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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Eheglück - Roman - -Author: Bianca Bobertag - -Release Date: June 29, 2020 [EBook #62491] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - - - - - Bianca Bobertag - - Eheglück - - - Roman - - [Illustration] - - Berlin - - Concordia Deutsche Verlags-Anstalt - - 1900 - - - - -Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin. - - -Der kleine Martin. - - Erzählung - von - #Karl Emil Franzos#. - - #Zweite Auflage.# Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,--, geb. Mk. 3,--. - -#St. Petersburger Zeitung.# (P. von Kügelgen.): »Karl Emil Franzos' neueste -Geschichte »Der kleine Martin« ist die reife Frucht der Erzählerkunst -des Autors. Der Held der Erzählung ist der beste, edelste, selbstloseste -Mensch, den man sich denken kann, nur zu weich, zu wenig mutig und -schneidig für diese schnöde Welt. Die Geschichte ist musterhaft erzählt, -jeder Zug, jedes Detail paßt zum andern, alles greift so konsequent, so -logisch, so unabwendbar in einander, daß man den Eindruck erhält, Alles mit -eigenen Augen mit angesehen, mitfühlenden Herzens miterlebt zu haben.« - -#Berliner Tageblatt#: »Man kann diese Novelle wohl als ein Pendant zu dem -großen Romane des Autors: »Ein Kampf ums Recht« betrachten, nur daß Franzos -diesmal uns das Kampfgebiet von einer anderen Seite zeigt. Die Erzählung -ist interessant und fesselnd vom Anfang bis zum Ende; es fehlt auch trotz -der tragischen Grundstimmung nicht an Scenen, die uns Land und Leute in -Halbasien mit köstlichem Humor vorführen.« - -#Bohemia#: ».... Mit sicherem Pinsel ist in die leichte, nicht drückende, -die Wirkung rein abschließende landschaftlich-ethnographische Umrahmung -ein psychologisches Kabinetstück hineingemeistert: die Erscheinung eines -gutmütigen, weichen Menschen, der hilflos mit den Rauheiten und Roheiten -der Welt nicht fertig zu werden weiß, der aber darin, was Comte den -»_Altruismus_« nennt: in der Hinopferung für Andere, in der _herzhaften -Selbstlosigkeit_ immer wieder seine Stärke findet und offenbart. Wir -beschränken uns auf diese allgemeine Charakteristik der ergreifend schönen -kleinen Geschichte.« - -#Hamburger Fremdenblatt#: ».... Die hauptsächlichsten Vorzüge dieses neuen -Buches sind die prächtigen Sittenschilderungen, eine scharfe Charakteristik -der Personen und der in der bewegten, dramatisch aufgebauten Handlung -verborgene _sittliche Kern_. Dem schönen Buch, einem echten Kinde der Muse -unseres Dichters, ist manche Neuauflage vorherzusagen.« - -#Berl. Börsen-Courier#: »... Die Personen, die uns der Dichter hier -vorführt, sind scharf gezeichnete Typen von lebendigster Anschaulichkeit. -Es ist wie eine Abrechnung, die erlösend wirkt durch ihren sittlichen -Wert.« - - -Norddeutsche Leute. - - Novellen - von - #Adalbert Meinhardt#. - - #Zweite Auflage.# Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,--, elegant geb. - Mk. 3,--. - -#Blätter für litterarische Unterhaltung# (1. Jan. 1897): »... Es ist nicht -Willkür, die für diese Novellen diesen Namen erfand. Vielmehr haben die -Charaktere durchgängig ein gewisses Etwas gemeinsam, was sie als Menschen -_eines_ Schlags erscheinen läßt, eben als Norddeutsche. Diese Eigenheit, -mit glücklicher Sicherheit erfaßt, ist mit bewußter Treue dargestellt und -durchgeführt. Scheinbar harte, starre, verschlossene Naturen zeichnet -uns A. Meinhardt, Herzen, die nicht leicht zu entzünden sind. Um so -nachhaltiger und rückhaltsloser lieben sie da, wo einmal ihr Gefühl -eine Wahl traf. Auch die leise Wehmut, die über beiden Erzählungen ruht, -entspricht der künstlerischen Absicht sehr wohl. Kurz: Die »Norddeutschen -Leute« seien als gesunde, im besten Sinne unterhaltende Lektüre -nachdrücklich empfohlen.« - -#Hamburger Correspondent.# (Nr 1, 1897): »... Zu jenen schriftstellernden -Frauen, von denen jedes neue Buch von einem weiteren geistigen Wachstum -zeugt, gehört Adalbert Meinhardt.... Man muß der Kraft der Darstellung und -Charakteristik wie der feinen Seelenmalerei volle Anerkennung zollen. Die -Gegensätze, die ungemein zart und keusch angedeutet sind, finden hier auch -eine harmonisch ausklingende Auflösung.« - -#Heimgarten.# (=XX.= 5.): »Die jugendliche Mutter und die heranblühende -Tochter lieben denselben Mann -- gewiß ein starker Konflikt, der auch -energisch gelöst wird, in feiner und vornehmer Art.... Eine Schilderung -des norddeutschen Wesens, die alles Bezeichnende ungemein fein und scharf -wiedergiebt.« - -#St. Petersburger Herold.# (29. =XII.= 1896): ».... Die Novelle »To Hus is -best« ist eine Perle deutscher Erzählungskunst und Tiefe des Problems, wie -an Kunst und Kraft der Charakteristik. Gleich wertvoll ist auch die zweite -Novelle des Buches. Wohl nächst »Heinz Kirchner« das beste Buch, das -A. Meinhardt bisher veröffentlicht hat.« - -#Hamburger Fremdenblatt.# (25. Dez. 1896): »... wirkliche norddeutsche -Leute, groß geworden in der kleinen Welt, die sie ihr eigen nennen, darum -eingeengt in ihren Ansichten und Anschauungen, rauh nach außen, aber unter -der unansehnlichen Außenschale ruht ein gesunder Kern, schlummert ein -reiches Gemüt ... Das Werk sei bestens empfohlen.« - - - - - Eheglück - - - Roman - - von - - Bianca Bobertag - - [Illustration] - - Berlin - - Concordia Deutsche Verlags-Anstalt - - 1899 - - - - - Alle Rechte, namentlich auch das der Übersetzung vorbehalten. - - - - -Erstes Kapitel. - - -Salzbrunn war in der Mitte der vierziger Jahre noch nicht der mit modernem -Komfort eingerichtete, teure Badeort, der es heute ist. Es besaß noch keine -eleganten Hotels und keine Verkaufsbazare, keine Teppichbeete und keine -Wiesbadener Preise. Trotzdem war sein Besuch ein lebhafter und bei aller -Einfachheit der Verhältnisse gab es etwas wie ein Badeleben. Gegenüber dem -Kursaal stand eine Art Vogelgebauer, das das »Orschester« genannt wurde -und in dem man eine jener Bademusiken veranstaltete, die zwischen -dem Erträglichen und dem Unerträglichen die Mitte halten. Es gab eine -Promenade, auf der die neuesten Pariser Moden spazieren geführt wurden, -Réunions, bei denen getanzt und musiziert wurde, und selbst eine -Leihbibliothek von etwa hundert Bänden, in der neben den Räuberromanen von -Spindler und Vulpius die Flygare-Carlèn und die Paalzow, Walter Scott, -eine Anzahl »Taschenbücher für Liebe und Freundschaft« und für verwegenere -Gemüter Paul de Kock und Eugen Sue zu haben waren. - -Selbstverständlich gab es auch den nötigen Badeklatsch; die Toiletten-, -Gesundheits- und Moralitätsjury waltete damals so gut wie später ihres -Amtes, und Neuangekommene mußten sich so lange bemäkeln lassen, bis sie -glücklich selbst in dem großen Gerichtshof Aufnahme gefunden hatten. - -Da zwei auffallende Erscheinungen, Madame Florentine Gernoth, und ihre -Tochter, Frau Doktor Rhode, sich sehr zurückhielten, gehörten sie zu den -meistbesprochenen Persönlichkeiten. - -Sie lebten einfach. Jeden Morgen zur gleichen Zeit sah man sie nach dem -Brunnenhause und zur Molkenanstalt gehen, Wanda Rhode ihr Glas in der Hand, -Madame Gernoth ihre kleine Enkelin führend, und wen die Frauen mit ihren -schlanken, ebenmäßigen Figuren, den kühngeschnittenen Nasen, den großen, -stolzblickenden Augen der älteren, den zärtlichen, geistreichen der Tochter -nicht mehr interessierten, der warf gewiß einen Blick auf das kluge, -ernsthafte Gesicht des kleinen Mädels, dessen blitzende Augen jede -Seite des großen Bilderbuches, das vor ihm aufgeschlagen lag, aufmerksam -musterten. Es war Rasse in den drei Figuren, wenn auch nicht in -aristokratischem Sinne. - -Es hatte sich herumgesprochen, daß Madame Gernoth von ihrem Manne -geschieden und in sehr bescheidenen Verhältnissen zu leben gezwungen sei, -während dieser, ein reicher Breslauer Fabrikant, als Lebemann galt, der -im Musik- und Theaterleben der Stadt eine Rolle spiele. Man nannte große -Summen, die er im Dienste der Musen verschwende. Von der Frau Doktor wußte -man nicht zuviel: sie war viel umworben worden, hatte einen jungen Arzt -geheiratet, ein paar kleine Kinder gehabt, von denen sich nur eines am -Leben erhalten und war seit der Geburt des letzten leidend gewesen. Das war -alles. - -Wenn Frau Gernoth darauf bestand, daß sie sich in den ersten beiden Wochen -vollständig von der Badegesellschaft zurückhielten, geschah es auf Wunsch -des Arztes, der bei der Lebhaftigkeit der jungen Frau fürchtete, daß vieles -Sprechen ihr schädlich sein könne. Sobald nur aber die Halsaffektion sich -gegeben hatte und die Farbe auf Wanda Rhodes Wangen zurückkehrte, war die -sorgliche Mutter auch bereit, ihr den Verkehr mit anderen und die Teilnahme -an einigen bescheidenen Vergnügungen zu gönnen. - -Sie überlegte eben, an welche der Frauen, die sie vom Sehen und ein paar -gelegentlich gewechselten Worten kannte, sie sich am besten zu einer -Kremserfahrt oder dergleichen anschließen möchten, als Wanda von einem -Spaziergange, den sie allein durch die Anlagen unternommen, zurückkehrend, -in fröhlicher Erregung auf sie zueilte. - -»Mutter -- Konzert im weißen Lamm -- Stücke von Beethoven und -Chopin-Liedervorträge -- Deklamationen von Holtei, denk bloß: Holtei! -Entree vier gute Groschen, das ist doch nicht schlimm? Nicht wahr, wir -gehen? Ich bin ja wieder ganz gesund, von Halsschmerz keine Spur mehr, -_ganz_ gesund, bloß daß ich vor Langerweile sterbe.« - -»Holtei hätt' ich auch gern einmal gehört! Aber das wären für uns beide -acht gute Groschen.« - -»Wir müssen uns doch auch einmal etwas gönnen. Zuletzt Tanz. Denk' doch.« - -»I wo werd ich Dich denn tanzen lassen!« - -»Gesunde Menschen können tanzen, soviel sie wollen. Habe ohnedies das ganze -Jahr so schlimm zugebracht. -- Ach Gott!« - -»Nun ja, das hast Du. Mach nur nicht die Unglücksmiene.« - -»Nein, ich will nicht mehr dran denken. Also die Polonaise und 'nen Walzer -erlaubst Du schon, Walzer ist ja ein Tanz zum Einschlafen. Nur das ewige -Stillsitzen in der Laube, das ist zu schrecklich. Und das schablonierte -Muster an unseren Wänden kenn' ich wahrhaftig auch auswendig, die -Erzählung, wie die Mutter der Wirtin die Wassersucht hatte, ebenfalls, und -also, wenn ich nicht wieder krank werden soll aus Langweile und Unruhe, so -gehen wir dorthin, Mutter. Ja?!« - -»Du bist auch ganz wieder wie als Mädchen.« - -»Freut Dich denn das nicht?« - -»Nun ja -- freilich.« - -»Ach, denk Dir, und der Spaß: das Lied, das Kreowski einmal an mich gemacht -hatte: »Ich weiß nicht, ist es Unrecht,« das wird auch gesungen --« - -»Ist denn Kreowski hier?« fragte Frau Florentine mißtrauisch. - -»Ach bewahre. Wer weiß, wer es singt! Wer weiß, ob es überhaupt dieses Lied -ist; es kann auch ein anderes so anfangen! Ich dachte bloß -- vielleicht.« - -»Du bist ja rot geworden.« - -»So? Na, weißt Du, er gefiel mir doch damals sehr gut. Aber das ist ja nun -so lange her, so lange, vier lange Jahre. -- Klärchen hübsch artig gewesen? -Ja Puz? Komm mal her, sag mal, hat Dir Großel eine hübsche Geschichte -erzählt?« - -Und sie nahm das kleine Mädel auf den Schoß und küßte es, bis es wieder -hinunterstrampelte. - -Frau Gernoth betrachtete sie scharf. Ihre Tochter war keine allzu pünkliche -Mutter, nicht lieblos, aber nicht von der überströmenden Zärtlichkeit -mancher anderen; die Heftigkeit, mit der sie das Kind küßte, erschien ihr -mehr als der Ausdruck einer starken Erregung, die irgend einen anderen -Grund hatte. - -In diesem Augenblicke fiel die Musik ein, und - - »Leswig-Holstein, meerumslungen - Leswig-Holstein, stammverwandt,« - -sang das kleine, noch nicht ganz zweijährige Ding jauchzend; entzückt -hob es die Großmutter auf und überschüttete es jetzt ihrerseits mit -Liebkosungen. - -»Sie kennt jedes Lied an der Melodie heraus! Und Verse über Verse weiß sie -auswendig, unser Goldkind!« - -»Du bist noch viel eitler auf sie, als Ewald,« sagte die junge Frau. - -»Bist Du es denn nicht?« - -»Ich -- na -- das ist doch ganz selbstverständlich, daß ich _so_ ein Kind -habe! Bin _ich_ denn von Dummersdorf? Und Verse und Lieder -- weiß ich auch -ohne Ende. Ja, denk mal, Mutter -- ich hab eben ein Gedicht gemacht. Auf -dem hübschen Aussichtspunkt saß ich, wo wir mal neulich zusammen waren« -- - -»So weit bist Du gegangen?« - -»Gar nicht weit.« - -»Und da hast Du ein Gedicht auf die Aussicht gemacht?« - -»Na ja. Und ich glaube -- es kommt mir so vor -- als wäre es anders, als -meine sonstigen Reimereien auf Tante Lottens Geburtstag und Vetter Hermanns -Polterabend. Soll ich's Dir mal sagen?« - -»Meinetwegen, sag es.« - -Wanda Rhode sah sich um -- rechts und links war niemand zu erblicken -- -breitete ihre Arme aus und fing an zu deklamieren: - - »Was, du heller Sommertag - Streust du so voll Prunken - Hin auf Fluß und weite Flur - Deine goldnen Funken?! - - Heller Reichtum überall, - Jauchzen und Erklingen, - Überall in Blühens Kraft - Seliges Durchdringen. - - Und bist dennoch ach! wie arm - Noch im Überfluten, - Noch in deinen unerschöpft - Goldnen Sonnengluten. - - Hab doch ich die Wälder grün - Alle rings ersonnen, - Ist doch meines Herzens Glut - Sonne licht entronnen. - - Tönt von meinem Jubel doch - Baches Rauschen wieder, - Und in Busch und Baum sind mein - All die frohen Lieder. - - Welt, du bist ein Abbild nur - Meiner Liebesfülle, - Blühst nur, daß in deinem Glanz - Sich mein Herz enthülle. - - Blühst nur, weil in dir mein Glück - Blüte sich gefunden, - Welt, du seliges Gedicht - Frohbewegter Stunden.« - -»Das ist ja ganz verrücktes Zeug! _Du_ hast die Wälder ersonnen und die -Vögel singen _Deine_ Lieder? Nein höre, das ist doch zu abgeschmackt.« - -»Es ist aber so.« - -»Und was soll denn das heißen mit der Liebesfülle?« - -»Das? Ja das weiß ich selbst nicht. Das sollte wohl heißen, daß mir das -Herz so übervoll ist. Mutter, Mutter, ich könnte ja ganz laut schreien vor -Vergnügen: so schön ist es hier, so gesund und so jung bin ich wieder und -so glücklich! Und jetzt gehe ich um die Billets.« - -»Warte doch. Hier ist noch ein Brief an Dich. Von Ewald.« - -»Von Ewald? Na, das hat Zeit.« - -»Das hat Zeit? So?« - -»Ich dächte.« - -»Sei doch nicht so eilig. Hör' einmal --« - -»Nun?« - -»Die Wirtin selber geht heut Abend fort und ihre Bertha ist so -unzuverlässig, da wär' Klärchen so gut wie allein -- und dann -- ich hätte -ja Holtei gern gehört, aber acht gute Groschen -- weißt Du: Registrators -gehen, so schließe Dich nur an die an.« - -»Nun, wie Du denkst. Und wenn Du Dich wegen Klärchen aufopfern willst, so -bin ich ja desto beruhigter. Also auf Wiedersehn.« - -Und fort eilte sie. - -Madame Gernoth sah ihr nach. Gott sei Dank, daß sie wieder so war! Was -hatten diese vier Jahre aus ihr gemacht -- und nun war sie wieder so frisch -und blühend, und sie sollte ihr nicht ein Vergnügen gönnen? Da verfolgten -sie auch schon Zwei! Nun, sie verstand, sich die Zudringlichen vom Halse zu -halten. - -Der Brief! Florentine Gernoth wog ihn einen Augenblick in der Hand und -legte ihn dann in ihr Strickkörbchen. »Das hat Zeit!« - -Sehr zärtlich war das gerade nicht gewesen. Aber, lieber Gott! drei Kinder -in vier Jahren, zwei davon wieder gestorben, und _diese_ Qualen, Sorgen -und Mühen, die das arme Ding damit durchgemacht -- ja was wissen denn die -Männer, wie es nach alledem im Gemüt einer jungen Frau aussieht? Wie ihr -der Mann damit zu einem Objekt steter Angst, seine Zärtlichkeit zum Grauen, -sein Verlangen zur verderblichen Gefahr wird, wie die innigste Liebe -hinstirbt in dieser beständigen entsetzlichen Furcht vor Wiederholungen des -Schrecklichen! Erst neulich hatte Wanda ihr gestanden, daß das Schönste -an diesen fünf Wochen im Gebirge die Befreitheit von der Angst vor neuer -Mutterschaft sei, und wie sie am liebsten alles vergessen möchte, was -hinter ihr läge, alles, sogar daß sie überhaupt einen Mann habe. - -»Das hat Zeit!« Madame Gernoth seufzte. Seufzte über Frauenlos und -»Eheglück« und in noch irgend einer Bangigkeit, deren Grund ihr nicht -gleich bewußt war. Ja so: diese Verse, die die junge Frau in heller -Begeisterung gedichtet und ihr mitgeteilt hatte, Verse von so sprudelnder -Lebensempfindung, von einem so jauchzenden Hochgefühl, daß siegender -Verstand nur mit Wehmut des Prozesses denken konnte, der alles das wieder -zerstören würde. Es nützte Frau Florentine gar nichts, daß sie sie als -Ausfluß einer »verrückten Laune« abzuthun suchte, sie blieben der -Ausdruck einer starken, lodernden Empfindung, die in ihrer schrankenlosen -Subjektivität die ganze Welt in sich hineinzieht. »Verse und Lieder? -- -weiß ich selber ohne Ende!« Ganz schön! und Wanda hatte sich mit ihnen über -tausend Armseligkeiten und Kümmernisse hinweggeholfen -- und doch schienen -sie ihr ein gefährliches Mittel für die Frau eines Armendoktors, deren -Hauptlebensaufgabe darin bestand, zu sparen und Kinder auf die Welt zu -bringen. In allem Unharmonischen liegt eine Gefahr. Das hatten schon Frau -Florentinens Vater und Großvater erkannt, als sie in ihr und ihrer Mutter -denselben Hang zu Versen und Liedern mit eiserner Härte unterdrückten und -alles Künstlerische verpönten, bis sie es hassen gelernt, wenigstens die -persönliche Beschäftigung damit; und das hatte _sie_, Florentine Gernoth, -erkannt, als sie ihre Tochter in diesem Sinne erzogen. Denn dergleichen -läßt sich unterdrücken, das wußte sie -- und wußte nur nicht, daß, wo der -Hang die Stärke der Leidenschaft hat, er ununterdrückbar bleibt -- und -sollte späterhin auch in dem kleinen Mädchen, ihrer Enkelin, vernichtet -werden! Und obgleich sich die ernste Frau dunkel der Inkonsequenz bewußt -war, die diese Absicht und ihre Freude an der frühzeitig sich -offenbarenden Begabung des Kindes bedeutete, beging sie sie doch in einem -Erziehungsfanatismus, der seine Befriedigung darin findet, die Natur grade -da zu verkrüppeln, wo sie am stärksten ist, und die eben damals in der -Mädchenerziehung am nachdrücklichsten das Ideal von Weiblichkeit zu -erreichen suchte, das die Kultur entwickelt hatte: die aller Persönlichkeit -bare, in den engsten Horizont eingeschränkte, mit ihren Händen arbeitende -Wirtschafterin. - - »Welt, du bist ein Abbild nur - Meiner Liebesfülle.« - -»Hm.« - -Neben ihr wurde es unruhig. - -»Alle Steinchen heruntergefallen, alle Steinchen?« sagte sie mechanisch zu -dem Kinde, das zu weinen angefangen, und bückte sich, die Kiesel, mit denen -es gespielt, wieder aufzuheben. Dann nahm sie die Kleine auf den Schoß und -bemühte sich, die Wolken von der eigenen Stirn zu verscheuchen, um das Kind -aufzuheitern. - - »Das ist der Daumen, - _Der_ schüttelt die Pflaumen, - Der hebt sie auf, - Der trägt sie nach Hause, - Und der Kleine -- ißt sie alle alleine auf!« - -Da lachten sie beide, das Kind herzlich und ausgelassen, die Großmutter -mühsam und mit verhaltenen Seufzern in der Brust. - -Die Kapelle hatte inzwischen »Denkst du daran, mein tapferer Lagienka« -exekutiert und setzte jetzt nach einer Pause mit einer Polka ein. Auf dem -Kurplatze wogte eine bunte Menge hin und her in der uns heut so wunderlich -steif und geschmacklos erscheinenden Tracht der Zeit: den weiten, -gesteiften Kleidern, den dreizipfeligen Tüchern, ungefälligen Mantillen -und korbartigen Backenhüten der Frauen und den engtailligen, -breitaufgeschlagenen Röcken, Vatermördern und bunten Westen der Männer, -einer Tracht, die an Geschmacklosigkeit und Stillosigkeit nur von der der -Möbel und Geräte erreicht wurde, mit denen man sich umgab; und in der man -sich dennoch gefiel, sich haßte und liebte, würdig und sogar flott -erschien und der übrigens ein fremdnationales Element half, einen gewissen -sentimental interessanten oder sogar pikanten Anstrich zu geben. - -Die Welt stand nämlich damals politisch nicht ausschließlich unter -dem Zeichen der Revolutionen zu Gunsten eines zu erringenden -Konstitutionalismus, es war zugleich die Zeit der politischen -Insurrektionen. Und Europa, obschon kein Staat die Hände rührte, diesem -in seiner politischen Sünden Maienblüte getroffenen Volke zu neuer -Selbständigkeit zu helfen, zerfloß in romantischem Mitgefühl mit ihm. Es -war die Zeit, da die Blätter teils mit Wollust, teils mit Entrüstung -ihre Spalten füllten mit Berichten über die Heldenthaten der Sensenmänner -Galiziens, über die Umtriebe Mieroslawskis, und über die grausame Barbarei, -der die edlen Söhne der sarmatischen Ebene in Rußland erlagen, da kaum ein -Pinsel, kaum eine Feder war, die, sich lieber der Vergangenheit -zukehrend, wo die Gegenwart so ungewiß war, nicht etwas zur Verherrlichung -Poniatowskis oder des Todesrufes Kosciuszkos leisteten. Die Zeit, da -polnische Flüchtlinge der Welt den Zauber der pelzverbrämten Schnürröcke, -der Kassawaikas und Konföderatkas übermittelten, die alten einheimischen -Tänze von feurig-schwermütigen Polkas, Mazurkas und Krakowiaks verdrängt -wurden, und die Romanhelden auf Kasimir und Ludmilla hörten. - -In der Badegesellschaft zu Salzbrunn machte sich dieses interessante -Element ebenfalls geltend. Es gab echte Polen dort, aus deren düstern -Mienen der ganze Schmerz der vernichteten Nationalität sprach, Polinnen in -Nationaltrauer: schwarzen Kleidern mit schmalen weißen Streifen am Saum und -mit dem Ausdruck wehmütigen Selbstgefühls, das das allgemeine Unglück -ihnen verlieh. Und daneben gab es dieses Modepolentum, die melancholischen -Schnurrbärte, die Pekeschen und viereckig geschnittenen Mützchen: - - »Polkahöschen trägt der Kleine, - Polkajäckchen die Mama, - Polkamütze, Polkalocken, - Polkaröckchen der Papa,« - -heißt es auf einem Bilderbogen der Vierziger Jahre. - -Kurz das Polnische war die Mode, und zwar war es eine gefühlvolle Mode. Wie -hätte sie nicht besonders eine der Frauen sein sollen, denen jene Zeit das -»schöne Gefühl« neben der Wirtschaftlichkeit als Domäne zuerkannte. - -Madame Gernoth teilte es nicht, sie war nicht sentimental, trotz ihrer -Zeit. Als die Polka noch schmetternd den Platz erfüllte, stand sie auf und -zog die Kleine fort. »Diese polnischen Hopser! Ob sie nichts Vernünftiges -mehr können.« - - - - -Zweites Kapitel. - - -Es war halb Acht und die deklamatorisch-musikalische Abendunterhaltung -sollte ihren Anfang nehmen. - -Der Gasthofsaal, mäßig erleuchtet, roch nach frischgewaschenem Holze, war -aber gut besetzt von einer Gesellschaft, die man als gemischte, indes nicht -im üblen Sinne des Wortes, bezeichnen konnte. - -Man saß an den Wänden herum oder stand in Gruppen in den Winkeln, trank -Vanillethee mit Sahne und sprach vom Wetter, von der Weltlage und von einem -neuen Pariser Westenschnitt. An einem Ende des himmelblau getünchten Saales -stand ein engbrüstiges, merkwürdig eckiges Fortepiano, dessen Klaviatur -schwarze Unter- und weiße Obertasten hatte, ein Geigenpult und ein kleiner -Tisch mit silbernen Armleuchtern und einem Glase Wasser. Von der Decke -herab hing ein steifer Kronleuchter mit schiefstehenden Lichtern, in den -Ecken markierten ein paar magere Epheulauben lauschige Plätzchen. - -Die Toiletten der Damen waren einfach, doch sah man zwischen philiströsen -Spitzenhauben und Barben ein paar extravagante Haartrachten, zwischen -bescheidenen, recht bescheidenen Festgewändern, die Jahrzehnte hindurch -ihren beinahe sakramentalen Charakter als »gute Kleider« in unabgeänderter -Form behielten, einiges nach neuen Pariser Blättern. Die Haltung -- nicht -nur der Frauen -- war ein wenig geziert: die »schöne Empfindung,« das -»gebildete Gefühl« beherrschte die Zeit und drückte sich in den Mienen -auch der Männer aus. Aber zwischen den wohl Toupierten und -Steifbevatermörderten, Bartlosen unter ihnen sah man ein Paar mit wildem -Haarwuchs, ungestärkter Wäsche und großen Bärten, welche Demokraten sein -mochten. - -Als die Registratorin mit ihren nicht mehr ganz jungen und niemals hübsch -gewesenen Töchtern und der schönen jungen Doktorin eintrat, war der Saal -fast gefüllt und hundert neidische oder entzückte Blicke richteten sich auf -Wanda Rhode, die in dem Bewußtsein ihrer siegreichen Erscheinung und in der -Erwartung des Verheißenen trotz ihrer einfachen Kleidung reizend aussah. - -Zuerst trat Holtei auf, der schlesischeste Dichter, den Schlesien gehabt, -eine schöne, stattliche Erscheinung, groß, mit langherabwallendem Haar, das -Prototyp des leichtverbummelten Genies und edelmännischen Wanderkünstlers; -ganz und gar von jener leichtbeweglichen, etwas eiteln Art, die mit einer -Beimischung von Rührseligkeit und bewußter Gemütlichkeit den Schlesier -alten Schlages charakterisiert. - -Er las ein paar Scenen aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« mit der ihm zu -Gebote stehenden Vortragskunst, die ihm immer Erfolg sicherte und auch hier -rauschenden Beifall eintrug, den der gefeierte Mann mit einer Handbewegung -entgegennahm, wie eine gutgelaunte Majestät die Ovationen eines -Volkshaufens. - -Dann trat ein Geiger auf -- man flüsterte sich einen zungenbrechenden Namen -zu -- und trug Variationen über ungarische und polnische Volkslieder vor, -und er spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der Raserei, mit -denen diese Stücke zur Geltung gebracht werden mußten. Man applaudierte ihm -entzückt, nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und behauptete, -daß er mit Chopin befreundet sei. - -Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig. Man konnte nicht gleich -sehen, was oder wer sich da zu Kunstproduktionen heranließ, schließlich -verständigte man einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich -an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen auch schon die ersten -Accorde der Cismollsonate, die er mit Meisterschaft den Saiten mit dem -kurzen, spitzen Klange entriß. - -Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist dankte und teilte -den geehrten Anwesenden mit, daß Herr Witold von Kreowski einige von ihm -gedichtete und komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger Mann -in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem Haar zögernd hervortrat, -etwas Weißes, das er in Händen hielt, langsam entrollend. - -Gleich darnach begann der Gesang: - - »Ich weiß nicht, ist es Unrecht, - Ich weiß nicht, ist es Schuld, - Ist es mir Fluch des Schicksals, - Ist's neuen Glückes Huld. - - Ich frage nicht, liebst Du mich, - Bin ich Dir auch nur wert, - Noch hab ich Deiner Liebe - Verlangend je begehrt. - - Ich breite meine Arme - Zum Himmel jubelnd laut, - Wie wunschlos man zur Sonne, - Wunschlos und jubelnd schaut. - - Du bist -- und Glanz und Wonne - Umfluten strömend mich, - Ich habe Dich gefunden. - Und jauchzend lieb ich Dich.« - -Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte kaum zu atmen, es war ein -Lied, das sie besser kannte als tausend andere, und doch erschien es ihr -in dem Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen -vor allen diesen fremden Ohren, ein neues, von ihr abgelöstes, das auf sie -keine Beziehung mehr hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein -nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit ganz allein -an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste Huldigung, die sie je erfahren. -Und eine Verwirrung nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln -hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen, während purpurne -Strahlen der Abendsonne sie durchdringen, etwas von einem Zwange, in zu -heißer Luft zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen. Die -Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein, daß Ihre Frau Mutter -das nicht hört!« und ihre Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«. - -Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas Neues und Herr Witold -von Kreowski entfaltete ein anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er -sich jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling aus der Affäre -zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch nicht. Er schien nichts als -die indiskrete Sucht aller Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle -mitzuteilen. - - »Und wär's nur Berg und Strom und Thal, - Die uns trennen so weit, so weit, - Wir grüßten uns Tages wohl tausendmal, - Und die Trennung wär' Seligkeit. - - Ach! was uns trennt, ist eine Kluft, - Tiefer noch als das Meer, - Und leise nur manchmal trägt die Luft - Ein Grüßen hin und her. - - Doch weiter und tiefer, als Strom und Thal, - Und das Meer zwischen Dir und mir, - Und größer als aller Sehnsucht Qual - Ist meine Liebe zu Dir.« - -Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos verharrend in dieser -Erschütterung der Empfindung, die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch -rauschend losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend. - -Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und ließ ihre Blicke über die -Versammlung schweifen. Und sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen -der Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden Lippen der Frauen, den -tiefen Ernst, die sinnende Trauer in den Zügen der Männer, die Demut, mit -der sich selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung beugten; und -die siegende Allmacht der Liebe, die sich in jedem schwingenden Nerv, -in jedem leise gehauchten Seufzer und in diesem plötzlich ausbrechenden -Dankessturm für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für sie, der sie -auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes Haupt beugte, ohne zu wissen, -daß er mitten unter ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer -herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen. - -»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die gute Frau, die sie -chaperonnierte. »Aber es scheint, der arme Mensch hat eine unglückliche -Liebe.« - -»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte Registrators Bertha. »Was -mag es für ein Stück sein?« - -»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.« - -»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen doch zuviel wissen!« - -»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.« - -Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten Lärm vom Klavier her -- -deutlich hörte sie nur eins und immer wieder nur eins: - - »Und größer als aller Sehnsucht Qual - Ist meine Liebe zu Dir.« - -Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und Versen, berauschte sie mit -seligem Gluthauch und ließ sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und -die eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles aufhebendes, -unbeschreibliches Gefühl. - -Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren Deklamationen, Cello- und -Flügelstücke beklatscht worden waren, -- sich verschiedene Herren in der -Gegend des Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert hatten, das -Badepublikum sich genügend versicherte, daß es so gelungene Vorträge bisher -nicht gehabt hätte, die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee und -Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder mit Flöte, -Brummbaß und Violine und ließen sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu -einer Polonaise herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls in -irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen mochte. - -Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor Spannung, was die nächsten -Augenblicke bringen würden. - -Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn es geschehe, würde er an sie -herankommen? Und was würde er dann sagen? -- In dem Gasthofsaale mit dem -Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem Wachse und Patschouli --- damals noch ein vornehmes Parfüm -- schwebte etwas wie eine -Schicksalsfrage. - -Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen Bücklingen näherte sich -Wanda der Badevorstand, von einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die -vorgestellt sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand, Herr von Makowski, -Herr Supphahn und Herr Hielscher, die sämtlich die Polonaise mit Ihnen -tanzen wollen, mein schönes Fräulein.« - -»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit einem zum Tanze gehn.« - -»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst das erste und das dritte --- aber das zweite nicht,« sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu -entscheiden. Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten, die -Polonaise mit mir anzuführen -- wie, meine schöne Frau, Sie wollen mir -die Ehre geben?« Und die Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige -hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte zurück. - -»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und schob ihren Arm in den des -alten Galans. Und nun konnte sich wirklich keiner beklagen. - -»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren, »sie hat meergrüne -Augen und die Gestalt einer Hebe und in ihrer Stimme ist Musik.« - -»Eine Frau? -- ob der Mann hier ist?« - -»Ganz gleich, sie ist bezaubernd.« - -»Um so besser sogar,« -- setzte Herr Supphahn hinzu, der französische -Romane gelesen hatte und für das Pikante schwärmte. - -Der beglückte Vorstand führte den Tanz indessen mit Wanda an und machte -seiner reizenden Partnerin in halb väterlicher Weise bestens den Hof. Er -merkte nichts von der fieberigen Glut der Erwartung, die sie bewegte. -- - -Hand um Hand wechselte. Jetzt hatte sie einen jungen Baron, dann einen -geschniegelten Kaufmannsdiener, jetzt einen Studenten, dann einen Badearzt, -dann einen polnischen Flüchtling, einen Freiwilligen von den Jägern, den -kleinen verwachsenen Herrn Joachimsthal und einen Kandidaten der Theologie -und endlich legte sich ihre Linke in die Hand des Mannes, dessen Liebe -weiter und tiefer war als das Meer und größer noch, als die Qual seiner -Sehnsucht. - - - - -Drittes Kapitel. - - -Witold von Kreowski erbleichte, als er sie erkannte, starrte sie ein paar -Augenblicke mit ringendem Atem an und sagte endlich heiser: »Ein ebenso -großes als unerwartetes Glück.« Er sprach völlig accentfrei. - -»Ein freundlicher Zufall.« - -»Und ebenso unerwartet als schmerzlich.« Damit reichte er die Hand der -vorhergehenden Dame. - -Sie wußte nun, was ihr freilich ohnehin nicht zweifelhaft gewesen, daß auch -das zweite Lied ihr gegolten. Und während er jetzt vor ihr promenierte, -bemerkte sie, daß er etwas breitschultriger geworden war, daß er einen -sehr schönen Nacken hatte und daß in einem schönen Nacken etwas seltsam -Verführerisches liegen könne. Und es kam ihr vor, als ob die Unruhe, die er -ihr erregte, dieselbe sei, die sie vor vier Jahren empfunden und als ob er -nie aufgehört habe, sie zu belästigen, obgleich das ganz gewiß nicht wahr -war. - -Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte sie sofort. Sie sprachen -nicht, sie tanzten schweigend, aber die Erregung, die in ihren Adern -brannte, teilte sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen -Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht, man exekutierte sie -noch, mit einigen Vorbehalten im Takt, mit einer gewissen schwermütigen -Glut und nach den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien. Die -Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame in die linke Hüfte, warfen -den Kopf nach hinten und preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es -war noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese Nationaltänze -auszuführen. Es befanden sich außer Witold von Kreowski noch einige echte -Schlachzizensöhne unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur hart -und gebrochen sprachen -- er tanzte trotz ihrer mit der Verve und der Anmut -eines Królewicz. - -Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant hatte »Wir winden dir -den Jungfernkranz« aus dem Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt -übertragen, der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam Rechnung -tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft gefühlsselig; es war eine -Art zu walzen, bei der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und die -wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in sanften Erinnerungen an -ihre friedlichen Eroberungen während der Freiheitskriege. - -Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte mit allen, auch eine Tour -mit Kreowski. Ohne mit ihm zu sprechen. - -Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten, kam die Registratorin, -der die Thränen vor Freude in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter -einmal geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie, sich zurecht zu -machen, da sie in ein paar Minuten gehen müßten. - -Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund an Madame Gernoth -abzuliefern. - -»Und ich soll _Ihnen_ halten, was ich meiner Mutter versprochen habe?« -fragte Wanda Rhode lachend. - -»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.« - -»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen Bianca, die über den See zum -Tanze fuhr und, als ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu -verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen Fuß zu rühren, wenn sie -nur glücklich das Land erreiche?« - -»Nein, das kenne ich nicht.« - -»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war, zuckte es ihr zwar in allen -Gliedern, aber sie hielt sich tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die -Musik immer berauschender wurde, die Lust immer lauter, da konnte sie nicht -länger widerstehen und tanzte, und tanzte --« - -»Aber hier ist doch kein Gewitter und kein See, liebe Frau Doktorn!« - -»Hören Sie nur: tanzte, bis der besorgte Fährmann herankam und sie mahnte: - - Bianca, Bianca, was hast Du gethan, - Du hast dein Wort ja gebrochen. - -Worauf die Schöne lachend rief: - - Ach, die Sonne ist jetzt in Amerika - Und dem Mond hab ich gar nichts versprochen. - -Nun, sehn Sie, Frau Registrator, meine Mutter ist die Sonne, und Sie der -Mond, und wahrhaftig! ich will um kein Haar besser sein als die kluge -Bianca! -- Fräulein Bertha und Fräulein Malchen, erlauben Sie, daß ich -Ihnen diese Herren vorstelle?« - -Da fand sich denn der Mond in seine zuwartende Rolle. - -»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn,« sagte jetzt der Pole, dessen Augen -inzwischen einen ganzen Band Verse geredet hatten, die sie mit dem Epigramm -eines kurzen Blickes beantwortete, indem er wieder in die Reihe mit ihr -trat. - -»Haben Sie vermutet, eine Unglückliche wiederzufinden?« - -»Durchaus nicht. Um so weniger, als Sie überhaupt hier zu finden außerhalb -meiner Vermutungen stand. Und warum sollten Sie unglücklich sein?« - -»Gewiß, warum sollte ich es sein? Ich bin sogar sehr froh: ich war krank -und bin wieder gesund, ich lebte öde und eingeengt und lebe befreit und -heiter und -- ich finde zum Überfluß einen guten Freund wieder, mit dem ich -manche vergnügte Stunde verlebt.« - -»Sehr gütig, das der Summe Ihres Glückes zuzuzählen. Ich bin nicht so -unbescheiden, diese Wendung ernst zu nehmen.« - -»Sie leben nicht mehr in Breslau?« fragte sie, als sie wieder anhielten. - -»Ich halte mich bei Verwandten auf dem Lande auf. Aber ich stehe in -Verhandlung mit dem Direktor des Breslauer Stadttheaters und darf mir -einige Hoffnung auf die Stellung eines Korrepetitors an der dortigen Oper -machen. Ich habe einige Sachen von Herrn von Holtei in Musik gesetzt, -und er hat die Güte gehabt, mich zu empfehlen. Ich würde das Glück -haben, wieder dieselbe Luft mit Ihnen atmen zu dürfen und Sie würden mir -vielleicht gestatten, Sie manchmal zu sehen.« In seinen Augen und in -seiner Stimme war das Dringende, Werbende und dabei Verzweifelte einer -aussichtslosen und unauslöschlichen Leidenschaft. - -»Noch sind Sie nicht in Breslau,« sagte sie ruhig lächelnd, während ihre -ganze Seele sich dieser Leidenschaft zukehrte und ihr Ohr mit Entzücken das -Beben der Stimme neben ihr trank. - -»Nein, es ist noch unsicher, doch ich darf hoffen. Herr von Holtei forderte -mich auf, hierher zu kommen, um mich persönlich kennen zu lernen und um -mich zur Mitwirkung heut Abend heranzuziehen.« - -»Sie kamen erst heut hier an?« - -»Heut Mittag. Ach! und kam so leichten Herzens! so leichten, als ich -überhaupt zu haben vermag, und ohne Ahnung --« - -»Mich hier zu finden. Sie wollten mich nicht wiedersehen?« - -»Nein,« sagte er dumpf. - -Sie tändelte mit dem Fächer -- in diesem Tone ging es nicht weiter, so -ernsthaft durfte er nicht werden; mochte ihm zumute sein, wie ihm wollte, -man mußte die heiteren Mäntelchen behalten. Sie lachte also und antwortete -schalkhaft: »Und müssen nun ehrenhalber die herzhaftesten Fluchtgedanken -heldenmütig im Blute der Höflichkeit ersticken. Aber ich bin nicht -unmenschlich und gebe Sie frei. Sehen Sie mal diese etwas zu dick geratene -Friederike von Sesenheim aus der Guhrauer Gegend, die mit den verwelkten -Kornblumen am Herzen, sie sitzt, scheint es, den ganzen Abend! Reizt Sie -diese --« - -»Quälen Sie mich doch nicht. Wenn _Sie_ scherzen und spotten können, ich -kann es nicht.« - -Sie suchte nach einem andern Thema. - -»Haben Sie außer Liedern noch etwas komponiert? Wie steht es mit der Oper, -die Sie damals schreiben wollten?« - -»Sie erinnern sich dieses Planes?« - -»O, sehr gut, besonders _eines_ Motives. Warten Sie mal, ich muß es noch -wissen.« Und sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend, die Melodie. - -»Ich bin entzückt, daß Sie das behalten haben.« - -»Es hat mir gut gefallen, und so hab' ich es manchmal auf dem Klavier -gespielt und ein bißchen Baß dazu gesucht.« - -»Wirklich?« - -»Wirklich! In der Einsamkeit der Dämmer- und Abendstunden, in diesen -Stimmungen der Sehnsucht und -- nun ja, phantasiere ich gern auf dem -Flügel, so gut oder so schlecht ich's kann.« - -»In der Einsamkeit? Sind Sie denn manchmal einsam? Kann man Sie denn -bisweilen allein lassen? Sie verzeihen.« - -»Aber das ist doch nicht anders. Die Kranken und dann die Politik --« - -»Und dann haben Sie meine Melodien gespielt und haben manchmal ein klein -wenig an mich gedacht?« - -»Warum nicht? Denkt man der Melodien, denkt man wohl auch des Komponisten. -Was ist da weiter?« - -»Freilich, was ist da weiter! Und die ›Sehnsucht‹ ist die nach dem -vermißten Gatten? Natürlich. Ist Ihr Herr Gemahl auch hier? -- ich meine in -Salzbrunn.« - -»Nein.« - -Ein knappes »Nein,« in das nichts von Bedauern oder Sehnsucht hineinklang, -aber auch nichts Feindseliges, und auf das sie eine Weile schwiegen, um, -endlich die Unterhaltung wieder aufnehmend, über das Badeleben, das Wetter, -die Menschen zu plaudern, banales Zeug, dem Wanda doch beständig einen Reiz -zu geben wußte durch gut herangezogene Citate, drollige Spöttereien und -kleine Sentimentalitäten. Dadurch kamen sie nun doch in jene behagliche -Stimmung, mit der man etwa an heiterem Sonnentage in kleinem Boote ein -tändelndes, blaues Meer befährt, dessen Leidenschaft Windstille gebändigt -hält. - -Ganz unvermittelt -- die Musik hatte inzwischen eingesetzt und sie waren -zum »Contre« angetreten -- sagte er dann: - -»Sie haben es nicht etwa für eine Entweihung meiner Gefühle genommen, -daß ich jenes Lied -- ich meine jetzt das andere, das Sie schon kannten, -öffentlich mitzuteilen wagte?« - -»›Mitteilung ist das Wesen des Dichters,‹ sagt Goethe.« - -»So, sagt er das? Und Sie, so jung, verstehen es?« - -»Ich denke.« - -»Sie begreifen also, daß der Künstler nichts entweiht, auch wenn er alles -preisgiebt, daß die Form, in der er es thut, wenn sie sonst eine gelungene -ist, ihm das Recht giebt, alles zu gestehen, weil er sich damit zum -Interpreten der Gefühle aller macht, ihrer tiefsten und reinsten Gefühle, -alles ihres Ringens und Sehnens?« - -»Warum sollte ich das nicht begreifen?« - -»Gewiß. Und es macht mich sehr glücklich, daß es so ist.« - -»Nur ist mir die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft: denken und -dichten die Poeten nicht am Ende über diese Philister- und Werktagsseelen -hinweg, wie die Lerchen und Nachtigallen über die Köpfe der Sperlinge und -Finken hinweg ihre Lieder singen? Und ergreift der Künstler diese Seelen -vielleicht nur, indem er ihnen die Ahnung beibringt, daß es andere giebt, -die unendlich viel stärker empfinden und persönlicher denken als sie? Und -was sie ergreift, ist vielmehr Schauer des Mitgefühls mit dem größerem Maß -von Leiden, das ein Künstler ertragen muß?« - -»Wohl möglich, daß es so ist. Jedenfalls: wenn man den Künstler nach seiner -Fähigkeit zu leiden schätzen dürfte, dann hätte ich den Vorzug, als ein -großer Genius zu gelten.« - -»Sehen Sie, so finden die Unglücklichen immer einen Trost. Aber wie ist mir -denn: pflegen Ihre Landsleute ihren Schmerz nicht zu vertanzen? Sind sie -nicht eben darum Meister in dieser Kunst? Tanzen wir. Es ist eine Mazurka, -nicht wahr?« - -»Gewiß.« - -Lächelnd legte er seinen Arm um sie, und gleich darnach verschlang der -Wirbel des Reigens die Beiden. - - - - -Viertes Kapitel. - - -Als Madame Gernoth den Entschluß gefaßt, sich von ihrem Manne zu trennen, -hatte sie es in dem Trotz und dem Selbstgefühl einer etwas eckigen, aber -redlichen Natur gethan und aus einer Empfindungsweise heraus, der alles -Kühne frech, alles Gewagte unsolid dünkt, und die keine Nachsicht kennt für -die impulsiven, schnellen Eindrücken empfänglichen Gemüter, die auch -einer Versuchung einmal unterliegen, ohne deshalb schlecht zu sein, die -vorübergehend untreu sind, ohne es mit ihren besten Gefühlen zu werden. Und -obgleich, als das Zerwürfnis einmal ausgebrochen, Gernoth sie zu versöhnen -strebte, zog sie, unbeugsam wie sie war, vor, Not und Sorge auf sich zu -nehmen, statt dort ein Wohlleben zu führen, wo sie ihr Gefühl täglich -verletzt sah. - -Not und Sorge sollten jedenfalls nicht ausbleiben. Gereizt durch die -Härte seiner Frau, brachte Gernoth es fertig, sie und das Kind, das er ihr -überließ, sehr ungünstig zu stellen und über einem neuen Verhältnisse rasch -zu vergessen. Dagegen schien Frau Florentine viel Glück bei der Erziehung -ihrer Tochter zu haben, die zwar schon frühe viel von dem übersprudelnden, -leicht beweglichen Wesen des Vaters, aber auch andere Eigenschaften -verriet, die die Mutter als Hebel ansetzte, um alles an väterlichem Erbteil -in Wanda zu unterdrücken. Es war etwas von dem Fleiß und der Sparsamkeit -der mütterlichen Linie in dem Mädchen, das sich sehr gut hierzu eignete -und von Madame Gernoth beständig herangezogen wurde, um Wanda zu rastloser -Thätigkeit anzuhalten und ihr die Notwendigkeit, einen Spargroschen für -Fälle besonderer Not anzulegen, einzuprägen; eine Vorsichtsmaßregel, der -die sorgliche Frau besondere Wichtigkeit beimaß, der Tochter sogar die -bescheidenen Freuden, die der Jugend Bedürfnis sind, verkümmernd und -- -vielleicht nicht ganz weise -- in die Freude an dem Wachsen ihres kleinen -Schatzes verkehrend. - -Es schien inkonsequent zu sein, daß Madame Gernoth, als ihr unverhofft -eine kleine Erbschaft zufiel, sich beeilte, diese dazu zu verwenden, ihre -inzwischen herangewachsene Tochter gefällig zu kleiden und ihr eine Reihe -von Vergnügungen zu bereiten. Dennoch glaubte sie so verfahren zu sollen. -Hätte sie das Martyrium einer langen unglücklichen Ehe hinter sich gehabt, -so hätte sie vielleicht versucht, Wanda den Männern fernzuhalten. Aber sie -hatte eine kurze Enttäuschung hinter sich, die sie selbst korrigiert -hatte; sie hatte die Unbefriedigtheit und Schutzlosigkeit einer gattenlosen -Existenz kennen gelernt und war so zu der Ansicht durchgedrungen, daß -selbst eine nicht ganz glückliche Ehe noch immer besser sei als gar keine. -Zudem war es noch die Zeit, in der die Unvermähltgebliebene unter der -Bezeichnung »alte Jungfer« eine bemitleidete Erscheinung war, so daß -Tausende heirateten, bloß um socialer Mißachtung zu entgehen. Endlich aber -besaß Wanda eine Eigenschaft, die es geradezu unmöglich machte, sie der -Aufmerksamkeit der Männer zu entziehen, und Frau Florentine vielmehr -wünschen ließ, diese Aufmerksamkeit da zu erregen, wo sie ihr mütterliches -Auge darüber wachen lassen konnte. - -Wanda war eine der Schönheiten, an denen alles packt, entzückt und -hinreißt. - -In ihrem Wuchse, in ihrem schwebenden Gange lag allein etwas, das -bezauberte, in ihrem Nacken, der Bildung und Haltung der Schultern etwas -Verführerisches. Dazu kam ein flirrender Glanz in den Augen, etwas Kühnes, -Eroberndes in dem Schnitt ihrer Nase und ein geheimnisvolles Zucken um die -lebensvollen Lippen, das wechselnd die ganze Skala ihres Wesens verriet -und doch nie ganz verriet. Wie sie nun dabei mit blitzartiger Klugheit und -einem Gedächtnis ausgestattet war, das alle Eindrücke und Vorkommnisse, -jeden Vers, jede Melodie, jedes launige Wort festhielt und mit spielender -Leichtigkeit an die Oberfläche warf, eroberte sie, was in ihren -Gesichtskreis trat. - -Die Erfahrungen, die Frau Gernoth in dieser Beziehung machte, waren -geradezu verblüffend. Sie hätte ohne alle mütterliche Eitelkeit sein -müssen, wenn sie ihr nicht geschmeichelt hätten, aber wie dann Wanda zu -denen gehörte, die Wirkung ausüben und erfahren müssen, um ganz sie -selbst zu sein, dann aber auch unauslöschlich sie selbst sind, wurde Frau -Florentine auch klar, daß ihre haushälterische Erziehung den Kern des -Wesens ihrer Tochter unberührt gelassen hatte. - -Wanda berauschte sich an ihren Erfolgen. Die Natur hatte garnicht daran -gedacht, Fischblut in ihre Adern zu gießen, mit dem Temperament ihres -Vaters hatte sie sein leichtentzündliches Herz geerbt; und sie nahm diese -Eigenschaft keineswegs übel: nur wer selbst die Unruhe, die Schmerzen und -die Süßigkeiten der Liebe in vollem Maße kennen zu lernen veranlagt ist, -ist fähig, die ungeheuren Triumphe zu genießen, die die Schönheit feiert. - -Wenn sie indessen davon träumte, ein Lebensglück zu finden, das diesen -Triumphen entspräche, so sollte ihr das Schicksal diesen Traum nicht -erfüllen. - -Unter ihren Bewerbern befand sich ein junger Arzt, der eben seinen Doktor -gemacht, den Kopf voller Ideale und die Brust voll ehrgeiziger Träume -hatte. Was sein Äußeres anlangte, so konnte er sich, ohne unschön zu -sein, mit Wanda Gernoth nicht vergleichen, geistig war er ihr durchaus -ebenbürtig. Doktor Rhode war nicht ohne Witz und Humor, der Schwerpunkt -seines Wesens indessen lag in einem starken wissenschaftlichen Hange und -in der Tiefe seines Geistes, der sich zu dem ihren verhielt, etwa wie -eine ruhige, starke Flut zu einem sprudelnden Sturzbach oder wie schweres -Geschütz zu den knatternden Gewehrsalven einer leicht beweglichen Truppe. - -Aber das war doch nicht der Hauptunterschied in der geistigen Signatur -dieser beiden hochbegabten jungen Menschenkinder: in dem Doktor war die -stärkste Objektivität der Interessen, in Wanda war alles subjektiv. Was -immer in den Bannkreis ihrer Sinne und Begriffe trat, hatte Wert für sie, -nur soweit es sich zu ihr in irgend eine Beziehung setzen ließ, und nur -weil ihre eigene Natur außergewöhnlich reich war, war auch der Kreis ihrer -Interessen groß. Auf diese Weise täuschte sie gewissermaßen über sich. - -Der Doktor liebte sie mit einer Leidenschaft, die einem Manne etwas seiner -Natur fremdes zu verleihen vermag. Ihm gab sie einen Hauch von Poesie, -etwas Glänzendes und Erfinderisches, das sonst nicht in seiner Richtung -lag. - -Wanda zögerte trotzdem sehr lange, bis sie ihm Gehör schenkte. Sie fühlte -instinktiv die Verschiedenheit ihrer Naturen, und es war nichts an ihm, -das sie bezauberte oder bestach. Und dann that sie es doch. Er besiegte -sie durch die Hartnäckigkeit, die die stärkste Schmeichelei der Liebe ist, -durch den Geist, mit dem er anmutigere Nebenbuhler ausstach, und mit Hilfe -von Frau Gernoth, die in ihm den ernsten und soliden Mann gefunden hatte, -den sie ihrer Tochter wünschte. - -Kurz vor der Hochzeit wandelte die Braut die Laune an, zurückzutreten. Sie -hatte die Bekanntschaft Kreowskis gemacht, der ihr jene Lieder widmete, die -in Text und Melodie Huldigungen für sie waren, die sie verwirrten. Aber es -handelte sich doch auch hier um keine große Leidenschaft, die alle guten -Gefühle für den Doktor ausgelöscht hätte, und so kämpfte sie denn diese -Anwandlung nieder, um so mehr als Madame Gernoth ihre Bedenken durchaus -nicht wollte gelten lassen, und heiratete den Doktor. - -Und siehe: das Glück sproßte ihr auf, wie eine Blume, die man zögernd in -ein ihr fremdes Erdreich gesetzt, ängstlich, ob sie darin zu Grunde gehen -oder doch klein und unansehnlich werden würde, und die darin aufblüht, in -einer Schönheit, die niemand geahnt, mit einem Schmelz, der ein Wunder zu -sein scheint. - -O diese goldenen Stunden geliebten Beieinanders! Diese fröhlichen kleinen -Mahlzeiten mit ihren einfachen Schüsseln, die der Appetit würzt; diese -Spaziergänge an den Flußdämmen entlang, wenn die an landschaftlichen -Schönheiten arme Gegend zum Paradiese wird, sobald die Sonne, deren Glanz -alles mit dem Glücke der Herzen in Verbindung zu setzen scheint, leuchtend -darauf liegt; dieses harmlos frohe Geplauder, unter dem man die Wege -zurücklegt! Ach! und diese holden Abende bei traulichem Lampenschein! -Wie beseligend dieses Näher- und immer Näherrücken der Geister, dieses -Überfließen der Seelen, dieses Aufgehen der Herzen im Austausch aller -Gedanken und Empfindungen! - -Wie hold dann selbst diese kleinen Bekenntnisse und Mitteilungen aus den -Tagen junger Vergangenheit, in denen man sich noch nicht kannte, der Eifer, -auch sie in Beziehung zur Gegenwart zu bringen, Teilnahme, Verständnis, -Vergebung zu suchen, wo man so sicher weiß, daß man sie findet. -Schonungslos werden dann frühere kleine Neigungen preisgegeben, in denen -die gegenwärtige immer die erste ist, weil sie unvergleichlich stärker -erscheint, lustig kleine Verlegenheiten gebeichtet, kindliche Nöte und -Sorgen erzählt. Dann müssen selbst Schulhefte, Stammbücher und Prämien -herhalten, dann Sträußchen, Locken und Liebesbriefe, dann werden Andenken -von Tanten und Erbstücke der Großmutter hervorgesucht, eine kindliche -Sammlung von billigen Kleinodien, Henkeldukaten oder Denkmünzen, kurz, alle -diese hundert kindischen Wichtigkeiten, denen man entwachsen ist und an -denen das Herz doch noch hängt. - -Dann wird selbst der Spargroschen aus der Mädchenzeit einmal produziert: -dieser langsam und mühselig erworbene kleine Schatz, der Notgroschen, den -man auf Rat der Mutter eigentlich _ganz_ geheim halten soll -- aber gerade -das ist nun so hold: diese rückhaltlose Vertraulichkeit, die auf dem -reinsten Vertrauen, der rückhaltlosesten _Liebe_ beruht. - -O, die goldenen Stunden! Goldener noch, wenn die Kindereien dann wieder -ernsterer Unterredung weichen. Wie strömen dann die Herzen alles Beste aus, -geben für frohe Erinnerungen froheres Gefühl der Gegenwart und das starke, -schwellende Empfinden der Zukunft: diese Träume leichten Gelingens stolzer -Pläne, der Erfüllung junger Hoffnungen, des Gewinnes früher Mühen. Und in -Persönlichstes hinein die Hochflut großer allgemeinster Ideen und Ideale, -die die Gemüter erfaßt und fortreißt, um sie auf fremdem, objektiven -Gebiete einander wieder um so inniger zuzutragen. Bis wohl die Lampe unter -hohen Gesprächen zu erlöschen droht, und die Nacht, ganz herabgesunken, -alles umhüllt, Persönlichstes und Unpersönlichstes und nur eins erfüllt: -die heißen, süßen Mahnungen der Natur, bis stärkstes Lebensgefühl das Ich -auslöscht und zugleich über sich erhöht. -- - -Wie reizend auch die Freuden einer harmlosen Geselligkeit in einem -Kreise, der sich bei bescheidenen Lebensbedingungen durch Witz und Geist -auszeichnet, in dem man Anregung giebt und findet, sich schätzt und liebt -und, wo man sich gehen läßt, doch niemals die Anmut verletzt. Man war -in mancher Beziehung damals noch kindlich. Man vergnügte sich noch an -Pfänderspielen und den Bildern einer =laterna magica=, man machte Verse -über launige Themata und führte Charaden auf, leierte Bänkelsängereien zu -selbstgemalten Tableaus und jagte sich im Freien herum. Man sang noch zur -Guitarre, und wenn man sang, brauchte man keine »Schule« zu haben, die -Herren rauchten Cigarren aus einheimischem Tabak, und die Frauen buken -ihre Zuckernüsse noch auf dem Herdfeuer. Wenn die Politik die Gemüter nicht -erhitzte -- was sie freilich dann mit Heftigkeit that, -- war man äußerst -friedfertig in Principien und Anschauungen. Es gab damals keine socialen -Fragen, es gab keine Judenfrage und kaum eine konfessionelle, es war die -Zeit, wo Pastor und Kaplan geistliche Brüder waren. Man war ein bischen -kosmopolitisch neben aller bösen Demokraterei und unglaublich positiv. Man -war anspruchsloser und darum sorgloser und naiver als man heute ist. Wer -aber obendrein jung und witzig war, war ausgelassen, wie man es jetzt -fast verlernt hat. Und dann, nach diesen Vergnügungen, die Rückkehr in das -eigene Heim mit dem Gefühl, daß _seine_ Freuden über alle anderen gehn! - -Aber es giebt einen Höhepunkt des Glückes, auf dem es sich nicht zu halten -vermag: die alte Wahrheit von der Blüte, die im herrlichsten Entfalten den -Moment erreicht, wo sie zu welken beginnt; einen Höhepunkt, da die Engel -den Atem anhalten, die Natur stillzustehen scheint, um den Augenblick zu -verlängern, und nach dem es doch bergab geht, wenn nicht eine Wundermacht, -die zugleich begreift und fühlt und Gefühl und Erkenntnis in den stärksten -Willen strömen läßt, das Glück immer wieder aufwärts trägt. - -Der Aufschwung des Geistes, des Gemütes, der den Arzt seine idealsten -Anschauungen vor seiner jungen Frau sich ergießen ließ, fing eines Tages -an, für diese etwas gleichförmiges zu haben. Diese philosophischen Ergüsse -Hegelschen Gepräges, diese naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte, diese -demokratische Begeisterung wurden ihr -- ein ganz klein wenig langweilig. - -Die Zeit hatte das stärkste Vorurteil gegen tiefere wissenschaftliche oder -gar politische Bildung der Frauen. Man hielt ihnen beides fern, da man -beides, Wissenschaft und Politik, unweiblich fand, und es mußte das -persönliche Bedürfnis eines Mannes vorliegen, eine Frau zu seinen -Interessen heranzuziehen, was ihr die Ehre verschaffte, hier bisweilen den -Schleier gelüftet zu sehn. Nur schlimm, daß ein persönliches Interesse ein -sachliches, an den Dingen selbst haftendes niemals dauernd ersetzen -kann; schlimm, daß es Wanda Rhode nach diesen Lüftungen gar nicht einmal -gelüstete, daß sie, weit davon entfernt, sich geehrt zu fühlen, die Geduld, -die sie schließlich bei Anhörung der Vorträge ihres Mannes entwickelte, -ihm wiederum zumutete, indem sie von den Dingen sprach, die nur sie -interessierten. Denn waren Politik und Medizin ihr gleichgültig, so waren -es ihm Musik und die nachklassische Litteratur, die in den vierziger Jahren -die Litteratur der Gegenwart war: Heine, die Jungdeutschen und die fremden -Romanschriftsteller der Periode. Aber Verse und Belletristik waren das, -womit sich zu beschäftigen für weiblich galt. Und wie in hundert anderen -Fällen, wirkte die künstliche Scheidung der Interessen, hier unterstützt -durch persönliche Neigungen, langsam als eine Scheidung der Gemüter. - -So empfand man die ersten Enttäuschungen, die ersten Lücken und die -Notwendigkeit, sie anderweitig auszufüllen. Der Doktor fing an, Bierstuben -aufzusuchen, wo er sich entweder mit Fachgenossen über Trepanationen des -Gehirns und Behandlung von Geschwülsten unterreden oder mit Politikern über -allgemeines und Klassenwahlrecht erhitzen konnte. - -Ach! Und es ward noch mehr: durch die Geburten dreier Kinder, von denen -zwei ganz jung wieder starben, ward Heiterkeit in Angst und Schwermut, -Freude an häuslichem Walten in Gleichgiltigkeit, ja -- um gemeinen Mangels -willen -- endlich in traurige Sorge gewandelt; Rausch der Herzen wurde zum -Grauen, Kraft und Gesundheit zur Hinfälligkeit und physischen Qual -- die -Wiege des Glückes zu seiner Grabstätte. - -Es war immerhin ein Glück, daß Wanda den Nöten ihrer jungen Ehe eine -Elastizität, eine Fähigkeit, momentanen kleinen Freuden gerecht zu werden, -eine Beweglichkeit des Geistes entgegenzusetzen hatte, die über diese Nöte -ihre raschen, bunten Schleier warf. Ein schönes Gedicht, eine glückliche -Melodie, eine lebhafte Gesellschaft waren im Stande, in ihrem sonst -wunderbaren Gedächtnis zeitweise alles auszulöschen, was peinlich und -quälerisch darin war. Und dieser merkwürdigen Versatilität ihres Wesens war -es dann auch zuzuschreiben, daß die Naturschönheiten des Berglands, alle -die gefälligen Eindrücke, das Neue der Situation sie so rasch zu befreien -vermochten, als ihre ursprüngliche körperliche Zähigkeit und Kraft rasch -das Siechtum überwanden, das ihr diesen Wechsel des Aufenthaltes verschafft -hatte. - -So erblühte wiederum ihrer Krankheit neues Leben, in dem sie Jugend, -Frohsinn und Ichgefühl zu herrlichem Gewinne wiederfand. Freilich zu einem -Gewinne, der nicht mehr im Centrum der Pflicht und der Gewöhnung lag. - - - - -Fünftes Kapitel. - - -Nachdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, dämmerte der Morgen -nach jener Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet war, trübe herauf -und brachte einen feinen Sprühregen, der auffrischte, ohne alles unter -Wasser zu setzen. - -Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte man sie von allen Seiten -und sie hatte alle Hände voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen -man sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden und feurigen -Blicken um sie her Stand zu halten. Die Männer kokettierten damals noch -nicht mit soviel militärischer Zusammengerafftheit wie heute -- die -Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend und respektvolle -Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung -- aber man kokettierte ebenso gern. - -Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war. - -Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden Seitenpfade -verlor, fand es sich, daß er sie dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet -hatte. Es war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte. Die -Badeverwaltung war hier schon mit allerlei Anlagen vorgegangen, hatte -Wege graben, befestigen und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen -lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen traumhaft in dem -leise wallenden Nebel standen. - -Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb, versuchend, ihre Gedanken -ganz von diesem grünen, dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese -Gedanken, denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen suchte. Da trat -er ihr in den Weg. - -»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu einem stummen Reigen an -den Händen fassen, um ihrer Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben -Sie, daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung weiß und -papieren ist und ich den Reigen schon gestern Abend aufgeführt habe. -Ich würde Ihnen die Rolle zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung -erniedrigen und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in Ihre verehrten -Hände.« - -Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster Dank schien. »Wie -hübsch, daß Sie heute heiter sind,« sagte sie. - -»Heiter? Glückberauscht!« - -Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei zu sprechen und redete -endlich allerhand durcheinander: von dem Badevorstand, der Friederike -von Sesenheim und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für -Strumpfwirkerleidenschaften und Spielhöllen für Domino- und Lottospieler -nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit, kleine -Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen, und wenn ein paar Spöttereien -mitunterliefen, hörte es sich ihr darum nicht schlechter zu. - -Er war so entzückt und so guter Laune, daß es ihm sogar gelang, auf ihren -Ton einzugehen. - -Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach die Sonne hervor und -durchglomm den weißlichen Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an -den moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen und Kiefern herab und -glühte in tausend bunten Farben an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen -am Wege, daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen Wald ging. - -Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen wie verzückt, sahen in die -Wunderwelt um sich her, sahen sich an und lächelten. - -Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu summen. Das hatte etwas -wundervoll Feierliches und Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie -begriff, daß sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, und das -Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig. - -»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch die Blätter und das Wogen -der ziehenden Nebel gewesen,« sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig. -Jetzt aber -- jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, der alles -überloht! Aus =es moll= über =es-dur= in =e-dur=. Trah -- tratatatah!! Das -müßten die Trompeten machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das -Glänzende.« - -»Muß es denn herzzerreißend sein?« - -»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine Ihnen wohl als ein -thörichter Phantast, Ihnen, die Sie glücklich sind, wirklich glücklich, -wie Sie gestern sagten, und die Sie nicht begreifen können, daß wir -abgeschmackt werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, daß wir uns -sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme behagen lassen, die uns vielleicht -demütigen sollten.« - -Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie gestern: das Pathos -zwischen ihnen ging nicht, sie mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer -leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer. - -»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich wollte, es machte Sie -ein bischen lustig, wie wir hier zusammen spazieren gehn, während die -verzauberten Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite stehn -und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir kommen, die Sonnenstrahlen -sich in schlüpfende Eidechsen verwandeln, die Wassertropfen rot werden -vor Vergnügen und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort kommen zwei -Phantasten, die denken, sie sind Menschen wie die andern auch, weil sie auf -zwei Füßen gehn und reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute -sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel unter ihren -Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande durchaus unmodern sind -und sie sich ihrer also schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht -sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre Flügel aus und -kehren auf ein paar Stunden in ihre Heimat zurück. Eines Tages aber werden -sie kommen wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den Philistern -erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen ausrotten und dämpfen mit -der Glut ihres Geistes.« - -»Wundervoll!« - -Sie lachte. - -»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei auf, »das Evangelium -verkünden, das die Augen und Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen -werden und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das Evangelium von der -Kraft und Tugend, die eine Kraft und Tugend ist über alle: das hehre, -jubelnde Evangelium von der Schönheit.« - -»Sie schwärmen.« - -»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie anbete im Geist und in -der Wahrheit, der ich ihrer Gläubigen demütigster und zugleich ihr -Hoherpriester bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner Augen und als -ihr Blutzeuge sterben wollte, -- wenn Sie es forderten?« - -Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und voller Schmeichelei -für Wanda war nur allzu sehr nach ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß -sie bereits wieder an der Grenze angelangt waren und daß es Zeit war, den -Ernst zu persiflieren. - -»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum Opfer dar!‹ Schauderhaft! -Ich merke, man ist seines Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht -könnte der neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen -Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. Gehen Sie und -besänftigen Sie erst Ihr barbarisches Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre -Nähe wage.« - -Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, ihm ihre spöttischen -Grüße hinaufsendend, ehe sie ganz verschwand. - -Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln und Glückseligkeit aus -seinem Gesicht. Halb schwermütig, halb verwundert starrte er ins Leere vor -sich nieder. Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, das -er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken und zu empfinden neu und -seltsam war. Aber war es denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der -Ekstase uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie aus anderem -Munde? Daß sie uns bald blind, bald hellseherisch, heut zu Propheten, -morgen zu Gotteslästerern macht? - -Langsam ging er den Weg hinunter. In einem leisem Winde rauschten -die regenschweren Bäume, rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder; -schwermutsvolle Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, weil uns -angst wird, daß wir uns selber verlieren, bis sie sich zu Freudenthränen -wandeln in dem jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn, -Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß es die Flut unserer Schmerzen -ist, in der die Sonne unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. -- -- - - - - -Sechstes Kapitel. - - -Es war etwa anderthalb Wochen nach jenem Tage, da Holtei die Salzbrunner -Badegäste mit seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« entzückt -hatte, daß Madame Gernoth und ihre Tochter wieder einmal im Buchengange -lustwandelten, zwischen sich das Kind führend. - -»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr hübsches Muster zu einer -Strumpfkante gegeben, wie aus kleinen Fächern zusammengesetzt. _So_ will -ich Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.« - -»Was wirst Du Dich nur so quälen.« - -»Es soll mir Freude machen.« - -»Wie Du willst, Mutter.« - -»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das Faßbier, sagt sie. Sie -zieht alle vierzehn Tage welches ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß -abscheulich schmecken, ordentlich giftig.« - -»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.« - -»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges mehr.« - -»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn Hauswirtschaft denn das -Vernünftige schlechthin ist.« - -»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein Gedichtbuch geborgt, es ist -von einem Grafen Strachwitz.« - -»Ach ja, Strachwitz! ›Mein treues Roß, mein Spielgenoß.‹« Dann ließ sie -auch dieses Thema wieder fallen. - -Madame Gernoth sah sie von der Seite her an. Wanda lächelte vor sich hin. -Eine ganze Zeitlang gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter -verletzt, die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen. - -An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte, eine Mutter und drei -Töchter, mit denen sie einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder -außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth: - -»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts dahinter. Die Krause -sagt, sie kaufen die übertragenen Toiletten einer Baronesse Richthof und -suchen Einen damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen Dinger! Die -und Registrators sind die richtigen Mexikaner.« - -»Mexikaner?« - -»Nun -- Mexikaner -- Magsiekeiner. Der Polowski machte neulich den Witz.« - -Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie waren gewiß nicht böse, -aber der Spott über die »Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die -jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als solche empfinden, -wenn wir sie abgelegt haben. - -»Wer ist denn der Polowski?« - -»Ich meine den polnischen Musikanten.« -- Wanda schwieg verletzt. - -»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal auf, er wird uns gleich wieder -begegnen und ansprechen.« - -»Er mißfällt Dir natürlich?« - -»Er hat so was Unmännliches!« - -»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit nichts als -eine Dosis Anmaßung, Brutalität und -- na, was war es denn noch? ja: -Treulosigkeit. Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich. Dir -ist eben keiner recht.« - -Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war eine kluge Frau, aber Haß und -Verbitterung machen den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre -Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. - -»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das Kind. - -»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du noch nicht gehört, -wenn der Wind puh, puh bläst, wie dann die Bäume rauschen und miteinander -plaudern? Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und tiefe Diener -machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken, sich ihre schönen Blumen -hinhalten und sagen: riechen Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der -Herr Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da! horch mal! Hörst Du, wie -sie jetzt sprechen?« - -»Ja. Hörst Du's auch, Machen?« - -»Jaja. -- Freilich, nun wundert's mich nicht mehr, wenn sie die Tischbeine -sich unterhalten läßt und von den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie -ist ein kleiner Phantast.« - -»Wenn man _das_ erlebte!« - -»Was, Mutter?« - -»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und die Carlèn, weißt Du.« - -»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster und das Bierabziehen -haben, und das würde Dir auch nicht recht sein.« - -Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde ihr nicht recht sein. Eine -ordentliche Frau mußte für so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen -setzen,« sagte sie. - -Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und setzte es auf die Bank. - -»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter. - -»Eia --« - -»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die Mutter. - - »Mein dunkles Herze lieb dich, - Es lieb dich und es bicht, - Es bicht und zuckt und verbutet, -- - Aber du siehst es nicht.« - -Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher Begütigung, was von -überwältigendem Effekt war. - -»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt die Großmutter, während -sie doch mit beglücktem Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust -drückte. - -Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu drollig, so wichtig und -ernsthaft. Und zuletzt dieses: aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie -alle beide das Kind ab. - -»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.« - -»Weiter gar nichts!« - -»O, müssen wir auch alle Kaufmanns- oder Doktorsfrauen sein? Ich wollte, -ich wäre auch Schauspielerin.« - -»Du bist nicht gescheidt, danke Gott, daß Du einen guten Mann hast.« - -»Ich spielte das Gretchen oder die Ophelia. Oder das Klärchen!« - -Und da sprang sie auch schon auf, breitete die Arme aus, nahm eine -zärtliche Miene an und machte ihrer Tochter Konkurrenz: - - »Freudvoll und leidvoll, - Gedankenvoll sein, - Langen - Und Bangen - In schwebender Pein, - Himmelhoch jauchzend, - Zum Tode betrübt, - Glücklich allein - Ist die Seele, die liebt. - -›Laß das Eiapopeia,‹ sagt die Mutter drauf,« fügte sie bei. - -»Wirklich, ich muß hier auch so sagen,« schmollte Madame Gernoth. - -»Scheltet mir's nicht, es ist ein kräftig Lied. Hab' ich doch schon -manchmal ein großes Kind damit schlafen gewiegt. -- ›Du hast doch nichts im -Kopfe als deine Liebe,‹ mußt Du jetzt sagen, Mutter.« - -»Ach laß mich.« - - »Glücklich allein - Ist die Seele, die liebt.« - -Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme Dich doch! Hier auf -öffentlicher Promenade! Es könnte jeden Augenblick wer kommen.« - -»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: ›da ist Fenchel für euch und Agley -- -da ist Raute für euch, und hier ist welche für mich -- ihr könnt nun Raute, -mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust.‹« -Oder sonst was: - - »Und größer als aller Sehnsucht Qual - Ist meine Liebe zu Dir.« - -»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.« - -»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist glücklich, wenn Du einmal -Verse lesen kannst und dann schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie -treffend! und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir letzten -Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß wie gut gefallen. Aber daß in -jemandem neben Dir, daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem -Talent zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner Achtung wert. -Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und ich halte es kaum aus vor Unruhe.« - -»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas nicht zu. Wenn jemand zu -einer Kunst erzogen ist, das ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen -zur Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.« - -»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen, Hühnereier zu legen?« - -»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.« - -»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den letzten Jahren war ich tot, -und jetzt bin ich wieder aufgewacht. Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!« - -»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne sein wirst, dann wirst Du -schon wieder vernünftig werden. Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher. -Geh ein Stückchen spazieren.« - -Etwas Lieberes konnte Frau Wanda gar nicht hören. Sie sprang sofort auf und -griff nach ihrem Schirm. - -»Ich gehe da hinunter, auf die Mühle zu.« - -»Da ist es zu einsam.« - -»Bäume und Sträucher thun mir nichts.« - -»Dir nicht, nein,« sagte die Mutter mißtrauisch; sie hatte vor einer -Viertelstunde den Musiker dort hinunter gehen sehen. - -Madame Gernoth hatte Kreowski sehr auffällig ihr Mißfallen zu verstehen -gegeben, es dünkte ihr unpassend, daß er die Frauen so häufig ansprach und -sie nahm an den Blicken Anstoß, mit denen er ihre Tochter zu verschlingen -pflegte. Sie hatte ihm das in ihrer gelegentlich harten Weise gradezu -gesagt. Seitdem hielt er sich fern. Aber sie konnte es nicht verhindern, -daß der interessante Pole die Doktorin bei der Brunnenpromenade ansprach, -während sie selbst das Aufräumen des Zimmers besorgte und das Kind anzog -und fütterte, und sie hatte es nicht in der Gewalt, die Dauer dieser -Brunnenpromenade festzusetzen. - -Mit beflügeltem Schritt machte sich Wanda auf den Weg. - -Warum sie ihn nur liebte? - -Er war eigentlich kein bedeutender Mensch. Er hatte ein paar hübsche -Talente, aber weder das dichterische noch das musikalische waren stark und -umfangreich, sie gingen zu ausschließlich auf das Lyrische, und obgleich -er hier Schönes und sogar Originelles leistete, verliehen sie ihm etwas -Einseitiges und das, was Madame Gernoth das Unmännliche an ihm genannt -hatte. Dennoch gefiel er Wanda gerade so, wie er war. Es war etwas Sanftes -und Ehrerbietiges in ihm, das sie umschmeichelte wie die vollendete -Beherrschung des guten Tones, die er besaß. Er war freilich kein -akademisch-wissenschaftlich gebildeter Mann, aber dafür sprach er auch -nicht mit der Wucht, der Härte und dem Hyperlogischen dieser Leute, und -seinen Worten fehlte das Verletzende, das eine Meinung zum Gesetz erheben -möchte. Bei alledem war er nicht ohne Geist und Schwung. Und er liebte sie. -Mit dieser so schlecht verhüllten Leidenschaft, in der er sie mit Versen -und Melodieen überschüttete, ohne jemals geradeheraus zu gestehen, daß -sie ihr galten, ein Verfahren, das ihrem Verkehr das scheinbar Harmlose -erhielt. - -Sie schlug den Weg ein, auf dem sie des Morgens mit ihm zu promenieren -pflegte, und es dauerte nicht lange, so trafen sie sich mit der -Unfehlbarkeit, mit der sich Liebende in den Weg rennen. - -Sie grüßten sich verlegen und gingen ein Stück schweigend nebeneinander. -Es war heiß, und um sie her wogten die grünen dämmernden Schatten, die ganz -durchwürzt waren von dem herben Duft des Eichen- und Buchenlaubes, von dem -süßen Duft eines blühenden Buchweizenfeldes, das rötlich in der Sonne lag, -und eines Kleeackers, und ganz durchzückt von zitternden Sonnenstrahlen, -die sie umspielten. - -Manchmal sagte er etwas Kurzes, Gleichgültiges, dann lächelte sie dazu oder -seufzte oder sie gab eine ganz verkehrte Antwort, deren Sinnlosigkeit er -indes nicht merkte. Warum es nur so ganz anders war, wenn man einander -unversehens des Nachmittags hier traf, als wenn man des Morgens zusammen -herschlenderte? Warum es so viel verwirrender war? Weil Sonnenglut sich -breitet, wo früh dämmernde kühle Schatten lagen? - -Auf einer Bank saßen sie ein wenig nieder, und damit schien er den Mut zu -einer Mitteilung zu finden, die er bisher zurückbehalten. - -»Ich habe einen Brief aus Breslau erhalten,« sagte er, »und eigentlich in -der Hoffnung, Sie vielleicht einen Augenblick sprechen zu können, bin ich -hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich -- diese Stelle bekomme.« - -»Ach -- Sie bekommen sie!« rief sie erschrocken. - -»Ich glaubte nicht, daß es Ihnen unangenehm sein würde,« sagte er gekränkt. - -Sie schwieg und sah vor sich nieder. - -»Ich -- ich hatte gehofft, mich manchmal zur Dämmerstunde bei Ihnen -einstellen zu dürfen. Ich habe sie so sehr gewünscht, diese Stelle. Deshalb --- Warum sagen Sie nichts?« - -»Es geht nicht.« - -»Es geht nicht? Nicht, daß ich Sie sehe?« - -Sie blickte wie hilfeflehend auf und in die Ferne, durch eine Durchsicht -starrend, zu der das Unterholz sich lichtete. Ihr Atem ging stark. - -»Es kann ja wohl sein, daß wir uns einmal zufällig begegnen -- denn --« - -»Und warum darf ich nicht zu Ihnen kommen?« - -»Ich kann es Ihnen nicht sagen.« - -Sie saßen ernst und bestürzt nebeneinander. - -»Sagen Sie es lieber.« - -»Nun denn: es war einmal an einem dieser Abende -- wo man so ganz -zusammenrückt -- geistig, gemütlich -- wo man seine Seele so umdreht -wie einen Handschuh -- dumm! aber es giebt solche Stunden -- wenn man -verheiratet ist -- --« - -»Gewiß, natürlich.« - -»Wo man alles so voreinander auskramt: alte Blumen und Schleifen, ein paar -altmodische Ohrgehänge, Schulprämien, seine Spargroschen, was weiß ich.« - -»Jawohl.« - -»Und wo man sich so allerlei Geständnisse macht --« - -»Zum Beispiel?« - -»Zum Beispiel, daß man -- um ein Haar -- um eines Andern willen -zurückgetreten wäre -- vor der Hochzeit.« - -Sie stockte. - -Er fragte nicht. Er bog einen Haselzweig zur Seite, der in den Weg hing und -sah sie an. - -»Und dann -- sagt man sogar den Namen -- eben des Andern.« - -»Welchen Namen?« - -»Witold von -- -- nun, jetzt wissen Sie es.« Sie lachte. Lachte mit dem -desparaten Lachen und sprang auf. - -So erhob auch er sich, bleich bis in die Lippen. - -»Und Sie glauben, daß er Ihre Besuche dulden würde?« setzte sie hinzu. - -»Wenn Sie ihm sagten, daß es heut doch nur -- Freundschaft ist -- von Ihrer -Seite -- auch dann --« - -»Dann würde ich lügen.« - -Kein Wunder, daß er sie jetzt in seine Arme schloß und küßte. »So -glücklich, so grenzenlos glücklich soll ich sein!« stammelte er. - -Aber sie machte sich los. »Glücklich? ›Mein Lieb, wir wollen beide elend -sein,‹ wird das Programm wohl eher lauten. Haha!« - -»Lachen Sie doch nicht so schrecklich! Lach' nicht so, Geliebteste.« - -»›Wem so des Schicksals hübsche sieben Sachen‹ und so weiter! Um bei Heine -zu bleiben. Aber genug für heute. -- Auf morgen! auf morgen! Ich kann nicht -mehr.« - -Und leidenschaftlich riß sie sich los. - -In allem Elend stand er doch mit einem glückseligen Lächeln und sah sie ihm -wieder entfliehen. - - - - -Siebentes Kapitel. - - -Durch die gardinenlosen Fenster eines Parterrezimmers fiel ein -Sonnenstrahl, der sich eben noch durch die Lücke zwischen zwei -Hinterhäusern durchzwängte, und beleuchtete das Innere eines wunderlichen -Gelehrtenheims, der Arbeitstube Doktor Ewald Rhodes. Die eine Wand dieses -Raumes war hauptsächlich von hohen Regalen bedeckt, die ganz mit Büchern -besetzt waren und zwar Büchern medizinischen, chemischen und physikalischen -Inhaltes. Am Fenster stand ein Bureau, das als Schreibtisch diente und -zugleich verschiedene Instrumente und Chemikalien barg. Ein ziemlich großer -Tisch in der Mitte des Zimmers war mit Skripturen und Drucksachen bedeckt. -Im übrigen war der Raum vollgepfropft mit allerlei Apparaten, Werkzeugen -und Instrumenten, von denen indes nur einiges auf der Höhe der Wissenschaft -stand, das übrige überholt und dürftig war, einiges, das der Doktor selber -erfunden, geradezu seinen dilettantischen Ursprung verriet. - -Aber es sind schließlich nicht immer die großen Laboratorien gewesen, -aus denen die gewaltigen Erfindungen hervorgingen, die berufen waren, -der menschlichen Kultur ein anderes Gepräge zu geben, und oft genug ist -zwischen unbehilflichem Kram die Fahne aufgepflanzt worden, die weithin -flatternd den Völkern die große Friedensbotschaft verkündete: im Anfang war -die Kraft. - -Doktor Rhode war Armenarzt und hatte einige Privatpraxis. Wenn diese nicht -größer und gewinnbringender war, so lag das an seiner Ehrlichkeit. Aufs -lebhafteste ergriffen von den Umwälzungen, welche sich gerade damals -innerhalb seiner Wissenschaft vollzogen, war er nicht Charlatan genug, -mit imponierender Sicherheit aufzutreten, wo neue Entdeckungen die -bisher gültigen Behandlungsweisen in Frage gestellt hatten, und obwohl er -pflichttreu und hilfsbereit war, fühlte sich ein starker Forschungstrieb -in ihm mehr von der theoretischen als der praktischen Seite der Heilkunde -angezogen. Er träumte eine wissenschaftliche Laufbahn, die ihm Raum gäbe, -den Mängeln der ärztlichen Praxis Abhilfe zu schaffen, die ihn zu einem der -Pfadfinder machte, wo sie im Dunkeln tappte. Nie hatte es einen größeren -Idealisten gegeben, nie einen anspruchsloseren, der williger Armut und -Sorge auf sich genommen. - -Indes, so bescheiden er war, noch nie hatte er das Zweischneidige -finanzieller Beschränkung so hart empfunden als eben jetzt, da er einer -Entdeckung auf der Fährte zu sein glaubte, die von hoher Bedeutung werden -mußte. - -Man hatte damals angefangen, das Mikroskop für die Heilkunde zu Rate zu -ziehen. Er selbst hatte das Glas, das ihm gehörte, vielfach benützt, aber -es erwies sich als ungenügend, um bereits Gefundenes nachzuprüfen, um -wieviel mehr, Neues festzustellen. Wollte er weiter auf dem Felde arbeiten, -zu dessen Bestellung er sich berufen fühlte, war ein besseres Instrument -unerläßlich. - -Gute Mikroskope aber sind teuer, und er schuldete ohnedies Mechanikern und -Droguenhändlern Summen, deren Zahlung ihm Sorge machte. Sollte er diese -Schuld ohne zu wissen, wie sie tilgen, um neue vierzig Thaler anwachsen -lassen? Sollte er, sie herauszubringen, das häusliche Leben noch karger -einrichten, als es schon war? Das war unmöglich. - -_Dann_ also verzichten. - -Das aber hieß: Wissenschaft, Carriere, geistiges Streben, Inhalt alles -Lebens fahren lassen! Für Kraft und rege geistige Arbeit -- dumpfes -Tagewerk und geistiger Tod! - -Seine Seele schrie nach diesem Instrument und das Verlangen danach wurde -zum Heißhunger, der seine Forderung nicht mehr einstellte und endlich -eine fieberhafte Phantasie in ihm entzündete: sah er doch unter den -geheimnisvollen Gläsern schon Wunder über Wunder sich entfalten, Dunkel -sich auflichten, Wege sich durch Dickichte öffnen und -- fühlte sich dabei -angekettet, unvermögend, diese Wege zu verfolgen; wie wir manchmal im Traum -einem grenzenlosen Glücke nachstreben und unsere Füße zu Blei erstarrt -fühlen. Das Instrument aber ließ ihn nicht los. Er sah es zuletzt auf -Schritt und Tritt vor sich mit dieser Lockung des Ehrgeizes, mit der der -Dolch vor den Augen Macbeths in der Luft hing. Er streckte den Arm danach -aus, und es verschwand. - -Schließlich machte der Tod eines älteren Gelehrten den Fall für ihn -zu einem akuten. Aus der Hinterlassenschaft dieses Mannes war ihm ein -kostbares Glas zu verhältnismäßig niedrigem Preise angeboten worden, den er -jedoch sogleich hätte erlegen müssen -- eine Gelegenheit, wie sie sich ihm -nicht wieder bot. Aber woher auch nur diese 25 Thaler nehmen! Vergeblich -zermarterte er sein Gehirn -- ihm blieb nur eines übrig: der reiche -Schwiegervater. - -Ach! er hatte ihn schon des öfteren angehen müssen -- aber die Kälte und -der Hochmut, mit denen dieser Mann seine bescheidenen Bitten erfüllt, -hatten ihn so gekränkt und empört, daß er sich verschworen, lieber zu -hungern als ihn jemals wieder aufzusuchen. - -Nun -- ein Mann hungert allenfalls für Weib und Kind und hungert auch für -seinen Beruf, aber wo vielleicht ihrer aller Zukunft auf dem Spiele stand, -wo Not leiden vielleicht der Menschheit einen Dienst erweisen hieß -- - -Doktor Rhode beschloß also zu thun, was zu thun er sich heilig verschworen. - -Als er, sich zu dem sauern Gange aufmachend, noch einmal vor den Spiegel -trat, erschrak er selbst über das blasse, verstörte Gesicht, das ihm, hager -und von scharfen Linien zerschnitten, von dort entgegensah. Er war dreißig -und sah um ein Jahrzehnt älter aus, ein mittelgroßer, sehniger, hagerer -Mann mit breitgewölbter Stirn, dunklem Haar, tiefliegenden Augen und einer -scharfgeschnittenen Nase, auf der eine Brille saß: der Typus des darbenden -Idealisten. - -Indem er die Blicke von dem wenig erfreulichen Spiegelbilde, das seine Not -und seine Überarbeitung verriet, wegwandte, fiel er auf den altmodischen -Sekretär seiner Frau, eines der schrankartigen Möbel, das erst durch -eine heruntergelassene Klappe zum Schreibtisch wird, wobei eine Anzahl -Schubladen und in der Mitte ein abschließbares Verließ bloßgelegt werden. - -Rhode blieb stehen und starrte dieses Möbel an, als ob es verhext wäre, als -ob etwas Lebendiges darin wäre und mit stummer Sprache zu ihm redete; trat -dichter heran, befühlte es, seufzte, trat wieder zurück, zögerte nochmals -und machte sich dann schleppenden Ganges auf. - -Langsam ging er die schlechtgepflasterten, unsauber gehaltenen Straßen -hinunter, die meist von schmalen Giebelhäusern eingefaßt waren, zwischen -die sich nur manchmal ein breites, von Wohlhabenheit zeugendes Haus schob; -vorüber an den bescheidenen Lädchen und vergitterten Gewölben, in denen es -so finster war, daß Käufer und Verkäufer an die Thür treten mußten, um -die Ware zu behandeln, über die ärmlichen Holzbrücken, die über die -übelriechende Ohle führten, unter den alten Schwibbögen hindurch und den -Eisenketten, von denen in der Mitte Laternen herabbaumelten. Es war eine so -arme, so klägliche Zeit, es war, als wenn alles hungerte: nach Brot, nach -Licht, nach Freiheit, nach irgend etwas Großem und Starkem; eine Zeit, -in der man seelisch so darbte, daß man sich vieler Nöte gar nicht einmal -bewußt wurde und ihre Übelstände hinnahm wie Unbilden des Wetters; in der -jeder Arbeiter noch der von der Habsucht eines Herrn ausgepreßte Sklave, -jede Frau noch die Leibeigene ihres Mannes, tausende von Beamten die -Hörigen ihrer Vorgesetzten waren, ohne auch nur zu ahnen, daß man sie um -ihre Menschenrechte verkürzte. - -Die Straßen, die zugleich die Spielplätze der Kinder waren, die damit zu -Gassenkindern erzogen wurden, und die Ablagerungsstätten der Fässer und -Ballen einer protzigen Kaufmannschaft bildeten, waren von übelsten -Dünsten erfüllt, die aus den finstern, unsaubern Höfen herausquollen, von -schwerfälligem Fuhrwerk durchschnitten und von Gruppen Aufgeregter belebt, -die unreife politische Gedanken austauschten. Studenten in Sammetpekeschen -und Cerevis spielten die Rolle moderner Gigerl und verfolgten mit edler -Dreistigkeit, was ihnen an jüngeren Damen in weitgebauschten Röcken, -planwagenartigen Hüten und karrierten seidenen Spensern in die Quere kam, -während an jeder Straßenecke ein ausgemergelter Leierkasten: »Denkst -du daran, mein tapfrer Lagienka«, »An Alexis send' ich dich« oder eine -Bellinische Arie zum besten gab. Da man den Segen von Sprengwagen noch -nicht kannte, waren Sonne, Straßenverkehr, Koketterie und Leierkastenmusik -in dichte Staubwolken, wie in einen goldbraunen Nebel gehüllt. - -Als Doktor Rhode das Haus des alten Gernoth erreicht hatte, eines der -stattlichsten Häuser weit und breit, mit hohen Fenstern und breiten -Pfeilern dazwischen, nahm er einen Augenblick den Hut ab und trocknete sich -die Stirn, sah an den Mauern in die Höhe und trat ein paar Schritte auf die -Treppe zu. Und ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt des immer -noch schönen Mannes vor sich und dieses hochmütige Fabrikantengesicht, mit -dem er, zugleich ein Phantast, ein Lebemann und ein »Rotürier«, auf den -mit Sorgen ringenden Armenarzt herabsah, um ihm danach ein widerwillig -gespendetes Geschenk hinzuschieben -- und alles empörte sich in der Seele -des Sprossen eines Jahrhunderte alten Gelehrtengeschlechtes, eines im -Idealismus des deutschen Pfarrhauses Aufgewachsenen, mit allen Kenntnissen -der Zeit gesättigten Geistes gegen die drohende Schmach. _Den_ Mann bitten, -diesen Mann, der nicht die Spur von Verständnis für Aufgabe und Wesen der -Wissenschaft hatte, dessen politischer »Idealismus« nichts war als die -Sucht, eine Rolle zu spielen -- den _bitten_ -- er konnte, _konnte_ nicht! - -Und langsam, ganz langsam drehte er um. - -Aber mit dem Abscheu vor einer unwürdigen Situation hatte er noch kein -Geld. Nun, es würde ihm wohl ein Gedanke kommen, es mußte ihm ja einer -kommen. - -Er sann und sann. - -Aber es fiel ihm nichts ein. Eine kostbare alte Bibel, ein ehrwürdiges -Familienerbstück, war bereits einer früheren Kalamität zum Opfer gefallen. -Vielleicht fand er gleichwohl noch etwas unter seinen Büchern. Seufzend -ging er weiter, diesmal den Weg über den großen Marktplatz, den »Ring,« -einschlagend. Ein reicher Mann, dessen Sohne er kürzlich bei einem -Unglücksfalle Hilfe geleistet, hatte ihm weitschweifig gedankt, aber -seine Honorarforderung unbeachtet gelassen. Schuster und Schneider konnten -mahnen, er nicht. An der Universität war ein reicher Geheimer Medizinalrat, -der sich mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigte, wie er selbst. Wenn er -ihm seine kleinen Entdeckungen und großen Mutmaßungen mitteilte, das heißt: -verkaufte? -- schimpflich! und thöricht zugleich, denn wozu hätte er dann -noch das Mikroskop gebraucht?! - -Etwas anderes also! - -Auf dem Marktplatz blieb er ein paar Augenblicke stehen. Die Qual, die -ihn bedrückte, war so groß, daß sie seinen Nerven jene seltsame -Eindrucksfähigkeit gab, die die erste Wirkung eines leichten Rausches ist, -wie man sagt: Die Gegenstände vor ihm bildeten nicht ein einheitliches -Ganze, sondern lösten sich von dem gewohnten Bilde einzeln als scharf -umgrenzte ab, das Unauffällige, Gewohnte wurde neu, befremdlich, ein -Gegenstand verwunderten Nachdenkens. Er starrte auf das Stadtbild, als -habe er es nie zuvor gesehn. Wie unsinnig, Bürgersteig und Fahrstraße -mit hundert geschmacklosen und ärmlichen Buden einzuengen, an deren -Stirnseiten, der wundervollen altersgrauen Gotik des Rathauses zum Trotz, -in dessen Schatten diese Baracken standen, Schuhe, Bürsten, Blechwaren -und anderer Haushaltungskram baumelten! Wie unsinnig, Pulverwagen und -Schlachtvieh durch die Straßen zu treiben! Wie verrückt, sich von diesen -Leierkasten, die man oft zu dreien auf einmal hörte, die Ohren zerreißen zu -lassen! Wie ekelhaft diese Krüppel und Siechen, die sich krückenlos mit den -Händen über das Pflaster schleppten oder jedem Vorübergehenden ihre Schäden -enthüllten! Wie unbarmherzig dieses Anspannen keuchender Lehrburschen vor -schweren Wagen, wie schrecklich diese Tierquälereien an den überlasteten -Pferden, an den armen kleinen Nachtigallen, deren Käfige im Sonnenbrand an -den Straßenmauern hingen, und die geblendet waren, um die Nacht zu glauben, -die ihnen ihre Lieder entlockte. - -Es war soviel Qual in der Welt, soviel Elend! - -Aber ist das ein Trost für die Pein der eigenen Brust, die der Edle -empfindet, der helfen möchte und nicht helfen kann, weil ihm die Hände -gebunden sind? Ist stumm und ergeben leiden wirklich eine Tugend, wo seinen -Schmerz ausschreien vielleicht ein allgemeines Leid verständlich machen und -ihm Abhilfe verschaffen heißt, wo die Auslösung der höchsten Energie nicht -bloß ein einzelnes Subjekt -- nein! eine ganze empfindende Welt beglücken -könnte? - -Welcher Schmutz, den der Fuß des Wandelnden, den jeder Windzug aufwirbeln -ließ! Wie eine dicke Wolke zitterte er in der Sonne und stahl sich in die -Lungen, die Augen, die Organe der Ernährung. Welche mörderischen Stoffe -mochten nicht vielleicht millionenfach durch diese Straßen wirbeln, mit -unsichtbaren Dolchen die Ahnungslosen anfallend. Wer das unter ein Glas -bringen und erforschen könnte, seine Zusammensetzung begreifen, seine -Wirkung festsetzen -- müßte der nicht, dem pythischen Gotte gleich, der -Erleger giftiger Drachen, der Vernichter mörderischen Gewürmes, müßte er -nicht, auch er, ein Heiland der Menschen werden?! - -Ein Hochgefühl, wie es uns bisweilen über uns selbst erhebt, überkam den -Einsamen, den Armen, das Bewußtsein eines Reichtums an Kräften, der Würde -einer Mission, die grenzenlos waren. Und ihm war das Mittel verwehrt, das -diesen Reichtum frei gemacht, ihn diese Mission hätte erfüllen lassen. - -Da er aus dem warmen Sonnenschein heraus seine ungastliche Wohnung wieder -betrat, umfing ihn ein Frösteln zwischen den kahlen, feuchten Wänden, das -von Verzichtleisten und Entsagen sprach. Er seufzte. Er _wollte_ -nicht verzichten. Er ging aus einem Zimmer in das andere, aus der mit -bescheidenen Kirschbaummöbeln ausgestatteten »guten Stube« in das -noch bescheidenere Wohnzimmer, von dort in das Schlafkabinett, in die -Studierstube und wieder zurück und sah sich überall um, als erwarte er, ihm -bis dahin unbekannte Wertsachen irgendwo aufgestellt zu sehn, zog da und -dort eine Schublade auf, als könne seine Frau dort Gelder zurückgelassen -haben, sie, die so sorgfältig und sparsam war, und schob sie wieder zu. - -»Sparsam!« - -Wer hatte denn das Wort ausgesprochen? Es war ihm, als ob in einer der -dämmernden Ecken ein Gespenst gestanden, das es gehaucht. - -Ja, sie war sparsam. Gewiß, sehr sparsam. Ohne ihren Fleiß und ihre -Sparsamkeit hätten sie überhaupt nicht haushalten können. - -Schon als Mädchen war sie immer thätig und sparsam gewesen. Es mochte etwas -von dem Kaufmannsgeist ihrer Eltern in ihr sein. Er selbst war nicht so -sparsam. Oder doch in anderer Weise. Er war anspruchslos, beinahe bis zur -Bedürfnislosigkeit, das konnte er von sich sagen, ohne zuviel zu behaupten, -aber er konnte es einem andern nicht abschlagen, wenn er ihn dringend um -ein Darlehen oder eine Unterstützung anging, und hatte manchen Groschen auf -diese Weise hingegeben, den er hätte festhalten sollen. - -Aber _sie_ war so sparsam. - -Und damit glitten seine Finger leise über die Klappe des Sekretärs, die -fest verschlossen war. - -Dann trat er seufzend an das Fenster und sah hinaus. Es war nicht sehr -belebt draußen. In Gedanken sah er Wanda die Straße heraufkommen mit dem -Kinde an der Hand, ganz deutlich sah er sie. Und eine starke Sehnsucht -ergriff ihn. - -Wie sehr er sie liebte! - -Und sie liebte ihn. Nicht ganz so, nicht so leidenschaftlich, nicht mit dem -Stolz auf ihn, den er empfand, sie zu besitzen, nicht mit der Sehnsucht, -die ihn oft mit Unruhe erfüllte, aber sie liebte ihn doch, und wie -teilnehmend und unglücklich würde sie sein, wenn sie wüßte, in welcher -Bedrängnis er sich befand. - -Er zweifelte nicht im mindesten daran, daß sie alles aufbieten würde, ihm -zu helfen, wenn sie könnte, zweifelte nicht, daß ihre Anhänglichkeit für -ihn im Grunde genommen dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug. Ach! -dieser kluge und geistvolle Mann täuschte sich bitter über ihre Empfindung, -über ihre ganze Lebensstimmung. Er hatte keine Ahnung davon, daß Wanda zu -den Naturen gehörte, die ermüdend und erlahmend in dem traurigen Einerlei -eines ärmlichen Lebens, beständig umworben und neuerobert werden wollen, -um wirklich besessen zu werden, die etwas von dem Idealismus anbetender -Zärtlichkeit verlangen für die Hingabe ihrer Person und ihrer Ideale. Er -nahm an, daß für Wanda eheliche Liebe Identitäts- und Solidaritätsgefühl -sein müsse, wie er sich einredete, daß sie es für ihn war, für ihn, der ihr -nichts von seiner Persönlichkeit geopfert und der immer nur genommen, wo -sie gegeben hatte. Er ahnte nichts davon, daß sie sich in der letzten Tiefe -ihrer Seelen fremd waren, daß Wanda nicht einen Funken mehr Verständnis -oder Ergebenheit hatte für das, was ihn erfüllte, als er für ihre -Interessen, ja daß in dieser Tiefe sogar ein unversöhnlicher, wenn auch -ganz abstrakter Gegensatz lebte: Der zwischen Begreifen und Empfinden, -zwischen Wissenschaft und Poesie. - -Er glaubte einfach, daß sie ihn liebte und bereit sein müsse, alles für ihn -zu opfern. Es war sein Unglück, daß er so oft etwas glaubte, was nicht war, -daß er, die Schärfe seines Verstandes in einseitiger Richtung zuspitzend, -in manchen moralischen Dingen so konventionell dachte, so auf der glatten -Oberfläche blieb. - -Die Naturwissenschaft war in den vierziger Jahren noch nicht das, was sie -später wurde. Sie war noch eine tastende, schüchterne Disciplin, die noch -keinen Einfluß auf das allgemeine Denken gewonnen, der Menschheit noch -nichts von dem großen Positivismus geraubt hatte, der so bequem war. Man -hielt noch auf »Systeme.« War es doch so verführerisch, die Welt sich -wohlgeordnet und gut zusammengeklappt in die Tasche zu schieben und seiner -Wege zu gehn. Freilich war es auch gefährlich; etwa, als wenn sich einer -eine wohlverschraubte Granate in die Tasche steckt. Es giebt Momente, wo -die schönsten Begriffe krepieren. - -Zu den unerschütterlichen Voraussetzungen, die der Doktor hegte, gehörten -seine Anschauungen über »das Weib.« Dieser Periode war das Weib etwas an -sich, ein Typus, eine Summe von einigen Eigenschaften, die es dem Mann -bequem und angenehm machten, und einigen andern, die als das Rätselvolle -oder Launenhafte oder Unergründliche in Bausch und Bogen hingenommen -wurden. Die Mühe, die Gesetze von Ursache und Wirkung, die man anfing auf -Natur und Geschichte anzuwenden, auf das Weib auszudehnen, gab sich kein -Mensch. Das Weib war eben reizend und tugendhaft und verständig oder es -war das alles nicht. In jedem Falle war es ein der Leitung so dringend -bedürftiges Geschöpf, daß es durchaus unter die Vormundschaft des Mannes -gestellt und diesem die Verfügung über Besitz und Erwerb der Frau zuerkannt -blieb. Das Weib war Mittel zum Zwecke »Mann« und an sich -- das Urbild der -Schwäche. - -Doktor Rhode hing mit Zärtlichkeit an seiner Frau und war sogar durchaus -das, was man einen Gemütsmenschen nennt. Aber wir haben unsere stärksten, -zartesten und wärmsten Empfindungen doch immer nur auf dem Boden unserer -allgemeinen Anschauungen. Und so sehr Rhode seine junge Frau liebte, -- daß -sie eine Person war, auf die er _alle Rechte_ habe, physische, seelische, -materielle, moralische, das war ihm doch über allen Zweifel erhaben. -Und weil es ihm nebenher durchaus zweifellos war, daß sie eine ebenso -tugendhafte als schöne und begabte Frau sei, und daß eine tugendhafte -Frau für ihren Mann alles thue, ihm alles hingebe, weder Geheimnisse, noch -Besitztitel, noch irgend etwas neben ihm habe noch haben wolle -- begriff -er auf einmal nicht, wie er so lange hatte zögern können, nach einer Hilfe -zu greifen, die äußere, gesetzliche Mittel ihm ohnedies zuwiesen. - -Und da mit einem Male holte er seinen Schlüsselbund und ein Brecheisen und -ging völlig mit der heiteren Miene des guten Rechtes daran, die Klappe des -Sekretärs zu öffnen. Es gelang mühelos, und ebenso leicht gaben das Schloß -des Mittelverließes und das Vorhängeschlößchen an der Sparbüchse nach, -aus der er mit einem Laut der Befreiung eine Handvoll Geld in die daneben -stehende kleine Korbschwinge schüttete. Es waren übrigens zwei Dukaten und -dreiunddreißig Thaler Silbergeld. - -Eine Stunde später war das ersehnte Mikroskop in seinem Besitz. - - - - -Achtes Kapitel. - - -Den folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief von ihrem Gatten, der sich von -den bisherigen auffallend unterschied. - -Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht, wie es ihm ging, was -für Krankheitsfälle er behandle, ob er gute oder schlechte Resultate bei -seinen Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen in der -Bekanntschaft, die sie etwa interessieren konnten, Fragen nach dem Befinden -der Frauen und des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich und -humorvoll. - -_Dieser_ Brief hatte einen anderen Charakter. Er war von einer unruhevollen -Zärtlichkeit, von Sehnsucht nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange -und zu sehr entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen, frohen -Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim auch wieder gefallen werde. Er -enthielt außerdem eine tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der -ehelichen Interessen, ja über den sakramentalen Charakter der Ehe, der das -Gebundensein der Geister und Herzen heilige und alles, was sonst unerlaubt -oder verletzend sei, in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet -mache; eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern sogar -von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete etwas Gedrücktes und -Leidenschaftliches zugleich aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte -ihm durchaus. - -Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das stärkste bewegt -war, noch mehr. Ihr Herz wurde von dem heftigsten Zwiespalt gefoltert. -Pflichtgefühl und warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der -einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer starken jungen -Empfindung nach der andern. Abwechselnd warf sie sich bald dem einen, -bald dem andern Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit nicht -mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend hätten wirken -können, sondern noch verschärfend mit der Kraft leidenschaftlicher und -phantasievoller Naturen, jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der -Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen. Denn es war -ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie _einmal_ das Glück dichterischen -Ausdrucks ihres Empfindens genossen, die Wallungen ihres Herzens in Versen -auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und Lenau, sondern irgend einer -Kraft in sich selber verdankte. Und obschon sie die merkwürdige, ihr -zuerst geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft für den -Ausdruck so groß sein kann, daß dieser die eigenen Empfindungen derartig -übertreibt, daß er anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem -Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges, so kam es ihr doch gar nicht -in den Sinn, Wendungen dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das -dichterische Gesetz und verfuhr darnach. - -Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur Verräterin werden. -Madame Gernoth kam von einem Ausgange heim, als Wanda eben den Klang -einiger Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und ab, wiederholte -eine Zeile mit einer kleinen Abänderung, kehrte zur ersten Form zurück und -trug das Gereimte schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden -vor: - - Klingende Weisen, tönet - Über mir! Duftet, o Rosen! - Schatten der Dämm'rung, versöhnet - Grelle des Tags! Mit losen - Duftigen Schleiern decket - Angst und lastende Plage, - All was die Seele schrecket: - Not und ringende Klage. - Ganz mit duftigem Schleier, - Wallend in seliger Fülle, - Mir zur einsamen Feier - Holden Abends umhülle - Dämmerung den grämlichen Tag! - - Höher als strebende Mühen, - Höher als alles Vollbringen, - Stolz in der Tugend Erglühen, - Höher als Kraft und Gelingen, - Froher als heitere Feste, - Jubelnder als das Entzücken - Fröhlich gescharter Gäste, - Glänzend in all ihrem süßen - Elende wandelt in Wonne, - Wandelt auf seligen Füßen, - Leuchtender noch, als die Sonne, - Liebe den blumigen Pfad. - - Klingende Weisen, tönet - Über mir! Duftet, o Rosen! - Schatten der Dämmerung, versöhnet - Grelle des Tags mit losen - Duftigen Schleiern, denn selig - Öffnen sich schimmernde Pfade! - Über mir unwiderstehlich - Himmlisches Wolkengestade! - Und meine Seele, der Sonne - Gleich, der einsam beglückten, - Wandelt in jauchzender Wonne - Wolkenhin, wo Entzückten - Liebe schmücket den Pfad. - -Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene voll von Zorn, Vorwürfen, -Klagen und Leidenschaftsausbrüchen, deren Resultat aber doch war, daß Wanda -versprach, dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben, in dem sie ihn -endgültig verabschiedete. - -Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse Stunden, schließlich -bereitete er Wanda aber sogar eine gewisse Genugthuung und zwar nicht nur -wegen des tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern --- wie sie nun einmal war -- wegen der geistreichen schriftstellerischen -Leistung, die er nebenher bedeutete. - -Und eine zugleich moralische und briefschreiberische Leistung war auch die -Antwort, die sie ihrem Manne zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen, -verschwieg der Brief alles, was zu verschweigen gut that, beantwortete das -ethische Pathos des Doktors mit einigen passenden Wendungen ernsten -Stiles, die mehr beistimmender als eingehender Natur waren, und gab launige -Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über das Kind, die dem Doktor -Freude machen mußten. - -Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich selbst und die Klugheit -ihrer Briefe, die sie sogar Frau Gernoth unterbreitete. - -Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte und in korrekter -Pflichterfüllung zufriedene Dame über das Verhalten ihrer Tochter empfand, -war es ihr nicht ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner -Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe, in einem beständigen -Stimmungswechsel zubrachte, in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau -Florentine endlich die Abreise beschleunigen ließ. - - - - -Neuntes Kapitel. - - -Eine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein Vergnügen. Die -Bediensteten, selbst von oben her schlecht behandelt, waren von der Kulanz -mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen »Coupees« mit -Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation wurde durch zugige Fenster -besorgt; sich vor dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war -ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den Strahlen der die Wagen -durchglühenden Sonne zu finden ebenso; Wartestuben und Perrons waren -finster und zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das Reisen -war kein Vergnügen, und es war außerdem eine Fährlichkeit. Die Notizen über -umgeworfene Postwagen und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf die -die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel Sicherheit rechnen -konnten, wie heute auf gestrandete Fahrräder und abstürzende Alpenfexe. - -Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen überhaupt endlich wieder -zu haben, er atmete auch auf, sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen. -In dem flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit des -Perrons ein paar unsichere helle Streifen sandten, und durchrüttelt von -einer Postfahrt von zwei und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den -blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das Resultat ihr Badekur -gelten konnten, nicht viel zu merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere -Augen und frischere Lippen und war -- ach! so unglaublich schön, schöner -als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen. - -Auch der Schwiegermama war der Aufenthalt bestens bekommen. »Potztausend,« -rief er ihr zu, »Sie sind wieder jung geworden, Großel!« Nun, Madame -Gernoth war achtundvierzig Jahr, man hört so etwas auch dann noch gern. Und -damit nahm er ihr das sorgsam in Tücher gehüllte, schlafende Etwas ab, -das sie auf dem Arm trug, während ein mürrischer Packträger sich des -Handgepäcks bemächtigte, das die junge Frau hinauslangte. - -»Gott sei dank, daß ich Euch wieder hab, ich hab es schon kaum mehr -ausgehalten!« Und abwechselnd preßte er das schlafende Packet an sich, die -junge Frau und ein klein wenig Madame Gernoth. - -»Nun, was Sie anbetrifft, lieber Rhode,« sagte diese, »so sehen Sie nicht -besonders gut aus.« - -»Es war so heiß in der Stadt und ich habe viel gearbeitet.« Inzwischen -wurde es in dem Tuche lebendig. »Mein Klärchen, bist Du denn munter, mein -geliebtes kleines Mädel?« - -Das Kind richtete sich auf und sah den Mann, der es trug, erschreckt an. -»Kennt mich mein Klärchen nicht mehr?« - -»Wenn wir nur erst aus dem Gedränge wären!« - -Inzwischen schien sich die Kleine völlig ermuntert und besonnen zu haben. - -»Der Papa!« sagte sie und legte die Ärmchen um seinen Hals. - -»Sag' doch Papa das Verschen, das Du gelernt hast, das hübsche -Willkommenverschen für Papa. ›Wir haben sieben, Klärchen, sieben echte.‹« - -»Ach, laß sie doch,« bat Madame Gernoth. Aber Rhode sah das Kind zärtlich -aufmunternd an. - -Da versteckte es das Köpfchen an den Hals des Vaters, und ganz leise und -verschämt, als mache es ihm eine Liebeserklärung, stammelte es: - -»Wir haben sieben echte Rippen und fünf falße, und vierundzwanzig Wurbel.« - -Dem Doktor traten die Thränen in die Augen vor Entzücken über diese -Leistung und über die originelle Aufmerksamkeit seiner Frau, indes Wanda in -ein helles Lachen ausbrach und Madame Gernoth mit einer Miene, die zugleich -Mißbilligung und Stolz war, räsonnierte: - -»Was sie dem Wurme alles beibringt, Rhode, das müssen Sie gar nicht -leiden.« - -Nachdem er die Schwiegermama mit ihrem Gepäck in eine und Frau und Kind -in eine andere Droschke untergebracht hatte, war dem Doktor erst wohl. -Er hielt das Kind auf seinem linken Knie und die Frau mit dem rechten Arm -umschlungen, küßte beide abwechselnd und fragte wohl zehnmal, ob sie ihn -noch lieb habe und ob sie gern wiedergekommen sei. Sie sagte immer ja und -rührte sich nicht, halb froh und halb beklommen, wie sie war. - -Zu Hause fand sie alles freundlich gesäubert, Gardinen und Decken blühend -weiß, Rosen auf dem Tisch inmitten einiger appetitlichen kalten Schüsseln -und ein Paar niedliche Hausschuhe als Willkommensgabe. Sie betrachtete -alles mit den forschenden interessierten Blicken, mit denen wir uns, von -einer Reise zurückkehrend, wieder heimisch machen, allerlei Dinge, die ein -Teil von uns und uns halbfremd geworden sind, wieder in Besitz nehmend. Es -war alles dürftig, aber es war ihr eigen und das kleine Königreich, in dem -sie herrschte, und sie liebte jedes Stück daran, jede dieser bescheidenen -Provinzen, die es ausmachten. - -Mit einer Art Neugier lief sie in den beiden Vorderstuben hin und her, -fing an von Salzbrunn zu erzählen, lachte und scherzte, schwatzte von den -Wirtsleuten und ihrem dummen Jungen, der noch keine zwei Worte reden könne, -von der Kaufmannsfrau aus Grünberg, die wie ein gemästeter Frosch aussähe, -und einem Domherrn aus Brünn, den sie immer den Dompfaff oder Gimpel und -seinen Rheumatismus den Gimpelschmerz genannt hätten: - - »Du bist ja hold den Gimpeln - Und heilest Gimpelschmerz,« - --- von den zwanzig Toiletten der Baronesse Neudorf, die eine so steife, -langweilige Person gewesen sei, daß sie ihr den Spitznamen die Säule -gegeben, und die wohl Goethe noch gekannt haben müsse: - - »Kleid eine Säule -- - Sie steht wie ein Fräule.« - -Aber eigentlich brauchte man nicht Goethe gewesen zu sein, um einen solchen -Vers zu dichten. - -Dann machte sie sich über das Abendbrot her, behauptete, der Schinken, -der nicht scharf genug gepökelt war, rühre seiner Blässe halber von einem -Eisbären her, der sich ihn mürbe gedrückt, als er auf einer Eisscholle um -den Nordpol Karussell gefahren, sprang dann auf und zeigte, wie die Polen -den Mazurek tanzten und wie die Kolmeika. - -»Die Kolmeika?« fragte er. - -»O das ist auch so'n polnischer Tanz. Paß mal auf! - - Die Kolmeika tanz ich gern - Mit dem gewissen jungen Herrn, - Doch am liebsten ist es mir - Mit dem schönen Gard'off'zier.« - -»Eine prachtvolle Hopserei und ein geistreicher Text,« sagte er lachend. - -»Ach, da war ein Graf Borinski -- der tanzte das zum Küssen. Ein netter -Mensch, der sich fürchterlich in mich verliebte. Als ich sagte, daß ich -Frau Doktor Rhode wäre, wurde er ganz blaß und hat noch acht Tage lang vor -unsern Fenstern getoggenburgert. - - Und so saß er, eine Leiche, - Eines Morgens da, juchhe!« - -Sie lachte hell auf. Aber es war kein ganz freies, es war ein nervöses, -fieberiges Lachen. - -»Ach, fast hätte ich mein Mitbringsel vergessen!« Sie sprang wieder auf, -suchte da und dort: »Die Tasche?« - -»Die legt' ich ins Schlafkabinett« -- - -»Ach dort!« und rannte hinaus. - -Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers kam, das von einer kleinen -Nachtlampe weniger erhellt als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt -war, blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie auf einmal die -Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden ihres Lebens. Hier waren ihre -drei Kinder geboren worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und Zuckungen -wieder gestorben. - -Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der Ekel, all die Pein -dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit auf. Wie gräßlich der langsame -Verfall, das wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes, das -eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen Greise -als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie gräßlich diese wächsernen, -spinnenartigen Glieder, die sich in Krämpfen wanden, bis der Tod sie -grauenvoll streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in der sie -dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung gerungen. Und im nächsten Jahre -eine dritte, diesmal eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft -und Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der Tod dieses jungen -Lebens, jäh, unerwartet, unter Zuckungen der blühende kleine Körper -hingemordet von dem scheußlichen Würgengel Cholera. - -Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser Schwelle erinnerte! -Wie deutlich der Dunst von Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven -verletzenden Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte und sich -mit der Erinnerung an gellendes Geschrei, Stöhnen und Wimmern vermischte. -Wie deutlich das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den Dämmer der -schmauchenden Lampe fiel und die Bilder des Todes beleuchtete, indessen ihr -eine krasse Kälte die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl war, -als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht und zerrissen. - -Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder streckte Natur ihre Hände -nach ihr aus, verführerische, trügerische Hände der Zärtlichkeit und -des Verlangens, um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu -zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen Körper schüttelte. - -Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den Frauen zu gehören, deren -Nerven ein zu gutes Gedächtnis haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern zu -qualifizieren. - -Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so -- dieses Glas, das sie -Ewald mitgebracht -- und für das die Sparbüchse die Groschen erst noch -hergeben sollte, die Frau Gernoth ausgelegt -- dieses Glas -- -- da in der -Handtasche! So! - -Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der Nachtlampe einen -Augenblick hineinfallen. Es war ein schönes Krystallglas, das den -gelblichen Schein dort glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben -brach. Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in unserer Seele, -die so schwach und zugleich so mächtig sind, fielen ihr die Zeilen ein: - - »-- und Glanz und Wonne - Umfluten strömend mich, - Ich habe Dich gefunden, - Und jauchzend lieb' ich Dich.« - -Was mochte ihr Dichter jetzt eben treiben, wo weilen, wie ihrer denken? -Vielleicht über seinen Kompositionen ihrer vergessen! Immerhin Glück genug --- indes sie ihn vergessen mußte über diesen »ehelichen Pflichten.« - -Inzwischen saß Rhode mit glücklichem Lächeln am Tische. So, ganz so war -sie als junges Mädchen gewesen: so sprudelnd, so übermütig und von -dieser sieghaften, leuchtenden Schönheit, mit der sie ungezählten Herzen -gefährlich geworden, mit der sie das seine entzündet und es eben von neuem -in hellste Flammen gesetzt, so daß nur noch eins in ihm war: Zärtlichkeit -und Verlangen nach ihr. - -Wo blieb sie nur?! - -»Wanda?« - -»Ja.« - -Blaß, niedergeschlagen, mit einem seltsamen Ausdruck auf den Lippen, trat -sie herein, setzte das Glas vor ihn hin, sank auf einen Stuhl und brach in -heftiges Schluchzen aus. - -»Herr mein Gott, was ist Dir denn geschehen?« - -»Nichts.« - -»Nichts?! Du mußt doch einen Grund haben, sprich doch, rede doch!« drängte -er zärtlich. - -Da hielt sie nicht länger zurück. - -Er legte die Hände auf den Rücken, trat ans Fenster und rang mit -unsäglicher Qual und Bitterkeit. - -»Ich will fort,« schrie sie. »Ich will wieder fort, ich will das nicht -wieder!« - -Welcher Fluch, einer heißgeliebten Frau mit seiner Liebe selbst zum -Gegenstande der Furcht und des Grauens zu werden! Und was sollte er sagen? -Als ob es sich nicht um Unabänderliches gehandelt hätte, nicht um etwas, -in dem er machtlos war, in dem geknickter Mannesstolz, Mitleid, Wunsch, ihr -alles zu Liebe zu thun, _nichts_ waren -- gegen den Willen der Natur! Was -sollte er überhaupt nur sagen? Vielleicht, wenn sein Gemüt nicht belastet -gewesen wäre mit diesem Eingriff in ihren kleinen Besitz -- so gern -er diese Last wegräsonniert hätte mit der Wendung von der ehelichen -Solidarität, sie war dennoch da und drückte ihn -- vielleicht, daß er -dann gute, treue, würdige Worte zum mindesten gefunden hätte, die ihr das -Unabänderliche erleichtert hätten! - -Aber so fand er sie nicht. - -Wanda schluchzte weiter. - -»Fort! wieder fort möcht' ich!« - -»Aber wenn ein Mädchen heiratet, weiß sie doch --« - -»Nichts weiß sie. Nichts!« - -Fort! Und ihre Gedanken kehrten zurück unter die grünen Laubgänge, durch -die die Sonne golden leuchtete, ein sanfter Wind tausend Blütendüfte -hauchte, das Rauschen und Murmeln plätschernder Quellen klang und die Liebe -auf sie wartete, eine Liebe, an der alles Zartheit, unterdrückte Glut, -alles Langen und Bangen, ein stilles frohes Miteinander der Seelen, ein -lautloses Verstehen und süßes Begreifen war. - -Als ob irgend eine Liebe der Welt ewig das alles bleiben könnte! Als -ob Liebe nicht auf unser aller Wege in leuchtenden Feierkleidern träte, -blumengeschmückt und die Hände voll seliger Gaben und, sobald wir sie nur -an unser Herz genommen, Werkeltagsgewänder anlegte und Opfer über Opfer von -uns verlangte für jedes überirdische Glück, das sie wie zum Geschenke uns -gereicht! - -Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke. - -Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang, Sonnenschein und junge Liebe -vor ihr aufleben ließ, tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten -Menschen diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten Augen -und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken auf, mit den festgeschlossenen -Lippen, die sich gewöhnen müssen, die Enttäuschung, den Harm und die -Sehnsucht zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt -hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen« begegnete. - -Ehelos durch das Leben gehen -- nein, das war das Entsetzlichste. Das war -noch entsetzlicher als Kinder gebären und wieder begraben. Das dünkte -ihr so schrecklich, daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele dem -unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte. Welcher Mann wäre nicht aus -dem Geliebten endlich der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf der -Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört, die verdirbt, um zu -schaffen, und den sonderbare Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten -und barmherzigen Gottes nennen! - -Gleichviel: es war so. - -»Ewald!« - -»Wanda.« - -Einen Augenblick sahen sie sich stumm verlegen in die Augen. Rhode blickte -völlig verstört drein. Er trug so grenzenloses Verlangen nach ihr, grade, -weil er sich schuldig vor ihr fühlte und Indemnität in ihrer Liebe finden -wollte. - -Und Wanda sah dieses bis zur Leidenschaft gesteigerte Verlangen neben ihr, -in diesem Heiligtum von ehelichem Heim, in Beziehung gesetzt mit dem -Leben, das nun einmal ihr Leben war und -- ist es nun so, daß Liebe -im menschlichen Gemüt überhaupt etwas _für sich_ ist, eine subjektive -Veranlagung, obschon sie mit allen Wurzeln in der Natur ruht, und daß neben -diesem »für sich« das Objekt Nebensache sein kann -- war es, daß speziell -in Wanda Rhode's beweglicher Natur, der das Präsente immer eine Macht war, -eine solche Möglichkeit zu raschem Wechsel gegeben war -- als der Doktor -sie mit Thränen der Qual und Erregung in den Augen anstarrte, geschah es, -daß sie auf ihn zueilte und die Arme um den Hals des Mannes schlang, der -sie leidenschaftlich umschloß. -- - - * * * * * - -Äußerlich richtete sich ihr Leben wieder ein, wie es gewesen: -Sprechstunden, Krankenbesuche, Bierhaus oder politisches Radaulokal -- -Hauswirtschaft, Pflege des Kindes, ein wenig Musik und Lektüre, Besuche -bei Verwandten und Gevatterinnen. Dazwischen gemeinsame Mahlzeiten, ein -Spaziergang, eine kleine Besprechung oder ein Scherz. Keine rechte geistige -oder seelische Verschmelzung so wie im ersten Jahre ihrer Ehe, als eheliche -Gemeinschaft nichts als diese Zärtlichkeiten, die schließlich mit -zum Abhaspeln der Tagesgeschäfte gehörten und, weil sie nichts als -Sinnenbefriedigung waren, der jungen Frau die gräßliche Auffassung der -Ehe als einer legalisierten Prostitution und damit ihrem Denken einen -frühzeitigen Cynismus gaben. Das ganze Beieinander übrigens glatt, -flüchtig, freundlich, geschäftig, wie es eben kam. - -Und bei alledem eine Schwüle, die sie einander nicht eingestanden, die -sie hinweglogen mit einem prahlerischen Eifer, der auf der Grenze zwischen -Heroismus und Heuchelei steht, und sie ahnungslos ließ, daß auch das -_andere_ etwas auf dem Herzen habe, das es manchmal einzugestehen -wünschte und sich doch scheute. So näherte sich zuweilen ein Entschluß zu -freimütigem Bekenntnis: »Diese Spargroschen -- verzeihe mir« -- oder zu -heißer Bitte: »Hilf mir mit Deiner Liebe, das Bild eines andern --« der -Thür des Gatten und ließ die Worte dann doch an der Schwelle liegen. - -Endlich fand Wanda eines Abends doch den Mut; an einem der immer seltener -werdenden Abende, an dem der Doktor einmal zu Hause blieb -- und sie warf -die Bemerkung hin, daß sie Kreowski in Salzbrunn getroffen habe. - -»Kreowski?« - -Die Miene des Doktors verfinsterte sich sofort. »So? Dieser ›beschlittete -Pollacke‹ war dort?« - -»Beschlittete Pollacke?« Sie lachte nervös. - -»Ja.« - -»Ich habe ihn immer nur zu Fuß gesehen, kann mir auch nicht gut denken, daß -er hinter meinem Rücken in den Hundstagen durch die Wälder, durch die Auen -Schlitten gefahren sein sollte. Übrigens,« fügte sie eifrig hinzu, »spricht -er deutsch, ist in Deutschland geboren, macht deutsche Verse und deutsche -Musik und erklärt sich selbst für einen Deutschen.« - -»Richtigen Patriotismus haben solche Bursche nie im Leibe, die in -Schnurröcken herumlaufen.« - -»Allerdings treibt er weder groß- noch kleindeutsche Politik,« sagte sie -gereizt, denn der ›Bursche‹ ärgerte sie. - -»Ich weiß bloß, daß der Mensch -- Musikant war er ja wohl -- trotz seines -›Adels‹ in dem Kränzchen, in dem Du Deine Triumphe feiertest und in das ich -Dir zu Liebe ein paarmal ging, einen Schnurrock trug, wie ein Pole aussah -und die geschniegelten Manieren dieser Rasse hatte.« - -»Geschniegelt? Ich dächte, er wäre bloß nicht grob oder ungeschliffen.« - -»Das fehlte gerade noch!« - -Rhode stand ein paar Schritte von ihr entfernt und betrachtete sie. Sie -hielt den Kopf gesenkt und lächelte seltsam verlegen. Sie bereute, den -Namen erwähnt zu haben, da der Doktor so wenig in der Stimmung war, ihre -Beichte entgegenzunehmen, und dabei sah sie auf einmal mit unheimlicher -Deutlichkeit grüne Berge, einen schattigen Laubengang und eine Gestalt, die -sich auf sie zu bewegte und sie ansah. Die Mutter hatte recht gehabt, wenn -sie ihr widerraten, den ominösen Namen vor Rhode zu erwähnen. - -Aber es war geschehen! Und der Doktor, unruhig und mißtrauisch geworden, -bemühte sich, ihr die Gedanken vom Gesicht zu lesen. - -Was er las, beunruhigte ihn noch mehr. Aber da es so wenig greifbar war, -wußte er nichts Rechtes dazu zu sagen, um so mehr, als sie plötzlich eine -sehr harmlose Miene aufsteckte und von der Registratorin zu reden anfing. - -In ihm aber war ein heftiges Verlangen lebendig geworden, ein moralisches -Übergewicht zu erlangen, und sei es auf Kosten dieses »Burschen,« und so -fing er mit einem Schwall von Beredsamkeit, der ihr Eindruck machen mußte, -an, auf die Polen zu schimpfen. Auf die Modesentimentalität, die sich mit -ihnen beschäftige, und die Eitelkeit, mit der sie sich darin gefielen, -Gegenstand der Neugier und eines schwächlichen Mitleids zu sein; sie, die -ein hilfreiches allerdings auch nicht verdienten! Er schenkte ihnen nichts: -nicht die sprichwörtliche Verwirrung des Reichstages, noch die »polnische -Wirtschaft,« noch den Mangel an einem eigentlichen Kern des Volkes, noch -den an einer großen Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Er zog Daten über -Daten heran, das zu beweisen, mit der verhängnisvollen Gründlichkeit am -unrechten Orte, der übertriebenen Autoritätssucht, die jeden Keim eines -Widerspruches wie mit groben Schuhen zertreten möchte. Mit einem Pathos, in -das seine Eifersucht und jenes dunkle Gefühl, das moralische Übergewicht -zu gewinnen, hineinfluteten, donnerte der Doktor gegen ein Volk, um ein -Individuum zu treffen. - -Wanda hörte das alles schweigend an. Zuletzt schwieg der Doktor auch -- es -war ihm nicht recht wohl zu Mute, er hatte ein unklares Gefühl, ungeschickt -gewesen zu sein. - -Und das war er gewesen. Denn diese Gründlichkeit hatte etwas Lächerliches -gehabt, und seine Maßlosigkeiten hatten Wanda dahin gebracht, Partei für -die Angegriffenen zu nehmen, für die offiziell Angegriffenen und den, der -dahinter stand. - -Rhode hatte das Wort »unfähige Rasse« fallen lassen und von politischer -Impotenz gesprochen. Was hatten denn diese Deutschen für politisches -Geschick bewiesen, diese Deutschen, die fortwährend über ihr -dreiunddreißigköpfiges Fürstentum und ihren Mangel an Einheit zeterten? - -Und das war so charakteristisch für die Zeit, daß sie so dachte: »Diese -Deutschen!« Das Interesse für Politik galt für unweiblich und lächerlich -an einer Frau. Man hatte sich politisch der Frauen bis dahin immer nur -erinnert, wenn es Opfer für das Vaterland galt. Warum hätte Wanda Rhode -patriotisch sein, warum national empfinden sollen? - -»So sage doch etwas,« rief er endlich gereizt. - -»Aber _Du_ hast schon alles gesagt,« antwortete sie leichthin, »ich könnte -nur -- noch bemerken, daß Kreowski sehr gut Walzer tanzt.« - -»Allerdings ein schwerwiegender Vorzug.« - -Sie lachte, stand auf und ging hinaus, mit einem seltsamen Wechsel der -Empfindungen im Herzen. Sie hatte ihren Mann zum Mitwisser und damit zum -Befreier von einer Gefühlsverwirrung machen wollen -- das Resultat der -bloßen Einleitung dazu war, daß sie tiefer darin verstrickt war als vordem. - - - - -Zehntes Kapitel. - - -Es war eine Woche später. - -Wanda war sehr heiter. So harmlos heiter, so grundlos guter Dinge, wie man -es manchmal ist, bloß weil man jung ist, der Himmel blau, die Sonne goldig -und weil man geliebt wird und wieder liebt, heiter in dem Gefühle von -schrankenlosem Lebensreichtum und der Fülle der Beziehungen von Herz und -Welt; vielleicht auch nur, weil man kampf- und qualmüde ist und irgend -etwas in uns sich auflehnt gegen den Druck der Niedergeschlagenheit. - -Sie sang und trällerte in den Stuben herum, küßte das Kind, naschte an Obst -und Beeren, sah in den Spiegel, schüttelte den Kopf über ihre eigene junge -Schönheit, die sie jeden Tag von neuem wie ein Wunder daraus anlächelte, -amüsierte sich über ein paar Toggenburger, die täglich zur bestimmten -Stunde vor ihrem Fenster schmachteten, und improvisierte Verse, in denen -sie die Laune der Natur pries, die ihr alle Herzen zu Füßen legte. Eine der -Stimmungen, in denen wir schlechterdings in uns selbst verliebt sind und so -übermütig, daß wir als die rechten Ichs- und Glücksprotzen mitten in allen -Unzulänglichkeiten des Lebens stehen, daß wir, sonst ewig dürstend nach -Wechsel und Sensation, ganz gesättigt sind von dem stillen Beruhen in der -Gegenwart und dem großen, goldenen Lebensgefühl, das sie uns spendet. - -Draußen lockte der herrlichste Septembermorgen. - -»Wir wollen spazieren gehen,« sagte sie zu dem Kind, »erst schön spazieren -gehen und dann zu Großmama, ihr Geld bringen.« - -Es war wahrhaftig Zeit, daß sie der Mutter endlich ihre kleine Schuld -abtrug. - -Das kleine Clärchen jauchzte. - -Während sie das Kind anzog, überlegte sie, welches von den teuern Stücken -ihres Spargroschens sie umwechseln sollte, denn sie galten ihr alle -einzeln. Es waren drei Sterbethaler (aus dem Todesjahre Friedrichs des -Großen), zwei mit dem Bildnis seines Nachfolgers, ein Krönungsthaler -Friedrich Wilhelms =IV.=, eine Anzahl außerpreußische Stücke und einer mit -dem Kopfe Friedrich Wilhelms =III.= und der Bezeichnung auf dem Revers: -»Segen des Mannsfelder Bergbaues.« Den hatte sie als junges Mädchen von -einer reichen Bäckerstochter bekommen, der sie ein paar Tragbänder für -den Bräutigam gestickt mit Rosen und bronzenen Blättern auf himmelblauem -Grunde. Zu albern! Die geizige Braut hatte ihr noch zwei Groschen abhandeln -wollen für die mühsame Arbeit. »Billiger rechnen kann ich es Ihnen nicht, -Mamsell,« hatte sie da gesagt, »aber wenn Sie zwei Groschen gern von mir -geschenkt haben wollen« -- da war das dicke Frauenzimmer rot und beschämt -davongelaufen und hatte auf den ganzen »Segen des Mannsfelder Bergbaues« -verzichtet. - -Sie mußte noch jetzt darüber lachen. - -So hatte jedes Stück seine Geschichte und war mühsam und sorgfältig -zurückgelegt worden. Wie oft hätte sie sich gern einen besseren Hut, einen -Schirm oder lange seidene Filethandschuhe angethan, aber nie hatte sie sich -entschließen können, diese Ersparnisse anzugreifen. Es war nun einmal gar -zu hübsch, einen kleinen Besitz zu haben und zu hüten, es bewahrte sie vor -dem bettelhaften, unfreien Gefühl, das vermögenslose Frauen so oft haben -im Verkennen des Umstandes, daß sie das Ihre redlich an Mann und Kindern -verdienen. - -Geld! Die es im Überfluß haben, dürfen es mißachten, wie wir die Luft nicht -schätzen, die uns von allen Seiten zuströmt -- dem, der es unter Mühen -erworben hat, ist es das Leben selbst, Zeichen seiner Kraft, ein Stück -metallgewordenes Ich, ein Talisman, ein Fetisch, ihm dennoch heilig, und in -seiner Gesichertheit ein Zeichen der eigenen Unverletzlichkeit; und es ihm -rauben, heißt ein kleiner Mord. - -Das ist so banal, aber man vergißt es manchmal. Und nicht das -Außergewöhnliche, sondern das Banale, das Selbstverständliche vergessen, -ist verhängnisvoll. - -Mit lächelnder Wichtigkeit, leise vor sich hersummend, schloß Wanda den -Sekretär auf. Erst die abscheuliche Klappe, an der sich Clärchen -bereits einmal ein Loch in den Kopf gestoßen, und dann das Thürchen des -Mittelverließes. Sie warf einen Blick hinein: es stand und lag alles darin, -wie sie es verlassen hatte, einige Päckchen Briefe sauber geordnet, das -Kästchen mit den altmodischen Kleinodien, die leere Geldschwinge, ein Buch -mit Familiendaten, die Patenbriefe der Kinder und die Sparbüchse. - -»Schö--ner, grü--ner -- schö-- --« - -»Meine Machen, meine Machen!« schrie das Kind, als es die Mutter plötzlich -mit einem Schreckenslaute zurücktaumeln sah. »Ich Dir ein Gedichtel -aufsagen, Machen! Es bicht und zuckt und verbutet, aber Du siehst es -nicht!« - -Doch die kindlichen Deklamationen wollten nicht verfangen. -- -- -- - -Als eine halbe Stunde später der Doktor nach Hause kam, wurde er von dem -Dienstmädchen mit der Neuigkeit empfangen, daß Diebe den Sekretär erbrochen -hätten, und sie schon einen Polizisten geholt habe, der drin alles genau -aufschreibe. Ein kalter Schweiß trat ihm auf das Gesicht, er legte Hut und -Stock hin und ging hinein. - -»Ewald!« schrie sie ihm entgegen und fiel ihm schluchzend um den Hals. »Es -ist alles fort, man hat die Thüren aufgebrochen -- alles!« - -»Beruhige Dich, es wird wiederkommen,« sagte er schweratmend, totenblaß, -aber ganz ruhig. - -Sie ließ ihn los und trat zurück. Er sah mehr tief verstimmt als erschreckt -aus. Mit einem Male ging er auf den Beamten zu und flüsterte ihm etwas ins -Ohr, worauf dieser lächelte, sein Notizbuch einsteckte, seinen Helm ergriff -und ging. - -»Warum wartetest Du nicht, bis ich kam? Warum gleich zur Polizei? -- Mein -Gott -- Du -- Du sollst ja alles wieder haben --« - -»Also Du?« - -»Ja -- ich. Ich war in einer so verzweifelten Lage! -- Wanda!!« - -Und er streckte bittend die Arme nach ihr aus und wartete, wartete auf ein -gutes Wort, auf ein Aufschluchzen, auf einen Schrei, auf Vorwürfe, Klagen -und endliches Verzeihen. Und -- wartete vergebens. - -Sie sagte nichts. Diese leidenschaftlich heftige, sich übersprudelnde -Frau sagte nichts. Nur ihre Augen und das Zucken ihrer Lippen redeten eine -furchtbare stumme Sprache. -- Und dann sagte sie doch etwas, ein einziges -Wort nur, aber ein sehr böses. - -Er stampfte mit dem Fuße auf. - -»Vergiß nicht, daß ich nichts genommen habe, was zu nehmen mir nicht -zustand, daß ich -- nach dem Gesetz -- jedes gute Recht habe an allem, -was Dir gehört,« keuchte er heraus, sich statt auf das moralische Recht -ehelicher Solidarität auf das formelle des Gesetzes berufend, wozu er sich -durch das Erscheinen des Beamten gedrängt fühlen mochte. - -»Gesetz? Wer hat Euch denn diese Gesetze gegeben? Ihr selbst habt sie Euch -gegeben und wollt Euch darauf berufen wie auf göttliche Einrichtungen?« - -»Aber -- aber Du sollst es ja wieder haben -- dieses Geld!« - -»Dann wäre es -- nach dem Gesetz -- ein Geschenk, was Du mir damit -machtest. Ich will es nicht von Dir geschenkt, ich verzichte auf dieses -Geld.« - -Damit ging sie hinaus. - -Er stand, mit den Händen auf die Tischplatte gestützt, und sah ihr nach. -Sie liebte ihn also nicht? - -War es denn möglich? Sie liebte ihn nicht! - -Zum ersten Male war's, daß er sich diese Frage vorlegte, die er nicht zu -beantworten wagte, weil allein sie zu stellen ihm ein ungeheurer Schmerz -war. - -Ach! ehe er sie hätte beantworten können, hätte er sich eine ganze Reihe -anderer Fragen vorlegen und ihnen Antworten finden müssen. - -Hatte sie ihn überhaupt je mit ganzer Seele geliebt? War sie überhaupt -die, als die er sie kannte? Hatte er jemals die letzten Tiefen ihrer Seele -erforscht, sich nicht vielmehr, auch er, mit dem billigen Märchen von dem -Rätselhaften, Geheimnisvollen, Launenhaften der weiblichen Natur begnügt? -Hatte überhaupt je ein Mann die Eigenart des Weibes aus ihrer Stellung zu -entwickeln gesucht und sich gefragt, in welcher Weise physische, soziale -und individuelle Momente auf ihr Empfinden wirken, auf die Beständigkeit -ihres Empfindens? Ist die Liebe irgend eines Menschen überhaupt etwas, -wodurch er ein Besitzstück, wodurch er vogelfrei wird für den, dem sie -gilt? Ist sie jemals eine Vollmacht ohne Grenzen? Ist die uns erwiesene -Liebe etwas anderes als jene, die wir fühlen: schrankenloser Egoismus und -schrankenlose Hingabe zugleich? Und heißt es nicht den Egoismus in ihr -verletzen, wenn wir den Anspruch an die Hingabe aufs äußerste steigern? - -Alle diese Fragen stellte er sich nicht. Er fragte nur: liebt sie mich denn -nicht? Und eine namenlose Angst erfaßte ihn, daß die Antwort »_Nein_« sein -könnte. Dieser Mann voll Geist und Gemüt hatte die ganze Gefühlsplumpheit, -die man Wesen gegenüber hat, die man trotz leidenschaftlicher Zuneigung -geringer schätzt als sich selbst. - -Es war ein ungemütlicher Tag. Am Abend ging er nicht in seinen Klub, -sondern blieb einmal wieder zu Hause und hielt ihr einen langen Vortrag, -wie bedeutende Aufschlüsse er dem Mikroskop bereits verdanke, wie -segenbringend für die ganze Menschheit seine Forschungen, von welcher -Wichtigkeit sie für sein gelehrtes Ansehen und damit für ihrer aller -Zukunft seien. Und schließlich sei sein Eingriff ja nur eine Art -Zwangsanleihe gewesen und sie solle alles ersetzt erhalten. - -Ob es gesetzmäßig sein gutes Recht gewesen sei, so zu handeln, fragte sie. - -Ja, das sei es gewesen. - -Sie antwortete nichts darauf. - -Dann lachte sie und erzählte ein scherzhaftes Vorkommnis aus dem Hause; -denn sie hatte gemerkt, daß er sie zur Besiegelung der Angelegenheit küssen -wollte, und ihr graute vor seinen Küssen. Er war Thor genug, das nicht zu -begreifen. Und da es noch nicht sehr spät war, nahm er doch noch seinen Hut -und ging. - -Auf der Straße dachte er, wie seltsam »das Weib« wäre und wie ein Mann -niemals ganz hinter sein Empfinden käme, hinter das Rätselvolle und -Sprunghafte ihres Wesens. -- -- - -Inzwischen saß Wanda zu Hause mit einem Gefühl von Kälte in der Seele, -als ob etwas darin abgestorben sei, das sich nicht wieder lebendig machen -lasse. - -Es heißt, daß jede Kränkung zu verzeihen göttlich ist, aber es giebt -Kränkungen, die verzeihlich zu finden man ein Gott sein muß, wenn das -Verzeihen nicht schimpflich sein soll. -- -- - -In den nächsten Tagen glückte es Rhode, einer wichtigen wissenschaftlichen -Thatsache auf die Spur zu kommen, und er war so erfüllt davon, daß er für -Anderes kaum mehr Auge und Ohr hatte. In dem unendlichen Hochgefühl, von -dem er sich dabei getragen fühlte, vergaß er sogar die Frage, die ihn so -erschüttert hatte: ob seine Frau ihn denn noch liebe, vergaß er alles um -sich her, alles, was sich als Recht und Pflicht, als Ursache und Wirkung im -moralischen Leben an ihn herandrängte. - -In seiner Studierstube eingeschlossen, rätselte er in fieberhafter -Begier über dem Problem der organischen Zelle, in der bis zum Wahnsinn -gesteigerten Einseitigkeit eines akuten Interesses, das mit dem Gotte neben -sich ringt, schreiend: »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.« Ein -verhängnisvolles Stadium, aus dem der Doktor wohl auf Augenblicke in das -wirkliche Leben zurückkehrte, aber um es sofort wieder zu verlassen. Dann -fiel ihm etwa ein gequälter und feindseliger Zug in Wanda's Gesicht auf -und er erinnerte sich, daß er ihr einen Verdruß im Dienste der Wissenschaft -bereitet hatte. Aber opferte er nicht diesem idealen Dienste die Ruhe -seiner Nächte, das Behagen seiner Tage, was hatten diese paar Groschen -dagegen zu bedeuten! - -Er vergaß bei diesem Exempel nur, daß seine Ideale nicht die ihren waren -und daß sie ihr Teil an Opfer von Ruhe und Behagen in anderer Weise dem -Leben schon reichlich gebracht. Nicht lange, meinte er, und sie würde das -verwunden haben, eine so versatile, so elastische Natur! Und so klug, so --- -- so -- - -Er wußte nicht was -- seine Gedanken packten den Gott schon wieder. - -So verflatterte ihm der Konflikt. - -In ihrer Seele aber blieb eine Wunde wie von einem Beilhiebe: es gab -Gesetze, die dem Manne den Besitz seiner Frau auslieferten, Gesetze, die -moralische Rechte mit bürgerlichen totschlugen. Und damit war ihre Achtung -vor Recht, Gesetz und bürgerlicher Ordnung überhaupt erschüttert. -- -- - -Einige Tage später schien sie dennoch alles verwunden zu haben. Der Doktor -hielt gerade seine Morgensprechstunde ab, als er Wanda singen hörte. Sie -brach freilich gleich wieder ab, da sie sich erinnern mochte, daß während -dieser Zeit möglichst Ruhe gehalten werden mußte, aber es war doch ein -Zeichen wiedergekehrten Frohsinns, das ihm sehr lieb war. Es hätte kaum -etwas geben können, das geeigneter gewesen wäre, ihn zu beunruhigen, wenn -er den Grund dieses Jubels geahnt hätte. - -Wanda Rhode war gerade mit einer recht unangenehmen Arbeit beschäftigt: -dem Einseifen von schmutziger Wäsche, das nach der Familientradition die -Hausfrau selbst zu besorgen hatte, als ein dicker Brief an sie abgegeben -wurde, dessen Aufschrift sie erröten ließ und dessen Umschlag sie mit -zitternden Händen aufriß. Sie hatte Kreowski damals trotz allem Schmerze -gegrollt, daß er abgereist war, ohne sich noch einmal sehen zu lassen, ohne -auch nur eine Zeile zu senden. Sie hatte es ausdrücklich gewünscht, aber -sie hätte noch lieber gewünscht, er möge ungehorsam sein. Was wollte er nun -plötzlich von ihr? - -Ah -- Verse! Verse und Melodieen! - - Jüngst schlug ich meine Lieb' aufs Haupt - Und thät sie still begraben -- - Die Ruhe, die sie mir geraubt, - Die wollt' ich wieder haben. - - Doch wie sie war drei Tage tot, - Ich bin über Feld gegangen, - Meine Liebe kam, war frisch und rot - Und küßte mich auf die Wangen. - - Nun ging es über Berg und Thal, - Das war ein fröhlich Gewander, - Sie sprach zu mir: sterb ich einmal, - So sterben wir miteinander. - - * * * - - Am Waldrand, dort wo die enge Welt - Von blühenden Hecken ist rings umstellt, - Dort unter den alten Rüstern, - Wo Gras und Blumen flüstern, - - Möcht ich noch einmal Dir allein, - Wenn der ersten Sterne lichter Schein - Die Augen der Müden segnen, - Allein Dir noch einmal begegnen. - - Und sähe die Dämm'rung um uns her - Umhüllen uns wie mit Schleiern schwer, - Sähe den Himmel sich dehnen - Und sähe doch nichts vor Thränen, - - Und sähe nur Dich, _nur Dich_ allein! -- - Ach, einmal nach all der Entsagungspein, - Dem tödlich schweren Verwinden - Möcht' ich Dich wiederfinden. - - * * * - - Wilder Tauben Schwarm von umwölktem Hügel, - Dunkelgrün bekränzt mit dem Schmuck der Wälder, - Hebt im Dämmerlicht der betauten Felder - Silberne Flügel. - - Schweigend durch das Meer der erblauten Feuchte - Schwimmen sie dahin, über Hang und Klüfte, - Ziehn den raschen Flug durch der frühen Lüfte - Nebelgeleuchte. - - Schwimmen morgenwärts, und es färbt ein Glühen - Horizontes Rand und die grüne Breite, - Färbt den lichten Strom und der ernsten Weite - Schweigendes Blühen. - - Hei! wie stürzen da in den sel'gen Morgen - Silberflüglig sie, in das Glutgetauche, - Bis ihr Fittich still wie in Heimathauche - Ruhet geborgen. - - Also ziehn zu Dir meine morgenfrühen - Träume, hin zu Dir von erwachtem Pfühle - Die Gedanken all, um aus Dämmerkühle - Dir zu erglühen. - - Ach! Du spürst wohl nicht ihrer Flügel Kosen - Um die Schläfen Dir, Dir um Ohr und Wangen, - Oder ahnest Du ihres Flatterns Bangen, - Scheuchst Du die losen, - - Daß sie müde ganz, ohne Willkomms Glück mir, - Wie von rauhem Fels, von umwölktem Hügel, - Traurig mit der Qual der erschöpften Flügel - Kehren zurück mir. - - Stille! Jüngst noch kam mir in Jubelwogen - Ihr beglückter Schwarm, wie von Heimatklippen: - Lächelnd hattest Du sie an Brust und Lippen - Schmeichelnd gezogen. - -Diese Verse waren zugleich in Musik gesetzt und die Kompositionen -beigelegt. - -Verbietet dem Auge, dem Lichte zuzujauchzen, wenn nach Regendunkel die -Sonne durch das Gewölk herabbricht in Strahlen, unter denen die nassen -Bäume in Schauern erzittern, der Strom sich in fließendes Gold verwandelt -und die Lüfte im Dunste glühenden Hauches beben! Verbietet dem Ohre, das -in schweigender Einöde gelauscht um einen, nur _einen_ verwehten Ton der -Ferne, sich zu berauschen an dem Zauber der Melodien, die ihn plötzlich -jubelnd umbrausen! Verweigert dichterischem Sinn die Freude an Reim -und Rhythmus, an der bilderreichen Sprache der Phantasie -- und einem -unruhigen, verschmachtenden Gemüt, das sich in der Enge kleiner Mühsale, in -der Kälte eines verödeten Lebens verzehrt, sich zu berauschen am Klange der -Leidenschaft und einer Sehnsucht, stark wie die eigene! Verbiete es, wer -kann! - -Ach, wie sie ihr zujauchzte, dieser in Feierkleidern und Blumenschmuck -daherprangenden Liebe! Wie sie ihre Festschüsseln, ihre ambrosischen -Schalen liebte! Wie sie diese ungekränkte, unverletzte Liebe liebte, die, -eine stolze, gabenfrohe Königin, alles giebt, wonach das Gemüt schreit, -eine milde Trösterin, die Wunden heilt, an denen das Herz verbluten will, -eine jauchzende Genossin, die mit ihren Liedern jubelnd und schluchzend in -der Seele ein Echo weckt, das sie verzehnfacht. -- -- - -Doch still -- während der Sprechstunde durfte nicht gesungen werden! Und -sie verbiß ihr »Glück,« so gut es ging. - -Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde vorüber und er von seinen -Abscessen und Magengeschwüren in die kleine Welt neben sich zurückkehrte, -da er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen lächeln sah, daß -neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre Pulse höher schlagen lasse. Er -klopfte sie auf die Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine -Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale gefunden habe. - -Da lachte sie hell, laut -- aus _ihrer_ intelligiblen Welt heraus. - - * * * * * - -Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem Tagewerk noch gegen -Abend ein Stück spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage, -da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe Glut gemildert ist, -da es noch blüht und duftet, aber um Busch und Baum die Dämmerung schon -frühe Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem Atem der -Verwesung zu mischen beginnen, da die Sommerfäden zarten Silberhauch von -Stamm zu Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte kühl sind und -die Winde nicht mehr so warm. - -Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch keine Palmengruppen und -Springbrunnen, keine Festons von wildem Weine und keine Teppichbeete. -Nichts von Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten Bastionen, -nichts von Konzert- und Biergärten füllte ihre schattenreichen Gänge mit -Lärm und übeln Dünsten. Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp -von spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles ungepflegt und -unverschnitten, versteckte Wandelgänge einfaßten, wo das Gras in die Wege -hineinwucherte und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten, während -unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen der Oder brausend einem Wehr -entstürzten. - -Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin und her gerissen, eilte -fliegenden Schrittes den Stadtgraben entlang, nach dichterischem Ausdruck -ringend, der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des inneren -Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht eher befreien konnte, -als bis sie diese Qual so hoch in sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft -und Präzision geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr -entgegen, ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig flatternde -Wolken über die Sonne spannte und sie wieder mit fortführte, mit zitterndem -Flügel ihre Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen Klagetönen -sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten Genossen ihres Weges gab -ihr doppelten Schwung der Empfindung und das wundervolle Gefühl des -Zusammenhanges mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische -Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften, breitete Arme nach -dem Himmel und kehrte wieder zurück nach ihrem Herzen, alles in ihr löste -sich in ungestümes Verlangen nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute -künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück, morgen heißester -Schmerz, der Seele Flügel löst und sie zu sich emporreißt in einem Rausch, -der zugleich Wunsch und Erfüllung ist. - -Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen? Da! -- wo die Sonne -goldigen Flor zwischen die Stämme wob -- regte sich's dort nicht? Raschelte -nicht ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige? - -Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und loderte vor ihr auf, ihre -Brauen versengend? Zitterte nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr -Herz? - -Und lag sie -- jetzt -- wirklich jubelnd, schluchzend an einem andern -Herzen? - - - - -Elftes Kapitel. - - -Die Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Anfang -Dezember machte Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt von sich reden. -Es hieß, er müsse wegen politischer Umtriebe fliehen, wenn er nicht -den Kopf verlieren wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere -Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein Mensch wußte wohin. - -Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war Madame Gernoth zu Rhodes -geeilt, wo sie das gleiche Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei -lange zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und unerfreuliche -Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich anderen Dingen zugekehrt, Rhode -hatte lebhaft politisiert; die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und -demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch und regten die Gemüter -gewaltig auf. Madame Gernoth war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda -machte nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich unglaublich -unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen, von einer krankhaften, -krampfhaften Ausgelassenheit. Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl: -Wandas Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich vor und -verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts mehr galt. Ihre Tochter -machte ihr überhaupt schweren Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit -Kreowski begegnet und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt. -Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen gehabt hätte! Später -hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda hatte erst geleugnet, dann -alles zugegeben. Dabei war dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur -Sprache gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz erfahren, -der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen waren die schlaflosen -Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge ihr kostete. So, _so_ hatte sich eine -Ehe gestaltet, auf die sie die frohesten Erwartungen gesetzt! _So_ suchte -sich ihre Tochter zu helfen, zu trösten! _Das_ war das Resultat ihres -harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des Vaters zu entziehen, daß sie nun -neben einem andern Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete. - -Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm, konnte sie deshalb noch -keine für Rhode nehmen. - -Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen aus der Mädchenzeit einer -Frau, mühsam mit Stickereien beim Talglicht erworben, anzugreifen -- pfui! -Sie den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen, sie gerade -in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen Rechtschaffenheit, dem -haushälterischen Sinn zu treffen -- thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und -wenn sie hier auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von jener -unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen Triebes, um so sicherer -erkannte sie die Unwahrheit eines Solidaritätsgefühles, das einseitige -Interessen solidarische nannte. - -Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal im Leben seine Schleier -über Abgründe breitet! Unter ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern -und Scherzen -- wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes -Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge! - -So auch hier. - -Man saß zusammen, mutmaßte und folgerte, lachte und lächelte, und in der -hellen Sonne, im traulichen Lampenschein, saßen zwischen den drei sich so -nahe Stehenden Gespenster, die der eine nicht sah und die beiden andern -ignorierten. Frau Florentine hatte plötzlich den Eindruck, als ob -Wanda auch ihr etwas verheimliche, als ob eine Unruhe sie foltere, eine -Niedergeschlagenheit sie drücke, die sich weder auf ihr Verhältnis zu dem -Doktor noch auf diese unselige Liebelei bezöge. Diese jungen Frauen -- ob -am Ende -- Jesus, das fehlte nun grade noch! - -Gegen sieben wollte Madame Gernoth gehen, blieb aber und ließ sich von -Rhode ein paar gelehrte Geschichten vormachen, Experimente, die damals neu -waren, während Wanda sehr eilfertig das Abendbrot rüstete. Dann aßen sie -zusammen und schließlich bat die Großmutter, Clärchen zu Bett bringen zu -dürfen. - -Es war erst halb acht, da man von Tische aufstand. - -»Es ist mir sehr lieb, Mutter, wenn Du mir Clärchen abnimmst,« sagte Wanda -hastig, »ich muß schnell noch mal zur Kleideranprobe.« - -»Jetzt?« - -»Ja. - - Die Mädchen nah'n im Flittertand - Mit bunter Bänder Wallen, - Ach! wer giebt ein Festgewand, - Dem Liebsten zu gefallen! - --- oder auch: - - Und den goldgestickten Schleier - Legt sie an, das Glanzgeschmeide, - Zu des Tages hoher Feier - Rauscht ihr Gang von stolzer Seide. - --- kurz gesagt: ich habe kaum mehr meine Blöße zu decken, und also addio! --- Kuß das Kind? Ja, mein Clärchen, mein kleines artiges Mädelchen.« Sie -küßte das Kind mit der Heftigkeit irgend einer seltsamen Erregung. - -Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken nicht gehen lassen, aber -da kam es heraus, daß sie oft des Abends kleine Besorgungen mache oder ein -Stück an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der Doktor in seinem Klub -sei, und daß ihr noch niemals eine Unannehmlichkeit widerfahren. - -Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel angelegt, küßte das Kind -nochmals, sagte den andern: »In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und -eilte fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes weg, -der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte die Absicht gehabt, noch in eine -politische Versammlung zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß -er bisweilen abends zu Hause sei. - -In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare Unruhe, er ging wieder in die -Wohnstube, öffnete das Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen. -Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen Schatten, die ein paar -Öllämpchen auf den Schnee draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen. -So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des Abends zu Hause zu -bleiben. Er hatte sie am Flügel und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr -gut aufgehoben geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein, einen -Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt war. Jetzt machte er -sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit sie noch oft spät auf die Straßen trieb, -um irgend welche Lappalien einzukaufen. - -Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das schon auf ihrem Arme -eingeschlafen war, in das Schlafkabinett, in dem eine schmauchende -Nachtlampe an Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr -Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen und zugleich -monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach, mit der man übermüdetes -kleines Volk zur Ruhe bringt, und sah dabei in Gedanken immerfort ihre -Tochter mit schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne Ziel -und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals die Kissen, deckte es zu -und faltete die Hände, aber das Bild vor ihren Augen wich nicht. - -»Beten, mein Clärchen!« - -Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den Augen blinzelte, -den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte. Doch die Großmutter, der -Pünktlichkeit und Ordnung auch der höchsten Instanz gegenüber über -alles ging, richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr die -Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein. - -»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit ganz verwirrt, -schlug die Augen weit auf, legte die Fingerchen ineinander und sagte dann -feierlich: - - »Mein dunkles Herze lieb' Dich, - Es lieb' Dich und es bicht --« - -»Schon gut, schon gut!« - -»Amen, gute Nacht, Großel.« - -Und da schlief sie auch schon. - -»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau und sah gramerfüllt auf -das kleine Ding nieder. »Rechne es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie, -mein Gott, behüte sie vor -- vor --« - -Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt, nicht einmal vor Gott. - -Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie stand auf, ließ das trübe -Nachtlichtchen etwas höher aufflammen und wollte sich eben mit einem -Strickzeug wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende -Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte sie zu schließen, -öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und sah das Kleid, zu dessen Anprobe -Wanda gegangen, fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die -Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb. - -Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst nicht zu ihren Fehlern, -sie war sogar wahrhafter und offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn -sie hier die Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben: sie war -gegangen, ihren Liebhaber zu treffen. - -Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in den Stuhl und starrte -vor sich hin. Ihr sonst noch regelmäßig schönes und keineswegs ältliches -Gesicht sah aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes. - -Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern, den Stuhl rücken, auf- -und abgehen und endlich mit seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher -Geruch verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente -eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin gezeigt und sie belehrt, wie man -in einem Augenblicke den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen -könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft: in der Tiefe seines -Herzens war ein Strom von Liebe für ihre Tochter -- aber der Mann verstand -es nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben und diesem Strome -herzustellen. Der Thor! - -Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine Binde um seine Augen -legte, seine Hände fesselte, seinen Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen -Strom herzustellen. Ach -- sie wußte recht gut, was das war, sie hatte es -selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster Achtung, den der Mann der -Frau als einer ihm nicht Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche -Dämon ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme der Liebe -versiegen und die Funken lebendigen Lebens verlöschen läßt. Wenigstens war -das die Meinung von Madame Gernoth. -- - -Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn beschwor, ihm alles -rückhaltlos mitteilte? - -Sie stand auf, zögerte -- und ließ es. - -Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden, scheltenden -Schwiegermutter. - -Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam er, so kam er früh genug. Warum -ihr Kind anklagen vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der -seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht war, auch wenn -ihn tausend Gesetze ein Recht nannten? So wenigstens empfand sie. - -Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit seiner Wünsche vor -Augen zu halten, aber ihr Herz schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es -verurteilte, zu verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten -Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten, wo ihr Schutz verheißen -worden war. - -Die Hälfte der Schuld lag auf ihm -- mochte er ihren Fluch tragen. - -Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte sie sich, daß es so kalt -geworden war. Es war zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber die -Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen lag ein dünner, trockener Schnee, -der im Mondschein schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und Laternenpfähle, -Bäume und Sträucher, alle von buntem Rauhreif überzogen. Doch es sollte -noch schöner kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen, das sich von der -Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke den Strom entlang hinzieht. -Dort, in geringer Entfernung von der Brücke, erhob sich ein anderer -vom Festungswall stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm war die -Begegnung verabredet. - -Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter Weg, doch bei -Vollmond sehr gut passierbar und verklärt von zauberhafter Schönheit. -Unwillkürlich verlangsamten sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden -Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften, bleichen, doch alles zuckt -in millionenfachem, buntem Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen -Platanen, die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer die -großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten wie glänzende -Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume und traulichen Linden, die stämmigen -Kastanien und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die -gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut wie die Flieder- -und Goldregenhecken, wie die Reste dürftigen Grases und das niedrige -Fichtengesträuch am Wege, wie Weg und Steg selber. - -Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen und doch bunt -überflimmerten Decke zogen ein paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven. - -Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein Sommertag mit goldigen -Lüften und prangendem Grün sich damit vergleichen ließe, so fremdartig, -so märchenhaft schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre Liebe war, -mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt. - -Und da kam der Erwartete auch schon! In einen weiten, faltenreichen Burnuß -gewickelt, die viereckige Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand, -kam er ihr entgegen. - -»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie in die Arme. Wie -poetisch und romantisch das war, im Mondenschein über knisternde Stege -durch den knirschenden, leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man -geliebt werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß jeder Gedanke -eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede Empfindung einem gehören, und -versichern zu dürfen, wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie -sie das Glück und der Glanz des Lebens sei. - -Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus dem grellen Mondlicht -in den Schatten der ehrwürdigen Alma Mater zu ducken, die fromme -Jesuitenpatres erbaut, um verbotener Liebe Schirm zu gewähren. - -»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er. - -»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen gespielt, nach dem -Himmel gesehen und immer an Dich gedacht. Und was Du?« - -»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung abgehalten, ein Stück -spazieren gegangen und mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an -mich zu denken?« - -Ȇber alles glücklich! Ewald hegt irgend einen großen Plan, ich glaube, er -bildet sich ein, man könne Leute mit elektrischen Funken gesund machen -- -das macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich oder macht mich -zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er sieht mich, scheint es, überhaupt -nicht mehr. Aber freilich, ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich, -immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.« - -»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich doch neue, süße, hohe Namen -erfinden könnte. Dich zu ehren -- aber nun ist meine Phantasie zu arm. -Viel, viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln, was andere vor -mir gestammelt. Du über alles Geliebte.« - -»Das ist das liebste, was ich höre.« - -Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde die Unterhaltung -schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch. Es war so langweilig, -an diesen einsamen langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu singen. -Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit, englische Gedichte zu -übersetzen. Das war eine anmutige kleine Anstrengung, die sie unterhielt -und davor bewahrte, zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu leicht -von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen sie noch nicht kritisch -genug war, so daß die Arbeit daran das Gefährliche, Gefühlen starke -Wendungen zu suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige -Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der schwankenden Unruhe ihres -Inneren abzog. Sie trug dem sanften und verständnisvollen Witold daher -gern Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie ihre kleinen -Diskussionen über ihren und den Urtext, die sehr ernsthaft und lebhaft -geführt wurden und von denen man dann zu musikalischen überging. - -Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine Melodie, die sie zu summen -anfing, aus einer Mozart'schen Symphonie sei, Kreowski schwur auf -Beethoven. - -»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund wärest,« sagte er scherzend, --- »wir sind keine fünfzig Schritte mehr von meinem Hause -- wie hübsch, -wenn ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den Klavierauszug -oben -- und Du wärest geschlagen.« - -Sie lächelte, und still gingen sie weiter. Leise sang sie die Stelle -wieder. »Es ist nicht einmal ganz richtig so, es ist so: la -- la -- la -- -lalala, lala.« - -Da standen sie vor seinem Hause. - -Sie zuckte an seinem Arm: - -»Zeig mir den Klavierauszug.« - -»Wirklich?« - -»Was ist da auch Schlimmes!« - -»Wanda --« - -»Du willst wohl nicht?« - -Er lächelte seltsam, sah sie an und flüsterte endlich: - -»Ein Mann -- sagt da nicht nein.« - -Sie zögerte einen Augenblick. »Ich komme bloß als guter Freund.« - -»Hm, -- Du bist es aber nicht. Willst Du wirklich?« - -»Ja.« Er gab ihr den Arm, an den sie sich leise lachend hing. »Ich glaube, -das ist ein Abenteuer, wie?« - -»Ja, es ist eins.« - -»Ist das drollig. Weißt Du: ich habe mir immer schon gewünscht, einmal ein -kleines Abenteuer zu erleben.« - -Er drückte ihren Arm: »Leise, ganz leise. Und vorsichtig! Flur und Treppen -sind finster --« - -»Das seh ich wohl.« - -»Halte Dich ganz fest an mich.« - -»Ganz fest.« So stiegen sie hinauf, zwei sich wendende Treppen, auf die die -Mondhelle des Himmels ein leises Dämmerlicht fallen ließ. Dann schloß er -eine Thür auf. Als sie in dem dunkeln kleinen Vorzimmer standen, drückte er -sie an sich und küßte sie heftig. - -Es wurde ihr ein wenig schwül und, sich losmachend, sagte sie eifrig: -»Mache Licht.« - -Er zündete eine Kerze an und dann eine schlechtgeputzte messingene Öllampe; -und er that es mit zitternden Händen, fahrig, unsicher. - -Wanda merkte es nicht. Das Herz klopfte ihr ein wenig, denn was sie that, -war nicht in der Ordnung, aber sie war mehr belustigt von ihrer Keckheit, -als fassungslos. Mit der Harmlosigkeit eines genialen Kindes, das sie war, -stand sie in der Stube des Mannes, den sie liebte und der sie liebte, und -betrachtete das sehr einfache Möblement, die nicht sehr sauberen Gardinen, -die Musikinstrumente und Lithographien, die an den Wänden hingen: eine -Guitarre, ein Waldhorn, eine Geige in grünem Flanellbeutel, ein Tod -Kosziuskos und Sobieskis Sieg über die Türken. - -Indessen blätterte und suchte er in einem Noten-Folianten und schien nicht -finden zu können, was er suchte. »Endlich! Da!« Er drehte sich nach ihr um -und sah sie mit einem seltsamen Lächeln an, die, da es heiß im Zimmer war, -eben den Mantel aufknöpfte. Er sprang hinzu und nahm ihn ihr ab. »Du bist -so blaß,« sagte sie. - -»Ja, mein Gott« -- und immer wieder mußte er eine rebellische Locke aus dem -Gesicht schieben, die zu tief hineinfiel. »Ich -- ja -- ich werde das jetzt -spielen. Siehst Du: Beethoven.« - -»Ich bin geschlagen.« - -»Soll ich spielen?« - -»Aber natürlich.« - -Er schlug den Deckel des kleinen Pianos auf, das in einem Winkel stand, -stellte Notenbuch und Lampe darauf: »Ich kann es auswendig, aber -- damit -Du Dich überzeugst,« sagte er heiser. - -»Ja. Ach, Deine Lampe! Die muß Dir die Wirtin einmal blank putzen.« - -»So?« - -»Und dieser Staub hier! Du, Du, weißt Du, wie man das nennt: polnische -Wirtschaft.« Sie lachte leise. - -Er lächelte mit schmerzlicher Ironie. - -»Man muß heiraten -- nicht wahr? -- man sollte -- -- hier ist die Stelle!« - -»Fang nur an.« Und da spielte er, schlecht zuerst, mit klammen, zitternden -Fingern danebengreifend, ausdruckslos; dann wunderschön, singend, -schwellend, jubelnd, groß und edel. - -Wanda Rhode hatte in einem Rohrlehnstuhl Platz genommen und hörte ganz -verloren zu. Ihr kleines Abenteuer war beinahe feierlich, ja wirklich, es -war feierlich, die Thränen traten ihr in die Augen, während sie auf die -grün schablonierte Wand und den Sieg Sobieskis starrte. Als er aufschaute, -war eine Pause zwischen ihnen. - -»Spiel' jetzt was Lustiges,« sagte sie; »ich bin ganz traurig geworden, -ganz traurig. Spiel' einen Krakowiak.« - -»Gewiß.« Und er spielte. Er spielte glühend, er spielte seine ganze -Leidenschaft in die Wirbel eines Nationaltanzes, sein ganzes heißes -Mannesbegehren, das ihr harmlos-kecker Besuch heraufbeschworen. - -Es zuckte Wanda durch alle Glieder, sie bewegte den Kopf nach der Melodie, -fing an, sie mitzusingen und endlich mit den Füßen leicht den Takt dazu zu -treten. Mit einem Mal brach er ab und sprang auf, auch Wanda erhob sich, -Zärtlichkeit, Lust und Übermut sprühte aus ihren Augen. »Ich danke Dir -sehr, es war schön. Und nun geh' ich wieder,« sagte sie. - -Der Pole aber stürzte vor ihr nieder, umklammerte ihre Kniee und drückte -den Kopf in die Falten ihres Kleides. »Du -- bist zu mir gekommen -- Du --« - -»Steh' doch auf, Witold,« bat sie ängstlich. - -Da stand er auf. »Liebst Du mich aber? Sehr!? Sehr?« - -»Ich lieb' Dich sehr.« - -Aber während sie sich an ihn lehnte, überkam sie ein Angstgefühl und eine -heiße Unruhe, und sie suchte sich wieder los zu machen. »Laß mich, Witold.« - -Doch er umschloß sie nur fester, und während er sie an seine schweratmende -Brust drückte, knüpften die Finger seiner Rechten an einem kleinen Tuch, -das sie, um den Hals trug, und an den Bändern ihres Hutes. »Laß' doch das.« - -»Laß'? -- ja -- laß' nur, gieb -- Deinen Hut -- und das auch -- das -- Du -mein, mein, mein!« - -»Witold, was thust Du denn, was fällt Dir ein!« - -»Ich lieb' Dich, ich lieb' Dich! und Du -- wirst mir angehören, ganz mir, -mir, süßestes Weib!« - -Sie gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, griff -nach ihrem Mantel, den sie schnell umwarf und rannte hinaus, die -dunkeldämmerigen Treppen hinunter, zitternd, mit einem Herzklopfen, das ihr -den Atem benahm, ganz aufgelöst von Scham und Zorn. »Diese -- Bestien, ob -sie weiter nichts wissen! Diese Bestien!« - -Jetzt -- rechts oder links? -- rechts -- dort die Hausthür -- -- Gottlob, -sie war gerettet! - -Gerettet -- ja. Die Liebe in Feiertagsgewändern hatte ihre Schleier -abgeworfen und sich frech und hohnvoll gewandelt, die Himmlische hatte die -Engelslarve abgethan und sie angestiert mit brutalem Grinsen. Warum hatte -er ihr das angethan! Was sie bei ihm gesucht, war ja doch nur die Poesie -der Liebe, das selige Wandeln in ihren lichteren Vorhöfen, war gerade das, -was die Ehe nicht war. - -Und dann -- überkam sie mit einem Male das gräßlichste Gefühl, wie ein -Glutstrom, der sich aus seinem Begehren in ihr Blut ergoß: sie wäre -vielleicht eines Tages -- nicht heute, nicht morgen -- doch wer kann -für alle Zeiten gut für sich sagen? -- _vielleicht_ -- diesem Begehren -gewichen -- - -Nein! nein! gewiß nicht! nie! - -Aber schon daß sie es einen Augenblick lang denken gekonnt, war möglich, -weil er ihre Liebe in den Staub getreten und den Boden, auf dem sie -gewandelt, unter ihr fortgezogen! - - -- -- -- -- -- - -Wanda war etwa eine Viertelstunde fort, als Rhode mit einem Licht in den -Händen bei Madame Gernoth eintrat, die im Wohnzimmer am Fenster stand und -in die Schneenacht hinaussah. - -Er sah blaß und aufgeregt aus. - -»Ich habe keine Ruhe -- es war Unrecht, sie allein fortgehen zu lassen -- -und sie sagte, sie gehe manchmal des Abends allein fort -- wohin geht sie, -da es sich nicht immer um ein Kleid handeln kann?« - -»Sie ist auch heut nicht um das Kleid gegangen,« sagte Frau Florentine -hart, »es hängt fertig im Schrank.« - -»Mein Gott, was soll das denn heißen? und warum machen Sie so unheimliche -Augen, Mama? Sprechen Sie doch.« - -Sie zögerte. »Soll ich zur Verräterin meines Kindes werden?« sagte sie -dann. - -»Um alle Barmherzigkeit, foltern Sie mich nicht so! Ich habe ein Recht zu -wissen, was Sie wissen.« - -»O ja,« sagte die Frau bitter, »Rechte haben Sie immer, ob Sie auch -Pflichten haben, größere Pflichten, als Ihre Frau dürftig satt zu machen, -darnach fragen Sie nicht. Also denn: sie hat ein Liebesverhältnis mit dem -Musiker Kreowski.« - -»Nein!« schrie er. - -»Ja.« - -»Seit wann?« - -Madame Gernoth tupfte ein paarmal leicht auf den verhängnisvollen Sekretär -und sagte: »Seit Sie -- das Geld hier herausgenommen haben.« - -Einen Moment lang war eine Totenstille zwischen ihnen. »Es ist dennoch -nicht wahr,« sagte er endlich gequält. - -»Ich traf sie jüngst zusammen, unweit des Kaiserthores am Eisberge. Ich -glaube, sie treffen sich öfter dort. Gehen Sie sie suchen.« - -»Ich gehe,« sagte er heiser. - -»Vergessen Sie indes nicht, welcher Teil der Schuld an Ihnen liegt. Ich -möchte mein Kind nicht einem uneinsichtigen Richter verraten haben, sondern -einem, der fühlt, daß er --« - -»Mitschuldiger ist. Ich begreife.« - -Sie leuchtete ihm, Hut und Mantel zu finden. Beide zitterten. Es war kalt -und eine große Qual in beider Seelen. Dann ging er. - -Die Luft war rauh, bunt glitzerte der hartgefrorene Schnee und knirschte -unter seinen Tritten. - -»Es ist ja nicht möglich, nicht möglich!« dachte er immerfort. Er sah sie -ganz deutlich vor sich, ganz nahe, mit diesem geistreichen Nixenlächeln, -mit diesen leuchtenden Augen, mit dieser schmalen, leicht geschwungenen -Nase, dem edlen Oval, dem Rhythmus aller Linien und Bewegungen: das »Wunder -eines Weibes,« das er sich langsam gewöhnt hatte, zur Haushälterin und -zum Objekt seiner gewohnheitsmäßigen, pflichtmäßigen, handwerksmäßigen -Zärtlichkeiten herabzudrücken, denen alles Impulsive, alles Innerliche, -alles Tiefe und Verehrungsvolle abhanden gekommen war. Und mit dieser Art -Zärtlichkeit hatte er sie von sich gedrängt, der Zärtlichkeit eines andern -entgegen -- -- bis -- wohin? - -Bis -- bis --? Er mochte es nicht ausdenken? - -Bis zur Vernichtung ihrer und seiner Ehre .... - -Nein, nein -- das war unmöglich! so weit verlor sie sich nicht, so weit -hatte er sie nicht verloren! - -»Gott, mein Gott!« schrie es in ihm, während heiße Glutwellen ihm zum -Herzen schossen. »Gott im Himmel -- das nicht!« - -Da war der Eisberg -- da das Kaiserthor! Er blieb einen Augenblick stehen; -wohin sich wenden? - -Da sah er eine weibliche Gestalt die Burgstraße herunter fliehen. »Wanda!« - -»Ah! -- Du?« - -»Was thust Du hier?« - -»Ich bin auf dem Nachhausewege.« - -»Warum bist Du so sehr gerannt? Deine Wangen glühen und alles zittert an -Dir.« - -Da brach sie in Thränen aus. Er nahm ihren Arm und zog ihn unter seinen. -»Wanda, um Gottes willen, was ist vorgefallen, verschweige mir nichts.« - -»Dieser unverschämte Mensch, dieser --« - -»Kreowski?« - -»Woher weißt Du --?« - -»Genug, ich _weiß_, daß Du mit diesem Manne -- ein -- ist es denn wirklich -wahr?« - -»Nun -- ich hatt' ein bischen eine Liebelei mit ihm -- ja! Man will eben -auch irgend etwas vom Leben haben, wenn man -- doch eigentlich -- keinen -Mann hat!« - -»Du hast keinen?« - -»Nein. Gerade zum Suppe kochen, Socken stricken und -- und -- na ja, -prachtvoll! Und Kreowski, der liebte mich wirklich und ehrte mich so hoch -und war immer so zart und rücksichtsvoll, und nun -- -- ach!« - -»Sprich doch bloß, sprich!« - -»Nun stritten wir uns, ob Mozart oder Beethoven -- und sind gerade vor -seiner Wohnung -- und ich sag: ich werde mit hinauf gehen, da können Sie -nachsehen. Und so gehen wir hinauf. Und dann -- wird er eben unverschämt! -Wo ich mit keiner Seele an so was -- Greuliches gedacht hab! -- Jesus -- -_das_, ja das kann ich freilich zu Hause auch haben! Und ich wollte doch -Liebe, Liebe, richtige Liebe! Ach wie ich ihn hasse!« - -Er atmete auf. Sie war doch ein Kind, ein glänzendes, geistreiches Kind. -»Hassest Du mich auch?« fragte er zärtlich. - -Sie antwortete nicht. Schluchzend ließ sie den Kopf auf seine Schulter -sinken, im Schmerz über ihre gekränkte und verlorene Liebe in dem Gatten -den Freund suchend, dem sie ihre Klagen darum ausschütten dürfe. - -Doktor Rhode nahm ihren Schmerz für Reue und eheliche Zärtlichkeit. -Ohne weiter zu sprechen, gingen sie nach Hause. Als Madame Gernoth, die -angstvoll am Fenster harrte, sie Arm in Arm in die mondbeglänzte Straße -einbiegen sah, verließ sie die Wohnung und schlüpfte nach der andern Seite -hinunter. Sie war nicht die Person, die Dritte abzugeben, wo zwei Eheleute -miteinander fertig werden mußten. Genug, daß sie zusammen kamen. -- - -Er führte sie in sein Studierzimmer, das die Wärme am besten zu halten -pflegte, nahm ihr Hut und Mantel ab, rieb ihr die erstarrten Hände und -braute ihr über der Berzeliuslampe einen Thee. Dann setzte er sich neben -sie, umschlang sie, strich ihr das Haar aus der Stirn und trocknete ihre -Thränen. - -Sie ließ ihn schweigend gewähren, merkwürdig schnell beruhigt und ohne auf -seine Zärtlichkeit zu reagieren. - -Endlich sagte er weich: - -»Wanda, laß' mir Dir etwas erzählen. Es war einmal ein Mann, der besaß -einen köstlichen Diamanten, auf den war er über die Maßen stolz, steckte -ihn in einen ledernen Beutel, den Beutel in die Tasche und zog seines -Weges, Kiesel zu suchen. Wie er sich aber nach einem gar großen, blanken -Kiesel bückte, fiel ihm der Beutel samt Kleinod hinaus, und er merkte es -nicht. Da kam einer des Weges, der hob den Schatz auf und hätte ihn -- -beinahe -- zu sich gesteckt, wenn der andere es nicht plötzlich gemerkt und -ihm den Demant noch rechtzeitig entrissen hätte. Wanda -- und war der Mann -sehr dumm oder -- sehr schlecht?« - -»Sehr dumm.« - -»Und wenn der Dumme fortan ein ganz, ganz kluger Mann sein will und sein -Kleinod allezeit an seiner Brust hegen als das größte Gut und den einzigen -Schmuck seines Lebens -- Wanda?« - -Sie schwieg und lächelte seltsam. Er dachte sich das so billig, so leicht. -Glaubte er mit einer Parabel und ein paar Küssen, glaubte er mit -einem _Versprechen_ die Schuld jahrelanger Vernachlässigung, all' der -egoistischen Rücksichtslosigkeit, die sich mit der Neigung eines Mannes zu -verschmelzen weiß, vergessen zu machen? Es ist der Nachteil des Mannes -in der Ehe, daß er zu wenig über sie nachdenkt, indes die Frau, der sie -einziger Beruf ist, den Wert aller ihrer Beziehungen und Stimmungen, jedes -Mißverständnisses, jedes schwebenden Wortes durchzudenken Gelegenheit -nimmt. Oder vielleicht auch ist das sein Vorteil, diese größere Plumpheit -des Empfindens. - -»Warum lächelst Du so seltsam, so ironisch?« fragte er unsicher und von -ihrem Schweigen verletzt. - -Wanda Rhode nahm einen Streifen Papier, der auf dem Tische lag, wickelte -ihn über die Finger und wieder ab und sagte dann: - -»Diese Parabel, die Du da erzähltest, klang ja sehr schön und war gewiß -ehrlich gemeint, schließlich -- war sie doch nur Phrase. Denn jenem Manne -mit dem Kleinod, das er fernerhin hüten und ehren will, wird diese gute -Absicht nicht lange nützen. Bei nächster Gelegenheit werden ihm die Kiesel -doch wieder als Brillanten gelten, und er wird sich nach ihnen bücken und -den »Demant,« wie Du sagtest, vergessen. Wie denn keiner für seine Augen -kann und alle Dinge den Wert haben, den unsere Augen ihnen geben.« - -»Wage es immerhin noch einmal auf meine Augen!« bat er. »Versuche es noch -einmal, mich ein bischen lieb zu haben, mich zu verstehen, Dich in meine -Interessen einzuleben und so Nachsicht mit mir zu haben. Und Du wirst mir -nie mehr verloren gehen, noch ich Dir.« Sie sah ihn an, der bittend die -Hände nach ihr ausstreckte, und eine Rührung überkam sie, ein Zittern und -Aufschluchzen. »Wanda!« - -»Ach, es ist zu, zu gräßlich!« - -»Was?« - -Sie stand auf, stützte die Hände auf die Tischkante und starrte gequält in -eine Ferne, die nicht da war. - -»Was ist Dir, Kind? sprich doch! Sage mir, was ich thun soll, daß alles -wieder gut würde! Habe doch noch einmal Vertrauen zu mir!« - -Sie lächelte trübe. - -»Habe mich doch noch ein einziges Mal lieb!« Die Stimme brach ihm fast vor -Schmerz, und Thränen traten ihm in die Augen. »Wanda!« - -Da sprach sie. - -»Dies wäre die Stunde, könnte sie sein, die uns alles wiedergäbe, alles -verlorene Vertrauen, alles verlorene Glück, jene goldnen Tage, jene junge -Seligkeit --« - -»Und warum kann sie es nicht? Laß' sie uns das doch wiedergeben. Liebste! -Warum sollte uns das alles nicht wieder werden?« - -»Weil -- ach Gott! -- weil -- _das_ wieder ist ... Alle diese Qualen, diese -Not und dieses Elend. Und ich will nicht, will nicht! Lieben? man liebt -doch nicht seinen Peiniger und Verderber!« - -»Deinen Peiniger --« - -»Neben Kreowski konnte ich es wenigstens vergessen. Aber hier, hier, wo -die Angst vor dem Ende in jedem Winkel lauert! Und wenn ich nur wenigstens -diesmal stürbe, daß ich es nicht ein fünftes Mal erleben müßte! wenn ich -lieber vorher stürbe!« - -»Also das ist es? -- Und das ist Dir so schrecklich?« - -»Es zerreißt mir die Seele! Ich will nicht! Es wird auch wieder sterben! -Ewald, hörst Du denn nicht? ich will nicht! Ich will lieber sterben!« - -Er schloß sie in die Arme, gab ihr hundert gute, zärtliche Worte und suchte -sie zu beruhigen. Aber ein Dunst von Bier und Tabak, der von seinen Lippen -und aus seinen Kleidern auf sie eindrang, erregte ihr ein widriges Gefühl -und machte jedes Wort von vornherein zu einem verlorenen. - -Sie machte sich los von ihm, der verzweifelnd wahrnahm, wie ihre Erregung -sich zur Ekstase steigerte. »Da hinten, ganz dort in der Ferne, siehst Du, -da lauert es -- und kommt heran -- immer näher -- _das_ -- und das andere -Gräßliche: die Geldnot, der Ärger, der Schmutz und das Schrecklichste, --- -- der Tod! Und da wieder -- da! -- die Sehnsucht nach Glück und Leben, -nach Schönheit, nach Rhythmen und Tönen -- und nach Liebe, Liebe, _Liebe_!« - -»Wanda!« - -»Und wenn es mich nicht tötet, wird es meine Seele verderben, hörst Du? -meine Seele! Denn wer, wer ist Herr seiner Seele, wer von uns, die wir -nicht einmal Herren unseres Leibes sind? wer Herr seines Hungers, seiner -Sehnsucht?« -- - -Er zuckte die Achseln. Er beklagte sie, aber zugleich verletzte ihn ihr -Abscheu vor einem Zustande, der ihr ihn selber abscheulich machte, der ihm -Freude verhieß und der doch manche andere Frau selbst sogar beglückte. - -»Es ist nutzlos und thöricht, sich gegen göttliche Einrichtungen -aufzulehnen,« sagte er. - -»Göttliche? Das ist kein Gott, dieser Schöpfer, der die Hälfte der -Menschheit dem Manne in die Hände gespielt und mit der Mutterschaft -geschlagen hat!« - -»Du bist schrecklich.« - -»Ich? nein. Jener!« - -Er war allein. - -Dumpf erschüttert, schweratmend, gefoltert von einem ungeheuren Schmerz, -stand er lange inmitten des Zimmers und starrte auf die Thür, die sich -hinter ihr geschlossen. - -Dann trat er ans Fenster. Kein Mondstrahl traf das enge Gewinkel von Höfen -und Hinterhäusern da draußen. Es war ganz dunkel. Dunkel wie diese ewigen -Daseinsfragen, die der in glücklicher Geistesenge Lebende nicht kennt, und -an denen der ringende Geist, das leidenschaftliche Gefühl zur eigenen Qual -herumrätselt, um nur einen, _einen_ Strahl zu erhaschen von dem ewigen -Lichte, das er ahnt, einen Strahl, der seine Finsternis erhellte. - -Aber es blieb dunkel, wie sehr er auch an den Falten des Mantels zerrte, -in denen die Gottheit sich verhüllt; und seine Wünsche, seine Empfindungen -blieben, die sie waren, wie sehr er an den Fasern des eigenen Herzens riß, -das sein Verlangen dem Weibe zuwandte, die ihn ihren Peiniger und Verderber -genannt. - -Was war nun das Leben? - -Nichts, nichts als ein beständiger Konflikt! Nichts als ein ewiges Gewühl -von Täuschungen und Irrtümern des Kopfes und des Herzens! Nichts als ein -Kampf, der hier vernichtet, um dort leben zu lassen! - -Es blieb dunkel. -- - -Indessen hatte sich von einem Seitentische her ein feiner scharfer Geruch -verbreitet, der jetzt seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Er ging dorthin -und beugte sich über den aufgestellten Apparat. - -»Ah -- die Zersetzung schreitet fort, schon entwickelt sich Strom. Es wird -gut werden!« Und damit überkam ihn etwas wie frohe Zuversicht überhaupt. -»Alles wird gut werden, alles! wird der Anfang neuen Glückes werden und -herrlichen Gelingens.« - -Er nahm es an mit dem Optimismus der moralischen Bequemlichkeitsliebe, des -Ruhebedürfnisses; obgleich er ihn selbst anders nannte: ein neuerwachtes -Gottvertrauen und einen starken Glauben an den Sieg des Guten in der Welt. - - -Adolf Niese, Saalfeld i. Th. - - - - -[ Hinweise zur Transkription - - -Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. - -Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#. - -Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen, - - Seite 20: - "aus" eingefügt - (einer Ode an den Frühling aus der Affäre zog) - - Seite 32: - "Rythmus" geändert in "Rhythmus" - (sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend) - - Seite 34: - "weifelhaft" geändert in "zweifelhaft" - (die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft) - - Seite 40: - "ebenbürtg" geändert in "ebenbürtig" - (geistig war er ihr durchaus ebenbürtig) - - Seite 42: - "," eingefügt - (Teilnahme, Verständnis) - - Seite 49: - "Réuinon" geändert in "Réunion" - (dämmerte der Morgen nach jener Réunion) - - Seite 52: - "ge-gewesen" geändert in "gewesen" - (und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen) - - Seite 52: - "leichtbe-bewegten" geändert in "leichtbewegten" - (ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer) - - Seite 62: - "verlästert" geändert in "verlästerst" - (obgleich Du das Theater immer verlästerst) - - Seite 76: - "," entfernt hinter "schlanke" - (ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt) - - Seite 82: - "daß" geändert in "das" - (dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug) ] - - - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Eheglück, by Bianca Bobertag - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK *** - -***** This file should be named 62491-0.txt or 62491-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/4/9/62491/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms -of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Eheglück - Roman - -Author: Bianca Bobertag - -Release Date: June 29, 2020 [EBook #62491] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - - - - - -</pre> - - - -<p class="pb ce fs125"><span class="ge"><b>Bianca Bobertag</b></span></p> - -<p class="ce fs250"><b>Eheglück</b></p> - -<p class="ce mt2 fs150">Roman</p> - -<p class="ce mt2"><img src="images/fackel100.jpg" alt="" /></p> - -<p class="ce mb4"><span class="fs125 ge">Berlin</span><br /> -<span class="ge">Concordia Deutsche Verlags-Anstalt</span><br /> -1900</p> - - - - -<div class="fs70 mb4 bo"> <!-- advertisement begin --> -<p class="pb ce fs125"><b>Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin.</b></p> - - -<p class="ce fs200"><span class="ge">Der kleine Martin.</span></p> - -<p class="ce fs125">Erzählung<br /> -<span class="fs85">von</span><br /> -<b>Karl Emil Franzos</b>.</p> - -<p class="ce"><b>Zweite Auflage.</b> Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,–, -geb. Mk. 3,–.</p> - -<p><b>St. Petersburger Zeitung.</b> (P. von Kügelgen.): »Karl Emil -Franzos' neueste Geschichte »Der kleine Martin« ist die reife Frucht -der Erzählerkunst des Autors. Der Held der Erzählung ist der beste, -edelste, selbstloseste Mensch, den man sich denken kann, nur zu weich, -zu wenig mutig und schneidig für diese schnöde Welt. Die Geschichte -ist musterhaft erzählt, jeder Zug, jedes Detail paßt zum andern, -alles greift so konsequent, so logisch, so unabwendbar in einander, -daß man den Eindruck erhält, Alles mit eigenen Augen mit angesehen, -mitfühlenden Herzens miterlebt zu haben.«</p> - -<p><b>Berliner Tageblatt</b>: »Man kann diese Novelle wohl als ein -Pendant zu dem großen Romane des Autors: »Ein Kampf ums -Recht« betrachten, nur daß Franzos diesmal uns das Kampfgebiet -von einer anderen Seite zeigt. Die Erzählung ist interessant und -fesselnd vom Anfang bis zum Ende; es fehlt auch trotz der tragischen -Grundstimmung nicht an Scenen, die uns Land und Leute -in Halbasien mit köstlichem Humor vorführen.«</p> - -<p><b>Bohemia</b>: ».... Mit sicherem Pinsel ist in die leichte, nicht -drückende, die Wirkung rein abschließende landschaftlich-ethnographische -Umrahmung ein psychologisches Kabinetstück hineingemeistert: -die Erscheinung eines gutmütigen, weichen Menschen, der hilflos mit -den Rauheiten und Roheiten der Welt nicht fertig zu werden weiß, -der aber darin, was Comte den »<em class="ge">Altruismus</em>« nennt: in der Hinopferung -für Andere, in der <em class="ge">herzhaften Selbstlosigkeit</em> immer -wieder seine Stärke findet und offenbart. Wir beschränken uns auf diese -allgemeine Charakteristik der ergreifend schönen kleinen Geschichte.«</p> - -<p><b>Hamburger Fremdenblatt</b>: ».... Die hauptsächlichsten Vorzüge -dieses neuen Buches sind die prächtigen Sittenschilderungen, -eine scharfe Charakteristik der Personen und der in der bewegten, -dramatisch aufgebauten Handlung verborgene <em class="ge">sittliche Kern</em>. Dem -schönen Buch, einem echten Kinde der Muse unseres Dichters, ist -manche Neuauflage vorherzusagen.«</p> - -<p><b>Berl. Börsen-Courier</b>: »... Die Personen, die uns der -Dichter hier vorführt, sind scharf gezeichnete Typen von lebendigster -Anschaulichkeit. Es ist wie eine Abrechnung, die erlösend wirkt -durch ihren sittlichen Wert.«</p> - - -<p class="ce mt2 fs200"><span class="ge">Norddeutsche Leute.</span></p> - -<p class="ce fs125">Novellen<br /> -<span class="fs85">von</span><br /> -<b>Adalbert Meinhardt</b>.</p> - -<p class="ce"><b>Zweite Auflage.</b> Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,–, -elegant geb. Mk. 3,–.</p> - -<p><b>Blätter für litterarische Unterhaltung</b> (1. Jan. 1897): -»... Es ist nicht Willkür, die für diese Novellen diesen Namen -erfand. Vielmehr haben die Charaktere durchgängig ein gewisses -Etwas gemeinsam, was sie als Menschen <em class="ge">eines</em> Schlags erscheinen -läßt, eben als Norddeutsche. Diese Eigenheit, mit glücklicher -Sicherheit erfaßt, ist mit bewußter Treue dargestellt und -durchgeführt. Scheinbar harte, starre, verschlossene Naturen -zeichnet uns A. Meinhardt, Herzen, die nicht leicht zu entzünden -sind. Um so nachhaltiger und rückhaltsloser lieben sie da, wo -einmal ihr Gefühl eine Wahl traf. Auch die leise Wehmut, die -über beiden Erzählungen ruht, entspricht der künstlerischen Absicht -sehr wohl. Kurz: Die »Norddeutschen Leute« seien als gesunde, -im besten Sinne unterhaltende Lektüre nachdrücklich empfohlen.«</p> - -<p><b>Hamburger Correspondent.</b> (Nr 1, 1897): »... Zu jenen -schriftstellernden Frauen, von denen jedes neue Buch von einem -weiteren geistigen Wachstum zeugt, gehört Adalbert Meinhardt.... -Man muß der Kraft der Darstellung und Charakteristik -wie der feinen Seelenmalerei volle Anerkennung zollen. -Die Gegensätze, die ungemein zart und keusch angedeutet sind, -finden hier auch eine harmonisch ausklingende Auflösung.«</p> - -<p><b>Heimgarten.</b> (<i>XX.</i> 5.): »Die jugendliche Mutter und die -heranblühende Tochter lieben denselben Mann – gewiß ein -starker Konflikt, der auch energisch gelöst wird, in feiner und -vornehmer Art.... Eine Schilderung des norddeutschen Wesens, -die alles Bezeichnende ungemein fein und scharf wiedergiebt.«</p> - -<p><b>St. Petersburger Herold.</b> (29. <i>XII.</i> 1896): ».... Die -Novelle »To Hus is best« ist eine Perle deutscher Erzählungskunst -und Tiefe des Problems, wie an Kunst und Kraft der -Charakteristik. Gleich wertvoll ist auch die zweite Novelle des -Buches. Wohl nächst »Heinz Kirchner« das beste Buch, das -A. Meinhardt bisher veröffentlicht hat.«</p> - -<p><b>Hamburger Fremdenblatt.</b> (25. Dez. 1896): »... wirkliche -norddeutsche Leute, groß geworden in der kleinen Welt, die -sie ihr eigen nennen, darum eingeengt in ihren Ansichten und -Anschauungen, rauh nach außen, aber unter der unansehnlichen -Außenschale ruht ein gesunder Kern, schlummert ein reiches Gemüt -... Das Werk sei bestens empfohlen.«</p> -</div> <!-- advertisement end --> - - - - -<h1>Eheglück</h1> - -<p class="ce lh2"><span class="fs150 ge">Roman</span><br /> - -von<br /> - -<span class="fs150 ge"><b>Bianca Bobertag</b></span></p> - -<p class="ce mt4"><img src="images/fackel125.jpg" alt="" /></p> - -<p class="ce lh1"><span class="fs125 ge"><b>Berlin</b></span><br /> -<span class="ge">Concordia Deutsche Verlags-Anstalt</span><br /> -1899</p> - - -<p class="ce mt2 fs70">Alle Rechte, namentlich auch das der Übersetzung -vorbehalten.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a> -Erstes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>S</b>alzbrunn war in der Mitte der vierziger Jahre -noch nicht der mit modernem Komfort eingerichtete, -teure Badeort, der es heute ist. Es besaß -noch keine eleganten Hotels und keine Verkaufsbazare, keine -Teppichbeete und keine Wiesbadener Preise. Trotzdem -war sein Besuch ein lebhafter und bei aller Einfachheit -der Verhältnisse gab es etwas wie ein Badeleben. Gegenüber -dem Kursaal stand eine Art Vogelgebauer, das -das »Orschester« genannt wurde und in dem man eine -jener Bademusiken veranstaltete, die zwischen dem -Erträglichen und dem Unerträglichen die Mitte halten. -Es gab eine Promenade, auf der die neuesten Pariser -Moden spazieren geführt wurden, Réunions, bei denen -getanzt und musiziert wurde, und selbst eine Leihbibliothek -von etwa hundert Bänden, in der neben den -Räuberromanen von Spindler und Vulpius die Flygare-Carlèn -<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a> -und die Paalzow, Walter Scott, eine Anzahl -»Taschenbücher für Liebe und Freundschaft« und für -verwegenere Gemüter Paul de Kock und Eugen Sue -zu haben waren.</p> - -<p>Selbstverständlich gab es auch den nötigen Badeklatsch; -die Toiletten-, Gesundheits- und Moralitätsjury -waltete damals so gut wie später ihres Amtes, und -Neuangekommene mußten sich so lange bemäkeln lassen, -bis sie glücklich selbst in dem großen Gerichtshof -Aufnahme gefunden hatten.</p> - -<p>Da zwei auffallende Erscheinungen, Madame -Florentine Gernoth, und ihre Tochter, Frau Doktor -Rhode, sich sehr zurückhielten, gehörten sie zu den meistbesprochenen -Persönlichkeiten.</p> - -<p>Sie lebten einfach. Jeden Morgen zur gleichen Zeit -sah man sie nach dem Brunnenhause und zur Molkenanstalt -gehen, Wanda Rhode ihr Glas in der Hand, -Madame Gernoth ihre kleine Enkelin führend, und wen -die Frauen mit ihren schlanken, ebenmäßigen Figuren, -den kühngeschnittenen Nasen, den großen, stolzblickenden -Augen der älteren, den zärtlichen, geistreichen der Tochter -nicht mehr interessierten, der warf gewiß einen -Blick auf das kluge, ernsthafte Gesicht des kleinen Mädels, -dessen blitzende Augen jede Seite des großen Bilderbuches, -das vor ihm aufgeschlagen lag, aufmerksam -<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a> -musterten. Es war Rasse in den drei Figuren, wenn -auch nicht in aristokratischem Sinne.</p> - -<p>Es hatte sich herumgesprochen, daß Madame -Gernoth von ihrem Manne geschieden und in sehr bescheidenen -Verhältnissen zu leben gezwungen sei, während -dieser, ein reicher Breslauer Fabrikant, als Lebemann -galt, der im Musik- und Theaterleben der Stadt eine -Rolle spiele. Man nannte große Summen, die er im -Dienste der Musen verschwende. Von der Frau Doktor -wußte man nicht zuviel: sie war viel umworben worden, -hatte einen jungen Arzt geheiratet, ein paar kleine -Kinder gehabt, von denen sich nur eines am Leben erhalten -und war seit der Geburt des letzten leidend gewesen. -Das war alles.</p> - -<p>Wenn Frau Gernoth darauf bestand, daß sie sich in -den ersten beiden Wochen vollständig von der Badegesellschaft -zurückhielten, geschah es auf Wunsch des -Arztes, der bei der Lebhaftigkeit der jungen Frau -fürchtete, daß vieles Sprechen ihr schädlich sein könne. -Sobald nur aber die Halsaffektion sich gegeben hatte -und die Farbe auf Wanda Rhodes Wangen zurückkehrte, -war die sorgliche Mutter auch bereit, ihr den -Verkehr mit anderen und die Teilnahme an einigen -bescheidenen Vergnügungen zu gönnen.</p> - -<p>Sie überlegte eben, an welche der Frauen, die sie -<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a> -vom Sehen und ein paar gelegentlich gewechselten Worten -kannte, sie sich am besten zu einer Kremserfahrt oder -dergleichen anschließen möchten, als Wanda von einem -Spaziergange, den sie allein durch die Anlagen unternommen, -zurückkehrend, in fröhlicher Erregung auf sie zueilte.</p> - -<p>»Mutter – Konzert im weißen Lamm – Stücke -von Beethoven und Chopin-Liedervorträge – Deklamationen -von Holtei, denk bloß: Holtei! Entree vier gute -Groschen, das ist doch nicht schlimm? Nicht wahr, wir -gehen? Ich bin ja wieder ganz gesund, von Halsschmerz -keine Spur mehr, <em class="ge">ganz</em> gesund, bloß daß ich vor Langerweile -sterbe.«</p> - -<p>»Holtei hätt' ich auch gern einmal gehört! Aber -das wären für uns beide acht gute Groschen.«</p> - -<p>»Wir müssen uns doch auch einmal etwas gönnen. -Zuletzt Tanz. Denk' doch.«</p> - -<p>»I wo werd ich Dich denn tanzen lassen!«</p> - -<p>»Gesunde Menschen können tanzen, soviel sie wollen. -Habe ohnedies das ganze Jahr so schlimm zugebracht. -– Ach Gott!«</p> - -<p>»Nun ja, das hast Du. Mach nur nicht die Unglücksmiene.«</p> - -<p>»Nein, ich will nicht mehr dran denken. Also die -Polonaise und 'nen Walzer erlaubst Du schon, Walzer -ist ja ein Tanz zum Einschlafen. Nur das ewige Stillsitzen -<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a> -in der Laube, das ist zu schrecklich. Und das -schablonierte Muster an unseren Wänden kenn' ich wahrhaftig -auch auswendig, die Erzählung, wie die Mutter -der Wirtin die Wassersucht hatte, ebenfalls, und also, -wenn ich nicht wieder krank werden soll aus Langweile -und Unruhe, so gehen wir dorthin, Mutter. Ja?!«</p> - -<p>»Du bist auch ganz wieder wie als Mädchen.«</p> - -<p>»Freut Dich denn das nicht?«</p> - -<p>»Nun ja – freilich.«</p> - -<p>»Ach, denk Dir, und der Spaß: das Lied, das -Kreowski einmal an mich gemacht hatte: »Ich weiß -nicht, ist es Unrecht,« das wird auch gesungen –«</p> - -<p>»Ist denn Kreowski hier?« fragte Frau Florentine -mißtrauisch.</p> - -<p>»Ach bewahre. Wer weiß, wer es singt! Wer -weiß, ob es überhaupt dieses Lied ist; es kann auch -ein anderes so anfangen! Ich dachte bloß – vielleicht.«</p> - -<p>»Du bist ja rot geworden.«</p> - -<p>»So? Na, weißt Du, er gefiel mir doch damals -sehr gut. Aber das ist ja nun so lange her, so lange, -vier lange Jahre. – Klärchen hübsch artig gewesen? -Ja Puz? Komm mal her, sag mal, hat Dir Großel -eine hübsche Geschichte erzählt?«</p> - -<p>Und sie nahm das kleine Mädel auf den Schoß -und küßte es, bis es wieder hinunterstrampelte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a> -Frau Gernoth betrachtete sie scharf. Ihre Tochter -war keine allzu pünkliche Mutter, nicht lieblos, aber -nicht von der überströmenden Zärtlichkeit mancher -anderen; die Heftigkeit, mit der sie das Kind küßte, erschien -ihr mehr als der Ausdruck einer starken Erregung, -die irgend einen anderen Grund hatte.</p> - -<p>In diesem Augenblicke fiel die Musik ein, und</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Leswig-Holstein, meerumslungen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Leswig-Holstein, stammverwandt,«</td></tr> -</table> - -<p class="in0">sang das kleine, noch nicht ganz zweijährige Ding -jauchzend; entzückt hob es die Großmutter auf und überschüttete -es jetzt ihrerseits mit Liebkosungen.</p> - -<p>»Sie kennt jedes Lied an der Melodie heraus! -Und Verse über Verse weiß sie auswendig, unser -Goldkind!«</p> - -<p>»Du bist noch viel eitler auf sie, als Ewald,« sagte -die junge Frau.</p> - -<p>»Bist Du es denn nicht?«</p> - -<p>»Ich – na – das ist doch ganz selbstverständlich, -daß ich <em class="ge">so</em> ein Kind habe! Bin <em class="ge">ich</em> denn von -Dummersdorf? Und Verse und Lieder – weiß ich auch -ohne Ende. Ja, denk mal, Mutter – ich hab eben -ein Gedicht gemacht. Auf dem hübschen Aussichtspunkt -saß ich, wo wir mal neulich zusammen waren« –</p> - -<p>»So weit bist Du gegangen?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a> -»Gar nicht weit.«</p> - -<p>»Und da hast Du ein Gedicht auf die Aussicht -gemacht?«</p> - -<p>»Na ja. Und ich glaube – es kommt mir so -vor – als wäre es anders, als meine sonstigen Reimereien -auf Tante Lottens Geburtstag und Vetter -Hermanns Polterabend. Soll ich's Dir mal sagen?«</p> - -<p>»Meinetwegen, sag es.«</p> - -<p>Wanda Rhode sah sich um – rechts und links -war niemand zu erblicken – breitete ihre Arme aus -und fing an zu deklamieren:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Was, du heller Sommertag</td></tr> - <tr><td class="tdl">Streust du so voll Prunken</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hin auf Fluß und weite Flur</td></tr> - <tr><td class="tdl">Deine goldnen Funken?!</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Heller Reichtum überall,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Jauchzen und Erklingen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Überall in Blühens Kraft</td></tr> - <tr><td class="tdl">Seliges Durchdringen.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Und bist dennoch ach! wie arm</td></tr> - <tr><td class="tdl">Noch im Überfluten,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Noch in deinen unerschöpft</td></tr> - <tr><td class="tdl">Goldnen Sonnengluten.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Hab doch ich die Wälder grün</td></tr> - <tr><td class="tdl">Alle rings ersonnen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist doch meines Herzens Glut</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sonne licht entronnen.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Tönt von meinem Jubel doch - <a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Baches Rauschen wieder,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und in Busch und Baum sind mein</td></tr> - <tr><td class="tdl">All die frohen Lieder.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Welt, du bist ein Abbild nur</td></tr> - <tr><td class="tdl">Meiner Liebesfülle,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Blühst nur, daß in deinem Glanz</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sich mein Herz enthülle.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Blühst nur, weil in dir mein Glück</td></tr> - <tr><td class="tdl">Blüte sich gefunden,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Welt, du seliges Gedicht</td></tr> - <tr><td class="tdl">Frohbewegter Stunden.«</td></tr> -</table> - -<p>»Das ist ja ganz verrücktes Zeug! <em class="ge">Du</em> hast die -Wälder ersonnen und die Vögel singen <em class="ge">Deine</em> Lieder? -Nein höre, das ist doch zu abgeschmackt.«</p> - -<p>»Es ist aber so.«</p> - -<p>»Und was soll denn das heißen mit der Liebesfülle?«</p> - -<p>»Das? Ja das weiß ich selbst nicht. Das sollte -wohl heißen, daß mir das Herz so übervoll ist. Mutter, -Mutter, ich könnte ja ganz laut schreien vor Vergnügen: -so schön ist es hier, so gesund und so jung bin -ich wieder und so glücklich! Und jetzt gehe ich um die -Billets.«</p> - -<p>»Warte doch. Hier ist noch ein Brief an Dich. -Von Ewald.«</p> - -<p>»Von Ewald? Na, das hat Zeit.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a> -»Das hat Zeit? So?«</p> - -<p>»Ich dächte.«</p> - -<p>»Sei doch nicht so eilig. Hör' einmal –«</p> - -<p>»Nun?«</p> - -<p>»Die Wirtin selber geht heut Abend fort und ihre -Bertha ist so unzuverlässig, da wär' Klärchen so gut -wie allein – und dann – ich hätte ja Holtei gern -gehört, aber acht gute Groschen – weißt Du: Registrators -gehen, so schließe Dich nur an die an.«</p> - -<p>»Nun, wie Du denkst. Und wenn Du Dich wegen -Klärchen aufopfern willst, so bin ich ja desto beruhigter. -Also auf Wiedersehn.«</p> - -<p>Und fort eilte sie.</p> - -<p>Madame Gernoth sah ihr nach. Gott sei Dank, -daß sie wieder so war! Was hatten diese vier Jahre -aus ihr gemacht – und nun war sie wieder so frisch -und blühend, und sie sollte ihr nicht ein Vergnügen -gönnen? Da verfolgten sie auch schon Zwei! Nun, -sie verstand, sich die Zudringlichen vom Halse zu halten.</p> - -<p>Der Brief! Florentine Gernoth wog ihn einen -Augenblick in der Hand und legte ihn dann in ihr -Strickkörbchen. »Das hat Zeit!«</p> - -<p>Sehr zärtlich war das gerade nicht gewesen. Aber, -lieber Gott! drei Kinder in vier Jahren, zwei davon -wieder gestorben, und <em class="ge">diese</em> Qualen, Sorgen und Mühen, -<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a> -die das arme Ding damit durchgemacht – ja was -wissen denn die Männer, wie es nach alledem im Gemüt -einer jungen Frau aussieht? Wie ihr der Mann -damit zu einem Objekt steter Angst, seine Zärtlichkeit -zum Grauen, sein Verlangen zur verderblichen Gefahr -wird, wie die innigste Liebe hinstirbt in dieser beständigen -entsetzlichen Furcht vor Wiederholungen des Schrecklichen! -Erst neulich hatte Wanda ihr gestanden, -daß das Schönste an diesen fünf Wochen im Gebirge -die Befreitheit von der Angst vor neuer Mutterschaft -sei, und wie sie am liebsten alles vergessen möchte, was -hinter ihr läge, alles, sogar daß sie überhaupt einen -Mann habe.</p> - -<p>»Das hat Zeit!« Madame Gernoth seufzte. Seufzte -über Frauenlos und »Eheglück« und in noch irgend -einer Bangigkeit, deren Grund ihr nicht gleich bewußt -war. Ja so: diese Verse, die die junge Frau in heller -Begeisterung gedichtet und ihr mitgeteilt hatte, Verse -von so sprudelnder Lebensempfindung, von einem so -jauchzenden Hochgefühl, daß siegender Verstand nur -mit Wehmut des Prozesses denken konnte, der alles das -wieder zerstören würde. Es nützte Frau Florentine -gar nichts, daß sie sie als Ausfluß einer »verrückten -Laune« abzuthun suchte, sie blieben der Ausdruck einer -starken, lodernden Empfindung, die in ihrer schrankenlosen -<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a> -Subjektivität die ganze Welt in sich hineinzieht. »Verse -und Lieder? – weiß ich selber ohne Ende!« Ganz -schön! und Wanda hatte sich mit ihnen über tausend -Armseligkeiten und Kümmernisse hinweggeholfen – und -doch schienen sie ihr ein gefährliches Mittel für die -Frau eines Armendoktors, deren Hauptlebensaufgabe -darin bestand, zu sparen und Kinder auf die Welt zu -bringen. In allem Unharmonischen liegt eine Gefahr. -Das hatten schon Frau Florentinens Vater und Großvater -erkannt, als sie in ihr und ihrer Mutter denselben -Hang zu Versen und Liedern mit eiserner Härte unterdrückten -und alles Künstlerische verpönten, bis sie es -hassen gelernt, wenigstens die persönliche Beschäftigung -damit; und das hatte <em class="ge">sie</em>, Florentine Gernoth, erkannt, -als sie ihre Tochter in diesem Sinne erzogen. Denn -dergleichen läßt sich unterdrücken, das wußte sie – und -wußte nur nicht, daß, wo der Hang die Stärke der -Leidenschaft hat, er ununterdrückbar bleibt – und sollte -späterhin auch in dem kleinen Mädchen, ihrer Enkelin, -vernichtet werden! Und obgleich sich die ernste Frau -dunkel der Inkonsequenz bewußt war, die diese Absicht -und ihre Freude an der frühzeitig sich offenbarenden -Begabung des Kindes bedeutete, beging sie sie doch in -einem Erziehungsfanatismus, der seine Befriedigung -darin findet, die Natur grade da zu verkrüppeln, wo -<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a> -sie am stärksten ist, und die eben damals in der -Mädchenerziehung am nachdrücklichsten das Ideal von -Weiblichkeit zu erreichen suchte, das die Kultur entwickelt -hatte: die aller Persönlichkeit bare, in den engsten -Horizont eingeschränkte, mit ihren Händen arbeitende -Wirtschafterin.</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Welt, du bist ein Abbild nur</td></tr> - <tr><td class="tdl">Meiner Liebesfülle.«</td></tr> -</table> - -<p>»Hm.«</p> - -<p>Neben ihr wurde es unruhig.</p> - -<p>»Alle Steinchen heruntergefallen, alle Steinchen?« -sagte sie mechanisch zu dem Kinde, das zu weinen angefangen, -und bückte sich, die Kiesel, mit denen es gespielt, -wieder aufzuheben. Dann nahm sie die Kleine -auf den Schoß und bemühte sich, die Wolken von der -eigenen Stirn zu verscheuchen, um das Kind aufzuheitern.</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Das ist der Daumen,</td></tr> - <tr><td class="tdl"><em class="ge">Der</em> schüttelt die Pflaumen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der hebt sie auf,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Der trägt sie nach Hause,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und der Kleine – ißt sie alle alleine auf!«</td></tr> -</table> - -<p>Da lachten sie beide, das Kind herzlich und ausgelassen, -die Großmutter mühsam und mit verhaltenen -Seufzern in der Brust.</p> - -<p>Die Kapelle hatte inzwischen »Denkst du daran, -mein tapferer Lagienka« exekutiert und setzte jetzt nach -einer Pause mit einer Polka ein. Auf dem Kurplatze -<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a> -wogte eine bunte Menge hin und her in der uns heut so -wunderlich steif und geschmacklos erscheinenden Tracht -der Zeit: den weiten, gesteiften Kleidern, den dreizipfeligen -Tüchern, ungefälligen Mantillen und korbartigen Backenhüten -der Frauen und den engtailligen, breitaufgeschlagenen -Röcken, Vatermördern und bunten Westen -der Männer, einer Tracht, die an Geschmacklosigkeit und -Stillosigkeit nur von der der Möbel und Geräte erreicht -wurde, mit denen man sich umgab; und in der -man sich dennoch gefiel, sich haßte und liebte, würdig -und sogar flott erschien und der übrigens ein fremdnationales -Element half, einen gewissen sentimental -interessanten oder sogar pikanten Anstrich zu geben.</p> - -<p>Die Welt stand nämlich damals politisch nicht ausschließlich -unter dem Zeichen der Revolutionen zu Gunsten -eines zu erringenden Konstitutionalismus, es war zugleich -die Zeit der politischen Insurrektionen. Und -Europa, obschon kein Staat die Hände rührte, diesem -in seiner politischen Sünden Maienblüte getroffenen -Volke zu neuer Selbständigkeit zu helfen, zerfloß in -romantischem Mitgefühl mit ihm. Es war die Zeit, -da die Blätter teils mit Wollust, teils mit Entrüstung -ihre Spalten füllten mit Berichten über die Heldenthaten -der Sensenmänner Galiziens, über die Umtriebe -Mieroslawskis, und über die grausame Barbarei, der -<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a> -die edlen Söhne der sarmatischen Ebene in Rußland -erlagen, da kaum ein Pinsel, kaum eine Feder war, -die, sich lieber der Vergangenheit zukehrend, wo die -Gegenwart so ungewiß war, nicht etwas zur Verherrlichung -Poniatowskis oder des Todesrufes Kosciuszkos -leisteten. Die Zeit, da polnische Flüchtlinge der Welt -den Zauber der pelzverbrämten Schnürröcke, der Kassawaikas -und Konföderatkas übermittelten, die alten einheimischen -Tänze von feurig-schwermütigen Polkas, Mazurkas -und Krakowiaks verdrängt wurden, und die -Romanhelden auf Kasimir und Ludmilla hörten.</p> - -<p>In der Badegesellschaft zu Salzbrunn machte sich -dieses interessante Element ebenfalls geltend. Es gab -echte Polen dort, aus deren düstern Mienen der ganze -Schmerz der vernichteten Nationalität sprach, Polinnen -in Nationaltrauer: schwarzen Kleidern mit schmalen -weißen Streifen am Saum und mit dem Ausdruck wehmütigen -Selbstgefühls, das das allgemeine Unglück -ihnen verlieh. Und daneben gab es dieses Modepolentum, -die melancholischen Schnurrbärte, die Pekeschen -und viereckig geschnittenen Mützchen:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Polkahöschen trägt der Kleine,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Polkajäckchen die Mama,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Polkamütze, Polkalocken,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Polkaröckchen der Papa,«</td></tr> -</table> - -<p class="in0">heißt es auf einem Bilderbogen der Vierziger Jahre.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a> -Kurz das Polnische war die Mode, und zwar war es -eine gefühlvolle Mode. Wie hätte sie nicht besonders -eine der Frauen sein sollen, denen jene Zeit das »schöne -Gefühl« neben der Wirtschaftlichkeit als Domäne zuerkannte.</p> - -<p>Madame Gernoth teilte es nicht, sie war nicht sentimental, -trotz ihrer Zeit. Als die Polka noch schmetternd -den Platz erfüllte, stand sie auf und zog die Kleine fort. -»Diese polnischen Hopser! Ob sie nichts Vernünftiges -mehr können.«</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a> -Zweites Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>E</b>s war halb Acht und die deklamatorisch-musikalische -Abendunterhaltung sollte ihren Anfang -nehmen.</p> - -<p>Der Gasthofsaal, mäßig erleuchtet, roch nach frischgewaschenem -Holze, war aber gut besetzt von einer Gesellschaft, -die man als gemischte, indes nicht im üblen -Sinne des Wortes, bezeichnen konnte.</p> - -<p>Man saß an den Wänden herum oder stand in -Gruppen in den Winkeln, trank Vanillethee mit Sahne -und sprach vom Wetter, von der Weltlage und von -einem neuen Pariser Westenschnitt. An einem Ende des -himmelblau getünchten Saales stand ein engbrüstiges, -merkwürdig eckiges Fortepiano, dessen Klaviatur schwarze -Unter- und weiße Obertasten hatte, ein Geigenpult und -ein kleiner Tisch mit silbernen Armleuchtern und einem -Glase Wasser. Von der Decke herab hing ein steifer -Kronleuchter mit schiefstehenden Lichtern, in den Ecken -<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a> -markierten ein paar magere Epheulauben lauschige -Plätzchen.</p> - -<p>Die Toiletten der Damen waren einfach, doch sah -man zwischen philiströsen Spitzenhauben und Barben ein -paar extravagante Haartrachten, zwischen bescheidenen, recht -bescheidenen Festgewändern, die Jahrzehnte hindurch ihren -beinahe sakramentalen Charakter als »gute Kleider« in -unabgeänderter Form behielten, einiges nach neuen Pariser -Blättern. Die Haltung – nicht nur der Frauen -– war ein wenig geziert: die »schöne Empfindung,« -das »gebildete Gefühl« beherrschte die Zeit und -drückte sich in den Mienen auch der Männer aus. -Aber zwischen den wohl Toupierten und Steifbevatermörderten, -Bartlosen unter ihnen sah man ein Paar mit -wildem Haarwuchs, ungestärkter Wäsche und großen -Bärten, welche Demokraten sein mochten.</p> - -<p>Als die Registratorin mit ihren nicht mehr ganz -jungen und niemals hübsch gewesenen Töchtern und der -schönen jungen Doktorin eintrat, war der Saal fast gefüllt -und hundert neidische oder entzückte Blicke richteten -sich auf Wanda Rhode, die in dem Bewußtsein ihrer -siegreichen Erscheinung und in der Erwartung des Verheißenen -trotz ihrer einfachen Kleidung reizend aussah.</p> - -<p>Zuerst trat Holtei auf, der schlesischeste Dichter, den -Schlesien gehabt, eine schöne, stattliche Erscheinung, groß, -<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a> -mit langherabwallendem Haar, das Prototyp des leichtverbummelten -Genies und edelmännischen Wanderkünstlers; -ganz und gar von jener leichtbeweglichen, etwas -eiteln Art, die mit einer Beimischung von Rührseligkeit -und bewußter Gemütlichkeit den Schlesier alten Schlages -charakterisiert.</p> - -<p>Er las ein paar Scenen aus »Lorbeerbaum und -Bettelstab« mit der ihm zu Gebote stehenden Vortragskunst, -die ihm immer Erfolg sicherte und auch -hier rauschenden Beifall eintrug, den der gefeierte -Mann mit einer Handbewegung entgegennahm, wie -eine gutgelaunte Majestät die Ovationen eines Volkshaufens.</p> - -<p>Dann trat ein Geiger auf – man flüsterte sich einen -zungenbrechenden Namen zu – und trug Variationen -über ungarische und polnische Volkslieder vor, und er -spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der -Raserei, mit denen diese Stücke zur Geltung gebracht -werden mußten. Man applaudierte ihm entzückt, -nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und -behauptete, daß er mit Chopin befreundet sei.</p> - -<p>Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig. -Man konnte nicht gleich sehen, was oder wer sich da zu -Kunstproduktionen heranließ, schließlich verständigte man -einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich -<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a> -an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen -auch schon die ersten Accorde der Cismollsonate, die er -mit Meisterschaft den Saiten mit dem kurzen, spitzen -Klange entriß.</p> - -<p>Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist -dankte und teilte den geehrten Anwesenden mit, daß -Herr Witold von Kreowski einige von ihm gedichtete und -komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger -Mann in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem -Haar zögernd hervortrat, etwas Weißes, das -er in Händen hielt, langsam entrollend.</p> - -<p>Gleich darnach begann der Gesang:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Ich weiß nicht, ist es Unrecht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich weiß nicht, ist es Schuld,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist es mir Fluch des Schicksals,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist's neuen Glückes Huld.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich frage nicht, liebst Du mich,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bin ich Dir auch nur wert,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Noch hab ich Deiner Liebe</td></tr> - <tr><td class="tdl">Verlangend je begehrt.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich breite meine Arme</td></tr> - <tr><td class="tdl">Zum Himmel jubelnd laut,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie wunschlos man zur Sonne,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wunschlos und jubelnd schaut.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Du bist – und Glanz und Wonne</td></tr> - <tr><td class="tdl">Umfluten strömend mich,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich habe Dich gefunden.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und jauchzend lieb ich Dich.«</td></tr> -</table> - -<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a> -Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte -kaum zu atmen, es war ein Lied, das sie besser kannte -als tausend andere, und doch erschien es ihr in dem -Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen -vor allen diesen fremden Ohren, ein neues, -von ihr abgelöstes, das auf sie keine Beziehung mehr -hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein -nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit -ganz allein an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste -Huldigung, die sie je erfahren. Und eine Verwirrung -nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln -hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen, -während purpurne Strahlen der Abendsonne sie durchdringen, -etwas von einem Zwange, in zu heißer Luft -zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen. -Die Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein, -daß Ihre Frau Mutter das nicht hört!« und ihre -Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«.</p> - -<p>Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas -Neues und Herr Witold von Kreowski entfaltete ein -anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er sich -jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling -aus der Affäre zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch -nicht. Er schien nichts als die indiskrete Sucht aller -Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle mitzuteilen.</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Und wär's nur Berg und Strom und Thal, - <a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Die uns trennen so weit, so weit,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wir grüßten uns Tages wohl tausendmal,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und die Trennung wär' Seligkeit.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach! was uns trennt, ist eine Kluft,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Tiefer noch als das Meer,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und leise nur manchmal trägt die Luft</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ein Grüßen hin und her.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Doch weiter und tiefer, als Strom und Thal,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und das Meer zwischen Dir und mir,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und größer als aller Sehnsucht Qual</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist meine Liebe zu Dir.«</td></tr> -</table> - -<p>Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos -verharrend in dieser Erschütterung der Empfindung, -die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch rauschend -losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend.</p> - -<p>Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und -ließ ihre Blicke über die Versammlung schweifen. Und -sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen der -Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden -Lippen der Frauen, den tiefen Ernst, die sinnende Trauer -in den Zügen der Männer, die Demut, mit der sich -selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung -beugten; und die siegende Allmacht der Liebe, die sich in -jedem schwingenden Nerv, in jedem leise gehauchten Seufzer -und in diesem plötzlich ausbrechenden Dankessturm -für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für -<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a> -sie, der sie auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes -Haupt beugte, ohne zu wissen, daß er mitten unter -ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer -herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen.</p> - -<p>»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die -gute Frau, die sie chaperonnierte. »Aber es scheint, der -arme Mensch hat eine unglückliche Liebe.«</p> - -<p>»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte -Registrators Bertha. »Was mag es für ein Stück sein?«</p> - -<p>»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.«</p> - -<p>»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen -doch zuviel wissen!«</p> - -<p>»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.«</p> - -<p>Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten -Lärm vom Klavier her – deutlich hörte sie nur eins -und immer wieder nur eins:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Und größer als aller Sehnsucht Qual</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist meine Liebe zu Dir.«</td></tr> -</table> - -<p>Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und -Versen, berauschte sie mit seligem Gluthauch und ließ -sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und die -eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles -aufhebendes, unbeschreibliches Gefühl.</p> - -<p>Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren -Deklamationen, Cello- und Flügelstücke beklatscht worden -<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a> -waren, – sich verschiedene Herren in der Gegend des -Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert -hatten, das Badepublikum sich genügend versicherte, daß -es so gelungene Vorträge bisher nicht gehabt hätte, -die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee -und Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder -mit Flöte, Brummbaß und Violine und ließen -sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu einer Polonaise -herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls -in irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen -mochte.</p> - -<p>Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor -Spannung, was die nächsten Augenblicke bringen -würden.</p> - -<p>Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn -es geschehe, würde er an sie herankommen? Und was -würde er dann sagen? – In dem Gasthofsaale mit -dem Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem -Wachse und Patschouli – damals noch ein vornehmes -Parfüm – schwebte etwas wie eine Schicksalsfrage.</p> - -<p>Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen -Bücklingen näherte sich Wanda der Badevorstand, von -einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die vorgestellt -sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand, -<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a> -Herr von Makowski, Herr Supphahn und Herr Hielscher, -die sämtlich die Polonaise mit Ihnen tanzen wollen, -mein schönes Fräulein.«</p> - -<p>»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit -einem zum Tanze gehn.«</p> - -<p>»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst -das erste und das dritte – aber das zweite nicht,« -sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu entscheiden. -Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten, -die Polonaise mit mir anzuführen – wie, meine schöne -Frau, Sie wollen mir die Ehre geben?« Und die -Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige -hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte -zurück.</p> - -<p>»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und -schob ihren Arm in den des alten Galans. Und nun -konnte sich wirklich keiner beklagen.</p> - -<p>»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren, -»sie hat meergrüne Augen und die Gestalt einer Hebe -und in ihrer Stimme ist Musik.«</p> - -<p>»Eine Frau? – ob der Mann hier ist?«</p> - -<p>»Ganz gleich, sie ist bezaubernd.«</p> - -<p>»Um so besser sogar,« – setzte Herr Supphahn -hinzu, der französische Romane gelesen hatte und für -das Pikante schwärmte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a> -Der beglückte Vorstand führte den Tanz indessen -mit Wanda an und machte seiner reizenden Partnerin -in halb väterlicher Weise bestens den Hof. Er merkte -nichts von der fieberigen Glut der Erwartung, die sie -bewegte. –</p> - -<p>Hand um Hand wechselte. Jetzt hatte sie einen -jungen Baron, dann einen geschniegelten Kaufmannsdiener, -jetzt einen Studenten, dann einen Badearzt, -dann einen polnischen Flüchtling, einen Freiwilligen von -den Jägern, den kleinen verwachsenen Herrn Joachimsthal -und einen Kandidaten der Theologie und endlich legte sich -ihre Linke in die Hand des Mannes, dessen Liebe weiter -und tiefer war als das Meer und größer noch, als die -Qual seiner Sehnsucht.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a> -Drittes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>W</b>itold von Kreowski erbleichte, als er sie erkannte, -starrte sie ein paar Augenblicke mit -ringendem Atem an und sagte endlich heiser: -»Ein ebenso großes als unerwartetes Glück.« Er sprach -völlig accentfrei.</p> - -<p>»Ein freundlicher Zufall.«</p> - -<p>»Und ebenso unerwartet als schmerzlich.« Damit -reichte er die Hand der vorhergehenden Dame.</p> - -<p>Sie wußte nun, was ihr freilich ohnehin nicht -zweifelhaft gewesen, daß auch das zweite Lied ihr gegolten. -Und während er jetzt vor ihr promenierte, bemerkte -sie, daß er etwas breitschultriger geworden war, -daß er einen sehr schönen Nacken hatte und daß in -einem schönen Nacken etwas seltsam Verführerisches -liegen könne. Und es kam ihr vor, als ob die Unruhe, -die er ihr erregte, dieselbe sei, die sie vor vier Jahren -empfunden und als ob er nie aufgehört habe, sie zu -belästigen, obgleich das ganz gewiß nicht wahr war.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a> -Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte -sie sofort. Sie sprachen nicht, sie tanzten schweigend, -aber die Erregung, die in ihren Adern brannte, teilte -sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen -Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht, -man exekutierte sie noch, mit einigen Vorbehalten im -Takt, mit einer gewissen schwermütigen Glut und nach -den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien. -Die Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame -in die linke Hüfte, warfen den Kopf nach hinten und -preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es war -noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese -Nationaltänze auszuführen. Es befanden sich außer -Witold von Kreowski noch einige echte Schlachzizensöhne -unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur -hart und gebrochen sprachen – er tanzte trotz ihrer -mit der Verve und der Anmut eines Królewicz.</p> - -<p>Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant -hatte »Wir winden dir den Jungfernkranz« aus dem -Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt übertragen, -der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam -Rechnung tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft -gefühlsselig; es war eine Art zu walzen, bei -der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und -die wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in -<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a> -sanften Erinnerungen an ihre friedlichen Eroberungen -während der Freiheitskriege.</p> - -<p>Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte -mit allen, auch eine Tour mit Kreowski. Ohne mit -ihm zu sprechen.</p> - -<p>Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten, -kam die Registratorin, der die Thränen vor Freude -in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter einmal -geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie, -sich zurecht zu machen, da sie in ein paar Minuten -gehen müßten.</p> - -<p>Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund -an Madame Gernoth abzuliefern.</p> - -<p>»Und ich soll <em class="ge">Ihnen</em> halten, was ich meiner Mutter -versprochen habe?« fragte Wanda Rhode lachend.</p> - -<p>»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.«</p> - -<p>»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen -Bianca, die über den See zum Tanze fuhr und, als -ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu -verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen -Fuß zu rühren, wenn sie nur glücklich das Land erreiche?«</p> - -<p>»Nein, das kenne ich nicht.«</p> - -<p>»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war, -zuckte es ihr zwar in allen Gliedern, aber sie hielt sich -<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a> -tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die Musik -immer berauschender wurde, die Lust immer lauter, -da konnte sie nicht länger widerstehen und tanzte, und -tanzte –«</p> - -<p>»Aber hier ist doch kein Gewitter und kein See, -liebe Frau Doktorn!«</p> - -<p>»Hören Sie nur: tanzte, bis der besorgte Fährmann -herankam und sie mahnte:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Bianca, Bianca, was hast Du gethan,    </td></tr> - <tr><td class="tdl">Du hast dein Wort ja gebrochen.</td></tr> -</table> - -<p class="in0">Worauf die Schöne lachend rief:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Ach, die Sonne ist jetzt in Amerika</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und dem Mond hab ich gar nichts versprochen.</td></tr> -</table> - -<p>Nun, sehn Sie, Frau Registrator, meine Mutter -ist die Sonne, und Sie der Mond, und wahrhaftig! -ich will um kein Haar besser sein als die kluge Bianca! -– Fräulein Bertha und Fräulein Malchen, erlauben -Sie, daß ich Ihnen diese Herren vorstelle?«</p> - -<p>Da fand sich denn der Mond in seine zuwartende -Rolle.</p> - -<p>»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn,« sagte jetzt -der Pole, dessen Augen inzwischen einen ganzen Band -Verse geredet hatten, die sie mit dem Epigramm eines -kurzen Blickes beantwortete, indem er wieder in die -Reihe mit ihr trat.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a> -»Haben Sie vermutet, eine Unglückliche wiederzufinden?«</p> - -<p>»Durchaus nicht. Um so weniger, als Sie überhaupt -hier zu finden außerhalb meiner Vermutungen -stand. Und warum sollten Sie unglücklich sein?«</p> - -<p>»Gewiß, warum sollte ich es sein? Ich bin sogar -sehr froh: ich war krank und bin wieder gesund, ich -lebte öde und eingeengt und lebe befreit und heiter und -– ich finde zum Überfluß einen guten Freund wieder, -mit dem ich manche vergnügte Stunde verlebt.«</p> - -<p>»Sehr gütig, das der Summe Ihres Glückes zuzuzählen. -Ich bin nicht so unbescheiden, diese Wendung -ernst zu nehmen.«</p> - -<p>»Sie leben nicht mehr in Breslau?« fragte sie, als -sie wieder anhielten.</p> - -<p>»Ich halte mich bei Verwandten auf dem Lande -auf. Aber ich stehe in Verhandlung mit dem Direktor -des Breslauer Stadttheaters und darf mir einige Hoffnung -auf die Stellung eines Korrepetitors an der dortigen -Oper machen. Ich habe einige Sachen von Herrn -von Holtei in Musik gesetzt, und er hat die Güte gehabt, -mich zu empfehlen. Ich würde das Glück haben, wieder -dieselbe Luft mit Ihnen atmen zu dürfen und Sie würden -mir vielleicht gestatten, Sie manchmal zu sehen.« -In seinen Augen und in seiner Stimme war das -<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a> -Dringende, Werbende und dabei Verzweifelte einer aussichtslosen -und unauslöschlichen Leidenschaft.</p> - -<p>»Noch sind Sie nicht in Breslau,« sagte sie ruhig -lächelnd, während ihre ganze Seele sich dieser Leidenschaft -zukehrte und ihr Ohr mit Entzücken das Beben der -Stimme neben ihr trank.</p> - -<p>»Nein, es ist noch unsicher, doch ich darf hoffen. -Herr von Holtei forderte mich auf, hierher zu kommen, -um mich persönlich kennen zu lernen und um mich zur -Mitwirkung heut Abend heranzuziehen.«</p> - -<p>»Sie kamen erst heut hier an?«</p> - -<p>»Heut Mittag. Ach! und kam so leichten Herzens! -so leichten, als ich überhaupt zu haben vermag, und -ohne Ahnung –«</p> - -<p>»Mich hier zu finden. Sie wollten mich nicht -wiedersehen?«</p> - -<p>»Nein,« sagte er dumpf.</p> - -<p>Sie tändelte mit dem Fächer – in diesem Tone -ging es nicht weiter, so ernsthaft durfte er nicht werden; -mochte ihm zumute sein, wie ihm wollte, man mußte -die heiteren Mäntelchen behalten. Sie lachte also und -antwortete schalkhaft: »Und müssen nun ehrenhalber die -herzhaftesten Fluchtgedanken heldenmütig im Blute der -Höflichkeit ersticken. Aber ich bin nicht unmenschlich und -gebe Sie frei. Sehen Sie mal diese etwas zu dick geratene -<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a> -Friederike von Sesenheim aus der Guhrauer Gegend, -die mit den verwelkten Kornblumen am Herzen, sie sitzt, -scheint es, den ganzen Abend! Reizt Sie diese –«</p> - -<p>»Quälen Sie mich doch nicht. Wenn <em class="ge">Sie</em> scherzen -und spotten können, ich kann es nicht.«</p> - -<p>Sie suchte nach einem andern Thema.</p> - -<p>»Haben Sie außer Liedern noch etwas komponiert? -Wie steht es mit der Oper, die Sie damals schreiben -wollten?«</p> - -<p>»Sie erinnern sich dieses Planes?«</p> - -<p>»O, sehr gut, besonders <em class="ge">eines</em> Motives. Warten -Sie mal, ich muß es noch wissen.« Und sie summte, -mit dem Kopfe den Rhythmus angebend, die Melodie.</p> - -<p>»Ich bin entzückt, daß Sie das behalten haben.«</p> - -<p>»Es hat mir gut gefallen, und so hab' ich es manchmal -auf dem Klavier gespielt und ein bißchen Baß dazu -gesucht.«</p> - -<p>»Wirklich?«</p> - -<p>»Wirklich! In der Einsamkeit der Dämmer- und -Abendstunden, in diesen Stimmungen der Sehnsucht -und – nun ja, phantasiere ich gern auf dem Flügel, -so gut oder so schlecht ich's kann.«</p> - -<p>»In der Einsamkeit? Sind Sie denn manchmal -einsam? Kann man Sie denn bisweilen allein lassen? -Sie verzeihen.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a> -»Aber das ist doch nicht anders. Die Kranken und -dann die Politik –«</p> - -<p>»Und dann haben Sie meine Melodien gespielt und -haben manchmal ein klein wenig an mich gedacht?«</p> - -<p>»Warum nicht? Denkt man der Melodien, denkt -man wohl auch des Komponisten. Was ist da weiter?«</p> - -<p>»Freilich, was ist da weiter! Und die ›Sehnsucht‹ ist -die nach dem vermißten Gatten? Natürlich. Ist Ihr -Herr Gemahl auch hier? – ich meine in Salzbrunn.«</p> - -<p>»Nein.«</p> - -<p>Ein knappes »Nein,« in das nichts von Bedauern -oder Sehnsucht hineinklang, aber auch nichts Feindseliges, -und auf das sie eine Weile schwiegen, um, -endlich die Unterhaltung wieder aufnehmend, über das -Badeleben, das Wetter, die Menschen zu plaudern, -banales Zeug, dem Wanda doch beständig einen Reiz -zu geben wußte durch gut herangezogene Citate, drollige -Spöttereien und kleine Sentimentalitäten. Dadurch -kamen sie nun doch in jene behagliche Stimmung, mit -der man etwa an heiterem Sonnentage in kleinem Boote -ein tändelndes, blaues Meer befährt, dessen Leidenschaft -Windstille gebändigt hält.</p> - -<p>Ganz unvermittelt – die Musik hatte inzwischen -eingesetzt und sie waren zum »Contre« angetreten – -sagte er dann:</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a> -»Sie haben es nicht etwa für eine Entweihung -meiner Gefühle genommen, daß ich jenes Lied – ich -meine jetzt das andere, das Sie schon kannten, öffentlich -mitzuteilen wagte?«</p> - -<p>»›Mitteilung ist das Wesen des Dichters,‹ sagt Goethe.«</p> - -<p>»So, sagt er das? Und Sie, so jung, verstehen es?«</p> - -<p>»Ich denke.«</p> - -<p>»Sie begreifen also, daß der Künstler nichts entweiht, -auch wenn er alles preisgiebt, daß die Form, in -der er es thut, wenn sie sonst eine gelungene ist, ihm -das Recht giebt, alles zu gestehen, weil er sich damit -zum Interpreten der Gefühle aller macht, ihrer tiefsten -und reinsten Gefühle, alles ihres Ringens und Sehnens?«</p> - -<p>»Warum sollte ich das nicht begreifen?«</p> - -<p>»Gewiß. Und es macht mich sehr glücklich, daß es -so ist.«</p> - -<p>»Nur ist mir die Richtigkeit Ihrer Auffassung -zweifelhaft: denken und dichten die Poeten nicht am -Ende über diese Philister- und Werktagsseelen hinweg, -wie die Lerchen und Nachtigallen über die Köpfe der -Sperlinge und Finken hinweg ihre Lieder singen? Und -ergreift der Künstler diese Seelen vielleicht nur, indem -er ihnen die Ahnung beibringt, daß es andere giebt, -die unendlich viel stärker empfinden und persönlicher -denken als sie? Und was sie ergreift, ist vielmehr Schauer -<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a> -des Mitgefühls mit dem größerem Maß von Leiden, -das ein Künstler ertragen muß?«</p> - -<p>»Wohl möglich, daß es so ist. Jedenfalls: wenn -man den Künstler nach seiner Fähigkeit zu leiden schätzen -dürfte, dann hätte ich den Vorzug, als ein großer -Genius zu gelten.«</p> - -<p>»Sehen Sie, so finden die Unglücklichen immer einen -Trost. Aber wie ist mir denn: pflegen Ihre Landsleute -ihren Schmerz nicht zu vertanzen? Sind sie -nicht eben darum Meister in dieser Kunst? Tanzen wir. -Es ist eine Mazurka, nicht wahr?«</p> - -<p>»Gewiß.«</p> - -<p>Lächelnd legte er seinen Arm um sie, und gleich -darnach verschlang der Wirbel des Reigens die Beiden.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a> -Viertes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>A</b>ls Madame Gernoth den Entschluß gefaßt, -sich von ihrem Manne zu trennen, hatte -sie es in dem Trotz und dem Selbstgefühl -einer etwas eckigen, aber redlichen Natur gethan und aus -einer Empfindungsweise heraus, der alles Kühne frech, -alles Gewagte unsolid dünkt, und die keine Nachsicht -kennt für die impulsiven, schnellen Eindrücken empfänglichen -Gemüter, die auch einer Versuchung einmal unterliegen, -ohne deshalb schlecht zu sein, die vorübergehend -untreu sind, ohne es mit ihren besten Gefühlen zu -werden. Und obgleich, als das Zerwürfnis einmal ausgebrochen, -Gernoth sie zu versöhnen strebte, zog sie, unbeugsam -wie sie war, vor, Not und Sorge auf sich zu -nehmen, statt dort ein Wohlleben zu führen, wo sie ihr -Gefühl täglich verletzt sah.</p> - -<p>Not und Sorge sollten jedenfalls nicht ausbleiben. -Gereizt durch die Härte seiner Frau, brachte Gernoth -<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a> -es fertig, sie und das Kind, das er ihr überließ, sehr -ungünstig zu stellen und über einem neuen Verhältnisse -rasch zu vergessen. Dagegen schien Frau Florentine -viel Glück bei der Erziehung ihrer Tochter zu haben, -die zwar schon frühe viel von dem übersprudelnden, -leicht beweglichen Wesen des Vaters, aber auch andere -Eigenschaften verriet, die die Mutter als Hebel ansetzte, -um alles an väterlichem Erbteil in Wanda zu unterdrücken. -Es war etwas von dem Fleiß und der Sparsamkeit -der mütterlichen Linie in dem Mädchen, das sich -sehr gut hierzu eignete und von Madame Gernoth beständig -herangezogen wurde, um Wanda zu rastloser Thätigkeit -anzuhalten und ihr die Notwendigkeit, einen Spargroschen -für Fälle besonderer Not anzulegen, einzuprägen; -eine Vorsichtsmaßregel, der die sorgliche Frau besondere -Wichtigkeit beimaß, der Tochter sogar die bescheidenen -Freuden, die der Jugend Bedürfnis sind, verkümmernd -und – vielleicht nicht ganz weise – in die Freude an -dem Wachsen ihres kleinen Schatzes verkehrend.</p> - -<p>Es schien inkonsequent zu sein, daß Madame Gernoth, -als ihr unverhofft eine kleine Erbschaft zufiel, sich beeilte, -diese dazu zu verwenden, ihre inzwischen herangewachsene -Tochter gefällig zu kleiden und ihr eine Reihe von Vergnügungen -zu bereiten. Dennoch glaubte sie so verfahren -zu sollen. Hätte sie das Martyrium einer langen -<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a> -unglücklichen Ehe hinter sich gehabt, so hätte sie vielleicht -versucht, Wanda den Männern fernzuhalten. Aber -sie hatte eine kurze Enttäuschung hinter sich, die -sie selbst korrigiert hatte; sie hatte die Unbefriedigtheit -und Schutzlosigkeit einer gattenlosen Existenz kennen -gelernt und war so zu der Ansicht durchgedrungen, daß -selbst eine nicht ganz glückliche Ehe noch immer besser -sei als gar keine. Zudem war es noch die Zeit, in der -die Unvermähltgebliebene unter der Bezeichnung »alte -Jungfer« eine bemitleidete Erscheinung war, so daß -Tausende heirateten, bloß um socialer Mißachtung zu -entgehen. Endlich aber besaß Wanda eine Eigenschaft, -die es geradezu unmöglich machte, sie der Aufmerksamkeit -der Männer zu entziehen, und Frau Florentine vielmehr -wünschen ließ, diese Aufmerksamkeit da zu erregen, wo -sie ihr mütterliches Auge darüber wachen lassen konnte.</p> - -<p>Wanda war eine der Schönheiten, an denen alles -packt, entzückt und hinreißt.</p> - -<p>In ihrem Wuchse, in ihrem schwebenden Gange lag -allein etwas, das bezauberte, in ihrem Nacken, der -Bildung und Haltung der Schultern etwas Verführerisches. -Dazu kam ein flirrender Glanz in den -Augen, etwas Kühnes, Eroberndes in dem Schnitt ihrer -Nase und ein geheimnisvolles Zucken um die lebensvollen -Lippen, das wechselnd die ganze Skala ihres -<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a> -Wesens verriet und doch nie ganz verriet. Wie sie -nun dabei mit blitzartiger Klugheit und einem Gedächtnis -ausgestattet war, das alle Eindrücke und Vorkommnisse, -jeden Vers, jede Melodie, jedes launige Wort -festhielt und mit spielender Leichtigkeit an die Oberfläche -warf, eroberte sie, was in ihren Gesichtskreis trat.</p> - -<p>Die Erfahrungen, die Frau Gernoth in dieser Beziehung -machte, waren geradezu verblüffend. Sie hätte -ohne alle mütterliche Eitelkeit sein müssen, wenn sie -ihr nicht geschmeichelt hätten, aber wie dann Wanda zu -denen gehörte, die Wirkung ausüben und erfahren -müssen, um ganz sie selbst zu sein, dann aber auch unauslöschlich -sie selbst sind, wurde Frau Florentine auch -klar, daß ihre haushälterische Erziehung den Kern des -Wesens ihrer Tochter unberührt gelassen hatte.</p> - -<p>Wanda berauschte sich an ihren Erfolgen. Die -Natur hatte garnicht daran gedacht, Fischblut in ihre -Adern zu gießen, mit dem Temperament ihres Vaters -hatte sie sein leichtentzündliches Herz geerbt; und sie -nahm diese Eigenschaft keineswegs übel: nur wer selbst -die Unruhe, die Schmerzen und die Süßigkeiten der -Liebe in vollem Maße kennen zu lernen veranlagt ist, -ist fähig, die ungeheuren Triumphe zu genießen, die die -Schönheit feiert.</p> - -<p>Wenn sie indessen davon träumte, ein Lebensglück -<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a> -zu finden, das diesen Triumphen entspräche, so sollte -ihr das Schicksal diesen Traum nicht erfüllen.</p> - -<p>Unter ihren Bewerbern befand sich ein junger Arzt, -der eben seinen Doktor gemacht, den Kopf voller Ideale -und die Brust voll ehrgeiziger Träume hatte. Was -sein Äußeres anlangte, so konnte er sich, ohne unschön -zu sein, mit Wanda Gernoth nicht vergleichen, geistig -war er ihr durchaus ebenbürtig. Doktor Rhode war -nicht ohne Witz und Humor, der Schwerpunkt seines -Wesens indessen lag in einem starken wissenschaftlichen -Hange und in der Tiefe seines Geistes, der sich zu dem -ihren verhielt, etwa wie eine ruhige, starke Flut zu einem -sprudelnden Sturzbach oder wie schweres Geschütz zu -den knatternden Gewehrsalven einer leicht beweglichen -Truppe.</p> - -<p>Aber das war doch nicht der Hauptunterschied in -der geistigen Signatur dieser beiden hochbegabten -jungen Menschenkinder: in dem Doktor war die stärkste -Objektivität der Interessen, in Wanda war alles subjektiv. -Was immer in den Bannkreis ihrer Sinne und -Begriffe trat, hatte Wert für sie, nur soweit es sich zu -ihr in irgend eine Beziehung setzen ließ, und nur weil -ihre eigene Natur außergewöhnlich reich war, war auch -der Kreis ihrer Interessen groß. Auf diese Weise -täuschte sie gewissermaßen über sich.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a> -Der Doktor liebte sie mit einer Leidenschaft, die -einem Manne etwas seiner Natur fremdes zu verleihen -vermag. Ihm gab sie einen Hauch von Poesie, etwas -Glänzendes und Erfinderisches, das sonst nicht in seiner -Richtung lag.</p> - -<p>Wanda zögerte trotzdem sehr lange, bis sie ihm Gehör -schenkte. Sie fühlte instinktiv die Verschiedenheit -ihrer Naturen, und es war nichts an ihm, das sie bezauberte -oder bestach. Und dann that sie es doch. -Er besiegte sie durch die Hartnäckigkeit, die die stärkste -Schmeichelei der Liebe ist, durch den Geist, mit dem -er anmutigere Nebenbuhler ausstach, und mit Hilfe -von Frau Gernoth, die in ihm den ernsten und soliden -Mann gefunden hatte, den sie ihrer Tochter wünschte.</p> - -<p>Kurz vor der Hochzeit wandelte die Braut die Laune -an, zurückzutreten. Sie hatte die Bekanntschaft Kreowskis -gemacht, der ihr jene Lieder widmete, die in Text und Melodie -Huldigungen für sie waren, die sie verwirrten. Aber -es handelte sich doch auch hier um keine große Leidenschaft, -die alle guten Gefühle für den Doktor ausgelöscht -hätte, und so kämpfte sie denn diese Anwandlung nieder, -um so mehr als Madame Gernoth ihre Bedenken durchaus -nicht wollte gelten lassen, und heiratete den Doktor.</p> - -<p>Und siehe: das Glück sproßte ihr auf, wie eine -Blume, die man zögernd in ein ihr fremdes Erdreich -<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a> -gesetzt, ängstlich, ob sie darin zu Grunde gehen oder doch -klein und unansehnlich werden würde, und die darin -aufblüht, in einer Schönheit, die niemand geahnt, mit -einem Schmelz, der ein Wunder zu sein scheint.</p> - -<p>O diese goldenen Stunden geliebten Beieinanders! -Diese fröhlichen kleinen Mahlzeiten mit ihren einfachen -Schüsseln, die der Appetit würzt; diese Spaziergänge -an den Flußdämmen entlang, wenn die an landschaftlichen -Schönheiten arme Gegend zum Paradiese -wird, sobald die Sonne, deren Glanz alles mit dem -Glücke der Herzen in Verbindung zu setzen scheint, leuchtend -darauf liegt; dieses harmlos frohe Geplauder, -unter dem man die Wege zurücklegt! Ach! und diese -holden Abende bei traulichem Lampenschein! Wie beseligend -dieses Näher- und immer Näherrücken der -Geister, dieses Überfließen der Seelen, dieses Aufgehen -der Herzen im Austausch aller Gedanken und Empfindungen!</p> - -<p>Wie hold dann selbst diese kleinen Bekenntnisse und -Mitteilungen aus den Tagen junger Vergangenheit, in -denen man sich noch nicht kannte, der Eifer, auch sie -in Beziehung zur Gegenwart zu bringen, Teilnahme, -Verständnis, Vergebung zu suchen, wo man so sicher -weiß, daß man sie findet. Schonungslos werden dann -frühere kleine Neigungen preisgegeben, in denen die -<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a> -gegenwärtige immer die erste ist, weil sie unvergleichlich -stärker erscheint, lustig kleine Verlegenheiten gebeichtet, -kindliche Nöte und Sorgen erzählt. Dann müssen selbst -Schulhefte, Stammbücher und Prämien herhalten, dann -Sträußchen, Locken und Liebesbriefe, dann werden Andenken -von Tanten und Erbstücke der Großmutter hervorgesucht, -eine kindliche Sammlung von billigen -Kleinodien, Henkeldukaten oder Denkmünzen, kurz, alle -diese hundert kindischen Wichtigkeiten, denen man entwachsen -ist und an denen das Herz doch noch hängt.</p> - -<p>Dann wird selbst der Spargroschen aus der Mädchenzeit -einmal produziert: dieser langsam und mühselig -erworbene kleine Schatz, der Notgroschen, den -man auf Rat der Mutter eigentlich <em class="ge">ganz</em> geheim halten -soll – aber gerade das ist nun so hold: diese rückhaltlose -Vertraulichkeit, die auf dem reinsten Vertrauen, -der rückhaltlosesten <em class="ge">Liebe</em> beruht.</p> - -<p>O, die goldenen Stunden! Goldener noch, wenn die -Kindereien dann wieder ernsterer Unterredung weichen. -Wie strömen dann die Herzen alles Beste aus, geben -für frohe Erinnerungen froheres Gefühl der Gegenwart -und das starke, schwellende Empfinden der Zukunft: -diese Träume leichten Gelingens stolzer Pläne, der Erfüllung -junger Hoffnungen, des Gewinnes früher -Mühen. Und in Persönlichstes hinein die Hochflut -<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a> -großer allgemeinster Ideen und Ideale, die die Gemüter -erfaßt und fortreißt, um sie auf fremdem, objektiven -Gebiete einander wieder um so inniger zuzutragen. -Bis wohl die Lampe unter hohen Gesprächen -zu erlöschen droht, und die Nacht, ganz herabgesunken, -alles umhüllt, Persönlichstes und Unpersönlichstes und -nur eins erfüllt: die heißen, süßen Mahnungen der -Natur, bis stärkstes Lebensgefühl das Ich auslöscht und -zugleich über sich erhöht. –</p> - -<p>Wie reizend auch die Freuden einer harmlosen Geselligkeit -in einem Kreise, der sich bei bescheidenen Lebensbedingungen -durch Witz und Geist auszeichnet, in dem -man Anregung giebt und findet, sich schätzt und liebt -und, wo man sich gehen läßt, doch niemals die Anmut -verletzt. Man war in mancher Beziehung damals noch -kindlich. Man vergnügte sich noch an Pfänderspielen -und den Bildern einer <i>laterna magica</i>, man machte -Verse über launige Themata und führte Charaden auf, -leierte Bänkelsängereien zu selbstgemalten Tableaus und -jagte sich im Freien herum. Man sang noch zur -Guitarre, und wenn man sang, brauchte man keine -»Schule« zu haben, die Herren rauchten Cigarren aus -einheimischem Tabak, und die Frauen buken ihre Zuckernüsse -noch auf dem Herdfeuer. Wenn die Politik die -Gemüter nicht erhitzte – was sie freilich dann mit -<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a> -Heftigkeit that, – war man äußerst friedfertig in -Principien und Anschauungen. Es gab damals keine -socialen Fragen, es gab keine Judenfrage und kaum -eine konfessionelle, es war die Zeit, wo Pastor und -Kaplan geistliche Brüder waren. Man war ein bischen -kosmopolitisch neben aller bösen Demokraterei und unglaublich -positiv. Man war anspruchsloser und darum -sorgloser und naiver als man heute ist. Wer aber -obendrein jung und witzig war, war ausgelassen, wie -man es jetzt fast verlernt hat. Und dann, nach diesen -Vergnügungen, die Rückkehr in das eigene Heim mit -dem Gefühl, daß <em class="ge">seine</em> Freuden über alle anderen -gehn!</p> - -<p>Aber es giebt einen Höhepunkt des Glückes, auf -dem es sich nicht zu halten vermag: die alte Wahrheit -von der Blüte, die im herrlichsten Entfalten den Moment -erreicht, wo sie zu welken beginnt; einen Höhepunkt, -da die Engel den Atem anhalten, die Natur -stillzustehen scheint, um den Augenblick zu verlängern, und -nach dem es doch bergab geht, wenn nicht eine Wundermacht, -die zugleich begreift und fühlt und Gefühl und -Erkenntnis in den stärksten Willen strömen läßt, das -Glück immer wieder aufwärts trägt.</p> - -<p>Der Aufschwung des Geistes, des Gemütes, der -den Arzt seine idealsten Anschauungen vor seiner jungen -<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a> -Frau sich ergießen ließ, fing eines Tages an, für diese -etwas gleichförmiges zu haben. Diese philosophischen -Ergüsse Hegelschen Gepräges, diese naturwissenschaftlichen -Gesichtspunkte, diese demokratische Begeisterung -wurden ihr – ein ganz klein wenig langweilig.</p> - -<p>Die Zeit hatte das stärkste Vorurteil gegen tiefere -wissenschaftliche oder gar politische Bildung der Frauen. -Man hielt ihnen beides fern, da man beides, Wissenschaft -und Politik, unweiblich fand, und es mußte das -persönliche Bedürfnis eines Mannes vorliegen, eine -Frau zu seinen Interessen heranzuziehen, was ihr die -Ehre verschaffte, hier bisweilen den Schleier gelüftet zu -sehn. Nur schlimm, daß ein persönliches Interesse ein -sachliches, an den Dingen selbst haftendes niemals -dauernd ersetzen kann; schlimm, daß es Wanda Rhode -nach diesen Lüftungen gar nicht einmal gelüstete, daß -sie, weit davon entfernt, sich geehrt zu fühlen, die Geduld, -die sie schließlich bei Anhörung der Vorträge ihres -Mannes entwickelte, ihm wiederum zumutete, indem sie -von den Dingen sprach, die nur sie interessierten. Denn -waren Politik und Medizin ihr gleichgültig, so waren -es ihm Musik und die nachklassische Litteratur, die in -den vierziger Jahren die Litteratur der Gegenwart war: -Heine, die Jungdeutschen und die fremden Romanschriftsteller -der Periode. Aber Verse und Belletristik waren -<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a> -das, womit sich zu beschäftigen für weiblich galt. Und -wie in hundert anderen Fällen, wirkte die künstliche -Scheidung der Interessen, hier unterstützt durch persönliche -Neigungen, langsam als eine Scheidung der Gemüter.</p> - -<p>So empfand man die ersten Enttäuschungen, die -ersten Lücken und die Notwendigkeit, sie anderweitig auszufüllen. -Der Doktor fing an, Bierstuben aufzusuchen, -wo er sich entweder mit Fachgenossen über Trepanationen -des Gehirns und Behandlung von Geschwülsten unterreden -oder mit Politikern über allgemeines und Klassenwahlrecht -erhitzen konnte.</p> - -<p>Ach! Und es ward noch mehr: durch die Geburten -dreier Kinder, von denen zwei ganz jung wieder starben, -ward Heiterkeit in Angst und Schwermut, Freude an -häuslichem Walten in Gleichgiltigkeit, ja – um gemeinen -Mangels willen – endlich in traurige Sorge gewandelt; -Rausch der Herzen wurde zum Grauen, Kraft und Gesundheit -zur Hinfälligkeit und physischen Qual – die -Wiege des Glückes zu seiner Grabstätte.</p> - -<p>Es war immerhin ein Glück, daß Wanda den -Nöten ihrer jungen Ehe eine Elastizität, eine Fähigkeit, -momentanen kleinen Freuden gerecht zu werden, eine -Beweglichkeit des Geistes entgegenzusetzen hatte, die über -diese Nöte ihre raschen, bunten Schleier warf. Ein -<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a> -schönes Gedicht, eine glückliche Melodie, eine lebhafte -Gesellschaft waren im Stande, in ihrem sonst wunderbaren -Gedächtnis zeitweise alles auszulöschen, was -peinlich und quälerisch darin war. Und dieser merkwürdigen -Versatilität ihres Wesens war es dann auch -zuzuschreiben, daß die Naturschönheiten des Berglands, -alle die gefälligen Eindrücke, das Neue der Situation -sie so rasch zu befreien vermochten, als ihre ursprüngliche -körperliche Zähigkeit und Kraft rasch das Siechtum -überwanden, das ihr diesen Wechsel des Aufenthaltes -verschafft hatte.</p> - -<p>So erblühte wiederum ihrer Krankheit neues Leben, -in dem sie Jugend, Frohsinn und Ichgefühl zu herrlichem -Gewinne wiederfand. Freilich zu einem Gewinne, -der nicht mehr im Centrum der Pflicht und der Gewöhnung -lag.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a> -Fünftes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>N</b>achdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, -dämmerte der Morgen nach jener -Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet -war, trübe herauf und brachte einen feinen Sprühregen, -der auffrischte, ohne alles unter Wasser zu setzen.</p> - -<p>Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte -man sie von allen Seiten und sie hatte alle Hände -voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen man -sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden -und feurigen Blicken um sie her Stand zu halten. -Die Männer kokettierten damals noch nicht mit soviel -militärischer Zusammengerafftheit wie heute – die -Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend -und respektvolle Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung -– aber man kokettierte ebenso gern.</p> - -<p>Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war.</p> - -<p>Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden -Seitenpfade verlor, fand es sich, daß er sie -<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a> -dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet hatte. Es -war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte. -Die Badeverwaltung war hier schon mit allerlei -Anlagen vorgegangen, hatte Wege graben, befestigen -und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen -lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen -traumhaft in dem leise wallenden Nebel standen.</p> - -<p>Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb, -versuchend, ihre Gedanken ganz von diesem grünen, -dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese Gedanken, -denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen -suchte. Da trat er ihr in den Weg.</p> - -<p>»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu -einem stummen Reigen an den Händen fassen, um ihrer -Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben Sie, -daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung -weiß und papieren ist und ich den Reigen schon gestern -Abend aufgeführt habe. Ich würde Ihnen die Rolle -zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung erniedrigen -und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in -Ihre verehrten Hände.«</p> - -<p>Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster -Dank schien. »Wie hübsch, daß Sie heute heiter sind,« -sagte sie.</p> - -<p>»Heiter? Glückberauscht!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a> -Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei -zu sprechen und redete endlich allerhand durcheinander: -von dem Badevorstand, der Friederike von Sesenheim -und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für Strumpfwirkerleidenschaften -und Spielhöllen für Domino- und -Lottospieler nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit, -kleine Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen, -und wenn ein paar Spöttereien mitunterliefen, hörte es -sich ihr darum nicht schlechter zu.</p> - -<p>Er war so entzückt und so guter Laune, daß es -ihm sogar gelang, auf ihren Ton einzugehen.</p> - -<p>Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach -die Sonne hervor und durchglomm den weißlichen -Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an den -moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen -und Kiefern herab und glühte in tausend bunten Farben -an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen am Wege, -daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen -Wald ging.</p> - -<p>Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen -wie verzückt, sahen in die Wunderwelt um sich her, -sahen sich an und lächelten.</p> - -<p>Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu -summen. Das hatte etwas wundervoll Feierliches und -Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie begriff, daß -<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a> -sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, -und das Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig.</p> - -<p>»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch -die Blätter und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen,« -sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig. Jetzt -aber – jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, -der alles überloht! Aus <i>es moll</i> über <i>es-dur</i> in <i>e-dur</i>. -Trah – tratatatah!! Das müßten die Trompeten -machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das -Glänzende.«</p> - -<p>»Muß es denn herzzerreißend sein?«</p> - -<p>»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine -Ihnen wohl als ein thörichter Phantast, Ihnen, die Sie -glücklich sind, wirklich glücklich, wie Sie gestern sagten, -und die Sie nicht begreifen können, daß wir abgeschmackt -werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, -daß wir uns sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme -behagen lassen, die uns vielleicht demütigen sollten.«</p> - -<p>Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie -gestern: das Pathos zwischen ihnen ging nicht, sie -mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer leichtbewegten -Natur fiel das nicht schwer.</p> - -<p>»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich -wollte, es machte Sie ein bischen lustig, wie wir hier -zusammen spazieren gehn, während die verzauberten -<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a> -Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite -stehn und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir -kommen, die Sonnenstrahlen sich in schlüpfende Eidechsen -verwandeln, die Wassertropfen rot werden vor Vergnügen -und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort -kommen zwei Phantasten, die denken, sie sind Menschen -wie die andern auch, weil sie auf zwei Füßen gehn und -reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute -sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel -unter ihren Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande -durchaus unmodern sind und sie sich ihrer also -schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht -sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre -Flügel aus und kehren auf ein paar Stunden in ihre -Heimat zurück. Eines Tages aber werden sie kommen -wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den -Philistern erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen -ausrotten und dämpfen mit der Glut ihres Geistes.«</p> - -<p>»Wundervoll!«</p> - -<p>Sie lachte.</p> - -<p>»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei -auf, »das Evangelium verkünden, das die Augen und -Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen werden -und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das -Evangelium von der Kraft und Tugend, die eine Kraft -<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a> -und Tugend ist über alle: das hehre, jubelnde Evangelium -von der Schönheit.«</p> - -<p>»Sie schwärmen.«</p> - -<p>»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie -anbete im Geist und in der Wahrheit, der ich ihrer -Gläubigen demütigster und zugleich ihr Hoherpriester -bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner -Augen und als ihr Blutzeuge sterben wollte, – wenn -Sie es forderten?«</p> - -<p>Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und -voller Schmeichelei für Wanda war nur allzu sehr nach -ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß sie bereits -wieder an der Grenze angelangt waren und daß es -Zeit war, den Ernst zu persiflieren.</p> - -<p>»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum -Opfer dar!‹ Schauderhaft! Ich merke, man ist seines -Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht könnte der -neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen -Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. -Gehen Sie und besänftigen Sie erst Ihr barbarisches -Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre Nähe wage.«</p> - -<p>Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, -ihm ihre spöttischen Grüße hinaufsendend, ehe sie -ganz verschwand.</p> - -<p>Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln -<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a> -und Glückseligkeit aus seinem Gesicht. Halb schwermütig, -halb verwundert starrte er ins Leere vor sich nieder. -Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, -das er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken -und zu empfinden neu und seltsam war. Aber war es -denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der Ekstase -uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie -aus anderem Munde? Daß sie uns bald blind, bald -hellseherisch, heut zu Propheten, morgen zu Gotteslästerern -macht?</p> - -<p>Langsam ging er den Weg hinunter. In einem -leisem Winde rauschten die regenschweren Bäume, -rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder; schwermutsvolle -Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, -weil uns angst wird, daß wir uns selber verlieren, -bis sie sich zu Freudenthränen wandeln in dem -jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn, -Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß -es die Flut unserer Schmerzen ist, in der die Sonne -unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. – –</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a> -Sechstes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>E</b>s war etwa anderthalb Wochen nach jenem -Tage, da Holtei die Salzbrunner Badegäste mit -seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« -entzückt hatte, daß Madame Gernoth und ihre -Tochter wieder einmal im Buchengange lustwandelten, -zwischen sich das Kind führend.</p> - -<p>»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr -hübsches Muster zu einer Strumpfkante gegeben, wie -aus kleinen Fächern zusammengesetzt. <em class="ge">So</em> will ich -Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.«</p> - -<p>»Was wirst Du Dich nur so quälen.«</p> - -<p>»Es soll mir Freude machen.«</p> - -<p>»Wie Du willst, Mutter.«</p> - -<p>»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das -Faßbier, sagt sie. Sie zieht alle vierzehn Tage welches -ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß abscheulich -schmecken, ordentlich giftig.«</p> - -<p>»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a> -»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges -mehr.«</p> - -<p>»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn -Hauswirtschaft denn das Vernünftige schlechthin ist.«</p> - -<p>»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein -Gedichtbuch geborgt, es ist von einem Grafen Strachwitz.«</p> - -<p>»Ach ja, Strachwitz! ›Mein treues Roß, mein Spielgenoß.‹« -Dann ließ sie auch dieses Thema wieder -fallen.</p> - -<p>Madame Gernoth sah sie von der Seite her an. -Wanda lächelte vor sich hin. Eine ganze Zeitlang -gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter verletzt, -die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen.</p> - -<p>An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte, -eine Mutter und drei Töchter, mit denen sie -einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder -außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth:</p> - -<p>»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts -dahinter. Die Krause sagt, sie kaufen die übertragenen -Toiletten einer Baronesse Richthof und suchen Einen -damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen -Dinger! Die und Registrators sind die richtigen -Mexikaner.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a> -»Mexikaner?«</p> - -<p>»Nun – Mexikaner – Magsiekeiner. Der Polowski -machte neulich den Witz.«</p> - -<p>Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie -waren gewiß nicht böse, aber der Spott über die -»Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die -jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als -solche empfinden, wenn wir sie abgelegt haben.</p> - -<p>»Wer ist denn der Polowski?«</p> - -<p>»Ich meine den polnischen Musikanten.« – Wanda -schwieg verletzt.</p> - -<p>»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal -auf, er wird uns gleich wieder begegnen und ansprechen.«</p> - -<p>»Er mißfällt Dir natürlich?«</p> - -<p>»Er hat so was Unmännliches!«</p> - -<p>»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit -nichts als eine Dosis Anmaßung, Brutalität und -– na, was war es denn noch? ja: Treulosigkeit. -Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich. -Dir ist eben keiner recht.«</p> - -<p>Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war -eine kluge Frau, aber Haß und Verbitterung machen -den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre -Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a> -»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das -Kind.</p> - -<p>»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du -noch nicht gehört, wenn der Wind puh, puh bläst, wie -dann die Bäume rauschen und miteinander plaudern? -Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und -tiefe Diener machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken, -sich ihre schönen Blumen hinhalten und sagen: riechen -Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der Herr -Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da! -horch mal! Hörst Du, wie sie jetzt sprechen?«</p> - -<p>»Ja. Hörst Du's auch, Machen?«</p> - -<p>»Jaja. – Freilich, nun wundert's mich nicht mehr, -wenn sie die Tischbeine sich unterhalten läßt und von -den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie ist ein -kleiner Phantast.«</p> - -<p>»Wenn man <em class="ge">das</em> erlebte!«</p> - -<p>»Was, Mutter?«</p> - -<p>»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und -die Carlèn, weißt Du.«</p> - -<p>»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster -und das Bierabziehen haben, und das würde -Dir auch nicht recht sein.«</p> - -<p>Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde -ihr nicht recht sein. Eine ordentliche Frau mußte für -<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a> -so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen -setzen,« sagte sie.</p> - -<p>Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und -setzte es auf die Bank.</p> - -<p>»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter.</p> - -<p>»Eia –«</p> - -<p>»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die -Mutter.</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Mein dunkles Herze lieb dich,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es lieb dich und es bicht,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es bicht und zuckt und verbutet, –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Aber du siehst es nicht.«</td></tr> -</table> - -<p>Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher -Begütigung, was von überwältigendem Effekt war.</p> - -<p>»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt -die Großmutter, während sie doch mit beglücktem -Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust drückte.</p> - -<p>Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu -drollig, so wichtig und ernsthaft. Und zuletzt dieses: -aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie alle beide -das Kind ab.</p> - -<p>»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.«</p> - -<p>»Weiter gar nichts!«</p> - -<p>»O, müssen wir auch alle Kaufmanns- oder Doktorsfrauen -sein? Ich wollte, ich wäre auch Schauspielerin.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a> -»Du bist nicht gescheidt, danke Gott, daß Du einen -guten Mann hast.«</p> - -<p>»Ich spielte das Gretchen oder die Ophelia. Oder -das Klärchen!«</p> - -<p>Und da sprang sie auch schon auf, breitete die Arme -aus, nahm eine zärtliche Miene an und machte ihrer -Tochter Konkurrenz:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Freudvoll und leidvoll,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Gedankenvoll sein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Langen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und Bangen</td></tr> - <tr><td class="tdl">In schwebender Pein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Himmelhoch jauchzend,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Zum Tode betrübt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Glücklich allein</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist die Seele, die liebt.</td></tr> -</table> - -<p>›Laß das Eiapopeia,‹ sagt die Mutter drauf,« fügte -sie bei.</p> - -<p>»Wirklich, ich muß hier auch so sagen,« schmollte -Madame Gernoth.</p> - -<p>»Scheltet mir's nicht, es ist ein kräftig Lied. Hab' -ich doch schon manchmal ein großes Kind damit -schlafen gewiegt. – ›Du hast doch nichts im Kopfe -als deine Liebe,‹ mußt Du jetzt sagen, Mutter.«</p> - -<p>»Ach laß mich.«</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Glücklich allein</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist die Seele, die liebt.«</td></tr> -</table> - -<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a> -Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme -Dich doch! Hier auf öffentlicher Promenade! Es könnte -jeden Augenblick wer kommen.«</p> - -<p>»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: ›da ist -Fenchel für euch und Agley – da ist Raute für euch, -und hier ist welche für mich – ihr könnt nun Raute, -mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel -ist all meine Lust.‹« Oder sonst was:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Und größer als aller Sehnsucht Qual</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ist meine Liebe zu Dir.«</td></tr> -</table> - -<p>»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.«</p> - -<p>»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist -glücklich, wenn Du einmal Verse lesen kannst und dann -schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie treffend! -und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir -letzten Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß -wie gut gefallen. Aber daß in jemandem neben Dir, -daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem Talent -zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner -Achtung wert. Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und -ich halte es kaum aus vor Unruhe.«</p> - -<p>»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas -nicht zu. Wenn jemand zu einer Kunst erzogen ist, das -ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen zur -Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a> -»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen, -Hühnereier zu legen?«</p> - -<p>»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.«</p> - -<p>»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den -letzten Jahren war ich tot, und jetzt bin ich wieder aufgewacht. -Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!«</p> - -<p>»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne -sein wirst, dann wirst Du schon wieder vernünftig werden. -Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher. Geh ein -Stückchen spazieren.«</p> - -<p>Etwas Lieberes konnte Frau Wanda gar nicht -hören. Sie sprang sofort auf und griff nach ihrem -Schirm.</p> - -<p>»Ich gehe da hinunter, auf die Mühle zu.«</p> - -<p>»Da ist es zu einsam.«</p> - -<p>»Bäume und Sträucher thun mir nichts.«</p> - -<p>»Dir nicht, nein,« sagte die Mutter mißtrauisch; -sie hatte vor einer Viertelstunde den Musiker dort hinunter -gehen sehen.</p> - -<p>Madame Gernoth hatte Kreowski sehr auffällig ihr -Mißfallen zu verstehen gegeben, es dünkte ihr unpassend, -daß er die Frauen so häufig ansprach und sie nahm -an den Blicken Anstoß, mit denen er ihre Tochter zu -verschlingen pflegte. Sie hatte ihm das in ihrer gelegentlich -harten Weise gradezu gesagt. Seitdem hielt -<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a> -er sich fern. Aber sie konnte es nicht verhindern, daß -der interessante Pole die Doktorin bei der Brunnenpromenade -ansprach, während sie selbst das Aufräumen -des Zimmers besorgte und das Kind anzog und fütterte, -und sie hatte es nicht in der Gewalt, die Dauer dieser -Brunnenpromenade festzusetzen.</p> - -<p>Mit beflügeltem Schritt machte sich Wanda auf den Weg.</p> - -<p>Warum sie ihn nur liebte?</p> - -<p>Er war eigentlich kein bedeutender Mensch. Er -hatte ein paar hübsche Talente, aber weder das -dichterische noch das musikalische waren stark und umfangreich, -sie gingen zu ausschließlich auf das Lyrische, -und obgleich er hier Schönes und sogar Originelles -leistete, verliehen sie ihm etwas Einseitiges und das, -was Madame Gernoth das Unmännliche an ihm genannt -hatte. Dennoch gefiel er Wanda gerade so, wie -er war. Es war etwas Sanftes und Ehrerbietiges in -ihm, das sie umschmeichelte wie die vollendete Beherrschung -des guten Tones, die er besaß. Er war -freilich kein akademisch-wissenschaftlich gebildeter Mann, -aber dafür sprach er auch nicht mit der Wucht, der -Härte und dem Hyperlogischen dieser Leute, und seinen -Worten fehlte das Verletzende, das eine Meinung zum -Gesetz erheben möchte. Bei alledem war er nicht ohne -Geist und Schwung. Und er liebte sie. Mit dieser so -<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a> -schlecht verhüllten Leidenschaft, in der er sie mit Versen -und Melodieen überschüttete, ohne jemals geradeheraus -zu gestehen, daß sie ihr galten, ein Verfahren, das -ihrem Verkehr das scheinbar Harmlose erhielt.</p> - -<p>Sie schlug den Weg ein, auf dem sie des Morgens -mit ihm zu promenieren pflegte, und es dauerte nicht -lange, so trafen sie sich mit der Unfehlbarkeit, mit der -sich Liebende in den Weg rennen.</p> - -<p>Sie grüßten sich verlegen und gingen ein Stück -schweigend nebeneinander. Es war heiß, und um sie -her wogten die grünen dämmernden Schatten, die ganz -durchwürzt waren von dem herben Duft des Eichen- -und Buchenlaubes, von dem süßen Duft eines blühenden -Buchweizenfeldes, das rötlich in der Sonne lag, -und eines Kleeackers, und ganz durchzückt von zitternden -Sonnenstrahlen, die sie umspielten.</p> - -<p>Manchmal sagte er etwas Kurzes, Gleichgültiges, -dann lächelte sie dazu oder seufzte oder sie gab eine -ganz verkehrte Antwort, deren Sinnlosigkeit er indes -nicht merkte. Warum es nur so ganz anders war, -wenn man einander unversehens des Nachmittags hier -traf, als wenn man des Morgens zusammen herschlenderte? -Warum es so viel verwirrender war? Weil -Sonnenglut sich breitet, wo früh dämmernde kühle -Schatten lagen?</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a> -Auf einer Bank saßen sie ein wenig nieder, und -damit schien er den Mut zu einer Mitteilung zu finden, -die er bisher zurückbehalten.</p> - -<p>»Ich habe einen Brief aus Breslau erhalten,« sagte -er, »und eigentlich in der Hoffnung, Sie vielleicht einen -Augenblick sprechen zu können, bin ich hergekommen, um -Ihnen zu sagen, daß ich – diese Stelle bekomme.«</p> - -<p>»Ach – Sie bekommen sie!« rief sie erschrocken.</p> - -<p>»Ich glaubte nicht, daß es Ihnen unangenehm sein -würde,« sagte er gekränkt.</p> - -<p>Sie schwieg und sah vor sich nieder.</p> - -<p>»Ich – ich hatte gehofft, mich manchmal zur -Dämmerstunde bei Ihnen einstellen zu dürfen. Ich -habe sie so sehr gewünscht, diese Stelle. Deshalb – -Warum sagen Sie nichts?«</p> - -<p>»Es geht nicht.«</p> - -<p>»Es geht nicht? Nicht, daß ich Sie sehe?«</p> - -<p>Sie blickte wie hilfeflehend auf und in die Ferne, -durch eine Durchsicht starrend, zu der das Unterholz -sich lichtete. Ihr Atem ging stark.</p> - -<p>»Es kann ja wohl sein, daß wir uns einmal zufällig -begegnen – denn –«</p> - -<p>»Und warum darf ich nicht zu Ihnen kommen?«</p> - -<p>»Ich kann es Ihnen nicht sagen.«</p> - -<p>Sie saßen ernst und bestürzt nebeneinander.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a> -»Sagen Sie es lieber.«</p> - -<p>»Nun denn: es war einmal an einem dieser Abende -– wo man so ganz zusammenrückt – geistig, gemütlich -– wo man seine Seele so umdreht wie einen -Handschuh – dumm! aber es giebt solche Stunden – -wenn man verheiratet ist – –«</p> - -<p>»Gewiß, natürlich.«</p> - -<p>»Wo man alles so voreinander auskramt: alte Blumen -und Schleifen, ein paar altmodische Ohrgehänge, Schulprämien, -seine Spargroschen, was weiß ich.«</p> - -<p>»Jawohl.«</p> - -<p>»Und wo man sich so allerlei Geständnisse macht –«</p> - -<p>»Zum Beispiel?«</p> - -<p>»Zum Beispiel, daß man – um ein Haar – um -eines Andern willen zurückgetreten wäre – vor der -Hochzeit.«</p> - -<p>Sie stockte.</p> - -<p>Er fragte nicht. Er bog einen Haselzweig zur -Seite, der in den Weg hing und sah sie an.</p> - -<p>»Und dann – sagt man sogar den Namen – eben -des Andern.«</p> - -<p>»Welchen Namen?«</p> - -<p>»Witold von – – nun, jetzt wissen Sie es.« Sie -lachte. Lachte mit dem desparaten Lachen und -sprang auf.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a> -So erhob auch er sich, bleich bis in die Lippen.</p> - -<p>»Und Sie glauben, daß er Ihre Besuche dulden -würde?« setzte sie hinzu.</p> - -<p>»Wenn Sie ihm sagten, daß es heut doch nur – -Freundschaft ist – von Ihrer Seite – auch dann –«</p> - -<p>»Dann würde ich lügen.«</p> - -<p>Kein Wunder, daß er sie jetzt in seine Arme schloß -und küßte. »So glücklich, so grenzenlos glücklich soll -ich sein!« stammelte er.</p> - -<p>Aber sie machte sich los. »Glücklich? ›Mein Lieb, -wir wollen beide elend sein,‹ wird das Programm -wohl eher lauten. Haha!«</p> - -<p>»Lachen Sie doch nicht so schrecklich! Lach' nicht so, -Geliebteste.«</p> - -<p>»›Wem so des Schicksals hübsche sieben Sachen‹ -und so weiter! Um bei Heine zu bleiben. Aber genug -für heute. – Auf morgen! auf morgen! Ich kann -nicht mehr.«</p> - -<p>Und leidenschaftlich riß sie sich los.</p> - -<p>In allem Elend stand er doch mit einem glückseligen -Lächeln und sah sie ihm wieder entfliehen.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a> -Siebentes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>D</b>urch die gardinenlosen Fenster eines Parterrezimmers -fiel ein Sonnenstrahl, der sich eben -noch durch die Lücke zwischen zwei Hinterhäusern -durchzwängte, und beleuchtete das Innere eines -wunderlichen Gelehrtenheims, der Arbeitstube Doktor -Ewald Rhodes. Die eine Wand dieses Raumes war -hauptsächlich von hohen Regalen bedeckt, die ganz mit -Büchern besetzt waren und zwar Büchern medizinischen, -chemischen und physikalischen Inhaltes. Am Fenster -stand ein Bureau, das als Schreibtisch diente und zugleich -verschiedene Instrumente und Chemikalien barg. -Ein ziemlich großer Tisch in der Mitte des Zimmers -war mit Skripturen und Drucksachen bedeckt. Im -übrigen war der Raum vollgepfropft mit allerlei Apparaten, -Werkzeugen und Instrumenten, von denen indes nur -einiges auf der Höhe der Wissenschaft stand, das übrige -überholt und dürftig war, einiges, das der Doktor -<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a> -selber erfunden, geradezu seinen dilettantischen Ursprung -verriet.</p> - -<p>Aber es sind schließlich nicht immer die großen -Laboratorien gewesen, aus denen die gewaltigen Erfindungen -hervorgingen, die berufen waren, der menschlichen -Kultur ein anderes Gepräge zu geben, und oft -genug ist zwischen unbehilflichem Kram die Fahne aufgepflanzt -worden, die weithin flatternd den Völkern -die große Friedensbotschaft verkündete: im Anfang war -die Kraft.</p> - -<p>Doktor Rhode war Armenarzt und hatte einige -Privatpraxis. Wenn diese nicht größer und gewinnbringender -war, so lag das an seiner Ehrlichkeit. Aufs -lebhafteste ergriffen von den Umwälzungen, welche sich -gerade damals innerhalb seiner Wissenschaft vollzogen, -war er nicht Charlatan genug, mit imponierender -Sicherheit aufzutreten, wo neue Entdeckungen die bisher -gültigen Behandlungsweisen in Frage gestellt hatten, und -obwohl er pflichttreu und hilfsbereit war, fühlte sich -ein starker Forschungstrieb in ihm mehr von der -theoretischen als der praktischen Seite der Heilkunde angezogen. -Er träumte eine wissenschaftliche Laufbahn, -die ihm Raum gäbe, den Mängeln der ärztlichen Praxis -Abhilfe zu schaffen, die ihn zu einem der Pfadfinder -machte, wo sie im Dunkeln tappte. Nie hatte es einen -<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a> -größeren Idealisten gegeben, nie einen anspruchsloseren, -der williger Armut und Sorge auf sich genommen.</p> - -<p>Indes, so bescheiden er war, noch nie hatte er das -Zweischneidige finanzieller Beschränkung so hart empfunden -als eben jetzt, da er einer Entdeckung auf der -Fährte zu sein glaubte, die von hoher Bedeutung -werden mußte.</p> - -<p>Man hatte damals angefangen, das Mikroskop für -die Heilkunde zu Rate zu ziehen. Er selbst hatte das -Glas, das ihm gehörte, vielfach benützt, aber es erwies -sich als ungenügend, um bereits Gefundenes nachzuprüfen, -um wieviel mehr, Neues festzustellen. Wollte er weiter -auf dem Felde arbeiten, zu dessen Bestellung er sich -berufen fühlte, war ein besseres Instrument unerläßlich.</p> - -<p>Gute Mikroskope aber sind teuer, und er schuldete -ohnedies Mechanikern und Droguenhändlern Summen, -deren Zahlung ihm Sorge machte. Sollte er diese -Schuld ohne zu wissen, wie sie tilgen, um neue vierzig -Thaler anwachsen lassen? Sollte er, sie herauszubringen, -das häusliche Leben noch karger einrichten, als es schon -war? Das war unmöglich.</p> - -<p><em class="ge">Dann</em> also verzichten.</p> - -<p>Das aber hieß: Wissenschaft, Carriere, geistiges -Streben, Inhalt alles Lebens fahren lassen! Für Kraft -<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a> -und rege geistige Arbeit – dumpfes Tagewerk und -geistiger Tod!</p> - -<p>Seine Seele schrie nach diesem Instrument und das -Verlangen danach wurde zum Heißhunger, der seine -Forderung nicht mehr einstellte und endlich eine fieberhafte -Phantasie in ihm entzündete: sah er doch unter -den geheimnisvollen Gläsern schon Wunder über Wunder -sich entfalten, Dunkel sich auflichten, Wege sich durch -Dickichte öffnen und – fühlte sich dabei angekettet, unvermögend, -diese Wege zu verfolgen; wie wir manchmal -im Traum einem grenzenlosen Glücke nachstreben -und unsere Füße zu Blei erstarrt fühlen. Das Instrument -aber ließ ihn nicht los. Er sah es zuletzt -auf Schritt und Tritt vor sich mit dieser Lockung des -Ehrgeizes, mit der der Dolch vor den Augen Macbeths -in der Luft hing. Er streckte den Arm danach aus, -und es verschwand.</p> - -<p>Schließlich machte der Tod eines älteren Gelehrten -den Fall für ihn zu einem akuten. Aus -der Hinterlassenschaft dieses Mannes war ihm ein -kostbares Glas zu verhältnismäßig niedrigem Preise -angeboten worden, den er jedoch sogleich hätte erlegen -müssen – eine Gelegenheit, wie sie sich ihm -nicht wieder bot. Aber woher auch nur diese -25 Thaler nehmen! Vergeblich zermarterte er sein Gehirn -<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a> -– ihm blieb nur eines übrig: der reiche Schwiegervater.</p> - -<p>Ach! er hatte ihn schon des öfteren angehen müssen -– aber die Kälte und der Hochmut, mit denen dieser -Mann seine bescheidenen Bitten erfüllt, hatten ihn so -gekränkt und empört, daß er sich verschworen, lieber zu -hungern als ihn jemals wieder aufzusuchen.</p> - -<p>Nun – ein Mann hungert allenfalls für Weib und -Kind und hungert auch für seinen Beruf, aber wo -vielleicht ihrer aller Zukunft auf dem Spiele stand, wo -Not leiden vielleicht der Menschheit einen Dienst erweisen -hieß –</p> - -<p>Doktor Rhode beschloß also zu thun, was zu thun -er sich heilig verschworen.</p> - -<p>Als er, sich zu dem sauern Gange aufmachend, noch -einmal vor den Spiegel trat, erschrak er selbst über das -blasse, verstörte Gesicht, das ihm, hager und von scharfen -Linien zerschnitten, von dort entgegensah. Er war dreißig -und sah um ein Jahrzehnt älter aus, ein mittelgroßer, -sehniger, hagerer Mann mit breitgewölbter Stirn, -dunklem Haar, tiefliegenden Augen und einer scharfgeschnittenen -Nase, auf der eine Brille saß: der Typus -des darbenden Idealisten.</p> - -<p>Indem er die Blicke von dem wenig erfreulichen -Spiegelbilde, das seine Not und seine Überarbeitung -<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a> -verriet, wegwandte, fiel er auf den altmodischen Sekretär -seiner Frau, eines der schrankartigen Möbel, das erst -durch eine heruntergelassene Klappe zum Schreibtisch -wird, wobei eine Anzahl Schubladen und in der Mitte -ein abschließbares Verließ bloßgelegt werden.</p> - -<p>Rhode blieb stehen und starrte dieses Möbel an, als -ob es verhext wäre, als ob etwas Lebendiges darin -wäre und mit stummer Sprache zu ihm redete; trat -dichter heran, befühlte es, seufzte, trat wieder zurück, -zögerte nochmals und machte sich dann schleppenden -Ganges auf.</p> - -<p>Langsam ging er die schlechtgepflasterten, unsauber -gehaltenen Straßen hinunter, die meist von schmalen -Giebelhäusern eingefaßt waren, zwischen die sich nur -manchmal ein breites, von Wohlhabenheit zeugendes -Haus schob; vorüber an den bescheidenen Lädchen und -vergitterten Gewölben, in denen es so finster war, daß -Käufer und Verkäufer an die Thür treten mußten, -um die Ware zu behandeln, über die ärmlichen Holzbrücken, -die über die übelriechende Ohle führten, unter -den alten Schwibbögen hindurch und den Eisenketten, -von denen in der Mitte Laternen herabbaumelten. Es -war eine so arme, so klägliche Zeit, es war, als wenn -alles hungerte: nach Brot, nach Licht, nach Freiheit, -nach irgend etwas Großem und Starkem; eine Zeit, in -<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a> -der man seelisch so darbte, daß man sich vieler Nöte -gar nicht einmal bewußt wurde und ihre Übelstände -hinnahm wie Unbilden des Wetters; in der jeder Arbeiter -noch der von der Habsucht eines Herrn ausgepreßte -Sklave, jede Frau noch die Leibeigene ihres -Mannes, tausende von Beamten die Hörigen ihrer Vorgesetzten -waren, ohne auch nur zu ahnen, daß man sie -um ihre Menschenrechte verkürzte.</p> - -<p>Die Straßen, die zugleich die Spielplätze der Kinder -waren, die damit zu Gassenkindern erzogen wurden, und -die Ablagerungsstätten der Fässer und Ballen einer -protzigen Kaufmannschaft bildeten, waren von übelsten -Dünsten erfüllt, die aus den finstern, unsaubern Höfen -herausquollen, von schwerfälligem Fuhrwerk durchschnitten -und von Gruppen Aufgeregter belebt, die unreife -politische Gedanken austauschten. Studenten in -Sammetpekeschen und Cerevis spielten die Rolle moderner -Gigerl und verfolgten mit edler Dreistigkeit, was ihnen -an jüngeren Damen in weitgebauschten Röcken, planwagenartigen -Hüten und karrierten seidenen Spensern -in die Quere kam, während an jeder Straßenecke ein -ausgemergelter Leierkasten: »Denkst du daran, mein tapfrer -Lagienka«, »An Alexis send' ich dich« oder eine -Bellinische Arie zum besten gab. Da man den Segen -von Sprengwagen noch nicht kannte, waren Sonne, -<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a> -Straßenverkehr, Koketterie und Leierkastenmusik in dichte -Staubwolken, wie in einen goldbraunen Nebel gehüllt.</p> - -<p>Als Doktor Rhode das Haus des alten Gernoth -erreicht hatte, eines der stattlichsten Häuser weit und -breit, mit hohen Fenstern und breiten Pfeilern dazwischen, -nahm er einen Augenblick den Hut ab und -trocknete sich die Stirn, sah an den Mauern in die -Höhe und trat ein paar Schritte auf die Treppe zu. -Und ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt des -immer noch schönen Mannes vor sich und dieses hochmütige -Fabrikantengesicht, mit dem er, zugleich ein -Phantast, ein Lebemann und ein »Rotürier«, auf den -mit Sorgen ringenden Armenarzt herabsah, um ihm -danach ein widerwillig gespendetes Geschenk hinzuschieben -– und alles empörte sich in der Seele des -Sprossen eines Jahrhunderte alten Gelehrtengeschlechtes, -eines im Idealismus des deutschen Pfarrhauses Aufgewachsenen, -mit allen Kenntnissen der Zeit gesättigten -Geistes gegen die drohende Schmach. <em class="ge">Den</em> Mann -bitten, diesen Mann, der nicht die Spur von Verständnis -für Aufgabe und Wesen der Wissenschaft -hatte, dessen politischer »Idealismus« nichts war als -die Sucht, eine Rolle zu spielen – den <em class="ge">bitten</em> – er -konnte, <em class="ge">konnte</em> nicht!</p> - -<p>Und langsam, ganz langsam drehte er um.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a> -Aber mit dem Abscheu vor einer unwürdigen Situation -hatte er noch kein Geld. Nun, es würde ihm -wohl ein Gedanke kommen, es mußte ihm ja einer -kommen.</p> - -<p>Er sann und sann.</p> - -<p>Aber es fiel ihm nichts ein. Eine kostbare alte -Bibel, ein ehrwürdiges Familienerbstück, war bereits einer -früheren Kalamität zum Opfer gefallen. Vielleicht fand -er gleichwohl noch etwas unter seinen Büchern. Seufzend -ging er weiter, diesmal den Weg über den großen -Marktplatz, den »Ring,« einschlagend. Ein reicher -Mann, dessen Sohne er kürzlich bei einem Unglücksfalle -Hilfe geleistet, hatte ihm weitschweifig gedankt, aber -seine Honorarforderung unbeachtet gelassen. Schuster -und Schneider konnten mahnen, er nicht. An der -Universität war ein reicher Geheimer Medizinalrat, der -sich mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigte, wie er -selbst. Wenn er ihm seine kleinen Entdeckungen und -großen Mutmaßungen mitteilte, das heißt: verkaufte? -– schimpflich! und thöricht zugleich, denn wozu hätte er -dann noch das Mikroskop gebraucht?!</p> - -<p>Etwas anderes also!</p> - -<p>Auf dem Marktplatz blieb er ein paar Augenblicke -stehen. Die Qual, die ihn bedrückte, war so groß, daß -sie seinen Nerven jene seltsame Eindrucksfähigkeit gab, -<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a> -die die erste Wirkung eines leichten Rausches ist, wie man -sagt: Die Gegenstände vor ihm bildeten nicht ein einheitliches -Ganze, sondern lösten sich von dem gewohnten -Bilde einzeln als scharf umgrenzte ab, das Unauffällige, -Gewohnte wurde neu, befremdlich, ein Gegenstand verwunderten -Nachdenkens. Er starrte auf das Stadtbild, -als habe er es nie zuvor gesehn. Wie unsinnig, Bürgersteig -und Fahrstraße mit hundert geschmacklosen und -ärmlichen Buden einzuengen, an deren Stirnseiten, der -wundervollen altersgrauen Gotik des Rathauses zum -Trotz, in dessen Schatten diese Baracken standen, Schuhe, -Bürsten, Blechwaren und anderer Haushaltungskram -baumelten! Wie unsinnig, Pulverwagen und Schlachtvieh -durch die Straßen zu treiben! Wie verrückt, sich -von diesen Leierkasten, die man oft zu dreien auf einmal -hörte, die Ohren zerreißen zu lassen! Wie ekelhaft diese -Krüppel und Siechen, die sich krückenlos mit den Händen -über das Pflaster schleppten oder jedem Vorübergehenden -ihre Schäden enthüllten! Wie unbarmherzig dieses Anspannen -keuchender Lehrburschen vor schweren Wagen, -wie schrecklich diese Tierquälereien an den überlasteten -Pferden, an den armen kleinen Nachtigallen, deren -Käfige im Sonnenbrand an den Straßenmauern hingen, -und die geblendet waren, um die Nacht zu glauben, -die ihnen ihre Lieder entlockte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a> -Es war soviel Qual in der Welt, soviel Elend!</p> - -<p>Aber ist das ein Trost für die Pein der eigenen -Brust, die der Edle empfindet, der helfen möchte und -nicht helfen kann, weil ihm die Hände gebunden sind? -Ist stumm und ergeben leiden wirklich eine Tugend, -wo seinen Schmerz ausschreien vielleicht ein allgemeines -Leid verständlich machen und ihm Abhilfe verschaffen -heißt, wo die Auslösung der höchsten Energie nicht -bloß ein einzelnes Subjekt – nein! eine ganze empfindende -Welt beglücken könnte?</p> - -<p>Welcher Schmutz, den der Fuß des Wandelnden, -den jeder Windzug aufwirbeln ließ! Wie eine dicke -Wolke zitterte er in der Sonne und stahl sich in die -Lungen, die Augen, die Organe der Ernährung. Welche -mörderischen Stoffe mochten nicht vielleicht millionenfach -durch diese Straßen wirbeln, mit unsichtbaren Dolchen -die Ahnungslosen anfallend. Wer das unter ein Glas -bringen und erforschen könnte, seine Zusammensetzung -begreifen, seine Wirkung festsetzen – müßte der nicht, -dem pythischen Gotte gleich, der Erleger giftiger Drachen, -der Vernichter mörderischen Gewürmes, müßte er nicht, -auch er, ein Heiland der Menschen werden?!</p> - -<p>Ein Hochgefühl, wie es uns bisweilen über uns -selbst erhebt, überkam den Einsamen, den Armen, das -Bewußtsein eines Reichtums an Kräften, der Würde -<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a> -einer Mission, die grenzenlos waren. Und ihm war -das Mittel verwehrt, das diesen Reichtum frei gemacht, -ihn diese Mission hätte erfüllen lassen.</p> - -<p>Da er aus dem warmen Sonnenschein heraus seine -ungastliche Wohnung wieder betrat, umfing ihn ein -Frösteln zwischen den kahlen, feuchten Wänden, das von -Verzichtleisten und Entsagen sprach. Er seufzte. Er -<em class="ge">wollte</em> nicht verzichten. Er ging aus einem Zimmer -in das andere, aus der mit bescheidenen Kirschbaummöbeln -ausgestatteten »guten Stube« in das noch bescheidenere -Wohnzimmer, von dort in das Schlafkabinett, -in die Studierstube und wieder zurück und sah sich -überall um, als erwarte er, ihm bis dahin unbekannte -Wertsachen irgendwo aufgestellt zu sehn, zog da und -dort eine Schublade auf, als könne seine Frau dort Gelder -zurückgelassen haben, sie, die so sorgfältig und sparsam -war, und schob sie wieder zu.</p> - -<p>»Sparsam!«</p> - -<p>Wer hatte denn das Wort ausgesprochen? Es war -ihm, als ob in einer der dämmernden Ecken ein Gespenst -gestanden, das es gehaucht.</p> - -<p>Ja, sie war sparsam. Gewiß, sehr sparsam. Ohne -ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit hätten sie überhaupt -nicht haushalten können.</p> - -<p>Schon als Mädchen war sie immer thätig und -<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a> -sparsam gewesen. Es mochte etwas von dem Kaufmannsgeist -ihrer Eltern in ihr sein. Er selbst war -nicht so sparsam. Oder doch in anderer Weise. Er -war anspruchslos, beinahe bis zur Bedürfnislosigkeit, -das konnte er von sich sagen, ohne zuviel zu behaupten, -aber er konnte es einem andern nicht abschlagen, wenn -er ihn dringend um ein Darlehen oder eine Unterstützung -anging, und hatte manchen Groschen auf diese Weise -hingegeben, den er hätte festhalten sollen.</p> - -<p>Aber <em class="ge">sie</em> war so sparsam.</p> - -<p>Und damit glitten seine Finger leise über die Klappe -des Sekretärs, die fest verschlossen war.</p> - -<p>Dann trat er seufzend an das Fenster und sah hinaus. -Es war nicht sehr belebt draußen. In Gedanken -sah er Wanda die Straße heraufkommen mit dem Kinde -an der Hand, ganz deutlich sah er sie. Und eine starke -Sehnsucht ergriff ihn.</p> - -<p>Wie sehr er sie liebte!</p> - -<p>Und sie liebte ihn. Nicht ganz so, nicht so leidenschaftlich, -nicht mit dem Stolz auf ihn, den er empfand, -sie zu besitzen, nicht mit der Sehnsucht, die ihn oft mit -Unruhe erfüllte, aber sie liebte ihn doch, und wie teilnehmend -und unglücklich würde sie sein, wenn sie wüßte, -in welcher Bedrängnis er sich befand.</p> - -<p>Er zweifelte nicht im mindesten daran, daß sie alles -<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a> -aufbieten würde, ihm zu helfen, wenn sie könnte, zweifelte -nicht, daß ihre Anhänglichkeit für ihn im Grunde genommen -dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug. -Ach! dieser kluge und geistvolle Mann täuschte sich bitter -über ihre Empfindung, über ihre ganze Lebensstimmung. -Er hatte keine Ahnung davon, daß Wanda zu den -Naturen gehörte, die ermüdend und erlahmend in dem -traurigen Einerlei eines ärmlichen Lebens, beständig -umworben und neuerobert werden wollen, um wirklich -besessen zu werden, die etwas von dem Idealismus anbetender -Zärtlichkeit verlangen für die Hingabe ihrer -Person und ihrer Ideale. Er nahm an, daß für -Wanda eheliche Liebe Identitäts- und Solidaritätsgefühl -sein müsse, wie er sich einredete, daß sie es für ihn war, -für ihn, der ihr nichts von seiner Persönlichkeit geopfert -und der immer nur genommen, wo sie gegeben hatte. -Er ahnte nichts davon, daß sie sich in der letzten Tiefe -ihrer Seelen fremd waren, daß Wanda nicht einen -Funken mehr Verständnis oder Ergebenheit hatte für das, -was ihn erfüllte, als er für ihre Interessen, ja daß in -dieser Tiefe sogar ein unversöhnlicher, wenn auch ganz -abstrakter Gegensatz lebte: Der zwischen Begreifen und -Empfinden, zwischen Wissenschaft und Poesie.</p> - -<p>Er glaubte einfach, daß sie ihn liebte und bereit -sein müsse, alles für ihn zu opfern. Es war sein Unglück, -<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a> -daß er so oft etwas glaubte, was nicht war, daß -er, die Schärfe seines Verstandes in einseitiger Richtung -zuspitzend, in manchen moralischen Dingen so konventionell -dachte, so auf der glatten Oberfläche blieb.</p> - -<p>Die Naturwissenschaft war in den vierziger Jahren -noch nicht das, was sie später wurde. Sie war noch -eine tastende, schüchterne Disciplin, die noch keinen Einfluß -auf das allgemeine Denken gewonnen, der Menschheit -noch nichts von dem großen Positivismus geraubt -hatte, der so bequem war. Man hielt noch auf -»Systeme.« War es doch so verführerisch, die Welt -sich wohlgeordnet und gut zusammengeklappt in die -Tasche zu schieben und seiner Wege zu gehn. Freilich -war es auch gefährlich; etwa, als wenn sich einer eine -wohlverschraubte Granate in die Tasche steckt. Es giebt -Momente, wo die schönsten Begriffe krepieren.</p> - -<p>Zu den unerschütterlichen Voraussetzungen, die der -Doktor hegte, gehörten seine Anschauungen über »das -Weib.« Dieser Periode war das Weib etwas an sich, -ein Typus, eine Summe von einigen Eigenschaften, die -es dem Mann bequem und angenehm machten, und -einigen andern, die als das Rätselvolle oder Launenhafte -oder Unergründliche in Bausch und Bogen hingenommen -wurden. Die Mühe, die Gesetze von Ursache -und Wirkung, die man anfing auf Natur und Geschichte -<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a> -anzuwenden, auf das Weib auszudehnen, gab sich -kein Mensch. Das Weib war eben reizend und tugendhaft -und verständig oder es war das alles nicht. In -jedem Falle war es ein der Leitung so dringend -bedürftiges Geschöpf, daß es durchaus unter die Vormundschaft -des Mannes gestellt und diesem die Verfügung -über Besitz und Erwerb der Frau zuerkannt -blieb. Das Weib war Mittel zum Zwecke »Mann« und -an sich – das Urbild der Schwäche.</p> - -<p>Doktor Rhode hing mit Zärtlichkeit an seiner Frau -und war sogar durchaus das, was man einen Gemütsmenschen -nennt. Aber wir haben unsere stärksten, -zartesten und wärmsten Empfindungen doch immer nur -auf dem Boden unserer allgemeinen Anschauungen. Und -so sehr Rhode seine junge Frau liebte, – daß sie eine -Person war, auf die er <em class="ge">alle Rechte</em> habe, physische, -seelische, materielle, moralische, das war ihm doch über -allen Zweifel erhaben. Und weil es ihm nebenher -durchaus zweifellos war, daß sie eine ebenso tugendhafte -als schöne und begabte Frau sei, und daß -eine tugendhafte Frau für ihren Mann alles thue, -ihm alles hingebe, weder Geheimnisse, noch Besitztitel, -noch irgend etwas neben ihm habe noch haben -wolle – begriff er auf einmal nicht, wie er so -lange hatte zögern können, nach einer Hilfe zu greifen, -<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a> -die äußere, gesetzliche Mittel ihm ohnedies zuwiesen.</p> - -<p>Und da mit einem Male holte er seinen Schlüsselbund -und ein Brecheisen und ging völlig mit der heiteren -Miene des guten Rechtes daran, die Klappe des Sekretärs -zu öffnen. Es gelang mühelos, und ebenso leicht -gaben das Schloß des Mittelverließes und das Vorhängeschlößchen -an der Sparbüchse nach, aus der er -mit einem Laut der Befreiung eine Handvoll Geld in -die daneben stehende kleine Korbschwinge schüttete. Es -waren übrigens zwei Dukaten und dreiunddreißig Thaler -Silbergeld.</p> - -<p>Eine Stunde später war das ersehnte Mikroskop in -seinem Besitz.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a> -Achtes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>D</b>en folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief -von ihrem Gatten, der sich von den bisherigen -auffallend unterschied.</p> - -<p>Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht, -wie es ihm ging, was für Krankheitsfälle er behandle, -ob er gute oder schlechte Resultate bei seinen -Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen -in der Bekanntschaft, die sie etwa interessieren -konnten, Fragen nach dem Befinden der Frauen und -des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich -und humorvoll.</p> - -<p><em class="ge">Dieser</em> Brief hatte einen anderen Charakter. Er -war von einer unruhevollen Zärtlichkeit, von Sehnsucht -nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange und zu sehr -entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen, -frohen Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim -auch wieder gefallen werde. Er enthielt außerdem eine -tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der ehelichen -<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a> -Interessen, ja über den sakramentalen Charakter -der Ehe, der das Gebundensein der Geister und Herzen -heilige und alles, was sonst unerlaubt oder verletzend sei, -in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet mache; -eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern -sogar von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete -etwas Gedrücktes und Leidenschaftliches zugleich -aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte ihm -durchaus.</p> - -<p>Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das -stärkste bewegt war, noch mehr. Ihr Herz wurde von -dem heftigsten Zwiespalt gefoltert. Pflichtgefühl und -warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der -einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer -starken jungen Empfindung nach der andern. Abwechselnd -warf sie sich bald dem einen, bald dem andern -Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit -nicht mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend -hätten wirken können, sondern noch verschärfend -mit der Kraft leidenschaftlicher und phantasievoller Naturen, -jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der -Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen. -Denn es war ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie -<em class="ge">einmal</em> das Glück dichterischen Ausdrucks ihres Empfindens -genossen, die Wallungen ihres Herzens in -<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a> -Versen auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und -Lenau, sondern irgend einer Kraft in sich selber verdankte. -Und obschon sie die merkwürdige, ihr zuerst -geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft -für den Ausdruck so groß sein kann, daß dieser -die eigenen Empfindungen derartig übertreibt, daß er -anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem -Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges, -so kam es ihr doch gar nicht in den Sinn, Wendungen -dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das -dichterische Gesetz und verfuhr darnach.</p> - -<p>Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur -Verräterin werden. Madame Gernoth kam von einem -Ausgange heim, als Wanda eben den Klang einiger -Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und -ab, wiederholte eine Zeile mit einer kleinen Abänderung, -kehrte zur ersten Form zurück und trug das Gereimte -schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden -vor:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Klingende Weisen, tönet</td></tr> - <tr><td class="tdl">Über mir! Duftet, o Rosen!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schatten der Dämm'rung, versöhnet</td></tr> - <tr><td class="tdl">Grelle des Tags! Mit losen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Duftigen Schleiern decket</td></tr> - <tr><td class="tdl">Angst und lastende Plage,</td></tr> - <tr><td class="tdl">All was die Seele schrecket:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Not und ringende Klage.</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ganz mit duftigem Schleier, - <a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Wallend in seliger Fülle,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mir zur einsamen Feier</td></tr> - <tr><td class="tdl">Holden Abends umhülle</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dämmerung den grämlichen Tag!</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Höher als strebende Mühen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Höher als alles Vollbringen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Stolz in der Tugend Erglühen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Höher als Kraft und Gelingen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Froher als heitere Feste,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Jubelnder als das Entzücken</td></tr> - <tr><td class="tdl">Fröhlich gescharter Gäste,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Glänzend in all ihrem süßen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Elende wandelt in Wonne,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wandelt auf seligen Füßen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Leuchtender noch, als die Sonne,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Liebe den blumigen Pfad.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Klingende Weisen, tönet</td></tr> - <tr><td class="tdl">Über mir! Duftet, o Rosen!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schatten der Dämmerung, versöhnet</td></tr> - <tr><td class="tdl">Grelle des Tags mit losen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Duftigen Schleiern, denn selig</td></tr> - <tr><td class="tdl">Öffnen sich schimmernde Pfade!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Über mir unwiderstehlich</td></tr> - <tr><td class="tdl">Himmlisches Wolkengestade!</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und meine Seele, der Sonne</td></tr> - <tr><td class="tdl">Gleich, der einsam beglückten,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wandelt in jauchzender Wonne</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wolkenhin, wo Entzückten</td></tr> - <tr><td class="tdl">Liebe schmücket den Pfad.</td></tr> -</table> - -<p>Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene -voll von Zorn, Vorwürfen, Klagen und Leidenschaftsausbrüchen, -<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a> -deren Resultat aber doch war, daß Wanda versprach, -dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben, -in dem sie ihn endgültig verabschiedete.</p> - -<p>Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse -Stunden, schließlich bereitete er Wanda aber sogar eine -gewisse Genugthuung und zwar nicht nur wegen des -tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern -– wie sie nun einmal war – wegen der geistreichen -schriftstellerischen Leistung, die er nebenher bedeutete.</p> - -<p>Und eine zugleich moralische und briefschreiberische -Leistung war auch die Antwort, die sie ihrem Manne -zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen, verschwieg -der Brief alles, was zu verschweigen gut that, -beantwortete das ethische Pathos des Doktors mit einigen -passenden Wendungen ernsten Stiles, die mehr beistimmender -als eingehender Natur waren, und gab launige -Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über -das Kind, die dem Doktor Freude machen mußten.</p> - -<p>Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich -selbst und die Klugheit ihrer Briefe, die sie sogar -Frau Gernoth unterbreitete.</p> - -<p>Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte -und in korrekter Pflichterfüllung zufriedene Dame über -das Verhalten ihrer Tochter empfand, war es ihr nicht -ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner -<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a> -Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe, -in einem beständigen Stimmungswechsel zubrachte, -in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau Florentine -endlich die Abreise beschleunigen ließ.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a> -Neuntes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>E</b>ine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein -Vergnügen. Die Bediensteten, selbst von oben -her schlecht behandelt, waren von der Kulanz -mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen -»Coupees« mit Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation -wurde durch zugige Fenster besorgt; sich vor -dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war -ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den -Strahlen der die Wagen durchglühenden Sonne zu finden -ebenso; Wartestuben und Perrons waren finster und -zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das -Reisen war kein Vergnügen, und es war außerdem eine -Fährlichkeit. Die Notizen über umgeworfene Postwagen -und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf -die die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel -Sicherheit rechnen konnten, wie heute auf gestrandete -Fahrräder und abstürzende Alpenfexe.</p> - -<p>Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen -<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a> -überhaupt endlich wieder zu haben, er atmete auch auf, -sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen. In dem -flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit -des Perrons ein paar unsichere helle Streifen -sandten, und durchrüttelt von einer Postfahrt von zwei -und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den -blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das -Resultat ihr Badekur gelten konnten, nicht viel zu -merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere Augen -und frischere Lippen und war – ach! so unglaublich -schön, schöner als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen.</p> - -<p>Auch der Schwiegermama war der Aufenthalt bestens -bekommen. »Potztausend,« rief er ihr zu, »Sie sind -wieder jung geworden, Großel!« Nun, Madame Gernoth -war achtundvierzig Jahr, man hört so etwas auch dann -noch gern. Und damit nahm er ihr das sorgsam in -Tücher gehüllte, schlafende Etwas ab, das sie auf dem -Arm trug, während ein mürrischer Packträger sich des -Handgepäcks bemächtigte, das die junge Frau hinauslangte.</p> - -<p>»Gott sei dank, daß ich Euch wieder hab, ich hab -es schon kaum mehr ausgehalten!« Und abwechselnd -preßte er das schlafende Packet an sich, die junge Frau -und ein klein wenig Madame Gernoth.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a> -»Nun, was Sie anbetrifft, lieber Rhode,« sagte diese, -»so sehen Sie nicht besonders gut aus.«</p> - -<p>»Es war so heiß in der Stadt und ich habe viel -gearbeitet.« Inzwischen wurde es in dem Tuche lebendig. -»Mein Klärchen, bist Du denn munter, mein geliebtes -kleines Mädel?«</p> - -<p>Das Kind richtete sich auf und sah den Mann, der -es trug, erschreckt an. »Kennt mich mein Klärchen -nicht mehr?«</p> - -<p>»Wenn wir nur erst aus dem Gedränge wären!«</p> - -<p>Inzwischen schien sich die Kleine völlig ermuntert -und besonnen zu haben.</p> - -<p>»Der Papa!« sagte sie und legte die Ärmchen um -seinen Hals.</p> - -<p>»Sag' doch Papa das Verschen, das Du gelernt -hast, das hübsche Willkommenverschen für Papa. ›Wir -haben sieben, Klärchen, sieben echte.‹«</p> - -<p>»Ach, laß sie doch,« bat Madame Gernoth. Aber -Rhode sah das Kind zärtlich aufmunternd an.</p> - -<p>Da versteckte es das Köpfchen an den Hals des -Vaters, und ganz leise und verschämt, als mache es -ihm eine Liebeserklärung, stammelte es:</p> - -<p>»Wir haben sieben echte Rippen und fünf falße, -und vierundzwanzig Wurbel.«</p> - -<p>Dem Doktor traten die Thränen in die Augen vor -<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a> -Entzücken über diese Leistung und über die originelle -Aufmerksamkeit seiner Frau, indes Wanda in ein helles -Lachen ausbrach und Madame Gernoth mit einer Miene, -die zugleich Mißbilligung und Stolz war, räsonnierte:</p> - -<p>»Was sie dem Wurme alles beibringt, Rhode, das -müssen Sie gar nicht leiden.«</p> - -<p>Nachdem er die Schwiegermama mit ihrem Gepäck -in eine und Frau und Kind in eine andere Droschke -untergebracht hatte, war dem Doktor erst wohl. Er -hielt das Kind auf seinem linken Knie und die Frau -mit dem rechten Arm umschlungen, küßte beide abwechselnd -und fragte wohl zehnmal, ob sie ihn noch -lieb habe und ob sie gern wiedergekommen sei. Sie -sagte immer ja und rührte sich nicht, halb froh und -halb beklommen, wie sie war.</p> - -<p>Zu Hause fand sie alles freundlich gesäubert, Gardinen -und Decken blühend weiß, Rosen auf dem Tisch -inmitten einiger appetitlichen kalten Schüsseln und ein -Paar niedliche Hausschuhe als Willkommensgabe. Sie -betrachtete alles mit den forschenden interessierten Blicken, -mit denen wir uns, von einer Reise zurückkehrend, -wieder heimisch machen, allerlei Dinge, die ein Teil von -uns und uns halbfremd geworden sind, wieder in Besitz -nehmend. Es war alles dürftig, aber es war ihr eigen -und das kleine Königreich, in dem sie herrschte, und sie -<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a> -liebte jedes Stück daran, jede dieser bescheidenen Provinzen, -die es ausmachten.</p> - -<p>Mit einer Art Neugier lief sie in den beiden Vorderstuben -hin und her, fing an von Salzbrunn zu erzählen, -lachte und scherzte, schwatzte von den Wirtsleuten -und ihrem dummen Jungen, der noch keine zwei Worte -reden könne, von der Kaufmannsfrau aus Grünberg, -die wie ein gemästeter Frosch aussähe, und einem Domherrn -aus Brünn, den sie immer den Dompfaff oder -Gimpel und seinen Rheumatismus den Gimpelschmerz -genannt hätten:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Du bist ja hold den Gimpeln</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und heilest Gimpelschmerz,«</td></tr> -</table> - -<p class="in0">– von den zwanzig Toiletten der Baronesse Neudorf, die -eine so steife, langweilige Person gewesen sei, daß sie -ihr den Spitznamen die Säule gegeben, und die wohl -Goethe noch gekannt haben müsse:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Kleid eine Säule –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sie steht wie ein Fräule.«</td></tr> -</table> - -<p>Aber eigentlich brauchte man nicht Goethe gewesen -zu sein, um einen solchen Vers zu dichten.</p> - -<p>Dann machte sie sich über das Abendbrot her, behauptete, -der Schinken, der nicht scharf genug gepökelt -war, rühre seiner Blässe halber von einem Eisbären -her, der sich ihn mürbe gedrückt, als er auf einer Eisscholle -<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a> -um den Nordpol Karussell gefahren, sprang dann -auf und zeigte, wie die Polen den Mazurek tanzten und -wie die Kolmeika.</p> - -<p>»Die Kolmeika?« fragte er.</p> - -<p>»O das ist auch so'n polnischer Tanz. Paß mal auf!</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Die Kolmeika tanz ich gern</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit dem gewissen jungen Herrn,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Doch am liebsten ist es mir</td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit dem schönen Gard'off'zier.«</td></tr> -</table> - -<p>»Eine prachtvolle Hopserei und ein geistreicher Text,« -sagte er lachend.</p> - -<p>»Ach, da war ein Graf Borinski – der tanzte das -zum Küssen. Ein netter Mensch, der sich fürchterlich -in mich verliebte. Als ich sagte, daß ich Frau Doktor -Rhode wäre, wurde er ganz blaß und hat noch acht -Tage lang vor unsern Fenstern getoggenburgert.</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Und so saß er, eine Leiche,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Eines Morgens da, juchhe!«</td></tr> -</table> - -<p>Sie lachte hell auf. Aber es war kein ganz freies, -es war ein nervöses, fieberiges Lachen.</p> - -<p>»Ach, fast hätte ich mein Mitbringsel vergessen!« -Sie sprang wieder auf, suchte da und dort: »Die -Tasche?«</p> - -<p>»Die legt' ich ins Schlafkabinett« –</p> - -<p>»Ach dort!« und rannte hinaus.</p> - -<p>Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers -<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a> -kam, das von einer kleinen Nachtlampe weniger erhellt -als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt war, -blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie -auf einmal die Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden -ihres Lebens. Hier waren ihre drei Kinder geboren -worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und -Zuckungen wieder gestorben.</p> - -<p>Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der -Ekel, all die Pein dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit -auf. Wie gräßlich der langsame Verfall, das -wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes, -das eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen -Greise als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie -gräßlich diese wächsernen, spinnenartigen Glieder, die sich -in Krämpfen wanden, bis der Tod sie grauenvoll -streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in -der sie dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung -gerungen. Und im nächsten Jahre eine dritte, diesmal -eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft und -Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der -Tod dieses jungen Lebens, jäh, unerwartet, unter -Zuckungen der blühende kleine Körper hingemordet von -dem scheußlichen Würgengel Cholera.</p> - -<p>Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser -Schwelle erinnerte! Wie deutlich der Dunst von -<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a> -Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven verletzenden -Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte -und sich mit der Erinnerung an gellendes Geschrei, -Stöhnen und Wimmern vermischte. Wie deutlich -das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den -Dämmer der schmauchenden Lampe fiel und die Bilder -des Todes beleuchtete, indessen ihr eine krasse Kälte -die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl -war, als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht -und zerrissen.</p> - -<p>Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder -streckte Natur ihre Hände nach ihr aus, verführerische, -trügerische Hände der Zärtlichkeit und des Verlangens, -um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu -zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen -Körper schüttelte.</p> - -<p>Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den -Frauen zu gehören, deren Nerven ein zu gutes Gedächtnis -haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern -zu qualifizieren.</p> - -<p>Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so -– dieses Glas, das sie Ewald mitgebracht – und für -das die Sparbüchse die Groschen erst noch hergeben -sollte, die Frau Gernoth ausgelegt – dieses Glas – -– da in der Handtasche! So!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a> -Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der -Nachtlampe einen Augenblick hineinfallen. Es war ein -schönes Krystallglas, das den gelblichen Schein dort -glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben brach. -Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in -unserer Seele, die so schwach und zugleich so mächtig -sind, fielen ihr die Zeilen ein:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»– und Glanz und Wonne</td></tr> - <tr><td class="tdl">Umfluten strömend mich,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich habe Dich gefunden,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und jauchzend lieb' ich Dich.«</td></tr> -</table> - -<p>Was mochte ihr Dichter jetzt eben treiben, wo weilen, -wie ihrer denken? Vielleicht über seinen Kompositionen -ihrer vergessen! Immerhin Glück genug – indes sie -ihn vergessen mußte über diesen »ehelichen Pflichten.«</p> - -<p>Inzwischen saß Rhode mit glücklichem Lächeln am -Tische. So, ganz so war sie als junges Mädchen gewesen: -so sprudelnd, so übermütig und von dieser sieghaften, -leuchtenden Schönheit, mit der sie ungezählten -Herzen gefährlich geworden, mit der sie das seine entzündet -und es eben von neuem in hellste Flammen gesetzt, -so daß nur noch eins in ihm war: Zärtlichkeit -und Verlangen nach ihr.</p> - -<p>Wo blieb sie nur?!</p> - -<p>»Wanda?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a> -»Ja.«</p> - -<p>Blaß, niedergeschlagen, mit einem seltsamen Ausdruck -auf den Lippen, trat sie herein, setzte das Glas -vor ihn hin, sank auf einen Stuhl und brach in heftiges -Schluchzen aus.</p> - -<p>»Herr mein Gott, was ist Dir denn geschehen?«</p> - -<p>»Nichts.«</p> - -<p>»Nichts?! Du mußt doch einen Grund haben, sprich -doch, rede doch!« drängte er zärtlich.</p> - -<p>Da hielt sie nicht länger zurück.</p> - -<p>Er legte die Hände auf den Rücken, trat ans Fenster -und rang mit unsäglicher Qual und Bitterkeit.</p> - -<p>»Ich will fort,« schrie sie. »Ich will wieder fort, -ich will das nicht wieder!«</p> - -<p>Welcher Fluch, einer heißgeliebten Frau mit seiner -Liebe selbst zum Gegenstande der Furcht und des -Grauens zu werden! Und was sollte er sagen? Als -ob es sich nicht um Unabänderliches gehandelt hätte, -nicht um etwas, in dem er machtlos war, in dem geknickter -Mannesstolz, Mitleid, Wunsch, ihr alles zu -Liebe zu thun, <em class="ge">nichts</em> waren – gegen den Willen der -Natur! Was sollte er überhaupt nur sagen? Vielleicht, -wenn sein Gemüt nicht belastet gewesen wäre mit diesem -Eingriff in ihren kleinen Besitz – so gern er diese Last -wegräsonniert hätte mit der Wendung von der ehelichen -<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a> -Solidarität, sie war dennoch da und drückte ihn – -vielleicht, daß er dann gute, treue, würdige Worte zum -mindesten gefunden hätte, die ihr das Unabänderliche -erleichtert hätten!</p> - -<p>Aber so fand er sie nicht.</p> - -<p>Wanda schluchzte weiter.</p> - -<p>»Fort! wieder fort möcht' ich!«</p> - -<p>»Aber wenn ein Mädchen heiratet, weiß sie doch –«</p> - -<p>»Nichts weiß sie. Nichts!«</p> - -<p>Fort! Und ihre Gedanken kehrten zurück unter die -grünen Laubgänge, durch die die Sonne golden leuchtete, -ein sanfter Wind tausend Blütendüfte hauchte, das -Rauschen und Murmeln plätschernder Quellen klang -und die Liebe auf sie wartete, eine Liebe, an der alles -Zartheit, unterdrückte Glut, alles Langen und Bangen, -ein stilles frohes Miteinander der Seelen, ein lautloses -Verstehen und süßes Begreifen war.</p> - -<p>Als ob irgend eine Liebe der Welt ewig das alles -bleiben könnte! Als ob Liebe nicht auf unser aller -Wege in leuchtenden Feierkleidern träte, blumengeschmückt -und die Hände voll seliger Gaben und, sobald wir sie -nur an unser Herz genommen, Werkeltagsgewänder anlegte -und Opfer über Opfer von uns verlangte für jedes -überirdische Glück, das sie wie zum Geschenke uns gereicht!</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a> -Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke.</p> - -<p>Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang, -Sonnenschein und junge Liebe vor ihr aufleben ließ, -tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten Menschen -diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten -Augen und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken -auf, mit den festgeschlossenen Lippen, die sich gewöhnen -müssen, die Enttäuschung, den Harm und die Sehnsucht -zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt -hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen« -begegnete.</p> - -<p>Ehelos durch das Leben gehen – nein, das war -das Entsetzlichste. Das war noch entsetzlicher als Kinder -gebären und wieder begraben. Das dünkte ihr so schrecklich, -daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele -dem unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte. -Welcher Mann wäre nicht aus dem Geliebten endlich -der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf -der Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört, -die verdirbt, um zu schaffen, und den sonderbare -Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten und -barmherzigen Gottes nennen!</p> - -<p>Gleichviel: es war so.</p> - -<p>»Ewald!«</p> - -<p>»Wanda.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a> -Einen Augenblick sahen sie sich stumm verlegen in -die Augen. Rhode blickte völlig verstört drein. Er trug -so grenzenloses Verlangen nach ihr, grade, weil er sich -schuldig vor ihr fühlte und Indemnität in ihrer Liebe -finden wollte.</p> - -<p>Und Wanda sah dieses bis zur Leidenschaft gesteigerte -Verlangen neben ihr, in diesem Heiligtum von -ehelichem Heim, in Beziehung gesetzt mit dem Leben, -das nun einmal ihr Leben war und – ist es nun so, -daß Liebe im menschlichen Gemüt überhaupt etwas <em class="ge">für -sich</em> ist, eine subjektive Veranlagung, obschon sie mit -allen Wurzeln in der Natur ruht, und daß neben diesem -»für sich« das Objekt Nebensache sein kann – war -es, daß speziell in Wanda Rhode's beweglicher Natur, -der das Präsente immer eine Macht war, eine solche -Möglichkeit zu raschem Wechsel gegeben war – als -der Doktor sie mit Thränen der Qual und Erregung -in den Augen anstarrte, geschah es, daß sie auf ihn -zueilte und die Arme um den Hals des Mannes schlang, -der sie leidenschaftlich umschloß. –</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Äußerlich richtete sich ihr Leben wieder ein, wie es -gewesen: Sprechstunden, Krankenbesuche, Bierhaus oder -politisches Radaulokal – Hauswirtschaft, Pflege des -Kindes, ein wenig Musik und Lektüre, Besuche bei Verwandten -<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a> -und Gevatterinnen. Dazwischen gemeinsame -Mahlzeiten, ein Spaziergang, eine kleine Besprechung -oder ein Scherz. Keine rechte geistige oder seelische Verschmelzung -so wie im ersten Jahre ihrer Ehe, als eheliche -Gemeinschaft nichts als diese Zärtlichkeiten, die -schließlich mit zum Abhaspeln der Tagesgeschäfte gehörten -und, weil sie nichts als Sinnenbefriedigung waren, der -jungen Frau die gräßliche Auffassung der Ehe als einer -legalisierten Prostitution und damit ihrem Denken einen -frühzeitigen Cynismus gaben. Das ganze Beieinander -übrigens glatt, flüchtig, freundlich, geschäftig, wie es -eben kam.</p> - -<p>Und bei alledem eine Schwüle, die sie einander nicht -eingestanden, die sie hinweglogen mit einem prahlerischen -Eifer, der auf der Grenze zwischen Heroismus und -Heuchelei steht, und sie ahnungslos ließ, daß auch das -<em class="ge">andere</em> etwas auf dem Herzen habe, das es manchmal -einzugestehen wünschte und sich doch scheute. So näherte -sich zuweilen ein Entschluß zu freimütigem Bekenntnis: -»Diese Spargroschen – verzeihe mir« – oder zu heißer -Bitte: »Hilf mir mit Deiner Liebe, das Bild eines andern –« -der Thür des Gatten und ließ die Worte dann doch -an der Schwelle liegen.</p> - -<p>Endlich fand Wanda eines Abends doch den Mut; -an einem der immer seltener werdenden Abende, an dem -<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a> -der Doktor einmal zu Hause blieb – und sie warf die -Bemerkung hin, daß sie Kreowski in Salzbrunn getroffen -habe.</p> - -<p>»Kreowski?«</p> - -<p>Die Miene des Doktors verfinsterte sich sofort. -»So? Dieser ›beschlittete Pollacke‹ war dort?«</p> - -<p>»Beschlittete Pollacke?« Sie lachte nervös.</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Ich habe ihn immer nur zu Fuß gesehen, kann -mir auch nicht gut denken, daß er hinter meinem Rücken -in den Hundstagen durch die Wälder, durch die Auen -Schlitten gefahren sein sollte. Übrigens,« fügte sie eifrig -hinzu, »spricht er deutsch, ist in Deutschland geboren, -macht deutsche Verse und deutsche Musik und erklärt sich -selbst für einen Deutschen.«</p> - -<p>»Richtigen Patriotismus haben solche Bursche nie -im Leibe, die in Schnurröcken herumlaufen.«</p> - -<p>»Allerdings treibt er weder groß- noch kleindeutsche -Politik,« sagte sie gereizt, denn der ›Bursche‹ ärgerte sie.</p> - -<p>»Ich weiß bloß, daß der Mensch – Musikant war -er ja wohl – trotz seines ›Adels‹ in dem Kränzchen, in -dem Du Deine Triumphe feiertest und in das ich Dir -zu Liebe ein paarmal ging, einen Schnurrock trug, wie -ein Pole aussah und die geschniegelten Manieren dieser -Rasse hatte.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a> -»Geschniegelt? Ich dächte, er wäre bloß nicht grob -oder ungeschliffen.«</p> - -<p>»Das fehlte gerade noch!«</p> - -<p>Rhode stand ein paar Schritte von ihr entfernt und -betrachtete sie. Sie hielt den Kopf gesenkt und lächelte -seltsam verlegen. Sie bereute, den Namen erwähnt zu -haben, da der Doktor so wenig in der Stimmung war, -ihre Beichte entgegenzunehmen, und dabei sah sie auf -einmal mit unheimlicher Deutlichkeit grüne Berge, einen -schattigen Laubengang und eine Gestalt, die sich auf sie -zu bewegte und sie ansah. Die Mutter hatte recht gehabt, -wenn sie ihr widerraten, den ominösen Namen -vor Rhode zu erwähnen.</p> - -<p>Aber es war geschehen! Und der Doktor, unruhig -und mißtrauisch geworden, bemühte sich, ihr die Gedanken -vom Gesicht zu lesen.</p> - -<p>Was er las, beunruhigte ihn noch mehr. Aber da -es so wenig greifbar war, wußte er nichts Rechtes dazu -zu sagen, um so mehr, als sie plötzlich eine sehr harmlose -Miene aufsteckte und von der Registratorin zu reden -anfing.</p> - -<p>In ihm aber war ein heftiges Verlangen lebendig -geworden, ein moralisches Übergewicht zu erlangen, und -sei es auf Kosten dieses »Burschen,« und so fing er -mit einem Schwall von Beredsamkeit, der ihr Eindruck -<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a> -machen mußte, an, auf die Polen zu schimpfen. Auf -die Modesentimentalität, die sich mit ihnen beschäftige, -und die Eitelkeit, mit der sie sich darin gefielen, Gegenstand -der Neugier und eines schwächlichen Mitleids zu -sein; sie, die ein hilfreiches allerdings auch nicht verdienten! -Er schenkte ihnen nichts: nicht die sprichwörtliche -Verwirrung des Reichstages, noch die »polnische -Wirtschaft,« noch den Mangel an einem eigentlichen -Kern des Volkes, noch den an einer großen Litteratur, -Kunst und Wissenschaft. Er zog Daten über Daten -heran, das zu beweisen, mit der verhängnisvollen Gründlichkeit -am unrechten Orte, der übertriebenen Autoritätssucht, -die jeden Keim eines Widerspruches wie mit groben -Schuhen zertreten möchte. Mit einem Pathos, in das -seine Eifersucht und jenes dunkle Gefühl, das moralische -Übergewicht zu gewinnen, hineinfluteten, donnerte der -Doktor gegen ein Volk, um ein Individuum zu treffen.</p> - -<p>Wanda hörte das alles schweigend an. Zuletzt schwieg -der Doktor auch – es war ihm nicht recht wohl zu Mute, -er hatte ein unklares Gefühl, ungeschickt gewesen zu sein.</p> - -<p>Und das war er gewesen. Denn diese Gründlichkeit -hatte etwas Lächerliches gehabt, und seine Maßlosigkeiten -hatten Wanda dahin gebracht, Partei für die Angegriffenen -zu nehmen, für die offiziell Angegriffenen und den, -der dahinter stand.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a> -Rhode hatte das Wort »unfähige Rasse« fallen -lassen und von politischer Impotenz gesprochen. Was -hatten denn diese Deutschen für politisches Geschick bewiesen, -diese Deutschen, die fortwährend über ihr dreiunddreißigköpfiges -Fürstentum und ihren Mangel an -Einheit zeterten?</p> - -<p>Und das war so charakteristisch für die Zeit, daß -sie so dachte: »Diese Deutschen!« Das Interesse für -Politik galt für unweiblich und lächerlich an einer Frau. -Man hatte sich politisch der Frauen bis dahin immer -nur erinnert, wenn es Opfer für das Vaterland galt. -Warum hätte Wanda Rhode patriotisch sein, warum -national empfinden sollen?</p> - -<p>»So sage doch etwas,« rief er endlich gereizt.</p> - -<p>»Aber <em class="ge">Du</em> hast schon alles gesagt,« antwortete sie -leichthin, »ich könnte nur – noch bemerken, daß -Kreowski sehr gut Walzer tanzt.«</p> - -<p>»Allerdings ein schwerwiegender Vorzug.«</p> - -<p>Sie lachte, stand auf und ging hinaus, mit einem -seltsamen Wechsel der Empfindungen im Herzen. Sie -hatte ihren Mann zum Mitwisser und damit zum Befreier -von einer Gefühlsverwirrung machen wollen – -das Resultat der bloßen Einleitung dazu war, daß sie -tiefer darin verstrickt war als vordem.</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a> -Zehntes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>E</b>s war eine Woche später.</p> - -<p>Wanda war sehr heiter. So harmlos heiter, -so grundlos guter Dinge, wie man es manchmal -ist, bloß weil man jung ist, der Himmel blau, die -Sonne goldig und weil man geliebt wird und wieder -liebt, heiter in dem Gefühle von schrankenlosem Lebensreichtum -und der Fülle der Beziehungen von Herz und -Welt; vielleicht auch nur, weil man kampf- und qualmüde -ist und irgend etwas in uns sich auflehnt gegen -den Druck der Niedergeschlagenheit.</p> - -<p>Sie sang und trällerte in den Stuben herum, küßte -das Kind, naschte an Obst und Beeren, sah in den -Spiegel, schüttelte den Kopf über ihre eigene junge -Schönheit, die sie jeden Tag von neuem wie ein Wunder -daraus anlächelte, amüsierte sich über ein paar Toggenburger, -die täglich zur bestimmten Stunde vor ihrem -Fenster schmachteten, und improvisierte Verse, in denen -<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a> -sie die Laune der Natur pries, die ihr alle Herzen zu -Füßen legte. Eine der Stimmungen, in denen wir -schlechterdings in uns selbst verliebt sind und so übermütig, -daß wir als die rechten Ichs- und Glücksprotzen -mitten in allen Unzulänglichkeiten des Lebens stehen, daß -wir, sonst ewig dürstend nach Wechsel und Sensation, -ganz gesättigt sind von dem stillen Beruhen in der -Gegenwart und dem großen, goldenen Lebensgefühl, -das sie uns spendet.</p> - -<p>Draußen lockte der herrlichste Septembermorgen.</p> - -<p>»Wir wollen spazieren gehen,« sagte sie zu dem -Kind, »erst schön spazieren gehen und dann zu Großmama, -ihr Geld bringen.«</p> - -<p>Es war wahrhaftig Zeit, daß sie der Mutter endlich -ihre kleine Schuld abtrug.</p> - -<p>Das kleine Clärchen jauchzte.</p> - -<p>Während sie das Kind anzog, überlegte sie, welches -von den teuern Stücken ihres Spargroschens sie umwechseln -sollte, denn sie galten ihr alle einzeln. Es -waren drei Sterbethaler (aus dem Todesjahre Friedrichs -des Großen), zwei mit dem Bildnis seines Nachfolgers, -ein Krönungsthaler Friedrich Wilhelms <i>IV.</i>, eine Anzahl -außerpreußische Stücke und einer mit dem Kopfe Friedrich -Wilhelms <i>III.</i> und der Bezeichnung auf dem Revers: -»Segen des Mannsfelder Bergbaues.« Den hatte sie -<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a> -als junges Mädchen von einer reichen Bäckerstochter -bekommen, der sie ein paar Tragbänder für den Bräutigam -gestickt mit Rosen und bronzenen Blättern auf -himmelblauem Grunde. Zu albern! Die geizige Braut -hatte ihr noch zwei Groschen abhandeln wollen für die -mühsame Arbeit. »Billiger rechnen kann ich es Ihnen -nicht, Mamsell,« hatte sie da gesagt, »aber wenn Sie -zwei Groschen gern von mir geschenkt haben wollen« -– da war das dicke Frauenzimmer rot und beschämt -davongelaufen und hatte auf den ganzen »Segen des -Mannsfelder Bergbaues« verzichtet.</p> - -<p>Sie mußte noch jetzt darüber lachen.</p> - -<p>So hatte jedes Stück seine Geschichte und war mühsam -und sorgfältig zurückgelegt worden. Wie oft hätte -sie sich gern einen besseren Hut, einen Schirm oder lange -seidene Filethandschuhe angethan, aber nie hatte sie sich -entschließen können, diese Ersparnisse anzugreifen. Es -war nun einmal gar zu hübsch, einen kleinen Besitz zu -haben und zu hüten, es bewahrte sie vor dem -bettelhaften, unfreien Gefühl, das vermögenslose Frauen -so oft haben im Verkennen des Umstandes, daß sie das -Ihre redlich an Mann und Kindern verdienen.</p> - -<p>Geld! Die es im Überfluß haben, dürfen es mißachten, -wie wir die Luft nicht schätzen, die uns von -allen Seiten zuströmt – dem, der es unter Mühen erworben -<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a> -hat, ist es das Leben selbst, Zeichen seiner Kraft, -ein Stück metallgewordenes Ich, ein Talisman, ein -Fetisch, ihm dennoch heilig, und in seiner Gesichertheit -ein Zeichen der eigenen Unverletzlichkeit; und es ihm -rauben, heißt ein kleiner Mord.</p> - -<p>Das ist so banal, aber man vergißt es manchmal. -Und nicht das Außergewöhnliche, sondern das -Banale, das Selbstverständliche vergessen, ist verhängnisvoll.</p> - -<p>Mit lächelnder Wichtigkeit, leise vor sich hersummend, -schloß Wanda den Sekretär auf. Erst die abscheuliche -Klappe, an der sich Clärchen bereits einmal ein Loch in -den Kopf gestoßen, und dann das Thürchen des Mittelverließes. -Sie warf einen Blick hinein: es stand und -lag alles darin, wie sie es verlassen hatte, einige Päckchen -Briefe sauber geordnet, das Kästchen mit den altmodischen -Kleinodien, die leere Geldschwinge, ein Buch -mit Familiendaten, die Patenbriefe der Kinder und die -Sparbüchse.</p> - -<p>»Schö–ner, grü–ner – schö– –«</p> - -<p>»Meine Machen, meine Machen!« schrie das Kind, -als es die Mutter plötzlich mit einem Schreckenslaute -zurücktaumeln sah. »Ich Dir ein Gedichtel aufsagen, -Machen! Es bicht und zuckt und verbutet, aber Du -siehst es nicht!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a> -Doch die kindlichen Deklamationen wollten nicht verfangen. – – –</p> - -<p>Als eine halbe Stunde später der Doktor nach Hause -kam, wurde er von dem Dienstmädchen mit der Neuigkeit -empfangen, daß Diebe den Sekretär erbrochen hätten, -und sie schon einen Polizisten geholt habe, der drin alles -genau aufschreibe. Ein kalter Schweiß trat ihm auf das -Gesicht, er legte Hut und Stock hin und ging hinein.</p> - -<p>»Ewald!« schrie sie ihm entgegen und fiel ihm -schluchzend um den Hals. »Es ist alles fort, man hat -die Thüren aufgebrochen – alles!«</p> - -<p>»Beruhige Dich, es wird wiederkommen,« sagte er -schweratmend, totenblaß, aber ganz ruhig.</p> - -<p>Sie ließ ihn los und trat zurück. Er sah mehr tief -verstimmt als erschreckt aus. Mit einem Male ging er -auf den Beamten zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr, -worauf dieser lächelte, sein Notizbuch einsteckte, seinen -Helm ergriff und ging.</p> - -<p>»Warum wartetest Du nicht, bis ich kam? Warum -gleich zur Polizei? – Mein Gott – Du – Du sollst -ja alles wieder haben –«</p> - -<p>»Also Du?«</p> - -<p>»Ja – ich. Ich war in einer so verzweifelten -Lage! – Wanda!!«</p> - -<p>Und er streckte bittend die Arme nach ihr aus und -<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a> -wartete, wartete auf ein gutes Wort, auf ein Aufschluchzen, -auf einen Schrei, auf Vorwürfe, Klagen und -endliches Verzeihen. Und – wartete vergebens.</p> - -<p>Sie sagte nichts. Diese leidenschaftlich heftige, sich übersprudelnde -Frau sagte nichts. Nur ihre Augen und das -Zucken ihrer Lippen redeten eine furchtbare stumme -Sprache. – Und dann sagte sie doch etwas, ein einziges -Wort nur, aber ein sehr böses.</p> - -<p>Er stampfte mit dem Fuße auf.</p> - -<p>»Vergiß nicht, daß ich nichts genommen habe, was -zu nehmen mir nicht zustand, daß ich – nach dem -Gesetz – jedes gute Recht habe an allem, was Dir -gehört,« keuchte er heraus, sich statt auf das moralische -Recht ehelicher Solidarität auf das formelle des Gesetzes -berufend, wozu er sich durch das Erscheinen des Beamten -gedrängt fühlen mochte.</p> - -<p>»Gesetz? Wer hat Euch denn diese Gesetze gegeben? -Ihr selbst habt sie Euch gegeben und wollt Euch darauf -berufen wie auf göttliche Einrichtungen?«</p> - -<p>»Aber – aber Du sollst es ja wieder haben – -dieses Geld!«</p> - -<p>»Dann wäre es – nach dem Gesetz – ein Geschenk, -was Du mir damit machtest. Ich will es nicht von -Dir geschenkt, ich verzichte auf dieses Geld.«</p> - -<p>Damit ging sie hinaus.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a> -Er stand, mit den Händen auf die Tischplatte gestützt, -und sah ihr nach. Sie liebte ihn also nicht?</p> - -<p>War es denn möglich? Sie liebte ihn nicht!</p> - -<p>Zum ersten Male war's, daß er sich diese Frage -vorlegte, die er nicht zu beantworten wagte, weil allein -sie zu stellen ihm ein ungeheurer Schmerz war.</p> - -<p>Ach! ehe er sie hätte beantworten können, hätte er -sich eine ganze Reihe anderer Fragen vorlegen und -ihnen Antworten finden müssen.</p> - -<p>Hatte sie ihn überhaupt je mit ganzer Seele geliebt? -War sie überhaupt die, als die er sie kannte? Hatte -er jemals die letzten Tiefen ihrer Seele erforscht, sich -nicht vielmehr, auch er, mit dem billigen Märchen von -dem Rätselhaften, Geheimnisvollen, Launenhaften der -weiblichen Natur begnügt? Hatte überhaupt je ein -Mann die Eigenart des Weibes aus ihrer Stellung zu -entwickeln gesucht und sich gefragt, in welcher Weise -physische, soziale und individuelle Momente auf ihr -Empfinden wirken, auf die Beständigkeit ihres Empfindens? -Ist die Liebe irgend eines Menschen überhaupt -etwas, wodurch er ein Besitzstück, wodurch er vogelfrei -wird für den, dem sie gilt? Ist sie jemals eine Vollmacht -ohne Grenzen? Ist die uns erwiesene Liebe -etwas anderes als jene, die wir fühlen: schrankenloser -Egoismus und schrankenlose Hingabe zugleich? Und -<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a> -heißt es nicht den Egoismus in ihr verletzen, wenn wir -den Anspruch an die Hingabe aufs äußerste steigern?</p> - -<p>Alle diese Fragen stellte er sich nicht. Er fragte -nur: liebt sie mich denn nicht? Und eine namenlose -Angst erfaßte ihn, daß die Antwort »<em class="ge">Nein</em>« sein könnte. -Dieser Mann voll Geist und Gemüt hatte die ganze -Gefühlsplumpheit, die man Wesen gegenüber hat, die -man trotz leidenschaftlicher Zuneigung geringer schätzt -als sich selbst.</p> - -<p>Es war ein ungemütlicher Tag. Am Abend ging -er nicht in seinen Klub, sondern blieb einmal wieder zu -Hause und hielt ihr einen langen Vortrag, wie bedeutende -Aufschlüsse er dem Mikroskop bereits verdanke, -wie segenbringend für die ganze Menschheit seine Forschungen, -von welcher Wichtigkeit sie für sein gelehrtes -Ansehen und damit für ihrer aller Zukunft seien. Und -schließlich sei sein Eingriff ja nur eine Art Zwangsanleihe -gewesen und sie solle alles ersetzt erhalten.</p> - -<p>Ob es gesetzmäßig sein gutes Recht gewesen sei, so -zu handeln, fragte sie.</p> - -<p>Ja, das sei es gewesen.</p> - -<p>Sie antwortete nichts darauf.</p> - -<p>Dann lachte sie und erzählte ein scherzhaftes Vorkommnis -aus dem Hause; denn sie hatte gemerkt, daß -er sie zur Besiegelung der Angelegenheit küssen wollte, -<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a> -und ihr graute vor seinen Küssen. Er war Thor genug, -das nicht zu begreifen. Und da es noch nicht sehr spät -war, nahm er doch noch seinen Hut und ging.</p> - -<p>Auf der Straße dachte er, wie seltsam »das Weib« -wäre und wie ein Mann niemals ganz hinter sein -Empfinden käme, hinter das Rätselvolle und Sprunghafte -ihres Wesens. – –</p> - -<p>Inzwischen saß Wanda zu Hause mit einem Gefühl -von Kälte in der Seele, als ob etwas darin abgestorben -sei, das sich nicht wieder lebendig machen lasse.</p> - -<p>Es heißt, daß jede Kränkung zu verzeihen göttlich -ist, aber es giebt Kränkungen, die verzeihlich zu finden -man ein Gott sein muß, wenn das Verzeihen nicht -schimpflich sein soll. – –</p> - -<p>In den nächsten Tagen glückte es Rhode, einer -wichtigen wissenschaftlichen Thatsache auf die Spur -zu kommen, und er war so erfüllt davon, daß -er für Anderes kaum mehr Auge und Ohr hatte. -In dem unendlichen Hochgefühl, von dem er sich dabei -getragen fühlte, vergaß er sogar die Frage, die ihn -so erschüttert hatte: ob seine Frau ihn denn noch liebe, -vergaß er alles um sich her, alles, was sich als Recht -und Pflicht, als Ursache und Wirkung im moralischen -Leben an ihn herandrängte.</p> - -<p>In seiner Studierstube eingeschlossen, rätselte er in -<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a> -fieberhafter Begier über dem Problem der organischen -Zelle, in der bis zum Wahnsinn gesteigerten Einseitigkeit -eines akuten Interesses, das mit dem Gotte neben sich -ringt, schreiend: »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich -denn.« Ein verhängnisvolles Stadium, aus dem der Doktor -wohl auf Augenblicke in das wirkliche Leben zurückkehrte, -aber um es sofort wieder zu verlassen. Dann fiel ihm -etwa ein gequälter und feindseliger Zug in Wanda's -Gesicht auf und er erinnerte sich, daß er ihr einen Verdruß -im Dienste der Wissenschaft bereitet hatte. Aber -opferte er nicht diesem idealen Dienste die Ruhe seiner -Nächte, das Behagen seiner Tage, was hatten diese -paar Groschen dagegen zu bedeuten!</p> - -<p>Er vergaß bei diesem Exempel nur, daß seine Ideale -nicht die ihren waren und daß sie ihr Teil an Opfer -von Ruhe und Behagen in anderer Weise dem Leben -schon reichlich gebracht. Nicht lange, meinte er, und -sie würde das verwunden haben, eine so versatile, so -elastische Natur! Und so klug, so – – so –</p> - -<p>Er wußte nicht was – seine Gedanken packten den -Gott schon wieder.</p> - -<p>So verflatterte ihm der Konflikt.</p> - -<p>In ihrer Seele aber blieb eine Wunde wie von -einem Beilhiebe: es gab Gesetze, die dem Manne den -Besitz seiner Frau auslieferten, Gesetze, die moralische -<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a> -Rechte mit bürgerlichen totschlugen. Und damit war -ihre Achtung vor Recht, Gesetz und bürgerlicher Ordnung -überhaupt erschüttert. – –</p> - -<p>Einige Tage später schien sie dennoch alles verwunden -zu haben. Der Doktor hielt gerade seine Morgensprechstunde -ab, als er Wanda singen hörte. Sie brach freilich gleich -wieder ab, da sie sich erinnern mochte, daß während dieser Zeit -möglichst Ruhe gehalten werden mußte, aber es war -doch ein Zeichen wiedergekehrten Frohsinns, das ihm -sehr lieb war. Es hätte kaum etwas geben können, das geeigneter -gewesen wäre, ihn zu beunruhigen, wenn er den Grund -dieses Jubels geahnt hätte.</p> - -<p>Wanda Rhode war gerade mit einer recht unangenehmen -Arbeit beschäftigt: dem Einseifen von schmutziger -Wäsche, das nach der Familientradition die Hausfrau -selbst zu besorgen hatte, als ein dicker Brief an -sie abgegeben wurde, dessen Aufschrift sie erröten -ließ und dessen Umschlag sie mit zitternden Händen -aufriß. Sie hatte Kreowski damals trotz allem Schmerze -gegrollt, daß er abgereist war, ohne sich noch einmal -sehen zu lassen, ohne auch nur eine Zeile zu senden. -Sie hatte es ausdrücklich gewünscht, aber sie hätte noch -lieber gewünscht, er möge ungehorsam sein. Was -wollte er nun plötzlich von ihr?</p> - -<p>Ah – Verse! Verse und Melodieen!</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Jüngst schlug ich meine Lieb' aufs Haupt - <a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Und thät sie still begraben –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Ruhe, die sie mir geraubt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die wollt' ich wieder haben.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Doch wie sie war drei Tage tot,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ich bin über Feld gegangen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Meine Liebe kam, war frisch und rot</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und küßte mich auf die Wangen.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Nun ging es über Berg und Thal,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Das war ein fröhlich Gewander,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sie sprach zu mir: sterb ich einmal,</td></tr> - <tr><td class="tdl">So sterben wir miteinander.</td></tr> - <tr><td class="tdl fs125">    ————</td></tr> - <tr><td class="tdl">Am Waldrand, dort wo die enge Welt</td></tr> - <tr><td class="tdl">Von blühenden Hecken ist rings umstellt,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dort unter den alten Rüstern,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wo Gras und Blumen flüstern,</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Möcht ich noch einmal Dir allein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wenn der ersten Sterne lichter Schein</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Augen der Müden segnen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Allein Dir noch einmal begegnen.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Und sähe die Dämm'rung um uns her</td></tr> - <tr><td class="tdl">Umhüllen uns wie mit Schleiern schwer,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Sähe den Himmel sich dehnen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Und sähe doch nichts vor Thränen,</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Und sähe nur Dich, <em class="ge">nur Dich</em> allein! –</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach, einmal nach all der Entsagungspein,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dem tödlich schweren Verwinden</td></tr> - <tr><td class="tdl">Möcht' ich Dich wiederfinden.</td></tr> - <tr><td class="tdl fs125">    ————</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wilder Tauben Schwarm von umwölktem Hügel, - <a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a></td></tr> - <tr><td class="tdl">Dunkelgrün bekränzt mit dem Schmuck der Wälder,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Hebt im Dämmerlicht der betauten Felder</td></tr> - <tr><td class="tdl">Silberne Flügel.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Schweigend durch das Meer der erblauten Feuchte</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schwimmen sie dahin, über Hang und Klüfte,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ziehn den raschen Flug durch der frühen Lüfte</td></tr> - <tr><td class="tdl">Nebelgeleuchte.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Schwimmen morgenwärts, und es färbt ein Glühen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Horizontes Rand und die grüne Breite,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Färbt den lichten Strom und der ernsten Weite</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schweigendes Blühen.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Hei! wie stürzen da in den sel'gen Morgen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Silberflüglig sie, in das Glutgetauche,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Bis ihr Fittich still wie in Heimathauche</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ruhet geborgen.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Also ziehn zu Dir meine morgenfrühen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Träume, hin zu Dir von erwachtem Pfühle</td></tr> - <tr><td class="tdl">Die Gedanken all, um aus Dämmerkühle</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dir zu erglühen.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach! Du spürst wohl nicht ihrer Flügel Kosen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Um die Schläfen Dir, Dir um Ohr und Wangen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Oder ahnest Du ihres Flatterns Bangen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Scheuchst Du die losen,</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Daß sie müde ganz, ohne Willkomms Glück mir,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Wie von rauhem Fels, von umwölktem Hügel,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Traurig mit der Qual der erschöpften Flügel</td></tr> - <tr><td class="tdl">Kehren zurück mir.</td></tr> - <tr><td class="fs50"> </td></tr> - <tr><td class="tdl">Stille! Jüngst noch kam mir in Jubelwogen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ihr beglückter Schwarm, wie von Heimatklippen:</td></tr> - <tr><td class="tdl">Lächelnd hattest Du sie an Brust und Lippen</td></tr> - <tr><td class="tdl">Schmeichelnd gezogen.</td></tr> -</table> - -<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a> -Diese Verse waren zugleich in Musik gesetzt und -die Kompositionen beigelegt.</p> - -<p>Verbietet dem Auge, dem Lichte zuzujauchzen, wenn -nach Regendunkel die Sonne durch das Gewölk herabbricht -in Strahlen, unter denen die nassen Bäume in -Schauern erzittern, der Strom sich in fließendes Gold -verwandelt und die Lüfte im Dunste glühenden Hauches -beben! Verbietet dem Ohre, das in schweigender Einöde -gelauscht um einen, nur <em class="ge">einen</em> verwehten Ton der -Ferne, sich zu berauschen an dem Zauber der Melodien, -die ihn plötzlich jubelnd umbrausen! Verweigert dichterischem -Sinn die Freude an Reim und Rhythmus, an -der bilderreichen Sprache der Phantasie – und einem -unruhigen, verschmachtenden Gemüt, das sich in der -Enge kleiner Mühsale, in der Kälte eines verödeten -Lebens verzehrt, sich zu berauschen am Klange der -Leidenschaft und einer Sehnsucht, stark wie die eigene! -Verbiete es, wer kann!</p> - -<p>Ach, wie sie ihr zujauchzte, dieser in Feierkleidern -und Blumenschmuck daherprangenden Liebe! Wie sie -ihre Festschüsseln, ihre ambrosischen Schalen liebte! -Wie sie diese ungekränkte, unverletzte Liebe liebte, die, -eine stolze, gabenfrohe Königin, alles giebt, wonach das -Gemüt schreit, eine milde Trösterin, die Wunden heilt, -an denen das Herz verbluten will, eine jauchzende Genossin, -<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a> -die mit ihren Liedern jubelnd und schluchzend in -der Seele ein Echo weckt, das sie verzehnfacht. – –</p> - -<p>Doch still – während der Sprechstunde durfte nicht -gesungen werden! Und sie verbiß ihr »Glück,« so gut -es ging.</p> - -<p>Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde -vorüber und er von seinen Abscessen und Magengeschwüren -in die kleine Welt neben sich zurückkehrte, da -er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen -lächeln sah, daß neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre -Pulse höher schlagen lasse. Er klopfte sie auf die -Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine -Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale -gefunden habe.</p> - -<p>Da lachte sie hell, laut – aus <em class="ge">ihrer</em> intelligiblen -Welt heraus.</p> - -<p class="ce">*</p> - -<p>Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem -Tagewerk noch gegen Abend ein Stück -spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage, -da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe -Glut gemildert ist, da es noch blüht und duftet, aber -um Busch und Baum die Dämmerung schon frühe -Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem -Atem der Verwesung zu mischen beginnen, da die -<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a> -Sommerfäden zarten Silberhauch von Stamm zu -Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte -kühl sind und die Winde nicht mehr so warm.</p> - -<p>Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch -keine Palmengruppen und Springbrunnen, keine Festons -von wildem Weine und keine Teppichbeete. Nichts von -Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten -Bastionen, nichts von Konzert- und Biergärten füllte -ihre schattenreichen Gänge mit Lärm und übeln Dünsten. -Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp von -spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles -ungepflegt und unverschnitten, versteckte Wandelgänge -einfaßten, wo das Gras in die Wege hineinwucherte -und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten, -während unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen -der Oder brausend einem Wehr entstürzten.</p> - -<p>Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin -und her gerissen, eilte fliegenden Schrittes den Stadtgraben -entlang, nach dichterischem Ausdruck ringend, -der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des -inneren Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht -eher befreien konnte, als bis sie diese Qual so hoch in -sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft und Präzision -geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr entgegen, -ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig -<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a> -flatternde Wolken über die Sonne spannte und -sie wieder mit fortführte, mit zitterndem Flügel ihre -Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen -Klagetönen sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten -Genossen ihres Weges gab ihr doppelten Schwung -der Empfindung und das wundervolle Gefühl des Zusammenhanges -mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische -Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften, -breitete Arme nach dem Himmel und kehrte wieder zurück nach -ihrem Herzen, alles in ihr löste sich in ungestümes Verlangen -nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute -künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück, -morgen heißester Schmerz, der Seele Flügel löst und -sie zu sich emporreißt in einem Rausch, der zugleich -Wunsch und Erfüllung ist.</p> - -<p>Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen? -Da! – wo die Sonne goldigen Flor zwischen die -Stämme wob – regte sich's dort nicht? Raschelte nicht -ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige?</p> - -<p>Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und -loderte vor ihr auf, ihre Brauen versengend? Zitterte -nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr Herz?</p> - -<p>Und lag sie – jetzt – wirklich jubelnd, schluchzend -an einem andern Herzen?</p> - - - - -<h2><a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a> -Elftes Kapitel.</h2> - - -<p class="in0"><b>D</b>ie Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst, -es wurde Winter. Anfang Dezember machte -Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt -von sich reden. Es hieß, er müsse wegen politischer -Umtriebe fliehen, wenn er nicht den Kopf verlieren -wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere -Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein -Mensch wußte wohin.</p> - -<p>Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war -Madame Gernoth zu Rhodes geeilt, wo sie das gleiche -Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei lange -zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und -unerfreuliche Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich -anderen Dingen zugekehrt, Rhode hatte lebhaft politisiert; -die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und -demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch -und regten die Gemüter gewaltig auf. Madame Gernoth -<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a> -war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda machte -nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich -unglaublich unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen, -von einer krankhaften, krampfhaften Ausgelassenheit. -Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl: Wandas -Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich -vor und verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts -mehr galt. Ihre Tochter machte ihr überhaupt schweren -Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit Kreowski begegnet -und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt. -Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen -gehabt hätte! Später hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda -hatte erst geleugnet, dann alles zugegeben. Dabei war -dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur Sprache -gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz -erfahren, der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen -waren die schlaflosen Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge -ihr kostete. So, <em class="ge">so</em> hatte sich eine Ehe gestaltet, auf die -sie die frohesten Erwartungen gesetzt! <em class="ge">So</em> suchte sich ihre -Tochter zu helfen, zu trösten! <em class="ge">Das</em> war das Resultat -ihres harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des -Vaters zu entziehen, daß sie nun neben einem andern -Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete.</p> - -<p>Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm, -konnte sie deshalb noch keine für Rhode nehmen.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a> -Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen -aus der Mädchenzeit einer Frau, mühsam mit Stickereien -beim Talglicht erworben, anzugreifen – pfui! Sie -den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen, -sie gerade in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen -Rechtschaffenheit, dem haushälterischen Sinn zu treffen -– thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und wenn sie hier -auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von -jener unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen -Triebes, um so sicherer erkannte sie die Unwahrheit -eines Solidaritätsgefühles, das einseitige Interessen solidarische -nannte.</p> - -<p>Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal -im Leben seine Schleier über Abgründe breitet! Unter -ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern und Scherzen -– wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes -Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge!</p> - -<p>So auch hier.</p> - -<p>Man saß zusammen, mutmaßte und folgerte, lachte -und lächelte, und in der hellen Sonne, im traulichen -Lampenschein, saßen zwischen den drei sich so nahe -Stehenden Gespenster, die der eine nicht sah und die -beiden andern ignorierten. Frau Florentine hatte plötzlich -den Eindruck, als ob Wanda auch ihr etwas verheimliche, -als ob eine Unruhe sie foltere, eine Niedergeschlagenheit -<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a> -sie drücke, die sich weder auf ihr Verhältnis -zu dem Doktor noch auf diese unselige Liebelei bezöge. -Diese jungen Frauen – ob am Ende – Jesus, das -fehlte nun grade noch!</p> - -<p>Gegen sieben wollte Madame Gernoth gehen, blieb -aber und ließ sich von Rhode ein paar gelehrte Geschichten -vormachen, Experimente, die damals neu waren, -während Wanda sehr eilfertig das Abendbrot rüstete. -Dann aßen sie zusammen und schließlich bat die Großmutter, -Clärchen zu Bett bringen zu dürfen.</p> - -<p>Es war erst halb acht, da man von Tische aufstand.</p> - -<p>»Es ist mir sehr lieb, Mutter, wenn Du mir Clärchen -abnimmst,« sagte Wanda hastig, »ich muß schnell -noch mal zur Kleideranprobe.«</p> - -<p>»Jetzt?«</p> - -<p>»Ja.</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Die Mädchen nah'n im Flittertand </td></tr> - <tr><td class="tdl">Mit bunter Bänder Wallen,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Ach! wer giebt ein Festgewand,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Dem Liebsten zu gefallen!</td></tr> -</table> - -<p class="in0">– oder auch:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">Und den goldgestickten Schleier</td></tr> - <tr><td class="tdl">Legt sie an, das Glanzgeschmeide,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Zu des Tages hoher Feier</td></tr> - <tr><td class="tdl">Rauscht ihr Gang von stolzer Seide.</td></tr> -</table> - -<p class="in0">– kurz gesagt: ich habe kaum mehr meine Blöße zu decken, -und also addio! – Kuß das Kind? Ja, mein Clärchen, -<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a> -mein kleines artiges Mädelchen.« Sie küßte das Kind -mit der Heftigkeit irgend einer seltsamen Erregung.</p> - -<p>Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken -nicht gehen lassen, aber da kam es heraus, daß sie oft -des Abends kleine Besorgungen mache oder ein Stück -an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der -Doktor in seinem Klub sei, und daß ihr noch niemals -eine Unannehmlichkeit widerfahren.</p> - -<p>Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel -angelegt, küßte das Kind nochmals, sagte den andern: -»In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und eilte -fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes -weg, der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte -die Absicht gehabt, noch in eine politische Versammlung -zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß -er bisweilen abends zu Hause sei.</p> - -<p>In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare -Unruhe, er ging wieder in die Wohnstube, öffnete das -Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen. -Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen -Schatten, die ein paar Öllämpchen auf den Schnee -draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen. -So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des -Abends zu Hause zu bleiben. Er hatte sie am Flügel -und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr gut aufgehoben -<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a> -geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein, -einen Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt -war. Jetzt machte er sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit -sie noch oft spät auf die Straßen trieb, um irgend welche -Lappalien einzukaufen.</p> - -<p>Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das -schon auf ihrem Arme eingeschlafen war, in das Schlafkabinett, -in dem eine schmauchende Nachtlampe an -Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr -Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen -und zugleich monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach, -mit der man übermüdetes kleines Volk zur Ruhe bringt, -und sah dabei in Gedanken immerfort ihre Tochter mit -schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne -Ziel und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals -die Kissen, deckte es zu und faltete die Hände, aber das -Bild vor ihren Augen wich nicht.</p> - -<p>»Beten, mein Clärchen!«</p> - -<p>Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den -Augen blinzelte, den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte. -Doch die Großmutter, der Pünktlichkeit und Ordnung -auch der höchsten Instanz gegenüber über alles ging, -richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr -die Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein.</p> - -<p>»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit -<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a> -ganz verwirrt, schlug die Augen weit auf, legte die -Fingerchen ineinander und sagte dann feierlich:</p> - -<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0"> - <tr><td class="tdl">»Mein dunkles Herze lieb' Dich,</td></tr> - <tr><td class="tdl">Es lieb' Dich und es bicht –«</td></tr> -</table> - -<p>»Schon gut, schon gut!«</p> - -<p>»Amen, gute Nacht, Großel.«</p> - -<p>Und da schlief sie auch schon.</p> - -<p>»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau -und sah gramerfüllt auf das kleine Ding nieder. »Rechne -es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie, mein -Gott, behüte sie vor – vor –«</p> - -<p>Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt, -nicht einmal vor Gott.</p> - -<p>Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie -stand auf, ließ das trübe Nachtlichtchen etwas höher -aufflammen und wollte sich eben mit einem Strickzeug -wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende -Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte -sie zu schließen, öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und -sah das Kleid, zu dessen Anprobe Wanda gegangen, -fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die -Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb.</p> - -<p>Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst -nicht zu ihren Fehlern, sie war sogar wahrhafter und -offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn sie hier die -<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a> -Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben: -sie war gegangen, ihren Liebhaber zu treffen.</p> - -<p>Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in -den Stuhl und starrte vor sich hin. Ihr sonst noch -regelmäßig schönes und keineswegs ältliches Gesicht sah -aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes.</p> - -<p>Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern, -den Stuhl rücken, auf- und abgehen und endlich mit -seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher Geruch -verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente -eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin -gezeigt und sie belehrt, wie man in einem Augenblicke -den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen -könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft: -in der Tiefe seines Herzens war ein Strom von -Liebe für ihre Tochter – aber der Mann verstand es -nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben -und diesem Strome herzustellen. Der Thor!</p> - -<p>Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine -Binde um seine Augen legte, seine Hände fesselte, seinen -Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen Strom herzustellen. -Ach – sie wußte recht gut, was das war, sie hatte -es selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster -Achtung, den der Mann der Frau als einer ihm nicht -Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche Dämon -<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a> -ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme -der Liebe versiegen und die Funken lebendigen Lebens -verlöschen läßt. Wenigstens war das die Meinung von -Madame Gernoth. –</p> - -<p>Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn -beschwor, ihm alles rückhaltlos mitteilte?</p> - -<p>Sie stand auf, zögerte – und ließ es.</p> - -<p>Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden, -scheltenden Schwiegermutter.</p> - -<p>Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam -er, so kam er früh genug. Warum ihr Kind anklagen -vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der -seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht -war, auch wenn ihn tausend Gesetze ein Recht -nannten? So wenigstens empfand sie.</p> - -<p>Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit -seiner Wünsche vor Augen zu halten, aber ihr Herz -schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es verurteilte, zu -verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten -Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten, -wo ihr Schutz verheißen worden war.</p> - -<p>Die Hälfte der Schuld lag auf ihm – mochte er -ihren Fluch tragen.</p> - -<p>Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte -sie sich, daß es so kalt geworden war. Es war -<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a> -zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber -die Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen -lag ein dünner, trockener Schnee, der im Mondschein -schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und -Laternenpfähle, Bäume und Sträucher, alle von buntem -Rauhreif überzogen. Doch es sollte noch schöner -kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen, -das sich von der Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke -den Strom entlang hinzieht. Dort, in geringer Entfernung -von der Brücke, erhob sich ein anderer vom Festungswall -stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm -war die Begegnung verabredet.</p> - -<p>Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter -Weg, doch bei Vollmond sehr gut passierbar und -verklärt von zauberhafter Schönheit. Unwillkürlich verlangsamten -sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden -Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften, -bleichen, doch alles zuckt in millionenfachem, buntem -Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen Platanen, -die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer -die großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten -wie glänzende Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume -und traulichen Linden, die stämmigen Kastanien -und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die -gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut -<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a> -wie die Flieder- und Goldregenhecken, wie die Reste -dürftigen Grases und das niedrige Fichtengesträuch am -Wege, wie Weg und Steg selber.</p> - -<p>Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen -und doch bunt überflimmerten Decke zogen ein -paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven.</p> - -<p>Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein -Sommertag mit goldigen Lüften und prangendem Grün -sich damit vergleichen ließe, so fremdartig, so märchenhaft -schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre -Liebe war, mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt.</p> - -<p>Und da kam der Erwartete auch schon! In einen -weiten, faltenreichen Burnuß gewickelt, die viereckige -Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand, kam -er ihr entgegen.</p> - -<p>»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie -in die Arme. Wie poetisch und romantisch das war, im -Mondenschein über knisternde Stege durch den knirschenden, -leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man geliebt -werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß -jeder Gedanke eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede -Empfindung einem gehören, und versichern zu dürfen, -wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie sie -das Glück und der Glanz des Lebens sei.</p> - -<p>Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus -<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a> -dem grellen Mondlicht in den Schatten der ehrwürdigen -Alma Mater zu ducken, die fromme Jesuitenpatres erbaut, -um verbotener Liebe Schirm zu gewähren.</p> - -<p>»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er.</p> - -<p>»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen -gespielt, nach dem Himmel gesehen und immer an Dich -gedacht. Und was Du?«</p> - -<p>»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung -abgehalten, ein Stück spazieren gegangen und -mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an -mich zu denken?«</p> - -<p>»Über alles glücklich! Ewald hegt irgend einen -großen Plan, ich glaube, er bildet sich ein, man könne -Leute mit elektrischen Funken gesund machen – das -macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich -oder macht mich zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er -sieht mich, scheint es, überhaupt nicht mehr. Aber freilich, -ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich, -immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.«</p> - -<p>»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich -doch neue, süße, hohe Namen erfinden könnte. Dich zu -ehren – aber nun ist meine Phantasie zu arm. Viel, -viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln, -was andere vor mir gestammelt. Du über alles Geliebte.«</p> - -<p>»Das ist das liebste, was ich höre.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a> -Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde -die Unterhaltung schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch. -Es war so langweilig, an diesen einsamen -langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu -singen. Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit, -englische Gedichte zu übersetzen. Das war eine anmutige -kleine Anstrengung, die sie unterhielt und davor bewahrte, -zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu -leicht von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen -sie noch nicht kritisch genug war, so daß die Arbeit -daran das Gefährliche, Gefühlen starke Wendungen zu -suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige -Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der -schwankenden Unruhe ihres Inneren abzog. Sie trug -dem sanften und verständnisvollen Witold daher gern -Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie -ihre kleinen Diskussionen über ihren und den Urtext, -die sehr ernsthaft und lebhaft geführt wurden und von -denen man dann zu musikalischen überging.</p> - -<p>Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine -Melodie, die sie zu summen anfing, aus einer Mozart'schen -Symphonie sei, Kreowski schwur auf Beethoven.</p> - -<p>»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund -wärest,« sagte er scherzend, – »wir sind keine fünfzig -Schritte mehr von meinem Hause – wie hübsch, wenn -<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a> -ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den -Klavierauszug oben – und Du wärest geschlagen.«</p> - -<p>Sie lächelte, und still gingen sie weiter. Leise sang -sie die Stelle wieder. »Es ist nicht einmal ganz richtig -so, es ist so: la – la – la – lalala, lala.«</p> - -<p>Da standen sie vor seinem Hause.</p> - -<p>Sie zuckte an seinem Arm:</p> - -<p>»Zeig mir den Klavierauszug.«</p> - -<p>»Wirklich?«</p> - -<p>»Was ist da auch Schlimmes!«</p> - -<p>»Wanda –«</p> - -<p>»Du willst wohl nicht?«</p> - -<p>Er lächelte seltsam, sah sie an und flüsterte endlich:</p> - -<p>»Ein Mann – sagt da nicht nein.«</p> - -<p>Sie zögerte einen Augenblick. »Ich komme bloß -als guter Freund.«</p> - -<p>»Hm, – Du bist es aber nicht. Willst Du wirklich?«</p> - -<p>»Ja.« Er gab ihr den Arm, an den sie sich leise lachend -hing. »Ich glaube, das ist ein Abenteuer, wie?«</p> - -<p>»Ja, es ist eins.«</p> - -<p>»Ist das drollig. Weißt Du: ich habe mir immer -schon gewünscht, einmal ein kleines Abenteuer zu erleben.«</p> - -<p>Er drückte ihren Arm: »Leise, ganz leise. Und vorsichtig! -Flur und Treppen sind finster –«</p> - -<p>»Das seh ich wohl.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a> -»Halte Dich ganz fest an mich.«</p> - -<p>»Ganz fest.« So stiegen sie hinauf, zwei sich wendende -Treppen, auf die die Mondhelle des Himmels ein -leises Dämmerlicht fallen ließ. Dann schloß er eine Thür -auf. Als sie in dem dunkeln kleinen Vorzimmer standen, -drückte er sie an sich und küßte sie heftig.</p> - -<p>Es wurde ihr ein wenig schwül und, sich losmachend, -sagte sie eifrig: »Mache Licht.«</p> - -<p>Er zündete eine Kerze an und dann eine schlechtgeputzte -messingene Öllampe; und er that es mit zitternden -Händen, fahrig, unsicher.</p> - -<p>Wanda merkte es nicht. Das Herz klopfte ihr ein -wenig, denn was sie that, war nicht in der Ordnung, -aber sie war mehr belustigt von ihrer Keckheit, als -fassungslos. Mit der Harmlosigkeit eines genialen -Kindes, das sie war, stand sie in der Stube des -Mannes, den sie liebte und der sie liebte, und betrachtete -das sehr einfache Möblement, die nicht sehr sauberen -Gardinen, die Musikinstrumente und Lithographien, die -an den Wänden hingen: eine Guitarre, ein Waldhorn, -eine Geige in grünem Flanellbeutel, ein Tod Kosziuskos -und Sobieskis Sieg über die Türken.</p> - -<p>Indessen blätterte und suchte er in einem Noten-Folianten -und schien nicht finden zu können, was er -suchte. »Endlich! Da!« Er drehte sich nach ihr um -<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a> -und sah sie mit einem seltsamen Lächeln an, die, da es heiß -im Zimmer war, eben den Mantel aufknöpfte. Er sprang -hinzu und nahm ihn ihr ab. »Du bist so blaß,« sagte sie.</p> - -<p>»Ja, mein Gott« – und immer wieder mußte er -eine rebellische Locke aus dem Gesicht schieben, die zu -tief hineinfiel. »Ich – ja – ich werde das jetzt -spielen. Siehst Du: Beethoven.«</p> - -<p>»Ich bin geschlagen.«</p> - -<p>»Soll ich spielen?«</p> - -<p>»Aber natürlich.«</p> - -<p>Er schlug den Deckel des kleinen Pianos auf, das -in einem Winkel stand, stellte Notenbuch und Lampe -darauf: »Ich kann es auswendig, aber – damit Du -Dich überzeugst,« sagte er heiser.</p> - -<p>»Ja. Ach, Deine Lampe! Die muß Dir die Wirtin -einmal blank putzen.«</p> - -<p>»So?«</p> - -<p>»Und dieser Staub hier! Du, Du, weißt Du, wie -man das nennt: polnische Wirtschaft.« Sie lachte leise.</p> - -<p>Er lächelte mit schmerzlicher Ironie.</p> - -<p>»Man muß heiraten – nicht wahr? – man sollte -– – hier ist die Stelle!«</p> - -<p>»Fang nur an.« Und da spielte er, schlecht zuerst, mit -klammen, zitternden Fingern danebengreifend, ausdruckslos; -dann wunderschön, singend, schwellend, jubelnd, groß und edel.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a> -Wanda Rhode hatte in einem Rohrlehnstuhl Platz -genommen und hörte ganz verloren zu. Ihr kleines -Abenteuer war beinahe feierlich, ja wirklich, es war -feierlich, die Thränen traten ihr in die Augen, während -sie auf die grün schablonierte Wand und den Sieg Sobieskis -starrte. Als er aufschaute, war eine Pause zwischen ihnen.</p> - -<p>»Spiel' jetzt was Lustiges,« sagte sie; »ich bin ganz -traurig geworden, ganz traurig. Spiel' einen Krakowiak.«</p> - -<p>»Gewiß.« Und er spielte. Er spielte glühend, er spielte -seine ganze Leidenschaft in die Wirbel eines Nationaltanzes, -sein ganzes heißes Mannesbegehren, das ihr harmlos-kecker -Besuch heraufbeschworen.</p> - -<p>Es zuckte Wanda durch alle Glieder, sie bewegte -den Kopf nach der Melodie, fing an, sie mitzusingen -und endlich mit den Füßen leicht den Takt dazu zu -treten. Mit einem Mal brach er ab und sprang auf, auch -Wanda erhob sich, Zärtlichkeit, Lust und Übermut sprühte -aus ihren Augen. »Ich danke Dir sehr, es war schön. -Und nun geh' ich wieder,« sagte sie.</p> - -<p>Der Pole aber stürzte vor ihr nieder, umklammerte -ihre Kniee und drückte den Kopf in die Falten ihres -Kleides. »Du – bist zu mir gekommen – Du –«</p> - -<p>»Steh' doch auf, Witold,« bat sie ängstlich.</p> - -<p>Da stand er auf. »Liebst Du mich aber? Sehr!? Sehr?«</p> - -<p>»Ich lieb' Dich sehr.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a> -Aber während sie sich an ihn lehnte, überkam sie -ein Angstgefühl und eine heiße Unruhe, und sie suchte -sich wieder los zu machen. »Laß mich, Witold.«</p> - -<p>Doch er umschloß sie nur fester, und während -er sie an seine schweratmende Brust drückte, knüpften -die Finger seiner Rechten an einem kleinen Tuch, das -sie, um den Hals trug, und an den Bändern ihres -Hutes. »Laß' doch das.«</p> - -<p>»Laß'? – ja – laß' nur, gieb – Deinen Hut -– und das auch – das – Du mein, mein, mein!«</p> - -<p>»Witold, was thust Du denn, was fällt Dir ein!«</p> - -<p>»Ich lieb' Dich, ich lieb' Dich! und Du – wirst -mir angehören, ganz mir, mir, süßestes Weib!«</p> - -<p>Sie gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er -zurücktaumelte, griff nach ihrem Mantel, den sie schnell -umwarf und rannte hinaus, die dunkeldämmerigen -Treppen hinunter, zitternd, mit einem Herzklopfen, das -ihr den Atem benahm, ganz aufgelöst von Scham und -Zorn. »Diese – Bestien, ob sie weiter nichts wissen! -Diese Bestien!«</p> - -<p>Jetzt – rechts oder links? – rechts – dort die -Hausthür – – Gottlob, sie war gerettet!</p> - -<p>Gerettet – ja. Die Liebe in Feiertagsgewändern hatte -ihre Schleier abgeworfen und sich frech und hohnvoll gewandelt, -die Himmlische hatte die Engelslarve abgethan -<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a> -und sie angestiert mit brutalem Grinsen. Warum hatte -er ihr das angethan! Was sie bei ihm gesucht, war ja -doch nur die Poesie der Liebe, das selige Wandeln in ihren -lichteren Vorhöfen, war gerade das, was die Ehe nicht war.</p> - -<p>Und dann – überkam sie mit einem Male das gräßlichste -Gefühl, wie ein Glutstrom, der sich aus seinem -Begehren in ihr Blut ergoß: sie wäre vielleicht eines -Tages – nicht heute, nicht morgen – doch wer kann -für alle Zeiten gut für sich sagen? – <em class="ge">vielleicht</em> – -diesem Begehren gewichen –</p> - -<p>Nein! nein! gewiß nicht! nie!</p> - -<p>Aber schon daß sie es einen Augenblick lang denken -gekonnt, war möglich, weil er ihre Liebe in den Staub -getreten und den Boden, auf dem sie gewandelt, unter -ihr fortgezogen!</p> - -<hr class="long" /> - -<p>Wanda war etwa eine Viertelstunde fort, als -Rhode mit einem Licht in den Händen bei Madame -Gernoth eintrat, die im Wohnzimmer am Fenster stand -und in die Schneenacht hinaussah.</p> - -<p>Er sah blaß und aufgeregt aus.</p> - -<p>»Ich habe keine Ruhe – es war Unrecht, sie allein -fortgehen zu lassen – und sie sagte, sie gehe manchmal -des Abends allein fort – wohin geht sie, da es -sich nicht immer um ein Kleid handeln kann?«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a> -»Sie ist auch heut nicht um das Kleid gegangen,« -sagte Frau Florentine hart, »es hängt fertig im Schrank.«</p> - -<p>»Mein Gott, was soll das denn heißen? und warum machen -Sie so unheimliche Augen, Mama? Sprechen Sie doch.«</p> - -<p>Sie zögerte. »Soll ich zur Verräterin meines Kindes -werden?« sagte sie dann.</p> - -<p>»Um alle Barmherzigkeit, foltern Sie mich nicht so! -Ich habe ein Recht zu wissen, was Sie wissen.«</p> - -<p>»O ja,« sagte die Frau bitter, »Rechte haben Sie -immer, ob Sie auch Pflichten haben, größere Pflichten, -als Ihre Frau dürftig satt zu machen, darnach fragen -Sie nicht. Also denn: sie hat ein Liebesverhältnis mit -dem Musiker Kreowski.«</p> - -<p>»Nein!« schrie er.</p> - -<p>»Ja.«</p> - -<p>»Seit wann?«</p> - -<p>Madame Gernoth tupfte ein paarmal leicht auf den -verhängnisvollen Sekretär und sagte: »Seit Sie – das -Geld hier herausgenommen haben.«</p> - -<p>Einen Moment lang war eine Totenstille zwischen ihnen. -»Es ist dennoch nicht wahr,« sagte er endlich gequält.</p> - -<p>»Ich traf sie jüngst zusammen, unweit des Kaiserthores -am Eisberge. Ich glaube, sie treffen sich öfter -dort. Gehen Sie sie suchen.«</p> - -<p>»Ich gehe,« sagte er heiser.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a> -»Vergessen Sie indes nicht, welcher Teil der Schuld -an Ihnen liegt. Ich möchte mein Kind nicht einem -uneinsichtigen Richter verraten haben, sondern einem, -der fühlt, daß er –«</p> - -<p>»Mitschuldiger ist. Ich begreife.«</p> - -<p>Sie leuchtete ihm, Hut und Mantel zu finden. -Beide zitterten. Es war kalt und eine große Qual in -beider Seelen. Dann ging er.</p> - -<p>Die Luft war rauh, bunt glitzerte der hartgefrorene -Schnee und knirschte unter seinen Tritten.</p> - -<p>»Es ist ja nicht möglich, nicht möglich!« dachte er immerfort. -Er sah sie ganz deutlich vor sich, ganz nahe, mit -diesem geistreichen Nixenlächeln, mit diesen leuchtenden -Augen, mit dieser schmalen, leicht geschwungenen Nase, -dem edlen Oval, dem Rhythmus aller Linien und Bewegungen: -das »Wunder eines Weibes,« das er sich -langsam gewöhnt hatte, zur Haushälterin und zum -Objekt seiner gewohnheitsmäßigen, pflichtmäßigen, handwerksmäßigen -Zärtlichkeiten herabzudrücken, denen alles -Impulsive, alles Innerliche, alles Tiefe und Verehrungsvolle -abhanden gekommen war. Und mit dieser Art -Zärtlichkeit hatte er sie von sich gedrängt, der Zärtlichkeit -eines andern entgegen – – bis – wohin?</p> - -<p>Bis – bis –? Er mochte es nicht ausdenken?</p> - -<p>Bis zur Vernichtung ihrer und seiner Ehre ....</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a> -Nein, nein – das war unmöglich! so weit verlor -sie sich nicht, so weit hatte er sie nicht verloren!</p> - -<p>»Gott, mein Gott!« schrie es in ihm, während heiße -Glutwellen ihm zum Herzen schossen. »Gott im Himmel -– das nicht!«</p> - -<p>Da war der Eisberg – da das Kaiserthor! Er -blieb einen Augenblick stehen; wohin sich wenden?</p> - -<p>Da sah er eine weibliche Gestalt die Burgstraße -herunter fliehen. »Wanda!«</p> - -<p>»Ah! – Du?«</p> - -<p>»Was thust Du hier?«</p> - -<p>»Ich bin auf dem Nachhausewege.«</p> - -<p>»Warum bist Du so sehr gerannt? Deine Wangen -glühen und alles zittert an Dir.«</p> - -<p>Da brach sie in Thränen aus. Er nahm ihren Arm -und zog ihn unter seinen. »Wanda, um Gottes willen, -was ist vorgefallen, verschweige mir nichts.«</p> - -<p>»Dieser unverschämte Mensch, dieser –«</p> - -<p>»Kreowski?«</p> - -<p>»Woher weißt Du –?«</p> - -<p>»Genug, ich <em class="ge">weiß</em>, daß Du mit diesem Manne – -ein – ist es denn wirklich wahr?«</p> - -<p>»Nun – ich hatt' ein bischen eine Liebelei mit ihm -– ja! Man will eben auch irgend etwas vom Leben -haben, wenn man – doch eigentlich – keinen Mann hat!«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a> -»Du hast keinen?«</p> - -<p>»Nein. Gerade zum Suppe kochen, Socken stricken -und – und – na ja, prachtvoll! Und Kreowski, der -liebte mich wirklich und ehrte mich so hoch und war -immer so zart und rücksichtsvoll, und nun – – ach!«</p> - -<p>»Sprich doch bloß, sprich!«</p> - -<p>»Nun stritten wir uns, ob Mozart oder Beethoven -– und sind gerade vor seiner Wohnung – und ich -sag: ich werde mit hinauf gehen, da können Sie nachsehen. -Und so gehen wir hinauf. Und dann – wird -er eben unverschämt! Wo ich mit keiner Seele an so -was – Greuliches gedacht hab! – Jesus – <em class="ge">das</em>, ja -das kann ich freilich zu Hause auch haben! Und ich wollte -doch Liebe, Liebe, richtige Liebe! Ach wie ich ihn hasse!«</p> - -<p>Er atmete auf. Sie war doch ein Kind, ein glänzendes, -geistreiches Kind. »Hassest Du mich auch?« fragte er zärtlich.</p> - -<p>Sie antwortete nicht. Schluchzend ließ sie den Kopf -auf seine Schulter sinken, im Schmerz über ihre gekränkte -und verlorene Liebe in dem Gatten den Freund -suchend, dem sie ihre Klagen darum ausschütten dürfe.</p> - -<p>Doktor Rhode nahm ihren Schmerz für Reue und eheliche -Zärtlichkeit. Ohne weiter zu sprechen, gingen sie nach Hause. -Als Madame Gernoth, die angstvoll am Fenster harrte, -sie Arm in Arm in die mondbeglänzte Straße einbiegen -sah, verließ sie die Wohnung und schlüpfte nach der -<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a> -andern Seite hinunter. Sie war nicht die Person, die -Dritte abzugeben, wo zwei Eheleute miteinander fertig -werden mußten. Genug, daß sie zusammen kamen. –</p> - -<p>Er führte sie in sein Studierzimmer, das die Wärme -am besten zu halten pflegte, nahm ihr Hut und Mantel -ab, rieb ihr die erstarrten Hände und braute ihr über -der Berzeliuslampe einen Thee. Dann setzte er sich -neben sie, umschlang sie, strich ihr das Haar aus der -Stirn und trocknete ihre Thränen.</p> - -<p>Sie ließ ihn schweigend gewähren, merkwürdig schnell -beruhigt und ohne auf seine Zärtlichkeit zu reagieren.</p> - -<p>Endlich sagte er weich:</p> - -<p>»Wanda, laß' mir Dir etwas erzählen. Es war -einmal ein Mann, der besaß einen köstlichen Diamanten, -auf den war er über die Maßen stolz, steckte ihn in -einen ledernen Beutel, den Beutel in die Tasche und -zog seines Weges, Kiesel zu suchen. Wie er sich aber -nach einem gar großen, blanken Kiesel bückte, fiel ihm -der Beutel samt Kleinod hinaus, und er merkte es nicht. -Da kam einer des Weges, der hob den Schatz auf und -hätte ihn – beinahe – zu sich gesteckt, wenn der andere -es nicht plötzlich gemerkt und ihm den Demant noch -rechtzeitig entrissen hätte. Wanda – und war der -Mann sehr dumm oder – sehr schlecht?«</p> - -<p>»Sehr dumm.«</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a> -»Und wenn der Dumme fortan ein ganz, ganz kluger -Mann sein will und sein Kleinod allezeit an seiner Brust -hegen als das größte Gut und den einzigen Schmuck -seines Lebens – Wanda?«</p> - -<p>Sie schwieg und lächelte seltsam. Er dachte sich -das so billig, so leicht. Glaubte er mit einer Parabel -und ein paar Küssen, glaubte er mit einem <em class="ge">Versprechen</em> -die Schuld jahrelanger Vernachlässigung, all' -der egoistischen Rücksichtslosigkeit, die sich mit der Neigung -eines Mannes zu verschmelzen weiß, vergessen zu -machen? Es ist der Nachteil des Mannes in der Ehe, -daß er zu wenig über sie nachdenkt, indes die Frau, -der sie einziger Beruf ist, den Wert aller ihrer Beziehungen -und Stimmungen, jedes Mißverständnisses, -jedes schwebenden Wortes durchzudenken Gelegenheit -nimmt. Oder vielleicht auch ist das sein Vorteil, diese -größere Plumpheit des Empfindens.</p> - -<p>»Warum lächelst Du so seltsam, so ironisch?« fragte -er unsicher und von ihrem Schweigen verletzt.</p> - -<p>Wanda Rhode nahm einen Streifen Papier, der -auf dem Tische lag, wickelte ihn über die Finger und -wieder ab und sagte dann:</p> - -<p>»Diese Parabel, die Du da erzähltest, klang ja sehr -schön und war gewiß ehrlich gemeint, schließlich – -war sie doch nur Phrase. Denn jenem Manne mit -<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a> -dem Kleinod, das er fernerhin hüten und ehren will, -wird diese gute Absicht nicht lange nützen. Bei nächster -Gelegenheit werden ihm die Kiesel doch wieder als Brillanten -gelten, und er wird sich nach ihnen bücken und -den »Demant,« wie Du sagtest, vergessen. Wie denn -keiner für seine Augen kann und alle Dinge den Wert -haben, den unsere Augen ihnen geben.«</p> - -<p>»Wage es immerhin noch einmal auf meine Augen!« -bat er. »Versuche es noch einmal, mich ein bischen -lieb zu haben, mich zu verstehen, Dich in meine Interessen -einzuleben und so Nachsicht mit mir zu haben. Und -Du wirst mir nie mehr verloren gehen, noch ich -Dir.« Sie sah ihn an, der bittend die Hände nach ihr -ausstreckte, und eine Rührung überkam sie, ein Zittern -und Aufschluchzen. »Wanda!«</p> - -<p>»Ach, es ist zu, zu gräßlich!«</p> - -<p>»Was?«</p> - -<p>Sie stand auf, stützte die Hände auf die Tischkante -und starrte gequält in eine Ferne, die nicht -da war.</p> - -<p>»Was ist Dir, Kind? sprich doch! Sage mir, was -ich thun soll, daß alles wieder gut würde! Habe doch -noch einmal Vertrauen zu mir!«</p> - -<p>Sie lächelte trübe.</p> - -<p>»Habe mich doch noch ein einziges Mal lieb!« -<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a> -Die Stimme brach ihm fast vor Schmerz, und Thränen -traten ihm in die Augen. »Wanda!«</p> - -<p>Da sprach sie.</p> - -<p>»Dies wäre die Stunde, könnte sie sein, die uns -alles wiedergäbe, alles verlorene Vertrauen, alles verlorene -Glück, jene goldnen Tage, jene junge Seligkeit –«</p> - -<p>»Und warum kann sie es nicht? Laß' sie uns das -doch wiedergeben. Liebste! Warum sollte uns das alles -nicht wieder werden?«</p> - -<p>»Weil – ach Gott! – weil – <em class="ge">das</em> wieder ist ... -Alle diese Qualen, diese Not und dieses Elend. Und ich -will nicht, will nicht! Lieben? man liebt doch nicht -seinen Peiniger und Verderber!«</p> - -<p>»Deinen Peiniger –«</p> - -<p>»Neben Kreowski konnte ich es wenigstens vergessen. -Aber hier, hier, wo die Angst vor dem Ende in jedem -Winkel lauert! Und wenn ich nur wenigstens diesmal -stürbe, daß ich es nicht ein fünftes Mal erleben müßte! -wenn ich lieber vorher stürbe!«</p> - -<p>»Also das ist es? – Und das ist Dir so schrecklich?«</p> - -<p>»Es zerreißt mir die Seele! Ich will nicht! Es -wird auch wieder sterben! Ewald, hörst Du denn nicht? -ich will nicht! Ich will lieber sterben!«</p> - -<p>Er schloß sie in die Arme, gab ihr hundert gute, -<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a> -zärtliche Worte und suchte sie zu beruhigen. Aber ein -Dunst von Bier und Tabak, der von seinen Lippen -und aus seinen Kleidern auf sie eindrang, erregte ihr -ein widriges Gefühl und machte jedes Wort von vornherein -zu einem verlorenen.</p> - -<p>Sie machte sich los von ihm, der verzweifelnd -wahrnahm, wie ihre Erregung sich zur Ekstase steigerte. -»Da hinten, ganz dort in der Ferne, siehst Du, da -lauert es – und kommt heran – immer näher – -<em class="ge">das</em> – und das andere Gräßliche: die Geldnot, der -Ärger, der Schmutz und das Schrecklichste, – – der -Tod! Und da wieder – da! – die Sehnsucht nach -Glück und Leben, nach Schönheit, nach Rhythmen und -Tönen – und nach Liebe, Liebe, <em class="ge">Liebe</em>!«</p> - -<p>»Wanda!«</p> - -<p>»Und wenn es mich nicht tötet, wird es meine -Seele verderben, hörst Du? meine Seele! Denn wer, -wer ist Herr seiner Seele, wer von uns, die wir nicht -einmal Herren unseres Leibes sind? wer Herr seines -Hungers, seiner Sehnsucht?« –</p> - -<p>Er zuckte die Achseln. Er beklagte sie, aber zugleich -verletzte ihn ihr Abscheu vor einem Zustande, der ihr -ihn selber abscheulich machte, der ihm Freude verhieß -und der doch manche andere Frau selbst sogar -beglückte.</p> - -<p><a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a> -»Es ist nutzlos und thöricht, sich gegen göttliche Einrichtungen -aufzulehnen,« sagte er.</p> - -<p>»Göttliche? Das ist kein Gott, dieser Schöpfer, -der die Hälfte der Menschheit dem Manne in die Hände -gespielt und mit der Mutterschaft geschlagen hat!«</p> - -<p>»Du bist schrecklich.«</p> - -<p>»Ich? nein. Jener!«</p> - -<p>Er war allein.</p> - -<p>Dumpf erschüttert, schweratmend, gefoltert von einem -ungeheuren Schmerz, stand er lange inmitten des -Zimmers und starrte auf die Thür, die sich hinter ihr -geschlossen.</p> - -<p>Dann trat er ans Fenster. Kein Mondstrahl traf -das enge Gewinkel von Höfen und Hinterhäusern da -draußen. Es war ganz dunkel. Dunkel wie diese ewigen -Daseinsfragen, die der in glücklicher Geistesenge Lebende -nicht kennt, und an denen der ringende Geist, das leidenschaftliche -Gefühl zur eigenen Qual herumrätselt, um -nur einen, <em class="ge">einen</em> Strahl zu erhaschen von dem ewigen -Lichte, das er ahnt, einen Strahl, der seine Finsternis -erhellte.</p> - -<p>Aber es blieb dunkel, wie sehr er auch an den Falten -des Mantels zerrte, in denen die Gottheit sich verhüllt; -und seine Wünsche, seine Empfindungen blieben, die sie -waren, wie sehr er an den Fasern des eigenen Herzens -<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a> -riß, das sein Verlangen dem Weibe zuwandte, die ihn -ihren Peiniger und Verderber genannt.</p> - -<p>Was war nun das Leben?</p> - -<p>Nichts, nichts als ein beständiger Konflikt! Nichts -als ein ewiges Gewühl von Täuschungen und Irrtümern -des Kopfes und des Herzens! Nichts als ein Kampf, -der hier vernichtet, um dort leben zu lassen!</p> - -<p>Es blieb dunkel. –</p> - -<p>Indessen hatte sich von einem Seitentische her ein -feiner scharfer Geruch verbreitet, der jetzt seine Aufmerksamkeit -auf sich lenkte. Er ging dorthin und beugte sich -über den aufgestellten Apparat.</p> - -<p>»Ah – die Zersetzung schreitet fort, schon entwickelt -sich Strom. Es wird gut werden!« Und damit überkam -ihn etwas wie frohe Zuversicht überhaupt. »Alles -wird gut werden, alles! wird der Anfang neuen Glückes -werden und herrlichen Gelingens.«</p> - -<p>Er nahm es an mit dem Optimismus der moralischen -Bequemlichkeitsliebe, des Ruhebedürfnisses; obgleich er -ihn selbst anders nannte: ein neuerwachtes Gottvertrauen -und einen starken Glauben an den Sieg des Guten in -der Welt.</p> - - -<p class="mt2 ce fs70">Adolf Niese, Saalfeld i. Th.</p> - -<hr /> - - - - -<h2>Hinweise zur Transkription</h2> - - -<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p> - -<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>, <b>fett</b>.</p> - -<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden -Ausnahmen,</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_020">20</a>:<br /> -"aus" eingefügt<br /> -(einer Ode an den Frühling aus der Affäre zog)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_032">32</a>:<br /> -"Rythmus" geändert in "Rhythmus"<br /> -(sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_034">34</a>:<br /> -"weifelhaft" geändert in "zweifelhaft"<br /> -(die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br /> -"ebenbürtg" geändert in "ebenbürtig"<br /> -(geistig war er ihr durchaus ebenbürtig)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br /> -"," eingefügt<br /> -(Teilnahme, Verständnis)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_049">49</a>:<br /> -"Réuinon" geändert in "Réunion"<br /> -(dämmerte der Morgen nach jener Réunion)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_052">52</a>:<br /> -"ge-gewesen" geändert in "gewesen"<br /> -(und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_052">52</a>:<br /> -"leichtbe-bewegten" geändert in "leichtbewegten"<br /> -(ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_062">62</a>:<br /> -"verlästert" geändert in "verlästerst"<br /> -(obgleich Du das Theater immer verlästerst)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_076">76</a>:<br /> -"," entfernt hinter "schlanke"<br /> -(ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt)</p> - -<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_082">82</a>:<br /> -"daß" geändert in "das"<br /> -(dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug)</p> - -<hr /> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Eheglück, by Bianca Bobertag - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK *** - -***** This file should be named 62491-h.htm or 62491-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/4/9/62491/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net (This book was produced from images -made available by the HathiTrust Digital Library.) - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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Information about the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit -501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the -state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal -Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification -number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by -U.S. federal laws and your state's laws. - -The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the -mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its -volunteers and employees are scattered throughout numerous -locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt -Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to -date contact information can be found at the Foundation's web site and -official page at www.gutenberg.org/contact - -For additional contact information: - - Dr. Gregory B. Newby - Chief Executive and Director - gbnewby@pglaf.org - -Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg -Literary Archive Foundation - -Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide -spread public support and donations to carry out its mission of -increasing the number of public domain and licensed works that can be -freely distributed in machine readable form accessible by the widest -array of equipment including outdated equipment. Many small donations -($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt -status with the IRS. - -The Foundation is committed to complying with the laws regulating -charities and charitable donations in all 50 states of the United -States. Compliance requirements are not uniform and it takes a -considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up -with these requirements. We do not solicit donations in locations -where we have not received written confirmation of compliance. To SEND -DONATIONS or determine the status of compliance for any particular -state visit www.gutenberg.org/donate - -While we cannot and do not solicit contributions from states where we -have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition -against accepting unsolicited donations from donors in such states who -approach us with offers to donate. - -International donations are gratefully accepted, but we cannot make -any statements concerning tax treatment of donations received from -outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. - -Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation -methods and addresses. Donations are accepted in a number of other -ways including checks, online payments and credit card donations. To -donate, please visit: www.gutenberg.org/donate - -Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works. - -Professor Michael S. Hart was the originator of the Project -Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be -freely shared with anyone. For forty years, he produced and -distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of -volunteer support. - -Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed -editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in -the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not -necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper -edition. - -Most people start at our Web site which has the main PG search -facility: www.gutenberg.org - -This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, -including how to make donations to the Project Gutenberg Literary -Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to -subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. - - - -</pre> - -</body> -</html> - - diff --git a/old/62491-h/images/cover.jpg b/old/62491-h/images/cover.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 671a2b5..0000000 --- a/old/62491-h/images/cover.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62491-h/images/fackel100.jpg b/old/62491-h/images/fackel100.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 73fa1a1..0000000 --- a/old/62491-h/images/fackel100.jpg +++ /dev/null diff --git a/old/62491-h/images/fackel125.jpg b/old/62491-h/images/fackel125.jpg Binary files differdeleted file mode 100644 index 4819d6c..0000000 --- a/old/62491-h/images/fackel125.jpg +++ /dev/null |
