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+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
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-The Project Gutenberg EBook of Der Spielmann, by Friedrich Lienhard
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der Spielmann
-
-Author: Friedrich Lienhard
-
-Release Date: July 1, 2020 [EBook #62539]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPIELMANN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
-
-
-
-
- +------------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Fettschrift als |
- | ·fett·, und Antiquaschrift als ~Antiqua~. |
- | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. |
- +------------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
- Der Spielmann
-
- Roman aus der Gegenwart
- von Friedrich Lienhard
-
- Neununddreißigste Auflage
-
- [Illustration]
-
- Stuttgart
-
- Druck und Verlag von Greiner & Pfeiffer
-
-
- _Erstausgabe dieses Buches:_
-
- _Sommer 1913_
-
-
-
-
-Inhalt
-
-
- _Erster Teil: Ingos Irrfahrt_
-
- Seite
-
- Erstes Kapitel: Der Wanderer 1
-
- Zweites Kapitel: Titanic 9
-
- Drittes Kapitel: Die Freundin 25
-
- Viertes Kapitel: Der Troubadour 33
-
- Fünftes Kapitel: Lourdes 51
-
- Sechstes Kapitel: Die Verlobung 76
-
-
- _Zweiter Teil: Ingos Einkehr_
-
- Siebentes Kapitel: Der Gralsberg Montserrat 95
-
- Achtes Kapitel: Am Genfer See 132
-
- Neuntes Kapitel: Weimar 161
-
- Zehntes Kapitel: Kaisergespräch auf der Wartburg 186
-
- Elftes Kapitel: Elisabeth 201
-
- Zwölftes Kapitel: Der Gutsherr 210
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Erster Teil
-
-Ingos Irrfahrt
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Erstes Kapitel
-
-Der Wanderer
-
- „Sehne dich und wandre!”
-
- _Heinrich von Stein_
-
-
-Auf einem hellgrünen Riviera-Hügel, zwischen feierlicher Zypresse und
-lustigem Kirschbaum, der mit halbreifen Früchten betupft war, saßen
-zwei liebliche junge Mädchen.
-
-Es war Verwandtschaft in ihren rosigen Gesichtern und in ihrer
-geschmackvoll einfachen Kleidung mit dem weißen Matrosenkragen, aus dem
-dort und hier auf länglichem Halse ein dunkelbraunes Köpfchen wuchs.
-
-Die Ältere, auf einem Feldstuhl sitzend und über eine Stickerei
-gebeugt, war von ganz besonders bestrickender Schönheit. Wenn sie die
-enzianblauen Augen unter schweren Wimpern langsam aufschlug, ging ein
-Leuchten über die Umgebung. Alle Dinge wurden in dieser Beleuchtung
-schöner, alle Menschen gütiger. Es waren große, schüchterne,
-vielleicht nicht sehr kluge Augen, vom weiten Bogen der bräunlichen
-Brauen madonnenhaft umrahmt. Das Mädchen war hoch und schlank. Und
-schön waren auch die Nüstern des feinen Näschens, die bei gedämpftem
-Lachen mitzulächeln schienen; schön das sanft gerundete Kinn; schön
-der schmale und doch volle, kirschrote, meist ein wenig geöffnete
-Mund. Sie glich in ihrer gesunden und natürlichen Jungfräulichkeit
-den Madonnen Raffaels und mochte Maler und Dichter entzücken. Denn
-ein Künstler spürte in diesem Mädchen zwar weder Gelehrsamkeit noch
-gesellschaftliche Gewandtheit, wohl aber das Lebensgeheimnis einer
-starken und sittsamen Weiblichkeit, gesunde Kinder zu schaffen fähig,
-keine Bücher.
-
-Unfern von den jungen Damen lag eine kannelierte Marmorsäule zwischen
-zerstreuten Blöcken. Vermutlich hatte man dort bauen wollen; aber der
-Baumeister hatte sich in die entzückende Landschaft verliebt und das
-Bauen vergessen. Angesichts des blauen Meeres, zwischen Zypressen und
-Oliven, hätte sich ein weißer Tempel wirksam ausgenommen, der Sonne
-geweiht, der Schönheit heilig. Jedoch der Tempel war noch unsichtbar,
-der Sonnenanbeter desgleichen; und dem Baumeister drohte abermals
-Gefahr des Verliebens durch diese beiden ungewöhnlich schönen Mädchen.
-
-Sie plauderten französisch. Aus ihrem Gespräch ging hervor, daß die
-Mutter der Älteren ihren Nachmittagsschlaf auszudehnen pflegte, so daß
-die beiden Schönheiten abseits von der gemieteten Villa auf diesem
-Aussichtsplatz verweilen konnten.
-
-Der jüngere Backfisch lag ausgestreckt im weichen Grase, stützte die
-braunen Wangen in die Hände und las. Mädchenhüte flimmerten strohgelb
-aus grünem Rasen. Und es war anmutige Stille um die beiden Gestalten;
-selbst der Mittagswind spielte nur lässig in Gras und Laub. Von Zeit zu
-Zeit sprang die Kleine auf, griff in das Blätterwerk empor und suchte
-sich frühreife Kirschen heraus; oft auch hob sie lachend ihr spitzes
-Mäulchen an den freundlich herabgeneigten Baum und naschte die Früchte
-gleich vom Ast weg. Dann hängte sie sich ein Kirschenpaar über jede
-Ohrmuschel, kaute, spuckte Kerne an die Marmorsäule und las vergnüglich
-weiter.
-
-Aus der Ferne funkelte in gleichmäßiger Ruhe das tiefblaue Mittelmeer.
-
-Häufig lachte die Lesende hell hinaus und strampelte vor Vergnügen mit
-den gelben Schuhen.
-
-„Sag' doch, Martha, kann es etwas Lustigeres geben als diese verrückten
-Briefe Mozarts?” rief sie. „Hör' einmal zu!”
-
-Und sie las in geläufigem Deutsch flink herunter: „Allerliebstes Bäsle,
-Häsle! Ich habe dero mir so wertes Schreiben richtig erhalten -- falten
--- und daraus ersehen -- drehen -- daß der Herr Vetter -- Retter -- und
-die Frau Bas -- Has -- und Sie -- wie recht wohl auf sind -- Rind; wir
-sind auch Gott sei Dank recht gesund -- Hund” -- -- sie brach lachend
-ab.
-
-„So geht's nun immerzu weiter!” fuhr sie französisch fort. „Jedem
-dritten Wort hängt er irgendeinen albernen Reim an, der gar keinen Sinn
-hat, nur aus Necklust. Oh, ich liebe Mozart schrecklich! Die Leute von
-damals waren lustiger, leichter, eleganter und amüsanter -- verstehst
-du das, Martha? Sie schlugen Purzelbaum, sie tanzten Menuett, sie
-liebten, küßten sich und waren doch nicht gemein, denn sie hatten mehr
-Poesie im Leibe! Verstehst du das, Martha?”
-
-Martha lächelte, stickte und schwieg.
-
-„~Mais allons donc!~” zürnte die kleine Elsässerin. „Do sitzt se un
-sagt nix!”
-
-Sie sprang auf, hob das spitze Näschen in die Luft und witterte die
-blühenden Riviera-Hügel hinunter, wo auf allen Hängen zwischen weißen
-Landhäusern steile, dunkle Zypressen, silbergraue Olivenbäume und
-spitzblättrige Gartenpalmen die Landschaft festlich stimmten. Ihre
-Augen leuchteten die Gegend ab.
-
-Und plötzlich klatschte sie in die Hände.
-
-„Da kommt er wieder!”
-
-„Wahrhaftig!” bestätigte die stille Base Martha, ward ein wenig
-lebendiger und sandte ihre tiefblauen Augenstrahlen gleichfalls den
-Abhang hinunter. „Was tut er denn?”
-
-„Er spielt auf einer Laute und summt vor sich hin! Hab' ich dir's nicht
-gleich gesagt? Das ist ein deutscher Musiker!”
-
-„Er spricht übrigens auch gut Französisch. Und warum kann es nicht auch
-ein Maler sein? Er hatte ja neulich einen Malkasten mit!”
-
-„Oder ein Dichter! Denn er hat uns ja ein Verschen gedichtet!”
-
-„Oder ein reicher Privatmann, der alles treibt und nichts.”
-
-„Möglich, denn Geld hat er gewiß! Und dabei so die Geste des
-Weltmannes! Und grundgelehrt! Er interessiert mich schrecklich. Aber
-ich bin gewiß, daß er deinetwegen kommt. Und dabei sitzt sie immer da
-wie ein Stockfisch! Ich kann die Unterhaltung im Gang halten -- und in
-dich verlieben sie sich! Alle! Auch wenn du kein Wort sagst! Zu dumm!
-Ich hab's schrecklich schwer auf der Welt.”
-
-Sie seufzte, klappte Mozarts Briefe heftig wieder auf und setzte sich
-mit sehr melancholischer Miene und schwermütig gestütztem Haupt neben
-das lächelnde, stickende und schweigende Bäschen. Aber es zuckte
-um ihre Mundwinkel; ihre Blicke schielten vom Buch hinweg nach dem
-Ankömmling, und mit einem Rippenstoß an Cousine Martha flüsterte sie,
-daß sie vor Lachen berste.
-
-Der ankommende Herr war ein schmucker, mittelgroßer Mann von etwa
-dreißig Jahren. Er trug einen feinen Flanellanzug und einen Panamahut
-über kurzem dunkelblonden Haar.
-
-Schon von fern schwang er den Hut und die bänderumflatterte Laute und
-rief in deutscher Sprache:
-
-„Das ist ja ausgezeichnet, daß ich Sie wieder treffe! Bravissimo! Die
-Freundin Mozarts und die große Schweigerin! Kirschbaum und Zypresse!
-Guten Tag!”
-
-Und trat heran, verbeugte sich und fuhr fort:
-
-„Der Tempel ist noch unerbaut, aber die Priesterinnen warten. Seien Sie
-gegrüßt, allerholdeste Hüterinnen dieses heiligen Hains!”
-
-Die beiden jungfräulichen Wesen nickten gemessen und kämpften mit dem
-Lachen; er aber nahm ohne Verzug auf der Säule Platz.
-
-„Verzeihen Sie, meine Damen,” sprach er, „daß ich auch heute so
-unsalonmäßig bin, mich nicht in konventionellen Formen vorzustellen.
-Nehmen Sie an, ich sei irgendein Wanderer, der -- nun, der seine
-Bestimmung sucht. Nehmen Sie an, ich sei ein Spielmann, ein Troubadour
--- mein Vorname ist übrigens Ingo, und das genügt --, und nehmen Sie
-an, Sie seien die zwei anmutigsten Schloßherrinnen der ganzen anmutigen
-Provence!”
-
-„Sehr liebenswürdig!” lachte die Kleine. Die Sachlage war fremdartig,
-aber den Mädchen nicht mißfällig. Die Ältere richtete ihr großes
-Augenpaar schüchtern und fragend auf die Jüngere; und diese zappelte
-vor Vergnügen, im Lustspiel mitzutun.
-
-„Sie haben recht,” sagte der Zappelkäfer, „es ist heutzutage viel
-weniger Poesie in der Welt als in den Zeiten Mozarts. Hab' ich das
-nicht eben gesagt, Martha?”
-
-„Aha! Darum tragen Sie also beide diese zierlichen braunen
-Mozart-Zöpfe, nicht wahr?”
-
-„Eben! Meine Cousine wollte nicht, aber sie muß!”
-
-Martha lächelte und stickte; schaute dann die Base an, nicht den
-Fremden, und sprach mit ihrer leisen Stimme, um nur auch etwas zu sagen:
-
-„Sie hat mir lustige Stellen aus Mozarts Briefen vorgelesen.”
-
-„Wollen Sie's hören?” setzte sofort das Backfischchen ein. Und sie
-plapperte einiges herunter, bis sie vor Lachen aufhören mußte. Dann
-wurde sie gesetzter und bemerkte, es seien auch recht schmerzliche
-Briefe in dieser Sammlung, etwa über den Tod der Mutter oder jene
-unglaubliche Behandlung beim Erzbischof von Salzburg.
-
-„Schändlich so etwas! Ganz abscheulich! Finden Sie nicht auch?”
-
-„Niederträchtig!” bekräftigte der Fremde. „Aber das hat Mozarts
-Lebenslaune nicht gebrochen. Ein rechter Kerl zerbricht überhaupt
-nicht. Ein elastischer Geist ist aus beßrem Stoff als der beste
-parische Marmor. Übrigens, Sie anbetungswürdiges Mozart-Mägdlein,
-ich zerbreche mir schon drei Tage den Kopf, warum diese Marmorsäule
-so mutterseelenallein hier oben auf dem Hügel liegt -- grade nur die
-einzige! Als ob eine einzige Säule irgend etwas in der Welt stützen
-könnte! Als ob nicht mit der Zweiheit überhaupt erst alles Leben
-begönne! Sind Sie nicht auch dieser Meinung, gnädiges Fräulein?”
-
-„~Parfaitement!~” bestätigte die Kleine und gab der Älteren einen
-Rippenstoß.
-
-Martha lächelte und stickte.
-
-„Sehen Sie, wir zwei verstehen uns ausgezeichnet!” rief der junge Mann.
-„Deshalb haben Sie sich auch, als Symbol der Zweiheit, je ein Paar
-Edelsteine an die Ohren gehängt, Mademoiselle!”
-
-Die Kleine hatte ganz vergessen, die hellroten Kirschen zu entfernen,
-pflückte sie jetzt mit umständlichen Gebärden aus Haar und Ohrmuschel
-heraus und begann sie aufzuessen. Der Fremde streckte zum Fangen die
-Hände aus; sie lachte und warf ihm das zweite Paar der unreifen Früchte
-zu.
-
-„Dafür spielen Sie uns aber auch etwas vor!” rief sie. „Denn Sie sind
-doch offenbar ein Musiker?”
-
-„Offenbar!” erwiderte der Spielmann ernsthaft und griff Akkorde aus
-Mozarts Figaro, womit er das folgende Geplauder scherzend begleitete.
-„Aber ich male auch bisweilen; ich singe auch ein wenig; ich komponiere
-mitunter. Und da zum Singen Worte gehören, so dicht' ich auch.”
-
-„Ein Universalgenie!” rief der Backfisch entzückt.
-
-„Und wenn Sie hinzunehmen, daß ich Dingen, die mich interessieren, auch
-wissenschaftlich nachspüre und sogar ein paar Bücher geschrieben habe
--- --”
-
-„Oh, oh, oh, Martha, was sagst du nur dazu?!”
-
-„So werden Sie begreifen, daß ich mich vor allem andren nach etwas
-ganz Bestimmtem sehne -- nach der Zweiheit, mit der ich zusammen eine
-Einheit bilden könnte, fest, geschlossen, gesammelt -- ein Kunstwerk,
-ein Tempel, eine Gralsburg!”
-
-Die Mädchen schauten einander verwundert an.
-
-„Schrecklich gelehrt!” sagte die Jüngere. „Erzählten Sie nicht gestern,
-daß Sie an einem Duett komponieren?”
-
-„Auch das! Zwei Mädchenstimmen! Die eine von stiller Schönheit, edel
-und einfach -- Frieden ausstrahlend wie eine Madonna oder ein Engel von
-Fra Angelico. Die andre ein Kobold, der in allen Tonlagen herumgaukelt,
-ganz voll Koloraturen, eine Nixe, eine Wasserfee. Soll ich Sie mal
-spielen, Fräulein Nixe?”
-
-Er spielte närrische Akkorde und sang zu den Kapriolen ein Necklied.
-
-„Reizend! Von Mozart?”
-
-„Von mir, holder Schmetterling!”
-
-„~Mais c'est charmant!~ Das müssen Sie mir aufschreiben! Aber nun
-sollen Sie auch meine Cousine komponieren!”
-
-Er ließ sich, nachdem er sich so lange nur mit der Jüngeren abgegeben
-hatte, im Grase nieder, zu den Füßen der verlegenen Stickerin; aber
-er griff nur einige ernst-schöne Akkorde und sprach dann mit zarter
-Höflichkeit:
-
-„Sie heißen Martha, mein stilles, fleißiges Fräulein. Mehr weiß ich
-nicht, will es auch vorerst gar nicht wissen. Aber gesehen habe ich Sie
-schon irgendwo und habe Ihr Gesicht behalten. Nur weiß ich nicht mehr:
-war es jenseits dieses Sternes, ehe unsre Seelen auf die Erde flogen,
-oder war es irgendwo in Europa? Denn ich wandre viel. Ihnen möcht' ich
-nichts Neckisches, sondern etwas sehr Liebes und Ernstes sagen oder
-singen. Denn Sie verdienen es, Sie sind so gut, wie Sie schön sind.”
-
-Und ihre Hand ergreifend, an der noch der Fingerhut steckte, küßte er
-plötzlich die schlanken Finger der überraschten Schönen.
-
-Dann aber besann er sich, sprang auf und packte Hut und Laute.
-
-„Auf Wiedersehen! ~A rivederci!~”
-
-Und sprang mit großen Schritten den Hügel hinunter.
-
- * * * * *
-
-Weitab von diesem Riviera-Hügel, vor einem der alten
-fränkisch-thüringischen Herrensitze mitten in Deutschland, steht eine
-mächtige Tanne. Ein Vorfahre Ingos hatte sie gepflanzt, als er in den
-Türkenkrieg zog. „Ihr sollt euch”, schrieb er, „bei ihrem Anblick
-erinnern, daß der Mann sein Erbe verlassen und sein Lebensziel erobern
-muß.” Als aber sein Verwalter während des Freiherrn Fernfahrt einen
-Schloßteich in Ackerland verwandelte, schrieb derselbe Türkenkrieger
-folgenden Brief: „So wir nicht alles im alten Stand finden, schießen
-wir dir bei unsrer Heimkehr eine Kugel durch den Kopf, denn der Mann
-soll sein Erbe achten. Im übrigen bleiben wir dir in Gnaden gewogen.”
-
-Noch andre Ahnen Ingos hatten die abenteuerliche Ferne aufgesucht und
-sich doch zuletzt, gebräunt von Lebens-Erfahrung, auf den geliebten
-heimischen Boden zurückgefunden.
-
-Der Enkel dieser freiheitlich-konservativen Männer, die aus Fernfahrt
-und Einkehr ihr Leben auferbauten, der Troubadour Ingo, der am Rande
-der Mittelmeerkultur die Leuchtkraft der Olivenhänge in sich einsog,
-war ein jüngerer Sohn. Bei ihm hatte sich der Adelsstolz ins Geistige
-umgesetzt. Und während sein älterer Bruder Hochwild schoß, sann er
-selbst im Gebirg' und auf dem Weltmeer dem erhabenen Problem nach,
-wie sich germanischer Ernst und griechische Schönheitsfreude und
-christliche Innerlichkeit in einem heiter-ernsten Naturell vereinigen
-könnten ...
-
-Als Ingo jenen Hügel hinabschritt, sang und pulsierte sein Blut.
-
-Und das Blut sang und sprach zu dem leichtfüßig dahineilenden Spielmann:
-
-„Einst hat dein Ahnherr Friedrich die schöne Elsässerin Octavie von
-Birkheim in den harten, kräftigen Herbst eurer Thüringer Waldung
-heimgeführt. Greif zu, Spielmann! Trage die Schönheit unter die
-Parkwipfel der arbeitsamen Stille! Denn deine Munterkeit ist Maske,
-dein Herz ist reif und traubenschwer von Heimweh nach Tempel und Hütte
-mitten in Deutschland. Noch braucht dich Deutschland nicht; noch
-spielst du das Leid deiner Verbannung mit Melodien hinweg. Doch halt
-aus! Vollende dich wandernd! Wandre, wandre! Es wandert der blühende
-Lenz und verwandelt sich wandernd in goldenen Herbst. Es wandert
-das Licht, den Tag verwandelnd in Nacht und die Nacht in Frührot.
-Es wandert und wächst der Mensch und verwandelt sich wandernd aus
-Kindergestalt in die Reife des ruhigen Greises. Und so wandern Geburt
-und Tod. So wandert die Zeit, so wandern die Sonnen des Weltalls -- und
-alles Lebendigen Wesen ist Wandel und Wandrung. Wandre, mein Freund --
-nur wandre zu _Ende_!”
-
-So sang das Blut.
-
-So sang es in einem schön gewachsenen, durch besonnenen Sport kräftig
-und ebenmäßig ausgebildeten Körper.
-
-Und so schritt er hinab, voll Spannkraft und Lebensmut, griff in die
-Saiten und spielte sich ein Wanderlied.
-
-Plötzlich unterbrach er dieses Reigenspiel seiner Gedanken, strich über
-die Stirn, sah um sich und sagte gelassen:
-
-„Bursche, du bist verliebt! Mach', daß du in dein Hotel kommst, damit
-dir Friedel den Text liest!”
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zweites Kapitel
-
-Titanic
-
- „Ich komme vom Gebirge her,
- Es dampft das Tal, es braust das Meer ...
- Wo bist du, mein geliebtes Land?
- Gesucht, geahnt und nie gekannt?
- O Land, wo bist du?” ...
-
- _Schmidt von Lübeck_
-
-
-Nacht hatte sich der Landschaft bemächtigt.
-
-Ein Gewitter krachte über der Palmenküste. In wuchtigen Massen troff
-der Regen.
-
-Im Hotel vernahm man das nahe Rauschen und Drohen des gewaltig tosenden
-Meeres, dessen großer Ton sich mit den Stimmen der Gewitternacht
-verband.
-
-Doch in den glänzenden Luxusräumen, die von Goldornamenten und
-Kristallen strotzten, wurde die Sprache der Natur nicht wichtig
-genommen. Ein internationales Sprachengemisch, ein feinblauer
-Zigarettendampf, Schaumperlen der Sektgläser stiegen empor und schufen
-eine besondre Stimmung.
-
-Der kleine Kommerzienrat Otto S. Marx feierte Geburtstag. Es war
-ein reichlich Dutzend seiner vielen guten Bekannten zu einem Souper
-eingeladen. Seine Laune war vorzüglich, denn der Vormittag hatte ihm in
-den Spielsälen eine beträchtliche Summe in die Tasche geschoben. Und
-nun neckte er seinen stattlichen germanischen Freund, den Großkaufmann
-Schaller aus Barcelona, der eine Handvoll Goldstücke verloren hatte
--- für Firma Schaller & Co. zwar eine Kleinigkeit, aber immerhin
-des Verdrusses wert; denn die bereits gewonnenen Tausende waren dem
-leidenschaftlichen deutschen Spieler wieder durch die Finger getropft,
-da er nicht die Besonnenheit hatte, beizeiten abzubrechen, wie der
-immer kluge und immer nüchterne Otto S. Marx.
-
-Unter den Gästen stachen hervor, durch helle und einnehmende
-Gesichtszüge, das deutsche Ehepaar Trotzendorff mit dem befreundeten
-thüringischen Freiherrn Ingo von Stein-Waldeck. Der blonde englische
-Maler Wallace und sein angenehmer, nach allen Seiten stets gleich
-liebenswürdiger französischer Freund Leroux hatten sich mit diesen drei
-Deutschen angefreundet; und es störte sie nicht, daß der männliche
-Major von Trotzendorff gelegentlich seinen nationalen Standpunkt im
-Gegensatz zu andren anwesenden Deutschen unverschwommen betonte; denn
-seine leuchtend schöne Frau Friederike, genannt Friedel, glich alles
-wieder aus.
-
-Um diese lebenswarmen Menschen her saßen allerlei belanglose
-Damen und Herren, die sich durch Reichtum und Brillanten von der
-arbeitenden Menschheit absonderten, nicht durch Seele. Da war ein
-jovialer Theaterdirektor, der ebenso wie sein Nachbar, ein blasierter
-Gesandtschafts-Attaché, für lüsterne Anekdoten empfänglich war und
-manchmal aus einem wiehernden Lachen gar nicht mehr herauskam; da war
-eine sehr dekolletierte, sehr parfümierte, sehr geschminkte Dame aus
-österreichischen Adelskreisen, die täglich mit kühlster Geschäftsmiene
-am Spieltisch saß. Und so Gesicht an Gesicht, fahl, geisterhaft in den
-Rauch eingezeichnet, umblitzt von den Zieraten des Salons, umdröhnt von
-Meer und Gewitter.
-
-Man sprach vom Untergang der „Titanic”.
-
-Dieser englische Riesendampfer, das größte Passagierschiff, das je auf
-einem Ozean geschwommen, war auf seiner ersten Fahrt von England nach
-Amerika an einem Eisberg zerschellt. Das ungeheure Fahrzeug war mit
-mehr als tausendsechshundert Menschen in die Tiefe gesunken.
-
-Ein Aufschrei scholl durch die Menschheit.
-
-„Wie kann denn eine solche schwimmende Luxusstadt überhaupt
-untergehen?! Es waren ja Restaurants an Bord, Konzertsäle,
-Tennisplätze, Blumenläden -- ganze Straßen! Es fuhren ja Millionäre und
-Milliardäre mit!”
-
-„Der alte Atlantik kümmert sich den Teufel um alle Milliardäre der
-Welt!”
-
-„Der Ozean ist dort dreihundertmal so tief als der Tiefgang der
-Titanic!”
-
-„Der Eisberg, an dem das Schiff zerkrachte, ist schwerer als alle
-Eisenflotten der Welt!” ...
-
-In einer eiskalten Aprilnacht war es -- zwei Stöße -- und das
-Riesenschiff stand fest! Von Tür zu Tür läuft das Wort: Auf! ein
-Unglück! Was, wo, wie? Menschen, mehr neugierig als erschrocken,
-huschen im Schlafrock durch die Korridore -- was, wo, wie? Und abermals
-ein Befehl: Stecke jeder ein Dokument zu sich! Jetzt summt es heraus
-aus allen Kabinen, jetzt füllt es tosend Verdeck und Gänge, staut sich,
-fragt, ruft, schreit, kämpft -- und um die verängstete Menschenmasse
-eisige Nacht und das Plätschern, Nagen, Zähneblecken des wartenden
-Ozeans! Da rufen Geistliche die volle Wahrheit: In wenigen Minuten
-stehen wir alle vor Gottes Antlitz, wer seine Seele erleichtern will,
-der mag es tun! Und die Schiffskapelle, die im Salon bis zuletzt mit
-lustigen Weisen getäuscht hat, bricht ab und geht über in den Choral:
-„Näher, mein Gott, zu dir!” Furchtbare Panik! Das todgeweihte Gewühl
-drängt, stößt, beißt sich zu den Booten, über zertretene Kinderleichen
-hinüber, und alle Kommandorufe ersticken im mörderischen Gebrüll.
-Einzelne überladene Boote kämpfen sich los vom Überandrang, um sie
-her tropfen Menschen ins Wasser wie Körner von einem übervollen Gefäß
--- und dann richtet sich der Schiffsrumpf in seiner ganzen Länge jäh
-empor, in Kirchturmhöhe aus den Wassern starrend, und schüttelt die
-wild aufschreiende Menschenmasse ab, um dann selber in den schwarzen
-Strudel zu versinken ... Einige Hundert haben sich auf allzu spärlichen
-Booten gerettet und schwimmen nun in Nußschalen, die Füße im Eiswasser,
-durch die kalte Nacht, Land suchend, Überbleibsel einer Sintflut ...
-Titanen wollten den Himmel stürmen; Götter schoben ihnen lächelnd mit
-dem kleinen Finger einen Eisblock entgegen -- und die Titanen stürzten
-...
-
-Diese Schilderung wurde ausgesponnen und mit erschütternden
-Einzelheiten umrankt. Gemüter und Nerven erzitterten.
-
-Aber sehr bald flutete neuer Unterhaltungsstoff über den Eindruck
-hinweg. Man sprach von Schiffsunfällen, von Lebensversicherung, von
-Maßregeln, die eine Katastrophe solcher Art künftig verhüten würden;
-man verurteilte die Schnellfahrten über den Ozean, man stritt über den
-Wert solcher Riesenschiffe. Bald war man mitten in Zahlen und Maßen
-der Dreadnoughts. Und hier wurden einige Herren hitzig, darunter der
-fachmännisch beschlagene Major von Trotzendorff, als der Kaiserliche
-Jachtklub, der Meteorjachtklub von Deutschland und der Deutsche
-Motorbootklub nicht reinlich auseinandergehalten wurden. Von da sprang
-das Gespräch auf den Kaiserlichen Aeroklub und den Berliner Verein für
-Luftschiffahrt über. Man hatte vor wenigen Tagen einer Wettfahrt von
-Motorbooten beigewohnt: mit aufgebäumtem Kiel, in fabelhafter Raserei,
-umschäumt von zurückspritzenden Wellen, waren die Boote am Felsen von
-Monte Carlo vorübergesprüht. Und im Hafen erhob sich, nach Anlauf auf
-dem Wasser, eines dieser surrenden Wunderwerke jählings in die Luft
-und flog mit seinen zwei Insassen in großem Bogen kühn hinaus übers
-Meer und wieder genau zurück und herab an die Abfahrtstelle ... Welche
-Eroberungen des Wassers und der Luft! Welche Überwindungen der Schwere!
-Sie stürmen den Himmel, diese Titanen!
-
-Das Gespräch flatterte in Gruppen auseinander; die Titanic schien
-vergessen. Diese modernen Menschen waren berauscht von den
-unvergleichlichen technischen Errungenschaften der Gegenwart ...
-
-Ingo von Stein saß in tiefen Gedanken versunken. Er hatte sich im
-Geiste mehr und mehr abgesondert vom Gespräche seiner Zeitgenossen.
-Plötzlich, als eine Pause sein Eingreifen möglich machte, sprach er in
-seiner ernst-liebenswürdigen Weise mit vollklingender Mannesstimme:
-
-„Gestatten Sie mir eine Frage, meine Damen und Herren! Ist niemandem
-von Ihnen bei diesen Gesprächen über den Untergang der Titanic etwas
-aufgefallen?”
-
-„Wieso? Was denn?”
-
-„Verzeihen Sie, es ist unmodern, davon zu reden! Nehmen Sie an, daß es
-ein philosophisch gestimmter Mensch sei, den diese Frage beschäftigt!
-Als diese sechzehnhundert Menschen untergingen, fuhr ebenso ein
-Entsetzen durch die Welt wie beim sizilischen Erdbeben. Aber --
-binnen kurzem ist alles wieder vergessen! Die Jagd saust weiter. Neue
-Eindrücke stürmen über die alten hinweg; es kommt nicht zu seelischer
-Verarbeitung. Hat wohl eine Frage nach Sinn und Wesen des Todes die
-materialistische Menschheit durchschauert? Hat man ein Polarschiff
-ausgesandt in das unbekannte Land jenseits des Todes? Hat man sich auf
-Sinn und Wert des Lebens und Sterbens besonnen?”
-
-„Herr Baron, das is Religion -- und Religion is Privatsache!” rief Marx.
-
-„Wer hat denn heute zu solchen Spekulationen Zeit?” setzte Schaller
-hinzu.
-
-„Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter mit Hölle und Himmel und
-solchen Popanzen!”
-
-„Aber darüber kann ja jeder denken, wie er will! In Religionssachen bin
-ich für mein Part indifferent -- und ich hoffe, mit mir jeder moderne
-Mensch!”
-
-So ging es um den Tisch herum. Der Attaché stemmte den Kneifer ins Auge
-und betrachtete den Baron wie ein vorsintflutliches Megatherion.
-
-„Sehen Sie! Sie bestätigen, was ich sage!” fuhr Stein fort. „Der
-Zusammenprall zwischen Titanic und Eisberg war umsonst. Niemand hat die
-gigantische Frage verstanden. Denn eine Frage ist in jener Aprilnacht
-über den Ozean geschwommen und hat der Titanic Halt geboten. Die
-moderne Titaniden-Menschheit hat die Frage nicht einmal gehört!”
-
-Ein Teil der Gesellschaft versuchte ernst zu werden. Man vernahm
-draußen das Tosen des Gewitters; man vernahm das Donnern der
-nächtlichen See.
-
-„Nehmen Sie einmal an,” fuhr der philosophische Sonderling fort,
-„wir alle, wie wir hier sitzen, ganz Europa, die ganze moderne
-Zivilisation, seien der Schiffskörper einer Titanic, umbraust von
-den Gefahren des Chaos! Nehmen Sie an, eine Katastrophe bedrohe uns,
-ein europäischer Krieg, mit Hungersnot, Seuchen und Revolution --
-was dann? Nehmen Sie einmal an, wir Zeitgenossen seien dem Untergang
-geweiht und schauen auf die letzten Jahrzehnte zurück, wie dort in den
-letzten Minuten die Todgeweihten der Titanic auf ihre Fahrt -- was ist
-das Ergebnis? Können wir sagen, diese glänzende Anhäufung materieller
-Güter, diese fieberhafte Konkurrenz aller gegen alle, seien der wahre
-Sinn und Zweck und Wert des Daseins?”
-
-Er hielt einen Augenblick inne, sah sich fragend um und schloß:
-
-„Sie, meine Damen und Herren, sagen _ja_ -- ich sage _nein_! Das ist
-unhöflich, denn ich setze mich damit auf einen Nachen und fahre von der
-Titanic fort. Oder vielmehr: ich fahre gleich nicht mit. Ich lehne die
-Beteiligung an dieser rasenden Lebensfahrt dankend ab. Wenn mir aber
-jemand von Ihnen einen Amundsen oder Nansen namhaft zu machen weiß, der
-ausfährt, um den geistigen Pol, den ruhenden Pol in der Erscheinungen
-Flucht zu entdecken, jenseits der Sinnenwelt, jenseits des Todes --
-dieser Polarfahrt würd' ich mich sofort anschließen.”
-
-Das war in liebenswürdigem Ton, lächelnd, aber energisch und bestimmt
-herausgesprochen.
-
-Der Versammelten, die auf solche Gedankengänge nicht gestimmt waren,
-hatte sich eine erstaunte oder gar beklemmende Empfindung bemächtigt.
-Stein hatte eine Erörterung erwartet; aber man ging nicht darauf ein.
-
-Es war Herr Otto S. Marx, Buchdruckereibesitzer großen Stils, der
-die sorglose Stimmung wieder herstellte. Er fuhr mit der Hand über
-Glatze, Stirn und leicht gebogene Nase zum modern gestutzten rötlichen
-Schnurrbart herunter, als wische er etwas hinweg, und rief mit Humor:
-
-„Ein entschieden philosophischer Kopf, unser Herr Baron von Stein!”
-
-Diese paar Worte waren mit so komischer, etwas nasaler und nüchterner
-Betonung gesagt, daß man allgemein in befreiendes Lachen ausbrach.
-
-„Aber einstweilen sitzt er mit auf der Titanic und schlürft Sekt!”
-trumpfte der derber gestimmte Schaller und erhob mit schallendem Lachen
-sein kräftig unterbautes Kinnbacken-Gesicht mit dem scharfen Monokel
-und dem Durchzieher auf der linken Wange. Man konnte ihn für einen
-Typus des deutschen Korpsstudenten nehmen; seine ansehnliche Statur mit
-dem ganz kurzen Blondhaar stach wirksam ab vom salopp hingelagerten
-Marx, der mit den Händen in den Hosentaschen im Plüschfauteuil lehnte
-und spöttisch-überlegen den Baron anblinzelte.
-
-„Lieber Baron,” fuhr Schaller fort, „Marx und ich liegen uns zwar immer
-in den Haaren, obwohl er meinen Rat in Bankpapieren schätzt; aber in
-_einem_ modernen Glaubensartikel sind wir einig: erst die Million --
-dann die Seele!”
-
-Erneutes Gelächter stimmte diesem massiven Grundsatz bei. Auch der
-gutartige Stein lächelte mit; Trotzendorff mochte gleichfalls kein
-Spielverderber sein; doch seine Frau sah betreten und bedauernd zu Ingo
-hinüber. Nur der Engländer Wallace trank seine Limonade und rang sich
-kein Lächeln ab.
-
-Als das Gespräch dann wieder im Gang war und weitersummte, beugte sich
-Frau von Trotzendorff zu ihrem Liebling hinüber.
-
-„Ingo,” raunte sie, die Hand am Munde, „denk' an das Gleichnis von den
-Perlen!”
-
-„Stimmt, Friedel!” kam es zurück. „Aber ich sollte charaktervoll sein
-und selber nicht unter den Säuen sitzen!”
-
-„Unsinn! Willst du wohl --?! Bist schon Einsiedler genug!”
-
-Er zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf und lehnte sich wieder
-zurück.
-
-Und nun ließ er sein Auge wandern über diese Fräcke und Toiletten. Was
-für eine Gesellschaft war denn dies hier am Rande Europas, unter die
-er da geraten war? Wo leuchtet denn hier, aus diesen Gesichtern mit
-der Tücke des modernen Menschen, der seine Mitmenschen zu überlisten
-trachtet, aus diesen scharfen oder verlebten Zügen -- wo leuchtet jenes
-freimütig-unbefangene deutsche Gemüt? Jenes Edelgemüt, das die große
-Musik, Philosophie und Mystik geboren hat? ... Verstand, Pfiffigkeit,
-Lüsternheit, Tatkraft, Nervosität -- diese Eigenschaften prägten sich
-zwar deutlich in den Mienen aus. Aber Seele? Wo ist denn die deutsche
-Seele? Er nahm nur Frau Friedels schöne und phantasievolle Züge aus
-neben Trotzendorffs offener Männlichkeit; der Engländer neben ihm
-war sachlich, der hübsche Franzose kokett. Aber diese beiden jungen
-Leute waren ihm noch weitaus die angenehmsten unter der unangenehmen
-Gesellschaft. Unangenehm? Sind es nicht deine deutschen Landsleute?
-Bist du nicht in Gefahr, deinem Vaterlande fremd zu werden? ...
-Vaterland! ...
-
-Die Empfindung ließ ihn nicht mehr los, daß er sich auf einem
-gefährdeten Schiffe befand, selber in Gefahr und nur durch dünne Wände
-getrennt von den Wassern der Vernichtung.
-
-Der junge Engländer an seiner Seite unterbrach plötzlich seine düstren
-Gedankengespinste und fragte den Baron, ob er wisse, daß Mr. Stead,
-der Vorkämpfer des Spiritismus und der Friedensbewegung, mit der
-Titanic untergegangen sei? Ingo, der gut Englisch verstand und sprach,
-verneinte. Und sachte ging Mr. Wallace auf ein Gebiet über, das abseits
-lag von diesem Kreise und von Ingos künstlerischen Lebenspfaden,
-das ihn aber rasch fesselte. Der kaltblütige Engländer, der für
-die Alkoholstimmung dieses deutschen Kreises unempfänglich schien,
-sprach von einer spiritualistisch-religiösen Bewegung der Neuzeit.
-Er war Maler aus Liebhaberei, Sprachlehrer aus Beruf; und auf seiner
-Visitenkarte, die er im Laufe des Gespräches mit dem Baron tauschte,
-stand ein ~M. A.~: „~Master of Arts~”, sein Universitätsgrad. Er hatte
-seine Jugend in Indien verbracht. Und es war für den Deutschen eine
-Wohltat, in dem flackrigen Rhythmus dieser Abendgesellschaft solche
-gelassene Ruhe zu vernehmen, wie sie aus diesem etwas kühlen, aber sehr
-unterrichteten Manne zu ihm herüberschwang. Es war ein Ton aus einer
-weiteren Welt; und daß es ein Ausländer war, von dem dieser Ton kam,
-machte den Deutschen beschämt und nachdenksam.
-
-„Sie haben übrigens”, sprach Wallace, „in Deutschland einen Mann, der
-auf diesem Gebiete sehr bedeutend ist.”
-
-Und er nannte einen Namen, den Ingo nie vernommen hatte.
-
-Doch das beruhigende Zwischenspiel wurde durchbrochen. Stein, mitunter
-zum Aufbrausen geneigt, schnaubte plötzlich empor und rief einem
-Lebemann am Ende der Tafel kampflustig zu:
-
-„Wer verunglimpft da unten Schiller?! Lassen Sie unsren Schiller in
-Ruhe! Hätten wir nur etwas von seiner Männlichkeit!”
-
-„Aber Sie haben mich wohl nicht ganz verstanden, mein verehrtester Herr
-Baron”, erwiderte Herr von Jedermann und Überall. „Ich habe nur ganz
-einfach festgestellt: Damals war der Wallenstein modern -- heute der
-Rosenkavalier; damals die Iphigenie -- heute die Salome. Na, und warum
-soll ich das nicht sagen?”
-
-Stein lachte und rief mit Schärfe zurück:
-
-„Sagen Sie das, Edler! Und fügen Sie hinzu: Damals war das weimarische
-Hoftheater modern -- heute das Kino!”
-
-Er warf sich wieder in seinen Sessel und machte eine segnende
-Handbewegung gegen den Ritter des Geistes, der den linken Daumen unter
-die linke Achselhöhle eingeklemmt, die rechte Hand gespreizt hatte und
-mit der Zigarette im Mundwinkel wiederholte: „Na, warum nicht?”
-
-Da war nichts zu widerlegen.
-
-Jetzt tauschte Schaller seinen Platz mit Mr. Wallace und ließ sich
-neben dem thüringischen Freiherrn nieder.
-
-„Herr Baron, nichts für ungut, aber Sie philosophieren zu viel!
-Sie müssen mich in Barcelona besuchen! In allem Ernst! Ich habe
-Ihnen nachher auch etwas Amüsantes zu erzählen. Unter uns: ein
-Restchen deutsches Gemüt in mir beneidet Sie. Verstehen Sie? Nein?
-So will ich's Ihnen erklären. Gestern warfen Sie gesprächsweise die
-Bemerkung hin: als Sie die Wahl hatten zwischen Staatskarriere und
-geistiger Vertiefung, haben Sie unbedingt das letztere vorgezogen.
-Universalbildung im Sinne Wilhelm von Humboldts -- sagten Sie; moderne
-Fortsetzung des klassischen Idealismus -- sagten Sie. Sie sehen, ich
-hab' mir's gemerkt, bin also gar kein so feister Materialist, wie es
-allerdings aussieht. Und darum sag' ich: ein Rest in mir beneidet
-Sie um dieser freien Wahl willen, die Sie getroffen haben. Hol's der
-Teufel! Etwas wie Sentimentalität sitzt immer in uns Deutschen.”
-
-„Das Deutschland von heute hat sich für _Ihren_ Weg entschieden, mein
-lieber Herr Schaller”, erwiderte Ingo gelassen. „Erst die Million --
-dann die Seele! Beneiden Sie mich vielleicht um das Martyrium der
-Heimatlosigkeit?”
-
-„Ach was, Unsinn! Sie sind jung, nicht älter als ich! _Schaffen_ Sie
-sich eine Heimat, _bauen_ Sie sich ein Schloß! In der Calle Muntaner
-zu Barcelona steht meine Burg; kommen Sie einmal hin, sehen Sie sich
-an, was deutsche Energie im Ausland fertigbringt! Bis dahin hab' ich
-ein hübsches junges Weib im Hause. Schaffen auch Sie sich eine Frau
-an, Herr Baron, das bewahrt vor philosophischen Hühnerleitern! Und
-kommen Sie! Ich bin manchmal hungrig nach Geist -- ausgehungert! Und ~à
-propos~, wissen Sie, was ich Ihnen jetzt Amüsantes zu verzapfen habe,
-Sennor? Wissen Sie, daß Sie entdeckt sind?”
-
-„Wieso entdeckt?”
-
-„Als ein Troubadour namens Ingo, der meinen zwei jungen Nichten den Hof
-macht!”
-
-„Potztausend noch einmal!” fuhr Ingo auf und hätte vor Verblüffung fast
-sein Sektglas fallen lassen. „Die zwei jungen Mädchen da oben auf dem
-Hügel sind Ihre Nichten?!”
-
-„Sind meine Nichten, ich kann nichts dafür!” bestätigte der lachende
-Kaufmann. „Niedliche Lärvchen, was? Beide haben's nicht von mir, denn
-wir sind nicht blutsverwandt; die Mutter der Älteren, eine Witwe
-aus Straßburg, ist die Schwester meiner Stiefmutter; so sind wir in
-eine Art Onkelschaft geraten, und ich versteh' mich mit den Mädels
-ganz famos. Die Jüngste ist ja entzückt von Ihnen, einfach aus dem
-Häuschen!”
-
-„Aber sagen Sie mir doch -- wie hat sich denn das herausgestellt? Aus
-Straßburg? Jetzt begreif' ich! Dort war's, dort hab' ich das Mädchen
-gesehen, in der Vogesenstraße, als ich im Herbst ein paar Wochen dort
-wohnte! Aber wie hat man denn mich entdeckt?”
-
-„Nichts einfacher als das! Durch Ihr Buch ‚Heroismus’, das Sie mir
-geliehen haben! Da steht Ihr Name, Ingo von Stein. Dies Ingo hat
-sie verraten. Ich habe das Buch meinen Nichten hinaufgebracht, wir
-blättern drin, der kleine Grashüpfer schwatzt immerzu von dem Besuch
-des reizenden Unbekannten, der Ingo heiße. Ingo? Ingo heißt euer
-romantischer Anbeter? Wie sieht er denn aus? So und so! Famos, da haben
-wir ihn ja! ~Voilà! Ecco!~”
-
-Er lachte herzhaft. Stein lachte mit.
-
-Aber in seinem Herzen schloß sich doch etwas zu; ein musikalischer
-Zauber, ein poetischer Duft drohte zu entfliegen, der Reiz des
-Magischen und Fremdartigen. Denn jene Welt Mozarts, jenes reine Eiland
-der Schönheit, wurde überflutet von der breiten Alltagswelt dieser
-knochigen Millionenmacher, dieser Geldmagnaten, dieses modernen
-Amerikanismus.
-
-Daher ging Ingo recht bald und mit leichtem Scherz über die Sache
-hinweg, zumal Frau Friederike, zur Eifersucht geneigt, gespannt
-herüberfragte, von welchen reizenden jungen Mädchen denn hier so
-angelegentlich die Rede sei. Nur eines merkte er sich: die jungen Damen
-waren im Begriff, mit Frau Frank-Dubois, Marthas Mutter, nach Barcelona
-zu reisen, um dort einige Wochen bei Onkel Schaller zu wohnen.
-
-„Eine Reise nach Barcelona”, warf Ingo hin, „steht übrigens bei mir
-schon längst auf dem Programm. Denn dort in der Nähe ist der berühmte
-Montserrat, der Gralsberg, der Montsalvat der Sage.”
-
-„Kenn' ich natürlich genau! Famoser Berg! Großartige Aussicht! Also
-kommen Sie! In meinem Hause finden Sie etwas, was Ihnen so leicht
-kein Privatmann bietet: zwei echte Velasquez! Heh, was meinen Sie
-dazu? Raus aus dem Beamten- und Spießbürgernest Deutschland! Nur der
-Mittelmäßige kommt dort vorwärts! Für geniale Köpfe ist kein Platz
-mehr im Reich. Großzügige Naturen treiben sich im Ausland herum oder
-ersticken im deutschen Winkel.”
-
-Die Damen und einige Herren zogen sich zurück.
-
-Trotzendorff trat zu Stein heran, der sich gleichfalls erhoben hatte.
-
-„Weißt du das Neueste, Ingo?”
-
-„Nun was denn, Richard?”
-
-„Meine Berufung ist Tatsache! Hoheit hat's bestätigt!”
-
-„Also von jetzt ab Hofmann, lieber Richard? Na, mein herzliches
-Beileid!”
-
-„Danke für den Glückwunsch! Das wird auch für dich entscheidend, alter
-Flüchtling! Ich habe meinen Plan. Und du weißt, ich bin in solchen
-Dingen zäh. Auf dem Weg über Seine Hoheit komm' ich an den Kaiser
-heran, mache Majestät mit deinen Gedanken bekannt, verschaffe dir eine
-persönliche Vorstellung, und du wirst an den Platz gestellt, wo du
-wirken kannst!”
-
-Ingo legte den Arm um die Schulter des Freundes.
-
-„Du bist doch ein unverbesserlicher Utopist!”
-
-„Abwarten, Junge!” erwiderte der straffe Soldat und strich seinen
-dicken grauen Schnurrbart. „Wenn du erst einmal mit dem deutschen
-Kaiser auf der Wartburg ein richtiges Kaisergespräch geführt hast, dann
-sprechen wir weiter!”
-
-Frau Friederike war herangekommen. Es war heute abend in ihrem Wesen
-etwas wie nervöses Fieber.
-
-„Richard hat recht”, sagte sie hastig. „Wir müssen dich unter Aufsicht
-nehmen, lieber Ingo, wir müssen dich mit Gewalt an die rechte Stelle
-schieben. Die Sache wird gemacht! Du kennst meinen Alten, der läßt
-nicht locker, wenn er etwas im Kopf hat!”
-
-„Hier steh' ich nun wie Buridans Esel zwischen den zwei bekannten
-Heubündeln”, lächelte Stein. „Die Lockung dort heißt Barcelona -- die
-Lockung hier heißt Wartburg. Wohin?”
-
-„Nach Deutschland, Ingo! An deine deutsche Aufgabe!”
-
-„Hat mich nicht gerade Friedel aus Deutschlands Enge
-herausgeschmeichelt?”
-
-Doch Frau Friederike schob ihren Arm unter den seinen und entführte ihn
-samt ihrem Gatten aus der Riviera-Gesellschaft.
-
-Aber sie konnte sich oben, als sie einander Gute Nacht sagten,
-nicht enthalten, noch einmal nach den hübschen jungen Mädchen zu
-fragen, die ihn so lebhaft entflammt hatten. Er warf lachend einige
-beschwichtigende Worte hin; doch ihr entging nicht, daß er errötet war,
-und sie schied mit langen, schweren Blicken ...
-
-Das Gewitter war vertost. Von den Stauden und Palmen troff noch die
-himmlische Feuchtigkeit; das Meer rauschte bedeutend.
-
-Stein atmete auf seinem Balkon die würzige Nachtluft ein und verglich
-die muntren Mozart-Mädchen auf jenem offenen, hellen Hügel mit diesem
-drückenden Salon-Parfüm und Salon-Geschwätz dieser Riviera-Hotels und
-Riviera-Spielhöllen. Und in der Ferne vernahm er ununterbrochen das
-ozeanische Brausen der Titanic-Katastrophe.
-
-„O du Tiefstes meiner Seele, du kannst ja doch nicht hinauf! Wenn
-meine Seele tost wie die schäumende See und zitternd solche machtvolle
-Schönheit aushält, dann ist es in mir wie ein schweres, langsames
-Glockenläuten. Und das zu ertragen, dieses Gewaltige, hilft mir
-nur eins: die Seelensprache der Poesie und Musik. Sie segnet meine
-Herzensglut, und mit ihr ertrag' ich die Schönheit der gewaltigen Erde
-...”
-
-Lang noch saß er über Büchern und Papieren, Schwermut durch Arbeit
-bekämpfend. Spät entschlief er.
-
-Heitre Mozart-Melodien vermischten sich im Entschlummernden mit der
-Notturno-Stimmung des „Don Juan” -- der Anfang von Beethovens ~Sonate
-pathétique~ brauste herein, wuchtig, zornig -- und die schwermütigen,
-harfenartigen Einleitungsakkorde des Brahmsschen Liedes „Der Tag ging
-regenschwer und sturmbewegt”. Doch in diesem Chaos von Tönen behauptete
-sich zuletzt Schuberts „Wandrer”: „Wo bist du, mein geliebtes Land?” ...
-
- * * * * *
-
-... Marx und Schaller, die Unzertrennlichen, saßen noch beisammen,
-ließen sich einen Mokka brauen und sprachen von Dividenden und
-Prozenten.
-
-Plötzlich warf Marx mit zweifelhaftem Blinzeln hin:
-
-„Hm, sagen Se mal, was halten Sie von diesem Stein?”
-
-„Ein sympathischer Mensch!” beteuerte Schaller, der ziemlich gezecht
-hatte. „Eine von jenen hochbegabten Naturen, die keinen Platz finden
-im hundsgewöhnlichen, miserablen, mittelmäßigen Reichsdeutschland!
-Verstanden, Otto S.?!”
-
-„Na, na! Das glauben Sie ja selber nich!”
-
-„Selber nicht? War ich nicht Referendar, ehe ich Kaufmann wurde? Warum
-bin ich ausgerissen? Weil mir der Atem ausging zwischen euren Hinter-
-und Vordermännern, die einander Hacken und Zehen abtreten!”
-
-„Riesiger industrieller Aufschwung in Deutschland! So 'ne Titanic --
-die übertrumpfen wir! Mittelmäßig? Steckt 'ne Masse Genie im modernen
-Deutschland!”
-
-„I natürlich! In allen technischen Dingen, selbstverständlich! Zeppelin
--- bravo! Aber sonst? Genie? Wo denn? Was wissen Sie denn, Samuel, in
-Ihrem Verstandeskasten, was Genie ist? Wo sind denn die großen und
-ewigen Ideen in eurer Politik oder Literatur? Reporter seid ihr, ganz
-schwunglose Reporter und Photographen!”
-
-„Na, und Richard Strauß?! Und Reinhardt! Gehen Se mal in den Berliner
-Zirkus und sehen Se so 'ne Aufführung! Und hat nicht Hauptmann den
-Nobelpreis gekriegt? Was wollen Se denn noch? Wollen Se wieder
-Vergißmeinnichts-Geschmack einführen, Sie?!”
-
-„Mann, Markuse, machen Sie mich nicht wild!” schrie der Champagner aus
-Schaller. „Wo ist denn da Größe?! Größe, sag' ich, Sie, Sie -- Sie Mann
-mit dem zweckdienlichen Verstandes-Apparat! Sie Nüchterling! Sie Mensch
-ohne Seele! Kurzum, Sie Geldbeutel!”
-
-„Schaller, Sie schallen wieder mal brutal, aber brillant!” Der
-Kommerzienrat lachte sein meckerndes Lachen, ohne das geringste
-übelzunehmen. „Ihnen fehlt ein pikantes Weibchen -- so wie da die
-Trotzendorff. Unter uns -- die und der Stein, hä? Da ist auch nicht
-alles geheuer. Hat übrigens in Weibersachen Geschmack, dieses Mineral
--- seine Freundin ist hübscher als seine Bücher!”
-
-Und Marx lachte und schlürfte zwinkernd seinen Mokka.
-
-„Was halten Sie denn von seinen Büchern?” fragte Schaller unwirsch,
-denn er empfand für Ingo entschiedene Zuneigung.
-
-„Nu, ich hab' se nich gelesen -- aber was man so hört -- Nee!
-Heroismus? Das Buch ist geschmacklos eingebunden. Und der Inhalt --
-süßliche Phrasen!”
-
-„Phrasen? Dieser grundehrliche Stein? Sehen Sie sich doch dieses offene
-Gesicht an!”
-
-„Ich nenne das Phrasen.”
-
-„Beweis!”
-
-„Nu, ich sage Ihnen, ich nenne das Phrasen, und damit Punktum! Was ist
-da zu beweisen?! Und sein Drama: ‚Der Sängerkrieg’! Das hat ja schon
-der Wagner komponiert! Und was er sonst verfaßt hat aus der Mythologie,
-das kann man höchstens noch mit Musik goutieren! Für mich Schwulst,
-süßer Brei, Phrasen!”
-
-Er trank erbittert und nervös seinen Mokka leer, hatte sich in Hitze
-geredet und schaute ergrimmt seinen Gegner an. „Nu, was wollen Sie
-noch? Im übrigen ein liberaler und honetter Mensch, sag' ich selber!
-Alles, was recht ist! Und ohne Adelsdünkel! Ein Charakter, aber ein
-sehr bescheidenes Talentchen!”
-
-„Was verstehen Sie denn eigentlich unter Talent?”
-
-„Nu, daß einer was kann!”
-
-„Wer stellt denn fest, ob einer was kann oder nicht?”
-
-„Die öffentliche Meinung! Wir! Leute von Geschmack! Ganz einfach!”
-
-„Wenn aber die öffentliche Meinung auf Irrwegen läuft? Habt ihr
-euch nicht hundertmal geirrt, ihr Deutschen, und lebende Talente
-totgeschwiegen und totgeschwatzt?!”
-
-„Mit dieser Ausflucht kann sich jeder erfolglose Dilettant decken”,
-bemerkte Marx nicht mit Unrecht. „Man hat denn doch im allgemeinen
-eine sichere Witterung, was ein moderner Mensch is und was nur so
-nachdichtet. Unsere Nerven brauchen ein Stimulans, Neutöner, Reizungen,
-pikante Probleme -- verstehen Se? Ich protegiere da einen Dramatiker --
-was wetten wir, daß ich ihm den Schillerpreis verschaffe? Wissen Se,
-wie so wat gemacht wird?”
-
-Marx rückte vertraulich näher; und Schaller starrte unbeholfen in ein
-Paar pfiffige Augen.
-
-„Denn solche Talente _kann_ man machen, den Stein nicht. Da wird in
-klugen Abständen eine Notiz ins Tageblatt lanciert -- übrigens auch
-Durchfälle schaden nicht, wenn nur die Öffentlichkeit beschäftigt
-bleibt! -- also eine Notiz: der ringende, begabte, geniale Dramatiker
-~etc., pp.~ -- merken Se wat? Dann gute Verbindungen bei der Presse --
-nu, und nach und nach gewöhnt sich die Welt an den Namen. Aber pikant
-muß er dichten, pikant! Mit diesem biedren Stein -- nee, damit ist kein
-Haus zu bauen.”
-
-Schaller senkte den Kopf und betrachtete die Diamantknöpfchen seines
-zerknitterten Frack-Vorhemdes.
-
-„Ihr habt unbedingt die Herrschaft”, sprach er dumpf, wie zu sich
-selber.
-
-Dann schaute er aus seiner halben Betrunkenheit auf, faßte seinen
-Freund Marx ins Auge und schnarrte plötzlich in schärfstem Leutnantston:
-
-„Otto Samuel, Sie heißen Markuse -- und damit ist alles gesagt! Schluß
-der Debatte!”
-
-Marx sprang ärgerlich auf. Aber einige spät zurückkommende
-amerikanische Dollarkönige gaben dem Gespräch einen neuen Aufschwung.
-Es war von Kartellen, Syndikaten, Trusts die Rede, nüchtern,
-kaufmännisch, und die Sätze waren gespickt mit Zahlen.
-
-Der kleine Marx und der große Schaller waren wieder in ihrem Element.
-Und sie schüttelten sich beim Auseinandergehen gemütlich die Hände.
-Denn jeder schätzte des andren kaufmännische Begabung.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Drittes Kapitel
-
-Die Freundin
-
- Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten!
-
- _Nietzsche_
-
-
-Ein heißes Herz und eine bewegliche Phantasie sind kein
-unbeschwerliches Geschenk der Gottheit. Ingo entsann sich, wie
-leidenschaftlich ihn einst in der Jugend die Sonntagsspiele mit
-seinen Kameraden hingerissen hatten. Jene Spieltage waren so voll, so
-glühend schön, daß ihm am Abend das Herz weh tat, wenn er sich von den
-Gespielen trennen sollte. Noch oft im Leben mußte er mit männlicher
-Besonnenheit Heimweh nach dem Schönen und Guten ins rechte Maß zwingen.
-
-So war ihm Rhythmus ein Mittel der Bändigung allzu drangvoll
-emporquellender Gefühle. Und wie für das Schöne, so war er für Güte
-empfänglich. Mit einem herzlichen Wort konnte man alles von ihm
-erreichen; Härte rief seine Vertrutzung wach. Er war geschaffen zur
-Freundschaft, zur Brüderlichkeit, zur Liebe. Doch grade weil seine
-Natur so warmherzig und phantasievoll allen Reizungen antwortete,
-brauchte er als Gegenkraft viel Kultur und Bildung, um in sich
-jenes edle klassische Gleichmaß auszugestalten, das dem Idealisten
-vorschwebte.
-
-Ein Dreibund liebender Freundschaft bestand zwischen Ingo von Stein und
-dem Ehepaar Trotzendorff.
-
-Baron von Stein-Waldeck hatte Staatswissenschaft, Geschichte und
-Literatur studiert und nach dem Doktor-Examen die Universität
-verlassen. Seinen soldatischen Pflichten hatte er als reitender
-Artillerist genügt und war nun Leutnant der Reserve. Ihm stand ein
-aussichtsvoller Staatsdienst offen; die Verbindungen des Freiherrn
-aus altem Hause waren vorzüglich. Eine edle Jugendfreundin war ihm so
-zugetan, daß Verlobung zu erwarten war. Doch etwas in ihm zögerte,
-sich dem Staatsgefüge und dem Familienleben anzuvertrauen. Und
-als er Frau Friederike von Trotzendorff kennen und lieben gelernt
-hatte, begann für ihn eine neue Lebensepoche. Er lebte fortan seinen
-musikalischen und literarischen Idealen. Diese Frau, ehedem bedeutende
-Sängerin, war ganz Phantasie und Gefühl. Und so befreite sich unter
-ihrer Besonnung auch in ihm die fühlende Phantasie; und die beiden
-flogen miteinander empor in alle Herrlichkeit und Fülle der Kunst und
-der Natur. Stein hoffte, unter Führung solcher Muse, Künstler zu werden.
-
-Aber die Muse kann nur begleiten, nicht geleiten. Frau Phantasie kann
-fliegen, aber nicht schreiten; kann ein Leben verschönen, aber nicht
-eines Lebens Fundamente bauen.
-
-Der wandernde und fliegende Spielmann spürte mehr und mehr, daß etwas
-in ihm unbefriedigt blieb.
-
-Seine edelgestimmten Bücher hatten an das Tor der deutschen Seele
-gepocht; doch war keine Antwort gekommen. Ingo wurde darob weder bitter
-noch sentimental; das lag nicht in seiner großzügigen Natur; auch
-überschätzte er nicht das Buchmachen. Immerhin legte er stutzend die
-Feder aus der Hand und horchte fragend hinaus.
-
-Wo war das Deutschland, das er suchte?
-
- * * * * *
-
-Als Ingo von Stein am andren Morgen in den gemeinsamen Salon trat, der
-sein Zimmer vom Trotzendorffschen Gemach trennte, erwartete ihn Frau
-Friederike.
-
-Sie trug ihr helles Morgenkleid, das den Hals frei ließ. Der prächtig
-gebaute, nur etwas zu volle Körper dieser leicht in allen Nerven
-vibrierenden Künstlerin mit den stahlblauen Augen, der kräftig
-vorspringenden Nase, den üppigen Lippen schien für Bühne und Salon
-geschaffen; ihre Bewegungen waren elastisch; ihre Stimme weich, doch
-häufig belegt und zaghaft, denn ihr Herzschlag geriet bei Schmerz und
-Freude allzuleicht in Unordnung.
-
-Er küßte ihr mit ernstem und müdem Gesicht ehrerbietig die Hand. Aber
-die nervös erregte Freundin hielt seine Hände fest.
-
-„Ich hab' mich nach dir gebangt, Ingo, ich hab' in der Nacht so viel
-an dich denken müssen. Denn ich war gestern abend kleinlich, vergib,
-ich war eifersüchtig!”
-
-„Eifersüchtig?! Aber seit wann gibt es denn das zwischen freimütigen
-Freunden?”
-
-Ingo spürte sofort, daß ein ernstes Gespräch bevorstand. Er wünschte
-und fürchtete dieses Gespräch; denn in der letzten Zeit war Frau
-Friederike von einer seltsam sorglichen Unrast, eine Löwin, die um ihr
-Junges besorgt war.
-
-„Friedel,” sprach er weit ausholend, „mir sind in der Nacht schwere
-Gedanken durch Kopf und Herz gegangen. Sieh, als ich damals dem Beruf
-auswich, trennte ich mich auch von meiner Jugendfreundin Elisabeth.
-Ich muß offen mit dir sprechen. Du weißt, wann es war, als ich dir
-mitteilte, ich hätte meine heimliche Verlobung stillschweigend
-aufgelöst. Wir hatten den zweiten Teil des Faust gesehen; wir waren
-entzückt von der Helenatragödie. Dieser Faust -- so setzt' ich dir nach
-dem Theater auseinander -- ist berauscht vom Drang nach Schönheit,
-fährt durch die halbe Welt, um eine Helena zu finden, irrt durch
-die blaue pharsalische Nacht mit dem unentwegten Ruf: Wo ist sie? O
-Himmel, ich will's mit diesem Schönheitsucher halten! Und du glühtest
-mit, und wir erlebten miteinander tiefste seelische Offenbarung. Seit
-jener Stunde such' ich das Ideal in der Fremde und habe mein deutsches
-Gretchen vergessen. Ihr nennt mich ‚Spielmann’ -- in der Tat, ich
-fürchte fast, ich spiele mit dem Leben. Und manchmal ist mir, als wäre
-Goethes Helena-Tragödie und mein jetziges Dasein nur galvanisiertes
-Leben, und ich hätte den Boden unter den Füßen verloren.”
-
-Sie hatten beide Platz genommen und saßen sich auf steifen modernen
-Stühlen in dem weißgrauen Salon gemessen gegenüber, mit großen Augen
-beide ins Unbestimmte schauend. Er hatte von der Eifersuchtsfrage
-glücklich abgelenkt und das Gespräch ins Bedeutende erhoben.
-
-„Du willst damit sagen,” erwiderte sie schwer, „daß ich es bin, die
-dich aus der Bahn geworfen hat.”
-
-„Nein, Friedel, das will ich damit nicht sagen; denn ich bin dir
-dankbar. Was ich in Bayreuth, auf Reisen, am Klavier und vor
-Büchern oder in Gesprächen durch dich in mich aufgenommen habe, ist
-unvergleichlich. Du hast mir eine neue Welt aufgetan. Du hast meine
-Flaumfedern in Flügel verwandelt. Aber -- --”
-
-„Aber?”
-
-„Du hättest ganz recht, eifersüchtig zu sein, wenn das Wort nicht zu
-häßlich wäre”, sprach er plötzlich, stand auf und ging hin und her.
-„Denn du fühlst richtig, daß etwas in mir nicht befriedigt ist. Und an
-jenen Mädchen da oben auf dem Hügel ist es mir zum Bewußtsein gekommen.”
-
-„Was ist dir zum Bewußtsein gekommen?”
-
-„Mein Beruf und meine Braut, beides gehörte einst zusammen. Und ich
-habe in mir die bis zum Eigensinn gesteigerte Empfindung: wenn ich
-meine Lebensgefährtin finde, ist auch mein Beruf gefunden. Ein stilles,
-häusliches Mädchen wie diese schöne Stickerin da oben auf dem Hügel
-erregt mir Heimweh.”
-
-„Und Helena? Und die freie Welt der Schönheit? Ingo, willst du
-Philister werden?”
-
-„Aber, Friedel, bist nicht auch du Gattin und Mutter?!”
-
-Das wurde fast zornig herausgeschleudert. Er hatte sich wieder gesetzt.
-Sie saßen in den feierlichen Lehnstühlen und schauten sich bei aller
-höflichen Haltung einen Augenblick wie Gegner an.
-
-Ruhiger fuhr er fort:
-
-„Und dennoch hast du deine Welt der Schönheit in dir, Friedel -- in
-deinem Innern, in deiner Kunst, in deiner Häuslichkeit. Ich aber suche
-sie draußen, ich laufe in der Welt herum und spiele mich mit der Laute
-über mein Heimweh hinweg. Ich habe Heimweh nach festem Boden, Friedel.
-Das ist alles.”
-
-„Meine Freundschaft genügt dir nicht mehr,” erwiderte sie dumpf und
-traurig, „du bist meiner müde.”
-
-Er war zornig, daß sie immer wieder das Gespräch auf ihre Person
-ablenkte, statt seinen Kümmernissen sachlich zu folgen.
-
-Doch er beherrschte sich.
-
-„Mit deiner Person hat meine Sorge nichts zu tun, Friedel. Es wäre mir
-lieber, du würdest mit Richard und mir sachlich beraten. Ich halt' es
-einfach nicht mehr aus, auf dieser Titanic mitzuschwimmen, ohne Ziel,
-ohne Heim, ohne Beruf. Denn es ist die Frage, ob ich zum Büchermachen
-berufen bin. Die allgemeinen Sorgen der Deutschen sind mir wichtiger;
-die Ratlosigkeit dieser modernen Menschen in den Fragen über Tod und
-Leben macht mir schlaflose Nächte. An dieser Lösung möcht' ich im
-Herzen Deutschlands mitsinnen, dort, wohin ich durch Geburt gestellt
-bin. Statt dessen lauf' ich im Ausland herum.”
-
-„Was hat denn das mit den Mädchen da oben zu tun?” fragte mit
-unerwarteter Wendung die echte Frau, die ihm gegenübersaß.
-
-Er schwieg. Auf diesen Seitenangriff war er nicht gefaßt gewesen.
-Sie hatte recht: zwischen dem Philosophen, der sich gestern in das
-Titanic-Gespräch gemischt hatte, und dem verliebten Lautensänger war
-ein Unterschied. Jener suchte den festen Punkt; dieser aber wanderte
-als Spielmann durch die schöne Welt, durstig nach Schönheit. Und in der
-Schönheit nach Frieden --? Und im Frieden eben nach dem festen Punkt --?
-
-„Ingo, ich will dir etwas sagen, was einmal gesagt werden muß, wenn
-wir nicht alle drei in Unnatur geraten sollen. Sieh, ich habe schon
-mehrmals beobachtet, wie dein Auge hübschen jungen Mädchen nachflog
--- und wie du dann zu erschrecken pflegtest, fast wie ein ertappter
-Junge, wenn du meinem Blicke begegnetest. Ach, ich sehe ja wohl, wie du
-suchst; und ich habe ja auch gar kein Recht, dich festzuhalten. Lieber
-Junge, es hat mich aber immer gedemütigt, wenn ich dich so vor mir
-zusammenfahren sah: er fürchtet meine Eifersucht, hab' ich mir sagen
-müssen. Also hab' ich dir Anlaß gegeben, daß du mich für kleinlich
-halten mußt? Und du hast recht: ich bin kleinlich, bin eifersüchtig,
-bin ein Hasenfuß, ich habe Angst um dich; ich fürchte, daß du einmal
-auf irgendein hübsches, leeres Lärvchen hereinfällst, in das du dein
-eigenes Ideal einstrahlst. Oh, Gott im Himmel weiß es: dieser Schmerz
-um dich ist größer als der Schmerz um meine seelische Vereinsamung!”
-
-Frau Friederike, die ihrem Freund um mehrere Jahre an Alter voraus
-war, stand rasch auf, hielt ihr Taschentuch an die Augen und trat ans
-Fenster. Auch Ingo erhob sich, blieb aber am Lehnstuhl stehen und biß
-sich in die Lippen. Schon einmal hatte er eine solche Szene erlebt,
-wo die ruhige und fröhliche Wärme der Freundschaft in flammende Liebe
-übergeschlagen war. Er spürte auch jetzt wieder die unheimliche
-Schwüle vor dem Sturm. Aber er hatte sich fest in der Hand und blieb
-hochaufgerichtet und unnahbar hinter seinem Sessel stehen.
-
-„Einmal schon”, weinte es vom Fenster her, „hab' ich mich zwischen
-dich und eine andre gestellt. Ich will es nicht wieder tun. Ich will
-vielmehr die erste sein, die dich beglückwünscht. Nur sag' es mir, sag'
-es mir gleich und offen, tu's nicht hinter meinem Rücken, stell' mich
-nicht plötzlich vor die Tatsache -- denn das erschüttert meine Nerven
-mehr, als ich ertragen kann.”
-
-Sie hatte sich die ganze Nacht mit dem Gedanken abzufinden gesucht, daß
-sie des Freundes Herz an ein junges Mädchen verloren habe. Und diese
-Empfindung verallgemeinerte sich in ihr zur erschütternden Erkenntnis,
-daß sie eine alternde Frau sei, daß sie Jugend nicht festhalten könne,
-daß alle Helena-Schönheit dahinschwinde in die wesenlose Nacht der
-Zeit. Mit elementarer Kraft war diese Empfindung über sie gekommen. Und
-zwei Mächte hatten nachtlang in ihr gekämpft und kämpften jetzt noch
-in dieser Stunde: entweder leidenschaftlich festzuhalten, zu genießen,
-zu sündigen, stürmisch den Freund zu umfangen -- oder durch rasche
-Trennung sich wieder zu beruhigen und in Harmonie zurückzufinden.
-
-Frau Friederike war weder zu dem einen noch zu dem andren stark genug.
-
-Als sie sich jetzt zu ihm umwandte und Ingo ihr tränenvolles Gesicht
-sah, traten sie sich beide einige Schritte näher. Dann blieben sie
-wieder stehen. Was an Güte in ihnen war, schlug vom einen zum andren
-hinüber. Wieder schritt sie vor -- und plötzlich lief sie hin,
-umschlang ihn heftig und weinte:
-
-„Ingo, verlaß mich nicht!”
-
-Wie ein Hilfeschrei, erschütternd, schlug es aus ihr empor. Doch
-zugleich stieß sie ihn zurück, lief mit dem Taschentuch vor den Augen
-laut schluchzend nach der Nebentüre, schmetterte sie hinter sich zu und
-riegelte sich ein.
-
-Ingo wußte aus früheren Anfällen ähnlicher Art, daß sie nun stundenlang
-auf dem Diwan liegen und sich ausweinen würde.
-
-Der Spielmann ging sorgenvoll im Zimmer auf und ab.
-
-Der gestrige Tag dort auf dem Hügel, zwischen Kirschbaum und Zypresse,
-bei scheinbar so belanglosem Geplauder mit ein paar unreifen Mädchen,
-war eine Lebenswende. Jetzt galt es klaren Entschluß. Sollte er sofort
-hinaufgehen, diese bürgerliche Frau Frank-Dubois aus dem Elsaß, die
-hier in Sommerfrische weilte, aufsuchen und der jungen Schönheit
-schlankweg seine Hand anbieten? Denn jenes wunderschöne Gebilde hatte
-ihn berauscht. Aber was war denn an ihr, was ihn entzückte? Sie hatte
-ja kaum den Mund aufgetan. Warum verband er mit ihr die Empfindung
-von griechischer Landschaft und griechischem Tempel? War es nicht
-doch vielleicht nur ein allgemeiner Schönheitseindruck, der mit dem
-Bürgerkinde Martha menschlich nicht viel zu tun hatte? Sollte er die
-erprobte Freundschaft mit Richard und Friedel zerbrechen, um einem
-Helena-Phantom nachzujagen?
-
-Mächtig wallte in ihm das Gefühl der Dankbarkeit empor.
-
-„Sie haben mich gepflegt in meiner Krankheit”, sprach er zu sich
-selber; „Friedels beide Knaben lieben mich wie einen älteren Bruder.
-Sie selber nennt mich oft im Scherz ihren ältesten Jungen; sie ist
-besorgt um mich, wie eine Mutter um ihr Kind. Wohl hat sie sich damals
-zwischen mich und Elisabeth gestellt; aber es war ein Segen, denn meine
-verfrühte Heirat wäre Spießbürgerei geworden. Was weiß die Welt von
-den herrlichen Einzelheiten unsrer romantischen Freundschaft! Und wie
-taktvoll, wie verstehend hat sich Richard benommen!... Nein, ich will
-nicht glücklich sein ohne diese beiden trefflichen Menschen.”
-
-Er pochte an Friedels Tür.
-
-„Friedel, nur ein Wort!”
-
-Es kam von drinnen keine Antwort.
-
-„Öffne nur einen Finger breit!”
-
-Sie kam endlich, öffnete ein wenig und schaute mit verweinten Augen
-heraus.
-
-Er küßte ihre Hand und sagte innig und mit aufmunterndem Humor:
-
-„Friedelchen, wollen wir zu guter Letzt sentimental werden? Wollen wir
-nicht lieber heute noch abfahren und durch die Provence wandern?”
-
-Ihr Taschentuch zuckte vom Gesicht hinweg.
-
-„Wirklich? Wollen wir fort?”
-
-„Aber achtest du mich denn noch, Ingo?” kam es verzagt hinterher.
-
-„Wunderliches Friedelchen,” lachte er, „glaubst du denn, ich könnte
-jemals wirklich vergessen, was du und Richard mir getan habt? Das steht
-in der Chronik der Ewigkeit; dort wollen wir einander hoffentlich hell
-und heiter begegnen. Nicht wahr?”
-
-„Ja, Ingo”, sagte sie kindlich und legte die Hände in die seinen. „Du
-bist gut, Ingo.”
-
-Und die Augen trocknend fügte sie hinzu:
-
-„Geh nun hinunter zu Richard, Lieber, und entschuldigt mich bis zu
-Mittag! Und -- und, Ingo, wenn wir wirklich fahren würden, ich würde ja
-jubeln, von hier fortzukommen!”
-
-„Du hast recht!” sagte er frisch. „Aus den Sentimentalitäten 'raus!
-Auch ich! Fort in die Welt!” ...
-
-Am Nachmittag packten sie ihre Koffer. Und am Abend saßen sie in der
-Eisenbahn nach Marseille und Avignon.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Viertes Kapitel
-
-Der Troubadour
-
- „Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist,
- Fliehe mit abgewendetem Blick!”
-
- _Goethe_
-
-
-In den Anlagen des Felsenvorsprungs ~Rocher des Doms~ oberhalb der
-Papstburg zu Avignon lustwandelten das Ehepaar Trotzendorff und der
-Troubadour Ingo von Stein.
-
-Der Major studierte mit der ihm eigenen Gründlichkeit die Einzelheiten
-des Baedeker; Friedel und Ingo umfaßten hinausschauend das ganze
-Bild der Abendlandschaft, die in leuchtender Deutlichkeit um sie her
-ausgebreitet lag.
-
-Hundert Meter unter jener gelblichgrauen Felsmasse strömt die Rhone,
-am Tag schlammgrau, doch in solcher Abendröte rosig und blau. Ein
-purpurtiefer, von Wolken unterbrochener Sonnenuntergang, in der
-heroischen Farbenstimmung eines Poussin, funkelte über Turm und Villen
-des gegenüberliegenden Villeneuve-les-Avignons; Luft und Berge waren
-dunkelblau; im Duft des Ostens, groß und goldrot, stand schon wartend
-auf das Amt der Nacht die Leuchtkugel des Mondes.
-
-Die drei Freunde hatten kurz zuvor mit dem lebensheitren Wächter der
-Papstburg, Monsieur Vassel, der sich stolz ~félibre~ und ~chanteur~
-Mistrals nennt, ein muntres Zwiegespräch gehabt, das angenehm in ihnen
-nachklang. Die hohen und stumpfen Türme des päpstlichen Kastells
-schienen heute heiter und verklärt zu leuchten in den Farben des
-Frühlings und der Abendröte.
-
-„Was für heiter-natürliche Menschen wohnen in dieser Provence!”
-bemerkte Ingo. „Man erholt sich in diesen alten Nestern vom Luxusleben
-der Riviera-Hotels. Ich habe nicht übel Lust, den provenzalischen
-Geisteskönig, den alten Meister Frédéric Mistral, in seinem Dörfchen
-Maillane selber zu besuchen.”
-
-Die goldene Madonna auf der Spitze des Doms, der noch über das
-starke Papstschloß hinausragt, breitete segnend die Hände über die
-rings heraufblühende Landschaft und schaute dem Gold der Sonne
-nach, von dem sie angeglüht war. Der immergrüne Hain mit den
-schiefgewehten Pinienwipfeln war belebt von Vogelgesang und wenigen
-Abendspaziergängern. Bedeutend grüßte vom Norden her der weiße Gipfel
-des Mont Ventoux. Doch war die Lenzluft kühl; das kleine, reizend
-ummauerte Avignon mit seinen engen Gassen schien sich frierend um das
-steile Mauerwerk der Papstburg zu drängen. Und die Gehöfte der Provence
-freuten sich der festen Zypressenwände, durch die sie gegen den rauhen
-Nordwind geschützt werden. Es lag ein Frösteln in der Luft und in den
-Seelen der beiden Menschen, die in das Abendgelände hinausträumten und
-windgeschützte Stellen suchten.
-
-„Die abgebrochene Brücke da unten”, erklärte Trotzendorff, der mit
-seinem roten Buch herantrat, „ist die uralte Brücke St. Benezet.”
-
-„Steht nicht ein Kapellchen drauf?”
-
-„Ja, das Fest des Heiligen wird jährlich mit Tänzen gefeiert. Daher der
-alte Volksreim: ~Sur le pont d'Avignon tout le monde danse.~”
-
-„Eine Tanzbrücke also!” erwiderte Stein. „Sie geht nur bis in die Mitte
-des Stromes: ich hoffe, daß sie dann nicht ins Wasser tanzten? Oder
-kletterten dort die Nixen herauf und tanzten mit? Jedenfalls die Brücke
-des lustigen Lebens. Ein Gegenstück also zu dieser schweren Papstburg!”
-
-Er setzte sich auf die Steinbrüstung. Und während sich die fröstelnde
-Frau Friederike fest in den Mantel hüllte und am Arm ihres Gatten im
-Schnellschritt durch die Anlagen lief, um sich wieder zu erwärmen,
-flossen dem Troubadour einige Verse ins Notizbuch. Er trug sie nachher
-seiner Freundin vor; Richard saß derweil wieder auf seiner windstillen
-Bank und las die Landschaft aus dem Fremdenführer ab.
-
- Leicht rauschte die Rhone vor alter Zeit,
- Schwer stand der Papst auf den Schanzen --
- Und sah auf der Brücke von Avignon
- Ein leichtes Völkchen tanzen.
- ~Sur le pont
- d'Avignon
- Tout le monde danse.~
-
- Da blähte sich sein Purpurkleid,
- Gewaltig schnauften die Nüstern:
- Der schwere Mann des Kampfes ward
- Nach leichten Tänzen lüstern.
-
- Der Papst stand, ein Gebild aus Stein.
- So standhaft, stark und massig --
- Die Tänzer der Brücke von Avignon
- Tanzten geschmeidig und rassig.
-
- „Wir türmen Granit,” so sprach der Papst,
- „Wir stülpen Zinnen darüber:
- Das Volk auf der Brücke von Avignon
- Tanzt an der Wucht vorüber.”
-
- „Wir türmen Satzung und Gesetz
- Zu burghaft-steinernem Ganzen --
- Was tut das Volk? Ich sehe das Volk
- Am Stein vorübertanzen!”
-
- Ein Schelm sang, eine Laute klang,
- Das sprang um den Lauscher der Zinne:
- „Da oben steht der Herr von Stein,
- Inzwischen tanzt im Abendschein
- Vorüber die lustige Minne!”
- ~Sur le pont
- d'Avignon
- Tout le monde danse!~
-
-In Frau von Trotzendorff arbeitete sich ein Entschluß langsam zutage.
-Sie schwieg zu diesen Versen; warf ein beifälliges „Hübsch!” hin, kaum
-hörbar, und hüllte sich in Schweigen. Sie war seit der Abreise von der
-Mittelmeerküste sehr heiter und zärtlich gewesen. Heute war sie schon
-den ganzen Tag schweigsam.
-
-Plötzlich blieb sie stehen, schaute den Freund aus ihrem hochgestülpten
-Kragen heraus eindringlich an und sagte:
-
-„Gestattest du mir ein offenes Wort?”
-
-„Tausend offene Worte, Friedel!”
-
-„Bedauert Ingo, daß er ohne Abschied abgereist ist?”
-
-„Von der Riviera? Aber Schaller hat uns ja an die Bahn gebracht.”
-
-„Du weißt, wen ich meine.”
-
-„Die Mozart-Mädchen?”
-
-„Ja.”
-
-„Nun --? Und wieso denn soll ich das bedauern?”
-
-„Sag' mir offen: soll das Gedicht, das du mir soeben gelesen hast, eine
-Anspielung darauf sein, daß Jugend und Minne an dir vorübertanzen?”
-
-„Friedel --!”
-
-„An dir vorübertanzen, während du hier oben bei mir aushalten mußt?”
-
-„Aber Friedel!”
-
-„Sei wahrhaftig, mein Lieber! Sieh, ich stehe immerzu unter dem
-Eindruck: es ist etwas in dir unbefriedigt. Du suchst etwas, was
-Richard und ich dir nicht geben können. Du träumst oft in die Ferne, du
-besinnst dich dann plötzlich wieder auf mich und suchst mit Zartheit
-das Versäumte nachzuholen. Nein, leugne nicht! Verlaß dich drauf, daß
-eine Frau, wenn sie jemandem gut ist, hierin ein sicheres Gefühl hat!
-Das bedrückt mich, Ingo. Es wäre sündhafter Egoismus von mir, wenn ich
-dich beschlagnahmen wollte. Ist nicht unser Herzensbund auf Freiheit
-und Vertrauen gestellt?”
-
-Sie legte ihm die Hand auf die Brust.
-
-„Du, Ingo, ich will dir was sagen,” fuhr sie fort und stellte sich,
-als wär' ihr ein jäher Einfall gekommen, „du holst das Versäumte nach,
-du entschuldigst dich brieflich bei den Mädchen! Verstehst du? Du
-schreibst ihnen in deiner liebenswürdigen Art einen liebenswürdigen
-Brief! Ja? Meinetwegen zwei, meinetwegen drei! Glaubst du mir dann, daß
-ich nicht eifersüchtig bin? Bist du dann heiter und glücklich?”
-
-Der Spielmann verhehlte nicht sein angenehmes Erstaunen. Ihre
-aufmerksame Beobachtung stellte fest, daß ein Leuchten über sein
-Gesicht flog.
-
-„Wirklich, Friedel?” rief er überrascht. „Friedel, du sprichst da
-eine Anregung aus, die mir selber schon ganz unbestimmt durch den
-Kopf gegangen war, das will ich dir nur ruhig gestehen. Ja denn, ich
-habe etwas wie Heimweh nach jenen harmlos-heitren, unbedeutenden
-jungen Mädchen; und es kommt mir unartig vor, und vor allem war es
-unnötig, daß ich so ohne Abschied davongelaufen bin. Also, Liebste, wir
-wollen einen Vertrag machen: ich plaudre brieflich mit jenen muntren
-Geschöpfen über unsre Fahrten und gebe dir das Geschriebene, und du
-schreibst ein scherzhaft Nachwort darunter und schickst die Briefe als
-meine Kanzlerin persönlich ab. Nicht wahr? So geht der Weg zu Jugend
-und Minne durch dich hindurch! So ist dieser Briefwechsel durch meine
-liebste Freundin gesegnet! Bist du einverstanden?”
-
-„Ich danke dir, Ingo.”
-
-Sie machte die Hand frei und gab sie ihm mit ernstem, bleichem Gesicht.
-
-„Ich fühle durch den Handschuh hindurch, daß du eiskalte Hände hast”,
-sprach er lächelnd. „Komm einmal her, Richard, wir reiben Friedels
-Finger warm!”
-
-Und er rieb ihre Hände scherzend zwischen den seinen und druckte
-zuletzt einen Kuß darauf. Es entging ihr nicht dieser plötzliche
-Ausbruch liebenswürdiger Heiterkeit.
-
-So schritten sie, als die Heereszüge der Nacht von allen Seiten ins
-Rhonetal hereindrangen, miteinander hinab in die Lichter von Avignon.
-
-„Himmel,” sprach Ingo, als er auf seinem Zimmer allein war, „was ist
-denn das mit mir? Ich freue mich ja kindisch, mit diesen Mädchen zu
-plaudern!”
-
- * * * * *
-
- _Avignon_, im Lenz.
-
- Meine reizenden Mozart-Mädchen!
-
-Neben mir saß heute abend eine der liebenswertesten Frauen Europas
-und benachbarter Kontinente. Da ich mich bei Ihnen, meine Holden, als
-Troubadour eingeführt habe, so wollen wir auch meine Nachbarin nach der
-provenzalischen Landschaft benennen: sie heißt Eleonore von Poitou.
-
-Frau Eleonore von Poitou empfindet es als unartig von mir, daß ich ohne
-Abschied von Ihnen geflohen bin. Sie erlaubt mir -- nein, sie bittet
-mich, Ihnen diesen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Denn sie merkt,
-daß ich so etwas wie Heimweh in mir herumtrage. Wonach? Nach Schönheit,
-Liebe, Glück, Frieden, Frohsinn -- was weiß ich, wonach! Und nach
-wem? Ja was für ein innerstes Begehren ist denn eigentlich in unsren
-modernen Herzen?
-
-So schreib' ich denn diese fliegenden Zeilen auf lose Blätter
-überseeischen Papieres, leichten, luftigen Papieres; Eleonore, meines
-Reiches Kanzlerin, wird das Geplauder genehmigen, in einer Nachschrift
-die Richtigkeit bestätigen und die Blätter nach Barcelona senden, wie
-man Tauben ausfliegen läßt, die aus dem Chaos des Meeres das feste Land
-suchen. Unter solchem Schutze plaudere ich nun mit Ihnen, wie wenn wir
-dort oben auf dem Hügel säßen, als meine Saiten von selber zu klingen
-begannen, weil sie berührt wurden von zwiefacher Anmut.
-
-Richtig, Kinder -- fast hätt' ich da nun zu jungen Damen „Kinder”
-gesagt! --, und da fällt mir ein, daß ich der Jüngsten jenes Liedchen
-aufzuschreiben versprochen habe! Das wird nun schwer halten;
-dergleichen muß von Mensch zu Mensch aufglühen, das kann man nicht aufs
-Papier festhexen. Der Gedanke war etwa dieser:
-
- Losgelöst vom falschen Elemente,
- Liegt am Strand das munterste der Nixchen,
- Liegt wie Tang, heraufgeschwemmt vom Meer.
-
- Und sie klagt: „Ich suche Seele, Seele,
- Eines Mannes liebe Seele such' ich,
- Denn wir Nixen, ach, sind seelenlos!”
-
- Kommt ein Troubadour und neigt sich zärtlich,
- Auszuströmen seine ganze Seele --
- Doch da lacht sie auf und schnellt ins Meer!
-
-Warum schnellten Sie ins Meer und schwammen an die Küste von Katalonien?
-
-Ich war in Vaucluse, dem Lieblingsort eines liebenden Einsamen: des
-Sängers Petrarka. Dieser Leidensgenosse hat Donna Laura, die schönste
-Frau der Provence (außer Eleonore von Poitou) in Sonetten von ferne
-besungen. Die lebenslustigen Nixen lachten, als wir uns über diese Art
-von Liebe unterhielten. Denn es sind dort genußfrohe Nixen im Quell
-der Sorgue, unsterbliche Töchter der Elemente, die einst Petrarkas
-melodische Klagen belauscht haben. Der Sänger trug freilich die Kutte,
-war grundgelehrt, ein Meister damaliger Bildung, ein Ratgeber der
-Könige und Päpste; und die Dame, die er liebte, war eines Ritters
-Gattin und Mutter zahlreicher Kinder. Seit er sie einmal in ihrer
-Jugend in der Kirche Sancta Clara zu Avignon gesehen hatte, war es um
-ihn geschehen; sie war fortan sein Stern, an dem er sich orientierte,
-wenn er das Land der Schönheit betrat.
-
-Ich habe dabei an Dich gedacht, Du -- -- halt, da verschnappt sich
-einer! Ich wollte sagen: ich habe an Euch _beide_ gedacht, meine
-Holden, besonders an eine von Euch, doch ratet einmal, an welche?
-Ach, ich schüttle mich manchmal wie ein Baumwipfel, der Blüten oder
-Maikäfer oder Kirschen abschütteln möchte -- aber Dein Bild sitzt in
-mir, süße Schöne, schöne Süße, und ich kann's nimmer abschütteln!
-Wozu auch abschütteln, was so froh macht? Wie sagt Meister Goethe?
-Der menschlichen Schönheit wohnt Heilkraft inne: wer sie erblickt,
-den kann nichts Übles anwehen, er fühlt sich mit sich und der Welt in
-Übereinstimmung.
-
-Heil also dem ärztlich wohlberatenen Petrarka! Und Heil dem Troubadour
-und Spielmann!
-
-Unverträumte Wasser sind in Vaucluse. Die Quelle der grünen Sorgue
-bildet zwar ein stillfunkelndes Becken am Fuß einer überhangenden
-gelben Felsmasse; doch diese Quelle wird augenblicks ein Bach, ein
-donnernder Fluß, heroisch, nicht idyllisch; nixenlebendig kringeln
-sich die rosig vom Mittagslicht überhauchten Schaumwogen in die grünen
-Wasser hinein und springen über moosige Felsen den Abhang hinunter ins
-nahe Tal, um dort sofort Papiermühlen zu treiben -- oder was sonst da
-unten geschäftig rauchen mag. Rasch ziehende, glänzend weiße Wölkchen
-fliegen wie Schwäne über tiefblauen Himmel -- nach Südwesten, nach
-Spanien. Es ist ringsum ein Blühen, efeuumsponnene Büsche, wilde
-Feigen, Wacholder, Zypressen; auch seltsam gezackte Felsen bringen
-bizarre Linien in die Landschaft; und eine kahle Bergruine starrt
-fragend in den Himmel.
-
-Hier hat Petrarka vom weiblichen Rätsel geträumt. Ich will Ihnen eine
-Stelle aus seinem Brief an die Nachwelt abschreiben: „Da ich den mir
-eingeborenen Widerwillen gegen Städte überhaupt und besonders gegen
-das mir verhaßte Avignon nicht überwinden konnte, so suchte ich mir
-einen abgelegenen ruhigen Zufluchtsort, um mich dahin wie in einen
-Hafen zu flüchten. Ich fand fünfzehn Millien von Avignon ein gar
-kleines, aber einsames und anmutiges Tal, das geschlossene Tal genannt
-(~vallis clausa, Vaucluse~), in welchem die Quelle der Sorgue, die
-Königin aller Quellen, aus dem Felsen springt. Gefesselt von dem Reiz
-dieses Ortes, wanderte ich mit meinem kleinen Bücherschatz dahin aus.
-Zehn Jahre bezeugen, wie teuer mir dieser Aufenthalt war. Im Schatten
-dieses Tales hoffte ich auch die jugendliche Glut, die viele Jahre in
-mir loderte, zu kühlen. Oft verbarg ich mich dort wie ein Flüchtiger
-in einer uneinnehmbaren Burg. Ach, ich wußte nicht, was ich tat! Das
-Mittel selbst ward zum Verderben; die brennende Sorge brachte ich
-mit; und in so großer Einsamkeit fand ich keine Hilfe gegen den um so
-heftigeren Brand. So brachen denn die Flammen des Herzens in Klagen aus
-und erfüllten das Tal, von manchem als wohllautend gepriesen. Dies ist
-der Ursprung jener in der Volkssprache gedichteten jugendlichen Gesänge
-der Liebe” ...
-
-So entstehen Lieder und Klagen, meine Freundinnen -- und so entstehen
-Troubadour-Briefe ...
-
-In der Provence liegt ja Liebe in der Luft. Quellen und Nachtigallen
-sind voll davon; die wilden Rosen klettern um alle Burgtrümmer und
-suchen die Herrin. Sind doch von mehr als vierhundert provenzalischen
-Dichtern des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts Lieder erhalten!
-Darunter waren fünf Könige, zwei Fürsten, zehn Grafen, fünf Markgrafen
-und fünf Vizgrafen -- zum Beispiel Bertran de Born --, sechs mächtige
-Barone und neunundzwanzig Ritter! Ist es nicht eine rechte Herrenkunst,
-mit Anmut zu lieben?!
-
-Über die Gegend ziehen häufige Wolkenschatten -- und ebenso über das
-Antlitz der lebendigen Eleonore von Poitou ...
-
-Die historische Eleonore -- erlaubt diese Belehrung! -- war Gemahlin
-Ludwigs des Siebenten von Frankreich und später des zweiten
-Heinrich von England und war die Mutter des berühmten Richard
-Löwenherz. Vollmenschen! Wußten kühn zu lieben und zu leben! Wäre
-doch mehr Genialität in unserer Krämerwelt! Die Luft war damals
-Musik von Waffenklang und Lautensang, von Heroismus und Liebe. Ein
-Buch „Heroismus” hab' ich geschrieben -- nun möcht' ich der Minne
-gleichfalls ein freundlich Papier widmen -- Papier?! O süße Mädchen,
-ihr habt so entzückend schmale und doch volle kirschrote Lippen -- und
-wie singt Klopstock?
-
- „Ein beseelender Kuß ist mehr als hundert Gesänge
- Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert!”
-
-Da liegen nun in den Bibliotheken die Papiere der Troubadourlieder,
-deren Notenschrift einer vor ein paar Jahren mühsam entziffert
-hat -- aber das _Leben_? Das blühende Leben?! Den Troubadours und
-Jongleurs pulsierte Wanderblut in den Adern, sie durchstreiften das
-ganze Kulturgebiet, waren auf dem Felde der Politik zu Hause wie in
-Herzensrevieren; und viele ritten in den Kreuzzug oder zogen sich am
-Ende der Umtriebe in ein Kloster zurück, wie Bertran de Born. Und ihre
-besungenen Damen? Es schickte sich, daß sie verheiratet waren; es
-gehörte zum Schmuck des Hofes oder der Burg, daß die Herrin von einem
-Troubadour gepriesen ward. Kurz, ihr Mozart-Mädchen, es war damals
-mehr Poesie in der Welt, mehr Genie! Selten freilich hat der Gatte die
-Gattin besungen -- aber der hatte es ja nicht nötig, Poesie zu dichten,
-denn er _lebte_ ja Poesie! Und das _Erleben_ ist doch immer wieder das
-_Köstlichste_! ...
-
-Seid Ihr nicht auch dieser Meinung? Gute Nacht!
-
- _Der Troubadour._
-
-_Nachschrift._ Vergib, Liebster, ich _kann_ diesen Brief nicht absenden.
-
- _Eleonore._
-
- * * * * *
-
- _Arles_, im Lenz.
-
-Am letzten Sonntagvormittag, meine süßen Mädchen, haben wir den mehr
-als achtzigjährigen Dichter der „Miréio” und andrer Gesänge, Frédéric
-Mistral, in seinem Dörfchen Maillane bei Saint-Rémy aufgesucht.
-
-„~Merci de votre bonne visite~” -- das Schlußwort des liebenswürdigen
-Greises tönt mir noch immer im Ohr. Nur eine Viertelstunde waren wir
-bei ihm, um diesem provenzalischen Meister zu danken für das, was er
-getan, für das, was er ist. Wie artig war er zu Eleonore von Poitou!
-Blumen gab er ihr aus seinem Garten. Zwei drollige Hunde hängten sich
-neckisch an Frau Eleonorens Mantel -- „~Toutours~” hieß der eine,
-der sie gar nicht mehr loslassen wollte --, um uns her blühte der
-einfache Dorfgarten, zu ebner Erde ist sein Arbeitszimmer. Er ist
-nur wenig gebeugt, kam uns in seiner Samtjacke hohen Wuchses heiter
-entgegen, in seinem bekannten weißen Spitzbart, so daß ich ihn gleich
-erkannte. Ich erzählte ihm von Thüringen, dankte ihm, daß er das
-Banner des Idealismus und der Regeneration hochhalte in einer Zeit,
-die überflutet ist von Literatur, nicht aber von Poesie. „Und Poesie
-ist eine so einfache Sache”, bemerkte er lächelnd. „Man braucht nur
-die Kinder anzusehen: ein Kind weiß ganz von selber, was Poesie ist.
-Es schaut in die Wolken und schaut Poesie. Man braucht nur im Herzen
-Kind zu bleiben, und man hat Poesie in sich.” -- „Das ist es!” rief
-Frau Eleonore innig. „Wir lesen jetzt eben Ihre Lebenserinnnerungen --
-wie köstlich war Ihre Jugend! Ein entzückendes Buch!” -- „Ich hörte,
-daß man in Deutschland einen Auszug daraus für die Schule hergestellt
-hat.” -- „Sie haben überhaupt viel Freunde in Deutschland.” -- „Ja, man
-beschäftigt sich dort wissenschaftlich mit dem Provenzalischen sehr
-eingehend; ein deutscher Professor schreibt mir sogar geläufig und ohne
-Fehler Briefe in provenzalischer Sprache.” -- „Der Name Mistral ist bei
-uns untrennbar mit der Provence verwachsen; die Provence ist Mistral,
-Mistral ist die Provence. Sie haben in Ihren Büchern, in Ihrem Lexikon,
-im Museum zu Arles Dauerndes für dieses Land getan. Wir wollten Ihnen
-also danken, nicht nur für Ihre glänzenden Verse, sondern dafür, daß
-Sie uns andre ermutigt haben: Ihr Name bedeutet ein Programm, ein
-Symbol, wie man seiner Heimat treu bleiben und doch ins Große wachsen
-kann. Dafür wollten wir Ihnen danken” ...
-
-Meine Freundinnen -- lassen Sie mich Sie beide so nennen, denn in hohen
-Stunden bin ich allen guten Menschen gut! --, ich wallfahrte gern zu
-Stätten, wo bedeutende Geister und Herzen ihren Mitmenschen etwas zu
-künden wußten aus höheren Sphären. So war ich in Stratford am Avon an
-einem wolkenlosen Sommertag; die glührote Sonnenscheibe ging unter,
-als ich von Warwick kam, und die ebenso große rote Mondscheibe stieg
-auf, als ich im Kahn auf dem nächtlichen Avon hinter dem Kirchhof
-langsam einherfuhr, zwischen Weiden und Wiesen und alten Ulmen; so
-war ich in Schottland bei Walter Scott in Abbotsford und bei Robert
-Burns in Alloway; so in Florenz bei Dante, Savonarola, Michelangelo
-und in Assisi bei Sankt Franziskus -- und so sind mir von Kindheit an
-Weimar, Wartburg und Sanssouci vertraute Stätten. Und so war ich nun in
-Vaucluse und Maillane -- und war auf dem Hügel der Mozart-Mädchen! Sagt
-einmal, Mozart-Mädchen, ist es nicht alles ein und dasselbe? Seid nicht
-auch Ihr beide _Offenbarungen der Schönheit_?
-
-Mistral hat aus den öden Rhonelandschaften Crau und Camargue die
-dichterische Seele eingesogen; die Crau ist eine weite steinige Steppe,
-die Camargue eine Sumpfwildnis voll Herden und wildem Geflügel. Und
-doch hat er sie lebendig gemacht. Ein schöner Menschenschlag in dieser
-Provence! Schön sind die ~Arlésiennes~, aber ich habe schon schönere
-Mädchen gesehen ...
-
- Ach, von des Hügels fernherlachendem Zauber
- Will sich noch immer kein Bote des Himmels lösen
- Und mir sagen, ob ich die Eine minnen --
- Oder ob ich sie wieder vergessen soll?
-
- Seid mir gewogen, zierliche Strahlen der Mondnacht
- Webt aus Goldbrokat ein haltbar Brückchen,
- Daß mein Bote, mein leichthintanzender Bote
- Bald und gewiß die freundliche Botschaft bringe!
-
- Auf ein Zeichen wart' ich des deutlichen Boten,
- Den die Heimlichen, die mich schon immer beraten,
- Senden mögen: soll ich die Eine minnen?
- Oder -- --?
-
-Dies schrieb ich, als wir am starken, viereckigen, nach außen fast
-fensterlosen Schloß des Königs „René des Guten” zu Tarascon saßen.
-~Le bon roi René~ war ein poesievoller König der Provence; er hatte
-_Phantasie_ und _Güte_ -- kann es _schöneren Bund_ geben? Auch Frédéric
-Mistral ist ein ~bon roi René~, ein guter König der Provence, aus
-dessen Wesen die einfache Güte eines edelnatürlichen Menschen leuchtet.
-Wenn ich alt werden soll, so will ich mir solch ein Abendrot um meine
-Welt wünschen.
-
-Aber auch dann werde ich nicht aufhören, alles Schöne zu verehren,
-berauscht zu stehen vor griechischen Statuen, schönen Gemälden, großer
-Musik -- und niedlichen Zöpfen mit ganz entzückenden Gesichtern dazu!
-...
-
-Hier schaute mir Frau Eleonore in die Blätter; ich neckte sie sofort,
-indem ich recht herzhaft für ferne Schönheiten schwärmte. Doch nun
-droht sie, mir den Stift aus der Hand zu winden! Kämpfend schreib' ich
-nur noch eben hin: -- bitte, liebste Mägdlein, schreibt mir einen Gruß
-nach Lourdes, postlagernd! Oder fliegt selber zu eurem -- von Heimweh
-nach dem Land der Schönheit durchglühten
-
- _Troubadour_.
-
-_Nachschrift der Frau Eleonore._ Solche Liebesbriefe vertraut mein
-Herzensfreund mir an?! Ich soll sie lesen, soll sie absenden! O mein
-Ingo, was verstehen denn wohl diese blutjungen Mädchen von deinen
-sehnenden Gedanken? Und was wissen sie denn wohl von der Kraft und
-Tiefe, mit der eine reife Frau einem Freunde gut ist? Wie kannst
-du solche Tändelbriefe ins Unbekannte aussenden und mir vertrauend
-zumuten, daß ich deine Werbung segne? Willst du mir Eifersucht
-aberziehen? Willst du mich auf eine Verlobung vorbereiten? Ein Ingo
-Freiherr von Stein-Waldeck und irgendeine Dir nur wenig, mir gar nicht
-bekannte bürgerliche Fräulein Frank-Dubois -- soll das einen würdigen
-Bund geben? Nein, lieber Schwärmer, so darfst Du denn doch nicht auf
-meinem Herzen tanzen. Ich sende auch diesen Brief nicht ab, sondern
-verschließe ihn schweigend in meine Kassette.
-
- _Eleonore von Poitou._
-
- * * * * *
-
- _Cette_ am Mittelmeer, auf dem Wege nach Lourdes.
-
- Liebe Freundinnen!
-
-In einer toten Hafenstadt, deren nächtliche Laternenreihen gespenstisch
-an den stummen Kanälen stehen, übernachten wir. Meine letzten Briefe
-waren -- Kirschbaum; dieser ist -- Zypresse. Zwischen Kirschbaum und
-Zypresse saßen dort die zwei Schönheiten, die mir das Herz ein bißchen
-verwirrt haben: die zapplige Jüngste dem heitren Kirschbaum näher; Sie
-aber, meine Stille, nahe an der Zypresse.
-
-Die weißen Straßen der Provence mit ihrem ziehenden Staub schlafen
-dahinten; Orange, Nimes, Les Baux -- all die Schönheiten dieser stillen
-Städte sind hinter uns verblichen; Regenwetter fröstelt auf den
-blühenden Hügeln; der Mond ist verhüllt. Frau Eleonore kränkelt und ist
-früh zu Bett gegangen; ihr Gatte sitzt unten bei einem thüringischen
-Fabrikanten, der sich uns angeschlossen hat; ich habe mich zeitig auf
-mein Zimmer zurückgezogen.
-
-Wissen Sie, Fräulein Martha, daß ich mich auf Wandermüdigkeit ertappe?
-Wissen Sie, daß ich anfange, Sie um den Frieden zu beneiden, in dessen
-feinem, rosigem Gewölk sich Ihre Seele immerzu behütet findet? Denn ob
-ich in einem alten, weitläufigen Hotel der Provence, mit Steinfliesen
-und Kamin, übernachte oder in einem Temperance-Hotel zu Edinburg oder
-zu Christiania oder zu Rom oder gar hinter einem Moskitonetz auf Ceylon
--- es ist dieselbe Welt der Gegenständlichkeit. Ist es der Mühe wert,
-so viel Maulwurfshügel dieser Erdkugel abzuklettern? Lohnt es Zeit
-und Kraft, so viel Augenkost einzuschlürfen, auf die Gefahr hin, sie
-seelisch nicht mehr verarbeiten zu können? Das Reisen ist eine Stufe
-und muß überstiegen werden; so wie die moderne Titanenschlacht, dieser
-Wettkampf aller gegen alle, enden muß in einer Katastrophe, wonach dann
-entfieberte und entgiftete Menschen als freie Freunde ruhig miteinander
-verkehren werden -- jenseits der Titanen, auf den Hügeln der Schönheit,
-wo meine Mozart-Mädchen ein so lieblich Leuchten ausstrahlen.
-
- Jenseits der Titanen
- Sind keine Waffen mehr,
- Sind nur noch Wunden
- Und heilende Hände;
- Jenseits der Titanen
- Eroberst du nimmer;
- Dort wirst du beschenkt.
- Jenseits der Titanen
- Wohnt auf den Hügeln der Götter
- Die Schönheit, das Glück.
- Doch niemand wandelt ohne Narben
- Jenseits der Titanen ...
-
-Ihnen, mein stilles Fräulein Martha -- ich will es bekennen: an Sie
-besonders muß ich immerzu denken, die Sie so lieb und langsam die
-langbewimperten Augen auftun, immer mit einem schüchternen Lächeln
-um den verlegen halb geöffneten Mund -- Ihnen besonders gilt dieser
-nächtliche Gruß. Es ist mir, als ob ich in einer Kapelle säße, obwohl
-Protestant, und schlicht und fromm zu einer Madonna spräche. In meiner
-Wohnung in Thüringen sind alle Wände voll von Bildern, denn ich muß
-Schönheit um mich haben. Auch zu Marseille habe ich Ihrer gedacht,
-dort oben in der Kirche ~Notre Dame de la Garde~, wo die gnadenreiche
-Jungfrau Meer und Hafen bewacht. Über dem Altar jener Kirche, die den
-ganzen Hafen überleuchtet, steht eine silberne Madonna, darüber der
-Gruß an die Gnadenbringerin: ~Ave gratia plena!~ Daß sich das Heilige
-und Reine so gern in ein Jungfrauenbild symbolisiert! Jungfrau und
-Kind! Etwas Jungfräuliches und Kindliches in unsren Seelentiefen
-antwortet wie ein Echo im tiefen Walde, wie eine versunkene Glocke
-aus den Vineta-Gewässern des Herzens. Die Wände sind dort bedeckt mit
-~Ex-voto~-Tafeln dankbarer Besucher; ich entsinne mich einer Tafel:
-„~Retour du Dahomey et du Soudan d'un capitaine père de famille~”; und
-so drückten viele ihren Dank aus, ihre „~reconnaissance à Marie~” oder
-„~à notre honne mère~”. Die Luft ist an jener schönen, steil gelegenen
-Kirche voll von Dank- und Bittgebeten. Und das ist sinnig. So mögen
-schon in Urzeiten die Schiffer des Mittelmeers ihre Heimat gegrüßt und
-mit erhobenen Händen zu ihren Göttern gebetet haben. Vielleicht stand
-eine sinnliche, schaumgeborene Aphrodite, wo jetzt eine seelenvolle
-Madonna silbern strahlt ...
-
-Wunderschön ist der Blick von jenem Steinhügel über Marseille, die
-vorgelagerten Inseln, worunter die Türme des kleinen Château d'If, die
-langen Höhenzüge, die Flotillen der Segelschiffe und einzelne große
-Dampfer. Und wenn man sich aus dieser bunten Vielheit umdreht, so glüht
-hinter uns, im Dunkel der Kirche, die immer gleich ruhige rote Ampel,
-das ewige Licht, wie der feste Mittelpunkt einer unsterblichen Seele.
-
-Ich habe Sie zuerst auf einem Hügel gesehen, Fräulein Martha. Auf den
-Hügeln standen immer die Tempel und Kirchen und Leuchttürme und Burgen
-der Menschheit -- alles, was Wege weist und Schutz gibt. Dort auf dem
-Riviera-Hügel liegt auch und wartet der unerbaute Marmortempel ...
-
-Es raunt etwas in mir: Troubadour, du sprichst ja dies alles gar nicht
-zu einer Erdenjungfrau, sondern deine eigene unerfüllte Sehnsucht nimmt
-Gestalt an -- und Martha oder Madonna sind nur Weckmittel, leuchten wie
-ein Grubenlicht in den Schacht deiner Seele, und fördern aus deinen
-Tiefen dein eigenes Lebensziel zutage. Aber es ist ungalant, Ihnen das
-zu sagen, liebes Fräulein ...
-
-In Arles hatten wir den letzten sonnenhellen Tag; auch Frau Eleonore
-war noch heiter. Da haben wir vor Mistrals bronzenem Standbild
-verehrend Rückschau gehalten; die dankbare Provence hat es ihm
-errichtet. Die Namen seiner Werke sind darauf eingegraben: ~Miréio~,
-~Calandau~, ~Netto~, ~Les isclo d'or~, ~Lou trésor dou félibrige~
--- und andre. Und wie reich ist sein Museum! Welch schön gerundetes
-Lebenswerk! ... Ich aber -- wie fahr' ich in der Welt umher! ...
-
-Übrigens, meine reizende Elsässerin, hab' ich hier in der Provence
-entdeckt, woher der Name Elsaß stammt. Es gibt in Arles eine
-Sarkophagen-Allee, die „~Aliscamps~”, die „~Champs Élysées~”. Offenbar
-hängt Elsaß mit Elysium zusammen, mit elysäischen Gefilden. Seit ich
-zwei so anmutige Elsässerinnen kennen und lieben zu lernen das Glück
-hatte, bin ich von dieser Abstammung des Namens Elsaß durchdrungen und
-überzeugt ...
-
-Wie tot die mitternächtige Stadt mit ihren stummen Kanälen! Wie
-unbewegt diese Lichter an den nassen, menschenleeren Gassen! Es ist
-ein schwermütiges Stadtgebilde ohne Mond und Sterne, ohne Melodie
-... Doch formt sich mir, indem ich auf zerrissenen Teppichen des
-vernachlässigten Hotels schlaflos auf und ab schreite, dieses Lied ...
-
- Im Lande der Trauer gedeiht keine Frucht,
- Da rieselt und seufzt in vertrockneter Schlucht
- Nur traurig ein Tropfen zum andern;
- Da starrt in gläserne Luft das Laub,
- Kein Wind scheucht unter den Sohlen den Staub,
- Wenn es dich lüstet, zu wandern.
-
- Und sucht die Flöte den Freudenton,
- So schleicht sich der Laut wie ein Dieb davon;
- Auch sind keine Mädchen zum Tanzen.
- Die Ritter reiten verdrossen vorbei,
- Sie fragen umsonst, wo Großtat sei;
- Der Rost sitzt an den Lanzen.
-
- Doch sprengt Frau Freude die Hügel hinan
- Auf weißem Roß, mit Schellen dran,
- So weiß sie die Sonne zu geben!
- Schon jauchzte die Flöte, das Mädchen sprang,
- Es reift die Tat und die Frucht am Hang --
- Und heilig wird wieder das Leben!
-
-Wäre mein Leben tatengroß und heilig, liebes Fräulein! Ich habe mich
-leicht geschwatzt und heiter gereimt, holdes Mädchen! Weltschmerz hat
-nie lange Raum in meiner Seele, ich räuchre und reime und klimpre
-den Kerl wieder hinaus. Haben Sie Dank, daß Sie zugehört haben! Ich
-beherberge in mir die phantastische Hoffnung, daß uns in Lourdes
--- wenn wir über Carcassonne und Toulouse ankommen -- irgend etwas
-Wundervolles erwartet: -- ein Brief von Ihnen --?! Oder gar Sie
-selber?! ...
-
-Närrische Welt! Ich lasse mich treiben und überraschen und beschenken.
-Ist ja doch alles Glück und Gnade! Gute Nacht!
-
- _Troubadour._
-
-_Nachschrift._ Und kommst nicht mehr an meine Tür? Und sagst mir nicht
-Gute Nacht? Bist aber so ehrlich, mir am andren Morgen mit gekünsteltem
-Lächeln auch diesen verschwärmten Brief zu überreichen? Du hast ein
-übergroßes Vertrauen zu mir, liebster Freund, und hältst mich für stark
-und hochherzig. Ich bin's aber nicht. Mein Herz möchte dich glücklich
-sehen, aber mein Herz weint. Ich kann auch diese immer unverhülltere
-Werbung nicht gutheißen. Ich lege den Brief zu den andern.
-
- _Eleonore._
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Fünftes Kapitel
-
-Lourdes
-
- Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun
- Und deinem Beistand fest vertraun,
- So löse doch des Alters Binde
- und mache mich zu deinem Kinde!
-
- _Novalis_
-
-
-Wo war Friedels Feuerseele geblieben?
-
-War diese Frau, die da neben zwei frischen Männern einherschlich,
-noch die einst entzückende Sängerin, die den Spielmann Ingo von Stein
-hingerissen hatte als Sieglinde und Isolde?
-
-Pegasus im Joch? Eine entmarkte, ungenial gewordene Hausfrau?
-
-Doch nein -- wo waren die glänzenden Hauskonzerte noch vom
-vorigen Winter? Waren sie nicht ein Beweis, daß sich die
-siebenunddreißigjährige Frau in zehnjähriger Ehe glänzend entfaltet
-hatte? Und welche Stimmungen, wenn Richard und Ingo als zwei einzige
-Zuhörer im Schatten des Hintergrundes saßen und die Frau am Klavier
-zwei und drei Stunden lang ihr loderndes Temperament entladen
-ließen, daß die Kämme und Nadeln aus den goldenen Haaren flogen --
-die zahllosen Haarnadeln, die dann der allezeit ritterliche Richard
-mit elegantester Gewandtheit, auf den Zehen, unnachahmlich komisch
-auflas, auf einer silbernen Visitenschale sammelte und zum Schluß mit
-gebeugtem Knie der Künstlerin wieder verabreichte? Je nach der Zahl der
-herausgeschleuderten Nadeln wurden Grad und Wucht des Spieles lachend
-festgestellt. Doch nicht selten geschah es, daß man ergriffen und
-begeistert die Feststellung vergaß.
-
-Oder wenn Friedel und Ingo vierhändig Symphonien von Brahms und
-Beethoven spielten, daß die Wände bebten beim Fortissimo und die
-beneidende Nachtigall aus dem Park ans Fenster flog beim Adagio -- wo
-war das?
-
-Dann wieder sang sie mehrere Stunden lang Lieder von Brahms, Schubert
-und Schumann, wandte sich in den Pausen nach den lauschenden Freunden
-um und fragte: „Seid ihr noch nicht müde, Kinder?” -- „Wenn du nicht
-müde bist, Friedel --?” -- „Oh, jetzt fang' ich erst an!” Erst gegen
-Mitternacht wurde mit Tee und Brötchen oder mit einer von Richard
-glänzend bereiteten Bowle der musikalische Abend beschlossen. Und „ihr
-seid geniale Zuhörer”, dankte die Sängerin, das Gesicht fächelnd,
-strahlend und gesättigt. „Kinderchen, jetzt ist mir wieder wohl! Musik
-ist in aller Qual des Lebens meine Gesundheit, meine Seligkeit!”
-
-Wo war das alles?
-
-Kann Geniefeuer versprühen, das bis vor kurzem in dieser ungewöhnlich
-lebensvollen Frau gesprüht hatte? Nein, nein, es kann sich veredeln,
-verinnigen, aber darf nicht verloren gehen ...
-
-„Spielmann,” sagte sie wehmutvoll zu Ingo, als sie in Lourdes
-einfuhren, und zupfte ihn wie ein ungeduldiges und unglückliches Kind
-am Ärmel, „lieber Spielmann mein, warum spielen wir denn nicht mehr?
-Warum sind wir denn so säuerlich ernst geworden? Warum bin ich denn so
-schwer, so schwer? Ach, ich bin eine verrostete Harfe, ich bin alt,
-alt, Kinderchen, ich bin über Nacht alt geworden!”
-
-Mit keiner Silbe berührten sie und Ingo die provenzalischen Briefe
-an jene jungen Mädchen. Richard hatte von dem Dasein dieser Briefe
-überhaupt nur ein flüchtiges Wissen; bei guter Laune hätte er den
-Freund geneckt, und in seinem normalen sachlichen Ernst langweilte ihn
-solche Romantik.
-
-„Du besuchst so gern katholische Kirchen”, scherzte der Gatte. „Bete
-zur Madonna von Lourdes, sie soll dich wieder jung machen.”
-
-„Ach, spotte nicht, Liebster”, gab die Kranke zurück. „Was wißt ihr
-Männer, wie einer alternden Frau zumute ist, die einst als Künstlerin
-die Welt erobern wollte! Die Welt erobern!”
-
-„Aber, Friedel, alternde Frau -- wenn man so was hört!” versuchte Ingo
-zu trösten. „In zwanzig Jahren laß uns davon sprechen! Und selbst
-dann -- hast du nicht oft von deiner lustigen Großmutter erzählt, daß
-sie noch mit mehr als siebzig Jahren die Jüngste war von allen? Etwas
-in uns wird immer jünger, lichter, geistiger; ein Herz voll Güte und
-Poesie kennt kein Altern. Denk an den greisen Mistral in Maillane, von
-dem du so entzückt warst!”
-
-Als sie zu Lourdes kaum im Hotel abgestiegen waren, stürzte der
-Troubadour mit der Nachricht herbei: „Friedel, Richard, ich hab' im
-ersten Stock einen Salon mit Klavier entdeckt! Der Wirt gibt ihn mit
-Vergnügen. Es sind wenig Gäste im Hotel; rechts und links nehmen wir
-unsere Zimmer und musizieren den ganzen Abend. Friedel muß sich mal
-wieder austoben, das seh' ich ihr schon lange an; was, Friedel?”
-
-„Ein Klavier? Gutes Klavier? Her damit!”
-
-Der Major, dem der Zustand seiner Gattin in den letzten Wochen Sorgen
-gemacht hatte, war überglücklich. Sogleich nach dem Nacht-Imbiß ging
-man hinauf, ohne sich im dunkelnden Lourdes viel umzusehen; und der
-Gatte ließ eine Flasche Sekt kaltstellen, Friedels Leibgetränk.
-
-Nun saß sie vor den Tasten und stürzte sich sofort mit Wucht und Wonne
-in den zweiten Akt von Tristan und Isolde: „Nicht Hörnerschall tönt
-so hold, des Quelles sanft rieselnde Welle rauscht so wonnig daher”
-... Sie spielte die Begleitung auswendig, sie sang und begleitete
-sich selber. Und dazwischen, die Erwartungsszene mit Brangäne bei
-beginnender Nacht mit Glut spielend und singend, rief und stieß sie in
-allem Rausch der Darstellung manchmal hervor: „Ja, das ist das Weib --
-Wagner kannte das Weib -- seht, wie kindlich jetzt -- jetzt begehrend,
-zärtlich und wild -- alles -- eine Naturkraft” -- -- So spielte sie
-hingerissen und hinreißend; und stand doch als Mensch und Künstlerin
-immer wieder darüber.
-
-Aber später, mitten im Liebestod -- „mild und leise, wie er lächelt”
--- sprang sie auf und brach ab. Ihre Kämme waren herausgefallen, ihr
-Goldhaar flutete über den Rücken, ihre Wangen flammten im Fieber.
-„Nein!” rief sie. „Nicht sterben! Auch nicht aus Liebe sterben!
-Das ist zu gewaltig! Das darf man nicht am Klavier im Salon singen,
-in engen Verhältnissen, als Gattin und Mutter -- das ist das Meer!
-Uferlos! So etwas kann man nur erleben -- einmal erleben und im Erleben
-vergehen!”
-
-Sie warf sich in einen Sessel.
-
-„Nein, nein, nein, ich will leben! Laß die Kämme liegen, Richard, laß
-meine Haare fließen und meine Seele uneingedämmt! Komm, Ingo, lieber
-Freund, spiel' mir einen beruhigenden Satz aus Bach! Nicht sterben,
-Kinder -- überwinden!”
-
-Es war sonst nicht ihre Art, einen musikalischen Abend derart zu
-zerreißen. Ingo begab sich zögernd ans Klavier und holte aus seinem
-umfassenden musikalischen Gedächtnis Töne der Beruhigung hervor.
-Richard aber saß bei seiner Gattin auf der Lehne des Fauteuils
-und streichelte besänftigend ihren angeschmiegten Kopf. Ihr Herz
-hämmerte laut, ihre Pulse flogen, ihre Finger zuckten; sie stürzte
-rasch einige Gläser Schaumwein hinunter, bis sich ihr aufgestörter
-Künstler-Dämonismus langsam wieder beruhigte.
-
-Nachher sang sie einige Lieder. Und dann saßen alle drei in einer
-wohligen Plauderstimmung beisammen; und Friedel, in ihr Tuch gehüllt,
-kam in ein lebhaftes Erzählen, durch das freilich Nervosität
-hindurchzitterte.
-
-„Heut' gehen wir überhaupt nicht zu Bett, Kinder, was?” schlug sie vor.
-„Oh, wie hat mir das Stündchen am Klavier wohlgetan! Ich war so allein
-in diesen Wochen. Kinderchen, seid ihr mir denn noch ein bißchen gut?
-Ach, Richard, du glaubst nicht, wie ich mich nach unsren Jungen sehne!
-Wollen wir nicht umkehren, Richard, ja?”
-
-„Gewiß, mein Herz, das hab' ich mir ohnedies vorgenommen. In acht Tagen
-sind meine Ferien zu Ende. Aber du bist mir dann hoffentlich hübsch
-gehorsam, wenn ich in München den Arzt deinetwegen befrage?”
-
-Sie wollte nichts vom Arzt wissen, geriet vielmehr in ein
-zungengeläufiges Plaudern von tausend Dingen, besonders von ihren
-Jugendtagen.
-
-„Schon als ich Kind war, flogen mir bei großer und schöner Musik
-Schauer über den Rücken”, plauderte sie; „ich spürte Musik körperlich.
-Und es geht mir heute noch so. Es ist ein elektrisches Bad. Oh, ich
-kann euch sagen, ich war ein unbändiges Kind, der Schrecken meiner
-Verwandten, und liebte die Natur leidenschaftlich. Ich weiß noch, so
-gegen das vierzehnte Jahr, als sich meine Freundinnen immer mehr für
-Jünglinge interessierten, konnte ich das gar nicht verstehen, denn
-bei meinem wilden Springen und Raufen fehlte mir jedes Gefühl für
-sentimentalen Geschlechtsunterschied. Ich stand vor einem Rätsel,
-meine Gespielinnen wurden mir fremd, ich war zum erstenmal grenzenlos
-allein. Aber ich hatte mein ideales Elternhaus, wo nichts Unreines an
-mein Ohr drang. O Kinder, ich bin in einem wilden Park voll von schönen
-Blütenbäumen groß geworden! Oft war ich ganz mit Blüten überstreut,
-wenn ich bis Abendrot und Mondlicht im Grase gelegen hatte und vor
-Heimweh nach den Abendröten zu sterben vermeinte. Denn übergroße
-Schönheit macht mir körperlichen Schmerz. Dort irgendwo, dort hinter
-den glühenden Wolken, dort mußte meine Heimat sein. Und meine Seele
-spannte -- halt, eins meiner Lieblingslieder schon damals!”
-
-Sie lief ans Klavier und sang mit hingebender Innigkeit Schumanns
-seelenvolles Abendlied: „Es war, als hätte der Himmel die Erde still
-geküßt”.
-
-„Wenn ich dann ins Haus zurückkam, hatte ich lange mit einer Art von
-Betrunkenheit zu kämpfen, bis ich mich wieder in der Erden-Wirklichkeit
-zurechtfand. In jenen Jahren wurde mein Großvater krank und lag viele
-Monate in wunderbarem Seelenfrieden zu Bett. Keiner ging ungesegnet
-von diesem Leidenslager hinweg; sein Gesicht war von himmlischer Güte.
-Unsre lebhafte Großmutter, die ihm allabendlich vorgespielt hatte, war
-kurz vorher gestorben. Und so fiel mir dreizehnjährigem Backfisch die
-reizende Aufgabe zu, ihn abends durch Musik zu erfreuen. Ich saß mit
-meinem dicken Zopf im riesengroßen Saal am Flügel, glühend vor Glück
-und Begeisterung; und der Großvater lag nebenan im dunklen Zimmer,
-in das nur ein Strahl von meiner Klavierlampe hineinfiel. Und nach
-jedem Stück rief er ein Wort des Dankes. Oh, ich war selig vor Glück,
-jemandem Schönes geben zu dürfen -- und und er sagte dann oft: ‚Kind,
-das ist der Himmel auf Erden.’ Meist spielt' ich Mozart und Beethoven,
-dann sämtliche Oratorien, die ich von Großmutter kannte, wobei ich alle
-Stimmen ohne Ausnahme sang. Und da dies dem Großvater sehr behagte und
-ihm niemand zu widersprechen wagte, so spielt' ich oft zum Leidwesen
-der Mutter bis um Mitternacht ... Ihr seht, Kinder, so früh hat das
-begonnen! Und ich habe mir die Unart heute noch nicht abgewöhnt.”
-
-So erzählte die heute wieder von innen heraus leuchtende Künstlerin.
-Und die verständigen Männer ließen sie lächelnd gewähren, stimmten
-wohlgefällig bei und verallgemeinerten unmerklich das Gespräch zu
-Bemerkungen über die Opferkraft und Zähigkeit der Frauen überhaupt.
-
-„Wir sind wunderliche Geschöpfe”, sagte Friedel. „Ich fürchte mich,
-im Finstren allein zu sein, ich bebe tagelang vor jeder unangenehmen
-Aussprache; aber in großen Gefahren -- das wirst du mir bestätigen,
-Richard -- kenn' ich keine Spur von Angst.”
-
-Langsam leitete sich die Unterhaltung in immer ruhigerem Rhythmus zu
-der Mission der Frau hinüber. Man knüpfte an Wagners Frauengestalten
-an: die Erlösungskraft der Senta im Fliegenden Holländer, Elisabeths
-heiligende Einwirkung auf Tannhäuser, Kundrys Entwicklung vom
-Dämonismus zum Dienen. Dann erwähnte Ingo Pfitzners Armen Heinrich und
-die Aufgabe der jungfräulichen Agnes, den kranken und verbitterten
-Ritter in ein neues Leben zu führen.
-
-„Es sind Walküren, solche Frauen,” sprach er, „sie führen den
-kämpfenden Helden in heilige Hallen.”
-
-„Man kann ebensogut sagen: es ist in ihnen die Madonna wirksam!” rief
-Friedel. „Herrlich ist das Wesen der Madonna, dieses großartige Symbol
-jungfräulicher Mütterlichkeit! Jungfrau und Mutter zugleich! Wissende
-Reinheit! Der Protestantismus ist arm, daß er die Madonna nicht mehr
-hat; und wir können den Malern nicht dankbar genug sein, daß sie diesen
-Typus festgehalten haben. Über meinem Bett hängt oben Raffaels Madonna
-Sixtina und unten Giorgiones schlafende Venus. Von der Venus zur
-Madonna -- das ist unsre Entwicklung. Aber die Madonna ist das Höchste.”
-
-So glitt das bedeutsam gewordene Reigenspiel des Gespräches ganz von
-selber harmonisch hinüber zum Hirtenmädchen von Lourdes und zur Madonna
-der Wundergrotte.
-
-Da vernahmen sie draußen einen fernen, vielstimmigen Gesang. Und
-als Richard Fenster und Laden öffnete, hatten sie, in die Nacht
-hinausschauend, einen großartigen Anblick.
-
-Die Kirchengebäude, die sich dort im Schatten der nächtlichen Pyrenäen
-erhoben, erglühten von oben bis unten in einem überwältigenden
-Goldglanz. Den Rändern und den Portalen entlang waren elektrische
-Lämpchen entzündet, und nun stand die schlanke obere Kirche flammend
-mitten in der Nacht, und ebenso unter ihr das große rundliche Portal
-der Rosenkranzkirche. Ein feenhafter Anblick! Als ob die Gottheit
-einen Tempel gebaut hätte aus Funken und Flammen, statt aus Steinen.
-Dazu wogte der Männergesang einer Prozession herüber, deren Kerzen
-nun durch die Frühlingsnacht sichtbar wurden; und man unterschied den
-immer wiederholten Kehrreim: „~Ave, ave, ave, Maria!~” Es war ein
-vielstimmiger Gruß an die Himmelskönigin, dargebracht mit Licht und
-Schall, aus den Seelen von einigen tausend Gebirgsbewohnern.
-
-„Herrlich!” sprach Friedel ergriffen und legte den Arm um ihres Gatten
-Schulter. „Man möchte fromm werden und mitsingen.”
-
-Und die andere Hand Ingo reichend fügte sie weich hinzu: „Kinder, wir
-wollen einander gut bleiben, nicht wahr?”
-
-„Ungeheure Organisationskraft!” bemerkte der Major gleichmütig und
-meinte damit die katholische Kirche.
-
-„Hier ist den Sinnen die Macht des Geistes eingeprägt und
-eingezwungen”, fügte Ingo hinzu, der Friedels Händedruck etwas
-zerstreut erwiderte. „An diesem Schauspiel werden diese Gebirgsbauern
-lange zehren.”
-
-Zum Überfluß dröhnten noch irgendwo Böllerschüsse; das alte Schloß
-stand in bengalischer Beleuchtung; und vom Gipfel des Pic du Jer glühte
-ein großes Kreuz gleichfalls in elektrischen Flämmchen hernieder.
-
-„Was wollt ihr?” sprach Ingo duldsam, als der sehr protestantische
-Major einige unwillige Bemerkungen fallen ließ. „Die Könige aus dem
-Morgenlande brachten dem Kind in der Krippe Weihrauch, Myrrhen und
-Gold, die Engel ihre Lobgesänge, die Hirten ihre Anbetung -- und
-diese Pyrenäenhirten Beleuchtungen, Gesänge und Prozessionen. Das
-Leben bildet mannigfache Formen, auch das religiöse Leben. Doch mich
-interessiert vor allem die kleine Hirtin Bernadette Soubirou, die
-diesen Ort berühmt gemacht hat.”
-
-So zogen sich die drei Freunde nach melodischem ersten Abend zur
-Nachtruhe zurück.
-
- * * * * *
-
- _Lourdes_, im Frühling.
-
-Immer ernster wird meine Stimmung nach den Schwärmereien der Provence.
-Ich bin in diesem Augenblick noch unentschlossen, ob ich Ihnen, meine
-Damen, bei Ihrem gänzlichen Stillschweigen diese weiteren Blätter
-senden darf und will. Frau Eleonorens bewährter Takt mag darüber
-entscheiden.
-
-Mit Spannung bin ich hier in Lourdes auf das Postamt gelaufen; hoffte
-bestimmt, ein Lebenszeichen, einen Gruß, einen Dank von Ihnen zu finden
--- fand aber nur eine Karte von Schaller: „Meine Nichten sind hier in
-Barcelona -- wann kommen Sie?”
-
-Und kein Gruß von Ihnen. Keine Unterschrift.
-
-Das ist alles.
-
-Das ist der ganze Widerhall. Meine Briefe haben nichts in Ihnen
-geweckt.
-
-Nun, hier in Lourdes ist nicht Zeit und Ort, einem Verdruß nachzugeben.
-Ich bin sogar ungalant genug, Ihnen zu bekennen, daß hier zwei andre
-Damen im Brennpunkt meiner Teilnahme stehen: die kleine Seherin
-Bernadette Soubirou und die Madonna der Grotte ...
-
- * * * * *
-
-... Ich bin voll von diesem Abend in Lourdes. In mein Zimmer herauf
-rauschen die Wasser der Gave -- die Nacht ist feierlich still --
-einzelne Sterne leuchten -- und die großen grauen Pyrenäenberge
-umstehen das Tal in festlicher Hoheit.
-
-Bei beginnender Nacht betrat ich den Platz vor der Kirche. Welche
-Raumbehandlung! Alles stumm, kaum ein Spaziergänger; die Lichter
-zittern und funkeln, abgemessen verteilt; und von selbst finde ich den
-Weg zur Grotte, nachdem ich erst vor dem gekrönten Jungfrauenbild auf
-dem Platz haltgemacht.
-
-Vor der Grotte sind eine Anzahl nächtlicher Beter versammelt. Alles
-schweigt, kniet, betet. Neben mir liegt auf dem Pflaster ein Mönch,
-fern von den andren, hinter den andren; zum Schluß neigt er sich und
-küßt die Erde. Mehr als hundert Kerzen flammen in der Grotte, eine
-Pyramide von Lichtern, zu dem Bild empor, das dort oben rechts in
-weißem Gewand und blauem Gürtel steht, genau an der Stelle, wo die
-Gestalt durch Bernadette gesehen worden.
-
-Welche Künstlerin, dieses arme vierzehnjährige Hirtenmädchen! Eine
-Dichterin! Wie kam das Kind dazu, eine Gestalt dieser Art zu schauen,
-die ihr von keinem Altarbild her bekannt war? Denn die Jungfrau Maria
-der Bernadette ist eine Neuschöpfung. Das ist das Wunderbare. Immer hat
-sie jene Gestalt in derselben Gewandung gesehen und genau beschrieben:
-weißes Gewand, Schleier rechts und links am Gesicht herab, blauer
-Gürtel, dessen zwei Schleifen bis fast zu den Füßen reichen, und auf
-jedem nackten Fuß eine goldne Rose. Welche Schönheit! Die Gestalt hält
-den Rosenkranz in Händen, macht ihrer kleinen Besucherin das Zeichen
-des Kreuzes in neuer und großzügiger Form -- wie Bernadette es vorher
-nicht pflegte --, lächelt oder ist traurig-ernst, spricht zu ihr: --
-kurz, sie hat Leben, Bewegung, Natürlichkeit. Es ist nichts Starres, es
-ist etwas Lebendiges. Und die Kleine ist traurig, wenn sie ihr nicht
-erscheint, ist aber bei ihrem Anblick so entzückt, daß sich ihr Gesicht
-verklärt -- derart verklärt und verschönt, daß die eigene Mutter kaum
-noch ihr Kind erkennt. Ja, während einer der Erscheinungszeiten hält
-das Kind versehentlich lange Zeit, wohl eine Viertelstunde, die Hand in
-die brennende Kerze -- und die Hand der Verzückten bleibt unversehrt.
-
-Was soll man sagen? Hat sich hier die himmlische Welt aufgetan? Hat
-diese Kleine durch eine Ritze in das jenseitige Reich geschaut?
-
-Und mit welcher Kraft und Umsicht hat sich die Kirche dieser Ereignisse
-bemächtigt! Einst war hier Wildnis, jetzt steht da oben, gewaltig,
-im Sternendunkel der Nacht, die weiße, schlanke Kirche. All diese
-klug durchdachten Anlagen, all diese Kaufläden mit den Tausenden
-von Figuren, Bildwerken und Andenken, all diese Hotels, diese
-Hunderttausende von Menschen, die schon hierher gepilgert sind und
-noch hierher pilgern werden, all diese Gebete, diese Kerzen, diese
-Gottesdienste: -- alles veranlaßt durch ein armes Hirtenmädchen!
-
-Ist dieses jungfräuliche Kind vergleichbar der Jungfrau von Orleans?
-Hat sie die Aufgabe erhalten, Frankreich und die Welt von einem andren
-Feind zu erlösen -- von niedren Leidenschaften und Krankheiten des
-Leibes und der Seele?
-
-Hier ist der Punkt.
-
-Diese Madonna nennt sich „unbefleckte Empfängnis”. Was heißt das? Es
-heißt das Reinigen der Beziehungen zwischen Mann und Weib. Das muß die
-Erklärung sein, nichts andres. Es heißt Reinheit und Natürlichkeit
-an Stelle der Entartung; es heißt Heiligung der Natur statt der
-unsauberen Lüstlings-Unnatur. Gerade Frankreich mit seiner erotischen
-und Ehebruchsliteratur, seiner Verherrlichung sinnlicher Kunst und
-sinnlich-eindringlichen Geschmacks überhaupt -- grade das sinnliche
-Frankreich mußte der Ausgangspunkt sein, wo die Gegenkraft einzusetzen
-versuchte, fern von Paris, im äußersten Winkel, in diesem Gebirgstal
-mit dem rauschend reinen Wasser. Ein heiligender Quell entrieselte der
-Stelle, wo Bernadette auf Befehl der Jungfrau mit den Fingern grub, und
-wurde in wenigen Tagen ein starker Brunnen: eine symbolische Handlung!
-Es ist das Wasser des Lebens, des wahren, durch reine Natürlichkeit
-der menschlichen Beziehungen wieder geheiligten und geadelten
-Lebens. Wasser! Überreiztheiten des Alkohols entstellen die moderne
-Zivilisation und dieses Weinland Südfrankreich: hier aber fließt das
-silberklare Bergwasser unentstellten Lebens, das nicht reizt, das aber
-_heilt_.
-
-Tiefsinnig! Unerklärliche Genialität eines Kindes! Einer reinen
-Jungfrau! Immer in Sagen und Märchen, diesem Niederschlag uralter
-Weisheit, ist es ja das Kind oder die Jungfrau, denen Erlösungskraft
-aus den Banden der Unnatur innewohnt.
-
-Warum entzückt mich so, dort an der Riviera und hier in Lourdes,
-immer wieder das Jungfräuliche? Was such' ich darin an symbolischem
-Lebensgehalt?
-
-Sie weiß von Welt und Zivilisation nichts; sie weiß nicht einmal, was
-das Wort „unbefleckte Empfängnis” -- mit dem sich die Madonna zuletzt
-vorstellt (~je suis l'immaculée conception~) -- überhaupt heißt. Sie
-soll's dem Pfarrer sagen als dem natürlichen geistigen Mittelpunkt
-des Ortes; schnell aus der Grotte ins Pfarrhaus laufend, murmelt
-sie's immerzu vor sich hin, um das Wort ja nicht zu vergessen! Welche
-menschliche Züge!
-
-Man geht hier im Frühling, wenn keine Pilgermassen Staub aufwühlen,
-in andauernder Ergriffenheit einher. Es ist unmöglich, sich diesen
-einströmenden, eindrängenden, wie Bergwasser in uns einrauschenden
-Gedanken zu entziehen. Ich war heute abend nur eine halbe Stunde
-draußen; die melodischen Kirchenglocken schlugen an, als ich
-hinausging; sie schlugen wieder an, als ich den großen, höchst
-bedeutend wirkenden Platz vor der Kirche verließ.
-
-Und die Wasser rauschen die ganze Nacht ...
-
-Ich habe noch nicht an der Quelle getrunken ...
-
-... Gibt es eine jenseitige Welt?
-
-Und wenn es eine solche Welt gibt: warum soll sie unter den Mitteln,
-sich mit uns zu verbinden, nicht auch dieses benutzen?
-
-Gibt es aber eine jenseitige Welt voll von Kräften und Lichtgestalten,
-die das geistige Fluidum unserer Erde bilden, die unsre geistige
-Lufthülle sind, aber ebenso den ganzen Kosmos durchdringen, in den wir
-ja eingebettet sind: ist dann das Sprechen mit ihnen so unsinnig? Ist
-Gebet Unsinn?
-
-Leben unsre Verstorbenen? Oder sind sie tot für immer? Ist nur das
-Sichtbare wirkliches Leben? Gibt es nicht viele andre Daseinsformen?
-Kann man Augen und Organe ausbilden für die geistige Welt? Sind
-unsre großen Dichter, Künstler, Religionsstifter die _Seher_ dieser
-geistigen Welt und kündigen von diesem realen, den andren Sterblichen
-unsichtbaren, nur geahnten unbekannten Lande?
-
-Das ist die eiserne Frage ...
-
- * * * * *
-
-... „~Pénitence!~” ruft die Erscheinung von Lourdes. Buße! Dreimal
-ruft sie es eindringlich und mit einem so tieftraurigen Gesicht, daß
-der mitfühlenden, magnetisch auf sie eingestellten Kleinen die Tränen
-kommen. „Was soll ich tun?” ruft das Mädchen. -- „Bete für die Sünder!”
-Und viele Menschen will die Jungfrau dort sehen, will sie dort beten
-sehen: sie will eine _Gegenkraft_ entwickelt wissen.
-
-Weiß und Blau sind darum die reinen Farben dieser Madonna. Und auf den
-Füßen blühen goldene Rosen.
-
-Indem man zu den Füßen dieser Himmelsfrau von diesem Wasser trinkt und
-sich die Augen wascht, drückt man den Wunsch aus, mit dem Lebensstrom,
-der von dieser Erscheinung ausging, in Verbindung zu treten. Es ist
-nicht das Wasser als solches, das hilft: es ist der in uns selber
-erwachende heilkräftige Wunsch, jener himmlischen Reinheit und
-Gesundheit teilhaftig zu werden. Wunsch in uns und Wasser außer uns
-wirken zusammen. Das Ich muß lebendig mitwirken, wenn Reinheit und
-Schönheit zum Ich kommen sollen.
-
-Die Best-Geheilten sind jene, die mit reinerem Herzen diese Stätte
-verlassen ...
-
-Schwer freilich, an Wunderheilung zu glauben! Schwer -- -- weil so
-_einfach_? ...
-
-Doch ich will nicht von den wirklichen oder angeblichen Heilungen
-sprechen, die hier geschehen mögen. Was etwa sich ereignen mag an
-Wahn oder gar an frommem Betrug, wenn im Hochsommer der stille Ort
-fast erstickt unter den Zehntausenden von Pilgern, das ist eine Sache
-für sich. Darüber mögen andre streiten. Mich fesselt dieses kleine
-Menschenkind ...
-
-In einer schimmernden Wolke pflegte ihr die Gestalt zu erscheinen, die
-von sonst niemandem erblickt wurde; es war also ein Lichteindruck; und
-eine schimmernde Wolke blieb noch ein Weilchen zurück, wenn die Gestalt
-entschwunden war. Sie kam aus dem Licht, sie war Licht. Es mag wohl
-eine elektromagnetische Verbindung zwischen Seherin und Erscheinung
-bestanden haben. Reines Herz nebst reinem magnetischen Organismus --
-das hat wohl in diesem besonders veranlagten Kinde anziehend auf die
-jenseitige Welt gewirkt. Alles Schöne ist dem Licht verwandt und wird
-am schönsten symbolisiert durch das Licht. Gemeine Sterbliche würden
-geblendet werden durch des Lichtes Fülle.
-
-Marias Lieblingsblume, neben der Rose der Liebe, ist die Lilie der
-Reinheit und des Glaubens. Die Lilie wächst hoch und weiß über das
-gewöhnliche Blumenmaß hinaus. Die Form ihrer Blüte ist ein Kelch, ein
-weißer Kelch: geschaffen, um Licht und Tau einzunehmen, die himmlischen
-Gaben. Ein Gralskelch! Die jungfräuliche Blume hält den Kelch empor und
-füllt sich mit Licht von oben.
-
-Gibt es doch noch etwas Höheres als die willensstarke Persönlichkeit?
-Vielleicht -- Gefäß zu sein? Rein, still, empfangend von oben,
-weitergebend nach unten? Wie die Lilie?
-
-Ist das lilienhaft Jungfräuliche in solchem Sinne höher und himmlischer
-als das Nur-Männliche? Erlöst uns Männer immer wieder die Jungfrau? ...
-
-Und wie schwer war Bernadettes äußeres Leben! Sehr arm, sehr einfach,
-doch gut erzogen, etwas zart als Kind, erlebte sie dann die Fülle ihres
-Glückes binnen wenigen Monaten in jenen genialen Visionen. Dann aber,
-als ihr Werk gesichert war und eingeweiht wurde, lag sie krank und
-konnte an den Festen nicht teilnehmen. Als Klosterschwester starb sie
-fern in Nevers, hat ihr mächtig anwachsendes Werk nie mehr gesehen. Muß
-wohl sterben, wer die Götter geschaut hat?
-
-Ihr Werk lebte, sie selber ging dahin.
-
-Groß! ...
-
- _Ingo_.
-
-_Nachschrift._ Groß! Ja, mein Ingo, das ist groß. So haben wir
-zwei es uns einst geschworen, einer edlen und großen Lebens- und
-Kunstanschauung unser Dasein zu widmen. Und diese Blätter lassen mich
-wieder an Dich glauben, mein Freund und Bruder! Aber willst Du diese
-ernsten Gedanken wirklich an jenes unbedeutende Mädchen senden? Will
-der Gralsucher wieder zum tändelnden Spielmann werden? Lieber, merkst
-Du denn nicht, daß Du über den Eindrücken hier in Lourdes sowohl
-sie als auch mich vergessen hast? Denk' an das Gespräch über die
-Titanic: suchst Du des Lebens Sinn und Geheimnis, indem Du irgendeine
-Braut suchst? Lieber Troubadour, unter Tränen will ich beten, daß Du
-ausziehen mögest wie Saul, der Sohn des Kis: er suchte eine -- Eselin
-und fand ein Königreich. Ich werde diese Blätter zu den unabgesandten
-Briefen legen und Dir heute alles übergeben. Hier in Lourdes soll es
-sich zwischen uns entscheiden. Ich bin krank; die Aufgabe, die ich an
-Dir hatte, geht zu Ende. Bald bist Du auf törichter Brautschau -- und
-ich eine Kranke unter Kranken.
-
-Ach süßer Freund, die Sorge um Dich ist meine Krankheit!
-
- _Friederike._
-
- * * * * *
-
-Krankheit und Verdüstrung der Frau von Trotzendorff rollten wieder wie
-Wolken über jenes kurze Aufflammen der alten Gesundheit.
-
-Sie stand in seelischen Kämpfen, von denen ihre Mitreisenden nichts
-oder wenig ahnten. Oft saß sie allein an der Grotte und setzte sich mit
-der Tatsache auseinander, daß sie den Freund verloren habe, daß Anmut
-und Jugend ihn anziehe, daß sie selber unrettbar zu altern beginne.
-Und das Gesicht der leidenden Künstlerin wurde bleich und verfallen.
-Aber sie hatte ein meisterhaftes Talent, dergleichen nach außen hin zu
-verbergen; unter dem Schein leichter Magenverstimmung, verursacht durch
-die ölige südfranzösische Kost, wußte sie ihren Seelenkampf scherzend
-ins Harmlose zu deuten.
-
-Fabrikant Muthner, der sich in Cette zu ihnen gesellt hatte und später
-nach Bayonne und Biarritz weiterwollte, war wieder aufgetaucht:
-ein ernster, wohlbeschlagener Fachmann, der sich mit Trotzendorff
-vorzüglich verstand. Er machte der gnädigen Frau mit natürlichem
-Anstand den Hof. Und Frau Friederike, die für ehrliche Komplimente
-empfänglich war, hatte sogar den Versuch gewagt, ihren Freund Ingo ein
-wenig zur Eifersucht zu reizen: ein Zug, der dem erstaunten Troubadour
-neu war, wie überhaupt das Verhalten der Freundin ihm ebenso Bedenken
-erregte wie dem Gatten.
-
-An diesem Morgen, kurz vor dem Frühstück, das alle vier gemeinsam
-einzunehmen pflegten, waren Ingo und Trotzendorff zufällig allein und
-tauschten ihre Besorgnisse aus.
-
-„Sag' einmal, Richard,” begann Ingo, „die Kränkeleien unsrer Friedel
-machen mich besorgt. Solltet ihr nicht einen Arzt befragen?”
-
-„Das hab' ich mir längst vorgenommen”, erwiderte Richard in seiner
-gesetzten, nüchternen Weise. „Denn auf die Wunder von Lourdes will
-ich mich denn doch als guter deutscher Protestant nicht verlassen.
-Sie hatte schon einmal, nach der Geburt des zweiten Jungen, solche
-unangenehme Geschichten -- Frauenleiden -- wo sie auch wie jetzt
-zwischen Übermut und Schwermut hin und her pendelte. Zarte Geschöpfe,
-diese Frauen, man kann gar nicht feinfühlig genug sein.”
-
-„Das ist wahr”, versetzte treuherzig der Troubadour, der keine Ahnung
-hatte, wie er der Freundin weh tat.
-
-„Ich werde sie heute nicht mitwandern lassen”, fuhr der Major fort.
-„Muthner und ich werden Cauterets und Umgegend besichtigen. Du tust mir
-einen Gefallen, Ingo, wenn du dich ihrer annimmst, soweit sie überhaupt
-ausgeht. Zu deinem beliebten Eigenbrödeln und Notizenmachen wirst du ja
-dazwischen Zeit genug finden. Einverstanden?”
-
-„Vollkommen! Es ist mir heut' überhaupt nicht um Geselligkeit zu tun.
-Hab' da einen ernsten Brief aus Thüringen erhalten.”
-
-„Nun? Unangenehmes?”
-
-„Mein Bruder hat einen Jagdunfall gehabt. Näheres schreibt mir die
-Cousine nicht.”
-
-„Elisabeth? Ei was! Ist die wieder in Thüringen?”
-
-„Merkwürdigerweise! Der erste Brief seit mindestens drei Jahren.”
-
-„Ich dachte, sie wäre in Pommern bei ihrem Schwager?”
-
-„Bis jetzt, ja. Ihre Mutter kränkelt. Nun ist sie zu Hause und wechselt
-in der Krankenpflege zwischen ihrer Mutter und meinem Bruder.”
-
-„Es wundert mich, daß dein Bruder sie nicht genommen hat. Zwei
-Nachbarsgüter -- das hätte sich nicht übel gemacht! Ruhige Naturen
-beide.”
-
-„Eben darum vielleicht. Das Gesetz der Ergänzung, verstehst du!”
-
-„Na, dein Bruder hat ein rauhes Fell, die sanfte Elisabeth hätt' ihm
-gut getan! Übrigens -- du standest ihr doch wohl auch einmal ziemlich
-nahe?”
-
-„Sehr sogar.”
-
-„Ihr seid doch verrückte Kerls, ihr zwei Waldecker!” lachte Richard.
-„Junggesellen alle zwei! Der eine tost auf der Jagd oder auf
-landwirtschaftlichen Ausstellungen herum, der andre durchläuft die
-halbe Welt. Elisabeth hätte ganz gut zu einem von euch beiden gepaßt.
-Die entfernte Verwandtschaft ist doch kein Hinderungsgrund? In
-Thüringen vettert sich ja alles!”
-
-Er lachte, er war selber Thüringer. Und als das Gespräch nun auf die
-Wunder von Lourdes kam, betonte der breitschultrige, wuchtige Mann
-so scharf und nüchtern seinen protestantischen Standpunkt, daß Ingos
-Romantik sich rasch in blauen Duft verflüchtigte:
-
-„Unser Reformationsgesang ‚Ein' feste Burg ist unser Gott’ hat mehr
-Mark als diese ganzen süßlichen Litaneien.”
-
-Beim Frühstück wurde das Programm des Tages mit Vorsicht besprochen
-und festgesetzt; denn man mußte bei Frau Friedel darauf gefaßt sein,
-daß sie sich in ihrer gefühlsmäßigen Art auf irgend einen Entschluß
-versteifte. Doch heute war sie nachgiebig und ließ die Männer
-entscheiden.
-
-Major und Fabrikant zogen ab.
-
-Der Troubadour wandelte mit Frau Eleonore von Poitou langsam hinaus
-nach der Grotte.
-
-„Laß uns einen dieser kleinen Becher kaufen, Ingo,” bat sie, als sie
-aus dem Gasthof traten, der vorn eine Verkaufsstelle führte, „wir
-wollen heute aus der Quelle trinken.”
-
-Ingo erfüllte den Wunsch.
-
-An der Grotte waren wenig Besucher. Die weißen Kerzen entsandten ihr
-mildes Licht, das in der Tagesbeleuchtung seltsam wirkte; die weiße
-Marmorgestalt der Jungfrau stand still über dem kleinen Rosenstrauch.
-Fünf bis sieben blühende Rosen waren am Strauch, rötlich-weiße Blumen,
-die sich unter den Füßen der Madonna lieblich entlang rankten.
-
-Die beiden Deutschen setzten sich auf eine Bank, hörten hinter sich das
-Rauschen der Gave und vor sich das leise Murmeln einer betenden Nonne.
-
-So saßen sie eine besinnliche Weile: Ingo in seinem ungeklärten Drang,
-Frau Friederike in ihrem steten, starken Kampfe.
-
-Dann erhob sich die gefaßte und stille Frau, schritt an den Brunnen
-neben dem Gitter der Grotte heran, füllte den Becher und trank; füllte
-ihn nochmals und reichte ihn Ingo. Hernach tauchte sie die Hand ein und
-fuhr sich waschend über die Augen. Alles geschah schweigend.
-
-Und schweigend gingen sie dann miteinander den sanft ansteigenden
-Fußweg hinauf, der hinter der Kirche unter Bäumen nach oben führt.
-
-Sie rang um Kraft. An ihrem Arm trug sie ihr Täschchen; im Täschchen
-waren die unterschlagenen Briefe.
-
-„Wir wollen erst noch das Panorama sehen”, sagte sie mit schwerer
-Stimme.
-
-Und so besuchten sie miteinander das Panorama.
-
-Ingo gab die nötigen Erklärungen.
-
-„Siehst du, so sah Lourdes ums Jahr 1858 aus, zur Zeit, als die kleine
-Bernadette jene Erscheinungen erlebte. Damals stand hier weit und breit
-noch kein Haus, alles war ländlich, eine Mühle war ja wohl hier in der
-Nähe. Und dort kniet sie nun, inmitten der zusammenlaufenden Leute;
-sie trägt das eigentümliche Kopftuch dieser Gegend, gleicht fast einer
-kleinen Nonne. Mit der linken Hand hält sie die Kerze, mit der rechten
-berührt sie die Flamme, ohne sich zu verbrennen. Das Feuer-Element
-scheint ihr verwandt zu sein in diesem Zustand. Sieh nur, wie ist
-sie entrückt und abgesondert von den ratlosen Gruppen der Menschen!
-Entrückt ins Land der Schönheit! Wie das Genie einsam! Nur durch Taten
-der Güte mit den Mitmenschen verbunden!”
-
-„Das ist groß”, bestätigte Frau Friederike leise.
-
-„Und sieh, welch ein bläulicher, fast violetter Duft über der
-Landschaft! Wie eine Verklärung!”
-
-Sie verließen das Gebäude und gingen weiter, am Kalvarienberg vorüber
-und nach der Gegend der ~grotte du loup~. Immer einsamer und ländlich
-stiller wurde die Umgebung. Die Luft war mild, voll weicher Färbung der
-Hügel und einfach-großen Gebirgskämme.
-
-An einer jungen Birke machten sie halt und setzten sich auf die Decke,
-die Ingo trug. Die runden, hellgrünen Frühlingsblättchen dieses sonst
-so leicht erzitternden zarten Baumes bewegten sich kaum. Eine weiße
-Straße lief ziemlich fern zu ihrer Rechten in die Pyrenäen hinein, hell
-und trocken wie die Straßen der Provence, doch ohne wandernden Staub.
-Die Dämonen des Windes schliefen irgendwo auf Tempelstufen.
-
-Frau Friederike saß in ihrem mattblauen Kleide, hatte den Hut abgesetzt
-und ließ ihr Goldhaar leuchten. Aber ihr Gesicht war wie Alabaster,
-ihre Lippen blaß und stumm. Sie hatte das Täschchen vor sich auf den
-Schoß genommen und hielt beide Hände darauf.
-
-Ingo legte kameradschaftlich den Arm um den ihrigen. Doch lehnte sie
-den Kopf nicht an, sie sah nur starr in die Gegend.
-
-„Friedel ist auf Cis-Moll gestimmt”, begann er. „Hast auch du, wie ich
-heute früh, einen Brief bekommen, der dir Sorge macht?”
-
-„Du hast einen Brief bekommen?”
-
-Er zog sein Taschenbuch und überreichte ihr den Brief seiner Cousine
-Elisabeth.
-
-„Darf ich lesen?”
-
-„Aber, Friedel --! Seit wann haben wir denn Geheimnisse voreinander?!”
-
-Sie las folgenden schlichten und sachlichen Brief:
-
- „Lieber Ingo!
-
-Du wirst erstaunt sein, von einer alten Freundin diesen Brief zu
-erhalten, nachdem wir uns seit Jahren nicht mehr geschrieben haben.
-Ich bitte Dich hiermit herzlich um Entschuldigung, wenn ich Deine
-Frühlingsfahrt stören sollte. Dein alter Vater kommt ja mit seiner
-Gicht nicht an den Schreibtisch; und so hat er mich gebeten, Dir
-mitzuteilen, daß Dein Bruder leider einen Jagdunfall gehabt hat und an
-den Folgen daniederliegt. Das Gut war ja bis jetzt in den Händen deines
-Bruders; wenn die Sache übel ausgeht, so könnte an Dich eine Aufgabe
-herantreten, die allerdings zu Deiner romantischen Freiheitsliebe,
-wie sich Dein Vater ausdrückt, nicht mehr stimmen würde. Mir würde
-es leid tun, wenn Du Dir Dein Leben nicht so gestalten könntest, wie
-Deine Natur es braucht, das weißt Du, lieber Ingo. Zum Glück habt Ihr
-ja einen guten Verwalter. Auch Dein Vater ist immer derselbe, in allen
-Unpäßlichkeiten geistesfrisch. Weniger freilich meine Mutter. Ich fahre
-in eurem gelben Jagdwagen täglich zwischen den beiden Gütern hin und
-her, von einem Krankenbett zum andren. Nun kommen mir meine Erfahrungen
-vom Roten Kreuz zugute. Oft auch lauf' ich zu Fuß durch den Wald,
-wobei mich Harras, unsre unverwüstliche Dogge, begleitet. Ach, ich bin
-wieder jung geworden, als ich nach harten Jahren meinen Thüringer Wald
-wiedersah! Es ist allerdings möglich, daß ich von heut' auf morgen
-mit meiner Mutter an den Genfer See fahre. Denn der Arzt wünscht es
-dringend. Gib jedenfalls immer Deine genaue Adresse an, für den Fall,
-daß man Dich hier brauchen sollte. Im übrigen, lieber Ingo, gedenke ich
-Deiner mit derselben Liebe, die mich von Kindheit an mit Dir verbunden
-hat. Sei innig gegrüßt!
-
- Elisabeth.”
-
-Frau von Trotzendorff gab den Brief zurück und schaute lange vor sich
-hin.
-
-„Ein Gruß an mich oder meinen Mann ist nicht dabei”, dachte sie. „Ich
-hab' ihr einst Schweres angetan -- jetzt tut mir das Schicksal das
-gleiche.”
-
-„Was sagst du dazu?” fragte Ingo.
-
-„Vielleicht wär's das beste, du würdest sofort nach Hause reisen.”
-
-„Unter keinen Umständen!” rief er mit einigem Trotz.
-
-„Und dein Bruder?”
-
-„Ist robust genug, hat sich nie viel um mich gekümmert, wird auch
-diesen Unfall durchbeißen.”
-
-„Und dein Vater?”
-
-„Ein selbständiger Charakter.”
-
-„Und das Gut?”
-
-„Davon kann man reden, wenn es mit meinem Bruder wirklich schlimm
-würde.”
-
-„Aber der Brief liest sich wie eine Vorbereitung.”
-
-„Oder auch wie ein Anknüpfungsversuch der guten Elisabeth.”
-
-„Bei ihrem spröden Charakter? Schwerlich! Ich glaube, du solltest den
-Gedanken an Heimkehr ernstlich ins Auge fassen.”
-
-„Aber wie kommt mir denn Friedel vor? Haben wir zwei nicht hinlänglich
-mein Verhältnis zu Elisabeth durchgesprochen? Vergißt du, daß wir so
-gut wie verlobt waren? Und sie schreibt ja, daß sie noch ebenso denkt.
-Wie kannst du mir da die Rückkehr empfehlen? Bist du gar kein bißchen
-mehr eifersüchtig?”
-
-Sie ging auf seinen scherzenden Ton nicht ein. Es kämpfte gewaltig in
-der unglücklichen Frau; sie neigte sich einen Augenblick seitwärts ins
-Gras und stützte laut seufzend den Kopf in beide Hände. Hier Thüringen
--- dort Barcelona! Zwischen Skylla und Charybdis saß sie und rang um
-den Freund, den sie doch festzuhalten weder Macht noch Recht besaß.
-
-Dann richtete sie sich auf, beachtete seine fragenden und beruhigenden
-Worte nicht, sondern griff in ihr Täschchen und nahm das Bündel Briefe
-zur Hand.
-
-„Da!” sagte sie dumpf und preßte die Zähne zusammen.
-
-„Was ist das?”
-
-„Deine Briefe.”
-
-„Welche Briefe?”
-
-„An die Mädchen in Barcelona. Ich hab' sie nicht abgeschickt.”
-
-Er hatte das blaue Band gelöst, ließ aber nun jäh die Hände sinken.
-
-„Nicht abgeschickt?”
-
-„Nein.”
-
-„Aber -- weshalb nicht?!”
-
-„Du kannst es in den Nachschriften lesen.”
-
-Er durchblätterte die Papiere und las die Nachschriften. Dann kam eine
-lange, unheimliche Stille.
-
-Sie atmete kaum; ihr schwaches Herz pochte zum Zerspringen. Er legte
-schweigend die Blätter wieder zusammen, band sie schweigend wieder zu
-und steckte sie schweigend in die Rocktasche.
-
-„Friedel,” sagte er endlich mit gepreßter Stimme, „es ist nicht das
-erstemal, daß du dich zwischen mich und andre stellst. Fühlst du nicht,
-wie du mich entwertest?”
-
-Er saß in einem Gemisch von Zorn und Wehmut auf dem Rasen, rupfte
-sprießende Gräser aus und warf sie wieder fort.
-
-„Würde dieses Lourdes nicht so beruhigend auf mich wirken,” sprach
-er weiter, „ich fürchte, wir würden im Zorn voneinander scheiden.
-Denn dieses Bevormunden ist gegen unsre Verabredung einer unbedingt
-vertrauensvollen Kameradschaft. Meine Schwärmerei für jenes Mädchen mag
-seltsam sein, meinetwegen; deshalb ist aber die Tatsache, daß ich von
-jenem Hügel mit der stillen Stickerin und dem unerbauten Tempel einen
-tiefen Eindruck mitgenommen habe, dennoch vorhanden. Und ich werde
-dieser Sache auf den Grund gehen -- und werde die Briefe persönlich
-nach Barcelona bringen.”
-
-Sie saß mit abgewendetem Gesicht, neigte das Haupt und zuckte nur
-wenig zusammen. Sie kannte ihn und war nicht überrascht; sie wußte,
-daß er stärkeren Eindrücken und Erkenntnissen unbeirrbar bis zu Ende
-nachspürte. Hier war nichts zu halten; sie hatte ihn nicht mehr in der
-Gewalt.
-
-Er sah nicht, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, den kristallenen
-Behälter füllten und dann langsam über die Wangen rollten. Ihr lag es
-pressend schwer auf dem Gewissen, daß sie sich einst zwischen ihn und
-Elisabeth gestellt hatte; dieses stille und herbe Mädchen war nach
-allem, was man seitdem hörte, doch wohl wertvoller, als sie beide
-damals angenommen hatten. Ingo von Stein, zu Hause wenig verstanden,
-hatte in Friedels Familie ein neues Heim gefunden; sie hatten sich
-beide beflügelt und gefördert und hatten einfach vergessen, daß eine
-stille, etwas spröde Elisabeth irgendwo Kranke pflegte. Oft aber
-stand jetzt die hohe Gestalt dieser keusch verschlossenen, schwer
-zugänglichen Jungfrau, die durch gesellschaftliche Beziehungen
-des thüringischen Adels auch mit Trotzendorffs bekannt war, mit
-schweigender Mahnung an Frau Friederikens Lager. Sie trug die Tracht
-der Schwestern vom Roten Kreuz, denen sie zwei Jahre angehörte; und
-sie schien ernsten Blickes nach Ingo zu fragen. Bislang hatte Friedel
-wenigstens Rechenschaft über den Freund geben können; jetzt konnte sie
-auch das nicht mehr; der unbefriedigte Spielmann fuhr weiter.
-
-Die liebende Frau tat, wie sie es manchmal in Zeiten der
-Mißverständnisse zu tun pflegte: sie setzte stumm den Hut auf, nahm ihr
-Täschchen und erhob sich, um sich schweigend zu entfernen. Er wollte
-ihr folgen; aber sie winkte ab und sagte leise:
-
-„Bitte, laß mich allein!”
-
-Jetzt erst sah er, daß ihr Gesicht in Tränen gebadet war. Und sofort
-loderte Beschämung in ihm empor, die jede Regung des Unwillens
-verbrannte. Der letzte Satz der letzten Nachschrift stieg ihm
-riesengroß in Bewußtsein und Empfindung: „Die Sorge um Dich ist meine
-Krankheit.” Hatte sie nicht recht, um ihn besorgt zu sein? War er nicht
-ein Phantast, der oft genug sich einfach auf die Bahn gesetzt hatte
-und in die Welt hinaus gesaust war, wenn ihm irgendwelche menschliche
-Verhältnisse nicht paßten? War es nicht deutlich, daß er zwischen
-Wissenschaft, Poesie und Religion tatlos umherschwebte, nippend an
-allem, von nichts aber sich wahrhaft durchdringend und nichts in Kunst
-oder Leben prägekräftig gestaltend? Wie unritterlich stand er vor der
-mütterlichen Sorge der weinenden Freundin!
-
-„Vergib, Friedel!” rief er und wollte in überwallendem Mitgefühl
-den Arm um ihre Schultern legen. Allein sie befreite sich sanft und
-bestimmt. Sie wollte kein Mitleid; daß ihr die Tränen flossen, merkte
-sie kaum. Ihr Entschluß stand fest.
-
-„Groß!” rang sich endlich als erstes Wort aus ihr hervor. „Das letzte
-Wort deiner Aufzeichnungen heißt groß. Wir wollen nicht kleinlich
-sein, Ingo.” Sie sprach mühsam und wischte sich mit dem Taschentuch
-die Tränen fort. „Es spricht auch in mir so viel Unerfülltes mit. Aber
-groß sein, nicht wahr! Ich hab' mir's an der Quelle da unten gelobt.
-Und darum bitte ich: Laß mich für heute allein. Ich will ins Hotel
-zurückgehen und mich niederlegen. Denn ich bin krank.”
-
-Er machte abermals einen Versuch, sich um sie zu bemühen. Aber
-sie wiederholte nur in ihrer bekannten Art, die jeden Widerspruch
-ausschloß: „Bitte!”
-
-Dabei sahen sie sich einen Augenblick an. Nur einen Augenblick, wie die
-Sonne am verschleierten Tage zaghaft hindurchbricht; der Augenblick
-drohte ihren Entschluß umzuwerfen; doch sie wandte sich rasch und ging
-den Pfad nach Lourdes hinunter, an einem spät blühenden Apfelbäumchen
-vorüber, von dem eine Blüte auf ihren Hut fiel -- ein Abschied von der
-Jugend.
-
-Ingo stand betäubt.
-
-Er übersah, empfand und begriff mit einemmal den Schmerz, den diese
-Frau von großzügiger Künstlerleidenschaft und zugleich von früh geübter
-Gewissenhaftigkeit so lange schon durchkämpfte. Mit jenem stürmischen
-Isoldengesang hatten diese Tage von Lourdes begonnen; mit offenem Haar,
-wie Wogen des offenen Ozeans, war sie noch einmal einhergerast. Jetzt
-schlich sie weinend nach Lourdes hinunter.
-
-„Das ist die zweite Frauen-Freundschaft, über deren Trümmer hinüber ich
-mein Glück suche”, sprach er in knirschendem Kummer zu sich selber.
-„Sollte wohl auf dieser Glücksjagd Segen ruhen? Aber ich will sie
-wiedergewinnen, Friedel und Elisabeth, beide, sobald ich -- sobald --
--- ja, was denn nun wohl?”
-
-Da war wieder das Unerfüllte. Und er sah wieder jene Mozart-Mädchen auf
-einem Hügel der Freiheit und Schönheit winken und warten -- warten auf
-ihn?
-
-„Weltfahrer bin ich”, sprach er, indem er durch die Hügel wanderte
-und schließlich zu einem kleinen Schilfsee gelangte, dessen Stille
-beruhigend auf ihn wirkte. „Weltfahrer bin ich, immerzu von Melodien
-durchsungen, und sehne mich nach dem festen Punkt, von dem aus das
-Nahe und Ferne reich und tief sich erfassen läßt. Ich will Friedel
-nicht durch Mitleid beleidigen; sie ist tapfer und wird das allein
-durchhauen. Aber ich will doch neben der Phantasie fortan der Güte
-einen größeren Raum in meinem Herzen gestatten -- wie diese Bernadette,
-wie meine vergessene Elisabeth.”
-
-Er ging an die Grotte von Lourdes zurück, saß dort lange und sammelte
-sich zu einer Gebetsstimmung, seine Augen heftend auf die Marmorstatue
-der weißen Madonna mit der blauen Schärpe.
-
- * * * * *
-
-Am Abend, als die willensstarke Frau bleich und gefaßt wieder am Tisch
-saß und über ihre Schwächlichkeit zu scherzen versuchte, wurde von dem
-Ehepaar beschlossen, über Paris nach München zu fahren und dort ein
-Sanatorium aufzusuchen.
-
-Ingo, der sehr zart zu Friedel war, hielt in möglichst unbefangenem Ton
-an seinem Abstecher nach Barcelona fest.
-
-Richard schaute einen Augenblick vom Kursbuch auf, es zuckte ironisch
-um seine Mundwinkel, und er fragte:
-
-„Suchst du Schallers Nichten oder den Gralsberg?”
-
-„Beides”, bemerkte Ingo trocken ...
-
-Am Bahnhof von Toulouse nahmen sie Abschied. Der Troubadour und Frau
-Eleonore hielten sich lang an beiden Händen und schauten mit Wehmut
-einander an.
-
-Die Lippen der blassen Frau bebten. Sollte sie ihm sagen, wie sehr sie
-krank war? Sollte sie ihm sagen, daß hier vielleicht auf Leben und Tod
-Abschied genommen wurde? Nein! Es war einer ihrer heroischen Momente.
-Galt es zu sterben, so wollte sie allein sterben. Die Heroine lächelte
-und zwang sich zu einigen Worten von allgemeiner Herzlichkeit, das Weh
-in sich begrabend, das tiefe Weh, auf den abirrenden Freund nicht mehr
-von Einfluß zu sein:
-
-„Groß bleiben, lieber Ingo! Es wird gewiß alles gut werden, wir wollen
-dir lauter gute Gedanken mitsenden. Madonnengedanken!”
-
-Er nickte schweigend.
-
-Und zu Richard sprach er mit bewegter Stimme:
-
-„Gib gut auf sie acht, Richard! Sie ist doch die Beste von uns dreien!”
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Sechstes Kapitel
-
-Die Verlobung
-
- O brich nicht, Steg! du zitterst sehr.
- O stürz nicht, Fels! du dräuest schwer.
- Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,
- Eh' ich mag bei der Liebsten sein!
-
- _Uhland_
-
-
-Aus dem dröhnenden Geräusch der spanischen Hafenstadt Barcelona hebt
-sich das vornehme Villenviertel am Gebirgszug Tibidabo empor und sucht
-reine Luft.
-
-Dort klettert die Straße, die nach einem katalonischen Dichter den
-Namen führt, die Calle Muntaner, mit starker Steigung bergan.
-
-Auf der Terrasse eines prächtig unterhaltenen Gartens voll immergrüner
-Gewächse standen dort die beiden Mozart-Mädchen.
-
-Hier aber war die Stimmung anders als auf dem leichten Riviera-Hügel.
-Die zwei jugendlichen und schönen Geschöpfe lachten nicht aus
-ungezwungenen Matrosenkleidchen in eine heiter-natürliche Welt; sie
-waren vielmehr eingenäht in nagelneue, steif knisternde Festkleider.
-Und hinter ihnen ragte mit strengem Stolz Schallers große Villa, ein
-viereckiger Bau mit flachem Dach, einem Kastell nicht unähnlich.
-
-Um sie her aber prangte der balsamisch duftende Garten, planvoll
-gefüllt mit Palmen, Orangenbäumchen, Zitronen und andren Stauden und
-Spalieren des halbtropischen Klimas. Zu ihren Füßen funkelte abendschön
-die laute, energische, menschenvolle Stadt; in der Ferne glühte
-blendend das Meer; zur Rechten sahen sie den schräg ansteigenden und
-steil abfallenden Festungsberg Montjuich den Hafen bewachen. Hinter
-ihnen, auf den Höhen, waren Pinien rötlich angeglüht von der sinkenden
-Sonne, und wie Minarets winkten dazwischen fremdartige Türmchen.
-
-Man spürte wohl noch an diesen graugrünen Abhängen den Pulsschlag der
-Arbeitsstadt, den Atem des Hafens, den Duft des Mittelmeers. Aber man
-war zugleich diesen Regionen entrückt und schloß sich durch eine hohe
-und weitläufige Gartenmauer vom Arbeitstag ab.
-
-Hier also hatte Schaller seine Burg erbaut.
-
-Im Innern des Hauses hatten sich manche Kostbarkeiten und manche
-wertvollen Gemälde angesammelt. Ein Innenhof war von farbiger Kuppel
-überdacht; dort spielte ununterbrochen der feine Strahl eines
-Springbrunnens und verbreitete zugleich Kühle und das Gefühl einer
-leichten Lebenslaune, einer Überwindung der Arbeitsschwere. Es stimmten
-dazu die heiter geschnitzten Geländer der Stockwerke, die diesen
-dämmernden Innenhof umrankten. So war dort eine maurische Stimmung
-geschaffen, die zum subtropischen Gartenbild paßte und gegen den
-brennenden spanischen Sommer schützte.
-
-Die Mädchen, in Seidenkleidern und weißen Schuhen, gingen wie
-auf Stelzen und bemühten sich, gesetzt zu sein; aber sie konnten
-ihre Erregung nicht verbergen. Denn es war keine gewöhnliche
-Abendgesellschaft, der sie entgegenfieberten.
-
-Die lebhafte Jüngere entlud ihre Gespanntheit in fortwährenden
-Umarmungen und Küssen, die Fräulein Martha über sich ergehen lassen
-mußte, besorgt um die Falten und Bauschungen ihres feierlichen Kleides.
-
-„Ich freue mich ja schrecklich, ganz schrecklich für dich!” rief der
-hübsche kleine Zappelkäfer. „Freust du dich denn nicht auch? Hältst
-du's überhaupt noch aus vor Ungeduld?”
-
-„Gewiß, ja, nur weiß ich nicht recht --”
-
-„Na, was denn nun wieder? Pfui, schäm' dich! Etwa wegen des
-Spanischredens heut' abend? Aber du bist ja schon einmal ein ganzes
-Jahr hier gewesen!”
-
-„Ich hab' aber vieles vergessen. Nein, das nicht, ich meine nur -- ich
-wollte, es wäre schon vorüber. Ich bin ja viel zu jung -- und -- mein
-Gott, wie sie mich alle ansehen werden!”
-
-„Laß sie gaffen, du bist süß, sie werden sich alle verlieben! Zwei
-junge Spanier werden sich deinetwegen erdolchen, es wird ein Duell
-geben mit zehnmaligem Kugelwechsel, heute nacht reißen die Katzen aus
-vor den vielen Serenaden -- und ich gieße den Sängern Wasser über den
-Kopf.”
-
-„Glaubst du, daß sie Reden halten auf -- auf ihn und mich?”
-
-„Natürlich! Dann sagst du ganz einfach ~gracias~ oder ~merci beaucoup~
-und nickst ein klein wenig mit dem Kopf -- aber nur ein wenig, vornehm
--- siehst du, ungefähr so!”
-
-Die Kleine gab ein vorbildliches, gnädig herablassendes Kopfnicken
-zum besten, wobei ihr der Augenaufschlag meisterlich gelang. Aber die
-schwerblütige Martha schaute mit ihren wundervollen Blau-Augen ratlos
-in die Welt und war nicht in Stimmung zu bringen.
-
-Zu gleicher Zeit lustwandelte der Herr des Hauses, in Frack und
-brasilianischem Orden, zwischen seiner blaß-vornehmen Stiefmutter und
-der bürgerlich-ehrbaren Witwe Frank-Dubois, die immer in schwarzer
-Kleidung ging. Sie schritten stattlich unter Fächerpalmen auf und ab.
-Ein springender Strahl rieselte und raunte auch dort; und im runden
-Becken flimmerten rote Fische. Es lag hochzeitlicher Glanz in der
-abendlich rosigen Luft; die Welt war voll Farben; auf Palmenkronen
-wiegten sich Genien mit Schmetterlingsflügeln und gaukelten abwechselnd
-um die Gespräche der Alten und das Zwitschern der Jungen. Selbst die
-kleinen bärtigen Gnomen, die Geister des Goldes, die sonst schwere
-Säcke schleppten, feierten heute, saßen unter Tropfsteingebilden und
-kämmten sich gegenseitig die Bärte.
-
-In den Worten und Gebärden der hier wandelnden Erdenbürger war satte
-Sicherheit. Sie fühlten sich nicht heimgesucht von irgendwelchem Hunger
-nach Unendlichem. Das Rätsel des Daseins hatte sie nie bekümmert. Eine
-erhebliche Rente in Gewahrsam zu bringen, genügte als Lebensziel. Wobei
-sie Arbeitsamkeit, Ordnungssinn und andere bürgerliche Tugenden zu
-achtenswerter Entfaltung brachten.
-
-„Jetzt bin ich über die Zukunft meiner Tochter doch einigermaßen
-beruhigt”, versicherte Frau Frank-Dubois. „Mit ihr selber wird es
-sich schon ganz gut machen, denn sie ist ja sparsam und häuslich und
-versteht den Haushalt. Die Schule ist ihr halt schwer geworden; aber
-sie hat, was sie an Schulbildung braucht. Es ist eine stille Natur;
-mein seliger Mann war auch so ein Stiller, sie hat's von ihm.”
-
-„Das Mädel wird's wie eine Prinzessin haben”, versetzte Schaller und
-nahm die Dame fest zugreifend unter den Arm. „Das glaube ich Ihnen
-versichern zu dürfen. Also wenn ihr beide einverstanden seid, so klopf'
-ich nach dem zweiten Gang ans Glas und mache die Sache bekannt. Ich
-liebe immer Überraschungen, knappe, fertige Tatsachen. Punktum!”
-
-Er trat zu den Mädchen, legte der Jüngsten von hinten her seine großen
-Hände über die Augen und küßte ihre Wange.
-
-„Na, Mausi, hast du dein Cousinchen aufgemuntert?”
-
-„Pah, Onkel Schaller, die hat Angst!”
-
-„Es schickt sich, daß eine Braut schüchtern tut”, erwiderte Schaller
-und legte den Arm um das gazellenschlanke Mädchen, das nur um eine
-Stirnbreite kleiner war als er selber. „Kinder, es soll famos
-werden! Die Nacht wird durchgetanzt! Und außerdem hab' ich eine
-Extra-Überraschung, besonders für die da, den kleinen Grashupfer!”
-
-„Noch einen Bräutigam? Her damit!”
-
-„Ruhig Blut, Sennorita! Es klingelt! Gäste kommen!”
-
- * * * * *
-
-Ingo von Stein hatte in Narbonne übernachtet. Er fuhr dann über
-Perpignan nach Barcelona. Der Schnellzug lief an der See entlang,
-deren Wasser im Ostwind an die Klippen schäumte und das tiefe Blau des
-Mittelmeers in ein ebenso herrlich Weiß verwandelte.
-
-Sprangen nicht mit glänzenden Schuppenschwänzen die Okeaniden herauf,
-lachten den Fahrenden aus und schnellten im Purzelbaum wieder hinunter
-in die Arme aufpustender Wassermänner? O Schaumtanz, o Schmeichelwelle,
-o Heimat der schaumgeborenen Göttin Aphrodite! Herfunkelnd ans
-knochig-männliche Festland -- und dem Greifenden zwischen den Fingern
-zersprühend, ein schillernder Schein!
-
-Am Bahnhof hatte ihn Schaller persönlich und ohne Chauffeur im
-Automobil abgeholt. Bei ihm saß noch ein würdiger alter Herr, dessen
-Wesen und Aussehen dem Ankommenden sofort angenehm und bedeutend ins
-Auge fiel. Es gibt Menschen, zu denen man auf den ersten Blick ein
-seelisches Verhältnis findet, als hätte man sich schon irgendwo einmal
-gesehen. Dieser alte Herr, gleichsam der erste Gruß auf spanischem
-Boden, wirkte in so merkwürdig anziehender Weise auf Ingo. Sie gaben
-sich mit so gelassener Selbstverständlichkeit die Hand, als wären sie
-gestern erst auseinandergegangen.
-
-Der mehr als sechzigjährige würdige Herr war ein Freund des
-Großkaufmanns und wurde als Konsul a. D. Ernst Bruck vorgestellt. Es
-war ein Mann von Mittelgröße mit schönem grauem Vollbart, graublauen
-Augen und einer klaren, hohen Stirn. Hätte er einen Turban getragen,
-man hätte ihn mit seinem tropisch gebräunten Angesicht für einen
-indischen Rajah halten können. Nur daß sein Wuchs nicht ragend genug
-und sein Benehmen bei aller ernsten Ruhe einfach und ohne jede Pose war.
-
-„Also steigen wir ein, fahren wir ab! Gepäck ist in Ordnung!”
-
-Frisch und händereibend sprang der Spielmann in das Fahrzeug, es war
-neuer Schwung über ihn gekommen. Wieder im Menschengewühl! Und Schaller
-hatte in seiner rauhen und lauten Weise seiner aufrichtigen Freude
-Ausdruck gegeben, den durchgeistigten Wanderer in seinem katalonischen
-Heim begrüßen zu dürfen.
-
-„Leider sind einstweilen meine Fremdenzimmer besetzt,” entschuldigte er
-sich, „und ich muß Sie ins Hotel bringen. Aber wenn Sie sich ausgeruht
-haben, werfen Sie sich gleich in Frack und kommen hinauf. Sie sollen
-eine festliche Versammlung finden. Es gibt einen Knalleffekt, die
-Mädels werden an die Decke hüpfen, außer mir und Bruck ahnt niemand
-Ihre Nähe. Um sechs Uhr, bitte! Bruck holt Sie im Auto ab. Übrigens
-fährt er morgen mit Frau und Tochter gleichfalls nach dem Montserrat,
-kann Ihnen also Führer und Dolmetscher sein.”
-
-Während sich Schaller am Steuer durch das Menschengewimmel der großen
-Stadt hindurcharbeitete, erzählte der Konsul, wie er seinen Freund
-vor einem Dutzend Jahren in Brasilien kennen und als tatkräftigen
-Geschäftsmann schätzen gelernt habe.
-
-„Ich baute damals eine Drahtseilbahn aus der Ebene nach einem Bergwerk
-auf den Kordilleren”, sprach er mit seiner wohltönenden Baßstimme, in
-einer langsamen, sachlichen Bestimmtheit, ohne jenes nervöse Fieber,
-das dem modernen Menschen bis in die tägliche Redeweise hinein das
-Gepräge gibt. Er bildete einen auffallend ruhevollen Gegensatz zu
-Schallers Temperament, bei welchem man immer das Gefühl hatte, daß er
-mit vorgerecktem Kinn, Fäusten und Ellenbogen um die Million kämpfe,
-unter der berüchtigten Losung, die seinen Angestellten nur allzu
-bekannt in die Ohren klang: „Wer nicht pariert, der fliegt!”
-
-Der Konsul, gemächlich in die roten Lederpolster zurückgelehnt, faßte
-seinen Fahrtgenossen ins Auge und sprach:
-
-„Ich kenne Sie übrigens schon. Meine Tochter, die viel liest, hat mir
-aus Ihrem Buch ‚Heroismus’ vorgelesen. Und Schaller erzählte mir von
-Ihrem Gespräch über die Titanic. Ich darf Ihnen wohl gleich bekennen,
-daß ich da ganz auf Ihrer Seite stehe.”
-
-„Die Titanic! Sie haben recht. Jene grauenhafte Katastrophe hat mich
-an das tiefste Problem gemahnt, das ich schon lange ungelöst in mir
-herumtrage und neulich in Lourdes wieder ernsthaft durchdacht habe: wie
-steht es um Tod und Jenseits? Die moderne Menschheit wirft sich mit so
-viel Tatkraft auf so viele Probleme -- warum nicht auf dieses?”
-
-Der Konsul nickte.
-
-„Vielleicht grade weil die modernen Menschen zu tatkräftig, zu unruhig
-sind. Man müßte, um einen Zugang zu dieser Frage zu finden, vor allem
-andren eine Entfieberung vornehmen, eine Entgiftung. Nun, das muß
-man der höheren Führung überlassen. In diesen Fragen stimme ich mit
-Freund Schaller nicht überein. Ich selbst bin auch nicht unmodern, was
-Tatsachensinn anbelangt; war Seemann, Ingenieur, Farmer, hielt mich
-als Konsul im Kaukasus, dann in Indien und Brasilien auf und habe mich
-nun in meiner Heimat Westfalen zur Ruhe gesetzt. Doch wir können ja
-wohl über diese Dinge noch in aller Ausführlichkeit auf dem Montserrat
-hoffentlich recht ergiebige Gespräche führen.”
-
-So waren sie die Rambla hinuntergefahren und hatten den Gast im Hotel
-abgesetzt.
-
-Stein war durch Stand und Erziehung an die geselligen Formen gewöhnt,
-so daß ihm der Übergang von nachdenklicher Einsamkeit zur gefälligen
-Vielsamkeit nicht schwer fiel. Als er nun vor Spiegel und Waschbecken
-den Eisenbahnruß hinwegspülte, besah er genauer als sonst seine äußere
-Erscheinung. Eine grad und gut gewachsene Statur, kurzes Blondhaar,
-milde mattblaue Augen, ein ungestutzt voller Schnurrbart und von den
-Augenwinkeln zu den Enden des etwas vortretenden Mundes zwei scharfe
-Linien, die eine edle Nase flankierten und dem gesundfarbenen Gesicht
-im Verein mit einer hohen und breiten Stirn geistige Strenge verliehen.
-Doch sobald er nur wenig lächelte, verwandelte sich die Strenge in
-sonnige, fast kindliche Güte; und gar sein lautes Lachen war nach
-Tonfall und Aussehen von herzbezwingender Macht. Neckerei wohnte gern
-in diesen Zügen und spielte oft um den beweglichen Mund; aber Spott
-und Schärfe hatten darin keine Wohnung; höchstens noch die Schwermut
-und eine gewisse verträumte Abwesenheit. Das zu kleine Kinn war der
-Gegensatz zu Schallers Bulldoggenkiefer und zur modernen Menschheit
-überhaupt; dieses Gesicht mit seinem hellen Leuchten, sobald es
-seelisch und geistig belebt war, paßte nicht in den Kampf aller wider
-alle. So sah ein Sonnenbringer aus, ein Götterbote aus dem Lande des
-Vertrauens, kein pfiffiger Späher aus dem Lande der Konkurrenz.
-
-Er legte sich auf den Diwan, hatte noch ein Stündchen Zeit bis zum
-Umkleiden und durchblätterte aufs Geratewohl die Gedichte des Novalis,
-die er in der Tasche trug.
-
- „Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun
- Und deinem Beistand fest vertraun,
- So löse doch des Alters Binde
- Und mache mich zu deinem Kinde!”
-
-Wen meint der Dichter? Die Madonna meint er. „Ich sehe dich in tausend
-Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt” ... Da taucht immer wieder die
-Jungfrau auf, das holde Urbild mütterlicher und zugleich kindlicher
-Weiblichkeit, die der Welt das Genie schenkt: denn aus den Augen des
-Kindes auf ihrem Arm leuchtet Geniefeuer. Das Geheimnis des Lebens ist
-in den Augen dieses Kindes, das den Tod überwunden und eine Bahn in
-den Kosmos zum „Vater” eröffnet hat. Ist die Jungfrau-Mutter Hüterin
-des Lebensgeheimnisses? Ist das Geheimnis der Geburt zugleich das
-Todesgeheimnis? Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel des Todes?
-Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel lebendiger Frauenschönheit?
-Warum sehn' ich mich nach dem einen Weibe -- und nach dem einen
-Gral? Wo sind sie vereinigt? Wo sind Spielmann und Gralsucher eins?
-Wo ist kein Zwiespalt mehr zwischen Leben und Tod, zwischen Poesie
-und Religion, zwischen freudig erfaßtem Diesseits und edel erkanntem
-Jenseits?
-
-Das Leichte und Frohe der Mozart-Mädchen hatte ihn, vor seinen Augen
-herschwebend, mit magischer Gewalt nach Spanien gelockt. In solchen
-Mädchen ist Glück, Wärme, Stille -- waren es vielleicht grade diese
-Eigenschaften, die er suchte, nicht die Mädchen selber? War es das
-knospenhaft in sich Geschlossene der Jungfrau, was so bezaubernd auf
-ihn gewirkt hatte?
-
-Jedenfalls war er entschlossen, heute abend eine Frage an das Schicksal
-zu stellen und die Entscheidung zu erzwingen: er war entschlossen,
-seine Briefe persönlich zu überreichen. Säuberlich waren die bedenklich
-warnenden Nachschriften der treuen Friedel abgeschnitten und im
-Notizbuch verborgen. Er steckte die Briefe, die noch vom blauen
-Band umflochten waren, behutsam in die Tasche seines Überziehers,
-dachte mit Dank und Teilnahme an die ferne Freundin, fühlte sich aber
-unwiderstehlich vorwärtsgetrieben. Sehenswert war gewiß morgen der nun
-so nahe gerückte Gralsberg; aber sein rauschhaftes Empfinden suchte
-zunächst einen andren Gralsberg irgendwo da oben am Gebirgszug Tibidabo.
-
-Und rasch und neckisch vollzogen sich nun die Ereignisse.
-
-„Wissen Sie, woher der Name dieses Berges kommt?” fragte Bruck, als sie
-miteinander in Schallers Automobil zum abendlichen Fest hinauffuhren.
-„~Tibi dabo~ ist lateinisch und heißt ja wohl: Ich werde dir geben.
-Nämlich alle Reiche und Herrlichkeiten der Welt, wie der Versucher zum
-Heiland sagte, so du niederfällst und mich anbetest. Aber der Heiland
-hat das freundliche Angebot dankend abgelehnt. Es ist also der Berg der
-ahrimanischen Täuschung und luziferischen Versuchung, wenn Sie wollen,
-der Berg irdischen Besitzes.”
-
-Der Konsul lachte sein sonores Lachen und schloß gelassen:
-
-„Unser weltkluger Materialist Schaller hat sich also seine Gralsburg an
-einen recht passenden Ort gebaut.”
-
-Ingo, in Frack und Zylinderhut, eine Teerose im Knopfloch, zwei
-Blumensträuße in Händen, lachte mit und vergaß in diesem Augenblick,
-daß er selber über den Schmerz einer kranken Freundin hinüber dem auf
-der Kugel schwebenden Glück nachjagte.
-
-„Ja ja,” sagte er, „ich erinnere mich seines handfesten Programms. Erst
-die Million, dann die Seele!”
-
-„Stimmt!” lachte Brucks Baßstimme. „Nämlich dem Teufel die Seele, wenn
-der ihm dafür die Million gibt! Aber Schaller ist gar nicht so schlimm,
-wie er manchmal tut. Auf die Zehen läßt er sich allerdings nicht
-treten. Teils durch Spekulation, teils durch Arbeit und zuletzt durch
-Heirat zwingt er die Dämonen des Reichtums in seinen Dienst.”
-
-Als Steins vornehme Erscheinung neben dem kleineren Bruck die
-gewundenen Wege des Zaubergartens zu Schallers Burg hinanstieg, war
-oben schon alles voll lustiger Gäste. Deutsch, Französisch und Spanisch
-klangen in allen Tonlagen durcheinander.
-
-Kaum in Sicht der Terrasse, wo sich die festlichen Menschen in der
-Beleuchtung des Sonnenuntergangs bewegten, wurden die Ankommenden vom
-Hausherrn selbst bemerkt.
-
-„Holla, die erste Überraschung!” rief er. „Mädels, hierher! Wen haben
-wir da? Den Troubadour!”
-
-Und er packte in seiner nervös-energischen Art die beiden jungen
-Damen an den Armen und riß sie herum, dem Kommenden entgegen, der den
-Zylinderhut zog, schon von weitem lachend grüßte und dann seine Blumen
-überreichte.
-
-Martha wurde glutrot, die Jüngste schlug in die Hände.
-
-„Der Baron!” rief sie, denn er wurde gesprächsweise nur der Baron
-genannt. „Martha, aber was sagst du nur! Hab' ich's nicht gleich
-gesagt, den werden wir noch einmal sehen?! Danke für die schönen
-Blumen, aber warum haben Sie denn gar keine Silbe mehr von sich hören
-lassen? Wir waren Ihnen schrecklich böse! Martha war anfangs fast
-melancholisch. Ich auch!”
-
-„So mach' ich heute abend alles wieder gut,” lachte Ingo, „ich werde
-grade zu Ihnen beiden verschwenderisch liebenswürdig sein.”
-
-So begrüßte man sich, hell und vertraut. Ingo wurde mit der
-Gesellschaft bekannt gemacht: da waren Brucks freundliche Frau und
-kränkelnde Tochter; Schallers Teilhaber, ein knochiger Geschäftsmann,
-mit seiner Gattin, einer unendlich mageren und unendlich graziösen
-Pariserin, ein Justizbeamter, ein Professor der Musik, Kaufleute,
-Herren und Damen aus der Gesellschaft, junge Deutsche, die in Barcelona
-geschäftlich tätig waren und sich an diesem Abend als Dolmetscher
-zwischen den zwei oder drei Sprachen nützlich machten. An wahren
-Schönheiten, das übersah der geübte Ingo mit raschem Blick, war nur
-noch eine echte Spanierin vorhanden, die den Namen Carmen trug und ihre
-Rasse prächtig vertrat.
-
-Aber Martha, obschon verlegen und ungelenk, überstrahlte alle.
-
-Stein war gewohnt, sich rasch auf eine Gesellschaft einzustimmen
-und den Ton zu treffen, der sich in das Menschenkonzert einfügte.
-Als man bei einem Rundgang durch die Räume am Flügel haltmachte und
-der Musiker einige Sätze aus der Mondscheinsonate zum besten gab,
-ließ ihm Ingo durch den Dolmetscher Komplimente machen über seine
-romanische Umfärbung Beethovens, und es entspann sich, mit Hilfe
-des geschickten Dolmetschers, ein Gespräch über Musik. Mit Carmens
-Eltern sprach er über den Unterschied zwischen Katalonien und dem
-übrigen Spanien; man stellte fest, daß Provence und diese spanische
-Nordprovinz sprachverwandt seien, und daß beim Kongreß der ~félibres~,
-unter Mistrals Führung, auch Kataloniens Dichtkunst vertreten war. Der
-vielgereiste Ingo freute sich an den melodischen spanischen Lauten.
-Und immer wieder, auch im Buschwerk des Kleingesprächs, wußte er durch
-irgendeine Lücke hindurch nach Martha zu spähen, die aber den Blick
-nicht erwiderte.
-
-Er war ahnungslos.
-
-Er machte sich innerlich Vorwürfe, weil sein Geschmack feststellte, daß
-sie hier, auf dem Parkettboden der Gesellschaft, nicht den günstigen
-Eindruck bestätigte, den er von ihr in Erinnerung trug. Die Bewegungen
-der Elsässerin waren -- zumal neben der Pariserin -- von schwerfälligem
-Rhythmus; sie glich einem zwar schlanken, aber etwas täppisch laufenden
-russischen Windspiel; ihr Gesicht war mehr treuherzig als geistvoll;
-auch unterhielt sie sich fast gar nicht, sondern ließ sich unterhalten.
-Er steuerte unauffällig durch die belebten Gruppen und machte sich
-kundschaftend an Frau Frank-Dubois heran, die ihm zur Tischdame
-bestimmt war.
-
-Die Herren boten den Damen den Arm; man zog zum Abendessen unter die
-Arkaden, die unterhalb der Terrasse mit vielen Säulen märchenhaft
-angelegt waren, mit Lampions und Blumen reizend verziert. Vier blinde
-Musiker aus Barcelona sorgten für Tafelmusik. Und nun ergossen sich,
-aus Silber, Porzellan und Kristall, die Genüsse der Tafel über die
-sehr laute und heitere Gesellschaft, wobei vor allem die Deutschen den
-südländischen Weinsorten, vom dunkelsten Purpur bis zum edelsten Gold,
-mit Bewunderung zusprachen.
-
-„Die Älteste sitzt neben mir,” hatte ihm Schaller mitgeteilt, „dafür
-hab' ich Sie zwischen Marthas Mutter und den Goldkäfer gesetzt, der für
-Sie schwärmt! Auf der andren Seite haben Sie den Geisterseher Bruck.
-Nehmen Sie sich also nach allen Windrichtungen in acht!”
-
-Und er hatte dem Baron zugeraunt, daß er sich mit der elsässischen
-Bourgeoisdame französisch unterhalten möge; sie halte das für
-vornehmer, und das Hochdeutsche falle ihr etwas schwer. Der
-thüringische Freiherr stutzte einen Augenblick; aber er war von andren
-Dingen erfüllt und sah in dieser würdigen Dame vor allem Marthas Mutter.
-
-„Madame,” sprach er, als sie bei Tisch saßen, „gestatten Sie, daß ich
-Ihnen eine drollige Geschichte erzähle? Auch Sie, Mademoiselle, meine
-muntere kleine Nachbarin, passen Sie auf! Wissen Sie, Madame, daß ich
-Sie und Ihre Tochter schon lange kenne? Ich besuchte in Straßburg
-im vorigen Herbst einen mir befreundeten Schriftsteller; dieser
-Schriftsteller hat einen Roman aus der Revolutionszeit geschrieben. In
-diesem Roman kommt eine Leonie vor, die sich zuletzt mit einem etwas
-pedantischen Hauslehrer verlobt. Als wir nun dort miteinander an einem
-großen Platz -- heißt er nicht Broglieplatz? -- vor einer Buchhandlung
-standen, kam eine Dame in Pelz und schwarzem Kleid mit ihrer schlanken
-Tochter vorüber. ‚Sehen Sie sich die junge Dame an’, bemerkte mein
-Freund: ‚so etwa sah Leonie aus.’ Das war in Straßburg. Und wen find'
-ich einige Monate später an der Riviera? Jene nämliche Leonie, die mir
-jetzt hier in Barcelona gegenübersitzt! Ist das nicht eine närrische
-Welt?”
-
-„~C'est charmant!~” rief die Junge. „Ich muß es gleich über den Tisch
-hinüber Martha erzählen.”
-
-Durch diese natürliche Art, sich zu geben, stellte Ingo rasch einen
-vertraulichen Ton her.
-
-Aber mit Madame Frank-Dubois entspann sich nach und nach ein immer
-kühleres politisches Gespräch. Sie vertrat, mit mehr Eigensinn als
-Begründung, den Standpunkt eines Teils der elsässischen Bourgeoisie,
-Anschauungen, die weder mit der Mehrheit des elsässischen Volkes
-noch mit den deutschen Empfindungen des Thüringers harmonisch
-zusammenklangen. Er ahnte hier Klüfte. Ihre Tochter, äußerte sie
-mit einem befremdlich anmutenden bürgerlichen Stolz, besuche nur
-französische Tennisplätze und Gesellschaften.
-
-„Was hat sie denn davon?” fragte Stein trocken. „Sie schließen sich
-also vom deutschen Kulturgebiet ab?”
-
-„Wir sind Elsässer.”
-
-„Genügt das? Mit diesem engen Grundsatz kommen ja die Elsässer in den
-Schmollwinkel.”
-
-„Für einen Fabrikanten kann es ja wohl gleichgültig sein, wo er sein
-Geld verdient.”
-
-„Ist der Mensch bloß zum Geldverdienen auf der Welt? Hat er nicht auch
-ein Vaterland?”
-
-„Bei uns Elsässern, die wir Verwandte in Frankreich haben und morgen
-vielleicht wieder französisch werden -- --”
-
-„Aha, _damit_ rechnen Sie also?! Glauben Sie denn wirklich, Deutschland
-werde das mit so viel Blut erkaufte Elsaß je wieder herausgeben?
-Gestatten Sie mir einmal in allem Ernst die Frage: Möchten Sie wieder
-französisch werden?”
-
-Madame Frank-Dubois zögerte; sie hatte sich nie viel mit diesen Dingen
-beschäftigt; sie machte eben mit, wie es in ihren Kreisen guter Ton
-schien.
-
-„Französisch werden?” wiederholte sie gedehnt. „Das nun grade nicht.
-Das würde doch wohl wirtschaftliche Störungen mit sich bringen. O nein,
-das eigentlich nicht! Nur -- --”
-
-„Nur eben auch nicht deutsch, nicht wahr?” lachte Stein. „Also weder
-Fisch noch Fleisch! Elsässer -- weiter nichts! O weh, wie würd' ich Ihr
-schönes Land bedauern, wenn es ein Zwitterding würde wie Luxemburg!
-Wissen Sie übrigens, daß auch ich elsässisches Blut in den Adern habe?
-Eine meiner Urahnen war aus dem oberelsässischen Adel und hat nach
-Thüringen geheiratet. Sehen Sie, damals sperrten sich die Elsässer
-nicht ab!”
-
-„Das sag' ich ja auch,” erwiderte Madame Frank-Dubois und atmete auf,
-denn es war ihr bei diesem Gespräch nicht behaglich gewesen, „drum geb'
-ich ja auch meine Tochter einem -- --”
-
-Hier klopfte Herr Schaller, der besorgt in diese Politik
-herübergelauscht hatte, hell und unternehmend ans Glas; und
-die erglühende Martha senkte den Kopf. Er erhob sich in seiner
-ragenden Größe und stemmte das Monokel ins Auge; sein kühnes und
-festes Herrengesicht glänzte wie die Rose in seinem Knopfloch; der
-studentische Schmiß glühte doppelt keck in der vielfarbigen Beleuchtung
-der Lampions. Die Saitenmusik schwieg; das Tischgespräch ging über in
-erwartungsvolle Stille.
-
-„Meine Damen und Herren,” sprach er auf deutsch, übersetzte aber
-sogleich jeden Satz mit eleganter Handbewegung ins Spanische, „die
-erste Überraschung des Abends bestand darin, daß ich Ihnen einen
-geistreichen Idealisten, den ich schätze und beneide, heute abend
-zugeführt habe.” Er winkte mit leichter Verneigung dem Baron zu. „Ich
-für mein Teil pflege offen meinen Realismus zu bekennen, denn ich mache
-gar kein Hehl daraus, daß mir der Sperling in der Hand lieber ist als
-die Taube auf dem Dache. Noch lieber ist mir _die Taube_ in der Hand
-als der Sperling auf dem Dache. Und ich bin in der glücklichen Lage,
-Ihnen sagen zu dürfen, daß ich ein Täubchen gefangen habe, eine schöne
-weiße Taube, die fortan meine Arche Noah über den Ozean des Lebens
-geleiten wird. Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, Ihnen meine Braut
-vorzustellen, Fräulein Martha Frank-Dubois!”
-
-Erstaunte Stille -- dann ein brausendes Hoch in allen drei Sprachen
-von allen Seiten des langen Tisches und der wunderlich gemischten
-Gesellschaft! Es war ein Knalleffekt! Man hatte geahnt, man hatte
-getuschelt; aber nur wenige waren auf die deutliche Tatsache gefaßt
-gewesen. Alles drängte nun zu dem Brautpaar heran, Gläser klangen,
-Glückwünsche flogen, Umarmungen fluteten über die Braut herab; und mehr
-als ein Tropfen des köstlichen Getränkes spritzte auf Tisch und Teppich.
-
-Stein saß vom Donner gerührt.
-
-Der Trinkspruch hatte ihn einfach niedergeschmettert.
-
-Die Andeutungen der Jüngsten während des Abends hatte er nicht
-verstanden oder auf sich bezogen; daß etwas in der Luft lag, hatte er
-nur vorübergehend empfunden. Jetzt saß der Troubadour mehrere Sekunden
-mit buchstäblich offenem Munde und starrte sein entzaubertes Ideal an,
-das sich mit der rosig verschönten Anstandsmiene eines gut erzogenen
-Mädchens erhoben hatte und Umarmungen über sich ergehen ließ.
-
-Dann aber kam ihm seine gesellschaftliche Schulung zu Hilfe. Er sprang
-auf, schlug in die Hände und rief immer wieder: „Großartig!”, küßte der
-Mutter die Hand, riß die Kleine übermütig ans Herz und nahm sie mit
-hinüber zur persönlichen Beglückwünschung. Denn alle Tischordnung war
-auf eine Weile zerbrochen.
-
-„Hätt' ich eine Ahnung gehabt!” rief er drüben. „Ich hätte mir's nicht
-nehmen lassen, mit Reim und Lautenklang das festliche Ereignis zu
-feiern.”
-
-„Es wäre zu nett, wenn Sie Ihre Laute mitgebracht hätten”, versicherte
-die Braut mit schicklicher Höflichkeit.
-
-Und so lachten sie und plauderten inhaltlose Sachen und bedauerten
-das Fehlen der Laute und schüttelten Hände und gingen nachher, als
-Schallers Geschäftsteilhaber ans Glas klopfte, um kurz und korrekt
-zu beglückwünschen, wieder an ihre Plätze. Die Woge der Festfreude
-legte sich einen Augenblick, schwoll aber immer wieder an; einige
-Mütter seufzten, daß ihnen der reiche Kandidat entgangen war, Steins
-Herz hämmerte, die Jugend war elektrisiert -- und alle miteinander
-strahlten, schwatzten, lachten und zechten um die Wette.
-
-Es wurde getanzt. Der Troubadour phantasierte später, als sich die
-Gesellschaft verteilte, so toll am Flügel, daß der spanische Professor
-vor Begeisterung aus dem Häuschen geriet. Schaller ließ sich die
-„Rosenlieder” singen, sein Leiblied; denn er wurde sentimental. Dann
-tanzte man wieder zur Musik der Blinden; die jungen Leute führten ein
-harmlos Scherzspiel auf; man trank sämtliche Spirituosen durch -- bis
-lange nach Mitternacht der Halbmond über Meer und Montjuich stand.
-Stein machte allen halbwegs hübschen Damen ebenso unbedenklich wie
-liebenswürdig den Hof; verliebte Paare lustwandelten im Garten; er
-glaubte sich zu entsinnen, Hände, Wangen und Lippen geküßt zu haben,
-sogar die leider nach spanischer Unart gepuderte und geschminkte Carmen.
-
-Gegen Morgen saß er schweren Hauptes in einem Automobil, hatte jedoch
-Besinnung genug, nach dem Überzieher zu tasten, ob die provenzalischen
-Briefe noch darin wären. Ja, da waren sie noch wohlbehalten an Ort
-und Stelle. Und so glitt er denn auf lautlosen Gummireifen mit seinen
-Briefen und mit seinem Rausch ins Hotel zurück, wo er lachend ankam und
-immer vor sich hinrief:
-
-„O Troubadour! o Troubadour!”
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zweiter Teil
-
-Ingos Einkehr
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Siebentes Kapitel
-
-Der Gralsberg Montserrat
-
- Wer ist der Gral?
- Das sagt sich nicht.
- Doch bist du selbst zu ihm erkoren,
- Bleibt dir die Kunde unverloren.
-
- _Richard Wagner_
-
-
-In stiller Größe walten über den wechselnden Schicksalen der Menschheit
-die Genien der Güte und die Meister der Innerlichkeit.
-
-Nicht ist es ihre Sache, sich um den Haushalt des Alltags oder das
-Getriebe der Gattung zu kümmern; das besorgen andre Geister und
-Dämonen, ruhelos den Erdball umdrängend.
-
-Aber die Meister warten. Die Meister warten auf einzelne erwachende
-Seelen. Und wenn ein Gralsucher sich losringt von den Trieben der Masse
-und fortan seinen persönlichen Weg sucht, so senden sie ihm ermunternd
-und beratend einen Lichtboten.
-
-„Dort ist ein Suchender deiner Teilnahme wert, lieber Bote”, sagen
-dann die Meister. „Geh hinab, werde sein Schutzgeist! Arbeite an
-seinem Herzen, durchdring' ihn mit dem Bewußtsein ewigen Wertes! Laß
-ihn stolz sein, doch ohne Hoffart! Sag' ihm, daß nicht Titanenwille
-den Göttersitz erobert! Denn wir sind es, die den durch uns
-hindurchrinnenden göttlichen Strom weiterschenken; aber wir schenken
-nur dem, der zur Erkenntnis stiller Größe nach Kampf und Irrfahrt reif
-geworden. Geh hin, lieber Bote, tue dein Werk!”
-
-Und die Lichtboten tauchen tatenfroh hinab in die Lebensfluten der Erde.
-
-Wenn aber Boten des Lichtes vorüberziehen an den Gestaden der Düsternis
-und der Vernüchterung und der Weichlinge, die an des Lebens Würde
-verzweifeln, so strahlt in doppelter Schönheit der Gottesboten Gesicht.
-
-Sie drehen der flammenden Schwerter flache Klinge dem Gestade zu, so
-daß ein Widerstrahl von dem kraftvollen Silber hinüberblitzt in das
-Land der Dumpfheit.
-
-Da hebt dort einer oder der andre sein Haupt: „Wer zieht vorüber? Wer
-hofft noch? Wer wagt noch an Freiheit und Freude zu glauben in diesem
-Räderwerk der Fronen?”
-
-„Ich, mein Bruder!” flammt es zurück. „Und sieh her, wie meine Muskeln
-straff und meine Blicke voll Mut sind und mein Atem den Busen schwellt!
-Sieh her, wie mir wonnig und wohl ist, weil ich wandeln darf als Bote
-der Gottheit!”
-
- * * * * *
-
-„Bis jetzt haben Sie Laute gespielt oder Klavier, Herr Spielmann”,
-sagte der Konsul. „Aber Sie kennen noch nicht die Macht und Tiefe der
-Orgel. Wie die Orgel zur Laute, so verhält sich der Montserrat zur
-Wartburg. Was Sie mir soeben aus Ihren Blättern über Lourdes vorgelesen
-haben, läßt mich annehmen, daß Sie dort eine erste Weihe empfangen
-durften: das heißt, eine Ahnung von den höheren Gesetzen, die hinter
-dem Sichtbaren walten. Vielleicht gibt Ihnen dieser Berg eine zweite
-Weihe. Und das Leben selber hernach die dritte und beste.”
-
-Sie saßen bereits in der Bahn, als diese Worte gesprochen wurden. Das
-Reiseziel der Familie Bruck und des Spielmanns war nicht mehr fern.
-
-Der Felsenberg Montserrat erhebt sich einsam und majestätisch aus den
-Hügeln der katalonischen Landschaft.
-
-Nähert man sich an duftigem Sonnentage von Barcelona her dem Städtchen
-Monistrol im vielgewundenen Tal des Llobregat, so scheint sich
-plötzlich am Horizont ein Wolkengebirge zu türmen. Man späht genauer --
-und man entdeckt mit erhabenem Staunen: es sind keine Wolken, es sind
-Felsen!
-
-In abenteuerlichen Steinformen zackt sich der gewaltige Berg wie
-eine Walhalla aus den Dünsten des Flachlandes empor. Sein Name ist
-Montserrat, das heißt Zackenberg, weil wie die Zähne einer Säge diese
-Kammlinie zerrissen und zerschnitten ist. Und um so wirksamer ist der
-langgestreckte und hohe Felsenbau, weil er sich einsam mitten in wenig
-hohen, zerwaschenen Lagerungen der katalonischen Lehmhügel erhebt.
-
-Die Phantasie gesellt sich hinzu und verbindet mit dieser Stätte eine
-der tiefsinnigsten Legenden.
-
-An diese hohe Felsenburg heftet sich eine Sage, die aus keltischen
-Bezirken stammt. Der Montserrat ist der mittelalterliche Montsalvat
-oder Munsalvaesche der Gralsage.
-
-Dem Gralsucher Ingo von Stein war der Gral, dieses geheimnisvolle
-Becher-Kleinod, das verjüngende Kraft gibt, lange schon anziehend und
-bedeutsam. Er fühlte längst den unbestimmten Drang, durch Klingsors
-Gärten und Blumenmädchen hindurch diesen schwer zu erreichenden
-Einsiedlerberg zu besuchen. Doch ohne Kenntnis des Spanischen ist
-die Fahrt zum Montserrat beschwerlich. Es ist oben, auf einer
-Felsenterrasse, eingenistet in eine Schlucht, nur ein großes
-Benediktinerkloster mit allerlei umfangreichen wirtschaftlichen
-Gebäuden und Logierhäusern. Ein Gasthaus nebst Kaufladen ist zwar
-auch vorhanden, aber kein eigentlicher Hotelbetrieb, nur einige
-Laienbrüder, die das Gepäck besorgen. Die Gäste, die familienweise
-kommen, erbitten sich je nach ihrer Kopfzahl in irgendeinem der
-Logierhäuser eine Wohnung und bereiten in der dazu gehörigen Küche ihr
-Essen selber. Durch ein schickliches Trinkgeld entschädigt man das
-Kloster für die Gastfreundschaft. So sind dem einzelnen Ausländer die
-Zugangsbedingungen erschwert; doch um so ungehemmter kann er sich dann
-der Einsamkeit des Berges überlassen.
-
-„Ich glaube gelesen zu haben,” äußerte Stein, als er mit der Familie
-Bruck auf der gewundenen Zahnradbahn im Schatten der Felsenwände
-hinauffuhr, „daß schon Wilhelm von Humboldt begeistert von diesem
-Berge gesagt hat, er habe nie einen ähnlichen Anblick genossen, denn
-an dieser Stätte vereinige sich alles, was einer Landschaft Größe und
-Schönheit zu geben vermag.”
-
-„Sie werden staunen”, sagte der Konsul. „Ich war schon vor Jahren
-oben.”
-
-„Im übrigen muß ich Ihnen gestehen, daß ich Spanien nicht sehr liebe”,
-fuhr der Troubadour fort. „Es ist Grausamkeit in diesem Volk der
-Stierkämpfe; sie haben Peru und Mexiko vernichtet, waren mit Bluthunden
-hinter den Indianern her, haben Torquemada, Alba und die Inquisition
-erzeugt -- ein fanatisches Land, kein Land der Liebe!”
-
-„Immerhin, sie hatten auch den Vorkampf gegen die Mauren”, fügte
-Bruck ausgleichend hinzu und strich nachdenklich seinen Druidenbart.
-„Sie haben in ihrer Art, unter dem Cid zum Beispiel, den Gral des
-Christentums gegen die Araber behütet.”
-
-„Das ist wohl wahr”, räumte Ingo ein. „Aber es saßen damals Germanen
-in Spanien: Goten. Und erst im mittelalterlichen Deutschland hat sich
-der Gralsgedanke vertieft. Es ist vielleicht eine europäische Mission
-der Germanen, solche Gedanken zu pflegen und wachzuhalten. Wolfram von
-Eschenbach hat sie nach Deutschland getragen, Richard Wagner hat die
-alte Burg neu erbaut im Herzen moderner Kultur und Kunst.”
-
-„Wer ist der Gral?” zitierte Brucks belesene Tochter aus Wagners
-Parsifal. „Das sagt sich nicht; doch bist du selbst zu ihm erkoren,
-bleibt dir die Kunde unverloren.”
-
-„Waren Sie in Bayreuth?”
-
-„O ja! Und sahen den Gral und das Nibelungengold.”
-
-„Wunderbare Gegenstücke! Der Edelstein des Heils -- und das Gold des
-Unheils! Jener kommt aus der Höhe -- dieses aus den Tiefen. Dort eine
-Taube -- hier ein Drache. Wunderbar!”
-
-„Ja, und dort Reinheit, hier Begierde. Man kann sagen, daß Parsifal ein
-geläuterter und erlöster Siegfried ist. Auch der Drachentöter hat einen
-Speer, tötet damit und wird getötet. Aber Parsifals Speer heilt.”
-
-Ingo und Bruck verstanden sich erstaunlich in der Deutung dieser tiefen
-Symbole; sie nahmen einander förmlich das Wort von den Lippen und
-setzten sofort ein, wo der andre aufhörte. Im hochgebildeten Freiherrn
-von Stein wurde die einfach-große Madonnen-Stimmung von Lourdes wieder
-lebendig; es arbeitete etwas in seinem ganzen Organismus. Sein Zustand
-war kein Denken, sondern mehr als dies, auch das Denken umfassend:
-sein Zustand war einsaugendes Erleben. Und Bruck selber, einem alten
-Barden an Gestalt nicht unähnlich, schien gefüllt zu sein mit solchen
-Gedanken, deren plastische Kraft durch sich selber und ohne Beweis
-überzeugte.
-
-„Da nach der Sage so viele Ritter das Kleinod des Grals gesucht haben,”
-sprach der Freiherr, „so muß es sehr schwer zu erringen, sehr kostbar
-und sehr geheim sein.”
-
-„Das Einfachste ist meist das Schwerste”, warf Bruck ein.
-
-„Ja, denn diese großzügige Einfachheit ist eine Summe von tiefsinnigen
-und verwickelten Dingen, aber ins Klare gebracht”, fuhr Ingo fort. „In
-einem Tautropfen spiegelt sich eine ganze Umwelt. Und so ist wohl der
-Gral gesammelte Kraft.”
-
-„Ganz gewiß, und zugleich Heiligkeit, Lebensheiligung, denn er hängt
-mit dem Karfreitag zusammen.”
-
-„Sehr wahr, er ist eine Mischung aus keltischer Sage und christlicher
-Legende. Die Sage vom Wunschgefäß -- vom Tischleindeckdich --
-vereinigte sich mit der Kunde von jener heiligen Schale, aus der das
-letzte Abendmahl gehalten worden und in die Joseph von Arimathia
-Christi Blut aufgefangen hat. Die Sage ist also ritterlich und religiös
-zugleich. Welt und Himmel, Abenteuer und Gebet, Phantasie und Ethik!
-Ja, bis ins alte Indien führt sie zurück: das Wunschgefäß, das so
-viel Segen gibt, soll die Sonne selber sein, aus den Drachenwolken
-herausgekämpft von Indras Speer.”
-
-„Da dieses leuchtende Kleinod aus den geistigen Welten kommt, hat man
-es sogar für einen Meteorstein gehalten,” fügte Bruck hier lächelnd ein.
-
-„Und Munsalvaesch mag man ja von ~sauvage~ ableiten und als Wildenberg
-deuten”, meinte Ingo. „Doch sinniger deucht mir die Ableitung von
-~salvus~: Heilsberg.”
-
-„Ein materialistisches Geschlecht hat das Geheimnis des Grals
-verloren”, schloß der Konsul und schaute ernst an den Tempelmauern
-dieses gigantischen Berges empor. „Denn sie haben heute weder Ehrfurcht
-noch Heiligtum und müßten in einer neuen Mysterienschule erst wieder
-nachdenksame Einsamkeit lernen.”
-
-Als sie hinaufkamen vor die großen, vielstöckigen und mehr massiven als
-schönen Häuserkasten aus rötlichem Stein, die sich unter überhangenden
-grauen Felsen neben Kloster und Kirche ausbreiten, verhandelte der
-Konsul mit den Angestellten und ließ sich eine Wohnung von zehn Zimmern
-öffnen, so daß jede Person zwei Zimmer zur Verfügung hatte. Ein
-Vorraum und ein Eßzimmer in der Mitte blieb dem gemeinsamen Gebrauch
-vorbehalten; die Betten wurden überzogen; ein Glasschrank enthielt die
-nötigen Gläser und Geschirre.
-
-Und nun war man behaglich allein in dem fast noch unbewohnten,
-großen, hallenden Hause, das nur im Hochsommer mit Flüchtlingen aus
-der Bruthitze der Ebene überfüllt zu werden pflegt. Frau Bruck hatte
-ihr Dienstmädchen mit; es knisterte bald in der Küche; und Ingo saß,
-als Gast dieser ernstgestimmten Familie, mitten in Spanien an einem
-deutschen Tisch.
-
-Die Frauen, von häuslichem und unauffälligem Wesen, beide mit warmen
-braunen Augen, deren Blick wohl tat, zogen sich früh zurück. Die
-Tochter, eine junge Witwe, barg irgendeinen Lebenskummer, auf den man
-aber nicht zu sprechen kam. Die beiden Männer packten ihre Lodenmäntel
-aus und schritten dann miteinander in den kühlen Abend, eingehüllt wie
-Mönche, um in der Kirche dem berühmten Vespergesang zu lauschen.
-
-Denn die Mönche des Montserrat sind berühmt durch ihre Musikschule. Sie
-unterrichten dreiunddreißig Knaben als Schüler; nur begabte Jugend wird
-dieser Ehre teilhaftig. So kann man dort im Zauberdunkel der Kirche,
-besonders abends, eindrucksvolle Kirchenmusik vernehmen; biegsamen und
-hellen Knabenstimmen antworten männliche Gegenchöre der Mönche; beide
-Gruppen bleiben unsichtbar; und die Begleitung der Orgel wird verstärkt
-durch ein kleines Orchester. So ist der ganze Raum, in dem nur wenige
-Beter anwesend sind, erfüllt von gregorianischer Kirchenmusik.
-
-Auch hier bildet die Statue einer Jungfrau den Herzpunkt der
-Kirche: eine Madonna, angestrahlt von vielen Kerzen. Sie steht über
-dem Altar unter einem goldverzierten Bogenwerk, inmitten eines
-maurisch-byzantinischen Chors, der von Gold funkelt. Die Jungfrau
-ist blütenweiß gekleidet, das Kleid bauscht sich nach unten, viele
-Kerzen vereinigen ihre Leuchtkraft: aber ihr Gesicht ist schwarz. Das
-Maurische des Chors und die Schwärze der Jungfrau wirken fremdartig und
-orientalisch.
-
-Dieses höchste Heiligtum Kataloniens entstand vor einem Jahrtausend
-im Grenzkampf zwischen arabischer und christlicher Kultur, zwischen
-semitischen und christlichen Vorstellungen. War es das Erbe vielleicht
-schon eines phönizischen oder vorarischen Heiligtums? Der Berg ist ja
-ein riesenhafter Altar. Es saßen zur Zeit der Maurenkämpfe Goten in
-Spanien; Gundomar hieß der Bischof, unter dem vor tausend Jahren das
-Bild gefunden wurde. Die schwarze Holzfigur soll aus Palästina stammen
-und war in einer Höhle des Berges verborgen; noch heißt die Grotte
-~cueva de la virgen~; Hirten sahen dort jeden Sonnabend einen Glanz --
-man drang mühsam vor und fand diesen heiligen Gegenstand. Eine Grotte
-und eine Madonna auch hier -- wie dort in Lourdes!
-
-Von einem Gral weiß diese kirchliche Legende nichts. Man müßte denn
-dieses wohlbehütete, angeblich aus Palästina stammende Jungfrauenbild
-als einen heiligen Gral ansprechen; wobei die ehemaligen Einsiedler als
-Gralsritter zu betrachten wären.
-
-Der Konsul erzählte dies alles.
-
-„Es waren einst”, fuhr er fort, „da oben auf dem weitgedehnten
-Felsenberg, noch höher als das Kloster, zwölf Einsiedeleien über den
-Montserrat zerstreut, mit einer dreizehnten -- Santa Anna -- in der
-Mitte, worin der älteste und würdigste dieser Eremiten wohnte, während
-immer der jüngste die fernste und steilste Klause -- San Jeronimo --
-zugewiesen bekam. Nun ging damals über den ganzen Berg ein sogenanntes
-ewiges Geläute. Um zwei Uhr morgens gab die Klosterglocke das Zeichen:
-die Mönche erhoben sich und zogen zu Gebet und Gesang in die Kirche;
-nach bestimmter Zeit nahm die nächste Einsiedelei Glockenzeichen
-und fromme Übung auf; und in genauer Reihe und Zeitfolge setzte sich
-das fort, bis um Mitternacht San Jeronimo den Beschluß machte. An
-bestimmten Tagen und Stunden vereinigten sich alle Eremiten bei Santa
-Anna, im Mittelpunkte des Hochtales; von dort wanderten sie nach einem
-Felsenvorsprung, von wo das Kloster sichtbar war, und sangen das
-~salve regina~ herunter. Viele Äbte und andre hohe Geistliche haben
-sich nach arbeits- und studienreichem Leben hierher zurückgezogen und
-sind Einsiedler geworden, oft von Königen und Fürsten in ihrer Stille
-besucht und um Rat gefragt. So ist die Luft dieses Berges magnetisiert
-von heiligen Gedanken. Und Loyola folgte einer richtigen Ahnung, als
-er sich nach seiner Bekehrung hierher begab und in dieser geweihten
-Luft seine berühmten Exerzitien schrieb. Denn dieser Berg hat viel
-Magnetismus, ich spüre das.”
-
-Stein saugte mit erstaunten Sinnen diese absonderlichen Dinge ein.
-Der Montserrat, dessen sich jetzt die Nacht bemächtigte, wurde immer
-sprechender und merkwürdiger. Diese Felsengebilde da oben waren
-Statuen; hatte ein Urvolk seine Götter in Stein gehauen?
-
-Die beiden Wandrer fühlten sich erhaben gestimmt von der ungewöhnlichen
-Kirchenmusik und ergingen sich auf dem äußersten Vorsprung, wo ein
-Denkmal an jenen spanisch-französischen Kampf aus der napoleonischen
-Kriegszeit erinnert, dem die Einsiedeleien zum Opfer gefallen, nachdem
-ein französischer General von San Dismas herab das damalige Kloster in
-Grund und Boden geschossen hatte.
-
-Unter dem Schein des wachsenden Mondes erhöhte sich noch das
-Phantastische der Felsformationen. Und phantastisch antwortete dem
-Berge das verschnörkelte Land mit dem Flußlauf des vielgekrümmten
-Llobregat. Überall ausgeschwemmte Tonerde, mit kahlgewaschenen
-Felsenzügen dazwischen, voll von Runzeln und Schrunden, einer
-Mondlandschaft nicht unähnlich.
-
-„Abenteuerlich!” rief Stein. „Man ist in einer Märchenstimmung, ganz
-dem Gewöhnlichen entrückt!”
-
-„Und eine abenteuerliche Situation!” fügte er für sich selber hinzu,
-als er sich nachher in der eisernen Bettstelle dehnte. Er schaute sich
-noch einen Augenblick in dem schmucklosen weißgetünchten Zimmer um und
-löschte dann die Kerze.
-
-Grimmig zog er die Wolldecke um die Ohren und lachte grimmig über den
-Schabernack, den ihm das Schicksal da unten in Barcelona gespielt
-hatte. Bitterkeit lag nicht in seiner Natur; aber Wehmut wuchs im
-Laufe der lautlos ruhigen Nacht. Kein Geräusch der Ebene drang
-an sein Ohr; nur in ferner Schlucht vernahm er den Gesang einer
-Nachtigall. Die Steingiganten über ihm hielten ritterliche Wacht; der
-unvollkommen leuchtende Mond warf die langen Schatten dieser Ritter den
-mitternächtigen Berg entlang. Welche Wirkungen des Mondes!
-
-So lag er lange wach und horchte in die große Nacht und glaubte der
-Erde und seinem bisherigen Leben entrückt zu sein -- auf einen Felsen
-geschwemmt, wie ein Schiffbrüchiger der Titanic.
-
-Nach und nach gestaltete sich diese erste Nacht auf dem Montserrat,
-hoch über den Eisenbahnpfiffen der unruhigen Erde, zu einer stillen
-Rückschau.
-
-Er zog die Summe seines bisherigen Lebens.
-
-Vor fünf Jahren hatte sich Ingo von Stein in den Gärten am Horn zu
-Weimar eine Wohnung eingerichtet, hatte Bibliothek, Klavier, Gemälde,
-Büsten, Fernrohr und andre Dinge geschmackvoll untergebracht und
-gedachte nun seinem Ideal einer persönlichen Universalbildung schaffend
-nachzuleben. Doch die Meister seines Schicksals waren damit noch nicht
-einverstanden. Sie stellten Friederike von Trotzendorff zwischen ihn
-und seine Braut. Und als Friedels geniale Natur alle Register ihrer
-Phantasie- und Gefühlsromantik zog, trat die herbe, gefühlskeusche,
-etwas menschenscheue Elisabeth still zurück; der Briefwechsel mit ihr
-entschlief; sie wurde Krankenschwester beim Roten Kreuz und begab sich
-später zu ihrer Schwester nach Pommern. Aber das Kleeblatt bereiste
-Italien und England, ging allsommerlich nach Bayreuth und Tirol oder
-an die See; und der Statistiker und Soldat Richard war glücklich,
-daß die gern fliegende Gattin einen Flugkameraden gefunden hatte.
-Ingo selber tat tiefe Einblicke in den Reichtum, die Zartheiten,
-die Wunderlichkeiten einer Frauenseele und wurde durch diesen Bund
-im Innersten gefördert, ja -- wie sie oft scherzend sagte -- mit
-Genialität angesteckt. Bis dann diese Kameradschaft, durch zwei
-harmlose Mädchen, in der Provence und am Fuße der Pyrenäen, in der
-bisherigen Form zerschellte. Und -- seltsame Fügung! -- gleichzeitig
-trat Elisabeth wieder in Sicht! Und zwar dort in Lourdes, inmitten
-der ernsten Krankenstimmung, die so viel stille Kraft entfaltet, dort
-bei Bernadette und ihrer wundersamen Madonna! Die heitre Schar der
-Troubadours -- und dann die ernste Schar der Kranken von Lourdes: --
-welch ein Gegensatz!
-
-„Seltsam das alles!” dachte der Gralsucher. „Elisabeth, die
-Krankenpflegerin, hat sich immer dem Lebensernst gestellt und war auf
-soziale Fürsorge gestimmt -- doch Friedel und ich? Wir sind immer
-davongeflogen in heitre Gefilde. Kann es da keinen Ausgleich geben?
-Damals wär' ich Spießbürger geworden, hätt' ich mich mit Elisabeth in
-jenes gemächliche Heim eingelullt -- aber jetzt? Sind heimliche Führer
-über meinem Leben? Haben sie Friedel benutzt, wie sie sich jetzt der
-Mozart-Mädchen bedienten? Ach, ihr seid mächtiger als ich! Ihr führt
-mich im Zickzack durch die Welt, foppt mich mit hübschen Gesichtern --
-und werft mich zuletzt auf diesen einsamen spanischen Berg, nachdem ihr
-mir Elisabeth und Friedel und diese kleine Martha genommen habt! Ist
-das der Gral? Ist dies nun das unbekannte Land, das ich suche?”
-
-Immer wieder blitzte in seine beginnende Schwermut der Gedanke hinein,
-es sei dennoch planmäßige Führung höherer Mächte, die hinter dem
-Sichtbaren stehen.
-
-„Ist der Gral vielleicht gar keine fertige Sache -- so wenig wie jener
-Tempel? Kristallisiert er sich vielleicht in uns nach und nach? Und
-leuchtet dann als ein Licht inmitten des Lebenstempels, den wir selber
-nach und nach aufbauen?!”
-
-Er rollte sich qualvoll in seiner Wolldecke hin und her; Sinnenhunger,
-Lebenshunger, Gestaltungsdrang glühte in dem gesunden jungen Manne,
-der hier vereinsamt, von weiblicher Liebe verlassen, auf dem weltfernen
-Montserrat lag. Denn nicht mit Bausteinen der Romantik allein baut man
-die Gralsburg, sondern nur aus der Fülle wirklichen Erlebens ...
-
-In der gleichen Nacht schaute der wachsende Halbmond in das Fenster
-eines Sanatoriums in München, wo eine schöne Frau bei elektrischem
-Licht schlaflos lag und unter Schmerzen der Seele und des Körpers
-umsonst zu lesen versuchte.
-
-In der gleichen Nacht kauerte ein halbwüchsiges Mädchen zu Barcelona im
-Nachtgewand auf dem Bettrand der älteren Cousine und unterhielt sich
-mit ihr darüber, daß der Baron eigentlich noch netter wäre als Onkel
-Schaller, und daß ihn Martha gewiß genommen hätte, wenn er ein wenig
-früher gekommen wäre. Und unten saß Madame Frank-Dubois mit Marthas
-Bräutigam zusammen und rechnete ihm vor, daß sie ihrer einzigen Tochter
-vorläufig rund hunderttausend Mark mitgeben könne.
-
-In der gleichen Nacht stand in Thüringen die hohe Gestalt des Fräulein
-Elisabeth von Stein-Birkheim am Bett ihres schwerkranken Vetters und
-gab der neuen Krankenschwester Anweisung, wie der Kranke zu pflegen und
-zu beköstigen sei, da sie selbst am andren Morgen mit der leidenden
-Mutter an den Genfer See reisen mußte. Dann fuhr sie spät in der Nacht
-im Wagen durch den Mondschein nach Hause und empfand es in stillem
-Hinträumen als ein großes Glück, Leidenden helfen zu dürfen. „Es ist
-auch eine Form von Liebe”, fügte sie leise hinzu, nistete sich in ihren
-Pelz ein und schloß seufzend die Augen.
-
- * * * * *
-
-„Wir zwei werden heut' allein den Gralsberg besteigen”, sprach Konsul
-Bruck am andren Morgen. „Meine Damen lassen sich entschuldigen, sie
-sind müde und möchten einstweilen ausruhen.”
-
-Also nahmen die beiden Herren Lebensmittel in den Rucksack, Lodenmäntel
-auf den Arm, Stock in die Rechte und stiegen durch Morgennebel eine
-schmale Schlucht empor zu den Ruinen der Einsiedeleien.
-
-Diese Schluchten sind üppig durchwachsen mit Efeu, Rosengebüschen,
-Buchsbaum und Steineichen nebst andren Bäumen und Büschen dieses
-pflanzenreichen Landes. Die Stufen sind neu zurechtgehauen, enge
-Stellen zwischen den Felsen sind erweitert. So kommt man, wenn man
-die letzte schmale Felsenpforte überschritten hat, plötzlich in ein
-wildschönes Hochtal hinan, in dessen Mitte die spärlichen Trümmer der
-Einsiedelei Santa Anna liegen, und das aufs neue von gigantischen
-Felsen umstanden ist -- ein doppelt großartiger Anblick, wenn die
-mächtigen Steingebilde durch ziehende Nebelwolken hindurch sichtbar
-sind.
-
-Diese Felsen sind rundbäuchig und kegelförmig, oft in dichten Gruppen
-aneinandergebacken; sie sehen manchmal aus wie Donjons und Bastionen;
-dann sitzt es wieder wie ein verzauberter Kopf auf der unteren Säule;
-und oft scheint ein riesiges Profil herüberzudrohen aus diesen grauen,
-kieseldurchsetzten Monolithen, aus diesen versteinten Termitenhaufen.
-In einzelnen Ballen wirbelt der Nebelrauch vorüber, als stände jenseits
-des Montserrat eine Welt in Brand. Grün und grau im Wechsel sind die
-Farben dieses Hochlandes, das vor Winden geschützt und nur nach Osten
-offen ist, wo jetzt die Sonne durch die Nebel zu brechen sucht.
-
-Von einem Vorsprung zur Rechten aus entdeckt man noch einmal unten die
-Klostergebäude; hier war es, wo die dreizehn Einsiedler das ~salve
-regina~ zum Heiligtum hinuntersangen. Und hier, auf diesen spärlichen
-Mauerresten, standen Eremitage und Kapellen von Santa Anna. Weiter
-oben sind die Trümmer von San Benito; und ganz oben und hinten, ein
-wahrhaftiges Schwalbennest an scheinbar unzugänglichem Felsen, hängt
-das Trümmergemäuer der Einsiedelei San Salvador.
-
-Deutlich vernahmen sie den Schall der Klosterglocken; denn dieses
-Hochtal mit seinen Felsen ist ein Schallfänger. Amseln schmetterten
-in der Ferne; kleinere Singvögel belebten mit leiseren Stimmen die
-liebliche Nähe.
-
-Einsiedlerstimmung! Karfreitagszauber!
-
-Eine Hummel hing am Thymian und summte dann mit tiefem Ton von Blume
-zu Blume, so daß es klang wie unterirdischer Glockenhall, der dem
-Glockenton des Klosters Antwort gab. Alle Geräusche, auch die Stimmen,
-erhalten zwischen jenen Felsen volleren Hall und stärkere Bedeutung.
-Die Einsiedler durften sich kein Haustier halten; sie aßen kein
-Fleisch; aber ihre Gefährten waren die wilden Vögel, die sich unscheu
-in der Hütte niederließen und mit dem frommen Manne Freundschaft
-schlossen. Gebet, Geläut und Vogelschlag klangen zusammen bei dieser
-~laudatio perennis~, diesem ewigen Lobgesang, der über den Berg ging.
-
-Auf den Trümmern von San Benitos Einsiedelei sitzend, wo eine
-Steineiche aus den Überbleibseln der Mauer dringt, vernahmen die
-Wanderer vom tiefen und unsichtbaren Kloster her Kirchengesänge.
-Zugleich wurde das östliche Land ein wenig nebelfrei und gestattete
-einen Fernblick auf die spanische Ebene. Drüben aber, am scheinbar
-pfadlosen Felsensaum, schritt ein Mann mit einem belasteten Maultier
-langsam zu Tal. Im übrigen war das ganze Gelände von einer erhabenen
-Einsamkeit.
-
-„Wir wollen höher hinan,” schlug Ingo vor, „wir wollen uns einen Weg
-nach San Salvador bahnen.”
-
-Der Fußpfad nach dieser hohen Ruine ist kaum zu sehen und durch
-Gestrüpp versperrt. Doch oben ist ein gefälliges Höhlengemach in den
-Felsen eingehauen, ein prachtvoller Sitz, der die Mühe des Aufstiegs
-lohnt. Die wohnliche Grotte ist durch eine Röhre mit einer höher
-gelegenen Zisterne verbunden, so daß der Siedler wie aus einem
-Brunnenrohr Wasser auslassen konnte. Diese Eremiten ließen es sich
-angelegen sein, zunächst eine Zisterne anzulegen auf diesem nicht
-wasserreichen Bergland, indem sie durch eingegrabene Rillen Wasser
-sammelten. Sie ummauerten den Behälter und schützten das wertvolle
-Naß gegen die Sonnenglut. Auch Spuren eines Gärtchens sind bei
-San Salvador. Die Wanderer entdeckten blaue Lilien und Goldlack
-und beschlossen, diese Gaben der hohen Wildnis später den Damen
-hinunterzubringen. Und welch ein uralt Gemäuer! Schon im Jahre 1272
-starb hier oben ein Anachoret, der fünfundvierzig Jahre diese hohe
-Siedelei bewohnt hatte. Der Blick von hier nach Süden und Osten, über
-die wechselnd beleuchtete Ebene, fängt gewaltige Schönheit ein. Gegen
-den Nordwind schützen Felswände. Und durch das Gestrüpp tastete sich
-Ingo zu einem Pfad, der nach einem neuen Hochtal Ausblick gewährte:
-nach San Antonio und jenem natürlichen Felsenturm, der Caball Bernat
-heißt. Ein Falkenpaar umkreiste die Fremdlinge; ein Kuckuck rief aus
-dem neuen Frühlingstal herüber; Felsen-Rundtürme erhoben sich in
-unmittelbarer Nähe, Giganten der Urzeit, verzauberte Gralsritter, die
-in dieser feierlichen Einsamkeit ein Geheimnis hüten.
-
- „Ist dies der ältesten Götter
- Unheimlich erhabenes Haus?”
-
-Stein sprach es vor sich hin, am Eingang der Höhle auf seinem Mantel
-liegend, während Bruck Vorräte auspackte.
-
-Der Troubadour hatte die Laute zu Hause gelassen. Sie paßte mit ihrem
-idyllischen Geklimper nicht mehr in solche großzügige Umgebung. Doch
-schrieb er sich einen poetischen Gedanken auf, unter dessen Eindruck er
-stand.
-
- „Ist dies der ältesten Götter
- Unheimlich erhabenes Haus?
- Großartige Steingestalten
- Schauen herab und hinaus.
-
- Titanen der ältesten Rasse
- Belebten titanisch den Stein;
- Sie prägten die eigene Größe
- Dem großen Gebirge ein.
-
- Sie gaben den Felsen Gesichter:
- Da ragten gespenstisch rings
- Die gralbehütenden Ritter,
- Die Memmonsäule, die Sphinx ...”
-
-„Sie haben mich neulich”, begann Bruck nach einer Weile, scheinbar
-ohne Anknüpfung an Gral und Sphinx, „auf dem Festabend in Barcelona
-verwundert ins Auge gefaßt, als Schaller die Worte hinwarf, Sie möchten
-sich vor mir hüten, denn ich sei ein Geisterseher. Es war Scherz von
-Schaller; aber in Wahrheit verachtet er meine Weltanschauung gründlich,
-was mich übrigens weder wundert noch ärgert.”
-
-„Ich erinnere mich”, erwiderte Stein. „Wir sprachen ja wohl an jenem
-Abend auch von Elfen und Nixen?”
-
-„Ganz recht! Sie sagten einmal: Wenn's Elfen gäbe, worauf ich
-erwiderte: Warum soll's denn die nicht geben?”
-
-„Ja, ich erinnere mich dessen deutlich.”
-
-„Nun gut,” fuhr der Konsul fort und strich mit der ihm eigenen
-unerschütterlichen Gelassenheit seinen grauen Vollbart, „ich habe meine
-Verteidigung oder Erklärung aufgeschoben bis zu dieser ruhigen Stunde.
-Und da Sie mich gestern abend wiederum verwundert anschauten, als ich
-vom Magnetismus dieses Berges sprach, bin ich Ihnen nähere Mitteilungen
-schuldig. Sie sind zwar ein philosophisch und literarisch gebildeter
-Mensch; aber mir wäre das wohl zu farblos. Ich brauche Tatsachen. Und
-so war ich zunächst Materialist, bis mich vor etwa zehn Jahren allerlei
-Erlebnisse zu spirituellen Einsichten zwangen. Heute such' ich keine
-Beweise mehr für die Unsterblichkeit der Seele, denn sie sind mir in
-überreicher Fülle gebracht worden.”
-
-„Experimentelle Beweise?” fragte Stein bedenklich.
-
-„Es ist schwer darüber zu sprechen”, erwiderte der merkwürdige Mann.
-„Um aus höheren Sphären Mitteilungen zu erhalten, muß man sich vor
-allen Dingen selber zu höherer Wesensart reinigen und erziehen. Anders
-ist eine Verbindung mit oberen Mächten gar nicht möglich.”
-
-Der Konsul begann vorsichtig und taktvoll zu erzählen; Stein hörte mit
-vorurteilsloser Aufmerksamkeit dem älteren Gefährten zu.
-
-„Tatsachen, wie ich sie Ihnen mitteilen kann, sind durch die ihnen
-innewohnende natürliche Würde und Schönheit erhaben über die
-sogenannte Debatte, wie ihr ja wohl in Deutschland das Zanken einer
-größeren Menge nennt, mit nachheriger Abstimmung und Entscheidung
-durch die Mehrzahl von Köpfen, nämlich von Dummköpfen. Aber mit der
-sogenannten öffentlichen Meinung oder mit dem sogenannten allgemeinen,
-freien, gleichen und geheimen Wahlrecht, das in Wirklichkeit eine grobe
-Vergewaltigung der Gebildeten durch den Pöbel ist, hat die höhere
-Wahrheit nichts zu schaffen. Leben Sie einmal in Brasilien am Rande des
-Urwaldes oder in Indien inmitten der Pest oder im Kaukasus unter einer
-meuchelmörderischen Bevölkerung -- und Sie wachsen nach und nach über
-europäische Mittelmäßigkeit ein wenig hinaus.”
-
-Der Konsul machte eine Pause und fuhr dann fort:
-
-„Es gibt Menschen von einem feinen Magnetismus, die -- wie man es von
-den Dichtern sagt, welche ja wohl auch einst Seher gewesen sind -- mehr
-hören und sehen und fühlen als die gröber eingekörperten Mitmenschen.
-Diese gefährliche Begabung will natürlich Hand in Hand mit wachsender
-sittlicher und geistiger Reife ausgebildet sein, sonst treiben solche
-sensitiven Menschen ins Chaos und wissen sich unter ihren Stimmen
-und Gestalten nicht mehr zurechtzufinden. Hellsehen und Hellhören,
-automatisches Schreiben, wobei der Arm durch eine magnetische Gewalt
-gelenkt wird, Schreiben mit einem sinnreichen kleinen Skriptoskop,
-welches die Buchstaben bezeichnet, wobei gleichfalls magnetische
-Beeinflussung die Schreibenden lenkt -- von solchen Verbindungen mit
-der unsichtbaren Welt werden Sie vielleicht schon gehört haben.”
-
-Stein konnte nun denn doch ein unbehagliches Gefühl nicht
-zurückdrängen; er murmelte nur einiges und verhielt sich abwartend.
-
-„Ich weiß wohl,” fuhr Bruck in Ruhe fort, „die Dilettanten und
-Querköpfe sorgen dafür, daß dies alles verzerrt und verunreinigt an
-die Öffentlichkeit kommt. Und die Öffentlichkeit verzerrt das bereits
-Verzerrte vollends. Die wenigsten besitzen genügend eiserne Zucht und
-Ruhe, um durch die Verwilderungen hindurchzudringen. Und diese wenigen
-haben der Masse gegenüber schweigen gelernt.”
-
-Der Konsul fügte abermals eine Pause ein, entnahm dann seinem Rucksack
-ein Schreibbuch und legte es neben sich. Dann fuhr er fort:
-
-„Auch ich und meine Zugehörigen, einschließlich eines Vetters,
-entdeckten in uns diese seltsame Veranlagung. Aber wir waren als
-willensfeste Naturen und klare Köpfe nicht gewillt, uns diese Dinge
-über unsere Kraft wachsen zu lassen; wir schulten uns, wir sichteten,
-wir waren im Umgang wählerisch auch in der Geisterwelt. Hierbei wurden
-wir unterstützt durch Meister und Schutzgeister. Dieser Weg ist keine
-Tändelei; der Neugierige kommt nicht auf seine Rechnung, sondern wird
-gefoppt; für uns war es ein langsames Fortschreiten durch Prüfungen zu
-Missionen, wobei wir wuchsen an Geduld, Selbstlosigkeit und Erkenntnis.
-So bekamen wir durch unsre geübten Organe hindurch Mitteilungen aus der
-uns alle durchdringenden und umflutenden unsichtbaren Welt.”
-
-Ingo konnte als klassischer Humanist aus der Fülle seiner Bildung
-heraus ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Konsul sah es und sagte:
-
-„Lächeln Sie ruhig, mein lieber Herr Baron, ich erwarte das gar
-nicht anders. Nehmen Sie ruhig an, meine Mitteilungen wären meinem
-sogenannten Unterbewußtsein entschlüpft. In diesem Kasten hat ja alles
-Platz, auch Götter und Geister.”
-
-Und er sprach bedachtsam weiter:
-
-„Ich habe mir manches in dieses Buch geschrieben und will Ihnen gleich
-zu Anfang etwas von Elementargeistern vorlesen. Versuchen Sie einmal,
-von allem, was Sie als phantastisch hierbei stört, abzusehen, und
-lassen Sie die Mitteilungen durch sich selber wirken!”
-
-Sein braunes Buch mit den harten Deckeln war von Anfang bis zu Ende
-vollgeschrieben; Brucks Handschrift war klar, groß und fest.
-
-„Da kam einmal zu uns ein kleiner Blumengeist.”
-
-Er blätterte. Stein, dessen Lächeln wich und dessen Phantasie sich zu
-entzünden begann, stellte eine Frage.
-
-„Nehmen Sie meine Zurückhaltung nicht übel, Herr Konsul: Gibt es denn
-wirklich solche Naturgeister? Sind es nicht Einbildungen der Dichter?”
-
-„Keineswegs! Diese Elfen, Sylphen, Gnomen und andre Elementarwesen sind
-so lebendig und wirklich wie Sie und ich. Nur sind sie aus so feiner
-Substanz, daß sie von gewöhnlichen Augen nicht gesehen werden, so wenig
-wie die ultravioletten Strahlen. Auch haben sie keine Seele wie wir,
-kennen weder Leid noch Liebe, weder Tugend noch Sünde. Ich könnte Ihnen
-in diesem Augenblick sagen, daß dort drüben an der Felswand eine ganze
-Reihe von Gnomen sitzt, aneinandergereiht wie Äffchen auf der Stange,
-äußerst putzig und drollig uns Menschen betrachtend -- aber das würde
-ja nicht viel nützen, denn Sie sehen es ja doch nicht.”
-
-Mit verdutztem Lächeln schaute Stein sich nach allen Seiten um.
-
-„Aber ich bitte Sie, Herr Konsul, wo sitzt denn das Völkchen? Wollen
-Sie mich nicht den Herrschaften vorstellen? Können sich denn aber
-solche Naturwesen mit uns Kulturmenschen verständigen?”
-
-„In seltenen Fällen und mit bestimmten Menschen. Manchmal löst sich ein
-einzelnes Wesen aus seiner Gattung, mächtig angezogen von irgendeinem
-menschlichen Kreise, und sucht bei uns etwas wie eine Seele.”
-
-„Undine! Aber wie kommen sie grade zu Ihnen?”
-
-„Unsre Ruhe zieht sie magnetisch an.”
-
-„Und was wollen sie von Ihnen?”
-
-„Liebe und Lehre.”
-
-Das klang alles ruhig und selbstverständlich.
-
-Ingo hatte die sonderbare Empfindung, als wäre sein bärtiger Nachbar,
-der neben ihm auf dem Lodenmantel lagerte, auf diesem immer klarer aus
-den Nebeln sich enthüllenden Gralsberge, ein zeitloser Druidengeist,
-dem sich nichtige moderne Einwände gar nicht nahen können.
-
-„Einst kam also”, sprach der Konsul, in sein Schreibbuch schauend, „ein
-allerliebster Blumengeist, der an der Grenze der Menschwerdung stand
--- denn es kommt bisweilen vor, daß ein Naturgeist als Mensch geboren
-wird --, wovor sich aber dieses lichte und leichte Wesen fürchtete.
-Doch drängte es den Geist dennoch zu dem schweren Pfade, denn er konnte
-ja dadurch höher steigen. ‚Oh, der Duft!’ begann das Geistchen -- wir
-hatten duftende Rosen auf dem Tische stehen -- ‚wie gemahnt er mich an
-das, was ich Heimat nannte! Ich bin noch kein Mensch gewesen, das lange
-Leid hab' ich noch vor mir; ein ätherzartes Wesen war ich und soll nun
-eine üble Masse werden. Mein Dasein floß dahin zwischen Schönheit und
-Seligkeit, gewiegt vom säuselnden West. Des Himmels Diamanten flocht
-ich in mein wehendes Haar, süße Zwiesprache hielt ich mit raunenden
-Bäumen. Duftblaue Weiten umfaßte meines Auges Blick, mein Leben floß
-dahin wie des Baches Welle, der über Blumen geht.’ -- ‚Hast du keine
-Schwestern?’ fragte ich. -- ‚Ich hatte Schwestern, selig und glücklich
-gleich mir; wir tranken den Tau, wir atmeten den Duft, wir badeten im
-Mondschein, und wir jubelten der Sonne zu. Wir erzählten uns tausend
-süße Dinge, wir tanzten im Winde, und waren wir müde, so betteten wir
-uns in Blumen. Aber meine Schwestern sind noch nicht so weit wie ich.
-Wohl sehe ich sie noch, erkenne sie wohl, aber sie denken nicht mehr
-mein. Euch hab' ich liebgewonnen, euch beide Menschen im Silberhaar.
-Nicht oft mehr werde ich auf Flügeln der Winde euch nahen, nicht oft
-mehr im Sternenschein den Duft meiner Heimatrosenfelder trinken, nicht
-oft mehr in Sehnsucht meiner Schwestern Stirnen ungesehen umschmeicheln
--- bald trag' ich Not und Lasten, bald geh' ich in Jammer und Weh, bald
-werde ich ein Mensch wie ihr!’”
-
-Stein schlug erstaunt und entzückt in die Hände.
-
-„Das ist ja Poesie! Herr Konsul, Sie sind ja ein verkappter Poet!”
-
-„Im Unterbewußtsein?” lächelte der Konsul. „Was mein Oberbewußtsein
-anbetrifft, so hab' ich nie einen Vers geschrieben.”
-
-„Irgendwo in Ihrem Kreise muß doch das stecken!”
-
-„Das kommt auch, wenn ich einmal nicht dabei bin. Sie meinen also
-hartnäckig, wir erfinden diese Geistchen? Die Gnomen da drüben an der
-Felswand lachen und drehen Ihnen lange Nasen. Nun also, lassen Sie
-sich in Ihrem Wahn nicht stören! Ich will Ihnen nur noch sagen, wie
-dieses Geistchen ausgesehen hat: die Gestalt war durchsichtig, das
-Gesicht ein feines Oval von mattem Weiß, die Haare silberhell wie
-Mondschein, und zwar selbstleuchtend, die Augen von einem tiefen, fast
-grünlichen Blau. Oh, sie sind herrlich, diese Gäste aus dem Lande der
-Schönheit!”
-
-So erzählte der Konsul.
-
-Er sprach von seinen Geisterfreunden wie von lebendigen Menschen.
-
-Er fuhr dann fort und beschrieb andre Naturgeister, die sich zu ihm
-herangedrängt hatten und um Förderung baten.
-
-„Ach ich kann Ihnen sagen, mein lieber Herr Baron,” sprach der Konsul,
-und der ernste, kühle Westfale wurde nach und nach sichtlich weich
-und warm, „durch das ganze Reich der Geister und der unerlösten Natur
-geht die Sehnsucht nach Erlösung durch Liebe. Sehen Sie, da kam einmal
-der Geist eines armen Berliner Kindes zu uns, das nach Hunger und
-Mißhandlungen früh gestorben war. Es erzählte uns seine Geschichte, wie
-es auf den Stufen einer Kirche vor Sehnsucht hinübergeschlummert sei,
-nachdem es in einer Weihnachtspredigt zum erstenmal von Liebe hatte
-sprechen hören. ‚Da kam’, sagte der kleine Geist, ‚ein gütiges Wesen zu
-mir, und ich fühlte etwas ganz Sonderbares von ihm ausgehen, was ich
-auf Erden nie gekannt hatte. Auf meine Frage nach diesem so unsagbar
-beseligenden Etwas sagte sie mir, es sei die Liebe; das war so schön,
-daß ich dafür keine Worte finden kann.’”
-
-„Wunderbar!” rief Stein, der in immer wärmere Schwingung geriet. „In
-den Preis der Liebe, die Sonn' und Sterne bewegt, klingen Goethes
-Faust und Dantes Commedia aus. Und Novalis ruft in seiner berühmten
-Abendmahlshymne: Wenige wissen das Geheimnis der Liebe.”
-
-„Ich bin kein studierter Mann”, erwiderte Bruck. „Aber ich weiß es aus
-meiner besondren Welt, daß helfende und schaffende Liebe die Sonne des
-Kosmos und die Sonne des Menschenherzens ist. Mein Schutzgeist schärft
-mir das immer wieder ein.”
-
-„Ich fange an, Ihre Geisterfreunde lieb zu gewinnen.”
-
-„Meine Geisterfreunde sind auch die Ihrigen”, versetzte der Konsul mit
-der ihm eigenen ernsthaften Ruhe. „Und es ist kein Zufall, daß wir
-zwei hier beieinander auf dem einsamen Gipfel eines spanischen Berges
-sitzen. Die heitren Mozart-Elfen, die in Ihnen wirkten, um Sie nach
-Barcelona zu locken, haben ihr Werk rühmlich zustande gebracht und
-sitzen jetzt dort in den Blumen und freuen sich über unser Gespräch.”
-
-Der Alte lachte behaglich. Stein fuhr herum, von Schauer durchrieselt.
-Er starrte in diese große, fremde Welt, ohne etwas andres zu sehen
-als einige schaukelnde Lilien. Fast erschrocken schaute er dann einen
-Augenblick dem rätselhaften Mann ins Gesicht. Sollte etwas von des
-Troubadours verliebter Schwärmerei für Martha ruchbar geworden sein?
-
-Doch der Konsul plauderte gelassen weiter.
-
-„Ich kann Ihnen nun auch ruhig anvertrauen, daß wir in unsrem kleinen
-Kreise jährlich bestimmte Missionen auszuüben haben, die uns um die
-hohe Zeit des Weihnachtsfestes von unsren leitenden Geisterfreunden
-erteilt werden. Und zwar Missionen an bestimmten Gruppen von Geistern,
-die grade durch unsre Wesensart gefördert werden können. Sie werden
-erstaunen, wenn Sie hören, daß etwa eine Gruppe von Lügengeistern zur
-Wahrhaftigkeit angeregt werden oder eine Gruppe verrohender Wesen
-einen geistigen Impuls erhalten soll. Es ist oft schwer, mit solchem
-anfänglichen Unflat zu verkehren, wir könnten es ablehnen; aber es wäre
-nicht unser Segen. So führen wir diese Sitzungen zäh und regelmäßig
-jeden Sonntag und Mittwoch durch, bis diese Wesen geläutert genug sind,
-reine Geister überhaupt wahrzunehmen. Denn in ihrem traurigen Zustand
-sind sie blind.”
-
-„Merkwürdig! Merkwürdig!” murmelte Stein. „Sie lesen also sozusagen
-den Toten vor? Wie jener schwäbische Prälat mitternachts in der Kirche
-Gottesdienst hielt für die Geister?”
-
-„So ungefähr. Nur daß der Ausdruck ‚Tote’ nicht paßt, denn die Bewohner
-der spirituellen Welt sind lebendig. Anfangs äußern sich manche
-höchst naiv. ‚Geisterfreund,’ sagte mir da einmal einer, ‚ich war sehr
-schlimm, bin es heute noch. Doch sagtest du neulich, auch wir könnten
-besser werden. Solange ich noch in jener erstarrten Wüste lebte,
-kannte ich nichts anderes und hatte keine Sehnsucht nach Besserem.
-Nun aber sehe ich den Unterschied zwischen mir und euch. Dazu kam ein
-Hoffnungsfunke, der durch deine Rede in meine Seele fiel. Nun frage ich
-dich: Ist es wahr, kann aus mir noch etwas werden? Und sage mir noch
-eins: Was hast du für einen Grund, den Geistern, die dir doch nichts
-geben können, zu helfen? Hilfst du Menschen auch? Hast du Vorteile,
-wenn du Menschen hilfst? Hilfst du deiner Frau und sie dir? Liebst du
-alle Menschen und wirst du auch mich die Liebe lehren? Sie scheint mir
-das Höchste, doch fühle ich nichts von ihr.’”
-
-„Die Liebe!” warf Stein dazwischen. „Immer wieder suchen diese Wesen
-Liebe! Sie ist offenbar der Magnet, zu dem sich alle hingezogen fühlen!”
-
-„Sie ist der heilige _Gral_”, sagte Bruck mit tiefem Ernst ...
-
-Jetzt hatte sich der Gralsberg aus den Nebeln herausgelöst und lag nun
-mit seinen Felsentempeln ruhevoll in der buntschimmernden Ebene. Die
-Wandrer vor ihrer Grotte genossen weltweiten Ausblick. Auf einer blauen
-Blume in der Nähe funkelte diamantener Tau, als glühte dort das Auge
-eines Elfchens liebesuchend herüber.
-
-„Fahren Sie fort!” bat Stein. „Erweitern Sie meine Welt zum Kosmos! Ich
-möchte ganz in diese Gralsburg eindringen.”
-
-„Gern!” erwiderte der Alte, um dessen weißgraues Haar der Morgenwind
-spielte. „Ich bin glücklich, daß Sie mit Teilnahme zuhören. Noch viel
-von Elementargeistern könnt' ich Ihnen erzählen. Doch mitten in diesen
-kleinen Dingen steht hier die ernste Mission unsrer Geisterfreundin
-Santa. Sie hatte zwei Jahre lang eine Sendung auf Erden zu erfüllen.”
-
-„Ein Geist, der als Geist auf Erden eine Sendung hat?”
-
-„Warum nicht? Wie so mancher Mensch seine Sendung hat. Hören Sie Santa
-selber!”
-
-Feierlich las er mit seiner tiefen, volltönenden Stimme, die
-gelegentlich zu leisem Pathos neigte:
-
-„‚In heiligen Hallen ruhte zuletzt mein Fuß, auf reine Liebe blickte
-zuletzt mein Auge, in Sphärenharmonie schwelgte mein Ohr. Aus
-Gottesgefilden bin ich zur Welt herabgesandt; trostloses Elend, Haß,
-Neid und Roheit sind es, die mich hienieden erwarten. Gönnt mir ein
-Plätzchen, wo ich mich erquicken kann! Bereitet eure Herzen, daß ich
-eine Freude habe! Meine Mission ist schwer, helft sie mir tragen!
-Der Geisterfreunde nur eine einzige Runde auf Erden darf ich mir zur
-Erholung wählen; ihr seid es, auf welche meine Wahl gefallen ist. Seid
-gütig, selbstlos und liebreich, übt euch in Geduld, und ihr bietet mir
-ein Labsal!’”
-
-„Wie muß man sich Santas Mission vorstellen?” fragte Stein.
-
-„Auch das will ich mit Santas eigenen Worten lesen; sie hat sich in
-Umschreibung, gleichsam in Erzählungsform, darüber geäußert. Hören Sie
-und versuchen Sie mir zu glauben, daß nicht ich oder eine meiner Damen
-diese Mitteilung erfunden haben!”
-
-Er las. Und Ingo erging es eigen: er mußte bei Santa immer an Elisabeth
-denken, die stille Krankenpflegerin.
-
-„Es schweigt der Raum. Unendliche Erhabenheit, zeitlose Ruhe atmet
-dies tiefe, friedevolle Schweigen. In diese heilige Stille gleitet
-ein lichtschimmerndes Wesen, ein Gottesgedanke, zu Seele geworden;
-sein Dasein ist Andacht, Anbetung, selige Ruhe. ‚Meister,’ fragt es
-leise, ‚kann es Höheres geben als diesen Frieden?’ -- ‚Es gibt ein
-Höheres’, sagt die milde, gütige Stimme: ‚diesen Frieden den Friedlosen
-bringen.’ -- ‚Friedlose gibt es in Gottes Reich? O Meister, warum
-hast du mich ihnen nicht längst gesendet?’ -- ‚Weil deine Stunde noch
-nicht gekommen war.’ -- ‚Ist sie jetzt gekommen?’ -- ‚Sie ist es.
-Ich sende dich hinab, Santa, zu den Geistern der Abgeschiedenen, die
-noch an die Erde gebannt und elend sind. Führe sie mir zu! Groß und
-schwer ist die Aufgabe, größer die Liebe, die sie vollbringt.’ -- Der
-Lichtgeist schwebt aus der Stille, aus dem Frieden hinab, schwebt
-durch Sphären, schön wie Träume, und Wirklichkeit wie Gottes Liebe;
-fächelnde Winde wehen ihr zarte Klänge, leuchtende Blütenkelche
-hauchen ihr süßen Duft. Und Klang und Duft sind eins, entspringen
-demselben Born, werden zu Worten, die von erbarmender Liebe reden
--- von der Liebe Santas, die eine heilige Mission zu den Friedlosen
-führt. Der Gottgesandten naht sich flehend ein Geist: ‚Santa, mein
-Bruder wurde zum Vatermörder und starb von Henkershand. Erbarme dich,
-bringe ihm Licht in seine Finsternis!’ -- ‚Santa, mein Kind verdirbt,
-o hilf meinem armen, mutterlosen Kinde, es kann sich nicht trennen von
-Erdenlust, von lockender Sünde!’ -- ‚Weh, mein alter Vater wurde zum
-Dieb und gab sich um der Schmach willen selbst den Tod! Santa, hilf!
-Rette!’ -- Ein dunkler Schatten senkt sich schwer auf des lichten
-Geistes unbefleckte Reinheit, ein Schatten, der nie war, der nun lange,
-lange auf ihr ruhen wird. Schneller schwebt sie hinab, immer mehr
-der heischenden Geister umgeben sie, lange verstummt ist des Windes
-leise Musik, der Blumen süße Sprache. Sie blickt jetzt auf die Erde:
--- Menschen und Geister -- widerliche, verzerrte Gesichter -- wilde
-Schreie der Getretenen -- Flüche vom Bruder gegen den Bruder -- Raub
-am Heiligsten -- Elend und Jammer, wohin ihr angstvolles Auge irrt!
-Der Lichtgeist verhüllt sein Antlitz und weint über die Erde. ‚Führe
-sie mir zu!’ tönt es herab, die Stimme ihres Meisters. Kraft und Mut
-scheint diese Stimme ihr zuzuströmen; Santa will ihr Werk der Liebe
-beginnen. Und sieht ein Weib, unlängst gestorben, noch an der Erde
-hangend, sieht es schmutzstarrend, mit allen Lastern behaftet, sieht
-in jedem Zuge des Gesichtes Verworfenheit, sieht in jeder Bewegung des
-viehischen Geschöpfes sinnlose Trunkenheit, sieht nichts mehr von einem
-Ebenbild Gottes! Und Santa fühlt, wie kalt und lauernd die Reue naht
-und größer werden will als die Liebe. Da hört sie aus der Verworfenen
-einen Schrei, halb Jammer, halb Jubel: ‚Mein Kind, mein kleines Kind,
-hab' ich dich endlich wieder!’ -- und sieht das Weib eine elende Dirne
-an sich pressen mit heißer Zärtlichkeit, sieht es frei von Trunkenheit,
-sieht es aufgehen in Mutterliebe, durchleuchtet von dem Gottesfunken,
-der auch in diesem Weibe nicht erstarb! Da beugt der reine Geist sich
-zu dem elenden Weibe nieder: ‚Meine Schwester, ich kann dich lieben.’
-Dann wendet er sein Antlitz noch einmal dem Reich des Lichtes zu, noch
-einmal grüßen seine leidverklärten Augen das Friedensland: ‚Meister,
-ich danke dir, daß du mir die Liebe gabst!’ Und gleitet hinab --
-erdenwärts!”
-
-Der Konsul schloß das Buch. Stein war hingerissen und ergriffen.
-
-„Verstehen Sie jetzt Santas Mission?” fragte Bruck.
-
-„Das kann nicht erfunden sein!” rief der Troubadour begeistert. „Das
-ist Poesie -- aber Poesie der Wahrheit! So _muß_ es sein, ich fühle
-das, ich erlebe das! Diese Santa lebt! Erzählen Sie mir doch Genaueres!
-Ist sie oft zu Ihnen gekommen?”
-
-„Mehrmals, meist gegen Weihnachten; und immer mit Worten des Dankes und
-der Liebe. Als einmal eine Dissonanz in uns war, anläßlich kummervoller
-Erlebnisse meiner Tochter, klagte sie nachher, daß sie die Pforte
-verschlossen gefunden habe. Ihr Abschied hat uns tief bewegt, denn wir
-hatten sie liebgewonnen. ‚Ich komme heute zu euch,’ sprach sie, ‚um
-Abschied zu nehmen; meine Mission ist beendet, ich kehre in Gottes
-hellen Tag zurück. Ich werde wieder Licht und Reinheit atmen, mein Ohr
-wird wieder jene wunderbare Musik vernehmen, die meine stete Sehnsucht
-war in den Zeiten, da nur häßliche und rohe Töne zu mir drangen. Ich
-werde wieder von Frieden umgeben sein und die abgeklärte Freude um mich
-sehen, die auf Erden niemand ahnen kann. Jubelt mit mir, die ihr mich
-liebt, und denen ich danke für das Heim, das ihr mir geboten. Seid mir
-gegrüßt! Ich gehe in Tag und Sonne!’”
-
-„In Tag und Sonne! Wunderbar, liebe Santa!” rief Stein, sprang auf und
-schwang die Arme in einem elementaren Bedürfnis nach Entlastung. „Das
-ist Wahrheit! Das ist die Welt der Seele! Ich fühle diese Santa, die
-sich da um Leidende bemüht und sich nun wieder erhebt in Tag und Sonne!”
-
-Und wieder trat ihm Elisabeths hehre und entsagungsvolle Gestalt voll
-in Empfindung und Bewußtsein. War nicht auch sie eine Santa? Jahraus,
-jahrein im engen Krankenzimmer, während ihr Geliebter schönheitsdurstig
-durch die weite Welt flog!
-
-„Kommen Sie!” bat Ingo, in dem allerlei Gedanken aufgewühlt waren.
-„Lassen Sie uns wandernd über diese hohen Dinge sprechen! Ich bin nicht
-zum Stillesitzen geschaffen. Wie machen Sie mir die Welt groß! Ich
-fange an, die Enge nicht mehr zu fürchten, denn überall kann ja ein
-Fenster nach der Ewigkeit offen sein. Wir wollen auf den höchsten Punkt
-dieses Berges klettern, nach San Jeronimo, und von dort aus das Weltall
-umarmen!”
-
-Der Konsul lächelte über seines jungen Freundes Überschwang.
-
-„Dazu brauchen wir nicht nach San Jeronimo”, sprach er. „Denn wir sind
-überall umflutet und durchströmt von der Ewigkeit.”
-
-Doch brachen sie auf und wanderten.
-
-Der Nebel hatte sich in einzelne weiße Wolken verdichtet, die nun
-wie Schwäne hoch oben im tiefblauen Himmel dahinzogen, während
-ihre Schatten über den Berg schwebten. Stein empfand in sich ein
-brustweitendes Jauchzen, kein Eremitengelüst. Er sang mit feierlich
-hallendem Bariton Lohengrins Gesang:
-
- „Im fernen Land, unnahbar euren Schritten,
- Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt;
- Ein lichter Tempel stehet dort inmitten,
- So kostbar, wie auf Erden nichts bekannt” ...
-
-Ihm war zumute, als hätte er eine Einweihung durchgemacht und ein neues
-Land betreten.
-
-„Dieser Gralsberg”, sprach er, „soll das Ende meiner Ausfahrt bilden.
-Ja, nun kommt die Heimkehr und die Einkehr. Ich habe Bausteine
-gesammelt zu einer Seelenburg. Kann man nicht auf engstem Raum
-seelische Kraft entfalten? So will ich im Herzen Deutschlands mein
-Gralsuchen endigen.”
-
-Bruck freute sich, daß seine Mitteilungen so belebend wirkten. Sie
-vertieften wandernd ihre Unterhaltung; sie blieben den ganzen Tag
-im Freien, umgeben von einer mittäglich leuchtenden Ebene, an deren
-östlichem Rande schmal und silbern das Mittelmeer schimmerte. Erst um
-Sonnenuntergang stiegen sie wieder den Schluchtpfad hinab ins Kloster,
-mit leichtem Rucksack, doch Herz und Haupt schwer von Bildern und
-Gedanken.
-
-„Es ist ein Telegramm da.”
-
-„Für mich?” fragte Stein erschrocken.
-
-„Für uns alle: Schaller will mit seinen Damen, jung und alt, morgen
-heraufkommen, wenn das Wetter gut bleibt.”
-
-„Ach, nur das! Wenn das Wetter gut bleibt? Das ist eine ungewisse
-Sache; und ich weiß nicht, ob ich so höflich sein werde, hier im
-Kloster zu warten. Mich drängt es wieder auf den Berg.”
-
-Tatsächlich zog der Spielmann und Gralsucher am andern Morgen allein
-aus und hatte keine Lust, auf die Mozart-Mädchen zu warten. Ja, mit
-einem gewissen Zorn schloß er sich ab; er empfand sich von jener Welt
-als verschmäht.
-
-Das Wetter war unsicher; und so beschloß der alte Herr zurückzubleiben.
-Doch Ingo versah sich mit Proviant und Mineralwasser und deutete an,
-daß er am Ende gar in jener hohen Grotte übernachten werde.
-
-Er kletterte einen andren Pfad empor zu den Trümmern der südöstlichen
-Einsiedeleien San Juan, Santa Katharina und San Onofrio, die in die
-Ritzen eines umfangreichen rundlichen Felskolosses eingeklebt sind.
-Diese Felsen sehen aus wie Bastionen und Rundtürme ohne Fenster und
-Nietungen. Es steht dort ein Kapellchen. Gitter sind an den Türen
-dieser kleinen Kapellen; man pflegt kleine Münzen hindurchzuwerfen.
-Und so lagen viele Kupfermünzen, aber auch etliche Peseten, drin auf
-dem Steinboden zerstreut, ein kleiner Sternhimmel. Ingo warf ein
-Silberstück hinein und bat den Heiligen -- war es Sankt Johannes? --,
-mitzubauen an des Pilgers künftigem Seelentempel. Er hatte in der Nacht
-von Elisabeth geträumt; ihr Bild war immer wieder zusammengeflossen mit
-der Geistergestalt Santas; und er blieb nun dauernd unter diesem edlen
-Eindruck.
-
-Der Himmel deckte sich leise zu; es wurde geräuschlos eine Decke vor
-die Sonne gezogen. Die Luft war still und selbst hier oben schwül. Auf
-dem Platz der Vögel, im grünen Haingebüsch, freundete sich eine nahe
-umherhüpfende Nachtigall klugen Auges mit dem Wanderer an. Doch Bruck
-hatte ihm sein geheimnisreiches Buch mitgegeben -- ein Zeichen großen
-Vertrauens, wie die Damen lächelnd betonten; und so lebte er heute
-mehr nach innen. Am späten Nachmittag drang er über San Benito wieder
-hinauf, besuchte noch San Dismas und die andren steil über dem Kloster
-dem Ostwind ausgesetzten Siedeleien und suchte dann wieder die trockene
-Felsengrotte von San Salvador auf.
-
-In seinem Rucksack lag neben Taschenlaternchen und Taschenrevolver die
-indische Bhagavad Gita; aber er brauchte heute keines von den dreien.
-Ihn fesselte des Konsuls Geisterbuch: dieses Fremdenbuch, worin sich
-seine Gäste aus Geisterland eingezeichnet hatten. Er ließ Namen wie
-Simonides oder Zoroaster, Mahatma Kut Humi oder Mahatma Morya auf
-sich beruhen und vertiefte sich in Ton und Inhalt der Mitteilungen
-selber. Eine ganze Welt jenseits der körperlichen Sinne und des
-wissenschaftlichen Verstandes tat sich ihm auf. Und plötzlich entdeckte
-er lose Einzelblätter, bedeckt mit uralter Schrift, die nach Art
-asiatischer Schriften in krausen Strichen untereinander geschrieben
-war: eine Geisterschrift. Daneben die Übersetzung:
-
-„Hammar der Herrscher bin ich genannt. Gewaltig war das Reich, das
-meine Hand regierte, fruchtbar und von wunderbarer Schönheit; mächtig
-das Volk, das meinem Willen untertan. Dennoch stürzten wir in den
-Abgrund, der Herrscher, das Volk, das Land, ja der Weltteil, der uns
-trug. Die Schuld war mein, die Gier, die in meinem Herzen fraß; nicht
-die Sucht nach rotem Gold: meine Schatzkammern konnten den Reichtum
-nicht bergen; nicht der Wunsch nach wonnigem Weibe: keine Frau meines
-weiten Reiches wagte je mir nein zu sagen; nicht Rachegedanken der
-Vernichtung meiner Feinde: ich hatte nur einen, dessen Macht mir
-unbekannt war -- brennenden Ehrgeiz nach einem Wissen, das kein Mensch
-zu erlangen fähig wäre außer mir, nach einem Wissen, das mich in
-Menschenherzen lesen ließe, das mir ermöglichte zu strafen, wie nie
-ein Kaiser gestraft, nicht Taten, nicht Worte, nein: Gedanken! Das Volk
-war seines Herrschers wert: knechtisch sein Sinn, müßig seine Hände,
-lüstern nach allem Erdengenuß seine Wünsche. Da kam, was unausbleiblich
-war: die Rache eines, der größer war als ich, durch sein Werkzeug,
-das ewige Meer. Wir stürzten hinab. Dir aber, niedrig geborenes
-Menschenkind, bekennt dies heute, den stolzen Nacken beugend, Hammar
-der Herrscher.”
-
-Und daneben ein zweites Blatt in demselben granitenen Stil:
-
-„Auch ich bin aus fürstlichem Geschlecht und habe in versunkenem
-Glanz mein Menschenlos erduldet. Jetzt, nach Jahrtausenden, klingt
-wohl nicht Überhebung aus meinen Worten, wenn ich euch sage: Ich
-war nicht schlecht, nicht müßig, nicht lüstern nach Erdengenüssen.
-Dennoch ereilte auch mich die Strafe, weil ich die irdische Liebe der
-himmlischen voranstellte. Mit Leidenschaft liebte ich Hammar, meinen
-Herrscher. Der Herr meines Herrn wollte mich nicht verderben und
-sandte mir einen Lichtgeist, der berufen war, mich zu retten vor dem
-Zusammensturz. Ich jedoch sagte ihm jauchzend: Mit Hammar unterzugehen
-gilt mir mehr als eure Himmelsseligkeit! Da brachen Nacht und Verderben
-über mich herein. Gebüßt ist nun die Schuld, und mit Hammar auf ewig
-vereint ist Falosa, die nie die Treue brach.”
-
-Klang diese lapidare Kunde nicht wie ein Ton aus der versunkenen
-Atlantis? Oder aus dem untergegangenen Lemurien? Was für Lebensbeichten
-in wenigen großzügigen Worten! Wie verschieden von der weichen Santa
-und den zaghaften Blumengeistern diese heroische Falosa, die nie
-die Treue brach! Steins Verstand lehnte diese Botschaften ab, seine
-Phantasie stimmte zu.
-
-„Wenn die unsterbliche Menschenseele”, sprach er, „mehr als einmal auf
-Erden verkörpert wird: haben wir vielleicht einst auf jener Atlantis
-gelebt, Friedel und Elisabeth und ich? Haben wir damals vielleicht
-_nicht_ gesiegt -- und sollen diesmal siegen?”
-
-Die Dämmerung begann. Er schnitt mit seinem Messer Gras und Buschwerk
-zu einem Lager zurecht, hielt plötzlich inne und lachte hallend hinaus,
-als ihm der Gedanke in den Sinn schoß: Jetzt warten da unten die
-Mägdlein aus Barcelona! Laß sie warten! Überwunden! Er rollte sich
-in seinen langen Lodenmantel und schlief in milder Nacht fest und
-unbehelligt.
-
-Gnomen saßen drollig und treuherzig am Eingang der Höhle und wunderten
-sich über den Sonderling; es huschten Blumengeister vorüber,
-Luftgeister machten sich bemerkbar, wisperten, spähten, lachten,
-tanzten. Dann kamen stärker leuchtende Geistgestalten ehemaliger
-Einsiedler, verscheuchten die Elementarwesen und wandelten in
-bedächtigen Gesprächen vor der Grotte hin und her. Die Luft erhellte
-sich in immer weiterer Strahlung; es sammelten sich in lichten
-Gestalten Äbte, Fürsten und Könige. Und über dem ganzen Berg begann
-es zu flimmern. In immer schärferen Umrissen gestaltete sich dort ein
-kosmischer Kuppelbau aus Gold und Edelstein und durchsichtigem Marmor,
-von Türmchen und Kapellen umgeben, maurisch im Stil und zugleich
-romanisch und gotisch, Licht auswerfend in einem ungeheuren Halbkreis;
-und auf seiner Spitze funkelte rubinrot das Kreuz. Diese Tempelburg
-ragte durch das Weltall hinauf, strahlend in den Farben aller edlen
-Gesteine. Sonnen hingen darin wie Ampeln; durch die Kristallwände
-hindurch glühten viele flammende Pünktchen aus dem unermeßlichen, bis
-in alle Einzelheiten planvoll genauen Wunderbau. Und alle Geister der
-Natur staunten hinauf; und erlesene Geister der Menschen machten sich
-auf und wanderten in unabsehbaren, lichtausstrahlenden Zügen durch die
-Luft himmelan, zu des Tempels mächtigen Bogentoren, wo weiße Gestalten
-der Verklärten unter Orgelklang und Chorgesang wartend standen. Je mehr
-Leuchtgestalten einströmten, um so heller strahlte die Tempelburg, um
-so voller tönten daraus die kosmischen Harmonien.
-
-Dem noch ungereiften Träumer auf dem Gipfel des Montserrat wurde das
-Bild zu gewaltig. Er stürzte, er tastete nach irgendeiner nahen, warmen
-Menschenhand. Da umfloß ihn wohlig weißes Gewölk. Aus dem weißen und
-weichen Gewölk löste sich eine Gestalt: und lächelnd stand an seinem
-Lager seine Jugendfreundin Elisabeth.
-
- * * * * *
-
-Neben diesem Phantasieleben vernachlässigte der Gralsucher nicht seine
-wissenschaftlichen Studien.
-
-Er hatte sich die neuesten Schriften über die Gralsage beschafft,
-kannte die Forschungen des Indologen Schröder und seines Schülers Junk
-und deutete mit den Sprachforschern den Namen Perceval als Becherfinder
--- sich selber und sein Suchen mit diesem Parzival verbindend. Denn
-ihn fesselten auch wissenschaftliche Spürungen nur so weit, als er sie
-in seelisches Erlebnis umwandeln konnte. Diese Gralsmythe, wobei die
-Zahl zwölf von Bedeutung scheint, führte den Spielmann zum Durchdenken
-des Zahlenspiels, das sich in Mythus, Märchen und Symbolik so gern und
-mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit wiederholt: die zwölf Jahresmonate,
-die zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Apostel, die zwölf Stämme der
-Israeliten; die sieben Rosen am Rosenkreuz, die sieben Wochentage, die
-sieben Brüder im Märchen, die Siebenzahl im Rhythmus des menschlichen
-Lebens, von der Pubertät mit zweimal sieben Jahren bis zum biblischen
-Normalalter mit der zehnfachen Sieben. Hier ahnte der Musiker Harmonien
-und geheime Gesetze. Der ganze Kosmos mit seinen Sonnen, Planeten
-und Kometen schien ihm ein gewaltiger Körper mit genau geordnetem
-Blutumlauf. Und er landete schließlich, sonderbar genug, bei einer
-Betrachtung der alten Cheopspyramide, über die er sich einen Aufsatz
-in seine Gralsschriften gelegt hatte, und ihrer unlösbaren großzügigen
-Zahlenrätsel.
-
-Das ließ in ihm die Vermutung aufsteigen, daß eine geheime
-Überlieferung großer Grundgesetze des Lebens durch die Menschheit
-gehe, bald hier und bald dort in wechselnden Symbolen und Denkformen
-auftauchend. Kaum war ihm dieser Gedanke wahrscheinlich geworden, so
-blitzte in seinem rastlos schaffenden Geiste ein Gefühl der Möglichkeit
-auf, in welcher Weise die vorchristliche und die außerkirchliche
-Denkrichtung durch diesen Strom der Geheimlehre mit dem Wesentlichen
-des Christentums versöhnt werden könnte. Ihn hatte das kirchliche
-Dogma von Sünde, Buße und dem leidigen Marterholz nie im Tiefsten
-zu erschüttern vermocht; ein Bußetun in Sack und Asche und die
-breite Ausmalung der Marterungen Christi schien ihm eine Verzerrung
-der Menschenwürde und des Seelenadels. Nicht zwar die Tatsache der
-Reuestimmung selber focht er an und noch weniger die Größe der Opfertat
-auf Golgatha, jener geheimnisvollen Vermischung göttlichen Blutes mit
-den Lebensfluten der Erde, wohl aber ihre plastische Herausstellung
-auf allen Wegen und Stegen. Es gab vielleicht eine derbsinnliche
-Zeit der Unreife, die das brauchte, wie das Mittelalter seine derben
-Folterinstrumente; aber ihm schien, als ob hier ein Schematismus die
-Herrschaft gewonnen habe, ihm schien, als ob die ersten Christen viel
-mehr den auferstandenen, segnenden, emporziehenden Christus liebeswarm
-und lebensvoll empfunden hätten. Hier nun, im leuchtenden Symbol des
-Grals und im anmutig-tiefen Sinnbild des Rosenkreuzes, stellte sich ihm
-herzliche Ergriffenheit her; sein Schönheitssinn wurde zugleich mit dem
-ernsten Grundton seiner Seele in Schwingung versetzt. Und so war er
-verstehend auch mit jenen Mystikern gegangen, die einst gleichzeitig am
-Rhein entlang religiöse Grundgefühle neu belebt hatten: Seuse, Tauler,
-Eckehart und Ruysbroeck. Es war poesievolle Frommheit, die bereits in
-Franz von Assisi unmittelbar die Malerei anregte und Religion mit Kunst
-versöhnte.
-
-So füllte sich auf dem Gipfel des Montserrat sein Herz mit großen
-Empfindungen und sein Notizbuch mit Gedanken und Gedichten. So
-versöhnten sich Spielmann und Gralsucher. Und der Plan eines Buches
-zeichnete sich in Umrissen an den Horizont: die Versöhnung zwischen
-Kunst und Religion. Es war kein Aberglauben, dem er anheimfiel, es war
-Märchenglauben, dessen Bildersprache Wahrheiten einhüllte. Im übrigen
-blieb der hochgebildete Idealist seinen Meistern treu: Goethe und dem
-Johannes-Evangelium ...
-
-„Sie glauben nicht, wie es mir eine Wohltat ist, mich mit Ihnen
-aussprechen zu dürfen, Herr Baron”, sagte der Konsul, als Ingo am
-folgenden Abend unter strömendem Regen und triefendem Lodenmantel
-wieder in die Korridore des Fremdenhauses eintrat. „Ich habe mich
-ordentlich nach Ihnen gesehnt. Schaller ist glücklicherweise nicht
-aufgetaucht; der verschnörkelte Park Güell in Barcelona gefalle ihm
-besser als der ganze Montserrat, schreibt er; und ich kann auf das
-Geplauder jener unbedeutenden Frauen und Mädchen, offen gestanden, hier
-oben gern verzichten. Aber mit Ihnen kann ich mich aussprechen. Und das
-tut mir wohl, denn ich bin ein einsamer Mann.”
-
-„Dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit, lieber Herr Konsul”,
-erwiderte Ingo mit Wärme. „Und wenn's auf mich ankommt, so bleiben wir
-hier oben nicht drei, sondern dreimal drei Tage.”
-
-Und so kam es auch. Die vier Menschen freundeten sich in diesen
-stillen, großen und einfachen Verhältnissen herzlich untereinander an.
-Das Gespräch war beseelt. Manchmal saßen sie bis weit in die Nacht
-hinein ohne Licht, in Unterhaltung über hohe oder einfache, aber vom
-Hohen aus verklärte Dinge, während schwere Wolken über die schweren
-Felsen zogen und die Gebirgspfade in Gießbäche verwandelten.
-
-Auch jetzt noch fühlten sich die beiden wetterfesten Männer zu
-einfachen Spaziergängen angetrieben, wobei des Berges nasse Öde groß um
-sie aufgetürmt lag. So wanderten sie zuletzt nach Santa Cecilia, an der
-unheimlichen Nordwand des Berges entlang.
-
-Der Konsul erzählte von seinen Fahrten.
-
-„Ich habe auf einem Dreimaster vom Schiffsjungen bis zum Steuermann
-gedient. Sie machen sich keinen Begriff, wie großartig für mich das
-Gefühl war, als wir in einer Wolke von Segeln über die südlichen Meere
-flogen, zumal nach einem Sturm, wenn noch tagelang bei bedecktem Himmel
-schwere Wogen rollen, überflogen vom Sturmvogel Albatroß. Man lernt da
-gleichsam teleskopisch die Welt betrachten.”
-
-„Hat sich Ihnen, Herr Konsul, vielleicht in den Einsamkeiten des Ozeans
-Ihre Gabe des Geisterschauens ausgebildet?”
-
-„Das liegt mir doch wohl von meinem westfälischen Vater und meiner
-schottischen Mutter her im Blute. Ich spreche, wie Sie sich denken
-können, nicht viel und nicht zu jedermann von dieser Besonderheit.
-Sehen Sie, es ist ja oft so schmerzlich, wenn mit dem Tode eines
-lieben Angehörigen die gemeinsame Sprache aufhört. Aber die Menschen,
-so gern sie vom Reich der Gestorbenen hören möchten, fürchten sich
-und empfinden es als ein Gespensterland. Oder sie helfen sich mit der
-bekannten platten Wendung: mit dem Tode sei alles aus. Und doch gibt es
-auch für den nicht hellschauenden überlebenden Menschen eine Sprache,
-die drüben verstanden wird: wenn er nämlich Gedanken edler Liebe dem
-Verstorbenen zusendet. Das wirkt auf den Hinübergegangenen wie eine
-wohltuende Kraft. Und sehen Sie, mein lieber Herr Baron, hier öffnet
-sich nun eine Brücke, die jeder Mensch betreten kann, sobald er einmal
-das Wesen wahrer Liebe erfaßt hat. Zwar der fassungslos tobende Schmerz
-etwa einer Mutter um ihr Kind fördert nicht, sondern beschwert eher
-den kleinen Geist. Und manche Abgeschiedene sind drüben anfangs ebenso
-verstört und unglücklich wie die Zurückgebliebenen, wenn sie unreif
-und unvorbereitet hinüberkommen. Aber die Wissenden und selbstlos
-Liebenden, die schon im Erdendasein auf das Übersinnliche eingestellt
-waren: wie ruhig und einfach fahren sie an das andere Ufer! Sie winken
-sich zu und sagen: Auf Wiedersehen! Der Tod ist ja nur ein Wechsel der
-Daseinsform und der Wirkungsweise. Und wenn der überlebende Freund
-hinüberkommt, wird er empfangen von allen, mit denen er hier schon
-durch Bande unvergänglicher Liebe magnetisch verbunden war.”
-
-„Ist das also wirklich Tatsache? Kein von Menschen erfundener Trost?”
-
-„Das ist Tatsache. Wer ins Geisterland schauen kann, der weiß das.
-Haben Sie mir nicht von jenem Oberlin erzählt, der sich mit seiner
-gestorbenen Gattin unterhielt? Zwiesprache solcher Art kann ich aus
-Erfahrung bestätigen. Im übrigen ist die Kluft zwischen Diesseits und
-Jenseits nicht zwecklos. Wir haben hier unsre Aufgabe zu erfüllen, und
-jene drüben die ihrige. Es geschieht dies alles nach großen Gesetzen.
-Aber in allem waltet als oberstes Gesetz die göttliche Liebe und
-Weisheit. Das hat der Sendbote von Golgatha verkündet, der von drüben
-kam und es wußte. Und von der Wahrheit dieser Botschaft bin ich bis in
-das Tiefste durchdrungen.”
-
-So sprach der ungewöhnliche Mann.
-
-Und hier stellte nun Ingo eine bedeutsame Frage, die so einfach klang
-und so oft schon die Menschheit aufgewühlt hat:
-
-„Was halten Sie von Christus?”
-
-Des Spielmanns Begleiter schaute, mit einem eigenen, tief ernsten
-Blick, ins Weite. Der Ausdruck dieses wetterbraunen Gesichtes
-wechselte. Offenbar wog er nun sorgsam ab, was er sagen wollte.
-
-„Es ist das tiefste Lebens- und Liebesgeheimnis des Sonnensystems. Wie
-die Sonne zu den Planeten, so verhält sich dieses hohe Lichtwesen zu
-den Seelen der Erschaffenen. Das Kreuz hat die Gestalt eines Menschen
-mit ausgestreckten Armen; es ist das Symbol jenes Lebens, das sich
-liebend opfert. Das Kreuz ragt durch den Kosmos: es ist die Weltesche
-Yggdrasil. Und vor dem Glanze des Herzens, das im Mittelpunkte dieses
-Kreuzes glüht, erbleichen die Gestirne.”
-
-Der Konsul hatte leise und mit Ergriffenheit gesprochen.
-
-„Verzeihen Sie,” fügte er wie entschuldigend hinzu, „man darf von
-diesen Dingen nur in Andacht sprechen. Meine Mitteilungen von Gnomen
-und andren Geistern sind Spielerei neben der Gewalt und Größe des
-Kreuzes oder des Rosenkreuzes.”
-
-Der sonderbare Mann wuchs vor Ingos Augen und schien ein andrer zu sein
-als zuvor.
-
-„Das Rosenkreuz?” fragte der Landsmann der heiligen Elisabeth. „Können
-Sie mir Näheres darüber sagen?”
-
-„Es ist ein Kreuz von dunklem Holz, aus dem im Kranze sieben rote
-Rosen blühen. Sind Sie niemals Menschen begegnet, aus deren reifem
-und gütigem Wesen Leuchtkraft ausging? In diesen Menschen glüht das
-Rosenkreuz. Denn die niedren Kräfte ihrer Natur haben sich verwandelt
-in die Rosen der Liebe. Die glühenden Wunden sind blühende Blumen
-geworden.”
-
-„Das ist herrlich!” rief Ingo. „Demnach ist das Kreuz die Materie oder
-die Natur -- und die Rosen sind das Geistige oder Ewige, was daraus
-erblüht?”
-
-Nun blieb der Konsul stehen. Er war unbedeckten Hauptes, da er fast
-immer ohne Hut ausging, auch bei kühlem Wetter.
-
-„Und sehen Sie,” sprach er mit Kraft und Feuer, „das eben ist der
-andre Weg zum Erfahren der Unsterblichkeit. Sie brauchen nichts von
-meinen Geistern zu wissen, Sie brauchen nicht an sie zu glauben. Aber
-wer einmal das Wesen wahrer _Liebe_ erlebt hat, der spürt und weiß,
-daß diese Seelenkraft unvergänglich ist. Ihm braucht die Ewigkeit der
-Menschenseele nicht bewiesen zu werden, denn er _erlebt_ sie. Wir
-Seher bestätigen ja nur, was schon als Ahnung und Gefühl in jeder
-erwachten Menschenseele sicher verankert ist. Oder glauben Sie, daß
-durchleuchtete und liebende Menschen noch nach Beweisen für die
-Unsterblichkeit umhertasten?”
-
-„O nein!” erwiderte Ingo mit vollem Verständnis. „Denn das Unsterbliche
-ist ja in ihnen aufgeblüht.”
-
-„Aufgeblüht!” rief der Seher. „Das ist das Wort! Aufgeblüht! Und nun
-setzen Sie statt der leuchtenden Rosen den leuchtenden _Gral_ -- und
-Sie _haben_ das Geheimnis!”
-
-So war Ingo auf eine neue Höhe geführt worden.
-
-So verstanden sich Jungmann und Meister ...
-
- * * * * *
-
-Der Einsiedlerberg Montserrat bedeutete für den Wanderer Läuterung
-und Einkehr. Ingo räumte in seinem Herzen den Platz frei für einen
-Tempelbau.
-
-Nicht Zerknirschung in Sack und Asche lag seiner männlich-elastischen
-Erscheinung, der ein Mozartzopf nebst Galanteriedegen recht artig
-gestanden hätte, wohl aber schlichte Erkenntnis und reines Empfinden
-dessen, was bisher versäumt und was künftig aufzubauen war. Das Rätsel
-der Sphinx scheint ja so schwer und furchtbar und ist doch nichts
-weiter als die klare, nahe, mutige Einsicht in Wesen und Würde unsrer
-unsterblichen Menschenseele.
-
-Ein tief empfundener Brief ging an Frau Friedel hinaus; ein herzlicher
-Gruß an Elisabeth; warme, gute Worte an Bruder und Vater. Und als ihm
-sein Freund, der Schriftsteller, aus nordischen Studien heraus eine
-Ansichtskarte sandte, ein Waldbild von Birken und Tannen, ergriff den
-Pilger das Heimweh nach Orgelton und Tempelstille des innig geliebten
-deutschen Waldes. Stand noch die Tanne vor dem alten Thüringer
-Herrenhause?
-
-Die vorletzte Nacht auf dem Montserrat war wieder voll Schwermut. Wie
-viel gute Arbeit hatte der Wanderer auf all der Irrfahrt versäumt!
-Als er sich nach seiner Gewohnheit mit raschem Schwung zu Bett warf
-und in die Wolldecke hüllte, streifte er die halbvergessene Laute.
-Es klang ein Ton in die schmucklose Zelle. Da empfand er sein Leben
-wie ein wehmütig Märchen, dessen irrender Held immer im Zauberkreise
-umherwandert.
-
-„Es war einmal ein Dümmling, der lief von Heimat und Jugendfreundin
-fort und rannte in wunderlichen Windungen hartnäckig einem
-verschleierten Frauenbild nach. Und als er endlich die ersehnte Gestalt
-erreicht hatte und ihr den Schleier vom Angesicht riß -- wen sah er?
-Seine Jugendfreundin!” ...
-
-In unerwarteter Wendung wies ihm das Schicksal den Heimweg.
-
-Denn am neunten Tag kam eine Karte aus Genf.
-
-Dieser Kartengruß erregte des Spielmanns Phantasie bedeutend.
-
-Wallace und Leroux, seine Bekannten von der Riviera, schickten diese
-unvermutete und aufstörende Botschaft. Sie hatten sich in Genf mit
-Freiin Elisabeth von Stein-Birkheim bekannt gemacht und sandten nun
-gemeinsamen Gruß.
-
-Jetzt war es mit Ingos Sammlung zu Ende. Mit einem Schlage sah er
-seinen Pfad erhellt. Elisabeth in Genf?! Und bei Wallace und diesem
-koketten Leroux?! Er wurde unruhig. Lebenshunger durchglühte wieder den
-gesunden und kräftigen jungen Mann.
-
-Schon am nächsten Nachmittag, immer rasch in seinen Entschlüssen, saß
-er auf der Bahn, nach einem herzlichen, ja innigen Abschied von den
-Freunden, und fuhr über Barcelona wieder nach Norden.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Achtes Kapitel
-
-Am Genfer See
-
- O ihr seid stark und wißt es nicht,
- Denn stark ist nur der Liebe Band.
-
- _Droste-Hülshoff_
-
-
-Elisabeth von Stein-Birkheim saß mit ihrer Mutter am Fenster eines
-Genfer Hotels.
-
-Die edlen Profile der aristokratischen Damen hoben sich in der
-Beleuchtung des späten Nachmittags deutlich hervor. Beide Langköpfe
-glichen einander in der graden Stirn und Nase und ebenso in der Knotung
-der schweren Haare. Nur war die alte Dame silberhaarig, die junge
-dagegen von einem matten Rotblond; und dem bleichen, etwas gelblichen
-Antlitz der zurückgelehnten Kranken entsprach auf der andren Seite die
-zartrosige Gesichtsfarbe der immer grade sitzenden Elisabeth.
-
-Sie hatte aus einem Roman des Franzosen Romain Rolland vorgelesen, der
-sich durch sonnige Stimmung abhebt von den üblichen Erzeugnissen dieser
-Art. Aber die Damen hatten dabei festgestellt, daß ihr Französisch
-ziemlich verblaßt war; Elisabeths lange und feine Hand hatte mit
-störender Häufigkeit das Taschenlexikon befragen müssen. Nun griff sie
-wieder zu ihrer Stickerei und gestand ihrer Mutter, daß sie sich jetzt
-erst wieder auf vertrautem Boden fühle.
-
-In läßlichem Geplauder gingen einige Minuten vorüber. Dann schlug Frau
-von Stein plötzlich ein Gespräch an, das scheinbar ohne Zusammenhang
-mit dem Vorausgehenden in der Luft hing.
-
-„Ich muß mich immer wieder verwundern,” sprach sie in ihrer vornehm
-gedämpften und ziemlich kühlen Art, „wie es dieser Phantast Ingo so
-lang im Ausland, in Frankreich oder wo er sich sonst herumtreibt,
-aushalten mag. Er scheint doch von der hübschen Trotzendorff mehr als
-schicklich engagiert zu sein.”
-
-Die betagte Dame sprach mit einer etwas dünnen, spröden, vor Alter und
-Gebrechlichkeit leicht zitternden Stimme; und sie sprach sehr langsam
-und bedächtig, fast ein wenig geziert.
-
-Elisabeth gab zunächst keine Antwort; denn da war eine wehe Stelle, die
-bei der leisesten Berührung empfindlich schmerzte.
-
-Dann aber äußerte sie leichthin:
-
-„Laß du ihn nur ganz ruhig auf seinen Meeren fahren, Muttchen! Er wird
-sich schon einmal wieder an Land finden.”
-
-Ihre Stimme war um manche Grade voller und herzlicher als die ihrer
-eingefallenen, vertrockneten Mutter, obwohl sich im zurückhaltenden Ton
-beide Damen glichen.
-
-Dann schwiegen sie wieder. Frau von Stein zog die Decke fester um
-die Knie, faltete die Hände und schloß ein wenig die Augen. Auf der
-Straße fuhren die Wagen; jenseits des Hafens schimmerten bläulich die
-beglänzten Alpen. Doch der breite, weiße Montblanc, der sonst wie ein
-Weihnachtsland zwischen den Gipfeln des Môle und des Petit-Salêve
-herüberschimmert, blieb heut' im Duft verborgen.
-
-„Ich verstehe nicht,” spann die Mutter nach einem Weilchen hartnäckig
-den Faden weiter, „wie er sich so auffallend an die Trotzendorffs
-anschließen konnte. Ihnen zuliebe hat er sich in Weimar die Wohnung
-eingerichtet und ist auf dem Gute überhaupt nicht mehr zu sehen. Alle
-Welt spricht davon, und dieses Verhältnis ist auch ganz und gar nicht
-zu billigen, das wirst du mir nicht bestreiten, Elisabeth.”
-
-Elisabeth bestritt es nicht. Sie nahm sich zur Antwort Zeit und sagte
-nach einer besinnlichen Pause:
-
-„Nun, Mama, es ist aber schließlich doch wohl zu begreifen. Unter
-seinen Verwandten und früheren Freunden ist er mit seinen poetischen
-und musikalischen Interessen so gut wie gar nicht verstanden worden,
-das wirst du doch zugeben. Und dann -- Frau von Trotzendorff ist eben
-eine Künstlernatur, die ihn versteht. Auch die beiden Knaben hängen
-sehr an ihm, und Richard ist von Kopf zu Fuß ein Edelmann.”
-
-„Das ist ja wohl wahr”, nickte die Freifrau. „Dieser Major von
-Trotzendorff ist ein Gentleman, ein nobler Charakter, das muß man
-gelten lassen. Aber es ist doch nicht schicklich, dieses ganze
-Verhältnis; der Gatte sollte minder tolerant sein. Nein, nein, du
-redest mir das nun einmal nicht aus! Dieser Ingo ist überhaupt
-sonderbar; ich habe ihm nicht vergessen, wie er einmal über den
-preußischen und pommerschen Adel demokratisch abgeurteilt hat. Das
-sind Anwandlungen, die in seine Familie ganz und gar nicht passen. Ich
-bitte dich, am offenen Tisch zu behaupten, einem richtigen ostelbischen
-Junker sei ein Kalb wichtiger als ein Dichter! Wie kann ein Sohn aus
-altem Hause so unfair über Standesgenossen urteilen! Aber so ist er!”
-
-„Wenn er aber nun recht hätte, Mama?”
-
-„Elisabeth!”
-
-„Im Ernst, Mutti: wofür hat zum Beispiel Ingos Bruder Interesse? Für
-Hunde, Jagd, Pferde, landwirtschaftliche Ausstellungen -- und was noch?”
-
-„Ja gewiß -- aber -- er ist doch nun einmal Landwirt! Gewiß, ich gebe
-ja zu, Ingo ist ein intelligenter Mensch. Aber wie weit hat er es denn
-gebracht mit all seiner Intelligenz? Und weil er es zu nichts gebracht
-hat, droht er nun zu verbittern und zieht sich von den natürlichen
-Lebensgewohnheiten seines Standes ins Ausland zurück. ~Voilà, ma
-chère!~ Das bestreite du mir einmal, wenn du's vermagst! Er hätte
-Offizier werden oder sich dem Staatsdienst widmen sollen. Solche
-Talente gehören in die Nähe Seiner Majestät, er wäre da sicherlich ein
-großer Mann geworden.”
-
-„Hast du in der Nähe Seiner Majestät schon einmal große Männer gesehen?”
-
-Es zuckte ironisch um Elisabeths Mundwinkel; sie war sonst sehr
-gehalten, sehr höflich und herzlich, sehr konservativ. Aber mitunter
-brach eine sinnlich-wohlige Laune aus diesem gesunden Mädchen heraus,
-dessen Lebensgeister einst in verliebten Stunden wachgeküßt worden und
-nun seit langem nur der Krankenpflege zugekehrt waren. Und in solchen
-Stimmungen kamen, immer noch fein und dezent, aber recht merklich,
-Kobolde und Neckgeister über die ehemalige Schwester vom Roten Kreuz.
-Es gelüstete sie dann, gerade ihre allzusehr auf das Schickliche
-bedachte Mutter in die Enge zu treiben.
-
-„Elisabeth, ich weiß wirklich nicht, wie du mir heute vorkommst”,
-wehrte sich Frau Mathilde von Stein. „Du weißt doch ganz gut, was ich
-mit dieser Bemerkung sagen will. Ich habe ja absichtlich dem Gespräch
-eine Wendung gegeben, die dir angenehm sein muß. Stein ist begabt, er
-könnte ebensogut wie ein anderer etwa Generalintendant der Königlichen
-Schauspiele sein, das will ich damit nur sagen.”
-
-„Hältst du die Generalintendanten der Königlichen Schauspiele für große
-Männer?”
-
-„Aber es sind doch Leute von Titel und Rang! Stein hat doch gewiß
-ebensoviel Verstand!”
-
-„Glaubst du, daß zum Generalintendanten Verstand gehört?”
-
-„Ja aber -- hör' mal, Kind, du willst mich heute ärgern!”
-
-Elisabeth sprang lachend auf, legte den Arm um ihre Mutter und küßte
-sie in einem närrischen Anfall ordentlich ab.
-
-„Muttichen, kleines, du hast ja keine Ahnung, wie es draußen in der
-Welt zugeht! Aber auch gar keine Ahnung hat unser kleines, dummes
-Muttichen!”
-
-Die Baronin ärgerte sich, zupfte sich wieder zurecht, und die Baroneß
-nahm ihre Stickerei wieder auf.
-
-„Über diesen Ingo von Stein werd' ich mich mit dir schwerlich jemals
-verständigen, Elisabeth”, schloß die alte Dame etwas verdrießlich die
-Unterhaltung über diesen Gegenstand. „Du hast ja schon als Kind immer
-zu ihm gehalten. Und heute noch stellst du dich wie ein Engel mit dem
-Schwert neben ihn, sobald man diesen absonderlichen Herrn ein wenig zu
-kritisieren wagt. Und dabei hat er doch wahrlich nicht schön an dir
-gehandelt.”
-
-„Laß das, Muttchen!”
-
-Eine stärkere Röte stieg in Elisabeths Schläfen empor. Sie preßte
-die Lippen aufeinander, entschlossen, auf das Gespräch nun nicht
-mehr einzugehen. Die Mutter kannte diesen Zug und schwieg. Und so
-hatte sie Zeit, an den Geliebten zu denken, den diese Unterhaltung
-wieder heraufbeschworen hatte. Sie ertappte sich plötzlich auf der
-sinnlich-süßen Vorstellung, wie innig und närrisch er doch zu küssen
-und zu kosen verstand, nicht nur ihren Mund, auch ihre Ohrläppchen
-und andre Lieblingsstellen, wenn er einmal so recht in der Narrheit
-drin war. Ihr selbst war eine passive, aber zähe Sinnlichkeit eigen;
-sie preßte ihn in ihre starken Arme, als wollte sie ihn nie mehr
-fortlassen, und ließ mit Wonne seine phantasiereichen Koseworte über
-sich herabrieseln, als hätte sich der Himmel geöffnet und Jupiter
-besuchte seine Geliebte in Form eines Goldregens. Der Geliebte war oft
-stürmisch, doch niemals roh; aber oft auch zornig, weil „der Stein nur
-Stein umarme”!
-
-Und da wurden ihre Gedanken düster und wurden sehr beschattet. Denn
-hier fing das Leid ihrer Trennung an. Sie war gegenüber seinen
-sturmhaft-närrischen Einfällen und Zärtlichkeiten zu schwerfällig, zu
-unerfinderisch, während ihm Genialität aus allen Poren sprühte und dann
-unbefriedigt und verdrossen wieder erlosch.
-
-Dies alles, oft schon durchdacht, zog wieder einmal durch Elisabeths
-reifes und tiefes Gemüt.
-
-In einem der letzten Briefe hatte er ihr damals geschrieben, er sei in
-der umgekehrten Lage als jener griechische Bildhauer: „während jener
-Glückliche die schöne Statue lebendig geküßt hat, wirst Du unter meinen
-Küssen immer mehr zur schönen Statue”. Oh, sie wußte diese Briefstellen
-auswendig! „Hast Du je um Deinen Geliebten gekämpft? Hast Du nicht
-immer bequem gewartet, bis er zu Dir kam? Hast Du je eine kühne,
-meinetwegen unschickliche Fahrt gewagt, wenn Du ihn in seelischer Not
-wußtest?” So stand in jenen letzten Briefen. „Du bist reinlich und
-ruhig, höflich und herzlich; aber Dir fehlt Phantasie und Philosophie,
-Du bist schwer, statt schwungvoll.”
-
-„Ja, das ist alles wahr”, dachte Elisabeth in immer erneuter
-Beschämung. „Und was ich ihm nicht geben konnte, das hat ihm dann jene
-Frau gegeben.”
-
-Es stieg ihr siedend heiß das herbste und letzte seiner Zornworte in
-der Erinnerung empor; auf sein letztes Buch, das er ihr mit langem
-Brief gesandt, hatte sie nur in der ihr eigenen konventionellen Kürze
-geantwortet: das Buch wäre recht „nett”, und sie danke schön dafür.
-Da brauste er aber heftig auf. „Ich sende Dir mein Herzblut -- und Du
-findest es nur nett?! Abscheulich Wort! Pfui, schäm' Dich!”
-
-Ja, sie schämte sich. Elisabeth schämte sich bitterlich. Das war sein
-letzter Brief gewesen. So hatten sie sich verloren. Weil sie zum
-Mitfliegen zu lässig und oberflächlich war. Aber inzwischen hatte
-Elisabeth in Pommern drei aufrüttelnde Lehrjahre durchgemacht. Jetzt
-glaubte sie Ingos Bücher und Briefe zu verstehen; und sie gab ihm recht
-in allem, sich selber die Schuld aufbürdend und für ihn betend jede
-Nacht ...
-
-Es pochte.
-
-Der Oberkellner trat ein, überreichte einen Blumenstrauß nebst
-Briefchen und entfernte sich wieder.
-
-„Gewiß wieder von dem reizenden jungen Franzosen”, meinte die Mutter.
-„Das ist ein wirklich charmanter Mensch.”
-
-„Ja, von Leroux. Er sendet dir die Blumen, Mama, und mich lädt er zu
-einer Kahnfahrt ein.”
-
-„Tu das, Kind, geh ein wenig an die Luft! Du tust mir sogar damit einen
-Gefallen, denn ich möchte recht gern ein klein wenig ruhen, es war
-heute reichlich viel Lektüre.”
-
-So machte sich denn Elisabeth zurecht und war Weib genug, in ihrem
-Zimmer verhältnismäßig lang vor ihrem Spiegel zu stehen. Sie war nach
-der Grübelei wieder in jene lebensheitre Stimmung zurückgeschnellt und
-in ihrem kribbelnden Blut beinahe zu Streichen aufgelegt.
-
-Der mattleuchtende Vollmond stand schon über dem Gipfel des Môle und
-wetteiferte vorerst machtlos gegen die stark hereinschimmernde, das
-ganze Land beherrschende Abendröte. Der junge Pariser war entzückt, daß
-die Baroneß auf seinen Vorschlag einging. Sie wanderten miteinander den
-Quai du Montblanc entlang, nahmen am Hafendamm ein Boot und fuhren
-hinaus.
-
-Veilchenfarben glänzten Luft und See. Die ölige Fläche war von
-zauberhafter Glätte; lange Furchen blieben hinter Schwänen und Nachen
-weithin eingegraben in die schweren, stillen Wasser. In diesen
-bezaubernden Farben ruderten die beiden jungen Menschen durch die
-unbewegte Flut und spürten auch in sich den alles belebenden Mai.
-
-René Leroux war eine eigenartige Mischung von Kindskopf und
-kultiviertem Pariser. Er entbehrte bei aller muntren Treuherzigkeit
-nicht ganz des koketten Raffinements. Da sich die beiden sympathischen
-Herren als Freunde Ingos eingeführt hatten, so war rasch ein
-vertraut-höfliches Verhältnis zu den deutschen Damen hergestellt, die
-ziemlich neugierig waren, Näheres über den abenteuernden Verwandten zu
-hören. Die kränkelnde Freifrau brauchte viel Ruhe; Elisabeth war also
-dankbar für diesen willkommenen Anschluß, der sich in den besten Formen
-der Gesellschaft vollzog.
-
-Das große deutsche Mädchen hatte auf den etwas jüngeren Franzosen
-sofort einen unwiderstehlichen Eindruck gemacht. Er war elektrisiert.
-Wie reif! wie ruhig! wie edel in der Bewegung! wie hübsch die Büste,
-das Haar, der ganze schlanke Bau, der an jene herrlichen Statuen am
-Südportal des Straßburger Münsters erinnerte: Kirche und Synagoge!
-Er konnte seine schwarzen Augen kaum von ihr abwenden. Es ist sogar
-zu vermuten, daß er mit dem Namen Stein erst dann auf Fischfang
-ausging, als ihm diese Trägerin des Namens auch als Weib angenehm
-aufgefallen war; an sich hätte ihn eine Verwandte Ingos vermutlich kaum
-interessiert. Doch blieb er bei aller Verliebtheit doppelt ehrerbietig;
-und besondere Höflichkeiten verschwendete er klugerweise an die Mutter.
-Er lauschte sich in die Interessen der Damen hinein; er war es, der
-ihnen die Romanreihe „Jean Christophe” empfohlen hatte; er fühlte sich
-belebter und vornehmer im Bannkreise Elisabeths. Und es war bei ihm ein
-ehrliches Empfinden, kein Täuschungsversuch; er war von der eher herben
-als eigentlich schönen, doch äußerst anziehenden und eindrucksvollen
-Erscheinung des thüringischen Edelfräuleins hingerissen.
-
-Das Weib Elisabeth merkte dies. Und das Weib blieb nicht gleichgültig,
-nicht unberührt. Wieviel Lebenshunger war in ihr angestaut! Und so
-antwortete irgend etwas in ihrem Organismus den sinnlichen Strahlungen
-des heißverliebten Franzosen ganz von selber. Denn die Sehnsucht nach
-Ingo brach immer wieder aus geheimen Quellen empor, überflutete Adern
-und Nerven und ließ die volle Brust zu eng werden. Dann kam sie sich
-wie eine unbenutzte Kraftfülle, wie verschmähte Gesundheit vor; und
-der Verdruß des Wartens und Alleinseins bäumte sich auf Augenblicke in
-ihrer edlen Natur hochauf, ohne daß sie sich dagegen wehren konnte. Es
-waren Wallungen, die nicht dem Willen zugänglich waren, Wallungen der
-rätselhaften weiblichen Natur.
-
-So war es auch heute.
-
-Leroux hatte das Herz voll von sinnlicher Schwärmerei für das vor
-ihm sitzende, mit Kraft geladene junge Weib, das er hier über den
-leuchtenden Genfer See ruderte; und es schien nur einer Berührung
-zu bedürfen, so sprühten elektromagnetische Funken aus diesem
-Kraftbehälter weiblichen Reizes. Er schaute sie flammend an, sie
-senkte den Blick; dann lachte er wieder unbefangen und radebrechte
-das drolligste Deutsch, und sie lachte mit. Unauffällig veranlaßte
-sie ihn, von seinem Zusammensein mit Ingo zu erzählen. Der helle
-Pariser wußte darüber wenig zu sagen, aber er erfand nach Kräften
-hinzu, um ihr Freude zu machen. Dann kam er auf sich selber zu reden;
-und im Handumdrehen war er mitten in der flüssigsten französischen
-Liebeserklärung, die sich zu heißen Worten steigerte. Er trug ihr
-schlankweg seine Hand an. Er sei ein Sohn aus reichem und gutem Hause,
-er würde Deutsch lernen, auswandern, nach Kanada, nach dem Monde, sogar
-nach Thüringen, wenn sie ihn wolle, denn er liebe sie leidenschaftlich.
-Und er warf die Ruder in den Kahn und ergriff ihre Hände, die in der
-lauen Flut gespielt hatten.
-
-Jetzt erschrak Elisabeth denn doch über diese andringende Glut;
-aber sie entzog ihm die Hände nicht. Sie verglich nur blitzhaft die
-stürmische Werbung dieses Ausländers mit der Teilnahmlosigkeit ihres
-ehemaligen deutschen Geliebten. Solche Gefühle kannst du erregen,
-dachte stolz das Weib in ihr, und Ingo hat dich verschmäht! Ach, das
-kurze Leben! Mißachtet und verlassen am Wege liegen zu bleiben, -- o
-wie bitter! Und hier lockt berauschende Leidenschaft! Hier lockt das
-Feuer eines hübschen jungen Mannes und will deine Kühle hinwegschmelzen
-und bietet dir seine Küsse und sein ganzes Sein und Haben an! ...
-So saß Elisabeth mehrere Minuten in der beginnenden Maienmondnacht,
-äußerlich mit abweisendem Gesicht ins Wasser schauend, aber die Hände
-in ihres Bewerbers heißen Händen und überschüttet von den Liebesworten
-des lebhaften Kelten.
-
-In solchen Sekunden hängt eines Weibes Schicksal an einer geringsten
-Bewegung, an einem Nichts. Aber Elisabeth strömte auch in dieser
-bedenklichen Stunde, wo ihr Blut für männliche Werbung empfänglich war,
-eine natürliche Reinheit aus. Es war in ihrem Antlitz so gar kein Zug
-schwächlichen Entgegenkommens, daß der Bedrängende nicht wagte, über
-das Schickliche hinauszugehen. Sie entzog ihm endlich die Hände, strich
-über die Stirne und schaute ihn mit fernen Blicken an. Die Bezauberung
-wich.
-
-„Es ist eigentlich nicht liebenswürdig von Ihnen, Herr Leroux,” sprach
-sie, und es war wieder der ruhige Ton ihrer Mutter, „daß Sie mich da
-ganz unvermutet auf einer Kahnfahrt mit so ernsten Dingen überfallen.
-Das müssen Sie über Nacht einmal ruhig überlegen. Ich nehme an, daß
-Ihr Wunsch, mir Angenehmes zu sagen, Sie fortgerissen habe. Wir wollen
-nicht mehr hierüber sprechen. Es wäre ja schade, wenn wir uns diesen
-schönen Abend stören würden. Nicht wahr?”
-
-Und sie hielt ihm lächelnd und nun wieder ganz überlegen die Hand hin,
-die er sofort nervös und lachend schüttelte; worauf er elastisch zu den
-Rudern griff und ausrief: „Verzeihen Sie mir, aber der Abend und Ihre
-Nähe berauschen mich!”
-
-„Der Abend? Es ist ja Nacht! Nun schnell zurück! Wir sind ja da fast zu
-dem Park Monrepos hinübergetrieben und sicherlich wohl schon halbwegs
-nach Coppet geraten! Flink! Oh, sehen Sie nur, die Lichterreihe von
-Genf! Und sehen Sie dort: der Vollmond. Und hier der feurige Drache,
-der Dampfer! Nur flink weiter, sonst ängstigt sich meine Mutter!”
-
-So fuhren sie in die Lichter zurück, die in großem Halbkreis um den
-Genfer Hafen stehen. Und der gewandte Franzose suchte unter doppelt
-lauten und heitren Gesprächen seine Niederlage zu verbergen ...
-
- * * * * *
-
-Ingo von Stein war von Barcelona, nach flüchtigem Besuch bei Schaller,
-direkt nach Avignon durchgefahren.
-
-In der wohlbekannten Papststadt wurde Rast gemacht; die spanischen
-Eindrücke verlangten hier noch einmal Verarbeitung. Jetzt stand er
-einsam auf dem ~Rocher des Doms~ oberhalb der Rhone, wo er einst mit
-Friedel von jenem Mädchenphantom geplaudert. Und ihm war, als wären
-Jahre, nicht Wochen, seit seinem letzten Aufenthalt in Avignon an
-ihm vorübergerauscht und hätten ihre Spuren hinterlassen. Baumwipfel
-schienen vor der Aussicht hinweggeräumt, der Blick wurde frei,
-Jugendland tat sich abermals auf; Cousine Elisabeth stand am Parktor
-und winkte dem gereiften Pilger; und sie traten ein in das Freiland
-maßvoll beruhigter Schönheit und Weisheit und Liebe.
-
-Wunderlich war es, wie er sich nun nach Elisabeth sehnte! Diesem Drange
-frischweg folgend, fuhr er vom reizvoll ummauerten kleinen Avignon über
-die offene große Handelsstadt Lyon immerzu das Rhonetal hinauf nach der
-ernsten Calvinistenstadt Genf und stieg dort in demselben Gasthof ab,
-in dem die Damen und ihre beiden jungen Begleiter wohnten.
-
-Gerade als Leroux und Elisabeth das Boot betraten, zog Ingo im Hotel
-seine erste Erkundigung ein. Ja, diese Gäste wären hier, gab man ihm
-Bescheid, aber außer der leidenden alten Dame alle ausgegangen. Wohlan,
-so wusch er sich denn auf seinem Zimmer und trat dann gleichfalls
-hinaus in die Zauberfarben dieses unvergleichlichen Maienabends. Allen
-Damen am rosig hellen Ufer spähte er unter den Hut: ist sie dies? oder
-jene dort? Nach den seltsamen Fahrten dieses Frühlings überwältigte
-ihn das Verlangen nach deutschen Lauten, nach thüringischen Gesichtern,
-nach fester Erdenwirklichkeit. Und hier also, unter diesen Menschen,
-die sich in verklärender Beleuchtung am Strand ergingen, irgendwo
-unter diesen Menschen mußte auch Elisabeth sein. Es gab also hier eine
-lebendige Seele aus Fleisch und Blut, die er _sein_ nennen durfte!
-_Seine_ Elisabeth! Die ihn heute noch liebte wie vor fünfzehn Jahren,
-als sie ihm unter dem Herbstgold thüringischer Buchen den ersten Kuß
-der Liebe gab!
-
-Er ging aufmerksam spähend am Strand entlang bis zum Park Monrepos.
-
-Auch auf die Boote, die reinlich abgezeichnet auf silberner Flut
-schwammen, richtete er sein scharfes Auge. Es bemächtigte sich seiner
-ein feines Fieber besorgter Unruhe. Wo ist sie? Ausgegangen mit Wallace
-und Leroux? Oder nur mit einem der Herren -- und mit wem?
-
-Die Boote beobachtend, blieb er mit plötzlichem Erschrecken stehen:
-die hohe Dame dort im Nachen mit dem starken Haar und dem graden Wuchs
--- war sie das nicht? Er spähte lang in die sinkende Nacht hinein; sie
-hatten die Ruder eingezogen, sie hielten sich an Händen. Allein das
-war wohl schon die dritte oder vierte Dame, die er heute abend für
-Elisabeth gehalten hatte. Er lachte sich selber aus und kehrte ins
-Hotel zurück.
-
-„Noch nicht zurückgekommen?”
-
-„Bedaure, nein.”
-
-„Aber es ist ja Nacht.”
-
-„Herr Wallace kommt immer spät zurück, denn er malt im Gebirge.
-Herr Leroux und Fräulein von Stein haben wahrscheinlich wieder eine
-Kahnpartie gemacht.”
-
-„So, so!”
-
-Er schwieg einen Augenblick, biß sich auf die Lippen und warf dann die
-Worte hin:
-
-„Sagen Sie weiter nichts, daß sich jemand nach den Herrschaften
-erkundigt hat. Es wird sich ja morgen alles finden. Schicken Sie mir
-den Kellner auf mein Zimmer, ich werde oben eine Kleinigkeit essen.”
-
-Der umhergetriebene Troubadour schlief in dieser Nacht keine Stunde.
-
-Doch sein Tagebuch füllte sich mit peinvollen Gedanken.
-
- * * * * *
-
-
-_Aus Steins Tagebuch_:
-
-Von Lord Byrons großzügigem Pathos, von Shelleys Himmelsflug, von
-Voltaires Diabolik und Rousseaus dumpf-ungestümem Freiheits- und
-Liebesdrang sind an diesem Genfer See noch Strömungen in der Luft ...
-
-Es ist Nacht: Zeit der Dämonen. Zeit der Sonnenferne, Zeit der
-Mondherrschaft. Es ist Nacht: Gespenster- und Verräterstunde! In
-der Nacht verriet Petrus den Herrn; als der Hahn krähte, als die
-Sonne wieder alles Leben beleuchtete, erwachte sein höheres Ich zum
-Bewußtsein der niedrigen, sonnenfernen, gottfernen Tat ...
-
-Teile der Nacht sind in uns allen. Unbetretene Schluchten, luziferische
-Mächte, Dämonen des Abgrundes. Und Diabolik oder Koboldwesen und
-Nixentum steckt auch in jedem naturstarken Weibe ... Elisabeth ist
-naturstark ... Freilich, das edle Weib beherrscht die Dämonen; sie
-werden dann Freunde und dienen der stolzen Herrin. Aber das schwache
-Weib? Das läßliche und passive Weib? ...
-
-Ich bin furchtbar allein! ...
-
-O mein Gott, wie grauenhaft bin ich allein! ...
-
-Zum erstenmal in meinem einsamen Leben wahrhaft mutterseelenallein! ...
-
-Klammre dich nicht an ein Weib, mein Herz! Ein Weib kann nicht
-geleiten, kann nur begleiten, wenn du selber stark bist. Sie kann den
-Lebenskampf erleichtern, aber nicht bedeuten, nicht dir ersparen; sie
-kann Reizmittel sein, nicht Nahrung. Nahrung aber müssen Mann und Weib
-aus übersinnlichen Sphären holen. Wenn dir dahin der Pfad versperrt
-ist, wenn du nimmer glaubst an Sitte und Gottheit -- dann allerdings
-ist Geschlechtslust dein niederträchtiger Ersatz -- und Zerrüttung das
-Ende!
-
-Das ist des Lebens Tragik: bei innigster Liebe und reinster Absicht in
-entscheidenden Stunden ganz allein zu sein! Es gibt Stunden, die dir
-den Atem benehmen, wo du mit niemandem sprechen kannst, auch nicht mit
-dem besten Freunde. Das muß allein durchgekämpft werden. Beiß Zähne
-zusammen! Kämpf' es durch! Sprenge die Rinde! Neue Kraft formt neue
-Lebensrinde! Und nicht bitter werden, nicht bitter! Es ist wie ein
-Sterben, denn du mußt dich von etwas Geliebtem trennen. Doch morgen
-bist du hindurch -- und die Wunde wird vernarben -- und du bist stärker
-als zuvor ...
-
-Ich spüre die Geisterfreunde vom Montserrat, ich spüre die Jungfrau von
-Lourdes. Habt Dank! Bald bin ich vollends in eurem unbekannten Lande,
-wo es nur Liebe gibt, nur Treue ...
-
- Als der Vollmond über den See hing,
- Als die tückisch bewegliche Welle
- Ruhigen Lichtes lag, nur leise blinzelnd --
- Dacht' ich, wie diese falsche Woge
- Tückischen Sturmes fähig sei,
- Schneeweiße Fäuste ballend,
- Ein zornig Weibchen -- das gestern
- Zärtliche Geliebte war.
-
- Traue der Welle nicht, Wandrer!
- Trau' nicht dem Weibe!
- Ach, mich quälen Wahnsinnsgedanken,
- Da ich der Süßen mißtraue,
- Die mir so lieb war!
- Denn keine Treue wohnt in der Welle,
- Ach, keine Treue im Weib! Denn im Kusse,
- Insgeheim, in dunklen Tiefen,
- Denkt sie des andren!
- Ach, wer will eines Weibes Gedanken gebieten!
- Wer den ewig beweglichen Wellen! ....
-
-Es ist Gift in meinem Blut! Es sind Dämonen in diesem Zimmer! Dieses
-Genf ist voll von Dämonismus! Ward nicht da draußen eine Kaiserin
-ermordet? Ja, das ist es! Bin ich nicht vorhin über die Stelle dieser
-schwarzen Tat gegangen? Sie ward mitten ins Herz getroffen von jenes
-Mörders Stilett, es floß kein Tropfen Blut, sie hat immer im Leben
-Reinlichkeit geliebt. Ruhelose, du bist viel gewandert: wandernd
-stiegst du in Charons Nachen! Ihr Lieblingsdichter war der zerrüttete
-Heine, ein Verwandter des größeren Byron, der den Gefangenen von
-Chillon besungen hat -- Freiheitsucher, denen Europa und die Erde zu
-eng war! Weiße Schwäne schwammen am Ufer, wo sie getötet ward; und die
-weißen Berge schauten machtlos dem schwarzen Frevel zu ...
-
-Leben, du bist erschütternd kurz! Elisabeth, die du jener Kaiserin
-Namen trägst, wir wollen einander gut sein! Meine Elisabeth, wir wollen
-uns treu sein! Vergib, Elisabeth, denn ich bin dir selber zuerst untreu
-geworden! Und du hast recht, es mir zu vergelten. Vergelten?! Du -- und
-vergelten?! Du bist ja frei, du bist durch nichts an mich gebunden! Es
-hat mich nur einen Augenblick erschüttert, daß du nun doch einen andren
-liebst. Sei glücklich -- aber sei nicht unvornehm, meine Vornehme!
-Freunde sollen aufeinander stolz sein können: ich will stolz sein auf
-meine vornehme, keusche, stolze Freundin Elisabeth, auch wenn sie einem
-andren gehört. Wohl bin ich dem Glück nachgejagt, auch jetzt noch, aber
-das Glück hat mich gefoppt auf allen Wegen ...
-
- Euer Plan ist verloren, ihr ewigen Götter,
- Wenn ihr wähntet, ich würde als Heil'ger wandlen,
- Den harten Blick empor auf das Ewige richtend,
- Bußpredigend wandlen durchs reinere Deutschland!
-
- Nein! Mich überwältigt der Drang nach Liebe!
- Jene, die mich in fernen Kindertagen
- Aufgeweckt und mein Blut zum Singen brachte --
- Wieder such' ich sie heiß und suche Liebe!
-
-
- Wieder muß ich hinab, hinab zu Menschen!
- Noch nicht bin ich zum Aufstieg auf den Gralsberg
- Reif genug -- und werd' es im nächsten Dasein
- Redlich büßen -- doch heute -- -- Liebe! Liebe! ...
-
-Die flüchtige Auskunft eines Kellners, ein Blick auf einen Kahn, eine
-dumpfe Angst und Ahnung -- es genügt, mir eine Fiebernacht zu schaffen!
-Ich glaubte mich im bequemen Besitz, ich ward herausgeschreckt. Nun
-kannst du spüren, mein Herz, wie zäh und fest meine Jugendfreundin
-mit mir verwachsen ist! Nun, da du verlierst, nun weißt du, was du
-besessen! ...
-
- Bin gealtert, leidgeschüttelt
- Und ergraut an beiden Schläfen --
- Liebste, doch noch einmal möcht' ich
- Daß wir uns im Walde träfen.
-
- All die süßen Liebesworte,
- Die ich dir vor sieben Jahren
- In dein schweres Haar geflüstert,
- Solltest du aufs neu' erfahren.
-
- Wenn der Knabe küßt, so ist es
- Wie das Schilf im weichen Winde --
- Doch des Mannes Kuß vergleich' ich
- Starkem Sturmgebraus der Linde.
-
- Warst du dort die Honigblüte,
- Dran ich wie ein Falter naschte,
- Oder warst du mir die Waldfee,
- Die ich leichten Sprungs erhaschte --
-
- So ersehnt jetzt Mannesvollkraft
- Eines starken Weibes Fülle,
- Und es trennt die reifen Gatten
- Weder Bänglichkeit noch Hülle ....
-
- * * * * *
-
-Wunderlich wechselnd ist eines phantasiereichen Menschen
-Empfindungsleben.
-
-Als Ingo von Stein nach geringem Schlafe am andren Morgen auf roten
-Teppichen die Hoteltreppe hinunterstieg, war er über sich selber
-erstaunt, wie spannkräftig er dennoch dem neuen Tag entgegenschritt,
-als wäre der Gedankenspuk dieser eifersüchtigen Nacht gar nicht gewesen.
-
-Es war zwischen sieben und acht Uhr, als er ins Frühstückszimmer trat.
-
-„Noch niemand unten?”
-
-„O nein! Erst gegen neun Uhr pflegen die Herren zu erscheinen; und die
-Damen nehmen das Frühstück auf ihrem Zimmer.”
-
-Er trank seinen Kaffee und trat hinaus in den köstlichen Duft eines
-wolkenlosen Morgens. Nach rechts, über die Brücke, in den englischen
-Garten. Auch dort irgendwo waren Boote zu vermieten; er nahm sich einen
-schlanken Nachen und ruderte aus dem Hafen hinaus in den glatten See,
-der flimmerte von Morgenduft und Morgenlicht.
-
-Hatte des Nachts eine mittelalterliche Stimmung von Hexen und
-Dämonen spukhaft über ihn Macht gehabt, so ward er jetzt umflutet
-vom taghellen Schönheitsrausch des alten Hellas. Wie kraftvoll schön
-die Welt! Wie anstrahlend Luft und See! Ein starkes Naturschauspiel
-entfaltete sich unmittelbar vor seinem Nachen: ein großer Schwan,
-von Maienbrunst getrieben, verfolgte stürmisch ein Weibchen; mit den
-Flügeln klatschend, rauschend, flog er dahin, fiel auf offenem See
-über das flüchtende Weibchen her, schlug den Schnabel in Hals und
-Rücken des unter ihm schwimmenden Vogels -- und unter starkem Schreien
-kämpften sie schwimmend den uralten Kampf der Geschlechter, so daß
-Federn flogen und der See aufrauschte. Mehrere andre Schwäne umkreisten
-mit erregt gesträubten Flügeln den immer wieder unterbrochenen und
-immer wieder aufgenommenen Kampf. Leda und der Schwan! Das sinnlos
-berauschte Männchen verfolgte das weibliche Tier über den halben See
-hinüber; leicht schwimmende Federn bezeichneten die Fluchtlinie. Das
-Bild paßte in die Kraft, den Farbenglanz und die Größe der Landschaft.
-Der See schimmerte grün-bläulich, fast violett; die Häuserreihe von
-Genf warf das Morgenlicht zurück; und dahinter erhob sich die ernste
-Schneelandschaft der Juragipfel.
-
-Dem Troubadour verdichtete sich der wildschöne Kampf des Schwanes um
-sein Weib zum Sinnbild für ihn selber. So gedachte auch er um sein
-Ideal zu kämpfen -- aus allen Irrfahrten heraus um das ganz bestimmte
-einzige Weib, das ihn von Kind an geliebt hatte.
-
-Er zog die Ruder ein, ließ sich treiben und redete mit den Nixen des
-Genfer Sees.
-
- „Nixen der Flut und der Forste, ich bitte, bleibt mir auch ferner
- Freundlich gesinnt, wie so oft in der Heimat, im Thüringer Walde!
- Ja, verdoppelt die Gabe! Denn zwiefach will ich nun werden,
- Und es fürchtet mein Weib ein wenig die Rache der Nixen,
- Die ich immer so herzlich geliebt wie die Wunder des Waldes.
- Doch ich erzähle der Bangen, wie gut ihr seid und wie hilfreich,
- Und bald wird sie euch lieben und wird sich freuen, zu schauen
- So viel schöne Gesichtchen, so schöne Gewänder und so viel
- Köstlich melodischen Lebensgesang, der nachts um das Haus weht
- Und des Schläfers Gedanken und Sorgen verwandelt in Wohllaut.
- Singt auch der Meinen! Singt meiner Gattin! Und was sie an Kummer
- Oder an Krankheit geschaut und gepflegt -- verwandelt es, Geister,
- Singend in Töne der Freude! Und habt sie lieb, wie ihr mich liebt!”
-
-Dann ruderte er hafenwärts, erstand die schönsten Blumen und schritt in
-das Hotel zurück.
-
-Oben warf er sich in seinen dunkelgrauen Gehrock und schrieb auf seine
-Visitenkarte, die er mit den Blumen hinüberschickte, er bitte um die
-Ehre, den Damen von Stein seine Aufwartung zu machen. Nach Leroux und
-Wallace hatte er sich vorerst gar nicht erkundigt.
-
-Vor den Zimmern der Damen im Korridor auf und ab gehend, wartete er
-pochenden Herzens auf Antwort. Es war ihm völlig ungewiß, wie man
-ihn aufnehmen, ja ob man ihn überhaupt empfangen würde. Als er noch
-wartend stand und sich bereits mit der Einbildung abzufinden suchte,
-daß man seinen Besuch überhaupt nicht annehmen würde, kam von unten
-ein Kellner und brachte ihm einen eben angekommenen Brief. Er erkannte
-Trotzendorffs feste Handschrift. Doch hatte er eben nur Zeit, den Brief
-einzustecken. Denn die Tür tat sich auf -- und raschen Schrittes trat
-Elisabeth heraus.
-
-„Ingo!”
-
-Sie ließ die Visitenkarte fallen und stürzte mit ausgestreckten Händen
-auf ihn zu, über und über erglühend und in diesem Augenblick wahrhaft
-schön. Er ergriff ihre beiden Hände mit den seinen, und so standen sie
-sich einen Augenblick gegenüber und schauten sich mit bebenden Herzen
-an. Es war einer der schönsten Augenblicke seines ganzen Lebens. Alles,
-was ihn gequält hatte, fiel von ihm ab, als sie sich hier Auge in Auge
-gegenüberstanden. Der Gralsucher hatte die überwältigend beseligende
-Empfindung: Ich bin am Ziel!
-
-Aber sie befanden sich auf offenem Korridor, fremden Blicken
-ausgesetzt, und so beherrschten sie sich rasch.
-
-„Aber wie kommst du denn hierher?” rief Elisabeth.
-
-„Dich und deine Mutter zu begrüßen; das ist doch ganz einfach!”
-
-„Mama ist sprachlos vor Staunen, sie macht sich eben im Schlafzimmer
-fertig. Komm nur herein in unsren Salon!”
-
-Und sie traten ein.
-
-Das Stubenmädchen, ein niedlicher Racker, der den Vorgang neugierig
-beobachtet hatte, hob Steins zu Boden gefallene Visitenkarte auf und
-ging damit trällernd und schnalzend an das andre Ende des Stockwerks.
-Dort lag Leroux noch immer in den Federn, obwohl es über zehn Uhr war;
-seine Schuhe standen vor der Türe. Der Pariser pflegte das Mädchen gern
-zu necken, sie gab ihm die Neckerei zurück: sie legte die Visitenkarte
-quer über seine Schuhe und erzählte dann kichernd den Kolleginnen, wie
-zärtlich der neue Herr von den Damen auf Nr. 10 empfangen worden sei.
-„Der sticht den Pariser aus -- wetten wir?”
-
-Frau Baronin Mathilde von Stein-Birkheim war mit der ganzen Vornehmheit
-ihres Wesens, das Spitzentuch über Kopf und Schultern, die große
-Brosche mit dem Bild der Großherzogin am Halse, in den Salon getreten
-und hatte, auf ihren Krückstock gestützt, stehend den offiziellen
-Besuch ihres überaus höflichen Neffen entgegengenommen. Dann nahm
-sie Platz und lud zum Sitzen ein. Sie war sonst wenig entzückt von
-Ingo; es war für sie schwer, zu dem unberechenbaren Menschen ein
-Verhältnis zu finden. Noch im Herausgehen wußte sie nicht recht, ob
-sie den vermutlich ganz verwilderten Troubadour nicht gleich wieder
-kühl entlassen solle. Jedoch die bejahrte Dame hatte eine Eigenschaft,
-die in diesem Falle überwog: sie war ein wenig neugierig. Und da
-Ingo mit wahrhaft ehrfurchtsvoller Höflichkeit ihre Hand küßte und
-in unverwilderten Formen eine ritterliche Begrüßungsrede hielt, war
-sie zunächst beruhigt und begann ihm umständlich ihre Krankheit zu
-erzählen. Dann sprach man vom Leidenslager seines Bruders. Und dann
-geriet das Gespräch ins Stocken; denn alle drei dachten an eine dritte
-Kranke, deren Namen aber niemand nennen mochte.
-
-Während bei dieser gemessenen Unterredung Baronin und Ingo einander
-gegenüber saßen, stand Elisabeths hohe Palmengestalt am Lehnstuhl ihrer
-Mutter. Sie hatte den Arm um die Lehne gelegt, leicht geneigt, und
-schaute, sofern sie sich nicht zur Mutter herabbeugte, um eine Angabe
-zu bestätigen, fast unverwandt den Geliebten an, so strahlend von
-einem stummen Glück, daß dem Wandrer einmal über das andre ein warmer
-Schauer über das Herz rann. Himmel, wie edel und reif dieses Gesicht,
-wie ebenmäßig diese Gestalt! Wie gütig, warm und wonnig diese Augen!
-Und wie hilflos-kindlich dieses Lächeln des Glückes, das sie offenbar
-gar nicht zurückdrängen konnte! Nicht mit einem Wort beteiligte
-sie sich unmittelbar an der Unterhaltung; darin war sie sich treu
-geblieben. Und als sich Ingo erhob, um sich nach diesem ersten Besuch
-wieder zu verabschieden, hatte sie buchstäblich außer den jubelnden
-Eingangsworten keinen einzigen Satz an ihn gerichtet.
-
-Ingo zog sich zurück und lief ein wenig durch die Stadt, nach der
-Rousseau-Insel und hinauf nach dem inneren Genf. Und es muß gesagt
-werden, daß er vor jedem Schmuckladen stehen blieb und die aufgereihten
-Trauringe liebäugelnd betrachtete. Es gibt in Genf viele Schmuckläden.
-Er wählte lang, trat endlich ein und erstand sich zwei Ringe. Er
-kannte den Umfang ihres Ringfingers: er entsprach genau seinem eigenen
-kleinen Finger. Mit den gediegenen Goldreifen in der Tasche setzte er
-beflügelt und entschieden seine Wanderung fort, kreuz und quer durch
-die ehrwürdige Stadt, doch blind für die Außenwelt.
-
-Die Damen pflegten, wenn die Baronin sich besonders wohl fühlte,
-unten zu essen, und zwar zusammen mit Ingos Freunden Wallace und
-Leroux. Ersterer war wieder abwesend; Leroux begrüßte den Baron mit
-auserlesenen Liebenswürdigkeiten; alle vier setzten sich an einen
-besondren, blumengeschmückten Tisch. Elisabeth war in weißem Kleide,
-trug am Gürtel einige von Ingos Maiglöckchen und war in ihrer süßen
-Verzauberung einer Braut nicht unähnlich. Am Halse des, wie immer,
-hochgeschlossenen Kleides hing ein Goldkreuz mit rubinrotem Herzen: ein
-Schmuck, den Ingo immer geliebt hatte.
-
-René Leroux war aufgeregt; Ingo mit seinen gesunden Nerven benahm sich
-gefällig, heiter und glücklich. Doch allmählich fielen ihm, während
-er von seinen Reisen erzählte, die Blicke auf, womit der Franzose,
-sobald er sich unbemerkt glaubte, beinahe bang und flehend Elisabeths
-Augen suchte. Es lag etwas wie ein Werben, ja wie eine geheime
-Verständigung in diesem Augenspiel. Elisabeth freilich, züchtig und
-bräutlich und mit leuchtenden Glücksfarben vor ihrem Teller sitzend
-oder am Weine nippend, schien gar kein Auge für ihn zu haben. Immerhin
-bemerkte Ingo, wie sie einmal, Lerouxs zudringlichem Blick begegnend,
-unwillkürlich errötete. Auch suchte der Pariser mehrmals eine gedämpfte
-Privatunterhaltung mit Elisabeth anzuknüpfen. Die alte Dame in ihrer
-freundlichen und etwas steifen Würde spürte nicht, was für Fäden
-zwischen den drei übrigen Tischgenossen hin und her spielten.
-
-„Ingo hat nach meinem Dafürhalten recht sehr gewonnen”, bemerkte sie
-oben leutselig. „Er scheint mir rücksichtsvoller zu sein als früher,
-wo er manchmal doch recht vorschnell war im Aburteilen. Und klug! Ich
-muß schon sagen: wirklich klug! Aber der andre, der unruhige junge Mann
-aus Frankreich, fängt an, mir nachgerade auf die Nerven zu fallen. Es
-ist zwar ein wohlerzogener Mensch von guter Kinderstube, aber es wäre
-passender gewesen, daß er mir oder dem Baron zugehört hätte, statt
-immer dich in eine Unterhaltung verflechten zu wollen. Es war korrekt,
-daß du ihm abgewinkt hast. Eine so zersplitterte Tischunterhaltung
-macht mich nervös ... Wir werden um vier Uhr auf unsrem Balkon Kaffee
-trinken, nicht wahr, Kind? Wenn ich noch schlafen sollte, kannst du ja
-den Baron empfangen und so lange unterhalten.”
-
-Ingo hatte mit Leroux noch einige Zigaretten geraucht und sich dann auf
-sein Zimmer zurückgezogen. Hier durchdachte er, ziemlich gedämpft nach
-dem Freudenausbruch des Vormittags, seine unangenehmen Beobachtungen.
-
-Dann las er Trotzendorffs männlichen Brief.
-
- „Mein alter Ingo!
-
-Nach einem langen ersten Empfang (Audienz) bei unsrer Hoheit bin
-ich soeben nach München zurückgekommen, wo es meiner lieben Frau
-nach schmerzlichen Tagen zum Glück besser geht, und setze mich
-sofort hin, um dir zu schreiben. Deine häufigen treuen Kartengrüße
-sind eingetroffen, ebenso zu unsrem Erstaunen Deine Draht-Nachricht
-von Deiner Reise nach Genf. Du bist doch immer der alte Sausewind,
-liebster Junge! Was Teufels treibst Du denn nun plötzlich in Genf? Was
-überhaupt so lange in romanischen Ländern? Mir ist das Herz wieder
-aufgegangen, als ich deutsche Sprache um mich her vernahm. Na also,
-nun zur Sache! Wir haben in jener fürstlichen Unterredung auch über
-Dich gesprochen, Alter. Ich bin ins Zeug gegangen, daß die Schwarten
-krachten. Dein Buch Heroismus (Du hättest es schlicht und deutsch
-Heldentum nennen sollen) ist unter hoher Befürwortung (Protektion) nach
-Berlin gegangen und soll an höchster Stelle gewürdigt werden, besonders
-der Abschnitt über Friedrich den Großen. Und dann: in den nächsten
-Monaten kommt Seine Majestät nach der Wartburg. Dort, an geschichtlich
-bedeutsamer Stätte, wirst Du dem hohen Herrn vorgestellt. Ein Mann wie
-Du darf nicht ziellos in der Welt herumlaufen, Du hast vaterländische
-Pflichten, Freiherr von Stein! Verstanden? Wir werden bis dahin
-überlegen, wo wir Dich an den rechten Platz stellen: Kunstakademie,
-Hoftheater, Staatsdienst, Gesandtschaftsposten -- irgendwo müssen
-wir Deine geistige Kraft verwerten. Du hast mich zwar oft gehänselt
-wegen meiner angeblichen Vereinsmeierei: Sprachverein, Flottenverein,
-Pfadfinder, Jugendwehr und so weiter -- laß gut sein, Junge! Das sind
-rüstige Dinge und eines rechten Mannes würdig. Und ich fühle mich nun
-einmal bis ins Mark als Mitglied der vaterländischen Gemeinschaft und
-unsres deutsch-völkischen Arbeitsgebietes. Also, lieber Freund, kurz
-und gut: im Herzen Deutschlands ist Dein Platz! Und drum verdirb mir
-meine Bemühungen nicht und stell' Dich zur Verfügung, wenn von höchster
-Stelle ein Ruf an Dich ergeht. Deutschlands Weltlage im Herzen Europas
-ist ernst. Wer weiß, wie bald Angelsachsentum, Slawentum und Romanentum
-sich über uns herstürzen werden! Oder wer weiß, was von innen her
-gebraut wird! Da wird dann auch viel Faules hinweggefegt werden, was
-dem Ernst und der Größe der Zeit nicht mehr gewachsen sein kann. Du
-hast, wie der alte Joseph in Ägypten, in aller Stille Vorratshäuser
-gebaut; dann, wenn die Nöte kommen, sollst Du Deine Kornkammern auftun.
-Drum halte Dich bereit!
-
-Deutschen Gruß, lieber Freund!
-
- Dein Richard.”
-
-Ingo gedachte dieses treuen und tapferen Mannes mit warmer
-Herzensbewegung. Er sah im Geist den breitschultrigen Verfasser dieses
-Briefes am Schreibtisch sitzen, den angegrauten Schnurrbart und das
-militärisch kurze Haupthaar über das Papier gebeugt; er sah ihn, wie
-er dann zufrieden ans Bett seiner Gattin trat und mit markiger Stimme
-den Brief vorlas, denn zu all solchen Erzeugnissen holte er ihren Segen
-ein; und er sah, wie sie lächelnd und lobend beistimmte.
-
-„Er ist ein prächtiger Vertreter eines tatkräftigen Bismarckschen
-Deutschtums”, dachte Ingo. „Aber ohne Romantik. Eine Gralsburg zu bauen
-ohne Hilfe eines Vereins, wäre für Trotzendorff ein Wahn (in Klammern:
-Chimäre) oder eine Einbildung (in Klammern: Ideologie oder Illusion).
-Und ein Mann von geistiger Bedeutung hat nach Richards staatstreuem
-Empfinden das Höchste erreicht, sobald er in amtlicher Stellung steht
-mit Titel und Orden. Ihm ist der römische Staatsbegriff in Fleisch und
-Blut übergegangen; aber die freie Genialität der Griechen, der Sinn für
-Schönheit, Anmut, Geschmack? Mystik ist ihm ebenfalls verdächtig, Musik
-ein allerdings sehr angenehmes Geräusch, ohne daß er in ihre seelische
-Tiefe dringt. Kurz, Trotzendorff hat Stiefel, aber keine Flügel.”
-
-Das ungefähr waren Ingos Gedanken über diesen in seiner Einseitigkeit
-tapfren und treuen Charakter, der aus altpreußischer Zucht
-hervorgegangen war.
-
-Und doch mußte er sich sagen, daß dieser Soldat eine richtige
-Empfindung gegenüber Ingos Schwärmerei ehrlich aussprach.
-
-„Ich drohe mich in der Tat zu verflüchtigen, ich gehöre nach
-Deutschland, in festes Wirken, wenn auch nicht in staatlich
-abgestempelten Formen. Da hat er recht. Doch ob der realistische
-Deutsche dem Idealisten Führer sein kann? Schwerlich! So wenig wie
-der Körper dem Geist. Nur ein Mahner. Kein Kaiser darf Dichter
-kommandieren. Sie sind beide gleichwertige Fürsten. Ich achte den
-Reichskörper: aber mein Gebiet ist die Reichsseele.”
-
-So wappnete sich hier, in aller Freundschaft, ein Deutscher gegen den
-andren -- echt und selbständig beide, und doch erst in Gemeinschaft und
-Ergänzung ein harmonisches Ganzes.
-
-Dann ging er hinauf zu den Damen.
-
-Er traf Elisabeth allein. Sie strahlte von innen einen eigenartigen
-Zauber aus, sie war liebreizend und glückselig. Als er eintrat, legte
-sie den Finger auf den Mund und deutete nach der Nebentüre.
-
-„Mutter schläft noch”, sagte sie leise.
-
-Er war beglückt, sie allein zu sprechen, behielt ihre Hand in der
-seinen und setzte das Gespräch mit gedämpfter Stimme fort:
-
-„Sind wir wirklich wieder einmal allein nach so langen Jahren? Es kommt
-mir noch immer wie ein Traum vor, daß wir uns gegenüberstehen.”
-
-„Mir auch, Ingo.”
-
-„Und sag' mir, Elisabeth, denkst du noch genau so wie in der Kindheit?”
-
-Sie wandte den Kopf, schaute befangen nach der Nebentüre und sah dann
-wieder ihn an, innig und seelenvoll, aber stumm, als wollte sie sagen:
-Sprich hier nicht darüber, aber lies in meinen Augen, du lieber Mann!
-
-Sie setzten sich in die offene Balkontüre und unterhielten sich mit
-gedämpfter Stimme. Ingo erzählte vom Montserrat und konnte sich nicht
-enthalten, auch des Konsuls zu gedenken und von des ungewöhnlichen
-Mannes wunderbaren Enthüllungen Andeutungen zu geben.
-
-Doch hier spürte er bald ein feines Widerstreben.
-
-„Man hört jetzt viel von solchen Ideen”, sagte sie. „Kommt diese
-Bewegung nicht aus Amerika und England oder gar aus Indien?”
-
-„Gewiß, ja, aber Bruck ist ein unabhängiger Mann.”
-
-„Oh, es ist gewiß sehr interessant. Aber genügt schließlich nicht das
-Bibelwort: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, das hat der Herr
-bereitet denen, die ihn lieben?”
-
-Ingo mußte unwillkürlich lächeln. Das war sie noch immer, seine gute
-Elisabeth!
-
-„Gewiß genügt es! Es genügt ja auch, in Deutschland den Acker zu
-bauen”, sprach er. „Wozu also Amerika entdecken? Wozu den Nordpol
-suchen? Wozu gar mit Luftschiffen das höchst unsichere Element der Luft
-befahren wollen? Man könnte ja am Ende einmal herabfallen! Nicht wahr,
-Spießbürgerchen?”
-
-Sie lachten beide.
-
-„Da hast du recht, Ingo! Baue du nur Luftschiffe, aber flieg uns nicht
-wieder fort! Übrigens auch ich interessiere mich lebhaft für Geister,”
-fügte sie schalkhaft hinzu, „aber für verkörperte!”
-
-Hier wurde angeklopft, und das niedliche Stubenmädchen brachte einen
-Blumenstrauß mit einem Briefchen in geschlossenem Kuvert, gab die
-Sachen an Fräulein von Stein und verschwand.
-
-„Bei euch ist ja die reine Blumen-Ausstellung!” scherzte Ingo. „Was
-hast du denn da für einen Verehrer?”
-
-„Harmlos! Sieh selber nach!”
-
-„Darf ich wirklich? Kein Geheimnis?”
-
-„Vor dir hab' ich kein Geheimnis.”
-
-„Wirklich nicht, Elisabeth?”
-
-Er hatte das Briefchen in der Hand, das sie ihm ungeöffnet gereicht
-hatte; und als sie so, den Blumenstrauß aus dem Papier wickelnd, vor
-ihm stand und ihn mit ganzer Treue und Klarheit ansah, konnte er nicht
-anders: er legte den Arm um ihre Schulter, und sie sahen sich ganz nahe
-einige Sekunden innig in die Augen. Ein Glücksstrom überrieselte ihn
-abermals: ich bin am Ziel!
-
-Dann tat sie die Blumen ins Wasser und trug die Vase auf die Brüstung
-des Balkons, wo bereits der Kaffeetisch wartete. Er aber öffnete das
-Kuvert, das Lerouxs Visitenkarte enthielt -- und las folgendes:
-
-„Ich bin rasend vor Eifersucht. Gestern im Nachen war ich zwar toll vor
-Liebe, doch auch Sie waren nicht gleichgültig. Auch Sie lieben mich,
-sagen Sie mir deutlich, daß Sie mich lieben! Tragen Sie eine meiner
-Rosen als Antwort! Ich bete Sie an.”
-
-Ingo stand und starrte diese leidenschaftlichen Worte an. Dann fluteten
-und brausten plötzlich wieder die Angstzustände der Nacht über ihn
-herein. Also doch! Seine Elisabeth -- dort im Kahn -- also doch!
-
-Auch Leroux wähnte sich offenbar „am Ziel”! Denn sonst hätte er diese
-Sprache nicht gewagt!
-
-Er sagte keine Silbe.
-
-Mit unnatürlicher Ruhe steckte er die Karte in das Kuvert und legte das
-Briefchen auf Elisabeths Schreibmappe.
-
-Die Mutter trat jetzt ein. Er bot ihr den Arm und führte sie an den
-Kaffeetisch. Und es wurde eine unsäglich einsilbige und unsäglich
-steife Kaffeestunde.
-
-Elisabeth, in ihrem stillen, großen Glück, merkte anfangs gar nichts
-von des Freundes Verstimmung; sie schob seine Schweigsamkeit denselben
-Gefühlen zu, von denen sie selber durchdrungen war. Sie sprach heute
-reichlicher; sie zitierte Stellen aus seinen Werken; und ihre Mutter
-machte lächelnd die Bemerkung:
-
-„Oh die, die kann deine Bücher auswendig, Ingo!”
-
-„Wirklich, liebe Tante? Was Sie sagen!”
-
-Er schaute in das strahlende, offene, durch kein Wölkchen getrübte
-Gesicht seiner glücklichen Geliebten; und tiefes Weh wallte in ihm
-empor. Der beklemmende Schmerz machte ihm fast jede Unterhaltung
-unmöglich. Auch sie nicht treu! In einem Winkel ihres Wesens auch sie
-kokett! Trägt jenen artigen Burschen im Herzen -- und verbindet damit
-die wieder erwachten Jugendgefühle! O Weib, Weib!
-
-Und er raffte sich auf und sprach von Trotzendorffs Brief und daß er
-wahrscheinlich recht bald nach München müsse. Man hatte den Namen
-Trotzendorff bisher vermieden; jetzt teilte er geflissentlich mit, daß
-die kranke Frau von Trotzendorff in einem Münchener Sanatorium liege.
-
-Elisabeth wurde schweigsam.
-
-„Ich hatte nur das Bedürfnis,” schloß er höflich und kühl, „Ihnen,
-liebe Tante, meine Aufwartung zu machen und mich nach Ihrem Befinden zu
-erkundigen. Es war mir äußerst angenehm, daß ich Sie beide getroffen
-habe. Weiter fesselt mich nichts mehr hier in Genf; ich kenne den See
-schon; und Sie gehen ja wohl auch bald nach Montreux. Wundern Sie sich
-also nicht, wenn ich plötzlich nach München und dann nach Thüringen zu
-meinem Bruder verschwunden bin.”
-
-Elisabeth blickte stumm in ihre Tasse. Ihr Herz krampfte sich zusammen.
-Nach München! Also doch wieder zu jener Frau!
-
-„Du bist und bleibst ein rechter Zugvogel, lieber Ingo”, sagte die
-Tante und war offenbar nicht wenig verlegen, wie sie das Gespräch
-fortführen sollte. Denn die beiden schweigsamen Menschen unterstützten
-sie darin ganz und gar nicht.
-
-So hob sie denn dieses trübselige Kaffeestündchen auf, und Ingo
-verabschiedete sich. Elisabeth suchte ratlos, ängstlich, bittend seine
-Augen; sie suchte ihn mit der ganzen Innigkeit ihrer Blicke noch einmal
-festzuhalten; er spürte, wie ihre Hand zitterte, als sie die seine
-krampfhaft festhielt -- aber er wich ihren Blicken aus. Es war in ihm
-eine tiefe Trauer und ein schmerzlicher, fast bissiger Entschluß. In
-der Form der größten Höflichkeit nahm er Abschied; und die große,
-weiße, goldverzierte Salontüre fiel hinter ihm zu.
-
-„Diese Waldecksche Linie der Familie Stein hat entschieden einen Stich
-ins Verrückte”, grollte die sonst so gehaltene Edelfrau, als sie mit
-ihrer todbleichen Tochter wieder allein war. „Wirst du nun aus diesem
-Menschen klug? Da überfällt er uns, scheint die alten Beziehungen
-wieder anknüpfen zu wollen -- und läuft sofort wieder davon! Ich muß
-doch einmal gleich an Tante Adelheid nach Weimar schreiben, daß sie ihm
-den Kopf waschen soll! Auf sie gibt er wenigstens noch etwas, auf uns
-gar nichts. Auch der französische Herr wird mir unangenehm; und der
-Engländer nimmt überhaupt keine Rücksicht. Ich will dir etwas sagen,
-mein liebes Kind: wir zwei bleiben wieder allein! Hörst du, Elisabeth?
-Das alles regt mich auf.”
-
-„Ja, Mutter, wir zwei bleiben wieder allein ...”
-
-Der Duft und Dunst, am Morgen noch von der Sonne durchglüht, hatte
-sich jetzt immer mehr zu Gewitterwolken verdichtet. Die Sonne war
-verschleiert. Es war eine fahle, schwüle Stille. In der Ferne, nach
-Lausanne zu, bildete sich ein schwarzes Gewitter und schüttete am Abend
-Regenmassen über Berge, See und Stadt.
-
-Ingo, rasch und lebhaft in seinen Entschlüssen, packte augenblicklich
-seine Sachen. Während dieser Arbeit beruhigte er seine leicht erregbare
-Phantasie. Und seine natürliche Herzenswärme trat wieder hervor.
-
-Er setzte sich hin und schrieb der Geliebten einen kurzen
-Abschiedsbrief:
-
-„Meine gute, liebe Elisabeth! Wenn auch unser Bund zerbrochen ist, so
-wollen wir doch versuchen, als Kameraden dankbar aneinander zu denken.
-Ich will Dir also sagen, daß ich Dir nicht grolle. Denke auch Du gut
-von mir! Offen will ich Dir mitteilen, daß ich euch zufällig im Kahn
-beobachtet habe und auch während des Mittagessens nicht blind war;
-das Briefchen gab dann den Ausschlag. Elisabeth, werde glücklich!
-Doch bleibe unsre vornehme, gütige, edle Elisabeth, die wir um dieser
-Eigenschaften willen alle so sehr achten und lieben -- und die ich, das
-darf ich wohl sagen, auch in allem Wechsel immer geliebt habe. Leb'
-wohl, liebes Mädchen! Ingo.”
-
-In der Nacht, während Elisabeth in ihre Kissen weinte und vergeblich
-das Taschentuch zerbiß, um ihre nahe schlafende Mutter das Schluchzen
-nicht merken zu lassen, saß der ruhelose Ingo im Schnellzug, um über
-Zürich nach München zu fahren.
-
- * * * * *
-
-Am andren Morgen troff ein mächtiger Maienregen über das Genfer Gebiet.
-
-Elisabeth schritt im Regenmantel unter dem Schirm durch die Stadt, um
-einige Besorgungen zu machen.
-
-Die Gewitternacht hatte in ihr einen Plan gereift. Nachdem sie ihrer
-Mutter verhärmtes Gesicht gesehen, die ihres Kindes Weinen recht wohl
-gehört hatte; nachdem sie noch gestern Lerouxs unseliges Briefchen
-gelesen und Ingos traurig-lieben Abschiedsgruß empfangen hatte; nachdem
-sie in der Nacht noch einmal alles durchgelitten, was in ihren langen
-Herzensbund mit Ingo immer wieder störend eingegriffen hatte: gab es
-für ihre sonst so spröde Natur kein Wanken mehr. Sie beschloß, um den
-Geliebten zu kämpfen.
-
-Sie ließ unter diesem trostlosen Regen, der auf ihren Schirm klopfte,
-durch nasse, öde Straßen wandernd, im Geiste vorbeiziehen, was ihren
-Bund mit Ingo hemmen könnte. Ihre eigene passive Natur? Die war doch
-wohl ein wenig besser geworden. Leroux? Ach, den hatte sie heute
-morgen kurz und kühl abgewiesen. Jene ferne Frau? Ja, da war es! Immer
-wieder jene Frau, die ihr so überlegen war, so schön, so geistvoll, so
-musikalisch -- -- -- jene Frau Friederike -- -- --
-
-„Wenn sie ein Herz hat,” sagte sich Elisabeth und gab sich alle Mühe,
-die Tränen zurückzupressen, „darf sie sich nicht mehr zwischen uns
-beide stellen. Ich will zu ihr fahren und ihr alles sagen.”
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Neuntes Kapitel
-
-Weimar
-
- Wer etwas Treffliches leisten will,
- Hätt' gern was Großes geboren,
- Der sammle still und unerschlafft
- Im kleinsten Punkte die höchste Kraft.
-
- _Schiller_
-
-
-Fräulein Adelheid von Stein-Birkheim stand mitten in ihrer häuslichen
-Welt voll künstlerischer Schönheit, die sie sich in ihren siebzig
-Lebensjahren aufzubauen verstanden hatte. Sie stellte eben das grüne
-Kännchen beiseite, aus dem sie ihre vielen Blumen zu begießen pflegte.
-Die Wände ihrer Wohnung waren bis oben hin mit schönen Gemälden,
-Familienporträts und Bildnissen befreundeter und wertvoller Menschen,
-deren Dasein sich irgendwie mit dem ihrigen versponnen hatte,
-ausgeziert. Und selbst auf den kleinen Tischen standen Photographien
-zwischen den auserwählten Büchern, die sie immer im Handbereich hielt.
-
-Draußen leuchtete der jungkräftige Sommer bis in alle Winkel und
-Höfe des geweihten Städtchens. Rings um Weimar flossen sanfte Höhen
-und mildes Himmelsblau reizvoll ineinander; es war ein duftiger, die
-Konturen verwischender, traumhafter Tag. Hinter Belvedere blühte
-der wilde Rosenstrauch, an dem einmal, abseits von einer steifen
-Gesellschaft, Ingo seine geliebte Elisabeth überströmend geküßt hatte.
-Und im Park von Tiefurt stand noch immer auf einem weißen Sockel das
-neckische Wort: „Mozart und den Musen.”
-
-Die greise Dame pflegte auf ihrem Balkon Meisen, Finken und andere
-Singvögel zu füttern. Sie schaute hinaus und dachte lächelnd: „Ich bin
-auf den Singvogel neugierig, der mich heute besuchen wird.” Dann ging
-sie ihren Hantierungen nach, in gewohnter klassischer Ruhe, nichts
-überhastend und doch frei von Kleinlichkeit.
-
-Nicht lange darauf tönte die Klingel. Das Mädchen kam herein und
-brachte eine Besuchskarte: Ingo Freiherr von Stein-Waldeck. Der
-Spielmann hatte, die Treppe zu Tante Adelheid heraufsteigend, seinen
-Zustand mit lächelnder Wehmut empfunden: wie leicht bepackt, wie
-geläutert, wie gesäubert von allen Beschwerungen stieg er doch jetzt
-diese wohlbekannte Treppe wieder empor zu der Greisin, die ihm in ganz
-Weimar am nächsten stand! Und drinnen ereignete sich ein drolliger
-Zufall. Fräulein Adelheid suchte gerade ein Buch, als ihr die Karte
-überreicht wurde. Da fiel mit Geräusch ein Goethe-Band herunter und
-blieb aufgeschlagen liegen. Sie warf einen Blick auf die Seite und las
-die Worte aus der „Pandora”:
-
- „Dort! er taucht in Flutenmitte
- Schon hervor, der starke Schwimmer;
- Denn ihn läßt die Lust zu leben
- Nicht, den Jüngling, untergehn.”
-
-„Willkommen in Deutschland, lieber Ingo! Willkommen in Weimar!” rief
-sie, als sich der Neffe über ihre Hand beugte. Sie zeigte ihm die
-Stelle, und beide deuteten des Altmeisters Wort in guter Stimmung als
-ein freundlich Vorzeichen.
-
-„Sie waren ja immer der Meinung, Ingo, daß Weimar und Wartburg
-Deutschlands Herz bilden, geographisch und geistig. Also willkommen im
-Herzen Deutschlands!”
-
-Tante Adelheid war eine hochgewachsene Frau von aufrechter Gangart
-und pflegte weite, läßliche Kleidung zu tragen. Ein längliches
-Gesicht, eine mehr hohe als breite Stirn und nach den Schläfen etwas
-herabgezogene, oft prüfend halbgeschlossene Augen nebst schmalem Mund
-gaben ihr ein Gepräge sachlicher Klarheit. Es fehlte diesen Zügen nicht
-an Güte, doch auch nicht an deutlichem Freimut.
-
-„Und jetzt sagen Sie mir einmal vor allem: wo stecken Sie denn so lange
-Zeit, Sie Ausreißer? Fast zwei Jahre waren Sie nun nicht in Ihrer
-Weimarer Wohnung! Und Ihr gemütliches Heim da oben am Horn geht in
-Spinnweben unter, wenn ich nicht Frau Tellbach von Zeit zu Zeit Feuer
-unter die Sohlen mache.”
-
-„Nun, die gute Frau hat ja alles ganz ordentlich instand gehalten”,
-erwiderte Ingo lächelnd. „Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.”
-
-„Das wollt' ich ihr auch geraten haben”, versetzte Tante Adelheid. „Und
-wo kommen Sie denn jetzt her? Aus dem Ausland natürlich!”
-
-„Sie schwärmen ja wohl immer noch für alte deutsche Nester wie
-Rothenburg und Hildesheim, nicht wahr, Tante Adelheid?” scherzte Ingo.
-„Und ich habe beide Städte noch immer nicht gesehen, entschuldigen Sie
-tausendmal!”
-
-„Natürlich! Echt deutsch! Läuft in der Welt herum und kennt sein eigen
-Vaterland nicht!”
-
-„Zunächst komm' ich übrigens von einem Krankenlager”, erwiderte er
-ernst.
-
-„Ihr Bruder, nicht wahr?” nickte sie bedenklich. „Ja, da steht es
-allerdings nicht grade gut. Sie sind ja kein Kind mehr, Ingo, und ich
-kann Ihnen also ruhig sagen, daß ich einen der Ärzte gesprochen habe,
-die Ihr Bruder konsultiert hat. Die Sache ist aussichtslos.”
-
-„Das hab' ich auf den ersten Blick gesehen”, seufzte Ingo. „Er hat
-sich zum Erschrecken verändert. Dieser wilde, kühne, rauhe Bursche von
-ehedem -- und jetzt ein Gerippe!”
-
-„Ihr alter Vater tut mir noch besonders leid. Er hat nur die zwei
-Söhne; und der eine läuft in der Ferne herum, der andere -- er ist ja
-wohl nur ein Jahr älter als Sie? -- stirbt als Junggeselle hinweg. Wie
-soll das mit dem schönen Gut werden!”
-
-„Das muß natürlich ich übernehmen.”
-
-„Muß, sagt er! Und seufzt dazu, der Gutsbesitzer! Ja freilich wär's
-notwendig, obschon Sie's ja schließlich verpachten und als Sommersitz
-einrichten können. Aber das ist ja das Unglück, daß Sie vor praktischer
-Arbeit zurückscheuen. Für Sie selber, Ingo, wird es heilsam sein, wenn
-Sie seßhaft werden. Nur sollte man Ihnen keine Wirtschaft anvertrauen,
-ohne links einen guten Verwalter und rechts eine gute Frau neben Sie zu
-setzen.”
-
-„Na, na, na, auch Sie unterschätzen also meine Energie, Tante Adelheid!”
-
-„Wenigstens in wirtschaftlichen Dingen.”
-
-Ingo sprang auf.
-
-„Himmel noch einmal, wie falsch ihr mich alle beurteilt! An einem
-einzigen Tage bin ich in diese Werktäglichkeiten eingelebt -- jawohl
--- und am zweiten Tag läuft der Apparat von selber -- und am dritten
-Tage lass' ich den Mechanismus laufen und widme mich den wertvollen
-Gütern des Daseins: der Ideenwelt. Der Unterschied zwischen meinem
-angeblich realistischen Bruder und mir, dem angeblichen Romantiker
-und Sausewind, besteht nicht darin, daß ich diese äußerlichen Dinge
-nicht beherrschen könnte -- spielend beherrsch' ich diese Banalitäten,
-spielend, sobald ich nur will! Unterschätzt doch nicht einen geistig
-raschen Menschen! Sondern der Unterschied besteht darin, daß er
-und seinesgleichen in diesen wirtschaftlichen und sportlichen
-Durchschnittsfragen steckenbleiben, ja daß sie dies für das Leben
-selber halten! Und so füllen sie ihr Dasein mit nichtigem Geschwätz
-über Düngersorten, über Züchtung von Pferden, Hunden und Kälbern, über
-Prämien bei Geweihausstellungen und Preise bei Wettrennen -- Dinge, die
-mich mordsmäßig langweilen. Nein, Tante Adelheid, in diese Mauern der
-Standesinteressen sperrt ihr mich nicht mehr ein! Aus dieser Welt bin
-ich ausgerissen. Und Sie geben mir einen Ehrentitel, wenn Sie mich als
-Ausreißer begrüßen.”
-
-„Potztausend!” lachte Tante Adelheid. „Da hab' ich ihn einmal in eine
-allerliebste Ansprache hineingeärgert! Setzen Sie sich ruhig wieder
-her, Ingo. Sie wissen, daß ich ein offenes Wort ganz gut vertrage, aber
-Aufregung und Überspanntheit nicht liebe.”
-
-Ingo setzte sich wieder und bat um Verzeihung; er habe, fuhr er fort,
-auf dem Gut während der wenigen Tage so viel versteckte Vorwürfe von
-Basen und Gevattern ausstehen müssen, daß nun sein angesammelter Unmut
-wider seinen Willen ausgebrochen sei.
-
-„Am verständigsten war mein Vater”, schloß er. „Der klopfte mir auf die
-Schulter und meinte nur kurz: ‚Laß sie reden, Junge, ich glaube dich
-besser zu kennen!’ Während der ganzen Fahrt von Waldeck nach Weimar
-sah ich diesen braven alten Herrn vor mir in seinem weißen Bart und
-seinem leider unentbehrlichen Stock, wie er mich hinkend an den Wagen
-begleitete und mit seinem schlichten ‚Mit Gott!’ entließ, aufrecht, ein
-alter Soldat und doch von weichem Gemüt, die beiden Doggen neben ihm --
-ein Edelmann von altem Schrot und Korn!”
-
-„Bravo, Ingo! Geben Sie mir mal die Hand, lieber Junge! Und nun sagen
-Sie mir: wie geht's Frau von Trotzendorff in München?”
-
-„Ich muß Ihnen gestehen, Tante Adelheid, ich habe sie seit einer Reihe
-von Wochen nicht mehr gesehen. Von Genf wollt' ich nach München fahren,
-blieb aber in Zürich bei einem befreundeten Schriftsteller und fuhr
-dann über Heidelberg nach Thüringen.”
-
-„Und das halten Sie aus?”
-
-„Warum nicht?” versetzte er und legte ziemliche Kühle in seinen Ton.
-„Ich erhalte ja durch Trotzendorff regelmäßige Nachricht.”
-
-„Durch Trotzendorff? Nicht durch sie?”
-
-„Sie liegt zu Bett. Es ist keine gefährliche, aber langwierige Sache.”
-
-„Na, man kann doch aber schließlich auch im Liegen Bleistiftbriefe und
-Füllfedergrüße senden, das weiß ich am besten, wenn mich Herzschwäche
-an den Diwan fesselt. Es fällt mir auf, daß Sie so die Fühlung mit
-Ihrer intimsten Freundin verloren haben.”
-
-Tante Adelheid schaute mit forschenden Augen in Ingos gleichmütig
-ernstes Gesicht.
-
-„Freundschaft und Freiheit gehören zusammen”, bemerkte er allgemein
-und schaute durchs Fenster. „Nur in Freiheit ist Freundschaft möglich.
-Wenn der eine Teil den andren mit List oder Gewalt festzuhalten oder
-abzusperren sucht, so ist das bereits eine verlorene Sache. Man kann
-weder Glück noch Freundschaft erobern oder erzwingen: derlei hohe Dinge
-sind Göttergeschenke.”
-
-„Da haben Sie recht, Ingo”, erwiderte Tante Adelheid, und ein weicherer
-Ton glitt in ihre Stimme. „Das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung
-bestätigen.”
-
-„Wie geht's denn unsrer Exzellenz?” fragte Ingo sofort. Die Frage
-schloß sich leicht an das Vorausgegangene an. Denn auf der andren
-Seite des Stockwerks wohnte der teuerste Freund dieser durch viele
-hohe Freundschaften ausgezeichneten Greisin. Und sie erzählte von
-der Tätigkeit und Geistesfrische dieses harmonischen Edelmannes, der
-gleichfalls schon dem siebzigsten Lebensjahre zusteuerte, aber doch
-noch fleißig in seiner Kunst der Malerei und Architektur tätig war,
-dankbar für ein reiches Leben, den Tod nicht fürchtend, Schönheit in
-seinen Zimmern um sich ausbreitend und durch stille Wohltaten manchen
-Mitmenschen fördernd. Es war für Ingo jedesmal eine Erhebung, wenn er
-bei diesen abgeklärten Alten zu Gast war, die er scherzend Philemon und
-Baucis zu nennen pflegte.
-
-„Lieber Ingo,” sagte Fräulein Adelheid und nahm seine Hand, „nun lassen
-Sie mich alte Frau einmal ein paar offene Worte sagen. Ich habe da
-einen Brief bekommen von Mathilde aus Genf. Nun sagen Sie mir: was
-haben Sie denn eigentlich in der kurzen Zeit Ihres Aufenthaltes in Genf
-schon wieder mit Elisabeth gehabt, daß dieses durch und durch brave
-Mädchen aus heimlichen Tränen nicht mehr herauskommt?”
-
-Ingo erbleichte.
-
-Dann schoß eine jähe Blutwelle in sein Gesicht zurück, als er nun so
-vor Tante Adelheids prüfend ruhigen Blicken gefesselt auf seinem Stuhle
-saß.
-
-„Wieso denn?” fragte er tonlos.
-
-„Sie haben in Ihrem Verhältnis zu Elisabeth immer vor uns andren
-Versteck gespielt; und auch sie selber hat in ihrer verschwiegenen Art
-nie ein Wort darüber geäußert. Es ist ein merkwürdiges und im Grunde
-seelisch einsames Mädchen; sie hat in tieferen Dingen keine einzige
-Vertraute -- nicht einmal mich,” setzte sie lächelnd hinzu, „die ich
-doch so gern Beichtmutter bin. Uns schien damals zwischen Ihnen beiden
-ein heimliches Verlöbnis zu bestehen -- nun, man hat so dies und jenes
-beobachtet. Aber dann entferntet ihr euch wieder voneinander. Das
-mag ja nun sein, wie es will, aber man kann doch in Güte aneinander
-denken und auch nach aufgehobener Verlobtheit oder Verliebtheit
-einander Freundlichkeiten erweisen, besonders einem so vortrefflichen
-Menschenkinde wie dieser selbstlosen, viel zu viel nur für andre
-lebenden Elisabeth. Einem solchen Kindergemüt Tränen auszupressen --
-Ingo, darauf kann kein Segen ruhen!”
-
-Ingo war bestürzt.
-
-„Tante Adelheid,” sprach er endlich, „Sie sprechen nur von Elisabeth
-und was ich ihr etwa angetan haben könnte. Für mich als Mann schickt es
-sich wohl nicht, von etwaigen eigenen Leiden zu sprechen und von dem,
-was ich selber gelitten habe durch Elisabeths sprödes, unergiebiges
-Naturell. Das ist eben Schicksal. Da kann ein Dritter schwerlich
-hineinschauen.”
-
-„Danke!” erwiderte Fräulein von Stein kaltblütig. „Sie setzen mir also
-den Stuhl vor die Türe. Nun, immerhin habe ich in den letzten Jahren
-tiefer in das Wesen dieser edlen Mädchenseele hineingeschaut als
-wahrscheinlich ein gewisser anderer, der im Ausland Studien machte.
-Sie haben zu viel an der Peripherie gelebt, Ingo. Aber leidende und
-liebende Menschenherzen gibt es auch in der Heimat; Heroismus und Größe
-gibt es auch im Inland. Man braucht kein Spießbürger zu werden und kann
-doch mit seinen Mitbürgern in Herzensfühlung bleiben -- nämlich als ein
-Schenkender, lieber Ingo. Ich appelliere also an Ihre Großmut, wenn
-sonst andres Sie nicht bei uns festhalten kann, bei uns hier in Ihrem
-deutschen Vaterland. Hier ist der Punkt, mein Herr Neffe, auf den ich
-hinauswill. Reisen Sie, heimsen Sie Garben in Ihre Scheunen -- dann
-aber muß der Zeitpunkt kommen, wo Sie Ihre Frucht dreschen und in die
-Mühle bringen. Eine Menge Freunde haben Sie sich draußen erworben --
-aber Sie sind im Begriff, alte Freunde zu verlieren, und darunter die
-wertvollste von allen, diese innerliche Elisabeth!”
-
-Ingo sprang abermals auf. Wie immer, wenn ihn etwas stark bewegte,
-schritt er im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken, den Kopf
-gesenkt.
-
-„Sie haben recht! Tante Adelheid, Sie haben tausendmal recht! Und doch
--- und doch -- --”
-
-Tante Adelheid nahm inzwischen, mit der ihr eigenen Bedächtigkeit, die
-Brille aus dem Futteral, setzte sie auf und suchte unter einem Stoß von
-Papieren einige zusammengebundene Briefe hervor.
-
-„Während Sie im Ausland Forschungsreisen machten, haben wir im Inland
-beinahe eine schwere Tragödie erlebt. Hier habe ich neulich die Briefe
-geordnet, die mir Elisabeth vom pommerschen Gut geschrieben hat, wo
-ihre Schwester Mela verheiratet ist. Sie kennen diese Mela: genial und
-unberuhigt, das hitzige Gegenteil der sanften und etwas apathischen
-Elisabeth. Nun, ich will keine Einzelheiten ausplaudern. Nehmen
-Sie einmal an, eine solche heißherzige Frauennatur -- und Mela hat
-entschieden einen Zug ins Große, das müssen Sie zugeben -- eine solche
-leidenschaftliche Natur wird von ihrem Mann, der nur Jäger, Landwirt
-und Politiker ist, wenig verstanden, erhält aber einen umwälzenden
-Eindruck von einem andren, einem romantischen Nachbarn. Eine nervöse,
-reizbare Schwiegermutter macht die Situation noch schwieriger; drei
-allerliebste Mädchen vermögen die schwüle Lage nicht viel zu bessern.
-Die Sache droht zur Katastrophe zu kommen, mit Duell, Ehrengericht
-und Skandal -- und da steht nun Elisabeth mitten drin! Das Mädchen
-hat die Hölle durchgemacht. Aber, ich hätt' es ihr nicht zugetraut,
-sie hat es fertiggebracht! Sie hat wieder Harmonie geschaffen. Der
-andre ist zur See gegangen -- und der Gatte wurde durch schwere
-Erkrankung seiner Frau, wo es auf Tod und Leben ging, mit der Nase
-auf seine Pflicht gestoßen, sich mehr um Weib und Kinder zu kümmern.
-Das Beste hat Elisabeth getan, diese nicht blendende, aber so
-willensstarke und taktvolle Elisabeth. Sie war die Vertraute von allen
-zugleich; sie hat oft auf der Schwelle ihrer Schwester gewacht, als
-das extravagante Frauenzimmer drauf und dran war, Mann und Kinder zu
-verlassen. Bis dann die Klärung kam und die Krankheit für Mela eine
-Krisis zur Selbstbesinnung wurde. Sehen Sie, Ingo, so wird zu Hause in
-aller Stille gekämpft -- und ich bitte auch Sie, dies alles diskret
-zu behandeln -- in aller Stille, Ingo. Und Sie sitzen inzwischen in
-England oder Italien und schreiben ein Buch über Heroismus.”
-
-So sprach Tante Adelheid und las dann in ihrem besinnlichen und etwas
-trockenen Ton einige Stellen aus Elisabeths Briefen vor. Ingo zog
-erstaunt und bewundernd die Brauen hoch und hörte mit Ehrfurcht zu.
-Dann aber stützte er das Kinn in die Hände, versank ins Brüten und
-verweigerte weitere Gefolgschaft. Denn er sah plötzlich die flimmernde
-Fläche des Genfer Sees, einen Nachen darin und zwei Menschen Hand in
-Hand.
-
-„Sie hat mit Anspannung aller Kraft dieses Versöhnungswerk zustande
-gebracht,” dachte er, „hat Kranke gepflegt und für die Mutter gesorgt.
-Da lief ihr ein hübscher junger Mann über den Weg -- und die Natur des
-Weibes brach wieder heraus.”
-
-Er beschwor diese Bilder nicht weiter, sondern schüttelte den Kopf und
-erhob sich, um Abschied zu nehmen.
-
-„Liebe Tante,” sprach er, „Sie fragten vorhin, was ich denn eigentlich
-mit Elisabeth gehabt habe. Uns hat immer nur das eine getrennt: ihre
-passive Natur. Um diese Menschen hier kämpft sie und lindert Not und
-Gefahr; ich habe jedoch nie bemerkt, weder früher noch jetzt, daß sie
-auch nur einen Finger gerührt hätte, um für den Geliebten oder den
-Freund zu kämpfen. Vielleicht ist das nicht Weibes Art, werden Sie mir
-antworten? Nun, mag sein! Aber ich bin des männlichen Titanenkampfes
-satt. Ihr alle fühlt nicht, wie ich gerungen habe. Meine Studien sind
-mein Herzblut. Sei's denn! Mögen mich die Götter im Schlaf nach Ithaka
-bringen! Ich bin am Ende meiner Glücksjagd.”
-
-So brachen sie dieses Gespräch ab.
-
-„Steckt vielleicht ein bißchen Egoismus in Ihrer Glücksjagd?” sprach
-die Greisin beim Abschied. „Verstehen Sie mich übrigens nicht falsch,
-wenn ich einer Natur wie Ihnen den Ausgleich durch die Ehe anrate.
-Ich warne sonst vor diesem Institut. Ich selbst bin als Unvermählte
-so glücklich gewesen, daß ich mein Leben gleich noch einmal von vorn
-anfangen möchte. Geschlechtsduselei neigt ja dazu, das unvermählte
-Fräulein geringer zu achten. Du lieber Himmel, wieviel versimpelte
-Ehefrauen sind mir über den Weg gelaufen! Da imponiert mir denn doch
-ganz anders die stolz und still durchgeführte Selbständigkeit einer
-Einsamen. Anfangs ist es nicht immer leicht; lächelt man freundlich, so
-vermutet Bosheit, man lächle, um zu gefallen und einen Mann zu fangen;
-später, so nach und nach, glaubt man uns, daß man aus selbstloser
-Herzensfreundlichkeit lächeln kann, und dann beginnt man, uns ohne alle
-Nebengedanken liebzugewinnen. Aber dieser Weg ist nicht für jeden.
-Einer Elisabeth möcht' ich einen Gatten -- und einem Ingo eine Gattin
-wünschen. Adieu, mein Lieber!”
-
-Ingrimmig füllte Ingo die nächsten Stunden mit Besuchemachen aus. Er
-war in zorniger Stimmung und wußte gar nicht, weshalb. Schillerhaus,
-Goethemuseum, Bibliothek, Theaterintendantur wurden aufgesucht. Das
-blühende Städtchen übte jedoch nach und nach seinen beruhigenden Zauber
-aus. Er empfand mehr und mehr das seelische und geistige Eigenwesen
-der weimarischen Kultur: nach Fernfahrten eine Hochschule der
-Verinnerlichung zu sein.
-
-„Fort mit den egoistischen Sentimentalitäten!” sprach er aufmunternd
-zu sich selber, als er durch den klassischen Park schritt. „Wieder an
-geistige Arbeit! Keine Glücksjagd mehr! Und so bleib' ich eben allein,
-verzichte auf persönliches Glück und schaffe für andre!”
-
-Eine wonnige Erinnerung durchrieselte ihn, als er am römischen Hause
-hinunterschritt und am Felsen jene Bitte an die „heilsamen Nymphen”
-las: „Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!” ... Hier
-war er einmal im weißen Mondschein bis Mitternacht mit Elisabeth im
-Park spazieren gegangen, in einer jener gesteigerten Lebensstimmungen,
-wo wandernde Kameraden, gemeinsam Schönes genießend, in Eins
-zusammenzufließen scheinen. Er spürte wieder ihren atmend lebendigen
-Körper. Sie hatten Weimars Schönheit, durch ihre eigene gegenseitige
-Liebe verklärt, mit allen Poren in sich eingesogen. Ach, und der
-Spielmann brauchte nun einmal lebenswarme Menschen weit mehr als selbst
-das gelehrteste Papier!
-
-Der Park war erfüllt von einem undeutlichen sommerlichen Wipfelsausen,
-das groß und geheimnisvoll den schreitenden Gralsucher umgab. Das
-Goethehäuschen enthüllte sich weiß aus dem dichten Grün. Wolkenschatten
-flogen über Wiesen und Ilm. Anschwellend, ihn überbrausend und wieder
-verwehend kamen Geisterstimmen, bis sich endlich eine ruhig tiefe
-Stimme vom Geräusch der andren löste und vernehmbar an sein Ohr klang:
-
- „Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es;
- Was zu geben sei, die wissen's droben.
- Groß beginnet ihr, Titanen! Aber leiten
- Zu dem ewig Guten, ewig Schönen,
- Ist der Götter Werk: die laßt gewähren!”
-
- * * * * *
-
-In denselben Tagen erlebte Frau von Trotzendorff in München eine Stunde
-der reinsten Glückseligkeit.
-
-Die Leidende hatte sich anfangs dem Tode nahe gefühlt. Da ihr Seelenbau
-wesentlich aus Phantasie und Gefühl zusammengewoben war, so empfand sie
-Glück und Schmerz eindringlicher als andre Sterbliche. Jetzt ging ihre
-Lebenskurve wieder aufwärts.
-
-Die Stimmung eines genesenden Menschen, besonders nach schmerzlichen
-Fiebernächten, ist von angenehmer Mattigkeit und Milde. In dieser
-weichen Ruhe ist er für Güte zwiefach empfänglich. Er will nicht mehr
-titanisch erzwingen; er läßt sich lächelnd von Gesunden beschenken und
-hat als ganze Gegengabe nur Blick und Händedruck des Dankes. Der Wille
-hat seine Grenzen erkannt gegenüber der Übermacht des Schicksals.
-Als Schiffbrüchiger treibt er aus den Strudeln der Krankheit zu
-Lande, seines nackten Lebens froh und gewaltsam befreit von vielem
-Lebensballast. Denn die Götter sind mächtiger als die Titanen.
-
-Die genesende Mutter hatte auf ihrem Leidenslager die Freude erlebt,
-nach langen Schmerzenswochen zum ersten Male wieder ihre beiden Kinder
-sehen zu dürfen. Sie saß in den hochgebauten Kissen des Bettes und
-hatte rechts und links je einen der Knaben im Arm, herzige Flachsköpfe
-von sieben und neun Jahren, die in ihren neuen Jäckchen und verklärt
-vom Jubel entzückend aussahen und die geliebte Mutter fast erdrückten
-vor Zärtlichkeit. Der Arzt mit seiner zierlichen Frau und Trotzendorff
-waren selber bewegt und hatten alle Mühe, Kurt und Helmut zur
-Besonnenheit anzuhalten. Der Jüngste hatte die Knie ins Federbett
-gestemmt und wischte der Mutter mit seinem kleinen Taschentuch die
-Freudentränen ab; der andere zeigte ihr Hefte und selbstgefertigte
-Zeichnungen; und sie selber riß immer wieder beide an sich: „Hab'
-ich euch denn noch? Darf ich denn noch bei euch bleiben, meine süßen
-Jungen? Habt ihr denn eure Mutter noch lieb?!”
-
-Man mußte die Erschöpfte nachher allein lassen. Das Wiedersehen hatte
-sie angegriffen.
-
-Sie lag wohl eine Stunde lang mit geschlossenen Augen und gefalteten
-Händen in der feinen, gedämpften Beleuchtung des reinlich weißen
-Krankenzimmers.
-
-Noch war ein Nachleuchten dieses langentbehrten Glückes in den
-abgezehrten Zügen, als ein Besuch gemeldet wurde.
-
-„Ein Fräulein von Stein läßt fragen, ob die gnädige Frau zu sprechen
-sei”, meldete die Schwester.
-
-„Fräulein von Stein? Am Ende gar -- Elisabeth von Stein?!”
-
-Frau Friederike fuhr hastig empor. Sie bat die Pflegerin, nachzusehen,
-ob an ihr und um sie her alles in Ordnung sei, ließ das Tageslicht noch
-mehr dämpfen und schaute mit Herzpochen nach der Türe.
-
-Gleich darauf stand Elisabeth im Zimmer. Nach kurzem Zaudern schlug
-sie den hellen Schleier zurück und trat mit raschen Schritten und
-ausgestreckter Hand an das Bett heran.
-
-„Ich hörte von Ihrer Erkrankung,” sprach sie rasch herunter, denn sie
-hatte diese Einführungsworte gradezu auswendig gelernt, „und da ich mit
-meiner Mutter durch München zurückfahre, wollte ich mir die Freiheit
-nehmen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.”
-
-Da stand nun also das Edelfräulein, im silbergrauen Kleid mit weißen
-Handschuhen, die stattliche Haarkrone samt Hut vom Schleier umwunden,
-Aug' in Auge mit ihrer Feindin -- mit der Frau, die ihr einst den
-Geliebten genommen hatte. Ihre Hand, die sie nur zu leichtem Druck
-gereicht hatte, zitterte; das Herz des spröden und herben Mädchens
-pochte heftig. Die beiden Frauen sahen sich einige Augenblicke an; doch
-keine las zunächst, was im Herzen der anderen vorging.
-
-„Das ist lieb von Ihnen, daß Sie mich besuchen”, erwiderte die Kranke
-mit Fassung. „Nehmen Sie Platz, liebes Fräulein von Stein. Wir haben
-uns seit Jahren nicht gesehen. Sie finden mich heute in einer ziemlich
-matten Stimmung -- nein, bleiben Sie nur sitzen, Ihr Besuch ist mir
-sehr willkommen! -- aber ich bin trotz aller Mattigkeit glücklich,
-sehr, sehr glücklich. Ich habe soeben Besuch gehabt. Raten Sie, von
-wem!”
-
-Ihre Augen leuchteten. Sie war so voll von ihren Kindern; und Elisabeth
-war so voll von Ingo. So senkte Letztere unwillkürlich die Blicke und
-wandte den Kopf zur Seite, als sollte ein Schlag gegen sie geführt
-werden. Es waren nur wenige Sekunden; aber diese Gebärde nervöser
-Angst war so ausdrucksvoll, so sprechend, daß die Leidende sofort das
-Mißverständnis erriet. Und ein jähes Mitleid zuckte in der seelenvollen
-Frau empor.
-
-Statt zu sagen, wer hier gewesen, streckte Frau von Trotzendorff in
-plötzlicher Herzlichkeit die Hand aus, ergriff Elisabeths Rechte,
-nahm sie in beide Hände und sagte innig, mit dem so gern bei ihr
-überwallenden Gefühl: „Mein liebes, liebes Fräulein Elisabeth!”
-
-Dann beeilte sie sich, von ihrem Besuch zu sprechen:
-
-„Meine Kinder sind hier gewesen! Meine süßen Jungens sind hier auf
-diesem Bett herumgekrabbelt! Denken Sie doch nur! Zum ersten Male seit
-langen, langen Leidenswochen hab' ich Kurt und Helmut wieder gesehen!
-Ach, ich bin fast gestorben vor Glück. Bei mir -- ich bin ja nun mal so
-ein weichselig Geschöpf! -- sitzen ja die Tränen so locker, im Glück
-und im Schmerz.”
-
-Und sie tastete nach dem Taschentuch und betupfte sich die wieder
-feuchten Augen.
-
-Elisabeth sagte aufatmend einige Worte, daß sie das nachfühlen könne.
-
-„Nicht wahr,” fuhr die Kranke fort, „Sie haben ja auch so viel Freude
-an Kindern, obwohl nur eine Mutter ganz ermessen kann, was es heißt,
-auf Tod und Leben zu liegen und wochenlang seine Kinder nicht sehen
-zu dürfen -- mit dem Gefühl, daß man vielleicht sterben muß, ohne
-dieses anvertraute Gut zum Edlen erziehen zu dürfen! Ach, meine
-liebe Elisabeth, das goldige Lachen der Kleinen und ihre rührenden
-Zärtlichkeiten! Spüren Sie nicht, wie noch überall hier in der Luft ein
-Lachen nachklingt? Sehen Sie, da hat nun Helmutchen richtig sein ganz
-zerknülltes kleines Taschentuch liegen lassen, womit er mir die Augen
-getrocknet hat, der kleine Knirps. Ich habe nachher hier eine Stunde
-lang still gelegen und gebetet -- ich darf Ihnen das wohl sagen --, so
-innig zu Gott gebetet, er möge meine Kinder zu braven Männern erwachsen
-lassen und nicht an ihnen heimsuchen, was etwa -- was etwa die Mutter
-verfehlt hat.”
-
-Jetzt begann sie in ihrer großen Schwäche wirklich zu weinen und suchte
-sich mit Helmuts winzigem Taschentuch vergeblich die rinnenden Tränen
-zu stillen.
-
-Elisabeth streichelte ihr die Hand und sprach einige beruhigende Worte.
-
-„Ich war nämlich viel schwerer krank, als mein Mann und Ingo ahnten --
---”
-
-Da war der Name heraus. Sie hatte sich die Wortverbindung „mein Mann
-und Ingo” derart angewöhnt, daß auch jetzt die Namen gemeinsam von
-der Zunge glitten. Sogleich aber ward es ihr bewußt, wer an ihrem
-Bette saß. Sie zögerte einen Augenblick und setzte dann hinzu: „Es
-hat nämlich niemand gewußt außer dem Doktor und seiner Frau Hermine,
-die eine Jugendfreundin von mir ist, wie schwer krank ich war. Ich
-darf wohl sagen, ich habe dem Tod ganz nahe ins Auge geschaut. Und
-das ist heilsam. Ich ließ mein ganzes Leben an mir vorüberwandern und
-gelobte Gott, fortan meiner Pflicht zu leben -- und -- und wenn möglich
-niemandem mehr weh zu tun.”
-
-Sie brach ab und drückte Elisabeths Hand. Dann sprach sie gefaßter
-weiter:
-
-„Sie waren in Genf? Und haben dort Ingo gesehen?”
-
-„Nur ganz kurz.”
-
-„Geht's ihm gut? Ist er heiter?”
-
-„Ich wollte Sie dasselbe fragen. Ist er nicht hierhergekommen?”
-
-„Nein.”
-
-„Nicht hierhergekommen? Er wollte von Genf hierher zu Ihnen fahren.”
-
-„Nein, er ist in Thüringen. Und es ist gut so. Ich wollte ihn auch gar
-nicht hier haben. Selbst nicht Richard, niemanden, denn -- wissen Sie,
-manche Dinge muß man eben allein durchkämpfen. Aber Sie -- ja, grade
-Sie habe ich mir oft herbeigewünscht.”
-
-„Mich?”
-
-„Ja, Sie, liebe Elisabeth. Sehen Sie, wenn man so wie ich dem Tode
-nahe war, da wird man einfach und wahrhaftig. Wieviel Phantasterei hat
-mein Leben unstet gemacht! Und wie fest und gütig sind Sie Ihren Weg
-gegangen, Sie Gute!”
-
-Elisabeth war verlegen. Sie kannte den Gefühlsüberschwang dieser
-künstlerischen Frau; sie wagte daher nicht zu entscheiden, wie weit
-diese Gefühle echt und von Dauer waren. Diese Salondame hatte so viel
-Talent, ihre Gefühle in Worte zu fassen; und sie selbst, Elisabeth, war
-so wortarm. Sie war hierhergekommen in dem dumpfen Drang, mit dieser
-Frau um Ingo zu ringen; es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie
-einen Schritt für sich selber tat. Freilich war in ihr das Mitleid
-mit der Kranken gleich nach den ersten Sekunden hochgestiegen, und sie
-wußte nun gar nicht, wie das Gespräch weiterführen.
-
-„Es ist sehr gütig von Ihnen,” sagte sie, „in dieser Weise zu mir zu
-sprechen. Ich muß allerdings gestehen -- ich habe -- früher -- --”
-
-Sie stockte.
-
-„Sie haben früher andere Urteile über Sie aus meinem Munde zugetragen
-bekommen, nicht wahr!” half ihr Frau von Trotzendorff nach. „Ja, da
-haben Sie leider recht. Leider! Ich habe oft vorschnell geurteilt und
-oft sehr rasch nach meinen Neigungen gelebt; und Sie sammelten derweil
-Ihre Kraft in der Stille. Doch inzwischen, hier auf dem Krankenlager,
-habe ich grade über Sie viel nachgedacht. Ach, was ist unser ganzes
-Salon- und Konzert- und Gesellschaftswesen doch für ein eitles
-Blendwerk ohne Wärme! Aber Naturen wie Sie haben auch Musik -- doch in
-den Tiefen der Seele, liebes Kind. Und so bleibt etwas Behütetes, etwas
-Keusches, eine jungfräuliche Kraft in Ihnen. Und darum sind -- trotz
-alledem -- grade Sie die einzige, die er jemals geliebt hat!”
-
-Da war es heraus. Elisabeth senkte den Kopf. Diese Frau berührte
-ohne weiteres das Geheimnis von Elisabeths Liebe. Noch kämpfte die
-Schüchterne ein Weilchen, dann schlug sie die Augen auf und schaute der
-Kranken voll ins Gesicht.
-
-„Da Sie so offen sprechen, Frau von Trotzendorff, will auch ich
-Ihnen mit gleichem Vertrauen begegnen. Ich habe nie jemanden gehaßt,
-das kann ich wohl sagen, denn solche Gefühle liegen nicht in meiner
-Natur. Auch nicht Bitterkeit. Und doch -- ich hab' in den letzten
-Jahren -- ich muß es Ihnen gestehen -- die Empfindung nicht loswerden
-können, daß ich eine Feindin habe, die mir unsäglich weh tat. Nicht
-eigentlich Sie selbst, denn Sie konnten das ja nicht so wissen -- aber
-die Verhältnisse -- es ist nun einmal so gekommen. Und ich selber war
-schuld daran, ich habe nicht das Talent besessen, ihn in würdiger Weise
-festzuhalten. Aber wenn mich jemand unterstützt hätte -- jemand, der
-so viel mehr Geist und Gewandtheit besitzt als ich -- jemand wie Sie,
-statt sich zwischen ihn und mich zu stellen -- -- ich sagte mir oft,
-Gott hätte an solchem guten Werk mehr Freude gehabt. Als ich dann
-später in eine ähnliche Lage geriet, wo eine Ehe bedroht war, da habe
-ich mit ganzer Kraft an der Aussöhnung gearbeitet. Und es war Segen auf
-meinen Bemühungen. Wenn wir alle einander helfen würden, es wäre so
-schön zu leben! Statt dessen bereiten wir einander Schmerzen.”
-
-Elisabeth senkte das Haupt, so daß man ihre zusammengepreßten Lippen
-nicht sah. Sie hatte dieses Bekenntnis, das ihr schwer fiel, mit
-ergreifender Schlichtheit gesagt. Und die Kranke nickte und tastete
-dann wieder nach Elisabeths Hand, mit der Linken die feuchten Augen
-trocknend.
-
-„Sie haben in allem recht, Kind. Ich gebe Ihnen Wort für Wort recht.
-Nur das _eine_ kann ich vielleicht zur Entschuldigung anführen: auch
-ich habe viel gelitten.”
-
-„Aber Sie hatten Mann und Kinder -- ich hatte nur ihn!”
-
-Hart und trotzig flog das heraus. Es war das erstemal im Leben, daß
-Elisabeths scheuer Mund derart um ihr Recht auf Ingo kämpfte. Es ließ
-sich an, als sollte nun erst der eigentliche Kampf beginnen. Doch wie
-es kam, wußten sie hernach selber nicht: plötzlich hielten sich die
-beiden Frauen in den Armen, küßten sich und weinten beide.
-
-Und sagten dann kein Wort mehr von diesem Mann und dieser Sache.
-Vielmehr erwachte jetzt in Elisabeth die zugreifende Krankenschwester;
-sie machte ein Trinkwasser zurecht, reichte es der Ermatteten liebevoll
-und ordnete ihre Kissen; streichelte ihr dann zart über die Wangen, als
-sie mit geschlossenen Augen lag, und küßte sie abermals.
-
-„Denken Sie gut von mir, liebe Frau von Trotzendorff!” sagte sie innig.
-„Und sagen Sie Ingo, daß er mir nicht grollen soll!”
-
-Elisabeth wollte sich entfernen, aber ihre Hand ward festgehalten.
-
-„Und mir verzeihen Sie, Elisabeth! Und Ingo -- Sie _müssen_ ihn
-festhalten, recht innig fest! Denn Ihnen gehört er, Ihnen hat er immer
-gehört, Ihnen ganz allein!”
-
-Elisabeth ging.
-
-Die Frau, die hinter ihr zurückblieb und sofort in wohltätigen
-Schlummer sank, war sehr müde, aber auch sehr glücklich.
-
- * * * * *
-
-Trotzendorff, Bruck und Ingo, drei stattliche Männer, ritten von Weimar
-nach Tiefurt.
-
-Der Konsul war auf dem Heimweg in Weimar abgestiegen, um seinen Freund
-und Genossen vom Montserrat zu besuchen.
-
-Der Sommermorgen umgab die drei Reiter mit lebendigen Tönen und Farben.
-Der Äther war klar. Durch die alten Bäume des Webicht funkelte die
-Sonne; aus den Gräsern antwortete funkelnder Tau. Ein Wandrer sang ein
-Schubertsches Müllerlied; die Vögel in Gärten und Waldung lärmten nach
-Herzenslust; und fern zur Linken, am Ettersberg entlang, sauste die
-Eisenbahn.
-
-Wie sie auf ruhigen Pferden meist gemächlichen Schrittes, manchmal in
-gelindem Trab dahinritten, boten die drei Männer ein kräftiges Bild:
-rechts und links die breitgebauten älteren Herren auf braunen Tieren
-mit weißen Fesseln, in der Mitte der schlanke Ingo auf schlankem Fuchs.
-Konsul Bruck, den Arm in die Seite gestemmt, war nicht unähnlich einem
-Farmer, der mit Würde und Behagen durch seine Pflanzung ritt; der
-Major, mit vorschriftsmäßig eingezogenen Ellenbogen und in straffer
-Haltung, war auch zu Pferd und in Zivil vor allen Dingen Soldat.
-
-Zunächst hatte man von äußeren Dingen gesprochen, von deutscher Luft
-und Landschaft.
-
-„In Heidelberg ist mein Herz wieder warm und hell geworden”, erzählte
-der heimgekehrte Spielmann. „Ich kam in gedrückter Stimmung an. Aber da
-oben auf dem Heidelberger Schloß, um mich her den jungen Sommertag --
-unvergleichlich schön!”
-
-„Nicht wahr?!” frohlockte der kerndeutsche Trotzendorff. „Scheltet auf
-Scheffel, soviel ihr wollt, ihr Modernen, und verdammt den Tonsetzer
-des ‚Trompeter von Säckingen’ in Grund und Boden! Schon recht! Aber
-singt einmal, singt sein Alt-Heidelberg -- und er behält recht! Hol's
-der Deuwel, da werde sogar ich ein Dichtersmann!”
-
-Und sofort klang es in Ingo, und er sang in den Morgen:
-
- „Alt-Heidelberg, du feine,
- Du Stadt an Ehren reich!
- Am Neckar und am Rheine
- Kein' andre kommt dir gleich!”
-
-„Das kann man nämlich nicht zitieren, meine Herren, das muß man singen!”
-
-Man war wieder in Deutschland.
-
-Und nach und nach lenkte sich durch Trotzendorff das Gespräch vom
-lyrischen Deutschland zum politischen hinüber.
-
-„Verfluchte Sackgasse, unsre Politik! Die sich in das Wort
-zusammenfaßt: Feinde ringsum! Käm's doch endlich zum Krachen! Ich
-fürchte, daß wir mit diesen diplomatischen Hinauszögerungen die rechte
-Stunde des Losschlagens verpassen. Denn um den europäischen Krieg
-kommen wir doch nicht herum. Und dabei fehlt in unsren deutschen
-Rüstungen die Straffheit. Allgemeine Wehrpflicht? Auf dem Papier! Aus
-siebzig Millionen ließe sich mehr herauspressen! Sehen Sie doch nach
-Frankreich hinüber, wie das den letzten Mann heranholt und sogar die
-farbige Armee aus Afrika! Auch Maschinengewehr-Kompagnien fehlen uns
-noch; der Artillerie fehlt ein Einheitsgeschoß; zu wenig Einzelflieger
--- und so wäre manches auszusetzen. Ich fürchte, der deutsche Michel
-muß im nächsten Krieg erst nach Jena, ehe er nach Leipzig marschiert!”
-
-„Und im Innern?” warf Bruck herüber.
-
-„Die Sozialdemokratie? Je rascher und gründlicher die
-Auseinandersetzung, um so besser!” klang es vom Major zurück, in
-seinem etwas nasalen, doch festen Ton, den er sich auf dem Kasernenhof
-angewöhnt hatte.
-
-„Vielleicht besinnt sich dann nach solchen Erschütterungen Deutschland
-auf seine wahre Aufgabe”, meinte der Konsul.
-
-„Worin bestände diese Aufgabe? Doch wohl in der Heranzüchtung einer
-strammen Menschenrasse?! Ich habe neulich wieder einmal eine größere
-Parade mitgemacht -- Donnerwetter, es ist doch ein großartiges
-Schauspiel! In Tausende von Menschen gesetzmäßige Bewegung zu bringen,
-daß alles klappt wie ein Uhrwerk -- was für Arbeit! Und Drill! Und
-Zucht! Großartig!”
-
-„Schon die alten Römer leisteten hierin Großartiges”, bemerkte der
-Konsul bedenklich. „Ich meine aber mehr Deutschlands seelische Aufgaben
-unter den Völkern Europas. Darin sind wir verarmt und bedeuten kein
-führend Volk mehr.”
-
-„Sie meinen die Zersetzung der Religion?”
-
-„So ungefähr. Hier hat der nervöse moderne Intellekt unser Gemütsleben
-tief geschädigt. Wenn man dieses Weimar so betrachtet -- sollte man
-für wahr halten, daß es erst hundert Jahre her sind, seit sich hier so
-schöne und große Wahrheiten dichterisch offenbart haben?”
-
-„Na, mein wertester Herr Konsul, in Deutschland haben wir unsren
-Schiller und Goethe noch immer im Bücherschrank. Im übrigen sind wir
-jetzt im Zeitalter Bismarcks und haben eiserne Aufgaben zu lösen.”
-
-„Auf Kosten der Seele?”
-
-„Was heißt Seele!”
-
-„Was Seele heißt?”
-
-„Die Seele braucht doch vor allen Dingen einen gesunden Körper, Zucht,
-Strammheit.”
-
-„Nach meiner Ansicht ist die Nahrung der Seele vor allem andren die
-Liebe”, erwiderte der Konsul. „Liebe und Weisheit und Schönheit. Bei
-dem ungeheuren Wettrüsten zwischen Ständen und Nationen züchtet man
-aber nicht die Liebe, sondern das Mißtrauen.”
-
-„Den Willen!” rief Trotzendorff. „In jeder Armee und in jedem
-Staatswesen ist Willensschulung das oberste.”
-
-„Es kommt aber doch wohl darauf an, _was_ man will, nicht wahr? Der
-Wille muß doch wohl ein Ziel haben? Und im Willen der modernen Völker
-sehe ich das Ziel, den Nachbarn möglichst zu übervorteilen. Die
-Nationen sind Konkurrenten; aber sie sollten Brüder sein.”
-
-„Nimmt sich auf dem Papier vortrefflich aus!”
-
-„Bitte, ist Hauptforderung der christlichen Religion. Und meines
-Wissens wird diese Religion in Europa amtsmäßig gelehrt.”
-
-„Mein lieber Herr Konsul, alle Achtung vor Ihren persönlichen
-Erfahrungen im Ausland! Aber aus Ihren Reden hör' ich die Schalmei der
-Friedensfreunde. Und da pfeif' ich nicht mit. Sobald wir Deutschen
-abrüsten, sind wir morgen zerdrückt. Feinde ringsum!”
-
-„Ja, so sagt jeder! Und so zwingt jeder den andren zum ewigen
-Wettrüsten, statt daß man sich zum europäischen Staatenbund verbrüdert.”
-
-„Zukunftstraum!”
-
-„Mag sein! Doch wirft man Preußen vor, daß es nicht das Talent habe,
-moralische Eroberungen zu machen. Wie wär's, wenn nun Reichsdeutschland
-diese feine Kunst ausbilden würde? Sobald man aus dem Ausland gern in
-unsren heiligen Hain kommen würde, um von uns Göttliches zu lernen,
-würde sich jenes Wort, das Sie vorhin riefen, verwandeln in ein
-‚Freunde ringsum!’”
-
-„Seien Sie froh, daß Preußen nicht weichlich ist! In die schlappe
-deutsche Wirtschaft hat Preußen Zug gebracht. -- Na, schweigsamer Ingo,
-und was sagst denn du dazu?”
-
-Ingo glaubte beide Freunde zu verstehen. Er hatte parteilos zugehört.
-Aber dann war er ins Träumen geraten über seine persönliche ungelöste
-Angelegenheit. Er hatte zum erstenmal wieder seit Wochen einen Brief
-von Frau von Trotzendorff erhalten; und in diesem Schreiben war, zu
-seiner freudigen Verwunderung, Elisabeths Besuch ausführlich und
-liebevoll erzählt.
-
-„Prophete rechts, Prophete links!” antwortete er lächelnd. „Ich bin
-noch nicht reif genug, um mitzureden. Wenn ich mich aber richtig
-einschätze, so wird mein unermeßlich Reich der stille Gedanke werden,
-nicht deine laute Politik, Richard. Mit andren Worten: die Reichsseele,
-nicht der Reichskörper!”
-
-„Recht so!” bekräftigte Brucks Baß. „Grade darin sollten jetzt die
-besten deutschen Geister ihre Hauptaufgabe erblicken.” Er strich den
-breiten Graubart und fügte die rätselhaften Worte hinzu: „Ich habe
-gehört, daß einige berufen sind, einen reineren Lebensbegriff zu
-offenbaren.”
-
-„Erinnerst du dich jenes Gespräches an der Riviera, Richard?” fuhr
-Ingo fort. „Wir sprachen vom Untergang der Titanic. Man mag heute das
-grauenhafteste Unglück in der Zeitung lesen -- und schon nach wenigen
-Tagen ist der Eindruck wieder verwischt. Neue Nachrichten rasseln
-täglich über unser Gehirn und die feineren Organe hinweg. Wir haben
-weder Kraft noch Zeit, diesen Massenandrang zu verarbeiten. Es bleibt
-ein Nervenreiz, es bleibt Papier, wir lesen es nur, wir erleben es
-nicht. Seelenlos rollt der Apparat des modernen gesellschaftlichen
-Mechanismus über die einzelne Seele hinweg. Ob Tausende irgendwo
-verunglücken oder Zehntausende, es ist ebenso belanglos; der Apparat
-läuft weiter. Das ist es, Richard, wogegen ich als Ausreißer und
-Flüchtling ankämpfe; ich will meine Seele nicht zermalmen lassen. Ich
-muß oft an Schaller und Marx denken; sie sind wie jener Schatzgräber:
-er gibt dem Teufel die Seele und erhält dafür Sachen. So hat unser
-moderner Mechanismus eine Überfülle von gewiß schätzbaren Sachen
-eingeheimst, auch Kunstsachen und Literaturwerke, aber die Seele
-verloren.”
-
-Der Major schüttelte zu dieser Philosophie schweigend und mißbilligend
-den Kopf.
-
-Bruck aber lenkte die Unterhaltung ab:
-
-„Da Sie von Marx sprechen: ich traf in München, in jener Gesellschaft
-für Geistesforschung, die sich ja grade um das innere Wesen des
-Menschen bemüht, Ihren englischen Freund Wallace. Sie entsinnen sich,
-daß wir auf dem Montserrat von solchen großen Fragen gesprochen haben?”
-
-Der Montserrat! Wie sonor klang dieser Name des spanischen Felsenberges
-in das idyllische Weimar! Der Montsalvat! Der heilige Gral, das
-Rosenkreuz, der Ausblick in Kosmos und Erdendasein -- -- es war ihm,
-dem dankbaren Schüler weimarischer Kultur, als wäre etwas in ihm dort
-auf dem Montserrat über Weimar und Wartburg hinausgewachsen.
-
-„Ah, Wallace! Ein ruhiger und besonnener Mensch! Wir könnten von den
-Engländern lernen.”
-
-„Und sie von uns”, brummte Trotzendorff.
-
-„Wir waren”, setzte der Konsul hinzu, „dort in München viel mit Doktor
-Marx zusammen --”
-
-„Marx?!”
-
-Ingos Fuchs wurde unruhig und begann zu tänzeln.
-
-„Ebenfalls Mitglied”, bemerkte Bruck.
-
-„Der kleine Kommerzienrat?! Schallers Freund?”
-
-„O nein, der nicht!” lachte der alte Herr. „Sein Bruder, ein stiller
-und sympathischer Gelehrter. Sie wissen ja, daß ich die modernen
-Israeliten nach zwei Gesichtspunkten einteile: Spinozisten und
-Mammonisten. Dieser jüngere Marx ist ungefähr das Gegenteil von jenem
-Mammonisten.”
-
-„Na, auch über diese Rasse dürften unsre Ansichten auseinandergehen”,
-warf der Major herüber.
-
-„Läßt sich wohl denken”, versetzte Bruck. „Aber mit preußischem
-Kommando wird auch hier nichts entknotet werden.”
-
-Ingo suchte zu vermitteln.
-
-„Ich fürchte manchmal, daß unser allzu laut gewordenes Deutschland
-durch Demütigungen hindurch muß, um sich wieder auf seine stille
-europäische Aufgabe zu besinnen. Es ist etwas Nervöses und Überreiztes
-in dieser ganzen Zivilisation. Und nun willst du mich auf die Wartburg
-schleppen, Richard, willst mich dem höchsten Repräsentanten dieser
-modern-deutschen Entwicklung vorstellen und in dieses jetzige Getriebe
-einfangen --”
-
-„Ich zähle sogar bestimmt darauf, lieber Ingo! ‚Der Mann muß hinaus ins
-feindliche Leben’ -- sagt Schiller.”
-
-„Er sagt aber auch, lieber Richard: ‚In des Herzens heilig stille Räume
-mußt du fliehen aus des Lebens Drang’!”
-
-„Unsinn! Er sagt aber auch: ‚Rastlos vorwärts mußt du streben, nie
-ermüdet stille stehen’ -- das hat mir mein alter Oberst unter sein Bild
-geschrieben.”
-
-„Schon recht! Er sagt aber auch: ‚In die Tiefe mußt du steigen, soll
-sich dir das Wesen zeigen’.”
-
-Die drei Reiter lachten über dieses schlagfertige Tennisspiel mit
-Schillerworten.
-
-Der Soldat Trotzendorff war noch nicht geneigt, Frieden zu schließen,
-obwohl das Schiller-Gelände seiner Generalstabskarte ziemlich dürftig
-skizziert war.
-
-„Außerdem hat Schiller gesagt”, rief er schneidig: „‚Wer immer strebend
-sich bemüht’ --”
-
-„Halt, Bataillon! Das sagt nun allerdings Goethe!”
-
-„Und fügt hinzu”, half Bruck: „‚den können wir erlösen’ -- _wir_!
-Nämlich die ewigen Schicksalsmächte, Herr Major!”
-
-„Mystik, meine Herren! Sie wissen, da pfeif' ich nicht mit! Ich sage
-nur so viel: Der Deuwel hole die Nation, die nur noch Halleluja singt
-und nicht mehr die Wacht am Rhein!”
-
-Sie brachen lachend ab. Bruck war taktvoller Weltmann genug, von
-seinen Geheimkammern nur dann eine Tür aufzuschließen, wenn er einen
-Gralsucher in der Nähe witterte.
-
-„Herzensjunge,” schloß Trotzendorff in seiner frischen und freimütigen
-Art, „dein Philosophieren nützt nun alles nichts. Auf die Wartburg
-sollst du mir doch -- und wenn ich dich auf einem Wartburg-Esel
-eigenhändig ans Burgtor führen muß!”
-
-„Nun, ich hoffe wieder heil herunterzukommen.”
-
-„Jawohl, einen Orden im Knopfloch und einen Hoftitel in der Tasche! Ein
-gemachter Mann, auf den ganz Deutschland schaut!”
-
-Der Konsul hielt sein Pferd an. Er hatte, bei aller großartigen
-Seelenruhe, ein natürliches Gesprächstalent: ging mit Aufmerksamkeit
-auf einen Gegenstand ein, ließ höflich, aber schlagfertig eines Gegners
-Einwand an sich herankommen und trachtete zuletzt nach Abrundung. Um
-diese war es ihm auch jetzt zu tun. Er reichte dem Major mit einem
-reizenden Muskelspiel seines verwetterten Gesichtes die Hand.
-
-„Lieber Herr Major, ich bekenne mich hiermit als geschlagen. Sie sind
-doch von uns dreien der größte Idealist!”
-
- * * * * *
-
-... In Ingo spannen die Gedanken weiter. Er liebte beide brave Deutsche
-rechts und links; und doch spürte er, daß er mit einem wesentlichen
-Teil seines Herzens zur stilleren Partei gehöre: zu dem Gefährten vom
-Gralsberg.
-
-Und er sah in plötzlicher Fernschau seinen eigenen Park der Zukunft,
-belebt von Steinbildern großer Männer, verschönt durch goldene
-Sprüche der Poesie und Weisheit. Die Möglichkeit, als Gutsbesitzer
-an der Scholle haften zu müssen, erschien dem Weltwanderer nicht
-mehr schreckhaft, vielmehr in neuem und schönem Lichte. Die weiße
-Tempelsäule auf dem Sonnenhügel, wo er am Rande Europas bei unreifen
-Mädchen Schönheit gesucht hatte, sah er aufgerichtet mitten in einem
-deutschen Park. „Auch die Scholle läßt sich weihen, auch die Enge zur
-Welt erweitern. Wenn nur -- wenn nur lebendige Liebe erwärmend und
-verschönend mithilft -- lebendige Liebe!” Jetzt trat seine künftige
-Freifrau aus dem Herrenhause, von der Dogge begleitet, schritt durch
-den anmutvoll belebten Park und trug etwas von dem Reichtum ihrer Welt
-hinab zu Kranken des Dorfes ...
-
-„Was träumst du, Ingo?” fragte Richard.
-
-„Was ich träume?”
-
-Ingo sah sich erwachend um. Die Parklandschaft von Tiefurt lag vor
-ihnen ausgebreitet. Der Spieltrieb schöpferischer Geister hatte einst
-diesem ganzen weimarischen Gebiet Frohsinn aufgeprägt.
-
-„Ich träume davon, wie dieses weltberühmte Weimar äußerlich so klein
-ist und hat doch im kleinsten Punkte die höchste Kraft gesammelt. Ich
-träume davon, daß auch das Herz nur ein kleiner Punkt ist: aber der
-Mittelpunkt des Menschen.”
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zehntes Kapitel
-
-Kaisergespräch auf der Wartburg
-
- Eins nach außen, schwertgewaltig
- Um ein hoch Panier geschart,
- Innen reich und vielgestaltig,
- Jeder Stamm nach seiner Art!
-
- _Geibel_
-
-
-Die Fahnen der festlichen Stadt Eisenach und der Wartburg hingen ohne
-die mindeste Bewegung schlaff an den Stangen herab.
-
-Die Luft war schwül und schwer. In abenteuerlicher Färbung stand
-der dunstig heiße, einem Gewitter entgegenbangende Sommertag. Die
-westlichen und nördlichen Horizonte drohten blauschwarz herüber. Von
-der Rhön her funkelte Wetterleuchten; ein zweites Wetter ballte sich
-über der goldenen Aue.
-
-Waren rings auf phantastischen Wolkenbergen Batterien aufgefahren?
-
-Bedrohten sie die Wartburg, den Herzpunkt deutschen Geistes?
-
-Malte sich in den Lüften ein Zukunftskrieg um die besten Güter der
-Nation?
-
-Major von Trotzendorff sah schwarz genug in die Zukunft. Aber der
-heutige Tag war für ihn ein Festtag. Denn er hatte es durchgesetzt:
-sein Freund, der unseßhafte Weltfahrer, stellte sich zu einer höfischen
-Audienz!
-
-„Was schwebt dir denn eigentlich dabei vor, mein alter Freund und
-Gönner?” hatte der Spielmann gutmütig gefragt.
-
-Und den kräftigen Schnurrbart mit zwei Bürstchen bearbeitend, hatte der
-Major vielsagend geantwortet:
-
-„Na, mein Junge, das wird sich schon alles finden. Ich denke, gewissen
-Hoftheatern wird eine geistige Auffrischung nicht schaden. Was?”
-
-Ingo stand am Fenster des Hotels in Eisenach, wo er abzusteigen
-pflegte. Hier, in diesem nämlichen Zimmer, hatte er vor fünf Jahren
-gewohnt, als er mit Elisabeth und ihrer Mutter einige Tage in der
-Wartburgstadt weilte. Es waren noch Tage der Liebe gewesen, einer
-vornehm verschwiegenen Liebe. Inzwischen hatte ihn unklare Sehnsucht
-durch die Lande gerissen; inzwischen hatte er in rascher Folge England
-und Italien, dann Riviera, Lourdes, Montserrat, Genfer See erlebt und
-war nun auf dem Wege zur Selbstbesinnung.
-
-Er hatte drei Briefe in der Tasche: von Elisabeth, von Frau Friederike,
-von Schaller, der ihn kurz und launig zur Hochzeit einlud.
-
-Am leidenschaftlichsten und tiefsten empfunden war der Brief seiner
-Elisabeth. Sie ging mit kurzer und stolzer Wendung über Leroux hinweg;
-sie erzählte ihren Besuch bei der Kranken in München, die jetzt wieder
-am Fenster saß; sie bat ihn, nie an ihrer einzigen, ersten und letzten
-Liebe zu zweifeln. Und sie, die spröde, bat um seine genaue Adresse;
-sie werde sofort zu ihm reisen und Auge in Auge Schmerz und Mißtrauen
-zerstreuen, denen er ohne ihre Schuld zum Opfer gefallen.
-
-In ungewohnter ernster Kürze schrieb Frau Friederike:
-
-„Es ist Zeit, lieber Ingo, daß wir alle unsren festen Platz wählen.
-Ich habe ein Vorgefühl, wenn ich Richards Briefe richtig deute, als
-ob unsrem ganzen Europa eine Titanic-Katastrophe bevorstehe. Da
-fällt alles Schwärmerische und Unechte ab, und es bleibt bestehen
-Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich Güte und Treue ist.
-Laß uns zusammenhalten wie bisher, lieber Freund, aber Elisabeth soll
-mit in unsrem Bunde sein. Messe Dir Dein Land ab, richte Dein Haus
-ein, Deine Lehr- und Wanderjahre sind vorüber. Und bleib gut Deinem
-Kameraden Friedel!”
-
-Ingo schaute in die fahlen Horizonte, in die Heerscharen, die dort um
-Deutschland gelagert schienen.
-
-Dann wandte sich sein Blick zu dem üppig-starken Baum- und Graswuchs,
-der von allen Seiten Hainstein und Wartburg in schimmernder Schönheit
-umgrünt. Wie weich und voll die Wipfel, wie anschmiegsam die Wiesen,
-und schlank darüber der Bergfried mit dem Kreuz!
-
-Die Fenster des Pallas mit den edelgeschwungenen romanischen Bogen
-standen offen. Die Burg war jetzt gefüllt mit Uniformen und hohen
-Zivilisten. In jenem Mittelbau dort, vor dem Sängersaal, waren die
-schön getäfelten, behaglich-vornehmen Gemächer des Kaisers und des
-Großherzogs belebt. Unter den geladenen Gästen wandelte mit dem
-weimarischen Burgherrn Seine Majestät der deutsche Kaiser.
-
-Major von Trotzendorff, ganz Uniform und geschwellte Mannesbrust, holte
-den Freund ab.
-
-Eine halbe Stunde später bewegten sie sich selber im Farbenspiel des
-festlichen Gewimmels.
-
- * * * * *
-
-Im zweiten Burghof, wo Waldgrün die Farbe der Landschaft bestimmt,
-stand alles im Zeichen der Jagd. Fast jedermann trug Weidmannsuniform.
-Der Verkehrston war bei aller Gehaltenheit ungezwungen, wenn auch
-gedämpft durch die lästige Gewitterschwüle.
-
-Baron von Stein-Waldeck kannte einige von diesen Hofleuten. Als
-erster schüttelte ihm sein alter Freund, der schlanke und hagere
-Oberburghauptmann mit dem meist etwas ironischen Weltmannsgesicht, die
-Hand. Eine weimarische Exzellenz stand in der Nähe, an Gestalt und
-Schnurrbärtchen dem verstorbenen Karl Alexander nicht unähnlich. Dann
-sah man den deutschen Kaiser neben des Großherzogs gedrungener Gestalt
-zwanglos im inneren Hofe plaudernd wandeln, auch sie beide in der
-prächtig sitzenden Gewandung der Jagd.
-
-Was mögen die beiden hohen Herren plaudern?
-
-Ingo wurde aufmerksam.
-
-Er schenkte den übrigen Gruppen nur wenig Beachtung, sondern
-beobachtete unauffällig die beiden Fürsten, in deren Nähe sich der
-schlanke Coburger mit einigen Jägern scherzend unterhielt.
-
-Ingo hatte Freude an dem malerischen Bilde. Er war keine unsoldatische
-Natur; ein Kaisermanöver, das er seinerzeit mitgemacht, hatte er mit
-der leidenschaftlichen Teilnahme eines Strategen verfolgt, zäh und
-stramm auf seinem Artillerie-Pferd allen Strapazen gewachsen. Der
-Verfasser des „Heroismus” hatte Instinkt für Männlichkeit.
-
-Die Fürsten schauten nach den nahenden Gewittern; sie mochten über
-Jagd und Wetter gleichgültige Worte wechseln. Vielleicht aber quollen
-auch tiefere Gedanken aus des Kaisers Seelengründen empor und
-verlangten Aussprache und durch Aussprache Klärung und nach der Klärung
-tatkräftige Überwindung? ...
-
-Des Spielmanns Phantasie begann zu arbeiten. Er sah vor sich Pallas,
-Dirnitz und Bergfried aufragen; er empfand heimatlich nahe die
-Hügelungen der thüringischen Tannenberge. Landgraf Hermann der
-Freigebige war wiedergeboren: er lustwandelte dort im Hof als deutscher
-Kaiser. Ingo selber fühlte sich als Walther von der Vogelweide;
-vaterländische Treue und dichterisches Empfinden klangen in ihm
-zusammen; wie jener Walther zog auch er ohne Lehen durch die offene
-Welt. Und seine Phantasie hörte den Kaiser sprechen ...
-
-Der Kaiser -- so sann er -- knüpft in seiner Unterhaltung vielleicht
-an sein bevorstehendes Regierungsjubiläum an. Er sieht sich
-rückschauend auf den Bänken des Casseler Gymnasiums, wo er durch
-gewissenhaften Fleiß Achtung und Liebe seiner Lehrer erringt; er
-verlebt zwei unvergeßliche Jahre als Borusse; er empfängt als Soldat
-in jeder Waffe eine gründliche Ausbildung; er tritt als Oberster des
-Leibhusaren-Regiments der Üppigkeit im Offizierskorps entgegen; er
-gibt als Familienvater an der Seite einer edelgestimmten Hausherrin
-das beste Beispiel strenger Pflichterfüllung und harter, einfacher
-Lebensweise; er sucht als Kaiser durch warmherzige soziale Fürsorge und
-durch Betonung der sittlichen und religiösen Fundamente des Volkstums
-gesunde Verhältnisse zu schaffen; die Marine empfängt durch ihn einen
-ungemeinen Ansporn, denn er hat von der Mutter her „Seeblut” in den
-Adern; ein spannkräftiges, schlagfertiges Heer soll seinem Volke vor
-allem den Frieden erhalten, den Platz an der Sonne -- -- so schaute
-Ingo, der Sohn aus königstreuem, altem Adelshause, auf das Leben des
-Monarchen, der hier in seiner unmittelbaren Nähe stand.
-
-Und sprach der Kaiser in seiner raschen, elastischen Weise vielleicht
-Folgendes?
-
-„Wir sind in besondrer Zeit. Die Völker sind durch die Schwingungen
-eines ungeahnten Weltverkehrs wie nie zuvor miteinander in Fühlung und
-Reibung gekommen. Da ist Gefahr für das Ererbte. Das Alte scheint in
-diesem Andrang von heftigen Gegenwartseindrücken minderwertig -- die
-Seele überhaupt. Nicht wahr: was ist denn etwa einem amerikanischen
-Geldfürsten die ruhmreiche Geschichte dieser Wartburg? Sie ist Duft
-und Höhendunst im Vergleich zu den soliden Massen und Maßstäben
-seines lauten Neu-Amerika. In welchem Größenverhältnis mag ihm ein
-Thüringer Landgraf erscheinen im Vergleich zu den Millionären des
-Pelzhandels oder der Goldminen, der Kartelle, Reedereien, Lloyds? Ich
-habe meine Vorliebe für Amerikas energischen Pulsschlag bekundet.
-Ganz gewiß! ich liebe Tatkraft, aber ich bin bedenklich wider die
-selbstbewußte Diesseitigkeit jener Zivilisation. Uns Deutschen fehlt
-es wahrlich ebensowenig wie jenen an zugreifender Kraft; das hat
-schon unsre Hansa samt Reichsstädten und das haben die Staufen- und
-Sachsenkaiser glänzend bewiesen, und das beweisen wir heute abermals
-auf allen Gebieten, vom Lloyd bis zum Zeppelin, Gott sei Dank! Aber
-wir haben noch eine andere, eine feinere, eine tiefere Mission; wir
-haben den bedeutenden Errungenschaften der Gegenwart die bedeutendste
-hinzuzufügen: wir haben die neugestaltete Gegenwart zu _beseelen_. Das
-ist es, was ich auf häufigen Reisen suche und noch nicht finde. Wir
-müssen, wie wir unsre eisernen Kriegsschiffe mit gepanzerter Faust
-hinaussenden, auch die weißen Tauben des Glaubens an das Göttliche im
-Menschen über die verarmte Erde ausfliegen lassen. Manchem tüchtigen
-Manne zu Weimar und auf der Wartburg hat Gott die Fahnenstange des
-Idealismus in die Hand gedrückt. So soll's bleiben. Das Schwert werden
-wir geschliffen behalten; die irdischen Verhältnisse zwingen uns dazu.
-Beides miteinander zu verschwistern: weltweite Horizonte und Kraft
-der inneren Beseelung, modernes Bewußtsein und historische Ehrfurcht,
-Tatkraft und Gemüt, wissenschaftliche Unbefangenheit und religiöse
-Tiefe -- sieh, darin erkenn' ich meine kaiserliche Aufgabe. Das scheint
-mir die Aufgabe der Zeit.”
-
-Der Großherzog fühlte vielleicht -- so phantasierte Ingo weiter
--- daß der Kaiser nur zu einem ungewöhnlichen Monolog, zu einer
-Herzenserleichterung großen Stils diese Stunde gewünscht hatte.
-Der junge Fürst beschränkte sich daher wohl auf leise und leichte
-Bemerkungen über Dinge der nahen Außenwelt. Der Monarch ging darauf
-ein, wie um auszuruhen und seine fernschweifenden Gedanken in die
-Nähe zurückzurufen. Bald aber versandete dieses Zwischengespräch.
-Und der Großherzog schaute stumm, die Hände auf dem Rücken,
-über den wildreichen Wald hin, in welchem er so gern seiner
-Lieblingsbeschäftigung oblag.
-
-Der Kaiser mochte, kraft jenes Fluidums, das sich zwischen zwei
-Sprechenden nach und nach auszubilden pflegt, den stillen Wunsch des
-fürstlichen Weidmannes erraten.
-
-Und in Ingos Phantasie fuhr er fort:
-
-„Auch ich kenne kein frischeres Vergnügen, abgesehen von einer
-Segelregatta, als in der Rominter Heide vom Jagdwagen ins taunasse
-Heidekraut zu springen oder im ‚Hiligen Forst’ der Westmark einem
-balzenden Auerhahn sprungweis auf den Leib zu rücken. Herzhafter Kampf!
-Ich hab' in meinem Jägerdasein mehr als siebzigtausend Stück aller
-Arten von Wild geschossen; und es mag manchem vorkommen, als wäre
-das der Weidmannslust fast zu viel. Aber ich arbeite rasch und stark
-und brauche rasche, starke Entspannung. Man müßte freilich ein Genie
-sein, um alles vom Kern aus zu überschauen: ein Genie der Sammlung
-... Da steckt vielleicht das Geheimnis dessen, was wir brauchen ...
-Sammlung, Verinnerlichung ... Wir verlieren uns zu sehr ins Detail;
-wir müssen in der auflösenden Zweifelsucht der Gegenwart erst wieder
-den Zentralpunkt finden und von dort aus neue Ideale schaffen, ohne
-Untreue gegen die alten. Schweres Werk! Und von uns Zeitgenossen
-ungelöst. Wahrlich, eine Massenattacke mit Kavallerie zu reiten, ist
-leichter. Und wie macht man mir mein Amt schwer! Wie untergräbt man
-Ehrfurcht und Autorität! Wie nörgelt man an meinen gradaus und ehrlich
-gegebenen Anregungen herum! ... Hier ist meine tiefste Sorge: nicht nur
-Meine Autorität, nein, Autorität überhaupt gilt diesem aufgeregten,
-unstet-nervösen Geschlecht als ein unmodernes Gefühl. Adel jeder Art
-ist hart in Bedrängnis.”
-
-Der Kaiser schritt lebhaft ein paar Schritte hin und her. Das ungeheure
-Gewölk verdichtete sich in blauschwarze Ballen. Ein ferner Donner
-rollte; ein Wind lief ihm voraus.
-
-„Manchen treuen Willen erkenn' ich. Aber auch mein Bürgertum ist zu
-wenig großzügig. Sie sperren sich in zopfige Parteiworte ein. Macht
-weit und unbefangen eure Herzen und Köpfe! Einigt euch zu großem
-Kulturbegriff, positiv gestimmte Männer und Frauen jeder Konfession und
-Partei! Es gilt einen Kampf um Deutschlands innerstes, heiligstes Gemüt
-... Ich bin mit Bewußtsein evangelischer Kaiser; aber ich habe für
-warmherzig religiöse und gut deutsche Katholiken denselben Handschlag
-bereit. Es muß in die dumpfe, zaghafte Religiosität überhaupt mehr
-durchwärmender Lebensodem kommen.”
-
-In voller Gemütsbewegung schritt der Kaiser auf den hallenden Steinen
-hin und her und brach dann plötzlich ab. Er nahm des Großherzogs Hand.
-
-„Du weißt, ich stehe gern auf unsren schwimmenden Burgen, den
-Kriegsschiffen, und halte Schiffsgottesdienst. Nun wohl, betrachte
-diese programmatische Aussprache als einen Gottesdienst auf deiner
-Landburg, deren Kapitän und Kommandant du bist. Nimm meine Worte als
-den Grundriß eines Regierungsprogramms. Gott helfe uns! Deutschland hat
-Feinde innen und außen.” ...
-
-So malte sich Ingo des Kaisers Unterhaltung aus. Er empfand Zuneigung
-zu diesem Herrscher, dem das parlamentarische Gezänk entschieden
-Unrecht tat, den es nicht schlichtmenschlich genug beurteilte, dessen
-Übereilungsfehler eng verwachsen waren mit seinem hilfsbereiten
-Naturell, mit seinen lebendigen Tugenden und Kräften ...
-
-„Wenn ich selber mit ihm spreche” -- -- --
-
- * * * * *
-
-Jetzt wurde der phantasierende Spielmann, der zwischen belanglosem
-Geplauder gestanden hatte, unterbrochen. Mächtige Stöße des
-Gewitterwindes scheuchten die gesamten Gruppen der Hofgesellschaft in
-das Innere des Gebäudes ...
-
-Sie schritten jene Steintreppe hinan, über die einst der Sänger
-Heinrich von Ofterdingen, unterlegen im Sängerkrieg, knirschend
-davongegangen war ... Dampfte nicht noch der Hof von der derben
-Zecherlust des niedren Volkes, während drin im Wortekampf adlige Harfe
-wider Harfe klang, ein Turnier des Geistes? Ja, damals Spielmann zu
-sein! Da war alles Worteprägen noch von urwüchsiger, gebräunter Kraft,
-denn die Sänger waren Freiluftmenschen, Höhenwanderer von Burg zu Burg,
-umpfiffen vom Waldwind! ... Wie hatte sich Ingo, der thüringische
-Freiherr, in jenes Staufenzeitalter eingelebt, in den Minnesang,
-in die Gralsage, in die Geschichte der Troubadours! Er selber war
-einst auf dem Rennstieg mit seinem Knecht geritten, hatte gestern
-vor schönen Frauen auf der Burg gesungen, ehegestern unter einer
-Dorflinde bei dörperlichem Tanz zur Laute gespielt, hingerissen vom
-wilden Hoppaldei und Troialdei -- und war dann wieder im einsamen Wald
-unter Tannenzapfen und Eichhörnchen weitergezogen, um in irgendeiner
-rauchigen Gebirgsschenke zu übernachten ...
-
-Das ging dem Spielmann großzügig durch Herz und Kopf. Und jetzt trat
-der Generalintendant der Königlichen Schauspiele heran. Trotzendorffs
-große Stunde war gekommen: noch nicht der Monarch selber, aber dieser
-hohe Beamte und Hofmann wünschte durch den Major nunmehr den Baron und
-Schriftsteller Ingo von Stein-Waldeck kennen zu lernen.
-
-Auch diese Vorstellung vollzog sich in bequemen und unbefangenen
-Gesellschaftsformen, gleichsam nebenbei und zufällig. Doch hatte Ingo
-die fatale Empfindung, daß er auf seine etwaige Verwendbarkeit hin
-ausgehorcht werden sollte; und das goß dem freien Wandersmann ein paar
-Tropfen Ironie in seine Antworten.
-
-„Sie haben ja wohl einmal ein Drama geschrieben, mein lieber Herr
-Baron? Nun, das ist ja in jungen Jahren eine -- wie soll man sich da
-ausdrücken -- nicht ganz ungewöhnliche geistige Übung des gebildeten
-Deutschen. Nicht wahr? Übrigens, man sprach bei Hofe von Ihrem Buch
-über Friedrich den Großen. Sagen Sie mir einmal, wie ist denn das nun
-eigentlich? Über Ihre dramatische Tätigkeit müßte mir doch seinerzeit
-berichtet worden sein, wenn Sie das Stück bei uns eingereicht haben?”
-
-Der Generalintendant war eine stattliche und angenehme Erscheinung von
-liebenswürdigen Umgangsformen. Er war den Hofton gewöhnt und zugleich
-die Gebärde des Theaters; aus seiner Stimme klang edle Leutseligkeit;
-was er anfaßte, wurde in seinen Händen wichtig und würdig, auch wenn es
-für die deutsche oder europäische Kunst von keinerlei Bedeutung war,
-sondern nur den Wert einer höfischen Unterhaltung hatte.
-
-„Jawohl, Exzellenz, ich hatte einmal die Schwäche, ein Drama
-einzureichen, aber nicht unter meinem Namen.”
-
-„Nicht unter Ihrem Namen? Aber ich bitte Sie, mein lieber Baron, wozu
-denn dieses gänzlich überflüssige Versteckspiel?”
-
-„Ich wollte mein Werk durch sich selber wirken lassen.”
-
-„Und Sie haben es uns vorgelegt? Aber ich entsinne mich doch nicht, daß
-Ihr Name -- --”
-
-„Der Deckname war Franz Sturmegg.”
-
-„Ja so, richtig! Also Sturmegg! Hm! Sturmegg?”
-
-Der Intendant fuhr mit sinnender Gebärde über eine nicht unbedeutende
-Stirne; er war ein gut repräsentierender Mann.
-
-„Die Sache ist längst erledigt, Exzellenz. Es war für mich eine
-heilsame Lehre, den Bühnendichtern nicht mehr ins Handwerk zu
-pfuschen.”
-
-Exzellenz erkundigte sich, immer die Hand in huldvollem Nachdenken an
-der Stirn, nach Titel und Inhalt.
-
-„Richtig! So etwas mag mir ja wohl einmal, ich glaube sogar mit einer
-Empfehlung unsres wackren Wildenbruch, durch die Hände gegangen
-sein. Aber -- ja, ja -- ein sehr undankbarer Stoff! Sehr undankbar,
-wirklich! Und bei der -- nicht wahr -- bei der ungeheuren Fülle von
-künstlerischer Arbeit, die unsere Königlichen Bühnen zu bewältigen
-haben -- --”
-
-„Ich reiste sogar”, fuhr Ingo fort, „nach brieflicher Anmeldung selber
-nach Berlin. Aber ich bin telephonisch von irgendeinem Beamten wieder
-nach Hause geschickt worden, ohne zur Audienz zu gelangen.”
-
-Stein lachte selber über diese überwundene Epoche. Der Intendant war
-ein klein wenig betreten, beugte sich jedoch mit liebenswürdigstem
-Lächeln zu dem Baron hinüber:
-
-„Aber als Sturmegg, nicht als Baron Stein?”
-
-„Nur als Sturmegg, Exzellenz!”
-
-Stein-Sturmegg verbeugte sich. Es zuckte unverhohlenes Lachen um seine
-Mundwinkel; er nahm diese Dinge nicht mehr ernst.
-
-Der Generalintendant der Königlichen Schauspiele verbreitete sich
-in fein gewählten Worten über die fabelhaften Aufgaben, die von den
-Königlichen Theatern jährlich geleistet werden, um inmitten der
-internationalen Zersetzung wahrhaft hohe Kunst durchzuführen und
-vornehme deutsche Talente zu entdecken und hochzubringen. Dann empfahl
-er dem Spielmann mit entschiedenem Wohlwollen Stoffe aus der Geschichte
-der Befreiungskriege oder der Hohenzollern; und während er mit Geschick
-plauderte, suchten seine Augen in der Umgebung, auf wen er die
-Fortsetzung des allmählich unbequemen Gespräches abschieben könnte; er
-winkte einen schriftstellernden Major a. D. heran, den er dem Spielmann
-vorstellte und als Vorbild empfahl, worauf er sich selber zurückzog,
-offenbar von Ingos freimütiger und ironischer Tonart nicht gar angenehm
-berührt.
-
-Am Gespräch über Literatur beteiligten sich einige Herren mit
-modern gestutzten Haaren auf den Oberlippen, so daß sie in dieser
-Zahnbürstchenform der Schnurrbärtchen auffallend einander glichen. Man
-sprach über die beträchtlichen Kosten einer Meyerbeer-Aufführung an
-der Königlichen Oper, über die nicht minder bedeutenden Kosten eines
-assyrischen Ballets, über reizende Lustspiele wie „Husarenfieber” und
-„Wieselchen” -- oder war es „Lieselchen”? Der beschämte Troubadour
-kannte nicht einmal die Namen.
-
-Dann ging man zu einem Gebiet über, auf dem man sich sicherer fühlte:
-zu Einzelheiten der Jagd; gähnte auch verstohlen und spähte auf die
-Uhr, ob denn wohl endlich das Festmahl beginnen mochte. Kurz, es war
-zu irgendwelcher geistigen Vertiefung weder Ort noch Anlaß. Und der
-Freiherr suchte vergeblich eine Einbruchsstelle, wo er mit Kanonen oder
-Kavallerie des Geistes hätte wirken können.
-
-Jetzt kam der Augenblick, wo der Freiherr von Stein, vom
-Oberburghauptmann vorgestellt, den festen Händedruck seines Kaisers
-spürte und ihm in Audienz gegenüberstand.
-
-Trotzendorff strahlte.
-
- * * * * *
-
-Im Zimmer seines Gasthofes schritt Ingo wieder auf und ab, in leichter
-grauer Litewka, wie er sie im Hause zu tragen pflegte.
-
-Über Thüringen donnerte noch immer das Gewitter. In Wasserfluten schien
-Deutschland zu ertrinken. Man sah die Wartburg nicht mehr. Von West und
-Nord und Ost krachten die flammenden Fluten.
-
-Automobile sausten im Unwetter nach der Bahn; die Wartburg hatte sich
-rasch geleert; es war eine Flucht, ein zersprengtes Heer.
-
-Im stillen Zimmer schritt Ingo auf und ab. Er hatte sich unbeachtet
-nach der Tafel zurückgezogen; ihm war leicht, frei und heiter zumute.
-Die letzte Versuchung lag hinter ihm.
-
-Da hielt ein ratterndes Auto vor dem Hotel: Major von Trotzendorff
-stürmte herauf.
-
-„Junge, wie war's? Mach' schnell, ich muß nach der Bahn! Wie war's?
-Hab' dich ja gar nicht mehr erwischen können, war unausgesetzt in
-Anspruch genommen!”
-
-„Treuer, unermüdlicher Richard, vor allen Dingen Dank!”
-
-„Unsinn! Sag', voran, wie war's da oben, alter Freund?”
-
-„Nun, was soll denn da oben Besondres gewesen sein?”
-
-„Was sagte der hohe Herr? Raus mit der Sprache! Ich hab' keine Zeit,
-das Auto wartet mit zwei Herren vom Hofe!”
-
-„Aber das läßt sich doch so in der Geschwindigkeit --”
-
-„Na so mach' doch, guter Junge! Was sagte Seine Majestät zu deinem
-Buch?”
-
-„Hat ihm famos gefallen, es sei gar nicht konventionell.”
-
-„Siehst du?! Ausgezeichnet! Was weiter?”
-
-„Ja, was denn weiter?”
-
-„Aber, Junge, so erzähl' doch!”
-
-„Was denn, liebster Richard, was denn?”
-
-„Aber, Mensch, zum Donnerwetter, euer Gespräch! Die Ideen, die du
-entwickeln wolltest --”
-
-„Welche Ideen?”
-
-„Hast du mir nicht hundertmal auseinandergesetzt, was du tun würdest,
-wenn du der Kaiser wärst oder sonstwie von Einfluß auf den Zeitgeist
---?!”
-
-„Ja, da hast du allerdings recht! Aber --”
-
-„Was denn aber? Du machst mich wild! Jetzt _hast_ du mit dem Kaiser
-gesprochen, ich habe mit aller Mühe euch zwei zusammengebracht -- und
-nun?”
-
-„Bester Richard, erst muß mich doch wohl Seine Majestät etwas fragen,
-eh' ich etwas antworten kann, nicht wahr?”
-
-„Hat er dich denn nicht gefragt? Wie lange dauerte denn die
-Unterredung?”
-
-„Nun, mindestens zwei Minuten.”
-
-Das Auto draußen tutete ungeduldig; der Gewitterregen rasselte an die
-Fensterscheiben.
-
-„Hol' dich der Kuckuck, Junge! Entweder hab' ich zuviel getrunken bei
-Tafel -- oder du bist nicht nüchtern und willst mich frozzeln -- oder
--- Kurz, ich erwarte dich morgen in Erfurt! Oder kommst du gleich mit?”
-
-„I, fällt mir nicht ein! Ich bleibe gemächlich hier in Eisenach.”
-
-„Dann ade! Eines will ich dir sagen, du: ich hab' mich nun jahrelang
-auf diesen großen Tag gefreut. Wenn's dir nicht gelingt, Fuß zu fassen
--- hol's der Deuwel, so reich' ich meinen Abschied ein und widme mich
-dem deutschen Volke und seinen zahllosen Vereinen. Gott befohlen --
-oder vielmehr: salz' dich ein, du Pechvogel!”
-
-Ingo begleitete den ärgerlich Davonstürmenden an die Türe.
-
-„Richard, nun hör' einmal zu, nun will ich dir ein sehr ernstes Wort
-sagen! Ich habe seit geraumer Zeit mit dir und deiner Gattin, also mit
-meinen nächsten Freunden, in einem Kampf gestanden: in einem Kampf um
-Selbständigkeit. Verstehst du? Mit Friedel war die Auseinandersetzung
-von besondrer Art; das haben wir schon in Lourdes abgetan. Nun merke
-auch du dir, mein Bester: in irgendwelchen höfischen oder staatlichen
-Mechanismus wirst du mich niemals einfangen! Niemals! Ich gehöre nicht
-dahin. Das hab' ich heute da oben auf der Wartburg klar und deutlich
-erkannt -- erkannt? Nein, erlebt!”
-
-„Aber, Junge, hat man dich denn irgendwie unliebenswürdig behandelt?”
-
-„Im Gegenteil! Ich werde immer mit Vergnügen an diesen Tag
-zurückdenken.”
-
-„Also --?! Du bist selber strammer Soldat gewesen: willst du es etwa
-dem hohen Herrn verargen, daß er ganz besonders auf Jagd, Armee, Marine
-eingestellt ist?”
-
-„Wie sollt' ich denn! Es wird in Deutschland genug gekrittelt -- sollt'
-ich mich auch noch zu den Nörglern und Hetzern gesellen?! Ich liebe und
-achte meinen Kaiser. Aber” --
-
-„Aber --?”
-
-„Aber die Stimmung, die jetzt für ein seelisches Deutschland
-herausgearbeitet werden muß, läßt sich nur in der Stille gestalten.
-Wir müssen uns auf Arbeitsteilung einigen. Von innen heraus, Richard,
-von innen heraus muß die Erneuerung des Zeitgeistes versucht werden!
-Weder von oben noch von unten! Weder Cäsaren noch Demokraten können das
-Reich Gottes bauen. Denn sie haben es mit den Massen zu tun, nicht mit
-der Seele. Erneuerung von innen heraus!”
-
-Er sprach mit eindringlichem Ernst.
-
-Aber Trotzendorff lief zornig davon.
-
-„Noch eins, Richard!” rief ihm Ingo übers Treppengeländer nach. „Weißt
-du, daß der kleine Marx oben war -- Kommerzienrat Marx?”
-
-„Bitte: Geheimrat Marx! Sehr beliebt! Gibt unmenschlich Geld für große
-Zwecke! Der fliegt rascher die Leiter hinauf als du deutscher Michel!
-Ade!”
-
-Und mit dröhnenden Stiefeln war er fort.
-
-Und das Auto raste -- und das Gewitter raste -- und Ingo lag auf dem
-Diwan, hatte die Hände hinter dem Kopf und starrte zur Decke empor.
-
-Er war ernst.
-
-Ja, er war ernst bis zur Schwermut.
-
-Diese Automobile waren davongefaucht und hatten den Spielmann Ingo von
-Stein als unverwendbar und überflüssig irgendwo am Wege liegen lassen.
-
-Was hatte er denn eigentlich erwartet? Nichts. Doch hatte ihn
-Trotzendorff und dessen brave, aber unklare patriotische Romantik,
-Trotzendorff, der angebliche Tatsachenmensch, immerhin mit einer
-gewissen Erwartung angesteckt. Diese Erwartung hatte sich freilich
-rasch verflüchtigt, sobald er einige Minuten die Hofluft selber, den
-Geist, den Duft, die Essenz dieser höfischen Welt auf sich hatte wirken
-lassen. Es war von dort zu seiner eigenen Welt der heiligen Stille
-keine Brücke zu finden.
-
-Man hatte in diesem übervollen Deutschland Leute genug, übergenug;
-man hatte Kenntnis und Kunst übergenug. Was wollte sich da noch ein
-einzelner Sonderling und Fremdling hinzudrängen?
-
-„Ich bin durch Nordland und Riviera, durch Lourdes und
-Montserrat-Stimmung dankbar hindurchgegangen und nicht darin stecken
-geblieben”, sprach er zu sich selber. „Ich habe Friedel viel zu
-danken, bin Richard von Herzen gut und dem Sonderling Bruck zugetan.
-Warum find' ich denn nur nicht den Zugang zum Herzen dieser deutschen
-Gegenwart? Warum vergißt das moderne Deutschland seine besondre
-europäische Sendung? Warum geht es nicht mehr führend voran in jener
-durchgeistigten Gemütskraft, die man ehedem deutschen Idealismus
-genannt hat?”
-
-Aufspringend schaute Ingo durch nasse Fenster nach den verdüsterten
-Umrissen der Wartburg empor. Wie lieb war ihm diese Geistesburg!
-Das Herz schwoll ihm vor Sehnsucht nach warmblütig mitpulsierendem
-Menschentum, nach Liebe all dieser Zeitgenossen, die heute schattenhaft
-und gleichgültig an ihm vorbeigewogt waren. So waren sie auch an seinen
-Büchern vorübergegangen; so gingen sie an seiner Person vorüber; er war
-überflüssig.
-
-Er sah im Geiste die ausgetretenen Steinfliesen der Vorderburg. Dort
-hatten sie in einer Mainacht Luther hereingeführt und untergebracht.
-Wie kommt es, daß mit den thüringischen Fürsten oder den Staufen große
-Sänger und der Name des deutschen Reformators untrennbar verbunden
-sind? Wie kommt es, daß sich um die Hohenzollern keine geistesgroßen
-Dichter gesammelt haben? Ist es ein Gesetz deutscher Arbeitsteilung,
-daß Potsdam militärische Aufgaben zu lösen hat? Daß sich aber das
-deutsche Weimar immer wieder abseits in der Stille als ein heiliger
-Hain erbauen muß?
-
-Diese Gedanken wurden in ihm angeregt durch eine harmlose Audienz, die
-tausend anderen Audienzen glich.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Elftes Kapitel
-
-Elisabeth
-
- Auf einer Lilie zittern
- Zwei Tropfen rein und rund,
- Zerfließen in eins und rollen
- Hinab in des Kelches Grund.
-
- _Hebbel_
-
-
- _Eisenach_, den .......
-
- Liebe Elisabeth!
-
-Dein Brief hat mich hier in Eisenach gefunden, am Fuße der Wartburg,
-wo sich gestern Wichtiges entschieden hat. Ich habe dem Drängen
-Trotzendorffs nachgegeben und mich zu einer kurzen und konventionellen
-Audienz gestellt. Die Sache ist abgetan. Nun weiß und fühl' ich in
-scharfer Klarheit, wo ich fortan zu stehen habe: nicht im politischen,
-sondern im seelischen Deutschland.
-
-Dein Brief klingt in Es-Dur, meine Elisabeth: feierlich und tief. Es
-ist darin Böcklins Grundfarbe: ein heiliges Dunkelblau. Ich danke
-Dir innig dafür, Du Gute! Zum erstenmal etwas wie ein Klang des
-Verständnisses, etwas wie ein Widerhall. Und das beseligt mich tief,
-denn ich bin unheimlich allein. Grade an Dir halte ich trotz alledem
-mit zäher Beharrung fest, Du meine erste und hoffentlich letzte Liebe!
-Du bist ein Glockenton meiner Jugend, Du bist meine Jugend selber, Du
-süße Gespielin von einst! Dich aus dem Herzen reißen, heißt ein Stück
-meines Herzens ausreißen. Dich umarmend hab' ich dort Wald und Seele
-unsrer Heimat umarmt; in Deinen Küssen war Tannenduft; wenn ich den
-Namen Elisabeth ausspreche, so sehe ich blühende wilde Rosen und mitten
-darin ein ernstes Kreuz.
-
-Liebes Mädchen, ihr habt mich oft Spielmann genannt und mir sogar
-vorgeworfen, daß ich mit dem Leben spiele. Ach, laßt mir doch ein
-wenig Leicht-Sinn -- nicht Leichtsinn --, laßt mich doch das Leben als
-ein sinnvoll Reigenspiel anschauen, wunderlich verschlungen und doch
-im ganzen voller Harmonie und starkem, heitrem Rhythmus! Laßt mich
-Spielmann bleiben im Unterschied von phantasielosem Philistertum! Nur
-der Freie kann und darf spielen; der Knecht front. Der Hasenfuß wagt
-nicht das schöne und kühne Spiel mit dem Abenteuer des Lebens.
-
-Kind, das ist es ja, was ich Dir so oft verweisen mußte: Du bist immer
-viel zu sehr Fronerin gewesen, Du Gehorsame, und viel zu wenig frei
-Schenkende. Du hast Deinen engen und ängstlichen Moralismus nicht
-durch den Rhythmus mutiger Selbstbestimmung zu überwinden gewußt. Und
-so hab' ich mich zuletzt auch von Dir leidvoll zurückgezogen und mich
-abseits im heiligen Hain der großen Toten zu größerer Lebenserfassung
-herangebildet. Denn wahrlich waren und sind mir Offenbarungen der
-Weisheit und Schönheit unter allen Umständen wichtiger als das
-kleinmenschliche Verweilen bei jedwedem körperlichen Mißbehagen dumpfer
-unbedeutender Nebenmenschen, deren Sorglichkeiten Du so wichtig
-nimmst. Darum bin ich auch für all die modernen Denkmalsfeiern oder
-ähnliche Äußerlichkeiten des öffentlichen Lebens ebenso verloren wie
-für die Spezial-Zerpflückungen unserer wissenschaftlichen Kleinkrämer.
-Und solange dieser unmelodische Alexandrinismus meiner Zeitgenossen
-andauert, solange sie nicht mit mir das Große suchen, das Eine, was
-not ist, die Ideen und Urbilder -- so lange gehe ich eben allein. Und
-solange Elisabeth in Ängstlichkeiten und Schicklichkeiten stecken
-bleibt, statt zu dem Manne ihres Herzens zu fliegen und sich mit ihm
-in große Geistes- und Herzenswelt emporzuheben -- so lange gehe ich
-eben allein. Mein Fall ist kein Einzelfall: meine Not ist die Not der
-deutschen Seele.
-
-Weib, wenn Du doch etwas von der verhaltenen, hochgestauten Kraft
-spürtest, die sich in mir gesammelt hat, die oft über die Ränder sprüht
-und Freunde sucht, Spielkameraden, Wandergenossen nach der Gralsburg!
-Weib, sei kühn! Weib, sei doch genial! Fühle doch, daß die Liebe zu
-dem Einen, der Dich wiederliebt, wertvoller und wichtiger ist als
-alle Krankenschwesterlichkeit der Welt! Wie oft hab' ich Dich gerufen,
-Elisabeth, meine deutsche Seele, und Du bist nicht gekommen! Sondern
-Du bist stecken geblieben in den Kleinsorgen der Alltagsmenschen, in
-der schicklichen Ordnung, in der biedern Mittelmäßigkeit, Du Brave, Du
-Allzubrave!
-
-Siehst Du, Kind, und so vermag ich Deinem liebevollen und
-ungewöhnlichen Briefe leider, leider, leider nicht mehr recht zu
-vertrauen. Zürne mir nicht, daß ich Dir das ausspreche! Du hast mich zu
-oft allein gelassen.
-
-Wenn ich aber ungerecht bin, wenn ich vergesse, wie oft auch ich Dir
-wehgetan und Deine heilige Ruhe gestört habe, Du frommes Wesen, sobald
-meine Ungeduld mit Deiner stillen und tiefen Geduld zusammengestoßen:
-so vergib mir! Der tiefste Grund meines Wesens ist dennoch Liebe --
-Liebe zu allen guten Menschen und ganz besonders Liebe zu Dir, Du Beste
-der Guten. Und so nimm das Ungeduldige in diesen raschen Worten nicht
-übel: sie sind nur wie Wolken vor dem Mondlicht meiner Liebe.
-
-Gott behüte Dich, gute Elisabeth!
-
- Dein Ingo.
-
- * * * * *
-
-Am Tage nach dem Wartburggespräch schrieb Ingo diesen Brief in seinem
-Hotelzimmer.
-
-Die Stille des warmen und wolkigen Tages tat ihm wundersam wohl.
-
-Als er nun aber das Schreiben noch einmal durchlas, schüttelte er den
-Kopf und legte den Brief in seine Schreibmappe.
-
-„Nein, das kann ich nicht absenden”, sprach er zu sich selber. „Das
-ist ja nur wieder der alte Ruf der Sehnsucht: Elisabeth, komm zu
-mir! Ich fahre ja genau da fort, wo ich vor drei bis vier Jahren
-abgebrochen habe. Ich wiederhole mich ja, das ist ja geschmacklos.
-Sind wir wirklich in diesem blutarmen, kränkelnden, unheroischen
-Liebesverhältnis nicht weitergekommen? Dann tut's mir leid. Ich werde
-Elisabeths Brief überhaupt nicht beantworten. Hier fruchten keine
-Briefe mehr.”
-
-Der Brief wurde nicht abgesandt.
-
-Er nahm seine Arbeit wieder auf.
-
-Seine Studien über den Gral hatten ihn zu Goethes Gedicht „Die
-Geheimnisse” geführt. Hierbei, Goethes Dichtungen durchblätternd,
-war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie häufig der große Dichter das
-Wander-Motiv behandelt und vergeistigt: von dem jugendlichen „Wandrers
-Sturmlied” bis zu den reifen „Wanderjahren”. Er beschloß, diese Linie
-zu verfolgen und mit dem Gralsuchen in Beziehung zu setzen. Eben las
-er das edelschöne Gedicht vom Wanderer, der in Tempelruinen eine junge
-Frau findet, mit den weich hingleitenden Schlußworten:
-
- „O leite meinen Gang, Natur
- Den Fremdlings-Reisetritt,
- Den über Gräber
- Heil'ger Vergangenheit
- Ich wandle.
- Leit' ihn zum Schutzort
- Vorm Nord gedeckt,
- Und wo dem Mittagsstrahle
- Ein Pappelwäldchen wehrt.
- Und kehr' ich dann
- Am Abend heim
- Zur Hütte,
- Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl,
- Laß mich empfangen solch ein Weib,
- Den Knaben auf dem Arm!”
-
-Er ließ das Buch sinken.
-
-„Solch ein Weib ... den Knaben auf dem Arm!”
-
-Sieh an, auch hier ein Wanderer, ein Hügel, ein Weib -- und in der Nähe
-ein Säulenpaar! Natur und Religion und Poesie in eins zusammengeblüht!
-Tod und Leben in eins verschlungen: zerfallener Tempel und nährende
-Frau, die selber ein Tempel ist, ein Meistergebilde der Natur und
-der Gottheit! Sind nicht wir Deutschen geboren über Resten heiliger
-Vergangenheit? Daß ihr Geist auf uns ruhe und uns befruchte, Altes
-zu ehren und Neues zu schaffen und Gegenwart zu genießen wie dieses
-glückselig-gesunde Weib -- eine Madonna mit dem Knaben auf dem Arm!
-„Das ist meine Hütte,” sagt sie, „eines Tempels Trümmer!” Ja, ein
-Tempel, verwandelt in eine Hütte der Liebe und des heiligen Lebens --
-eine Hütte, entsprossen aus den heiligen Stimmungen eines Tempels!
-Welche sinnige Verschlingung! Hier ist immer wieder das Ziel!
-
-Ingo lief in seiner jugendstarken Gesundheit im Zimmer auf und ab.
-Er erlebte diese Zwiesprache mit dem Weib an der Tempelsäule; er war
-selber dieser Wanderer. Seine Betrachtungsweise war niemals bläßlich,
-immer warmblütig; denn er durchglühte auch geistige Stoffe mit der
-Kraft persönlichen Erlebens, so daß der Spielmann oft unseßhaft vom
-Buch aufsprang und laut mit sich selber sprach.
-
-Wieder zum Buch zurückkehrend, schlug er aufs Geratewohl auf. Und --
-leiteten Geister vom Montserrat seine sinnvoll zugreifenden Finger?
-Er stieß auf die Randnoten, die Goethe selber zu seinem bedeutsamen
-Gedicht „Die Geheimnisse” niedergeschrieben hat. „Durch eine Art von
-ideellem Montserrat” sollte dort der Leser geführt werden -- das
-waren die Worte, die ihn wie ein elektrischer Schlag berührten. Ihm,
-dem Goethekenner, waren diese Bemerkungen ganz aus dem Gedächtnis
-geschwunden. Nun sah er sein eigenes Suchen durch den Meister
-bestätigt. Denn hier stand es ja, hier klang es ja in die Worte aus:
-„ ... sich in den Gesinnungen befestigen, in welchen ganz allein der
-Mensch, auf seinem eigenen Montserrat, Glück und Ruhe finden kann.”
-
-Auf seinem eigenen Montserrat!
-
-Nicht im fernen Land, unnahbar euren Schritten -- vielmehr hier und
-heute und überall, wo der Mensch seines göttlichen Mittelpunktes inne
-wird!
-
-Welch ein Kraftgefühl, dieser Besitz!
-
-Und doch -- einer allein wird nie zulänglich sein, das Leben bedeutend
-und nutzwirkend zu einer Tempelburg zu gestalten, wenn er sich nicht
-bei aller eigenen Selbständigkeit verflechten kann mit anderen. Zur
-Monade trat schon bei Pythagoras, der selber seine Schülerin Theano
-zur Gattin erhob, die Dyade, die Triade, die heilige Tetraktis, die
-Vierzahl; und eins, zwei, drei und vier geben als Summe die Zehn,
-die heilige Dekade. Saßen nicht auf dem Montserrat zwölf Eremiten um
-den dreizehnten? Sind nicht zwölf Meister in diesem seltsamen Tempel
-der „Geheimnisse” mit einem dreizehnten als Oberhaupt? Immer strebt
-das Leben in eine Runde, eine Tafelrunde, eine kristallinische oder
-organische Bildung hinaus, in harmonische Vielheit -- und wieder zurück
-zur umfassenden Einheit. Sind nicht alle Sonnen und Planeten, alle
-Lebewesen und alle Teile des Körpers aufeinander angewiesen und bilden
-miteinander das rhythmische Ganze?
-
-So wogten seine Gedanken.
-
-Der Einsame war in seinem unbefriedigten Schaffensdrang nahe daran,
-wehmütig zu werden. Aber in seinem gesunden Blutumlauf hatten weder
-Zweifel noch Grübelei Raum. Eine halbe Stunde später lag der Goetheband
-auf dem Teppich, und der glückliche Besitzer und Verehrer des Buches
-lag auf dem Diwan und schlief mit gekreuzten Armen.
-
- * * * * *
-
-Es klopfte leise an Ingos Tür.
-
-Ingo schlief.
-
-Es klopfte abermals.
-
-Ingo schlief.
-
-Die Tür tat sich auf, und eine Dame stand im Zimmer, ohne Hut und
-Handschuhe.
-
-Jetzt fuhr der Schlafende empor und sprang sofort auf die Füße,
-verworren die Augen reibend.
-
-Das Glück stand an der Tür.
-
-Erst war er der Meinung, es hätte sich jemand in der Zimmernummer
-geirrt. Dann aber, obschon bereits Dämmerung war, erkannte er jählings,
-wer vor ihm stand.
-
-„Elisabeth!”
-
-Sie lehnte wortlos an der Wand. Sie konnte keine Silbe hervorbringen.
-
-„Aber, Kind, meine gute Elisabeth, wie kommst denn du hierher?! Bist du
-hier abgestiegen? Hast du ein Zimmer hier im Hotel?”
-
-Sie nickte. Ihre Brust arbeitete mächtig.
-
-„Wohnst am Ende gar im Zimmer gegenüber, das Trotzendorff gestern
-verlassen hat? Das ist ja ein entzückender Streich! Und ganz aus
-eigenem Entschluß?”
-
-Sie nickte wieder, kurz und heftig. Aber dann hielt sie's nicht länger
-aus -- mit einem jähen Laut „Ingo!” flog sie ihm um den Hals -- und
-ihre Arme umschlangen ihn -- und Mund lag auf Mund. Aus ihrer Brust
-kam ein Ton wie Jauchzen und Angst. Sie ließ ihn nicht los, sie trank
-seine Küsse, sie suchte immer wieder seinen Mund und preßte ihn mit der
-ganzen Stärke ihrer starken Arme an ihre wogende Brust.
-
-Und alle Gedanken, Programme, Ideen, die soeben diesen Raum erfüllt
-hatten -- versunken! Nein, verwandelt! In Leben verwandelt! Verwandelt
-in den einen großen Ton elementarer Liebe, in diese Flut ungestüm
-andrängender Liebe, in diesen überwältigenden Duft blühenden Lebens --
-ganz verwandelt in dieses atmende, glühende, sinnenstarke und doch so
-stolze und herbe Mädchen, das sich nur dem einen Manne auftat!
-
-Umwogt und umwunden von diesem langen Haar mit dem natürlichen Duft,
-saßen sie wie einst im Wald und wurden nicht satt, sich Kosenamen zu
-stammeln. Ihr Mund, ihre Augen, Ohren, Hals und immer wieder ihr Mund
-wurden von Ingos Küssen überdeckt; und wenn er den Kopf an ihrem Halse
-barg, war sie es, die seine Lippen wie in Angst aufsuchte und unzählige
-Male immer nur das eine Wort wiederholte: „Mein, mein, mein!”
-
-Ingo hatte nie gewußt, wie ein Weib lieben kann, hatte nie gewußt,
-wie dieses Weib lieben konnte. Mit dem ganzen, zarten, weichen,
-vibrierenden Organismus liebt das Weib, ihr Körper ist Liebe, ihr
-Körper ist Sprache ohne Worte. Mächtiger als der Mund allein spricht
-und jauchzt das ganze Wunderwerk Weib dem Geliebten entgegen. Die Zeit
-blieb stehen; sie achteten nicht, ob Sonne oder Mond am Himmel stand;
-sie hatten ja ewig zusammengehört, von Anfang der Welt an, als noch
-keine Zeit war. Sie hatten sich gesucht durch Jahrtausende seit der
-alten Atlantis und jetzt gefunden, hier am Fuße der Wartburg, hier im
-Herzen Europas.
-
-Allmählich stellten sich dann doch Worte ein, süßes Raunen, töricht
-holde Melodie, innige Koseworte und Wort-Erfindungen, immer wiederholte
-Fragen, die keine Fragen waren.
-
-„Du bist mein, nicht wahr, ganz allein mein? Ich hab's ja nicht mehr
-aushalten können! Ach Ingo, sag's, nicht wahr, ich verliere dich nie
-mehr, nie mehr, nie mehr?”
-
-„Bis in den Tod, Elisabeth!”
-
-„Bis in die Ewigkeit, Ingo! In alle, alle Ewigkeit! Ewig, ewig, ewig
-dein!”
-
-Sie erzählte, daß sie keiner Menschenseele von dieser Fahrt nach
-Eisenach gesagt habe, sondern nach Weimar gefahren sei, um Tante
-Adelheid zu besuchen. Von dort kam sie her. Sie sprach von allem,
-was bisher die Liebenden getrennt, sie sprach abgerissen, in Worte
-zusammendrängend, ohne Satzbildung. Aber sie verstanden sich doch. Es
-durchflutete die beiden Menschen, die sich so lange gesucht hatten, ein
-Empfinden, das ihnen bisher unbekannt war: der Jubel der Erfüllung.
-
-Und er gedachte jenes Ringes, den er in Genf gekauft. Er tastete
-danach, immer noch in ihre herrliche Haarflut gehüllt, und steckte
-ihn an ihren Finger und zog ihren Schmuckring ab und steckte ihn sich
-selber an.
-
-„Meine Braut! Mein Weib!”
-
-„Bin ich das? Bin ich dein Weib?”
-
-„Meine Frau halt' ich im Arm! Und was bin ich?”
-
-„Mein süßer Liebster, mein Bräutigam, mein lieber, lieber Mann!”
-
-Ihre Stimme war Herz und Seele; wie ein Kind lag sie an seinem Halse.
-Die Qual und Spannung von Jahren löste sich in diesen heilig-seligen
-Augenblicken mit erschütternder Gewalt.
-
-Draußen, weit wo im Westen, flammte ein spätes Abendrot: unter
-schwarzen Wolkenmassen ein roter Feuerstreifen, als winkte dort,
-jenseits der Wasser, ein leuchtendes Land.
-
-Zwei Menschen trieben auf einer Planke dem Lande der Liebe zu.
-
- * * * * *
-
- Meine gute Friedel!
-
-Ich habe mich soeben hier in Eisenach mit Elisabeth verlobt. Du
-sollst die erste sein, die es erfährt, Du, der ich so Unvergängliches
-verdanke. Ich bin glücklich, Friedel. Mein Herz ist bis obenan voll
-Dank. Nebenbei war ich gestern auf der Wartburg und hatte die Ehre,
-Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Aber nicht dahin geht mein Weg,
-sondern in die arbeitsame Stille -- mit Elisabeth. Bleibt gut, Du und
-Richard,
-
- Eurem alten Ingo.
-
-_Nachschrift._ Liebe gnädige Frau! Ingo bittet mich, einen Gruß
-darunter zu schreiben. Gern tue ich das. Ich bin Ihnen von Herzen gut
-und bitte auch Sie um Ihre Freundschaft. Wie glückselig ich bin, das
-vermag kein Mund auszusprechen.
-
- Ihre Elisabeth.
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Zwölftes Kapitel
-
-Der Gutsherr
-
- Sehnsucht ins Ferne, Künft'ge zu beschwichtigen,
- Beschäftige dich heut' und hier im Tüchtigen!
-
- _Goethe_
-
-
-Zeitenwende bereitet sich vor.
-
-Einzelne Wandrer haben sich abgesondert vom Zeitgeist. Sie suchen
-untereinander Fühlung. Sie bilden eine heimliche Gemeinde der Ernsten
-und Stillen. Ihr heiliger Hain ist umschirmt von schwarzen Zypressen.
-Im Innern aber tragen Fruchtbäume rote und goldne Gaben.
-
-Diese Abgesonderten formen langsam das neue Lebens- und Bildungsideal.
-
-Der Spielmann und Gralsucher Ingo von Stein hatte sich nach jenem
-Wartburgtage dieser unsichtbaren Gemeinde angeschlossen. Sie ist nicht
-geformt, diese Gemeinde; sie hat weder Satzung noch Rang und Titel.
-Doch erkennen sich die Begegnenden daran, daß sie, ohne Hast und
-Unrast, mit einem stillen und starken Herzen Welt und Ewigkeit erleben
-und verarbeiten. Das kostbare Gut der Ruhe ist ihnen eigen: die Ruhe
-der gesammelten Kraft. Und ihre Lebensformen sind edel und einfach.
-
-In ihren Tiefen ist Gebet. Sie glauben nicht mehr an den Verstand,
-sondern an etwas Umfassenderes: an die Gottheit. Nicht sind sie
-beherrscht vom Willen zur Macht, sondern von einer größeren Kraft:
-vom Willen zur Liebe. Mit schöpferischer Liebeswärme erobern sie von
-innen her. Und ihre Gangart ist still und stetig. Denn sie wissen, was
-sie wollen: Selbstbesinnung. Aus der Selbstbesinnung aber auf edelste
-Kräfte erwächst die neugestaltende Tat. Auch fehlt ihnen nicht das
-Arbeitsfeld: denn sie fangen ihr Gestaltungswerk mit sich selber an.
-
-Aus diesen Saatschulen werden die Führer der Zukunft genommen.
-
-Draußen aber vollziehen sich unterdessen die harten Ereignisse, die dem
-bisherigen Lebenston ein Ende bereiten.
-
-„So stand einst Oberlin als Zeder mitten in der Revolution”, sagte
-sich Ingo von Stein, als er sich zu jenem Anschluß an die Gemeinde der
-Stillen entschloß. „So will auch ich auf meinem Felsen stehen.”
-
- * * * * *
-
-Jäh war das Glück der Erfüllung über Ingo gekommen. Aus der verhaltenen
-Kraft seiner Elisabeth war eine Liebe aufgeblüht, wie er sie nie für
-möglich gehalten hätte.
-
-Fast unmittelbar hinter jenem Tag von Eisenach starb sein Bruder, der
-Jäger und Sportsmann, als hätte das Schicksal nur auf diesen Augenblick
-gewartet.
-
-Ingo war nun Herr über ausgedehnten Landbesitz und umfangreiche
-Forste. Aber sein Herz hatte nie an äußeren Gütern gehangen; seelische
-Erfüllung war ihm von Kind an als das Wesentliche erschienen, schon
-als der Knabe Lieblingsgegenstände hergab, nur um dafür Freundschaft
-einzutauschen und Freude zu machen. Doch war es ihm ein sinnreiches
-Symbol, daß er nun auch äußerlich den Lehr- und Wanderjahren entnommen
-und auf den festen Boden der jetzt anhebenden Mannes- und Meisterjahre
-gesetzt war. Noch blieb seine eigentliche Kraft und Lebensbestimmung
-verdeckt und wartend; seine Stunde war noch nicht gekommen; er fühlte
-sich als Vorbereiter einer neuen Lebensstimmung für ein neues und
-wieder mehr innerliches Geschlecht.
-
-Und in diesem wichtigen Punkte verstand er sich ausgezeichnet mit dem
-Vertreter der älteren Generation, der bei Ingo im Hause lebte: mit
-seinem alten Vater. Dieser Edelmann war von wunderbarer Geistesfrische,
-wenn er auch durch seine Gicht an den Stock und durch leidige
-Gewohnheit an die lange Pfeife gekettet war und in seinem Lederstuhl,
-von den beiden Doggen umlagert, einem Invaliden ähnlich sah. Er
-trug die Bartform des alten Kaisers, unter dem er die siebziger
-Schlachten mitgefochten hatte und mit dessen vornehm zurückhaltender
-edelmännischer Art er auch innerlich verwandt war. Unter Ingos
-anregendem Geisteshauch lebte der Alte wieder auf; denn er hatte
-immer eine stille Vorliebe für diesen jüngeren Sohn gehegt, dessen
-unzeitgemäße Sehnsucht er recht wohl nachfühlen konnte.
-
-Elisabeth, in dem schwarzen Kleid der Trauer noch anziehender, hatte
-ihre Mutter verloren und war in aller Stille Ingos Gattin geworden.
-Über ihrem Wesen lag jener Schimmer von Wärme, den man mit dem Worte
-Innigkeit bezeichnen könnte, einem Worte, das mit Innerlichkeit
-verwandt ist. Kind, Jungfrau und reifes Weib schienen alle drei
-in dieser stillen und feinen Gestalt erhalten zu sein, einander
-ergänzend, nicht störend. Ihre stattliche äußere Erscheinung war von
-gebietender Hoheit, die aber von der etwas gedämpften und guten Stimme
-und von einem einfachen, kindlichen, ja fast schüchternen Lächeln
-des Wohlwollens wieder ausgeglichen wurde. Es war in ihr etwas wie
-seelische Leuchtkraft. Es gibt Menschen der Erfüllung, wie es Menschen
-der unruhigen Sehnsucht gibt; Elisabeth war ein Mensch der Erfüllung.
-Alles Unstete wird in solchen Naturen selige Gegenwart. Sie sind nicht
-mehr Hitze, sondern Wärme, nicht mehr Kometen, sondern Planeten oder
-gar Sonne. Dem Unerfüllten ist die Welt romantisch: aber die Erfüller
-machen die Welt traulich und heilig. In ihnen ist etwas, was der
-Romantiker leicht unterschätzt: die große Geduld. Sie haben es nicht
-mehr nötig, Tempelsucher zu sein: sie sind bereits Tempelbauer und
-Tempelhüter.
-
-Diese drei, mehr oder minder auf Innerlichkeit und Gehaltenheit
-abgestimmten Menschen bildeten nun im Thüringer Herrenhause, im Herzen
-Deutschlands, den Grundstock der neuen Familie. Und es war eigenartig,
-daß gerade die einfachsten Menschen des Gutes, von der Waschfrau bis
-zum Feldarbeiter und Waldgänger, dem anscheinend durch Klüfte hoher
-Bildung von ihnen getrennten neuen Gutsherrn und seiner wahrhaft
-herzensadligen Gattin Zutrauen entgegenbrachten. Denn sie spürten in
-diesem jungen Ehepaar reines Menschentum. Auf den Höhen wahrer Bildung
-wird der Mensch wieder einfach.
-
-Dabei legte Ingo großen Wert auf eine auserwählte und geschmackvolle
-Bibliothek. Mit ebensolcher Sorgfalt wählte er seinen Wandschmuck,
-wobei besonders sein Liebling Feuerbach neben alten Meistern in
-guten Kopien vertreten war. Flügel und Meisterharmonium zierten den
-großen Saal, der noch mit Jagdtrophäen und Waffen gefüllt war von der
-andren, der sportsmäßig unruhigen Generation, für die das Tuten eines
-Automobils wohllautender war als eine Sonate von Beethoven.
-
-In diesem Saale war an einem Winterabend, der etwas Neuschnee über die
-Fichten gestreut hatte, das Ehepaar Trotzendorff zum ersten Male bei
-den Jungvermählten zu Gast. Und seltsamerweise hatte sich noch ein
-Bekannter eingefunden, den einst Ingo in Cette und Lourdes so gut wie
-gar nicht beachtet hatte: der ernste, etwas trockene Fabrikant Muthner.
-
-Der Diener reichte Tee herum; der Vater hielt sich rauchend im
-Hintergrunde. Auch Muthner, der ohne seine ägyptischen Zigaretten
-unglücklich war, bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen, was die Damen
-gern gewährten. Und dennoch blieb, bei aller äußeren Gemütlichkeit und
-bei aller Gedämpftheit auf diesen vielen Fellen und bequemen Polstern
-des Salons, eine feine Trauer die eigentliche Stimmung.
-
-„Es ist noch kein ganzes Jahr verflossen seit der Riviera”, stellte der
-Gutsherr fest. „Und was hat uns dieses eine Jahr gebracht! Als hätten
-sich zehn Jahre in diese kurze Zeitspanne eingepreßt! Erinnert ihr euch
-jenes Gespräches über die Titanic, Friedel und Richard? Und wer spricht
-heut' noch von der Titanic! Alle Welt ist voll vom Balkankrieg.”
-
-„Die Geschäftslage ist drückend ernst”, warf der Fabrikant ein.
-
-„Auch in die Feier der Befreiungskriege will kein rechter Schwung
-kommen”, bedauerte Trotzendorff.
-
-Der Major z. D. hatte sich den nach seiner Meinung schmachvoll
-mißglückten Wartburgtag so zu Herzen genommen, daß ein Unmut in ihm
-zurückgeblieben war. Und bei nächster Gelegenheit hatte er sich aus dem
-Hofdienst zurückgezogen und sich als Offizier zur Disposition stellen
-lassen. Vereinstätigkeit und statistische Arbeiten machten ihm nun
-Freude. „Innere Arbeit am deutschen Volke” nannte er das mit seinem
-etwas doktrinär betonten vaterländischen Bewußtsein. Friedel saß wieder
-mit ihrem ganzen blühenden Künstler-Naturell neben dem anders gearteten
-Gatten, so prächtig erholt, daß sie sogar ein wenig zur Fülle neigte,
-was ihr keinen geringen Kummer verursachte.
-
-„Es geht mir mit diesen Feiern sonderbar”, bemerkte Ingo. „Ich bin doch
-sonst ziemlich leicht in der Handhabung von Feder und Laute. Aber wenn
-ich mit meinem Verwalter fertig bin und mich dann wieder zu diesem Stoß
-von illustrierten Büchern über 1813 wende -- ich weiß nicht, wie es
-kommt: ich vermag nicht recht mitzujubeln.”
-
-Der alte Vater nickte.
-
-„Wir von 1870 wußten noch, um was wir kämpften. Wir hatten ein Ideal.
-Heute hat alle Welt Kriegsfurcht.”
-
-„Vielmehr Furcht vor wirtschaftlichen Schädigungen”, verbesserte der
-Fabrikant. „Damals hatte man etwas zu gewinnen, heute fürchtet man nur
-zu verlieren.”
-
-„Nämlich Geld und Gut!” rief der alte Baron aus seinem Sessel zurück.
-„Und das ist ja wohl schließlich des modernen Menschen höchstes Ideal.
-Ach, meine Herren, was weiß man heute noch von unsrer Stimmung von
-1870? Ich hab' es oft erzählt, wie am Abend einer jener mörderischen
-Schlachten vor Metz unser alter Kaiser an unser zusammengeschossenes
-Regiment herangeritten kam. Wahrhaftig, es sah bei uns allerdings
-kläglich aus, wir waren kaum noch ein Trüppchen. ‚Kinder, ihr habt ja
-wohl heute schwer gelitten’, sagte der Kaiser mit seiner etwas hohen
-Stimme, ich hör' ihn heute noch. ‚Ist das alles, was von euch geblieben
-ist?’ Ich stand vor ihm -- was sollte ich melden? ‚Es werden sich ja
-wohl noch etliche zusammenfinden, Majestät.’ Da warf er einen Blick
-über uns hin -- den vergess' ich nie -- und die hellen Tränen liefen
-ihm über die Wangen. Er sagte dann gar nichts weiter, winkte nur mit
-der Hand -- so -- zu uns herüber -- Unaussprechliches lag in dieser
-Handbewegung, etwa als wollt' er gute Kameraden grüßen: Haltet aus,
-liebe Kameraden, seid bedankt, treue Kameraden, es gilt eine hohe
-Sache! Oh, da war keiner von uns, der nicht gern sein Leben gelassen
-hätte.”
-
-Der Alte schwieg bewegt.
-
-„Ja, Sie hatten noch Ideale, Herr Baron!” rief Trotzendorff. „Das
-Deutsche Reich! Und so war's vor hundert Jahren, als sich Deutschland
-vom Druck befreite. Aber heute?”
-
-„Ein Krieg von heute würde die europäische Luft reinigen”, führte
-Ingo die angeschlagenen Gedanken fort. „Und dann wäre Raum und
-Empfänglichkeit für eine neue Lebensstimmung.”
-
-„Was verstehen Sie eigentlich unter neuer Lebensstimmung?” fragte der
-Fabrikant.
-
-„Nun, was hab' ich Ihnen neulich geraten, als ich Ihre Fabrik
-besichtigte, Herr Nachbar? Erfinden Sie ein Entgiftungsmittel und
-lassen Sie sich ein Patent darauf geben. Ein chemisches Mittel, das
-unsrer gespannten und mißtrauischen sozialen, politischen und geistigen
-Luft reinen Sauerstoff zuführt. In Oberitalien traf ich einmal
-eine feine kleine Dame, ebenso praktisch wie anmutig, die mir die
-Einrichtungen ihres Arbeiterdorfes zeigte: Milchanstalt, alkoholfreie
-Wirtschaft, Bade- und Krankenhaus -- unpoetische Dinge, die ich aber
-seither achten gelernt habe. Was ist die Triebfeder bei dieser guten
-und klugen Witwe? Menschenliebe. Sie ist selber durch Leid gegangen.
-Und nur so erobert man Herzen, nicht mit Polizei, Paragraphen und
-Kanonen.”
-
-Dieser Grundanschauung versagten selbst die härteren Elemente der
-Gesellschaft, Major und Fabrikant, nicht ihren Beifall, wollten aber
-für Rekruten, Spitzbuben und Feinde unbedingt Polizei und Kanonen
-geachtet wissen.
-
-„Nicht alles kann mit Menschenliebe erreicht werden”, sagte der
-Fabrikant. „Das erfahren wir Arbeitgeber bitter genug. Schlagen wir
-Arbeitsteilung vor! Mag Liebe und Strenge nebeneinandergehen!”
-
-„Der Troubadour hat sich also der sozialen Frage verschrieben?” neckte
-Friedel. „Und auch die Gedenkfeiern locken dir kein Lied ab? Der
-unheimliche Rückzug aus Rußland? Die Freiheitsschlachten?”
-
-„Doch, Friedel”, erwiderte Ingo. „Ich habe in der Tat einige Blätter
-geschrieben. Habt ihr Geduld? So les' ich sie euch vor. Sie sind
-zugleich Lebensprogramm für mich und mein Weib. Nicht wahr, Elisabeth?”
-
-Er lief in sein Schreibzimmer, kam mit drei Blättern zurück und las ...
-
-
-~I.~
-
-„Rückzug aus dem eisigen Rußland! ... Eines Titanen hochgespannte
-Willensleistung ist von den Göttern zerbrochen worden! ... Durch die
-weiße Wüste, deren Horizonte sich im Schneelicht verlieren, schlürfen
-die zerlumpten Reihen der Franzosen, umstäubt von Schneewind und
-Kosaken -- aufgelöste, dumpf marschierende, stumm dahinknirschende
-Grenadiere ... Welch ein Geräusch! Das Zornweinen einer Armee!
-
-Und zwischen den vereisten Bärenmützen, zu Fuß, um sich wieder zu
-erwärmen, der Kaiser selber. An toten Soldaten und an Pferdeleichen
-vorüber. Hinter ihm, gleichfalls abgesessen, der Schwarm der
-Generalität. Und stumpf über den Schnee schlürfend, schlürfend,
-schlürfend die Reste der Regimenter ...
-
-
-~II.~
-
-Wo sind sie heute, die Enkel jener Massen von Hunderttausenden, die der
-geniale Korse über die Schlachtfelder Europas gejagt hat?
-
-Wiederum bilden sie Massen: sie fronen in den Fabriken.
-
-Wieder um sie her Glut und Rauch, wie einst in den Schlachten um die
-Großväter. Gespenstische Gestalten stehen mit langen Stangen, wie
-Kanoniere, und stoßen in rotfließende Glutmasse.
-
-Aus den Schloten züngelt die Überkraft des Hochofenfeuers. Es
-überflammt an diesem grauen Winterabend selbst die elektrischen
-Lichtkugeln.
-
-Und aus diesen steilen schwarzen Kaminen wälzt und rollt und ringelt
-sich, schwer und dick, ankämpfend gegen pressenden Winternebel, der
-schwarze Rauch und dunkelt dämonisch den Himmel ein.
-
-Sind es die Geschütze von ehedem? Sind sie steil emporgerichtet und
-beschießen den alten Himmel? Sind die Titanen wieder im Kampf gegen die
-Götter?
-
-Ein unsichtbarer Herr lenkt den Willen dieser Hunderttausende, benützt
-ihre Muskeln, zwingt ihre Kraft nach einem bestimmten Ziel. Denn sie
-sind Elementarkraft, nicht Geist.
-
-Doch sie dienen. Sie dienen, wie sie einst dem Willen und dem Genie
-Napoleons gedient haben. Und das Feuer, das in Hallen und Höfen
-blendend flammt, legt einen verklärenden Goldrand um diese rußigen
-Männer der Arbeit.
-
-
-~III.~
-
-Jedem aber ist ein Feierabend beschieden.
-
-Dann ist ein Tor offen, um sich zurückzuziehen aus der Fron und aus
-der Gattung, seinen Geist wieder heimzurufen aus dem Dienst an der
-irdischen Lebenspflicht -- und dann allein zu sein, sich wieder als
-einen selbständigen Geist zu wissen, sich wieder als eine einzelne
-persönliche Seele zu empfinden.
-
-Nun treten in die Gesellschaft dieses aufatmenden Feierabend-Menschen
-die großen, guten und schönen Gedanken und Gebilde aus dem Reiche des
-Geistes.
-
-Hier sind keine rauchenden Schlote; hier wirkt keine Erdenschwere.
-Dahinten sind Spannung, Kampf, Haß und Verdruß; sie sind abgelegt wie
-ein Panzer. Der Befreite geht im Festgewand seiner Phantasien und
-Gedanken.
-
-Hier ist die Liebe Königin; ihre Prinzessinnen heißen Schönheit und
-Weisheit. Die Edlen, die sich im Seelenland begegnen, sind freie
-Freunde.
-
-Jetzt beginnt das Amt des Spielmanns und des Gralsuchers.
-
-Er spricht zu Menschen, die wieder ihre unsterbliche Würde empfinden.
-
-Und nun fühlst du plötzlich, daß auch Gedankensenden eine Tat ist. In
-deinem Zimmer wandelnd, an deinem Ofen träumend, bist du mit Geist und
-Herz nicht an die Enge gebunden. Dein Drang, Schönheit und Güte zu
-suchen oder zu entzünden, läuft wie ein Strahlenwerk hinaus durch die
-sternklare Nacht.
-
-Und wenn alsdann an dein eigenes Herz Gutes pocht, du bedrückter Mann
-der Arbeit; wenn ein Harfenton der Liebe deine eigene Seele berührt, du
-müde Freundin -- so wisse, daß auch andre Herzen liebevolle Gedanken
-aussenden an alle sorgende, kämpfende, leidende Menschheit.
-
-Und du bist nie allein! ...”
-
- * * * * *
-
-So las Ingo.
-
-Die Gesellschaft gab einen behaglichen Beifall zu erkennen. Aber die
-unruhig mit den Fingern trommelnde Friedel hatte einen Einwand bereit:
-
-„Lieber Spielmann, jetzt noch ein Schrittchen weiter -- und du steckst
-mit beiden Füßen im sozialen Moralpredigen!”
-
-Man lachte.
-
-„Jawohl!” beharrte sie. „Und das ist heute die größte Gefahr des
-Künstlers -- und alle tappen hinein, alle!”
-
-„Das will ich nicht hoffen, Friedel!” rief Ingo. „Ich hab' auch noch
-ein paar andre Stimmungen und Geheimkammern. Und überhaupt: das müßte
-denn doch ein geistverlassener Tropf sein, der das reizvoll-bunte
-Lebensspiel bloß moralisch deuten wollte. Moralisch kann auch der
-Philister sein. Die Türpfosten zu meinem Studierzimmer heißen Phantasie
-und Güte. Und auf dem Querbalken steht der Spruch: Leben entzündet sich
-nur am Lebendigen!”
-
-Es hatte dies einen leichten Beigeschmack von Zurechtweisung. Elisabeth
-empfand es, beugte sich zu Frau Friederike hinüber und sagte: „Liebe
-Friedel, es sind rings um Schloß Waldeck viele Singvögel: da wird er
-gewiß das Singen nicht verlernen.”
-
-Elisabeth pflegte mit solchem Eingreifen in das Gespräch so sparsam
-zu sein, daß diese ausgleichende Bemerkung in ihrer freundlichen
-Sicherheit um so wirksamer war. Es wurde gelacht. Aber man hatte dabei
-die eigenartige Empfindung: diese Beiden da wissen, was sie wollen!
-
-Als sich der Fabrikant verabschiedet hatte, blätterte die Sängerin
-anspielenderweise im Klindworthschen Klavierauszug der „Meistersinger”
-und lobte den prachtvollen roten Ledereinband, den Elisabeth um einige
-Lieblingswerke ihres Gatten zum Geburtstag hatte besorgen lassen. Sie
-schlug auf und stieß auf den Namen Hans Sachs.
-
- „Wie duftet doch der Flieder
- So mild, so stark und voll!”
-
-Laut las sie die Worte, drehte den Kopf nach Ingo und schaute ihn
-fragend an, indem sie den Flügel öffnete und die Partitur aufstellte.
-
-Es war seit vielen Wochen in dem Trauerhause fast gar nicht gespielt
-worden. Jetzt setzte sich Ingo vor die Tasten und sang gedämpft, zum
-Inhalt und der Stimmung des Hauses passend, jenen Monolog des Meisters
-Sachs. Und bald stand die genesene Freundin hinter ihm und sang die
-Rolle der Eva. Ein Zwiegesang entfaltete sich; sie hatten seit Lourdes
-nicht mehr miteinander musiziert. Jetzt aber hatte Ingo die Führung,
-wandte sich dazwischen um und rief mit Feuer:
-
-„Was für ein reifer Mann und Poet, nicht wahr, dieser Sachs! Dieses
-innige Motiv, der Nachhall aus Stolzings Lenzlied, so biegsam, daß es
-von Verträumtheit in Jubel übergehen kann: Lenzes Gebot, die süße Not,
-die legt' es ihm in die Brust! Das ist wie ein Bach unter Winterschnee:
-verhaltene, gesammelte Kraft, die noch in sich hat die Melodien vom
-verflossenen Sommer und schon in sich die künftigen Frühlingslieder.
-Gesammelte Kraft! Ja, so ist das Gemüt der besten Deutschen! Hans Sachs
-in dieser Geklärtheit und männlichen Güte, ein Greis und doch jung und
-mit Jungen fühlend -- das ist ein Spielmann! Das ist ein Edelmann!”
-
-Und als Eva bekannt hatte, daß sie nur ihn zum Gemahl genommen hätte,
-wär' nicht der andre gekommen, nach jenem ganzen Dank der Eva -- „O
-Sachs, mein Freund, du teurer Mann, wie ich dir Edlem lohnen kann?” --
-sang Elisabeths Gatte bedeutsam weiter:
-
- „Von Tristan und Isolde
- Kenn' ich ein traurig Stück,
- Hans Sachs war klug und wollte
- Nichts von Herrn Markes Glück” ...
-
-Hier brach der Sänger ab und ging in ernstes Phantasieren über,
-beginnend mit den Anfangsakkorden von Tristan und Isolde, die
-ja hier im Orchester der Meistersinger ertönen, überleitend zum
-Karfreitagszauber, dann Erinnerungen von Lourdes und vom Gralsberg
-verwebend mit eigenen fremdartigen Phantasien, die zu einem
-Lieblingswerk von Elisabeth hinüberführten, der Nänie von Brahms: „Auch
-das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter bezwinget.”
-
-Hier sprang er auf.
-
-„Doch nicht diese wehmutvollen Chöre sind der rechte Abschluß! Jetzt
-setzt meine Orgel ein.”
-
-Und mit feierlichen und großen Choralphantasien am Meisterharmonium
-machte er den Beschluß.
-
-Trotzendorff lag im Polsterstuhl, nickte behaglich und war einem
-gemächlichen Halbschlummer nahe. Der Abend mit seinem milden
-Schneelicht fing sachte an, in lange Dämmerung überzugehen. Frau
-Elisabeth saß in ihrer üblichen graden Haltung und verwandte kein Auge
-von den Künstlern am Klavier, besonders von Frau Friedel. Und als
-nun Ingo aufstand, erhob sich rasch auch seine Gattin, deren Geist
-insgeheim gearbeitet hatte; sie kam heran, legte einen Arm um die
-Freundin und den andren um Ingo und küßte beide mit einer wortlosen
-Zartheit, denn sie hatte die Sprache der Musik verstanden.
-
-„Wenn ich doch nur die Hälfte deines Talentes hätte!” seufzte sie dann,
-den Kopf an Frau Friederikens Wange legend.
-
-„Gutes Kind, wieviel hast du im Herzen!” erwiderte die Künstlerin.
-„Darf ich manchmal zu dir kommen und Wärme holen, Elisabeth? Es gibt
-Menschen, nach denen man Heimweh bekommt, wenn man mit ihnen zusammen
-war -- du gehörst zu diesen seltenen Menschen.”
-
-Ingo brachte das Ehepaar persönlich im Wagen an den kleinen Bahnhof.
-
-„Ernste Zeiten, Ingo! Wartezeit! Aber ich denke, wir stehen unsren
-Mann!” war Richards letztes Wort.
-
-„Auf Wiedersehen, Friedel!”
-
-„Ingo, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich für dich bin! Was ist
-das für ein begnadetes Menschenkind! Sie wirkt durch ihr bloßes Dasein.
-Wir andern -- müssen reden und singen, um uns wichtig und beliebt zu
-machen.”
-
-„Nicht wahr?!”
-
-Sie sagten nicht einmal, wen sie meinten, denn das war ja
-selbstverständlich.
-
-Als aber Ingo wieder sein Haus betrat, in dem Gefühl, daß doch nun erst
-seine eigentliche Welt beginne, die heilige Stille, hatte er einen
-rührenden Anblick. Er hörte Klavier spielen und vernahm dazu Elisabeths
-feine und gute, doch keineswegs tonstarke Stimme. Leise trat er ein.
-Die schlanke dunkle Gestalt mit der schweren Haarkrone saß und bemühte
-sich, Evas Partie zu lernen, indem sie die Singstimme zunächst mit
-den Fingern nachtupfte und mitsang. Aber sie war, obwohl sie leichte
-Sonaten einwandfrei spielte, größeren Schwierigkeiten doch nicht
-gewachsen.
-
-„Elisabeth!” rief Ingo erstaunt, die Türklinke in der Hand.
-
-Sie erschrak und flog empor.
-
-„Meine gute Elisabeth, komm einmal her zu deinem Mann! Sag' einmal,
-meine süße Santa, was sind denn das für neue Bestrebungen?”
-
-Sie fiel ihm halb lachend, halb verschämt um den Hals.
-
-„Liebster, verzeih! Ich möchte so gern alles mit dir teilen, alles!
-Auch mit dir singen. Ich möchte dir sein, was dir andre sind.”
-
-„Aber, aber -- spricht das meine großherzige Elisabeth? Möchtest du
-das wirklich? Möchtest du mir etwa meinen lieben alten Konsul Bruck
-ersetzen und Geister schauen? Oder Trotzendorff? Möchtest du das? Seit
-wann will mir denn Elisabeth, die mir immer so viel Freiheit gelassen
-hat, jetzt zu guter Letzt Frau Friedel überflüssig machen? Sind nicht
-die Freunde da draußen der Stolz unsres Hauses? Die Guten, die zu uns
-gehören?”
-
-„O ja, du hast recht! Das will ich nicht, wirklich nicht! Im Gegenteil!
-Vergib, du hast mich da auf einer rechten Schwäche ertappt! Ich dachte
-nicht, daß du schon so früh zurück wärest.”
-
-„Ich habe ja die Pferde gejagt, daß sie dampften, so sehnt' ich mich,
-mit meiner Einzigen allein zu sein! Du, mit deiner Seele voll Musik!
-Hast du nicht Verständnis für große Kunst von Bach bis Brahms -- genügt
-das nicht? Will meine Hausfrau auch noch Sängerin sein? Und daß Meister
-Wilhelm Raabe dein Lieblingsschriftsteller ist -- stellt das nicht
-deinem literarischen Geschmack ein gutes Zeugnis aus, du Stille im
-Lande? Komm, küsse mich! Dein Kuß ist Musik, du Süßeste der Süßen! Wir
-sind wieder allein!”
-
-Und sie sagten sich innige Worte.
-
-Dann gingen sie Arm in Arm in Ingos Arbeitszimmer.
-
-„Hier ist etwas, was dich interessiert, Elisabeth. Da hat mir der
-Architekt den Plan unsres künftigen Hauses geschickt, den er nach
-meinen eigenen Angaben ausgearbeitet hat.”
-
-Er breitete den Grundriß über den Tisch aus; und die Gatten vertieften
-sich in den groß und persönlich angelegten Zukunftsbau.
-
-„Es sieht aus wie ein großes lateinisches ~T~”, bemerkte Elisabeth,
-„mit einem kleinen Kreis über der Mitte des oberen Querbalkens. Oder
-wie ein Mensch mit ausgestreckten Armen.”
-
-„Sonderbar, nicht wahr?” versetzte er. „Am Fuße ist der Haupteingang;
-ein Korridor läuft im Stamm entlang und in den Seitenarmen. Im
-Kreuzungspunkt ist die Treppe nach oben; dort ist der Vorraum zur
-Tempelrotunde, die durch diesen Kreis dargestellt wird.”
-
-„Ein Tempel?”
-
-„Ja, das sind nun einmal meine Besonderheiten. Doch dieser Tempel
-ist noch Geheimnis. Er wird zuletzt gebaut. Und nicht jeder darf ihn
-betreten.”
-
-„Wir beide betreten ihn gemeinsam, nicht wahr, Ingo?”
-
-„So ist es, Elisabeth. Wir reifen ihm gemeinsam entgegen, das ahnst du
-ganz richtig. Diese hohen Dinge kann man nicht so ohne weiteres machen,
-sie müssen wachsen, sie werden geschenkt, wenn die Zeit gekommen ist.
-Den Tempel der Erfüllung kann man erst verstehen, wenn man durch
-Erlebnis reif ist. Was würdest du hineinstellen, Elisabeth? Laß einmal
-sehen!”
-
-Sie besann sich ein Weilchen, dann sagte sie:
-
-„In die Mitte, auf einem Postament und aus reinstem Marmor, den
-segnenden Christus von Thorwaldsen. Und in die Nischen an den Wänden
--- es sind doch Nischen drin? -- die großen Meister, die du besonders
-verehrst, lauter weiße Marmorgestalten. Das müßte feierlich stimmen,
-wenn man unter diese großen Menschen tritt, und es fällt nur von oben
-Himmelslicht hinein, nicht wahr?”
-
-„Sieh mal an, sieh mal an, mein Weib wird ja schöpferisch! Beginnst
-wohl schon gleich den Tempelbau?”
-
-Sie hatten die Arme umeinandergelegt, gingen im geräumigen
-Arbeitszimmer langsam hin und her und plauderten von der Zukunft: er
-in ernster Symbolik, sie von der weiblichen Freude erfüllt, mit dem
-Geliebten beraten zu dürfen.
-
-Er sprach über seinen Lieblingsgedanken, drei europäische Grundkräfte
-zur Harmonie zu bringen: Akropolis, Golgatha und Wartburg --
-Griechen-Schönheit, Christus-Güte, Germanen-Ernst. Er flocht im
-Gespräch unsichtbare Rosen um ein unsichtbares Kreuz. Und er teilte
-seine Gedanken in einer Sprache mit, die ihrer Fassungskraft zugänglich
-war.
-
-„Diese künftige Einheit herzustellen, ist die Sendung künftiger
-deutscher Meister”, sprach er. „Die Vorbereitungen dazu können jetzt
-schon eines Mannes Leben ausfüllen. Deutschland ist das Herz Europas:
-es hat den Tempel zu bauen. Auch ich will versuchen, vorbereitend in
-meinem kleinen Bezirk mitzuwirken. Und Elisabeth soll dabei sein.”
-
-Dann wandte er sich wieder den Plänen zu.
-
-„Um das ganze Haus wird sich im Halbkreis oder in Eiform ein kleines
-Gitter ziehen, das innerhalb des Parkes den Hausbezirk noch einmal
-umfriedet. Sinnvolle Blumenanlagen und Statuen werden sich diese
-Umfriedung entlangziehen. Am linken Flügel mündet der Fahrweg ein,
-läuft vor den Haupteingang und dann am rechten Flügel wieder hinaus zu
-den Wirtschaftsgebäuden, führt also ungefähr am inneren Gitter entlang,
-wo die Statuen grüßen, die gleichsam das Ganze umwachen.”
-
-„Und was steht hier über der Eingangspforte?”
-
-„Dort ist in der höchsten Mitte des Steinbogens ein steinernes
-Kreuz; darum ein Kranz von sieben Rosen, vier unterhalb, drei über
-dem Querbalken; die mittlere dieser drei oberen Rosen ist angeheftet
-am Stamm. Unter diesem Rosenkreuz ist eine Marmortafel, darauf in
-Goldschrift folgende Worte:
-
- „Hier ragt in Stein das Zeichen edler Großen,
- Und diesem Zeichen sei das Haus geweiht:
- Haus Waldeck steht im Bann von Kreuz und Rosen,
- Von heitrem Ernst, von ernster Heiterkeit.
- Und wer des Zeichens tiefren Sinn erfaßt,
- Der sei willkommen als erles'ner Gast.”
-
-Es war dunkel geworden. Aber das geheimnisvolle Schneelicht und ein
-blauer Nachthimmel mit vielen Sternen ließen es nicht ganz finster
-werden.
-
-Die glücklichen Liebenden kosteten so recht die traute Wärme dieser
-Schummerstunde. Und es war schwer zu entscheiden, was ihnen inniger
-am Herzen lag: diese Pläne selber oder die Wonne des gemeinsamen
-Plänemachens, in dem sich ja symbolisch nur wieder ihr eigenes tiefstes
-Lieben oder Sehnen aussprach.
-
-Er setzte sich in den Schaukelstuhl; sein Weib schmiegte sich auf seine
-Kniee und in seine Arme. Warm und nahe gingen ihres Busens Atemzüge.
-Man hörte nur das Ticken der Uhr. Und sie träumten in die erhabene
-Winternacht.
-
-Um Park und Haus erhoben sich rechts und links Tannenberge; aber die
-vordere Seite war weithin offen; und erst ganz fern schloß sich der
-Horizont durch die zart geschwungene Linie bewaldeter Hügel. Man konnte
-dort an hellen Tagen eine Lücke unterscheiden, und in der Lücke eine
-Bergstraße, die hinausführte in neue Länder und Weiten. Dorthin schaute
-der Gutsherr oft und gern. Denn nicht ganz verklungen war die Melodie
-der Sehnsucht, die ihn einst hinausgetrieben hatte, der Ferndrang,
-das Iphigenien-Heimweh am Ufer von Tauris. Aber ihn durchdrang die
-männlich-sichere Empfindung: jene Schönheit auf dem Rivierahügel, jene
-Geister vom Montserrat -- sie sind nicht draußen, sie sind nahe bei mir
-und in mir; ich habe die weite Welt hereingeholt in die erweiterte Enge.
-
-„Kreuz und Rosen”, sagte Frau Elisabeth träumerisch, ihren Gatten
-umrankend wie ein Rosenzweig. „Ist es nicht Verklärung des Lebens durch
-die Liebe? Oder was ist des Zeichens tieferer Sinn?”
-
-„Das werden wir alles noch verstehen lernen, Elisabeth.”
-
-„Wir? Du verstehst es ja schon.”
-
-„Nicht ohne dich. Diese Geheimnisse offenbaren sich nur durch Liebe,
-nicht durch Verstand. Darum verstehe ich sie nicht ohne dich -- und
-du nicht ohne mich. Ich erlebe und erlerne in dir und du in mir. Und
-unsere Liebe hat schon alle künftigen Erkenntnisse in sich -- wie eine
-Rosenknospe die künftige Rose.”
-
-_Ende_
-
-[Illustration]
-
-
-
-
-Verlag von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart
-
-
-Friedrich Lienhards Werke
-
-
-Lyrik
-
- ·Lebensfrucht.· _Gesammelte Gedichte._ 4., auch die Sammlungen
- „Lichtland” und „Kriegsgedichte” umfassende Gesamtausgabe. 6 Mk.,
- geb. 7 Mk.
-
- ·Die Schildbürger.· Frühlingsdichtung in zehn Gesängen. 2. Aufl.
- 4 Mk., geb. 5 Mk.
-
-
-Dramatik
-
- ·Till Eulenspiegel.· Narrenspiel in drei Teilen. 4. Auflage.
- 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk.
-
- ·Münchhausen.· Lustspiel. 3. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk.
-
- ·König Arthur.· Trauerspiel. 3. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk.
-
- ·Gottfried von Straßburg.· Schauspiel. 3. Aufl. 2 Mk., geb. 3 Mk.
-
- ·Odilia.· Legende. 2. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk.
-
- ·Wieland der Schmied.· Dramatische Dichtung. 4. Auflage. 2 Mk.,
- geb. 3 Mk.
-
- ·Wartburg.· Drei dramatische Dichtungen: „_Heinrich von
- Ofterdingen_”, „_Die heilige Elisabeth_”, „_Luther auf der
- Wartburg_”. 4. Auflage. Je 2 Mk., geb. 3 Mk.; in einem Band 5 Mk.,
- geb. 7.50 Mk.
-
- ·Odysseus auf Ithaka.· Dramatische Dichtung. 2. Aufl. 2 Mk.,
- geb. 3 Mk.
-
- ·Ahasver am Rhein.· Trauerspiel. 1.50 Mk., geb. 2.50 Mk.
-
- ·Phidias.· Schauspiel in drei Aufzügen. 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk.
-
-
-Epik und Prosa
-
- ·Helden.· Bilder und Gestalten. 3. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk.
-
- ·Oberlin.· Roman. 45. Auflage. 7.50 Mk., geb. 9 Mk.
-
- ·Der Spielmann.· Roman. 30. Auflage. 5 Mk., geb. 6 Mk.
-
- ·Der Einsiedler und sein Volk.· Novellen. 11. Auflage. 4 Mk.,
- geb. 5 Mk.
-
- ·Wasgaufahrten.· 12. Tausend. 4 Mk., geb. 5 Mk.
-
- ·Thüringer Tagebuch.· 23. Auflage. 4.50 Mk., geb. 5.50 Mk.
-
- ·Neue Ideale.· Gesammelte Aufsätze. 2. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk.
-
- ·Wege nach Weimar.· 6 Bde. 4. Aufl. Jeder Band einzeln geb. 6 Mk.
-
- ·Deutschlands europäische Sendung.· Kriegsgedanken. 18. Tausend.
- 50 Pfennig.
-
- ·Deutsche Größe· (Schillers Gedichtentwurf). 50 Pfennig.
-
- ·Jugendjahre.· Erinnerungen. 6. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk.
-
- ·Lesebuch aus Lienhards Werken·, herausgeg. von Kreuzberg. 1 Mk.
-
-
-
-
-Friedrich Lienhard
-
-
-Deutsche Dichtung
-
-160 Seiten. Gebunden Mk. 1.50
-
-Wie eine fesselnde Erzählung packt das Büchlein und umspinnt uns
-mit dem Zauber deutscher Dichtung. Von dem sagenhaften germanischen
-Nationalepos und Minnegesang des Mittelalters bis zu den modernen
-Schöpfungen unserer Zeitgenossen zeigt uns der Verfasser den Weg, die
-tiefen Schönheiten unserer deutschen Literatur zu finden, das Wesen
-wahrer Dichtung zu erleben und sie zarter und fester als bisher mit
-unserem Herzblut und Seelenleben zu verbinden. Lienhard wählt für die
-Gliederung der deutschen Literatur drei sinnbildlich vertiefte Namen
-„Wartburg, Wittenberg, Weimar” und verbindet mit dieser Einteilung
-Mittelalter, Reformation und Neuzeit. Ein prächtiges Büchlein, das
-jeden Gebildeten die deutsche Dichtung als einen kostbaren Besitz
-unserer Nation besser werten läßt, und das auch dem Fachmann Neues
-sagen und Altes neu prägen wird.
-
-
-Das klassische Weimar
-
-3. Auflage. 123 Seiten. Gebunden Mk. 1.50
-
-„Als treuer Hüter steht Friedrich Lienhard am Tor des Graltempels der
-idealistischen Weltanschauung unserer klassischen Kunst von Weimar.
-Und _mit tiefen Begeisterungen, mit priesterlicher Weihe, mit echter
-Wärme, ein wahrhaft Gläubiger_, weist er uns immer wieder hin auf das
-einzig Eine, was uns not tut: daß wir die Seele, das Wesen dieser
-Weimarer Kultur uns wahrhaft innerlich aneignen und das ganze tiefe
-Empfinden, die Sicherlichkeit und Gewißheit von ihrer vollkommenen
-und höchsten Schönheit und Wahrheit in uns erfahren. In großen Linien
-zeichnet er den Entwicklungsgang, den Aufstieg von Friedrich dem Großen
-und Klopstock bis zur Vollendung in Goethe, und legt den Wert und die
-Bedeutung der Führer in ihren Besonderheiten dar.”
-
- _Julius Hart, Der Tag._
-
-
-Einführung in Goethes Faust
-
-3. Auflage. 116 Seiten. Gebunden Mk. 1.50
-
-„Auf eigenem Wege bahnt Friedrich Lienhard seinen Hörern den Zugang
-zum Innersten der Dichtung. Er erfaßt den Faust als Mysterium,
-als Erlösungswerk, leitet ihn aus dem religiösen Untergrund der
-Persönlichkeit Goethes ab, die er zuerst in ihrem Werden und Sein
-mit großen Linien zeichnet, und nennt den „Faust” glücklich ein
-Drama vom inneren Menschen ... Auch denen, die von der gewöhnlichen
-Faustliteratur nichts wissen wollen (und ihre Zahl scheint mir immer
-größer zu werden), kann ich Lienhards Buch warm empfehlen.”
-
- _Das literarische Echo._
-
-
-Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig
-
-
-
-
- +----------------------------------------------------------------+
- | Anmerkungen zur Transkription |
- | |
- | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen |
- | gebräuchlich waren, wie: |
- | |
- | andere -- andre |
- | benützt -- benutzt |
- | Goethe-Band -- Goetheband |
- | Grashupfer -- Grashüpfer |
- | Helena-Tragödie -- Helenatragödie |
- | Riviera-Hügel -- Rivierahügel |
- | tapferen -- tapfren |
- | unsere -- unsre |
- | Wanderer -- Wandrer |
- | |
- | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. |
- | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |
- | |
- | Der Schmutztitel wurde entfernt. |
- | S. 9 „Schaller & Ko.” in „Schaller & Co.” geändert. |
- | S. 46 „Les Beaux” in „Les Baux” geändert. |
- | S. 48 „Flotillen” in „Flottillen” geändert. |
- | S. 71 „Scylla” in „Skylla” geändert. |
- | S. 122 „Bhagavad Ghita” in „Bhagavad Gita” geändert. |
- | S. 127 „Park Guell” in „Park Güell” geändert. |
- | S. 141 „Kalvinistenstadt” in „Calvinistenstadt” geändert. |
- | |
- +----------------------------------------------------------------+
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Spielmann, by Friedrich Lienhard
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPIELMANN ***
-
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- The Project Gutenberg eBook of Der Spielmann, by Friedrich Lienhard.
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-<body>
-
-
-<pre>
-
-The Project Gutenberg EBook of Der Spielmann, by Friedrich Lienhard
-
-This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
-other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
-whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
-the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
-www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have
-to check the laws of the country where you are located before using this ebook.
-
-Title: Der Spielmann
-
-Author: Friedrich Lienhard
-
-Release Date: July 1, 2020 [EBook #62539]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: ISO-8859-1
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPIELMANN ***
-
-
-
-
-Produced by Peter Becker and the Online Distributed
-Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was
-produced from images generously made available by The
-Internet Archive)
-
-
-
-
-
-
-</pre>
-
-
-
-
-<h1>Der Spielmann</h1>
-
-<p class="center big160">Roman aus der Gegenwart<br />
-von <big>Friedrich Lienhard</big></p>
-
-<p class="center big120">Neununddreiigste Auflage</p>
-
-<div class="figcenter pad8" style="width: 160px;">
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-</div>
-
-<p class="center big140 p4">Stuttgart</p>
-
-<p class="center">Druck und Verlag von Greiner &amp; Pfeiffer</p>
-
-
-<p class="pagebreak center p6">
-<span class="gesperrt">Erstausgabe dieses Buches:</span><br />
-<span class="gesperrt">Sommer 1913</span><br />
-</p>
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak">Inhalt</h2>
-
-
-
-
-<div class="center">
-<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhalt">
-<tr><td align="center" colspan="2"><span class="gesperrt">Erster Teil: Ingos Irrfahrt</span></td></tr>
-<tr><td /><td align="right"><small>Seite</small></td></tr>
-<tr><td align="left">Erstes Kapitel: Der Wanderer</td><td align="right">&nbsp;&nbsp;<a href="#Seite_1">1</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Zweites Kapitel: Titanic</td><td align="right">&nbsp;&nbsp;<a href="#Seite_9">9</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Drittes Kapitel: Die Freundin</td><td align="right">&nbsp;<a href="#Seite_25">25</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Viertes Kapitel: Der Troubadour</td><td align="right">&nbsp;<a href="#Seite_33">33</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Fnftes Kapitel: Lourdes</td><td align="right">&nbsp;<a href="#Seite_51">51</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Sechstes Kapitel: Die Verlobung</td><td align="right">&nbsp;<a href="#Seite_76">76</a></td></tr>
-<tr><td>&nbsp;</td></tr>
-<tr><td align="center" colspan="2"><span class="gesperrt">Zweiter Teil: Ingos Einkehr</span></td></tr>
-<tr><td align="left">Siebentes Kapitel: Der Gralsberg Montserrat</td><td align="right">&nbsp;<a href="#Seite_95">95</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Achtes Kapitel: Am Genfer See</td><td align="right"><a href="#Seite_132">132</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Neuntes Kapitel: Weimar</td><td align="right"><a href="#Seite_161">161</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Zehntes Kapitel: Kaisergesprch auf der Wartburg</td><td align="right"><a href="#Seite_186">186</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Elftes Kapitel: Elisabeth</td><td align="right"><a href="#Seite_201">201</a></td></tr>
-<tr><td align="left">Zwlftes Kapitel: Der Gutsherr</td><td align="right"><a href="#Seite_210">210</a></td></tr>
-</table></div>
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 53px;">
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-</div>
-
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak padb8"><small>Erster Teil</small><br />
-
-<big>Ingos Irrfahrt</big></h2>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p001_deco.png" width="600" height="48" alt="" />
-</div>
-
-
-<h3><small>Erstes Kapitel</small><br />
-
-<big>Der Wanderer</big></h3>
-
-
-<div class="cite">
-<p>
-&#8222;Sehne dich und wandre!&#8221;</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Heinrich von Stein</span></p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p001_cap.png" width="72" height="71" alt="A" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">A</span>
-uf einem hellgrnen Riviera-Hgel, zwischen feierlicher
-Zypresse und lustigem Kirschbaum, der mit halbreifen
-Frchten betupft war, saen zwei liebliche junge Mdchen.</p>
-
-<p>Es war Verwandtschaft in ihren rosigen Gesichtern und in ihrer
-geschmackvoll einfachen Kleidung mit dem weien Matrosenkragen,
-aus dem dort und hier auf lnglichem Halse ein dunkelbraunes
-Kpfchen wuchs.</p>
-
-<p>Die ltere, auf einem Feldstuhl sitzend und ber eine Stickerei
-gebeugt, war von ganz besonders bestrickender Schnheit. Wenn sie
-die enzianblauen Augen unter schweren Wimpern langsam aufschlug,
-ging ein Leuchten ber die Umgebung. Alle Dinge wurden
-in dieser Beleuchtung schner, alle Menschen gtiger. Es waren
-groe, schchterne, vielleicht nicht sehr kluge Augen, vom weiten
-Bogen der brunlichen Brauen madonnenhaft umrahmt. Das
-Mdchen war hoch und schlank. Und schn waren auch die Nstern
-des feinen Nschens, die bei gedmpftem Lachen mitzulcheln schienen;
-schn das sanft gerundete Kinn; schn der schmale und doch
-volle, kirschrote, meist ein wenig geffnete Mund. Sie glich in ihrer
-gesunden und natrlichen Jungfrulichkeit den Madonnen Raffaels
-und mochte Maler und Dichter entzcken. Denn ein Knstler sprte
-in diesem Mdchen zwar weder Gelehrsamkeit noch gesellschaftliche
-Gewandtheit, wohl aber das Lebensgeheimnis einer starken und
-sittsamen Weiblichkeit, gesunde Kinder zu schaffen fhig, keine
-Bcher.</p>
-
-<p>Unfern von den jungen Damen lag eine kannelierte Marmorsule
-zwischen zerstreuten Blcken. Vermutlich hatte man dort bauen<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span>
-wollen; aber der Baumeister hatte sich in die entzckende Landschaft
-verliebt und das Bauen vergessen. Angesichts des blauen Meeres,
-zwischen Zypressen und Oliven, htte sich ein weier Tempel
-wirksam ausgenommen, der Sonne geweiht, der Schnheit heilig.
-Jedoch der Tempel war noch unsichtbar, der Sonnenanbeter desgleichen;
-und dem Baumeister drohte abermals Gefahr des Verliebens
-durch diese beiden ungewhnlich schnen Mdchen.</p>
-
-<p>Sie plauderten franzsisch. Aus ihrem Gesprch ging hervor,
-da die Mutter der lteren ihren Nachmittagsschlaf auszudehnen
-pflegte, so da die beiden Schnheiten abseits von der gemieteten
-Villa auf diesem Aussichtsplatz verweilen konnten.</p>
-
-<p>Der jngere Backfisch lag ausgestreckt im weichen Grase, sttzte
-die braunen Wangen in die Hnde und las. Mdchenhte flimmerten
-strohgelb aus grnem Rasen. Und es war anmutige Stille um die
-beiden Gestalten; selbst der Mittagswind spielte nur lssig in Gras
-und Laub. Von Zeit zu Zeit sprang die Kleine auf, griff in das
-Bltterwerk empor und suchte sich frhreife Kirschen heraus; oft
-auch hob sie lachend ihr spitzes Mulchen an den freundlich herabgeneigten
-Baum und naschte die Frchte gleich vom Ast weg. Dann
-hngte sie sich ein Kirschenpaar ber jede Ohrmuschel, kaute, spuckte
-Kerne an die Marmorsule und las vergnglich weiter.</p>
-
-<p>Aus der Ferne funkelte in gleichmiger Ruhe das tiefblaue
-Mittelmeer.</p>
-
-<p>Hufig lachte die Lesende hell hinaus und strampelte vor Vergngen
-mit den gelben Schuhen.</p>
-
-<p>&#8222;Sag' doch, Martha, kann es etwas Lustigeres geben als diese
-verrckten Briefe Mozarts?&#8221; rief sie. &#8222;Hr' einmal zu!&#8221;</p>
-
-<p>Und sie las in gelufigem Deutsch flink herunter: &#8222;Allerliebstes
-Bsle, Hsle! Ich habe dero mir so wertes Schreiben richtig erhalten
-&mdash; falten &mdash; und daraus ersehen &mdash; drehen &mdash; da der Herr
-Vetter &mdash; Retter &mdash; und die Frau Bas &mdash; Has &mdash; und Sie &mdash; wie recht
-wohl auf sind &mdash; Rind; wir sind auch Gott sei Dank recht gesund
-&mdash; Hund&#8221; &mdash; &mdash; sie brach lachend ab.</p>
-
-<p>&#8222;So geht's nun immerzu weiter!&#8221; fuhr sie franzsisch fort.<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span>
-&#8222;Jedem dritten Wort hngt er irgendeinen albernen Reim an, der
-gar keinen Sinn hat, nur aus Necklust. Oh, ich liebe Mozart schrecklich!
-Die Leute von damals waren lustiger, leichter, eleganter und
-amsanter &mdash; verstehst du das, Martha? Sie schlugen Purzelbaum,
-sie tanzten Menuett, sie liebten, kten sich und waren doch
-nicht gemein, denn sie hatten mehr Poesie im Leibe! Verstehst du
-das, Martha?&#8221;</p>
-
-<p>Martha lchelte, stickte und schwieg.</p>
-
-<p>&#8222;<span class="antiqua">Mais allons donc!</span>&#8221; zrnte die kleine Elssserin. &#8222;Do sitzt se
-un sagt nix!&#8221;</p>
-
-<p>Sie sprang auf, hob das spitze Nschen in die Luft und witterte
-die blhenden Riviera-Hgel hinunter, wo auf allen Hngen zwischen
-weien Landhusern steile, dunkle Zypressen, silbergraue Olivenbume
-und spitzblttrige Gartenpalmen die Landschaft festlich
-stimmten. Ihre Augen leuchteten die Gegend ab.</p>
-
-<p>Und pltzlich klatschte sie in die Hnde.</p>
-
-<p>&#8222;Da kommt er wieder!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wahrhaftig!&#8221; besttigte die stille Base Martha, ward ein
-wenig lebendiger und sandte ihre tiefblauen Augenstrahlen gleichfalls
-den Abhang hinunter. &#8222;Was tut er denn?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Er spielt auf einer Laute und summt vor sich hin! Hab' ich
-dir's nicht gleich gesagt? Das ist ein deutscher Musiker!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Er spricht brigens auch gut Franzsisch. Und warum kann
-es nicht auch ein Maler sein? Er hatte ja neulich einen Malkasten
-mit!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oder ein Dichter! Denn er hat uns ja ein Verschen gedichtet!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oder ein reicher Privatmann, der alles treibt und nichts.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mglich, denn Geld hat er gewi! Und dabei so die Geste
-des Weltmannes! Und grundgelehrt! Er interessiert mich schrecklich.
-Aber ich bin gewi, da er deinetwegen kommt. Und dabei
-sitzt sie immer da wie ein Stockfisch! Ich kann die Unterhaltung
-im Gang halten &mdash; und in dich verlieben sie sich! Alle! Auch wenn
-du kein Wort sagst! Zu dumm! Ich hab's schrecklich schwer auf
-der Welt.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p>
-
-<p>Sie seufzte, klappte Mozarts Briefe heftig wieder auf und setzte
-sich mit sehr melancholischer Miene und schwermtig gesttztem Haupt
-neben das lchelnde, stickende und schweigende Bschen. Aber es
-zuckte um ihre Mundwinkel; ihre Blicke schielten vom Buch hinweg
-nach dem Ankmmling, und mit einem Rippensto an Cousine
-Martha flsterte sie, da sie vor Lachen berste.</p>
-
-<p>Der ankommende Herr war ein schmucker, mittelgroer Mann
-von etwa dreiig Jahren. Er trug einen feinen Flanellanzug und
-einen Panamahut ber kurzem dunkelblonden Haar.</p>
-
-<p>Schon von fern schwang er den Hut und die bnderumflatterte
-Laute und rief in deutscher Sprache:</p>
-
-<p>&#8222;Das ist ja ausgezeichnet, da ich Sie wieder treffe! Bravissimo!
-Die Freundin Mozarts und die groe Schweigerin!
-Kirschbaum und Zypresse! Guten Tag!&#8221;</p>
-
-<p>Und trat heran, verbeugte sich und fuhr fort:</p>
-
-<p>&#8222;Der Tempel ist noch unerbaut, aber die Priesterinnen warten.
-Seien Sie gegrt, allerholdeste Hterinnen dieses heiligen Hains!&#8221;</p>
-
-<p>Die beiden jungfrulichen Wesen nickten gemessen und kmpften
-mit dem Lachen; er aber nahm ohne Verzug auf der Sule
-Platz.</p>
-
-<p>&#8222;Verzeihen Sie, meine Damen,&#8221; sprach er, &#8222;da ich auch heute
-so unsalonmig bin, mich nicht in konventionellen Formen vorzustellen.
-Nehmen Sie an, ich sei irgendein Wanderer, der &mdash;
-nun, der seine Bestimmung sucht. Nehmen Sie an, ich sei ein
-Spielmann, ein Troubadour &mdash; mein Vorname ist brigens Ingo,
-und das gengt &mdash;, und nehmen Sie an, Sie seien die zwei anmutigsten
-Schloherrinnen der ganzen anmutigen Provence!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sehr liebenswrdig!&#8221; lachte die Kleine. Die Sachlage war
-fremdartig, aber den Mdchen nicht mifllig. Die ltere richtete
-ihr groes Augenpaar schchtern und fragend auf die Jngere; und
-diese zappelte vor Vergngen, im Lustspiel mitzutun.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben recht,&#8221; sagte der Zappelkfer, &#8222;es ist heutzutage
-viel weniger Poesie in der Welt als in den Zeiten Mozarts. Hab'
-ich das nicht eben gesagt, Martha?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Aha! Darum tragen Sie also beide diese zierlichen braunen
-Mozart-Zpfe, nicht wahr?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Eben! Meine Cousine wollte nicht, aber sie mu!&#8221;</p>
-
-<p>Martha lchelte und stickte; schaute dann die Base an, nicht
-den Fremden, und sprach mit ihrer leisen Stimme, um nur auch
-etwas zu sagen:</p>
-
-<p>&#8222;Sie hat mir lustige Stellen aus Mozarts Briefen vorgelesen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wollen Sie's hren?&#8221; setzte sofort das Backfischchen ein. Und
-sie plapperte einiges herunter, bis sie vor Lachen aufhren mute.
-Dann wurde sie gesetzter und bemerkte, es seien auch recht schmerzliche
-Briefe in dieser Sammlung, etwa ber den Tod der Mutter
-oder jene unglaubliche Behandlung beim Erzbischof von Salzburg.</p>
-
-<p>&#8222;Schndlich so etwas! Ganz abscheulich! Finden Sie nicht auch?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Niedertrchtig!&#8221; bekrftigte der Fremde. &#8222;Aber das hat
-Mozarts Lebenslaune nicht gebrochen. Ein rechter Kerl zerbricht
-berhaupt nicht. Ein elastischer Geist ist aus berem Stoff als
-der beste parische Marmor. brigens, Sie anbetungswrdiges
-Mozart-Mgdlein, ich zerbreche mir schon drei Tage den Kopf,
-warum diese Marmorsule so mutterseelenallein hier oben auf dem
-Hgel liegt &mdash; grade nur die einzige! Als ob eine einzige Sule
-irgend etwas in der Welt sttzen knnte! Als ob nicht mit der
-Zweiheit berhaupt erst alles Leben begnne! Sind Sie nicht auch
-dieser Meinung, gndiges Frulein?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;<span class="antiqua">Parfaitement!</span>&#8221; besttigte die Kleine und gab der lteren
-einen Rippensto.</p>
-
-<p>Martha lchelte und stickte.</p>
-
-<p>&#8222;Sehen Sie, wir zwei verstehen uns ausgezeichnet!&#8221; rief der
-junge Mann. &#8222;Deshalb haben Sie sich auch, als Symbol der Zweiheit,
-je ein Paar Edelsteine an die Ohren gehngt, Mademoiselle!&#8221;</p>
-
-<p>Die Kleine hatte ganz vergessen, die hellroten Kirschen zu
-entfernen, pflckte sie jetzt mit umstndlichen Gebrden aus Haar
-und Ohrmuschel heraus und begann sie aufzuessen. Der Fremde
-streckte zum Fangen die Hnde aus; sie lachte und warf ihm das
-zweite Paar der unreifen Frchte zu.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Dafr spielen Sie uns aber auch etwas vor!&#8221; rief sie. &#8222;Denn
-Sie sind doch offenbar ein Musiker?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Offenbar!&#8221; erwiderte der Spielmann ernsthaft und griff Akkorde
-aus Mozarts Figaro, womit er das folgende Geplauder
-scherzend begleitete. &#8222;Aber ich male auch bisweilen; ich singe auch
-ein wenig; ich komponiere mitunter. Und da zum Singen Worte
-gehren, so dicht' ich auch.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein Universalgenie!&#8221; rief der Backfisch entzckt.</p>
-
-<p>&#8222;Und wenn Sie hinzunehmen, da ich Dingen, die mich interessieren,
-auch wissenschaftlich nachspre und sogar ein paar Bcher
-geschrieben habe &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oh, oh, oh, Martha, was sagst du nur dazu?!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So werden Sie begreifen, da ich mich vor allem andren
-nach etwas ganz Bestimmtem sehne &mdash; nach der Zweiheit, mit
-der ich zusammen eine Einheit bilden knnte, fest, geschlossen, gesammelt
-&mdash; ein Kunstwerk, ein Tempel, eine Gralsburg!&#8221;</p>
-
-<p>Die Mdchen schauten einander verwundert an.</p>
-
-<p>&#8222;Schrecklich gelehrt!&#8221; sagte die Jngere. &#8222;Erzhlten Sie nicht
-gestern, da Sie an einem Duett komponieren?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Auch das! Zwei Mdchenstimmen! Die eine von stiller
-Schnheit, edel und einfach &mdash; Frieden ausstrahlend wie eine
-Madonna oder ein Engel von Fra Angelico. Die andre ein Kobold,
-der in allen Tonlagen herumgaukelt, ganz voll Koloraturen, eine
-Nixe, eine Wasserfee. Soll ich Sie mal spielen, Frulein Nixe?&#8221;</p>
-
-<p>Er spielte nrrische Akkorde und sang zu den Kapriolen ein
-Necklied.</p>
-
-<p>&#8222;Reizend! Von Mozart?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Von mir, holder Schmetterling!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;<span class="antiqua">Mais c'est charmant!</span> Das mssen Sie mir aufschreiben!
-Aber nun sollen Sie auch meine Cousine komponieren!&#8221;</p>
-
-<p>Er lie sich, nachdem er sich so lange nur mit der Jngeren
-abgegeben hatte, im Grase nieder, zu den Fen der verlegenen
-Stickerin; aber er griff nur einige ernst-schne Akkorde und sprach
-dann mit zarter Hflichkeit:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Sie heien Martha, mein stilles, fleiiges Frulein. Mehr
-wei ich nicht, will es auch vorerst gar nicht wissen. Aber gesehen
-habe ich Sie schon irgendwo und habe Ihr Gesicht behalten. Nur
-wei ich nicht mehr: war es jenseits dieses Sternes, ehe unsre
-Seelen auf die Erde flogen, oder war es irgendwo in Europa?
-Denn ich wandre viel. Ihnen mcht' ich nichts Neckisches, sondern
-etwas sehr Liebes und Ernstes sagen oder singen. Denn Sie verdienen
-es, Sie sind so gut, wie Sie schn sind.&#8221;</p>
-
-<p>Und ihre Hand ergreifend, an der noch der Fingerhut steckte,
-kte er pltzlich die schlanken Finger der berraschten Schnen.</p>
-
-<p>Dann aber besann er sich, sprang auf und packte Hut und Laute.</p>
-
-<p>&#8222;Auf Wiedersehen! <span class="antiqua">A rivederci!</span>&#8221;</p>
-
-<p>Und sprang mit groen Schritten den Hgel hinunter.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Weitab von diesem Riviera-Hgel, vor einem der alten frnkisch-thringischen
-Herrensitze mitten in Deutschland, steht eine
-mchtige Tanne. Ein Vorfahre Ingos hatte sie gepflanzt, als er
-in den Trkenkrieg zog. &#8222;Ihr sollt euch&#8221;, schrieb er, &#8222;bei ihrem
-Anblick erinnern, da der Mann sein Erbe verlassen und sein
-Lebensziel erobern mu.&#8221; Als aber sein Verwalter whrend
-des Freiherrn Fernfahrt einen Schloteich in Ackerland verwandelte,
-schrieb derselbe Trkenkrieger folgenden Brief: &#8222;So wir
-nicht alles im alten Stand finden, schieen wir dir bei unsrer
-Heimkehr eine Kugel durch den Kopf, denn der Mann soll sein
-Erbe achten. Im brigen bleiben wir dir in Gnaden gewogen.&#8221;</p>
-
-<p>Noch andre Ahnen Ingos hatten die abenteuerliche Ferne
-aufgesucht und sich doch zuletzt, gebrunt von Lebens-Erfahrung,
-auf den geliebten heimischen Boden zurckgefunden.</p>
-
-<p>Der Enkel dieser freiheitlich-konservativen Mnner, die aus
-Fernfahrt und Einkehr ihr Leben auferbauten, der Troubadour
-Ingo, der am Rande der Mittelmeerkultur die Leuchtkraft der
-Olivenhnge in sich einsog, war ein jngerer Sohn. Bei ihm
-hatte sich der Adelsstolz ins Geistige umgesetzt. Und whrend sein
-lterer Bruder Hochwild scho, sann er selbst im Gebirg' und auf<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span>
-dem Weltmeer dem erhabenen Problem nach, wie sich germanischer
-Ernst und griechische Schnheitsfreude und christliche Innerlichkeit
-in einem heiter-ernsten Naturell vereinigen knnten ...</p>
-
-<p>Als Ingo jenen Hgel hinabschritt, sang und pulsierte sein Blut.</p>
-
-<p>Und das Blut sang und sprach zu dem leichtfig dahineilenden
-Spielmann:</p>
-
-<p>&#8222;Einst hat dein Ahnherr Friedrich die schne Elssserin Octavie
-von Birkheim in den harten, krftigen Herbst eurer Thringer
-Waldung heimgefhrt. Greif zu, Spielmann! Trage die Schnheit
-unter die Parkwipfel der arbeitsamen Stille! Denn deine
-Munterkeit ist Maske, dein Herz ist reif und traubenschwer von
-Heimweh nach Tempel und Htte mitten in Deutschland. Noch
-braucht dich Deutschland nicht; noch spielst du das Leid deiner
-Verbannung mit Melodien hinweg. Doch halt aus! Vollende dich
-wandernd! Wandre, wandre! Es wandert der blhende Lenz
-und verwandelt sich wandernd in goldenen Herbst. Es wandert
-das Licht, den Tag verwandelnd in Nacht und die Nacht in Frhrot.
-Es wandert und wchst der Mensch und verwandelt sich wandernd
-aus Kindergestalt in die Reife des ruhigen Greises. Und so
-wandern Geburt und Tod. So wandert die Zeit, so wandern die
-Sonnen des Weltalls &mdash; und alles Lebendigen Wesen ist Wandel
-und Wandrung. Wandre, mein Freund &mdash; nur wandre zu <em class="gesperrt">Ende</em>!&#8221;</p>
-
-<p>So sang das Blut.</p>
-
-<p>So sang es in einem schn gewachsenen, durch besonnenen
-Sport krftig und ebenmig ausgebildeten Krper.</p>
-
-<p>Und so schritt er hinab, voll Spannkraft und Lebensmut, griff
-in die Saiten und spielte sich ein Wanderlied.</p>
-
-<p>Pltzlich unterbrach er dieses Reigenspiel seiner Gedanken, strich
-ber die Stirn, sah um sich und sagte gelassen:</p>
-
-<p>&#8222;Bursche, du bist verliebt! Mach', da du in dein Hotel kommst,
-damit dir Friedel den Text liest!&#8221;</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 60px;">
-<img src="images/p008_deco.png" width="60" height="91" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p009_deco.png" width="600" height="50" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Zweites Kapitel</small><br />
-
-<big>Titanic</big></h3>
-
-
-<div class="cite">
-<p class="noindent">
-&#8222;Ich komme vom Gebirge her,<br />
-Es dampft das Tal, es braust das Meer ...<br />
-Wo bist du, mein geliebtes Land?<br />
-Gesucht, geahnt und nie gekannt?<br />
-O Land, wo bist du?&#8221; ...</p>
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Schmidt von Lbeck</span>
-</p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p009_cap.png" alt="N" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">N</span>
-acht hatte sich der Landschaft bemchtigt.</p>
-
-<p>Ein Gewitter krachte ber der Palmenkste. In
-wuchtigen Massen troff der Regen.</p>
-
-<p>Im Hotel vernahm man das nahe Rauschen und Drohen des
-gewaltig tosenden Meeres, dessen groer Ton sich mit den Stimmen
-der Gewitternacht verband.</p>
-
-<p>Doch in den glnzenden Luxusrumen, die von Goldornamenten
-und Kristallen strotzten, wurde die Sprache der Natur nicht
-wichtig genommen. Ein internationales Sprachengemisch, ein
-feinblauer Zigarettendampf, Schaumperlen der Sektglser stiegen
-empor und schufen eine besondre Stimmung.</p>
-
-<p>Der kleine Kommerzienrat Otto S. Marx feierte Geburtstag.
-Es war ein reichlich Dutzend seiner vielen guten Bekannten zu
-einem Souper eingeladen. Seine Laune war vorzglich, denn der
-Vormittag hatte ihm in den Spielslen eine betrchtliche Summe
-in die Tasche geschoben. Und nun neckte er seinen stattlichen germanischen
-Freund, den Grokaufmann Schaller aus Barcelona,
-der eine Handvoll Goldstcke verloren hatte &mdash; fr Firma Schaller
-&amp; Co. zwar eine Kleinigkeit, aber immerhin des Verdrusses wert;
-denn die bereits gewonnenen Tausende waren dem leidenschaftlichen
-deutschen Spieler wieder durch die Finger getropft, da er
-nicht die Besonnenheit hatte, beizeiten abzubrechen, wie der immer
-kluge und immer nchterne Otto S. Marx.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p>
-
-<p>Unter den Gsten stachen hervor, durch helle und einnehmende
-Gesichtszge, das deutsche Ehepaar Trotzendorff mit dem befreundeten
-thringischen Freiherrn Ingo von Stein-Waldeck. Der
-blonde englische Maler Wallace und sein angenehmer, nach allen
-Seiten stets gleich liebenswrdiger franzsischer Freund Leroux
-hatten sich mit diesen drei Deutschen angefreundet; und es strte
-sie nicht, da der mnnliche Major von Trotzendorff gelegentlich
-seinen nationalen Standpunkt im Gegensatz zu andren anwesenden
-Deutschen unverschwommen betonte; denn seine leuchtend schne
-Frau Friederike, genannt Friedel, glich alles wieder aus.</p>
-
-<p>Um diese lebenswarmen Menschen her saen allerlei belanglose
-Damen und Herren, die sich durch Reichtum und Brillanten
-von der arbeitenden Menschheit absonderten, nicht durch Seele.
-Da war ein jovialer Theaterdirektor, der ebenso wie sein Nachbar,
-ein blasierter Gesandtschafts-Attach, fr lsterne Anekdoten empfnglich
-war und manchmal aus einem wiehernden Lachen gar
-nicht mehr herauskam; da war eine sehr dekolletierte, sehr parfmierte,
-sehr geschminkte Dame aus sterreichischen Adelskreisen, die
-tglich mit khlster Geschftsmiene am Spieltisch sa. Und so Gesicht
-an Gesicht, fahl, geisterhaft in den Rauch eingezeichnet, umblitzt von
-den Zieraten des Salons, umdrhnt von Meer und Gewitter.</p>
-
-<p>Man sprach vom Untergang der &#8222;Titanic&#8221;.</p>
-
-<p>Dieser englische Riesendampfer, das grte Passagierschiff, das
-je auf einem Ozean geschwommen, war auf seiner ersten Fahrt
-von England nach Amerika an einem Eisberg zerschellt. Das ungeheure
-Fahrzeug war mit mehr als tausendsechshundert Menschen
-in die Tiefe gesunken.</p>
-
-<p>Ein Aufschrei scholl durch die Menschheit.</p>
-
-<p>&#8222;Wie kann denn eine solche schwimmende Luxusstadt berhaupt
-untergehen?! Es waren ja Restaurants an Bord, Konzertsle,
-Tennispltze, Blumenlden &mdash; ganze Straen! Es fuhren ja
-Millionre und Milliardre mit!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Der alte Atlantik kmmert sich den Teufel um alle Milliardre
-der Welt!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Der Ozean ist dort dreihundertmal so tief als der Tiefgang
-der Titanic!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Der Eisberg, an dem das Schiff zerkrachte, ist schwerer als
-alle Eisenflotten der Welt!&#8221; ...</p>
-
-<p>In einer eiskalten Aprilnacht war es &mdash; zwei Ste &mdash; und
-das Riesenschiff stand fest! Von Tr zu Tr luft das Wort: Auf!
-ein Unglck! Was, wo, wie? Menschen, mehr neugierig als erschrocken,
-huschen im Schlafrock durch die Korridore &mdash; was, wo, wie? Und
-abermals ein Befehl: Stecke jeder ein Dokument zu sich! Jetzt
-summt es heraus aus allen Kabinen, jetzt fllt es tosend Verdeck
-und Gnge, staut sich, fragt, ruft, schreit, kmpft &mdash; und um die
-verngstete Menschenmasse eisige Nacht und das Pltschern, Nagen,
-Zhneblecken des wartenden Ozeans! Da rufen Geistliche die volle
-Wahrheit: In wenigen Minuten stehen wir alle vor Gottes Antlitz,
-wer seine Seele erleichtern will, der mag es tun! Und die
-Schiffskapelle, die im Salon bis zuletzt mit lustigen Weisen getuscht
-hat, bricht ab und geht ber in den Choral: &#8222;Nher, mein Gott,
-zu dir!&#8221; Furchtbare Panik! Das todgeweihte Gewhl drngt,
-stt, beit sich zu den Booten, ber zertretene Kinderleichen hinber,
-und alle Kommandorufe ersticken im mrderischen Gebrll.
-Einzelne berladene Boote kmpfen sich los vom berandrang,
-um sie her tropfen Menschen ins Wasser wie Krner von einem
-bervollen Gef &mdash; und dann richtet sich der Schiffsrumpf in
-seiner ganzen Lnge jh empor, in Kirchturmhhe aus den Wassern
-starrend, und schttelt die wild aufschreiende Menschenmasse
-ab, um dann selber in den schwarzen Strudel zu versinken ...
-Einige Hundert haben sich auf allzu sprlichen Booten gerettet
-und schwimmen nun in Nuschalen, die Fe im Eiswasser, durch
-die kalte Nacht, Land suchend, berbleibsel einer Sintflut ...
-Titanen wollten den Himmel strmen; Gtter schoben ihnen
-lchelnd mit dem kleinen Finger einen Eisblock entgegen &mdash; und
-die Titanen strzten ...</p>
-
-<p>Diese Schilderung wurde ausgesponnen und mit erschtternden
-Einzelheiten umrankt. Gemter und Nerven erzitterten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p>
-
-<p>Aber sehr bald flutete neuer Unterhaltungsstoff ber den Eindruck
-hinweg. Man sprach von Schiffsunfllen, von Lebensversicherung,
-von Maregeln, die eine Katastrophe solcher Art knftig
-verhten wrden; man verurteilte die Schnellfahrten ber den
-Ozean, man stritt ber den Wert solcher Riesenschiffe. Bald war
-man mitten in Zahlen und Maen der Dreadnoughts. Und hier
-wurden einige Herren hitzig, darunter der fachmnnisch beschlagene
-Major von Trotzendorff, als der Kaiserliche Jachtklub, der Meteorjachtklub
-von Deutschland und der Deutsche Motorbootklub nicht
-reinlich auseinandergehalten wurden. Von da sprang das Gesprch
-auf den Kaiserlichen Aeroklub und den Berliner Verein fr Luftschiffahrt
-ber. Man hatte vor wenigen Tagen einer Wettfahrt
-von Motorbooten beigewohnt: mit aufgebumtem Kiel, in fabelhafter
-Raserei, umschumt von zurckspritzenden Wellen, waren
-die Boote am Felsen von Monte Carlo vorbergesprht. Und im
-Hafen erhob sich, nach Anlauf auf dem Wasser, eines dieser surrenden
-Wunderwerke jhlings in die Luft und flog mit seinen zwei
-Insassen in groem Bogen khn hinaus bers Meer und wieder
-genau zurck und herab an die Abfahrtstelle ... Welche Eroberungen
-des Wassers und der Luft! Welche berwindungen der
-Schwere! Sie strmen den Himmel, diese Titanen!</p>
-
-<p>Das Gesprch flatterte in Gruppen auseinander; die Titanic
-schien vergessen. Diese modernen Menschen waren berauscht von
-den unvergleichlichen technischen Errungenschaften der Gegenwart
-...</p>
-
-<p>Ingo von Stein sa in tiefen Gedanken versunken. Er hatte
-sich im Geiste mehr und mehr abgesondert vom Gesprche seiner
-Zeitgenossen. Pltzlich, als eine Pause sein Eingreifen mglich
-machte, sprach er in seiner ernst-liebenswrdigen Weise mit vollklingender
-Mannesstimme:</p>
-
-<p>&#8222;Gestatten Sie mir eine Frage, meine Damen und Herren!
-Ist niemandem von Ihnen bei diesen Gesprchen ber den Untergang
-der Titanic etwas aufgefallen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wieso? Was denn?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Verzeihen Sie, es ist unmodern, davon zu reden! Nehmen
-Sie an, da es ein philosophisch gestimmter Mensch sei, den diese
-Frage beschftigt! Als diese sechzehnhundert Menschen untergingen,
-fuhr ebenso ein Entsetzen durch die Welt wie beim sizilischen Erdbeben.
-Aber &mdash; binnen kurzem ist alles wieder vergessen! Die
-Jagd saust weiter. Neue Eindrcke strmen ber die alten hinweg;
-es kommt nicht zu seelischer Verarbeitung. Hat wohl eine
-Frage nach Sinn und Wesen des Todes die materialistische Menschheit
-durchschauert? Hat man ein Polarschiff ausgesandt in das unbekannte
-Land jenseits des Todes? Hat man sich auf Sinn und
-Wert des Lebens und Sterbens besonnen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Herr Baron, das is Religion &mdash; und Religion is Privatsache!&#8221;
-rief Marx.</p>
-
-<p>&#8222;Wer hat denn heute zu solchen Spekulationen Zeit?&#8221; setzte
-Schaller hinzu.</p>
-
-<p>&#8222;Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter mit Hlle und Himmel
-und solchen Popanzen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber darber kann ja jeder denken, wie er will! In Religionssachen
-bin ich fr mein Part indifferent &mdash; und ich hoffe, mit mir
-jeder moderne Mensch!&#8221;</p>
-
-<p>So ging es um den Tisch herum. Der Attach stemmte den
-Kneifer ins Auge und betrachtete den Baron wie ein vorsintflutliches
-Megatherion.</p>
-
-<p>&#8222;Sehen Sie! Sie besttigen, was ich sage!&#8221; fuhr Stein fort.
-&#8222;Der Zusammenprall zwischen Titanic und Eisberg war umsonst.
-Niemand hat die gigantische Frage verstanden. Denn eine Frage
-ist in jener Aprilnacht ber den Ozean geschwommen und hat der
-Titanic Halt geboten. Die moderne Titaniden-Menschheit hat die
-Frage nicht einmal gehrt!&#8221;</p>
-
-<p>Ein Teil der Gesellschaft versuchte ernst zu werden. Man vernahm
-drauen das Tosen des Gewitters; man vernahm das Donnern
-der nchtlichen See.</p>
-
-<p>&#8222;Nehmen Sie einmal an,&#8221; fuhr der philosophische Sonderling
-fort, &#8222;wir alle, wie wir hier sitzen, ganz Europa, die ganze moderne<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span>
-Zivilisation, seien der Schiffskrper einer Titanic, umbraust von
-den Gefahren des Chaos! Nehmen Sie an, eine Katastrophe bedrohe
-uns, ein europischer Krieg, mit Hungersnot, Seuchen und
-Revolution &mdash; was dann? Nehmen Sie einmal an, wir Zeitgenossen
-seien dem Untergang geweiht und schauen auf die letzten
-Jahrzehnte zurck, wie dort in den letzten Minuten die Todgeweihten
-der Titanic auf ihre Fahrt &mdash; was ist das Ergebnis? Knnen wir
-sagen, diese glnzende Anhufung materieller Gter, diese fieberhafte
-Konkurrenz aller gegen alle, seien der wahre Sinn und Zweck
-und Wert des Daseins?&#8221;</p>
-
-<p>Er hielt einen Augenblick inne, sah sich fragend um und
-schlo:</p>
-
-<p>&#8222;Sie, meine Damen und Herren, sagen <em class="gesperrt">ja</em> &mdash; ich sage <em class="gesperrt">nein</em>!
-Das ist unhflich, denn ich setze mich damit auf einen Nachen und
-fahre von der Titanic fort. Oder vielmehr: ich fahre gleich nicht
-mit. Ich lehne die Beteiligung an dieser rasenden Lebensfahrt
-dankend ab. Wenn mir aber jemand von Ihnen einen Amundsen
-oder Nansen namhaft zu machen wei, der ausfhrt, um den geistigen
-Pol, den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht zu entdecken,
-jenseits der Sinnenwelt, jenseits des Todes &mdash; dieser Polarfahrt
-wrd' ich mich sofort anschlieen.&#8221;</p>
-
-<p>Das war in liebenswrdigem Ton, lchelnd, aber energisch
-und bestimmt herausgesprochen.</p>
-
-<p>Der Versammelten, die auf solche Gedankengnge nicht gestimmt
-waren, hatte sich eine erstaunte oder gar beklemmende
-Empfindung bemchtigt. Stein hatte eine Errterung erwartet;
-aber man ging nicht darauf ein.</p>
-
-<p>Es war Herr Otto S. Marx, Buchdruckereibesitzer groen Stils,
-der die sorglose Stimmung wieder herstellte. Er fuhr mit der Hand
-ber Glatze, Stirn und leicht gebogene Nase zum modern gestutzten
-rtlichen Schnurrbart herunter, als wische er etwas hinweg, und
-rief mit Humor:</p>
-
-<p>&#8222;Ein entschieden philosophischer Kopf, unser Herr Baron von
-Stein!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p>
-
-<p>Diese paar Worte waren mit so komischer, etwas nasaler und
-nchterner Betonung gesagt, da man allgemein in befreiendes
-Lachen ausbrach.</p>
-
-<p>&#8222;Aber einstweilen sitzt er mit auf der Titanic und schlrft
-Sekt!&#8221; trumpfte der derber gestimmte Schaller und erhob mit
-schallendem Lachen sein krftig unterbautes Kinnbacken-Gesicht mit
-dem scharfen Monokel und dem Durchzieher auf der linken Wange.
-Man konnte ihn fr einen Typus des deutschen Korpsstudenten
-nehmen; seine ansehnliche Statur mit dem ganz kurzen Blondhaar
-stach wirksam ab vom salopp hingelagerten Marx, der mit den
-Hnden in den Hosentaschen im Plschfauteuil lehnte und spttisch-berlegen
-den Baron anblinzelte.</p>
-
-<p>&#8222;Lieber Baron,&#8221; fuhr Schaller fort, &#8222;Marx und ich liegen uns
-zwar immer in den Haaren, obwohl er meinen Rat in Bankpapieren
-schtzt; aber in <em class="gesperrt">einem</em> modernen Glaubensartikel sind wir
-einig: erst die Million &mdash; dann die Seele!&#8221;</p>
-
-<p>Erneutes Gelchter stimmte diesem massiven Grundsatz bei.
-Auch der gutartige Stein lchelte mit; Trotzendorff mochte gleichfalls
-kein Spielverderber sein; doch seine Frau sah betreten und bedauernd
-zu Ingo hinber. Nur der Englnder Wallace trank seine
-Limonade und rang sich kein Lcheln ab.</p>
-
-<p>Als das Gesprch dann wieder im Gang war und weitersummte,
-beugte sich Frau von Trotzendorff zu ihrem Liebling
-hinber.</p>
-
-<p>&#8222;Ingo,&#8221; raunte sie, die Hand am Munde, &#8222;denk' an das Gleichnis
-von den Perlen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Stimmt, Friedel!&#8221; kam es zurck. &#8222;Aber ich sollte charaktervoll
-sein und selber nicht unter den Suen sitzen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Unsinn! Willst du wohl &mdash;?! Bist schon Einsiedler genug!&#8221;</p>
-
-<p>Er zuckte die Achseln, schttelte den Kopf und lehnte sich wieder
-zurck.</p>
-
-<p>Und nun lie er sein Auge wandern ber diese Frcke und
-Toiletten. Was fr eine Gesellschaft war denn dies hier am Rande
-Europas, unter die er da geraten war? Wo leuchtet denn hier,<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span>
-aus diesen Gesichtern mit der Tcke des modernen Menschen, der
-seine Mitmenschen zu berlisten trachtet, aus diesen scharfen oder
-verlebten Zgen &mdash; wo leuchtet jenes freimtig-unbefangene
-deutsche Gemt? Jenes Edelgemt, das die groe Musik, Philosophie
-und Mystik geboren hat? ... Verstand, Pfiffigkeit, Lsternheit,
-Tatkraft, Nervositt &mdash; diese Eigenschaften prgten sich zwar
-deutlich in den Mienen aus. Aber Seele? Wo ist denn die deutsche
-Seele? Er nahm nur Frau Friedels schne und phantasievolle
-Zge aus neben Trotzendorffs offener Mnnlichkeit; der Englnder
-neben ihm war sachlich, der hbsche Franzose kokett. Aber diese
-beiden jungen Leute waren ihm noch weitaus die angenehmsten
-unter der unangenehmen Gesellschaft. Unangenehm? Sind es nicht
-deine deutschen Landsleute? Bist du nicht in Gefahr, deinem
-Vaterlande fremd zu werden? ... Vaterland! ...</p>
-
-<p>Die Empfindung lie ihn nicht mehr los, da er sich auf einem
-gefhrdeten Schiffe befand, selber in Gefahr und nur durch dnne
-Wnde getrennt von den Wassern der Vernichtung.</p>
-
-<p>Der junge Englnder an seiner Seite unterbrach pltzlich seine
-dstren Gedankengespinste und fragte den Baron, ob er wisse, da
-Mr. Stead, der Vorkmpfer des Spiritismus und der Friedensbewegung,
-mit der Titanic untergegangen sei? Ingo, der gut
-Englisch verstand und sprach, verneinte. Und sachte ging Mr. Wallace
-auf ein Gebiet ber, das abseits lag von diesem Kreise und von
-Ingos knstlerischen Lebenspfaden, das ihn aber rasch fesselte. Der
-kaltbltige Englnder, der fr die Alkoholstimmung dieses deutschen
-Kreises unempfnglich schien, sprach von einer spiritualistisch-religisen
-Bewegung der Neuzeit. Er war Maler aus Liebhaberei,
-Sprachlehrer aus Beruf; und auf seiner Visitenkarte, die er im
-Laufe des Gesprches mit dem Baron tauschte, stand ein <span class="antiqua">M. A.</span>:
-&#8222;<span class="antiqua">Master of Arts</span>&#8221;, sein Universittsgrad. Er hatte seine Jugend in
-Indien verbracht. Und es war fr den Deutschen eine Wohltat,
-in dem flackrigen Rhythmus dieser Abendgesellschaft solche gelassene
-Ruhe zu vernehmen, wie sie aus diesem etwas khlen, aber sehr
-unterrichteten Manne zu ihm herberschwang. Es war ein Ton<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span>
-aus einer weiteren Welt; und da es ein Auslnder war, von
-dem dieser Ton kam, machte den Deutschen beschmt und nachdenksam.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben brigens&#8221;, sprach Wallace, &#8222;in Deutschland einen
-Mann, der auf diesem Gebiete sehr bedeutend ist.&#8221;</p>
-
-<p>Und er nannte einen Namen, den Ingo nie vernommen hatte.</p>
-
-<p>Doch das beruhigende Zwischenspiel wurde durchbrochen. Stein,
-mitunter zum Aufbrausen geneigt, schnaubte pltzlich empor und rief
-einem Lebemann am Ende der Tafel kampflustig zu:</p>
-
-<p>&#8222;Wer verunglimpft da unten Schiller?! Lassen Sie unsren
-Schiller in Ruhe! Htten wir nur etwas von seiner Mnnlichkeit!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Sie haben mich wohl nicht ganz verstanden, mein verehrtester
-Herr Baron&#8221;, erwiderte Herr von Jedermann und berall.
-&#8222;Ich habe nur ganz einfach festgestellt: Damals war der Wallenstein
-modern &mdash; heute der Rosenkavalier; damals die Iphigenie &mdash;
-heute die Salome. Na, und warum soll ich das nicht sagen?&#8221;</p>
-
-<p>Stein lachte und rief mit Schrfe zurck:</p>
-
-<p>&#8222;Sagen Sie das, Edler! Und fgen Sie hinzu: Damals war
-das weimarische Hoftheater modern &mdash; heute das Kino!&#8221;</p>
-
-<p>Er warf sich wieder in seinen Sessel und machte eine segnende
-Handbewegung gegen den Ritter des Geistes, der den linken Daumen
-unter die linke Achselhhle eingeklemmt, die rechte Hand gespreizt
-hatte und mit der Zigarette im Mundwinkel wiederholte:
-&#8222;Na, warum nicht?&#8221;</p>
-
-<p>Da war nichts zu widerlegen.</p>
-
-<p>Jetzt tauschte Schaller seinen Platz mit Mr. Wallace und lie
-sich neben dem thringischen Freiherrn nieder.</p>
-
-<p>&#8222;Herr Baron, nichts fr ungut, aber Sie philosophieren zu
-viel! Sie mssen mich in Barcelona besuchen! In allem Ernst!
-Ich habe Ihnen nachher auch etwas Amsantes zu erzhlen. Unter
-uns: ein Restchen deutsches Gemt in mir beneidet Sie. Verstehen
-Sie? Nein? So will ich's Ihnen erklren. Gestern warfen Sie
-gesprchsweise die Bemerkung hin: als Sie die Wahl hatten zwischen
-Staatskarriere und geistiger Vertiefung, haben Sie unbedingt das<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span>
-letztere vorgezogen. Universalbildung im Sinne Wilhelm von Humboldts
-&mdash; sagten Sie; moderne Fortsetzung des klassischen Idealismus
-&mdash; sagten Sie. Sie sehen, ich hab' mir's gemerkt, bin also
-gar kein so feister Materialist, wie es allerdings aussieht. Und darum
-sag' ich: ein Rest in mir beneidet Sie um dieser freien Wahl willen,
-die Sie getroffen haben. Hol's der Teufel! Etwas wie Sentimentalitt
-sitzt immer in uns Deutschen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das Deutschland von heute hat sich fr <em class="gesperrt">Ihren</em> Weg entschieden,
-mein lieber Herr Schaller&#8221;, erwiderte Ingo gelassen. &#8222;Erst
-die Million &mdash; dann die Seele! Beneiden Sie mich vielleicht um
-das Martyrium der Heimatlosigkeit?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach was, Unsinn! Sie sind jung, nicht lter als ich! <em class="gesperrt">Schaffen</em>
-Sie sich eine Heimat, <em class="gesperrt">bauen</em> Sie sich ein Schlo! In der
-Calle Muntaner zu Barcelona steht meine Burg; kommen Sie einmal
-hin, sehen Sie sich an, was deutsche Energie im Ausland fertigbringt!
-Bis dahin hab' ich ein hbsches junges Weib im Hause.
-Schaffen auch Sie sich eine Frau an, Herr Baron, das bewahrt vor
-philosophischen Hhnerleitern! Und kommen Sie! Ich bin manchmal
-hungrig nach Geist &mdash; ausgehungert! Und <span class="antiqua"> propos</span>, wissen
-Sie, was ich Ihnen jetzt Amsantes zu verzapfen habe, Sennor?
-Wissen Sie, da Sie entdeckt sind?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wieso entdeckt?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Als ein Troubadour namens Ingo, der meinen zwei jungen
-Nichten den Hof macht!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Potztausend noch einmal!&#8221; fuhr Ingo auf und htte vor Verblffung
-fast sein Sektglas fallen lassen. &#8222;Die zwei jungen Mdchen
-da oben auf dem Hgel sind Ihre Nichten?!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sind meine Nichten, ich kann nichts dafr!&#8221; besttigte der
-lachende Kaufmann. &#8222;Niedliche Lrvchen, was? Beide haben's
-nicht von mir, denn wir sind nicht blutsverwandt; die Mutter der
-lteren, eine Witwe aus Straburg, ist die Schwester meiner
-Stiefmutter; so sind wir in eine Art Onkelschaft geraten, und ich
-versteh' mich mit den Mdels ganz famos. Die Jngste ist ja entzckt
-von Ihnen, einfach aus dem Huschen!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Aber sagen Sie mir doch &mdash; wie hat sich denn das herausgestellt?
-Aus Straburg? Jetzt begreif' ich! Dort war's, dort hab'
-ich das Mdchen gesehen, in der Vogesenstrae, als ich im Herbst
-ein paar Wochen dort wohnte! Aber wie hat man denn mich
-entdeckt?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nichts einfacher als das! Durch Ihr Buch &#8218;Heroismus&#8217;, das
-Sie mir geliehen haben! Da steht Ihr Name, Ingo von Stein.
-Dies Ingo hat sie verraten. Ich habe das Buch meinen Nichten
-hinaufgebracht, wir blttern drin, der kleine Grashpfer schwatzt
-immerzu von dem Besuch des reizenden Unbekannten, der Ingo
-heie. Ingo? Ingo heit euer romantischer Anbeter? Wie sieht er
-denn aus? So und so! Famos, da haben wir ihn ja! <span class="antiqua">Voil!
-Ecco!</span>&#8221;</p>
-
-<p>Er lachte herzhaft. Stein lachte mit.</p>
-
-<p>Aber in seinem Herzen schlo sich doch etwas zu; ein musikalischer
-Zauber, ein poetischer Duft drohte zu entfliegen, der Reiz des
-Magischen und Fremdartigen. Denn jene Welt Mozarts, jenes reine
-Eiland der Schnheit, wurde berflutet von der breiten Alltagswelt
-dieser knochigen Millionenmacher, dieser Geldmagnaten, dieses
-modernen Amerikanismus.</p>
-
-<p>Daher ging Ingo recht bald und mit leichtem Scherz ber die
-Sache hinweg, zumal Frau Friederike, zur Eifersucht geneigt, gespannt
-herberfragte, von welchen reizenden jungen Mdchen denn
-hier so angelegentlich die Rede sei. Nur eines merkte er sich: die
-jungen Damen waren im Begriff, mit Frau Frank-Dubois, Marthas
-Mutter, nach Barcelona zu reisen, um dort einige Wochen bei
-Onkel Schaller zu wohnen.</p>
-
-<p>&#8222;Eine Reise nach Barcelona&#8221;, warf Ingo hin, &#8222;steht brigens
-bei mir schon lngst auf dem Programm. Denn dort in der Nhe
-ist der berhmte Montserrat, der Gralsberg, der Montsalvat der
-Sage.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Kenn' ich natrlich genau! Famoser Berg! Groartige Aussicht!
-Also kommen Sie! In meinem Hause finden Sie etwas,
-was Ihnen so leicht kein Privatmann bietet: zwei echte Velasquez!<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span>
-Heh, was meinen Sie dazu? Raus aus dem Beamten- und Spiebrgernest
-Deutschland! Nur der Mittelmige kommt dort vorwrts!
-Fr geniale Kpfe ist kein Platz mehr im Reich. Grozgige
-Naturen treiben sich im Ausland herum oder ersticken im
-deutschen Winkel.&#8221;</p>
-
-<p>Die Damen und einige Herren zogen sich zurck.</p>
-
-<p>Trotzendorff trat zu Stein heran, der sich gleichfalls erhoben
-hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Weit du das Neueste, Ingo?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun was denn, Richard?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Berufung ist Tatsache! Hoheit hat's besttigt!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Also von jetzt ab Hofmann, lieber Richard? Na, mein herzliches
-Beileid!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Danke fr den Glckwunsch! Das wird auch fr dich entscheidend,
-alter Flchtling! Ich habe meinen Plan. Und du weit,
-ich bin in solchen Dingen zh. Auf dem Weg ber Seine Hoheit
-komm' ich an den Kaiser heran, mache Majestt mit deinen Gedanken
-bekannt, verschaffe dir eine persnliche Vorstellung, und du
-wirst an den Platz gestellt, wo du wirken kannst!&#8221;</p>
-
-<p>Ingo legte den Arm um die Schulter des Freundes.</p>
-
-<p>&#8222;Du bist doch ein unverbesserlicher Utopist!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Abwarten, Junge!&#8221; erwiderte der straffe Soldat und strich
-seinen dicken grauen Schnurrbart. &#8222;Wenn du erst einmal mit dem
-deutschen Kaiser auf der Wartburg ein richtiges Kaisergesprch gefhrt
-hast, dann sprechen wir weiter!&#8221;</p>
-
-<p>Frau Friederike war herangekommen. Es war heute abend
-in ihrem Wesen etwas wie nervses Fieber.</p>
-
-<p>&#8222;Richard hat recht&#8221;, sagte sie hastig. &#8222;Wir mssen dich unter
-Aufsicht nehmen, lieber Ingo, wir mssen dich mit Gewalt an die
-rechte Stelle schieben. Die Sache wird gemacht! Du kennst meinen
-Alten, der lt nicht locker, wenn er etwas im Kopf hat!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hier steh' ich nun wie Buridans Esel zwischen den zwei bekannten
-Heubndeln&#8221;, lchelte Stein. &#8222;Die Lockung dort heit
-Barcelona &mdash; die Lockung hier heit Wartburg. Wohin?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Nach Deutschland, Ingo! An deine deutsche Aufgabe!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hat mich nicht gerade Friedel aus Deutschlands Enge herausgeschmeichelt?&#8221;</p>
-
-<p>Doch Frau Friederike schob ihren Arm unter den seinen und
-entfhrte ihn samt ihrem Gatten aus der Riviera-Gesellschaft.</p>
-
-<p>Aber sie konnte sich oben, als sie einander Gute Nacht sagten,
-nicht enthalten, noch einmal nach den hbschen jungen Mdchen
-zu fragen, die ihn so lebhaft entflammt hatten. Er warf lachend
-einige beschwichtigende Worte hin; doch ihr entging nicht, da er
-errtet war, und sie schied mit langen, schweren Blicken ...</p>
-
-<p>Das Gewitter war vertost. Von den Stauden und Palmen
-troff noch die himmlische Feuchtigkeit; das Meer rauschte bedeutend.</p>
-
-<p>Stein atmete auf seinem Balkon die wrzige Nachtluft ein
-und verglich die muntren Mozart-Mdchen auf jenem offenen,
-hellen Hgel mit diesem drckenden Salon-Parfm und Salon-Geschwtz
-dieser Riviera-Hotels und Riviera-Spielhllen. Und in
-der Ferne vernahm er ununterbrochen das ozeanische Brausen der
-Titanic-Katastrophe.</p>
-
-<p>&#8222;O du Tiefstes meiner Seele, du kannst ja doch nicht hinauf!
-Wenn meine Seele tost wie die schumende See und zitternd
-solche machtvolle Schnheit aushlt, dann ist es in mir wie ein
-schweres, langsames Glockenluten. Und das zu ertragen, dieses
-Gewaltige, hilft mir nur eins: die Seelensprache der Poesie und
-Musik. Sie segnet meine Herzensglut, und mit ihr ertrag' ich
-die Schnheit der gewaltigen Erde ...&#8221;</p>
-
-<p>Lang noch sa er ber Bchern und Papieren, Schwermut
-durch Arbeit bekmpfend. Spt entschlief er.</p>
-
-<p>Heitre Mozart-Melodien vermischten sich im Entschlummernden
-mit der Notturno-Stimmung des &#8222;Don Juan&#8221; &mdash; der Anfang von
-Beethovens <span class="antiqua">Sonate pathtique</span> brauste herein, wuchtig, zornig &mdash; und
-die schwermtigen, harfenartigen Einleitungsakkorde des Brahmsschen
-Liedes &#8222;Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt&#8221;. Doch
-in diesem Chaos von Tnen behauptete sich zuletzt Schuberts
-&#8222;Wandrer&#8221;: &#8222;Wo bist du, mein geliebtes Land?&#8221; ...</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span>
-
-... Marx und Schaller, die Unzertrennlichen, saen noch beisammen,
-lieen sich einen Mokka brauen und sprachen von Dividenden
-und Prozenten.</p>
-
-<p>Pltzlich warf Marx mit zweifelhaftem Blinzeln hin:</p>
-
-<p>&#8222;Hm, sagen Se mal, was halten Sie von diesem Stein?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein sympathischer Mensch!&#8221; beteuerte Schaller, der ziemlich
-gezecht hatte. &#8222;Eine von jenen hochbegabten Naturen, die keinen
-Platz finden im hundsgewhnlichen, miserablen, mittelmigen
-Reichsdeutschland! Verstanden, Otto S.?!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, na! Das glauben Sie ja selber nich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Selber nicht? War ich nicht Referendar, ehe ich Kaufmann
-wurde? Warum bin ich ausgerissen? Weil mir der Atem ausging
-zwischen euren Hinter- und Vordermnnern, die einander Hacken
-und Zehen abtreten!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Riesiger industrieller Aufschwung in Deutschland! So 'ne
-Titanic &mdash; die bertrumpfen wir! Mittelmig? Steckt 'ne Masse
-Genie im modernen Deutschland!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;I natrlich! In allen technischen Dingen, selbstverstndlich!
-Zeppelin &mdash; bravo! Aber sonst? Genie? Wo denn? Was wissen Sie
-denn, Samuel, in Ihrem Verstandeskasten, was Genie ist? Wo sind
-denn die groen und ewigen Ideen in eurer Politik oder Literatur?
-Reporter seid ihr, ganz schwunglose Reporter und Photographen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, und Richard Strau?! Und Reinhardt! Gehen Se mal
-in den Berliner Zirkus und sehen Se so 'ne Auffhrung! Und
-hat nicht Hauptmann den Nobelpreis gekriegt? Was wollen Se
-denn noch? Wollen Se wieder Vergimeinnichts-Geschmack einfhren,
-Sie?!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mann, Markuse, machen Sie mich nicht wild!&#8221; schrie der
-Champagner aus Schaller. &#8222;Wo ist denn da Gre?! Gre, sag'
-ich, Sie, Sie &mdash; Sie Mann mit dem zweckdienlichen Verstandes-Apparat!
-Sie Nchterling! Sie Mensch ohne Seele! Kurzum,
-Sie Geldbeutel!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schaller, Sie schallen wieder mal brutal, aber brillant!&#8221; Der
-Kommerzienrat lachte sein meckerndes Lachen, ohne das geringste<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span>
-belzunehmen. &#8222;Ihnen fehlt ein pikantes Weibchen &mdash; so wie da
-die Trotzendorff. Unter uns &mdash; die und der Stein, h? Da ist auch
-nicht alles geheuer. Hat brigens in Weibersachen Geschmack,
-dieses Mineral &mdash; seine Freundin ist hbscher als seine Bcher!&#8221;</p>
-
-<p>Und Marx lachte und schlrfte zwinkernd seinen Mokka.</p>
-
-<p>&#8222;Was halten Sie denn von seinen Bchern?&#8221; fragte Schaller
-unwirsch, denn er empfand fr Ingo entschiedene Zuneigung.</p>
-
-<p>&#8222;Nu, ich hab' se nich gelesen &mdash; aber was man so hrt &mdash;
-Nee! Heroismus? Das Buch ist geschmacklos eingebunden. Und
-der Inhalt &mdash; sliche Phrasen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Phrasen? Dieser grundehrliche Stein? Sehen Sie sich doch
-dieses offene Gesicht an!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich nenne das Phrasen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Beweis!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nu, ich sage Ihnen, ich nenne das Phrasen, und damit Punktum!
-Was ist da zu beweisen?! Und sein Drama: &#8218;Der Sngerkrieg&#8217;!
-Das hat ja schon der Wagner komponiert! Und was er
-sonst verfat hat aus der Mythologie, das kann man hchstens noch
-mit Musik goutieren! Fr mich Schwulst, ser Brei, Phrasen!&#8221;</p>
-
-<p>Er trank erbittert und nervs seinen Mokka leer, hatte sich in
-Hitze geredet und schaute ergrimmt seinen Gegner an. &#8222;Nu, was
-wollen Sie noch? Im brigen ein liberaler und honetter Mensch,
-sag' ich selber! Alles, was recht ist! Und ohne Adelsdnkel! Ein
-Charakter, aber ein sehr bescheidenes Talentchen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was verstehen Sie denn eigentlich unter Talent?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nu, da einer was kann!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wer stellt denn fest, ob einer was kann oder nicht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die ffentliche Meinung! Wir! Leute von Geschmack! Ganz
-einfach!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn aber die ffentliche Meinung auf Irrwegen luft? Habt
-ihr euch nicht hundertmal geirrt, ihr Deutschen, und lebende Talente
-totgeschwiegen und totgeschwatzt?!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mit dieser Ausflucht kann sich jeder erfolglose Dilettant
-decken&#8221;, bemerkte Marx nicht mit Unrecht. &#8222;Man hat denn doch<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span>
-im allgemeinen eine sichere Witterung, was ein moderner Mensch
-is und was nur so nachdichtet. Unsere Nerven brauchen ein Stimulans,
-Neutner, Reizungen, pikante Probleme &mdash; verstehen Se?
-Ich protegiere da einen Dramatiker &mdash; was wetten wir, da ich ihm
-den Schillerpreis verschaffe? Wissen Se, wie so wat gemacht wird?&#8221;</p>
-
-<p>Marx rckte vertraulich nher; und Schaller starrte unbeholfen
-in ein Paar pfiffige Augen.</p>
-
-<p>&#8222;Denn solche Talente <em class="gesperrt">kann</em> man machen, den Stein nicht.
-Da wird in klugen Abstnden eine Notiz ins Tageblatt lanciert &mdash;
-brigens auch Durchflle schaden nicht, wenn nur die ffentlichkeit
-beschftigt bleibt! &mdash; also eine Notiz: der ringende, begabte, geniale
-Dramatiker <span class="antiqua">etc., pp.</span> &mdash; merken Se wat? Dann gute Verbindungen
-bei der Presse &mdash; nu, und nach und nach gewhnt sich die Welt an
-den Namen. Aber pikant mu er dichten, pikant! Mit diesem biedren
-Stein &mdash; nee, damit ist kein Haus zu bauen.&#8221;</p>
-
-<p>Schaller senkte den Kopf und betrachtete die Diamantknpfchen
-seines zerknitterten Frack-Vorhemdes.</p>
-
-<p>&#8222;Ihr habt unbedingt die Herrschaft&#8221;, sprach er dumpf, wie
-zu sich selber.</p>
-
-<p>Dann schaute er aus seiner halben Betrunkenheit auf, fate
-seinen Freund Marx ins Auge und schnarrte pltzlich in schrfstem
-Leutnantston:</p>
-
-<p>&#8222;Otto Samuel, Sie heien Markuse &mdash; und damit ist alles
-gesagt! Schlu der Debatte!&#8221;</p>
-
-<p>Marx sprang rgerlich auf. Aber einige spt zurckkommende
-amerikanische Dollarknige gaben dem Gesprch einen neuen Aufschwung.
-Es war von Kartellen, Syndikaten, Trusts die Rede,
-nchtern, kaufmnnisch, und die Stze waren gespickt mit Zahlen.</p>
-
-<p>Der kleine Marx und der groe Schaller waren wieder in
-ihrem Element. Und sie schttelten sich beim Auseinandergehen
-gemtlich die Hnde. Denn jeder schtzte des andren kaufmnnische
-Begabung.</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 80px;">
-<img src="images/p024_deco.png" width="80" height="74" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p025_deco.png" width="600" height="50" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Drittes Kapitel</small><br />
-
-<big>Die Freundin</big></h3>
-
-<div class="citel">
-<p class="noindent">
-Unruhig Glck im Stehn und Sphn und Warten!</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Nietzsche</span>
-</p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p025_cap.png" alt="E" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">E</span>
-in heies Herz und eine bewegliche Phantasie sind kein
-unbeschwerliches Geschenk der Gottheit. Ingo entsann
-sich, wie leidenschaftlich ihn einst in der Jugend die
-Sonntagsspiele mit seinen Kameraden hingerissen hatten. Jene
-Spieltage waren so voll, so glhend schn, da ihm am Abend
-das Herz weh tat, wenn er sich von den Gespielen trennen sollte.
-Noch oft im Leben mute er mit mnnlicher Besonnenheit Heimweh
-nach dem Schnen und Guten ins rechte Ma zwingen.</p>
-
-<p>So war ihm Rhythmus ein Mittel der Bndigung allzu drangvoll
-emporquellender Gefhle. Und wie fr das Schne, so war
-er fr Gte empfnglich. Mit einem herzlichen Wort konnte man
-alles von ihm erreichen; Hrte rief seine Vertrutzung wach. Er
-war geschaffen zur Freundschaft, zur Brderlichkeit, zur Liebe.
-Doch grade weil seine Natur so warmherzig und phantasievoll
-allen Reizungen antwortete, brauchte er als Gegenkraft viel Kultur
-und Bildung, um in sich jenes edle klassische Gleichma auszugestalten,
-das dem Idealisten vorschwebte.</p>
-
-<p>Ein Dreibund liebender Freundschaft bestand zwischen Ingo
-von Stein und dem Ehepaar Trotzendorff.</p>
-
-<p>Baron von Stein-Waldeck hatte Staatswissenschaft, Geschichte
-und Literatur studiert und nach dem Doktor-Examen die Universitt
-verlassen. Seinen soldatischen Pflichten hatte er als reitender
-Artillerist gengt und war nun Leutnant der Reserve. Ihm stand
-ein aussichtsvoller Staatsdienst offen; die Verbindungen des Freiherrn
-aus altem Hause waren vorzglich. Eine edle Jugendfreundin
-war ihm so zugetan, da Verlobung zu erwarten war. Doch<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span>
-etwas in ihm zgerte, sich dem Staatsgefge und dem Familienleben
-anzuvertrauen. Und als er Frau Friederike von Trotzendorff
-kennen und lieben gelernt hatte, begann fr ihn eine neue Lebensepoche.
-Er lebte fortan seinen musikalischen und literarischen Idealen.
-Diese Frau, ehedem bedeutende Sngerin, war ganz Phantasie
-und Gefhl. Und so befreite sich unter ihrer Besonnung auch in
-ihm die fhlende Phantasie; und die beiden flogen miteinander
-empor in alle Herrlichkeit und Flle der Kunst und der Natur.
-Stein hoffte, unter Fhrung solcher Muse, Knstler zu werden.</p>
-
-<p>Aber die Muse kann nur begleiten, nicht geleiten. Frau Phantasie
-kann fliegen, aber nicht schreiten; kann ein Leben verschnen,
-aber nicht eines Lebens Fundamente bauen.</p>
-
-<p>Der wandernde und fliegende Spielmann sprte mehr und
-mehr, da etwas in ihm unbefriedigt blieb.</p>
-
-<p>Seine edelgestimmten Bcher hatten an das Tor der deutschen
-Seele gepocht; doch war keine Antwort gekommen. Ingo wurde
-darob weder bitter noch sentimental; das lag nicht in seiner grozgigen
-Natur; auch berschtzte er nicht das Buchmachen. Immerhin
-legte er stutzend die Feder aus der Hand und horchte fragend hinaus.</p>
-
-<p>Wo war das Deutschland, das er suchte?</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Als Ingo von Stein am andren Morgen in den gemeinsamen
-Salon trat, der sein Zimmer vom Trotzendorffschen Gemach trennte,
-erwartete ihn Frau Friederike.</p>
-
-<p>Sie trug ihr helles Morgenkleid, das den Hals frei lie. Der
-prchtig gebaute, nur etwas zu volle Krper dieser leicht in allen
-Nerven vibrierenden Knstlerin mit den stahlblauen Augen, der
-krftig vorspringenden Nase, den ppigen Lippen schien fr Bhne
-und Salon geschaffen; ihre Bewegungen waren elastisch; ihre
-Stimme weich, doch hufig belegt und zaghaft, denn ihr Herzschlag
-geriet bei Schmerz und Freude allzuleicht in Unordnung.</p>
-
-<p>Er kte ihr mit ernstem und mdem Gesicht ehrerbietig die
-Hand. Aber die nervs erregte Freundin hielt seine Hnde fest.</p>
-
-<p>&#8222;Ich hab' mich nach dir gebangt, Ingo, ich hab' in der Nacht<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span>
-so viel an dich denken mssen. Denn ich war gestern abend kleinlich,
-vergib, ich war eiferschtig!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Eiferschtig?! Aber seit wann gibt es denn das zwischen freimtigen
-Freunden?&#8221;</p>
-
-<p>Ingo sprte sofort, da ein ernstes Gesprch bevorstand. Er
-wnschte und frchtete dieses Gesprch; denn in der letzten Zeit
-war Frau Friederike von einer seltsam sorglichen Unrast, eine Lwin,
-die um ihr Junges besorgt war.</p>
-
-<p>&#8222;Friedel,&#8221; sprach er weit ausholend, &#8222;mir sind in der Nacht
-schwere Gedanken durch Kopf und Herz gegangen. Sieh, als ich
-damals dem Beruf auswich, trennte ich mich auch von meiner
-Jugendfreundin Elisabeth. Ich mu offen mit dir sprechen. Du
-weit, wann es war, als ich dir mitteilte, ich htte meine heimliche
-Verlobung stillschweigend aufgelst. Wir hatten den zweiten Teil
-des Faust gesehen; wir waren entzckt von der Helenatragdie.
-Dieser Faust &mdash; so setzt' ich dir nach dem Theater auseinander &mdash;
-ist berauscht vom Drang nach Schnheit, fhrt durch die halbe Welt,
-um eine Helena zu finden, irrt durch die blaue pharsalische Nacht
-mit dem unentwegten Ruf: Wo ist sie? O Himmel, ich will's mit
-diesem Schnheitsucher halten! Und du glhtest mit, und wir
-erlebten miteinander tiefste seelische Offenbarung. Seit jener Stunde
-such' ich das Ideal in der Fremde und habe mein deutsches Gretchen
-vergessen. Ihr nennt mich &#8218;Spielmann&#8217; &mdash; in der Tat, ich
-frchte fast, ich spiele mit dem Leben. Und manchmal ist mir, als
-wre Goethes Helena-Tragdie und mein jetziges Dasein nur galvanisiertes
-Leben, und ich htte den Boden unter den Fen verloren.&#8221;</p>
-
-<p>Sie hatten beide Platz genommen und saen sich auf steifen
-modernen Sthlen in dem weigrauen Salon gemessen gegenber,
-mit groen Augen beide ins Unbestimmte schauend. Er hatte
-von der Eifersuchtsfrage glcklich abgelenkt und das Gesprch ins
-Bedeutende erhoben.</p>
-
-<p>&#8222;Du willst damit sagen,&#8221; erwiderte sie schwer, &#8222;da ich es bin,
-die dich aus der Bahn geworfen hat.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Nein, Friedel, das will ich damit nicht sagen; denn ich bin
-dir dankbar. Was ich in Bayreuth, auf Reisen, am Klavier und vor
-Bchern oder in Gesprchen durch dich in mich aufgenommen habe,
-ist unvergleichlich. Du hast mir eine neue Welt aufgetan. Du hast
-meine Flaumfedern in Flgel verwandelt. Aber &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du httest ganz recht, eiferschtig zu sein, wenn das Wort
-nicht zu hlich wre&#8221;, sprach er pltzlich, stand auf und ging hin
-und her. &#8222;Denn du fhlst richtig, da etwas in mir nicht befriedigt
-ist. Und an jenen Mdchen da oben auf dem Hgel ist es mir zum
-Bewutsein gekommen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was ist dir zum Bewutsein gekommen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mein Beruf und meine Braut, beides gehrte einst zusammen.
-Und ich habe in mir die bis zum Eigensinn gesteigerte Empfindung:
-wenn ich meine Lebensgefhrtin finde, ist auch mein Beruf
-gefunden. Ein stilles, husliches Mdchen wie diese schne
-Stickerin da oben auf dem Hgel erregt mir Heimweh.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und Helena? Und die freie Welt der Schnheit? Ingo,
-willst du Philister werden?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber, Friedel, bist nicht auch du Gattin und Mutter?!&#8221;</p>
-
-<p>Das wurde fast zornig herausgeschleudert. Er hatte sich wieder
-gesetzt. Sie saen in den feierlichen Lehnsthlen und schauten sich
-bei aller hflichen Haltung einen Augenblick wie Gegner an.</p>
-
-<p>Ruhiger fuhr er fort:</p>
-
-<p>&#8222;Und dennoch hast du deine Welt der Schnheit in dir, Friedel
-&mdash; in deinem Innern, in deiner Kunst, in deiner Huslichkeit.
-Ich aber suche sie drauen, ich laufe in der Welt herum und spiele
-mich mit der Laute ber mein Heimweh hinweg. Ich habe Heimweh
-nach festem Boden, Friedel. Das ist alles.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Freundschaft gengt dir nicht mehr,&#8221; erwiderte sie
-dumpf und traurig, &#8222;du bist meiner mde.&#8221;</p>
-
-<p>Er war zornig, da sie immer wieder das Gesprch auf ihre
-Person ablenkte, statt seinen Kmmernissen sachlich zu folgen.</p>
-
-<p>Doch er beherrschte sich.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Mit deiner Person hat meine Sorge nichts zu tun, Friedel.
-Es wre mir lieber, du wrdest mit Richard und mir sachlich beraten.
-Ich halt' es einfach nicht mehr aus, auf dieser Titanic mitzuschwimmen,
-ohne Ziel, ohne Heim, ohne Beruf. Denn es ist
-die Frage, ob ich zum Bchermachen berufen bin. Die allgemeinen
-Sorgen der Deutschen sind mir wichtiger; die Ratlosigkeit dieser
-modernen Menschen in den Fragen ber Tod und Leben macht mir
-schlaflose Nchte. An dieser Lsung mcht' ich im Herzen Deutschlands
-mitsinnen, dort, wohin ich durch Geburt gestellt bin. Statt
-dessen lauf' ich im Ausland herum.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was hat denn das mit den Mdchen da oben zu tun?&#8221; fragte
-mit unerwarteter Wendung die echte Frau, die ihm gegenbersa.</p>
-
-<p>Er schwieg. Auf diesen Seitenangriff war er nicht gefat gewesen.
-Sie hatte recht: zwischen dem Philosophen, der sich gestern
-in das Titanic-Gesprch gemischt hatte, und dem verliebten Lautensnger
-war ein Unterschied. Jener suchte den festen Punkt; dieser
-aber wanderte als Spielmann durch die schne Welt, durstig nach
-Schnheit. Und in der Schnheit nach Frieden &mdash;? Und im Frieden
-eben nach dem festen Punkt &mdash;?</p>
-
-<p>&#8222;Ingo, ich will dir etwas sagen, was einmal gesagt werden
-mu, wenn wir nicht alle drei in Unnatur geraten sollen. Sieh,
-ich habe schon mehrmals beobachtet, wie dein Auge hbschen jungen
-Mdchen nachflog &mdash; und wie du dann zu erschrecken pflegtest, fast
-wie ein ertappter Junge, wenn du meinem Blicke begegnetest. Ach,
-ich sehe ja wohl, wie du suchst; und ich habe ja auch gar kein Recht,
-dich festzuhalten. Lieber Junge, es hat mich aber immer gedemtigt,
-wenn ich dich so vor mir zusammenfahren sah: er frchtet
-meine Eifersucht, hab' ich mir sagen mssen. Also hab' ich dir Anla
-gegeben, da du mich fr kleinlich halten mut? Und du hast
-recht: ich bin kleinlich, bin eiferschtig, bin ein Hasenfu, ich habe
-Angst um dich; ich frchte, da du einmal auf irgendein hbsches,
-leeres Lrvchen hereinfllst, in das du dein eigenes Ideal einstrahlst.
-Oh, Gott im Himmel wei es: dieser Schmerz um dich
-ist grer als der Schmerz um meine seelische Vereinsamung!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p>
-
-<p>Frau Friederike, die ihrem Freund um mehrere Jahre an
-Alter voraus war, stand rasch auf, hielt ihr Taschentuch an die
-Augen und trat ans Fenster. Auch Ingo erhob sich, blieb aber am
-Lehnstuhl stehen und bi sich in die Lippen. Schon einmal hatte
-er eine solche Szene erlebt, wo die ruhige und frhliche Wrme
-der Freundschaft in flammende Liebe bergeschlagen war. Er
-sprte auch jetzt wieder die unheimliche Schwle vor dem Sturm.
-Aber er hatte sich fest in der Hand und blieb hochaufgerichtet und
-unnahbar hinter seinem Sessel stehen.</p>
-
-<p>&#8222;Einmal schon&#8221;, weinte es vom Fenster her, &#8222;hab' ich mich
-zwischen dich und eine andre gestellt. Ich will es nicht wieder tun.
-Ich will vielmehr die erste sein, die dich beglckwnscht. Nur sag'
-es mir, sag' es mir gleich und offen, tu's nicht hinter meinem Rcken,
-stell' mich nicht pltzlich vor die Tatsache &mdash; denn das erschttert
-meine Nerven mehr, als ich ertragen kann.&#8221;</p>
-
-<p>Sie hatte sich die ganze Nacht mit dem Gedanken abzufinden
-gesucht, da sie des Freundes Herz an ein junges Mdchen verloren
-habe. Und diese Empfindung verallgemeinerte sich in ihr zur
-erschtternden Erkenntnis, da sie eine alternde Frau sei, da sie
-Jugend nicht festhalten knne, da alle Helena-Schnheit dahinschwinde
-in die wesenlose Nacht der Zeit. Mit elementarer Kraft
-war diese Empfindung ber sie gekommen. Und zwei Mchte
-hatten nachtlang in ihr gekmpft und kmpften jetzt noch in dieser
-Stunde: entweder leidenschaftlich festzuhalten, zu genieen, zu
-sndigen, strmisch den Freund zu umfangen &mdash; oder durch rasche
-Trennung sich wieder zu beruhigen und in Harmonie zurckzufinden.</p>
-
-<p>Frau Friederike war weder zu dem einen noch zu dem andren
-stark genug.</p>
-
-<p>Als sie sich jetzt zu ihm umwandte und Ingo ihr trnenvolles
-Gesicht sah, traten sie sich beide einige Schritte nher. Dann blieben
-sie wieder stehen. Was an Gte in ihnen war, schlug vom
-einen zum andren hinber. Wieder schritt sie vor &mdash; und pltzlich
-lief sie hin, umschlang ihn heftig und weinte:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Ingo, verla mich nicht!&#8221;</p>
-
-<p>Wie ein Hilfeschrei, erschtternd, schlug es aus ihr empor. Doch
-zugleich stie sie ihn zurck, lief mit dem Taschentuch vor den Augen
-laut schluchzend nach der Nebentre, schmetterte sie hinter sich zu
-und riegelte sich ein.</p>
-
-<p>Ingo wute aus frheren Anfllen hnlicher Art, da sie nun
-stundenlang auf dem Diwan liegen und sich ausweinen wrde.</p>
-
-<p>Der Spielmann ging sorgenvoll im Zimmer auf und ab.</p>
-
-<p>Der gestrige Tag dort auf dem Hgel, zwischen Kirschbaum
-und Zypresse, bei scheinbar so belanglosem Geplauder mit ein
-paar unreifen Mdchen, war eine Lebenswende. Jetzt galt es klaren
-Entschlu. Sollte er sofort hinaufgehen, diese brgerliche Frau
-Frank-Dubois aus dem Elsa, die hier in Sommerfrische weilte,
-aufsuchen und der jungen Schnheit schlankweg seine Hand anbieten?
-Denn jenes wunderschne Gebilde hatte ihn berauscht.
-Aber was war denn an ihr, was ihn entzckte? Sie hatte ja kaum
-den Mund aufgetan. Warum verband er mit ihr die Empfindung
-von griechischer Landschaft und griechischem Tempel? War es nicht
-doch vielleicht nur ein allgemeiner Schnheitseindruck, der mit dem
-Brgerkinde Martha menschlich nicht viel zu tun hatte? Sollte er
-die erprobte Freundschaft mit Richard und Friedel zerbrechen, um
-einem Helena-Phantom nachzujagen?</p>
-
-<p>Mchtig wallte in ihm das Gefhl der Dankbarkeit empor.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben mich gepflegt in meiner Krankheit&#8221;, sprach er zu
-sich selber; &#8222;Friedels beide Knaben lieben mich wie einen lteren
-Bruder. Sie selber nennt mich oft im Scherz ihren ltesten Jungen;
-sie ist besorgt um mich, wie eine Mutter um ihr Kind. Wohl hat
-sie sich damals zwischen mich und Elisabeth gestellt; aber es war
-ein Segen, denn meine verfrhte Heirat wre Spiebrgerei geworden.
-Was wei die Welt von den herrlichen Einzelheiten unsrer
-romantischen Freundschaft! Und wie taktvoll, wie verstehend hat
-sich Richard benommen!... Nein, ich will nicht glcklich sein ohne
-diese beiden trefflichen Menschen.&#8221;</p>
-
-<p>Er pochte an Friedels Tr.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Friedel, nur ein Wort!&#8221;</p>
-
-<p>Es kam von drinnen keine Antwort.</p>
-
-<p>&#8222;ffne nur einen Finger breit!&#8221;</p>
-
-<p>Sie kam endlich, ffnete ein wenig und schaute mit verweinten
-Augen heraus.</p>
-
-<p>Er kte ihre Hand und sagte innig und mit aufmunterndem
-Humor:</p>
-
-<p>&#8222;Friedelchen, wollen wir zu guter Letzt sentimental werden?
-Wollen wir nicht lieber heute noch abfahren und durch die Provence
-wandern?&#8221;</p>
-
-<p>Ihr Taschentuch zuckte vom Gesicht hinweg.</p>
-
-<p>&#8222;Wirklich? Wollen wir fort?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber achtest du mich denn noch, Ingo?&#8221; kam es verzagt
-hinterher.</p>
-
-<p>&#8222;Wunderliches Friedelchen,&#8221; lachte er, &#8222;glaubst du denn, ich
-knnte jemals wirklich vergessen, was du und Richard mir getan
-habt? Das steht in der Chronik der Ewigkeit; dort wollen wir
-einander hoffentlich hell und heiter begegnen. Nicht wahr?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, Ingo&#8221;, sagte sie kindlich und legte die Hnde in die seinen.
-&#8222;Du bist gut, Ingo.&#8221;</p>
-
-<p>Und die Augen trocknend fgte sie hinzu:</p>
-
-<p>&#8222;Geh nun hinunter zu Richard, Lieber, und entschuldigt mich
-bis zu Mittag! Und &mdash; und, Ingo, wenn wir wirklich fahren wrden,
-ich wrde ja jubeln, von hier fortzukommen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du hast recht!&#8221; sagte er frisch. &#8222;Aus den Sentimentalitten
-'raus! Auch ich! Fort in die Welt!&#8221; ...</p>
-
-<p>Am Nachmittag packten sie ihre Koffer. Und am Abend saen
-sie in der Eisenbahn nach Marseille und Avignon.</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 80px;">
-<img src="images/p032_deco.png" width="80" height="61" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p033_deco.png" width="600" height="51" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Viertes Kapitel</small><br />
-
-<big>Der Troubadour</big></h3>
-
-<div class="citel">
-<p class="noindent">
-&#8222;Wer von der Schnen zu scheiden verdammt ist,<br />
-Fliehe mit abgewendetem Blick!&#8221;</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Goethe</span>
-</p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p033_cap.png" alt="I" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">I</span>
-n den Anlagen des Felsenvorsprungs <span class="antiqua">Rocher des Doms</span>
-oberhalb der Papstburg zu Avignon lustwandelten das
-Ehepaar Trotzendorff und der Troubadour Ingo von
-Stein.</p>
-
-<p>Der Major studierte mit der ihm eigenen Grndlichkeit die
-Einzelheiten des Baedeker; Friedel und Ingo umfaten hinausschauend
-das ganze Bild der Abendlandschaft, die in leuchtender
-Deutlichkeit um sie her ausgebreitet lag.</p>
-
-<p>Hundert Meter unter jener gelblichgrauen Felsmasse strmt die
-Rhone, am Tag schlammgrau, doch in solcher Abendrte rosig und
-blau. Ein purpurtiefer, von Wolken unterbrochener Sonnenuntergang,
-in der heroischen Farbenstimmung eines Poussin, funkelte
-ber Turm und Villen des gegenberliegenden Villeneuve-les-Avignons;
-Luft und Berge waren dunkelblau; im Duft des Ostens,
-gro und goldrot, stand schon wartend auf das Amt der Nacht die
-Leuchtkugel des Mondes.</p>
-
-<p>Die drei Freunde hatten kurz zuvor mit dem lebensheitren
-Wchter der Papstburg, Monsieur Vassel, der sich stolz <span class="antiqua">flibre</span> und
-<span class="antiqua">chanteur</span> Mistrals nennt, ein muntres Zwiegesprch gehabt, das
-angenehm in ihnen nachklang. Die hohen und stumpfen Trme
-des ppstlichen Kastells schienen heute heiter und verklrt zu leuchten
-in den Farben des Frhlings und der Abendrte.</p>
-
-<p>&#8222;Was fr heiter-natrliche Menschen wohnen in dieser Provence!&#8221;
-bemerkte Ingo. &#8222;Man erholt sich in diesen alten Nestern
-vom Luxusleben der Riviera-Hotels. Ich habe nicht bel Lust, den<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span>
-provenzalischen Geistesknig, den alten Meister Frdric Mistral,
-in seinem Drfchen Maillane selber zu besuchen.&#8221;</p>
-
-<p>Die goldene Madonna auf der Spitze des Doms, der noch
-ber das starke Papstschlo hinausragt, breitete segnend die Hnde
-ber die rings heraufblhende Landschaft und schaute dem Gold
-der Sonne nach, von dem sie angeglht war. Der immergrne
-Hain mit den schiefgewehten Pinienwipfeln war belebt von Vogelgesang
-und wenigen Abendspaziergngern. Bedeutend grte vom
-Norden her der weie Gipfel des Mont Ventoux. Doch war die
-Lenzluft khl; das kleine, reizend ummauerte Avignon mit seinen
-engen Gassen schien sich frierend um das steile Mauerwerk der
-Papstburg zu drngen. Und die Gehfte der Provence freuten sich
-der festen Zypressenwnde, durch die sie gegen den rauhen Nordwind
-geschtzt werden. Es lag ein Frsteln in der Luft und in den
-Seelen der beiden Menschen, die in das Abendgelnde hinaustrumten
-und windgeschtzte Stellen suchten.</p>
-
-<p>&#8222;Die abgebrochene Brcke da unten&#8221;, erklrte Trotzendorff, der
-mit seinem roten Buch herantrat, &#8222;ist die uralte Brcke St. Benezet.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Steht nicht ein Kapellchen drauf?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, das Fest des Heiligen wird jhrlich mit Tnzen gefeiert.
-Daher der alte Volksreim: <span class="antiqua">Sur le pont d'Avignon tout le monde
-danse.</span>&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Eine Tanzbrcke also!&#8221; erwiderte Stein. &#8222;Sie geht nur bis
-in die Mitte des Stromes: ich hoffe, da sie dann nicht ins Wasser
-tanzten? Oder kletterten dort die Nixen herauf und tanzten mit?
-Jedenfalls die Brcke des lustigen Lebens. Ein Gegenstck also zu
-dieser schweren Papstburg!&#8221;</p>
-
-<p>Er setzte sich auf die Steinbrstung. Und whrend sich die
-frstelnde Frau Friederike fest in den Mantel hllte und am Arm
-ihres Gatten im Schnellschritt durch die Anlagen lief, um sich wieder
-zu erwrmen, flossen dem Troubadour einige Verse ins Notizbuch.
-Er trug sie nachher seiner Freundin vor; Richard sa derweil wieder
-auf seiner windstillen Bank und las die Landschaft aus dem
-Fremdenfhrer ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Leicht rauschte die Rhone vor alter Zeit,<br /></span>
-<span class="i0">Schwer stand der Papst auf den Schanzen &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Und sah auf der Brcke von Avignon<br /></span>
-<span class="i0">Ein leichtes Vlkchen tanzen.<br /></span>
-<span class="i0"><span class="antiqua">Sur le pont<br /></span></span>
-<span class="i0"><span class="antiqua">d'Avignon<br /></span></span>
-<span class="i0"><span class="antiqua">Tout le monde danse.</span><br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Da blhte sich sein Purpurkleid,<br /></span>
-<span class="i0">Gewaltig schnauften die Nstern:<br /></span>
-<span class="i0">Der schwere Mann des Kampfes ward<br /></span>
-<span class="i0">Nach leichten Tnzen lstern.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Der Papst stand, ein Gebild aus Stein.<br /></span>
-<span class="i0">So standhaft, stark und massig &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Die Tnzer der Brcke von Avignon<br /></span>
-<span class="i0">Tanzten geschmeidig und rassig.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Wir trmen Granit,&#8221; so sprach der Papst,<br /></span>
-<span class="i0">&#8222;Wir stlpen Zinnen darber:<br /></span>
-<span class="i0">Das Volk auf der Brcke von Avignon<br /></span>
-<span class="i0">Tanzt an der Wucht vorber.&#8221;<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Wir trmen Satzung und Gesetz<br /></span>
-<span class="i0">Zu burghaft-steinernem Ganzen &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Was tut das Volk? Ich sehe das Volk<br /></span>
-<span class="i0">Am Stein vorbertanzen!&#8221;<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Ein Schelm sang, eine Laute klang,<br /></span>
-<span class="i0">Das sprang um den Lauscher der Zinne:<br /></span>
-<span class="i0">&#8222;Da oben steht der Herr von Stein,<br /></span>
-<span class="i0">Inzwischen tanzt im Abendschein<br /></span>
-<span class="i0">Vorber die lustige Minne!&#8221;<br /></span>
-<span class="i0"><span class="antiqua">Sur le pont<br /></span></span>
-<span class="i0"><span class="antiqua">d'Avignon<br /></span></span>
-<span class="i0"><span class="antiqua">Tout le monde danse!</span></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p>
-<p>In Frau von Trotzendorff arbeitete sich ein Entschlu langsam
-zutage. Sie schwieg zu diesen Versen; warf ein beiflliges &#8222;Hbsch!&#8221;
-hin, kaum hrbar, und hllte sich in Schweigen. Sie war seit der
-Abreise von der Mittelmeerkste sehr heiter und zrtlich gewesen.
-Heute war sie schon den ganzen Tag schweigsam.</p>
-
-<p>Pltzlich blieb sie stehen, schaute den Freund aus ihrem hochgestlpten
-Kragen heraus eindringlich an und sagte:</p>
-
-<p>&#8222;Gestattest du mir ein offenes Wort?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Tausend offene Worte, Friedel!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bedauert Ingo, da er ohne Abschied abgereist ist?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Von der Riviera? Aber Schaller hat uns ja an die Bahn gebracht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du weit, wen ich meine.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die Mozart-Mdchen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun &mdash;? Und wieso denn soll ich das bedauern?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sag' mir offen: soll das Gedicht, das du mir soeben gelesen
-hast, eine Anspielung darauf sein, da Jugend und Minne an dir
-vorbertanzen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Friedel &mdash;!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;An dir vorbertanzen, whrend du hier oben bei mir aushalten
-mut?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Friedel!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sei wahrhaftig, mein Lieber! Sieh, ich stehe immerzu unter
-dem Eindruck: es ist etwas in dir unbefriedigt. Du suchst etwas,
-was Richard und ich dir nicht geben knnen. Du trumst oft in
-die Ferne, du besinnst dich dann pltzlich wieder auf mich und suchst
-mit Zartheit das Versumte nachzuholen. Nein, leugne nicht!
-Verla dich drauf, da eine Frau, wenn sie jemandem gut ist,
-hierin ein sicheres Gefhl hat! Das bedrckt mich, Ingo. Es wre
-sndhafter Egoismus von mir, wenn ich dich beschlagnahmen wollte.
-Ist nicht unser Herzensbund auf Freiheit und Vertrauen gestellt?&#8221;</p>
-
-<p>Sie legte ihm die Hand auf die Brust.</p>
-
-<p>&#8222;Du, Ingo, ich will dir was sagen,&#8221; fuhr sie fort und stellte<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span>
-sich, als wr' ihr ein jher Einfall gekommen, &#8222;du holst das Versumte
-nach, du entschuldigst dich brieflich bei den Mdchen! Verstehst
-du? Du schreibst ihnen in deiner liebenswrdigen Art einen
-liebenswrdigen Brief! Ja? Meinetwegen zwei, meinetwegen
-drei! Glaubst du mir dann, da ich nicht eiferschtig bin? Bist du
-dann heiter und glcklich?&#8221;</p>
-
-<p>Der Spielmann verhehlte nicht sein angenehmes Erstaunen.
-Ihre aufmerksame Beobachtung stellte fest, da ein Leuchten ber
-sein Gesicht flog.</p>
-
-<p>&#8222;Wirklich, Friedel?&#8221; rief er berrascht. &#8222;Friedel, du sprichst da
-eine Anregung aus, die mir selber schon ganz unbestimmt durch den
-Kopf gegangen war, das will ich dir nur ruhig gestehen. Ja denn,
-ich habe etwas wie Heimweh nach jenen harmlos-heitren, unbedeutenden
-jungen Mdchen; und es kommt mir unartig vor, und
-vor allem war es unntig, da ich so ohne Abschied davongelaufen
-bin. Also, Liebste, wir wollen einen Vertrag machen: ich plaudre
-brieflich mit jenen muntren Geschpfen ber unsre Fahrten und
-gebe dir das Geschriebene, und du schreibst ein scherzhaft Nachwort
-darunter und schickst die Briefe als meine Kanzlerin persnlich ab.
-Nicht wahr? So geht der Weg zu Jugend und Minne durch dich
-hindurch! So ist dieser Briefwechsel durch meine liebste Freundin
-gesegnet! Bist du einverstanden?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich danke dir, Ingo.&#8221;</p>
-
-<p>Sie machte die Hand frei und gab sie ihm mit ernstem, bleichem
-Gesicht.</p>
-
-<p>&#8222;Ich fhle durch den Handschuh hindurch, da du eiskalte
-Hnde hast&#8221;, sprach er lchelnd. &#8222;Komm einmal her, Richard, wir
-reiben Friedels Finger warm!&#8221;</p>
-
-<p>Und er rieb ihre Hnde scherzend zwischen den seinen und
-druckte zuletzt einen Ku darauf. Es entging ihr nicht dieser pltzliche
-Ausbruch liebenswrdiger Heiterkeit.</p>
-
-<p>So schritten sie, als die Heereszge der Nacht von allen Seiten
-ins Rhonetal hereindrangen, miteinander hinab in die Lichter von
-Avignon.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Himmel,&#8221; sprach Ingo, als er auf seinem Zimmer allein war,
-&#8222;was ist denn das mit mir? Ich freue mich ja kindisch, mit diesen
-Mdchen zu plaudern!&#8221;</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Avignon</span>, im Lenz.</p>
-<p class="center">
-Meine reizenden Mozart-Mdchen!
-</p>
-
-<p>Neben mir sa heute abend eine der liebenswertesten Frauen
-Europas und benachbarter Kontinente. Da ich mich bei Ihnen,
-meine Holden, als Troubadour eingefhrt habe, so wollen wir
-auch meine Nachbarin nach der provenzalischen Landschaft benennen:
-sie heit Eleonore von Poitou.</p>
-
-<p>Frau Eleonore von Poitou empfindet es als unartig von
-mir, da ich ohne Abschied von Ihnen geflohen bin. Sie erlaubt
-mir &mdash; nein, sie bittet mich, Ihnen diesen Entschuldigungsbrief zu
-schreiben. Denn sie merkt, da ich so etwas wie Heimweh in mir
-herumtrage. Wonach? Nach Schnheit, Liebe, Glck, Frieden,
-Frohsinn &mdash; was wei ich, wonach! Und nach wem? Ja was
-fr ein innerstes Begehren ist denn eigentlich in unsren modernen
-Herzen?</p>
-
-<p>So schreib' ich denn diese fliegenden Zeilen auf lose Bltter
-berseeischen Papieres, leichten, luftigen Papieres; Eleonore, meines
-Reiches Kanzlerin, wird das Geplauder genehmigen, in einer
-Nachschrift die Richtigkeit besttigen und die Bltter nach Barcelona
-senden, wie man Tauben ausfliegen lt, die aus dem Chaos
-des Meeres das feste Land suchen. Unter solchem Schutze plaudere
-ich nun mit Ihnen, wie wenn wir dort oben auf dem Hgel sen,
-als meine Saiten von selber zu klingen begannen, weil sie berhrt
-wurden von zwiefacher Anmut.</p>
-
-<p>Richtig, Kinder &mdash; fast htt' ich da nun zu jungen Damen
-&#8222;Kinder&#8221; gesagt! &mdash;, und da fllt mir ein, da ich der Jngsten
-jenes Liedchen aufzuschreiben versprochen habe! Das wird nun
-schwer halten; dergleichen mu von Mensch zu Mensch aufglhen,
-das kann man nicht aufs Papier festhexen. Der Gedanke war etwa
-dieser:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Losgelst vom falschen Elemente,<br /></span>
-<span class="i0">Liegt am Strand das munterste der Nixchen,<br /></span>
-<span class="i0">Liegt wie Tang, heraufgeschwemmt vom Meer.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und sie klagt: &#8222;Ich suche Seele, Seele,<br /></span>
-<span class="i0">Eines Mannes liebe Seele such' ich,<br /></span>
-<span class="i0">Denn wir Nixen, ach, sind seelenlos!&#8221;<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Kommt ein Troubadour und neigt sich zrtlich,<br /></span>
-<span class="i0">Auszustrmen seine ganze Seele &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Doch da lacht sie auf und schnellt ins Meer!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Warum schnellten Sie ins Meer und schwammen an die Kste
-von Katalonien?</p>
-
-<p>Ich war in Vaucluse, dem Lieblingsort eines liebenden Einsamen:
-des Sngers Petrarka. Dieser Leidensgenosse hat Donna
-Laura, die schnste Frau der Provence (auer Eleonore von Poitou)
-in Sonetten von ferne besungen. Die lebenslustigen Nixen
-lachten, als wir uns ber diese Art von Liebe unterhielten. Denn
-es sind dort genufrohe Nixen im Quell der Sorgue, unsterbliche
-Tchter der Elemente, die einst Petrarkas melodische Klagen belauscht
-haben. Der Snger trug freilich die Kutte, war grundgelehrt,
-ein Meister damaliger Bildung, ein Ratgeber der Knige
-und Ppste; und die Dame, die er liebte, war eines Ritters Gattin
-und Mutter zahlreicher Kinder. Seit er sie einmal in ihrer
-Jugend in der Kirche Sancta Clara zu Avignon gesehen hatte,
-war es um ihn geschehen; sie war fortan sein Stern, an dem er
-sich orientierte, wenn er das Land der Schnheit betrat.</p>
-
-<p>Ich habe dabei an Dich gedacht, Du &mdash; &mdash; halt, da verschnappt
-sich einer! Ich wollte sagen: ich habe an Euch <em class="gesperrt">beide</em> gedacht,
-meine Holden, besonders an eine von Euch, doch ratet einmal, an
-welche? Ach, ich schttle mich manchmal wie ein Baumwipfel, der
-Blten oder Maikfer oder Kirschen abschtteln mchte &mdash; aber
-Dein Bild sitzt in mir, se Schne, schne Se, und ich kann's
-nimmer abschtteln! Wozu auch abschtteln, was so froh macht?<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span>
-Wie sagt Meister Goethe? Der menschlichen Schnheit wohnt
-Heilkraft inne: wer sie erblickt, den kann nichts bles anwehen,
-er fhlt sich mit sich und der Welt in bereinstimmung.</p>
-
-<p>Heil also dem rztlich wohlberatenen Petrarka! Und Heil dem
-Troubadour und Spielmann!</p>
-
-<p>Unvertrumte Wasser sind in Vaucluse. Die Quelle der grnen
-Sorgue bildet zwar ein stillfunkelndes Becken am Fu einer berhangenden
-gelben Felsmasse; doch diese Quelle wird augenblicks ein
-Bach, ein donnernder Flu, heroisch, nicht idyllisch; nixenlebendig
-kringeln sich die rosig vom Mittagslicht berhauchten Schaumwogen
-in die grnen Wasser hinein und springen ber moosige Felsen den
-Abhang hinunter ins nahe Tal, um dort sofort Papiermhlen zu
-treiben &mdash; oder was sonst da unten geschftig rauchen mag. Rasch
-ziehende, glnzend weie Wlkchen fliegen wie Schwne ber tiefblauen
-Himmel &mdash; nach Sdwesten, nach Spanien. Es ist ringsum
-ein Blhen, efeuumsponnene Bsche, wilde Feigen, Wacholder,
-Zypressen; auch seltsam gezackte Felsen bringen bizarre Linien in
-die Landschaft; und eine kahle Bergruine starrt fragend in den
-Himmel.</p>
-
-<p>Hier hat Petrarka vom weiblichen Rtsel getrumt. Ich will
-Ihnen eine Stelle aus seinem Brief an die Nachwelt abschreiben:
-&#8222;Da ich den mir eingeborenen Widerwillen gegen Stdte berhaupt
-und besonders gegen das mir verhate Avignon nicht berwinden
-konnte, so suchte ich mir einen abgelegenen ruhigen Zufluchtsort,
-um mich dahin wie in einen Hafen zu flchten. Ich
-fand fnfzehn Millien von Avignon ein gar kleines, aber einsames
-und anmutiges Tal, das geschlossene Tal genannt (<span class="antiqua">vallis clausa,
-Vaucluse</span>), in welchem die Quelle der Sorgue, die Knigin aller
-Quellen, aus dem Felsen springt. Gefesselt von dem Reiz dieses
-Ortes, wanderte ich mit meinem kleinen Bcherschatz dahin aus.
-Zehn Jahre bezeugen, wie teuer mir dieser Aufenthalt war. Im
-Schatten dieses Tales hoffte ich auch die jugendliche Glut, die viele
-Jahre in mir loderte, zu khlen. Oft verbarg ich mich dort wie ein
-Flchtiger in einer uneinnehmbaren Burg. Ach, ich wute nicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span>
-was ich tat! Das Mittel selbst ward zum Verderben; die brennende
-Sorge brachte ich mit; und in so groer Einsamkeit fand ich keine
-Hilfe gegen den um so heftigeren Brand. So brachen denn die
-Flammen des Herzens in Klagen aus und erfllten das Tal, von
-manchem als wohllautend gepriesen. Dies ist der Ursprung jener
-in der Volkssprache gedichteten jugendlichen Gesnge der Liebe&#8221; ...</p>
-
-<p>So entstehen Lieder und Klagen, meine Freundinnen &mdash; und
-so entstehen Troubadour-Briefe ...</p>
-
-<p>In der Provence liegt ja Liebe in der Luft. Quellen und Nachtigallen
-sind voll davon; die wilden Rosen klettern um alle Burgtrmmer
-und suchen die Herrin. Sind doch von mehr als vierhundert
-provenzalischen Dichtern des zwlften und dreizehnten
-Jahrhunderts Lieder erhalten! Darunter waren fnf Knige, zwei
-Frsten, zehn Grafen, fnf Markgrafen und fnf Vizgrafen &mdash; zum
-Beispiel Bertran de Born &mdash;, sechs mchtige Barone und neunundzwanzig
-Ritter! Ist es nicht eine rechte Herrenkunst, mit Anmut
-zu lieben?!</p>
-
-<p>ber die Gegend ziehen hufige Wolkenschatten &mdash; und ebenso
-ber das Antlitz der lebendigen Eleonore von Poitou ...</p>
-
-<p>Die historische Eleonore &mdash; erlaubt diese Belehrung! &mdash; war
-Gemahlin Ludwigs des Siebenten von Frankreich und spter des
-zweiten Heinrich von England und war die Mutter des berhmten
-Richard Lwenherz. Vollmenschen! Wuten khn zu lieben und
-zu leben! Wre doch mehr Genialitt in unserer Krmerwelt!
-Die Luft war damals Musik von Waffenklang und Lautensang, von
-Heroismus und Liebe. Ein Buch &#8222;Heroismus&#8221; hab' ich geschrieben
-&mdash; nun mcht' ich der Minne gleichfalls ein freundlich Papier
-widmen &mdash; Papier?! O se Mdchen, ihr habt so entzckend
-schmale und doch volle kirschrote Lippen &mdash; und wie singt Klopstock?</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Ein beseelender Ku ist mehr als hundert Gesnge<br /></span>
-<span class="i0">Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert!&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Da liegen nun in den Bibliotheken die Papiere der Troubadourlieder,
-deren Notenschrift einer vor ein paar Jahren mhsam ent<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>ziffert
-hat &mdash; aber das <em class="gesperrt">Leben</em>? Das blhende Leben?! Den
-Troubadours und Jongleurs pulsierte Wanderblut in den Adern,
-sie durchstreiften das ganze Kulturgebiet, waren auf dem Felde
-der Politik zu Hause wie in Herzensrevieren; und viele ritten in
-den Kreuzzug oder zogen sich am Ende der Umtriebe in ein Kloster
-zurck, wie Bertran de Born. Und ihre besungenen Damen? Es
-schickte sich, da sie verheiratet waren; es gehrte zum Schmuck
-des Hofes oder der Burg, da die Herrin von einem Troubadour
-gepriesen ward. Kurz, ihr Mozart-Mdchen, es war damals mehr
-Poesie in der Welt, mehr Genie! Selten freilich hat der Gatte
-die Gattin besungen &mdash; aber der hatte es ja nicht ntig, Poesie zu
-dichten, denn er <em class="gesperrt">lebte</em> ja Poesie! Und das <em class="gesperrt">Erleben</em> ist doch
-immer wieder das <em class="gesperrt">Kstlichste</em>! ...</p>
-
-<p>Seid Ihr nicht auch dieser Meinung? Gute Nacht!</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Der Troubadour.</span><br />
-</p>
-
-<p><span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Vergib, Liebster, ich <em class="gesperrt">kann</em> diesen Brief
-nicht absenden.</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Eleonore.</span><br />
-</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Arles</span>, im Lenz.<br />
-</p>
-
-<p>Am letzten Sonntagvormittag, meine sen Mdchen, haben
-wir den mehr als achtzigjhrigen Dichter der &#8222;Mirio&#8221; und andrer
-Gesnge, Frdric Mistral, in seinem Drfchen Maillane bei Saint-Rmy
-aufgesucht.</p>
-
-<p>&#8222;<span class="antiqua">Merci de votre bonne visite</span>&#8221; &mdash; das Schluwort des liebenswrdigen
-Greises tnt mir noch immer im Ohr. Nur eine Viertelstunde
-waren wir bei ihm, um diesem provenzalischen Meister zu
-danken fr das, was er getan, fr das, was er ist. Wie artig war
-er zu Eleonore von Poitou! Blumen gab er ihr aus seinem Garten.
-Zwei drollige Hunde hngten sich neckisch an Frau Eleonorens
-Mantel &mdash; &#8222;<span class="antiqua">Toutours</span>&#8221; hie der eine, der sie gar nicht mehr loslassen
-wollte &mdash;, um uns her blhte der einfache Dorfgarten, zu
-ebner Erde ist sein Arbeitszimmer. Er ist nur wenig gebeugt, kam
-uns in seiner Samtjacke hohen Wuchses heiter entgegen, in seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span>
-bekannten weien Spitzbart, so da ich ihn gleich erkannte. Ich erzhlte
-ihm von Thringen, dankte ihm, da er das Banner des
-Idealismus und der Regeneration hochhalte in einer Zeit, die berflutet
-ist von Literatur, nicht aber von Poesie. &#8222;Und Poesie ist
-eine so einfache Sache&#8221;, bemerkte er lchelnd. &#8222;Man braucht nur
-die Kinder anzusehen: ein Kind wei ganz von selber, was Poesie
-ist. Es schaut in die Wolken und schaut Poesie. Man braucht nur
-im Herzen Kind zu bleiben, und man hat Poesie in sich.&#8221; &mdash; &#8222;Das
-ist es!&#8221; rief Frau Eleonore innig. &#8222;Wir lesen jetzt eben Ihre Lebenserinnnerungen
-&mdash; wie kstlich war Ihre Jugend! Ein entzckendes
-Buch!&#8221; &mdash; &#8222;Ich hrte, da man in Deutschland einen Auszug daraus
-fr die Schule hergestellt hat.&#8221; &mdash; &#8222;Sie haben berhaupt viel
-Freunde in Deutschland.&#8221; &mdash; &#8222;Ja, man beschftigt sich dort wissenschaftlich
-mit dem Provenzalischen sehr eingehend; ein deutscher
-Professor schreibt mir sogar gelufig und ohne Fehler Briefe in
-provenzalischer Sprache.&#8221; &mdash; &#8222;Der Name Mistral ist bei uns untrennbar
-mit der Provence verwachsen; die Provence ist Mistral,
-Mistral ist die Provence. Sie haben in Ihren Bchern, in Ihrem
-Lexikon, im Museum zu Arles Dauerndes fr dieses Land getan.
-Wir wollten Ihnen also danken, nicht nur fr Ihre glnzenden
-Verse, sondern dafr, da Sie uns andre ermutigt haben: Ihr
-Name bedeutet ein Programm, ein Symbol, wie man seiner Heimat
-treu bleiben und doch ins Groe wachsen kann. Dafr wollten
-wir Ihnen danken&#8221; ...</p>
-
-<p>Meine Freundinnen &mdash; lassen Sie mich Sie beide so nennen,
-denn in hohen Stunden bin ich allen guten Menschen gut! &mdash;, ich
-wallfahrte gern zu Sttten, wo bedeutende Geister und Herzen
-ihren Mitmenschen etwas zu knden wuten aus hheren Sphren.
-So war ich in Stratford am Avon an einem wolkenlosen Sommertag;
-die glhrote Sonnenscheibe ging unter, als ich von Warwick kam,
-und die ebenso groe rote Mondscheibe stieg auf, als ich im Kahn
-auf dem nchtlichen Avon hinter dem Kirchhof langsam einherfuhr,
-zwischen Weiden und Wiesen und alten Ulmen; so war ich in Schottland
-bei Walter Scott in Abbotsford und bei Robert Burns in<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span>
-Alloway; so in Florenz bei Dante, Savonarola, Michelangelo und
-in Assisi bei Sankt Franziskus &mdash; und so sind mir von Kindheit an
-Weimar, Wartburg und Sanssouci vertraute Sttten. Und so war
-ich nun in Vaucluse und Maillane &mdash; und war auf dem Hgel der
-Mozart-Mdchen! Sagt einmal, Mozart-Mdchen, ist es nicht alles
-ein und dasselbe? Seid nicht auch Ihr beide <em class="gesperrt">Offenbarungen
-der Schnheit</em>?</p>
-
-<p>Mistral hat aus den den Rhonelandschaften Crau und Camargue
-die dichterische Seele eingesogen; die Crau ist eine weite
-steinige Steppe, die Camargue eine Sumpfwildnis voll Herden
-und wildem Geflgel. Und doch hat er sie lebendig gemacht. Ein
-schner Menschenschlag in dieser Provence! Schn sind die <span class="antiqua">Arlsiennes</span>,
-aber ich habe schon schnere Mdchen gesehen ...</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Ach, von des Hgels fernherlachendem Zauber<br /></span>
-<span class="i0">Will sich noch immer kein Bote des Himmels lsen<br /></span>
-<span class="i0">Und mir sagen, ob ich die Eine minnen &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Oder ob ich sie wieder vergessen soll?<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Seid mir gewogen, zierliche Strahlen der Mondnacht<br /></span>
-<span class="i0">Webt aus Goldbrokat ein haltbar Brckchen,<br /></span>
-<span class="i0">Da mein Bote, mein leichthintanzender Bote<br /></span>
-<span class="i0">Bald und gewi die freundliche Botschaft bringe!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Auf ein Zeichen wart' ich des deutlichen Boten,<br /></span>
-<span class="i0">Den die Heimlichen, die mich schon immer beraten,<br /></span>
-<span class="i0">Senden mgen: soll ich die Eine minnen?<br /></span>
-<span class="i0">Oder &mdash; &mdash;?<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Dies schrieb ich, als wir am starken, viereckigen, nach auen
-fast fensterlosen Schlo des Knigs &#8222;Ren des Guten&#8221; zu Tarascon
-saen. <span class="antiqua">Le bon roi Ren</span> war ein poesievoller Knig der Provence;
-er hatte <em class="gesperrt">Phantasie</em> und <em class="gesperrt">Gte</em> &mdash; kann es <em class="gesperrt">schneren
-Bund</em> geben? Auch Frdric Mistral ist ein <span class="antiqua">bon roi Ren</span>, ein
-guter Knig der Provence, aus dessen Wesen die einfache Gte
-eines edelnatrlichen Menschen leuchtet. Wenn ich alt werden soll,
-so will ich mir solch ein Abendrot um meine Welt wnschen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span>
-
-Aber auch dann werde ich nicht aufhren, alles Schne zu
-verehren, berauscht zu stehen vor griechischen Statuen, schnen
-Gemlden, groer Musik &mdash; und niedlichen Zpfen mit ganz entzckenden
-Gesichtern dazu! ...</p>
-
-<p>Hier schaute mir Frau Eleonore in die Bltter; ich neckte sie
-sofort, indem ich recht herzhaft fr ferne Schnheiten schwrmte.
-Doch nun droht sie, mir den Stift aus der Hand zu winden! Kmpfend
-schreib' ich nur noch eben hin: &mdash; bitte, liebste Mgdlein,
-schreibt mir einen Gru nach Lourdes, postlagernd! Oder fliegt
-selber zu eurem &mdash; von Heimweh nach dem Land der Schnheit
-durchglhten</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Troubadour</span>.<br />
-</p>
-
-<p><span class="gesperrt">Nachschrift der Frau Eleonore.</span> Solche Liebesbriefe
-vertraut mein Herzensfreund mir an?! Ich soll sie lesen,
-soll sie absenden! O mein Ingo, was verstehen denn wohl diese
-blutjungen Mdchen von deinen sehnenden Gedanken? Und was
-wissen sie denn wohl von der Kraft und Tiefe, mit der eine reife
-Frau einem Freunde gut ist? Wie kannst du solche Tndelbriefe
-ins Unbekannte aussenden und mir vertrauend zumuten, da ich
-deine Werbung segne? Willst du mir Eifersucht aberziehen? Willst
-du mich auf eine Verlobung vorbereiten? Ein Ingo Freiherr von
-Stein-Waldeck und irgendeine Dir nur wenig, mir gar nicht bekannte
-brgerliche Frulein Frank-Dubois &mdash; soll das einen wrdigen
-Bund geben? Nein, lieber Schwrmer, so darfst Du denn
-doch nicht auf meinem Herzen tanzen. Ich sende auch diesen Brief
-nicht ab, sondern verschliee ihn schweigend in meine Kassette.</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Eleonore von Poitou.</span><br />
-</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Cette</span> am Mittelmeer, auf dem Wege nach Lourdes.</p>
-<p class="center">
-Liebe Freundinnen!
-</p>
-
-<p>In einer toten Hafenstadt, deren nchtliche Laternenreihen
-gespenstisch an den stummen Kanlen stehen, bernachten wir.
-Meine letzten Briefe waren &mdash; Kirschbaum; dieser ist &mdash; Zypresse.<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span>
-Zwischen Kirschbaum und Zypresse saen dort die zwei Schnheiten,
-die mir das Herz ein bichen verwirrt haben: die zapplige
-Jngste dem heitren Kirschbaum nher; Sie aber, meine Stille,
-nahe an der Zypresse.</p>
-
-<p>Die weien Straen der Provence mit ihrem ziehenden Staub
-schlafen dahinten; Orange, Nimes, Les Baux &mdash; all die Schnheiten
-dieser stillen Stdte sind hinter uns verblichen; Regenwetter
-frstelt auf den blhenden Hgeln; der Mond ist verhllt. Frau
-Eleonore krnkelt und ist frh zu Bett gegangen; ihr Gatte sitzt
-unten bei einem thringischen Fabrikanten, der sich uns angeschlossen
-hat; ich habe mich zeitig auf mein Zimmer zurckgezogen.</p>
-
-<p>Wissen Sie, Frulein Martha, da ich mich auf Wandermdigkeit
-ertappe? Wissen Sie, da ich anfange, Sie um den
-Frieden zu beneiden, in dessen feinem, rosigem Gewlk sich Ihre
-Seele immerzu behtet findet? Denn ob ich in einem alten, weitlufigen
-Hotel der Provence, mit Steinfliesen und Kamin, bernachte
-oder in einem Temperance-Hotel zu Edinburg oder zu
-Christiania oder zu Rom oder gar hinter einem Moskitonetz auf
-Ceylon &mdash; es ist dieselbe Welt der Gegenstndlichkeit. Ist es der
-Mhe wert, so viel Maulwurfshgel dieser Erdkugel abzuklettern?
-Lohnt es Zeit und Kraft, so viel Augenkost einzuschlrfen, auf die
-Gefahr hin, sie seelisch nicht mehr verarbeiten zu knnen? Das
-Reisen ist eine Stufe und mu berstiegen werden; so wie die
-moderne Titanenschlacht, dieser Wettkampf aller gegen alle, enden
-mu in einer Katastrophe, wonach dann entfieberte und entgiftete
-Menschen als freie Freunde ruhig miteinander verkehren werden &mdash;
-jenseits der Titanen, auf den Hgeln der Schnheit, wo meine
-Mozart-Mdchen ein so lieblich Leuchten ausstrahlen.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Jenseits der Titanen<br /></span>
-<span class="i0">Sind keine Waffen mehr,<br /></span>
-<span class="i0">Sind nur noch Wunden<br /></span>
-<span class="i0">Und heilende Hnde;<br /></span>
-<span class="i0">Jenseits der Titanen<br /></span>
-<span class="i0">Eroberst du nimmer;<br /></span><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span>
-<span class="i0">Dort wirst du beschenkt.<br /></span>
-<span class="i0">Jenseits der Titanen<br /></span>
-<span class="i0">Wohnt auf den Hgeln der Gtter<br /></span>
-<span class="i0">Die Schnheit, das Glck.<br /></span>
-<span class="i0">Doch niemand wandelt ohne Narben<br /></span>
-<span class="i0">Jenseits der Titanen ...<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ihnen, mein stilles Frulein Martha &mdash; ich will es bekennen:
-an Sie besonders mu ich immerzu denken, die Sie so lieb und langsam
-die langbewimperten Augen auftun, immer mit einem schchternen
-Lcheln um den verlegen halb geffneten Mund &mdash; Ihnen
-besonders gilt dieser nchtliche Gru. Es ist mir, als ob ich in einer
-Kapelle se, obwohl Protestant, und schlicht und fromm zu einer
-Madonna sprche. In meiner Wohnung in Thringen sind alle
-Wnde voll von Bildern, denn ich mu Schnheit um mich haben.
-Auch zu Marseille habe ich Ihrer gedacht, dort oben in der Kirche
-<span class="antiqua">Notre Dame de la Garde</span>, wo die gnadenreiche Jungfrau Meer
-und Hafen bewacht. ber dem Altar jener Kirche, die den ganzen
-Hafen berleuchtet, steht eine silberne Madonna, darber der Gru
-an die Gnadenbringerin: <span class="antiqua">Ave gratia plena!</span> Da sich das Heilige
-und Reine so gern in ein Jungfrauenbild symbolisiert! Jungfrau
-und Kind! Etwas Jungfruliches und Kindliches in unsren Seelentiefen
-antwortet wie ein Echo im tiefen Walde, wie eine versunkene
-Glocke aus den Vineta-Gewssern des Herzens. Die Wnde sind
-dort bedeckt mit <span class="antiqua">Ex-voto</span>-Tafeln dankbarer Besucher; ich entsinne
-mich einer Tafel: &#8222;<span class="antiqua">Retour du Dahomey et du Soudan d'un capitaine
-pre de famille</span>&#8221;; und so drckten viele ihren Dank aus, ihre
-&#8222;<span class="antiqua">reconnaissance Marie</span>&#8221; oder &#8222;<span class="antiqua"> notre honne mre</span>&#8221;. Die Luft
-ist an jener schnen, steil gelegenen Kirche voll von Dank- und Bittgebeten.
-Und das ist sinnig. So mgen schon in Urzeiten die Schiffer
-des Mittelmeers ihre Heimat gegrt und mit erhobenen Hnden zu
-ihren Gttern gebetet haben. Vielleicht stand eine sinnliche, schaumgeborene
-Aphrodite, wo jetzt eine seelenvolle Madonna silbern
-strahlt ...</p>
-
-<p>Wunderschn ist der Blick von jenem Steinhgel ber Mar<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>seille,
-die vorgelagerten Inseln, worunter die Trme des kleinen
-Chteau d'If, die langen Hhenzge, die Flotillen der Segelschiffe
-und einzelne groe Dampfer. Und wenn man sich aus dieser bunten
-Vielheit umdreht, so glht hinter uns, im Dunkel der Kirche, die
-immer gleich ruhige rote Ampel, das ewige Licht, wie der feste
-Mittelpunkt einer unsterblichen Seele.</p>
-
-<p>Ich habe Sie zuerst auf einem Hgel gesehen, Frulein Martha.
-Auf den Hgeln standen immer die Tempel und Kirchen und Leuchttrme
-und Burgen der Menschheit &mdash; alles, was Wege weist und
-Schutz gibt. Dort auf dem Riviera-Hgel liegt auch und wartet
-der unerbaute Marmortempel ...</p>
-
-<p>Es raunt etwas in mir: Troubadour, du sprichst ja dies alles
-gar nicht zu einer Erdenjungfrau, sondern deine eigene unerfllte
-Sehnsucht nimmt Gestalt an &mdash; und Martha oder Madonna sind
-nur Weckmittel, leuchten wie ein Grubenlicht in den Schacht deiner
-Seele, und frdern aus deinen Tiefen dein eigenes Lebensziel zutage.
-Aber es ist ungalant, Ihnen das zu sagen, liebes Frulein ...</p>
-
-<p>In Arles hatten wir den letzten sonnenhellen Tag; auch Frau
-Eleonore war noch heiter. Da haben wir vor Mistrals bronzenem
-Standbild verehrend Rckschau gehalten; die dankbare Provence
-hat es ihm errichtet. Die Namen seiner Werke sind darauf eingegraben:
-<span class="antiqua">Mirio</span>, <span class="antiqua">Calandau</span>, <span class="antiqua">Netto</span>, <span class="antiqua">Les isclo d'or</span>, <span class="antiqua">Lou trsor dou
-flibrige</span> &mdash; und andre. Und wie reich ist sein Museum! Welch
-schn gerundetes Lebenswerk! ... Ich aber &mdash; wie fahr' ich in
-der Welt umher! ...</p>
-
-<p>brigens, meine reizende Elssserin, hab' ich hier in der Provence
-entdeckt, woher der Name Elsa stammt. Es gibt in Arles
-eine Sarkophagen-Allee, die &#8222;<span class="antiqua">Aliscamps</span>&#8221;, die &#8222;<span class="antiqua">Champs lyses</span>&#8221;.
-Offenbar hngt Elsa mit Elysium zusammen, mit elysischen Gefilden.
-Seit ich zwei so anmutige Elssserinnen kennen und lieben
-zu lernen das Glck hatte, bin ich von dieser Abstammung des
-Namens Elsa durchdrungen und berzeugt ...</p>
-
-<p>Wie tot die mitternchtige Stadt mit ihren stummen Kanlen!
-Wie unbewegt diese Lichter an den nassen, menschenleeren Gassen!<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span>
-Es ist ein schwermtiges Stadtgebilde ohne Mond und Sterne,
-ohne Melodie ... Doch formt sich mir, indem ich auf zerrissenen
-Teppichen des vernachlssigten Hotels schlaflos auf und ab schreite,
-dieses Lied ...</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Im Lande der Trauer gedeiht keine Frucht,<br /></span>
-<span class="i0">Da rieselt und seufzt in vertrockneter Schlucht<br /></span>
-<span class="i0">Nur traurig ein Tropfen zum andern;<br /></span>
-<span class="i0">Da starrt in glserne Luft das Laub,<br /></span>
-<span class="i0">Kein Wind scheucht unter den Sohlen den Staub,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn es dich lstet, zu wandern.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Und sucht die Flte den Freudenton,<br /></span>
-<span class="i0">So schleicht sich der Laut wie ein Dieb davon;<br /></span>
-<span class="i0">Auch sind keine Mdchen zum Tanzen.<br /></span>
-<span class="i0">Die Ritter reiten verdrossen vorbei,<br /></span>
-<span class="i0">Sie fragen umsonst, wo Grotat sei;<br /></span>
-<span class="i0">Der Rost sitzt an den Lanzen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Doch sprengt Frau Freude die Hgel hinan<br /></span>
-<span class="i0">Auf weiem Ro, mit Schellen dran,<br /></span>
-<span class="i0">So wei sie die Sonne zu geben!<br /></span>
-<span class="i0">Schon jauchzte die Flte, das Mdchen sprang,<br /></span>
-<span class="i0">Es reift die Tat und die Frucht am Hang &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Und heilig wird wieder das Leben!<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Wre mein Leben tatengro und heilig, liebes Frulein! Ich
-habe mich leicht geschwatzt und heiter gereimt, holdes Mdchen!
-Weltschmerz hat nie lange Raum in meiner Seele, ich ruchre und
-reime und klimpre den Kerl wieder hinaus. Haben Sie Dank,
-da Sie zugehrt haben! Ich beherberge in mir die phantastische
-Hoffnung, da uns in Lourdes &mdash; wenn wir ber Carcassonne und
-Toulouse ankommen &mdash; irgend etwas Wundervolles erwartet: &mdash;
-ein Brief von Ihnen &mdash;?! Oder gar Sie selber?! ...</p>
-
-<p>Nrrische Welt! Ich lasse mich treiben und berraschen und
-beschenken. Ist ja doch alles Glck und Gnade! Gute Nacht!</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Troubadour.</span><br />
-</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span>
-
-<span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Und kommst nicht mehr an meine Tr? Und
-sagst mir nicht Gute Nacht? Bist aber so ehrlich, mir am andren
-Morgen mit geknsteltem Lcheln auch diesen verschwrmten Brief
-zu berreichen? Du hast ein bergroes Vertrauen zu mir, liebster
-Freund, und hltst mich fr stark und hochherzig. Ich bin's
-aber nicht. Mein Herz mchte dich glcklich sehen, aber mein Herz
-weint. Ich kann auch diese immer unverhlltere Werbung nicht
-gutheien. Ich lege den Brief zu den andern.</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Eleonore.</span><br />
-</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 90px;">
-<img src="images/p050_deco.png" width="90" height="68" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p051_deco.png" width="600" height="52" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Fnftes Kapitel</small><br />
-
-<big>Lourdes</big></h3>
-
-<div class="cite">
-<p class="noindent">
-Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun<br />
-Und deinem Beistand fest vertraun,<br />
-So lse doch des Alters Binde<br />
-und mache mich zu deinem Kinde!</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Novalis</span>
-</p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p051_cap.png" alt="W" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">W</span>
-o war Friedels Feuerseele geblieben?</p>
-
-<p>War diese Frau, die da neben zwei frischen Mnnern
-einherschlich, noch die einst entzckende Sngerin,
-die den Spielmann Ingo von Stein hingerissen hatte als
-Sieglinde und Isolde?</p>
-
-<p>Pegasus im Joch? Eine entmarkte, ungenial gewordene
-Hausfrau?</p>
-
-<p>Doch nein &mdash; wo waren die glnzenden Hauskonzerte noch
-vom vorigen Winter? Waren sie nicht ein Beweis, da sich die
-siebenunddreiigjhrige Frau in zehnjhriger Ehe glnzend entfaltet
-hatte? Und welche Stimmungen, wenn Richard und Ingo
-als zwei einzige Zuhrer im Schatten des Hintergrundes saen und
-die Frau am Klavier zwei und drei Stunden lang ihr loderndes
-Temperament entladen lieen, da die Kmme und Nadeln aus
-den goldenen Haaren flogen &mdash; die zahllosen Haarnadeln, die dann
-der allezeit ritterliche Richard mit elegantester Gewandtheit, auf
-den Zehen, unnachahmlich komisch auflas, auf einer silbernen Visitenschale
-sammelte und zum Schlu mit gebeugtem Knie der
-Knstlerin wieder verabreichte? Je nach der Zahl der herausgeschleuderten
-Nadeln wurden Grad und Wucht des Spieles lachend
-festgestellt. Doch nicht selten geschah es, da man ergriffen und
-begeistert die Feststellung verga.</p>
-
-<p>Oder wenn Friedel und Ingo vierhndig Symphonien von
-Brahms und Beethoven spielten, da die Wnde bebten beim<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span>
-Fortissimo und die beneidende Nachtigall aus dem Park ans Fenster
-flog beim Adagio &mdash; wo war das?</p>
-
-<p>Dann wieder sang sie mehrere Stunden lang Lieder von
-Brahms, Schubert und Schumann, wandte sich in den Pausen
-nach den lauschenden Freunden um und fragte: &#8222;Seid ihr noch
-nicht mde, Kinder?&#8221; &mdash; &#8222;Wenn du nicht mde bist, Friedel &mdash;?&#8221; &mdash;
-&#8222;Oh, jetzt fang' ich erst an!&#8221; Erst gegen Mitternacht wurde mit
-Tee und Brtchen oder mit einer von Richard glnzend bereiteten
-Bowle der musikalische Abend beschlossen. Und &#8222;ihr seid geniale
-Zuhrer&#8221;, dankte die Sngerin, das Gesicht fchelnd, strahlend und
-gesttigt. &#8222;Kinderchen, jetzt ist mir wieder wohl! Musik ist in
-aller Qual des Lebens meine Gesundheit, meine Seligkeit!&#8221;</p>
-
-<p>Wo war das alles?</p>
-
-<p>Kann Geniefeuer versprhen, das bis vor kurzem in dieser
-ungewhnlich lebensvollen Frau gesprht hatte? Nein, nein, es
-kann sich veredeln, verinnigen, aber darf nicht verloren gehen ...</p>
-
-<p>&#8222;Spielmann,&#8221; sagte sie wehmutvoll zu Ingo, als sie in Lourdes
-einfuhren, und zupfte ihn wie ein ungeduldiges und unglckliches
-Kind am rmel, &#8222;lieber Spielmann mein, warum spielen wir denn
-nicht mehr? Warum sind wir denn so suerlich ernst geworden?
-Warum bin ich denn so schwer, so schwer? Ach, ich bin eine verrostete
-Harfe, ich bin alt, alt, Kinderchen, ich bin ber Nacht alt geworden!&#8221;</p>
-
-<p>Mit keiner Silbe berhrten sie und Ingo die provenzalischen
-Briefe an jene jungen Mdchen. Richard hatte von dem Dasein
-dieser Briefe berhaupt nur ein flchtiges Wissen; bei guter Laune
-htte er den Freund geneckt, und in seinem normalen sachlichen
-Ernst langweilte ihn solche Romantik.</p>
-
-<p>&#8222;Du besuchst so gern katholische Kirchen&#8221;, scherzte der Gatte.
-&#8222;Bete zur Madonna von Lourdes, sie soll dich wieder jung machen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach, spotte nicht, Liebster&#8221;, gab die Kranke zurck. &#8222;Was
-wit ihr Mnner, wie einer alternden Frau zumute ist, die einst
-als Knstlerin die Welt erobern wollte! Die Welt erobern!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber, Friedel, alternde Frau &mdash; wenn man so was hrt!&#8221;
-versuchte Ingo zu trsten. &#8222;In zwanzig Jahren la uns davon<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span>
-sprechen! Und selbst dann &mdash; hast du nicht oft von deiner lustigen
-Gromutter erzhlt, da sie noch mit mehr als siebzig Jahren die
-Jngste war von allen? Etwas in uns wird immer jnger, lichter,
-geistiger; ein Herz voll Gte und Poesie kennt kein Altern. Denk
-an den greisen Mistral in Maillane, von dem du so entzckt
-warst!&#8221;</p>
-
-<p>Als sie zu Lourdes kaum im Hotel abgestiegen waren, strzte
-der Troubadour mit der Nachricht herbei: &#8222;Friedel, Richard, ich
-hab' im ersten Stock einen Salon mit Klavier entdeckt! Der Wirt
-gibt ihn mit Vergngen. Es sind wenig Gste im Hotel; rechts
-und links nehmen wir unsere Zimmer und musizieren den ganzen
-Abend. Friedel mu sich mal wieder austoben, das seh' ich ihr
-schon lange an; was, Friedel?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein Klavier? Gutes Klavier? Her damit!&#8221;</p>
-
-<p>Der Major, dem der Zustand seiner Gattin in den letzten
-Wochen Sorgen gemacht hatte, war berglcklich. Sogleich nach
-dem Nacht-Imbi ging man hinauf, ohne sich im dunkelnden
-Lourdes viel umzusehen; und der Gatte lie eine Flasche Sekt
-kaltstellen, Friedels Leibgetrnk.</p>
-
-<p>Nun sa sie vor den Tasten und strzte sich sofort mit Wucht
-und Wonne in den zweiten Akt von Tristan und Isolde: &#8222;Nicht
-Hrnerschall tnt so hold, des Quelles sanft rieselnde Welle rauscht
-so wonnig daher&#8221; ... Sie spielte die Begleitung auswendig, sie
-sang und begleitete sich selber. Und dazwischen, die Erwartungsszene
-mit Brangne bei beginnender Nacht mit Glut spielend und
-singend, rief und stie sie in allem Rausch der Darstellung manchmal
-hervor: &#8222;Ja, das ist das Weib &mdash; Wagner kannte das Weib &mdash; seht,
-wie kindlich jetzt &mdash; jetzt begehrend, zrtlich und wild &mdash; alles &mdash;
-eine Naturkraft&#8221; &mdash; &mdash; So spielte sie hingerissen und hinreiend;
-und stand doch als Mensch und Knstlerin immer wieder darber.</p>
-
-<p>Aber spter, mitten im Liebestod &mdash; &#8222;mild und leise, wie er
-lchelt&#8221; &mdash; sprang sie auf und brach ab. Ihre Kmme waren herausgefallen,
-ihr Goldhaar flutete ber den Rcken, ihre Wangen flammten
-im Fieber. &#8222;Nein!&#8221; rief sie. &#8222;Nicht sterben! Auch nicht aus<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span>
-Liebe sterben! Das ist zu gewaltig! Das darf man nicht am Klavier
-im Salon singen, in engen Verhltnissen, als Gattin und
-Mutter &mdash; das ist das Meer! Uferlos! So etwas kann man nur
-erleben &mdash; einmal erleben und im Erleben vergehen!&#8221;</p>
-
-<p>Sie warf sich in einen Sessel.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, nein, nein, ich will leben! La die Kmme liegen,
-Richard, la meine Haare flieen und meine Seele uneingedmmt!
-Komm, Ingo, lieber Freund, spiel' mir einen beruhigenden Satz
-aus Bach! Nicht sterben, Kinder &mdash; berwinden!&#8221;</p>
-
-<p>Es war sonst nicht ihre Art, einen musikalischen Abend derart
-zu zerreien. Ingo begab sich zgernd ans Klavier und holte aus
-seinem umfassenden musikalischen Gedchtnis Tne der Beruhigung
-hervor. Richard aber sa bei seiner Gattin auf der Lehne
-des Fauteuils und streichelte besnftigend ihren angeschmiegten
-Kopf. Ihr Herz hmmerte laut, ihre Pulse flogen, ihre Finger
-zuckten; sie strzte rasch einige Glser Schaumwein hinunter, bis
-sich ihr aufgestrter Knstler-Dmonismus langsam wieder beruhigte.</p>
-
-<p>Nachher sang sie einige Lieder. Und dann saen alle drei in
-einer wohligen Plauderstimmung beisammen; und Friedel, in ihr
-Tuch gehllt, kam in ein lebhaftes Erzhlen, durch das freilich
-Nervositt hindurchzitterte.</p>
-
-<p>&#8222;Heut' gehen wir berhaupt nicht zu Bett, Kinder, was?&#8221;
-schlug sie vor. &#8222;Oh, wie hat mir das Stndchen am Klavier wohlgetan!
-Ich war so allein in diesen Wochen. Kinderchen, seid ihr
-mir denn noch ein bichen gut? Ach, Richard, du glaubst nicht, wie
-ich mich nach unsren Jungen sehne! Wollen wir nicht umkehren,
-Richard, ja?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gewi, mein Herz, das hab' ich mir ohnedies vorgenommen.
-In acht Tagen sind meine Ferien zu Ende. Aber du bist mir dann
-hoffentlich hbsch gehorsam, wenn ich in Mnchen den Arzt deinetwegen
-befrage?&#8221;</p>
-
-<p>Sie wollte nichts vom Arzt wissen, geriet vielmehr in ein
-zungengelufiges Plaudern von tausend Dingen, besonders von
-ihren Jugendtagen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span>
-
-&#8222;Schon als ich Kind war, flogen mir bei groer und schner
-Musik Schauer ber den Rcken&#8221;, plauderte sie; &#8222;ich sprte Musik
-krperlich. Und es geht mir heute noch so. Es ist ein elektrisches
-Bad. Oh, ich kann euch sagen, ich war ein unbndiges Kind, der
-Schrecken meiner Verwandten, und liebte die Natur leidenschaftlich.
-Ich wei noch, so gegen das vierzehnte Jahr, als sich meine
-Freundinnen immer mehr fr Jnglinge interessierten, konnte ich
-das gar nicht verstehen, denn bei meinem wilden Springen und
-Raufen fehlte mir jedes Gefhl fr sentimentalen Geschlechtsunterschied.
-Ich stand vor einem Rtsel, meine Gespielinnen
-wurden mir fremd, ich war zum erstenmal grenzenlos allein. Aber
-ich hatte mein ideales Elternhaus, wo nichts Unreines an mein
-Ohr drang. O Kinder, ich bin in einem wilden Park voll von
-schnen Bltenbumen gro geworden! Oft war ich ganz mit
-Blten berstreut, wenn ich bis Abendrot und Mondlicht im Grase
-gelegen hatte und vor Heimweh nach den Abendrten zu sterben
-vermeinte. Denn bergroe Schnheit macht mir krperlichen
-Schmerz. Dort irgendwo, dort hinter den glhenden Wolken,
-dort mute meine Heimat sein. Und meine Seele spannte &mdash;
-halt, eins meiner Lieblingslieder schon damals!&#8221;</p>
-
-<p>Sie lief ans Klavier und sang mit hingebender Innigkeit
-Schumanns seelenvolles Abendlied: &#8222;Es war, als htte der Himmel
-die Erde still gekt&#8221;.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn ich dann ins Haus zurckkam, hatte ich lange mit
-einer Art von Betrunkenheit zu kmpfen, bis ich mich wieder in
-der Erden-Wirklichkeit zurechtfand. In jenen Jahren wurde mein
-Grovater krank und lag viele Monate in wunderbarem Seelenfrieden
-zu Bett. Keiner ging ungesegnet von diesem Leidenslager
-hinweg; sein Gesicht war von himmlischer Gte. Unsre lebhafte
-Gromutter, die ihm allabendlich vorgespielt hatte, war kurz vorher
-gestorben. Und so fiel mir dreizehnjhrigem Backfisch die reizende
-Aufgabe zu, ihn abends durch Musik zu erfreuen. Ich sa mit
-meinem dicken Zopf im riesengroen Saal am Flgel, glhend
-vor Glck und Begeisterung; und der Grovater lag nebenan im<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span>
-dunklen Zimmer, in das nur ein Strahl von meiner Klavierlampe
-hineinfiel. Und nach jedem Stck rief er ein Wort des Dankes.
-Oh, ich war selig vor Glck, jemandem Schnes geben zu drfen &mdash;
-und und er sagte dann oft: &#8218;Kind, das ist der Himmel auf Erden.&#8217; Meist
-spielt' ich Mozart und Beethoven, dann smtliche Oratorien, die
-ich von Gromutter kannte, wobei ich alle Stimmen ohne Ausnahme
-sang. Und da dies dem Grovater sehr behagte und ihm
-niemand zu widersprechen wagte, so spielt' ich oft zum Leidwesen
-der Mutter bis um Mitternacht ... Ihr seht, Kinder, so frh hat
-das begonnen! Und ich habe mir die Unart heute noch nicht abgewhnt.&#8221;</p>
-
-<p>So erzhlte die heute wieder von innen heraus leuchtende
-Knstlerin. Und die verstndigen Mnner lieen sie lchelnd gewhren,
-stimmten wohlgefllig bei und verallgemeinerten unmerklich
-das Gesprch zu Bemerkungen ber die Opferkraft und Zhigkeit
-der Frauen berhaupt.</p>
-
-<p>&#8222;Wir sind wunderliche Geschpfe&#8221;, sagte Friedel. &#8222;Ich frchte
-mich, im Finstren allein zu sein, ich bebe tagelang vor jeder unangenehmen
-Aussprache; aber in groen Gefahren &mdash; das wirst
-du mir besttigen, Richard &mdash; kenn' ich keine Spur von Angst.&#8221;</p>
-
-<p>Langsam leitete sich die Unterhaltung in immer ruhigerem
-Rhythmus zu der Mission der Frau hinber. Man knpfte an
-Wagners Frauengestalten an: die Erlsungskraft der Senta im
-Fliegenden Hollnder, Elisabeths heiligende Einwirkung auf
-Tannhuser, Kundrys Entwicklung vom Dmonismus zum Dienen.
-Dann erwhnte Ingo Pfitzners Armen Heinrich und die Aufgabe
-der jungfrulichen Agnes, den kranken und verbitterten Ritter in
-ein neues Leben zu fhren.</p>
-
-<p>&#8222;Es sind Walkren, solche Frauen,&#8221; sprach er, &#8222;sie fhren den
-kmpfenden Helden in heilige Hallen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Man kann ebensogut sagen: es ist in ihnen die Madonna wirksam!&#8221;
-rief Friedel. &#8222;Herrlich ist das Wesen der Madonna, dieses
-groartige Symbol jungfrulicher Mtterlichkeit! Jungfrau und
-Mutter zugleich! Wissende Reinheit! Der Protestantismus ist arm,<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span>
-da er die Madonna nicht mehr hat; und wir knnen den Malern
-nicht dankbar genug sein, da sie diesen Typus festgehalten haben.
-ber meinem Bett hngt oben Raffaels Madonna Sixtina und
-unten Giorgiones schlafende Venus. Von der Venus zur Madonna
-&mdash; das ist unsre Entwicklung. Aber die Madonna ist das
-Hchste.&#8221;</p>
-
-<p>So glitt das bedeutsam gewordene Reigenspiel des Gesprches
-ganz von selber harmonisch hinber zum Hirtenmdchen von Lourdes
-und zur Madonna der Wundergrotte.</p>
-
-<p>Da vernahmen sie drauen einen fernen, vielstimmigen Gesang.
-Und als Richard Fenster und Laden ffnete, hatten sie, in
-die Nacht hinausschauend, einen groartigen Anblick.</p>
-
-<p>Die Kirchengebude, die sich dort im Schatten der nchtlichen
-Pyrenen erhoben, erglhten von oben bis unten in einem berwltigenden
-Goldglanz. Den Rndern und den Portalen entlang
-waren elektrische Lmpchen entzndet, und nun stand die schlanke
-obere Kirche flammend mitten in der Nacht, und ebenso unter ihr
-das groe rundliche Portal der Rosenkranzkirche. Ein feenhafter
-Anblick! Als ob die Gottheit einen Tempel gebaut htte aus Funken
-und Flammen, statt aus Steinen. Dazu wogte der Mnnergesang
-einer Prozession herber, deren Kerzen nun durch die Frhlingsnacht
-sichtbar wurden; und man unterschied den immer wiederholten
-Kehrreim: &#8222;<span class="antiqua">Ave, ave, ave, Maria!</span>&#8221; Es war ein vielstimmiger
-Gru an die Himmelsknigin, dargebracht mit Licht und Schall,
-aus den Seelen von einigen tausend Gebirgsbewohnern.</p>
-
-<p>&#8222;Herrlich!&#8221; sprach Friedel ergriffen und legte den Arm um
-ihres Gatten Schulter. &#8222;Man mchte fromm werden und mitsingen.&#8221;</p>
-
-<p>Und die andere Hand Ingo reichend fgte sie weich hinzu:
-&#8222;Kinder, wir wollen einander gut bleiben, nicht wahr?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ungeheure Organisationskraft!&#8221; bemerkte der Major gleichmtig
-und meinte damit die katholische Kirche.</p>
-
-<p>&#8222;Hier ist den Sinnen die Macht des Geistes eingeprgt und
-eingezwungen&#8221;, fgte Ingo hinzu, der Friedels Hndedruck etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span>
-zerstreut erwiderte. &#8222;An diesem Schauspiel werden diese Gebirgsbauern
-lange zehren.&#8221;</p>
-
-<p>Zum berflu drhnten noch irgendwo Bllerschsse; das alte
-Schlo stand in bengalischer Beleuchtung; und vom Gipfel des Pic
-du Jer glhte ein groes Kreuz gleichfalls in elektrischen Flmmchen
-hernieder.</p>
-
-<p>&#8222;Was wollt ihr?&#8221; sprach Ingo duldsam, als der sehr protestantische
-Major einige unwillige Bemerkungen fallen lie. &#8222;Die
-Knige aus dem Morgenlande brachten dem Kind in der Krippe
-Weihrauch, Myrrhen und Gold, die Engel ihre Lobgesnge, die
-Hirten ihre Anbetung &mdash; und diese Pyrenenhirten Beleuchtungen,
-Gesnge und Prozessionen. Das Leben bildet mannigfache Formen,
-auch das religise Leben. Doch mich interessiert vor allem
-die kleine Hirtin Bernadette Soubirou, die diesen Ort berhmt gemacht
-hat.&#8221;</p>
-
-<p>So zogen sich die drei Freunde nach melodischem ersten Abend
-zur Nachtruhe zurck.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Lourdes</span>, im Frhling.
-</p>
-
-<p>Immer ernster wird meine Stimmung nach den Schwrmereien
-der Provence. Ich bin in diesem Augenblick noch unentschlossen,
-ob ich Ihnen, meine Damen, bei Ihrem gnzlichen Stillschweigen
-diese weiteren Bltter senden darf und will. Frau Eleonorens
-bewhrter Takt mag darber entscheiden.</p>
-
-<p>Mit Spannung bin ich hier in Lourdes auf das Postamt gelaufen;
-hoffte bestimmt, ein Lebenszeichen, einen Gru, einen
-Dank von Ihnen zu finden &mdash; fand aber nur eine Karte von
-Schaller: &#8222;Meine Nichten sind hier in Barcelona &mdash; wann kommen
-Sie?&#8221;</p>
-
-<p>Und kein Gru von Ihnen. Keine Unterschrift.</p>
-
-<p>Das ist alles.</p>
-
-<p>Das ist der ganze Widerhall. Meine Briefe haben nichts in
-Ihnen geweckt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p>
-
-<p>Nun, hier in Lourdes ist nicht Zeit und Ort, einem Verdru
-nachzugeben. Ich bin sogar ungalant genug, Ihnen zu bekennen,
-da hier zwei andre Damen im Brennpunkt meiner Teilnahme
-stehen: die kleine Seherin Bernadette Soubirou und die Madonna
-der Grotte ...</p>
-
-<p class="center p1"><br /></p>
-
-<p>... Ich bin voll von diesem Abend in Lourdes. In mein
-Zimmer herauf rauschen die Wasser der Gave &mdash; die Nacht ist
-feierlich still &mdash; einzelne Sterne leuchten &mdash; und die groen grauen
-Pyrenenberge umstehen das Tal in festlicher Hoheit.</p>
-
-<p>Bei beginnender Nacht betrat ich den Platz vor der Kirche.
-Welche Raumbehandlung! Alles stumm, kaum ein Spaziergnger;
-die Lichter zittern und funkeln, abgemessen verteilt; und von selbst
-finde ich den Weg zur Grotte, nachdem ich erst vor dem gekrnten
-Jungfrauenbild auf dem Platz haltgemacht.</p>
-
-<p>Vor der Grotte sind eine Anzahl nchtlicher Beter versammelt.
-Alles schweigt, kniet, betet. Neben mir liegt auf dem Pflaster ein
-Mnch, fern von den andren, hinter den andren; zum Schlu neigt
-er sich und kt die Erde. Mehr als hundert Kerzen flammen in
-der Grotte, eine Pyramide von Lichtern, zu dem Bild empor,
-das dort oben rechts in weiem Gewand und blauem Grtel steht,
-genau an der Stelle, wo die Gestalt durch Bernadette gesehen
-worden.</p>
-
-<p>Welche Knstlerin, dieses arme vierzehnjhrige Hirtenmdchen!
-Eine Dichterin! Wie kam das Kind dazu, eine Gestalt dieser Art
-zu schauen, die ihr von keinem Altarbild her bekannt war? Denn
-die Jungfrau Maria der Bernadette ist eine Neuschpfung. Das
-ist das Wunderbare. Immer hat sie jene Gestalt in derselben Gewandung
-gesehen und genau beschrieben: weies Gewand, Schleier
-rechts und links am Gesicht herab, blauer Grtel, dessen zwei
-Schleifen bis fast zu den Fen reichen, und auf jedem nackten
-Fu eine goldne Rose. Welche Schnheit! Die Gestalt hlt den
-Rosenkranz in Hnden, macht ihrer kleinen Besucherin das Zeichen
-des Kreuzes in neuer und grozgiger Form &mdash; wie Bernadette<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span>
-es vorher nicht pflegte &mdash;, lchelt oder ist traurig-ernst, spricht zu
-ihr: &mdash; kurz, sie hat Leben, Bewegung, Natrlichkeit. Es ist nichts
-Starres, es ist etwas Lebendiges. Und die Kleine ist traurig, wenn
-sie ihr nicht erscheint, ist aber bei ihrem Anblick so entzckt, da sich
-ihr Gesicht verklrt &mdash; derart verklrt und verschnt, da die eigene
-Mutter kaum noch ihr Kind erkennt. Ja, whrend einer der Erscheinungszeiten
-hlt das Kind versehentlich lange Zeit, wohl eine
-Viertelstunde, die Hand in die brennende Kerze &mdash; und die Hand
-der Verzckten bleibt unversehrt.</p>
-
-<p>Was soll man sagen? Hat sich hier die himmlische Welt aufgetan?
-Hat diese Kleine durch eine Ritze in das jenseitige Reich
-geschaut?</p>
-
-<p>Und mit welcher Kraft und Umsicht hat sich die Kirche dieser
-Ereignisse bemchtigt! Einst war hier Wildnis, jetzt steht da
-oben, gewaltig, im Sternendunkel der Nacht, die weie, schlanke
-Kirche. All diese klug durchdachten Anlagen, all diese Kauflden
-mit den Tausenden von Figuren, Bildwerken und Andenken, all
-diese Hotels, diese Hunderttausende von Menschen, die schon hierher
-gepilgert sind und noch hierher pilgern werden, all diese Gebete,
-diese Kerzen, diese Gottesdienste: &mdash; alles veranlat durch ein armes
-Hirtenmdchen!</p>
-
-<p>Ist dieses jungfruliche Kind vergleichbar der Jungfrau von
-Orleans? Hat sie die Aufgabe erhalten, Frankreich und die Welt
-von einem andren Feind zu erlsen &mdash; von niedren Leidenschaften
-und Krankheiten des Leibes und der Seele?</p>
-
-<p>Hier ist der Punkt.</p>
-
-<p>Diese Madonna nennt sich &#8222;unbefleckte Empfngnis&#8221;. Was
-heit das? Es heit das Reinigen der Beziehungen zwischen Mann
-und Weib. Das mu die Erklrung sein, nichts andres. Es heit
-Reinheit und Natrlichkeit an Stelle der Entartung; es heit Heiligung
-der Natur statt der unsauberen Lstlings-Unnatur. Gerade
-Frankreich mit seiner erotischen und Ehebruchsliteratur, seiner Verherrlichung
-sinnlicher Kunst und sinnlich-eindringlichen Geschmacks
-berhaupt &mdash; grade das sinnliche Frankreich mute der Ausgangs<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>punkt
-sein, wo die Gegenkraft einzusetzen versuchte, fern von Paris,
-im uersten Winkel, in diesem Gebirgstal mit dem rauschend
-reinen Wasser. Ein heiligender Quell entrieselte der Stelle, wo
-Bernadette auf Befehl der Jungfrau mit den Fingern grub, und
-wurde in wenigen Tagen ein starker Brunnen: eine symbolische
-Handlung! Es ist das Wasser des Lebens, des wahren, durch reine
-Natrlichkeit der menschlichen Beziehungen wieder geheiligten und
-geadelten Lebens. Wasser! berreiztheiten des Alkohols entstellen
-die moderne Zivilisation und dieses Weinland Sdfrankreich:
-hier aber fliet das silberklare Bergwasser unentstellten Lebens, das
-nicht reizt, das aber <em class="gesperrt">heilt</em>.</p>
-
-<p>Tiefsinnig! Unerklrliche Genialitt eines Kindes! Einer
-reinen Jungfrau! Immer in Sagen und Mrchen, diesem Niederschlag
-uralter Weisheit, ist es ja das Kind oder die Jungfrau, denen
-Erlsungskraft aus den Banden der Unnatur innewohnt.</p>
-
-<p>Warum entzckt mich so, dort an der Riviera und hier in
-Lourdes, immer wieder das Jungfruliche? Was such' ich darin
-an symbolischem Lebensgehalt?</p>
-
-<p>Sie wei von Welt und Zivilisation nichts; sie wei nicht einmal,
-was das Wort &#8222;unbefleckte Empfngnis&#8221; &mdash; mit dem sich die
-Madonna zuletzt vorstellt (<span class="antiqua">je suis l'immacule conception</span>) &mdash; berhaupt
-heit. Sie soll's dem Pfarrer sagen als dem natrlichen
-geistigen Mittelpunkt des Ortes; schnell aus der Grotte ins Pfarrhaus
-laufend, murmelt sie's immerzu vor sich hin, um das Wort
-ja nicht zu vergessen! Welche menschliche Zge!</p>
-
-<p>Man geht hier im Frhling, wenn keine Pilgermassen Staub
-aufwhlen, in andauernder Ergriffenheit einher. Es ist unmglich,
-sich diesen einstrmenden, eindrngenden, wie Bergwasser in uns
-einrauschenden Gedanken zu entziehen. Ich war heute abend nur
-eine halbe Stunde drauen; die melodischen Kirchenglocken schlugen
-an, als ich hinausging; sie schlugen wieder an, als ich den groen,
-hchst bedeutend wirkenden Platz vor der Kirche verlie.</p>
-
-<p>Und die Wasser rauschen die ganze Nacht ...</p>
-
-<p>Ich habe noch nicht an der Quelle getrunken ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span>
-
-... Gibt es eine jenseitige Welt?</p>
-
-<p>Und wenn es eine solche Welt gibt: warum soll sie unter den
-Mitteln, sich mit uns zu verbinden, nicht auch dieses benutzen?</p>
-
-<p>Gibt es aber eine jenseitige Welt voll von Krften und Lichtgestalten,
-die das geistige Fluidum unserer Erde bilden, die unsre
-geistige Lufthlle sind, aber ebenso den ganzen Kosmos durchdringen,
-in den wir ja eingebettet sind: ist dann das Sprechen
-mit ihnen so unsinnig? Ist Gebet Unsinn?</p>
-
-<p>Leben unsre Verstorbenen? Oder sind sie tot fr immer?
-Ist nur das Sichtbare wirkliches Leben? Gibt es nicht viele andre
-Daseinsformen? Kann man Augen und Organe ausbilden fr die
-geistige Welt? Sind unsre groen Dichter, Knstler, Religionsstifter
-die <em class="gesperrt">Seher</em> dieser geistigen Welt und kndigen von diesem
-realen, den andren Sterblichen unsichtbaren, nur geahnten unbekannten
-Lande?</p>
-
-<p>Das ist die eiserne Frage ...</p>
-
-<p class="center p1"><br /></p>
-
-<p>... &#8222;<span class="antiqua">Pnitence!</span>&#8221; ruft die Erscheinung von Lourdes. Bue!
-Dreimal ruft sie es eindringlich und mit einem so tieftraurigen Gesicht,
-da der mitfhlenden, magnetisch auf sie eingestellten Kleinen
-die Trnen kommen. &#8222;Was soll ich tun?&#8221; ruft das Mdchen. &mdash;
-&#8222;Bete fr die Snder!&#8221; Und viele Menschen will die Jungfrau
-dort sehen, will sie dort beten sehen: sie will eine <em class="gesperrt">Gegenkraft</em>
-entwickelt wissen.</p>
-
-<p>Wei und Blau sind darum die reinen Farben dieser Madonna.
-Und auf den Fen blhen goldene Rosen.</p>
-
-<p>Indem man zu den Fen dieser Himmelsfrau von diesem
-Wasser trinkt und sich die Augen wascht, drckt man den Wunsch
-aus, mit dem Lebensstrom, der von dieser Erscheinung ausging, in
-Verbindung zu treten. Es ist nicht das Wasser als solches, das hilft:
-es ist der in uns selber erwachende heilkrftige Wunsch, jener himmlischen
-Reinheit und Gesundheit teilhaftig zu werden. Wunsch in uns
-und Wasser auer uns wirken zusammen. Das Ich mu lebendig
-mitwirken, wenn Reinheit und Schnheit zum Ich kommen sollen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span>
-
-Die Best-Geheilten sind jene, die mit reinerem Herzen diese
-Sttte verlassen ...</p>
-
-<p>Schwer freilich, an Wunderheilung zu glauben! Schwer &mdash; &mdash;
-weil so <em class="gesperrt">einfach</em>? ...</p>
-
-<p>Doch ich will nicht von den wirklichen oder angeblichen Heilungen
-sprechen, die hier geschehen mgen. Was etwa sich ereignen
-mag an Wahn oder gar an frommem Betrug, wenn im Hochsommer
-der stille Ort fast erstickt unter den Zehntausenden von Pilgern,
-das ist eine Sache fr sich. Darber mgen andre streiten. Mich
-fesselt dieses kleine Menschenkind ...</p>
-
-<p>In einer schimmernden Wolke pflegte ihr die Gestalt zu erscheinen,
-die von sonst niemandem erblickt wurde; es war also
-ein Lichteindruck; und eine schimmernde Wolke blieb noch ein Weilchen
-zurck, wenn die Gestalt entschwunden war. Sie kam aus
-dem Licht, sie war Licht. Es mag wohl eine elektromagnetische
-Verbindung zwischen Seherin und Erscheinung bestanden haben.
-Reines Herz nebst reinem magnetischen Organismus &mdash; das hat
-wohl in diesem besonders veranlagten Kinde anziehend auf die
-jenseitige Welt gewirkt. Alles Schne ist dem Licht verwandt und
-wird am schnsten symbolisiert durch das Licht. Gemeine Sterbliche
-wrden geblendet werden durch des Lichtes Flle.</p>
-
-<p>Marias Lieblingsblume, neben der Rose der Liebe, ist die
-Lilie der Reinheit und des Glaubens. Die Lilie wchst hoch und
-wei ber das gewhnliche Blumenma hinaus. Die Form ihrer
-Blte ist ein Kelch, ein weier Kelch: geschaffen, um Licht und Tau
-einzunehmen, die himmlischen Gaben. Ein Gralskelch! Die jungfruliche
-Blume hlt den Kelch empor und fllt sich mit Licht von
-oben.</p>
-
-<p>Gibt es doch noch etwas Hheres als die willensstarke Persnlichkeit?
-Vielleicht &mdash; Gef zu sein? Rein, still, empfangend von
-oben, weitergebend nach unten? Wie die Lilie?</p>
-
-<p>Ist das lilienhaft Jungfruliche in solchem Sinne hher und
-himmlischer als das Nur-Mnnliche? Erlst uns Mnner immer
-wieder die Jungfrau? ...</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span>
-
-Und wie schwer war Bernadettes ueres Leben! Sehr arm,
-sehr einfach, doch gut erzogen, etwas zart als Kind, erlebte sie
-dann die Flle ihres Glckes binnen wenigen Monaten in jenen
-genialen Visionen. Dann aber, als ihr Werk gesichert war und eingeweiht
-wurde, lag sie krank und konnte an den Festen nicht teilnehmen.
-Als Klosterschwester starb sie fern in Nevers, hat ihr
-mchtig anwachsendes Werk nie mehr gesehen. Mu wohl sterben,
-wer die Gtter geschaut hat?</p>
-
-<p>Ihr Werk lebte, sie selber ging dahin.</p>
-
-<p>Gro! ...</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Ingo</span>.
-</p>
-
-<p><span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Gro! Ja, mein Ingo, das ist gro. So
-haben wir zwei es uns einst geschworen, einer edlen und groen
-Lebens- und Kunstanschauung unser Dasein zu widmen. Und diese
-Bltter lassen mich wieder an Dich glauben, mein Freund und
-Bruder! Aber willst Du diese ernsten Gedanken wirklich an jenes
-unbedeutende Mdchen senden? Will der Gralsucher wieder zum
-tndelnden Spielmann werden? Lieber, merkst Du denn nicht,
-da Du ber den Eindrcken hier in Lourdes sowohl sie als auch
-mich vergessen hast? Denk' an das Gesprch ber die Titanic:
-suchst Du des Lebens Sinn und Geheimnis, indem Du irgendeine
-Braut suchst? Lieber Troubadour, unter Trnen will ich beten,
-da Du ausziehen mgest wie Saul, der Sohn des Kis: er suchte
-eine &mdash; Eselin und fand ein Knigreich. Ich werde diese Bltter
-zu den unabgesandten Briefen legen und Dir heute alles bergeben.
-Hier in Lourdes soll es sich zwischen uns entscheiden. Ich
-bin krank; die Aufgabe, die ich an Dir hatte, geht zu Ende. Bald bist
-Du auf trichter Brautschau &mdash; und ich eine Kranke unter Kranken.</p>
-
-<p>Ach ser Freund, die Sorge um Dich ist meine Krankheit!</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Friederike.</span>
-</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Krankheit und Verdstrung der Frau von Trotzendorff rollten
-wieder wie Wolken ber jenes kurze Aufflammen der alten Gesundheit.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p>
-
-<p>Sie stand in seelischen Kmpfen, von denen ihre Mitreisenden
-nichts oder wenig ahnten. Oft sa sie allein an der Grotte und
-setzte sich mit der Tatsache auseinander, da sie den Freund verloren
-habe, da Anmut und Jugend ihn anziehe, da sie selber unrettbar
-zu altern beginne. Und das Gesicht der leidenden Knstlerin
-wurde bleich und verfallen. Aber sie hatte ein meisterhaftes
-Talent, dergleichen nach auen hin zu verbergen; unter dem Schein
-leichter Magenverstimmung, verursacht durch die lige sdfranzsische
-Kost, wute sie ihren Seelenkampf scherzend ins Harmlose zu deuten.</p>
-
-<p>Fabrikant Muthner, der sich in Cette zu ihnen gesellt hatte und
-spter nach Bayonne und Biarritz weiterwollte, war wieder aufgetaucht:
-ein ernster, wohlbeschlagener Fachmann, der sich mit
-Trotzendorff vorzglich verstand. Er machte der gndigen Frau
-mit natrlichem Anstand den Hof. Und Frau Friederike, die fr
-ehrliche Komplimente empfnglich war, hatte sogar den Versuch
-gewagt, ihren Freund Ingo ein wenig zur Eifersucht zu reizen:
-ein Zug, der dem erstaunten Troubadour neu war, wie berhaupt
-das Verhalten der Freundin ihm ebenso Bedenken erregte wie
-dem Gatten.</p>
-
-<p>An diesem Morgen, kurz vor dem Frhstck, das alle vier gemeinsam
-einzunehmen pflegten, waren Ingo und Trotzendorff
-zufllig allein und tauschten ihre Besorgnisse aus.</p>
-
-<p>&#8222;Sag' einmal, Richard,&#8221; begann Ingo, &#8222;die Krnkeleien unsrer
-Friedel machen mich besorgt. Solltet ihr nicht einen Arzt befragen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das hab' ich mir lngst vorgenommen&#8221;, erwiderte Richard
-in seiner gesetzten, nchternen Weise. &#8222;Denn auf die Wunder
-von Lourdes will ich mich denn doch als guter deutscher Protestant
-nicht verlassen. Sie hatte schon einmal, nach der Geburt des zweiten
-Jungen, solche unangenehme Geschichten &mdash; Frauenleiden &mdash; wo
-sie auch wie jetzt zwischen bermut und Schwermut hin und her
-pendelte. Zarte Geschpfe, diese Frauen, man kann gar nicht feinfhlig
-genug sein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das ist wahr&#8221;, versetzte treuherzig der Troubadour, der keine
-Ahnung hatte, wie er der Freundin weh tat.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span>
-
-&#8222;Ich werde sie heute nicht mitwandern lassen&#8221;, fuhr der Major
-fort. &#8222;Muthner und ich werden Cauterets und Umgegend besichtigen.
-Du tust mir einen Gefallen, Ingo, wenn du dich ihrer annimmst,
-soweit sie berhaupt ausgeht. Zu deinem beliebten Eigenbrdeln
-und Notizenmachen wirst du ja dazwischen Zeit genug
-finden. Einverstanden?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Vollkommen! Es ist mir heut' berhaupt nicht um Geselligkeit
-zu tun. Hab' da einen ernsten Brief aus Thringen erhalten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun? Unangenehmes?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mein Bruder hat einen Jagdunfall gehabt. Nheres schreibt
-mir die Cousine nicht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Elisabeth? Ei was! Ist die wieder in Thringen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Merkwrdigerweise! Der erste Brief seit mindestens drei
-Jahren.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich dachte, sie wre in Pommern bei ihrem Schwager?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bis jetzt, ja. Ihre Mutter krnkelt. Nun ist sie zu Hause und
-wechselt in der Krankenpflege zwischen ihrer Mutter und meinem
-Bruder.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es wundert mich, da dein Bruder sie nicht genommen hat.
-Zwei Nachbarsgter &mdash; das htte sich nicht bel gemacht! Ruhige
-Naturen beide.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Eben darum vielleicht. Das Gesetz der Ergnzung, verstehst
-du!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, dein Bruder hat ein rauhes Fell, die sanfte Elisabeth
-htt' ihm gut getan! brigens &mdash; du standest ihr doch wohl auch
-einmal ziemlich nahe?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sehr sogar.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ihr seid doch verrckte Kerls, ihr zwei Waldecker!&#8221; lachte
-Richard. &#8222;Junggesellen alle zwei! Der eine tost auf der Jagd
-oder auf landwirtschaftlichen Ausstellungen herum, der andre durchluft
-die halbe Welt. Elisabeth htte ganz gut zu einem von euch
-beiden gepat. Die entfernte Verwandtschaft ist doch kein Hinderungsgrund?
-In Thringen vettert sich ja alles!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span>
-
-Er lachte, er war selber Thringer. Und als das Gesprch
-nun auf die Wunder von Lourdes kam, betonte der breitschultrige,
-wuchtige Mann so scharf und nchtern seinen protestantischen Standpunkt,
-da Ingos Romantik sich rasch in blauen Duft verflchtigte:</p>
-
-<p>&#8222;Unser Reformationsgesang &#8218;Ein' feste Burg ist unser Gott&#8217;
-hat mehr Mark als diese ganzen slichen Litaneien.&#8221;</p>
-
-<p>Beim Frhstck wurde das Programm des Tages mit Vorsicht
-besprochen und festgesetzt; denn man mute bei Frau Friedel
-darauf gefat sein, da sie sich in ihrer gefhlsmigen Art auf
-irgend einen Entschlu versteifte. Doch heute war sie nachgiebig
-und lie die Mnner entscheiden.</p>
-
-<p>Major und Fabrikant zogen ab.</p>
-
-<p>Der Troubadour wandelte mit Frau Eleonore von Poitou
-langsam hinaus nach der Grotte.</p>
-
-<p>&#8222;La uns einen dieser kleinen Becher kaufen, Ingo,&#8221; bat
-sie, als sie aus dem Gasthof traten, der vorn eine Verkaufsstelle
-fhrte, &#8222;wir wollen heute aus der Quelle trinken.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo erfllte den Wunsch.</p>
-
-<p>An der Grotte waren wenig Besucher. Die weien Kerzen
-entsandten ihr mildes Licht, das in der Tagesbeleuchtung seltsam
-wirkte; die weie Marmorgestalt der Jungfrau stand still ber dem
-kleinen Rosenstrauch. Fnf bis sieben blhende Rosen waren am
-Strauch, rtlich-weie Blumen, die sich unter den Fen der Madonna
-lieblich entlang rankten.</p>
-
-<p>Die beiden Deutschen setzten sich auf eine Bank, hrten hinter
-sich das Rauschen der Gave und vor sich das leise Murmeln einer
-betenden Nonne.</p>
-
-<p>So saen sie eine besinnliche Weile: Ingo in seinem ungeklrten
-Drang, Frau Friederike in ihrem steten, starken Kampfe.</p>
-
-<p>Dann erhob sich die gefate und stille Frau, schritt an den
-Brunnen neben dem Gitter der Grotte heran, fllte den Becher
-und trank; fllte ihn nochmals und reichte ihn Ingo. Hernach
-tauchte sie die Hand ein und fuhr sich waschend ber die Augen.
-Alles geschah schweigend.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span>
-
-Und schweigend gingen sie dann miteinander den sanft ansteigenden
-Fuweg hinauf, der hinter der Kirche unter Bumen
-nach oben fhrt.</p>
-
-<p>Sie rang um Kraft. An ihrem Arm trug sie ihr Tschchen;
-im Tschchen waren die unterschlagenen Briefe.</p>
-
-<p>&#8222;Wir wollen erst noch das Panorama sehen&#8221;, sagte sie mit
-schwerer Stimme.</p>
-
-<p>Und so besuchten sie miteinander das Panorama.</p>
-
-<p>Ingo gab die ntigen Erklrungen.</p>
-
-<p>&#8222;Siehst du, so sah Lourdes ums Jahr 1858 aus, zur Zeit,
-als die kleine Bernadette jene Erscheinungen erlebte. Damals
-stand hier weit und breit noch kein Haus, alles war lndlich, eine
-Mhle war ja wohl hier in der Nhe. Und dort kniet sie nun, inmitten
-der zusammenlaufenden Leute; sie trgt das eigentmliche
-Kopftuch dieser Gegend, gleicht fast einer kleinen Nonne. Mit der
-linken Hand hlt sie die Kerze, mit der rechten berhrt sie die Flamme,
-ohne sich zu verbrennen. Das Feuer-Element scheint ihr verwandt
-zu sein in diesem Zustand. Sieh nur, wie ist sie entrckt und abgesondert
-von den ratlosen Gruppen der Menschen! Entrckt ins
-Land der Schnheit! Wie das Genie einsam! Nur durch Taten
-der Gte mit den Mitmenschen verbunden!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das ist gro&#8221;, besttigte Frau Friederike leise.</p>
-
-<p>&#8222;Und sieh, welch ein blulicher, fast violetter Duft ber der
-Landschaft! Wie eine Verklrung!&#8221;</p>
-
-<p>Sie verlieen das Gebude und gingen weiter, am Kalvarienberg
-vorber und nach der Gegend der <span class="antiqua">grotte du loup</span>. Immer
-einsamer und lndlich stiller wurde die Umgebung. Die Luft war
-mild, voll weicher Frbung der Hgel und einfach-groen Gebirgskmme.</p>
-
-<p>An einer jungen Birke machten sie halt und setzten sich auf die
-Decke, die Ingo trug. Die runden, hellgrnen Frhlingsblttchen
-dieses sonst so leicht erzitternden zarten Baumes bewegten sich
-kaum. Eine weie Strae lief ziemlich fern zu ihrer Rechten in
-die Pyrenen hinein, hell und trocken wie die Straen der Provence,<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span>
-doch ohne wandernden Staub. Die Dmonen des Windes
-schliefen irgendwo auf Tempelstufen.</p>
-
-<p>Frau Friederike sa in ihrem mattblauen Kleide, hatte den
-Hut abgesetzt und lie ihr Goldhaar leuchten. Aber ihr Gesicht war
-wie Alabaster, ihre Lippen bla und stumm. Sie hatte das Tschchen
-vor sich auf den Scho genommen und hielt beide Hnde darauf.</p>
-
-<p>Ingo legte kameradschaftlich den Arm um den ihrigen. Doch
-lehnte sie den Kopf nicht an, sie sah nur starr in die Gegend.</p>
-
-<p>&#8222;Friedel ist auf Cis-Moll gestimmt&#8221;, begann er. &#8222;Hast auch du,
-wie ich heute frh, einen Brief bekommen, der dir Sorge macht?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du hast einen Brief bekommen?&#8221;</p>
-
-<p>Er zog sein Taschenbuch und berreichte ihr den Brief seiner
-Cousine Elisabeth.</p>
-
-<p>&#8222;Darf ich lesen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber, Friedel &mdash;! Seit wann haben wir denn Geheimnisse
-voreinander?!&#8221;</p>
-
-<p>Sie las folgenden schlichten und sachlichen Brief:</p>
-
-<p class="center">
-&#8222;Lieber Ingo!<br />
-</p>
-
-<p>Du wirst erstaunt sein, von einer alten Freundin diesen Brief
-zu erhalten, nachdem wir uns seit Jahren nicht mehr geschrieben
-haben. Ich bitte Dich hiermit herzlich um Entschuldigung, wenn ich
-Deine Frhlingsfahrt stren sollte. Dein alter Vater kommt ja
-mit seiner Gicht nicht an den Schreibtisch; und so hat er mich gebeten,
-Dir mitzuteilen, da Dein Bruder leider einen Jagdunfall
-gehabt hat und an den Folgen daniederliegt. Das Gut war ja
-bis jetzt in den Hnden deines Bruders; wenn die Sache bel
-ausgeht, so knnte an Dich eine Aufgabe herantreten, die allerdings
-zu Deiner romantischen Freiheitsliebe, wie sich Dein Vater
-ausdrckt, nicht mehr stimmen wrde. Mir wrde es leid tun,
-wenn Du Dir Dein Leben nicht so gestalten knntest, wie Deine
-Natur es braucht, das weit Du, lieber Ingo. Zum Glck habt
-Ihr ja einen guten Verwalter. Auch Dein Vater ist immer derselbe,
-in allen Unplichkeiten geistesfrisch. Weniger freilich meine Mutter.
-Ich fahre in eurem gelben Jagdwagen tglich zwischen den beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span>
-Gtern hin und her, von einem Krankenbett zum andren. Nun
-kommen mir meine Erfahrungen vom Roten Kreuz zugute. Oft auch
-lauf' ich zu Fu durch den Wald, wobei mich Harras, unsre unverwstliche
-Dogge, begleitet. Ach, ich bin wieder jung geworden,
-als ich nach harten Jahren meinen Thringer Wald wiedersah! Es
-ist allerdings mglich, da ich von heut' auf morgen mit meiner
-Mutter an den Genfer See fahre. Denn der Arzt wnscht es
-dringend. Gib jedenfalls immer Deine genaue Adresse an, fr den
-Fall, da man Dich hier brauchen sollte. Im brigen, lieber Ingo,
-gedenke ich Deiner mit derselben Liebe, die mich von Kindheit an
-mit Dir verbunden hat. Sei innig gegrt!</p>
-
-<p class="right">
-Elisabeth.&#8221;
-</p>
-
-<p>Frau von Trotzendorff gab den Brief zurck und schaute lange
-vor sich hin.</p>
-
-<p>&#8222;Ein Gru an mich oder meinen Mann ist nicht dabei&#8221;, dachte
-sie. &#8222;Ich hab' ihr einst Schweres angetan &mdash; jetzt tut mir das Schicksal
-das gleiche.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was sagst du dazu?&#8221; fragte Ingo.</p>
-
-<p>&#8222;Vielleicht wr's das beste, du wrdest sofort nach Hause
-reisen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Unter keinen Umstnden!&#8221; rief er mit einigem Trotz.</p>
-
-<p>&#8222;Und dein Bruder?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ist robust genug, hat sich nie viel um mich gekmmert, wird
-auch diesen Unfall durchbeien.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und dein Vater?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein selbstndiger Charakter.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und das Gut?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Davon kann man reden, wenn es mit meinem Bruder wirklich
-schlimm wrde.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber der Brief liest sich wie eine Vorbereitung.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oder auch wie ein Anknpfungsversuch der guten Elisabeth.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bei ihrem sprden Charakter? Schwerlich! Ich glaube, du
-solltest den Gedanken an Heimkehr ernstlich ins Auge fassen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber wie kommt mir denn Friedel vor? Haben wir zwei<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span>
-nicht hinlnglich mein Verhltnis zu Elisabeth durchgesprochen?
-Vergit du, da wir so gut wie verlobt waren? Und sie schreibt
-ja, da sie noch ebenso denkt. Wie kannst du mir da die Rckkehr
-empfehlen? Bist du gar kein bichen mehr eiferschtig?&#8221;</p>
-
-<p>Sie ging auf seinen scherzenden Ton nicht ein. Es kmpfte
-gewaltig in der unglcklichen Frau; sie neigte sich einen Augenblick
-seitwrts ins Gras und sttzte laut seufzend den Kopf in beide
-Hnde. Hier Thringen &mdash; dort Barcelona! Zwischen Skylla und
-Charybdis sa sie und rang um den Freund, den sie doch festzuhalten
-weder Macht noch Recht besa.</p>
-
-<p>Dann richtete sie sich auf, beachtete seine fragenden und beruhigenden
-Worte nicht, sondern griff in ihr Tschchen und nahm
-das Bndel Briefe zur Hand.</p>
-
-<p>&#8222;Da!&#8221; sagte sie dumpf und prete die Zhne zusammen.</p>
-
-<p>&#8222;Was ist das?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Deine Briefe.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Welche Briefe?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;An die Mdchen in Barcelona. Ich hab' sie nicht abgeschickt.&#8221;</p>
-
-<p>Er hatte das blaue Band gelst, lie aber nun jh die Hnde
-sinken.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht abgeschickt?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber &mdash; weshalb nicht?!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Du kannst es in den Nachschriften lesen.&#8221;</p>
-
-<p>Er durchbltterte die Papiere und las die Nachschriften. Dann
-kam eine lange, unheimliche Stille.</p>
-
-<p>Sie atmete kaum; ihr schwaches Herz pochte zum Zerspringen.
-Er legte schweigend die Bltter wieder zusammen, band sie schweigend
-wieder zu und steckte sie schweigend in die Rocktasche.</p>
-
-<p>&#8222;Friedel,&#8221; sagte er endlich mit gepreter Stimme, &#8222;es ist nicht
-das erstemal, da du dich zwischen mich und andre stellst. Fhlst
-du nicht, wie du mich entwertest?&#8221;</p>
-
-<p>Er sa in einem Gemisch von Zorn und Wehmut auf dem
-Rasen, rupfte sprieende Grser aus und warf sie wieder fort.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span>
-
-&#8222;Wrde dieses Lourdes nicht so beruhigend auf mich wirken,&#8221;
-sprach er weiter, &#8222;ich frchte, wir wrden im Zorn voneinander
-scheiden. Denn dieses Bevormunden ist gegen unsre Verabredung
-einer unbedingt vertrauensvollen Kameradschaft. Meine Schwrmerei
-fr jenes Mdchen mag seltsam sein, meinetwegen; deshalb
-ist aber die Tatsache, da ich von jenem Hgel mit der stillen Stickerin
-und dem unerbauten Tempel einen tiefen Eindruck mitgenommen
-habe, dennoch vorhanden. Und ich werde dieser Sache auf
-den Grund gehen &mdash; und werde die Briefe persnlich nach Barcelona
-bringen.&#8221;</p>
-
-<p>Sie sa mit abgewendetem Gesicht, neigte das Haupt und
-zuckte nur wenig zusammen. Sie kannte ihn und war nicht berrascht;
-sie wute, da er strkeren Eindrcken und Erkenntnissen
-unbeirrbar bis zu Ende nachsprte. Hier war nichts zu halten;
-sie hatte ihn nicht mehr in der Gewalt.</p>
-
-<p>Er sah nicht, wie ihr die Trnen in die Augen stiegen, den
-kristallenen Behlter fllten und dann langsam ber die Wangen
-rollten. Ihr lag es pressend schwer auf dem Gewissen, da sie sich
-einst zwischen ihn und Elisabeth gestellt hatte; dieses stille und herbe
-Mdchen war nach allem, was man seitdem hrte, doch wohl wertvoller,
-als sie beide damals angenommen hatten. Ingo von Stein,
-zu Hause wenig verstanden, hatte in Friedels Familie ein neues
-Heim gefunden; sie hatten sich beide beflgelt und gefrdert und
-hatten einfach vergessen, da eine stille, etwas sprde Elisabeth
-irgendwo Kranke pflegte. Oft aber stand jetzt die hohe Gestalt
-dieser keusch verschlossenen, schwer zugnglichen Jungfrau, die
-durch gesellschaftliche Beziehungen des thringischen Adels auch
-mit Trotzendorffs bekannt war, mit schweigender Mahnung an
-Frau Friederikens Lager. Sie trug die Tracht der Schwestern vom
-Roten Kreuz, denen sie zwei Jahre angehrte; und sie schien ernsten
-Blickes nach Ingo zu fragen. Bislang hatte Friedel wenigstens
-Rechenschaft ber den Freund geben knnen; jetzt konnte sie auch
-das nicht mehr; der unbefriedigte Spielmann fuhr weiter.</p>
-
-<p>Die liebende Frau tat, wie sie es manchmal in Zeiten der<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span>
-Miverstndnisse zu tun pflegte: sie setzte stumm den Hut auf, nahm
-ihr Tschchen und erhob sich, um sich schweigend zu entfernen. Er
-wollte ihr folgen; aber sie winkte ab und sagte leise:</p>
-
-<p>&#8222;Bitte, la mich allein!&#8221;</p>
-
-<p>Jetzt erst sah er, da ihr Gesicht in Trnen gebadet war. Und
-sofort loderte Beschmung in ihm empor, die jede Regung des Unwillens
-verbrannte. Der letzte Satz der letzten Nachschrift stieg ihm
-riesengro in Bewutsein und Empfindung: &#8222;Die Sorge um Dich
-ist meine Krankheit.&#8221; Hatte sie nicht recht, um ihn besorgt zu sein?
-War er nicht ein Phantast, der oft genug sich einfach auf die Bahn
-gesetzt hatte und in die Welt hinaus gesaust war, wenn ihm irgendwelche
-menschliche Verhltnisse nicht paten? War es nicht deutlich,
-da er zwischen Wissenschaft, Poesie und Religion tatlos umherschwebte,
-nippend an allem, von nichts aber sich wahrhaft durchdringend
-und nichts in Kunst oder Leben prgekrftig gestaltend?
-Wie unritterlich stand er vor der mtterlichen Sorge der weinenden
-Freundin!</p>
-
-<p>&#8222;Vergib, Friedel!&#8221; rief er und wollte in berwallendem Mitgefhl
-den Arm um ihre Schultern legen. Allein sie befreite sich
-sanft und bestimmt. Sie wollte kein Mitleid; da ihr die Trnen
-flossen, merkte sie kaum. Ihr Entschlu stand fest.</p>
-
-<p>&#8222;Gro!&#8221; rang sich endlich als erstes Wort aus ihr hervor.
-&#8222;Das letzte Wort deiner Aufzeichnungen heit gro. Wir wollen
-nicht kleinlich sein, Ingo.&#8221; Sie sprach mhsam und wischte sich
-mit dem Taschentuch die Trnen fort. &#8222;Es spricht auch in mir so
-viel Unerflltes mit. Aber gro sein, nicht wahr! Ich hab' mir's
-an der Quelle da unten gelobt. Und darum bitte ich: La mich
-fr heute allein. Ich will ins Hotel zurckgehen und mich niederlegen.
-Denn ich bin krank.&#8221;</p>
-
-<p>Er machte abermals einen Versuch, sich um sie zu bemhen.
-Aber sie wiederholte nur in ihrer bekannten Art, die jeden Widerspruch
-ausschlo: &#8222;Bitte!&#8221;</p>
-
-<p>Dabei sahen sie sich einen Augenblick an. Nur einen Augenblick,
-wie die Sonne am verschleierten Tage zaghaft hindurchbricht;<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span>
-der Augenblick drohte ihren Entschlu umzuwerfen; doch sie wandte
-sich rasch und ging den Pfad nach Lourdes hinunter, an einem
-spt blhenden Apfelbumchen vorber, von dem eine Blte auf
-ihren Hut fiel &mdash; ein Abschied von der Jugend.</p>
-
-<p>Ingo stand betubt.</p>
-
-<p>Er bersah, empfand und begriff mit einemmal den Schmerz,
-den diese Frau von grozgiger Knstlerleidenschaft und zugleich
-von frh gebter Gewissenhaftigkeit so lange schon durchkmpfte.
-Mit jenem strmischen Isoldengesang hatten diese Tage von Lourdes
-begonnen; mit offenem Haar, wie Wogen des offenen Ozeans,
-war sie noch einmal einhergerast. Jetzt schlich sie weinend nach
-Lourdes hinunter.</p>
-
-<p>&#8222;Das ist die zweite Frauen-Freundschaft, ber deren Trmmer
-hinber ich mein Glck suche&#8221;, sprach er in knirschendem Kummer
-zu sich selber. &#8222;Sollte wohl auf dieser Glcksjagd Segen ruhen?
-Aber ich will sie wiedergewinnen, Friedel und Elisabeth, beide,
-sobald ich &mdash; sobald &mdash; &mdash; ja, was denn nun wohl?&#8221;</p>
-
-<p>Da war wieder das Unerfllte. Und er sah wieder jene Mozart-Mdchen
-auf einem Hgel der Freiheit und Schnheit winken und
-warten &mdash; warten auf ihn?</p>
-
-<p>&#8222;Weltfahrer bin ich&#8221;, sprach er, indem er durch die Hgel
-wanderte und schlielich zu einem kleinen Schilfsee gelangte, dessen
-Stille beruhigend auf ihn wirkte. &#8222;Weltfahrer bin ich, immerzu von
-Melodien durchsungen, und sehne mich nach dem festen Punkt,
-von dem aus das Nahe und Ferne reich und tief sich erfassen lt.
-Ich will Friedel nicht durch Mitleid beleidigen; sie ist tapfer und
-wird das allein durchhauen. Aber ich will doch neben der Phantasie
-fortan der Gte einen greren Raum in meinem Herzen gestatten
-&mdash; wie diese Bernadette, wie meine vergessene Elisabeth.&#8221;</p>
-
-<p>Er ging an die Grotte von Lourdes zurck, sa dort lange und
-sammelte sich zu einer Gebetsstimmung, seine Augen heftend auf
-die Marmorstatue der weien Madonna mit der blauen Schrpe.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span>
-
-Am Abend, als die willensstarke Frau bleich und gefat wieder
-am Tisch sa und ber ihre Schwchlichkeit zu scherzen versuchte,
-wurde von dem Ehepaar beschlossen, ber Paris nach Mnchen zu
-fahren und dort ein Sanatorium aufzusuchen.</p>
-
-<p>Ingo, der sehr zart zu Friedel war, hielt in mglichst unbefangenem
-Ton an seinem Abstecher nach Barcelona fest.</p>
-
-<p>Richard schaute einen Augenblick vom Kursbuch auf, es zuckte
-ironisch um seine Mundwinkel, und er fragte:</p>
-
-<p>&#8222;Suchst du Schallers Nichten oder den Gralsberg?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Beides&#8221;, bemerkte Ingo trocken ...</p>
-
-<p>Am Bahnhof von Toulouse nahmen sie Abschied. Der Troubadour
-und Frau Eleonore hielten sich lang an beiden Hnden und
-schauten mit Wehmut einander an.</p>
-
-<p>Die Lippen der blassen Frau bebten. Sollte sie ihm sagen,
-wie sehr sie krank war? Sollte sie ihm sagen, da hier vielleicht
-auf Leben und Tod Abschied genommen wurde? Nein! Es war
-einer ihrer heroischen Momente. Galt es zu sterben, so wollte
-sie allein sterben. Die Heroine lchelte und zwang sich zu einigen
-Worten von allgemeiner Herzlichkeit, das Weh in sich begrabend,
-das tiefe Weh, auf den abirrenden Freund nicht mehr von Einflu
-zu sein:</p>
-
-<p>&#8222;Gro bleiben, lieber Ingo! Es wird gewi alles gut werden,
-wir wollen dir lauter gute Gedanken mitsenden. Madonnengedanken!&#8221;</p>
-
-<p>Er nickte schweigend.</p>
-
-<p>Und zu Richard sprach er mit bewegter Stimme:</p>
-
-<p>&#8222;Gib gut auf sie acht, Richard! Sie ist doch die Beste von
-uns dreien!&#8221;</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 72px;">
-<img src="images/p075_deco.png" width="72" height="70" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p076_deco.png" width="600" height="48" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3>Sechstes Kapitel<br />
-
-Die Verlobung</h3>
-
-<div class="cite">
-<p class="noindent">
-O brich nicht, Steg! du zitterst sehr.<br />
-O strz nicht, Fels! du druest schwer.<br />
-Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,<br />
-Eh' ich mag bei der Liebsten sein!</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Uhland</span>
-</p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p076_cap.png" alt="A" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">A</span>
-us dem drhnenden Gerusch der spanischen Hafenstadt
-Barcelona hebt sich das vornehme Villenviertel am Gebirgszug
-Tibidabo empor und sucht reine Luft.</p>
-
-<p>Dort klettert die Strae, die nach einem katalonischen Dichter
-den Namen fhrt, die Calle Muntaner, mit starker Steigung bergan.</p>
-
-<p>Auf der Terrasse eines prchtig unterhaltenen Gartens voll
-immergrner Gewchse standen dort die beiden Mozart-Mdchen.</p>
-
-<p>Hier aber war die Stimmung anders als auf dem leichten
-Riviera-Hgel. Die zwei jugendlichen und schnen Geschpfe
-lachten nicht aus ungezwungenen Matrosenkleidchen in eine heiter-natrliche
-Welt; sie waren vielmehr eingenht in nagelneue, steif
-knisternde Festkleider. Und hinter ihnen ragte mit strengem Stolz
-Schallers groe Villa, ein viereckiger Bau mit flachem Dach, einem
-Kastell nicht unhnlich.</p>
-
-<p>Um sie her aber prangte der balsamisch duftende Garten, planvoll
-gefllt mit Palmen, Orangenbumchen, Zitronen und andren
-Stauden und Spalieren des halbtropischen Klimas. Zu ihren
-Fen funkelte abendschn die laute, energische, menschenvolle
-Stadt; in der Ferne glhte blendend das Meer; zur Rechten sahen
-sie den schrg ansteigenden und steil abfallenden Festungsberg
-Montjuich den Hafen bewachen. Hinter ihnen, auf den Hhen,
-waren Pinien rtlich angeglht von der sinkenden Sonne, und wie
-Minarets winkten dazwischen fremdartige Trmchen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p>
-
-<p>Man sprte wohl noch an diesen graugrnen Abhngen den
-Pulsschlag der Arbeitsstadt, den Atem des Hafens, den Duft des
-Mittelmeers. Aber man war zugleich diesen Regionen entrckt
-und schlo sich durch eine hohe und weitlufige Gartenmauer vom
-Arbeitstag ab.</p>
-
-<p>Hier also hatte Schaller seine Burg erbaut.</p>
-
-<p>Im Innern des Hauses hatten sich manche Kostbarkeiten und
-manche wertvollen Gemlde angesammelt. Ein Innenhof war
-von farbiger Kuppel berdacht; dort spielte ununterbrochen der
-feine Strahl eines Springbrunnens und verbreitete zugleich Khle
-und das Gefhl einer leichten Lebenslaune, einer berwindung
-der Arbeitsschwere. Es stimmten dazu die heiter geschnitzten Gelnder
-der Stockwerke, die diesen dmmernden Innenhof umrankten.
-So war dort eine maurische Stimmung geschaffen, die
-zum subtropischen Gartenbild pate und gegen den brennenden
-spanischen Sommer schtzte.</p>
-
-<p>Die Mdchen, in Seidenkleidern und weien Schuhen, gingen
-wie auf Stelzen und bemhten sich, gesetzt zu sein; aber sie konnten
-ihre Erregung nicht verbergen. Denn es war keine gewhnliche
-Abendgesellschaft, der sie entgegenfieberten.</p>
-
-<p>Die lebhafte Jngere entlud ihre Gespanntheit in fortwhrenden
-Umarmungen und Kssen, die Frulein Martha ber sich ergehen
-lassen mute, besorgt um die Falten und Bauschungen ihres
-feierlichen Kleides.</p>
-
-<p>&#8222;Ich freue mich ja schrecklich, ganz schrecklich fr dich!&#8221; rief der
-hbsche kleine Zappelkfer. &#8222;Freust du dich denn nicht auch? Hltst
-du's berhaupt noch aus vor Ungeduld?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gewi, ja, nur wei ich nicht recht &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, was denn nun wieder? Pfui, schm' dich! Etwa wegen
-des Spanischredens heut' abend? Aber du bist ja schon einmal ein
-ganzes Jahr hier gewesen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich hab' aber vieles vergessen. Nein, das nicht, ich meine
-nur &mdash; ich wollte, es wre schon vorber. Ich bin ja viel zu jung &mdash;
-und &mdash; mein Gott, wie sie mich alle ansehen werden!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;La sie gaffen, du bist s, sie werden sich alle verlieben!
-Zwei junge Spanier werden sich deinetwegen erdolchen, es wird
-ein Duell geben mit zehnmaligem Kugelwechsel, heute nacht reien
-die Katzen aus vor den vielen Serenaden &mdash; und ich giee den
-Sngern Wasser ber den Kopf.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Glaubst du, da sie Reden halten auf &mdash; auf ihn und mich?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich! Dann sagst du ganz einfach <span class="antiqua">gracias</span> oder <span class="antiqua">merci
-beaucoup</span> und nickst ein klein wenig mit dem Kopf &mdash; aber nur
-ein wenig, vornehm &mdash; siehst du, ungefhr so!&#8221;</p>
-
-<p>Die Kleine gab ein vorbildliches, gndig herablassendes Kopfnicken
-zum besten, wobei ihr der Augenaufschlag meisterlich gelang.
-Aber die schwerbltige Martha schaute mit ihren wundervollen
-Blau-Augen ratlos in die Welt und war nicht in Stimmung
-zu bringen.</p>
-
-<p>Zu gleicher Zeit lustwandelte der Herr des Hauses, in Frack und
-brasilianischem Orden, zwischen seiner bla-vornehmen Stiefmutter
-und der brgerlich-ehrbaren Witwe Frank-Dubois, die immer in
-schwarzer Kleidung ging. Sie schritten stattlich unter Fcherpalmen
-auf und ab. Ein springender Strahl rieselte und raunte
-auch dort; und im runden Becken flimmerten rote Fische. Es lag
-hochzeitlicher Glanz in der abendlich rosigen Luft; die Welt war
-voll Farben; auf Palmenkronen wiegten sich Genien mit Schmetterlingsflgeln
-und gaukelten abwechselnd um die Gesprche der Alten
-und das Zwitschern der Jungen. Selbst die kleinen brtigen Gnomen,
-die Geister des Goldes, die sonst schwere Scke schleppten,
-feierten heute, saen unter Tropfsteingebilden und kmmten sich
-gegenseitig die Brte.</p>
-
-<p>In den Worten und Gebrden der hier wandelnden Erdenbrger
-war satte Sicherheit. Sie fhlten sich nicht heimgesucht von
-irgendwelchem Hunger nach Unendlichem. Das Rtsel des Daseins
-hatte sie nie bekmmert. Eine erhebliche Rente in Gewahrsam zu
-bringen, gengte als Lebensziel. Wobei sie Arbeitsamkeit, Ordnungssinn
-und andere brgerliche Tugenden zu achtenswerter Entfaltung
-brachten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Jetzt bin ich ber die Zukunft meiner Tochter doch einigermaen
-beruhigt&#8221;, versicherte Frau Frank-Dubois. &#8222;Mit ihr selber
-wird es sich schon ganz gut machen, denn sie ist ja sparsam und huslich
-und versteht den Haushalt. Die Schule ist ihr halt schwer geworden;
-aber sie hat, was sie an Schulbildung braucht. Es ist eine
-stille Natur; mein seliger Mann war auch so ein Stiller, sie hat's
-von ihm.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das Mdel wird's wie eine Prinzessin haben&#8221;, versetzte
-Schaller und nahm die Dame fest zugreifend unter den Arm. &#8222;Das
-glaube ich Ihnen versichern zu drfen. Also wenn ihr beide einverstanden
-seid, so klopf' ich nach dem zweiten Gang ans Glas
-und mache die Sache bekannt. Ich liebe immer berraschungen,
-knappe, fertige Tatsachen. Punktum!&#8221;</p>
-
-<p>Er trat zu den Mdchen, legte der Jngsten von hinten her
-seine groen Hnde ber die Augen und kte ihre Wange.</p>
-
-<p>&#8222;Na, Mausi, hast du dein Cousinchen aufgemuntert?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Pah, Onkel Schaller, die hat Angst!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es schickt sich, da eine Braut schchtern tut&#8221;, erwiderte
-Schaller und legte den Arm um das gazellenschlanke Mdchen, das
-nur um eine Stirnbreite kleiner war als er selber. &#8222;Kinder, es soll
-famos werden! Die Nacht wird durchgetanzt! Und auerdem
-hab' ich eine Extra-berraschung, besonders fr die da, den kleinen
-Grashupfer!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Noch einen Brutigam? Her damit!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ruhig Blut, Sennorita! Es klingelt! Gste kommen!&#8221;</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ingo von Stein hatte in Narbonne bernachtet. Er fuhr dann
-ber Perpignan nach Barcelona. Der Schnellzug lief an der See
-entlang, deren Wasser im Ostwind an die Klippen schumte und
-das tiefe Blau des Mittelmeers in ein ebenso herrlich Wei verwandelte.</p>
-
-<p>Sprangen nicht mit glnzenden Schuppenschwnzen die Okeaniden
-herauf, lachten den Fahrenden aus und schnellten im Purzel<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>baum
-wieder hinunter in die Arme aufpustender Wassermnner?
-O Schaumtanz, o Schmeichelwelle, o Heimat der schaumgeborenen
-Gttin Aphrodite! Herfunkelnd ans knochig-mnnliche Festland
-&mdash; und dem Greifenden zwischen den Fingern zersprhend, ein
-schillernder Schein!</p>
-
-<p>Am Bahnhof hatte ihn Schaller persnlich und ohne Chauffeur
-im Automobil abgeholt. Bei ihm sa noch ein wrdiger
-alter Herr, dessen Wesen und Aussehen dem Ankommenden sofort
-angenehm und bedeutend ins Auge fiel. Es gibt Menschen, zu
-denen man auf den ersten Blick ein seelisches Verhltnis findet,
-als htte man sich schon irgendwo einmal gesehen. Dieser alte
-Herr, gleichsam der erste Gru auf spanischem Boden, wirkte in
-so merkwrdig anziehender Weise auf Ingo. Sie gaben sich mit
-so gelassener Selbstverstndlichkeit die Hand, als wren sie gestern
-erst auseinandergegangen.</p>
-
-<p>Der mehr als sechzigjhrige wrdige Herr war ein Freund des
-Grokaufmanns und wurde als Konsul a. D. Ernst Bruck vorgestellt.
-Es war ein Mann von Mittelgre mit schnem grauem Vollbart,
-graublauen Augen und einer klaren, hohen Stirn. Htte er einen
-Turban getragen, man htte ihn mit seinem tropisch gebrunten
-Angesicht fr einen indischen Rajah halten knnen. Nur da sein
-Wuchs nicht ragend genug und sein Benehmen bei aller ernsten
-Ruhe einfach und ohne jede Pose war.</p>
-
-<p>&#8222;Also steigen wir ein, fahren wir ab! Gepck ist in Ordnung!&#8221;</p>
-
-<p>Frisch und hndereibend sprang der Spielmann in das Fahrzeug,
-es war neuer Schwung ber ihn gekommen. Wieder im
-Menschengewhl! Und Schaller hatte in seiner rauhen und lauten
-Weise seiner aufrichtigen Freude Ausdruck gegeben, den durchgeistigten
-Wanderer in seinem katalonischen Heim begren zu
-drfen.</p>
-
-<p>&#8222;Leider sind einstweilen meine Fremdenzimmer besetzt,&#8221; entschuldigte
-er sich, &#8222;und ich mu Sie ins Hotel bringen. Aber wenn
-Sie sich ausgeruht haben, werfen Sie sich gleich in Frack und kommen
-hinauf. Sie sollen eine festliche Versammlung finden. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span>
-gibt einen Knalleffekt, die Mdels werden an die Decke hpfen,
-auer mir und Bruck ahnt niemand Ihre Nhe. Um sechs Uhr,
-bitte! Bruck holt Sie im Auto ab. brigens fhrt er morgen mit
-Frau und Tochter gleichfalls nach dem Montserrat, kann Ihnen
-also Fhrer und Dolmetscher sein.&#8221;</p>
-
-<p>Whrend sich Schaller am Steuer durch das Menschengewimmel
-der groen Stadt hindurcharbeitete, erzhlte der Konsul,
-wie er seinen Freund vor einem Dutzend Jahren in Brasilien
-kennen und als tatkrftigen Geschftsmann schtzen gelernt habe.</p>
-
-<p>&#8222;Ich baute damals eine Drahtseilbahn aus der Ebene nach
-einem Bergwerk auf den Kordilleren&#8221;, sprach er mit seiner wohltnenden
-Bastimme, in einer langsamen, sachlichen Bestimmtheit,
-ohne jenes nervse Fieber, das dem modernen Menschen bis in
-die tgliche Redeweise hinein das Geprge gibt. Er bildete einen
-auffallend ruhevollen Gegensatz zu Schallers Temperament, bei
-welchem man immer das Gefhl hatte, da er mit vorgerecktem
-Kinn, Fusten und Ellenbogen um die Million kmpfe, unter der
-berchtigten Losung, die seinen Angestellten nur allzu bekannt in
-die Ohren klang: &#8222;Wer nicht pariert, der fliegt!&#8221;</p>
-
-<p>Der Konsul, gemchlich in die roten Lederpolster zurckgelehnt,
-fate seinen Fahrtgenossen ins Auge und sprach:</p>
-
-<p>&#8222;Ich kenne Sie brigens schon. Meine Tochter, die viel liest,
-hat mir aus Ihrem Buch &#8218;Heroismus&#8217; vorgelesen. Und Schaller
-erzhlte mir von Ihrem Gesprch ber die Titanic. Ich darf Ihnen
-wohl gleich bekennen, da ich da ganz auf Ihrer Seite stehe.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die Titanic! Sie haben recht. Jene grauenhafte Katastrophe
-hat mich an das tiefste Problem gemahnt, das ich schon
-lange ungelst in mir herumtrage und neulich in Lourdes wieder
-ernsthaft durchdacht habe: wie steht es um Tod und Jenseits?
-Die moderne Menschheit wirft sich mit so viel Tatkraft auf so viele
-Probleme &mdash; warum nicht auf dieses?&#8221;</p>
-
-<p>Der Konsul nickte.</p>
-
-<p>&#8222;Vielleicht grade weil die modernen Menschen zu tatkrftig,
-zu unruhig sind. Man mte, um einen Zugang zu dieser Frage<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span>
-zu finden, vor allem andren eine Entfieberung vornehmen, eine
-Entgiftung. Nun, das mu man der hheren Fhrung berlassen.
-In diesen Fragen stimme ich mit Freund Schaller nicht berein.
-Ich selbst bin auch nicht unmodern, was Tatsachensinn anbelangt;
-war Seemann, Ingenieur, Farmer, hielt mich als Konsul im Kaukasus,
-dann in Indien und Brasilien auf und habe mich nun in
-meiner Heimat Westfalen zur Ruhe gesetzt. Doch wir knnen ja
-wohl ber diese Dinge noch in aller Ausfhrlichkeit auf dem Montserrat
-hoffentlich recht ergiebige Gesprche fhren.&#8221;</p>
-
-<p>So waren sie die Rambla hinuntergefahren und hatten den
-Gast im Hotel abgesetzt.</p>
-
-<p>Stein war durch Stand und Erziehung an die geselligen Formen
-gewhnt, so da ihm der bergang von nachdenklicher Einsamkeit
-zur geflligen Vielsamkeit nicht schwer fiel. Als er nun
-vor Spiegel und Waschbecken den Eisenbahnru hinwegsplte, besah
-er genauer als sonst seine uere Erscheinung. Eine grad und
-gut gewachsene Statur, kurzes Blondhaar, milde mattblaue Augen,
-ein ungestutzt voller Schnurrbart und von den Augenwinkeln zu den
-Enden des etwas vortretenden Mundes zwei scharfe Linien, die
-eine edle Nase flankierten und dem gesundfarbenen Gesicht im
-Verein mit einer hohen und breiten Stirn geistige Strenge verliehen.
-Doch sobald er nur wenig lchelte, verwandelte sich die
-Strenge in sonnige, fast kindliche Gte; und gar sein lautes Lachen
-war nach Tonfall und Aussehen von herzbezwingender Macht.
-Neckerei wohnte gern in diesen Zgen und spielte oft um den
-beweglichen Mund; aber Spott und Schrfe hatten darin keine
-Wohnung; hchstens noch die Schwermut und eine gewisse vertrumte
-Abwesenheit. Das zu kleine Kinn war der Gegensatz zu
-Schallers Bulldoggenkiefer und zur modernen Menschheit berhaupt;
-dieses Gesicht mit seinem hellen Leuchten, sobald es seelisch
-und geistig belebt war, pate nicht in den Kampf aller wider alle.
-So sah ein Sonnenbringer aus, ein Gtterbote aus dem Lande
-des Vertrauens, kein pfiffiger Spher aus dem Lande der Konkurrenz.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p>
-
-<p>Er legte sich auf den Diwan, hatte noch ein Stndchen Zeit
-bis zum Umkleiden und durchbltterte aufs Geratewohl die Gedichte
-des Novalis, die er in der Tasche trug.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun<br /></span>
-<span class="i0">Und deinem Beistand fest vertraun,<br /></span>
-<span class="i0">So lse doch des Alters Binde<br /></span>
-<span class="i0">Und mache mich zu deinem Kinde!&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Wen meint der Dichter? Die Madonna meint er. &#8222;Ich sehe
-dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrckt&#8221; ... Da taucht
-immer wieder die Jungfrau auf, das holde Urbild mtterlicher und
-zugleich kindlicher Weiblichkeit, die der Welt das Genie schenkt:
-denn aus den Augen des Kindes auf ihrem Arm leuchtet Geniefeuer.
-Das Geheimnis des Lebens ist in den Augen dieses Kindes,
-das den Tod berwunden und eine Bahn in den Kosmos zum
-&#8222;Vater&#8221; erffnet hat. Ist die Jungfrau-Mutter Hterin des Lebensgeheimnisses?
-Ist das Geheimnis der Geburt zugleich das Todesgeheimnis?
-Warum ergreift mich so mchtig das Rtsel des Todes?
-Warum ergreift mich so mchtig das Rtsel lebendiger Frauenschnheit?
-Warum sehn' ich mich nach dem einen Weibe &mdash; und
-nach dem einen Gral? Wo sind sie vereinigt? Wo sind Spielmann
-und Gralsucher eins? Wo ist kein Zwiespalt mehr zwischen Leben
-und Tod, zwischen Poesie und Religion, zwischen freudig erfatem
-Diesseits und edel erkanntem Jenseits?</p>
-
-<p>Das Leichte und Frohe der Mozart-Mdchen hatte ihn, vor
-seinen Augen herschwebend, mit magischer Gewalt nach Spanien
-gelockt. In solchen Mdchen ist Glck, Wrme, Stille &mdash; waren es
-vielleicht grade diese Eigenschaften, die er suchte, nicht die Mdchen
-selber? War es das knospenhaft in sich Geschlossene der Jungfrau,
-was so bezaubernd auf ihn gewirkt hatte?</p>
-
-<p>Jedenfalls war er entschlossen, heute abend eine Frage an
-das Schicksal zu stellen und die Entscheidung zu erzwingen: er war
-entschlossen, seine Briefe persnlich zu berreichen. Suberlich
-waren die bedenklich warnenden Nachschriften der treuen Friedel<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span>
-abgeschnitten und im Notizbuch verborgen. Er steckte die Briefe,
-die noch vom blauen Band umflochten waren, behutsam in die
-Tasche seines berziehers, dachte mit Dank und Teilnahme an die
-ferne Freundin, fhlte sich aber unwiderstehlich vorwrtsgetrieben.
-Sehenswert war gewi morgen der nun so nahe gerckte Gralsberg;
-aber sein rauschhaftes Empfinden suchte zunchst einen andren
-Gralsberg irgendwo da oben am Gebirgszug Tibidabo.</p>
-
-<p>Und rasch und neckisch vollzogen sich nun die Ereignisse.</p>
-
-<p>&#8222;Wissen Sie, woher der Name dieses Berges kommt?&#8221; fragte
-Bruck, als sie miteinander in Schallers Automobil zum abendlichen
-Fest hinauffuhren. &#8222;<span class="antiqua">Tibi dabo</span> ist lateinisch und heit ja wohl:
-Ich werde dir geben. Nmlich alle Reiche und Herrlichkeiten der
-Welt, wie der Versucher zum Heiland sagte, so du niederfllst und
-mich anbetest. Aber der Heiland hat das freundliche Angebot dankend
-abgelehnt. Es ist also der Berg der ahrimanischen Tuschung und
-luziferischen Versuchung, wenn Sie wollen, der Berg irdischen Besitzes.&#8221;</p>
-
-<p>Der Konsul lachte sein sonores Lachen und schlo gelassen:</p>
-
-<p>&#8222;Unser weltkluger Materialist Schaller hat sich also seine Gralsburg
-an einen recht passenden Ort gebaut.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo, in Frack und Zylinderhut, eine Teerose im Knopfloch,
-zwei Blumenstrue in Hnden, lachte mit und verga in diesem
-Augenblick, da er selber ber den Schmerz einer kranken Freundin
-hinber dem auf der Kugel schwebenden Glck nachjagte.</p>
-
-<p>&#8222;Ja ja,&#8221; sagte er, &#8222;ich erinnere mich seines handfesten Programms.
-Erst die Million, dann die Seele!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Stimmt!&#8221; lachte Brucks Bastimme. &#8222;Nmlich dem Teufel
-die Seele, wenn der ihm dafr die Million gibt! Aber Schaller
-ist gar nicht so schlimm, wie er manchmal tut. Auf die Zehen lt
-er sich allerdings nicht treten. Teils durch Spekulation, teils durch
-Arbeit und zuletzt durch Heirat zwingt er die Dmonen des Reichtums
-in seinen Dienst.&#8221;</p>
-
-<p>Als Steins vornehme Erscheinung neben dem kleineren Bruck
-die gewundenen Wege des Zaubergartens zu Schallers Burg<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span>
-hinanstieg, war oben schon alles voll lustiger Gste. Deutsch, Franzsisch
-und Spanisch klangen in allen Tonlagen durcheinander.</p>
-
-<p>Kaum in Sicht der Terrasse, wo sich die festlichen Menschen
-in der Beleuchtung des Sonnenuntergangs bewegten, wurden die
-Ankommenden vom Hausherrn selbst bemerkt.</p>
-
-<p>&#8222;Holla, die erste berraschung!&#8221; rief er. &#8222;Mdels, hierher!
-Wen haben wir da? Den Troubadour!&#8221;</p>
-
-<p>Und er packte in seiner nervs-energischen Art die beiden
-jungen Damen an den Armen und ri sie herum, dem Kommenden
-entgegen, der den Zylinderhut zog, schon von weitem lachend
-grte und dann seine Blumen berreichte.</p>
-
-<p>Martha wurde glutrot, die Jngste schlug in die Hnde.</p>
-
-<p>&#8222;Der Baron!&#8221; rief sie, denn er wurde gesprchsweise nur der
-Baron genannt. &#8222;Martha, aber was sagst du nur! Hab' ich's
-nicht gleich gesagt, den werden wir noch einmal sehen?! Danke
-fr die schnen Blumen, aber warum haben Sie denn gar keine
-Silbe mehr von sich hren lassen? Wir waren Ihnen schrecklich
-bse! Martha war anfangs fast melancholisch. Ich auch!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So mach' ich heute abend alles wieder gut,&#8221; lachte Ingo,
-&#8222;ich werde grade zu Ihnen beiden verschwenderisch liebenswrdig
-sein.&#8221;</p>
-
-<p>So begrte man sich, hell und vertraut. Ingo wurde mit
-der Gesellschaft bekannt gemacht: da waren Brucks freundliche
-Frau und krnkelnde Tochter; Schallers Teilhaber, ein knochiger
-Geschftsmann, mit seiner Gattin, einer unendlich mageren und
-unendlich grazisen Pariserin, ein Justizbeamter, ein Professor
-der Musik, Kaufleute, Herren und Damen aus der Gesellschaft,
-junge Deutsche, die in Barcelona geschftlich ttig waren und
-sich an diesem Abend als Dolmetscher zwischen den zwei oder
-drei Sprachen ntzlich machten. An wahren Schnheiten, das
-bersah der gebte Ingo mit raschem Blick, war nur noch eine
-echte Spanierin vorhanden, die den Namen Carmen trug und
-ihre Rasse prchtig vertrat.</p>
-
-<p>Aber Martha, obschon verlegen und ungelenk, berstrahlte alle.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p>
-
-<p>Stein war gewohnt, sich rasch auf eine Gesellschaft einzustimmen
-und den Ton zu treffen, der sich in das Menschenkonzert
-einfgte. Als man bei einem Rundgang durch die Rume am
-Flgel haltmachte und der Musiker einige Stze aus der Mondscheinsonate
-zum besten gab, lie ihm Ingo durch den Dolmetscher
-Komplimente machen ber seine romanische Umfrbung Beethovens,
-und es entspann sich, mit Hilfe des geschickten Dolmetschers,
-ein Gesprch ber Musik. Mit Carmens Eltern sprach er ber den
-Unterschied zwischen Katalonien und dem brigen Spanien; man
-stellte fest, da Provence und diese spanische Nordprovinz sprachverwandt
-seien, und da beim Kongre der <span class="antiqua">flibres</span>, unter Mistrals
-Fhrung, auch Kataloniens Dichtkunst vertreten war. Der vielgereiste
-Ingo freute sich an den melodischen spanischen Lauten.
-Und immer wieder, auch im Buschwerk des Kleingesprchs, wute
-er durch irgendeine Lcke hindurch nach Martha zu sphen, die
-aber den Blick nicht erwiderte.</p>
-
-<p>Er war ahnungslos.</p>
-
-<p>Er machte sich innerlich Vorwrfe, weil sein Geschmack feststellte,
-da sie hier, auf dem Parkettboden der Gesellschaft, nicht
-den gnstigen Eindruck besttigte, den er von ihr in Erinnerung trug.
-Die Bewegungen der Elssserin waren &mdash; zumal neben der Pariserin
-&mdash; von schwerflligem Rhythmus; sie glich einem zwar schlanken,
-aber etwas tppisch laufenden russischen Windspiel; ihr Gesicht
-war mehr treuherzig als geistvoll; auch unterhielt sie sich fast gar
-nicht, sondern lie sich unterhalten. Er steuerte unauffllig durch
-die belebten Gruppen und machte sich kundschaftend an Frau
-Frank-Dubois heran, die ihm zur Tischdame bestimmt war.</p>
-
-<p>Die Herren boten den Damen den Arm; man zog zum Abendessen
-unter die Arkaden, die unterhalb der Terrasse mit vielen
-Sulen mrchenhaft angelegt waren, mit Lampions und Blumen
-reizend verziert. Vier blinde Musiker aus Barcelona sorgten fr
-Tafelmusik. Und nun ergossen sich, aus Silber, Porzellan und
-Kristall, die Gensse der Tafel ber die sehr laute und heitere Gesellschaft,
-wobei vor allem die Deutschen den sdlndischen Wein<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>sorten,
-vom dunkelsten Purpur bis zum edelsten Gold, mit Bewunderung
-zusprachen.</p>
-
-<p>&#8222;Die lteste sitzt neben mir,&#8221; hatte ihm Schaller mitgeteilt, &#8222;dafr
-hab' ich Sie zwischen Marthas Mutter und den Goldkfer gesetzt,
-der fr Sie schwrmt! Auf der andren Seite haben Sie den Geisterseher
-Bruck. Nehmen Sie sich also nach allen Windrichtungen in acht!&#8221;</p>
-
-<p>Und er hatte dem Baron zugeraunt, da er sich mit der elsssischen
-Bourgeoisdame franzsisch unterhalten mge; sie halte das
-fr vornehmer, und das Hochdeutsche falle ihr etwas schwer. Der
-thringische Freiherr stutzte einen Augenblick; aber er war von
-andren Dingen erfllt und sah in dieser wrdigen Dame vor allem
-Marthas Mutter.</p>
-
-<p>&#8222;Madame,&#8221; sprach er, als sie bei Tisch saen, &#8222;gestatten Sie,
-da ich Ihnen eine drollige Geschichte erzhle? Auch Sie, Mademoiselle,
-meine muntere kleine Nachbarin, passen Sie auf!
-Wissen Sie, Madame, da ich Sie und Ihre Tochter schon lange
-kenne? Ich besuchte in Straburg im vorigen Herbst einen mir
-befreundeten Schriftsteller; dieser Schriftsteller hat einen Roman
-aus der Revolutionszeit geschrieben. In diesem Roman kommt
-eine Leonie vor, die sich zuletzt mit einem etwas pedantischen Hauslehrer
-verlobt. Als wir nun dort miteinander an einem groen
-Platz &mdash; heit er nicht Broglieplatz? &mdash; vor einer Buchhandlung
-standen, kam eine Dame in Pelz und schwarzem Kleid mit ihrer
-schlanken Tochter vorber. &#8218;Sehen Sie sich die junge Dame an&#8217;,
-bemerkte mein Freund: &#8218;so etwa sah Leonie aus.&#8217; Das war in
-Straburg. Und wen find' ich einige Monate spter an der Riviera?
-Jene nmliche Leonie, die mir jetzt hier in Barcelona gegenbersitzt!
-Ist das nicht eine nrrische Welt?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;<span class="antiqua">C'est charmant!</span>&#8221; rief die Junge. &#8222;Ich mu es gleich ber
-den Tisch hinber Martha erzhlen.&#8221;</p>
-
-<p>Durch diese natrliche Art, sich zu geben, stellte Ingo rasch
-einen vertraulichen Ton her.</p>
-
-<p>Aber mit Madame Frank-Dubois entspann sich nach und nach
-ein immer khleres politisches Gesprch. Sie vertrat, mit mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span>
-Eigensinn als Begrndung, den Standpunkt eines Teils der elsssischen
-Bourgeoisie, Anschauungen, die weder mit der Mehrheit des
-elsssischen Volkes noch mit den deutschen Empfindungen des Thringers
-harmonisch zusammenklangen. Er ahnte hier Klfte. Ihre
-Tochter, uerte sie mit einem befremdlich anmutenden brgerlichen
-Stolz, besuche nur franzsische Tennispltze und Gesellschaften.</p>
-
-<p>&#8222;Was hat sie denn davon?&#8221; fragte Stein trocken. &#8222;Sie schlieen
-sich also vom deutschen Kulturgebiet ab?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wir sind Elssser.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gengt das? Mit diesem engen Grundsatz kommen ja die
-Elssser in den Schmollwinkel.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Fr einen Fabrikanten kann es ja wohl gleichgltig sein, wo
-er sein Geld verdient.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ist der Mensch blo zum Geldverdienen auf der Welt? Hat
-er nicht auch ein Vaterland?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bei uns Elsssern, die wir Verwandte in Frankreich haben
-und morgen vielleicht wieder franzsisch werden &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aha, <em class="gesperrt">damit</em> rechnen Sie also?! Glauben Sie denn wirklich,
-Deutschland werde das mit so viel Blut erkaufte Elsa je wieder
-herausgeben? Gestatten Sie mir einmal in allem Ernst die Frage:
-Mchten Sie wieder franzsisch werden?&#8221;</p>
-
-<p>Madame Frank-Dubois zgerte; sie hatte sich nie viel mit
-diesen Dingen beschftigt; sie machte eben mit, wie es in ihren
-Kreisen guter Ton schien.</p>
-
-<p>&#8222;Franzsisch werden?&#8221; wiederholte sie gedehnt. &#8222;Das nun
-grade nicht. Das wrde doch wohl wirtschaftliche Strungen mit
-sich bringen. O nein, das eigentlich nicht! Nur &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nur eben auch nicht deutsch, nicht wahr?&#8221; lachte Stein. &#8222;Also
-weder Fisch noch Fleisch! Elssser &mdash; weiter nichts! O weh, wie
-wrd' ich Ihr schnes Land bedauern, wenn es ein Zwitterding
-wrde wie Luxemburg! Wissen Sie brigens, da auch ich elsssisches
-Blut in den Adern habe? Eine meiner Urahnen war aus
-dem oberelsssischen Adel und hat nach Thringen geheiratet. Sehen
-Sie, damals sperrten sich die Elssser nicht ab!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Das sag' ich ja auch,&#8221; erwiderte Madame Frank-Dubois und
-atmete auf, denn es war ihr bei diesem Gesprch nicht behaglich
-gewesen, &#8222;drum geb' ich ja auch meine Tochter einem &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Hier klopfte Herr Schaller, der besorgt in diese Politik herbergelauscht
-hatte, hell und unternehmend ans Glas; und die erglhende
-Martha senkte den Kopf. Er erhob sich in seiner ragenden
-Gre und stemmte das Monokel ins Auge; sein khnes und festes
-Herrengesicht glnzte wie die Rose in seinem Knopfloch; der studentische
-Schmi glhte doppelt keck in der vielfarbigen Beleuchtung
-der Lampions. Die Saitenmusik schwieg; das Tischgesprch ging
-ber in erwartungsvolle Stille.</p>
-
-<p>&#8222;Meine Damen und Herren,&#8221; sprach er auf deutsch, bersetzte
-aber sogleich jeden Satz mit eleganter Handbewegung ins Spanische,
-&#8222;die erste berraschung des Abends bestand darin, da ich
-Ihnen einen geistreichen Idealisten, den ich schtze und beneide,
-heute abend zugefhrt habe.&#8221; Er winkte mit leichter Verneigung
-dem Baron zu. &#8222;Ich fr mein Teil pflege offen meinen Realismus
-zu bekennen, denn ich mache gar kein Hehl daraus, da mir
-der Sperling in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dache.
-Noch lieber ist mir <em class="gesperrt">die Taube</em> in der Hand als der Sperling
-auf dem Dache. Und ich bin in der glcklichen Lage, Ihnen sagen
-zu drfen, da ich ein Tubchen gefangen habe, eine schne weie
-Taube, die fortan meine Arche Noah ber den Ozean des Lebens
-geleiten wird. Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, Ihnen meine
-Braut vorzustellen, Frulein Martha Frank-Dubois!&#8221;</p>
-
-<p>Erstaunte Stille &mdash; dann ein brausendes Hoch in allen drei
-Sprachen von allen Seiten des langen Tisches und der wunderlich
-gemischten Gesellschaft! Es war ein Knalleffekt! Man hatte geahnt,
-man hatte getuschelt; aber nur wenige waren auf die deutliche
-Tatsache gefat gewesen. Alles drngte nun zu dem Brautpaar
-heran, Glser klangen, Glckwnsche flogen, Umarmungen
-fluteten ber die Braut herab; und mehr als ein Tropfen des kstlichen
-Getrnkes spritzte auf Tisch und Teppich.</p>
-
-<p>Stein sa vom Donner gerhrt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p>
-
-<p>Der Trinkspruch hatte ihn einfach niedergeschmettert.</p>
-
-<p>Die Andeutungen der Jngsten whrend des Abends hatte
-er nicht verstanden oder auf sich bezogen; da etwas in der Luft
-lag, hatte er nur vorbergehend empfunden. Jetzt sa der Troubadour
-mehrere Sekunden mit buchstblich offenem Munde und starrte
-sein entzaubertes Ideal an, das sich mit der rosig verschnten Anstandsmiene
-eines gut erzogenen Mdchens erhoben hatte und
-Umarmungen ber sich ergehen lie.</p>
-
-<p>Dann aber kam ihm seine gesellschaftliche Schulung zu Hilfe.
-Er sprang auf, schlug in die Hnde und rief immer wieder: &#8222;Groartig!&#8221;,
-kte der Mutter die Hand, ri die Kleine bermtig ans
-Herz und nahm sie mit hinber zur persnlichen Beglckwnschung.
-Denn alle Tischordnung war auf eine Weile zerbrochen.</p>
-
-<p>&#8222;Htt' ich eine Ahnung gehabt!&#8221; rief er drben. &#8222;Ich htte
-mir's nicht nehmen lassen, mit Reim und Lautenklang das festliche
-Ereignis zu feiern.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es wre zu nett, wenn Sie Ihre Laute mitgebracht htten&#8221;,
-versicherte die Braut mit schicklicher Hflichkeit.</p>
-
-<p>Und so lachten sie und plauderten inhaltlose Sachen und bedauerten
-das Fehlen der Laute und schttelten Hnde und gingen
-nachher, als Schallers Geschftsteilhaber ans Glas klopfte, um
-kurz und korrekt zu beglckwnschen, wieder an ihre Pltze. Die
-Woge der Festfreude legte sich einen Augenblick, schwoll aber immer
-wieder an; einige Mtter seufzten, da ihnen der reiche Kandidat
-entgangen war, Steins Herz hmmerte, die Jugend war elektrisiert
-&mdash; und alle miteinander strahlten, schwatzten, lachten und
-zechten um die Wette.</p>
-
-<p>Es wurde getanzt. Der Troubadour phantasierte spter, als
-sich die Gesellschaft verteilte, so toll am Flgel, da der spanische
-Professor vor Begeisterung aus dem Huschen geriet. Schaller
-lie sich die &#8222;Rosenlieder&#8221; singen, sein Leiblied; denn er wurde
-sentimental. Dann tanzte man wieder zur Musik der Blinden;
-die jungen Leute fhrten ein harmlos Scherzspiel auf; man trank
-smtliche Spirituosen durch &mdash; bis lange nach Mitternacht der Halb<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>mond
-ber Meer und Montjuich stand. Stein machte allen halbwegs
-hbschen Damen ebenso unbedenklich wie liebenswrdig den
-Hof; verliebte Paare lustwandelten im Garten; er glaubte sich zu
-entsinnen, Hnde, Wangen und Lippen gekt zu haben, sogar die
-leider nach spanischer Unart gepuderte und geschminkte Carmen.</p>
-
-<p>Gegen Morgen sa er schweren Hauptes in einem Automobil,
-hatte jedoch Besinnung genug, nach dem berzieher zu tasten, ob
-die provenzalischen Briefe noch darin wren. Ja, da waren sie noch
-wohlbehalten an Ort und Stelle. Und so glitt er denn auf lautlosen
-Gummireifen mit seinen Briefen und mit seinem Rausch ins
-Hotel zurck, wo er lachend ankam und immer vor sich hinrief:</p>
-
-<p>&#8222;O Troubadour! o Troubadour!&#8221;</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 160px;">
-<img src="images/p091_deco.png" width="160" height="172" alt="" />
-</div>
-
-
-<!-- p class=""><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a><br /><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p -->
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak padb8"><small>Zweiter Teil</small><br />
-
-<big>Ingos Einkehr</big></h2>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p095_deco.png" width="600" height="49" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Siebentes Kapitel</small><br />
-
-<big>Der Gralsberg Montserrat</big></h3>
-
-<div class="cite">
-<p class="noindent">
-Wer ist der Gral?</p>
-<p class="right">Das sagt sich nicht.</p>
-<p class="noindent">Doch bist du selbst zu ihm erkoren,<br />
-Bleibt dir die Kunde unverloren.</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Richard Wagner</span>
-</p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p095_cap.png" alt="I" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">I</span>
-n stiller Gre walten ber den wechselnden Schicksalen
-der Menschheit die Genien der Gte und die Meister der
-Innerlichkeit.</p>
-
-<p>Nicht ist es ihre Sache, sich um den Haushalt des Alltags oder
-das Getriebe der Gattung zu kmmern; das besorgen andre Geister
-und Dmonen, ruhelos den Erdball umdrngend.</p>
-
-<p>Aber die Meister warten. Die Meister warten auf einzelne
-erwachende Seelen. Und wenn ein Gralsucher sich losringt von
-den Trieben der Masse und fortan seinen persnlichen Weg sucht,
-so senden sie ihm ermunternd und beratend einen Lichtboten.</p>
-
-<p>&#8222;Dort ist ein Suchender deiner Teilnahme wert, lieber Bote&#8221;,
-sagen dann die Meister. &#8222;Geh hinab, werde sein Schutzgeist! Arbeite
-an seinem Herzen, durchdring' ihn mit dem Bewutsein ewigen
-Wertes! La ihn stolz sein, doch ohne Hoffart! Sag' ihm, da nicht
-Titanenwille den Gttersitz erobert! Denn wir sind es, die den
-durch uns hindurchrinnenden gttlichen Strom weiterschenken; aber
-wir schenken nur dem, der zur Erkenntnis stiller Gre nach Kampf
-und Irrfahrt reif geworden. Geh hin, lieber Bote, tue dein Werk!&#8221;</p>
-
-<p>Und die Lichtboten tauchen tatenfroh hinab in die Lebensfluten
-der Erde.</p>
-
-<p>Wenn aber Boten des Lichtes vorberziehen an den Gestaden
-der Dsternis und der Vernchterung und der Weichlinge, die an
-des Lebens Wrde verzweifeln, so strahlt in doppelter Schnheit
-der Gottesboten Gesicht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span>
-
-Sie drehen der flammenden Schwerter flache Klinge dem Gestade
-zu, so da ein Widerstrahl von dem kraftvollen Silber hinberblitzt
-in das Land der Dumpfheit.</p>
-
-<p>Da hebt dort einer oder der andre sein Haupt: &#8222;Wer zieht vorber?
-Wer hofft noch? Wer wagt noch an Freiheit und Freude
-zu glauben in diesem Rderwerk der Fronen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich, mein Bruder!&#8221; flammt es zurck. &#8222;Und sieh her, wie
-meine Muskeln straff und meine Blicke voll Mut sind und mein
-Atem den Busen schwellt! Sieh her, wie mir wonnig und wohl
-ist, weil ich wandeln darf als Bote der Gottheit!&#8221;</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>&#8222;Bis jetzt haben Sie Laute gespielt oder Klavier, Herr Spielmann&#8221;,
-sagte der Konsul. &#8222;Aber Sie kennen noch nicht die Macht
-und Tiefe der Orgel. Wie die Orgel zur Laute, so verhlt sich der
-Montserrat zur Wartburg. Was Sie mir soeben aus Ihren Blttern
-ber Lourdes vorgelesen haben, lt mich annehmen, da Sie
-dort eine erste Weihe empfangen durften: das heit, eine Ahnung
-von den hheren Gesetzen, die hinter dem Sichtbaren walten. Vielleicht
-gibt Ihnen dieser Berg eine zweite Weihe. Und das Leben
-selber hernach die dritte und beste.&#8221;</p>
-
-<p>Sie saen bereits in der Bahn, als diese Worte gesprochen
-wurden. Das Reiseziel der Familie Bruck und des Spielmanns
-war nicht mehr fern.</p>
-
-<p>Der Felsenberg Montserrat erhebt sich einsam und majesttisch
-aus den Hgeln der katalonischen Landschaft.</p>
-
-<p>Nhert man sich an duftigem Sonnentage von Barcelona her
-dem Stdtchen Monistrol im vielgewundenen Tal des Llobregat,
-so scheint sich pltzlich am Horizont ein Wolkengebirge zu trmen.
-Man spht genauer &mdash; und man entdeckt mit erhabenem Staunen:
-es sind keine Wolken, es sind Felsen!</p>
-
-<p>In abenteuerlichen Steinformen zackt sich der gewaltige Berg
-wie eine Walhalla aus den Dnsten des Flachlandes empor. Sein
-Name ist Montserrat, das heit Zackenberg, weil wie die Zhne
-einer Sge diese Kammlinie zerrissen und zerschnitten ist. Und um<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span>
-so wirksamer ist der langgestreckte und hohe Felsenbau, weil er sich
-einsam mitten in wenig hohen, zerwaschenen Lagerungen der katalonischen
-Lehmhgel erhebt.</p>
-
-<p>Die Phantasie gesellt sich hinzu und verbindet mit dieser Sttte
-eine der tiefsinnigsten Legenden.</p>
-
-<p>An diese hohe Felsenburg heftet sich eine Sage, die aus keltischen
-Bezirken stammt. Der Montserrat ist der mittelalterliche
-Montsalvat oder Munsalvaesche der Gralsage.</p>
-
-<p>Dem Gralsucher Ingo von Stein war der Gral, dieses geheimnisvolle
-Becher-Kleinod, das verjngende Kraft gibt, lange
-schon anziehend und bedeutsam. Er fhlte lngst den unbestimmten
-Drang, durch Klingsors Grten und Blumenmdchen hindurch diesen
-schwer zu erreichenden Einsiedlerberg zu besuchen. Doch ohne
-Kenntnis des Spanischen ist die Fahrt zum Montserrat beschwerlich.
-Es ist oben, auf einer Felsenterrasse, eingenistet in eine Schlucht,
-nur ein groes Benediktinerkloster mit allerlei umfangreichen wirtschaftlichen
-Gebuden und Logierhusern. Ein Gasthaus nebst Kaufladen
-ist zwar auch vorhanden, aber kein eigentlicher Hotelbetrieb,
-nur einige Laienbrder, die das Gepck besorgen. Die Gste,
-die familienweise kommen, erbitten sich je nach ihrer Kopfzahl in
-irgendeinem der Logierhuser eine Wohnung und bereiten in der
-dazu gehrigen Kche ihr Essen selber. Durch ein schickliches Trinkgeld
-entschdigt man das Kloster fr die Gastfreundschaft. So sind
-dem einzelnen Auslnder die Zugangsbedingungen erschwert; doch
-um so ungehemmter kann er sich dann der Einsamkeit des Berges
-berlassen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich glaube gelesen zu haben,&#8221; uerte Stein, als er mit der
-Familie Bruck auf der gewundenen Zahnradbahn im Schatten der
-Felsenwnde hinauffuhr, &#8222;da schon Wilhelm von Humboldt begeistert
-von diesem Berge gesagt hat, er habe nie einen hnlichen
-Anblick genossen, denn an dieser Sttte vereinige sich alles, was
-einer Landschaft Gre und Schnheit zu geben vermag.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie werden staunen&#8221;, sagte der Konsul. &#8222;Ich war schon vor
-Jahren oben.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span>
-
-&#8222;Im brigen mu ich Ihnen gestehen, da ich Spanien nicht
-sehr liebe&#8221;, fuhr der Troubadour fort. &#8222;Es ist Grausamkeit in diesem
-Volk der Stierkmpfe; sie haben Peru und Mexiko vernichtet,
-waren mit Bluthunden hinter den Indianern her, haben Torquemada,
-Alba und die Inquisition erzeugt &mdash; ein fanatisches Land,
-kein Land der Liebe!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Immerhin, sie hatten auch den Vorkampf gegen die Mauren&#8221;,
-fgte Bruck ausgleichend hinzu und strich nachdenklich seinen Druidenbart.
-&#8222;Sie haben in ihrer Art, unter dem Cid zum Beispiel, den
-Gral des Christentums gegen die Araber behtet.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das ist wohl wahr&#8221;, rumte Ingo ein. &#8222;Aber es saen damals
-Germanen in Spanien: Goten. Und erst im mittelalterlichen
-Deutschland hat sich der Gralsgedanke vertieft. Es ist vielleicht eine
-europische Mission der Germanen, solche Gedanken zu pflegen und
-wachzuhalten. Wolfram von Eschenbach hat sie nach Deutschland
-getragen, Richard Wagner hat die alte Burg neu erbaut im Herzen
-moderner Kultur und Kunst.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wer ist der Gral?&#8221; zitierte Brucks belesene Tochter aus Wagners
-Parsifal. &#8222;Das sagt sich nicht; doch bist du selbst zu ihm erkoren,
-bleibt dir die Kunde unverloren.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Waren Sie in Bayreuth?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O ja! Und sahen den Gral und das Nibelungengold.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wunderbare Gegenstcke! Der Edelstein des Heils &mdash; und das
-Gold des Unheils! Jener kommt aus der Hhe &mdash; dieses aus den
-Tiefen. Dort eine Taube &mdash; hier ein Drache. Wunderbar!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, und dort Reinheit, hier Begierde. Man kann sagen, da
-Parsifal ein geluterter und erlster Siegfried ist. Auch der Drachentter
-hat einen Speer, ttet damit und wird gettet. Aber Parsifals
-Speer heilt.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo und Bruck verstanden sich erstaunlich in der Deutung
-dieser tiefen Symbole; sie nahmen einander frmlich das Wort
-von den Lippen und setzten sofort ein, wo der andre aufhrte. Im
-hochgebildeten Freiherrn von Stein wurde die einfach-groe
-Madonnen-Stimmung von Lourdes wieder lebendig; es arbeitete<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span>
-etwas in seinem ganzen Organismus. Sein Zustand war kein
-Denken, sondern mehr als dies, auch das Denken umfassend: sein
-Zustand war einsaugendes Erleben. Und Bruck selber, einem alten
-Barden an Gestalt nicht unhnlich, schien gefllt zu sein mit solchen
-Gedanken, deren plastische Kraft durch sich selber und ohne Beweis
-berzeugte.</p>
-
-<p>&#8222;Da nach der Sage so viele Ritter das Kleinod des Grals gesucht
-haben,&#8221; sprach der Freiherr, &#8222;so mu es sehr schwer zu erringen,
-sehr kostbar und sehr geheim sein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das Einfachste ist meist das Schwerste&#8221;, warf Bruck ein.</p>
-
-<p>&#8222;Ja, denn diese grozgige Einfachheit ist eine Summe von
-tiefsinnigen und verwickelten Dingen, aber ins Klare gebracht&#8221;,
-fuhr Ingo fort. &#8222;In einem Tautropfen spiegelt sich eine ganze
-Umwelt. Und so ist wohl der Gral gesammelte Kraft.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ganz gewi, und zugleich Heiligkeit, Lebensheiligung, denn
-er hngt mit dem Karfreitag zusammen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sehr wahr, er ist eine Mischung aus keltischer Sage und christlicher
-Legende. Die Sage vom Wunschgef &mdash; vom Tischleindeckdich
-&mdash; vereinigte sich mit der Kunde von jener heiligen Schale,
-aus der das letzte Abendmahl gehalten worden und in die Joseph
-von Arimathia Christi Blut aufgefangen hat. Die Sage ist also
-ritterlich und religis zugleich. Welt und Himmel, Abenteuer und
-Gebet, Phantasie und Ethik! Ja, bis ins alte Indien fhrt sie
-zurck: das Wunschgef, das so viel Segen gibt, soll die Sonne
-selber sein, aus den Drachenwolken herausgekmpft von Indras
-Speer.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Da dieses leuchtende Kleinod aus den geistigen Welten kommt,
-hat man es sogar fr einen Meteorstein gehalten,&#8221; fgte Bruck
-hier lchelnd ein.</p>
-
-<p>&#8222;Und Munsalvaesch mag man ja von <span class="antiqua">sauvage</span> ableiten und
-als Wildenberg deuten&#8221;, meinte Ingo. &#8222;Doch sinniger deucht mir
-die Ableitung von <span class="antiqua">salvus</span>: Heilsberg.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein materialistisches Geschlecht hat das Geheimnis des Grals
-verloren&#8221;, schlo der Konsul und schaute ernst an den Tempel<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>mauern
-dieses gigantischen Berges empor. &#8222;Denn sie haben heute
-weder Ehrfurcht noch Heiligtum und mten in einer neuen
-Mysterienschule erst wieder nachdenksame Einsamkeit lernen.&#8221;</p>
-
-<p>Als sie hinaufkamen vor die groen, vielstckigen und mehr
-massiven als schnen Huserkasten aus rtlichem Stein, die sich unter
-berhangenden grauen Felsen neben Kloster und Kirche ausbreiten,
-verhandelte der Konsul mit den Angestellten und lie sich eine Wohnung
-von zehn Zimmern ffnen, so da jede Person zwei Zimmer
-zur Verfgung hatte. Ein Vorraum und ein Ezimmer in der
-Mitte blieb dem gemeinsamen Gebrauch vorbehalten; die Betten
-wurden berzogen; ein Glasschrank enthielt die ntigen Glser
-und Geschirre.</p>
-
-<p>Und nun war man behaglich allein in dem fast noch unbewohnten,
-groen, hallenden Hause, das nur im Hochsommer mit Flchtlingen
-aus der Bruthitze der Ebene berfllt zu werden pflegt.
-Frau Bruck hatte ihr Dienstmdchen mit; es knisterte bald in der
-Kche; und Ingo sa, als Gast dieser ernstgestimmten Familie,
-mitten in Spanien an einem deutschen Tisch.</p>
-
-<p>Die Frauen, von huslichem und unaufflligem Wesen, beide
-mit warmen braunen Augen, deren Blick wohl tat, zogen sich frh
-zurck. Die Tochter, eine junge Witwe, barg irgendeinen Lebenskummer,
-auf den man aber nicht zu sprechen kam. Die beiden
-Mnner packten ihre Lodenmntel aus und schritten dann miteinander
-in den khlen Abend, eingehllt wie Mnche, um in der
-Kirche dem berhmten Vespergesang zu lauschen.</p>
-
-<p>Denn die Mnche des Montserrat sind berhmt durch ihre
-Musikschule. Sie unterrichten dreiunddreiig Knaben als Schler;
-nur begabte Jugend wird dieser Ehre teilhaftig. So kann man
-dort im Zauberdunkel der Kirche, besonders abends, eindrucksvolle
-Kirchenmusik vernehmen; biegsamen und hellen Knabenstimmen
-antworten mnnliche Gegenchre der Mnche; beide Gruppen bleiben
-unsichtbar; und die Begleitung der Orgel wird verstrkt durch
-ein kleines Orchester. So ist der ganze Raum, in dem nur wenige
-Beter anwesend sind, erfllt von gregorianischer Kirchenmusik.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p>
-
-<p>Auch hier bildet die Statue einer Jungfrau den Herzpunkt der
-Kirche: eine Madonna, angestrahlt von vielen Kerzen. Sie steht
-ber dem Altar unter einem goldverzierten Bogenwerk, inmitten
-eines maurisch-byzantinischen Chors, der von Gold funkelt. Die
-Jungfrau ist bltenwei gekleidet, das Kleid bauscht sich nach unten,
-viele Kerzen vereinigen ihre Leuchtkraft: aber ihr Gesicht ist schwarz.
-Das Maurische des Chors und die Schwrze der Jungfrau wirken
-fremdartig und orientalisch.</p>
-
-<p>Dieses hchste Heiligtum Kataloniens entstand vor einem Jahrtausend
-im Grenzkampf zwischen arabischer und christlicher Kultur,
-zwischen semitischen und christlichen Vorstellungen. War es das Erbe
-vielleicht schon eines phnizischen oder vorarischen Heiligtums? Der
-Berg ist ja ein riesenhafter Altar. Es saen zur Zeit der Maurenkmpfe
-Goten in Spanien; Gundomar hie der Bischof, unter dem
-vor tausend Jahren das Bild gefunden wurde. Die schwarze Holzfigur
-soll aus Palstina stammen und war in einer Hhle des Berges
-verborgen; noch heit die Grotte <span class="antiqua">cueva de la virgen</span>; Hirten sahen
-dort jeden Sonnabend einen Glanz &mdash; man drang mhsam vor
-und fand diesen heiligen Gegenstand. Eine Grotte und eine Madonna
-auch hier &mdash; wie dort in Lourdes!</p>
-
-<p>Von einem Gral wei diese kirchliche Legende nichts. Man
-mte denn dieses wohlbehtete, angeblich aus Palstina stammende
-Jungfrauenbild als einen heiligen Gral ansprechen; wobei die ehemaligen
-Einsiedler als Gralsritter zu betrachten wren.</p>
-
-<p>Der Konsul erzhlte dies alles.</p>
-
-<p>&#8222;Es waren einst&#8221;, fuhr er fort, &#8222;da oben auf dem weitgedehnten
-Felsenberg, noch hher als das Kloster, zwlf Einsiedeleien ber
-den Montserrat zerstreut, mit einer dreizehnten &mdash; Santa Anna &mdash;
-in der Mitte, worin der lteste und wrdigste dieser Eremiten wohnte,
-whrend immer der jngste die fernste und steilste Klause &mdash; San
-Jeronimo &mdash; zugewiesen bekam. Nun ging damals ber den ganzen
-Berg ein sogenanntes ewiges Gelute. Um zwei Uhr morgens
-gab die Klosterglocke das Zeichen: die Mnche erhoben sich und
-zogen zu Gebet und Gesang in die Kirche; nach bestimmter Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span>
-nahm die nchste Einsiedelei Glockenzeichen und fromme bung auf;
-und in genauer Reihe und Zeitfolge setzte sich das fort, bis um
-Mitternacht San Jeronimo den Beschlu machte. An bestimmten
-Tagen und Stunden vereinigten sich alle Eremiten bei Santa
-Anna, im Mittelpunkte des Hochtales; von dort wanderten sie
-nach einem Felsenvorsprung, von wo das Kloster sichtbar war, und
-sangen das <span class="antiqua">salve regina</span> herunter. Viele bte und andre hohe
-Geistliche haben sich nach arbeits- und studienreichem Leben hierher
-zurckgezogen und sind Einsiedler geworden, oft von Knigen
-und Frsten in ihrer Stille besucht und um Rat gefragt. So ist
-die Luft dieses Berges magnetisiert von heiligen Gedanken. Und
-Loyola folgte einer richtigen Ahnung, als er sich nach seiner Bekehrung
-hierher begab und in dieser geweihten Luft seine berhmten
-Exerzitien schrieb. Denn dieser Berg hat viel Magnetismus,
-ich spre das.&#8221;</p>
-
-<p>Stein saugte mit erstaunten Sinnen diese absonderlichen Dinge
-ein. Der Montserrat, dessen sich jetzt die Nacht bemchtigte, wurde
-immer sprechender und merkwrdiger. Diese Felsengebilde da oben
-waren Statuen; hatte ein Urvolk seine Gtter in Stein gehauen?</p>
-
-<p>Die beiden Wandrer fhlten sich erhaben gestimmt von der
-ungewhnlichen Kirchenmusik und ergingen sich auf dem uersten
-Vorsprung, wo ein Denkmal an jenen spanisch-franzsischen Kampf
-aus der napoleonischen Kriegszeit erinnert, dem die Einsiedeleien
-zum Opfer gefallen, nachdem ein franzsischer General von San
-Dismas herab das damalige Kloster in Grund und Boden geschossen
-hatte.</p>
-
-<p>Unter dem Schein des wachsenden Mondes erhhte sich noch
-das Phantastische der Felsformationen. Und phantastisch antwortete
-dem Berge das verschnrkelte Land mit dem Flulauf des
-vielgekrmmten Llobregat. berall ausgeschwemmte Tonerde,
-mit kahlgewaschenen Felsenzgen dazwischen, voll von Runzeln
-und Schrunden, einer Mondlandschaft nicht unhnlich.</p>
-
-<p>&#8222;Abenteuerlich!&#8221; rief Stein. &#8222;Man ist in einer Mrchenstimmung,
-ganz dem Gewhnlichen entrckt!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span>
-
-&#8222;Und eine abenteuerliche Situation!&#8221; fgte er fr sich selber
-hinzu, als er sich nachher in der eisernen Bettstelle dehnte. Er
-schaute sich noch einen Augenblick in dem schmucklosen weigetnchten
-Zimmer um und lschte dann die Kerze.</p>
-
-<p>Grimmig zog er die Wolldecke um die Ohren und lachte grimmig
-ber den Schabernack, den ihm das Schicksal da unten in Barcelona
-gespielt hatte. Bitterkeit lag nicht in seiner Natur; aber
-Wehmut wuchs im Laufe der lautlos ruhigen Nacht. Kein Gerusch
-der Ebene drang an sein Ohr; nur in ferner Schlucht vernahm er
-den Gesang einer Nachtigall. Die Steingiganten ber ihm hielten
-ritterliche Wacht; der unvollkommen leuchtende Mond warf die
-langen Schatten dieser Ritter den mitternchtigen Berg entlang.
-Welche Wirkungen des Mondes!</p>
-
-<p>So lag er lange wach und horchte in die groe Nacht und glaubte
-der Erde und seinem bisherigen Leben entrckt zu sein &mdash; auf
-einen Felsen geschwemmt, wie ein Schiffbrchiger der Titanic.</p>
-
-<p>Nach und nach gestaltete sich diese erste Nacht auf dem Montserrat,
-hoch ber den Eisenbahnpfiffen der unruhigen Erde, zu einer
-stillen Rckschau.</p>
-
-<p>Er zog die Summe seines bisherigen Lebens.</p>
-
-<p>Vor fnf Jahren hatte sich Ingo von Stein in den Grten am
-Horn zu Weimar eine Wohnung eingerichtet, hatte Bibliothek, Klavier,
-Gemlde, Bsten, Fernrohr und andre Dinge geschmackvoll
-untergebracht und gedachte nun seinem Ideal einer persnlichen
-Universalbildung schaffend nachzuleben. Doch die Meister seines
-Schicksals waren damit noch nicht einverstanden. Sie stellten Friederike
-von Trotzendorff zwischen ihn und seine Braut. Und als Friedels
-geniale Natur alle Register ihrer Phantasie- und Gefhlsromantik
-zog, trat die herbe, gefhlskeusche, etwas menschenscheue
-Elisabeth still zurck; der Briefwechsel mit ihr entschlief; sie wurde
-Krankenschwester beim Roten Kreuz und begab sich spter zu ihrer
-Schwester nach Pommern. Aber das Kleeblatt bereiste Italien und
-England, ging allsommerlich nach Bayreuth und Tirol oder an die
-See; und der Statistiker und Soldat Richard war glcklich, da<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span>
-die gern fliegende Gattin einen Flugkameraden gefunden hatte.
-Ingo selber tat tiefe Einblicke in den Reichtum, die Zartheiten, die
-Wunderlichkeiten einer Frauenseele und wurde durch diesen Bund
-im Innersten gefrdert, ja &mdash; wie sie oft scherzend sagte &mdash; mit
-Genialitt angesteckt. Bis dann diese Kameradschaft, durch zwei
-harmlose Mdchen, in der Provence und am Fue der Pyrenen,
-in der bisherigen Form zerschellte. Und &mdash; seltsame Fgung! &mdash;
-gleichzeitig trat Elisabeth wieder in Sicht! Und zwar dort in Lourdes,
-inmitten der ernsten Krankenstimmung, die so viel stille Kraft entfaltet,
-dort bei Bernadette und ihrer wundersamen Madonna! Die
-heitre Schar der Troubadours &mdash; und dann die ernste Schar der
-Kranken von Lourdes: &mdash; welch ein Gegensatz!</p>
-
-<p>&#8222;Seltsam das alles!&#8221; dachte der Gralsucher. &#8222;Elisabeth, die
-Krankenpflegerin, hat sich immer dem Lebensernst gestellt und war
-auf soziale Frsorge gestimmt &mdash; doch Friedel und ich? Wir sind
-immer davongeflogen in heitre Gefilde. Kann es da keinen Ausgleich
-geben? Damals wr' ich Spiebrger geworden, htt' ich
-mich mit Elisabeth in jenes gemchliche Heim eingelullt &mdash; aber
-jetzt? Sind heimliche Fhrer ber meinem Leben? Haben sie
-Friedel benutzt, wie sie sich jetzt der Mozart-Mdchen bedienten?
-Ach, ihr seid mchtiger als ich! Ihr fhrt mich im Zickzack durch
-die Welt, foppt mich mit hbschen Gesichtern &mdash; und werft mich
-zuletzt auf diesen einsamen spanischen Berg, nachdem ihr mir Elisabeth
-und Friedel und diese kleine Martha genommen habt! Ist
-das der Gral? Ist dies nun das unbekannte Land, das ich suche?&#8221;</p>
-
-<p>Immer wieder blitzte in seine beginnende Schwermut der Gedanke
-hinein, es sei dennoch planmige Fhrung hherer Mchte,
-die hinter dem Sichtbaren stehen.</p>
-
-<p>&#8222;Ist der Gral vielleicht gar keine fertige Sache &mdash; so wenig
-wie jener Tempel? Kristallisiert er sich vielleicht in uns nach und
-nach? Und leuchtet dann als ein Licht inmitten des Lebenstempels,
-den wir selber nach und nach aufbauen?!&#8221;</p>
-
-<p>Er rollte sich qualvoll in seiner Wolldecke hin und her; Sinnenhunger,
-Lebenshunger, Gestaltungsdrang glhte in dem gesunden<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span>
-jungen Manne, der hier vereinsamt, von weiblicher Liebe verlassen,
-auf dem weltfernen Montserrat lag. Denn nicht mit Bausteinen
-der Romantik allein baut man die Gralsburg, sondern nur aus der
-Flle wirklichen Erlebens ...</p>
-
-<p>In der gleichen Nacht schaute der wachsende Halbmond in das
-Fenster eines Sanatoriums in Mnchen, wo eine schne Frau bei
-elektrischem Licht schlaflos lag und unter Schmerzen der Seele und
-des Krpers umsonst zu lesen versuchte.</p>
-
-<p>In der gleichen Nacht kauerte ein halbwchsiges Mdchen zu
-Barcelona im Nachtgewand auf dem Bettrand der lteren Cousine
-und unterhielt sich mit ihr darber, da der Baron eigentlich noch
-netter wre als Onkel Schaller, und da ihn Martha gewi genommen
-htte, wenn er ein wenig frher gekommen wre. Und
-unten sa Madame Frank-Dubois mit Marthas Brutigam zusammen
-und rechnete ihm vor, da sie ihrer einzigen Tochter vorlufig
-rund hunderttausend Mark mitgeben knne.</p>
-
-<p>In der gleichen Nacht stand in Thringen die hohe Gestalt des
-Frulein Elisabeth von Stein-Birkheim am Bett ihres schwerkranken
-Vetters und gab der neuen Krankenschwester Anweisung,
-wie der Kranke zu pflegen und zu bekstigen sei, da sie selbst am
-andren Morgen mit der leidenden Mutter an den Genfer See
-reisen mute. Dann fuhr sie spt in der Nacht im Wagen durch
-den Mondschein nach Hause und empfand es in stillem Hintrumen
-als ein groes Glck, Leidenden helfen zu drfen. &#8222;Es ist auch
-eine Form von Liebe&#8221;, fgte sie leise hinzu, nistete sich in ihren
-Pelz ein und schlo seufzend die Augen.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>&#8222;Wir zwei werden heut' allein den Gralsberg besteigen&#8221;,
-sprach Konsul Bruck am andren Morgen. &#8222;Meine Damen lassen
-sich entschuldigen, sie sind mde und mchten einstweilen ausruhen.&#8221;</p>
-
-<p>Also nahmen die beiden Herren Lebensmittel in den Rucksack,
-Lodenmntel auf den Arm, Stock in die Rechte und stiegen durch<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span>
-Morgennebel eine schmale Schlucht empor zu den Ruinen der
-Einsiedeleien.</p>
-
-<p>Diese Schluchten sind ppig durchwachsen mit Efeu, Rosengebschen,
-Buchsbaum und Steineichen nebst andren Bumen und
-Bschen dieses pflanzenreichen Landes. Die Stufen sind neu zurechtgehauen,
-enge Stellen zwischen den Felsen sind erweitert. So
-kommt man, wenn man die letzte schmale Felsenpforte berschritten
-hat, pltzlich in ein wildschnes Hochtal hinan, in dessen Mitte die
-sprlichen Trmmer der Einsiedelei Santa Anna liegen, und das
-aufs neue von gigantischen Felsen umstanden ist &mdash; ein doppelt
-groartiger Anblick, wenn die mchtigen Steingebilde durch ziehende
-Nebelwolken hindurch sichtbar sind.</p>
-
-<p>Diese Felsen sind rundbuchig und kegelfrmig, oft in dichten
-Gruppen aneinandergebacken; sie sehen manchmal aus wie Donjons
-und Bastionen; dann sitzt es wieder wie ein verzauberter
-Kopf auf der unteren Sule; und oft scheint ein riesiges Profil
-herberzudrohen aus diesen grauen, kieseldurchsetzten Monolithen,
-aus diesen versteinten Termitenhaufen. In einzelnen Ballen wirbelt
-der Nebelrauch vorber, als stnde jenseits des Montserrat
-eine Welt in Brand. Grn und grau im Wechsel sind die Farben
-dieses Hochlandes, das vor Winden geschtzt und nur nach Osten
-offen ist, wo jetzt die Sonne durch die Nebel zu brechen sucht.</p>
-
-<p>Von einem Vorsprung zur Rechten aus entdeckt man noch
-einmal unten die Klostergebude; hier war es, wo die dreizehn
-Einsiedler das <span class="antiqua">salve regina</span> zum Heiligtum hinuntersangen. Und
-hier, auf diesen sprlichen Mauerresten, standen Eremitage und
-Kapellen von Santa Anna. Weiter oben sind die Trmmer von
-San Benito; und ganz oben und hinten, ein wahrhaftiges Schwalbennest
-an scheinbar unzugnglichem Felsen, hngt das Trmmergemuer
-der Einsiedelei San Salvador.</p>
-
-<p>Deutlich vernahmen sie den Schall der Klosterglocken; denn
-dieses Hochtal mit seinen Felsen ist ein Schallfnger. Amseln
-schmetterten in der Ferne; kleinere Singvgel belebten mit leiseren
-Stimmen die liebliche Nhe.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span>
-
-Einsiedlerstimmung! Karfreitagszauber!</p>
-
-<p>Eine Hummel hing am Thymian und summte dann mit tiefem
-Ton von Blume zu Blume, so da es klang wie unterirdischer
-Glockenhall, der dem Glockenton des Klosters Antwort gab. Alle
-Gerusche, auch die Stimmen, erhalten zwischen jenen Felsen volleren
-Hall und strkere Bedeutung. Die Einsiedler durften sich kein
-Haustier halten; sie aen kein Fleisch; aber ihre Gefhrten waren
-die wilden Vgel, die sich unscheu in der Htte niederlieen und
-mit dem frommen Manne Freundschaft schlossen. Gebet, Gelut
-und Vogelschlag klangen zusammen bei dieser <span class="antiqua">laudatio perennis</span>,
-diesem ewigen Lobgesang, der ber den Berg ging.</p>
-
-<p>Auf den Trmmern von San Benitos Einsiedelei sitzend, wo
-eine Steineiche aus den berbleibseln der Mauer dringt, vernahmen
-die Wanderer vom tiefen und unsichtbaren Kloster her
-Kirchengesnge. Zugleich wurde das stliche Land ein wenig nebelfrei
-und gestattete einen Fernblick auf die spanische Ebene. Drben
-aber, am scheinbar pfadlosen Felsensaum, schritt ein Mann mit
-einem belasteten Maultier langsam zu Tal. Im brigen war das
-ganze Gelnde von einer erhabenen Einsamkeit.</p>
-
-<p>&#8222;Wir wollen hher hinan,&#8221; schlug Ingo vor, &#8222;wir wollen uns
-einen Weg nach San Salvador bahnen.&#8221;</p>
-
-<p>Der Fupfad nach dieser hohen Ruine ist kaum zu sehen und
-durch Gestrpp versperrt. Doch oben ist ein geflliges Hhlengemach
-in den Felsen eingehauen, ein prachtvoller Sitz, der die Mhe des
-Aufstiegs lohnt. Die wohnliche Grotte ist durch eine Rhre mit
-einer hher gelegenen Zisterne verbunden, so da der Siedler wie aus
-einem Brunnenrohr Wasser auslassen konnte. Diese Eremiten lieen
-es sich angelegen sein, zunchst eine Zisterne anzulegen auf diesem
-nicht wasserreichen Bergland, indem sie durch eingegrabene Rillen
-Wasser sammelten. Sie ummauerten den Behlter und schtzten
-das wertvolle Na gegen die Sonnenglut. Auch Spuren eines
-Grtchens sind bei San Salvador. Die Wanderer entdeckten blaue
-Lilien und Goldlack und beschlossen, diese Gaben der hohen Wildnis
-spter den Damen hinunterzubringen. Und welch ein uralt<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span>
-Gemuer! Schon im Jahre 1272 starb hier oben ein Anachoret, der
-fnfundvierzig Jahre diese hohe Siedelei bewohnt hatte. Der Blick
-von hier nach Sden und Osten, ber die wechselnd beleuchtete
-Ebene, fngt gewaltige Schnheit ein. Gegen den Nordwind
-schtzen Felswnde. Und durch das Gestrpp tastete sich Ingo
-zu einem Pfad, der nach einem neuen Hochtal Ausblick gewhrte:
-nach San Antonio und jenem natrlichen Felsenturm, der Caball
-Bernat heit. Ein Falkenpaar umkreiste die Fremdlinge; ein
-Kuckuck rief aus dem neuen Frhlingstal herber; Felsen-Rundtrme
-erhoben sich in unmittelbarer Nhe, Giganten der Urzeit,
-verzauberte Gralsritter, die in dieser feierlichen Einsamkeit ein
-Geheimnis hten.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Ist dies der ltesten Gtter<br /></span>
-<span class="i0">Unheimlich erhabenes Haus?&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Stein sprach es vor sich hin, am Eingang der Hhle auf seinem
-Mantel liegend, whrend Bruck Vorrte auspackte.</p>
-
-<p>Der Troubadour hatte die Laute zu Hause gelassen. Sie pate
-mit ihrem idyllischen Geklimper nicht mehr in solche grozgige
-Umgebung. Doch schrieb er sich einen poetischen Gedanken auf,
-unter dessen Eindruck er stand.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Ist dies der ltesten Gtter<br /></span>
-<span class="i0">Unheimlich erhabenes Haus?<br /></span>
-<span class="i0">Groartige Steingestalten<br /></span>
-<span class="i0">Schauen herab und hinaus.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Titanen der ltesten Rasse<br /></span>
-<span class="i0">Belebten titanisch den Stein;<br /></span>
-<span class="i0">Sie prgten die eigene Gre<br /></span>
-<span class="i0">Dem groen Gebirge ein.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Sie gaben den Felsen Gesichter:<br /></span>
-<span class="i0">Da ragten gespenstisch rings<br /></span>
-<span class="i0">Die gralbehtenden Ritter,<br /></span>
-<span class="i0">Die Memmonsule, die Sphinx ...&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span>
-&#8222;Sie haben mich neulich&#8221;, begann Bruck nach einer Weile,
-scheinbar ohne Anknpfung an Gral und Sphinx, &#8222;auf dem Festabend
-in Barcelona verwundert ins Auge gefat, als Schaller die
-Worte hinwarf, Sie mchten sich vor mir hten, denn ich sei ein
-Geisterseher. Es war Scherz von Schaller; aber in Wahrheit verachtet
-er meine Weltanschauung grndlich, was mich brigens weder
-wundert noch rgert.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich erinnere mich&#8221;, erwiderte Stein. &#8222;Wir sprachen ja wohl
-an jenem Abend auch von Elfen und Nixen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ganz recht! Sie sagten einmal: Wenn's Elfen gbe, worauf
-ich erwiderte: Warum soll's denn die nicht geben?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, ich erinnere mich dessen deutlich.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun gut,&#8221; fuhr der Konsul fort und strich mit der ihm eigenen
-unerschtterlichen Gelassenheit seinen grauen Vollbart, &#8222;ich
-habe meine Verteidigung oder Erklrung aufgeschoben bis zu dieser
-ruhigen Stunde. Und da Sie mich gestern abend wiederum verwundert
-anschauten, als ich vom Magnetismus dieses Berges sprach,
-bin ich Ihnen nhere Mitteilungen schuldig. Sie sind zwar ein
-philosophisch und literarisch gebildeter Mensch; aber mir wre das
-wohl zu farblos. Ich brauche Tatsachen. Und so war ich zunchst
-Materialist, bis mich vor etwa zehn Jahren allerlei Erlebnisse zu
-spirituellen Einsichten zwangen. Heute such' ich keine Beweise
-mehr fr die Unsterblichkeit der Seele, denn sie sind mir in berreicher
-Flle gebracht worden.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Experimentelle Beweise?&#8221; fragte Stein bedenklich.</p>
-
-<p>&#8222;Es ist schwer darber zu sprechen&#8221;, erwiderte der merkwrdige
-Mann. &#8222;Um aus hheren Sphren Mitteilungen zu erhalten, mu
-man sich vor allen Dingen selber zu hherer Wesensart reinigen
-und erziehen. Anders ist eine Verbindung mit oberen Mchten
-gar nicht mglich.&#8221;</p>
-
-<p>Der Konsul begann vorsichtig und taktvoll zu erzhlen; Stein
-hrte mit vorurteilsloser Aufmerksamkeit dem lteren Gefhrten zu.</p>
-
-<p>&#8222;Tatsachen, wie ich sie Ihnen mitteilen kann, sind durch die
-ihnen innewohnende natrliche Wrde und Schnheit erhaben ber<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span>
-die sogenannte Debatte, wie ihr ja wohl in Deutschland das Zanken
-einer greren Menge nennt, mit nachheriger Abstimmung und
-Entscheidung durch die Mehrzahl von Kpfen, nmlich von Dummkpfen.
-Aber mit der sogenannten ffentlichen Meinung oder mit
-dem sogenannten allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlrecht,
-das in Wirklichkeit eine grobe Vergewaltigung der Gebildeten
-durch den Pbel ist, hat die hhere Wahrheit nichts zu schaffen.
-Leben Sie einmal in Brasilien am Rande des Urwaldes oder in
-Indien inmitten der Pest oder im Kaukasus unter einer meuchelmrderischen
-Bevlkerung &mdash; und Sie wachsen nach und nach
-ber europische Mittelmigkeit ein wenig hinaus.&#8221;</p>
-
-<p>Der Konsul machte eine Pause und fuhr dann fort:</p>
-
-<p>&#8222;Es gibt Menschen von einem feinen Magnetismus, die &mdash; wie
-man es von den Dichtern sagt, welche ja wohl auch einst Seher gewesen
-sind &mdash; mehr hren und sehen und fhlen als die grber eingekrperten
-Mitmenschen. Diese gefhrliche Begabung will natrlich
-Hand in Hand mit wachsender sittlicher und geistiger Reife ausgebildet
-sein, sonst treiben solche sensitiven Menschen ins Chaos und
-wissen sich unter ihren Stimmen und Gestalten nicht mehr zurechtzufinden.
-Hellsehen und Hellhren, automatisches Schreiben, wobei
-der Arm durch eine magnetische Gewalt gelenkt wird, Schreiben
-mit einem sinnreichen kleinen Skriptoskop, welches die Buchstaben
-bezeichnet, wobei gleichfalls magnetische Beeinflussung die
-Schreibenden lenkt &mdash; von solchen Verbindungen mit der unsichtbaren
-Welt werden Sie vielleicht schon gehrt haben.&#8221;</p>
-
-<p>Stein konnte nun denn doch ein unbehagliches Gefhl nicht
-zurckdrngen; er murmelte nur einiges und verhielt sich abwartend.</p>
-
-<p>&#8222;Ich wei wohl,&#8221; fuhr Bruck in Ruhe fort, &#8222;die Dilettanten
-und Querkpfe sorgen dafr, da dies alles verzerrt und verunreinigt
-an die ffentlichkeit kommt. Und die ffentlichkeit verzerrt
-das bereits Verzerrte vollends. Die wenigsten besitzen gengend
-eiserne Zucht und Ruhe, um durch die Verwilderungen hindurchzudringen.
-Und diese wenigen haben der Masse gegenber schweigen
-gelernt.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span>
-
-Der Konsul fgte abermals eine Pause ein, entnahm dann
-seinem Rucksack ein Schreibbuch und legte es neben sich. Dann
-fuhr er fort:</p>
-
-<p>&#8222;Auch ich und meine Zugehrigen, einschlielich eines Vetters,
-entdeckten in uns diese seltsame Veranlagung. Aber wir waren
-als willensfeste Naturen und klare Kpfe nicht gewillt, uns diese
-Dinge ber unsere Kraft wachsen zu lassen; wir schulten uns, wir
-sichteten, wir waren im Umgang whlerisch auch in der Geisterwelt.
-Hierbei wurden wir untersttzt durch Meister und Schutzgeister.
-Dieser Weg ist keine Tndelei; der Neugierige kommt nicht
-auf seine Rechnung, sondern wird gefoppt; fr uns war es ein
-langsames Fortschreiten durch Prfungen zu Missionen, wobei wir
-wuchsen an Geduld, Selbstlosigkeit und Erkenntnis. So bekamen
-wir durch unsre gebten Organe hindurch Mitteilungen aus der
-uns alle durchdringenden und umflutenden unsichtbaren Welt.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo konnte als klassischer Humanist aus der Flle seiner Bildung
-heraus ein Lcheln nicht unterdrcken. Der Konsul sah es
-und sagte:</p>
-
-<p>&#8222;Lcheln Sie ruhig, mein lieber Herr Baron, ich erwarte das
-gar nicht anders. Nehmen Sie ruhig an, meine Mitteilungen wren
-meinem sogenannten Unterbewutsein entschlpft. In diesem
-Kasten hat ja alles Platz, auch Gtter und Geister.&#8221;</p>
-
-<p>Und er sprach bedachtsam weiter:</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe mir manches in dieses Buch geschrieben und will
-Ihnen gleich zu Anfang etwas von Elementargeistern vorlesen.
-Versuchen Sie einmal, von allem, was Sie als phantastisch hierbei
-strt, abzusehen, und lassen Sie die Mitteilungen durch sich
-selber wirken!&#8221;</p>
-
-<p>Sein braunes Buch mit den harten Deckeln war von Anfang
-bis zu Ende vollgeschrieben; Brucks Handschrift war klar, gro
-und fest.</p>
-
-<p>&#8222;Da kam einmal zu uns ein kleiner Blumengeist.&#8221;</p>
-
-<p>Er bltterte. Stein, dessen Lcheln wich und dessen Phantasie
-sich zu entznden begann, stellte eine Frage.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span>
-
-&#8222;Nehmen Sie meine Zurckhaltung nicht bel, Herr Konsul:
-Gibt es denn wirklich solche Naturgeister? Sind es nicht Einbildungen
-der Dichter?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Keineswegs! Diese Elfen, Sylphen, Gnomen und andre
-Elementarwesen sind so lebendig und wirklich wie Sie und ich.
-Nur sind sie aus so feiner Substanz, da sie von gewhnlichen
-Augen nicht gesehen werden, so wenig wie die ultravioletten Strahlen.
-Auch haben sie keine Seele wie wir, kennen weder Leid noch
-Liebe, weder Tugend noch Snde. Ich knnte Ihnen in diesem
-Augenblick sagen, da dort drben an der Felswand eine ganze
-Reihe von Gnomen sitzt, aneinandergereiht wie ffchen auf der
-Stange, uerst putzig und drollig uns Menschen betrachtend &mdash;
-aber das wrde ja nicht viel ntzen, denn Sie sehen es ja doch nicht.&#8221;</p>
-
-<p>Mit verdutztem Lcheln schaute Stein sich nach allen Seiten um.</p>
-
-<p>&#8222;Aber ich bitte Sie, Herr Konsul, wo sitzt denn das Vlkchen?
-Wollen Sie mich nicht den Herrschaften vorstellen? Knnen sich
-denn aber solche Naturwesen mit uns Kulturmenschen verstndigen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;In seltenen Fllen und mit bestimmten Menschen. Manchmal
-lst sich ein einzelnes Wesen aus seiner Gattung, mchtig angezogen
-von irgendeinem menschlichen Kreise, und sucht bei uns
-etwas wie eine Seele.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Undine! Aber wie kommen sie grade zu Ihnen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Unsre Ruhe zieht sie magnetisch an.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und was wollen sie von Ihnen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Liebe und Lehre.&#8221;</p>
-
-<p>Das klang alles ruhig und selbstverstndlich.</p>
-
-<p>Ingo hatte die sonderbare Empfindung, als wre sein brtiger
-Nachbar, der neben ihm auf dem Lodenmantel lagerte, auf diesem
-immer klarer aus den Nebeln sich enthllenden Gralsberge, ein
-zeitloser Druidengeist, dem sich nichtige moderne Einwnde gar
-nicht nahen knnen.</p>
-
-<p>&#8222;Einst kam also&#8221;, sprach der Konsul, in sein Schreibbuch schauend,
-&#8222;ein allerliebster Blumengeist, der an der Grenze der Menschwerdung
-stand &mdash; denn es kommt bisweilen vor, da ein Naturgeist<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span>
-als Mensch geboren wird &mdash;, wovor sich aber dieses lichte und leichte
-Wesen frchtete. Doch drngte es den Geist dennoch zu dem schweren
-Pfade, denn er konnte ja dadurch hher steigen. &#8218;Oh, der Duft!&#8217;
-begann das Geistchen &mdash; wir hatten duftende Rosen auf dem Tische
-stehen &mdash; &#8218;wie gemahnt er mich an das, was ich Heimat nannte!
-Ich bin noch kein Mensch gewesen, das lange Leid hab' ich noch
-vor mir; ein therzartes Wesen war ich und soll nun eine ble
-Masse werden. Mein Dasein flo dahin zwischen Schnheit und
-Seligkeit, gewiegt vom suselnden West. Des Himmels Diamanten
-flocht ich in mein wehendes Haar, se Zwiesprache hielt ich mit
-raunenden Bumen. Duftblaue Weiten umfate meines Auges
-Blick, mein Leben flo dahin wie des Baches Welle, der ber
-Blumen geht.&#8217; &mdash; &#8218;Hast du keine Schwestern?&#8217; fragte ich. &mdash; &#8218;Ich
-hatte Schwestern, selig und glcklich gleich mir; wir tranken den
-Tau, wir atmeten den Duft, wir badeten im Mondschein, und wir
-jubelten der Sonne zu. Wir erzhlten uns tausend se Dinge,
-wir tanzten im Winde, und waren wir mde, so betteten wir uns
-in Blumen. Aber meine Schwestern sind noch nicht so weit wie ich.
-Wohl sehe ich sie noch, erkenne sie wohl, aber sie denken nicht mehr
-mein. Euch hab' ich liebgewonnen, euch beide Menschen im Silberhaar.
-Nicht oft mehr werde ich auf Flgeln der Winde euch nahen,
-nicht oft mehr im Sternenschein den Duft meiner Heimatrosenfelder
-trinken, nicht oft mehr in Sehnsucht meiner Schwestern Stirnen
-ungesehen umschmeicheln &mdash; bald trag' ich Not und Lasten, bald
-geh' ich in Jammer und Weh, bald werde ich ein Mensch wie ihr!&#8217;&#8221;</p>
-
-<p>Stein schlug erstaunt und entzckt in die Hnde.</p>
-
-<p>&#8222;Das ist ja Poesie! Herr Konsul, Sie sind ja ein verkappter
-Poet!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Im Unterbewutsein?&#8221; lchelte der Konsul. &#8222;Was mein
-Oberbewutsein anbetrifft, so hab' ich nie einen Vers geschrieben.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Irgendwo in Ihrem Kreise mu doch das stecken!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das kommt auch, wenn ich einmal nicht dabei bin. Sie
-meinen also hartnckig, wir erfinden diese Geistchen? Die Gnomen
-da drben an der Felswand lachen und drehen Ihnen lange Nasen.<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span>
-Nun also, lassen Sie sich in Ihrem Wahn nicht stren! Ich will
-Ihnen nur noch sagen, wie dieses Geistchen ausgesehen hat: die
-Gestalt war durchsichtig, das Gesicht ein feines Oval von mattem
-Wei, die Haare silberhell wie Mondschein, und zwar selbstleuchtend,
-die Augen von einem tiefen, fast grnlichen Blau. Oh, sie sind
-herrlich, diese Gste aus dem Lande der Schnheit!&#8221;</p>
-
-<p>So erzhlte der Konsul.</p>
-
-<p>Er sprach von seinen Geisterfreunden wie von lebendigen
-Menschen.</p>
-
-<p>Er fuhr dann fort und beschrieb andre Naturgeister, die sich
-zu ihm herangedrngt hatten und um Frderung baten.</p>
-
-<p>&#8222;Ach ich kann Ihnen sagen, mein lieber Herr Baron,&#8221; sprach
-der Konsul, und der ernste, khle Westfale wurde nach und nach
-sichtlich weich und warm, &#8222;durch das ganze Reich der Geister und
-der unerlsten Natur geht die Sehnsucht nach Erlsung durch Liebe.
-Sehen Sie, da kam einmal der Geist eines armen Berliner Kindes
-zu uns, das nach Hunger und Mihandlungen frh gestorben war.
-Es erzhlte uns seine Geschichte, wie es auf den Stufen einer
-Kirche vor Sehnsucht hinbergeschlummert sei, nachdem es in einer
-Weihnachtspredigt zum erstenmal von Liebe hatte sprechen hren.
-&#8218;Da kam&#8217;, sagte der kleine Geist, &#8218;ein gtiges Wesen zu mir, und
-ich fhlte etwas ganz Sonderbares von ihm ausgehen, was ich
-auf Erden nie gekannt hatte. Auf meine Frage nach diesem so
-unsagbar beseligenden Etwas sagte sie mir, es sei die Liebe; das
-war so schn, da ich dafr keine Worte finden kann.&#8217;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wunderbar!&#8221; rief Stein, der in immer wrmere Schwingung
-geriet. &#8222;In den Preis der Liebe, die Sonn' und Sterne bewegt,
-klingen Goethes Faust und Dantes Commedia aus. Und Novalis
-ruft in seiner berhmten Abendmahlshymne: Wenige wissen das
-Geheimnis der Liebe.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich bin kein studierter Mann&#8221;, erwiderte Bruck. &#8222;Aber ich
-wei es aus meiner besondren Welt, da helfende und schaffende
-Liebe die Sonne des Kosmos und die Sonne des Menschenherzens
-ist. Mein Schutzgeist schrft mir das immer wieder ein.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span>
-
-&#8222;Ich fange an, Ihre Geisterfreunde lieb zu gewinnen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Geisterfreunde sind auch die Ihrigen&#8221;, versetzte der
-Konsul mit der ihm eigenen ernsthaften Ruhe. &#8222;Und es ist kein
-Zufall, da wir zwei hier beieinander auf dem einsamen Gipfel
-eines spanischen Berges sitzen. Die heitren Mozart-Elfen, die in
-Ihnen wirkten, um Sie nach Barcelona zu locken, haben ihr Werk
-rhmlich zustande gebracht und sitzen jetzt dort in den Blumen
-und freuen sich ber unser Gesprch.&#8221;</p>
-
-<p>Der Alte lachte behaglich. Stein fuhr herum, von Schauer
-durchrieselt. Er starrte in diese groe, fremde Welt, ohne etwas
-andres zu sehen als einige schaukelnde Lilien. Fast erschrocken schaute
-er dann einen Augenblick dem rtselhaften Mann ins Gesicht.
-Sollte etwas von des Troubadours verliebter Schwrmerei fr
-Martha ruchbar geworden sein?</p>
-
-<p>Doch der Konsul plauderte gelassen weiter.</p>
-
-<p>&#8222;Ich kann Ihnen nun auch ruhig anvertrauen, da wir in
-unsrem kleinen Kreise jhrlich bestimmte Missionen auszuben
-haben, die uns um die hohe Zeit des Weihnachtsfestes von unsren
-leitenden Geisterfreunden erteilt werden. Und zwar Missionen an
-bestimmten Gruppen von Geistern, die grade durch unsre Wesensart
-gefrdert werden knnen. Sie werden erstaunen, wenn Sie
-hren, da etwa eine Gruppe von Lgengeistern zur Wahrhaftigkeit
-angeregt werden oder eine Gruppe verrohender Wesen einen
-geistigen Impuls erhalten soll. Es ist oft schwer, mit solchem anfnglichen
-Unflat zu verkehren, wir knnten es ablehnen; aber es
-wre nicht unser Segen. So fhren wir diese Sitzungen zh und
-regelmig jeden Sonntag und Mittwoch durch, bis diese Wesen
-gelutert genug sind, reine Geister berhaupt wahrzunehmen.
-Denn in ihrem traurigen Zustand sind sie blind.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Merkwrdig! Merkwrdig!&#8221; murmelte Stein. &#8222;Sie lesen
-also sozusagen den Toten vor? Wie jener schwbische Prlat mitternachts
-in der Kirche Gottesdienst hielt fr die Geister?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So ungefhr. Nur da der Ausdruck &#8218;Tote&#8217; nicht pat, denn
-die Bewohner der spirituellen Welt sind lebendig. Anfangs uern<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span>
-sich manche hchst naiv. &#8218;Geisterfreund,&#8217; sagte mir da einmal einer,
-&#8218;ich war sehr schlimm, bin es heute noch. Doch sagtest du neulich,
-auch wir knnten besser werden. Solange ich noch in jener erstarrten
-Wste lebte, kannte ich nichts anderes und hatte keine Sehnsucht
-nach Besserem. Nun aber sehe ich den Unterschied zwischen
-mir und euch. Dazu kam ein Hoffnungsfunke, der durch deine
-Rede in meine Seele fiel. Nun frage ich dich: Ist es wahr, kann
-aus mir noch etwas werden? Und sage mir noch eins: Was hast
-du fr einen Grund, den Geistern, die dir doch nichts geben knnen,
-zu helfen? Hilfst du Menschen auch? Hast du Vorteile, wenn
-du Menschen hilfst? Hilfst du deiner Frau und sie dir? Liebst du
-alle Menschen und wirst du auch mich die Liebe lehren? Sie scheint
-mir das Hchste, doch fhle ich nichts von ihr.&#8217;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die Liebe!&#8221; warf Stein dazwischen. &#8222;Immer wieder suchen
-diese Wesen Liebe! Sie ist offenbar der Magnet, zu dem sich alle
-hingezogen fhlen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie ist der heilige <em class="gesperrt">Gral</em>&#8221;, sagte Bruck mit tiefem Ernst ...</p>
-
-<p>Jetzt hatte sich der Gralsberg aus den Nebeln herausgelst
-und lag nun mit seinen Felsentempeln ruhevoll in der buntschimmernden
-Ebene. Die Wandrer vor ihrer Grotte genossen weltweiten
-Ausblick. Auf einer blauen Blume in der Nhe funkelte diamantener
-Tau, als glhte dort das Auge eines Elfchens liebesuchend
-herber.</p>
-
-<p>&#8222;Fahren Sie fort!&#8221; bat Stein. &#8222;Erweitern Sie meine Welt
-zum Kosmos! Ich mchte ganz in diese Gralsburg eindringen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gern!&#8221; erwiderte der Alte, um dessen weigraues Haar der
-Morgenwind spielte. &#8222;Ich bin glcklich, da Sie mit Teilnahme
-zuhren. Noch viel von Elementargeistern knnt' ich Ihnen erzhlen.
-Doch mitten in diesen kleinen Dingen steht hier die ernste
-Mission unsrer Geisterfreundin Santa. Sie hatte zwei Jahre lang
-eine Sendung auf Erden zu erfllen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein Geist, der als Geist auf Erden eine Sendung hat?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Warum nicht? Wie so mancher Mensch seine Sendung hat.
-Hren Sie Santa selber!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span>
-
-Feierlich las er mit seiner tiefen, volltnenden Stimme, die
-gelegentlich zu leisem Pathos neigte:</p>
-
-<p>&#8222;&#8218;In heiligen Hallen ruhte zuletzt mein Fu, auf reine Liebe
-blickte zuletzt mein Auge, in Sphrenharmonie schwelgte mein Ohr.
-Aus Gottesgefilden bin ich zur Welt herabgesandt; trostloses Elend,
-Ha, Neid und Roheit sind es, die mich hienieden erwarten. Gnnt
-mir ein Pltzchen, wo ich mich erquicken kann! Bereitet eure
-Herzen, da ich eine Freude habe! Meine Mission ist schwer, helft
-sie mir tragen! Der Geisterfreunde nur eine einzige Runde auf
-Erden darf ich mir zur Erholung whlen; ihr seid es, auf welche
-meine Wahl gefallen ist. Seid gtig, selbstlos und liebreich, bt
-euch in Geduld, und ihr bietet mir ein Labsal!&#8217;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wie mu man sich Santas Mission vorstellen?&#8221; fragte Stein.</p>
-
-<p>&#8222;Auch das will ich mit Santas eigenen Worten lesen; sie hat
-sich in Umschreibung, gleichsam in Erzhlungsform, darber geuert.
-Hren Sie und versuchen Sie mir zu glauben, da nicht
-ich oder eine meiner Damen diese Mitteilung erfunden haben!&#8221;</p>
-
-<p>Er las. Und Ingo erging es eigen: er mute bei Santa immer
-an Elisabeth denken, die stille Krankenpflegerin.</p>
-
-<p>&#8222;Es schweigt der Raum. Unendliche Erhabenheit, zeitlose Ruhe
-atmet dies tiefe, friedevolle Schweigen. In diese heilige Stille
-gleitet ein lichtschimmerndes Wesen, ein Gottesgedanke, zu Seele
-geworden; sein Dasein ist Andacht, Anbetung, selige Ruhe. &#8218;Meister,&#8217;
-fragt es leise, &#8218;kann es Hheres geben als diesen Frieden?&#8217; &mdash; &#8218;Es
-gibt ein Hheres&#8217;, sagt die milde, gtige Stimme: &#8218;diesen Frieden
-den Friedlosen bringen.&#8217; &mdash; &#8218;Friedlose gibt es in Gottes Reich? O
-Meister, warum hast du mich ihnen nicht lngst gesendet?&#8217; &mdash; &#8218;Weil
-deine Stunde noch nicht gekommen war.&#8217; &mdash; &#8218;Ist sie jetzt gekommen?&#8217;
-&mdash; &#8218;Sie ist es. Ich sende dich hinab, Santa, zu den Geistern
-der Abgeschiedenen, die noch an die Erde gebannt und elend sind.
-Fhre sie mir zu! Gro und schwer ist die Aufgabe, grer die
-Liebe, die sie vollbringt.&#8217; &mdash; Der Lichtgeist schwebt aus der Stille,
-aus dem Frieden hinab, schwebt durch Sphren, schn wie Trume,
-und Wirklichkeit wie Gottes Liebe; fchelnde Winde wehen ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span>
-zarte Klnge, leuchtende Bltenkelche hauchen ihr sen Duft.
-Und Klang und Duft sind eins, entspringen demselben Born, werden
-zu Worten, die von erbarmender Liebe reden &mdash; von der Liebe
-Santas, die eine heilige Mission zu den Friedlosen fhrt. Der
-Gottgesandten naht sich flehend ein Geist: &#8218;Santa, mein Bruder
-wurde zum Vatermrder und starb von Henkershand. Erbarme dich,
-bringe ihm Licht in seine Finsternis!&#8217; &mdash; &#8218;Santa, mein Kind verdirbt,
-o hilf meinem armen, mutterlosen Kinde, es kann sich nicht
-trennen von Erdenlust, von lockender Snde!&#8217; &mdash; &#8218;Weh, mein
-alter Vater wurde zum Dieb und gab sich um der Schmach willen
-selbst den Tod! Santa, hilf! Rette!&#8217; &mdash; Ein dunkler Schatten
-senkt sich schwer auf des lichten Geistes unbefleckte Reinheit, ein
-Schatten, der nie war, der nun lange, lange auf ihr ruhen wird.
-Schneller schwebt sie hinab, immer mehr der heischenden Geister
-umgeben sie, lange verstummt ist des Windes leise Musik, der
-Blumen se Sprache. Sie blickt jetzt auf die Erde: &mdash; Menschen
-und Geister &mdash; widerliche, verzerrte Gesichter &mdash; wilde Schreie
-der Getretenen &mdash; Flche vom Bruder gegen den Bruder &mdash; Raub
-am Heiligsten &mdash; Elend und Jammer, wohin ihr angstvolles Auge
-irrt! Der Lichtgeist verhllt sein Antlitz und weint ber die Erde.
-&#8218;Fhre sie mir zu!&#8217; tnt es herab, die Stimme ihres Meisters.
-Kraft und Mut scheint diese Stimme ihr zuzustrmen; Santa will
-ihr Werk der Liebe beginnen. Und sieht ein Weib, unlngst gestorben,
-noch an der Erde hangend, sieht es schmutzstarrend, mit
-allen Lastern behaftet, sieht in jedem Zuge des Gesichtes Verworfenheit,
-sieht in jeder Bewegung des viehischen Geschpfes
-sinnlose Trunkenheit, sieht nichts mehr von einem Ebenbild Gottes!
-Und Santa fhlt, wie kalt und lauernd die Reue naht und grer
-werden will als die Liebe. Da hrt sie aus der Verworfenen einen
-Schrei, halb Jammer, halb Jubel: &#8218;Mein Kind, mein kleines Kind,
-hab' ich dich endlich wieder!&#8217; &mdash; und sieht das Weib eine elende
-Dirne an sich pressen mit heier Zrtlichkeit, sieht es frei von Trunkenheit,
-sieht es aufgehen in Mutterliebe, durchleuchtet von dem
-Gottesfunken, der auch in diesem Weibe nicht erstarb! Da beugt<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span>
-der reine Geist sich zu dem elenden Weibe nieder: &#8218;Meine Schwester,
-ich kann dich lieben.&#8217; Dann wendet er sein Antlitz noch einmal dem
-Reich des Lichtes zu, noch einmal gren seine leidverklrten Augen
-das Friedensland: &#8218;Meister, ich danke dir, da du mir die Liebe
-gabst!&#8217; Und gleitet hinab &mdash; erdenwrts!&#8221;</p>
-
-<p>Der Konsul schlo das Buch. Stein war hingerissen und ergriffen.</p>
-
-<p>&#8222;Verstehen Sie jetzt Santas Mission?&#8221; fragte Bruck.</p>
-
-<p>&#8222;Das kann nicht erfunden sein!&#8221; rief der Troubadour begeistert.
-&#8222;Das ist Poesie &mdash; aber Poesie der Wahrheit! So <em class="gesperrt">mu</em> es sein,
-ich fhle das, ich erlebe das! Diese Santa lebt! Erzhlen Sie mir
-doch Genaueres! Ist sie oft zu Ihnen gekommen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mehrmals, meist gegen Weihnachten; und immer mit Worten
-des Dankes und der Liebe. Als einmal eine Dissonanz in uns
-war, anllich kummervoller Erlebnisse meiner Tochter, klagte sie
-nachher, da sie die Pforte verschlossen gefunden habe. Ihr Abschied
-hat uns tief bewegt, denn wir hatten sie liebgewonnen.
-&#8218;Ich komme heute zu euch,&#8217; sprach sie, &#8218;um Abschied zu nehmen;
-meine Mission ist beendet, ich kehre in Gottes hellen Tag zurck.
-Ich werde wieder Licht und Reinheit atmen, mein Ohr wird wieder
-jene wunderbare Musik vernehmen, die meine stete Sehnsucht
-war in den Zeiten, da nur hliche und rohe Tne zu mir drangen.
-Ich werde wieder von Frieden umgeben sein und die abgeklrte
-Freude um mich sehen, die auf Erden niemand ahnen kann. Jubelt
-mit mir, die ihr mich liebt, und denen ich danke fr das Heim,
-das ihr mir geboten. Seid mir gegrt! Ich gehe in Tag und
-Sonne!&#8217;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;In Tag und Sonne! Wunderbar, liebe Santa!&#8221; rief Stein,
-sprang auf und schwang die Arme in einem elementaren Bedrfnis
-nach Entlastung. &#8222;Das ist Wahrheit! Das ist die Welt der Seele!
-Ich fhle diese Santa, die sich da um Leidende bemht und sich
-nun wieder erhebt in Tag und Sonne!&#8221;</p>
-
-<p>Und wieder trat ihm Elisabeths hehre und entsagungsvolle
-Gestalt voll in Empfindung und Bewutsein. War nicht auch sie<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span>
-eine Santa? Jahraus, jahrein im engen Krankenzimmer, whrend
-ihr Geliebter schnheitsdurstig durch die weite Welt flog!</p>
-
-<p>&#8222;Kommen Sie!&#8221; bat Ingo, in dem allerlei Gedanken aufgewhlt
-waren. &#8222;Lassen Sie uns wandernd ber diese hohen Dinge
-sprechen! Ich bin nicht zum Stillesitzen geschaffen. Wie machen
-Sie mir die Welt gro! Ich fange an, die Enge nicht mehr zu frchten,
-denn berall kann ja ein Fenster nach der Ewigkeit offen sein.
-Wir wollen auf den hchsten Punkt dieses Berges klettern, nach San
-Jeronimo, und von dort aus das Weltall umarmen!&#8221;</p>
-
-<p>Der Konsul lchelte ber seines jungen Freundes berschwang.</p>
-
-<p>&#8222;Dazu brauchen wir nicht nach San Jeronimo&#8221;, sprach er.
-&#8222;Denn wir sind berall umflutet und durchstrmt von der Ewigkeit.&#8221;</p>
-
-<p>Doch brachen sie auf und wanderten.</p>
-
-<p>Der Nebel hatte sich in einzelne weie Wolken verdichtet, die
-nun wie Schwne hoch oben im tiefblauen Himmel dahinzogen,
-whrend ihre Schatten ber den Berg schwebten. Stein empfand
-in sich ein brustweitendes Jauchzen, kein Eremitengelst. Er sang
-mit feierlich hallendem Bariton Lohengrins Gesang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Im fernen Land, unnahbar euren Schritten,<br /></span>
-<span class="i0">Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt;<br /></span>
-<span class="i0">Ein lichter Tempel stehet dort inmitten,<br /></span>
-<span class="i0">So kostbar, wie auf Erden nichts bekannt&#8221; ...<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Ihm war zumute, als htte er eine Einweihung durchgemacht
-und ein neues Land betreten.</p>
-
-<p>&#8222;Dieser Gralsberg&#8221;, sprach er, &#8222;soll das Ende meiner Ausfahrt
-bilden. Ja, nun kommt die Heimkehr und die Einkehr. Ich
-habe Bausteine gesammelt zu einer Seelenburg. Kann man nicht
-auf engstem Raum seelische Kraft entfalten? So will ich im Herzen
-Deutschlands mein Gralsuchen endigen.&#8221;</p>
-
-<p>Bruck freute sich, da seine Mitteilungen so belebend wirkten.
-Sie vertieften wandernd ihre Unterhaltung; sie blieben den ganzen
-Tag im Freien, umgeben von einer mittglich leuchtenden Ebene,
-an deren stlichem Rande schmal und silbern das Mittelmeer schim<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>merte.
-Erst um Sonnenuntergang stiegen sie wieder den Schluchtpfad
-hinab ins Kloster, mit leichtem Rucksack, doch Herz und Haupt
-schwer von Bildern und Gedanken.</p>
-
-<p>&#8222;Es ist ein Telegramm da.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Fr mich?&#8221; fragte Stein erschrocken.</p>
-
-<p>&#8222;Fr uns alle: Schaller will mit seinen Damen, jung und alt,
-morgen heraufkommen, wenn das Wetter gut bleibt.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ach, nur das! Wenn das Wetter gut bleibt? Das ist eine
-ungewisse Sache; und ich wei nicht, ob ich so hflich sein werde,
-hier im Kloster zu warten. Mich drngt es wieder auf den Berg.&#8221;</p>
-
-<p>Tatschlich zog der Spielmann und Gralsucher am andern
-Morgen allein aus und hatte keine Lust, auf die Mozart-Mdchen
-zu warten. Ja, mit einem gewissen Zorn schlo er sich ab; er
-empfand sich von jener Welt als verschmht.</p>
-
-<p>Das Wetter war unsicher; und so beschlo der alte Herr zurckzubleiben.
-Doch Ingo versah sich mit Proviant und Mineralwasser
-und deutete an, da er am Ende gar in jener hohen Grotte bernachten
-werde.</p>
-
-<p>Er kletterte einen andren Pfad empor zu den Trmmern der
-sdstlichen Einsiedeleien San Juan, Santa Katharina und San
-Onofrio, die in die Ritzen eines umfangreichen rundlichen Felskolosses
-eingeklebt sind. Diese Felsen sehen aus wie Bastionen und
-Rundtrme ohne Fenster und Nietungen. Es steht dort ein Kapellchen.
-Gitter sind an den Tren dieser kleinen Kapellen; man pflegt
-kleine Mnzen hindurchzuwerfen. Und so lagen viele Kupfermnzen,
-aber auch etliche Peseten, drin auf dem Steinboden zerstreut,
-ein kleiner Sternhimmel. Ingo warf ein Silberstck hinein
-und bat den Heiligen &mdash; war es Sankt Johannes? &mdash;, mitzubauen
-an des Pilgers knftigem Seelentempel. Er hatte in der Nacht
-von Elisabeth getrumt; ihr Bild war immer wieder zusammengeflossen
-mit der Geistergestalt Santas; und er blieb nun dauernd
-unter diesem edlen Eindruck.</p>
-
-<p>Der Himmel deckte sich leise zu; es wurde geruschlos eine
-Decke vor die Sonne gezogen. Die Luft war still und selbst hier<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span>
-oben schwl. Auf dem Platz der Vgel, im grnen Haingebsch,
-freundete sich eine nahe umherhpfende Nachtigall klugen Auges
-mit dem Wanderer an. Doch Bruck hatte ihm sein geheimnisreiches
-Buch mitgegeben &mdash; ein Zeichen groen Vertrauens, wie
-die Damen lchelnd betonten; und so lebte er heute mehr nach
-innen. Am spten Nachmittag drang er ber San Benito wieder
-hinauf, besuchte noch San Dismas und die andren steil ber dem
-Kloster dem Ostwind ausgesetzten Siedeleien und suchte dann wieder
-die trockene Felsengrotte von San Salvador auf.</p>
-
-<p>In seinem Rucksack lag neben Taschenlaternchen und Taschenrevolver
-die indische Bhagavad Gita; aber er brauchte heute
-keines von den dreien. Ihn fesselte des Konsuls Geisterbuch: dieses
-Fremdenbuch, worin sich seine Gste aus Geisterland eingezeichnet
-hatten. Er lie Namen wie Simonides oder Zoroaster,
-Mahatma Kut Humi oder Mahatma Morya auf sich beruhen und
-vertiefte sich in Ton und Inhalt der Mitteilungen selber. Eine ganze
-Welt jenseits der krperlichen Sinne und des wissenschaftlichen
-Verstandes tat sich ihm auf. Und pltzlich entdeckte er lose Einzelbltter,
-bedeckt mit uralter Schrift, die nach Art asiatischer Schriften
-in krausen Strichen untereinander geschrieben war: eine Geisterschrift.
-Daneben die bersetzung:</p>
-
-<p>&#8222;Hammar der Herrscher bin ich genannt. Gewaltig war das
-Reich, das meine Hand regierte, fruchtbar und von wunderbarer
-Schnheit; mchtig das Volk, das meinem Willen untertan. Dennoch
-strzten wir in den Abgrund, der Herrscher, das Volk, das
-Land, ja der Weltteil, der uns trug. Die Schuld war mein, die
-Gier, die in meinem Herzen fra; nicht die Sucht nach rotem Gold:
-meine Schatzkammern konnten den Reichtum nicht bergen; nicht
-der Wunsch nach wonnigem Weibe: keine Frau meines weiten
-Reiches wagte je mir nein zu sagen; nicht Rachegedanken der Vernichtung
-meiner Feinde: ich hatte nur einen, dessen Macht mir unbekannt
-war &mdash; brennenden Ehrgeiz nach einem Wissen, das kein
-Mensch zu erlangen fhig wre auer mir, nach einem Wissen, das
-mich in Menschenherzen lesen liee, das mir ermglichte zu strafen<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>,
-wie nie ein Kaiser gestraft, nicht Taten, nicht Worte, nein: Gedanken!
-Das Volk war seines Herrschers wert: knechtisch sein Sinn,
-mig seine Hnde, lstern nach allem Erdengenu seine Wnsche.
-Da kam, was unausbleiblich war: die Rache eines, der grer war
-als ich, durch sein Werkzeug, das ewige Meer. Wir strzten hinab.
-Dir aber, niedrig geborenes Menschenkind, bekennt dies heute, den
-stolzen Nacken beugend, Hammar der Herrscher.&#8221;</p>
-
-<p>Und daneben ein zweites Blatt in demselben granitenen Stil:</p>
-
-<p>&#8222;Auch ich bin aus frstlichem Geschlecht und habe in versunkenem
-Glanz mein Menschenlos erduldet. Jetzt, nach Jahrtausenden,
-klingt wohl nicht berhebung aus meinen Worten, wenn ich euch
-sage: Ich war nicht schlecht, nicht mig, nicht lstern nach Erdengenssen.
-Dennoch ereilte auch mich die Strafe, weil ich die irdische
-Liebe der himmlischen voranstellte. Mit Leidenschaft liebte ich
-Hammar, meinen Herrscher. Der Herr meines Herrn wollte mich
-nicht verderben und sandte mir einen Lichtgeist, der berufen war,
-mich zu retten vor dem Zusammensturz. Ich jedoch sagte ihm jauchzend:
-Mit Hammar unterzugehen gilt mir mehr als eure Himmelsseligkeit!
-Da brachen Nacht und Verderben ber mich herein. Gebt
-ist nun die Schuld, und mit Hammar auf ewig vereint ist
-Falosa, die nie die Treue brach.&#8221;</p>
-
-<p>Klang diese lapidare Kunde nicht wie ein Ton aus der versunkenen
-Atlantis? Oder aus dem untergegangenen Lemurien? Was
-fr Lebensbeichten in wenigen grozgigen Worten! Wie verschieden
-von der weichen Santa und den zaghaften Blumengeistern
-diese heroische Falosa, die nie die Treue brach! Steins
-Verstand lehnte diese Botschaften ab, seine Phantasie stimmte zu.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn die unsterbliche Menschenseele&#8221;, sprach er, &#8222;mehr als
-einmal auf Erden verkrpert wird: haben wir vielleicht einst auf
-jener Atlantis gelebt, Friedel und Elisabeth und ich? Haben wir
-damals vielleicht <em class="gesperrt">nicht</em> gesiegt &mdash; und sollen diesmal siegen?&#8221;</p>
-
-<p>Die Dmmerung begann. Er schnitt mit seinem Messer Gras
-und Buschwerk zu einem Lager zurecht, hielt pltzlich inne und
-lachte hallend hinaus, als ihm der Gedanke in den Sinn scho:<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span>
-Jetzt warten da unten die Mgdlein aus Barcelona! La sie warten!
-berwunden! Er rollte sich in seinen langen Lodenmantel
-und schlief in milder Nacht fest und unbehelligt.</p>
-
-<p>Gnomen saen drollig und treuherzig am Eingang der Hhle
-und wunderten sich ber den Sonderling; es huschten Blumengeister
-vorber, Luftgeister machten sich bemerkbar, wisperten,
-sphten, lachten, tanzten. Dann kamen strker leuchtende Geistgestalten
-ehemaliger Einsiedler, verscheuchten die Elementarwesen
-und wandelten in bedchtigen Gesprchen vor der Grotte hin und
-her. Die Luft erhellte sich in immer weiterer Strahlung; es sammelten
-sich in lichten Gestalten bte, Frsten und Knige. Und ber
-dem ganzen Berg begann es zu flimmern. In immer schrferen
-Umrissen gestaltete sich dort ein kosmischer Kuppelbau aus Gold
-und Edelstein und durchsichtigem Marmor, von Trmchen und
-Kapellen umgeben, maurisch im Stil und zugleich romanisch und
-gotisch, Licht auswerfend in einem ungeheuren Halbkreis; und auf
-seiner Spitze funkelte rubinrot das Kreuz. Diese Tempelburg ragte
-durch das Weltall hinauf, strahlend in den Farben aller edlen Gesteine.
-Sonnen hingen darin wie Ampeln; durch die Kristallwnde
-hindurch glhten viele flammende Pnktchen aus dem unermelichen,
-bis in alle Einzelheiten planvoll genauen Wunderbau. Und
-alle Geister der Natur staunten hinauf; und erlesene Geister der
-Menschen machten sich auf und wanderten in unabsehbaren, lichtausstrahlenden
-Zgen durch die Luft himmelan, zu des Tempels
-mchtigen Bogentoren, wo weie Gestalten der Verklrten unter
-Orgelklang und Chorgesang wartend standen. Je mehr Leuchtgestalten
-einstrmten, um so heller strahlte die Tempelburg, um
-so voller tnten daraus die kosmischen Harmonien.</p>
-
-<p>Dem noch ungereiften Trumer auf dem Gipfel des Montserrat
-wurde das Bild zu gewaltig. Er strzte, er tastete nach irgendeiner
-nahen, warmen Menschenhand. Da umflo ihn wohlig weies
-Gewlk. Aus dem weien und weichen Gewlk lste sich eine Gestalt:
-und lchelnd stand an seinem Lager seine Jugendfreundin Elisabeth.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span>
-
-Neben diesem Phantasieleben vernachlssigte der Gralsucher
-nicht seine wissenschaftlichen Studien.</p>
-
-<p>Er hatte sich die neuesten Schriften ber die Gralsage beschafft,
-kannte die Forschungen des Indologen Schrder und seines
-Schlers Junk und deutete mit den Sprachforschern den Namen
-Perceval als Becherfinder &mdash; sich selber und sein Suchen mit diesem
-Parzival verbindend. Denn ihn fesselten auch wissenschaftliche
-Sprungen nur so weit, als er sie in seelisches Erlebnis umwandeln
-konnte. Diese Gralsmythe, wobei die Zahl zwlf von Bedeutung
-scheint, fhrte den Spielmann zum Durchdenken des Zahlenspiels,
-das sich in Mythus, Mrchen und Symbolik so gern und mit einer
-gewissen Gesetzmigkeit wiederholt: die zwlf Jahresmonate, die
-zwlf Tierkreiszeichen, die zwlf Apostel, die zwlf Stmme der
-Israeliten; die sieben Rosen am Rosenkreuz, die sieben Wochentage,
-die sieben Brder im Mrchen, die Siebenzahl im Rhythmus des
-menschlichen Lebens, von der Pubertt mit zweimal sieben Jahren
-bis zum biblischen Normalalter mit der zehnfachen Sieben. Hier
-ahnte der Musiker Harmonien und geheime Gesetze. Der ganze
-Kosmos mit seinen Sonnen, Planeten und Kometen schien ihm
-ein gewaltiger Krper mit genau geordnetem Blutumlauf. Und
-er landete schlielich, sonderbar genug, bei einer Betrachtung der
-alten Cheopspyramide, ber die er sich einen Aufsatz in seine Gralsschriften
-gelegt hatte, und ihrer unlsbaren grozgigen Zahlenrtsel.</p>
-
-<p>Das lie in ihm die Vermutung aufsteigen, da eine geheime
-berlieferung groer Grundgesetze des Lebens durch die Menschheit
-gehe, bald hier und bald dort in wechselnden Symbolen und
-Denkformen auftauchend. Kaum war ihm dieser Gedanke wahrscheinlich
-geworden, so blitzte in seinem rastlos schaffenden Geiste
-ein Gefhl der Mglichkeit auf, in welcher Weise die vorchristliche
-und die auerkirchliche Denkrichtung durch diesen Strom der Geheimlehre
-mit dem Wesentlichen des Christentums vershnt werden
-knnte. Ihn hatte das kirchliche Dogma von Snde, Bue und
-dem leidigen Marterholz nie im Tiefsten zu erschttern vermocht;<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span>
-ein Buetun in Sack und Asche und die breite Ausmalung der
-Marterungen Christi schien ihm eine Verzerrung der Menschenwrde
-und des Seelenadels. Nicht zwar die Tatsache der Reuestimmung
-selber focht er an und noch weniger die Gre der Opfertat
-auf Golgatha, jener geheimnisvollen Vermischung gttlichen
-Blutes mit den Lebensfluten der Erde, wohl aber ihre plastische
-Herausstellung auf allen Wegen und Stegen. Es gab vielleicht
-eine derbsinnliche Zeit der Unreife, die das brauchte, wie das
-Mittelalter seine derben Folterinstrumente; aber ihm schien, als
-ob hier ein Schematismus die Herrschaft gewonnen habe, ihm schien,
-als ob die ersten Christen viel mehr den auferstandenen, segnenden,
-emporziehenden Christus liebeswarm und lebensvoll empfunden
-htten. Hier nun, im leuchtenden Symbol des Grals und im anmutig-tiefen
-Sinnbild des Rosenkreuzes, stellte sich ihm herzliche
-Ergriffenheit her; sein Schnheitssinn wurde zugleich mit dem
-ernsten Grundton seiner Seele in Schwingung versetzt. Und so
-war er verstehend auch mit jenen Mystikern gegangen, die einst
-gleichzeitig am Rhein entlang religise Grundgefhle neu belebt
-hatten: Seuse, Tauler, Eckehart und Ruysbroeck. Es war poesievolle
-Frommheit, die bereits in Franz von Assisi unmittelbar die
-Malerei anregte und Religion mit Kunst vershnte.</p>
-
-<p>So fllte sich auf dem Gipfel des Montserrat sein Herz mit
-groen Empfindungen und sein Notizbuch mit Gedanken und Gedichten.
-So vershnten sich Spielmann und Gralsucher. Und der
-Plan eines Buches zeichnete sich in Umrissen an den Horizont: die
-Vershnung zwischen Kunst und Religion. Es war kein Aberglauben,
-dem er anheimfiel, es war Mrchenglauben, dessen Bildersprache
-Wahrheiten einhllte. Im brigen blieb der hochgebildete Idealist
-seinen Meistern treu: Goethe und dem Johannes-Evangelium ...</p>
-
-<p>&#8222;Sie glauben nicht, wie es mir eine Wohltat ist, mich mit
-Ihnen aussprechen zu drfen, Herr Baron&#8221;, sagte der Konsul, als
-Ingo am folgenden Abend unter strmendem Regen und triefendem
-Lodenmantel wieder in die Korridore des Fremdenhauses eintrat.
-&#8222;Ich habe mich ordentlich nach Ihnen gesehnt. Schaller ist<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span>
-glcklicherweise nicht aufgetaucht; der verschnrkelte Park Gell in
-Barcelona gefalle ihm besser als der ganze Montserrat, schreibt er;
-und ich kann auf das Geplauder jener unbedeutenden Frauen
-und Mdchen, offen gestanden, hier oben gern verzichten. Aber
-mit Ihnen kann ich mich aussprechen. Und das tut mir wohl, denn
-ich bin ein einsamer Mann.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Dieses Gefhl beruht auf Gegenseitigkeit, lieber Herr Konsul&#8221;,
-erwiderte Ingo mit Wrme. &#8222;Und wenn's auf mich ankommt,
-so bleiben wir hier oben nicht drei, sondern dreimal drei Tage.&#8221;</p>
-
-<p>Und so kam es auch. Die vier Menschen freundeten sich in
-diesen stillen, groen und einfachen Verhltnissen herzlich untereinander
-an. Das Gesprch war beseelt. Manchmal saen sie bis
-weit in die Nacht hinein ohne Licht, in Unterhaltung ber hohe
-oder einfache, aber vom Hohen aus verklrte Dinge, whrend
-schwere Wolken ber die schweren Felsen zogen und die Gebirgspfade
-in Giebche verwandelten.</p>
-
-<p>Auch jetzt noch fhlten sich die beiden wetterfesten Mnner zu
-einfachen Spaziergngen angetrieben, wobei des Berges nasse de
-gro um sie aufgetrmt lag. So wanderten sie zuletzt nach Santa
-Cecilia, an der unheimlichen Nordwand des Berges entlang.</p>
-
-<p>Der Konsul erzhlte von seinen Fahrten.</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe auf einem Dreimaster vom Schiffsjungen bis zum
-Steuermann gedient. Sie machen sich keinen Begriff, wie groartig
-fr mich das Gefhl war, als wir in einer Wolke von Segeln
-ber die sdlichen Meere flogen, zumal nach einem Sturm, wenn
-noch tagelang bei bedecktem Himmel schwere Wogen rollen, berflogen
-vom Sturmvogel Albatro. Man lernt da gleichsam teleskopisch
-die Welt betrachten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hat sich Ihnen, Herr Konsul, vielleicht in den Einsamkeiten
-des Ozeans Ihre Gabe des Geisterschauens ausgebildet?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das liegt mir doch wohl von meinem westflischen Vater
-und meiner schottischen Mutter her im Blute. Ich spreche, wie Sie
-sich denken knnen, nicht viel und nicht zu jedermann von dieser
-Besonderheit. Sehen Sie, es ist ja oft so schmerzlich, wenn mit<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span>
-dem Tode eines lieben Angehrigen die gemeinsame Sprache aufhrt.
-Aber die Menschen, so gern sie vom Reich der Gestorbenen
-hren mchten, frchten sich und empfinden es als ein Gespensterland.
-Oder sie helfen sich mit der bekannten platten Wendung:
-mit dem Tode sei alles aus. Und doch gibt es auch fr den nicht
-hellschauenden berlebenden Menschen eine Sprache, die drben
-verstanden wird: wenn er nmlich Gedanken edler Liebe dem
-Verstorbenen zusendet. Das wirkt auf den Hinbergegangenen
-wie eine wohltuende Kraft. Und sehen Sie, mein lieber Herr
-Baron, hier ffnet sich nun eine Brcke, die jeder Mensch betreten
-kann, sobald er einmal das Wesen wahrer Liebe erfat hat. Zwar
-der fassungslos tobende Schmerz etwa einer Mutter um ihr Kind
-frdert nicht, sondern beschwert eher den kleinen Geist. Und manche
-Abgeschiedene sind drben anfangs ebenso verstrt und unglcklich
-wie die Zurckgebliebenen, wenn sie unreif und unvorbereitet
-hinberkommen. Aber die Wissenden und selbstlos Liebenden, die
-schon im Erdendasein auf das bersinnliche eingestellt waren:
-wie ruhig und einfach fahren sie an das andere Ufer! Sie winken
-sich zu und sagen: Auf Wiedersehen! Der Tod ist ja nur ein Wechsel
-der Daseinsform und der Wirkungsweise. Und wenn der berlebende
-Freund hinberkommt, wird er empfangen von allen, mit
-denen er hier schon durch Bande unvergnglicher Liebe magnetisch
-verbunden war.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ist das also wirklich Tatsache? Kein von Menschen erfundener
-Trost?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das ist Tatsache. Wer ins Geisterland schauen kann, der
-wei das. Haben Sie mir nicht von jenem Oberlin erzhlt, der
-sich mit seiner gestorbenen Gattin unterhielt? Zwiesprache solcher
-Art kann ich aus Erfahrung besttigen. Im brigen ist die Kluft
-zwischen Diesseits und Jenseits nicht zwecklos. Wir haben hier
-unsre Aufgabe zu erfllen, und jene drben die ihrige. Es geschieht
-dies alles nach groen Gesetzen. Aber in allem waltet als
-oberstes Gesetz die gttliche Liebe und Weisheit. Das hat der
-Sendbote von Golgatha verkndet, der von drben kam und es<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span>
-wute. Und von der Wahrheit dieser Botschaft bin ich bis in das
-Tiefste durchdrungen.&#8221;</p>
-
-<p>So sprach der ungewhnliche Mann.</p>
-
-<p>Und hier stellte nun Ingo eine bedeutsame Frage, die so
-einfach klang und so oft schon die Menschheit aufgewhlt hat:</p>
-
-<p>&#8222;Was halten Sie von Christus?&#8221;</p>
-
-<p>Des Spielmanns Begleiter schaute, mit einem eigenen, tief
-ernsten Blick, ins Weite. Der Ausdruck dieses wetterbraunen Gesichtes
-wechselte. Offenbar wog er nun sorgsam ab, was er sagen
-wollte.</p>
-
-<p>&#8222;Es ist das tiefste Lebens- und Liebesgeheimnis des Sonnensystems.
-Wie die Sonne zu den Planeten, so verhlt sich dieses
-hohe Lichtwesen zu den Seelen der Erschaffenen. Das Kreuz hat
-die Gestalt eines Menschen mit ausgestreckten Armen; es ist das
-Symbol jenes Lebens, das sich liebend opfert. Das Kreuz ragt
-durch den Kosmos: es ist die Weltesche Yggdrasil. Und vor dem
-Glanze des Herzens, das im Mittelpunkte dieses Kreuzes glht,
-erbleichen die Gestirne.&#8221;</p>
-
-<p>Der Konsul hatte leise und mit Ergriffenheit gesprochen.</p>
-
-<p>&#8222;Verzeihen Sie,&#8221; fgte er wie entschuldigend hinzu, &#8222;man
-darf von diesen Dingen nur in Andacht sprechen. Meine Mitteilungen
-von Gnomen und andren Geistern sind Spielerei neben
-der Gewalt und Gre des Kreuzes oder des Rosenkreuzes.&#8221;</p>
-
-<p>Der sonderbare Mann wuchs vor Ingos Augen und schien
-ein andrer zu sein als zuvor.</p>
-
-<p>&#8222;Das Rosenkreuz?&#8221; fragte der Landsmann der heiligen Elisabeth.
-&#8222;Knnen Sie mir Nheres darber sagen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es ist ein Kreuz von dunklem Holz, aus dem im Kranze sieben
-rote Rosen blhen. Sind Sie niemals Menschen begegnet, aus
-deren reifem und gtigem Wesen Leuchtkraft ausging? In diesen
-Menschen glht das Rosenkreuz. Denn die niedren Krfte
-ihrer Natur haben sich verwandelt in die Rosen der Liebe. Die
-glhenden Wunden sind blhende Blumen geworden.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das ist herrlich!&#8221; rief Ingo. &#8222;Demnach ist das Kreuz die<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span>
-Materie oder die Natur &mdash; und die Rosen sind das Geistige oder
-Ewige, was daraus erblht?&#8221;</p>
-
-<p>Nun blieb der Konsul stehen. Er war unbedeckten Hauptes,
-da er fast immer ohne Hut ausging, auch bei khlem Wetter.</p>
-
-<p>&#8222;Und sehen Sie,&#8221; sprach er mit Kraft und Feuer, &#8222;das eben
-ist der andre Weg zum Erfahren der Unsterblichkeit. Sie brauchen
-nichts von meinen Geistern zu wissen, Sie brauchen nicht an sie
-zu glauben. Aber wer einmal das Wesen wahrer <em class="gesperrt">Liebe</em> erlebt hat,
-der sprt und wei, da diese Seelenkraft unvergnglich ist. Ihm
-braucht die Ewigkeit der Menschenseele nicht bewiesen zu werden,
-denn er <em class="gesperrt">erlebt</em> sie. Wir Seher besttigen ja nur, was schon als
-Ahnung und Gefhl in jeder erwachten Menschenseele sicher verankert
-ist. Oder glauben Sie, da durchleuchtete und liebende
-Menschen noch nach Beweisen fr die Unsterblichkeit umhertasten?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O nein!&#8221; erwiderte Ingo mit vollem Verstndnis. &#8222;Denn
-das Unsterbliche ist ja in ihnen aufgeblht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aufgeblht!&#8221; rief der Seher. &#8222;Das ist das Wort! Aufgeblht!
-Und nun setzen Sie statt der leuchtenden Rosen den leuchtenden
-<em class="gesperrt">Gral</em> &mdash; und Sie <em class="gesperrt">haben</em> das Geheimnis!&#8221;</p>
-
-<p>So war Ingo auf eine neue Hhe gefhrt worden.</p>
-
-<p>So verstanden sich Jungmann und Meister ...</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Der Einsiedlerberg Montserrat bedeutete fr den Wanderer
-Luterung und Einkehr. Ingo rumte in seinem Herzen den
-Platz frei fr einen Tempelbau.</p>
-
-<p>Nicht Zerknirschung in Sack und Asche lag seiner mnnlich-elastischen
-Erscheinung, der ein Mozartzopf nebst Galanteriedegen
-recht artig gestanden htte, wohl aber schlichte Erkenntnis und
-reines Empfinden dessen, was bisher versumt und was knftig
-aufzubauen war. Das Rtsel der Sphinx scheint ja so schwer
-und furchtbar und ist doch nichts weiter als die klare, nahe, mutige
-Einsicht in Wesen und Wrde unsrer unsterblichen Menschenseele.</p>
-
-<p>Ein tief empfundener Brief ging an Frau Friedel hinaus;
-ein herzlicher Gru an Elisabeth; warme, gute Worte an Bruder<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span>
-und Vater. Und als ihm sein Freund, der Schriftsteller, aus nordischen
-Studien heraus eine Ansichtskarte sandte, ein Waldbild von
-Birken und Tannen, ergriff den Pilger das Heimweh nach Orgelton
-und Tempelstille des innig geliebten deutschen Waldes. Stand
-noch die Tanne vor dem alten Thringer Herrenhause?</p>
-
-<p>Die vorletzte Nacht auf dem Montserrat war wieder voll
-Schwermut. Wie viel gute Arbeit hatte der Wanderer auf all der
-Irrfahrt versumt! Als er sich nach seiner Gewohnheit mit raschem
-Schwung zu Bett warf und in die Wolldecke hllte, streifte er die
-halbvergessene Laute. Es klang ein Ton in die schmucklose Zelle.
-Da empfand er sein Leben wie ein wehmtig Mrchen, dessen
-irrender Held immer im Zauberkreise umherwandert.</p>
-
-<p>&#8222;Es war einmal ein Dmmling, der lief von Heimat und
-Jugendfreundin fort und rannte in wunderlichen Windungen hartnckig
-einem verschleierten Frauenbild nach. Und als er endlich
-die ersehnte Gestalt erreicht hatte und ihr den Schleier vom Angesicht
-ri &mdash; wen sah er? Seine Jugendfreundin!&#8221; ...</p>
-
-<p>In unerwarteter Wendung wies ihm das Schicksal den Heimweg.</p>
-
-<p>Denn am neunten Tag kam eine Karte aus Genf.</p>
-
-<p>Dieser Kartengru erregte des Spielmanns Phantasie bedeutend.</p>
-
-<p>Wallace und Leroux, seine Bekannten von der Riviera, schickten
-diese unvermutete und aufstrende Botschaft. Sie hatten sich in
-Genf mit Freiin Elisabeth von Stein-Birkheim bekannt gemacht
-und sandten nun gemeinsamen Gru.</p>
-
-<p>Jetzt war es mit Ingos Sammlung zu Ende. Mit einem Schlage
-sah er seinen Pfad erhellt. Elisabeth in Genf?! Und bei Wallace
-und diesem koketten Leroux?! Er wurde unruhig. Lebenshunger
-durchglhte wieder den gesunden und krftigen jungen Mann.</p>
-
-<p>Schon am nchsten Nachmittag, immer rasch in seinen Entschlssen,
-sa er auf der Bahn, nach einem herzlichen, ja innigen
-Abschied von den Freunden, und fuhr ber Barcelona wieder
-nach Norden.</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 96px;">
-<img src="images/p131_deco.png" width="96" height="70" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p132_deco.png" width="600" height="47" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Achtes Kapitel</small><br />
-
-<big>Am Genfer See</big></h3>
-
-<div class="cite">
-<p class="noindent">
-O ihr seid stark und wit es nicht,<br />
-Denn stark ist nur der Liebe Band.</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Droste-Hlshoff</span>
-</p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p025_cap.png" alt="E" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">E</span>
-lisabeth von Stein-Birkheim sa mit ihrer Mutter am
-Fenster eines Genfer Hotels.</p>
-
-<p>Die edlen Profile der aristokratischen Damen hoben
-sich in der Beleuchtung des spten Nachmittags deutlich hervor.
-Beide Langkpfe glichen einander in der graden Stirn und Nase
-und ebenso in der Knotung der schweren Haare. Nur war die alte
-Dame silberhaarig, die junge dagegen von einem matten Rotblond;
-und dem bleichen, etwas gelblichen Antlitz der zurckgelehnten
-Kranken entsprach auf der andren Seite die zartrosige Gesichtsfarbe
-der immer grade sitzenden Elisabeth.</p>
-
-<p>Sie hatte aus einem Roman des Franzosen Romain Rolland
-vorgelesen, der sich durch sonnige Stimmung abhebt von den
-blichen Erzeugnissen dieser Art. Aber die Damen hatten dabei festgestellt,
-da ihr Franzsisch ziemlich verblat war; Elisabeths lange
-und feine Hand hatte mit strender Hufigkeit das Taschenlexikon
-befragen mssen. Nun griff sie wieder zu ihrer Stickerei und gestand
-ihrer Mutter, da sie sich jetzt erst wieder auf vertrautem Boden fhle.</p>
-
-<p>In llichem Geplauder gingen einige Minuten vorber. Dann
-schlug Frau von Stein pltzlich ein Gesprch an, das scheinbar ohne
-Zusammenhang mit dem Vorausgehenden in der Luft hing.</p>
-
-<p>&#8222;Ich mu mich immer wieder verwundern,&#8221; sprach sie in ihrer
-vornehm gedmpften und ziemlich khlen Art, &#8222;wie es dieser Phantast
-Ingo so lang im Ausland, in Frankreich oder wo er sich sonst
-herumtreibt, aushalten mag. Er scheint doch von der hbschen
-Trotzendorff mehr als schicklich engagiert zu sein.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span>
-
-Die betagte Dame sprach mit einer etwas dnnen, sprden,
-vor Alter und Gebrechlichkeit leicht zitternden Stimme; und sie
-sprach sehr langsam und bedchtig, fast ein wenig geziert.</p>
-
-<p>Elisabeth gab zunchst keine Antwort; denn da war eine wehe
-Stelle, die bei der leisesten Berhrung empfindlich schmerzte.</p>
-
-<p>Dann aber uerte sie leichthin:</p>
-
-<p>&#8222;La du ihn nur ganz ruhig auf seinen Meeren fahren, Muttchen!
-Er wird sich schon einmal wieder an Land finden.&#8221;</p>
-
-<p>Ihre Stimme war um manche Grade voller und herzlicher
-als die ihrer eingefallenen, vertrockneten Mutter, obwohl sich im
-zurckhaltenden Ton beide Damen glichen.</p>
-
-<p>Dann schwiegen sie wieder. Frau von Stein zog die Decke
-fester um die Knie, faltete die Hnde und schlo ein wenig die
-Augen. Auf der Strae fuhren die Wagen; jenseits des Hafens
-schimmerten blulich die beglnzten Alpen. Doch der breite, weie
-Montblanc, der sonst wie ein Weihnachtsland zwischen den Gipfeln
-des Mle und des Petit-Salve herberschimmert, blieb heut' im
-Duft verborgen.</p>
-
-<p>&#8222;Ich verstehe nicht,&#8221; spann die Mutter nach einem Weilchen
-hartnckig den Faden weiter, &#8222;wie er sich so auffallend an die
-Trotzendorffs anschlieen konnte. Ihnen zuliebe hat er sich in
-Weimar die Wohnung eingerichtet und ist auf dem Gute berhaupt
-nicht mehr zu sehen. Alle Welt spricht davon, und dieses
-Verhltnis ist auch ganz und gar nicht zu billigen, das wirst du mir
-nicht bestreiten, Elisabeth.&#8221;</p>
-
-<p>Elisabeth bestritt es nicht. Sie nahm sich zur Antwort Zeit
-und sagte nach einer besinnlichen Pause:</p>
-
-<p>&#8222;Nun, Mama, es ist aber schlielich doch wohl zu begreifen.
-Unter seinen Verwandten und frheren Freunden ist er mit seinen
-poetischen und musikalischen Interessen so gut wie gar nicht verstanden
-worden, das wirst du doch zugeben. Und dann &mdash; Frau
-von Trotzendorff ist eben eine Knstlernatur, die ihn versteht.
-Auch die beiden Knaben hngen sehr an ihm, und Richard ist von
-Kopf zu Fu ein Edelmann.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span>
-
-&#8222;Das ist ja wohl wahr&#8221;, nickte die Freifrau. &#8222;Dieser Major
-von Trotzendorff ist ein Gentleman, ein nobler Charakter, das mu
-man gelten lassen. Aber es ist doch nicht schicklich, dieses ganze
-Verhltnis; der Gatte sollte minder tolerant sein. Nein, nein, du
-redest mir das nun einmal nicht aus! Dieser Ingo ist berhaupt
-sonderbar; ich habe ihm nicht vergessen, wie er einmal ber den
-preuischen und pommerschen Adel demokratisch abgeurteilt hat.
-Das sind Anwandlungen, die in seine Familie ganz und gar nicht
-passen. Ich bitte dich, am offenen Tisch zu behaupten, einem richtigen
-ostelbischen Junker sei ein Kalb wichtiger als ein Dichter!
-Wie kann ein Sohn aus altem Hause so unfair ber Standesgenossen
-urteilen! Aber so ist er!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn er aber nun recht htte, Mama?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Elisabeth!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Im Ernst, Mutti: wofr hat zum Beispiel Ingos Bruder
-Interesse? Fr Hunde, Jagd, Pferde, landwirtschaftliche Ausstellungen
-&mdash; und was noch?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja gewi &mdash; aber &mdash; er ist doch nun einmal Landwirt! Gewi,
-ich gebe ja zu, Ingo ist ein intelligenter Mensch. Aber wie weit
-hat er es denn gebracht mit all seiner Intelligenz? Und weil er
-es zu nichts gebracht hat, droht er nun zu verbittern und zieht
-sich von den natrlichen Lebensgewohnheiten seines Standes ins
-Ausland zurck. <span class="antiqua">Voil, ma chre!</span> Das bestreite du mir einmal,
-wenn du's vermagst! Er htte Offizier werden oder sich dem
-Staatsdienst widmen sollen. Solche Talente gehren in die Nhe
-Seiner Majestt, er wre da sicherlich ein groer Mann geworden.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hast du in der Nhe Seiner Majestt schon einmal groe
-Mnner gesehen?&#8221;</p>
-
-<p>Es zuckte ironisch um Elisabeths Mundwinkel; sie war sonst
-sehr gehalten, sehr hflich und herzlich, sehr konservativ. Aber mitunter
-brach eine sinnlich-wohlige Laune aus diesem gesunden
-Mdchen heraus, dessen Lebensgeister einst in verliebten Stunden
-wachgekt worden und nun seit langem nur der Krankenpflege
-zugekehrt waren. Und in solchen Stimmungen kamen, immer noch<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span>
-fein und dezent, aber recht merklich, Kobolde und Neckgeister ber
-die ehemalige Schwester vom Roten Kreuz. Es gelstete sie dann,
-gerade ihre allzusehr auf das Schickliche bedachte Mutter in die
-Enge zu treiben.</p>
-
-<p>&#8222;Elisabeth, ich wei wirklich nicht, wie du mir heute vorkommst&#8221;,
-wehrte sich Frau Mathilde von Stein. &#8222;Du weit doch
-ganz gut, was ich mit dieser Bemerkung sagen will. Ich habe ja
-absichtlich dem Gesprch eine Wendung gegeben, die dir angenehm
-sein mu. Stein ist begabt, er knnte ebensogut wie ein anderer
-etwa Generalintendant der Kniglichen Schauspiele sein, das will
-ich damit nur sagen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hltst du die Generalintendanten der Kniglichen Schauspiele
-fr groe Mnner?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber es sind doch Leute von Titel und Rang! Stein hat doch
-gewi ebensoviel Verstand!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Glaubst du, da zum Generalintendanten Verstand gehrt?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja aber &mdash; hr' mal, Kind, du willst mich heute rgern!&#8221;</p>
-
-<p>Elisabeth sprang lachend auf, legte den Arm um ihre Mutter
-und kte sie in einem nrrischen Anfall ordentlich ab.</p>
-
-<p>&#8222;Muttichen, kleines, du hast ja keine Ahnung, wie es drauen
-in der Welt zugeht! Aber auch gar keine Ahnung hat unser kleines,
-dummes Muttichen!&#8221;</p>
-
-<p>Die Baronin rgerte sich, zupfte sich wieder zurecht, und die
-Barone nahm ihre Stickerei wieder auf.</p>
-
-<p>&#8222;ber diesen Ingo von Stein werd' ich mich mit dir schwerlich
-jemals verstndigen, Elisabeth&#8221;, schlo die alte Dame etwas
-verdrielich die Unterhaltung ber diesen Gegenstand. &#8222;Du hast
-ja schon als Kind immer zu ihm gehalten. Und heute noch stellst
-du dich wie ein Engel mit dem Schwert neben ihn, sobald man
-diesen absonderlichen Herrn ein wenig zu kritisieren wagt. Und
-dabei hat er doch wahrlich nicht schn an dir gehandelt.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;La das, Muttchen!&#8221;</p>
-
-<p>Eine strkere Rte stieg in Elisabeths Schlfen empor. Sie
-prete die Lippen aufeinander, entschlossen, auf das Gesprch nun<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span>
-nicht mehr einzugehen. Die Mutter kannte diesen Zug und schwieg.
-Und so hatte sie Zeit, an den Geliebten zu denken, den diese Unterhaltung
-wieder heraufbeschworen hatte. Sie ertappte sich pltzlich
-auf der sinnlich-sen Vorstellung, wie innig und nrrisch er
-doch zu kssen und zu kosen verstand, nicht nur ihren Mund, auch
-ihre Ohrlppchen und andre Lieblingsstellen, wenn er einmal so
-recht in der Narrheit drin war. Ihr selbst war eine passive, aber
-zhe Sinnlichkeit eigen; sie prete ihn in ihre starken Arme, als
-wollte sie ihn nie mehr fortlassen, und lie mit Wonne seine phantasiereichen
-Koseworte ber sich herabrieseln, als htte sich der
-Himmel geffnet und Jupiter besuchte seine Geliebte in Form
-eines Goldregens. Der Geliebte war oft strmisch, doch niemals
-roh; aber oft auch zornig, weil &#8222;der Stein nur Stein umarme&#8221;!</p>
-
-<p>Und da wurden ihre Gedanken dster und wurden sehr beschattet.
-Denn hier fing das Leid ihrer Trennung an. Sie war
-gegenber seinen sturmhaft-nrrischen Einfllen und Zrtlichkeiten
-zu schwerfllig, zu unerfinderisch, whrend ihm Genialitt aus allen
-Poren sprhte und dann unbefriedigt und verdrossen wieder erlosch.</p>
-
-<p>Dies alles, oft schon durchdacht, zog wieder einmal durch Elisabeths
-reifes und tiefes Gemt.</p>
-
-<p>In einem der letzten Briefe hatte er ihr damals geschrieben,
-er sei in der umgekehrten Lage als jener griechische Bildhauer:
-&#8222;whrend jener Glckliche die schne Statue lebendig gekt hat,
-wirst Du unter meinen Kssen immer mehr zur schnen Statue&#8221;.
-Oh, sie wute diese Briefstellen auswendig! &#8222;Hast Du je um Deinen
-Geliebten gekmpft? Hast Du nicht immer bequem gewartet,
-bis er zu Dir kam? Hast Du je eine khne, meinetwegen unschickliche
-Fahrt gewagt, wenn Du ihn in seelischer Not wutest?&#8221; So
-stand in jenen letzten Briefen. &#8222;Du bist reinlich und ruhig, hflich
-und herzlich; aber Dir fehlt Phantasie und Philosophie, Du bist
-schwer, statt schwungvoll.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, das ist alles wahr&#8221;, dachte Elisabeth in immer erneuter
-Beschmung. &#8222;Und was ich ihm nicht geben konnte, das hat ihm
-dann jene Frau gegeben.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span>
-
-Es stieg ihr siedend hei das herbste und letzte seiner Zornworte
-in der Erinnerung empor; auf sein letztes Buch, das er ihr
-mit langem Brief gesandt, hatte sie nur in der ihr eigenen konventionellen
-Krze geantwortet: das Buch wre recht &#8222;nett&#8221;, und sie
-danke schn dafr. Da brauste er aber heftig auf. &#8222;Ich sende
-Dir mein Herzblut &mdash; und Du findest es nur nett?! Abscheulich
-Wort! Pfui, schm' Dich!&#8221;</p>
-
-<p>Ja, sie schmte sich. Elisabeth schmte sich bitterlich. Das
-war sein letzter Brief gewesen. So hatten sie sich verloren. Weil
-sie zum Mitfliegen zu lssig und oberflchlich war. Aber inzwischen
-hatte Elisabeth in Pommern drei aufrttelnde Lehrjahre durchgemacht.
-Jetzt glaubte sie Ingos Bcher und Briefe zu verstehen;
-und sie gab ihm recht in allem, sich selber die Schuld aufbrdend
-und fr ihn betend jede Nacht ...</p>
-
-<p>Es pochte.</p>
-
-<p>Der Oberkellner trat ein, berreichte einen Blumenstrau
-nebst Briefchen und entfernte sich wieder.</p>
-
-<p>&#8222;Gewi wieder von dem reizenden jungen Franzosen&#8221;, meinte
-die Mutter. &#8222;Das ist ein wirklich charmanter Mensch.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, von Leroux. Er sendet dir die Blumen, Mama, und mich
-ldt er zu einer Kahnfahrt ein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Tu das, Kind, geh ein wenig an die Luft! Du tust mir sogar
-damit einen Gefallen, denn ich mchte recht gern ein klein wenig
-ruhen, es war heute reichlich viel Lektre.&#8221;</p>
-
-<p>So machte sich denn Elisabeth zurecht und war Weib genug,
-in ihrem Zimmer verhltnismig lang vor ihrem Spiegel zu
-stehen. Sie war nach der Grbelei wieder in jene lebensheitre
-Stimmung zurckgeschnellt und in ihrem kribbelnden Blut beinahe
-zu Streichen aufgelegt.</p>
-
-<p>Der mattleuchtende Vollmond stand schon ber dem Gipfel
-des Mle und wetteiferte vorerst machtlos gegen die stark hereinschimmernde,
-das ganze Land beherrschende Abendrte. Der
-junge Pariser war entzckt, da die Barone auf seinen Vorschlag
-einging. Sie wanderten miteinander den Quai du Mont<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>blanc
-entlang, nahmen am Hafendamm ein Boot und fuhren
-hinaus.</p>
-
-<p>Veilchenfarben glnzten Luft und See. Die lige Flche war
-von zauberhafter Gltte; lange Furchen blieben hinter Schwnen
-und Nachen weithin eingegraben in die schweren, stillen Wasser.
-In diesen bezaubernden Farben ruderten die beiden jungen Menschen
-durch die unbewegte Flut und sprten auch in sich den alles
-belebenden Mai.</p>
-
-<p>Ren Leroux war eine eigenartige Mischung von Kindskopf
-und kultiviertem Pariser. Er entbehrte bei aller muntren Treuherzigkeit
-nicht ganz des koketten Raffinements. Da sich die beiden
-sympathischen Herren als Freunde Ingos eingefhrt hatten, so
-war rasch ein vertraut-hfliches Verhltnis zu den deutschen Damen
-hergestellt, die ziemlich neugierig waren, Nheres ber den abenteuernden
-Verwandten zu hren. Die krnkelnde Freifrau brauchte
-viel Ruhe; Elisabeth war also dankbar fr diesen willkommenen
-Anschlu, der sich in den besten Formen der Gesellschaft vollzog.</p>
-
-<p>Das groe deutsche Mdchen hatte auf den etwas jngeren
-Franzosen sofort einen unwiderstehlichen Eindruck gemacht. Er war
-elektrisiert. Wie reif! wie ruhig! wie edel in der Bewegung! wie
-hbsch die Bste, das Haar, der ganze schlanke Bau, der an jene
-herrlichen Statuen am Sdportal des Straburger Mnsters erinnerte:
-Kirche und Synagoge! Er konnte seine schwarzen Augen
-kaum von ihr abwenden. Es ist sogar zu vermuten, da er mit dem
-Namen Stein erst dann auf Fischfang ausging, als ihm diese Trgerin
-des Namens auch als Weib angenehm aufgefallen war; an sich
-htte ihn eine Verwandte Ingos vermutlich kaum interessiert.
-Doch blieb er bei aller Verliebtheit doppelt ehrerbietig; und besondere
-Hflichkeiten verschwendete er klugerweise an die Mutter.
-Er lauschte sich in die Interessen der Damen hinein; er war es,
-der ihnen die Romanreihe &#8222;Jean Christophe&#8221; empfohlen hatte;
-er fhlte sich belebter und vornehmer im Bannkreise Elisabeths.
-Und es war bei ihm ein ehrliches Empfinden, kein Tuschungsversuch;
-er war von der eher herben als eigentlich schnen, doch<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span>
-uerst anziehenden und eindrucksvollen Erscheinung des thringischen
-Edelfruleins hingerissen.</p>
-
-<p>Das Weib Elisabeth merkte dies. Und das Weib blieb nicht
-gleichgltig, nicht unberhrt. Wieviel Lebenshunger war in ihr
-angestaut! Und so antwortete irgend etwas in ihrem Organismus
-den sinnlichen Strahlungen des heiverliebten Franzosen ganz
-von selber. Denn die Sehnsucht nach Ingo brach immer wieder
-aus geheimen Quellen empor, berflutete Adern und Nerven und
-lie die volle Brust zu eng werden. Dann kam sie sich wie eine unbenutzte
-Kraftflle, wie verschmhte Gesundheit vor; und der Verdru
-des Wartens und Alleinseins bumte sich auf Augenblicke in
-ihrer edlen Natur hochauf, ohne da sie sich dagegen wehren konnte.
-Es waren Wallungen, die nicht dem Willen zugnglich waren,
-Wallungen der rtselhaften weiblichen Natur.</p>
-
-<p>So war es auch heute.</p>
-
-<p>Leroux hatte das Herz voll von sinnlicher Schwrmerei fr
-das vor ihm sitzende, mit Kraft geladene junge Weib, das er hier
-ber den leuchtenden Genfer See ruderte; und es schien nur einer
-Berhrung zu bedrfen, so sprhten elektromagnetische Funken
-aus diesem Kraftbehlter weiblichen Reizes. Er schaute sie flammend
-an, sie senkte den Blick; dann lachte er wieder unbefangen und
-radebrechte das drolligste Deutsch, und sie lachte mit. Unauffllig
-veranlate sie ihn, von seinem Zusammensein mit Ingo zu erzhlen.
-Der helle Pariser wute darber wenig zu sagen, aber er erfand
-nach Krften hinzu, um ihr Freude zu machen. Dann kam
-er auf sich selber zu reden; und im Handumdrehen war er mitten
-in der flssigsten franzsischen Liebeserklrung, die sich zu heien
-Worten steigerte. Er trug ihr schlankweg seine Hand an. Er sei
-ein Sohn aus reichem und gutem Hause, er wrde Deutsch lernen,
-auswandern, nach Kanada, nach dem Monde, sogar nach Thringen,
-wenn sie ihn wolle, denn er liebe sie leidenschaftlich. Und er warf
-die Ruder in den Kahn und ergriff ihre Hnde, die in der lauen
-Flut gespielt hatten.</p>
-
-<p>Jetzt erschrak Elisabeth denn doch ber diese andringende Glut;<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span>
-aber sie entzog ihm die Hnde nicht. Sie verglich nur blitzhaft die
-strmische Werbung dieses Auslnders mit der Teilnahmlosigkeit
-ihres ehemaligen deutschen Geliebten. Solche Gefhle kannst du
-erregen, dachte stolz das Weib in ihr, und Ingo hat dich verschmht!
-Ach, das kurze Leben! Miachtet und verlassen am Wege liegen zu
-bleiben, &mdash; o wie bitter! Und hier lockt berauschende Leidenschaft!
-Hier lockt das Feuer eines hbschen jungen Mannes und will deine
-Khle hinwegschmelzen und bietet dir seine Ksse und sein ganzes
-Sein und Haben an! ... So sa Elisabeth mehrere Minuten in der
-beginnenden Maienmondnacht, uerlich mit abweisendem Gesicht
-ins Wasser schauend, aber die Hnde in ihres Bewerbers heien
-Hnden und berschttet von den Liebesworten des lebhaften Kelten.</p>
-
-<p>In solchen Sekunden hngt eines Weibes Schicksal an einer
-geringsten Bewegung, an einem Nichts. Aber Elisabeth strmte
-auch in dieser bedenklichen Stunde, wo ihr Blut fr mnnliche Werbung
-empfnglich war, eine natrliche Reinheit aus. Es war in
-ihrem Antlitz so gar kein Zug schwchlichen Entgegenkommens, da
-der Bedrngende nicht wagte, ber das Schickliche hinauszugehen.
-Sie entzog ihm endlich die Hnde, strich ber die Stirne und schaute
-ihn mit fernen Blicken an. Die Bezauberung wich.</p>
-
-<p>&#8222;Es ist eigentlich nicht liebenswrdig von Ihnen, Herr Leroux,&#8221;
-sprach sie, und es war wieder der ruhige Ton ihrer Mutter,
-&#8222;da Sie mich da ganz unvermutet auf einer Kahnfahrt mit so
-ernsten Dingen berfallen. Das mssen Sie ber Nacht einmal
-ruhig berlegen. Ich nehme an, da Ihr Wunsch, mir Angenehmes
-zu sagen, Sie fortgerissen habe. Wir wollen nicht mehr hierber
-sprechen. Es wre ja schade, wenn wir uns diesen schnen Abend
-stren wrden. Nicht wahr?&#8221;</p>
-
-<p>Und sie hielt ihm lchelnd und nun wieder ganz berlegen die
-Hand hin, die er sofort nervs und lachend schttelte; worauf er
-elastisch zu den Rudern griff und ausrief: &#8222;Verzeihen Sie mir, aber
-der Abend und Ihre Nhe berauschen mich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Der Abend? Es ist ja Nacht! Nun schnell zurck! Wir sind
-ja da fast zu dem Park Monrepos hinbergetrieben und sicherlich<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span>
-wohl schon halbwegs nach Coppet geraten! Flink! Oh, sehen Sie
-nur, die Lichterreihe von Genf! Und sehen Sie dort: der Vollmond.
-Und hier der feurige Drache, der Dampfer! Nur flink weiter,
-sonst ngstigt sich meine Mutter!&#8221;</p>
-
-<p>So fuhren sie in die Lichter zurck, die in groem Halbkreis um
-den Genfer Hafen stehen. Und der gewandte Franzose suchte unter
-doppelt lauten und heitren Gesprchen seine Niederlage zu verbergen ...</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Ingo von Stein war von Barcelona, nach flchtigem Besuch
-bei Schaller, direkt nach Avignon durchgefahren.</p>
-
-<p>In der wohlbekannten Papststadt wurde Rast gemacht; die
-spanischen Eindrcke verlangten hier noch einmal Verarbeitung. Jetzt
-stand er einsam auf dem <span class="antiqua">Rocher des Doms</span> oberhalb der Rhone,
-wo er einst mit Friedel von jenem Mdchenphantom geplaudert.
-Und ihm war, als wren Jahre, nicht Wochen, seit seinem letzten
-Aufenthalt in Avignon an ihm vorbergerauscht und htten ihre
-Spuren hinterlassen. Baumwipfel schienen vor der Aussicht hinweggerumt,
-der Blick wurde frei, Jugendland tat sich abermals
-auf; Cousine Elisabeth stand am Parktor und winkte dem gereiften
-Pilger; und sie traten ein in das Freiland mavoll beruhigter
-Schnheit und Weisheit und Liebe.</p>
-
-<p>Wunderlich war es, wie er sich nun nach Elisabeth sehnte!
-Diesem Drange frischweg folgend, fuhr er vom reizvoll ummauerten
-kleinen Avignon ber die offene groe Handelsstadt Lyon immerzu
-das Rhonetal hinauf nach der ernsten Calvinistenstadt Genf und
-stieg dort in demselben Gasthof ab, in dem die Damen und ihre
-beiden jungen Begleiter wohnten.</p>
-
-<p>Gerade als Leroux und Elisabeth das Boot betraten, zog
-Ingo im Hotel seine erste Erkundigung ein. Ja, diese Gste wren
-hier, gab man ihm Bescheid, aber auer der leidenden alten Dame
-alle ausgegangen. Wohlan, so wusch er sich denn auf seinem Zimmer
-und trat dann gleichfalls hinaus in die Zauberfarben dieses
-unvergleichlichen Maienabends. Allen Damen am rosig hellen Ufer
-sphte er unter den Hut: ist sie dies? oder jene dort? Nach den<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span>
-seltsamen Fahrten dieses Frhlings berwltigte ihn das Verlangen
-nach deutschen Lauten, nach thringischen Gesichtern, nach
-fester Erdenwirklichkeit. Und hier also, unter diesen Menschen, die
-sich in verklrender Beleuchtung am Strand ergingen, irgendwo
-unter diesen Menschen mute auch Elisabeth sein. Es gab also hier
-eine lebendige Seele aus Fleisch und Blut, die er <em class="gesperrt">sein</em> nennen
-durfte! <em class="gesperrt">Seine</em> Elisabeth! Die ihn heute noch liebte wie vor fnfzehn
-Jahren, als sie ihm unter dem Herbstgold thringischer Buchen
-den ersten Ku der Liebe gab!</p>
-
-<p>Er ging aufmerksam sphend am Strand entlang bis zum
-Park Monrepos.</p>
-
-<p>Auch auf die Boote, die reinlich abgezeichnet auf silberner Flut
-schwammen, richtete er sein scharfes Auge. Es bemchtigte sich
-seiner ein feines Fieber besorgter Unruhe. Wo ist sie? Ausgegangen
-mit Wallace und Leroux? Oder nur mit einem der Herren &mdash;
-und mit wem?</p>
-
-<p>Die Boote beobachtend, blieb er mit pltzlichem Erschrecken
-stehen: die hohe Dame dort im Nachen mit dem starken Haar und
-dem graden Wuchs &mdash; war sie das nicht? Er sphte lang in die
-sinkende Nacht hinein; sie hatten die Ruder eingezogen, sie hielten
-sich an Hnden. Allein das war wohl schon die dritte oder vierte
-Dame, die er heute abend fr Elisabeth gehalten hatte. Er lachte
-sich selber aus und kehrte ins Hotel zurck.</p>
-
-<p>&#8222;Noch nicht zurckgekommen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bedaure, nein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber es ist ja Nacht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Herr Wallace kommt immer spt zurck, denn er malt im
-Gebirge. Herr Leroux und Frulein von Stein haben wahrscheinlich
-wieder eine Kahnpartie gemacht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So, so!&#8221;</p>
-
-<p>Er schwieg einen Augenblick, bi sich auf die Lippen und warf
-dann die Worte hin:</p>
-
-<p>&#8222;Sagen Sie weiter nichts, da sich jemand nach den Herrschaften
-erkundigt hat. Es wird sich ja morgen alles finden. Schicken<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span>
-Sie mir den Kellner auf mein Zimmer, ich werde oben eine Kleinigkeit
-essen.&#8221;</p>
-
-<p>Der umhergetriebene Troubadour schlief in dieser Nacht keine
-Stunde.</p>
-
-<p>Doch sein Tagebuch fllte sich mit peinvollen Gedanken.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-
-<p class="center"><span class="gesperrt">Aus Steins Tagebuch</span>:</p>
-
-<p>Von Lord Byrons grozgigem Pathos, von Shelleys Himmelsflug,
-von Voltaires Diabolik und Rousseaus dumpf-ungestmem
-Freiheits- und Liebesdrang sind an diesem Genfer See noch Strmungen
-in der Luft ...</p>
-
-<p>Es ist Nacht: Zeit der Dmonen. Zeit der Sonnenferne, Zeit
-der Mondherrschaft. Es ist Nacht: Gespenster- und Verrterstunde!
-In der Nacht verriet Petrus den Herrn; als der Hahn krhte, als
-die Sonne wieder alles Leben beleuchtete, erwachte sein hheres
-Ich zum Bewutsein der niedrigen, sonnenfernen, gottfernen Tat ...</p>
-
-<p>Teile der Nacht sind in uns allen. Unbetretene Schluchten,
-luziferische Mchte, Dmonen des Abgrundes. Und Diabolik oder
-Koboldwesen und Nixentum steckt auch in jedem naturstarken
-Weibe ... Elisabeth ist naturstark ... Freilich, das edle Weib
-beherrscht die Dmonen; sie werden dann Freunde und dienen der
-stolzen Herrin. Aber das schwache Weib? Das lliche und passive
-Weib? ...</p>
-
-<p>Ich bin furchtbar allein! ...</p>
-
-<p>O mein Gott, wie grauenhaft bin ich allein! ...</p>
-
-<p>Zum erstenmal in meinem einsamen Leben wahrhaft mutterseelenallein!
-...</p>
-
-<p>Klammre dich nicht an ein Weib, mein Herz! Ein Weib kann
-nicht geleiten, kann nur begleiten, wenn du selber stark bist. Sie
-kann den Lebenskampf erleichtern, aber nicht bedeuten, nicht dir
-ersparen; sie kann Reizmittel sein, nicht Nahrung. Nahrung aber
-mssen Mann und Weib aus bersinnlichen Sphren holen. Wenn
-dir dahin der Pfad versperrt ist, wenn du nimmer glaubst an Sitte<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span>
-und Gottheit &mdash; dann allerdings ist Geschlechtslust dein niedertrchtiger
-Ersatz &mdash; und Zerrttung das Ende!</p>
-
-<p>Das ist des Lebens Tragik: bei innigster Liebe und reinster
-Absicht in entscheidenden Stunden ganz allein zu sein! Es gibt
-Stunden, die dir den Atem benehmen, wo du mit niemandem
-sprechen kannst, auch nicht mit dem besten Freunde. Das mu
-allein durchgekmpft werden. Bei Zhne zusammen! Kmpf' es
-durch! Sprenge die Rinde! Neue Kraft formt neue Lebensrinde!
-Und nicht bitter werden, nicht bitter! Es ist wie ein Sterben, denn
-du mut dich von etwas Geliebtem trennen. Doch morgen bist du
-hindurch &mdash; und die Wunde wird vernarben &mdash; und du bist strker
-als zuvor ...</p>
-
-<p>Ich spre die Geisterfreunde vom Montserrat, ich spre die
-Jungfrau von Lourdes. Habt Dank! Bald bin ich vollends in
-eurem unbekannten Lande, wo es nur Liebe gibt, nur Treue ...</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Als der Vollmond ber den See hing,<br /></span>
-<span class="i0">Als die tckisch bewegliche Welle<br /></span>
-<span class="i0">Ruhigen Lichtes lag, nur leise blinzelnd &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Dacht' ich, wie diese falsche Woge<br /></span>
-<span class="i0">Tckischen Sturmes fhig sei,<br /></span>
-<span class="i0">Schneeweie Fuste ballend,<br /></span>
-<span class="i0">Ein zornig Weibchen &mdash; das gestern<br /></span>
-<span class="i0">Zrtliche Geliebte war.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Traue der Welle nicht, Wandrer!<br /></span>
-<span class="i0">Trau' nicht dem Weibe!<br /></span>
-<span class="i0">Ach, mich qulen Wahnsinnsgedanken,<br /></span>
-<span class="i0">Da ich der Sen mitraue,<br /></span>
-<span class="i0">Die mir so lieb war!<br /></span>
-<span class="i0">Denn keine Treue wohnt in der Welle,<br /></span>
-<span class="i0">Ach, keine Treue im Weib! Denn im Kusse,<br /></span>
-<span class="i0">Insgeheim, in dunklen Tiefen,<br /></span>
-<span class="i0">Denkt sie des andren!<br /></span>
-<span class="i0">Ach, wer will eines Weibes Gedanken gebieten!<br /></span>
-<span class="i0">Wer den ewig beweglichen Wellen! ....<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p>
-<p>Es ist Gift in meinem Blut! Es sind Dmonen in diesem
-Zimmer! Dieses Genf ist voll von Dmonismus! Ward nicht da
-drauen eine Kaiserin ermordet? Ja, das ist es! Bin ich nicht
-vorhin ber die Stelle dieser schwarzen Tat gegangen? Sie ward
-mitten ins Herz getroffen von jenes Mrders Stilett, es flo kein
-Tropfen Blut, sie hat immer im Leben Reinlichkeit geliebt. Ruhelose,
-du bist viel gewandert: wandernd stiegst du in Charons Nachen!
-Ihr Lieblingsdichter war der zerrttete Heine, ein Verwandter des
-greren Byron, der den Gefangenen von Chillon besungen hat &mdash;
-Freiheitsucher, denen Europa und die Erde zu eng war! Weie
-Schwne schwammen am Ufer, wo sie gettet ward; und die weien
-Berge schauten machtlos dem schwarzen Frevel zu ...</p>
-
-<p>Leben, du bist erschtternd kurz! Elisabeth, die du jener Kaiserin
-Namen trgst, wir wollen einander gut sein! Meine Elisabeth,
-wir wollen uns treu sein! Vergib, Elisabeth, denn ich bin
-dir selber zuerst untreu geworden! Und du hast recht, es mir zu
-vergelten. Vergelten?! Du &mdash; und vergelten?! Du bist ja frei,
-du bist durch nichts an mich gebunden! Es hat mich nur einen
-Augenblick erschttert, da du nun doch einen andren liebst. Sei
-glcklich &mdash; aber sei nicht unvornehm, meine Vornehme! Freunde
-sollen aufeinander stolz sein knnen: ich will stolz sein auf meine
-vornehme, keusche, stolze Freundin Elisabeth, auch wenn sie einem
-andren gehrt. Wohl bin ich dem Glck nachgejagt, auch jetzt noch,
-aber das Glck hat mich gefoppt auf allen Wegen ...</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Euer Plan ist verloren, ihr ewigen Gtter,<br /></span>
-<span class="i0">Wenn ihr whntet, ich wrde als Heil'ger wandlen,<br /></span>
-<span class="i0">Den harten Blick empor auf das Ewige richtend,<br /></span>
-<span class="i0">Bupredigend wandlen durchs reinere Deutschland!<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Nein! Mich berwltigt der Drang nach Liebe!<br /></span>
-<span class="i0">Jene, die mich in fernen Kindertagen<br /></span>
-<span class="i0">Aufgeweckt und mein Blut zum Singen brachte &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Wieder such' ich sie hei und suche Liebe!<br /></span>
-</div></div>
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p>
-<div class="poem"><div class="stanza">
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wieder mu ich hinab, hinab zu Menschen!<br /></span>
-<span class="i0">Noch nicht bin ich zum Aufstieg auf den Gralsberg<br /></span>
-<span class="i0">Reif genug &mdash; und werd' es im nchsten Dasein<br /></span>
-<span class="i0">Redlich ben &mdash; doch heute &mdash; &mdash; Liebe! Liebe! ...<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Die flchtige Auskunft eines Kellners, ein Blick auf einen Kahn,
-eine dumpfe Angst und Ahnung &mdash; es gengt, mir eine Fiebernacht
-zu schaffen! Ich glaubte mich im bequemen Besitz, ich ward
-herausgeschreckt. Nun kannst du spren, mein Herz, wie zh und
-fest meine Jugendfreundin mit mir verwachsen ist! Nun, da du
-verlierst, nun weit du, was du besessen! ...</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">Bin gealtert, leidgeschttelt<br /></span>
-<span class="i0">Und ergraut an beiden Schlfen &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Liebste, doch noch einmal mcht' ich<br /></span>
-<span class="i0">Da wir uns im Walde trfen.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">All die sen Liebesworte,<br /></span>
-<span class="i0">Die ich dir vor sieben Jahren<br /></span>
-<span class="i0">In dein schweres Haar geflstert,<br /></span>
-<span class="i0">Solltest du aufs neu' erfahren.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Wenn der Knabe kt, so ist es<br /></span>
-<span class="i0">Wie das Schilf im weichen Winde &mdash;<br /></span>
-<span class="i0">Doch des Mannes Ku vergleich' ich<br /></span>
-<span class="i0">Starkem Sturmgebraus der Linde.<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">Warst du dort die Honigblte,<br /></span>
-<span class="i0">Dran ich wie ein Falter naschte,<br /></span>
-<span class="i0">Oder warst du mir die Waldfee,<br /></span>
-<span class="i0">Die ich leichten Sprungs erhaschte &mdash;<br /></span>
-</div><div class="stanza">
-<span class="i0">So ersehnt jetzt Mannesvollkraft<br /></span>
-<span class="i0">Eines starken Weibes Flle,<br /></span>
-<span class="i0">Und es trennt die reifen Gatten<br /></span>
-<span class="i0">Weder Bnglichkeit noch Hlle ....<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span>
-
-Wunderlich wechselnd ist eines phantasiereichen Menschen
-Empfindungsleben.</p>
-
-<p>Als Ingo von Stein nach geringem Schlafe am andren Morgen
-auf roten Teppichen die Hoteltreppe hinunterstieg, war er ber
-sich selber erstaunt, wie spannkrftig er dennoch dem neuen Tag
-entgegenschritt, als wre der Gedankenspuk dieser eiferschtigen
-Nacht gar nicht gewesen.</p>
-
-<p>Es war zwischen sieben und acht Uhr, als er ins Frhstckszimmer
-trat.</p>
-
-<p>&#8222;Noch niemand unten?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O nein! Erst gegen neun Uhr pflegen die Herren zu erscheinen;
-und die Damen nehmen das Frhstck auf ihrem Zimmer.&#8221;</p>
-
-<p>Er trank seinen Kaffee und trat hinaus in den kstlichen Duft
-eines wolkenlosen Morgens. Nach rechts, ber die Brcke, in den
-englischen Garten. Auch dort irgendwo waren Boote zu vermieten;
-er nahm sich einen schlanken Nachen und ruderte aus dem
-Hafen hinaus in den glatten See, der flimmerte von Morgenduft
-und Morgenlicht.</p>
-
-<p>Hatte des Nachts eine mittelalterliche Stimmung von Hexen
-und Dmonen spukhaft ber ihn Macht gehabt, so ward er jetzt
-umflutet vom taghellen Schnheitsrausch des alten Hellas. Wie
-kraftvoll schn die Welt! Wie anstrahlend Luft und See! Ein
-starkes Naturschauspiel entfaltete sich unmittelbar vor seinem
-Nachen: ein groer Schwan, von Maienbrunst getrieben, verfolgte
-strmisch ein Weibchen; mit den Flgeln klatschend, rauschend,
-flog er dahin, fiel auf offenem See ber das flchtende
-Weibchen her, schlug den Schnabel in Hals und Rcken des unter
-ihm schwimmenden Vogels &mdash; und unter starkem Schreien kmpften
-sie schwimmend den uralten Kampf der Geschlechter, so da
-Federn flogen und der See aufrauschte. Mehrere andre Schwne
-umkreisten mit erregt gestrubten Flgeln den immer wieder unterbrochenen
-und immer wieder aufgenommenen Kampf. Leda und
-der Schwan! Das sinnlos berauschte Mnnchen verfolgte das
-weibliche Tier ber den halben See hinber; leicht schwimmende<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span>
-Federn bezeichneten die Fluchtlinie. Das Bild pate in die Kraft,
-den Farbenglanz und die Gre der Landschaft. Der See schimmerte
-grn-blulich, fast violett; die Huserreihe von Genf warf
-das Morgenlicht zurck; und dahinter erhob sich die ernste Schneelandschaft
-der Juragipfel.</p>
-
-<p>Dem Troubadour verdichtete sich der wildschne Kampf des
-Schwanes um sein Weib zum Sinnbild fr ihn selber. So gedachte
-auch er um sein Ideal zu kmpfen &mdash; aus allen Irrfahrten heraus
-um das ganz bestimmte einzige Weib, das ihn von Kind an geliebt
-hatte.</p>
-
-<p>Er zog die Ruder ein, lie sich treiben und redete mit den
-Nixen des Genfer Sees.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Nixen der Flut und der Forste, ich bitte, bleibt mir auch ferner<br /></span>
-<span class="i0">Freundlich gesinnt, wie so oft in der Heimat, im Thringer Walde!<br /></span>
-<span class="i0">Ja, verdoppelt die Gabe! Denn zwiefach will ich nun werden,<br /></span>
-<span class="i0">Und es frchtet mein Weib ein wenig die Rache der Nixen,<br /></span>
-<span class="i0">Die ich immer so herzlich geliebt wie die Wunder des Waldes.<br /></span>
-<span class="i0">Doch ich erzhle der Bangen, wie gut ihr seid und wie hilfreich,<br /></span>
-<span class="i0">Und bald wird sie euch lieben und wird sich freuen, zu schauen<br /></span>
-<span class="i0">So viel schne Gesichtchen, so schne Gewnder und so viel<br /></span>
-<span class="i0">Kstlich melodischen Lebensgesang, der nachts um das Haus weht<br /></span>
-<span class="i0">Und des Schlfers Gedanken und Sorgen verwandelt in Wohllaut.<br /></span>
-<span class="i0">Singt auch der Meinen! Singt meiner Gattin! Und was sie an Kummer<br /></span>
-<span class="i0">Oder an Krankheit geschaut und gepflegt &mdash; verwandelt es, Geister,<br /></span>
-<span class="i0">Singend in Tne der Freude! Und habt sie lieb, wie ihr mich liebt!&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Dann ruderte er hafenwrts, erstand die schnsten Blumen
-und schritt in das Hotel zurck.</p>
-
-<p>Oben warf er sich in seinen dunkelgrauen Gehrock und schrieb
-auf seine Visitenkarte, die er mit den Blumen hinberschickte, er
-bitte um die Ehre, den Damen von Stein seine Aufwartung zu
-machen. Nach Leroux und Wallace hatte er sich vorerst gar nicht
-erkundigt.</p>
-
-<p>Vor den Zimmern der Damen im Korridor auf und ab gehend,
-wartete er pochenden Herzens auf Antwort. Es war ihm vllig<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span>
-ungewi, wie man ihn aufnehmen, ja ob man ihn berhaupt empfangen
-wrde. Als er noch wartend stand und sich bereits mit der
-Einbildung abzufinden suchte, da man seinen Besuch berhaupt
-nicht annehmen wrde, kam von unten ein Kellner und brachte
-ihm einen eben angekommenen Brief. Er erkannte Trotzendorffs
-feste Handschrift. Doch hatte er eben nur Zeit, den Brief einzustecken.
-Denn die Tr tat sich auf &mdash; und raschen Schrittes trat
-Elisabeth heraus.</p>
-
-<p>&#8222;Ingo!&#8221;</p>
-
-<p>Sie lie die Visitenkarte fallen und strzte mit ausgestreckten
-Hnden auf ihn zu, ber und ber erglhend und in diesem Augenblick
-wahrhaft schn. Er ergriff ihre beiden Hnde mit den seinen,
-und so standen sie sich einen Augenblick gegenber und schauten
-sich mit bebenden Herzen an. Es war einer der schnsten Augenblicke
-seines ganzen Lebens. Alles, was ihn geqult hatte, fiel von
-ihm ab, als sie sich hier Auge in Auge gegenberstanden. Der
-Gralsucher hatte die berwltigend beseligende Empfindung: Ich
-bin am Ziel!</p>
-
-<p>Aber sie befanden sich auf offenem Korridor, fremden Blicken
-ausgesetzt, und so beherrschten sie sich rasch.</p>
-
-<p>&#8222;Aber wie kommst du denn hierher?&#8221; rief Elisabeth.</p>
-
-<p>&#8222;Dich und deine Mutter zu begren; das ist doch ganz einfach!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mama ist sprachlos vor Staunen, sie macht sich eben im
-Schlafzimmer fertig. Komm nur herein in unsren Salon!&#8221;</p>
-
-<p>Und sie traten ein.</p>
-
-<p>Das Stubenmdchen, ein niedlicher Racker, der den Vorgang
-neugierig beobachtet hatte, hob Steins zu Boden gefallene Visitenkarte
-auf und ging damit trllernd und schnalzend an das andre
-Ende des Stockwerks. Dort lag Leroux noch immer in den Federn,
-obwohl es ber zehn Uhr war; seine Schuhe standen vor der Tre.
-Der Pariser pflegte das Mdchen gern zu necken, sie gab ihm die
-Neckerei zurck: sie legte die Visitenkarte quer ber seine Schuhe
-und erzhlte dann kichernd den Kolleginnen, wie zrtlich der neue<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span>
-Herr von den Damen auf Nr. 10 empfangen worden sei. &#8222;Der
-sticht den Pariser aus &mdash; wetten wir?&#8221;</p>
-
-<p>Frau Baronin Mathilde von Stein-Birkheim war mit der
-ganzen Vornehmheit ihres Wesens, das Spitzentuch ber Kopf
-und Schultern, die groe Brosche mit dem Bild der Groherzogin
-am Halse, in den Salon getreten und hatte, auf ihren Krckstock
-gesttzt, stehend den offiziellen Besuch ihres beraus hflichen
-Neffen entgegengenommen. Dann nahm sie Platz und lud zum
-Sitzen ein. Sie war sonst wenig entzckt von Ingo; es war fr
-sie schwer, zu dem unberechenbaren Menschen ein Verhltnis zu
-finden. Noch im Herausgehen wute sie nicht recht, ob sie den vermutlich
-ganz verwilderten Troubadour nicht gleich wieder khl
-entlassen solle. Jedoch die bejahrte Dame hatte eine Eigenschaft,
-die in diesem Falle berwog: sie war ein wenig neugierig. Und
-da Ingo mit wahrhaft ehrfurchtsvoller Hflichkeit ihre Hand kte
-und in unverwilderten Formen eine ritterliche Begrungsrede
-hielt, war sie zunchst beruhigt und begann ihm umstndlich ihre
-Krankheit zu erzhlen. Dann sprach man vom Leidenslager seines
-Bruders. Und dann geriet das Gesprch ins Stocken; denn
-alle drei dachten an eine dritte Kranke, deren Namen aber niemand
-nennen mochte.</p>
-
-<p>Whrend bei dieser gemessenen Unterredung Baronin und
-Ingo einander gegenber saen, stand Elisabeths hohe Palmengestalt
-am Lehnstuhl ihrer Mutter. Sie hatte den Arm um die Lehne
-gelegt, leicht geneigt, und schaute, sofern sie sich nicht zur Mutter
-herabbeugte, um eine Angabe zu besttigen, fast unverwandt den
-Geliebten an, so strahlend von einem stummen Glck, da dem
-Wandrer einmal ber das andre ein warmer Schauer ber das
-Herz rann. Himmel, wie edel und reif dieses Gesicht, wie ebenmig
-diese Gestalt! Wie gtig, warm und wonnig diese Augen!
-Und wie hilflos-kindlich dieses Lcheln des Glckes, das sie offenbar
-gar nicht zurckdrngen konnte! Nicht mit einem Wort beteiligte
-sie sich unmittelbar an der Unterhaltung; darin war sie
-sich treu geblieben. Und als sich Ingo erhob, um sich nach diesem<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span>
-ersten Besuch wieder zu verabschieden, hatte sie buchstblich auer
-den jubelnden Eingangsworten keinen einzigen Satz an ihn gerichtet.</p>
-
-<p>Ingo zog sich zurck und lief ein wenig durch die Stadt, nach
-der Rousseau-Insel und hinauf nach dem inneren Genf. Und es
-mu gesagt werden, da er vor jedem Schmuckladen stehen blieb
-und die aufgereihten Trauringe liebugelnd betrachtete. Es gibt
-in Genf viele Schmucklden. Er whlte lang, trat endlich ein und
-erstand sich zwei Ringe. Er kannte den Umfang ihres Ringfingers:
-er entsprach genau seinem eigenen kleinen Finger. Mit den gediegenen
-Goldreifen in der Tasche setzte er beflgelt und entschieden
-seine Wanderung fort, kreuz und quer durch die ehrwrdige
-Stadt, doch blind fr die Auenwelt.</p>
-
-<p>Die Damen pflegten, wenn die Baronin sich besonders wohl
-fhlte, unten zu essen, und zwar zusammen mit Ingos Freunden
-Wallace und Leroux. Ersterer war wieder abwesend; Leroux begrte
-den Baron mit auserlesenen Liebenswrdigkeiten; alle vier
-setzten sich an einen besondren, blumengeschmckten Tisch. Elisabeth
-war in weiem Kleide, trug am Grtel einige von Ingos
-Maiglckchen und war in ihrer sen Verzauberung einer Braut
-nicht unhnlich. Am Halse des, wie immer, hochgeschlossenen
-Kleides hing ein Goldkreuz mit rubinrotem Herzen: ein Schmuck,
-den Ingo immer geliebt hatte.</p>
-
-<p>Ren Leroux war aufgeregt; Ingo mit seinen gesunden Nerven
-benahm sich gefllig, heiter und glcklich. Doch allmhlich fielen
-ihm, whrend er von seinen Reisen erzhlte, die Blicke auf, womit
-der Franzose, sobald er sich unbemerkt glaubte, beinahe bang und
-flehend Elisabeths Augen suchte. Es lag etwas wie ein Werben,
-ja wie eine geheime Verstndigung in diesem Augenspiel. Elisabeth
-freilich, zchtig und brutlich und mit leuchtenden Glcksfarben
-vor ihrem Teller sitzend oder am Weine nippend, schien
-gar kein Auge fr ihn zu haben. Immerhin bemerkte Ingo, wie
-sie einmal, Lerouxs zudringlichem Blick begegnend, unwillkrlich
-errtete. Auch suchte der Pariser mehrmals eine gedmpfte Privat<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span>unterhaltung
-mit Elisabeth anzuknpfen. Die alte Dame in ihrer
-freundlichen und etwas steifen Wrde sprte nicht, was fr Fden
-zwischen den drei brigen Tischgenossen hin und her spielten.</p>
-
-<p>&#8222;Ingo hat nach meinem Dafrhalten recht sehr gewonnen&#8221;,
-bemerkte sie oben leutselig. &#8222;Er scheint mir rcksichtsvoller zu sein
-als frher, wo er manchmal doch recht vorschnell war im Aburteilen.
-Und klug! Ich mu schon sagen: wirklich klug! Aber der
-andre, der unruhige junge Mann aus Frankreich, fngt an, mir
-nachgerade auf die Nerven zu fallen. Es ist zwar ein wohlerzogener
-Mensch von guter Kinderstube, aber es wre passender gewesen,
-da er mir oder dem Baron zugehrt htte, statt immer dich in
-eine Unterhaltung verflechten zu wollen. Es war korrekt, da du
-ihm abgewinkt hast. Eine so zersplitterte Tischunterhaltung macht
-mich nervs ... Wir werden um vier Uhr auf unsrem Balkon
-Kaffee trinken, nicht wahr, Kind? Wenn ich noch schlafen sollte,
-kannst du ja den Baron empfangen und so lange unterhalten.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo hatte mit Leroux noch einige Zigaretten geraucht und
-sich dann auf sein Zimmer zurckgezogen. Hier durchdachte er,
-ziemlich gedmpft nach dem Freudenausbruch des Vormittags,
-seine unangenehmen Beobachtungen.</p>
-
-<p>Dann las er Trotzendorffs mnnlichen Brief.</p>
-
-<p class="center">
-&#8222;Mein alter Ingo!<br />
-</p>
-
-<p>Nach einem langen ersten Empfang (Audienz) bei unsrer
-Hoheit bin ich soeben nach Mnchen zurckgekommen, wo es meiner
-lieben Frau nach schmerzlichen Tagen zum Glck besser geht,
-und setze mich sofort hin, um dir zu schreiben. Deine hufigen
-treuen Kartengre sind eingetroffen, ebenso zu unsrem Erstaunen
-Deine Draht-Nachricht von Deiner Reise nach Genf. Du bist
-doch immer der alte Sausewind, liebster Junge! Was Teufels
-treibst Du denn nun pltzlich in Genf? Was berhaupt so lange
-in romanischen Lndern? Mir ist das Herz wieder aufgegangen,
-als ich deutsche Sprache um mich her vernahm. Na also, nun zur
-Sache! Wir haben in jener frstlichen Unterredung auch ber Dich
-gesprochen, Alter. Ich bin ins Zeug gegangen, da die Schwarten<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span>
-krachten. Dein Buch Heroismus (Du httest es schlicht und deutsch
-Heldentum nennen sollen) ist unter hoher Befrwortung (Protektion)
-nach Berlin gegangen und soll an hchster Stelle gewrdigt
-werden, besonders der Abschnitt ber Friedrich den Groen.
-Und dann: in den nchsten Monaten kommt Seine Majestt nach
-der Wartburg. Dort, an geschichtlich bedeutsamer Sttte, wirst
-Du dem hohen Herrn vorgestellt. Ein Mann wie Du darf nicht
-ziellos in der Welt herumlaufen, Du hast vaterlndische Pflichten,
-Freiherr von Stein! Verstanden? Wir werden bis dahin berlegen,
-wo wir Dich an den rechten Platz stellen: Kunstakademie,
-Hoftheater, Staatsdienst, Gesandtschaftsposten &mdash; irgendwo mssen
-wir Deine geistige Kraft verwerten. Du hast mich zwar oft gehnselt
-wegen meiner angeblichen Vereinsmeierei: Sprachverein,
-Flottenverein, Pfadfinder, Jugendwehr und so weiter &mdash; la gut
-sein, Junge! Das sind rstige Dinge und eines rechten Mannes
-wrdig. Und ich fhle mich nun einmal bis ins Mark als Mitglied
-der vaterlndischen Gemeinschaft und unsres deutsch-vlkischen
-Arbeitsgebietes. Also, lieber Freund, kurz und gut: im Herzen
-Deutschlands ist Dein Platz! Und drum verdirb mir meine Bemhungen
-nicht und stell' Dich zur Verfgung, wenn von hchster
-Stelle ein Ruf an Dich ergeht. Deutschlands Weltlage im Herzen
-Europas ist ernst. Wer wei, wie bald Angelsachsentum, Slawentum
-und Romanentum sich ber uns herstrzen werden! Oder
-wer wei, was von innen her gebraut wird! Da wird dann auch
-viel Faules hinweggefegt werden, was dem Ernst und der Gre
-der Zeit nicht mehr gewachsen sein kann. Du hast, wie der alte
-Joseph in gypten, in aller Stille Vorratshuser gebaut; dann,
-wenn die Nte kommen, sollst Du Deine Kornkammern auftun.
-Drum halte Dich bereit!</p>
-
-<p>Deutschen Gru, lieber Freund!</p>
-
-<p class="right">
-Dein Richard.&#8221;<br />
-</p>
-
-<p>Ingo gedachte dieses treuen und tapferen Mannes mit warmer
-Herzensbewegung. Er sah im Geist den breitschultrigen Verfasser
-dieses Briefes am Schreibtisch sitzen, den angegrauten Schnurr<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>bart
-und das militrisch kurze Haupthaar ber das Papier gebeugt;
-er sah ihn, wie er dann zufrieden ans Bett seiner Gattin trat und
-mit markiger Stimme den Brief vorlas, denn zu all solchen Erzeugnissen
-holte er ihren Segen ein; und er sah, wie sie lchelnd
-und lobend beistimmte.</p>
-
-<p>&#8222;Er ist ein prchtiger Vertreter eines tatkrftigen Bismarckschen
-Deutschtums&#8221;, dachte Ingo. &#8222;Aber ohne Romantik. Eine
-Gralsburg zu bauen ohne Hilfe eines Vereins, wre fr Trotzendorff
-ein Wahn (in Klammern: Chimre) oder eine Einbildung (in
-Klammern: Ideologie oder Illusion). Und ein Mann von geistiger
-Bedeutung hat nach Richards staatstreuem Empfinden das Hchste
-erreicht, sobald er in amtlicher Stellung steht mit Titel und Orden.
-Ihm ist der rmische Staatsbegriff in Fleisch und Blut bergegangen;
-aber die freie Genialitt der Griechen, der Sinn fr
-Schnheit, Anmut, Geschmack? Mystik ist ihm ebenfalls verdchtig,
-Musik ein allerdings sehr angenehmes Gerusch, ohne da er
-in ihre seelische Tiefe dringt. Kurz, Trotzendorff hat Stiefel, aber
-keine Flgel.&#8221;</p>
-
-<p>Das ungefhr waren Ingos Gedanken ber diesen in seiner
-Einseitigkeit tapfren und treuen Charakter, der aus altpreuischer
-Zucht hervorgegangen war.</p>
-
-<p>Und doch mute er sich sagen, da dieser Soldat eine richtige
-Empfindung gegenber Ingos Schwrmerei ehrlich aussprach.</p>
-
-<p>&#8222;Ich drohe mich in der Tat zu verflchtigen, ich gehre nach
-Deutschland, in festes Wirken, wenn auch nicht in staatlich abgestempelten
-Formen. Da hat er recht. Doch ob der realistische
-Deutsche dem Idealisten Fhrer sein kann? Schwerlich! So
-wenig wie der Krper dem Geist. Nur ein Mahner. Kein Kaiser
-darf Dichter kommandieren. Sie sind beide gleichwertige Frsten.
-Ich achte den Reichskrper: aber mein Gebiet ist die Reichsseele.&#8221;</p>
-
-<p>So wappnete sich hier, in aller Freundschaft, ein Deutscher
-gegen den andren &mdash; echt und selbstndig beide, und doch erst in
-Gemeinschaft und Ergnzung ein harmonisches Ganzes.</p>
-
-<p>Dann ging er hinauf zu den Damen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span>
-
-Er traf Elisabeth allein. Sie strahlte von innen einen eigenartigen
-Zauber aus, sie war liebreizend und glckselig. Als er eintrat,
-legte sie den Finger auf den Mund und deutete nach der
-Nebentre.</p>
-
-<p>&#8222;Mutter schlft noch&#8221;, sagte sie leise.</p>
-
-<p>Er war beglckt, sie allein zu sprechen, behielt ihre Hand in
-der seinen und setzte das Gesprch mit gedmpfter Stimme fort:</p>
-
-<p>&#8222;Sind wir wirklich wieder einmal allein nach so langen Jahren?
-Es kommt mir noch immer wie ein Traum vor, da wir uns
-gegenberstehen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mir auch, Ingo.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und sag' mir, Elisabeth, denkst du noch genau so wie in der
-Kindheit?&#8221;</p>
-
-<p>Sie wandte den Kopf, schaute befangen nach der Nebentre
-und sah dann wieder ihn an, innig und seelenvoll, aber stumm,
-als wollte sie sagen: Sprich hier nicht darber, aber lies in meinen
-Augen, du lieber Mann!</p>
-
-<p>Sie setzten sich in die offene Balkontre und unterhielten sich
-mit gedmpfter Stimme. Ingo erzhlte vom Montserrat und
-konnte sich nicht enthalten, auch des Konsuls zu gedenken und von
-des ungewhnlichen Mannes wunderbaren Enthllungen Andeutungen
-zu geben.</p>
-
-<p>Doch hier sprte er bald ein feines Widerstreben.</p>
-
-<p>&#8222;Man hrt jetzt viel von solchen Ideen&#8221;, sagte sie. &#8222;Kommt
-diese Bewegung nicht aus Amerika und England oder gar aus
-Indien?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Gewi, ja, aber Bruck ist ein unabhngiger Mann.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Oh, es ist gewi sehr interessant. Aber gengt schlielich
-nicht das Bibelwort: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehrt,
-das hat der Herr bereitet denen, die ihn lieben?&#8221;</p>
-
-<p>Ingo mute unwillkrlich lcheln. Das war sie noch immer,
-seine gute Elisabeth!</p>
-
-<p>&#8222;Gewi gengt es! Es gengt ja auch, in Deutschland den
-Acker zu bauen&#8221;, sprach er. &#8222;Wozu also Amerika entdecken? Wozu<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span>
-den Nordpol suchen? Wozu gar mit Luftschiffen das hchst unsichere
-Element der Luft befahren wollen? Man knnte ja am
-Ende einmal herabfallen! Nicht wahr, Spiebrgerchen?&#8221;</p>
-
-<p>Sie lachten beide.</p>
-
-<p>&#8222;Da hast du recht, Ingo! Baue du nur Luftschiffe, aber flieg
-uns nicht wieder fort! brigens auch ich interessiere mich lebhaft
-fr Geister,&#8221; fgte sie schalkhaft hinzu, &#8222;aber fr verkrperte!&#8221;</p>
-
-<p>Hier wurde angeklopft, und das niedliche Stubenmdchen
-brachte einen Blumenstrau mit einem Briefchen in geschlossenem
-Kuvert, gab die Sachen an Frulein von Stein und verschwand.</p>
-
-<p>&#8222;Bei euch ist ja die reine Blumen-Ausstellung!&#8221; scherzte Ingo.
-&#8222;Was hast du denn da fr einen Verehrer?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Harmlos! Sieh selber nach!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Darf ich wirklich? Kein Geheimnis?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Vor dir hab' ich kein Geheimnis.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wirklich nicht, Elisabeth?&#8221;</p>
-
-<p>Er hatte das Briefchen in der Hand, das sie ihm ungeffnet
-gereicht hatte; und als sie so, den Blumenstrau aus dem Papier
-wickelnd, vor ihm stand und ihn mit ganzer Treue und Klarheit ansah,
-konnte er nicht anders: er legte den Arm um ihre Schulter,
-und sie sahen sich ganz nahe einige Sekunden innig in die Augen.
-Ein Glcksstrom berrieselte ihn abermals: ich bin am Ziel!</p>
-
-<p>Dann tat sie die Blumen ins Wasser und trug die Vase auf
-die Brstung des Balkons, wo bereits der Kaffeetisch wartete.
-Er aber ffnete das Kuvert, das Lerouxs Visitenkarte enthielt &mdash;
-und las folgendes:</p>
-
-<p>&#8222;Ich bin rasend vor Eifersucht. Gestern im Nachen war ich
-zwar toll vor Liebe, doch auch Sie waren nicht gleichgltig. Auch
-Sie lieben mich, sagen Sie mir deutlich, da Sie mich lieben!
-Tragen Sie eine meiner Rosen als Antwort! Ich bete Sie an.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo stand und starrte diese leidenschaftlichen Worte an. Dann
-fluteten und brausten pltzlich wieder die Angstzustnde der Nacht
-ber ihn herein. Also doch! Seine Elisabeth &mdash; dort im Kahn &mdash;
-also doch!</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span>
-
-Auch Leroux whnte sich offenbar &#8222;am Ziel&#8221;! Denn sonst
-htte er diese Sprache nicht gewagt!</p>
-
-<p>Er sagte keine Silbe.</p>
-
-<p>Mit unnatrlicher Ruhe steckte er die Karte in das Kuvert und
-legte das Briefchen auf Elisabeths Schreibmappe.</p>
-
-<p>Die Mutter trat jetzt ein. Er bot ihr den Arm und fhrte sie
-an den Kaffeetisch. Und es wurde eine unsglich einsilbige und unsglich
-steife Kaffeestunde.</p>
-
-<p>Elisabeth, in ihrem stillen, groen Glck, merkte anfangs gar
-nichts von des Freundes Verstimmung; sie schob seine Schweigsamkeit
-denselben Gefhlen zu, von denen sie selber durchdrungen
-war. Sie sprach heute reichlicher; sie zitierte Stellen aus seinen
-Werken; und ihre Mutter machte lchelnd die Bemerkung:</p>
-
-<p>&#8222;Oh die, die kann deine Bcher auswendig, Ingo!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wirklich, liebe Tante? Was Sie sagen!&#8221;</p>
-
-<p>Er schaute in das strahlende, offene, durch kein Wlkchen getrbte
-Gesicht seiner glcklichen Geliebten; und tiefes Weh wallte
-in ihm empor. Der beklemmende Schmerz machte ihm fast jede
-Unterhaltung unmglich. Auch sie nicht treu! In einem Winkel
-ihres Wesens auch sie kokett! Trgt jenen artigen Burschen im
-Herzen &mdash; und verbindet damit die wieder erwachten Jugendgefhle!
-O Weib, Weib!</p>
-
-<p>Und er raffte sich auf und sprach von Trotzendorffs Brief und
-da er wahrscheinlich recht bald nach Mnchen msse. Man hatte
-den Namen Trotzendorff bisher vermieden; jetzt teilte er geflissentlich
-mit, da die kranke Frau von Trotzendorff in einem Mnchener
-Sanatorium liege.</p>
-
-<p>Elisabeth wurde schweigsam.</p>
-
-<p>&#8222;Ich hatte nur das Bedrfnis,&#8221; schlo er hflich und khl,
-&#8222;Ihnen, liebe Tante, meine Aufwartung zu machen und mich nach
-Ihrem Befinden zu erkundigen. Es war mir uerst angenehm,
-da ich Sie beide getroffen habe. Weiter fesselt mich nichts mehr
-hier in Genf; ich kenne den See schon; und Sie gehen ja wohl
-auch bald nach Montreux. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span>
-pltzlich nach Mnchen und dann nach Thringen zu meinem
-Bruder verschwunden bin.&#8221;</p>
-
-<p>Elisabeth blickte stumm in ihre Tasse. Ihr Herz krampfte sich
-zusammen. Nach Mnchen! Also doch wieder zu jener Frau!</p>
-
-<p>&#8222;Du bist und bleibst ein rechter Zugvogel, lieber Ingo&#8221;, sagte
-die Tante und war offenbar nicht wenig verlegen, wie sie das Gesprch
-fortfhren sollte. Denn die beiden schweigsamen Menschen
-untersttzten sie darin ganz und gar nicht.</p>
-
-<p>So hob sie denn dieses trbselige Kaffeestndchen auf, und
-Ingo verabschiedete sich. Elisabeth suchte ratlos, ngstlich, bittend
-seine Augen; sie suchte ihn mit der ganzen Innigkeit ihrer Blicke
-noch einmal festzuhalten; er sprte, wie ihre Hand zitterte, als sie
-die seine krampfhaft festhielt &mdash; aber er wich ihren Blicken aus.
-Es war in ihm eine tiefe Trauer und ein schmerzlicher, fast bissiger
-Entschlu. In der Form der grten Hflichkeit nahm er Abschied;
-und die groe, weie, goldverzierte Salontre fiel hinter ihm zu.</p>
-
-<p>&#8222;Diese Waldecksche Linie der Familie Stein hat entschieden
-einen Stich ins Verrckte&#8221;, grollte die sonst so gehaltene Edelfrau,
-als sie mit ihrer todbleichen Tochter wieder allein war. &#8222;Wirst
-du nun aus diesem Menschen klug? Da berfllt er uns, scheint
-die alten Beziehungen wieder anknpfen zu wollen &mdash; und luft
-sofort wieder davon! Ich mu doch einmal gleich an Tante Adelheid
-nach Weimar schreiben, da sie ihm den Kopf waschen soll!
-Auf sie gibt er wenigstens noch etwas, auf uns gar nichts. Auch
-der franzsische Herr wird mir unangenehm; und der Englnder
-nimmt berhaupt keine Rcksicht. Ich will dir etwas sagen, mein
-liebes Kind: wir zwei bleiben wieder allein! Hrst du, Elisabeth?
-Das alles regt mich auf.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, Mutter, wir zwei bleiben wieder allein ...&#8221;</p>
-
-<p>Der Duft und Dunst, am Morgen noch von der Sonne durchglht,
-hatte sich jetzt immer mehr zu Gewitterwolken verdichtet.
-Die Sonne war verschleiert. Es war eine fahle, schwle Stille. In
-der Ferne, nach Lausanne zu, bildete sich ein schwarzes Gewitter
-und schttete am Abend Regenmassen ber Berge, See und Stadt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span>
-
-Ingo, rasch und lebhaft in seinen Entschlssen, packte augenblicklich
-seine Sachen. Whrend dieser Arbeit beruhigte er seine
-leicht erregbare Phantasie. Und seine natrliche Herzenswrme
-trat wieder hervor.</p>
-
-<p>Er setzte sich hin und schrieb der Geliebten einen kurzen Abschiedsbrief:</p>
-
-<p>&#8222;Meine gute, liebe Elisabeth! Wenn auch unser Bund zerbrochen
-ist, so wollen wir doch versuchen, als Kameraden dankbar
-aneinander zu denken. Ich will Dir also sagen, da ich Dir nicht
-grolle. Denke auch Du gut von mir! Offen will ich Dir mitteilen,
-da ich euch zufllig im Kahn beobachtet habe und auch whrend
-des Mittagessens nicht blind war; das Briefchen gab dann den
-Ausschlag. Elisabeth, werde glcklich! Doch bleibe unsre vornehme,
-gtige, edle Elisabeth, die wir um dieser Eigenschaften
-willen alle so sehr achten und lieben &mdash; und die ich, das darf ich
-wohl sagen, auch in allem Wechsel immer geliebt habe. Leb' wohl,
-liebes Mdchen! Ingo.&#8221;</p>
-
-<p>In der Nacht, whrend Elisabeth in ihre Kissen weinte und
-vergeblich das Taschentuch zerbi, um ihre nahe schlafende Mutter
-das Schluchzen nicht merken zu lassen, sa der ruhelose Ingo im
-Schnellzug, um ber Zrich nach Mnchen zu fahren.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Am andren Morgen troff ein mchtiger Maienregen ber das
-Genfer Gebiet.</p>
-
-<p>Elisabeth schritt im Regenmantel unter dem Schirm durch die
-Stadt, um einige Besorgungen zu machen.</p>
-
-<p>Die Gewitternacht hatte in ihr einen Plan gereift. Nachdem
-sie ihrer Mutter verhrmtes Gesicht gesehen, die ihres Kindes
-Weinen recht wohl gehrt hatte; nachdem sie noch gestern Lerouxs
-unseliges Briefchen gelesen und Ingos traurig-lieben Abschiedsgru
-empfangen hatte; nachdem sie in der Nacht noch einmal alles
-durchgelitten, was in ihren langen Herzensbund mit Ingo immer
-wieder strend eingegriffen hatte: gab es fr ihre sonst so sprde<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span>
-Natur kein Wanken mehr. Sie beschlo, um den Geliebten zu
-kmpfen.</p>
-
-<p>Sie lie unter diesem trostlosen Regen, der auf ihren Schirm
-klopfte, durch nasse, de Straen wandernd, im Geiste vorbeiziehen,
-was ihren Bund mit Ingo hemmen knnte. Ihre eigene
-passive Natur? Die war doch wohl ein wenig besser geworden.
-Leroux? Ach, den hatte sie heute morgen kurz und khl abgewiesen.
-Jene ferne Frau? Ja, da war es! Immer wieder jene Frau, die
-ihr so berlegen war, so schn, so geistvoll, so musikalisch &mdash; &mdash; &mdash;
-jene Frau Friederike &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p>&#8222;Wenn sie ein Herz hat,&#8221; sagte sich Elisabeth und gab sich alle
-Mhe, die Trnen zurckzupressen, &#8222;darf sie sich nicht mehr zwischen
-uns beide stellen. Ich will zu ihr fahren und ihr alles sagen.&#8221;</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 100px;">
-<img src="images/p160_deco.png" width="100" height="67" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p161_deco.png" width="600" height="48" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Neuntes Kapitel</small><br />
-
-<big>Weimar</big></h3>
-
-<div class="cite">
-<p class="noindent">
-Wer etwas Treffliches leisten will,<br />
-Htt' gern was Groes geboren,<br />
-Der sammle still und unerschlafft<br />
-Im kleinsten Punkte die hchste Kraft.</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Schiller</span>
-</p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p161_cap.png" alt="F" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">F</span>
-rulein Adelheid von Stein-Birkheim stand mitten in
-ihrer huslichen Welt voll knstlerischer Schnheit, die
-sie sich in ihren siebzig Lebensjahren aufzubauen verstanden
-hatte. Sie stellte eben das grne Knnchen beiseite, aus
-dem sie ihre vielen Blumen zu begieen pflegte. Die Wnde
-ihrer Wohnung waren bis oben hin mit schnen Gemlden,
-Familienportrts und Bildnissen befreundeter und wertvoller
-Menschen, deren Dasein sich irgendwie mit dem ihrigen versponnen
-hatte, ausgeziert. Und selbst auf den kleinen Tischen standen
-Photographien zwischen den auserwhlten Bchern, die sie immer
-im Handbereich hielt.</p>
-
-<p>Drauen leuchtete der jungkrftige Sommer bis in alle Winkel
-und Hfe des geweihten Stdtchens. Rings um Weimar flossen
-sanfte Hhen und mildes Himmelsblau reizvoll ineinander; es
-war ein duftiger, die Konturen verwischender, traumhafter Tag.
-Hinter Belvedere blhte der wilde Rosenstrauch, an dem einmal,
-abseits von einer steifen Gesellschaft, Ingo seine geliebte
-Elisabeth berstrmend gekt hatte. Und im Park von Tiefurt
-stand noch immer auf einem weien Sockel das neckische Wort:
-&#8222;Mozart und den Musen.&#8221;</p>
-
-<p>Die greise Dame pflegte auf ihrem Balkon Meisen, Finken
-und andere Singvgel zu fttern. Sie schaute hinaus und dachte
-lchelnd: &#8222;Ich bin auf den Singvogel neugierig, der mich heute
-besuchen wird.&#8221; Dann ging sie ihren Hantierungen nach, in ge<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span>wohnter
-klassischer Ruhe, nichts berhastend und doch frei von
-Kleinlichkeit.</p>
-
-<p>Nicht lange darauf tnte die Klingel. Das Mdchen kam
-herein und brachte eine Besuchskarte: Ingo Freiherr von Stein-Waldeck.
-Der Spielmann hatte, die Treppe zu Tante Adelheid
-heraufsteigend, seinen Zustand mit lchelnder Wehmut empfunden:
-wie leicht bepackt, wie gelutert, wie gesubert von allen Beschwerungen
-stieg er doch jetzt diese wohlbekannte Treppe wieder empor
-zu der Greisin, die ihm in ganz Weimar am nchsten stand! Und
-drinnen ereignete sich ein drolliger Zufall. Frulein Adelheid suchte
-gerade ein Buch, als ihr die Karte berreicht wurde. Da fiel mit
-Gerusch ein Goethe-Band herunter und blieb aufgeschlagen liegen.
-Sie warf einen Blick auf die Seite und las die Worte aus der
-&#8222;Pandora&#8221;:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Dort! er taucht in Flutenmitte<br /></span>
-<span class="i0">Schon hervor, der starke Schwimmer;<br /></span>
-<span class="i0">Denn ihn lt die Lust zu leben<br /></span>
-<span class="i0">Nicht, den Jngling, untergehn.&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>&#8222;Willkommen in Deutschland, lieber Ingo! Willkommen in
-Weimar!&#8221; rief sie, als sich der Neffe ber ihre Hand beugte. Sie
-zeigte ihm die Stelle, und beide deuteten des Altmeisters Wort
-in guter Stimmung als ein freundlich Vorzeichen.</p>
-
-<p>&#8222;Sie waren ja immer der Meinung, Ingo, da Weimar und
-Wartburg Deutschlands Herz bilden, geographisch und geistig.
-Also willkommen im Herzen Deutschlands!&#8221;</p>
-
-<p>Tante Adelheid war eine hochgewachsene Frau von aufrechter
-Gangart und pflegte weite, lliche Kleidung zu tragen.
-Ein lngliches Gesicht, eine mehr hohe als breite Stirn und nach
-den Schlfen etwas herabgezogene, oft prfend halbgeschlossene
-Augen nebst schmalem Mund gaben ihr ein Geprge sachlicher
-Klarheit. Es fehlte diesen Zgen nicht an Gte, doch auch nicht
-an deutlichem Freimut.</p>
-
-<p>&#8222;Und jetzt sagen Sie mir einmal vor allem: wo stecken Sie
-denn so lange Zeit, Sie Ausreier? Fast zwei Jahre waren Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span>
-nun nicht in Ihrer Weimarer Wohnung! Und Ihr gemtliches
-Heim da oben am Horn geht in Spinnweben unter, wenn ich nicht
-Frau Tellbach von Zeit zu Zeit Feuer unter die Sohlen mache.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun, die gute Frau hat ja alles ganz ordentlich instand gehalten&#8221;,
-erwiderte Ingo lchelnd. &#8222;Ich danke Ihnen fr Ihre
-Aufmerksamkeit.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das wollt' ich ihr auch geraten haben&#8221;, versetzte Tante Adelheid.
-&#8222;Und wo kommen Sie denn jetzt her? Aus dem Ausland
-natrlich!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie schwrmen ja wohl immer noch fr alte deutsche Nester
-wie Rothenburg und Hildesheim, nicht wahr, Tante Adelheid?&#8221;
-scherzte Ingo. &#8222;Und ich habe beide Stdte noch immer nicht gesehen,
-entschuldigen Sie tausendmal!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Natrlich! Echt deutsch! Luft in der Welt herum und kennt
-sein eigen Vaterland nicht!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Zunchst komm' ich brigens von einem Krankenlager&#8221;, erwiderte
-er ernst.</p>
-
-<p>&#8222;Ihr Bruder, nicht wahr?&#8221; nickte sie bedenklich. &#8222;Ja, da steht
-es allerdings nicht grade gut. Sie sind ja kein Kind mehr, Ingo,
-und ich kann Ihnen also ruhig sagen, da ich einen der rzte gesprochen
-habe, die Ihr Bruder konsultiert hat. Die Sache ist aussichtslos.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das hab' ich auf den ersten Blick gesehen&#8221;, seufzte Ingo. &#8222;Er
-hat sich zum Erschrecken verndert. Dieser wilde, khne, rauhe
-Bursche von ehedem &mdash; und jetzt ein Gerippe!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ihr alter Vater tut mir noch besonders leid. Er hat nur die
-zwei Shne; und der eine luft in der Ferne herum, der andere
-&mdash; er ist ja wohl nur ein Jahr lter als Sie? &mdash; stirbt als Junggeselle
-hinweg. Wie soll das mit dem schnen Gut werden!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das mu natrlich ich bernehmen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mu, sagt er! Und seufzt dazu, der Gutsbesitzer! Ja freilich
-wr's notwendig, obschon Sie's ja schlielich verpachten und
-als Sommersitz einrichten knnen. Aber das ist ja das Unglck,
-da Sie vor praktischer Arbeit zurckscheuen. Fr Sie selber,<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span>
-Ingo, wird es heilsam sein, wenn Sie sehaft werden. Nur sollte
-man Ihnen keine Wirtschaft anvertrauen, ohne links einen guten
-Verwalter und rechts eine gute Frau neben Sie zu setzen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, na, na, auch Sie unterschtzen also meine Energie, Tante
-Adelheid!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wenigstens in wirtschaftlichen Dingen.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo sprang auf.</p>
-
-<p>&#8222;Himmel noch einmal, wie falsch ihr mich alle beurteilt! An
-einem einzigen Tage bin ich in diese Werktglichkeiten eingelebt &mdash;
-jawohl &mdash; und am zweiten Tag luft der Apparat von selber &mdash;
-und am dritten Tage lass' ich den Mechanismus laufen und widme
-mich den wertvollen Gtern des Daseins: der Ideenwelt. Der
-Unterschied zwischen meinem angeblich realistischen Bruder und
-mir, dem angeblichen Romantiker und Sausewind, besteht nicht
-darin, da ich diese uerlichen Dinge nicht beherrschen knnte &mdash;
-spielend beherrsch' ich diese Banalitten, spielend, sobald ich nur
-will! Unterschtzt doch nicht einen geistig raschen Menschen! Sondern
-der Unterschied besteht darin, da er und seinesgleichen in
-diesen wirtschaftlichen und sportlichen Durchschnittsfragen steckenbleiben,
-ja da sie dies fr das Leben selber halten! Und so fllen
-sie ihr Dasein mit nichtigem Geschwtz ber Dngersorten, ber
-Zchtung von Pferden, Hunden und Klbern, ber Prmien bei
-Geweihausstellungen und Preise bei Wettrennen &mdash; Dinge, die
-mich mordsmig langweilen. Nein, Tante Adelheid, in diese
-Mauern der Standesinteressen sperrt ihr mich nicht mehr ein!
-Aus dieser Welt bin ich ausgerissen. Und Sie geben mir einen
-Ehrentitel, wenn Sie mich als Ausreier begren.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Potztausend!&#8221; lachte Tante Adelheid. &#8222;Da hab' ich ihn einmal
-in eine allerliebste Ansprache hineingergert! Setzen Sie sich
-ruhig wieder her, Ingo. Sie wissen, da ich ein offenes Wort
-ganz gut vertrage, aber Aufregung und berspanntheit nicht
-liebe.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo setzte sich wieder und bat um Verzeihung; er habe, fuhr
-er fort, auf dem Gut whrend der wenigen Tage so viel versteckte<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span>
-Vorwrfe von Basen und Gevattern ausstehen mssen, da nun
-sein angesammelter Unmut wider seinen Willen ausgebrochen sei.</p>
-
-<p>&#8222;Am verstndigsten war mein Vater&#8221;, schlo er. &#8222;Der klopfte
-mir auf die Schulter und meinte nur kurz: &#8218;La sie reden, Junge,
-ich glaube dich besser zu kennen!&#8217; Whrend der ganzen Fahrt
-von Waldeck nach Weimar sah ich diesen braven alten Herrn vor
-mir in seinem weien Bart und seinem leider unentbehrlichen
-Stock, wie er mich hinkend an den Wagen begleitete und mit seinem
-schlichten &#8218;Mit Gott!&#8217; entlie, aufrecht, ein alter Soldat und
-doch von weichem Gemt, die beiden Doggen neben ihm &mdash; ein
-Edelmann von altem Schrot und Korn!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bravo, Ingo! Geben Sie mir mal die Hand, lieber Junge!
-Und nun sagen Sie mir: wie geht's Frau von Trotzendorff in
-Mnchen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich mu Ihnen gestehen, Tante Adelheid, ich habe sie seit
-einer Reihe von Wochen nicht mehr gesehen. Von Genf wollt'
-ich nach Mnchen fahren, blieb aber in Zrich bei einem befreundeten
-Schriftsteller und fuhr dann ber Heidelberg nach Thringen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und das halten Sie aus?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Warum nicht?&#8221; versetzte er und legte ziemliche Khle in
-seinen Ton. &#8222;Ich erhalte ja durch Trotzendorff regelmige Nachricht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Durch Trotzendorff? Nicht durch sie?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie liegt zu Bett. Es ist keine gefhrliche, aber langwierige
-Sache.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, man kann doch aber schlielich auch im Liegen Bleistiftbriefe
-und Fllfedergre senden, das wei ich am besten, wenn
-mich Herzschwche an den Diwan fesselt. Es fllt mir auf, da
-Sie so die Fhlung mit Ihrer intimsten Freundin verloren haben.&#8221;</p>
-
-<p>Tante Adelheid schaute mit forschenden Augen in Ingos gleichmtig
-ernstes Gesicht.</p>
-
-<p>&#8222;Freundschaft und Freiheit gehren zusammen&#8221;, bemerkte er
-allgemein und schaute durchs Fenster. &#8222;Nur in Freiheit ist Freundschaft
-mglich. Wenn der eine Teil den andren mit List oder Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>walt
-festzuhalten oder abzusperren sucht, so ist das bereits eine
-verlorene Sache. Man kann weder Glck noch Freundschaft erobern
-oder erzwingen: derlei hohe Dinge sind Gttergeschenke.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Da haben Sie recht, Ingo&#8221;, erwiderte Tante Adelheid, und
-ein weicherer Ton glitt in ihre Stimme. &#8222;Das kann ich Ihnen
-aus eigener Erfahrung besttigen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wie geht's denn unsrer Exzellenz?&#8221; fragte Ingo sofort. Die
-Frage schlo sich leicht an das Vorausgegangene an. Denn auf
-der andren Seite des Stockwerks wohnte der teuerste Freund dieser
-durch viele hohe Freundschaften ausgezeichneten Greisin. Und
-sie erzhlte von der Ttigkeit und Geistesfrische dieses harmonischen
-Edelmannes, der gleichfalls schon dem siebzigsten Lebensjahre
-zusteuerte, aber doch noch fleiig in seiner Kunst der Malerei
-und Architektur ttig war, dankbar fr ein reiches Leben, den
-Tod nicht frchtend, Schnheit in seinen Zimmern um sich ausbreitend
-und durch stille Wohltaten manchen Mitmenschen frdernd.
-Es war fr Ingo jedesmal eine Erhebung, wenn er bei diesen
-abgeklrten Alten zu Gast war, die er scherzend Philemon und
-Baucis zu nennen pflegte.</p>
-
-<p>&#8222;Lieber Ingo,&#8221; sagte Frulein Adelheid und nahm seine
-Hand, &#8222;nun lassen Sie mich alte Frau einmal ein paar offene
-Worte sagen. Ich habe da einen Brief bekommen von Mathilde
-aus Genf. Nun sagen Sie mir: was haben Sie denn eigentlich
-in der kurzen Zeit Ihres Aufenthaltes in Genf schon wieder mit
-Elisabeth gehabt, da dieses durch und durch brave Mdchen aus
-heimlichen Trnen nicht mehr herauskommt?&#8221;</p>
-
-<p>Ingo erbleichte.</p>
-
-<p>Dann scho eine jhe Blutwelle in sein Gesicht zurck, als er
-nun so vor Tante Adelheids prfend ruhigen Blicken gefesselt auf
-seinem Stuhle sa.</p>
-
-<p>&#8222;Wieso denn?&#8221; fragte er tonlos.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben in Ihrem Verhltnis zu Elisabeth immer vor
-uns andren Versteck gespielt; und auch sie selber hat in ihrer verschwiegenen
-Art nie ein Wort darber geuert. Es ist ein merk<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span>wrdiges
-und im Grunde seelisch einsames Mdchen; sie hat in
-tieferen Dingen keine einzige Vertraute &mdash; nicht einmal mich,&#8221;
-setzte sie lchelnd hinzu, &#8222;die ich doch so gern Beichtmutter bin.
-Uns schien damals zwischen Ihnen beiden ein heimliches Verlbnis
-zu bestehen &mdash; nun, man hat so dies und jenes beobachtet.
-Aber dann entferntet ihr euch wieder voneinander. Das mag ja
-nun sein, wie es will, aber man kann doch in Gte aneinander
-denken und auch nach aufgehobener Verlobtheit oder Verliebtheit
-einander Freundlichkeiten erweisen, besonders einem so vortrefflichen
-Menschenkinde wie dieser selbstlosen, viel zu viel nur fr
-andre lebenden Elisabeth. Einem solchen Kindergemt Trnen
-auszupressen &mdash; Ingo, darauf kann kein Segen ruhen!&#8221;</p>
-
-<p>Ingo war bestrzt.</p>
-
-<p>&#8222;Tante Adelheid,&#8221; sprach er endlich, &#8222;Sie sprechen nur von
-Elisabeth und was ich ihr etwa angetan haben knnte. Fr mich
-als Mann schickt es sich wohl nicht, von etwaigen eigenen Leiden
-zu sprechen und von dem, was ich selber gelitten habe durch Elisabeths
-sprdes, unergiebiges Naturell. Das ist eben Schicksal. Da
-kann ein Dritter schwerlich hineinschauen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Danke!&#8221; erwiderte Frulein von Stein kaltbltig. &#8222;Sie
-setzen mir also den Stuhl vor die Tre. Nun, immerhin habe ich
-in den letzten Jahren tiefer in das Wesen dieser edlen Mdchenseele
-hineingeschaut als wahrscheinlich ein gewisser anderer, der
-im Ausland Studien machte. Sie haben zu viel an der Peripherie
-gelebt, Ingo. Aber leidende und liebende Menschenherzen gibt
-es auch in der Heimat; Heroismus und Gre gibt es auch im Inland.
-Man braucht kein Spiebrger zu werden und kann doch
-mit seinen Mitbrgern in Herzensfhlung bleiben &mdash; nmlich als
-ein Schenkender, lieber Ingo. Ich appelliere also an Ihre Gromut,
-wenn sonst andres Sie nicht bei uns festhalten kann, bei uns
-hier in Ihrem deutschen Vaterland. Hier ist der Punkt, mein Herr
-Neffe, auf den ich hinauswill. Reisen Sie, heimsen Sie Garben
-in Ihre Scheunen &mdash; dann aber mu der Zeitpunkt kommen, wo
-Sie Ihre Frucht dreschen und in die Mhle bringen. Eine Menge<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span>
-Freunde haben Sie sich drauen erworben &mdash; aber Sie sind im
-Begriff, alte Freunde zu verlieren, und darunter die wertvollste
-von allen, diese innerliche Elisabeth!&#8221;</p>
-
-<p>Ingo sprang abermals auf. Wie immer, wenn ihn etwas
-stark bewegte, schritt er im Zimmer auf und ab, die Hnde auf dem
-Rcken, den Kopf gesenkt.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben recht! Tante Adelheid, Sie haben tausendmal
-recht! Und doch &mdash; und doch &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Tante Adelheid nahm inzwischen, mit der ihr eigenen Bedchtigkeit,
-die Brille aus dem Futteral, setzte sie auf und suchte
-unter einem Sto von Papieren einige zusammengebundene
-Briefe hervor.</p>
-
-<p>&#8222;Whrend Sie im Ausland Forschungsreisen machten, haben
-wir im Inland beinahe eine schwere Tragdie erlebt. Hier habe
-ich neulich die Briefe geordnet, die mir Elisabeth vom pommerschen
-Gut geschrieben hat, wo ihre Schwester Mela verheiratet ist. Sie
-kennen diese Mela: genial und unberuhigt, das hitzige Gegenteil
-der sanften und etwas apathischen Elisabeth. Nun, ich will keine
-Einzelheiten ausplaudern. Nehmen Sie einmal an, eine solche
-heiherzige Frauennatur &mdash; und Mela hat entschieden einen Zug
-ins Groe, das mssen Sie zugeben &mdash; eine solche leidenschaftliche
-Natur wird von ihrem Mann, der nur Jger, Landwirt und Politiker
-ist, wenig verstanden, erhlt aber einen umwlzenden Eindruck
-von einem andren, einem romantischen Nachbarn. Eine nervse,
-reizbare Schwiegermutter macht die Situation noch schwieriger;
-drei allerliebste Mdchen vermgen die schwle Lage nicht viel zu
-bessern. Die Sache droht zur Katastrophe zu kommen, mit Duell,
-Ehrengericht und Skandal &mdash; und da steht nun Elisabeth mitten
-drin! Das Mdchen hat die Hlle durchgemacht. Aber, ich htt'
-es ihr nicht zugetraut, sie hat es fertiggebracht! Sie hat wieder
-Harmonie geschaffen. Der andre ist zur See gegangen &mdash; und der
-Gatte wurde durch schwere Erkrankung seiner Frau, wo es auf Tod
-und Leben ging, mit der Nase auf seine Pflicht gestoen, sich mehr
-um Weib und Kinder zu kmmern. Das Beste hat Elisabeth ge<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>tan,
-diese nicht blendende, aber so willensstarke und taktvolle Elisabeth.
-Sie war die Vertraute von allen zugleich; sie hat oft auf der
-Schwelle ihrer Schwester gewacht, als das extravagante Frauenzimmer
-drauf und dran war, Mann und Kinder zu verlassen. Bis
-dann die Klrung kam und die Krankheit fr Mela eine Krisis zur
-Selbstbesinnung wurde. Sehen Sie, Ingo, so wird zu Hause in
-aller Stille gekmpft &mdash; und ich bitte auch Sie, dies alles diskret zu
-behandeln &mdash; in aller Stille, Ingo. Und Sie sitzen inzwischen in
-England oder Italien und schreiben ein Buch ber Heroismus.&#8221;</p>
-
-<p>So sprach Tante Adelheid und las dann in ihrem besinnlichen
-und etwas trockenen Ton einige Stellen aus Elisabeths Briefen
-vor. Ingo zog erstaunt und bewundernd die Brauen hoch und
-hrte mit Ehrfurcht zu. Dann aber sttzte er das Kinn in die Hnde,
-versank ins Brten und verweigerte weitere Gefolgschaft. Denn er
-sah pltzlich die flimmernde Flche des Genfer Sees, einen Nachen
-darin und zwei Menschen Hand in Hand.</p>
-
-<p>&#8222;Sie hat mit Anspannung aller Kraft dieses Vershnungswerk
-zustande gebracht,&#8221; dachte er, &#8222;hat Kranke gepflegt und fr die
-Mutter gesorgt. Da lief ihr ein hbscher junger Mann ber den
-Weg &mdash; und die Natur des Weibes brach wieder heraus.&#8221;</p>
-
-<p>Er beschwor diese Bilder nicht weiter, sondern schttelte den
-Kopf und erhob sich, um Abschied zu nehmen.</p>
-
-<p>&#8222;Liebe Tante,&#8221; sprach er, &#8222;Sie fragten vorhin, was ich denn
-eigentlich mit Elisabeth gehabt habe. Uns hat immer nur das eine
-getrennt: ihre passive Natur. Um diese Menschen hier kmpft sie
-und lindert Not und Gefahr; ich habe jedoch nie bemerkt, weder
-frher noch jetzt, da sie auch nur einen Finger gerhrt htte, um
-fr den Geliebten oder den Freund zu kmpfen. Vielleicht ist das
-nicht Weibes Art, werden Sie mir antworten? Nun, mag sein!
-Aber ich bin des mnnlichen Titanenkampfes satt. Ihr alle fhlt
-nicht, wie ich gerungen habe. Meine Studien sind mein Herzblut.
-Sei's denn! Mgen mich die Gtter im Schlaf nach Ithaka
-bringen! Ich bin am Ende meiner Glcksjagd.&#8221;</p>
-
-<p>So brachen sie dieses Gesprch ab.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span>
-
-&#8222;Steckt vielleicht ein bichen Egoismus in Ihrer Glcksjagd?&#8221;
-sprach die Greisin beim Abschied. &#8222;Verstehen Sie mich brigens
-nicht falsch, wenn ich einer Natur wie Ihnen den Ausgleich durch
-die Ehe anrate. Ich warne sonst vor diesem Institut. Ich selbst
-bin als Unvermhlte so glcklich gewesen, da ich mein Leben gleich
-noch einmal von vorn anfangen mchte. Geschlechtsduselei neigt ja
-dazu, das unvermhlte Frulein geringer zu achten. Du lieber
-Himmel, wieviel versimpelte Ehefrauen sind mir ber den Weg
-gelaufen! Da imponiert mir denn doch ganz anders die stolz und
-still durchgefhrte Selbstndigkeit einer Einsamen. Anfangs ist es
-nicht immer leicht; lchelt man freundlich, so vermutet Bosheit,
-man lchle, um zu gefallen und einen Mann zu fangen; spter,
-so nach und nach, glaubt man uns, da man aus selbstloser
-Herzensfreundlichkeit lcheln kann, und dann beginnt man, uns
-ohne alle Nebengedanken liebzugewinnen. Aber dieser Weg ist
-nicht fr jeden. Einer Elisabeth mcht' ich einen Gatten &mdash; und
-einem Ingo eine Gattin wnschen. Adieu, mein Lieber!&#8221;</p>
-
-<p>Ingrimmig fllte Ingo die nchsten Stunden mit Besuchemachen
-aus. Er war in zorniger Stimmung und wute gar nicht,
-weshalb. Schillerhaus, Goethemuseum, Bibliothek, Theaterintendantur
-wurden aufgesucht. Das blhende Stdtchen bte jedoch
-nach und nach seinen beruhigenden Zauber aus. Er empfand
-mehr und mehr das seelische und geistige Eigenwesen der weimarischen
-Kultur: nach Fernfahrten eine Hochschule der Verinnerlichung
-zu sein.</p>
-
-<p>&#8222;Fort mit den egoistischen Sentimentalitten!&#8221; sprach er aufmunternd
-zu sich selber, als er durch den klassischen Park schritt.
-&#8222;Wieder an geistige Arbeit! Keine Glcksjagd mehr! Und so bleib'
-ich eben allein, verzichte auf persnliches Glck und schaffe fr
-andre!&#8221;</p>
-
-<p>Eine wonnige Erinnerung durchrieselte ihn, als er am rmischen
-Hause hinunterschritt und am Felsen jene Bitte an die
-&#8222;heilsamen Nymphen&#8221; las: &#8222;Und dem Liebenden gnnt, da ihm
-begegne sein Glck!&#8221; ... Hier war er einmal im weien Mond<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>schein
-bis Mitternacht mit Elisabeth im Park spazieren gegangen,
-in einer jener gesteigerten Lebensstimmungen, wo wandernde
-Kameraden, gemeinsam Schnes genieend, in Eins zusammenzuflieen
-scheinen. Er sprte wieder ihren atmend lebendigen
-Krper. Sie hatten Weimars Schnheit, durch ihre eigene gegenseitige
-Liebe verklrt, mit allen Poren in sich eingesogen. Ach,
-und der Spielmann brauchte nun einmal lebenswarme Menschen
-weit mehr als selbst das gelehrteste Papier!</p>
-
-<p>Der Park war erfllt von einem undeutlichen sommerlichen
-Wipfelsausen, das gro und geheimnisvoll den schreitenden Gralsucher
-umgab. Das Goethehuschen enthllte sich wei aus dem
-dichten Grn. Wolkenschatten flogen ber Wiesen und Ilm. Anschwellend,
-ihn berbrausend und wieder verwehend kamen Geisterstimmen,
-bis sich endlich eine ruhig tiefe Stimme vom Gerusch
-der andren lste und vernehmbar an sein Ohr klang:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Was zu wnschen ist, ihr unten fhlt es;<br /></span>
-<span class="i0">Was zu geben sei, die wissen's droben.<br /></span>
-<span class="i0">Gro beginnet ihr, Titanen! Aber leiten<br /></span>
-<span class="i0">Zu dem ewig Guten, ewig Schnen,<br /></span>
-<span class="i0">Ist der Gtter Werk: die lat gewhren!&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>In denselben Tagen erlebte Frau von Trotzendorff in Mnchen
-eine Stunde der reinsten Glckseligkeit.</p>
-
-<p>Die Leidende hatte sich anfangs dem Tode nahe gefhlt. Da
-ihr Seelenbau wesentlich aus Phantasie und Gefhl zusammengewoben
-war, so empfand sie Glck und Schmerz eindringlicher
-als andre Sterbliche. Jetzt ging ihre Lebenskurve wieder aufwrts.</p>
-
-<p>Die Stimmung eines genesenden Menschen, besonders nach
-schmerzlichen Fiebernchten, ist von angenehmer Mattigkeit und
-Milde. In dieser weichen Ruhe ist er fr Gte zwiefach empfnglich.
-Er will nicht mehr titanisch erzwingen; er lt sich lchelnd
-von Gesunden beschenken und hat als ganze Gegengabe nur Blick
-und Hndedruck des Dankes. Der Wille hat seine Grenzen er<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>kannt
-gegenber der bermacht des Schicksals. Als Schiffbrchiger
-treibt er aus den Strudeln der Krankheit zu Lande, seines nackten
-Lebens froh und gewaltsam befreit von vielem Lebensballast.
-Denn die Gtter sind mchtiger als die Titanen.</p>
-
-<p>Die genesende Mutter hatte auf ihrem Leidenslager die Freude
-erlebt, nach langen Schmerzenswochen zum ersten Male wieder
-ihre beiden Kinder sehen zu drfen. Sie sa in den hochgebauten
-Kissen des Bettes und hatte rechts und links je einen der Knaben
-im Arm, herzige Flachskpfe von sieben und neun Jahren, die in
-ihren neuen Jckchen und verklrt vom Jubel entzckend aussahen
-und die geliebte Mutter fast erdrckten vor Zrtlichkeit. Der Arzt
-mit seiner zierlichen Frau und Trotzendorff waren selber bewegt
-und hatten alle Mhe, Kurt und Helmut zur Besonnenheit
-anzuhalten. Der Jngste hatte die Knie ins Federbett gestemmt
-und wischte der Mutter mit seinem kleinen Taschentuch die Freudentrnen
-ab; der andere zeigte ihr Hefte und selbstgefertigte Zeichnungen;
-und sie selber ri immer wieder beide an sich: &#8222;Hab' ich
-euch denn noch? Darf ich denn noch bei euch bleiben, meine sen
-Jungen? Habt ihr denn eure Mutter noch lieb?!&#8221;</p>
-
-<p>Man mute die Erschpfte nachher allein lassen. Das Wiedersehen
-hatte sie angegriffen.</p>
-
-<p>Sie lag wohl eine Stunde lang mit geschlossenen Augen und
-gefalteten Hnden in der feinen, gedmpften Beleuchtung des
-reinlich weien Krankenzimmers.</p>
-
-<p>Noch war ein Nachleuchten dieses langentbehrten Glckes in
-den abgezehrten Zgen, als ein Besuch gemeldet wurde.</p>
-
-<p>&#8222;Ein Frulein von Stein lt fragen, ob die gndige Frau
-zu sprechen sei&#8221;, meldete die Schwester.</p>
-
-<p>&#8222;Frulein von Stein? Am Ende gar &mdash; Elisabeth von Stein?!&#8221;</p>
-
-<p>Frau Friederike fuhr hastig empor. Sie bat die Pflegerin,
-nachzusehen, ob an ihr und um sie her alles in Ordnung sei, lie
-das Tageslicht noch mehr dmpfen und schaute mit Herzpochen nach
-der Tre.</p>
-
-<p>Gleich darauf stand Elisabeth im Zimmer. Nach kurzem Zau<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>dern
-schlug sie den hellen Schleier zurck und trat mit raschen Schritten
-und ausgestreckter Hand an das Bett heran.</p>
-
-<p>&#8222;Ich hrte von Ihrer Erkrankung,&#8221; sprach sie rasch herunter,
-denn sie hatte diese Einfhrungsworte gradezu auswendig gelernt,
-&#8222;und da ich mit meiner Mutter durch Mnchen zurckfahre, wollte
-ich mir die Freiheit nehmen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.&#8221;</p>
-
-<p>Da stand nun also das Edelfrulein, im silbergrauen Kleid
-mit weien Handschuhen, die stattliche Haarkrone samt Hut vom
-Schleier umwunden, Aug' in Auge mit ihrer Feindin &mdash; mit der
-Frau, die ihr einst den Geliebten genommen hatte. Ihre Hand,
-die sie nur zu leichtem Druck gereicht hatte, zitterte; das Herz des
-sprden und herben Mdchens pochte heftig. Die beiden Frauen
-sahen sich einige Augenblicke an; doch keine las zunchst, was im
-Herzen der anderen vorging.</p>
-
-<p>&#8222;Das ist lieb von Ihnen, da Sie mich besuchen&#8221;, erwiderte die
-Kranke mit Fassung. &#8222;Nehmen Sie Platz, liebes Frulein von Stein.
-Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Sie finden mich heute
-in einer ziemlich matten Stimmung &mdash; nein, bleiben Sie nur
-sitzen, Ihr Besuch ist mir sehr willkommen! &mdash; aber ich bin trotz
-aller Mattigkeit glcklich, sehr, sehr glcklich. Ich habe soeben
-Besuch gehabt. Raten Sie, von wem!&#8221;</p>
-
-<p>Ihre Augen leuchteten. Sie war so voll von ihren Kindern;
-und Elisabeth war so voll von Ingo. So senkte Letztere unwillkrlich
-die Blicke und wandte den Kopf zur Seite, als sollte ein
-Schlag gegen sie gefhrt werden. Es waren nur wenige Sekunden;
-aber diese Gebrde nervser Angst war so ausdrucksvoll, so
-sprechend, da die Leidende sofort das Miverstndnis erriet. Und
-ein jhes Mitleid zuckte in der seelenvollen Frau empor.</p>
-
-<p>Statt zu sagen, wer hier gewesen, streckte Frau von Trotzendorff
-in pltzlicher Herzlichkeit die Hand aus, ergriff Elisabeths Rechte,
-nahm sie in beide Hnde und sagte innig, mit dem so gern bei ihr
-berwallenden Gefhl: &#8222;Mein liebes, liebes Frulein Elisabeth!&#8221;</p>
-
-<p>Dann beeilte sie sich, von ihrem Besuch zu sprechen:</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span>
-
-&#8222;Meine Kinder sind hier gewesen! Meine sen Jungens
-sind hier auf diesem Bett herumgekrabbelt! Denken Sie doch nur!
-Zum ersten Male seit langen, langen Leidenswochen hab' ich Kurt
-und Helmut wieder gesehen! Ach, ich bin fast gestorben vor Glck.
-Bei mir &mdash; ich bin ja nun mal so ein weichselig Geschpf! &mdash; sitzen
-ja die Trnen so locker, im Glck und im Schmerz.&#8221;</p>
-
-<p>Und sie tastete nach dem Taschentuch und betupfte sich die
-wieder feuchten Augen.</p>
-
-<p>Elisabeth sagte aufatmend einige Worte, da sie das nachfhlen
-knne.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht wahr,&#8221; fuhr die Kranke fort, &#8222;Sie haben ja auch so
-viel Freude an Kindern, obwohl nur eine Mutter ganz ermessen
-kann, was es heit, auf Tod und Leben zu liegen und wochenlang
-seine Kinder nicht sehen zu drfen &mdash; mit dem Gefhl,
-da man vielleicht sterben mu, ohne dieses anvertraute Gut zum
-Edlen erziehen zu drfen! Ach, meine liebe Elisabeth, das goldige
-Lachen der Kleinen und ihre rhrenden Zrtlichkeiten! Spren
-Sie nicht, wie noch berall hier in der Luft ein Lachen nachklingt?
-Sehen Sie, da hat nun Helmutchen richtig sein ganz zerknlltes
-kleines Taschentuch liegen lassen, womit er mir die Augen getrocknet
-hat, der kleine Knirps. Ich habe nachher hier eine Stunde
-lang still gelegen und gebetet &mdash; ich darf Ihnen das wohl sagen &mdash;,
-so innig zu Gott gebetet, er mge meine Kinder zu braven Mnnern
-erwachsen lassen und nicht an ihnen heimsuchen, was etwa &mdash; was
-etwa die Mutter verfehlt hat.&#8221;</p>
-
-<p>Jetzt begann sie in ihrer groen Schwche wirklich zu weinen
-und suchte sich mit Helmuts winzigem Taschentuch vergeblich die
-rinnenden Trnen zu stillen.</p>
-
-<p>Elisabeth streichelte ihr die Hand und sprach einige beruhigende
-Worte.</p>
-
-<p>&#8222;Ich war nmlich viel schwerer krank, als mein Mann und
-Ingo ahnten &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Da war der Name heraus. Sie hatte sich die Wortverbindung
-&#8222;mein Mann und Ingo&#8221; derart angewhnt, da auch jetzt die<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span>
-Namen gemeinsam von der Zunge glitten. Sogleich aber ward
-es ihr bewut, wer an ihrem Bette sa. Sie zgerte einen Augenblick
-und setzte dann hinzu: &#8222;Es hat nmlich niemand gewut
-auer dem Doktor und seiner Frau Hermine, die eine Jugendfreundin
-von mir ist, wie schwer krank ich war. Ich darf wohl sagen,
-ich habe dem Tod ganz nahe ins Auge geschaut. Und das ist
-heilsam. Ich lie mein ganzes Leben an mir vorberwandern und
-gelobte Gott, fortan meiner Pflicht zu leben &mdash; und &mdash; und wenn
-mglich niemandem mehr weh zu tun.&#8221;</p>
-
-<p>Sie brach ab und drckte Elisabeths Hand. Dann sprach sie
-gefater weiter:</p>
-
-<p>&#8222;Sie waren in Genf? Und haben dort Ingo gesehen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nur ganz kurz.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Geht's ihm gut? Ist er heiter?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich wollte Sie dasselbe fragen. Ist er nicht hierhergekommen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nicht hierhergekommen? Er wollte von Genf hierher zu
-Ihnen fahren.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nein, er ist in Thringen. Und es ist gut so. Ich wollte ihn
-auch gar nicht hier haben. Selbst nicht Richard, niemanden, denn &mdash;
-wissen Sie, manche Dinge mu man eben allein durchkmpfen.
-Aber Sie &mdash; ja, grade Sie habe ich mir oft herbeigewnscht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mich?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, Sie, liebe Elisabeth. Sehen Sie, wenn man so wie ich
-dem Tode nahe war, da wird man einfach und wahrhaftig. Wieviel
-Phantasterei hat mein Leben unstet gemacht! Und wie fest
-und gtig sind Sie Ihren Weg gegangen, Sie Gute!&#8221;</p>
-
-<p>Elisabeth war verlegen. Sie kannte den Gefhlsberschwang
-dieser knstlerischen Frau; sie wagte daher nicht zu entscheiden, wie
-weit diese Gefhle echt und von Dauer waren. Diese Salondame
-hatte so viel Talent, ihre Gefhle in Worte zu fassen; und sie selbst,
-Elisabeth, war so wortarm. Sie war hierhergekommen in dem
-dumpfen Drang, mit dieser Frau um Ingo zu ringen; es war das
-erstemal in ihrem Leben, da sie einen Schritt fr sich selber tat.<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span>
-Freilich war in ihr das Mitleid mit der Kranken gleich nach den
-ersten Sekunden hochgestiegen, und sie wute nun gar nicht, wie
-das Gesprch weiterfhren.</p>
-
-<p>&#8222;Es ist sehr gtig von Ihnen,&#8221; sagte sie, &#8222;in dieser Weise
-zu mir zu sprechen. Ich mu allerdings gestehen &mdash; ich habe &mdash;
-frher &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>Sie stockte.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben frher andere Urteile ber Sie aus meinem
-Munde zugetragen bekommen, nicht wahr!&#8221; half ihr Frau von
-Trotzendorff nach. &#8222;Ja, da haben Sie leider recht. Leider! Ich
-habe oft vorschnell geurteilt und oft sehr rasch nach meinen Neigungen
-gelebt; und Sie sammelten derweil Ihre Kraft in der
-Stille. Doch inzwischen, hier auf dem Krankenlager, habe ich grade
-ber Sie viel nachgedacht. Ach, was ist unser ganzes Salon- und
-Konzert- und Gesellschaftswesen doch fr ein eitles Blendwerk ohne
-Wrme! Aber Naturen wie Sie haben auch Musik &mdash; doch in den
-Tiefen der Seele, liebes Kind. Und so bleibt etwas Behtetes,
-etwas Keusches, eine jungfruliche Kraft in Ihnen. Und darum
-sind &mdash; trotz alledem &mdash; grade Sie die einzige, die er jemals geliebt
-hat!&#8221;</p>
-
-<p>Da war es heraus. Elisabeth senkte den Kopf. Diese Frau
-berhrte ohne weiteres das Geheimnis von Elisabeths Liebe.
-Noch kmpfte die Schchterne ein Weilchen, dann schlug sie die
-Augen auf und schaute der Kranken voll ins Gesicht.</p>
-
-<p>&#8222;Da Sie so offen sprechen, Frau von Trotzendorff, will auch ich
-Ihnen mit gleichem Vertrauen begegnen. Ich habe nie jemanden
-gehat, das kann ich wohl sagen, denn solche Gefhle liegen nicht
-in meiner Natur. Auch nicht Bitterkeit. Und doch &mdash; ich hab' in
-den letzten Jahren &mdash; ich mu es Ihnen gestehen &mdash; die Empfindung
-nicht loswerden knnen, da ich eine Feindin habe, die mir
-unsglich weh tat. Nicht eigentlich Sie selbst, denn Sie konnten das
-ja nicht so wissen &mdash; aber die Verhltnisse &mdash; es ist nun einmal so
-gekommen. Und ich selber war schuld daran, ich habe nicht das
-Talent besessen, ihn in wrdiger Weise festzuhalten. Aber wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span>
-mich jemand untersttzt htte &mdash; jemand, der so viel mehr Geist
-und Gewandtheit besitzt als ich &mdash; jemand wie Sie, statt sich zwischen
-ihn und mich zu stellen &mdash; &mdash; ich sagte mir oft, Gott htte an
-solchem guten Werk mehr Freude gehabt. Als ich dann spter in
-eine hnliche Lage geriet, wo eine Ehe bedroht war, da habe ich
-mit ganzer Kraft an der Ausshnung gearbeitet. Und es war
-Segen auf meinen Bemhungen. Wenn wir alle einander helfen
-wrden, es wre so schn zu leben! Statt dessen bereiten wir
-einander Schmerzen.&#8221;</p>
-
-<p>Elisabeth senkte das Haupt, so da man ihre zusammengepreten
-Lippen nicht sah. Sie hatte dieses Bekenntnis, das ihr schwer
-fiel, mit ergreifender Schlichtheit gesagt. Und die Kranke nickte
-und tastete dann wieder nach Elisabeths Hand, mit der Linken die
-feuchten Augen trocknend.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben in allem recht, Kind. Ich gebe Ihnen Wort fr
-Wort recht. Nur das <em class="gesperrt">eine</em> kann ich vielleicht zur Entschuldigung
-anfhren: auch ich habe viel gelitten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber Sie hatten Mann und Kinder &mdash; ich hatte nur ihn!&#8221;</p>
-
-<p>Hart und trotzig flog das heraus. Es war das erstemal im
-Leben, da Elisabeths scheuer Mund derart um ihr Recht auf
-Ingo kmpfte. Es lie sich an, als sollte nun erst der eigentliche
-Kampf beginnen. Doch wie es kam, wuten sie hernach selber
-nicht: pltzlich hielten sich die beiden Frauen in den Armen, kten
-sich und weinten beide.</p>
-
-<p>Und sagten dann kein Wort mehr von diesem Mann und
-dieser Sache. Vielmehr erwachte jetzt in Elisabeth die zugreifende
-Krankenschwester; sie machte ein Trinkwasser zurecht, reichte es
-der Ermatteten liebevoll und ordnete ihre Kissen; streichelte ihr
-dann zart ber die Wangen, als sie mit geschlossenen Augen lag,
-und kte sie abermals.</p>
-
-<p>&#8222;Denken Sie gut von mir, liebe Frau von Trotzendorff!&#8221;
-sagte sie innig. &#8222;Und sagen Sie Ingo, da er mir nicht grollen soll!&#8221;</p>
-
-<p>Elisabeth wollte sich entfernen, aber ihre Hand ward festgehalten.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span>
-
-&#8222;Und mir verzeihen Sie, Elisabeth! Und Ingo &mdash; Sie <em class="gesperrt">mssen</em>
-ihn festhalten, recht innig fest! Denn Ihnen gehrt er, Ihnen
-hat er immer gehrt, Ihnen ganz allein!&#8221;</p>
-
-<p>Elisabeth ging.</p>
-
-<p>Die Frau, die hinter ihr zurckblieb und sofort in wohlttigen
-Schlummer sank, war sehr mde, aber auch sehr glcklich.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Trotzendorff, Bruck und Ingo, drei stattliche Mnner, ritten
-von Weimar nach Tiefurt.</p>
-
-<p>Der Konsul war auf dem Heimweg in Weimar abgestiegen,
-um seinen Freund und Genossen vom Montserrat zu besuchen.</p>
-
-<p>Der Sommermorgen umgab die drei Reiter mit lebendigen
-Tnen und Farben. Der ther war klar. Durch die alten Bume
-des Webicht funkelte die Sonne; aus den Grsern antwortete
-funkelnder Tau. Ein Wandrer sang ein Schubertsches Mllerlied;
-die Vgel in Grten und Waldung lrmten nach Herzenslust; und
-fern zur Linken, am Ettersberg entlang, sauste die Eisenbahn.</p>
-
-<p>Wie sie auf ruhigen Pferden meist gemchlichen Schrittes,
-manchmal in gelindem Trab dahinritten, boten die drei Mnner
-ein krftiges Bild: rechts und links die breitgebauten lteren Herren
-auf braunen Tieren mit weien Fesseln, in der Mitte der schlanke
-Ingo auf schlankem Fuchs. Konsul Bruck, den Arm in die Seite
-gestemmt, war nicht unhnlich einem Farmer, der mit Wrde und
-Behagen durch seine Pflanzung ritt; der Major, mit vorschriftsmig
-eingezogenen Ellenbogen und in straffer Haltung, war auch
-zu Pferd und in Zivil vor allen Dingen Soldat.</p>
-
-<p>Zunchst hatte man von ueren Dingen gesprochen, von
-deutscher Luft und Landschaft.</p>
-
-<p>&#8222;In Heidelberg ist mein Herz wieder warm und hell geworden&#8221;,
-erzhlte der heimgekehrte Spielmann. &#8222;Ich kam in gedrckter
-Stimmung an. Aber da oben auf dem Heidelberger Schlo,
-um mich her den jungen Sommertag &mdash; unvergleichlich schn!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nicht wahr?!&#8221; frohlockte der kerndeutsche Trotzendorff.
-&#8222;Scheltet auf Scheffel, soviel ihr wollt, ihr Modernen, und ver<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span>dammt
-den Tonsetzer des &#8218;Trompeter von Sckingen&#8217; in Grund
-und Boden! Schon recht! Aber singt einmal, singt sein Alt-Heidelberg
-&mdash; und er behlt recht! Hol's der Deuwel, da werde sogar
-ich ein Dichtersmann!&#8221;</p>
-
-<p>Und sofort klang es in Ingo, und er sang in den Morgen:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Alt-Heidelberg, du feine,<br /></span>
-<span class="i0">Du Stadt an Ehren reich!<br /></span>
-<span class="i0">Am Neckar und am Rheine<br /></span>
-<span class="i0">Kein' andre kommt dir gleich!&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>&#8222;Das kann man nmlich nicht zitieren, meine Herren, das
-mu man singen!&#8221;</p>
-
-<p>Man war wieder in Deutschland.</p>
-
-<p>Und nach und nach lenkte sich durch Trotzendorff das Gesprch
-vom lyrischen Deutschland zum politischen hinber.</p>
-
-<p>&#8222;Verfluchte Sackgasse, unsre Politik! Die sich in das Wort
-zusammenfat: Feinde ringsum! Km's doch endlich zum Krachen!
-Ich frchte, da wir mit diesen diplomatischen Hinauszgerungen
-die rechte Stunde des Losschlagens verpassen. Denn um den europischen
-Krieg kommen wir doch nicht herum. Und dabei fehlt in
-unsren deutschen Rstungen die Straffheit. Allgemeine Wehrpflicht?
-Auf dem Papier! Aus siebzig Millionen liee sich mehr
-herauspressen! Sehen Sie doch nach Frankreich hinber, wie
-das den letzten Mann heranholt und sogar die farbige Armee aus
-Afrika! Auch Maschinengewehr-Kompagnien fehlen uns noch; der
-Artillerie fehlt ein Einheitsgescho; zu wenig Einzelflieger &mdash; und
-so wre manches auszusetzen. Ich frchte, der deutsche Michel mu
-im nchsten Krieg erst nach Jena, ehe er nach Leipzig marschiert!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und im Innern?&#8221; warf Bruck herber.</p>
-
-<p>&#8222;Die Sozialdemokratie? Je rascher und grndlicher die Auseinandersetzung,
-um so besser!&#8221; klang es vom Major zurck, in
-seinem etwas nasalen, doch festen Ton, den er sich auf dem Kasernenhof
-angewhnt hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Vielleicht besinnt sich dann nach solchen Erschtterungen
-Deutschland auf seine wahre Aufgabe&#8221;, meinte der Konsul.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span>
-
-&#8222;Worin bestnde diese Aufgabe? Doch wohl in der Heranzchtung
-einer strammen Menschenrasse?! Ich habe neulich wieder
-einmal eine grere Parade mitgemacht &mdash; Donnerwetter, es
-ist doch ein groartiges Schauspiel! In Tausende von Menschen
-gesetzmige Bewegung zu bringen, da alles klappt wie ein Uhrwerk
-&mdash; was fr Arbeit! Und Drill! Und Zucht! Groartig!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schon die alten Rmer leisteten hierin Groartiges&#8221;, bemerkte
-der Konsul bedenklich. &#8222;Ich meine aber mehr Deutschlands
-seelische Aufgaben unter den Vlkern Europas. Darin sind
-wir verarmt und bedeuten kein fhrend Volk mehr.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sie meinen die Zersetzung der Religion?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So ungefhr. Hier hat der nervse moderne Intellekt unser
-Gemtsleben tief geschdigt. Wenn man dieses Weimar so betrachtet
-&mdash; sollte man fr wahr halten, da es erst hundert Jahre
-her sind, seit sich hier so schne und groe Wahrheiten dichterisch
-offenbart haben?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, mein wertester Herr Konsul, in Deutschland haben wir
-unsren Schiller und Goethe noch immer im Bcherschrank. Im
-brigen sind wir jetzt im Zeitalter Bismarcks und haben eiserne
-Aufgaben zu lsen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Auf Kosten der Seele?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was heit Seele!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was Seele heit?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die Seele braucht doch vor allen Dingen einen gesunden
-Krper, Zucht, Strammheit.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nach meiner Ansicht ist die Nahrung der Seele vor allem
-andren die Liebe&#8221;, erwiderte der Konsul. &#8222;Liebe und Weisheit
-und Schnheit. Bei dem ungeheuren Wettrsten zwischen Stnden
-und Nationen zchtet man aber nicht die Liebe, sondern das
-Mitrauen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Den Willen!&#8221; rief Trotzendorff. &#8222;In jeder Armee und in
-jedem Staatswesen ist Willensschulung das oberste.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Es kommt aber doch wohl darauf an, <em class="gesperrt">was</em> man will, nicht
-wahr? Der Wille mu doch wohl ein Ziel haben? Und im Willen<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span>
-der modernen Vlker sehe ich das Ziel, den Nachbarn mglichst zu
-bervorteilen. Die Nationen sind Konkurrenten; aber sie sollten
-Brder sein.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nimmt sich auf dem Papier vortrefflich aus!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bitte, ist Hauptforderung der christlichen Religion. Und meines
-Wissens wird diese Religion in Europa amtsmig gelehrt.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mein lieber Herr Konsul, alle Achtung vor Ihren persnlichen
-Erfahrungen im Ausland! Aber aus Ihren Reden hr' ich die Schalmei
-der Friedensfreunde. Und da pfeif' ich nicht mit. Sobald wir
-Deutschen abrsten, sind wir morgen zerdrckt. Feinde ringsum!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, so sagt jeder! Und so zwingt jeder den andren zum ewigen
-Wettrsten, statt da man sich zum europischen Staatenbund
-verbrdert.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Zukunftstraum!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mag sein! Doch wirft man Preuen vor, da es nicht das
-Talent habe, moralische Eroberungen zu machen. Wie wr's, wenn
-nun Reichsdeutschland diese feine Kunst ausbilden wrde? Sobald
-man aus dem Ausland gern in unsren heiligen Hain kommen
-wrde, um von uns Gttliches zu lernen, wrde sich jenes Wort,
-das Sie vorhin riefen, verwandeln in ein &#8218;Freunde ringsum!&#8217;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Seien Sie froh, da Preuen nicht weichlich ist! In die
-schlappe deutsche Wirtschaft hat Preuen Zug gebracht. &mdash; Na,
-schweigsamer Ingo, und was sagst denn du dazu?&#8221;</p>
-
-<p>Ingo glaubte beide Freunde zu verstehen. Er hatte parteilos
-zugehrt. Aber dann war er ins Trumen geraten ber seine
-persnliche ungelste Angelegenheit. Er hatte zum erstenmal wieder
-seit Wochen einen Brief von Frau von Trotzendorff erhalten; und
-in diesem Schreiben war, zu seiner freudigen Verwunderung,
-Elisabeths Besuch ausfhrlich und liebevoll erzhlt.</p>
-
-<p>&#8222;Prophete rechts, Prophete links!&#8221; antwortete er lchelnd.
-&#8222;Ich bin noch nicht reif genug, um mitzureden. Wenn ich mich aber
-richtig einschtze, so wird mein unermelich Reich der stille Gedanke
-werden, nicht deine laute Politik, Richard. Mit andren Worten:
-die Reichsseele, nicht der Reichskrper!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span>
-
-&#8222;Recht so!&#8221; bekrftigte Brucks Ba. &#8222;Grade darin sollten
-jetzt die besten deutschen Geister ihre Hauptaufgabe erblicken.&#8221; Er
-strich den breiten Graubart und fgte die rtselhaften Worte hinzu:
-&#8222;Ich habe gehrt, da einige berufen sind, einen reineren Lebensbegriff
-zu offenbaren.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Erinnerst du dich jenes Gesprches an der Riviera, Richard?&#8221;
-fuhr Ingo fort. &#8222;Wir sprachen vom Untergang der Titanic. Man
-mag heute das grauenhafteste Unglck in der Zeitung lesen &mdash; und
-schon nach wenigen Tagen ist der Eindruck wieder verwischt. Neue
-Nachrichten rasseln tglich ber unser Gehirn und die feineren
-Organe hinweg. Wir haben weder Kraft noch Zeit, diesen Massenandrang
-zu verarbeiten. Es bleibt ein Nervenreiz, es bleibt Papier,
-wir lesen es nur, wir erleben es nicht. Seelenlos rollt der Apparat
-des modernen gesellschaftlichen Mechanismus ber die einzelne
-Seele hinweg. Ob Tausende irgendwo verunglcken oder Zehntausende,
-es ist ebenso belanglos; der Apparat luft weiter. Das
-ist es, Richard, wogegen ich als Ausreier und Flchtling ankmpfe;
-ich will meine Seele nicht zermalmen lassen. Ich mu oft an
-Schaller und Marx denken; sie sind wie jener Schatzgrber: er
-gibt dem Teufel die Seele und erhlt dafr Sachen. So hat unser
-moderner Mechanismus eine berflle von gewi schtzbaren
-Sachen eingeheimst, auch Kunstsachen und Literaturwerke, aber
-die Seele verloren.&#8221;</p>
-
-<p>Der Major schttelte zu dieser Philosophie schweigend und
-mibilligend den Kopf.</p>
-
-<p>Bruck aber lenkte die Unterhaltung ab:</p>
-
-<p>&#8222;Da Sie von Marx sprechen: ich traf in Mnchen, in jener
-Gesellschaft fr Geistesforschung, die sich ja grade um das innere
-Wesen des Menschen bemht, Ihren englischen Freund Wallace.
-Sie entsinnen sich, da wir auf dem Montserrat von solchen groen
-Fragen gesprochen haben?&#8221;</p>
-
-<p>Der Montserrat! Wie sonor klang dieser Name des spanischen
-Felsenberges in das idyllische Weimar! Der Montsalvat! Der
-heilige Gral, das Rosenkreuz, der Ausblick in Kosmos und Erden<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>dasein
-&mdash; &mdash; es war ihm, dem dankbaren Schler weimarischer
-Kultur, als wre etwas in ihm dort auf dem Montserrat ber
-Weimar und Wartburg hinausgewachsen.</p>
-
-<p>&#8222;Ah, Wallace! Ein ruhiger und besonnener Mensch! Wir
-knnten von den Englndern lernen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und sie von uns&#8221;, brummte Trotzendorff.</p>
-
-<p>&#8222;Wir waren&#8221;, setzte der Konsul hinzu, &#8222;dort in Mnchen viel
-mit Doktor Marx zusammen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Marx?!&#8221;</p>
-
-<p>Ingos Fuchs wurde unruhig und begann zu tnzeln.</p>
-
-<p>&#8222;Ebenfalls Mitglied&#8221;, bemerkte Bruck.</p>
-
-<p>&#8222;Der kleine Kommerzienrat?! Schallers Freund?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O nein, der nicht!&#8221; lachte der alte Herr. &#8222;Sein Bruder,
-ein stiller und sympathischer Gelehrter. Sie wissen ja, da ich die
-modernen Israeliten nach zwei Gesichtspunkten einteile: Spinozisten
-und Mammonisten. Dieser jngere Marx ist ungefhr das
-Gegenteil von jenem Mammonisten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na, auch ber diese Rasse drften unsre Ansichten auseinandergehen&#8221;,
-warf der Major herber.</p>
-
-<p>&#8222;Lt sich wohl denken&#8221;, versetzte Bruck. &#8222;Aber mit preuischem
-Kommando wird auch hier nichts entknotet werden.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo suchte zu vermitteln.</p>
-
-<p>&#8222;Ich frchte manchmal, da unser allzu laut gewordenes
-Deutschland durch Demtigungen hindurch mu, um sich wieder
-auf seine stille europische Aufgabe zu besinnen. Es ist etwas Nervses
-und berreiztes in dieser ganzen Zivilisation. Und nun willst
-du mich auf die Wartburg schleppen, Richard, willst mich dem
-hchsten Reprsentanten dieser modern-deutschen Entwicklung vorstellen
-und in dieses jetzige Getriebe einfangen &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich zhle sogar bestimmt darauf, lieber Ingo! &#8218;Der Mann
-mu hinaus ins feindliche Leben&#8217; &mdash; sagt Schiller.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Er sagt aber auch, lieber Richard: &#8218;In des Herzens heilig
-stille Rume mut du fliehen aus des Lebens Drang&#8217;!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Unsinn! Er sagt aber auch: &#8218;Rastlos vorwrts mut du<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span>
-streben, nie ermdet stille stehen&#8217; &mdash; das hat mir mein alter Oberst
-unter sein Bild geschrieben.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Schon recht! Er sagt aber auch: &#8218;In die Tiefe mut du
-steigen, soll sich dir das Wesen zeigen&#8217;.&#8221;</p>
-
-<p>Die drei Reiter lachten ber dieses schlagfertige Tennisspiel
-mit Schillerworten.</p>
-
-<p>Der Soldat Trotzendorff war noch nicht geneigt, Frieden zu
-schlieen, obwohl das Schiller-Gelnde seiner Generalstabskarte
-ziemlich drftig skizziert war.</p>
-
-<p>&#8222;Auerdem hat Schiller gesagt&#8221;, rief er schneidig: &#8222;&#8218;Wer immer
-strebend sich bemht&#8217; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Halt, Bataillon! Das sagt nun allerdings Goethe!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und fgt hinzu&#8221;, half Bruck: &#8222;&#8218;den knnen wir erlsen&#8217; &mdash;
-<em class="gesperrt">wir</em>! Nmlich die ewigen Schicksalsmchte, Herr Major!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mystik, meine Herren! Sie wissen, da pfeif' ich nicht mit!
-Ich sage nur so viel: Der Deuwel hole die Nation, die nur noch
-Halleluja singt und nicht mehr die Wacht am Rhein!&#8221;</p>
-
-<p>Sie brachen lachend ab. Bruck war taktvoller Weltmann genug,
-von seinen Geheimkammern nur dann eine Tr aufzuschlieen,
-wenn er einen Gralsucher in der Nhe witterte.</p>
-
-<p>&#8222;Herzensjunge,&#8221; schlo Trotzendorff in seiner frischen und freimtigen
-Art, &#8222;dein Philosophieren ntzt nun alles nichts. Auf die
-Wartburg sollst du mir doch &mdash; und wenn ich dich auf einem Wartburg-Esel
-eigenhndig ans Burgtor fhren mu!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun, ich hoffe wieder heil herunterzukommen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Jawohl, einen Orden im Knopfloch und einen Hoftitel in
-der Tasche! Ein gemachter Mann, auf den ganz Deutschland schaut!&#8221;</p>
-
-<p>Der Konsul hielt sein Pferd an. Er hatte, bei aller groartigen
-Seelenruhe, ein natrliches Gesprchstalent: ging mit Aufmerksamkeit
-auf einen Gegenstand ein, lie hflich, aber schlagfertig
-eines Gegners Einwand an sich herankommen und trachtete
-zuletzt nach Abrundung. Um diese war es ihm auch jetzt zu tun.
-Er reichte dem Major mit einem reizenden Muskelspiel seines
-verwetterten Gesichtes die Hand.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span>
-
-&#8222;Lieber Herr Major, ich bekenne mich hiermit als geschlagen.
-Sie sind doch von uns dreien der grte Idealist!&#8221;</p>
-
-<p class="center p1"><br />
-</p>
-
-<p>... In Ingo spannen die Gedanken weiter. Er liebte beide
-brave Deutsche rechts und links; und doch sprte er, da er mit
-einem wesentlichen Teil seines Herzens zur stilleren Partei gehre:
-zu dem Gefhrten vom Gralsberg.</p>
-
-<p>Und er sah in pltzlicher Fernschau seinen eigenen Park der
-Zukunft, belebt von Steinbildern groer Mnner, verschnt durch
-goldene Sprche der Poesie und Weisheit. Die Mglichkeit, als
-Gutsbesitzer an der Scholle haften zu mssen, erschien dem Weltwanderer
-nicht mehr schreckhaft, vielmehr in neuem und schnem
-Lichte. Die weie Tempelsule auf dem Sonnenhgel, wo er am
-Rande Europas bei unreifen Mdchen Schnheit gesucht hatte,
-sah er aufgerichtet mitten in einem deutschen Park. &#8222;Auch die Scholle
-lt sich weihen, auch die Enge zur Welt erweitern. Wenn nur &mdash;
-wenn nur lebendige Liebe erwrmend und verschnend mithilft &mdash;
-lebendige Liebe!&#8221; Jetzt trat seine knftige Freifrau aus dem Herrenhause,
-von der Dogge begleitet, schritt durch den anmutvoll belebten
-Park und trug etwas von dem Reichtum ihrer Welt hinab zu
-Kranken des Dorfes ...</p>
-
-<p>&#8222;Was trumst du, Ingo?&#8221; fragte Richard.</p>
-
-<p>&#8222;Was ich trume?&#8221;</p>
-
-<p>Ingo sah sich erwachend um. Die Parklandschaft von Tiefurt
-lag vor ihnen ausgebreitet. Der Spieltrieb schpferischer Geister
-hatte einst diesem ganzen weimarischen Gebiet Frohsinn aufgeprgt.</p>
-
-<p>&#8222;Ich trume davon, wie dieses weltberhmte Weimar uerlich
-so klein ist und hat doch im kleinsten Punkte die hchste Kraft
-gesammelt. Ich trume davon, da auch das Herz nur ein kleiner
-Punkt ist: aber der Mittelpunkt des Menschen.&#8221;</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 100px;">
-<img src="images/p185_deco.png" width="100" height="76" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p186_deco.png" width="600" height="48" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Zehntes Kapitel</small><br />
-
-<big>Kaisergesprch auf der Wartburg</big></h3>
-
-<div class="cite">
-<p class="noindent">
-Eins nach auen, schwertgewaltig<br />
-Um ein hoch Panier geschart,<br />
-Innen reich und vielgestaltig,<br />
-Jeder Stamm nach seiner Art!</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Geibel</span>
-</p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p186_cap.png" alt="D" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">D</span>
-ie Fahnen der festlichen Stadt Eisenach und der Wartburg
-hingen ohne die mindeste Bewegung schlaff an
-den Stangen herab.</p>
-
-<p>Die Luft war schwl und schwer. In abenteuerlicher Frbung
-stand der dunstig heie, einem Gewitter entgegenbangende
-Sommertag. Die westlichen und nrdlichen Horizonte drohten
-blauschwarz herber. Von der Rhn her funkelte Wetterleuchten;
-ein zweites Wetter ballte sich ber der goldenen Aue.</p>
-
-<p>Waren rings auf phantastischen Wolkenbergen Batterien aufgefahren?</p>
-
-<p>Bedrohten sie die Wartburg, den Herzpunkt deutschen Geistes?</p>
-
-<p>Malte sich in den Lften ein Zukunftskrieg um die besten
-Gter der Nation?</p>
-
-<p>Major von Trotzendorff sah schwarz genug in die Zukunft.
-Aber der heutige Tag war fr ihn ein Festtag. Denn er hatte
-es durchgesetzt: sein Freund, der unsehafte Weltfahrer, stellte sich
-zu einer hfischen Audienz!</p>
-
-<p>&#8222;Was schwebt dir denn eigentlich dabei vor, mein alter Freund
-und Gnner?&#8221; hatte der Spielmann gutmtig gefragt.</p>
-
-<p>Und den krftigen Schnurrbart mit zwei Brstchen bearbeitend,
-hatte der Major vielsagend geantwortet:</p>
-
-<p>&#8222;Na, mein Junge, das wird sich schon alles finden. Ich
-denke, gewissen Hoftheatern wird eine geistige Auffrischung nicht
-schaden. Was?&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span>
-
-Ingo stand am Fenster des Hotels in Eisenach, wo er abzusteigen
-pflegte. Hier, in diesem nmlichen Zimmer, hatte er vor
-fnf Jahren gewohnt, als er mit Elisabeth und ihrer Mutter einige
-Tage in der Wartburgstadt weilte. Es waren noch Tage der Liebe
-gewesen, einer vornehm verschwiegenen Liebe. Inzwischen hatte
-ihn unklare Sehnsucht durch die Lande gerissen; inzwischen hatte
-er in rascher Folge England und Italien, dann Riviera, Lourdes,
-Montserrat, Genfer See erlebt und war nun auf dem Wege zur
-Selbstbesinnung.</p>
-
-<p>Er hatte drei Briefe in der Tasche: von Elisabeth, von Frau
-Friederike, von Schaller, der ihn kurz und launig zur Hochzeit
-einlud.</p>
-
-<p>Am leidenschaftlichsten und tiefsten empfunden war der Brief
-seiner Elisabeth. Sie ging mit kurzer und stolzer Wendung ber
-Leroux hinweg; sie erzhlte ihren Besuch bei der Kranken in Mnchen,
-die jetzt wieder am Fenster sa; sie bat ihn, nie an ihrer einzigen,
-ersten und letzten Liebe zu zweifeln. Und sie, die sprde,
-bat um seine genaue Adresse; sie werde sofort zu ihm reisen und
-Auge in Auge Schmerz und Mitrauen zerstreuen, denen er ohne
-ihre Schuld zum Opfer gefallen.</p>
-
-<p>In ungewohnter ernster Krze schrieb Frau Friederike:</p>
-
-<p>&#8222;Es ist Zeit, lieber Ingo, da wir alle unsren festen Platz
-whlen. Ich habe ein Vorgefhl, wenn ich Richards Briefe richtig
-deute, als ob unsrem ganzen Europa eine Titanic-Katastrophe
-bevorstehe. Da fllt alles Schwrmerische und Unechte ab, und
-es bleibt bestehen Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich
-Gte und Treue ist. La uns zusammenhalten wie bisher, lieber
-Freund, aber Elisabeth soll mit in unsrem Bunde sein. Messe Dir
-Dein Land ab, richte Dein Haus ein, Deine Lehr- und Wanderjahre
-sind vorber. Und bleib gut Deinem Kameraden Friedel!&#8221;</p>
-
-<p>Ingo schaute in die fahlen Horizonte, in die Heerscharen, die
-dort um Deutschland gelagert schienen.</p>
-
-<p>Dann wandte sich sein Blick zu dem ppig-starken Baum- und
-Graswuchs, der von allen Seiten Hainstein und Wartburg in<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span>
-schimmernder Schnheit umgrnt. Wie weich und voll die Wipfel,
-wie anschmiegsam die Wiesen, und schlank darber der Bergfried
-mit dem Kreuz!</p>
-
-<p>Die Fenster des Pallas mit den edelgeschwungenen romanischen
-Bogen standen offen. Die Burg war jetzt gefllt mit Uniformen
-und hohen Zivilisten. In jenem Mittelbau dort, vor dem
-Sngersaal, waren die schn getfelten, behaglich-vornehmen Gemcher
-des Kaisers und des Groherzogs belebt. Unter den geladenen
-Gsten wandelte mit dem weimarischen Burgherrn Seine
-Majestt der deutsche Kaiser.</p>
-
-<p>Major von Trotzendorff, ganz Uniform und geschwellte Mannesbrust,
-holte den Freund ab.</p>
-
-<p>Eine halbe Stunde spter bewegten sie sich selber im Farbenspiel
-des festlichen Gewimmels.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Im zweiten Burghof, wo Waldgrn die Farbe der Landschaft
-bestimmt, stand alles im Zeichen der Jagd. Fast jedermann
-trug Weidmannsuniform. Der Verkehrston war bei aller Gehaltenheit
-ungezwungen, wenn auch gedmpft durch die lstige
-Gewitterschwle.</p>
-
-<p>Baron von Stein-Waldeck kannte einige von diesen Hofleuten.
-Als erster schttelte ihm sein alter Freund, der schlanke und
-hagere Oberburghauptmann mit dem meist etwas ironischen Weltmannsgesicht,
-die Hand. Eine weimarische Exzellenz stand in der
-Nhe, an Gestalt und Schnurrbrtchen dem verstorbenen Karl
-Alexander nicht unhnlich. Dann sah man den deutschen Kaiser
-neben des Groherzogs gedrungener Gestalt zwanglos im inneren
-Hofe plaudernd wandeln, auch sie beide in der prchtig sitzenden
-Gewandung der Jagd.</p>
-
-<p>Was mgen die beiden hohen Herren plaudern?</p>
-
-<p>Ingo wurde aufmerksam.</p>
-
-<p>Er schenkte den brigen Gruppen nur wenig Beachtung, sondern
-beobachtete unauffllig die beiden Frsten, in deren Nhe
-sich der schlanke Coburger mit einigen Jgern scherzend unterhielt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span>
-
-Ingo hatte Freude an dem malerischen Bilde. Er war keine
-unsoldatische Natur; ein Kaisermanver, das er seinerzeit mitgemacht,
-hatte er mit der leidenschaftlichen Teilnahme eines Strategen
-verfolgt, zh und stramm auf seinem Artillerie-Pferd allen
-Strapazen gewachsen. Der Verfasser des &#8222;Heroismus&#8221; hatte
-Instinkt fr Mnnlichkeit.</p>
-
-<p>Die Frsten schauten nach den nahenden Gewittern; sie
-mochten ber Jagd und Wetter gleichgltige Worte wechseln. Vielleicht
-aber quollen auch tiefere Gedanken aus des Kaisers Seelengrnden
-empor und verlangten Aussprache und durch Aussprache
-Klrung und nach der Klrung tatkrftige berwindung? ...</p>
-
-<p>Des Spielmanns Phantasie begann zu arbeiten. Er sah vor
-sich Pallas, Dirnitz und Bergfried aufragen; er empfand heimatlich
-nahe die Hgelungen der thringischen Tannenberge. Landgraf
-Hermann der Freigebige war wiedergeboren: er lustwandelte
-dort im Hof als deutscher Kaiser. Ingo selber fhlte sich als Walther
-von der Vogelweide; vaterlndische Treue und dichterisches Empfinden
-klangen in ihm zusammen; wie jener Walther zog auch er
-ohne Lehen durch die offene Welt. Und seine Phantasie hrte
-den Kaiser sprechen ...</p>
-
-<p>Der Kaiser &mdash; so sann er &mdash; knpft in seiner Unterhaltung
-vielleicht an sein bevorstehendes Regierungsjubilum an. Er sieht
-sich rckschauend auf den Bnken des Casseler Gymnasiums, wo
-er durch gewissenhaften Flei Achtung und Liebe seiner Lehrer
-erringt; er verlebt zwei unvergeliche Jahre als Borusse; er
-empfngt als Soldat in jeder Waffe eine grndliche Ausbildung;
-er tritt als Oberster des Leibhusaren-Regiments der ppigkeit im
-Offizierskorps entgegen; er gibt als Familienvater an der Seite
-einer edelgestimmten Hausherrin das beste Beispiel strenger Pflichterfllung
-und harter, einfacher Lebensweise; er sucht als Kaiser
-durch warmherzige soziale Frsorge und durch Betonung der sittlichen
-und religisen Fundamente des Volkstums gesunde Verhltnisse
-zu schaffen; die Marine empfngt durch ihn einen ungemeinen
-Ansporn, denn er hat von der Mutter her &#8222;Seeblut&#8221; in<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span>
-den Adern; ein spannkrftiges, schlagfertiges Heer soll seinem Volke
-vor allem den Frieden erhalten, den Platz an der Sonne &mdash; &mdash;
-so schaute Ingo, der Sohn aus knigstreuem, altem Adelshause,
-auf das Leben des Monarchen, der hier in seiner unmittelbaren
-Nhe stand.</p>
-
-<p>Und sprach der Kaiser in seiner raschen, elastischen Weise
-vielleicht Folgendes?</p>
-
-<p>&#8222;Wir sind in besondrer Zeit. Die Vlker sind durch die Schwingungen
-eines ungeahnten Weltverkehrs wie nie zuvor miteinander
-in Fhlung und Reibung gekommen. Da ist Gefahr fr das Ererbte.
-Das Alte scheint in diesem Andrang von heftigen Gegenwartseindrcken
-minderwertig &mdash; die Seele berhaupt. Nicht wahr:
-was ist denn etwa einem amerikanischen Geldfrsten die ruhmreiche
-Geschichte dieser Wartburg? Sie ist Duft und Hhendunst
-im Vergleich zu den soliden Massen und Mastben seines lauten
-Neu-Amerika. In welchem Grenverhltnis mag ihm ein Thringer
-Landgraf erscheinen im Vergleich zu den Millionren des
-Pelzhandels oder der Goldminen, der Kartelle, Reedereien, Lloyds?
-Ich habe meine Vorliebe fr Amerikas energischen Pulsschlag bekundet.
-Ganz gewi! ich liebe Tatkraft, aber ich bin bedenklich
-wider die selbstbewute Diesseitigkeit jener Zivilisation. Uns Deutschen
-fehlt es wahrlich ebensowenig wie jenen an zugreifender
-Kraft; das hat schon unsre Hansa samt Reichsstdten und das
-haben die Staufen- und Sachsenkaiser glnzend bewiesen, und das
-beweisen wir heute abermals auf allen Gebieten, vom Lloyd bis
-zum Zeppelin, Gott sei Dank! Aber wir haben noch eine andere,
-eine feinere, eine tiefere Mission; wir haben den bedeutenden
-Errungenschaften der Gegenwart die bedeutendste hinzuzufgen:
-wir haben die neugestaltete Gegenwart zu <em class="gesperrt">beseelen</em>. Das ist
-es, was ich auf hufigen Reisen suche und noch nicht finde. Wir
-mssen, wie wir unsre eisernen Kriegsschiffe mit gepanzerter Faust
-hinaussenden, auch die weien Tauben des Glaubens an das Gttliche
-im Menschen ber die verarmte Erde ausfliegen lassen. Manchem
-tchtigen Manne zu Weimar und auf der Wartburg hat Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span>
-die Fahnenstange des Idealismus in die Hand gedrckt. So soll's
-bleiben. Das Schwert werden wir geschliffen behalten; die irdischen
-Verhltnisse zwingen uns dazu. Beides miteinander zu verschwistern:
-weltweite Horizonte und Kraft der inneren Beseelung,
-modernes Bewutsein und historische Ehrfurcht, Tatkraft und Gemt,
-wissenschaftliche Unbefangenheit und religise Tiefe &mdash; sieh,
-darin erkenn' ich meine kaiserliche Aufgabe. Das scheint mir die
-Aufgabe der Zeit.&#8221;</p>
-
-<p>Der Groherzog fhlte vielleicht &mdash; so phantasierte Ingo
-weiter &mdash; da der Kaiser nur zu einem ungewhnlichen Monolog,
-zu einer Herzenserleichterung groen Stils diese Stunde gewnscht
-hatte. Der junge Frst beschrnkte sich daher wohl auf leise und
-leichte Bemerkungen ber Dinge der nahen Auenwelt. Der
-Monarch ging darauf ein, wie um auszuruhen und seine fernschweifenden
-Gedanken in die Nhe zurckzurufen. Bald aber
-versandete dieses Zwischengesprch. Und der Groherzog schaute
-stumm, die Hnde auf dem Rcken, ber den wildreichen Wald
-hin, in welchem er so gern seiner Lieblingsbeschftigung oblag.</p>
-
-<p>Der Kaiser mochte, kraft jenes Fluidums, das sich zwischen
-zwei Sprechenden nach und nach auszubilden pflegt, den stillen
-Wunsch des frstlichen Weidmannes erraten.</p>
-
-<p>Und in Ingos Phantasie fuhr er fort:</p>
-
-<p>&#8222;Auch ich kenne kein frischeres Vergngen, abgesehen von einer
-Segelregatta, als in der Rominter Heide vom Jagdwagen ins
-taunasse Heidekraut zu springen oder im &#8218;Hiligen Forst&#8217; der Westmark
-einem balzenden Auerhahn sprungweis auf den Leib zu
-rcken. Herzhafter Kampf! Ich hab' in meinem Jgerdasein mehr
-als siebzigtausend Stck aller Arten von Wild geschossen; und es
-mag manchem vorkommen, als wre das der Weidmannslust fast
-zu viel. Aber ich arbeite rasch und stark und brauche rasche, starke
-Entspannung. Man mte freilich ein Genie sein, um alles vom
-Kern aus zu berschauen: ein Genie der Sammlung ... Da steckt
-vielleicht das Geheimnis dessen, was wir brauchen ... Sammlung,
-Verinnerlichung ... Wir verlieren uns zu sehr ins Detail; wir<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span>
-mssen in der auflsenden Zweifelsucht der Gegenwart erst wieder
-den Zentralpunkt finden und von dort aus neue Ideale schaffen,
-ohne Untreue gegen die alten. Schweres Werk! Und von uns
-Zeitgenossen ungelst. Wahrlich, eine Massenattacke mit Kavallerie
-zu reiten, ist leichter. Und wie macht man mir mein Amt schwer!
-Wie untergrbt man Ehrfurcht und Autoritt! Wie nrgelt man
-an meinen gradaus und ehrlich gegebenen Anregungen herum! ...
-Hier ist meine tiefste Sorge: nicht nur Meine Autoritt, nein, Autoritt
-berhaupt gilt diesem aufgeregten, unstet-nervsen Geschlecht
-als ein unmodernes Gefhl. Adel jeder Art ist hart in Bedrngnis.&#8221;</p>
-
-<p>Der Kaiser schritt lebhaft ein paar Schritte hin und her. Das
-ungeheure Gewlk verdichtete sich in blauschwarze Ballen. Ein
-ferner Donner rollte; ein Wind lief ihm voraus.</p>
-
-<p>&#8222;Manchen treuen Willen erkenn' ich. Aber auch mein Brgertum
-ist zu wenig grozgig. Sie sperren sich in zopfige Parteiworte
-ein. Macht weit und unbefangen eure Herzen und Kpfe!
-Einigt euch zu groem Kulturbegriff, positiv gestimmte Mnner
-und Frauen jeder Konfession und Partei! Es gilt einen Kampf
-um Deutschlands innerstes, heiligstes Gemt ... Ich bin mit Bewutsein
-evangelischer Kaiser; aber ich habe fr warmherzig religise
-und gut deutsche Katholiken denselben Handschlag bereit. Es
-mu in die dumpfe, zaghafte Religiositt berhaupt mehr durchwrmender
-Lebensodem kommen.&#8221;</p>
-
-<p>In voller Gemtsbewegung schritt der Kaiser auf den hallenden
-Steinen hin und her und brach dann pltzlich ab. Er nahm
-des Groherzogs Hand.</p>
-
-<p>&#8222;Du weit, ich stehe gern auf unsren schwimmenden Burgen,
-den Kriegsschiffen, und halte Schiffsgottesdienst. Nun wohl, betrachte
-diese programmatische Aussprache als einen Gottesdienst
-auf deiner Landburg, deren Kapitn und Kommandant du bist.
-Nimm meine Worte als den Grundri eines Regierungsprogramms.
-Gott helfe uns! Deutschland hat Feinde innen und auen.&#8221; ...</p>
-
-<p>So malte sich Ingo des Kaisers Unterhaltung aus. Er empfand
-Zuneigung zu diesem Herrscher, dem das parlamentarische<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span>
-Geznk entschieden Unrecht tat, den es nicht schlichtmenschlich genug
-beurteilte, dessen bereilungsfehler eng verwachsen waren mit
-seinem hilfsbereiten Naturell, mit seinen lebendigen Tugenden und
-Krften ...</p>
-
-<p>&#8222;Wenn ich selber mit ihm spreche&#8221; &mdash; &mdash; &mdash;</p>
-
-<p class="center p1"><br /></p>
-
-<p>Jetzt wurde der phantasierende Spielmann, der zwischen belanglosem
-Geplauder gestanden hatte, unterbrochen. Mchtige Ste
-des Gewitterwindes scheuchten die gesamten Gruppen der Hofgesellschaft
-in das Innere des Gebudes ...</p>
-
-<p>Sie schritten jene Steintreppe hinan, ber die einst der Snger
-Heinrich von Ofterdingen, unterlegen im Sngerkrieg, knirschend
-davongegangen war ... Dampfte nicht noch der Hof von der
-derben Zecherlust des niedren Volkes, whrend drin im Wortekampf
-adlige Harfe wider Harfe klang, ein Turnier des Geistes?
-Ja, damals Spielmann zu sein! Da war alles Worteprgen noch
-von urwchsiger, gebrunter Kraft, denn die Snger waren Freiluftmenschen,
-Hhenwanderer von Burg zu Burg, umpfiffen vom
-Waldwind! ... Wie hatte sich Ingo, der thringische Freiherr,
-in jenes Staufenzeitalter eingelebt, in den Minnesang, in die Gralsage,
-in die Geschichte der Troubadours! Er selber war einst auf
-dem Rennstieg mit seinem Knecht geritten, hatte gestern vor
-schnen Frauen auf der Burg gesungen, ehegestern unter einer
-Dorflinde bei drperlichem Tanz zur Laute gespielt, hingerissen
-vom wilden Hoppaldei und Troialdei &mdash; und war dann wieder
-im einsamen Wald unter Tannenzapfen und Eichhrnchen weitergezogen,
-um in irgendeiner rauchigen Gebirgsschenke zu bernachten
-...</p>
-
-<p>Das ging dem Spielmann grozgig durch Herz und Kopf.
-Und jetzt trat der Generalintendant der Kniglichen Schauspiele
-heran. Trotzendorffs groe Stunde war gekommen: noch nicht der
-Monarch selber, aber dieser hohe Beamte und Hofmann wnschte
-durch den Major nunmehr den Baron und Schriftsteller Ingo
-von Stein-Waldeck kennen zu lernen.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p>
-
-<p>Auch diese Vorstellung vollzog sich in bequemen und unbefangenen
-Gesellschaftsformen, gleichsam nebenbei und zufllig.
-Doch hatte Ingo die fatale Empfindung, da er auf seine etwaige
-Verwendbarkeit hin ausgehorcht werden sollte; und das go dem
-freien Wandersmann ein paar Tropfen Ironie in seine Antworten.</p>
-
-<p>&#8222;Sie haben ja wohl einmal ein Drama geschrieben, mein
-lieber Herr Baron? Nun, das ist ja in jungen Jahren eine &mdash; wie
-soll man sich da ausdrcken &mdash; nicht ganz ungewhnliche geistige
-bung des gebildeten Deutschen. Nicht wahr? brigens, man
-sprach bei Hofe von Ihrem Buch ber Friedrich den Groen.
-Sagen Sie mir einmal, wie ist denn das nun eigentlich? ber
-Ihre dramatische Ttigkeit mte mir doch seinerzeit berichtet
-worden sein, wenn Sie das Stck bei uns eingereicht haben?&#8221;</p>
-
-<p>Der Generalintendant war eine stattliche und angenehme Erscheinung
-von liebenswrdigen Umgangsformen. Er war den Hofton
-gewhnt und zugleich die Gebrde des Theaters; aus seiner
-Stimme klang edle Leutseligkeit; was er anfate, wurde in seinen
-Hnden wichtig und wrdig, auch wenn es fr die deutsche oder
-europische Kunst von keinerlei Bedeutung war, sondern nur den
-Wert einer hfischen Unterhaltung hatte.</p>
-
-<p>&#8222;Jawohl, Exzellenz, ich hatte einmal die Schwche, ein Drama
-einzureichen, aber nicht unter meinem Namen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nicht unter Ihrem Namen? Aber ich bitte Sie, mein lieber
-Baron, wozu denn dieses gnzlich berflssige Versteckspiel?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich wollte mein Werk durch sich selber wirken lassen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und Sie haben es uns vorgelegt? Aber ich entsinne mich
-doch nicht, da Ihr Name &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Der Deckname war Franz Sturmegg.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja so, richtig! Also Sturmegg! Hm! Sturmegg?&#8221;</p>
-
-<p>Der Intendant fuhr mit sinnender Gebrde ber eine nicht
-unbedeutende Stirne; er war ein gut reprsentierender Mann.</p>
-
-<p>&#8222;Die Sache ist lngst erledigt, Exzellenz. Es war fr mich
-eine heilsame Lehre, den Bhnendichtern nicht mehr ins Handwerk
-zu pfuschen.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span></p>
-
-<p>Exzellenz erkundigte sich, immer die Hand in huldvollem Nachdenken
-an der Stirn, nach Titel und Inhalt.</p>
-
-<p>&#8222;Richtig! So etwas mag mir ja wohl einmal, ich glaube sogar
-mit einer Empfehlung unsres wackren Wildenbruch, durch die
-Hnde gegangen sein. Aber &mdash; ja, ja &mdash; ein sehr undankbarer Stoff!
-Sehr undankbar, wirklich! Und bei der &mdash; nicht wahr &mdash; bei der ungeheuren
-Flle von knstlerischer Arbeit, die unsere Kniglichen
-Bhnen zu bewltigen haben &mdash; &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich reiste sogar&#8221;, fuhr Ingo fort, &#8222;nach brieflicher Anmeldung
-selber nach Berlin. Aber ich bin telephonisch von irgendeinem Beamten
-wieder nach Hause geschickt worden, ohne zur Audienz zu
-gelangen.&#8221;</p>
-
-<p>Stein lachte selber ber diese berwundene Epoche. Der Intendant
-war ein klein wenig betreten, beugte sich jedoch mit liebenswrdigstem
-Lcheln zu dem Baron hinber:</p>
-
-<p>&#8222;Aber als Sturmegg, nicht als Baron Stein?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nur als Sturmegg, Exzellenz!&#8221;</p>
-
-<p>Stein-Sturmegg verbeugte sich. Es zuckte unverhohlenes Lachen
-um seine Mundwinkel; er nahm diese Dinge nicht mehr ernst.</p>
-
-<p>Der Generalintendant der Kniglichen Schauspiele verbreitete
-sich in fein gewhlten Worten ber die fabelhaften Aufgaben, die
-von den Kniglichen Theatern jhrlich geleistet werden, um inmitten
-der internationalen Zersetzung wahrhaft hohe Kunst durchzufhren
-und vornehme deutsche Talente zu entdecken und hochzubringen.
-Dann empfahl er dem Spielmann mit entschiedenem
-Wohlwollen Stoffe aus der Geschichte der Befreiungskriege oder
-der Hohenzollern; und whrend er mit Geschick plauderte, suchten
-seine Augen in der Umgebung, auf wen er die Fortsetzung des
-allmhlich unbequemen Gesprches abschieben knnte; er winkte
-einen schriftstellernden Major a. D. heran, den er dem Spielmann
-vorstellte und als Vorbild empfahl, worauf er sich selber zurckzog,
-offenbar von Ingos freimtiger und ironischer Tonart nicht
-gar angenehm berhrt.</p>
-
-<p>Am Gesprch ber Literatur beteiligten sich einige Herren<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span>
-mit modern gestutzten Haaren auf den Oberlippen, so da sie in
-dieser Zahnbrstchenform der Schnurrbrtchen auffallend einander
-glichen. Man sprach ber die betrchtlichen Kosten einer Meyerbeer-Auffhrung
-an der Kniglichen Oper, ber die nicht minder
-bedeutenden Kosten eines assyrischen Ballets, ber reizende Lustspiele
-wie &#8222;Husarenfieber&#8221; und &#8222;Wieselchen&#8221; &mdash; oder war es &#8222;Lieselchen&#8221;?
-Der beschmte Troubadour kannte nicht einmal die Namen.</p>
-
-<p>Dann ging man zu einem Gebiet ber, auf dem man sich
-sicherer fhlte: zu Einzelheiten der Jagd; ghnte auch verstohlen
-und sphte auf die Uhr, ob denn wohl endlich das Festmahl beginnen
-mochte. Kurz, es war zu irgendwelcher geistigen Vertiefung
-weder Ort noch Anla. Und der Freiherr suchte vergeblich
-eine Einbruchsstelle, wo er mit Kanonen oder Kavallerie des
-Geistes htte wirken knnen.</p>
-
-<p>Jetzt kam der Augenblick, wo der Freiherr von Stein, vom
-Oberburghauptmann vorgestellt, den festen Hndedruck seines
-Kaisers sprte und ihm in Audienz gegenberstand.</p>
-
-<p>Trotzendorff strahlte.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Im Zimmer seines Gasthofes schritt Ingo wieder auf und ab,
-in leichter grauer Litewka, wie er sie im Hause zu tragen pflegte.</p>
-
-<p>ber Thringen donnerte noch immer das Gewitter. In
-Wasserfluten schien Deutschland zu ertrinken. Man sah die Wartburg
-nicht mehr. Von West und Nord und Ost krachten die flammenden
-Fluten.</p>
-
-<p>Automobile sausten im Unwetter nach der Bahn; die Wartburg
-hatte sich rasch geleert; es war eine Flucht, ein zersprengtes
-Heer.</p>
-
-<p>Im stillen Zimmer schritt Ingo auf und ab. Er hatte sich unbeachtet
-nach der Tafel zurckgezogen; ihm war leicht, frei und
-heiter zumute. Die letzte Versuchung lag hinter ihm.</p>
-
-<p>Da hielt ein ratterndes Auto vor dem Hotel: Major von
-Trotzendorff strmte herauf.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Junge, wie war's? Mach' schnell, ich mu nach der Bahn!
-Wie war's? Hab' dich ja gar nicht mehr erwischen knnen, war unausgesetzt
-in Anspruch genommen!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Treuer, unermdlicher Richard, vor allen Dingen Dank!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Unsinn! Sag', voran, wie war's da oben, alter Freund?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun, was soll denn da oben Besondres gewesen sein?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was sagte der hohe Herr? Raus mit der Sprache! Ich hab'
-keine Zeit, das Auto wartet mit zwei Herren vom Hofe!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber das lt sich doch so in der Geschwindigkeit &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Na so mach' doch, guter Junge! Was sagte Seine Majestt
-zu deinem Buch?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hat ihm famos gefallen, es sei gar nicht konventionell.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Siehst du?! Ausgezeichnet! Was weiter?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, was denn weiter?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber, Junge, so erzhl' doch!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was denn, liebster Richard, was denn?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber, Mensch, zum Donnerwetter, euer Gesprch! Die
-Ideen, die du entwickeln wolltest &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Welche Ideen?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hast du mir nicht hundertmal auseinandergesetzt, was du tun
-wrdest, wenn du der Kaiser wrst oder sonstwie von Einflu auf
-den Zeitgeist &mdash;?!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, da hast du allerdings recht! Aber &mdash;&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was denn aber? Du machst mich wild! Jetzt <em class="gesperrt">hast</em> du mit
-dem Kaiser gesprochen, ich habe mit aller Mhe euch zwei zusammengebracht
-&mdash; und nun?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bester Richard, erst mu mich doch wohl Seine Majestt
-etwas fragen, eh' ich etwas antworten kann, nicht wahr?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Hat er dich denn nicht gefragt? Wie lange dauerte denn die
-Unterredung?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nun, mindestens zwei Minuten.&#8221;</p>
-
-<p>Das Auto drauen tutete ungeduldig; der Gewitterregen
-rasselte an die Fensterscheiben.</p>
-
-<p>&#8222;Hol' dich der Kuckuck, Junge! Entweder hab' ich zuviel ge<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>trunken
-bei Tafel &mdash; oder du bist nicht nchtern und willst mich
-frozzeln &mdash; oder &mdash; Kurz, ich erwarte dich morgen in Erfurt! Oder
-kommst du gleich mit?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;I, fllt mir nicht ein! Ich bleibe gemchlich hier in Eisenach.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Dann ade! Eines will ich dir sagen, du: ich hab' mich nun
-jahrelang auf diesen groen Tag gefreut. Wenn's dir nicht gelingt,
-Fu zu fassen &mdash; hol's der Deuwel, so reich' ich meinen Abschied
-ein und widme mich dem deutschen Volke und seinen zahllosen
-Vereinen. Gott befohlen &mdash; oder vielmehr: salz' dich ein, du Pechvogel!&#8221;</p>
-
-<p>Ingo begleitete den rgerlich Davonstrmenden an die Tre.</p>
-
-<p>&#8222;Richard, nun hr' einmal zu, nun will ich dir ein sehr ernstes
-Wort sagen! Ich habe seit geraumer Zeit mit dir und deiner
-Gattin, also mit meinen nchsten Freunden, in einem Kampf
-gestanden: in einem Kampf um Selbstndigkeit. Verstehst du?
-Mit Friedel war die Auseinandersetzung von besondrer Art; das
-haben wir schon in Lourdes abgetan. Nun merke auch du dir,
-mein Bester: in irgendwelchen hfischen oder staatlichen Mechanismus
-wirst du mich niemals einfangen! Niemals! Ich gehre
-nicht dahin. Das hab' ich heute da oben auf der Wartburg klar
-und deutlich erkannt &mdash; erkannt? Nein, erlebt!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber, Junge, hat man dich denn irgendwie unliebenswrdig
-behandelt?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Im Gegenteil! Ich werde immer mit Vergngen an diesen
-Tag zurckdenken.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Also &mdash;?! Du bist selber strammer Soldat gewesen: willst
-du es etwa dem hohen Herrn verargen, da er ganz besonders
-auf Jagd, Armee, Marine eingestellt ist?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wie sollt' ich denn! Es wird in Deutschland genug gekrittelt
-&mdash; sollt' ich mich auch noch zu den Nrglern und Hetzern
-gesellen?! Ich liebe und achte meinen Kaiser. Aber&#8221; &mdash;</p>
-
-<p>&#8222;Aber &mdash;?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber die Stimmung, die jetzt fr ein seelisches Deutschland
-herausgearbeitet werden mu, lt sich nur in der Stille gestalten.<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span>
-Wir mssen uns auf Arbeitsteilung einigen. Von innen heraus,
-Richard, von innen heraus mu die Erneuerung des Zeitgeistes
-versucht werden! Weder von oben noch von unten! Weder
-Csaren noch Demokraten knnen das Reich Gottes bauen. Denn
-sie haben es mit den Massen zu tun, nicht mit der Seele. Erneuerung
-von innen heraus!&#8221;</p>
-
-<p>Er sprach mit eindringlichem Ernst.</p>
-
-<p>Aber Trotzendorff lief zornig davon.</p>
-
-<p>&#8222;Noch eins, Richard!&#8221; rief ihm Ingo bers Treppengelnder
-nach. &#8222;Weit du, da der kleine Marx oben war &mdash; Kommerzienrat
-Marx?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bitte: Geheimrat Marx! Sehr beliebt! Gibt unmenschlich
-Geld fr groe Zwecke! Der fliegt rascher die Leiter hinauf als du
-deutscher Michel! Ade!&#8221;</p>
-
-<p>Und mit drhnenden Stiefeln war er fort.</p>
-
-<p>Und das Auto raste &mdash; und das Gewitter raste &mdash; und Ingo
-lag auf dem Diwan, hatte die Hnde hinter dem Kopf und starrte
-zur Decke empor.</p>
-
-<p>Er war ernst.</p>
-
-<p>Ja, er war ernst bis zur Schwermut.</p>
-
-<p>Diese Automobile waren davongefaucht und hatten den Spielmann
-Ingo von Stein als unverwendbar und berflssig irgendwo
-am Wege liegen lassen.</p>
-
-<p>Was hatte er denn eigentlich erwartet? Nichts. Doch hatte
-ihn Trotzendorff und dessen brave, aber unklare patriotische Romantik,
-Trotzendorff, der angebliche Tatsachenmensch, immerhin mit
-einer gewissen Erwartung angesteckt. Diese Erwartung hatte sich
-freilich rasch verflchtigt, sobald er einige Minuten die Hofluft
-selber, den Geist, den Duft, die Essenz dieser hfischen Welt auf
-sich hatte wirken lassen. Es war von dort zu seiner eigenen Welt
-der heiligen Stille keine Brcke zu finden.</p>
-
-<p>Man hatte in diesem bervollen Deutschland Leute genug,
-bergenug; man hatte Kenntnis und Kunst bergenug. Was wollte
-sich da noch ein einzelner Sonderling und Fremdling hinzudrngen?</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span></p>
-
-<p>&#8222;Ich bin durch Nordland und Riviera, durch Lourdes und
-Montserrat-Stimmung dankbar hindurchgegangen und nicht darin
-stecken geblieben&#8221;, sprach er zu sich selber. &#8222;Ich habe Friedel viel
-zu danken, bin Richard von Herzen gut und dem Sonderling Bruck
-zugetan. Warum find' ich denn nur nicht den Zugang zum Herzen
-dieser deutschen Gegenwart? Warum vergit das moderne Deutschland
-seine besondre europische Sendung? Warum geht es nicht
-mehr fhrend voran in jener durchgeistigten Gemtskraft, die man
-ehedem deutschen Idealismus genannt hat?&#8221;</p>
-
-<p>Aufspringend schaute Ingo durch nasse Fenster nach den verdsterten
-Umrissen der Wartburg empor. Wie lieb war ihm diese
-Geistesburg! Das Herz schwoll ihm vor Sehnsucht nach warmbltig
-mitpulsierendem Menschentum, nach Liebe all dieser Zeitgenossen,
-die heute schattenhaft und gleichgltig an ihm vorbeigewogt
-waren. So waren sie auch an seinen Bchern vorbergegangen;
-so gingen sie an seiner Person vorber; er war berflssig.</p>
-
-<p>Er sah im Geiste die ausgetretenen Steinfliesen der Vorderburg.
-Dort hatten sie in einer Mainacht Luther hereingefhrt und
-untergebracht. Wie kommt es, da mit den thringischen Frsten
-oder den Staufen groe Snger und der Name des deutschen Reformators
-untrennbar verbunden sind? Wie kommt es, da sich
-um die Hohenzollern keine geistesgroen Dichter gesammelt haben?
-Ist es ein Gesetz deutscher Arbeitsteilung, da Potsdam militrische
-Aufgaben zu lsen hat? Da sich aber das deutsche Weimar immer
-wieder abseits in der Stille als ein heiliger Hain erbauen mu?</p>
-
-<p>Diese Gedanken wurden in ihm angeregt durch eine harmlose
-Audienz, die tausend anderen Audienzen glich.</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 120px;">
-<img src="images/p200_deco.png" width="120" height="73" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p201_deco.png" width="600" height="48" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Elftes Kapitel</small><br />
-
-<big>Elisabeth</big></h3>
-
-<div class="cite">
-<p class="noindent">
-Auf einer Lilie zittern<br />
-Zwei Tropfen rein und rund,<br />
-Zerflieen in eins und rollen<br />
-Hinab in des Kelches Grund.</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Hebbel</span></p>
-</div>
-
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Eisenach</span>, den .......</p>
-<p class="center">
-Liebe Elisabeth!</p>
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p186_cap.png" alt="D" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">D</span>
-ein Brief hat mich hier in Eisenach gefunden, am Fue
-der Wartburg, wo sich gestern Wichtiges entschieden hat.
-Ich habe dem Drngen Trotzendorffs nachgegeben und
-mich zu einer kurzen und konventionellen Audienz gestellt. Die
-Sache ist abgetan. Nun wei und fhl' ich in scharfer Klarheit, wo
-ich fortan zu stehen habe: nicht im politischen, sondern im seelischen
-Deutschland.</p>
-
-<p>Dein Brief klingt in Es-Dur, meine Elisabeth: feierlich und
-tief. Es ist darin Bcklins Grundfarbe: ein heiliges Dunkelblau.
-Ich danke Dir innig dafr, Du Gute! Zum erstenmal etwas wie
-ein Klang des Verstndnisses, etwas wie ein Widerhall. Und das
-beseligt mich tief, denn ich bin unheimlich allein. Grade an Dir
-halte ich trotz alledem mit zher Beharrung fest, Du meine erste
-und hoffentlich letzte Liebe! Du bist ein Glockenton meiner Jugend,
-Du bist meine Jugend selber, Du se Gespielin von einst! Dich
-aus dem Herzen reien, heit ein Stck meines Herzens ausreien.
-Dich umarmend hab' ich dort Wald und Seele unsrer Heimat umarmt;
-in Deinen Kssen war Tannenduft; wenn ich den Namen
-Elisabeth ausspreche, so sehe ich blhende wilde Rosen und mitten
-darin ein ernstes Kreuz.</p>
-
-<p>Liebes Mdchen, ihr habt mich oft Spielmann genannt und
-mir sogar vorgeworfen, da ich mit dem Leben spiele. Ach, lat<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span>
-mir doch ein wenig Leicht-Sinn &mdash; nicht Leichtsinn &mdash;, lat mich
-doch das Leben als ein sinnvoll Reigenspiel anschauen, wunderlich
-verschlungen und doch im ganzen voller Harmonie und starkem,
-heitrem Rhythmus! Lat mich Spielmann bleiben im Unterschied
-von phantasielosem Philistertum! Nur der Freie kann und
-darf spielen; der Knecht front. Der Hasenfu wagt nicht das schne
-und khne Spiel mit dem Abenteuer des Lebens.</p>
-
-<p>Kind, das ist es ja, was ich Dir so oft verweisen mute: Du
-bist immer viel zu sehr Fronerin gewesen, Du Gehorsame, und
-viel zu wenig frei Schenkende. Du hast Deinen engen und ngstlichen
-Moralismus nicht durch den Rhythmus mutiger Selbstbestimmung
-zu berwinden gewut. Und so hab' ich mich zuletzt
-auch von Dir leidvoll zurckgezogen und mich abseits im heiligen
-Hain der groen Toten zu grerer Lebenserfassung herangebildet.
-Denn wahrlich waren und sind mir Offenbarungen der Weisheit
-und Schnheit unter allen Umstnden wichtiger als das kleinmenschliche
-Verweilen bei jedwedem krperlichen Mibehagen
-dumpfer unbedeutender Nebenmenschen, deren Sorglichkeiten Du so
-wichtig nimmst. Darum bin ich auch fr all die modernen Denkmalsfeiern
-oder hnliche uerlichkeiten des ffentlichen Lebens ebenso
-verloren wie fr die Spezial-Zerpflckungen unserer wissenschaftlichen
-Kleinkrmer. Und solange dieser unmelodische Alexandrinismus
-meiner Zeitgenossen andauert, solange sie nicht mit mir das
-Groe suchen, das Eine, was not ist, die Ideen und Urbilder &mdash;
-so lange gehe ich eben allein. Und solange Elisabeth in ngstlichkeiten
-und Schicklichkeiten stecken bleibt, statt zu dem Manne ihres
-Herzens zu fliegen und sich mit ihm in groe Geistes- und Herzenswelt
-emporzuheben &mdash; so lange gehe ich eben allein. Mein Fall
-ist kein Einzelfall: meine Not ist die Not der deutschen Seele.</p>
-
-<p>Weib, wenn Du doch etwas von der verhaltenen, hochgestauten
-Kraft sprtest, die sich in mir gesammelt hat, die oft ber die Rnder
-sprht und Freunde sucht, Spielkameraden, Wandergenossen
-nach der Gralsburg! Weib, sei khn! Weib, sei doch genial! Fhle
-doch, da die Liebe zu dem Einen, der Dich wiederliebt, wertvoller<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span>
-und wichtiger ist als alle Krankenschwesterlichkeit der Welt! Wie
-oft hab' ich Dich gerufen, Elisabeth, meine deutsche Seele, und Du
-bist nicht gekommen! Sondern Du bist stecken geblieben in den
-Kleinsorgen der Alltagsmenschen, in der schicklichen Ordnung, in
-der biedern Mittelmigkeit, Du Brave, Du Allzubrave!</p>
-
-<p>Siehst Du, Kind, und so vermag ich Deinem liebevollen und
-ungewhnlichen Briefe leider, leider, leider nicht mehr recht zu
-vertrauen. Zrne mir nicht, da ich Dir das ausspreche! Du hast
-mich zu oft allein gelassen.</p>
-
-<p>Wenn ich aber ungerecht bin, wenn ich vergesse, wie oft auch
-ich Dir wehgetan und Deine heilige Ruhe gestrt habe, Du frommes
-Wesen, sobald meine Ungeduld mit Deiner stillen und tiefen
-Geduld zusammengestoen: so vergib mir! Der tiefste Grund meines
-Wesens ist dennoch Liebe &mdash; Liebe zu allen guten Menschen
-und ganz besonders Liebe zu Dir, Du Beste der Guten. Und so
-nimm das Ungeduldige in diesen raschen Worten nicht bel: sie
-sind nur wie Wolken vor dem Mondlicht meiner Liebe.</p>
-
-<p>Gott behte Dich, gute Elisabeth!</p>
-
-<p class="right">
-Dein Ingo.<br />
-</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Am Tage nach dem Wartburggesprch schrieb Ingo diesen
-Brief in seinem Hotelzimmer.</p>
-
-<p>Die Stille des warmen und wolkigen Tages tat ihm wundersam
-wohl.</p>
-
-<p>Als er nun aber das Schreiben noch einmal durchlas, schttelte
-er den Kopf und legte den Brief in seine Schreibmappe.</p>
-
-<p>&#8222;Nein, das kann ich nicht absenden&#8221;, sprach er zu sich selber.
-&#8222;Das ist ja nur wieder der alte Ruf der Sehnsucht: Elisabeth, komm
-zu mir! Ich fahre ja genau da fort, wo ich vor drei bis vier Jahren
-abgebrochen habe. Ich wiederhole mich ja, das ist ja geschmacklos.
-Sind wir wirklich in diesem blutarmen, krnkelnden, unheroischen
-Liebesverhltnis nicht weitergekommen? Dann tut's mir leid. Ich
-werde Elisabeths Brief berhaupt nicht beantworten. Hier fruchten
-keine Briefe mehr.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span>
-
-Der Brief wurde nicht abgesandt.</p>
-
-<p>Er nahm seine Arbeit wieder auf.</p>
-
-<p>Seine Studien ber den Gral hatten ihn zu Goethes Gedicht
-&#8222;Die Geheimnisse&#8221; gefhrt. Hierbei, Goethes Dichtungen durchbltternd,
-war ihm zum Bewutsein gekommen, wie hufig der
-groe Dichter das Wander-Motiv behandelt und vergeistigt: von
-dem jugendlichen &#8222;Wandrers Sturmlied&#8221; bis zu den reifen &#8222;Wanderjahren&#8221;.
-Er beschlo, diese Linie zu verfolgen und mit dem Gralsuchen
-in Beziehung zu setzen. Eben las er das edelschne Gedicht
-vom Wanderer, der in Tempelruinen eine junge Frau findet, mit
-den weich hingleitenden Schluworten:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;O leite meinen Gang, Natur<br /></span>
-<span class="i0">Den Fremdlings-Reisetritt,<br /></span>
-<span class="i0">Den ber Grber<br /></span>
-<span class="i0">Heil'ger Vergangenheit<br /></span>
-<span class="i0">Ich wandle.<br /></span>
-<span class="i0">Leit' ihn zum Schutzort<br /></span>
-<span class="i0">Vorm Nord gedeckt,<br /></span>
-<span class="i0">Und wo dem Mittagsstrahle<br /></span>
-<span class="i0">Ein Pappelwldchen wehrt.<br /></span>
-<span class="i0">Und kehr' ich dann<br /></span>
-<span class="i0">Am Abend heim<br /></span>
-<span class="i0">Zur Htte,<br /></span>
-<span class="i0">Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl,<br /></span>
-<span class="i0">La mich empfangen solch ein Weib,<br /></span>
-<span class="i0">Den Knaben auf dem Arm!&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Er lie das Buch sinken.</p>
-
-<p>&#8222;Solch ein Weib ... den Knaben auf dem Arm!&#8221;</p>
-
-<p>Sieh an, auch hier ein Wanderer, ein Hgel, ein Weib &mdash; und
-in der Nhe ein Sulenpaar! Natur und Religion und Poesie
-in eins zusammengeblht! Tod und Leben in eins verschlungen:
-zerfallener Tempel und nhrende Frau, die selber ein Tempel ist,
-ein Meistergebilde der Natur und der Gottheit! Sind nicht wir
-Deutschen geboren ber Resten heiliger Vergangenheit? Da ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span>
-Geist auf uns ruhe und uns befruchte, Altes zu ehren und Neues
-zu schaffen und Gegenwart zu genieen wie dieses glckselig-gesunde
-Weib &mdash; eine Madonna mit dem Knaben auf dem Arm! &#8222;Das ist
-meine Htte,&#8221; sagt sie, &#8222;eines Tempels Trmmer!&#8221; Ja, ein Tempel,
-verwandelt in eine Htte der Liebe und des heiligen Lebens &mdash;
-eine Htte, entsprossen aus den heiligen Stimmungen eines Tempels!
-Welche sinnige Verschlingung! Hier ist immer wieder das
-Ziel!</p>
-
-<p>Ingo lief in seiner jugendstarken Gesundheit im Zimmer auf
-und ab. Er erlebte diese Zwiesprache mit dem Weib an der Tempelsule;
-er war selber dieser Wanderer. Seine Betrachtungsweise war
-niemals bllich, immer warmbltig; denn er durchglhte auch
-geistige Stoffe mit der Kraft persnlichen Erlebens, so da der
-Spielmann oft unsehaft vom Buch aufsprang und laut mit sich
-selber sprach.</p>
-
-<p>Wieder zum Buch zurckkehrend, schlug er aufs Geratewohl
-auf. Und &mdash; leiteten Geister vom Montserrat seine sinnvoll zugreifenden
-Finger? Er stie auf die Randnoten, die Goethe selber
-zu seinem bedeutsamen Gedicht &#8222;Die Geheimnisse&#8221; niedergeschrieben
-hat. &#8222;Durch eine Art von ideellem Montserrat&#8221; sollte dort
-der Leser gefhrt werden &mdash; das waren die Worte, die ihn wie
-ein elektrischer Schlag berhrten. Ihm, dem Goethekenner, waren
-diese Bemerkungen ganz aus dem Gedchtnis geschwunden. Nun
-sah er sein eigenes Suchen durch den Meister besttigt. Denn hier
-stand es ja, hier klang es ja in die Worte aus: &#8222; ... sich in den Gesinnungen
-befestigen, in welchen ganz allein der Mensch, auf seinem
-eigenen Montserrat, Glck und Ruhe finden kann.&#8221;</p>
-
-<p>Auf seinem eigenen Montserrat!</p>
-
-<p>Nicht im fernen Land, unnahbar euren Schritten &mdash; vielmehr
-hier und heute und berall, wo der Mensch seines gttlichen Mittelpunktes
-inne wird!</p>
-
-<p>Welch ein Kraftgefhl, dieser Besitz!</p>
-
-<p>Und doch &mdash; einer allein wird nie zulnglich sein, das Leben
-bedeutend und nutzwirkend zu einer Tempelburg zu gestalten, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span>
-er sich nicht bei aller eigenen Selbstndigkeit verflechten kann mit
-anderen. Zur Monade trat schon bei Pythagoras, der selber seine
-Schlerin Theano zur Gattin erhob, die Dyade, die Triade, die
-heilige Tetraktis, die Vierzahl; und eins, zwei, drei und vier geben
-als Summe die Zehn, die heilige Dekade. Saen nicht auf dem
-Montserrat zwlf Eremiten um den dreizehnten? Sind nicht zwlf
-Meister in diesem seltsamen Tempel der &#8222;Geheimnisse&#8221; mit einem
-dreizehnten als Oberhaupt? Immer strebt das Leben in eine
-Runde, eine Tafelrunde, eine kristallinische oder organische Bildung
-hinaus, in harmonische Vielheit &mdash; und wieder zurck zur
-umfassenden Einheit. Sind nicht alle Sonnen und Planeten, alle
-Lebewesen und alle Teile des Krpers aufeinander angewiesen
-und bilden miteinander das rhythmische Ganze?</p>
-
-<p>So wogten seine Gedanken.</p>
-
-<p>Der Einsame war in seinem unbefriedigten Schaffensdrang
-nahe daran, wehmtig zu werden. Aber in seinem gesunden Blutumlauf
-hatten weder Zweifel noch Grbelei Raum. Eine halbe
-Stunde spter lag der Goetheband auf dem Teppich, und der glckliche
-Besitzer und Verehrer des Buches lag auf dem Diwan und
-schlief mit gekreuzten Armen.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Es klopfte leise an Ingos Tr.</p>
-
-<p>Ingo schlief.</p>
-
-<p>Es klopfte abermals.</p>
-
-<p>Ingo schlief.</p>
-
-<p>Die Tr tat sich auf, und eine Dame stand im Zimmer, ohne
-Hut und Handschuhe.</p>
-
-<p>Jetzt fuhr der Schlafende empor und sprang sofort auf die
-Fe, verworren die Augen reibend.</p>
-
-<p>Das Glck stand an der Tr.</p>
-
-<p>Erst war er der Meinung, es htte sich jemand in der Zimmernummer
-geirrt. Dann aber, obschon bereits Dmmerung war, erkannte
-er jhlings, wer vor ihm stand.</p>
-
-<p>&#8222;Elisabeth!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span>
-
-Sie lehnte wortlos an der Wand. Sie konnte keine Silbe
-hervorbringen.</p>
-
-<p>&#8222;Aber, Kind, meine gute Elisabeth, wie kommst denn du hierher?!
-Bist du hier abgestiegen? Hast du ein Zimmer hier im Hotel?&#8221;</p>
-
-<p>Sie nickte. Ihre Brust arbeitete mchtig.</p>
-
-<p>&#8222;Wohnst am Ende gar im Zimmer gegenber, das Trotzendorff
-gestern verlassen hat? Das ist ja ein entzckender Streich!
-Und ganz aus eigenem Entschlu?&#8221;</p>
-
-<p>Sie nickte wieder, kurz und heftig. Aber dann hielt sie's nicht
-lnger aus &mdash; mit einem jhen Laut &#8222;Ingo!&#8221; flog sie ihm um
-den Hals &mdash; und ihre Arme umschlangen ihn &mdash; und Mund lag auf
-Mund. Aus ihrer Brust kam ein Ton wie Jauchzen und Angst.
-Sie lie ihn nicht los, sie trank seine Ksse, sie suchte immer wieder
-seinen Mund und prete ihn mit der ganzen Strke ihrer starken
-Arme an ihre wogende Brust.</p>
-
-<p>Und alle Gedanken, Programme, Ideen, die soeben diesen
-Raum erfllt hatten &mdash; versunken! Nein, verwandelt! In Leben
-verwandelt! Verwandelt in den einen groen Ton elementarer
-Liebe, in diese Flut ungestm andrngender Liebe, in diesen berwltigenden
-Duft blhenden Lebens &mdash; ganz verwandelt in dieses
-atmende, glhende, sinnenstarke und doch so stolze und herbe Mdchen,
-das sich nur dem einen Manne auftat!</p>
-
-<p>Umwogt und umwunden von diesem langen Haar mit dem
-natrlichen Duft, saen sie wie einst im Wald und wurden nicht satt,
-sich Kosenamen zu stammeln. Ihr Mund, ihre Augen, Ohren, Hals
-und immer wieder ihr Mund wurden von Ingos Kssen berdeckt;
-und wenn er den Kopf an ihrem Halse barg, war sie es, die
-seine Lippen wie in Angst aufsuchte und unzhlige Male immer
-nur das eine Wort wiederholte: &#8222;Mein, mein, mein!&#8221;</p>
-
-<p>Ingo hatte nie gewut, wie ein Weib lieben kann, hatte nie
-gewut, wie dieses Weib lieben konnte. Mit dem ganzen, zarten,
-weichen, vibrierenden Organismus liebt das Weib, ihr Krper ist
-Liebe, ihr Krper ist Sprache ohne Worte. Mchtiger als der Mund
-allein spricht und jauchzt das ganze Wunderwerk Weib dem Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span>liebten
-entgegen. Die Zeit blieb stehen; sie achteten nicht, ob Sonne
-oder Mond am Himmel stand; sie hatten ja ewig zusammengehrt,
-von Anfang der Welt an, als noch keine Zeit war. Sie hatten sich
-gesucht durch Jahrtausende seit der alten Atlantis und jetzt gefunden,
-hier am Fue der Wartburg, hier im Herzen Europas.</p>
-
-<p>Allmhlich stellten sich dann doch Worte ein, ses Raunen,
-tricht holde Melodie, innige Koseworte und Wort-Erfindungen,
-immer wiederholte Fragen, die keine Fragen waren.</p>
-
-<p>&#8222;Du bist mein, nicht wahr, ganz allein mein? Ich hab's ja
-nicht mehr aushalten knnen! Ach Ingo, sag's, nicht wahr, ich
-verliere dich nie mehr, nie mehr, nie mehr?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bis in den Tod, Elisabeth!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bis in die Ewigkeit, Ingo! In alle, alle Ewigkeit! Ewig,
-ewig, ewig dein!&#8221;</p>
-
-<p>Sie erzhlte, da sie keiner Menschenseele von dieser Fahrt
-nach Eisenach gesagt habe, sondern nach Weimar gefahren sei, um
-Tante Adelheid zu besuchen. Von dort kam sie her. Sie sprach
-von allem, was bisher die Liebenden getrennt, sie sprach abgerissen,
-in Worte zusammendrngend, ohne Satzbildung. Aber sie
-verstanden sich doch. Es durchflutete die beiden Menschen, die sich
-so lange gesucht hatten, ein Empfinden, das ihnen bisher unbekannt
-war: der Jubel der Erfllung.</p>
-
-<p>Und er gedachte jenes Ringes, den er in Genf gekauft. Er
-tastete danach, immer noch in ihre herrliche Haarflut gehllt, und
-steckte ihn an ihren Finger und zog ihren Schmuckring ab und
-steckte ihn sich selber an.</p>
-
-<p>&#8222;Meine Braut! Mein Weib!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Bin ich das? Bin ich dein Weib?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Meine Frau halt' ich im Arm! Und was bin ich?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Mein ser Liebster, mein Brutigam, mein lieber, lieber
-Mann!&#8221;</p>
-
-<p>Ihre Stimme war Herz und Seele; wie ein Kind lag sie an
-seinem Halse. Die Qual und Spannung von Jahren lste sich in
-diesen heilig-seligen Augenblicken mit erschtternder Gewalt.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span>
-
-Drauen, weit wo im Westen, flammte ein sptes Abendrot:
-unter schwarzen Wolkenmassen ein roter Feuerstreifen, als
-winkte dort, jenseits der Wasser, ein leuchtendes Land.</p>
-
-<p>Zwei Menschen trieben auf einer Planke dem Lande der
-Liebe zu.</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p class="center">
-Meine gute Friedel!<br />
-</p>
-
-<p>Ich habe mich soeben hier in Eisenach mit Elisabeth verlobt.
-Du sollst die erste sein, die es erfhrt, Du, der ich so Unvergngliches
-verdanke. Ich bin glcklich, Friedel. Mein Herz ist bis obenan
-voll Dank. Nebenbei war ich gestern auf der Wartburg und hatte
-die Ehre, Seiner Majestt vorgestellt zu werden. Aber nicht dahin
-geht mein Weg, sondern in die arbeitsame Stille &mdash; mit Elisabeth.
-Bleibt gut, Du und Richard,</p>
-
-<p class="right">
-Eurem alten Ingo.<br />
-</p>
-
-<p><span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Liebe gndige Frau! Ingo bittet mich, einen
-Gru darunter zu schreiben. Gern tue ich das. Ich bin Ihnen von
-Herzen gut und bitte auch Sie um Ihre Freundschaft. Wie glckselig
-ich bin, das vermag kein Mund auszusprechen.</p>
-
-<p class="right">
-Ihre Elisabeth.<br />
-</p>
-
-<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 100px;">
-<img src="images/p209_deco.png" width="100" height="61" alt="" />
-</div>
-
-
-<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p>
-
-
-
-
-<div class="figcenter" style="width: 600px;">
-<img src="images/p210_deco.png" width="600" height="49" alt="" />
-</div>
-
-
-
-<h3><small>Zwlftes Kapitel</small><br />
-
-<big>Der Gutsherr</big></h3>
-
-<div class="cite">
-<p class="noindent">
-Sehnsucht ins Ferne, Knft'ge zu beschwichtigen,<br />
-Beschftige dich heut' und hier im Tchtigen!</p>
-
-<p class="right"><span class="gesperrt">Goethe</span></p>
-</div>
-
-
-<div class="dc">
- <img class="w4em" src="images/p210_cap.png" alt="Z" />
-</div>
-
-<p class="p_1"><span class="invis">Z</span>
-eitenwende bereitet sich vor.</p>
-
-<p>Einzelne Wandrer haben sich abgesondert vom Zeitgeist.
-Sie suchen untereinander Fhlung. Sie bilden
-eine heimliche Gemeinde der Ernsten und Stillen. Ihr heiliger
-Hain ist umschirmt von schwarzen Zypressen. Im Innern aber
-tragen Fruchtbume rote und goldne Gaben.</p>
-
-<p>Diese Abgesonderten formen langsam das neue Lebens- und
-Bildungsideal.</p>
-
-<p>Der Spielmann und Gralsucher Ingo von Stein hatte sich
-nach jenem Wartburgtage dieser unsichtbaren Gemeinde angeschlossen.
-Sie ist nicht geformt, diese Gemeinde; sie hat weder Satzung
-noch Rang und Titel. Doch erkennen sich die Begegnenden daran,
-da sie, ohne Hast und Unrast, mit einem stillen und starken Herzen
-Welt und Ewigkeit erleben und verarbeiten. Das kostbare Gut
-der Ruhe ist ihnen eigen: die Ruhe der gesammelten Kraft. Und
-ihre Lebensformen sind edel und einfach.</p>
-
-<p>In ihren Tiefen ist Gebet. Sie glauben nicht mehr an den
-Verstand, sondern an etwas Umfassenderes: an die Gottheit.
-Nicht sind sie beherrscht vom Willen zur Macht, sondern von einer
-greren Kraft: vom Willen zur Liebe. Mit schpferischer Liebeswrme
-erobern sie von innen her. Und ihre Gangart ist still und
-stetig. Denn sie wissen, was sie wollen: Selbstbesinnung. Aus der
-Selbstbesinnung aber auf edelste Krfte erwchst die neugestaltende
-Tat. Auch fehlt ihnen nicht das Arbeitsfeld: denn sie fangen ihr
-Gestaltungswerk mit sich selber an.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span>
-
-Aus diesen Saatschulen werden die Fhrer der Zukunft genommen.</p>
-
-<p>Drauen aber vollziehen sich unterdessen die harten Ereignisse,
-die dem bisherigen Lebenston ein Ende bereiten.</p>
-
-<p>&#8222;So stand einst Oberlin als Zeder mitten in der Revolution&#8221;,
-sagte sich Ingo von Stein, als er sich zu jenem Anschlu an die Gemeinde
-der Stillen entschlo. &#8222;So will auch ich auf meinem Felsen
-stehen.&#8221;</p>
-
-<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br />
-*</p>
-
-<p>Jh war das Glck der Erfllung ber Ingo gekommen. Aus
-der verhaltenen Kraft seiner Elisabeth war eine Liebe aufgeblht,
-wie er sie nie fr mglich gehalten htte.</p>
-
-<p>Fast unmittelbar hinter jenem Tag von Eisenach starb sein
-Bruder, der Jger und Sportsmann, als htte das Schicksal nur
-auf diesen Augenblick gewartet.</p>
-
-<p>Ingo war nun Herr ber ausgedehnten Landbesitz und umfangreiche
-Forste. Aber sein Herz hatte nie an ueren Gtern
-gehangen; seelische Erfllung war ihm von Kind an als das Wesentliche
-erschienen, schon als der Knabe Lieblingsgegenstnde hergab,
-nur um dafr Freundschaft einzutauschen und Freude zu machen.
-Doch war es ihm ein sinnreiches Symbol, da er nun auch uerlich
-den Lehr- und Wanderjahren entnommen und auf den festen
-Boden der jetzt anhebenden Mannes- und Meisterjahre gesetzt war.
-Noch blieb seine eigentliche Kraft und Lebensbestimmung verdeckt
-und wartend; seine Stunde war noch nicht gekommen; er fhlte
-sich als Vorbereiter einer neuen Lebensstimmung fr ein neues und
-wieder mehr innerliches Geschlecht.</p>
-
-<p>Und in diesem wichtigen Punkte verstand er sich ausgezeichnet
-mit dem Vertreter der lteren Generation, der bei Ingo im Hause
-lebte: mit seinem alten Vater. Dieser Edelmann war von wunderbarer
-Geistesfrische, wenn er auch durch seine Gicht an den Stock
-und durch leidige Gewohnheit an die lange Pfeife gekettet war
-und in seinem Lederstuhl, von den beiden Doggen umlagert, einem
-Invaliden hnlich sah. Er trug die Bartform des alten Kaisers,<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span>
-unter dem er die siebziger Schlachten mitgefochten hatte und mit
-dessen vornehm zurckhaltender edelmnnischer Art er auch innerlich
-verwandt war. Unter Ingos anregendem Geisteshauch lebte
-der Alte wieder auf; denn er hatte immer eine stille Vorliebe fr
-diesen jngeren Sohn gehegt, dessen unzeitgeme Sehnsucht er
-recht wohl nachfhlen konnte.</p>
-
-<p>Elisabeth, in dem schwarzen Kleid der Trauer noch anziehender,
-hatte ihre Mutter verloren und war in aller Stille Ingos
-Gattin geworden. ber ihrem Wesen lag jener Schimmer von
-Wrme, den man mit dem Worte Innigkeit bezeichnen knnte,
-einem Worte, das mit Innerlichkeit verwandt ist. Kind, Jungfrau
-und reifes Weib schienen alle drei in dieser stillen und feinen Gestalt
-erhalten zu sein, einander ergnzend, nicht strend. Ihre
-stattliche uere Erscheinung war von gebietender Hoheit, die aber
-von der etwas gedmpften und guten Stimme und von einem
-einfachen, kindlichen, ja fast schchternen Lcheln des Wohlwollens
-wieder ausgeglichen wurde. Es war in ihr etwas wie seelische
-Leuchtkraft. Es gibt Menschen der Erfllung, wie es Menschen
-der unruhigen Sehnsucht gibt; Elisabeth war ein Mensch der
-Erfllung. Alles Unstete wird in solchen Naturen selige Gegenwart.
-Sie sind nicht mehr Hitze, sondern Wrme, nicht mehr
-Kometen, sondern Planeten oder gar Sonne. Dem Unerfllten
-ist die Welt romantisch: aber die Erfller machen die Welt traulich
-und heilig. In ihnen ist etwas, was der Romantiker leicht unterschtzt:
-die groe Geduld. Sie haben es nicht mehr ntig, Tempelsucher
-zu sein: sie sind bereits Tempelbauer und Tempelhter.</p>
-
-<p>Diese drei, mehr oder minder auf Innerlichkeit und Gehaltenheit
-abgestimmten Menschen bildeten nun im Thringer Herrenhause,
-im Herzen Deutschlands, den Grundstock der neuen Familie.
-Und es war eigenartig, da gerade die einfachsten Menschen des
-Gutes, von der Waschfrau bis zum Feldarbeiter und Waldgnger,
-dem anscheinend durch Klfte hoher Bildung von ihnen getrennten
-neuen Gutsherrn und seiner wahrhaft herzensadligen Gattin
-Zutrauen entgegenbrachten. Denn sie sprten in diesem jungen<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span>
-Ehepaar reines Menschentum. Auf den Hhen wahrer Bildung
-wird der Mensch wieder einfach.</p>
-
-<p>Dabei legte Ingo groen Wert auf eine auserwhlte und
-geschmackvolle Bibliothek. Mit ebensolcher Sorgfalt whlte er seinen
-Wandschmuck, wobei besonders sein Liebling Feuerbach neben
-alten Meistern in guten Kopien vertreten war. Flgel und Meisterharmonium
-zierten den groen Saal, der noch mit Jagdtrophen
-und Waffen gefllt war von der andren, der sportsmig unruhigen
-Generation, fr die das Tuten eines Automobils wohllautender
-war als eine Sonate von Beethoven.</p>
-
-<p>In diesem Saale war an einem Winterabend, der etwas Neuschnee
-ber die Fichten gestreut hatte, das Ehepaar Trotzendorff
-zum ersten Male bei den Jungvermhlten zu Gast. Und seltsamerweise
-hatte sich noch ein Bekannter eingefunden, den einst Ingo
-in Cette und Lourdes so gut wie gar nicht beachtet hatte: der ernste,
-etwas trockene Fabrikant Muthner.</p>
-
-<p>Der Diener reichte Tee herum; der Vater hielt sich rauchend
-im Hintergrunde. Auch Muthner, der ohne seine gyptischen
-Zigaretten unglcklich war, bat um die Erlaubnis, rauchen zu
-drfen, was die Damen gern gewhrten. Und dennoch blieb, bei
-aller ueren Gemtlichkeit und bei aller Gedmpftheit auf diesen
-vielen Fellen und bequemen Polstern des Salons, eine feine Trauer
-die eigentliche Stimmung.</p>
-
-<p>&#8222;Es ist noch kein ganzes Jahr verflossen seit der Riviera&#8221;,
-stellte der Gutsherr fest. &#8222;Und was hat uns dieses eine Jahr gebracht!
-Als htten sich zehn Jahre in diese kurze Zeitspanne eingepret!
-Erinnert ihr euch jenes Gesprches ber die Titanic,
-Friedel und Richard? Und wer spricht heut' noch von der Titanic!
-Alle Welt ist voll vom Balkankrieg.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Die Geschftslage ist drckend ernst&#8221;, warf der Fabrikant ein.</p>
-
-<p>&#8222;Auch in die Feier der Befreiungskriege will kein rechter
-Schwung kommen&#8221;, bedauerte Trotzendorff.</p>
-
-<p>Der Major z. D. hatte sich den nach seiner Meinung schmachvoll
-miglckten Wartburgtag so zu Herzen genommen, da ein<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span>
-Unmut in ihm zurckgeblieben war. Und bei nchster Gelegenheit
-hatte er sich aus dem Hofdienst zurckgezogen und sich als Offizier
-zur Disposition stellen lassen. Vereinsttigkeit und statistische
-Arbeiten machten ihm nun Freude. &#8222;Innere Arbeit am deutschen
-Volke&#8221; nannte er das mit seinem etwas doktrinr betonten vaterlndischen
-Bewutsein. Friedel sa wieder mit ihrem ganzen
-blhenden Knstler-Naturell neben dem anders gearteten Gatten,
-so prchtig erholt, da sie sogar ein wenig zur Flle neigte, was
-ihr keinen geringen Kummer verursachte.</p>
-
-<p>&#8222;Es geht mir mit diesen Feiern sonderbar&#8221;, bemerkte Ingo.
-&#8222;Ich bin doch sonst ziemlich leicht in der Handhabung von Feder
-und Laute. Aber wenn ich mit meinem Verwalter fertig bin und
-mich dann wieder zu diesem Sto von illustrierten Bchern ber
-1813 wende &mdash; ich wei nicht, wie es kommt: ich vermag nicht recht
-mitzujubeln.&#8221;</p>
-
-<p>Der alte Vater nickte.</p>
-
-<p>&#8222;Wir von 1870 wuten noch, um was wir kmpften. Wir
-hatten ein Ideal. Heute hat alle Welt Kriegsfurcht.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Vielmehr Furcht vor wirtschaftlichen Schdigungen&#8221;, verbesserte
-der Fabrikant. &#8222;Damals hatte man etwas zu gewinnen,
-heute frchtet man nur zu verlieren.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nmlich Geld und Gut!&#8221; rief der alte Baron aus seinem
-Sessel zurck. &#8222;Und das ist ja wohl schlielich des modernen Menschen
-hchstes Ideal. Ach, meine Herren, was wei man heute
-noch von unsrer Stimmung von 1870? Ich hab' es oft erzhlt,
-wie am Abend einer jener mrderischen Schlachten vor Metz unser
-alter Kaiser an unser zusammengeschossenes Regiment herangeritten
-kam. Wahrhaftig, es sah bei uns allerdings klglich aus, wir
-waren kaum noch ein Trppchen. &#8218;Kinder, ihr habt ja wohl heute
-schwer gelitten&#8217;, sagte der Kaiser mit seiner etwas hohen Stimme,
-ich hr' ihn heute noch. &#8218;Ist das alles, was von euch geblieben ist?&#8217;
-Ich stand vor ihm &mdash; was sollte ich melden? &#8218;Es werden sich ja
-wohl noch etliche zusammenfinden, Majestt.&#8217; Da warf er einen
-Blick ber uns hin &mdash; den vergess' ich nie &mdash; und die hellen Trnen<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span>
-liefen ihm ber die Wangen. Er sagte dann gar nichts weiter,
-winkte nur mit der Hand &mdash; so &mdash; zu uns herber &mdash; Unaussprechliches
-lag in dieser Handbewegung, etwa als wollt' er gute Kameraden
-gren: Haltet aus, liebe Kameraden, seid bedankt, treue
-Kameraden, es gilt eine hohe Sache! Oh, da war keiner von uns,
-der nicht gern sein Leben gelassen htte.&#8221;</p>
-
-<p>Der Alte schwieg bewegt.</p>
-
-<p>&#8222;Ja, Sie hatten noch Ideale, Herr Baron!&#8221; rief Trotzendorff.
-&#8222;Das Deutsche Reich! Und so war's vor hundert Jahren, als sich
-Deutschland vom Druck befreite. Aber heute?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein Krieg von heute wrde die europische Luft reinigen&#8221;,
-fhrte Ingo die angeschlagenen Gedanken fort. &#8222;Und dann wre
-Raum und Empfnglichkeit fr eine neue Lebensstimmung.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Was verstehen Sie eigentlich unter neuer Lebensstimmung?&#8221;
-fragte der Fabrikant.</p>
-
-<p>&#8222;Nun, was hab' ich Ihnen neulich geraten, als ich Ihre Fabrik
-besichtigte, Herr Nachbar? Erfinden Sie ein Entgiftungsmittel und
-lassen Sie sich ein Patent darauf geben. Ein chemisches Mittel,
-das unsrer gespannten und mitrauischen sozialen, politischen und
-geistigen Luft reinen Sauerstoff zufhrt. In Oberitalien traf ich
-einmal eine feine kleine Dame, ebenso praktisch wie anmutig, die
-mir die Einrichtungen ihres Arbeiterdorfes zeigte: Milchanstalt,
-alkoholfreie Wirtschaft, Bade- und Krankenhaus &mdash; unpoetische
-Dinge, die ich aber seither achten gelernt habe. Was ist die Triebfeder
-bei dieser guten und klugen Witwe? Menschenliebe. Sie ist
-selber durch Leid gegangen. Und nur so erobert man Herzen, nicht
-mit Polizei, Paragraphen und Kanonen.&#8221;</p>
-
-<p>Dieser Grundanschauung versagten selbst die hrteren Elemente
-der Gesellschaft, Major und Fabrikant, nicht ihren Beifall,
-wollten aber fr Rekruten, Spitzbuben und Feinde unbedingt Polizei
-und Kanonen geachtet wissen.</p>
-
-<p>&#8222;Nicht alles kann mit Menschenliebe erreicht werden&#8221;, sagte der
-Fabrikant. &#8222;Das erfahren wir Arbeitgeber bitter genug. Schlagen wir
-Arbeitsteilung vor! Mag Liebe und Strenge nebeneinandergehen!&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span>
-
-&#8222;Der Troubadour hat sich also der sozialen Frage verschrieben?&#8221;
-neckte Friedel. &#8222;Und auch die Gedenkfeiern locken dir kein Lied ab?
-Der unheimliche Rckzug aus Ruland? Die Freiheitsschlachten?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Doch, Friedel&#8221;, erwiderte Ingo. &#8222;Ich habe in der Tat einige
-Bltter geschrieben. Habt ihr Geduld? So les' ich sie euch vor. Sie
-sind zugleich Lebensprogramm fr mich und mein Weib. Nicht
-wahr, Elisabeth?&#8221;</p>
-
-<p>Er lief in sein Schreibzimmer, kam mit drei Blttern zurck
-und las ...</p>
-
-
-<p class="center"><span class="antiqua">I.</span></p>
-
-<p>&#8222;Rckzug aus dem eisigen Ruland! ... Eines Titanen hochgespannte
-Willensleistung ist von den Gttern zerbrochen worden!
-... Durch die weie Wste, deren Horizonte sich im Schneelicht
-verlieren, schlrfen die zerlumpten Reihen der Franzosen, umstubt
-von Schneewind und Kosaken &mdash; aufgelste, dumpf marschierende,
-stumm dahinknirschende Grenadiere ... Welch ein Gerusch!
-Das Zornweinen einer Armee!</p>
-
-<p>Und zwischen den vereisten Brenmtzen, zu Fu, um sich
-wieder zu erwrmen, der Kaiser selber. An toten Soldaten und
-an Pferdeleichen vorber. Hinter ihm, gleichfalls abgesessen, der
-Schwarm der Generalitt. Und stumpf ber den Schnee schlrfend,
-schlrfend, schlrfend die Reste der Regimenter ...</p>
-
-
-<p class="center"><span class="antiqua">II.</span></p>
-
-<p>Wo sind sie heute, die Enkel jener Massen von Hunderttausenden,
-die der geniale Korse ber die Schlachtfelder Europas gejagt
-hat?</p>
-
-<p>Wiederum bilden sie Massen: sie fronen in den Fabriken.</p>
-
-<p>Wieder um sie her Glut und Rauch, wie einst in den Schlachten
-um die Grovter. Gespenstische Gestalten stehen mit langen
-Stangen, wie Kanoniere, und stoen in rotflieende Glutmasse.</p>
-
-<p>Aus den Schloten zngelt die berkraft des Hochofenfeuers.
-Es berflammt an diesem grauen Winterabend selbst die elektrischen
-Lichtkugeln.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span></p>
-
-<p>Und aus diesen steilen schwarzen Kaminen wlzt und rollt und
-ringelt sich, schwer und dick, ankmpfend gegen pressenden Winternebel,
-der schwarze Rauch und dunkelt dmonisch den Himmel ein.</p>
-
-<p>Sind es die Geschtze von ehedem? Sind sie steil emporgerichtet
-und beschieen den alten Himmel? Sind die Titanen
-wieder im Kampf gegen die Gtter?</p>
-
-<p>Ein unsichtbarer Herr lenkt den Willen dieser Hunderttausende,
-bentzt ihre Muskeln, zwingt ihre Kraft nach einem bestimmten
-Ziel. Denn sie sind Elementarkraft, nicht Geist.</p>
-
-<p>Doch sie dienen. Sie dienen, wie sie einst dem Willen und dem
-Genie Napoleons gedient haben. Und das Feuer, das in Hallen
-und Hfen blendend flammt, legt einen verklrenden Goldrand
-um diese ruigen Mnner der Arbeit.</p>
-
-
-<p class="center"><span class="antiqua">III.</span></p>
-
-<p>Jedem aber ist ein Feierabend beschieden.</p>
-
-<p>Dann ist ein Tor offen, um sich zurckzuziehen aus der Fron
-und aus der Gattung, seinen Geist wieder heimzurufen aus dem
-Dienst an der irdischen Lebenspflicht &mdash; und dann allein zu sein,
-sich wieder als einen selbstndigen Geist zu wissen, sich wieder als
-eine einzelne persnliche Seele zu empfinden.</p>
-
-<p>Nun treten in die Gesellschaft dieses aufatmenden Feierabend-Menschen
-die groen, guten und schnen Gedanken und Gebilde
-aus dem Reiche des Geistes.</p>
-
-<p>Hier sind keine rauchenden Schlote; hier wirkt keine Erdenschwere.
-Dahinten sind Spannung, Kampf, Ha und Verdru;
-sie sind abgelegt wie ein Panzer. Der Befreite geht im Festgewand
-seiner Phantasien und Gedanken.</p>
-
-<p>Hier ist die Liebe Knigin; ihre Prinzessinnen heien Schnheit
-und Weisheit. Die Edlen, die sich im Seelenland begegnen, sind freie Freunde.</p>
-
-<p>Jetzt beginnt das Amt des Spielmanns und des Gralsuchers.</p>
-
-<p>Er spricht zu Menschen, die wieder ihre unsterbliche Wrde
-empfinden.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span>
-
-Und nun fhlst du pltzlich, da auch Gedankensenden eine
-Tat ist. In deinem Zimmer wandelnd, an deinem Ofen trumend,
-bist du mit Geist und Herz nicht an die Enge gebunden. Dein Drang,
-Schnheit und Gte zu suchen oder zu entznden, luft wie ein
-Strahlenwerk hinaus durch die sternklare Nacht.</p>
-
-<p>Und wenn alsdann an dein eigenes Herz Gutes pocht, du bedrckter
-Mann der Arbeit; wenn ein Harfenton der Liebe deine
-eigene Seele berhrt, du mde Freundin &mdash; so wisse, da auch
-andre Herzen liebevolle Gedanken aussenden an alle sorgende,
-kmpfende, leidende Menschheit.</p>
-
-<p>Und du bist nie allein! ...&#8221;</p>
-
-<p class="center p1"><br /></p>
-
-<p>So las Ingo.</p>
-
-<p>Die Gesellschaft gab einen behaglichen Beifall zu erkennen.
-Aber die unruhig mit den Fingern trommelnde Friedel hatte
-einen Einwand bereit:</p>
-
-<p>&#8222;Lieber Spielmann, jetzt noch ein Schrittchen weiter &mdash; und
-du steckst mit beiden Fen im sozialen Moralpredigen!&#8221;</p>
-
-<p>Man lachte.</p>
-
-<p>&#8222;Jawohl!&#8221; beharrte sie. &#8222;Und das ist heute die grte Gefahr
-des Knstlers &mdash; und alle tappen hinein, alle!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das will ich nicht hoffen, Friedel!&#8221; rief Ingo. &#8222;Ich hab'
-auch noch ein paar andre Stimmungen und Geheimkammern. Und
-berhaupt: das mte denn doch ein geistverlassener Tropf sein,
-der das reizvoll-bunte Lebensspiel blo moralisch deuten wollte.
-Moralisch kann auch der Philister sein. Die Trpfosten zu meinem
-Studierzimmer heien Phantasie und Gte. Und auf dem Querbalken
-steht der Spruch: Leben entzndet sich nur am Lebendigen!&#8221;</p>
-
-<p>Es hatte dies einen leichten Beigeschmack von Zurechtweisung.
-Elisabeth empfand es, beugte sich zu Frau Friederike hinber und
-sagte: &#8222;Liebe Friedel, es sind rings um Schlo Waldeck viele
-Singvgel: da wird er gewi das Singen nicht verlernen.&#8221;</p>
-
-<p>Elisabeth pflegte mit solchem Eingreifen in das Gesprch so
-sparsam zu sein, da diese ausgleichende Bemerkung in ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span>
-freundlichen Sicherheit um so wirksamer war. Es wurde gelacht.
-Aber man hatte dabei die eigenartige Empfindung: diese Beiden
-da wissen, was sie wollen!</p>
-
-<p>Als sich der Fabrikant verabschiedet hatte, bltterte die Sngerin
-anspielenderweise im Klindworthschen Klavierauszug der &#8222;Meistersinger&#8221;
-und lobte den prachtvollen roten Ledereinband, den Elisabeth
-um einige Lieblingswerke ihres Gatten zum Geburtstag hatte
-besorgen lassen. Sie schlug auf und stie auf den Namen Hans Sachs.</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Wie duftet doch der Flieder<br /></span>
-<span class="i0">So mild, so stark und voll!&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Laut las sie die Worte, drehte den Kopf nach Ingo und schaute
-ihn fragend an, indem sie den Flgel ffnete und die Partitur
-aufstellte.</p>
-
-<p>Es war seit vielen Wochen in dem Trauerhause fast gar nicht
-gespielt worden. Jetzt setzte sich Ingo vor die Tasten und sang
-gedmpft, zum Inhalt und der Stimmung des Hauses passend,
-jenen Monolog des Meisters Sachs. Und bald stand die genesene
-Freundin hinter ihm und sang die Rolle der Eva. Ein Zwiegesang
-entfaltete sich; sie hatten seit Lourdes nicht mehr miteinander musiziert.
-Jetzt aber hatte Ingo die Fhrung, wandte sich dazwischen
-um und rief mit Feuer:</p>
-
-<p>&#8222;Was fr ein reifer Mann und Poet, nicht wahr, dieser Sachs!
-Dieses innige Motiv, der Nachhall aus Stolzings Lenzlied, so biegsam,
-da es von Vertrumtheit in Jubel bergehen kann: Lenzes
-Gebot, die se Not, die legt' es ihm in die Brust! Das ist wie
-ein Bach unter Winterschnee: verhaltene, gesammelte Kraft, die
-noch in sich hat die Melodien vom verflossenen Sommer und schon
-in sich die knftigen Frhlingslieder. Gesammelte Kraft! Ja, so
-ist das Gemt der besten Deutschen! Hans Sachs in dieser Geklrtheit
-und mnnlichen Gte, ein Greis und doch jung und mit Jungen
-fhlend &mdash; das ist ein Spielmann! Das ist ein Edelmann!&#8221;</p>
-
-<p>Und als Eva bekannt hatte, da sie nur ihn zum Gemahl genommen
-htte, wr' nicht der andre gekommen, nach jenem ganzen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span>
-Dank der Eva &mdash; &#8222;O Sachs, mein Freund, du teurer Mann, wie
-ich dir Edlem lohnen kann?&#8221; &mdash; sang Elisabeths Gatte bedeutsam
-weiter:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Von Tristan und Isolde<br /></span>
-<span class="i0">Kenn' ich ein traurig Stck,<br /></span>
-<span class="i0">Hans Sachs war klug und wollte<br /></span>
-<span class="i0">Nichts von Herrn Markes Glck&#8221; ...<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Hier brach der Snger ab und ging in ernstes Phantasieren
-ber, beginnend mit den Anfangsakkorden von Tristan und Isolde,
-die ja hier im Orchester der Meistersinger ertnen, berleitend zum
-Karfreitagszauber, dann Erinnerungen von Lourdes und vom
-Gralsberg verwebend mit eigenen fremdartigen Phantasien, die
-zu einem Lieblingswerk von Elisabeth hinberfhrten, der Nnie
-von Brahms: &#8222;Auch das Schne mu sterben, das Menschen und
-Gtter bezwinget.&#8221;</p>
-
-<p>Hier sprang er auf.</p>
-
-<p>&#8222;Doch nicht diese wehmutvollen Chre sind der rechte Abschlu!
-Jetzt setzt meine Orgel ein.&#8221;</p>
-
-<p>Und mit feierlichen und groen Choralphantasien am Meisterharmonium
-machte er den Beschlu.</p>
-
-<p>Trotzendorff lag im Polsterstuhl, nickte behaglich und war
-einem gemchlichen Halbschlummer nahe. Der Abend mit seinem
-milden Schneelicht fing sachte an, in lange Dmmerung berzugehen.
-Frau Elisabeth sa in ihrer blichen graden Haltung und
-verwandte kein Auge von den Knstlern am Klavier, besonders
-von Frau Friedel. Und als nun Ingo aufstand, erhob sich rasch
-auch seine Gattin, deren Geist insgeheim gearbeitet hatte; sie kam
-heran, legte einen Arm um die Freundin und den andren um Ingo
-und kte beide mit einer wortlosen Zartheit, denn sie hatte die
-Sprache der Musik verstanden.</p>
-
-<p>&#8222;Wenn ich doch nur die Hlfte deines Talentes htte!&#8221; seufzte
-sie dann, den Kopf an Frau Friederikens Wange legend.</p>
-
-<p>&#8222;Gutes Kind, wieviel hast du im Herzen!&#8221; erwiderte die Knstlerin.
-&#8222;Darf ich manchmal zu dir kommen und Wrme holen,<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span>
-Elisabeth? Es gibt Menschen, nach denen man Heimweh bekommt,
-wenn man mit ihnen zusammen war &mdash; du gehrst zu diesen seltenen
-Menschen.&#8221;</p>
-
-<p>Ingo brachte das Ehepaar persnlich im Wagen an den kleinen
-Bahnhof.</p>
-
-<p>&#8222;Ernste Zeiten, Ingo! Wartezeit! Aber ich denke, wir stehen
-unsren Mann!&#8221; war Richards letztes Wort.</p>
-
-<p>&#8222;Auf Wiedersehen, Friedel!&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ingo, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich fr dich bin!
-Was ist das fr ein begnadetes Menschenkind! Sie wirkt durch
-ihr bloes Dasein. Wir andern &mdash; mssen reden und singen, um
-uns wichtig und beliebt zu machen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nicht wahr?!&#8221;</p>
-
-<p>Sie sagten nicht einmal, wen sie meinten, denn das war ja
-selbstverstndlich.</p>
-
-<p>Als aber Ingo wieder sein Haus betrat, in dem Gefhl, da
-doch nun erst seine eigentliche Welt beginne, die heilige Stille,
-hatte er einen rhrenden Anblick. Er hrte Klavier spielen und
-vernahm dazu Elisabeths feine und gute, doch keineswegs tonstarke
-Stimme. Leise trat er ein. Die schlanke dunkle Gestalt mit der
-schweren Haarkrone sa und bemhte sich, Evas Partie zu lernen,
-indem sie die Singstimme zunchst mit den Fingern nachtupfte und
-mitsang. Aber sie war, obwohl sie leichte Sonaten einwandfrei
-spielte, greren Schwierigkeiten doch nicht gewachsen.</p>
-
-<p>&#8222;Elisabeth!&#8221; rief Ingo erstaunt, die Trklinke in der Hand.</p>
-
-<p>Sie erschrak und flog empor.</p>
-
-<p>&#8222;Meine gute Elisabeth, komm einmal her zu deinem Mann!
-Sag' einmal, meine se Santa, was sind denn das fr neue Bestrebungen?&#8221;</p>
-
-<p>Sie fiel ihm halb lachend, halb verschmt um den Hals.</p>
-
-<p>&#8222;Liebster, verzeih! Ich mchte so gern alles mit dir teilen, alles!
-Auch mit dir singen. Ich mchte dir sein, was dir andre sind.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Aber, aber &mdash; spricht das meine groherzige Elisabeth? Mchtest
-du das wirklich? Mchtest du mir etwa meinen lieben alten<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span>
-Konsul Bruck ersetzen und Geister schauen? Oder Trotzendorff?
-Mchtest du das? Seit wann will mir denn Elisabeth, die mir
-immer so viel Freiheit gelassen hat, jetzt zu guter Letzt Frau Friedel
-berflssig machen? Sind nicht die Freunde da drauen der
-Stolz unsres Hauses? Die Guten, die zu uns gehren?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;O ja, du hast recht! Das will ich nicht, wirklich nicht! Im
-Gegenteil! Vergib, du hast mich da auf einer rechten Schwche
-ertappt! Ich dachte nicht, da du schon so frh zurck wrest.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ich habe ja die Pferde gejagt, da sie dampften, so sehnt'
-ich mich, mit meiner Einzigen allein zu sein! Du, mit deiner
-Seele voll Musik! Hast du nicht Verstndnis fr groe Kunst
-von Bach bis Brahms &mdash; gengt das nicht? Will meine Hausfrau
-auch noch Sngerin sein? Und da Meister Wilhelm Raabe dein
-Lieblingsschriftsteller ist &mdash; stellt das nicht deinem literarischen
-Geschmack ein gutes Zeugnis aus, du Stille im Lande? Komm,
-ksse mich! Dein Ku ist Musik, du Seste der Sen! Wir
-sind wieder allein!&#8221;</p>
-
-<p>Und sie sagten sich innige Worte.</p>
-
-<p>Dann gingen sie Arm in Arm in Ingos Arbeitszimmer.</p>
-
-<p>&#8222;Hier ist etwas, was dich interessiert, Elisabeth. Da hat mir
-der Architekt den Plan unsres knftigen Hauses geschickt, den er
-nach meinen eigenen Angaben ausgearbeitet hat.&#8221;</p>
-
-<p>Er breitete den Grundri ber den Tisch aus; und die Gatten
-vertieften sich in den gro und persnlich angelegten Zukunftsbau.</p>
-
-<p>&#8222;Es sieht aus wie ein groes lateinisches <span class="antiqua">T</span>&#8221;, bemerkte Elisabeth,
-&#8222;mit einem kleinen Kreis ber der Mitte des oberen Querbalkens.
-Oder wie ein Mensch mit ausgestreckten Armen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sonderbar, nicht wahr?&#8221; versetzte er. &#8222;Am Fue ist der
-Haupteingang; ein Korridor luft im Stamm entlang und in den
-Seitenarmen. Im Kreuzungspunkt ist die Treppe nach oben; dort
-ist der Vorraum zur Tempelrotunde, die durch diesen Kreis dargestellt
-wird.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ein Tempel?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Ja, das sind nun einmal meine Besonderheiten. Doch dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span>
-Tempel ist noch Geheimnis. Er wird zuletzt gebaut. Und nicht
-jeder darf ihn betreten.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wir beide betreten ihn gemeinsam, nicht wahr, Ingo?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;So ist es, Elisabeth. Wir reifen ihm gemeinsam entgegen,
-das ahnst du ganz richtig. Diese hohen Dinge kann man nicht so
-ohne weiteres machen, sie mssen wachsen, sie werden geschenkt,
-wenn die Zeit gekommen ist. Den Tempel der Erfllung kann
-man erst verstehen, wenn man durch Erlebnis reif ist. Was wrdest
-du hineinstellen, Elisabeth? La einmal sehen!&#8221;</p>
-
-<p>Sie besann sich ein Weilchen, dann sagte sie:</p>
-
-<p>&#8222;In die Mitte, auf einem Postament und aus reinstem Marmor,
-den segnenden Christus von Thorwaldsen. Und in die Nischen
-an den Wnden &mdash; es sind doch Nischen drin? &mdash; die groen Meister,
-die du besonders verehrst, lauter weie Marmorgestalten. Das
-mte feierlich stimmen, wenn man unter diese groen Menschen
-tritt, und es fllt nur von oben Himmelslicht hinein, nicht wahr?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Sieh mal an, sieh mal an, mein Weib wird ja schpferisch!
-Beginnst wohl schon gleich den Tempelbau?&#8221;</p>
-
-<p>Sie hatten die Arme umeinandergelegt, gingen im gerumigen
-Arbeitszimmer langsam hin und her und plauderten von der
-Zukunft: er in ernster Symbolik, sie von der weiblichen Freude
-erfllt, mit dem Geliebten beraten zu drfen.</p>
-
-<p>Er sprach ber seinen Lieblingsgedanken, drei europische
-Grundkrfte zur Harmonie zu bringen: Akropolis, Golgatha und
-Wartburg &mdash; Griechen-Schnheit, Christus-Gte, Germanen-Ernst.
-Er flocht im Gesprch unsichtbare Rosen um ein unsichtbares Kreuz.
-Und er teilte seine Gedanken in einer Sprache mit, die ihrer Fassungskraft
-zugnglich war.</p>
-
-<p>&#8222;Diese knftige Einheit herzustellen, ist die Sendung knftiger
-deutscher Meister&#8221;, sprach er. &#8222;Die Vorbereitungen dazu knnen
-jetzt schon eines Mannes Leben ausfllen. Deutschland ist
-das Herz Europas: es hat den Tempel zu bauen. Auch ich will
-versuchen, vorbereitend in meinem kleinen Bezirk mitzuwirken.
-Und Elisabeth soll dabei sein.&#8221;</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span>
-
-Dann wandte er sich wieder den Plnen zu.</p>
-
-<p>&#8222;Um das ganze Haus wird sich im Halbkreis oder in Eiform
-ein kleines Gitter ziehen, das innerhalb des Parkes den Hausbezirk
-noch einmal umfriedet. Sinnvolle Blumenanlagen und
-Statuen werden sich diese Umfriedung entlangziehen. Am linken
-Flgel mndet der Fahrweg ein, luft vor den Haupteingang
-und dann am rechten Flgel wieder hinaus zu den Wirtschaftsgebuden,
-fhrt also ungefhr am inneren Gitter entlang, wo die
-Statuen gren, die gleichsam das Ganze umwachen.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Und was steht hier ber der Eingangspforte?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Dort ist in der hchsten Mitte des Steinbogens ein steinernes
-Kreuz; darum ein Kranz von sieben Rosen, vier unterhalb,
-drei ber dem Querbalken; die mittlere dieser drei oberen Rosen
-ist angeheftet am Stamm. Unter diesem Rosenkreuz ist eine Marmortafel,
-darauf in Goldschrift folgende Worte:</p>
-
-<div class="poem"><div class="stanza">
-<span class="i0">&#8222;Hier ragt in Stein das Zeichen edler Groen,<br /></span>
-<span class="i0">Und diesem Zeichen sei das Haus geweiht:<br /></span>
-<span class="i0">Haus Waldeck steht im Bann von Kreuz und Rosen,<br /></span>
-<span class="i0">Von heitrem Ernst, von ernster Heiterkeit.<br /></span>
-<span class="i0">Und wer des Zeichens tiefren Sinn erfat,<br /></span>
-<span class="i0">Der sei willkommen als erles'ner Gast.&#8221;<br /></span>
-</div></div>
-
-<p>Es war dunkel geworden. Aber das geheimnisvolle Schneelicht
-und ein blauer Nachthimmel mit vielen Sternen lieen es nicht
-ganz finster werden.</p>
-
-<p>Die glcklichen Liebenden kosteten so recht die traute Wrme
-dieser Schummerstunde. Und es war schwer zu entscheiden, was
-ihnen inniger am Herzen lag: diese Plne selber oder die Wonne
-des gemeinsamen Plnemachens, in dem sich ja symbolisch nur
-wieder ihr eigenes tiefstes Lieben oder Sehnen aussprach.</p>
-
-<p>Er setzte sich in den Schaukelstuhl; sein Weib schmiegte sich auf
-seine Kniee und in seine Arme. Warm und nahe gingen ihres
-Busens Atemzge. Man hrte nur das Ticken der Uhr. Und sie
-trumten in die erhabene Winternacht.</p>
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span>
-
-Um Park und Haus erhoben sich rechts und links Tannenberge;
-aber die vordere Seite war weithin offen; und erst ganz
-fern schlo sich der Horizont durch die zart geschwungene Linie
-bewaldeter Hgel. Man konnte dort an hellen Tagen eine Lcke
-unterscheiden, und in der Lcke eine Bergstrae, die hinausfhrte
-in neue Lnder und Weiten. Dorthin schaute der Gutsherr oft
-und gern. Denn nicht ganz verklungen war die Melodie der
-Sehnsucht, die ihn einst hinausgetrieben hatte, der Ferndrang, das
-Iphigenien-Heimweh am Ufer von Tauris. Aber ihn durchdrang
-die mnnlich-sichere Empfindung: jene Schnheit auf dem Rivierahgel,
-jene Geister vom Montserrat &mdash; sie sind nicht drauen, sie
-sind nahe bei mir und in mir; ich habe die weite Welt hereingeholt
-in die erweiterte Enge.</p>
-
-<p>&#8222;Kreuz und Rosen&#8221;, sagte Frau Elisabeth trumerisch, ihren
-Gatten umrankend wie ein Rosenzweig. &#8222;Ist es nicht Verklrung des
-Lebens durch die Liebe? Oder was ist des Zeichens tieferer Sinn?&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Das werden wir alles noch verstehen lernen, Elisabeth.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Wir? Du verstehst es ja schon.&#8221;</p>
-
-<p>&#8222;Nicht ohne dich. Diese Geheimnisse offenbaren sich nur durch
-Liebe, nicht durch Verstand. Darum verstehe ich sie nicht ohne
-dich &mdash; und du nicht ohne mich. Ich erlebe und erlerne in dir und
-du in mir. Und unsere Liebe hat schon alle knftigen Erkenntnisse
-in sich &mdash; wie eine Rosenknospe die knftige Rose.&#8221;</p>
-
-<p class="center"><em class="gesperrt">Ende</em></p>
-
-<div class="figcenter" style="width: 160px;">
-<img src="images/p091_deco.png" width="160" height="172" alt="" />
-</div>
-
-
-
-
-<h2 class="pagebreak" title="Werbung">Verlag von Greiner &amp; Pfeiffer, Stuttgart</h2>
-
-
-<p class="center big200">Friedrich Lienhards Werke</p>
-
-
-<p class="center big120">Lyrik</p>
-
-
-<p class="hanging"><b>Lebensfrucht.</b> <em class="gesperrt">Gesammelte Gedichte.</em> 4., auch die Sammlungen
-&#8222;Lichtland&#8221; und &#8222;Kriegsgedichte&#8221; umfassende Gesamtausgabe.
-6 Mk., geb. 7 Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Die Schildbrger.</b> Frhlingsdichtung in zehn Gesngen. 2. Aufl.
-4Mk., geb. 5Mk.</p>
-
-
-<p class="center big120">Dramatik</p>
-
-
-<p class="hanging"><b>Till Eulenspiegel.</b> Narrenspiel in drei Teilen. 4. Auflage. 2.50Mk.,
-geb. 3.50Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Mnchhausen.</b> Lustspiel. 3. Auflage. 2Mk., geb. 3Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Knig Arthur.</b> Trauerspiel. 3. Auflage. 2Mk., geb. 3Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Gottfried von Straburg.</b> Schauspiel. 3. Aufl. 2Mk., geb. 3Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Odilia.</b> Legende. 2. Auflage. 2Mk., geb. 3Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Wieland der Schmied.</b> Dramatische Dichtung. 4. Auflage. 2Mk.,
-geb. 3Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Wartburg.</b> Drei dramatische Dichtungen: &#8222;<em class="gesperrt">Heinrich von Ofterdingen</em>&#8221;,
-&#8222;<em class="gesperrt">Die heilige Elisabeth</em>&#8221;, &#8222;<em class="gesperrt">Luther auf der
-Wartburg</em>&#8221;. 4. Auflage. Je 2Mk., geb. 3Mk.; in einem
-Band 5Mk., geb. 7.50Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Odysseus auf Ithaka.</b> Dramatische Dichtung. 2. Aufl. 2Mk.,
-geb. 3Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Ahasver am Rhein.</b> Trauerspiel. 1.50Mk., geb. 2.50Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Phidias.</b> Schauspiel in drei Aufzgen. 2.50Mk., geb. 3.50Mk.</p>
-
-
-<p class="center big120">Epik und Prosa</p>
-
-
-<p class="hanging"><b>Helden.</b> Bilder und Gestalten. 3. Auflage. 4Mk., geb. 5Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Oberlin.</b> Roman. 45. Auflage. 7.50Mk., geb. 9Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Der Spielmann.</b> Roman. 30. Auflage. 5Mk., geb. 6Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Der Einsiedler und sein Volk.</b> Novellen. 11. Auflage. 4Mk.,
-geb. 5Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Wasgaufahrten.</b> 12. Tausend. 4Mk., geb. 5Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Thringer Tagebuch.</b> 23. Auflage. 4.50Mk., geb. 5.50Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Neue Ideale.</b> Gesammelte Aufstze. 2. Auflage. 4Mk., geb. 5Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Wege nach Weimar.</b> 6 Bde. 4. Aufl. Jeder Band einzeln geb. 6Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Deutschlands europische Sendung.</b> Kriegsgedanken. 18. Tausend.
-50 Pfennig.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Deutsche Gre</b> (Schillers Gedichtentwurf). 50 Pfennig.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Jugendjahre.</b> Erinnerungen. 6. Auflage. 4Mk., geb. 5Mk.</p>
-
-<p class="hanging"><b>Lesebuch aus Lienhards Werken</b>, herausgeg. von Kreuzberg. 1Mk.</p>
-
-
-<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p>
-
-
-
-
-<p class="pagebreak center big160"><span class="gesperrt">Friedrich Lienhard</span></p>
-
-
-<p class="center big160">Deutsche Dichtung</p>
-
-<p class="center">160 Seiten. Gebunden Mk. 1.50</p>
-
-<p>Wie eine fesselnde Erzhlung packt das Bchlein und umspinnt uns mit dem
-Zauber deutscher Dichtung. Von dem sagenhaften germanischen Nationalepos
-und Minnegesang des Mittelalters bis zu den modernen Schpfungen unserer
-Zeitgenossen zeigt uns der Verfasser den Weg, die tiefen Schnheiten unserer
-deutschen Literatur zu finden, das Wesen wahrer Dichtung zu erleben und sie
-zarter und fester als bisher mit unserem Herzblut und Seelenleben zu verbinden.
-Lienhard whlt fr die Gliederung der deutschen Literatur drei sinnbildlich vertiefte
-Namen &#8222;Wartburg, Wittenberg, Weimar&#8221; und verbindet mit dieser Einteilung
-Mittelalter, Reformation und Neuzeit. Ein prchtiges Bchlein, das
-jeden Gebildeten die deutsche Dichtung als einen kostbaren Besitz unserer Nation
-besser werten lt, und das auch dem Fachmann Neues sagen und Altes neu
-prgen wird.</p>
-
-
-<p class="center big160">Das klassische Weimar</p>
-
-<p class="center">3. Auflage. 123 Seiten. Gebunden Mk. 1.50</p>
-
-<p>&#8222;Als treuer Hter steht Friedrich Lienhard am Tor des Graltempels der
-idealistischen Weltanschauung unserer klassischen Kunst von Weimar. Und <em class="gesperrt">mit
-tiefen Begeisterungen, mit priesterlicher Weihe, mit echter
-Wrme, ein wahrhaft Glubiger</em>, weist er uns immer wieder hin auf
-das einzig Eine, was uns not tut: da wir die Seele, das Wesen dieser Weimarer
-Kultur uns wahrhaft innerlich aneignen und das ganze tiefe Empfinden, die
-Sicherlichkeit und Gewiheit von ihrer vollkommenen und hchsten Schnheit und
-Wahrheit in uns erfahren. In groen Linien zeichnet er den Entwicklungsgang,
-den Aufstieg von Friedrich dem Groen und Klopstock bis zur Vollendung in
-Goethe, und legt den Wert und die Bedeutung der Fhrer in ihren Besonderheiten
-dar.&#8221;</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Julius Hart, Der Tag.</span><br />
-</p>
-
-
-<p class="center big160">Einfhrung in Goethes Faust</p>
-
-<p class="center">3. Auflage. 116 Seiten. Gebunden Mk. 1.50</p>
-
-<p>&#8222;Auf eigenem Wege bahnt Friedrich Lienhard seinen Hrern den Zugang
-zum Innersten der Dichtung. Er erfat den Faust als Mysterium, als Erlsungswerk,
-leitet ihn aus dem religisen Untergrund der Persnlichkeit Goethes ab,
-die er zuerst in ihrem Werden und Sein mit groen Linien zeichnet, und
-nennt den &#8222;Faust&#8221; glcklich ein Drama vom inneren Menschen ... Auch denen,
-die von der gewhnlichen Faustliteratur nichts wissen wollen (und ihre Zahl
-scheint mir immer grer zu werden), kann ich Lienhards Buch warm empfehlen.&#8221;</p>
-
-<p class="right">
-<span class="gesperrt">Das literarische Echo.</span><br />
-</p>
-
-
-<p class="center big140">Verlag von Quelle &amp; Meyer in Leipzig</p>
-
-
-<div class="transnote pagebreak">
-<h2><a name="Anmerkungen_zur_Transkription" id="Anmerkungen_zur_Transkription">Anmerkungen zur Transkription</a></h2>
-
-Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebruchlich waren, wie:
-
-<ul class="index">
-<li>andere -- andre</li>
-<li>bentzt -- benutzt</li>
-<li>Goethe-Band -- Goetheband</li>
-<li>Grashupfer -- Grashpfer</li>
-<li>Helena-Tragdie -- Helenatragdie</li>
-<li>Riviera-Hgel -- Rivierahgel</li>
-<li>tapferen -- tapfren</li>
-<li>unsere -- unsre</li>
-<li>Wanderer -- Wandrer</li>
-</ul>
-
-Interpunktion wurde ohne Erwhnung korrigiert.<br />
-
-Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:
-
-<ul class="index">
-<li>Der Schmutztitel wurde entfernt.</li>
-<li>S. 9 &#8222;Schaller &amp; Ko.&#8221; in &#8222;Schaller &amp; Co.&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 46 &#8222;Les Beaux&#8221; in &#8222;Les Baux&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 48 &#8222;Flotillen&#8221; in &#8222;Flottillen&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 71 &#8222;Scylla&#8221; in &#8222;Skylla&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 122 &#8222;Bhagavad Ghita&#8221; in &#8222;Bhagavad Gita&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 127 &#8222;Park Guell&#8221; in &#8222;Park Gell&#8221; gendert.</li>
-<li>S. 141 &#8222;Kalvinistenstadt&#8221; in &#8222;Calvinistenstadt&#8221; gendert.</li>
-</ul>
-
-</div>
-
-
-
-
-
-
-
-
-<pre>
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Der Spielmann, by Friedrich Lienhard
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPIELMANN ***
-
-***** This file should be named 62539-h.htm or 62539-h.zip *****
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-the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
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-LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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-unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
-remaining provisions.
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-trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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-Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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-
-
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-501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
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-
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-
-</pre>
-
-</body>
-</html>
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Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p032_deco.png b/old/62539-h/images/p032_deco.png
deleted file mode 100644
index 9b8bae8..0000000
--- a/old/62539-h/images/p032_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p033_cap.png b/old/62539-h/images/p033_cap.png
deleted file mode 100644
index bac0c9a..0000000
--- a/old/62539-h/images/p033_cap.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p033_deco.png b/old/62539-h/images/p033_deco.png
deleted file mode 100644
index 600c211..0000000
--- a/old/62539-h/images/p033_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p050_deco.png b/old/62539-h/images/p050_deco.png
deleted file mode 100644
index cbda775..0000000
--- a/old/62539-h/images/p050_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p051_cap.png b/old/62539-h/images/p051_cap.png
deleted file mode 100644
index 006bc44..0000000
--- a/old/62539-h/images/p051_cap.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p051_deco.png b/old/62539-h/images/p051_deco.png
deleted file mode 100644
index 79e29dd..0000000
--- a/old/62539-h/images/p051_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p075_deco.png b/old/62539-h/images/p075_deco.png
deleted file mode 100644
index 834a64b..0000000
--- a/old/62539-h/images/p075_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p076_cap.png b/old/62539-h/images/p076_cap.png
deleted file mode 100644
index 1b284a3..0000000
--- a/old/62539-h/images/p076_cap.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p076_deco.png b/old/62539-h/images/p076_deco.png
deleted file mode 100644
index 5aea314..0000000
--- a/old/62539-h/images/p076_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p091_deco.png b/old/62539-h/images/p091_deco.png
deleted file mode 100644
index 81d73fe..0000000
--- a/old/62539-h/images/p091_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p095_cap.png b/old/62539-h/images/p095_cap.png
deleted file mode 100644
index 6f7610f..0000000
--- a/old/62539-h/images/p095_cap.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p095_deco.png b/old/62539-h/images/p095_deco.png
deleted file mode 100644
index b7a7d08..0000000
--- a/old/62539-h/images/p095_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p131_deco.png b/old/62539-h/images/p131_deco.png
deleted file mode 100644
index 4f14dcc..0000000
--- a/old/62539-h/images/p131_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p132_deco.png b/old/62539-h/images/p132_deco.png
deleted file mode 100644
index 4766a0d..0000000
--- a/old/62539-h/images/p132_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p160_deco.png b/old/62539-h/images/p160_deco.png
deleted file mode 100644
index d87dd42..0000000
--- a/old/62539-h/images/p160_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p161_cap.png b/old/62539-h/images/p161_cap.png
deleted file mode 100644
index 36d3466..0000000
--- a/old/62539-h/images/p161_cap.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p161_deco.png b/old/62539-h/images/p161_deco.png
deleted file mode 100644
index 05f54ab..0000000
--- a/old/62539-h/images/p161_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p185_deco.png b/old/62539-h/images/p185_deco.png
deleted file mode 100644
index f053f91..0000000
--- a/old/62539-h/images/p185_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p186_cap.png b/old/62539-h/images/p186_cap.png
deleted file mode 100644
index 1f04788..0000000
--- a/old/62539-h/images/p186_cap.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p186_deco.png b/old/62539-h/images/p186_deco.png
deleted file mode 100644
index 96c2832..0000000
--- a/old/62539-h/images/p186_deco.png
+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p200_deco.png b/old/62539-h/images/p200_deco.png
deleted file mode 100644
index 5e41b2b..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p201_deco.png b/old/62539-h/images/p201_deco.png
deleted file mode 100644
index 1274fe4..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p209_deco.png b/old/62539-h/images/p209_deco.png
deleted file mode 100644
index 30fb662..0000000
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Binary files differ
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deleted file mode 100644
index bcb9f92..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/p210_deco.png b/old/62539-h/images/p210_deco.png
deleted file mode 100644
index 2ec40cf..0000000
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Binary files differ
diff --git a/old/62539-h/images/signet.png b/old/62539-h/images/signet.png
deleted file mode 100644
index bcd45fc..0000000
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+++ /dev/null
Binary files differ