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-The Project Gutenberg EBook of Eheglück, by Bianca Bobertag
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll
-have to check the laws of the country where you are located before using
-this ebook.
-
-
-
-Title: Eheglück
- Roman
-
-Author: Bianca Bobertag
-
-Release Date: June 29, 2020 [EBook #62491]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-
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-
-
-
-
-
- Bianca Bobertag
-
- Eheglück
-
-
- Roman
-
- [Illustration]
-
- Berlin
-
- Concordia Deutsche Verlags-Anstalt
-
- 1900
-
-
-
-
-Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin.
-
-
-Der kleine Martin.
-
- Erzählung
- von
- #Karl Emil Franzos#.
-
- #Zweite Auflage.# Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,--, geb. Mk. 3,--.
-
-#St. Petersburger Zeitung.# (P. von Kügelgen.): »Karl Emil Franzos' neueste
-Geschichte »Der kleine Martin« ist die reife Frucht der Erzählerkunst
-des Autors. Der Held der Erzählung ist der beste, edelste, selbstloseste
-Mensch, den man sich denken kann, nur zu weich, zu wenig mutig und
-schneidig für diese schnöde Welt. Die Geschichte ist musterhaft erzählt,
-jeder Zug, jedes Detail paßt zum andern, alles greift so konsequent, so
-logisch, so unabwendbar in einander, daß man den Eindruck erhält, Alles mit
-eigenen Augen mit angesehen, mitfühlenden Herzens miterlebt zu haben.«
-
-#Berliner Tageblatt#: »Man kann diese Novelle wohl als ein Pendant zu dem
-großen Romane des Autors: »Ein Kampf ums Recht« betrachten, nur daß Franzos
-diesmal uns das Kampfgebiet von einer anderen Seite zeigt. Die Erzählung
-ist interessant und fesselnd vom Anfang bis zum Ende; es fehlt auch trotz
-der tragischen Grundstimmung nicht an Scenen, die uns Land und Leute in
-Halbasien mit köstlichem Humor vorführen.«
-
-#Bohemia#: ».... Mit sicherem Pinsel ist in die leichte, nicht drückende,
-die Wirkung rein abschließende landschaftlich-ethnographische Umrahmung
-ein psychologisches Kabinetstück hineingemeistert: die Erscheinung eines
-gutmütigen, weichen Menschen, der hilflos mit den Rauheiten und Roheiten
-der Welt nicht fertig zu werden weiß, der aber darin, was Comte den
-»_Altruismus_« nennt: in der Hinopferung für Andere, in der _herzhaften
-Selbstlosigkeit_ immer wieder seine Stärke findet und offenbart. Wir
-beschränken uns auf diese allgemeine Charakteristik der ergreifend schönen
-kleinen Geschichte.«
-
-#Hamburger Fremdenblatt#: ».... Die hauptsächlichsten Vorzüge dieses neuen
-Buches sind die prächtigen Sittenschilderungen, eine scharfe Charakteristik
-der Personen und der in der bewegten, dramatisch aufgebauten Handlung
-verborgene _sittliche Kern_. Dem schönen Buch, einem echten Kinde der Muse
-unseres Dichters, ist manche Neuauflage vorherzusagen.«
-
-#Berl. Börsen-Courier#: »... Die Personen, die uns der Dichter hier
-vorführt, sind scharf gezeichnete Typen von lebendigster Anschaulichkeit.
-Es ist wie eine Abrechnung, die erlösend wirkt durch ihren sittlichen
-Wert.«
-
-
-Norddeutsche Leute.
-
- Novellen
- von
- #Adalbert Meinhardt#.
-
- #Zweite Auflage.# Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk. 2,--, elegant geb.
- Mk. 3,--.
-
-#Blätter für litterarische Unterhaltung# (1. Jan. 1897): »... Es ist nicht
-Willkür, die für diese Novellen diesen Namen erfand. Vielmehr haben die
-Charaktere durchgängig ein gewisses Etwas gemeinsam, was sie als Menschen
-_eines_ Schlags erscheinen läßt, eben als Norddeutsche. Diese Eigenheit,
-mit glücklicher Sicherheit erfaßt, ist mit bewußter Treue dargestellt und
-durchgeführt. Scheinbar harte, starre, verschlossene Naturen zeichnet
-uns A. Meinhardt, Herzen, die nicht leicht zu entzünden sind. Um so
-nachhaltiger und rückhaltsloser lieben sie da, wo einmal ihr Gefühl
-eine Wahl traf. Auch die leise Wehmut, die über beiden Erzählungen ruht,
-entspricht der künstlerischen Absicht sehr wohl. Kurz: Die »Norddeutschen
-Leute« seien als gesunde, im besten Sinne unterhaltende Lektüre
-nachdrücklich empfohlen.«
-
-#Hamburger Correspondent.# (Nr 1, 1897): »... Zu jenen schriftstellernden
-Frauen, von denen jedes neue Buch von einem weiteren geistigen Wachstum
-zeugt, gehört Adalbert Meinhardt.... Man muß der Kraft der Darstellung und
-Charakteristik wie der feinen Seelenmalerei volle Anerkennung zollen. Die
-Gegensätze, die ungemein zart und keusch angedeutet sind, finden hier auch
-eine harmonisch ausklingende Auflösung.«
-
-#Heimgarten.# (=XX.= 5.): »Die jugendliche Mutter und die heranblühende
-Tochter lieben denselben Mann -- gewiß ein starker Konflikt, der auch
-energisch gelöst wird, in feiner und vornehmer Art.... Eine Schilderung
-des norddeutschen Wesens, die alles Bezeichnende ungemein fein und scharf
-wiedergiebt.«
-
-#St. Petersburger Herold.# (29. =XII.= 1896): ».... Die Novelle »To Hus is
-best« ist eine Perle deutscher Erzählungskunst und Tiefe des Problems, wie
-an Kunst und Kraft der Charakteristik. Gleich wertvoll ist auch die zweite
-Novelle des Buches. Wohl nächst »Heinz Kirchner« das beste Buch, das
-A. Meinhardt bisher veröffentlicht hat.«
-
-#Hamburger Fremdenblatt.# (25. Dez. 1896): »... wirkliche norddeutsche
-Leute, groß geworden in der kleinen Welt, die sie ihr eigen nennen, darum
-eingeengt in ihren Ansichten und Anschauungen, rauh nach außen, aber unter
-der unansehnlichen Außenschale ruht ein gesunder Kern, schlummert ein
-reiches Gemüt ... Das Werk sei bestens empfohlen.«
-
-
-
-
- Eheglück
-
-
- Roman
-
- von
-
- Bianca Bobertag
-
- [Illustration]
-
- Berlin
-
- Concordia Deutsche Verlags-Anstalt
-
- 1899
-
-
-
-
- Alle Rechte, namentlich auch das der Übersetzung vorbehalten.
-
-
-
-
-Erstes Kapitel.
-
-
-Salzbrunn war in der Mitte der vierziger Jahre noch nicht der mit modernem
-Komfort eingerichtete, teure Badeort, der es heute ist. Es besaß noch keine
-eleganten Hotels und keine Verkaufsbazare, keine Teppichbeete und keine
-Wiesbadener Preise. Trotzdem war sein Besuch ein lebhafter und bei aller
-Einfachheit der Verhältnisse gab es etwas wie ein Badeleben. Gegenüber dem
-Kursaal stand eine Art Vogelgebauer, das das »Orschester« genannt wurde
-und in dem man eine jener Bademusiken veranstaltete, die zwischen
-dem Erträglichen und dem Unerträglichen die Mitte halten. Es gab eine
-Promenade, auf der die neuesten Pariser Moden spazieren geführt wurden,
-Réunions, bei denen getanzt und musiziert wurde, und selbst eine
-Leihbibliothek von etwa hundert Bänden, in der neben den Räuberromanen von
-Spindler und Vulpius die Flygare-Carlèn und die Paalzow, Walter Scott,
-eine Anzahl »Taschenbücher für Liebe und Freundschaft« und für verwegenere
-Gemüter Paul de Kock und Eugen Sue zu haben waren.
-
-Selbstverständlich gab es auch den nötigen Badeklatsch; die Toiletten-,
-Gesundheits- und Moralitätsjury waltete damals so gut wie später ihres
-Amtes, und Neuangekommene mußten sich so lange bemäkeln lassen, bis sie
-glücklich selbst in dem großen Gerichtshof Aufnahme gefunden hatten.
-
-Da zwei auffallende Erscheinungen, Madame Florentine Gernoth, und ihre
-Tochter, Frau Doktor Rhode, sich sehr zurückhielten, gehörten sie zu den
-meistbesprochenen Persönlichkeiten.
-
-Sie lebten einfach. Jeden Morgen zur gleichen Zeit sah man sie nach dem
-Brunnenhause und zur Molkenanstalt gehen, Wanda Rhode ihr Glas in der Hand,
-Madame Gernoth ihre kleine Enkelin führend, und wen die Frauen mit ihren
-schlanken, ebenmäßigen Figuren, den kühngeschnittenen Nasen, den großen,
-stolzblickenden Augen der älteren, den zärtlichen, geistreichen der Tochter
-nicht mehr interessierten, der warf gewiß einen Blick auf das kluge,
-ernsthafte Gesicht des kleinen Mädels, dessen blitzende Augen jede
-Seite des großen Bilderbuches, das vor ihm aufgeschlagen lag, aufmerksam
-musterten. Es war Rasse in den drei Figuren, wenn auch nicht in
-aristokratischem Sinne.
-
-Es hatte sich herumgesprochen, daß Madame Gernoth von ihrem Manne
-geschieden und in sehr bescheidenen Verhältnissen zu leben gezwungen sei,
-während dieser, ein reicher Breslauer Fabrikant, als Lebemann galt, der
-im Musik- und Theaterleben der Stadt eine Rolle spiele. Man nannte große
-Summen, die er im Dienste der Musen verschwende. Von der Frau Doktor wußte
-man nicht zuviel: sie war viel umworben worden, hatte einen jungen Arzt
-geheiratet, ein paar kleine Kinder gehabt, von denen sich nur eines am
-Leben erhalten und war seit der Geburt des letzten leidend gewesen. Das war
-alles.
-
-Wenn Frau Gernoth darauf bestand, daß sie sich in den ersten beiden Wochen
-vollständig von der Badegesellschaft zurückhielten, geschah es auf Wunsch
-des Arztes, der bei der Lebhaftigkeit der jungen Frau fürchtete, daß vieles
-Sprechen ihr schädlich sein könne. Sobald nur aber die Halsaffektion sich
-gegeben hatte und die Farbe auf Wanda Rhodes Wangen zurückkehrte, war die
-sorgliche Mutter auch bereit, ihr den Verkehr mit anderen und die Teilnahme
-an einigen bescheidenen Vergnügungen zu gönnen.
-
-Sie überlegte eben, an welche der Frauen, die sie vom Sehen und ein paar
-gelegentlich gewechselten Worten kannte, sie sich am besten zu einer
-Kremserfahrt oder dergleichen anschließen möchten, als Wanda von einem
-Spaziergange, den sie allein durch die Anlagen unternommen, zurückkehrend,
-in fröhlicher Erregung auf sie zueilte.
-
-»Mutter -- Konzert im weißen Lamm -- Stücke von Beethoven und
-Chopin-Liedervorträge -- Deklamationen von Holtei, denk bloß: Holtei!
-Entree vier gute Groschen, das ist doch nicht schlimm? Nicht wahr, wir
-gehen? Ich bin ja wieder ganz gesund, von Halsschmerz keine Spur mehr,
-_ganz_ gesund, bloß daß ich vor Langerweile sterbe.«
-
-»Holtei hätt' ich auch gern einmal gehört! Aber das wären für uns beide
-acht gute Groschen.«
-
-»Wir müssen uns doch auch einmal etwas gönnen. Zuletzt Tanz. Denk' doch.«
-
-»I wo werd ich Dich denn tanzen lassen!«
-
-»Gesunde Menschen können tanzen, soviel sie wollen. Habe ohnedies das ganze
-Jahr so schlimm zugebracht. -- Ach Gott!«
-
-»Nun ja, das hast Du. Mach nur nicht die Unglücksmiene.«
-
-»Nein, ich will nicht mehr dran denken. Also die Polonaise und 'nen Walzer
-erlaubst Du schon, Walzer ist ja ein Tanz zum Einschlafen. Nur das ewige
-Stillsitzen in der Laube, das ist zu schrecklich. Und das schablonierte
-Muster an unseren Wänden kenn' ich wahrhaftig auch auswendig, die
-Erzählung, wie die Mutter der Wirtin die Wassersucht hatte, ebenfalls, und
-also, wenn ich nicht wieder krank werden soll aus Langweile und Unruhe, so
-gehen wir dorthin, Mutter. Ja?!«
-
-»Du bist auch ganz wieder wie als Mädchen.«
-
-»Freut Dich denn das nicht?«
-
-»Nun ja -- freilich.«
-
-»Ach, denk Dir, und der Spaß: das Lied, das Kreowski einmal an mich gemacht
-hatte: »Ich weiß nicht, ist es Unrecht,« das wird auch gesungen --«
-
-»Ist denn Kreowski hier?« fragte Frau Florentine mißtrauisch.
-
-»Ach bewahre. Wer weiß, wer es singt! Wer weiß, ob es überhaupt dieses Lied
-ist; es kann auch ein anderes so anfangen! Ich dachte bloß -- vielleicht.«
-
-»Du bist ja rot geworden.«
-
-»So? Na, weißt Du, er gefiel mir doch damals sehr gut. Aber das ist ja nun
-so lange her, so lange, vier lange Jahre. -- Klärchen hübsch artig gewesen?
-Ja Puz? Komm mal her, sag mal, hat Dir Großel eine hübsche Geschichte
-erzählt?«
-
-Und sie nahm das kleine Mädel auf den Schoß und küßte es, bis es wieder
-hinunterstrampelte.
-
-Frau Gernoth betrachtete sie scharf. Ihre Tochter war keine allzu pünkliche
-Mutter, nicht lieblos, aber nicht von der überströmenden Zärtlichkeit
-mancher anderen; die Heftigkeit, mit der sie das Kind küßte, erschien ihr
-mehr als der Ausdruck einer starken Erregung, die irgend einen anderen
-Grund hatte.
-
-In diesem Augenblicke fiel die Musik ein, und
-
- »Leswig-Holstein, meerumslungen
- Leswig-Holstein, stammverwandt,«
-
-sang das kleine, noch nicht ganz zweijährige Ding jauchzend; entzückt
-hob es die Großmutter auf und überschüttete es jetzt ihrerseits mit
-Liebkosungen.
-
-»Sie kennt jedes Lied an der Melodie heraus! Und Verse über Verse weiß sie
-auswendig, unser Goldkind!«
-
-»Du bist noch viel eitler auf sie, als Ewald,« sagte die junge Frau.
-
-»Bist Du es denn nicht?«
-
-»Ich -- na -- das ist doch ganz selbstverständlich, daß ich _so_ ein Kind
-habe! Bin _ich_ denn von Dummersdorf? Und Verse und Lieder -- weiß ich auch
-ohne Ende. Ja, denk mal, Mutter -- ich hab eben ein Gedicht gemacht. Auf
-dem hübschen Aussichtspunkt saß ich, wo wir mal neulich zusammen waren« --
-
-»So weit bist Du gegangen?«
-
-»Gar nicht weit.«
-
-»Und da hast Du ein Gedicht auf die Aussicht gemacht?«
-
-»Na ja. Und ich glaube -- es kommt mir so vor -- als wäre es anders, als
-meine sonstigen Reimereien auf Tante Lottens Geburtstag und Vetter Hermanns
-Polterabend. Soll ich's Dir mal sagen?«
-
-»Meinetwegen, sag es.«
-
-Wanda Rhode sah sich um -- rechts und links war niemand zu erblicken --
-breitete ihre Arme aus und fing an zu deklamieren:
-
- »Was, du heller Sommertag
- Streust du so voll Prunken
- Hin auf Fluß und weite Flur
- Deine goldnen Funken?!
-
- Heller Reichtum überall,
- Jauchzen und Erklingen,
- Überall in Blühens Kraft
- Seliges Durchdringen.
-
- Und bist dennoch ach! wie arm
- Noch im Überfluten,
- Noch in deinen unerschöpft
- Goldnen Sonnengluten.
-
- Hab doch ich die Wälder grün
- Alle rings ersonnen,
- Ist doch meines Herzens Glut
- Sonne licht entronnen.
-
- Tönt von meinem Jubel doch
- Baches Rauschen wieder,
- Und in Busch und Baum sind mein
- All die frohen Lieder.
-
- Welt, du bist ein Abbild nur
- Meiner Liebesfülle,
- Blühst nur, daß in deinem Glanz
- Sich mein Herz enthülle.
-
- Blühst nur, weil in dir mein Glück
- Blüte sich gefunden,
- Welt, du seliges Gedicht
- Frohbewegter Stunden.«
-
-»Das ist ja ganz verrücktes Zeug! _Du_ hast die Wälder ersonnen und die
-Vögel singen _Deine_ Lieder? Nein höre, das ist doch zu abgeschmackt.«
-
-»Es ist aber so.«
-
-»Und was soll denn das heißen mit der Liebesfülle?«
-
-»Das? Ja das weiß ich selbst nicht. Das sollte wohl heißen, daß mir das
-Herz so übervoll ist. Mutter, Mutter, ich könnte ja ganz laut schreien vor
-Vergnügen: so schön ist es hier, so gesund und so jung bin ich wieder und
-so glücklich! Und jetzt gehe ich um die Billets.«
-
-»Warte doch. Hier ist noch ein Brief an Dich. Von Ewald.«
-
-»Von Ewald? Na, das hat Zeit.«
-
-»Das hat Zeit? So?«
-
-»Ich dächte.«
-
-»Sei doch nicht so eilig. Hör' einmal --«
-
-»Nun?«
-
-»Die Wirtin selber geht heut Abend fort und ihre Bertha ist so
-unzuverlässig, da wär' Klärchen so gut wie allein -- und dann -- ich hätte
-ja Holtei gern gehört, aber acht gute Groschen -- weißt Du: Registrators
-gehen, so schließe Dich nur an die an.«
-
-»Nun, wie Du denkst. Und wenn Du Dich wegen Klärchen aufopfern willst, so
-bin ich ja desto beruhigter. Also auf Wiedersehn.«
-
-Und fort eilte sie.
-
-Madame Gernoth sah ihr nach. Gott sei Dank, daß sie wieder so war! Was
-hatten diese vier Jahre aus ihr gemacht -- und nun war sie wieder so frisch
-und blühend, und sie sollte ihr nicht ein Vergnügen gönnen? Da verfolgten
-sie auch schon Zwei! Nun, sie verstand, sich die Zudringlichen vom Halse zu
-halten.
-
-Der Brief! Florentine Gernoth wog ihn einen Augenblick in der Hand und
-legte ihn dann in ihr Strickkörbchen. »Das hat Zeit!«
-
-Sehr zärtlich war das gerade nicht gewesen. Aber, lieber Gott! drei Kinder
-in vier Jahren, zwei davon wieder gestorben, und _diese_ Qualen, Sorgen
-und Mühen, die das arme Ding damit durchgemacht -- ja was wissen denn die
-Männer, wie es nach alledem im Gemüt einer jungen Frau aussieht? Wie ihr
-der Mann damit zu einem Objekt steter Angst, seine Zärtlichkeit zum Grauen,
-sein Verlangen zur verderblichen Gefahr wird, wie die innigste Liebe
-hinstirbt in dieser beständigen entsetzlichen Furcht vor Wiederholungen des
-Schrecklichen! Erst neulich hatte Wanda ihr gestanden, daß das Schönste
-an diesen fünf Wochen im Gebirge die Befreitheit von der Angst vor neuer
-Mutterschaft sei, und wie sie am liebsten alles vergessen möchte, was
-hinter ihr läge, alles, sogar daß sie überhaupt einen Mann habe.
-
-»Das hat Zeit!« Madame Gernoth seufzte. Seufzte über Frauenlos und
-»Eheglück« und in noch irgend einer Bangigkeit, deren Grund ihr nicht
-gleich bewußt war. Ja so: diese Verse, die die junge Frau in heller
-Begeisterung gedichtet und ihr mitgeteilt hatte, Verse von so sprudelnder
-Lebensempfindung, von einem so jauchzenden Hochgefühl, daß siegender
-Verstand nur mit Wehmut des Prozesses denken konnte, der alles das wieder
-zerstören würde. Es nützte Frau Florentine gar nichts, daß sie sie als
-Ausfluß einer »verrückten Laune« abzuthun suchte, sie blieben der
-Ausdruck einer starken, lodernden Empfindung, die in ihrer schrankenlosen
-Subjektivität die ganze Welt in sich hineinzieht. »Verse und Lieder? --
-weiß ich selber ohne Ende!« Ganz schön! und Wanda hatte sich mit ihnen über
-tausend Armseligkeiten und Kümmernisse hinweggeholfen -- und doch schienen
-sie ihr ein gefährliches Mittel für die Frau eines Armendoktors, deren
-Hauptlebensaufgabe darin bestand, zu sparen und Kinder auf die Welt zu
-bringen. In allem Unharmonischen liegt eine Gefahr. Das hatten schon Frau
-Florentinens Vater und Großvater erkannt, als sie in ihr und ihrer Mutter
-denselben Hang zu Versen und Liedern mit eiserner Härte unterdrückten und
-alles Künstlerische verpönten, bis sie es hassen gelernt, wenigstens die
-persönliche Beschäftigung damit; und das hatte _sie_, Florentine Gernoth,
-erkannt, als sie ihre Tochter in diesem Sinne erzogen. Denn dergleichen
-läßt sich unterdrücken, das wußte sie -- und wußte nur nicht, daß, wo der
-Hang die Stärke der Leidenschaft hat, er ununterdrückbar bleibt -- und
-sollte späterhin auch in dem kleinen Mädchen, ihrer Enkelin, vernichtet
-werden! Und obgleich sich die ernste Frau dunkel der Inkonsequenz bewußt
-war, die diese Absicht und ihre Freude an der frühzeitig sich
-offenbarenden Begabung des Kindes bedeutete, beging sie sie doch in einem
-Erziehungsfanatismus, der seine Befriedigung darin findet, die Natur grade
-da zu verkrüppeln, wo sie am stärksten ist, und die eben damals in der
-Mädchenerziehung am nachdrücklichsten das Ideal von Weiblichkeit zu
-erreichen suchte, das die Kultur entwickelt hatte: die aller Persönlichkeit
-bare, in den engsten Horizont eingeschränkte, mit ihren Händen arbeitende
-Wirtschafterin.
-
- »Welt, du bist ein Abbild nur
- Meiner Liebesfülle.«
-
-»Hm.«
-
-Neben ihr wurde es unruhig.
-
-»Alle Steinchen heruntergefallen, alle Steinchen?« sagte sie mechanisch zu
-dem Kinde, das zu weinen angefangen, und bückte sich, die Kiesel, mit denen
-es gespielt, wieder aufzuheben. Dann nahm sie die Kleine auf den Schoß und
-bemühte sich, die Wolken von der eigenen Stirn zu verscheuchen, um das Kind
-aufzuheitern.
-
- »Das ist der Daumen,
- _Der_ schüttelt die Pflaumen,
- Der hebt sie auf,
- Der trägt sie nach Hause,
- Und der Kleine -- ißt sie alle alleine auf!«
-
-Da lachten sie beide, das Kind herzlich und ausgelassen, die Großmutter
-mühsam und mit verhaltenen Seufzern in der Brust.
-
-Die Kapelle hatte inzwischen »Denkst du daran, mein tapferer Lagienka«
-exekutiert und setzte jetzt nach einer Pause mit einer Polka ein. Auf dem
-Kurplatze wogte eine bunte Menge hin und her in der uns heut so wunderlich
-steif und geschmacklos erscheinenden Tracht der Zeit: den weiten,
-gesteiften Kleidern, den dreizipfeligen Tüchern, ungefälligen Mantillen
-und korbartigen Backenhüten der Frauen und den engtailligen,
-breitaufgeschlagenen Röcken, Vatermördern und bunten Westen der Männer,
-einer Tracht, die an Geschmacklosigkeit und Stillosigkeit nur von der der
-Möbel und Geräte erreicht wurde, mit denen man sich umgab; und in der man
-sich dennoch gefiel, sich haßte und liebte, würdig und sogar flott
-erschien und der übrigens ein fremdnationales Element half, einen gewissen
-sentimental interessanten oder sogar pikanten Anstrich zu geben.
-
-Die Welt stand nämlich damals politisch nicht ausschließlich unter
-dem Zeichen der Revolutionen zu Gunsten eines zu erringenden
-Konstitutionalismus, es war zugleich die Zeit der politischen
-Insurrektionen. Und Europa, obschon kein Staat die Hände rührte, diesem
-in seiner politischen Sünden Maienblüte getroffenen Volke zu neuer
-Selbständigkeit zu helfen, zerfloß in romantischem Mitgefühl mit ihm. Es
-war die Zeit, da die Blätter teils mit Wollust, teils mit Entrüstung
-ihre Spalten füllten mit Berichten über die Heldenthaten der Sensenmänner
-Galiziens, über die Umtriebe Mieroslawskis, und über die grausame Barbarei,
-der die edlen Söhne der sarmatischen Ebene in Rußland erlagen, da kaum ein
-Pinsel, kaum eine Feder war, die, sich lieber der Vergangenheit
-zukehrend, wo die Gegenwart so ungewiß war, nicht etwas zur Verherrlichung
-Poniatowskis oder des Todesrufes Kosciuszkos leisteten. Die Zeit, da
-polnische Flüchtlinge der Welt den Zauber der pelzverbrämten Schnürröcke,
-der Kassawaikas und Konföderatkas übermittelten, die alten einheimischen
-Tänze von feurig-schwermütigen Polkas, Mazurkas und Krakowiaks verdrängt
-wurden, und die Romanhelden auf Kasimir und Ludmilla hörten.
-
-In der Badegesellschaft zu Salzbrunn machte sich dieses interessante
-Element ebenfalls geltend. Es gab echte Polen dort, aus deren düstern
-Mienen der ganze Schmerz der vernichteten Nationalität sprach, Polinnen in
-Nationaltrauer: schwarzen Kleidern mit schmalen weißen Streifen am Saum und
-mit dem Ausdruck wehmütigen Selbstgefühls, das das allgemeine Unglück
-ihnen verlieh. Und daneben gab es dieses Modepolentum, die melancholischen
-Schnurrbärte, die Pekeschen und viereckig geschnittenen Mützchen:
-
- »Polkahöschen trägt der Kleine,
- Polkajäckchen die Mama,
- Polkamütze, Polkalocken,
- Polkaröckchen der Papa,«
-
-heißt es auf einem Bilderbogen der Vierziger Jahre.
-
-Kurz das Polnische war die Mode, und zwar war es eine gefühlvolle Mode. Wie
-hätte sie nicht besonders eine der Frauen sein sollen, denen jene Zeit das
-»schöne Gefühl« neben der Wirtschaftlichkeit als Domäne zuerkannte.
-
-Madame Gernoth teilte es nicht, sie war nicht sentimental, trotz ihrer
-Zeit. Als die Polka noch schmetternd den Platz erfüllte, stand sie auf und
-zog die Kleine fort. »Diese polnischen Hopser! Ob sie nichts Vernünftiges
-mehr können.«
-
-
-
-
-Zweites Kapitel.
-
-
-Es war halb Acht und die deklamatorisch-musikalische Abendunterhaltung
-sollte ihren Anfang nehmen.
-
-Der Gasthofsaal, mäßig erleuchtet, roch nach frischgewaschenem Holze, war
-aber gut besetzt von einer Gesellschaft, die man als gemischte, indes nicht
-im üblen Sinne des Wortes, bezeichnen konnte.
-
-Man saß an den Wänden herum oder stand in Gruppen in den Winkeln, trank
-Vanillethee mit Sahne und sprach vom Wetter, von der Weltlage und von einem
-neuen Pariser Westenschnitt. An einem Ende des himmelblau getünchten Saales
-stand ein engbrüstiges, merkwürdig eckiges Fortepiano, dessen Klaviatur
-schwarze Unter- und weiße Obertasten hatte, ein Geigenpult und ein kleiner
-Tisch mit silbernen Armleuchtern und einem Glase Wasser. Von der Decke
-herab hing ein steifer Kronleuchter mit schiefstehenden Lichtern, in den
-Ecken markierten ein paar magere Epheulauben lauschige Plätzchen.
-
-Die Toiletten der Damen waren einfach, doch sah man zwischen philiströsen
-Spitzenhauben und Barben ein paar extravagante Haartrachten, zwischen
-bescheidenen, recht bescheidenen Festgewändern, die Jahrzehnte hindurch
-ihren beinahe sakramentalen Charakter als »gute Kleider« in unabgeänderter
-Form behielten, einiges nach neuen Pariser Blättern. Die Haltung -- nicht
-nur der Frauen -- war ein wenig geziert: die »schöne Empfindung,« das
-»gebildete Gefühl« beherrschte die Zeit und drückte sich in den Mienen
-auch der Männer aus. Aber zwischen den wohl Toupierten und
-Steifbevatermörderten, Bartlosen unter ihnen sah man ein Paar mit wildem
-Haarwuchs, ungestärkter Wäsche und großen Bärten, welche Demokraten sein
-mochten.
-
-Als die Registratorin mit ihren nicht mehr ganz jungen und niemals hübsch
-gewesenen Töchtern und der schönen jungen Doktorin eintrat, war der Saal
-fast gefüllt und hundert neidische oder entzückte Blicke richteten sich auf
-Wanda Rhode, die in dem Bewußtsein ihrer siegreichen Erscheinung und in der
-Erwartung des Verheißenen trotz ihrer einfachen Kleidung reizend aussah.
-
-Zuerst trat Holtei auf, der schlesischeste Dichter, den Schlesien gehabt,
-eine schöne, stattliche Erscheinung, groß, mit langherabwallendem Haar, das
-Prototyp des leichtverbummelten Genies und edelmännischen Wanderkünstlers;
-ganz und gar von jener leichtbeweglichen, etwas eiteln Art, die mit einer
-Beimischung von Rührseligkeit und bewußter Gemütlichkeit den Schlesier
-alten Schlages charakterisiert.
-
-Er las ein paar Scenen aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« mit der ihm zu
-Gebote stehenden Vortragskunst, die ihm immer Erfolg sicherte und auch hier
-rauschenden Beifall eintrug, den der gefeierte Mann mit einer Handbewegung
-entgegennahm, wie eine gutgelaunte Majestät die Ovationen eines
-Volkshaufens.
-
-Dann trat ein Geiger auf -- man flüsterte sich einen zungenbrechenden Namen
-zu -- und trug Variationen über ungarische und polnische Volkslieder vor,
-und er spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der Raserei, mit
-denen diese Stücke zur Geltung gebracht werden mußten. Man applaudierte ihm
-entzückt, nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und behauptete,
-daß er mit Chopin befreundet sei.
-
-Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig. Man konnte nicht gleich
-sehen, was oder wer sich da zu Kunstproduktionen heranließ, schließlich
-verständigte man einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich
-an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen auch schon die ersten
-Accorde der Cismollsonate, die er mit Meisterschaft den Saiten mit dem
-kurzen, spitzen Klange entriß.
-
-Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist dankte und teilte
-den geehrten Anwesenden mit, daß Herr Witold von Kreowski einige von ihm
-gedichtete und komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger Mann
-in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem Haar zögernd hervortrat,
-etwas Weißes, das er in Händen hielt, langsam entrollend.
-
-Gleich darnach begann der Gesang:
-
- »Ich weiß nicht, ist es Unrecht,
- Ich weiß nicht, ist es Schuld,
- Ist es mir Fluch des Schicksals,
- Ist's neuen Glückes Huld.
-
- Ich frage nicht, liebst Du mich,
- Bin ich Dir auch nur wert,
- Noch hab ich Deiner Liebe
- Verlangend je begehrt.
-
- Ich breite meine Arme
- Zum Himmel jubelnd laut,
- Wie wunschlos man zur Sonne,
- Wunschlos und jubelnd schaut.
-
- Du bist -- und Glanz und Wonne
- Umfluten strömend mich,
- Ich habe Dich gefunden.
- Und jauchzend lieb ich Dich.«
-
-Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte kaum zu atmen, es war ein
-Lied, das sie besser kannte als tausend andere, und doch erschien es ihr
-in dem Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen
-vor allen diesen fremden Ohren, ein neues, von ihr abgelöstes, das auf sie
-keine Beziehung mehr hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein
-nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit ganz allein
-an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste Huldigung, die sie je erfahren.
-Und eine Verwirrung nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln
-hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen, während purpurne
-Strahlen der Abendsonne sie durchdringen, etwas von einem Zwange, in zu
-heißer Luft zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen. Die
-Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein, daß Ihre Frau Mutter
-das nicht hört!« und ihre Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«.
-
-Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas Neues und Herr Witold
-von Kreowski entfaltete ein anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er
-sich jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling aus der Affäre
-zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch nicht. Er schien nichts als
-die indiskrete Sucht aller Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle
-mitzuteilen.
-
- »Und wär's nur Berg und Strom und Thal,
- Die uns trennen so weit, so weit,
- Wir grüßten uns Tages wohl tausendmal,
- Und die Trennung wär' Seligkeit.
-
- Ach! was uns trennt, ist eine Kluft,
- Tiefer noch als das Meer,
- Und leise nur manchmal trägt die Luft
- Ein Grüßen hin und her.
-
- Doch weiter und tiefer, als Strom und Thal,
- Und das Meer zwischen Dir und mir,
- Und größer als aller Sehnsucht Qual
- Ist meine Liebe zu Dir.«
-
-Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos verharrend in dieser
-Erschütterung der Empfindung, die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch
-rauschend losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend.
-
-Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und ließ ihre Blicke über die
-Versammlung schweifen. Und sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen
-der Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden Lippen der Frauen, den
-tiefen Ernst, die sinnende Trauer in den Zügen der Männer, die Demut, mit
-der sich selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung beugten; und
-die siegende Allmacht der Liebe, die sich in jedem schwingenden Nerv,
-in jedem leise gehauchten Seufzer und in diesem plötzlich ausbrechenden
-Dankessturm für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für sie, der sie
-auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes Haupt beugte, ohne zu wissen,
-daß er mitten unter ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer
-herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen.
-
-»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die gute Frau, die sie
-chaperonnierte. »Aber es scheint, der arme Mensch hat eine unglückliche
-Liebe.«
-
-»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte Registrators Bertha. »Was
-mag es für ein Stück sein?«
-
-»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.«
-
-»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen doch zuviel wissen!«
-
-»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.«
-
-Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten Lärm vom Klavier her --
-deutlich hörte sie nur eins und immer wieder nur eins:
-
- »Und größer als aller Sehnsucht Qual
- Ist meine Liebe zu Dir.«
-
-Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und Versen, berauschte sie mit
-seligem Gluthauch und ließ sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und
-die eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles aufhebendes,
-unbeschreibliches Gefühl.
-
-Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren Deklamationen, Cello- und
-Flügelstücke beklatscht worden waren, -- sich verschiedene Herren in der
-Gegend des Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert hatten, das
-Badepublikum sich genügend versicherte, daß es so gelungene Vorträge bisher
-nicht gehabt hätte, die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee und
-Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder mit Flöte,
-Brummbaß und Violine und ließen sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu
-einer Polonaise herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls in
-irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen mochte.
-
-Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor Spannung, was die nächsten
-Augenblicke bringen würden.
-
-Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn es geschehe, würde er an sie
-herankommen? Und was würde er dann sagen? -- In dem Gasthofsaale mit dem
-Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem Wachse und Patschouli
--- damals noch ein vornehmes Parfüm -- schwebte etwas wie eine
-Schicksalsfrage.
-
-Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen Bücklingen näherte sich
-Wanda der Badevorstand, von einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die
-vorgestellt sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand, Herr von Makowski,
-Herr Supphahn und Herr Hielscher, die sämtlich die Polonaise mit Ihnen
-tanzen wollen, mein schönes Fräulein.«
-
-»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit einem zum Tanze gehn.«
-
-»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst das erste und das dritte
--- aber das zweite nicht,« sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu
-entscheiden. Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten, die
-Polonaise mit mir anzuführen -- wie, meine schöne Frau, Sie wollen mir
-die Ehre geben?« Und die Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige
-hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte zurück.
-
-»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und schob ihren Arm in den des
-alten Galans. Und nun konnte sich wirklich keiner beklagen.
-
-»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren, »sie hat meergrüne
-Augen und die Gestalt einer Hebe und in ihrer Stimme ist Musik.«
-
-»Eine Frau? -- ob der Mann hier ist?«
-
-»Ganz gleich, sie ist bezaubernd.«
-
-»Um so besser sogar,« -- setzte Herr Supphahn hinzu, der französische
-Romane gelesen hatte und für das Pikante schwärmte.
-
-Der beglückte Vorstand führte den Tanz indessen mit Wanda an und machte
-seiner reizenden Partnerin in halb väterlicher Weise bestens den Hof. Er
-merkte nichts von der fieberigen Glut der Erwartung, die sie bewegte. --
-
-Hand um Hand wechselte. Jetzt hatte sie einen jungen Baron, dann einen
-geschniegelten Kaufmannsdiener, jetzt einen Studenten, dann einen Badearzt,
-dann einen polnischen Flüchtling, einen Freiwilligen von den Jägern, den
-kleinen verwachsenen Herrn Joachimsthal und einen Kandidaten der Theologie
-und endlich legte sich ihre Linke in die Hand des Mannes, dessen Liebe
-weiter und tiefer war als das Meer und größer noch, als die Qual seiner
-Sehnsucht.
-
-
-
-
-Drittes Kapitel.
-
-
-Witold von Kreowski erbleichte, als er sie erkannte, starrte sie ein paar
-Augenblicke mit ringendem Atem an und sagte endlich heiser: »Ein ebenso
-großes als unerwartetes Glück.« Er sprach völlig accentfrei.
-
-»Ein freundlicher Zufall.«
-
-»Und ebenso unerwartet als schmerzlich.« Damit reichte er die Hand der
-vorhergehenden Dame.
-
-Sie wußte nun, was ihr freilich ohnehin nicht zweifelhaft gewesen, daß auch
-das zweite Lied ihr gegolten. Und während er jetzt vor ihr promenierte,
-bemerkte sie, daß er etwas breitschultriger geworden war, daß er einen
-sehr schönen Nacken hatte und daß in einem schönen Nacken etwas seltsam
-Verführerisches liegen könne. Und es kam ihr vor, als ob die Unruhe, die er
-ihr erregte, dieselbe sei, die sie vor vier Jahren empfunden und als ob er
-nie aufgehört habe, sie zu belästigen, obgleich das ganz gewiß nicht wahr
-war.
-
-Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte sie sofort. Sie sprachen
-nicht, sie tanzten schweigend, aber die Erregung, die in ihren Adern
-brannte, teilte sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen
-Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht, man exekutierte sie
-noch, mit einigen Vorbehalten im Takt, mit einer gewissen schwermütigen
-Glut und nach den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien. Die
-Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame in die linke Hüfte, warfen
-den Kopf nach hinten und preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es
-war noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese Nationaltänze
-auszuführen. Es befanden sich außer Witold von Kreowski noch einige echte
-Schlachzizensöhne unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur hart
-und gebrochen sprachen -- er tanzte trotz ihrer mit der Verve und der Anmut
-eines Królewicz.
-
-Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant hatte »Wir winden dir
-den Jungfernkranz« aus dem Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt
-übertragen, der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam Rechnung
-tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft gefühlsselig; es war eine
-Art zu walzen, bei der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und die
-wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in sanften Erinnerungen an
-ihre friedlichen Eroberungen während der Freiheitskriege.
-
-Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte mit allen, auch eine Tour
-mit Kreowski. Ohne mit ihm zu sprechen.
-
-Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten, kam die Registratorin,
-der die Thränen vor Freude in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter
-einmal geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie, sich zurecht zu
-machen, da sie in ein paar Minuten gehen müßten.
-
-Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund an Madame Gernoth
-abzuliefern.
-
-»Und ich soll _Ihnen_ halten, was ich meiner Mutter versprochen habe?«
-fragte Wanda Rhode lachend.
-
-»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.«
-
-»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen Bianca, die über den See zum
-Tanze fuhr und, als ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu
-verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen Fuß zu rühren, wenn sie
-nur glücklich das Land erreiche?«
-
-»Nein, das kenne ich nicht.«
-
-»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war, zuckte es ihr zwar in allen
-Gliedern, aber sie hielt sich tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die
-Musik immer berauschender wurde, die Lust immer lauter, da konnte sie nicht
-länger widerstehen und tanzte, und tanzte --«
-
-»Aber hier ist doch kein Gewitter und kein See, liebe Frau Doktorn!«
-
-»Hören Sie nur: tanzte, bis der besorgte Fährmann herankam und sie mahnte:
-
- Bianca, Bianca, was hast Du gethan,
- Du hast dein Wort ja gebrochen.
-
-Worauf die Schöne lachend rief:
-
- Ach, die Sonne ist jetzt in Amerika
- Und dem Mond hab ich gar nichts versprochen.
-
-Nun, sehn Sie, Frau Registrator, meine Mutter ist die Sonne, und Sie der
-Mond, und wahrhaftig! ich will um kein Haar besser sein als die kluge
-Bianca! -- Fräulein Bertha und Fräulein Malchen, erlauben Sie, daß ich
-Ihnen diese Herren vorstelle?«
-
-Da fand sich denn der Mond in seine zuwartende Rolle.
-
-»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn,« sagte jetzt der Pole, dessen Augen
-inzwischen einen ganzen Band Verse geredet hatten, die sie mit dem Epigramm
-eines kurzen Blickes beantwortete, indem er wieder in die Reihe mit ihr
-trat.
-
-»Haben Sie vermutet, eine Unglückliche wiederzufinden?«
-
-»Durchaus nicht. Um so weniger, als Sie überhaupt hier zu finden außerhalb
-meiner Vermutungen stand. Und warum sollten Sie unglücklich sein?«
-
-»Gewiß, warum sollte ich es sein? Ich bin sogar sehr froh: ich war krank
-und bin wieder gesund, ich lebte öde und eingeengt und lebe befreit und
-heiter und -- ich finde zum Überfluß einen guten Freund wieder, mit dem ich
-manche vergnügte Stunde verlebt.«
-
-»Sehr gütig, das der Summe Ihres Glückes zuzuzählen. Ich bin nicht so
-unbescheiden, diese Wendung ernst zu nehmen.«
-
-»Sie leben nicht mehr in Breslau?« fragte sie, als sie wieder anhielten.
-
-»Ich halte mich bei Verwandten auf dem Lande auf. Aber ich stehe in
-Verhandlung mit dem Direktor des Breslauer Stadttheaters und darf mir
-einige Hoffnung auf die Stellung eines Korrepetitors an der dortigen Oper
-machen. Ich habe einige Sachen von Herrn von Holtei in Musik gesetzt,
-und er hat die Güte gehabt, mich zu empfehlen. Ich würde das Glück
-haben, wieder dieselbe Luft mit Ihnen atmen zu dürfen und Sie würden mir
-vielleicht gestatten, Sie manchmal zu sehen.« In seinen Augen und in
-seiner Stimme war das Dringende, Werbende und dabei Verzweifelte einer
-aussichtslosen und unauslöschlichen Leidenschaft.
-
-»Noch sind Sie nicht in Breslau,« sagte sie ruhig lächelnd, während ihre
-ganze Seele sich dieser Leidenschaft zukehrte und ihr Ohr mit Entzücken das
-Beben der Stimme neben ihr trank.
-
-»Nein, es ist noch unsicher, doch ich darf hoffen. Herr von Holtei forderte
-mich auf, hierher zu kommen, um mich persönlich kennen zu lernen und um
-mich zur Mitwirkung heut Abend heranzuziehen.«
-
-»Sie kamen erst heut hier an?«
-
-»Heut Mittag. Ach! und kam so leichten Herzens! so leichten, als ich
-überhaupt zu haben vermag, und ohne Ahnung --«
-
-»Mich hier zu finden. Sie wollten mich nicht wiedersehen?«
-
-»Nein,« sagte er dumpf.
-
-Sie tändelte mit dem Fächer -- in diesem Tone ging es nicht weiter, so
-ernsthaft durfte er nicht werden; mochte ihm zumute sein, wie ihm wollte,
-man mußte die heiteren Mäntelchen behalten. Sie lachte also und antwortete
-schalkhaft: »Und müssen nun ehrenhalber die herzhaftesten Fluchtgedanken
-heldenmütig im Blute der Höflichkeit ersticken. Aber ich bin nicht
-unmenschlich und gebe Sie frei. Sehen Sie mal diese etwas zu dick geratene
-Friederike von Sesenheim aus der Guhrauer Gegend, die mit den verwelkten
-Kornblumen am Herzen, sie sitzt, scheint es, den ganzen Abend! Reizt Sie
-diese --«
-
-»Quälen Sie mich doch nicht. Wenn _Sie_ scherzen und spotten können, ich
-kann es nicht.«
-
-Sie suchte nach einem andern Thema.
-
-»Haben Sie außer Liedern noch etwas komponiert? Wie steht es mit der Oper,
-die Sie damals schreiben wollten?«
-
-»Sie erinnern sich dieses Planes?«
-
-»O, sehr gut, besonders _eines_ Motives. Warten Sie mal, ich muß es noch
-wissen.« Und sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend, die Melodie.
-
-»Ich bin entzückt, daß Sie das behalten haben.«
-
-»Es hat mir gut gefallen, und so hab' ich es manchmal auf dem Klavier
-gespielt und ein bißchen Baß dazu gesucht.«
-
-»Wirklich?«
-
-»Wirklich! In der Einsamkeit der Dämmer- und Abendstunden, in diesen
-Stimmungen der Sehnsucht und -- nun ja, phantasiere ich gern auf dem
-Flügel, so gut oder so schlecht ich's kann.«
-
-»In der Einsamkeit? Sind Sie denn manchmal einsam? Kann man Sie denn
-bisweilen allein lassen? Sie verzeihen.«
-
-»Aber das ist doch nicht anders. Die Kranken und dann die Politik --«
-
-»Und dann haben Sie meine Melodien gespielt und haben manchmal ein klein
-wenig an mich gedacht?«
-
-»Warum nicht? Denkt man der Melodien, denkt man wohl auch des Komponisten.
-Was ist da weiter?«
-
-»Freilich, was ist da weiter! Und die ›Sehnsucht‹ ist die nach dem
-vermißten Gatten? Natürlich. Ist Ihr Herr Gemahl auch hier? -- ich meine in
-Salzbrunn.«
-
-»Nein.«
-
-Ein knappes »Nein,« in das nichts von Bedauern oder Sehnsucht hineinklang,
-aber auch nichts Feindseliges, und auf das sie eine Weile schwiegen, um,
-endlich die Unterhaltung wieder aufnehmend, über das Badeleben, das Wetter,
-die Menschen zu plaudern, banales Zeug, dem Wanda doch beständig einen Reiz
-zu geben wußte durch gut herangezogene Citate, drollige Spöttereien und
-kleine Sentimentalitäten. Dadurch kamen sie nun doch in jene behagliche
-Stimmung, mit der man etwa an heiterem Sonnentage in kleinem Boote ein
-tändelndes, blaues Meer befährt, dessen Leidenschaft Windstille gebändigt
-hält.
-
-Ganz unvermittelt -- die Musik hatte inzwischen eingesetzt und sie waren
-zum »Contre« angetreten -- sagte er dann:
-
-»Sie haben es nicht etwa für eine Entweihung meiner Gefühle genommen,
-daß ich jenes Lied -- ich meine jetzt das andere, das Sie schon kannten,
-öffentlich mitzuteilen wagte?«
-
-»›Mitteilung ist das Wesen des Dichters,‹ sagt Goethe.«
-
-»So, sagt er das? Und Sie, so jung, verstehen es?«
-
-»Ich denke.«
-
-»Sie begreifen also, daß der Künstler nichts entweiht, auch wenn er alles
-preisgiebt, daß die Form, in der er es thut, wenn sie sonst eine gelungene
-ist, ihm das Recht giebt, alles zu gestehen, weil er sich damit zum
-Interpreten der Gefühle aller macht, ihrer tiefsten und reinsten Gefühle,
-alles ihres Ringens und Sehnens?«
-
-»Warum sollte ich das nicht begreifen?«
-
-»Gewiß. Und es macht mich sehr glücklich, daß es so ist.«
-
-»Nur ist mir die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft: denken und
-dichten die Poeten nicht am Ende über diese Philister- und Werktagsseelen
-hinweg, wie die Lerchen und Nachtigallen über die Köpfe der Sperlinge und
-Finken hinweg ihre Lieder singen? Und ergreift der Künstler diese Seelen
-vielleicht nur, indem er ihnen die Ahnung beibringt, daß es andere giebt,
-die unendlich viel stärker empfinden und persönlicher denken als sie? Und
-was sie ergreift, ist vielmehr Schauer des Mitgefühls mit dem größerem Maß
-von Leiden, das ein Künstler ertragen muß?«
-
-»Wohl möglich, daß es so ist. Jedenfalls: wenn man den Künstler nach seiner
-Fähigkeit zu leiden schätzen dürfte, dann hätte ich den Vorzug, als ein
-großer Genius zu gelten.«
-
-»Sehen Sie, so finden die Unglücklichen immer einen Trost. Aber wie ist mir
-denn: pflegen Ihre Landsleute ihren Schmerz nicht zu vertanzen? Sind sie
-nicht eben darum Meister in dieser Kunst? Tanzen wir. Es ist eine Mazurka,
-nicht wahr?«
-
-»Gewiß.«
-
-Lächelnd legte er seinen Arm um sie, und gleich darnach verschlang der
-Wirbel des Reigens die Beiden.
-
-
-
-
-Viertes Kapitel.
-
-
-Als Madame Gernoth den Entschluß gefaßt, sich von ihrem Manne zu trennen,
-hatte sie es in dem Trotz und dem Selbstgefühl einer etwas eckigen, aber
-redlichen Natur gethan und aus einer Empfindungsweise heraus, der alles
-Kühne frech, alles Gewagte unsolid dünkt, und die keine Nachsicht kennt für
-die impulsiven, schnellen Eindrücken empfänglichen Gemüter, die auch
-einer Versuchung einmal unterliegen, ohne deshalb schlecht zu sein, die
-vorübergehend untreu sind, ohne es mit ihren besten Gefühlen zu werden. Und
-obgleich, als das Zerwürfnis einmal ausgebrochen, Gernoth sie zu versöhnen
-strebte, zog sie, unbeugsam wie sie war, vor, Not und Sorge auf sich zu
-nehmen, statt dort ein Wohlleben zu führen, wo sie ihr Gefühl täglich
-verletzt sah.
-
-Not und Sorge sollten jedenfalls nicht ausbleiben. Gereizt durch die
-Härte seiner Frau, brachte Gernoth es fertig, sie und das Kind, das er ihr
-überließ, sehr ungünstig zu stellen und über einem neuen Verhältnisse rasch
-zu vergessen. Dagegen schien Frau Florentine viel Glück bei der Erziehung
-ihrer Tochter zu haben, die zwar schon frühe viel von dem übersprudelnden,
-leicht beweglichen Wesen des Vaters, aber auch andere Eigenschaften
-verriet, die die Mutter als Hebel ansetzte, um alles an väterlichem Erbteil
-in Wanda zu unterdrücken. Es war etwas von dem Fleiß und der Sparsamkeit
-der mütterlichen Linie in dem Mädchen, das sich sehr gut hierzu eignete
-und von Madame Gernoth beständig herangezogen wurde, um Wanda zu rastloser
-Thätigkeit anzuhalten und ihr die Notwendigkeit, einen Spargroschen für
-Fälle besonderer Not anzulegen, einzuprägen; eine Vorsichtsmaßregel, der
-die sorgliche Frau besondere Wichtigkeit beimaß, der Tochter sogar die
-bescheidenen Freuden, die der Jugend Bedürfnis sind, verkümmernd und --
-vielleicht nicht ganz weise -- in die Freude an dem Wachsen ihres kleinen
-Schatzes verkehrend.
-
-Es schien inkonsequent zu sein, daß Madame Gernoth, als ihr unverhofft
-eine kleine Erbschaft zufiel, sich beeilte, diese dazu zu verwenden, ihre
-inzwischen herangewachsene Tochter gefällig zu kleiden und ihr eine Reihe
-von Vergnügungen zu bereiten. Dennoch glaubte sie so verfahren zu sollen.
-Hätte sie das Martyrium einer langen unglücklichen Ehe hinter sich gehabt,
-so hätte sie vielleicht versucht, Wanda den Männern fernzuhalten. Aber sie
-hatte eine kurze Enttäuschung hinter sich, die sie selbst korrigiert
-hatte; sie hatte die Unbefriedigtheit und Schutzlosigkeit einer gattenlosen
-Existenz kennen gelernt und war so zu der Ansicht durchgedrungen, daß
-selbst eine nicht ganz glückliche Ehe noch immer besser sei als gar keine.
-Zudem war es noch die Zeit, in der die Unvermähltgebliebene unter der
-Bezeichnung »alte Jungfer« eine bemitleidete Erscheinung war, so daß
-Tausende heirateten, bloß um socialer Mißachtung zu entgehen. Endlich aber
-besaß Wanda eine Eigenschaft, die es geradezu unmöglich machte, sie der
-Aufmerksamkeit der Männer zu entziehen, und Frau Florentine vielmehr
-wünschen ließ, diese Aufmerksamkeit da zu erregen, wo sie ihr mütterliches
-Auge darüber wachen lassen konnte.
-
-Wanda war eine der Schönheiten, an denen alles packt, entzückt und
-hinreißt.
-
-In ihrem Wuchse, in ihrem schwebenden Gange lag allein etwas, das
-bezauberte, in ihrem Nacken, der Bildung und Haltung der Schultern etwas
-Verführerisches. Dazu kam ein flirrender Glanz in den Augen, etwas Kühnes,
-Eroberndes in dem Schnitt ihrer Nase und ein geheimnisvolles Zucken um die
-lebensvollen Lippen, das wechselnd die ganze Skala ihres Wesens verriet
-und doch nie ganz verriet. Wie sie nun dabei mit blitzartiger Klugheit und
-einem Gedächtnis ausgestattet war, das alle Eindrücke und Vorkommnisse,
-jeden Vers, jede Melodie, jedes launige Wort festhielt und mit spielender
-Leichtigkeit an die Oberfläche warf, eroberte sie, was in ihren
-Gesichtskreis trat.
-
-Die Erfahrungen, die Frau Gernoth in dieser Beziehung machte, waren
-geradezu verblüffend. Sie hätte ohne alle mütterliche Eitelkeit sein
-müssen, wenn sie ihr nicht geschmeichelt hätten, aber wie dann Wanda zu
-denen gehörte, die Wirkung ausüben und erfahren müssen, um ganz sie
-selbst zu sein, dann aber auch unauslöschlich sie selbst sind, wurde Frau
-Florentine auch klar, daß ihre haushälterische Erziehung den Kern des
-Wesens ihrer Tochter unberührt gelassen hatte.
-
-Wanda berauschte sich an ihren Erfolgen. Die Natur hatte garnicht daran
-gedacht, Fischblut in ihre Adern zu gießen, mit dem Temperament ihres
-Vaters hatte sie sein leichtentzündliches Herz geerbt; und sie nahm diese
-Eigenschaft keineswegs übel: nur wer selbst die Unruhe, die Schmerzen und
-die Süßigkeiten der Liebe in vollem Maße kennen zu lernen veranlagt ist,
-ist fähig, die ungeheuren Triumphe zu genießen, die die Schönheit feiert.
-
-Wenn sie indessen davon träumte, ein Lebensglück zu finden, das diesen
-Triumphen entspräche, so sollte ihr das Schicksal diesen Traum nicht
-erfüllen.
-
-Unter ihren Bewerbern befand sich ein junger Arzt, der eben seinen Doktor
-gemacht, den Kopf voller Ideale und die Brust voll ehrgeiziger Träume
-hatte. Was sein Äußeres anlangte, so konnte er sich, ohne unschön zu
-sein, mit Wanda Gernoth nicht vergleichen, geistig war er ihr durchaus
-ebenbürtig. Doktor Rhode war nicht ohne Witz und Humor, der Schwerpunkt
-seines Wesens indessen lag in einem starken wissenschaftlichen Hange und
-in der Tiefe seines Geistes, der sich zu dem ihren verhielt, etwa wie
-eine ruhige, starke Flut zu einem sprudelnden Sturzbach oder wie schweres
-Geschütz zu den knatternden Gewehrsalven einer leicht beweglichen Truppe.
-
-Aber das war doch nicht der Hauptunterschied in der geistigen Signatur
-dieser beiden hochbegabten jungen Menschenkinder: in dem Doktor war die
-stärkste Objektivität der Interessen, in Wanda war alles subjektiv. Was
-immer in den Bannkreis ihrer Sinne und Begriffe trat, hatte Wert für sie,
-nur soweit es sich zu ihr in irgend eine Beziehung setzen ließ, und nur
-weil ihre eigene Natur außergewöhnlich reich war, war auch der Kreis ihrer
-Interessen groß. Auf diese Weise täuschte sie gewissermaßen über sich.
-
-Der Doktor liebte sie mit einer Leidenschaft, die einem Manne etwas seiner
-Natur fremdes zu verleihen vermag. Ihm gab sie einen Hauch von Poesie,
-etwas Glänzendes und Erfinderisches, das sonst nicht in seiner Richtung
-lag.
-
-Wanda zögerte trotzdem sehr lange, bis sie ihm Gehör schenkte. Sie fühlte
-instinktiv die Verschiedenheit ihrer Naturen, und es war nichts an ihm,
-das sie bezauberte oder bestach. Und dann that sie es doch. Er besiegte
-sie durch die Hartnäckigkeit, die die stärkste Schmeichelei der Liebe ist,
-durch den Geist, mit dem er anmutigere Nebenbuhler ausstach, und mit Hilfe
-von Frau Gernoth, die in ihm den ernsten und soliden Mann gefunden hatte,
-den sie ihrer Tochter wünschte.
-
-Kurz vor der Hochzeit wandelte die Braut die Laune an, zurückzutreten. Sie
-hatte die Bekanntschaft Kreowskis gemacht, der ihr jene Lieder widmete, die
-in Text und Melodie Huldigungen für sie waren, die sie verwirrten. Aber es
-handelte sich doch auch hier um keine große Leidenschaft, die alle guten
-Gefühle für den Doktor ausgelöscht hätte, und so kämpfte sie denn diese
-Anwandlung nieder, um so mehr als Madame Gernoth ihre Bedenken durchaus
-nicht wollte gelten lassen, und heiratete den Doktor.
-
-Und siehe: das Glück sproßte ihr auf, wie eine Blume, die man zögernd in
-ein ihr fremdes Erdreich gesetzt, ängstlich, ob sie darin zu Grunde gehen
-oder doch klein und unansehnlich werden würde, und die darin aufblüht, in
-einer Schönheit, die niemand geahnt, mit einem Schmelz, der ein Wunder zu
-sein scheint.
-
-O diese goldenen Stunden geliebten Beieinanders! Diese fröhlichen kleinen
-Mahlzeiten mit ihren einfachen Schüsseln, die der Appetit würzt; diese
-Spaziergänge an den Flußdämmen entlang, wenn die an landschaftlichen
-Schönheiten arme Gegend zum Paradiese wird, sobald die Sonne, deren Glanz
-alles mit dem Glücke der Herzen in Verbindung zu setzen scheint, leuchtend
-darauf liegt; dieses harmlos frohe Geplauder, unter dem man die Wege
-zurücklegt! Ach! und diese holden Abende bei traulichem Lampenschein!
-Wie beseligend dieses Näher- und immer Näherrücken der Geister, dieses
-Überfließen der Seelen, dieses Aufgehen der Herzen im Austausch aller
-Gedanken und Empfindungen!
-
-Wie hold dann selbst diese kleinen Bekenntnisse und Mitteilungen aus den
-Tagen junger Vergangenheit, in denen man sich noch nicht kannte, der Eifer,
-auch sie in Beziehung zur Gegenwart zu bringen, Teilnahme, Verständnis,
-Vergebung zu suchen, wo man so sicher weiß, daß man sie findet.
-Schonungslos werden dann frühere kleine Neigungen preisgegeben, in denen
-die gegenwärtige immer die erste ist, weil sie unvergleichlich stärker
-erscheint, lustig kleine Verlegenheiten gebeichtet, kindliche Nöte und
-Sorgen erzählt. Dann müssen selbst Schulhefte, Stammbücher und Prämien
-herhalten, dann Sträußchen, Locken und Liebesbriefe, dann werden Andenken
-von Tanten und Erbstücke der Großmutter hervorgesucht, eine kindliche
-Sammlung von billigen Kleinodien, Henkeldukaten oder Denkmünzen, kurz, alle
-diese hundert kindischen Wichtigkeiten, denen man entwachsen ist und an
-denen das Herz doch noch hängt.
-
-Dann wird selbst der Spargroschen aus der Mädchenzeit einmal produziert:
-dieser langsam und mühselig erworbene kleine Schatz, der Notgroschen, den
-man auf Rat der Mutter eigentlich _ganz_ geheim halten soll -- aber gerade
-das ist nun so hold: diese rückhaltlose Vertraulichkeit, die auf dem
-reinsten Vertrauen, der rückhaltlosesten _Liebe_ beruht.
-
-O, die goldenen Stunden! Goldener noch, wenn die Kindereien dann wieder
-ernsterer Unterredung weichen. Wie strömen dann die Herzen alles Beste aus,
-geben für frohe Erinnerungen froheres Gefühl der Gegenwart und das starke,
-schwellende Empfinden der Zukunft: diese Träume leichten Gelingens stolzer
-Pläne, der Erfüllung junger Hoffnungen, des Gewinnes früher Mühen. Und in
-Persönlichstes hinein die Hochflut großer allgemeinster Ideen und Ideale,
-die die Gemüter erfaßt und fortreißt, um sie auf fremdem, objektiven
-Gebiete einander wieder um so inniger zuzutragen. Bis wohl die Lampe unter
-hohen Gesprächen zu erlöschen droht, und die Nacht, ganz herabgesunken,
-alles umhüllt, Persönlichstes und Unpersönlichstes und nur eins erfüllt:
-die heißen, süßen Mahnungen der Natur, bis stärkstes Lebensgefühl das Ich
-auslöscht und zugleich über sich erhöht. --
-
-Wie reizend auch die Freuden einer harmlosen Geselligkeit in einem
-Kreise, der sich bei bescheidenen Lebensbedingungen durch Witz und Geist
-auszeichnet, in dem man Anregung giebt und findet, sich schätzt und liebt
-und, wo man sich gehen läßt, doch niemals die Anmut verletzt. Man war
-in mancher Beziehung damals noch kindlich. Man vergnügte sich noch an
-Pfänderspielen und den Bildern einer =laterna magica=, man machte Verse
-über launige Themata und führte Charaden auf, leierte Bänkelsängereien zu
-selbstgemalten Tableaus und jagte sich im Freien herum. Man sang noch zur
-Guitarre, und wenn man sang, brauchte man keine »Schule« zu haben, die
-Herren rauchten Cigarren aus einheimischem Tabak, und die Frauen buken
-ihre Zuckernüsse noch auf dem Herdfeuer. Wenn die Politik die Gemüter nicht
-erhitzte -- was sie freilich dann mit Heftigkeit that, -- war man äußerst
-friedfertig in Principien und Anschauungen. Es gab damals keine socialen
-Fragen, es gab keine Judenfrage und kaum eine konfessionelle, es war die
-Zeit, wo Pastor und Kaplan geistliche Brüder waren. Man war ein bischen
-kosmopolitisch neben aller bösen Demokraterei und unglaublich positiv. Man
-war anspruchsloser und darum sorgloser und naiver als man heute ist. Wer
-aber obendrein jung und witzig war, war ausgelassen, wie man es jetzt
-fast verlernt hat. Und dann, nach diesen Vergnügungen, die Rückkehr in das
-eigene Heim mit dem Gefühl, daß _seine_ Freuden über alle anderen gehn!
-
-Aber es giebt einen Höhepunkt des Glückes, auf dem es sich nicht zu halten
-vermag: die alte Wahrheit von der Blüte, die im herrlichsten Entfalten den
-Moment erreicht, wo sie zu welken beginnt; einen Höhepunkt, da die Engel
-den Atem anhalten, die Natur stillzustehen scheint, um den Augenblick zu
-verlängern, und nach dem es doch bergab geht, wenn nicht eine Wundermacht,
-die zugleich begreift und fühlt und Gefühl und Erkenntnis in den stärksten
-Willen strömen läßt, das Glück immer wieder aufwärts trägt.
-
-Der Aufschwung des Geistes, des Gemütes, der den Arzt seine idealsten
-Anschauungen vor seiner jungen Frau sich ergießen ließ, fing eines Tages
-an, für diese etwas gleichförmiges zu haben. Diese philosophischen Ergüsse
-Hegelschen Gepräges, diese naturwissenschaftlichen Gesichtspunkte, diese
-demokratische Begeisterung wurden ihr -- ein ganz klein wenig langweilig.
-
-Die Zeit hatte das stärkste Vorurteil gegen tiefere wissenschaftliche oder
-gar politische Bildung der Frauen. Man hielt ihnen beides fern, da man
-beides, Wissenschaft und Politik, unweiblich fand, und es mußte das
-persönliche Bedürfnis eines Mannes vorliegen, eine Frau zu seinen
-Interessen heranzuziehen, was ihr die Ehre verschaffte, hier bisweilen den
-Schleier gelüftet zu sehn. Nur schlimm, daß ein persönliches Interesse ein
-sachliches, an den Dingen selbst haftendes niemals dauernd ersetzen
-kann; schlimm, daß es Wanda Rhode nach diesen Lüftungen gar nicht einmal
-gelüstete, daß sie, weit davon entfernt, sich geehrt zu fühlen, die Geduld,
-die sie schließlich bei Anhörung der Vorträge ihres Mannes entwickelte,
-ihm wiederum zumutete, indem sie von den Dingen sprach, die nur sie
-interessierten. Denn waren Politik und Medizin ihr gleichgültig, so waren
-es ihm Musik und die nachklassische Litteratur, die in den vierziger Jahren
-die Litteratur der Gegenwart war: Heine, die Jungdeutschen und die fremden
-Romanschriftsteller der Periode. Aber Verse und Belletristik waren das,
-womit sich zu beschäftigen für weiblich galt. Und wie in hundert anderen
-Fällen, wirkte die künstliche Scheidung der Interessen, hier unterstützt
-durch persönliche Neigungen, langsam als eine Scheidung der Gemüter.
-
-So empfand man die ersten Enttäuschungen, die ersten Lücken und die
-Notwendigkeit, sie anderweitig auszufüllen. Der Doktor fing an, Bierstuben
-aufzusuchen, wo er sich entweder mit Fachgenossen über Trepanationen des
-Gehirns und Behandlung von Geschwülsten unterreden oder mit Politikern über
-allgemeines und Klassenwahlrecht erhitzen konnte.
-
-Ach! Und es ward noch mehr: durch die Geburten dreier Kinder, von denen
-zwei ganz jung wieder starben, ward Heiterkeit in Angst und Schwermut,
-Freude an häuslichem Walten in Gleichgiltigkeit, ja -- um gemeinen Mangels
-willen -- endlich in traurige Sorge gewandelt; Rausch der Herzen wurde zum
-Grauen, Kraft und Gesundheit zur Hinfälligkeit und physischen Qual -- die
-Wiege des Glückes zu seiner Grabstätte.
-
-Es war immerhin ein Glück, daß Wanda den Nöten ihrer jungen Ehe eine
-Elastizität, eine Fähigkeit, momentanen kleinen Freuden gerecht zu werden,
-eine Beweglichkeit des Geistes entgegenzusetzen hatte, die über diese Nöte
-ihre raschen, bunten Schleier warf. Ein schönes Gedicht, eine glückliche
-Melodie, eine lebhafte Gesellschaft waren im Stande, in ihrem sonst
-wunderbaren Gedächtnis zeitweise alles auszulöschen, was peinlich und
-quälerisch darin war. Und dieser merkwürdigen Versatilität ihres Wesens war
-es dann auch zuzuschreiben, daß die Naturschönheiten des Berglands, alle
-die gefälligen Eindrücke, das Neue der Situation sie so rasch zu befreien
-vermochten, als ihre ursprüngliche körperliche Zähigkeit und Kraft rasch
-das Siechtum überwanden, das ihr diesen Wechsel des Aufenthaltes verschafft
-hatte.
-
-So erblühte wiederum ihrer Krankheit neues Leben, in dem sie Jugend,
-Frohsinn und Ichgefühl zu herrlichem Gewinne wiederfand. Freilich zu einem
-Gewinne, der nicht mehr im Centrum der Pflicht und der Gewöhnung lag.
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel.
-
-
-Nachdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht, dämmerte der Morgen
-nach jener Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet war, trübe herauf
-und brachte einen feinen Sprühregen, der auffrischte, ohne alles unter
-Wasser zu setzen.
-
-Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte man sie von allen Seiten
-und sie hatte alle Hände voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen
-man sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden und feurigen
-Blicken um sie her Stand zu halten. Die Männer kokettierten damals noch
-nicht mit soviel militärischer Zusammengerafftheit wie heute -- die
-Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend und respektvolle
-Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung -- aber man kokettierte ebenso gern.
-
-Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war.
-
-Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden Seitenpfade
-verlor, fand es sich, daß er sie dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet
-hatte. Es war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte. Die
-Badeverwaltung war hier schon mit allerlei Anlagen vorgegangen, hatte
-Wege graben, befestigen und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen
-lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen traumhaft in dem
-leise wallenden Nebel standen.
-
-Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb, versuchend, ihre Gedanken
-ganz von diesem grünen, dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese
-Gedanken, denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen suchte. Da trat
-er ihr in den Weg.
-
-»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu einem stummen Reigen an
-den Händen fassen, um ihrer Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben
-Sie, daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung weiß und
-papieren ist und ich den Reigen schon gestern Abend aufgeführt habe.
-Ich würde Ihnen die Rolle zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung
-erniedrigen und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in Ihre verehrten
-Hände.«
-
-Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster Dank schien. »Wie
-hübsch, daß Sie heute heiter sind,« sagte sie.
-
-»Heiter? Glückberauscht!«
-
-Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei zu sprechen und redete
-endlich allerhand durcheinander: von dem Badevorstand, der Friederike
-von Sesenheim und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für
-Strumpfwirkerleidenschaften und Spielhöllen für Domino- und Lottospieler
-nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit, kleine
-Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen, und wenn ein paar Spöttereien
-mitunterliefen, hörte es sich ihr darum nicht schlechter zu.
-
-Er war so entzückt und so guter Laune, daß es ihm sogar gelang, auf ihren
-Ton einzugehen.
-
-Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach die Sonne hervor und
-durchglomm den weißlichen Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an
-den moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen und Kiefern herab und
-glühte in tausend bunten Farben an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen
-am Wege, daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen Wald ging.
-
-Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen wie verzückt, sahen in die
-Wunderwelt um sich her, sahen sich an und lächelten.
-
-Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu summen. Das hatte etwas
-wundervoll Feierliches und Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie
-begriff, daß sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte, und das
-Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig.
-
-»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch die Blätter und das Wogen
-der ziehenden Nebel gewesen,« sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig.
-Jetzt aber -- jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl, der alles
-überloht! Aus =es moll= über =es-dur= in =e-dur=. Trah -- tratatatah!! Das
-müßten die Trompeten machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das
-Glänzende.«
-
-»Muß es denn herzzerreißend sein?«
-
-»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine Ihnen wohl als ein
-thörichter Phantast, Ihnen, die Sie glücklich sind, wirklich glücklich,
-wie Sie gestern sagten, und die Sie nicht begreifen können, daß wir
-abgeschmackt werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt, daß wir uns
-sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme behagen lassen, die uns vielleicht
-demütigen sollten.«
-
-Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie gestern: das Pathos
-zwischen ihnen ging nicht, sie mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer
-leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer.
-
-»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich wollte, es machte Sie
-ein bischen lustig, wie wir hier zusammen spazieren gehn, während die
-verzauberten Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite stehn
-und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir kommen, die Sonnenstrahlen
-sich in schlüpfende Eidechsen verwandeln, die Wassertropfen rot werden
-vor Vergnügen und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort kommen zwei
-Phantasten, die denken, sie sind Menschen wie die andern auch, weil sie auf
-zwei Füßen gehn und reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute
-sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel unter ihren
-Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande durchaus unmodern sind
-und sie sich ihrer also schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht
-sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre Flügel aus und
-kehren auf ein paar Stunden in ihre Heimat zurück. Eines Tages aber werden
-sie kommen wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den Philistern
-erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen ausrotten und dämpfen mit
-der Glut ihres Geistes.«
-
-»Wundervoll!«
-
-Sie lachte.
-
-»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei auf, »das Evangelium
-verkünden, das die Augen und Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen
-werden und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das Evangelium von der
-Kraft und Tugend, die eine Kraft und Tugend ist über alle: das hehre,
-jubelnde Evangelium von der Schönheit.«
-
-»Sie schwärmen.«
-
-»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie anbete im Geist und in
-der Wahrheit, der ich ihrer Gläubigen demütigster und zugleich ihr
-Hoherpriester bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner Augen und als
-ihr Blutzeuge sterben wollte, -- wenn Sie es forderten?«
-
-Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und voller Schmeichelei
-für Wanda war nur allzu sehr nach ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß
-sie bereits wieder an der Grenze angelangt waren und daß es Zeit war, den
-Ernst zu persiflieren.
-
-»›Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum Opfer dar!‹ Schauderhaft!
-Ich merke, man ist seines Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht
-könnte der neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen
-Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt. Gehen Sie und
-besänftigen Sie erst Ihr barbarisches Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre
-Nähe wage.«
-
-Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter, ihm ihre spöttischen
-Grüße hinaufsendend, ehe sie ganz verschwand.
-
-Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln und Glückseligkeit aus
-seinem Gesicht. Halb schwermütig, halb verwundert starrte er ins Leere vor
-sich nieder. Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet, das
-er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken und zu empfinden neu und
-seltsam war. Aber war es denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der
-Ekstase uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie aus anderem
-Munde? Daß sie uns bald blind, bald hellseherisch, heut zu Propheten,
-morgen zu Gotteslästerern macht?
-
-Langsam ging er den Weg hinunter. In einem leisem Winde rauschten
-die regenschweren Bäume, rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder;
-schwermutsvolle Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen, weil uns
-angst wird, daß wir uns selber verlieren, bis sie sich zu Freudenthränen
-wandeln in dem jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn,
-Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß es die Flut unserer Schmerzen
-ist, in der die Sonne unseres Glückes sich am hellsten spiegelt. -- --
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel.
-
-
-Es war etwa anderthalb Wochen nach jenem Tage, da Holtei die Salzbrunner
-Badegäste mit seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab« entzückt
-hatte, daß Madame Gernoth und ihre Tochter wieder einmal im Buchengange
-lustwandelten, zwischen sich das Kind führend.
-
-»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr hübsches Muster zu einer
-Strumpfkante gegeben, wie aus kleinen Fächern zusammengesetzt. _So_ will
-ich Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.«
-
-»Was wirst Du Dich nur so quälen.«
-
-»Es soll mir Freude machen.«
-
-»Wie Du willst, Mutter.«
-
-»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das Faßbier, sagt sie. Sie
-zieht alle vierzehn Tage welches ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß
-abscheulich schmecken, ordentlich giftig.«
-
-»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.«
-
-»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges mehr.«
-
-»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn Hauswirtschaft denn das
-Vernünftige schlechthin ist.«
-
-»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein Gedichtbuch geborgt, es ist
-von einem Grafen Strachwitz.«
-
-»Ach ja, Strachwitz! ›Mein treues Roß, mein Spielgenoß.‹« Dann ließ sie
-auch dieses Thema wieder fallen.
-
-Madame Gernoth sah sie von der Seite her an. Wanda lächelte vor sich hin.
-Eine ganze Zeitlang gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter
-verletzt, die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen.
-
-An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte, eine Mutter und drei
-Töchter, mit denen sie einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder
-außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth:
-
-»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts dahinter. Die Krause
-sagt, sie kaufen die übertragenen Toiletten einer Baronesse Richthof und
-suchen Einen damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen Dinger! Die
-und Registrators sind die richtigen Mexikaner.«
-
-»Mexikaner?«
-
-»Nun -- Mexikaner -- Magsiekeiner. Der Polowski machte neulich den Witz.«
-
-Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie waren gewiß nicht böse,
-aber der Spott über die »Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die
-jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als solche empfinden,
-wenn wir sie abgelegt haben.
-
-»Wer ist denn der Polowski?«
-
-»Ich meine den polnischen Musikanten.« -- Wanda schwieg verletzt.
-
-»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal auf, er wird uns gleich wieder
-begegnen und ansprechen.«
-
-»Er mißfällt Dir natürlich?«
-
-»Er hat so was Unmännliches!«
-
-»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit nichts als
-eine Dosis Anmaßung, Brutalität und -- na, was war es denn noch? ja:
-Treulosigkeit. Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich. Dir
-ist eben keiner recht.«
-
-Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war eine kluge Frau, aber Haß und
-Verbitterung machen den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre
-Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.
-
-»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das Kind.
-
-»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du noch nicht gehört,
-wenn der Wind puh, puh bläst, wie dann die Bäume rauschen und miteinander
-plaudern? Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und tiefe Diener
-machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken, sich ihre schönen Blumen
-hinhalten und sagen: riechen Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der
-Herr Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da! horch mal! Hörst Du, wie
-sie jetzt sprechen?«
-
-»Ja. Hörst Du's auch, Machen?«
-
-»Jaja. -- Freilich, nun wundert's mich nicht mehr, wenn sie die Tischbeine
-sich unterhalten läßt und von den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie
-ist ein kleiner Phantast.«
-
-»Wenn man _das_ erlebte!«
-
-»Was, Mutter?«
-
-»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und die Carlèn, weißt Du.«
-
-»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster und das Bierabziehen
-haben, und das würde Dir auch nicht recht sein.«
-
-Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde ihr nicht recht sein. Eine
-ordentliche Frau mußte für so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen
-setzen,« sagte sie.
-
-Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und setzte es auf die Bank.
-
-»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter.
-
-»Eia --«
-
-»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die Mutter.
-
- »Mein dunkles Herze lieb dich,
- Es lieb dich und es bicht,
- Es bicht und zuckt und verbutet, --
- Aber du siehst es nicht.«
-
-Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher Begütigung, was von
-überwältigendem Effekt war.
-
-»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt die Großmutter, während
-sie doch mit beglücktem Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust
-drückte.
-
-Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu drollig, so wichtig und
-ernsthaft. Und zuletzt dieses: aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie
-alle beide das Kind ab.
-
-»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.«
-
-»Weiter gar nichts!«
-
-»O, müssen wir auch alle Kaufmanns- oder Doktorsfrauen sein? Ich wollte,
-ich wäre auch Schauspielerin.«
-
-»Du bist nicht gescheidt, danke Gott, daß Du einen guten Mann hast.«
-
-»Ich spielte das Gretchen oder die Ophelia. Oder das Klärchen!«
-
-Und da sprang sie auch schon auf, breitete die Arme aus, nahm eine
-zärtliche Miene an und machte ihrer Tochter Konkurrenz:
-
- »Freudvoll und leidvoll,
- Gedankenvoll sein,
- Langen
- Und Bangen
- In schwebender Pein,
- Himmelhoch jauchzend,
- Zum Tode betrübt,
- Glücklich allein
- Ist die Seele, die liebt.
-
-›Laß das Eiapopeia,‹ sagt die Mutter drauf,« fügte sie bei.
-
-»Wirklich, ich muß hier auch so sagen,« schmollte Madame Gernoth.
-
-»Scheltet mir's nicht, es ist ein kräftig Lied. Hab' ich doch schon
-manchmal ein großes Kind damit schlafen gewiegt. -- ›Du hast doch nichts im
-Kopfe als deine Liebe,‹ mußt Du jetzt sagen, Mutter.«
-
-»Ach laß mich.«
-
- »Glücklich allein
- Ist die Seele, die liebt.«
-
-Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme Dich doch! Hier auf
-öffentlicher Promenade! Es könnte jeden Augenblick wer kommen.«
-
-»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: ›da ist Fenchel für euch und Agley --
-da ist Raute für euch, und hier ist welche für mich -- ihr könnt nun Raute,
-mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel ist all meine Lust.‹«
-Oder sonst was:
-
- »Und größer als aller Sehnsucht Qual
- Ist meine Liebe zu Dir.«
-
-»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.«
-
-»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist glücklich, wenn Du einmal
-Verse lesen kannst und dann schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie
-treffend! und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir letzten
-Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß wie gut gefallen. Aber daß in
-jemandem neben Dir, daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem
-Talent zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner Achtung wert.
-Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und ich halte es kaum aus vor Unruhe.«
-
-»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas nicht zu. Wenn jemand zu
-einer Kunst erzogen ist, das ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen
-zur Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.«
-
-»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen, Hühnereier zu legen?«
-
-»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.«
-
-»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den letzten Jahren war ich tot,
-und jetzt bin ich wieder aufgewacht. Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!«
-
-»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne sein wirst, dann wirst Du
-schon wieder vernünftig werden. Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher.
-Geh ein Stückchen spazieren.«
-
-Etwas Lieberes konnte Frau Wanda gar nicht hören. Sie sprang sofort auf und
-griff nach ihrem Schirm.
-
-»Ich gehe da hinunter, auf die Mühle zu.«
-
-»Da ist es zu einsam.«
-
-»Bäume und Sträucher thun mir nichts.«
-
-»Dir nicht, nein,« sagte die Mutter mißtrauisch; sie hatte vor einer
-Viertelstunde den Musiker dort hinunter gehen sehen.
-
-Madame Gernoth hatte Kreowski sehr auffällig ihr Mißfallen zu verstehen
-gegeben, es dünkte ihr unpassend, daß er die Frauen so häufig ansprach und
-sie nahm an den Blicken Anstoß, mit denen er ihre Tochter zu verschlingen
-pflegte. Sie hatte ihm das in ihrer gelegentlich harten Weise gradezu
-gesagt. Seitdem hielt er sich fern. Aber sie konnte es nicht verhindern,
-daß der interessante Pole die Doktorin bei der Brunnenpromenade ansprach,
-während sie selbst das Aufräumen des Zimmers besorgte und das Kind anzog
-und fütterte, und sie hatte es nicht in der Gewalt, die Dauer dieser
-Brunnenpromenade festzusetzen.
-
-Mit beflügeltem Schritt machte sich Wanda auf den Weg.
-
-Warum sie ihn nur liebte?
-
-Er war eigentlich kein bedeutender Mensch. Er hatte ein paar hübsche
-Talente, aber weder das dichterische noch das musikalische waren stark und
-umfangreich, sie gingen zu ausschließlich auf das Lyrische, und obgleich
-er hier Schönes und sogar Originelles leistete, verliehen sie ihm etwas
-Einseitiges und das, was Madame Gernoth das Unmännliche an ihm genannt
-hatte. Dennoch gefiel er Wanda gerade so, wie er war. Es war etwas Sanftes
-und Ehrerbietiges in ihm, das sie umschmeichelte wie die vollendete
-Beherrschung des guten Tones, die er besaß. Er war freilich kein
-akademisch-wissenschaftlich gebildeter Mann, aber dafür sprach er auch
-nicht mit der Wucht, der Härte und dem Hyperlogischen dieser Leute, und
-seinen Worten fehlte das Verletzende, das eine Meinung zum Gesetz erheben
-möchte. Bei alledem war er nicht ohne Geist und Schwung. Und er liebte sie.
-Mit dieser so schlecht verhüllten Leidenschaft, in der er sie mit Versen
-und Melodieen überschüttete, ohne jemals geradeheraus zu gestehen, daß
-sie ihr galten, ein Verfahren, das ihrem Verkehr das scheinbar Harmlose
-erhielt.
-
-Sie schlug den Weg ein, auf dem sie des Morgens mit ihm zu promenieren
-pflegte, und es dauerte nicht lange, so trafen sie sich mit der
-Unfehlbarkeit, mit der sich Liebende in den Weg rennen.
-
-Sie grüßten sich verlegen und gingen ein Stück schweigend nebeneinander.
-Es war heiß, und um sie her wogten die grünen dämmernden Schatten, die ganz
-durchwürzt waren von dem herben Duft des Eichen- und Buchenlaubes, von dem
-süßen Duft eines blühenden Buchweizenfeldes, das rötlich in der Sonne lag,
-und eines Kleeackers, und ganz durchzückt von zitternden Sonnenstrahlen,
-die sie umspielten.
-
-Manchmal sagte er etwas Kurzes, Gleichgültiges, dann lächelte sie dazu oder
-seufzte oder sie gab eine ganz verkehrte Antwort, deren Sinnlosigkeit er
-indes nicht merkte. Warum es nur so ganz anders war, wenn man einander
-unversehens des Nachmittags hier traf, als wenn man des Morgens zusammen
-herschlenderte? Warum es so viel verwirrender war? Weil Sonnenglut sich
-breitet, wo früh dämmernde kühle Schatten lagen?
-
-Auf einer Bank saßen sie ein wenig nieder, und damit schien er den Mut zu
-einer Mitteilung zu finden, die er bisher zurückbehalten.
-
-»Ich habe einen Brief aus Breslau erhalten,« sagte er, »und eigentlich in
-der Hoffnung, Sie vielleicht einen Augenblick sprechen zu können, bin ich
-hergekommen, um Ihnen zu sagen, daß ich -- diese Stelle bekomme.«
-
-»Ach -- Sie bekommen sie!« rief sie erschrocken.
-
-»Ich glaubte nicht, daß es Ihnen unangenehm sein würde,« sagte er gekränkt.
-
-Sie schwieg und sah vor sich nieder.
-
-»Ich -- ich hatte gehofft, mich manchmal zur Dämmerstunde bei Ihnen
-einstellen zu dürfen. Ich habe sie so sehr gewünscht, diese Stelle. Deshalb
--- Warum sagen Sie nichts?«
-
-»Es geht nicht.«
-
-»Es geht nicht? Nicht, daß ich Sie sehe?«
-
-Sie blickte wie hilfeflehend auf und in die Ferne, durch eine Durchsicht
-starrend, zu der das Unterholz sich lichtete. Ihr Atem ging stark.
-
-»Es kann ja wohl sein, daß wir uns einmal zufällig begegnen -- denn --«
-
-»Und warum darf ich nicht zu Ihnen kommen?«
-
-»Ich kann es Ihnen nicht sagen.«
-
-Sie saßen ernst und bestürzt nebeneinander.
-
-»Sagen Sie es lieber.«
-
-»Nun denn: es war einmal an einem dieser Abende -- wo man so ganz
-zusammenrückt -- geistig, gemütlich -- wo man seine Seele so umdreht
-wie einen Handschuh -- dumm! aber es giebt solche Stunden -- wenn man
-verheiratet ist -- --«
-
-»Gewiß, natürlich.«
-
-»Wo man alles so voreinander auskramt: alte Blumen und Schleifen, ein paar
-altmodische Ohrgehänge, Schulprämien, seine Spargroschen, was weiß ich.«
-
-»Jawohl.«
-
-»Und wo man sich so allerlei Geständnisse macht --«
-
-»Zum Beispiel?«
-
-»Zum Beispiel, daß man -- um ein Haar -- um eines Andern willen
-zurückgetreten wäre -- vor der Hochzeit.«
-
-Sie stockte.
-
-Er fragte nicht. Er bog einen Haselzweig zur Seite, der in den Weg hing und
-sah sie an.
-
-»Und dann -- sagt man sogar den Namen -- eben des Andern.«
-
-»Welchen Namen?«
-
-»Witold von -- -- nun, jetzt wissen Sie es.« Sie lachte. Lachte mit dem
-desparaten Lachen und sprang auf.
-
-So erhob auch er sich, bleich bis in die Lippen.
-
-»Und Sie glauben, daß er Ihre Besuche dulden würde?« setzte sie hinzu.
-
-»Wenn Sie ihm sagten, daß es heut doch nur -- Freundschaft ist -- von Ihrer
-Seite -- auch dann --«
-
-»Dann würde ich lügen.«
-
-Kein Wunder, daß er sie jetzt in seine Arme schloß und küßte. »So
-glücklich, so grenzenlos glücklich soll ich sein!« stammelte er.
-
-Aber sie machte sich los. »Glücklich? ›Mein Lieb, wir wollen beide elend
-sein,‹ wird das Programm wohl eher lauten. Haha!«
-
-»Lachen Sie doch nicht so schrecklich! Lach' nicht so, Geliebteste.«
-
-»›Wem so des Schicksals hübsche sieben Sachen‹ und so weiter! Um bei Heine
-zu bleiben. Aber genug für heute. -- Auf morgen! auf morgen! Ich kann nicht
-mehr.«
-
-Und leidenschaftlich riß sie sich los.
-
-In allem Elend stand er doch mit einem glückseligen Lächeln und sah sie ihm
-wieder entfliehen.
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel.
-
-
-Durch die gardinenlosen Fenster eines Parterrezimmers fiel ein
-Sonnenstrahl, der sich eben noch durch die Lücke zwischen zwei
-Hinterhäusern durchzwängte, und beleuchtete das Innere eines wunderlichen
-Gelehrtenheims, der Arbeitstube Doktor Ewald Rhodes. Die eine Wand dieses
-Raumes war hauptsächlich von hohen Regalen bedeckt, die ganz mit Büchern
-besetzt waren und zwar Büchern medizinischen, chemischen und physikalischen
-Inhaltes. Am Fenster stand ein Bureau, das als Schreibtisch diente und
-zugleich verschiedene Instrumente und Chemikalien barg. Ein ziemlich großer
-Tisch in der Mitte des Zimmers war mit Skripturen und Drucksachen bedeckt.
-Im übrigen war der Raum vollgepfropft mit allerlei Apparaten, Werkzeugen
-und Instrumenten, von denen indes nur einiges auf der Höhe der Wissenschaft
-stand, das übrige überholt und dürftig war, einiges, das der Doktor selber
-erfunden, geradezu seinen dilettantischen Ursprung verriet.
-
-Aber es sind schließlich nicht immer die großen Laboratorien gewesen,
-aus denen die gewaltigen Erfindungen hervorgingen, die berufen waren,
-der menschlichen Kultur ein anderes Gepräge zu geben, und oft genug ist
-zwischen unbehilflichem Kram die Fahne aufgepflanzt worden, die weithin
-flatternd den Völkern die große Friedensbotschaft verkündete: im Anfang war
-die Kraft.
-
-Doktor Rhode war Armenarzt und hatte einige Privatpraxis. Wenn diese nicht
-größer und gewinnbringender war, so lag das an seiner Ehrlichkeit. Aufs
-lebhafteste ergriffen von den Umwälzungen, welche sich gerade damals
-innerhalb seiner Wissenschaft vollzogen, war er nicht Charlatan genug,
-mit imponierender Sicherheit aufzutreten, wo neue Entdeckungen die
-bisher gültigen Behandlungsweisen in Frage gestellt hatten, und obwohl er
-pflichttreu und hilfsbereit war, fühlte sich ein starker Forschungstrieb
-in ihm mehr von der theoretischen als der praktischen Seite der Heilkunde
-angezogen. Er träumte eine wissenschaftliche Laufbahn, die ihm Raum gäbe,
-den Mängeln der ärztlichen Praxis Abhilfe zu schaffen, die ihn zu einem der
-Pfadfinder machte, wo sie im Dunkeln tappte. Nie hatte es einen größeren
-Idealisten gegeben, nie einen anspruchsloseren, der williger Armut und
-Sorge auf sich genommen.
-
-Indes, so bescheiden er war, noch nie hatte er das Zweischneidige
-finanzieller Beschränkung so hart empfunden als eben jetzt, da er einer
-Entdeckung auf der Fährte zu sein glaubte, die von hoher Bedeutung werden
-mußte.
-
-Man hatte damals angefangen, das Mikroskop für die Heilkunde zu Rate zu
-ziehen. Er selbst hatte das Glas, das ihm gehörte, vielfach benützt, aber
-es erwies sich als ungenügend, um bereits Gefundenes nachzuprüfen, um
-wieviel mehr, Neues festzustellen. Wollte er weiter auf dem Felde arbeiten,
-zu dessen Bestellung er sich berufen fühlte, war ein besseres Instrument
-unerläßlich.
-
-Gute Mikroskope aber sind teuer, und er schuldete ohnedies Mechanikern und
-Droguenhändlern Summen, deren Zahlung ihm Sorge machte. Sollte er diese
-Schuld ohne zu wissen, wie sie tilgen, um neue vierzig Thaler anwachsen
-lassen? Sollte er, sie herauszubringen, das häusliche Leben noch karger
-einrichten, als es schon war? Das war unmöglich.
-
-_Dann_ also verzichten.
-
-Das aber hieß: Wissenschaft, Carriere, geistiges Streben, Inhalt alles
-Lebens fahren lassen! Für Kraft und rege geistige Arbeit -- dumpfes
-Tagewerk und geistiger Tod!
-
-Seine Seele schrie nach diesem Instrument und das Verlangen danach wurde
-zum Heißhunger, der seine Forderung nicht mehr einstellte und endlich
-eine fieberhafte Phantasie in ihm entzündete: sah er doch unter den
-geheimnisvollen Gläsern schon Wunder über Wunder sich entfalten, Dunkel
-sich auflichten, Wege sich durch Dickichte öffnen und -- fühlte sich dabei
-angekettet, unvermögend, diese Wege zu verfolgen; wie wir manchmal im Traum
-einem grenzenlosen Glücke nachstreben und unsere Füße zu Blei erstarrt
-fühlen. Das Instrument aber ließ ihn nicht los. Er sah es zuletzt auf
-Schritt und Tritt vor sich mit dieser Lockung des Ehrgeizes, mit der der
-Dolch vor den Augen Macbeths in der Luft hing. Er streckte den Arm danach
-aus, und es verschwand.
-
-Schließlich machte der Tod eines älteren Gelehrten den Fall für ihn
-zu einem akuten. Aus der Hinterlassenschaft dieses Mannes war ihm ein
-kostbares Glas zu verhältnismäßig niedrigem Preise angeboten worden, den er
-jedoch sogleich hätte erlegen müssen -- eine Gelegenheit, wie sie sich ihm
-nicht wieder bot. Aber woher auch nur diese 25 Thaler nehmen! Vergeblich
-zermarterte er sein Gehirn -- ihm blieb nur eines übrig: der reiche
-Schwiegervater.
-
-Ach! er hatte ihn schon des öfteren angehen müssen -- aber die Kälte und
-der Hochmut, mit denen dieser Mann seine bescheidenen Bitten erfüllt,
-hatten ihn so gekränkt und empört, daß er sich verschworen, lieber zu
-hungern als ihn jemals wieder aufzusuchen.
-
-Nun -- ein Mann hungert allenfalls für Weib und Kind und hungert auch für
-seinen Beruf, aber wo vielleicht ihrer aller Zukunft auf dem Spiele stand,
-wo Not leiden vielleicht der Menschheit einen Dienst erweisen hieß --
-
-Doktor Rhode beschloß also zu thun, was zu thun er sich heilig verschworen.
-
-Als er, sich zu dem sauern Gange aufmachend, noch einmal vor den Spiegel
-trat, erschrak er selbst über das blasse, verstörte Gesicht, das ihm, hager
-und von scharfen Linien zerschnitten, von dort entgegensah. Er war dreißig
-und sah um ein Jahrzehnt älter aus, ein mittelgroßer, sehniger, hagerer
-Mann mit breitgewölbter Stirn, dunklem Haar, tiefliegenden Augen und einer
-scharfgeschnittenen Nase, auf der eine Brille saß: der Typus des darbenden
-Idealisten.
-
-Indem er die Blicke von dem wenig erfreulichen Spiegelbilde, das seine Not
-und seine Überarbeitung verriet, wegwandte, fiel er auf den altmodischen
-Sekretär seiner Frau, eines der schrankartigen Möbel, das erst durch
-eine heruntergelassene Klappe zum Schreibtisch wird, wobei eine Anzahl
-Schubladen und in der Mitte ein abschließbares Verließ bloßgelegt werden.
-
-Rhode blieb stehen und starrte dieses Möbel an, als ob es verhext wäre, als
-ob etwas Lebendiges darin wäre und mit stummer Sprache zu ihm redete; trat
-dichter heran, befühlte es, seufzte, trat wieder zurück, zögerte nochmals
-und machte sich dann schleppenden Ganges auf.
-
-Langsam ging er die schlechtgepflasterten, unsauber gehaltenen Straßen
-hinunter, die meist von schmalen Giebelhäusern eingefaßt waren, zwischen
-die sich nur manchmal ein breites, von Wohlhabenheit zeugendes Haus schob;
-vorüber an den bescheidenen Lädchen und vergitterten Gewölben, in denen es
-so finster war, daß Käufer und Verkäufer an die Thür treten mußten, um
-die Ware zu behandeln, über die ärmlichen Holzbrücken, die über die
-übelriechende Ohle führten, unter den alten Schwibbögen hindurch und den
-Eisenketten, von denen in der Mitte Laternen herabbaumelten. Es war eine so
-arme, so klägliche Zeit, es war, als wenn alles hungerte: nach Brot, nach
-Licht, nach Freiheit, nach irgend etwas Großem und Starkem; eine Zeit,
-in der man seelisch so darbte, daß man sich vieler Nöte gar nicht einmal
-bewußt wurde und ihre Übelstände hinnahm wie Unbilden des Wetters; in der
-jeder Arbeiter noch der von der Habsucht eines Herrn ausgepreßte Sklave,
-jede Frau noch die Leibeigene ihres Mannes, tausende von Beamten die
-Hörigen ihrer Vorgesetzten waren, ohne auch nur zu ahnen, daß man sie um
-ihre Menschenrechte verkürzte.
-
-Die Straßen, die zugleich die Spielplätze der Kinder waren, die damit zu
-Gassenkindern erzogen wurden, und die Ablagerungsstätten der Fässer und
-Ballen einer protzigen Kaufmannschaft bildeten, waren von übelsten
-Dünsten erfüllt, die aus den finstern, unsaubern Höfen herausquollen, von
-schwerfälligem Fuhrwerk durchschnitten und von Gruppen Aufgeregter belebt,
-die unreife politische Gedanken austauschten. Studenten in Sammetpekeschen
-und Cerevis spielten die Rolle moderner Gigerl und verfolgten mit edler
-Dreistigkeit, was ihnen an jüngeren Damen in weitgebauschten Röcken,
-planwagenartigen Hüten und karrierten seidenen Spensern in die Quere kam,
-während an jeder Straßenecke ein ausgemergelter Leierkasten: »Denkst
-du daran, mein tapfrer Lagienka«, »An Alexis send' ich dich« oder eine
-Bellinische Arie zum besten gab. Da man den Segen von Sprengwagen noch
-nicht kannte, waren Sonne, Straßenverkehr, Koketterie und Leierkastenmusik
-in dichte Staubwolken, wie in einen goldbraunen Nebel gehüllt.
-
-Als Doktor Rhode das Haus des alten Gernoth erreicht hatte, eines der
-stattlichsten Häuser weit und breit, mit hohen Fenstern und breiten
-Pfeilern dazwischen, nahm er einen Augenblick den Hut ab und trocknete sich
-die Stirn, sah an den Mauern in die Höhe und trat ein paar Schritte auf die
-Treppe zu. Und ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt des immer
-noch schönen Mannes vor sich und dieses hochmütige Fabrikantengesicht, mit
-dem er, zugleich ein Phantast, ein Lebemann und ein »Rotürier«, auf den
-mit Sorgen ringenden Armenarzt herabsah, um ihm danach ein widerwillig
-gespendetes Geschenk hinzuschieben -- und alles empörte sich in der Seele
-des Sprossen eines Jahrhunderte alten Gelehrtengeschlechtes, eines im
-Idealismus des deutschen Pfarrhauses Aufgewachsenen, mit allen Kenntnissen
-der Zeit gesättigten Geistes gegen die drohende Schmach. _Den_ Mann bitten,
-diesen Mann, der nicht die Spur von Verständnis für Aufgabe und Wesen der
-Wissenschaft hatte, dessen politischer »Idealismus« nichts war als die
-Sucht, eine Rolle zu spielen -- den _bitten_ -- er konnte, _konnte_ nicht!
-
-Und langsam, ganz langsam drehte er um.
-
-Aber mit dem Abscheu vor einer unwürdigen Situation hatte er noch kein
-Geld. Nun, es würde ihm wohl ein Gedanke kommen, es mußte ihm ja einer
-kommen.
-
-Er sann und sann.
-
-Aber es fiel ihm nichts ein. Eine kostbare alte Bibel, ein ehrwürdiges
-Familienerbstück, war bereits einer früheren Kalamität zum Opfer gefallen.
-Vielleicht fand er gleichwohl noch etwas unter seinen Büchern. Seufzend
-ging er weiter, diesmal den Weg über den großen Marktplatz, den »Ring,«
-einschlagend. Ein reicher Mann, dessen Sohne er kürzlich bei einem
-Unglücksfalle Hilfe geleistet, hatte ihm weitschweifig gedankt, aber
-seine Honorarforderung unbeachtet gelassen. Schuster und Schneider konnten
-mahnen, er nicht. An der Universität war ein reicher Geheimer Medizinalrat,
-der sich mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigte, wie er selbst. Wenn er
-ihm seine kleinen Entdeckungen und großen Mutmaßungen mitteilte, das heißt:
-verkaufte? -- schimpflich! und thöricht zugleich, denn wozu hätte er dann
-noch das Mikroskop gebraucht?!
-
-Etwas anderes also!
-
-Auf dem Marktplatz blieb er ein paar Augenblicke stehen. Die Qual, die
-ihn bedrückte, war so groß, daß sie seinen Nerven jene seltsame
-Eindrucksfähigkeit gab, die die erste Wirkung eines leichten Rausches ist,
-wie man sagt: Die Gegenstände vor ihm bildeten nicht ein einheitliches
-Ganze, sondern lösten sich von dem gewohnten Bilde einzeln als scharf
-umgrenzte ab, das Unauffällige, Gewohnte wurde neu, befremdlich, ein
-Gegenstand verwunderten Nachdenkens. Er starrte auf das Stadtbild, als
-habe er es nie zuvor gesehn. Wie unsinnig, Bürgersteig und Fahrstraße
-mit hundert geschmacklosen und ärmlichen Buden einzuengen, an deren
-Stirnseiten, der wundervollen altersgrauen Gotik des Rathauses zum Trotz,
-in dessen Schatten diese Baracken standen, Schuhe, Bürsten, Blechwaren
-und anderer Haushaltungskram baumelten! Wie unsinnig, Pulverwagen und
-Schlachtvieh durch die Straßen zu treiben! Wie verrückt, sich von diesen
-Leierkasten, die man oft zu dreien auf einmal hörte, die Ohren zerreißen zu
-lassen! Wie ekelhaft diese Krüppel und Siechen, die sich krückenlos mit den
-Händen über das Pflaster schleppten oder jedem Vorübergehenden ihre Schäden
-enthüllten! Wie unbarmherzig dieses Anspannen keuchender Lehrburschen vor
-schweren Wagen, wie schrecklich diese Tierquälereien an den überlasteten
-Pferden, an den armen kleinen Nachtigallen, deren Käfige im Sonnenbrand an
-den Straßenmauern hingen, und die geblendet waren, um die Nacht zu glauben,
-die ihnen ihre Lieder entlockte.
-
-Es war soviel Qual in der Welt, soviel Elend!
-
-Aber ist das ein Trost für die Pein der eigenen Brust, die der Edle
-empfindet, der helfen möchte und nicht helfen kann, weil ihm die Hände
-gebunden sind? Ist stumm und ergeben leiden wirklich eine Tugend, wo seinen
-Schmerz ausschreien vielleicht ein allgemeines Leid verständlich machen und
-ihm Abhilfe verschaffen heißt, wo die Auslösung der höchsten Energie nicht
-bloß ein einzelnes Subjekt -- nein! eine ganze empfindende Welt beglücken
-könnte?
-
-Welcher Schmutz, den der Fuß des Wandelnden, den jeder Windzug aufwirbeln
-ließ! Wie eine dicke Wolke zitterte er in der Sonne und stahl sich in die
-Lungen, die Augen, die Organe der Ernährung. Welche mörderischen Stoffe
-mochten nicht vielleicht millionenfach durch diese Straßen wirbeln, mit
-unsichtbaren Dolchen die Ahnungslosen anfallend. Wer das unter ein Glas
-bringen und erforschen könnte, seine Zusammensetzung begreifen, seine
-Wirkung festsetzen -- müßte der nicht, dem pythischen Gotte gleich, der
-Erleger giftiger Drachen, der Vernichter mörderischen Gewürmes, müßte er
-nicht, auch er, ein Heiland der Menschen werden?!
-
-Ein Hochgefühl, wie es uns bisweilen über uns selbst erhebt, überkam den
-Einsamen, den Armen, das Bewußtsein eines Reichtums an Kräften, der Würde
-einer Mission, die grenzenlos waren. Und ihm war das Mittel verwehrt, das
-diesen Reichtum frei gemacht, ihn diese Mission hätte erfüllen lassen.
-
-Da er aus dem warmen Sonnenschein heraus seine ungastliche Wohnung wieder
-betrat, umfing ihn ein Frösteln zwischen den kahlen, feuchten Wänden, das
-von Verzichtleisten und Entsagen sprach. Er seufzte. Er _wollte_
-nicht verzichten. Er ging aus einem Zimmer in das andere, aus der mit
-bescheidenen Kirschbaummöbeln ausgestatteten »guten Stube« in das
-noch bescheidenere Wohnzimmer, von dort in das Schlafkabinett, in die
-Studierstube und wieder zurück und sah sich überall um, als erwarte er, ihm
-bis dahin unbekannte Wertsachen irgendwo aufgestellt zu sehn, zog da und
-dort eine Schublade auf, als könne seine Frau dort Gelder zurückgelassen
-haben, sie, die so sorgfältig und sparsam war, und schob sie wieder zu.
-
-»Sparsam!«
-
-Wer hatte denn das Wort ausgesprochen? Es war ihm, als ob in einer der
-dämmernden Ecken ein Gespenst gestanden, das es gehaucht.
-
-Ja, sie war sparsam. Gewiß, sehr sparsam. Ohne ihren Fleiß und ihre
-Sparsamkeit hätten sie überhaupt nicht haushalten können.
-
-Schon als Mädchen war sie immer thätig und sparsam gewesen. Es mochte etwas
-von dem Kaufmannsgeist ihrer Eltern in ihr sein. Er selbst war nicht so
-sparsam. Oder doch in anderer Weise. Er war anspruchslos, beinahe bis zur
-Bedürfnislosigkeit, das konnte er von sich sagen, ohne zuviel zu behaupten,
-aber er konnte es einem andern nicht abschlagen, wenn er ihn dringend um
-ein Darlehen oder eine Unterstützung anging, und hatte manchen Groschen auf
-diese Weise hingegeben, den er hätte festhalten sollen.
-
-Aber _sie_ war so sparsam.
-
-Und damit glitten seine Finger leise über die Klappe des Sekretärs, die
-fest verschlossen war.
-
-Dann trat er seufzend an das Fenster und sah hinaus. Es war nicht sehr
-belebt draußen. In Gedanken sah er Wanda die Straße heraufkommen mit dem
-Kinde an der Hand, ganz deutlich sah er sie. Und eine starke Sehnsucht
-ergriff ihn.
-
-Wie sehr er sie liebte!
-
-Und sie liebte ihn. Nicht ganz so, nicht so leidenschaftlich, nicht mit dem
-Stolz auf ihn, den er empfand, sie zu besitzen, nicht mit der Sehnsucht,
-die ihn oft mit Unruhe erfüllte, aber sie liebte ihn doch, und wie
-teilnehmend und unglücklich würde sie sein, wenn sie wüßte, in welcher
-Bedrängnis er sich befand.
-
-Er zweifelte nicht im mindesten daran, daß sie alles aufbieten würde, ihm
-zu helfen, wenn sie könnte, zweifelte nicht, daß ihre Anhänglichkeit für
-ihn im Grunde genommen dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug. Ach!
-dieser kluge und geistvolle Mann täuschte sich bitter über ihre Empfindung,
-über ihre ganze Lebensstimmung. Er hatte keine Ahnung davon, daß Wanda zu
-den Naturen gehörte, die ermüdend und erlahmend in dem traurigen Einerlei
-eines ärmlichen Lebens, beständig umworben und neuerobert werden wollen,
-um wirklich besessen zu werden, die etwas von dem Idealismus anbetender
-Zärtlichkeit verlangen für die Hingabe ihrer Person und ihrer Ideale. Er
-nahm an, daß für Wanda eheliche Liebe Identitäts- und Solidaritätsgefühl
-sein müsse, wie er sich einredete, daß sie es für ihn war, für ihn, der ihr
-nichts von seiner Persönlichkeit geopfert und der immer nur genommen, wo
-sie gegeben hatte. Er ahnte nichts davon, daß sie sich in der letzten Tiefe
-ihrer Seelen fremd waren, daß Wanda nicht einen Funken mehr Verständnis
-oder Ergebenheit hatte für das, was ihn erfüllte, als er für ihre
-Interessen, ja daß in dieser Tiefe sogar ein unversöhnlicher, wenn auch
-ganz abstrakter Gegensatz lebte: Der zwischen Begreifen und Empfinden,
-zwischen Wissenschaft und Poesie.
-
-Er glaubte einfach, daß sie ihn liebte und bereit sein müsse, alles für ihn
-zu opfern. Es war sein Unglück, daß er so oft etwas glaubte, was nicht war,
-daß er, die Schärfe seines Verstandes in einseitiger Richtung zuspitzend,
-in manchen moralischen Dingen so konventionell dachte, so auf der glatten
-Oberfläche blieb.
-
-Die Naturwissenschaft war in den vierziger Jahren noch nicht das, was sie
-später wurde. Sie war noch eine tastende, schüchterne Disciplin, die noch
-keinen Einfluß auf das allgemeine Denken gewonnen, der Menschheit noch
-nichts von dem großen Positivismus geraubt hatte, der so bequem war. Man
-hielt noch auf »Systeme.« War es doch so verführerisch, die Welt sich
-wohlgeordnet und gut zusammengeklappt in die Tasche zu schieben und seiner
-Wege zu gehn. Freilich war es auch gefährlich; etwa, als wenn sich einer
-eine wohlverschraubte Granate in die Tasche steckt. Es giebt Momente, wo
-die schönsten Begriffe krepieren.
-
-Zu den unerschütterlichen Voraussetzungen, die der Doktor hegte, gehörten
-seine Anschauungen über »das Weib.« Dieser Periode war das Weib etwas an
-sich, ein Typus, eine Summe von einigen Eigenschaften, die es dem Mann
-bequem und angenehm machten, und einigen andern, die als das Rätselvolle
-oder Launenhafte oder Unergründliche in Bausch und Bogen hingenommen
-wurden. Die Mühe, die Gesetze von Ursache und Wirkung, die man anfing auf
-Natur und Geschichte anzuwenden, auf das Weib auszudehnen, gab sich kein
-Mensch. Das Weib war eben reizend und tugendhaft und verständig oder es
-war das alles nicht. In jedem Falle war es ein der Leitung so dringend
-bedürftiges Geschöpf, daß es durchaus unter die Vormundschaft des Mannes
-gestellt und diesem die Verfügung über Besitz und Erwerb der Frau zuerkannt
-blieb. Das Weib war Mittel zum Zwecke »Mann« und an sich -- das Urbild der
-Schwäche.
-
-Doktor Rhode hing mit Zärtlichkeit an seiner Frau und war sogar durchaus
-das, was man einen Gemütsmenschen nennt. Aber wir haben unsere stärksten,
-zartesten und wärmsten Empfindungen doch immer nur auf dem Boden unserer
-allgemeinen Anschauungen. Und so sehr Rhode seine junge Frau liebte, -- daß
-sie eine Person war, auf die er _alle Rechte_ habe, physische, seelische,
-materielle, moralische, das war ihm doch über allen Zweifel erhaben.
-Und weil es ihm nebenher durchaus zweifellos war, daß sie eine ebenso
-tugendhafte als schöne und begabte Frau sei, und daß eine tugendhafte
-Frau für ihren Mann alles thue, ihm alles hingebe, weder Geheimnisse, noch
-Besitztitel, noch irgend etwas neben ihm habe noch haben wolle -- begriff
-er auf einmal nicht, wie er so lange hatte zögern können, nach einer Hilfe
-zu greifen, die äußere, gesetzliche Mittel ihm ohnedies zuwiesen.
-
-Und da mit einem Male holte er seinen Schlüsselbund und ein Brecheisen und
-ging völlig mit der heiteren Miene des guten Rechtes daran, die Klappe des
-Sekretärs zu öffnen. Es gelang mühelos, und ebenso leicht gaben das Schloß
-des Mittelverließes und das Vorhängeschlößchen an der Sparbüchse nach,
-aus der er mit einem Laut der Befreiung eine Handvoll Geld in die daneben
-stehende kleine Korbschwinge schüttete. Es waren übrigens zwei Dukaten und
-dreiunddreißig Thaler Silbergeld.
-
-Eine Stunde später war das ersehnte Mikroskop in seinem Besitz.
-
-
-
-
-Achtes Kapitel.
-
-
-Den folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief von ihrem Gatten, der sich von
-den bisherigen auffallend unterschied.
-
-Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht, wie es ihm ging, was
-für Krankheitsfälle er behandle, ob er gute oder schlechte Resultate bei
-seinen Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen in der
-Bekanntschaft, die sie etwa interessieren konnten, Fragen nach dem Befinden
-der Frauen und des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich und
-humorvoll.
-
-_Dieser_ Brief hatte einen anderen Charakter. Er war von einer unruhevollen
-Zärtlichkeit, von Sehnsucht nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange
-und zu sehr entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen, frohen
-Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim auch wieder gefallen werde. Er
-enthielt außerdem eine tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der
-ehelichen Interessen, ja über den sakramentalen Charakter der Ehe, der das
-Gebundensein der Geister und Herzen heilige und alles, was sonst unerlaubt
-oder verletzend sei, in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet
-mache; eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern sogar
-von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete etwas Gedrücktes und
-Leidenschaftliches zugleich aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte
-ihm durchaus.
-
-Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das stärkste bewegt
-war, noch mehr. Ihr Herz wurde von dem heftigsten Zwiespalt gefoltert.
-Pflichtgefühl und warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der
-einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer starken jungen
-Empfindung nach der andern. Abwechselnd warf sie sich bald dem einen,
-bald dem andern Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit nicht
-mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend hätten wirken
-können, sondern noch verschärfend mit der Kraft leidenschaftlicher und
-phantasievoller Naturen, jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der
-Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen. Denn es war
-ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie _einmal_ das Glück dichterischen
-Ausdrucks ihres Empfindens genossen, die Wallungen ihres Herzens in Versen
-auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und Lenau, sondern irgend einer
-Kraft in sich selber verdankte. Und obschon sie die merkwürdige, ihr
-zuerst geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft für den
-Ausdruck so groß sein kann, daß dieser die eigenen Empfindungen derartig
-übertreibt, daß er anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem
-Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges, so kam es ihr doch gar nicht
-in den Sinn, Wendungen dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das
-dichterische Gesetz und verfuhr darnach.
-
-Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur Verräterin werden.
-Madame Gernoth kam von einem Ausgange heim, als Wanda eben den Klang
-einiger Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und ab, wiederholte
-eine Zeile mit einer kleinen Abänderung, kehrte zur ersten Form zurück und
-trug das Gereimte schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden
-vor:
-
- Klingende Weisen, tönet
- Über mir! Duftet, o Rosen!
- Schatten der Dämm'rung, versöhnet
- Grelle des Tags! Mit losen
- Duftigen Schleiern decket
- Angst und lastende Plage,
- All was die Seele schrecket:
- Not und ringende Klage.
- Ganz mit duftigem Schleier,
- Wallend in seliger Fülle,
- Mir zur einsamen Feier
- Holden Abends umhülle
- Dämmerung den grämlichen Tag!
-
- Höher als strebende Mühen,
- Höher als alles Vollbringen,
- Stolz in der Tugend Erglühen,
- Höher als Kraft und Gelingen,
- Froher als heitere Feste,
- Jubelnder als das Entzücken
- Fröhlich gescharter Gäste,
- Glänzend in all ihrem süßen
- Elende wandelt in Wonne,
- Wandelt auf seligen Füßen,
- Leuchtender noch, als die Sonne,
- Liebe den blumigen Pfad.
-
- Klingende Weisen, tönet
- Über mir! Duftet, o Rosen!
- Schatten der Dämmerung, versöhnet
- Grelle des Tags mit losen
- Duftigen Schleiern, denn selig
- Öffnen sich schimmernde Pfade!
- Über mir unwiderstehlich
- Himmlisches Wolkengestade!
- Und meine Seele, der Sonne
- Gleich, der einsam beglückten,
- Wandelt in jauchzender Wonne
- Wolkenhin, wo Entzückten
- Liebe schmücket den Pfad.
-
-Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene voll von Zorn, Vorwürfen,
-Klagen und Leidenschaftsausbrüchen, deren Resultat aber doch war, daß Wanda
-versprach, dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben, in dem sie ihn
-endgültig verabschiedete.
-
-Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse Stunden, schließlich
-bereitete er Wanda aber sogar eine gewisse Genugthuung und zwar nicht nur
-wegen des tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern
--- wie sie nun einmal war -- wegen der geistreichen schriftstellerischen
-Leistung, die er nebenher bedeutete.
-
-Und eine zugleich moralische und briefschreiberische Leistung war auch die
-Antwort, die sie ihrem Manne zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen,
-verschwieg der Brief alles, was zu verschweigen gut that, beantwortete das
-ethische Pathos des Doktors mit einigen passenden Wendungen ernsten
-Stiles, die mehr beistimmender als eingehender Natur waren, und gab launige
-Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über das Kind, die dem Doktor
-Freude machen mußten.
-
-Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich selbst und die Klugheit
-ihrer Briefe, die sie sogar Frau Gernoth unterbreitete.
-
-Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte und in korrekter
-Pflichterfüllung zufriedene Dame über das Verhalten ihrer Tochter empfand,
-war es ihr nicht ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner
-Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe, in einem beständigen
-Stimmungswechsel zubrachte, in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau
-Florentine endlich die Abreise beschleunigen ließ.
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel.
-
-
-Eine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein Vergnügen. Die
-Bediensteten, selbst von oben her schlecht behandelt, waren von der Kulanz
-mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen »Coupees« mit
-Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation wurde durch zugige Fenster
-besorgt; sich vor dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war
-ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den Strahlen der die Wagen
-durchglühenden Sonne zu finden ebenso; Wartestuben und Perrons waren
-finster und zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das Reisen
-war kein Vergnügen, und es war außerdem eine Fährlichkeit. Die Notizen über
-umgeworfene Postwagen und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf die
-die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel Sicherheit rechnen
-konnten, wie heute auf gestrandete Fahrräder und abstürzende Alpenfexe.
-
-Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen überhaupt endlich wieder
-zu haben, er atmete auch auf, sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen.
-In dem flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit des
-Perrons ein paar unsichere helle Streifen sandten, und durchrüttelt von
-einer Postfahrt von zwei und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den
-blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das Resultat ihr Badekur
-gelten konnten, nicht viel zu merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere
-Augen und frischere Lippen und war -- ach! so unglaublich schön, schöner
-als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen.
-
-Auch der Schwiegermama war der Aufenthalt bestens bekommen. »Potztausend,«
-rief er ihr zu, »Sie sind wieder jung geworden, Großel!« Nun, Madame
-Gernoth war achtundvierzig Jahr, man hört so etwas auch dann noch gern. Und
-damit nahm er ihr das sorgsam in Tücher gehüllte, schlafende Etwas ab,
-das sie auf dem Arm trug, während ein mürrischer Packträger sich des
-Handgepäcks bemächtigte, das die junge Frau hinauslangte.
-
-»Gott sei dank, daß ich Euch wieder hab, ich hab es schon kaum mehr
-ausgehalten!« Und abwechselnd preßte er das schlafende Packet an sich, die
-junge Frau und ein klein wenig Madame Gernoth.
-
-»Nun, was Sie anbetrifft, lieber Rhode,« sagte diese, »so sehen Sie nicht
-besonders gut aus.«
-
-»Es war so heiß in der Stadt und ich habe viel gearbeitet.« Inzwischen
-wurde es in dem Tuche lebendig. »Mein Klärchen, bist Du denn munter, mein
-geliebtes kleines Mädel?«
-
-Das Kind richtete sich auf und sah den Mann, der es trug, erschreckt an.
-»Kennt mich mein Klärchen nicht mehr?«
-
-»Wenn wir nur erst aus dem Gedränge wären!«
-
-Inzwischen schien sich die Kleine völlig ermuntert und besonnen zu haben.
-
-»Der Papa!« sagte sie und legte die Ärmchen um seinen Hals.
-
-»Sag' doch Papa das Verschen, das Du gelernt hast, das hübsche
-Willkommenverschen für Papa. ›Wir haben sieben, Klärchen, sieben echte.‹«
-
-»Ach, laß sie doch,« bat Madame Gernoth. Aber Rhode sah das Kind zärtlich
-aufmunternd an.
-
-Da versteckte es das Köpfchen an den Hals des Vaters, und ganz leise und
-verschämt, als mache es ihm eine Liebeserklärung, stammelte es:
-
-»Wir haben sieben echte Rippen und fünf falße, und vierundzwanzig Wurbel.«
-
-Dem Doktor traten die Thränen in die Augen vor Entzücken über diese
-Leistung und über die originelle Aufmerksamkeit seiner Frau, indes Wanda in
-ein helles Lachen ausbrach und Madame Gernoth mit einer Miene, die zugleich
-Mißbilligung und Stolz war, räsonnierte:
-
-»Was sie dem Wurme alles beibringt, Rhode, das müssen Sie gar nicht
-leiden.«
-
-Nachdem er die Schwiegermama mit ihrem Gepäck in eine und Frau und Kind
-in eine andere Droschke untergebracht hatte, war dem Doktor erst wohl.
-Er hielt das Kind auf seinem linken Knie und die Frau mit dem rechten Arm
-umschlungen, küßte beide abwechselnd und fragte wohl zehnmal, ob sie ihn
-noch lieb habe und ob sie gern wiedergekommen sei. Sie sagte immer ja und
-rührte sich nicht, halb froh und halb beklommen, wie sie war.
-
-Zu Hause fand sie alles freundlich gesäubert, Gardinen und Decken blühend
-weiß, Rosen auf dem Tisch inmitten einiger appetitlichen kalten Schüsseln
-und ein Paar niedliche Hausschuhe als Willkommensgabe. Sie betrachtete
-alles mit den forschenden interessierten Blicken, mit denen wir uns, von
-einer Reise zurückkehrend, wieder heimisch machen, allerlei Dinge, die ein
-Teil von uns und uns halbfremd geworden sind, wieder in Besitz nehmend. Es
-war alles dürftig, aber es war ihr eigen und das kleine Königreich, in dem
-sie herrschte, und sie liebte jedes Stück daran, jede dieser bescheidenen
-Provinzen, die es ausmachten.
-
-Mit einer Art Neugier lief sie in den beiden Vorderstuben hin und her,
-fing an von Salzbrunn zu erzählen, lachte und scherzte, schwatzte von den
-Wirtsleuten und ihrem dummen Jungen, der noch keine zwei Worte reden könne,
-von der Kaufmannsfrau aus Grünberg, die wie ein gemästeter Frosch aussähe,
-und einem Domherrn aus Brünn, den sie immer den Dompfaff oder Gimpel und
-seinen Rheumatismus den Gimpelschmerz genannt hätten:
-
- »Du bist ja hold den Gimpeln
- Und heilest Gimpelschmerz,«
-
--- von den zwanzig Toiletten der Baronesse Neudorf, die eine so steife,
-langweilige Person gewesen sei, daß sie ihr den Spitznamen die Säule
-gegeben, und die wohl Goethe noch gekannt haben müsse:
-
- »Kleid eine Säule --
- Sie steht wie ein Fräule.«
-
-Aber eigentlich brauchte man nicht Goethe gewesen zu sein, um einen solchen
-Vers zu dichten.
-
-Dann machte sie sich über das Abendbrot her, behauptete, der Schinken,
-der nicht scharf genug gepökelt war, rühre seiner Blässe halber von einem
-Eisbären her, der sich ihn mürbe gedrückt, als er auf einer Eisscholle um
-den Nordpol Karussell gefahren, sprang dann auf und zeigte, wie die Polen
-den Mazurek tanzten und wie die Kolmeika.
-
-»Die Kolmeika?« fragte er.
-
-»O das ist auch so'n polnischer Tanz. Paß mal auf!
-
- Die Kolmeika tanz ich gern
- Mit dem gewissen jungen Herrn,
- Doch am liebsten ist es mir
- Mit dem schönen Gard'off'zier.«
-
-»Eine prachtvolle Hopserei und ein geistreicher Text,« sagte er lachend.
-
-»Ach, da war ein Graf Borinski -- der tanzte das zum Küssen. Ein netter
-Mensch, der sich fürchterlich in mich verliebte. Als ich sagte, daß ich
-Frau Doktor Rhode wäre, wurde er ganz blaß und hat noch acht Tage lang vor
-unsern Fenstern getoggenburgert.
-
- Und so saß er, eine Leiche,
- Eines Morgens da, juchhe!«
-
-Sie lachte hell auf. Aber es war kein ganz freies, es war ein nervöses,
-fieberiges Lachen.
-
-»Ach, fast hätte ich mein Mitbringsel vergessen!« Sie sprang wieder auf,
-suchte da und dort: »Die Tasche?«
-
-»Die legt' ich ins Schlafkabinett« --
-
-»Ach dort!« und rannte hinaus.
-
-Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers kam, das von einer kleinen
-Nachtlampe weniger erhellt als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt
-war, blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie auf einmal die
-Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden ihres Lebens. Hier waren ihre
-drei Kinder geboren worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und Zuckungen
-wieder gestorben.
-
-Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der Ekel, all die Pein
-dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit auf. Wie gräßlich der langsame
-Verfall, das wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes, das
-eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen Greise
-als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie gräßlich diese wächsernen,
-spinnenartigen Glieder, die sich in Krämpfen wanden, bis der Tod sie
-grauenvoll streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in der sie
-dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung gerungen. Und im nächsten Jahre
-eine dritte, diesmal eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft
-und Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der Tod dieses jungen
-Lebens, jäh, unerwartet, unter Zuckungen der blühende kleine Körper
-hingemordet von dem scheußlichen Würgengel Cholera.
-
-Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser Schwelle erinnerte!
-Wie deutlich der Dunst von Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven
-verletzenden Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte und sich
-mit der Erinnerung an gellendes Geschrei, Stöhnen und Wimmern vermischte.
-Wie deutlich das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den Dämmer der
-schmauchenden Lampe fiel und die Bilder des Todes beleuchtete, indessen ihr
-eine krasse Kälte die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl war,
-als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht und zerrissen.
-
-Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder streckte Natur ihre Hände
-nach ihr aus, verführerische, trügerische Hände der Zärtlichkeit und
-des Verlangens, um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu
-zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen Körper schüttelte.
-
-Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den Frauen zu gehören, deren
-Nerven ein zu gutes Gedächtnis haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern zu
-qualifizieren.
-
-Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so -- dieses Glas, das sie
-Ewald mitgebracht -- und für das die Sparbüchse die Groschen erst noch
-hergeben sollte, die Frau Gernoth ausgelegt -- dieses Glas -- -- da in der
-Handtasche! So!
-
-Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der Nachtlampe einen
-Augenblick hineinfallen. Es war ein schönes Krystallglas, das den
-gelblichen Schein dort glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben
-brach. Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in unserer Seele,
-die so schwach und zugleich so mächtig sind, fielen ihr die Zeilen ein:
-
- »-- und Glanz und Wonne
- Umfluten strömend mich,
- Ich habe Dich gefunden,
- Und jauchzend lieb' ich Dich.«
-
-Was mochte ihr Dichter jetzt eben treiben, wo weilen, wie ihrer denken?
-Vielleicht über seinen Kompositionen ihrer vergessen! Immerhin Glück genug
--- indes sie ihn vergessen mußte über diesen »ehelichen Pflichten.«
-
-Inzwischen saß Rhode mit glücklichem Lächeln am Tische. So, ganz so war
-sie als junges Mädchen gewesen: so sprudelnd, so übermütig und von
-dieser sieghaften, leuchtenden Schönheit, mit der sie ungezählten Herzen
-gefährlich geworden, mit der sie das seine entzündet und es eben von neuem
-in hellste Flammen gesetzt, so daß nur noch eins in ihm war: Zärtlichkeit
-und Verlangen nach ihr.
-
-Wo blieb sie nur?!
-
-»Wanda?«
-
-»Ja.«
-
-Blaß, niedergeschlagen, mit einem seltsamen Ausdruck auf den Lippen, trat
-sie herein, setzte das Glas vor ihn hin, sank auf einen Stuhl und brach in
-heftiges Schluchzen aus.
-
-»Herr mein Gott, was ist Dir denn geschehen?«
-
-»Nichts.«
-
-»Nichts?! Du mußt doch einen Grund haben, sprich doch, rede doch!« drängte
-er zärtlich.
-
-Da hielt sie nicht länger zurück.
-
-Er legte die Hände auf den Rücken, trat ans Fenster und rang mit
-unsäglicher Qual und Bitterkeit.
-
-»Ich will fort,« schrie sie. »Ich will wieder fort, ich will das nicht
-wieder!«
-
-Welcher Fluch, einer heißgeliebten Frau mit seiner Liebe selbst zum
-Gegenstande der Furcht und des Grauens zu werden! Und was sollte er sagen?
-Als ob es sich nicht um Unabänderliches gehandelt hätte, nicht um etwas,
-in dem er machtlos war, in dem geknickter Mannesstolz, Mitleid, Wunsch, ihr
-alles zu Liebe zu thun, _nichts_ waren -- gegen den Willen der Natur! Was
-sollte er überhaupt nur sagen? Vielleicht, wenn sein Gemüt nicht belastet
-gewesen wäre mit diesem Eingriff in ihren kleinen Besitz -- so gern
-er diese Last wegräsonniert hätte mit der Wendung von der ehelichen
-Solidarität, sie war dennoch da und drückte ihn -- vielleicht, daß er
-dann gute, treue, würdige Worte zum mindesten gefunden hätte, die ihr das
-Unabänderliche erleichtert hätten!
-
-Aber so fand er sie nicht.
-
-Wanda schluchzte weiter.
-
-»Fort! wieder fort möcht' ich!«
-
-»Aber wenn ein Mädchen heiratet, weiß sie doch --«
-
-»Nichts weiß sie. Nichts!«
-
-Fort! Und ihre Gedanken kehrten zurück unter die grünen Laubgänge, durch
-die die Sonne golden leuchtete, ein sanfter Wind tausend Blütendüfte
-hauchte, das Rauschen und Murmeln plätschernder Quellen klang und die Liebe
-auf sie wartete, eine Liebe, an der alles Zartheit, unterdrückte Glut,
-alles Langen und Bangen, ein stilles frohes Miteinander der Seelen, ein
-lautloses Verstehen und süßes Begreifen war.
-
-Als ob irgend eine Liebe der Welt ewig das alles bleiben könnte! Als
-ob Liebe nicht auf unser aller Wege in leuchtenden Feierkleidern träte,
-blumengeschmückt und die Hände voll seliger Gaben und, sobald wir sie nur
-an unser Herz genommen, Werkeltagsgewänder anlegte und Opfer über Opfer von
-uns verlangte für jedes überirdische Glück, das sie wie zum Geschenke uns
-gereicht!
-
-Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke.
-
-Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang, Sonnenschein und junge Liebe
-vor ihr aufleben ließ, tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten
-Menschen diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten Augen
-und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken auf, mit den festgeschlossenen
-Lippen, die sich gewöhnen müssen, die Enttäuschung, den Harm und die
-Sehnsucht zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt
-hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen« begegnete.
-
-Ehelos durch das Leben gehen -- nein, das war das Entsetzlichste. Das war
-noch entsetzlicher als Kinder gebären und wieder begraben. Das dünkte
-ihr so schrecklich, daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele dem
-unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte. Welcher Mann wäre nicht aus
-dem Geliebten endlich der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf der
-Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört, die verdirbt, um zu
-schaffen, und den sonderbare Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten
-und barmherzigen Gottes nennen!
-
-Gleichviel: es war so.
-
-»Ewald!«
-
-»Wanda.«
-
-Einen Augenblick sahen sie sich stumm verlegen in die Augen. Rhode blickte
-völlig verstört drein. Er trug so grenzenloses Verlangen nach ihr, grade,
-weil er sich schuldig vor ihr fühlte und Indemnität in ihrer Liebe finden
-wollte.
-
-Und Wanda sah dieses bis zur Leidenschaft gesteigerte Verlangen neben ihr,
-in diesem Heiligtum von ehelichem Heim, in Beziehung gesetzt mit dem
-Leben, das nun einmal ihr Leben war und -- ist es nun so, daß Liebe
-im menschlichen Gemüt überhaupt etwas _für sich_ ist, eine subjektive
-Veranlagung, obschon sie mit allen Wurzeln in der Natur ruht, und daß neben
-diesem »für sich« das Objekt Nebensache sein kann -- war es, daß speziell
-in Wanda Rhode's beweglicher Natur, der das Präsente immer eine Macht war,
-eine solche Möglichkeit zu raschem Wechsel gegeben war -- als der Doktor
-sie mit Thränen der Qual und Erregung in den Augen anstarrte, geschah es,
-daß sie auf ihn zueilte und die Arme um den Hals des Mannes schlang, der
-sie leidenschaftlich umschloß. --
-
- * * * * *
-
-Äußerlich richtete sich ihr Leben wieder ein, wie es gewesen:
-Sprechstunden, Krankenbesuche, Bierhaus oder politisches Radaulokal --
-Hauswirtschaft, Pflege des Kindes, ein wenig Musik und Lektüre, Besuche
-bei Verwandten und Gevatterinnen. Dazwischen gemeinsame Mahlzeiten, ein
-Spaziergang, eine kleine Besprechung oder ein Scherz. Keine rechte geistige
-oder seelische Verschmelzung so wie im ersten Jahre ihrer Ehe, als eheliche
-Gemeinschaft nichts als diese Zärtlichkeiten, die schließlich mit
-zum Abhaspeln der Tagesgeschäfte gehörten und, weil sie nichts als
-Sinnenbefriedigung waren, der jungen Frau die gräßliche Auffassung der
-Ehe als einer legalisierten Prostitution und damit ihrem Denken einen
-frühzeitigen Cynismus gaben. Das ganze Beieinander übrigens glatt,
-flüchtig, freundlich, geschäftig, wie es eben kam.
-
-Und bei alledem eine Schwüle, die sie einander nicht eingestanden, die
-sie hinweglogen mit einem prahlerischen Eifer, der auf der Grenze zwischen
-Heroismus und Heuchelei steht, und sie ahnungslos ließ, daß auch das
-_andere_ etwas auf dem Herzen habe, das es manchmal einzugestehen
-wünschte und sich doch scheute. So näherte sich zuweilen ein Entschluß zu
-freimütigem Bekenntnis: »Diese Spargroschen -- verzeihe mir« -- oder zu
-heißer Bitte: »Hilf mir mit Deiner Liebe, das Bild eines andern --« der
-Thür des Gatten und ließ die Worte dann doch an der Schwelle liegen.
-
-Endlich fand Wanda eines Abends doch den Mut; an einem der immer seltener
-werdenden Abende, an dem der Doktor einmal zu Hause blieb -- und sie warf
-die Bemerkung hin, daß sie Kreowski in Salzbrunn getroffen habe.
-
-»Kreowski?«
-
-Die Miene des Doktors verfinsterte sich sofort. »So? Dieser ›beschlittete
-Pollacke‹ war dort?«
-
-»Beschlittete Pollacke?« Sie lachte nervös.
-
-»Ja.«
-
-»Ich habe ihn immer nur zu Fuß gesehen, kann mir auch nicht gut denken, daß
-er hinter meinem Rücken in den Hundstagen durch die Wälder, durch die Auen
-Schlitten gefahren sein sollte. Übrigens,« fügte sie eifrig hinzu, »spricht
-er deutsch, ist in Deutschland geboren, macht deutsche Verse und deutsche
-Musik und erklärt sich selbst für einen Deutschen.«
-
-»Richtigen Patriotismus haben solche Bursche nie im Leibe, die in
-Schnurröcken herumlaufen.«
-
-»Allerdings treibt er weder groß- noch kleindeutsche Politik,« sagte sie
-gereizt, denn der ›Bursche‹ ärgerte sie.
-
-»Ich weiß bloß, daß der Mensch -- Musikant war er ja wohl -- trotz seines
-›Adels‹ in dem Kränzchen, in dem Du Deine Triumphe feiertest und in das ich
-Dir zu Liebe ein paarmal ging, einen Schnurrock trug, wie ein Pole aussah
-und die geschniegelten Manieren dieser Rasse hatte.«
-
-»Geschniegelt? Ich dächte, er wäre bloß nicht grob oder ungeschliffen.«
-
-»Das fehlte gerade noch!«
-
-Rhode stand ein paar Schritte von ihr entfernt und betrachtete sie. Sie
-hielt den Kopf gesenkt und lächelte seltsam verlegen. Sie bereute, den
-Namen erwähnt zu haben, da der Doktor so wenig in der Stimmung war, ihre
-Beichte entgegenzunehmen, und dabei sah sie auf einmal mit unheimlicher
-Deutlichkeit grüne Berge, einen schattigen Laubengang und eine Gestalt, die
-sich auf sie zu bewegte und sie ansah. Die Mutter hatte recht gehabt, wenn
-sie ihr widerraten, den ominösen Namen vor Rhode zu erwähnen.
-
-Aber es war geschehen! Und der Doktor, unruhig und mißtrauisch geworden,
-bemühte sich, ihr die Gedanken vom Gesicht zu lesen.
-
-Was er las, beunruhigte ihn noch mehr. Aber da es so wenig greifbar war,
-wußte er nichts Rechtes dazu zu sagen, um so mehr, als sie plötzlich eine
-sehr harmlose Miene aufsteckte und von der Registratorin zu reden anfing.
-
-In ihm aber war ein heftiges Verlangen lebendig geworden, ein moralisches
-Übergewicht zu erlangen, und sei es auf Kosten dieses »Burschen,« und so
-fing er mit einem Schwall von Beredsamkeit, der ihr Eindruck machen mußte,
-an, auf die Polen zu schimpfen. Auf die Modesentimentalität, die sich mit
-ihnen beschäftige, und die Eitelkeit, mit der sie sich darin gefielen,
-Gegenstand der Neugier und eines schwächlichen Mitleids zu sein; sie, die
-ein hilfreiches allerdings auch nicht verdienten! Er schenkte ihnen nichts:
-nicht die sprichwörtliche Verwirrung des Reichstages, noch die »polnische
-Wirtschaft,« noch den Mangel an einem eigentlichen Kern des Volkes, noch
-den an einer großen Litteratur, Kunst und Wissenschaft. Er zog Daten über
-Daten heran, das zu beweisen, mit der verhängnisvollen Gründlichkeit am
-unrechten Orte, der übertriebenen Autoritätssucht, die jeden Keim eines
-Widerspruches wie mit groben Schuhen zertreten möchte. Mit einem Pathos, in
-das seine Eifersucht und jenes dunkle Gefühl, das moralische Übergewicht
-zu gewinnen, hineinfluteten, donnerte der Doktor gegen ein Volk, um ein
-Individuum zu treffen.
-
-Wanda hörte das alles schweigend an. Zuletzt schwieg der Doktor auch -- es
-war ihm nicht recht wohl zu Mute, er hatte ein unklares Gefühl, ungeschickt
-gewesen zu sein.
-
-Und das war er gewesen. Denn diese Gründlichkeit hatte etwas Lächerliches
-gehabt, und seine Maßlosigkeiten hatten Wanda dahin gebracht, Partei für
-die Angegriffenen zu nehmen, für die offiziell Angegriffenen und den, der
-dahinter stand.
-
-Rhode hatte das Wort »unfähige Rasse« fallen lassen und von politischer
-Impotenz gesprochen. Was hatten denn diese Deutschen für politisches
-Geschick bewiesen, diese Deutschen, die fortwährend über ihr
-dreiunddreißigköpfiges Fürstentum und ihren Mangel an Einheit zeterten?
-
-Und das war so charakteristisch für die Zeit, daß sie so dachte: »Diese
-Deutschen!« Das Interesse für Politik galt für unweiblich und lächerlich
-an einer Frau. Man hatte sich politisch der Frauen bis dahin immer nur
-erinnert, wenn es Opfer für das Vaterland galt. Warum hätte Wanda Rhode
-patriotisch sein, warum national empfinden sollen?
-
-»So sage doch etwas,« rief er endlich gereizt.
-
-»Aber _Du_ hast schon alles gesagt,« antwortete sie leichthin, »ich könnte
-nur -- noch bemerken, daß Kreowski sehr gut Walzer tanzt.«
-
-»Allerdings ein schwerwiegender Vorzug.«
-
-Sie lachte, stand auf und ging hinaus, mit einem seltsamen Wechsel der
-Empfindungen im Herzen. Sie hatte ihren Mann zum Mitwisser und damit zum
-Befreier von einer Gefühlsverwirrung machen wollen -- das Resultat der
-bloßen Einleitung dazu war, daß sie tiefer darin verstrickt war als vordem.
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel.
-
-
-Es war eine Woche später.
-
-Wanda war sehr heiter. So harmlos heiter, so grundlos guter Dinge, wie man
-es manchmal ist, bloß weil man jung ist, der Himmel blau, die Sonne goldig
-und weil man geliebt wird und wieder liebt, heiter in dem Gefühle von
-schrankenlosem Lebensreichtum und der Fülle der Beziehungen von Herz und
-Welt; vielleicht auch nur, weil man kampf- und qualmüde ist und irgend
-etwas in uns sich auflehnt gegen den Druck der Niedergeschlagenheit.
-
-Sie sang und trällerte in den Stuben herum, küßte das Kind, naschte an Obst
-und Beeren, sah in den Spiegel, schüttelte den Kopf über ihre eigene junge
-Schönheit, die sie jeden Tag von neuem wie ein Wunder daraus anlächelte,
-amüsierte sich über ein paar Toggenburger, die täglich zur bestimmten
-Stunde vor ihrem Fenster schmachteten, und improvisierte Verse, in denen
-sie die Laune der Natur pries, die ihr alle Herzen zu Füßen legte. Eine der
-Stimmungen, in denen wir schlechterdings in uns selbst verliebt sind und so
-übermütig, daß wir als die rechten Ichs- und Glücksprotzen mitten in allen
-Unzulänglichkeiten des Lebens stehen, daß wir, sonst ewig dürstend nach
-Wechsel und Sensation, ganz gesättigt sind von dem stillen Beruhen in der
-Gegenwart und dem großen, goldenen Lebensgefühl, das sie uns spendet.
-
-Draußen lockte der herrlichste Septembermorgen.
-
-»Wir wollen spazieren gehen,« sagte sie zu dem Kind, »erst schön spazieren
-gehen und dann zu Großmama, ihr Geld bringen.«
-
-Es war wahrhaftig Zeit, daß sie der Mutter endlich ihre kleine Schuld
-abtrug.
-
-Das kleine Clärchen jauchzte.
-
-Während sie das Kind anzog, überlegte sie, welches von den teuern Stücken
-ihres Spargroschens sie umwechseln sollte, denn sie galten ihr alle
-einzeln. Es waren drei Sterbethaler (aus dem Todesjahre Friedrichs des
-Großen), zwei mit dem Bildnis seines Nachfolgers, ein Krönungsthaler
-Friedrich Wilhelms =IV.=, eine Anzahl außerpreußische Stücke und einer mit
-dem Kopfe Friedrich Wilhelms =III.= und der Bezeichnung auf dem Revers:
-»Segen des Mannsfelder Bergbaues.« Den hatte sie als junges Mädchen von
-einer reichen Bäckerstochter bekommen, der sie ein paar Tragbänder für
-den Bräutigam gestickt mit Rosen und bronzenen Blättern auf himmelblauem
-Grunde. Zu albern! Die geizige Braut hatte ihr noch zwei Groschen abhandeln
-wollen für die mühsame Arbeit. »Billiger rechnen kann ich es Ihnen nicht,
-Mamsell,« hatte sie da gesagt, »aber wenn Sie zwei Groschen gern von mir
-geschenkt haben wollen« -- da war das dicke Frauenzimmer rot und beschämt
-davongelaufen und hatte auf den ganzen »Segen des Mannsfelder Bergbaues«
-verzichtet.
-
-Sie mußte noch jetzt darüber lachen.
-
-So hatte jedes Stück seine Geschichte und war mühsam und sorgfältig
-zurückgelegt worden. Wie oft hätte sie sich gern einen besseren Hut, einen
-Schirm oder lange seidene Filethandschuhe angethan, aber nie hatte sie sich
-entschließen können, diese Ersparnisse anzugreifen. Es war nun einmal gar
-zu hübsch, einen kleinen Besitz zu haben und zu hüten, es bewahrte sie vor
-dem bettelhaften, unfreien Gefühl, das vermögenslose Frauen so oft haben
-im Verkennen des Umstandes, daß sie das Ihre redlich an Mann und Kindern
-verdienen.
-
-Geld! Die es im Überfluß haben, dürfen es mißachten, wie wir die Luft nicht
-schätzen, die uns von allen Seiten zuströmt -- dem, der es unter Mühen
-erworben hat, ist es das Leben selbst, Zeichen seiner Kraft, ein Stück
-metallgewordenes Ich, ein Talisman, ein Fetisch, ihm dennoch heilig, und in
-seiner Gesichertheit ein Zeichen der eigenen Unverletzlichkeit; und es ihm
-rauben, heißt ein kleiner Mord.
-
-Das ist so banal, aber man vergißt es manchmal. Und nicht das
-Außergewöhnliche, sondern das Banale, das Selbstverständliche vergessen,
-ist verhängnisvoll.
-
-Mit lächelnder Wichtigkeit, leise vor sich hersummend, schloß Wanda den
-Sekretär auf. Erst die abscheuliche Klappe, an der sich Clärchen
-bereits einmal ein Loch in den Kopf gestoßen, und dann das Thürchen des
-Mittelverließes. Sie warf einen Blick hinein: es stand und lag alles darin,
-wie sie es verlassen hatte, einige Päckchen Briefe sauber geordnet, das
-Kästchen mit den altmodischen Kleinodien, die leere Geldschwinge, ein Buch
-mit Familiendaten, die Patenbriefe der Kinder und die Sparbüchse.
-
-»Schö--ner, grü--ner -- schö-- --«
-
-»Meine Machen, meine Machen!« schrie das Kind, als es die Mutter plötzlich
-mit einem Schreckenslaute zurücktaumeln sah. »Ich Dir ein Gedichtel
-aufsagen, Machen! Es bicht und zuckt und verbutet, aber Du siehst es
-nicht!«
-
-Doch die kindlichen Deklamationen wollten nicht verfangen. -- -- --
-
-Als eine halbe Stunde später der Doktor nach Hause kam, wurde er von dem
-Dienstmädchen mit der Neuigkeit empfangen, daß Diebe den Sekretär erbrochen
-hätten, und sie schon einen Polizisten geholt habe, der drin alles genau
-aufschreibe. Ein kalter Schweiß trat ihm auf das Gesicht, er legte Hut und
-Stock hin und ging hinein.
-
-»Ewald!« schrie sie ihm entgegen und fiel ihm schluchzend um den Hals. »Es
-ist alles fort, man hat die Thüren aufgebrochen -- alles!«
-
-»Beruhige Dich, es wird wiederkommen,« sagte er schweratmend, totenblaß,
-aber ganz ruhig.
-
-Sie ließ ihn los und trat zurück. Er sah mehr tief verstimmt als erschreckt
-aus. Mit einem Male ging er auf den Beamten zu und flüsterte ihm etwas ins
-Ohr, worauf dieser lächelte, sein Notizbuch einsteckte, seinen Helm ergriff
-und ging.
-
-»Warum wartetest Du nicht, bis ich kam? Warum gleich zur Polizei? -- Mein
-Gott -- Du -- Du sollst ja alles wieder haben --«
-
-»Also Du?«
-
-»Ja -- ich. Ich war in einer so verzweifelten Lage! -- Wanda!!«
-
-Und er streckte bittend die Arme nach ihr aus und wartete, wartete auf ein
-gutes Wort, auf ein Aufschluchzen, auf einen Schrei, auf Vorwürfe, Klagen
-und endliches Verzeihen. Und -- wartete vergebens.
-
-Sie sagte nichts. Diese leidenschaftlich heftige, sich übersprudelnde
-Frau sagte nichts. Nur ihre Augen und das Zucken ihrer Lippen redeten eine
-furchtbare stumme Sprache. -- Und dann sagte sie doch etwas, ein einziges
-Wort nur, aber ein sehr böses.
-
-Er stampfte mit dem Fuße auf.
-
-»Vergiß nicht, daß ich nichts genommen habe, was zu nehmen mir nicht
-zustand, daß ich -- nach dem Gesetz -- jedes gute Recht habe an allem,
-was Dir gehört,« keuchte er heraus, sich statt auf das moralische Recht
-ehelicher Solidarität auf das formelle des Gesetzes berufend, wozu er sich
-durch das Erscheinen des Beamten gedrängt fühlen mochte.
-
-»Gesetz? Wer hat Euch denn diese Gesetze gegeben? Ihr selbst habt sie Euch
-gegeben und wollt Euch darauf berufen wie auf göttliche Einrichtungen?«
-
-»Aber -- aber Du sollst es ja wieder haben -- dieses Geld!«
-
-»Dann wäre es -- nach dem Gesetz -- ein Geschenk, was Du mir damit
-machtest. Ich will es nicht von Dir geschenkt, ich verzichte auf dieses
-Geld.«
-
-Damit ging sie hinaus.
-
-Er stand, mit den Händen auf die Tischplatte gestützt, und sah ihr nach.
-Sie liebte ihn also nicht?
-
-War es denn möglich? Sie liebte ihn nicht!
-
-Zum ersten Male war's, daß er sich diese Frage vorlegte, die er nicht zu
-beantworten wagte, weil allein sie zu stellen ihm ein ungeheurer Schmerz
-war.
-
-Ach! ehe er sie hätte beantworten können, hätte er sich eine ganze Reihe
-anderer Fragen vorlegen und ihnen Antworten finden müssen.
-
-Hatte sie ihn überhaupt je mit ganzer Seele geliebt? War sie überhaupt
-die, als die er sie kannte? Hatte er jemals die letzten Tiefen ihrer Seele
-erforscht, sich nicht vielmehr, auch er, mit dem billigen Märchen von dem
-Rätselhaften, Geheimnisvollen, Launenhaften der weiblichen Natur begnügt?
-Hatte überhaupt je ein Mann die Eigenart des Weibes aus ihrer Stellung zu
-entwickeln gesucht und sich gefragt, in welcher Weise physische, soziale
-und individuelle Momente auf ihr Empfinden wirken, auf die Beständigkeit
-ihres Empfindens? Ist die Liebe irgend eines Menschen überhaupt etwas,
-wodurch er ein Besitzstück, wodurch er vogelfrei wird für den, dem sie
-gilt? Ist sie jemals eine Vollmacht ohne Grenzen? Ist die uns erwiesene
-Liebe etwas anderes als jene, die wir fühlen: schrankenloser Egoismus und
-schrankenlose Hingabe zugleich? Und heißt es nicht den Egoismus in ihr
-verletzen, wenn wir den Anspruch an die Hingabe aufs äußerste steigern?
-
-Alle diese Fragen stellte er sich nicht. Er fragte nur: liebt sie mich denn
-nicht? Und eine namenlose Angst erfaßte ihn, daß die Antwort »_Nein_« sein
-könnte. Dieser Mann voll Geist und Gemüt hatte die ganze Gefühlsplumpheit,
-die man Wesen gegenüber hat, die man trotz leidenschaftlicher Zuneigung
-geringer schätzt als sich selbst.
-
-Es war ein ungemütlicher Tag. Am Abend ging er nicht in seinen Klub,
-sondern blieb einmal wieder zu Hause und hielt ihr einen langen Vortrag,
-wie bedeutende Aufschlüsse er dem Mikroskop bereits verdanke, wie
-segenbringend für die ganze Menschheit seine Forschungen, von welcher
-Wichtigkeit sie für sein gelehrtes Ansehen und damit für ihrer aller
-Zukunft seien. Und schließlich sei sein Eingriff ja nur eine Art
-Zwangsanleihe gewesen und sie solle alles ersetzt erhalten.
-
-Ob es gesetzmäßig sein gutes Recht gewesen sei, so zu handeln, fragte sie.
-
-Ja, das sei es gewesen.
-
-Sie antwortete nichts darauf.
-
-Dann lachte sie und erzählte ein scherzhaftes Vorkommnis aus dem Hause;
-denn sie hatte gemerkt, daß er sie zur Besiegelung der Angelegenheit küssen
-wollte, und ihr graute vor seinen Küssen. Er war Thor genug, das nicht zu
-begreifen. Und da es noch nicht sehr spät war, nahm er doch noch seinen Hut
-und ging.
-
-Auf der Straße dachte er, wie seltsam »das Weib« wäre und wie ein Mann
-niemals ganz hinter sein Empfinden käme, hinter das Rätselvolle und
-Sprunghafte ihres Wesens. -- --
-
-Inzwischen saß Wanda zu Hause mit einem Gefühl von Kälte in der Seele,
-als ob etwas darin abgestorben sei, das sich nicht wieder lebendig machen
-lasse.
-
-Es heißt, daß jede Kränkung zu verzeihen göttlich ist, aber es giebt
-Kränkungen, die verzeihlich zu finden man ein Gott sein muß, wenn das
-Verzeihen nicht schimpflich sein soll. -- --
-
-In den nächsten Tagen glückte es Rhode, einer wichtigen wissenschaftlichen
-Thatsache auf die Spur zu kommen, und er war so erfüllt davon, daß er für
-Anderes kaum mehr Auge und Ohr hatte. In dem unendlichen Hochgefühl, von
-dem er sich dabei getragen fühlte, vergaß er sogar die Frage, die ihn so
-erschüttert hatte: ob seine Frau ihn denn noch liebe, vergaß er alles um
-sich her, alles, was sich als Recht und Pflicht, als Ursache und Wirkung im
-moralischen Leben an ihn herandrängte.
-
-In seiner Studierstube eingeschlossen, rätselte er in fieberhafter
-Begier über dem Problem der organischen Zelle, in der bis zum Wahnsinn
-gesteigerten Einseitigkeit eines akuten Interesses, das mit dem Gotte neben
-sich ringt, schreiend: »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich denn.« Ein
-verhängnisvolles Stadium, aus dem der Doktor wohl auf Augenblicke in das
-wirkliche Leben zurückkehrte, aber um es sofort wieder zu verlassen. Dann
-fiel ihm etwa ein gequälter und feindseliger Zug in Wanda's Gesicht auf
-und er erinnerte sich, daß er ihr einen Verdruß im Dienste der Wissenschaft
-bereitet hatte. Aber opferte er nicht diesem idealen Dienste die Ruhe
-seiner Nächte, das Behagen seiner Tage, was hatten diese paar Groschen
-dagegen zu bedeuten!
-
-Er vergaß bei diesem Exempel nur, daß seine Ideale nicht die ihren waren
-und daß sie ihr Teil an Opfer von Ruhe und Behagen in anderer Weise dem
-Leben schon reichlich gebracht. Nicht lange, meinte er, und sie würde das
-verwunden haben, eine so versatile, so elastische Natur! Und so klug, so
--- -- so --
-
-Er wußte nicht was -- seine Gedanken packten den Gott schon wieder.
-
-So verflatterte ihm der Konflikt.
-
-In ihrer Seele aber blieb eine Wunde wie von einem Beilhiebe: es gab
-Gesetze, die dem Manne den Besitz seiner Frau auslieferten, Gesetze, die
-moralische Rechte mit bürgerlichen totschlugen. Und damit war ihre Achtung
-vor Recht, Gesetz und bürgerlicher Ordnung überhaupt erschüttert. -- --
-
-Einige Tage später schien sie dennoch alles verwunden zu haben. Der Doktor
-hielt gerade seine Morgensprechstunde ab, als er Wanda singen hörte. Sie
-brach freilich gleich wieder ab, da sie sich erinnern mochte, daß während
-dieser Zeit möglichst Ruhe gehalten werden mußte, aber es war doch ein
-Zeichen wiedergekehrten Frohsinns, das ihm sehr lieb war. Es hätte kaum
-etwas geben können, das geeigneter gewesen wäre, ihn zu beunruhigen, wenn
-er den Grund dieses Jubels geahnt hätte.
-
-Wanda Rhode war gerade mit einer recht unangenehmen Arbeit beschäftigt:
-dem Einseifen von schmutziger Wäsche, das nach der Familientradition die
-Hausfrau selbst zu besorgen hatte, als ein dicker Brief an sie abgegeben
-wurde, dessen Aufschrift sie erröten ließ und dessen Umschlag sie mit
-zitternden Händen aufriß. Sie hatte Kreowski damals trotz allem Schmerze
-gegrollt, daß er abgereist war, ohne sich noch einmal sehen zu lassen, ohne
-auch nur eine Zeile zu senden. Sie hatte es ausdrücklich gewünscht, aber
-sie hätte noch lieber gewünscht, er möge ungehorsam sein. Was wollte er nun
-plötzlich von ihr?
-
-Ah -- Verse! Verse und Melodieen!
-
- Jüngst schlug ich meine Lieb' aufs Haupt
- Und thät sie still begraben --
- Die Ruhe, die sie mir geraubt,
- Die wollt' ich wieder haben.
-
- Doch wie sie war drei Tage tot,
- Ich bin über Feld gegangen,
- Meine Liebe kam, war frisch und rot
- Und küßte mich auf die Wangen.
-
- Nun ging es über Berg und Thal,
- Das war ein fröhlich Gewander,
- Sie sprach zu mir: sterb ich einmal,
- So sterben wir miteinander.
-
- * * *
-
- Am Waldrand, dort wo die enge Welt
- Von blühenden Hecken ist rings umstellt,
- Dort unter den alten Rüstern,
- Wo Gras und Blumen flüstern,
-
- Möcht ich noch einmal Dir allein,
- Wenn der ersten Sterne lichter Schein
- Die Augen der Müden segnen,
- Allein Dir noch einmal begegnen.
-
- Und sähe die Dämm'rung um uns her
- Umhüllen uns wie mit Schleiern schwer,
- Sähe den Himmel sich dehnen
- Und sähe doch nichts vor Thränen,
-
- Und sähe nur Dich, _nur Dich_ allein! --
- Ach, einmal nach all der Entsagungspein,
- Dem tödlich schweren Verwinden
- Möcht' ich Dich wiederfinden.
-
- * * *
-
- Wilder Tauben Schwarm von umwölktem Hügel,
- Dunkelgrün bekränzt mit dem Schmuck der Wälder,
- Hebt im Dämmerlicht der betauten Felder
- Silberne Flügel.
-
- Schweigend durch das Meer der erblauten Feuchte
- Schwimmen sie dahin, über Hang und Klüfte,
- Ziehn den raschen Flug durch der frühen Lüfte
- Nebelgeleuchte.
-
- Schwimmen morgenwärts, und es färbt ein Glühen
- Horizontes Rand und die grüne Breite,
- Färbt den lichten Strom und der ernsten Weite
- Schweigendes Blühen.
-
- Hei! wie stürzen da in den sel'gen Morgen
- Silberflüglig sie, in das Glutgetauche,
- Bis ihr Fittich still wie in Heimathauche
- Ruhet geborgen.
-
- Also ziehn zu Dir meine morgenfrühen
- Träume, hin zu Dir von erwachtem Pfühle
- Die Gedanken all, um aus Dämmerkühle
- Dir zu erglühen.
-
- Ach! Du spürst wohl nicht ihrer Flügel Kosen
- Um die Schläfen Dir, Dir um Ohr und Wangen,
- Oder ahnest Du ihres Flatterns Bangen,
- Scheuchst Du die losen,
-
- Daß sie müde ganz, ohne Willkomms Glück mir,
- Wie von rauhem Fels, von umwölktem Hügel,
- Traurig mit der Qual der erschöpften Flügel
- Kehren zurück mir.
-
- Stille! Jüngst noch kam mir in Jubelwogen
- Ihr beglückter Schwarm, wie von Heimatklippen:
- Lächelnd hattest Du sie an Brust und Lippen
- Schmeichelnd gezogen.
-
-Diese Verse waren zugleich in Musik gesetzt und die Kompositionen
-beigelegt.
-
-Verbietet dem Auge, dem Lichte zuzujauchzen, wenn nach Regendunkel die
-Sonne durch das Gewölk herabbricht in Strahlen, unter denen die nassen
-Bäume in Schauern erzittern, der Strom sich in fließendes Gold verwandelt
-und die Lüfte im Dunste glühenden Hauches beben! Verbietet dem Ohre, das
-in schweigender Einöde gelauscht um einen, nur _einen_ verwehten Ton der
-Ferne, sich zu berauschen an dem Zauber der Melodien, die ihn plötzlich
-jubelnd umbrausen! Verweigert dichterischem Sinn die Freude an Reim
-und Rhythmus, an der bilderreichen Sprache der Phantasie -- und einem
-unruhigen, verschmachtenden Gemüt, das sich in der Enge kleiner Mühsale, in
-der Kälte eines verödeten Lebens verzehrt, sich zu berauschen am Klange der
-Leidenschaft und einer Sehnsucht, stark wie die eigene! Verbiete es, wer
-kann!
-
-Ach, wie sie ihr zujauchzte, dieser in Feierkleidern und Blumenschmuck
-daherprangenden Liebe! Wie sie ihre Festschüsseln, ihre ambrosischen
-Schalen liebte! Wie sie diese ungekränkte, unverletzte Liebe liebte, die,
-eine stolze, gabenfrohe Königin, alles giebt, wonach das Gemüt schreit,
-eine milde Trösterin, die Wunden heilt, an denen das Herz verbluten will,
-eine jauchzende Genossin, die mit ihren Liedern jubelnd und schluchzend in
-der Seele ein Echo weckt, das sie verzehnfacht. -- --
-
-Doch still -- während der Sprechstunde durfte nicht gesungen werden! Und
-sie verbiß ihr »Glück,« so gut es ging.
-
-Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde vorüber und er von seinen
-Abscessen und Magengeschwüren in die kleine Welt neben sich zurückkehrte,
-da er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen lächeln sah, daß
-neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre Pulse höher schlagen lasse. Er
-klopfte sie auf die Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine
-Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale gefunden habe.
-
-Da lachte sie hell, laut -- aus _ihrer_ intelligiblen Welt heraus.
-
- * * * * *
-
-Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem Tagewerk noch gegen
-Abend ein Stück spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage,
-da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe Glut gemildert ist,
-da es noch blüht und duftet, aber um Busch und Baum die Dämmerung schon
-frühe Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem Atem der
-Verwesung zu mischen beginnen, da die Sommerfäden zarten Silberhauch von
-Stamm zu Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte kühl sind und
-die Winde nicht mehr so warm.
-
-Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch keine Palmengruppen und
-Springbrunnen, keine Festons von wildem Weine und keine Teppichbeete.
-Nichts von Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten Bastionen,
-nichts von Konzert- und Biergärten füllte ihre schattenreichen Gänge mit
-Lärm und übeln Dünsten. Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp
-von spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles ungepflegt und
-unverschnitten, versteckte Wandelgänge einfaßten, wo das Gras in die Wege
-hineinwucherte und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten, während
-unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen der Oder brausend einem Wehr
-entstürzten.
-
-Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin und her gerissen, eilte
-fliegenden Schrittes den Stadtgraben entlang, nach dichterischem Ausdruck
-ringend, der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des inneren
-Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht eher befreien konnte,
-als bis sie diese Qual so hoch in sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft
-und Präzision geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr
-entgegen, ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig flatternde
-Wolken über die Sonne spannte und sie wieder mit fortführte, mit zitterndem
-Flügel ihre Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen Klagetönen
-sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten Genossen ihres Weges gab
-ihr doppelten Schwung der Empfindung und das wundervolle Gefühl des
-Zusammenhanges mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische
-Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften, breitete Arme nach
-dem Himmel und kehrte wieder zurück nach ihrem Herzen, alles in ihr löste
-sich in ungestümes Verlangen nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute
-künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück, morgen heißester
-Schmerz, der Seele Flügel löst und sie zu sich emporreißt in einem Rausch,
-der zugleich Wunsch und Erfüllung ist.
-
-Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen? Da! -- wo die Sonne
-goldigen Flor zwischen die Stämme wob -- regte sich's dort nicht? Raschelte
-nicht ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige?
-
-Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und loderte vor ihr auf, ihre
-Brauen versengend? Zitterte nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr
-Herz?
-
-Und lag sie -- jetzt -- wirklich jubelnd, schluchzend an einem andern
-Herzen?
-
-
-
-
-Elftes Kapitel.
-
-
-Die Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst, es wurde Winter. Anfang
-Dezember machte Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt von sich reden.
-Es hieß, er müsse wegen politischer Umtriebe fliehen, wenn er nicht
-den Kopf verlieren wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere
-Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein Mensch wußte wohin.
-
-Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war Madame Gernoth zu Rhodes
-geeilt, wo sie das gleiche Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei
-lange zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und unerfreuliche
-Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich anderen Dingen zugekehrt, Rhode
-hatte lebhaft politisiert; die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und
-demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch und regten die Gemüter
-gewaltig auf. Madame Gernoth war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda
-machte nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich unglaublich
-unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen, von einer krankhaften,
-krampfhaften Ausgelassenheit. Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl:
-Wandas Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich vor und
-verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts mehr galt. Ihre Tochter
-machte ihr überhaupt schweren Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit
-Kreowski begegnet und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt.
-Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen gehabt hätte! Später
-hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda hatte erst geleugnet, dann
-alles zugegeben. Dabei war dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur
-Sprache gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz erfahren,
-der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen waren die schlaflosen
-Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge ihr kostete. So, _so_ hatte sich eine
-Ehe gestaltet, auf die sie die frohesten Erwartungen gesetzt! _So_ suchte
-sich ihre Tochter zu helfen, zu trösten! _Das_ war das Resultat ihres
-harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des Vaters zu entziehen, daß sie nun
-neben einem andern Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete.
-
-Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm, konnte sie deshalb noch
-keine für Rhode nehmen.
-
-Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen aus der Mädchenzeit einer
-Frau, mühsam mit Stickereien beim Talglicht erworben, anzugreifen -- pfui!
-Sie den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen, sie gerade
-in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen Rechtschaffenheit, dem
-haushälterischen Sinn zu treffen -- thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und
-wenn sie hier auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von jener
-unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen Triebes, um so sicherer
-erkannte sie die Unwahrheit eines Solidaritätsgefühles, das einseitige
-Interessen solidarische nannte.
-
-Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal im Leben seine Schleier
-über Abgründe breitet! Unter ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern
-und Scherzen -- wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes
-Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge!
-
-So auch hier.
-
-Man saß zusammen, mutmaßte und folgerte, lachte und lächelte, und in der
-hellen Sonne, im traulichen Lampenschein, saßen zwischen den drei sich so
-nahe Stehenden Gespenster, die der eine nicht sah und die beiden andern
-ignorierten. Frau Florentine hatte plötzlich den Eindruck, als ob
-Wanda auch ihr etwas verheimliche, als ob eine Unruhe sie foltere, eine
-Niedergeschlagenheit sie drücke, die sich weder auf ihr Verhältnis zu dem
-Doktor noch auf diese unselige Liebelei bezöge. Diese jungen Frauen -- ob
-am Ende -- Jesus, das fehlte nun grade noch!
-
-Gegen sieben wollte Madame Gernoth gehen, blieb aber und ließ sich von
-Rhode ein paar gelehrte Geschichten vormachen, Experimente, die damals neu
-waren, während Wanda sehr eilfertig das Abendbrot rüstete. Dann aßen sie
-zusammen und schließlich bat die Großmutter, Clärchen zu Bett bringen zu
-dürfen.
-
-Es war erst halb acht, da man von Tische aufstand.
-
-»Es ist mir sehr lieb, Mutter, wenn Du mir Clärchen abnimmst,« sagte Wanda
-hastig, »ich muß schnell noch mal zur Kleideranprobe.«
-
-»Jetzt?«
-
-»Ja.
-
- Die Mädchen nah'n im Flittertand
- Mit bunter Bänder Wallen,
- Ach! wer giebt ein Festgewand,
- Dem Liebsten zu gefallen!
-
--- oder auch:
-
- Und den goldgestickten Schleier
- Legt sie an, das Glanzgeschmeide,
- Zu des Tages hoher Feier
- Rauscht ihr Gang von stolzer Seide.
-
--- kurz gesagt: ich habe kaum mehr meine Blöße zu decken, und also addio!
--- Kuß das Kind? Ja, mein Clärchen, mein kleines artiges Mädelchen.« Sie
-küßte das Kind mit der Heftigkeit irgend einer seltsamen Erregung.
-
-Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken nicht gehen lassen, aber
-da kam es heraus, daß sie oft des Abends kleine Besorgungen mache oder ein
-Stück an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der Doktor in seinem Klub
-sei, und daß ihr noch niemals eine Unannehmlichkeit widerfahren.
-
-Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel angelegt, küßte das Kind
-nochmals, sagte den andern: »In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und
-eilte fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes weg,
-der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte die Absicht gehabt, noch in eine
-politische Versammlung zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß
-er bisweilen abends zu Hause sei.
-
-In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare Unruhe, er ging wieder in die
-Wohnstube, öffnete das Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen.
-Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen Schatten, die ein paar
-Öllämpchen auf den Schnee draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen.
-So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des Abends zu Hause zu
-bleiben. Er hatte sie am Flügel und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr
-gut aufgehoben geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein, einen
-Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt war. Jetzt machte er
-sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit sie noch oft spät auf die Straßen trieb,
-um irgend welche Lappalien einzukaufen.
-
-Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das schon auf ihrem Arme
-eingeschlafen war, in das Schlafkabinett, in dem eine schmauchende
-Nachtlampe an Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr
-Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen und zugleich
-monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach, mit der man übermüdetes
-kleines Volk zur Ruhe bringt, und sah dabei in Gedanken immerfort ihre
-Tochter mit schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne Ziel
-und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals die Kissen, deckte es zu
-und faltete die Hände, aber das Bild vor ihren Augen wich nicht.
-
-»Beten, mein Clärchen!«
-
-Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den Augen blinzelte,
-den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte. Doch die Großmutter, der
-Pünktlichkeit und Ordnung auch der höchsten Instanz gegenüber über
-alles ging, richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr die
-Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein.
-
-»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit ganz verwirrt,
-schlug die Augen weit auf, legte die Fingerchen ineinander und sagte dann
-feierlich:
-
- »Mein dunkles Herze lieb' Dich,
- Es lieb' Dich und es bicht --«
-
-»Schon gut, schon gut!«
-
-»Amen, gute Nacht, Großel.«
-
-Und da schlief sie auch schon.
-
-»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau und sah gramerfüllt auf
-das kleine Ding nieder. »Rechne es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie,
-mein Gott, behüte sie vor -- vor --«
-
-Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt, nicht einmal vor Gott.
-
-Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie stand auf, ließ das trübe
-Nachtlichtchen etwas höher aufflammen und wollte sich eben mit einem
-Strickzeug wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende
-Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte sie zu schließen,
-öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und sah das Kleid, zu dessen Anprobe
-Wanda gegangen, fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die
-Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb.
-
-Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst nicht zu ihren Fehlern,
-sie war sogar wahrhafter und offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn
-sie hier die Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben: sie war
-gegangen, ihren Liebhaber zu treffen.
-
-Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in den Stuhl und starrte
-vor sich hin. Ihr sonst noch regelmäßig schönes und keineswegs ältliches
-Gesicht sah aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes.
-
-Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern, den Stuhl rücken, auf-
-und abgehen und endlich mit seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher
-Geruch verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente
-eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin gezeigt und sie belehrt, wie man
-in einem Augenblicke den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen
-könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft: in der Tiefe seines
-Herzens war ein Strom von Liebe für ihre Tochter -- aber der Mann verstand
-es nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben und diesem Strome
-herzustellen. Der Thor!
-
-Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine Binde um seine Augen
-legte, seine Hände fesselte, seinen Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen
-Strom herzustellen. Ach -- sie wußte recht gut, was das war, sie hatte es
-selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster Achtung, den der Mann der
-Frau als einer ihm nicht Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche
-Dämon ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme der Liebe
-versiegen und die Funken lebendigen Lebens verlöschen läßt. Wenigstens war
-das die Meinung von Madame Gernoth. --
-
-Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn beschwor, ihm alles
-rückhaltlos mitteilte?
-
-Sie stand auf, zögerte -- und ließ es.
-
-Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden, scheltenden
-Schwiegermutter.
-
-Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam er, so kam er früh genug. Warum
-ihr Kind anklagen vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der
-seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht war, auch wenn
-ihn tausend Gesetze ein Recht nannten? So wenigstens empfand sie.
-
-Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit seiner Wünsche vor
-Augen zu halten, aber ihr Herz schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es
-verurteilte, zu verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten
-Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten, wo ihr Schutz verheißen
-worden war.
-
-Die Hälfte der Schuld lag auf ihm -- mochte er ihren Fluch tragen.
-
-Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte sie sich, daß es so kalt
-geworden war. Es war zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber die
-Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen lag ein dünner, trockener Schnee,
-der im Mondschein schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und Laternenpfähle,
-Bäume und Sträucher, alle von buntem Rauhreif überzogen. Doch es sollte
-noch schöner kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen, das sich von der
-Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke den Strom entlang hinzieht.
-Dort, in geringer Entfernung von der Brücke, erhob sich ein anderer
-vom Festungswall stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm war die
-Begegnung verabredet.
-
-Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter Weg, doch bei
-Vollmond sehr gut passierbar und verklärt von zauberhafter Schönheit.
-Unwillkürlich verlangsamten sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden
-Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften, bleichen, doch alles zuckt
-in millionenfachem, buntem Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen
-Platanen, die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer die
-großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten wie glänzende
-Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume und traulichen Linden, die stämmigen
-Kastanien und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die
-gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut wie die Flieder-
-und Goldregenhecken, wie die Reste dürftigen Grases und das niedrige
-Fichtengesträuch am Wege, wie Weg und Steg selber.
-
-Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen und doch bunt
-überflimmerten Decke zogen ein paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven.
-
-Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein Sommertag mit goldigen
-Lüften und prangendem Grün sich damit vergleichen ließe, so fremdartig,
-so märchenhaft schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre Liebe war,
-mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt.
-
-Und da kam der Erwartete auch schon! In einen weiten, faltenreichen Burnuß
-gewickelt, die viereckige Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand,
-kam er ihr entgegen.
-
-»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie in die Arme. Wie
-poetisch und romantisch das war, im Mondenschein über knisternde Stege
-durch den knirschenden, leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man
-geliebt werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß jeder Gedanke
-eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede Empfindung einem gehören, und
-versichern zu dürfen, wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie
-sie das Glück und der Glanz des Lebens sei.
-
-Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus dem grellen Mondlicht
-in den Schatten der ehrwürdigen Alma Mater zu ducken, die fromme
-Jesuitenpatres erbaut, um verbotener Liebe Schirm zu gewähren.
-
-»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er.
-
-»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen gespielt, nach dem
-Himmel gesehen und immer an Dich gedacht. Und was Du?«
-
-»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung abgehalten, ein Stück
-spazieren gegangen und mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an
-mich zu denken?«
-
-»Über alles glücklich! Ewald hegt irgend einen großen Plan, ich glaube, er
-bildet sich ein, man könne Leute mit elektrischen Funken gesund machen --
-das macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich oder macht mich
-zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er sieht mich, scheint es, überhaupt
-nicht mehr. Aber freilich, ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich,
-immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.«
-
-»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich doch neue, süße, hohe Namen
-erfinden könnte. Dich zu ehren -- aber nun ist meine Phantasie zu arm.
-Viel, viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln, was andere vor
-mir gestammelt. Du über alles Geliebte.«
-
-»Das ist das liebste, was ich höre.«
-
-Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde die Unterhaltung
-schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch. Es war so langweilig,
-an diesen einsamen langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu singen.
-Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit, englische Gedichte zu
-übersetzen. Das war eine anmutige kleine Anstrengung, die sie unterhielt
-und davor bewahrte, zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu leicht
-von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen sie noch nicht kritisch
-genug war, so daß die Arbeit daran das Gefährliche, Gefühlen starke
-Wendungen zu suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige
-Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der schwankenden Unruhe ihres
-Inneren abzog. Sie trug dem sanften und verständnisvollen Witold daher
-gern Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie ihre kleinen
-Diskussionen über ihren und den Urtext, die sehr ernsthaft und lebhaft
-geführt wurden und von denen man dann zu musikalischen überging.
-
-Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine Melodie, die sie zu summen
-anfing, aus einer Mozart'schen Symphonie sei, Kreowski schwur auf
-Beethoven.
-
-»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund wärest,« sagte er scherzend,
--- »wir sind keine fünfzig Schritte mehr von meinem Hause -- wie hübsch,
-wenn ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den Klavierauszug
-oben -- und Du wärest geschlagen.«
-
-Sie lächelte, und still gingen sie weiter. Leise sang sie die Stelle
-wieder. »Es ist nicht einmal ganz richtig so, es ist so: la -- la -- la --
-lalala, lala.«
-
-Da standen sie vor seinem Hause.
-
-Sie zuckte an seinem Arm:
-
-»Zeig mir den Klavierauszug.«
-
-»Wirklich?«
-
-»Was ist da auch Schlimmes!«
-
-»Wanda --«
-
-»Du willst wohl nicht?«
-
-Er lächelte seltsam, sah sie an und flüsterte endlich:
-
-»Ein Mann -- sagt da nicht nein.«
-
-Sie zögerte einen Augenblick. »Ich komme bloß als guter Freund.«
-
-»Hm, -- Du bist es aber nicht. Willst Du wirklich?«
-
-»Ja.« Er gab ihr den Arm, an den sie sich leise lachend hing. »Ich glaube,
-das ist ein Abenteuer, wie?«
-
-»Ja, es ist eins.«
-
-»Ist das drollig. Weißt Du: ich habe mir immer schon gewünscht, einmal ein
-kleines Abenteuer zu erleben.«
-
-Er drückte ihren Arm: »Leise, ganz leise. Und vorsichtig! Flur und Treppen
-sind finster --«
-
-»Das seh ich wohl.«
-
-»Halte Dich ganz fest an mich.«
-
-»Ganz fest.« So stiegen sie hinauf, zwei sich wendende Treppen, auf die die
-Mondhelle des Himmels ein leises Dämmerlicht fallen ließ. Dann schloß er
-eine Thür auf. Als sie in dem dunkeln kleinen Vorzimmer standen, drückte er
-sie an sich und küßte sie heftig.
-
-Es wurde ihr ein wenig schwül und, sich losmachend, sagte sie eifrig:
-»Mache Licht.«
-
-Er zündete eine Kerze an und dann eine schlechtgeputzte messingene Öllampe;
-und er that es mit zitternden Händen, fahrig, unsicher.
-
-Wanda merkte es nicht. Das Herz klopfte ihr ein wenig, denn was sie that,
-war nicht in der Ordnung, aber sie war mehr belustigt von ihrer Keckheit,
-als fassungslos. Mit der Harmlosigkeit eines genialen Kindes, das sie war,
-stand sie in der Stube des Mannes, den sie liebte und der sie liebte, und
-betrachtete das sehr einfache Möblement, die nicht sehr sauberen Gardinen,
-die Musikinstrumente und Lithographien, die an den Wänden hingen: eine
-Guitarre, ein Waldhorn, eine Geige in grünem Flanellbeutel, ein Tod
-Kosziuskos und Sobieskis Sieg über die Türken.
-
-Indessen blätterte und suchte er in einem Noten-Folianten und schien nicht
-finden zu können, was er suchte. »Endlich! Da!« Er drehte sich nach ihr um
-und sah sie mit einem seltsamen Lächeln an, die, da es heiß im Zimmer war,
-eben den Mantel aufknöpfte. Er sprang hinzu und nahm ihn ihr ab. »Du bist
-so blaß,« sagte sie.
-
-»Ja, mein Gott« -- und immer wieder mußte er eine rebellische Locke aus dem
-Gesicht schieben, die zu tief hineinfiel. »Ich -- ja -- ich werde das jetzt
-spielen. Siehst Du: Beethoven.«
-
-»Ich bin geschlagen.«
-
-»Soll ich spielen?«
-
-»Aber natürlich.«
-
-Er schlug den Deckel des kleinen Pianos auf, das in einem Winkel stand,
-stellte Notenbuch und Lampe darauf: »Ich kann es auswendig, aber -- damit
-Du Dich überzeugst,« sagte er heiser.
-
-»Ja. Ach, Deine Lampe! Die muß Dir die Wirtin einmal blank putzen.«
-
-»So?«
-
-»Und dieser Staub hier! Du, Du, weißt Du, wie man das nennt: polnische
-Wirtschaft.« Sie lachte leise.
-
-Er lächelte mit schmerzlicher Ironie.
-
-»Man muß heiraten -- nicht wahr? -- man sollte -- -- hier ist die Stelle!«
-
-»Fang nur an.« Und da spielte er, schlecht zuerst, mit klammen, zitternden
-Fingern danebengreifend, ausdruckslos; dann wunderschön, singend,
-schwellend, jubelnd, groß und edel.
-
-Wanda Rhode hatte in einem Rohrlehnstuhl Platz genommen und hörte ganz
-verloren zu. Ihr kleines Abenteuer war beinahe feierlich, ja wirklich, es
-war feierlich, die Thränen traten ihr in die Augen, während sie auf die
-grün schablonierte Wand und den Sieg Sobieskis starrte. Als er aufschaute,
-war eine Pause zwischen ihnen.
-
-»Spiel' jetzt was Lustiges,« sagte sie; »ich bin ganz traurig geworden,
-ganz traurig. Spiel' einen Krakowiak.«
-
-»Gewiß.« Und er spielte. Er spielte glühend, er spielte seine ganze
-Leidenschaft in die Wirbel eines Nationaltanzes, sein ganzes heißes
-Mannesbegehren, das ihr harmlos-kecker Besuch heraufbeschworen.
-
-Es zuckte Wanda durch alle Glieder, sie bewegte den Kopf nach der Melodie,
-fing an, sie mitzusingen und endlich mit den Füßen leicht den Takt dazu zu
-treten. Mit einem Mal brach er ab und sprang auf, auch Wanda erhob sich,
-Zärtlichkeit, Lust und Übermut sprühte aus ihren Augen. »Ich danke Dir
-sehr, es war schön. Und nun geh' ich wieder,« sagte sie.
-
-Der Pole aber stürzte vor ihr nieder, umklammerte ihre Kniee und drückte
-den Kopf in die Falten ihres Kleides. »Du -- bist zu mir gekommen -- Du --«
-
-»Steh' doch auf, Witold,« bat sie ängstlich.
-
-Da stand er auf. »Liebst Du mich aber? Sehr!? Sehr?«
-
-»Ich lieb' Dich sehr.«
-
-Aber während sie sich an ihn lehnte, überkam sie ein Angstgefühl und eine
-heiße Unruhe, und sie suchte sich wieder los zu machen. »Laß mich, Witold.«
-
-Doch er umschloß sie nur fester, und während er sie an seine schweratmende
-Brust drückte, knüpften die Finger seiner Rechten an einem kleinen Tuch,
-das sie, um den Hals trug, und an den Bändern ihres Hutes. »Laß' doch das.«
-
-»Laß'? -- ja -- laß' nur, gieb -- Deinen Hut -- und das auch -- das -- Du
-mein, mein, mein!«
-
-»Witold, was thust Du denn, was fällt Dir ein!«
-
-»Ich lieb' Dich, ich lieb' Dich! und Du -- wirst mir angehören, ganz mir,
-mir, süßestes Weib!«
-
-Sie gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er zurücktaumelte, griff
-nach ihrem Mantel, den sie schnell umwarf und rannte hinaus, die
-dunkeldämmerigen Treppen hinunter, zitternd, mit einem Herzklopfen, das ihr
-den Atem benahm, ganz aufgelöst von Scham und Zorn. »Diese -- Bestien, ob
-sie weiter nichts wissen! Diese Bestien!«
-
-Jetzt -- rechts oder links? -- rechts -- dort die Hausthür -- -- Gottlob,
-sie war gerettet!
-
-Gerettet -- ja. Die Liebe in Feiertagsgewändern hatte ihre Schleier
-abgeworfen und sich frech und hohnvoll gewandelt, die Himmlische hatte die
-Engelslarve abgethan und sie angestiert mit brutalem Grinsen. Warum hatte
-er ihr das angethan! Was sie bei ihm gesucht, war ja doch nur die Poesie
-der Liebe, das selige Wandeln in ihren lichteren Vorhöfen, war gerade das,
-was die Ehe nicht war.
-
-Und dann -- überkam sie mit einem Male das gräßlichste Gefühl, wie ein
-Glutstrom, der sich aus seinem Begehren in ihr Blut ergoß: sie wäre
-vielleicht eines Tages -- nicht heute, nicht morgen -- doch wer kann
-für alle Zeiten gut für sich sagen? -- _vielleicht_ -- diesem Begehren
-gewichen --
-
-Nein! nein! gewiß nicht! nie!
-
-Aber schon daß sie es einen Augenblick lang denken gekonnt, war möglich,
-weil er ihre Liebe in den Staub getreten und den Boden, auf dem sie
-gewandelt, unter ihr fortgezogen!
-
- -- -- -- -- --
-
-Wanda war etwa eine Viertelstunde fort, als Rhode mit einem Licht in den
-Händen bei Madame Gernoth eintrat, die im Wohnzimmer am Fenster stand und
-in die Schneenacht hinaussah.
-
-Er sah blaß und aufgeregt aus.
-
-»Ich habe keine Ruhe -- es war Unrecht, sie allein fortgehen zu lassen --
-und sie sagte, sie gehe manchmal des Abends allein fort -- wohin geht sie,
-da es sich nicht immer um ein Kleid handeln kann?«
-
-»Sie ist auch heut nicht um das Kleid gegangen,« sagte Frau Florentine
-hart, »es hängt fertig im Schrank.«
-
-»Mein Gott, was soll das denn heißen? und warum machen Sie so unheimliche
-Augen, Mama? Sprechen Sie doch.«
-
-Sie zögerte. »Soll ich zur Verräterin meines Kindes werden?« sagte sie
-dann.
-
-»Um alle Barmherzigkeit, foltern Sie mich nicht so! Ich habe ein Recht zu
-wissen, was Sie wissen.«
-
-»O ja,« sagte die Frau bitter, »Rechte haben Sie immer, ob Sie auch
-Pflichten haben, größere Pflichten, als Ihre Frau dürftig satt zu machen,
-darnach fragen Sie nicht. Also denn: sie hat ein Liebesverhältnis mit dem
-Musiker Kreowski.«
-
-»Nein!« schrie er.
-
-»Ja.«
-
-»Seit wann?«
-
-Madame Gernoth tupfte ein paarmal leicht auf den verhängnisvollen Sekretär
-und sagte: »Seit Sie -- das Geld hier herausgenommen haben.«
-
-Einen Moment lang war eine Totenstille zwischen ihnen. »Es ist dennoch
-nicht wahr,« sagte er endlich gequält.
-
-»Ich traf sie jüngst zusammen, unweit des Kaiserthores am Eisberge. Ich
-glaube, sie treffen sich öfter dort. Gehen Sie sie suchen.«
-
-»Ich gehe,« sagte er heiser.
-
-»Vergessen Sie indes nicht, welcher Teil der Schuld an Ihnen liegt. Ich
-möchte mein Kind nicht einem uneinsichtigen Richter verraten haben, sondern
-einem, der fühlt, daß er --«
-
-»Mitschuldiger ist. Ich begreife.«
-
-Sie leuchtete ihm, Hut und Mantel zu finden. Beide zitterten. Es war kalt
-und eine große Qual in beider Seelen. Dann ging er.
-
-Die Luft war rauh, bunt glitzerte der hartgefrorene Schnee und knirschte
-unter seinen Tritten.
-
-»Es ist ja nicht möglich, nicht möglich!« dachte er immerfort. Er sah sie
-ganz deutlich vor sich, ganz nahe, mit diesem geistreichen Nixenlächeln,
-mit diesen leuchtenden Augen, mit dieser schmalen, leicht geschwungenen
-Nase, dem edlen Oval, dem Rhythmus aller Linien und Bewegungen: das »Wunder
-eines Weibes,« das er sich langsam gewöhnt hatte, zur Haushälterin und
-zum Objekt seiner gewohnheitsmäßigen, pflichtmäßigen, handwerksmäßigen
-Zärtlichkeiten herabzudrücken, denen alles Impulsive, alles Innerliche,
-alles Tiefe und Verehrungsvolle abhanden gekommen war. Und mit dieser Art
-Zärtlichkeit hatte er sie von sich gedrängt, der Zärtlichkeit eines andern
-entgegen -- -- bis -- wohin?
-
-Bis -- bis --? Er mochte es nicht ausdenken?
-
-Bis zur Vernichtung ihrer und seiner Ehre ....
-
-Nein, nein -- das war unmöglich! so weit verlor sie sich nicht, so weit
-hatte er sie nicht verloren!
-
-»Gott, mein Gott!« schrie es in ihm, während heiße Glutwellen ihm zum
-Herzen schossen. »Gott im Himmel -- das nicht!«
-
-Da war der Eisberg -- da das Kaiserthor! Er blieb einen Augenblick stehen;
-wohin sich wenden?
-
-Da sah er eine weibliche Gestalt die Burgstraße herunter fliehen. »Wanda!«
-
-»Ah! -- Du?«
-
-»Was thust Du hier?«
-
-»Ich bin auf dem Nachhausewege.«
-
-»Warum bist Du so sehr gerannt? Deine Wangen glühen und alles zittert an
-Dir.«
-
-Da brach sie in Thränen aus. Er nahm ihren Arm und zog ihn unter seinen.
-»Wanda, um Gottes willen, was ist vorgefallen, verschweige mir nichts.«
-
-»Dieser unverschämte Mensch, dieser --«
-
-»Kreowski?«
-
-»Woher weißt Du --?«
-
-»Genug, ich _weiß_, daß Du mit diesem Manne -- ein -- ist es denn wirklich
-wahr?«
-
-»Nun -- ich hatt' ein bischen eine Liebelei mit ihm -- ja! Man will eben
-auch irgend etwas vom Leben haben, wenn man -- doch eigentlich -- keinen
-Mann hat!«
-
-»Du hast keinen?«
-
-»Nein. Gerade zum Suppe kochen, Socken stricken und -- und -- na ja,
-prachtvoll! Und Kreowski, der liebte mich wirklich und ehrte mich so hoch
-und war immer so zart und rücksichtsvoll, und nun -- -- ach!«
-
-»Sprich doch bloß, sprich!«
-
-»Nun stritten wir uns, ob Mozart oder Beethoven -- und sind gerade vor
-seiner Wohnung -- und ich sag: ich werde mit hinauf gehen, da können Sie
-nachsehen. Und so gehen wir hinauf. Und dann -- wird er eben unverschämt!
-Wo ich mit keiner Seele an so was -- Greuliches gedacht hab! -- Jesus --
-_das_, ja das kann ich freilich zu Hause auch haben! Und ich wollte doch
-Liebe, Liebe, richtige Liebe! Ach wie ich ihn hasse!«
-
-Er atmete auf. Sie war doch ein Kind, ein glänzendes, geistreiches Kind.
-»Hassest Du mich auch?« fragte er zärtlich.
-
-Sie antwortete nicht. Schluchzend ließ sie den Kopf auf seine Schulter
-sinken, im Schmerz über ihre gekränkte und verlorene Liebe in dem Gatten
-den Freund suchend, dem sie ihre Klagen darum ausschütten dürfe.
-
-Doktor Rhode nahm ihren Schmerz für Reue und eheliche Zärtlichkeit.
-Ohne weiter zu sprechen, gingen sie nach Hause. Als Madame Gernoth, die
-angstvoll am Fenster harrte, sie Arm in Arm in die mondbeglänzte Straße
-einbiegen sah, verließ sie die Wohnung und schlüpfte nach der andern Seite
-hinunter. Sie war nicht die Person, die Dritte abzugeben, wo zwei Eheleute
-miteinander fertig werden mußten. Genug, daß sie zusammen kamen. --
-
-Er führte sie in sein Studierzimmer, das die Wärme am besten zu halten
-pflegte, nahm ihr Hut und Mantel ab, rieb ihr die erstarrten Hände und
-braute ihr über der Berzeliuslampe einen Thee. Dann setzte er sich neben
-sie, umschlang sie, strich ihr das Haar aus der Stirn und trocknete ihre
-Thränen.
-
-Sie ließ ihn schweigend gewähren, merkwürdig schnell beruhigt und ohne auf
-seine Zärtlichkeit zu reagieren.
-
-Endlich sagte er weich:
-
-»Wanda, laß' mir Dir etwas erzählen. Es war einmal ein Mann, der besaß
-einen köstlichen Diamanten, auf den war er über die Maßen stolz, steckte
-ihn in einen ledernen Beutel, den Beutel in die Tasche und zog seines
-Weges, Kiesel zu suchen. Wie er sich aber nach einem gar großen, blanken
-Kiesel bückte, fiel ihm der Beutel samt Kleinod hinaus, und er merkte es
-nicht. Da kam einer des Weges, der hob den Schatz auf und hätte ihn --
-beinahe -- zu sich gesteckt, wenn der andere es nicht plötzlich gemerkt und
-ihm den Demant noch rechtzeitig entrissen hätte. Wanda -- und war der Mann
-sehr dumm oder -- sehr schlecht?«
-
-»Sehr dumm.«
-
-»Und wenn der Dumme fortan ein ganz, ganz kluger Mann sein will und sein
-Kleinod allezeit an seiner Brust hegen als das größte Gut und den einzigen
-Schmuck seines Lebens -- Wanda?«
-
-Sie schwieg und lächelte seltsam. Er dachte sich das so billig, so leicht.
-Glaubte er mit einer Parabel und ein paar Küssen, glaubte er mit
-einem _Versprechen_ die Schuld jahrelanger Vernachlässigung, all' der
-egoistischen Rücksichtslosigkeit, die sich mit der Neigung eines Mannes zu
-verschmelzen weiß, vergessen zu machen? Es ist der Nachteil des Mannes
-in der Ehe, daß er zu wenig über sie nachdenkt, indes die Frau, der sie
-einziger Beruf ist, den Wert aller ihrer Beziehungen und Stimmungen, jedes
-Mißverständnisses, jedes schwebenden Wortes durchzudenken Gelegenheit
-nimmt. Oder vielleicht auch ist das sein Vorteil, diese größere Plumpheit
-des Empfindens.
-
-»Warum lächelst Du so seltsam, so ironisch?« fragte er unsicher und von
-ihrem Schweigen verletzt.
-
-Wanda Rhode nahm einen Streifen Papier, der auf dem Tische lag, wickelte
-ihn über die Finger und wieder ab und sagte dann:
-
-»Diese Parabel, die Du da erzähltest, klang ja sehr schön und war gewiß
-ehrlich gemeint, schließlich -- war sie doch nur Phrase. Denn jenem Manne
-mit dem Kleinod, das er fernerhin hüten und ehren will, wird diese gute
-Absicht nicht lange nützen. Bei nächster Gelegenheit werden ihm die Kiesel
-doch wieder als Brillanten gelten, und er wird sich nach ihnen bücken und
-den »Demant,« wie Du sagtest, vergessen. Wie denn keiner für seine Augen
-kann und alle Dinge den Wert haben, den unsere Augen ihnen geben.«
-
-»Wage es immerhin noch einmal auf meine Augen!« bat er. »Versuche es noch
-einmal, mich ein bischen lieb zu haben, mich zu verstehen, Dich in meine
-Interessen einzuleben und so Nachsicht mit mir zu haben. Und Du wirst mir
-nie mehr verloren gehen, noch ich Dir.« Sie sah ihn an, der bittend die
-Hände nach ihr ausstreckte, und eine Rührung überkam sie, ein Zittern und
-Aufschluchzen. »Wanda!«
-
-»Ach, es ist zu, zu gräßlich!«
-
-»Was?«
-
-Sie stand auf, stützte die Hände auf die Tischkante und starrte gequält in
-eine Ferne, die nicht da war.
-
-»Was ist Dir, Kind? sprich doch! Sage mir, was ich thun soll, daß alles
-wieder gut würde! Habe doch noch einmal Vertrauen zu mir!«
-
-Sie lächelte trübe.
-
-»Habe mich doch noch ein einziges Mal lieb!« Die Stimme brach ihm fast vor
-Schmerz, und Thränen traten ihm in die Augen. »Wanda!«
-
-Da sprach sie.
-
-»Dies wäre die Stunde, könnte sie sein, die uns alles wiedergäbe, alles
-verlorene Vertrauen, alles verlorene Glück, jene goldnen Tage, jene junge
-Seligkeit --«
-
-»Und warum kann sie es nicht? Laß' sie uns das doch wiedergeben. Liebste!
-Warum sollte uns das alles nicht wieder werden?«
-
-»Weil -- ach Gott! -- weil -- _das_ wieder ist ... Alle diese Qualen, diese
-Not und dieses Elend. Und ich will nicht, will nicht! Lieben? man liebt
-doch nicht seinen Peiniger und Verderber!«
-
-»Deinen Peiniger --«
-
-»Neben Kreowski konnte ich es wenigstens vergessen. Aber hier, hier, wo
-die Angst vor dem Ende in jedem Winkel lauert! Und wenn ich nur wenigstens
-diesmal stürbe, daß ich es nicht ein fünftes Mal erleben müßte! wenn ich
-lieber vorher stürbe!«
-
-»Also das ist es? -- Und das ist Dir so schrecklich?«
-
-»Es zerreißt mir die Seele! Ich will nicht! Es wird auch wieder sterben!
-Ewald, hörst Du denn nicht? ich will nicht! Ich will lieber sterben!«
-
-Er schloß sie in die Arme, gab ihr hundert gute, zärtliche Worte und suchte
-sie zu beruhigen. Aber ein Dunst von Bier und Tabak, der von seinen Lippen
-und aus seinen Kleidern auf sie eindrang, erregte ihr ein widriges Gefühl
-und machte jedes Wort von vornherein zu einem verlorenen.
-
-Sie machte sich los von ihm, der verzweifelnd wahrnahm, wie ihre Erregung
-sich zur Ekstase steigerte. »Da hinten, ganz dort in der Ferne, siehst Du,
-da lauert es -- und kommt heran -- immer näher -- _das_ -- und das andere
-Gräßliche: die Geldnot, der Ärger, der Schmutz und das Schrecklichste,
--- -- der Tod! Und da wieder -- da! -- die Sehnsucht nach Glück und Leben,
-nach Schönheit, nach Rhythmen und Tönen -- und nach Liebe, Liebe, _Liebe_!«
-
-»Wanda!«
-
-»Und wenn es mich nicht tötet, wird es meine Seele verderben, hörst Du?
-meine Seele! Denn wer, wer ist Herr seiner Seele, wer von uns, die wir
-nicht einmal Herren unseres Leibes sind? wer Herr seines Hungers, seiner
-Sehnsucht?« --
-
-Er zuckte die Achseln. Er beklagte sie, aber zugleich verletzte ihn ihr
-Abscheu vor einem Zustande, der ihr ihn selber abscheulich machte, der ihm
-Freude verhieß und der doch manche andere Frau selbst sogar beglückte.
-
-»Es ist nutzlos und thöricht, sich gegen göttliche Einrichtungen
-aufzulehnen,« sagte er.
-
-»Göttliche? Das ist kein Gott, dieser Schöpfer, der die Hälfte der
-Menschheit dem Manne in die Hände gespielt und mit der Mutterschaft
-geschlagen hat!«
-
-»Du bist schrecklich.«
-
-»Ich? nein. Jener!«
-
-Er war allein.
-
-Dumpf erschüttert, schweratmend, gefoltert von einem ungeheuren Schmerz,
-stand er lange inmitten des Zimmers und starrte auf die Thür, die sich
-hinter ihr geschlossen.
-
-Dann trat er ans Fenster. Kein Mondstrahl traf das enge Gewinkel von Höfen
-und Hinterhäusern da draußen. Es war ganz dunkel. Dunkel wie diese ewigen
-Daseinsfragen, die der in glücklicher Geistesenge Lebende nicht kennt, und
-an denen der ringende Geist, das leidenschaftliche Gefühl zur eigenen Qual
-herumrätselt, um nur einen, _einen_ Strahl zu erhaschen von dem ewigen
-Lichte, das er ahnt, einen Strahl, der seine Finsternis erhellte.
-
-Aber es blieb dunkel, wie sehr er auch an den Falten des Mantels zerrte,
-in denen die Gottheit sich verhüllt; und seine Wünsche, seine Empfindungen
-blieben, die sie waren, wie sehr er an den Fasern des eigenen Herzens riß,
-das sein Verlangen dem Weibe zuwandte, die ihn ihren Peiniger und Verderber
-genannt.
-
-Was war nun das Leben?
-
-Nichts, nichts als ein beständiger Konflikt! Nichts als ein ewiges Gewühl
-von Täuschungen und Irrtümern des Kopfes und des Herzens! Nichts als ein
-Kampf, der hier vernichtet, um dort leben zu lassen!
-
-Es blieb dunkel. --
-
-Indessen hatte sich von einem Seitentische her ein feiner scharfer Geruch
-verbreitet, der jetzt seine Aufmerksamkeit auf sich lenkte. Er ging dorthin
-und beugte sich über den aufgestellten Apparat.
-
-»Ah -- die Zersetzung schreitet fort, schon entwickelt sich Strom. Es wird
-gut werden!« Und damit überkam ihn etwas wie frohe Zuversicht überhaupt.
-»Alles wird gut werden, alles! wird der Anfang neuen Glückes werden und
-herrlichen Gelingens.«
-
-Er nahm es an mit dem Optimismus der moralischen Bequemlichkeitsliebe, des
-Ruhebedürfnisses; obgleich er ihn selbst anders nannte: ein neuerwachtes
-Gottvertrauen und einen starken Glauben an den Sieg des Guten in der Welt.
-
-
-Adolf Niese, Saalfeld i. Th.
-
-
-
-
-[ Hinweise zur Transkription
-
-
-Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
-
-Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=, #fett#.
-
-Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,
-
- Seite 20:
- "aus" eingefügt
- (einer Ode an den Frühling aus der Affäre zog)
-
- Seite 32:
- "Rythmus" geändert in "Rhythmus"
- (sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend)
-
- Seite 34:
- "weifelhaft" geändert in "zweifelhaft"
- (die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft)
-
- Seite 40:
- "ebenbürtg" geändert in "ebenbürtig"
- (geistig war er ihr durchaus ebenbürtig)
-
- Seite 42:
- "," eingefügt
- (Teilnahme, Verständnis)
-
- Seite 49:
- "Réuinon" geändert in "Réunion"
- (dämmerte der Morgen nach jener Réunion)
-
- Seite 52:
- "ge-gewesen" geändert in "gewesen"
- (und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen)
-
- Seite 52:
- "leichtbe-bewegten" geändert in "leichtbewegten"
- (ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer)
-
- Seite 62:
- "verlästert" geändert in "verlästerst"
- (obgleich Du das Theater immer verlästerst)
-
- Seite 76:
- "," entfernt hinter "schlanke"
- (ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt)
-
- Seite 82:
- "daß" geändert in "das"
- (dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug) ]
-
-
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Eheglück, by Bianca Bobertag
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK ***
-
-***** This file should be named 62491-0.txt or 62491-0.zip *****
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-The Project Gutenberg EBook of Eheglück, by Bianca Bobertag
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-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
-most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms
-of the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
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-
-
-
-Title: Eheglück
- Roman
-
-Author: Bianca Bobertag
-
-Release Date: June 29, 2020 [EBook #62491]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK ***
-
-
-
-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net (This book was produced from images
-made available by the HathiTrust Digital Library.)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-<p class="pb ce fs125"><span class="ge"><b>Bianca Bobertag</b></span></p>
-
-<p class="ce fs250"><b>Eheglück</b></p>
-
-<p class="ce mt2 fs150">Roman</p>
-
-<p class="ce mt2"><img src="images/fackel100.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="ce mb4"><span class="fs125 ge">Berlin</span><br />
-<span class="ge">Concordia Deutsche Verlags-Anstalt</span><br />
-1900</p>
-
-
-
-
-<div class="fs70 mb4 bo"> <!-- advertisement begin -->
-<p class="pb ce fs125"><b>Concordia Deutsche Verlags-Anstalt, Berlin.</b></p>
-
-
-<p class="ce fs200"><span class="ge">Der kleine Martin.</span></p>
-
-<p class="ce fs125">Erzählung<br />
-<span class="fs85">von</span><br />
-<b>Karl Emil Franzos</b>.</p>
-
-<p class="ce"><b>Zweite Auflage.</b> Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk.&nbsp;2,&ndash;,
-geb. Mk.&nbsp;3,&ndash;.</p>
-
-<p><b>St.&nbsp;Petersburger Zeitung.</b> (P.&nbsp;von Kügelgen.): »Karl Emil
-Franzos' neueste Geschichte »Der kleine Martin« ist die reife Frucht
-der Erzählerkunst des Autors. Der Held der Erzählung ist der beste,
-edelste, selbstloseste Mensch, den man sich denken kann, nur zu weich,
-zu wenig mutig und schneidig für diese schnöde Welt. Die Geschichte
-ist musterhaft erzählt, jeder Zug, jedes Detail paßt zum andern,
-alles greift so konsequent, so logisch, so unabwendbar in einander,
-daß man den Eindruck erhält, Alles mit eigenen Augen mit angesehen,
-mitfühlenden Herzens miterlebt zu haben.«</p>
-
-<p><b>Berliner Tageblatt</b>: »Man kann diese Novelle wohl als ein
-Pendant zu dem großen Romane des Autors: »Ein Kampf ums
-Recht« betrachten, nur daß Franzos diesmal uns das Kampfgebiet
-von einer anderen Seite zeigt. Die Erzählung ist interessant und
-fesselnd vom Anfang bis zum Ende; es fehlt auch trotz der tragischen
-Grundstimmung nicht an Scenen, die uns Land und Leute
-in Halbasien mit köstlichem Humor vorführen.«</p>
-
-<p><b>Bohemia</b>: »....&nbsp;Mit sicherem Pinsel ist in die leichte, nicht
-drückende, die Wirkung rein abschließende landschaftlich-ethnographische
-Umrahmung ein psychologisches Kabinetstück hineingemeistert:
-die Erscheinung eines gutmütigen, weichen Menschen, der hilflos mit
-den Rauheiten und Roheiten der Welt nicht fertig zu werden weiß,
-der aber darin, was Comte den »<em class="ge">Altruismus</em>« nennt: in der Hinopferung
-für Andere, in der <em class="ge">herzhaften Selbstlosigkeit</em> immer
-wieder seine Stärke findet und offenbart. Wir beschränken uns auf diese
-allgemeine Charakteristik der ergreifend schönen kleinen Geschichte.«</p>
-
-<p><b>Hamburger Fremdenblatt</b>: »....&nbsp;Die hauptsächlichsten Vorzüge
-dieses neuen Buches sind die prächtigen Sittenschilderungen,
-eine scharfe Charakteristik der Personen und der in der bewegten,
-dramatisch aufgebauten Handlung verborgene <em class="ge">sittliche Kern</em>. Dem
-schönen Buch, einem echten Kinde der Muse unseres Dichters, ist
-manche Neuauflage vorherzusagen.«</p>
-
-<p><b>Berl. Börsen-Courier</b>: »...&nbsp;Die Personen, die uns der
-Dichter hier vorführt, sind scharf gezeichnete Typen von lebendigster
-Anschaulichkeit. Es ist wie eine Abrechnung, die erlösend wirkt
-durch ihren sittlichen Wert.«</p>
-
-
-<p class="ce mt2 fs200"><span class="ge">Norddeutsche Leute.</span></p>
-
-<p class="ce fs125">Novellen<br />
-<span class="fs85">von</span><br />
-<b>Adalbert Meinhardt</b>.</p>
-
-<p class="ce"><b>Zweite Auflage.</b> Ein Band. Groß 8°. Geh. Mk.&nbsp;2,&ndash;,
-elegant geb. Mk.&nbsp;3,&ndash;.</p>
-
-<p><b>Blätter für litterarische Unterhaltung</b> (1.&nbsp;Jan. 1897):
-»...&nbsp;Es ist nicht Willkür, die für diese Novellen diesen Namen
-erfand. Vielmehr haben die Charaktere durchgängig ein gewisses
-Etwas gemeinsam, was sie als Menschen <em class="ge">eines</em> Schlags erscheinen
-läßt, eben als Norddeutsche. Diese Eigenheit, mit glücklicher
-Sicherheit erfaßt, ist mit bewußter Treue dargestellt und
-durchgeführt. Scheinbar harte, starre, verschlossene Naturen
-zeichnet uns A.&nbsp;Meinhardt, Herzen, die nicht leicht zu entzünden
-sind. Um so nachhaltiger und rückhaltsloser lieben sie da, wo
-einmal ihr Gefühl eine Wahl traf. Auch die leise Wehmut, die
-über beiden Erzählungen ruht, entspricht der künstlerischen Absicht
-sehr wohl. Kurz: Die »Norddeutschen Leute« seien als gesunde,
-im besten Sinne unterhaltende Lektüre nachdrücklich empfohlen.«</p>
-
-<p><b>Hamburger Correspondent.</b> (Nr&nbsp;1, 1897): »...&nbsp;Zu jenen
-schriftstellernden Frauen, von denen jedes neue Buch von einem
-weiteren geistigen Wachstum zeugt, gehört Adalbert Meinhardt....
-Man muß der Kraft der Darstellung und Charakteristik
-wie der feinen Seelenmalerei volle Anerkennung zollen.
-Die Gegensätze, die ungemein zart und keusch angedeutet sind,
-finden hier auch eine harmonisch ausklingende Auflösung.«</p>
-
-<p><b>Heimgarten.</b> (<i>XX.</i>&nbsp;5.): »Die jugendliche Mutter und die
-heranblühende Tochter lieben denselben Mann &ndash; gewiß ein
-starker Konflikt, der auch energisch gelöst wird, in feiner und
-vornehmer Art.... Eine Schilderung des norddeutschen Wesens,
-die alles Bezeichnende ungemein fein und scharf wiedergiebt.«</p>
-
-<p><b>St.&nbsp;Petersburger Herold.</b> (29.&nbsp;<i>XII.</i> 1896): »....&nbsp;Die
-Novelle »To Hus is best« ist eine Perle deutscher Erzählungskunst
-und Tiefe des Problems, wie an Kunst und Kraft der
-Charakteristik. Gleich wertvoll ist auch die zweite Novelle des
-Buches. Wohl nächst »Heinz Kirchner« das beste Buch, das
-A.&nbsp;Meinhardt bisher veröffentlicht hat.«</p>
-
-<p><b>Hamburger Fremdenblatt.</b> (25.&nbsp;Dez. 1896): »...&nbsp;wirkliche
-norddeutsche Leute, groß geworden in der kleinen Welt, die
-sie ihr eigen nennen, darum eingeengt in ihren Ansichten und
-Anschauungen, rauh nach außen, aber unter der unansehnlichen
-Außenschale ruht ein gesunder Kern, schlummert ein reiches Gemüt
-... Das Werk sei bestens empfohlen.«</p>
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-
-
-
-
-<h1>Eheglück</h1>
-
-<p class="ce lh2"><span class="fs150 ge">Roman</span><br />
-
-von<br />
-
-<span class="fs150 ge"><b>Bianca Bobertag</b></span></p>
-
-<p class="ce mt4"><img src="images/fackel125.jpg" alt="" /></p>
-
-<p class="ce lh1"><span class="fs125 ge"><b>Berlin</b></span><br />
-<span class="ge">Concordia Deutsche Verlags-Anstalt</span><br />
-1899</p>
-
-
-<p class="ce mt2 fs70">Alle Rechte, namentlich auch das der Übersetzung
-vorbehalten.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_001" title="1"> </a>
-Erstes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>S</b>alzbrunn war in der Mitte der vierziger Jahre
-noch nicht der mit modernem Komfort eingerichtete,
-teure Badeort, der es heute ist. Es besaß
-noch keine eleganten Hotels und keine Verkaufsbazare, keine
-Teppichbeete und keine Wiesbadener Preise. Trotzdem
-war sein Besuch ein lebhafter und bei aller Einfachheit
-der Verhältnisse gab es etwas wie ein Badeleben. Gegenüber
-dem Kursaal stand eine Art Vogelgebauer, das
-das »Orschester« genannt wurde und in dem man eine
-jener Bademusiken veranstaltete, die zwischen dem
-Erträglichen und dem Unerträglichen die Mitte halten.
-Es gab eine Promenade, auf der die neuesten Pariser
-Moden spazieren geführt wurden, Réunions, bei denen
-getanzt und musiziert wurde, und selbst eine Leihbibliothek
-von etwa hundert Bänden, in der neben den
-Räuberromanen von Spindler und Vulpius die Flygare-Carlèn
-<a class="pagenum" id="page_002" title="2"> </a>
-und die Paalzow, Walter Scott, eine Anzahl
-»Taschenbücher für Liebe und Freundschaft« und für
-verwegenere Gemüter Paul de Kock und Eugen Sue
-zu haben waren.</p>
-
-<p>Selbstverständlich gab es auch den nötigen Badeklatsch;
-die Toiletten-, Gesundheits- und Moralitätsjury
-waltete damals so gut wie später ihres Amtes, und
-Neuangekommene mußten sich so lange bemäkeln lassen,
-bis sie glücklich selbst in dem großen Gerichtshof
-Aufnahme gefunden hatten.</p>
-
-<p>Da zwei auffallende Erscheinungen, Madame
-Florentine Gernoth, und ihre Tochter, Frau Doktor
-Rhode, sich sehr zurückhielten, gehörten sie zu den meistbesprochenen
-Persönlichkeiten.</p>
-
-<p>Sie lebten einfach. Jeden Morgen zur gleichen Zeit
-sah man sie nach dem Brunnenhause und zur Molkenanstalt
-gehen, Wanda Rhode ihr Glas in der Hand,
-Madame Gernoth ihre kleine Enkelin führend, und wen
-die Frauen mit ihren schlanken, ebenmäßigen Figuren,
-den kühngeschnittenen Nasen, den großen, stolzblickenden
-Augen der älteren, den zärtlichen, geistreichen der Tochter
-nicht mehr interessierten, der warf gewiß einen
-Blick auf das kluge, ernsthafte Gesicht des kleinen Mädels,
-dessen blitzende Augen jede Seite des großen Bilderbuches,
-das vor ihm aufgeschlagen lag, aufmerksam
-<a class="pagenum" id="page_003" title="3"> </a>
-musterten. Es war Rasse in den drei Figuren, wenn
-auch nicht in aristokratischem Sinne.</p>
-
-<p>Es hatte sich herumgesprochen, daß Madame
-Gernoth von ihrem Manne geschieden und in sehr bescheidenen
-Verhältnissen zu leben gezwungen sei, während
-dieser, ein reicher Breslauer Fabrikant, als Lebemann
-galt, der im Musik- und Theaterleben der Stadt eine
-Rolle spiele. Man nannte große Summen, die er im
-Dienste der Musen verschwende. Von der Frau Doktor
-wußte man nicht zuviel: sie war viel umworben worden,
-hatte einen jungen Arzt geheiratet, ein paar kleine
-Kinder gehabt, von denen sich nur eines am Leben erhalten
-und war seit der Geburt des letzten leidend gewesen.
-Das war alles.</p>
-
-<p>Wenn Frau Gernoth darauf bestand, daß sie sich in
-den ersten beiden Wochen vollständig von der Badegesellschaft
-zurückhielten, geschah es auf Wunsch des
-Arztes, der bei der Lebhaftigkeit der jungen Frau
-fürchtete, daß vieles Sprechen ihr schädlich sein könne.
-Sobald nur aber die Halsaffektion sich gegeben hatte
-und die Farbe auf Wanda Rhodes Wangen zurückkehrte,
-war die sorgliche Mutter auch bereit, ihr den
-Verkehr mit anderen und die Teilnahme an einigen
-bescheidenen Vergnügungen zu gönnen.</p>
-
-<p>Sie überlegte eben, an welche der Frauen, die sie
-<a class="pagenum" id="page_004" title="4"> </a>
-vom Sehen und ein paar gelegentlich gewechselten Worten
-kannte, sie sich am besten zu einer Kremserfahrt oder
-dergleichen anschließen möchten, als Wanda von einem
-Spaziergange, den sie allein durch die Anlagen unternommen,
-zurückkehrend, in fröhlicher Erregung auf sie zueilte.</p>
-
-<p>»Mutter &ndash; Konzert im weißen Lamm &ndash; Stücke
-von Beethoven und Chopin-Liedervorträge &ndash; Deklamationen
-von Holtei, denk bloß: Holtei! Entree vier gute
-Groschen, das ist doch nicht schlimm? Nicht wahr, wir
-gehen? Ich bin ja wieder ganz gesund, von Halsschmerz
-keine Spur mehr, <em class="ge">ganz</em> gesund, bloß daß ich vor Langerweile
-sterbe.«</p>
-
-<p>»Holtei hätt' ich auch gern einmal gehört! Aber
-das wären für uns beide acht gute Groschen.«</p>
-
-<p>»Wir müssen uns doch auch einmal etwas gönnen.
-Zuletzt Tanz. Denk' doch.«</p>
-
-<p>»I wo werd ich Dich denn tanzen lassen!«</p>
-
-<p>»Gesunde Menschen können tanzen, soviel sie wollen.
-Habe ohnedies das ganze Jahr so schlimm zugebracht.
-&ndash; Ach Gott!«</p>
-
-<p>»Nun ja, das hast Du. Mach nur nicht die Unglücksmiene.«</p>
-
-<p>»Nein, ich will nicht mehr dran denken. Also die
-Polonaise und 'nen Walzer erlaubst Du schon, Walzer
-ist ja ein Tanz zum Einschlafen. Nur das ewige Stillsitzen
-<a class="pagenum" id="page_005" title="5"> </a>
-in der Laube, das ist zu schrecklich. Und das
-schablonierte Muster an unseren Wänden kenn' ich wahrhaftig
-auch auswendig, die Erzählung, wie die Mutter
-der Wirtin die Wassersucht hatte, ebenfalls, und also,
-wenn ich nicht wieder krank werden soll aus Langweile
-und Unruhe, so gehen wir dorthin, Mutter. Ja?!«</p>
-
-<p>»Du bist auch ganz wieder wie als Mädchen.«</p>
-
-<p>»Freut Dich denn das nicht?«</p>
-
-<p>»Nun ja &ndash; freilich.«</p>
-
-<p>»Ach, denk Dir, und der Spaß: das Lied, das
-Kreowski einmal an mich gemacht hatte: »Ich weiß
-nicht, ist es Unrecht,« das wird auch gesungen&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Ist denn Kreowski hier?« fragte Frau Florentine
-mißtrauisch.</p>
-
-<p>»Ach bewahre. Wer weiß, wer es singt! Wer
-weiß, ob es überhaupt dieses Lied ist; es kann auch
-ein anderes so anfangen! Ich dachte bloß &ndash; vielleicht.«</p>
-
-<p>»Du bist ja rot geworden.«</p>
-
-<p>»So? Na, weißt Du, er gefiel mir doch damals
-sehr gut. Aber das ist ja nun so lange her, so lange,
-vier lange Jahre. &ndash; Klärchen hübsch artig gewesen?
-Ja Puz? Komm mal her, sag mal, hat Dir Großel
-eine hübsche Geschichte erzählt?«</p>
-
-<p>Und sie nahm das kleine Mädel auf den Schoß
-und küßte es, bis es wieder hinunterstrampelte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_006" title="6"> </a>
-Frau Gernoth betrachtete sie scharf. Ihre Tochter
-war keine allzu pünkliche Mutter, nicht lieblos, aber
-nicht von der überströmenden Zärtlichkeit mancher
-anderen; die Heftigkeit, mit der sie das Kind küßte, erschien
-ihr mehr als der Ausdruck einer starken Erregung,
-die irgend einen anderen Grund hatte.</p>
-
-<p>In diesem Augenblicke fiel die Musik ein, und</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Leswig-Holstein, meerumslungen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Leswig-Holstein, stammverwandt,«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">sang das kleine, noch nicht ganz zweijährige Ding
-jauchzend; entzückt hob es die Großmutter auf und überschüttete
-es jetzt ihrerseits mit Liebkosungen.</p>
-
-<p>»Sie kennt jedes Lied an der Melodie heraus!
-Und Verse über Verse weiß sie auswendig, unser
-Goldkind!«</p>
-
-<p>»Du bist noch viel eitler auf sie, als Ewald,« sagte
-die junge Frau.</p>
-
-<p>»Bist Du es denn nicht?«</p>
-
-<p>»Ich &ndash; na &ndash; das ist doch ganz selbstverständlich,
-daß ich <em class="ge">so</em> ein Kind habe! Bin <em class="ge">ich</em> denn von
-Dummersdorf? Und Verse und Lieder &ndash; weiß ich auch
-ohne Ende. Ja, denk mal, Mutter &ndash; ich hab eben
-ein Gedicht gemacht. Auf dem hübschen Aussichtspunkt
-saß ich, wo wir mal neulich zusammen waren«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»So weit bist Du gegangen?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_007" title="7"> </a>
-»Gar nicht weit.«</p>
-
-<p>»Und da hast Du ein Gedicht auf die Aussicht
-gemacht?«</p>
-
-<p>»Na ja. Und ich glaube &ndash; es kommt mir so
-vor &ndash; als wäre es anders, als meine sonstigen Reimereien
-auf Tante Lottens Geburtstag und Vetter
-Hermanns Polterabend. Soll ich's Dir mal sagen?«</p>
-
-<p>»Meinetwegen, sag es.«</p>
-
-<p>Wanda Rhode sah sich um &ndash; rechts und links
-war niemand zu erblicken &ndash; breitete ihre Arme aus
-und fing an zu deklamieren:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Was, du heller Sommertag</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Streust du so voll Prunken</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hin auf Fluß und weite Flur</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Deine goldnen Funken?!</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Heller Reichtum überall,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Jauchzen und Erklingen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Überall in Blühens Kraft</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Seliges Durchdringen.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und bist dennoch ach! wie arm</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Noch im Überfluten,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Noch in deinen unerschöpft</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Goldnen Sonnengluten.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hab doch ich die Wälder grün</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Alle rings ersonnen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist doch meines Herzens Glut</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sonne licht entronnen.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Tönt von meinem Jubel doch
- <a class="pagenum" id="page_008" title="8"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Baches Rauschen wieder,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und in Busch und Baum sind mein</td></tr>
- <tr><td class="tdl">All die frohen Lieder.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Welt, du bist ein Abbild nur</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Meiner Liebesfülle,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Blühst nur, daß in deinem Glanz</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sich mein Herz enthülle.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Blühst nur, weil in dir mein Glück</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Blüte sich gefunden,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Welt, du seliges Gedicht</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Frohbewegter Stunden.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>»Das ist ja ganz verrücktes Zeug! <em class="ge">Du</em> hast die
-Wälder ersonnen und die Vögel singen <em class="ge">Deine</em> Lieder?
-Nein höre, das ist doch zu abgeschmackt.«</p>
-
-<p>»Es ist aber so.«</p>
-
-<p>»Und was soll denn das heißen mit der Liebesfülle?«</p>
-
-<p>»Das? Ja das weiß ich selbst nicht. Das sollte
-wohl heißen, daß mir das Herz so übervoll ist. Mutter,
-Mutter, ich könnte ja ganz laut schreien vor Vergnügen:
-so schön ist es hier, so gesund und so jung bin
-ich wieder und so glücklich! Und jetzt gehe ich um die
-Billets.«</p>
-
-<p>»Warte doch. Hier ist noch ein Brief an Dich.
-Von Ewald.«</p>
-
-<p>»Von Ewald? Na, das hat Zeit.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_009" title="9"> </a>
-»Das hat Zeit? So?«</p>
-
-<p>»Ich dächte.«</p>
-
-<p>»Sei doch nicht so eilig. Hör' einmal&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nun?«</p>
-
-<p>»Die Wirtin selber geht heut Abend fort und ihre
-Bertha ist so unzuverlässig, da wär' Klärchen so gut
-wie allein &ndash; und dann &ndash; ich hätte ja Holtei gern
-gehört, aber acht gute Groschen &ndash; weißt Du: Registrators
-gehen, so schließe Dich nur an die an.«</p>
-
-<p>»Nun, wie Du denkst. Und wenn Du Dich wegen
-Klärchen aufopfern willst, so bin ich ja desto beruhigter.
-Also auf Wiedersehn.«</p>
-
-<p>Und fort eilte sie.</p>
-
-<p>Madame Gernoth sah ihr nach. Gott sei Dank,
-daß sie wieder so war! Was hatten diese vier Jahre
-aus ihr gemacht &ndash; und nun war sie wieder so frisch
-und blühend, und sie sollte ihr nicht ein Vergnügen
-gönnen? Da verfolgten sie auch schon Zwei! Nun,
-sie verstand, sich die Zudringlichen vom Halse zu halten.</p>
-
-<p>Der Brief! Florentine Gernoth wog ihn einen
-Augenblick in der Hand und legte ihn dann in ihr
-Strickkörbchen. »Das hat Zeit!«</p>
-
-<p>Sehr zärtlich war das gerade nicht gewesen. Aber,
-lieber Gott! drei Kinder in vier Jahren, zwei davon
-wieder gestorben, und <em class="ge">diese</em> Qualen, Sorgen und Mühen,
-<a class="pagenum" id="page_010" title="10"> </a>
-die das arme Ding damit durchgemacht &ndash; ja was
-wissen denn die Männer, wie es nach alledem im Gemüt
-einer jungen Frau aussieht? Wie ihr der Mann
-damit zu einem Objekt steter Angst, seine Zärtlichkeit
-zum Grauen, sein Verlangen zur verderblichen Gefahr
-wird, wie die innigste Liebe hinstirbt in dieser beständigen
-entsetzlichen Furcht vor Wiederholungen des Schrecklichen!
-Erst neulich hatte Wanda ihr gestanden,
-daß das Schönste an diesen fünf Wochen im Gebirge
-die Befreitheit von der Angst vor neuer Mutterschaft
-sei, und wie sie am liebsten alles vergessen möchte, was
-hinter ihr läge, alles, sogar daß sie überhaupt einen
-Mann habe.</p>
-
-<p>»Das hat Zeit!« Madame Gernoth seufzte. Seufzte
-über Frauenlos und »Eheglück« und in noch irgend
-einer Bangigkeit, deren Grund ihr nicht gleich bewußt
-war. Ja so: diese Verse, die die junge Frau in heller
-Begeisterung gedichtet und ihr mitgeteilt hatte, Verse
-von so sprudelnder Lebensempfindung, von einem so
-jauchzenden Hochgefühl, daß siegender Verstand nur
-mit Wehmut des Prozesses denken konnte, der alles das
-wieder zerstören würde. Es nützte Frau Florentine
-gar nichts, daß sie sie als Ausfluß einer »verrückten
-Laune« abzuthun suchte, sie blieben der Ausdruck einer
-starken, lodernden Empfindung, die in ihrer schrankenlosen
-<a class="pagenum" id="page_011" title="11"> </a>
-Subjektivität die ganze Welt in sich hineinzieht. »Verse
-und Lieder? &ndash; weiß ich selber ohne Ende!« Ganz
-schön! und Wanda hatte sich mit ihnen über tausend
-Armseligkeiten und Kümmernisse hinweggeholfen &ndash; und
-doch schienen sie ihr ein gefährliches Mittel für die
-Frau eines Armendoktors, deren Hauptlebensaufgabe
-darin bestand, zu sparen und Kinder auf die Welt zu
-bringen. In allem Unharmonischen liegt eine Gefahr.
-Das hatten schon Frau Florentinens Vater und Großvater
-erkannt, als sie in ihr und ihrer Mutter denselben
-Hang zu Versen und Liedern mit eiserner Härte unterdrückten
-und alles Künstlerische verpönten, bis sie es
-hassen gelernt, wenigstens die persönliche Beschäftigung
-damit; und das hatte <em class="ge">sie</em>, Florentine Gernoth, erkannt,
-als sie ihre Tochter in diesem Sinne erzogen. Denn
-dergleichen läßt sich unterdrücken, das wußte sie &ndash; und
-wußte nur nicht, daß, wo der Hang die Stärke der
-Leidenschaft hat, er ununterdrückbar bleibt &ndash; und sollte
-späterhin auch in dem kleinen Mädchen, ihrer Enkelin,
-vernichtet werden! Und obgleich sich die ernste Frau
-dunkel der Inkonsequenz bewußt war, die diese Absicht
-und ihre Freude an der frühzeitig sich offenbarenden
-Begabung des Kindes bedeutete, beging sie sie doch in
-einem Erziehungsfanatismus, der seine Befriedigung
-darin findet, die Natur grade da zu verkrüppeln, wo
-<a class="pagenum" id="page_012" title="12"> </a>
-sie am stärksten ist, und die eben damals in der
-Mädchenerziehung am nachdrücklichsten das Ideal von
-Weiblichkeit zu erreichen suchte, das die Kultur entwickelt
-hatte: die aller Persönlichkeit bare, in den engsten
-Horizont eingeschränkte, mit ihren Händen arbeitende
-Wirtschafterin.</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Welt, du bist ein Abbild nur</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Meiner Liebesfülle.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>»Hm.«</p>
-
-<p>Neben ihr wurde es unruhig.</p>
-
-<p>»Alle Steinchen heruntergefallen, alle Steinchen?«
-sagte sie mechanisch zu dem Kinde, das zu weinen angefangen,
-und bückte sich, die Kiesel, mit denen es gespielt,
-wieder aufzuheben. Dann nahm sie die Kleine
-auf den Schoß und bemühte sich, die Wolken von der
-eigenen Stirn zu verscheuchen, um das Kind aufzuheitern.</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Das ist der Daumen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl"><em class="ge">Der</em> schüttelt die Pflaumen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der hebt sie auf,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Der trägt sie nach Hause,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und der Kleine &ndash; ißt sie alle alleine auf!«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Da lachten sie beide, das Kind herzlich und ausgelassen,
-die Großmutter mühsam und mit verhaltenen
-Seufzern in der Brust.</p>
-
-<p>Die Kapelle hatte inzwischen »Denkst du daran,
-mein tapferer Lagienka« exekutiert und setzte jetzt nach
-einer Pause mit einer Polka ein. Auf dem Kurplatze
-<a class="pagenum" id="page_013" title="13"> </a>
-wogte eine bunte Menge hin und her in der uns heut so
-wunderlich steif und geschmacklos erscheinenden Tracht
-der Zeit: den weiten, gesteiften Kleidern, den dreizipfeligen
-Tüchern, ungefälligen Mantillen und korbartigen Backenhüten
-der Frauen und den engtailligen, breitaufgeschlagenen
-Röcken, Vatermördern und bunten Westen
-der Männer, einer Tracht, die an Geschmacklosigkeit und
-Stillosigkeit nur von der der Möbel und Geräte erreicht
-wurde, mit denen man sich umgab; und in der
-man sich dennoch gefiel, sich haßte und liebte, würdig
-und sogar flott erschien und der übrigens ein fremdnationales
-Element half, einen gewissen sentimental
-interessanten oder sogar pikanten Anstrich zu geben.</p>
-
-<p>Die Welt stand nämlich damals politisch nicht ausschließlich
-unter dem Zeichen der Revolutionen zu Gunsten
-eines zu erringenden Konstitutionalismus, es war zugleich
-die Zeit der politischen Insurrektionen. Und
-Europa, obschon kein Staat die Hände rührte, diesem
-in seiner politischen Sünden Maienblüte getroffenen
-Volke zu neuer Selbständigkeit zu helfen, zerfloß in
-romantischem Mitgefühl mit ihm. Es war die Zeit,
-da die Blätter teils mit Wollust, teils mit Entrüstung
-ihre Spalten füllten mit Berichten über die Heldenthaten
-der Sensenmänner Galiziens, über die Umtriebe
-Mieroslawskis, und über die grausame Barbarei, der
-<a class="pagenum" id="page_014" title="14"> </a>
-die edlen Söhne der sarmatischen Ebene in Rußland
-erlagen, da kaum ein Pinsel, kaum eine Feder war,
-die, sich lieber der Vergangenheit zukehrend, wo die
-Gegenwart so ungewiß war, nicht etwas zur Verherrlichung
-Poniatowskis oder des Todesrufes Kosciuszkos
-leisteten. Die Zeit, da polnische Flüchtlinge der Welt
-den Zauber der pelzverbrämten Schnürröcke, der Kassawaikas
-und Konföderatkas übermittelten, die alten einheimischen
-Tänze von feurig-schwermütigen Polkas, Mazurkas
-und Krakowiaks verdrängt wurden, und die
-Romanhelden auf Kasimir und Ludmilla hörten.</p>
-
-<p>In der Badegesellschaft zu Salzbrunn machte sich
-dieses interessante Element ebenfalls geltend. Es gab
-echte Polen dort, aus deren düstern Mienen der ganze
-Schmerz der vernichteten Nationalität sprach, Polinnen
-in Nationaltrauer: schwarzen Kleidern mit schmalen
-weißen Streifen am Saum und mit dem Ausdruck wehmütigen
-Selbstgefühls, das das allgemeine Unglück
-ihnen verlieh. Und daneben gab es dieses Modepolentum,
-die melancholischen Schnurrbärte, die Pekeschen
-und viereckig geschnittenen Mützchen:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Polkahöschen trägt der Kleine,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Polkajäckchen die Mama,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Polkamütze, Polkalocken,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Polkaröckchen der Papa,«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">heißt es auf einem Bilderbogen der Vierziger Jahre.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_015" title="15"> </a>
-Kurz das Polnische war die Mode, und zwar war es
-eine gefühlvolle Mode. Wie hätte sie nicht besonders
-eine der Frauen sein sollen, denen jene Zeit das »schöne
-Gefühl« neben der Wirtschaftlichkeit als Domäne zuerkannte.</p>
-
-<p>Madame Gernoth teilte es nicht, sie war nicht sentimental,
-trotz ihrer Zeit. Als die Polka noch schmetternd
-den Platz erfüllte, stand sie auf und zog die Kleine fort.
-»Diese polnischen Hopser! Ob sie nichts Vernünftiges
-mehr können.«</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_016" title="16"> </a>
-Zweites Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>E</b>s war halb Acht und die deklamatorisch-musikalische
-Abendunterhaltung sollte ihren Anfang
-nehmen.</p>
-
-<p>Der Gasthofsaal, mäßig erleuchtet, roch nach frischgewaschenem
-Holze, war aber gut besetzt von einer Gesellschaft,
-die man als gemischte, indes nicht im üblen
-Sinne des Wortes, bezeichnen konnte.</p>
-
-<p>Man saß an den Wänden herum oder stand in
-Gruppen in den Winkeln, trank Vanillethee mit Sahne
-und sprach vom Wetter, von der Weltlage und von
-einem neuen Pariser Westenschnitt. An einem Ende des
-himmelblau getünchten Saales stand ein engbrüstiges,
-merkwürdig eckiges Fortepiano, dessen Klaviatur schwarze
-Unter- und weiße Obertasten hatte, ein Geigenpult und
-ein kleiner Tisch mit silbernen Armleuchtern und einem
-Glase Wasser. Von der Decke herab hing ein steifer
-Kronleuchter mit schiefstehenden Lichtern, in den Ecken
-<a class="pagenum" id="page_017" title="17"> </a>
-markierten ein paar magere Epheulauben lauschige
-Plätzchen.</p>
-
-<p>Die Toiletten der Damen waren einfach, doch sah
-man zwischen philiströsen Spitzenhauben und Barben ein
-paar extravagante Haartrachten, zwischen bescheidenen, recht
-bescheidenen Festgewändern, die Jahrzehnte hindurch ihren
-beinahe sakramentalen Charakter als »gute Kleider« in
-unabgeänderter Form behielten, einiges nach neuen Pariser
-Blättern. Die Haltung &ndash; nicht nur der Frauen
-&ndash; war ein wenig geziert: die »schöne Empfindung,«
-das »gebildete Gefühl« beherrschte die Zeit und
-drückte sich in den Mienen auch der Männer aus.
-Aber zwischen den wohl Toupierten und Steifbevatermörderten,
-Bartlosen unter ihnen sah man ein Paar mit
-wildem Haarwuchs, ungestärkter Wäsche und großen
-Bärten, welche Demokraten sein mochten.</p>
-
-<p>Als die Registratorin mit ihren nicht mehr ganz
-jungen und niemals hübsch gewesenen Töchtern und der
-schönen jungen Doktorin eintrat, war der Saal fast gefüllt
-und hundert neidische oder entzückte Blicke richteten
-sich auf Wanda Rhode, die in dem Bewußtsein ihrer
-siegreichen Erscheinung und in der Erwartung des Verheißenen
-trotz ihrer einfachen Kleidung reizend aussah.</p>
-
-<p>Zuerst trat Holtei auf, der schlesischeste Dichter, den
-Schlesien gehabt, eine schöne, stattliche Erscheinung, groß,
-<a class="pagenum" id="page_018" title="18"> </a>
-mit langherabwallendem Haar, das Prototyp des leichtverbummelten
-Genies und edelmännischen Wanderkünstlers;
-ganz und gar von jener leichtbeweglichen, etwas
-eiteln Art, die mit einer Beimischung von Rührseligkeit
-und bewußter Gemütlichkeit den Schlesier alten Schlages
-charakterisiert.</p>
-
-<p>Er las ein paar Scenen aus »Lorbeerbaum und
-Bettelstab« mit der ihm zu Gebote stehenden Vortragskunst,
-die ihm immer Erfolg sicherte und auch
-hier rauschenden Beifall eintrug, den der gefeierte
-Mann mit einer Handbewegung entgegennahm, wie
-eine gutgelaunte Majestät die Ovationen eines Volkshaufens.</p>
-
-<p>Dann trat ein Geiger auf &ndash; man flüsterte sich einen
-zungenbrechenden Namen zu &ndash; und trug Variationen
-über ungarische und polnische Volkslieder vor, und er
-spielte sie mit der Schwermut, der Innigkeit und der
-Raserei, mit denen diese Stücke zur Geltung gebracht
-werden mußten. Man applaudierte ihm entzückt,
-nannte ihn unter sich einen Meister ersten Ranges und
-behauptete, daß er mit Chopin befreundet sei.</p>
-
-<p>Dann wurde es hinter dem Fortepiano lebendig.
-Man konnte nicht gleich sehen, was oder wer sich da zu
-Kunstproduktionen heranließ, schließlich verständigte man
-einander doch: ein kleiner, verwachsener Jude schicke sich
-<a class="pagenum" id="page_019" title="19"> </a>
-an, das Instrument zu bearbeiten. Und da erklangen
-auch schon die ersten Accorde der Cismollsonate, die er
-mit Meisterschaft den Saiten mit dem kurzen, spitzen
-Klange entriß.</p>
-
-<p>Man war ergriffen, begeistert, entzückt. Der Pianist
-dankte und teilte den geehrten Anwesenden mit, daß
-Herr Witold von Kreowski einige von ihm gedichtete und
-komponierte Lieder vortragen werde. Worauf ein junger
-Mann in Sammetpekesche und mit dunklem, leichtgelocktem
-Haar zögernd hervortrat, etwas Weißes, das
-er in Händen hielt, langsam entrollend.</p>
-
-<p>Gleich darnach begann der Gesang:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Ich weiß nicht, ist es Unrecht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich weiß nicht, ist es Schuld,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist es mir Fluch des Schicksals,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist's neuen Glückes Huld.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich frage nicht, liebst Du mich,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bin ich Dir auch nur wert,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Noch hab ich Deiner Liebe</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Verlangend je begehrt.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich breite meine Arme</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Zum Himmel jubelnd laut,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie wunschlos man zur Sonne,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wunschlos und jubelnd schaut.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du bist &ndash; und Glanz und Wonne</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Umfluten strömend mich,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich habe Dich gefunden.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und jauchzend lieb ich Dich.«</td></tr>
-</table>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_020" title="20"> </a>
-Wanda Rhode wagte nicht aufzusehn, sie wagte
-kaum zu atmen, es war ein Lied, das sie besser kannte
-als tausend andere, und doch erschien es ihr in dem
-Vortrage seines Verfassers und Komponisten, frei herausgesungen
-vor allen diesen fremden Ohren, ein neues,
-von ihr abgelöstes, das auf sie keine Beziehung mehr
-hatte. Und dann schon im nächsten Augenblick wie ein
-nur ihr dargebrachter, unter dem Deckmantel der Öffentlichkeit
-ganz allein an sie gerichteter Gruß, wie die stärkste
-Huldigung, die sie je erfahren. Und eine Verwirrung
-nahm sie gefangen, die etwas von den glühenden Nebeln
-hatte, die dem Dunkel eines Waldbodens entsteigen,
-während purpurne Strahlen der Abendsonne sie durchdringen,
-etwas von einem Zwange, in zu heißer Luft
-zu atmen oder in ein zu helles Licht sehen zu müssen.
-Die Registratorin stieß sie mit dem Ellbogen an: »Nein,
-daß Ihre Frau Mutter das nicht hört!« und ihre
-Töchter seufzten: »himmlisch« und »reizend«.</p>
-
-<p>Indessen präludierte der kleine Musiker schon etwas
-Neues und Herr Witold von Kreowski entfaltete ein
-anderes Notenblatt. Gäbe der Himmel, daß er sich
-jetzt mit einer Ballade oder einer Ode an den Frühling
-aus der Affäre zog! Aber der Sänger erfüllte diesen Wunsch
-nicht. Er schien nichts als die indiskrete Sucht aller
-Dichter zu haben, der Welt seine Gefühle mitzuteilen.</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Und wär's nur Berg und Strom und Thal,
- <a class="pagenum" id="page_021" title="21"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die uns trennen so weit, so weit,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wir grüßten uns Tages wohl tausendmal,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und die Trennung wär' Seligkeit.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach! was uns trennt, ist eine Kluft,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Tiefer noch als das Meer,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und leise nur manchmal trägt die Luft</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ein Grüßen hin und her.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Doch weiter und tiefer, als Strom und Thal,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und das Meer zwischen Dir und mir,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und größer als aller Sehnsucht Qual</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist meine Liebe zu Dir.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Er schwieg und das Publikum schwieg auch, lautlos
-verharrend in dieser Erschütterung der Empfindung,
-die der höchste Beifall ist. Bis es dann doch rauschend
-losbrach, stürmisch, Wiederholung verlangend.</p>
-
-<p>Wanda Rhode hatte jetzt den Kopf erhoben und
-ließ ihre Blicke über die Versammlung schweifen. Und
-sie sah den Schmelz in den schwimmenden Augen der
-Mädchen, die elegische Wehmut auf den zuckenden
-Lippen der Frauen, den tiefen Ernst, die sinnende Trauer
-in den Zügen der Männer, die Demut, mit der sich
-selbst Greise dem Ausdruck der stärksten Empfindung
-beugten; und die siegende Allmacht der Liebe, die sich in
-jedem schwingenden Nerv, in jedem leise gehauchten Seufzer
-und in diesem plötzlich ausbrechenden Dankessturm
-für den Sänger aussprach, wurde zum Triumphe für
-<a class="pagenum" id="page_022" title="22"> </a>
-sie, der sie auf einen Thron erhob, vor dem sich jedes
-Haupt beugte, ohne zu wissen, daß er mitten unter
-ihnen stand. Jetzt war sie nicht mehr befangen: wer
-herrscht, weiß auch die Stirn hoch zu tragen.</p>
-
-<p>»Ach Frau Doktorn, wie entzückend!« seufzte die
-gute Frau, die sie chaperonnierte. »Aber es scheint, der
-arme Mensch hat eine unglückliche Liebe.«</p>
-
-<p>»Herr Joachimsthal spielt noch einmal,« flüsterte
-Registrators Bertha. »Was mag es für ein Stück sein?«</p>
-
-<p>»Es ist der Türkische Marsch von Beethoven.«</p>
-
-<p>»Konnte der Beethoven türkisch? Diese Leute müssen
-doch zuviel wissen!«</p>
-
-<p>»Das geht schön, sehr schön, Frau Doktorn.«</p>
-
-<p>Wanda lächelte. Sie vernahm nur einen unbestimmten
-Lärm vom Klavier her &ndash; deutlich hörte sie nur eins
-und immer wieder nur eins:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Und größer als aller Sehnsucht Qual</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist meine Liebe zu Dir.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Alles um sie her schwamm in Licht, Tönen und
-Versen, berauschte sie mit seligem Gluthauch und ließ
-sie alles vergessen: Vergangenheit, Zukunft und die
-eigene Gebundenheit und gab ihr ein grenzenloses, alles
-aufhebendes, unbeschreibliches Gefühl.</p>
-
-<p>Nachdem diese Nummer und noch einige ferneren
-Deklamationen, Cello- und Flügelstücke beklatscht worden
-<a class="pagenum" id="page_023" title="23"> </a>
-waren, &ndash; sich verschiedene Herren in der Gegend des
-Flügels die Hände geschüttelt und bekomplimentiert
-hatten, das Badepublikum sich genügend versicherte, daß
-es so gelungene Vorträge bisher nicht gehabt hätte,
-die »Marköre« in kurzen Jacken frischen Vanillethee
-und Mandelplätzchen ausgeboten, kamen einige »Orschester«-Mitglieder
-mit Flöte, Brummbaß und Violine und ließen
-sich, nachdem sie gründlich gestimmt, zu einer Polonaise
-herbei, einem Tanze, dessen Verbreitung wohl ebenfalls
-in irgend einer Weise mit den Teilungen Polens zusammenhängen
-mochte.</p>
-
-<p>Wanda Rhode zuckte es in allen Gliedern vor
-Spannung, was die nächsten Augenblicke bringen
-würden.</p>
-
-<p>Kreowski hatte sie noch nicht gesehen. Wenn
-es geschehe, würde er an sie herankommen? Und was
-würde er dann sagen? &ndash; In dem Gasthofsaale mit
-dem Geruch nach frischgewaschenem Holze, tropfendem
-Wachse und Patschouli &ndash; damals noch ein vornehmes
-Parfüm &ndash; schwebte etwas wie eine Schicksalsfrage.</p>
-
-<p>Zunächst sollte sie nicht gelöst werden. Mit vielen
-Bücklingen näherte sich Wanda der Badevorstand, von
-einem Schwarme jüngerer Herren begleitet, die vorgestellt
-sein wollten. »Hier Herr Müller, Herr Brand,
-<a class="pagenum" id="page_024" title="24"> </a>
-Herr von Makowski, Herr Supphahn und Herr Hielscher,
-die sämtlich die Polonaise mit Ihnen tanzen wollen,
-mein schönes Fräulein.«</p>
-
-<p>»Bin weder Fräulein, weder schön, kann nur mit
-einem zum Tanze gehn.«</p>
-
-<p>»Alles in der Welt können Sie behaupten, selbst
-das erste und das dritte &ndash; aber das zweite nicht,«
-sagte der Vorstand. »Aber bitte sich zu entscheiden.
-Wenn ich nicht weißes Haar hätte, so würde ich bitten,
-die Polonaise mit mir anzuführen &ndash; wie, meine schöne
-Frau, Sie wollen mir die Ehre geben?« Und die
-Herren Müller bis Hielscher, die bisher einige
-hungrige Komplimente gemacht hatten, zogen sich sachte
-zurück.</p>
-
-<p>»Den nächsten Tanz, meine Herren,« sagte sie und
-schob ihren Arm in den des alten Galans. Und nun
-konnte sich wirklich keiner beklagen.</p>
-
-<p>»Sie ist bezaubernd,« sagte einer der jungen Herren,
-»sie hat meergrüne Augen und die Gestalt einer Hebe
-und in ihrer Stimme ist Musik.«</p>
-
-<p>»Eine Frau? &ndash; ob der Mann hier ist?«</p>
-
-<p>»Ganz gleich, sie ist bezaubernd.«</p>
-
-<p>»Um so besser sogar,« &ndash; setzte Herr Supphahn
-hinzu, der französische Romane gelesen hatte und für
-das Pikante schwärmte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_025" title="25"> </a>
-Der beglückte Vorstand führte den Tanz indessen
-mit Wanda an und machte seiner reizenden Partnerin
-in halb väterlicher Weise bestens den Hof. Er merkte
-nichts von der fieberigen Glut der Erwartung, die sie
-bewegte.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Hand um Hand wechselte. Jetzt hatte sie einen
-jungen Baron, dann einen geschniegelten Kaufmannsdiener,
-jetzt einen Studenten, dann einen Badearzt,
-dann einen polnischen Flüchtling, einen Freiwilligen von
-den Jägern, den kleinen verwachsenen Herrn Joachimsthal
-und einen Kandidaten der Theologie und endlich legte sich
-ihre Linke in die Hand des Mannes, dessen Liebe weiter
-und tiefer war als das Meer und größer noch, als die
-Qual seiner Sehnsucht.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_026" title="26"> </a>
-Drittes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>W</b>itold von Kreowski erbleichte, als er sie erkannte,
-starrte sie ein paar Augenblicke mit
-ringendem Atem an und sagte endlich heiser:
-»Ein ebenso großes als unerwartetes Glück.« Er sprach
-völlig accentfrei.</p>
-
-<p>»Ein freundlicher Zufall.«</p>
-
-<p>»Und ebenso unerwartet als schmerzlich.« Damit
-reichte er die Hand der vorhergehenden Dame.</p>
-
-<p>Sie wußte nun, was ihr freilich ohnehin nicht
-zweifelhaft gewesen, daß auch das zweite Lied ihr gegolten.
-Und während er jetzt vor ihr promenierte, bemerkte
-sie, daß er etwas breitschultriger geworden war,
-daß er einen sehr schönen Nacken hatte und daß in
-einem schönen Nacken etwas seltsam Verführerisches
-liegen könne. Und es kam ihr vor, als ob die Unruhe,
-die er ihr erregte, dieselbe sei, die sie vor vier Jahren
-empfunden und als ob er nie aufgehört habe, sie zu
-belästigen, obgleich das ganz gewiß nicht wahr war.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_027" title="27"> </a>
-Der nächste Tanz war eine Polka und er engagierte
-sie sofort. Sie sprachen nicht, sie tanzten schweigend,
-aber die Erregung, die in ihren Adern brannte, teilte
-sich ihren Bewegungen mit. Man tanzte diese polnischen
-Tänze damals noch nicht verdeutscht oder verwälscht,
-man exekutierte sie noch, mit einigen Vorbehalten im
-Takt, mit einer gewissen schwermütigen Glut und nach
-den häufig sich in Moll bewegenden echten Melodien.
-Die Tänzer stemmten noch die rechte Hand ihrer Dame
-in die linke Hüfte, warfen den Kopf nach hinten und
-preßten ihre Partnerin fest an die Brust. Es war
-noch etwas Feuriges und Hinreißendes in der Art, diese
-Nationaltänze auszuführen. Es befanden sich außer
-Witold von Kreowski noch einige echte Schlachzizensöhne
-unter den Anwesenden, solche, die das Deutsche nur
-hart und gebrochen sprachen &ndash; er tanzte trotz ihrer
-mit der Verve und der Anmut eines Królewicz.</p>
-
-<p>Dann folgte ein Walzer. Ein kunstsinniger Musikant
-hatte »Wir winden dir den Jungfernkranz« aus dem
-Vierviertel- in einen langsamen Dreivierteltakt übertragen,
-der ungeheuren Beliebtheit dieses Stückes grausam
-Rechnung tragend, und darnach schleifte die Gesellschaft
-gefühlsselig; es war eine Art zu walzen, bei
-der man Geibel, Lenau und die Romantiker tanzte und
-die wackeligsten Jubelgreise noch mitthun konnten in
-<a class="pagenum" id="page_028" title="28"> </a>
-sanften Erinnerungen an ihre friedlichen Eroberungen
-während der Freiheitskriege.</p>
-
-<p>Es wurde nicht fest engagiert. Wanda Rhode tanzte
-mit allen, auch eine Tour mit Kreowski. Ohne mit
-ihm zu sprechen.</p>
-
-<p>Ehe die Musikanten mit einem Krakowiak einsetzten,
-kam die Registratorin, der die Thränen vor Freude
-in die Augen traten, wenn eine ihrer Töchter einmal
-geholt wurde, an die junge Frau heran und bat sie,
-sich zurecht zu machen, da sie in ein paar Minuten
-gehen müßten.</p>
-
-<p>Sie habe sich verpflichtet, Wanda um elf Uhr gesund
-an Madame Gernoth abzuliefern.</p>
-
-<p>»Und ich soll <em class="ge">Ihnen</em> halten, was ich meiner Mutter
-versprochen habe?« fragte Wanda Rhode lachend.</p>
-
-<p>»Aber das versteht sich doch, liebe Frau Doktorn.«</p>
-
-<p>»Kennen Sie nicht das Gedicht von der schönen
-Bianca, die über den See zum Tanze fuhr und, als
-ein Gewitter heraufzog und die Wellen das Schiff zu
-verschlingen drohten, bei der Sonne schwur, keinen
-Fuß zu rühren, wenn sie nur glücklich das Land erreiche?«</p>
-
-<p>»Nein, das kenne ich nicht.«</p>
-
-<p>»Nun, hören Sie nur: als sie nun drüben war,
-zuckte es ihr zwar in allen Gliedern, aber sie hielt sich
-<a class="pagenum" id="page_029" title="29"> </a>
-tapfer. Nur wie der Mond heraufstieg, die Musik
-immer berauschender wurde, die Lust immer lauter,
-da konnte sie nicht länger widerstehen und tanzte, und
-tanzte&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Aber hier ist doch kein Gewitter und kein See,
-liebe Frau Doktorn!«</p>
-
-<p>»Hören Sie nur: tanzte, bis der besorgte Fährmann
-herankam und sie mahnte:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Bianca, Bianca, was hast Du gethan,&emsp;&emsp;&emsp;&emsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Du hast dein Wort ja gebrochen.</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">Worauf die Schöne lachend rief:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Ach, die Sonne ist jetzt in Amerika</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und dem Mond hab ich gar nichts versprochen.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Nun, sehn Sie, Frau Registrator, meine Mutter
-ist die Sonne, und Sie der Mond, und wahrhaftig!
-ich will um kein Haar besser sein als die kluge Bianca!
-&ndash; Fräulein Bertha und Fräulein Malchen, erlauben
-Sie, daß ich Ihnen diese Herren vorstelle?«</p>
-
-<p>Da fand sich denn der Mond in seine zuwartende
-Rolle.</p>
-
-<p>»Ich freue mich, Sie so heiter zu sehn,« sagte jetzt
-der Pole, dessen Augen inzwischen einen ganzen Band
-Verse geredet hatten, die sie mit dem Epigramm eines
-kurzen Blickes beantwortete, indem er wieder in die
-Reihe mit ihr trat.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_030" title="30"> </a>
-»Haben Sie vermutet, eine Unglückliche wiederzufinden?«</p>
-
-<p>»Durchaus nicht. Um so weniger, als Sie überhaupt
-hier zu finden außerhalb meiner Vermutungen
-stand. Und warum sollten Sie unglücklich sein?«</p>
-
-<p>»Gewiß, warum sollte ich es sein? Ich bin sogar
-sehr froh: ich war krank und bin wieder gesund, ich
-lebte öde und eingeengt und lebe befreit und heiter und
-&ndash; ich finde zum Überfluß einen guten Freund wieder,
-mit dem ich manche vergnügte Stunde verlebt.«</p>
-
-<p>»Sehr gütig, das der Summe Ihres Glückes zuzuzählen.
-Ich bin nicht so unbescheiden, diese Wendung
-ernst zu nehmen.«</p>
-
-<p>»Sie leben nicht mehr in Breslau?« fragte sie, als
-sie wieder anhielten.</p>
-
-<p>»Ich halte mich bei Verwandten auf dem Lande
-auf. Aber ich stehe in Verhandlung mit dem Direktor
-des Breslauer Stadttheaters und darf mir einige Hoffnung
-auf die Stellung eines Korrepetitors an der dortigen
-Oper machen. Ich habe einige Sachen von Herrn
-von Holtei in Musik gesetzt, und er hat die Güte gehabt,
-mich zu empfehlen. Ich würde das Glück haben, wieder
-dieselbe Luft mit Ihnen atmen zu dürfen und Sie würden
-mir vielleicht gestatten, Sie manchmal zu sehen.«
-In seinen Augen und in seiner Stimme war das
-<a class="pagenum" id="page_031" title="31"> </a>
-Dringende, Werbende und dabei Verzweifelte einer aussichtslosen
-und unauslöschlichen Leidenschaft.</p>
-
-<p>»Noch sind Sie nicht in Breslau,« sagte sie ruhig
-lächelnd, während ihre ganze Seele sich dieser Leidenschaft
-zukehrte und ihr Ohr mit Entzücken das Beben der
-Stimme neben ihr trank.</p>
-
-<p>»Nein, es ist noch unsicher, doch ich darf hoffen.
-Herr von Holtei forderte mich auf, hierher zu kommen,
-um mich persönlich kennen zu lernen und um mich zur
-Mitwirkung heut Abend heranzuziehen.«</p>
-
-<p>»Sie kamen erst heut hier an?«</p>
-
-<p>»Heut Mittag. Ach! und kam so leichten Herzens!
-so leichten, als ich überhaupt zu haben vermag, und
-ohne Ahnung&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mich hier zu finden. Sie wollten mich nicht
-wiedersehen?«</p>
-
-<p>»Nein,« sagte er dumpf.</p>
-
-<p>Sie tändelte mit dem Fächer &ndash; in diesem Tone
-ging es nicht weiter, so ernsthaft durfte er nicht werden;
-mochte ihm zumute sein, wie ihm wollte, man mußte
-die heiteren Mäntelchen behalten. Sie lachte also und
-antwortete schalkhaft: »Und müssen nun ehrenhalber die
-herzhaftesten Fluchtgedanken heldenmütig im Blute der
-Höflichkeit ersticken. Aber ich bin nicht unmenschlich und
-gebe Sie frei. Sehen Sie mal diese etwas zu dick geratene
-<a class="pagenum" id="page_032" title="32"> </a>
-Friederike von Sesenheim aus der Guhrauer Gegend,
-die mit den verwelkten Kornblumen am Herzen, sie sitzt,
-scheint es, den ganzen Abend! Reizt Sie diese&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Quälen Sie mich doch nicht. Wenn <em class="ge">Sie</em> scherzen
-und spotten können, ich kann es nicht.«</p>
-
-<p>Sie suchte nach einem andern Thema.</p>
-
-<p>»Haben Sie außer Liedern noch etwas komponiert?
-Wie steht es mit der Oper, die Sie damals schreiben
-wollten?«</p>
-
-<p>»Sie erinnern sich dieses Planes?«</p>
-
-<p>»O, sehr gut, besonders <em class="ge">eines</em> Motives. Warten
-Sie mal, ich muß es noch wissen.« Und sie summte,
-mit dem Kopfe den Rhythmus angebend, die Melodie.</p>
-
-<p>»Ich bin entzückt, daß Sie das behalten haben.«</p>
-
-<p>»Es hat mir gut gefallen, und so hab' ich es manchmal
-auf dem Klavier gespielt und ein bißchen Baß dazu
-gesucht.«</p>
-
-<p>»Wirklich?«</p>
-
-<p>»Wirklich! In der Einsamkeit der Dämmer- und
-Abendstunden, in diesen Stimmungen der Sehnsucht
-und &ndash; nun ja, phantasiere ich gern auf dem Flügel,
-so gut oder so schlecht ich's kann.«</p>
-
-<p>»In der Einsamkeit? Sind Sie denn manchmal
-einsam? Kann man Sie denn bisweilen allein lassen?
-Sie verzeihen.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_033" title="33"> </a>
-»Aber das ist doch nicht anders. Die Kranken und
-dann die Politik&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und dann haben Sie meine Melodien gespielt und
-haben manchmal ein klein wenig an mich gedacht?«</p>
-
-<p>»Warum nicht? Denkt man der Melodien, denkt
-man wohl auch des Komponisten. Was ist da weiter?«</p>
-
-<p>»Freilich, was ist da weiter! Und die &rsaquo;Sehnsucht&lsaquo; ist
-die nach dem vermißten Gatten? Natürlich. Ist Ihr
-Herr Gemahl auch hier? &ndash; ich meine in Salzbrunn.«</p>
-
-<p>»Nein.«</p>
-
-<p>Ein knappes »Nein,« in das nichts von Bedauern
-oder Sehnsucht hineinklang, aber auch nichts Feindseliges,
-und auf das sie eine Weile schwiegen, um,
-endlich die Unterhaltung wieder aufnehmend, über das
-Badeleben, das Wetter, die Menschen zu plaudern,
-banales Zeug, dem Wanda doch beständig einen Reiz
-zu geben wußte durch gut herangezogene Citate, drollige
-Spöttereien und kleine Sentimentalitäten. Dadurch
-kamen sie nun doch in jene behagliche Stimmung, mit
-der man etwa an heiterem Sonnentage in kleinem Boote
-ein tändelndes, blaues Meer befährt, dessen Leidenschaft
-Windstille gebändigt hält.</p>
-
-<p>Ganz unvermittelt &ndash; die Musik hatte inzwischen
-eingesetzt und sie waren zum »Contre« angetreten &ndash;
-sagte er dann:</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_034" title="34"> </a>
-»Sie haben es nicht etwa für eine Entweihung
-meiner Gefühle genommen, daß ich jenes Lied &ndash; ich
-meine jetzt das andere, das Sie schon kannten, öffentlich
-mitzuteilen wagte?«</p>
-
-<p>»&rsaquo;Mitteilung ist das Wesen des Dichters,&lsaquo; sagt Goethe.«</p>
-
-<p>»So, sagt er das? Und Sie, so jung, verstehen es?«</p>
-
-<p>»Ich denke.«</p>
-
-<p>»Sie begreifen also, daß der Künstler nichts entweiht,
-auch wenn er alles preisgiebt, daß die Form, in
-der er es thut, wenn sie sonst eine gelungene ist, ihm
-das Recht giebt, alles zu gestehen, weil er sich damit
-zum Interpreten der Gefühle aller macht, ihrer tiefsten
-und reinsten Gefühle, alles ihres Ringens und Sehnens?«</p>
-
-<p>»Warum sollte ich das nicht begreifen?«</p>
-
-<p>»Gewiß. Und es macht mich sehr glücklich, daß es
-so ist.«</p>
-
-<p>»Nur ist mir die Richtigkeit Ihrer Auffassung
-zweifelhaft: denken und dichten die Poeten nicht am
-Ende über diese Philister- und Werktagsseelen hinweg,
-wie die Lerchen und Nachtigallen über die Köpfe der
-Sperlinge und Finken hinweg ihre Lieder singen? Und
-ergreift der Künstler diese Seelen vielleicht nur, indem
-er ihnen die Ahnung beibringt, daß es andere giebt,
-die unendlich viel stärker empfinden und persönlicher
-denken als sie? Und was sie ergreift, ist vielmehr Schauer
-<a class="pagenum" id="page_035" title="35"> </a>
-des Mitgefühls mit dem größerem Maß von Leiden,
-das ein Künstler ertragen muß?«</p>
-
-<p>»Wohl möglich, daß es so ist. Jedenfalls: wenn
-man den Künstler nach seiner Fähigkeit zu leiden schätzen
-dürfte, dann hätte ich den Vorzug, als ein großer
-Genius zu gelten.«</p>
-
-<p>»Sehen Sie, so finden die Unglücklichen immer einen
-Trost. Aber wie ist mir denn: pflegen Ihre Landsleute
-ihren Schmerz nicht zu vertanzen? Sind sie
-nicht eben darum Meister in dieser Kunst? Tanzen wir.
-Es ist eine Mazurka, nicht wahr?«</p>
-
-<p>»Gewiß.«</p>
-
-<p>Lächelnd legte er seinen Arm um sie, und gleich
-darnach verschlang der Wirbel des Reigens die Beiden.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_036" title="36"> </a>
-Viertes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>A</b>ls Madame Gernoth den Entschluß gefaßt,
-sich von ihrem Manne zu trennen, hatte
-sie es in dem Trotz und dem Selbstgefühl
-einer etwas eckigen, aber redlichen Natur gethan und aus
-einer Empfindungsweise heraus, der alles Kühne frech,
-alles Gewagte unsolid dünkt, und die keine Nachsicht
-kennt für die impulsiven, schnellen Eindrücken empfänglichen
-Gemüter, die auch einer Versuchung einmal unterliegen,
-ohne deshalb schlecht zu sein, die vorübergehend
-untreu sind, ohne es mit ihren besten Gefühlen zu
-werden. Und obgleich, als das Zerwürfnis einmal ausgebrochen,
-Gernoth sie zu versöhnen strebte, zog sie, unbeugsam
-wie sie war, vor, Not und Sorge auf sich zu
-nehmen, statt dort ein Wohlleben zu führen, wo sie ihr
-Gefühl täglich verletzt sah.</p>
-
-<p>Not und Sorge sollten jedenfalls nicht ausbleiben.
-Gereizt durch die Härte seiner Frau, brachte Gernoth
-<a class="pagenum" id="page_037" title="37"> </a>
-es fertig, sie und das Kind, das er ihr überließ, sehr
-ungünstig zu stellen und über einem neuen Verhältnisse
-rasch zu vergessen. Dagegen schien Frau Florentine
-viel Glück bei der Erziehung ihrer Tochter zu haben,
-die zwar schon frühe viel von dem übersprudelnden,
-leicht beweglichen Wesen des Vaters, aber auch andere
-Eigenschaften verriet, die die Mutter als Hebel ansetzte,
-um alles an väterlichem Erbteil in Wanda zu unterdrücken.
-Es war etwas von dem Fleiß und der Sparsamkeit
-der mütterlichen Linie in dem Mädchen, das sich
-sehr gut hierzu eignete und von Madame Gernoth beständig
-herangezogen wurde, um Wanda zu rastloser Thätigkeit
-anzuhalten und ihr die Notwendigkeit, einen Spargroschen
-für Fälle besonderer Not anzulegen, einzuprägen;
-eine Vorsichtsmaßregel, der die sorgliche Frau besondere
-Wichtigkeit beimaß, der Tochter sogar die bescheidenen
-Freuden, die der Jugend Bedürfnis sind, verkümmernd
-und &ndash; vielleicht nicht ganz weise &ndash; in die Freude an
-dem Wachsen ihres kleinen Schatzes verkehrend.</p>
-
-<p>Es schien inkonsequent zu sein, daß Madame Gernoth,
-als ihr unverhofft eine kleine Erbschaft zufiel, sich beeilte,
-diese dazu zu verwenden, ihre inzwischen herangewachsene
-Tochter gefällig zu kleiden und ihr eine Reihe von Vergnügungen
-zu bereiten. Dennoch glaubte sie so verfahren
-zu sollen. Hätte sie das Martyrium einer langen
-<a class="pagenum" id="page_038" title="38"> </a>
-unglücklichen Ehe hinter sich gehabt, so hätte sie vielleicht
-versucht, Wanda den Männern fernzuhalten. Aber
-sie hatte eine kurze Enttäuschung hinter sich, die
-sie selbst korrigiert hatte; sie hatte die Unbefriedigtheit
-und Schutzlosigkeit einer gattenlosen Existenz kennen
-gelernt und war so zu der Ansicht durchgedrungen, daß
-selbst eine nicht ganz glückliche Ehe noch immer besser
-sei als gar keine. Zudem war es noch die Zeit, in der
-die Unvermähltgebliebene unter der Bezeichnung »alte
-Jungfer« eine bemitleidete Erscheinung war, so daß
-Tausende heirateten, bloß um socialer Mißachtung zu
-entgehen. Endlich aber besaß Wanda eine Eigenschaft,
-die es geradezu unmöglich machte, sie der Aufmerksamkeit
-der Männer zu entziehen, und Frau Florentine vielmehr
-wünschen ließ, diese Aufmerksamkeit da zu erregen, wo
-sie ihr mütterliches Auge darüber wachen lassen konnte.</p>
-
-<p>Wanda war eine der Schönheiten, an denen alles
-packt, entzückt und hinreißt.</p>
-
-<p>In ihrem Wuchse, in ihrem schwebenden Gange lag
-allein etwas, das bezauberte, in ihrem Nacken, der
-Bildung und Haltung der Schultern etwas Verführerisches.
-Dazu kam ein flirrender Glanz in den
-Augen, etwas Kühnes, Eroberndes in dem Schnitt ihrer
-Nase und ein geheimnisvolles Zucken um die lebensvollen
-Lippen, das wechselnd die ganze Skala ihres
-<a class="pagenum" id="page_039" title="39"> </a>
-Wesens verriet und doch nie ganz verriet. Wie sie
-nun dabei mit blitzartiger Klugheit und einem Gedächtnis
-ausgestattet war, das alle Eindrücke und Vorkommnisse,
-jeden Vers, jede Melodie, jedes launige Wort
-festhielt und mit spielender Leichtigkeit an die Oberfläche
-warf, eroberte sie, was in ihren Gesichtskreis trat.</p>
-
-<p>Die Erfahrungen, die Frau Gernoth in dieser Beziehung
-machte, waren geradezu verblüffend. Sie hätte
-ohne alle mütterliche Eitelkeit sein müssen, wenn sie
-ihr nicht geschmeichelt hätten, aber wie dann Wanda zu
-denen gehörte, die Wirkung ausüben und erfahren
-müssen, um ganz sie selbst zu sein, dann aber auch unauslöschlich
-sie selbst sind, wurde Frau Florentine auch
-klar, daß ihre haushälterische Erziehung den Kern des
-Wesens ihrer Tochter unberührt gelassen hatte.</p>
-
-<p>Wanda berauschte sich an ihren Erfolgen. Die
-Natur hatte garnicht daran gedacht, Fischblut in ihre
-Adern zu gießen, mit dem Temperament ihres Vaters
-hatte sie sein leichtentzündliches Herz geerbt; und sie
-nahm diese Eigenschaft keineswegs übel: nur wer selbst
-die Unruhe, die Schmerzen und die Süßigkeiten der
-Liebe in vollem Maße kennen zu lernen veranlagt ist,
-ist fähig, die ungeheuren Triumphe zu genießen, die die
-Schönheit feiert.</p>
-
-<p>Wenn sie indessen davon träumte, ein Lebensglück
-<a class="pagenum" id="page_040" title="40"> </a>
-zu finden, das diesen Triumphen entspräche, so sollte
-ihr das Schicksal diesen Traum nicht erfüllen.</p>
-
-<p>Unter ihren Bewerbern befand sich ein junger Arzt,
-der eben seinen Doktor gemacht, den Kopf voller Ideale
-und die Brust voll ehrgeiziger Träume hatte. Was
-sein Äußeres anlangte, so konnte er sich, ohne unschön
-zu sein, mit Wanda Gernoth nicht vergleichen, geistig
-war er ihr durchaus ebenbürtig. Doktor Rhode war
-nicht ohne Witz und Humor, der Schwerpunkt seines
-Wesens indessen lag in einem starken wissenschaftlichen
-Hange und in der Tiefe seines Geistes, der sich zu dem
-ihren verhielt, etwa wie eine ruhige, starke Flut zu einem
-sprudelnden Sturzbach oder wie schweres Geschütz zu
-den knatternden Gewehrsalven einer leicht beweglichen
-Truppe.</p>
-
-<p>Aber das war doch nicht der Hauptunterschied in
-der geistigen Signatur dieser beiden hochbegabten
-jungen Menschenkinder: in dem Doktor war die stärkste
-Objektivität der Interessen, in Wanda war alles subjektiv.
-Was immer in den Bannkreis ihrer Sinne und
-Begriffe trat, hatte Wert für sie, nur soweit es sich zu
-ihr in irgend eine Beziehung setzen ließ, und nur weil
-ihre eigene Natur außergewöhnlich reich war, war auch
-der Kreis ihrer Interessen groß. Auf diese Weise
-täuschte sie gewissermaßen über sich.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_041" title="41"> </a>
-Der Doktor liebte sie mit einer Leidenschaft, die
-einem Manne etwas seiner Natur fremdes zu verleihen
-vermag. Ihm gab sie einen Hauch von Poesie, etwas
-Glänzendes und Erfinderisches, das sonst nicht in seiner
-Richtung lag.</p>
-
-<p>Wanda zögerte trotzdem sehr lange, bis sie ihm Gehör
-schenkte. Sie fühlte instinktiv die Verschiedenheit
-ihrer Naturen, und es war nichts an ihm, das sie bezauberte
-oder bestach. Und dann that sie es doch.
-Er besiegte sie durch die Hartnäckigkeit, die die stärkste
-Schmeichelei der Liebe ist, durch den Geist, mit dem
-er anmutigere Nebenbuhler ausstach, und mit Hilfe
-von Frau Gernoth, die in ihm den ernsten und soliden
-Mann gefunden hatte, den sie ihrer Tochter wünschte.</p>
-
-<p>Kurz vor der Hochzeit wandelte die Braut die Laune
-an, zurückzutreten. Sie hatte die Bekanntschaft Kreowskis
-gemacht, der ihr jene Lieder widmete, die in Text und Melodie
-Huldigungen für sie waren, die sie verwirrten. Aber
-es handelte sich doch auch hier um keine große Leidenschaft,
-die alle guten Gefühle für den Doktor ausgelöscht
-hätte, und so kämpfte sie denn diese Anwandlung nieder,
-um so mehr als Madame Gernoth ihre Bedenken durchaus
-nicht wollte gelten lassen, und heiratete den Doktor.</p>
-
-<p>Und siehe: das Glück sproßte ihr auf, wie eine
-Blume, die man zögernd in ein ihr fremdes Erdreich
-<a class="pagenum" id="page_042" title="42"> </a>
-gesetzt, ängstlich, ob sie darin zu Grunde gehen oder doch
-klein und unansehnlich werden würde, und die darin
-aufblüht, in einer Schönheit, die niemand geahnt, mit
-einem Schmelz, der ein Wunder zu sein scheint.</p>
-
-<p>O diese goldenen Stunden geliebten Beieinanders!
-Diese fröhlichen kleinen Mahlzeiten mit ihren einfachen
-Schüsseln, die der Appetit würzt; diese Spaziergänge
-an den Flußdämmen entlang, wenn die an landschaftlichen
-Schönheiten arme Gegend zum Paradiese
-wird, sobald die Sonne, deren Glanz alles mit dem
-Glücke der Herzen in Verbindung zu setzen scheint, leuchtend
-darauf liegt; dieses harmlos frohe Geplauder,
-unter dem man die Wege zurücklegt! Ach! und diese
-holden Abende bei traulichem Lampenschein! Wie beseligend
-dieses Näher- und immer Näherrücken der
-Geister, dieses Überfließen der Seelen, dieses Aufgehen
-der Herzen im Austausch aller Gedanken und Empfindungen!</p>
-
-<p>Wie hold dann selbst diese kleinen Bekenntnisse und
-Mitteilungen aus den Tagen junger Vergangenheit, in
-denen man sich noch nicht kannte, der Eifer, auch sie
-in Beziehung zur Gegenwart zu bringen, Teilnahme,
-Verständnis, Vergebung zu suchen, wo man so sicher
-weiß, daß man sie findet. Schonungslos werden dann
-frühere kleine Neigungen preisgegeben, in denen die
-<a class="pagenum" id="page_043" title="43"> </a>
-gegenwärtige immer die erste ist, weil sie unvergleichlich
-stärker erscheint, lustig kleine Verlegenheiten gebeichtet,
-kindliche Nöte und Sorgen erzählt. Dann müssen selbst
-Schulhefte, Stammbücher und Prämien herhalten, dann
-Sträußchen, Locken und Liebesbriefe, dann werden Andenken
-von Tanten und Erbstücke der Großmutter hervorgesucht,
-eine kindliche Sammlung von billigen
-Kleinodien, Henkeldukaten oder Denkmünzen, kurz, alle
-diese hundert kindischen Wichtigkeiten, denen man entwachsen
-ist und an denen das Herz doch noch hängt.</p>
-
-<p>Dann wird selbst der Spargroschen aus der Mädchenzeit
-einmal produziert: dieser langsam und mühselig
-erworbene kleine Schatz, der Notgroschen, den
-man auf Rat der Mutter eigentlich <em class="ge">ganz</em> geheim halten
-soll &ndash; aber gerade das ist nun so hold: diese rückhaltlose
-Vertraulichkeit, die auf dem reinsten Vertrauen,
-der rückhaltlosesten <em class="ge">Liebe</em> beruht.</p>
-
-<p>O, die goldenen Stunden! Goldener noch, wenn die
-Kindereien dann wieder ernsterer Unterredung weichen.
-Wie strömen dann die Herzen alles Beste aus, geben
-für frohe Erinnerungen froheres Gefühl der Gegenwart
-und das starke, schwellende Empfinden der Zukunft:
-diese Träume leichten Gelingens stolzer Pläne, der Erfüllung
-junger Hoffnungen, des Gewinnes früher
-Mühen. Und in Persönlichstes hinein die Hochflut
-<a class="pagenum" id="page_044" title="44"> </a>
-großer allgemeinster Ideen und Ideale, die die Gemüter
-erfaßt und fortreißt, um sie auf fremdem, objektiven
-Gebiete einander wieder um so inniger zuzutragen.
-Bis wohl die Lampe unter hohen Gesprächen
-zu erlöschen droht, und die Nacht, ganz herabgesunken,
-alles umhüllt, Persönlichstes und Unpersönlichstes und
-nur eins erfüllt: die heißen, süßen Mahnungen der
-Natur, bis stärkstes Lebensgefühl das Ich auslöscht und
-zugleich über sich erhöht.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wie reizend auch die Freuden einer harmlosen Geselligkeit
-in einem Kreise, der sich bei bescheidenen Lebensbedingungen
-durch Witz und Geist auszeichnet, in dem
-man Anregung giebt und findet, sich schätzt und liebt
-und, wo man sich gehen läßt, doch niemals die Anmut
-verletzt. Man war in mancher Beziehung damals noch
-kindlich. Man vergnügte sich noch an Pfänderspielen
-und den Bildern einer <i>laterna magica</i>, man machte
-Verse über launige Themata und führte Charaden auf,
-leierte Bänkelsängereien zu selbstgemalten Tableaus und
-jagte sich im Freien herum. Man sang noch zur
-Guitarre, und wenn man sang, brauchte man keine
-»Schule« zu haben, die Herren rauchten Cigarren aus
-einheimischem Tabak, und die Frauen buken ihre Zuckernüsse
-noch auf dem Herdfeuer. Wenn die Politik die
-Gemüter nicht erhitzte &ndash; was sie freilich dann mit
-<a class="pagenum" id="page_045" title="45"> </a>
-Heftigkeit that, &ndash; war man äußerst friedfertig in
-Principien und Anschauungen. Es gab damals keine
-socialen Fragen, es gab keine Judenfrage und kaum
-eine konfessionelle, es war die Zeit, wo Pastor und
-Kaplan geistliche Brüder waren. Man war ein bischen
-kosmopolitisch neben aller bösen Demokraterei und unglaublich
-positiv. Man war anspruchsloser und darum
-sorgloser und naiver als man heute ist. Wer aber
-obendrein jung und witzig war, war ausgelassen, wie
-man es jetzt fast verlernt hat. Und dann, nach diesen
-Vergnügungen, die Rückkehr in das eigene Heim mit
-dem Gefühl, daß <em class="ge">seine</em> Freuden über alle anderen
-gehn!</p>
-
-<p>Aber es giebt einen Höhepunkt des Glückes, auf
-dem es sich nicht zu halten vermag: die alte Wahrheit
-von der Blüte, die im herrlichsten Entfalten den Moment
-erreicht, wo sie zu welken beginnt; einen Höhepunkt,
-da die Engel den Atem anhalten, die Natur
-stillzustehen scheint, um den Augenblick zu verlängern, und
-nach dem es doch bergab geht, wenn nicht eine Wundermacht,
-die zugleich begreift und fühlt und Gefühl und
-Erkenntnis in den stärksten Willen strömen läßt, das
-Glück immer wieder aufwärts trägt.</p>
-
-<p>Der Aufschwung des Geistes, des Gemütes, der
-den Arzt seine idealsten Anschauungen vor seiner jungen
-<a class="pagenum" id="page_046" title="46"> </a>
-Frau sich ergießen ließ, fing eines Tages an, für diese
-etwas gleichförmiges zu haben. Diese philosophischen
-Ergüsse Hegelschen Gepräges, diese naturwissenschaftlichen
-Gesichtspunkte, diese demokratische Begeisterung
-wurden ihr &ndash; ein ganz klein wenig langweilig.</p>
-
-<p>Die Zeit hatte das stärkste Vorurteil gegen tiefere
-wissenschaftliche oder gar politische Bildung der Frauen.
-Man hielt ihnen beides fern, da man beides, Wissenschaft
-und Politik, unweiblich fand, und es mußte das
-persönliche Bedürfnis eines Mannes vorliegen, eine
-Frau zu seinen Interessen heranzuziehen, was ihr die
-Ehre verschaffte, hier bisweilen den Schleier gelüftet zu
-sehn. Nur schlimm, daß ein persönliches Interesse ein
-sachliches, an den Dingen selbst haftendes niemals
-dauernd ersetzen kann; schlimm, daß es Wanda Rhode
-nach diesen Lüftungen gar nicht einmal gelüstete, daß
-sie, weit davon entfernt, sich geehrt zu fühlen, die Geduld,
-die sie schließlich bei Anhörung der Vorträge ihres
-Mannes entwickelte, ihm wiederum zumutete, indem sie
-von den Dingen sprach, die nur sie interessierten. Denn
-waren Politik und Medizin ihr gleichgültig, so waren
-es ihm Musik und die nachklassische Litteratur, die in
-den vierziger Jahren die Litteratur der Gegenwart war:
-Heine, die Jungdeutschen und die fremden Romanschriftsteller
-der Periode. Aber Verse und Belletristik waren
-<a class="pagenum" id="page_047" title="47"> </a>
-das, womit sich zu beschäftigen für weiblich galt. Und
-wie in hundert anderen Fällen, wirkte die künstliche
-Scheidung der Interessen, hier unterstützt durch persönliche
-Neigungen, langsam als eine Scheidung der Gemüter.</p>
-
-<p>So empfand man die ersten Enttäuschungen, die
-ersten Lücken und die Notwendigkeit, sie anderweitig auszufüllen.
-Der Doktor fing an, Bierstuben aufzusuchen,
-wo er sich entweder mit Fachgenossen über Trepanationen
-des Gehirns und Behandlung von Geschwülsten unterreden
-oder mit Politikern über allgemeines und Klassenwahlrecht
-erhitzen konnte.</p>
-
-<p>Ach! Und es ward noch mehr: durch die Geburten
-dreier Kinder, von denen zwei ganz jung wieder starben,
-ward Heiterkeit in Angst und Schwermut, Freude an
-häuslichem Walten in Gleichgiltigkeit, ja &ndash; um gemeinen
-Mangels willen &ndash; endlich in traurige Sorge gewandelt;
-Rausch der Herzen wurde zum Grauen, Kraft und Gesundheit
-zur Hinfälligkeit und physischen Qual &ndash; die
-Wiege des Glückes zu seiner Grabstätte.</p>
-
-<p>Es war immerhin ein Glück, daß Wanda den
-Nöten ihrer jungen Ehe eine Elastizität, eine Fähigkeit,
-momentanen kleinen Freuden gerecht zu werden, eine
-Beweglichkeit des Geistes entgegenzusetzen hatte, die über
-diese Nöte ihre raschen, bunten Schleier warf. Ein
-<a class="pagenum" id="page_048" title="48"> </a>
-schönes Gedicht, eine glückliche Melodie, eine lebhafte
-Gesellschaft waren im Stande, in ihrem sonst wunderbaren
-Gedächtnis zeitweise alles auszulöschen, was
-peinlich und quälerisch darin war. Und dieser merkwürdigen
-Versatilität ihres Wesens war es dann auch
-zuzuschreiben, daß die Naturschönheiten des Berglands,
-alle die gefälligen Eindrücke, das Neue der Situation
-sie so rasch zu befreien vermochten, als ihre ursprüngliche
-körperliche Zähigkeit und Kraft rasch das Siechtum
-überwanden, das ihr diesen Wechsel des Aufenthaltes
-verschafft hatte.</p>
-
-<p>So erblühte wiederum ihrer Krankheit neues Leben,
-in dem sie Jugend, Frohsinn und Ichgefühl zu herrlichem
-Gewinne wiederfand. Freilich zu einem Gewinne,
-der nicht mehr im Centrum der Pflicht und der Gewöhnung
-lag.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_049" title="49"> </a>
-Fünftes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>N</b>achdem Wanda ein paar Stunden schlaflos verbracht,
-dämmerte der Morgen nach jener
-Réunion, auf der sie Kreowski wieder begegnet
-war, trübe herauf und brachte einen feinen Sprühregen,
-der auffrischte, ohne alles unter Wasser zu setzen.</p>
-
-<p>Als Wanda auf dem Kurplatze erschien, umdrängte
-man sie von allen Seiten und sie hatte alle Hände
-voll zu thun, die schönen Redensarten, mit denen man
-sie begrüßte, zu parieren und all den schmachtenden
-und feurigen Blicken um sie her Stand zu halten.
-Die Männer kokettierten damals noch nicht mit soviel
-militärischer Zusammengerafftheit wie heute &ndash; die
-Sentimentalität war auch bei ihnen eine schöne Tugend
-und respektvolle Galanterie ein Zeichen urbaner Bildung
-&ndash; aber man kokettierte ebenso gern.</p>
-
-<p>Es war ihr lieb, daß Kreowski nicht darunter war.</p>
-
-<p>Als sie sich aber später in einen der sanftaufsteigenden
-Seitenpfade verlor, fand es sich, daß er sie
-<a class="pagenum" id="page_050" title="50"> </a>
-dort in ahnungsvoller Hoffnung erwartet hatte. Es
-war ein reizendes Stück Weges, das sie zusammenführte.
-Die Badeverwaltung war hier schon mit allerlei
-Anlagen vorgegangen, hatte Wege graben, befestigen
-und zu beiden Seiten mit jungen Lärchen einfassen
-lassen, die mit ihren hellgrünen zart gefiederten Zweigen
-traumhaft in dem leise wallenden Nebel standen.</p>
-
-<p>Sie war ein Stück gegangen, als sie stehen blieb,
-versuchend, ihre Gedanken ganz von diesem grünen,
-dämmernden Märchen einspinnen zu lassen, diese Gedanken,
-denen sie abwechselnd nachhing und zu entfliehen
-suchte. Da trat er ihr in den Weg.</p>
-
-<p>»Verzauberte Königskinder,« begann er, »die sich zu
-einem stummen Reigen an den Händen fassen, um ihrer
-Herrin ihre Huldigungen darzubringen. Erlauben Sie,
-daß ich mich ihnen anschließe, obgleich meine Huldigung
-weiß und papieren ist und ich den Reigen schon gestern
-Abend aufgeführt habe. Ich würde Ihnen die Rolle
-zu Füßen legen, wenn das nicht meine Huldigung erniedrigen
-und die Fleckenlose beflecken hieße. Also in
-Ihre verehrten Hände.«</p>
-
-<p>Sie dankte ihm mit einem Lächeln, das ihm reichster
-Dank schien. »Wie hübsch, daß Sie heute heiter sind,«
-sagte sie.</p>
-
-<p>»Heiter? Glückberauscht!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_051" title="51"> </a>
-Sie errötete ein wenig, fing dann an von Holtei
-zu sprechen und redete endlich allerhand durcheinander:
-von dem Badevorstand, der Friederike von Sesenheim
-und den Epheulauben, die sie Schlupfwinkel für Strumpfwirkerleidenschaften
-und Spielhöllen für Domino- und
-Lottospieler nannte. Sie besaß eine beneidenswerte Geschicklichkeit,
-kleine Verlegenheiten zu Tode zu schwatzen,
-und wenn ein paar Spöttereien mitunterliefen, hörte es
-sich ihr darum nicht schlechter zu.</p>
-
-<p>Er war so entzückt und so guter Laune, daß es
-ihm sogar gelang, auf ihren Ton einzugehen.</p>
-
-<p>Mit einem Male, in all ihre Narrheiten hinein, brach
-die Sonne hervor und durchglomm den weißlichen
-Dunst um sie her silbern und goldig, rieselte an den
-moosumsponnenen und rötlichen Stämmen der Buchen
-und Kiefern herab und glühte in tausend bunten Farben
-an jedem Blatt, jeder Nadel, jedem Hälmchen am Wege,
-daß es wie ein Glückserschauern durch den ganzen
-Wald ging.</p>
-
-<p>Da verging ihnen alles Geschwätz. Sie standen
-wie verzückt, sahen in die Wunderwelt um sich her,
-sahen sich an und lächelten.</p>
-
-<p>Dann begann Kreowski leise eine Melodie zu
-summen. Das hatte etwas wundervoll Feierliches und
-Unmittelbares. Sie hörte andächtig zu, sie begriff, daß
-<a class="pagenum" id="page_052" title="52"> </a>
-sich ihm die Stimmung der Stunde in Töne umsetzte,
-und das Schöpferische neben ihr erschien ihr heilig.</p>
-
-<p>»Das wäre das leise Rauschen des Regens durch
-die Blätter und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen,«
-sagte er. »Sehnsuchtsvoll, schwermütig. Jetzt
-aber &ndash; jetzt der Durchbruch der Sonne, der Glücksstrahl,
-der alles überloht! Aus <i>es moll</i> über <i>es-dur</i> in <i>e-dur</i>.
-Trah &ndash; tratatatah!! Das müßten die Trompeten
-machen, die haben zugleich das Herzzerreißende und das
-Glänzende.«</p>
-
-<p>»Muß es denn herzzerreißend sein?«</p>
-
-<p>»Es muß so sein, weil es so ist. Aber ich erscheine
-Ihnen wohl als ein thörichter Phantast, Ihnen, die Sie
-glücklich sind, wirklich glücklich, wie Sie gestern sagten,
-und die Sie nicht begreifen können, daß wir abgeschmackt
-werden, wenn wir's nicht sind, so abgeschmackt,
-daß wir uns sogar die Gaben mitleidiger Teilnahme
-behagen lassen, die uns vielleicht demütigen sollten.«</p>
-
-<p>Sie sah ihn an und schwieg doch. Es war wie
-gestern: das Pathos zwischen ihnen ging nicht, sie
-mußte einen andern Ton suchen. Und ihrer leichtbewegten
-Natur fiel das nicht schwer.</p>
-
-<p>»Was Sie doch alles reden!« rief sie lachend. »Ich
-wollte, es machte Sie ein bischen lustig, wie wir hier
-zusammen spazieren gehn, während die verzauberten
-<a class="pagenum" id="page_053" title="53"> </a>
-Königskinder hochachtungsvoll und ergebenst zur Seite
-stehn und ihre Nebeltaschentücher schwenken, wenn wir
-kommen, die Sonnenstrahlen sich in schlüpfende Eidechsen
-verwandeln, die Wassertropfen rot werden vor Vergnügen
-und die Blumen sich wichtig zuflüstern: dort
-kommen zwei Phantasten, die denken, sie sind Menschen
-wie die andern auch, weil sie auf zwei Füßen gehn und
-reden wie die andern auch. Aber diese guten Leute
-sind Flüchtlinge aus Genieland, sie tragen die Flügel
-unter ihren Flanelljäckchen, weil Flügel im Philisterlande
-durchaus unmodern sind und sie sich ihrer also
-schämen müssen. Und bloß wenn es die andern nicht
-sehen, legen sie Jäckchen und Fräckchen ab, breiten ihre
-Flügel aus und kehren auf ein paar Stunden in ihre
-Heimat zurück. Eines Tages aber werden sie kommen
-wie Simson, werden irgend einen großen Esel unter den
-Philistern erschlagen und mit seinen Kinnbacken die übrigen
-ausrotten und dämpfen mit der Glut ihres Geistes.«</p>
-
-<p>»Wundervoll!«</p>
-
-<p>Sie lachte.</p>
-
-<p>»Und werden,« nahm der Pole ihre Phantasterei
-auf, »das Evangelium verkünden, das die Augen und
-Ohren aller Sterblichen jauchzend vernehmen werden
-und lachend mitteilen ein Mund dem andern, das
-Evangelium von der Kraft und Tugend, die eine Kraft
-<a class="pagenum" id="page_054" title="54"> </a>
-und Tugend ist über alle: das hehre, jubelnde Evangelium
-von der Schönheit.«</p>
-
-<p>»Sie schwärmen.«</p>
-
-<p>»Was könnte ich besseres thun? Ich, der ich sie
-anbete im Geist und in der Wahrheit, der ich ihrer
-Gläubigen demütigster und zugleich ihr Hoherpriester
-bin? Der ich trunken bin von dem Trank meiner
-Augen und als ihr Blutzeuge sterben wollte, &ndash; wenn
-Sie es forderten?«</p>
-
-<p>Diese Art Unterhaltung, geistreichelnd, pathetisch und
-voller Schmeichelei für Wanda war nur allzu sehr nach
-ihrem Geschmacke. Dennoch fühlte sie, daß sie bereits
-wieder an der Grenze angelangt waren und daß es
-Zeit war, den Ernst zu persiflieren.</p>
-
-<p>»&rsaquo;Und die blutgefüllte Schale reicht er ihr zum
-Opfer dar!&lsaquo; Schauderhaft! Ich merke, man ist seines
-Lebens neben Ihnen nicht sicher, denn leicht könnte der
-neue Hohepriester die Schärfe seines Messers an seinen
-Nebenmenschen wetzen wollen, ehe er sich selber darbringt.
-Gehen Sie und besänftigen Sie erst Ihr barbarisches
-Gemüt, eh ich mich wieder in Ihre Nähe wage.«</p>
-
-<p>Und sie lief ihm lachend davon, den Abhang hinunter,
-ihm ihre spöttischen Grüße hinaufsendend, ehe sie
-ganz verschwand.</p>
-
-<p>Als sie nicht mehr zu sehen war, schwand Lächeln
-<a class="pagenum" id="page_055" title="55"> </a>
-und Glückseligkeit aus seinem Gesicht. Halb schwermütig,
-halb verwundert starrte er ins Leere vor sich nieder.
-Was für gekräuseltes Zeug hatte er noch eben geredet,
-das er nie vorher gedacht, das seiner Art zu denken
-und zu empfinden neu und seltsam war. Aber war es
-denn so, daß uns die Liebe in Augenblicken der Ekstase
-uns selbst entfremdet und uns Worte reden läßt, wie
-aus anderem Munde? Daß sie uns bald blind, bald
-hellseherisch, heut zu Propheten, morgen zu Gotteslästerern
-macht?</p>
-
-<p>Langsam ging er den Weg hinunter. In einem
-leisem Winde rauschten die regenschweren Bäume,
-rauschten Tropfen, Melodieen auf ihn nieder; schwermutsvolle
-Melodieen, wie Thränen, die wir zögernd vergießen,
-weil uns angst wird, daß wir uns selber verlieren,
-bis sie sich zu Freudenthränen wandeln in dem
-jauchzenden Bewußtsein, daß das Fremde in uns Gewinn,
-Zuwachs, Steigerung unser selber war, und daß
-es die Flut unserer Schmerzen ist, in der die Sonne
-unseres Glückes sich am hellsten spiegelt.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_056" title="56"> </a>
-Sechstes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>E</b>s war etwa anderthalb Wochen nach jenem
-Tage, da Holtei die Salzbrunner Badegäste mit
-seiner Vorlesung aus »Lorbeerbaum und Bettelstab«
-entzückt hatte, daß Madame Gernoth und ihre
-Tochter wieder einmal im Buchengange lustwandelten,
-zwischen sich das Kind führend.</p>
-
-<p>»Die Gerichtsrätin aus Brieg hat mir ein sehr
-hübsches Muster zu einer Strumpfkante gegeben, wie
-aus kleinen Fächern zusammengesetzt. <em class="ge">So</em> will ich
-Klärchen ein paar Sonntagsstrümpfel stricken.«</p>
-
-<p>»Was wirst Du Dich nur so quälen.«</p>
-
-<p>»Es soll mir Freude machen.«</p>
-
-<p>»Wie Du willst, Mutter.«</p>
-
-<p>»Die Registratorin, denk nur, schüttet Salz in das
-Faßbier, sagt sie. Sie zieht alle vierzehn Tage welches
-ab. Aber wo hat man das gehört? Das muß abscheulich
-schmecken, ordentlich giftig.«</p>
-
-<p>»Die einen mit ihrer Liebe, die andern mit ihrem Salz.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_057" title="57"> </a>
-»Du interessierst Dich auch für nichts Vernünftiges
-mehr.«</p>
-
-<p>»Dazu ist dann in Breslau wieder Zeit genug. Wenn
-Hauswirtschaft denn das Vernünftige schlechthin ist.«</p>
-
-<p>»Die Fräulein Meier, die Lehrerin, hat mir ein
-Gedichtbuch geborgt, es ist von einem Grafen Strachwitz.«</p>
-
-<p>»Ach ja, Strachwitz! &rsaquo;Mein treues Roß, mein Spielgenoß.&lsaquo;«
-Dann ließ sie auch dieses Thema wieder
-fallen.</p>
-
-<p>Madame Gernoth sah sie von der Seite her an.
-Wanda lächelte vor sich hin. Eine ganze Zeitlang
-gingen sie nebeneinander und schwiegen, die Mutter verletzt,
-die Tochter unruhig und von irgend etwas voreingenommen.</p>
-
-<p>An einer Biegung des Weges stießen sie auf Bekannte,
-eine Mutter und drei Töchter, mit denen sie
-einige Worte wechselten. Nachdem die Damen wieder
-außer Hörweite waren, bemerkte die Gernoth:</p>
-
-<p>»Wie waren die wieder aufgedonnert, und ist nichts
-dahinter. Die Krause sagt, sie kaufen die übertragenen
-Toiletten einer Baronesse Richthof und suchen Einen
-damit einzufangen. Du lieber Gott, die garstigen
-Dinger! Die und Registrators sind die richtigen
-Mexikaner.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_058" title="58"> </a>
-»Mexikaner?«</p>
-
-<p>»Nun &ndash; Mexikaner &ndash; Magsiekeiner. Der Polowski
-machte neulich den Witz.«</p>
-
-<p>Die Doktorin lachte, sie lachten alle beide. Sie
-waren gewiß nicht böse, aber der Spott über die
-»Sitzengebliebenen« war eine der Grausamkeiten, die
-jede Zeit in reicher Fülle besitzt und die wir erst als
-solche empfinden, wenn wir sie abgelegt haben.</p>
-
-<p>»Wer ist denn der Polowski?«</p>
-
-<p>»Ich meine den polnischen Musikanten.« &ndash; Wanda
-schwieg verletzt.</p>
-
-<p>»Man begegnet dem Menschen ewig. Paß mal
-auf, er wird uns gleich wieder begegnen und ansprechen.«</p>
-
-<p>»Er mißfällt Dir natürlich?«</p>
-
-<p>»Er hat so was Unmännliches!«</p>
-
-<p>»Nach Deiner eigenen Erklärung, Mutter, ist Männlichkeit
-nichts als eine Dosis Anmaßung, Brutalität und
-&ndash; na, was war es denn noch? ja: Treulosigkeit.
-Wenn aber einer nicht so ist, nennst Du ihn unmännlich.
-Dir ist eben keiner recht.«</p>
-
-<p>Madame Gernoth sagte hierauf nichts. Sie war
-eine kluge Frau, aber Haß und Verbitterung machen
-den Klügsten unlogisch. Es war ihr sehr lieb, daß ihre
-Enkelin jetzt ihre Aufmerksamkeit auf sich zog.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_059" title="59"> </a>
-»Können die Bäume auch sprechen?« fragte das
-Kind.</p>
-
-<p>»Freilich,« sagte die Großmutter wichtig, »hast Du
-noch nicht gehört, wenn der Wind puh, puh bläst, wie
-dann die Bäume rauschen und miteinander plaudern?
-Paß nur mal auf, wie sie sich dann unterhalten und
-tiefe Diener machen, ihre Arme nacheinander ausstrecken,
-sich ihre schönen Blumen hinhalten und sagen: riechen
-Sie mal, Herr Nachbar. Und dann riecht der Herr
-Nachbar an dem Bouquet und sagt: Hazzi. Da!
-horch mal! Hörst Du, wie sie jetzt sprechen?«</p>
-
-<p>»Ja. Hörst Du's auch, Machen?«</p>
-
-<p>»Jaja. &ndash; Freilich, nun wundert's mich nicht mehr,
-wenn sie die Tischbeine sich unterhalten läßt und von
-den Fußbänken Mordgeschichten erzählt. Sie ist ein
-kleiner Phantast.«</p>
-
-<p>»Wenn man <em class="ge">das</em> erlebte!«</p>
-
-<p>»Was, Mutter?«</p>
-
-<p>»Daß sie Bücher schriebe. Wie die Paalzow und
-die Carlèn, weißt Du.«</p>
-
-<p>»Dann würde sie aber keinen Sinn für die Strickmuster
-und das Bierabziehen haben, und das würde
-Dir auch nicht recht sein.«</p>
-
-<p>Madame Gernoth schwieg wieder. Nein, das würde
-ihr nicht recht sein. Eine ordentliche Frau mußte für
-<a class="pagenum" id="page_060" title="60"> </a>
-so etwas Sinn haben. »Wir wollen uns ein bischen
-setzen,« sagte sie.</p>
-
-<p>Die Frau Doktor hob ihr kleines Mädel auf und
-setzte es auf die Bank.</p>
-
-<p>»Sag von Eia popeia,« bat die Großmutter.</p>
-
-<p>»Eia&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nein, sag lieber: mein dunkles Herze,« meinte die
-Mutter.</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Mein dunkles Herze lieb dich,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es lieb dich und es bicht,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es bicht und zuckt und verbutet,&nbsp;&ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Aber du siehst es nicht.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Die letzte Zeile sagte das Kind im Ton herzlicher
-Begütigung, was von überwältigendem Effekt war.</p>
-
-<p>»Aber Du bist toll, Wanda, Du bist toll,« schalt
-die Großmutter, während sie doch mit beglücktem
-Lächeln die kleine Deklamatrice an ihre Brust drückte.</p>
-
-<p>Die junge Frau lachte helllaut. »Sie sagt es zu
-drollig, so wichtig und ernsthaft. Und zuletzt dieses:
-aber Du siehst es nicht.« Und nun küßten sie alle beide
-das Kind ab.</p>
-
-<p>»Sie könnte Schauspielerin werden, Mutter.«</p>
-
-<p>»Weiter gar nichts!«</p>
-
-<p>»O, müssen wir auch alle Kaufmanns- oder Doktorsfrauen
-sein? Ich wollte, ich wäre auch Schauspielerin.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_061" title="61"> </a>
-»Du bist nicht gescheidt, danke Gott, daß Du einen
-guten Mann hast.«</p>
-
-<p>»Ich spielte das Gretchen oder die Ophelia. Oder
-das Klärchen!«</p>
-
-<p>Und da sprang sie auch schon auf, breitete die Arme
-aus, nahm eine zärtliche Miene an und machte ihrer
-Tochter Konkurrenz:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Freudvoll und leidvoll,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Gedankenvoll sein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Langen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und Bangen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">In schwebender Pein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Himmelhoch jauchzend,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Zum Tode betrübt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Glücklich allein</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist die Seele, die liebt.</td></tr>
-</table>
-
-<p>&rsaquo;Laß das Eiapopeia,&lsaquo; sagt die Mutter drauf,« fügte
-sie bei.</p>
-
-<p>»Wirklich, ich muß hier auch so sagen,« schmollte
-Madame Gernoth.</p>
-
-<p>»Scheltet mir's nicht, es ist ein kräftig Lied. Hab'
-ich doch schon manchmal ein großes Kind damit
-schlafen gewiegt. &ndash; &rsaquo;Du hast doch nichts im Kopfe
-als deine Liebe,&lsaquo; mußt Du jetzt sagen, Mutter.«</p>
-
-<p>»Ach laß mich.«</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Glücklich allein</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist die Seele, die liebt.«</td></tr>
-</table>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_062" title="62"> </a>
-Frau Gernoth machte ein finsteres Gesicht. »Schäme
-Dich doch! Hier auf öffentlicher Promenade! Es könnte
-jeden Augenblick wer kommen.«</p>
-
-<p>»Oder als Ophelia mit Blumen im Haar: &rsaquo;da ist
-Fenchel für euch und Agley &ndash; da ist Raute für euch,
-und hier ist welche für mich &ndash; ihr könnt nun Raute,
-mit einem Abzeichen tragen. Denn traut lieb Fränzel
-ist all meine Lust.&lsaquo;« Oder sonst was:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Und größer als aller Sehnsucht Qual</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ist meine Liebe zu Dir.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>»Hör doch auf. Wo Du nur die Narrheiten her hast.«</p>
-
-<p>»Ich weiß nicht, wie Du bist, Mutter. Du bist
-glücklich, wenn Du einmal Verse lesen kannst und dann
-schwärmst Du: wie herrlich sagt der das, wie treffend!
-und obgleich Du das Theater immer verlästerst, hat Dir
-letzten Winter die Jungfrau von Orleans wer weiß
-wie gut gefallen. Aber daß in jemandem neben Dir,
-daß in Deiner Tochter etwas davon steckt, von dem Talent
-zu alledem, das willst Du nicht, das ist Dir keiner
-Achtung wert. Und so seid Ihr alle, alle! Ach, und
-ich halte es kaum aus vor Unruhe.«</p>
-
-<p>»Aber einer bürgerlichen Frau kommt doch so etwas
-nicht zu. Wenn jemand zu einer Kunst erzogen ist, das
-ist doch etwas anderes. Und wenn ein Mädchen zur
-Hausfrau erzogen ist, so soll sie darin tüchtig sein.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_063" title="63"> </a>
-»Warum erziehst Du denn nicht die Nachtigallen,
-Hühnereier zu legen?«</p>
-
-<p>»Ich weiß gar nicht, was in Dich gefahren ist.«</p>
-
-<p>»Es ist gar nichts in mich gefahren. Nur in den
-letzten Jahren war ich tot, und jetzt bin ich wieder aufgewacht.
-Aufgewacht! Und lebe! Ach, Mutter!«</p>
-
-<p>»Wenn Du nur wieder zu Hause und bei Deinem Manne
-sein wirst, dann wirst Du schon wieder vernünftig werden.
-Du bist aufgeregt, weiß der Kuckuck woher. Geh ein
-Stückchen spazieren.«</p>
-
-<p>Etwas Lieberes konnte Frau Wanda gar nicht
-hören. Sie sprang sofort auf und griff nach ihrem
-Schirm.</p>
-
-<p>»Ich gehe da hinunter, auf die Mühle zu.«</p>
-
-<p>»Da ist es zu einsam.«</p>
-
-<p>»Bäume und Sträucher thun mir nichts.«</p>
-
-<p>»Dir nicht, nein,« sagte die Mutter mißtrauisch;
-sie hatte vor einer Viertelstunde den Musiker dort hinunter
-gehen sehen.</p>
-
-<p>Madame Gernoth hatte Kreowski sehr auffällig ihr
-Mißfallen zu verstehen gegeben, es dünkte ihr unpassend,
-daß er die Frauen so häufig ansprach und sie nahm
-an den Blicken Anstoß, mit denen er ihre Tochter zu
-verschlingen pflegte. Sie hatte ihm das in ihrer gelegentlich
-harten Weise gradezu gesagt. Seitdem hielt
-<a class="pagenum" id="page_064" title="64"> </a>
-er sich fern. Aber sie konnte es nicht verhindern, daß
-der interessante Pole die Doktorin bei der Brunnenpromenade
-ansprach, während sie selbst das Aufräumen
-des Zimmers besorgte und das Kind anzog und fütterte,
-und sie hatte es nicht in der Gewalt, die Dauer dieser
-Brunnenpromenade festzusetzen.</p>
-
-<p>Mit beflügeltem Schritt machte sich Wanda auf den Weg.</p>
-
-<p>Warum sie ihn nur liebte?</p>
-
-<p>Er war eigentlich kein bedeutender Mensch. Er
-hatte ein paar hübsche Talente, aber weder das
-dichterische noch das musikalische waren stark und umfangreich,
-sie gingen zu ausschließlich auf das Lyrische,
-und obgleich er hier Schönes und sogar Originelles
-leistete, verliehen sie ihm etwas Einseitiges und das,
-was Madame Gernoth das Unmännliche an ihm genannt
-hatte. Dennoch gefiel er Wanda gerade so, wie
-er war. Es war etwas Sanftes und Ehrerbietiges in
-ihm, das sie umschmeichelte wie die vollendete Beherrschung
-des guten Tones, die er besaß. Er war
-freilich kein akademisch-wissenschaftlich gebildeter Mann,
-aber dafür sprach er auch nicht mit der Wucht, der
-Härte und dem Hyperlogischen dieser Leute, und seinen
-Worten fehlte das Verletzende, das eine Meinung zum
-Gesetz erheben möchte. Bei alledem war er nicht ohne
-Geist und Schwung. Und er liebte sie. Mit dieser so
-<a class="pagenum" id="page_065" title="65"> </a>
-schlecht verhüllten Leidenschaft, in der er sie mit Versen
-und Melodieen überschüttete, ohne jemals geradeheraus
-zu gestehen, daß sie ihr galten, ein Verfahren, das
-ihrem Verkehr das scheinbar Harmlose erhielt.</p>
-
-<p>Sie schlug den Weg ein, auf dem sie des Morgens
-mit ihm zu promenieren pflegte, und es dauerte nicht
-lange, so trafen sie sich mit der Unfehlbarkeit, mit der
-sich Liebende in den Weg rennen.</p>
-
-<p>Sie grüßten sich verlegen und gingen ein Stück
-schweigend nebeneinander. Es war heiß, und um sie
-her wogten die grünen dämmernden Schatten, die ganz
-durchwürzt waren von dem herben Duft des Eichen-
-und Buchenlaubes, von dem süßen Duft eines blühenden
-Buchweizenfeldes, das rötlich in der Sonne lag,
-und eines Kleeackers, und ganz durchzückt von zitternden
-Sonnenstrahlen, die sie umspielten.</p>
-
-<p>Manchmal sagte er etwas Kurzes, Gleichgültiges,
-dann lächelte sie dazu oder seufzte oder sie gab eine
-ganz verkehrte Antwort, deren Sinnlosigkeit er indes
-nicht merkte. Warum es nur so ganz anders war,
-wenn man einander unversehens des Nachmittags hier
-traf, als wenn man des Morgens zusammen herschlenderte?
-Warum es so viel verwirrender war? Weil
-Sonnenglut sich breitet, wo früh dämmernde kühle
-Schatten lagen?</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_066" title="66"> </a>
-Auf einer Bank saßen sie ein wenig nieder, und
-damit schien er den Mut zu einer Mitteilung zu finden,
-die er bisher zurückbehalten.</p>
-
-<p>»Ich habe einen Brief aus Breslau erhalten,« sagte
-er, »und eigentlich in der Hoffnung, Sie vielleicht einen
-Augenblick sprechen zu können, bin ich hergekommen, um
-Ihnen zu sagen, daß ich &ndash; diese Stelle bekomme.«</p>
-
-<p>»Ach &ndash; Sie bekommen sie!« rief sie erschrocken.</p>
-
-<p>»Ich glaubte nicht, daß es Ihnen unangenehm sein
-würde,« sagte er gekränkt.</p>
-
-<p>Sie schwieg und sah vor sich nieder.</p>
-
-<p>»Ich &ndash; ich hatte gehofft, mich manchmal zur
-Dämmerstunde bei Ihnen einstellen zu dürfen. Ich
-habe sie so sehr gewünscht, diese Stelle. Deshalb &ndash;
-Warum sagen Sie nichts?«</p>
-
-<p>»Es geht nicht.«</p>
-
-<p>»Es geht nicht? Nicht, daß ich Sie sehe?«</p>
-
-<p>Sie blickte wie hilfeflehend auf und in die Ferne,
-durch eine Durchsicht starrend, zu der das Unterholz
-sich lichtete. Ihr Atem ging stark.</p>
-
-<p>»Es kann ja wohl sein, daß wir uns einmal zufällig
-begegnen &ndash; denn&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und warum darf ich nicht zu Ihnen kommen?«</p>
-
-<p>»Ich kann es Ihnen nicht sagen.«</p>
-
-<p>Sie saßen ernst und bestürzt nebeneinander.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_067" title="67"> </a>
-»Sagen Sie es lieber.«</p>
-
-<p>»Nun denn: es war einmal an einem dieser Abende
-&ndash; wo man so ganz zusammenrückt &ndash; geistig, gemütlich
-&ndash; wo man seine Seele so umdreht wie einen
-Handschuh &ndash; dumm! aber es giebt solche Stunden &ndash;
-wenn man verheiratet ist&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Gewiß, natürlich.«</p>
-
-<p>»Wo man alles so voreinander auskramt: alte Blumen
-und Schleifen, ein paar altmodische Ohrgehänge, Schulprämien,
-seine Spargroschen, was weiß ich.«</p>
-
-<p>»Jawohl.«</p>
-
-<p>»Und wo man sich so allerlei Geständnisse macht&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Zum Beispiel?«</p>
-
-<p>»Zum Beispiel, daß man &ndash; um ein Haar &ndash; um
-eines Andern willen zurückgetreten wäre &ndash; vor der
-Hochzeit.«</p>
-
-<p>Sie stockte.</p>
-
-<p>Er fragte nicht. Er bog einen Haselzweig zur
-Seite, der in den Weg hing und sah sie an.</p>
-
-<p>»Und dann &ndash; sagt man sogar den Namen &ndash; eben
-des Andern.«</p>
-
-<p>»Welchen Namen?«</p>
-
-<p>»Witold von&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash; nun, jetzt wissen Sie es.« Sie
-lachte. Lachte mit dem desparaten Lachen und
-sprang auf.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_068" title="68"> </a>
-So erhob auch er sich, bleich bis in die Lippen.</p>
-
-<p>»Und Sie glauben, daß er Ihre Besuche dulden
-würde?« setzte sie hinzu.</p>
-
-<p>»Wenn Sie ihm sagten, daß es heut doch nur &ndash;
-Freundschaft ist &ndash; von Ihrer Seite &ndash; auch dann&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Dann würde ich lügen.«</p>
-
-<p>Kein Wunder, daß er sie jetzt in seine Arme schloß
-und küßte. »So glücklich, so grenzenlos glücklich soll
-ich sein!« stammelte er.</p>
-
-<p>Aber sie machte sich los. »Glücklich? &rsaquo;Mein Lieb,
-wir wollen beide elend sein,&lsaquo; wird das Programm
-wohl eher lauten. Haha!«</p>
-
-<p>»Lachen Sie doch nicht so schrecklich! Lach' nicht so,
-Geliebteste.«</p>
-
-<p>»&rsaquo;Wem so des Schicksals hübsche sieben Sachen&lsaquo;
-und so weiter! Um bei Heine zu bleiben. Aber genug
-für heute. &ndash; Auf morgen! auf morgen! Ich kann
-nicht mehr.«</p>
-
-<p>Und leidenschaftlich riß sie sich los.</p>
-
-<p>In allem Elend stand er doch mit einem glückseligen
-Lächeln und sah sie ihm wieder entfliehen.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_069" title="69"> </a>
-Siebentes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>D</b>urch die gardinenlosen Fenster eines Parterrezimmers
-fiel ein Sonnenstrahl, der sich eben
-noch durch die Lücke zwischen zwei Hinterhäusern
-durchzwängte, und beleuchtete das Innere eines
-wunderlichen Gelehrtenheims, der Arbeitstube Doktor
-Ewald Rhodes. Die eine Wand dieses Raumes war
-hauptsächlich von hohen Regalen bedeckt, die ganz mit
-Büchern besetzt waren und zwar Büchern medizinischen,
-chemischen und physikalischen Inhaltes. Am Fenster
-stand ein Bureau, das als Schreibtisch diente und zugleich
-verschiedene Instrumente und Chemikalien barg.
-Ein ziemlich großer Tisch in der Mitte des Zimmers
-war mit Skripturen und Drucksachen bedeckt. Im
-übrigen war der Raum vollgepfropft mit allerlei Apparaten,
-Werkzeugen und Instrumenten, von denen indes nur
-einiges auf der Höhe der Wissenschaft stand, das übrige
-überholt und dürftig war, einiges, das der Doktor
-<a class="pagenum" id="page_070" title="70"> </a>
-selber erfunden, geradezu seinen dilettantischen Ursprung
-verriet.</p>
-
-<p>Aber es sind schließlich nicht immer die großen
-Laboratorien gewesen, aus denen die gewaltigen Erfindungen
-hervorgingen, die berufen waren, der menschlichen
-Kultur ein anderes Gepräge zu geben, und oft
-genug ist zwischen unbehilflichem Kram die Fahne aufgepflanzt
-worden, die weithin flatternd den Völkern
-die große Friedensbotschaft verkündete: im Anfang war
-die Kraft.</p>
-
-<p>Doktor Rhode war Armenarzt und hatte einige
-Privatpraxis. Wenn diese nicht größer und gewinnbringender
-war, so lag das an seiner Ehrlichkeit. Aufs
-lebhafteste ergriffen von den Umwälzungen, welche sich
-gerade damals innerhalb seiner Wissenschaft vollzogen,
-war er nicht Charlatan genug, mit imponierender
-Sicherheit aufzutreten, wo neue Entdeckungen die bisher
-gültigen Behandlungsweisen in Frage gestellt hatten, und
-obwohl er pflichttreu und hilfsbereit war, fühlte sich
-ein starker Forschungstrieb in ihm mehr von der
-theoretischen als der praktischen Seite der Heilkunde angezogen.
-Er träumte eine wissenschaftliche Laufbahn,
-die ihm Raum gäbe, den Mängeln der ärztlichen Praxis
-Abhilfe zu schaffen, die ihn zu einem der Pfadfinder
-machte, wo sie im Dunkeln tappte. Nie hatte es einen
-<a class="pagenum" id="page_071" title="71"> </a>
-größeren Idealisten gegeben, nie einen anspruchsloseren,
-der williger Armut und Sorge auf sich genommen.</p>
-
-<p>Indes, so bescheiden er war, noch nie hatte er das
-Zweischneidige finanzieller Beschränkung so hart empfunden
-als eben jetzt, da er einer Entdeckung auf der
-Fährte zu sein glaubte, die von hoher Bedeutung
-werden mußte.</p>
-
-<p>Man hatte damals angefangen, das Mikroskop für
-die Heilkunde zu Rate zu ziehen. Er selbst hatte das
-Glas, das ihm gehörte, vielfach benützt, aber es erwies
-sich als ungenügend, um bereits Gefundenes nachzuprüfen,
-um wieviel mehr, Neues festzustellen. Wollte er weiter
-auf dem Felde arbeiten, zu dessen Bestellung er sich
-berufen fühlte, war ein besseres Instrument unerläßlich.</p>
-
-<p>Gute Mikroskope aber sind teuer, und er schuldete
-ohnedies Mechanikern und Droguenhändlern Summen,
-deren Zahlung ihm Sorge machte. Sollte er diese
-Schuld ohne zu wissen, wie sie tilgen, um neue vierzig
-Thaler anwachsen lassen? Sollte er, sie herauszubringen,
-das häusliche Leben noch karger einrichten, als es schon
-war? Das war unmöglich.</p>
-
-<p><em class="ge">Dann</em> also verzichten.</p>
-
-<p>Das aber hieß: Wissenschaft, Carriere, geistiges
-Streben, Inhalt alles Lebens fahren lassen! Für Kraft
-<a class="pagenum" id="page_072" title="72"> </a>
-und rege geistige Arbeit &ndash; dumpfes Tagewerk und
-geistiger Tod!</p>
-
-<p>Seine Seele schrie nach diesem Instrument und das
-Verlangen danach wurde zum Heißhunger, der seine
-Forderung nicht mehr einstellte und endlich eine fieberhafte
-Phantasie in ihm entzündete: sah er doch unter
-den geheimnisvollen Gläsern schon Wunder über Wunder
-sich entfalten, Dunkel sich auflichten, Wege sich durch
-Dickichte öffnen und &ndash; fühlte sich dabei angekettet, unvermögend,
-diese Wege zu verfolgen; wie wir manchmal
-im Traum einem grenzenlosen Glücke nachstreben
-und unsere Füße zu Blei erstarrt fühlen. Das Instrument
-aber ließ ihn nicht los. Er sah es zuletzt
-auf Schritt und Tritt vor sich mit dieser Lockung des
-Ehrgeizes, mit der der Dolch vor den Augen Macbeths
-in der Luft hing. Er streckte den Arm danach aus,
-und es verschwand.</p>
-
-<p>Schließlich machte der Tod eines älteren Gelehrten
-den Fall für ihn zu einem akuten. Aus
-der Hinterlassenschaft dieses Mannes war ihm ein
-kostbares Glas zu verhältnismäßig niedrigem Preise
-angeboten worden, den er jedoch sogleich hätte erlegen
-müssen &ndash; eine Gelegenheit, wie sie sich ihm
-nicht wieder bot. Aber woher auch nur diese
-25 Thaler nehmen! Vergeblich zermarterte er sein Gehirn
-<a class="pagenum" id="page_073" title="73"> </a>
-&ndash; ihm blieb nur eines übrig: der reiche Schwiegervater.</p>
-
-<p>Ach! er hatte ihn schon des öfteren angehen müssen
-&ndash; aber die Kälte und der Hochmut, mit denen dieser
-Mann seine bescheidenen Bitten erfüllt, hatten ihn so
-gekränkt und empört, daß er sich verschworen, lieber zu
-hungern als ihn jemals wieder aufzusuchen.</p>
-
-<p>Nun &ndash; ein Mann hungert allenfalls für Weib und
-Kind und hungert auch für seinen Beruf, aber wo
-vielleicht ihrer aller Zukunft auf dem Spiele stand, wo
-Not leiden vielleicht der Menschheit einen Dienst erweisen
-hieß&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Doktor Rhode beschloß also zu thun, was zu thun
-er sich heilig verschworen.</p>
-
-<p>Als er, sich zu dem sauern Gange aufmachend, noch
-einmal vor den Spiegel trat, erschrak er selbst über das
-blasse, verstörte Gesicht, das ihm, hager und von scharfen
-Linien zerschnitten, von dort entgegensah. Er war dreißig
-und sah um ein Jahrzehnt älter aus, ein mittelgroßer,
-sehniger, hagerer Mann mit breitgewölbter Stirn,
-dunklem Haar, tiefliegenden Augen und einer scharfgeschnittenen
-Nase, auf der eine Brille saß: der Typus
-des darbenden Idealisten.</p>
-
-<p>Indem er die Blicke von dem wenig erfreulichen
-Spiegelbilde, das seine Not und seine Überarbeitung
-<a class="pagenum" id="page_074" title="74"> </a>
-verriet, wegwandte, fiel er auf den altmodischen Sekretär
-seiner Frau, eines der schrankartigen Möbel, das erst
-durch eine heruntergelassene Klappe zum Schreibtisch
-wird, wobei eine Anzahl Schubladen und in der Mitte
-ein abschließbares Verließ bloßgelegt werden.</p>
-
-<p>Rhode blieb stehen und starrte dieses Möbel an, als
-ob es verhext wäre, als ob etwas Lebendiges darin
-wäre und mit stummer Sprache zu ihm redete; trat
-dichter heran, befühlte es, seufzte, trat wieder zurück,
-zögerte nochmals und machte sich dann schleppenden
-Ganges auf.</p>
-
-<p>Langsam ging er die schlechtgepflasterten, unsauber
-gehaltenen Straßen hinunter, die meist von schmalen
-Giebelhäusern eingefaßt waren, zwischen die sich nur
-manchmal ein breites, von Wohlhabenheit zeugendes
-Haus schob; vorüber an den bescheidenen Lädchen und
-vergitterten Gewölben, in denen es so finster war, daß
-Käufer und Verkäufer an die Thür treten mußten,
-um die Ware zu behandeln, über die ärmlichen Holzbrücken,
-die über die übelriechende Ohle führten, unter
-den alten Schwibbögen hindurch und den Eisenketten,
-von denen in der Mitte Laternen herabbaumelten. Es
-war eine so arme, so klägliche Zeit, es war, als wenn
-alles hungerte: nach Brot, nach Licht, nach Freiheit,
-nach irgend etwas Großem und Starkem; eine Zeit, in
-<a class="pagenum" id="page_075" title="75"> </a>
-der man seelisch so darbte, daß man sich vieler Nöte
-gar nicht einmal bewußt wurde und ihre Übelstände
-hinnahm wie Unbilden des Wetters; in der jeder Arbeiter
-noch der von der Habsucht eines Herrn ausgepreßte
-Sklave, jede Frau noch die Leibeigene ihres
-Mannes, tausende von Beamten die Hörigen ihrer Vorgesetzten
-waren, ohne auch nur zu ahnen, daß man sie
-um ihre Menschenrechte verkürzte.</p>
-
-<p>Die Straßen, die zugleich die Spielplätze der Kinder
-waren, die damit zu Gassenkindern erzogen wurden, und
-die Ablagerungsstätten der Fässer und Ballen einer
-protzigen Kaufmannschaft bildeten, waren von übelsten
-Dünsten erfüllt, die aus den finstern, unsaubern Höfen
-herausquollen, von schwerfälligem Fuhrwerk durchschnitten
-und von Gruppen Aufgeregter belebt, die unreife
-politische Gedanken austauschten. Studenten in
-Sammetpekeschen und Cerevis spielten die Rolle moderner
-Gigerl und verfolgten mit edler Dreistigkeit, was ihnen
-an jüngeren Damen in weitgebauschten Röcken, planwagenartigen
-Hüten und karrierten seidenen Spensern
-in die Quere kam, während an jeder Straßenecke ein
-ausgemergelter Leierkasten: »Denkst du daran, mein tapfrer
-Lagienka«, »An Alexis send' ich dich« oder eine
-Bellinische Arie zum besten gab. Da man den Segen
-von Sprengwagen noch nicht kannte, waren Sonne,
-<a class="pagenum" id="page_076" title="76"> </a>
-Straßenverkehr, Koketterie und Leierkastenmusik in dichte
-Staubwolken, wie in einen goldbraunen Nebel gehüllt.</p>
-
-<p>Als Doktor Rhode das Haus des alten Gernoth
-erreicht hatte, eines der stattlichsten Häuser weit und
-breit, mit hohen Fenstern und breiten Pfeilern dazwischen,
-nahm er einen Augenblick den Hut ab und
-trocknete sich die Stirn, sah an den Mauern in die
-Höhe und trat ein paar Schritte auf die Treppe zu.
-Und ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt des
-immer noch schönen Mannes vor sich und dieses hochmütige
-Fabrikantengesicht, mit dem er, zugleich ein
-Phantast, ein Lebemann und ein »Rotürier«, auf den
-mit Sorgen ringenden Armenarzt herabsah, um ihm
-danach ein widerwillig gespendetes Geschenk hinzuschieben
-&ndash; und alles empörte sich in der Seele des
-Sprossen eines Jahrhunderte alten Gelehrtengeschlechtes,
-eines im Idealismus des deutschen Pfarrhauses Aufgewachsenen,
-mit allen Kenntnissen der Zeit gesättigten
-Geistes gegen die drohende Schmach. <em class="ge">Den</em> Mann
-bitten, diesen Mann, der nicht die Spur von Verständnis
-für Aufgabe und Wesen der Wissenschaft
-hatte, dessen politischer »Idealismus« nichts war als
-die Sucht, eine Rolle zu spielen &ndash; den <em class="ge">bitten</em> &ndash; er
-konnte, <em class="ge">konnte</em> nicht!</p>
-
-<p>Und langsam, ganz langsam drehte er um.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_077" title="77"> </a>
-Aber mit dem Abscheu vor einer unwürdigen Situation
-hatte er noch kein Geld. Nun, es würde ihm
-wohl ein Gedanke kommen, es mußte ihm ja einer
-kommen.</p>
-
-<p>Er sann und sann.</p>
-
-<p>Aber es fiel ihm nichts ein. Eine kostbare alte
-Bibel, ein ehrwürdiges Familienerbstück, war bereits einer
-früheren Kalamität zum Opfer gefallen. Vielleicht fand
-er gleichwohl noch etwas unter seinen Büchern. Seufzend
-ging er weiter, diesmal den Weg über den großen
-Marktplatz, den »Ring,« einschlagend. Ein reicher
-Mann, dessen Sohne er kürzlich bei einem Unglücksfalle
-Hilfe geleistet, hatte ihm weitschweifig gedankt, aber
-seine Honorarforderung unbeachtet gelassen. Schuster
-und Schneider konnten mahnen, er nicht. An der
-Universität war ein reicher Geheimer Medizinalrat, der
-sich mit ähnlichen Untersuchungen beschäftigte, wie er
-selbst. Wenn er ihm seine kleinen Entdeckungen und
-großen Mutmaßungen mitteilte, das heißt: verkaufte?
-&ndash; schimpflich! und thöricht zugleich, denn wozu hätte er
-dann noch das Mikroskop gebraucht?!</p>
-
-<p>Etwas anderes also!</p>
-
-<p>Auf dem Marktplatz blieb er ein paar Augenblicke
-stehen. Die Qual, die ihn bedrückte, war so groß, daß
-sie seinen Nerven jene seltsame Eindrucksfähigkeit gab,
-<a class="pagenum" id="page_078" title="78"> </a>
-die die erste Wirkung eines leichten Rausches ist, wie man
-sagt: Die Gegenstände vor ihm bildeten nicht ein einheitliches
-Ganze, sondern lösten sich von dem gewohnten
-Bilde einzeln als scharf umgrenzte ab, das Unauffällige,
-Gewohnte wurde neu, befremdlich, ein Gegenstand verwunderten
-Nachdenkens. Er starrte auf das Stadtbild,
-als habe er es nie zuvor gesehn. Wie unsinnig, Bürgersteig
-und Fahrstraße mit hundert geschmacklosen und
-ärmlichen Buden einzuengen, an deren Stirnseiten, der
-wundervollen altersgrauen Gotik des Rathauses zum
-Trotz, in dessen Schatten diese Baracken standen, Schuhe,
-Bürsten, Blechwaren und anderer Haushaltungskram
-baumelten! Wie unsinnig, Pulverwagen und Schlachtvieh
-durch die Straßen zu treiben! Wie verrückt, sich
-von diesen Leierkasten, die man oft zu dreien auf einmal
-hörte, die Ohren zerreißen zu lassen! Wie ekelhaft diese
-Krüppel und Siechen, die sich krückenlos mit den Händen
-über das Pflaster schleppten oder jedem Vorübergehenden
-ihre Schäden enthüllten! Wie unbarmherzig dieses Anspannen
-keuchender Lehrburschen vor schweren Wagen,
-wie schrecklich diese Tierquälereien an den überlasteten
-Pferden, an den armen kleinen Nachtigallen, deren
-Käfige im Sonnenbrand an den Straßenmauern hingen,
-und die geblendet waren, um die Nacht zu glauben,
-die ihnen ihre Lieder entlockte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_079" title="79"> </a>
-Es war soviel Qual in der Welt, soviel Elend!</p>
-
-<p>Aber ist das ein Trost für die Pein der eigenen
-Brust, die der Edle empfindet, der helfen möchte und
-nicht helfen kann, weil ihm die Hände gebunden sind?
-Ist stumm und ergeben leiden wirklich eine Tugend,
-wo seinen Schmerz ausschreien vielleicht ein allgemeines
-Leid verständlich machen und ihm Abhilfe verschaffen
-heißt, wo die Auslösung der höchsten Energie nicht
-bloß ein einzelnes Subjekt &ndash; nein! eine ganze empfindende
-Welt beglücken könnte?</p>
-
-<p>Welcher Schmutz, den der Fuß des Wandelnden,
-den jeder Windzug aufwirbeln ließ! Wie eine dicke
-Wolke zitterte er in der Sonne und stahl sich in die
-Lungen, die Augen, die Organe der Ernährung. Welche
-mörderischen Stoffe mochten nicht vielleicht millionenfach
-durch diese Straßen wirbeln, mit unsichtbaren Dolchen
-die Ahnungslosen anfallend. Wer das unter ein Glas
-bringen und erforschen könnte, seine Zusammensetzung
-begreifen, seine Wirkung festsetzen &ndash; müßte der nicht,
-dem pythischen Gotte gleich, der Erleger giftiger Drachen,
-der Vernichter mörderischen Gewürmes, müßte er nicht,
-auch er, ein Heiland der Menschen werden?!</p>
-
-<p>Ein Hochgefühl, wie es uns bisweilen über uns
-selbst erhebt, überkam den Einsamen, den Armen, das
-Bewußtsein eines Reichtums an Kräften, der Würde
-<a class="pagenum" id="page_080" title="80"> </a>
-einer Mission, die grenzenlos waren. Und ihm war
-das Mittel verwehrt, das diesen Reichtum frei gemacht,
-ihn diese Mission hätte erfüllen lassen.</p>
-
-<p>Da er aus dem warmen Sonnenschein heraus seine
-ungastliche Wohnung wieder betrat, umfing ihn ein
-Frösteln zwischen den kahlen, feuchten Wänden, das von
-Verzichtleisten und Entsagen sprach. Er seufzte. Er
-<em class="ge">wollte</em> nicht verzichten. Er ging aus einem Zimmer
-in das andere, aus der mit bescheidenen Kirschbaummöbeln
-ausgestatteten »guten Stube« in das noch bescheidenere
-Wohnzimmer, von dort in das Schlafkabinett,
-in die Studierstube und wieder zurück und sah sich
-überall um, als erwarte er, ihm bis dahin unbekannte
-Wertsachen irgendwo aufgestellt zu sehn, zog da und
-dort eine Schublade auf, als könne seine Frau dort Gelder
-zurückgelassen haben, sie, die so sorgfältig und sparsam
-war, und schob sie wieder zu.</p>
-
-<p>»Sparsam!«</p>
-
-<p>Wer hatte denn das Wort ausgesprochen? Es war
-ihm, als ob in einer der dämmernden Ecken ein Gespenst
-gestanden, das es gehaucht.</p>
-
-<p>Ja, sie war sparsam. Gewiß, sehr sparsam. Ohne
-ihren Fleiß und ihre Sparsamkeit hätten sie überhaupt
-nicht haushalten können.</p>
-
-<p>Schon als Mädchen war sie immer thätig und
-<a class="pagenum" id="page_081" title="81"> </a>
-sparsam gewesen. Es mochte etwas von dem Kaufmannsgeist
-ihrer Eltern in ihr sein. Er selbst war
-nicht so sparsam. Oder doch in anderer Weise. Er
-war anspruchslos, beinahe bis zur Bedürfnislosigkeit,
-das konnte er von sich sagen, ohne zuviel zu behaupten,
-aber er konnte es einem andern nicht abschlagen, wenn
-er ihn dringend um ein Darlehen oder eine Unterstützung
-anging, und hatte manchen Groschen auf diese Weise
-hingegeben, den er hätte festhalten sollen.</p>
-
-<p>Aber <em class="ge">sie</em> war so sparsam.</p>
-
-<p>Und damit glitten seine Finger leise über die Klappe
-des Sekretärs, die fest verschlossen war.</p>
-
-<p>Dann trat er seufzend an das Fenster und sah hinaus.
-Es war nicht sehr belebt draußen. In Gedanken
-sah er Wanda die Straße heraufkommen mit dem Kinde
-an der Hand, ganz deutlich sah er sie. Und eine starke
-Sehnsucht ergriff ihn.</p>
-
-<p>Wie sehr er sie liebte!</p>
-
-<p>Und sie liebte ihn. Nicht ganz so, nicht so leidenschaftlich,
-nicht mit dem Stolz auf ihn, den er empfand,
-sie zu besitzen, nicht mit der Sehnsucht, die ihn oft mit
-Unruhe erfüllte, aber sie liebte ihn doch, und wie teilnehmend
-und unglücklich würde sie sein, wenn sie wüßte,
-in welcher Bedrängnis er sich befand.</p>
-
-<p>Er zweifelte nicht im mindesten daran, daß sie alles
-<a class="pagenum" id="page_082" title="82"> </a>
-aufbieten würde, ihm zu helfen, wenn sie könnte, zweifelte
-nicht, daß ihre Anhänglichkeit für ihn im Grunde genommen
-dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug.
-Ach! dieser kluge und geistvolle Mann täuschte sich bitter
-über ihre Empfindung, über ihre ganze Lebensstimmung.
-Er hatte keine Ahnung davon, daß Wanda zu den
-Naturen gehörte, die ermüdend und erlahmend in dem
-traurigen Einerlei eines ärmlichen Lebens, beständig
-umworben und neuerobert werden wollen, um wirklich
-besessen zu werden, die etwas von dem Idealismus anbetender
-Zärtlichkeit verlangen für die Hingabe ihrer
-Person und ihrer Ideale. Er nahm an, daß für
-Wanda eheliche Liebe Identitäts- und Solidaritätsgefühl
-sein müsse, wie er sich einredete, daß sie es für ihn war,
-für ihn, der ihr nichts von seiner Persönlichkeit geopfert
-und der immer nur genommen, wo sie gegeben hatte.
-Er ahnte nichts davon, daß sie sich in der letzten Tiefe
-ihrer Seelen fremd waren, daß Wanda nicht einen
-Funken mehr Verständnis oder Ergebenheit hatte für das,
-was ihn erfüllte, als er für ihre Interessen, ja daß in
-dieser Tiefe sogar ein unversöhnlicher, wenn auch ganz
-abstrakter Gegensatz lebte: Der zwischen Begreifen und
-Empfinden, zwischen Wissenschaft und Poesie.</p>
-
-<p>Er glaubte einfach, daß sie ihn liebte und bereit
-sein müsse, alles für ihn zu opfern. Es war sein Unglück,
-<a class="pagenum" id="page_083" title="83"> </a>
-daß er so oft etwas glaubte, was nicht war, daß
-er, die Schärfe seines Verstandes in einseitiger Richtung
-zuspitzend, in manchen moralischen Dingen so konventionell
-dachte, so auf der glatten Oberfläche blieb.</p>
-
-<p>Die Naturwissenschaft war in den vierziger Jahren
-noch nicht das, was sie später wurde. Sie war noch
-eine tastende, schüchterne Disciplin, die noch keinen Einfluß
-auf das allgemeine Denken gewonnen, der Menschheit
-noch nichts von dem großen Positivismus geraubt
-hatte, der so bequem war. Man hielt noch auf
-»Systeme.« War es doch so verführerisch, die Welt
-sich wohlgeordnet und gut zusammengeklappt in die
-Tasche zu schieben und seiner Wege zu gehn. Freilich
-war es auch gefährlich; etwa, als wenn sich einer eine
-wohlverschraubte Granate in die Tasche steckt. Es giebt
-Momente, wo die schönsten Begriffe krepieren.</p>
-
-<p>Zu den unerschütterlichen Voraussetzungen, die der
-Doktor hegte, gehörten seine Anschauungen über »das
-Weib.« Dieser Periode war das Weib etwas an sich,
-ein Typus, eine Summe von einigen Eigenschaften, die
-es dem Mann bequem und angenehm machten, und
-einigen andern, die als das Rätselvolle oder Launenhafte
-oder Unergründliche in Bausch und Bogen hingenommen
-wurden. Die Mühe, die Gesetze von Ursache
-und Wirkung, die man anfing auf Natur und Geschichte
-<a class="pagenum" id="page_084" title="84"> </a>
-anzuwenden, auf das Weib auszudehnen, gab sich
-kein Mensch. Das Weib war eben reizend und tugendhaft
-und verständig oder es war das alles nicht. In
-jedem Falle war es ein der Leitung so dringend
-bedürftiges Geschöpf, daß es durchaus unter die Vormundschaft
-des Mannes gestellt und diesem die Verfügung
-über Besitz und Erwerb der Frau zuerkannt
-blieb. Das Weib war Mittel zum Zwecke »Mann« und
-an sich &ndash; das Urbild der Schwäche.</p>
-
-<p>Doktor Rhode hing mit Zärtlichkeit an seiner Frau
-und war sogar durchaus das, was man einen Gemütsmenschen
-nennt. Aber wir haben unsere stärksten,
-zartesten und wärmsten Empfindungen doch immer nur
-auf dem Boden unserer allgemeinen Anschauungen. Und
-so sehr Rhode seine junge Frau liebte, &ndash; daß sie eine
-Person war, auf die er <em class="ge">alle Rechte</em> habe, physische,
-seelische, materielle, moralische, das war ihm doch über
-allen Zweifel erhaben. Und weil es ihm nebenher
-durchaus zweifellos war, daß sie eine ebenso tugendhafte
-als schöne und begabte Frau sei, und daß
-eine tugendhafte Frau für ihren Mann alles thue,
-ihm alles hingebe, weder Geheimnisse, noch Besitztitel,
-noch irgend etwas neben ihm habe noch haben
-wolle &ndash; begriff er auf einmal nicht, wie er so
-lange hatte zögern können, nach einer Hilfe zu greifen,
-<a class="pagenum" id="page_085" title="85"> </a>
-die äußere, gesetzliche Mittel ihm ohnedies zuwiesen.</p>
-
-<p>Und da mit einem Male holte er seinen Schlüsselbund
-und ein Brecheisen und ging völlig mit der heiteren
-Miene des guten Rechtes daran, die Klappe des Sekretärs
-zu öffnen. Es gelang mühelos, und ebenso leicht
-gaben das Schloß des Mittelverließes und das Vorhängeschlößchen
-an der Sparbüchse nach, aus der er
-mit einem Laut der Befreiung eine Handvoll Geld in
-die daneben stehende kleine Korbschwinge schüttete. Es
-waren übrigens zwei Dukaten und dreiunddreißig Thaler
-Silbergeld.</p>
-
-<p>Eine Stunde später war das ersehnte Mikroskop in
-seinem Besitz.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_086" title="86"> </a>
-Achtes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>D</b>en folgenden Tag erhielt Wanda einen Brief
-von ihrem Gatten, der sich von den bisherigen
-auffallend unterschied.</p>
-
-<p>Der Doktor schrieb jede Woche zweimal: einen Bericht,
-wie es ihm ging, was für Krankheitsfälle er behandle,
-ob er gute oder schlechte Resultate bei seinen
-Patienten erzielt, Mitteilungen von kleinen Vorkommnissen
-in der Bekanntschaft, die sie etwa interessieren
-konnten, Fragen nach dem Befinden der Frauen und
-des Kindes und nach ihrer Lebensweise. Alles herzlich
-und humorvoll.</p>
-
-<p><em class="ge">Dieser</em> Brief hatte einen anderen Charakter. Er
-war von einer unruhevollen Zärtlichkeit, von Sehnsucht
-nach Frau und Kind erfüllt, die er zu lange und zu sehr
-entbehren müsse, von Sorge, ob es ihr nach den schönen,
-frohen Wochen im Gebirge in dem bescheidenen Heim
-auch wieder gefallen werde. Er enthielt außerdem eine
-tiefgründige Betrachtung über die Solidarität der ehelichen
-<a class="pagenum" id="page_087" title="87"> </a>
-Interessen, ja über den sakramentalen Charakter
-der Ehe, der das Gebundensein der Geister und Herzen
-heilige und alles, was sonst unerlaubt oder verletzend sei,
-in ihrer Doppeleinheit gut und rein und gesegnet mache;
-eine Betrachtung, die doch nicht etwa nüchtern, sondern
-sogar von einem seltsamen Überschwang war. Es atmete
-etwas Gedrücktes und Leidenschaftliches zugleich
-aus dem Briefe; das Behagen des Humors fehlte ihm
-durchaus.</p>
-
-<p>Er erregte seine Empfängerin, die ohnedies auf das
-stärkste bewegt war, noch mehr. Ihr Herz wurde von
-dem heftigsten Zwiespalt gefoltert. Pflichtgefühl und
-warme Anhänglichkeit an den Gatten rissen es nach der
-einen Seite, Sympathie und der poetische Rausch einer
-starken jungen Empfindung nach der andern. Abwechselnd
-warf sie sich bald dem einen, bald dem andern
-Gefühl in die Arme, den Schmerz dieser Zerrissenheit
-nicht mildernd durch irgendwelche Erwägungen, die befreiend
-hätten wirken können, sondern noch verschärfend
-mit der Kraft leidenschaftlicher und phantasievoller Naturen,
-jedes Gefühl auf die Spitze zu treiben, in der
-Ahnung von dem lyrisch Fruchtbaren solcher Sensationen.
-Denn es war ihr wunderbar und wonnevoll, seit sie
-<em class="ge">einmal</em> das Glück dichterischen Ausdrucks ihres Empfindens
-genossen, die Wallungen ihres Herzens in
-<a class="pagenum" id="page_088" title="88"> </a>
-Versen auszusprechen, die sie nicht ihrem Heine und
-Lenau, sondern irgend einer Kraft in sich selber verdankte.
-Und obschon sie die merkwürdige, ihr zuerst
-geradezu unheimliche Erfahrung machte, daß die Leidenschaft
-für den Ausdruck so groß sein kann, daß dieser
-die eigenen Empfindungen derartig übertreibt, daß er
-anfängt, sie zur Unwahrheit zu machen nach irgendwelchem
-Gesetze der Steigerung oder des Wohlklanges,
-so kam es ihr doch gar nicht in den Sinn, Wendungen
-dieser Art herabstimmen zu wollen. Sie fühlte das
-dichterische Gesetz und verfuhr darnach.</p>
-
-<p>Ihre poetische Spielerei sollte ihr eines Tages zur
-Verräterin werden. Madame Gernoth kam von einem
-Ausgange heim, als Wanda eben den Klang einiger
-Verse probierte. Sie ging dabei im Zimmer auf und
-ab, wiederholte eine Zeile mit einer kleinen Abänderung,
-kehrte zur ersten Form zurück und trug das Gereimte
-schließlich mit einer Art jauchzenden Pathos den Wänden
-vor:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Klingende Weisen, tönet</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Über mir! Duftet, o Rosen!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schatten der Dämm'rung, versöhnet</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Grelle des Tags! Mit losen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Duftigen Schleiern decket</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Angst und lastende Plage,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">All was die Seele schrecket:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Not und ringende Klage.</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ganz mit duftigem Schleier,
- <a class="pagenum" id="page_089" title="89"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wallend in seliger Fülle,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mir zur einsamen Feier</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Holden Abends umhülle</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dämmerung den grämlichen Tag!</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Höher als strebende Mühen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Höher als alles Vollbringen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Stolz in der Tugend Erglühen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Höher als Kraft und Gelingen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Froher als heitere Feste,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Jubelnder als das Entzücken</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Fröhlich gescharter Gäste,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Glänzend in all ihrem süßen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Elende wandelt in Wonne,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wandelt auf seligen Füßen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Leuchtender noch, als die Sonne,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Liebe den blumigen Pfad.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Klingende Weisen, tönet</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Über mir! Duftet, o Rosen!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schatten der Dämmerung, versöhnet</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Grelle des Tags mit losen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Duftigen Schleiern, denn selig</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Öffnen sich schimmernde Pfade!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Über mir unwiderstehlich</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Himmlisches Wolkengestade!</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und meine Seele, der Sonne</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Gleich, der einsam beglückten,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wandelt in jauchzender Wonne</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wolkenhin, wo Entzückten</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Liebe schmücket den Pfad.</td></tr>
-</table>
-
-<p>Es folgte zwischen den beiden Frauen eine Scene
-voll von Zorn, Vorwürfen, Klagen und Leidenschaftsausbrüchen,
-<a class="pagenum" id="page_090" title="90"> </a>
-deren Resultat aber doch war, daß Wanda versprach,
-dem Polen einen »handfesten« Brief zu schreiben,
-in dem sie ihn endgültig verabschiedete.</p>
-
-<p>Dieser Brief kostete freilich noch ein paar böse
-Stunden, schließlich bereitete er Wanda aber sogar eine
-gewisse Genugthuung und zwar nicht nur wegen des
-tugendhaften Entschlusses, den sie damit besiegelte, sondern
-&ndash; wie sie nun einmal war &ndash; wegen der geistreichen
-schriftstellerischen Leistung, die er nebenher bedeutete.</p>
-
-<p>Und eine zugleich moralische und briefschreiberische
-Leistung war auch die Antwort, die sie ihrem Manne
-zukommen ließ: ohne eine Unwahrheit zu sagen, verschwieg
-der Brief alles, was zu verschweigen gut that,
-beantwortete das ethische Pathos des Doktors mit einigen
-passenden Wendungen ernsten Stiles, die mehr beistimmender
-als eingehender Natur waren, und gab launige
-Schilderungen des Badelebens und Mitteilungen über
-das Kind, die dem Doktor Freude machen mußten.</p>
-
-<p>Wanda durfte stolz sein auf diesen Sieg über sich
-selbst und die Klugheit ihrer Briefe, die sie sogar
-Frau Gernoth unterbreitete.</p>
-
-<p>Bei der Genugthuung, die diese immer korrekte
-und in korrekter Pflichterfüllung zufriedene Dame über
-das Verhalten ihrer Tochter empfand, war es ihr nicht
-ganz verständlich, warum Wanda die letzten Salzbrunner
-<a class="pagenum" id="page_091" title="91"> </a>
-Tage dennoch in einer ewig flackernden Unruhe,
-in einem beständigen Stimmungswechsel zubrachte,
-in einer quälerischen Zerfahrenheit, die Frau Florentine
-endlich die Abreise beschleunigen ließ.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_092" title="92"> </a>
-Neuntes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>E</b>ine Eisenbahnfahrt war vor fünfzig Jahren kein
-Vergnügen. Die Bediensteten, selbst von oben
-her schlecht behandelt, waren von der Kulanz
-mittelalterlicher Steckenknechte und pflegten die engen
-»Coupees« mit Fahrgästen zu überstopfen. Die Ventilation
-wurde durch zugige Fenster besorgt; sich vor
-dem Tabaksrauch oder kleinen Kindern zu retten, war
-ein Ding der Unmöglichkeit, einen Schutz vor den
-Strahlen der die Wagen durchglühenden Sonne zu finden
-ebenso; Wartestuben und Perrons waren finster und
-zugig, die Zuganschlüsse äußerst mangelhaft. Nein, das
-Reisen war kein Vergnügen, und es war außerdem eine
-Fährlichkeit. Die Notizen über umgeworfene Postwagen
-und Eisenbahnunglücke gehörten zu den Dingen, auf
-die die Feinschmecker unter den Zeitungslesern mit soviel
-Sicherheit rechnen konnten, wie heute auf gestrandete
-Fahrräder und abstürzende Alpenfexe.</p>
-
-<p>Doktor Rhode war nicht nur glücklich, die Seinen
-<a class="pagenum" id="page_093" title="93"> </a>
-überhaupt endlich wieder zu haben, er atmete auch auf,
-sie heil dem Waggon entsteigen zu sehen. In dem
-flackernden Licht einiger Öllampen, die durch die Dunkelheit
-des Perrons ein paar unsichere helle Streifen
-sandten, und durchrüttelt von einer Postfahrt von zwei
-und einer Bahnfahrt von drei Stunden, war von den
-blühenden Farben auf Frau Wandas Wangen, die als das
-Resultat ihr Badekur gelten konnten, nicht viel zu
-merken. Aber sie war da, hatte leuchtendere Augen
-und frischere Lippen und war &ndash; ach! so unglaublich
-schön, schöner als je. Er jauchzte ihr ordentlich entgegen.</p>
-
-<p>Auch der Schwiegermama war der Aufenthalt bestens
-bekommen. »Potztausend,« rief er ihr zu, »Sie sind
-wieder jung geworden, Großel!« Nun, Madame Gernoth
-war achtundvierzig Jahr, man hört so etwas auch dann
-noch gern. Und damit nahm er ihr das sorgsam in
-Tücher gehüllte, schlafende Etwas ab, das sie auf dem
-Arm trug, während ein mürrischer Packträger sich des
-Handgepäcks bemächtigte, das die junge Frau hinauslangte.</p>
-
-<p>»Gott sei dank, daß ich Euch wieder hab, ich hab
-es schon kaum mehr ausgehalten!« Und abwechselnd
-preßte er das schlafende Packet an sich, die junge Frau
-und ein klein wenig Madame Gernoth.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_094" title="94"> </a>
-»Nun, was Sie anbetrifft, lieber Rhode,« sagte diese,
-»so sehen Sie nicht besonders gut aus.«</p>
-
-<p>»Es war so heiß in der Stadt und ich habe viel
-gearbeitet.« Inzwischen wurde es in dem Tuche lebendig.
-»Mein Klärchen, bist Du denn munter, mein geliebtes
-kleines Mädel?«</p>
-
-<p>Das Kind richtete sich auf und sah den Mann, der
-es trug, erschreckt an. »Kennt mich mein Klärchen
-nicht mehr?«</p>
-
-<p>»Wenn wir nur erst aus dem Gedränge wären!«</p>
-
-<p>Inzwischen schien sich die Kleine völlig ermuntert
-und besonnen zu haben.</p>
-
-<p>»Der Papa!« sagte sie und legte die Ärmchen um
-seinen Hals.</p>
-
-<p>»Sag' doch Papa das Verschen, das Du gelernt
-hast, das hübsche Willkommenverschen für Papa. &rsaquo;Wir
-haben sieben, Klärchen, sieben echte.&lsaquo;«</p>
-
-<p>»Ach, laß sie doch,« bat Madame Gernoth. Aber
-Rhode sah das Kind zärtlich aufmunternd an.</p>
-
-<p>Da versteckte es das Köpfchen an den Hals des
-Vaters, und ganz leise und verschämt, als mache es
-ihm eine Liebeserklärung, stammelte es:</p>
-
-<p>»Wir haben sieben echte Rippen und fünf falße,
-und vierundzwanzig Wurbel.«</p>
-
-<p>Dem Doktor traten die Thränen in die Augen vor
-<a class="pagenum" id="page_095" title="95"> </a>
-Entzücken über diese Leistung und über die originelle
-Aufmerksamkeit seiner Frau, indes Wanda in ein helles
-Lachen ausbrach und Madame Gernoth mit einer Miene,
-die zugleich Mißbilligung und Stolz war, räsonnierte:</p>
-
-<p>»Was sie dem Wurme alles beibringt, Rhode, das
-müssen Sie gar nicht leiden.«</p>
-
-<p>Nachdem er die Schwiegermama mit ihrem Gepäck
-in eine und Frau und Kind in eine andere Droschke
-untergebracht hatte, war dem Doktor erst wohl. Er
-hielt das Kind auf seinem linken Knie und die Frau
-mit dem rechten Arm umschlungen, küßte beide abwechselnd
-und fragte wohl zehnmal, ob sie ihn noch
-lieb habe und ob sie gern wiedergekommen sei. Sie
-sagte immer ja und rührte sich nicht, halb froh und
-halb beklommen, wie sie war.</p>
-
-<p>Zu Hause fand sie alles freundlich gesäubert, Gardinen
-und Decken blühend weiß, Rosen auf dem Tisch
-inmitten einiger appetitlichen kalten Schüsseln und ein
-Paar niedliche Hausschuhe als Willkommensgabe. Sie
-betrachtete alles mit den forschenden interessierten Blicken,
-mit denen wir uns, von einer Reise zurückkehrend,
-wieder heimisch machen, allerlei Dinge, die ein Teil von
-uns und uns halbfremd geworden sind, wieder in Besitz
-nehmend. Es war alles dürftig, aber es war ihr eigen
-und das kleine Königreich, in dem sie herrschte, und sie
-<a class="pagenum" id="page_096" title="96"> </a>
-liebte jedes Stück daran, jede dieser bescheidenen Provinzen,
-die es ausmachten.</p>
-
-<p>Mit einer Art Neugier lief sie in den beiden Vorderstuben
-hin und her, fing an von Salzbrunn zu erzählen,
-lachte und scherzte, schwatzte von den Wirtsleuten
-und ihrem dummen Jungen, der noch keine zwei Worte
-reden könne, von der Kaufmannsfrau aus Grünberg,
-die wie ein gemästeter Frosch aussähe, und einem Domherrn
-aus Brünn, den sie immer den Dompfaff oder
-Gimpel und seinen Rheumatismus den Gimpelschmerz
-genannt hätten:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Du bist ja hold den Gimpeln</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und heilest Gimpelschmerz,«</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">&ndash; von den zwanzig Toiletten der Baronesse Neudorf, die
-eine so steife, langweilige Person gewesen sei, daß sie
-ihr den Spitznamen die Säule gegeben, und die wohl
-Goethe noch gekannt haben müsse:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Kleid eine Säule &ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sie steht wie ein Fräule.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Aber eigentlich brauchte man nicht Goethe gewesen
-zu sein, um einen solchen Vers zu dichten.</p>
-
-<p>Dann machte sie sich über das Abendbrot her, behauptete,
-der Schinken, der nicht scharf genug gepökelt
-war, rühre seiner Blässe halber von einem Eisbären
-her, der sich ihn mürbe gedrückt, als er auf einer Eisscholle
-<a class="pagenum" id="page_097" title="97"> </a>
-um den Nordpol Karussell gefahren, sprang dann
-auf und zeigte, wie die Polen den Mazurek tanzten und
-wie die Kolmeika.</p>
-
-<p>»Die Kolmeika?« fragte er.</p>
-
-<p>»O das ist auch so'n polnischer Tanz. Paß mal auf!</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Die Kolmeika tanz ich gern</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit dem gewissen jungen Herrn,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Doch am liebsten ist es mir</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit dem schönen Gard'off'zier.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>»Eine prachtvolle Hopserei und ein geistreicher Text,«
-sagte er lachend.</p>
-
-<p>»Ach, da war ein Graf Borinski &ndash; der tanzte das
-zum Küssen. Ein netter Mensch, der sich fürchterlich
-in mich verliebte. Als ich sagte, daß ich Frau Doktor
-Rhode wäre, wurde er ganz blaß und hat noch acht
-Tage lang vor unsern Fenstern getoggenburgert.</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Und so saß er, eine Leiche,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Eines Morgens da, juchhe!«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Sie lachte hell auf. Aber es war kein ganz freies,
-es war ein nervöses, fieberiges Lachen.</p>
-
-<p>»Ach, fast hätte ich mein Mitbringsel vergessen!«
-Sie sprang wieder auf, suchte da und dort: »Die
-Tasche?«</p>
-
-<p>»Die legt' ich ins Schlafkabinett«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>»Ach dort!« und rannte hinaus.</p>
-
-<p>Als sie aber an die Schwelle des Schlafzimmers
-<a class="pagenum" id="page_098" title="98"> </a>
-kam, das von einer kleinen Nachtlampe weniger erhellt
-als mit großen fratzenhaften Schatten angefüllt war,
-blieb sie stehen. Denn wie gespenstisch überfielen sie
-auf einmal die Erinnerungen an die gräßlichsten Stunden
-ihres Lebens. Hier waren ihre drei Kinder geboren
-worden, hier zwei von ihnen unter Qualen und
-Zuckungen wieder gestorben.</p>
-
-<p>Vor ihren Sinnen stieg all das Entsetzliche, all der
-Ekel, all die Pein dieser Stunden in grausamer Deutlichkeit
-auf. Wie gräßlich der langsame Verfall, das
-wochenlange Absterben eines reizenden, blühenden Kindes,
-das eine schleichende Krankheit befiel, bis es mehr einem runzeligen
-Greise als einem kleinen Kinde ähnlich war, wie
-gräßlich diese wächsernen, spinnenartigen Glieder, die sich
-in Krämpfen wanden, bis der Tod sie grauenvoll
-streckte. Ein halbes Jahr später eine neue Geburt, in
-der sie dreißig Stunden in Schmerz und Verzweiflung
-gerungen. Und im nächsten Jahre eine dritte, diesmal
-eines Kindes, das die beiden ersten weit an Kraft und
-Schönheit übertraf. Und ein paar Monate darauf der
-Tod dieses jungen Lebens, jäh, unerwartet, unter
-Zuckungen der blühende kleine Körper hingemordet von
-dem scheußlichen Würgengel Cholera.</p>
-
-<p>Wie qualvoll deutlich sie sich all dessen an dieser
-Schwelle erinnerte! Wie deutlich der Dunst von
-<a class="pagenum" id="page_099" title="99"> </a>
-Kamillenthee, Morphium, von hundert intensiven verletzenden
-Kranken- und Kinderstubengerüchen sich ihr erneuerte
-und sich mit der Erinnerung an gellendes Geschrei,
-Stöhnen und Wimmern vermischte. Wie deutlich
-das fahle Morgengrauen vor ihr aufstieg, das in den
-Dämmer der schmauchenden Lampe fiel und die Bilder
-des Todes beleuchtete, indessen ihr eine krasse Kälte
-die Glieder schüttelte und in ihrer Brust ein Gefühl
-war, als würde ihr das Herz darin mit Zangen herumgedreht
-und zerrissen.</p>
-
-<p>Und das alles, alles sollte wieder sein! Wieder
-streckte Natur ihre Hände nach ihr aus, verführerische,
-trügerische Hände der Zärtlichkeit und des Verlangens,
-um sie zu packen, sie zu opfern, ihr Leib und Seele zu
-zerreißen! Ein Schauder ergriff sie, der ihren ganzen
-Körper schüttelte.</p>
-
-<p>Wahrlich: Wanda Rhode hatte das Unglück, zu den
-Frauen zu gehören, deren Nerven ein zu gutes Gedächtnis
-haben, um sie vor allen Dingen zu Müttern
-zu qualifizieren.</p>
-
-<p>Was hatte sie nur überhaupt hier gewollt? Ja so
-&ndash; dieses Glas, das sie Ewald mitgebracht &ndash; und für
-das die Sparbüchse die Groschen erst noch hergeben
-sollte, die Frau Gernoth ausgelegt &ndash; dieses Glas &ndash;
-&ndash; da in der Handtasche! So!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_100" title="100"> </a>
-Sie wickelte es aus und ließ das kleine Licht der
-Nachtlampe einen Augenblick hineinfallen. Es war ein
-schönes Krystallglas, das den gelblichen Schein dort
-glänzend spiegelte, hier in leuchtend bunte Farben brach.
-Und in einer der Verknüpfungen der Vorstellungen in
-unserer Seele, die so schwach und zugleich so mächtig
-sind, fielen ihr die Zeilen ein:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»&ndash;&nbsp;und Glanz und Wonne</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Umfluten strömend mich,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich habe Dich gefunden,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und jauchzend lieb' ich Dich.«</td></tr>
-</table>
-
-<p>Was mochte ihr Dichter jetzt eben treiben, wo weilen,
-wie ihrer denken? Vielleicht über seinen Kompositionen
-ihrer vergessen! Immerhin Glück genug &ndash; indes sie
-ihn vergessen mußte über diesen »ehelichen Pflichten.«</p>
-
-<p>Inzwischen saß Rhode mit glücklichem Lächeln am
-Tische. So, ganz so war sie als junges Mädchen gewesen:
-so sprudelnd, so übermütig und von dieser sieghaften,
-leuchtenden Schönheit, mit der sie ungezählten
-Herzen gefährlich geworden, mit der sie das seine entzündet
-und es eben von neuem in hellste Flammen gesetzt,
-so daß nur noch eins in ihm war: Zärtlichkeit
-und Verlangen nach ihr.</p>
-
-<p>Wo blieb sie nur?!</p>
-
-<p>»Wanda?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_101" title="101"> </a>
-»Ja.«</p>
-
-<p>Blaß, niedergeschlagen, mit einem seltsamen Ausdruck
-auf den Lippen, trat sie herein, setzte das Glas
-vor ihn hin, sank auf einen Stuhl und brach in heftiges
-Schluchzen aus.</p>
-
-<p>»Herr mein Gott, was ist Dir denn geschehen?«</p>
-
-<p>»Nichts.«</p>
-
-<p>»Nichts?! Du mußt doch einen Grund haben, sprich
-doch, rede doch!« drängte er zärtlich.</p>
-
-<p>Da hielt sie nicht länger zurück.</p>
-
-<p>Er legte die Hände auf den Rücken, trat ans Fenster
-und rang mit unsäglicher Qual und Bitterkeit.</p>
-
-<p>»Ich will fort,« schrie sie. »Ich will wieder fort,
-ich will das nicht wieder!«</p>
-
-<p>Welcher Fluch, einer heißgeliebten Frau mit seiner
-Liebe selbst zum Gegenstande der Furcht und des
-Grauens zu werden! Und was sollte er sagen? Als
-ob es sich nicht um Unabänderliches gehandelt hätte,
-nicht um etwas, in dem er machtlos war, in dem geknickter
-Mannesstolz, Mitleid, Wunsch, ihr alles zu
-Liebe zu thun, <em class="ge">nichts</em> waren &ndash; gegen den Willen der
-Natur! Was sollte er überhaupt nur sagen? Vielleicht,
-wenn sein Gemüt nicht belastet gewesen wäre mit diesem
-Eingriff in ihren kleinen Besitz &ndash; so gern er diese Last
-wegräsonniert hätte mit der Wendung von der ehelichen
-<a class="pagenum" id="page_102" title="102"> </a>
-Solidarität, sie war dennoch da und drückte ihn &ndash;
-vielleicht, daß er dann gute, treue, würdige Worte zum
-mindesten gefunden hätte, die ihr das Unabänderliche
-erleichtert hätten!</p>
-
-<p>Aber so fand er sie nicht.</p>
-
-<p>Wanda schluchzte weiter.</p>
-
-<p>»Fort! wieder fort möcht' ich!«</p>
-
-<p>»Aber wenn ein Mädchen heiratet, weiß sie doch&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Nichts weiß sie. Nichts!«</p>
-
-<p>Fort! Und ihre Gedanken kehrten zurück unter die
-grünen Laubgänge, durch die die Sonne golden leuchtete,
-ein sanfter Wind tausend Blütendüfte hauchte, das
-Rauschen und Murmeln plätschernder Quellen klang
-und die Liebe auf sie wartete, eine Liebe, an der alles
-Zartheit, unterdrückte Glut, alles Langen und Bangen,
-ein stilles frohes Miteinander der Seelen, ein lautloses
-Verstehen und süßes Begreifen war.</p>
-
-<p>Als ob irgend eine Liebe der Welt ewig das alles
-bleiben könnte! Als ob Liebe nicht auf unser aller
-Wege in leuchtenden Feierkleidern träte, blumengeschmückt
-und die Hände voll seliger Gaben und, sobald wir sie
-nur an unser Herz genommen, Werkeltagsgewänder anlegte
-und Opfer über Opfer von uns verlangte für jedes
-überirdische Glück, das sie wie zum Geschenke uns gereicht!</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_103" title="103"> </a>
-Aber wir vergessen das manchmal für Augenblicke.</p>
-
-<p>Da, in dieser Vision, die Wald und Berghang,
-Sonnenschein und junge Liebe vor ihr aufleben ließ,
-tauchten mit einem Male mitten zwischen geputzten Menschen
-diese blassen Mädchengestalten mit den traurig umflorten
-Augen und verwaschenen Wangen vor ihren Blicken
-auf, mit den festgeschlossenen Lippen, die sich gewöhnen
-müssen, die Enttäuschung, den Harm und die Sehnsucht
-zu verschweigen, die einzugestehen die Mißachtung verdoppelt
-hätte, mit der man den »Sitzengebliebenen«
-begegnete.</p>
-
-<p>Ehelos durch das Leben gehen &ndash; nein, das war
-das Entsetzlichste. Das war noch entsetzlicher als Kinder
-gebären und wieder begraben. Das dünkte ihr so schrecklich,
-daß ein neues Grauen sie ergriff und ihre Seele
-dem unglücklichen Mann am Fenster wieder zukehrte.
-Welcher Mann wäre nicht aus dem Geliebten endlich
-der Vater ihrer Kinder geworden? Es war der Lauf
-der Natur so, die die Blüte um der Frucht willen zerstört,
-die verdirbt, um zu schaffen, und den sonderbare
-Schwärmer den Willen eines gütigen, gerechten und
-barmherzigen Gottes nennen!</p>
-
-<p>Gleichviel: es war so.</p>
-
-<p>»Ewald!«</p>
-
-<p>»Wanda.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_104" title="104"> </a>
-Einen Augenblick sahen sie sich stumm verlegen in
-die Augen. Rhode blickte völlig verstört drein. Er trug
-so grenzenloses Verlangen nach ihr, grade, weil er sich
-schuldig vor ihr fühlte und Indemnität in ihrer Liebe
-finden wollte.</p>
-
-<p>Und Wanda sah dieses bis zur Leidenschaft gesteigerte
-Verlangen neben ihr, in diesem Heiligtum von
-ehelichem Heim, in Beziehung gesetzt mit dem Leben,
-das nun einmal ihr Leben war und &ndash; ist es nun so,
-daß Liebe im menschlichen Gemüt überhaupt etwas <em class="ge">für
-sich</em> ist, eine subjektive Veranlagung, obschon sie mit
-allen Wurzeln in der Natur ruht, und daß neben diesem
-»für sich« das Objekt Nebensache sein kann &ndash; war
-es, daß speziell in Wanda Rhode's beweglicher Natur,
-der das Präsente immer eine Macht war, eine solche
-Möglichkeit zu raschem Wechsel gegeben war &ndash; als
-der Doktor sie mit Thränen der Qual und Erregung
-in den Augen anstarrte, geschah es, daß sie auf ihn
-zueilte und die Arme um den Hals des Mannes schlang,
-der sie leidenschaftlich umschloß.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Äußerlich richtete sich ihr Leben wieder ein, wie es
-gewesen: Sprechstunden, Krankenbesuche, Bierhaus oder
-politisches Radaulokal &ndash; Hauswirtschaft, Pflege des
-Kindes, ein wenig Musik und Lektüre, Besuche bei Verwandten
-<a class="pagenum" id="page_105" title="105"> </a>
-und Gevatterinnen. Dazwischen gemeinsame
-Mahlzeiten, ein Spaziergang, eine kleine Besprechung
-oder ein Scherz. Keine rechte geistige oder seelische Verschmelzung
-so wie im ersten Jahre ihrer Ehe, als eheliche
-Gemeinschaft nichts als diese Zärtlichkeiten, die
-schließlich mit zum Abhaspeln der Tagesgeschäfte gehörten
-und, weil sie nichts als Sinnenbefriedigung waren, der
-jungen Frau die gräßliche Auffassung der Ehe als einer
-legalisierten Prostitution und damit ihrem Denken einen
-frühzeitigen Cynismus gaben. Das ganze Beieinander
-übrigens glatt, flüchtig, freundlich, geschäftig, wie es
-eben kam.</p>
-
-<p>Und bei alledem eine Schwüle, die sie einander nicht
-eingestanden, die sie hinweglogen mit einem prahlerischen
-Eifer, der auf der Grenze zwischen Heroismus und
-Heuchelei steht, und sie ahnungslos ließ, daß auch das
-<em class="ge">andere</em> etwas auf dem Herzen habe, das es manchmal
-einzugestehen wünschte und sich doch scheute. So näherte
-sich zuweilen ein Entschluß zu freimütigem Bekenntnis:
-»Diese Spargroschen &ndash; verzeihe mir« &ndash; oder zu heißer
-Bitte: »Hilf mir mit Deiner Liebe, das Bild eines andern&nbsp;&ndash;«
-der Thür des Gatten und ließ die Worte dann doch
-an der Schwelle liegen.</p>
-
-<p>Endlich fand Wanda eines Abends doch den Mut;
-an einem der immer seltener werdenden Abende, an dem
-<a class="pagenum" id="page_106" title="106"> </a>
-der Doktor einmal zu Hause blieb &ndash; und sie warf die
-Bemerkung hin, daß sie Kreowski in Salzbrunn getroffen
-habe.</p>
-
-<p>»Kreowski?«</p>
-
-<p>Die Miene des Doktors verfinsterte sich sofort.
-»So? Dieser &rsaquo;beschlittete Pollacke&lsaquo; war dort?«</p>
-
-<p>»Beschlittete Pollacke?« Sie lachte nervös.</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Ich habe ihn immer nur zu Fuß gesehen, kann
-mir auch nicht gut denken, daß er hinter meinem Rücken
-in den Hundstagen durch die Wälder, durch die Auen
-Schlitten gefahren sein sollte. Übrigens,« fügte sie eifrig
-hinzu, »spricht er deutsch, ist in Deutschland geboren,
-macht deutsche Verse und deutsche Musik und erklärt sich
-selbst für einen Deutschen.«</p>
-
-<p>»Richtigen Patriotismus haben solche Bursche nie
-im Leibe, die in Schnurröcken herumlaufen.«</p>
-
-<p>»Allerdings treibt er weder groß- noch kleindeutsche
-Politik,« sagte sie gereizt, denn der &rsaquo;Bursche&lsaquo; ärgerte sie.</p>
-
-<p>»Ich weiß bloß, daß der Mensch &ndash; Musikant war
-er ja wohl &ndash; trotz seines &rsaquo;Adels&lsaquo; in dem Kränzchen, in
-dem Du Deine Triumphe feiertest und in das ich Dir
-zu Liebe ein paarmal ging, einen Schnurrock trug, wie
-ein Pole aussah und die geschniegelten Manieren dieser
-Rasse hatte.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_107" title="107"> </a>
-»Geschniegelt? Ich dächte, er wäre bloß nicht grob
-oder ungeschliffen.«</p>
-
-<p>»Das fehlte gerade noch!«</p>
-
-<p>Rhode stand ein paar Schritte von ihr entfernt und
-betrachtete sie. Sie hielt den Kopf gesenkt und lächelte
-seltsam verlegen. Sie bereute, den Namen erwähnt zu
-haben, da der Doktor so wenig in der Stimmung war,
-ihre Beichte entgegenzunehmen, und dabei sah sie auf
-einmal mit unheimlicher Deutlichkeit grüne Berge, einen
-schattigen Laubengang und eine Gestalt, die sich auf sie
-zu bewegte und sie ansah. Die Mutter hatte recht gehabt,
-wenn sie ihr widerraten, den ominösen Namen
-vor Rhode zu erwähnen.</p>
-
-<p>Aber es war geschehen! Und der Doktor, unruhig
-und mißtrauisch geworden, bemühte sich, ihr die Gedanken
-vom Gesicht zu lesen.</p>
-
-<p>Was er las, beunruhigte ihn noch mehr. Aber da
-es so wenig greifbar war, wußte er nichts Rechtes dazu
-zu sagen, um so mehr, als sie plötzlich eine sehr harmlose
-Miene aufsteckte und von der Registratorin zu reden
-anfing.</p>
-
-<p>In ihm aber war ein heftiges Verlangen lebendig
-geworden, ein moralisches Übergewicht zu erlangen, und
-sei es auf Kosten dieses »Burschen,« und so fing er
-mit einem Schwall von Beredsamkeit, der ihr Eindruck
-<a class="pagenum" id="page_108" title="108"> </a>
-machen mußte, an, auf die Polen zu schimpfen. Auf
-die Modesentimentalität, die sich mit ihnen beschäftige,
-und die Eitelkeit, mit der sie sich darin gefielen, Gegenstand
-der Neugier und eines schwächlichen Mitleids zu
-sein; sie, die ein hilfreiches allerdings auch nicht verdienten!
-Er schenkte ihnen nichts: nicht die sprichwörtliche
-Verwirrung des Reichstages, noch die »polnische
-Wirtschaft,« noch den Mangel an einem eigentlichen
-Kern des Volkes, noch den an einer großen Litteratur,
-Kunst und Wissenschaft. Er zog Daten über Daten
-heran, das zu beweisen, mit der verhängnisvollen Gründlichkeit
-am unrechten Orte, der übertriebenen Autoritätssucht,
-die jeden Keim eines Widerspruches wie mit groben
-Schuhen zertreten möchte. Mit einem Pathos, in das
-seine Eifersucht und jenes dunkle Gefühl, das moralische
-Übergewicht zu gewinnen, hineinfluteten, donnerte der
-Doktor gegen ein Volk, um ein Individuum zu treffen.</p>
-
-<p>Wanda hörte das alles schweigend an. Zuletzt schwieg
-der Doktor auch &ndash; es war ihm nicht recht wohl zu Mute,
-er hatte ein unklares Gefühl, ungeschickt gewesen zu sein.</p>
-
-<p>Und das war er gewesen. Denn diese Gründlichkeit
-hatte etwas Lächerliches gehabt, und seine Maßlosigkeiten
-hatten Wanda dahin gebracht, Partei für die Angegriffenen
-zu nehmen, für die offiziell Angegriffenen und den,
-der dahinter stand.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_109" title="109"> </a>
-Rhode hatte das Wort »unfähige Rasse« fallen
-lassen und von politischer Impotenz gesprochen. Was
-hatten denn diese Deutschen für politisches Geschick bewiesen,
-diese Deutschen, die fortwährend über ihr dreiunddreißigköpfiges
-Fürstentum und ihren Mangel an
-Einheit zeterten?</p>
-
-<p>Und das war so charakteristisch für die Zeit, daß
-sie so dachte: »Diese Deutschen!« Das Interesse für
-Politik galt für unweiblich und lächerlich an einer Frau.
-Man hatte sich politisch der Frauen bis dahin immer
-nur erinnert, wenn es Opfer für das Vaterland galt.
-Warum hätte Wanda Rhode patriotisch sein, warum
-national empfinden sollen?</p>
-
-<p>»So sage doch etwas,« rief er endlich gereizt.</p>
-
-<p>»Aber <em class="ge">Du</em> hast schon alles gesagt,« antwortete sie
-leichthin, »ich könnte nur &ndash; noch bemerken, daß
-Kreowski sehr gut Walzer tanzt.«</p>
-
-<p>»Allerdings ein schwerwiegender Vorzug.«</p>
-
-<p>Sie lachte, stand auf und ging hinaus, mit einem
-seltsamen Wechsel der Empfindungen im Herzen. Sie
-hatte ihren Mann zum Mitwisser und damit zum Befreier
-von einer Gefühlsverwirrung machen wollen &ndash;
-das Resultat der bloßen Einleitung dazu war, daß sie
-tiefer darin verstrickt war als vordem.</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_110" title="110"> </a>
-Zehntes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>E</b>s war eine Woche später.</p>
-
-<p>Wanda war sehr heiter. So harmlos heiter,
-so grundlos guter Dinge, wie man es manchmal
-ist, bloß weil man jung ist, der Himmel blau, die
-Sonne goldig und weil man geliebt wird und wieder
-liebt, heiter in dem Gefühle von schrankenlosem Lebensreichtum
-und der Fülle der Beziehungen von Herz und
-Welt; vielleicht auch nur, weil man kampf- und qualmüde
-ist und irgend etwas in uns sich auflehnt gegen
-den Druck der Niedergeschlagenheit.</p>
-
-<p>Sie sang und trällerte in den Stuben herum, küßte
-das Kind, naschte an Obst und Beeren, sah in den
-Spiegel, schüttelte den Kopf über ihre eigene junge
-Schönheit, die sie jeden Tag von neuem wie ein Wunder
-daraus anlächelte, amüsierte sich über ein paar Toggenburger,
-die täglich zur bestimmten Stunde vor ihrem
-Fenster schmachteten, und improvisierte Verse, in denen
-<a class="pagenum" id="page_111" title="111"> </a>
-sie die Laune der Natur pries, die ihr alle Herzen zu
-Füßen legte. Eine der Stimmungen, in denen wir
-schlechterdings in uns selbst verliebt sind und so übermütig,
-daß wir als die rechten Ichs- und Glücksprotzen
-mitten in allen Unzulänglichkeiten des Lebens stehen, daß
-wir, sonst ewig dürstend nach Wechsel und Sensation,
-ganz gesättigt sind von dem stillen Beruhen in der
-Gegenwart und dem großen, goldenen Lebensgefühl,
-das sie uns spendet.</p>
-
-<p>Draußen lockte der herrlichste Septembermorgen.</p>
-
-<p>»Wir wollen spazieren gehen,« sagte sie zu dem
-Kind, »erst schön spazieren gehen und dann zu Großmama,
-ihr Geld bringen.«</p>
-
-<p>Es war wahrhaftig Zeit, daß sie der Mutter endlich
-ihre kleine Schuld abtrug.</p>
-
-<p>Das kleine Clärchen jauchzte.</p>
-
-<p>Während sie das Kind anzog, überlegte sie, welches
-von den teuern Stücken ihres Spargroschens sie umwechseln
-sollte, denn sie galten ihr alle einzeln. Es
-waren drei Sterbethaler (aus dem Todesjahre Friedrichs
-des Großen), zwei mit dem Bildnis seines Nachfolgers,
-ein Krönungsthaler Friedrich Wilhelms&nbsp;<i>IV.</i>, eine Anzahl
-außerpreußische Stücke und einer mit dem Kopfe Friedrich
-Wilhelms&nbsp;<i>III.</i> und der Bezeichnung auf dem Revers:
-»Segen des Mannsfelder Bergbaues.« Den hatte sie
-<a class="pagenum" id="page_112" title="112"> </a>
-als junges Mädchen von einer reichen Bäckerstochter
-bekommen, der sie ein paar Tragbänder für den Bräutigam
-gestickt mit Rosen und bronzenen Blättern auf
-himmelblauem Grunde. Zu albern! Die geizige Braut
-hatte ihr noch zwei Groschen abhandeln wollen für die
-mühsame Arbeit. »Billiger rechnen kann ich es Ihnen
-nicht, Mamsell,« hatte sie da gesagt, »aber wenn Sie
-zwei Groschen gern von mir geschenkt haben wollen«
-&ndash; da war das dicke Frauenzimmer rot und beschämt
-davongelaufen und hatte auf den ganzen »Segen des
-Mannsfelder Bergbaues« verzichtet.</p>
-
-<p>Sie mußte noch jetzt darüber lachen.</p>
-
-<p>So hatte jedes Stück seine Geschichte und war mühsam
-und sorgfältig zurückgelegt worden. Wie oft hätte
-sie sich gern einen besseren Hut, einen Schirm oder lange
-seidene Filethandschuhe angethan, aber nie hatte sie sich
-entschließen können, diese Ersparnisse anzugreifen. Es
-war nun einmal gar zu hübsch, einen kleinen Besitz zu
-haben und zu hüten, es bewahrte sie vor dem
-bettelhaften, unfreien Gefühl, das vermögenslose Frauen
-so oft haben im Verkennen des Umstandes, daß sie das
-Ihre redlich an Mann und Kindern verdienen.</p>
-
-<p>Geld! Die es im Überfluß haben, dürfen es mißachten,
-wie wir die Luft nicht schätzen, die uns von
-allen Seiten zuströmt &ndash; dem, der es unter Mühen erworben
-<a class="pagenum" id="page_113" title="113"> </a>
-hat, ist es das Leben selbst, Zeichen seiner Kraft,
-ein Stück metallgewordenes Ich, ein Talisman, ein
-Fetisch, ihm dennoch heilig, und in seiner Gesichertheit
-ein Zeichen der eigenen Unverletzlichkeit; und es ihm
-rauben, heißt ein kleiner Mord.</p>
-
-<p>Das ist so banal, aber man vergißt es manchmal.
-Und nicht das Außergewöhnliche, sondern das
-Banale, das Selbstverständliche vergessen, ist verhängnisvoll.</p>
-
-<p>Mit lächelnder Wichtigkeit, leise vor sich hersummend,
-schloß Wanda den Sekretär auf. Erst die abscheuliche
-Klappe, an der sich Clärchen bereits einmal ein Loch in
-den Kopf gestoßen, und dann das Thürchen des Mittelverließes.
-Sie warf einen Blick hinein: es stand und
-lag alles darin, wie sie es verlassen hatte, einige Päckchen
-Briefe sauber geordnet, das Kästchen mit den altmodischen
-Kleinodien, die leere Geldschwinge, ein Buch
-mit Familiendaten, die Patenbriefe der Kinder und die
-Sparbüchse.</p>
-
-<p>»Schö&ndash;ner, grü&ndash;ner &ndash; schö&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Meine Machen, meine Machen!« schrie das Kind,
-als es die Mutter plötzlich mit einem Schreckenslaute
-zurücktaumeln sah. »Ich Dir ein Gedichtel aufsagen,
-Machen! Es bicht und zuckt und verbutet, aber Du
-siehst es nicht!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_114" title="114"> </a>
-Doch die kindlichen Deklamationen wollten nicht verfangen.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Als eine halbe Stunde später der Doktor nach Hause
-kam, wurde er von dem Dienstmädchen mit der Neuigkeit
-empfangen, daß Diebe den Sekretär erbrochen hätten,
-und sie schon einen Polizisten geholt habe, der drin alles
-genau aufschreibe. Ein kalter Schweiß trat ihm auf das
-Gesicht, er legte Hut und Stock hin und ging hinein.</p>
-
-<p>»Ewald!« schrie sie ihm entgegen und fiel ihm
-schluchzend um den Hals. »Es ist alles fort, man hat
-die Thüren aufgebrochen &ndash; alles!«</p>
-
-<p>»Beruhige Dich, es wird wiederkommen,« sagte er
-schweratmend, totenblaß, aber ganz ruhig.</p>
-
-<p>Sie ließ ihn los und trat zurück. Er sah mehr tief
-verstimmt als erschreckt aus. Mit einem Male ging er
-auf den Beamten zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr,
-worauf dieser lächelte, sein Notizbuch einsteckte, seinen
-Helm ergriff und ging.</p>
-
-<p>»Warum wartetest Du nicht, bis ich kam? Warum
-gleich zur Polizei? &ndash; Mein Gott &ndash; Du &ndash; Du sollst
-ja alles wieder haben&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Also Du?«</p>
-
-<p>»Ja &ndash; ich. Ich war in einer so verzweifelten
-Lage! &ndash; Wanda!!«</p>
-
-<p>Und er streckte bittend die Arme nach ihr aus und
-<a class="pagenum" id="page_115" title="115"> </a>
-wartete, wartete auf ein gutes Wort, auf ein Aufschluchzen,
-auf einen Schrei, auf Vorwürfe, Klagen und
-endliches Verzeihen. Und &ndash; wartete vergebens.</p>
-
-<p>Sie sagte nichts. Diese leidenschaftlich heftige, sich übersprudelnde
-Frau sagte nichts. Nur ihre Augen und das
-Zucken ihrer Lippen redeten eine furchtbare stumme
-Sprache. &ndash; Und dann sagte sie doch etwas, ein einziges
-Wort nur, aber ein sehr böses.</p>
-
-<p>Er stampfte mit dem Fuße auf.</p>
-
-<p>»Vergiß nicht, daß ich nichts genommen habe, was
-zu nehmen mir nicht zustand, daß ich &ndash; nach dem
-Gesetz &ndash; jedes gute Recht habe an allem, was Dir
-gehört,« keuchte er heraus, sich statt auf das moralische
-Recht ehelicher Solidarität auf das formelle des Gesetzes
-berufend, wozu er sich durch das Erscheinen des Beamten
-gedrängt fühlen mochte.</p>
-
-<p>»Gesetz? Wer hat Euch denn diese Gesetze gegeben?
-Ihr selbst habt sie Euch gegeben und wollt Euch darauf
-berufen wie auf göttliche Einrichtungen?«</p>
-
-<p>»Aber &ndash; aber Du sollst es ja wieder haben &ndash;
-dieses Geld!«</p>
-
-<p>»Dann wäre es &ndash; nach dem Gesetz &ndash; ein Geschenk,
-was Du mir damit machtest. Ich will es nicht von
-Dir geschenkt, ich verzichte auf dieses Geld.«</p>
-
-<p>Damit ging sie hinaus.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_116" title="116"> </a>
-Er stand, mit den Händen auf die Tischplatte gestützt,
-und sah ihr nach. Sie liebte ihn also nicht?</p>
-
-<p>War es denn möglich? Sie liebte ihn nicht!</p>
-
-<p>Zum ersten Male war's, daß er sich diese Frage
-vorlegte, die er nicht zu beantworten wagte, weil allein
-sie zu stellen ihm ein ungeheurer Schmerz war.</p>
-
-<p>Ach! ehe er sie hätte beantworten können, hätte er
-sich eine ganze Reihe anderer Fragen vorlegen und
-ihnen Antworten finden müssen.</p>
-
-<p>Hatte sie ihn überhaupt je mit ganzer Seele geliebt?
-War sie überhaupt die, als die er sie kannte? Hatte
-er jemals die letzten Tiefen ihrer Seele erforscht, sich
-nicht vielmehr, auch er, mit dem billigen Märchen von
-dem Rätselhaften, Geheimnisvollen, Launenhaften der
-weiblichen Natur begnügt? Hatte überhaupt je ein
-Mann die Eigenart des Weibes aus ihrer Stellung zu
-entwickeln gesucht und sich gefragt, in welcher Weise
-physische, soziale und individuelle Momente auf ihr
-Empfinden wirken, auf die Beständigkeit ihres Empfindens?
-Ist die Liebe irgend eines Menschen überhaupt
-etwas, wodurch er ein Besitzstück, wodurch er vogelfrei
-wird für den, dem sie gilt? Ist sie jemals eine Vollmacht
-ohne Grenzen? Ist die uns erwiesene Liebe
-etwas anderes als jene, die wir fühlen: schrankenloser
-Egoismus und schrankenlose Hingabe zugleich? Und
-<a class="pagenum" id="page_117" title="117"> </a>
-heißt es nicht den Egoismus in ihr verletzen, wenn wir
-den Anspruch an die Hingabe aufs äußerste steigern?</p>
-
-<p>Alle diese Fragen stellte er sich nicht. Er fragte
-nur: liebt sie mich denn nicht? Und eine namenlose
-Angst erfaßte ihn, daß die Antwort »<em class="ge">Nein</em>« sein könnte.
-Dieser Mann voll Geist und Gemüt hatte die ganze
-Gefühlsplumpheit, die man Wesen gegenüber hat, die
-man trotz leidenschaftlicher Zuneigung geringer schätzt
-als sich selbst.</p>
-
-<p>Es war ein ungemütlicher Tag. Am Abend ging
-er nicht in seinen Klub, sondern blieb einmal wieder zu
-Hause und hielt ihr einen langen Vortrag, wie bedeutende
-Aufschlüsse er dem Mikroskop bereits verdanke,
-wie segenbringend für die ganze Menschheit seine Forschungen,
-von welcher Wichtigkeit sie für sein gelehrtes
-Ansehen und damit für ihrer aller Zukunft seien. Und
-schließlich sei sein Eingriff ja nur eine Art Zwangsanleihe
-gewesen und sie solle alles ersetzt erhalten.</p>
-
-<p>Ob es gesetzmäßig sein gutes Recht gewesen sei, so
-zu handeln, fragte sie.</p>
-
-<p>Ja, das sei es gewesen.</p>
-
-<p>Sie antwortete nichts darauf.</p>
-
-<p>Dann lachte sie und erzählte ein scherzhaftes Vorkommnis
-aus dem Hause; denn sie hatte gemerkt, daß
-er sie zur Besiegelung der Angelegenheit küssen wollte,
-<a class="pagenum" id="page_118" title="118"> </a>
-und ihr graute vor seinen Küssen. Er war Thor genug,
-das nicht zu begreifen. Und da es noch nicht sehr spät
-war, nahm er doch noch seinen Hut und ging.</p>
-
-<p>Auf der Straße dachte er, wie seltsam »das Weib«
-wäre und wie ein Mann niemals ganz hinter sein
-Empfinden käme, hinter das Rätselvolle und Sprunghafte
-ihres Wesens.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Inzwischen saß Wanda zu Hause mit einem Gefühl
-von Kälte in der Seele, als ob etwas darin abgestorben
-sei, das sich nicht wieder lebendig machen lasse.</p>
-
-<p>Es heißt, daß jede Kränkung zu verzeihen göttlich
-ist, aber es giebt Kränkungen, die verzeihlich zu finden
-man ein Gott sein muß, wenn das Verzeihen nicht
-schimpflich sein soll.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>In den nächsten Tagen glückte es Rhode, einer
-wichtigen wissenschaftlichen Thatsache auf die Spur
-zu kommen, und er war so erfüllt davon, daß
-er für Anderes kaum mehr Auge und Ohr hatte.
-In dem unendlichen Hochgefühl, von dem er sich dabei
-getragen fühlte, vergaß er sogar die Frage, die ihn
-so erschüttert hatte: ob seine Frau ihn denn noch liebe,
-vergaß er alles um sich her, alles, was sich als Recht
-und Pflicht, als Ursache und Wirkung im moralischen
-Leben an ihn herandrängte.</p>
-
-<p>In seiner Studierstube eingeschlossen, rätselte er in
-<a class="pagenum" id="page_119" title="119"> </a>
-fieberhafter Begier über dem Problem der organischen
-Zelle, in der bis zum Wahnsinn gesteigerten Einseitigkeit
-eines akuten Interesses, das mit dem Gotte neben sich
-ringt, schreiend: »Ich lasse Dich nicht, Du segnest mich
-denn.« Ein verhängnisvolles Stadium, aus dem der Doktor
-wohl auf Augenblicke in das wirkliche Leben zurückkehrte,
-aber um es sofort wieder zu verlassen. Dann fiel ihm
-etwa ein gequälter und feindseliger Zug in Wanda's
-Gesicht auf und er erinnerte sich, daß er ihr einen Verdruß
-im Dienste der Wissenschaft bereitet hatte. Aber
-opferte er nicht diesem idealen Dienste die Ruhe seiner
-Nächte, das Behagen seiner Tage, was hatten diese
-paar Groschen dagegen zu bedeuten!</p>
-
-<p>Er vergaß bei diesem Exempel nur, daß seine Ideale
-nicht die ihren waren und daß sie ihr Teil an Opfer
-von Ruhe und Behagen in anderer Weise dem Leben
-schon reichlich gebracht. Nicht lange, meinte er, und
-sie würde das verwunden haben, eine so versatile, so
-elastische Natur! Und so klug, so &ndash;&nbsp;&ndash; so&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er wußte nicht was &ndash; seine Gedanken packten den
-Gott schon wieder.</p>
-
-<p>So verflatterte ihm der Konflikt.</p>
-
-<p>In ihrer Seele aber blieb eine Wunde wie von
-einem Beilhiebe: es gab Gesetze, die dem Manne den
-Besitz seiner Frau auslieferten, Gesetze, die moralische
-<a class="pagenum" id="page_120" title="120"> </a>
-Rechte mit bürgerlichen totschlugen. Und damit war
-ihre Achtung vor Recht, Gesetz und bürgerlicher Ordnung
-überhaupt erschüttert.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Einige Tage später schien sie dennoch alles verwunden
-zu haben. Der Doktor hielt gerade seine Morgensprechstunde
-ab, als er Wanda singen hörte. Sie brach freilich gleich
-wieder ab, da sie sich erinnern mochte, daß während dieser Zeit
-möglichst Ruhe gehalten werden mußte, aber es war
-doch ein Zeichen wiedergekehrten Frohsinns, das ihm
-sehr lieb war. Es hätte kaum etwas geben können, das geeigneter
-gewesen wäre, ihn zu beunruhigen, wenn er den Grund
-dieses Jubels geahnt hätte.</p>
-
-<p>Wanda Rhode war gerade mit einer recht unangenehmen
-Arbeit beschäftigt: dem Einseifen von schmutziger
-Wäsche, das nach der Familientradition die Hausfrau
-selbst zu besorgen hatte, als ein dicker Brief an
-sie abgegeben wurde, dessen Aufschrift sie erröten
-ließ und dessen Umschlag sie mit zitternden Händen
-aufriß. Sie hatte Kreowski damals trotz allem Schmerze
-gegrollt, daß er abgereist war, ohne sich noch einmal
-sehen zu lassen, ohne auch nur eine Zeile zu senden.
-Sie hatte es ausdrücklich gewünscht, aber sie hätte noch
-lieber gewünscht, er möge ungehorsam sein. Was
-wollte er nun plötzlich von ihr?</p>
-
-<p>Ah &ndash; Verse! Verse und Melodieen!</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Jüngst schlug ich meine Lieb' aufs Haupt
- <a class="pagenum" id="page_121" title="121"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und thät sie still begraben &ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Ruhe, die sie mir geraubt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die wollt' ich wieder haben.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Doch wie sie war drei Tage tot,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ich bin über Feld gegangen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Meine Liebe kam, war frisch und rot</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und küßte mich auf die Wangen.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nun ging es über Berg und Thal,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Das war ein fröhlich Gewander,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sie sprach zu mir: sterb ich einmal,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">So sterben wir miteinander.</td></tr>
- <tr><td class="tdl fs125">&emsp;&emsp;&emsp;&emsp;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Am Waldrand, dort wo die enge Welt</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Von blühenden Hecken ist rings umstellt,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dort unter den alten Rüstern,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wo Gras und Blumen flüstern,</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Möcht ich noch einmal Dir allein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wenn der ersten Sterne lichter Schein</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Augen der Müden segnen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Allein Dir noch einmal begegnen.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und sähe die Dämm'rung um uns her</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Umhüllen uns wie mit Schleiern schwer,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Sähe den Himmel sich dehnen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und sähe doch nichts vor Thränen,</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Und sähe nur Dich, <em class="ge">nur Dich</em> allein! &ndash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach, einmal nach all der Entsagungspein,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dem tödlich schweren Verwinden</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Möcht' ich Dich wiederfinden.</td></tr>
- <tr><td class="tdl fs125">&emsp;&emsp;&emsp;&emsp;&mdash;&mdash;&mdash;&mdash;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wilder Tauben Schwarm von umwölktem Hügel,
- <a class="pagenum" id="page_122" title="122"> </a></td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dunkelgrün bekränzt mit dem Schmuck der Wälder,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hebt im Dämmerlicht der betauten Felder</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Silberne Flügel.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schweigend durch das Meer der erblauten Feuchte</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schwimmen sie dahin, über Hang und Klüfte,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ziehn den raschen Flug durch der frühen Lüfte</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Nebelgeleuchte.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schwimmen morgenwärts, und es färbt ein Glühen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Horizontes Rand und die grüne Breite,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Färbt den lichten Strom und der ernsten Weite</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schweigendes Blühen.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Hei! wie stürzen da in den sel'gen Morgen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Silberflüglig sie, in das Glutgetauche,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Bis ihr Fittich still wie in Heimathauche</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ruhet geborgen.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Also ziehn zu Dir meine morgenfrühen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Träume, hin zu Dir von erwachtem Pfühle</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Die Gedanken all, um aus Dämmerkühle</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dir zu erglühen.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach! Du spürst wohl nicht ihrer Flügel Kosen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Um die Schläfen Dir, Dir um Ohr und Wangen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Oder ahnest Du ihres Flatterns Bangen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Scheuchst Du die losen,</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Daß sie müde ganz, ohne Willkomms Glück mir,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Wie von rauhem Fels, von umwölktem Hügel,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Traurig mit der Qual der erschöpften Flügel</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Kehren zurück mir.</td></tr>
- <tr><td class="fs50">&nbsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Stille! Jüngst noch kam mir in Jubelwogen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ihr beglückter Schwarm, wie von Heimatklippen:</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Lächelnd hattest Du sie an Brust und Lippen</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Schmeichelnd gezogen.</td></tr>
-</table>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_123" title="123"> </a>
-Diese Verse waren zugleich in Musik gesetzt und
-die Kompositionen beigelegt.</p>
-
-<p>Verbietet dem Auge, dem Lichte zuzujauchzen, wenn
-nach Regendunkel die Sonne durch das Gewölk herabbricht
-in Strahlen, unter denen die nassen Bäume in
-Schauern erzittern, der Strom sich in fließendes Gold
-verwandelt und die Lüfte im Dunste glühenden Hauches
-beben! Verbietet dem Ohre, das in schweigender Einöde
-gelauscht um einen, nur <em class="ge">einen</em> verwehten Ton der
-Ferne, sich zu berauschen an dem Zauber der Melodien,
-die ihn plötzlich jubelnd umbrausen! Verweigert dichterischem
-Sinn die Freude an Reim und Rhythmus, an
-der bilderreichen Sprache der Phantasie &ndash; und einem
-unruhigen, verschmachtenden Gemüt, das sich in der
-Enge kleiner Mühsale, in der Kälte eines verödeten
-Lebens verzehrt, sich zu berauschen am Klange der
-Leidenschaft und einer Sehnsucht, stark wie die eigene!
-Verbiete es, wer kann!</p>
-
-<p>Ach, wie sie ihr zujauchzte, dieser in Feierkleidern
-und Blumenschmuck daherprangenden Liebe! Wie sie
-ihre Festschüsseln, ihre ambrosischen Schalen liebte!
-Wie sie diese ungekränkte, unverletzte Liebe liebte, die,
-eine stolze, gabenfrohe Königin, alles giebt, wonach das
-Gemüt schreit, eine milde Trösterin, die Wunden heilt,
-an denen das Herz verbluten will, eine jauchzende Genossin,
-<a class="pagenum" id="page_124" title="124"> </a>
-die mit ihren Liedern jubelnd und schluchzend in
-der Seele ein Echo weckt, das sie verzehnfacht.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Doch still &ndash; während der Sprechstunde durfte nicht
-gesungen werden! Und sie verbiß ihr »Glück,« so gut
-es ging.</p>
-
-<p>Ewald Rhode aber glaubte, als diese Sprechstunde
-vorüber und er von seinen Abscessen und Magengeschwüren
-in die kleine Welt neben sich zurückkehrte, da
-er nur Wandas Augen leuchten und ihre Wangen
-lächeln sah, daß neugeborene Zärtlichkeit für ihn ihre
-Pulse höher schlagen lasse. Er klopfte sie auf die
-Wangen und nannte sie seine verständige, brave, kleine
-Frau, die sich heiter in die intelligible Welt seiner Ideale
-gefunden habe.</p>
-
-<p>Da lachte sie hell, laut &ndash; aus <em class="ge">ihrer</em> intelligiblen
-Welt heraus.</p>
-
-<p class="ce">*</p>
-
-<p>Etwa vierzehn Tage später ging Wanda nach angestrengtem
-Tagewerk noch gegen Abend ein Stück
-spazieren. Es war an einem der wundervollen Septembertage,
-da noch alles grün und sommerlich und doch die scharfe
-Glut gemildert ist, da es noch blüht und duftet, aber
-um Busch und Baum die Dämmerung schon frühe
-Schatten webt und die lebendigen Düfte sich mit dem
-Atem der Verwesung zu mischen beginnen, da die
-<a class="pagenum" id="page_125" title="125"> </a>
-Sommerfäden zarten Silberhauch von Stamm zu
-Stamm ziehen, der Mond schon hoch steigt, die Nächte
-kühl sind und die Winde nicht mehr so warm.</p>
-
-<p>Die Breslauer Promenaden besaßen damals noch
-keine Palmengruppen und Springbrunnen, keine Festons
-von wildem Weine und keine Teppichbeete. Nichts von
-Luxusbauten oder Denkmälern ragte auf den alten
-Bastionen, nichts von Konzert- und Biergärten füllte
-ihre schattenreichen Gänge mit Lärm und übeln Dünsten.
-Es gab sogar noch Gegenden, wo dichtes Gestrüpp von
-spanischer Weide, Haselgebüsch und Ligusterhecken, alles
-ungepflegt und unverschnitten, versteckte Wandelgänge
-einfaßten, wo das Gras in die Wege hineinwucherte
-und hohe Platanen sich über morsche Bänke wölbten,
-während unter dem steilabfallenden Hügel die Wellen
-der Oder brausend einem Wehr entstürzten.</p>
-
-<p>Wanda Rhode, von schwankenden Empfindungen hin
-und her gerissen, eilte fliegenden Schrittes den Stadtgraben
-entlang, nach dichterischem Ausdruck ringend,
-der sie wenigstens für Augenblicke von der Qual des
-inneren Widerstreites befreit hätte und der sie doch nicht
-eher befreien konnte, als bis sie diese Qual so hoch in
-sich gesteigert, daß dem Ausdruck Kraft und Präzision
-geworden wäre. Ein starker, aber weicher Wind wehte ihr entgegen,
-ein Wind, der in den Wipfeln der Bäume wühlte, unruhig
-<a class="pagenum" id="page_126" title="126"> </a>
-flatternde Wolken über die Sonne spannte und
-sie wieder mit fortführte, mit zitterndem Flügel ihre
-Wangen streifte und seine Lieder in langgezogenen
-Klagetönen sang. Gereimte Zwiesprache mit dem beflügelten
-Genossen ihres Weges gab ihr doppelten Schwung
-der Empfindung und das wundervolle Gefühl des Zusammenhanges
-mit der Natur und des Hinausstrebens über irdische
-Gebundenheit. Ihre Sehnsucht stieg auf mit den Lüften,
-breitete Arme nach dem Himmel und kehrte wieder zurück nach
-ihrem Herzen, alles in ihr löste sich in ungestümes Verlangen
-nach dem Unfaßbaren, Unnennbaren, das heute
-künstlerische Begeisterung, morgen Liebe, heute Glück,
-morgen heißester Schmerz, der Seele Flügel löst und
-sie zu sich emporreißt in einem Rausch, der zugleich
-Wunsch und Erfüllung ist.</p>
-
-<p>Doch was war das? Welches Irdische eilte ihr entgegen?
-Da! &ndash; wo die Sonne goldigen Flor zwischen die
-Stämme wob &ndash; regte sich's dort nicht? Raschelte nicht
-ein Schritt im dürren Laube? Knickten nicht Zweige?</p>
-
-<p>Schlug da nicht eine Flamme aus dem Boden und
-loderte vor ihr auf, ihre Brauen versengend? Zitterte
-nicht in ihrer Glut Himmel und Erde und ihr Herz?</p>
-
-<p>Und lag sie &ndash; jetzt &ndash; wirklich jubelnd, schluchzend
-an einem andern Herzen?</p>
-
-
-
-
-<h2><a class="pagenum" id="page_127" title="127"> </a>
-Elftes Kapitel.</h2>
-
-
-<p class="in0"><b>D</b>ie Tage kamen und gingen. Es wurde Herbst,
-es wurde Winter. Anfang Dezember machte
-Eduard Gernoth wieder einmal in der Stadt
-von sich reden. Es hieß, er müsse wegen politischer
-Umtriebe fliehen, wenn er nicht den Kopf verlieren
-wolle. Andere prophezeiten wenigstens eine längere
-Freiheitsstrafe. Eines Tages war er wirklich fort, kein
-Mensch wußte wohin.</p>
-
-<p>Über diese Sache mit den Ihren zu sprechen, war
-Madame Gernoth zu Rhodes geeilt, wo sie das gleiche
-Bedürfnis fand. So hatten sie denn alle drei lange
-zusammengesessen, allerlei Vermutungen getauscht und
-unerfreuliche Schlüsse gezogen. Danach hatte man sich
-anderen Dingen zugekehrt, Rhode hatte lebhaft politisiert;
-die Wogen des Zusammenstoßes reaktionärer und
-demokratischer Bestrebungen gingen wieder sehr hoch
-und regten die Gemüter gewaltig auf. Madame Gernoth
-<a class="pagenum" id="page_128" title="128"> </a>
-war nicht ohne Interesse dafür, aber Wanda machte
-nur ihre scherzhaften Glossen darüber, sie war wirklich
-unglaublich unpolitisch. Zuletzt wurde sie ganz ausgelassen,
-von einer krankhaften, krampfhaften Ausgelassenheit.
-Ihrer Mutter war dabei nicht recht wohl: Wandas
-Lustigkeit bei der Flucht ihres Vaters kam ihr unnatürlich
-vor und verletzte sie, obgleich ihr selbst der Mann nichts
-mehr galt. Ihre Tochter machte ihr überhaupt schweren
-Kummer. Sie war ihr einmal Abends mit Kreowski begegnet
-und hatte sie trotz dichtester Verschleierung erkannt.
-Als wenn eine Andere ihre Figur und ihre Bewegungen
-gehabt hätte! Später hatte sie sie zur Rede gestellt und Wanda
-hatte erst geleugnet, dann alles zugegeben. Dabei war
-dann die Sache mit dem erbrochenen Sekretär zur Sprache
-gekommen. Frau Gernoth hatte das alles mit einem Schmerz
-erfahren, der ihr fast das Herz versteinerte. Nicht zu zählen
-waren die schlaflosen Nächte, die die Kenntnis dieser Dinge
-ihr kostete. So, <em class="ge">so</em> hatte sich eine Ehe gestaltet, auf die
-sie die frohesten Erwartungen gesetzt! <em class="ge">So</em> suchte sich ihre
-Tochter zu helfen, zu trösten! <em class="ge">Das</em> war das Resultat
-ihres harten Entschlusses, Wanda dem Einfluß des
-Vaters zu entziehen, daß sie nun neben einem andern
-Manne alle Eigenschaften dieses Vaters entfaltete.</p>
-
-<p>Aber indem sie gegen ihre Tochter Partei nahm,
-konnte sie deshalb noch keine für Rhode nehmen.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_129" title="129"> </a>
-Der Mann hatte sich entwaffnet. Die Spargroschen
-aus der Mädchenzeit einer Frau, mühsam mit Stickereien
-beim Talglicht erworben, anzugreifen &ndash; pfui! Sie
-den Gefahren, die in ihrer Natur lagen, zu überlassen,
-sie gerade in ihren besten Eigenschaften, der ängstlichen
-Rechtschaffenheit, dem haushälterischen Sinn zu treffen
-&ndash; thöricht bis zur Verächtlichkeit! Und wenn sie hier
-auch nicht ganz gerecht war, da sie nichts ahnte von
-jener unpersönlichen Selbstsucht eines starken idealen
-Triebes, um so sicherer erkannte sie die Unwahrheit
-eines Solidaritätsgefühles, das einseitige Interessen solidarische
-nannte.</p>
-
-<p>Wie häuslicher und geselliger Zwang so tausendmal
-im Leben seine Schleier über Abgründe breitet! Unter
-ernstem, ruhigem Gespräch, unter Plaudern und Scherzen
-&ndash; wieviel verheimlichtes Mißtrauen, wieviel verstecktes
-Schuldgefühl, wieviel übertünchte Lüge!</p>
-
-<p>So auch hier.</p>
-
-<p>Man saß zusammen, mutmaßte und folgerte, lachte
-und lächelte, und in der hellen Sonne, im traulichen
-Lampenschein, saßen zwischen den drei sich so nahe
-Stehenden Gespenster, die der eine nicht sah und die
-beiden andern ignorierten. Frau Florentine hatte plötzlich
-den Eindruck, als ob Wanda auch ihr etwas verheimliche,
-als ob eine Unruhe sie foltere, eine Niedergeschlagenheit
-<a class="pagenum" id="page_130" title="130"> </a>
-sie drücke, die sich weder auf ihr Verhältnis
-zu dem Doktor noch auf diese unselige Liebelei bezöge.
-Diese jungen Frauen &ndash; ob am Ende &ndash; Jesus, das
-fehlte nun grade noch!</p>
-
-<p>Gegen sieben wollte Madame Gernoth gehen, blieb
-aber und ließ sich von Rhode ein paar gelehrte Geschichten
-vormachen, Experimente, die damals neu waren,
-während Wanda sehr eilfertig das Abendbrot rüstete.
-Dann aßen sie zusammen und schließlich bat die Großmutter,
-Clärchen zu Bett bringen zu dürfen.</p>
-
-<p>Es war erst halb acht, da man von Tische aufstand.</p>
-
-<p>»Es ist mir sehr lieb, Mutter, wenn Du mir Clärchen
-abnimmst,« sagte Wanda hastig, »ich muß schnell
-noch mal zur Kleideranprobe.«</p>
-
-<p>»Jetzt?«</p>
-
-<p>»Ja.</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Die Mädchen nah'n im Flittertand&emsp;</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Mit bunter Bänder Wallen,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Ach! wer giebt ein Festgewand,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Dem Liebsten zu gefallen!</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">&ndash; oder auch:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">Und den goldgestickten Schleier</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Legt sie an, das Glanzgeschmeide,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Zu des Tages hoher Feier</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Rauscht ihr Gang von stolzer Seide.</td></tr>
-</table>
-
-<p class="in0">&ndash; kurz gesagt: ich habe kaum mehr meine Blöße zu decken,
-und also addio! &ndash; Kuß das Kind? Ja, mein Clärchen,
-<a class="pagenum" id="page_131" title="131"> </a>
-mein kleines artiges Mädelchen.« Sie küßte das Kind
-mit der Heftigkeit irgend einer seltsamen Erregung.</p>
-
-<p>Mann und Mutter wollten sie trotz ihrer Schnaken
-nicht gehen lassen, aber da kam es heraus, daß sie oft
-des Abends kleine Besorgungen mache oder ein Stück
-an die Luft gehe, wenn das Kind zu Bett und der
-Doktor in seinem Klub sei, und daß ihr noch niemals
-eine Unannehmlichkeit widerfahren.</p>
-
-<p>Und damit hatte sie auch schon Hut und Mantel
-angelegt, küßte das Kind nochmals, sagte den andern:
-»In einer halben Stunde bin ich wieder da,« und eilte
-fort. Die Mutter seufzte und schloß die Reste des Abendbrotes
-weg, der Doktor ging in sein Zimmer. Er hatte
-die Absicht gehabt, noch in eine politische Versammlung
-zu gehen, aber er wollte Frau Gernoth beweisen, daß
-er bisweilen abends zu Hause sei.</p>
-
-<p>In seinem Zimmer überkam ihn eine sonderbare
-Unruhe, er ging wieder in die Wohnstube, öffnete das
-Fenster und sah hinaus, um Wanda zurückzurufen.
-Aber in dem schwachen Dämmerlicht und den tiefen
-Schatten, die ein paar Öllämpchen auf den Schnee
-draußen warfen, war nichts mehr von ihr zu sehen.
-So kehrte er zurück und nahm sich vor, jetzt öfter des
-Abends zu Hause zu bleiben. Er hatte sie am Flügel
-und mit ihren Gedichtbüchern immer sehr gut aufgehoben
-<a class="pagenum" id="page_132" title="132"> </a>
-geglaubt und nicht daran gedacht, daß das Alleinsein,
-einen Abend wie den andern, Gift für ihr unruhiges Gemüt
-war. Jetzt machte er sich Vorwürfe, daß die Einsamkeit
-sie noch oft spät auf die Straßen trieb, um irgend welche
-Lappalien einzukaufen.</p>
-
-<p>Unterdessen trug die Großmutter das Kind, das
-schon auf ihrem Arme eingeschlafen war, in das Schlafkabinett,
-in dem eine schmauchende Nachtlampe an
-Wände und Decke groteske Schatten warf, kleidete ihr
-Enkeltöchterchen aus, indem sie beständig in jener zärtlichen
-und zugleich monoton einschläfernden Weise zu ihm sprach,
-mit der man übermüdetes kleines Volk zur Ruhe bringt,
-und sah dabei in Gedanken immerfort ihre Tochter mit
-schnellen Füßen über den Schnee laufen, immerfort, ohne
-Ziel und Ende. Sie seufzte, lüftete dem Kinde nochmals
-die Kissen, deckte es zu und faltete die Hände, aber das
-Bild vor ihren Augen wich nicht.</p>
-
-<p>»Beten, mein Clärchen!«</p>
-
-<p>Die Kleine war so verschlafen, daß sie nur mit den
-Augen blinzelte, den Kopf wieder fallen ließ und sich hinlegte.
-Doch die Großmutter, der Pünktlichkeit und Ordnung
-auch der höchsten Instanz gegenüber über alles ging,
-richtete das kleine Mädel abermals auf und prägte ihr
-die Notwendigkeit seines Nachtgebetes dringlichst ein.</p>
-
-<p>»Ja,« sagte das Kind gehorsam, aber von Schläfrigkeit
-<a class="pagenum" id="page_133" title="133"> </a>
-ganz verwirrt, schlug die Augen weit auf, legte die
-Fingerchen ineinander und sagte dann feierlich:</p>
-
-<table class="fs90" summary="" border="0" cellpadding="0">
- <tr><td class="tdl">»Mein dunkles Herze lieb' Dich,</td></tr>
- <tr><td class="tdl">Es lieb' Dich und es bicht&nbsp;&ndash;«</td></tr>
-</table>
-
-<p>»Schon gut, schon gut!«</p>
-
-<p>»Amen, gute Nacht, Großel.«</p>
-
-<p>Und da schlief sie auch schon.</p>
-
-<p>»Großer Gott, was für Zeug,« flüsterte die Frau
-und sah gramerfüllt auf das kleine Ding nieder. »Rechne
-es ihr nicht an, mein Gott. Und behüte sie, mein
-Gott, behüte sie vor &ndash; vor&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>Ach! man spricht nicht alles aus, was man denkt,
-nicht einmal vor Gott.</p>
-
-<p>Es kam ihr heiß und schwül im Zimmer vor. Sie
-stand auf, ließ das trübe Nachtlichtchen etwas höher
-aufflammen und wollte sich eben mit einem Strickzeug
-wieder an das Bett des Kindes setzen, als eine klaffende
-Schrankthür ihren Ordnungssinn beleidigte. Sie suchte
-sie zu schließen, öffnete sie, weil sie klemmte, weiter und
-sah das Kleid, zu dessen Anprobe Wanda gegangen,
-fertig dahängen; ein Anblick, der der graden Frau die
-Schamröte für ihre Tochter ins Gesicht trieb.</p>
-
-<p>Wanda hatte also gelogen. Das Lügen gehörte sonst
-nicht zu ihren Fehlern, sie war sogar wahrhafter und
-offenherziger, als zu sein klug ist. Wenn sie hier die
-<a class="pagenum" id="page_134" title="134"> </a>
-Unwahrheit gesagt, konnte es nur einen Grund haben:
-sie war gegangen, ihren Liebhaber zu treffen.</p>
-
-<p>Sie schloß den Schrank wieder, setzte sich steif in
-den Stuhl und starrte vor sich hin. Ihr sonst noch
-regelmäßig schönes und keineswegs ältliches Gesicht sah
-aus, wie das eines bekümmerten alten Mannes.</p>
-
-<p>Nebenan hörte sie den Doktor mit Papieren knistern,
-den Stuhl rücken, auf- und abgehen und endlich mit
-seinen Apparaten hantieren. Ein eigentümlicher Geruch
-verriet ihren empfindlichen Sinnen, daß er die Zink-Kohlenelemente
-eingesetzt hatte. Er hatte ihr das vorhin
-gezeigt und sie belehrt, wie man in einem Augenblicke
-den Strom her- und die Verbindung wieder abstellen
-könne. Und sie lächelte vor sich hin. Unzweifelhaft:
-in der Tiefe seines Herzens war ein Strom von
-Liebe für ihre Tochter &ndash; aber der Mann verstand es
-nicht, die Verbindung zwischen dem praktischen Leben
-und diesem Strome herzustellen. Der Thor!</p>
-
-<p>Er verstand es nicht, weil da etwas war, das eine
-Binde um seine Augen legte, seine Hände fesselte, seinen
-Sinn bethörte, und ihn hinderte, diesen Strom herzustellen.
-Ach &ndash; sie wußte recht gut, was das war, sie hatte
-es selbst erfahren! Es war der Mangel an höchster
-Achtung, den der Mann der Frau als einer ihm nicht
-Gleichstehenden bezeigt, und der der verderbliche Dämon
-<a class="pagenum" id="page_135" title="135"> </a>
-ist, der alle Paradiese in Wüsten verwandelt, die Ströme
-der Liebe versiegen und die Funken lebendigen Lebens
-verlöschen läßt. Wenigstens war das die Meinung von
-Madame Gernoth.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Wenn sie ihm das alles sagte? ihn warnte, ihn
-beschwor, ihm alles rückhaltlos mitteilte?</p>
-
-<p>Sie stand auf, zögerte &ndash; und ließ es.</p>
-
-<p>Es war eine so verhaßte Rolle, die der warnenden,
-scheltenden Schwiegermutter.</p>
-
-<p>Und warum vorzeitig Unfrieden erwecken? Kam
-er, so kam er früh genug. Warum ihr Kind anklagen
-vor diesem Thoren, der selbst nicht schuldlos war, der
-seine Hände befleckt hatte, mit einem Eingriff, der Unrecht
-war, auch wenn ihn tausend Gesetze ein Recht
-nannten? So wenigstens empfand sie.</p>
-
-<p>Sie war nicht unfähig, sich seine Not, die Heftigkeit
-seiner Wünsche vor Augen zu halten, aber ihr Herz
-schrie darnach, ihr Kind, obschon sie es verurteilte, zu
-verteidigen, und dieses Verlangen entsprang dem verletzten
-Rechtsgefühl der Frau, die selbst Unrecht gelitten,
-wo ihr Schutz verheißen worden war.</p>
-
-<p>Die Hälfte der Schuld lag auf ihm &ndash; mochte er
-ihren Fluch tragen.</p>
-
-<p>Als Wanda Rhode die Straße betrat, wunderte
-sie sich, daß es so kalt geworden war. Es war
-<a class="pagenum" id="page_136" title="136"> </a>
-zwar nicht mehr als drei Grad unter Null, aber
-die Luft war rauh und scharf. Auf den Straßen
-lag ein dünner, trockener Schnee, der im Mondschein
-schimmerte. Glitzernd standen Brunnen und
-Laternenpfähle, Bäume und Sträucher, alle von buntem
-Rauhreif überzogen. Doch es sollte noch schöner
-kommen. Sie mußte das Stück Promenade nehmen,
-das sich von der Ziegelbastion bis zur Universitätsbrücke
-den Strom entlang hinzieht. Dort, in geringer Entfernung
-von der Brücke, erhob sich ein anderer vom Festungswall
-stehen gebliebener Hügel, der Eisberg. Auf ihm
-war die Begegnung verabredet.</p>
-
-<p>Es war ein öder, menschenleerer und schlecht beleuchteter
-Weg, doch bei Vollmond sehr gut passierbar und
-verklärt von zauberhafter Schönheit. Unwillkürlich verlangsamten
-sich ihre Schritte. Man betritt nur bebenden
-Fußes ein Feenland, in dem, dem traumhaften,
-bleichen, doch alles zuckt in millionenfachem, buntem
-Geflimmer. Da waren die großen, feierlichen Platanen,
-die ihr undichtes, hellfarbiges Astwerk, daran im Sommer
-die großen tiefschattigen Blätter prangen, weit ausbreiteten
-wie glänzende Arme, da die ehrwürdigen Nußbäume
-und traulichen Linden, die stämmigen Kastanien
-und zierlich verästelten Buchen, und alle hatten sich die
-gleißende Verzauberung gefallen lassen müssen, so gut
-<a class="pagenum" id="page_137" title="137"> </a>
-wie die Flieder- und Goldregenhecken, wie die Reste
-dürftigen Grases und das niedrige Fichtengesträuch am
-Wege, wie Weg und Steg selber.</p>
-
-<p>Die Oder war fest gefroren und auf ihrer bläulich-silbernen
-und doch bunt überflimmerten Decke zogen ein
-paar einsame Schlittschuhläufer ihre Kurven.</p>
-
-<p>Es war so schön, daß sie sich fragte, ob irgend ein
-Sommertag mit goldigen Lüften und prangendem Grün
-sich damit vergleichen ließe, so fremdartig, so märchenhaft
-schön wie die Welt verbotenen Glückes, die ihre
-Liebe war, mitten in dieser kahlen, nüchternen Alltagswelt.</p>
-
-<p>Und da kam der Erwartete auch schon! In einen
-weiten, faltenreichen Burnuß gewickelt, die viereckige
-Polenmütze auf dem Kopfe, die ihm so gut stand, kam
-er ihr entgegen.</p>
-
-<p>»Mein Lieb, mein Lieb,« flüsterte er und schloß sie
-in die Arme. Wie poetisch und romantisch das war, im
-Mondenschein über knisternde Stege durch den knirschenden,
-leuchtenden Schnee zu gehen und zu hören, daß man geliebt
-werde, daß man schön sei, genial und hinreißend, daß
-jeder Gedanke eines andern, jeder Vers, jede Melodie, jede
-Empfindung einem gehören, und versichern zu dürfen,
-wie man dieser kurzen Stunde entgegengejubelt, wie sie
-das Glück und der Glanz des Lebens sei.</p>
-
-<p>Und wie ernsthaft-heimlich es war, sich dazu aus
-<a class="pagenum" id="page_138" title="138"> </a>
-dem grellen Mondlicht in den Schatten der ehrwürdigen
-Alma Mater zu ducken, die fromme Jesuitenpatres erbaut,
-um verbotener Liebe Schirm zu gewähren.</p>
-
-<p>»Was hast Du heute getrieben, mein Glück?« fragte er.</p>
-
-<p>»Ein bischen genäht, Wäsche gefaltet, mit Clärchen
-gespielt, nach dem Himmel gesehen und immer an Dich
-gedacht. Und was Du?«</p>
-
-<p>»Meine Serenade ins Reine geschrieben, eine Chorübung
-abgehalten, ein Stück spazieren gegangen und
-mich auf Dich gefreut. Macht es Dich glücklich, an
-mich zu denken?«</p>
-
-<p>»Über alles glücklich! Ewald hegt irgend einen
-großen Plan, ich glaube, er bildet sich ein, man könne
-Leute mit elektrischen Funken gesund machen &ndash; das
-macht ihn ganz geistesabwesend, oder entgeistert mich
-oder macht mich zu einem Gespenst, ich weiß nicht: er
-sieht mich, scheint es, überhaupt nicht mehr. Aber freilich,
-ich sehe ihn auch nicht mehr, ich sah nur Dich,
-immer nur Dich, Lieber, immer nur Dich.«</p>
-
-<p>»Meine Fee, meine Göttin, mein Engel! Daß ich
-doch neue, süße, hohe Namen erfinden könnte. Dich zu
-ehren &ndash; aber nun ist meine Phantasie zu arm. Viel,
-viel zu arm. Und ich kann nur kläglich nachstammeln,
-was andere vor mir gestammelt. Du über alles Geliebte.«</p>
-
-<p>»Das ist das liebste, was ich höre.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_139" title="139"> </a>
-Aus dem Austausch zärtlicher Versicherungen wurde
-die Unterhaltung schließlich ein allerliebstes kleines Fachgespräch.
-Es war so langweilig, an diesen einsamen
-langen Winterabenden immer bloß zu lesen und zu
-singen. Wanda Rhode beschäftigte sich neuerdings damit,
-englische Gedichte zu übersetzen. Das war eine anmutige
-kleine Anstrengung, die sie unterhielt und davor bewahrte,
-zu viel eigene Verse zu machen, die ihr allzu
-leicht von statten gingen und die gewissenhaft zu feilen
-sie noch nicht kritisch genug war, so daß die Arbeit
-daran das Gefährliche, Gefühlen starke Wendungen zu
-suchen, aufgehoben hätte. Aber das Übersetzen war richtige
-Arbeit, die sie von ihrer Subjektivität und der
-schwankenden Unruhe ihres Inneren abzog. Sie trug
-dem sanften und verständnisvollen Witold daher gern
-Text und deutsche Fassung vor, und dann hatten sie
-ihre kleinen Diskussionen über ihren und den Urtext,
-die sehr ernsthaft und lebhaft geführt wurden und von
-denen man dann zu musikalischen überging.</p>
-
-<p>Wanda Rhode wollte heute schwören, daß eine
-Melodie, die sie zu summen anfing, aus einer Mozart'schen
-Symphonie sei, Kreowski schwur auf Beethoven.</p>
-
-<p>»Wenn Du jetzt ein Mann und mein guter Freund
-wärest,« sagte er scherzend, &ndash; »wir sind keine fünfzig
-Schritte mehr von meinem Hause &ndash; wie hübsch, wenn
-<a class="pagenum" id="page_140" title="140"> </a>
-ich jetzt sagen könnte: komm' mit herauf, ich habe den
-Klavierauszug oben &ndash; und Du wärest geschlagen.«</p>
-
-<p>Sie lächelte, und still gingen sie weiter. Leise sang
-sie die Stelle wieder. »Es ist nicht einmal ganz richtig
-so, es ist so: la &ndash; la &ndash; la &ndash; lalala, lala.«</p>
-
-<p>Da standen sie vor seinem Hause.</p>
-
-<p>Sie zuckte an seinem Arm:</p>
-
-<p>»Zeig mir den Klavierauszug.«</p>
-
-<p>»Wirklich?«</p>
-
-<p>»Was ist da auch Schlimmes!«</p>
-
-<p>»Wanda&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Du willst wohl nicht?«</p>
-
-<p>Er lächelte seltsam, sah sie an und flüsterte endlich:</p>
-
-<p>»Ein Mann &ndash; sagt da nicht nein.«</p>
-
-<p>Sie zögerte einen Augenblick. »Ich komme bloß
-als guter Freund.«</p>
-
-<p>»Hm, &ndash; Du bist es aber nicht. Willst Du wirklich?«</p>
-
-<p>»Ja.« Er gab ihr den Arm, an den sie sich leise lachend
-hing. »Ich glaube, das ist ein Abenteuer, wie?«</p>
-
-<p>»Ja, es ist eins.«</p>
-
-<p>»Ist das drollig. Weißt Du: ich habe mir immer
-schon gewünscht, einmal ein kleines Abenteuer zu erleben.«</p>
-
-<p>Er drückte ihren Arm: »Leise, ganz leise. Und vorsichtig!
-Flur und Treppen sind finster&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Das seh ich wohl.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_141" title="141"> </a>
-»Halte Dich ganz fest an mich.«</p>
-
-<p>»Ganz fest.« So stiegen sie hinauf, zwei sich wendende
-Treppen, auf die die Mondhelle des Himmels ein
-leises Dämmerlicht fallen ließ. Dann schloß er eine Thür
-auf. Als sie in dem dunkeln kleinen Vorzimmer standen,
-drückte er sie an sich und küßte sie heftig.</p>
-
-<p>Es wurde ihr ein wenig schwül und, sich losmachend,
-sagte sie eifrig: »Mache Licht.«</p>
-
-<p>Er zündete eine Kerze an und dann eine schlechtgeputzte
-messingene Öllampe; und er that es mit zitternden
-Händen, fahrig, unsicher.</p>
-
-<p>Wanda merkte es nicht. Das Herz klopfte ihr ein
-wenig, denn was sie that, war nicht in der Ordnung,
-aber sie war mehr belustigt von ihrer Keckheit, als
-fassungslos. Mit der Harmlosigkeit eines genialen
-Kindes, das sie war, stand sie in der Stube des
-Mannes, den sie liebte und der sie liebte, und betrachtete
-das sehr einfache Möblement, die nicht sehr sauberen
-Gardinen, die Musikinstrumente und Lithographien, die
-an den Wänden hingen: eine Guitarre, ein Waldhorn,
-eine Geige in grünem Flanellbeutel, ein Tod Kosziuskos
-und Sobieskis Sieg über die Türken.</p>
-
-<p>Indessen blätterte und suchte er in einem Noten-Folianten
-und schien nicht finden zu können, was er
-suchte. »Endlich! Da!« Er drehte sich nach ihr um
-<a class="pagenum" id="page_142" title="142"> </a>
-und sah sie mit einem seltsamen Lächeln an, die, da es heiß
-im Zimmer war, eben den Mantel aufknöpfte. Er sprang
-hinzu und nahm ihn ihr ab. »Du bist so blaß,« sagte sie.</p>
-
-<p>»Ja, mein Gott« &ndash; und immer wieder mußte er
-eine rebellische Locke aus dem Gesicht schieben, die zu
-tief hineinfiel. »Ich &ndash; ja &ndash; ich werde das jetzt
-spielen. Siehst Du: Beethoven.«</p>
-
-<p>»Ich bin geschlagen.«</p>
-
-<p>»Soll ich spielen?«</p>
-
-<p>»Aber natürlich.«</p>
-
-<p>Er schlug den Deckel des kleinen Pianos auf, das
-in einem Winkel stand, stellte Notenbuch und Lampe
-darauf: »Ich kann es auswendig, aber &ndash; damit Du
-Dich überzeugst,« sagte er heiser.</p>
-
-<p>»Ja. Ach, Deine Lampe! Die muß Dir die Wirtin
-einmal blank putzen.«</p>
-
-<p>»So?«</p>
-
-<p>»Und dieser Staub hier! Du, Du, weißt Du, wie
-man das nennt: polnische Wirtschaft.« Sie lachte leise.</p>
-
-<p>Er lächelte mit schmerzlicher Ironie.</p>
-
-<p>»Man muß heiraten &ndash; nicht wahr? &ndash; man sollte
-&ndash;&nbsp;&ndash; hier ist die Stelle!«</p>
-
-<p>»Fang nur an.« Und da spielte er, schlecht zuerst, mit
-klammen, zitternden Fingern danebengreifend, ausdruckslos;
-dann wunderschön, singend, schwellend, jubelnd, groß und edel.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_143" title="143"> </a>
-Wanda Rhode hatte in einem Rohrlehnstuhl Platz
-genommen und hörte ganz verloren zu. Ihr kleines
-Abenteuer war beinahe feierlich, ja wirklich, es war
-feierlich, die Thränen traten ihr in die Augen, während
-sie auf die grün schablonierte Wand und den Sieg Sobieskis
-starrte. Als er aufschaute, war eine Pause zwischen ihnen.</p>
-
-<p>»Spiel' jetzt was Lustiges,« sagte sie; »ich bin ganz
-traurig geworden, ganz traurig. Spiel' einen Krakowiak.«</p>
-
-<p>»Gewiß.« Und er spielte. Er spielte glühend, er spielte
-seine ganze Leidenschaft in die Wirbel eines Nationaltanzes,
-sein ganzes heißes Mannesbegehren, das ihr harmlos-kecker
-Besuch heraufbeschworen.</p>
-
-<p>Es zuckte Wanda durch alle Glieder, sie bewegte
-den Kopf nach der Melodie, fing an, sie mitzusingen
-und endlich mit den Füßen leicht den Takt dazu zu
-treten. Mit einem Mal brach er ab und sprang auf, auch
-Wanda erhob sich, Zärtlichkeit, Lust und Übermut sprühte
-aus ihren Augen. »Ich danke Dir sehr, es war schön.
-Und nun geh' ich wieder,« sagte sie.</p>
-
-<p>Der Pole aber stürzte vor ihr nieder, umklammerte
-ihre Kniee und drückte den Kopf in die Falten ihres
-Kleides. »Du &ndash; bist zu mir gekommen &ndash; Du&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Steh' doch auf, Witold,« bat sie ängstlich.</p>
-
-<p>Da stand er auf. »Liebst Du mich aber? Sehr!? Sehr?«</p>
-
-<p>»Ich lieb' Dich sehr.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_144" title="144"> </a>
-Aber während sie sich an ihn lehnte, überkam sie
-ein Angstgefühl und eine heiße Unruhe, und sie suchte
-sich wieder los zu machen. »Laß mich, Witold.«</p>
-
-<p>Doch er umschloß sie nur fester, und während
-er sie an seine schweratmende Brust drückte, knüpften
-die Finger seiner Rechten an einem kleinen Tuch, das
-sie, um den Hals trug, und an den Bändern ihres
-Hutes. »Laß' doch das.«</p>
-
-<p>»Laß'? &ndash; ja &ndash; laß' nur, gieb &ndash; Deinen Hut
-&ndash; und das auch &ndash; das &ndash; Du mein, mein, mein!«</p>
-
-<p>»Witold, was thust Du denn, was fällt Dir ein!«</p>
-
-<p>»Ich lieb' Dich, ich lieb' Dich! und Du &ndash; wirst
-mir angehören, ganz mir, mir, süßestes Weib!«</p>
-
-<p>Sie gab ihm einen Stoß vor die Brust, daß er
-zurücktaumelte, griff nach ihrem Mantel, den sie schnell
-umwarf und rannte hinaus, die dunkeldämmerigen
-Treppen hinunter, zitternd, mit einem Herzklopfen, das
-ihr den Atem benahm, ganz aufgelöst von Scham und
-Zorn. »Diese &ndash; Bestien, ob sie weiter nichts wissen!
-Diese Bestien!«</p>
-
-<p>Jetzt &ndash; rechts oder links? &ndash; rechts &ndash; dort die
-Hausthür &ndash;&nbsp;&ndash; Gottlob, sie war gerettet!</p>
-
-<p>Gerettet &ndash; ja. Die Liebe in Feiertagsgewändern hatte
-ihre Schleier abgeworfen und sich frech und hohnvoll gewandelt,
-die Himmlische hatte die Engelslarve abgethan
-<a class="pagenum" id="page_145" title="145"> </a>
-und sie angestiert mit brutalem Grinsen. Warum hatte
-er ihr das angethan! Was sie bei ihm gesucht, war ja
-doch nur die Poesie der Liebe, das selige Wandeln in ihren
-lichteren Vorhöfen, war gerade das, was die Ehe nicht war.</p>
-
-<p>Und dann &ndash; überkam sie mit einem Male das gräßlichste
-Gefühl, wie ein Glutstrom, der sich aus seinem
-Begehren in ihr Blut ergoß: sie wäre vielleicht eines
-Tages &ndash; nicht heute, nicht morgen &ndash; doch wer kann
-für alle Zeiten gut für sich sagen? &ndash; <em class="ge">vielleicht</em> &ndash;
-diesem Begehren gewichen&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Nein! nein! gewiß nicht! nie!</p>
-
-<p>Aber schon daß sie es einen Augenblick lang denken
-gekonnt, war möglich, weil er ihre Liebe in den Staub
-getreten und den Boden, auf dem sie gewandelt, unter
-ihr fortgezogen!</p>
-
-<hr class="long" />
-
-<p>Wanda war etwa eine Viertelstunde fort, als
-Rhode mit einem Licht in den Händen bei Madame
-Gernoth eintrat, die im Wohnzimmer am Fenster stand
-und in die Schneenacht hinaussah.</p>
-
-<p>Er sah blaß und aufgeregt aus.</p>
-
-<p>»Ich habe keine Ruhe &ndash; es war Unrecht, sie allein
-fortgehen zu lassen &ndash; und sie sagte, sie gehe manchmal
-des Abends allein fort &ndash; wohin geht sie, da es
-sich nicht immer um ein Kleid handeln kann?«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_146" title="146"> </a>
-»Sie ist auch heut nicht um das Kleid gegangen,«
-sagte Frau Florentine hart, »es hängt fertig im Schrank.«</p>
-
-<p>»Mein Gott, was soll das denn heißen? und warum machen
-Sie so unheimliche Augen, Mama? Sprechen Sie doch.«</p>
-
-<p>Sie zögerte. »Soll ich zur Verräterin meines Kindes
-werden?« sagte sie dann.</p>
-
-<p>»Um alle Barmherzigkeit, foltern Sie mich nicht so!
-Ich habe ein Recht zu wissen, was Sie wissen.«</p>
-
-<p>»O ja,« sagte die Frau bitter, »Rechte haben Sie
-immer, ob Sie auch Pflichten haben, größere Pflichten,
-als Ihre Frau dürftig satt zu machen, darnach fragen
-Sie nicht. Also denn: sie hat ein Liebesverhältnis mit
-dem Musiker Kreowski.«</p>
-
-<p>»Nein!« schrie er.</p>
-
-<p>»Ja.«</p>
-
-<p>»Seit wann?«</p>
-
-<p>Madame Gernoth tupfte ein paarmal leicht auf den
-verhängnisvollen Sekretär und sagte: »Seit Sie &ndash; das
-Geld hier herausgenommen haben.«</p>
-
-<p>Einen Moment lang war eine Totenstille zwischen ihnen.
-»Es ist dennoch nicht wahr,« sagte er endlich gequält.</p>
-
-<p>»Ich traf sie jüngst zusammen, unweit des Kaiserthores
-am Eisberge. Ich glaube, sie treffen sich öfter
-dort. Gehen Sie sie suchen.«</p>
-
-<p>»Ich gehe,« sagte er heiser.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_147" title="147"> </a>
-»Vergessen Sie indes nicht, welcher Teil der Schuld
-an Ihnen liegt. Ich möchte mein Kind nicht einem
-uneinsichtigen Richter verraten haben, sondern einem,
-der fühlt, daß er&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Mitschuldiger ist. Ich begreife.«</p>
-
-<p>Sie leuchtete ihm, Hut und Mantel zu finden.
-Beide zitterten. Es war kalt und eine große Qual in
-beider Seelen. Dann ging er.</p>
-
-<p>Die Luft war rauh, bunt glitzerte der hartgefrorene
-Schnee und knirschte unter seinen Tritten.</p>
-
-<p>»Es ist ja nicht möglich, nicht möglich!« dachte er immerfort.
-Er sah sie ganz deutlich vor sich, ganz nahe, mit
-diesem geistreichen Nixenlächeln, mit diesen leuchtenden
-Augen, mit dieser schmalen, leicht geschwungenen Nase,
-dem edlen Oval, dem Rhythmus aller Linien und Bewegungen:
-das »Wunder eines Weibes,« das er sich
-langsam gewöhnt hatte, zur Haushälterin und zum
-Objekt seiner gewohnheitsmäßigen, pflichtmäßigen, handwerksmäßigen
-Zärtlichkeiten herabzudrücken, denen alles
-Impulsive, alles Innerliche, alles Tiefe und Verehrungsvolle
-abhanden gekommen war. Und mit dieser Art
-Zärtlichkeit hatte er sie von sich gedrängt, der Zärtlichkeit
-eines andern entgegen &ndash;&nbsp;&ndash; bis &ndash; wohin?</p>
-
-<p>Bis &ndash; bis&nbsp;&ndash;? Er mochte es nicht ausdenken?</p>
-
-<p>Bis zur Vernichtung ihrer und seiner Ehre&nbsp;....</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_148" title="148"> </a>
-Nein, nein &ndash; das war unmöglich! so weit verlor
-sie sich nicht, so weit hatte er sie nicht verloren!</p>
-
-<p>»Gott, mein Gott!« schrie es in ihm, während heiße
-Glutwellen ihm zum Herzen schossen. »Gott im Himmel
-&ndash; das nicht!«</p>
-
-<p>Da war der Eisberg &ndash; da das Kaiserthor! Er
-blieb einen Augenblick stehen; wohin sich wenden?</p>
-
-<p>Da sah er eine weibliche Gestalt die Burgstraße
-herunter fliehen. »Wanda!«</p>
-
-<p>»Ah! &ndash; Du?«</p>
-
-<p>»Was thust Du hier?«</p>
-
-<p>»Ich bin auf dem Nachhausewege.«</p>
-
-<p>»Warum bist Du so sehr gerannt? Deine Wangen
-glühen und alles zittert an Dir.«</p>
-
-<p>Da brach sie in Thränen aus. Er nahm ihren Arm
-und zog ihn unter seinen. »Wanda, um Gottes willen,
-was ist vorgefallen, verschweige mir nichts.«</p>
-
-<p>»Dieser unverschämte Mensch, dieser&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Kreowski?«</p>
-
-<p>»Woher weißt Du&nbsp;&ndash;?«</p>
-
-<p>»Genug, ich <em class="ge">weiß</em>, daß Du mit diesem Manne &ndash;
-ein &ndash; ist es denn wirklich wahr?«</p>
-
-<p>»Nun &ndash; ich hatt' ein bischen eine Liebelei mit ihm
-&ndash; ja! Man will eben auch irgend etwas vom Leben
-haben, wenn man &ndash; doch eigentlich &ndash; keinen Mann hat!«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_149" title="149"> </a>
-»Du hast keinen?«</p>
-
-<p>»Nein. Gerade zum Suppe kochen, Socken stricken
-und &ndash; und &ndash; na ja, prachtvoll! Und Kreowski, der
-liebte mich wirklich und ehrte mich so hoch und war
-immer so zart und rücksichtsvoll, und nun &ndash;&nbsp;&ndash; ach!«</p>
-
-<p>»Sprich doch bloß, sprich!«</p>
-
-<p>»Nun stritten wir uns, ob Mozart oder Beethoven
-&ndash; und sind gerade vor seiner Wohnung &ndash; und ich
-sag: ich werde mit hinauf gehen, da können Sie nachsehen.
-Und so gehen wir hinauf. Und dann &ndash; wird
-er eben unverschämt! Wo ich mit keiner Seele an so
-was &ndash; Greuliches gedacht hab! &ndash; Jesus &ndash; <em class="ge">das</em>, ja
-das kann ich freilich zu Hause auch haben! Und ich wollte
-doch Liebe, Liebe, richtige Liebe! Ach wie ich ihn hasse!«</p>
-
-<p>Er atmete auf. Sie war doch ein Kind, ein glänzendes,
-geistreiches Kind. »Hassest Du mich auch?« fragte er zärtlich.</p>
-
-<p>Sie antwortete nicht. Schluchzend ließ sie den Kopf
-auf seine Schulter sinken, im Schmerz über ihre gekränkte
-und verlorene Liebe in dem Gatten den Freund
-suchend, dem sie ihre Klagen darum ausschütten dürfe.</p>
-
-<p>Doktor Rhode nahm ihren Schmerz für Reue und eheliche
-Zärtlichkeit. Ohne weiter zu sprechen, gingen sie nach Hause.
-Als Madame Gernoth, die angstvoll am Fenster harrte,
-sie Arm in Arm in die mondbeglänzte Straße einbiegen
-sah, verließ sie die Wohnung und schlüpfte nach der
-<a class="pagenum" id="page_150" title="150"> </a>
-andern Seite hinunter. Sie war nicht die Person, die
-Dritte abzugeben, wo zwei Eheleute miteinander fertig
-werden mußten. Genug, daß sie zusammen kamen.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er führte sie in sein Studierzimmer, das die Wärme
-am besten zu halten pflegte, nahm ihr Hut und Mantel
-ab, rieb ihr die erstarrten Hände und braute ihr über
-der Berzeliuslampe einen Thee. Dann setzte er sich
-neben sie, umschlang sie, strich ihr das Haar aus der
-Stirn und trocknete ihre Thränen.</p>
-
-<p>Sie ließ ihn schweigend gewähren, merkwürdig schnell
-beruhigt und ohne auf seine Zärtlichkeit zu reagieren.</p>
-
-<p>Endlich sagte er weich:</p>
-
-<p>»Wanda, laß' mir Dir etwas erzählen. Es war
-einmal ein Mann, der besaß einen köstlichen Diamanten,
-auf den war er über die Maßen stolz, steckte ihn in
-einen ledernen Beutel, den Beutel in die Tasche und
-zog seines Weges, Kiesel zu suchen. Wie er sich aber
-nach einem gar großen, blanken Kiesel bückte, fiel ihm
-der Beutel samt Kleinod hinaus, und er merkte es nicht.
-Da kam einer des Weges, der hob den Schatz auf und
-hätte ihn &ndash; beinahe &ndash; zu sich gesteckt, wenn der andere
-es nicht plötzlich gemerkt und ihm den Demant noch
-rechtzeitig entrissen hätte. Wanda &ndash; und war der
-Mann sehr dumm oder &ndash; sehr schlecht?«</p>
-
-<p>»Sehr dumm.«</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_151" title="151"> </a>
-»Und wenn der Dumme fortan ein ganz, ganz kluger
-Mann sein will und sein Kleinod allezeit an seiner Brust
-hegen als das größte Gut und den einzigen Schmuck
-seines Lebens &ndash; Wanda?«</p>
-
-<p>Sie schwieg und lächelte seltsam. Er dachte sich
-das so billig, so leicht. Glaubte er mit einer Parabel
-und ein paar Küssen, glaubte er mit einem <em class="ge">Versprechen</em>
-die Schuld jahrelanger Vernachlässigung, all'
-der egoistischen Rücksichtslosigkeit, die sich mit der Neigung
-eines Mannes zu verschmelzen weiß, vergessen zu
-machen? Es ist der Nachteil des Mannes in der Ehe,
-daß er zu wenig über sie nachdenkt, indes die Frau,
-der sie einziger Beruf ist, den Wert aller ihrer Beziehungen
-und Stimmungen, jedes Mißverständnisses,
-jedes schwebenden Wortes durchzudenken Gelegenheit
-nimmt. Oder vielleicht auch ist das sein Vorteil, diese
-größere Plumpheit des Empfindens.</p>
-
-<p>»Warum lächelst Du so seltsam, so ironisch?« fragte
-er unsicher und von ihrem Schweigen verletzt.</p>
-
-<p>Wanda Rhode nahm einen Streifen Papier, der
-auf dem Tische lag, wickelte ihn über die Finger und
-wieder ab und sagte dann:</p>
-
-<p>»Diese Parabel, die Du da erzähltest, klang ja sehr
-schön und war gewiß ehrlich gemeint, schließlich &ndash;
-war sie doch nur Phrase. Denn jenem Manne mit
-<a class="pagenum" id="page_152" title="152"> </a>
-dem Kleinod, das er fernerhin hüten und ehren will,
-wird diese gute Absicht nicht lange nützen. Bei nächster
-Gelegenheit werden ihm die Kiesel doch wieder als Brillanten
-gelten, und er wird sich nach ihnen bücken und
-den »Demant,« wie Du sagtest, vergessen. Wie denn
-keiner für seine Augen kann und alle Dinge den Wert
-haben, den unsere Augen ihnen geben.«</p>
-
-<p>»Wage es immerhin noch einmal auf meine Augen!«
-bat er. »Versuche es noch einmal, mich ein bischen
-lieb zu haben, mich zu verstehen, Dich in meine Interessen
-einzuleben und so Nachsicht mit mir zu haben. Und
-Du wirst mir nie mehr verloren gehen, noch ich
-Dir.« Sie sah ihn an, der bittend die Hände nach ihr
-ausstreckte, und eine Rührung überkam sie, ein Zittern
-und Aufschluchzen. »Wanda!«</p>
-
-<p>»Ach, es ist zu, zu gräßlich!«</p>
-
-<p>»Was?«</p>
-
-<p>Sie stand auf, stützte die Hände auf die Tischkante
-und starrte gequält in eine Ferne, die nicht
-da war.</p>
-
-<p>»Was ist Dir, Kind? sprich doch! Sage mir, was
-ich thun soll, daß alles wieder gut würde! Habe doch
-noch einmal Vertrauen zu mir!«</p>
-
-<p>Sie lächelte trübe.</p>
-
-<p>»Habe mich doch noch ein einziges Mal lieb!«
-<a class="pagenum" id="page_153" title="153"> </a>
-Die Stimme brach ihm fast vor Schmerz, und Thränen
-traten ihm in die Augen. »Wanda!«</p>
-
-<p>Da sprach sie.</p>
-
-<p>»Dies wäre die Stunde, könnte sie sein, die uns
-alles wiedergäbe, alles verlorene Vertrauen, alles verlorene
-Glück, jene goldnen Tage, jene junge Seligkeit&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Und warum kann sie es nicht? Laß' sie uns das
-doch wiedergeben. Liebste! Warum sollte uns das alles
-nicht wieder werden?«</p>
-
-<p>»Weil &ndash; ach Gott! &ndash; weil &ndash; <em class="ge">das</em> wieder ist ...
-Alle diese Qualen, diese Not und dieses Elend. Und ich
-will nicht, will nicht! Lieben? man liebt doch nicht
-seinen Peiniger und Verderber!«</p>
-
-<p>»Deinen Peiniger&nbsp;&ndash;«</p>
-
-<p>»Neben Kreowski konnte ich es wenigstens vergessen.
-Aber hier, hier, wo die Angst vor dem Ende in jedem
-Winkel lauert! Und wenn ich nur wenigstens diesmal
-stürbe, daß ich es nicht ein fünftes Mal erleben müßte!
-wenn ich lieber vorher stürbe!«</p>
-
-<p>»Also das ist es? &ndash; Und das ist Dir so schrecklich?«</p>
-
-<p>»Es zerreißt mir die Seele! Ich will nicht! Es
-wird auch wieder sterben! Ewald, hörst Du denn nicht?
-ich will nicht! Ich will lieber sterben!«</p>
-
-<p>Er schloß sie in die Arme, gab ihr hundert gute,
-<a class="pagenum" id="page_154" title="154"> </a>
-zärtliche Worte und suchte sie zu beruhigen. Aber ein
-Dunst von Bier und Tabak, der von seinen Lippen
-und aus seinen Kleidern auf sie eindrang, erregte ihr
-ein widriges Gefühl und machte jedes Wort von vornherein
-zu einem verlorenen.</p>
-
-<p>Sie machte sich los von ihm, der verzweifelnd
-wahrnahm, wie ihre Erregung sich zur Ekstase steigerte.
-»Da hinten, ganz dort in der Ferne, siehst Du, da
-lauert es &ndash; und kommt heran &ndash; immer näher &ndash;
-<em class="ge">das</em> &ndash; und das andere Gräßliche: die Geldnot, der
-Ärger, der Schmutz und das Schrecklichste, &ndash;&nbsp;&ndash; der
-Tod! Und da wieder &ndash; da! &ndash; die Sehnsucht nach
-Glück und Leben, nach Schönheit, nach Rhythmen und
-Tönen &ndash; und nach Liebe, Liebe, <em class="ge">Liebe</em>!«</p>
-
-<p>»Wanda!«</p>
-
-<p>»Und wenn es mich nicht tötet, wird es meine
-Seele verderben, hörst Du? meine Seele! Denn wer,
-wer ist Herr seiner Seele, wer von uns, die wir nicht
-einmal Herren unseres Leibes sind? wer Herr seines
-Hungers, seiner Sehnsucht?«&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln. Er beklagte sie, aber zugleich
-verletzte ihn ihr Abscheu vor einem Zustande, der ihr
-ihn selber abscheulich machte, der ihm Freude verhieß
-und der doch manche andere Frau selbst sogar
-beglückte.</p>
-
-<p><a class="pagenum" id="page_155" title="155"> </a>
-»Es ist nutzlos und thöricht, sich gegen göttliche Einrichtungen
-aufzulehnen,« sagte er.</p>
-
-<p>»Göttliche? Das ist kein Gott, dieser Schöpfer,
-der die Hälfte der Menschheit dem Manne in die Hände
-gespielt und mit der Mutterschaft geschlagen hat!«</p>
-
-<p>»Du bist schrecklich.«</p>
-
-<p>»Ich? nein. Jener!«</p>
-
-<p>Er war allein.</p>
-
-<p>Dumpf erschüttert, schweratmend, gefoltert von einem
-ungeheuren Schmerz, stand er lange inmitten des
-Zimmers und starrte auf die Thür, die sich hinter ihr
-geschlossen.</p>
-
-<p>Dann trat er ans Fenster. Kein Mondstrahl traf
-das enge Gewinkel von Höfen und Hinterhäusern da
-draußen. Es war ganz dunkel. Dunkel wie diese ewigen
-Daseinsfragen, die der in glücklicher Geistesenge Lebende
-nicht kennt, und an denen der ringende Geist, das leidenschaftliche
-Gefühl zur eigenen Qual herumrätselt, um
-nur einen, <em class="ge">einen</em> Strahl zu erhaschen von dem ewigen
-Lichte, das er ahnt, einen Strahl, der seine Finsternis
-erhellte.</p>
-
-<p>Aber es blieb dunkel, wie sehr er auch an den Falten
-des Mantels zerrte, in denen die Gottheit sich verhüllt;
-und seine Wünsche, seine Empfindungen blieben, die sie
-waren, wie sehr er an den Fasern des eigenen Herzens
-<a class="pagenum" id="page_156" title="156"> </a>
-riß, das sein Verlangen dem Weibe zuwandte, die ihn
-ihren Peiniger und Verderber genannt.</p>
-
-<p>Was war nun das Leben?</p>
-
-<p>Nichts, nichts als ein beständiger Konflikt! Nichts
-als ein ewiges Gewühl von Täuschungen und Irrtümern
-des Kopfes und des Herzens! Nichts als ein Kampf,
-der hier vernichtet, um dort leben zu lassen!</p>
-
-<p>Es blieb dunkel.&nbsp;&ndash;</p>
-
-<p>Indessen hatte sich von einem Seitentische her ein
-feiner scharfer Geruch verbreitet, der jetzt seine Aufmerksamkeit
-auf sich lenkte. Er ging dorthin und beugte sich
-über den aufgestellten Apparat.</p>
-
-<p>»Ah &ndash; die Zersetzung schreitet fort, schon entwickelt
-sich Strom. Es wird gut werden!« Und damit überkam
-ihn etwas wie frohe Zuversicht überhaupt. »Alles
-wird gut werden, alles! wird der Anfang neuen Glückes
-werden und herrlichen Gelingens.«</p>
-
-<p>Er nahm es an mit dem Optimismus der moralischen
-Bequemlichkeitsliebe, des Ruhebedürfnisses; obgleich er
-ihn selbst anders nannte: ein neuerwachtes Gottvertrauen
-und einen starken Glauben an den Sieg des Guten in
-der Welt.</p>
-
-
-<p class="mt2 ce fs70">Adolf Niese, Saalfeld i. Th.</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-<h2>Hinweise zur Transkription</h2>
-
-
-<p class="in0">Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.</p>
-
-<p class="in0">Darstellung abweichender Schriftarten: <em class="ge">gesperrt</em>, <i>Antiqua</i>, <b>fett</b>.</p>
-
-<p class="in0">Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
-Ausnahmen,</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_020">20</a>:<br />
-"aus" eingefügt<br />
-(einer Ode an den Frühling aus der Affäre zog)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_032">32</a>:<br />
-"Rythmus" geändert in "Rhythmus"<br />
-(sie summte, mit dem Kopfe den Rhythmus angebend)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_034">34</a>:<br />
-"weifelhaft" geändert in "zweifelhaft"<br />
-(die Richtigkeit Ihrer Auffassung zweifelhaft)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_040">40</a>:<br />
-"ebenbürtg" geändert in "ebenbürtig"<br />
-(geistig war er ihr durchaus ebenbürtig)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_042">42</a>:<br />
-"," eingefügt<br />
-(Teilnahme, Verständnis)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_049">49</a>:<br />
-"Réuinon" geändert in "Réunion"<br />
-(dämmerte der Morgen nach jener Réunion)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_052">52</a>:<br />
-"ge-gewesen" geändert in "gewesen"<br />
-(und das Wogen der ziehenden Nebel gewesen)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_052">52</a>:<br />
-"leichtbe-bewegten" geändert in "leichtbewegten"<br />
-(ihrer leichtbewegten Natur fiel das nicht schwer)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_062">62</a>:<br />
-"verlästert" geändert in "verlästerst"<br />
-(obgleich Du das Theater immer verlästerst)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_076">76</a>:<br />
-"," entfernt hinter "schlanke"<br />
-(ganz deutlich sah er die hohe, schlanke Gestalt)</p>
-
-<p class="ci">Seite <a class="nd" href="#page_082">82</a>:<br />
-"daß" geändert in "das"<br />
-(dasselbe Gefühl sei, das er für sie trug)</p>
-
-<hr />
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Eheglück, by Bianca Bobertag
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK EHEGLÜCK ***
-
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-Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
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-www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
-Literary Archive Foundation
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-The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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-Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
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-date contact information can be found at the Foundation's web site and
-official page at www.gutenberg.org/contact
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-Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
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-Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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-Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.
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-Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
-Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
-freely shared with anyone. For forty years, he produced and
-distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
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-This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
-including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
-Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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