, sie mildern nicht. Sie vertiefen alles und lösen
-nichts.« -- --
-
-Wir wandten uns und gingen die Terrasse entlang nach rückwärts, um den
-Ausgang zu erreichen, der zur Via di San Gregorio hinunterführt. Der Abhang
-lag im Schatten. Zwischen Rosengebüsch und Lorbeersträuchern traten wir auf
-das Mohnfeld, das sich bis zur Straße hinabzieht. Dann durchquerten wir
-den Konstantinbogen und gingen dem Forum zu. Ein Wärter, der uns kannte,
-öffnete eine schmale Seitenpforte. Vor einem kleinen Wasserbecken setzten
-wir uns nieder. Rosen umblühten den Rand der Einfassung. Die Abendröte
-spiegelte tief in dem unbewegten Gewässer.
-
-Und Axel Arnedal begann von Schwedens Buchenwäldern und weißen
-Sommernächten zu erzählen ..
-
-Wir beschlossen den Tag auf dem Aventin in San Sabas stillem Orangenhof.
-Zwischen den niedrigen Hecken der Obst- und Weingärten führt der Feldweg
-zur Kirche empor. Brennesseln wuchern am Rain, Königskerzen, Winden und
-Schirling. Tiefe Furchen zeigen den Lauf der Karrenräder. Gesang der
-arbeitenden Mädchen schwingt über der grünen Einsamkeit. Eine ferne
-männliche Stimme antwortet, noch weiter hebt eine andre die neue Frage
-auf .. und kaum noch vernehmbar zittert im letzten Lichtsaum der Gegensang.
-Taubenschwärme fliegen aus den Beeten auf. Wasserträger kommen von den
-Brunnen, am Ende des Pfades winkt die kleine Kirche. Die Säulenbögen
-des oberen Geschosses stehn in stillem Glanze. Übervoll vom Dufte der
-Orangenblüten ist der kühle, feuchte Hof. Die Seele des inneren heiligen
-Raumes, ergreifend schlicht und unbeholfen, enthüllt die frühesten
-christlichen Jahrhunderte. Die hierher beten kommen, sind arme Bauern, die
-rings ihr Feld bestellen und Gott um Regen oder Sonne anflehen.
-
-Wir blieben lange und gingen erst nach Sonnenuntergang. Vor uns, im blassen
-Grün der Lüfte, schwebte die überirdisch-süße Säulenapsis von San Giovanni
-e Paolo.
-
- *
-
-Tivoli: Wenn das Auge lange genug auf dem blauumdufteten Grün der
-Bergkuppen geruht hat, wenn es vollgesogen ist vom honiggelben Überfluß der
-Ginsterblüten, vom Regenbogenschimmer des aufwirbelnden Kaskadenstaubes,
-mag es tief in der dunklen Stille des Gartens versinken, der an den Treppen
-der Villa d'Este niedersteigt.
-
-Hier ist vollkommenes Abgeschiedensein wie auf dem Palatin. Auch Schritt
-und Stimme fremder Besucher vermögen nicht mehr die versunkene Seele
-aufzuscheuchen. Aber es ist ein anderes Alleinsein, in das du hier
-untertauchst: weniger weit, weniger unbestimmt. Du fühlst dich deiner
-eigenen Zeit und ihren Träumen näher, das Raunen dieser Stille ist dir
-vertrauter. Wie süße, zu keiner Melodie gebundene Musik webt es über den
-Wipfeln. Ein Windhauch hebt die Töne auf, ein andrer verwischt sie
-und trägt sie weiter in das hellgrüne Leuchten einer Wiese oder in den
-Schattengang der ewig unbewegten Zypressen. Aus den Wassern steigt das
-unwirkliche Lied und versinkt in den Wassern, wie der kurzgebrochene Lauf
-einer silbernen Windharfe. Nur wo das Lorbeerdickicht jeden Atemzug der
-Lüfte bannt, wo feuchter Dunst in schwarzen Hecken steht und Asfodelen
-blühen, müssen die Klänge verstummen. Verwitterte Steingesichter sehn dich
-klagend an, zwischen Unkraut zerbröckelt der graue Rand geschweifter Vasen.
-Es hält dich nicht länger im Brüten dieser Einsamkeit. Leichter erträgt
-sich das Wunder des Gartens am Rande der breiten Steinbecken, in die das
-kristallene Bergwasser einströmt: grün wie die Bäche, die aus Gletschern
-stürzen. Steineichen lassen die Äste auf der Flut schleifen. Gold der Lüfte
-tröpfelt zwischen den Zweigen. Dein schwankendes Antlitz lächelt aus dem
-bewegten Grunde zurück. Bläue wiegt sich im schaukelnden Spiegel. Helle,
-feierliche Bilder werden geboren: Von den Treppen steigt im Morgenlicht
-die Prozession. Scharlach unter gelben Baldachinen, weißwehende Gewänder
-blumentragender Frauen. Die Weihrauchfässer dampfen .. die Litaneien ziehen
-dem Zuge nach.
-
-Ippolito d'Este, der Kardinal, wußte, was er zuweilen dem Volk von Tivoli
-schuldig war. Aber dann blieben die Gärten wieder verschlossen .. die
-tiefen, kühlen Gärten mit dem Geheimnis ihrer anderen Feste ..
-
-Ganz am Ende der südwestlichen Mauer ist ein kleiner, halbrunder Ausbau.
-Dort saß ich lange mit Axel und betrachtete das Land, das sich hinter
-Ölbaumhügeln und Weingärten dehnte. Schirlingsträucher, hoch wie ein Mann,
-schossen im Mauerwinkel empor und hoben den feinen Schattenhauch ihrer
-Blumen aus dem Schaft .. ganz in der Tiefe zog die Straße, weiß und
-verstaubt, nach Rom. Da die mattsinkende Sonne einen Abend von Purpur
-und Lila versprach, ließen wir den Wagenlenker die Richtung von Nemi
-einschlagen. Axel deutete im Vorüberfahren nach der Zypressenallee der
-Villa Adriana und fragte:
-
-»Wissen Sie, ob Antinous mit dem Kaiser nach Rom kam und dort am Hofe
-gelebt hat?«
-
-»Ich weiß es nicht. Doch glaube ich, daß Antinous schon gestorben war, als
-Hadrian in die Hauptstadt zurückkehrte.«
-
-»Wie qualvoll muß ihm diese Heimkehr gewesen sein, wie traumlos! Er
-hatte seinen Gott verloren, die Schönheit, welche ihm Welt und Kaisertum
-erträglich machte ..«
-
-Axel hatte sich mir zugewandt. Sein weiches Profil stand gegen das getrübte
-Orange des westlichen Horizontes. Leidenschaftlich fuhr er fort:
-
-»Ich habe nie ohne Ergriffenheit gelesen, daß das Volk dem Liebling seines
-Kaisers Altäre baute, ja daß die christlichen Priester noch bis in das
-fünfte Jahrhundert gegen diese Kulte eifern mußten« -- --
-
-Schon flog ein bleiches Grün am Rande der Himmelswölbung empor, als wir
-den Hügel von Frascati umfuhren. Von den Kuppen war der letzte Sonnenglanz
-gewichen, sie standen basaltblau gegen die graue Seide des oberen Äthers.
-Kein Hauch ging in den Wipfeln. Erstarrt in seiner Armut lag Albano, ein
-Haufen bröckelnden Gesteines, Ariccia, etwas heller auf der Höhe, Genzano,
-leicht von safrangelbem Schimmer überflogen .. erblindet aber, leblos, im
-schwarzen Grunde fiebernd, der Nemi-See. Ob die Mittagsonne goldne Nägel
-in das Blei des brütenden Gewässers schlägt, ob Abendblau von allen Hügeln
-fließt, ob Veilchenpurpur aus dunstigen Sonnenuntergängen fliegt wie nun,
-da wir im Garten der Villa Cesarini standen und in die Tiefe sahen: immer
-wohnt hier der Tod. Schrecklich ist dieses Wasser, ohne Frische, ohne
-Atemzüge, leblos von der erschütterten Flanke eines Kraters aus vergiftetem
-Grunde heraufgespült. Es ist kein Friede über dieser Landschaft. Hier ist
-nichts ausgeruht und nichts voll Wonne an die Abendkühle hingegeben.
-Hier ist nur Tod, metallener Tod: Stahl die Berge, Messing und Kupfer der
-Himmel, Quecksilber die Flut.
-
-Axel trat von der Mauerbrüstung zurück. In seinen Zügen lag eine Abwehr wie
-von bitter Gekautem:
-
-»Ich hasse dieses Gewässer. Es graut mich vor allem, was krank und
-verdorben ist. Ich bin lüstern nach dem, was strahlt und weht« -- --
-
-Im Brande der Campagna fuhren wir Rom entgegen. Hinter dem Wagen wogte die
-rote Wolke des Staubes, die Lüfte glühten wie Pechnelkenbeete. Wir flogen
-dahin, vorbei an flammenden Herden, an flammenden Brunnen, an blutigen
-Tümpeln und blutigen Mauern, an entzündeten Gehöften und Brückenbögen, an
-ausgeglühten Wasserleitungen und halbverkohlten Pinien .. mitten hinein in
-die lichtgrünen Golfe über den Dächern der Stadt, in den beruhigenden Hafen
-hinter den langezognen Sandbänken aus Rosa und Heliotrop.
-
- *
-
-Axel war gekommen, um mit mir auszufahren.
-
-Ich war gerade aus dem Sabinergebirge zurückgekehrt, wo ich ausländische
-Freunde auf ihrem Landgute besucht hatte.
-
-Ihr Haus lag auf einem kleinen Hügel unter hohen Ulmenbäumen, in Feld
-und Garten standen Kastanien, Steineichen und Birken. Ich hatte weiße
-Wolkenberge über blaugrünen Bergrücken aufsteigen sehen, ich hatte
-schäumende Waldbäche rauschen hören. In allen Gärten längs des Weges hatten
-Löwenmäuler und Lilien geblüht, Federnelken und Moosrosen. Geruch von
-Wiesentriften und kühlem Moosboden war mir an jeder Wende der Straße
-entgegengeschlagen, und nur die hellbraunen Bergkuppen, wo über
-Ginsterfeuern die nackten kleinen Städte wuchsen, hatten immer wieder daran
-erinnert, daß dies römisches Land war.
-
-Ich war bis nach dem steilen Subiaco hinaufgefahren, um die berühmten
-Klöster zu sehen und hatte lange in dem wildblühenden Säulenhof von Santa
-Scolastica gesessen, während mir ein Mönch die Geschichte der Heiligen
-erzählte. Noch länger aber hatte ich auf dem heißen Grasweg geruht, bei
-Glockenblumen und Löwenzahn, und das unersättliche Auge am Wechsel der
-Wolkenschatten auf den Hügeln vollgesogen. Im Wehen des Windes war
-das Rauschen der Aniowellen zu mir herufgeklungen, und einmal hatten
-raschverwehte Glockenklänge den Weg durch die glänzenden Lüfte bis zu
-meinem Ohr gefunden. Um mich her weideten braune Füllen, junge Esel waren
-an einem Olivenbaum festgebunden und fraßen an dem kurzen, harten Gras.
-Kinder standen im Kreise um mich her, seltsam still und ernst. Als ich
-bergab stieg, folgten sie mir scheu bis zu dem Wagen, der an der schattigen
-Landstraße wartete.
-
-Am Abend aber nahm mich das Haus der Freunde auf, gefüllt vom Zauber des
-ländlichen Sonntags und tief in Ströme reinen Abendgoldes eingetaucht.
-Alle Gespräche waren heiter und leicht beim gemeinsamen Mahl. Der Wein
-des Landes duftete aus flachen Gläsern, Risotto, Maccaroni und Fleisch
-von Hühnern dampften auf den Schüsseln, Kirschen und Nespeln lagen im
-geflochtenen Bastkorb. Dann kam der starke schwarze Kaffee, der blaue Rauch
-der schweren Zigarren und die Vertiefung des Gespräches. Und alles löste
-sich am Ende auf in der silbernen Sonate von Scarlatti, die aus den dünnen,
-eingeschlafenen Saiten aufstieg. Es war spät geworden. Die Sterne standen
-im offnen Fenster, die Birkenwipfel fingen an, sich im Nachtwind zu regen,
-Leuchtkäfer flogen -- Tausende von grünen Funken -- im Dunkel duftender
-Rosmarinsträucher, und mitten in das Rieseln und Lachen der Alegrettoläufe
-fiel lautes Schluchzen träumender Nachtigallen. -- --
-
-Dies alles hatte ich erzählt, während Axel einige welke Blätter aus einem
-Kamelienstrauß entfernte und eine Blüte in das Knopfloch steckte. Er setzte
-sich auf das Fensterbrett und fragte:
-
-»Wollen Sie wirklich morgen reisen?«
-
-»Bestimmt. Ich fahre am Nachmittag nach Neapel und nehme abends den Dampfer
-nach Palermo.«
-
-»Ich verstehe Sie und verstehe Sie doch nicht. Es liegt soviel Grausamkeit
-in der Art Ihrer Beschlüsse ..«
-
-Es wurde an die Türe geklopft. Man meldete, daß der Wagen bereit stehe.
-
-Wir fuhren nach den Thermen, um noch einmal zusammen den Epheben von
-Subiaco zu sehen. Ich kenne keinen Torso, der mich tiefer ergreift. Kopf
-und Hände fehlen -- der Leib allein offenbart die grenzenlose Leidenschaft,
-das inbrünstige Hinverlangen nach dem ersehnten Ziel. Der Marmor blüht in
-dunkelgoldner Fülle, die Poren atmen warm und gesund, die Lust des Tieres
-und die stille Beseelung des ganz von einer inneren Sehnsucht ergriffenen
-Menschen ist in dem Rhythmus der stürmischen Bewegung vermengt, die um so
-tiefer hinreißt, je weniger sie bedingt gedeutet werden kann.
-
-Axels Hände lagen auf den Hüften der Statue.
-
-»Ich kann nicht anders, sagte er leise. Ich muß berühren, was ich liebe.
-Mit meinen Fingerspitzen muß ich fühlen, was ich besitzen will. Ich bin wie
-Kinder und Blinde, die erst im Tasten ganz erkennen.«
-
-Niemals mehr werde ich diese schmale, starke Hand mit den flammenden
-Smaragdringen auf dem stummdurchglühten Stein vergessen.
-
- *
-
-Der Schattenweg, der zu Santa Sabina hinaufführt, nahm uns in seine hohen
-Mauern auf. Wir gingen langsam in den breiten Windungen empor. Kaum war
-etwas Grünes zu sehen: eine kurze Rasenböschung zur Rechten, verdorrt
-und staubig, sonst nichts als brauner Stein und blaue Luft .. später
-eine Baumpflanzung, ein freier Platz, unsäglich einsam, mit kurzem Gras
-bewachsen, und zwischen vier korinthischen Säulen der Eingang zu der alten
-christlichen Basilika. Hier weht im Schwung der schönen Halbkreise, die
-dem Raum jugendliche Belebung und das Maß der klaren Mitte schenken, die
-einfach-freie Seele des antiken Tempels. Das ganze Gotteshaus ist Frühling.
-Über seinen Dächern müßten blühende Kirschbaumäste schwanken, durch die
-offenen Fenster müßte ihr süßer Rauch statt Weihrauches wehen, wenn die
-Kerzen der Frühmesse am Altare flammen. Bienen müßten im Mittag zwischen
-den weißen Kelchen schwirren, und Schwalben, die leichten Schwalben des
-Aventin, sich über dem Abendgesang der Kinder wiegen.
-
- *
-
-Wenige Schritte von Santa Sabina liegt die Villa der Maltheserritter.
-
-Eine Pförtnerin öffnete das Tor.
-
-Wir schritten entblößten Hauptes den tiefen, von dunklem Laub gewölbten
-Gartenweg hinab zur goldnen Lichtung, in der Sankt Peters ewige Kuppel
-stand.
-
-Abwehrend liegt das Priorat des großen Ordens am steilsten Abhang des
-Aventin. Sein Garten steigt zwischen dichten Mauern in kleinen Terrassen
-die Böschung hinunter und öffnet seinen stillen, grünen Schoß der
-Abendsonne. Alles in diesen Laubgängen, in diesen Blumenbeeten deutet auf
-Abend, auf Frieden und Entlastung, auf lange, klare Gespräche, auf Sammlung
-und Traum. Wenig Fremde kommen hierher: wenige wissen von dem Geist, der
-hier um Baum und Blume schwebt, von der stillen Heiligkeit, die kaum ein
-ungebetener Schritt stört. Wer hierher geht, weiß im voraus, wo er ist.
-Und was er erwartet, fließt aus dem Einklang seiner Seele mit der Seele des
-Bodens, auf dem er wandelt: Wie tief ist das Gefangensein im Dämmer dieser
-Hecken, im Sonnenlicht, das um die alten Steinbänke spielt. In einem
-kleinen Brunnen singt der scheue, silberne Strahl Rosen und Schwertlilien
-das nie verstummende Lied, so zart-erinnerungsvoll im windverwehten Fall
-der Töne wie das Flötenlied eines Hirtenknaben hinter verlorenen Halden.
-Aber die schwache Melodie überschwebt nur den tiefer wogenden Gesang, den
-sie im Ohr des Lauschers weckt: Hymne der Liebe, welche den großen Gedanken
-im Herzen erregt und die große Tat.
-
-Arm in Arm wandeln die wieder erwachten Schatten der Ritter die stillen
-Pfade herauf: La Valette und der Marquis von Posa, St. Priest und Créqui,
-die Helden von St. Elmo. Malta steigt auf, steinern und rosa aus dem Email
-des Meeres gegen den Himmel getürmt, lodernd wie der Glaube seiner Hüter.
-
-Da fällt das Heimweh über dich: das namenlose uralte Heimweh des
-Vaterlandslosen nach seinem Vaterland: nach den Reichen des Geistes, der
-dich selbst beseelt und mit den Widerständen einer entgötterten Zeit ringt.
-Du weißt es, daß Tausende wie du im Dunkel glühn und leiden, du weißt
-es, daß tausend Sehnsuchten, der deinen gleich, die helfend-verbündete
-Sehnsucht suchen, daß ein Wille nach Zusammenschluß in all diesen
-Zerstreuten lebt, die einzeln unfruchtbar, als Ganzes eine unbesiegbar
-schöne Macht bedeuten müßten. Wenn einer käme, vom gleichen Geist erfüllt,
-zum Herrschen geboren und zum Wirken berufen, und seine Stimme zur Sammlung
-durch alle Länder schickte, Befreiung und Schönheit eines klaren, einfachen
-Lebens verkündend: wenn die Gefesselten sich um ihn scharten: so könnte
-ein Sturmwind durch die verängstete Menschheit fahren, forttreiben, was
-im Innern krank und verkrüppelt lebt und reinigen, was in verfaulter Luft
-geatmet hat. Wenn ein solcher käme und schüfe wieder Gleichgewicht! Setzte
-den Leib als unbedingtes schönes Maß und gäbe dem Geist die Herrschaft in
-der vorgeschriebenen Umgrenzung .. vertiefte die Irdischkeit und ließe das
-Feuer des schöpferischen Willens das Wirkliche so rein durchglühen, daß
-in der einfachsten menschlichen Tat die Gottheit fühlbar würde und Gestalt
-annähme! Wenn sich ein Orden derer formte, die das große Beispiel gäben:
-die aus der Arbeit an sich selber den Glauben an ihre Fruchtbarkeit nähmen,
-und dem Geiste getreu lebten, der nur dem Werk und nie dem Wirkenden dient!
-
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-NEAPEL / ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN
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-Neapel: Stadt voll ewiger Gegenwart, hellblau- und goldene Bewegung, Wehen
-von tausend bunten Tüchern im Winde, göttlicher Schmutz und göttliche
-Faulheit, Volk, nichts als Volk, frech und bescheiden zugleich, stolz und
-anschmiegsam, verdorben und harmlos, bezaubernd betrügerisch, maßlos in
-seiner Freude am Geld, sinnlich und wundervoll schamlos, ganz Körper, ganz
-Lust, ein Volk, in dessen Leben du gleitest, ohne zu wissen wie. Das ist
-nicht mehr das bewußte Hinabgehen zu den kleinen Leuten wie in Rom, das
-Aufsuchen ihrer Stadtviertel und ihrer Schenken: wo du gehst, wo du nur
-einen Augenblick verweilst, bist du mitten unter ihnen. Sie laufen dir
-nach, sie schreien dir zu, sie winken, sie bieten tausend verlockende Dinge
-an, Katzen und Hunde, Vögel, Blumen, Dirnen, Kuchen, Karten, Knaben, Eis,
-Zuckerwasser, Kastanien, eine Ziege .. Wenn du nur ahnen läßt, es könne
-dich irgendeine dieser Anpreisungen locken, bist du verloren. Du kannst
-nicht weitergehen, sie rühren dich an, der Hauch ihres schreienden Mundes
-streift dein Gesicht, die Flamme ihrer Augen lodert dicht vor deinen Augen,
-ihre Stimme wird bittend, einschmeichelnd, listig und überzeugend, die
-Hände helfen der Stimme nach, sie schließen sich in den Fingerspitzen
-am Mund, sie öffnen sich wieder, wenn sie ein leidenschaftliches Ecco
-begleiten. Erst wenn du die Redenden durch eine unerschütterliche Ruhe
-fühlen lässet, daß du längst dies alles kennst, wenn du nur lächelst und
-sie mitlaufen läßt, so lange sie wollen, ohne ein Wort des Unwillens (warum
-auch Unwillen?), bleiben sie langsam zurück. Aber einer oder zwei werden
-dir dennoch weiter folgen, vielleicht in einiger Entfernung und ganz voll
-neuer Angriffspläne. Sie warten, wenn du in ein Haus trittst, bis du wieder
-herauskommst, sie werden sich auf den Treppen herumtreiben und Würfel
-spielen. Nimmst du einen Wagen, so kann es leicht geschehen, daß sie auf
-dem Trittbrett mitfahren. Laß sie ruhig da stehen. Es ist ja so schön, in
-ihre verbrannten, verwahrlosten Gesichter zu schauen, denen kein Schmutz
-das Leuchten und das knabenhafte Gaunertum nehmen kann. Laß sie immer
-wieder bitten und betteln: Der Tonfall ihrer Sprache ist das Lied, das
-deine Fahrt begleitet. Sag ihnen, sie sollen sich auf den Boden des Wagens
-setzen, zünde dir eine Zigarette an und reiche ihnen wie einem Signore das
-Etui: Du wirst erstaunt sein, wie zurückhaltend-liebenswürdig sie sich eine
-Zigarette nehmen, die kleinste, die zerdrückteste .. frage sie dann nach
-ihren Eltern, nach ihren Geschwistern, nach dem Gehen und Kommen der großen
-Dampfer (sie wissen genau die Namen und den Fahrplan, denn der Hafen
-ist seit ihrer frühesten Kindheit ihr Leben) .. frage sie nach ihren
-Vergnügungen und ihren Plänen: und du wirst so reizend plaudern wie mit
-deinesgleichen, sie werden ganz im leichten Ton deiner Frage antworten,
-höflich und sicher. Sie werden vergessen, daß sie irgend etwas von
-dir wollten, sie fahren ja spazieren, sie rauchen, und sie machen eine
-Unterhaltung mit einem Signore. Gehst du vielleicht zu deinen Bronzen oder
-Marmorstatuen und bist geneigt, ein Äußerstes zu tun, so nimm sie mit,
-wenn sie schön genug sind. Lasse sie neben dir die Wehmut des Antinous
-betrachten, und die Herbheit des Doryphoros, den ruhenden Hermes und die
-Nike im Flug. Sieh, wie ihr Auge diese Schönheit liebkost, wie sie sich in
-das Leben dieser Statuen hineinlehnen, das ihnen wirklich lebt und nicht
-erstarrt ist .. ja sieh, wie ihre Haltung unwillkürlich nachahmt, was sie
-sehen, wie sie zu lauschen scheinen mit Narziß-Dionysos und nachsinnen
-mit dem feinen, gedankenvollen Antlitz des athenischen Epheben. Gewiß:
-sie fassen nicht die Seele, nicht den inneren Sinn dieser Werke: aber sie
-spüren an sich die ganze unbewußte Macht der künstlerischen Schöpfung, die
-ihnen Liebe und Ehrfurcht erweckt. Sie fühlen, daß diese Werke unantastbar
-sind, jenseits von allem, was der Tag ihrem einfachen Augenblicksleben
-zuträgt, und sie ehren die Gottheit, indem sie das Göttliche bewundern.
-
-Dieses Volk von Neapel ist noch das einzige, in dem du die griechische
-Seele auf römischer Erde findest. Noch lebt -- von keiner Mischung des
-Blutes erdrückt -- das Erbe der hellenischen Siedler in diesen Menschen.
-Es lebt die Leichtigkeit der Einfühlung, die unbeschreibliche Bewegung von
-Geist und Sinnlichkeit, die sie so süß-unwiderstehlich macht, selbst da, wo
-schon Zerfall und Entartung sichtbar werden.
-
- *
-
-Nun war ich zum erstenmal am Abend in Neapel angekommen und hatte
-mich geradeswegs zum Hafen hinunterfahren lassen, um mich noch vor der
-Dunkelheit einzuschiffen. Ich wußte, daß ich mir selbst Gewalt antat, als
-ich so rasch und fast geschlossnen Auges die geliebten Straßen durchfuhr.
-An jeder Ecke winkte Erinnerung, und ich wäre fast umgekehrt, als ich,
-umringt von rufenden Männern und Frauen, dicht bei der Villa del Popolo, an
-der Immacolatella Nuova ausstieg. Schon ehe ich den Wagen verließ, war ein
-brauner Kerl auf das Trittbrett gesprungen und hatte mir lachend die Hand
-gereicht: er kenne mich wieder, er habe im vorigen Jahre mein Gepäck auf
-den Morgendampfer nach Capri gefahren, unten, bei Santa Lucia. Ein Schwall
-von Fragen stürzte dann über mich, auf die ich nicht eine einzige Antwort
-gab. Andere Träger wollten sich inzwischen über meine Koffer hermachen.
-Drohend und fluchend wies sie der zuerst Gekommene zurück, indem er die
-Lüge zu Hilfe nahm: er kenne mich sehr gut, ich habe ihm meine Ankunft
-gemeldet. Er ganz allein habe sich um meine Sachen zu kümmern, niemand
-sonst. Und aufgeregt das feuchte, erhitzte Gesicht mir zuwendend: »Non è
-vero? Signore? Signore! non dico la verità?« Ich nickte nur mit dem Kopf
-und klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter. »Verissimo! Andate!« .. Der
-Streit war geschlichtet, es gab keine Widersprüche mehr. Das Gepäck wurde
-zusammengebunden, aufgestapelt und blieb am Ufer stehen, bis eine kleine
-Barke frei wurde, die mich zum Dampfer nach Palermo übersetzen konnte.
-Die Menge war ganz dicht an mich herangetreten. Kinder -- irgendein
-Menschliches in prachtvollen Lumpen -- kletterten über die großen Koffer
-und sprangen von oben in den Staub herunter. Weiber in halboffnen Blusen
-und schleifenden Röcken, die Arme über den tiefen Brüsten gekreuzt,
-versuchten die Namen der vielen bunten Plakate zu entziffern, ein alter
-Mann befühlte meinen Mantel und fragte nach dem Namen des Stoffes, und wie
-ein Luchs umschlich ein gelblicher Flegel von vielleicht zwölf Jahren die
-Schirmhülle, aus der die goldne Krücke eines Stockes herausschaute. Ein
-Hauch von Teer und Öl wechselte mit dem Fäulnisduft der schmutziggrünen
-Hafenpfütze. Die Sonne war im Sinken, die verwischten Schatten verkündeten,
-daß sie in Dünsten unterging.
-
-Es war schwül, unendlich schwül.
-
-Wir fuhren über. Der Dampfer lag weit draußen, weiter als gewöhnlich,
-da Schiff an Schiff sich in dem Hafenbecken drängte und kaum eine ruhige
-Anfahrt zu finden war. Die Wellen gingen hoch, die offne See hatte harten,
-stahlblauen Glanz.
-
-Man hatte mir eine Kabine auf Deck gegeben, luftig, breit und rein.
-
-Ich kam mit dem Kapitän ins Gespräch. Er schaute nach einem großen Dampfer,
-der dicht neben uns lag. Hunderte von Soldaten standen an Backbord und
-sahen nach dem Land zurück.
-
-»Sie gehen in den Krieg nach Tripolis,« sagte der Kapitän. Ich war erstaunt
-über die Traurigkeit seiner Stimme und sah ihn an.
-
-Er zuckte die Achseln:
-
-»Wer weiß, wie viele zurückkommen? Es mag ja sein, daß dieser Krieg für
-unser Land notwendig war: ob er sich lohnt, ist eine andere Frage, von der
-das Volk nichts weiß. Es fließt viel Blut, und es wird viel gelitten. Sand,
-Wüste, Krankheit und die Wut der Barbaren. Wir kämpfen schon so lange und
-sehen so wenig großen Erfolg ..«
-
-Er winkte einigen Soldaten, die vom hohen Rand ihres Schiffes zu uns
-niederschauten. Sie winkten wieder. Ihre Gesichter waren ernst, still und
-unbewegt, angespannt in verborgener Erregung.
-
-Plötzlich kam ein Zittern in den Rumpf des Kriegsschiffes, ein dickes,
-schwarzes Tau fiel aufklatschend ins Meer, dichter Wogenschaum schoß weiß
-um den Bug .. dann abermals ein Zittern, stärker und leise dröhnend ..
-Schon ward die Drehung fühlbar .. Tücher wehten vom Uferrand, wo das
-Schreien der Menge verstummte, Tücher wehten vom Schiff zurück .. die
-Soldaten standen entblößten Hauptes, die Augen unverwandt auf die Küste
-richtend. Jeder Mensch, der in diesem Augenblick im Hafen war, fühlte, daß
-noch irgend etwas kommen mußte, das die entsetzliche Spannung löste, ein
-Aufschreien oder Aufjubeln, ein Rufen oder eine laut einfallende Musik, die
-die Qual dieser langsamen Loslösung in ihren Strudel riß: Nichts von allem
-kam. Aber wie von unsichtbaren Lippen begonnen, von hundert unsichtbaren
-Lippen aufgenommen und weitergeführt, schwebte mit einem Male dunkler
-Gesang in der dunkelnden Luft: kein Kriegslied, keine Landeshymne: nur das
-unaussprechliche:
-
- Addio Napoli ..
-
-Der Abend war trüb und schwül, die Häuser verschwammen schon in leichten
-Schatten: Da war es über sie gekommen, dies Unbeschreibliche, das selbst
-der Fremde spürt, dies Wehe, Hinsterbende des Abschieds, wie es nur die
-eine, unsterbliche Melodie zu sagen weiß. Und sie hatten der Stadt gegeben,
-was jeder Scheidende ihr gibt. --
-
-Ich saß am äußersten Ende des Schiffes und sah auf die dämmernde Stadt.
-Meine Augen suchten aus dem Gewühl der Häuser loszulösen, was sie
-noch erkennen konnten. In dem leichten Dunst hatten sich Raum und Höhe
-verschoben, nur was vom Sonnenuntergang noch einen Schein auffing, war
-körperhaft und deutlich. Meine Augen ruhten lange auf dem schlanken Turm
-von Santa Maria del Carmine, und Konradins Andenken wurde wach. Sein armer,
-geschändeter Körper liegt dort begraben, unter dem Denkmal, das die Liebe
-des bayrischen Königs ihm errichtet hat. Nicht weit von der Kirche ist der
-Marktplatz, wo sein und seines Freundes Haupt fiel. An den Bäumen der
-Villa del Popolo wurden mildere Gedanken wach. Erinnerungen an warme,
-helle Abendstunden, als ich mit Bettlern, Viehtreibern, Kesselflickern,
-Straßenkehrern, Dirnen und alten Vetteln dem Vorleser lauschte, der das
-Schicksal des Grafen von Monte-Christo erzählte. O wundervoll zufriedenes
-und bescheidenes Volk. Wer sie so sitzen sah, so stehn, so liegen, so ganz
-in die Wunder der erdichteten Welt gebannt, eine Orange schälend oder an
-klebenden Datteln kauend und die Kerne weit im Bogen von sich spuckend ..
-wer ihren Schmutz so überstrahlt von innerer Einfalt sah, von einem
-Träumen, das nie den Neid kannte: der muß sie lieben, muß sie fast
-beneiden, die ganz am Boden leben, und doch so gern, so leidenschaftlich
-leben.
-
-Meine Blicke wanderten im Halbkreis weiter bis zur Höhe von San Martino
-hinauf. Gitarren- und Zitherklänge wehten aus dem Dunkel weitgeöffneter
-Türen. Hier und da glomm schon ein Licht in hohen Zimmern auf. Ein später
-Dudelsackpfeifer ward einen Augenblick an einer nahen Straßenecke sichtbar
-und verschwand im Verhallen der Töne. Ganz fern erschienen über den
-dünnen Eisenstäben eines schwebenden Balkons die Köpfe zweier Ziegen. Die
-hellblaue Gestalt einer Frau ward neben den Tieren sichtbar. Sie ließ sich
-auf einem Schemel nieder und begann zu melken. -- Über der nördlichen Stadt
-schloß sich der Himmel langsam wieder auf, weiße, flache Dächer fingen noch
-einmal an zu leuchten, Palmenwipfel zückten ihre schwarzen Spitzen in die
-safrangelbe Helle. Die Häusermassen rückten steilgeschichtet zusammen, was
-eben noch gedehnt-verwischt erschien, wurde eng und deutlich. Hügel kamen
-aus geöffneten Himmeln, lila und mildgewölbt. Villen blinkten auf. Der
-Seewind strich kühl über die Flanken des fliehenden Schiffes. Wir
-waren schon unter dem letzten Leuchtturm am Molo San Vincenzo. In einer
-plötzlichen Wendung nahm das Schiff südlichen Kurs. Eine Schelle rief
-zum Abendessen. Ich saß noch immer, in meinen Mantel gehüllt, allein am
-zitternden Steuerbord, ganz hingegeben an die ununterbrochene Verwandlung
-der weichenden Stadt. Mit jedem Wellenschlag sank sie mehr in sich selbst
-zurück .. mit jedem Wellenschlag entfaltete sie weiter den Kranz ihrer
-Hügel und die langen, glitzernden Schnüre ihrer Hafenlichter, von Santa
-Maria del Carmine über das Ufer von Santa Lucia bis an den Fuß des
-Posilipp. Schwarz-verschwommen tauchten noch einmal die Baumkronen der
-Villa Nazionale auf, glühende, selige Nachmittage weckend: Gewühl und Duft
-von weißen, dünnen Kleidern, lautes Lachen, Wogen vermischter Parfüme,
-Schwirren von Geigen im warmen Wind, Klirren von Tassen und Tellern,
-Aufleuchten der grünen, gelben, roten Getränke in den schlanken und flachen
-Gläsern, grüne, gelbe, rote, violette, weiße, blaue Flecken und Tupfen
-von hundert aufgespannten Sonnenschirmen -- und nah, zum Greifen nah, das
-hochansteigende Meer voll wiegender Barken .. das blaue, kristallene Meer,
-endlos .. endlos ..
-
- *
-
-Ich ließ mein Essen an einem kleinen Tische auftragen, abseits von der
-großen Tafel, und schaute durch die offnen Luken auf die bewegte See. Die
-Wogen überschlugen sich rasch in schwarzem Glänzen, ganz in der Ferne hoben
-sich lange, weiße Kämme. Die ersten Sterne warfen ihr silbergrünes Licht in
-den letzten, rostigen Brand des Horizontes. Man fühlte, daß die Nacht
-kühl und klar sein würde. Es waren nicht mehr als fünfzehn Reisende im
-Speisesaal. Fast niemand sprach. Keiner kannte den andern.
-
-Auf Deck erklang eine Mandoline. Eine tiefe Stimme fiel ein. Ich konnte die
-Worte nicht verstehen. Die Melodie hatte ich einmal auf Ischia gehört. Das
-Lied verstummte. Ein anderes Vorspiel begann, eine hellere, jüngere
-Stimme nahm den Gesang auf. Im Saal schloß einer das Fenster, ein dünner
-Sprühregen war über Tische und Sessel gefallen. Das Meer warf stärkere
-Wellen, die Schaumränder verzischten breiter und leuchtender. Das grüne
-Blitzen der Sterne wurde rosa auf dunkelgrauem, seidnem Grund.
-
-Ich ging auf das Deck zurück, nach vorne, wo die Matrosen saßen. Sie
-grüßten. Einer stand auf und bot mir seinen Platz an. Ich dankte und setzte
-mich auf eine kleine Holztreppe mitten unter sie.
-
-»Wir werden rauhes Meer bekommen?«
-
-»Nein, Herr. Wenn wir an Capri vorbei sind, wird sich der Wogengang
-ausgleichen. Es ist immer im Golf bewegter als draußen.«
-
-»Es fahren wenig Leute um diese Zeit.«
-
-»Fast keiner mehr. Es ist zu heiß.«
-
-»Seid ihr Napolitaner?«
-
-»Die beiden dort. Der hier ist aus Trapani, ich selbst aus Messina.«
-
-»Waren Sie während des Erdbebens in der Stadt?«
-
-»Nein, Herr. Ich war auf einem Handelsschiff in Malta. Als ich zurückkam,
-waren meine Eltern tot. Mein Bruder starb am gleichen Tag im Krankenhause.
-Seitdem bin ich nicht mehr in der Stadt gewesen. Ich fahre zwischen Neapel
-und Tunis. Aber nur noch in diesem Jahre. Dann gehe ich fort. Weit fort.
-Nach Südamerika. Ich habe hier nichts mehr zu suchen. Ich gehe auf die Farm
-meines Bruders. Ich verdiene dort viermal so viel Geld als hier und habe
-ein gutes Leben.«
-
-»Werden Sie den Wechsel ohne weiteres ertragen? Man sagt, wer sich an das
-Meer gewöhnt hat, kann nur schlecht am Lande leben.«
-
-»Ich glaube, Herr, man kann alles ertragen ..«
-
-Der aus Trapani fing an, auf einer Harmonika zu spielen .. ein fremdartiges
-Lied, das an das jüdische Kol Nidrei erinnerte. Die anderen summten leise
-mit. Ich stieg die Treppe empor und sah in die Weite. Unmittelbar vor uns
-lag Capri, schwarz und verschlossen. Nur wenige Laternen im Hafen warfen
-gelbes Licht. Hart an der höchsten Gipfelkante stand eine Wolke, auf deren
-Rand von unten Mondlicht fiel.
-
-»Sie kennen Capri?« fragte der aus Messina, der mir gefolgt war.
-
-»Ich kenne es gut.«
-
-Schon schwand der Hafen hinter der Punta Vitara. Genau vor uns auf der Höhe
-mußte Anacapri liegen.
-
-»Wie oft bin ich dort oben spät am Abend gegangen, um das Schiff
-nach Palermo vorüberfahren zu sehen! Wie oft habe ich mir gewünscht,
-mitzufahren.«
-
-»Sie gehen zum erstenmal nach Sizilien?«
-
-»Zum allererstenmal.«
-
-Nun fuhren wir um das Nordwestkap der Insel. Die letzten Lichter loschen.
-Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren Mondes dämmerten die
-grauen Ölbaumhänge auf. Dann kam noch einmal dünnes Licht aus kleinen
-Bauernhäusern und losch im selben Augenblick. Im Wasser zog plötzlich ein
-heller, silberner Streifen, zuckte auf, verschwand, kam wieder, nun schon
-ein rieselnder Bach, ging nochmals unter und tauchte wieder auf als eine
-weiche, bläulichweiße Flut. Zu unsrer Linken stand die zunehmende Sichel
-des Mondes, gegen das Meer hinabgeneigt.
-
-So fuhren wir auf kühlem Silber in die Tiefe der Nacht.
-
-Lange noch lag ich wach in meinem Bett. Das Schiff ging still, in leichtem,
-einschläferndem Schüttern. Der Gesang der Matrosen klang leise nach .. ein
-dunkles, summendes Wiegen .. durch den Vorhang des offnen Fensters.
-
- *
-
-Irgend ein Geräusch hatte mich geweckt. Ich mußte mich einen Augenblick
-lang besinnen, wo ich war. Da rief die Stimme wieder vor dem Vorhang:
-
-»Signore! Signore! l'Isola! l'Isola!«
-
-Und gleich darauf wurde der Kopf des Matrosen aus Messina sichtbar.
-
-»Buon giorno, Signore. Ecco la Sicilia!«
-
-Ich trat an die offne Luke. Silberner, sprühender Seewind schlug mir
-entgegen. Das Meer ging hoch und hellblau im ersten Gold der Frühe. Ich sah
-nichts als Meer.
-
-»Dove, dove? Non vedo!«
-
-Da faßte der Matrose meinen Kopf und drehte ihn nach links, so daß die
-Augen genau die Richtung seines Zeigefingers einhalten mußten.
-
-Und ich begann zu sehen: Ganz ferne, unwirklich aus grauem Weihrauch
-gewoben, von einem silbernen Seidenfaden eingefaßt, der erste Umriß der
-sizilischen Küste. Wenig später stand ich ganz vorn am Bug des Schiffes,
-mitten im Wehen, im Sprühen, im Rauschen und Knistern von Wind und Licht
-und Meer .. hingebannt .. hingerissen, in die aufstrahlende Ferne starrend,
-in der das Ziel so langer Liebe lag.
-
-Im Schiff war das Leben erwacht. Heizer und Arbeiter kamen auf Deck, Taue
-wurden gerollt, Segeltücher zusammengeschlagen, die Planken gewaschen.
-An den Fenstern der Kabinen klirrten die Messingringe der Vorhänge,
-verschlafene Gesichter schauten heraus und verschwanden wieder. Rinder
-brüllten in ihrem tiefen Gefängnis, ein Pferd fing an zu wiehern, Krane
-wurden aufgedreht und Kisten aus der Tiefe emporgeleiert, Gepäckstücke und
-Warenballen wurden aufgestapelt. Kinder liefen vom Zwischendeck unter die
-Matrosen und ließen sich an den Armen hochheben. Arme Frauen, die nach
-langer, trauriger Trennung die Heimat zum erstenmal wiedersahen, saßen am
-Boden und weinten still in ihre mageren Hände.
-
-Doch alles dies blieb schattenhaft gedämpft in meinem Rücken. Ich war
-nur Auge. Jede Sekunde brachte ein neues Licht, einen neuen Duft über der
-Ferne. Schon sah man Berg an Berg geschoben, nun übereinandergedrängt, nun
-leicht gelöst, nun mit einem neuen Gipfel scheinbar verwachsen und gleich
-darauf wieder geschieden. Schon brach ein farbiger Schimmer durch die
-duftige Bläue der Hügel, bald lichtes Braun, bald bleiches Lila, bald
-silbernes Rosa. Dann kam ein Gelb dazu. Eine Sekunde lang zuckte ein
-harter Glanz auf: so wie wenn einer spiegelblanke goldne Platten im Lichte
-schüttelt -- über einem steilen Grat zerriß ein Schleier: Purpurn tauchte
-der Fels in reines Enzianblau. Auf grauem Geröll flogen goldne Dünste zur
-Tiefe. Falte um Falte schloß sich auf, weich und gewölbt, von ewigmilder
-Luft geglättet, so wie der basaltene Block vom Meer. Brausend flog der
-Schaum unter dem schneidenden Kiel. Abermals fiel ein silbernes Gewebe: Da
-stand in roter Flamme der Pellegrino vor uns, Palermos Warte.
-
-Dann aber schwand das Vermögen, noch das einzelne nebeneinander zu
-unterscheiden. Häuser kamen, schneeweiß und elfenbeinern, mit blauen
-Schlagschatten an den kahlen Wänden, Fensterscheiben flammten. Türme und
-Kuppeln tauchten auf. Hafendämme, Schuppen, Lagergebäude schoben sich
-am Ufer nebeneinander .. Menschen standen an der Mole und winkten ..
-Wasserträger schrieen, betäubend, ohne Unterbrechung: Acquàa .. Acquàa ..
-Weiße Sonne sprang vom weißen Gestein in das blendende Auge .. Die Hitze
-prasselte aus dem Lodern der Bläue, trotzdem es noch früh am Tage war ..
-Acquàa, schrie die unermüdliche Stimme .. Acquaàà ..
-
-
-
-
-PALERMO
-
-
-Palermo: Goldsprühende Garbe. --
-
-Wie brennende Tücher schlug die Luft in mein Gesicht, als ich über die
-Schwelle des Gasthofs ins Freie trat. Zögernd gab sich der Körper, über
-Leib und Hüften ging ein kurzer, aufreizender Schauer .. die weißen Schuhe
-nahmen tastend das Pflaster, das Auge suchte die Milderung der satten
-Bläue, im Schreiten wurde der Seewind fühlbar, der vom Hafen heraufstrich.
-Das Meer lag unbewegt, ein riesiger Türkis im weißen Gold der Hafenfassung.
-Ich wandte mich in das Innere der Stadt.
-
-Wie leicht waren die Schritte, die keine Schwere des Vertrautseins hemmte,
-kein Ziel! Ich ging nur .. ohne Absicht, ohne Plan. Hier lockte eine Kuppel
-und dort eine Palme, das laue Halbdunkel einer gewundenen Straße lud
-zum Eintritt -- und nach wenigen Minuten stand ich auf einem glühenden
-Steinplatz. Ich träumte vor den Auslagen der Juweliere -- und suchte den
-Schutz des weißen Zeltdaches vor einem Café, um den Durst an einem herben
-Zitronengetränk zu stillen. Auf den besprengten Steinfliesen verdunstete
-das unermüdlich ausgegossene Wasser, hinter dem Gitter der gelbgrünen
-Papyrusstauden flogen die Schatten der Vorübergehenden auf und nieder.
-
-In hellem Strome flutete das morgendliche Leben durch die Hauptstraßen,
-hastig und schillernd bewegt, nur an der Kreuzung der Via Maqueda und des
-Corso ein wenig verlangsamt und oft aus seiner geraden Linie im Winkel zur
-Seite gelenkt. Die Menschen sind freundlich und zurückhaltend. Im bleichen
-Oval der Gesichter brennen die schwarzen Augen, über vielen Lippen liegt
-eine fremde, nachsinnende Wehmut und verrät die Mischung arabischen Blutes.
-
-Ich ging bis gegen Mittag durch die eilige Menge und betrachtete die Züge
-der einzelnen. Viele waren schön und streng, sehr viele hart und gequält
-(an die spanische Zeit erinnernd), ein Zauber lag nur in denen, die an
-die morgenländische Heimat gemahnten. Hier war der Glanz der Augen
-verinnerlicht und oft in weicher, lässiger Sinnlichkeit verschleiert. Ich
-sah unmerklich feine Schatten unter den Lidern und Wimpern wie aus langen,
-schwarzen Seidenfäden über dem weiten, traurigen Schimmer der Pupille.
-
-Am Nachmittag blieb ich zu Hause. Wie in einem Märchenbuch las ich in der
-Geschichte des Geschlechtes Hauteville: in der Chronik der normännischen
-Könige. Erst gegen Abend, als wieder etwas Wind vom Meere heraufkam, ging
-ich in den Dom und ließ mich vor den Königsgräbern nieder. Kinder spielten
-im Sonnenglanz der Vorhalle bei roten Oleanderbäumen, im Innern der Kirche
-war es kühl und leer. Ganz leer. Nicht einer saß und betete. Die Helle des
-übergroßen Raumes lockt nicht zu gläubiger Versenkung. Nur aus den dunklen
-Porphyrsarkophagen weht noch der heilige Duft von Schmerz und Größe. Sie
-ruhen seitlich unter schwerem Baldachin. Ein eisernes Gitter umschließt sie
-alle: nur die Luft zwischen ihnen hält die Trennungen wach, die auch
-der Tod nicht überbrücken kann. Noch im Tode bleibt der Sohn vom Vater
-geschieden, die Gattin vom Gatten, der Schwiegersohn vom Schwiegervater:
-Mit Fluch beladen ruht Heinrich VI., vereinsamt und unglücklich seine
-Gemahlin Constanze, die Tochter des großen Roger und die Mutter des noch
-größeren Friedrich.
-
-Ich saß und schaute. Die Schatten stiegen auf, die meine Seele rief.
-
-»O Fremdling in der goldnen Abendluft, es kommen viele, die uns nicht
-rufen. Sie tasten mit teilnahmlosen Fingern an den dunkelroten Stein und
-sagen nur: Dies ist der Sarkophag, wo Roger schläft.
-
-Ich schlafe nicht. Ich liege überwach in der kalten Porphyrschale und
-lächle immer noch. Mein Leben war schön. Viel Sturm -- und viele, viele
-Bläue. Ich liebte den großen Wind und das Ewig-Offne des Meeres. Ich liebte
-die Buntheit des Lebens. Sie galt mir mehr als ein fanatischer
-Gedanke: denn selbst im scheinbar Zwiespältigen sah ich das leuchtende
-Verbundensein.
-
-In meinen Gärten war Vergessen. Wie rieselten meine Brunnen leise und
-träumerisch in die Marmorschalen. Ich hatte Pfauen und Fasanen. Ich liebte
-Glanz. Ich liebte Überfluß. Ich liebte die Schönheit, und sie schalten mich
-einen Heiden. Ich liebte Gold. Und Frauen .. viele Frauen. Ich liebte die
-zarten Finger meiner Seidenweberinnen. Ich ging durch ihre Reihen und
-küßte ihr süßes Haar. Sie woben meiner Liebe die weichen Gewänder, und
-durchwirkten den Stoff mit Blumen und Heiligen, mit goldnen Adlern und
-korrallenfarbigen Reihern. Auf meinen Betten lagen ihre Schlafdecken und
-teilten meinem Schlummer so viele stumme Sehnsucht mit: Sie liebten mich.
-Sie woben ihre Liebe in die Ornamente.
-
-Wenn Fremde an meine Schwelle kamen, war ich voll Güte. Sie staunten über
-die Fülle meines Lebens: Ich lächelte und ließ sie Schmuck und Kleider als
-Andenken wählen. In ferne Länder trugen sie die Ehrengewänder und wurden
-unwissend meine Feinde, indem sie von der Pracht meines Hofes Zeugnis
-gaben. Ein fanatischer Mönch -- Bernhard von Clairvaux -- predigte gegen
-das Sündhafte meines Lebens und gegen mein gestohlenes Königtum: mich habe
-nicht der rechte Papst gekrönt und meine Krone sei nicht von Gott. Ich
-lächelte nur. Meine Krone war von mir selbst und das Erbe meiner Väter.
-Meine Krone war mein Recht. Was konnte ich anderes sein als König? Da rief
-der Mönch zum Krieg. Mein Name war der Widerstand, an dem er seine Glut
-entfachte. Er zog im Land umher und predigte auf den Kanzeln. Das Volk
-stand offnen Mundes und nannte ihn einen Heiligen. Ein deutscher Kaiser
-ließ sich bereden und zog mit Papst und Prediger gegen mich. Die fremden
-Heere verwüsteten mein Land, Apuliens Städte flammten: Da faßte mich die
-Wut. Das Blut der skandinavischen Ahnen -- zwiefach gebannt im fränkischen
-und arabischen Geist -- quoll aus dem Abgrund auf. Ein Sturm- und Feuerwind
-fuhr ich die Fremden an. Mein Sohn fing mir den Papst. Ich aber gelobte
-dem Heiligen Vater Treue, nachdem er meine Krone gesegnet hatte. Der Krieg
-verschlang mein Geld: es war billiger, einem alten Mann -- sofern er den
-Anstand gegen einen König zu wahren wußte -- eine freundliche Gesinnung zu
-bewahren. Ich suchte nie den Krieg. Er ward mir aufgezwungen. Da ich ihn
-führen mußte, führte ich ihn mit Leidenschaft. Ich haßte das Halbe. Wie
-kann ein König Unvollkommenes lieben? --«
-
-»Was aber war mein Los? fiel nun Constanzes Stimme ein. Ich wurde geboren,
-als du schon gestorben warst. Hätte ich nur einmal den Klang deiner Stimme
-vernommen, o Vater, nur eine leise Erinnerung an dich in meine Jugend
-tragen können: so wäre ich weniger unglücklich geworden! O, wer begreift
-noch, was mein Leben war! Ich war eine Kaiserin und trug fünf Kronen -- und
-ich wurde so voll Elend wie nicht die geringste meiner Dienerinnen: fremd
-am Hof des düsteren Bruders, fremd am Hof der traurigen Königin-Witwe und
-fremd -- bis zum Erstarren fremd -- als Gattin des Gemahls, der mich im
-eignen Blute traf und keine Schonung kannte, obwohl meine Lippen von Weinen
-gesprungen und meine Kniee von Beten wund waren. Die Schuld war mein,
-obwohl ich schuldlos war: ich war als eines großen Königs Tochter geboren
-und hatte dreißig Jahre im Dunkel gelebt. Nun winkte die Freiheit, die
-kaiserliche Höhe des Lebens, nach der meine Wünsche brannten. Die Krone
-winkte. Ach! Ich ging in mein Grab bei lebendem Leibe. Ich schlief --
-mißbrauchtes Werkzeug -- auf dem Lager des Mannes, der mein Vaterland
-schändete. Ich gab ihm den Erben, indes er meines Neffen Tankred kleinen
-Sohn auf beiden Augen blenden ließ. Ich lag noch in den Wehen, im
-winterlichen Bergnest Jesi, als heimische Boten mir die Kunde brachten. O,
-wie der Haß in meinem mißhandelten Blute aufschoß! War nicht mein Sohn: im
-Schlafe hätte ich den Mörder erwürgt. Ein Fieber fraß ihn auf. Zu spät. Zu
-spät ..«
-
-Und Friedrich sprach:
-
-»O dämpfe deine Stimme, arme Mutter. Klage nicht -- und klage nicht mehr
-an. Wer Kronen trug, muß vor sich selber schweigen lernen. Auch der Tod
-darf seine Einsamkeit nicht mehr durchbrechen. Der Schmerz zu leben, ist
-unermeßlich groß. Wir haben es alle erfahren, und jedem blieb am Ende
-die gleiche Weisheit: daß wir ein Spiel von tausend Schatten,
-undeutbar-unergründlich sind. Was sind unsere Siege, was sind unsere
-Niederlagen? Das Licht und das Dunkel, in dem unsere Kräfte zerflattern.
-Vielleicht hat nichts zu verlieren, wer nie gelebt hat: Doch wer geboren
-ist, muß fühlen, daß ihm das Schicksal die Erde bestimmt hat. So gab ich
-mich hin an die Weihe des Lebens, groß und voll irdischer Leidenschaft: und
-ging meine Wege, die meine Zeit mir gezeichnet. Ich liebte den Frieden und
-war ein Träumer, ganz voll Schönheit. In meiner Sehnsucht war nichts von
-Krieg. Krieg ward mir aufgezwungen. Ein großer Fürst hat keine Wahl. Süße,
-stille Oasen im Brennen der Wüste waren die wenigen Friedensjahre meiner
-Herrschaft .. immer seltner und karger, jemehr die Zahl meiner Jahre sich
-häufte. Ich wuchs in die Seele des Krieges und lernte die Tücke. Ich
-lernte die Feindschaft und die Seele der Falschheit .. und ich brauchte
-die gleichen, vor meinem Ziele geheiligten Waffen. Sie trafen die reine
-Sehnsucht des Herzens niemals: Ich wollte nichts als die Ordnung, da
-Ordnung Schönheit und Einklang ist. Ich wollte schönes Leben erhalten und
-schlafendes erschließen: Und ich mußte ringen um rohen Besitz, der längst
-schon mein war! Nie gab es ein Ende, nie blieb ein Errungenes friedvoll.
-Wie ein verfluchter Wandrer, gestachelt von Gram und Ungewißheit, zog
-ich von Lager zu Lager, von Landschaft zu Landschaft. Von Palermo nach
-Deutschland, von Deutschland nach Rom und zurück nach Sizilien -- und
-wieder nach Rom und gegen die lombardischen Städte und hinab nach Apulien
-und weiter nach Palästina und wieder nach Haus und wieder nach Deutschland
-und endlos, endlos zuletzt durch Italien. Kaum war es mir vergönnt, im
-Frieden meiner Hauptstadt zu leben: nur einmal -- o einzige, glückliche
-Zeit -- sechs Jahre lang, ehe Gregor zum Kreuzzug trieb. Ich liebte
-Sizilien. Es war meine Heimat und voll Schönheit. Es war deine Heimat,
-o Mutter, und viele Frevel meines Vaters waren zu sühnen. Ich dachte
-tausendfach Tränen zu trocknen. Was die Erde an Schönheit umfaßte, sollte
-mein Land besitzen, jeder Fremdling sollte bis zu den entferntesten Küsten
-die Kunde tragen, wie ich den Vater entsühnte und die Qual der mütterlichen
-Seele stillte. Sechs Jahre nur blieben an Frieden: kaum Zeit genug, soviel
-Ruhe zu sichern, daß ich die Saat meiner großen Träume ausstreuen konnte.
-
-Dann trieb mich der Eifer des Pfaffen nach Akkon. Und niemals mehr wurde
-Frieden. Maßlos wuchs der Gram meines Herzens. Drei Gattinnen starben
-mir .. Ich verlor meine Söhne. Heinrich, dem ich ein Königtum gab, sann auf
-Empörung. Ich mußte ihn strafen und in die calabrische Festung verbannen:
-Dort fand er den unerwarteten Tod. Enzio schlug eine Schlacht für mich und
-ward mir gefangen. Ich bot meine Schätze: Bologna blieb ohne Erbarmen. Sie
-wußten, daß er mein Liebling war, von all meinen Söhnen der schönste, nur
-Manfred vergleichbar. Und Freunde sah ich vor mir sterben, die selten nur
-ein Kaiser findet. Hermann von Salza starb zu Salerno und Thaddäus von
-Suessa fiel bei Vittoria. Der aber, den ich am unwandelbarsten treu
-gewähnt, sann Verrat: Petrus von Vinea, der alternde Kanzler dem alternden
-Kaiser. Der Bannfluch schreckte ihn! Noch wäre ich bereit gewesen, Frieden
-zu schließen und wartete in Rieti auf den Papst: Aber Innozenz floh -- bei
-Nacht -- auf genuesischen Galeeren und wandte sich nach Lyon. Dort hielten
-die Pfaffen ein Konzil ab .. O wie sie meinen Namen zerrissen, wie sie sich
-meiner Krone bemächtigten, all meiner Kronen, wie sie meine Würden von mir
-streiften, so wie der Henker dem Verbrecher die Kleider bis aufs Hemd vom
-Leibe streift. Ich war kein König mehr in Deutschland, kein Kaiser mehr,
-Siziliens Los war der Entscheidung des Heiligen Vaters anheimgegeben -- Die
-Bettelmönche ließ der Pfaffe los, wie eine Schar von Ratten, die Treue
-zu vergiften. Bis an das Ohr des deutschen Sohnes wagte sich das
-Geflüster -- --
-
-Als mir die Kunde der Beschlüsse kam, ließ ich mir meine Kronen bringen --
-ich trug sie nie -- und aus dem Glanz der Edelsteine brach meines Lebens
-letzte Glut und Schönheit: Kampf bis zum Tod. Nicht mehr ein Kampf
-um Ordnung: Ein Kampf des freien Gedankens gegen die Lüge, die Gottes
-Unendlichkeit mißbraucht. Kampf meines klaren Glaubens gegen die Fäulnis
-und den Betrug der Kirche. Ich fühlte den Gott auf der Erde, und ich
-liebte die Erde. Nun riß es mich hin und überflutete mein Leben. Die Ahnung
-entbundener Welt schlug noch wie Morgenrot in mein Gefühl, eine letzte
-Entlastung des tausendfach müden, belasteten Lebens .. Da zerrann die
-Klarheit im Zwielicht meines Sterbens. Ich war nicht glücklich, Mutter,
-doch ich hatte Flügel. Ich trug nur Schwere und war leichten Geistes. Ich
-wollte viel Macht, viel Glück, viel Schönheit: Schicksal und Sehnsucht
-lösten sich auf ..«
-
- *
-
-Ich hatte Axel Arnedals empfehlende Karte zu Angelina Lancisi geschickt und
-anfragen lassen, ob ich sie am Abend besuchen dürfe. Ich fand die Antwort,
-als ich in den Gasthof zurückkehrte: Sie bat mich, bei ihr zu speisen.
-Ich traf in der Villa außer der Besitzerin Margerita Avellino und Percy
-Vantadour, einen jungen Provenzalen, der in den städtischen Archiven
-arbeitete.
-
-Die Fenster und Vorhänge des Speisezimmers waren noch dicht geschlossen.
-Das Kupfer weniger Kerzen brannte in dem goldnen Halbdämmer.
-
-»Es wird Ihnen in Palermo ergehen wie mir, sagte Percy Vantadour: Sie
-werden beginnen, die neue Schönheit zu enträtseln und immer tiefer im
-Geheimnis versinken. Ich kam vor zwei Monaten, mitten im Frühling hierher,
-und dachte einige Wochen zu bleiben: Es ist Juni -- und ich bin noch immer
-da. Ich kann auch nicht sagen, wann ich gehe. Ich liebe diesen Sommer,
-ich liebe die Hitze des Steines, der fast den Fuß versengt, die Glut der
-Gitterstäbe, den trocknen Geruch des Staubes und die monotone Helle der
-Landstraßen, die sich im Zickzack an den kahlen Berghängen hinauf- und
-hinunterziehn. Ich liebe das Bröckeln des Steines in der blauen Starrheit,
-das Dorren der Ginstersträucher an den Hügeln, den Zerfall des Grases auf
-allen Plätzen. Ich liebe die machtlose Bucht des Meeres, die kaum noch
-Kühle gibt, da der gleißende Spiegel die Strahlen, die er löschen soll, nur
-verdoppelt zurückwirft. Blumen, in die sich mein Gesicht vergraben möchte,
-wenn früher Frühling ist, Blumen, die in den langen Wintern von Paris
-selbst aus meinem Schlafzimmer nicht verschwinden, sind mir wesenlos in
-dieser Landschaft. Ja, ich vermeide die Gärten. Ich sitze lieber in der
-glitzernden Kühle der Kathedralen, in der Capella Palatina oder im Dom von
-Monreale, am allerliebsten im Dom von Cefalù. Vielleicht nur deshalb, weil
-diese Stadt so einsam ist: ein Haufen brauner und gelber Steinmassen über
-dem Lasur des Meeres. Schon ihr Name atmet Backsteinöde.«
-
-Als die Tafel aufgehoben war, gingen wir in das Nebenzimmer, dessen
-Flügeltüren nach dem Brunnenhof geöffnet standen. Ein breiter Wasserstrahl
-quoll in der Schale auf und floß durch flache Rinnen in seitliche Becken,
-die einen stillen Abendhimmel spiegelten. Die Luft war wie von unsichtbaren
-Händen angehalten, ein laues Seidentuch, das kaum die Wange streifte. Aus
-hohen Terrakottavasen stürzten die Geranien auf den Boden. Wir waren alle
-ins Freie getreten. Margerita Avellino hatte den Arm ihrer Freundin gefaßt,
-Percy stand neben mir.
-
-»Sagen Sie mir doch, Percy, begann nach einem kurzen Schweigen Margerita,
-wann zum erstenmal ein Vantadour nach Sizilien kam und was er dort tat.«
-
-Wir setzten uns vor den Brunnen, und Percy erzählte:
-
-»Adelasia, die Mutter des zweiten Roger, war eine Gräfin Montferrat, und
-brachte die geselligen Gewohnheiten ihres väterlichen Hauses und vor allem
-die Liebe zu den Künsten mit nach Sizilien. Der Herrschaft Montferrat
-benachbart lag die Heimat der Vantadour. Bernhard, mein Urahn, kam oft
-auf das Schloß des Grafen. Er übte die Kunst des Gesanges und war gerne
-gesehener Gast. Man nahm ihn als Freund und Vertrauten des Hauses auf.
-Als nun Roger I. um 1112 gestorben war und Adelasia nur mit dem einzig
-überlebenden Sohne zurückblieb, war nichts natürlicher, als daß sie so viel
-wie möglich die Fühlung mit ihrer Heimat zu wahren suchte. Es liegt
-immer im Sinn einer Mutter, dem Sohn die Liebe zum mütterlichen Land und
-Geschlecht zu erwecken. Sie ließ viele Provenzalen an den Hof kommen, und
-als einen der ersten den alten Freund Bernhard Vantadour.«
-
-»Sie sagten eben, unterbrach Angelina, daß Adelasia früh mit ihrem
-Sohne Roger allein blieb. Ist in dem Wesen dieses Königs ihr Einfluß zu
-verspüren?«
-
-»Gewiß! Herrschertum lag ihm vom Vater her im Blute, von dem Geschlecht
-der Hauteville, in denen der Geist der Wikinger noch lebendig war. Aber die
-große, innere Gesittung, die Zartheit seines Fühlens und sein bedeutender
-Sinn für die Kunst waren mütterliches Erbteil. Roger war ein Fürst, der
-sich in allem pflegte. Er soll sehr schön gewesen sein: und er wußte, was
-schön sein hieß. Auch seine große Güte und das leichte Ergriffensein des
-Gefühles kamen von Adelasia, die an dem Kummer einer großen Enttäuschung
-starb.«
-
-»Woran starb sie?« fragte Margerita, die ihren Arm um Angelinas Schulter
-gelegt hatte und nichts als Lauschende war, fast wie ein Bildnis anzusehen
-in ihrem weißen Seidenkleid, das von der linken Brust bis zur rechten Hüfte
-einen schmalen Glycinenzweig als einzige Verzierung trug. Ihre kleinen
-Füße spielten mit den Dolden eines Geranienbusches, und die dünnen goldnen
-Armspangen über den blauen Adern ihres Handgelenkes klirrten leise bei der
-geringsten Bewegung.
-
-Percy sah sie an, ohne Antwort auf ihre Frage zu geben, die in gleichem
-Tonfall wiederholt wurde:
-
-»Woran starb sie?«
-
-Percy zuckte leicht zusammen ..
-
-Er wollte gerade antworten, als eine Uhr im Innern des Hauses neun schlug.
-
-»Mein Gott, rief Angelina, wir müssen aufbrechen! Ich habe die Schiffer
-um neun an die Piazza della Kalsa bestellt. Percy kann uns im Wagen
-weitererzählen.«
-
-Sie ging rasch voran ins Haus. Ich folgte ihr. Als ich mich zufällig im
-Rahmen der Glastür umwandte, sah ich im Zwielicht die dunklen Gestalten
-Margeritas und Percys noch einmal die Rundung des Brunnenweges
-abschreiten. -- --
-
-Vor der flachen Marmortreppe stand der Wagen mit zwei kleinen,
-goldgeschirrten Rappen bespannt. Ein Diener hatte die weißen Mäntel der
-Frauen über dem Arme und wartete.
-
-Vier Schiffer hatten sich an der Piazza della Kalsa eingefunden und
-geleiteten uns zu dem Landungssteg, an dem die große Barke lag.
-
-»Wie ist das Meer?« fragte Angelina.
-
-»Marchesa, es ist ganz ruhig, wie meistens um diese Jahreszeit,« antwortete
-ein alter Mann, indem er sich verneigte und wie einen Befehl erwartend zur
-Seite trat.
-
-»Können wir bis gegen Solunt rudern und nicht allzuspät zurück sein?«
-
-»Ohne jeden Zweifel ..«
-
-Der Diener brachte Obst und Wein, ein junger Schiffer breitete Kissen und
-Decken aus und drehte die Windlichter so, daß sie nicht blendeten. Ein
-anderer reichte den Damen Nelkensträuße, ein vierter gab Percy und mir
-weiße Kamelien für das Knopfloch. Die Ruder tauchten in die glatte,
-glänzende Tiefe, die Barke drehte, und wir nahmen die östliche Richtung des
-Kap Zaffarano. Die Luft war weich wie Rosenblätter, lautlos glitt das Boot.
-Die braunen Männer summten im Takt der Ruder ein Lied, indes die Küste
-unmerklich vor unsern Augen floh und die Kette der Hafenlaternen sich
-dichter schloß. Wir lagen schweigend auf den Polstern, hingegeben an
-die Glückseligkeit dieses traumhaften Schwebens, uns selbst entrückt und
-willenlos dahingetragen, so leicht, so körperlos wie der Mond, der in
-dünnen roten Wolkenflören aufging. Margerita hatte ihre Schulter an
-Angelinas Brust gelegt. Sterne fielen.
-
-Ich dachte an meine Heimat, an die Mutter, an die Freunde. Wie fern war
-alles. Ich dachte an mich selbst, an Kampf und Sehnsucht meines
-Lebens. Auch dies war fern. Nichts mehr war. Nur dies Schweben, dies
-Hinabdämmern. -- --
-
-Percy hatte die Augen geschlossen. Er sah aus, als ob er schliefe. Über
-seinen Zügen lag der Duft des Mondes .. lag ein Lächeln, das nur die Seele
-der Dichter kennt.
-
-Angelina hob die Hand vor die Augen und sah nach der Küste.
-
-»Wo sind wir?« fragte sie die Schiffer.
-
-»Auf der Höhe des Kap Mongerbino. Es sind anderthalb Stunden verflossen
-seit der Abfahrt.«
-
-Der Mond stand silbern auf den Hügeln und löste das Gestein in bronzene
-Schatten auf. Die Häuser eines kleinen Dorfes glänzten in grünem Atlas.
-
-»Wenn wir die Barke hier ruhen ließen?« meinte Margerita.
-
-Percy öffnete seine Augen und lächelte, während seine dunkle Stimme ganz
-leise einsetzte:
-
- »La barque dort, dormez mes longues peines,
- Restons bercés par l'onde du silence ..
- O douce nuit d'amour, nuit de clémence,
- O nuit d'oubli .. Faut-il mourir, ma Reine?«
-
- *
-
-Am nächsten Tage war das Fest eines Heiligen. Ein Feiern wie am Sonntag lag
-über Dächern und Straßen, als ich früh am Morgen nach der Martorana-Kirche
-ging. Wundervoller Name: dunkelblaue Vokale, an goldnen Schnüren
-aufgezogen, weicher, langer Bogenstrich auf der untersten Saite der Viola.
-Zwischen Rosengebüsch und Palmenwedeln hebt der Glockenturm auf schwerem
-Mauerwerk die leichten, goldumstrahlten Säulenbündel in die Höhe. Alles in
-diesen Bögen ist Aufgang, Sehnsucht, frei wie ein Vogel in der klaren Luft
-zu schweben: und doch zu ruhen.
-
-Im Innern tragen alle Wände Mosaik, ein wenig verwildert, wie Blumen in
-vergessenen Gärten. Es leuchtet keine verhüllte Tiefe auf wie in Ravennas
-blauer Glut. Die Steine schillern, sie strahlen nicht. Sie bezaubern, sie
-rühren nicht.
-
-Auch San Cataldo sah ich an diesem Morgen, die Backsteinkirche, die ihre
-karminroten Kuppeln auf dem flachen Dache trägt. Verschlossen ragt der
-verlassene Bau auf kahler Steinterrasse. Die hohlen Fenster deuten in
-violettes Dunkel. Erlösend haucht die Kühle, sobald der Fuß die Schwelle
-überschritten hat und in das Säulenviereck tritt, auf dem die mittlere
-Kuppel ragt. Schatten fliegen von den Wänden. Alle Fensterbögen sind nun
-mit hellem, blauem Glanz gefüllt, besonders licht und süß das eine, das aus
-der Apsiswölbung sich in die tiefe Flut des Himmels hinüberlehnt: Das ist
-die letzte Hoffnung der Erde: Der Blick in das Paradies, in das Firdusi ..
-
-Sehr spät am Nachmittag ging ich zur Cala, dem alten Hafen, hinunter. Auch
-hier war Stille. Die müden Fischerbote lagen Reih' an Reihe in dem seichten
-Wasser, von schwarzem und von grünem Moos bezogen. In dem Getakel saß das
-heiße Gelb des wolkenlosen Abendhimmels. Die Sonne senkte sich nach den
-Belliemibergen. Der Monte Pellegrino hing schon voll roter Schatten. --
-Die Türen der verwahrlosten Häuser standen offen und ließen trübe, feuchte
-Gänge sehen, ausgetretene, enge Treppen und kleine, schmutzige Höfe, in
-denen Wäsche zum Trocknen aufgehängt war. Auch über dem Eisengitter der
-brüchigen Balkone hing farbiges Zeug. Vor einer Schenke standen kleine
-Tische und zerrissene Strohstühle. Halbgeleerte Gläser, in denen der Rest
-des Weines verdunstete, verrieten, daß hier getrunken worden war. Vor einem
-andren Hause lagen geöffnete Austernschalen, ein Bäcker hatte einen gelben
-Kuchen ausgestellt, auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte zu
-Ornamenten ausgelegt waren. Im Rahmen eines Fensters kämmte eine alte Frau
-ihr Haar. Als sie mich gewahrte, trat sie zur Brüstung des engen
-Balkones und ließ die grauen Strähnen von ihren Schläfen über das Gitter
-niederhängen. Ich lachte ihr zu und winkte mit der Hand einen Gruß hinauf.
-Aber sie blieb unbewegt. Sie ließ aus ihrem welken Mund langsam einen Faden
-silbernen Speichels fallen, der im Sinken golden wurde, und blickte lange
-auf den feuchten Fleck am Boden.
-
-Dann kam ich an die Stelle, wo eine schmale Treppe ins Wasser führt.
-Knaben badeten in der Pfütze. Ihre Lumpen hatten sie über den Rand eines
-vermoderten Kahnes gelegt, auf den sie manchmal kletterten, um sich zu
-trocknen. Sie hatten ein seltsames Spiel erfunden. Sie rieben Schlamm
-auf ihren Körper und wuschen ihn um die Wette mit dem grünlichen Wasser
-herunter. Wer zuerst sauber war, hatte gewonnen. Einer kam die Treppe
-herauf und bat mich, Geld auszuwerfen, damit sie danach tauchen könnten.
-Ich wies sie nach einer Stelle, wo das Wasser klarer war, und ging voran.
-Sie liefen hinter mir her und stürzten sich an der nächsten Treppe hastig
-in die Flut. Ich warf meine Soldi: Ein endloser Jubel brach aus,
-helles ergreifendes Lachen, wie es der Norden nicht kennt. Ich mußte
-an Hafenkinder denken, die ich in Hamburg gesehen hatte, in Brest, in
-Liverpool, in Dublin -- an trübe, kranke, unheimliche Kinder -- und
-sah dann wieder auf die braunen, schlanken Körper vor mir, die sich
-im Sonnenlicht und Wasser dehnten und reckten, sich faßten und wieder
-losließen, eben eine Gruppe bildeten und im nächsten Augenblick wieder in
-die lauen Wellen auseinanderstoben.
-
-Ich ging bis an das Ende der Mole, so weit es möglich war, und wandte das
-Gesicht den Bergen zu, die eine kühle Nacht versprachen. Leuchtend hob sich
-die Stadt über dem Viertel der Armen. Aber ich achtete nicht auf die weißen
-Villen, nicht auf die Kuppel des Domes und Zinnen des Königspalastes: Ich
-sah nur das öde, verfallende Meerkastell und die Schiffsmaste der einsamen
-Cala, die so hilflos in das schwere, schwere Gold des Abends ragten. Ich
-sah nur die spielenden Knaben, die sich auf den Kies gelegt hatten und mit
-fühllosen Fingern an ihre schönen kleinen Körper tasteten, ohne zu ahnen,
-daß es Menschen gibt, die um die Schönheit kämpfen müssen, wie ihre armen
-Eltern um das geringe tägliche Brot.
-
- *
-
-Am Abend besuchte mich Percy Vantadour. Wir blieben lange bei Tisch sitzen.
-In jedem Wort, das er sagte, war der Dichter, der unermüdliche Aufspürer
-von Zusammenhängen, der Sucher der Gesetze, der Schöpfer der Schönheit. Die
-Rede flog von seinem Mund, sie wurde Begeisterung und Gedicht, ohne daß
-er es fühlte. Rhythmen kamen, Reimworte, die das Gewicht eines Satzes
-unverhofft in den Hafen des Gleichklanges lenkten und an den nächsten Satz
-weiter gaben. Er glitt in die Dinge, und prüfte mit allen Fibern der Seele
-und der Sinne. Er tastete Formen herauf, wo Bruchstücke waren, er löste ein
-falsches Ganze in rettende Teile auf. Doch über allem war die Liebe, die
-sinnlose, leidende, jubelnde Liebe des Künstlers, die die ganze Welt voll
-Leidenschaft aufgreift und der schöpferischen Flamme als Beute vorwirft.
-
- *
-
-Zehn Säulen aus Granit tragen im Mittelschiff die arabischen Hufeisenbögen,
-über denen die Wände in das Deckengewölbe emporwachsen. Leuchter schweben
-an goldnen Schnüren zwischen den reichen Kapitälen. Fünf Stufen führen
-zum Chor hinauf, den eine unerwartete Helle so überirdisch füllt, daß das
-Flammen der Kerzen auf dem Hochaltar dunkel erscheint. Tausend, zehntausend
-bunte Kolibri flattern in der Luft, wiegen sich, halten an, kreuzen sich
-im Flug, bleiben im Inneren der Bögen sitzen, an den Friesen der Decke,
-auf den Rändern der Kanzel, in den Zacken und Ornamenten des hohen
-Opferleuchters. Es schwirrt und flitzt von bunten Funken in einer Woge
-aufgeregten Goldes. Es funkelt und sprüht vom Glanz der rastlosen Flügel,
-es blendet und erweckt fast Schwindel: das ist die Capella Palatina, der
-leidenschaftlichste Traum des großen Roger, in der Sprache von Millionen
-bunter Glassteine gedeutet. Suche nicht zu ergründen, löse die einzelnen
-Bilder nicht los, entziffre keine Inschrift, frage nicht nach den Namen
-der schlanken Heiligen: bleibe ganz still im Flittern des Lichtes, sitze
-irgendwo nieder und gib dich hin an den Glanz, bis du die Einheit spürst,
-bis sich dein tiefes Erstaunen in tiefes Fühlen verwandelt, bis Wesen
-erwacht, wo Schein dich traf. Spinne die schimmernden Fäden zurück bis in
-Gallas schwermütig-dunkelnde Gruft zu Ravenna, gedenke noch einmal der tief
-nach innen gedeuteten Sehnsucht des heilverlangenden Herzens, dessen Träume
-ungewiß über der Schwelle zweier Zeiten schwebten: und schwinge dich dann
-im Flug der umgewandelten Jahrhunderte bis in die breite Lichtung eines
-grenzenlos-berauschenden Lebens hinüber, das dieses Gotteshaus als ein
-Symbol in den Himmel des Herrn warf. Halte dich hoch in dem Licht mit den
-Vögeln, wiege dich mit und netze die Schwinge der Seele im Taugeglitzer der
-Blumentriften, die an den hohen Wänden blühen. Was dich umgibt, ist nicht
-mehr abgeschlossner Raum: es ist die weite Lust der Erde, der Frühling des
-Lebens, der schon in Sommer übergeht.
-
-Alles, was lebt, Mensch, Tier und Ding, erhebt den Lobgesang der Welt,
-die Gottes Schönheit spiegelt. Das Übersinnlichste in Ton und Farbe bleibt
-einfach, nah und ganz Natur: Nicht eine Kraft ist im Symbol verflüchtigt.
-Die Seele Rogers strahlt aus seinem Werk: die unbeschreibliche Freude, zu
-leben. Die Freude, die keinen Grund hat -- so wie es eine Trauer ohne Anlaß
-gibt -- die Freude, die aus dem hellen Blut des Helden weht, den seine
-Götter lieben.
-
- *
-
-Meine Hände hoben die weißen Rosen empor: Mund, Stirn und Haare versanken
-in dem kühlen Überfluß. O, Küsse dieser Rosen! Durst nach Schönheit mitten
-in der Erfüllung: San Giovanni degli Eremiti: du Gift Palermos, das trunken
-macht und brennende Fernen einflößt. Dich bekennt kein Wort: vielleicht
-enthüllt dich der Herzschlag des Besiegten, der an dem Brunnen deines
-Säulenhofes hinsinkt und über Rosen weint, die in den weißen Sonnenkringeln
-laufen, die von den weißen Säulenbündeln stürzen und sich vom Rand der
-Mauer in die Bogen niederlassen ..
-
-Da ist ein Palmenwedel ausgebreitet und reicht bis an das Ziegelrot der
-Kuppeln, da ist ein Lorbeerbaum und hilft dem atemlosen Anstieg violetter
-Clematisblüten in die Kühle seines glänzenden Laubes, Efeu, fast schwarz,
-speit das Blut der Geranien von sich. Am Ende des Gartens, im Schatten
-von Limonengrün, führt zwischen hohem Gras und Schirling ein Pfad zu einem
-ruhenden Wasserbecken: Von dort umfaßt der Blick den Turm der Kirche und
-vier der roten Kuppeln im Rahmen eines einzigen Kreuzgangbogens. Gold
-tröpfelt durch die Blätter der Zitronenbäume, die reifen Früchte atmen
-scharfe Süße. Die Luft steht still, ganz blau und still. Die Hummeln
-fliegen. Das Licht schlägt Wurzel in den weißen Säulen. Der weiße Rundgang
-malt die malvenfarbigen Schatten seiner Bögen auf den Boden. Die Hitze
-siedet und schlägt Wellen auf ..
-
- Schließe die Augen, die müden,
- Rufe den stillenden Traum:
- Bald fährt ein Schiff dich nach Süden
- Bis zu dem purpurnen Saum
-
- Ewig dorrenden Landes,
- Wo dir das Wunder ersprießt
- Und sich im Rieseln des Sandes
- Über dir schließt.
-
- *
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-Am Sonnabend, als das Wetter etwas kühler geworden war, schickte mir
-Angelina Lancisi ihren Wagen zu einem Ausflug nach Monreale. Ich fuhr sehr
-früh am Nachmittag, da ich über die Höhe von San Martino und Baida zu Fuß
-in die Stadt zurückkehren wollte. In den Baumwipfeln der vielen Gärten
-längs der Straße spielte ein zarter Wind, über allen Dächern und Türmen war
-duftige Belebung, aus dem Geriesel der Pappelblätter sprühten weiße Funken
-in das Wehen der Bläue. Und im Rücken lag das Meer mit breiten, violetten
-Wellen. Die zierlichen, hellbraunen Pferde liefen in kurzem Trab die gerade
-Straße entlang. Der Staub dämpfte den regelmäßigen, knappen Aufschlag der
-Hufe. Die beiden Kutscher saßen kerzengerade in ihren hellgrauen Livreen,
-ohne zu sprechen. Kurz vor dem Dorfe Rocca begannen die Hügel. Alle Berge
-waren nahegerückt, man konnte jeden Stein und jeden Busch in der fließenden
-Klarheit der Lüfte erkennen. An dem Abhang, der nach dem Dorfe Bocca di
-Falco hinüberführt, leuchtete das Bernsteingelb offener Kakteenblüten über
-rotem Gestein und roter Erde. Zur Linken lagen dichte Orangengärten. Wir
-fuhren an einer Mauer entlang, die ganz erdrückt war vom Überfluß roter
-Geranien. Auf dem Domplatz von Monreale hielt der Wagen. Ich hieß die
-Kutscher nach Hause fahren, da sich sofort eine Schar von Kindern und
-Bettlern angesammelt hatte, und blieb allein auf dem schattenlosen
-Sandviereck stehen. Die Blätter einer verdorrten Palme raschelten, die
-vergoldeten Spitzen am Torgitter der Kathedrale züngelten gegen die
-hellen Säulenschäfte empor. Einsam und schwer, an eine nordische Festung
-gemahnend, ragten die ungleichen Türme über der Balustrade der Vorhalle.
-Noch zögerte mein Fuß, voranzugehen: ich hatte fast eine Furcht vor der
-neuen Erfüllung. Doch als ich endlich den Platz überschritt und in das
-Innere trat, als ich die ersten trunkenen Blicke hob und senkte, war eine
-süße, weiche Ruhe über mich gekommen, ein feierliches Stillesein der Sinne,
-ein Jubel, der keine Sprache mehr verlangt, gedämpft in jenem sanften
-Glücklichsein, das wie ein Augenschließen über allen trüben Dingen ist.
-
-Und ich ging langsam, langsam durch den Dom von Monreale, so wie wir
-manches Mal in der warmen Sonntagsfrühe durch die wogenden Kornfelder
-unserer Heimat schreiten, auf ausgefurchten Feldwegen, die ihren blühenden
-Rand in zitternde Fernen hinausziehen.
-
-Alles ist Milde, Maß und Größe in dieser Kathedrale: und die Seele, deren
-Sprache uns so weich umfängt, ist die Seele des Raumes. Der bunte Glanz
-engt nicht mehr die Wände: das Licht dient nur dem Raum. Ein Wille,
-geistig und wissend, bändigt hier den Überfluß: hinter dem Blitzen der
-Mosaikgemälde funkelt die Inbrunst einer tiefbewegten Seele.
-Rogers I. leidenschaftliche Größe, Rogers II. unersättliche Freude am
-rauschend-Schönen findet die letzte, künstlerische Lösung in dem Gesetz
-der ausgleichenden Masse, das die Seele Wilhelms II. beherrschte. Alle
-Trunkenheiten sind in tiefes, klares Gefühl erhoben. Hoch an der Decke,
-mit gnadenvoll gebreitetem Flügelschlag, der stilles, goldnes Feuer streut,
-schwebt übersinnlich die Taube Gottes.
-
- *
-
-Seitlich vom Dom liegt der Kreuzgang des alten Benediktinerklosters.
-Verbenen, Rosen, Heliotropen und Lilien blühten in dem Garten. Hellblauer
-Wind war über den Blumen und trieb den Duft mit leisen, seidenen Schlägen
-in die Hallen. Und Wind war in dem Strahl des arabischen Brunnens, der in
-der Ecke zwischen stillen Säulen ruht. Wind war auf den flachen, warmen
-Stufen, die zum Niederstieg an das Wasser winkten. Wer weiß, wie lange mich
-das Wasser bannte? Es hauchte Kühle, hauchte Leben, und mein Gesicht war
-ganz voll Sonne, so hingehalten, hingegeben an des Genießens Wonne. Und der
-Wind trug meine Wünsche weiter -- die Augen die eben noch entzückt auf den
-Kapitälen geruht hatten auf Blumen, Vögeln und menschlichen Gestalten, die
-sich im unentwirrbar-reichen Ornament zu regen begannen, vergaßen die nahen
-Schönheiten über dem Auftauchen fernerer Bilder und hielten das erträumte
-Neue, das sie grüßten ..
-
-O Hindämmern über das südliche Meer ..
-
- Oleanderhaine winken,
- Und es winken die Moscheen,
- Alle Gläubigen versinken
- Im Gebete und vergehen.
- Auf den rosenroten Dächern,
- Die den Abend kommen sehen,
- Wird aus schweigenden Gemächern
- Bald ein Hauch vorüberwehen.
- In den tiefen Brunnenbecken
- Werden leis die Sterne drehen,
- Und auf seidnen Lagerdecken
- Wird die Lust der Nacht erstehen.
-
- *
-
-Kinder wiesen mir den Weg nach Santa Maria delle Croci. Zwischen Felsgeröll
-und Kakteenpflanzen ging der Pfad bergan. Aus allen Steinen hauchte Feuer.
-Auf einem halbverbrannten Grasplatz lag die kleine Kirche, zu der ein paar
-Stufen emporführten. Von der Treppe aus umspannte das Auge die heroische
-Landschaft: Ebene, Stadt und Meer, reich, edel und freudig. Nicht ein Hauch
-von Wehmut floß in dem silbernen Saum des hellen Horizontes. In braunen
-Hügelfalten glänzten weiße Dörfer, seltene Pinien, noch seltnere Zypressen
-ragten auf brauner Grassteppe. In der Fruchtschale der Ebene aber
-leuchtete das gesättigte Grün der Orange- und Zitronengärten. Dicht
-aneinandergedrängt hingen die goldnen Kugeln im Laube, zur Ernte reif.
-
-Die sinkende Sonne mahnte zum Abstieg. Ich ging die Fahrstraße nach Rocca
-hinunter. Arbeiter kamen aus der Stadt zurück, verbrannt und bis an die
-Kniee mit weißem Kalkstaub bedeckt. Bauern fuhren auf Eselskarren nach
-Hause. Sie saßen halb schlafend auf der Kante des Wagens und trieben
-die Tiere durch das unermüdlich wiederholte, schläfrige Ahii, Ahii zum
-Weitergehen an.
-
-Von Rocca aus nahm ich den Feldweg nach Bocca di Falco. Ich erreichte
-die ersten Häuser des Dorfes um die Stunde, wo die Frauen beginnen,
-die Abendmahlzeit zu richten. Dünnes Rauchgewölk schwebte über den
-Schornsteinen, aus den Türen und Fenstern drang Dunst von Öl und
-Gebackenem: es war Sonnabend. Soldaten waren heimgekommen und standen bei
-den Mädchen, frischgeputzte Pferde wurden an eine Tränke geführt, es war
-kaum möglich, die kleine Piazza zu durchqueren, so viele Menschen hatten
-sich hier angesammelt. In einer Ecke las ein junger Mensch mit lauterregter
-Stimme eine Spalte aus der Tribuna vor ebenso erregten Hörern, aus einer
-engen Seitengasse wurden weiße Ziegen ins Freie getrieben. Vor manchen
-Häusern war ein Tisch gedeckt, in einer Schmiede flammte das Feuer der
-Esse und warf unruhige Schatten über die harten, verrußten Gesichter der
-Arbeiter .. Ein junger Kaplan wies mir den Weg nach Baida. Ich mußte die
-Fahrstraße verlassen und über viele schmutzige Treppen durch niedrige
-Bogengänge aufwärts steigen. Frauen saßen plaudernd auf den Stufen, Hühner
-liefen hin und her und pickten Körner, in den Hausfluren lagen Hunde und
-Katzen, Schweine wälzten sich auf breiten Misthaufen. Junge Lämmer waren an
-den Pfosten der Haustüren festgebunden, in den Ställen brüllten Kälber
-und Rinder. Oft schwankten weiße Rosen über die bröckelnden Mauern, einmal
-schoß roter Phlox neben einem blauen Hoftore auf. Je höher ich stieg, desto
-spärlicher wurden die Häuser, und als ich endlich bei einer rosenfarbigen
-Villa den Ausgang des Dorfes erreicht hatte und auf den Weg nach dem
-Kloster Baida trat, strömte der Glanz des Abends so warm und purpurn
-über mein Gesicht, daß ich die Augen schließen mußte, die nach dem langen
-Zwielicht soviel Helle nicht mehr faßten. Ganz langsam und gesenkten
-Blickes ging ich weiter. Zur Rechten lief eine Mauer, zur Linken begann
-ein Hügel. Obstfelder tauchten auf, Kleeäcker, ein Mohnfeld, eine
-Rosenpflanzung und plötzlich -- nach einer kaum gefühlten Wende des Weges
--- das Kloster Baida, das weiße, im Frieden seiner Zypressen, dicht an die
-duftblaue Halde des Berges gelehnt.
-
-O, wie der Duft an diesen Bergen hing! Blau, blau und schiefergrau gedämpft
-vom hellen Glanz des Gipfelsaumes, der noch im Lichte stand. Wie
-diese schroffen Felsenhöhen die Schattenkühle in sich sogen, sich ganz
-hinüberlegten in den Duft. In welche Milde all dies Ausgeglühte tauchte,
-in welchen tiefgestillten Atemzug der großen und gedankenvollen Nacht. Und
-ferne -- ach, fast übersehen -- das Meer, so unersättlich blau und still,
-so still und blau das Meer .. wie auf die Ebene hingestrichen, ohne Segel,
-ohne Schaum, ohne Flut. Ich saß, halb liegend, den Kopf in meine linke Hand
-gestützt, am tiefen Rand der Mauer. Dies war der Ort zu ruhen, friedvoll zu
-sein mit sich und seinem Los. Warum noch weiter gehen? Kein Wunsch mehr
-zog mich in das weiße Haus. Sein Bannkreis war betreten und seine Schönheit
-blieb viel süßer, wenn eine leichte Ferne noch die schlummervolle Seele
-wachhielt: So ist Musik, die aus dem Innern eines Hauses an unser Ohr
-schlägt: Sie wiegt und wiegt: wir aber fühlen tiefer, daß uns dunkle Hände
-tragen:
-
-Ruhe, ruhe, Seele! Halte Wacht über dem großen Gefühl! Ich denke an dich,
-Geliebte, und an die Ruhe deines Herzens, in der mein Leben stille liegt.
-Ich denke an den Tag, als ich ausfuhr: nun sind schon Wochen dahin, und
-ich bin übersättigt von Schönheit. Wenig fehlt, und die letzte Schranke ist
-überschritten, hinter der das Vergessen wohnt. Soll ich untertauchen? Soll
-ich aufhören zu sein, was ich bin? Das Blut drängt hinüber, es drängt mein
-entzündeter Wille, und meine Sinne drängen. Ich kann das Meer nicht mehr
-sehen, ohne zu wissen, daß mich die Woge noch ferner entführt. Im Schlaf
-sucht mein Auge die Palmen der Wüste und die Zisternen der Wüste. An den
-Urgrund des Lebens will ich hinunter: in die endlose Ebene des Sandes und
-die endlose Wölbung des Himmels, dahin, wo der Anfang der Seele mit dem
-Anfang Gottes verschmilzt. Ich will in die Anfänge des ungestalteten
-Gottes, der noch keine Form und noch keine Symbole gefunden hat, noch nie
-von Menschen gedeutet, noch nie von Priestern verkündet ist.
-
-In tausend Wesen habe ich Gott gespürt und konnte ihn nennen. Er war ein
-Gott der Zeiten und glich der Seele der Zeit. Er war die Sehnsucht der
-Menschen und abgewandelt wie die Seele der Sehnsucht. Ich fand ihn in dir
-und sagte: Geliebte. Ich fand ihn im Freunde und sagte: Geliebter. Ich fand
-ihn in allem, das sich selbst genügt und in der eigenen Erfüllung lebt und
-sagte: die Schönheit.
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-In Ravenna fand ich den Gott, der als Seele den Leib überwuchert und mit
-tränenverschleierter Stimme flüstert: Der Leib ist ein Staub und die Seele
-das Feuer, in dem sich der Staub verzehrt.
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-In Florenz fand ich den Gott, der lächelnd verkündet: Seht, die Klarheit
-ist alles! Seid hell wie der Himmel, den meine Güte euch wölbt. Seid gütig
-und lernt das entwaffnende Lächeln. Ich heiße euch sanft sein und leicht,
-daß ihr schwebt, wie mein Licht auf der Schwere der Erde.
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-In Rom fand ich den Gott, der als Seele zerbrochenen Lebens in die
-Seele der Gegenwart weht und aus tausend vergessenen Schönheiten und den
-rastlosen Zielen des äußeren Lebens die unbegreiflich versöhnende Schönheit
-mischt. Und seine Stimme ruft aus dem Purpur: Ergründet nicht! Taucht nicht
-in die Tiefen des Rätsels: Seid glücklich im Schönsein. Das Heil ist dem,
-der blind bleibt!
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-In Neapel fand ich den Gott, der die Seele der Kinder bewohnt, in Gutem und
-in Bösem. Den Gott, der die Pfaffen auslacht. Den Gott, der die gottlose
-Menge bewegt und die harmlose Sünde behütet, indem er die Triebe aufgehen
-läßt wie das Vogelfutter aus den winzigen Samenkörnern. Laßt doch mein Volk
-in Ruhe, sagt er den Pfaffen! Das Volk ist mein und ich habe es lieber
-als euch! Sühnt irdisch, wo irdische Frevel sind. Aber quält nicht mit der
-Flamme des Geistes, was jenseits des Geistes ist und seiner und eurer nicht
-bedarf! Laßt in der Einfalt, was in der Einfalt schön ist und heilig vor
-meinem Auge ..
-
-In Palermo fand ich den Gott, der in goldnem Wagen über den Häuptern fährt.
-Den Gott, der die Taten segnet und Taten als Lohn für seine Liebe fordert.
-Den Gott, der ein Fürst ist über den Fürsten: und sein Name ist Fülle und
-Glanz.
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-TUNIS / WÜSTE
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-Ich fuhr mit demselben Dampfer nach Tunis, der mich von Neapel nach Palermo
-gebracht hatte. Cesare Salvari, jener Matrose aus Messina, hatte mir an
-einer geschützten Stelle des Deckes einen Liegestuhl hergerichtet, und ich
-ruhte nun in der Mittagsglut des Hafens, den Blick in die Bläue gehoben,
-die wie ein großes, seidnes Zelttuch über Mast und Stangen hing. Es war so
-still, daß niemand ahnen konnte, das Schiff werde in einer Viertelstunde
-fahren. Einige Pferde für Trapani waren schon früh verladen worden, das
-wenige geringe Volk des Zwischendeckes hatte sich schon lange vor mir
-eingeschifft, ein junger Mensch, der aus Kleinasien kam, war mein einziger
-Reisegefährte.
-
-Über den Häusern der Stadt flimmerte die Luft. Nicht eine einzige
-Rauchsäule stieg auf. An den Abhängen des Monte Grifone schimmerten weiße
-und gelbe Wände zwischen dem Grün der Orangengärten. Über dem Pellegrino
-wob eine lilagraue Helligkeit, in der zuweilen das Licht silbern aufzuckte.
-Das Schiff schwankte ganz leise in der Richtung seiner Länge, und dieses
-Schaukeln weckte eine weiche, lässige Schläfrigkeit. Wundervoll war das
-Rieseln der Wärme: wie das Rieseln unsichtbar feinen Sandes über dem
-nackten Körper. Und obwohl von der See keine Kühle wehte, gab der Geruch
-von Algen, Tang und Teer ein Gefühl von Frische und Weite. Kein Fahrzeug
-war am weiten Horizont zu sehen. Leerer Himmel stieg in leere Luft. Das
-Meer stand.
-
-Die Stadt vor mir war längst nicht mehr Palermo: es war irgend ein
-südlicher, sonniger Hafen, in dem mein Schiff eine kurze Ruhe hielt. Ich
-hörte, wie die Brücke hochgezogen wurde, wie der Kapitän noch etwas ans
-Land rief, wie die Sirene aufheulte und die fernen Bergwände das Echo
-verschluckten. Dann war ein Gequirl von Wogen, ein Stampfen und Zittern
-und Brausen, und wir fuhren. Ich mochte nicht aufstehen. Den Kopf zur
-Seite gewandt, sah ich das Fliehen der Küste und der flach-hingebetteten
-Häuser ..
-
-»Ihr Abende auf dem Meer -- und ihr Abende in Angelinas Garten, ihr
-Wagenfahrten am Corso der Via Libertà, du seltsames Maskenspiel südlicher
-Menschen, die das Wesen von Puppen annehmen, wenn sie sich in der leisen
-Betäubung des ewigen Auf- und Niedergleitens begegnen, ihr stillen
-Morgengänge nach Acqua-Santa und Romagnolo: Lebt wohl! Lebt wohl für lange,
-vielleicht für immer ..«
-
-Die endlose Flucht der steilen Küste begann. Wir fuhren in weitem Bogen auf
-das offene Meer hinaus, sobald wir Mondello und das Kap Gallo hinter uns
-hatten. Das Ufer wich in immer tieferen Buchten, einmal schob sich ein Saum
-von flachen, grünen Steppen in die Flut, dann zog der Golf von Castellamare
-die Gestade an sich. Die Berge rückten zusammen und schienen sich zu
-drehen, kahle, verbrannte Kuppen wuchsen hellbraun und lila aus der Masse
-des tiefen Gesteines. Lila, wie ganz verblaßter Flieder, und lila wie der
-nächtige Duft auf reifen Pflaumen, ein wenig feucht und kühl, und wieder
-andere lilablau, wie späte Waldveilchen, schon halb entkräftet von zu
-langem Licht. Dann plötzlich zeigte sich zwischen grauen Falten ein
-hellgrünes Tal, verweilte wenige Augenblicke, und verschwand. Besonders
-schön war dies: wie man im Golf die Küste weichen fühlte und, ganz an
-dieses leichte Fernergleiten verloren, schon auf der anderen Seite neue
-Berge kommen sah, viel steiler, viel zerrissener in den Abhängen, doch
-still gerundet in den Kuppen, weich in der goldnen Luft entfaltet. Das nahe
-Lila wich dem ferneren Indigo; einmal hob sich ein heliotropfarbener Kegel
-in ungeahnter Milde über starren Graten. Lag irgendwo ein Haus in baumloser
-und schattenloser Öde am Strand, so wuchs der Schauer der Einsamkeit. Ganz
-einsam aber stand der Leuchtturm von San Vito. Hier lenkte das Schiff nach
-Süden und gab die erste Mahnung an das Ziel. Wir waren in die Gewässer von
-Trapani eingefahren. Ich schaute zwischen den Stangen des Geländers und den
-flatternden Vorhängen in der Richtung des Monte San Giuliano, des Heiligen
-Berges, auf dem das alte Heiligtum der Venus Erycina lag: Klar und
-braun stand er plötzlich im Licht, doch über seinem Gipfel schwebte eine
-rosenfarbige Wolke, ganz dünn, ein Schleier nur, ein süßer Dunst. So, wie
-von Rosenopfern einst der Weihrauch der Altäre aufstieg, wenn die nackten
-Chöre auf den Tempeltreppen sangen und die Kithara schlugen. In wildem Efeu
-lag das weiße Haus, dessen vierfacher First nach allen Himmeln wies und die
-flammende Schrift seiner Zinnen den fernen Meerfahrern hinhielt, so daß
-die Matrosen von den Schiffen aufsahen und die Sehnsucht ihrer entwöhnten
-Lenden doppelt brennend fühlten.
-
-Um fünf Uhr warf das Schiff vor Trapani Anker. Ich ließ mich übersetzen
-und fuhr in das Innere der gelben, sandigen Stadt, durch tote Straßen, über
-leere Plätze ohne Grün und ohne Schatten. Aus glühenden Kasernenhöfen drang
-das Schmettern der Trompetensignale, goldne Helmbuge blinkten über hohen,
-weißen Mauern auf.
-
-Ich kehrte bald zurück und trank den Tee an Bord. Die Pferde wurden
-ausgeladen, schwarzes Gesindel, unheimlich und verwahrlost, trieb sich in
-bunten Lumpen auf der Mole umher. Die Stunden gingen. Cesare trat zu mir.
-Wir standen am Geländer und schauten auf Stadt und Meer. In das Gold der
-Luft war ein Rosa geflogen. Der Monte San Giuliano hatte den Schleier um
-seinen Gipfel dichter gezogen. Über den Dächern wob eine Stille, die ganz
-voll Fremdheit war, verflüchtigend und entkörpernd. Alle Gestalten, die
-über die schmale Brücke auf das Schiff gingen, schienen aus einem Dunst von
-Blut zu kommen, in einigen Fenstern flammte dunkelrotes Feuer. Der Kapitän
-ging vorbei und bat mich, zu Tisch zu kommen.
-
-Wir waren zu dreien in dem großen Speisesaal. Alle Fenster standen
-weitgeöffnet, das Wasser gurgelte leise an den Flanken, ein Geruch von Salz
-und Tang kam manchmal über die Tafel, die mit Verbenen geschmückt war. Wir
-aßen schweigend. Der Wein war schwer und dunkel, Conca d'Oro vecchio aus
-Palermo, und Marsala, goldflüssig und gewürzt wie frischer Honig. Das
-Obst fiel über die Ränder der großen silbernen Schalen auf das Tischtuch:
-Bananen und Feigen, Limonen und Kirschen, Orangen und Nespeln. Als der
-schwarze Kaffee gebracht wurde, schoß eine Purpurwelle durch die westlichen
-Fenster, alle Wände, alle Stühle, die Blumen, die Tassen, die Vorhänge,
-die Diwanreihen loderten auf, laute Rufe des Entzückens wurden über uns auf
-Deck vernehmbar -- wir erhoben uns rasch und gingen nach oben.
-
-Es war kein Flammen mehr, es war ein Wüten von dunkelrotem Feuer in diesem
-Sonnenuntergang, am Boden beginnend, in flachen Wellen steigend und hart
-über der schwarzen Silhouette der Stadt hinrauschend. Ein Bündel stahlblau
-glänzender Dolche, stachen die wenigen Palmenwipfel über den glatten
-Dächern in diesen Brand. Die breite Kuppel der Kathedrale ließ dünne
-Blutbäche in den Bugen der Wölbungen niederrieseln, nirgends mehr war
-das Erlösende eines milden Goldes. Schwärze und Purpur lagen fanatisch
-ineinandergewühlt, durcheinandergeschleift, als das Schiff aus der Enge des
-Hafens fuhr.
-
-Und es kam kein Gold mehr. Auch nicht mehr jenes zarteste, durchsichtige
-Apfelgrün, in dem so gerne der Tag noch über dem offnen Meere verweilt,
-ehe die Nacht sinkt. Es kam nicht das süße Aufblitzen der Sterne, nicht
-ihr silbernes Ruhen im blassen Aquamarin: es kam ein rasches, stummes
-Verlöschen des Feuers, ein kaum zu fassendes Stillestehen des Lichtes
--- taubengrau und thymianlila -- und gleich darauf die Nacht, die tiefe,
-dunkelblau gesättigte Nacht mit dem Gewühl der Sterne, die jeden Augenblick
-aus ihrer weichen Fassung brechen konnten, um Luft und Meer und Schiff zu
-begraben.
-
-Ich lag auf dem obersten Deck in meinen Stuhl gestreckt, das Gesicht zum
-Himmel gewendet. Am Boden neben mir saß Cesare und lehnte seinen Kopf
-an den Sessel. Keine Stimme war lebendig auf dem Schiff, keine Mandoline
-klang.
-
-Da fühlte ich: Dies war nicht mehr die Nacht Siziliens: dies war die Nacht
-über Afrika.
-
-Die Bläue senkte sich, das Meer schwoll ihr entgegen, die Sterne drängten
-nieder, zitternd in ihrer eignen Glut, Lichtbündel schossen in die Wogen --
-doch plötzlich schien das Spiel zu ruhen.
-
-Noch einmal tiefer hatte sich das Blau gebauscht, offne, stille Blumen
-quollen langsam aus der Mündung eines ungeheuren Füllhorns, Lilienbüschel,
-weiß und smaragdengrün, und sanken .. sanken auf das einsame Meer.
-
- *
-
-Es war halb fünf Uhr, als Cesare mich weckte. Ich warf den Mantel über und
-trat einen Augenblick an die Türe. Blaßblaue Berge standen unendlich fern
-in der dunstigen Luft, am Fuß von bräunlichem Rauch umlagert. Die Sonne
-goß eine brütend-aufgelöste Wärme durch das Milchglas des verschleierten
-Himmels, das Wasser blendete bis zum Schmerz.
-
-»Scirocco, sagte Cesare, indem er die Hand vor die Augen hob und die Brauen
-steil zusammenzog, um dem Blick eine größere Schärfe zu geben .. Aber ich
-sehe den Hügel von Karthago, ein gutes Zeichen. Das Wetter wird hell und
-trocken werden.«
-
-Ich kleidete mich an und ließ das Frühstück auf Deck tragen. Die Luft war
-unerträglich schwül, alle Glieder waren wie zerschlagen, obwohl ich vier
-Stunden lang gut geschlafen hatte. Die Augen wagten kaum, sich zu öffnen.
-Ein tauber, weher Druck zog die Lider herunter. Auch das Haar schmerzte,
-und in den Ohren klopfte das Blut. Der ganze Körper war in ein Netz von
-leichtem Fieber gespannt.
-
-Die Anfahrt an die Stadt war nur ein Hinüberdämmern wie im Halbschlaf.
-
-Bilder kamen und wechselten, traumhaft .. gleichgültig .. Bergspitzen und
-Bergabhänge, braun und rosa, blaue, weiche Mulden und Streifen flachen,
-gelben Landes drehten umeinander, während das Schiff kaum fühlbar
-voranfuhr.
-
-Ich lag wieder auf meinem Stuhl, Cesare saß mit untergeschlagenen Beinen
-am Boden und nähte an einer Hose. Vom Zwischendeck kamen wilde,
-unverständliche Laute herauf, schwarze Köpfe wurden zwischen Geländer und
-Gestänge sichtbar, Weiber in hochroten Kopftüchern, mit großen Goldmünzen
-im Ohr .. Kinder spielten Nachlauf und schrieen, wenn sie sich gefangen
-hatten .. Nackte Heizer, schwarz von Ruß und den Dunst des Öles
-ausströmend, kamen einen Augenblick zum Vorschein und wischten mit groben,
-blauen Tüchern den Schweiß von ihren glänzenden Körpern. Sie leckten mit
-der Zunge die vollen Lippen und ließen den Mund offen stehen, um die
-Luft zu trinken. Die glühenden Augen starrten gegen das Land. Eine
-unbeschreibliche Geilheit straffte diese harten Leiber, die Tag und Nacht
-in die Glut der dumpfen Kesselräume gebannt blieben. Sie waren nur noch
-Geschlecht, wie sie so dastanden in der bleichen Sonne, mit eingezogenem
-Unterleib und breitherausgedrückten Brüsten. Wenn sie lachten, fletschten
-die weißen Zähne wie im Maul eines gefangenen Tieres auf, und wenn sie sich
-scherzend anstießen oder an den feuchten Armen packten, glich ihre Bewegung
-dem plumpen Spiel junger Pantherkatzen.
-
-»Sie haben Judenweiber in Tunis, sagte Cesare, als er auf meinem Gesicht
-das Gemisch von Mitleid, Bewunderung und Ekel las. Sie können es nicht
-abwarten, bis sie hinüberkommen. Sobald das Schiff landet und alle
-Heizarbeit für die Weiterfahrt vorbereitet ist, gehen sie in die Stadt und
-bleiben bis zum Abend. Wenn sie dann zurückkommen, sind sie mit Obst
-und Zuckerzeug beladen, besonders mit goldgelben Lukkumwürfeln, die sie
-manchmal den Gästen verkaufen. Betrunken sind sie nie. Eine Weile lang
-flüstern sie noch heimlich zusammen und lachen in der Erinnerung an das
-Erlebte, ist aber die Erregung ganz vorbei, so werden sie wieder schweigsam
-und fleißig. Ich weiß, daß der jüngere von seinem geringen Lohn jede Woche
-seiner Mutter in Neapel noch ein paar Lire schenkt ..«
-
-Die braunen Gestalten waren verschwunden. Das Schiff ging rascher. Wir
-näherten uns dem Hügel von Karthago, der steil und deutlich in das Meer
-vorsprang. Weiße flache Häuser tauchten zwischen blühendem Grün empor, das
-kleine arabische Dorf Sidi-Bou-Said zog sich am Berge hin.
-
-Durch die Enge zwischen den Landzungen von La Goletta und Radès fuhr das
-Schiff in den schmalen Kanal ein, der den Bahira-See durchschneidet
-und geradeswegs dem Hafen zuläuft. Nun erst fiel die ganze Schwüle des
-Sciroccomorgens über uns, doppelt quälerisch in dem weißen Dunst, der auf
-dem unbewegten Wasser lag. Selbst Cesare, der schon so lange an
-diesen Wechsel der Winde gewöhnt war, atmete schwerer und klagte über
-Kopfschmerzen. Ich war ihm nach dem vorderen Teile des Schiffes gefolgt,
-um die Anfahrt an die Stadt zu sehen. Ich saß auf einem Bündel
-zusammengerollter Taue und schaute auf die weißansteigenden Dächer, auf
-all diese flachen, scharfgezogenen Flächen, die sich senkrecht und wagrecht
-bergan schoben und sich hart die schwarzen, abgeschnittenen Dreiecke ihrer
-Schatten zuwarfen. Doch all diese Schatten dämpften nicht das übertriebene
-Weiß der Wände, sie steigerten es und schienen selbst nicht da zu sein.
-So blieb nur der Eindruck einer siedenden Helle: weiß wie silberne
-Wasserdämpfe .. weiß wie berghoch aufgeschüttete Magnolienblätter .. weiß
-wie der Glanz der Mondsteine ..
-
-Das Wasser hatte grünliche Färbung angenommen und atmete Fäulnis. An den
-Rändern einer kleinen Insel standen rote Flamingos und bargen die Schnäbel
-im Brustgefieder, während sie die schwarzen Schwungfedern kurz und häufig
-aufzucken ließen ..
-
- *
-
-Kurz nach sieben trat ich in den Gasthof. Das Treiben in dem Vestibül
-ließ eine viel spätere Stunde vermuten. Ich ruhte eine Stunde, nahm das
-Frühstück unter einem Palmenbaum im Garten und ließ einen Wagen für den
-ganzen Tag mieten. Nie habe ich schönere Wagen gesehen als in
-Tunis: Halbverdecke auf Gummirädern, weich gepolstert und von einem
-blendend-weißen Zeltdach überspannt .. und nirgends schönere Pferde:
-mittelgroße, schwarze Tiere, knapp in Gang und Haltung, lebhaft, gepflegt
-und gestriegelt, daß man sich im Glanz der kurzen Haare bespiegeln konnte.
-Mein Kutscher war ein Süditaliener aus Cosenza, klug, feinfühlig und nicht
-im geringsten geschwätzig. Neben ihm saß ein zehnjähriger arabischer Knabe,
-der die Aufgabe hatte, mich in den Basaren zu führen, in die wir nicht
-einfahren konnten. Wie ein kleiner König saß er da in seinen hellblauen
-Hosen und seinem weißen Hemd. Den dunkelroten Fez hatte er tief in den
-Nacken zurückgeschoben, so daß eine Welle glänzender Haare auf seine
-gebräunte Stirne fiel. Er kaute trockene Feigen, die er aus der Tasche
-zog. Jedesmal, wenn der Wagen anhielt, glitt er wie ein Wiesel auf die Erde
-nieder, reichte mir die Hand zum Aussteigen und kauerte auf dem Trittbrett,
-bis ich zurückkam.
-
-Wir durchfuhren zunächst die südliche Stadt, die Rebat-Bab-Djazira. Da,
-wo die Moschee des gleichen Namens liegt, sah ich einen langen Zug Kamele
-kommen, die Kohlen nach dem Markte schleppten. Die Tiere gingen schwer,
-unwillig, wie geschändet durch die aufgezwungene Last, mit einem Ausdruck
-hilflosen Vorwurfs in den guten Augen, deren Blick mich schon in der
-frühen Kindheit ergriffen hatte, wenn ich auf den Jahrmärkten den Gauklern
-nachlief, die am Halfter ein müdes, graues Dromedar hinter sich herzogen,
-auf dessen Rücken ein frecher Affe Nüsse fraß. -- Schweigende Treiber
-schlürften in klappenden Schuhen neben den Tieren über die Pflastersteine.
-Viele hatten kleine Jasminsträuße hinter die Ohren gesteckt, Gemüse- und
-Obsthändler zogen die Djazirastraße entlang, Karrenschieber, aus deren
-Wagen bunte Farbflecken aufleuchteten: Kirschen, Rüben, Salatbüsche,
-Fenchelstiele. Als wir an der Kasba vorbeifuhren, der alten Zitadelle der
-Stadt, verkündeten Trompetensignale, daß diese weißen Kalkmauern jetzt eine
-Kaserne umschließen. »Zuaven«, sagte der Kutscher mit einer wegwerfenden
-Handbewegung. Je weiter wir nördlich kamen, desto belebter wurde die
-Straße. Frauen in dunklen Gewändern und mit verhülltem Gesicht führten
-kleine Kinder an der Hand und gingen ruhigen Schrittes in der Mitte der
-Straße. Männer in Gruppen, schweigsam oder leise redend, saßen auf den
-Bänken vor den Häusern in der Sonne. Einige hatten die weißen Tücher vom
-Kopfe fortgenommen, andere dicht gewickelt und tief in die Stirne gezogen.
-Auch auf den grellen Dächern wurden weiße Gestalten sichtbar. Ihre blauen
-Schatten brachen scharf an der Brüstung ab. Manchmal warf der breite Wipfel
-eines Baumes eine grünliche Dämmerung in das Milchweiß der brütenden Luft.
-Aber vergebens spähte das Auge nach einer Bewegung der Blätter. Nur der
-Windhauch des Fahrens gewährte eine ganz leise Erfrischung. Sobald
-der Wagen hielt, schien der Atem zu stocken. Wir kamen bis zu dem
-nordwestlichen Tore Bab-Bou-Sadoun, wo viele alte Männer gesenkten Hauptes
-saßen. Sie sahen kaum nach meinem Wagen auf. Auch beachteten sie nicht den
-Staub, der beim Umwenden in die Höhe wirbelte und zu ihnen hinüberzog. An
-dem Halfaouinplatze stand eine große Menge -- wie wartend -- umher. Viele
-bunte Farben tauchten hier neben dem Weiß der faltigen Burnusse auf: Viel
-Gelb und Ziegelrot an Wams und Weste, auch lichtes Blau und Zinnoberbraun.
-Ich ließ den Wagen anhalten und trat an eines der vielen Cafés, die hier
-im Kreis umherliegen. Ich hatte mich kaum gesetzt, als man auf ziselierter
-Messingplatte die heißen, hochgefüllten Mokkabecher brachte, an deren Rand
-der kupferne Schaum dünne, bunte Blasen trieb. Der Duft war so belebend,
-daß ich auf Augenblicke die fürchterliche Glut der Luft vergaß. Aber kaum
-hatte ich das heiße Getränk zu mir genommen, als ein Feuer in mir aufschlug
-wie von zu scharf gewürzter Speise und perlende Feuchtigkeit am unteren
-Augenlid hervortrieb. Ein Schwindel faßte mich an .. vor den Pupillen
-stoben rotgoldne Funkengarben auseinander .. Ich netzte die Stirne mit
-Wasser .. und erkannte wieder den Platz und den Wagen vor mir. Ich hieß den
-Kutscher rasch nach den Basaren fahren. Wir durchquerten die Bab-Souika,
-wo einiges Grün das Auge auf Minuten beruhigte, umfuhren halb die
-Sidi-Mahrez-Moschee, und endeten am Kasbaplatz, wo ich den Wagen warten
-ließ. Der Knabe folgte mir, und als wir in das Halbdunkel der ersten,
-überdachten Basarstraßen traten, faßte er meine Hand, um mich in dem Gewühl
-nicht zu verlieren. Seine nackten braunen Füße berührten nur leicht die
-Steinfliesen, der feine Körper schwebte nur in den flüchtigen Hüften ..
-Erquickende Kühle wallte in den endlosen Gängen. Der Boden war in der Frühe
-begossen worden und hauchte noch den Geruch des Wassers aus, die weißen,
-faltigen Burnusse der Schreitenden schlugen die Luft und ließen Frische
-nachwehen: etwas wie einen Duft von grüner Bleiche und Mandelseife.
-
-Ich blieb eine Weile an der Auslage eines Schneiders stehen und sah mit zu,
-wie er ein Gewand aus weißem Kaschmir mit goldnen Borten benähte. Die Nadel
-knisterte, wenn sie im Flug den Stoff durchfuhr, der aus den weichen Falten
-ein elfenbeinernes Licht warf. Ein Gewühl von bunten Atlasresten war auf
-dem Boden ausgebreitet: wollüstiges Bad der suchenden Hände. -- Auch bei
-einem Schuster saß ich einige Minuten und ließ mir purpurne Prunkschuhe und
-safrangelbe Pantoffel zeigen, die mit Silberfiligran umsponnen waren.
--- Ein Kupferschmied aber zündete mir auf einem alten, vierzehnarmigen
-Tempelleuchter die braunen Wachskerzen an, so daß ein Hauch wie brennender
-Honig an die Decke des niederen Gewölbes schlug.
-
-Es war fast Mittag, als ich in den Souk-el-Birka zu den Juwelieren
-hinüberging. Ich kaufte einen Talisman aus grünem Email und einen schmalen,
-schwarzblauen Dolch, dessen Griff mit silbernen Nägeln und blassen
-Turmalinen übersät war. Als ich gehen wollte, bat mich der alte Besitzer
-des Ladens, noch einen Augenblick zu verweilen und rief seinem Sohn ein
-paar arabische Worte in einen Nebenraum zu. Gleich darauf wurden zwei große
-Kästen gebracht und auf einen maurischen Schemel gestellt. Der Alte türmte
-Kissen aufeinander und lud zum Sitzen ein. Vater und Sohn standen dicht
-nebeneinander und hoben die Hände in einer fast schmerzlichen Bewunderung
-empor, als sich die roten Seidenetuis öffneten und auf weißem Samt die
-unvergleichlichsten Gewebe goldnen Filigranes sichtbar werden ließen,
-die je mein Auge erblickte. Mit einer Geste, als seien seine Finger nicht
-heilig genug, die Kostbarkeiten zu berühren, hob nun der Alte den größeren
-Schmuck in die Höhe und legte ihn über die crêmefarbige Seide einer
-nachgeahmten Frauenbüste. Nun erst erkannte ich, was dieses Netz bedeutete.
-Es war der kühle Panzer für die nackten Schultern und Brüste einer Frau. An
-jeder Kreuzung zweier Goldfäden taute ein blasser Rubintropfen: da, wo
-die dunkelroten Knospen der Brüste aus dem Gewebe drängen mußten, war eine
-runde Öffnung gelassen, die ganz von spitzen, heißen Diamanten umsäumt
-stand. Man fühlte das Atmen der blassen Haut unter dieser Hülle, das weiche
-Schlucken der Kehle, wenn die Lust in die Glieder rieselte, die leichte
-Blähung des Unterleibes über dem Geschlecht, und die flache Höhlung an
-den Seiten der leidenschaftlich eingezognen Schenkel. Man spürte die blaue
-Rohseide der Lagers, den irrenden Duft des Jasmines in den Decken, das laue
-Feuchte auf den leicht geöffneten Lippen, die an den glatten Strich der
-Schneidezähne rührten.
-
-Die Juweliere sahen mich erwartend an. Der Sohn ließ seine weichen Finger
-durch die Maschen spielen, wie wenn er das warme Fleisch unter dem kühlen
-Geriesel abtastete, und sagte zu mir:
-
-»Die schönste Jüdin von Tunis wird in diesem Schmuck noch heute abend
-tanzen. Ihr Freund, ihr reicher Freund, der nur vorübergehend in der Stadt
-weilt -- er lebt auf seinen Farmen im Innern des Landes -- hat ihn bei uns
-arbeiten lassen. Wir haben Monate gebraucht, ihn herzustellen. Wir haben
-nie etwas Ähnliches angefertigt. Es hat nicht seines Gleichen auf der
-Welt« ..
-
-»Wenn nicht das andere Stück, fiel der Vater ein, zeige das andere Stück --
-die Wahl ist schwer.«
-
-»Es ist für eine arabische Dame, erklärte er weiter, als der Sohn das
-Haarnetz über seine Hand fallen ließ, so daß es sich wie eine flache
-Mitra an sieben Platinkreisen entfaltete, die von den zartesten Brillanten
-starrten und miteinander durch unwahrscheinlich dünne Silberschnüre
-verbunden waren. Am linken Rand des weitesten Reifes war eine schmale Öse
-für den Reiherbusch und an den inneren Wänden ein Spiel von goldnen Nadeln
-angebracht, um die sprühende Haube über der Welle des Haares zu halten.
-
-»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte, indem er sich dicht zu mir
-hinüberneigte und mir in die Augen sah.
-
-»Ich ziehe keines von beiden vor. Sie sind gleich wundervoll. Für meine
-Gattin würde ich das Haarnetz kaufen, für meine Freundin den Panzer ..«
-
-»Auf Ehre, ich sage das Gleiche, erwiderte rasch der Jude. Doch ob mir die
-Gattin oder die Freundin lieber ist, sage ich nicht ..«
-
-Wir betraten den Souk-el-Attârin, wo die kostbaren Essenzen verkauft
-werden. Wie von Rosenhügeln kam uns ein Hauch aus der schmalen Lichtsäule
-entgegen, die durch eine offne Dachluke fiel. Ich konnte der Bitte des
-jungen Verkäufers nicht widerstehen, der mich zum Eintreten in seinen Laden
-lud und mir Kaffee und Zigaretten anbot. Er kniete vor meinem Sitze nieder
-und breitete auf einem seidnen Teppich von wundervoll geblaßtem Himbeergelb
-und Erdbeerrot eine Menge zierlicher Flacons aus, die selbst verschlossen
-eine heftige Süße verströmten. Die kleinen Behälter -- kugelrund oder eckig
-abgeschliffen -- waren aus altem, etwas erblindetem Kristall und ganz
-mit dünnen, goldnen Ornamenten übersät. Der Händler tupfte die Spitze der
-gläsernen Stopfen auf dünne Watteflocken, die er in die Luft warf. Ich sog
-geschlossenen Auges die endlos sich erneuende Welle auf: so wie man Töne
-unergründlicher Melodien schlürft oder das Überraschende, nur Halbgelöste
-im enharmonischen Wechsel der Akkorde. Ich dachte an nichts: kein Bild und
-keine Vorstellung bannte das Unendliche des Genusses. Ich atmete nur, so
-wie ich der Musik nur lausche, ohne ihr Überirdisches an Erscheinungen zu
-deuten. Duft bleibt mir Duft: so wie mir Klang nur Klang bleibt: vollkommen
-in sich: rein in Wesen und Ausdruck. Einmal fiel mein Blick auf den Knaben.
-Er saß etwas abseits, mit vorgeschobenem Gesicht und leicht geblähten
-Nüstern, ein kleines, braunes Reh, das gierig wittert. Der Verkäufer selbst
-schien wie entrückt. Die vollen Lippen lüstern ausgezogen, so daß in der
-Grube der feinen Mundwinkel ein bläulicher Flaum lag, trank er die immer
-wechselnden Hauche und wurde nicht müde, immer neue Flacons zu öffnen und
-neue Schneeflocken fallen zu lassen. Schließlich stand er auf, nahm alle
-die kleinen Wattekugeln und warf sie in die Höhe: Da ging ein Regen von
-Balsam nieder, ein Glockenspiel von fünfzigfach gemischter Süßigkeit.
-Ich hatte die Schwüle, die Müdigkeit, die Kopfschmerzen vergessen und lag
-halbtrunken auf dem Brokat der maisgelben Kissen, indes wir eine Mischung
-besprachen, die ich für mich bereiten lassen wollte. Der Araber sah mich
-lange an, sah meine Hände an und befühlte sie, langsam und prüfend,
-mehrere Male. Er betrachtete meine Ringe und den bläulichen Halbmond der
-Nagelwurzeln. Er tastete die Hügel der Fingerspitzen ab und befühlte die
-Haare an den Schläfen. Dann sagte er langsam, während er neuen Kaffee
-brachte und dem Kleinen ein Stück Lukkum reichte:
-
-»Vous êtes artiste.«
-
-»Parfaitement. Je suis poète.«
-
-»Je l'ai bien deviné. Mais c'est difficile chez vouz. Votre extérieur
-trompe. Vous cachez votre profession, vous ne voulez pas qu'on voie ce que
-vous êtes. Mais vous êtes passionément artiste .. si fort que cela domine
-votre vie. Vous êtes de race germanique.«
-
-»Je suis Allemand.«
-
-»Comme je vous connais! J'ai le flair des races! Depuis mon enfance! Je
-sais exactement quel parfum il vous faudra. Pas pour le prendre: c'est
-autre chose! mais pour vous exprimer. Il faudra envelopper le centre chaud
-et mou d'un ruban simple et plutôt sec .. Il faudra beaucoup cacher sans
-dissimuler.«
-
-Damit ging er in den hinteren Raum des Ladens und holte einige größere
-Flaschen, in denen smaragdene und amethystene Flüssigkeiten leuchteten. Die
-Mischung wurde in ein köstliches rundes Gefäß aus altem Kristall gegossen
-und in ein Bett von grünem Atlas gelegt. Zum Überfluß aber schenkte mir
-der Händler ein zierliches Glas voll Jasminduft, der in dieser Stadt heilig
-ist, so wie die Blume selbst.
-
-Dann aber fingen wir an zu plaudern. Der blaue Rauch unserer Zigaretten
-stieg in schmalen Bändern empor, vor der Türe wogte die leise Brandung
-der Menge. Helle und Dunkel flog auf und nieder im Wechsel der Gestalten,
-unaufhörlich wallte der Duft im gleitenden Luftzug ..
-
-Und der Araber sprach von den Oasen des Landes, von Gafsa, von El Djem, von
-Dougga. Ich lag flach auf dem Rücken und lauschte .. Immer wieder, wie
-ein Becken, in dem sich der Strom seiner Rede sammelte, kehrte die Mahnung
-wieder:
-
-»Scheuen Sie nicht die Mühe .. gehen Sie in die Wüste ..«
-
- *
-
-Es verlangte mich zurück zum offnen Licht. Ein heller Wind schlug mir
-entgegen, als ich mich dem Ausgang der Basare näherte. Die Decken der
-Ladentische wehten, die seidnen Aushängefahnen wehten, die Gewänder
-der Fußgänger wehten .. Und die reinste, tiefste Bläue wehte über den
-schneeweißen Dächern, als ich ins Freie trat. Baumwipfel rauschten, der
-leicht durchbrochene Schatten der Zweige tanzte auf dem Boden. Die Schwüle
-war fort .. die belebende Hitze sprühte golden und leicht in den befreiten
-Lüften.
-
-Wir fuhren wieder nördlich, nach der Halfaouinstraße. Ich ging, von dem
-Knaben geführt, in das Labyrinth der Gassen, die einsam und geheimnisvoll
-im klaren Lichte lagen, eine endlose Monotonie von weißen Würfeln in
-satter Bläue, nur selten durch das Grüne eines Wipfels oder das Bunte eines
-Blumenstrauches unterbrochen. Die Türen waren geschlossen. Kaum ein Mensch
-war sichtbar. Das Leben lag verschüttet im weißen Licht: abgestumpft,
-unbewegt. Etwas, das nicht mehr will.
-
-Wir waren aufs Geradewohl gegangen und kamen an der Synagoge heraus. Hier
-schickte ich den Knaben fort, um den Wagen herbeizuholen und ging auf ein
-kleines Café zu, an dessen Schwelle zwei Tänzerinnen saßen. Ich ließ kalten
-Tee bringen und setzte mich in eine kühle Ecke. Die Frauen kamen zu mir.
-Ihr Gesicht war so stark gepudert, der Mund so giftig-blaurot überstrichen,
-daß mich ein Ekel faßte, als im Sprechen ein feuchter Glanz auf diese
-Lippen trat. Aber die Augen hatten so viel Milde, ja fast eine Traurigkeit.
-Die aufgedunsenen, kleinen Hände, die von unechten Ringen starrten, fuhren
-zuweilen in das wirre Haar, das kein Öl ganz zu glätten vermochte
-und stützten sich dann wieder auf die breiten, häßlichen Hüften. Den
-Achselhöhlen entstieg der scharfe, beizende Geruch des Geschlechtes.
-
-»Was treiben Sie heute nachmittag?« fragte die jüngere und legte die Hand
-auf mein Knie.
-
-»Ich fahre nach dem Belvedere-Park.«
-
-»Was wollen Sie jetzt dort tun? Es ist alles verdorrt! Kommen Sie zu uns,
-wir werden Ihnen die Zeit vertreiben ..«
-
-»Womit?«
-
-»Womit Sie wollen.«
-
-Die ältere schob die Zunge zwischen die Lippen, die schmale, zugespitzte
-Falte einer karminroten Zunge, auf der ein gelblicher Speichel stand. Sie
-lachte und zeigte verdorbene Zähne.
-
-»Ich will gar nichts,« erwiderte ich und zündete eine neue Zigarette an, um
-die Fliegen fern zu halten ..
-
-»Desto besser, sagten die beiden. Wir wissen schon ..«
-
-Und sie sahen sich an wie solche, die glauben, verstanden zu haben.
-
-»Hören Sie, begann wieder die jüngere, wir tanzen heute nicht. Wir können
-am Nachmittag tun und lassen, was wir wollen. Kommen Sie in unser Zimmer.
-Wir werden Opium rauchen.«
-
-Die andere lüftete das Tuch und ließ ihre schlaffen, feuchten Brüste sehen.
-
-»Geben Sie uns zwanzig Lire, einer jeden, und die Nacht gehört Ihnen .. Die
-Nacht zu dreien ..«
-
-Sie spreizte die Beine und zog die Knie höher. Die Brüste fielen ganz
-aus den weißen Schleiern. Über der linken Warze stand ein bräunlicher
-Blutfleck, die letzte schwindende Spur eines Bisses. Sie sah mich lange
-an .. abwartend .. Ich lächelte und rauchte weiter ..
-
-Da standen beide auf. Mit einem leichten Gruß, als ob nichts gewesen sei,
-gingen sie auf ihre alten Plätze zurück.
-
-Es währte noch eine Weile, bis der Wagen kam. Ich sah in die Luft, die
-über den Steinen flimmerte, und lauschte einem Dudelsackpfeifer, der hinter
-fernen Höfen zu spielen begann.
-
- *
-
-Das Gras auf den Wiesen des Belvedere-Parkes war schon verbrannt, aber die
-Oleanderbäume schütteten die hellrote Flut ihres Blühens über das feste
-Grün der Blätter. Es war ein Oleandergarten, durch den der Wagen langsam
-bergan fuhr. O seltsamer Duft dieser Blüten: Duft, der mitten in der Süße
-abbricht, der nicht zu Ende geht und da verflüchtigt, wo sich der tiefe
-Atemzug ganz seiner Wonne bemächtigen will .. ein Duft wie Harfenklänge: er
-weckt die Sehnsucht und löst sie nicht mehr aus.
-
-Mit einem dünnen Palmblatt scheuchte der arabische Knabe die Fliegen, als
-ich mich hoch oben am Pavillon zur Ruhe niederließ. Die Augen fielen mir
-zu. Langsam versank der Abstieg von Dächern und Kuppeln vor mir. Als
-ich erwachte, war nur die endlose Bläue über mir aufgerollt, weiße Vögel
-wiegten sich auf blühenden Schwingen südlich über dem Meer gegen den
-leichten Hauch der Hügel von Zaghouan. Der rote Duft der Oleanderblüten
-stand aufrecht in dem Garten .. der Duft, der seine Seele in sich festhält,
-im Schenken süß, noch süßer im Versagen ..
-
- *
-
-Gegen sechs Uhr abends kam ich nach Radès, zu Achmet Fouad, einem
-türkischen Freunde Axel Arnedals. Ich fand genau den Menschen, den ich zu
-finden erwartet hatte. Die erste Viertelstunde unseres Gespräches gab eine
-Vertrautheit, als ob man sich schon lange gekannt hätte.
-
-Jedes Wort, das der Vierundzwanzigjährige sprach, hatte seine Schwere und
-Eindeutigkeit. Alle Gedanken wurden einfach und mit jener Würde gegeben,
-die der nordischen und westlichen Jugend fremd ist. Schon die Stimme
-war Ruhe, tief und tönend, jede Silbe im Kupfer ihres Klanges umhüllend.
-Dieselbe Kraft, zu bannen und einzuschließen lag in den großen
-mandelförmigen Augen. Die Brauen standen flach und stark gezogen an der
-niedrigen Stirn. Über den kräftigen, schlanken Händen lag mildverteilt die
-Sinnlichkeit des Orientalen.
-
- *
-
-Wir ruhten auf gelben Matten und sahen die Nacht herniedersteigen. Die
-trockene Wärme des Daches strömte langsam in unseren Rücken.
-
-Schiffe lagen im Hafen, fern und kaum zu erkennen im Widerschein des roten
-Himmels. Auf einem Bett von Nelken ging der Abend schlafen. Silbern tauten
-die Sterne am Rand der Blumen. Das Meer rollte den bronzenen und rollte den
-stahlgrünen Samt. Im Norden blitzten die Lichter von Karthago auf. Keine
-Barke zog aus. Achmet hob noch einmal den schweren, dunklen Kopf, hob die
-Arme, wie wenn er das letzte Licht fassen wollte und ließ sich leise ganz
-zu Boden gleiten, indessen mich tiefes Bangen auf den Knieen hielt. Eine
-Stunde später brannten die Ampeln, und der Jasminstaub verpuffte in den
-hohen Räucherpfannen. Der schwarze Diener ging zum letztenmal. Die Tür
-stand offen. Palmenwipfel wiesen in die Tiefe des Gartens. Die Silberbäche
-der Sterne stürzten an der nächtigen Kuppel nieder. Wie Nadelspitzen schlug
-das Fieber des Duftes empor. Schon glitten Wolken vor dem sinkenden Auge.
-Rosenfelder liefen im Morgenwind und trugen mich fort. Dann noch ein
-allerletztes Dämmern .. ein Ruf ohne Antwort .. O Haschisch! wehes
-Hanfkraut! Süßes Hanfkraut, das dieses Schweben schenkt ..
-
-Und dann der tiefe, tiefe Fall durch weiße Sternenseen in ein warmes,
-blaues Meer, das wiegt und wiegt .. und leise singt und weiterwiegt ..
-
-Sehr mild und weichumrissen kamen die Gesichte auf goldnen Dünsten der
-Frühe:
-
-Aus einem Veilchenhügel wurde der rührende Leib des Mädchens geboren, von
-der aufgehenden Sonne bestrahlt. Glückselig stand der Mund und trank
-die Morgenluft. Auf den Spitzen der herben Brüste glühte das Silber des
-Lichtes. Um die gereckten Hüften und die zarte Flucht des Schoßes lag es
-wie ein dünner, schmiegsamer Panzer .. und es glänzte in den Kniescheiben.
-
-Aus den Lüften schwebte der Knabe nieder, den Tau der Dämmerung aus den
-Haaren schüttelnd und das feuchte Gesicht in den Händen trocknend. Er
-umschlang die Schulter der Geliebten und glitt in ihren Leib hinüber. Sie
-aber schloß die Arme über dem Kreuz seiner Hüften und trug halb schon
-im Sinken, halb noch im ungewissen Gleichgewichte, die Last, von der sie
-selbst getragen wurde. Die Lippen des Knaben aber hatten sich festgesogen
-an der Mandelblüte der linken Brust und tranken das hellrote Blut, das im
-Kreislauf in das schenkende männliche Geschlecht zurückrann. Da waren beide
-Körper plötzlich ganz verwachsen, und jenseits des Geschlechtes, das Mann
-und Weib scheidet, im Schoß der Lust bis in den Abgrund alles Werdens
-untergetaucht.
-
-Andere Bilder lösten sich aus dem wachsenden Licht: auf hellblauem Lager
-die schlafend vereinigten Freunde, im Duft ihrer blonden und dunkleren
-Jugend verloren .. auf purpurnen Betten die schmerzlichen lesbischen
-Frauen .. Leda und der küssende Schwan, der die Schwungfedern an den
-wartenden Schoß drängt, Danaë mit den offnen Schenkeln, in die der
-Goldregen niederrieselt ..
-
-Aus der Woge aber, die mich wiegte, sang eine Stimme -- und es sang aus dem
-rauschenden Licht:
-
-Ich bin die Lust. Ich bin ein Eines und bin so viele Viel, als niemals
-eines Menschen Hirn zu träumen vermag. Jenseits von Tugend und Sünde
-beginnt mein Leben, und ich lächle, wenn ihr mir Gesetze andichtet, da
-ich gesetzlos bin und ganz mir selbst genüge. Ich frage nicht darnach, was
-eurem Leben frommt und euren Zwecken dient. Ich habe keinen Zweck. Ich bin
-nur da, ich war und werde sein. Ich treibe den Mann zum Weib und den Mann
-zum Mann und das Weib zum Weib und den Menschen zum Tier und den Menschen
-zum Ding und das Tier zum Tier und das Tier zum Ding und das Ding zum Ding.
-Ich bin voll Geheimnis und weiß es selbst nicht, in wieviel Kräften ich
-bin. Ich bin in den Giften und bin im Balsam. O daß ihr einmal sehen
-lerntet und alles Lebendige gleichsetztet! Bin ich nicht aufgewachsen in
-den Zellen eines kleinen Hanfkrautes? Wohne ich nicht in einem winzigen
-Tropfen ausgepreßten Öles, der genügt, euren Willen zu brechen und eure
-gefesselten Sinne zu entfesseln, sodaß ihr die Wahrheit fühlt? Eine arme
-Pflanze des Feldes setze ich über den Hochmut eures Geistes! Ja, ich
-kann euch töten mit den Körnern der Mohnblume! Ich kann in euer Blut
-überspringen und mich so dehnen, daß das Gefäß eurer Adern zerreißt.
-
-Wes nennt ihr die Liebe? Was eure Ordnung erhält und eure Art fortpflanzt.
-Aber ich bin keine Gottheit der Ordnung und keine Gottheit der Art. Ich
-bin die Gottheit, die als Anfang der Welt über den Wassern war. Ich befehle
-euch nichts und verbiete euch nichts, da jedes Geschehen mir gleich ist, in
-dem ich mich selbst erkenne. Ich lohne euch nicht und strafe euch nicht: Ob
-ihr mich preist, ob ihr mir flucht: Ich lächle -- und bin.
-
- · · · · · · · · · · ·
-
-Morgengrauen. Aufbruch aus der kleinen arabischen Stadt, in der die
-Karawane am Abend zuvor eingetroffen war. Ein langer, quälend langer Ritt
-durch Steppe, Sand und Wüste, bis zu einem toten Gewässer, an dessen
-Rand das Mittagslager aufgeschlagen wurde. Agaven, Aloë, Palmen und
-das schreiende Gelb der Kakteenblüten. Schutt, bröckelndes, verlassenes
-Gemäuer, angebrannte Grasflächen. Am Himmel die gleißende, zischende
-Diamantscheibe der Sonne, deren überhitzter Glast ringsum die Bläue
-auffraß. Dann das weiße Zelt mit dem dünn gefilterten Gold in dem groben
-Gewebe. Teppiche und Kissen am Boden. Ein Gehen und Kommen der Beduinen,
-bis alles hergerichtet war. Dann Ruhe .. beklemmende Ruhe ..
-
-Achmet Fouad lag halbnackt in dem weißen Seidenburnus ausgestreckt, dem
-Schlummer nah. Ich selbst, in allen Sinnen überwach, saß auf dem Polster
-und lauschte in das Knistern der betäubenden Luft. Die Hitze schoß in
-tausend Pfeilen durch die Tuchwände. Sie sprang vom Sand und dem siedenden
-Glanz des erblindeten Wassers empor. Ich hörte, wie draußen einer ein Kamel
-schlug, das sich nicht umlegen wollte. Der Stock sauste auf das verwollte
-Fell nieder. Das Tier stieß einen wilden, bösen Schrei aus und glitt in
-die Kniee. Lange noch drang sein Schnaufen zu mir herüber. Ich versuchte
-zu rauchen. Die Kehle war zu trocken. Das Blut drängte in meine Augen und
-begann in meinen Ohren zu sausen. Ich riß die Kleider von mir und warf mich
-auf das Lager. Die Hitze drang wie Nadelstiche in meinen Leib, in allen
-Poren schlug ein brennender Schmerz auf, krampfhaft kurz .. im gleichen
-Augenblick schon in einer unerhörten Lust aufgelöst. Der ganze Körper
-schien ertötet, entkörpert in der Arbeit der Glutwellen, die ihn von
-allen Seiten anfielen. Der Atem wurde frei. Tiefe Müdigkeit sank auf die
-Augenlider. --
-
-Achmet stand lächelnd vor mir, als ich erwachte. Dunkles Orange wogte
-im Zelt, er schlug den Vorhang etwas zur Seite, und ich sah wieder die
-glänzende Wand des lasurenen Himmels, die über Palmengestrüpp emporwuchs.
-Die Schatten der gesattelten Kamele fielen auf den gelben Boden, ein
-Beduine fragte, ob wir bereit seien. Wir ritten tief in den Abend hinein.
-Bei einem Sykomorengebüsch wurden die Zelte wieder aufgeschlagen. Die
-Wachtfeuer brannten an der Erde, der blaue Rauch wirbelte in den roten
-Dunst der Lüfte. Schwarz lagen die Kamele gegen den Purpur der Zelttücher,
-der langsam blaßte, auf der welligen Weite war eine Saat von bleichen
-Rosenblättern ausgestreut, die in jeder Minute weiterwelkte. Aus den
-goldnen Brunnen der Sterne fiel der Tau. Flachen Leibes lag ich auf dem
-Sand, den Kopf in die aufgestützten Arme gebogen. So lag vor tausenden
-von Jahren der Nomade auf dem Boden der Wüste, wenn er in den kühlen,
-durchscheinenden Nächten von seinen ruhlosen Wanderzügen ruhte, und
-schuf an der Weite des funkelnden Himmels und der noch weiteren Weite des
-wehenden Sandes den Raum seiner tiefen und kindlichen Seele. So barg er das
-wilde Antlitz im Staub der einsamen, unentweihten Erde, so hob er das wilde
-Antlitz nach den Sternfeldern, die den Wohnungen Gottes vorgelagert sind:
-Da wuchsen die ersten Silben im Abgrund der Seele, Schauder und Wonne,
-in einem dunkeln Klang gebunden: und das Gebet war geboren: der große
-vermittelnde Gesang zwischen dem, was endlich ist, und dem, was ewig ist.
-
- *
-
-Achmets Finger rührten an meine Schläfe:
-
-»Der Tag bricht an ..«
-
-Ich hob mich aus dem tiefen Schlaf.
-
-Das blasse Öllicht flackte in dem Messingbecken. Stimmen wurden vor dem
-Zelte laut. Achmet schlug weit den Vorhang auf. Die Luft kam weich und
-kühl von Osten. Ich löste mich aus den Decken und trat in das Freie. Die
-Beduinen grüßten. Einige knieten schon am Boden. Über dem blauen Milchdunst
-am äußersten Saum der Erde schleifte der trübe Rand eines purpurnen
-Vorhangs, der an grauen Wolkenbändern aufgehängt war. Plötzlich teilte sich
-dieser Vorhang der ganzen Länge nach und öffnete dem Auge einen Blick in
-kühle, blanke, smaragdene Tiefen. Im gleichen Augenblick bauschten sich die
-Wolkenstreifen, Ströme von hellem Blut stürzten in die grüne Klarheit
-der Mitte. Am Boden aber leckten schon kurze Topasflammen nach oben,
-weißglühende Dolche zuckten im Halbkreis nach und durchstachen das schon
-gerinnende Blut: zwei-, drei-, vier-, fünfmal raste eine mörderische
-Lohe bis in den Zenit hinauf -- und die große, weingoldne Sonne stand in
-erdrückender Ruhe über dem verwüsteten Horizont.
-
-Ein Kamel zerrte am Halfter und schrie auf. Ein zweites schrie, ein
-drittes, ein viertes, ein fünftes .. dann schrieen alle. Vielleicht schreit
-einer so, dem das Messer in die Eingeweide saust.
-
--- --
-
-Wir ritten .. ritten ..
-
--- --
-
-Wir ritten .. ritten .. ritten ..
-
--- --
-
-Gegen Abend erreichten wir die Oase.
-
- *
-
-Gebadet und erquickt lagen wir am Rand der Quelle. Braune Kinder spielten
-um uns. Frauen kamen und füllten die gelben Tonkrüge, die sie auf der
-Schulter davontrugen. Die Sonne war am Untergehen und schüttete ihr letztes
-Licht über die breiten Palmenwedel und Olivenwipfel. Dichtes, blühendes
-Oleandergebüsch säumte den Abhang vor uns, jenseits der Böschung vor uns
-standen Weizenäcker voll Kornblumen und Klatschrosen. Da mußte ich an das
-heimatliche Land denken, an das grüne, wellige Land um Pfingsten .. an die
-Feldwege nach Sonnenuntergang ..
-
-Ganz leise, ganz beruhigt war das Gespräch mit Achmet. Ein Gespräch voll
-Abend und süßer Traurigkeit. Keine Pläne mehr, kein Rechnen mit Meilen und
-Stunden: nur das lautlose, wunschlose Übergehen von Wesen zu Wesen. Kein
-Unterschied des Alters mehr, kein Unterschied der Rassen: was uns irgend
-trennen konnte, war mit dem lauen Wind verweht, der in den Wipfeln ging.
-Wir sprachen von unserer Kindheit, von unseren Müttern, von Freunden
-und von Frauen. Es war alles so ähnlich, die selben Träume, dieselben
-Bitternisse, dieselben Tröstungen. Nur die großen innern Ziele waren anders
-gesetzt: weil das Schicksal des Vaterlandes verschieden war. Achmets Liebe
-zu seinem Volke war ein dunkles, unterirdisches Lodern, das sein ganzes
-Wesen ergriff und hinriß: eine Liebe voll Fanatismus und Sehnsucht sich
-zu opfern, tragisch in ihrer Artung und zu jedem tragischen Ende bereit,
-unklar und grandios. Er sprach von Enver Bey, dem Heldenhaften, der zart
-und melancholisch war wie eine Frau, ein Brand von Liebe und Schmerz. Da
-spürte ich zum erstenmal im Rhythmus der Sprache, im Fall der Töne, die
-ganze Leidenschaft, die dieses tiefe, stille Herz verschloß, die innere,
-geistige Schönheit, in der die Kraft lag, ein ganzes Leben läuternd zu
-durchdringen. --
-
-Wir verstummten vor der wachsenden Schönheit des Abends. Fern im Osten
-hing zum erstenmal die gelbe, scharfgeschnittene Sichel des Mondes an einem
-Himmel von Kupfer und Grünspan. An den Palmenschäften glänzten wie Buckeln
-am Schilde die Stümpfe der abgefallenen Blätter, die langsam wiegenden
-Wedel schlugen das ruhende Gold des Äthers. Wie sich ein helles leichtes
-Zeltdach niederläßt, ließ sich die Nacht hernieder. Wir gingen Arm in Arm
-zwischen Ölbaumgärten und gelben Feldern, auf schmalen Lehmwegen. Esel,
-mit hochgefüllten Gemüse- und Blumenkörben beladen, trabten dem Stalle zu,
-Kamele schlürften an einer Tränke langsam das Wasser, in einer offnen Türe
-brannte die rötliche Ampel, in einem Hofe zupfte eine schläfrige Hand die
-Zither. Schatten füllten die Winkel und Ecken und wehten dem Dunkel der
-ruhenden Wipfel entgegen. Die Wege verloren sich, leuchteten über fernen,
-blassen Hügeln noch einmal auf und sanken ganz in Finsternis.
-
-»Wie wird dies alles fremd,« sagte ich leise zu Achmet ..
-
-»Und weit, fügte er ebenso leise hinzu. Ich höre die Quellen fließen.«
-
-Und er hielt ein im Schreiten.
-
-»Ich höre das Kommen der Nacht .. Wie ein Flug von weißen Vögeln kommt
-diese Nacht ..«
-
- · · · · · · · · · · ·
-
-Als ich die Augen aufschlug, lag schwere, dunkelgrüne Dämmerung über
-den golden durchleuchteten Wänden. Das helle Plätschern eines dünnen
-Brunnenstrahles kam über den bläulich-kühlen Flur, nach dessen Tiefe hin
-die Türe offen stand, und flüchtiger Rosenduft war in das Atmen des
-Wassers gesprengt. Die Sirene eines Schiffes durchbrach die heiße Stille ..
-Tunis .. Radès .. die Villa Achmet Fouads.
-
-Ich richtete mich empor und sah nach der Uhr. Es war um die achte
-Morgenstunde .. Ich hatte nie so tief, so traumlos tief geschlafen. Meine
-Glieder waren gelöst, gebadet in wunderbringenden Wassern .. leicht und
-selig durchrieselt von genossenem Glück.
-
-Kein Ton drang aus der Tiefe des Hauses. Grüne Fliegen summten,
-ihre kleinen Schatten zuckten über die oberen Kalkwände. Ich begann
-nachzusinnen .. aber die Bilder in meinem Gedächtnis verwirrten sich. Jahre
-waren vergangen, viele, heiße, schattenlose Jahre.
-
-Achmet trat auf die Schwelle.
-
-Wir nahmen das Frühstück im Garten des Brunnenhofes. Zitronenfalter flogen
-über den offenen Blumen, mit jedem Flügelschlag fiel eine Schuppe matten
-Goldes in das tiefe Blau der Lüfte. Tausend kleine, weiße Flecken tüpfelten
-den Boden unter den Büschen. Bäche von elfenbeinernen Blüten stürzten aus
-dem harten Laub der Jasminsträucher. Ich sah zum ersten Mal diesen Garten.
-Halbträumend trank ich den leichten Tee, wie einer, dem keine Zeit mehr
-gesetzt ist. Draußen war ja keine Karawane mehr zur Abreise bereit, es
-warten keine Kamele, die schon gesattelt standen und unruhig die geduldigen
-Köpfe drehten, keine Beduinen, die kaum die roten Lippen über dem schwarzen
-Barte zu einem Wort öffneten. Es wartete auch kein Schiff im Hafen .. Der
-Tag war frei .. zeitlos frei ..
-
-Aber morgen abend lag das Schiff an der schwarzen Mole, und eine Stunde
-nach Sonnenuntergang trug es mich hinaus durch den Kanal des Bahira-Sees in
-das offene, nächtige Meer.
-
-Da schärften sich die verträumten Sinne .. Deutliche Bilder wuchsen
-im goldnen Flimmern des Morgenlichtes herauf und blieben stehen: klare
-Symbole, die den hellen Sinn des Lebens verkünden.
-
-»Wo sind Sie?« fragte Achmet.
-
-Ich sah ihn fast erschrocken an.
-
-»In Griechenland.«
-
-Er bewegte langsam, fast traurig den Kopf:
-
-»Mir ist die griechische Seele fremd. Auch ihre Gleichnisse sind mir fremd.
-Ich habe oft versucht, zu verstehen, ich habe mich abgequält darum, es
-ist mir nie gelungen, da in meinem Wesen weder eine Stimme fragt, noch
-antwortet. Wie oft habe ich mit Axel Arnedal in Rom den Vatikan und das
-Kapitol durchwandert! Das Rätsel blieb, und ich habe es aufgegeben, an
-Lösungen zu denken.«
-
-Er lächelte -- wieder dieses gütige, halb überlegene Lächeln des
-Orientalen, und blies den blauen Rauch seiner Zigarette langsam zwischen
-den vollen Lippen in die Luft. Dann stand er auf und winkte mir mit
-dem Kopf, ihn zu begleiten. Wir traten durch ein vergoldetes Tor in die
-purpurne Verdorrtheit eines Palmengartens, der hinter dem Hause lag. In
-allen Wipfeln hingen ziegelrote Geranien, ein Heliotropenbeet hielt die
-Mitte des verbrannten Rasens, und ganz am Ende, wo die Lehmwände ein wenig
-Schatten in ihrem Winkel fingen, gossen sich gelbe Rosen bis auf den Sockel
-einer Antinousstatue.
-
-»Ich weiß nicht, wie sie hierherkam, sagte Achmet. Als ich das Haus
-mietete, fand ich sie dort.«
-
-Der weiche Leib des Knaben blühte in dem gedämpften Gold, mild und von
-innen, wie alter penthelischer Marmor. Auf den flachen Hügeln der Brust
-schloß sich die Süße des Lichtes in weißem Feuer, während ein warmer,
-violetter Schatten sich tief in die reife, ruhende Frucht des Geschlechtes
-einsog. Aber das Auge war nichts als verflüchtigte Wehmut, der Mund verbarg
-nicht seinen großen Überdruß. Jenseits der Mauer, den Hügel hinan,
-blühte ein Feld von weißem Mohn. Dort ruhte der betrübte Blick, dem Meere
-abgewendet, das in der Tiefe zwischen Olivenwipfeln blaute.
-
- *
-
-Am Nachmittag fuhr ich in die Sammlungen des Bardo hinaus, an dorrenden
-Feldern vorbei, die Öde eines arabischen Friedhofs streifend, und dann
-weiter unter den flüsternden Wipfeln der breiten Allee, immer die Berge
-vor Augen, die so leicht in der heißen, spielenden Luft ruhten und doch in
-allen Adern ihres Gesteins brannten. Ein Feuer von lilaroten Clematisblüten
-loderte die weißen Kalkwände des Hauses empor .. ein weicher, violetter
-Mantel sank die Kühle der Eingangshallen auf die Schultern ..
-
-Ich sah das Weinstockmosaik mit den pickenden Vögeln und geflügelten
-Eroten, welche die Trauben abernten .. ich sah ein andres mit dem Bildnis
-des Vergil zwischen Clio und Melpomene .. ich sah die Seitenwand eines
-gemeißelten Sarges mit den Grazien und Jahreszeiten, einen Hermaphroditen,
-einen androgynischen Eros als Fackelträger, Kameen aus Jaspis, Achat und
-Kornalin, punische Kleinodien aus den Gräbern von Karthago, Halsketten,
-Ohrgehänge, Armbänder, Amulette und Ringe, wundervolle Ringe aus weißem und
-rotem Gold, gehämmerte und ziselierte, von halberblindeten Steinen gekrönt.
-
-Dies alles sah ich in seiner verwirrenden Fülle .. Da stand auf einmal
-in der Helle einer offnen Türe jener geflügelte Bronze-Eros, der auf dem
-versunkenen athenischen Schiff bei Mahdia gefunden wurde. Ich vergaß,
-was mich noch vor wenigen Minuten entzückt hatte: ich war ganz Auge,
-hingerissen von der unwiderstehlichen Macht hellenischer Schönheit,
-hellenischer Jugend. Wie selig-erfüllt ruht dieser Gott auf breitem
-Marmorsockel, er wiegt sich auf den schlanken Füßen, als ob er tanzen
-wolle .. Die Flügel haben sich im Streichen der Luft geöffnet und lösen die
-letzte verharrende Schwere in einer Ahnung beginnenden Fluges auf.
-
-Noch tiefer aber ergriff mich das Leben einer kleinen Gemme, die unter Glas
-auf blassem Sammet ruhte: Da hebt sich auf grauem Grunde das bläuliche
-Weiß des Gesichtes, das Blut rinnt unter der klaren, angespannten Haut. Der
-Jüngling lebt in seiner strengen Schönheit, für die der Künstler das Symbol
-des Kriegsgottes fand. Er lebt so sehr, daß die Seele des Betrachters
-nachschaffend in die steinernen Züge hinübergleitet und mitlächelt, wenn
-sie das feine Lächeln in den schmalen Mundwinkeln spürt und in den grauen,
-klugen Augen, wo sinnliche Zartheit mit dem Blitz des raschen Entschlusses
-und gebietenden Willens kämpft.
-
- *
-
-Um fünf Uhr holte mich Achmet ab. Wir fuhren zum letztenmal durch die
-südlichen Viertel der Stadt. Ich fühlte den Abschied, der mit dem Abend
-leis und schmerzlich sank. Ich sah auf Achmet. Er saß gesenkten Kopfes zu
-meiner Linken und spielte mit ein paar Jasminblüten, die ein Kind in den
-Wagen geworfen hatte.
-
-Wer war Achmet?
-
-Ich wußte es nicht, und wir hatten vierzehn Tage wie Freunde gelebt. Ich
-wußte nur: er hatte die Seele eines Kindes, weich und klar, ohne
-Berechnung und ohne Zwiespalt. Er hatte die Seele des Orientalen, die über
-unergründlich-sinnlicher Trauer lächelt ..
-
-Zu Hause las ich Briefe, viele schöne Seiten von der Mutter, von deutschen
-Freunden, die meiner Reise von ferne folgten, und ein langes Schreiben
-von Axel Arnedal, das gar kein Brief mehr war, sondern eine sommerliche
-Dichtung, in der ein Hauch von Schwedens grünen Buchenwäldern und weißen
-Julinächten wehte. Da stiegen die Berge der deutschen Heimat auf, die
-kühlen, schmalen Hügel, die sich so lautlos in das fruchtbare Land
-hinlassen, die Eichenwälder, die Tannenforste und die Wiesen, auf denen das
-blühende Gras um die Gruppen der Sternblumen zittert .. Die Kuckucksrufe
-und das scheue Schreiten der Rehe am abendlichen Saum der Gehölze, die
-goldgefüllten Lichtungen hinter feuchten, braunen Schneisen .. Die Bäche
-mit dem weichen, singenden Schaum und das einsame Kreisen des Vogels, von
-der grundlosen Tiefe des blauen Teiches gespiegelt .. Und die Wolken, die
-schimmernd geballten Wolken, die über den Feldern von Weizen und Gerste,
-von Mohn und Kornblumen aufsteigen.
-
-Und als wir am Abend wieder auf dem Dache saßen, als die Glocke des
-Himmels in maisgelber Glut stand und aus dem unterirdischen Rosenbett der
-schlafenden Sonne ein Qualm von Purpurdüften aufwehte: als das Meer in
-Karmesin und Henna brannte, so daß die müden Segelschiffe auf Flammen
-zu lagern schienen: als auf die Häuser von La Goletta eine Streu von
-Pfirsichblüten niederging und der Byrsahügel auf den Trümmerfeldern
-Karthagos in einer Säule roten Rauches stand: da blieben die deutschen
-Bilder über die Ferne des Meersaumes hingegossen und in ihrer zarten
-Schönheit voll Sehnsucht neben die griechischen Gesichte hingelehnt, mit
-denen sie langsam im Sinken des Abends verschmolzen.
-
-In der Nacht aber, als alles tief im Hause schlief und mich der Abschied
-wachhielt, stieg ich in den Garten hinunter und saß noch einmal im
-wachsenden Mondlicht bei Antinous:
-
- ›So treibt noch einmal mich die Einsamkeit
- Hinab zu dir, o Bildnis, halb verwaist ..
- Die Mondnacht sinkt und macht die Landschaft weit:
- Wie bin ich voll von dem, was Mondnacht heißt ..
-
- Sieh, wie das Licht die lauen Tropfen füllt,
- Die schon vom Tau auf allen Blüten stehn:
- Ich werde deinen Garten nicht mehr sehn,
- Wenn wieder Nacht den neuen Tag verhüllt.
-
- Das Schiff entflieht -- es flieht dein Angesicht,
- Das in so langer Schau fast meines war..
- Von deiner Stirn, von deinem weichen Haar
- Die abendliche Wehmut folgt mir nicht.
-
- Und nähm ich dich und trüg dich fort von hier
- Aus deinen Rosen, deinen Lorbeerhecken:
- Dich würde so des Nordens Trübsinn decken,
- Daß du verstummtest. -- Und was bliebe mir?
-
- Das Land, mein Freund, das meine Heimat heißt,
- Ist von der Sonne selten nur umworben,
- Es liegt verhüllt und oftmals wie erstorben
- Im Nebel, der um Fichtenwälder kreist.
-
- Und selbst an Tagen, wo die Stirne freier
- Sich in das Blau geklärter Lüfte hebt,
- Bleibt irgendwo im Äther noch ein Schleier
- Aus grauen Seidenfäden hingewebt.
-
- Nie leuchtet klar der Berge fernes Rund
- In deutlicher Umgrenzung: Dünste zittern
- Wie hinter ewig zugeschlossnen Gittern
- Und geben niemals frohe Götter kund.
-
- Euch aber lachten aus den kleinsten Dingen
- Die Himmlischen verheißungsvoll und heiter an:
- All ihre Süße konnte euch durchdringen
- Und eure Irdischkeit war nie ein Wahn.
-
- Sie waren eins mit eurem tiefsten Wesen,
- Sie lebten unter euch, einfach und mild,
- Gott war an Mensch und Mensch an Gott genesen
- Und einer stets des andren Ebenbild.‹
-
-
-
-
-HELLAS
-
-(ABEND IN SEGESTA / TAGE IN SYRAKUS / CAPRI)
-
-
-Als es zum zweiten Male Abend wurde, stieg ich den Hügel empor, der zu dem
-Tempel von Segesta führt. Kein Mensch war ringsum zu sehen, kein Bauer,
-kein Hirte. Ich war von dem hochgelegenen Calatafimi zu Fuß das Flußtal
-hinabgegangen, hatte die kleine Brücke überschritten und nahm den letzten
-Aufstieg hinter dem Gehöft, in dem der Wächter wohnt. Alle Kuppen lagen
-blau im Blauen, es war ein großes Stillestehn in Licht und Lüften, wie oft
-um die Stunde, wenn sich der Tag im letzten Leuchten sammelt und auch im
-engen Tal noch keine Schatten steigen. Sonne .. weiche flüssige
-Sonne, soweit das Auge den Kreis der sanften Hügel umspannte .. gelbe
-Ginsterbüsche im harten, braunen Gestein, stille Pappelwipfel mit
-aufgeschlagenen Blättern und hoch in der Helle, von tausend bunten Faltern
-umflogen, mitten im blühenden Distelfeld, der Tempel.
-
-Da ließ ich mich auf die Stufen niedergleiten, das Antlitz ganz im
-Abendgold gebadet. In meinen Knieen rieselte die Glut des uralten Gesteins,
-aus dem heiligen Boden stieg die Welle der befruchtenden Wärme aufwärts,
-gewürzt vom Duft der Disteln und der Thymiankräuter. Meine Schläfe glitt an
-die stillbeglänzte Säule.
-
-Nun wußte ich -- wunderbar geweitet, in Wissen und Gefühl übersinnlich
-aufgelichtet -- daß alle Wege meiner Jugend in diesem Weg zusammenliefen.
-Ich war in Meiner Heimat und bei Meinen Göttern, die ich aus dem begreifen
-kann, was in mir selber ist:
-
-»O meine Götter: wie süß ist meinem Herzen die Natur, aus deren Schoß ihr
-leicht in eure Bilder stiegt! Wie seid ihr fremd dem unduldsamen Gott der
-Juden, der wie ein Starrkrampf auf dem Volke lag -- wie einfach seid ihr
-und wieviel näher als der Gott Christi! Soll ich mich denen anvertrauen,
-die euch zerschlugen, euch, die ewigen Symbole des weiten, großen Lebens,
-und schwankend Hingedachtes über die klare Fülle der gottdurchströmten
-Irdischkeiten setzten? Ich glaube an die Welt: an Trieb und Tat und an das
-ewig-erlösende Gesetz ihres Wechsels. Ich sehe nicht die Widersprüche
-in einem Gott gelöst, den man die Liebe nennt: und was die Priester
-Offenbarung nennen, dünkt mich ein Schein, nur eine tausendmal umgewandelte
-und verdunkelte Sehnsucht, im Menschen selbst das Ewige zu spüren. Aber
-die Gottheit kann sich nicht in Einem Mittler offenbaren, und die Tiefe der
-Gottheit ist nicht deutbar in einem Gefühl, das trügerisch die Gegensätze
-in einer künstlichen Entkräftung auslöscht. Der Sinn des Lebens dünkt
-mich die unendliche Kette der Bewegung von Qual und Freude: der Sinn der
-Gottheit aber die Befruchtung in Gut und Böse, jenseits der Liebe.
-
-Große Götter: Ihr schürt die Kämpfe, aus denen die Jugend fließt -- ihr
-seid in den Widersprüchen und schafft die Einheit, indem ihr das Ewige
-im Irdischsten fühlbar macht: und ihr verlangt nicht die Verwüstung der
-Formen, die ihr selber schuft, um einer qualvoll eingeengten Seele den Weg
-in euer Licht zu öffnen. Ihr heiligt den Leib: und der heilige dient euch.«
-
- · · · · · · · · · · ·
-
-Es war um die siebente Abendstunde, als ich in Syrakus ankam. Da die Villa
-Politi im alten Stadtviertel der Achradina schon geschlossen war, mußte
-ich unten auf der Halbinsel Ortygia in einem Gasthof des Hafens wohnen.
-Glühende Straßen entlang ging die Fahrt, durch weißen Kalkstaub, der so
-dicht und hoch lag, daß weder das Rollen der Räder noch das Stampfen der
-Hufe zu hören war. Ununterbrochen wogte eine leichte Wolke, vom Purpur der
-Lüfte angestrahlt, auf dem Boden des Wagens über meinen Schuhen, und, wo
-ein andres Fuhrwerk uns entgegenkam, glitten wir in einen roten Sprühregen
-feiner Nadelspitzen hinüber. Erlösend winkten ferne die dunkelgrünen
-Baumwipfel des Ufers und die Maste der wenigen Segelschiffe auf dem
-glatten, hellblau spiegelnden Meer.
-
-Ich verbrachte den Abend unter den Bäumen am Ufer. Halb war es ein Sinnen,
-halb war es ein Träumen, das mich wiegte, leise und schmeichelnd wie der
-Nachtwind die schwarze, seidene Flut. Mit jeder flachen, schaumlosen Welle
-ringelten gelbe Hafenlichter in die Tiefe, auf dem Schiff, das noch in
-der Nacht nach Malta hinabfuhr, sangen Matrosen ein fremdländisches Lied.
-Abermals tauchte die steile Insel in meinem Erinnern empor, steinern und
-rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, so wie ich sie
-eines Abends vom Rande des nahenden Schiffes aus gesehen hatte .. und
-die Schatten kamen auch wieder, mahnend und tröstend mit dem Feuer ihrer
-leidenschaftlichen Seele: La Valette und Posa, St. Priest und Créqui.
-
-Viele Menschen wandelten am Ufer und genossen das Fächeln des Windes
-nach dem glühenden Tag. Es war mir seltsam, daß ich unter diesen dunklen,
-forschenden Blicken auf- und niederging, während ich gedacht hatte, den
-Abend in irgend einem verlorenen Gartenwinkel der Villa Politi hoch über
-dem Meere zu verträumen. Ich sah hinüber in der Richtung, wo die alte
-griechische Festung mit ihren blumenüberwucherten Steinbrüchen und
-Trümmerfeldern lag, und folgte dem Fall der Sterne, die schmale Furchen
-durch das weiche Dunkel zogen und ihr kühles Silber auf die stummen Wipfel
-gossen. Erst als um Mitternacht das Schiff nach Malta lautlos und einsam
-aus dem Hafen fuhr, erhob ich mich und ging nach Hause.
-
- *
-
-
-AN AXEL
-
- Was mir aber aus unseren früheren Tagen an Erinnerung blieb, glich der
- Schönheit blauer Buchten, zu denen kaum ein Pfad hinunterführt. Ich sah
- dich immer von weitem, auch wenn du neben mir gingst, und suchte keinen
- Weg, der in dein Inneres führte. Du warst kein Mensch, auf den man
- Wünsche legte. So leicht auch das Gewebe deiner Seele war, so bunt
- und so beweglich: der Wille, der die tausend ausgespannten Fäden
- zusammenhielt, blieb fast abwehrend deutlich. Mein Staunen wuchs, so
- oft ich darüber nachdachte, einen wie großen Spielraum du den Dingen
- lassen konntest, ohne nur einen Augenblick lang die Herrschaft über
- ihre Vielheit zu verlieren. Ich wußte nicht, daß eine Sehnsucht in dir
- war, die einen Menschen forderte: ich wußte nicht, daß du den Austausch
- suchtest mit einer Seele, die du nicht besaßest. Aber was du suchst,
- ist weniger ein Mensch: es ist ein großer Glaube, der einen Menschen
- hält und deinem Glauben gleichkommt.
-
- Alle Widersprüche des Lebens versinken in deiner rastlosen Sehnsucht
- nach Schönheit: mir aber erschließt sich die Einheit des Seins im
- Schaffen der Schönheit. Wir mußten uns begegnen: das bindende Gefühl
- wächst aus der Mitte unseres Wesens.
-
- Ich konnte nie die Liebe von der Freundschaft scheiden, denn der Sinn
- der Liebe ist mir nicht die Zeugung. Wenn ich auch tausend Gesetze im
- Wesen der Natur vermute und verspüre: so habe ich doch nie einen Zweck
- verspürt, und ich weise es immer leichteren Sinnes von mir, daß irgend
- ein Ding eine Bedeutung haben könne, die den Rahmen seines einfachsten
- Wesens durchbricht.
-
- Was fragt meine Erkenntnis nach Regeln, wie sie eine bedingte
- Einsicht erfand, um letzte Möglichkeiten in den Zwang einer
- nützlich-unfruchtbaren Ordnung zurückzudrängen? Es heißt nicht den
- Göttern dienen, wenn man die Natur verletzt, und es heißt nicht den
- Menschen dienen, wenn man die Ursprung-Triebe, die aus der göttlichen
- Wurzel schlagen, mit der Waffe des blinden Gedankens erschlägt.
-
- Will wirklich der ordnende Geist sich anmaßen, Eros zu zügeln?
-
- Es ist ein anderes, ob ein fanatischer Pfaffe wider die Ewige
- Natur wettert und seinem unduldsamen Gott den seelischen Pachtzins
- einschachert, oder ob der große, der einfache Mensch, der aus
- schlichten und tiefen Ursprüngen lebt, mit der Kraft seines lauteren
- Willens dem Trieb eine Grenze setzt und das glühende Feld des Geistes
- öffnet. Und es ist ein anderes, ob der beschränkte Erzieher dem Knaben
- befiehlt, die Lust der Sinne zu töten: oder ob der Knabe aus einem
- tieferen, eingeborenen Wissen heraus das Göttliche des Körpers begreift
- und die Lust -- die wundervolle, in keinem Gleichnis auszuschöpfende
- Lust -- in solche Maße dämpft, daß sie wie süßer, silberner Morgenwind
- die Schönheit des Leibes beseelt und erhöht.
-
- Ich sehe die Flamme: und niemals das Scheit, aus dem sie emporschlägt.
- Hat ein Licht die Kraft, zu verschönen, so gilt es mir heilig.
-
- *
-
-In der Frühe des Sonntags stand ich auf und trat an das offene Fenster.
-Von allen Hügeln gegen Floridia, Cannicattini und Belvedere wehte das
-kaum geborene Licht, über den Ebenen des Anapo- und Kyaneflusses wob ein
-blaßgrüner Schimmer. Aber die Luft war blau -- blau wie Ehrenpreis und
-nicht vom Hauch einer Wolke getrübt. Die kühle Belebung, welche den
-Aufgang der Sonne umgibt, floß über dem Spiegel des Meeres. Ich lag mit
-aufgestützten Armen in dem Fenster und konnte nicht tief genug die leichte
-Berauschung dieses griechischen Morgens in mich auftrinken, der den
-allerfrühsten Zeiten anzugehören schien, als sich die korinthischen Siedler
-auf der schmalen Halbinsel Ortygia niederließen und in dem lichten Duft
-der Hügel, der Olivenhaine und Weingärten die heimatliche Landschaft
-wiederfanden .. Ein Schwarm von weißen Vögeln, der vom Rande eines
-schlafenden Bootes aufflog und landeinwärts in der Richtung der Epipolae
-schwenkte, mahnte, daß es Zeit sei, sich anzukleiden und in die alte Stadt
-hinaufzufahren. Es war sieben Uhr, als ich an das Tor der Villa Landolina
-klopfte, die zwischen weißen Mauern, unfern der Latomia di Santa Venere
-liegt. Eine junge Frau, die öffnete, sah erstaunten Auges auf den
-Rosenstrauß, der mir im Arme lag. Ich fragte nach Platens Grab. Sie wies
-mir den Weg so weit, daß ich ihn nicht mehr verfehlen konnte. Ich ging
-abwärts und aufwärts, einen schmalen Pfad entlang, bis an die Ausbuchtung,
-in der das Denkmal des Dichters steht. Der alte, schlichte Stein, den der
-Graf Landolina seinem Gaste setzen ließ, ruht rechts an einer Mauer unter
-wildem Efeu- und Lorbeergestrüpp. Dort ließ ich die Rosen niedersinken,
-eine nach der anderen, manche mit den Fingern zerpflückend, so daß ein
-Regen gelber und roter Blütenblätter über den einsamen Marmor rieselte, auf
-dem die Schrift schon verwittert. Dann setzte ich mich auf einen Baumstamm
-und sah in die Bläue, die zwischen den Wipfeln des tiefliegenden Gartens
-floß. Eine Woge von Grün schlug aus dem Abgrund auf: Pappeln, Lorbeer,
-Zypressen, Oliven. Bis in die Kronen hinauf schlangen sich die blauen
-Samtwinden, die mich so oft auf der Höhe des Palatin entzückt hatten .. In
-allen Zweigen lief das Rauschen des Morgenwindes, es war ein beständiges
-Flittern und Blitzen von Silber in den Lüften, wo sich ein glänzendes Blatt
-regte, sprühte das weiße Licht auseinander, durch die ferneren Wipfel aber,
-die einen dunklen Saum auf den Abstieg des ruhigen Himmels zogen, wallte es
-in leichten, stillen Strömen .. und ganz am Ende des Horizontes versank das
-Auge im Lächeln des Meeres. So hingehaucht, so überirdisch zart war dieser
-Streifen hellblau gespannter Seide, so weit hinausgerückt, daß keine Grenze
-mehr andeutete, wo die silberne Kugel des Himmels in die Flut stieg.
-
-Auf dieser fernen Bläue hatten die letzten schweifenden Blicke des großen
-Toten geruht .. von dort herüber war die letzte versöhnende Schönheit in
-die Neige seines Lebens geflossen. Welcher Trost, zu wissen, daß das Meer
-bis an sein Grab hinüberlächelt, daß der Wind des Meeres, der Wind der
-blauen Weiten, die hütenden Zypressen wiegt .. der süße Wind, in dem die
-Götter ihre Lieblinge grüßen. Trug er nicht selbst ihre zuckende Flamme am
-Saum der Stirn? Wenn er im Morgenlicht über die Felsengrate der Achradina
-ging und über der funkelnden Höhe des Meeres die Sonne erwartete, küßten
-sich Flamme und Flamme und wehten durch die winterlichen Lüfte in den Schoß
-der Himmlischen zurück.
-
- *
-
-AN AXEL
-
- Nun ist auch dieser Weg gegangen, nach dem es mich hinverlangte, seit
- ich Platens Schicksal und Schönheit begreifen lernte. Schon daß die
- Menge ihn nie verstehen konnte, erweckte mir eine Liebe. Denn von
- je ergriff mich die einfache, dienende Hingabe eines Menschen an
- die Schönheit, die stumme, unbeirrte Anbetung, die das niedrige
- Zweckbewußtsein der Massen aufstört und verwirrt.
-
- Ich sah, wie sich im Leben Platens langsam die griechische Sehnsucht
- entfaltete und unter Kämpfen in die lautere Gelöstheit seiner letzten
- Jahre aufstieg. Ich sah ein Werden aus erschütterten Tiefen herauf.
- Platen war meiner Seele Beispiel. Wie er dem Gott in sich durch Wehen
- und Kämpfe treu blieb, gab mir den unerschütterlichen Glauben an den
- Sinn des Lebens, gab mir den Trost seiner menschlichen Nähe und das
- über seinen Tod hinaus fruchtbare Mitgefühl. Platen war kein Grieche:
- er wurde es, indem er nur er selbst zu werden trachtete. Platens Seele
- war nordisch und krank an dem unheilvollen Zwiespalt zwischen Körper
- und Seele, dem er erlegen wäre, wenn nicht der Gott in ihm solange die
- kämpfenden Kräfte genährt hätte, bis der innere Sieg errungen war und
- der Flug zur letzten Erfüllung beginnen konnte. Die Leidenschaft
- dieses Hinfluges bleibt das Erschütterndste in dem Leben dieses großen
- Heimatsuchers: so stürzen gefangene Vögel sich über das brandende Meer
- in den Aufgang der Sonne, sobald sie die ersten befreiten Flügelschläge
- spüren, und wer ihnen nachschaut, muß weinen. Die Frucht seines Lebens
- aber war in dem, was er an Wissen von dem Wesen der Seele mit seiner
- letzten Sehnsucht schöpferisch verband. Darin liegt der neue Reichtum,
- mit dem er griechische Schönheit füllte: die unbegrenzte Möglichkeit,
- in der er griechische Formen weiten konnte.
-
- Als mit der Lehre Christi die Seele bis zur Krankheit überwucherte und
- zu einem Brand wurde, der das Gefäß des Leibes zerfraß, blieb neben
- allem gefährlichen Irrtum ein Gewinn: Konnte auch der Urstoff der
- Weltseele nicht vergrößert werden (das Göttliche ist nicht dehnbar),
- so wurde doch die Wirkung seiner Einzelkräfte durch viele Übung in
- eine tiefere Bewußtheit gerückt. Es traten Dinge befruchtend in die
- menschliche Erkenntnis, die vorher unbewußt -- nicht unfruchtbar, doch
- undeutbar -- im allgemeinen Spiel der Grundkräfte gebunden lagen. Wo
- vorher dumpfe Ahnungen gewesen waren, gab es nun Namen und Begriffe,
- der Menge zur Qual, wenig Erwählten zum Gewinn. Christus hatte die
- Natur des Künstlers: er war Bildner, Stoff und Werk zugleich. Das
- Mißverstehen seiner Jünger hat -- wie es noch jedesmal im gleichen
- Fall geschah -- die Form des Meisters zerschlagen, und was für ihn, den
- _Einen_ galt, in blindgewordener Liebe aus seinem Gehäuse gerissen und
- zerstückt vor die hungernde Meute der Bedrückten geworfen, die einen
- neuen Trostgedanken brauchte. Christi Lehre ist nicht mehr Christi
- Einheit: Was ein unglaubhaft auf sich selbst gelenkter schöpferischer
- Wille zu einem neuen, großen seelischen Beispielswerte umschuf, mußte
- den Zusammenhang mit seiner reinen Herkunft verlieren, mußte zur
- Krankheit werden, wenn es in willkürlichen Wiederholungen entkräftet
- wurde.
-
- Nur der künstlerische Geist konnte dazu berufen sein, der neuen
- Schönheit, die in Christi Erscheinung selbst ihr erstes Sinnbild fand,
- durch das Kunstwerk eine uns verfälschte Deutung zu geben: ohne den
- Geist zu verletzen, dem _alles_ Lebendige heilig ist. Nur der Künstler
- vermochte so tief in das Geheimnis des »Gott-Sohnes« zu dringen (kraft
- seiner eigenen Gott-Gebundenheit), daß er den alten Göttern
- weiterdienen konnte, ohne das Beispiel des neuen Verkünders zu
- verleugnen. Der Geist, der die Schönheit als letzte Klärung des
- Lebens sucht, muß die Einheit des Irdischen und Göttlichen suchen: die
- lebenvernichtende Lehre aber zerstört die Gottheit selbst, indem sie
- das vornehmste Sinnbild zerstört, durch das sich das Ewige verkündet,
- den Leib, die Form. Es gibt nur Unterschiede des Ausdrucks, nicht des
- Wesens, in den Werken, die das Walten göttlicher Kräfte verkünden, und
- nur die Leidenschaft der Hingabe an das zu schaffende Werk gibt das
- reine Maß für die Gottergriffenheit des Künstlers: Es ist nicht weniger
- Göttlichkeit in der hinreißenden Süße eines Satyrtorsos oder im Rücken
- und Unterleib eines Hermes -- wie sie Praxiletes schuf -- als in
- dem rauschenden Flügelschlag, der Platens Sizilianische Hymne oder
- Morgenklage trägt. Daß wir aus vielen Irrtümern heraus das Gefühl
- dieser Gleichordnung wieder lernen mußten, bleibt die Schuld einer
- erkrankten Zeit, welche Leib und Seele auseinanderzerrte und einem
- zügellos gewordenen Geist die Herrschaft anvertraute, an der die
- einfache Einheit des Menschen zerschellte.
-
- Aber es bleibt ja der ewige Trost: daß es niemals einen Sieg des
- Denkens gibt, sondern einzig den Sieg der Tat! Wie sich die menschliche
- Sehnsucht auch wende: die letzten Rätsel löst nur das Gebilde: das
- wesenhaft Gestalt-Gewordene: was es auch sei: die Frucht, die aus dem
- Geist erblüht, den wir _Hellas_ nennen.
-
- Hellas lebt und wird leben: durch die umbildende Kraft seiner Seele,
- die sich den sprödesten Stoff der Jahrhunderte dienstbar macht .. und
- durch den Glauben der Künstler, daß im heiligen Maß des Werkes die
- höchste Menschlichkeit als Offenbarung Gottes strahle.
-
- Laß uns dieses Maß preisen, an dem wir die Klarheit und Durchleuchtung
- des Lebens gewinnen! Beherrschung -- und nicht Askese -- sei uns
- Gesetz. In der freien Bestimmung der Kräfte laß uns die Grenzen finden,
- ohne die keine Furchtbarkeit denkbar ist.
-
- Rückwärts geht mein Erinnern: aus der mystischen Lapisglut Ravennas kam
- ich, ergriffen von dem Schauder einer Schönheit, die schon die Grenze
- des Daseins überfliegt .. Lange wiegte der spielerisch-schillernde
- Glanz, den Palermos Doppelseele ausstrahlt, den unsicheren Geist, der
- dürstend und ungestillt zu dem Saum der Wüste hinabfloh, wo Traum
- und Tod in einem Strom von Purpur rauschen: bis er, befreit und ganz
- genesen, in das stille, silberblaue Leuchten emportauchte, das Hellas
- heißt!
-
- Es gibt keinen Ausweg: Alle müssen hier landen, die aus der Krankheit
- ihrer Zeit in das einfache Leben zurückwollen: in die Freude.
-
- · · · · · · · · · · ·
-
-Der Hafen von Sorrent lag hinter uns. Das Schiff machte eine Wendung,
-umfuhr in einem kurzen Bogen den Bagno della Regina Giovanna -- und vor
-uns stiegen die gezackten Berge Capris aus dem stahlblau rauschenden,
-sprühenden Meer. Heller Wind flog über die geklüfteten Firste herüber, die
-im leuchtenden Gold der Luft standen, scharf gepreßt und in jeder
-rötlichen Kante sichtbar. Die weißen Villentupfen sprangen aus dem starren
-Niederstieg der Felsen, langsam nur schob sich das lösende Grün kleiner
-Bäume und Büsche zwischen die Massen des Gesteins. Die Insel lag ganz in
-die Glut des Hochsommers gebettet, lodernd in ihrer unbegreiflichen Fülle,
-ein helles zitterndes Feuer zwischen Kornblumenblau und Kornblumenblau.
-Rosa und gelb winkten die Häuser der Grande Marina, die Wäsche auf den
-flachen Dächern flatterte, weiß stieg die Straße zum San Costanzohügel über
-kurzem Gestrüpp hinan .. Nun wurden am Strande die Boote gelöst und glitten
-uns langsam entgegen .. Gesang der braunen Schiffer wehte im Wind herüber:
-die Spagnola .. immer wieder das alte, wiegende Lied. Ich hätte vom
-Geländer in die Wogen hinunterspringen mögen, hinschwimmen an das Land,
-das meine leidenschaftlichste Liebe bleibt .. Vom Gesang hätte ich mich
-hinübertragen lassen mögen, kein Fremder, kein dreimal Wiederkehrender: ein
-ewiger Gast, dem diese Küste längst zur Heimat geworden war, diese früheste
-griechische Siedlung Campaniens, die ganz erfüllt in ihrer eignen Schönheit
-lebt. Auf jedem Wipfel hatte liebkosend meine Sehnsucht ausgeruht,
-auf jedem Kieselstein des Strandes, auf jedem sonnigen Dach und jedem
-Blumenstrauch. Gab es einen Winkel, den ich nicht kannte? einen Hügel, von
-dem ich nicht morgens und mittags und abends das ewige Meer grüßte? Gab es
-Gärten, deren Geheimnis ich nicht hinter den wehrenden Mauern erspähte? Gab
-es eine Blume, die ich nicht suchte? Und wenn ich durch wilde Kakteen und
-über das Geröll steiler Hänge klettern mußte: es war mir keine Mühe zu
-viel, zu der Blüte zu gelangen und das Auge an ihrem fremden Glanz, an der
-seltnen Form ihres Kelches zu entzücken. O all meine Blumen Capris! Ich
-komme wieder zu euch! Ich laufe euch nach! Ich suche euch alle auf! Ich
-weiß, wo ihr blüht, die kleinste Wiese kenne ich und die verborgenste
-Trift: Ihr kleinen, roten Orchideen auf der halben Höhe des Monte Tiberio,
-ihr weißen Strandrosen an dem Faraglioniweg, Ginster über der Bucht der
-Piccola Marina, wilde Erika am Solaro, Schwertlilien und Gladiolen in den
-Grundstücken unter der Punta Tragara, Rhododendren in dem verwahrlosten
-Garten einer verlassenen Villa bei der Certosa, Mimosen an der Mauer der
-Villa Mezzomondo, und im Garten der Villa Discopoli ein Gewühl von Rosen
-und Bougainvillien .. Und wenn auch für manche von euch vielleicht schon
-die Zeit der Fülle vorüber ist: eine letzte Blüte habt ihr mir offen
-gelassen zur Erinnerung an den Überschwang des Frühlings! .. Und ihr, meine
-Bäume, meine schwarzen Steineichen und meine grauen Oliven, ihr wißt es,
-wie oft ich euer ernstes und mildes Laub in die Ferne meiner nordischen
-Winter zauberte und über meinem Einschlafen eure Zweige flüstern ließ ..
-Und ihr, meine Wege, meine glühenden, gewundenen Mauerwege mit den
-lilafarbigen Schatten, mit dem Niedersturz der Geranien an jeder Biegung
-und den unerwarteten Treppen, auf denen die goldengrünen Eidechsen sitzen:
-ihr Wege zum Meer hinab und ihr Wege vom Meer herauf, in dem braunen Brand
-der Hänge, zwischen Wicken und Seerosen, o ihr Wege an Wänden rubinfarbener
-Kakteen entlang, auf grüne, tiefe Gärten mündend, ich komme, ich komme!
-Meine Füße sind ungeduldig bis sie wieder auf euren steinernen Fliesen
-hinauf- und hinabgehen, meine Arme breiten sich aus, bis sie wieder
-emporgreifen in den Purpur eurer hängenden Blüten und die weichen Büschel
-vor das glühende Antlitz pressen ..
-
-Stimmen riefen von der Tiefe der Wassers, die Kähne der Fischer schaukelten
-in den blanken Höhlen der Wogen, die Hitze prallte von der blauen Flut
-zurück, als wir vor Anker gingen. Ich stand an der Treppe. Die nackten,
-braunen Schultern der rudernden Männer brannten im Licht.
-
-»Signore! Signore! Buon giorno! Io! Io!«
-
-»Buon giorno, Girolamo! Ritorno, ritorno!«
-
-Die Lippen des jungen Schiffers spalteten sich im Lachen, die Augen
-flammten auf, als mich die dunkle, derbe Hand von der untersten Stufe der
-Landungstreppe in den Kahn hinüberzog. Der Duft des verbrannten Rückens
-schlug über mein Gesicht, ein Duft gesunden, wilden Blutes, vermengt
-mit dem bitteren Salzgeruch der See. Frage um Frage sprühte zwischen den
-blitzenden, feuchten Zähnen hervor, eine die andere überstürzend, von
-selbstgegebenen Antworten abgelöst.
-
-»Fahren wir heute mittag hinaus? Vielleicht sind Sie zu müde.«
-
-»Fahren wir heute abend? Ja, wir fahren, um sechs.«
-
-»Wollen sie bei den Faraglioni baden? Ich rudere Sie an die Stelle, die Sie
-besonders lieben ..«
-
-»Morgen gehen wir in die Grotte.«
-
-»Bleiben Sie lange hier?«
-
-»Sie müssen den ganzen Sommer bleiben.«
-
-»Wie gesund Sie aussehen, Sie sind so braun wie wir ..«
-
-Und dann ein Schrei an das Land -- ein heftiges Winken mit dem Arm:
-
-»Sebastiano! Sebastiano!«
-
-Und wieder das Flehen der Augen zu mir:
-
-»Fahren wir heute mittag hinaus?«
-
-Und dann ganz dicht vor meinem Munde, die Augen fast in meinen Augen:
-
-»Wenn Sie fahren: nur ich! nur ich! Sie versprechen es: nur ich! ..«
-
-O Jubel einer menschlichen Stimme! Leidenschaft im kleinsten Wort,
-göttliche Gesundheit und reinigende Kraft in diesen biegsamen Leibern!
-Wilde Männlichkeit: einfach und groß wie das Leben der Woge, die auf den
-Strand rauscht, wie das Brausen der Winde auf den steilen Garten bei Tag
-und bei Nacht ..
-
- *
-
-Überall bekannte, lächelnde und grüßende Gesichter, als ich von der
-kleinen Piazza her die glatt gepflasterte Straße nach dem Gasthof
-hinunterschritt .. Am Fuß der kleinen Treppe, die ins Vestibül hinaufführt,
-dieselben bettelnden Kinder, die den roten Soldo gerne mit dem weißen
-Stück Zucker vertauschen, und in der Halle die liebgewordenen,
-vertrauten Dinge .. der gleiche dunkle Türhüter und die gleiche alte
-Korallenverkäuferin mit ihrem gebrannten und gefurchten Gesicht. Aber die
-Teppiche waren aufgenommen und die bunten Fliesen mit Wasser besprengt. Man
-gab mir zu ebner Erde Zimmer, die auf eine breite Terrasse mündeten und den
-Blick auf Garten und Meer hatten. Ich trat an das Geländer und versank im
-ersten Schauen .. Nein, es war kein Frühling mehr in diesem Bilde. Es war
-der Sommer, in seine höchste Kraft gesteigert, doch fern der dorrenden Öde,
-wie ich sie schon in den Blumengärten Palermos getroffen hatte. Hier war
-das Grün noch Grün und die Farbe der Blüten noch frisch, eine Lust, kein
-Fieber. Doch es war anders, als ich es je zuvor gesehen hatte .. Wo sonst
-an der hellen Mauer des Zitronengartens, hinter dem das Meer aufsteigt,
-die großen Kugeln der Sternblumensträucher sich weiß und gelb aus der Bläue
-wölbten, hing nun ein dichtes, rotes Rosengeschlinge, wo einst die bunten
-Inseln der Schwertlilien, Tulpen und blassen Federnelken im glänzenden Grün
-des weichen Rasens schimmerten, quollen nun die Beete von Heliotropen und
-Verbenen aus hartem Gras hervor, und der alte, hängende Eukalyptusbaum
-stand einsamer und herrischer im hellen Licht. Wie war das Licht auf allen
-Dingen verwandelt! Das Gold war verhärtet und das Blau verdichtet. Schärfer
-und deutlicher stand jedes einzelne Blatt in den Lüften, die sich weniger
-schmiegten und trockner brannten. Auch das Meer war anders: unsäglich
-still, hochaufstehend und dicht unter die breiten Wipfel der Feigenbäume
-gerückt, die über dem hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens
-ausgespannt lagen. Das Meer war gesättigt: schwer von der Frucht der
-Himmelsglut in der Tiefe seines Schoßes: dunkelblauer, warmer Wein in dem
-brennenden Pokal der roten Bucht. Kein Segel, kein fernes Schiff schwamm
-in den Weiten. Die Stille des Mittags -- ein unbegreifliches Anhalten aller
-Atemzüge -- stand brütend auf der funkelnden Flut. Es war kein Zittern in
-den Lüften über den vielen, weißen Villen, über all den vertrauten Gärten
-und Hügeln: es war ein langsames, glattes Niedersinken dichter, blauer
-Seidentücher, in denen das Netz der goldnen Fäden lief. Die Schatten in
-den Winkeln, in den Arkaden, über den Fensterbögen und Kuppeln lagen
-stumm, fast leblos: dicker, violetter Samt, mit den Händen zu fassen und
-fortzunehmen .. Da traf ein übersüßer Hauch meinen Mund: nicht länger
-als das Zucken eines Augenlids -- und dennoch lang genug, um im Flug das
-andere, leichtere Frühlingsbild aufzuwecken und eine flüsternde, singende
-Bewegung in dieses Stillestehn zu zaubern. Ich lehnte mich rückwärts über
-die Brüstung und hob den Kopf nach den Balkonen über mir: Und siehe: da
-blühten noch die letzten silbernen Trauben der Glycinen, der angebeteten
-Glycinen, die an den Wänden niederstürzen und sich im Sturz in ihren eignen
-Atemzügen wieder auffangen. In hellen Sträußen hatten sie im Frühling auf
-meinem Tisch gestanden und ihren Duft über jeden Gedanken geworfen, der
-sich dort in der Stunde der Mittagsruhe zum Wort wandelte. Und nachts, wenn
-der Wind sich vom Meer aufmachte und in den Ästen wühlte, war auf der Welle
-des Mondlichtes ihr beruhigter Hauch bis auf das halbentschlafene Gesicht
-geweht, um den Träumen die Wege zu weisen ..
-
- *
-
-Es hielt mich nicht länger: ich mußte hinüber in die Ölbaumhänge und dann
-auf steilem, gelbem Pfad am Rand der Klippe zu meiner Wiese hinauf. Nur
-eine sonnige Mauerecke noch hoch oben in Anacapri liebe ich ebenso wie
-diese schmale, kaum von Menschen betretene Trift die unter den Steinwänden
-der Punta Tragara liegt, zwischen Himmel und Meer, losgelöst von den Massen
-des Felsgestades, eine duftende, hellgrüne Wolke, auf der es sich leise
-über der nahen Erde hinschwebte .. Durch die silbernen Dünste der Frühe,
-durch den weichen Purpur des Abends und das smaragdene Licht der Mondnächte
-war ich auf dieser Wolke gefahren, nun kam ich zum erstenmal im hohen
-Mittag hastig und heiß den Mauerweg hinab gelaufen. Ich ließ den braunen
-Säulenhof der Certosa rechts liegen, streifte nur flüchtig die weiße Villa
-Carmela mit ihren scharlachsprühenden Granatbäumen und schlüpfte zwischen
-hohen Büschen in das Filigran der Ölbaumzweige, unter denen der kleine
-Erdpfad beginnt. Längst war das Lupinenfeld abgeblüht, hellgelbe Quasten
-hingen an den Kaktusblättern, zwischen fetten Halmen züngelten die dünnen
-Flammen der letzten Gladiolen, ein Teppich von goldenen Wicken deckte
-den Boden zur Rechten und zur Linken. Plötzlich wehte ein fremder Duft ..
-Salbei? Ich brach eine violette Staude und hielt sie an das Gesicht ..
-Es war nicht der Duft des Salbeis, den ich gewittert hatte. Meine Augen
-suchten, indes ich stehen blieb .. Da, und dort weiter hinauf und zwischen
-den schleifenden Ästen der Olivenbäume bis zur hellblauen Höhe hinan:
-Myrten .. Myrten .. Myrten, von Millionen weißer Flocken übersät, die
-ersten Myrten, die ich blühend sah. Ich kniete hin und bog das Gesicht
-über die schwarzgrünen Sträucher, ich fuhr mit leisen Fingern über die
-traumvollen, keuschen Blüten, die hoch auf den glühenden Felsen im Wind des
-Meeres ihr Leben erschlossen und ihren Duft zu den Göttern wehen ließen ..
-Solange der Weg noch aufstieg, liefen die Büsche mit am Rande empor,
-zwischen Thymian und Glockenblumen. Ganz oben aber, wo die Wiese an einer
-Baumpflanzung aufhörte, zog sich ein breiter Saum von blutendem Mohn. So
-lag ich im roten Dämmer der Schlafblumen, mitten im offnen Licht, und sah
-hinab auf das einsame Meer. Wo sonst der Schaum in flachen Halbkreisen an
-den Strand spülte, von Bucht zu Bucht, bis zur Piccola Marina und weiter
-hinaus zur Punta Ventroso, lag nun die Flut so still, wie wenn sie nie
-von Wind und weichem Getriebensein gewußt hätte. Da stand in metallenem
-Pfauenblau das verwischte Grün aller Türkisen und in diesem wieder die
-matten, ausgewaschenen Töne der Hortensia. Eine runde Lache schob sich
-langsam in die andere, wurde oval .. und trat wieder in die Form des
-Kreises zurück, ausgewechselt im Spiel der Farben, bald heller, bald
-dunkler aufleuchtend, flüssiger Achat. In der Ferne aber wuchs die Flut
-in den Himmel hinauf, der dunstlos, wolkenlos das unerbittliche Blau der
-Wölbung schloß. Die Augen fielen mir zu. Vor den Lidern begann ein leises,
-dunkelrotes Wogen. In den Schläfen sang das Blut.
-
- *
-
-Als um die vierte Nachmittagsstunde noch keine Nachricht eingetroffen war,
-die Axels Ankunft meldete, beschloß ich, nach Anacapri zu fahren und in den
-schönen Ölbaumhängen den Abend zu erwarten.
-
-Die Felsmassen des Monte Solaro lagen in goldlackbraunen Feuern
-aufgeschichtet, nur in die langen Risse des Gesteines waren blaue Schatten
-eingezwängt. Das Grün der tiefen, westlichen Hänge stand breit und dunkel
-an den funkelnden Wänden und trug eine Welle von spätem Ginster zu den
-Graten empor. An einer Wende der Straße verschwand das Bild, der Wagen
-lief im Schatten, und das rückwärts gewandte Auge hing an den heiß
-überschütteten Klüften der Forte San Michele. Links in der Tiefe, am Fuß
-der üppigen Gärten, lag die weiße Grande Marina mit den vielen, kleinen
-Ruderbooten. Die schmale Mole war verlassen, fern an der Punta Capo, unter
-dem Berg, der die Trümmer des Tiberiuspalastes trägt, schwammen, trunken
-vom Licht, kleine Segelboote, die von Sorrent oder Amalfi herkommen
-konnten .. Meine Augen folgten dieser Richtung: Die Berge der
-Sorrentinischen Halbinsel standen steil, kahl und flammend
-übereinandergeschichtet, hier und da schimmerte der lichte Flecken eines
-Hauses neben einer einsamen Zypresse. Unten schlug das Ufer die weichen
-Falten der sanfteren Abhänge auseinander, die ganz voll feuchten,
-veilchenfarbenen Dämmers hingen. Unmittelbar im Norden aber türmte Neapel
-die strahlenden Fronten und Dächer gegen Camaldoli hinan, eine weiße,
-steinerne Saat zwischen Posilipp und Vesuv. Pozzuoli schob seine Villen
-über den Spiegel des Meeres, Bajä ließ sich nach rückwärts erraten
-hinter dem steilen Misen .. Wie faßte mich wieder die Liebe zu diesen
-unsterblichen Ufern, wie riefen die Gärten, die Villen herüber! Nun mußten
-ja alle Oleanderbüsche blühen, alle Rhododendren und Myrten, alle Rosen
-und Nelken .. Die Weingärten mußten reifen über dem wilden Mohn .. O Villa
-Patrizi! Villa Ricciardi! Floridiana! Villa Vergils ..
-
-Wieder bog der Wagen um eine Ecke. Da war plötzlich nichts mehr als eine
-hohe, umschattete Mauerwand, voll Ginsterblüten, die steinige, staubige
-Straße, und über der Brüstung das helle, aufglänzende Meer. In der Luft
-lief eine leise Bewegung, die erste Ahnung des Abends.
-
-Und bei der nächsten Kehr wehte auch das süße Ischia empor, wie ein
-Gestade, das seine ersten Atemzüge wagt. Auf Silberdünsten schwamm es, fast
-körperlos, ganz um den Saphirhügel des Epomeo emporgedrängt, ein solcher
-Überfluß von duftigem Blau, daß selbst das Meer vor dieser Fülle bleich und
-zart erschien.
-
-Wir hatten die ersten Häuser von Anacapri erreicht. Ich fuhr fast bis an
-das Dorf Caprile, und nahm den seitlichen Pfad, der nach dem grünen Weg
-zur Migliera führt. Nun war ich wieder in meinen Obstgärten, die ich noch
-blühend gesehen hatte, ich ging unter Nußbäumen und Feigenbäumen dahin
-und hatte keinen anderen Gedanken mehr als an die Tage, die nun kommen
-mußten .. an alle Nachmittage, die wir hier oben verträumen würden, wo die
-Seele im tiefen Grün ausruht, und die Winde leichter das Feuer der Lüfte
-kühlen. Ich träumte mich ganz hinüber in die Abgeschiedenheit dieses
-Lebens, das hier oben zur Erfüllung werden sollte .. in die blaue Stille
-hellenischer Tage. Der Abend in dem Priorate der Maltheser fiel mir ein,
-als wir den langen Laubgang bis an die Lichtung der Mauer hinuntergegangen
-waren. Unwillkürlich wandte ich mich um und hob die Hand vor die Augen: Der
-Golf von Neapel war leer, auch in der Höhe von Ischia war kein Schiff
-zu sehen .. Da ging ich weiter. Die Gärten wurden spärlicher, die bunten
-Häuser von Anacapri mit ihren leichten Kuppeln waren hinter grünem Laub
-zusammengerückt, von der weißen Wölbung der Kirche überragt. Das Auge
-sah frei auf die vielen Gehöfte hinunter, die sich zwischen Oliven und
-reifenden Äckern zum Strande hinabzogen. Silbergraues Flittern lief durch
-die hängenden Zweige, die Gräser begannen zu beben, der Dunst am Fuß von
-Ischia wurde leichter, fast durchsichtig. Das Steingeröll verminderte
-sich, Ginster und Myrten brachen zwischen den scharfen Kanten hervor. Nach
-wenigen Schritten stand ich auf der einsamsten Höhe der Insel, umbraust vom
-warmen, sommerlichen Wind, der die Fülle seines Glanzes um meine Schultern
-schlug. Weit hinaus flogen die Blicke von dieser einsamen Warte .. weit
-hinaus in die Ferne eines heroisch-gedachten Lebens. Die Arme brauchten
-sich nur auszubreiten und den fließenden, wallenden Äther zu fassen: so
-rührten die Finger an die Füße der Götter, die dicht über dem wehenden
-Haare des Hauptes hingleiten.
-
-Als ich mich umwandte und auf tieferen Pfaden unterhalb Capriles der alten
-Windmühle zuging, sah ich, wie weit hinter Ischia, da, wo die flachen
-Ponzainseln leuchteten, die Sonne lange, gleißende Goldbarren durch das
-Wasser zog, aus dem helle, fast unsichtbare Dämpfe emporstiegen. In jedem
-Augenblick blitzten die Goldströme anders auf, bald weiß wie schmelzendes
-Silber im Messingtiegel, bald rötlich wie Lava aus unterirdischen Höhlen.
-Da schien es mir, aus diesen Horizonten müsse das Schiff des Freundes
-auftauchen, leicht wie eine gleitende Wolke, von korallenfarbigen
-Abend-Schwänen gezogen .. Aber die Weite blieb leer. Nur die Goldflüsse
-wallten und dampften. Durch gelbe Weizenfelder, zwischen niedrigen, grauen
-Steinmauern ging ich zu der Stelle zurück, wo der Wagen wartete .. In jedem
-Garten blühten die Rosen, die Kakteen und Geranien. Alle Türen der Häuser
-und Hütten standen geöffnet, hier und da wurde schon Gesang wach, wie er
-sich mit dem sinkenden Abend löst. Bauern kamen aus dem Feld zurück und
-trugen Körbe voll Kirschen auf den Schultern, Frauen gingen mit schlanken
-Tonkrügen zum Brunnen, Kinder trieben die Ziegen zum Stall. Der erste Rauch
-schlug aus den Schornsteinen in die kupferne Luft. Über den lila-dämmernden
-Hügeln von Sorrent schwebte der weiße Vollmond im reinsten Äther, eine
-taghelle Nacht verheißend. Um Ischia und Procida wehten schon die purpurnen
-Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.
-
-Auf der Höhe von Castellamare aber lag das weiße, schlanke Schiff.
-
- *
-
-Der Tisch war im Garten gedeckt, vor einem Heliotropenbeet. In einer
-dünnen Kristallvase stand der weiße Camelienstrauß, den Axel aus Neapel
-mitgebracht hatte, über die weiße Decke waren Rosen gestreut. Der Wind, der
-sich kurz vor Sonnenuntergang aufgemacht hatte, war wieder eingeschlafen,
-blaßgrüne Streifen Mondlichtes fielen über den Rasen auf die Steinfliesen,
-zwischen den starren Blättern der Palmen und dem hängenden Gezweig des
-Eukalyptusbaumes funkelten die dünnen, smaragdenen Sterne.
-
-Axel war schmäler geworden. In seinen Zügen stand die Arbeit vieler
-Gedanken. Er erzählte ruhig von den Wochen, die seit unserer Trennung
-verflossen waren. Plötzlich brach er ab. Er hob das Glas und ließ es an
-meines klingen:
-
-»Es ist Zeit zu schweigen. Die Stunde kommt, wo wir anfangen müssen zu
-leben!«
-
-Die Früchte wurden aufgetragen.
-
-Aus den Gärten erhob sich Mandolinenspiel.
-
-Vom Meer herauf kam ein Gesang, ähnlich wie das Lied der Matrosen auf dem
-Schiff, das in der Nacht nach Malta fuhr.
-
-Als die letzten Gäste von den Nachbartischen aufgestanden waren, ließen wir
-die Lampen vor uns löschen: Ein Gewebe von lavendelblauem Atlas hing über
-dem Garten. Die Büsche atmeten im verwandelten Licht, jeder Strauch, jeder
-Wipfel war verdeutlicht und vergeistigt zugleich. Das Wesen der Dinge
-begann in der Tiefe der Formen zu leben. Aus den Glycinenblüten rieselte
-die Helle nieder. In jedem Tropfen Duft ein Tropfen Licht.
-
-Wir gingen langsam bis zum Meer hinunter, entblößten Hauptes, so wie
-wir von der Tafel aufgestanden waren. Unwillkürlich lenkten sich unsere
-Schritte nach der Piccola Marina, der einsamen, verlassenen Bucht, in der
-die Stille Capris tief gesammelt ist. Wo die zwei wilden Lorbeerbüsche aus
-flachen, weichen Kieseln aufwachsen, setzten wir uns auf den Boden. Bis an
-die Füße spielte der raunende Schaum. In jeder flachen Welle zerrann das
-Mondlicht. Wir fingen die Flut in den hohlen Händen und ließen das Wasser
-an den Fingern niedertröpfeln. In jeder Perle glühte das Mondlicht. Auf der
-Höhe des Meeres aber war die silberne Harfe aufgestellt: In den Saiten sang
-das Mondlicht:
-
- ›Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.
- Das Meer bleibt das Meer, und der Fels bleibt der Fels.
- Aber ich töte was starr ist und wecke was schön ist.
- Wollt ihr mich fangen, es wird nicht gelingen!
- Wollt ihr mich sagen .. was ist mir das Wort?
- Weiße Vögel tragen mich nieder vom Hause der Götter,
- Von ihren Schwingen trieft meine Flut,
- Sie nisten auf Wolken und schlafen auf Hügeln
- Ihr hängender Flügel trocknet im Frühlicht.‹
-
- *
-
-Es war um Mitternacht, als wir nach Hause kamen. Wir blieben lange auf der
-Terrasse. Der Mond war hinter die Hügel getreten. Auf der Höhe des Meeres
-wallte sein ruhiges, grünes Licht und zog ihm nach, den Fuß der steilen
-Küste schon mit schmalen Bändern umsäumend. Hell glühte der Wein in der
-Schale.
-
-Axel goß den ersten Tropfen in das Gewühl der Rosen, die am Geländer
-hingen. Funkelnd floß das Blut auf die Blüten und tropfte weiter zu dem
-warmen, durstigen Boden.
-
-»Den Göttern, die wir lieben ..«
-
-Ich neigte mein Glas:
-
-»Den Göttern, die uns lieben.«
-
-Da schlug die Antwort von der Erde auf: Eine Welle leidenschaftlich
-gebundener Düfte: Rosen, Levkoyen, Heliotropen, den Duft der hängenden
-Glycinen überholend .. und immer wieder Rosen .. Rosen ..
-
-
-Druck von F. E. Haag, Melle i. H.
-
-
-
-
- VOM SELBEN VERFASSER:
-
-
- DAS BUCH DER TRAUER
-
- GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1902-1907
-
-
- NACHKLÄNGE · INSCHRIFTEN · BOTSCHAFTEN
-
- GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1908-1909
-
-
- FLUTUNGEN
-
- NOVELLEN AUS DEN JAHREN 1902-1909
-
-
- VIGILIEN
-
- (TRAUM DER TREUE · MISSA SOLEMNIS · TRISTAN / MIT EINEM
- VORSPIEL: CYPRIANS TOD)
-
- DICHTUNGEN AUS DEM JAHRE 1907
-
-
- DIE GEDICHTE DES GRAFEN PLATEN
-
- AUSGEWÄHLT UND HERAUSGEGEBEN / MIT EINER VORREDE:
- DIE GEISTIGE HALTUNG PLATENS
-
-
- DIE JUGEND UNSERER ZEIT
-
- DREI AUFSÄTZE / 1909
-
-
- SONETTE (DIE TOSKANISCHEN / DIE HESSISCHEN)
-
- AUS DEM JAHRE 1911
-
-
- JONATHAN / PATROKLOS
-
- AUS DEM JAHRE 1914 (MAI-JUNI)
-
-
- KASSIOPEIA
-
- HYMNEN, ELEGIEEN, ODEN
- AUS DEN JAHREN 1909-1919
-
-
- DIE SEELE LOTHRINGENS
-
- AUS DEM JAHRE 1917
-
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- IN VORBEREITUNG:
-
- DIE PROSADICHTUNGEN:
-
- LES PRÉLUDES
-
- EROS ANADYOMENOS
-
- DIE TRÄUME VON SIENA
-
- DEUTSCHLAND
-
- BERLIN
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben. Das
-Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende vor die Widmung verschoben.
-
-Darstellungsweise gesperrter Schrift: _gesperrt_
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- im Inhaltsverzeichnis:
- ")" eingefügt
- (TAGE IN SYRAKUS / CAPRI))
-
- Seite 15:
- "." eingefügt
- (an einer zarten seidnen Schnur enden können.)
-
- Seite 24:
- "hate" geändert in "hatte"
- (erfüllte sich, wie sie vorausgesehen hatte)
-
- Seite 31:
- "langezogenen" geändert in "langgezogenen"
- (Wipfel vor dem Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände)
-
- Seite 45:
- "be-bevorstanden" geändert in "bevorstanden"
- (klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis)
-
- Seite 69:
- "über sieht" geändert in "übersieht"
- (Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht)
-
- Seite 72:
- "zusammsn" geändert in "zusammen"
- (alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse)
-
- Seite 74:
- "«" eingefügt
- (der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«)
-
- Seite 75:
- "aplstischen" geändert in "plastischen"
- (plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es)
-
- Seite 76:
- "Morger" geändert in "Morgen"
- (Ein hellblauer Morgen sprühte herauf)
-
- Seite 79:
- "grüb lerisch" geändert in "grüblerisch"
- (in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch)
-
- Seite 115:
- "immernoch" geändert in "immer noch"
- (Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren Mondes)
-
- Seite 127:
- "," geändert in "."
- (Ich liebte Sizilien.)
-
- Seite 130:
- "Gesangss" geändert in "Gesanges"
- (Er übte die Kunst des Gesanges)
-
- Seite 131:
- "wuße" geändert in "wußte"
- (und er wußte, was schön sein hieß)
-
- Seite 131:
- "»?" geändert in "?«"
- (»Woran starb sie?«)
-
- Seite 135:
- "Sreifen" geändert in "Streifen"
- (auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte)
-
- Seite 153:
- "einam" geändert in "einsam"
- (Ganz einsam aber stand der Leuchtturm)
-
- Seite 164:
- "«" eingefügt
- (»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte)
-
- Seite 185:
- "Schneisen  ." geändert in "Schneisen .."
- (hinter feuchten, braunen Schneisen ..)
-
- Seite 189:
- "/" eingefügt
- (ABEND IN SEGESTA /)
-
- Seite 207:
- "der" geändert in "des"
- (hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens)
-
- Seite 210:
- "Ruderboten" geändert in "Ruderbooten"
- (Grande Marina mit den vielen, kleinen Ruderbooten)
-
- Seite 213:
- "ein" geändert in "eine"
- (Vollmond im reinsten Äther, eine taghelle Nacht verheißend)
-
- Seite 213:
- "." eingefügt
- (purpurnen Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.)
-
- Seite 215:
- "‹" geändert in "›"
- (›Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.) ]
-
-
-
-
-
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-
-End of the Project Gutenberg EBook of Südliche Reise, by
-Albert Heinrich Rausch and Henry Benrath [pseud.]
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÜDLICHE REISE ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
-people in all walks of life.
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-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
-goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
-remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
-Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
-and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
-state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
-http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
-permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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-The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
-Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
-throughout numerous locations. Its business office is located at
-809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
-page at http://pglaf.org
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-For additional contact information:
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- gbnewby@pglaf.org
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
-spread public support and donations to carry out its mission of
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
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-Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
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-<title>The Project Gutenberg eBook of
-Südliche Reise
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-The Project Gutenberg EBook of Südliche Reise, by
-Albert Heinrich Rausch and Henry Benrath [pseud.]
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-This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
-almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
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-with this eBook or online at www.gutenberg.org/license
-
-
-Title: Südliche Reise
-
-Author: Albert Heinrich Rausch
- Henry Benrath [pseud.]
-
-Release Date: June 26, 2020 [EBook #62481]
-
-Language: German
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-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÜDLICHE REISE ***
-
-
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
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-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<p class="pb mt2 ce fsxl">ALBERT H. RAUSCH</p>
-
-<h1>SÜDLICHE REISE</h1>
-
-
-<p class="mt4 ce fsl">1&emsp;&emsp;.&emsp;&emsp;9&emsp;&emsp;.&emsp;&emsp;2&emsp;&emsp;.&emsp;&emsp;0<br />
-EGON FLEISCHEL &amp; CO.&nbsp;/ BERLIN</p>
-
-<p class="mt2 ce fsl">ALLE&emsp;RECHTE,&ensp;BESONDERS&emsp;DAS<br />
-DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN</p>
-
-<p class="ce fsl">AMERIKANISCHES&ensp;COPYRIGHT 1914<br />
-BY EGON FLEISCHEL &amp; CO.&nbsp;/ BERLIN</p>
-
-<p class="mt2 ce">DRITTE AUFLAGE</p>
-
-<p class="mt2 ce fsl">VON DIESEM WERK WURDEN<br />
-15 EXEMPLARE AUF BÜTTEN GEDRUCKT<br />
-UND VOM VERFASSER GEZEICHNET</p>
-
-
-
-
-<h2 class="ce">INHALT</h2>
-
-
-<table class="fsl" summary="" border="0" cellpadding="3">
- <tr>
- <td class="tdli">WIDMUNG</td>
- <td class="tdc fsxs">SEITE</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_001">3</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdli">RAVENNA</td>
- <td class="tdc fsxs">»</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_007">9</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdli">FLORENZ</td>
- <td class="tdc fsxs">»</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_035">37</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdli">ROM</td>
- <td class="tdc fsxs">»</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_063">65</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdli">NEAPEL&nbsp;/ ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN</td>
- <td class="tdc fsxs">»</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_103">105</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdli">PALERMO</td>
- <td class="tdc fsxs">»</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_119">121</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdli">TUNIS&nbsp;/ WÜSTE</td>
- <td class="tdc fsxs">»</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_149">151</a></td>
- </tr>
- <tr>
- <td class="tdli">HELLAS (ABEND IN SEGESTA&nbsp;/ TAGE<br />IN SYRAKUS&nbsp;/ CAPRI)</td>
- <td class="tdc fsxs">»</td>
- <td class="tdr"><a class="nd" href="#page_189">191</a></td>
- </tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001"> </a>
-WIDMUNG: AN MARIA-VICTORIA</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-<b>E</b>s ist Nacht. Das Fenster steht offen, die feuchte Luft
-weht auf den Tisch und bewegt den Strauß von
-Pflaumenblüten neben deinem Bilde. Du blickst mir ins
-Antlitz, und ich erwidere ruhig deinen Blick.</p>
-
-<p>Die Frucht ist reif. Du kannst fordern, was dir gehört.
-Auch dieses Buch ist eine Heimkehr zu dir. In die größte
-Entfernung der Seele dringt dein Ruf. Selbst in die
-schöpferische Abgeschiedenheit weht der Hauch deines
-stummen Lebens. Du forderst nie und rechtest nie um
-einen Inhalt, der dir gehört. Du bist nur da, eindringlich
-und natürlich, ohne Anfang, ohne Ende.</p>
-
-<p>Haben wir es nicht an uns selbst verspürt, daß Abgründe
-Seele von Seele scheiden? Ist dieses Wissen nicht unsere
-Geschichte geworden? Hat es uns nicht von dem fruchtlosesten
-aller Kämpfe befreit und uns eine Klarheit des
-gemeinsamen Lebenszustandes gegeben, die uns vor Enge
-und Irrtum bewahrt? Welche wirkenden Kräfte unsrer
-Seele müssen wir eindämmen oder ersticken, um einander
-die Treue zu wahren? Ist irgendein Leben in uns, das wir
-einander nicht eingestehen dürfen? Haben wir nicht in
-den Jahren unsres Wachsens die grenzenlose Verehrung
-für alles Lebendige gelernt? Das schlichteste Leben eines
-Dinges hat uns das erhöhte Leben der vereinten Dinge
-gezeigt, im scheinbar Gewöhnlichsten hat sich das Außergewöhnliche
-offenbart. Nichts blieb gesondert, alles war
-in einen unergründlichen Zusammenhang von Beseelung
-gerückt, der uns die Schönheit der Welt offenbarte.</p>
-
-<p>Ziele und Zwecke? Wie fern ist unser Schicksal von
-einem Ziel, wie fern unser Leben von einem Zweck, da
-wir längst wissen, daß alles Lebendige ununterbrochen
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-in sich selbst kreist, daß jede Ruhe ein Schein ist, und
-daß wir weiter müssen, unaufhörlich weiter.</p>
-
-<p class="ce">· · ·</p>
-
-<p>Es sind Erhöhungen meines einfachen Lebens, die ich
-für dich aufgeschrieben habe. Es ist eine große Leidenschaft
-des Erlebens, die ich zu dir trage. Es ist meine
-Seele, in tausend fremden Bildern und Wellen gespiegelt,
-übergossen von Licht, geweitet in einer Ferne, die dich
-vielleicht beklemmen könnte, wenn sie dir nicht selbst
-so sehr aus den vielen Stunden vertraut wäre, wo du
-Zeiträume durchmaßest, welche die ungeübte Seele nicht
-erträgt.</p>
-
-<p>Wie du die Zeit in dir verwandelt hast! Wie unbegreiflich
-frei du bist von den Zeitmaßen einer Frau! Was
-hat es geändert in den Zeitläuften deiner Seele, Gattin
-und Mutter zu sein? Wie ein Morgenwind über die unergründliche
-See hinfährt und vielleicht die Welle zu
-einem flüchtigen Lächeln kräuselt, haben dich die äußeren
-Wandlungen deines Lebens getroffen, hat das Stundenhafte
-dieser Dinge das Unbegrenzbare deines inneren
-Daseins angerührt: es hat sich nichts gelöst in dir und
-nichts gebunden: der Erscheinungen kleine Zahl hat sich
-um ein kleines vermehrt.</p>
-
-<p>Die große Kraft deines Lebens aber blieb unberührt
-und keusch wie zuvor.</p>
-
-<p>In dieser großen Kraft ruht unsere Gemeinschaft. Über
-ferne Meere ziehst du die Seele deines Freundes zurück,
-der ein Abenteurer ist und bleiben muß, solange ihn die
-Götter lieben.</p>
-
-<p>Tausend verschiedene Leben sind in mir und wollen
-erfüllt sein, tausend Gesichter trage ich vor mir her und
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-kann von jedem sagen: es ist mein Gesicht und aus mir
-selbst entsprungen.</p>
-
-<p>Aber alle sind nur auf den einen, stillen Spiegel deines
-Lebens gerichtet, der ihre Vielheit in dem Abgrund seiner
-Ruhe aufnimmt, so daß mir nur die eigne Einheit aus
-der Tiefe entgegenstrahlt.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_007"> </a>
-RAVENNA</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-<b>S</b>o war die Anfahrt an Ravenna:</p>
-
-<p>Grün dehnte sich rings in der schweren Luft: Korn-
-und Weizenfelder, von vielen frühen Gewitterregen aufgetrieben.
-Feuchter Dunst lag über der reglosen Fläche.
-Mitten in die Acker waren Ölbäume gepflanzt. Das
-dünne Silber der Zweige warf eine bezaubernde Leichtigkeit
-in die Schwüle. Von Stamm zu Stamm rankte
-Weinlaub in niedrigen Bögen, die fast die Spitzen der
-Ähren berührten. Die Sinne ermüdeten an dem ununterbrochen
-gleichen Bild, die Augenlider schlossen sich
-leicht und zuckten nur ein wenig weiter auf, wenn unverhofft
-ein zerbröckelndes Bauernhaus, ein Garten voll
-weißer Lilien oder eine Oase hochroten Mohnes auftauchte.</p>
-
-<p>Das Licht wurde leiser, unwahrscheinlicher, aber im
-Steigen der Sonne ein wenig goldner. Ganz fern, wo
-der Himmel an die Erde rührte, zogen lange Regenstreifen
-den Viertelkreis ihres feinen Staubes. Kurze Pappelalleen
-tauchten in gelben Wiesengründen auf und
-verschwanden, selten nur stand am Rand eines Feldes
-ein Lorbeerstrauch, noch seltener hob sich aus abgeschlossenen
-Parken eine Zypresse. In dem blaugrauen
-Schleier des Himmels formten sich kleine, runde Wolken,
-die Luft wurde heiß, der Goldstrom der Regenstreifen
-begann zu ermatten. Plötzlich schimmerte die Ahnung
-eines Turmes in dem ruhigen Niederfluß des Lichtes,
-unkörperlich, mit schwachen Umrissen. Das Bild eines
-zweiten Turmes schob sich daneben, nicht minder undeutlich,
-dann die Giebel schmuckloser, unendlich einförmiger
-Häuser. Ebene und Stadt waren eines, ohne
-Grenze ineinandergeschoben und aufgelöst in der Traurigkeit
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-des teilnahmlosen Himmels, der dieses Land nicht
-liebte.</p>
-
-<p>Nun schimmerten Kanäle auf, einige breit und fortlaufend,
-andere willkürlich hier und dort zwischen die
-Felder gezogen. Das Wasser leuchtete braun über dem
-Untergrund irgend einer Fäulnis, manchmal auch weiß
-und leblos wie über bleiernen Böden. In der Ferne, wo
-das Meer liegen mußte, hatten sich die Wolken vollkommen
-geschlossen, die Stadt lag brütend und gleichgültig
-in unaufhaltsamem Siechtum: eine stumme, erschütternde
-Anklage.</p>
-
-<p>Ich stand wie gelähmt auf dem kleinen, verstaubten
-Platz, ehe ich mich entschließen konnte, einen Wagen
-zu nehmen, und sah im Kreise umher, ob nicht irgend
-ein freundliches Bild, ja nur der Ausschnitt eines Bildes,
-den Fremdling willkommen heißen wolle: Aber da war
-nichts als grauer und gelber Staub über einem ausgetretenen
-Pflaster, graue und gelbe Häuserwände mit blinden,
-leblosen Fenstern und hoffnungslos erstorbenen Blendbögen,
-graue und gelbe Ziegeldächer, von vielen schmutzigen
-Regengüssen gedunkelt, und ein paar verwahrloste
-Menschen mit grauen und gelben Gesichtern, in denen
-quälerisch das Wort geschrieben stand, das der Fluch
-dieser ganzen Stadt ist und jeden Menschen so rasch aus
-ihren Mauern forttreibt: Fieber&nbsp;.. Langsames Fieber, das
-sich im Blute einnistet und immer wieder aufsteht, wenn
-es die feuchte Hitze des Sommers und der Morastatem
-des Herbstes aus dem trügerischen Schlaf zum Leben ruft.
-Wie blöd waren die Blicke, die an mir haften blieben,
-wie verständnislos und mißtrauisch gegen den Fremden,
-der nur hierher kommt, um das heimliche Leben in seinen
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Winkeln aufzusuchen, das diese hoffnungslosen Gassen
-überblüht. Alles ist verwahrlost, was der Blick streift,
-es gibt keine Mauer mehr, an der nicht der Kalk oder
-das Gestein losbröckelte, keine Flucht von Fenstern,
-deren Glas nicht gesprungen wäre, kein Tor, das nicht
-klaffte oder sich in unverrosteten Angeln drehte. Was
-will es bedeuten, daß zuweilen das Auge in stillen Blumenhöfen
-und Binnengärten versinkt, wo blasse Rosensträucher
-in grauen Tonschalen wuchern und ihre Blüten
-über schmale Treppen fallen lassen&nbsp;.. wo reglose Stachelpalmen
-die matte, taube Luft durchstechen und uralter
-Efeu sein schwarzes Laub über verfallende Mauern wirft?
-Vielleicht auch leuchtet plötzlich ein Geranienbeet an
-dem leeren Behälter des versiegten Springbrunnens auf
-und wirft dir den Frevel seines leidenschaftlichen Blühens
-in das Gesicht. O Kranksein dieser zerrütteten Stadt!
-Immer wieder fiel es mich an, während mein Wagen auf
-dem abgescheuerten Pflaster dahinfuhr. Zuweilen trat
-eine Frau aus dem angelehnten Tor und goß einen Eimer
-voll Spülwasser in die kaum noch erkennbare Rinne:
-dann schrak das Pferd ein wenig auf und ging schneller,
-die Räder aber ließen lange noch die feuchten Spuren
-hinter sich, zwei braune Geleise, die matter und matter
-wurden, bis der Staub sie aufgesogen hatte. Schon fingen
-die Augen an zu brennen von dem blendenden Licht,
-das immer noch durch den grauweißen Filter des Wolkendunstes
-rann, sich manchmal etwas verdichtete und
-fast den Schatten eines Hauses zeichnete: da hielt der
-Wagen vor dem Eingang von San Vitale.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-O Name voll Duft und Keuschheit, dessen Musik das
-Ohr entzückt.</p>
-
-<p>Blasse Rosen an den schmalen Säulen der Eingangshalle
-streuten in ihrem weichen Geruch die Ahnung
-kommender Süßigkeit, dann öffnete sich eine Türe, ein
-paar Stufen führten abwärts&nbsp;.. Unwillkürlich hob sich
-der Blick, von der geheimen Gewalt schwebender Bogenwölbungen
-nach oben gelenkt; und siehe: aus der stillen
-Tiefe einer seitlichen Halbkuppel wehte ihm ein überirdisches
-Grün entgegen, durchsichtig wie der sommerliche
-Abendhimmel, wenn die ersten scheuen Sterne
-sprühen. Jede Schwere war in diesem Leuchten gelöscht.
-Es nahm den Pfeilern die Mühe des Tragens und den
-Kuppelwänden das Bewußtsein des Getragenwerdens.
-Dienst und Gegendienst aller Teile hob es in die fließende
-Zartheit seines Duftes empor, die mit der Verheißung
-der Gottnähe alles Aufstreben krönte. Nun erst wagte
-das Auge die Schau in den Umkreis. Von allen Seiten
-des oberen und unteren Umganges floß die Helle zusammen,
-der Sinn einer jeden Wölbung war, das Licht
-zu fangen und der beherrschenden Mitte des heiligen
-Kreises zu geben, über dem sich, fast schwebend und
-wie von unsichtbaren, goldnen Seiten emporgehalten,
-die allerlösende, allstillende Kuppel hoch und sieghaft
-aufhob. Aber dieses Licht war nicht weiß, nicht grau,
-nicht gelb wie der fiebernde Äther: es war millionenmal
-gebrochen und verinnerlicht in allen Farben, die aus dem
-Mosaik der Wände aufblühten, es war gemildert und
-gereinigt in den Schatten, welche die Bögen und seitlichen
-Halbkreise der sieben Nischen ihm abrangen. Auch der
-Marmor der Tragsäulen, das Geflecht und die Blumen
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-der Kapitäle gaben ihm neue, geläuterte Strahlung, und
-selbst vom Fußboden hob es sich wieder in sanfter
-Tönung auf. Es hatte Stimme bekommen, es war Gesang
-geworden und rieselte in die Stille, die ganz gesättigt
-war von Traum und Leben. Die große, erlauchte Mitte
-aber gab dieses Licht an den halbgeöffneten Altarplatz
-weiter, der sich nach Sonnenaufgang zu aus dem Bann
-der Kreise hinausschob und in die Feierlichkeit einer
-strahlenden Apsis mündete. Wie diese Helle lockte, wie
-heiter sie zu sich hinüberlud. Sie spielte den Jubel ihres
-Lichtes gegen die dunkle Schönheit der Mitte aus und
-wußte dennoch, daß sie nur eine Dienerin war in dem
-Traum unlöslicher Einheit. Ich trat langsam näher:
-jeder Schritt auf diesem Boden zwischen den roten und
-grauen Täfelungen der Pfeiler, zwischen dem warm- und
-stilleuchtenden Marmor der Säulen, war scheu, fast furchtsam:
-denn jedes Weitergehen war das Verlassen einer
-Schönheit, in der sich gerade die Sinne gefangen hatten,
-und brachte eine neue, die der früheren feindlich war.
-Und als die Augen eben schon das wallende Licht über
-dem Altare, die Wände und Kuppeln mit allem Übermaß
-der schillernden Mosaikbilder, mit allen Aus- und Ineinanderströmen
-undeutbarer Farben in einer Schau zu
-nehmen versuchten: mußte der Blick noch einmal anhalten
-vor dem blühenden Steinfiligran der Altar-Schranken,
-in dem das reine Gold der Morgenluft flimmerte.
-War die Sonne aus den Wolken gebrochen? Über meine
-Füße fiel der Schatten einer Säule: so mußte draußen
-die Sonne scheinen. Als ich die Augen wieder aufhob
-von den Blumen der Steinranken, von den Clematissternen,
-den offnen Lilien und Diclytraherzen, bebten
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-die Lider vor der weißgoldnen Welle, die aus den Fenstern
-wallte und sich in die Mitte ergoß, vorbei an dem
-Glanz der Bilder, die alle Wände und Deckengewölbe
-dieses Raumes schmückten und durch vierzehn Jahrhunderte
-die ungebrochene Kraft ihrer Schönheit bewahrt
-hatten. Welche Glut des Glaubens hat die Erfinder dieser
-Gemälde beseelt, wenn sie den Ruhm Gottes und das
-Wunder der Entsühnung in einer solchen Saat von Farben
-ausgießen konnten: wenn sie die Gabe hatten, aus all
-diesen Sternen, diesen kleinen Bögen und Punkten, diesen
-Zacken und Vierecken, diesen Kreisen und Kreuzen, aus
-dem Gewühl dieser Blumen und Girlanden einen solchen
-Jubel von Anbetung zu schaffen, daß kaum noch
-die Frage aufsteigt, wer die menschlichen Gestalten sind,
-deren Legenden in der flammenden Buntheit der Ornamente
-ihre Sprache verloren haben. Was sind sie anders,
-als selbst ein Ornament, eine kaum erbebende Melodie
-in der unteilbaren Gewalt der Toneinklänge? Was bedeutet
-es, daß wir wissen: hier throne Christus in der
-Kuppel der Apsis und dort, über der linken Seitenwand,
-opfere Abraham seinen Sohn Isaak? Nur zwei Mosaikbilder
-sind in die Wand eingefügt, die fremd im Jubel
-dieses Gotteshauses bleiben und grausam unvermittelt
-den wehen Hintergrund erschließen, auf dem die
-mittelalterliche Geschichte Ravennas seit dem Untergang
-der Goten ruht: Es sind die Gemälde des kaiserlichen
-Hofstaates, auf der einen Seite Justinian mit seinem Gefolge,
-auf der anderen Theodora mit ihren Frauen. Wie
-ausgebrannt ist das langgezogene, regungslose Antlitz
-der kaiserlichen Hure, die sich in ihrer Jugend den Soldaten
-preisgab und als Geliebte des slawischen Abenteurers
-<a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-den Thron erklomm&nbsp;.. wie liegen ihre kranken
-Sinne offen um diesen blutenden Mund und die übergroßen,
-unersättlichen Augen. Sie schreitet der Kirche
-zu, ihre Hände tragen ein goldnes Weihgefäß. Je tiefer
-der Blick sich in das Scheinbar-Tote dieser Mosaiksteine
-einsieht, desto erschreckender wird das Leben in den
-halbverwüsteten Gesichtern deutlich und das Fieber, das
-in diesen strengverhüllten Körpern auf- und niederfliegt.
-Die Kleider sinken, lüstern und schamlos, der Heiligenschein
-um den Kopf der Kaiserin taucht in den schwachen
-Dunst von hellem Blute, nackte, hagere Hüften zeigen
-ihre heiße Blässe, fallende Schultern und erschöpfte Brüste,
-auf denen nur das Mal der Warze brandrot flackt. Armselige,
-mißbrauchte Leiber, an denen nichts mehr blühend
-ist und dennoch nichts gestillt. Wer bist du, Nachbarin
-Theodoras zur Linken, in deinem karminfarbigen Gewand
-mit den breiten Goldborten und dem hellen Überwurf
-der Schultern, den deine rechte Hand festhält? Bist du
-vielleicht Eudoxia, die Gemahlin Belisars? Welche
-Nächte mußt du gesehen haben, wenn du es wagen darfst,
-dich so an die Kaiserin zu lehnen&nbsp;.. Und du, Nächstfolgende
-im hyazinthblauen Kleid und rostbraunen
-Überhang, du, mit den wundervollen Brauen und der
-schmalen Nase, mit der übersatten Frucht des Mundes
-und den schweren Lidern über der glühenden Ruhe der
-Pupillen? Noch ist eine Beherrschtheit in dir (oder ist
-es eine Grausamkeit, die es gewohnt ist, ihre Opfer zu
-verachten?), aber deine Hand ist krank und kündet auch
-dein Schicksal. Vielleicht wolltest du nicht mit hinabgezogen
-werden&nbsp;.. aber deine unwillkommne Tugend
-hätte leicht an einer zarten seidnen Schnur enden können.
-<a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Nur der einen, der allerletzten begleitenden Frau, ist ein
-Hauch nicht ganz ertöteten Gefühls in dem traurigen
-Gesicht stehen geblieben. Sie hat sich abgewandt, ihre
-Augen suchen irgend eine fremde ausgelöschte Ferne.</p>
-
-<p>San Vitale! Heller Ruf des silbernen Hornes im Morgenwind&nbsp;..
-Der Traum des besudelten Purpurs zerstob.
-Nur das eine wollte nicht zum Schweigen kommen:
-daß Theodora die goldne Schale zum Altare trägt. Was
-war der Glaube dieser Frau, der um ihr Haupt den Schein
-der Heiligen wob? Die halbverschüttete Sehnsucht ihrer
-Seele? Die letzte Raserei der Sinne, die in Kasteiung
-endet? Da stieg das letzte der Gesichte auf: wie sie
-den schlaffen Körper über die scharfkantigen Stufen vor
-dem Tisch des Herrn emporwirft, ohne auf die Schnitte
-und Risse zu achten, und die müden Brüste gegen die
-aufstachelnde Kälte des Marmors preßt. Die Hände,
-von der Überzahl der Ringe gelähmt, umklammern die
-Peitsche, die Schläge prasseln nieder, über den Rücken,
-an dem sich die Rippen abzeichnen. Langsam rieselt das
-Blut&nbsp;.. Die Nüstern stehen gebläht&nbsp;.. Duft und Dunst
-des eignen Blutes, als Opfer dem Gekreuzigten gebracht,
-der aus dem glühenden Mosaik durch den Rauch zu
-süßer Kerzen niederlächelt&nbsp;.. Letzter Kuß der verirrten
-Lippe auf den üppigen Mund des Gottes-Sohnes&nbsp;.. Und
-viele Stunden später das Erwachen im tiefgedämpften
-Licht des Badegemaches, wo in den silbernen Becken die
-Düfte der weißen Nelkenkörner verpuffen und die Sklaven
-auf das erste befehlende Wort der Herrin warten,
-deren Haupt wie leblos im Schoß Eudoxias ruht&nbsp;.. O
-Qual eines kaiserlichen Namens! Theodora, die Gottgeschenkte,
-Name einer Büßerin, die das Kreuz der Liebe
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-trug und alle, deren Leben sie berührte, an ihrem verachteten
-Leid mitleiden ließ&nbsp;.. Unmerklich hatte sich das
-Bild vor mir geändert. Nur das Herz blieb sehend&nbsp;..
-das letzte der Gesichte losch aus. Nur die Seele der
-Farbe gab noch eine Antwort und verkündete nichts
-anderes mehr als die Inbrunst des Künstlers, der das
-Nebeneinander dieser Gestalten, den Fluß der Gewänder,
-das Lorbeergrün des Fußbodens und das weiche Gold
-des angedeuteten Himmels in die Rhythmen seines
-schöpferischen Geistes zwang: unbekümmert um die Tragödien
-des Blutes, die in diesen Menschen wohnten. Sein
-Name ist vergessen: aber seine Liebe zur Schönheit ist
-ewig in ihrer zeugenden Kraft.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Die Pförtnerin öffnete ein schmales Tor. Ich trat über
-wenige flache Stufen ins Freie. Warmer Duft schlug
-mir entgegen, Duft von Erde, in welcher noch der letzte
-Regen verdunstet, von Gras und von Rosen, die an einer
-hellen Ziegelmauer emporwuchsen, blaßrot und klein
-wie die Blüten der Mandelsträucher. In dem matten Sonnenlicht,
-das zwischen den flachen Firsten fremder Dächer
-und einer vergißmeinnichtblauen Bucht des Himmels
-stand, klang die gedämpfte Musik von San Vitale weiter.
-Jenseits des freien Platzes, der halb Garten, halb Hof,
-halb Schuttstätte war, lag das Mausoleum der Kaiserin
-Galla Placidia über der Grundfläche eines lateinischen
-Kreuzes, ohne einen anderen Schmuck als die Rundbogen
-blinder Arkaden und den gezackten Fries unter dem
-Ansatz des Daches, wundervoll lebendig in dem satten
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-Sepia der Ziegelsteine. Ich vergaß es, daß der Tag schon
-der Mittagshöhe zulief, daß noch viele Schönheiten meiner
-warteten: ich saß, die Arme über den hochgezogenen
-Knieen verschränkt, das Auge halb durch die Bläue,
-halb über den stumpfen Goldhauch der Mauern und
-Dächer spielen lassend, auf dem niedrigen Grashügel
-und sann dem Leben der Kaiserin nach.</p>
-
-<p>Es war das Erbteil des mütterlichen Blutes, das sie so
-sehr zur Römerin machte, aber vom Vater hatte sie das
-Königliche des Wesens, die Inbrunst des Willens und
-die große staatsmännische Begabung. Es gibt ein wundervolles
-Bild des großen Theodosius auf einem silbernen
-Schild, der bei Merida in Spanien gefunden wurde. Das
-schmale Gesicht trägt die Züge einer vergeistigten Schönheit.
-Der Mund, voll verschwiegner Sinnlichkeit in das
-schmale Oval der Wangen gedrängt, ist nicht viel breiter
-als die Spanne zwischen den beiden Nasenflügeln, die
-leichtgebläht über der unmerklich schiefgezogenen Oberlippe
-stehen, der Lippe eines Mannes, dessen Sinne verfeinerter
-Genüsse bedürfen. Enträtselt aber wird dieses
-Gesicht erst in den weitgeöffneten Augen, deren durchsichtiger
-Glanz den dunklen Zug der Brauen noch verdunkelt
-und nur im Leuchten der gemeißelten Stirne
-eine Antwort findet. Alle Formen sind gebunden in der
-Zucht des Geistes, in dem Wach-sein einer außergewöhnlichen
-Klugheit und eines unbeugsamen Willens. Ja,
-vielleicht war der Glaube dieses Kaisers, sein leidenschaftliches
-Eintreten für das athanasianische Bekenntnis,
-nur die Frucht einer unerbittlichen Selbstschulung.
-Auch Galla hatte diesen Glauben des Vaters: doch ganz
-in die Beseelung, ganz in die Sehnsucht eines leidenden
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-Herzens verwandelt: sie war eine Frau, unfähig, ihrer
-Natur zu entrinnen. Alle andren Eigenschaften des Vaters
-aber lebten ungebrochen in ihr weiter: am deutlichsten
-jene Gabe der unbedingten Herrschaft über sich selbst,
-die ihrem Leben die kaiserliche Haltung gab. Daß sich
-über ihren Zügen (so wie sie das Medaillon am Kreuz
-der Heiligen Helena zu Brescia zeigt) eine Melancholie
-breitet, daß in der Dunkelheit der übergroßen Augen
-ein nicht gelöstes Fragen steht, daß ein Schatten von Bitternis
-den vollen, stillen Mund umspielt: wird auch den
-nicht erstaunen, der sich nur flüchtig in ihrem Leben
-verlor. In seiner Erinnerung aber wird das andere, viel
-weniger ausdrucksvolle Bildnis dieser Kaiserin beherrschend
-weiterleben, welches die kleine Elfenbeinplatte im
-Domschatz zu Monza überliefert: Hier ist Placidia ganz
-die Fürstin-Mutter, hochaufgerichtet, ihrer Würde tiefbewußt
-neben dem kleinen, dumpfen Sohn, dessen kindliches
-Antlitz schon die schlaffe, sinnliche Weichheit des
-Verwöhnten aufweist. Nichts an diesem unbeseelten
-Bild der Kaiserin würde den Eindruck der Unnahbarkeit
-mildern, wäre nicht die verräterische, rechte Hand, die
-nur Seele ist: von Müdigkeit und Verlangen durchhaucht,
-so wie die elfenbeinerne Starrheit der offnen Rose
-zwischen Daumen und Zeigefinger.</p>
-
-<p>Galla Placidias Größe wuchs an dem Maß ihrer Schicksale.
-Die Kraft zu tiefem Erleben und tiefem Ertragen
-war ihr eingeboren. Sie verlangte nach Bewegung, nach
-Wechsel, sie ging gerne auf Reisen und liebte eine große
-Führung des Lebens. Sie zog die Weltstadt Rom Ravenna
-vor, solange sie keine Pflicht an den Hof band. Rom gab
-ihr weitere Möglichkeiten. Sie sah gerne den Glanz der
-<a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Feste und den ununterbrochenen Wettstreit des Schönen.
-Wie alle vornehm Gesinnten hatte sie die Leidenschaft
-für große, heroische Vergangenheiten. Nur wer viele
-Zusammenhänge erfaßt hat, kann so einfach sein, wie
-sie war. Sie liebte die Perlen: den schlichtesten und kostbarsten
-Schmuck zugleich. Als der Feldherr des Westgotenkönigs
-Athaulf in das Peristyl trat und ihr gesenkten
-Hauptes die Gefangennahme verkündete, stand sie ruhig
-und abweisend: die Wirklichkeit war machtlos gegen
-ihre Haltung. Sie nannte die Dienerinnen, die ihr zu
-folgen hatten, und begab sich in das feindliche Lager.
-Der junge König empfing sie so, wie es einer kaiserlichen
-Prinzessin zukommt und geleitete sie in ihr Zelt. Er
-zeigte ihr die Pferde und die Sänften, die bestimmt waren,
-sie auf den langen Wanderzügen des Heeres zu tragen.
-Sie lächelte ein wenig und achtete nicht weiter auf ihn.
-Sie hielt sich abseits mit ihren Dienerinnen und gewöhnte
-sich bald an die Unruhe des Lagerlebens. Ja, sie faßte
-eine gewisse Liebe zu diesem freien Zug durch die Lande.
-Ihr starkes Gefühl für die Wirklichkeiten ließ sie die
-Änderungen bald nicht mehr schwer ertragen. Die vornehmen
-gotischen Frauen aber, die im Lager weilten, waren
-durch das Liebenswürdige ihres Wesens bezaubert. So
-kam es, daß sich an manchen Abenden in ihrem Zelt ein
-kleiner Kreis versammelte, der ihren Erzählungen von
-Byzanz, von Ravenna und Rom lauschte. Auch der König
-saß unter den Gästen und schaute unverwandten Auges
-nach der schlanken, dunkeläugigen Prinzessin, die so
-anders aussah als die Frauen seines Stammes. Sie gewahrte
-es und lächelte ihm zu, wie sie einem jungen Römer zugelächelt
-hätte, der ihr zuviel von seiner Bewunderung
-<a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a>
-zeigte. Den König aber machte dieses Lächeln traurig.
-Sein Blut nahm es auf&nbsp;.. er war ein Gote. Placidia liebte
-die Augen dieses jungen Mannes und das blasse Gold
-seiner Haare, die er längst auf römische Art trug. Sie war
-zu klug, um nicht zu wissen, daß die Goten ihre Heirat
-mit dem König wünschten. Aber sie wußte ebenso genau,
-daß ihr Bruder, der weströmische Kaiser Honorius, sich
-schon dem Gedanken dieser Ehe widersetzen würde.
-Und dennoch tat er nichts, um sie zu befreien. Er blieb
-untätig in Ravenna, indes sein Feldherr Constantius das
-Gotenheer nach Westen trieb. Vielleicht lag ihm nichts
-an dem Schicksal seiner Schwester. Sie hatte zuviel ursprüngliche
-Menschenkenntnis, um nicht auch diesem
-Gedanken nachzugehen&nbsp;.. Sie war nicht minder einsam
-im Lager Athaulfs als sie es am Hofe zu Ravenna gewesen
-wäre. Im Gegenteil: die stumme Liebe des Königs gab
-ihr ein Gefühl von Sicherheit und Heimat. Es konnte
-der Römerin vornehmster Schicht kaum faßlich scheinen,
-daß ein Mann solange schweigend eine Liebe trug. Sie
-lernte hier ein Fühlen kennen, das ihr ein Wunder bleiben
-mußte. Vielleicht lernte sie zum erstenmal an einen
-Menschen glauben&nbsp;.. vielleicht das einzige Mal. Eines
-Abends sprach der König. Er hatte seine Lippen auf ihre
-Hände gedrückt. Die Hochzeit wurde im königlichen
-Palaste zu Narbonne gefeiert, im Anfang des Jahres 413.
-Der Kaiser in Ravenna fiel in Wut. In Byzanz sprach
-man von einer unerhörten Schmähung des kaiserlichen
-Namens. Placidia war glücklich. Die Liebe ihres Gemahls
-war ein Dienst. Es gab keine Römerin, der ein Gleiches
-widerfuhr. Sie gebar einen Sohn, aber das Kind starb
-früh in der Verwirrung der Kriegszüge. Schon waren die
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-Goten bis nach Nordspanien zurückgedrängt worden.
-Man lagerte bei Barcelona. Da wurde der König ermordet.
-Im Stall, von einem gedungenen Knecht. Man sagte,
-es sei auf Betreiben der römischen Kaiser geschehen.
-Placidia wurde von Athaulfs Nachfolger und Feind aus
-dem Palast getrieben und mußte als Gefangene vor
-seinem Triumphwagen herschreiten. Sie begriff nicht
-mehr. Das Leben, kaum erblüht, stürzte im Abgrund
-ihrer Seele zusammen. Was sich eben hatte öffnen und
-zum Fluge ausbreiten wollen, starb im Sturz. Nur die
-Römerin blieb: abweisend und verschlossen, auch in der
-tiefsten Demütigung. Honorius sandte das Lösegeld und
-ließ die Schwester zurückholen. Sie ging, beladen mit
-der Schwere eines Schmerzes, den keiner am römischen
-Hofe verstehen konnte. Man staunte sie an um ihres seltsamen
-Schicksals willen, und der Duft einer großen Fremdheit
-und Entfernung gab ihrer dunklen Schönheit doppelten
-Reiz. Sie aber vergrub, vergrub ohne Unterlaß im
-Abgrund ihres Bewußtseins das Heilig-Gewesene und
-wurde ganz die kaiserliche Frau, der ein frühes, qualvolles
-Geschick den einen Weg gewiesen hatte, den sie
-zu gehen noch für würdig fand: den Weg der Purpurgeborenen,
-die sich anschickte, dem Vorbild des großen
-Vaters zu folgen und ihre natürliche Anlage des Herrschens
-im Dienste des wankenden Staates fruchtbar
-werden zu lassen. Sie fühlte sich berufen, zumal sie bei
-der Frühreife ihrer Einsicht die Unfähigkeit ihres Bruders
-in Ravenna rasch erkannt haben mußte. Auch von dem
-byzantinischen Kaiser, ihrem Neffen Theodosius&nbsp;II., war
-keine schöpferische Leitung der Geschäfte zu erwarten.
-So fiel ihr selbst die große Aufgabe zu. Schon ihre zweite
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-Ehe mit Constantius, demselben Feldherrn, der ihren
-ersten Gemahl so weit nach Spanien zurückgedrängt hatte,
-beweist, wie sehr sie zu seelischen Opfern bereit war.
-Von dem Augenblick an, der ihr Klarheit darüber gegeben
-hatte, daß diese Verbindung den herrschenden Umständen
-entgegenkam, vertrat sie in seltener Selbstzucht
-die Bedeutung ihrer neuen Lage. Sie gebar ihrem zweiten
-Gemahl eine Tochter und einen Sohn. Da Honorius
-keine Kinder besaß, war nun zum wenigsten die Thronfolge
-gesichert. Aber sie dachte nicht an eine Trennung
-der weströmischen Herrschaft von Byzanz. Im Gegenteil:
-sie gerade wollte den Fortbestand der alten Reichseinheit.
-Die Erinnerung an den Glanz der väterlichen
-Regierung bestimmte die Richtung ihrer Staatskunst,
-und sie ließ es &ndash; als nach wenigen Jahren auch ihr zweiter
-Gatte starb &ndash; um ihrer Überzeugung willen zum Bruch
-mit Honorius kommen, dem ihre Abreise nach dem Hofe
-von Byzanz nur erwünscht sein konnte. Für sie selbst
-aber war dieser Schritt die notwendige Folge dessen, was
-sie anstrebte: eine Stärkung der kaiserlichen Hausmacht
-durch engen Zusammenschluß, jenseits persönlicher Neigungen
-und Abneigungen. Sie hegte wohl kaum ein
-Gefühl für ihren Neffen, noch für dessen Schwester Pulcheria,
-die fast von Glaubenswahnsinn befallen war: aber
-sie brauchte diese beiden Kinder ihres ältesten Bruders,
-um sich in Ravenna für ihren kleinen Sohn Valentinian
-durchzusetzen. Auch ahnte sie voraus, daß mit dem Sterben
-des kranken Honorius Wirren eintreten würden,
-denen sie allein nicht gewachsen war. Sie hatte kaum in
-Byzanz das Land betreten, als man sie von dem Tod ihres
-Bruders in Ravenna und von dem Ausbruch eines Aufstandes
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-benachrichtigte, den der Primiscerius Notariorum,
-Johannes, im Bunde mit Aëtius angeregt hatte. Beide
-wollten &ndash; gegen Placidias Absichten &ndash; dem weströmischen
-Reich eine deutlichere Sonderstellung geben, in
-Wirklichkeit nur, um selbst darin die Herrschaft auszuüben,
-die sie der kaiserlichen Frau nicht gönnten. Placidia
-kämpfte leidenschaftlich für ihre Rechte: Es gelang, den
-Aufruhr zu bändigen. Eine byzantinische Flotte und ein
-ostgotisches Heer eroberten Ravenna, Placidia kehrte
-mit ihren Kindern in die Stadt zurück, von Theodosius&nbsp;II.
-mit der Führung der Geschäfte betraut, solange Valentinian
-noch unmündig war. Abermals konnte sich die
-Kaiserin ihrer staatsmännischen Einsicht und ihres Erfolges
-freuen: Die Macht gehörte ihr, unwiderruflich,
-das Gesetz ihres Lebens erfüllte sich, wie sie vorausgesehen
-hatte. Und wieder war es ihre Klugheit, die ihr
-weiterhalf: Sie fühlte, daß die Macht besitzen nichts
-anderes heißen könne, als die Macht erhalten. Es begann
-die größte Arbeit ihres Lebens: es galt, im Schwanken
-des Parteilebens die unantastbare, sicherruhende Mitte
-zu bleiben. Auch dies gelang. Es lag eine bannende Gewalt
-in der Erscheinung dieser außergewöhnlichen Frau.
-Der Zwiespalt verstummte vor der Hoheit ihres Zieles,
-und die Zügelung ihres Lebens zwang zu Verehrung und
-Bewunderung. Sie hatte die Gabe aller großen Menschen:
-ihre Schmerzen vor der Welt abzuschließen. Jeder mußte
-wissen, daß sie litt, aber sie belastete niemanden mit dem
-Schatten eines Leides. Man sah nicht, wie sie trug. Man
-spürte nur die Wirkung ihres stummen Tragens. Ferner
-und steiler ward die Kluft, die sie von ihrer Umgebung
-trennte, einsamer der große Traum, der sie von den Bedürfnissen
-<a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-des Tages schied. Freunde starben: sie blieb.
-Ihre Tochter wurde von dem Erzieher geschändet und
-in ein Kloster nach Byzanz verbannt, ihr Sohn ging langsam
-an seinen Lüsten unter, der Mutter fremd, als ob sie
-ihn nicht geboren hätte.</p>
-
-<p>Für wen hatte sie gekämpft, für wen geopfert?</p>
-
-<p>Schon war die Höhe des Lebens überschritten&nbsp;.. und
-nirgends winkte die Ablösung, nirgends der Friede. Es
-bedurfte noch eines Kampfes, des bittersten, den eine
-Seele kämpft.</p>
-
-<p>Sie saß in mancher Sommernacht am Fenster ihres Palastes
-und lauschte in das leise Branden des lauen
-Meeres hinunter.</p>
-
-<p>Was blieb? Nur sie&nbsp;.. Ihr Leben fiel in sich zurück.
-Sie mußte bis zum äußersten Ende weitergehen, dem
-Purpur getreu, den ihr Körper und ihre Seele trug.</p>
-
-<p>Sie raffte die letzten Kräfte zusammen in einem übermenschlichen
-Verzicht auf jede Ernte: und trat auch aus
-dem Bannkreis ihrer Mutterschaft in ihre tiefste Einsamkeit.</p>
-
-<p>Was blieb? Gott. Sie ließ Gott Kirchen bauen, eine
-schöner und inbrünstiger als die andere&nbsp;.. den letzten
-Ruf ihres Herzens aber und ihr letztes Aufschluchzen
-warf sie in die Schönheit ihres Grabmal-Himmels hinüber,
-der in den Grundwassern der Seele spiegelt, dort,
-wo sie die einzige Liebe begraben hatte: in der dunkelblauen
-Tiefe eines deutschen Königsnamens.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>O Himmel voll Veilchenwiesen! Wie sich der Schmerz,
-zur Lust gedämpft, auf Sammetflügeln wiegt&nbsp;..</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-War eine Schwelle, über die ich eintrat in das Brausen
-dieses blauen Gesanges, der über rotgoldnen Fahnen
-schwebt? Gold war am Anfang, vom Fuße kühler Marmorwände
-aufsteigend, Gold, an die schweren Sarkophage
-der Nischen emporgehaucht, Gold an der Decke,
-in lauen Tropfen niederfallend. Dann losch es aus in der
-Wendung eines einzigen Schrittes, und rötliches Glühen
-des Gesteines drang vor: Purpur des Abends auf fernen
-Inseln der Meere&nbsp;.. im Geäder der Marmorbrüche gefangen.
-Rote Blumen gehen auf im Grund der Himmelsau,
-tiefeingebettet in den Schoß der Mutterfarbe. Und
-alles sinkt und steigt auf der Woge der überirdischen
-Musik. Silbern jubeln die Flöten: weiße Sternblumen
-öffnen ihre Kronen&nbsp;.. die Harfen wehen: Pfirsichblüten
-rieseln&nbsp;.. Nun singen Knaben: ein Duft von Veilchen
-zieht vorüber. Fruchtkränze winden sich im Halbrund
-breiter Bögen: von tausend Geigen der dunkelgrün gebundene
-Strich, an dessen Saum die goldnen Funken
-knistern&nbsp;.. Aus starrem Lorbeer drängen sich die Rosen:
-das erste Liebeslied bewegt die Lippe der Mädchen.</p>
-
-<p>Kaiserliche Frau! was war dein Leben, wenn deine
-Seele diesen Traum trug? War es so wenig, daß du alle
-Liebe aufsparen konntest für diesen einen Abendgesang?
-Und woher nahmst du die Kraft, alle Sehnsuchten so
-rein und glühend zu bilden, daß sie diese Lohe auswerfen,
-in der das Gefäß deines Leibes verglühte? War Gott so
-tief in deinen Kämpfen? So tief der Himmel schon in
-deiner Irdischkeit? In übersinnlichen Gesichten hat deine
-Seele gelebt, indes du Wirklichkeiten schufst&nbsp;.. Eine
-wehende Kerze im Wind Gottes war deine Seele, und
-du schienst seelenlos im kühlen Wägen deiner Pläne.
-<a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-Wie sehr mußt du die Welt verachtet haben, an die du
-so gefesselt schienst! Du letzte große Römerin und du
-erste große Wissende um die Erkenntnis einer neuen
-Zeit. Entdeckerin der Seele, Künstlerin, die den Gott
-aus sich in das Werk hinüberschuf&nbsp;.. So war der Gott,
-der in dir brannte, wie jener Hirte im goldnen Bogen
-über der Tür deiner Grabkapelle: Dunkel und schön,
-ein junger Herrscher, Apollos Bruder, um Christi tiefe
-Schmerzen reicher. Blumenkränze schweben zu seinen
-Häupten im unendlichen Blau. Die bunten Kreise fangen
-an zu schwingen, leicht, wie vom Wind getrieben. Goldregenblüten
-rieseln auf Vergißmeinnicht. Tauben nisten
-im Mandelgesträuch&nbsp;.. Frühling am See Genezareth&nbsp;..
-O Duft des Morgenlandes&nbsp;..</p>
-
-<p>Noch einmal siegt das Blau. Ein dichter Mantel von
-Heliotrop, mit Smaragd und Gold gefüttert, sinkt es auf
-Schultern und Sinne&nbsp;.. Nirwana der Schönheit, die kein
-Geist mehr erträgt.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Es mochte Mittag sein, als ich zu dem Grabmal des
-Theoderich hinausfuhr. Im Hafen ruhten kleine Schiffe
-auf dem Pfuhl eines grünlichen Gewässers, Geruch von
-Tang und Fäulnis bannte den Atem. Verlumpte Arbeiter
-schliefen in den Winkeln der Schuppen, wie unnütze
-Kranke in irgend eine Ecke geworfen, wo sie liegen bleiben
-konnten, bis der Hunger oder das Fieber sie fraß.
-Der Wagen warf sich von einer Seite auf die andere, die
-Räder versanken in dem grauen, dünnen Staub, der bis
-zu den Schuhen aufwirbelte. An einer Kreuzung versperrte
-ein Lastkarren den Weg. Die Pferde hatten sich
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-losgerissen und fraßen am Blattwerk einer niedrigen
-Hopfenhecke, der Kutscher lag schlafend am Boden, das
-gelbe Gesicht zur Hälfte in Taubnesseln vergraben. Es
-war unmöglich, weiterzufahren. Ich ging zu Fuß die
-kurze Strecke bis zu meinem Ziel. Der Wärter öffnete
-das Gittertor, am Ende eines langen Gartenwegs lag das
-Grabmal, grau und verwittert. Die flache Kuppel stand
-in grausamer Nacktheit gegen das längst wieder erblindete
-Licht des Himmels, an den Quadern des oberen
-Rundbaus war schwarzes Moos angewachsen, über das
-Treppengeländer hingen Rosen, blühendes Mitleid an
-diesem ganz verödeten Bau, der langsam in den feuchten
-Feldern versinkt, indessen sich zwischen den Arkadenpfeilern
-des unteren Geschosses die verwesenden Wässer
-der schmutzigen Regengüsse ansammeln. Aus dem
-Innern des leeren Gewölbes schlägt modernde Luft.
-Keine Seele mehr redet aus der Türmung dieser Mauern,
-hier ist nichts verinnerlichter Ausdruck eines königlichen
-Lebens: nur der Machtgedanke eines Herrschers findet
-seine Sprache in diesem Denkmal: die Gewalt, über Völker
-zu gebieten durch den Krieg. Es wird keine Liebe
-wach vor diesem Stein, kein Wunsch, sich in die Schicksale
-des Fürsten zu versenken, der hier begraben sein
-wollte. Nur der Name bleibt und das Schaudern vor
-einer Zeit, die gewaltsam und gesetzlos war, heroisch und
-dennoch unfruchtbar. Ein Schimmer von Byzanz liegt
-über der Jugend des Gotenkönigs: er hatte bis zu seinem
-siebzehnten Jahr am Hofe gelebt. Aber dieser flüchtige
-Schein verweht. In seinen Taten ist die Einsamkeit der
-Empörer, in seiner Herrschaft die Klugheit des Herrschgewohnten:
-Er ließ Paläste und Kirchen bauen, es war
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-sein Ehrgeiz, kein Barbar zu sein. Es ist schwer zu sagen,
-was er war, kein Grieche, kein Römer, kein Gote&nbsp;..
-von allem etwas und keines ganz. Die Sage hat sich seiner
-angenommen. Sein Andenken ist kühl und blinkend
-geblieben, wie das Metall ritterlicher Rüstung, ein Beispiel,
-ohne Sehnsucht, ohne Heimweh. Es war kein Geheimnis
-über seiner Kraft. Er war zu königlich, um ein
-Abenteurer zu sein, zu sehr sein eigner Feldherr, um das
-Rätsel des Purpurs zu vertiefen.</p>
-
-<p>Vielleicht werden einmal die gelben Rosen, die sich
-am eisernen Treppengeländer emporziehen, über die
-Kuppel bis in die Gärten weiterwachsen. Dann wird
-die Seele des Fremden tiefer ergriffen werden, wenn die
-Natur das Allzudeutliche verhüllt. Man wird nicht mehr
-nachdenken, man wird nur schauen und von den Rosen
-erzählen, die das Grabmal eines frühen deutschen Königs
-zudecken: Rosen von Ravenna&nbsp;.. so wie man sagt:
-die Veilchen von Parma, die Zypressen von Tivoli&nbsp;..</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Ich fuhr in die Stadt zurück. Im Wagen lag ein Strauß
-von Jasminblüten, den eine alte Frau mir gereicht hatte.
-Ich nahm ihn mit zu dem dritten Totendenkmal, dem
-meine Sehnsucht galt: Zum Sarkophage Guidarellis,
-des jungen ravennatischen Kriegers, der in der Schlacht
-von Imola den Tod fand.</p>
-
-<p>Die Hände wagen nicht, Blüten hinzustreuen. Der dort
-in seiner vollen Rüstung auf dem Sarge ausgestreckt
-liegt &ndash; Tullio Lombardi meißelte den Stein &ndash; scheint
-noch zu atmen. Er könnte fühlen, wenn er die Blumen
-<a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-sieht, daß wir ihn schon gestorben wähnen. Wie bitter
-ist sein Mund. Die obere Lippe, ein wenig zurückgezogen,
-läßt die Zähne sehen. Oder ist es ein Lächeln, das
-diesen Mund geöffnet hält? die Ahnung eines Lächelns,
-das in seiner Geburt starb? Welche Bilder dämmern
-noch hinter dieser Stirn? Plötzlich fühlst du: er lebt
-nicht mehr, er ist schon tot&nbsp;.. und atmest auf, wie wenn
-du mitten im Hinübergleiten gewesen wärst. Du legst
-deine Blumen über seine gefalteten Hände &ndash; und schreckst
-zurück: er lebt noch&nbsp;.. er hat das Kühle der weißen Sterne
-an seinem Arme gespürt, sein rechtes Auge hat die Blumen
-noch erkannt, indes im linken schon das Licht erloschen
-ist. Da redest du zu ihm, du beugst dich über
-ihn, als ob du noch einen Zug seines Atems erhaschen
-müßtest, Worte quellen im matten Glanz von Tränen,
-leise, süße Worte, wie man sie tausendmal denen sagt,
-die sterben müssen und nicht sterben wollen&nbsp;..</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">&rsaquo;O nur Geduld, nur ein paar Atemzüge lang</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Soviel Geduld, daß sich nicht Bitternis</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In diesen Hingang mischt&nbsp;.. Wir lieben dich,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wir helfen dir&nbsp;.. Ja, draußen ist der Wind,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und auf dem Rasen läuft das goldne Gras&nbsp;..</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der Duft? Von Rosen&nbsp;.. Alle Rosen blühn&nbsp;..</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Helle dort? Die Sonne in den Wipfeln</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Des alten Erlenbaumes&nbsp;.. Nun wirst du eines</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit alle dem&nbsp;.. Die Flügel? Große Flügel</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sind veilchenblau gespannt zu deinen Häupten&nbsp;..</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Blau&nbsp;.. nichts als Blau&nbsp;.. Leb wohl&nbsp;.. Zum letztenmal</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Leb wohl&nbsp;.. Der Vogel rauscht&nbsp;..&lsaquo;</td></tr>
-</table>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Über dem späten Nachmittag lag eine Müdigkeit. San
-Apollinare Nuovo und San Giovanni in Fonte sah das
-Auge wie durch bunte Schleiertücher: Nachspiele einer
-lodernden Glut&nbsp;.. Dann aber verlangten die Sinne nach
-der offenen Ebene, nach der Ahnung des Meeres.</p>
-
-<p>Ich ließ mich hinausfahren in das Land, in das einförmige,
-kranke Land. Die Wolken waren schon bis an den
-Saum der weiten Fläche zum Regnen geschlossen, die
-Felder lagen wartend, leblos ergeben an alles, was ihnen
-geschah. Irgendwo mußte man schon das Heu geschnitten
-haben. Breitgeladene Wagen, mit Kühen bespannt,
-zogen im hellen Staub der Landstraße. Wieder starrten
-mich die gelben, durchfurchten Gesichter an, die kein
-Lachen kannten&nbsp;.. Über Sumpfgräben gingen meine Augen:
-immer wieder sahen sie das gleiche Bild: aufgeschossenes
-Schilfgras, gelbe oder braune Wasserlachen, auf
-denen die Mücken tanzten, dann ein kurzes Stück trockengelegtes
-Land, einen Kleeacker, ein Feld voll wilder
-Lilien&nbsp;.. und wieder Morast, schmälere und breitere Rinnsale,
-zu Vierecken ausgezogen, oft abbrechend, und weiter
-hinaus wieder bleiern aufglänzend. Einmal ging es
-über eine Brücke, an der ein Ulmenbaum stand, dann
-hob sich die Straße ein wenig, und an dem Rand einer
-niederen Böschung zur Linken wurde die Pineta sichtbar:
-Dantes Pinienwald, breite, schwarze Wipfel vor dem
-Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände. Dante: Name,
-den ich nicht mehr mit irgend einem Ort der Erde zu
-verknüpfen weiß: nur noch Symbol, in dem das Wunder
-schläft, Luft, die wir atmen, ohne zu fühlen, daß sie da
-ist. Und dennoch ergriff mich der Anblick des übrig gebliebenen
-Waldes. Ich mußte an Guido Polenta denken,
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-der den großen florentinischen Flüchtling in seinem
-Hause aufnahm, und an jene Francesca Polenta, Malatesta
-von Riminis unglückliche Gemahlin, für deren
-Liebe Paolo starb. Schatten, süße, traurige Schatten, nur
-angedeutet in der Sehnsüchtigkeit ihres Lebens&nbsp;.. und
-darum ewig gegenwärtig.</p>
-
-<p>Vor San Apollinare-in-Classe ließ ich den Wagen halten.
-Die Einsamkeit des Ortes bestrickte mich. Mitten
-im Feld, zwei Schritte von der Landstraße, lag das Wunder
-einer christlichen Basilika. Unscheinbar außen, wie
-alle Bauten aus der gleichen Zeit, doch groß und vornehm
-in ihrer Einfachheit. Das Tor stand offen. Der Eintritt
-aus der freien Luft in die Halle blieb ohne Übergang.
-Wie tief nimmt dieser Raum den Nahenden auf&nbsp;..
-Etwas von Pfingsten weht in der feierlichen Klarheit,
-Freude spielt im Ebenmaß der Säulen von Bogen zu Bogen
-und klingt am Hochaltar zusammen, hinter dem das
-Mosaik der Apsiswölbung aufsteigt. Hell glänzt das
-Kreuz auf goldnem Grund inmitten lichter Bläue, zwischen
-Blumen und weißen Lämmern steht verkündend
-der Heilige. Man möchte niedersitzen und lange ausruhen,
-man möchte die Augen in das flache Feld hinauswenden,
-das langsam im Abend versinkt. Aber die Fieber
-wachsen in den Sümpfen, wenn die Nacht kommt.
-Das Land kennt nicht die Lust der Dämmerung. Die
-Fenster müssen sich schließen, der Mond wirft giftige
-Dünste auf.</p>
-
-<p>Der Wagen wendete. Aus den nordwestlichen Himmeln,
-von Ferrara her, quoll schmutziges Abendrot. Die
-Ebene lag in leisem Glühen. Kein Lufthauch wehte. Die
-ersten Tropfen fielen, laues Blut. Dann losch das Feuer.
-<a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-Noch zögerte der Regen. Die Stadt war grau an die
-Erde hinabgedrückt, sinkend&nbsp;.. sinkend. Es kam kein
-Rauschen in den Wipfeln, es fegte kein Wind über die
-Straßen und warf die klaffenden Fenster zu: aus lahmen
-Kiefern spülte das Dunkel die trübe Brühe des Regens
-auf die Dächer nieder. Die Dächer gaben sie weiter an
-die zerbrochenen Rinnen, aus denen sie in breiten Güssen
-auf die Straße stürzte. Erde, Stadt und Himmel waren
-nur noch eines: ein brauner und grünlicher Morast,
-der nach dem Wüten der Julisonne schrie, um einmal
-aus sich selbst befreit zu werden. Dann mußte der Staub
-kommen, Staub und Sand, und die Stadt würde gelb wie
-frischgebrannter Lehm&nbsp;.. gelb wie die ausgedorrte Steppe:
-dicht neben dem unerbittlich fliehenden Meer.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_035"> </a>
-FLORENZ</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-<b>D</b>en Nachmittag und Abend des nächsten Tages verbrachte
-ich in Florenz. Still blühend lag die Stadt
-in der Sonne, Anmut und Leichtigkeit. Heimatlich begrüßt
-sie jedesmal den wiederkehrenden Freund, obwohl
-sie stets voll Geheimnis bleibt, und sei es nur im Wechsel
-der Lichter, im ewig neuen Wandern ihrer Wolken. Wolken
-von Florenz! milde Dämpfer zu üppigen Goldes,
-selbst mit Gold gefüttert, das sich in breiten Säumen
-über die Ränder neigt: euch folgt der Flug der Seele wie
-keiner eurer Schwestern, ihr gebt den Bergen das unerschöpflich
-feuchte Blau, den Hainen das fließende Grün,
-aus dem es kühl herüberwinkt in den Brand der kornblumenfarbenen
-Tage.</p>
-
-<p>Ich fuhr nach einem alten, kleinen Schloß, in dem ich einmal
-helle, süße Tage verlebt hatte. Es liegt in den Hügeln
-von San Miniato, hoch über der Stadt. Ich ließ den Wagen
-auf Umwegen über den Viale Petrarca und durch die
-Porta Romana zur Höhe des Torre del Gallo hinaufgehen.
-Langsam wurde das Bild der Stadt geboren, über
-hohen, grauen Gartenmauern, Villendächern und unbewegten
-Pinienkronen. Zwischen blaß-blauen Glycinenranken
-stand das goldbraune Gewühl der Häuser. Den
-herrischen Wuchs der Zypressen besiegend, ragte der
-Turm der Signoria. Fensterscheiben blinkten in der Sonne,
-Arkaden grüßten über dunklem Lorbeer. Schon stieg
-der leichte Rauch eines verfrühten Herdfeuers aus wenigen
-Schornsteinen. Unwillkürlich lauschte das Ohr nach
-einem Angelus&nbsp;.. Noch war es zu früh. Die Wärme, die
-aus den Gärten aufwehte, wies noch auf Nachmittag. Bilder
-kamen und gingen im Vorüberfahren&nbsp;..</p>
-
-<p>Niemand erwartete mich im Castello Acciajoli. Vielleicht
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-war niemand zu Hause. Ich zog die Schelle. Es
-dauerte eine Weile, bis der Diener öffnete. Er erkannte
-mich wieder und führte mich in das Empfangszimmer.
-Wenige Minuten später saß ich im Gespräch mit dem
-Hausherrn. Jahre waren vergangen, seit wir uns gesehen
-hatten. Er war der einzige, der um ein Erleben wußte,
-das hier seinen Anfang gefunden und fern, in einer nordischen
-Stadt, sein Ende genommen hatte. Noch lag der
-Schein der Liebe auf allen Dingen, zart, heimlich, wie ihn
-das ergriffene Herz damals hingezaubert hatte. Ich ging
-zu jedem Baum, zu jedem Strauch, der noch wie damals
-stand, wie damals blühte. Wie fröhlich war alles gewesen,
-wie frei und einfach! Besonders die Abende waren schön.
-Die Mahlzeiten in dem kleinen Speisezimmer, die vielen
-hellen Blumen auf dem Tisch, der rote Wein in schlanken
-Henkelkannen und das Hin- und Herflittern der leichten
-Worte zwischen Menschen, die zusammengehörten,
-so wie sie waren, gebunden durch die gleichen Gewohnheiten,
-vertraut in der gleichen Anbetung der Schönheit
-&ndash; und nur geschieden durch jenes feinste Gefühl
-innerer Besonderheit, wie es die große Übung des Erlebens
-entfaltet. Nichts war laut, nichts war ein Übergriff.
-Was hier geschah, war selbstverständlich. Es gab viele
-gemeinsame Spaziergänge in den Wiesen und Baumstücken,
-die zum Schloß gehörten, an kleinen Bächen
-entlang, die hastig niederstürzen, sich manchmal in uralten
-Steinbecken fangen und weiterfliegen, dem Arno zu.
-Dann ein Ausruhen auf einer leichten Anhöhe in hohem
-Gras, bei Lorbeerbüschen und Gaisblattranken. Wohin
-das Auge schweifte, standen die milden Ölbäume, deren
-wundervoll belebte Seele der Nordländer so schwer versteht.
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-Die Akazien blühten hoch in der stillen Bläue oder
-im Bernsteinglanz der Abendhimmel, die Nachtigallen
-sangen in jedem Gesträuch. Und über allem lag die Liebe.
-Aus der Gemeinsamkeit des Genießens löste sich die
-Sonderheit dieses Glückes, jenes Aufgelöstsein in Schweigen,
-das wortlose Untertauchen in jeder beseelten Schönheit.
-Im Wehen eines Olivenzweiges, im Atmen eines
-Rosenbeetes lag die Vertauschung der Seele und das Auswechseln
-der Sinne. Milde war in allem: Toskanas Milde&nbsp;..
-und eine reine, scheue Süße, wie Duft von Veilchen oder
-Teerosen.</p>
-
-<p>Der Diener hatte den Tee im Speisezimmer aufgetragen.
-Die Unterhaltung kam auf deutsche Dinge und hielt sich
-lange dort. An den Namen gemeinsamer Freunde spann
-sich das Gespräch weiter, leicht und fast kühl, da es einfachen
-Wirklichkeiten galt, bis sich unmerklich ein leises
-Heimweh einschlich. Denn im Reden über so viele, die
-vor Jahr und Tag mit uns hier oben zusammengesessen
-hatten, wurde die Zeit lebendig, die trennend zwischen
-heute und damals stand, die Schwere alles Zwischenerlebens
-schob sich über das Spiel der Erinnerung, die fast
-Gedicht geworden war. Wir verstummten. Wir schauten
-durch das Gitter des offenen Fensters in die Ebene hinunter,
-den Baumwipfeln der grünen Bandita entlang.
-Dann kamen plötzlich die Fragen: Entsinnen Sie sich
-noch jenes Vormittags, als wir zu Gino gingen? Wie
-hieß die Frau mit den Rubinohrringen, welche die
-Arie der Armida sang? Spielt Octavio noch so schön
-Klavier? Was ist an der Geschichte wahr, die man
-von dem Abbate Celli las? Ohne Aufhören fiel Frage auf
-Frage, Antwort auf Antwort, während wir in dem Haus
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-umhergingen. Wir stiegen die Treppen in das Obergeschoß
-empor, wo die Schlafräume lagen. Da war mein
-altes Zimmer! Nichts war verändert: dieselben alten Bilder,
-dieselben Leuchter, und dasselbe dunkle Himmelbett.
-Wie stiegen die Morgende des Erwachens auf, wenn
-der Diener eintrat und die Läden zurückstieß, wenn
-plötzlich das ganze, in helles Sonnenlicht getauchte Land
-in den Fensterrahmen trat: die Wipfel der Pappeln, die
-im frischen Morgenwind schwankten und ihr flüsterndes
-Blattwerk spielen ließen, die schweren wiegenden Zypressen
-über den Dächern von San Miniato, die ganze
-östliche Stadt, die im dünnen blauen Dunst des Sommertages
-zu dem Hügelkranz von Fiesole emporwuchs. An
-der Mauerwand aber schlug der warme Duft der Erde
-empor, und wehte bis auf die Kissen&nbsp;..</p>
-
-<p>Wir gingen zurück in das untere Stockwerk. Ich war
-traurig geworden, und fühlte mich erst leichter, als wir
-in dem großen Arbeitsraum des Hausherrn saßen, wo
-so viele ausgelassene Gespräche und Erzählungen die
-Abende verkürzt hatten. Als ob der Freund meine Gedanken
-erraten hätte, fragte er, indem er sich in einen
-hohen, roten Seidensessel setzte:</p>
-
-<p>»Haben Sie manches Mal an die Gräfin d'Ys gedacht?«</p>
-
-<p>Da war mit einem Male das Lachen geboren &ndash; und
-mit ihm jener göttlich-leichte Frühlingsabend, als uns
-Octavio Poggiolini die reizende Geschichte erzählte&nbsp;..</p>
-
-<p class="ce">· · ·</p>
-
-<p>Wir saßen im Kreis um den Kamin. Ein kleines Feuer
-brannte auf dem eisernen Rost, denn der helle Mondabend
-war kühl und etwas feucht. Die Champagnergläser
-waren aus dem Speisezimmer herübergetragen
-<a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-worden und standen neugefüllt, die Damen zerlegten
-Orangen auf dünnen Glastellern, einige der Herren rauchten.
-Man hatte nur ein paar gelbe Wachskerzen angezündet,
-da der Schein der Flamme reichlich Helle gab und
-außerdem durch das Fenster ein breiter Streifen Mondlicht
-in blaßgrünem Dreieck über den Boden fiel. Octavio
-Poggiolini saß nahe am Feuer und hatte die Beine
-übereinandergeschlagen. Auf seinem Gesicht stand die
-Vorfreude des Erzählens. Vielleicht gab dies Marita Branconi
-einige Bedenken, denn sie sagte, als er eben beginnen
-wollte:</p>
-
-<p>»Ist die Geschichte sehr unanständig?«</p>
-
-<p>»Was denken Sie? fiel ihr Octavio ins Wort, sehr unanständig!
-Im Gegenteil! Sie ist ganz einfach das Loblied
-auf die Klugheit!«</p>
-
-<p>Aber Marita ließ sich nicht beirren:</p>
-
-<p>»Haben Sie die Geschichte selbst erlebt?«</p>
-
-<p>»Nein, ich berichte, was man mir gesagt hat.«</p>
-
-<p>»Dann ist es vielleicht doch besser, wir Frauen gehen
-solange ins Musikzimmer.«</p>
-
-<p>»Um Gottes Willen, rief Octavio, nein! Ich hätte keine
-Freude mehr am Erzählen. Es ist durchaus eine Geschichte
-für Frauen, zumal für solche, die leider nur als
-flüchtige Gäste in meiner schönen Vaterstadt weilen.«</p>
-
-<p>Damit wandte er sich zu der jugendlichen Gräfin Voss
-und ihrer noch jugendlicheren Schwester Katarina von
-Pleß, die ihn lächelnd ansah und mit dem langen Blick
-ihrer blauen Augen ermutigte:</p>
-
-<p>»Es ist natürlich die Geschichte einer Frau, die Sie erzählen
-wollen?«</p>
-
-<p>»Gibt es überhaupt Geschichten ohne Frauen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-Marita lehnte sich tiefer in ihren Sessel zurück, um sich
-einen besseren Halt zu geben, während Katarina sich ein
-wenig bückte und aus dem getriebenen Messingeimer
-ein neues Holzscheit in die Flammen warf, so daß einen
-Augenblick lang das schmale Diamantband aufleuchtete,
-das sie ziemlich tief am Hals über dem Ausschnitt des
-Kleides trug.</p>
-
-<p>Octavio begann:</p>
-
-<p>»Vor etwa sieben Jahren verlobte sich Isabella Giramonte
-ziemlich unerwartet mit dem Grafen d'Ys. Es war
-eigentlich niemandem klar, warum das schöne, noch
-sehr junge Mädchen diesem Manne ihre Hand reichte:
-er sah nicht schlecht aus, war ebenfalls noch nicht viel
-über die Mitte der zwanzig hinaus und hatte reiche und
-ausgedehnte Besitzungen in der Normandie. Isabella war
-wenig vermögend, man sagte, die Spiellust des Vaters
-habe den größten Teil des mütterlichen Vermögens verschlungen.
-Nun ist es ja wahr, daß die Giramonte von
-jeher leidenschaftliche Spieler mit Geld und Schicksalen
-waren, ich glaube aber (nach dem, was man mir zugetragen
-hat), daß die Mitgift von Isabellas Mutter &ndash; Sie wissen
-doch, daß sie die Tochter eines gewissen Herrn von
-Didier aus Rouen war &ndash; bei weitem nicht die Höhe erreichte,
-die Giulio Giramonte erwartet hatte&nbsp;.. und daß
-er also wahrscheinlich das Vermögen nicht für groß genug
-hielt, um es vor den Möglichkeiten des Spieltisches
-zu schonen. Kurz, wie dem auch sei: den beiden Eltern
-konnte Isabellas Vermählung mit dem Grafen Roger
-d'Ys nur angenehm sein, ganz Eingeweihte wollen sogar
-wissen, die Verlobung sei ein lange vorbereiteter und gut
-berechneter Schachzug der Mutter gewesen, die aus Rache
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-gegen gewisse italienische Enttäuschungen ihres eigenen
-Ehelebens die halbfranzösische Tochter unter allen Umständen
-gegen jeden italienischen Bewerber an ihr eignes
-Vaterland zurückspielen wollte. Daß Isabella in Wahrheit
-aber viel mehr zu der Art des italienischen Mannes
-neigte, wurde als belanglos übergangen: blonde und
-schwarze Mischung hatte noch immer die besten Ehen
-gegeben, und außerdem gehörten die Grafen von Ys und
-Dieuleveuille zum französischen Uradel, während die
-Giramonte weit weniger vornehm waren, die Didier aber
-sogar nur zur napoleonischen Aristokratie zählten. Die
-Frage des Blutes aber hatte jederzeit Isabellas Mutter
-tief bewegt. Nun wäre dies alles eigentlich vollkommen
-gewesen, wenn nicht Roger d'Ys einen so großen Fehler
-besessen hätte (oder vielleicht eine so große Tugend, je
-nachdem man es nimmt), daß das Glück der Ehe dadurch
-ernstlich bedroht werden konnte. Er war nämlich von
-einer Schlichtheit des Verstandes, wie sie sich eigentlich
-nur der Uradel gestatten darf: und das Schlimme (oder
-das Gute, je nachdem man es nimmt) war, daß seltsamerweise
-der Ausdruck seines Gesichtes davon gar nichts
-verriet. Sein Gesicht war hübsch, in seinen blauen Augen
-lag viel feine Güte, und sein Mund war einer der edelsten
-Frankreichs. Die Nase war wohlgebildet und durchaus
-nicht zu klein (was bei sehr blonden Gesichtern ja
-des öfteren vorzukommen pflegt), vor allem aber erschien
-die feingemeißelte Stirn unter der seidnen Welle goldnen
-Haares als das deutlichste Merkmal sehr vornehmer Geburt.
-Nun hätte ja Isabella, die stets in äußeren Vorzügen
-ziemlich viel Ersatz für gewisse innere Mängel zu finden
-wußte (dank ihres väterlichen Blutes) vielleicht das
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-geringe Maß an Geistigkeit an ihrem Gemahl noch ertragen:
-zumal sie ein offenes Haus führte, so daß ihr gar
-nicht einmal allzuviel Zeit blieb, in dem geistigen Reich
-des Grafen zu Gast zu sein: aber es gab eine noch tragischere
-Frage in dieser Ehe, die ich allerdings nicht ohne
-Bedenken aufzurollen wage. Ich werde mich sehr vorsichtig
-ausdrücken, vor allem werde ich zu erklären versuchen.
-Roger d'Ys war der letzte seines Stammes, unweigerlich.
-Wenn er ohne Nachkommen blieb, fielen
-Vermögen und Güter an eine Seitenlinie niederer Gattung,
-die sich besonders dadurch im hohen Adel mißliebig
-gemacht hatte, daß sie einige Söhne ohne Bedenken als
-Offiziere in das republikanische Heer hatte eintreten lassen.
-Roger d'Ys gab sich nun ohne Zweifel auch redlich
-Mühe, dieser entsetzlichen Möglichkeit vorzubeugen&nbsp;..
-und Isabella zeigte ein selbst bei Frauen nicht gewöhnliches
-Verständnis für die Politik ihres Gatten, obwohl
-sie kraft eines gesunden Spürsinnes für Dinge, in denen
-sie nur eine einmalige Erfahrung besitzen konnte, längst
-und schmerzlich erkannt hatte, daß die Natur in ihrem
-Verfeinerungsbedürfnis an der Männlichkeit des letzten
-Grafen d'Ys und Dieuleveuille entschieden zu weit gegangen
-war. Sie hatte geradezu eine Sünde begangen. Sie
-hatte kaum noch einen Menschen, sondern eine vollkommen
-schöne Statue gebildet: die ganz erfüllt in
-dem Wunder ihres eigenen Ebenmaßes lebt und kaum
-noch etwas davon weiß, daß das Leben nicht die
-edle Beschränkung, sondern die leidenschaftliche Fülle,
-nicht die kühle Vornehmheit des l'art pour l'art: sondern
-die zielbewußte Arbeit des l'art pour l'oeuvre verlangt!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Aber Isabella war schon im dritten Jahr ihrer Ehe angelangt,
-ohne daß eine Hoffnung auf Nachkommenschaft
-bestanden hätte. Die Gräfin-Mutter war auf das Schloß
-gekommen und hatte ihr ernsthaft ins Gewissen geredet,
-auch der Pfarrer war einige Male bei ihr gewesen, und
-selbst der uralte Erzbischof, dessen Rufe zu dem Heiligen
-Geist in der französischen Aristokratie eine nicht unberechtigte
-Berühmtheit genossen, hatte ihr sagen lassen,
-daß er Gott den Herrn bitten werde&nbsp;.. Ihre eigene Mutter
-aber, weniger gläubig und mit einem stärkeren Sinn
-für die Wirklichkeit begabt, war mit ihr zu einigen großen
-Ärzten gefahren, von denen nicht ein einziger verfehlt
-hatte, ihr die Versicherung einer geradezu mustergültigen
-Vollkommenheit zu geben &ndash;&nbsp;&ndash; und sie war genau
-so klug, als sie gekommen, nach Château d'Ys zurückgekehrt.
-Es ging auf den Winter zu, und sie begann
-zu kränkeln. Wie viele Edelleute aus der Normandie
-hatte Roger die Gewohnheit, wegen gewisser Jagden, die
-er geben mußte, weil es die Sitte seiner Familie so verlangte,
-ziemlich lange auf dem Schloß zu bleiben und die
-Wohnung in Paris erst im November zu beziehen. Er
-wäre ja gerade in diesem Jahre gerne geneigt gewesen,
-seiner Frau zuliebe schon Ende Oktober in die Stadt
-überzusiedeln, aber die Gräfin-Mutter fand den Grund
-nicht ausreichend, zumal gewisse klerikale Wahlen bevorstanden,
-deren Ergebnis außerordentlich durch
-den Erfolg der Feste und Gelage auf Château d'Ys bedingt
-war.</p>
-
-<p>Da erklärte Isabella ohne jeden Umschweif, daß sie
-sich gewiß diesen geheiligten Sitten nicht widersetzen
-wolle, daß sie aber die Rolle, die sie bei solchen Gelegenheiten
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-zu spielen habe, der wesentlich gewandteren Gräfin-Mutter
-zurückgeben und ohne jeden Widerspruch
-Anfang Oktober auf einige Wochen nach Florenz fahren
-werde. Diese Reise scheine ihr die einzige Möglichkeit zu
-bieten, ihr Gleichgewicht wieder zu erlangen, das sie bei
-den herrschenden Umständen ein wenig verloren habe.
-Die Gräfin-Mutter war außer sich und trug von diesem
-Tage an bis zu einem gewissen anderen Tag, der aber in
-dieser Geschichte erst viel später vorkommt, eine offene
-Feindschaft zur Schau, ja sie soll allen Ernstes die Frage
-erwogen haben, im äußersten Falle bei dem Heiligen
-Vater eine Ungültigkeitserklärung der Ehe zu erlangen.
-Es steht nicht fest, ob sie ihrem Sohne gegenüber einen
-ähnlichen Gedanken geäußert hat: wenn sie es aber getan
-hätte, wäre sie ohne Zweifel auf den heftigsten Widerstand
-gestoßen. Denn Roger liebte seine Gemahlin über
-alle Maßen, und es war eigentlich nur die obenerwähnte
-allzugroße Schlichtheit seines Geistes, die es ihm unmöglich
-machte, Isabella gebührend gegen die Oberhoheit
-seiner Mutter in Schutz zu nehmen. So fand er
-auch &ndash; trotz seines wirklichen Schmerzes über Isabellas
-Vorhaben &ndash; in diesen bedeutungsvollen Tagen weder
-das richtige Wort noch die richtige Haltung, er sagte
-sich nur, daß es das beste sei, Isabella ohne Widerspruch
-gehen zu lassen und es ganz ihrem eigenen Gefühl anheimzugeben,
-wann sie sich wieder an der Seite ihres Gatten einfinden
-würde. Er teilte diesen Entschluß, den er in einer
-ziemlich schlaflosen Nacht gefaßt hatte, seiner Mutter mit,
-die sich in Voraussicht der kommenden Dinge schon von
-Paris nach Château d'Ys begeben hatte. Aber sie warf
-nur einen Blick gegen den Himmel und führte ihre weiße,
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-schmerzliche Hand nach der gefesselten Fülle des Busens,
-als wolle sie sagen, daß sie sich zwar vollkommen unschuldig
-an einem solchen Sohne fühle, sich aber mit der
-Demut einer wahren Christin auch in diese Prüfung
-Gottes füge wie schon in so viele andere, von denen sie
-mehr ahnen ließ als verriet. Am meisten aber litt Isabella.
-Doch hütete sie sich, dies merken zu lassen, sie schien
-vielmehr ganz erfüllt von dem Gedanken ihrer Rückkehr
-und fast schon ihrer Umgebung entrückt. Während sie
-jedoch scheinbar eifrig und sorgfältig die Vorbereitungen
-zu ihrer Abreise traf, ging sie tief mit sich zu Rate und
-überlegte, wie sich ihr zukünftiges Leben gestalten würde.
-Gerade weil sie ein wirklich ehrliches Gefühl für ihren Gemahl
-hegte, war es nicht leicht, das Rechte zu erkennen. Sie
-war nun einmal die Gräfin d'Ys und Dieuleveuille, und
-sie mußte es unter allen Umständen bleiben. Aber sie
-fürchtete sich vor dem Augenblick, wo vielleicht in ihren
-Empfindungen für den Gatten etwas wie eine Windstille
-eintreten würde, weil er&nbsp;.. nun ja, einmal weil er sich in
-seiner unschattierten Geistigkeit so unerhört gleich blieb,
-sodann aber auch, weil&nbsp;.. ja, wie soll ich dies nun wieder
-sagen&nbsp;.. weil das rein Bildmäßige seiner Erscheinung,
-das allzustrenge Verharren in seiner Schönheit, das allzugeringe
-Aus-sich-Herausgehen eines Tages eine empfindliche
-Lähmung ihrer Freude an ihm mit sich bringen
-würde. Und sie folgerte ganz richtig, daß etwas ähnliches
-ja eigentlich schon eingetreten sein müsse, da sie so außerordentlich
-klare Vorstellungen von dieser Verschiebungsmöglichkeit
-des Gefühles hatte. Sie würde nicht einen
-Augenblick lang solchen Gedanken nachgegangen sein,
-wenn sie ein Kind gehabt hätte. Sie sehnte sich leidenschaftlich
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-nach einem Kind, nicht, weil sie damit gewissermaßen
-ihre Pflicht gegen das Geschlecht des Grafen d'Ys
-erfüllt hätte: sondern weil sie zu den Frauen gehörte, die
-auch in der Mutterschaft eine Erfüllung ihres eigenen
-Lebens zu sehen vermögen. Und wie es ja fast immer zu
-geschehen pflegt, daß gerade Frauen mit starkem Sinnenleben
-die besten Mütter werden, weil ihre Liebe nur das
-sichtbar zu Greifende, bedingt Wirkliche zu fassen vermag
-und unbestimmten Inhalten abhold ist: so hätte Isabella
-in einem Kinde einen gewissen Ersatz gefunden für
-manches, das ihrem ehelichen Leben fehlte. Aber selbst
-an diesen heißgehegten Wunsch legte ihr großer Verstand
-eine Bresche: Wie würde ein Kind von Roger d'Ys geworden
-sein? Noch weiter in ihrer Verfeinerung konnte
-die Natur nicht gut gehen, und wenn Isabella auch
-der gesunden Art ihres eigenen Blutes Kraft genug zutraute,
-bei der letzten Entscheidung über äußere und
-innere Gestalt des werdenden Wesens ein sehr bedeutsames
-Wort mitzureden: so faßte sie trotz dieser Zuversicht
-zuweilen eine große Furcht an, sobald sie an
-die Verwirklichung ihres Wunsches dachte: denn es waren
-ihr zu viele Beispiele bekannt geworden &ndash; und ganz besonders
-seit ihrem Aufenthalt im Schoße derer von Ys und
-Dieuleveuille &ndash; daß das Unbegabte über das Begabte den
-Sieg davonzutragen pflegt. Ja, diese Erfahrung schien ihr
-manchmal in so hohem Maße ein allgemein gültiges Gesetz
-einzuschließen, daß es Stunden gab, wo sie ihre Kinderlosigkeit
-als ein Werk der Vorsehung empfand. Aber
-was sollte dann aus ihrem Leben werden? Sie war noch
-nicht einundzwanzig Jahre alt! Welche Zeiten lagen vor
-ihr!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Eben in diesen Tagen, als die Qual zu groß in ihr wurde
-und allein der Gedanke an den Stumpfsinn der nahenden
-Jagdgesellschaften sie fast trübsinnig machte, beschloß
-sie, nach Florenz zu fahren. Wie der übermüdete Schwimmer,
-der nicht mehr gegen den Strom ankann, die erste
-Weidengerte des Ufers erfaßt, so klammerte sie sich an
-diesen Namen: Florenz &ndash; und an einem der ersten Oktobertage
-traf sie in unserer geliebten Vaterstadt ein.
-Ihr Gemahl hatte sie natürlich nach Paris begleitet und
-ihr als Zeichen seiner Liebe einen großen Rosenstrauß
-mitgegeben, zu dem er selbst jede einzelne späte Blüte
-im Schloßpark zusammengesucht hatte: Als sie aber nun
-im offenen Wagen an der Seite ihrer strahlenden Mutter,
-die natürlich von den inneren Zusammenhängen keine
-Ahnung hatte, durch die Via Tornabuoni über den Ponte
-Santa Trinità hinauf nach dem Boboli fuhr, hinter dem
-die Villa der Eltern lag, hatte sie vollkommen vergessen,
-warum sie aus Frankreich entflohen war. Sie fand es ganz
-selbstverständlich, daß sie in ihrer Vaterstadt weilte, ja,
-sie konnte es kaum noch begreifen, daß sie weit über
-zwei Jahre die Trennung von der heimatlichen Erde ertragen
-hatte, zumal in der Umgebung, in die sie ihre
-Heirat gestellt hatte. Und noch ehe der Wagen vor der
-Haustür hielt, war sie sich klar darüber, daß kein Herbst
-und kein Frühling mehr vergehen würde, ohne daß sie
-einige Wochen in der Heimat zubrachte. Mochte die
-Gräfin-Mutter wegen der mißratenen Schwiegertochter
-jede Woche zweimal zum Erzbischof laufen: sie würde
-sich nicht daran kehren. Sie würde sich überhaupt nicht
-mehr an all diese lächerlichen Zustände in Château d'Ys
-kehren. Sie würde sich durchsetzen, ganz unzweideutig.
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-Vor allem würde sie sehr viel auf Reisen gehen. Drei
-Monate auf dem Schloß und drei in der Stadt müßten
-vollkommen genügen, über die andere Hälfte des Jahres
-würde sie selbst bestimmen. All diese Dinge wurden ihr
-im Fluge klar und mit einer Entschiedenheit, wie sie nur
-die klare, helle Luft unserer Stadt zu erzeugen vermag.</p>
-
-<p>Sie schrieb noch am selben Abend einen glückseligen
-Brief an ihren Gemahl, in dem zu lesen stand, daß der
-Mond im glänzenden Laube der Pappeln spiele, daß aus
-dem Garten der Duft später La&nbsp;Francerosen in ihr Zimmer
-dringe, und daß zwischen den dünnen, wehenden Ölbaumzweigen
-das Wasser des Arno silbern aufleuchte.
-Allein schon der Anblick der Ölbäume habe ihre Seele
-gelöst, schrieb sie gegen den Schluß hin, und sie sei des
-festen Glaubens, daß sie in der Heimat so weit genesen
-werde, um gesund und hoffnungsfroh zu ihm zurückkehren
-zu können.</p>
-
-<p>Daß aber am gleichen Abend der wunderschöne Graf
-Primoli sich unversehens bei ihren Eltern als Gast angesagt
-hatte und bis gegen Mitternacht geblieben war
-(was man eigentlich unter ganz vornehmen Leuten nicht
-mehr tut): das schrieb sie nicht. Sie schrieb auch nicht,
-daß dieser Primoli gefragt hatte, ob er seine Schwester mit
-ihr bekannt machen dürfe, die gerade bei ihm zu Besuch
-sei. Vor allem aber schrieb sie nicht, daß eine geradezu
-übersinnliche Erleuchtung sich plötzlich ihres ganzen
-Wesens bemächtigt hatte, als dieser Primoli ihr die Hand
-beim Abschied küßte&nbsp;.. eine Erleuchtung, so gewaltsam
-und divin, daß sie plötzlich an den alten Erzbischof und
-die Macht seiner hierarchischen Gebete denken mußte.</p>
-
-<p>Nach etwa drei Wochen aber schrieb sie den längsten
-<a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-und schönsten Brief, den ihr Gemahl jemals von ihr bekommen
-hatte. Der Brief war so schön, daß Roger d'Ys
-die Wahlen und die Jagden und seine vom nahen Weltuntergang
-überzeugte Mutter im Stich ließ und geradeswegs
-nach Florenz fuhr, wo er in dem kleinen Mauergarten
-der Villa seiner Gemahlin zu Füßen sank und ihr
-fast unter Tränen gestand, er habe seit ihrer Abreise keine
-frohe Stunde mehr gehabt, und er fühle, daß ihre Nähe
-ihm teurer und wertvoller sei als alles andere auf der
-Welt. Während er dies aussprach, hatten seine Wangen
-sich gerötet, und seine hyazinthblauen Augen hatten
-einen innerlichen Glanz bekommen. Sein feiner Mund
-stand ein wenig geöffnet, die weißen, gleichmäßigen
-Zähne wurden sichtbar &ndash; und er sah so schön aus, daß
-Isabella gerne ihre Lippen länger auf den seinen ruhen ließ,
-als sie sonst zu tun pflegte. Sie hatte nun wirklich keinen
-Zweifel mehr, daß an jenem Abend, als Diomede Primoli
-ihr so lange die Fingerspitzen und die zarten blauen Adern
-des Handgelenkes geküßt hatte, der heilige Geist über
-sie gekommen war und ging mit dem glückseligen Lächeln
-einer Märtyrerin durch die herbstliche Sonne am Arm
-ihres Gatten dem Hause zu. Roger wich fortan nicht von
-ihrer Seite, und es verbreitete sich allenthalben die Kunde
-ihres Glückes. Kinderlose Ehepaare nahmen sie sich zum
-Muster, und einmal, als Monsignore Zacconi in der Annunziata
-eine lange Predigt damit geschlossen hatte, daß
-es kein wahres eheliches Glück ohne Kinder gebe (obwohl
-er doch hier eigentlich nicht gut mitreden konnte) stellten
-ihn bei einem Abendessen, das die Marchesa Prioressa
-gab, einige Damen und Herren sehr unverblümt zur Rede
-über diese seltsame mittelalterliche Ansicht und verwiesen
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-frohlockend auf Isabella und Roger, die Arm in Arm an
-einer Säule standen und aufmerksam mit zuhörten, wie
-der Graf Primoli von der Einrichtung seines Hauses erzählte.
-Ich muß hier zufügen, daß er sich geradezu eines
-Rufes als Renaissancekenner erfreute, und daß selbst aus
-entlegenen Ländern Besucher zu ihm kamen und seine
-schönen Möbel- und Schmuckstücke betrachteten. Seltsamerweise
-war Graf d'Ys noch nicht bei ihm gewesen,
-was eben gerade den Anlaß dazu gegeben hatte, die Teestunde
-des nächsten Nachmittags zu einem Besuche festzusetzen.
-Isabella wurde in demselben Augenblick, als
-Roger sie um ihre Ansicht fragte, von der Herzogin von
-Levanto in ein Gespräch über französische Geflügelzucht
-gezogen und somit einer Antwort überhoben. Roger indessen
-zweifelte nicht eine Minute daran, daß seine Gemahlin
-einverstanden sei und sagte zu.</p>
-
-<p>Diomede hatte alle Zimmer mit Blumen schmücken
-lassen, insbesondere aber sein Schlafgemach, das schöner
-als alle anderen Räume war. Das köstlichste Gebäck
-der Pasticceria Giuco wurde aufgetragen, alle Messer
-und Löffel wiesen die bezauberndsten Goldschmiedearbeiten
-der Frührenaissance auf, in einer Räucherpfanne,
-die aus dem Nachlaß der Päpstin Johanna stammte,
-verpuffte in goldenen Wolken ein wenig Würze von
-Rosmarin: Kurz, der Graf d'Ys mußte zugeben, daß
-er niemals zuvor in einer Umgebung so ausgewählten
-Geschmackes von einem so liebenswürdigen Gastgeber
-empfangen worden sei. Ja, er äußerte lebhaft und mehrere
-Male hintereinander den Wunsch, doch noch des öfteren
-während seines florentinischen Aufenthaltes den Grafen
-besuchen zu dürfen, worauf dieser entgegnete, er wüßte
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-nichts, was ihm angenehmer wäre. Auch Isabella meinte,
-es gäbe ja nichts Schöneres als das Verweilen in diesem
-Hause, wo jeder Winkel den Kunstsinn und die feine
-Gesittung seines Bewohners verrate. Diomede wandte
-lächelnd ein, daß sie übertreibe, aber Roger wiederholte
-wörtlich, was seine Gemahlin gesagt hatte und verlangte
-auch, die oberen Gemächer zu sehen, während Isabella,
-eine Ermüdung vorschützend, sich im Garten ausruhte.
-Wohl eine halbe Stunde lang verweilten die Herren im
-Schlafgemach. Roger, dem es zum ersten Mal in seinem
-Leben klar wurde (obwohl er einige Bücher von d'Annunzio
-gelesen hatte) was dieser Raum einem Menschen
-bedeuten konnte, wollte sich nicht trennen von den unzähligen
-Schönheiten, die hier das Auge ergötzten, sei
-es, daß er vor einem Engel der Verkündigung stehen
-blieb und andächtig in die verheißungsvollen Züge emporstarrte,
-sei es, daß er in den kostbaren alten Brokatbänden
-blätterte, die auf dem Nachttisch lagen, sei es, daß
-er staunend und neidisch das Bett betrachtete, von dem
-eine seltsame Macht auf ihn auszuströmen schien. Diomede
-trat zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter:</p>
-
-<p>»Ist es nicht wundervoll?«</p>
-
-<p>»Wundervoll, erwiderte Roger wie im Traum, und so
-breit, so bequem, beinahe feierlich. Ich wünschte, es wäre
-mein.«</p>
-
-<p>»Nichts leichter als dies, mein Teurer, entgegnete Diomede,
-genau das gleiche Bett ist noch bei Rondinelli
-zu haben. Wenn Sie es kaufen wollen, werde ich Ihnen
-gerne behilflich sein.«</p>
-
-<p>»Tausendmal Dank, rief Roger entzückt, Sie überschütten
-mich mit Freundlichkeiten. Ich werde es kaufen!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-In den nächsten Tagen konnte der Graf d'Ys keinen
-anderen Gedanken mehr fassen, als Möbel zu kaufen,
-alte, echte Renaissancemöbel für sein normännisches
-Schloß. Und er war bitter enttäuscht, als Primoli den
-Kopf schüttelte und etwas nachlässig sagte, während er
-sich in dem Schaukelstuhl zurücklehnte und die Beine
-übereinanderschlug:</p>
-
-<p>»Lieber Graf d'Ys, das würde ich an Ihrer Stelle doch
-nicht tun. Man muß die Dinge der Umgebung anpassen,
-in die sie gehören. Da Sie mir ja selbst erzählten,
-daß der Donjon Ihres Schlosses aus dem zwölften Jahrhundert
-und der Rest des Bauwerkes aus dem dreizehnten
-stammt, da außerdem dieses Schloß in der Normandie
-und nicht südlich des Apennin liegt, so dürften florentinische
-Renaissancemöbel doch nicht ganz das Richtige
-sein.«</p>
-
-<p>»Sie haben vollkommen recht, mein lieber Diomede,
-sagte Roger, und ich kann Ihnen versichern, daß ich selbst
-schon einen ähnlichen Gedanken gehabt habe. Aber sehen
-Sie: es dreht sich ja nur darum, Isabella eine Freude zu
-machen. Ich merke es an allem, wie glücklich sie hier
-unten in ihrer Heimat ist, in der heiteren, geistvollen Gesellschaft
-dieser Stadt, die man um so lieber gewinnt, je
-länger man darin weilt: und ich dachte, vielleicht würde
-sie das allerdings ganz andere Leben in der Normandie
-leichter ertragen, wenn sie möglichst viel Dinge um sich
-sähe, die sie an Florenz erinnern!«</p>
-
-<p>»Ganz im Gegenteil, fiel Primoli ein. Sie kennen die
-Seele der Frauen schlecht! Ganz im Gegenteil! Da ja die
-Täuschung doch nur oberflächlich bleiben kann, wird
-ihr Heimweh nicht gemildert, sondern nur verstärkt werden.
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-Und Sie werden genau das Entgegengesetzte von
-dem erreichen, was Sie anstreben. Aber &ndash; fügte er hinzu,
-und er gab diesem Aber einen ganz besonderen Nachdruck,
-ohne jedoch das leicht Hingeworfene seiner Rede
-deswegen aufzuheben &ndash; wenn Sie der Gräfin eine Freude
-machen wollen, die einen wirklich tiefen Sinn hat: so
-kaufen Sie doch eine von den unzähligen kleinen Villen
-hier in den Colli und richten Sie sie so ein, wie es zur
-Umgebung paßt.«</p>
-
-<p>Der Graf d'Ys fuhr von seinem Sessel auf:</p>
-
-<p>»Wundervoll! wundervoll! rief er laut, indem er die
-Hände Primolis ergriff, Sie haben doch immer die besten
-Gedanken&nbsp;..«</p>
-
-<p>»Aber dieser Gedanke lag doch so nahe, so unsäglich
-nahe&nbsp;..«, beschwichtigte jener.</p>
-
-<p>»Gewiß, gewiß&nbsp;.. Wenn ich es jetzt überdenke&nbsp;.. Natürlich
-lag er sozusagen auf der Hand. Aber es geht ja bekanntermaßen
-oft genug so, daß man vor lauter Bäumen
-den Wald nicht sieht.«</p>
-
-<p class="ce">· · ·</p>
-
-<p>Etwa eine Woche später verkündete Roger seiner Gemahlin,
-die schon zu Bett lag, während er selbst noch ein
-wenig am Rand ihres Lagers saß, daß er die alte Villa
-Giramonte gekauft habe. Isabella starrte ihn an. Sie wußte
-nicht recht, ob sie vielleicht schon im Halbschlaf geträumt
-hatte, oder ob dies alles Wirklichkeit war. Als aber Roger
-einen Kaufbrief aus seiner Tasche nahm und auf die
-weißseidene Steppdecke legte, brach sie vor Freude und
-Erschütterung fast in Weinen aus. Nur der Gedanke, daß
-ein solches Geschenk sofort das Gegengeschenk erfordere,
-hemmte ihre Tränen: Sie gestand dem Grafen, daß
-<a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-sie guter Hoffnung sei. Er konnte es kaum fassen, er
-rannte im Zimmer umher, bestürmte sie ein über das
-andre Mal mit Fragen, ob sie sich nicht täusche: aber sie
-lag mit geschlossenen Augen in den tiefen Kissen, neigte
-ganz leicht und mit der Miene der Dulderin ihren schönen
-Kopf und sagte wie im Traum:</p>
-
-<p>»Die Heimat, mein Freund, das Glück, in dieser süßen,
-milden Luft zu atmen&nbsp;.. überhaupt: alle die anderen Verhältnisse&nbsp;..«</p>
-
-<p>So entschlief sie. Er aber blieb lange vor ihr stehen und
-sah auf ihren zarten, heiligen Körper nieder, indessen
-etwas wie ein Dankgebet aus seiner Seele zum Himmel
-aufstieg. Und in der gleichen Nacht noch schrieb er einen
-langen Brief an die Gräfin-Mutter, um sie in ihrem Groll
-zu versöhnen und den Ausfall der Jagden und Wahlgesellschaften
-verschmerzen zu lassen.</p>
-
-<p>Als Isabella am nächsten Morgen den gesiegelten Umschlag
-auf dem Tisch liegen sah, nahm sie ihn stillschweigend
-zwischen ihre Fingerspitzen und schaute fragend in
-das erstaunte Gesicht ihres Gatten. Sie las die Antwort
-in seinem Blick.</p>
-
-<p>»Nein, Geliebter, sagte sie, ich möchte noch nicht, daß
-man in unserem Kirchensprengel für mich betet: vor
-allem aber möchte ich deiner Mutter noch nicht die
-Gelegenheit zu neuer Gottwohlgefälligkeit geben. Ich
-möchte ihr überhaupt erst mit dem fait accompli vor
-Augen treten: das heißt in diesem Falle erst dann, wenn
-ich mein Kind im Arm halten kann. Mein veränderter
-Zustand wird natürlich eine Menge von Änderungen
-mit sich bringen, über die wir am besten sogleich reden.
-Ich denke, wir halten es so: Vor allem werde ich vor
-<a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-meiner Niederkunft nicht mehr nach Frankreich zurückkehren.
-Ich will erst als Mutter Château d'Ys wiedersehen&nbsp;..
-und Paris würden wir ja ohnehin für diesen
-Winter aufgeben müssen. Ich glaube, wir bleiben am
-besten über Weihnachten hier, gehen dann vielleicht ein
-wenig nach Rom oder an die Riviera und beziehen im
-April hier unser neues Haus solange, bis alles vorüber
-ist. Rufen dich einmal für kurze Zeit die Geschäfte zurück:
-so bedeutet das ja weiter nichts&nbsp;..«</p>
-
-<p>Roger wagte nicht zu erwidern. Gewiß hatte er sich
-das alles ganz anders gedacht, aber die Entschiedenheit
-in Isabellas Sprache und die große Klarheit ihrer Pläne
-ließ auch diesmal keinen Widerspruch aufkommen. Wozu
-auch? Es galt jetzt, die junge Frau zu schonen, und er
-hatte ja schon des öfteren sagen hören, daß Frauen in
-solchen Zuständen manchmal die seltsamsten Launen
-haben.</p>
-
-<p>Isabella aber wurde nur viel stiller, als sie sonst zu sein
-pflegte, und die innere Lösung aller Verkettungen schien
-für sie einzig in der Frage zu gipfeln, ob das Kind ein
-Sohn oder eine Tochter sein würde.</p>
-
-<p>Und siehe: auch dieses Mal betrog sie ihre geheimste
-Hoffnung nicht: sie genas im Juni in ihrer Villa zu Florenz
-einer wundervollen, kleinen, schwarzen Tochter, von
-der man zwar durchaus nicht sagen konnte, daß sie in
-irgend etwas der Blondheit derer von Ys und Dieuleveuille
-nahekam: es ließ sich nur feststellen, daß sie ein äußerst
-vornehmes und wahrhaft gräfliches Kind sei.</p>
-
-<p>Isabella aber dankte dem Herrn für die Erhörung ihrer
-stummen Gebete: denn von nichts war sie nun mehr
-überzeugt, als daß jene große Erleuchtung des letzten
-<a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-Herbstes wirklich göttlicher Natur gewesen sei, und daß
-sie, um Gott und den Menschen wohlgefällig zu sein,
-nur da fortzufahren brauche, wo sie so glanzvoll begonnen
-hatte.</p>
-
-<p>Und siehe: als sie den Herbst wieder mit Gemahl und
-Tochter im Frieden ihrer florentinischen Villa zugebracht
-und sich zwischen Roger und Diomede eine wirkliche
-Freundschaft entwickelt hatte, schenkte sie im nachfolgenden
-Hochsommer ihrem Gemahl jenen wundervollen
-Knaben, dessen Schönheit in gewissen Kreisen unserer
-lieben Vaterstadt schon heute anfängt, ebenso sprichwörtlich
-zu werden, wie es noch vor drei Jahren diejenige des
-Grafen Primoli war.</p>
-
-<p>So war auch in Isabellas Mutterliebe die göttliche Dreiheit
-hergestellt: und dies Ergebnis gewährte ihr eine
-solche innere Befriedigung, daß sie sich willig dem französischen
-Schönheitsgesetz fügte, das es für außerordentlich
-schädlich erklärt, wenn eine Frau mehr als zweimal
-die Lasten der Mutterschaft erträgt. Sie führte fortan das
-Leben der wahrhaft großen Dame &ndash; zumal sie ja in dem
-Gefühl treu erfüllter Pflicht gegen das Geschlecht derer
-von Ys und Dieuleveuille eine ausreichende Schwere sittlichen
-Gleichgewichtes besaß &ndash; und man empfand es in
-Paris wie eine gewisse Erleichterung, als eines Tages ein
-bekannter Weltmann sich die Bemerkung gestatten durfte,
-daß sogar die spröde Gräfin d'Ys dem unentrinnbaren
-Einfluß der Pariser Luft zu erliegen scheine, insofern, als
-sie sich des öfteren ganz zwanglos mit einem jungen
-Diplomaten deutscher Herkunft im Theater und in den
-Salons zeige.</p>
-
-<p>Mit diesem jungen Deutschen aber ist natürlich meine
-<a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-Geschichte schon deshalb zu Ende, weil er mittlerweile
-vierzig »Elegieen einer geistigen Liebe auf eine Florentinische
-Dame« geschrieben hat.«</p>
-
-<p class="ce">· · ·</p>
-
-<p>So ungefähr hatte uns damals Octavio Poggiolini erzählt,
-dem die Anmut und das wundervolle Heidentum
-seiner Vaterstadt eingeboren waren. Und gleich darauf,
-als er sein neugefülltes Glas geleert hatte, ließ er sich auf
-den verblaßten Sammetschemel zu Füßen seiner rehbraunen
-Nachbarin Constanze Torregiani nieder und hob
-die schwarzen Augen an den Falten des himbeerfarbigen
-Seidengewandes bis zu ihren Blicken empor. Aber die
-Römerin schaute streng und strafend nieder, und die
-Hände, die er gern ein wenig auf seinem dichten, blauschwarzen
-Haar gefühlt hätte, dachten nicht daran, den
-Löwenknauf des hohen Sessels zu verlassen. Da erbarmte
-sich Katarina von Pleß seiner:</p>
-
-<p>»Octavio, sprach sie, Octavio: Ihr sucht Euren berechtigten
-Lohn bei einer Unerbittlichen. Ihr vergeßt, daß
-sie eine geborene Colonna ist und sich noch nicht lange
-genug in Eurer Stadt aufhält, um von dem Geist erfüllt
-zu sein, der hier seit Jahrhunderten geheiligt ist. Wenn
-sie aber des öfteren Eure Geschichten gehört hat, wird
-sie Euch gnädiger gesinnt sein. Sofern Ihr aber mit mir
-vorlieb nehmen wollt &ndash; obwohl ich, wie Ihr wißt, nur
-eine schlichte deutsche Frau bin und außerdem die Base
-jenes jungen Deutschen, dessen geistige Liebe Eurer
-süßen Geschichte ein Ende setzte: wenn Ihr also mit mir
-vorlieb nehmen wollt, so will ich Euch gerne gänzlich
-ungeistig geben, was Euer ist: so wie Ihr der Muse gabt,
-was der Muse ist.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-»Ihr macht mich erröten, Herrin, entgegnete Octavio,
-da Ihr mich hoffen laßt, was meine kühnsten Wünsche
-nicht erträumt hätten. Die deutschen Frauen gelten hierzulande
-für unnahbar&nbsp;..«</p>
-
-<p>»Naht Euch getrost, versetzte Katarina mit einem sanften
-Lächeln, indem sie das runde Kissen, worauf ihre
-kleinen weißen Seidenschuhe nur leicht geruht hatten,
-ein wenig von sich schob, und mögen die Umsitzenden
-Zeugen sein, wie man die Dichter ehrt. Sollten Euch
-aber &ndash; was ich Euch durchaus zutraue &ndash; Gewissensbisse
-anfallen, Ihr könnet die Seele einer deutschen Frau durch
-den Zauber Eurer Erzählung, zu dem sich die ganze Anmut
-Eurer jugendlichen Erscheinung gesellt, mehr als
-erlaubt ist von den Bahnen der Sittsamkeit entfernt haben:
-so laßt Euch zur Erleichterung im voraus sagen, daß
-in meiner Ehe alle Angelegenheiten bereits so weit fortgeschritten
-sind, daß es keiner Erleuchtung mehr bedarf,
-wie sie über Eure göttliche Isabella Giramonte kam.«</p>
-
-<p>Und mitten im lauten Jubel unseres Lachens küßte sie
-den schönen Octavio auf den schönen, hingehaltenen
-Mund.</p>
-
-<p>Dann fiel der Vorhang über dem Spiel. Der große
-Halbkreis löste sich in kleine Gruppen auf, ich warf den
-Mantel über und trat ins Freie. Man fühlte, daß der Tau
-schon im Fallen war, noch standen keine Tropfen an den
-halbgeschlossenen Rosenblüten, aber das Gras war beschlagen
-und das Licht des Vollmondes rieselte in feinem
-silbernem Dunst. Die Schlagschatten an den Wänden
-schnitten große, bläuliche Dreiecke in das weiße Gestein.
-Tief unten im Tal lag der ungewisse Schimmer der Häuser
-und Kuppeln.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-»Kennen Sie Siena?« fragte mich plötzlich der Graf
-Arnedal, ein junger Schwede, mit dem ich wenige Tage
-vorher in Deutschland bekannt worden war.</p>
-
-<p>»Nein, noch nicht.«</p>
-
-<p>»Sie müssen es mit mir zusammen sehen. Wenn Sie
-dort gewesen wären, würden Sie begreifen, warum mir
-in einer Nacht wie dieser die Frage aufstieg.«</p>
-
-<p>Er nahm meinen Arm und zog mich auf die taghelle
-Landstraße hinaus. Wir gingen langsam bergauf. Er sprach
-von den Mondnächten Sienas, von dem silbernen Rauschen
-seiner unzähligen Brunnen, bis wir selbst unerwartet
-vor einem breiten, moosbewachsenen Becken standen, in
-dessen klare Flut ein weißer, dünner Strahl sein Wasser
-goß. Wir tauchten die Hände ein: sie schienen ganz im
-Mond gebadet&nbsp;.. wir schüttelten sie: tausend sprühende
-Tropfen sprangen in den Behälter zurück. Von der
-Höhe wehte ein leichter Lufthauch den Geruch der Akazienblüten,
-tief unter uns, in der Richtung des Hauses, erwachte
-der milde, goldne Glanz einer männlichen Stimme
-über leisen Lautenklängen. Wir lehnten am Brunnenrand
-und lauschten. Axel Arnedal sah in den Glanz der jenseitigen
-Arnohügel:</p>
-
-<p>»Wenn wir morgen nach Siena führen?«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_063"> </a>
-ROM</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-<b>R</b>om: Ewige Welt im Banne eines Namens&nbsp;.. Traumhaftes
-Anklingen tiefgedämpfter Trommelwirbel
-über dem weichen Golde der Posaunen.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Eines möchte ich wieder erleben: Die frühe Morgenstunde,
-als ich zum erstenmal über die Piazza delle Terme
-in die Stadt hinunterfuhr: jenes Licht auf den gelben
-Häuserwänden, das Zerstäuben der Wassergarben
-über den offenen Brunnenbecken, das Wehen der Palmen
-im frischen, blauen Ostwind, den Duft des Sprühregens,
-der aus großen Gießfässern auf die Straße sprang,
-die Musik der tausendfachen Rufe aus Höfen und Hallen,
-aus Winkeln und von hohen Balkonen, den Flug des
-leichten Wagens, das frohe, helle Aufschlagen der Hufe,
-das Bellen des kleinen Hundes, der neben dem Kutscher
-saß und mit den Pfoten an einer hochroten Halsschleife
-spielte&nbsp;.. und dann den Eintritt in das Haus der Freunde,
-die kühle Dämmerung des Marmorvestibüls, das Schweigen
-der hohen, weißen Wände und den herben Geruch
-der Lorbeerbäume, die in niedrigen Behältern neben
-einem schlanken Spiegel standen.</p>
-
-<p>Warmes, braunes Halbdunkel, von Grün durchweht, füllte
-das Zimmer, in das man mich führte: die Läden waren geschlossen,
-die Vorhänge gesenkt, nur hier und da vom Gold
-der Luft gesprenkelt. An allen Wänden, an der Decke, am
-Fußboden floß Gold: weich wie der Wein von Frascati in
-die glatten, runden Gläser fließt. Narzissensträuße standen
-auf den Tischen, aus langen Korridoren hallten Worte
-herüber, Schatten flogen und verschwanden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-Seitdem sind Jahre vergangen. Abschiede und Wiedersehen
-sind gewesen, und nach jeder Trennung die Gewißheit
-neuer Wiederkehr.</p>
-
-<p>Es gibt keinen Abschied von Rom. Mit allen nordischen
-Städten kann man zu einem Ende ohne Widerruf
-kommen: Rom lächelt, wenn wir gehen. Es läßt seine
-Brunnen weiterrauschen, seine Schwalben im hellen
-Abendrot über den Ziegeldächern weiterkreuzen und
-streut den Samen des Heimwehs aus.</p>
-
-<p>Rom ist die Heimat aller, die vom Wissen ruhen, vom
-Forschen genesen wollen, das Vaterland der Kämpfer,
-die über ihrem Ziel den großen Sonntag nicht vergessen.
-Lege deinen Kopf an den Schaft der abgebrochenen Säule
-und laß dein Auge die Krone der hochschwebenden Pinie
-suchen, sitze am schmalgefaßten Wasserbecken des Forums
-und folge dem Zug der Wolken in der stillen Tiefe
-der Flut, strecke dich im hohen Grase des Palatin aus
-und laß die Bienen über Glockenblumen und Asfodelen
-schwirren, trete tief in den Gesang einer Kirche hinein,
-wenn aus der klaffenden Türe der Kerzenflimmer dein
-Auge trifft: Du ruhst. Von allem ruhst du aus, fast wie
-ein Kranker, den das Gefühl gesund macht, daß ihm
-nichts mehr geschehen kann, solange das Bett ihn hütet.
-Niemand mehr hat eine Forderung an ihn, niemand kann
-kommen und ihn mit Fragen quälen, die Stunden sind
-rechtlos geworden&nbsp;.. die Tage&nbsp;.. vielleicht die Wochen.
-Er fühlt, wie sich die Kräfte seines Lebens wieder sammeln
-und das ermüdete Blut leichter und fröhlicher
-machen.</p>
-
-<p>O wunderbar geschlossene Seele Roms! Keine Gegensätze
-mehr sind im Krieg miteinander, keine Welten
-<a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-mehr wollen sich umstürzen: mitten in das Rund des
-lateinischen Tempels hat die christliche Sehnsucht ihrem
-neuen Gott die Wohnung gebaut, Säulen, die um Altäre
-Jupiters und Apollos standen, tragen das Dach der christlichen
-Basilika, du kaufst die griechische Gemme bei
-demselben Juwelier, der dir die neueste Schöpfung des
-heimischen Goldschmiedes vorlegt, in dem Antlitz eines
-kleinen Zeitungsträgers findest du die Züge irgend einer
-geliebten römischen Büste wieder, in der Rede eines Abgeordneten
-hörst du Worte, die ein Tribun sagen konnte,
-und seine pathetischen Handbewegungen erinnern an
-die Geste des antiken Staatsmannes, wie ihn Marmor
-und Bronze überliefert haben. Alles gilt vor allem in der
-Seele dieser unergründlichen Stadt, und alles löst sich in
-allem auf. Auf ununterbrochen sich kreuzenden Wegen
-schafft sich der Geist des Fremdlings aus den Widersprüchen
-die innere Einheit der Stadt: und dieses rastlose
-Zusammenfügen von Getrenntem gibt Bewegung und
-Anmut, es bewahrt vor Erstarrung, indem es immer tieferes
-Erstaunen schenkt. So wird allmählich schon das
-Schauen zum Erkennen: der geübte, selbst nur flüchtige
-Blick rührt an das Wesen der Dinge.</p>
-
-<p>Sitze nur einen Abend oder Nachmittag vor den großen
-Kaffeehäusern, Aragno oder Faraglia, sieh, wie sich
-diese Gruppen bilden, wie sie sich verschieben und auflösen,
-sieh das scheinbare Warten der Menschen auf
-irgendein Ernsthaftes und die Freude an der Begrüßung
-des ersten, der zufällig des Weges kommt. Dicht am
-Rande des Fußsteiges stehen alle diese jungen Leute, den
-Fuß ein wenig vorgesetzt, die Hände in den Hosentaschen,
-so daß sich der Rock über den Schenkeln emporschlägt.
-<a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-Der Hut ist nach dem Nacken zurückgeschoben,
-das schwarze Haar fällt in dichter Welle auf die Stirne.
-Sie pfeifen leise mit gespitztem Mund, wenn sie lachen,
-blinken die breiten, gesunden Zähne auf. In der linken
-Brusttasche steckt das bunte seidne Tuch, es hat die Farbe
-der Krawatte und der Strümpfe. Sie stehen und warten.
-Sie schauen den Corso hinauf und den Corso hinunter,
-sie gehen ein paar Schritte in eine Seitengasse: du kannst
-sicher sein, daß sie in wenigen Minuten zurück sind. Sie
-mustern sich und prüfen die Kleidung, sie glätten eine
-Falte und ziehen den Knoten einer Krawatte, während
-sie sich in einem blanken Schaufenster bespiegeln. Sie
-sind glücklich in dem, was sie sind: glücklich zu leben,
-zu jedem Abenteuer bereit, leichtsinnig bis zur Göttlichkeit,
-voller Schulden, bezaubernd körperlich, leidenschaftlich
-in jeder Empfindung, in der Gebärde ritterlich,
-traumlos und wundervoll gedankenlos. Sie sind genau
-so lange da, als sie vor dir stehen, aber sie sind nie gewesen,
-sobald sie nur um die nächste Ecke biegen und
-im Dunkel verschwinden. Kein Wunsch in dir wird wach,
-zu wissen, was sie treiben, was sie gelernt haben, ob sie
-Kaufleute oder Beamte sind. Sie können alles sein. Was
-sie wirklich bewegt, was ihnen das Leben schön macht,
-sind die stets gleichen Dinge: sie spielen, sie wetten auf
-die Rennpferde, sie denken an ihre Weiber. Jedoch dies
-alles haben andere junge Leute in anderen Städten auch.
-Aber sie sind Römer! Frage einen, was er ist, höre den
-Tonfall der Antwort:</p>
-
-<p>»Sono Romano.«</p>
-
-<p>Da ist der Abgrund, der sie von der Umwelt scheidet
-&ndash; und die Brücke, die unbeschreiblich-schwanke, unfehlbar-sichere
-<a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Brücke, auf der ihre Seele zweitausendjahreweit
-in die Seele der großen Ahnen zurückflieht:</p>
-
-<p>»Civis Romanus sum.«</p>
-
-<p>Nimm ihnen die Kleider fort, wirf ihnen Toga und
-Tunika über, gehe zwischen ihnen über das Forum: und
-du mußt mitten im Leben der alten Stadt sein. Höre
-wieder auf ihre Sprache: Spiel, Wagenrennen, Gladiatorenkämpfe,
-Sklavenaufstände, Huren&nbsp;..</p>
-
-<p>Nimm sie einzeln: Es bleibt nicht sehr viel. Es bleibt
-ein Ebenmaß, eine Schönheit mittleren Grades: ein straffer,
-oft ein wenig gedrungener Körper, hartgemeißelte
-Schläfen, ein klarer Ansatz der glänzend-schwarzen
-Haare an Stirn und Nacken, die offene Flamme des dunklen,
-mandelförmigen Auges.</p>
-
-<p>Nimm sie gleich darauf wieder zusammen, fühle ihre
-Einheit: und du spürst die unbegreifliche Kraft einer
-Rasse, die sich über den trübsten Schicksalen blühend
-erhalten konnte. Du spürst ganz Rom. Rom lebt dir aus
-ihnen entgegen, sie sind die unfreiwilligen Mittler. Wer
-Rom erlebt, muß sie erleben und in seine Liebe einbeziehen.
-Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht,
-nimmt seinen Lohn voraus: Sie hemmen, wo sie
-gerne helfen möchten.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>An einem späten Nachmittag, als ein Gewitter die Luft
-gereinigt hatte, ging ich zur Villa Borghese hinauf. Abseits,
-im Grunde der Gärten, liegen die beiden Brunnen,
-denen mein Kommen galt, umspielt vom Schatten
-hellgrüner Akazien, die in den Sonnenglanz der stillen
-Abendlüfte greifen. Sie liegen halbvergessen auf feuchtem,
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-braunem Boden, der den Klang jedes Schrittes auslöscht
-und Kühle haucht. Reicher tropfen die Schalenränder
-des ersten, verträumter die des anderen. Gleich
-süß sind beide der Ruhe suchenden Seele. Wie geht es
-sich leicht zwischen den Steineichen des schmalen Pfades,
-der beide verbindet, wie bannt ihr wechselnder Anblick
-das immer wieder entzückte Auge! Stehst du am
-einen und schaust nach rückwärts, so siehst du am andern
-den Kranz goldner Perlen in die oberste Schale tröpfeln,
-neue Perlen sammeln und an verdichteten Schnüren über
-smaragdenes Moos zur zweiten Schale herabfallen, die
-ihn noch länger behält und ihn der dritten gibt, wo er
-versinkt. Stehst du am andern, so hast du die Sonne zur
-Seite und sieht nur ein silbergrünes Tropfen und viele
-zerrinnende Kreise im unteren Becken. Hebt sich ein
-Windhauch, so rieseln die weißen Blüten auf das Wasser,
-fangen das Gold eines Tropfens und lassen sich weiterspülen
-in den traumhaften Tod. Kaum sah ich Menschen
-hier. Einmal lag ein Knabe auf einer Steinbank
-und starrte in die Bläue. Jedesmal, wenn sich das Laub
-im Winde regte, schien er zu warten, ob eine Blüte auf
-ihn niederfalle&nbsp;.. und lächelte, wenn sie auf seine Wimpern
-sank. Fast eine Stunde lag er so, vertieft in sich
-und in sein Spiel, ein junger Flurgott, der nichts von
-seiner Herkunft weiß. Später trat er zum Brunnenrand
-und fing die Silbertropfen mit dem Munde&nbsp;..</p>
-
-<p>Ein andres Mal kam ich mit einer Frau, die lange krank
-gewesen war. Sie ging sehr langsam, in ihren Augen
-brannte Müdigkeit. Sie tauchte die Hände in das Wasser,
-eine breite, goldne Welle floß über, ihre Rubinringe
-flammten neben dem hellgrünen Moos auf&nbsp;.. Sie starb im
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-gleichen Jahr. Im Fall der Tropfen haben wir die letzten
-Worte zusammen gesprochen. O Brunnen der Erinnerung!
-Es ist keine Liebe zu einem Menschen oder einem
-Ding, die ohne Trauer wäre. Nun scheuchte mich der
-Schatten dieser Frau. Mit der hohlen Hand fing ich die erblindeten
-Tropfen. Wo blieb das Gold?&nbsp;.. Schon hob sich
-weiß der Mond und kündete kühl die silberne Nacht.</p>
-
-<p>O Brunnen der Verwandlung.</p>
-
-<p>O Wasser Roms.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Viele stehen Abend für Abend am Geländer des Pincio
-und warten auf die Nacht. Ihre Augen sind geweitet,
-manche voll Grauen, manche voll Heimweh. Noch tauchen
-Namen auf in ihrem Hirn. Sie wissen: Dort ist der
-Janiculus, dessen Pinienkronen wie stille Inseln im korallenfarbigen
-Duft schwimmen. Die Kuppel St.&nbsp;Peters erscheint
-vergrößert im silbergrauen Dunst. Noch weiter
-rechts hebt sich der Monte Mario, neue Pinienkronen
-schließen sich an, eine schwebende Brücke zwischen
-Land und Land über den goldnen Wolkenbrüchen der
-Tiefe, in denen die Sonne versinkt. Ein Fremder tritt zu
-der Gruppe und nennt Kirchen, die über dem Durcheinander
-der Dächer aufsteigen. Wo ist der Fluß?, fragt
-einer laut&nbsp;.. Man kann ihn nicht sehen von hier, die Häuser
-verbergen ihn, aber dort, wo das Castello San Angelo
-auftaucht, muß er fließen. Und obwohl sie wissen, daß
-sie ihn nicht erblicken können, spähen sie sehnsüchtig
-nach dem glänzenden Streifen aus, der einen Weg in
-dem verwirrenden Bilde weist. Nun können sie suchen,
-wo ihr Haus liegt, ihr Platz, ihre Straße. Das Wehe des
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-Verlorenseins löst sich auf im Gefühl der Beruhigung,
-daß sie irgendwo dort unten zu Hause sind. So entrinnen
-sie dem Abendgrauen und wissen nicht, daß sie der
-traumhaftesten Schönheit Roms entrinnen.</p>
-
-<p>O, nicht mehr zu wissen, was diese Hügel, diese Türme,
-diese Dächer sind! Rom sind sie &ndash; Rom im Dunst von
-blassem Blut, im Schiefergrau barmherziger Schleier, die
-das rote Niederrieseln langsam, langsam im dunkelnden
-Gewebe töten. Nur fühlen, wie dies stumme Ganze sinkt,
-zusammenfällt, ein Riesenschutt nachglühender Asche,
-wie sich auf den gelben und geschwärzten Ziegeln das
-stumpfe Blau sammelt, ein Deckel von Basalt, und stehen
-bleibt.</p>
-
-<p>So schließt der Abend seine Tore und hält die Stadt
-gefangen. Du bist mit eingeschlossen, du mußt hinunter
-zu ihren Lichtern und ihren Stimmen. Schatten wehen
-in deinem Rücken und treiben dich zur Treppe. Stufe um
-Stufe nimmt dein Fuß, schon wachsen körperlose Wände
-über dir empor, graue, erloschene Mauern streifen deine
-Flanke, Licht einer Lampe fällt aus nahem Zimmer auf
-deine Hände, Laute werden deutlich, Worte erkennbar.
-Du bist am Boden. Du wendest dich. Hoch über dem
-Gesims der Treppe stehn die schwarzen Palmenwedel.
-Perlgrau glänzt der Himmel, in dem die Frühe eines
-Sternes funkelt.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Irgend einer hatte bei dem Abendessen, das uns die Gräfin
-Arnedal &ndash; Axels Mutter &ndash; gab, die Rede auf Marc Anton
-gebracht. Das Gespräch hielt uns bis Mitternacht, und
-als wir alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse der
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-Trinità de' Monti schlenderten, sagte Axel ungefähr
-folgendes:</p>
-
-<p>»Ich habe neulich eine halbe Stunde lang die Büste
-dieses Mannes betrachtet und nicht eine Spur geistigen
-Lebens gefunden, die das übertrieben-Weiche dieser
-Züge zusammenhält und verschönt. Da ist nichts als
-Fleisch, sorgsam in Locken gelegtes Haar und ein Mund,
-dem eigentlich die Anmut fehlt, obwohl er schmal und
-sanft von Wange zu Wange zieht. Das Kinn versinkt,
-die Augen liegen tief und schimmern feucht. Sie müssen
-sehr schön gewesen sein, ganz ohne Seele, nur Sinnlichkeit.
-Ich kann mir nicht denken, daß sie schwarz waren.
-Ich empfinde sie grau, sehr matt und sehr verschleiert.
-Mit seiner Sinnlichkeit allein bezwang dieser Mann das
-Volk nach Caesars Tod. Seine Worte waren wie das Geschmeide,
-das eine schöne Frau sehr schön zu tragen
-weiß. Er ließ sie funkeln und schillern, er wand sich in
-ihrem kühlen Flitter und machte das dumpfe Volk befangen.
-Die Worte perlten: und schimmerten im Glanz
-von Tränen. Sie bluteten: und ließen die Wunde des
-Herzens ahnen: Wo eine Preisgabe sondergleichen war,
-sah die Menge noch die Beherrschung des vornehmen
-Mannes, dem Stand und Sitte nicht gestatten, den ganzen
-Schmerz zu zeigen. Vielleicht war es ein schlimmer Übergang
-in seinem Leben, als er erkannte, daß eine Sinnlichkeit,
-die gleichmäßig aufgeteilt ein ganzes Wesen beherrscht,
-selbst da noch eine große Macht besitzt, wo
-jede Kraft der Seele versagt. Auch kam dieses Erkennen
-zu spät und mußte gefährlich sein als Maß für die Haltung
-eines Mannes. Antonius war vierzig Jahre alt, als
-Caesar starb. Octavian aber war achtzehn: Ein wesenloses
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-Alter an irgend einem Gegner, aber nicht wesenlos, wenn
-das Gesicht dieses Gegners die Züge Octavians trug.
-Antonius fühlte nicht den Unterschied. Er sah die Schönheit
-wohl: doch daß es die reine Schönheit eines unbeugsamen
-Willens war, der eine tiefverschlossene träumerische
-Glut in Zucht hält, sah er nicht. Was war ihm dieser
-Knabe? Der Bruder seiner Gemahlin, vielleicht einmal
-der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«</p>
-
-<p>Wir standen alle um den Sprecher, der plötzlich abbrach
-und mit der Hand nach der Kuppel von San Carlo
-wies, als ein Schwarm von aufgestörten Tauben silbertriefenden
-Fluges hinter der Wölbung verschwand. Perlmutterfarbene
-Wolkenflocken schwebten über den Gärten
-der Villa Medici.</p>
-
-<p>»Woher wissen Sie alle diese Dinge?« fragte eine Dame.</p>
-
-<p>Axel lächelte unmerklich:</p>
-
-<p>»Nur aus der Statue. Ich höre das Blut in den Adern
-klopfen. Ich kenne den Klang der Stimme, wenn ich gefunden
-habe, wie die Augen aussahen. Ich lerne es langsam
-wieder, das Wesen eines Menschen aus seinem Körper
-zu deuten. Ich gebe mir Mühe, den tieferen Sinn des
-Leibes zu erfassen. Wir waren viel zu lange krank an
-Seele und Vergeistigung. Wir messen Werte nur noch
-mit diesen Gewichten. Aber die Sprache des beseelten
-Körpers ist uns verloren gegangen. Rom wies mir den
-Weg zur Umkehr. Rom führte mich nach Griechenland.
-Wie eine tiefe Beschämung fiel es auf mich, als ich vor
-Jahren zum erstenmal das Kapitol, den Vatikan und die
-Thermen durchwanderte &ndash; und an unsre armen Körper
-dachte, an denen nichts mehr gilt als das Gesicht. Die
-Verhüllungen unseres Leibes haben uns den Sinn des
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es, daß
-wir anfangs fast hilflos vor den Marmorbildern stehn,
-bis unerwartet die Erleuchtung in uns kommt: die Wehmut
-einer Schulter, das Müde einer Hüfte, die atmende
-Glückseligkeit einer Brust lassen uns begreifen. Dann
-beginnt die Arbeit, mit der wir die lange Verwahrlosung
-sühnen. Und langsam, langsam ernten wir die wundervolle
-Frucht.«</p>
-
-<p>Schon während der letzten Worte hatte Axel die Blicke
-nach dem Aufgang der spanischen Treppe gerichtet. Nun
-winkte er uns leise an das Geländer und deutete nach
-dem schmalen Altan, der die mittleren Stufenläufe aufnimmt:
-An der Mauer lagen in tiefem Schlaf zwei halberwachsene
-Kinder. Ihre Gesichter &ndash; deutlich erkennbar
-im bläulichen Mondlicht &ndash; spiegelten tiefe Beruhigung,
-das Hemd über der dunklen Brust stand ein wenig offen.
-Keiner von uns sprach.</p>
-
-<p>Da mußte ich an alle die Vielen denken, die Nacht für
-Nacht im Schutz der Kirchentüren schlafen, Arme und
-Alte, in zerrissene Kleider gehüllt, die Glücklichen unter
-ihnen in einen zerlumpten Mantel, den sie irgendwo erbettelt
-oder fortgenommen haben. Wie oft sah ich sie
-plötzlich vor mir liegen, wenn ich unachtsam die nächtigen
-Stufen einer Kirche emporstieg&nbsp;..</p>
-
-<p>O Armut Roms! Die am Tage über die alten blinden
-Bettler klagen und nicht mehr wissen, wo ein Almosen
-frommt und wo nicht, mögen des Nachts an die Kirchentreppen
-gehen und stumm den Schlafenden die stumme
-Wohltat erweisen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Schweigend verließen wir die Terrasse der Trinità de'
-Monti und gingen nach der Via Veneto zurück. Auf dem
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-freien Platz vor San Isidoro nahm ich Abschied, um nach
-der Piazza Barberini hinabzusteigen. Der Tritonbrunnen
-warf mir das Silber seines Wassers entgegen, als ich in
-das Innere des Hauses trat.</p>
-
-<p>Ich konnte lange nicht schlafen. So fing ich an, in der
-Geschichte der frühen römischen Kaiser zu lesen, bis zu
-Caligula hinauf. Schon flog die blasse Röte des Morgens
-durch die Luft, als ich das Licht löschte; in einem fernen
-Hof fing eine Magd schon an zu singen, eine jener langgezognen
-römischen Melodien, die um einen ruhenden
-Ton kreisen und wie ein müder Brunnenstrahl immer
-von neuem in sich zurückfallen. Die harten Blätter der
-Platanen raschelten im leichten Frühwind, eine Schafherde
-kam die Via Sistina heruntergezogen und verschwand
-in der Via Quattro Fontane.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Ein hellblauer Morgen sprühte herauf. Es war kühler
-geworden. Die Tramontana wehte; in allen Fensterscheiben,
-in allen Wipfeln flog der Glanz der Frühe auf
-und nieder. Von den Blumenständen sprangen die Farbflecken
-auf: hochrot und gelb, weiß und blau. Die weißen
-Tücher auf den Tischen vor den Trattorien flatterten
-über die Kanten empor, die Schreie der Ausrufer hallten
-doppelt laut und deutlich durch die klare Luft aus den
-Straßen herauf, der Tritonbrunnen warf seinen Strahl
-von einer Seite auf die andere.</p>
-
-<p>Ich verließ das Haus sehr zeitig. Da der Morgen an
-den Tag meiner ersten Ankunft in Rom gemahnte, ließ
-ich mich auf großen Umwegen über die Piazza delle
-<a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Terme, durch die vielvertraute Via Cavour, an den Treppenschnüren
-von Santa Maria Maggiore vorüber, und
-durch den Spezereiduft der Via Baccini bis zur Piazza Aracoeli
-fahren. Hier stieg ich aus. Wie so oft schon, blieb
-ich am Sockel des Löwen lehnen, der zwischen dem Aufgang
-zum Kapitol und der unvergleichlichen Treppe zur
-einsamen Kirche Santa Maria in Aracoeli ruht. Diese Stufen
-fließen in das Licht empor. Sie sind Welle geworden,
-die golden an die schlichtgewölbte Eingangstüre der nackten
-Fassade anschlägt. Keine Verzierung schmückt die leblose
-Fläche dieser hohen Wand: nur die zarte Narzisse einer
-gotischen Rosette öffnet zur Linken des Torbogens ihren
-achtzackigen Stern und blüht vor dem Hochaltar der Mutter
-Gottes, die bei den Römern als Juno Capitolina an
-der gleichen Stelle im Haus der weißen Säulen wohnte.
-Es müßten Kinder kommen an einem solchen Morgen,
-Kinder in weißen, flüsternden Kleidern, Blumen mit ihren
-kleinen Armen an die kleinen Brüste drücken &ndash; Kamelien
-und Azaleen &ndash; und die Stufen hinaufflattern, indes
-die Blüten hinter ihnen niederrieseln&nbsp;.. Ihre dünnen,
-silbernen Stimmen müßten sich zum Gesang erheben,
-so daß eine Woge von Weiß vor den Thron der einsamen
-Frau strömte, die fern vom Glanz prunkvoller Kirchen
-hier über allen Giebeln thront.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Ich ging zum Kapitol hinauf.</p>
-
-<p>Ich blieb lange bei Caligulas Traurigkeit.</p>
-
-<p>Von seinem Vater Drusus konnte Helle in seinem Leben
-sein. Man sagt auch, daß er als Knabe fröhlich war. Von
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-seiner Mutter Agrippina, der Enkelin des ersten Augustus,
-hatte er das Trübe, Gequälte. Ihr Schicksal warf einen
-schweren Schatten. Sie war voll Größe, voll Herrschsucht
-und Mißtrauen. Sie wagte, die Feindin des Tiberius zu
-sein und büßte mit Verbannung. Man tötete ihre beiden
-ältesten Söhne. Das ertrug sie nicht. Sie gab sich selbst
-den Hungertod.</p>
-
-<p>Trüb und hart ist das Auge Caligulas, wie es die Büste
-zeigt, trüb und hart die selbstquälerische Stirne, unwillig,
-doch unberührt der Mund.</p>
-
-<p>Ein Wüstling? Nie. Ein Gelähmter, Zurückgebliebener,
-verstört durch das unerhörte Schicksal seiner Mutter,
-das seinem harmlos-heiteren Geist den Glauben an die
-gute Ordnung der Dinge nahm. Grausam: aus Mißverständnis.
-Willkürlich: aus zerstörtem Glauben. Voll
-Größenwahn: weil im Erstarren seines Willens die Masse
-für die schöpferische Tat verloren gingen. Verloren: da
-er sich selbst nie besaß.</p>
-
-<p>In eines Mannes Sinken wird das Sinken eines Volkes
-klar&nbsp;.. Ewiges Gesetz des Verbrauchten, Stoff, der sich
-selbst vernichtet.</p>
-
-<p>Seele Roms!</p>
-
-<p>Wunderbare Trauer Roms!</p>
-
-<p>»Rom sank und sinkt&nbsp;..«</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Eine Stunde später stand ich vor der Büste des jugendlichen
-Augustus in der Sala dei Busti des Vatikan. Ich
-war zu Fuß gegangen, das linke, eintönige Tiberufer
-entlang und an den Palästen der Falconieri und Farnese
-vorbei. Oft genug hatte das Auge das frische Grün des
-<a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Janiculushügels gesucht, ehe es wieder am bräunlichen
-Schillern der Flußwellen unter den Brückenbögen haften
-blieb. Ich durchquerte den Borgo Vecchio, um auf den
-Petersplatz zu gelangen. Die trübsten Toreingänge und
-Kaufgewölbe hatten an diesem Morgen einen Schimmer
-von Helle aufgefangen, der grünliche Beschlag der Wände
-schien weniger krank und modernd, der stickige Atem
-der Kramläden war in dem schmalen Streifen Bläue verflogen,
-der hoch über den engen Giebelfluchten stand.
-Nur das unergründliche Gemisch der römischen Gerüche
-war geblieben: ein widerwärtiger Duft vom Blut der
-frischgeschlachteten Tiere, die an gebogenen Hölzern
-vor den Türen hingen, die scharfe Süße alter Orangen
-und Zitronen, Parfüme von Zimt und Pfeffer, von Nelken
-und Öl, von dem Bodensatz geleerter Weinfässer,
-die vor den Kellern lagen, und dem süßen Fäulnisarom
-halbwelker Rosensträuße, die jemand auf die Straße geworfen
-hatte. Schmutzige Kinder lagen auf den Pflastersteinen,
-Weiber in hellen Blusen schrieen sich über die
-Straße unverständliche Worte zu und fuhren sich mit
-den hölzernen Stricknadeln in das geölte Haar, in der
-Stube eines Barbiers lehnte am abgeschabten Plüschsessel
-ein braungebrannter Bersagliere und log den Umstehenden
-Kasernengeschichten vor. Der Hahnenbusch auf
-seinem Helm ging wie ein Wedel durch die Fliegenschwärme&nbsp;..</p>
-
-<p>Der Kopf des jungen Octavian zeigt die Verwandtschaft
-mit Caligula. Was aber bei dem Urenkel krankhafte
-Übertreibung und Verfall war, ist hier von wundervoll
-bewußter Kraft gemäßigt und gebunden. Nichts als ein
-großer Wille steht in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch,
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-vom Schicksal für eine Aufgabe vorbereitet, die
-der Neunzehnjährige wohl gläubig ahnen, doch nicht
-entwickeln konnte. Berufensein und leidenschaftliche
-Sehnsucht nach Erfüllung bestimmen den Ausdruck
-dieses jugendlichen Gesichtes. Der Geist hat die Herrschaft,
-nicht das Gefühl, noch viel weniger die Sinne.
-Herrisch geht über das rechte Auge die abgebrochene
-Braue, und über die Braue die unerbittliche Falte des
-Grüblers. Dieses Antlitz hatte keine Träume, es hatte
-einen Traum. Daraus wuchs das Spiel der Kräfte: Einsicht
-und Machtbegabung mischend. Das Lebensgesetz,
-das tiefe, unbewußte Künstlertum des römischen Staatswesens
-hat sein Symbol in diesen Zügen: zu herrschen
-durch die Kraft, die sich selbst das Gleichgewicht zu
-halten weiß: die alle Gegensätze aufsaugt, in dem sie alle
-einem Endziel dienstbar macht.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Auf der steilen Strada delle Mura, die das Stadtviertel
-des Trastevere abschließt, ging ich der Villa Doria
-Pamphili zu. Ein Verlangen nach Grün, nach stillen
-Wiesenflächen trieb mich aus der Stadt. Schon stand die
-Sonne hoch, der Wind war in die oberen Lüfte gezogen
-und spielte in den Kronen der Bäume. Unter den Pappeln
-einer kleinen Osteria, die zwischen hellen Kleefeldern
-ein wenig abseits vom Wege lag, hielt ich kurze Rast. Ich
-ließ mir Brot und Wein bringen und sprach mit der
-Bäuerin, die über einer großen irdenen Schüssel Bohnen
-schälte. Ihr Mann hatte Artischocken in die Stadt getragen
-zu einem Wirt an der Piazza Navona, der sie auf eine
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-besondere Art zuzubereiten verstand. Er zahlte gut, weil
-ihn die Fremden gut bezahlten. Die Fremden! Sie lachte
-mir in das Gesicht, als sie die Worte wiederholte. Ich
-nickte. »Aus welchem Land ich sei&nbsp;.. Warum die Deutschen
-so gerne nach Rom kämen&nbsp;.. Warum sie so selten
-im Wagen fahren und so oft auf den schlechtesten Feldwegen
-spazieren gehen. Im Februar seien des öfteren
-zwei junge Leute gekommen, um Veilchen auf den Wiesen
-der Villa Doria Pamphili zu suchen, ganze Hände voll
-Veilchen. Einmal habe sie ihnen einen kleinen Bastkorb
-verkauft, da sie die Blüten nicht mehr in Händen halten
-konnten&nbsp;.. In wenig Tagen werde der Mohn in den Kleefeldern
-vor dem Hause aufgehen, dann müsse ich wiederkommen.
-Gegen abend, wenn die Kuppel von St.&nbsp;Peter
-zwischen den beiden Pappelbäumen hart über dem Scharlachrot
-stehe&nbsp;..«</p>
-
-<p>Im Inneren des Hauses schrie ein Kind. Sie stellte die
-Schüssel auf den Tisch und lief davon. Der Geruch der
-frischgeschnittenen Bohnen wehte auf, ein Geruch von
-Erde und Regen, im festen, kühlen Grün gemischt. Ich
-trank meinen Wein aus und ging auf der schattenlosen
-Straße bis zum Park der Villa weiter.</p>
-
-<p>Dieses Grün nimmt dich hin, es macht dich leicht und
-trägt dich empor in das ruhige, ruhige Blau über seinen
-Wipfeln. Du hebst die Arme auf, die stille Seligkeit zu
-fassen, die unaussprechlich bleibt und doch so nah, so
-greifbar wirklich ist. Dann gehst du weiter und weißt
-kaum wie, Wege öffnen sich und schließen sich im
-schweren Laub, öffnen sich wieder und weisen in eine
-runde, goldne Helle, ganz fern&nbsp;.. unerreichbar fern&nbsp;..
-Lässig wandelst du hinab im Spiel der Sonnenkringel.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-Das Rund des Ausgangs erweitert sich, wo nur Licht
-war, steht wieder Landschaft, eine Wiese steigt zu stillen
-Steineichen hinan, Sternblumen und Salbei blühen im
-hohen Gras. Geblendet trittst du in die Lichtung. Bienen
-schwirren. Die Statuen am Giebelsims der Villa glänzen.
-Die Blumenvasen oder Feuerpfannen auf dem höchsten
-Geländer des Daches glänzen. Ein neuer Lorbeerweg führt
-zu einer neuen Lichtung. Vögel flattern. Auf dem Spiegel
-eines Teiches gleiten hochmütige Schwäne. Pfauenaugen
-tanzen über den Halmen. Vor dir liegt wieder offnes Land,
-die braune Campagna, und hinter ihr Frascati, der Monte
-Cavo mit den Häusern von Rocca di Papa über den alten
-Kastanienwäldern.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Glocken drangen durch die Stille. Es läutete Mittag.
-Die Stunde war gekommen, nach San Pietro in Montorio
-hinabzusteigen und Rom enthüllt im Wüten des Lichtes
-zu sehen.</p>
-
-<p>Das Auge, noch eben gehütet von der Sanftmut des unbewegten
-Grüns, stürzt in ein Gelb, ein Rot, ein Weiß
-hinab, so jäh, daß sich die Wimpern schmerzend schließen.
-Es hilft dir nichts, daß du im Laub des fernen Pinciohügels
-Beruhigung suchst: eh noch dein Blick auf
-diese Höhe gelangt, haben ihn tausend aufreizende Lichtspeere
-getroffen, die aus der Tiefe schießen, feindlich und
-wild. Aus allen Glasfenstern springt dir die erhitzte Helle
-entgegen, aus den Bleirinnen der Dächer, aus den Kupferplatten
-und Goldbändern der Kuppeln, aus dem Marmor
-der Säulen und Friese, aus den Schuppen der Tiberwellen,
-aus Höfen und Winkeln, aus jeder kochenden Wand.
-Ganz Rom ist nichts anderes mehr als ein sinnloses, steinernes
-Gleißen, hart und verräterisch. Rom wirft sich zum
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-Kampf auf gegen das spähende Auge, wie die belagerte
-Stadt sich vor den Blicken der Spione wehrt. Sein rätselvoller
-Dämmer droht zu zerstieben, seine purpurne
-Macht zu verblassen: Zerbrochene Mauern, zerbröckelnder
-Kalk, Dächer, von Ruß geschwärzt, mit fehlenden
-Ziegeln, Höfe voll Unrat und Verwesung, verstaubte,
-erblindete Fenster mit geborstenen Rahmen, trostlose
-Stuben mit armen, zerlumpten Betten, Balkone mit klaffenden
-Eisengeländern, durch die ein Kind auf die Straße
-stürzen kann, zerschlagene Schornsteine, aus denen die
-Funken im niederwehenden Rauch auf die Dächer fallen,
-durchlöcherte Dachrinnen, die das schmutzige Regenwasser
-nicht mehr halten können. Wer nennt, was er
-sieht?</p>
-
-<p>Und was will zuletzt all dieses Zerfallende und Zerbröckelnde
-noch vor einem Himmel heißen, der seine
-Gnade unerschöpflich ausgießt und das Verwahrloste
-immer wieder in den tiefen Schutz seiner Bläue aufnimmt?</p>
-
-<p>Luft schon ist Hülle hier, Luft schon heilt die Wunden.
-O Rom! wage, dich preiszugeben! Noch mit deiner
-Schwäche wirst du siegen, mit deinem Elend noch Entzückung
-streuen. Unverwundbar bleibt die Herrschaft
-deiner Schönheit.</p>
-
-<p>Ich wende die Augen nach Süden: Ich sehe den Monte
-Testaccio, den Scherbenberg, auf dem die uralten, zertrümmerten
-Weinkrüge der Römer wieder zu Staub geworden
-sind. Ich sehe die einsame Pyramide des Cestius
-und ferne die Kuppel St.&nbsp;Pauls. Ich sehe die träumenden
-Hügel des Aventin, San Sabas wehmütig wiegende Erlenwipfel
-über dem Dach, San Alessios Türme, und ich errate
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-die Gärten, die unter dem Priorate der Maltheser
-zum Fluß hinabsteigen.</p>
-
-<p>Ich wende die Augen nach Osten: Feldwege kreuzen
-im Licht, vor Lorbeergesträuch und Pinien hebt sich die
-Villa Celimontana, und hinter ihr San Stefano Rotondo.
-Ruhig im Golde, fern und gelassen, breitet der Palatin
-seine Mauern, seine Zypressen wachsen hoch in die
-Bläue wie die Statuen am First des Lateran. Bläue bricht
-aus den Fensterhöhlen des Kolosseum, Bläue aus den
-Wipfeln des Esquilin.</p>
-
-<p>Ich wende die Augen nach Norden, die Kuppel des
-Quirinals überfliegend, die Zypressen der königlichen
-Gärten und die schmale Säule Trajans. Wie flammt die
-Villa Medici neben den Türmen der Trinità! Wie mögen
-meine Brunnen rieseln im heißen, stummen Mittag, wie
-mag das Gold ihrer Tropfen schwer und gesättigt in die
-dunkelgrüne Tiefe des untersten Beckens fallen&nbsp;..</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>In keiner aller früh durchwanderten Städte ging ich so
-oft am Abend in die armen Viertel hinunter wie in
-Rom. In keiner saß ich stiller, träumender bei Taglöhnern
-und Dirnen. In den finsteren, nur halb ausgebauten
-Straßen am Testaccio, durch die Marmorata, am Tiber
-entlang bis zur Bocca della Verità und weiter über die
-Piazza Montanara im alten Ghettoviertel ging ich in
-mancher warmen Nacht. Die Freunde schüttelten die
-Köpfe und warnten. Ich fühlte, daß mir nichts geschehen
-konnte. Der späte Wanderer, der mich ansprach, mußte
-fühlen, daß ich ein Gleicher unter Gleichen ging. Wenn
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-ich mich vor einer kleinen, trüben Schenke hinsetzte,
-fragte mich keiner, woher ich komme und was ich hier
-zu suchen habe. Nie bot sich eine Dirne an, nie bettelte
-eine um Geld. Einmal, als ich am Flußbett niederstieg,
-sprang einer auf, der im Gesträuch gelegen hatte. Noch
-ehe er den Mund öffnen konnte, fragte ich nach dem
-Pfad, der zum Boothaus hinabführt. Seine Züge wurden
-freundlicher:</p>
-
-<p>»Sie wollen rudern?«</p>
-
-<p>»Ich will zu Giuseppe Pangi.«</p>
-
-<p>»Er ist vor einer halben Stunde in die Kneipe zur Carolina
-gegangen. Wenn es Ihnen recht ist, kann ich
-Sie hinausfahren.«</p>
-
-<p>»Nein. Ich kenne Sie nicht.«</p>
-
-<p>»Sie brauchen sich nicht zu fürchten. Ich bin genau
-dasselbe, was Pangi ist.«</p>
-
-<p>»Sind Sie Soldat gewesen?«</p>
-
-<p>»Jawohl! Drei Jahre lang in Caserta.«</p>
-
-<p>»Wollen Sie mich bis zum Ponte Palatino fahren?«</p>
-
-<p>Er reichte mir die harte Hand und führte mich durch
-Cichoriensträucher den steilen Abhang hinunter. Die
-Ketten des Bootes klirrten auf den hohlen Brettern, die
-Ruder schlugen in den Schlamm des Ufers. Auf träger
-Welle gewannen wir die Mitte des Stromes. Meine Augen
-suchten den steilen Anstieg des Aventin. Die Wipfel
-ragten schwermütig in die schwüle Luft, die graue Watte
-des Himmels hing unbewegt über den schwarzen Bäumen.
-Auf der anderen Seite des Flusses, hinter dem Landungsplatz
-des Großen Hafens, hob sich die monotone
-Front des Armenhauses. Hinter einigen Fenstern brannte
-schwaches Licht.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-»Kranke, sagte der Schiffer, sie fühlen den Scirocco und
-können nicht schlafen. Vielleicht sind sie morgen tot.«</p>
-
-<p>Ich hieß ihn bald zurückfahren. Wir gingen nebeneinander
-der Stadt zu. An der Bocca della Verità bog ich
-ab, um nach dem Judenkirchhof zu gehen. Der Fremde
-begleitete mich. Fast schon im Feld, hart an einem halbverseuchten
-Bach, aus dem ein fauler Atem aufsteigt,
-liegt dieser Friedhof mit seinen vielen Zypressen. Mein
-Gesicht rührte an die eisernen Stangen des Tores; bleich
-und wesenlos dämmerten die weißen, schmucklosen
-Mäler durch die Nacht. Dürstend stand das Schwarz der
-Bäume im Dunst der bleiernen Luft.</p>
-
-<p>Wir wandten uns nach der Bocca zurück. Zerbröckelnd
-in der Asche ihres Gesteins lag Santa Maria in Cosmedin,
-die süße Kirche, in deren Namen schon der Orient funkelt:
-Byzanz, die Stadt aus Gold und Lapislazuli. Wie
-müd ist dieser Brunnen in der Mitte des offenen Platzes,
-wie müd der runde Sonnentempel mit seinen korinthischen
-Säulen, wie müd sind die fleckigen Wände
-dieser armen Häuser. Lastfuhrwerk zieht hier am Tag
-entlang, Frachtkähne treiben im Strom, Geschrei kommt
-vom Großen Hafen herüber, Staub weht &ndash; des Nachts
-geht achtlos kaum ein Wandrer hier vorüber. Hier war
-der Rindermarkt der Alten und etwas weiter, wo noch
-der Bogen der Geldwechsler steht, der Kaufplatz für die
-feinen Speisen der Tafel. Wie müd vom wesenlosen Hin
-und Her so vieler Tritte sind diese Straßen, wie abgebraucht
-und elend. Erbarmungslose Nacht über kranken
-Mauern! Kein Silberstreifen Mond, kein Tau von Sternen
-schenkte leise Linderung. In jedem Augenblick konnten
-die ersten Tropfen fallen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Wir traten in eine Schenke, nahe der Piazza Montanara.
-Meine Stirne war feucht. Die Zunge war kaum vom
-Gaumen zu lösen. Das Kreuz begann zu schmerzen&nbsp;..
-Scirocco&nbsp;..</p>
-
-<p>Fremde Gesichter starrten mich an. Ein Mädchen schlief
-an der Schulter eines großen Bauernburschen, eine andere
-malte gedankenlos Figuren in das Verschüttete ihres Weinglases.
-Viele Schiffer standen am Schanktisch, hinter dem
-eine alte, ernste Frau teilnahmlos und fast feindlich saß.
-Giuseppe Pangi kam mir entgegen. Er gab mir die Hand:</p>
-
-<p>»Sie waren auf dem Wasser?«</p>
-
-<p>Ich deutete auf meinen Begleiter, der schweigend neben
-mir saß.</p>
-
-<p>»Warum hast du mich nicht gerufen?« fuhr Giuseppe
-den andren an.</p>
-
-<p>»Ich wurde nicht darum gebeten!«</p>
-
-<p>Giuseppe sah nach mir. Ich lachte:</p>
-
-<p>»Es wäre für die kurze Fahrt nicht der Mühe wert gewesen.
-Sie wissen, daß ich es nicht vorherbestimmen
-kann, wann ich nachts herunterkomme&nbsp;..«</p>
-
-<p>Umsitzende waren auf das Gespräch aufmerksam geworden.
-Einige traten heran. Plötzlich fragte ein Kerl,
-aus welchem Lande ich sei. Wütend sprang Giuseppe auf:
-»Geht es dich etwas an, du frecher Hund? Willst du
-dich unterstehen, einen Fremden auszuforschen, der noch
-kein Wort zu dir gesprochen hat? Habe ich jemals gefragt?
-Und ich rudere ihn seit Wochen auf den Fluß
-hinaus?«</p>
-
-<p>Ich unterbrach ihn und wandte mich an den Frager, der
-mich prüfend maß:</p>
-
-<p>»Warum wollen Sie wissen, aus welchem Lande ich bin?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-»Ich will es Ihnen sagen: wenn Sie ein Deutscher sind,
-dann sollen Sie verrecken! Ich bin ein Kutscher, und ein
-Deutscher hat mich heute um fünf Lire betrogen&nbsp;..«</p>
-
-<p>»Ich bin ein Deutscher«, sagte ich ruhig und stand auf.</p>
-
-<p>Ich fühlte, wie sich zwei Parteien bildeten. Giuseppe
-trat hinter mich:</p>
-
-<p>»Schmeißt den Kerl hinaus, der die Fremden beschimpft,
-an denen wir unser Geld verdienen, den Lump, die Saufeule!«</p>
-
-<p>Ein fürchterlicher Lärm hob an, die Wirtin jammerte und
-schlug die Hände ein über das andere Mal auf die breiten
-Hüften&nbsp;.. Die Tür flog auf &ndash; man hörte einen Augenblick
-lang das Aufklatschen des Regens &ndash; dann war tiefe
-Stille.</p>
-
-<p>Ich ließ Wein und Zigarren bringen. Sie saßen alle um
-mich, Pferdeknechte und Bauern, Steinklopfer und Gärtner,
-Schiffer und Maurer &ndash; und ich erzählte von meinem
-Land: von Arbeit und Lohn, von Achtstundentag und
-Sonntagsruhe, von Heer und Flotte, von Verwaltung und
-Gericht&nbsp;.. von allem, was einem Wunsch oder einem Bedürfnis
-ihres einfachen Lebens entgegenkam. Sie warfen
-Fragen dazwischen, sie stellten Vergleiche an, selbst die
-Wirtin hatte sich herangesetzt und hörte mit zu.</p>
-
-<p>Es war fast ein Uhr, als ich aufbrach. Alle boten ihre
-Begleitung an. Ich bat einen oder zwei, mich bis zur
-nächsten Haltestelle der Wagen zu bringen. Ich fürchtete,
-der Hinausgeworfene könne irgendwo im Dunkel auf
-mich lauern. Aber es ließ sich niemand blicken.</p>
-
-<p>»Porco d'un Napoletano!« sagte Giuseppe, während er
-in weitem Bogen ausspuckte&nbsp;..</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a>
-Ich ging mit Axel dem Palatin zu. Am Eingang der Via
-San Teodoro nahm uns blauer Schatten auf. Wir blieben
-bei den Pferden stehen, die Tag für Tag vor einer Stallung
-dieser Straße an niedrigen Wassertrögen geputzt werden.
-In den großen Augen der Tiere schwamm das Gold des
-Abendlichtes. Axel streichelte die Nüstern eines schlanken,
-braunen Füllens und legte den Kopf an die weiche
-Seide des dünnen Halses. Der Knecht ließ Bürste und
-Striegel sinken. Er sah mich an, wie wenn er meine Bestätigung
-suchte und sagte strahlenden Auges:</p>
-
-<p>»O l'aspetto! la testa d'un bel cavallo e la faccia d'un bel
-Signorino&nbsp;..«</p>
-
-<p>Wir traten schweigend durch die schmale eiserne Schranke
-des Eingangs auf den Grasweg, der zur Höhe des Palatin
-führt. Die späte Sonne lag auf den Mauerzinnen. Das
-schwere Grün regloser Wipfel grüßte aus hoher Bläue.
-Durch kühle Bogengänge gelangten wir auf die Höhe,
-wo die Trümmer der Paläste liegen. Wir standen vor
-Blumenvestibülen, die den Schritt müder Kaiser in ihre
-Stille gelockt hatten, vor abgebrochnen Säulen, auf denen
-einst die goldnen Ziegeldächer ruhten. Unwillkürlich
-lenkten wir die Schritte nach den abgelegenen Mauern,
-die ganz von Maréchal Niel-Rosen bedeckt sind. Schon
-hatten einige Blüten die süße Streu ihrer Blätter auf das
-gebleichte Gras geschüttet. Wir wandelten auf und nieder,
-verloren uns für Augenblicke zwischen Gebüsch und
-Trümmern und trafen uns wieder vor dem Glanz einer
-Blume, vor dem Rätsel eines zartgemeißelten Säulenknaufs
-oder dem dunklen Aufbruch einer Zisterne. Axel
-hatte einen Grashalm durch den Mund gezogen und
-stand bloßen Hauptes gegen den Schatten einer Zypresse.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-Alle Weiten waren süß und still im Abendlicht. Alle
-Büsche und Wipfel hatten das dunkle Gold der Lüfte
-fest an sich gezogen. Wir fühlten nicht mehr, daß Lärm
-von staubigen Landstraßen heraufdrang, Knarren der
-Wagenräder von hellgelben Feldwegen, die sich hinter
-dem Aventin und tief in der Campagna verloren. Wir
-waren so abgeschieden wie auf einer einsamen, spät umsonnten
-Waldwiese, die die Nacht kommen fühlt. Wir
-ließen uns im Grase niedersinken bei hohen, gelben
-Ginsterbüschen und suchten über uns das weiche Schweben
-breiter Pinienkronen, das Flattern einer Lerche, die
-singend aufstieg. Wir sahen nach den Oleanderbäumen
-hinüber und fanden die weißen und roten Knospen weiter
-aufgeschlossen als am Tage zuvor. Wir suchten das Gerank
-der Winden und staunten, wie hoch es in die Baumwipfel
-hineinwuchs. Wundervolle Winden gibt es auf
-dem Palatin: Kelche aus seidenem Samt, tiefblau und
-weiß, und manche mit purpurnen Zungen auf violettem
-Grund. Sie hängen aus Efeugebüsch nieder, sie
-drängen sich aus der grünen Wildnis feuchtwarmer Ecken
-ans Licht und säumen die Ränder des Weges. Süß ist ihr
-Hauch und krankhaft zart wie der Nachduft einer feinen
-Salbe. Sie trinken ihr Leben aus der Tiefe des Tages.
-Wenn Dämmerung naht, schließen sie langsam die Blumen
-und sterben. Sie ertragen die Hand der Menschen
-nicht. Die scheueste Berührung läßt Wunden und tötet
-ihren Schmelz.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Später gingen wir bis hinter den Palast des Septimius
-Severus und sahen nach der Appischen Straße hinunter.
-Mohnfelder wuchsen die stillen Hügel hinan, schwere
-Gespanne zogen heimwärts. Der Fremde, der dort unten
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-den Abend kommen fühlt, schreitet rascher aus und bannt
-ein Grauen am letzten Sonnenglanz der Kuppeln. O Heimweh
-vor den Toren Roms! Wie wehtest du uns an, als über
-den Villen von Frascati bleiche Rosenkränze aufblühten
-und die Erlenwipfel über San Sabas Hof sich leise regten.
-Axel sah mich lange an. Seine Brauen waren hochgezogen,
-das ganze Gesicht in unendlicher Bewegung angespannt:</p>
-
-<p>»Fühlen Sie es auch?« fragte er, fast ohne den Mund zu
-öffnen&nbsp;..</p>
-
-<p>Ich senkte die Stirn.</p>
-
-<p>Er atmete tiefer.</p>
-
-<p>»Wir müssen zurück in unsere nordische Seele. Dieses
-Land nimmt uns die Fröhlichkeit. Es macht uns feierlich.
-Wir sind zu weich. Wir fühlen zu viel Schönheit und
-haben keine Waffen. Es hilft uns nichts, daß wir schöne
-Strophen schreiben, um unser Übermaß an Fühlen zu
-bannen: die Künste steigern nur, sie mildern nicht. Sie
-vertiefen alles und lösen nichts.«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wir wandten uns und gingen die Terrasse entlang nach
-rückwärts, um den Ausgang zu erreichen, der zur Via di
-San Gregorio hinunterführt. Der Abhang lag im Schatten.
-Zwischen Rosengebüsch und Lorbeersträuchern traten
-wir auf das Mohnfeld, das sich bis zur Straße hinabzieht.
-Dann durchquerten wir den Konstantinbogen und gingen
-dem Forum zu. Ein Wärter, der uns kannte, öffnete eine
-schmale Seitenpforte. Vor einem kleinen Wasserbecken
-setzten wir uns nieder. Rosen umblühten den Rand der
-Einfassung. Die Abendröte spiegelte tief in dem unbewegten
-Gewässer.</p>
-
-<p>Und Axel Arnedal begann von Schwedens Buchenwäldern
-und weißen Sommernächten zu erzählen&nbsp;..</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Wir beschlossen den Tag auf dem Aventin in San Sabas
-stillem Orangenhof. Zwischen den niedrigen Hecken der
-Obst- und Weingärten führt der Feldweg zur Kirche
-empor. Brennesseln wuchern am Rain, Königskerzen,
-Winden und Schirling. Tiefe Furchen zeigen den Lauf der
-Karrenräder. Gesang der arbeitenden Mädchen schwingt
-über der grünen Einsamkeit. Eine ferne männliche Stimme
-antwortet, noch weiter hebt eine andre die neue Frage
-auf&nbsp;.. und kaum noch vernehmbar zittert im letzten Lichtsaum
-der Gegensang. Taubenschwärme fliegen aus den
-Beeten auf. Wasserträger kommen von den Brunnen, am
-Ende des Pfades winkt die kleine Kirche. Die Säulenbögen
-des oberen Geschosses stehn in stillem Glanze.
-Übervoll vom Dufte der Orangenblüten ist der kühle,
-feuchte Hof. Die Seele des inneren heiligen Raumes, ergreifend
-schlicht und unbeholfen, enthüllt die frühesten
-christlichen Jahrhunderte. Die hierher beten kommen,
-sind arme Bauern, die rings ihr Feld bestellen und Gott
-um Regen oder Sonne anflehen.</p>
-
-<p>Wir blieben lange und gingen erst nach Sonnenuntergang.
-Vor uns, im blassen Grün der Lüfte, schwebte die überirdisch-süße
-Säulenapsis von San Giovanni e Paolo.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Tivoli: Wenn das Auge lange genug auf dem blauumdufteten
-Grün der Bergkuppen geruht hat, wenn es vollgesogen
-ist vom honiggelben Überfluß der Ginsterblüten,
-vom Regenbogenschimmer des aufwirbelnden Kaskadenstaubes,
-mag es tief in der dunklen Stille des Gartens versinken,
-der an den Treppen der Villa d'Este niedersteigt.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-Hier ist vollkommenes Abgeschiedensein wie auf dem
-Palatin. Auch Schritt und Stimme fremder Besucher vermögen
-nicht mehr die versunkene Seele aufzuscheuchen.
-Aber es ist ein anderes Alleinsein, in das du hier untertauchst:
-weniger weit, weniger unbestimmt. Du fühlst
-dich deiner eigenen Zeit und ihren Träumen näher, das
-Raunen dieser Stille ist dir vertrauter. Wie süße, zu keiner
-Melodie gebundene Musik webt es über den Wipfeln. Ein
-Windhauch hebt die Töne auf, ein andrer verwischt sie
-und trägt sie weiter in das hellgrüne Leuchten einer Wiese
-oder in den Schattengang der ewig unbewegten Zypressen.
-Aus den Wassern steigt das unwirkliche Lied und
-versinkt in den Wassern, wie der kurzgebrochene Lauf
-einer silbernen Windharfe. Nur wo das Lorbeerdickicht
-jeden Atemzug der Lüfte bannt, wo feuchter Dunst in
-schwarzen Hecken steht und Asfodelen blühen, müssen
-die Klänge verstummen. Verwitterte Steingesichter sehn
-dich klagend an, zwischen Unkraut zerbröckelt der graue
-Rand geschweifter Vasen. Es hält dich nicht länger im
-Brüten dieser Einsamkeit. Leichter erträgt sich das Wunder
-des Gartens am Rande der breiten Steinbecken, in die
-das kristallene Bergwasser einströmt: grün wie die Bäche,
-die aus Gletschern stürzen. Steineichen lassen die Äste
-auf der Flut schleifen. Gold der Lüfte tröpfelt zwischen
-den Zweigen. Dein schwankendes Antlitz lächelt aus dem
-bewegten Grunde zurück. Bläue wiegt sich im schaukelnden
-Spiegel. Helle, feierliche Bilder werden geboren: Von
-den Treppen steigt im Morgenlicht die Prozession. Scharlach
-unter gelben Baldachinen, weißwehende Gewänder
-blumentragender Frauen. Die Weihrauchfässer dampfen&nbsp;..
-die Litaneien ziehen dem Zuge nach.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-Ippolito d'Este, der Kardinal, wußte, was er zuweilen
-dem Volk von Tivoli schuldig war. Aber dann blieben
-die Gärten wieder verschlossen&nbsp;.. die tiefen, kühlen
-Gärten mit dem Geheimnis ihrer anderen Feste&nbsp;..</p>
-
-<p>Ganz am Ende der südwestlichen Mauer ist ein kleiner,
-halbrunder Ausbau. Dort saß ich lange mit Axel und betrachtete
-das Land, das sich hinter Ölbaumhügeln und
-Weingärten dehnte. Schirlingsträucher, hoch wie ein
-Mann, schossen im Mauerwinkel empor und hoben den
-feinen Schattenhauch ihrer Blumen aus dem Schaft&nbsp;..
-ganz in der Tiefe zog die Straße, weiß und verstaubt,
-nach Rom. Da die mattsinkende Sonne einen Abend von
-Purpur und Lila versprach, ließen wir den Wagenlenker
-die Richtung von Nemi einschlagen. Axel deutete im
-Vorüberfahren nach der Zypressenallee der Villa Adriana
-und fragte:</p>
-
-<p>»Wissen Sie, ob Antinous mit dem Kaiser nach Rom
-kam und dort am Hofe gelebt hat?«</p>
-
-<p>»Ich weiß es nicht. Doch glaube ich, daß Antinous schon
-gestorben war, als Hadrian in die Hauptstadt zurückkehrte.«</p>
-
-<p>»Wie qualvoll muß ihm diese Heimkehr gewesen sein,
-wie traumlos! Er hatte seinen Gott verloren, die Schönheit,
-welche ihm Welt und Kaisertum erträglich machte&nbsp;..«</p>
-
-<p>Axel hatte sich mir zugewandt. Sein weiches Profil stand
-gegen das getrübte Orange des westlichen Horizontes.
-Leidenschaftlich fuhr er fort:</p>
-
-<p>»Ich habe nie ohne Ergriffenheit gelesen, daß das Volk
-dem Liebling seines Kaisers Altäre baute, ja daß die christlichen
-Priester noch bis in das fünfte Jahrhundert gegen
-diese Kulte eifern mußten«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-Schon flog ein bleiches Grün am Rande der Himmelswölbung
-empor, als wir den Hügel von Frascati umfuhren.
-Von den Kuppen war der letzte Sonnenglanz gewichen,
-sie standen basaltblau gegen die graue Seide des
-oberen Äthers. Kein Hauch ging in den Wipfeln. Erstarrt
-in seiner Armut lag Albano, ein Haufen bröckelnden Gesteines,
-Ariccia, etwas heller auf der Höhe, Genzano,
-leicht von safrangelbem Schimmer überflogen&nbsp;.. erblindet
-aber, leblos, im schwarzen Grunde fiebernd, der
-Nemi-See. Ob die Mittagsonne goldne Nägel in das
-Blei des brütenden Gewässers schlägt, ob Abendblau von
-allen Hügeln fließt, ob Veilchenpurpur aus dunstigen
-Sonnenuntergängen fliegt wie nun, da wir im Garten der
-Villa Cesarini standen und in die Tiefe sahen: immer
-wohnt hier der Tod. Schrecklich ist dieses Wasser, ohne
-Frische, ohne Atemzüge, leblos von der erschütterten
-Flanke eines Kraters aus vergiftetem Grunde heraufgespült.
-Es ist kein Friede über dieser Landschaft. Hier ist
-nichts ausgeruht und nichts voll Wonne an die Abendkühle
-hingegeben. Hier ist nur Tod, metallener Tod:
-Stahl die Berge, Messing und Kupfer der Himmel, Quecksilber
-die Flut.</p>
-
-<p>Axel trat von der Mauerbrüstung zurück. In seinen
-Zügen lag eine Abwehr wie von bitter Gekautem:</p>
-
-<p>»Ich hasse dieses Gewässer. Es graut mich vor allem,
-was krank und verdorben ist. Ich bin lüstern nach dem,
-was strahlt und weht«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Im Brande der Campagna fuhren wir Rom entgegen.
-Hinter dem Wagen wogte die rote Wolke des Staubes,
-die Lüfte glühten wie Pechnelkenbeete. Wir flogen dahin,
-vorbei an flammenden Herden, an flammenden Brunnen,
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-an blutigen Tümpeln und blutigen Mauern, an entzündeten
-Gehöften und Brückenbögen, an ausgeglühten
-Wasserleitungen und halbverkohlten Pinien&nbsp;.. mitten
-hinein in die lichtgrünen Golfe über den Dächern der
-Stadt, in den beruhigenden Hafen hinter den langezognen
-Sandbänken aus Rosa und Heliotrop.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Axel war gekommen, um mit mir auszufahren.</p>
-
-<p>Ich war gerade aus dem Sabinergebirge zurückgekehrt,
-wo ich ausländische Freunde auf ihrem Landgute besucht
-hatte.</p>
-
-<p>Ihr Haus lag auf einem kleinen Hügel unter hohen
-Ulmenbäumen, in Feld und Garten standen Kastanien,
-Steineichen und Birken. Ich hatte weiße Wolkenberge
-über blaugrünen Bergrücken aufsteigen sehen, ich hatte
-schäumende Waldbäche rauschen hören. In allen Gärten
-längs des Weges hatten Löwenmäuler und Lilien geblüht,
-Federnelken und Moosrosen. Geruch von Wiesentriften
-und kühlem Moosboden war mir an jeder Wende der
-Straße entgegengeschlagen, und nur die hellbraunen Bergkuppen,
-wo über Ginsterfeuern die nackten kleinen Städte
-wuchsen, hatten immer wieder daran erinnert, daß dies
-römisches Land war.</p>
-
-<p>Ich war bis nach dem steilen Subiaco hinaufgefahren,
-um die berühmten Klöster zu sehen und hatte lange in dem
-wildblühenden Säulenhof von Santa Scolastica gesessen,
-während mir ein Mönch die Geschichte der Heiligen erzählte.
-Noch länger aber hatte ich auf dem heißen Grasweg
-geruht, bei Glockenblumen und Löwenzahn, und
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-das unersättliche Auge am Wechsel der Wolkenschatten
-auf den Hügeln vollgesogen. Im Wehen des Windes war
-das Rauschen der Aniowellen zu mir herufgeklungen,
-und einmal hatten raschverwehte Glockenklänge den
-Weg durch die glänzenden Lüfte bis zu meinem Ohr gefunden.
-Um mich her weideten braune Füllen, junge
-Esel waren an einem Olivenbaum festgebunden und
-fraßen an dem kurzen, harten Gras. Kinder standen im
-Kreise um mich her, seltsam still und ernst. Als ich bergab
-stieg, folgten sie mir scheu bis zu dem Wagen, der an
-der schattigen Landstraße wartete.</p>
-
-<p>Am Abend aber nahm mich das Haus der Freunde auf,
-gefüllt vom Zauber des ländlichen Sonntags und tief
-in Ströme reinen Abendgoldes eingetaucht. Alle Gespräche
-waren heiter und leicht beim gemeinsamen
-Mahl. Der Wein des Landes duftete aus flachen Gläsern,
-Risotto, Maccaroni und Fleisch von Hühnern dampften
-auf den Schüsseln, Kirschen und Nespeln lagen im geflochtenen
-Bastkorb. Dann kam der starke schwarze
-Kaffee, der blaue Rauch der schweren Zigarren und die
-Vertiefung des Gespräches. Und alles löste sich am Ende
-auf in der silbernen Sonate von Scarlatti, die aus den
-dünnen, eingeschlafenen Saiten aufstieg. Es war spät geworden.
-Die Sterne standen im offnen Fenster, die Birkenwipfel
-fingen an, sich im Nachtwind zu regen, Leuchtkäfer
-flogen &ndash; Tausende von grünen Funken &ndash; im Dunkel
-duftender Rosmarinsträucher, und mitten in das Rieseln
-und Lachen der Alegrettoläufe fiel lautes Schluchzen
-träumender Nachtigallen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Dies alles hatte ich erzählt, während Axel einige welke
-Blätter aus einem Kamelienstrauß entfernte und eine
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-Blüte in das Knopfloch steckte. Er setzte sich auf das
-Fensterbrett und fragte:</p>
-
-<p>»Wollen Sie wirklich morgen reisen?«</p>
-
-<p>»Bestimmt. Ich fahre am Nachmittag nach Neapel und
-nehme abends den Dampfer nach Palermo.«</p>
-
-<p>»Ich verstehe Sie und verstehe Sie doch nicht. Es liegt soviel
-Grausamkeit in der Art Ihrer Beschlüsse&nbsp;..«</p>
-
-<p>Es wurde an die Türe geklopft. Man meldete, daß der
-Wagen bereit stehe.</p>
-
-<p>Wir fuhren nach den Thermen, um noch einmal zusammen
-den Epheben von Subiaco zu sehen. Ich kenne keinen
-Torso, der mich tiefer ergreift. Kopf und Hände fehlen
-&ndash; der Leib allein offenbart die grenzenlose Leidenschaft,
-das inbrünstige Hinverlangen nach dem ersehnten
-Ziel. Der Marmor blüht in dunkelgoldner Fülle, die
-Poren atmen warm und gesund, die Lust des Tieres und
-die stille Beseelung des ganz von einer inneren Sehnsucht
-ergriffenen Menschen ist in dem Rhythmus der stürmischen
-Bewegung vermengt, die um so tiefer hinreißt, je
-weniger sie bedingt gedeutet werden kann.</p>
-
-<p>Axels Hände lagen auf den Hüften der Statue.</p>
-
-<p>»Ich kann nicht anders, sagte er leise. Ich muß berühren,
-was ich liebe. Mit meinen Fingerspitzen muß ich fühlen,
-was ich besitzen will. Ich bin wie Kinder und Blinde, die
-erst im Tasten ganz erkennen.«</p>
-
-<p>Niemals mehr werde ich diese schmale, starke Hand
-mit den flammenden Smaragdringen auf dem stummdurchglühten
-Stein vergessen.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Der Schattenweg, der zu Santa Sabina hinaufführt, nahm
-uns in seine hohen Mauern auf. Wir gingen langsam in
-den breiten Windungen empor. Kaum war etwas Grünes
-zu sehen: eine kurze Rasenböschung zur Rechten, verdorrt
-und staubig, sonst nichts als brauner Stein und
-blaue Luft&nbsp;.. später eine Baumpflanzung, ein freier Platz,
-unsäglich einsam, mit kurzem Gras bewachsen, und zwischen
-vier korinthischen Säulen der Eingang zu der alten
-christlichen Basilika. Hier weht im Schwung der schönen
-Halbkreise, die dem Raum jugendliche Belebung und
-das Maß der klaren Mitte schenken, die einfach-freie
-Seele des antiken Tempels. Das ganze Gotteshaus ist
-Frühling. Über seinen Dächern müßten blühende Kirschbaumäste
-schwanken, durch die offenen Fenster müßte
-ihr süßer Rauch statt Weihrauches wehen, wenn die Kerzen
-der Frühmesse am Altare flammen. Bienen müßten
-im Mittag zwischen den weißen Kelchen schwirren, und
-Schwalben, die leichten Schwalben des Aventin, sich
-über dem Abendgesang der Kinder wiegen.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Wenige Schritte von Santa Sabina liegt die Villa der Maltheserritter.</p>
-
-<p>Eine Pförtnerin öffnete das Tor.</p>
-
-<p>Wir schritten entblößten Hauptes den tiefen, von dunklem
-Laub gewölbten Gartenweg hinab zur goldnen
-Lichtung, in der Sankt Peters ewige Kuppel stand.</p>
-
-<p>Abwehrend liegt das Priorat des großen Ordens am steilsten
-Abhang des Aventin. Sein Garten steigt zwischen
-dichten Mauern in kleinen Terrassen die Böschung hinunter
-<a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-und öffnet seinen stillen, grünen Schoß der Abendsonne.
-Alles in diesen Laubgängen, in diesen Blumenbeeten
-deutet auf Abend, auf Frieden und Entlastung,
-auf lange, klare Gespräche, auf Sammlung und Traum.
-Wenig Fremde kommen hierher: wenige wissen von dem
-Geist, der hier um Baum und Blume schwebt, von der
-stillen Heiligkeit, die kaum ein ungebetener Schritt stört.
-Wer hierher geht, weiß im voraus, wo er ist. Und was er
-erwartet, fließt aus dem Einklang seiner Seele mit der
-Seele des Bodens, auf dem er wandelt: Wie tief ist das
-Gefangensein im Dämmer dieser Hecken, im Sonnenlicht,
-das um die alten Steinbänke spielt. In einem kleinen
-Brunnen singt der scheue, silberne Strahl Rosen und
-Schwertlilien das nie verstummende Lied, so zart-erinnerungsvoll
-im windverwehten Fall der Töne wie das
-Flötenlied eines Hirtenknaben hinter verlorenen Halden.
-Aber die schwache Melodie überschwebt nur den tiefer
-wogenden Gesang, den sie im Ohr des Lauschers weckt:
-Hymne der Liebe, welche den großen Gedanken im Herzen
-erregt und die große Tat.</p>
-
-<p>Arm in Arm wandeln die wieder erwachten Schatten der
-Ritter die stillen Pfade herauf: La Valette und der Marquis
-von Posa, St.&nbsp;Priest und Créqui, die Helden von
-St.&nbsp;Elmo. Malta steigt auf, steinern und rosa aus dem
-Email des Meeres gegen den Himmel getürmt, lodernd
-wie der Glaube seiner Hüter.</p>
-
-<p>Da fällt das Heimweh über dich: das namenlose uralte
-Heimweh des Vaterlandslosen nach seinem Vaterland:
-nach den Reichen des Geistes, der dich selbst beseelt
-und mit den Widerständen einer entgötterten Zeit ringt.
-Du weißt es, daß Tausende wie du im Dunkel glühn und
-<a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-leiden, du weißt es, daß tausend Sehnsuchten, der deinen
-gleich, die helfend-verbündete Sehnsucht suchen,
-daß ein Wille nach Zusammenschluß in all diesen Zerstreuten
-lebt, die einzeln unfruchtbar, als Ganzes eine unbesiegbar
-schöne Macht bedeuten müßten. Wenn einer
-käme, vom gleichen Geist erfüllt, zum Herrschen geboren
-und zum Wirken berufen, und seine Stimme zur
-Sammlung durch alle Länder schickte, Befreiung und
-Schönheit eines klaren, einfachen Lebens verkündend:
-wenn die Gefesselten sich um ihn scharten: so könnte
-ein Sturmwind durch die verängstete Menschheit fahren,
-forttreiben, was im Innern krank und verkrüppelt lebt
-und reinigen, was in verfaulter Luft geatmet hat. Wenn
-ein solcher käme und schüfe wieder Gleichgewicht! Setzte
-den Leib als unbedingtes schönes Maß und gäbe dem
-Geist die Herrschaft in der vorgeschriebenen Umgrenzung&nbsp;..
-vertiefte die Irdischkeit und ließe das Feuer des
-schöpferischen Willens das Wirkliche so rein durchglühen,
-daß in der einfachsten menschlichen Tat die
-Gottheit fühlbar würde und Gestalt annähme! Wenn sich
-ein Orden derer formte, die das große Beispiel gäben:
-die aus der Arbeit an sich selber den Glauben an ihre
-Fruchtbarkeit nähmen, und dem Geiste getreu lebten,
-der nur dem Werk und nie dem Wirkenden dient!</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_103"> </a>
-NEAPEL&nbsp;/ ÜBERFAHRT NACH SIZILIEN</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-<b>N</b>eapel: Stadt voll ewiger Gegenwart, hellblau- und
-goldene Bewegung, Wehen von tausend bunten Tüchern
-im Winde, göttlicher Schmutz und göttliche Faulheit,
-Volk, nichts als Volk, frech und bescheiden zugleich,
-stolz und anschmiegsam, verdorben und harmlos, bezaubernd
-betrügerisch, maßlos in seiner Freude am Geld,
-sinnlich und wundervoll schamlos, ganz Körper, ganz
-Lust, ein Volk, in dessen Leben du gleitest, ohne zu wissen
-wie. Das ist nicht mehr das bewußte Hinabgehen zu den
-kleinen Leuten wie in Rom, das Aufsuchen ihrer Stadtviertel
-und ihrer Schenken: wo du gehst, wo du nur
-einen Augenblick verweilst, bist du mitten unter ihnen.
-Sie laufen dir nach, sie schreien dir zu, sie winken, sie
-bieten tausend verlockende Dinge an, Katzen und Hunde,
-Vögel, Blumen, Dirnen, Kuchen, Karten, Knaben, Eis,
-Zuckerwasser, Kastanien, eine Ziege&nbsp;.. Wenn du nur
-ahnen läßt, es könne dich irgendeine dieser Anpreisungen
-locken, bist du verloren. Du kannst nicht weitergehen,
-sie rühren dich an, der Hauch ihres schreienden Mundes
-streift dein Gesicht, die Flamme ihrer Augen lodert dicht
-vor deinen Augen, ihre Stimme wird bittend, einschmeichelnd,
-listig und überzeugend, die Hände helfen der
-Stimme nach, sie schließen sich in den Fingerspitzen am
-Mund, sie öffnen sich wieder, wenn sie ein leidenschaftliches
-Ecco begleiten. Erst wenn du die Redenden durch
-eine unerschütterliche Ruhe fühlen lässet, daß du längst
-dies alles kennst, wenn du nur lächelst und sie mitlaufen
-läßt, so lange sie wollen, ohne ein Wort des Unwillens
-(warum auch Unwillen?), bleiben sie langsam zurück.
-Aber einer oder zwei werden dir dennoch weiter folgen,
-vielleicht in einiger Entfernung und ganz voll neuer Angriffspläne.
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-Sie warten, wenn du in ein Haus trittst, bis
-du wieder herauskommst, sie werden sich auf den Treppen
-herumtreiben und Würfel spielen. Nimmst du einen
-Wagen, so kann es leicht geschehen, daß sie auf dem
-Trittbrett mitfahren. Laß sie ruhig da stehen. Es ist ja
-so schön, in ihre verbrannten, verwahrlosten Gesichter
-zu schauen, denen kein Schmutz das Leuchten und das
-knabenhafte Gaunertum nehmen kann. Laß sie immer
-wieder bitten und betteln: Der Tonfall ihrer Sprache ist
-das Lied, das deine Fahrt begleitet. Sag ihnen, sie sollen
-sich auf den Boden des Wagens setzen, zünde dir eine
-Zigarette an und reiche ihnen wie einem Signore das
-Etui: Du wirst erstaunt sein, wie zurückhaltend-liebenswürdig
-sie sich eine Zigarette nehmen, die kleinste, die
-zerdrückteste&nbsp;.. frage sie dann nach ihren Eltern, nach
-ihren Geschwistern, nach dem Gehen und Kommen der
-großen Dampfer (sie wissen genau die Namen und den
-Fahrplan, denn der Hafen ist seit ihrer frühesten Kindheit
-ihr Leben)&nbsp;.. frage sie nach ihren Vergnügungen
-und ihren Plänen: und du wirst so reizend plaudern wie
-mit deinesgleichen, sie werden ganz im leichten Ton
-deiner Frage antworten, höflich und sicher. Sie werden
-vergessen, daß sie irgend etwas von dir wollten, sie fahren
-ja spazieren, sie rauchen, und sie machen eine Unterhaltung
-mit einem Signore. Gehst du vielleicht zu deinen
-Bronzen oder Marmorstatuen und bist geneigt, ein Äußerstes
-zu tun, so nimm sie mit, wenn sie schön genug sind.
-Lasse sie neben dir die Wehmut des Antinous betrachten,
-und die Herbheit des Doryphoros, den ruhenden Hermes
-und die Nike im Flug. Sieh, wie ihr Auge diese Schönheit
-liebkost, wie sie sich in das Leben dieser Statuen
-<a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-hineinlehnen, das ihnen wirklich lebt und nicht erstarrt
-ist&nbsp;.. ja sieh, wie ihre Haltung unwillkürlich nachahmt,
-was sie sehen, wie sie zu lauschen scheinen mit Narziß-Dionysos
-und nachsinnen mit dem feinen, gedankenvollen
-Antlitz des athenischen Epheben. Gewiß: sie fassen
-nicht die Seele, nicht den inneren Sinn dieser Werke:
-aber sie spüren an sich die ganze unbewußte Macht der
-künstlerischen Schöpfung, die ihnen Liebe und Ehrfurcht
-erweckt. Sie fühlen, daß diese Werke unantastbar sind,
-jenseits von allem, was der Tag ihrem einfachen Augenblicksleben
-zuträgt, und sie ehren die Gottheit, indem
-sie das Göttliche bewundern.</p>
-
-<p>Dieses Volk von Neapel ist noch das einzige, in dem du
-die griechische Seele auf römischer Erde findest. Noch
-lebt &ndash; von keiner Mischung des Blutes erdrückt &ndash; das
-Erbe der hellenischen Siedler in diesen Menschen. Es lebt
-die Leichtigkeit der Einfühlung, die unbeschreibliche
-Bewegung von Geist und Sinnlichkeit, die sie so süß-unwiderstehlich
-macht, selbst da, wo schon Zerfall und
-Entartung sichtbar werden.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Nun war ich zum erstenmal am Abend in Neapel angekommen
-und hatte mich geradeswegs zum Hafen hinunterfahren
-lassen, um mich noch vor der Dunkelheit
-einzuschiffen. Ich wußte, daß ich mir selbst Gewalt antat,
-als ich so rasch und fast geschlossnen Auges die geliebten
-Straßen durchfuhr. An jeder Ecke winkte Erinnerung,
-und ich wäre fast umgekehrt, als ich, umringt
-von rufenden Männern und Frauen, dicht bei der Villa
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-del Popolo, an der Immacolatella Nuova ausstieg. Schon
-ehe ich den Wagen verließ, war ein brauner Kerl auf das
-Trittbrett gesprungen und hatte mir lachend die Hand gereicht:
-er kenne mich wieder, er habe im vorigen Jahre
-mein Gepäck auf den Morgendampfer nach Capri gefahren,
-unten, bei Santa Lucia. Ein Schwall von Fragen
-stürzte dann über mich, auf die ich nicht eine einzige Antwort
-gab. Andere Träger wollten sich inzwischen über
-meine Koffer hermachen. Drohend und fluchend wies sie
-der zuerst Gekommene zurück, indem er die Lüge zu
-Hilfe nahm: er kenne mich sehr gut, ich habe ihm meine
-Ankunft gemeldet. Er ganz allein habe sich um meine Sachen
-zu kümmern, niemand sonst. Und aufgeregt das
-feuchte, erhitzte Gesicht mir zuwendend: »Non è vero?
-Signore? Signore! non dico la verità?« Ich nickte nur mit
-dem Kopf und klopfte ihm mit der Hand auf die Schulter.
-»Verissimo! Andate!«&nbsp;.. Der Streit war geschlichtet,
-es gab keine Widersprüche mehr. Das Gepäck wurde zusammengebunden,
-aufgestapelt und blieb am Ufer stehen,
-bis eine kleine Barke frei wurde, die mich zum Dampfer
-nach Palermo übersetzen konnte. Die Menge war ganz
-dicht an mich herangetreten. Kinder &ndash; irgendein Menschliches
-in prachtvollen Lumpen &ndash; kletterten über die
-großen Koffer und sprangen von oben in den Staub herunter.
-Weiber in halboffnen Blusen und schleifenden
-Röcken, die Arme über den tiefen Brüsten gekreuzt, versuchten
-die Namen der vielen bunten Plakate zu entziffern,
-ein alter Mann befühlte meinen Mantel und fragte
-nach dem Namen des Stoffes, und wie ein Luchs umschlich
-ein gelblicher Flegel von vielleicht zwölf Jahren
-die Schirmhülle, aus der die goldne Krücke eines Stockes
-<a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-herausschaute. Ein Hauch von Teer und Öl wechselte
-mit dem Fäulnisduft der schmutziggrünen Hafenpfütze.
-Die Sonne war im Sinken, die verwischten Schatten verkündeten,
-daß sie in Dünsten unterging.</p>
-
-<p>Es war schwül, unendlich schwül.</p>
-
-<p>Wir fuhren über. Der Dampfer lag weit draußen, weiter
-als gewöhnlich, da Schiff an Schiff sich in dem Hafenbecken
-drängte und kaum eine ruhige Anfahrt zu finden
-war. Die Wellen gingen hoch, die offne See hatte harten,
-stahlblauen Glanz.</p>
-
-<p>Man hatte mir eine Kabine auf Deck gegeben, luftig, breit
-und rein.</p>
-
-<p>Ich kam mit dem Kapitän ins Gespräch. Er schaute nach
-einem großen Dampfer, der dicht neben uns lag. Hunderte
-von Soldaten standen an Backbord und sahen nach
-dem Land zurück.</p>
-
-<p>»Sie gehen in den Krieg nach Tripolis,« sagte der Kapitän.
-Ich war erstaunt über die Traurigkeit seiner Stimme und
-sah ihn an.</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln:</p>
-
-<p>»Wer weiß, wie viele zurückkommen? Es mag ja sein,
-daß dieser Krieg für unser Land notwendig war: ob er
-sich lohnt, ist eine andere Frage, von der das Volk nichts
-weiß. Es fließt viel Blut, und es wird viel gelitten. Sand,
-Wüste, Krankheit und die Wut der Barbaren. Wir
-kämpfen schon so lange und sehen so wenig großen
-Erfolg&nbsp;..«</p>
-
-<p>Er winkte einigen Soldaten, die vom hohen Rand ihres
-Schiffes zu uns niederschauten. Sie winkten wieder. Ihre
-Gesichter waren ernst, still und unbewegt, angespannt
-in verborgener Erregung.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-Plötzlich kam ein Zittern in den Rumpf des Kriegsschiffes,
-ein dickes, schwarzes Tau fiel aufklatschend ins Meer,
-dichter Wogenschaum schoß weiß um den Bug&nbsp;.. dann
-abermals ein Zittern, stärker und leise dröhnend&nbsp;.. Schon
-ward die Drehung fühlbar&nbsp;.. Tücher wehten vom Uferrand,
-wo das Schreien der Menge verstummte, Tücher
-wehten vom Schiff zurück&nbsp;.. die Soldaten standen entblößten
-Hauptes, die Augen unverwandt auf die Küste
-richtend. Jeder Mensch, der in diesem Augenblick im
-Hafen war, fühlte, daß noch irgend etwas kommen mußte,
-das die entsetzliche Spannung löste, ein Aufschreien oder
-Aufjubeln, ein Rufen oder eine laut einfallende Musik,
-die die Qual dieser langsamen Loslösung in ihren Strudel
-riß: Nichts von allem kam. Aber wie von unsichtbaren
-Lippen begonnen, von hundert unsichtbaren Lippen aufgenommen
-und weitergeführt, schwebte mit einem Male
-dunkler Gesang in der dunkelnden Luft: kein Kriegslied,
-keine Landeshymne: nur das unaussprechliche:</p>
-
-<p class="ce">Addio Napoli&nbsp;..</p>
-
-<p>Der Abend war trüb und schwül, die Häuser verschwammen
-schon in leichten Schatten: Da war es über sie gekommen,
-dies Unbeschreibliche, das selbst der Fremde
-spürt, dies Wehe, Hinsterbende des Abschieds, wie es
-nur die eine, unsterbliche Melodie zu sagen weiß. Und
-sie hatten der Stadt gegeben, was jeder Scheidende ihr
-gibt.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Ich saß am äußersten Ende des Schiffes und sah auf die
-dämmernde Stadt. Meine Augen suchten aus dem Gewühl
-der Häuser loszulösen, was sie noch erkennen
-konnten. In dem leichten Dunst hatten sich Raum und
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-Höhe verschoben, nur was vom Sonnenuntergang noch
-einen Schein auffing, war körperhaft und deutlich. Meine
-Augen ruhten lange auf dem schlanken Turm von Santa
-Maria del Carmine, und Konradins Andenken wurde
-wach. Sein armer, geschändeter Körper liegt dort begraben,
-unter dem Denkmal, das die Liebe des bayrischen
-Königs ihm errichtet hat. Nicht weit von der Kirche ist
-der Marktplatz, wo sein und seines Freundes Haupt fiel.
-An den Bäumen der Villa del Popolo wurden mildere
-Gedanken wach. Erinnerungen an warme, helle Abendstunden,
-als ich mit Bettlern, Viehtreibern, Kesselflickern,
-Straßenkehrern, Dirnen und alten Vetteln dem Vorleser
-lauschte, der das Schicksal des Grafen von Monte-Christo
-erzählte. O wundervoll zufriedenes und bescheidenes
-Volk. Wer sie so sitzen sah, so stehn, so liegen, so
-ganz in die Wunder der erdichteten Welt gebannt, eine
-Orange schälend oder an klebenden Datteln kauend und
-die Kerne weit im Bogen von sich spuckend&nbsp;.. wer ihren
-Schmutz so überstrahlt von innerer Einfalt sah, von
-einem Träumen, das nie den Neid kannte: der muß sie
-lieben, muß sie fast beneiden, die ganz am Boden leben,
-und doch so gern, so leidenschaftlich leben.</p>
-
-<p>Meine Blicke wanderten im Halbkreis weiter bis zur
-Höhe von San Martino hinauf. Gitarren- und Zitherklänge
-wehten aus dem Dunkel weitgeöffneter Türen.
-Hier und da glomm schon ein Licht in hohen Zimmern
-auf. Ein später Dudelsackpfeifer ward einen Augenblick
-an einer nahen Straßenecke sichtbar und verschwand im
-Verhallen der Töne. Ganz fern erschienen über den dünnen
-Eisenstäben eines schwebenden Balkons die Köpfe
-zweier Ziegen. Die hellblaue Gestalt einer Frau ward
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-neben den Tieren sichtbar. Sie ließ sich auf einem Schemel
-nieder und begann zu melken. &ndash; Über der nördlichen
-Stadt schloß sich der Himmel langsam wieder auf, weiße,
-flache Dächer fingen noch einmal an zu leuchten, Palmenwipfel
-zückten ihre schwarzen Spitzen in die safrangelbe
-Helle. Die Häusermassen rückten steilgeschichtet zusammen,
-was eben noch gedehnt-verwischt erschien, wurde
-eng und deutlich. Hügel kamen aus geöffneten Himmeln,
-lila und mildgewölbt. Villen blinkten auf. Der Seewind
-strich kühl über die Flanken des fliehenden Schiffes. Wir
-waren schon unter dem letzten Leuchtturm am Molo
-San Vincenzo. In einer plötzlichen Wendung nahm das
-Schiff südlichen Kurs. Eine Schelle rief zum Abendessen.
-Ich saß noch immer, in meinen Mantel gehüllt, allein am
-zitternden Steuerbord, ganz hingegeben an die ununterbrochene
-Verwandlung der weichenden Stadt. Mit jedem
-Wellenschlag sank sie mehr in sich selbst zurück&nbsp;.. mit
-jedem Wellenschlag entfaltete sie weiter den Kranz ihrer
-Hügel und die langen, glitzernden Schnüre ihrer Hafenlichter,
-von Santa Maria del Carmine über das Ufer von
-Santa Lucia bis an den Fuß des Posilipp. Schwarz-verschwommen
-tauchten noch einmal die Baumkronen
-der Villa Nazionale auf, glühende, selige Nachmittage
-weckend: Gewühl und Duft von weißen, dünnen Kleidern,
-lautes Lachen, Wogen vermischter Parfüme,
-Schwirren von Geigen im warmen Wind, Klirren von
-Tassen und Tellern, Aufleuchten der grünen, gelben,
-roten Getränke in den schlanken und flachen Gläsern,
-grüne, gelbe, rote, violette, weiße, blaue Flecken und
-Tupfen von hundert aufgespannten Sonnenschirmen &ndash;
-und nah, zum Greifen nah, das hochansteigende Meer voll
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-wiegender Barken&nbsp;.. das blaue, kristallene Meer, endlos&nbsp;..
-endlos&nbsp;..</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Ich ließ mein Essen an einem kleinen Tische auftragen, abseits
-von der großen Tafel, und schaute durch die offnen
-Luken auf die bewegte See. Die Wogen überschlugen sich
-rasch in schwarzem Glänzen, ganz in der Ferne hoben sich
-lange, weiße Kämme. Die ersten Sterne warfen ihr silbergrünes
-Licht in den letzten, rostigen Brand des Horizontes.
-Man fühlte, daß die Nacht kühl und klar sein würde.
-Es waren nicht mehr als fünfzehn Reisende im Speisesaal.
-Fast niemand sprach. Keiner kannte den andern.</p>
-
-<p>Auf Deck erklang eine Mandoline. Eine tiefe Stimme fiel
-ein. Ich konnte die Worte nicht verstehen. Die Melodie
-hatte ich einmal auf Ischia gehört. Das Lied verstummte.
-Ein anderes Vorspiel begann, eine hellere, jüngere Stimme
-nahm den Gesang auf. Im Saal schloß einer das Fenster,
-ein dünner Sprühregen war über Tische und Sessel gefallen.
-Das Meer warf stärkere Wellen, die Schaumränder
-verzischten breiter und leuchtender. Das grüne Blitzen der
-Sterne wurde rosa auf dunkelgrauem, seidnem Grund.</p>
-
-<p>Ich ging auf das Deck zurück, nach vorne, wo die Matrosen
-saßen. Sie grüßten. Einer stand auf und bot mir
-seinen Platz an. Ich dankte und setzte mich auf eine
-kleine Holztreppe mitten unter sie.</p>
-
-<p>»Wir werden rauhes Meer bekommen?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr. Wenn wir an Capri vorbei sind, wird sich
-der Wogengang ausgleichen. Es ist immer im Golf bewegter
-als draußen.«</p>
-
-<p>»Es fahren wenig Leute um diese Zeit.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-»Fast keiner mehr. Es ist zu heiß.«</p>
-
-<p>»Seid ihr Napolitaner?«</p>
-
-<p>»Die beiden dort. Der hier ist aus Trapani, ich selbst aus
-Messina.«</p>
-
-<p>»Waren Sie während des Erdbebens in der Stadt?«</p>
-
-<p>»Nein, Herr. Ich war auf einem Handelsschiff in Malta.
-Als ich zurückkam, waren meine Eltern tot. Mein Bruder
-starb am gleichen Tag im Krankenhause. Seitdem bin ich
-nicht mehr in der Stadt gewesen. Ich fahre zwischen
-Neapel und Tunis. Aber nur noch in diesem Jahre. Dann
-gehe ich fort. Weit fort. Nach Südamerika. Ich habe
-hier nichts mehr zu suchen. Ich gehe auf die Farm meines
-Bruders. Ich verdiene dort viermal so viel Geld als hier
-und habe ein gutes Leben.«</p>
-
-<p>»Werden Sie den Wechsel ohne weiteres ertragen? Man
-sagt, wer sich an das Meer gewöhnt hat, kann nur
-schlecht am Lande leben.«</p>
-
-<p>»Ich glaube, Herr, man kann alles ertragen&nbsp;..«</p>
-
-<p>Der aus Trapani fing an, auf einer Harmonika zu spielen&nbsp;..
-ein fremdartiges Lied, das an das jüdische Kol Nidrei
-erinnerte. Die anderen summten leise mit. Ich stieg die
-Treppe empor und sah in die Weite. Unmittelbar vor
-uns lag Capri, schwarz und verschlossen. Nur wenige
-Laternen im Hafen warfen gelbes Licht. Hart an der
-höchsten Gipfelkante stand eine Wolke, auf deren Rand
-von unten Mondlicht fiel.</p>
-
-<p>»Sie kennen Capri?« fragte der aus Messina, der mir gefolgt
-war.</p>
-
-<p>»Ich kenne es gut.«</p>
-
-<p>Schon schwand der Hafen hinter der Punta Vitara. Genau
-vor uns auf der Höhe mußte Anacapri liegen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-»Wie oft bin ich dort oben spät am Abend gegangen,
-um das Schiff nach Palermo vorüberfahren zu sehen!
-Wie oft habe ich mir gewünscht, mitzufahren.«</p>
-
-<p>»Sie gehen zum erstenmal nach Sizilien?«</p>
-
-<p>»Zum allererstenmal.«</p>
-
-<p>Nun fuhren wir um das Nordwestkap der Insel. Die letzten
-Lichter loschen. Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren
-Mondes dämmerten die grauen Ölbaumhänge
-auf. Dann kam noch einmal dünnes Licht aus kleinen
-Bauernhäusern und losch im selben Augenblick. Im Wasser
-zog plötzlich ein heller, silberner Streifen, zuckte auf,
-verschwand, kam wieder, nun schon ein rieselnder Bach,
-ging nochmals unter und tauchte wieder auf als eine weiche,
-bläulichweiße Flut. Zu unsrer Linken stand die zunehmende
-Sichel des Mondes, gegen das Meer hinabgeneigt.</p>
-
-<p>So fuhren wir auf kühlem Silber in die Tiefe der Nacht.</p>
-
-<p>Lange noch lag ich wach in meinem Bett. Das Schiff ging
-still, in leichtem, einschläferndem Schüttern. Der Gesang
-der Matrosen klang leise nach&nbsp;.. ein dunkles, summendes
-Wiegen&nbsp;.. durch den Vorhang des offnen Fensters.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Irgend ein Geräusch hatte mich geweckt. Ich mußte mich
-einen Augenblick lang besinnen, wo ich war. Da rief
-die Stimme wieder vor dem Vorhang:</p>
-
-<p>»Signore! Signore! l'Isola! l'Isola!«</p>
-
-<p>Und gleich darauf wurde der Kopf des Matrosen aus
-Messina sichtbar.</p>
-
-<p>»Buon giorno, Signore. Ecco la Sicilia!«</p>
-
-<p>Ich trat an die offne Luke. Silberner, sprühender Seewind
-<a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-schlug mir entgegen. Das Meer ging hoch und hellblau
-im ersten Gold der Frühe. Ich sah nichts als Meer.</p>
-
-<p>»Dove, dove? Non vedo!«</p>
-
-<p>Da faßte der Matrose meinen Kopf und drehte ihn nach
-links, so daß die Augen genau die Richtung seines Zeigefingers
-einhalten mußten.</p>
-
-<p>Und ich begann zu sehen: Ganz ferne, unwirklich aus
-grauem Weihrauch gewoben, von einem silbernen Seidenfaden
-eingefaßt, der erste Umriß der sizilischen Küste.
-Wenig später stand ich ganz vorn am Bug des Schiffes,
-mitten im Wehen, im Sprühen, im Rauschen und Knistern
-von Wind und Licht und Meer&nbsp;.. hingebannt&nbsp;.. hingerissen,
-in die aufstrahlende Ferne starrend, in der das
-Ziel so langer Liebe lag.</p>
-
-<p>Im Schiff war das Leben erwacht. Heizer und Arbeiter
-kamen auf Deck, Taue wurden gerollt, Segeltücher zusammengeschlagen,
-die Planken gewaschen. An den Fenstern
-der Kabinen klirrten die Messingringe der Vorhänge,
-verschlafene Gesichter schauten heraus und verschwanden
-wieder. Rinder brüllten in ihrem tiefen Gefängnis,
-ein Pferd fing an zu wiehern, Krane wurden aufgedreht
-und Kisten aus der Tiefe emporgeleiert, Gepäckstücke
-und Warenballen wurden aufgestapelt. Kinder liefen vom
-Zwischendeck unter die Matrosen und ließen sich an den
-Armen hochheben. Arme Frauen, die nach langer, trauriger
-Trennung die Heimat zum erstenmal wiedersahen, saßen
-am Boden und weinten still in ihre mageren Hände.</p>
-
-<p>Doch alles dies blieb schattenhaft gedämpft in meinem
-Rücken. Ich war nur Auge. Jede Sekunde brachte ein
-neues Licht, einen neuen Duft über der Ferne. Schon sah
-man Berg an Berg geschoben, nun übereinandergedrängt,
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-nun leicht gelöst, nun mit einem neuen Gipfel scheinbar
-verwachsen und gleich darauf wieder geschieden. Schon
-brach ein farbiger Schimmer durch die duftige Bläue der
-Hügel, bald lichtes Braun, bald bleiches Lila, bald silbernes
-Rosa. Dann kam ein Gelb dazu. Eine Sekunde
-lang zuckte ein harter Glanz auf: so wie wenn einer
-spiegelblanke goldne Platten im Lichte schüttelt &ndash; über
-einem steilen Grat zerriß ein Schleier: Purpurn tauchte
-der Fels in reines Enzianblau. Auf grauem Geröll flogen
-goldne Dünste zur Tiefe. Falte um Falte schloß sich auf,
-weich und gewölbt, von ewigmilder Luft geglättet, so
-wie der basaltene Block vom Meer. Brausend flog der
-Schaum unter dem schneidenden Kiel. Abermals fiel ein
-silbernes Gewebe: Da stand in roter Flamme der Pellegrino
-vor uns, Palermos Warte.</p>
-
-<p>Dann aber schwand das Vermögen, noch das einzelne
-nebeneinander zu unterscheiden. Häuser kamen, schneeweiß
-und elfenbeinern, mit blauen Schlagschatten an den
-kahlen Wänden, Fensterscheiben flammten. Türme und
-Kuppeln tauchten auf. Hafendämme, Schuppen, Lagergebäude
-schoben sich am Ufer nebeneinander&nbsp;.. Menschen
-standen an der Mole und winkten&nbsp;.. Wasserträger schrieen,
-betäubend, ohne Unterbrechung: Acquàa&nbsp;.. Acquàa&nbsp;..
-Weiße Sonne sprang vom weißen Gestein in das blendende
-Auge&nbsp;.. Die Hitze prasselte aus dem Lodern der
-Bläue, trotzdem es noch früh am Tage war&nbsp;.. Acquàa,
-schrie die unermüdliche Stimme&nbsp;.. Acquaàà&nbsp;..</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_119"> </a>
-PALERMO</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a>
-<b>P</b>alermo: Goldsprühende Garbe.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wie brennende Tücher schlug die Luft in mein Gesicht,
-als ich über die Schwelle des Gasthofs ins Freie
-trat. Zögernd gab sich der Körper, über Leib und Hüften
-ging ein kurzer, aufreizender Schauer&nbsp;.. die weißen
-Schuhe nahmen tastend das Pflaster, das Auge suchte
-die Milderung der satten Bläue, im Schreiten wurde der
-Seewind fühlbar, der vom Hafen heraufstrich. Das
-Meer lag unbewegt, ein riesiger Türkis im weißen Gold
-der Hafenfassung. Ich wandte mich in das Innere der
-Stadt.</p>
-
-<p>Wie leicht waren die Schritte, die keine Schwere des Vertrautseins
-hemmte, kein Ziel! Ich ging nur&nbsp;.. ohne Absicht,
-ohne Plan. Hier lockte eine Kuppel und dort eine
-Palme, das laue Halbdunkel einer gewundenen Straße
-lud zum Eintritt &ndash; und nach wenigen Minuten stand ich
-auf einem glühenden Steinplatz. Ich träumte vor den
-Auslagen der Juweliere &ndash; und suchte den Schutz des
-weißen Zeltdaches vor einem Café, um den Durst an
-einem herben Zitronengetränk zu stillen. Auf den besprengten
-Steinfliesen verdunstete das unermüdlich ausgegossene
-Wasser, hinter dem Gitter der gelbgrünen
-Papyrusstauden flogen die Schatten der Vorübergehenden
-auf und nieder.</p>
-
-<p>In hellem Strome flutete das morgendliche Leben durch
-die Hauptstraßen, hastig und schillernd bewegt, nur an
-der Kreuzung der Via Maqueda und des Corso ein wenig
-verlangsamt und oft aus seiner geraden Linie im Winkel
-zur Seite gelenkt. Die Menschen sind freundlich und zurückhaltend.
-Im bleichen Oval der Gesichter brennen
-die schwarzen Augen, über vielen Lippen liegt eine fremde,
-<a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a>
-nachsinnende Wehmut und verrät die Mischung arabischen
-Blutes.</p>
-
-<p>Ich ging bis gegen Mittag durch die eilige Menge und betrachtete
-die Züge der einzelnen. Viele waren schön und
-streng, sehr viele hart und gequält (an die spanische Zeit erinnernd),
-ein Zauber lag nur in denen, die an die morgenländische
-Heimat gemahnten. Hier war der Glanz der Augen
-verinnerlicht und oft in weicher, lässiger Sinnlichkeit
-verschleiert. Ich sah unmerklich feine Schatten unter den
-Lidern und Wimpern wie aus langen, schwarzen Seidenfäden
-über dem weiten, traurigen Schimmer der Pupille.</p>
-
-<p>Am Nachmittag blieb ich zu Hause. Wie in einem Märchenbuch
-las ich in der Geschichte des Geschlechtes
-Hauteville: in der Chronik der normännischen Könige.
-Erst gegen Abend, als wieder etwas Wind vom Meere
-heraufkam, ging ich in den Dom und ließ mich vor den
-Königsgräbern nieder. Kinder spielten im Sonnenglanz
-der Vorhalle bei roten Oleanderbäumen, im Innern der
-Kirche war es kühl und leer. Ganz leer. Nicht einer saß
-und betete. Die Helle des übergroßen Raumes lockt nicht
-zu gläubiger Versenkung. Nur aus den dunklen Porphyrsarkophagen
-weht noch der heilige Duft von Schmerz
-und Größe. Sie ruhen seitlich unter schwerem Baldachin.
-Ein eisernes Gitter umschließt sie alle: nur die Luft zwischen
-ihnen hält die Trennungen wach, die auch der Tod
-nicht überbrücken kann. Noch im Tode bleibt der Sohn
-vom Vater geschieden, die Gattin vom Gatten, der Schwiegersohn
-vom Schwiegervater: Mit Fluch beladen ruht
-Heinrich&nbsp;VI., vereinsamt und unglücklich seine Gemahlin
-Constanze, die Tochter des großen Roger und die Mutter
-des noch größeren Friedrich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Ich saß und schaute. Die Schatten stiegen auf, die meine
-Seele rief.</p>
-
-<p>»O Fremdling in der goldnen Abendluft, es kommen
-viele, die uns nicht rufen. Sie tasten mit teilnahmlosen
-Fingern an den dunkelroten Stein und sagen nur: Dies
-ist der Sarkophag, wo Roger schläft.</p>
-
-<p>Ich schlafe nicht. Ich liege überwach in der kalten Porphyrschale
-und lächle immer noch. Mein Leben war
-schön. Viel Sturm &ndash; und viele, viele Bläue. Ich liebte
-den großen Wind und das Ewig-Offne des Meeres. Ich
-liebte die Buntheit des Lebens. Sie galt mir mehr als ein
-fanatischer Gedanke: denn selbst im scheinbar Zwiespältigen
-sah ich das leuchtende Verbundensein.</p>
-
-<p>In meinen Gärten war Vergessen. Wie rieselten meine
-Brunnen leise und träumerisch in die Marmorschalen.
-Ich hatte Pfauen und Fasanen. Ich liebte Glanz. Ich liebte
-Überfluß. Ich liebte die Schönheit, und sie schalten mich
-einen Heiden. Ich liebte Gold. Und Frauen&nbsp;.. viele
-Frauen. Ich liebte die zarten Finger meiner Seidenweberinnen.
-Ich ging durch ihre Reihen und küßte ihr süßes
-Haar. Sie woben meiner Liebe die weichen Gewänder,
-und durchwirkten den Stoff mit Blumen und Heiligen,
-mit goldnen Adlern und korrallenfarbigen Reihern. Auf
-meinen Betten lagen ihre Schlafdecken und teilten meinem
-Schlummer so viele stumme Sehnsucht mit: Sie
-liebten mich. Sie woben ihre Liebe in die Ornamente.</p>
-
-<p>Wenn Fremde an meine Schwelle kamen, war ich voll
-Güte. Sie staunten über die Fülle meines Lebens: Ich
-lächelte und ließ sie Schmuck und Kleider als Andenken
-wählen. In ferne Länder trugen sie die Ehrengewänder
-und wurden unwissend meine Feinde, indem sie von der
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-Pracht meines Hofes Zeugnis gaben. Ein fanatischer
-Mönch &ndash; Bernhard von Clairvaux &ndash; predigte gegen das
-Sündhafte meines Lebens und gegen mein gestohlenes
-Königtum: mich habe nicht der rechte Papst gekrönt
-und meine Krone sei nicht von Gott. Ich lächelte nur.
-Meine Krone war von mir selbst und das Erbe meiner
-Väter. Meine Krone war mein Recht. Was konnte ich
-anderes sein als König? Da rief der Mönch zum Krieg.
-Mein Name war der Widerstand, an dem er seine Glut
-entfachte. Er zog im Land umher und predigte auf den
-Kanzeln. Das Volk stand offnen Mundes und nannte ihn
-einen Heiligen. Ein deutscher Kaiser ließ sich bereden
-und zog mit Papst und Prediger gegen mich. Die fremden
-Heere verwüsteten mein Land, Apuliens Städte
-flammten: Da faßte mich die Wut. Das Blut der skandinavischen
-Ahnen &ndash; zwiefach gebannt im fränkischen und
-arabischen Geist &ndash; quoll aus dem Abgrund auf. Ein
-Sturm- und Feuerwind fuhr ich die Fremden an. Mein
-Sohn fing mir den Papst. Ich aber gelobte dem Heiligen
-Vater Treue, nachdem er meine Krone gesegnet hatte.
-Der Krieg verschlang mein Geld: es war billiger, einem
-alten Mann &ndash; sofern er den Anstand gegen einen König
-zu wahren wußte &ndash; eine freundliche Gesinnung zu bewahren.
-Ich suchte nie den Krieg. Er ward mir aufgezwungen.
-Da ich ihn führen mußte, führte ich ihn mit
-Leidenschaft. Ich haßte das Halbe. Wie kann ein König
-Unvollkommenes lieben?&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Was aber war mein Los? fiel nun Constanzes Stimme
-ein. Ich wurde geboren, als du schon gestorben warst.
-Hätte ich nur einmal den Klang deiner Stimme vernommen,
-o Vater, nur eine leise Erinnerung an dich in meine
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-Jugend tragen können: so wäre ich weniger unglücklich
-geworden! O, wer begreift noch, was mein Leben war!
-Ich war eine Kaiserin und trug fünf Kronen &ndash; und ich
-wurde so voll Elend wie nicht die geringste meiner
-Dienerinnen: fremd am Hof des düsteren Bruders, fremd
-am Hof der traurigen Königin-Witwe und fremd &ndash; bis
-zum Erstarren fremd &ndash; als Gattin des Gemahls, der mich
-im eignen Blute traf und keine Schonung kannte, obwohl
-meine Lippen von Weinen gesprungen und meine
-Kniee von Beten wund waren. Die Schuld war mein, obwohl
-ich schuldlos war: ich war als eines großen Königs
-Tochter geboren und hatte dreißig Jahre im Dunkel gelebt.
-Nun winkte die Freiheit, die kaiserliche Höhe des
-Lebens, nach der meine Wünsche brannten. Die Krone
-winkte. Ach! Ich ging in mein Grab bei lebendem Leibe.
-Ich schlief &ndash; mißbrauchtes Werkzeug &ndash; auf dem Lager
-des Mannes, der mein Vaterland schändete. Ich gab ihm
-den Erben, indes er meines Neffen Tankred kleinen Sohn
-auf beiden Augen blenden ließ. Ich lag noch in den
-Wehen, im winterlichen Bergnest Jesi, als heimische
-Boten mir die Kunde brachten. O, wie der Haß in meinem
-mißhandelten Blute aufschoß! War nicht mein
-Sohn: im Schlafe hätte ich den Mörder erwürgt. Ein
-Fieber fraß ihn auf. Zu spät. Zu spät&nbsp;..«</p>
-
-<p>Und Friedrich sprach:</p>
-
-<p>»O dämpfe deine Stimme, arme Mutter. Klage nicht &ndash;
-und klage nicht mehr an. Wer Kronen trug, muß vor
-sich selber schweigen lernen. Auch der Tod darf seine
-Einsamkeit nicht mehr durchbrechen. Der Schmerz zu
-leben, ist unermeßlich groß. Wir haben es alle erfahren,
-und jedem blieb am Ende die gleiche Weisheit: daß wir
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-ein Spiel von tausend Schatten, undeutbar-unergründlich
-sind. Was sind unsere Siege, was sind unsere Niederlagen?
-Das Licht und das Dunkel, in dem unsere Kräfte
-zerflattern. Vielleicht hat nichts zu verlieren, wer nie gelebt
-hat: Doch wer geboren ist, muß fühlen, daß ihm das
-Schicksal die Erde bestimmt hat. So gab ich mich hin an
-die Weihe des Lebens, groß und voll irdischer Leidenschaft:
-und ging meine Wege, die meine Zeit mir gezeichnet.
-Ich liebte den Frieden und war ein Träumer,
-ganz voll Schönheit. In meiner Sehnsucht war nichts von
-Krieg. Krieg ward mir aufgezwungen. Ein großer Fürst
-hat keine Wahl. Süße, stille Oasen im Brennen der Wüste
-waren die wenigen Friedensjahre meiner Herrschaft&nbsp;..
-immer seltner und karger, jemehr die Zahl meiner Jahre
-sich häufte. Ich wuchs in die Seele des Krieges und lernte
-die Tücke. Ich lernte die Feindschaft und die Seele der
-Falschheit&nbsp;.. und ich brauchte die gleichen, vor meinem
-Ziele geheiligten Waffen. Sie trafen die reine Sehnsucht
-des Herzens niemals: Ich wollte nichts als die Ordnung,
-da Ordnung Schönheit und Einklang ist. Ich wollte schönes
-Leben erhalten und schlafendes erschließen: Und
-ich mußte ringen um rohen Besitz, der längst schon mein
-war! Nie gab es ein Ende, nie blieb ein Errungenes friedvoll.
-Wie ein verfluchter Wandrer, gestachelt von Gram
-und Ungewißheit, zog ich von Lager zu Lager, von Landschaft
-zu Landschaft. Von Palermo nach Deutschland,
-von Deutschland nach Rom und zurück nach Sizilien &ndash;
-und wieder nach Rom und gegen die lombardischen
-Städte und hinab nach Apulien und weiter nach Palästina
-und wieder nach Haus und wieder nach Deutschland
-und endlos, endlos zuletzt durch Italien. Kaum war es
-<a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-mir vergönnt, im Frieden meiner Hauptstadt zu leben:
-nur einmal &ndash; o einzige, glückliche Zeit &ndash; sechs Jahre
-lang, ehe Gregor zum Kreuzzug trieb. Ich liebte Sizilien.
-Es war meine Heimat und voll Schönheit. Es war deine
-Heimat, o Mutter, und viele Frevel meines Vaters waren
-zu sühnen. Ich dachte tausendfach Tränen zu trocknen.
-Was die Erde an Schönheit umfaßte, sollte mein Land
-besitzen, jeder Fremdling sollte bis zu den entferntesten
-Küsten die Kunde tragen, wie ich den Vater entsühnte
-und die Qual der mütterlichen Seele stillte. Sechs Jahre
-nur blieben an Frieden: kaum Zeit genug, soviel Ruhe
-zu sichern, daß ich die Saat meiner großen Träume ausstreuen
-konnte.</p>
-
-<p>Dann trieb mich der Eifer des Pfaffen nach Akkon.
-Und niemals mehr wurde Frieden. Maßlos wuchs der
-Gram meines Herzens. Drei Gattinnen starben mir&nbsp;..
-Ich verlor meine Söhne. Heinrich, dem ich ein Königtum
-gab, sann auf Empörung. Ich mußte ihn strafen und in
-die calabrische Festung verbannen: Dort fand er den unerwarteten
-Tod. Enzio schlug eine Schlacht für mich und
-ward mir gefangen. Ich bot meine Schätze: Bologna blieb
-ohne Erbarmen. Sie wußten, daß er mein Liebling war,
-von all meinen Söhnen der schönste, nur Manfred vergleichbar.
-Und Freunde sah ich vor mir sterben, die selten
-nur ein Kaiser findet. Hermann von Salza starb zu
-Salerno und Thaddäus von Suessa fiel bei Vittoria. Der
-aber, den ich am unwandelbarsten treu gewähnt, sann
-Verrat: Petrus von Vinea, der alternde Kanzler dem
-alternden Kaiser. Der Bannfluch schreckte ihn! Noch
-wäre ich bereit gewesen, Frieden zu schließen und wartete
-in Rieti auf den Papst: Aber Innozenz floh &ndash; bei
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-Nacht &ndash; auf genuesischen Galeeren und wandte sich
-nach Lyon. Dort hielten die Pfaffen ein Konzil ab&nbsp;.. O
-wie sie meinen Namen zerrissen, wie sie sich meiner
-Krone bemächtigten, all meiner Kronen, wie sie meine
-Würden von mir streiften, so wie der Henker dem Verbrecher
-die Kleider bis aufs Hemd vom Leibe streift.
-Ich war kein König mehr in Deutschland, kein Kaiser
-mehr, Siziliens Los war der Entscheidung des Heiligen
-Vaters anheimgegeben &ndash; Die Bettelmönche ließ der
-Pfaffe los, wie eine Schar von Ratten, die Treue zu vergiften.
-Bis an das Ohr des deutschen Sohnes wagte sich
-das Geflüster&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als mir die Kunde der Beschlüsse kam, ließ ich mir meine
-Kronen bringen &ndash; ich trug sie nie &ndash; und aus dem Glanz
-der Edelsteine brach meines Lebens letzte Glut und
-Schönheit: Kampf bis zum Tod. Nicht mehr ein Kampf
-um Ordnung: Ein Kampf des freien Gedankens gegen
-die Lüge, die Gottes Unendlichkeit mißbraucht. Kampf
-meines klaren Glaubens gegen die Fäulnis und den Betrug
-der Kirche. Ich fühlte den Gott auf der Erde, und
-ich liebte die Erde. Nun riß es mich hin und überflutete
-mein Leben. Die Ahnung entbundener Welt schlug noch
-wie Morgenrot in mein Gefühl, eine letzte Entlastung
-des tausendfach müden, belasteten Lebens&nbsp;.. Da zerrann
-die Klarheit im Zwielicht meines Sterbens. Ich war nicht
-glücklich, Mutter, doch ich hatte Flügel. Ich trug nur
-Schwere und war leichten Geistes. Ich wollte viel Macht,
-viel Glück, viel Schönheit: Schicksal und Sehnsucht lösten
-sich auf&nbsp;..«</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Ich hatte Axel Arnedals empfehlende Karte zu Angelina
-Lancisi geschickt und anfragen lassen, ob ich sie am
-Abend besuchen dürfe. Ich fand die Antwort, als ich in
-den Gasthof zurückkehrte: Sie bat mich, bei ihr zu speisen.
-Ich traf in der Villa außer der Besitzerin Margerita
-Avellino und Percy Vantadour, einen jungen Provenzalen,
-der in den städtischen Archiven arbeitete.</p>
-
-<p>Die Fenster und Vorhänge des Speisezimmers waren
-noch dicht geschlossen. Das Kupfer weniger Kerzen
-brannte in dem goldnen Halbdämmer.</p>
-
-<p>»Es wird Ihnen in Palermo ergehen wie mir, sagte Percy
-Vantadour: Sie werden beginnen, die neue Schönheit
-zu enträtseln und immer tiefer im Geheimnis versinken.
-Ich kam vor zwei Monaten, mitten im Frühling hierher,
-und dachte einige Wochen zu bleiben: Es ist Juni &ndash;
-und ich bin noch immer da. Ich kann auch nicht
-sagen, wann ich gehe. Ich liebe diesen Sommer, ich
-liebe die Hitze des Steines, der fast den Fuß versengt,
-die Glut der Gitterstäbe, den trocknen Geruch des Staubes
-und die monotone Helle der Landstraßen, die sich
-im Zickzack an den kahlen Berghängen hinauf- und hinunterziehn.
-Ich liebe das Bröckeln des Steines in der
-blauen Starrheit, das Dorren der Ginstersträucher an den
-Hügeln, den Zerfall des Grases auf allen Plätzen. Ich
-liebe die machtlose Bucht des Meeres, die kaum noch
-Kühle gibt, da der gleißende Spiegel die Strahlen, die er
-löschen soll, nur verdoppelt zurückwirft. Blumen, in die
-sich mein Gesicht vergraben möchte, wenn früher Frühling
-ist, Blumen, die in den langen Wintern von Paris
-selbst aus meinem Schlafzimmer nicht verschwinden, sind
-mir wesenlos in dieser Landschaft. Ja, ich vermeide die
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-Gärten. Ich sitze lieber in der glitzernden Kühle der
-Kathedralen, in der Capella Palatina oder im Dom von
-Monreale, am allerliebsten im Dom von Cefalù. Vielleicht
-nur deshalb, weil diese Stadt so einsam ist: ein Haufen
-brauner und gelber Steinmassen über dem Lasur des
-Meeres. Schon ihr Name atmet Backsteinöde.«</p>
-
-<p>Als die Tafel aufgehoben war, gingen wir in das Nebenzimmer,
-dessen Flügeltüren nach dem Brunnenhof geöffnet
-standen. Ein breiter Wasserstrahl quoll in der
-Schale auf und floß durch flache Rinnen in seitliche
-Becken, die einen stillen Abendhimmel spiegelten. Die
-Luft war wie von unsichtbaren Händen angehalten, ein
-laues Seidentuch, das kaum die Wange streifte. Aus hohen
-Terrakottavasen stürzten die Geranien auf den Boden.
-Wir waren alle ins Freie getreten. Margerita Avellino
-hatte den Arm ihrer Freundin gefaßt, Percy stand neben
-mir.</p>
-
-<p>»Sagen Sie mir doch, Percy, begann nach einem kurzen
-Schweigen Margerita, wann zum erstenmal ein Vantadour
-nach Sizilien kam und was er dort tat.«</p>
-
-<p>Wir setzten uns vor den Brunnen, und Percy erzählte:</p>
-
-<p>»Adelasia, die Mutter des zweiten Roger, war eine Gräfin
-Montferrat, und brachte die geselligen Gewohnheiten
-ihres väterlichen Hauses und vor allem die Liebe zu
-den Künsten mit nach Sizilien. Der Herrschaft Montferrat
-benachbart lag die Heimat der Vantadour. Bernhard,
-mein Urahn, kam oft auf das Schloß des Grafen. Er übte
-die Kunst des Gesanges und war gerne gesehener Gast.
-Man nahm ihn als Freund und Vertrauten des Hauses
-auf. Als nun Roger&nbsp;I. um 1112 gestorben war und Adelasia
-nur mit dem einzig überlebenden Sohne zurückblieb,
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-war nichts natürlicher, als daß sie so viel wie möglich die
-Fühlung mit ihrer Heimat zu wahren suchte. Es liegt
-immer im Sinn einer Mutter, dem Sohn die Liebe zum
-mütterlichen Land und Geschlecht zu erwecken. Sie ließ
-viele Provenzalen an den Hof kommen, und als einen
-der ersten den alten Freund Bernhard Vantadour.«</p>
-
-<p>»Sie sagten eben, unterbrach Angelina, daß Adelasia früh
-mit ihrem Sohne Roger allein blieb. Ist in dem Wesen
-dieses Königs ihr Einfluß zu verspüren?«</p>
-
-<p>»Gewiß! Herrschertum lag ihm vom Vater her im Blute,
-von dem Geschlecht der Hauteville, in denen der Geist
-der Wikinger noch lebendig war. Aber die große, innere
-Gesittung, die Zartheit seines Fühlens und sein bedeutender
-Sinn für die Kunst waren mütterliches Erbteil.
-Roger war ein Fürst, der sich in allem pflegte. Er soll
-sehr schön gewesen sein: und er wußte, was schön sein
-hieß. Auch seine große Güte und das leichte Ergriffensein
-des Gefühles kamen von Adelasia, die an dem Kummer
-einer großen Enttäuschung starb.«</p>
-
-<p>»Woran starb sie?« fragte Margerita, die ihren Arm um
-Angelinas Schulter gelegt hatte und nichts als Lauschende
-war, fast wie ein Bildnis anzusehen in ihrem weißen Seidenkleid,
-das von der linken Brust bis zur rechten Hüfte
-einen schmalen Glycinenzweig als einzige Verzierung
-trug. Ihre kleinen Füße spielten mit den Dolden eines
-Geranienbusches, und die dünnen goldnen Armspangen
-über den blauen Adern ihres Handgelenkes klirrten leise
-bei der geringsten Bewegung.</p>
-
-<p>Percy sah sie an, ohne Antwort auf ihre Frage zu geben,
-die in gleichem Tonfall wiederholt wurde:</p>
-
-<p>»Woran starb sie?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-Percy zuckte leicht zusammen&nbsp;..</p>
-
-<p>Er wollte gerade antworten, als eine Uhr im Innern des
-Hauses neun schlug.</p>
-
-<p>»Mein Gott, rief Angelina, wir müssen aufbrechen! Ich
-habe die Schiffer um neun an die Piazza della Kalsa bestellt.
-Percy kann uns im Wagen weitererzählen.«</p>
-
-<p>Sie ging rasch voran ins Haus. Ich folgte ihr. Als ich mich
-zufällig im Rahmen der Glastür umwandte, sah ich im
-Zwielicht die dunklen Gestalten Margeritas und Percys
-noch einmal die Rundung des Brunnenweges abschreiten.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Vor der flachen Marmortreppe stand der Wagen mit
-zwei kleinen, goldgeschirrten Rappen bespannt. Ein Diener
-hatte die weißen Mäntel der Frauen über dem Arme
-und wartete.</p>
-
-<p>Vier Schiffer hatten sich an der Piazza della Kalsa eingefunden
-und geleiteten uns zu dem Landungssteg, an
-dem die große Barke lag.</p>
-
-<p>»Wie ist das Meer?« fragte Angelina.</p>
-
-<p>»Marchesa, es ist ganz ruhig, wie meistens um diese Jahreszeit,«
-antwortete ein alter Mann, indem er sich verneigte
-und wie einen Befehl erwartend zur Seite trat.</p>
-
-<p>»Können wir bis gegen Solunt rudern und nicht allzuspät
-zurück sein?«</p>
-
-<p>»Ohne jeden Zweifel&nbsp;..«</p>
-
-<p>Der Diener brachte Obst und Wein, ein junger Schiffer
-breitete Kissen und Decken aus und drehte die Windlichter
-so, daß sie nicht blendeten. Ein anderer reichte
-den Damen Nelkensträuße, ein vierter gab Percy und
-mir weiße Kamelien für das Knopfloch. Die Ruder tauchten
-in die glatte, glänzende Tiefe, die Barke drehte, und
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-wir nahmen die östliche Richtung des Kap Zaffarano. Die
-Luft war weich wie Rosenblätter, lautlos glitt das Boot. Die
-braunen Männer summten im Takt der Ruder ein Lied,
-indes die Küste unmerklich vor unsern Augen floh und
-die Kette der Hafenlaternen sich dichter schloß. Wir
-lagen schweigend auf den Polstern, hingegeben an die
-Glückseligkeit dieses traumhaften Schwebens, uns selbst
-entrückt und willenlos dahingetragen, so leicht, so körperlos
-wie der Mond, der in dünnen roten Wolkenflören
-aufging. Margerita hatte ihre Schulter an Angelinas Brust
-gelegt. Sterne fielen.</p>
-
-<p>Ich dachte an meine Heimat, an die Mutter, an die Freunde.
-Wie fern war alles. Ich dachte an mich selbst, an Kampf
-und Sehnsucht meines Lebens. Auch dies war fern.
-Nichts mehr war. Nur dies Schweben, dies Hinabdämmern.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Percy hatte die Augen geschlossen. Er sah aus, als ob er
-schliefe. Über seinen Zügen lag der Duft des Mondes&nbsp;..
-lag ein Lächeln, das nur die Seele der Dichter kennt.</p>
-
-<p>Angelina hob die Hand vor die Augen und sah nach der
-Küste.</p>
-
-<p>»Wo sind wir?« fragte sie die Schiffer.</p>
-
-<p>»Auf der Höhe des Kap Mongerbino. Es sind anderthalb
-Stunden verflossen seit der Abfahrt.«</p>
-
-<p>Der Mond stand silbern auf den Hügeln und löste das
-Gestein in bronzene Schatten auf. Die Häuser eines kleinen
-Dorfes glänzten in grünem Atlas.</p>
-
-<p>»Wenn wir die Barke hier ruhen ließen?« meinte Margerita.</p>
-
-<p>Percy öffnete seine Augen und lächelte, während seine
-dunkle Stimme ganz leise einsetzte:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
- »La barque dort, dormez mes longues peines,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Restons bercés par l'onde du silence&nbsp;..</td></tr>
- <tr><td class="tdl">O douce nuit d'amour, nuit de clémence,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">O nuit d'oubli&nbsp;.. Faut-il mourir, ma Reine?«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Am nächsten Tage war das Fest eines Heiligen. Ein Feiern
-wie am Sonntag lag über Dächern und Straßen, als
-ich früh am Morgen nach der Martorana-Kirche ging.
-Wundervoller Name: dunkelblaue Vokale, an goldnen
-Schnüren aufgezogen, weicher, langer Bogenstrich auf
-der untersten Saite der Viola. Zwischen Rosengebüsch
-und Palmenwedeln hebt der Glockenturm auf schwerem
-Mauerwerk die leichten, goldumstrahlten Säulenbündel
-in die Höhe. Alles in diesen Bögen ist Aufgang, Sehnsucht,
-frei wie ein Vogel in der klaren Luft zu schweben:
-und doch zu ruhen.</p>
-
-<p>Im Innern tragen alle Wände Mosaik, ein wenig verwildert,
-wie Blumen in vergessenen Gärten. Es leuchtet
-keine verhüllte Tiefe auf wie in Ravennas blauer Glut.
-Die Steine schillern, sie strahlen nicht. Sie bezaubern, sie
-rühren nicht.</p>
-
-<p>Auch San Cataldo sah ich an diesem Morgen, die Backsteinkirche,
-die ihre karminroten Kuppeln auf dem flachen
-Dache trägt. Verschlossen ragt der verlassene Bau auf
-kahler Steinterrasse. Die hohlen Fenster deuten in violettes
-Dunkel. Erlösend haucht die Kühle, sobald der
-Fuß die Schwelle überschritten hat und in das Säulenviereck
-tritt, auf dem die mittlere Kuppel ragt. Schatten
-fliegen von den Wänden. Alle Fensterbögen sind nun
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-mit hellem, blauem Glanz gefüllt, besonders licht und süß
-das eine, das aus der Apsiswölbung sich in die tiefe Flut
-des Himmels hinüberlehnt: Das ist die letzte Hoffnung
-der Erde: Der Blick in das Paradies, in das Firdusi&nbsp;..</p>
-
-<p>Sehr spät am Nachmittag ging ich zur Cala, dem alten
-Hafen, hinunter. Auch hier war Stille. Die müden Fischerbote
-lagen Reih' an Reihe in dem seichten Wasser, von
-schwarzem und von grünem Moos bezogen. In dem Getakel
-saß das heiße Gelb des wolkenlosen Abendhimmels.
-Die Sonne senkte sich nach den Belliemibergen. Der
-Monte Pellegrino hing schon voll roter Schatten. &ndash; Die
-Türen der verwahrlosten Häuser standen offen und ließen
-trübe, feuchte Gänge sehen, ausgetretene, enge Treppen
-und kleine, schmutzige Höfe, in denen Wäsche zum
-Trocknen aufgehängt war. Auch über dem Eisengitter der
-brüchigen Balkone hing farbiges Zeug. Vor einer Schenke
-standen kleine Tische und zerrissene Strohstühle. Halbgeleerte
-Gläser, in denen der Rest des Weines verdunstete,
-verrieten, daß hier getrunken worden war. Vor
-einem andren Hause lagen geöffnete Austernschalen, ein
-Bäcker hatte einen gelben Kuchen ausgestellt, auf dem
-die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte zu Ornamenten
-ausgelegt waren. Im Rahmen eines Fensters kämmte
-eine alte Frau ihr Haar. Als sie mich gewahrte, trat sie
-zur Brüstung des engen Balkones und ließ die grauen
-Strähnen von ihren Schläfen über das Gitter niederhängen.
-Ich lachte ihr zu und winkte mit der Hand einen
-Gruß hinauf. Aber sie blieb unbewegt. Sie ließ aus
-ihrem welken Mund langsam einen Faden silbernen Speichels
-fallen, der im Sinken golden wurde, und blickte
-lange auf den feuchten Fleck am Boden.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-Dann kam ich an die Stelle, wo eine schmale Treppe ins
-Wasser führt. Knaben badeten in der Pfütze. Ihre Lumpen
-hatten sie über den Rand eines vermoderten Kahnes
-gelegt, auf den sie manchmal kletterten, um sich zu trocknen.
-Sie hatten ein seltsames Spiel erfunden. Sie rieben
-Schlamm auf ihren Körper und wuschen ihn um die Wette
-mit dem grünlichen Wasser herunter. Wer zuerst sauber
-war, hatte gewonnen. Einer kam die Treppe herauf und bat
-mich, Geld auszuwerfen, damit sie danach tauchen könnten.
-Ich wies sie nach einer Stelle, wo das Wasser klarer
-war, und ging voran. Sie liefen hinter mir her und stürzten
-sich an der nächsten Treppe hastig in die Flut. Ich
-warf meine Soldi: Ein endloser Jubel brach aus, helles
-ergreifendes Lachen, wie es der Norden nicht kennt. Ich
-mußte an Hafenkinder denken, die ich in Hamburg gesehen
-hatte, in Brest, in Liverpool, in Dublin &ndash; an trübe,
-kranke, unheimliche Kinder &ndash; und sah dann wieder auf
-die braunen, schlanken Körper vor mir, die sich im Sonnenlicht
-und Wasser dehnten und reckten, sich faßten
-und wieder losließen, eben eine Gruppe bildeten und im
-nächsten Augenblick wieder in die lauen Wellen auseinanderstoben.</p>
-
-<p>Ich ging bis an das Ende der Mole, so weit es möglich
-war, und wandte das Gesicht den Bergen zu, die eine
-kühle Nacht versprachen. Leuchtend hob sich die Stadt
-über dem Viertel der Armen. Aber ich achtete nicht auf
-die weißen Villen, nicht auf die Kuppel des Domes und
-Zinnen des Königspalastes: Ich sah nur das öde, verfallende
-Meerkastell und die Schiffsmaste der einsamen
-Cala, die so hilflos in das schwere, schwere Gold des
-Abends ragten. Ich sah nur die spielenden Knaben, die
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-sich auf den Kies gelegt hatten und mit fühllosen Fingern
-an ihre schönen kleinen Körper tasteten, ohne zu ahnen,
-daß es Menschen gibt, die um die Schönheit kämpfen
-müssen, wie ihre armen Eltern um das geringe tägliche
-Brot.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Am Abend besuchte mich Percy Vantadour. Wir blieben
-lange bei Tisch sitzen. In jedem Wort, das er sagte, war
-der Dichter, der unermüdliche Aufspürer von Zusammenhängen,
-der Sucher der Gesetze, der Schöpfer der
-Schönheit. Die Rede flog von seinem Mund, sie wurde
-Begeisterung und Gedicht, ohne daß er es fühlte. Rhythmen
-kamen, Reimworte, die das Gewicht eines Satzes
-unverhofft in den Hafen des Gleichklanges lenkten und
-an den nächsten Satz weiter gaben. Er glitt in die Dinge,
-und prüfte mit allen Fibern der Seele und der Sinne. Er
-tastete Formen herauf, wo Bruchstücke waren, er löste
-ein falsches Ganze in rettende Teile auf. Doch über allem
-war die Liebe, die sinnlose, leidende, jubelnde Liebe des
-Künstlers, die die ganze Welt voll Leidenschaft aufgreift
-und der schöpferischen Flamme als Beute vorwirft.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Zehn Säulen aus Granit tragen im Mittelschiff die arabischen
-Hufeisenbögen, über denen die Wände in das
-Deckengewölbe emporwachsen. Leuchter schweben an
-goldnen Schnüren zwischen den reichen Kapitälen. Fünf
-Stufen führen zum Chor hinauf, den eine unerwartete
-Helle so überirdisch füllt, daß das Flammen der Kerzen auf
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-dem Hochaltar dunkel erscheint. Tausend, zehntausend
-bunte Kolibri flattern in der Luft, wiegen sich, halten an,
-kreuzen sich im Flug, bleiben im Inneren der Bögen
-sitzen, an den Friesen der Decke, auf den Rändern der
-Kanzel, in den Zacken und Ornamenten des hohen
-Opferleuchters. Es schwirrt und flitzt von bunten Funken
-in einer Woge aufgeregten Goldes. Es funkelt und
-sprüht vom Glanz der rastlosen Flügel, es blendet und
-erweckt fast Schwindel: das ist die Capella Palatina, der
-leidenschaftlichste Traum des großen Roger, in der
-Sprache von Millionen bunter Glassteine gedeutet. Suche
-nicht zu ergründen, löse die einzelnen Bilder nicht los,
-entziffre keine Inschrift, frage nicht nach den Namen der
-schlanken Heiligen: bleibe ganz still im Flittern des
-Lichtes, sitze irgendwo nieder und gib dich hin an den
-Glanz, bis du die Einheit spürst, bis sich dein tiefes Erstaunen
-in tiefes Fühlen verwandelt, bis Wesen erwacht,
-wo Schein dich traf. Spinne die schimmernden Fäden
-zurück bis in Gallas schwermütig-dunkelnde Gruft zu
-Ravenna, gedenke noch einmal der tief nach innen gedeuteten
-Sehnsucht des heilverlangenden Herzens, dessen
-Träume ungewiß über der Schwelle zweier Zeiten
-schwebten: und schwinge dich dann im Flug der umgewandelten
-Jahrhunderte bis in die breite Lichtung
-eines grenzenlos-berauschenden Lebens hinüber, das
-dieses Gotteshaus als ein Symbol in den Himmel des
-Herrn warf. Halte dich hoch in dem Licht mit den
-Vögeln, wiege dich mit und netze die Schwinge der
-Seele im Taugeglitzer der Blumentriften, die an den
-hohen Wänden blühen. Was dich umgibt, ist nicht
-mehr abgeschlossner Raum: es ist die weite Lust der
-<a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Erde, der Frühling des Lebens, der schon in Sommer
-übergeht.</p>
-
-<p>Alles, was lebt, Mensch, Tier und Ding, erhebt den Lobgesang
-der Welt, die Gottes Schönheit spiegelt. Das Übersinnlichste
-in Ton und Farbe bleibt einfach, nah und
-ganz Natur: Nicht eine Kraft ist im Symbol verflüchtigt.
-Die Seele Rogers strahlt aus seinem Werk: die unbeschreibliche
-Freude, zu leben. Die Freude, die keinen
-Grund hat &ndash; so wie es eine Trauer ohne Anlaß gibt &ndash;
-die Freude, die aus dem hellen Blut des Helden weht,
-den seine Götter lieben.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Meine Hände hoben die weißen Rosen empor: Mund,
-Stirn und Haare versanken in dem kühlen Überfluß. O,
-Küsse dieser Rosen! Durst nach Schönheit mitten in der
-Erfüllung: San Giovanni degli Eremiti: du Gift Palermos,
-das trunken macht und brennende Fernen einflößt.
-Dich bekennt kein Wort: vielleicht enthüllt dich der
-Herzschlag des Besiegten, der an dem Brunnen deines
-Säulenhofes hinsinkt und über Rosen weint, die in den
-weißen Sonnenkringeln laufen, die von den weißen Säulenbündeln
-stürzen und sich vom Rand der Mauer in die
-Bogen niederlassen&nbsp;..</p>
-
-<p>Da ist ein Palmenwedel ausgebreitet und reicht bis an
-das Ziegelrot der Kuppeln, da ist ein Lorbeerbaum und
-hilft dem atemlosen Anstieg violetter Clematisblüten in
-die Kühle seines glänzenden Laubes, Efeu, fast schwarz,
-speit das Blut der Geranien von sich. Am Ende des Gartens,
-im Schatten von Limonengrün, führt zwischen
-hohem Gras und Schirling ein Pfad zu einem ruhenden
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-Wasserbecken: Von dort umfaßt der Blick den Turm der
-Kirche und vier der roten Kuppeln im Rahmen eines
-einzigen Kreuzgangbogens. Gold tröpfelt durch die
-Blätter der Zitronenbäume, die reifen Früchte atmen
-scharfe Süße. Die Luft steht still, ganz blau und still. Die
-Hummeln fliegen. Das Licht schlägt Wurzel in den weißen
-Säulen. Der weiße Rundgang malt die malvenfarbigen
-Schatten seiner Bögen auf den Boden. Die Hitze
-siedet und schlägt Wellen auf&nbsp;..</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Schließe die Augen, die müden,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Rufe den stillenden Traum:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bald fährt ein Schiff dich nach Süden</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bis zu dem purpurnen Saum</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ewig dorrenden Landes,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wo dir das Wunder ersprießt</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und sich im Rieseln des Sandes</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Über dir schließt.</td></tr>
-</table>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Am Sonnabend, als das Wetter etwas kühler geworden
-war, schickte mir Angelina Lancisi ihren Wagen zu einem
-Ausflug nach Monreale. Ich fuhr sehr früh am Nachmittag,
-da ich über die Höhe von San Martino und Baida
-zu Fuß in die Stadt zurückkehren wollte. In den Baumwipfeln
-der vielen Gärten längs der Straße spielte ein
-zarter Wind, über allen Dächern und Türmen war duftige
-Belebung, aus dem Geriesel der Pappelblätter sprühten
-weiße Funken in das Wehen der Bläue. Und im
-Rücken lag das Meer mit breiten, violetten Wellen. Die
-zierlichen, hellbraunen Pferde liefen in kurzem Trab die
-<a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-gerade Straße entlang. Der Staub dämpfte den regelmäßigen,
-knappen Aufschlag der Hufe. Die beiden Kutscher
-saßen kerzengerade in ihren hellgrauen Livreen,
-ohne zu sprechen. Kurz vor dem Dorfe Rocca begannen
-die Hügel. Alle Berge waren nahegerückt, man konnte
-jeden Stein und jeden Busch in der fließenden Klarheit
-der Lüfte erkennen. An dem Abhang, der nach dem
-Dorfe Bocca di Falco hinüberführt, leuchtete das Bernsteingelb
-offener Kakteenblüten über rotem Gestein und
-roter Erde. Zur Linken lagen dichte Orangengärten. Wir
-fuhren an einer Mauer entlang, die ganz erdrückt war
-vom Überfluß roter Geranien. Auf dem Domplatz von
-Monreale hielt der Wagen. Ich hieß die Kutscher nach
-Hause fahren, da sich sofort eine Schar von Kindern und
-Bettlern angesammelt hatte, und blieb allein auf dem
-schattenlosen Sandviereck stehen. Die Blätter einer verdorrten
-Palme raschelten, die vergoldeten Spitzen am
-Torgitter der Kathedrale züngelten gegen die hellen Säulenschäfte
-empor. Einsam und schwer, an eine nordische
-Festung gemahnend, ragten die ungleichen Türme über
-der Balustrade der Vorhalle. Noch zögerte mein Fuß,
-voranzugehen: ich hatte fast eine Furcht vor der neuen
-Erfüllung. Doch als ich endlich den Platz überschritt und
-in das Innere trat, als ich die ersten trunkenen Blicke hob
-und senkte, war eine süße, weiche Ruhe über mich gekommen,
-ein feierliches Stillesein der Sinne, ein Jubel,
-der keine Sprache mehr verlangt, gedämpft in jenem
-sanften Glücklichsein, das wie ein Augenschließen über
-allen trüben Dingen ist.</p>
-
-<p>Und ich ging langsam, langsam durch den Dom von
-Monreale, so wie wir manches Mal in der warmen Sonntagsfrühe
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-durch die wogenden Kornfelder unserer Heimat
-schreiten, auf ausgefurchten Feldwegen, die ihren blühenden
-Rand in zitternde Fernen hinausziehen.</p>
-
-<p>Alles ist Milde, Maß und Größe in dieser Kathedrale:
-und die Seele, deren Sprache uns so weich umfängt, ist
-die Seele des Raumes. Der bunte Glanz engt nicht mehr
-die Wände: das Licht dient nur dem Raum. Ein Wille,
-geistig und wissend, bändigt hier den Überfluß: hinter
-dem Blitzen der Mosaikgemälde funkelt die Inbrunst
-einer tiefbewegten Seele. Rogers&nbsp;I. leidenschaftliche
-Größe, Rogers&nbsp;II. unersättliche Freude am rauschend-Schönen
-findet die letzte, künstlerische Lösung in dem
-Gesetz der ausgleichenden Masse, das die Seele Wilhelms&nbsp;II.
-beherrschte. Alle Trunkenheiten sind in tiefes,
-klares Gefühl erhoben. Hoch an der Decke, mit gnadenvoll
-gebreitetem Flügelschlag, der stilles, goldnes Feuer
-streut, schwebt übersinnlich die Taube Gottes.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Seitlich vom Dom liegt der Kreuzgang des alten Benediktinerklosters.
-Verbenen, Rosen, Heliotropen und Lilien
-blühten in dem Garten. Hellblauer Wind war über
-den Blumen und trieb den Duft mit leisen, seidenen
-Schlägen in die Hallen. Und Wind war in dem Strahl
-des arabischen Brunnens, der in der Ecke zwischen stillen
-Säulen ruht. Wind war auf den flachen, warmen Stufen,
-die zum Niederstieg an das Wasser winkten. Wer weiß,
-wie lange mich das Wasser bannte? Es hauchte Kühle,
-hauchte Leben, und mein Gesicht war ganz voll Sonne,
-so hingehalten, hingegeben an des Genießens Wonne.
-<a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Und der Wind trug meine Wünsche weiter &ndash; die Augen
-die eben noch entzückt auf den Kapitälen geruht hatten
-auf Blumen, Vögeln und menschlichen Gestalten, die
-sich im unentwirrbar-reichen Ornament zu regen begannen,
-vergaßen die nahen Schönheiten über dem Auftauchen
-fernerer Bilder und hielten das erträumte Neue,
-das sie grüßten&nbsp;..</p>
-
-<p>O Hindämmern über das südliche Meer&nbsp;..</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Oleanderhaine winken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und es winken die Moscheen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Alle Gläubigen versinken</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Im Gebete und vergehen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Auf den rosenroten Dächern,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die den Abend kommen sehen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wird aus schweigenden Gemächern</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bald ein Hauch vorüberwehen.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In den tiefen Brunnenbecken</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Werden leis die Sterne drehen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und auf seidnen Lagerdecken</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wird die Lust der Nacht erstehen.</td></tr>
-</table>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Kinder wiesen mir den Weg nach Santa Maria delle Croci.
-Zwischen Felsgeröll und Kakteenpflanzen ging der Pfad
-bergan. Aus allen Steinen hauchte Feuer. Auf einem halbverbrannten
-Grasplatz lag die kleine Kirche, zu der ein
-paar Stufen emporführten. Von der Treppe aus umspannte
-das Auge die heroische Landschaft: Ebene, Stadt und
-Meer, reich, edel und freudig. Nicht ein Hauch von
-Wehmut floß in dem silbernen Saum des hellen Horizontes.
-<a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-In braunen Hügelfalten glänzten weiße Dörfer,
-seltene Pinien, noch seltnere Zypressen ragten auf brauner
-Grassteppe. In der Fruchtschale der Ebene aber leuchtete
-das gesättigte Grün der Orange- und Zitronengärten.
-Dicht aneinandergedrängt hingen die goldnen Kugeln
-im Laube, zur Ernte reif.</p>
-
-<p>Die sinkende Sonne mahnte zum Abstieg. Ich ging die
-Fahrstraße nach Rocca hinunter. Arbeiter kamen aus der
-Stadt zurück, verbrannt und bis an die Kniee mit weißem
-Kalkstaub bedeckt. Bauern fuhren auf Eselskarren nach
-Hause. Sie saßen halb schlafend auf der Kante des Wagens
-und trieben die Tiere durch das unermüdlich wiederholte,
-schläfrige Ahii, Ahii zum Weitergehen an.</p>
-
-<p>Von Rocca aus nahm ich den Feldweg nach Bocca di
-Falco. Ich erreichte die ersten Häuser des Dorfes um die
-Stunde, wo die Frauen beginnen, die Abendmahlzeit zu
-richten. Dünnes Rauchgewölk schwebte über den Schornsteinen,
-aus den Türen und Fenstern drang Dunst von
-Öl und Gebackenem: es war Sonnabend. Soldaten waren
-heimgekommen und standen bei den Mädchen, frischgeputzte
-Pferde wurden an eine Tränke geführt, es war
-kaum möglich, die kleine Piazza zu durchqueren, so viele
-Menschen hatten sich hier angesammelt. In einer Ecke
-las ein junger Mensch mit lauterregter Stimme eine Spalte
-aus der Tribuna vor ebenso erregten Hörern, aus einer
-engen Seitengasse wurden weiße Ziegen ins Freie getrieben.
-Vor manchen Häusern war ein Tisch gedeckt, in
-einer Schmiede flammte das Feuer der Esse und warf unruhige
-Schatten über die harten, verrußten Gesichter der
-Arbeiter&nbsp;.. Ein junger Kaplan wies mir den Weg nach
-Baida. Ich mußte die Fahrstraße verlassen und über viele
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-schmutzige Treppen durch niedrige Bogengänge aufwärts
-steigen. Frauen saßen plaudernd auf den Stufen, Hühner
-liefen hin und her und pickten Körner, in den Hausfluren
-lagen Hunde und Katzen, Schweine wälzten sich auf
-breiten Misthaufen. Junge Lämmer waren an den Pfosten
-der Haustüren festgebunden, in den Ställen brüllten Kälber
-und Rinder. Oft schwankten weiße Rosen über die
-bröckelnden Mauern, einmal schoß roter Phlox neben
-einem blauen Hoftore auf. Je höher ich stieg, desto spärlicher
-wurden die Häuser, und als ich endlich bei einer
-rosenfarbigen Villa den Ausgang des Dorfes erreicht
-hatte und auf den Weg nach dem Kloster Baida trat,
-strömte der Glanz des Abends so warm und purpurn
-über mein Gesicht, daß ich die Augen schließen mußte,
-die nach dem langen Zwielicht soviel Helle nicht mehr
-faßten. Ganz langsam und gesenkten Blickes ging ich
-weiter. Zur Rechten lief eine Mauer, zur Linken begann
-ein Hügel. Obstfelder tauchten auf, Kleeäcker, ein Mohnfeld,
-eine Rosenpflanzung und plötzlich &ndash; nach einer
-kaum gefühlten Wende des Weges &ndash; das Kloster Baida,
-das weiße, im Frieden seiner Zypressen, dicht an die duftblaue
-Halde des Berges gelehnt.</p>
-
-<p>O, wie der Duft an diesen Bergen hing! Blau, blau und
-schiefergrau gedämpft vom hellen Glanz des Gipfelsaumes,
-der noch im Lichte stand. Wie diese schroffen Felsenhöhen
-die Schattenkühle in sich sogen, sich ganz hinüberlegten
-in den Duft. In welche Milde all dies Ausgeglühte
-tauchte, in welchen tiefgestillten Atemzug der großen
-und gedankenvollen Nacht. Und ferne &ndash; ach, fast übersehen
-&ndash; das Meer, so unersättlich blau und still, so still
-und blau das Meer&nbsp;.. wie auf die Ebene hingestrichen,
-<a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-ohne Segel, ohne Schaum, ohne Flut. Ich saß, halb liegend,
-den Kopf in meine linke Hand gestützt, am tiefen
-Rand der Mauer. Dies war der Ort zu ruhen, friedvoll
-zu sein mit sich und seinem Los. Warum noch weiter
-gehen? Kein Wunsch mehr zog mich in das weiße Haus.
-Sein Bannkreis war betreten und seine Schönheit blieb
-viel süßer, wenn eine leichte Ferne noch die schlummervolle
-Seele wachhielt: So ist Musik, die aus dem Innern
-eines Hauses an unser Ohr schlägt: Sie wiegt und wiegt:
-wir aber fühlen tiefer, daß uns dunkle Hände tragen:</p>
-
-<p>Ruhe, ruhe, Seele! Halte Wacht über dem großen Gefühl!
-Ich denke an dich, Geliebte, und an die Ruhe deines
-Herzens, in der mein Leben stille liegt. Ich denke an den
-Tag, als ich ausfuhr: nun sind schon Wochen dahin, und
-ich bin übersättigt von Schönheit. Wenig fehlt, und die
-letzte Schranke ist überschritten, hinter der das Vergessen
-wohnt. Soll ich untertauchen? Soll ich aufhören zu sein,
-was ich bin? Das Blut drängt hinüber, es drängt mein
-entzündeter Wille, und meine Sinne drängen. Ich kann
-das Meer nicht mehr sehen, ohne zu wissen, daß mich
-die Woge noch ferner entführt. Im Schlaf sucht mein
-Auge die Palmen der Wüste und die Zisternen der Wüste.
-An den Urgrund des Lebens will ich hinunter: in die
-endlose Ebene des Sandes und die endlose Wölbung des
-Himmels, dahin, wo der Anfang der Seele mit dem Anfang
-Gottes verschmilzt. Ich will in die Anfänge des ungestalteten
-Gottes, der noch keine Form und noch keine
-Symbole gefunden hat, noch nie von Menschen gedeutet,
-noch nie von Priestern verkündet ist.</p>
-
-<p>In tausend Wesen habe ich Gott gespürt und konnte ihn
-nennen. Er war ein Gott der Zeiten und glich der Seele
-<a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-der Zeit. Er war die Sehnsucht der Menschen und abgewandelt
-wie die Seele der Sehnsucht. Ich fand ihn in
-dir und sagte: Geliebte. Ich fand ihn im Freunde und
-sagte: Geliebter. Ich fand ihn in allem, das sich selbst
-genügt und in der eigenen Erfüllung lebt und sagte: die
-Schönheit.</p>
-
-<p>In Ravenna fand ich den Gott, der als Seele den Leib
-überwuchert und mit tränenverschleierter Stimme flüstert:
-Der Leib ist ein Staub und die Seele das Feuer, in dem
-sich der Staub verzehrt.</p>
-
-<p>In Florenz fand ich den Gott, der lächelnd verkündet:
-Seht, die Klarheit ist alles! Seid hell wie der Himmel, den
-meine Güte euch wölbt. Seid gütig und lernt das entwaffnende
-Lächeln. Ich heiße euch sanft sein und leicht,
-daß ihr schwebt, wie mein Licht auf der Schwere der
-Erde.</p>
-
-<p>In Rom fand ich den Gott, der als Seele zerbrochenen
-Lebens in die Seele der Gegenwart weht und aus tausend
-vergessenen Schönheiten und den rastlosen Zielen des
-äußeren Lebens die unbegreiflich versöhnende Schönheit
-mischt. Und seine Stimme ruft aus dem Purpur: Ergründet
-nicht! Taucht nicht in die Tiefen des Rätsels: Seid
-glücklich im Schönsein. Das Heil ist dem, der blind
-bleibt!</p>
-
-<p>In Neapel fand ich den Gott, der die Seele der Kinder
-bewohnt, in Gutem und in Bösem. Den Gott, der die
-Pfaffen auslacht. Den Gott, der die gottlose Menge bewegt
-und die harmlose Sünde behütet, indem er die Triebe
-aufgehen läßt wie das Vogelfutter aus den winzigen Samenkörnern.
-Laßt doch mein Volk in Ruhe, sagt er den
-Pfaffen! Das Volk ist mein und ich habe es lieber als
-<a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-euch! Sühnt irdisch, wo irdische Frevel sind. Aber quält
-nicht mit der Flamme des Geistes, was jenseits des Geistes
-ist und seiner und eurer nicht bedarf! Laßt in der Einfalt,
-was in der Einfalt schön ist und heilig vor meinem Auge&nbsp;..</p>
-
-<p>In Palermo fand ich den Gott, der in goldnem Wagen
-über den Häuptern fährt. Den Gott, der die Taten segnet
-und Taten als Lohn für seine Liebe fordert. Den Gott,
-der ein Fürst ist über den Fürsten: und sein Name ist
-Fülle und Glanz.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_149"> </a>
-TUNIS&nbsp;/ WÜSTE</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-<b>I</b>ch fuhr mit demselben Dampfer nach Tunis, der mich
-von Neapel nach Palermo gebracht hatte. Cesare Salvari,
-jener Matrose aus Messina, hatte mir an einer geschützten
-Stelle des Deckes einen Liegestuhl hergerichtet,
-und ich ruhte nun in der Mittagsglut des Hafens, den
-Blick in die Bläue gehoben, die wie ein großes, seidnes
-Zelttuch über Mast und Stangen hing. Es war so still,
-daß niemand ahnen konnte, das Schiff werde in einer
-Viertelstunde fahren. Einige Pferde für Trapani waren
-schon früh verladen worden, das wenige geringe Volk
-des Zwischendeckes hatte sich schon lange vor mir eingeschifft,
-ein junger Mensch, der aus Kleinasien kam,
-war mein einziger Reisegefährte.</p>
-
-<p>Über den Häusern der Stadt flimmerte die Luft. Nicht
-eine einzige Rauchsäule stieg auf. An den Abhängen des
-Monte Grifone schimmerten weiße und gelbe Wände
-zwischen dem Grün der Orangengärten. Über dem Pellegrino
-wob eine lilagraue Helligkeit, in der zuweilen das
-Licht silbern aufzuckte. Das Schiff schwankte ganz leise
-in der Richtung seiner Länge, und dieses Schaukeln
-weckte eine weiche, lässige Schläfrigkeit. Wundervoll war
-das Rieseln der Wärme: wie das Rieseln unsichtbar feinen
-Sandes über dem nackten Körper. Und obwohl von
-der See keine Kühle wehte, gab der Geruch von Algen,
-Tang und Teer ein Gefühl von Frische und Weite. Kein
-Fahrzeug war am weiten Horizont zu sehen. Leerer Himmel
-stieg in leere Luft. Das Meer stand.</p>
-
-<p>Die Stadt vor mir war längst nicht mehr Palermo: es war
-irgend ein südlicher, sonniger Hafen, in dem mein Schiff
-eine kurze Ruhe hielt. Ich hörte, wie die Brücke hochgezogen
-wurde, wie der Kapitän noch etwas ans Land
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-rief, wie die Sirene aufheulte und die fernen Bergwände
-das Echo verschluckten. Dann war ein Gequirl von
-Wogen, ein Stampfen und Zittern und Brausen, und wir
-fuhren. Ich mochte nicht aufstehen. Den Kopf zur Seite
-gewandt, sah ich das Fliehen der Küste und der flach-hingebetteten
-Häuser&nbsp;..</p>
-
-<p>»Ihr Abende auf dem Meer &ndash; und ihr Abende in Angelinas
-Garten, ihr Wagenfahrten am Corso der Via Libertà,
-du seltsames Maskenspiel südlicher Menschen, die das
-Wesen von Puppen annehmen, wenn sie sich in der leisen
-Betäubung des ewigen Auf- und Niedergleitens begegnen,
-ihr stillen Morgengänge nach Acqua-Santa und
-Romagnolo: Lebt wohl! Lebt wohl für lange, vielleicht
-für immer&nbsp;..«</p>
-
-<p>Die endlose Flucht der steilen Küste begann. Wir fuhren
-in weitem Bogen auf das offene Meer hinaus, sobald wir
-Mondello und das Kap Gallo hinter uns hatten. Das
-Ufer wich in immer tieferen Buchten, einmal schob sich
-ein Saum von flachen, grünen Steppen in die Flut, dann
-zog der Golf von Castellamare die Gestade an sich. Die
-Berge rückten zusammen und schienen sich zu drehen,
-kahle, verbrannte Kuppen wuchsen hellbraun und lila
-aus der Masse des tiefen Gesteines. Lila, wie ganz verblaßter
-Flieder, und lila wie der nächtige Duft auf reifen
-Pflaumen, ein wenig feucht und kühl, und wieder andere
-lilablau, wie späte Waldveilchen, schon halb entkräftet
-von zu langem Licht. Dann plötzlich zeigte sich zwischen
-grauen Falten ein hellgrünes Tal, verweilte wenige Augenblicke,
-und verschwand. Besonders schön war dies: wie
-man im Golf die Küste weichen fühlte und, ganz an dieses
-leichte Fernergleiten verloren, schon auf der anderen
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-Seite neue Berge kommen sah, viel steiler, viel zerrissener
-in den Abhängen, doch still gerundet in den Kuppen,
-weich in der goldnen Luft entfaltet. Das nahe Lila wich
-dem ferneren Indigo; einmal hob sich ein heliotropfarbener
-Kegel in ungeahnter Milde über starren Graten.
-Lag irgendwo ein Haus in baumloser und schattenloser
-Öde am Strand, so wuchs der Schauer der Einsamkeit.
-Ganz einsam aber stand der Leuchtturm von San Vito. Hier
-lenkte das Schiff nach Süden und gab die erste Mahnung
-an das Ziel. Wir waren in die Gewässer von Trapani eingefahren.
-Ich schaute zwischen den Stangen des Geländers
-und den flatternden Vorhängen in der Richtung des
-Monte San Giuliano, des Heiligen Berges, auf dem das alte
-Heiligtum der Venus Erycina lag: Klar und braun stand
-er plötzlich im Licht, doch über seinem Gipfel schwebte
-eine rosenfarbige Wolke, ganz dünn, ein Schleier nur, ein
-süßer Dunst. So, wie von Rosenopfern einst der Weihrauch
-der Altäre aufstieg, wenn die nackten Chöre auf
-den Tempeltreppen sangen und die Kithara schlugen. In
-wildem Efeu lag das weiße Haus, dessen vierfacher First
-nach allen Himmeln wies und die flammende Schrift seiner
-Zinnen den fernen Meerfahrern hinhielt, so daß die
-Matrosen von den Schiffen aufsahen und die Sehnsucht
-ihrer entwöhnten Lenden doppelt brennend fühlten.</p>
-
-<p>Um fünf Uhr warf das Schiff vor Trapani Anker. Ich
-ließ mich übersetzen und fuhr in das Innere der gelben,
-sandigen Stadt, durch tote Straßen, über leere Plätze ohne
-Grün und ohne Schatten. Aus glühenden Kasernenhöfen
-drang das Schmettern der Trompetensignale, goldne
-Helmbuge blinkten über hohen, weißen Mauern auf.</p>
-
-<p>Ich kehrte bald zurück und trank den Tee an Bord. Die
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-Pferde wurden ausgeladen, schwarzes Gesindel, unheimlich
-und verwahrlost, trieb sich in bunten Lumpen auf
-der Mole umher. Die Stunden gingen. Cesare trat zu mir.
-Wir standen am Geländer und schauten auf Stadt und
-Meer. In das Gold der Luft war ein Rosa geflogen. Der
-Monte San Giuliano hatte den Schleier um seinen Gipfel
-dichter gezogen. Über den Dächern wob eine Stille, die
-ganz voll Fremdheit war, verflüchtigend und entkörpernd.
-Alle Gestalten, die über die schmale Brücke auf
-das Schiff gingen, schienen aus einem Dunst von Blut
-zu kommen, in einigen Fenstern flammte dunkelrotes
-Feuer. Der Kapitän ging vorbei und bat mich, zu Tisch
-zu kommen.</p>
-
-<p>Wir waren zu dreien in dem großen Speisesaal. Alle
-Fenster standen weitgeöffnet, das Wasser gurgelte leise
-an den Flanken, ein Geruch von Salz und Tang kam
-manchmal über die Tafel, die mit Verbenen geschmückt
-war. Wir aßen schweigend. Der Wein war schwer und
-dunkel, Conca d'Oro vecchio aus Palermo, und Marsala,
-goldflüssig und gewürzt wie frischer Honig. Das Obst
-fiel über die Ränder der großen silbernen Schalen auf
-das Tischtuch: Bananen und Feigen, Limonen und Kirschen,
-Orangen und Nespeln. Als der schwarze Kaffee
-gebracht wurde, schoß eine Purpurwelle durch die westlichen
-Fenster, alle Wände, alle Stühle, die Blumen, die
-Tassen, die Vorhänge, die Diwanreihen loderten auf,
-laute Rufe des Entzückens wurden über uns auf Deck
-vernehmbar &ndash; wir erhoben uns rasch und gingen nach
-oben.</p>
-
-<p>Es war kein Flammen mehr, es war ein Wüten von dunkelrotem
-Feuer in diesem Sonnenuntergang, am Boden
-<a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-beginnend, in flachen Wellen steigend und hart über der
-schwarzen Silhouette der Stadt hinrauschend. Ein Bündel
-stahlblau glänzender Dolche, stachen die wenigen Palmenwipfel
-über den glatten Dächern in diesen Brand.
-Die breite Kuppel der Kathedrale ließ dünne Blutbäche
-in den Bugen der Wölbungen niederrieseln, nirgends mehr
-war das Erlösende eines milden Goldes. Schwärze und Purpur
-lagen fanatisch ineinandergewühlt, durcheinandergeschleift,
-als das Schiff aus der Enge des Hafens fuhr.</p>
-
-<p>Und es kam kein Gold mehr. Auch nicht mehr jenes zarteste,
-durchsichtige Apfelgrün, in dem so gerne der Tag
-noch über dem offnen Meere verweilt, ehe die Nacht
-sinkt. Es kam nicht das süße Aufblitzen der Sterne, nicht
-ihr silbernes Ruhen im blassen Aquamarin: es kam ein
-rasches, stummes Verlöschen des Feuers, ein kaum zu
-fassendes Stillestehen des Lichtes &ndash; taubengrau und thymianlila
-&ndash; und gleich darauf die Nacht, die tiefe, dunkelblau
-gesättigte Nacht mit dem Gewühl der Sterne,
-die jeden Augenblick aus ihrer weichen Fassung brechen
-konnten, um Luft und Meer und Schiff zu begraben.</p>
-
-<p>Ich lag auf dem obersten Deck in meinen Stuhl gestreckt,
-das Gesicht zum Himmel gewendet. Am Boden neben
-mir saß Cesare und lehnte seinen Kopf an den Sessel.
-Keine Stimme war lebendig auf dem Schiff, keine Mandoline
-klang.</p>
-
-<p>Da fühlte ich: Dies war nicht mehr die Nacht Siziliens:
-dies war die Nacht über Afrika.</p>
-
-<p>Die Bläue senkte sich, das Meer schwoll ihr entgegen,
-die Sterne drängten nieder, zitternd in ihrer eignen Glut,
-Lichtbündel schossen in die Wogen &ndash; doch plötzlich
-schien das Spiel zu ruhen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-Noch einmal tiefer hatte sich das Blau gebauscht, offne,
-stille Blumen quollen langsam aus der Mündung eines
-ungeheuren Füllhorns, Lilienbüschel, weiß und smaragdengrün,
-und sanken&nbsp;.. sanken auf das einsame Meer.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Es war halb fünf Uhr, als Cesare mich weckte. Ich warf
-den Mantel über und trat einen Augenblick an die Türe.
-Blaßblaue Berge standen unendlich fern in der dunstigen
-Luft, am Fuß von bräunlichem Rauch umlagert. Die
-Sonne goß eine brütend-aufgelöste Wärme durch das
-Milchglas des verschleierten Himmels, das Wasser blendete
-bis zum Schmerz.</p>
-
-<p>»Scirocco, sagte Cesare, indem er die Hand vor die Augen
-hob und die Brauen steil zusammenzog, um dem Blick
-eine größere Schärfe zu geben&nbsp;.. Aber ich sehe den Hügel
-von Karthago, ein gutes Zeichen. Das Wetter wird hell
-und trocken werden.«</p>
-
-<p>Ich kleidete mich an und ließ das Frühstück auf Deck
-tragen. Die Luft war unerträglich schwül, alle Glieder
-waren wie zerschlagen, obwohl ich vier Stunden lang
-gut geschlafen hatte. Die Augen wagten kaum, sich zu
-öffnen. Ein tauber, weher Druck zog die Lider herunter.
-Auch das Haar schmerzte, und in den Ohren klopfte das
-Blut. Der ganze Körper war in ein Netz von leichtem
-Fieber gespannt.</p>
-
-<p>Die Anfahrt an die Stadt war nur ein Hinüberdämmern
-wie im Halbschlaf.</p>
-
-<p>Bilder kamen und wechselten, traumhaft&nbsp;.. gleichgültig&nbsp;..
-Bergspitzen und Bergabhänge, braun und rosa, blaue,
-<a class="pagenum" id="page_157" title="157"> </a>
-weiche Mulden und Streifen flachen, gelben Landes drehten
-umeinander, während das Schiff kaum fühlbar voranfuhr.</p>
-
-<p>Ich lag wieder auf meinem Stuhl, Cesare saß mit untergeschlagenen
-Beinen am Boden und nähte an einer Hose.
-Vom Zwischendeck kamen wilde, unverständliche Laute
-herauf, schwarze Köpfe wurden zwischen Geländer und
-Gestänge sichtbar, Weiber in hochroten Kopftüchern,
-mit großen Goldmünzen im Ohr&nbsp;.. Kinder spielten Nachlauf
-und schrieen, wenn sie sich gefangen hatten&nbsp;.. Nackte
-Heizer, schwarz von Ruß und den Dunst des Öles ausströmend,
-kamen einen Augenblick zum Vorschein und
-wischten mit groben, blauen Tüchern den Schweiß von
-ihren glänzenden Körpern. Sie leckten mit der Zunge die
-vollen Lippen und ließen den Mund offen stehen, um
-die Luft zu trinken. Die glühenden Augen starrten gegen
-das Land. Eine unbeschreibliche Geilheit straffte diese
-harten Leiber, die Tag und Nacht in die Glut der dumpfen
-Kesselräume gebannt blieben. Sie waren nur noch Geschlecht,
-wie sie so dastanden in der bleichen Sonne, mit
-eingezogenem Unterleib und breitherausgedrückten Brüsten.
-Wenn sie lachten, fletschten die weißen Zähne wie im
-Maul eines gefangenen Tieres auf, und wenn sie sich
-scherzend anstießen oder an den feuchten Armen packten,
-glich ihre Bewegung dem plumpen Spiel junger Pantherkatzen.</p>
-
-<p>»Sie haben Judenweiber in Tunis, sagte Cesare, als er
-auf meinem Gesicht das Gemisch von Mitleid, Bewunderung
-und Ekel las. Sie können es nicht abwarten, bis sie
-hinüberkommen. Sobald das Schiff landet und alle Heizarbeit
-für die Weiterfahrt vorbereitet ist, gehen sie in die
-<a class="pagenum" id="page_158" title="158"> </a>
-Stadt und bleiben bis zum Abend. Wenn sie dann zurückkommen,
-sind sie mit Obst und Zuckerzeug beladen,
-besonders mit goldgelben Lukkumwürfeln, die sie manchmal
-den Gästen verkaufen. Betrunken sind sie nie. Eine
-Weile lang flüstern sie noch heimlich zusammen und
-lachen in der Erinnerung an das Erlebte, ist aber die Erregung
-ganz vorbei, so werden sie wieder schweigsam
-und fleißig. Ich weiß, daß der jüngere von seinem geringen
-Lohn jede Woche seiner Mutter in Neapel noch
-ein paar Lire schenkt&nbsp;..«</p>
-
-<p>Die braunen Gestalten waren verschwunden. Das Schiff
-ging rascher. Wir näherten uns dem Hügel von Karthago,
-der steil und deutlich in das Meer vorsprang. Weiße
-flache Häuser tauchten zwischen blühendem Grün empor,
-das kleine arabische Dorf Sidi-Bou-Said zog sich am
-Berge hin.</p>
-
-<p>Durch die Enge zwischen den Landzungen von La Goletta
-und Radès fuhr das Schiff in den schmalen Kanal
-ein, der den Bahira-See durchschneidet und geradeswegs
-dem Hafen zuläuft. Nun erst fiel die ganze Schwüle des
-Sciroccomorgens über uns, doppelt quälerisch in dem
-weißen Dunst, der auf dem unbewegten Wasser lag.
-Selbst Cesare, der schon so lange an diesen Wechsel der
-Winde gewöhnt war, atmete schwerer und klagte über
-Kopfschmerzen. Ich war ihm nach dem vorderen Teile
-des Schiffes gefolgt, um die Anfahrt an die Stadt zu sehen.
-Ich saß auf einem Bündel zusammengerollter Taue und
-schaute auf die weißansteigenden Dächer, auf all diese
-flachen, scharfgezogenen Flächen, die sich senkrecht und
-wagrecht bergan schoben und sich hart die schwarzen,
-abgeschnittenen Dreiecke ihrer Schatten zuwarfen. Doch
-<a class="pagenum" id="page_159" title="159"> </a>
-all diese Schatten dämpften nicht das übertriebene Weiß
-der Wände, sie steigerten es und schienen selbst nicht
-da zu sein. So blieb nur der Eindruck einer siedenden
-Helle: weiß wie silberne Wasserdämpfe&nbsp;.. weiß wie berghoch
-aufgeschüttete Magnolienblätter&nbsp;.. weiß wie der
-Glanz der Mondsteine&nbsp;..</p>
-
-<p>Das Wasser hatte grünliche Färbung angenommen und
-atmete Fäulnis. An den Rändern einer kleinen Insel
-standen rote Flamingos und bargen die Schnäbel im
-Brustgefieder, während sie die schwarzen Schwungfedern
-kurz und häufig aufzucken ließen&nbsp;..</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Kurz nach sieben trat ich in den Gasthof. Das Treiben
-in dem Vestibül ließ eine viel spätere Stunde vermuten.
-Ich ruhte eine Stunde, nahm das Frühstück unter einem
-Palmenbaum im Garten und ließ einen Wagen für den
-ganzen Tag mieten. Nie habe ich schönere Wagen gesehen
-als in Tunis: Halbverdecke auf Gummirädern,
-weich gepolstert und von einem blendend-weißen Zeltdach
-überspannt&nbsp;.. und nirgends schönere Pferde: mittelgroße,
-schwarze Tiere, knapp in Gang und Haltung,
-lebhaft, gepflegt und gestriegelt, daß man sich im Glanz
-der kurzen Haare bespiegeln konnte. Mein Kutscher war
-ein Süditaliener aus Cosenza, klug, feinfühlig und nicht
-im geringsten geschwätzig. Neben ihm saß ein zehnjähriger
-arabischer Knabe, der die Aufgabe hatte, mich in
-den Basaren zu führen, in die wir nicht einfahren konnten.
-Wie ein kleiner König saß er da in seinen hellblauen
-Hosen und seinem weißen Hemd. Den dunkelroten
-<a class="pagenum" id="page_160" title="160"> </a>
-Fez hatte er tief in den Nacken zurückgeschoben,
-so daß eine Welle glänzender Haare auf seine gebräunte
-Stirne fiel. Er kaute trockene Feigen, die er aus der Tasche
-zog. Jedesmal, wenn der Wagen anhielt, glitt er wie ein
-Wiesel auf die Erde nieder, reichte mir die Hand zum
-Aussteigen und kauerte auf dem Trittbrett, bis ich zurückkam.</p>
-
-<p>Wir durchfuhren zunächst die südliche Stadt, die Rebat-Bab-Djazira.
-Da, wo die Moschee des gleichen Namens
-liegt, sah ich einen langen Zug Kamele kommen, die
-Kohlen nach dem Markte schleppten. Die Tiere gingen
-schwer, unwillig, wie geschändet durch die aufgezwungene
-Last, mit einem Ausdruck hilflosen Vorwurfs in
-den guten Augen, deren Blick mich schon in der frühen
-Kindheit ergriffen hatte, wenn ich auf den Jahrmärkten
-den Gauklern nachlief, die am Halfter ein müdes, graues
-Dromedar hinter sich herzogen, auf dessen Rücken ein
-frecher Affe Nüsse fraß. &ndash; Schweigende Treiber schlürften
-in klappenden Schuhen neben den Tieren über die
-Pflastersteine. Viele hatten kleine Jasminsträuße hinter
-die Ohren gesteckt, Gemüse- und Obsthändler zogen die
-Djazirastraße entlang, Karrenschieber, aus deren Wagen
-bunte Farbflecken aufleuchteten: Kirschen, Rüben,
-Salatbüsche, Fenchelstiele. Als wir an der Kasba vorbeifuhren,
-der alten Zitadelle der Stadt, verkündeten Trompetensignale,
-daß diese weißen Kalkmauern jetzt eine
-Kaserne umschließen. »Zuaven«, sagte der Kutscher mit
-einer wegwerfenden Handbewegung. Je weiter wir nördlich
-kamen, desto belebter wurde die Straße. Frauen in
-dunklen Gewändern und mit verhülltem Gesicht führten
-kleine Kinder an der Hand und gingen ruhigen
-<a class="pagenum" id="page_161" title="161"> </a>
-Schrittes in der Mitte der Straße. Männer in Gruppen,
-schweigsam oder leise redend, saßen auf den Bänken vor
-den Häusern in der Sonne. Einige hatten die weißen
-Tücher vom Kopfe fortgenommen, andere dicht gewickelt
-und tief in die Stirne gezogen. Auch auf den grellen
-Dächern wurden weiße Gestalten sichtbar. Ihre blauen
-Schatten brachen scharf an der Brüstung ab. Manchmal
-warf der breite Wipfel eines Baumes eine grünliche
-Dämmerung in das Milchweiß der brütenden Luft. Aber
-vergebens spähte das Auge nach einer Bewegung der
-Blätter. Nur der Windhauch des Fahrens gewährte eine
-ganz leise Erfrischung. Sobald der Wagen hielt, schien
-der Atem zu stocken. Wir kamen bis zu dem nordwestlichen
-Tore Bab-Bou-Sadoun, wo viele alte Männer gesenkten
-Hauptes saßen. Sie sahen kaum nach meinem
-Wagen auf. Auch beachteten sie nicht den Staub, der beim
-Umwenden in die Höhe wirbelte und zu ihnen hinüberzog.
-An dem Halfaouinplatze stand eine große Menge &ndash;
-wie wartend &ndash; umher. Viele bunte Farben tauchten hier
-neben dem Weiß der faltigen Burnusse auf: Viel Gelb
-und Ziegelrot an Wams und Weste, auch lichtes Blau
-und Zinnoberbraun. Ich ließ den Wagen anhalten und
-trat an eines der vielen Cafés, die hier im Kreis umherliegen.
-Ich hatte mich kaum gesetzt, als man auf ziselierter
-Messingplatte die heißen, hochgefüllten Mokkabecher
-brachte, an deren Rand der kupferne Schaum dünne,
-bunte Blasen trieb. Der Duft war so belebend, daß ich
-auf Augenblicke die fürchterliche Glut der Luft vergaß.
-Aber kaum hatte ich das heiße Getränk zu mir genommen,
-als ein Feuer in mir aufschlug wie von zu scharf
-gewürzter Speise und perlende Feuchtigkeit am unteren
-<a class="pagenum" id="page_162" title="162"> </a>
-Augenlid hervortrieb. Ein Schwindel faßte mich
-an&nbsp;.. vor den Pupillen stoben rotgoldne Funkengarben
-auseinander&nbsp;.. Ich netzte die Stirne mit Wasser&nbsp;.. und
-erkannte wieder den Platz und den Wagen vor mir. Ich
-hieß den Kutscher rasch nach den Basaren fahren. Wir
-durchquerten die Bab-Souika, wo einiges Grün das Auge
-auf Minuten beruhigte, umfuhren halb die Sidi-Mahrez-Moschee,
-und endeten am Kasbaplatz, wo ich den Wagen
-warten ließ. Der Knabe folgte mir, und als wir in
-das Halbdunkel der ersten, überdachten Basarstraßen
-traten, faßte er meine Hand, um mich in dem Gewühl
-nicht zu verlieren. Seine nackten braunen Füße berührten
-nur leicht die Steinfliesen, der feine Körper schwebte
-nur in den flüchtigen Hüften&nbsp;.. Erquickende Kühle
-wallte in den endlosen Gängen. Der Boden war in der
-Frühe begossen worden und hauchte noch den Geruch
-des Wassers aus, die weißen, faltigen Burnusse der
-Schreitenden schlugen die Luft und ließen Frische nachwehen:
-etwas wie einen Duft von grüner Bleiche und
-Mandelseife.</p>
-
-<p>Ich blieb eine Weile an der Auslage eines Schneiders
-stehen und sah mit zu, wie er ein Gewand aus weißem
-Kaschmir mit goldnen Borten benähte. Die Nadel knisterte,
-wenn sie im Flug den Stoff durchfuhr, der aus den
-weichen Falten ein elfenbeinernes Licht warf. Ein Gewühl
-von bunten Atlasresten war auf dem Boden ausgebreitet:
-wollüstiges Bad der suchenden Hände. &ndash; Auch
-bei einem Schuster saß ich einige Minuten und ließ mir
-purpurne Prunkschuhe und safrangelbe Pantoffel zeigen,
-die mit Silberfiligran umsponnen waren. &ndash; Ein Kupferschmied
-aber zündete mir auf einem alten, vierzehnarmigen
-<a class="pagenum" id="page_163" title="163"> </a>
-Tempelleuchter die braunen Wachskerzen an, so daß
-ein Hauch wie brennender Honig an die Decke des niederen
-Gewölbes schlug.</p>
-
-<p>Es war fast Mittag, als ich in den Souk-el-Birka zu den
-Juwelieren hinüberging. Ich kaufte einen Talisman aus
-grünem Email und einen schmalen, schwarzblauen Dolch,
-dessen Griff mit silbernen Nägeln und blassen Turmalinen
-übersät war. Als ich gehen wollte, bat mich der
-alte Besitzer des Ladens, noch einen Augenblick zu verweilen
-und rief seinem Sohn ein paar arabische Worte
-in einen Nebenraum zu. Gleich darauf wurden zwei
-große Kästen gebracht und auf einen maurischen Schemel
-gestellt. Der Alte türmte Kissen aufeinander und lud
-zum Sitzen ein. Vater und Sohn standen dicht nebeneinander
-und hoben die Hände in einer fast schmerzlichen
-Bewunderung empor, als sich die roten Seidenetuis öffneten
-und auf weißem Samt die unvergleichlichsten Gewebe
-goldnen Filigranes sichtbar werden ließen, die je
-mein Auge erblickte. Mit einer Geste, als seien seine Finger
-nicht heilig genug, die Kostbarkeiten zu berühren,
-hob nun der Alte den größeren Schmuck in die Höhe
-und legte ihn über die crêmefarbige Seide einer nachgeahmten
-Frauenbüste. Nun erst erkannte ich, was dieses
-Netz bedeutete. Es war der kühle Panzer für die nackten
-Schultern und Brüste einer Frau. An jeder Kreuzung
-zweier Goldfäden taute ein blasser Rubintropfen: da, wo
-die dunkelroten Knospen der Brüste aus dem Gewebe
-drängen mußten, war eine runde Öffnung gelassen, die
-ganz von spitzen, heißen Diamanten umsäumt stand.
-Man fühlte das Atmen der blassen Haut unter dieser
-Hülle, das weiche Schlucken der Kehle, wenn die Lust
-<a class="pagenum" id="page_164" title="164"> </a>
-in die Glieder rieselte, die leichte Blähung des Unterleibes
-über dem Geschlecht, und die flache Höhlung an den
-Seiten der leidenschaftlich eingezognen Schenkel. Man
-spürte die blaue Rohseide der Lagers, den irrenden Duft
-des Jasmines in den Decken, das laue Feuchte auf den
-leicht geöffneten Lippen, die an den glatten Strich der
-Schneidezähne rührten.</p>
-
-<p>Die Juweliere sahen mich erwartend an. Der Sohn ließ
-seine weichen Finger durch die Maschen spielen, wie
-wenn er das warme Fleisch unter dem kühlen Geriesel
-abtastete, und sagte zu mir:</p>
-
-<p>»Die schönste Jüdin von Tunis wird in diesem Schmuck
-noch heute abend tanzen. Ihr Freund, ihr reicher Freund,
-der nur vorübergehend in der Stadt weilt &ndash; er lebt auf
-seinen Farmen im Innern des Landes &ndash; hat ihn bei uns
-arbeiten lassen. Wir haben Monate gebraucht, ihn herzustellen.
-Wir haben nie etwas Ähnliches angefertigt. Es
-hat nicht seines Gleichen auf der Welt«&nbsp;..</p>
-
-<p>»Wenn nicht das andere Stück, fiel der Vater ein, zeige
-das andere Stück &ndash; die Wahl ist schwer.«</p>
-
-<p>»Es ist für eine arabische Dame, erklärte er weiter, als
-der Sohn das Haarnetz über seine Hand fallen ließ, so
-daß es sich wie eine flache Mitra an sieben Platinkreisen
-entfaltete, die von den zartesten Brillanten starrten und
-miteinander durch unwahrscheinlich dünne Silberschnüre
-verbunden waren. Am linken Rand des weitesten Reifes
-war eine schmale Öse für den Reiherbusch und an den
-inneren Wänden ein Spiel von goldnen Nadeln angebracht,
-um die sprühende Haube über der Welle des
-Haares zu halten.</p>
-
-<p>»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte, indem
-<a class="pagenum" id="page_165" title="165"> </a>
-er sich dicht zu mir hinüberneigte und mir in die Augen
-sah.</p>
-
-<p>»Ich ziehe keines von beiden vor. Sie sind gleich wundervoll.
-Für meine Gattin würde ich das Haarnetz kaufen,
-für meine Freundin den Panzer&nbsp;..«</p>
-
-<p>»Auf Ehre, ich sage das Gleiche, erwiderte rasch der
-Jude. Doch ob mir die Gattin oder die Freundin lieber
-ist, sage ich nicht&nbsp;..«</p>
-
-<p>Wir betraten den Souk-el-Attârin, wo die kostbaren
-Essenzen verkauft werden. Wie von Rosenhügeln kam
-uns ein Hauch aus der schmalen Lichtsäule entgegen, die
-durch eine offne Dachluke fiel. Ich konnte der Bitte des
-jungen Verkäufers nicht widerstehen, der mich zum
-Eintreten in seinen Laden lud und mir Kaffee und Zigaretten
-anbot. Er kniete vor meinem Sitze nieder und
-breitete auf einem seidnen Teppich von wundervoll geblaßtem
-Himbeergelb und Erdbeerrot eine Menge zierlicher
-Flacons aus, die selbst verschlossen eine heftige
-Süße verströmten. Die kleinen Behälter &ndash; kugelrund
-oder eckig abgeschliffen &ndash; waren aus altem, etwas erblindetem
-Kristall und ganz mit dünnen, goldnen Ornamenten
-übersät. Der Händler tupfte die Spitze der
-gläsernen Stopfen auf dünne Watteflocken, die er in die
-Luft warf. Ich sog geschlossenen Auges die endlos sich
-erneuende Welle auf: so wie man Töne unergründlicher
-Melodien schlürft oder das Überraschende, nur Halbgelöste
-im enharmonischen Wechsel der Akkorde. Ich
-dachte an nichts: kein Bild und keine Vorstellung bannte
-das Unendliche des Genusses. Ich atmete nur, so wie ich
-der Musik nur lausche, ohne ihr Überirdisches an Erscheinungen
-zu deuten. Duft bleibt mir Duft: so wie mir
-<a class="pagenum" id="page_166" title="166"> </a>
-Klang nur Klang bleibt: vollkommen in sich: rein in
-Wesen und Ausdruck. Einmal fiel mein Blick auf den
-Knaben. Er saß etwas abseits, mit vorgeschobenem Gesicht
-und leicht geblähten Nüstern, ein kleines, braunes
-Reh, das gierig wittert. Der Verkäufer selbst schien wie
-entrückt. Die vollen Lippen lüstern ausgezogen, so daß in
-der Grube der feinen Mundwinkel ein bläulicher Flaum
-lag, trank er die immer wechselnden Hauche und wurde
-nicht müde, immer neue Flacons zu öffnen und neue
-Schneeflocken fallen zu lassen. Schließlich stand er auf,
-nahm alle die kleinen Wattekugeln und warf sie in die
-Höhe: Da ging ein Regen von Balsam nieder, ein Glockenspiel
-von fünfzigfach gemischter Süßigkeit. Ich hatte die
-Schwüle, die Müdigkeit, die Kopfschmerzen vergessen
-und lag halbtrunken auf dem Brokat der maisgelben
-Kissen, indes wir eine Mischung besprachen, die ich für
-mich bereiten lassen wollte. Der Araber sah mich lange
-an, sah meine Hände an und befühlte sie, langsam und
-prüfend, mehrere Male. Er betrachtete meine Ringe und
-den bläulichen Halbmond der Nagelwurzeln. Er tastete
-die Hügel der Fingerspitzen ab und befühlte die Haare
-an den Schläfen. Dann sagte er langsam, während er
-neuen Kaffee brachte und dem Kleinen ein Stück Lukkum
-reichte:</p>
-
-<p>»Vous êtes artiste.«</p>
-
-<p>»Parfaitement. Je suis poète.«</p>
-
-<p>»Je l'ai bien deviné. Mais c'est difficile chez vouz. Votre
-extérieur trompe. Vous cachez votre profession, vous
-ne voulez pas qu'on voie ce que vous êtes. Mais vous
-êtes passionément artiste&nbsp;.. si fort que cela domine votre
-vie. Vous êtes de race germanique.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_167" title="167"> </a>
-»Je suis Allemand.«</p>
-
-<p>»Comme je vous connais! J'ai le flair des races! Depuis
-mon enfance! Je sais exactement quel parfum il vous
-faudra. Pas pour le prendre: c'est autre chose! mais pour
-vous exprimer. Il faudra envelopper le centre chaud et
-mou d'un ruban simple et plutôt sec&nbsp;.. Il faudra beaucoup
-cacher sans dissimuler.«</p>
-
-<p>Damit ging er in den hinteren Raum des Ladens und
-holte einige größere Flaschen, in denen smaragdene und
-amethystene Flüssigkeiten leuchteten. Die Mischung
-wurde in ein köstliches rundes Gefäß aus altem Kristall
-gegossen und in ein Bett von grünem Atlas gelegt. Zum
-Überfluß aber schenkte mir der Händler ein zierliches
-Glas voll Jasminduft, der in dieser Stadt heilig ist, so wie
-die Blume selbst.</p>
-
-<p>Dann aber fingen wir an zu plaudern. Der blaue Rauch
-unserer Zigaretten stieg in schmalen Bändern empor, vor
-der Türe wogte die leise Brandung der Menge. Helle
-und Dunkel flog auf und nieder im Wechsel der Gestalten,
-unaufhörlich wallte der Duft im gleitenden Luftzug&nbsp;..</p>
-
-<p>Und der Araber sprach von den Oasen des Landes, von
-Gafsa, von El Djem, von Dougga. Ich lag flach auf dem
-Rücken und lauschte&nbsp;.. Immer wieder, wie ein Becken,
-in dem sich der Strom seiner Rede sammelte, kehrte die
-Mahnung wieder:</p>
-
-<p>»Scheuen Sie nicht die Mühe&nbsp;.. gehen Sie in die Wüste&nbsp;..«</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Es verlangte mich zurück zum offnen Licht. Ein heller
-Wind schlug mir entgegen, als ich mich dem Ausgang
-<a class="pagenum" id="page_168" title="168"> </a>
-der Basare näherte. Die Decken der Ladentische wehten,
-die seidnen Aushängefahnen wehten, die Gewänder der
-Fußgänger wehten&nbsp;.. Und die reinste, tiefste Bläue wehte
-über den schneeweißen Dächern, als ich ins Freie trat.
-Baumwipfel rauschten, der leicht durchbrochene Schatten
-der Zweige tanzte auf dem Boden. Die Schwüle war
-fort&nbsp;.. die belebende Hitze sprühte golden und leicht
-in den befreiten Lüften.</p>
-
-<p>Wir fuhren wieder nördlich, nach der Halfaouinstraße.
-Ich ging, von dem Knaben geführt, in das Labyrinth der
-Gassen, die einsam und geheimnisvoll im klaren Lichte
-lagen, eine endlose Monotonie von weißen Würfeln
-in satter Bläue, nur selten durch das Grüne eines Wipfels
-oder das Bunte eines Blumenstrauches unterbrochen.
-Die Türen waren geschlossen. Kaum ein
-Mensch war sichtbar. Das Leben lag verschüttet im
-weißen Licht: abgestumpft, unbewegt. Etwas, das nicht
-mehr will.</p>
-
-<p>Wir waren aufs Geradewohl gegangen und kamen an
-der Synagoge heraus. Hier schickte ich den Knaben
-fort, um den Wagen herbeizuholen und ging auf ein
-kleines Café zu, an dessen Schwelle zwei Tänzerinnen
-saßen. Ich ließ kalten Tee bringen und setzte mich in
-eine kühle Ecke. Die Frauen kamen zu mir. Ihr Gesicht
-war so stark gepudert, der Mund so giftig-blaurot
-überstrichen, daß mich ein Ekel faßte, als im Sprechen
-ein feuchter Glanz auf diese Lippen trat. Aber die
-Augen hatten so viel Milde, ja fast eine Traurigkeit.
-Die aufgedunsenen, kleinen Hände, die von unechten
-Ringen starrten, fuhren zuweilen in das wirre Haar, das
-kein Öl ganz zu glätten vermochte und stützten sich
-<a class="pagenum" id="page_169" title="169"> </a>
-dann wieder auf die breiten, häßlichen Hüften. Den
-Achselhöhlen entstieg der scharfe, beizende Geruch des
-Geschlechtes.</p>
-
-<p>»Was treiben Sie heute nachmittag?« fragte die jüngere
-und legte die Hand auf mein Knie.</p>
-
-<p>»Ich fahre nach dem Belvedere-Park.«</p>
-
-<p>»Was wollen Sie jetzt dort tun? Es ist alles verdorrt!
-Kommen Sie zu uns, wir werden Ihnen die Zeit vertreiben&nbsp;..«</p>
-
-<p>»Womit?«</p>
-
-<p>»Womit Sie wollen.«</p>
-
-<p>Die ältere schob die Zunge zwischen die Lippen, die
-schmale, zugespitzte Falte einer karminroten Zunge, auf
-der ein gelblicher Speichel stand. Sie lachte und zeigte
-verdorbene Zähne.</p>
-
-<p>»Ich will gar nichts,« erwiderte ich und zündete eine neue
-Zigarette an, um die Fliegen fern zu halten&nbsp;..</p>
-
-<p>»Desto besser, sagten die beiden. Wir wissen schon&nbsp;..«</p>
-
-<p>Und sie sahen sich an wie solche, die glauben, verstanden
-zu haben.</p>
-
-<p>»Hören Sie, begann wieder die jüngere, wir tanzen heute
-nicht. Wir können am Nachmittag tun und lassen, was
-wir wollen. Kommen Sie in unser Zimmer. Wir werden
-Opium rauchen.«</p>
-
-<p>Die andere lüftete das Tuch und ließ ihre schlaffen, feuchten
-Brüste sehen.</p>
-
-<p>»Geben Sie uns zwanzig Lire, einer jeden, und die Nacht
-gehört Ihnen&nbsp;.. Die Nacht zu dreien&nbsp;..«</p>
-
-<p>Sie spreizte die Beine und zog die Knie höher. Die Brüste
-fielen ganz aus den weißen Schleiern. Über der linken
-Warze stand ein bräunlicher Blutfleck, die letzte schwindende
-<a class="pagenum" id="page_170" title="170"> </a>
-Spur eines Bisses. Sie sah mich lange an&nbsp;.. abwartend&nbsp;..
-Ich lächelte und rauchte weiter&nbsp;..</p>
-
-<p>Da standen beide auf. Mit einem leichten Gruß, als ob
-nichts gewesen sei, gingen sie auf ihre alten Plätze zurück.</p>
-
-<p>Es währte noch eine Weile, bis der Wagen kam. Ich sah
-in die Luft, die über den Steinen flimmerte, und lauschte
-einem Dudelsackpfeifer, der hinter fernen Höfen zu spielen
-begann.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Das Gras auf den Wiesen des Belvedere-Parkes war schon
-verbrannt, aber die Oleanderbäume schütteten die hellrote
-Flut ihres Blühens über das feste Grün der Blätter.
-Es war ein Oleandergarten, durch den der Wagen langsam
-bergan fuhr. O seltsamer Duft dieser Blüten: Duft,
-der mitten in der Süße abbricht, der nicht zu Ende geht
-und da verflüchtigt, wo sich der tiefe Atemzug ganz
-seiner Wonne bemächtigen will&nbsp;.. ein Duft wie Harfenklänge:
-er weckt die Sehnsucht und löst sie nicht mehr
-aus.</p>
-
-<p>Mit einem dünnen Palmblatt scheuchte der arabische
-Knabe die Fliegen, als ich mich hoch oben am Pavillon
-zur Ruhe niederließ. Die Augen fielen mir zu. Langsam
-versank der Abstieg von Dächern und Kuppeln vor mir.
-Als ich erwachte, war nur die endlose Bläue über mir
-aufgerollt, weiße Vögel wiegten sich auf blühenden
-Schwingen südlich über dem Meer gegen den leichten
-Hauch der Hügel von Zaghouan. Der rote Duft der
-Oleanderblüten stand aufrecht in dem Garten&nbsp;.. der Duft,
-<a class="pagenum" id="page_171" title="171"> </a>
-der seine Seele in sich festhält, im Schenken süß, noch
-süßer im Versagen&nbsp;..</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Gegen sechs Uhr abends kam ich nach Radès, zu Achmet
-Fouad, einem türkischen Freunde Axel Arnedals.
-Ich fand genau den Menschen, den ich zu finden erwartet
-hatte. Die erste Viertelstunde unseres Gespräches
-gab eine Vertrautheit, als ob man sich schon lange gekannt
-hätte.</p>
-
-<p>Jedes Wort, das der Vierundzwanzigjährige sprach, hatte
-seine Schwere und Eindeutigkeit. Alle Gedanken wurden
-einfach und mit jener Würde gegeben, die der
-nordischen und westlichen Jugend fremd ist. Schon
-die Stimme war Ruhe, tief und tönend, jede Silbe im
-Kupfer ihres Klanges umhüllend. Dieselbe Kraft, zu
-bannen und einzuschließen lag in den großen mandelförmigen
-Augen. Die Brauen standen flach und stark
-gezogen an der niedrigen Stirn. Über den kräftigen,
-schlanken Händen lag mildverteilt die Sinnlichkeit des
-Orientalen.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Wir ruhten auf gelben Matten und sahen die Nacht herniedersteigen.
-Die trockene Wärme des Daches strömte
-langsam in unseren Rücken.</p>
-
-<p>Schiffe lagen im Hafen, fern und kaum zu erkennen im
-Widerschein des roten Himmels. Auf einem Bett von
-Nelken ging der Abend schlafen. Silbern tauten die Sterne
-am Rand der Blumen. Das Meer rollte den bronzenen
-und rollte den stahlgrünen Samt. Im Norden blitzten die
-<a class="pagenum" id="page_172" title="172"> </a>
-Lichter von Karthago auf. Keine Barke zog aus. Achmet
-hob noch einmal den schweren, dunklen Kopf, hob die
-Arme, wie wenn er das letzte Licht fassen wollte und ließ
-sich leise ganz zu Boden gleiten, indessen mich tiefes Bangen
-auf den Knieen hielt. Eine Stunde später brannten die
-Ampeln, und der Jasminstaub verpuffte in den hohen
-Räucherpfannen. Der schwarze Diener ging zum letztenmal.
-Die Tür stand offen. Palmenwipfel wiesen in die Tiefe
-des Gartens. Die Silberbäche der Sterne stürzten an der
-nächtigen Kuppel nieder. Wie Nadelspitzen schlug das
-Fieber des Duftes empor. Schon glitten Wolken vor dem
-sinkenden Auge. Rosenfelder liefen im Morgenwind und
-trugen mich fort. Dann noch ein allerletztes Dämmern&nbsp;..
-ein Ruf ohne Antwort&nbsp;.. O Haschisch! wehes Hanfkraut!
-Süßes Hanfkraut, das dieses Schweben schenkt&nbsp;..</p>
-
-<p>Und dann der tiefe, tiefe Fall durch weiße Sternenseen
-in ein warmes, blaues Meer, das wiegt und wiegt&nbsp;.. und
-leise singt und weiterwiegt&nbsp;..</p>
-
-<p>Sehr mild und weichumrissen kamen die Gesichte auf
-goldnen Dünsten der Frühe:</p>
-
-<p>Aus einem Veilchenhügel wurde der rührende Leib des
-Mädchens geboren, von der aufgehenden Sonne bestrahlt.
-Glückselig stand der Mund und trank die Morgenluft.
-Auf den Spitzen der herben Brüste glühte das Silber des
-Lichtes. Um die gereckten Hüften und die zarte Flucht
-des Schoßes lag es wie ein dünner, schmiegsamer Panzer&nbsp;..
-und es glänzte in den Kniescheiben.</p>
-
-<p>Aus den Lüften schwebte der Knabe nieder, den Tau der
-Dämmerung aus den Haaren schüttelnd und das feuchte
-Gesicht in den Händen trocknend. Er umschlang die
-Schulter der Geliebten und glitt in ihren Leib hinüber.
-<a class="pagenum" id="page_173" title="173"> </a>
-Sie aber schloß die Arme über dem Kreuz seiner Hüften
-und trug halb schon im Sinken, halb noch im ungewissen
-Gleichgewichte, die Last, von der sie selbst getragen
-wurde. Die Lippen des Knaben aber hatten sich festgesogen
-an der Mandelblüte der linken Brust und tranken
-das hellrote Blut, das im Kreislauf in das schenkende
-männliche Geschlecht zurückrann. Da waren beide Körper
-plötzlich ganz verwachsen, und jenseits des Geschlechtes,
-das Mann und Weib scheidet, im Schoß der
-Lust bis in den Abgrund alles Werdens untergetaucht.</p>
-
-<p>Andere Bilder lösten sich aus dem wachsenden Licht:
-auf hellblauem Lager die schlafend vereinigten Freunde,
-im Duft ihrer blonden und dunkleren Jugend verloren&nbsp;..
-auf purpurnen Betten die schmerzlichen lesbischen
-Frauen&nbsp;.. Leda und der küssende Schwan, der die
-Schwungfedern an den wartenden Schoß drängt, Danaë
-mit den offnen Schenkeln, in die der Goldregen niederrieselt&nbsp;..</p>
-
-<p>Aus der Woge aber, die mich wiegte, sang eine Stimme
-&ndash; und es sang aus dem rauschenden Licht:</p>
-
-<p>Ich bin die Lust. Ich bin ein Eines und bin so viele Viel,
-als niemals eines Menschen Hirn zu träumen vermag.
-Jenseits von Tugend und Sünde beginnt mein Leben,
-und ich lächle, wenn ihr mir Gesetze andichtet, da ich
-gesetzlos bin und ganz mir selbst genüge. Ich frage nicht
-darnach, was eurem Leben frommt und euren Zwecken
-dient. Ich habe keinen Zweck. Ich bin nur da, ich war
-und werde sein. Ich treibe den Mann zum Weib und den
-Mann zum Mann und das Weib zum Weib und den
-Menschen zum Tier und den Menschen zum Ding und
-das Tier zum Tier und das Tier zum Ding und das Ding
-<a class="pagenum" id="page_174" title="174"> </a>
-zum Ding. Ich bin voll Geheimnis und weiß es selbst
-nicht, in wieviel Kräften ich bin. Ich bin in den Giften
-und bin im Balsam. O daß ihr einmal sehen lerntet und
-alles Lebendige gleichsetztet! Bin ich nicht aufgewachsen
-in den Zellen eines kleinen Hanfkrautes? Wohne ich
-nicht in einem winzigen Tropfen ausgepreßten Öles, der
-genügt, euren Willen zu brechen und eure gefesselten
-Sinne zu entfesseln, sodaß ihr die Wahrheit fühlt? Eine
-arme Pflanze des Feldes setze ich über den Hochmut
-eures Geistes! Ja, ich kann euch töten mit den Körnern
-der Mohnblume! Ich kann in euer Blut überspringen und
-mich so dehnen, daß das Gefäß eurer Adern zerreißt.</p>
-
-<p>Wes nennt ihr die Liebe? Was eure Ordnung erhält und
-eure Art fortpflanzt. Aber ich bin keine Gottheit der
-Ordnung und keine Gottheit der Art. Ich bin die Gottheit,
-die als Anfang der Welt über den Wassern war. Ich
-befehle euch nichts und verbiete euch nichts, da jedes
-Geschehen mir gleich ist, in dem ich mich selbst erkenne.
-Ich lohne euch nicht und strafe euch nicht: Ob ihr mich
-preist, ob ihr mir flucht: Ich lächle &ndash; und bin.</p>
-
-<p class="ce">· · · · · · · · · · ·</p>
-
-<p>Morgengrauen. Aufbruch aus der kleinen arabischen
-Stadt, in der die Karawane am Abend zuvor eingetroffen
-war. Ein langer, quälend langer Ritt durch Steppe, Sand
-und Wüste, bis zu einem toten Gewässer, an dessen Rand
-das Mittagslager aufgeschlagen wurde. Agaven, Aloë,
-Palmen und das schreiende Gelb der Kakteenblüten.
-<a class="pagenum" id="page_175" title="175"> </a>
-Schutt, bröckelndes, verlassenes Gemäuer, angebrannte
-Grasflächen. Am Himmel die gleißende, zischende Diamantscheibe
-der Sonne, deren überhitzter Glast ringsum
-die Bläue auffraß. Dann das weiße Zelt mit dem
-dünn gefilterten Gold in dem groben Gewebe. Teppiche
-und Kissen am Boden. Ein Gehen und Kommen der
-Beduinen, bis alles hergerichtet war. Dann Ruhe&nbsp;.. beklemmende
-Ruhe&nbsp;..</p>
-
-<p>Achmet Fouad lag halbnackt in dem weißen Seidenburnus
-ausgestreckt, dem Schlummer nah. Ich selbst, in
-allen Sinnen überwach, saß auf dem Polster und lauschte
-in das Knistern der betäubenden Luft. Die Hitze schoß
-in tausend Pfeilen durch die Tuchwände. Sie sprang vom
-Sand und dem siedenden Glanz des erblindeten Wassers
-empor. Ich hörte, wie draußen einer ein Kamel schlug,
-das sich nicht umlegen wollte. Der Stock sauste auf das
-verwollte Fell nieder. Das Tier stieß einen wilden, bösen
-Schrei aus und glitt in die Kniee. Lange noch drang sein
-Schnaufen zu mir herüber. Ich versuchte zu rauchen. Die
-Kehle war zu trocken. Das Blut drängte in meine Augen
-und begann in meinen Ohren zu sausen. Ich riß die Kleider
-von mir und warf mich auf das Lager. Die Hitze
-drang wie Nadelstiche in meinen Leib, in allen Poren
-schlug ein brennender Schmerz auf, krampfhaft kurz&nbsp;..
-im gleichen Augenblick schon in einer unerhörten Lust
-aufgelöst. Der ganze Körper schien ertötet, entkörpert
-in der Arbeit der Glutwellen, die ihn von allen Seiten
-anfielen. Der Atem wurde frei. Tiefe Müdigkeit sank auf
-die Augenlider.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Achmet stand lächelnd vor mir, als ich erwachte. Dunkles
-Orange wogte im Zelt, er schlug den Vorhang etwas
-<a class="pagenum" id="page_176" title="176"> </a>
-zur Seite, und ich sah wieder die glänzende Wand des
-lasurenen Himmels, die über Palmengestrüpp emporwuchs.
-Die Schatten der gesattelten Kamele fielen auf
-den gelben Boden, ein Beduine fragte, ob wir bereit
-seien. Wir ritten tief in den Abend hinein. Bei einem Sykomorengebüsch
-wurden die Zelte wieder aufgeschlagen.
-Die Wachtfeuer brannten an der Erde, der blaue Rauch
-wirbelte in den roten Dunst der Lüfte. Schwarz lagen
-die Kamele gegen den Purpur der Zelttücher, der langsam
-blaßte, auf der welligen Weite war eine Saat von bleichen
-Rosenblättern ausgestreut, die in jeder Minute weiterwelkte.
-Aus den goldnen Brunnen der Sterne fiel der
-Tau. Flachen Leibes lag ich auf dem Sand, den Kopf in
-die aufgestützten Arme gebogen. So lag vor tausenden
-von Jahren der Nomade auf dem Boden der Wüste, wenn
-er in den kühlen, durchscheinenden Nächten von seinen
-ruhlosen Wanderzügen ruhte, und schuf an der Weite
-des funkelnden Himmels und der noch weiteren Weite
-des wehenden Sandes den Raum seiner tiefen und kindlichen
-Seele. So barg er das wilde Antlitz im Staub der
-einsamen, unentweihten Erde, so hob er das wilde Antlitz
-nach den Sternfeldern, die den Wohnungen Gottes
-vorgelagert sind: Da wuchsen die ersten Silben im Abgrund
-der Seele, Schauder und Wonne, in einem dunkeln
-Klang gebunden: und das Gebet war geboren: der
-große vermittelnde Gesang zwischen dem, was endlich
-ist, und dem, was ewig ist.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Achmets Finger rührten an meine Schläfe:</p>
-
-<p>»Der Tag bricht an&nbsp;..«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_177" title="177"> </a>
-Ich hob mich aus dem tiefen Schlaf.</p>
-
-<p>Das blasse Öllicht flackte in dem Messingbecken. Stimmen
-wurden vor dem Zelte laut. Achmet schlug weit
-den Vorhang auf. Die Luft kam weich und kühl von
-Osten. Ich löste mich aus den Decken und trat in das
-Freie. Die Beduinen grüßten. Einige knieten schon am
-Boden. Über dem blauen Milchdunst am äußersten Saum
-der Erde schleifte der trübe Rand eines purpurnen Vorhangs,
-der an grauen Wolkenbändern aufgehängt war.
-Plötzlich teilte sich dieser Vorhang der ganzen Länge
-nach und öffnete dem Auge einen Blick in kühle, blanke,
-smaragdene Tiefen. Im gleichen Augenblick bauschten
-sich die Wolkenstreifen, Ströme von hellem Blut stürzten
-in die grüne Klarheit der Mitte. Am Boden aber leckten
-schon kurze Topasflammen nach oben, weißglühende
-Dolche zuckten im Halbkreis nach und durchstachen
-das schon gerinnende Blut: zwei-, drei-, vier-, fünfmal
-raste eine mörderische Lohe bis in den Zenit hinauf &ndash;
-und die große, weingoldne Sonne stand in erdrückender
-Ruhe über dem verwüsteten Horizont.</p>
-
-<p>Ein Kamel zerrte am Halfter und schrie auf. Ein zweites
-schrie, ein drittes, ein viertes, ein fünftes&nbsp;.. dann schrieen
-alle. Vielleicht schreit einer so, dem das Messer in die
-Eingeweide saust.</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wir ritten&nbsp;.. ritten&nbsp;..</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wir ritten&nbsp;.. ritten&nbsp;.. ritten&nbsp;..</p>
-
-<p>&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Gegen Abend erreichten wir die Oase.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_178" title="178"> </a>
-Gebadet und erquickt lagen wir am Rand der Quelle.
-Braune Kinder spielten um uns. Frauen kamen und füllten
-die gelben Tonkrüge, die sie auf der Schulter davontrugen.
-Die Sonne war am Untergehen und schüttete ihr
-letztes Licht über die breiten Palmenwedel und Olivenwipfel.
-Dichtes, blühendes Oleandergebüsch säumte den
-Abhang vor uns, jenseits der Böschung vor uns standen
-Weizenäcker voll Kornblumen und Klatschrosen. Da
-mußte ich an das heimatliche Land denken, an das grüne,
-wellige Land um Pfingsten&nbsp;.. an die Feldwege nach Sonnenuntergang&nbsp;..</p>
-
-<p>Ganz leise, ganz beruhigt war das Gespräch mit Achmet.
-Ein Gespräch voll Abend und süßer Traurigkeit. Keine
-Pläne mehr, kein Rechnen mit Meilen und Stunden: nur
-das lautlose, wunschlose Übergehen von Wesen zu Wesen.
-Kein Unterschied des Alters mehr, kein Unterschied
-der Rassen: was uns irgend trennen konnte, war mit dem
-lauen Wind verweht, der in den Wipfeln ging. Wir sprachen
-von unserer Kindheit, von unseren Müttern, von
-Freunden und von Frauen. Es war alles so ähnlich, die selben
-Träume, dieselben Bitternisse, dieselben Tröstungen.
-Nur die großen innern Ziele waren anders gesetzt: weil
-das Schicksal des Vaterlandes verschieden war. Achmets
-Liebe zu seinem Volke war ein dunkles, unterirdisches
-Lodern, das sein ganzes Wesen ergriff und hinriß: eine
-Liebe voll Fanatismus und Sehnsucht sich zu opfern, tragisch
-in ihrer Artung und zu jedem tragischen Ende bereit,
-unklar und grandios. Er sprach von Enver Bey, dem Heldenhaften,
-der zart und melancholisch war wie eine Frau,
-ein Brand von Liebe und Schmerz. Da spürte ich zum
-erstenmal im Rhythmus der Sprache, im Fall der Töne,
-<a class="pagenum" id="page_179" title="179"> </a>
-die ganze Leidenschaft, die dieses tiefe, stille Herz verschloß,
-die innere, geistige Schönheit, in der die Kraft
-lag, ein ganzes Leben läuternd zu durchdringen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wir verstummten vor der wachsenden Schönheit des
-Abends. Fern im Osten hing zum erstenmal die gelbe,
-scharfgeschnittene Sichel des Mondes an einem Himmel
-von Kupfer und Grünspan. An den Palmenschäften
-glänzten wie Buckeln am Schilde die Stümpfe der abgefallenen
-Blätter, die langsam wiegenden Wedel schlugen
-das ruhende Gold des Äthers. Wie sich ein helles leichtes
-Zeltdach niederläßt, ließ sich die Nacht hernieder.
-Wir gingen Arm in Arm zwischen Ölbaumgärten und
-gelben Feldern, auf schmalen Lehmwegen. Esel, mit
-hochgefüllten Gemüse- und Blumenkörben beladen,
-trabten dem Stalle zu, Kamele schlürften an einer Tränke
-langsam das Wasser, in einer offnen Türe brannte die
-rötliche Ampel, in einem Hofe zupfte eine schläfrige
-Hand die Zither. Schatten füllten die Winkel und Ecken
-und wehten dem Dunkel der ruhenden Wipfel entgegen.
-Die Wege verloren sich, leuchteten über fernen, blassen
-Hügeln noch einmal auf und sanken ganz in Finsternis.</p>
-
-<p>»Wie wird dies alles fremd,« sagte ich leise zu Achmet&nbsp;..</p>
-
-<p>»Und weit, fügte er ebenso leise hinzu. Ich höre die
-Quellen fließen.«</p>
-
-<p>Und er hielt ein im Schreiten.</p>
-
-<p>»Ich höre das Kommen der Nacht&nbsp;.. Wie ein Flug von
-weißen Vögeln kommt diese Nacht&nbsp;..«</p>
-
-<p class="ce">· · · · · · · · · · ·</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_180" title="180"> </a>
-Als ich die Augen aufschlug, lag schwere, dunkelgrüne
-Dämmerung über den golden durchleuchteten Wänden.
-Das helle Plätschern eines dünnen Brunnenstrahles kam
-über den bläulich-kühlen Flur, nach dessen Tiefe hin die
-Türe offen stand, und flüchtiger Rosenduft war in das
-Atmen des Wassers gesprengt. Die Sirene eines Schiffes
-durchbrach die heiße Stille&nbsp;.. Tunis&nbsp;.. Radès&nbsp;.. die Villa
-Achmet Fouads.</p>
-
-<p>Ich richtete mich empor und sah nach der Uhr. Es war
-um die achte Morgenstunde&nbsp;.. Ich hatte nie so tief, so
-traumlos tief geschlafen. Meine Glieder waren gelöst,
-gebadet in wunderbringenden Wassern&nbsp;.. leicht und selig
-durchrieselt von genossenem Glück.</p>
-
-<p>Kein Ton drang aus der Tiefe des Hauses. Grüne Fliegen
-summten, ihre kleinen Schatten zuckten über die
-oberen Kalkwände. Ich begann nachzusinnen&nbsp;.. aber
-die Bilder in meinem Gedächtnis verwirrten sich. Jahre
-waren vergangen, viele, heiße, schattenlose Jahre.</p>
-
-<p>Achmet trat auf die Schwelle.</p>
-
-<p>Wir nahmen das Frühstück im Garten des Brunnenhofes.
-Zitronenfalter flogen über den offenen Blumen,
-mit jedem Flügelschlag fiel eine Schuppe matten Goldes
-in das tiefe Blau der Lüfte. Tausend kleine, weiße Flecken
-tüpfelten den Boden unter den Büschen. Bäche von
-elfenbeinernen Blüten stürzten aus dem harten Laub der
-Jasminsträucher. Ich sah zum ersten Mal diesen Garten.
-Halbträumend trank ich den leichten Tee, wie einer, dem
-keine Zeit mehr gesetzt ist. Draußen war ja keine Karawane
-mehr zur Abreise bereit, es warten keine Kamele,
-die schon gesattelt standen und unruhig die geduldigen
-Köpfe drehten, keine Beduinen, die kaum die roten Lippen
-<a class="pagenum" id="page_181" title="181"> </a>
-über dem schwarzen Barte zu einem Wort öffneten.
-Es wartete auch kein Schiff im Hafen&nbsp;.. Der Tag war
-frei&nbsp;.. zeitlos frei&nbsp;..</p>
-
-<p>Aber morgen abend lag das Schiff an der schwarzen Mole,
-und eine Stunde nach Sonnenuntergang trug es mich hinaus
-durch den Kanal des Bahira-Sees in das offene, nächtige
-Meer.</p>
-
-<p>Da schärften sich die verträumten Sinne&nbsp;.. Deutliche
-Bilder wuchsen im goldnen Flimmern des Morgenlichtes
-herauf und blieben stehen: klare Symbole, die den
-hellen Sinn des Lebens verkünden.</p>
-
-<p>»Wo sind Sie?« fragte Achmet.</p>
-
-<p>Ich sah ihn fast erschrocken an.</p>
-
-<p>»In Griechenland.«</p>
-
-<p>Er bewegte langsam, fast traurig den Kopf:</p>
-
-<p>»Mir ist die griechische Seele fremd. Auch ihre Gleichnisse
-sind mir fremd. Ich habe oft versucht, zu verstehen,
-ich habe mich abgequält darum, es ist mir nie gelungen,
-da in meinem Wesen weder eine Stimme fragt, noch antwortet.
-Wie oft habe ich mit Axel Arnedal in Rom den
-Vatikan und das Kapitol durchwandert! Das Rätsel
-blieb, und ich habe es aufgegeben, an Lösungen zu denken.«</p>
-
-<p>Er lächelte &ndash; wieder dieses gütige, halb überlegene
-Lächeln des Orientalen, und blies den blauen Rauch seiner
-Zigarette langsam zwischen den vollen Lippen in die
-Luft. Dann stand er auf und winkte mir mit dem Kopf,
-ihn zu begleiten. Wir traten durch ein vergoldetes Tor
-in die purpurne Verdorrtheit eines Palmengartens, der
-hinter dem Hause lag. In allen Wipfeln hingen ziegelrote
-Geranien, ein Heliotropenbeet hielt die Mitte des
-<a class="pagenum" id="page_182" title="182"> </a>
-verbrannten Rasens, und ganz am Ende, wo die Lehmwände
-ein wenig Schatten in ihrem Winkel fingen, gossen
-sich gelbe Rosen bis auf den Sockel einer Antinousstatue.</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, wie sie hierherkam, sagte Achmet. Als
-ich das Haus mietete, fand ich sie dort.«</p>
-
-<p>Der weiche Leib des Knaben blühte in dem gedämpften
-Gold, mild und von innen, wie alter penthelischer Marmor.
-Auf den flachen Hügeln der Brust schloß sich die
-Süße des Lichtes in weißem Feuer, während ein warmer,
-violetter Schatten sich tief in die reife, ruhende
-Frucht des Geschlechtes einsog. Aber das Auge war
-nichts als verflüchtigte Wehmut, der Mund verbarg nicht
-seinen großen Überdruß. Jenseits der Mauer, den Hügel
-hinan, blühte ein Feld von weißem Mohn. Dort ruhte
-der betrübte Blick, dem Meere abgewendet, das in der
-Tiefe zwischen Olivenwipfeln blaute.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Am Nachmittag fuhr ich in die Sammlungen des Bardo
-hinaus, an dorrenden Feldern vorbei, die Öde eines arabischen
-Friedhofs streifend, und dann weiter unter den
-flüsternden Wipfeln der breiten Allee, immer die Berge
-vor Augen, die so leicht in der heißen, spielenden Luft
-ruhten und doch in allen Adern ihres Gesteins brannten.
-Ein Feuer von lilaroten Clematisblüten loderte die weißen
-Kalkwände des Hauses empor&nbsp;.. ein weicher, violetter
-Mantel sank die Kühle der Eingangshallen auf die
-Schultern&nbsp;..</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_183" title="183"> </a>
-Ich sah das Weinstockmosaik mit den pickenden Vögeln
-und geflügelten Eroten, welche die Trauben abernten&nbsp;..
-ich sah ein andres mit dem Bildnis des Vergil zwischen
-Clio und Melpomene&nbsp;.. ich sah die Seitenwand eines gemeißelten
-Sarges mit den Grazien und Jahreszeiten, einen
-Hermaphroditen, einen androgynischen Eros als Fackelträger,
-Kameen aus Jaspis, Achat und Kornalin, punische
-Kleinodien aus den Gräbern von Karthago, Halsketten,
-Ohrgehänge, Armbänder, Amulette und Ringe, wundervolle
-Ringe aus weißem und rotem Gold, gehämmerte
-und ziselierte, von halberblindeten Steinen gekrönt.</p>
-
-<p>Dies alles sah ich in seiner verwirrenden Fülle&nbsp;.. Da
-stand auf einmal in der Helle einer offnen Türe jener geflügelte
-Bronze-Eros, der auf dem versunkenen athenischen
-Schiff bei Mahdia gefunden wurde. Ich vergaß,
-was mich noch vor wenigen Minuten entzückt hatte: ich
-war ganz Auge, hingerissen von der unwiderstehlichen
-Macht hellenischer Schönheit, hellenischer Jugend. Wie
-selig-erfüllt ruht dieser Gott auf breitem Marmorsockel,
-er wiegt sich auf den schlanken Füßen, als ob er tanzen
-wolle&nbsp;.. Die Flügel haben sich im Streichen der Luft geöffnet
-und lösen die letzte verharrende Schwere in einer
-Ahnung beginnenden Fluges auf.</p>
-
-<p>Noch tiefer aber ergriff mich das Leben einer kleinen
-Gemme, die unter Glas auf blassem Sammet ruhte:
-Da hebt sich auf grauem Grunde das bläuliche Weiß
-des Gesichtes, das Blut rinnt unter der klaren, angespannten
-Haut. Der Jüngling lebt in seiner strengen
-Schönheit, für die der Künstler das Symbol des Kriegsgottes
-fand. Er lebt so sehr, daß die Seele des Betrachters
-nachschaffend in die steinernen Züge hinübergleitet
-<a class="pagenum" id="page_184" title="184"> </a>
-und mitlächelt, wenn sie das feine Lächeln in den schmalen
-Mundwinkeln spürt und in den grauen, klugen
-Augen, wo sinnliche Zartheit mit dem Blitz des raschen
-Entschlusses und gebietenden Willens kämpft.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Um fünf Uhr holte mich Achmet ab. Wir fuhren zum
-letztenmal durch die südlichen Viertel der Stadt. Ich
-fühlte den Abschied, der mit dem Abend leis und schmerzlich
-sank. Ich sah auf Achmet. Er saß gesenkten Kopfes
-zu meiner Linken und spielte mit ein paar Jasminblüten,
-die ein Kind in den Wagen geworfen hatte.</p>
-
-<p>Wer war Achmet?</p>
-
-<p>Ich wußte es nicht, und wir hatten vierzehn Tage wie
-Freunde gelebt. Ich wußte nur: er hatte die Seele eines
-Kindes, weich und klar, ohne Berechnung und ohne
-Zwiespalt. Er hatte die Seele des Orientalen, die über
-unergründlich-sinnlicher Trauer lächelt&nbsp;..</p>
-
-<p>Zu Hause las ich Briefe, viele schöne Seiten von der
-Mutter, von deutschen Freunden, die meiner Reise von
-ferne folgten, und ein langes Schreiben von Axel Arnedal,
-das gar kein Brief mehr war, sondern eine sommerliche
-Dichtung, in der ein Hauch von Schwedens grünen
-Buchenwäldern und weißen Julinächten wehte. Da
-stiegen die Berge der deutschen Heimat auf, die kühlen,
-schmalen Hügel, die sich so lautlos in das fruchtbare
-Land hinlassen, die Eichenwälder, die Tannenforste und
-die Wiesen, auf denen das blühende Gras um die Gruppen
-der Sternblumen zittert&nbsp;.. Die Kuckucksrufe und das
-scheue Schreiten der Rehe am abendlichen Saum der Gehölze,
-<a class="pagenum" id="page_185" title="185"> </a>
-die goldgefüllten Lichtungen hinter feuchten,
-braunen Schneisen&nbsp;.. Die Bäche mit dem weichen,
-singenden Schaum und das einsame Kreisen des Vogels,
-von der grundlosen Tiefe des blauen Teiches gespiegelt&nbsp;..
-Und die Wolken, die schimmernd geballten Wolken, die
-über den Feldern von Weizen und Gerste, von Mohn
-und Kornblumen aufsteigen.</p>
-
-<p>Und als wir am Abend wieder auf dem Dache saßen,
-als die Glocke des Himmels in maisgelber Glut stand
-und aus dem unterirdischen Rosenbett der schlafenden
-Sonne ein Qualm von Purpurdüften aufwehte: als das
-Meer in Karmesin und Henna brannte, so daß die müden
-Segelschiffe auf Flammen zu lagern schienen: als auf die
-Häuser von La Goletta eine Streu von Pfirsichblüten niederging
-und der Byrsahügel auf den Trümmerfeldern
-Karthagos in einer Säule roten Rauches stand: da blieben
-die deutschen Bilder über die Ferne des Meersaumes
-hingegossen und in ihrer zarten Schönheit voll Sehnsucht
-neben die griechischen Gesichte hingelehnt, mit denen
-sie langsam im Sinken des Abends verschmolzen.</p>
-
-<p>In der Nacht aber, als alles tief im Hause schlief und
-mich der Abschied wachhielt, stieg ich in den Garten hinunter
-und saß noch einmal im wachsenden Mondlicht
-bei Antinous:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">&rsaquo;So treibt noch einmal mich die Einsamkeit</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hinab zu dir, o Bildnis, halb verwaist&nbsp;..</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Mondnacht sinkt und macht die Landschaft weit:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie bin ich voll von dem, was Mondnacht heißt&nbsp;..</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sieh, wie das Licht die lauen Tropfen füllt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die schon vom Tau auf allen Blüten stehn:</td></tr>
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_186" title="186"> </a>
- Ich werde deinen Garten nicht mehr sehn,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn wieder Nacht den neuen Tag verhüllt.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das Schiff entflieht &ndash; es flieht dein Angesicht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das in so langer Schau fast meines war..</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von deiner Stirn, von deinem weichen Haar</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die abendliche Wehmut folgt mir nicht.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und nähm ich dich und trüg dich fort von hier</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aus deinen Rosen, deinen Lorbeerhecken:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dich würde so des Nordens Trübsinn decken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß du verstummtest. &ndash; Und was bliebe mir?</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das Land, mein Freund, das meine Heimat heißt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist von der Sonne selten nur umworben,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es liegt verhüllt und oftmals wie erstorben</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Im Nebel, der um Fichtenwälder kreist.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und selbst an Tagen, wo die Stirne freier</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sich in das Blau geklärter Lüfte hebt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bleibt irgendwo im Äther noch ein Schleier</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aus grauen Seidenfäden hingewebt.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nie leuchtet klar der Berge fernes Rund</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In deutlicher Umgrenzung: Dünste zittern</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie hinter ewig zugeschlossnen Gittern</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und geben niemals frohe Götter kund.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Euch aber lachten aus den kleinsten Dingen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Himmlischen verheißungsvoll und heiter an:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">All ihre Süße konnte euch durchdringen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und eure Irdischkeit war nie ein Wahn.</td></tr>
- <tr><td>&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl"><a class="pagenum" id="page_187" title="187"> </a>
- Sie waren eins mit eurem tiefsten Wesen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sie lebten unter euch, einfach und mild,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Gott war an Mensch und Mensch an Gott genesen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und einer stets des andren Ebenbild.&lsaquo;</td></tr>
-</table>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_189"> </a>
-HELLAS<br />
-
-(ABEND IN SEGESTA&nbsp;/ TAGE IN SYRAKUS&nbsp;/ CAPRI)</h2>
-
-
-<p><a class="pagenum" id="page_191" title="191"> </a>
-<b>A</b>ls es zum zweiten Male Abend wurde, stieg ich den
-Hügel empor, der zu dem Tempel von Segesta führt.
-Kein Mensch war ringsum zu sehen, kein Bauer, kein
-Hirte. Ich war von dem hochgelegenen Calatafimi zu Fuß
-das Flußtal hinabgegangen, hatte die kleine Brücke überschritten
-und nahm den letzten Aufstieg hinter dem Gehöft,
-in dem der Wächter wohnt. Alle Kuppen lagen blau
-im Blauen, es war ein großes Stillestehn in Licht und
-Lüften, wie oft um die Stunde, wenn sich der Tag im
-letzten Leuchten sammelt und auch im engen Tal noch
-keine Schatten steigen. Sonne&nbsp;.. weiche flüssige Sonne,
-soweit das Auge den Kreis der sanften Hügel umspannte&nbsp;..
-gelbe Ginsterbüsche im harten, braunen Gestein, stille
-Pappelwipfel mit aufgeschlagenen Blättern und hoch in
-der Helle, von tausend bunten Faltern umflogen, mitten
-im blühenden Distelfeld, der Tempel.</p>
-
-<p>Da ließ ich mich auf die Stufen niedergleiten, das Antlitz
-ganz im Abendgold gebadet. In meinen Knieen rieselte
-die Glut des uralten Gesteins, aus dem heiligen
-Boden stieg die Welle der befruchtenden Wärme aufwärts,
-gewürzt vom Duft der Disteln und der Thymiankräuter.
-Meine Schläfe glitt an die stillbeglänzte Säule.</p>
-
-<p>Nun wußte ich &ndash; wunderbar geweitet, in Wissen und
-Gefühl übersinnlich aufgelichtet &ndash; daß alle Wege meiner
-Jugend in diesem Weg zusammenliefen. Ich war in
-Meiner Heimat und bei Meinen Göttern, die ich aus dem
-begreifen kann, was in mir selber ist:</p>
-
-<p>»O meine Götter: wie süß ist meinem Herzen die Natur,
-aus deren Schoß ihr leicht in eure Bilder stiegt! Wie seid
-ihr fremd dem unduldsamen Gott der Juden, der wie ein
-Starrkrampf auf dem Volke lag &ndash; wie einfach seid ihr
-<a class="pagenum" id="page_192" title="192"> </a>
-und wieviel näher als der Gott Christi! Soll ich mich
-denen anvertrauen, die euch zerschlugen, euch, die ewigen
-Symbole des weiten, großen Lebens, und schwankend
-Hingedachtes über die klare Fülle der gottdurchströmten
-Irdischkeiten setzten? Ich glaube an die Welt: an Trieb
-und Tat und an das ewig-erlösende Gesetz ihres Wechsels.
-Ich sehe nicht die Widersprüche in einem Gott gelöst,
-den man die Liebe nennt: und was die Priester
-Offenbarung nennen, dünkt mich ein Schein, nur eine
-tausendmal umgewandelte und verdunkelte Sehnsucht,
-im Menschen selbst das Ewige zu spüren. Aber die Gottheit
-kann sich nicht in Einem Mittler offenbaren, und die
-Tiefe der Gottheit ist nicht deutbar in einem Gefühl, das
-trügerisch die Gegensätze in einer künstlichen Entkräftung
-auslöscht. Der Sinn des Lebens dünkt mich die unendliche
-Kette der Bewegung von Qual und Freude: der
-Sinn der Gottheit aber die Befruchtung in Gut und Böse,
-jenseits der Liebe.</p>
-
-<p>Große Götter: Ihr schürt die Kämpfe, aus denen die Jugend
-fließt &ndash; ihr seid in den Widersprüchen und schafft
-die Einheit, indem ihr das Ewige im Irdischsten fühlbar
-macht: und ihr verlangt nicht die Verwüstung der Formen,
-die ihr selber schuft, um einer qualvoll eingeengten
-Seele den Weg in euer Licht zu öffnen. Ihr heiligt den
-Leib: und der heilige dient euch.«</p>
-
-<p class="ce">· · · · · · · · · · ·</p>
-
-<p>Es war um die siebente Abendstunde, als ich in Syrakus
-ankam. Da die Villa Politi im alten Stadtviertel der Achradina
-schon geschlossen war, mußte ich unten auf der
-Halbinsel Ortygia in einem Gasthof des Hafens wohnen.
-<a class="pagenum" id="page_193" title="193"> </a>
-Glühende Straßen entlang ging die Fahrt, durch weißen
-Kalkstaub, der so dicht und hoch lag, daß weder das
-Rollen der Räder noch das Stampfen der Hufe zu hören
-war. Ununterbrochen wogte eine leichte Wolke, vom
-Purpur der Lüfte angestrahlt, auf dem Boden des Wagens
-über meinen Schuhen, und, wo ein andres Fuhrwerk uns
-entgegenkam, glitten wir in einen roten Sprühregen feiner
-Nadelspitzen hinüber. Erlösend winkten ferne die dunkelgrünen
-Baumwipfel des Ufers und die Maste der wenigen
-Segelschiffe auf dem glatten, hellblau spiegelnden
-Meer.</p>
-
-<p>Ich verbrachte den Abend unter den Bäumen am Ufer.
-Halb war es ein Sinnen, halb war es ein Träumen, das
-mich wiegte, leise und schmeichelnd wie der Nachtwind
-die schwarze, seidene Flut. Mit jeder flachen, schaumlosen
-Welle ringelten gelbe Hafenlichter in die Tiefe, auf dem
-Schiff, das noch in der Nacht nach Malta hinabfuhr,
-sangen Matrosen ein fremdländisches Lied. Abermals
-tauchte die steile Insel in meinem Erinnern empor, steinern
-und rosa aus dem Email des Meeres gegen den Himmel
-getürmt, so wie ich sie eines Abends vom Rande
-des nahenden Schiffes aus gesehen hatte&nbsp;.. und die Schatten
-kamen auch wieder, mahnend und tröstend mit dem
-Feuer ihrer leidenschaftlichen Seele: La Valette und Posa,
-St.&nbsp;Priest und Créqui.</p>
-
-<p>Viele Menschen wandelten am Ufer und genossen das
-Fächeln des Windes nach dem glühenden Tag. Es war mir
-seltsam, daß ich unter diesen dunklen, forschenden Blicken
-auf- und niederging, während ich gedacht hatte, den
-Abend in irgend einem verlorenen Gartenwinkel der
-Villa Politi hoch über dem Meere zu verträumen. Ich sah
-<a class="pagenum" id="page_194" title="194"> </a>
-hinüber in der Richtung, wo die alte griechische Festung
-mit ihren blumenüberwucherten Steinbrüchen und Trümmerfeldern
-lag, und folgte dem Fall der Sterne, die schmale
-Furchen durch das weiche Dunkel zogen und ihr kühles
-Silber auf die stummen Wipfel gossen. Erst als um Mitternacht
-das Schiff nach Malta lautlos und einsam aus dem
-Hafen fuhr, erhob ich mich und ging nach Hause.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-
-<p class="ci">AN AXEL</p>
-
-<p class="ci">Was mir aber aus unseren früheren Tagen an Erinnerung
-blieb, glich der Schönheit blauer Buchten, zu denen
-kaum ein Pfad hinunterführt. Ich sah dich immer von
-weitem, auch wenn du neben mir gingst, und suchte
-keinen Weg, der in dein Inneres führte. Du warst kein
-Mensch, auf den man Wünsche legte. So leicht auch das
-Gewebe deiner Seele war, so bunt und so beweglich: der
-Wille, der die tausend ausgespannten Fäden zusammenhielt,
-blieb fast abwehrend deutlich. Mein Staunen wuchs,
-so oft ich darüber nachdachte, einen wie großen Spielraum
-du den Dingen lassen konntest, ohne nur einen
-Augenblick lang die Herrschaft über ihre Vielheit zu
-verlieren. Ich wußte nicht, daß eine Sehnsucht in dir war,
-die einen Menschen forderte: ich wußte nicht, daß du
-den Austausch suchtest mit einer Seele, die du nicht besaßest.
-Aber was du suchst, ist weniger ein Mensch: es
-ist ein großer Glaube, der einen Menschen hält und deinem
-Glauben gleichkommt.</p>
-
-<p class="ci">Alle Widersprüche des Lebens versinken in deiner rastlosen
-Sehnsucht nach Schönheit: mir aber erschließt sich
-<a class="pagenum" id="page_195" title="195"> </a>
-die Einheit des Seins im Schaffen der Schönheit. Wir
-mußten uns begegnen: das bindende Gefühl wächst aus
-der Mitte unseres Wesens.</p>
-
-<p class="ci">Ich konnte nie die Liebe von der Freundschaft scheiden,
-denn der Sinn der Liebe ist mir nicht die Zeugung. Wenn
-ich auch tausend Gesetze im Wesen der Natur vermute
-und verspüre: so habe ich doch nie einen Zweck verspürt,
-und ich weise es immer leichteren Sinnes von mir,
-daß irgend ein Ding eine Bedeutung haben könne, die
-den Rahmen seines einfachsten Wesens durchbricht.</p>
-
-<p class="ci">Was fragt meine Erkenntnis nach Regeln, wie sie eine
-bedingte Einsicht erfand, um letzte Möglichkeiten in den
-Zwang einer nützlich-unfruchtbaren Ordnung zurückzudrängen?
-Es heißt nicht den Göttern dienen, wenn
-man die Natur verletzt, und es heißt nicht den Menschen
-dienen, wenn man die Ursprung-Triebe, die aus der göttlichen
-Wurzel schlagen, mit der Waffe des blinden Gedankens
-erschlägt.</p>
-
-<p class="ci">Will wirklich der ordnende Geist sich anmaßen, Eros
-zu zügeln?</p>
-
-<p class="ci">Es ist ein anderes, ob ein fanatischer Pfaffe wider die
-Ewige Natur wettert und seinem unduldsamen Gott den
-seelischen Pachtzins einschachert, oder ob der große, der
-einfache Mensch, der aus schlichten und tiefen Ursprüngen
-lebt, mit der Kraft seines lauteren Willens dem Trieb
-eine Grenze setzt und das glühende Feld des Geistes
-öffnet. Und es ist ein anderes, ob der beschränkte Erzieher
-dem Knaben befiehlt, die Lust der Sinne zu töten:
-oder ob der Knabe aus einem tieferen, eingeborenen
-Wissen heraus das Göttliche des Körpers begreift und
-die Lust &ndash; die wundervolle, in keinem Gleichnis auszuschöpfende
-<a class="pagenum" id="page_196" title="196"> </a>
-Lust &ndash; in solche Maße dämpft, daß sie wie
-süßer, silberner Morgenwind die Schönheit des Leibes
-beseelt und erhöht.</p>
-
-<p class="ci">Ich sehe die Flamme: und niemals das Scheit, aus dem
-sie emporschlägt. Hat ein Licht die Kraft, zu verschönen,
-so gilt es mir heilig.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>In der Frühe des Sonntags stand ich auf und trat an
-das offene Fenster. Von allen Hügeln gegen Floridia,
-Cannicattini und Belvedere wehte das kaum geborene
-Licht, über den Ebenen des Anapo- und Kyaneflusses
-wob ein blaßgrüner Schimmer. Aber die Luft war blau
-&ndash; blau wie Ehrenpreis und nicht vom Hauch einer Wolke
-getrübt. Die kühle Belebung, welche den Aufgang der
-Sonne umgibt, floß über dem Spiegel des Meeres. Ich
-lag mit aufgestützten Armen in dem Fenster und konnte
-nicht tief genug die leichte Berauschung dieses griechischen
-Morgens in mich auftrinken, der den allerfrühsten
-Zeiten anzugehören schien, als sich die korinthischen
-Siedler auf der schmalen Halbinsel Ortygia niederließen
-und in dem lichten Duft der Hügel, der Olivenhaine und
-Weingärten die heimatliche Landschaft wiederfanden&nbsp;..
-Ein Schwarm von weißen Vögeln, der vom Rande eines
-schlafenden Bootes aufflog und landeinwärts in der Richtung
-der Epipolae schwenkte, mahnte, daß es Zeit sei,
-sich anzukleiden und in die alte Stadt hinaufzufahren.
-Es war sieben Uhr, als ich an das Tor der Villa Landolina
-klopfte, die zwischen weißen Mauern, unfern der Latomia
-<a class="pagenum" id="page_197" title="197"> </a>
-di Santa Venere liegt. Eine junge Frau, die öffnete,
-sah erstaunten Auges auf den Rosenstrauß, der mir im
-Arme lag. Ich fragte nach Platens Grab. Sie wies mir den
-Weg so weit, daß ich ihn nicht mehr verfehlen konnte.
-Ich ging abwärts und aufwärts, einen schmalen Pfad entlang,
-bis an die Ausbuchtung, in der das Denkmal des
-Dichters steht. Der alte, schlichte Stein, den der Graf
-Landolina seinem Gaste setzen ließ, ruht rechts an einer
-Mauer unter wildem Efeu- und Lorbeergestrüpp. Dort
-ließ ich die Rosen niedersinken, eine nach der anderen,
-manche mit den Fingern zerpflückend, so daß ein Regen
-gelber und roter Blütenblätter über den einsamen Marmor
-rieselte, auf dem die Schrift schon verwittert. Dann
-setzte ich mich auf einen Baumstamm und sah in die
-Bläue, die zwischen den Wipfeln des tiefliegenden Gartens
-floß. Eine Woge von Grün schlug aus dem Abgrund
-auf: Pappeln, Lorbeer, Zypressen, Oliven. Bis in die
-Kronen hinauf schlangen sich die blauen Samtwinden,
-die mich so oft auf der Höhe des Palatin entzückt hatten&nbsp;..
-In allen Zweigen lief das Rauschen des Morgenwindes,
-es war ein beständiges Flittern und Blitzen von Silber in
-den Lüften, wo sich ein glänzendes Blatt regte, sprühte
-das weiße Licht auseinander, durch die ferneren Wipfel
-aber, die einen dunklen Saum auf den Abstieg des ruhigen
-Himmels zogen, wallte es in leichten, stillen Strömen&nbsp;..
-und ganz am Ende des Horizontes versank das Auge im
-Lächeln des Meeres. So hingehaucht, so überirdisch zart
-war dieser Streifen hellblau gespannter Seide, so weit
-hinausgerückt, daß keine Grenze mehr andeutete, wo die
-silberne Kugel des Himmels in die Flut stieg.</p>
-
-<p>Auf dieser fernen Bläue hatten die letzten schweifenden
-<a class="pagenum" id="page_198" title="198"> </a>
-Blicke des großen Toten geruht&nbsp;.. von dort herüber war
-die letzte versöhnende Schönheit in die Neige seines Lebens
-geflossen. Welcher Trost, zu wissen, daß das Meer
-bis an sein Grab hinüberlächelt, daß der Wind des Meeres,
-der Wind der blauen Weiten, die hütenden Zypressen
-wiegt&nbsp;.. der süße Wind, in dem die Götter ihre Lieblinge
-grüßen. Trug er nicht selbst ihre zuckende Flamme
-am Saum der Stirn? Wenn er im Morgenlicht über die
-Felsengrate der Achradina ging und über der funkelnden
-Höhe des Meeres die Sonne erwartete, küßten sich Flamme
-und Flamme und wehten durch die winterlichen Lüfte
-in den Schoß der Himmlischen zurück.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p class="ci">AN AXEL</p>
-
-<p class="ci">Nun ist auch dieser Weg gegangen, nach dem es mich
-hinverlangte, seit ich Platens Schicksal und Schönheit
-begreifen lernte. Schon daß die Menge ihn nie verstehen
-konnte, erweckte mir eine Liebe. Denn von je ergriff mich
-die einfache, dienende Hingabe eines Menschen an die
-Schönheit, die stumme, unbeirrte Anbetung, die das
-niedrige Zweckbewußtsein der Massen aufstört und verwirrt.</p>
-
-<p class="ci">Ich sah, wie sich im Leben Platens langsam die griechische
-Sehnsucht entfaltete und unter Kämpfen in die lautere
-Gelöstheit seiner letzten Jahre aufstieg. Ich sah ein Werden
-aus erschütterten Tiefen herauf. Platen war meiner
-Seele Beispiel. Wie er dem Gott in sich durch Wehen
-und Kämpfe treu blieb, gab mir den unerschütterlichen
-Glauben an den Sinn des Lebens, gab mir den Trost
-<a class="pagenum" id="page_199" title="199"> </a>
-seiner menschlichen Nähe und das über seinen Tod hinaus
-fruchtbare Mitgefühl. Platen war kein Grieche: er wurde
-es, indem er nur er selbst zu werden trachtete. Platens
-Seele war nordisch und krank an dem unheilvollen Zwiespalt
-zwischen Körper und Seele, dem er erlegen wäre,
-wenn nicht der Gott in ihm solange die kämpfenden
-Kräfte genährt hätte, bis der innere Sieg errungen war
-und der Flug zur letzten Erfüllung beginnen konnte. Die
-Leidenschaft dieses Hinfluges bleibt das Erschütterndste
-in dem Leben dieses großen Heimatsuchers: so stürzen
-gefangene Vögel sich über das brandende Meer in den
-Aufgang der Sonne, sobald sie die ersten befreiten Flügelschläge
-spüren, und wer ihnen nachschaut, muß weinen.
-Die Frucht seines Lebens aber war in dem, was er an
-Wissen von dem Wesen der Seele mit seiner letzten Sehnsucht
-schöpferisch verband. Darin liegt der neue Reichtum,
-mit dem er griechische Schönheit füllte: die unbegrenzte
-Möglichkeit, in der er griechische Formen weiten
-konnte.</p>
-
-<p class="ci">Als mit der Lehre Christi die Seele bis zur Krankheit
-überwucherte und zu einem Brand wurde, der das Gefäß
-des Leibes zerfraß, blieb neben allem gefährlichen Irrtum
-ein Gewinn: Konnte auch der Urstoff der Weltseele nicht
-vergrößert werden (das Göttliche ist nicht dehnbar), so
-wurde doch die Wirkung seiner Einzelkräfte durch viele
-Übung in eine tiefere Bewußtheit gerückt. Es traten
-Dinge befruchtend in die menschliche Erkenntnis, die
-vorher unbewußt &ndash; nicht unfruchtbar, doch undeutbar
-&ndash; im allgemeinen Spiel der Grundkräfte gebunden lagen.
-Wo vorher dumpfe Ahnungen gewesen waren, gab
-es nun Namen und Begriffe, der Menge zur Qual, wenig
-<a class="pagenum" id="page_200" title="200"> </a>
-Erwählten zum Gewinn. Christus hatte die Natur des
-Künstlers: er war Bildner, Stoff und Werk zugleich. Das
-Mißverstehen seiner Jünger hat &ndash; wie es noch jedesmal im
-gleichen Fall geschah &ndash; die Form des Meisters zerschlagen,
-und was für ihn, den <em class="ge">Einen</em> galt, in blindgewordener
-Liebe aus seinem Gehäuse gerissen und zerstückt vor die
-hungernde Meute der Bedrückten geworfen, die einen
-neuen Trostgedanken brauchte. Christi Lehre ist nicht
-mehr Christi Einheit: Was ein unglaubhaft auf sich selbst
-gelenkter schöpferischer Wille zu einem neuen, großen
-seelischen Beispielswerte umschuf, mußte den Zusammenhang
-mit seiner reinen Herkunft verlieren, mußte zur
-Krankheit werden, wenn es in willkürlichen Wiederholungen
-entkräftet wurde.</p>
-
-<p class="ci">Nur der künstlerische Geist konnte dazu berufen sein,
-der neuen Schönheit, die in Christi Erscheinung selbst
-ihr erstes Sinnbild fand, durch das Kunstwerk eine uns
-verfälschte Deutung zu geben: ohne den Geist zu verletzen,
-dem <em class="ge">alles</em> Lebendige heilig ist. Nur der Künstler
-vermochte so tief in das Geheimnis des »Gott-Sohnes«
-zu dringen (kraft seiner eigenen Gott-Gebundenheit),
-daß er den alten Göttern weiterdienen konnte, ohne das
-Beispiel des neuen Verkünders zu verleugnen. Der Geist,
-der die Schönheit als letzte Klärung des Lebens sucht,
-muß die Einheit des Irdischen und Göttlichen suchen:
-die lebenvernichtende Lehre aber zerstört die Gottheit
-selbst, indem sie das vornehmste Sinnbild zerstört, durch
-das sich das Ewige verkündet, den Leib, die Form. Es
-gibt nur Unterschiede des Ausdrucks, nicht des Wesens,
-in den Werken, die das Walten göttlicher Kräfte verkünden,
-und nur die Leidenschaft der Hingabe an das zu
-<a class="pagenum" id="page_201" title="201"> </a>
-schaffende Werk gibt das reine Maß für die Gottergriffenheit
-des Künstlers: Es ist nicht weniger Göttlichkeit in
-der hinreißenden Süße eines Satyrtorsos oder im Rücken
-und Unterleib eines Hermes &ndash; wie sie Praxiletes schuf
-&ndash; als in dem rauschenden Flügelschlag, der Platens Sizilianische
-Hymne oder Morgenklage trägt. Daß wir aus
-vielen Irrtümern heraus das Gefühl dieser Gleichordnung
-wieder lernen mußten, bleibt die Schuld einer erkrankten
-Zeit, welche Leib und Seele auseinanderzerrte und einem
-zügellos gewordenen Geist die Herrschaft anvertraute,
-an der die einfache Einheit des Menschen zerschellte.</p>
-
-<p class="ci">Aber es bleibt ja der ewige Trost: daß es niemals einen
-Sieg des Denkens gibt, sondern einzig den Sieg der Tat!
-Wie sich die menschliche Sehnsucht auch wende: die
-letzten Rätsel löst nur das Gebilde: das wesenhaft Gestalt-Gewordene:
-was es auch sei: die Frucht, die aus dem
-Geist erblüht, den wir <em class="ge">Hellas</em> nennen.</p>
-
-<p class="ci">Hellas lebt und wird leben: durch die umbildende Kraft
-seiner Seele, die sich den sprödesten Stoff der Jahrhunderte
-dienstbar macht&nbsp;.. und durch den Glauben der
-Künstler, daß im heiligen Maß des Werkes die höchste
-Menschlichkeit als Offenbarung Gottes strahle.</p>
-
-<p class="ci">Laß uns dieses Maß preisen, an dem wir die Klarheit
-und Durchleuchtung des Lebens gewinnen! Beherrschung
-&ndash; und nicht Askese &ndash; sei uns Gesetz. In der
-freien Bestimmung der Kräfte laß uns die Grenzen finden,
-ohne die keine Furchtbarkeit denkbar ist.</p>
-
-<p class="ci">Rückwärts geht mein Erinnern: aus der mystischen Lapisglut
-Ravennas kam ich, ergriffen von dem Schauder einer
-Schönheit, die schon die Grenze des Daseins überfliegt&nbsp;..
-Lange wiegte der spielerisch-schillernde Glanz, den Palermos
-<a class="pagenum" id="page_202" title="202"> </a>
-Doppelseele ausstrahlt, den unsicheren Geist, der
-dürstend und ungestillt zu dem Saum der Wüste hinabfloh,
-wo Traum und Tod in einem Strom von Purpur
-rauschen: bis er, befreit und ganz genesen, in das stille,
-silberblaue Leuchten emportauchte, das Hellas heißt!</p>
-
-<p class="ci">Es gibt keinen Ausweg: Alle müssen hier landen, die
-aus der Krankheit ihrer Zeit in das einfache Leben zurückwollen:
-in die Freude.</p>
-
-<p class="ce">· · · · · · · · · · ·</p>
-
-<p>Der Hafen von Sorrent lag hinter uns. Das Schiff machte
-eine Wendung, umfuhr in einem kurzen Bogen den Bagno
-della Regina Giovanna &ndash; und vor uns stiegen die gezackten
-Berge Capris aus dem stahlblau rauschenden,
-sprühenden Meer. Heller Wind flog über die geklüfteten
-Firste herüber, die im leuchtenden Gold der Luft standen,
-scharf gepreßt und in jeder rötlichen Kante sichtbar. Die
-weißen Villentupfen sprangen aus dem starren Niederstieg
-der Felsen, langsam nur schob sich das lösende
-Grün kleiner Bäume und Büsche zwischen die Massen
-des Gesteins. Die Insel lag ganz in die Glut des Hochsommers
-gebettet, lodernd in ihrer unbegreiflichen Fülle,
-ein helles zitterndes Feuer zwischen Kornblumenblau
-und Kornblumenblau. Rosa und gelb winkten die Häuser
-der Grande Marina, die Wäsche auf den flachen Dächern
-flatterte, weiß stieg die Straße zum San Costanzohügel
-über kurzem Gestrüpp hinan&nbsp;.. Nun wurden am Strande
-die Boote gelöst und glitten uns langsam entgegen&nbsp;.. Gesang
-der braunen Schiffer wehte im Wind herüber: die
-<a class="pagenum" id="page_203" title="203"> </a>
-Spagnola&nbsp;.. immer wieder das alte, wiegende Lied. Ich
-hätte vom Geländer in die Wogen hinunterspringen
-mögen, hinschwimmen an das Land, das meine leidenschaftlichste
-Liebe bleibt&nbsp;.. Vom Gesang hätte ich mich
-hinübertragen lassen mögen, kein Fremder, kein dreimal
-Wiederkehrender: ein ewiger Gast, dem diese Küste
-längst zur Heimat geworden war, diese früheste griechische
-Siedlung Campaniens, die ganz erfüllt in ihrer eignen
-Schönheit lebt. Auf jedem Wipfel hatte liebkosend
-meine Sehnsucht ausgeruht, auf jedem Kieselstein des
-Strandes, auf jedem sonnigen Dach und jedem Blumenstrauch.
-Gab es einen Winkel, den ich nicht kannte?
-einen Hügel, von dem ich nicht morgens und mittags
-und abends das ewige Meer grüßte? Gab es Gärten,
-deren Geheimnis ich nicht hinter den wehrenden Mauern
-erspähte? Gab es eine Blume, die ich nicht suchte? Und
-wenn ich durch wilde Kakteen und über das Geröll
-steiler Hänge klettern mußte: es war mir keine Mühe
-zu viel, zu der Blüte zu gelangen und das Auge an ihrem
-fremden Glanz, an der seltnen Form ihres Kelches zu
-entzücken. O all meine Blumen Capris! Ich komme wieder
-zu euch! Ich laufe euch nach! Ich suche euch alle auf!
-Ich weiß, wo ihr blüht, die kleinste Wiese kenne ich und
-die verborgenste Trift: Ihr kleinen, roten Orchideen auf
-der halben Höhe des Monte Tiberio, ihr weißen Strandrosen
-an dem Faraglioniweg, Ginster über der Bucht
-der Piccola Marina, wilde Erika am Solaro, Schwertlilien
-und Gladiolen in den Grundstücken unter der Punta
-Tragara, Rhododendren in dem verwahrlosten Garten
-einer verlassenen Villa bei der Certosa, Mimosen an
-der Mauer der Villa Mezzomondo, und im Garten der
-<a class="pagenum" id="page_204" title="204"> </a>
-Villa Discopoli ein Gewühl von Rosen und Bougainvillien&nbsp;..
-Und wenn auch für manche von euch vielleicht
-schon die Zeit der Fülle vorüber ist: eine letzte
-Blüte habt ihr mir offen gelassen zur Erinnerung an
-den Überschwang des Frühlings!&nbsp;.. Und ihr, meine
-Bäume, meine schwarzen Steineichen und meine grauen
-Oliven, ihr wißt es, wie oft ich euer ernstes und mildes
-Laub in die Ferne meiner nordischen Winter zauberte
-und über meinem Einschlafen eure Zweige flüstern ließ&nbsp;..
-Und ihr, meine Wege, meine glühenden, gewundenen
-Mauerwege mit den lilafarbigen Schatten, mit dem Niedersturz
-der Geranien an jeder Biegung und den unerwarteten
-Treppen, auf denen die goldengrünen Eidechsen
-sitzen: ihr Wege zum Meer hinab und ihr Wege vom
-Meer herauf, in dem braunen Brand der Hänge, zwischen
-Wicken und Seerosen, o ihr Wege an Wänden rubinfarbener
-Kakteen entlang, auf grüne, tiefe Gärten mündend,
-ich komme, ich komme! Meine Füße sind ungeduldig
-bis sie wieder auf euren steinernen Fliesen hinauf- und
-hinabgehen, meine Arme breiten sich aus, bis sie wieder
-emporgreifen in den Purpur eurer hängenden Blüten
-und die weichen Büschel vor das glühende Antlitz
-pressen&nbsp;..</p>
-
-<p>Stimmen riefen von der Tiefe der Wassers, die Kähne
-der Fischer schaukelten in den blanken Höhlen der
-Wogen, die Hitze prallte von der blauen Flut zurück,
-als wir vor Anker gingen. Ich stand an der Treppe. Die
-nackten, braunen Schultern der rudernden Männer brannten
-im Licht.</p>
-
-<p>»Signore! Signore! Buon giorno! Io! Io!«</p>
-
-<p>»Buon giorno, Girolamo! Ritorno, ritorno!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_205" title="205"> </a>
-Die Lippen des jungen Schiffers spalteten sich im Lachen,
-die Augen flammten auf, als mich die dunkle, derbe
-Hand von der untersten Stufe der Landungstreppe in
-den Kahn hinüberzog. Der Duft des verbrannten Rückens
-schlug über mein Gesicht, ein Duft gesunden, wilden
-Blutes, vermengt mit dem bitteren Salzgeruch der See.
-Frage um Frage sprühte zwischen den blitzenden, feuchten
-Zähnen hervor, eine die andere überstürzend, von
-selbstgegebenen Antworten abgelöst.</p>
-
-<p>»Fahren wir heute mittag hinaus? Vielleicht sind Sie zu
-müde.«</p>
-
-<p>»Fahren wir heute abend? Ja, wir fahren, um sechs.«</p>
-
-<p>»Wollen sie bei den Faraglioni baden? Ich rudere Sie
-an die Stelle, die Sie besonders lieben&nbsp;..«</p>
-
-<p>»Morgen gehen wir in die Grotte.«</p>
-
-<p>»Bleiben Sie lange hier?«</p>
-
-<p>»Sie müssen den ganzen Sommer bleiben.«</p>
-
-<p>»Wie gesund Sie aussehen, Sie sind so braun wie wir&nbsp;..«</p>
-
-<p>Und dann ein Schrei an das Land &ndash; ein heftiges Winken
-mit dem Arm:</p>
-
-<p>»Sebastiano! Sebastiano!«</p>
-
-<p>Und wieder das Flehen der Augen zu mir:</p>
-
-<p>»Fahren wir heute mittag hinaus?«</p>
-
-<p>Und dann ganz dicht vor meinem Munde, die Augen
-fast in meinen Augen:</p>
-
-<p>»Wenn Sie fahren: nur ich! nur ich! Sie versprechen es:
-nur ich!&nbsp;..«</p>
-
-<p>O Jubel einer menschlichen Stimme! Leidenschaft im
-kleinsten Wort, göttliche Gesundheit und reinigende
-Kraft in diesen biegsamen Leibern! Wilde Männlichkeit:
-einfach und groß wie das Leben der Woge, die auf den
-<a class="pagenum" id="page_206" title="206"> </a>
-Strand rauscht, wie das Brausen der Winde auf den steilen
-Garten bei Tag und bei Nacht&nbsp;..</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Überall bekannte, lächelnde und grüßende Gesichter,
-als ich von der kleinen Piazza her die glatt gepflasterte
-Straße nach dem Gasthof hinunterschritt&nbsp;.. Am Fuß der
-kleinen Treppe, die ins Vestibül hinaufführt, dieselben
-bettelnden Kinder, die den roten Soldo gerne mit dem
-weißen Stück Zucker vertauschen, und in der Halle die
-liebgewordenen, vertrauten Dinge&nbsp;.. der gleiche dunkle
-Türhüter und die gleiche alte Korallenverkäuferin mit
-ihrem gebrannten und gefurchten Gesicht. Aber die
-Teppiche waren aufgenommen und die bunten Fliesen
-mit Wasser besprengt. Man gab mir zu ebner Erde Zimmer,
-die auf eine breite Terrasse mündeten und den Blick
-auf Garten und Meer hatten. Ich trat an das Geländer
-und versank im ersten Schauen&nbsp;.. Nein, es war kein Frühling
-mehr in diesem Bilde. Es war der Sommer, in seine
-höchste Kraft gesteigert, doch fern der dorrenden Öde,
-wie ich sie schon in den Blumengärten Palermos getroffen
-hatte. Hier war das Grün noch Grün und die Farbe der
-Blüten noch frisch, eine Lust, kein Fieber. Doch es war anders,
-als ich es je zuvor gesehen hatte&nbsp;.. Wo sonst an der
-hellen Mauer des Zitronengartens, hinter dem das Meer
-aufsteigt, die großen Kugeln der Sternblumensträucher
-sich weiß und gelb aus der Bläue wölbten, hing nun ein
-dichtes, rotes Rosengeschlinge, wo einst die bunten Inseln
-der Schwertlilien, Tulpen und blassen Federnelken im
-glänzenden Grün des weichen Rasens schimmerten, quollen
-<a class="pagenum" id="page_207" title="207"> </a>
-nun die Beete von Heliotropen und Verbenen aus
-hartem Gras hervor, und der alte, hängende Eukalyptusbaum
-stand einsamer und herrischer im hellen Licht.
-Wie war das Licht auf allen Dingen verwandelt! Das Gold
-war verhärtet und das Blau verdichtet. Schärfer und deutlicher
-stand jedes einzelne Blatt in den Lüften, die sich
-weniger schmiegten und trockner brannten. Auch das
-Meer war anders: unsäglich still, hochaufstehend und
-dicht unter die breiten Wipfel der Feigenbäume gerückt,
-die über dem hellgrünen Weingerank des nachbarlichen
-Gartens ausgespannt lagen. Das Meer war gesättigt:
-schwer von der Frucht der Himmelsglut in der Tiefe
-seines Schoßes: dunkelblauer, warmer Wein in dem
-brennenden Pokal der roten Bucht. Kein Segel, kein
-fernes Schiff schwamm in den Weiten. Die Stille des
-Mittags &ndash; ein unbegreifliches Anhalten aller Atemzüge &ndash;
-stand brütend auf der funkelnden Flut. Es war kein Zittern
-in den Lüften über den vielen, weißen Villen, über
-all den vertrauten Gärten und Hügeln: es war ein langsames,
-glattes Niedersinken dichter, blauer Seidentücher,
-in denen das Netz der goldnen Fäden lief. Die Schatten
-in den Winkeln, in den Arkaden, über den Fensterbögen
-und Kuppeln lagen stumm, fast leblos: dicker, violetter
-Samt, mit den Händen zu fassen und fortzunehmen&nbsp;..
-Da traf ein übersüßer Hauch meinen Mund: nicht länger
-als das Zucken eines Augenlids &ndash; und dennoch lang
-genug, um im Flug das andere, leichtere Frühlingsbild
-aufzuwecken und eine flüsternde, singende Bewegung
-in dieses Stillestehn zu zaubern. Ich lehnte mich rückwärts
-über die Brüstung und hob den Kopf nach den
-Balkonen über mir: Und siehe: da blühten noch die
-<a class="pagenum" id="page_208" title="208"> </a>
-letzten silbernen Trauben der Glycinen, der angebeteten
-Glycinen, die an den Wänden niederstürzen und sich
-im Sturz in ihren eignen Atemzügen wieder auffangen.
-In hellen Sträußen hatten sie im Frühling auf meinem
-Tisch gestanden und ihren Duft über jeden Gedanken
-geworfen, der sich dort in der Stunde der Mittagsruhe
-zum Wort wandelte. Und nachts, wenn der Wind sich
-vom Meer aufmachte und in den Ästen wühlte, war auf
-der Welle des Mondlichtes ihr beruhigter Hauch bis auf
-das halbentschlafene Gesicht geweht, um den Träumen
-die Wege zu weisen&nbsp;..</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Es hielt mich nicht länger: ich mußte hinüber in die Ölbaumhänge
-und dann auf steilem, gelbem Pfad am Rand
-der Klippe zu meiner Wiese hinauf. Nur eine sonnige
-Mauerecke noch hoch oben in Anacapri liebe ich ebenso
-wie diese schmale, kaum von Menschen betretene Trift
-die unter den Steinwänden der Punta Tragara liegt, zwischen
-Himmel und Meer, losgelöst von den Massen des
-Felsgestades, eine duftende, hellgrüne Wolke, auf der es
-sich leise über der nahen Erde hinschwebte&nbsp;.. Durch die
-silbernen Dünste der Frühe, durch den weichen Purpur
-des Abends und das smaragdene Licht der Mondnächte
-war ich auf dieser Wolke gefahren, nun kam ich zum
-erstenmal im hohen Mittag hastig und heiß den Mauerweg
-hinab gelaufen. Ich ließ den braunen Säulenhof der
-Certosa rechts liegen, streifte nur flüchtig die weiße Villa
-Carmela mit ihren scharlachsprühenden Granatbäumen
-und schlüpfte zwischen hohen Büschen in das Filigran
-der Ölbaumzweige, unter denen der kleine Erdpfad beginnt.
-<a class="pagenum" id="page_209" title="209"> </a>
-Längst war das Lupinenfeld abgeblüht, hellgelbe
-Quasten hingen an den Kaktusblättern, zwischen fetten
-Halmen züngelten die dünnen Flammen der letzten Gladiolen,
-ein Teppich von goldenen Wicken deckte den Boden
-zur Rechten und zur Linken. Plötzlich wehte ein fremder
-Duft&nbsp;.. Salbei? Ich brach eine violette Staude und
-hielt sie an das Gesicht&nbsp;.. Es war nicht der Duft des
-Salbeis, den ich gewittert hatte. Meine Augen suchten,
-indes ich stehen blieb&nbsp;.. Da, und dort weiter hinauf und
-zwischen den schleifenden Ästen der Olivenbäume bis
-zur hellblauen Höhe hinan: Myrten&nbsp;.. Myrten&nbsp;.. Myrten,
-von Millionen weißer Flocken übersät, die ersten Myrten,
-die ich blühend sah. Ich kniete hin und bog das
-Gesicht über die schwarzgrünen Sträucher, ich fuhr mit
-leisen Fingern über die traumvollen, keuschen Blüten,
-die hoch auf den glühenden Felsen im Wind des Meeres
-ihr Leben erschlossen und ihren Duft zu den Göttern
-wehen ließen&nbsp;.. Solange der Weg noch aufstieg, liefen
-die Büsche mit am Rande empor, zwischen Thymian und
-Glockenblumen. Ganz oben aber, wo die Wiese an einer
-Baumpflanzung aufhörte, zog sich ein breiter Saum von
-blutendem Mohn. So lag ich im roten Dämmer der Schlafblumen,
-mitten im offnen Licht, und sah hinab auf das
-einsame Meer. Wo sonst der Schaum in flachen Halbkreisen
-an den Strand spülte, von Bucht zu Bucht, bis
-zur Piccola Marina und weiter hinaus zur Punta Ventroso,
-lag nun die Flut so still, wie wenn sie nie von Wind und
-weichem Getriebensein gewußt hätte. Da stand in metallenem
-Pfauenblau das verwischte Grün aller Türkisen und
-in diesem wieder die matten, ausgewaschenen Töne der
-Hortensia. Eine runde Lache schob sich langsam in die
-<a class="pagenum" id="page_210" title="210"> </a>
-andere, wurde oval&nbsp;.. und trat wieder in die Form des
-Kreises zurück, ausgewechselt im Spiel der Farben, bald
-heller, bald dunkler aufleuchtend, flüssiger Achat. In
-der Ferne aber wuchs die Flut in den Himmel hinauf,
-der dunstlos, wolkenlos das unerbittliche Blau der Wölbung
-schloß. Die Augen fielen mir zu. Vor den Lidern
-begann ein leises, dunkelrotes Wogen. In den Schläfen
-sang das Blut.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Als um die vierte Nachmittagsstunde noch keine Nachricht
-eingetroffen war, die Axels Ankunft meldete, beschloß
-ich, nach Anacapri zu fahren und in den schönen
-Ölbaumhängen den Abend zu erwarten.</p>
-
-<p>Die Felsmassen des Monte Solaro lagen in goldlackbraunen
-Feuern aufgeschichtet, nur in die langen Risse des
-Gesteines waren blaue Schatten eingezwängt. Das Grün
-der tiefen, westlichen Hänge stand breit und dunkel
-an den funkelnden Wänden und trug eine Welle von
-spätem Ginster zu den Graten empor. An einer Wende
-der Straße verschwand das Bild, der Wagen lief im Schatten,
-und das rückwärts gewandte Auge hing an den heiß
-überschütteten Klüften der Forte San Michele. Links in
-der Tiefe, am Fuß der üppigen Gärten, lag die weiße
-Grande Marina mit den vielen, kleinen Ruderbooten. Die
-schmale Mole war verlassen, fern an der Punta Capo,
-unter dem Berg, der die Trümmer des Tiberiuspalastes
-trägt, schwammen, trunken vom Licht, kleine Segelboote,
-die von Sorrent oder Amalfi herkommen konnten&nbsp;..
-Meine Augen folgten dieser Richtung: Die Berge der Sorrentinischen
-Halbinsel standen steil, kahl und flammend
-<a class="pagenum" id="page_211" title="211"> </a>
-übereinandergeschichtet, hier und da schimmerte der
-lichte Flecken eines Hauses neben einer einsamen Zypresse.
-Unten schlug das Ufer die weichen Falten der
-sanfteren Abhänge auseinander, die ganz voll feuchten,
-veilchenfarbenen Dämmers hingen. Unmittelbar im Norden
-aber türmte Neapel die strahlenden Fronten und
-Dächer gegen Camaldoli hinan, eine weiße, steinerne Saat
-zwischen Posilipp und Vesuv. Pozzuoli schob seine Villen
-über den Spiegel des Meeres, Bajä ließ sich nach
-rückwärts erraten hinter dem steilen Misen&nbsp;.. Wie faßte
-mich wieder die Liebe zu diesen unsterblichen Ufern,
-wie riefen die Gärten, die Villen herüber! Nun mußten
-ja alle Oleanderbüsche blühen, alle Rhododendren und
-Myrten, alle Rosen und Nelken&nbsp;.. Die Weingärten mußten
-reifen über dem wilden Mohn&nbsp;.. O Villa Patrizi! Villa
-Ricciardi! Floridiana! Villa Vergils&nbsp;..</p>
-
-<p>Wieder bog der Wagen um eine Ecke. Da war plötzlich
-nichts mehr als eine hohe, umschattete Mauerwand,
-voll Ginsterblüten, die steinige, staubige Straße, und
-über der Brüstung das helle, aufglänzende Meer. In
-der Luft lief eine leise Bewegung, die erste Ahnung des
-Abends.</p>
-
-<p>Und bei der nächsten Kehr wehte auch das süße Ischia
-empor, wie ein Gestade, das seine ersten Atemzüge wagt.
-Auf Silberdünsten schwamm es, fast körperlos, ganz um
-den Saphirhügel des Epomeo emporgedrängt, ein solcher
-Überfluß von duftigem Blau, daß selbst das Meer vor
-dieser Fülle bleich und zart erschien.</p>
-
-<p>Wir hatten die ersten Häuser von Anacapri erreicht. Ich
-fuhr fast bis an das Dorf Caprile, und nahm den seitlichen
-Pfad, der nach dem grünen Weg zur Migliera führt.
-<a class="pagenum" id="page_212" title="212"> </a>
-Nun war ich wieder in meinen Obstgärten, die ich noch
-blühend gesehen hatte, ich ging unter Nußbäumen und
-Feigenbäumen dahin und hatte keinen anderen Gedanken
-mehr als an die Tage, die nun kommen mußten&nbsp;.. an alle
-Nachmittage, die wir hier oben verträumen würden, wo
-die Seele im tiefen Grün ausruht, und die Winde leichter
-das Feuer der Lüfte kühlen. Ich träumte mich ganz hinüber
-in die Abgeschiedenheit dieses Lebens, das hier
-oben zur Erfüllung werden sollte&nbsp;.. in die blaue Stille
-hellenischer Tage. Der Abend in dem Priorate der Maltheser
-fiel mir ein, als wir den langen Laubgang bis an die
-Lichtung der Mauer hinuntergegangen waren. Unwillkürlich
-wandte ich mich um und hob die Hand vor die
-Augen: Der Golf von Neapel war leer, auch in der Höhe
-von Ischia war kein Schiff zu sehen&nbsp;.. Da ging ich weiter.
-Die Gärten wurden spärlicher, die bunten Häuser von
-Anacapri mit ihren leichten Kuppeln waren hinter grünem
-Laub zusammengerückt, von der weißen Wölbung der
-Kirche überragt. Das Auge sah frei auf die vielen Gehöfte
-hinunter, die sich zwischen Oliven und reifenden
-Äckern zum Strande hinabzogen. Silbergraues Flittern
-lief durch die hängenden Zweige, die Gräser begannen
-zu beben, der Dunst am Fuß von Ischia wurde leichter,
-fast durchsichtig. Das Steingeröll verminderte sich, Ginster
-und Myrten brachen zwischen den scharfen Kanten
-hervor. Nach wenigen Schritten stand ich auf der einsamsten
-Höhe der Insel, umbraust vom warmen, sommerlichen
-Wind, der die Fülle seines Glanzes um meine
-Schultern schlug. Weit hinaus flogen die Blicke von dieser
-einsamen Warte&nbsp;.. weit hinaus in die Ferne eines heroisch-gedachten
-Lebens. Die Arme brauchten sich nur
-<a class="pagenum" id="page_213" title="213"> </a>
-auszubreiten und den fließenden, wallenden Äther zu
-fassen: so rührten die Finger an die Füße der Götter, die
-dicht über dem wehenden Haare des Hauptes hingleiten.</p>
-
-<p>Als ich mich umwandte und auf tieferen Pfaden unterhalb
-Capriles der alten Windmühle zuging, sah ich, wie
-weit hinter Ischia, da, wo die flachen Ponzainseln leuchteten,
-die Sonne lange, gleißende Goldbarren durch das
-Wasser zog, aus dem helle, fast unsichtbare Dämpfe
-emporstiegen. In jedem Augenblick blitzten die Goldströme
-anders auf, bald weiß wie schmelzendes Silber
-im Messingtiegel, bald rötlich wie Lava aus unterirdischen
-Höhlen. Da schien es mir, aus diesen Horizonten
-müsse das Schiff des Freundes auftauchen, leicht wie eine
-gleitende Wolke, von korallenfarbigen Abend-Schwänen
-gezogen&nbsp;.. Aber die Weite blieb leer. Nur die Goldflüsse
-wallten und dampften. Durch gelbe Weizenfelder, zwischen
-niedrigen, grauen Steinmauern ging ich zu der
-Stelle zurück, wo der Wagen wartete&nbsp;.. In jedem Garten
-blühten die Rosen, die Kakteen und Geranien. Alle Türen
-der Häuser und Hütten standen geöffnet, hier und da
-wurde schon Gesang wach, wie er sich mit dem sinkenden
-Abend löst. Bauern kamen aus dem Feld zurück
-und trugen Körbe voll Kirschen auf den Schultern, Frauen
-gingen mit schlanken Tonkrügen zum Brunnen, Kinder
-trieben die Ziegen zum Stall. Der erste Rauch schlug aus
-den Schornsteinen in die kupferne Luft. Über den lila-dämmernden
-Hügeln von Sorrent schwebte der weiße
-Vollmond im reinsten Äther, eine taghelle Nacht verheißend.
-Um Ischia und Procida wehten schon die purpurnen
-Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_214" title="214"> </a>
-Auf der Höhe von Castellamare aber lag das weiße,
-schlanke Schiff.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Der Tisch war im Garten gedeckt, vor einem Heliotropenbeet.
-In einer dünnen Kristallvase stand der weiße Camelienstrauß,
-den Axel aus Neapel mitgebracht hatte,
-über die weiße Decke waren Rosen gestreut. Der Wind,
-der sich kurz vor Sonnenuntergang aufgemacht hatte,
-war wieder eingeschlafen, blaßgrüne Streifen Mondlichtes
-fielen über den Rasen auf die Steinfliesen, zwischen
-den starren Blättern der Palmen und dem hängenden
-Gezweig des Eukalyptusbaumes funkelten die dünnen,
-smaragdenen Sterne.</p>
-
-<p>Axel war schmäler geworden. In seinen Zügen stand die
-Arbeit vieler Gedanken. Er erzählte ruhig von den
-Wochen, die seit unserer Trennung verflossen waren.
-Plötzlich brach er ab. Er hob das Glas und ließ es an
-meines klingen:</p>
-
-<p>»Es ist Zeit zu schweigen. Die Stunde kommt, wo wir
-anfangen müssen zu leben!«</p>
-
-<p>Die Früchte wurden aufgetragen.</p>
-
-<p>Aus den Gärten erhob sich Mandolinenspiel.</p>
-
-<p>Vom Meer herauf kam ein Gesang, ähnlich wie das Lied
-der Matrosen auf dem Schiff, das in der Nacht nach Malta
-fuhr.</p>
-
-<p>Als die letzten Gäste von den Nachbartischen aufgestanden
-waren, ließen wir die Lampen vor uns löschen: Ein
-Gewebe von lavendelblauem Atlas hing über dem Garten.
-Die Büsche atmeten im verwandelten Licht, jeder Strauch,
-jeder Wipfel war verdeutlicht und vergeistigt zugleich.
-<a class="pagenum" id="page_215" title="215"> </a>
-Das Wesen der Dinge begann in der Tiefe der Formen
-zu leben. Aus den Glycinenblüten rieselte die Helle nieder.
-In jedem Tropfen Duft ein Tropfen Licht.</p>
-
-<p>Wir gingen langsam bis zum Meer hinunter, entblößten
-Hauptes, so wie wir von der Tafel aufgestanden waren.
-Unwillkürlich lenkten sich unsere Schritte nach der Piccola
-Marina, der einsamen, verlassenen Bucht, in der die
-Stille Capris tief gesammelt ist. Wo die zwei wilden Lorbeerbüsche
-aus flachen, weichen Kieseln aufwachsen,
-setzten wir uns auf den Boden. Bis an die Füße spielte
-der raunende Schaum. In jeder flachen Welle zerrann
-das Mondlicht. Wir fingen die Flut in den hohlen Händen
-und ließen das Wasser an den Fingern niedertröpfeln.
-In jeder Perle glühte das Mondlicht. Auf der Höhe
-des Meeres aber war die silberne Harfe aufgestellt: In
-den Saiten sang das Mondlicht:</p>
-
-<table summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">&rsaquo;Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das Meer bleibt das Meer, und der Fels bleibt der Fels.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aber ich töte was starr ist und wecke was schön ist.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wollt ihr mich fangen, es wird nicht gelingen!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wollt ihr mich sagen&nbsp;.. was ist mir das Wort?</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Weiße Vögel tragen mich nieder vom Hause der Götter,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von ihren Schwingen trieft meine Flut,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sie nisten auf Wolken und schlafen auf Hügeln</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ihr hängender Flügel trocknet im Frühlicht.&lsaquo;</td></tr>
-</table>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Es war um Mitternacht, als wir nach Hause kamen. Wir
-blieben lange auf der Terrasse. Der Mond war hinter die
-Hügel getreten. Auf der Höhe des Meeres wallte sein
-<a class="pagenum" id="page_216" title="216"> </a>
-ruhiges, grünes Licht und zog ihm nach, den Fuß der
-steilen Küste schon mit schmalen Bändern umsäumend.
-Hell glühte der Wein in der Schale.</p>
-
-<p>Axel goß den ersten Tropfen in das Gewühl der Rosen,
-die am Geländer hingen. Funkelnd floß das Blut auf die
-Blüten und tropfte weiter zu dem warmen, durstigen
-Boden.</p>
-
-<p>»Den Göttern, die wir lieben&nbsp;..«</p>
-
-<p>Ich neigte mein Glas:</p>
-
-<p>»Den Göttern, die uns lieben.«</p>
-
-<p>Da schlug die Antwort von der Erde auf: Eine Welle
-leidenschaftlich gebundener Düfte: Rosen, Levkoyen,
-Heliotropen, den Duft der hängenden Glycinen überholend&nbsp;..
-und immer wieder Rosen&nbsp;.. Rosen&nbsp;..</p>
-
-
-<p class="mt2 fss ce"><a class="pagenum" id="page_218" title="218"> </a>
-Druck von F. E. Haag, Melle i. H.</p>
-
-
-
-
-<p class="pb ce mt4 fss">VOM SELBEN VERFASSER:</p>
-
-
-<p class="ce">DAS BUCH DER TRAUER<br />
-<span class="fss">GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1902-1907</span></p>
-
-<p class="ce">NACHKLÄNGE&nbsp;· INSCHRIFTEN&nbsp;· BOTSCHAFTEN<br />
-<span class="fss">GEDICHTE AUS DEN JAHREN 1908-1909</span></p>
-
-<p class="ce">FLUTUNGEN<br />
-<span class="fss">NOVELLEN AUS DEN JAHREN 1902-1909</span></p>
-
-<p class="ce">VIGILIEN<br />
-<span class="fss">(TRAUM DER TREUE&nbsp;· MISSA SOLEMNIS&nbsp;· TRISTAN&nbsp;/ MIT EINEM<br />
-VORSPIEL: CYPRIANS TOD)<br />
-DICHTUNGEN AUS DEM JAHRE 1907</span></p>
-
-<p class="ce">DIE GEDICHTE DES GRAFEN PLATEN<br />
-<span class="fss">AUSGEWÄHLT UND HERAUSGEGEBEN&nbsp;/ MIT EINER VORREDE:<br />
-DIE GEISTIGE HALTUNG PLATENS</span></p>
-
-<p class="ce">DIE JUGEND UNSERER ZEIT<br />
-<span class="fss">DREI AUFSÄTZE&nbsp;/ 1909</span></p>
-
-<p class="ce">SONETTE (DIE TOSKANISCHEN&nbsp;/ DIE HESSISCHEN)<br />
-<span class="fss">AUS DEM JAHRE 1911</span></p>
-
-<p class="ce">JONATHAN&nbsp;/ PATROKLOS<br />
-<span class="fss">AUS DEM JAHRE 1914 (MAI-JUNI)</span></p>
-
-<p class="ce">KASSIOPEIA<br />
-<span class="fss">HYMNEN, ELEGIEEN, ODEN<br />
-AUS DEN JAHREN 1909-1919</span></p>
-
-<p class="ce">DIE SEELE LOTHRINGENS<br />
-<span class="fss">AUS DEM JAHRE 1917</span></p>
-
-
-<p class="ce mt2 fss">IN VORBEREITUNG:</p>
-
-<p class="ce">DIE PROSADICHTUNGEN:</p>
-
-<p class="ce">LES PRÉLUDES<br/>
-EROS ANADYOMENOS<br />
-DIE TRÄUME VON SIENA<br />
-DEUTSCHLAND<br />
-BERLIN</p>
-
-
-<hr />
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p>Die Verlagswerbung wurde vom Buchanfang an das Buchende verschoben. Das
-Inhaltsverzeichnis wurde vom Buchende vor die Widmung verschoben. </p>
-
-<p>Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten,
-mit folgenden Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">im Inhaltsverzeichnis:
-")" eingefügt<br />
-(TAGE IN SYRAKUS&nbsp;/ CAPRI))</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_015">15</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(an einer zarten seidnen Schnur enden können.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_024">24</a>:<br />
-"hate" geändert in "hatte"<br />
-(erfüllte sich, wie sie vorausgesehen hatte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_031">31</a>:<br />
-"langezogenen" geändert in "langgezogenen"<br />
-(Wipfel vor dem Perlgrau der langgezogenen Wolkenwände)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_045">45</a>:<br />
-"be-bevorstanden" geändert in "bevorstanden"<br />
-(klerikale Wahlen bevorstanden, deren Ergebnis)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_069">69</a>:<br />
-"über sieht" geändert in "übersieht"<br />
-(Wer sie aus Dünkel oder Gleichgültigkeit übersieht)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_072">72</a>:<br />
-"zusammsn" geändert in "zusammen"<br />
-(alle zusammen noch einmal bis zur Terrasse)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_074">74</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(der flüchtige Reiz einer späten Gastmahlsstunde.«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_075">75</a>:<br />
-"aplstischen" geändert in "plastischen"<br />
-(plastischen Ausdrucks genommen. So kommt es)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_076">76</a>:<br />
-"Morger" geändert in "Morgen"<br />
-(Ein hellblauer Morgen sprühte herauf)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_079">79</a>:<br />
-"grüb lerisch" geändert in "grüblerisch"<br />
-(in diesen Zügen, dunkel und grüblerisch)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_115">115</a>:<br />
-"immernoch" geändert in "immer noch"<br />
-(Im schwachen Schein des immer noch unsichtbaren Mondes)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_127">127</a>:<br />
-"," geändert in "."<br />
-(Ich liebte Sizilien.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_130">130</a>:<br />
-"Gesangss" geändert in "Gesanges"<br />
-(Er übte die Kunst des Gesanges)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_131">131</a>:<br />
-"wuße" geändert in "wußte"<br />
-(und er wußte, was schön sein hieß)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_131">131</a>:<br />
-"»?" geändert in "?«"<br />
-(»Woran starb sie?«)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_135">135</a>:<br />
-"Sreifen" geändert in "Streifen"<br />
-(auf dem die Streifen ziegelroter Tomatenschnitte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_153">153</a>:<br />
-"einam" geändert in "einsam"<br />
-(Ganz einsam aber stand der Leuchtturm)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_164">164</a>:<br />
-"«" eingefügt<br />
-(»Was ziehen Sie vor?« fragte neugierig der Alte)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_185">185</a>:<br />
-"Schneisen&nbsp;&nbsp;." geändert in "Schneisen&nbsp;.."<br />
-(hinter feuchten, braunen Schneisen&nbsp;..)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_189">189</a>:<br />
-"/" eingefügt<br />
-(ABEND IN SEGESTA&nbsp;/)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_207">207</a>:<br />
-"der" geändert in "des"<br />
-(hellgrünen Weingerank des nachbarlichen Gartens)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_210">210</a>:<br />
-"Ruderboten" geändert in "Ruderbooten"<br />
-(Grande Marina mit den vielen, kleinen Ruderbooten)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_213">213</a>:<br />
-"ein" geändert in "eine"<br />
-(Vollmond im reinsten Äther, eine taghelle Nacht verheißend)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_213">213</a>:<br />
-"." eingefügt<br />
-(purpurnen Schleier über feuchtem Schwertlilienblau.)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_215">215</a>:<br />
-"&lsaquo;" geändert in "&rsaquo;"<br />
-(&rsaquo;Ich verwandle die Welt, ich erlöse die Welt.)</p>
-
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Südliche Reise, by
-Albert Heinrich Rausch and Henry Benrath [pseud.]
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK SÜDLICHE REISE ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
-
-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
-electronic works in formats readable by the widest variety of computers
-including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
-because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
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-
-Volunteers and financial support to provide volunteers with the
-assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
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-To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
-and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
-and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
-
-
-Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
-Foundation
-
-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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-number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
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-Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
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-
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-business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
-information can be found at the Foundation's web site and official
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- Chief Executive and Director
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