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diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes new file mode 100644 index 0000000..d7b82bc --- /dev/null +++ b/.gitattributes @@ -0,0 +1,4 @@ +*.txt text eol=lf +*.htm text eol=lf +*.html text eol=lf +*.md text eol=lf diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Spielmann - -Author: Friedrich Lienhard - -Release Date: July 1, 2020 [EBook #62539] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPIELMANN *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - +------------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Gesperrter Text ist als _gesperrt_ dargestellt, Fettschrift als | - | ·fett·, und Antiquaschrift als ~Antiqua~. | - | Eine Liste der Änderungen befindet sich am Ende des Buchs. | - +------------------------------------------------------------------+ - - - - - Der Spielmann - - Roman aus der Gegenwart - von Friedrich Lienhard - - Neununddreißigste Auflage - - [Illustration] - - Stuttgart - - Druck und Verlag von Greiner & Pfeiffer - - - _Erstausgabe dieses Buches:_ - - _Sommer 1913_ - - - - -Inhalt - - - _Erster Teil: Ingos Irrfahrt_ - - Seite - - Erstes Kapitel: Der Wanderer 1 - - Zweites Kapitel: Titanic 9 - - Drittes Kapitel: Die Freundin 25 - - Viertes Kapitel: Der Troubadour 33 - - Fünftes Kapitel: Lourdes 51 - - Sechstes Kapitel: Die Verlobung 76 - - - _Zweiter Teil: Ingos Einkehr_ - - Siebentes Kapitel: Der Gralsberg Montserrat 95 - - Achtes Kapitel: Am Genfer See 132 - - Neuntes Kapitel: Weimar 161 - - Zehntes Kapitel: Kaisergespräch auf der Wartburg 186 - - Elftes Kapitel: Elisabeth 201 - - Zwölftes Kapitel: Der Gutsherr 210 - -[Illustration] - - - - -Erster Teil - -Ingos Irrfahrt - - - - -[Illustration] - - - - -Erstes Kapitel - -Der Wanderer - - „Sehne dich und wandre!” - - _Heinrich von Stein_ - - -Auf einem hellgrünen Riviera-Hügel, zwischen feierlicher Zypresse und -lustigem Kirschbaum, der mit halbreifen Früchten betupft war, saßen -zwei liebliche junge Mädchen. - -Es war Verwandtschaft in ihren rosigen Gesichtern und in ihrer -geschmackvoll einfachen Kleidung mit dem weißen Matrosenkragen, aus dem -dort und hier auf länglichem Halse ein dunkelbraunes Köpfchen wuchs. - -Die Ältere, auf einem Feldstuhl sitzend und über eine Stickerei -gebeugt, war von ganz besonders bestrickender Schönheit. Wenn sie die -enzianblauen Augen unter schweren Wimpern langsam aufschlug, ging ein -Leuchten über die Umgebung. Alle Dinge wurden in dieser Beleuchtung -schöner, alle Menschen gütiger. Es waren große, schüchterne, -vielleicht nicht sehr kluge Augen, vom weiten Bogen der bräunlichen -Brauen madonnenhaft umrahmt. Das Mädchen war hoch und schlank. Und -schön waren auch die Nüstern des feinen Näschens, die bei gedämpftem -Lachen mitzulächeln schienen; schön das sanft gerundete Kinn; schön -der schmale und doch volle, kirschrote, meist ein wenig geöffnete -Mund. Sie glich in ihrer gesunden und natürlichen Jungfräulichkeit -den Madonnen Raffaels und mochte Maler und Dichter entzücken. Denn -ein Künstler spürte in diesem Mädchen zwar weder Gelehrsamkeit noch -gesellschaftliche Gewandtheit, wohl aber das Lebensgeheimnis einer -starken und sittsamen Weiblichkeit, gesunde Kinder zu schaffen fähig, -keine Bücher. - -Unfern von den jungen Damen lag eine kannelierte Marmorsäule zwischen -zerstreuten Blöcken. Vermutlich hatte man dort bauen wollen; aber der -Baumeister hatte sich in die entzückende Landschaft verliebt und das -Bauen vergessen. Angesichts des blauen Meeres, zwischen Zypressen und -Oliven, hätte sich ein weißer Tempel wirksam ausgenommen, der Sonne -geweiht, der Schönheit heilig. Jedoch der Tempel war noch unsichtbar, -der Sonnenanbeter desgleichen; und dem Baumeister drohte abermals -Gefahr des Verliebens durch diese beiden ungewöhnlich schönen Mädchen. - -Sie plauderten französisch. Aus ihrem Gespräch ging hervor, daß die -Mutter der Älteren ihren Nachmittagsschlaf auszudehnen pflegte, so daß -die beiden Schönheiten abseits von der gemieteten Villa auf diesem -Aussichtsplatz verweilen konnten. - -Der jüngere Backfisch lag ausgestreckt im weichen Grase, stützte die -braunen Wangen in die Hände und las. Mädchenhüte flimmerten strohgelb -aus grünem Rasen. Und es war anmutige Stille um die beiden Gestalten; -selbst der Mittagswind spielte nur lässig in Gras und Laub. Von Zeit zu -Zeit sprang die Kleine auf, griff in das Blätterwerk empor und suchte -sich frühreife Kirschen heraus; oft auch hob sie lachend ihr spitzes -Mäulchen an den freundlich herabgeneigten Baum und naschte die Früchte -gleich vom Ast weg. Dann hängte sie sich ein Kirschenpaar über jede -Ohrmuschel, kaute, spuckte Kerne an die Marmorsäule und las vergnüglich -weiter. - -Aus der Ferne funkelte in gleichmäßiger Ruhe das tiefblaue Mittelmeer. - -Häufig lachte die Lesende hell hinaus und strampelte vor Vergnügen mit -den gelben Schuhen. - -„Sag' doch, Martha, kann es etwas Lustigeres geben als diese verrückten -Briefe Mozarts?” rief sie. „Hör' einmal zu!” - -Und sie las in geläufigem Deutsch flink herunter: „Allerliebstes Bäsle, -Häsle! Ich habe dero mir so wertes Schreiben richtig erhalten -- falten --- und daraus ersehen -- drehen -- daß der Herr Vetter -- Retter -- und -die Frau Bas -- Has -- und Sie -- wie recht wohl auf sind -- Rind; wir -sind auch Gott sei Dank recht gesund -- Hund” -- -- sie brach lachend -ab. - -„So geht's nun immerzu weiter!” fuhr sie französisch fort. „Jedem -dritten Wort hängt er irgendeinen albernen Reim an, der gar keinen Sinn -hat, nur aus Necklust. Oh, ich liebe Mozart schrecklich! Die Leute von -damals waren lustiger, leichter, eleganter und amüsanter -- verstehst -du das, Martha? Sie schlugen Purzelbaum, sie tanzten Menuett, sie -liebten, küßten sich und waren doch nicht gemein, denn sie hatten mehr -Poesie im Leibe! Verstehst du das, Martha?” - -Martha lächelte, stickte und schwieg. - -„~Mais allons donc!~” zürnte die kleine Elsässerin. „Do sitzt se un -sagt nix!” - -Sie sprang auf, hob das spitze Näschen in die Luft und witterte die -blühenden Riviera-Hügel hinunter, wo auf allen Hängen zwischen weißen -Landhäusern steile, dunkle Zypressen, silbergraue Olivenbäume und -spitzblättrige Gartenpalmen die Landschaft festlich stimmten. Ihre -Augen leuchteten die Gegend ab. - -Und plötzlich klatschte sie in die Hände. - -„Da kommt er wieder!” - -„Wahrhaftig!” bestätigte die stille Base Martha, ward ein wenig -lebendiger und sandte ihre tiefblauen Augenstrahlen gleichfalls den -Abhang hinunter. „Was tut er denn?” - -„Er spielt auf einer Laute und summt vor sich hin! Hab' ich dir's nicht -gleich gesagt? Das ist ein deutscher Musiker!” - -„Er spricht übrigens auch gut Französisch. Und warum kann es nicht auch -ein Maler sein? Er hatte ja neulich einen Malkasten mit!” - -„Oder ein Dichter! Denn er hat uns ja ein Verschen gedichtet!” - -„Oder ein reicher Privatmann, der alles treibt und nichts.” - -„Möglich, denn Geld hat er gewiß! Und dabei so die Geste des -Weltmannes! Und grundgelehrt! Er interessiert mich schrecklich. Aber -ich bin gewiß, daß er deinetwegen kommt. Und dabei sitzt sie immer da -wie ein Stockfisch! Ich kann die Unterhaltung im Gang halten -- und in -dich verlieben sie sich! Alle! Auch wenn du kein Wort sagst! Zu dumm! -Ich hab's schrecklich schwer auf der Welt.” - -Sie seufzte, klappte Mozarts Briefe heftig wieder auf und setzte sich -mit sehr melancholischer Miene und schwermütig gestütztem Haupt neben -das lächelnde, stickende und schweigende Bäschen. Aber es zuckte -um ihre Mundwinkel; ihre Blicke schielten vom Buch hinweg nach dem -Ankömmling, und mit einem Rippenstoß an Cousine Martha flüsterte sie, -daß sie vor Lachen berste. - -Der ankommende Herr war ein schmucker, mittelgroßer Mann von etwa -dreißig Jahren. Er trug einen feinen Flanellanzug und einen Panamahut -über kurzem dunkelblonden Haar. - -Schon von fern schwang er den Hut und die bänderumflatterte Laute und -rief in deutscher Sprache: - -„Das ist ja ausgezeichnet, daß ich Sie wieder treffe! Bravissimo! Die -Freundin Mozarts und die große Schweigerin! Kirschbaum und Zypresse! -Guten Tag!” - -Und trat heran, verbeugte sich und fuhr fort: - -„Der Tempel ist noch unerbaut, aber die Priesterinnen warten. Seien Sie -gegrüßt, allerholdeste Hüterinnen dieses heiligen Hains!” - -Die beiden jungfräulichen Wesen nickten gemessen und kämpften mit dem -Lachen; er aber nahm ohne Verzug auf der Säule Platz. - -„Verzeihen Sie, meine Damen,” sprach er, „daß ich auch heute so -unsalonmäßig bin, mich nicht in konventionellen Formen vorzustellen. -Nehmen Sie an, ich sei irgendein Wanderer, der -- nun, der seine -Bestimmung sucht. Nehmen Sie an, ich sei ein Spielmann, ein Troubadour --- mein Vorname ist übrigens Ingo, und das genügt --, und nehmen Sie -an, Sie seien die zwei anmutigsten Schloßherrinnen der ganzen anmutigen -Provence!” - -„Sehr liebenswürdig!” lachte die Kleine. Die Sachlage war fremdartig, -aber den Mädchen nicht mißfällig. Die Ältere richtete ihr großes -Augenpaar schüchtern und fragend auf die Jüngere; und diese zappelte -vor Vergnügen, im Lustspiel mitzutun. - -„Sie haben recht,” sagte der Zappelkäfer, „es ist heutzutage viel -weniger Poesie in der Welt als in den Zeiten Mozarts. Hab' ich das -nicht eben gesagt, Martha?” - -„Aha! Darum tragen Sie also beide diese zierlichen braunen -Mozart-Zöpfe, nicht wahr?” - -„Eben! Meine Cousine wollte nicht, aber sie muß!” - -Martha lächelte und stickte; schaute dann die Base an, nicht den -Fremden, und sprach mit ihrer leisen Stimme, um nur auch etwas zu sagen: - -„Sie hat mir lustige Stellen aus Mozarts Briefen vorgelesen.” - -„Wollen Sie's hören?” setzte sofort das Backfischchen ein. Und sie -plapperte einiges herunter, bis sie vor Lachen aufhören mußte. Dann -wurde sie gesetzter und bemerkte, es seien auch recht schmerzliche -Briefe in dieser Sammlung, etwa über den Tod der Mutter oder jene -unglaubliche Behandlung beim Erzbischof von Salzburg. - -„Schändlich so etwas! Ganz abscheulich! Finden Sie nicht auch?” - -„Niederträchtig!” bekräftigte der Fremde. „Aber das hat Mozarts -Lebenslaune nicht gebrochen. Ein rechter Kerl zerbricht überhaupt -nicht. Ein elastischer Geist ist aus beßrem Stoff als der beste -parische Marmor. Übrigens, Sie anbetungswürdiges Mozart-Mägdlein, -ich zerbreche mir schon drei Tage den Kopf, warum diese Marmorsäule -so mutterseelenallein hier oben auf dem Hügel liegt -- grade nur die -einzige! Als ob eine einzige Säule irgend etwas in der Welt stützen -könnte! Als ob nicht mit der Zweiheit überhaupt erst alles Leben -begönne! Sind Sie nicht auch dieser Meinung, gnädiges Fräulein?” - -„~Parfaitement!~” bestätigte die Kleine und gab der Älteren einen -Rippenstoß. - -Martha lächelte und stickte. - -„Sehen Sie, wir zwei verstehen uns ausgezeichnet!” rief der junge Mann. -„Deshalb haben Sie sich auch, als Symbol der Zweiheit, je ein Paar -Edelsteine an die Ohren gehängt, Mademoiselle!” - -Die Kleine hatte ganz vergessen, die hellroten Kirschen zu entfernen, -pflückte sie jetzt mit umständlichen Gebärden aus Haar und Ohrmuschel -heraus und begann sie aufzuessen. Der Fremde streckte zum Fangen die -Hände aus; sie lachte und warf ihm das zweite Paar der unreifen Früchte -zu. - -„Dafür spielen Sie uns aber auch etwas vor!” rief sie. „Denn Sie sind -doch offenbar ein Musiker?” - -„Offenbar!” erwiderte der Spielmann ernsthaft und griff Akkorde aus -Mozarts Figaro, womit er das folgende Geplauder scherzend begleitete. -„Aber ich male auch bisweilen; ich singe auch ein wenig; ich komponiere -mitunter. Und da zum Singen Worte gehören, so dicht' ich auch.” - -„Ein Universalgenie!” rief der Backfisch entzückt. - -„Und wenn Sie hinzunehmen, daß ich Dingen, die mich interessieren, auch -wissenschaftlich nachspüre und sogar ein paar Bücher geschrieben habe --- --” - -„Oh, oh, oh, Martha, was sagst du nur dazu?!” - -„So werden Sie begreifen, daß ich mich vor allem andren nach etwas -ganz Bestimmtem sehne -- nach der Zweiheit, mit der ich zusammen eine -Einheit bilden könnte, fest, geschlossen, gesammelt -- ein Kunstwerk, -ein Tempel, eine Gralsburg!” - -Die Mädchen schauten einander verwundert an. - -„Schrecklich gelehrt!” sagte die Jüngere. „Erzählten Sie nicht gestern, -daß Sie an einem Duett komponieren?” - -„Auch das! Zwei Mädchenstimmen! Die eine von stiller Schönheit, edel -und einfach -- Frieden ausstrahlend wie eine Madonna oder ein Engel von -Fra Angelico. Die andre ein Kobold, der in allen Tonlagen herumgaukelt, -ganz voll Koloraturen, eine Nixe, eine Wasserfee. Soll ich Sie mal -spielen, Fräulein Nixe?” - -Er spielte närrische Akkorde und sang zu den Kapriolen ein Necklied. - -„Reizend! Von Mozart?” - -„Von mir, holder Schmetterling!” - -„~Mais c'est charmant!~ Das müssen Sie mir aufschreiben! Aber nun -sollen Sie auch meine Cousine komponieren!” - -Er ließ sich, nachdem er sich so lange nur mit der Jüngeren abgegeben -hatte, im Grase nieder, zu den Füßen der verlegenen Stickerin; aber -er griff nur einige ernst-schöne Akkorde und sprach dann mit zarter -Höflichkeit: - -„Sie heißen Martha, mein stilles, fleißiges Fräulein. Mehr weiß ich -nicht, will es auch vorerst gar nicht wissen. Aber gesehen habe ich Sie -schon irgendwo und habe Ihr Gesicht behalten. Nur weiß ich nicht mehr: -war es jenseits dieses Sternes, ehe unsre Seelen auf die Erde flogen, -oder war es irgendwo in Europa? Denn ich wandre viel. Ihnen möcht' ich -nichts Neckisches, sondern etwas sehr Liebes und Ernstes sagen oder -singen. Denn Sie verdienen es, Sie sind so gut, wie Sie schön sind.” - -Und ihre Hand ergreifend, an der noch der Fingerhut steckte, küßte er -plötzlich die schlanken Finger der überraschten Schönen. - -Dann aber besann er sich, sprang auf und packte Hut und Laute. - -„Auf Wiedersehen! ~A rivederci!~” - -Und sprang mit großen Schritten den Hügel hinunter. - - * * * * * - -Weitab von diesem Riviera-Hügel, vor einem der alten -fränkisch-thüringischen Herrensitze mitten in Deutschland, steht eine -mächtige Tanne. Ein Vorfahre Ingos hatte sie gepflanzt, als er in den -Türkenkrieg zog. „Ihr sollt euch”, schrieb er, „bei ihrem Anblick -erinnern, daß der Mann sein Erbe verlassen und sein Lebensziel erobern -muß.” Als aber sein Verwalter während des Freiherrn Fernfahrt einen -Schloßteich in Ackerland verwandelte, schrieb derselbe Türkenkrieger -folgenden Brief: „So wir nicht alles im alten Stand finden, schießen -wir dir bei unsrer Heimkehr eine Kugel durch den Kopf, denn der Mann -soll sein Erbe achten. Im übrigen bleiben wir dir in Gnaden gewogen.” - -Noch andre Ahnen Ingos hatten die abenteuerliche Ferne aufgesucht und -sich doch zuletzt, gebräunt von Lebens-Erfahrung, auf den geliebten -heimischen Boden zurückgefunden. - -Der Enkel dieser freiheitlich-konservativen Männer, die aus Fernfahrt -und Einkehr ihr Leben auferbauten, der Troubadour Ingo, der am Rande -der Mittelmeerkultur die Leuchtkraft der Olivenhänge in sich einsog, -war ein jüngerer Sohn. Bei ihm hatte sich der Adelsstolz ins Geistige -umgesetzt. Und während sein älterer Bruder Hochwild schoß, sann er -selbst im Gebirg' und auf dem Weltmeer dem erhabenen Problem nach, -wie sich germanischer Ernst und griechische Schönheitsfreude und -christliche Innerlichkeit in einem heiter-ernsten Naturell vereinigen -könnten ... - -Als Ingo jenen Hügel hinabschritt, sang und pulsierte sein Blut. - -Und das Blut sang und sprach zu dem leichtfüßig dahineilenden Spielmann: - -„Einst hat dein Ahnherr Friedrich die schöne Elsässerin Octavie von -Birkheim in den harten, kräftigen Herbst eurer Thüringer Waldung -heimgeführt. Greif zu, Spielmann! Trage die Schönheit unter die -Parkwipfel der arbeitsamen Stille! Denn deine Munterkeit ist Maske, -dein Herz ist reif und traubenschwer von Heimweh nach Tempel und Hütte -mitten in Deutschland. Noch braucht dich Deutschland nicht; noch -spielst du das Leid deiner Verbannung mit Melodien hinweg. Doch halt -aus! Vollende dich wandernd! Wandre, wandre! Es wandert der blühende -Lenz und verwandelt sich wandernd in goldenen Herbst. Es wandert -das Licht, den Tag verwandelnd in Nacht und die Nacht in Frührot. -Es wandert und wächst der Mensch und verwandelt sich wandernd aus -Kindergestalt in die Reife des ruhigen Greises. Und so wandern Geburt -und Tod. So wandert die Zeit, so wandern die Sonnen des Weltalls -- und -alles Lebendigen Wesen ist Wandel und Wandrung. Wandre, mein Freund -- -nur wandre zu _Ende_!” - -So sang das Blut. - -So sang es in einem schön gewachsenen, durch besonnenen Sport kräftig -und ebenmäßig ausgebildeten Körper. - -Und so schritt er hinab, voll Spannkraft und Lebensmut, griff in die -Saiten und spielte sich ein Wanderlied. - -Plötzlich unterbrach er dieses Reigenspiel seiner Gedanken, strich über -die Stirn, sah um sich und sagte gelassen: - -„Bursche, du bist verliebt! Mach', daß du in dein Hotel kommst, damit -dir Friedel den Text liest!” - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Zweites Kapitel - -Titanic - - „Ich komme vom Gebirge her, - Es dampft das Tal, es braust das Meer ... - Wo bist du, mein geliebtes Land? - Gesucht, geahnt und nie gekannt? - O Land, wo bist du?” ... - - _Schmidt von Lübeck_ - - -Nacht hatte sich der Landschaft bemächtigt. - -Ein Gewitter krachte über der Palmenküste. In wuchtigen Massen troff -der Regen. - -Im Hotel vernahm man das nahe Rauschen und Drohen des gewaltig tosenden -Meeres, dessen großer Ton sich mit den Stimmen der Gewitternacht -verband. - -Doch in den glänzenden Luxusräumen, die von Goldornamenten und -Kristallen strotzten, wurde die Sprache der Natur nicht wichtig -genommen. Ein internationales Sprachengemisch, ein feinblauer -Zigarettendampf, Schaumperlen der Sektgläser stiegen empor und schufen -eine besondre Stimmung. - -Der kleine Kommerzienrat Otto S. Marx feierte Geburtstag. Es war -ein reichlich Dutzend seiner vielen guten Bekannten zu einem Souper -eingeladen. Seine Laune war vorzüglich, denn der Vormittag hatte ihm in -den Spielsälen eine beträchtliche Summe in die Tasche geschoben. Und -nun neckte er seinen stattlichen germanischen Freund, den Großkaufmann -Schaller aus Barcelona, der eine Handvoll Goldstücke verloren hatte --- für Firma Schaller & Co. zwar eine Kleinigkeit, aber immerhin -des Verdrusses wert; denn die bereits gewonnenen Tausende waren dem -leidenschaftlichen deutschen Spieler wieder durch die Finger getropft, -da er nicht die Besonnenheit hatte, beizeiten abzubrechen, wie der -immer kluge und immer nüchterne Otto S. Marx. - -Unter den Gästen stachen hervor, durch helle und einnehmende -Gesichtszüge, das deutsche Ehepaar Trotzendorff mit dem befreundeten -thüringischen Freiherrn Ingo von Stein-Waldeck. Der blonde englische -Maler Wallace und sein angenehmer, nach allen Seiten stets gleich -liebenswürdiger französischer Freund Leroux hatten sich mit diesen drei -Deutschen angefreundet; und es störte sie nicht, daß der männliche -Major von Trotzendorff gelegentlich seinen nationalen Standpunkt im -Gegensatz zu andren anwesenden Deutschen unverschwommen betonte; denn -seine leuchtend schöne Frau Friederike, genannt Friedel, glich alles -wieder aus. - -Um diese lebenswarmen Menschen her saßen allerlei belanglose -Damen und Herren, die sich durch Reichtum und Brillanten von der -arbeitenden Menschheit absonderten, nicht durch Seele. Da war ein -jovialer Theaterdirektor, der ebenso wie sein Nachbar, ein blasierter -Gesandtschafts-Attaché, für lüsterne Anekdoten empfänglich war und -manchmal aus einem wiehernden Lachen gar nicht mehr herauskam; da war -eine sehr dekolletierte, sehr parfümierte, sehr geschminkte Dame aus -österreichischen Adelskreisen, die täglich mit kühlster Geschäftsmiene -am Spieltisch saß. Und so Gesicht an Gesicht, fahl, geisterhaft in den -Rauch eingezeichnet, umblitzt von den Zieraten des Salons, umdröhnt von -Meer und Gewitter. - -Man sprach vom Untergang der „Titanic”. - -Dieser englische Riesendampfer, das größte Passagierschiff, das je auf -einem Ozean geschwommen, war auf seiner ersten Fahrt von England nach -Amerika an einem Eisberg zerschellt. Das ungeheure Fahrzeug war mit -mehr als tausendsechshundert Menschen in die Tiefe gesunken. - -Ein Aufschrei scholl durch die Menschheit. - -„Wie kann denn eine solche schwimmende Luxusstadt überhaupt -untergehen?! Es waren ja Restaurants an Bord, Konzertsäle, -Tennisplätze, Blumenläden -- ganze Straßen! Es fuhren ja Millionäre und -Milliardäre mit!” - -„Der alte Atlantik kümmert sich den Teufel um alle Milliardäre der -Welt!” - -„Der Ozean ist dort dreihundertmal so tief als der Tiefgang der -Titanic!” - -„Der Eisberg, an dem das Schiff zerkrachte, ist schwerer als alle -Eisenflotten der Welt!” ... - -In einer eiskalten Aprilnacht war es -- zwei Stöße -- und das -Riesenschiff stand fest! Von Tür zu Tür läuft das Wort: Auf! ein -Unglück! Was, wo, wie? Menschen, mehr neugierig als erschrocken, -huschen im Schlafrock durch die Korridore -- was, wo, wie? Und abermals -ein Befehl: Stecke jeder ein Dokument zu sich! Jetzt summt es heraus -aus allen Kabinen, jetzt füllt es tosend Verdeck und Gänge, staut sich, -fragt, ruft, schreit, kämpft -- und um die verängstete Menschenmasse -eisige Nacht und das Plätschern, Nagen, Zähneblecken des wartenden -Ozeans! Da rufen Geistliche die volle Wahrheit: In wenigen Minuten -stehen wir alle vor Gottes Antlitz, wer seine Seele erleichtern will, -der mag es tun! Und die Schiffskapelle, die im Salon bis zuletzt mit -lustigen Weisen getäuscht hat, bricht ab und geht über in den Choral: -„Näher, mein Gott, zu dir!” Furchtbare Panik! Das todgeweihte Gewühl -drängt, stößt, beißt sich zu den Booten, über zertretene Kinderleichen -hinüber, und alle Kommandorufe ersticken im mörderischen Gebrüll. -Einzelne überladene Boote kämpfen sich los vom Überandrang, um sie -her tropfen Menschen ins Wasser wie Körner von einem übervollen Gefäß --- und dann richtet sich der Schiffsrumpf in seiner ganzen Länge jäh -empor, in Kirchturmhöhe aus den Wassern starrend, und schüttelt die -wild aufschreiende Menschenmasse ab, um dann selber in den schwarzen -Strudel zu versinken ... Einige Hundert haben sich auf allzu spärlichen -Booten gerettet und schwimmen nun in Nußschalen, die Füße im Eiswasser, -durch die kalte Nacht, Land suchend, Überbleibsel einer Sintflut ... -Titanen wollten den Himmel stürmen; Götter schoben ihnen lächelnd mit -dem kleinen Finger einen Eisblock entgegen -- und die Titanen stürzten -... - -Diese Schilderung wurde ausgesponnen und mit erschütternden -Einzelheiten umrankt. Gemüter und Nerven erzitterten. - -Aber sehr bald flutete neuer Unterhaltungsstoff über den Eindruck -hinweg. Man sprach von Schiffsunfällen, von Lebensversicherung, von -Maßregeln, die eine Katastrophe solcher Art künftig verhüten würden; -man verurteilte die Schnellfahrten über den Ozean, man stritt über den -Wert solcher Riesenschiffe. Bald war man mitten in Zahlen und Maßen -der Dreadnoughts. Und hier wurden einige Herren hitzig, darunter der -fachmännisch beschlagene Major von Trotzendorff, als der Kaiserliche -Jachtklub, der Meteorjachtklub von Deutschland und der Deutsche -Motorbootklub nicht reinlich auseinandergehalten wurden. Von da sprang -das Gespräch auf den Kaiserlichen Aeroklub und den Berliner Verein für -Luftschiffahrt über. Man hatte vor wenigen Tagen einer Wettfahrt von -Motorbooten beigewohnt: mit aufgebäumtem Kiel, in fabelhafter Raserei, -umschäumt von zurückspritzenden Wellen, waren die Boote am Felsen von -Monte Carlo vorübergesprüht. Und im Hafen erhob sich, nach Anlauf auf -dem Wasser, eines dieser surrenden Wunderwerke jählings in die Luft -und flog mit seinen zwei Insassen in großem Bogen kühn hinaus übers -Meer und wieder genau zurück und herab an die Abfahrtstelle ... Welche -Eroberungen des Wassers und der Luft! Welche Überwindungen der Schwere! -Sie stürmen den Himmel, diese Titanen! - -Das Gespräch flatterte in Gruppen auseinander; die Titanic schien -vergessen. Diese modernen Menschen waren berauscht von den -unvergleichlichen technischen Errungenschaften der Gegenwart ... - -Ingo von Stein saß in tiefen Gedanken versunken. Er hatte sich im -Geiste mehr und mehr abgesondert vom Gespräche seiner Zeitgenossen. -Plötzlich, als eine Pause sein Eingreifen möglich machte, sprach er in -seiner ernst-liebenswürdigen Weise mit vollklingender Mannesstimme: - -„Gestatten Sie mir eine Frage, meine Damen und Herren! Ist niemandem -von Ihnen bei diesen Gesprächen über den Untergang der Titanic etwas -aufgefallen?” - -„Wieso? Was denn?” - -„Verzeihen Sie, es ist unmodern, davon zu reden! Nehmen Sie an, daß es -ein philosophisch gestimmter Mensch sei, den diese Frage beschäftigt! -Als diese sechzehnhundert Menschen untergingen, fuhr ebenso ein -Entsetzen durch die Welt wie beim sizilischen Erdbeben. Aber -- -binnen kurzem ist alles wieder vergessen! Die Jagd saust weiter. Neue -Eindrücke stürmen über die alten hinweg; es kommt nicht zu seelischer -Verarbeitung. Hat wohl eine Frage nach Sinn und Wesen des Todes die -materialistische Menschheit durchschauert? Hat man ein Polarschiff -ausgesandt in das unbekannte Land jenseits des Todes? Hat man sich auf -Sinn und Wert des Lebens und Sterbens besonnen?” - -„Herr Baron, das is Religion -- und Religion is Privatsache!” rief Marx. - -„Wer hat denn heute zu solchen Spekulationen Zeit?” setzte Schaller -hinzu. - -„Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter mit Hölle und Himmel und -solchen Popanzen!” - -„Aber darüber kann ja jeder denken, wie er will! In Religionssachen bin -ich für mein Part indifferent -- und ich hoffe, mit mir jeder moderne -Mensch!” - -So ging es um den Tisch herum. Der Attaché stemmte den Kneifer ins Auge -und betrachtete den Baron wie ein vorsintflutliches Megatherion. - -„Sehen Sie! Sie bestätigen, was ich sage!” fuhr Stein fort. „Der -Zusammenprall zwischen Titanic und Eisberg war umsonst. Niemand hat die -gigantische Frage verstanden. Denn eine Frage ist in jener Aprilnacht -über den Ozean geschwommen und hat der Titanic Halt geboten. Die -moderne Titaniden-Menschheit hat die Frage nicht einmal gehört!” - -Ein Teil der Gesellschaft versuchte ernst zu werden. Man vernahm -draußen das Tosen des Gewitters; man vernahm das Donnern der -nächtlichen See. - -„Nehmen Sie einmal an,” fuhr der philosophische Sonderling fort, -„wir alle, wie wir hier sitzen, ganz Europa, die ganze moderne -Zivilisation, seien der Schiffskörper einer Titanic, umbraust von -den Gefahren des Chaos! Nehmen Sie an, eine Katastrophe bedrohe uns, -ein europäischer Krieg, mit Hungersnot, Seuchen und Revolution -- -was dann? Nehmen Sie einmal an, wir Zeitgenossen seien dem Untergang -geweiht und schauen auf die letzten Jahrzehnte zurück, wie dort in den -letzten Minuten die Todgeweihten der Titanic auf ihre Fahrt -- was ist -das Ergebnis? Können wir sagen, diese glänzende Anhäufung materieller -Güter, diese fieberhafte Konkurrenz aller gegen alle, seien der wahre -Sinn und Zweck und Wert des Daseins?” - -Er hielt einen Augenblick inne, sah sich fragend um und schloß: - -„Sie, meine Damen und Herren, sagen _ja_ -- ich sage _nein_! Das ist -unhöflich, denn ich setze mich damit auf einen Nachen und fahre von der -Titanic fort. Oder vielmehr: ich fahre gleich nicht mit. Ich lehne die -Beteiligung an dieser rasenden Lebensfahrt dankend ab. Wenn mir aber -jemand von Ihnen einen Amundsen oder Nansen namhaft zu machen weiß, der -ausfährt, um den geistigen Pol, den ruhenden Pol in der Erscheinungen -Flucht zu entdecken, jenseits der Sinnenwelt, jenseits des Todes -- -dieser Polarfahrt würd' ich mich sofort anschließen.” - -Das war in liebenswürdigem Ton, lächelnd, aber energisch und bestimmt -herausgesprochen. - -Der Versammelten, die auf solche Gedankengänge nicht gestimmt waren, -hatte sich eine erstaunte oder gar beklemmende Empfindung bemächtigt. -Stein hatte eine Erörterung erwartet; aber man ging nicht darauf ein. - -Es war Herr Otto S. Marx, Buchdruckereibesitzer großen Stils, der -die sorglose Stimmung wieder herstellte. Er fuhr mit der Hand über -Glatze, Stirn und leicht gebogene Nase zum modern gestutzten rötlichen -Schnurrbart herunter, als wische er etwas hinweg, und rief mit Humor: - -„Ein entschieden philosophischer Kopf, unser Herr Baron von Stein!” - -Diese paar Worte waren mit so komischer, etwas nasaler und nüchterner -Betonung gesagt, daß man allgemein in befreiendes Lachen ausbrach. - -„Aber einstweilen sitzt er mit auf der Titanic und schlürft Sekt!” -trumpfte der derber gestimmte Schaller und erhob mit schallendem Lachen -sein kräftig unterbautes Kinnbacken-Gesicht mit dem scharfen Monokel -und dem Durchzieher auf der linken Wange. Man konnte ihn für einen -Typus des deutschen Korpsstudenten nehmen; seine ansehnliche Statur mit -dem ganz kurzen Blondhaar stach wirksam ab vom salopp hingelagerten -Marx, der mit den Händen in den Hosentaschen im Plüschfauteuil lehnte -und spöttisch-überlegen den Baron anblinzelte. - -„Lieber Baron,” fuhr Schaller fort, „Marx und ich liegen uns zwar immer -in den Haaren, obwohl er meinen Rat in Bankpapieren schätzt; aber in -_einem_ modernen Glaubensartikel sind wir einig: erst die Million -- -dann die Seele!” - -Erneutes Gelächter stimmte diesem massiven Grundsatz bei. Auch der -gutartige Stein lächelte mit; Trotzendorff mochte gleichfalls kein -Spielverderber sein; doch seine Frau sah betreten und bedauernd zu Ingo -hinüber. Nur der Engländer Wallace trank seine Limonade und rang sich -kein Lächeln ab. - -Als das Gespräch dann wieder im Gang war und weitersummte, beugte sich -Frau von Trotzendorff zu ihrem Liebling hinüber. - -„Ingo,” raunte sie, die Hand am Munde, „denk' an das Gleichnis von den -Perlen!” - -„Stimmt, Friedel!” kam es zurück. „Aber ich sollte charaktervoll sein -und selber nicht unter den Säuen sitzen!” - -„Unsinn! Willst du wohl --?! Bist schon Einsiedler genug!” - -Er zuckte die Achseln, schüttelte den Kopf und lehnte sich wieder -zurück. - -Und nun ließ er sein Auge wandern über diese Fräcke und Toiletten. Was -für eine Gesellschaft war denn dies hier am Rande Europas, unter die -er da geraten war? Wo leuchtet denn hier, aus diesen Gesichtern mit -der Tücke des modernen Menschen, der seine Mitmenschen zu überlisten -trachtet, aus diesen scharfen oder verlebten Zügen -- wo leuchtet jenes -freimütig-unbefangene deutsche Gemüt? Jenes Edelgemüt, das die große -Musik, Philosophie und Mystik geboren hat? ... Verstand, Pfiffigkeit, -Lüsternheit, Tatkraft, Nervosität -- diese Eigenschaften prägten sich -zwar deutlich in den Mienen aus. Aber Seele? Wo ist denn die deutsche -Seele? Er nahm nur Frau Friedels schöne und phantasievolle Züge aus -neben Trotzendorffs offener Männlichkeit; der Engländer neben ihm -war sachlich, der hübsche Franzose kokett. Aber diese beiden jungen -Leute waren ihm noch weitaus die angenehmsten unter der unangenehmen -Gesellschaft. Unangenehm? Sind es nicht deine deutschen Landsleute? -Bist du nicht in Gefahr, deinem Vaterlande fremd zu werden? ... -Vaterland! ... - -Die Empfindung ließ ihn nicht mehr los, daß er sich auf einem -gefährdeten Schiffe befand, selber in Gefahr und nur durch dünne Wände -getrennt von den Wassern der Vernichtung. - -Der junge Engländer an seiner Seite unterbrach plötzlich seine düstren -Gedankengespinste und fragte den Baron, ob er wisse, daß Mr. Stead, -der Vorkämpfer des Spiritismus und der Friedensbewegung, mit der -Titanic untergegangen sei? Ingo, der gut Englisch verstand und sprach, -verneinte. Und sachte ging Mr. Wallace auf ein Gebiet über, das abseits -lag von diesem Kreise und von Ingos künstlerischen Lebenspfaden, -das ihn aber rasch fesselte. Der kaltblütige Engländer, der für -die Alkoholstimmung dieses deutschen Kreises unempfänglich schien, -sprach von einer spiritualistisch-religiösen Bewegung der Neuzeit. -Er war Maler aus Liebhaberei, Sprachlehrer aus Beruf; und auf seiner -Visitenkarte, die er im Laufe des Gespräches mit dem Baron tauschte, -stand ein ~M. A.~: „~Master of Arts~”, sein Universitätsgrad. Er hatte -seine Jugend in Indien verbracht. Und es war für den Deutschen eine -Wohltat, in dem flackrigen Rhythmus dieser Abendgesellschaft solche -gelassene Ruhe zu vernehmen, wie sie aus diesem etwas kühlen, aber sehr -unterrichteten Manne zu ihm herüberschwang. Es war ein Ton aus einer -weiteren Welt; und daß es ein Ausländer war, von dem dieser Ton kam, -machte den Deutschen beschämt und nachdenksam. - -„Sie haben übrigens”, sprach Wallace, „in Deutschland einen Mann, der -auf diesem Gebiete sehr bedeutend ist.” - -Und er nannte einen Namen, den Ingo nie vernommen hatte. - -Doch das beruhigende Zwischenspiel wurde durchbrochen. Stein, mitunter -zum Aufbrausen geneigt, schnaubte plötzlich empor und rief einem -Lebemann am Ende der Tafel kampflustig zu: - -„Wer verunglimpft da unten Schiller?! Lassen Sie unsren Schiller in -Ruhe! Hätten wir nur etwas von seiner Männlichkeit!” - -„Aber Sie haben mich wohl nicht ganz verstanden, mein verehrtester Herr -Baron”, erwiderte Herr von Jedermann und Überall. „Ich habe nur ganz -einfach festgestellt: Damals war der Wallenstein modern -- heute der -Rosenkavalier; damals die Iphigenie -- heute die Salome. Na, und warum -soll ich das nicht sagen?” - -Stein lachte und rief mit Schärfe zurück: - -„Sagen Sie das, Edler! Und fügen Sie hinzu: Damals war das weimarische -Hoftheater modern -- heute das Kino!” - -Er warf sich wieder in seinen Sessel und machte eine segnende -Handbewegung gegen den Ritter des Geistes, der den linken Daumen unter -die linke Achselhöhle eingeklemmt, die rechte Hand gespreizt hatte und -mit der Zigarette im Mundwinkel wiederholte: „Na, warum nicht?” - -Da war nichts zu widerlegen. - -Jetzt tauschte Schaller seinen Platz mit Mr. Wallace und ließ sich -neben dem thüringischen Freiherrn nieder. - -„Herr Baron, nichts für ungut, aber Sie philosophieren zu viel! -Sie müssen mich in Barcelona besuchen! In allem Ernst! Ich habe -Ihnen nachher auch etwas Amüsantes zu erzählen. Unter uns: ein -Restchen deutsches Gemüt in mir beneidet Sie. Verstehen Sie? Nein? -So will ich's Ihnen erklären. Gestern warfen Sie gesprächsweise die -Bemerkung hin: als Sie die Wahl hatten zwischen Staatskarriere und -geistiger Vertiefung, haben Sie unbedingt das letztere vorgezogen. -Universalbildung im Sinne Wilhelm von Humboldts -- sagten Sie; moderne -Fortsetzung des klassischen Idealismus -- sagten Sie. Sie sehen, ich -hab' mir's gemerkt, bin also gar kein so feister Materialist, wie es -allerdings aussieht. Und darum sag' ich: ein Rest in mir beneidet -Sie um dieser freien Wahl willen, die Sie getroffen haben. Hol's der -Teufel! Etwas wie Sentimentalität sitzt immer in uns Deutschen.” - -„Das Deutschland von heute hat sich für _Ihren_ Weg entschieden, mein -lieber Herr Schaller”, erwiderte Ingo gelassen. „Erst die Million -- -dann die Seele! Beneiden Sie mich vielleicht um das Martyrium der -Heimatlosigkeit?” - -„Ach was, Unsinn! Sie sind jung, nicht älter als ich! _Schaffen_ Sie -sich eine Heimat, _bauen_ Sie sich ein Schloß! In der Calle Muntaner -zu Barcelona steht meine Burg; kommen Sie einmal hin, sehen Sie sich -an, was deutsche Energie im Ausland fertigbringt! Bis dahin hab' ich -ein hübsches junges Weib im Hause. Schaffen auch Sie sich eine Frau -an, Herr Baron, das bewahrt vor philosophischen Hühnerleitern! Und -kommen Sie! Ich bin manchmal hungrig nach Geist -- ausgehungert! Und ~à -propos~, wissen Sie, was ich Ihnen jetzt Amüsantes zu verzapfen habe, -Sennor? Wissen Sie, daß Sie entdeckt sind?” - -„Wieso entdeckt?” - -„Als ein Troubadour namens Ingo, der meinen zwei jungen Nichten den Hof -macht!” - -„Potztausend noch einmal!” fuhr Ingo auf und hätte vor Verblüffung fast -sein Sektglas fallen lassen. „Die zwei jungen Mädchen da oben auf dem -Hügel sind Ihre Nichten?!” - -„Sind meine Nichten, ich kann nichts dafür!” bestätigte der lachende -Kaufmann. „Niedliche Lärvchen, was? Beide haben's nicht von mir, denn -wir sind nicht blutsverwandt; die Mutter der Älteren, eine Witwe -aus Straßburg, ist die Schwester meiner Stiefmutter; so sind wir in -eine Art Onkelschaft geraten, und ich versteh' mich mit den Mädels -ganz famos. Die Jüngste ist ja entzückt von Ihnen, einfach aus dem -Häuschen!” - -„Aber sagen Sie mir doch -- wie hat sich denn das herausgestellt? Aus -Straßburg? Jetzt begreif' ich! Dort war's, dort hab' ich das Mädchen -gesehen, in der Vogesenstraße, als ich im Herbst ein paar Wochen dort -wohnte! Aber wie hat man denn mich entdeckt?” - -„Nichts einfacher als das! Durch Ihr Buch ‚Heroismus’, das Sie mir -geliehen haben! Da steht Ihr Name, Ingo von Stein. Dies Ingo hat -sie verraten. Ich habe das Buch meinen Nichten hinaufgebracht, wir -blättern drin, der kleine Grashüpfer schwatzt immerzu von dem Besuch -des reizenden Unbekannten, der Ingo heiße. Ingo? Ingo heißt euer -romantischer Anbeter? Wie sieht er denn aus? So und so! Famos, da haben -wir ihn ja! ~Voilà! Ecco!~” - -Er lachte herzhaft. Stein lachte mit. - -Aber in seinem Herzen schloß sich doch etwas zu; ein musikalischer -Zauber, ein poetischer Duft drohte zu entfliegen, der Reiz des -Magischen und Fremdartigen. Denn jene Welt Mozarts, jenes reine Eiland -der Schönheit, wurde überflutet von der breiten Alltagswelt dieser -knochigen Millionenmacher, dieser Geldmagnaten, dieses modernen -Amerikanismus. - -Daher ging Ingo recht bald und mit leichtem Scherz über die Sache -hinweg, zumal Frau Friederike, zur Eifersucht geneigt, gespannt -herüberfragte, von welchen reizenden jungen Mädchen denn hier so -angelegentlich die Rede sei. Nur eines merkte er sich: die jungen Damen -waren im Begriff, mit Frau Frank-Dubois, Marthas Mutter, nach Barcelona -zu reisen, um dort einige Wochen bei Onkel Schaller zu wohnen. - -„Eine Reise nach Barcelona”, warf Ingo hin, „steht übrigens bei mir -schon längst auf dem Programm. Denn dort in der Nähe ist der berühmte -Montserrat, der Gralsberg, der Montsalvat der Sage.” - -„Kenn' ich natürlich genau! Famoser Berg! Großartige Aussicht! Also -kommen Sie! In meinem Hause finden Sie etwas, was Ihnen so leicht -kein Privatmann bietet: zwei echte Velasquez! Heh, was meinen Sie -dazu? Raus aus dem Beamten- und Spießbürgernest Deutschland! Nur der -Mittelmäßige kommt dort vorwärts! Für geniale Köpfe ist kein Platz -mehr im Reich. Großzügige Naturen treiben sich im Ausland herum oder -ersticken im deutschen Winkel.” - -Die Damen und einige Herren zogen sich zurück. - -Trotzendorff trat zu Stein heran, der sich gleichfalls erhoben hatte. - -„Weißt du das Neueste, Ingo?” - -„Nun was denn, Richard?” - -„Meine Berufung ist Tatsache! Hoheit hat's bestätigt!” - -„Also von jetzt ab Hofmann, lieber Richard? Na, mein herzliches -Beileid!” - -„Danke für den Glückwunsch! Das wird auch für dich entscheidend, alter -Flüchtling! Ich habe meinen Plan. Und du weißt, ich bin in solchen -Dingen zäh. Auf dem Weg über Seine Hoheit komm' ich an den Kaiser -heran, mache Majestät mit deinen Gedanken bekannt, verschaffe dir eine -persönliche Vorstellung, und du wirst an den Platz gestellt, wo du -wirken kannst!” - -Ingo legte den Arm um die Schulter des Freundes. - -„Du bist doch ein unverbesserlicher Utopist!” - -„Abwarten, Junge!” erwiderte der straffe Soldat und strich seinen -dicken grauen Schnurrbart. „Wenn du erst einmal mit dem deutschen -Kaiser auf der Wartburg ein richtiges Kaisergespräch geführt hast, dann -sprechen wir weiter!” - -Frau Friederike war herangekommen. Es war heute abend in ihrem Wesen -etwas wie nervöses Fieber. - -„Richard hat recht”, sagte sie hastig. „Wir müssen dich unter Aufsicht -nehmen, lieber Ingo, wir müssen dich mit Gewalt an die rechte Stelle -schieben. Die Sache wird gemacht! Du kennst meinen Alten, der läßt -nicht locker, wenn er etwas im Kopf hat!” - -„Hier steh' ich nun wie Buridans Esel zwischen den zwei bekannten -Heubündeln”, lächelte Stein. „Die Lockung dort heißt Barcelona -- die -Lockung hier heißt Wartburg. Wohin?” - -„Nach Deutschland, Ingo! An deine deutsche Aufgabe!” - -„Hat mich nicht gerade Friedel aus Deutschlands Enge -herausgeschmeichelt?” - -Doch Frau Friederike schob ihren Arm unter den seinen und entführte ihn -samt ihrem Gatten aus der Riviera-Gesellschaft. - -Aber sie konnte sich oben, als sie einander Gute Nacht sagten, -nicht enthalten, noch einmal nach den hübschen jungen Mädchen zu -fragen, die ihn so lebhaft entflammt hatten. Er warf lachend einige -beschwichtigende Worte hin; doch ihr entging nicht, daß er errötet war, -und sie schied mit langen, schweren Blicken ... - -Das Gewitter war vertost. Von den Stauden und Palmen troff noch die -himmlische Feuchtigkeit; das Meer rauschte bedeutend. - -Stein atmete auf seinem Balkon die würzige Nachtluft ein und verglich -die muntren Mozart-Mädchen auf jenem offenen, hellen Hügel mit diesem -drückenden Salon-Parfüm und Salon-Geschwätz dieser Riviera-Hotels und -Riviera-Spielhöllen. Und in der Ferne vernahm er ununterbrochen das -ozeanische Brausen der Titanic-Katastrophe. - -„O du Tiefstes meiner Seele, du kannst ja doch nicht hinauf! Wenn -meine Seele tost wie die schäumende See und zitternd solche machtvolle -Schönheit aushält, dann ist es in mir wie ein schweres, langsames -Glockenläuten. Und das zu ertragen, dieses Gewaltige, hilft mir -nur eins: die Seelensprache der Poesie und Musik. Sie segnet meine -Herzensglut, und mit ihr ertrag' ich die Schönheit der gewaltigen Erde -...” - -Lang noch saß er über Büchern und Papieren, Schwermut durch Arbeit -bekämpfend. Spät entschlief er. - -Heitre Mozart-Melodien vermischten sich im Entschlummernden mit der -Notturno-Stimmung des „Don Juan” -- der Anfang von Beethovens ~Sonate -pathétique~ brauste herein, wuchtig, zornig -- und die schwermütigen, -harfenartigen Einleitungsakkorde des Brahmsschen Liedes „Der Tag ging -regenschwer und sturmbewegt”. Doch in diesem Chaos von Tönen behauptete -sich zuletzt Schuberts „Wandrer”: „Wo bist du, mein geliebtes Land?” ... - - * * * * * - -... Marx und Schaller, die Unzertrennlichen, saßen noch beisammen, -ließen sich einen Mokka brauen und sprachen von Dividenden und -Prozenten. - -Plötzlich warf Marx mit zweifelhaftem Blinzeln hin: - -„Hm, sagen Se mal, was halten Sie von diesem Stein?” - -„Ein sympathischer Mensch!” beteuerte Schaller, der ziemlich gezecht -hatte. „Eine von jenen hochbegabten Naturen, die keinen Platz finden -im hundsgewöhnlichen, miserablen, mittelmäßigen Reichsdeutschland! -Verstanden, Otto S.?!” - -„Na, na! Das glauben Sie ja selber nich!” - -„Selber nicht? War ich nicht Referendar, ehe ich Kaufmann wurde? Warum -bin ich ausgerissen? Weil mir der Atem ausging zwischen euren Hinter- -und Vordermännern, die einander Hacken und Zehen abtreten!” - -„Riesiger industrieller Aufschwung in Deutschland! So 'ne Titanic -- -die übertrumpfen wir! Mittelmäßig? Steckt 'ne Masse Genie im modernen -Deutschland!” - -„I natürlich! In allen technischen Dingen, selbstverständlich! Zeppelin --- bravo! Aber sonst? Genie? Wo denn? Was wissen Sie denn, Samuel, in -Ihrem Verstandeskasten, was Genie ist? Wo sind denn die großen und -ewigen Ideen in eurer Politik oder Literatur? Reporter seid ihr, ganz -schwunglose Reporter und Photographen!” - -„Na, und Richard Strauß?! Und Reinhardt! Gehen Se mal in den Berliner -Zirkus und sehen Se so 'ne Aufführung! Und hat nicht Hauptmann den -Nobelpreis gekriegt? Was wollen Se denn noch? Wollen Se wieder -Vergißmeinnichts-Geschmack einführen, Sie?!” - -„Mann, Markuse, machen Sie mich nicht wild!” schrie der Champagner aus -Schaller. „Wo ist denn da Größe?! Größe, sag' ich, Sie, Sie -- Sie Mann -mit dem zweckdienlichen Verstandes-Apparat! Sie Nüchterling! Sie Mensch -ohne Seele! Kurzum, Sie Geldbeutel!” - -„Schaller, Sie schallen wieder mal brutal, aber brillant!” Der -Kommerzienrat lachte sein meckerndes Lachen, ohne das geringste -übelzunehmen. „Ihnen fehlt ein pikantes Weibchen -- so wie da die -Trotzendorff. Unter uns -- die und der Stein, hä? Da ist auch nicht -alles geheuer. Hat übrigens in Weibersachen Geschmack, dieses Mineral --- seine Freundin ist hübscher als seine Bücher!” - -Und Marx lachte und schlürfte zwinkernd seinen Mokka. - -„Was halten Sie denn von seinen Büchern?” fragte Schaller unwirsch, -denn er empfand für Ingo entschiedene Zuneigung. - -„Nu, ich hab' se nich gelesen -- aber was man so hört -- Nee! -Heroismus? Das Buch ist geschmacklos eingebunden. Und der Inhalt -- -süßliche Phrasen!” - -„Phrasen? Dieser grundehrliche Stein? Sehen Sie sich doch dieses offene -Gesicht an!” - -„Ich nenne das Phrasen.” - -„Beweis!” - -„Nu, ich sage Ihnen, ich nenne das Phrasen, und damit Punktum! Was ist -da zu beweisen?! Und sein Drama: ‚Der Sängerkrieg’! Das hat ja schon -der Wagner komponiert! Und was er sonst verfaßt hat aus der Mythologie, -das kann man höchstens noch mit Musik goutieren! Für mich Schwulst, -süßer Brei, Phrasen!” - -Er trank erbittert und nervös seinen Mokka leer, hatte sich in Hitze -geredet und schaute ergrimmt seinen Gegner an. „Nu, was wollen Sie -noch? Im übrigen ein liberaler und honetter Mensch, sag' ich selber! -Alles, was recht ist! Und ohne Adelsdünkel! Ein Charakter, aber ein -sehr bescheidenes Talentchen!” - -„Was verstehen Sie denn eigentlich unter Talent?” - -„Nu, daß einer was kann!” - -„Wer stellt denn fest, ob einer was kann oder nicht?” - -„Die öffentliche Meinung! Wir! Leute von Geschmack! Ganz einfach!” - -„Wenn aber die öffentliche Meinung auf Irrwegen läuft? Habt ihr -euch nicht hundertmal geirrt, ihr Deutschen, und lebende Talente -totgeschwiegen und totgeschwatzt?!” - -„Mit dieser Ausflucht kann sich jeder erfolglose Dilettant decken”, -bemerkte Marx nicht mit Unrecht. „Man hat denn doch im allgemeinen -eine sichere Witterung, was ein moderner Mensch is und was nur so -nachdichtet. Unsere Nerven brauchen ein Stimulans, Neutöner, Reizungen, -pikante Probleme -- verstehen Se? Ich protegiere da einen Dramatiker -- -was wetten wir, daß ich ihm den Schillerpreis verschaffe? Wissen Se, -wie so wat gemacht wird?” - -Marx rückte vertraulich näher; und Schaller starrte unbeholfen in ein -Paar pfiffige Augen. - -„Denn solche Talente _kann_ man machen, den Stein nicht. Da wird in -klugen Abständen eine Notiz ins Tageblatt lanciert -- übrigens auch -Durchfälle schaden nicht, wenn nur die Öffentlichkeit beschäftigt -bleibt! -- also eine Notiz: der ringende, begabte, geniale Dramatiker -~etc., pp.~ -- merken Se wat? Dann gute Verbindungen bei der Presse -- -nu, und nach und nach gewöhnt sich die Welt an den Namen. Aber pikant -muß er dichten, pikant! Mit diesem biedren Stein -- nee, damit ist kein -Haus zu bauen.” - -Schaller senkte den Kopf und betrachtete die Diamantknöpfchen seines -zerknitterten Frack-Vorhemdes. - -„Ihr habt unbedingt die Herrschaft”, sprach er dumpf, wie zu sich -selber. - -Dann schaute er aus seiner halben Betrunkenheit auf, faßte seinen -Freund Marx ins Auge und schnarrte plötzlich in schärfstem Leutnantston: - -„Otto Samuel, Sie heißen Markuse -- und damit ist alles gesagt! Schluß -der Debatte!” - -Marx sprang ärgerlich auf. Aber einige spät zurückkommende -amerikanische Dollarkönige gaben dem Gespräch einen neuen Aufschwung. -Es war von Kartellen, Syndikaten, Trusts die Rede, nüchtern, -kaufmännisch, und die Sätze waren gespickt mit Zahlen. - -Der kleine Marx und der große Schaller waren wieder in ihrem Element. -Und sie schüttelten sich beim Auseinandergehen gemütlich die Hände. -Denn jeder schätzte des andren kaufmännische Begabung. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Drittes Kapitel - -Die Freundin - - Unruhig Glück im Stehn und Spähn und Warten! - - _Nietzsche_ - - -Ein heißes Herz und eine bewegliche Phantasie sind kein -unbeschwerliches Geschenk der Gottheit. Ingo entsann sich, wie -leidenschaftlich ihn einst in der Jugend die Sonntagsspiele mit -seinen Kameraden hingerissen hatten. Jene Spieltage waren so voll, so -glühend schön, daß ihm am Abend das Herz weh tat, wenn er sich von den -Gespielen trennen sollte. Noch oft im Leben mußte er mit männlicher -Besonnenheit Heimweh nach dem Schönen und Guten ins rechte Maß zwingen. - -So war ihm Rhythmus ein Mittel der Bändigung allzu drangvoll -emporquellender Gefühle. Und wie für das Schöne, so war er für Güte -empfänglich. Mit einem herzlichen Wort konnte man alles von ihm -erreichen; Härte rief seine Vertrutzung wach. Er war geschaffen zur -Freundschaft, zur Brüderlichkeit, zur Liebe. Doch grade weil seine -Natur so warmherzig und phantasievoll allen Reizungen antwortete, -brauchte er als Gegenkraft viel Kultur und Bildung, um in sich -jenes edle klassische Gleichmaß auszugestalten, das dem Idealisten -vorschwebte. - -Ein Dreibund liebender Freundschaft bestand zwischen Ingo von Stein und -dem Ehepaar Trotzendorff. - -Baron von Stein-Waldeck hatte Staatswissenschaft, Geschichte und -Literatur studiert und nach dem Doktor-Examen die Universität -verlassen. Seinen soldatischen Pflichten hatte er als reitender -Artillerist genügt und war nun Leutnant der Reserve. Ihm stand ein -aussichtsvoller Staatsdienst offen; die Verbindungen des Freiherrn -aus altem Hause waren vorzüglich. Eine edle Jugendfreundin war ihm so -zugetan, daß Verlobung zu erwarten war. Doch etwas in ihm zögerte, -sich dem Staatsgefüge und dem Familienleben anzuvertrauen. Und -als er Frau Friederike von Trotzendorff kennen und lieben gelernt -hatte, begann für ihn eine neue Lebensepoche. Er lebte fortan seinen -musikalischen und literarischen Idealen. Diese Frau, ehedem bedeutende -Sängerin, war ganz Phantasie und Gefühl. Und so befreite sich unter -ihrer Besonnung auch in ihm die fühlende Phantasie; und die beiden -flogen miteinander empor in alle Herrlichkeit und Fülle der Kunst und -der Natur. Stein hoffte, unter Führung solcher Muse, Künstler zu werden. - -Aber die Muse kann nur begleiten, nicht geleiten. Frau Phantasie kann -fliegen, aber nicht schreiten; kann ein Leben verschönen, aber nicht -eines Lebens Fundamente bauen. - -Der wandernde und fliegende Spielmann spürte mehr und mehr, daß etwas -in ihm unbefriedigt blieb. - -Seine edelgestimmten Bücher hatten an das Tor der deutschen Seele -gepocht; doch war keine Antwort gekommen. Ingo wurde darob weder bitter -noch sentimental; das lag nicht in seiner großzügigen Natur; auch -überschätzte er nicht das Buchmachen. Immerhin legte er stutzend die -Feder aus der Hand und horchte fragend hinaus. - -Wo war das Deutschland, das er suchte? - - * * * * * - -Als Ingo von Stein am andren Morgen in den gemeinsamen Salon trat, der -sein Zimmer vom Trotzendorffschen Gemach trennte, erwartete ihn Frau -Friederike. - -Sie trug ihr helles Morgenkleid, das den Hals frei ließ. Der prächtig -gebaute, nur etwas zu volle Körper dieser leicht in allen Nerven -vibrierenden Künstlerin mit den stahlblauen Augen, der kräftig -vorspringenden Nase, den üppigen Lippen schien für Bühne und Salon -geschaffen; ihre Bewegungen waren elastisch; ihre Stimme weich, doch -häufig belegt und zaghaft, denn ihr Herzschlag geriet bei Schmerz und -Freude allzuleicht in Unordnung. - -Er küßte ihr mit ernstem und müdem Gesicht ehrerbietig die Hand. Aber -die nervös erregte Freundin hielt seine Hände fest. - -„Ich hab' mich nach dir gebangt, Ingo, ich hab' in der Nacht so viel -an dich denken müssen. Denn ich war gestern abend kleinlich, vergib, -ich war eifersüchtig!” - -„Eifersüchtig?! Aber seit wann gibt es denn das zwischen freimütigen -Freunden?” - -Ingo spürte sofort, daß ein ernstes Gespräch bevorstand. Er wünschte -und fürchtete dieses Gespräch; denn in der letzten Zeit war Frau -Friederike von einer seltsam sorglichen Unrast, eine Löwin, die um ihr -Junges besorgt war. - -„Friedel,” sprach er weit ausholend, „mir sind in der Nacht schwere -Gedanken durch Kopf und Herz gegangen. Sieh, als ich damals dem Beruf -auswich, trennte ich mich auch von meiner Jugendfreundin Elisabeth. -Ich muß offen mit dir sprechen. Du weißt, wann es war, als ich dir -mitteilte, ich hätte meine heimliche Verlobung stillschweigend -aufgelöst. Wir hatten den zweiten Teil des Faust gesehen; wir waren -entzückt von der Helenatragödie. Dieser Faust -- so setzt' ich dir nach -dem Theater auseinander -- ist berauscht vom Drang nach Schönheit, -fährt durch die halbe Welt, um eine Helena zu finden, irrt durch -die blaue pharsalische Nacht mit dem unentwegten Ruf: Wo ist sie? O -Himmel, ich will's mit diesem Schönheitsucher halten! Und du glühtest -mit, und wir erlebten miteinander tiefste seelische Offenbarung. Seit -jener Stunde such' ich das Ideal in der Fremde und habe mein deutsches -Gretchen vergessen. Ihr nennt mich ‚Spielmann’ -- in der Tat, ich -fürchte fast, ich spiele mit dem Leben. Und manchmal ist mir, als wäre -Goethes Helena-Tragödie und mein jetziges Dasein nur galvanisiertes -Leben, und ich hätte den Boden unter den Füßen verloren.” - -Sie hatten beide Platz genommen und saßen sich auf steifen modernen -Stühlen in dem weißgrauen Salon gemessen gegenüber, mit großen Augen -beide ins Unbestimmte schauend. Er hatte von der Eifersuchtsfrage -glücklich abgelenkt und das Gespräch ins Bedeutende erhoben. - -„Du willst damit sagen,” erwiderte sie schwer, „daß ich es bin, die -dich aus der Bahn geworfen hat.” - -„Nein, Friedel, das will ich damit nicht sagen; denn ich bin dir -dankbar. Was ich in Bayreuth, auf Reisen, am Klavier und vor -Büchern oder in Gesprächen durch dich in mich aufgenommen habe, ist -unvergleichlich. Du hast mir eine neue Welt aufgetan. Du hast meine -Flaumfedern in Flügel verwandelt. Aber -- --” - -„Aber?” - -„Du hättest ganz recht, eifersüchtig zu sein, wenn das Wort nicht zu -häßlich wäre”, sprach er plötzlich, stand auf und ging hin und her. -„Denn du fühlst richtig, daß etwas in mir nicht befriedigt ist. Und an -jenen Mädchen da oben auf dem Hügel ist es mir zum Bewußtsein gekommen.” - -„Was ist dir zum Bewußtsein gekommen?” - -„Mein Beruf und meine Braut, beides gehörte einst zusammen. Und ich -habe in mir die bis zum Eigensinn gesteigerte Empfindung: wenn ich -meine Lebensgefährtin finde, ist auch mein Beruf gefunden. Ein stilles, -häusliches Mädchen wie diese schöne Stickerin da oben auf dem Hügel -erregt mir Heimweh.” - -„Und Helena? Und die freie Welt der Schönheit? Ingo, willst du -Philister werden?” - -„Aber, Friedel, bist nicht auch du Gattin und Mutter?!” - -Das wurde fast zornig herausgeschleudert. Er hatte sich wieder gesetzt. -Sie saßen in den feierlichen Lehnstühlen und schauten sich bei aller -höflichen Haltung einen Augenblick wie Gegner an. - -Ruhiger fuhr er fort: - -„Und dennoch hast du deine Welt der Schönheit in dir, Friedel -- in -deinem Innern, in deiner Kunst, in deiner Häuslichkeit. Ich aber suche -sie draußen, ich laufe in der Welt herum und spiele mich mit der Laute -über mein Heimweh hinweg. Ich habe Heimweh nach festem Boden, Friedel. -Das ist alles.” - -„Meine Freundschaft genügt dir nicht mehr,” erwiderte sie dumpf und -traurig, „du bist meiner müde.” - -Er war zornig, daß sie immer wieder das Gespräch auf ihre Person -ablenkte, statt seinen Kümmernissen sachlich zu folgen. - -Doch er beherrschte sich. - -„Mit deiner Person hat meine Sorge nichts zu tun, Friedel. Es wäre mir -lieber, du würdest mit Richard und mir sachlich beraten. Ich halt' es -einfach nicht mehr aus, auf dieser Titanic mitzuschwimmen, ohne Ziel, -ohne Heim, ohne Beruf. Denn es ist die Frage, ob ich zum Büchermachen -berufen bin. Die allgemeinen Sorgen der Deutschen sind mir wichtiger; -die Ratlosigkeit dieser modernen Menschen in den Fragen über Tod und -Leben macht mir schlaflose Nächte. An dieser Lösung möcht' ich im -Herzen Deutschlands mitsinnen, dort, wohin ich durch Geburt gestellt -bin. Statt dessen lauf' ich im Ausland herum.” - -„Was hat denn das mit den Mädchen da oben zu tun?” fragte mit -unerwarteter Wendung die echte Frau, die ihm gegenübersaß. - -Er schwieg. Auf diesen Seitenangriff war er nicht gefaßt gewesen. -Sie hatte recht: zwischen dem Philosophen, der sich gestern in das -Titanic-Gespräch gemischt hatte, und dem verliebten Lautensänger war -ein Unterschied. Jener suchte den festen Punkt; dieser aber wanderte -als Spielmann durch die schöne Welt, durstig nach Schönheit. Und in der -Schönheit nach Frieden --? Und im Frieden eben nach dem festen Punkt --? - -„Ingo, ich will dir etwas sagen, was einmal gesagt werden muß, wenn -wir nicht alle drei in Unnatur geraten sollen. Sieh, ich habe schon -mehrmals beobachtet, wie dein Auge hübschen jungen Mädchen nachflog --- und wie du dann zu erschrecken pflegtest, fast wie ein ertappter -Junge, wenn du meinem Blicke begegnetest. Ach, ich sehe ja wohl, wie du -suchst; und ich habe ja auch gar kein Recht, dich festzuhalten. Lieber -Junge, es hat mich aber immer gedemütigt, wenn ich dich so vor mir -zusammenfahren sah: er fürchtet meine Eifersucht, hab' ich mir sagen -müssen. Also hab' ich dir Anlaß gegeben, daß du mich für kleinlich -halten mußt? Und du hast recht: ich bin kleinlich, bin eifersüchtig, -bin ein Hasenfuß, ich habe Angst um dich; ich fürchte, daß du einmal -auf irgendein hübsches, leeres Lärvchen hereinfällst, in das du dein -eigenes Ideal einstrahlst. Oh, Gott im Himmel weiß es: dieser Schmerz -um dich ist größer als der Schmerz um meine seelische Vereinsamung!” - -Frau Friederike, die ihrem Freund um mehrere Jahre an Alter voraus -war, stand rasch auf, hielt ihr Taschentuch an die Augen und trat ans -Fenster. Auch Ingo erhob sich, blieb aber am Lehnstuhl stehen und biß -sich in die Lippen. Schon einmal hatte er eine solche Szene erlebt, -wo die ruhige und fröhliche Wärme der Freundschaft in flammende Liebe -übergeschlagen war. Er spürte auch jetzt wieder die unheimliche -Schwüle vor dem Sturm. Aber er hatte sich fest in der Hand und blieb -hochaufgerichtet und unnahbar hinter seinem Sessel stehen. - -„Einmal schon”, weinte es vom Fenster her, „hab' ich mich zwischen -dich und eine andre gestellt. Ich will es nicht wieder tun. Ich will -vielmehr die erste sein, die dich beglückwünscht. Nur sag' es mir, sag' -es mir gleich und offen, tu's nicht hinter meinem Rücken, stell' mich -nicht plötzlich vor die Tatsache -- denn das erschüttert meine Nerven -mehr, als ich ertragen kann.” - -Sie hatte sich die ganze Nacht mit dem Gedanken abzufinden gesucht, daß -sie des Freundes Herz an ein junges Mädchen verloren habe. Und diese -Empfindung verallgemeinerte sich in ihr zur erschütternden Erkenntnis, -daß sie eine alternde Frau sei, daß sie Jugend nicht festhalten könne, -daß alle Helena-Schönheit dahinschwinde in die wesenlose Nacht der -Zeit. Mit elementarer Kraft war diese Empfindung über sie gekommen. Und -zwei Mächte hatten nachtlang in ihr gekämpft und kämpften jetzt noch -in dieser Stunde: entweder leidenschaftlich festzuhalten, zu genießen, -zu sündigen, stürmisch den Freund zu umfangen -- oder durch rasche -Trennung sich wieder zu beruhigen und in Harmonie zurückzufinden. - -Frau Friederike war weder zu dem einen noch zu dem andren stark genug. - -Als sie sich jetzt zu ihm umwandte und Ingo ihr tränenvolles Gesicht -sah, traten sie sich beide einige Schritte näher. Dann blieben sie -wieder stehen. Was an Güte in ihnen war, schlug vom einen zum andren -hinüber. Wieder schritt sie vor -- und plötzlich lief sie hin, -umschlang ihn heftig und weinte: - -„Ingo, verlaß mich nicht!” - -Wie ein Hilfeschrei, erschütternd, schlug es aus ihr empor. Doch -zugleich stieß sie ihn zurück, lief mit dem Taschentuch vor den Augen -laut schluchzend nach der Nebentüre, schmetterte sie hinter sich zu und -riegelte sich ein. - -Ingo wußte aus früheren Anfällen ähnlicher Art, daß sie nun stundenlang -auf dem Diwan liegen und sich ausweinen würde. - -Der Spielmann ging sorgenvoll im Zimmer auf und ab. - -Der gestrige Tag dort auf dem Hügel, zwischen Kirschbaum und Zypresse, -bei scheinbar so belanglosem Geplauder mit ein paar unreifen Mädchen, -war eine Lebenswende. Jetzt galt es klaren Entschluß. Sollte er sofort -hinaufgehen, diese bürgerliche Frau Frank-Dubois aus dem Elsaß, die -hier in Sommerfrische weilte, aufsuchen und der jungen Schönheit -schlankweg seine Hand anbieten? Denn jenes wunderschöne Gebilde hatte -ihn berauscht. Aber was war denn an ihr, was ihn entzückte? Sie hatte -ja kaum den Mund aufgetan. Warum verband er mit ihr die Empfindung -von griechischer Landschaft und griechischem Tempel? War es nicht -doch vielleicht nur ein allgemeiner Schönheitseindruck, der mit dem -Bürgerkinde Martha menschlich nicht viel zu tun hatte? Sollte er die -erprobte Freundschaft mit Richard und Friedel zerbrechen, um einem -Helena-Phantom nachzujagen? - -Mächtig wallte in ihm das Gefühl der Dankbarkeit empor. - -„Sie haben mich gepflegt in meiner Krankheit”, sprach er zu sich -selber; „Friedels beide Knaben lieben mich wie einen älteren Bruder. -Sie selber nennt mich oft im Scherz ihren ältesten Jungen; sie ist -besorgt um mich, wie eine Mutter um ihr Kind. Wohl hat sie sich damals -zwischen mich und Elisabeth gestellt; aber es war ein Segen, denn meine -verfrühte Heirat wäre Spießbürgerei geworden. Was weiß die Welt von -den herrlichen Einzelheiten unsrer romantischen Freundschaft! Und wie -taktvoll, wie verstehend hat sich Richard benommen!... Nein, ich will -nicht glücklich sein ohne diese beiden trefflichen Menschen.” - -Er pochte an Friedels Tür. - -„Friedel, nur ein Wort!” - -Es kam von drinnen keine Antwort. - -„Öffne nur einen Finger breit!” - -Sie kam endlich, öffnete ein wenig und schaute mit verweinten Augen -heraus. - -Er küßte ihre Hand und sagte innig und mit aufmunterndem Humor: - -„Friedelchen, wollen wir zu guter Letzt sentimental werden? Wollen wir -nicht lieber heute noch abfahren und durch die Provence wandern?” - -Ihr Taschentuch zuckte vom Gesicht hinweg. - -„Wirklich? Wollen wir fort?” - -„Aber achtest du mich denn noch, Ingo?” kam es verzagt hinterher. - -„Wunderliches Friedelchen,” lachte er, „glaubst du denn, ich könnte -jemals wirklich vergessen, was du und Richard mir getan habt? Das steht -in der Chronik der Ewigkeit; dort wollen wir einander hoffentlich hell -und heiter begegnen. Nicht wahr?” - -„Ja, Ingo”, sagte sie kindlich und legte die Hände in die seinen. „Du -bist gut, Ingo.” - -Und die Augen trocknend fügte sie hinzu: - -„Geh nun hinunter zu Richard, Lieber, und entschuldigt mich bis zu -Mittag! Und -- und, Ingo, wenn wir wirklich fahren würden, ich würde ja -jubeln, von hier fortzukommen!” - -„Du hast recht!” sagte er frisch. „Aus den Sentimentalitäten 'raus! -Auch ich! Fort in die Welt!” ... - -Am Nachmittag packten sie ihre Koffer. Und am Abend saßen sie in der -Eisenbahn nach Marseille und Avignon. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Viertes Kapitel - -Der Troubadour - - „Wer von der Schönen zu scheiden verdammt ist, - Fliehe mit abgewendetem Blick!” - - _Goethe_ - - -In den Anlagen des Felsenvorsprungs ~Rocher des Doms~ oberhalb der -Papstburg zu Avignon lustwandelten das Ehepaar Trotzendorff und der -Troubadour Ingo von Stein. - -Der Major studierte mit der ihm eigenen Gründlichkeit die Einzelheiten -des Baedeker; Friedel und Ingo umfaßten hinausschauend das ganze -Bild der Abendlandschaft, die in leuchtender Deutlichkeit um sie her -ausgebreitet lag. - -Hundert Meter unter jener gelblichgrauen Felsmasse strömt die Rhone, -am Tag schlammgrau, doch in solcher Abendröte rosig und blau. Ein -purpurtiefer, von Wolken unterbrochener Sonnenuntergang, in der -heroischen Farbenstimmung eines Poussin, funkelte über Turm und Villen -des gegenüberliegenden Villeneuve-les-Avignons; Luft und Berge waren -dunkelblau; im Duft des Ostens, groß und goldrot, stand schon wartend -auf das Amt der Nacht die Leuchtkugel des Mondes. - -Die drei Freunde hatten kurz zuvor mit dem lebensheitren Wächter der -Papstburg, Monsieur Vassel, der sich stolz ~félibre~ und ~chanteur~ -Mistrals nennt, ein muntres Zwiegespräch gehabt, das angenehm in ihnen -nachklang. Die hohen und stumpfen Türme des päpstlichen Kastells -schienen heute heiter und verklärt zu leuchten in den Farben des -Frühlings und der Abendröte. - -„Was für heiter-natürliche Menschen wohnen in dieser Provence!” -bemerkte Ingo. „Man erholt sich in diesen alten Nestern vom Luxusleben -der Riviera-Hotels. Ich habe nicht übel Lust, den provenzalischen -Geisteskönig, den alten Meister Frédéric Mistral, in seinem Dörfchen -Maillane selber zu besuchen.” - -Die goldene Madonna auf der Spitze des Doms, der noch über das -starke Papstschloß hinausragt, breitete segnend die Hände über die -rings heraufblühende Landschaft und schaute dem Gold der Sonne -nach, von dem sie angeglüht war. Der immergrüne Hain mit den -schiefgewehten Pinienwipfeln war belebt von Vogelgesang und wenigen -Abendspaziergängern. Bedeutend grüßte vom Norden her der weiße Gipfel -des Mont Ventoux. Doch war die Lenzluft kühl; das kleine, reizend -ummauerte Avignon mit seinen engen Gassen schien sich frierend um das -steile Mauerwerk der Papstburg zu drängen. Und die Gehöfte der Provence -freuten sich der festen Zypressenwände, durch die sie gegen den rauhen -Nordwind geschützt werden. Es lag ein Frösteln in der Luft und in den -Seelen der beiden Menschen, die in das Abendgelände hinausträumten und -windgeschützte Stellen suchten. - -„Die abgebrochene Brücke da unten”, erklärte Trotzendorff, der mit -seinem roten Buch herantrat, „ist die uralte Brücke St. Benezet.” - -„Steht nicht ein Kapellchen drauf?” - -„Ja, das Fest des Heiligen wird jährlich mit Tänzen gefeiert. Daher der -alte Volksreim: ~Sur le pont d'Avignon tout le monde danse.~” - -„Eine Tanzbrücke also!” erwiderte Stein. „Sie geht nur bis in die Mitte -des Stromes: ich hoffe, daß sie dann nicht ins Wasser tanzten? Oder -kletterten dort die Nixen herauf und tanzten mit? Jedenfalls die Brücke -des lustigen Lebens. Ein Gegenstück also zu dieser schweren Papstburg!” - -Er setzte sich auf die Steinbrüstung. Und während sich die fröstelnde -Frau Friederike fest in den Mantel hüllte und am Arm ihres Gatten im -Schnellschritt durch die Anlagen lief, um sich wieder zu erwärmen, -flossen dem Troubadour einige Verse ins Notizbuch. Er trug sie nachher -seiner Freundin vor; Richard saß derweil wieder auf seiner windstillen -Bank und las die Landschaft aus dem Fremdenführer ab. - - Leicht rauschte die Rhone vor alter Zeit, - Schwer stand der Papst auf den Schanzen -- - Und sah auf der Brücke von Avignon - Ein leichtes Völkchen tanzen. - ~Sur le pont - d'Avignon - Tout le monde danse.~ - - Da blähte sich sein Purpurkleid, - Gewaltig schnauften die Nüstern: - Der schwere Mann des Kampfes ward - Nach leichten Tänzen lüstern. - - Der Papst stand, ein Gebild aus Stein. - So standhaft, stark und massig -- - Die Tänzer der Brücke von Avignon - Tanzten geschmeidig und rassig. - - „Wir türmen Granit,” so sprach der Papst, - „Wir stülpen Zinnen darüber: - Das Volk auf der Brücke von Avignon - Tanzt an der Wucht vorüber.” - - „Wir türmen Satzung und Gesetz - Zu burghaft-steinernem Ganzen -- - Was tut das Volk? Ich sehe das Volk - Am Stein vorübertanzen!” - - Ein Schelm sang, eine Laute klang, - Das sprang um den Lauscher der Zinne: - „Da oben steht der Herr von Stein, - Inzwischen tanzt im Abendschein - Vorüber die lustige Minne!” - ~Sur le pont - d'Avignon - Tout le monde danse!~ - -In Frau von Trotzendorff arbeitete sich ein Entschluß langsam zutage. -Sie schwieg zu diesen Versen; warf ein beifälliges „Hübsch!” hin, kaum -hörbar, und hüllte sich in Schweigen. Sie war seit der Abreise von der -Mittelmeerküste sehr heiter und zärtlich gewesen. Heute war sie schon -den ganzen Tag schweigsam. - -Plötzlich blieb sie stehen, schaute den Freund aus ihrem hochgestülpten -Kragen heraus eindringlich an und sagte: - -„Gestattest du mir ein offenes Wort?” - -„Tausend offene Worte, Friedel!” - -„Bedauert Ingo, daß er ohne Abschied abgereist ist?” - -„Von der Riviera? Aber Schaller hat uns ja an die Bahn gebracht.” - -„Du weißt, wen ich meine.” - -„Die Mozart-Mädchen?” - -„Ja.” - -„Nun --? Und wieso denn soll ich das bedauern?” - -„Sag' mir offen: soll das Gedicht, das du mir soeben gelesen hast, eine -Anspielung darauf sein, daß Jugend und Minne an dir vorübertanzen?” - -„Friedel --!” - -„An dir vorübertanzen, während du hier oben bei mir aushalten mußt?” - -„Aber Friedel!” - -„Sei wahrhaftig, mein Lieber! Sieh, ich stehe immerzu unter dem -Eindruck: es ist etwas in dir unbefriedigt. Du suchst etwas, was -Richard und ich dir nicht geben können. Du träumst oft in die Ferne, du -besinnst dich dann plötzlich wieder auf mich und suchst mit Zartheit -das Versäumte nachzuholen. Nein, leugne nicht! Verlaß dich drauf, daß -eine Frau, wenn sie jemandem gut ist, hierin ein sicheres Gefühl hat! -Das bedrückt mich, Ingo. Es wäre sündhafter Egoismus von mir, wenn ich -dich beschlagnahmen wollte. Ist nicht unser Herzensbund auf Freiheit -und Vertrauen gestellt?” - -Sie legte ihm die Hand auf die Brust. - -„Du, Ingo, ich will dir was sagen,” fuhr sie fort und stellte sich, -als wär' ihr ein jäher Einfall gekommen, „du holst das Versäumte nach, -du entschuldigst dich brieflich bei den Mädchen! Verstehst du? Du -schreibst ihnen in deiner liebenswürdigen Art einen liebenswürdigen -Brief! Ja? Meinetwegen zwei, meinetwegen drei! Glaubst du mir dann, daß -ich nicht eifersüchtig bin? Bist du dann heiter und glücklich?” - -Der Spielmann verhehlte nicht sein angenehmes Erstaunen. Ihre -aufmerksame Beobachtung stellte fest, daß ein Leuchten über sein -Gesicht flog. - -„Wirklich, Friedel?” rief er überrascht. „Friedel, du sprichst da -eine Anregung aus, die mir selber schon ganz unbestimmt durch den -Kopf gegangen war, das will ich dir nur ruhig gestehen. Ja denn, ich -habe etwas wie Heimweh nach jenen harmlos-heitren, unbedeutenden -jungen Mädchen; und es kommt mir unartig vor, und vor allem war es -unnötig, daß ich so ohne Abschied davongelaufen bin. Also, Liebste, wir -wollen einen Vertrag machen: ich plaudre brieflich mit jenen muntren -Geschöpfen über unsre Fahrten und gebe dir das Geschriebene, und du -schreibst ein scherzhaft Nachwort darunter und schickst die Briefe als -meine Kanzlerin persönlich ab. Nicht wahr? So geht der Weg zu Jugend -und Minne durch dich hindurch! So ist dieser Briefwechsel durch meine -liebste Freundin gesegnet! Bist du einverstanden?” - -„Ich danke dir, Ingo.” - -Sie machte die Hand frei und gab sie ihm mit ernstem, bleichem Gesicht. - -„Ich fühle durch den Handschuh hindurch, daß du eiskalte Hände hast”, -sprach er lächelnd. „Komm einmal her, Richard, wir reiben Friedels -Finger warm!” - -Und er rieb ihre Hände scherzend zwischen den seinen und druckte -zuletzt einen Kuß darauf. Es entging ihr nicht dieser plötzliche -Ausbruch liebenswürdiger Heiterkeit. - -So schritten sie, als die Heereszüge der Nacht von allen Seiten ins -Rhonetal hereindrangen, miteinander hinab in die Lichter von Avignon. - -„Himmel,” sprach Ingo, als er auf seinem Zimmer allein war, „was ist -denn das mit mir? Ich freue mich ja kindisch, mit diesen Mädchen zu -plaudern!” - - * * * * * - - _Avignon_, im Lenz. - - Meine reizenden Mozart-Mädchen! - -Neben mir saß heute abend eine der liebenswertesten Frauen Europas -und benachbarter Kontinente. Da ich mich bei Ihnen, meine Holden, als -Troubadour eingeführt habe, so wollen wir auch meine Nachbarin nach der -provenzalischen Landschaft benennen: sie heißt Eleonore von Poitou. - -Frau Eleonore von Poitou empfindet es als unartig von mir, daß ich ohne -Abschied von Ihnen geflohen bin. Sie erlaubt mir -- nein, sie bittet -mich, Ihnen diesen Entschuldigungsbrief zu schreiben. Denn sie merkt, -daß ich so etwas wie Heimweh in mir herumtrage. Wonach? Nach Schönheit, -Liebe, Glück, Frieden, Frohsinn -- was weiß ich, wonach! Und nach -wem? Ja was für ein innerstes Begehren ist denn eigentlich in unsren -modernen Herzen? - -So schreib' ich denn diese fliegenden Zeilen auf lose Blätter -überseeischen Papieres, leichten, luftigen Papieres; Eleonore, meines -Reiches Kanzlerin, wird das Geplauder genehmigen, in einer Nachschrift -die Richtigkeit bestätigen und die Blätter nach Barcelona senden, wie -man Tauben ausfliegen läßt, die aus dem Chaos des Meeres das feste Land -suchen. Unter solchem Schutze plaudere ich nun mit Ihnen, wie wenn wir -dort oben auf dem Hügel säßen, als meine Saiten von selber zu klingen -begannen, weil sie berührt wurden von zwiefacher Anmut. - -Richtig, Kinder -- fast hätt' ich da nun zu jungen Damen „Kinder” -gesagt! --, und da fällt mir ein, daß ich der Jüngsten jenes Liedchen -aufzuschreiben versprochen habe! Das wird nun schwer halten; -dergleichen muß von Mensch zu Mensch aufglühen, das kann man nicht aufs -Papier festhexen. Der Gedanke war etwa dieser: - - Losgelöst vom falschen Elemente, - Liegt am Strand das munterste der Nixchen, - Liegt wie Tang, heraufgeschwemmt vom Meer. - - Und sie klagt: „Ich suche Seele, Seele, - Eines Mannes liebe Seele such' ich, - Denn wir Nixen, ach, sind seelenlos!” - - Kommt ein Troubadour und neigt sich zärtlich, - Auszuströmen seine ganze Seele -- - Doch da lacht sie auf und schnellt ins Meer! - -Warum schnellten Sie ins Meer und schwammen an die Küste von Katalonien? - -Ich war in Vaucluse, dem Lieblingsort eines liebenden Einsamen: des -Sängers Petrarka. Dieser Leidensgenosse hat Donna Laura, die schönste -Frau der Provence (außer Eleonore von Poitou) in Sonetten von ferne -besungen. Die lebenslustigen Nixen lachten, als wir uns über diese Art -von Liebe unterhielten. Denn es sind dort genußfrohe Nixen im Quell -der Sorgue, unsterbliche Töchter der Elemente, die einst Petrarkas -melodische Klagen belauscht haben. Der Sänger trug freilich die Kutte, -war grundgelehrt, ein Meister damaliger Bildung, ein Ratgeber der -Könige und Päpste; und die Dame, die er liebte, war eines Ritters -Gattin und Mutter zahlreicher Kinder. Seit er sie einmal in ihrer -Jugend in der Kirche Sancta Clara zu Avignon gesehen hatte, war es um -ihn geschehen; sie war fortan sein Stern, an dem er sich orientierte, -wenn er das Land der Schönheit betrat. - -Ich habe dabei an Dich gedacht, Du -- -- halt, da verschnappt sich -einer! Ich wollte sagen: ich habe an Euch _beide_ gedacht, meine -Holden, besonders an eine von Euch, doch ratet einmal, an welche? -Ach, ich schüttle mich manchmal wie ein Baumwipfel, der Blüten oder -Maikäfer oder Kirschen abschütteln möchte -- aber Dein Bild sitzt in -mir, süße Schöne, schöne Süße, und ich kann's nimmer abschütteln! -Wozu auch abschütteln, was so froh macht? Wie sagt Meister Goethe? -Der menschlichen Schönheit wohnt Heilkraft inne: wer sie erblickt, -den kann nichts Übles anwehen, er fühlt sich mit sich und der Welt in -Übereinstimmung. - -Heil also dem ärztlich wohlberatenen Petrarka! Und Heil dem Troubadour -und Spielmann! - -Unverträumte Wasser sind in Vaucluse. Die Quelle der grünen Sorgue -bildet zwar ein stillfunkelndes Becken am Fuß einer überhangenden -gelben Felsmasse; doch diese Quelle wird augenblicks ein Bach, ein -donnernder Fluß, heroisch, nicht idyllisch; nixenlebendig kringeln -sich die rosig vom Mittagslicht überhauchten Schaumwogen in die grünen -Wasser hinein und springen über moosige Felsen den Abhang hinunter ins -nahe Tal, um dort sofort Papiermühlen zu treiben -- oder was sonst da -unten geschäftig rauchen mag. Rasch ziehende, glänzend weiße Wölkchen -fliegen wie Schwäne über tiefblauen Himmel -- nach Südwesten, nach -Spanien. Es ist ringsum ein Blühen, efeuumsponnene Büsche, wilde -Feigen, Wacholder, Zypressen; auch seltsam gezackte Felsen bringen -bizarre Linien in die Landschaft; und eine kahle Bergruine starrt -fragend in den Himmel. - -Hier hat Petrarka vom weiblichen Rätsel geträumt. Ich will Ihnen eine -Stelle aus seinem Brief an die Nachwelt abschreiben: „Da ich den mir -eingeborenen Widerwillen gegen Städte überhaupt und besonders gegen -das mir verhaßte Avignon nicht überwinden konnte, so suchte ich mir -einen abgelegenen ruhigen Zufluchtsort, um mich dahin wie in einen -Hafen zu flüchten. Ich fand fünfzehn Millien von Avignon ein gar -kleines, aber einsames und anmutiges Tal, das geschlossene Tal genannt -(~vallis clausa, Vaucluse~), in welchem die Quelle der Sorgue, die -Königin aller Quellen, aus dem Felsen springt. Gefesselt von dem Reiz -dieses Ortes, wanderte ich mit meinem kleinen Bücherschatz dahin aus. -Zehn Jahre bezeugen, wie teuer mir dieser Aufenthalt war. Im Schatten -dieses Tales hoffte ich auch die jugendliche Glut, die viele Jahre in -mir loderte, zu kühlen. Oft verbarg ich mich dort wie ein Flüchtiger -in einer uneinnehmbaren Burg. Ach, ich wußte nicht, was ich tat! Das -Mittel selbst ward zum Verderben; die brennende Sorge brachte ich -mit; und in so großer Einsamkeit fand ich keine Hilfe gegen den um so -heftigeren Brand. So brachen denn die Flammen des Herzens in Klagen aus -und erfüllten das Tal, von manchem als wohllautend gepriesen. Dies ist -der Ursprung jener in der Volkssprache gedichteten jugendlichen Gesänge -der Liebe” ... - -So entstehen Lieder und Klagen, meine Freundinnen -- und so entstehen -Troubadour-Briefe ... - -In der Provence liegt ja Liebe in der Luft. Quellen und Nachtigallen -sind voll davon; die wilden Rosen klettern um alle Burgtrümmer und -suchen die Herrin. Sind doch von mehr als vierhundert provenzalischen -Dichtern des zwölften und dreizehnten Jahrhunderts Lieder erhalten! -Darunter waren fünf Könige, zwei Fürsten, zehn Grafen, fünf Markgrafen -und fünf Vizgrafen -- zum Beispiel Bertran de Born --, sechs mächtige -Barone und neunundzwanzig Ritter! Ist es nicht eine rechte Herrenkunst, -mit Anmut zu lieben?! - -Über die Gegend ziehen häufige Wolkenschatten -- und ebenso über das -Antlitz der lebendigen Eleonore von Poitou ... - -Die historische Eleonore -- erlaubt diese Belehrung! -- war Gemahlin -Ludwigs des Siebenten von Frankreich und später des zweiten -Heinrich von England und war die Mutter des berühmten Richard -Löwenherz. Vollmenschen! Wußten kühn zu lieben und zu leben! Wäre -doch mehr Genialität in unserer Krämerwelt! Die Luft war damals -Musik von Waffenklang und Lautensang, von Heroismus und Liebe. Ein -Buch „Heroismus” hab' ich geschrieben -- nun möcht' ich der Minne -gleichfalls ein freundlich Papier widmen -- Papier?! O süße Mädchen, -ihr habt so entzückend schmale und doch volle kirschrote Lippen -- und -wie singt Klopstock? - - „Ein beseelender Kuß ist mehr als hundert Gesänge - Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert!” - -Da liegen nun in den Bibliotheken die Papiere der Troubadourlieder, -deren Notenschrift einer vor ein paar Jahren mühsam entziffert -hat -- aber das _Leben_? Das blühende Leben?! Den Troubadours und -Jongleurs pulsierte Wanderblut in den Adern, sie durchstreiften das -ganze Kulturgebiet, waren auf dem Felde der Politik zu Hause wie in -Herzensrevieren; und viele ritten in den Kreuzzug oder zogen sich am -Ende der Umtriebe in ein Kloster zurück, wie Bertran de Born. Und ihre -besungenen Damen? Es schickte sich, daß sie verheiratet waren; es -gehörte zum Schmuck des Hofes oder der Burg, daß die Herrin von einem -Troubadour gepriesen ward. Kurz, ihr Mozart-Mädchen, es war damals -mehr Poesie in der Welt, mehr Genie! Selten freilich hat der Gatte die -Gattin besungen -- aber der hatte es ja nicht nötig, Poesie zu dichten, -denn er _lebte_ ja Poesie! Und das _Erleben_ ist doch immer wieder das -_Köstlichste_! ... - -Seid Ihr nicht auch dieser Meinung? Gute Nacht! - - _Der Troubadour._ - -_Nachschrift._ Vergib, Liebster, ich _kann_ diesen Brief nicht absenden. - - _Eleonore._ - - * * * * * - - _Arles_, im Lenz. - -Am letzten Sonntagvormittag, meine süßen Mädchen, haben wir den mehr -als achtzigjährigen Dichter der „Miréio” und andrer Gesänge, Frédéric -Mistral, in seinem Dörfchen Maillane bei Saint-Rémy aufgesucht. - -„~Merci de votre bonne visite~” -- das Schlußwort des liebenswürdigen -Greises tönt mir noch immer im Ohr. Nur eine Viertelstunde waren wir -bei ihm, um diesem provenzalischen Meister zu danken für das, was er -getan, für das, was er ist. Wie artig war er zu Eleonore von Poitou! -Blumen gab er ihr aus seinem Garten. Zwei drollige Hunde hängten sich -neckisch an Frau Eleonorens Mantel -- „~Toutours~” hieß der eine, -der sie gar nicht mehr loslassen wollte --, um uns her blühte der -einfache Dorfgarten, zu ebner Erde ist sein Arbeitszimmer. Er ist -nur wenig gebeugt, kam uns in seiner Samtjacke hohen Wuchses heiter -entgegen, in seinem bekannten weißen Spitzbart, so daß ich ihn gleich -erkannte. Ich erzählte ihm von Thüringen, dankte ihm, daß er das -Banner des Idealismus und der Regeneration hochhalte in einer Zeit, -die überflutet ist von Literatur, nicht aber von Poesie. „Und Poesie -ist eine so einfache Sache”, bemerkte er lächelnd. „Man braucht nur -die Kinder anzusehen: ein Kind weiß ganz von selber, was Poesie ist. -Es schaut in die Wolken und schaut Poesie. Man braucht nur im Herzen -Kind zu bleiben, und man hat Poesie in sich.” -- „Das ist es!” rief -Frau Eleonore innig. „Wir lesen jetzt eben Ihre Lebenserinnnerungen -- -wie köstlich war Ihre Jugend! Ein entzückendes Buch!” -- „Ich hörte, -daß man in Deutschland einen Auszug daraus für die Schule hergestellt -hat.” -- „Sie haben überhaupt viel Freunde in Deutschland.” -- „Ja, man -beschäftigt sich dort wissenschaftlich mit dem Provenzalischen sehr -eingehend; ein deutscher Professor schreibt mir sogar geläufig und ohne -Fehler Briefe in provenzalischer Sprache.” -- „Der Name Mistral ist bei -uns untrennbar mit der Provence verwachsen; die Provence ist Mistral, -Mistral ist die Provence. Sie haben in Ihren Büchern, in Ihrem Lexikon, -im Museum zu Arles Dauerndes für dieses Land getan. Wir wollten Ihnen -also danken, nicht nur für Ihre glänzenden Verse, sondern dafür, daß -Sie uns andre ermutigt haben: Ihr Name bedeutet ein Programm, ein -Symbol, wie man seiner Heimat treu bleiben und doch ins Große wachsen -kann. Dafür wollten wir Ihnen danken” ... - -Meine Freundinnen -- lassen Sie mich Sie beide so nennen, denn in hohen -Stunden bin ich allen guten Menschen gut! --, ich wallfahrte gern zu -Stätten, wo bedeutende Geister und Herzen ihren Mitmenschen etwas zu -künden wußten aus höheren Sphären. So war ich in Stratford am Avon an -einem wolkenlosen Sommertag; die glührote Sonnenscheibe ging unter, -als ich von Warwick kam, und die ebenso große rote Mondscheibe stieg -auf, als ich im Kahn auf dem nächtlichen Avon hinter dem Kirchhof -langsam einherfuhr, zwischen Weiden und Wiesen und alten Ulmen; so -war ich in Schottland bei Walter Scott in Abbotsford und bei Robert -Burns in Alloway; so in Florenz bei Dante, Savonarola, Michelangelo -und in Assisi bei Sankt Franziskus -- und so sind mir von Kindheit an -Weimar, Wartburg und Sanssouci vertraute Stätten. Und so war ich nun in -Vaucluse und Maillane -- und war auf dem Hügel der Mozart-Mädchen! Sagt -einmal, Mozart-Mädchen, ist es nicht alles ein und dasselbe? Seid nicht -auch Ihr beide _Offenbarungen der Schönheit_? - -Mistral hat aus den öden Rhonelandschaften Crau und Camargue die -dichterische Seele eingesogen; die Crau ist eine weite steinige Steppe, -die Camargue eine Sumpfwildnis voll Herden und wildem Geflügel. Und -doch hat er sie lebendig gemacht. Ein schöner Menschenschlag in dieser -Provence! Schön sind die ~Arlésiennes~, aber ich habe schon schönere -Mädchen gesehen ... - - Ach, von des Hügels fernherlachendem Zauber - Will sich noch immer kein Bote des Himmels lösen - Und mir sagen, ob ich die Eine minnen -- - Oder ob ich sie wieder vergessen soll? - - Seid mir gewogen, zierliche Strahlen der Mondnacht - Webt aus Goldbrokat ein haltbar Brückchen, - Daß mein Bote, mein leichthintanzender Bote - Bald und gewiß die freundliche Botschaft bringe! - - Auf ein Zeichen wart' ich des deutlichen Boten, - Den die Heimlichen, die mich schon immer beraten, - Senden mögen: soll ich die Eine minnen? - Oder -- --? - -Dies schrieb ich, als wir am starken, viereckigen, nach außen fast -fensterlosen Schloß des Königs „René des Guten” zu Tarascon saßen. -~Le bon roi René~ war ein poesievoller König der Provence; er hatte -_Phantasie_ und _Güte_ -- kann es _schöneren Bund_ geben? Auch Frédéric -Mistral ist ein ~bon roi René~, ein guter König der Provence, aus -dessen Wesen die einfache Güte eines edelnatürlichen Menschen leuchtet. -Wenn ich alt werden soll, so will ich mir solch ein Abendrot um meine -Welt wünschen. - -Aber auch dann werde ich nicht aufhören, alles Schöne zu verehren, -berauscht zu stehen vor griechischen Statuen, schönen Gemälden, großer -Musik -- und niedlichen Zöpfen mit ganz entzückenden Gesichtern dazu! -... - -Hier schaute mir Frau Eleonore in die Blätter; ich neckte sie sofort, -indem ich recht herzhaft für ferne Schönheiten schwärmte. Doch nun -droht sie, mir den Stift aus der Hand zu winden! Kämpfend schreib' ich -nur noch eben hin: -- bitte, liebste Mägdlein, schreibt mir einen Gruß -nach Lourdes, postlagernd! Oder fliegt selber zu eurem -- von Heimweh -nach dem Land der Schönheit durchglühten - - _Troubadour_. - -_Nachschrift der Frau Eleonore._ Solche Liebesbriefe vertraut mein -Herzensfreund mir an?! Ich soll sie lesen, soll sie absenden! O mein -Ingo, was verstehen denn wohl diese blutjungen Mädchen von deinen -sehnenden Gedanken? Und was wissen sie denn wohl von der Kraft und -Tiefe, mit der eine reife Frau einem Freunde gut ist? Wie kannst -du solche Tändelbriefe ins Unbekannte aussenden und mir vertrauend -zumuten, daß ich deine Werbung segne? Willst du mir Eifersucht -aberziehen? Willst du mich auf eine Verlobung vorbereiten? Ein Ingo -Freiherr von Stein-Waldeck und irgendeine Dir nur wenig, mir gar nicht -bekannte bürgerliche Fräulein Frank-Dubois -- soll das einen würdigen -Bund geben? Nein, lieber Schwärmer, so darfst Du denn doch nicht auf -meinem Herzen tanzen. Ich sende auch diesen Brief nicht ab, sondern -verschließe ihn schweigend in meine Kassette. - - _Eleonore von Poitou._ - - * * * * * - - _Cette_ am Mittelmeer, auf dem Wege nach Lourdes. - - Liebe Freundinnen! - -In einer toten Hafenstadt, deren nächtliche Laternenreihen gespenstisch -an den stummen Kanälen stehen, übernachten wir. Meine letzten Briefe -waren -- Kirschbaum; dieser ist -- Zypresse. Zwischen Kirschbaum und -Zypresse saßen dort die zwei Schönheiten, die mir das Herz ein bißchen -verwirrt haben: die zapplige Jüngste dem heitren Kirschbaum näher; Sie -aber, meine Stille, nahe an der Zypresse. - -Die weißen Straßen der Provence mit ihrem ziehenden Staub schlafen -dahinten; Orange, Nimes, Les Baux -- all die Schönheiten dieser stillen -Städte sind hinter uns verblichen; Regenwetter fröstelt auf den -blühenden Hügeln; der Mond ist verhüllt. Frau Eleonore kränkelt und ist -früh zu Bett gegangen; ihr Gatte sitzt unten bei einem thüringischen -Fabrikanten, der sich uns angeschlossen hat; ich habe mich zeitig auf -mein Zimmer zurückgezogen. - -Wissen Sie, Fräulein Martha, daß ich mich auf Wandermüdigkeit ertappe? -Wissen Sie, daß ich anfange, Sie um den Frieden zu beneiden, in dessen -feinem, rosigem Gewölk sich Ihre Seele immerzu behütet findet? Denn ob -ich in einem alten, weitläufigen Hotel der Provence, mit Steinfliesen -und Kamin, übernachte oder in einem Temperance-Hotel zu Edinburg oder -zu Christiania oder zu Rom oder gar hinter einem Moskitonetz auf Ceylon --- es ist dieselbe Welt der Gegenständlichkeit. Ist es der Mühe wert, -so viel Maulwurfshügel dieser Erdkugel abzuklettern? Lohnt es Zeit -und Kraft, so viel Augenkost einzuschlürfen, auf die Gefahr hin, sie -seelisch nicht mehr verarbeiten zu können? Das Reisen ist eine Stufe -und muß überstiegen werden; so wie die moderne Titanenschlacht, dieser -Wettkampf aller gegen alle, enden muß in einer Katastrophe, wonach dann -entfieberte und entgiftete Menschen als freie Freunde ruhig miteinander -verkehren werden -- jenseits der Titanen, auf den Hügeln der Schönheit, -wo meine Mozart-Mädchen ein so lieblich Leuchten ausstrahlen. - - Jenseits der Titanen - Sind keine Waffen mehr, - Sind nur noch Wunden - Und heilende Hände; - Jenseits der Titanen - Eroberst du nimmer; - Dort wirst du beschenkt. - Jenseits der Titanen - Wohnt auf den Hügeln der Götter - Die Schönheit, das Glück. - Doch niemand wandelt ohne Narben - Jenseits der Titanen ... - -Ihnen, mein stilles Fräulein Martha -- ich will es bekennen: an Sie -besonders muß ich immerzu denken, die Sie so lieb und langsam die -langbewimperten Augen auftun, immer mit einem schüchternen Lächeln -um den verlegen halb geöffneten Mund -- Ihnen besonders gilt dieser -nächtliche Gruß. Es ist mir, als ob ich in einer Kapelle säße, obwohl -Protestant, und schlicht und fromm zu einer Madonna spräche. In meiner -Wohnung in Thüringen sind alle Wände voll von Bildern, denn ich muß -Schönheit um mich haben. Auch zu Marseille habe ich Ihrer gedacht, -dort oben in der Kirche ~Notre Dame de la Garde~, wo die gnadenreiche -Jungfrau Meer und Hafen bewacht. Über dem Altar jener Kirche, die den -ganzen Hafen überleuchtet, steht eine silberne Madonna, darüber der -Gruß an die Gnadenbringerin: ~Ave gratia plena!~ Daß sich das Heilige -und Reine so gern in ein Jungfrauenbild symbolisiert! Jungfrau und -Kind! Etwas Jungfräuliches und Kindliches in unsren Seelentiefen -antwortet wie ein Echo im tiefen Walde, wie eine versunkene Glocke -aus den Vineta-Gewässern des Herzens. Die Wände sind dort bedeckt mit -~Ex-voto~-Tafeln dankbarer Besucher; ich entsinne mich einer Tafel: -„~Retour du Dahomey et du Soudan d'un capitaine père de famille~”; und -so drückten viele ihren Dank aus, ihre „~reconnaissance à Marie~” oder -„~à notre honne mère~”. Die Luft ist an jener schönen, steil gelegenen -Kirche voll von Dank- und Bittgebeten. Und das ist sinnig. So mögen -schon in Urzeiten die Schiffer des Mittelmeers ihre Heimat gegrüßt und -mit erhobenen Händen zu ihren Göttern gebetet haben. Vielleicht stand -eine sinnliche, schaumgeborene Aphrodite, wo jetzt eine seelenvolle -Madonna silbern strahlt ... - -Wunderschön ist der Blick von jenem Steinhügel über Marseille, die -vorgelagerten Inseln, worunter die Türme des kleinen Château d'If, die -langen Höhenzüge, die Flotillen der Segelschiffe und einzelne große -Dampfer. Und wenn man sich aus dieser bunten Vielheit umdreht, so glüht -hinter uns, im Dunkel der Kirche, die immer gleich ruhige rote Ampel, -das ewige Licht, wie der feste Mittelpunkt einer unsterblichen Seele. - -Ich habe Sie zuerst auf einem Hügel gesehen, Fräulein Martha. Auf den -Hügeln standen immer die Tempel und Kirchen und Leuchttürme und Burgen -der Menschheit -- alles, was Wege weist und Schutz gibt. Dort auf dem -Riviera-Hügel liegt auch und wartet der unerbaute Marmortempel ... - -Es raunt etwas in mir: Troubadour, du sprichst ja dies alles gar nicht -zu einer Erdenjungfrau, sondern deine eigene unerfüllte Sehnsucht nimmt -Gestalt an -- und Martha oder Madonna sind nur Weckmittel, leuchten wie -ein Grubenlicht in den Schacht deiner Seele, und fördern aus deinen -Tiefen dein eigenes Lebensziel zutage. Aber es ist ungalant, Ihnen das -zu sagen, liebes Fräulein ... - -In Arles hatten wir den letzten sonnenhellen Tag; auch Frau Eleonore -war noch heiter. Da haben wir vor Mistrals bronzenem Standbild -verehrend Rückschau gehalten; die dankbare Provence hat es ihm -errichtet. Die Namen seiner Werke sind darauf eingegraben: ~Miréio~, -~Calandau~, ~Netto~, ~Les isclo d'or~, ~Lou trésor dou félibrige~ --- und andre. Und wie reich ist sein Museum! Welch schön gerundetes -Lebenswerk! ... Ich aber -- wie fahr' ich in der Welt umher! ... - -Übrigens, meine reizende Elsässerin, hab' ich hier in der Provence -entdeckt, woher der Name Elsaß stammt. Es gibt in Arles eine -Sarkophagen-Allee, die „~Aliscamps~”, die „~Champs Élysées~”. Offenbar -hängt Elsaß mit Elysium zusammen, mit elysäischen Gefilden. Seit ich -zwei so anmutige Elsässerinnen kennen und lieben zu lernen das Glück -hatte, bin ich von dieser Abstammung des Namens Elsaß durchdrungen und -überzeugt ... - -Wie tot die mitternächtige Stadt mit ihren stummen Kanälen! Wie -unbewegt diese Lichter an den nassen, menschenleeren Gassen! Es ist -ein schwermütiges Stadtgebilde ohne Mond und Sterne, ohne Melodie -... Doch formt sich mir, indem ich auf zerrissenen Teppichen des -vernachlässigten Hotels schlaflos auf und ab schreite, dieses Lied ... - - Im Lande der Trauer gedeiht keine Frucht, - Da rieselt und seufzt in vertrockneter Schlucht - Nur traurig ein Tropfen zum andern; - Da starrt in gläserne Luft das Laub, - Kein Wind scheucht unter den Sohlen den Staub, - Wenn es dich lüstet, zu wandern. - - Und sucht die Flöte den Freudenton, - So schleicht sich der Laut wie ein Dieb davon; - Auch sind keine Mädchen zum Tanzen. - Die Ritter reiten verdrossen vorbei, - Sie fragen umsonst, wo Großtat sei; - Der Rost sitzt an den Lanzen. - - Doch sprengt Frau Freude die Hügel hinan - Auf weißem Roß, mit Schellen dran, - So weiß sie die Sonne zu geben! - Schon jauchzte die Flöte, das Mädchen sprang, - Es reift die Tat und die Frucht am Hang -- - Und heilig wird wieder das Leben! - -Wäre mein Leben tatengroß und heilig, liebes Fräulein! Ich habe mich -leicht geschwatzt und heiter gereimt, holdes Mädchen! Weltschmerz hat -nie lange Raum in meiner Seele, ich räuchre und reime und klimpre -den Kerl wieder hinaus. Haben Sie Dank, daß Sie zugehört haben! Ich -beherberge in mir die phantastische Hoffnung, daß uns in Lourdes --- wenn wir über Carcassonne und Toulouse ankommen -- irgend etwas -Wundervolles erwartet: -- ein Brief von Ihnen --?! Oder gar Sie -selber?! ... - -Närrische Welt! Ich lasse mich treiben und überraschen und beschenken. -Ist ja doch alles Glück und Gnade! Gute Nacht! - - _Troubadour._ - -_Nachschrift._ Und kommst nicht mehr an meine Tür? Und sagst mir nicht -Gute Nacht? Bist aber so ehrlich, mir am andren Morgen mit gekünsteltem -Lächeln auch diesen verschwärmten Brief zu überreichen? Du hast ein -übergroßes Vertrauen zu mir, liebster Freund, und hältst mich für stark -und hochherzig. Ich bin's aber nicht. Mein Herz möchte dich glücklich -sehen, aber mein Herz weint. Ich kann auch diese immer unverhülltere -Werbung nicht gutheißen. Ich lege den Brief zu den andern. - - _Eleonore._ - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Fünftes Kapitel - -Lourdes - - Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun - Und deinem Beistand fest vertraun, - So löse doch des Alters Binde - und mache mich zu deinem Kinde! - - _Novalis_ - - -Wo war Friedels Feuerseele geblieben? - -War diese Frau, die da neben zwei frischen Männern einherschlich, -noch die einst entzückende Sängerin, die den Spielmann Ingo von Stein -hingerissen hatte als Sieglinde und Isolde? - -Pegasus im Joch? Eine entmarkte, ungenial gewordene Hausfrau? - -Doch nein -- wo waren die glänzenden Hauskonzerte noch vom -vorigen Winter? Waren sie nicht ein Beweis, daß sich die -siebenunddreißigjährige Frau in zehnjähriger Ehe glänzend entfaltet -hatte? Und welche Stimmungen, wenn Richard und Ingo als zwei einzige -Zuhörer im Schatten des Hintergrundes saßen und die Frau am Klavier -zwei und drei Stunden lang ihr loderndes Temperament entladen -ließen, daß die Kämme und Nadeln aus den goldenen Haaren flogen -- -die zahllosen Haarnadeln, die dann der allezeit ritterliche Richard -mit elegantester Gewandtheit, auf den Zehen, unnachahmlich komisch -auflas, auf einer silbernen Visitenschale sammelte und zum Schluß mit -gebeugtem Knie der Künstlerin wieder verabreichte? Je nach der Zahl der -herausgeschleuderten Nadeln wurden Grad und Wucht des Spieles lachend -festgestellt. Doch nicht selten geschah es, daß man ergriffen und -begeistert die Feststellung vergaß. - -Oder wenn Friedel und Ingo vierhändig Symphonien von Brahms und -Beethoven spielten, daß die Wände bebten beim Fortissimo und die -beneidende Nachtigall aus dem Park ans Fenster flog beim Adagio -- wo -war das? - -Dann wieder sang sie mehrere Stunden lang Lieder von Brahms, Schubert -und Schumann, wandte sich in den Pausen nach den lauschenden Freunden -um und fragte: „Seid ihr noch nicht müde, Kinder?” -- „Wenn du nicht -müde bist, Friedel --?” -- „Oh, jetzt fang' ich erst an!” Erst gegen -Mitternacht wurde mit Tee und Brötchen oder mit einer von Richard -glänzend bereiteten Bowle der musikalische Abend beschlossen. Und „ihr -seid geniale Zuhörer”, dankte die Sängerin, das Gesicht fächelnd, -strahlend und gesättigt. „Kinderchen, jetzt ist mir wieder wohl! Musik -ist in aller Qual des Lebens meine Gesundheit, meine Seligkeit!” - -Wo war das alles? - -Kann Geniefeuer versprühen, das bis vor kurzem in dieser ungewöhnlich -lebensvollen Frau gesprüht hatte? Nein, nein, es kann sich veredeln, -verinnigen, aber darf nicht verloren gehen ... - -„Spielmann,” sagte sie wehmutvoll zu Ingo, als sie in Lourdes -einfuhren, und zupfte ihn wie ein ungeduldiges und unglückliches Kind -am Ärmel, „lieber Spielmann mein, warum spielen wir denn nicht mehr? -Warum sind wir denn so säuerlich ernst geworden? Warum bin ich denn so -schwer, so schwer? Ach, ich bin eine verrostete Harfe, ich bin alt, -alt, Kinderchen, ich bin über Nacht alt geworden!” - -Mit keiner Silbe berührten sie und Ingo die provenzalischen Briefe -an jene jungen Mädchen. Richard hatte von dem Dasein dieser Briefe -überhaupt nur ein flüchtiges Wissen; bei guter Laune hätte er den -Freund geneckt, und in seinem normalen sachlichen Ernst langweilte ihn -solche Romantik. - -„Du besuchst so gern katholische Kirchen”, scherzte der Gatte. „Bete -zur Madonna von Lourdes, sie soll dich wieder jung machen.” - -„Ach, spotte nicht, Liebster”, gab die Kranke zurück. „Was wißt ihr -Männer, wie einer alternden Frau zumute ist, die einst als Künstlerin -die Welt erobern wollte! Die Welt erobern!” - -„Aber, Friedel, alternde Frau -- wenn man so was hört!” versuchte Ingo -zu trösten. „In zwanzig Jahren laß uns davon sprechen! Und selbst -dann -- hast du nicht oft von deiner lustigen Großmutter erzählt, daß -sie noch mit mehr als siebzig Jahren die Jüngste war von allen? Etwas -in uns wird immer jünger, lichter, geistiger; ein Herz voll Güte und -Poesie kennt kein Altern. Denk an den greisen Mistral in Maillane, von -dem du so entzückt warst!” - -Als sie zu Lourdes kaum im Hotel abgestiegen waren, stürzte der -Troubadour mit der Nachricht herbei: „Friedel, Richard, ich hab' im -ersten Stock einen Salon mit Klavier entdeckt! Der Wirt gibt ihn mit -Vergnügen. Es sind wenig Gäste im Hotel; rechts und links nehmen wir -unsere Zimmer und musizieren den ganzen Abend. Friedel muß sich mal -wieder austoben, das seh' ich ihr schon lange an; was, Friedel?” - -„Ein Klavier? Gutes Klavier? Her damit!” - -Der Major, dem der Zustand seiner Gattin in den letzten Wochen Sorgen -gemacht hatte, war überglücklich. Sogleich nach dem Nacht-Imbiß ging -man hinauf, ohne sich im dunkelnden Lourdes viel umzusehen; und der -Gatte ließ eine Flasche Sekt kaltstellen, Friedels Leibgetränk. - -Nun saß sie vor den Tasten und stürzte sich sofort mit Wucht und Wonne -in den zweiten Akt von Tristan und Isolde: „Nicht Hörnerschall tönt -so hold, des Quelles sanft rieselnde Welle rauscht so wonnig daher” -... Sie spielte die Begleitung auswendig, sie sang und begleitete -sich selber. Und dazwischen, die Erwartungsszene mit Brangäne bei -beginnender Nacht mit Glut spielend und singend, rief und stieß sie in -allem Rausch der Darstellung manchmal hervor: „Ja, das ist das Weib -- -Wagner kannte das Weib -- seht, wie kindlich jetzt -- jetzt begehrend, -zärtlich und wild -- alles -- eine Naturkraft” -- -- So spielte sie -hingerissen und hinreißend; und stand doch als Mensch und Künstlerin -immer wieder darüber. - -Aber später, mitten im Liebestod -- „mild und leise, wie er lächelt” --- sprang sie auf und brach ab. Ihre Kämme waren herausgefallen, ihr -Goldhaar flutete über den Rücken, ihre Wangen flammten im Fieber. -„Nein!” rief sie. „Nicht sterben! Auch nicht aus Liebe sterben! -Das ist zu gewaltig! Das darf man nicht am Klavier im Salon singen, -in engen Verhältnissen, als Gattin und Mutter -- das ist das Meer! -Uferlos! So etwas kann man nur erleben -- einmal erleben und im Erleben -vergehen!” - -Sie warf sich in einen Sessel. - -„Nein, nein, nein, ich will leben! Laß die Kämme liegen, Richard, laß -meine Haare fließen und meine Seele uneingedämmt! Komm, Ingo, lieber -Freund, spiel' mir einen beruhigenden Satz aus Bach! Nicht sterben, -Kinder -- überwinden!” - -Es war sonst nicht ihre Art, einen musikalischen Abend derart zu -zerreißen. Ingo begab sich zögernd ans Klavier und holte aus seinem -umfassenden musikalischen Gedächtnis Töne der Beruhigung hervor. -Richard aber saß bei seiner Gattin auf der Lehne des Fauteuils -und streichelte besänftigend ihren angeschmiegten Kopf. Ihr Herz -hämmerte laut, ihre Pulse flogen, ihre Finger zuckten; sie stürzte -rasch einige Gläser Schaumwein hinunter, bis sich ihr aufgestörter -Künstler-Dämonismus langsam wieder beruhigte. - -Nachher sang sie einige Lieder. Und dann saßen alle drei in einer -wohligen Plauderstimmung beisammen; und Friedel, in ihr Tuch gehüllt, -kam in ein lebhaftes Erzählen, durch das freilich Nervosität -hindurchzitterte. - -„Heut' gehen wir überhaupt nicht zu Bett, Kinder, was?” schlug sie vor. -„Oh, wie hat mir das Stündchen am Klavier wohlgetan! Ich war so allein -in diesen Wochen. Kinderchen, seid ihr mir denn noch ein bißchen gut? -Ach, Richard, du glaubst nicht, wie ich mich nach unsren Jungen sehne! -Wollen wir nicht umkehren, Richard, ja?” - -„Gewiß, mein Herz, das hab' ich mir ohnedies vorgenommen. In acht Tagen -sind meine Ferien zu Ende. Aber du bist mir dann hoffentlich hübsch -gehorsam, wenn ich in München den Arzt deinetwegen befrage?” - -Sie wollte nichts vom Arzt wissen, geriet vielmehr in ein -zungengeläufiges Plaudern von tausend Dingen, besonders von ihren -Jugendtagen. - -„Schon als ich Kind war, flogen mir bei großer und schöner Musik -Schauer über den Rücken”, plauderte sie; „ich spürte Musik körperlich. -Und es geht mir heute noch so. Es ist ein elektrisches Bad. Oh, ich -kann euch sagen, ich war ein unbändiges Kind, der Schrecken meiner -Verwandten, und liebte die Natur leidenschaftlich. Ich weiß noch, so -gegen das vierzehnte Jahr, als sich meine Freundinnen immer mehr für -Jünglinge interessierten, konnte ich das gar nicht verstehen, denn -bei meinem wilden Springen und Raufen fehlte mir jedes Gefühl für -sentimentalen Geschlechtsunterschied. Ich stand vor einem Rätsel, -meine Gespielinnen wurden mir fremd, ich war zum erstenmal grenzenlos -allein. Aber ich hatte mein ideales Elternhaus, wo nichts Unreines an -mein Ohr drang. O Kinder, ich bin in einem wilden Park voll von schönen -Blütenbäumen groß geworden! Oft war ich ganz mit Blüten überstreut, -wenn ich bis Abendrot und Mondlicht im Grase gelegen hatte und vor -Heimweh nach den Abendröten zu sterben vermeinte. Denn übergroße -Schönheit macht mir körperlichen Schmerz. Dort irgendwo, dort hinter -den glühenden Wolken, dort mußte meine Heimat sein. Und meine Seele -spannte -- halt, eins meiner Lieblingslieder schon damals!” - -Sie lief ans Klavier und sang mit hingebender Innigkeit Schumanns -seelenvolles Abendlied: „Es war, als hätte der Himmel die Erde still -geküßt”. - -„Wenn ich dann ins Haus zurückkam, hatte ich lange mit einer Art von -Betrunkenheit zu kämpfen, bis ich mich wieder in der Erden-Wirklichkeit -zurechtfand. In jenen Jahren wurde mein Großvater krank und lag viele -Monate in wunderbarem Seelenfrieden zu Bett. Keiner ging ungesegnet -von diesem Leidenslager hinweg; sein Gesicht war von himmlischer Güte. -Unsre lebhafte Großmutter, die ihm allabendlich vorgespielt hatte, war -kurz vorher gestorben. Und so fiel mir dreizehnjährigem Backfisch die -reizende Aufgabe zu, ihn abends durch Musik zu erfreuen. Ich saß mit -meinem dicken Zopf im riesengroßen Saal am Flügel, glühend vor Glück -und Begeisterung; und der Großvater lag nebenan im dunklen Zimmer, -in das nur ein Strahl von meiner Klavierlampe hineinfiel. Und nach -jedem Stück rief er ein Wort des Dankes. Oh, ich war selig vor Glück, -jemandem Schönes geben zu dürfen -- und und er sagte dann oft: ‚Kind, -das ist der Himmel auf Erden.’ Meist spielt' ich Mozart und Beethoven, -dann sämtliche Oratorien, die ich von Großmutter kannte, wobei ich alle -Stimmen ohne Ausnahme sang. Und da dies dem Großvater sehr behagte und -ihm niemand zu widersprechen wagte, so spielt' ich oft zum Leidwesen -der Mutter bis um Mitternacht ... Ihr seht, Kinder, so früh hat das -begonnen! Und ich habe mir die Unart heute noch nicht abgewöhnt.” - -So erzählte die heute wieder von innen heraus leuchtende Künstlerin. -Und die verständigen Männer ließen sie lächelnd gewähren, stimmten -wohlgefällig bei und verallgemeinerten unmerklich das Gespräch zu -Bemerkungen über die Opferkraft und Zähigkeit der Frauen überhaupt. - -„Wir sind wunderliche Geschöpfe”, sagte Friedel. „Ich fürchte mich, -im Finstren allein zu sein, ich bebe tagelang vor jeder unangenehmen -Aussprache; aber in großen Gefahren -- das wirst du mir bestätigen, -Richard -- kenn' ich keine Spur von Angst.” - -Langsam leitete sich die Unterhaltung in immer ruhigerem Rhythmus zu -der Mission der Frau hinüber. Man knüpfte an Wagners Frauengestalten -an: die Erlösungskraft der Senta im Fliegenden Holländer, Elisabeths -heiligende Einwirkung auf Tannhäuser, Kundrys Entwicklung vom -Dämonismus zum Dienen. Dann erwähnte Ingo Pfitzners Armen Heinrich und -die Aufgabe der jungfräulichen Agnes, den kranken und verbitterten -Ritter in ein neues Leben zu führen. - -„Es sind Walküren, solche Frauen,” sprach er, „sie führen den -kämpfenden Helden in heilige Hallen.” - -„Man kann ebensogut sagen: es ist in ihnen die Madonna wirksam!” rief -Friedel. „Herrlich ist das Wesen der Madonna, dieses großartige Symbol -jungfräulicher Mütterlichkeit! Jungfrau und Mutter zugleich! Wissende -Reinheit! Der Protestantismus ist arm, daß er die Madonna nicht mehr -hat; und wir können den Malern nicht dankbar genug sein, daß sie diesen -Typus festgehalten haben. Über meinem Bett hängt oben Raffaels Madonna -Sixtina und unten Giorgiones schlafende Venus. Von der Venus zur -Madonna -- das ist unsre Entwicklung. Aber die Madonna ist das Höchste.” - -So glitt das bedeutsam gewordene Reigenspiel des Gespräches ganz von -selber harmonisch hinüber zum Hirtenmädchen von Lourdes und zur Madonna -der Wundergrotte. - -Da vernahmen sie draußen einen fernen, vielstimmigen Gesang. Und -als Richard Fenster und Laden öffnete, hatten sie, in die Nacht -hinausschauend, einen großartigen Anblick. - -Die Kirchengebäude, die sich dort im Schatten der nächtlichen Pyrenäen -erhoben, erglühten von oben bis unten in einem überwältigenden -Goldglanz. Den Rändern und den Portalen entlang waren elektrische -Lämpchen entzündet, und nun stand die schlanke obere Kirche flammend -mitten in der Nacht, und ebenso unter ihr das große rundliche Portal -der Rosenkranzkirche. Ein feenhafter Anblick! Als ob die Gottheit -einen Tempel gebaut hätte aus Funken und Flammen, statt aus Steinen. -Dazu wogte der Männergesang einer Prozession herüber, deren Kerzen -nun durch die Frühlingsnacht sichtbar wurden; und man unterschied den -immer wiederholten Kehrreim: „~Ave, ave, ave, Maria!~” Es war ein -vielstimmiger Gruß an die Himmelskönigin, dargebracht mit Licht und -Schall, aus den Seelen von einigen tausend Gebirgsbewohnern. - -„Herrlich!” sprach Friedel ergriffen und legte den Arm um ihres Gatten -Schulter. „Man möchte fromm werden und mitsingen.” - -Und die andere Hand Ingo reichend fügte sie weich hinzu: „Kinder, wir -wollen einander gut bleiben, nicht wahr?” - -„Ungeheure Organisationskraft!” bemerkte der Major gleichmütig und -meinte damit die katholische Kirche. - -„Hier ist den Sinnen die Macht des Geistes eingeprägt und -eingezwungen”, fügte Ingo hinzu, der Friedels Händedruck etwas -zerstreut erwiderte. „An diesem Schauspiel werden diese Gebirgsbauern -lange zehren.” - -Zum Überfluß dröhnten noch irgendwo Böllerschüsse; das alte Schloß -stand in bengalischer Beleuchtung; und vom Gipfel des Pic du Jer glühte -ein großes Kreuz gleichfalls in elektrischen Flämmchen hernieder. - -„Was wollt ihr?” sprach Ingo duldsam, als der sehr protestantische -Major einige unwillige Bemerkungen fallen ließ. „Die Könige aus dem -Morgenlande brachten dem Kind in der Krippe Weihrauch, Myrrhen und -Gold, die Engel ihre Lobgesänge, die Hirten ihre Anbetung -- und -diese Pyrenäenhirten Beleuchtungen, Gesänge und Prozessionen. Das -Leben bildet mannigfache Formen, auch das religiöse Leben. Doch mich -interessiert vor allem die kleine Hirtin Bernadette Soubirou, die -diesen Ort berühmt gemacht hat.” - -So zogen sich die drei Freunde nach melodischem ersten Abend zur -Nachtruhe zurück. - - * * * * * - - _Lourdes_, im Frühling. - -Immer ernster wird meine Stimmung nach den Schwärmereien der Provence. -Ich bin in diesem Augenblick noch unentschlossen, ob ich Ihnen, meine -Damen, bei Ihrem gänzlichen Stillschweigen diese weiteren Blätter -senden darf und will. Frau Eleonorens bewährter Takt mag darüber -entscheiden. - -Mit Spannung bin ich hier in Lourdes auf das Postamt gelaufen; hoffte -bestimmt, ein Lebenszeichen, einen Gruß, einen Dank von Ihnen zu finden --- fand aber nur eine Karte von Schaller: „Meine Nichten sind hier in -Barcelona -- wann kommen Sie?” - -Und kein Gruß von Ihnen. Keine Unterschrift. - -Das ist alles. - -Das ist der ganze Widerhall. Meine Briefe haben nichts in Ihnen -geweckt. - -Nun, hier in Lourdes ist nicht Zeit und Ort, einem Verdruß nachzugeben. -Ich bin sogar ungalant genug, Ihnen zu bekennen, daß hier zwei andre -Damen im Brennpunkt meiner Teilnahme stehen: die kleine Seherin -Bernadette Soubirou und die Madonna der Grotte ... - - * * * * * - -... Ich bin voll von diesem Abend in Lourdes. In mein Zimmer herauf -rauschen die Wasser der Gave -- die Nacht ist feierlich still -- -einzelne Sterne leuchten -- und die großen grauen Pyrenäenberge -umstehen das Tal in festlicher Hoheit. - -Bei beginnender Nacht betrat ich den Platz vor der Kirche. Welche -Raumbehandlung! Alles stumm, kaum ein Spaziergänger; die Lichter -zittern und funkeln, abgemessen verteilt; und von selbst finde ich den -Weg zur Grotte, nachdem ich erst vor dem gekrönten Jungfrauenbild auf -dem Platz haltgemacht. - -Vor der Grotte sind eine Anzahl nächtlicher Beter versammelt. Alles -schweigt, kniet, betet. Neben mir liegt auf dem Pflaster ein Mönch, -fern von den andren, hinter den andren; zum Schluß neigt er sich und -küßt die Erde. Mehr als hundert Kerzen flammen in der Grotte, eine -Pyramide von Lichtern, zu dem Bild empor, das dort oben rechts in -weißem Gewand und blauem Gürtel steht, genau an der Stelle, wo die -Gestalt durch Bernadette gesehen worden. - -Welche Künstlerin, dieses arme vierzehnjährige Hirtenmädchen! Eine -Dichterin! Wie kam das Kind dazu, eine Gestalt dieser Art zu schauen, -die ihr von keinem Altarbild her bekannt war? Denn die Jungfrau Maria -der Bernadette ist eine Neuschöpfung. Das ist das Wunderbare. Immer hat -sie jene Gestalt in derselben Gewandung gesehen und genau beschrieben: -weißes Gewand, Schleier rechts und links am Gesicht herab, blauer -Gürtel, dessen zwei Schleifen bis fast zu den Füßen reichen, und auf -jedem nackten Fuß eine goldne Rose. Welche Schönheit! Die Gestalt hält -den Rosenkranz in Händen, macht ihrer kleinen Besucherin das Zeichen -des Kreuzes in neuer und großzügiger Form -- wie Bernadette es vorher -nicht pflegte --, lächelt oder ist traurig-ernst, spricht zu ihr: -- -kurz, sie hat Leben, Bewegung, Natürlichkeit. Es ist nichts Starres, es -ist etwas Lebendiges. Und die Kleine ist traurig, wenn sie ihr nicht -erscheint, ist aber bei ihrem Anblick so entzückt, daß sich ihr Gesicht -verklärt -- derart verklärt und verschönt, daß die eigene Mutter kaum -noch ihr Kind erkennt. Ja, während einer der Erscheinungszeiten hält -das Kind versehentlich lange Zeit, wohl eine Viertelstunde, die Hand in -die brennende Kerze -- und die Hand der Verzückten bleibt unversehrt. - -Was soll man sagen? Hat sich hier die himmlische Welt aufgetan? Hat -diese Kleine durch eine Ritze in das jenseitige Reich geschaut? - -Und mit welcher Kraft und Umsicht hat sich die Kirche dieser Ereignisse -bemächtigt! Einst war hier Wildnis, jetzt steht da oben, gewaltig, -im Sternendunkel der Nacht, die weiße, schlanke Kirche. All diese -klug durchdachten Anlagen, all diese Kaufläden mit den Tausenden -von Figuren, Bildwerken und Andenken, all diese Hotels, diese -Hunderttausende von Menschen, die schon hierher gepilgert sind und -noch hierher pilgern werden, all diese Gebete, diese Kerzen, diese -Gottesdienste: -- alles veranlaßt durch ein armes Hirtenmädchen! - -Ist dieses jungfräuliche Kind vergleichbar der Jungfrau von Orleans? -Hat sie die Aufgabe erhalten, Frankreich und die Welt von einem andren -Feind zu erlösen -- von niedren Leidenschaften und Krankheiten des -Leibes und der Seele? - -Hier ist der Punkt. - -Diese Madonna nennt sich „unbefleckte Empfängnis”. Was heißt das? Es -heißt das Reinigen der Beziehungen zwischen Mann und Weib. Das muß die -Erklärung sein, nichts andres. Es heißt Reinheit und Natürlichkeit -an Stelle der Entartung; es heißt Heiligung der Natur statt der -unsauberen Lüstlings-Unnatur. Gerade Frankreich mit seiner erotischen -und Ehebruchsliteratur, seiner Verherrlichung sinnlicher Kunst und -sinnlich-eindringlichen Geschmacks überhaupt -- grade das sinnliche -Frankreich mußte der Ausgangspunkt sein, wo die Gegenkraft einzusetzen -versuchte, fern von Paris, im äußersten Winkel, in diesem Gebirgstal -mit dem rauschend reinen Wasser. Ein heiligender Quell entrieselte der -Stelle, wo Bernadette auf Befehl der Jungfrau mit den Fingern grub, und -wurde in wenigen Tagen ein starker Brunnen: eine symbolische Handlung! -Es ist das Wasser des Lebens, des wahren, durch reine Natürlichkeit -der menschlichen Beziehungen wieder geheiligten und geadelten -Lebens. Wasser! Überreiztheiten des Alkohols entstellen die moderne -Zivilisation und dieses Weinland Südfrankreich: hier aber fließt das -silberklare Bergwasser unentstellten Lebens, das nicht reizt, das aber -_heilt_. - -Tiefsinnig! Unerklärliche Genialität eines Kindes! Einer reinen -Jungfrau! Immer in Sagen und Märchen, diesem Niederschlag uralter -Weisheit, ist es ja das Kind oder die Jungfrau, denen Erlösungskraft -aus den Banden der Unnatur innewohnt. - -Warum entzückt mich so, dort an der Riviera und hier in Lourdes, -immer wieder das Jungfräuliche? Was such' ich darin an symbolischem -Lebensgehalt? - -Sie weiß von Welt und Zivilisation nichts; sie weiß nicht einmal, was -das Wort „unbefleckte Empfängnis” -- mit dem sich die Madonna zuletzt -vorstellt (~je suis l'immaculée conception~) -- überhaupt heißt. Sie -soll's dem Pfarrer sagen als dem natürlichen geistigen Mittelpunkt -des Ortes; schnell aus der Grotte ins Pfarrhaus laufend, murmelt -sie's immerzu vor sich hin, um das Wort ja nicht zu vergessen! Welche -menschliche Züge! - -Man geht hier im Frühling, wenn keine Pilgermassen Staub aufwühlen, -in andauernder Ergriffenheit einher. Es ist unmöglich, sich diesen -einströmenden, eindrängenden, wie Bergwasser in uns einrauschenden -Gedanken zu entziehen. Ich war heute abend nur eine halbe Stunde -draußen; die melodischen Kirchenglocken schlugen an, als ich -hinausging; sie schlugen wieder an, als ich den großen, höchst -bedeutend wirkenden Platz vor der Kirche verließ. - -Und die Wasser rauschen die ganze Nacht ... - -Ich habe noch nicht an der Quelle getrunken ... - -... Gibt es eine jenseitige Welt? - -Und wenn es eine solche Welt gibt: warum soll sie unter den Mitteln, -sich mit uns zu verbinden, nicht auch dieses benutzen? - -Gibt es aber eine jenseitige Welt voll von Kräften und Lichtgestalten, -die das geistige Fluidum unserer Erde bilden, die unsre geistige -Lufthülle sind, aber ebenso den ganzen Kosmos durchdringen, in den wir -ja eingebettet sind: ist dann das Sprechen mit ihnen so unsinnig? Ist -Gebet Unsinn? - -Leben unsre Verstorbenen? Oder sind sie tot für immer? Ist nur das -Sichtbare wirkliches Leben? Gibt es nicht viele andre Daseinsformen? -Kann man Augen und Organe ausbilden für die geistige Welt? Sind -unsre großen Dichter, Künstler, Religionsstifter die _Seher_ dieser -geistigen Welt und kündigen von diesem realen, den andren Sterblichen -unsichtbaren, nur geahnten unbekannten Lande? - -Das ist die eiserne Frage ... - - * * * * * - -... „~Pénitence!~” ruft die Erscheinung von Lourdes. Buße! Dreimal -ruft sie es eindringlich und mit einem so tieftraurigen Gesicht, daß -der mitfühlenden, magnetisch auf sie eingestellten Kleinen die Tränen -kommen. „Was soll ich tun?” ruft das Mädchen. -- „Bete für die Sünder!” -Und viele Menschen will die Jungfrau dort sehen, will sie dort beten -sehen: sie will eine _Gegenkraft_ entwickelt wissen. - -Weiß und Blau sind darum die reinen Farben dieser Madonna. Und auf den -Füßen blühen goldene Rosen. - -Indem man zu den Füßen dieser Himmelsfrau von diesem Wasser trinkt und -sich die Augen wascht, drückt man den Wunsch aus, mit dem Lebensstrom, -der von dieser Erscheinung ausging, in Verbindung zu treten. Es ist -nicht das Wasser als solches, das hilft: es ist der in uns selber -erwachende heilkräftige Wunsch, jener himmlischen Reinheit und -Gesundheit teilhaftig zu werden. Wunsch in uns und Wasser außer uns -wirken zusammen. Das Ich muß lebendig mitwirken, wenn Reinheit und -Schönheit zum Ich kommen sollen. - -Die Best-Geheilten sind jene, die mit reinerem Herzen diese Stätte -verlassen ... - -Schwer freilich, an Wunderheilung zu glauben! Schwer -- -- weil so -_einfach_? ... - -Doch ich will nicht von den wirklichen oder angeblichen Heilungen -sprechen, die hier geschehen mögen. Was etwa sich ereignen mag an -Wahn oder gar an frommem Betrug, wenn im Hochsommer der stille Ort -fast erstickt unter den Zehntausenden von Pilgern, das ist eine Sache -für sich. Darüber mögen andre streiten. Mich fesselt dieses kleine -Menschenkind ... - -In einer schimmernden Wolke pflegte ihr die Gestalt zu erscheinen, die -von sonst niemandem erblickt wurde; es war also ein Lichteindruck; und -eine schimmernde Wolke blieb noch ein Weilchen zurück, wenn die Gestalt -entschwunden war. Sie kam aus dem Licht, sie war Licht. Es mag wohl -eine elektromagnetische Verbindung zwischen Seherin und Erscheinung -bestanden haben. Reines Herz nebst reinem magnetischen Organismus -- -das hat wohl in diesem besonders veranlagten Kinde anziehend auf die -jenseitige Welt gewirkt. Alles Schöne ist dem Licht verwandt und wird -am schönsten symbolisiert durch das Licht. Gemeine Sterbliche würden -geblendet werden durch des Lichtes Fülle. - -Marias Lieblingsblume, neben der Rose der Liebe, ist die Lilie der -Reinheit und des Glaubens. Die Lilie wächst hoch und weiß über das -gewöhnliche Blumenmaß hinaus. Die Form ihrer Blüte ist ein Kelch, ein -weißer Kelch: geschaffen, um Licht und Tau einzunehmen, die himmlischen -Gaben. Ein Gralskelch! Die jungfräuliche Blume hält den Kelch empor und -füllt sich mit Licht von oben. - -Gibt es doch noch etwas Höheres als die willensstarke Persönlichkeit? -Vielleicht -- Gefäß zu sein? Rein, still, empfangend von oben, -weitergebend nach unten? Wie die Lilie? - -Ist das lilienhaft Jungfräuliche in solchem Sinne höher und himmlischer -als das Nur-Männliche? Erlöst uns Männer immer wieder die Jungfrau? ... - -Und wie schwer war Bernadettes äußeres Leben! Sehr arm, sehr einfach, -doch gut erzogen, etwas zart als Kind, erlebte sie dann die Fülle ihres -Glückes binnen wenigen Monaten in jenen genialen Visionen. Dann aber, -als ihr Werk gesichert war und eingeweiht wurde, lag sie krank und -konnte an den Festen nicht teilnehmen. Als Klosterschwester starb sie -fern in Nevers, hat ihr mächtig anwachsendes Werk nie mehr gesehen. Muß -wohl sterben, wer die Götter geschaut hat? - -Ihr Werk lebte, sie selber ging dahin. - -Groß! ... - - _Ingo_. - -_Nachschrift._ Groß! Ja, mein Ingo, das ist groß. So haben wir -zwei es uns einst geschworen, einer edlen und großen Lebens- und -Kunstanschauung unser Dasein zu widmen. Und diese Blätter lassen mich -wieder an Dich glauben, mein Freund und Bruder! Aber willst Du diese -ernsten Gedanken wirklich an jenes unbedeutende Mädchen senden? Will -der Gralsucher wieder zum tändelnden Spielmann werden? Lieber, merkst -Du denn nicht, daß Du über den Eindrücken hier in Lourdes sowohl -sie als auch mich vergessen hast? Denk' an das Gespräch über die -Titanic: suchst Du des Lebens Sinn und Geheimnis, indem Du irgendeine -Braut suchst? Lieber Troubadour, unter Tränen will ich beten, daß Du -ausziehen mögest wie Saul, der Sohn des Kis: er suchte eine -- Eselin -und fand ein Königreich. Ich werde diese Blätter zu den unabgesandten -Briefen legen und Dir heute alles übergeben. Hier in Lourdes soll es -sich zwischen uns entscheiden. Ich bin krank; die Aufgabe, die ich an -Dir hatte, geht zu Ende. Bald bist Du auf törichter Brautschau -- und -ich eine Kranke unter Kranken. - -Ach süßer Freund, die Sorge um Dich ist meine Krankheit! - - _Friederike._ - - * * * * * - -Krankheit und Verdüstrung der Frau von Trotzendorff rollten wieder wie -Wolken über jenes kurze Aufflammen der alten Gesundheit. - -Sie stand in seelischen Kämpfen, von denen ihre Mitreisenden nichts -oder wenig ahnten. Oft saß sie allein an der Grotte und setzte sich mit -der Tatsache auseinander, daß sie den Freund verloren habe, daß Anmut -und Jugend ihn anziehe, daß sie selber unrettbar zu altern beginne. -Und das Gesicht der leidenden Künstlerin wurde bleich und verfallen. -Aber sie hatte ein meisterhaftes Talent, dergleichen nach außen hin zu -verbergen; unter dem Schein leichter Magenverstimmung, verursacht durch -die ölige südfranzösische Kost, wußte sie ihren Seelenkampf scherzend -ins Harmlose zu deuten. - -Fabrikant Muthner, der sich in Cette zu ihnen gesellt hatte und später -nach Bayonne und Biarritz weiterwollte, war wieder aufgetaucht: -ein ernster, wohlbeschlagener Fachmann, der sich mit Trotzendorff -vorzüglich verstand. Er machte der gnädigen Frau mit natürlichem -Anstand den Hof. Und Frau Friederike, die für ehrliche Komplimente -empfänglich war, hatte sogar den Versuch gewagt, ihren Freund Ingo ein -wenig zur Eifersucht zu reizen: ein Zug, der dem erstaunten Troubadour -neu war, wie überhaupt das Verhalten der Freundin ihm ebenso Bedenken -erregte wie dem Gatten. - -An diesem Morgen, kurz vor dem Frühstück, das alle vier gemeinsam -einzunehmen pflegten, waren Ingo und Trotzendorff zufällig allein und -tauschten ihre Besorgnisse aus. - -„Sag' einmal, Richard,” begann Ingo, „die Kränkeleien unsrer Friedel -machen mich besorgt. Solltet ihr nicht einen Arzt befragen?” - -„Das hab' ich mir längst vorgenommen”, erwiderte Richard in seiner -gesetzten, nüchternen Weise. „Denn auf die Wunder von Lourdes will -ich mich denn doch als guter deutscher Protestant nicht verlassen. -Sie hatte schon einmal, nach der Geburt des zweiten Jungen, solche -unangenehme Geschichten -- Frauenleiden -- wo sie auch wie jetzt -zwischen Übermut und Schwermut hin und her pendelte. Zarte Geschöpfe, -diese Frauen, man kann gar nicht feinfühlig genug sein.” - -„Das ist wahr”, versetzte treuherzig der Troubadour, der keine Ahnung -hatte, wie er der Freundin weh tat. - -„Ich werde sie heute nicht mitwandern lassen”, fuhr der Major fort. -„Muthner und ich werden Cauterets und Umgegend besichtigen. Du tust mir -einen Gefallen, Ingo, wenn du dich ihrer annimmst, soweit sie überhaupt -ausgeht. Zu deinem beliebten Eigenbrödeln und Notizenmachen wirst du ja -dazwischen Zeit genug finden. Einverstanden?” - -„Vollkommen! Es ist mir heut' überhaupt nicht um Geselligkeit zu tun. -Hab' da einen ernsten Brief aus Thüringen erhalten.” - -„Nun? Unangenehmes?” - -„Mein Bruder hat einen Jagdunfall gehabt. Näheres schreibt mir die -Cousine nicht.” - -„Elisabeth? Ei was! Ist die wieder in Thüringen?” - -„Merkwürdigerweise! Der erste Brief seit mindestens drei Jahren.” - -„Ich dachte, sie wäre in Pommern bei ihrem Schwager?” - -„Bis jetzt, ja. Ihre Mutter kränkelt. Nun ist sie zu Hause und wechselt -in der Krankenpflege zwischen ihrer Mutter und meinem Bruder.” - -„Es wundert mich, daß dein Bruder sie nicht genommen hat. Zwei -Nachbarsgüter -- das hätte sich nicht übel gemacht! Ruhige Naturen -beide.” - -„Eben darum vielleicht. Das Gesetz der Ergänzung, verstehst du!” - -„Na, dein Bruder hat ein rauhes Fell, die sanfte Elisabeth hätt' ihm -gut getan! Übrigens -- du standest ihr doch wohl auch einmal ziemlich -nahe?” - -„Sehr sogar.” - -„Ihr seid doch verrückte Kerls, ihr zwei Waldecker!” lachte Richard. -„Junggesellen alle zwei! Der eine tost auf der Jagd oder auf -landwirtschaftlichen Ausstellungen herum, der andre durchläuft die -halbe Welt. Elisabeth hätte ganz gut zu einem von euch beiden gepaßt. -Die entfernte Verwandtschaft ist doch kein Hinderungsgrund? In -Thüringen vettert sich ja alles!” - -Er lachte, er war selber Thüringer. Und als das Gespräch nun auf die -Wunder von Lourdes kam, betonte der breitschultrige, wuchtige Mann -so scharf und nüchtern seinen protestantischen Standpunkt, daß Ingos -Romantik sich rasch in blauen Duft verflüchtigte: - -„Unser Reformationsgesang ‚Ein' feste Burg ist unser Gott’ hat mehr -Mark als diese ganzen süßlichen Litaneien.” - -Beim Frühstück wurde das Programm des Tages mit Vorsicht besprochen -und festgesetzt; denn man mußte bei Frau Friedel darauf gefaßt sein, -daß sie sich in ihrer gefühlsmäßigen Art auf irgend einen Entschluß -versteifte. Doch heute war sie nachgiebig und ließ die Männer -entscheiden. - -Major und Fabrikant zogen ab. - -Der Troubadour wandelte mit Frau Eleonore von Poitou langsam hinaus -nach der Grotte. - -„Laß uns einen dieser kleinen Becher kaufen, Ingo,” bat sie, als sie -aus dem Gasthof traten, der vorn eine Verkaufsstelle führte, „wir -wollen heute aus der Quelle trinken.” - -Ingo erfüllte den Wunsch. - -An der Grotte waren wenig Besucher. Die weißen Kerzen entsandten ihr -mildes Licht, das in der Tagesbeleuchtung seltsam wirkte; die weiße -Marmorgestalt der Jungfrau stand still über dem kleinen Rosenstrauch. -Fünf bis sieben blühende Rosen waren am Strauch, rötlich-weiße Blumen, -die sich unter den Füßen der Madonna lieblich entlang rankten. - -Die beiden Deutschen setzten sich auf eine Bank, hörten hinter sich das -Rauschen der Gave und vor sich das leise Murmeln einer betenden Nonne. - -So saßen sie eine besinnliche Weile: Ingo in seinem ungeklärten Drang, -Frau Friederike in ihrem steten, starken Kampfe. - -Dann erhob sich die gefaßte und stille Frau, schritt an den Brunnen -neben dem Gitter der Grotte heran, füllte den Becher und trank; füllte -ihn nochmals und reichte ihn Ingo. Hernach tauchte sie die Hand ein und -fuhr sich waschend über die Augen. Alles geschah schweigend. - -Und schweigend gingen sie dann miteinander den sanft ansteigenden -Fußweg hinauf, der hinter der Kirche unter Bäumen nach oben führt. - -Sie rang um Kraft. An ihrem Arm trug sie ihr Täschchen; im Täschchen -waren die unterschlagenen Briefe. - -„Wir wollen erst noch das Panorama sehen”, sagte sie mit schwerer -Stimme. - -Und so besuchten sie miteinander das Panorama. - -Ingo gab die nötigen Erklärungen. - -„Siehst du, so sah Lourdes ums Jahr 1858 aus, zur Zeit, als die kleine -Bernadette jene Erscheinungen erlebte. Damals stand hier weit und breit -noch kein Haus, alles war ländlich, eine Mühle war ja wohl hier in der -Nähe. Und dort kniet sie nun, inmitten der zusammenlaufenden Leute; -sie trägt das eigentümliche Kopftuch dieser Gegend, gleicht fast einer -kleinen Nonne. Mit der linken Hand hält sie die Kerze, mit der rechten -berührt sie die Flamme, ohne sich zu verbrennen. Das Feuer-Element -scheint ihr verwandt zu sein in diesem Zustand. Sieh nur, wie ist -sie entrückt und abgesondert von den ratlosen Gruppen der Menschen! -Entrückt ins Land der Schönheit! Wie das Genie einsam! Nur durch Taten -der Güte mit den Mitmenschen verbunden!” - -„Das ist groß”, bestätigte Frau Friederike leise. - -„Und sieh, welch ein bläulicher, fast violetter Duft über der -Landschaft! Wie eine Verklärung!” - -Sie verließen das Gebäude und gingen weiter, am Kalvarienberg vorüber -und nach der Gegend der ~grotte du loup~. Immer einsamer und ländlich -stiller wurde die Umgebung. Die Luft war mild, voll weicher Färbung der -Hügel und einfach-großen Gebirgskämme. - -An einer jungen Birke machten sie halt und setzten sich auf die Decke, -die Ingo trug. Die runden, hellgrünen Frühlingsblättchen dieses sonst -so leicht erzitternden zarten Baumes bewegten sich kaum. Eine weiße -Straße lief ziemlich fern zu ihrer Rechten in die Pyrenäen hinein, hell -und trocken wie die Straßen der Provence, doch ohne wandernden Staub. -Die Dämonen des Windes schliefen irgendwo auf Tempelstufen. - -Frau Friederike saß in ihrem mattblauen Kleide, hatte den Hut abgesetzt -und ließ ihr Goldhaar leuchten. Aber ihr Gesicht war wie Alabaster, -ihre Lippen blaß und stumm. Sie hatte das Täschchen vor sich auf den -Schoß genommen und hielt beide Hände darauf. - -Ingo legte kameradschaftlich den Arm um den ihrigen. Doch lehnte sie -den Kopf nicht an, sie sah nur starr in die Gegend. - -„Friedel ist auf Cis-Moll gestimmt”, begann er. „Hast auch du, wie ich -heute früh, einen Brief bekommen, der dir Sorge macht?” - -„Du hast einen Brief bekommen?” - -Er zog sein Taschenbuch und überreichte ihr den Brief seiner Cousine -Elisabeth. - -„Darf ich lesen?” - -„Aber, Friedel --! Seit wann haben wir denn Geheimnisse voreinander?!” - -Sie las folgenden schlichten und sachlichen Brief: - - „Lieber Ingo! - -Du wirst erstaunt sein, von einer alten Freundin diesen Brief zu -erhalten, nachdem wir uns seit Jahren nicht mehr geschrieben haben. -Ich bitte Dich hiermit herzlich um Entschuldigung, wenn ich Deine -Frühlingsfahrt stören sollte. Dein alter Vater kommt ja mit seiner -Gicht nicht an den Schreibtisch; und so hat er mich gebeten, Dir -mitzuteilen, daß Dein Bruder leider einen Jagdunfall gehabt hat und an -den Folgen daniederliegt. Das Gut war ja bis jetzt in den Händen deines -Bruders; wenn die Sache übel ausgeht, so könnte an Dich eine Aufgabe -herantreten, die allerdings zu Deiner romantischen Freiheitsliebe, -wie sich Dein Vater ausdrückt, nicht mehr stimmen würde. Mir würde -es leid tun, wenn Du Dir Dein Leben nicht so gestalten könntest, wie -Deine Natur es braucht, das weißt Du, lieber Ingo. Zum Glück habt Ihr -ja einen guten Verwalter. Auch Dein Vater ist immer derselbe, in allen -Unpäßlichkeiten geistesfrisch. Weniger freilich meine Mutter. Ich fahre -in eurem gelben Jagdwagen täglich zwischen den beiden Gütern hin und -her, von einem Krankenbett zum andren. Nun kommen mir meine Erfahrungen -vom Roten Kreuz zugute. Oft auch lauf' ich zu Fuß durch den Wald, -wobei mich Harras, unsre unverwüstliche Dogge, begleitet. Ach, ich bin -wieder jung geworden, als ich nach harten Jahren meinen Thüringer Wald -wiedersah! Es ist allerdings möglich, daß ich von heut' auf morgen -mit meiner Mutter an den Genfer See fahre. Denn der Arzt wünscht es -dringend. Gib jedenfalls immer Deine genaue Adresse an, für den Fall, -daß man Dich hier brauchen sollte. Im übrigen, lieber Ingo, gedenke ich -Deiner mit derselben Liebe, die mich von Kindheit an mit Dir verbunden -hat. Sei innig gegrüßt! - - Elisabeth.” - -Frau von Trotzendorff gab den Brief zurück und schaute lange vor sich -hin. - -„Ein Gruß an mich oder meinen Mann ist nicht dabei”, dachte sie. „Ich -hab' ihr einst Schweres angetan -- jetzt tut mir das Schicksal das -gleiche.” - -„Was sagst du dazu?” fragte Ingo. - -„Vielleicht wär's das beste, du würdest sofort nach Hause reisen.” - -„Unter keinen Umständen!” rief er mit einigem Trotz. - -„Und dein Bruder?” - -„Ist robust genug, hat sich nie viel um mich gekümmert, wird auch -diesen Unfall durchbeißen.” - -„Und dein Vater?” - -„Ein selbständiger Charakter.” - -„Und das Gut?” - -„Davon kann man reden, wenn es mit meinem Bruder wirklich schlimm -würde.” - -„Aber der Brief liest sich wie eine Vorbereitung.” - -„Oder auch wie ein Anknüpfungsversuch der guten Elisabeth.” - -„Bei ihrem spröden Charakter? Schwerlich! Ich glaube, du solltest den -Gedanken an Heimkehr ernstlich ins Auge fassen.” - -„Aber wie kommt mir denn Friedel vor? Haben wir zwei nicht hinlänglich -mein Verhältnis zu Elisabeth durchgesprochen? Vergißt du, daß wir so -gut wie verlobt waren? Und sie schreibt ja, daß sie noch ebenso denkt. -Wie kannst du mir da die Rückkehr empfehlen? Bist du gar kein bißchen -mehr eifersüchtig?” - -Sie ging auf seinen scherzenden Ton nicht ein. Es kämpfte gewaltig in -der unglücklichen Frau; sie neigte sich einen Augenblick seitwärts ins -Gras und stützte laut seufzend den Kopf in beide Hände. Hier Thüringen --- dort Barcelona! Zwischen Skylla und Charybdis saß sie und rang um -den Freund, den sie doch festzuhalten weder Macht noch Recht besaß. - -Dann richtete sie sich auf, beachtete seine fragenden und beruhigenden -Worte nicht, sondern griff in ihr Täschchen und nahm das Bündel Briefe -zur Hand. - -„Da!” sagte sie dumpf und preßte die Zähne zusammen. - -„Was ist das?” - -„Deine Briefe.” - -„Welche Briefe?” - -„An die Mädchen in Barcelona. Ich hab' sie nicht abgeschickt.” - -Er hatte das blaue Band gelöst, ließ aber nun jäh die Hände sinken. - -„Nicht abgeschickt?” - -„Nein.” - -„Aber -- weshalb nicht?!” - -„Du kannst es in den Nachschriften lesen.” - -Er durchblätterte die Papiere und las die Nachschriften. Dann kam eine -lange, unheimliche Stille. - -Sie atmete kaum; ihr schwaches Herz pochte zum Zerspringen. Er legte -schweigend die Blätter wieder zusammen, band sie schweigend wieder zu -und steckte sie schweigend in die Rocktasche. - -„Friedel,” sagte er endlich mit gepreßter Stimme, „es ist nicht das -erstemal, daß du dich zwischen mich und andre stellst. Fühlst du nicht, -wie du mich entwertest?” - -Er saß in einem Gemisch von Zorn und Wehmut auf dem Rasen, rupfte -sprießende Gräser aus und warf sie wieder fort. - -„Würde dieses Lourdes nicht so beruhigend auf mich wirken,” sprach -er weiter, „ich fürchte, wir würden im Zorn voneinander scheiden. -Denn dieses Bevormunden ist gegen unsre Verabredung einer unbedingt -vertrauensvollen Kameradschaft. Meine Schwärmerei für jenes Mädchen mag -seltsam sein, meinetwegen; deshalb ist aber die Tatsache, daß ich von -jenem Hügel mit der stillen Stickerin und dem unerbauten Tempel einen -tiefen Eindruck mitgenommen habe, dennoch vorhanden. Und ich werde -dieser Sache auf den Grund gehen -- und werde die Briefe persönlich -nach Barcelona bringen.” - -Sie saß mit abgewendetem Gesicht, neigte das Haupt und zuckte nur -wenig zusammen. Sie kannte ihn und war nicht überrascht; sie wußte, -daß er stärkeren Eindrücken und Erkenntnissen unbeirrbar bis zu Ende -nachspürte. Hier war nichts zu halten; sie hatte ihn nicht mehr in der -Gewalt. - -Er sah nicht, wie ihr die Tränen in die Augen stiegen, den kristallenen -Behälter füllten und dann langsam über die Wangen rollten. Ihr lag es -pressend schwer auf dem Gewissen, daß sie sich einst zwischen ihn und -Elisabeth gestellt hatte; dieses stille und herbe Mädchen war nach -allem, was man seitdem hörte, doch wohl wertvoller, als sie beide -damals angenommen hatten. Ingo von Stein, zu Hause wenig verstanden, -hatte in Friedels Familie ein neues Heim gefunden; sie hatten sich -beide beflügelt und gefördert und hatten einfach vergessen, daß eine -stille, etwas spröde Elisabeth irgendwo Kranke pflegte. Oft aber -stand jetzt die hohe Gestalt dieser keusch verschlossenen, schwer -zugänglichen Jungfrau, die durch gesellschaftliche Beziehungen -des thüringischen Adels auch mit Trotzendorffs bekannt war, mit -schweigender Mahnung an Frau Friederikens Lager. Sie trug die Tracht -der Schwestern vom Roten Kreuz, denen sie zwei Jahre angehörte; und -sie schien ernsten Blickes nach Ingo zu fragen. Bislang hatte Friedel -wenigstens Rechenschaft über den Freund geben können; jetzt konnte sie -auch das nicht mehr; der unbefriedigte Spielmann fuhr weiter. - -Die liebende Frau tat, wie sie es manchmal in Zeiten der -Mißverständnisse zu tun pflegte: sie setzte stumm den Hut auf, nahm ihr -Täschchen und erhob sich, um sich schweigend zu entfernen. Er wollte -ihr folgen; aber sie winkte ab und sagte leise: - -„Bitte, laß mich allein!” - -Jetzt erst sah er, daß ihr Gesicht in Tränen gebadet war. Und sofort -loderte Beschämung in ihm empor, die jede Regung des Unwillens -verbrannte. Der letzte Satz der letzten Nachschrift stieg ihm -riesengroß in Bewußtsein und Empfindung: „Die Sorge um Dich ist meine -Krankheit.” Hatte sie nicht recht, um ihn besorgt zu sein? War er nicht -ein Phantast, der oft genug sich einfach auf die Bahn gesetzt hatte -und in die Welt hinaus gesaust war, wenn ihm irgendwelche menschliche -Verhältnisse nicht paßten? War es nicht deutlich, daß er zwischen -Wissenschaft, Poesie und Religion tatlos umherschwebte, nippend an -allem, von nichts aber sich wahrhaft durchdringend und nichts in Kunst -oder Leben prägekräftig gestaltend? Wie unritterlich stand er vor der -mütterlichen Sorge der weinenden Freundin! - -„Vergib, Friedel!” rief er und wollte in überwallendem Mitgefühl -den Arm um ihre Schultern legen. Allein sie befreite sich sanft und -bestimmt. Sie wollte kein Mitleid; daß ihr die Tränen flossen, merkte -sie kaum. Ihr Entschluß stand fest. - -„Groß!” rang sich endlich als erstes Wort aus ihr hervor. „Das letzte -Wort deiner Aufzeichnungen heißt groß. Wir wollen nicht kleinlich -sein, Ingo.” Sie sprach mühsam und wischte sich mit dem Taschentuch -die Tränen fort. „Es spricht auch in mir so viel Unerfülltes mit. Aber -groß sein, nicht wahr! Ich hab' mir's an der Quelle da unten gelobt. -Und darum bitte ich: Laß mich für heute allein. Ich will ins Hotel -zurückgehen und mich niederlegen. Denn ich bin krank.” - -Er machte abermals einen Versuch, sich um sie zu bemühen. Aber -sie wiederholte nur in ihrer bekannten Art, die jeden Widerspruch -ausschloß: „Bitte!” - -Dabei sahen sie sich einen Augenblick an. Nur einen Augenblick, wie die -Sonne am verschleierten Tage zaghaft hindurchbricht; der Augenblick -drohte ihren Entschluß umzuwerfen; doch sie wandte sich rasch und ging -den Pfad nach Lourdes hinunter, an einem spät blühenden Apfelbäumchen -vorüber, von dem eine Blüte auf ihren Hut fiel -- ein Abschied von der -Jugend. - -Ingo stand betäubt. - -Er übersah, empfand und begriff mit einemmal den Schmerz, den diese -Frau von großzügiger Künstlerleidenschaft und zugleich von früh geübter -Gewissenhaftigkeit so lange schon durchkämpfte. Mit jenem stürmischen -Isoldengesang hatten diese Tage von Lourdes begonnen; mit offenem Haar, -wie Wogen des offenen Ozeans, war sie noch einmal einhergerast. Jetzt -schlich sie weinend nach Lourdes hinunter. - -„Das ist die zweite Frauen-Freundschaft, über deren Trümmer hinüber ich -mein Glück suche”, sprach er in knirschendem Kummer zu sich selber. -„Sollte wohl auf dieser Glücksjagd Segen ruhen? Aber ich will sie -wiedergewinnen, Friedel und Elisabeth, beide, sobald ich -- sobald -- --- ja, was denn nun wohl?” - -Da war wieder das Unerfüllte. Und er sah wieder jene Mozart-Mädchen auf -einem Hügel der Freiheit und Schönheit winken und warten -- warten auf -ihn? - -„Weltfahrer bin ich”, sprach er, indem er durch die Hügel wanderte -und schließlich zu einem kleinen Schilfsee gelangte, dessen Stille -beruhigend auf ihn wirkte. „Weltfahrer bin ich, immerzu von Melodien -durchsungen, und sehne mich nach dem festen Punkt, von dem aus das -Nahe und Ferne reich und tief sich erfassen läßt. Ich will Friedel -nicht durch Mitleid beleidigen; sie ist tapfer und wird das allein -durchhauen. Aber ich will doch neben der Phantasie fortan der Güte -einen größeren Raum in meinem Herzen gestatten -- wie diese Bernadette, -wie meine vergessene Elisabeth.” - -Er ging an die Grotte von Lourdes zurück, saß dort lange und sammelte -sich zu einer Gebetsstimmung, seine Augen heftend auf die Marmorstatue -der weißen Madonna mit der blauen Schärpe. - - * * * * * - -Am Abend, als die willensstarke Frau bleich und gefaßt wieder am Tisch -saß und über ihre Schwächlichkeit zu scherzen versuchte, wurde von dem -Ehepaar beschlossen, über Paris nach München zu fahren und dort ein -Sanatorium aufzusuchen. - -Ingo, der sehr zart zu Friedel war, hielt in möglichst unbefangenem Ton -an seinem Abstecher nach Barcelona fest. - -Richard schaute einen Augenblick vom Kursbuch auf, es zuckte ironisch -um seine Mundwinkel, und er fragte: - -„Suchst du Schallers Nichten oder den Gralsberg?” - -„Beides”, bemerkte Ingo trocken ... - -Am Bahnhof von Toulouse nahmen sie Abschied. Der Troubadour und Frau -Eleonore hielten sich lang an beiden Händen und schauten mit Wehmut -einander an. - -Die Lippen der blassen Frau bebten. Sollte sie ihm sagen, wie sehr sie -krank war? Sollte sie ihm sagen, daß hier vielleicht auf Leben und Tod -Abschied genommen wurde? Nein! Es war einer ihrer heroischen Momente. -Galt es zu sterben, so wollte sie allein sterben. Die Heroine lächelte -und zwang sich zu einigen Worten von allgemeiner Herzlichkeit, das Weh -in sich begrabend, das tiefe Weh, auf den abirrenden Freund nicht mehr -von Einfluß zu sein: - -„Groß bleiben, lieber Ingo! Es wird gewiß alles gut werden, wir wollen -dir lauter gute Gedanken mitsenden. Madonnengedanken!” - -Er nickte schweigend. - -Und zu Richard sprach er mit bewegter Stimme: - -„Gib gut auf sie acht, Richard! Sie ist doch die Beste von uns dreien!” - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Sechstes Kapitel - -Die Verlobung - - O brich nicht, Steg! du zitterst sehr. - O stürz nicht, Fels! du dräuest schwer. - Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein, - Eh' ich mag bei der Liebsten sein! - - _Uhland_ - - -Aus dem dröhnenden Geräusch der spanischen Hafenstadt Barcelona hebt -sich das vornehme Villenviertel am Gebirgszug Tibidabo empor und sucht -reine Luft. - -Dort klettert die Straße, die nach einem katalonischen Dichter den -Namen führt, die Calle Muntaner, mit starker Steigung bergan. - -Auf der Terrasse eines prächtig unterhaltenen Gartens voll immergrüner -Gewächse standen dort die beiden Mozart-Mädchen. - -Hier aber war die Stimmung anders als auf dem leichten Riviera-Hügel. -Die zwei jugendlichen und schönen Geschöpfe lachten nicht aus -ungezwungenen Matrosenkleidchen in eine heiter-natürliche Welt; sie -waren vielmehr eingenäht in nagelneue, steif knisternde Festkleider. -Und hinter ihnen ragte mit strengem Stolz Schallers große Villa, ein -viereckiger Bau mit flachem Dach, einem Kastell nicht unähnlich. - -Um sie her aber prangte der balsamisch duftende Garten, planvoll -gefüllt mit Palmen, Orangenbäumchen, Zitronen und andren Stauden und -Spalieren des halbtropischen Klimas. Zu ihren Füßen funkelte abendschön -die laute, energische, menschenvolle Stadt; in der Ferne glühte -blendend das Meer; zur Rechten sahen sie den schräg ansteigenden und -steil abfallenden Festungsberg Montjuich den Hafen bewachen. Hinter -ihnen, auf den Höhen, waren Pinien rötlich angeglüht von der sinkenden -Sonne, und wie Minarets winkten dazwischen fremdartige Türmchen. - -Man spürte wohl noch an diesen graugrünen Abhängen den Pulsschlag der -Arbeitsstadt, den Atem des Hafens, den Duft des Mittelmeers. Aber man -war zugleich diesen Regionen entrückt und schloß sich durch eine hohe -und weitläufige Gartenmauer vom Arbeitstag ab. - -Hier also hatte Schaller seine Burg erbaut. - -Im Innern des Hauses hatten sich manche Kostbarkeiten und manche -wertvollen Gemälde angesammelt. Ein Innenhof war von farbiger Kuppel -überdacht; dort spielte ununterbrochen der feine Strahl eines -Springbrunnens und verbreitete zugleich Kühle und das Gefühl einer -leichten Lebenslaune, einer Überwindung der Arbeitsschwere. Es stimmten -dazu die heiter geschnitzten Geländer der Stockwerke, die diesen -dämmernden Innenhof umrankten. So war dort eine maurische Stimmung -geschaffen, die zum subtropischen Gartenbild paßte und gegen den -brennenden spanischen Sommer schützte. - -Die Mädchen, in Seidenkleidern und weißen Schuhen, gingen wie -auf Stelzen und bemühten sich, gesetzt zu sein; aber sie konnten -ihre Erregung nicht verbergen. Denn es war keine gewöhnliche -Abendgesellschaft, der sie entgegenfieberten. - -Die lebhafte Jüngere entlud ihre Gespanntheit in fortwährenden -Umarmungen und Küssen, die Fräulein Martha über sich ergehen lassen -mußte, besorgt um die Falten und Bauschungen ihres feierlichen Kleides. - -„Ich freue mich ja schrecklich, ganz schrecklich für dich!” rief der -hübsche kleine Zappelkäfer. „Freust du dich denn nicht auch? Hältst -du's überhaupt noch aus vor Ungeduld?” - -„Gewiß, ja, nur weiß ich nicht recht --” - -„Na, was denn nun wieder? Pfui, schäm' dich! Etwa wegen des -Spanischredens heut' abend? Aber du bist ja schon einmal ein ganzes -Jahr hier gewesen!” - -„Ich hab' aber vieles vergessen. Nein, das nicht, ich meine nur -- ich -wollte, es wäre schon vorüber. Ich bin ja viel zu jung -- und -- mein -Gott, wie sie mich alle ansehen werden!” - -„Laß sie gaffen, du bist süß, sie werden sich alle verlieben! Zwei -junge Spanier werden sich deinetwegen erdolchen, es wird ein Duell -geben mit zehnmaligem Kugelwechsel, heute nacht reißen die Katzen aus -vor den vielen Serenaden -- und ich gieße den Sängern Wasser über den -Kopf.” - -„Glaubst du, daß sie Reden halten auf -- auf ihn und mich?” - -„Natürlich! Dann sagst du ganz einfach ~gracias~ oder ~merci beaucoup~ -und nickst ein klein wenig mit dem Kopf -- aber nur ein wenig, vornehm --- siehst du, ungefähr so!” - -Die Kleine gab ein vorbildliches, gnädig herablassendes Kopfnicken -zum besten, wobei ihr der Augenaufschlag meisterlich gelang. Aber die -schwerblütige Martha schaute mit ihren wundervollen Blau-Augen ratlos -in die Welt und war nicht in Stimmung zu bringen. - -Zu gleicher Zeit lustwandelte der Herr des Hauses, in Frack und -brasilianischem Orden, zwischen seiner blaß-vornehmen Stiefmutter und -der bürgerlich-ehrbaren Witwe Frank-Dubois, die immer in schwarzer -Kleidung ging. Sie schritten stattlich unter Fächerpalmen auf und ab. -Ein springender Strahl rieselte und raunte auch dort; und im runden -Becken flimmerten rote Fische. Es lag hochzeitlicher Glanz in der -abendlich rosigen Luft; die Welt war voll Farben; auf Palmenkronen -wiegten sich Genien mit Schmetterlingsflügeln und gaukelten abwechselnd -um die Gespräche der Alten und das Zwitschern der Jungen. Selbst die -kleinen bärtigen Gnomen, die Geister des Goldes, die sonst schwere -Säcke schleppten, feierten heute, saßen unter Tropfsteingebilden und -kämmten sich gegenseitig die Bärte. - -In den Worten und Gebärden der hier wandelnden Erdenbürger war satte -Sicherheit. Sie fühlten sich nicht heimgesucht von irgendwelchem Hunger -nach Unendlichem. Das Rätsel des Daseins hatte sie nie bekümmert. Eine -erhebliche Rente in Gewahrsam zu bringen, genügte als Lebensziel. Wobei -sie Arbeitsamkeit, Ordnungssinn und andere bürgerliche Tugenden zu -achtenswerter Entfaltung brachten. - -„Jetzt bin ich über die Zukunft meiner Tochter doch einigermaßen -beruhigt”, versicherte Frau Frank-Dubois. „Mit ihr selber wird es -sich schon ganz gut machen, denn sie ist ja sparsam und häuslich und -versteht den Haushalt. Die Schule ist ihr halt schwer geworden; aber -sie hat, was sie an Schulbildung braucht. Es ist eine stille Natur; -mein seliger Mann war auch so ein Stiller, sie hat's von ihm.” - -„Das Mädel wird's wie eine Prinzessin haben”, versetzte Schaller und -nahm die Dame fest zugreifend unter den Arm. „Das glaube ich Ihnen -versichern zu dürfen. Also wenn ihr beide einverstanden seid, so klopf' -ich nach dem zweiten Gang ans Glas und mache die Sache bekannt. Ich -liebe immer Überraschungen, knappe, fertige Tatsachen. Punktum!” - -Er trat zu den Mädchen, legte der Jüngsten von hinten her seine großen -Hände über die Augen und küßte ihre Wange. - -„Na, Mausi, hast du dein Cousinchen aufgemuntert?” - -„Pah, Onkel Schaller, die hat Angst!” - -„Es schickt sich, daß eine Braut schüchtern tut”, erwiderte Schaller -und legte den Arm um das gazellenschlanke Mädchen, das nur um eine -Stirnbreite kleiner war als er selber. „Kinder, es soll famos -werden! Die Nacht wird durchgetanzt! Und außerdem hab' ich eine -Extra-Überraschung, besonders für die da, den kleinen Grashupfer!” - -„Noch einen Bräutigam? Her damit!” - -„Ruhig Blut, Sennorita! Es klingelt! Gäste kommen!” - - * * * * * - -Ingo von Stein hatte in Narbonne übernachtet. Er fuhr dann über -Perpignan nach Barcelona. Der Schnellzug lief an der See entlang, -deren Wasser im Ostwind an die Klippen schäumte und das tiefe Blau des -Mittelmeers in ein ebenso herrlich Weiß verwandelte. - -Sprangen nicht mit glänzenden Schuppenschwänzen die Okeaniden herauf, -lachten den Fahrenden aus und schnellten im Purzelbaum wieder hinunter -in die Arme aufpustender Wassermänner? O Schaumtanz, o Schmeichelwelle, -o Heimat der schaumgeborenen Göttin Aphrodite! Herfunkelnd ans -knochig-männliche Festland -- und dem Greifenden zwischen den Fingern -zersprühend, ein schillernder Schein! - -Am Bahnhof hatte ihn Schaller persönlich und ohne Chauffeur im -Automobil abgeholt. Bei ihm saß noch ein würdiger alter Herr, dessen -Wesen und Aussehen dem Ankommenden sofort angenehm und bedeutend ins -Auge fiel. Es gibt Menschen, zu denen man auf den ersten Blick ein -seelisches Verhältnis findet, als hätte man sich schon irgendwo einmal -gesehen. Dieser alte Herr, gleichsam der erste Gruß auf spanischem -Boden, wirkte in so merkwürdig anziehender Weise auf Ingo. Sie gaben -sich mit so gelassener Selbstverständlichkeit die Hand, als wären sie -gestern erst auseinandergegangen. - -Der mehr als sechzigjährige würdige Herr war ein Freund des -Großkaufmanns und wurde als Konsul a. D. Ernst Bruck vorgestellt. Es -war ein Mann von Mittelgröße mit schönem grauem Vollbart, graublauen -Augen und einer klaren, hohen Stirn. Hätte er einen Turban getragen, -man hätte ihn mit seinem tropisch gebräunten Angesicht für einen -indischen Rajah halten können. Nur daß sein Wuchs nicht ragend genug -und sein Benehmen bei aller ernsten Ruhe einfach und ohne jede Pose war. - -„Also steigen wir ein, fahren wir ab! Gepäck ist in Ordnung!” - -Frisch und händereibend sprang der Spielmann in das Fahrzeug, es war -neuer Schwung über ihn gekommen. Wieder im Menschengewühl! Und Schaller -hatte in seiner rauhen und lauten Weise seiner aufrichtigen Freude -Ausdruck gegeben, den durchgeistigten Wanderer in seinem katalonischen -Heim begrüßen zu dürfen. - -„Leider sind einstweilen meine Fremdenzimmer besetzt,” entschuldigte er -sich, „und ich muß Sie ins Hotel bringen. Aber wenn Sie sich ausgeruht -haben, werfen Sie sich gleich in Frack und kommen hinauf. Sie sollen -eine festliche Versammlung finden. Es gibt einen Knalleffekt, die -Mädels werden an die Decke hüpfen, außer mir und Bruck ahnt niemand -Ihre Nähe. Um sechs Uhr, bitte! Bruck holt Sie im Auto ab. Übrigens -fährt er morgen mit Frau und Tochter gleichfalls nach dem Montserrat, -kann Ihnen also Führer und Dolmetscher sein.” - -Während sich Schaller am Steuer durch das Menschengewimmel der großen -Stadt hindurcharbeitete, erzählte der Konsul, wie er seinen Freund -vor einem Dutzend Jahren in Brasilien kennen und als tatkräftigen -Geschäftsmann schätzen gelernt habe. - -„Ich baute damals eine Drahtseilbahn aus der Ebene nach einem Bergwerk -auf den Kordilleren”, sprach er mit seiner wohltönenden Baßstimme, in -einer langsamen, sachlichen Bestimmtheit, ohne jenes nervöse Fieber, -das dem modernen Menschen bis in die tägliche Redeweise hinein das -Gepräge gibt. Er bildete einen auffallend ruhevollen Gegensatz zu -Schallers Temperament, bei welchem man immer das Gefühl hatte, daß er -mit vorgerecktem Kinn, Fäusten und Ellenbogen um die Million kämpfe, -unter der berüchtigten Losung, die seinen Angestellten nur allzu -bekannt in die Ohren klang: „Wer nicht pariert, der fliegt!” - -Der Konsul, gemächlich in die roten Lederpolster zurückgelehnt, faßte -seinen Fahrtgenossen ins Auge und sprach: - -„Ich kenne Sie übrigens schon. Meine Tochter, die viel liest, hat mir -aus Ihrem Buch ‚Heroismus’ vorgelesen. Und Schaller erzählte mir von -Ihrem Gespräch über die Titanic. Ich darf Ihnen wohl gleich bekennen, -daß ich da ganz auf Ihrer Seite stehe.” - -„Die Titanic! Sie haben recht. Jene grauenhafte Katastrophe hat mich -an das tiefste Problem gemahnt, das ich schon lange ungelöst in mir -herumtrage und neulich in Lourdes wieder ernsthaft durchdacht habe: wie -steht es um Tod und Jenseits? Die moderne Menschheit wirft sich mit so -viel Tatkraft auf so viele Probleme -- warum nicht auf dieses?” - -Der Konsul nickte. - -„Vielleicht grade weil die modernen Menschen zu tatkräftig, zu unruhig -sind. Man müßte, um einen Zugang zu dieser Frage zu finden, vor allem -andren eine Entfieberung vornehmen, eine Entgiftung. Nun, das muß -man der höheren Führung überlassen. In diesen Fragen stimme ich mit -Freund Schaller nicht überein. Ich selbst bin auch nicht unmodern, was -Tatsachensinn anbelangt; war Seemann, Ingenieur, Farmer, hielt mich -als Konsul im Kaukasus, dann in Indien und Brasilien auf und habe mich -nun in meiner Heimat Westfalen zur Ruhe gesetzt. Doch wir können ja -wohl über diese Dinge noch in aller Ausführlichkeit auf dem Montserrat -hoffentlich recht ergiebige Gespräche führen.” - -So waren sie die Rambla hinuntergefahren und hatten den Gast im Hotel -abgesetzt. - -Stein war durch Stand und Erziehung an die geselligen Formen gewöhnt, -so daß ihm der Übergang von nachdenklicher Einsamkeit zur gefälligen -Vielsamkeit nicht schwer fiel. Als er nun vor Spiegel und Waschbecken -den Eisenbahnruß hinwegspülte, besah er genauer als sonst seine äußere -Erscheinung. Eine grad und gut gewachsene Statur, kurzes Blondhaar, -milde mattblaue Augen, ein ungestutzt voller Schnurrbart und von den -Augenwinkeln zu den Enden des etwas vortretenden Mundes zwei scharfe -Linien, die eine edle Nase flankierten und dem gesundfarbenen Gesicht -im Verein mit einer hohen und breiten Stirn geistige Strenge verliehen. -Doch sobald er nur wenig lächelte, verwandelte sich die Strenge in -sonnige, fast kindliche Güte; und gar sein lautes Lachen war nach -Tonfall und Aussehen von herzbezwingender Macht. Neckerei wohnte gern -in diesen Zügen und spielte oft um den beweglichen Mund; aber Spott -und Schärfe hatten darin keine Wohnung; höchstens noch die Schwermut -und eine gewisse verträumte Abwesenheit. Das zu kleine Kinn war der -Gegensatz zu Schallers Bulldoggenkiefer und zur modernen Menschheit -überhaupt; dieses Gesicht mit seinem hellen Leuchten, sobald es -seelisch und geistig belebt war, paßte nicht in den Kampf aller wider -alle. So sah ein Sonnenbringer aus, ein Götterbote aus dem Lande des -Vertrauens, kein pfiffiger Späher aus dem Lande der Konkurrenz. - -Er legte sich auf den Diwan, hatte noch ein Stündchen Zeit bis zum -Umkleiden und durchblätterte aufs Geratewohl die Gedichte des Novalis, -die er in der Tasche trug. - - „Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun - Und deinem Beistand fest vertraun, - So löse doch des Alters Binde - Und mache mich zu deinem Kinde!” - -Wen meint der Dichter? Die Madonna meint er. „Ich sehe dich in tausend -Bildern, Maria, lieblich ausgedrückt” ... Da taucht immer wieder die -Jungfrau auf, das holde Urbild mütterlicher und zugleich kindlicher -Weiblichkeit, die der Welt das Genie schenkt: denn aus den Augen des -Kindes auf ihrem Arm leuchtet Geniefeuer. Das Geheimnis des Lebens ist -in den Augen dieses Kindes, das den Tod überwunden und eine Bahn in -den Kosmos zum „Vater” eröffnet hat. Ist die Jungfrau-Mutter Hüterin -des Lebensgeheimnisses? Ist das Geheimnis der Geburt zugleich das -Todesgeheimnis? Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel des Todes? -Warum ergreift mich so mächtig das Rätsel lebendiger Frauenschönheit? -Warum sehn' ich mich nach dem einen Weibe -- und nach dem einen -Gral? Wo sind sie vereinigt? Wo sind Spielmann und Gralsucher eins? -Wo ist kein Zwiespalt mehr zwischen Leben und Tod, zwischen Poesie -und Religion, zwischen freudig erfaßtem Diesseits und edel erkanntem -Jenseits? - -Das Leichte und Frohe der Mozart-Mädchen hatte ihn, vor seinen Augen -herschwebend, mit magischer Gewalt nach Spanien gelockt. In solchen -Mädchen ist Glück, Wärme, Stille -- waren es vielleicht grade diese -Eigenschaften, die er suchte, nicht die Mädchen selber? War es das -knospenhaft in sich Geschlossene der Jungfrau, was so bezaubernd auf -ihn gewirkt hatte? - -Jedenfalls war er entschlossen, heute abend eine Frage an das Schicksal -zu stellen und die Entscheidung zu erzwingen: er war entschlossen, -seine Briefe persönlich zu überreichen. Säuberlich waren die bedenklich -warnenden Nachschriften der treuen Friedel abgeschnitten und im -Notizbuch verborgen. Er steckte die Briefe, die noch vom blauen -Band umflochten waren, behutsam in die Tasche seines Überziehers, -dachte mit Dank und Teilnahme an die ferne Freundin, fühlte sich aber -unwiderstehlich vorwärtsgetrieben. Sehenswert war gewiß morgen der nun -so nahe gerückte Gralsberg; aber sein rauschhaftes Empfinden suchte -zunächst einen andren Gralsberg irgendwo da oben am Gebirgszug Tibidabo. - -Und rasch und neckisch vollzogen sich nun die Ereignisse. - -„Wissen Sie, woher der Name dieses Berges kommt?” fragte Bruck, als sie -miteinander in Schallers Automobil zum abendlichen Fest hinauffuhren. -„~Tibi dabo~ ist lateinisch und heißt ja wohl: Ich werde dir geben. -Nämlich alle Reiche und Herrlichkeiten der Welt, wie der Versucher zum -Heiland sagte, so du niederfällst und mich anbetest. Aber der Heiland -hat das freundliche Angebot dankend abgelehnt. Es ist also der Berg der -ahrimanischen Täuschung und luziferischen Versuchung, wenn Sie wollen, -der Berg irdischen Besitzes.” - -Der Konsul lachte sein sonores Lachen und schloß gelassen: - -„Unser weltkluger Materialist Schaller hat sich also seine Gralsburg an -einen recht passenden Ort gebaut.” - -Ingo, in Frack und Zylinderhut, eine Teerose im Knopfloch, zwei -Blumensträuße in Händen, lachte mit und vergaß in diesem Augenblick, -daß er selber über den Schmerz einer kranken Freundin hinüber dem auf -der Kugel schwebenden Glück nachjagte. - -„Ja ja,” sagte er, „ich erinnere mich seines handfesten Programms. Erst -die Million, dann die Seele!” - -„Stimmt!” lachte Brucks Baßstimme. „Nämlich dem Teufel die Seele, wenn -der ihm dafür die Million gibt! Aber Schaller ist gar nicht so schlimm, -wie er manchmal tut. Auf die Zehen läßt er sich allerdings nicht -treten. Teils durch Spekulation, teils durch Arbeit und zuletzt durch -Heirat zwingt er die Dämonen des Reichtums in seinen Dienst.” - -Als Steins vornehme Erscheinung neben dem kleineren Bruck die -gewundenen Wege des Zaubergartens zu Schallers Burg hinanstieg, war -oben schon alles voll lustiger Gäste. Deutsch, Französisch und Spanisch -klangen in allen Tonlagen durcheinander. - -Kaum in Sicht der Terrasse, wo sich die festlichen Menschen in der -Beleuchtung des Sonnenuntergangs bewegten, wurden die Ankommenden vom -Hausherrn selbst bemerkt. - -„Holla, die erste Überraschung!” rief er. „Mädels, hierher! Wen haben -wir da? Den Troubadour!” - -Und er packte in seiner nervös-energischen Art die beiden jungen -Damen an den Armen und riß sie herum, dem Kommenden entgegen, der den -Zylinderhut zog, schon von weitem lachend grüßte und dann seine Blumen -überreichte. - -Martha wurde glutrot, die Jüngste schlug in die Hände. - -„Der Baron!” rief sie, denn er wurde gesprächsweise nur der Baron -genannt. „Martha, aber was sagst du nur! Hab' ich's nicht gleich -gesagt, den werden wir noch einmal sehen?! Danke für die schönen -Blumen, aber warum haben Sie denn gar keine Silbe mehr von sich hören -lassen? Wir waren Ihnen schrecklich böse! Martha war anfangs fast -melancholisch. Ich auch!” - -„So mach' ich heute abend alles wieder gut,” lachte Ingo, „ich werde -grade zu Ihnen beiden verschwenderisch liebenswürdig sein.” - -So begrüßte man sich, hell und vertraut. Ingo wurde mit der -Gesellschaft bekannt gemacht: da waren Brucks freundliche Frau und -kränkelnde Tochter; Schallers Teilhaber, ein knochiger Geschäftsmann, -mit seiner Gattin, einer unendlich mageren und unendlich graziösen -Pariserin, ein Justizbeamter, ein Professor der Musik, Kaufleute, -Herren und Damen aus der Gesellschaft, junge Deutsche, die in Barcelona -geschäftlich tätig waren und sich an diesem Abend als Dolmetscher -zwischen den zwei oder drei Sprachen nützlich machten. An wahren -Schönheiten, das übersah der geübte Ingo mit raschem Blick, war nur -noch eine echte Spanierin vorhanden, die den Namen Carmen trug und ihre -Rasse prächtig vertrat. - -Aber Martha, obschon verlegen und ungelenk, überstrahlte alle. - -Stein war gewohnt, sich rasch auf eine Gesellschaft einzustimmen -und den Ton zu treffen, der sich in das Menschenkonzert einfügte. -Als man bei einem Rundgang durch die Räume am Flügel haltmachte und -der Musiker einige Sätze aus der Mondscheinsonate zum besten gab, -ließ ihm Ingo durch den Dolmetscher Komplimente machen über seine -romanische Umfärbung Beethovens, und es entspann sich, mit Hilfe -des geschickten Dolmetschers, ein Gespräch über Musik. Mit Carmens -Eltern sprach er über den Unterschied zwischen Katalonien und dem -übrigen Spanien; man stellte fest, daß Provence und diese spanische -Nordprovinz sprachverwandt seien, und daß beim Kongreß der ~félibres~, -unter Mistrals Führung, auch Kataloniens Dichtkunst vertreten war. Der -vielgereiste Ingo freute sich an den melodischen spanischen Lauten. -Und immer wieder, auch im Buschwerk des Kleingesprächs, wußte er durch -irgendeine Lücke hindurch nach Martha zu spähen, die aber den Blick -nicht erwiderte. - -Er war ahnungslos. - -Er machte sich innerlich Vorwürfe, weil sein Geschmack feststellte, daß -sie hier, auf dem Parkettboden der Gesellschaft, nicht den günstigen -Eindruck bestätigte, den er von ihr in Erinnerung trug. Die Bewegungen -der Elsässerin waren -- zumal neben der Pariserin -- von schwerfälligem -Rhythmus; sie glich einem zwar schlanken, aber etwas täppisch laufenden -russischen Windspiel; ihr Gesicht war mehr treuherzig als geistvoll; -auch unterhielt sie sich fast gar nicht, sondern ließ sich unterhalten. -Er steuerte unauffällig durch die belebten Gruppen und machte sich -kundschaftend an Frau Frank-Dubois heran, die ihm zur Tischdame -bestimmt war. - -Die Herren boten den Damen den Arm; man zog zum Abendessen unter die -Arkaden, die unterhalb der Terrasse mit vielen Säulen märchenhaft -angelegt waren, mit Lampions und Blumen reizend verziert. Vier blinde -Musiker aus Barcelona sorgten für Tafelmusik. Und nun ergossen sich, -aus Silber, Porzellan und Kristall, die Genüsse der Tafel über die -sehr laute und heitere Gesellschaft, wobei vor allem die Deutschen den -südländischen Weinsorten, vom dunkelsten Purpur bis zum edelsten Gold, -mit Bewunderung zusprachen. - -„Die Älteste sitzt neben mir,” hatte ihm Schaller mitgeteilt, „dafür -hab' ich Sie zwischen Marthas Mutter und den Goldkäfer gesetzt, der für -Sie schwärmt! Auf der andren Seite haben Sie den Geisterseher Bruck. -Nehmen Sie sich also nach allen Windrichtungen in acht!” - -Und er hatte dem Baron zugeraunt, daß er sich mit der elsässischen -Bourgeoisdame französisch unterhalten möge; sie halte das für -vornehmer, und das Hochdeutsche falle ihr etwas schwer. Der -thüringische Freiherr stutzte einen Augenblick; aber er war von andren -Dingen erfüllt und sah in dieser würdigen Dame vor allem Marthas Mutter. - -„Madame,” sprach er, als sie bei Tisch saßen, „gestatten Sie, daß ich -Ihnen eine drollige Geschichte erzähle? Auch Sie, Mademoiselle, meine -muntere kleine Nachbarin, passen Sie auf! Wissen Sie, Madame, daß ich -Sie und Ihre Tochter schon lange kenne? Ich besuchte in Straßburg -im vorigen Herbst einen mir befreundeten Schriftsteller; dieser -Schriftsteller hat einen Roman aus der Revolutionszeit geschrieben. In -diesem Roman kommt eine Leonie vor, die sich zuletzt mit einem etwas -pedantischen Hauslehrer verlobt. Als wir nun dort miteinander an einem -großen Platz -- heißt er nicht Broglieplatz? -- vor einer Buchhandlung -standen, kam eine Dame in Pelz und schwarzem Kleid mit ihrer schlanken -Tochter vorüber. ‚Sehen Sie sich die junge Dame an’, bemerkte mein -Freund: ‚so etwa sah Leonie aus.’ Das war in Straßburg. Und wen find' -ich einige Monate später an der Riviera? Jene nämliche Leonie, die mir -jetzt hier in Barcelona gegenübersitzt! Ist das nicht eine närrische -Welt?” - -„~C'est charmant!~” rief die Junge. „Ich muß es gleich über den Tisch -hinüber Martha erzählen.” - -Durch diese natürliche Art, sich zu geben, stellte Ingo rasch einen -vertraulichen Ton her. - -Aber mit Madame Frank-Dubois entspann sich nach und nach ein immer -kühleres politisches Gespräch. Sie vertrat, mit mehr Eigensinn als -Begründung, den Standpunkt eines Teils der elsässischen Bourgeoisie, -Anschauungen, die weder mit der Mehrheit des elsässischen Volkes -noch mit den deutschen Empfindungen des Thüringers harmonisch -zusammenklangen. Er ahnte hier Klüfte. Ihre Tochter, äußerte sie -mit einem befremdlich anmutenden bürgerlichen Stolz, besuche nur -französische Tennisplätze und Gesellschaften. - -„Was hat sie denn davon?” fragte Stein trocken. „Sie schließen sich -also vom deutschen Kulturgebiet ab?” - -„Wir sind Elsässer.” - -„Genügt das? Mit diesem engen Grundsatz kommen ja die Elsässer in den -Schmollwinkel.” - -„Für einen Fabrikanten kann es ja wohl gleichgültig sein, wo er sein -Geld verdient.” - -„Ist der Mensch bloß zum Geldverdienen auf der Welt? Hat er nicht auch -ein Vaterland?” - -„Bei uns Elsässern, die wir Verwandte in Frankreich haben und morgen -vielleicht wieder französisch werden -- --” - -„Aha, _damit_ rechnen Sie also?! Glauben Sie denn wirklich, Deutschland -werde das mit so viel Blut erkaufte Elsaß je wieder herausgeben? -Gestatten Sie mir einmal in allem Ernst die Frage: Möchten Sie wieder -französisch werden?” - -Madame Frank-Dubois zögerte; sie hatte sich nie viel mit diesen Dingen -beschäftigt; sie machte eben mit, wie es in ihren Kreisen guter Ton -schien. - -„Französisch werden?” wiederholte sie gedehnt. „Das nun grade nicht. -Das würde doch wohl wirtschaftliche Störungen mit sich bringen. O nein, -das eigentlich nicht! Nur -- --” - -„Nur eben auch nicht deutsch, nicht wahr?” lachte Stein. „Also weder -Fisch noch Fleisch! Elsässer -- weiter nichts! O weh, wie würd' ich Ihr -schönes Land bedauern, wenn es ein Zwitterding würde wie Luxemburg! -Wissen Sie übrigens, daß auch ich elsässisches Blut in den Adern habe? -Eine meiner Urahnen war aus dem oberelsässischen Adel und hat nach -Thüringen geheiratet. Sehen Sie, damals sperrten sich die Elsässer -nicht ab!” - -„Das sag' ich ja auch,” erwiderte Madame Frank-Dubois und atmete auf, -denn es war ihr bei diesem Gespräch nicht behaglich gewesen, „drum geb' -ich ja auch meine Tochter einem -- --” - -Hier klopfte Herr Schaller, der besorgt in diese Politik -herübergelauscht hatte, hell und unternehmend ans Glas; und -die erglühende Martha senkte den Kopf. Er erhob sich in seiner -ragenden Größe und stemmte das Monokel ins Auge; sein kühnes und -festes Herrengesicht glänzte wie die Rose in seinem Knopfloch; der -studentische Schmiß glühte doppelt keck in der vielfarbigen Beleuchtung -der Lampions. Die Saitenmusik schwieg; das Tischgespräch ging über in -erwartungsvolle Stille. - -„Meine Damen und Herren,” sprach er auf deutsch, übersetzte aber -sogleich jeden Satz mit eleganter Handbewegung ins Spanische, „die -erste Überraschung des Abends bestand darin, daß ich Ihnen einen -geistreichen Idealisten, den ich schätze und beneide, heute abend -zugeführt habe.” Er winkte mit leichter Verneigung dem Baron zu. „Ich -für mein Teil pflege offen meinen Realismus zu bekennen, denn ich mache -gar kein Hehl daraus, daß mir der Sperling in der Hand lieber ist als -die Taube auf dem Dache. Noch lieber ist mir _die Taube_ in der Hand -als der Sperling auf dem Dache. Und ich bin in der glücklichen Lage, -Ihnen sagen zu dürfen, daß ich ein Täubchen gefangen habe, eine schöne -weiße Taube, die fortan meine Arche Noah über den Ozean des Lebens -geleiten wird. Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, Ihnen meine Braut -vorzustellen, Fräulein Martha Frank-Dubois!” - -Erstaunte Stille -- dann ein brausendes Hoch in allen drei Sprachen -von allen Seiten des langen Tisches und der wunderlich gemischten -Gesellschaft! Es war ein Knalleffekt! Man hatte geahnt, man hatte -getuschelt; aber nur wenige waren auf die deutliche Tatsache gefaßt -gewesen. Alles drängte nun zu dem Brautpaar heran, Gläser klangen, -Glückwünsche flogen, Umarmungen fluteten über die Braut herab; und mehr -als ein Tropfen des köstlichen Getränkes spritzte auf Tisch und Teppich. - -Stein saß vom Donner gerührt. - -Der Trinkspruch hatte ihn einfach niedergeschmettert. - -Die Andeutungen der Jüngsten während des Abends hatte er nicht -verstanden oder auf sich bezogen; daß etwas in der Luft lag, hatte er -nur vorübergehend empfunden. Jetzt saß der Troubadour mehrere Sekunden -mit buchstäblich offenem Munde und starrte sein entzaubertes Ideal an, -das sich mit der rosig verschönten Anstandsmiene eines gut erzogenen -Mädchens erhoben hatte und Umarmungen über sich ergehen ließ. - -Dann aber kam ihm seine gesellschaftliche Schulung zu Hilfe. Er sprang -auf, schlug in die Hände und rief immer wieder: „Großartig!”, küßte der -Mutter die Hand, riß die Kleine übermütig ans Herz und nahm sie mit -hinüber zur persönlichen Beglückwünschung. Denn alle Tischordnung war -auf eine Weile zerbrochen. - -„Hätt' ich eine Ahnung gehabt!” rief er drüben. „Ich hätte mir's nicht -nehmen lassen, mit Reim und Lautenklang das festliche Ereignis zu -feiern.” - -„Es wäre zu nett, wenn Sie Ihre Laute mitgebracht hätten”, versicherte -die Braut mit schicklicher Höflichkeit. - -Und so lachten sie und plauderten inhaltlose Sachen und bedauerten -das Fehlen der Laute und schüttelten Hände und gingen nachher, als -Schallers Geschäftsteilhaber ans Glas klopfte, um kurz und korrekt -zu beglückwünschen, wieder an ihre Plätze. Die Woge der Festfreude -legte sich einen Augenblick, schwoll aber immer wieder an; einige -Mütter seufzten, daß ihnen der reiche Kandidat entgangen war, Steins -Herz hämmerte, die Jugend war elektrisiert -- und alle miteinander -strahlten, schwatzten, lachten und zechten um die Wette. - -Es wurde getanzt. Der Troubadour phantasierte später, als sich die -Gesellschaft verteilte, so toll am Flügel, daß der spanische Professor -vor Begeisterung aus dem Häuschen geriet. Schaller ließ sich die -„Rosenlieder” singen, sein Leiblied; denn er wurde sentimental. Dann -tanzte man wieder zur Musik der Blinden; die jungen Leute führten ein -harmlos Scherzspiel auf; man trank sämtliche Spirituosen durch -- bis -lange nach Mitternacht der Halbmond über Meer und Montjuich stand. -Stein machte allen halbwegs hübschen Damen ebenso unbedenklich wie -liebenswürdig den Hof; verliebte Paare lustwandelten im Garten; er -glaubte sich zu entsinnen, Hände, Wangen und Lippen geküßt zu haben, -sogar die leider nach spanischer Unart gepuderte und geschminkte Carmen. - -Gegen Morgen saß er schweren Hauptes in einem Automobil, hatte jedoch -Besinnung genug, nach dem Überzieher zu tasten, ob die provenzalischen -Briefe noch darin wären. Ja, da waren sie noch wohlbehalten an Ort -und Stelle. Und so glitt er denn auf lautlosen Gummireifen mit seinen -Briefen und mit seinem Rausch ins Hotel zurück, wo er lachend ankam und -immer vor sich hinrief: - -„O Troubadour! o Troubadour!” - -[Illustration] - - - - -Zweiter Teil - -Ingos Einkehr - - - - -[Illustration] - - - - -Siebentes Kapitel - -Der Gralsberg Montserrat - - Wer ist der Gral? - Das sagt sich nicht. - Doch bist du selbst zu ihm erkoren, - Bleibt dir die Kunde unverloren. - - _Richard Wagner_ - - -In stiller Größe walten über den wechselnden Schicksalen der Menschheit -die Genien der Güte und die Meister der Innerlichkeit. - -Nicht ist es ihre Sache, sich um den Haushalt des Alltags oder das -Getriebe der Gattung zu kümmern; das besorgen andre Geister und -Dämonen, ruhelos den Erdball umdrängend. - -Aber die Meister warten. Die Meister warten auf einzelne erwachende -Seelen. Und wenn ein Gralsucher sich losringt von den Trieben der Masse -und fortan seinen persönlichen Weg sucht, so senden sie ihm ermunternd -und beratend einen Lichtboten. - -„Dort ist ein Suchender deiner Teilnahme wert, lieber Bote”, sagen -dann die Meister. „Geh hinab, werde sein Schutzgeist! Arbeite an -seinem Herzen, durchdring' ihn mit dem Bewußtsein ewigen Wertes! Laß -ihn stolz sein, doch ohne Hoffart! Sag' ihm, daß nicht Titanenwille -den Göttersitz erobert! Denn wir sind es, die den durch uns -hindurchrinnenden göttlichen Strom weiterschenken; aber wir schenken -nur dem, der zur Erkenntnis stiller Größe nach Kampf und Irrfahrt reif -geworden. Geh hin, lieber Bote, tue dein Werk!” - -Und die Lichtboten tauchen tatenfroh hinab in die Lebensfluten der Erde. - -Wenn aber Boten des Lichtes vorüberziehen an den Gestaden der Düsternis -und der Vernüchterung und der Weichlinge, die an des Lebens Würde -verzweifeln, so strahlt in doppelter Schönheit der Gottesboten Gesicht. - -Sie drehen der flammenden Schwerter flache Klinge dem Gestade zu, so -daß ein Widerstrahl von dem kraftvollen Silber hinüberblitzt in das -Land der Dumpfheit. - -Da hebt dort einer oder der andre sein Haupt: „Wer zieht vorüber? Wer -hofft noch? Wer wagt noch an Freiheit und Freude zu glauben in diesem -Räderwerk der Fronen?” - -„Ich, mein Bruder!” flammt es zurück. „Und sieh her, wie meine Muskeln -straff und meine Blicke voll Mut sind und mein Atem den Busen schwellt! -Sieh her, wie mir wonnig und wohl ist, weil ich wandeln darf als Bote -der Gottheit!” - - * * * * * - -„Bis jetzt haben Sie Laute gespielt oder Klavier, Herr Spielmann”, -sagte der Konsul. „Aber Sie kennen noch nicht die Macht und Tiefe der -Orgel. Wie die Orgel zur Laute, so verhält sich der Montserrat zur -Wartburg. Was Sie mir soeben aus Ihren Blättern über Lourdes vorgelesen -haben, läßt mich annehmen, daß Sie dort eine erste Weihe empfangen -durften: das heißt, eine Ahnung von den höheren Gesetzen, die hinter -dem Sichtbaren walten. Vielleicht gibt Ihnen dieser Berg eine zweite -Weihe. Und das Leben selber hernach die dritte und beste.” - -Sie saßen bereits in der Bahn, als diese Worte gesprochen wurden. Das -Reiseziel der Familie Bruck und des Spielmanns war nicht mehr fern. - -Der Felsenberg Montserrat erhebt sich einsam und majestätisch aus den -Hügeln der katalonischen Landschaft. - -Nähert man sich an duftigem Sonnentage von Barcelona her dem Städtchen -Monistrol im vielgewundenen Tal des Llobregat, so scheint sich -plötzlich am Horizont ein Wolkengebirge zu türmen. Man späht genauer -- -und man entdeckt mit erhabenem Staunen: es sind keine Wolken, es sind -Felsen! - -In abenteuerlichen Steinformen zackt sich der gewaltige Berg wie -eine Walhalla aus den Dünsten des Flachlandes empor. Sein Name ist -Montserrat, das heißt Zackenberg, weil wie die Zähne einer Säge diese -Kammlinie zerrissen und zerschnitten ist. Und um so wirksamer ist der -langgestreckte und hohe Felsenbau, weil er sich einsam mitten in wenig -hohen, zerwaschenen Lagerungen der katalonischen Lehmhügel erhebt. - -Die Phantasie gesellt sich hinzu und verbindet mit dieser Stätte eine -der tiefsinnigsten Legenden. - -An diese hohe Felsenburg heftet sich eine Sage, die aus keltischen -Bezirken stammt. Der Montserrat ist der mittelalterliche Montsalvat -oder Munsalvaesche der Gralsage. - -Dem Gralsucher Ingo von Stein war der Gral, dieses geheimnisvolle -Becher-Kleinod, das verjüngende Kraft gibt, lange schon anziehend und -bedeutsam. Er fühlte längst den unbestimmten Drang, durch Klingsors -Gärten und Blumenmädchen hindurch diesen schwer zu erreichenden -Einsiedlerberg zu besuchen. Doch ohne Kenntnis des Spanischen ist -die Fahrt zum Montserrat beschwerlich. Es ist oben, auf einer -Felsenterrasse, eingenistet in eine Schlucht, nur ein großes -Benediktinerkloster mit allerlei umfangreichen wirtschaftlichen -Gebäuden und Logierhäusern. Ein Gasthaus nebst Kaufladen ist zwar -auch vorhanden, aber kein eigentlicher Hotelbetrieb, nur einige -Laienbrüder, die das Gepäck besorgen. Die Gäste, die familienweise -kommen, erbitten sich je nach ihrer Kopfzahl in irgendeinem der -Logierhäuser eine Wohnung und bereiten in der dazu gehörigen Küche ihr -Essen selber. Durch ein schickliches Trinkgeld entschädigt man das -Kloster für die Gastfreundschaft. So sind dem einzelnen Ausländer die -Zugangsbedingungen erschwert; doch um so ungehemmter kann er sich dann -der Einsamkeit des Berges überlassen. - -„Ich glaube gelesen zu haben,” äußerte Stein, als er mit der Familie -Bruck auf der gewundenen Zahnradbahn im Schatten der Felsenwände -hinauffuhr, „daß schon Wilhelm von Humboldt begeistert von diesem -Berge gesagt hat, er habe nie einen ähnlichen Anblick genossen, denn -an dieser Stätte vereinige sich alles, was einer Landschaft Größe und -Schönheit zu geben vermag.” - -„Sie werden staunen”, sagte der Konsul. „Ich war schon vor Jahren -oben.” - -„Im übrigen muß ich Ihnen gestehen, daß ich Spanien nicht sehr liebe”, -fuhr der Troubadour fort. „Es ist Grausamkeit in diesem Volk der -Stierkämpfe; sie haben Peru und Mexiko vernichtet, waren mit Bluthunden -hinter den Indianern her, haben Torquemada, Alba und die Inquisition -erzeugt -- ein fanatisches Land, kein Land der Liebe!” - -„Immerhin, sie hatten auch den Vorkampf gegen die Mauren”, fügte -Bruck ausgleichend hinzu und strich nachdenklich seinen Druidenbart. -„Sie haben in ihrer Art, unter dem Cid zum Beispiel, den Gral des -Christentums gegen die Araber behütet.” - -„Das ist wohl wahr”, räumte Ingo ein. „Aber es saßen damals Germanen -in Spanien: Goten. Und erst im mittelalterlichen Deutschland hat sich -der Gralsgedanke vertieft. Es ist vielleicht eine europäische Mission -der Germanen, solche Gedanken zu pflegen und wachzuhalten. Wolfram von -Eschenbach hat sie nach Deutschland getragen, Richard Wagner hat die -alte Burg neu erbaut im Herzen moderner Kultur und Kunst.” - -„Wer ist der Gral?” zitierte Brucks belesene Tochter aus Wagners -Parsifal. „Das sagt sich nicht; doch bist du selbst zu ihm erkoren, -bleibt dir die Kunde unverloren.” - -„Waren Sie in Bayreuth?” - -„O ja! Und sahen den Gral und das Nibelungengold.” - -„Wunderbare Gegenstücke! Der Edelstein des Heils -- und das Gold des -Unheils! Jener kommt aus der Höhe -- dieses aus den Tiefen. Dort eine -Taube -- hier ein Drache. Wunderbar!” - -„Ja, und dort Reinheit, hier Begierde. Man kann sagen, daß Parsifal ein -geläuterter und erlöster Siegfried ist. Auch der Drachentöter hat einen -Speer, tötet damit und wird getötet. Aber Parsifals Speer heilt.” - -Ingo und Bruck verstanden sich erstaunlich in der Deutung dieser tiefen -Symbole; sie nahmen einander förmlich das Wort von den Lippen und -setzten sofort ein, wo der andre aufhörte. Im hochgebildeten Freiherrn -von Stein wurde die einfach-große Madonnen-Stimmung von Lourdes wieder -lebendig; es arbeitete etwas in seinem ganzen Organismus. Sein Zustand -war kein Denken, sondern mehr als dies, auch das Denken umfassend: -sein Zustand war einsaugendes Erleben. Und Bruck selber, einem alten -Barden an Gestalt nicht unähnlich, schien gefüllt zu sein mit solchen -Gedanken, deren plastische Kraft durch sich selber und ohne Beweis -überzeugte. - -„Da nach der Sage so viele Ritter das Kleinod des Grals gesucht haben,” -sprach der Freiherr, „so muß es sehr schwer zu erringen, sehr kostbar -und sehr geheim sein.” - -„Das Einfachste ist meist das Schwerste”, warf Bruck ein. - -„Ja, denn diese großzügige Einfachheit ist eine Summe von tiefsinnigen -und verwickelten Dingen, aber ins Klare gebracht”, fuhr Ingo fort. „In -einem Tautropfen spiegelt sich eine ganze Umwelt. Und so ist wohl der -Gral gesammelte Kraft.” - -„Ganz gewiß, und zugleich Heiligkeit, Lebensheiligung, denn er hängt -mit dem Karfreitag zusammen.” - -„Sehr wahr, er ist eine Mischung aus keltischer Sage und christlicher -Legende. Die Sage vom Wunschgefäß -- vom Tischleindeckdich -- -vereinigte sich mit der Kunde von jener heiligen Schale, aus der das -letzte Abendmahl gehalten worden und in die Joseph von Arimathia -Christi Blut aufgefangen hat. Die Sage ist also ritterlich und religiös -zugleich. Welt und Himmel, Abenteuer und Gebet, Phantasie und Ethik! -Ja, bis ins alte Indien führt sie zurück: das Wunschgefäß, das so -viel Segen gibt, soll die Sonne selber sein, aus den Drachenwolken -herausgekämpft von Indras Speer.” - -„Da dieses leuchtende Kleinod aus den geistigen Welten kommt, hat man -es sogar für einen Meteorstein gehalten,” fügte Bruck hier lächelnd ein. - -„Und Munsalvaesch mag man ja von ~sauvage~ ableiten und als Wildenberg -deuten”, meinte Ingo. „Doch sinniger deucht mir die Ableitung von -~salvus~: Heilsberg.” - -„Ein materialistisches Geschlecht hat das Geheimnis des Grals -verloren”, schloß der Konsul und schaute ernst an den Tempelmauern -dieses gigantischen Berges empor. „Denn sie haben heute weder Ehrfurcht -noch Heiligtum und müßten in einer neuen Mysterienschule erst wieder -nachdenksame Einsamkeit lernen.” - -Als sie hinaufkamen vor die großen, vielstöckigen und mehr massiven als -schönen Häuserkasten aus rötlichem Stein, die sich unter überhangenden -grauen Felsen neben Kloster und Kirche ausbreiten, verhandelte der -Konsul mit den Angestellten und ließ sich eine Wohnung von zehn Zimmern -öffnen, so daß jede Person zwei Zimmer zur Verfügung hatte. Ein -Vorraum und ein Eßzimmer in der Mitte blieb dem gemeinsamen Gebrauch -vorbehalten; die Betten wurden überzogen; ein Glasschrank enthielt die -nötigen Gläser und Geschirre. - -Und nun war man behaglich allein in dem fast noch unbewohnten, -großen, hallenden Hause, das nur im Hochsommer mit Flüchtlingen aus -der Bruthitze der Ebene überfüllt zu werden pflegt. Frau Bruck hatte -ihr Dienstmädchen mit; es knisterte bald in der Küche; und Ingo saß, -als Gast dieser ernstgestimmten Familie, mitten in Spanien an einem -deutschen Tisch. - -Die Frauen, von häuslichem und unauffälligem Wesen, beide mit warmen -braunen Augen, deren Blick wohl tat, zogen sich früh zurück. Die -Tochter, eine junge Witwe, barg irgendeinen Lebenskummer, auf den man -aber nicht zu sprechen kam. Die beiden Männer packten ihre Lodenmäntel -aus und schritten dann miteinander in den kühlen Abend, eingehüllt wie -Mönche, um in der Kirche dem berühmten Vespergesang zu lauschen. - -Denn die Mönche des Montserrat sind berühmt durch ihre Musikschule. Sie -unterrichten dreiunddreißig Knaben als Schüler; nur begabte Jugend wird -dieser Ehre teilhaftig. So kann man dort im Zauberdunkel der Kirche, -besonders abends, eindrucksvolle Kirchenmusik vernehmen; biegsamen und -hellen Knabenstimmen antworten männliche Gegenchöre der Mönche; beide -Gruppen bleiben unsichtbar; und die Begleitung der Orgel wird verstärkt -durch ein kleines Orchester. So ist der ganze Raum, in dem nur wenige -Beter anwesend sind, erfüllt von gregorianischer Kirchenmusik. - -Auch hier bildet die Statue einer Jungfrau den Herzpunkt der -Kirche: eine Madonna, angestrahlt von vielen Kerzen. Sie steht über -dem Altar unter einem goldverzierten Bogenwerk, inmitten eines -maurisch-byzantinischen Chors, der von Gold funkelt. Die Jungfrau -ist blütenweiß gekleidet, das Kleid bauscht sich nach unten, viele -Kerzen vereinigen ihre Leuchtkraft: aber ihr Gesicht ist schwarz. Das -Maurische des Chors und die Schwärze der Jungfrau wirken fremdartig und -orientalisch. - -Dieses höchste Heiligtum Kataloniens entstand vor einem Jahrtausend -im Grenzkampf zwischen arabischer und christlicher Kultur, zwischen -semitischen und christlichen Vorstellungen. War es das Erbe vielleicht -schon eines phönizischen oder vorarischen Heiligtums? Der Berg ist ja -ein riesenhafter Altar. Es saßen zur Zeit der Maurenkämpfe Goten in -Spanien; Gundomar hieß der Bischof, unter dem vor tausend Jahren das -Bild gefunden wurde. Die schwarze Holzfigur soll aus Palästina stammen -und war in einer Höhle des Berges verborgen; noch heißt die Grotte -~cueva de la virgen~; Hirten sahen dort jeden Sonnabend einen Glanz -- -man drang mühsam vor und fand diesen heiligen Gegenstand. Eine Grotte -und eine Madonna auch hier -- wie dort in Lourdes! - -Von einem Gral weiß diese kirchliche Legende nichts. Man müßte denn -dieses wohlbehütete, angeblich aus Palästina stammende Jungfrauenbild -als einen heiligen Gral ansprechen; wobei die ehemaligen Einsiedler als -Gralsritter zu betrachten wären. - -Der Konsul erzählte dies alles. - -„Es waren einst”, fuhr er fort, „da oben auf dem weitgedehnten -Felsenberg, noch höher als das Kloster, zwölf Einsiedeleien über den -Montserrat zerstreut, mit einer dreizehnten -- Santa Anna -- in der -Mitte, worin der älteste und würdigste dieser Eremiten wohnte, während -immer der jüngste die fernste und steilste Klause -- San Jeronimo -- -zugewiesen bekam. Nun ging damals über den ganzen Berg ein sogenanntes -ewiges Geläute. Um zwei Uhr morgens gab die Klosterglocke das Zeichen: -die Mönche erhoben sich und zogen zu Gebet und Gesang in die Kirche; -nach bestimmter Zeit nahm die nächste Einsiedelei Glockenzeichen -und fromme Übung auf; und in genauer Reihe und Zeitfolge setzte sich -das fort, bis um Mitternacht San Jeronimo den Beschluß machte. An -bestimmten Tagen und Stunden vereinigten sich alle Eremiten bei Santa -Anna, im Mittelpunkte des Hochtales; von dort wanderten sie nach einem -Felsenvorsprung, von wo das Kloster sichtbar war, und sangen das -~salve regina~ herunter. Viele Äbte und andre hohe Geistliche haben -sich nach arbeits- und studienreichem Leben hierher zurückgezogen und -sind Einsiedler geworden, oft von Königen und Fürsten in ihrer Stille -besucht und um Rat gefragt. So ist die Luft dieses Berges magnetisiert -von heiligen Gedanken. Und Loyola folgte einer richtigen Ahnung, als -er sich nach seiner Bekehrung hierher begab und in dieser geweihten -Luft seine berühmten Exerzitien schrieb. Denn dieser Berg hat viel -Magnetismus, ich spüre das.” - -Stein saugte mit erstaunten Sinnen diese absonderlichen Dinge ein. -Der Montserrat, dessen sich jetzt die Nacht bemächtigte, wurde immer -sprechender und merkwürdiger. Diese Felsengebilde da oben waren -Statuen; hatte ein Urvolk seine Götter in Stein gehauen? - -Die beiden Wandrer fühlten sich erhaben gestimmt von der ungewöhnlichen -Kirchenmusik und ergingen sich auf dem äußersten Vorsprung, wo ein -Denkmal an jenen spanisch-französischen Kampf aus der napoleonischen -Kriegszeit erinnert, dem die Einsiedeleien zum Opfer gefallen, nachdem -ein französischer General von San Dismas herab das damalige Kloster in -Grund und Boden geschossen hatte. - -Unter dem Schein des wachsenden Mondes erhöhte sich noch das -Phantastische der Felsformationen. Und phantastisch antwortete dem -Berge das verschnörkelte Land mit dem Flußlauf des vielgekrümmten -Llobregat. Überall ausgeschwemmte Tonerde, mit kahlgewaschenen -Felsenzügen dazwischen, voll von Runzeln und Schrunden, einer -Mondlandschaft nicht unähnlich. - -„Abenteuerlich!” rief Stein. „Man ist in einer Märchenstimmung, ganz -dem Gewöhnlichen entrückt!” - -„Und eine abenteuerliche Situation!” fügte er für sich selber hinzu, -als er sich nachher in der eisernen Bettstelle dehnte. Er schaute sich -noch einen Augenblick in dem schmucklosen weißgetünchten Zimmer um und -löschte dann die Kerze. - -Grimmig zog er die Wolldecke um die Ohren und lachte grimmig über den -Schabernack, den ihm das Schicksal da unten in Barcelona gespielt -hatte. Bitterkeit lag nicht in seiner Natur; aber Wehmut wuchs im -Laufe der lautlos ruhigen Nacht. Kein Geräusch der Ebene drang -an sein Ohr; nur in ferner Schlucht vernahm er den Gesang einer -Nachtigall. Die Steingiganten über ihm hielten ritterliche Wacht; der -unvollkommen leuchtende Mond warf die langen Schatten dieser Ritter den -mitternächtigen Berg entlang. Welche Wirkungen des Mondes! - -So lag er lange wach und horchte in die große Nacht und glaubte der -Erde und seinem bisherigen Leben entrückt zu sein -- auf einen Felsen -geschwemmt, wie ein Schiffbrüchiger der Titanic. - -Nach und nach gestaltete sich diese erste Nacht auf dem Montserrat, -hoch über den Eisenbahnpfiffen der unruhigen Erde, zu einer stillen -Rückschau. - -Er zog die Summe seines bisherigen Lebens. - -Vor fünf Jahren hatte sich Ingo von Stein in den Gärten am Horn zu -Weimar eine Wohnung eingerichtet, hatte Bibliothek, Klavier, Gemälde, -Büsten, Fernrohr und andre Dinge geschmackvoll untergebracht und -gedachte nun seinem Ideal einer persönlichen Universalbildung schaffend -nachzuleben. Doch die Meister seines Schicksals waren damit noch nicht -einverstanden. Sie stellten Friederike von Trotzendorff zwischen ihn -und seine Braut. Und als Friedels geniale Natur alle Register ihrer -Phantasie- und Gefühlsromantik zog, trat die herbe, gefühlskeusche, -etwas menschenscheue Elisabeth still zurück; der Briefwechsel mit ihr -entschlief; sie wurde Krankenschwester beim Roten Kreuz und begab sich -später zu ihrer Schwester nach Pommern. Aber das Kleeblatt bereiste -Italien und England, ging allsommerlich nach Bayreuth und Tirol oder -an die See; und der Statistiker und Soldat Richard war glücklich, -daß die gern fliegende Gattin einen Flugkameraden gefunden hatte. -Ingo selber tat tiefe Einblicke in den Reichtum, die Zartheiten, -die Wunderlichkeiten einer Frauenseele und wurde durch diesen Bund -im Innersten gefördert, ja -- wie sie oft scherzend sagte -- mit -Genialität angesteckt. Bis dann diese Kameradschaft, durch zwei -harmlose Mädchen, in der Provence und am Fuße der Pyrenäen, in der -bisherigen Form zerschellte. Und -- seltsame Fügung! -- gleichzeitig -trat Elisabeth wieder in Sicht! Und zwar dort in Lourdes, inmitten -der ernsten Krankenstimmung, die so viel stille Kraft entfaltet, dort -bei Bernadette und ihrer wundersamen Madonna! Die heitre Schar der -Troubadours -- und dann die ernste Schar der Kranken von Lourdes: -- -welch ein Gegensatz! - -„Seltsam das alles!” dachte der Gralsucher. „Elisabeth, die -Krankenpflegerin, hat sich immer dem Lebensernst gestellt und war auf -soziale Fürsorge gestimmt -- doch Friedel und ich? Wir sind immer -davongeflogen in heitre Gefilde. Kann es da keinen Ausgleich geben? -Damals wär' ich Spießbürger geworden, hätt' ich mich mit Elisabeth in -jenes gemächliche Heim eingelullt -- aber jetzt? Sind heimliche Führer -über meinem Leben? Haben sie Friedel benutzt, wie sie sich jetzt der -Mozart-Mädchen bedienten? Ach, ihr seid mächtiger als ich! Ihr führt -mich im Zickzack durch die Welt, foppt mich mit hübschen Gesichtern -- -und werft mich zuletzt auf diesen einsamen spanischen Berg, nachdem ihr -mir Elisabeth und Friedel und diese kleine Martha genommen habt! Ist -das der Gral? Ist dies nun das unbekannte Land, das ich suche?” - -Immer wieder blitzte in seine beginnende Schwermut der Gedanke hinein, -es sei dennoch planmäßige Führung höherer Mächte, die hinter dem -Sichtbaren stehen. - -„Ist der Gral vielleicht gar keine fertige Sache -- so wenig wie jener -Tempel? Kristallisiert er sich vielleicht in uns nach und nach? Und -leuchtet dann als ein Licht inmitten des Lebenstempels, den wir selber -nach und nach aufbauen?!” - -Er rollte sich qualvoll in seiner Wolldecke hin und her; Sinnenhunger, -Lebenshunger, Gestaltungsdrang glühte in dem gesunden jungen Manne, -der hier vereinsamt, von weiblicher Liebe verlassen, auf dem weltfernen -Montserrat lag. Denn nicht mit Bausteinen der Romantik allein baut man -die Gralsburg, sondern nur aus der Fülle wirklichen Erlebens ... - -In der gleichen Nacht schaute der wachsende Halbmond in das Fenster -eines Sanatoriums in München, wo eine schöne Frau bei elektrischem -Licht schlaflos lag und unter Schmerzen der Seele und des Körpers -umsonst zu lesen versuchte. - -In der gleichen Nacht kauerte ein halbwüchsiges Mädchen zu Barcelona im -Nachtgewand auf dem Bettrand der älteren Cousine und unterhielt sich -mit ihr darüber, daß der Baron eigentlich noch netter wäre als Onkel -Schaller, und daß ihn Martha gewiß genommen hätte, wenn er ein wenig -früher gekommen wäre. Und unten saß Madame Frank-Dubois mit Marthas -Bräutigam zusammen und rechnete ihm vor, daß sie ihrer einzigen Tochter -vorläufig rund hunderttausend Mark mitgeben könne. - -In der gleichen Nacht stand in Thüringen die hohe Gestalt des Fräulein -Elisabeth von Stein-Birkheim am Bett ihres schwerkranken Vetters und -gab der neuen Krankenschwester Anweisung, wie der Kranke zu pflegen und -zu beköstigen sei, da sie selbst am andren Morgen mit der leidenden -Mutter an den Genfer See reisen mußte. Dann fuhr sie spät in der Nacht -im Wagen durch den Mondschein nach Hause und empfand es in stillem -Hinträumen als ein großes Glück, Leidenden helfen zu dürfen. „Es ist -auch eine Form von Liebe”, fügte sie leise hinzu, nistete sich in ihren -Pelz ein und schloß seufzend die Augen. - - * * * * * - -„Wir zwei werden heut' allein den Gralsberg besteigen”, sprach Konsul -Bruck am andren Morgen. „Meine Damen lassen sich entschuldigen, sie -sind müde und möchten einstweilen ausruhen.” - -Also nahmen die beiden Herren Lebensmittel in den Rucksack, Lodenmäntel -auf den Arm, Stock in die Rechte und stiegen durch Morgennebel eine -schmale Schlucht empor zu den Ruinen der Einsiedeleien. - -Diese Schluchten sind üppig durchwachsen mit Efeu, Rosengebüschen, -Buchsbaum und Steineichen nebst andren Bäumen und Büschen dieses -pflanzenreichen Landes. Die Stufen sind neu zurechtgehauen, enge -Stellen zwischen den Felsen sind erweitert. So kommt man, wenn man -die letzte schmale Felsenpforte überschritten hat, plötzlich in ein -wildschönes Hochtal hinan, in dessen Mitte die spärlichen Trümmer der -Einsiedelei Santa Anna liegen, und das aufs neue von gigantischen -Felsen umstanden ist -- ein doppelt großartiger Anblick, wenn die -mächtigen Steingebilde durch ziehende Nebelwolken hindurch sichtbar -sind. - -Diese Felsen sind rundbäuchig und kegelförmig, oft in dichten Gruppen -aneinandergebacken; sie sehen manchmal aus wie Donjons und Bastionen; -dann sitzt es wieder wie ein verzauberter Kopf auf der unteren Säule; -und oft scheint ein riesiges Profil herüberzudrohen aus diesen grauen, -kieseldurchsetzten Monolithen, aus diesen versteinten Termitenhaufen. -In einzelnen Ballen wirbelt der Nebelrauch vorüber, als stände jenseits -des Montserrat eine Welt in Brand. Grün und grau im Wechsel sind die -Farben dieses Hochlandes, das vor Winden geschützt und nur nach Osten -offen ist, wo jetzt die Sonne durch die Nebel zu brechen sucht. - -Von einem Vorsprung zur Rechten aus entdeckt man noch einmal unten die -Klostergebäude; hier war es, wo die dreizehn Einsiedler das ~salve -regina~ zum Heiligtum hinuntersangen. Und hier, auf diesen spärlichen -Mauerresten, standen Eremitage und Kapellen von Santa Anna. Weiter -oben sind die Trümmer von San Benito; und ganz oben und hinten, ein -wahrhaftiges Schwalbennest an scheinbar unzugänglichem Felsen, hängt -das Trümmergemäuer der Einsiedelei San Salvador. - -Deutlich vernahmen sie den Schall der Klosterglocken; denn dieses -Hochtal mit seinen Felsen ist ein Schallfänger. Amseln schmetterten -in der Ferne; kleinere Singvögel belebten mit leiseren Stimmen die -liebliche Nähe. - -Einsiedlerstimmung! Karfreitagszauber! - -Eine Hummel hing am Thymian und summte dann mit tiefem Ton von Blume -zu Blume, so daß es klang wie unterirdischer Glockenhall, der dem -Glockenton des Klosters Antwort gab. Alle Geräusche, auch die Stimmen, -erhalten zwischen jenen Felsen volleren Hall und stärkere Bedeutung. -Die Einsiedler durften sich kein Haustier halten; sie aßen kein -Fleisch; aber ihre Gefährten waren die wilden Vögel, die sich unscheu -in der Hütte niederließen und mit dem frommen Manne Freundschaft -schlossen. Gebet, Geläut und Vogelschlag klangen zusammen bei dieser -~laudatio perennis~, diesem ewigen Lobgesang, der über den Berg ging. - -Auf den Trümmern von San Benitos Einsiedelei sitzend, wo eine -Steineiche aus den Überbleibseln der Mauer dringt, vernahmen die -Wanderer vom tiefen und unsichtbaren Kloster her Kirchengesänge. -Zugleich wurde das östliche Land ein wenig nebelfrei und gestattete -einen Fernblick auf die spanische Ebene. Drüben aber, am scheinbar -pfadlosen Felsensaum, schritt ein Mann mit einem belasteten Maultier -langsam zu Tal. Im übrigen war das ganze Gelände von einer erhabenen -Einsamkeit. - -„Wir wollen höher hinan,” schlug Ingo vor, „wir wollen uns einen Weg -nach San Salvador bahnen.” - -Der Fußpfad nach dieser hohen Ruine ist kaum zu sehen und durch -Gestrüpp versperrt. Doch oben ist ein gefälliges Höhlengemach in den -Felsen eingehauen, ein prachtvoller Sitz, der die Mühe des Aufstiegs -lohnt. Die wohnliche Grotte ist durch eine Röhre mit einer höher -gelegenen Zisterne verbunden, so daß der Siedler wie aus einem -Brunnenrohr Wasser auslassen konnte. Diese Eremiten ließen es sich -angelegen sein, zunächst eine Zisterne anzulegen auf diesem nicht -wasserreichen Bergland, indem sie durch eingegrabene Rillen Wasser -sammelten. Sie ummauerten den Behälter und schützten das wertvolle -Naß gegen die Sonnenglut. Auch Spuren eines Gärtchens sind bei -San Salvador. Die Wanderer entdeckten blaue Lilien und Goldlack -und beschlossen, diese Gaben der hohen Wildnis später den Damen -hinunterzubringen. Und welch ein uralt Gemäuer! Schon im Jahre 1272 -starb hier oben ein Anachoret, der fünfundvierzig Jahre diese hohe -Siedelei bewohnt hatte. Der Blick von hier nach Süden und Osten, über -die wechselnd beleuchtete Ebene, fängt gewaltige Schönheit ein. Gegen -den Nordwind schützen Felswände. Und durch das Gestrüpp tastete sich -Ingo zu einem Pfad, der nach einem neuen Hochtal Ausblick gewährte: -nach San Antonio und jenem natürlichen Felsenturm, der Caball Bernat -heißt. Ein Falkenpaar umkreiste die Fremdlinge; ein Kuckuck rief aus -dem neuen Frühlingstal herüber; Felsen-Rundtürme erhoben sich in -unmittelbarer Nähe, Giganten der Urzeit, verzauberte Gralsritter, die -in dieser feierlichen Einsamkeit ein Geheimnis hüten. - - „Ist dies der ältesten Götter - Unheimlich erhabenes Haus?” - -Stein sprach es vor sich hin, am Eingang der Höhle auf seinem Mantel -liegend, während Bruck Vorräte auspackte. - -Der Troubadour hatte die Laute zu Hause gelassen. Sie paßte mit ihrem -idyllischen Geklimper nicht mehr in solche großzügige Umgebung. Doch -schrieb er sich einen poetischen Gedanken auf, unter dessen Eindruck er -stand. - - „Ist dies der ältesten Götter - Unheimlich erhabenes Haus? - Großartige Steingestalten - Schauen herab und hinaus. - - Titanen der ältesten Rasse - Belebten titanisch den Stein; - Sie prägten die eigene Größe - Dem großen Gebirge ein. - - Sie gaben den Felsen Gesichter: - Da ragten gespenstisch rings - Die gralbehütenden Ritter, - Die Memmonsäule, die Sphinx ...” - -„Sie haben mich neulich”, begann Bruck nach einer Weile, scheinbar -ohne Anknüpfung an Gral und Sphinx, „auf dem Festabend in Barcelona -verwundert ins Auge gefaßt, als Schaller die Worte hinwarf, Sie möchten -sich vor mir hüten, denn ich sei ein Geisterseher. Es war Scherz von -Schaller; aber in Wahrheit verachtet er meine Weltanschauung gründlich, -was mich übrigens weder wundert noch ärgert.” - -„Ich erinnere mich”, erwiderte Stein. „Wir sprachen ja wohl an jenem -Abend auch von Elfen und Nixen?” - -„Ganz recht! Sie sagten einmal: Wenn's Elfen gäbe, worauf ich -erwiderte: Warum soll's denn die nicht geben?” - -„Ja, ich erinnere mich dessen deutlich.” - -„Nun gut,” fuhr der Konsul fort und strich mit der ihm eigenen -unerschütterlichen Gelassenheit seinen grauen Vollbart, „ich habe meine -Verteidigung oder Erklärung aufgeschoben bis zu dieser ruhigen Stunde. -Und da Sie mich gestern abend wiederum verwundert anschauten, als ich -vom Magnetismus dieses Berges sprach, bin ich Ihnen nähere Mitteilungen -schuldig. Sie sind zwar ein philosophisch und literarisch gebildeter -Mensch; aber mir wäre das wohl zu farblos. Ich brauche Tatsachen. Und -so war ich zunächst Materialist, bis mich vor etwa zehn Jahren allerlei -Erlebnisse zu spirituellen Einsichten zwangen. Heute such' ich keine -Beweise mehr für die Unsterblichkeit der Seele, denn sie sind mir in -überreicher Fülle gebracht worden.” - -„Experimentelle Beweise?” fragte Stein bedenklich. - -„Es ist schwer darüber zu sprechen”, erwiderte der merkwürdige Mann. -„Um aus höheren Sphären Mitteilungen zu erhalten, muß man sich vor -allen Dingen selber zu höherer Wesensart reinigen und erziehen. Anders -ist eine Verbindung mit oberen Mächten gar nicht möglich.” - -Der Konsul begann vorsichtig und taktvoll zu erzählen; Stein hörte mit -vorurteilsloser Aufmerksamkeit dem älteren Gefährten zu. - -„Tatsachen, wie ich sie Ihnen mitteilen kann, sind durch die ihnen -innewohnende natürliche Würde und Schönheit erhaben über die -sogenannte Debatte, wie ihr ja wohl in Deutschland das Zanken einer -größeren Menge nennt, mit nachheriger Abstimmung und Entscheidung -durch die Mehrzahl von Köpfen, nämlich von Dummköpfen. Aber mit der -sogenannten öffentlichen Meinung oder mit dem sogenannten allgemeinen, -freien, gleichen und geheimen Wahlrecht, das in Wirklichkeit eine grobe -Vergewaltigung der Gebildeten durch den Pöbel ist, hat die höhere -Wahrheit nichts zu schaffen. Leben Sie einmal in Brasilien am Rande des -Urwaldes oder in Indien inmitten der Pest oder im Kaukasus unter einer -meuchelmörderischen Bevölkerung -- und Sie wachsen nach und nach über -europäische Mittelmäßigkeit ein wenig hinaus.” - -Der Konsul machte eine Pause und fuhr dann fort: - -„Es gibt Menschen von einem feinen Magnetismus, die -- wie man es von -den Dichtern sagt, welche ja wohl auch einst Seher gewesen sind -- mehr -hören und sehen und fühlen als die gröber eingekörperten Mitmenschen. -Diese gefährliche Begabung will natürlich Hand in Hand mit wachsender -sittlicher und geistiger Reife ausgebildet sein, sonst treiben solche -sensitiven Menschen ins Chaos und wissen sich unter ihren Stimmen -und Gestalten nicht mehr zurechtzufinden. Hellsehen und Hellhören, -automatisches Schreiben, wobei der Arm durch eine magnetische Gewalt -gelenkt wird, Schreiben mit einem sinnreichen kleinen Skriptoskop, -welches die Buchstaben bezeichnet, wobei gleichfalls magnetische -Beeinflussung die Schreibenden lenkt -- von solchen Verbindungen mit -der unsichtbaren Welt werden Sie vielleicht schon gehört haben.” - -Stein konnte nun denn doch ein unbehagliches Gefühl nicht -zurückdrängen; er murmelte nur einiges und verhielt sich abwartend. - -„Ich weiß wohl,” fuhr Bruck in Ruhe fort, „die Dilettanten und -Querköpfe sorgen dafür, daß dies alles verzerrt und verunreinigt an -die Öffentlichkeit kommt. Und die Öffentlichkeit verzerrt das bereits -Verzerrte vollends. Die wenigsten besitzen genügend eiserne Zucht und -Ruhe, um durch die Verwilderungen hindurchzudringen. Und diese wenigen -haben der Masse gegenüber schweigen gelernt.” - -Der Konsul fügte abermals eine Pause ein, entnahm dann seinem Rucksack -ein Schreibbuch und legte es neben sich. Dann fuhr er fort: - -„Auch ich und meine Zugehörigen, einschließlich eines Vetters, -entdeckten in uns diese seltsame Veranlagung. Aber wir waren als -willensfeste Naturen und klare Köpfe nicht gewillt, uns diese Dinge -über unsere Kraft wachsen zu lassen; wir schulten uns, wir sichteten, -wir waren im Umgang wählerisch auch in der Geisterwelt. Hierbei wurden -wir unterstützt durch Meister und Schutzgeister. Dieser Weg ist keine -Tändelei; der Neugierige kommt nicht auf seine Rechnung, sondern wird -gefoppt; für uns war es ein langsames Fortschreiten durch Prüfungen zu -Missionen, wobei wir wuchsen an Geduld, Selbstlosigkeit und Erkenntnis. -So bekamen wir durch unsre geübten Organe hindurch Mitteilungen aus der -uns alle durchdringenden und umflutenden unsichtbaren Welt.” - -Ingo konnte als klassischer Humanist aus der Fülle seiner Bildung -heraus ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Konsul sah es und sagte: - -„Lächeln Sie ruhig, mein lieber Herr Baron, ich erwarte das gar -nicht anders. Nehmen Sie ruhig an, meine Mitteilungen wären meinem -sogenannten Unterbewußtsein entschlüpft. In diesem Kasten hat ja alles -Platz, auch Götter und Geister.” - -Und er sprach bedachtsam weiter: - -„Ich habe mir manches in dieses Buch geschrieben und will Ihnen gleich -zu Anfang etwas von Elementargeistern vorlesen. Versuchen Sie einmal, -von allem, was Sie als phantastisch hierbei stört, abzusehen, und -lassen Sie die Mitteilungen durch sich selber wirken!” - -Sein braunes Buch mit den harten Deckeln war von Anfang bis zu Ende -vollgeschrieben; Brucks Handschrift war klar, groß und fest. - -„Da kam einmal zu uns ein kleiner Blumengeist.” - -Er blätterte. Stein, dessen Lächeln wich und dessen Phantasie sich zu -entzünden begann, stellte eine Frage. - -„Nehmen Sie meine Zurückhaltung nicht übel, Herr Konsul: Gibt es denn -wirklich solche Naturgeister? Sind es nicht Einbildungen der Dichter?” - -„Keineswegs! Diese Elfen, Sylphen, Gnomen und andre Elementarwesen sind -so lebendig und wirklich wie Sie und ich. Nur sind sie aus so feiner -Substanz, daß sie von gewöhnlichen Augen nicht gesehen werden, so wenig -wie die ultravioletten Strahlen. Auch haben sie keine Seele wie wir, -kennen weder Leid noch Liebe, weder Tugend noch Sünde. Ich könnte Ihnen -in diesem Augenblick sagen, daß dort drüben an der Felswand eine ganze -Reihe von Gnomen sitzt, aneinandergereiht wie Äffchen auf der Stange, -äußerst putzig und drollig uns Menschen betrachtend -- aber das würde -ja nicht viel nützen, denn Sie sehen es ja doch nicht.” - -Mit verdutztem Lächeln schaute Stein sich nach allen Seiten um. - -„Aber ich bitte Sie, Herr Konsul, wo sitzt denn das Völkchen? Wollen -Sie mich nicht den Herrschaften vorstellen? Können sich denn aber -solche Naturwesen mit uns Kulturmenschen verständigen?” - -„In seltenen Fällen und mit bestimmten Menschen. Manchmal löst sich ein -einzelnes Wesen aus seiner Gattung, mächtig angezogen von irgendeinem -menschlichen Kreise, und sucht bei uns etwas wie eine Seele.” - -„Undine! Aber wie kommen sie grade zu Ihnen?” - -„Unsre Ruhe zieht sie magnetisch an.” - -„Und was wollen sie von Ihnen?” - -„Liebe und Lehre.” - -Das klang alles ruhig und selbstverständlich. - -Ingo hatte die sonderbare Empfindung, als wäre sein bärtiger Nachbar, -der neben ihm auf dem Lodenmantel lagerte, auf diesem immer klarer aus -den Nebeln sich enthüllenden Gralsberge, ein zeitloser Druidengeist, -dem sich nichtige moderne Einwände gar nicht nahen können. - -„Einst kam also”, sprach der Konsul, in sein Schreibbuch schauend, „ein -allerliebster Blumengeist, der an der Grenze der Menschwerdung stand --- denn es kommt bisweilen vor, daß ein Naturgeist als Mensch geboren -wird --, wovor sich aber dieses lichte und leichte Wesen fürchtete. -Doch drängte es den Geist dennoch zu dem schweren Pfade, denn er konnte -ja dadurch höher steigen. ‚Oh, der Duft!’ begann das Geistchen -- wir -hatten duftende Rosen auf dem Tische stehen -- ‚wie gemahnt er mich an -das, was ich Heimat nannte! Ich bin noch kein Mensch gewesen, das lange -Leid hab' ich noch vor mir; ein ätherzartes Wesen war ich und soll nun -eine üble Masse werden. Mein Dasein floß dahin zwischen Schönheit und -Seligkeit, gewiegt vom säuselnden West. Des Himmels Diamanten flocht -ich in mein wehendes Haar, süße Zwiesprache hielt ich mit raunenden -Bäumen. Duftblaue Weiten umfaßte meines Auges Blick, mein Leben floß -dahin wie des Baches Welle, der über Blumen geht.’ -- ‚Hast du keine -Schwestern?’ fragte ich. -- ‚Ich hatte Schwestern, selig und glücklich -gleich mir; wir tranken den Tau, wir atmeten den Duft, wir badeten im -Mondschein, und wir jubelten der Sonne zu. Wir erzählten uns tausend -süße Dinge, wir tanzten im Winde, und waren wir müde, so betteten wir -uns in Blumen. Aber meine Schwestern sind noch nicht so weit wie ich. -Wohl sehe ich sie noch, erkenne sie wohl, aber sie denken nicht mehr -mein. Euch hab' ich liebgewonnen, euch beide Menschen im Silberhaar. -Nicht oft mehr werde ich auf Flügeln der Winde euch nahen, nicht oft -mehr im Sternenschein den Duft meiner Heimatrosenfelder trinken, nicht -oft mehr in Sehnsucht meiner Schwestern Stirnen ungesehen umschmeicheln --- bald trag' ich Not und Lasten, bald geh' ich in Jammer und Weh, bald -werde ich ein Mensch wie ihr!’” - -Stein schlug erstaunt und entzückt in die Hände. - -„Das ist ja Poesie! Herr Konsul, Sie sind ja ein verkappter Poet!” - -„Im Unterbewußtsein?” lächelte der Konsul. „Was mein Oberbewußtsein -anbetrifft, so hab' ich nie einen Vers geschrieben.” - -„Irgendwo in Ihrem Kreise muß doch das stecken!” - -„Das kommt auch, wenn ich einmal nicht dabei bin. Sie meinen also -hartnäckig, wir erfinden diese Geistchen? Die Gnomen da drüben an der -Felswand lachen und drehen Ihnen lange Nasen. Nun also, lassen Sie -sich in Ihrem Wahn nicht stören! Ich will Ihnen nur noch sagen, wie -dieses Geistchen ausgesehen hat: die Gestalt war durchsichtig, das -Gesicht ein feines Oval von mattem Weiß, die Haare silberhell wie -Mondschein, und zwar selbstleuchtend, die Augen von einem tiefen, fast -grünlichen Blau. Oh, sie sind herrlich, diese Gäste aus dem Lande der -Schönheit!” - -So erzählte der Konsul. - -Er sprach von seinen Geisterfreunden wie von lebendigen Menschen. - -Er fuhr dann fort und beschrieb andre Naturgeister, die sich zu ihm -herangedrängt hatten und um Förderung baten. - -„Ach ich kann Ihnen sagen, mein lieber Herr Baron,” sprach der Konsul, -und der ernste, kühle Westfale wurde nach und nach sichtlich weich -und warm, „durch das ganze Reich der Geister und der unerlösten Natur -geht die Sehnsucht nach Erlösung durch Liebe. Sehen Sie, da kam einmal -der Geist eines armen Berliner Kindes zu uns, das nach Hunger und -Mißhandlungen früh gestorben war. Es erzählte uns seine Geschichte, wie -es auf den Stufen einer Kirche vor Sehnsucht hinübergeschlummert sei, -nachdem es in einer Weihnachtspredigt zum erstenmal von Liebe hatte -sprechen hören. ‚Da kam’, sagte der kleine Geist, ‚ein gütiges Wesen zu -mir, und ich fühlte etwas ganz Sonderbares von ihm ausgehen, was ich -auf Erden nie gekannt hatte. Auf meine Frage nach diesem so unsagbar -beseligenden Etwas sagte sie mir, es sei die Liebe; das war so schön, -daß ich dafür keine Worte finden kann.’” - -„Wunderbar!” rief Stein, der in immer wärmere Schwingung geriet. „In -den Preis der Liebe, die Sonn' und Sterne bewegt, klingen Goethes -Faust und Dantes Commedia aus. Und Novalis ruft in seiner berühmten -Abendmahlshymne: Wenige wissen das Geheimnis der Liebe.” - -„Ich bin kein studierter Mann”, erwiderte Bruck. „Aber ich weiß es aus -meiner besondren Welt, daß helfende und schaffende Liebe die Sonne des -Kosmos und die Sonne des Menschenherzens ist. Mein Schutzgeist schärft -mir das immer wieder ein.” - -„Ich fange an, Ihre Geisterfreunde lieb zu gewinnen.” - -„Meine Geisterfreunde sind auch die Ihrigen”, versetzte der Konsul mit -der ihm eigenen ernsthaften Ruhe. „Und es ist kein Zufall, daß wir -zwei hier beieinander auf dem einsamen Gipfel eines spanischen Berges -sitzen. Die heitren Mozart-Elfen, die in Ihnen wirkten, um Sie nach -Barcelona zu locken, haben ihr Werk rühmlich zustande gebracht und -sitzen jetzt dort in den Blumen und freuen sich über unser Gespräch.” - -Der Alte lachte behaglich. Stein fuhr herum, von Schauer durchrieselt. -Er starrte in diese große, fremde Welt, ohne etwas andres zu sehen -als einige schaukelnde Lilien. Fast erschrocken schaute er dann einen -Augenblick dem rätselhaften Mann ins Gesicht. Sollte etwas von des -Troubadours verliebter Schwärmerei für Martha ruchbar geworden sein? - -Doch der Konsul plauderte gelassen weiter. - -„Ich kann Ihnen nun auch ruhig anvertrauen, daß wir in unsrem kleinen -Kreise jährlich bestimmte Missionen auszuüben haben, die uns um die -hohe Zeit des Weihnachtsfestes von unsren leitenden Geisterfreunden -erteilt werden. Und zwar Missionen an bestimmten Gruppen von Geistern, -die grade durch unsre Wesensart gefördert werden können. Sie werden -erstaunen, wenn Sie hören, daß etwa eine Gruppe von Lügengeistern zur -Wahrhaftigkeit angeregt werden oder eine Gruppe verrohender Wesen -einen geistigen Impuls erhalten soll. Es ist oft schwer, mit solchem -anfänglichen Unflat zu verkehren, wir könnten es ablehnen; aber es wäre -nicht unser Segen. So führen wir diese Sitzungen zäh und regelmäßig -jeden Sonntag und Mittwoch durch, bis diese Wesen geläutert genug sind, -reine Geister überhaupt wahrzunehmen. Denn in ihrem traurigen Zustand -sind sie blind.” - -„Merkwürdig! Merkwürdig!” murmelte Stein. „Sie lesen also sozusagen -den Toten vor? Wie jener schwäbische Prälat mitternachts in der Kirche -Gottesdienst hielt für die Geister?” - -„So ungefähr. Nur daß der Ausdruck ‚Tote’ nicht paßt, denn die Bewohner -der spirituellen Welt sind lebendig. Anfangs äußern sich manche -höchst naiv. ‚Geisterfreund,’ sagte mir da einmal einer, ‚ich war sehr -schlimm, bin es heute noch. Doch sagtest du neulich, auch wir könnten -besser werden. Solange ich noch in jener erstarrten Wüste lebte, -kannte ich nichts anderes und hatte keine Sehnsucht nach Besserem. -Nun aber sehe ich den Unterschied zwischen mir und euch. Dazu kam ein -Hoffnungsfunke, der durch deine Rede in meine Seele fiel. Nun frage ich -dich: Ist es wahr, kann aus mir noch etwas werden? Und sage mir noch -eins: Was hast du für einen Grund, den Geistern, die dir doch nichts -geben können, zu helfen? Hilfst du Menschen auch? Hast du Vorteile, -wenn du Menschen hilfst? Hilfst du deiner Frau und sie dir? Liebst du -alle Menschen und wirst du auch mich die Liebe lehren? Sie scheint mir -das Höchste, doch fühle ich nichts von ihr.’” - -„Die Liebe!” warf Stein dazwischen. „Immer wieder suchen diese Wesen -Liebe! Sie ist offenbar der Magnet, zu dem sich alle hingezogen fühlen!” - -„Sie ist der heilige _Gral_”, sagte Bruck mit tiefem Ernst ... - -Jetzt hatte sich der Gralsberg aus den Nebeln herausgelöst und lag nun -mit seinen Felsentempeln ruhevoll in der buntschimmernden Ebene. Die -Wandrer vor ihrer Grotte genossen weltweiten Ausblick. Auf einer blauen -Blume in der Nähe funkelte diamantener Tau, als glühte dort das Auge -eines Elfchens liebesuchend herüber. - -„Fahren Sie fort!” bat Stein. „Erweitern Sie meine Welt zum Kosmos! Ich -möchte ganz in diese Gralsburg eindringen.” - -„Gern!” erwiderte der Alte, um dessen weißgraues Haar der Morgenwind -spielte. „Ich bin glücklich, daß Sie mit Teilnahme zuhören. Noch viel -von Elementargeistern könnt' ich Ihnen erzählen. Doch mitten in diesen -kleinen Dingen steht hier die ernste Mission unsrer Geisterfreundin -Santa. Sie hatte zwei Jahre lang eine Sendung auf Erden zu erfüllen.” - -„Ein Geist, der als Geist auf Erden eine Sendung hat?” - -„Warum nicht? Wie so mancher Mensch seine Sendung hat. Hören Sie Santa -selber!” - -Feierlich las er mit seiner tiefen, volltönenden Stimme, die -gelegentlich zu leisem Pathos neigte: - -„‚In heiligen Hallen ruhte zuletzt mein Fuß, auf reine Liebe blickte -zuletzt mein Auge, in Sphärenharmonie schwelgte mein Ohr. Aus -Gottesgefilden bin ich zur Welt herabgesandt; trostloses Elend, Haß, -Neid und Roheit sind es, die mich hienieden erwarten. Gönnt mir ein -Plätzchen, wo ich mich erquicken kann! Bereitet eure Herzen, daß ich -eine Freude habe! Meine Mission ist schwer, helft sie mir tragen! -Der Geisterfreunde nur eine einzige Runde auf Erden darf ich mir zur -Erholung wählen; ihr seid es, auf welche meine Wahl gefallen ist. Seid -gütig, selbstlos und liebreich, übt euch in Geduld, und ihr bietet mir -ein Labsal!’” - -„Wie muß man sich Santas Mission vorstellen?” fragte Stein. - -„Auch das will ich mit Santas eigenen Worten lesen; sie hat sich in -Umschreibung, gleichsam in Erzählungsform, darüber geäußert. Hören Sie -und versuchen Sie mir zu glauben, daß nicht ich oder eine meiner Damen -diese Mitteilung erfunden haben!” - -Er las. Und Ingo erging es eigen: er mußte bei Santa immer an Elisabeth -denken, die stille Krankenpflegerin. - -„Es schweigt der Raum. Unendliche Erhabenheit, zeitlose Ruhe atmet -dies tiefe, friedevolle Schweigen. In diese heilige Stille gleitet -ein lichtschimmerndes Wesen, ein Gottesgedanke, zu Seele geworden; -sein Dasein ist Andacht, Anbetung, selige Ruhe. ‚Meister,’ fragt es -leise, ‚kann es Höheres geben als diesen Frieden?’ -- ‚Es gibt ein -Höheres’, sagt die milde, gütige Stimme: ‚diesen Frieden den Friedlosen -bringen.’ -- ‚Friedlose gibt es in Gottes Reich? O Meister, warum -hast du mich ihnen nicht längst gesendet?’ -- ‚Weil deine Stunde noch -nicht gekommen war.’ -- ‚Ist sie jetzt gekommen?’ -- ‚Sie ist es. -Ich sende dich hinab, Santa, zu den Geistern der Abgeschiedenen, die -noch an die Erde gebannt und elend sind. Führe sie mir zu! Groß und -schwer ist die Aufgabe, größer die Liebe, die sie vollbringt.’ -- Der -Lichtgeist schwebt aus der Stille, aus dem Frieden hinab, schwebt -durch Sphären, schön wie Träume, und Wirklichkeit wie Gottes Liebe; -fächelnde Winde wehen ihr zarte Klänge, leuchtende Blütenkelche -hauchen ihr süßen Duft. Und Klang und Duft sind eins, entspringen -demselben Born, werden zu Worten, die von erbarmender Liebe reden --- von der Liebe Santas, die eine heilige Mission zu den Friedlosen -führt. Der Gottgesandten naht sich flehend ein Geist: ‚Santa, mein -Bruder wurde zum Vatermörder und starb von Henkershand. Erbarme dich, -bringe ihm Licht in seine Finsternis!’ -- ‚Santa, mein Kind verdirbt, -o hilf meinem armen, mutterlosen Kinde, es kann sich nicht trennen von -Erdenlust, von lockender Sünde!’ -- ‚Weh, mein alter Vater wurde zum -Dieb und gab sich um der Schmach willen selbst den Tod! Santa, hilf! -Rette!’ -- Ein dunkler Schatten senkt sich schwer auf des lichten -Geistes unbefleckte Reinheit, ein Schatten, der nie war, der nun lange, -lange auf ihr ruhen wird. Schneller schwebt sie hinab, immer mehr -der heischenden Geister umgeben sie, lange verstummt ist des Windes -leise Musik, der Blumen süße Sprache. Sie blickt jetzt auf die Erde: --- Menschen und Geister -- widerliche, verzerrte Gesichter -- wilde -Schreie der Getretenen -- Flüche vom Bruder gegen den Bruder -- Raub -am Heiligsten -- Elend und Jammer, wohin ihr angstvolles Auge irrt! -Der Lichtgeist verhüllt sein Antlitz und weint über die Erde. ‚Führe -sie mir zu!’ tönt es herab, die Stimme ihres Meisters. Kraft und Mut -scheint diese Stimme ihr zuzuströmen; Santa will ihr Werk der Liebe -beginnen. Und sieht ein Weib, unlängst gestorben, noch an der Erde -hangend, sieht es schmutzstarrend, mit allen Lastern behaftet, sieht -in jedem Zuge des Gesichtes Verworfenheit, sieht in jeder Bewegung des -viehischen Geschöpfes sinnlose Trunkenheit, sieht nichts mehr von einem -Ebenbild Gottes! Und Santa fühlt, wie kalt und lauernd die Reue naht -und größer werden will als die Liebe. Da hört sie aus der Verworfenen -einen Schrei, halb Jammer, halb Jubel: ‚Mein Kind, mein kleines Kind, -hab' ich dich endlich wieder!’ -- und sieht das Weib eine elende Dirne -an sich pressen mit heißer Zärtlichkeit, sieht es frei von Trunkenheit, -sieht es aufgehen in Mutterliebe, durchleuchtet von dem Gottesfunken, -der auch in diesem Weibe nicht erstarb! Da beugt der reine Geist sich -zu dem elenden Weibe nieder: ‚Meine Schwester, ich kann dich lieben.’ -Dann wendet er sein Antlitz noch einmal dem Reich des Lichtes zu, noch -einmal grüßen seine leidverklärten Augen das Friedensland: ‚Meister, -ich danke dir, daß du mir die Liebe gabst!’ Und gleitet hinab -- -erdenwärts!” - -Der Konsul schloß das Buch. Stein war hingerissen und ergriffen. - -„Verstehen Sie jetzt Santas Mission?” fragte Bruck. - -„Das kann nicht erfunden sein!” rief der Troubadour begeistert. „Das -ist Poesie -- aber Poesie der Wahrheit! So _muß_ es sein, ich fühle -das, ich erlebe das! Diese Santa lebt! Erzählen Sie mir doch Genaueres! -Ist sie oft zu Ihnen gekommen?” - -„Mehrmals, meist gegen Weihnachten; und immer mit Worten des Dankes und -der Liebe. Als einmal eine Dissonanz in uns war, anläßlich kummervoller -Erlebnisse meiner Tochter, klagte sie nachher, daß sie die Pforte -verschlossen gefunden habe. Ihr Abschied hat uns tief bewegt, denn wir -hatten sie liebgewonnen. ‚Ich komme heute zu euch,’ sprach sie, ‚um -Abschied zu nehmen; meine Mission ist beendet, ich kehre in Gottes -hellen Tag zurück. Ich werde wieder Licht und Reinheit atmen, mein Ohr -wird wieder jene wunderbare Musik vernehmen, die meine stete Sehnsucht -war in den Zeiten, da nur häßliche und rohe Töne zu mir drangen. Ich -werde wieder von Frieden umgeben sein und die abgeklärte Freude um mich -sehen, die auf Erden niemand ahnen kann. Jubelt mit mir, die ihr mich -liebt, und denen ich danke für das Heim, das ihr mir geboten. Seid mir -gegrüßt! Ich gehe in Tag und Sonne!’” - -„In Tag und Sonne! Wunderbar, liebe Santa!” rief Stein, sprang auf und -schwang die Arme in einem elementaren Bedürfnis nach Entlastung. „Das -ist Wahrheit! Das ist die Welt der Seele! Ich fühle diese Santa, die -sich da um Leidende bemüht und sich nun wieder erhebt in Tag und Sonne!” - -Und wieder trat ihm Elisabeths hehre und entsagungsvolle Gestalt voll -in Empfindung und Bewußtsein. War nicht auch sie eine Santa? Jahraus, -jahrein im engen Krankenzimmer, während ihr Geliebter schönheitsdurstig -durch die weite Welt flog! - -„Kommen Sie!” bat Ingo, in dem allerlei Gedanken aufgewühlt waren. -„Lassen Sie uns wandernd über diese hohen Dinge sprechen! Ich bin nicht -zum Stillesitzen geschaffen. Wie machen Sie mir die Welt groß! Ich -fange an, die Enge nicht mehr zu fürchten, denn überall kann ja ein -Fenster nach der Ewigkeit offen sein. Wir wollen auf den höchsten Punkt -dieses Berges klettern, nach San Jeronimo, und von dort aus das Weltall -umarmen!” - -Der Konsul lächelte über seines jungen Freundes Überschwang. - -„Dazu brauchen wir nicht nach San Jeronimo”, sprach er. „Denn wir sind -überall umflutet und durchströmt von der Ewigkeit.” - -Doch brachen sie auf und wanderten. - -Der Nebel hatte sich in einzelne weiße Wolken verdichtet, die nun -wie Schwäne hoch oben im tiefblauen Himmel dahinzogen, während -ihre Schatten über den Berg schwebten. Stein empfand in sich ein -brustweitendes Jauchzen, kein Eremitengelüst. Er sang mit feierlich -hallendem Bariton Lohengrins Gesang: - - „Im fernen Land, unnahbar euren Schritten, - Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt; - Ein lichter Tempel stehet dort inmitten, - So kostbar, wie auf Erden nichts bekannt” ... - -Ihm war zumute, als hätte er eine Einweihung durchgemacht und ein neues -Land betreten. - -„Dieser Gralsberg”, sprach er, „soll das Ende meiner Ausfahrt bilden. -Ja, nun kommt die Heimkehr und die Einkehr. Ich habe Bausteine -gesammelt zu einer Seelenburg. Kann man nicht auf engstem Raum -seelische Kraft entfalten? So will ich im Herzen Deutschlands mein -Gralsuchen endigen.” - -Bruck freute sich, daß seine Mitteilungen so belebend wirkten. Sie -vertieften wandernd ihre Unterhaltung; sie blieben den ganzen Tag -im Freien, umgeben von einer mittäglich leuchtenden Ebene, an deren -östlichem Rande schmal und silbern das Mittelmeer schimmerte. Erst um -Sonnenuntergang stiegen sie wieder den Schluchtpfad hinab ins Kloster, -mit leichtem Rucksack, doch Herz und Haupt schwer von Bildern und -Gedanken. - -„Es ist ein Telegramm da.” - -„Für mich?” fragte Stein erschrocken. - -„Für uns alle: Schaller will mit seinen Damen, jung und alt, morgen -heraufkommen, wenn das Wetter gut bleibt.” - -„Ach, nur das! Wenn das Wetter gut bleibt? Das ist eine ungewisse -Sache; und ich weiß nicht, ob ich so höflich sein werde, hier im -Kloster zu warten. Mich drängt es wieder auf den Berg.” - -Tatsächlich zog der Spielmann und Gralsucher am andern Morgen allein -aus und hatte keine Lust, auf die Mozart-Mädchen zu warten. Ja, mit -einem gewissen Zorn schloß er sich ab; er empfand sich von jener Welt -als verschmäht. - -Das Wetter war unsicher; und so beschloß der alte Herr zurückzubleiben. -Doch Ingo versah sich mit Proviant und Mineralwasser und deutete an, -daß er am Ende gar in jener hohen Grotte übernachten werde. - -Er kletterte einen andren Pfad empor zu den Trümmern der südöstlichen -Einsiedeleien San Juan, Santa Katharina und San Onofrio, die in die -Ritzen eines umfangreichen rundlichen Felskolosses eingeklebt sind. -Diese Felsen sehen aus wie Bastionen und Rundtürme ohne Fenster und -Nietungen. Es steht dort ein Kapellchen. Gitter sind an den Türen -dieser kleinen Kapellen; man pflegt kleine Münzen hindurchzuwerfen. -Und so lagen viele Kupfermünzen, aber auch etliche Peseten, drin auf -dem Steinboden zerstreut, ein kleiner Sternhimmel. Ingo warf ein -Silberstück hinein und bat den Heiligen -- war es Sankt Johannes? --, -mitzubauen an des Pilgers künftigem Seelentempel. Er hatte in der Nacht -von Elisabeth geträumt; ihr Bild war immer wieder zusammengeflossen mit -der Geistergestalt Santas; und er blieb nun dauernd unter diesem edlen -Eindruck. - -Der Himmel deckte sich leise zu; es wurde geräuschlos eine Decke vor -die Sonne gezogen. Die Luft war still und selbst hier oben schwül. Auf -dem Platz der Vögel, im grünen Haingebüsch, freundete sich eine nahe -umherhüpfende Nachtigall klugen Auges mit dem Wanderer an. Doch Bruck -hatte ihm sein geheimnisreiches Buch mitgegeben -- ein Zeichen großen -Vertrauens, wie die Damen lächelnd betonten; und so lebte er heute -mehr nach innen. Am späten Nachmittag drang er über San Benito wieder -hinauf, besuchte noch San Dismas und die andren steil über dem Kloster -dem Ostwind ausgesetzten Siedeleien und suchte dann wieder die trockene -Felsengrotte von San Salvador auf. - -In seinem Rucksack lag neben Taschenlaternchen und Taschenrevolver die -indische Bhagavad Gita; aber er brauchte heute keines von den dreien. -Ihn fesselte des Konsuls Geisterbuch: dieses Fremdenbuch, worin sich -seine Gäste aus Geisterland eingezeichnet hatten. Er ließ Namen wie -Simonides oder Zoroaster, Mahatma Kut Humi oder Mahatma Morya auf -sich beruhen und vertiefte sich in Ton und Inhalt der Mitteilungen -selber. Eine ganze Welt jenseits der körperlichen Sinne und des -wissenschaftlichen Verstandes tat sich ihm auf. Und plötzlich entdeckte -er lose Einzelblätter, bedeckt mit uralter Schrift, die nach Art -asiatischer Schriften in krausen Strichen untereinander geschrieben -war: eine Geisterschrift. Daneben die Übersetzung: - -„Hammar der Herrscher bin ich genannt. Gewaltig war das Reich, das -meine Hand regierte, fruchtbar und von wunderbarer Schönheit; mächtig -das Volk, das meinem Willen untertan. Dennoch stürzten wir in den -Abgrund, der Herrscher, das Volk, das Land, ja der Weltteil, der uns -trug. Die Schuld war mein, die Gier, die in meinem Herzen fraß; nicht -die Sucht nach rotem Gold: meine Schatzkammern konnten den Reichtum -nicht bergen; nicht der Wunsch nach wonnigem Weibe: keine Frau meines -weiten Reiches wagte je mir nein zu sagen; nicht Rachegedanken der -Vernichtung meiner Feinde: ich hatte nur einen, dessen Macht mir -unbekannt war -- brennenden Ehrgeiz nach einem Wissen, das kein Mensch -zu erlangen fähig wäre außer mir, nach einem Wissen, das mich in -Menschenherzen lesen ließe, das mir ermöglichte zu strafen, wie nie -ein Kaiser gestraft, nicht Taten, nicht Worte, nein: Gedanken! Das Volk -war seines Herrschers wert: knechtisch sein Sinn, müßig seine Hände, -lüstern nach allem Erdengenuß seine Wünsche. Da kam, was unausbleiblich -war: die Rache eines, der größer war als ich, durch sein Werkzeug, -das ewige Meer. Wir stürzten hinab. Dir aber, niedrig geborenes -Menschenkind, bekennt dies heute, den stolzen Nacken beugend, Hammar -der Herrscher.” - -Und daneben ein zweites Blatt in demselben granitenen Stil: - -„Auch ich bin aus fürstlichem Geschlecht und habe in versunkenem -Glanz mein Menschenlos erduldet. Jetzt, nach Jahrtausenden, klingt -wohl nicht Überhebung aus meinen Worten, wenn ich euch sage: Ich -war nicht schlecht, nicht müßig, nicht lüstern nach Erdengenüssen. -Dennoch ereilte auch mich die Strafe, weil ich die irdische Liebe der -himmlischen voranstellte. Mit Leidenschaft liebte ich Hammar, meinen -Herrscher. Der Herr meines Herrn wollte mich nicht verderben und -sandte mir einen Lichtgeist, der berufen war, mich zu retten vor dem -Zusammensturz. Ich jedoch sagte ihm jauchzend: Mit Hammar unterzugehen -gilt mir mehr als eure Himmelsseligkeit! Da brachen Nacht und Verderben -über mich herein. Gebüßt ist nun die Schuld, und mit Hammar auf ewig -vereint ist Falosa, die nie die Treue brach.” - -Klang diese lapidare Kunde nicht wie ein Ton aus der versunkenen -Atlantis? Oder aus dem untergegangenen Lemurien? Was für Lebensbeichten -in wenigen großzügigen Worten! Wie verschieden von der weichen Santa -und den zaghaften Blumengeistern diese heroische Falosa, die nie -die Treue brach! Steins Verstand lehnte diese Botschaften ab, seine -Phantasie stimmte zu. - -„Wenn die unsterbliche Menschenseele”, sprach er, „mehr als einmal auf -Erden verkörpert wird: haben wir vielleicht einst auf jener Atlantis -gelebt, Friedel und Elisabeth und ich? Haben wir damals vielleicht -_nicht_ gesiegt -- und sollen diesmal siegen?” - -Die Dämmerung begann. Er schnitt mit seinem Messer Gras und Buschwerk -zu einem Lager zurecht, hielt plötzlich inne und lachte hallend hinaus, -als ihm der Gedanke in den Sinn schoß: Jetzt warten da unten die -Mägdlein aus Barcelona! Laß sie warten! Überwunden! Er rollte sich -in seinen langen Lodenmantel und schlief in milder Nacht fest und -unbehelligt. - -Gnomen saßen drollig und treuherzig am Eingang der Höhle und wunderten -sich über den Sonderling; es huschten Blumengeister vorüber, -Luftgeister machten sich bemerkbar, wisperten, spähten, lachten, -tanzten. Dann kamen stärker leuchtende Geistgestalten ehemaliger -Einsiedler, verscheuchten die Elementarwesen und wandelten in -bedächtigen Gesprächen vor der Grotte hin und her. Die Luft erhellte -sich in immer weiterer Strahlung; es sammelten sich in lichten -Gestalten Äbte, Fürsten und Könige. Und über dem ganzen Berg begann -es zu flimmern. In immer schärferen Umrissen gestaltete sich dort ein -kosmischer Kuppelbau aus Gold und Edelstein und durchsichtigem Marmor, -von Türmchen und Kapellen umgeben, maurisch im Stil und zugleich -romanisch und gotisch, Licht auswerfend in einem ungeheuren Halbkreis; -und auf seiner Spitze funkelte rubinrot das Kreuz. Diese Tempelburg -ragte durch das Weltall hinauf, strahlend in den Farben aller edlen -Gesteine. Sonnen hingen darin wie Ampeln; durch die Kristallwände -hindurch glühten viele flammende Pünktchen aus dem unermeßlichen, bis -in alle Einzelheiten planvoll genauen Wunderbau. Und alle Geister der -Natur staunten hinauf; und erlesene Geister der Menschen machten sich -auf und wanderten in unabsehbaren, lichtausstrahlenden Zügen durch die -Luft himmelan, zu des Tempels mächtigen Bogentoren, wo weiße Gestalten -der Verklärten unter Orgelklang und Chorgesang wartend standen. Je mehr -Leuchtgestalten einströmten, um so heller strahlte die Tempelburg, um -so voller tönten daraus die kosmischen Harmonien. - -Dem noch ungereiften Träumer auf dem Gipfel des Montserrat wurde das -Bild zu gewaltig. Er stürzte, er tastete nach irgendeiner nahen, warmen -Menschenhand. Da umfloß ihn wohlig weißes Gewölk. Aus dem weißen und -weichen Gewölk löste sich eine Gestalt: und lächelnd stand an seinem -Lager seine Jugendfreundin Elisabeth. - - * * * * * - -Neben diesem Phantasieleben vernachlässigte der Gralsucher nicht seine -wissenschaftlichen Studien. - -Er hatte sich die neuesten Schriften über die Gralsage beschafft, -kannte die Forschungen des Indologen Schröder und seines Schülers Junk -und deutete mit den Sprachforschern den Namen Perceval als Becherfinder --- sich selber und sein Suchen mit diesem Parzival verbindend. Denn -ihn fesselten auch wissenschaftliche Spürungen nur so weit, als er sie -in seelisches Erlebnis umwandeln konnte. Diese Gralsmythe, wobei die -Zahl zwölf von Bedeutung scheint, führte den Spielmann zum Durchdenken -des Zahlenspiels, das sich in Mythus, Märchen und Symbolik so gern und -mit einer gewissen Gesetzmäßigkeit wiederholt: die zwölf Jahresmonate, -die zwölf Tierkreiszeichen, die zwölf Apostel, die zwölf Stämme der -Israeliten; die sieben Rosen am Rosenkreuz, die sieben Wochentage, die -sieben Brüder im Märchen, die Siebenzahl im Rhythmus des menschlichen -Lebens, von der Pubertät mit zweimal sieben Jahren bis zum biblischen -Normalalter mit der zehnfachen Sieben. Hier ahnte der Musiker Harmonien -und geheime Gesetze. Der ganze Kosmos mit seinen Sonnen, Planeten -und Kometen schien ihm ein gewaltiger Körper mit genau geordnetem -Blutumlauf. Und er landete schließlich, sonderbar genug, bei einer -Betrachtung der alten Cheopspyramide, über die er sich einen Aufsatz -in seine Gralsschriften gelegt hatte, und ihrer unlösbaren großzügigen -Zahlenrätsel. - -Das ließ in ihm die Vermutung aufsteigen, daß eine geheime -Überlieferung großer Grundgesetze des Lebens durch die Menschheit -gehe, bald hier und bald dort in wechselnden Symbolen und Denkformen -auftauchend. Kaum war ihm dieser Gedanke wahrscheinlich geworden, so -blitzte in seinem rastlos schaffenden Geiste ein Gefühl der Möglichkeit -auf, in welcher Weise die vorchristliche und die außerkirchliche -Denkrichtung durch diesen Strom der Geheimlehre mit dem Wesentlichen -des Christentums versöhnt werden könnte. Ihn hatte das kirchliche -Dogma von Sünde, Buße und dem leidigen Marterholz nie im Tiefsten -zu erschüttern vermocht; ein Bußetun in Sack und Asche und die -breite Ausmalung der Marterungen Christi schien ihm eine Verzerrung -der Menschenwürde und des Seelenadels. Nicht zwar die Tatsache der -Reuestimmung selber focht er an und noch weniger die Größe der Opfertat -auf Golgatha, jener geheimnisvollen Vermischung göttlichen Blutes mit -den Lebensfluten der Erde, wohl aber ihre plastische Herausstellung -auf allen Wegen und Stegen. Es gab vielleicht eine derbsinnliche -Zeit der Unreife, die das brauchte, wie das Mittelalter seine derben -Folterinstrumente; aber ihm schien, als ob hier ein Schematismus die -Herrschaft gewonnen habe, ihm schien, als ob die ersten Christen viel -mehr den auferstandenen, segnenden, emporziehenden Christus liebeswarm -und lebensvoll empfunden hätten. Hier nun, im leuchtenden Symbol des -Grals und im anmutig-tiefen Sinnbild des Rosenkreuzes, stellte sich ihm -herzliche Ergriffenheit her; sein Schönheitssinn wurde zugleich mit dem -ernsten Grundton seiner Seele in Schwingung versetzt. Und so war er -verstehend auch mit jenen Mystikern gegangen, die einst gleichzeitig am -Rhein entlang religiöse Grundgefühle neu belebt hatten: Seuse, Tauler, -Eckehart und Ruysbroeck. Es war poesievolle Frommheit, die bereits in -Franz von Assisi unmittelbar die Malerei anregte und Religion mit Kunst -versöhnte. - -So füllte sich auf dem Gipfel des Montserrat sein Herz mit großen -Empfindungen und sein Notizbuch mit Gedanken und Gedichten. So -versöhnten sich Spielmann und Gralsucher. Und der Plan eines Buches -zeichnete sich in Umrissen an den Horizont: die Versöhnung zwischen -Kunst und Religion. Es war kein Aberglauben, dem er anheimfiel, es war -Märchenglauben, dessen Bildersprache Wahrheiten einhüllte. Im übrigen -blieb der hochgebildete Idealist seinen Meistern treu: Goethe und dem -Johannes-Evangelium ... - -„Sie glauben nicht, wie es mir eine Wohltat ist, mich mit Ihnen -aussprechen zu dürfen, Herr Baron”, sagte der Konsul, als Ingo am -folgenden Abend unter strömendem Regen und triefendem Lodenmantel -wieder in die Korridore des Fremdenhauses eintrat. „Ich habe mich -ordentlich nach Ihnen gesehnt. Schaller ist glücklicherweise nicht -aufgetaucht; der verschnörkelte Park Güell in Barcelona gefalle ihm -besser als der ganze Montserrat, schreibt er; und ich kann auf das -Geplauder jener unbedeutenden Frauen und Mädchen, offen gestanden, hier -oben gern verzichten. Aber mit Ihnen kann ich mich aussprechen. Und das -tut mir wohl, denn ich bin ein einsamer Mann.” - -„Dieses Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit, lieber Herr Konsul”, -erwiderte Ingo mit Wärme. „Und wenn's auf mich ankommt, so bleiben wir -hier oben nicht drei, sondern dreimal drei Tage.” - -Und so kam es auch. Die vier Menschen freundeten sich in diesen -stillen, großen und einfachen Verhältnissen herzlich untereinander an. -Das Gespräch war beseelt. Manchmal saßen sie bis weit in die Nacht -hinein ohne Licht, in Unterhaltung über hohe oder einfache, aber vom -Hohen aus verklärte Dinge, während schwere Wolken über die schweren -Felsen zogen und die Gebirgspfade in Gießbäche verwandelten. - -Auch jetzt noch fühlten sich die beiden wetterfesten Männer zu -einfachen Spaziergängen angetrieben, wobei des Berges nasse Öde groß um -sie aufgetürmt lag. So wanderten sie zuletzt nach Santa Cecilia, an der -unheimlichen Nordwand des Berges entlang. - -Der Konsul erzählte von seinen Fahrten. - -„Ich habe auf einem Dreimaster vom Schiffsjungen bis zum Steuermann -gedient. Sie machen sich keinen Begriff, wie großartig für mich das -Gefühl war, als wir in einer Wolke von Segeln über die südlichen Meere -flogen, zumal nach einem Sturm, wenn noch tagelang bei bedecktem Himmel -schwere Wogen rollen, überflogen vom Sturmvogel Albatroß. Man lernt da -gleichsam teleskopisch die Welt betrachten.” - -„Hat sich Ihnen, Herr Konsul, vielleicht in den Einsamkeiten des Ozeans -Ihre Gabe des Geisterschauens ausgebildet?” - -„Das liegt mir doch wohl von meinem westfälischen Vater und meiner -schottischen Mutter her im Blute. Ich spreche, wie Sie sich denken -können, nicht viel und nicht zu jedermann von dieser Besonderheit. -Sehen Sie, es ist ja oft so schmerzlich, wenn mit dem Tode eines -lieben Angehörigen die gemeinsame Sprache aufhört. Aber die Menschen, -so gern sie vom Reich der Gestorbenen hören möchten, fürchten sich -und empfinden es als ein Gespensterland. Oder sie helfen sich mit der -bekannten platten Wendung: mit dem Tode sei alles aus. Und doch gibt es -auch für den nicht hellschauenden überlebenden Menschen eine Sprache, -die drüben verstanden wird: wenn er nämlich Gedanken edler Liebe dem -Verstorbenen zusendet. Das wirkt auf den Hinübergegangenen wie eine -wohltuende Kraft. Und sehen Sie, mein lieber Herr Baron, hier öffnet -sich nun eine Brücke, die jeder Mensch betreten kann, sobald er einmal -das Wesen wahrer Liebe erfaßt hat. Zwar der fassungslos tobende Schmerz -etwa einer Mutter um ihr Kind fördert nicht, sondern beschwert eher -den kleinen Geist. Und manche Abgeschiedene sind drüben anfangs ebenso -verstört und unglücklich wie die Zurückgebliebenen, wenn sie unreif -und unvorbereitet hinüberkommen. Aber die Wissenden und selbstlos -Liebenden, die schon im Erdendasein auf das Übersinnliche eingestellt -waren: wie ruhig und einfach fahren sie an das andere Ufer! Sie winken -sich zu und sagen: Auf Wiedersehen! Der Tod ist ja nur ein Wechsel der -Daseinsform und der Wirkungsweise. Und wenn der überlebende Freund -hinüberkommt, wird er empfangen von allen, mit denen er hier schon -durch Bande unvergänglicher Liebe magnetisch verbunden war.” - -„Ist das also wirklich Tatsache? Kein von Menschen erfundener Trost?” - -„Das ist Tatsache. Wer ins Geisterland schauen kann, der weiß das. -Haben Sie mir nicht von jenem Oberlin erzählt, der sich mit seiner -gestorbenen Gattin unterhielt? Zwiesprache solcher Art kann ich aus -Erfahrung bestätigen. Im übrigen ist die Kluft zwischen Diesseits und -Jenseits nicht zwecklos. Wir haben hier unsre Aufgabe zu erfüllen, und -jene drüben die ihrige. Es geschieht dies alles nach großen Gesetzen. -Aber in allem waltet als oberstes Gesetz die göttliche Liebe und -Weisheit. Das hat der Sendbote von Golgatha verkündet, der von drüben -kam und es wußte. Und von der Wahrheit dieser Botschaft bin ich bis in -das Tiefste durchdrungen.” - -So sprach der ungewöhnliche Mann. - -Und hier stellte nun Ingo eine bedeutsame Frage, die so einfach klang -und so oft schon die Menschheit aufgewühlt hat: - -„Was halten Sie von Christus?” - -Des Spielmanns Begleiter schaute, mit einem eigenen, tief ernsten -Blick, ins Weite. Der Ausdruck dieses wetterbraunen Gesichtes -wechselte. Offenbar wog er nun sorgsam ab, was er sagen wollte. - -„Es ist das tiefste Lebens- und Liebesgeheimnis des Sonnensystems. Wie -die Sonne zu den Planeten, so verhält sich dieses hohe Lichtwesen zu -den Seelen der Erschaffenen. Das Kreuz hat die Gestalt eines Menschen -mit ausgestreckten Armen; es ist das Symbol jenes Lebens, das sich -liebend opfert. Das Kreuz ragt durch den Kosmos: es ist die Weltesche -Yggdrasil. Und vor dem Glanze des Herzens, das im Mittelpunkte dieses -Kreuzes glüht, erbleichen die Gestirne.” - -Der Konsul hatte leise und mit Ergriffenheit gesprochen. - -„Verzeihen Sie,” fügte er wie entschuldigend hinzu, „man darf von -diesen Dingen nur in Andacht sprechen. Meine Mitteilungen von Gnomen -und andren Geistern sind Spielerei neben der Gewalt und Größe des -Kreuzes oder des Rosenkreuzes.” - -Der sonderbare Mann wuchs vor Ingos Augen und schien ein andrer zu sein -als zuvor. - -„Das Rosenkreuz?” fragte der Landsmann der heiligen Elisabeth. „Können -Sie mir Näheres darüber sagen?” - -„Es ist ein Kreuz von dunklem Holz, aus dem im Kranze sieben rote -Rosen blühen. Sind Sie niemals Menschen begegnet, aus deren reifem -und gütigem Wesen Leuchtkraft ausging? In diesen Menschen glüht das -Rosenkreuz. Denn die niedren Kräfte ihrer Natur haben sich verwandelt -in die Rosen der Liebe. Die glühenden Wunden sind blühende Blumen -geworden.” - -„Das ist herrlich!” rief Ingo. „Demnach ist das Kreuz die Materie oder -die Natur -- und die Rosen sind das Geistige oder Ewige, was daraus -erblüht?” - -Nun blieb der Konsul stehen. Er war unbedeckten Hauptes, da er fast -immer ohne Hut ausging, auch bei kühlem Wetter. - -„Und sehen Sie,” sprach er mit Kraft und Feuer, „das eben ist der -andre Weg zum Erfahren der Unsterblichkeit. Sie brauchen nichts von -meinen Geistern zu wissen, Sie brauchen nicht an sie zu glauben. Aber -wer einmal das Wesen wahrer _Liebe_ erlebt hat, der spürt und weiß, -daß diese Seelenkraft unvergänglich ist. Ihm braucht die Ewigkeit der -Menschenseele nicht bewiesen zu werden, denn er _erlebt_ sie. Wir -Seher bestätigen ja nur, was schon als Ahnung und Gefühl in jeder -erwachten Menschenseele sicher verankert ist. Oder glauben Sie, daß -durchleuchtete und liebende Menschen noch nach Beweisen für die -Unsterblichkeit umhertasten?” - -„O nein!” erwiderte Ingo mit vollem Verständnis. „Denn das Unsterbliche -ist ja in ihnen aufgeblüht.” - -„Aufgeblüht!” rief der Seher. „Das ist das Wort! Aufgeblüht! Und nun -setzen Sie statt der leuchtenden Rosen den leuchtenden _Gral_ -- und -Sie _haben_ das Geheimnis!” - -So war Ingo auf eine neue Höhe geführt worden. - -So verstanden sich Jungmann und Meister ... - - * * * * * - -Der Einsiedlerberg Montserrat bedeutete für den Wanderer Läuterung -und Einkehr. Ingo räumte in seinem Herzen den Platz frei für einen -Tempelbau. - -Nicht Zerknirschung in Sack und Asche lag seiner männlich-elastischen -Erscheinung, der ein Mozartzopf nebst Galanteriedegen recht artig -gestanden hätte, wohl aber schlichte Erkenntnis und reines Empfinden -dessen, was bisher versäumt und was künftig aufzubauen war. Das Rätsel -der Sphinx scheint ja so schwer und furchtbar und ist doch nichts -weiter als die klare, nahe, mutige Einsicht in Wesen und Würde unsrer -unsterblichen Menschenseele. - -Ein tief empfundener Brief ging an Frau Friedel hinaus; ein herzlicher -Gruß an Elisabeth; warme, gute Worte an Bruder und Vater. Und als ihm -sein Freund, der Schriftsteller, aus nordischen Studien heraus eine -Ansichtskarte sandte, ein Waldbild von Birken und Tannen, ergriff den -Pilger das Heimweh nach Orgelton und Tempelstille des innig geliebten -deutschen Waldes. Stand noch die Tanne vor dem alten Thüringer -Herrenhause? - -Die vorletzte Nacht auf dem Montserrat war wieder voll Schwermut. Wie -viel gute Arbeit hatte der Wanderer auf all der Irrfahrt versäumt! -Als er sich nach seiner Gewohnheit mit raschem Schwung zu Bett warf -und in die Wolldecke hüllte, streifte er die halbvergessene Laute. -Es klang ein Ton in die schmucklose Zelle. Da empfand er sein Leben -wie ein wehmütig Märchen, dessen irrender Held immer im Zauberkreise -umherwandert. - -„Es war einmal ein Dümmling, der lief von Heimat und Jugendfreundin -fort und rannte in wunderlichen Windungen hartnäckig einem -verschleierten Frauenbild nach. Und als er endlich die ersehnte Gestalt -erreicht hatte und ihr den Schleier vom Angesicht riß -- wen sah er? -Seine Jugendfreundin!” ... - -In unerwarteter Wendung wies ihm das Schicksal den Heimweg. - -Denn am neunten Tag kam eine Karte aus Genf. - -Dieser Kartengruß erregte des Spielmanns Phantasie bedeutend. - -Wallace und Leroux, seine Bekannten von der Riviera, schickten diese -unvermutete und aufstörende Botschaft. Sie hatten sich in Genf mit -Freiin Elisabeth von Stein-Birkheim bekannt gemacht und sandten nun -gemeinsamen Gruß. - -Jetzt war es mit Ingos Sammlung zu Ende. Mit einem Schlage sah er -seinen Pfad erhellt. Elisabeth in Genf?! Und bei Wallace und diesem -koketten Leroux?! Er wurde unruhig. Lebenshunger durchglühte wieder den -gesunden und kräftigen jungen Mann. - -Schon am nächsten Nachmittag, immer rasch in seinen Entschlüssen, saß -er auf der Bahn, nach einem herzlichen, ja innigen Abschied von den -Freunden, und fuhr über Barcelona wieder nach Norden. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Achtes Kapitel - -Am Genfer See - - O ihr seid stark und wißt es nicht, - Denn stark ist nur der Liebe Band. - - _Droste-Hülshoff_ - - -Elisabeth von Stein-Birkheim saß mit ihrer Mutter am Fenster eines -Genfer Hotels. - -Die edlen Profile der aristokratischen Damen hoben sich in der -Beleuchtung des späten Nachmittags deutlich hervor. Beide Langköpfe -glichen einander in der graden Stirn und Nase und ebenso in der Knotung -der schweren Haare. Nur war die alte Dame silberhaarig, die junge -dagegen von einem matten Rotblond; und dem bleichen, etwas gelblichen -Antlitz der zurückgelehnten Kranken entsprach auf der andren Seite die -zartrosige Gesichtsfarbe der immer grade sitzenden Elisabeth. - -Sie hatte aus einem Roman des Franzosen Romain Rolland vorgelesen, der -sich durch sonnige Stimmung abhebt von den üblichen Erzeugnissen dieser -Art. Aber die Damen hatten dabei festgestellt, daß ihr Französisch -ziemlich verblaßt war; Elisabeths lange und feine Hand hatte mit -störender Häufigkeit das Taschenlexikon befragen müssen. Nun griff sie -wieder zu ihrer Stickerei und gestand ihrer Mutter, daß sie sich jetzt -erst wieder auf vertrautem Boden fühle. - -In läßlichem Geplauder gingen einige Minuten vorüber. Dann schlug Frau -von Stein plötzlich ein Gespräch an, das scheinbar ohne Zusammenhang -mit dem Vorausgehenden in der Luft hing. - -„Ich muß mich immer wieder verwundern,” sprach sie in ihrer vornehm -gedämpften und ziemlich kühlen Art, „wie es dieser Phantast Ingo so -lang im Ausland, in Frankreich oder wo er sich sonst herumtreibt, -aushalten mag. Er scheint doch von der hübschen Trotzendorff mehr als -schicklich engagiert zu sein.” - -Die betagte Dame sprach mit einer etwas dünnen, spröden, vor Alter und -Gebrechlichkeit leicht zitternden Stimme; und sie sprach sehr langsam -und bedächtig, fast ein wenig geziert. - -Elisabeth gab zunächst keine Antwort; denn da war eine wehe Stelle, die -bei der leisesten Berührung empfindlich schmerzte. - -Dann aber äußerte sie leichthin: - -„Laß du ihn nur ganz ruhig auf seinen Meeren fahren, Muttchen! Er wird -sich schon einmal wieder an Land finden.” - -Ihre Stimme war um manche Grade voller und herzlicher als die ihrer -eingefallenen, vertrockneten Mutter, obwohl sich im zurückhaltenden Ton -beide Damen glichen. - -Dann schwiegen sie wieder. Frau von Stein zog die Decke fester um -die Knie, faltete die Hände und schloß ein wenig die Augen. Auf der -Straße fuhren die Wagen; jenseits des Hafens schimmerten bläulich die -beglänzten Alpen. Doch der breite, weiße Montblanc, der sonst wie ein -Weihnachtsland zwischen den Gipfeln des Môle und des Petit-Salêve -herüberschimmert, blieb heut' im Duft verborgen. - -„Ich verstehe nicht,” spann die Mutter nach einem Weilchen hartnäckig -den Faden weiter, „wie er sich so auffallend an die Trotzendorffs -anschließen konnte. Ihnen zuliebe hat er sich in Weimar die Wohnung -eingerichtet und ist auf dem Gute überhaupt nicht mehr zu sehen. Alle -Welt spricht davon, und dieses Verhältnis ist auch ganz und gar nicht -zu billigen, das wirst du mir nicht bestreiten, Elisabeth.” - -Elisabeth bestritt es nicht. Sie nahm sich zur Antwort Zeit und sagte -nach einer besinnlichen Pause: - -„Nun, Mama, es ist aber schließlich doch wohl zu begreifen. Unter -seinen Verwandten und früheren Freunden ist er mit seinen poetischen -und musikalischen Interessen so gut wie gar nicht verstanden worden, -das wirst du doch zugeben. Und dann -- Frau von Trotzendorff ist eben -eine Künstlernatur, die ihn versteht. Auch die beiden Knaben hängen -sehr an ihm, und Richard ist von Kopf zu Fuß ein Edelmann.” - -„Das ist ja wohl wahr”, nickte die Freifrau. „Dieser Major von -Trotzendorff ist ein Gentleman, ein nobler Charakter, das muß man -gelten lassen. Aber es ist doch nicht schicklich, dieses ganze -Verhältnis; der Gatte sollte minder tolerant sein. Nein, nein, du -redest mir das nun einmal nicht aus! Dieser Ingo ist überhaupt -sonderbar; ich habe ihm nicht vergessen, wie er einmal über den -preußischen und pommerschen Adel demokratisch abgeurteilt hat. Das -sind Anwandlungen, die in seine Familie ganz und gar nicht passen. Ich -bitte dich, am offenen Tisch zu behaupten, einem richtigen ostelbischen -Junker sei ein Kalb wichtiger als ein Dichter! Wie kann ein Sohn aus -altem Hause so unfair über Standesgenossen urteilen! Aber so ist er!” - -„Wenn er aber nun recht hätte, Mama?” - -„Elisabeth!” - -„Im Ernst, Mutti: wofür hat zum Beispiel Ingos Bruder Interesse? Für -Hunde, Jagd, Pferde, landwirtschaftliche Ausstellungen -- und was noch?” - -„Ja gewiß -- aber -- er ist doch nun einmal Landwirt! Gewiß, ich gebe -ja zu, Ingo ist ein intelligenter Mensch. Aber wie weit hat er es denn -gebracht mit all seiner Intelligenz? Und weil er es zu nichts gebracht -hat, droht er nun zu verbittern und zieht sich von den natürlichen -Lebensgewohnheiten seines Standes ins Ausland zurück. ~Voilà, ma -chère!~ Das bestreite du mir einmal, wenn du's vermagst! Er hätte -Offizier werden oder sich dem Staatsdienst widmen sollen. Solche -Talente gehören in die Nähe Seiner Majestät, er wäre da sicherlich ein -großer Mann geworden.” - -„Hast du in der Nähe Seiner Majestät schon einmal große Männer gesehen?” - -Es zuckte ironisch um Elisabeths Mundwinkel; sie war sonst sehr -gehalten, sehr höflich und herzlich, sehr konservativ. Aber mitunter -brach eine sinnlich-wohlige Laune aus diesem gesunden Mädchen heraus, -dessen Lebensgeister einst in verliebten Stunden wachgeküßt worden und -nun seit langem nur der Krankenpflege zugekehrt waren. Und in solchen -Stimmungen kamen, immer noch fein und dezent, aber recht merklich, -Kobolde und Neckgeister über die ehemalige Schwester vom Roten Kreuz. -Es gelüstete sie dann, gerade ihre allzusehr auf das Schickliche -bedachte Mutter in die Enge zu treiben. - -„Elisabeth, ich weiß wirklich nicht, wie du mir heute vorkommst”, -wehrte sich Frau Mathilde von Stein. „Du weißt doch ganz gut, was ich -mit dieser Bemerkung sagen will. Ich habe ja absichtlich dem Gespräch -eine Wendung gegeben, die dir angenehm sein muß. Stein ist begabt, er -könnte ebensogut wie ein anderer etwa Generalintendant der Königlichen -Schauspiele sein, das will ich damit nur sagen.” - -„Hältst du die Generalintendanten der Königlichen Schauspiele für große -Männer?” - -„Aber es sind doch Leute von Titel und Rang! Stein hat doch gewiß -ebensoviel Verstand!” - -„Glaubst du, daß zum Generalintendanten Verstand gehört?” - -„Ja aber -- hör' mal, Kind, du willst mich heute ärgern!” - -Elisabeth sprang lachend auf, legte den Arm um ihre Mutter und küßte -sie in einem närrischen Anfall ordentlich ab. - -„Muttichen, kleines, du hast ja keine Ahnung, wie es draußen in der -Welt zugeht! Aber auch gar keine Ahnung hat unser kleines, dummes -Muttichen!” - -Die Baronin ärgerte sich, zupfte sich wieder zurecht, und die Baroneß -nahm ihre Stickerei wieder auf. - -„Über diesen Ingo von Stein werd' ich mich mit dir schwerlich jemals -verständigen, Elisabeth”, schloß die alte Dame etwas verdrießlich die -Unterhaltung über diesen Gegenstand. „Du hast ja schon als Kind immer -zu ihm gehalten. Und heute noch stellst du dich wie ein Engel mit dem -Schwert neben ihn, sobald man diesen absonderlichen Herrn ein wenig zu -kritisieren wagt. Und dabei hat er doch wahrlich nicht schön an dir -gehandelt.” - -„Laß das, Muttchen!” - -Eine stärkere Röte stieg in Elisabeths Schläfen empor. Sie preßte -die Lippen aufeinander, entschlossen, auf das Gespräch nun nicht -mehr einzugehen. Die Mutter kannte diesen Zug und schwieg. Und so -hatte sie Zeit, an den Geliebten zu denken, den diese Unterhaltung -wieder heraufbeschworen hatte. Sie ertappte sich plötzlich auf der -sinnlich-süßen Vorstellung, wie innig und närrisch er doch zu küssen -und zu kosen verstand, nicht nur ihren Mund, auch ihre Ohrläppchen -und andre Lieblingsstellen, wenn er einmal so recht in der Narrheit -drin war. Ihr selbst war eine passive, aber zähe Sinnlichkeit eigen; -sie preßte ihn in ihre starken Arme, als wollte sie ihn nie mehr -fortlassen, und ließ mit Wonne seine phantasiereichen Koseworte über -sich herabrieseln, als hätte sich der Himmel geöffnet und Jupiter -besuchte seine Geliebte in Form eines Goldregens. Der Geliebte war oft -stürmisch, doch niemals roh; aber oft auch zornig, weil „der Stein nur -Stein umarme”! - -Und da wurden ihre Gedanken düster und wurden sehr beschattet. Denn -hier fing das Leid ihrer Trennung an. Sie war gegenüber seinen -sturmhaft-närrischen Einfällen und Zärtlichkeiten zu schwerfällig, zu -unerfinderisch, während ihm Genialität aus allen Poren sprühte und dann -unbefriedigt und verdrossen wieder erlosch. - -Dies alles, oft schon durchdacht, zog wieder einmal durch Elisabeths -reifes und tiefes Gemüt. - -In einem der letzten Briefe hatte er ihr damals geschrieben, er sei in -der umgekehrten Lage als jener griechische Bildhauer: „während jener -Glückliche die schöne Statue lebendig geküßt hat, wirst Du unter meinen -Küssen immer mehr zur schönen Statue”. Oh, sie wußte diese Briefstellen -auswendig! „Hast Du je um Deinen Geliebten gekämpft? Hast Du nicht -immer bequem gewartet, bis er zu Dir kam? Hast Du je eine kühne, -meinetwegen unschickliche Fahrt gewagt, wenn Du ihn in seelischer Not -wußtest?” So stand in jenen letzten Briefen. „Du bist reinlich und -ruhig, höflich und herzlich; aber Dir fehlt Phantasie und Philosophie, -Du bist schwer, statt schwungvoll.” - -„Ja, das ist alles wahr”, dachte Elisabeth in immer erneuter -Beschämung. „Und was ich ihm nicht geben konnte, das hat ihm dann jene -Frau gegeben.” - -Es stieg ihr siedend heiß das herbste und letzte seiner Zornworte in -der Erinnerung empor; auf sein letztes Buch, das er ihr mit langem -Brief gesandt, hatte sie nur in der ihr eigenen konventionellen Kürze -geantwortet: das Buch wäre recht „nett”, und sie danke schön dafür. -Da brauste er aber heftig auf. „Ich sende Dir mein Herzblut -- und Du -findest es nur nett?! Abscheulich Wort! Pfui, schäm' Dich!” - -Ja, sie schämte sich. Elisabeth schämte sich bitterlich. Das war sein -letzter Brief gewesen. So hatten sie sich verloren. Weil sie zum -Mitfliegen zu lässig und oberflächlich war. Aber inzwischen hatte -Elisabeth in Pommern drei aufrüttelnde Lehrjahre durchgemacht. Jetzt -glaubte sie Ingos Bücher und Briefe zu verstehen; und sie gab ihm recht -in allem, sich selber die Schuld aufbürdend und für ihn betend jede -Nacht ... - -Es pochte. - -Der Oberkellner trat ein, überreichte einen Blumenstrauß nebst -Briefchen und entfernte sich wieder. - -„Gewiß wieder von dem reizenden jungen Franzosen”, meinte die Mutter. -„Das ist ein wirklich charmanter Mensch.” - -„Ja, von Leroux. Er sendet dir die Blumen, Mama, und mich lädt er zu -einer Kahnfahrt ein.” - -„Tu das, Kind, geh ein wenig an die Luft! Du tust mir sogar damit einen -Gefallen, denn ich möchte recht gern ein klein wenig ruhen, es war -heute reichlich viel Lektüre.” - -So machte sich denn Elisabeth zurecht und war Weib genug, in ihrem -Zimmer verhältnismäßig lang vor ihrem Spiegel zu stehen. Sie war nach -der Grübelei wieder in jene lebensheitre Stimmung zurückgeschnellt und -in ihrem kribbelnden Blut beinahe zu Streichen aufgelegt. - -Der mattleuchtende Vollmond stand schon über dem Gipfel des Môle und -wetteiferte vorerst machtlos gegen die stark hereinschimmernde, das -ganze Land beherrschende Abendröte. Der junge Pariser war entzückt, daß -die Baroneß auf seinen Vorschlag einging. Sie wanderten miteinander den -Quai du Montblanc entlang, nahmen am Hafendamm ein Boot und fuhren -hinaus. - -Veilchenfarben glänzten Luft und See. Die ölige Fläche war von -zauberhafter Glätte; lange Furchen blieben hinter Schwänen und Nachen -weithin eingegraben in die schweren, stillen Wasser. In diesen -bezaubernden Farben ruderten die beiden jungen Menschen durch die -unbewegte Flut und spürten auch in sich den alles belebenden Mai. - -René Leroux war eine eigenartige Mischung von Kindskopf und -kultiviertem Pariser. Er entbehrte bei aller muntren Treuherzigkeit -nicht ganz des koketten Raffinements. Da sich die beiden sympathischen -Herren als Freunde Ingos eingeführt hatten, so war rasch ein -vertraut-höfliches Verhältnis zu den deutschen Damen hergestellt, die -ziemlich neugierig waren, Näheres über den abenteuernden Verwandten zu -hören. Die kränkelnde Freifrau brauchte viel Ruhe; Elisabeth war also -dankbar für diesen willkommenen Anschluß, der sich in den besten Formen -der Gesellschaft vollzog. - -Das große deutsche Mädchen hatte auf den etwas jüngeren Franzosen -sofort einen unwiderstehlichen Eindruck gemacht. Er war elektrisiert. -Wie reif! wie ruhig! wie edel in der Bewegung! wie hübsch die Büste, -das Haar, der ganze schlanke Bau, der an jene herrlichen Statuen am -Südportal des Straßburger Münsters erinnerte: Kirche und Synagoge! -Er konnte seine schwarzen Augen kaum von ihr abwenden. Es ist sogar -zu vermuten, daß er mit dem Namen Stein erst dann auf Fischfang -ausging, als ihm diese Trägerin des Namens auch als Weib angenehm -aufgefallen war; an sich hätte ihn eine Verwandte Ingos vermutlich kaum -interessiert. Doch blieb er bei aller Verliebtheit doppelt ehrerbietig; -und besondere Höflichkeiten verschwendete er klugerweise an die Mutter. -Er lauschte sich in die Interessen der Damen hinein; er war es, der -ihnen die Romanreihe „Jean Christophe” empfohlen hatte; er fühlte sich -belebter und vornehmer im Bannkreise Elisabeths. Und es war bei ihm ein -ehrliches Empfinden, kein Täuschungsversuch; er war von der eher herben -als eigentlich schönen, doch äußerst anziehenden und eindrucksvollen -Erscheinung des thüringischen Edelfräuleins hingerissen. - -Das Weib Elisabeth merkte dies. Und das Weib blieb nicht gleichgültig, -nicht unberührt. Wieviel Lebenshunger war in ihr angestaut! Und so -antwortete irgend etwas in ihrem Organismus den sinnlichen Strahlungen -des heißverliebten Franzosen ganz von selber. Denn die Sehnsucht nach -Ingo brach immer wieder aus geheimen Quellen empor, überflutete Adern -und Nerven und ließ die volle Brust zu eng werden. Dann kam sie sich -wie eine unbenutzte Kraftfülle, wie verschmähte Gesundheit vor; und -der Verdruß des Wartens und Alleinseins bäumte sich auf Augenblicke in -ihrer edlen Natur hochauf, ohne daß sie sich dagegen wehren konnte. Es -waren Wallungen, die nicht dem Willen zugänglich waren, Wallungen der -rätselhaften weiblichen Natur. - -So war es auch heute. - -Leroux hatte das Herz voll von sinnlicher Schwärmerei für das vor -ihm sitzende, mit Kraft geladene junge Weib, das er hier über den -leuchtenden Genfer See ruderte; und es schien nur einer Berührung -zu bedürfen, so sprühten elektromagnetische Funken aus diesem -Kraftbehälter weiblichen Reizes. Er schaute sie flammend an, sie -senkte den Blick; dann lachte er wieder unbefangen und radebrechte -das drolligste Deutsch, und sie lachte mit. Unauffällig veranlaßte -sie ihn, von seinem Zusammensein mit Ingo zu erzählen. Der helle -Pariser wußte darüber wenig zu sagen, aber er erfand nach Kräften -hinzu, um ihr Freude zu machen. Dann kam er auf sich selber zu reden; -und im Handumdrehen war er mitten in der flüssigsten französischen -Liebeserklärung, die sich zu heißen Worten steigerte. Er trug ihr -schlankweg seine Hand an. Er sei ein Sohn aus reichem und gutem Hause, -er würde Deutsch lernen, auswandern, nach Kanada, nach dem Monde, sogar -nach Thüringen, wenn sie ihn wolle, denn er liebe sie leidenschaftlich. -Und er warf die Ruder in den Kahn und ergriff ihre Hände, die in der -lauen Flut gespielt hatten. - -Jetzt erschrak Elisabeth denn doch über diese andringende Glut; -aber sie entzog ihm die Hände nicht. Sie verglich nur blitzhaft die -stürmische Werbung dieses Ausländers mit der Teilnahmlosigkeit ihres -ehemaligen deutschen Geliebten. Solche Gefühle kannst du erregen, -dachte stolz das Weib in ihr, und Ingo hat dich verschmäht! Ach, das -kurze Leben! Mißachtet und verlassen am Wege liegen zu bleiben, -- o -wie bitter! Und hier lockt berauschende Leidenschaft! Hier lockt das -Feuer eines hübschen jungen Mannes und will deine Kühle hinwegschmelzen -und bietet dir seine Küsse und sein ganzes Sein und Haben an! ... -So saß Elisabeth mehrere Minuten in der beginnenden Maienmondnacht, -äußerlich mit abweisendem Gesicht ins Wasser schauend, aber die Hände -in ihres Bewerbers heißen Händen und überschüttet von den Liebesworten -des lebhaften Kelten. - -In solchen Sekunden hängt eines Weibes Schicksal an einer geringsten -Bewegung, an einem Nichts. Aber Elisabeth strömte auch in dieser -bedenklichen Stunde, wo ihr Blut für männliche Werbung empfänglich war, -eine natürliche Reinheit aus. Es war in ihrem Antlitz so gar kein Zug -schwächlichen Entgegenkommens, daß der Bedrängende nicht wagte, über -das Schickliche hinauszugehen. Sie entzog ihm endlich die Hände, strich -über die Stirne und schaute ihn mit fernen Blicken an. Die Bezauberung -wich. - -„Es ist eigentlich nicht liebenswürdig von Ihnen, Herr Leroux,” sprach -sie, und es war wieder der ruhige Ton ihrer Mutter, „daß Sie mich da -ganz unvermutet auf einer Kahnfahrt mit so ernsten Dingen überfallen. -Das müssen Sie über Nacht einmal ruhig überlegen. Ich nehme an, daß -Ihr Wunsch, mir Angenehmes zu sagen, Sie fortgerissen habe. Wir wollen -nicht mehr hierüber sprechen. Es wäre ja schade, wenn wir uns diesen -schönen Abend stören würden. Nicht wahr?” - -Und sie hielt ihm lächelnd und nun wieder ganz überlegen die Hand hin, -die er sofort nervös und lachend schüttelte; worauf er elastisch zu den -Rudern griff und ausrief: „Verzeihen Sie mir, aber der Abend und Ihre -Nähe berauschen mich!” - -„Der Abend? Es ist ja Nacht! Nun schnell zurück! Wir sind ja da fast zu -dem Park Monrepos hinübergetrieben und sicherlich wohl schon halbwegs -nach Coppet geraten! Flink! Oh, sehen Sie nur, die Lichterreihe von -Genf! Und sehen Sie dort: der Vollmond. Und hier der feurige Drache, -der Dampfer! Nur flink weiter, sonst ängstigt sich meine Mutter!” - -So fuhren sie in die Lichter zurück, die in großem Halbkreis um den -Genfer Hafen stehen. Und der gewandte Franzose suchte unter doppelt -lauten und heitren Gesprächen seine Niederlage zu verbergen ... - - * * * * * - -Ingo von Stein war von Barcelona, nach flüchtigem Besuch bei Schaller, -direkt nach Avignon durchgefahren. - -In der wohlbekannten Papststadt wurde Rast gemacht; die spanischen -Eindrücke verlangten hier noch einmal Verarbeitung. Jetzt stand er -einsam auf dem ~Rocher des Doms~ oberhalb der Rhone, wo er einst mit -Friedel von jenem Mädchenphantom geplaudert. Und ihm war, als wären -Jahre, nicht Wochen, seit seinem letzten Aufenthalt in Avignon an -ihm vorübergerauscht und hätten ihre Spuren hinterlassen. Baumwipfel -schienen vor der Aussicht hinweggeräumt, der Blick wurde frei, -Jugendland tat sich abermals auf; Cousine Elisabeth stand am Parktor -und winkte dem gereiften Pilger; und sie traten ein in das Freiland -maßvoll beruhigter Schönheit und Weisheit und Liebe. - -Wunderlich war es, wie er sich nun nach Elisabeth sehnte! Diesem Drange -frischweg folgend, fuhr er vom reizvoll ummauerten kleinen Avignon über -die offene große Handelsstadt Lyon immerzu das Rhonetal hinauf nach der -ernsten Calvinistenstadt Genf und stieg dort in demselben Gasthof ab, -in dem die Damen und ihre beiden jungen Begleiter wohnten. - -Gerade als Leroux und Elisabeth das Boot betraten, zog Ingo im Hotel -seine erste Erkundigung ein. Ja, diese Gäste wären hier, gab man ihm -Bescheid, aber außer der leidenden alten Dame alle ausgegangen. Wohlan, -so wusch er sich denn auf seinem Zimmer und trat dann gleichfalls -hinaus in die Zauberfarben dieses unvergleichlichen Maienabends. Allen -Damen am rosig hellen Ufer spähte er unter den Hut: ist sie dies? oder -jene dort? Nach den seltsamen Fahrten dieses Frühlings überwältigte -ihn das Verlangen nach deutschen Lauten, nach thüringischen Gesichtern, -nach fester Erdenwirklichkeit. Und hier also, unter diesen Menschen, -die sich in verklärender Beleuchtung am Strand ergingen, irgendwo -unter diesen Menschen mußte auch Elisabeth sein. Es gab also hier eine -lebendige Seele aus Fleisch und Blut, die er _sein_ nennen durfte! -_Seine_ Elisabeth! Die ihn heute noch liebte wie vor fünfzehn Jahren, -als sie ihm unter dem Herbstgold thüringischer Buchen den ersten Kuß -der Liebe gab! - -Er ging aufmerksam spähend am Strand entlang bis zum Park Monrepos. - -Auch auf die Boote, die reinlich abgezeichnet auf silberner Flut -schwammen, richtete er sein scharfes Auge. Es bemächtigte sich seiner -ein feines Fieber besorgter Unruhe. Wo ist sie? Ausgegangen mit Wallace -und Leroux? Oder nur mit einem der Herren -- und mit wem? - -Die Boote beobachtend, blieb er mit plötzlichem Erschrecken stehen: -die hohe Dame dort im Nachen mit dem starken Haar und dem graden Wuchs --- war sie das nicht? Er spähte lang in die sinkende Nacht hinein; sie -hatten die Ruder eingezogen, sie hielten sich an Händen. Allein das -war wohl schon die dritte oder vierte Dame, die er heute abend für -Elisabeth gehalten hatte. Er lachte sich selber aus und kehrte ins -Hotel zurück. - -„Noch nicht zurückgekommen?” - -„Bedaure, nein.” - -„Aber es ist ja Nacht.” - -„Herr Wallace kommt immer spät zurück, denn er malt im Gebirge. -Herr Leroux und Fräulein von Stein haben wahrscheinlich wieder eine -Kahnpartie gemacht.” - -„So, so!” - -Er schwieg einen Augenblick, biß sich auf die Lippen und warf dann die -Worte hin: - -„Sagen Sie weiter nichts, daß sich jemand nach den Herrschaften -erkundigt hat. Es wird sich ja morgen alles finden. Schicken Sie mir -den Kellner auf mein Zimmer, ich werde oben eine Kleinigkeit essen.” - -Der umhergetriebene Troubadour schlief in dieser Nacht keine Stunde. - -Doch sein Tagebuch füllte sich mit peinvollen Gedanken. - - * * * * * - - -_Aus Steins Tagebuch_: - -Von Lord Byrons großzügigem Pathos, von Shelleys Himmelsflug, von -Voltaires Diabolik und Rousseaus dumpf-ungestümem Freiheits- und -Liebesdrang sind an diesem Genfer See noch Strömungen in der Luft ... - -Es ist Nacht: Zeit der Dämonen. Zeit der Sonnenferne, Zeit der -Mondherrschaft. Es ist Nacht: Gespenster- und Verräterstunde! In -der Nacht verriet Petrus den Herrn; als der Hahn krähte, als die -Sonne wieder alles Leben beleuchtete, erwachte sein höheres Ich zum -Bewußtsein der niedrigen, sonnenfernen, gottfernen Tat ... - -Teile der Nacht sind in uns allen. Unbetretene Schluchten, luziferische -Mächte, Dämonen des Abgrundes. Und Diabolik oder Koboldwesen und -Nixentum steckt auch in jedem naturstarken Weibe ... Elisabeth ist -naturstark ... Freilich, das edle Weib beherrscht die Dämonen; sie -werden dann Freunde und dienen der stolzen Herrin. Aber das schwache -Weib? Das läßliche und passive Weib? ... - -Ich bin furchtbar allein! ... - -O mein Gott, wie grauenhaft bin ich allein! ... - -Zum erstenmal in meinem einsamen Leben wahrhaft mutterseelenallein! ... - -Klammre dich nicht an ein Weib, mein Herz! Ein Weib kann nicht -geleiten, kann nur begleiten, wenn du selber stark bist. Sie kann den -Lebenskampf erleichtern, aber nicht bedeuten, nicht dir ersparen; sie -kann Reizmittel sein, nicht Nahrung. Nahrung aber müssen Mann und Weib -aus übersinnlichen Sphären holen. Wenn dir dahin der Pfad versperrt -ist, wenn du nimmer glaubst an Sitte und Gottheit -- dann allerdings -ist Geschlechtslust dein niederträchtiger Ersatz -- und Zerrüttung das -Ende! - -Das ist des Lebens Tragik: bei innigster Liebe und reinster Absicht in -entscheidenden Stunden ganz allein zu sein! Es gibt Stunden, die dir -den Atem benehmen, wo du mit niemandem sprechen kannst, auch nicht mit -dem besten Freunde. Das muß allein durchgekämpft werden. Beiß Zähne -zusammen! Kämpf' es durch! Sprenge die Rinde! Neue Kraft formt neue -Lebensrinde! Und nicht bitter werden, nicht bitter! Es ist wie ein -Sterben, denn du mußt dich von etwas Geliebtem trennen. Doch morgen -bist du hindurch -- und die Wunde wird vernarben -- und du bist stärker -als zuvor ... - -Ich spüre die Geisterfreunde vom Montserrat, ich spüre die Jungfrau von -Lourdes. Habt Dank! Bald bin ich vollends in eurem unbekannten Lande, -wo es nur Liebe gibt, nur Treue ... - - Als der Vollmond über den See hing, - Als die tückisch bewegliche Welle - Ruhigen Lichtes lag, nur leise blinzelnd -- - Dacht' ich, wie diese falsche Woge - Tückischen Sturmes fähig sei, - Schneeweiße Fäuste ballend, - Ein zornig Weibchen -- das gestern - Zärtliche Geliebte war. - - Traue der Welle nicht, Wandrer! - Trau' nicht dem Weibe! - Ach, mich quälen Wahnsinnsgedanken, - Da ich der Süßen mißtraue, - Die mir so lieb war! - Denn keine Treue wohnt in der Welle, - Ach, keine Treue im Weib! Denn im Kusse, - Insgeheim, in dunklen Tiefen, - Denkt sie des andren! - Ach, wer will eines Weibes Gedanken gebieten! - Wer den ewig beweglichen Wellen! .... - -Es ist Gift in meinem Blut! Es sind Dämonen in diesem Zimmer! Dieses -Genf ist voll von Dämonismus! Ward nicht da draußen eine Kaiserin -ermordet? Ja, das ist es! Bin ich nicht vorhin über die Stelle dieser -schwarzen Tat gegangen? Sie ward mitten ins Herz getroffen von jenes -Mörders Stilett, es floß kein Tropfen Blut, sie hat immer im Leben -Reinlichkeit geliebt. Ruhelose, du bist viel gewandert: wandernd -stiegst du in Charons Nachen! Ihr Lieblingsdichter war der zerrüttete -Heine, ein Verwandter des größeren Byron, der den Gefangenen von -Chillon besungen hat -- Freiheitsucher, denen Europa und die Erde zu -eng war! Weiße Schwäne schwammen am Ufer, wo sie getötet ward; und die -weißen Berge schauten machtlos dem schwarzen Frevel zu ... - -Leben, du bist erschütternd kurz! Elisabeth, die du jener Kaiserin -Namen trägst, wir wollen einander gut sein! Meine Elisabeth, wir wollen -uns treu sein! Vergib, Elisabeth, denn ich bin dir selber zuerst untreu -geworden! Und du hast recht, es mir zu vergelten. Vergelten?! Du -- und -vergelten?! Du bist ja frei, du bist durch nichts an mich gebunden! Es -hat mich nur einen Augenblick erschüttert, daß du nun doch einen andren -liebst. Sei glücklich -- aber sei nicht unvornehm, meine Vornehme! -Freunde sollen aufeinander stolz sein können: ich will stolz sein auf -meine vornehme, keusche, stolze Freundin Elisabeth, auch wenn sie einem -andren gehört. Wohl bin ich dem Glück nachgejagt, auch jetzt noch, aber -das Glück hat mich gefoppt auf allen Wegen ... - - Euer Plan ist verloren, ihr ewigen Götter, - Wenn ihr wähntet, ich würde als Heil'ger wandlen, - Den harten Blick empor auf das Ewige richtend, - Bußpredigend wandlen durchs reinere Deutschland! - - Nein! Mich überwältigt der Drang nach Liebe! - Jene, die mich in fernen Kindertagen - Aufgeweckt und mein Blut zum Singen brachte -- - Wieder such' ich sie heiß und suche Liebe! - - - Wieder muß ich hinab, hinab zu Menschen! - Noch nicht bin ich zum Aufstieg auf den Gralsberg - Reif genug -- und werd' es im nächsten Dasein - Redlich büßen -- doch heute -- -- Liebe! Liebe! ... - -Die flüchtige Auskunft eines Kellners, ein Blick auf einen Kahn, eine -dumpfe Angst und Ahnung -- es genügt, mir eine Fiebernacht zu schaffen! -Ich glaubte mich im bequemen Besitz, ich ward herausgeschreckt. Nun -kannst du spüren, mein Herz, wie zäh und fest meine Jugendfreundin -mit mir verwachsen ist! Nun, da du verlierst, nun weißt du, was du -besessen! ... - - Bin gealtert, leidgeschüttelt - Und ergraut an beiden Schläfen -- - Liebste, doch noch einmal möcht' ich - Daß wir uns im Walde träfen. - - All die süßen Liebesworte, - Die ich dir vor sieben Jahren - In dein schweres Haar geflüstert, - Solltest du aufs neu' erfahren. - - Wenn der Knabe küßt, so ist es - Wie das Schilf im weichen Winde -- - Doch des Mannes Kuß vergleich' ich - Starkem Sturmgebraus der Linde. - - Warst du dort die Honigblüte, - Dran ich wie ein Falter naschte, - Oder warst du mir die Waldfee, - Die ich leichten Sprungs erhaschte -- - - So ersehnt jetzt Mannesvollkraft - Eines starken Weibes Fülle, - Und es trennt die reifen Gatten - Weder Bänglichkeit noch Hülle .... - - * * * * * - -Wunderlich wechselnd ist eines phantasiereichen Menschen -Empfindungsleben. - -Als Ingo von Stein nach geringem Schlafe am andren Morgen auf roten -Teppichen die Hoteltreppe hinunterstieg, war er über sich selber -erstaunt, wie spannkräftig er dennoch dem neuen Tag entgegenschritt, -als wäre der Gedankenspuk dieser eifersüchtigen Nacht gar nicht gewesen. - -Es war zwischen sieben und acht Uhr, als er ins Frühstückszimmer trat. - -„Noch niemand unten?” - -„O nein! Erst gegen neun Uhr pflegen die Herren zu erscheinen; und die -Damen nehmen das Frühstück auf ihrem Zimmer.” - -Er trank seinen Kaffee und trat hinaus in den köstlichen Duft eines -wolkenlosen Morgens. Nach rechts, über die Brücke, in den englischen -Garten. Auch dort irgendwo waren Boote zu vermieten; er nahm sich einen -schlanken Nachen und ruderte aus dem Hafen hinaus in den glatten See, -der flimmerte von Morgenduft und Morgenlicht. - -Hatte des Nachts eine mittelalterliche Stimmung von Hexen und -Dämonen spukhaft über ihn Macht gehabt, so ward er jetzt umflutet -vom taghellen Schönheitsrausch des alten Hellas. Wie kraftvoll schön -die Welt! Wie anstrahlend Luft und See! Ein starkes Naturschauspiel -entfaltete sich unmittelbar vor seinem Nachen: ein großer Schwan, -von Maienbrunst getrieben, verfolgte stürmisch ein Weibchen; mit den -Flügeln klatschend, rauschend, flog er dahin, fiel auf offenem See -über das flüchtende Weibchen her, schlug den Schnabel in Hals und -Rücken des unter ihm schwimmenden Vogels -- und unter starkem Schreien -kämpften sie schwimmend den uralten Kampf der Geschlechter, so daß -Federn flogen und der See aufrauschte. Mehrere andre Schwäne umkreisten -mit erregt gesträubten Flügeln den immer wieder unterbrochenen und -immer wieder aufgenommenen Kampf. Leda und der Schwan! Das sinnlos -berauschte Männchen verfolgte das weibliche Tier über den halben See -hinüber; leicht schwimmende Federn bezeichneten die Fluchtlinie. Das -Bild paßte in die Kraft, den Farbenglanz und die Größe der Landschaft. -Der See schimmerte grün-bläulich, fast violett; die Häuserreihe von -Genf warf das Morgenlicht zurück; und dahinter erhob sich die ernste -Schneelandschaft der Juragipfel. - -Dem Troubadour verdichtete sich der wildschöne Kampf des Schwanes um -sein Weib zum Sinnbild für ihn selber. So gedachte auch er um sein -Ideal zu kämpfen -- aus allen Irrfahrten heraus um das ganz bestimmte -einzige Weib, das ihn von Kind an geliebt hatte. - -Er zog die Ruder ein, ließ sich treiben und redete mit den Nixen des -Genfer Sees. - - „Nixen der Flut und der Forste, ich bitte, bleibt mir auch ferner - Freundlich gesinnt, wie so oft in der Heimat, im Thüringer Walde! - Ja, verdoppelt die Gabe! Denn zwiefach will ich nun werden, - Und es fürchtet mein Weib ein wenig die Rache der Nixen, - Die ich immer so herzlich geliebt wie die Wunder des Waldes. - Doch ich erzähle der Bangen, wie gut ihr seid und wie hilfreich, - Und bald wird sie euch lieben und wird sich freuen, zu schauen - So viel schöne Gesichtchen, so schöne Gewänder und so viel - Köstlich melodischen Lebensgesang, der nachts um das Haus weht - Und des Schläfers Gedanken und Sorgen verwandelt in Wohllaut. - Singt auch der Meinen! Singt meiner Gattin! Und was sie an Kummer - Oder an Krankheit geschaut und gepflegt -- verwandelt es, Geister, - Singend in Töne der Freude! Und habt sie lieb, wie ihr mich liebt!” - -Dann ruderte er hafenwärts, erstand die schönsten Blumen und schritt in -das Hotel zurück. - -Oben warf er sich in seinen dunkelgrauen Gehrock und schrieb auf seine -Visitenkarte, die er mit den Blumen hinüberschickte, er bitte um die -Ehre, den Damen von Stein seine Aufwartung zu machen. Nach Leroux und -Wallace hatte er sich vorerst gar nicht erkundigt. - -Vor den Zimmern der Damen im Korridor auf und ab gehend, wartete er -pochenden Herzens auf Antwort. Es war ihm völlig ungewiß, wie man -ihn aufnehmen, ja ob man ihn überhaupt empfangen würde. Als er noch -wartend stand und sich bereits mit der Einbildung abzufinden suchte, -daß man seinen Besuch überhaupt nicht annehmen würde, kam von unten -ein Kellner und brachte ihm einen eben angekommenen Brief. Er erkannte -Trotzendorffs feste Handschrift. Doch hatte er eben nur Zeit, den Brief -einzustecken. Denn die Tür tat sich auf -- und raschen Schrittes trat -Elisabeth heraus. - -„Ingo!” - -Sie ließ die Visitenkarte fallen und stürzte mit ausgestreckten Händen -auf ihn zu, über und über erglühend und in diesem Augenblick wahrhaft -schön. Er ergriff ihre beiden Hände mit den seinen, und so standen sie -sich einen Augenblick gegenüber und schauten sich mit bebenden Herzen -an. Es war einer der schönsten Augenblicke seines ganzen Lebens. Alles, -was ihn gequält hatte, fiel von ihm ab, als sie sich hier Auge in Auge -gegenüberstanden. Der Gralsucher hatte die überwältigend beseligende -Empfindung: Ich bin am Ziel! - -Aber sie befanden sich auf offenem Korridor, fremden Blicken -ausgesetzt, und so beherrschten sie sich rasch. - -„Aber wie kommst du denn hierher?” rief Elisabeth. - -„Dich und deine Mutter zu begrüßen; das ist doch ganz einfach!” - -„Mama ist sprachlos vor Staunen, sie macht sich eben im Schlafzimmer -fertig. Komm nur herein in unsren Salon!” - -Und sie traten ein. - -Das Stubenmädchen, ein niedlicher Racker, der den Vorgang neugierig -beobachtet hatte, hob Steins zu Boden gefallene Visitenkarte auf und -ging damit trällernd und schnalzend an das andre Ende des Stockwerks. -Dort lag Leroux noch immer in den Federn, obwohl es über zehn Uhr war; -seine Schuhe standen vor der Türe. Der Pariser pflegte das Mädchen gern -zu necken, sie gab ihm die Neckerei zurück: sie legte die Visitenkarte -quer über seine Schuhe und erzählte dann kichernd den Kolleginnen, wie -zärtlich der neue Herr von den Damen auf Nr. 10 empfangen worden sei. -„Der sticht den Pariser aus -- wetten wir?” - -Frau Baronin Mathilde von Stein-Birkheim war mit der ganzen Vornehmheit -ihres Wesens, das Spitzentuch über Kopf und Schultern, die große -Brosche mit dem Bild der Großherzogin am Halse, in den Salon getreten -und hatte, auf ihren Krückstock gestützt, stehend den offiziellen -Besuch ihres überaus höflichen Neffen entgegengenommen. Dann nahm -sie Platz und lud zum Sitzen ein. Sie war sonst wenig entzückt von -Ingo; es war für sie schwer, zu dem unberechenbaren Menschen ein -Verhältnis zu finden. Noch im Herausgehen wußte sie nicht recht, ob -sie den vermutlich ganz verwilderten Troubadour nicht gleich wieder -kühl entlassen solle. Jedoch die bejahrte Dame hatte eine Eigenschaft, -die in diesem Falle überwog: sie war ein wenig neugierig. Und da -Ingo mit wahrhaft ehrfurchtsvoller Höflichkeit ihre Hand küßte und -in unverwilderten Formen eine ritterliche Begrüßungsrede hielt, war -sie zunächst beruhigt und begann ihm umständlich ihre Krankheit zu -erzählen. Dann sprach man vom Leidenslager seines Bruders. Und dann -geriet das Gespräch ins Stocken; denn alle drei dachten an eine dritte -Kranke, deren Namen aber niemand nennen mochte. - -Während bei dieser gemessenen Unterredung Baronin und Ingo einander -gegenüber saßen, stand Elisabeths hohe Palmengestalt am Lehnstuhl ihrer -Mutter. Sie hatte den Arm um die Lehne gelegt, leicht geneigt, und -schaute, sofern sie sich nicht zur Mutter herabbeugte, um eine Angabe -zu bestätigen, fast unverwandt den Geliebten an, so strahlend von -einem stummen Glück, daß dem Wandrer einmal über das andre ein warmer -Schauer über das Herz rann. Himmel, wie edel und reif dieses Gesicht, -wie ebenmäßig diese Gestalt! Wie gütig, warm und wonnig diese Augen! -Und wie hilflos-kindlich dieses Lächeln des Glückes, das sie offenbar -gar nicht zurückdrängen konnte! Nicht mit einem Wort beteiligte -sie sich unmittelbar an der Unterhaltung; darin war sie sich treu -geblieben. Und als sich Ingo erhob, um sich nach diesem ersten Besuch -wieder zu verabschieden, hatte sie buchstäblich außer den jubelnden -Eingangsworten keinen einzigen Satz an ihn gerichtet. - -Ingo zog sich zurück und lief ein wenig durch die Stadt, nach der -Rousseau-Insel und hinauf nach dem inneren Genf. Und es muß gesagt -werden, daß er vor jedem Schmuckladen stehen blieb und die aufgereihten -Trauringe liebäugelnd betrachtete. Es gibt in Genf viele Schmuckläden. -Er wählte lang, trat endlich ein und erstand sich zwei Ringe. Er -kannte den Umfang ihres Ringfingers: er entsprach genau seinem eigenen -kleinen Finger. Mit den gediegenen Goldreifen in der Tasche setzte er -beflügelt und entschieden seine Wanderung fort, kreuz und quer durch -die ehrwürdige Stadt, doch blind für die Außenwelt. - -Die Damen pflegten, wenn die Baronin sich besonders wohl fühlte, -unten zu essen, und zwar zusammen mit Ingos Freunden Wallace und -Leroux. Ersterer war wieder abwesend; Leroux begrüßte den Baron mit -auserlesenen Liebenswürdigkeiten; alle vier setzten sich an einen -besondren, blumengeschmückten Tisch. Elisabeth war in weißem Kleide, -trug am Gürtel einige von Ingos Maiglöckchen und war in ihrer süßen -Verzauberung einer Braut nicht unähnlich. Am Halse des, wie immer, -hochgeschlossenen Kleides hing ein Goldkreuz mit rubinrotem Herzen: ein -Schmuck, den Ingo immer geliebt hatte. - -René Leroux war aufgeregt; Ingo mit seinen gesunden Nerven benahm sich -gefällig, heiter und glücklich. Doch allmählich fielen ihm, während -er von seinen Reisen erzählte, die Blicke auf, womit der Franzose, -sobald er sich unbemerkt glaubte, beinahe bang und flehend Elisabeths -Augen suchte. Es lag etwas wie ein Werben, ja wie eine geheime -Verständigung in diesem Augenspiel. Elisabeth freilich, züchtig und -bräutlich und mit leuchtenden Glücksfarben vor ihrem Teller sitzend -oder am Weine nippend, schien gar kein Auge für ihn zu haben. Immerhin -bemerkte Ingo, wie sie einmal, Lerouxs zudringlichem Blick begegnend, -unwillkürlich errötete. Auch suchte der Pariser mehrmals eine gedämpfte -Privatunterhaltung mit Elisabeth anzuknüpfen. Die alte Dame in ihrer -freundlichen und etwas steifen Würde spürte nicht, was für Fäden -zwischen den drei übrigen Tischgenossen hin und her spielten. - -„Ingo hat nach meinem Dafürhalten recht sehr gewonnen”, bemerkte sie -oben leutselig. „Er scheint mir rücksichtsvoller zu sein als früher, -wo er manchmal doch recht vorschnell war im Aburteilen. Und klug! Ich -muß schon sagen: wirklich klug! Aber der andre, der unruhige junge Mann -aus Frankreich, fängt an, mir nachgerade auf die Nerven zu fallen. Es -ist zwar ein wohlerzogener Mensch von guter Kinderstube, aber es wäre -passender gewesen, daß er mir oder dem Baron zugehört hätte, statt -immer dich in eine Unterhaltung verflechten zu wollen. Es war korrekt, -daß du ihm abgewinkt hast. Eine so zersplitterte Tischunterhaltung -macht mich nervös ... Wir werden um vier Uhr auf unsrem Balkon Kaffee -trinken, nicht wahr, Kind? Wenn ich noch schlafen sollte, kannst du ja -den Baron empfangen und so lange unterhalten.” - -Ingo hatte mit Leroux noch einige Zigaretten geraucht und sich dann auf -sein Zimmer zurückgezogen. Hier durchdachte er, ziemlich gedämpft nach -dem Freudenausbruch des Vormittags, seine unangenehmen Beobachtungen. - -Dann las er Trotzendorffs männlichen Brief. - - „Mein alter Ingo! - -Nach einem langen ersten Empfang (Audienz) bei unsrer Hoheit bin -ich soeben nach München zurückgekommen, wo es meiner lieben Frau -nach schmerzlichen Tagen zum Glück besser geht, und setze mich -sofort hin, um dir zu schreiben. Deine häufigen treuen Kartengrüße -sind eingetroffen, ebenso zu unsrem Erstaunen Deine Draht-Nachricht -von Deiner Reise nach Genf. Du bist doch immer der alte Sausewind, -liebster Junge! Was Teufels treibst Du denn nun plötzlich in Genf? Was -überhaupt so lange in romanischen Ländern? Mir ist das Herz wieder -aufgegangen, als ich deutsche Sprache um mich her vernahm. Na also, -nun zur Sache! Wir haben in jener fürstlichen Unterredung auch über -Dich gesprochen, Alter. Ich bin ins Zeug gegangen, daß die Schwarten -krachten. Dein Buch Heroismus (Du hättest es schlicht und deutsch -Heldentum nennen sollen) ist unter hoher Befürwortung (Protektion) nach -Berlin gegangen und soll an höchster Stelle gewürdigt werden, besonders -der Abschnitt über Friedrich den Großen. Und dann: in den nächsten -Monaten kommt Seine Majestät nach der Wartburg. Dort, an geschichtlich -bedeutsamer Stätte, wirst Du dem hohen Herrn vorgestellt. Ein Mann wie -Du darf nicht ziellos in der Welt herumlaufen, Du hast vaterländische -Pflichten, Freiherr von Stein! Verstanden? Wir werden bis dahin -überlegen, wo wir Dich an den rechten Platz stellen: Kunstakademie, -Hoftheater, Staatsdienst, Gesandtschaftsposten -- irgendwo müssen -wir Deine geistige Kraft verwerten. Du hast mich zwar oft gehänselt -wegen meiner angeblichen Vereinsmeierei: Sprachverein, Flottenverein, -Pfadfinder, Jugendwehr und so weiter -- laß gut sein, Junge! Das sind -rüstige Dinge und eines rechten Mannes würdig. Und ich fühle mich nun -einmal bis ins Mark als Mitglied der vaterländischen Gemeinschaft und -unsres deutsch-völkischen Arbeitsgebietes. Also, lieber Freund, kurz -und gut: im Herzen Deutschlands ist Dein Platz! Und drum verdirb mir -meine Bemühungen nicht und stell' Dich zur Verfügung, wenn von höchster -Stelle ein Ruf an Dich ergeht. Deutschlands Weltlage im Herzen Europas -ist ernst. Wer weiß, wie bald Angelsachsentum, Slawentum und Romanentum -sich über uns herstürzen werden! Oder wer weiß, was von innen her -gebraut wird! Da wird dann auch viel Faules hinweggefegt werden, was -dem Ernst und der Größe der Zeit nicht mehr gewachsen sein kann. Du -hast, wie der alte Joseph in Ägypten, in aller Stille Vorratshäuser -gebaut; dann, wenn die Nöte kommen, sollst Du Deine Kornkammern auftun. -Drum halte Dich bereit! - -Deutschen Gruß, lieber Freund! - - Dein Richard.” - -Ingo gedachte dieses treuen und tapferen Mannes mit warmer -Herzensbewegung. Er sah im Geist den breitschultrigen Verfasser dieses -Briefes am Schreibtisch sitzen, den angegrauten Schnurrbart und das -militärisch kurze Haupthaar über das Papier gebeugt; er sah ihn, wie -er dann zufrieden ans Bett seiner Gattin trat und mit markiger Stimme -den Brief vorlas, denn zu all solchen Erzeugnissen holte er ihren Segen -ein; und er sah, wie sie lächelnd und lobend beistimmte. - -„Er ist ein prächtiger Vertreter eines tatkräftigen Bismarckschen -Deutschtums”, dachte Ingo. „Aber ohne Romantik. Eine Gralsburg zu bauen -ohne Hilfe eines Vereins, wäre für Trotzendorff ein Wahn (in Klammern: -Chimäre) oder eine Einbildung (in Klammern: Ideologie oder Illusion). -Und ein Mann von geistiger Bedeutung hat nach Richards staatstreuem -Empfinden das Höchste erreicht, sobald er in amtlicher Stellung steht -mit Titel und Orden. Ihm ist der römische Staatsbegriff in Fleisch und -Blut übergegangen; aber die freie Genialität der Griechen, der Sinn für -Schönheit, Anmut, Geschmack? Mystik ist ihm ebenfalls verdächtig, Musik -ein allerdings sehr angenehmes Geräusch, ohne daß er in ihre seelische -Tiefe dringt. Kurz, Trotzendorff hat Stiefel, aber keine Flügel.” - -Das ungefähr waren Ingos Gedanken über diesen in seiner Einseitigkeit -tapfren und treuen Charakter, der aus altpreußischer Zucht -hervorgegangen war. - -Und doch mußte er sich sagen, daß dieser Soldat eine richtige -Empfindung gegenüber Ingos Schwärmerei ehrlich aussprach. - -„Ich drohe mich in der Tat zu verflüchtigen, ich gehöre nach -Deutschland, in festes Wirken, wenn auch nicht in staatlich -abgestempelten Formen. Da hat er recht. Doch ob der realistische -Deutsche dem Idealisten Führer sein kann? Schwerlich! So wenig wie -der Körper dem Geist. Nur ein Mahner. Kein Kaiser darf Dichter -kommandieren. Sie sind beide gleichwertige Fürsten. Ich achte den -Reichskörper: aber mein Gebiet ist die Reichsseele.” - -So wappnete sich hier, in aller Freundschaft, ein Deutscher gegen den -andren -- echt und selbständig beide, und doch erst in Gemeinschaft und -Ergänzung ein harmonisches Ganzes. - -Dann ging er hinauf zu den Damen. - -Er traf Elisabeth allein. Sie strahlte von innen einen eigenartigen -Zauber aus, sie war liebreizend und glückselig. Als er eintrat, legte -sie den Finger auf den Mund und deutete nach der Nebentüre. - -„Mutter schläft noch”, sagte sie leise. - -Er war beglückt, sie allein zu sprechen, behielt ihre Hand in der -seinen und setzte das Gespräch mit gedämpfter Stimme fort: - -„Sind wir wirklich wieder einmal allein nach so langen Jahren? Es kommt -mir noch immer wie ein Traum vor, daß wir uns gegenüberstehen.” - -„Mir auch, Ingo.” - -„Und sag' mir, Elisabeth, denkst du noch genau so wie in der Kindheit?” - -Sie wandte den Kopf, schaute befangen nach der Nebentüre und sah dann -wieder ihn an, innig und seelenvoll, aber stumm, als wollte sie sagen: -Sprich hier nicht darüber, aber lies in meinen Augen, du lieber Mann! - -Sie setzten sich in die offene Balkontüre und unterhielten sich mit -gedämpfter Stimme. Ingo erzählte vom Montserrat und konnte sich nicht -enthalten, auch des Konsuls zu gedenken und von des ungewöhnlichen -Mannes wunderbaren Enthüllungen Andeutungen zu geben. - -Doch hier spürte er bald ein feines Widerstreben. - -„Man hört jetzt viel von solchen Ideen”, sagte sie. „Kommt diese -Bewegung nicht aus Amerika und England oder gar aus Indien?” - -„Gewiß, ja, aber Bruck ist ein unabhängiger Mann.” - -„Oh, es ist gewiß sehr interessant. Aber genügt schließlich nicht das -Bibelwort: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört, das hat der Herr -bereitet denen, die ihn lieben?” - -Ingo mußte unwillkürlich lächeln. Das war sie noch immer, seine gute -Elisabeth! - -„Gewiß genügt es! Es genügt ja auch, in Deutschland den Acker zu -bauen”, sprach er. „Wozu also Amerika entdecken? Wozu den Nordpol -suchen? Wozu gar mit Luftschiffen das höchst unsichere Element der Luft -befahren wollen? Man könnte ja am Ende einmal herabfallen! Nicht wahr, -Spießbürgerchen?” - -Sie lachten beide. - -„Da hast du recht, Ingo! Baue du nur Luftschiffe, aber flieg uns nicht -wieder fort! Übrigens auch ich interessiere mich lebhaft für Geister,” -fügte sie schalkhaft hinzu, „aber für verkörperte!” - -Hier wurde angeklopft, und das niedliche Stubenmädchen brachte einen -Blumenstrauß mit einem Briefchen in geschlossenem Kuvert, gab die -Sachen an Fräulein von Stein und verschwand. - -„Bei euch ist ja die reine Blumen-Ausstellung!” scherzte Ingo. „Was -hast du denn da für einen Verehrer?” - -„Harmlos! Sieh selber nach!” - -„Darf ich wirklich? Kein Geheimnis?” - -„Vor dir hab' ich kein Geheimnis.” - -„Wirklich nicht, Elisabeth?” - -Er hatte das Briefchen in der Hand, das sie ihm ungeöffnet gereicht -hatte; und als sie so, den Blumenstrauß aus dem Papier wickelnd, vor -ihm stand und ihn mit ganzer Treue und Klarheit ansah, konnte er nicht -anders: er legte den Arm um ihre Schulter, und sie sahen sich ganz nahe -einige Sekunden innig in die Augen. Ein Glücksstrom überrieselte ihn -abermals: ich bin am Ziel! - -Dann tat sie die Blumen ins Wasser und trug die Vase auf die Brüstung -des Balkons, wo bereits der Kaffeetisch wartete. Er aber öffnete das -Kuvert, das Lerouxs Visitenkarte enthielt -- und las folgendes: - -„Ich bin rasend vor Eifersucht. Gestern im Nachen war ich zwar toll vor -Liebe, doch auch Sie waren nicht gleichgültig. Auch Sie lieben mich, -sagen Sie mir deutlich, daß Sie mich lieben! Tragen Sie eine meiner -Rosen als Antwort! Ich bete Sie an.” - -Ingo stand und starrte diese leidenschaftlichen Worte an. Dann fluteten -und brausten plötzlich wieder die Angstzustände der Nacht über ihn -herein. Also doch! Seine Elisabeth -- dort im Kahn -- also doch! - -Auch Leroux wähnte sich offenbar „am Ziel”! Denn sonst hätte er diese -Sprache nicht gewagt! - -Er sagte keine Silbe. - -Mit unnatürlicher Ruhe steckte er die Karte in das Kuvert und legte das -Briefchen auf Elisabeths Schreibmappe. - -Die Mutter trat jetzt ein. Er bot ihr den Arm und führte sie an den -Kaffeetisch. Und es wurde eine unsäglich einsilbige und unsäglich -steife Kaffeestunde. - -Elisabeth, in ihrem stillen, großen Glück, merkte anfangs gar nichts -von des Freundes Verstimmung; sie schob seine Schweigsamkeit denselben -Gefühlen zu, von denen sie selber durchdrungen war. Sie sprach heute -reichlicher; sie zitierte Stellen aus seinen Werken; und ihre Mutter -machte lächelnd die Bemerkung: - -„Oh die, die kann deine Bücher auswendig, Ingo!” - -„Wirklich, liebe Tante? Was Sie sagen!” - -Er schaute in das strahlende, offene, durch kein Wölkchen getrübte -Gesicht seiner glücklichen Geliebten; und tiefes Weh wallte in ihm -empor. Der beklemmende Schmerz machte ihm fast jede Unterhaltung -unmöglich. Auch sie nicht treu! In einem Winkel ihres Wesens auch sie -kokett! Trägt jenen artigen Burschen im Herzen -- und verbindet damit -die wieder erwachten Jugendgefühle! O Weib, Weib! - -Und er raffte sich auf und sprach von Trotzendorffs Brief und daß er -wahrscheinlich recht bald nach München müsse. Man hatte den Namen -Trotzendorff bisher vermieden; jetzt teilte er geflissentlich mit, daß -die kranke Frau von Trotzendorff in einem Münchener Sanatorium liege. - -Elisabeth wurde schweigsam. - -„Ich hatte nur das Bedürfnis,” schloß er höflich und kühl, „Ihnen, -liebe Tante, meine Aufwartung zu machen und mich nach Ihrem Befinden zu -erkundigen. Es war mir äußerst angenehm, daß ich Sie beide getroffen -habe. Weiter fesselt mich nichts mehr hier in Genf; ich kenne den See -schon; und Sie gehen ja wohl auch bald nach Montreux. Wundern Sie sich -also nicht, wenn ich plötzlich nach München und dann nach Thüringen zu -meinem Bruder verschwunden bin.” - -Elisabeth blickte stumm in ihre Tasse. Ihr Herz krampfte sich zusammen. -Nach München! Also doch wieder zu jener Frau! - -„Du bist und bleibst ein rechter Zugvogel, lieber Ingo”, sagte die -Tante und war offenbar nicht wenig verlegen, wie sie das Gespräch -fortführen sollte. Denn die beiden schweigsamen Menschen unterstützten -sie darin ganz und gar nicht. - -So hob sie denn dieses trübselige Kaffeestündchen auf, und Ingo -verabschiedete sich. Elisabeth suchte ratlos, ängstlich, bittend seine -Augen; sie suchte ihn mit der ganzen Innigkeit ihrer Blicke noch einmal -festzuhalten; er spürte, wie ihre Hand zitterte, als sie die seine -krampfhaft festhielt -- aber er wich ihren Blicken aus. Es war in ihm -eine tiefe Trauer und ein schmerzlicher, fast bissiger Entschluß. In -der Form der größten Höflichkeit nahm er Abschied; und die große, -weiße, goldverzierte Salontüre fiel hinter ihm zu. - -„Diese Waldecksche Linie der Familie Stein hat entschieden einen Stich -ins Verrückte”, grollte die sonst so gehaltene Edelfrau, als sie mit -ihrer todbleichen Tochter wieder allein war. „Wirst du nun aus diesem -Menschen klug? Da überfällt er uns, scheint die alten Beziehungen -wieder anknüpfen zu wollen -- und läuft sofort wieder davon! Ich muß -doch einmal gleich an Tante Adelheid nach Weimar schreiben, daß sie ihm -den Kopf waschen soll! Auf sie gibt er wenigstens noch etwas, auf uns -gar nichts. Auch der französische Herr wird mir unangenehm; und der -Engländer nimmt überhaupt keine Rücksicht. Ich will dir etwas sagen, -mein liebes Kind: wir zwei bleiben wieder allein! Hörst du, Elisabeth? -Das alles regt mich auf.” - -„Ja, Mutter, wir zwei bleiben wieder allein ...” - -Der Duft und Dunst, am Morgen noch von der Sonne durchglüht, hatte -sich jetzt immer mehr zu Gewitterwolken verdichtet. Die Sonne war -verschleiert. Es war eine fahle, schwüle Stille. In der Ferne, nach -Lausanne zu, bildete sich ein schwarzes Gewitter und schüttete am Abend -Regenmassen über Berge, See und Stadt. - -Ingo, rasch und lebhaft in seinen Entschlüssen, packte augenblicklich -seine Sachen. Während dieser Arbeit beruhigte er seine leicht erregbare -Phantasie. Und seine natürliche Herzenswärme trat wieder hervor. - -Er setzte sich hin und schrieb der Geliebten einen kurzen -Abschiedsbrief: - -„Meine gute, liebe Elisabeth! Wenn auch unser Bund zerbrochen ist, so -wollen wir doch versuchen, als Kameraden dankbar aneinander zu denken. -Ich will Dir also sagen, daß ich Dir nicht grolle. Denke auch Du gut -von mir! Offen will ich Dir mitteilen, daß ich euch zufällig im Kahn -beobachtet habe und auch während des Mittagessens nicht blind war; -das Briefchen gab dann den Ausschlag. Elisabeth, werde glücklich! -Doch bleibe unsre vornehme, gütige, edle Elisabeth, die wir um dieser -Eigenschaften willen alle so sehr achten und lieben -- und die ich, das -darf ich wohl sagen, auch in allem Wechsel immer geliebt habe. Leb' -wohl, liebes Mädchen! Ingo.” - -In der Nacht, während Elisabeth in ihre Kissen weinte und vergeblich -das Taschentuch zerbiß, um ihre nahe schlafende Mutter das Schluchzen -nicht merken zu lassen, saß der ruhelose Ingo im Schnellzug, um über -Zürich nach München zu fahren. - - * * * * * - -Am andren Morgen troff ein mächtiger Maienregen über das Genfer Gebiet. - -Elisabeth schritt im Regenmantel unter dem Schirm durch die Stadt, um -einige Besorgungen zu machen. - -Die Gewitternacht hatte in ihr einen Plan gereift. Nachdem sie ihrer -Mutter verhärmtes Gesicht gesehen, die ihres Kindes Weinen recht wohl -gehört hatte; nachdem sie noch gestern Lerouxs unseliges Briefchen -gelesen und Ingos traurig-lieben Abschiedsgruß empfangen hatte; nachdem -sie in der Nacht noch einmal alles durchgelitten, was in ihren langen -Herzensbund mit Ingo immer wieder störend eingegriffen hatte: gab es -für ihre sonst so spröde Natur kein Wanken mehr. Sie beschloß, um den -Geliebten zu kämpfen. - -Sie ließ unter diesem trostlosen Regen, der auf ihren Schirm klopfte, -durch nasse, öde Straßen wandernd, im Geiste vorbeiziehen, was ihren -Bund mit Ingo hemmen könnte. Ihre eigene passive Natur? Die war doch -wohl ein wenig besser geworden. Leroux? Ach, den hatte sie heute -morgen kurz und kühl abgewiesen. Jene ferne Frau? Ja, da war es! Immer -wieder jene Frau, die ihr so überlegen war, so schön, so geistvoll, so -musikalisch -- -- -- jene Frau Friederike -- -- -- - -„Wenn sie ein Herz hat,” sagte sich Elisabeth und gab sich alle Mühe, -die Tränen zurückzupressen, „darf sie sich nicht mehr zwischen uns -beide stellen. Ich will zu ihr fahren und ihr alles sagen.” - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Neuntes Kapitel - -Weimar - - Wer etwas Treffliches leisten will, - Hätt' gern was Großes geboren, - Der sammle still und unerschlafft - Im kleinsten Punkte die höchste Kraft. - - _Schiller_ - - -Fräulein Adelheid von Stein-Birkheim stand mitten in ihrer häuslichen -Welt voll künstlerischer Schönheit, die sie sich in ihren siebzig -Lebensjahren aufzubauen verstanden hatte. Sie stellte eben das grüne -Kännchen beiseite, aus dem sie ihre vielen Blumen zu begießen pflegte. -Die Wände ihrer Wohnung waren bis oben hin mit schönen Gemälden, -Familienporträts und Bildnissen befreundeter und wertvoller Menschen, -deren Dasein sich irgendwie mit dem ihrigen versponnen hatte, -ausgeziert. Und selbst auf den kleinen Tischen standen Photographien -zwischen den auserwählten Büchern, die sie immer im Handbereich hielt. - -Draußen leuchtete der jungkräftige Sommer bis in alle Winkel und -Höfe des geweihten Städtchens. Rings um Weimar flossen sanfte Höhen -und mildes Himmelsblau reizvoll ineinander; es war ein duftiger, die -Konturen verwischender, traumhafter Tag. Hinter Belvedere blühte -der wilde Rosenstrauch, an dem einmal, abseits von einer steifen -Gesellschaft, Ingo seine geliebte Elisabeth überströmend geküßt hatte. -Und im Park von Tiefurt stand noch immer auf einem weißen Sockel das -neckische Wort: „Mozart und den Musen.” - -Die greise Dame pflegte auf ihrem Balkon Meisen, Finken und andere -Singvögel zu füttern. Sie schaute hinaus und dachte lächelnd: „Ich bin -auf den Singvogel neugierig, der mich heute besuchen wird.” Dann ging -sie ihren Hantierungen nach, in gewohnter klassischer Ruhe, nichts -überhastend und doch frei von Kleinlichkeit. - -Nicht lange darauf tönte die Klingel. Das Mädchen kam herein und -brachte eine Besuchskarte: Ingo Freiherr von Stein-Waldeck. Der -Spielmann hatte, die Treppe zu Tante Adelheid heraufsteigend, seinen -Zustand mit lächelnder Wehmut empfunden: wie leicht bepackt, wie -geläutert, wie gesäubert von allen Beschwerungen stieg er doch jetzt -diese wohlbekannte Treppe wieder empor zu der Greisin, die ihm in ganz -Weimar am nächsten stand! Und drinnen ereignete sich ein drolliger -Zufall. Fräulein Adelheid suchte gerade ein Buch, als ihr die Karte -überreicht wurde. Da fiel mit Geräusch ein Goethe-Band herunter und -blieb aufgeschlagen liegen. Sie warf einen Blick auf die Seite und las -die Worte aus der „Pandora”: - - „Dort! er taucht in Flutenmitte - Schon hervor, der starke Schwimmer; - Denn ihn läßt die Lust zu leben - Nicht, den Jüngling, untergehn.” - -„Willkommen in Deutschland, lieber Ingo! Willkommen in Weimar!” rief -sie, als sich der Neffe über ihre Hand beugte. Sie zeigte ihm die -Stelle, und beide deuteten des Altmeisters Wort in guter Stimmung als -ein freundlich Vorzeichen. - -„Sie waren ja immer der Meinung, Ingo, daß Weimar und Wartburg -Deutschlands Herz bilden, geographisch und geistig. Also willkommen im -Herzen Deutschlands!” - -Tante Adelheid war eine hochgewachsene Frau von aufrechter Gangart -und pflegte weite, läßliche Kleidung zu tragen. Ein längliches -Gesicht, eine mehr hohe als breite Stirn und nach den Schläfen etwas -herabgezogene, oft prüfend halbgeschlossene Augen nebst schmalem Mund -gaben ihr ein Gepräge sachlicher Klarheit. Es fehlte diesen Zügen nicht -an Güte, doch auch nicht an deutlichem Freimut. - -„Und jetzt sagen Sie mir einmal vor allem: wo stecken Sie denn so lange -Zeit, Sie Ausreißer? Fast zwei Jahre waren Sie nun nicht in Ihrer -Weimarer Wohnung! Und Ihr gemütliches Heim da oben am Horn geht in -Spinnweben unter, wenn ich nicht Frau Tellbach von Zeit zu Zeit Feuer -unter die Sohlen mache.” - -„Nun, die gute Frau hat ja alles ganz ordentlich instand gehalten”, -erwiderte Ingo lächelnd. „Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.” - -„Das wollt' ich ihr auch geraten haben”, versetzte Tante Adelheid. „Und -wo kommen Sie denn jetzt her? Aus dem Ausland natürlich!” - -„Sie schwärmen ja wohl immer noch für alte deutsche Nester wie -Rothenburg und Hildesheim, nicht wahr, Tante Adelheid?” scherzte Ingo. -„Und ich habe beide Städte noch immer nicht gesehen, entschuldigen Sie -tausendmal!” - -„Natürlich! Echt deutsch! Läuft in der Welt herum und kennt sein eigen -Vaterland nicht!” - -„Zunächst komm' ich übrigens von einem Krankenlager”, erwiderte er -ernst. - -„Ihr Bruder, nicht wahr?” nickte sie bedenklich. „Ja, da steht es -allerdings nicht grade gut. Sie sind ja kein Kind mehr, Ingo, und ich -kann Ihnen also ruhig sagen, daß ich einen der Ärzte gesprochen habe, -die Ihr Bruder konsultiert hat. Die Sache ist aussichtslos.” - -„Das hab' ich auf den ersten Blick gesehen”, seufzte Ingo. „Er hat -sich zum Erschrecken verändert. Dieser wilde, kühne, rauhe Bursche von -ehedem -- und jetzt ein Gerippe!” - -„Ihr alter Vater tut mir noch besonders leid. Er hat nur die zwei -Söhne; und der eine läuft in der Ferne herum, der andere -- er ist ja -wohl nur ein Jahr älter als Sie? -- stirbt als Junggeselle hinweg. Wie -soll das mit dem schönen Gut werden!” - -„Das muß natürlich ich übernehmen.” - -„Muß, sagt er! Und seufzt dazu, der Gutsbesitzer! Ja freilich wär's -notwendig, obschon Sie's ja schließlich verpachten und als Sommersitz -einrichten können. Aber das ist ja das Unglück, daß Sie vor praktischer -Arbeit zurückscheuen. Für Sie selber, Ingo, wird es heilsam sein, wenn -Sie seßhaft werden. Nur sollte man Ihnen keine Wirtschaft anvertrauen, -ohne links einen guten Verwalter und rechts eine gute Frau neben Sie zu -setzen.” - -„Na, na, na, auch Sie unterschätzen also meine Energie, Tante Adelheid!” - -„Wenigstens in wirtschaftlichen Dingen.” - -Ingo sprang auf. - -„Himmel noch einmal, wie falsch ihr mich alle beurteilt! An einem -einzigen Tage bin ich in diese Werktäglichkeiten eingelebt -- jawohl --- und am zweiten Tag läuft der Apparat von selber -- und am dritten -Tage lass' ich den Mechanismus laufen und widme mich den wertvollen -Gütern des Daseins: der Ideenwelt. Der Unterschied zwischen meinem -angeblich realistischen Bruder und mir, dem angeblichen Romantiker -und Sausewind, besteht nicht darin, daß ich diese äußerlichen Dinge -nicht beherrschen könnte -- spielend beherrsch' ich diese Banalitäten, -spielend, sobald ich nur will! Unterschätzt doch nicht einen geistig -raschen Menschen! Sondern der Unterschied besteht darin, daß er -und seinesgleichen in diesen wirtschaftlichen und sportlichen -Durchschnittsfragen steckenbleiben, ja daß sie dies für das Leben -selber halten! Und so füllen sie ihr Dasein mit nichtigem Geschwätz -über Düngersorten, über Züchtung von Pferden, Hunden und Kälbern, über -Prämien bei Geweihausstellungen und Preise bei Wettrennen -- Dinge, die -mich mordsmäßig langweilen. Nein, Tante Adelheid, in diese Mauern der -Standesinteressen sperrt ihr mich nicht mehr ein! Aus dieser Welt bin -ich ausgerissen. Und Sie geben mir einen Ehrentitel, wenn Sie mich als -Ausreißer begrüßen.” - -„Potztausend!” lachte Tante Adelheid. „Da hab' ich ihn einmal in eine -allerliebste Ansprache hineingeärgert! Setzen Sie sich ruhig wieder -her, Ingo. Sie wissen, daß ich ein offenes Wort ganz gut vertrage, aber -Aufregung und Überspanntheit nicht liebe.” - -Ingo setzte sich wieder und bat um Verzeihung; er habe, fuhr er fort, -auf dem Gut während der wenigen Tage so viel versteckte Vorwürfe von -Basen und Gevattern ausstehen müssen, daß nun sein angesammelter Unmut -wider seinen Willen ausgebrochen sei. - -„Am verständigsten war mein Vater”, schloß er. „Der klopfte mir auf die -Schulter und meinte nur kurz: ‚Laß sie reden, Junge, ich glaube dich -besser zu kennen!’ Während der ganzen Fahrt von Waldeck nach Weimar -sah ich diesen braven alten Herrn vor mir in seinem weißen Bart und -seinem leider unentbehrlichen Stock, wie er mich hinkend an den Wagen -begleitete und mit seinem schlichten ‚Mit Gott!’ entließ, aufrecht, ein -alter Soldat und doch von weichem Gemüt, die beiden Doggen neben ihm -- -ein Edelmann von altem Schrot und Korn!” - -„Bravo, Ingo! Geben Sie mir mal die Hand, lieber Junge! Und nun sagen -Sie mir: wie geht's Frau von Trotzendorff in München?” - -„Ich muß Ihnen gestehen, Tante Adelheid, ich habe sie seit einer Reihe -von Wochen nicht mehr gesehen. Von Genf wollt' ich nach München fahren, -blieb aber in Zürich bei einem befreundeten Schriftsteller und fuhr -dann über Heidelberg nach Thüringen.” - -„Und das halten Sie aus?” - -„Warum nicht?” versetzte er und legte ziemliche Kühle in seinen Ton. -„Ich erhalte ja durch Trotzendorff regelmäßige Nachricht.” - -„Durch Trotzendorff? Nicht durch sie?” - -„Sie liegt zu Bett. Es ist keine gefährliche, aber langwierige Sache.” - -„Na, man kann doch aber schließlich auch im Liegen Bleistiftbriefe und -Füllfedergrüße senden, das weiß ich am besten, wenn mich Herzschwäche -an den Diwan fesselt. Es fällt mir auf, daß Sie so die Fühlung mit -Ihrer intimsten Freundin verloren haben.” - -Tante Adelheid schaute mit forschenden Augen in Ingos gleichmütig -ernstes Gesicht. - -„Freundschaft und Freiheit gehören zusammen”, bemerkte er allgemein -und schaute durchs Fenster. „Nur in Freiheit ist Freundschaft möglich. -Wenn der eine Teil den andren mit List oder Gewalt festzuhalten oder -abzusperren sucht, so ist das bereits eine verlorene Sache. Man kann -weder Glück noch Freundschaft erobern oder erzwingen: derlei hohe Dinge -sind Göttergeschenke.” - -„Da haben Sie recht, Ingo”, erwiderte Tante Adelheid, und ein weicherer -Ton glitt in ihre Stimme. „Das kann ich Ihnen aus eigener Erfahrung -bestätigen.” - -„Wie geht's denn unsrer Exzellenz?” fragte Ingo sofort. Die Frage -schloß sich leicht an das Vorausgegangene an. Denn auf der andren -Seite des Stockwerks wohnte der teuerste Freund dieser durch viele -hohe Freundschaften ausgezeichneten Greisin. Und sie erzählte von -der Tätigkeit und Geistesfrische dieses harmonischen Edelmannes, der -gleichfalls schon dem siebzigsten Lebensjahre zusteuerte, aber doch -noch fleißig in seiner Kunst der Malerei und Architektur tätig war, -dankbar für ein reiches Leben, den Tod nicht fürchtend, Schönheit in -seinen Zimmern um sich ausbreitend und durch stille Wohltaten manchen -Mitmenschen fördernd. Es war für Ingo jedesmal eine Erhebung, wenn er -bei diesen abgeklärten Alten zu Gast war, die er scherzend Philemon und -Baucis zu nennen pflegte. - -„Lieber Ingo,” sagte Fräulein Adelheid und nahm seine Hand, „nun lassen -Sie mich alte Frau einmal ein paar offene Worte sagen. Ich habe da -einen Brief bekommen von Mathilde aus Genf. Nun sagen Sie mir: was -haben Sie denn eigentlich in der kurzen Zeit Ihres Aufenthaltes in Genf -schon wieder mit Elisabeth gehabt, daß dieses durch und durch brave -Mädchen aus heimlichen Tränen nicht mehr herauskommt?” - -Ingo erbleichte. - -Dann schoß eine jähe Blutwelle in sein Gesicht zurück, als er nun so -vor Tante Adelheids prüfend ruhigen Blicken gefesselt auf seinem Stuhle -saß. - -„Wieso denn?” fragte er tonlos. - -„Sie haben in Ihrem Verhältnis zu Elisabeth immer vor uns andren -Versteck gespielt; und auch sie selber hat in ihrer verschwiegenen Art -nie ein Wort darüber geäußert. Es ist ein merkwürdiges und im Grunde -seelisch einsames Mädchen; sie hat in tieferen Dingen keine einzige -Vertraute -- nicht einmal mich,” setzte sie lächelnd hinzu, „die ich -doch so gern Beichtmutter bin. Uns schien damals zwischen Ihnen beiden -ein heimliches Verlöbnis zu bestehen -- nun, man hat so dies und jenes -beobachtet. Aber dann entferntet ihr euch wieder voneinander. Das -mag ja nun sein, wie es will, aber man kann doch in Güte aneinander -denken und auch nach aufgehobener Verlobtheit oder Verliebtheit -einander Freundlichkeiten erweisen, besonders einem so vortrefflichen -Menschenkinde wie dieser selbstlosen, viel zu viel nur für andre -lebenden Elisabeth. Einem solchen Kindergemüt Tränen auszupressen -- -Ingo, darauf kann kein Segen ruhen!” - -Ingo war bestürzt. - -„Tante Adelheid,” sprach er endlich, „Sie sprechen nur von Elisabeth -und was ich ihr etwa angetan haben könnte. Für mich als Mann schickt es -sich wohl nicht, von etwaigen eigenen Leiden zu sprechen und von dem, -was ich selber gelitten habe durch Elisabeths sprödes, unergiebiges -Naturell. Das ist eben Schicksal. Da kann ein Dritter schwerlich -hineinschauen.” - -„Danke!” erwiderte Fräulein von Stein kaltblütig. „Sie setzen mir also -den Stuhl vor die Türe. Nun, immerhin habe ich in den letzten Jahren -tiefer in das Wesen dieser edlen Mädchenseele hineingeschaut als -wahrscheinlich ein gewisser anderer, der im Ausland Studien machte. -Sie haben zu viel an der Peripherie gelebt, Ingo. Aber leidende und -liebende Menschenherzen gibt es auch in der Heimat; Heroismus und Größe -gibt es auch im Inland. Man braucht kein Spießbürger zu werden und kann -doch mit seinen Mitbürgern in Herzensfühlung bleiben -- nämlich als ein -Schenkender, lieber Ingo. Ich appelliere also an Ihre Großmut, wenn -sonst andres Sie nicht bei uns festhalten kann, bei uns hier in Ihrem -deutschen Vaterland. Hier ist der Punkt, mein Herr Neffe, auf den ich -hinauswill. Reisen Sie, heimsen Sie Garben in Ihre Scheunen -- dann -aber muß der Zeitpunkt kommen, wo Sie Ihre Frucht dreschen und in die -Mühle bringen. Eine Menge Freunde haben Sie sich draußen erworben -- -aber Sie sind im Begriff, alte Freunde zu verlieren, und darunter die -wertvollste von allen, diese innerliche Elisabeth!” - -Ingo sprang abermals auf. Wie immer, wenn ihn etwas stark bewegte, -schritt er im Zimmer auf und ab, die Hände auf dem Rücken, den Kopf -gesenkt. - -„Sie haben recht! Tante Adelheid, Sie haben tausendmal recht! Und doch --- und doch -- --” - -Tante Adelheid nahm inzwischen, mit der ihr eigenen Bedächtigkeit, die -Brille aus dem Futteral, setzte sie auf und suchte unter einem Stoß von -Papieren einige zusammengebundene Briefe hervor. - -„Während Sie im Ausland Forschungsreisen machten, haben wir im Inland -beinahe eine schwere Tragödie erlebt. Hier habe ich neulich die Briefe -geordnet, die mir Elisabeth vom pommerschen Gut geschrieben hat, wo -ihre Schwester Mela verheiratet ist. Sie kennen diese Mela: genial und -unberuhigt, das hitzige Gegenteil der sanften und etwas apathischen -Elisabeth. Nun, ich will keine Einzelheiten ausplaudern. Nehmen -Sie einmal an, eine solche heißherzige Frauennatur -- und Mela hat -entschieden einen Zug ins Große, das müssen Sie zugeben -- eine solche -leidenschaftliche Natur wird von ihrem Mann, der nur Jäger, Landwirt -und Politiker ist, wenig verstanden, erhält aber einen umwälzenden -Eindruck von einem andren, einem romantischen Nachbarn. Eine nervöse, -reizbare Schwiegermutter macht die Situation noch schwieriger; drei -allerliebste Mädchen vermögen die schwüle Lage nicht viel zu bessern. -Die Sache droht zur Katastrophe zu kommen, mit Duell, Ehrengericht -und Skandal -- und da steht nun Elisabeth mitten drin! Das Mädchen -hat die Hölle durchgemacht. Aber, ich hätt' es ihr nicht zugetraut, -sie hat es fertiggebracht! Sie hat wieder Harmonie geschaffen. Der -andre ist zur See gegangen -- und der Gatte wurde durch schwere -Erkrankung seiner Frau, wo es auf Tod und Leben ging, mit der Nase -auf seine Pflicht gestoßen, sich mehr um Weib und Kinder zu kümmern. -Das Beste hat Elisabeth getan, diese nicht blendende, aber so -willensstarke und taktvolle Elisabeth. Sie war die Vertraute von allen -zugleich; sie hat oft auf der Schwelle ihrer Schwester gewacht, als -das extravagante Frauenzimmer drauf und dran war, Mann und Kinder zu -verlassen. Bis dann die Klärung kam und die Krankheit für Mela eine -Krisis zur Selbstbesinnung wurde. Sehen Sie, Ingo, so wird zu Hause in -aller Stille gekämpft -- und ich bitte auch Sie, dies alles diskret -zu behandeln -- in aller Stille, Ingo. Und Sie sitzen inzwischen in -England oder Italien und schreiben ein Buch über Heroismus.” - -So sprach Tante Adelheid und las dann in ihrem besinnlichen und etwas -trockenen Ton einige Stellen aus Elisabeths Briefen vor. Ingo zog -erstaunt und bewundernd die Brauen hoch und hörte mit Ehrfurcht zu. -Dann aber stützte er das Kinn in die Hände, versank ins Brüten und -verweigerte weitere Gefolgschaft. Denn er sah plötzlich die flimmernde -Fläche des Genfer Sees, einen Nachen darin und zwei Menschen Hand in -Hand. - -„Sie hat mit Anspannung aller Kraft dieses Versöhnungswerk zustande -gebracht,” dachte er, „hat Kranke gepflegt und für die Mutter gesorgt. -Da lief ihr ein hübscher junger Mann über den Weg -- und die Natur des -Weibes brach wieder heraus.” - -Er beschwor diese Bilder nicht weiter, sondern schüttelte den Kopf und -erhob sich, um Abschied zu nehmen. - -„Liebe Tante,” sprach er, „Sie fragten vorhin, was ich denn eigentlich -mit Elisabeth gehabt habe. Uns hat immer nur das eine getrennt: ihre -passive Natur. Um diese Menschen hier kämpft sie und lindert Not und -Gefahr; ich habe jedoch nie bemerkt, weder früher noch jetzt, daß sie -auch nur einen Finger gerührt hätte, um für den Geliebten oder den -Freund zu kämpfen. Vielleicht ist das nicht Weibes Art, werden Sie mir -antworten? Nun, mag sein! Aber ich bin des männlichen Titanenkampfes -satt. Ihr alle fühlt nicht, wie ich gerungen habe. Meine Studien sind -mein Herzblut. Sei's denn! Mögen mich die Götter im Schlaf nach Ithaka -bringen! Ich bin am Ende meiner Glücksjagd.” - -So brachen sie dieses Gespräch ab. - -„Steckt vielleicht ein bißchen Egoismus in Ihrer Glücksjagd?” sprach -die Greisin beim Abschied. „Verstehen Sie mich übrigens nicht falsch, -wenn ich einer Natur wie Ihnen den Ausgleich durch die Ehe anrate. -Ich warne sonst vor diesem Institut. Ich selbst bin als Unvermählte -so glücklich gewesen, daß ich mein Leben gleich noch einmal von vorn -anfangen möchte. Geschlechtsduselei neigt ja dazu, das unvermählte -Fräulein geringer zu achten. Du lieber Himmel, wieviel versimpelte -Ehefrauen sind mir über den Weg gelaufen! Da imponiert mir denn doch -ganz anders die stolz und still durchgeführte Selbständigkeit einer -Einsamen. Anfangs ist es nicht immer leicht; lächelt man freundlich, so -vermutet Bosheit, man lächle, um zu gefallen und einen Mann zu fangen; -später, so nach und nach, glaubt man uns, daß man aus selbstloser -Herzensfreundlichkeit lächeln kann, und dann beginnt man, uns ohne alle -Nebengedanken liebzugewinnen. Aber dieser Weg ist nicht für jeden. -Einer Elisabeth möcht' ich einen Gatten -- und einem Ingo eine Gattin -wünschen. Adieu, mein Lieber!” - -Ingrimmig füllte Ingo die nächsten Stunden mit Besuchemachen aus. Er -war in zorniger Stimmung und wußte gar nicht, weshalb. Schillerhaus, -Goethemuseum, Bibliothek, Theaterintendantur wurden aufgesucht. Das -blühende Städtchen übte jedoch nach und nach seinen beruhigenden Zauber -aus. Er empfand mehr und mehr das seelische und geistige Eigenwesen -der weimarischen Kultur: nach Fernfahrten eine Hochschule der -Verinnerlichung zu sein. - -„Fort mit den egoistischen Sentimentalitäten!” sprach er aufmunternd -zu sich selber, als er durch den klassischen Park schritt. „Wieder an -geistige Arbeit! Keine Glücksjagd mehr! Und so bleib' ich eben allein, -verzichte auf persönliches Glück und schaffe für andre!” - -Eine wonnige Erinnerung durchrieselte ihn, als er am römischen Hause -hinunterschritt und am Felsen jene Bitte an die „heilsamen Nymphen” -las: „Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!” ... Hier -war er einmal im weißen Mondschein bis Mitternacht mit Elisabeth im -Park spazieren gegangen, in einer jener gesteigerten Lebensstimmungen, -wo wandernde Kameraden, gemeinsam Schönes genießend, in Eins -zusammenzufließen scheinen. Er spürte wieder ihren atmend lebendigen -Körper. Sie hatten Weimars Schönheit, durch ihre eigene gegenseitige -Liebe verklärt, mit allen Poren in sich eingesogen. Ach, und der -Spielmann brauchte nun einmal lebenswarme Menschen weit mehr als selbst -das gelehrteste Papier! - -Der Park war erfüllt von einem undeutlichen sommerlichen Wipfelsausen, -das groß und geheimnisvoll den schreitenden Gralsucher umgab. Das -Goethehäuschen enthüllte sich weiß aus dem dichten Grün. Wolkenschatten -flogen über Wiesen und Ilm. Anschwellend, ihn überbrausend und wieder -verwehend kamen Geisterstimmen, bis sich endlich eine ruhig tiefe -Stimme vom Geräusch der andren löste und vernehmbar an sein Ohr klang: - - „Was zu wünschen ist, ihr unten fühlt es; - Was zu geben sei, die wissen's droben. - Groß beginnet ihr, Titanen! Aber leiten - Zu dem ewig Guten, ewig Schönen, - Ist der Götter Werk: die laßt gewähren!” - - * * * * * - -In denselben Tagen erlebte Frau von Trotzendorff in München eine Stunde -der reinsten Glückseligkeit. - -Die Leidende hatte sich anfangs dem Tode nahe gefühlt. Da ihr Seelenbau -wesentlich aus Phantasie und Gefühl zusammengewoben war, so empfand sie -Glück und Schmerz eindringlicher als andre Sterbliche. Jetzt ging ihre -Lebenskurve wieder aufwärts. - -Die Stimmung eines genesenden Menschen, besonders nach schmerzlichen -Fiebernächten, ist von angenehmer Mattigkeit und Milde. In dieser -weichen Ruhe ist er für Güte zwiefach empfänglich. Er will nicht mehr -titanisch erzwingen; er läßt sich lächelnd von Gesunden beschenken und -hat als ganze Gegengabe nur Blick und Händedruck des Dankes. Der Wille -hat seine Grenzen erkannt gegenüber der Übermacht des Schicksals. -Als Schiffbrüchiger treibt er aus den Strudeln der Krankheit zu -Lande, seines nackten Lebens froh und gewaltsam befreit von vielem -Lebensballast. Denn die Götter sind mächtiger als die Titanen. - -Die genesende Mutter hatte auf ihrem Leidenslager die Freude erlebt, -nach langen Schmerzenswochen zum ersten Male wieder ihre beiden Kinder -sehen zu dürfen. Sie saß in den hochgebauten Kissen des Bettes und -hatte rechts und links je einen der Knaben im Arm, herzige Flachsköpfe -von sieben und neun Jahren, die in ihren neuen Jäckchen und verklärt -vom Jubel entzückend aussahen und die geliebte Mutter fast erdrückten -vor Zärtlichkeit. Der Arzt mit seiner zierlichen Frau und Trotzendorff -waren selber bewegt und hatten alle Mühe, Kurt und Helmut zur -Besonnenheit anzuhalten. Der Jüngste hatte die Knie ins Federbett -gestemmt und wischte der Mutter mit seinem kleinen Taschentuch die -Freudentränen ab; der andere zeigte ihr Hefte und selbstgefertigte -Zeichnungen; und sie selber riß immer wieder beide an sich: „Hab' -ich euch denn noch? Darf ich denn noch bei euch bleiben, meine süßen -Jungen? Habt ihr denn eure Mutter noch lieb?!” - -Man mußte die Erschöpfte nachher allein lassen. Das Wiedersehen hatte -sie angegriffen. - -Sie lag wohl eine Stunde lang mit geschlossenen Augen und gefalteten -Händen in der feinen, gedämpften Beleuchtung des reinlich weißen -Krankenzimmers. - -Noch war ein Nachleuchten dieses langentbehrten Glückes in den -abgezehrten Zügen, als ein Besuch gemeldet wurde. - -„Ein Fräulein von Stein läßt fragen, ob die gnädige Frau zu sprechen -sei”, meldete die Schwester. - -„Fräulein von Stein? Am Ende gar -- Elisabeth von Stein?!” - -Frau Friederike fuhr hastig empor. Sie bat die Pflegerin, nachzusehen, -ob an ihr und um sie her alles in Ordnung sei, ließ das Tageslicht noch -mehr dämpfen und schaute mit Herzpochen nach der Türe. - -Gleich darauf stand Elisabeth im Zimmer. Nach kurzem Zaudern schlug -sie den hellen Schleier zurück und trat mit raschen Schritten und -ausgestreckter Hand an das Bett heran. - -„Ich hörte von Ihrer Erkrankung,” sprach sie rasch herunter, denn sie -hatte diese Einführungsworte gradezu auswendig gelernt, „und da ich mit -meiner Mutter durch München zurückfahre, wollte ich mir die Freiheit -nehmen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.” - -Da stand nun also das Edelfräulein, im silbergrauen Kleid mit weißen -Handschuhen, die stattliche Haarkrone samt Hut vom Schleier umwunden, -Aug' in Auge mit ihrer Feindin -- mit der Frau, die ihr einst den -Geliebten genommen hatte. Ihre Hand, die sie nur zu leichtem Druck -gereicht hatte, zitterte; das Herz des spröden und herben Mädchens -pochte heftig. Die beiden Frauen sahen sich einige Augenblicke an; doch -keine las zunächst, was im Herzen der anderen vorging. - -„Das ist lieb von Ihnen, daß Sie mich besuchen”, erwiderte die Kranke -mit Fassung. „Nehmen Sie Platz, liebes Fräulein von Stein. Wir haben -uns seit Jahren nicht gesehen. Sie finden mich heute in einer ziemlich -matten Stimmung -- nein, bleiben Sie nur sitzen, Ihr Besuch ist mir -sehr willkommen! -- aber ich bin trotz aller Mattigkeit glücklich, -sehr, sehr glücklich. Ich habe soeben Besuch gehabt. Raten Sie, von -wem!” - -Ihre Augen leuchteten. Sie war so voll von ihren Kindern; und Elisabeth -war so voll von Ingo. So senkte Letztere unwillkürlich die Blicke und -wandte den Kopf zur Seite, als sollte ein Schlag gegen sie geführt -werden. Es waren nur wenige Sekunden; aber diese Gebärde nervöser -Angst war so ausdrucksvoll, so sprechend, daß die Leidende sofort das -Mißverständnis erriet. Und ein jähes Mitleid zuckte in der seelenvollen -Frau empor. - -Statt zu sagen, wer hier gewesen, streckte Frau von Trotzendorff in -plötzlicher Herzlichkeit die Hand aus, ergriff Elisabeths Rechte, -nahm sie in beide Hände und sagte innig, mit dem so gern bei ihr -überwallenden Gefühl: „Mein liebes, liebes Fräulein Elisabeth!” - -Dann beeilte sie sich, von ihrem Besuch zu sprechen: - -„Meine Kinder sind hier gewesen! Meine süßen Jungens sind hier auf -diesem Bett herumgekrabbelt! Denken Sie doch nur! Zum ersten Male seit -langen, langen Leidenswochen hab' ich Kurt und Helmut wieder gesehen! -Ach, ich bin fast gestorben vor Glück. Bei mir -- ich bin ja nun mal so -ein weichselig Geschöpf! -- sitzen ja die Tränen so locker, im Glück -und im Schmerz.” - -Und sie tastete nach dem Taschentuch und betupfte sich die wieder -feuchten Augen. - -Elisabeth sagte aufatmend einige Worte, daß sie das nachfühlen könne. - -„Nicht wahr,” fuhr die Kranke fort, „Sie haben ja auch so viel Freude -an Kindern, obwohl nur eine Mutter ganz ermessen kann, was es heißt, -auf Tod und Leben zu liegen und wochenlang seine Kinder nicht sehen -zu dürfen -- mit dem Gefühl, daß man vielleicht sterben muß, ohne -dieses anvertraute Gut zum Edlen erziehen zu dürfen! Ach, meine -liebe Elisabeth, das goldige Lachen der Kleinen und ihre rührenden -Zärtlichkeiten! Spüren Sie nicht, wie noch überall hier in der Luft ein -Lachen nachklingt? Sehen Sie, da hat nun Helmutchen richtig sein ganz -zerknülltes kleines Taschentuch liegen lassen, womit er mir die Augen -getrocknet hat, der kleine Knirps. Ich habe nachher hier eine Stunde -lang still gelegen und gebetet -- ich darf Ihnen das wohl sagen --, so -innig zu Gott gebetet, er möge meine Kinder zu braven Männern erwachsen -lassen und nicht an ihnen heimsuchen, was etwa -- was etwa die Mutter -verfehlt hat.” - -Jetzt begann sie in ihrer großen Schwäche wirklich zu weinen und suchte -sich mit Helmuts winzigem Taschentuch vergeblich die rinnenden Tränen -zu stillen. - -Elisabeth streichelte ihr die Hand und sprach einige beruhigende Worte. - -„Ich war nämlich viel schwerer krank, als mein Mann und Ingo ahnten -- ---” - -Da war der Name heraus. Sie hatte sich die Wortverbindung „mein Mann -und Ingo” derart angewöhnt, daß auch jetzt die Namen gemeinsam von -der Zunge glitten. Sogleich aber ward es ihr bewußt, wer an ihrem -Bette saß. Sie zögerte einen Augenblick und setzte dann hinzu: „Es -hat nämlich niemand gewußt außer dem Doktor und seiner Frau Hermine, -die eine Jugendfreundin von mir ist, wie schwer krank ich war. Ich -darf wohl sagen, ich habe dem Tod ganz nahe ins Auge geschaut. Und -das ist heilsam. Ich ließ mein ganzes Leben an mir vorüberwandern und -gelobte Gott, fortan meiner Pflicht zu leben -- und -- und wenn möglich -niemandem mehr weh zu tun.” - -Sie brach ab und drückte Elisabeths Hand. Dann sprach sie gefaßter -weiter: - -„Sie waren in Genf? Und haben dort Ingo gesehen?” - -„Nur ganz kurz.” - -„Geht's ihm gut? Ist er heiter?” - -„Ich wollte Sie dasselbe fragen. Ist er nicht hierhergekommen?” - -„Nein.” - -„Nicht hierhergekommen? Er wollte von Genf hierher zu Ihnen fahren.” - -„Nein, er ist in Thüringen. Und es ist gut so. Ich wollte ihn auch gar -nicht hier haben. Selbst nicht Richard, niemanden, denn -- wissen Sie, -manche Dinge muß man eben allein durchkämpfen. Aber Sie -- ja, grade -Sie habe ich mir oft herbeigewünscht.” - -„Mich?” - -„Ja, Sie, liebe Elisabeth. Sehen Sie, wenn man so wie ich dem Tode -nahe war, da wird man einfach und wahrhaftig. Wieviel Phantasterei hat -mein Leben unstet gemacht! Und wie fest und gütig sind Sie Ihren Weg -gegangen, Sie Gute!” - -Elisabeth war verlegen. Sie kannte den Gefühlsüberschwang dieser -künstlerischen Frau; sie wagte daher nicht zu entscheiden, wie weit -diese Gefühle echt und von Dauer waren. Diese Salondame hatte so viel -Talent, ihre Gefühle in Worte zu fassen; und sie selbst, Elisabeth, war -so wortarm. Sie war hierhergekommen in dem dumpfen Drang, mit dieser -Frau um Ingo zu ringen; es war das erstemal in ihrem Leben, daß sie -einen Schritt für sich selber tat. Freilich war in ihr das Mitleid -mit der Kranken gleich nach den ersten Sekunden hochgestiegen, und sie -wußte nun gar nicht, wie das Gespräch weiterführen. - -„Es ist sehr gütig von Ihnen,” sagte sie, „in dieser Weise zu mir zu -sprechen. Ich muß allerdings gestehen -- ich habe -- früher -- --” - -Sie stockte. - -„Sie haben früher andere Urteile über Sie aus meinem Munde zugetragen -bekommen, nicht wahr!” half ihr Frau von Trotzendorff nach. „Ja, da -haben Sie leider recht. Leider! Ich habe oft vorschnell geurteilt und -oft sehr rasch nach meinen Neigungen gelebt; und Sie sammelten derweil -Ihre Kraft in der Stille. Doch inzwischen, hier auf dem Krankenlager, -habe ich grade über Sie viel nachgedacht. Ach, was ist unser ganzes -Salon- und Konzert- und Gesellschaftswesen doch für ein eitles -Blendwerk ohne Wärme! Aber Naturen wie Sie haben auch Musik -- doch in -den Tiefen der Seele, liebes Kind. Und so bleibt etwas Behütetes, etwas -Keusches, eine jungfräuliche Kraft in Ihnen. Und darum sind -- trotz -alledem -- grade Sie die einzige, die er jemals geliebt hat!” - -Da war es heraus. Elisabeth senkte den Kopf. Diese Frau berührte -ohne weiteres das Geheimnis von Elisabeths Liebe. Noch kämpfte die -Schüchterne ein Weilchen, dann schlug sie die Augen auf und schaute der -Kranken voll ins Gesicht. - -„Da Sie so offen sprechen, Frau von Trotzendorff, will auch ich -Ihnen mit gleichem Vertrauen begegnen. Ich habe nie jemanden gehaßt, -das kann ich wohl sagen, denn solche Gefühle liegen nicht in meiner -Natur. Auch nicht Bitterkeit. Und doch -- ich hab' in den letzten -Jahren -- ich muß es Ihnen gestehen -- die Empfindung nicht loswerden -können, daß ich eine Feindin habe, die mir unsäglich weh tat. Nicht -eigentlich Sie selbst, denn Sie konnten das ja nicht so wissen -- aber -die Verhältnisse -- es ist nun einmal so gekommen. Und ich selber war -schuld daran, ich habe nicht das Talent besessen, ihn in würdiger Weise -festzuhalten. Aber wenn mich jemand unterstützt hätte -- jemand, der -so viel mehr Geist und Gewandtheit besitzt als ich -- jemand wie Sie, -statt sich zwischen ihn und mich zu stellen -- -- ich sagte mir oft, -Gott hätte an solchem guten Werk mehr Freude gehabt. Als ich dann -später in eine ähnliche Lage geriet, wo eine Ehe bedroht war, da habe -ich mit ganzer Kraft an der Aussöhnung gearbeitet. Und es war Segen auf -meinen Bemühungen. Wenn wir alle einander helfen würden, es wäre so -schön zu leben! Statt dessen bereiten wir einander Schmerzen.” - -Elisabeth senkte das Haupt, so daß man ihre zusammengepreßten Lippen -nicht sah. Sie hatte dieses Bekenntnis, das ihr schwer fiel, mit -ergreifender Schlichtheit gesagt. Und die Kranke nickte und tastete -dann wieder nach Elisabeths Hand, mit der Linken die feuchten Augen -trocknend. - -„Sie haben in allem recht, Kind. Ich gebe Ihnen Wort für Wort recht. -Nur das _eine_ kann ich vielleicht zur Entschuldigung anführen: auch -ich habe viel gelitten.” - -„Aber Sie hatten Mann und Kinder -- ich hatte nur ihn!” - -Hart und trotzig flog das heraus. Es war das erstemal im Leben, daß -Elisabeths scheuer Mund derart um ihr Recht auf Ingo kämpfte. Es ließ -sich an, als sollte nun erst der eigentliche Kampf beginnen. Doch wie -es kam, wußten sie hernach selber nicht: plötzlich hielten sich die -beiden Frauen in den Armen, küßten sich und weinten beide. - -Und sagten dann kein Wort mehr von diesem Mann und dieser Sache. -Vielmehr erwachte jetzt in Elisabeth die zugreifende Krankenschwester; -sie machte ein Trinkwasser zurecht, reichte es der Ermatteten liebevoll -und ordnete ihre Kissen; streichelte ihr dann zart über die Wangen, als -sie mit geschlossenen Augen lag, und küßte sie abermals. - -„Denken Sie gut von mir, liebe Frau von Trotzendorff!” sagte sie innig. -„Und sagen Sie Ingo, daß er mir nicht grollen soll!” - -Elisabeth wollte sich entfernen, aber ihre Hand ward festgehalten. - -„Und mir verzeihen Sie, Elisabeth! Und Ingo -- Sie _müssen_ ihn -festhalten, recht innig fest! Denn Ihnen gehört er, Ihnen hat er immer -gehört, Ihnen ganz allein!” - -Elisabeth ging. - -Die Frau, die hinter ihr zurückblieb und sofort in wohltätigen -Schlummer sank, war sehr müde, aber auch sehr glücklich. - - * * * * * - -Trotzendorff, Bruck und Ingo, drei stattliche Männer, ritten von Weimar -nach Tiefurt. - -Der Konsul war auf dem Heimweg in Weimar abgestiegen, um seinen Freund -und Genossen vom Montserrat zu besuchen. - -Der Sommermorgen umgab die drei Reiter mit lebendigen Tönen und Farben. -Der Äther war klar. Durch die alten Bäume des Webicht funkelte die -Sonne; aus den Gräsern antwortete funkelnder Tau. Ein Wandrer sang ein -Schubertsches Müllerlied; die Vögel in Gärten und Waldung lärmten nach -Herzenslust; und fern zur Linken, am Ettersberg entlang, sauste die -Eisenbahn. - -Wie sie auf ruhigen Pferden meist gemächlichen Schrittes, manchmal in -gelindem Trab dahinritten, boten die drei Männer ein kräftiges Bild: -rechts und links die breitgebauten älteren Herren auf braunen Tieren -mit weißen Fesseln, in der Mitte der schlanke Ingo auf schlankem Fuchs. -Konsul Bruck, den Arm in die Seite gestemmt, war nicht unähnlich einem -Farmer, der mit Würde und Behagen durch seine Pflanzung ritt; der -Major, mit vorschriftsmäßig eingezogenen Ellenbogen und in straffer -Haltung, war auch zu Pferd und in Zivil vor allen Dingen Soldat. - -Zunächst hatte man von äußeren Dingen gesprochen, von deutscher Luft -und Landschaft. - -„In Heidelberg ist mein Herz wieder warm und hell geworden”, erzählte -der heimgekehrte Spielmann. „Ich kam in gedrückter Stimmung an. Aber da -oben auf dem Heidelberger Schloß, um mich her den jungen Sommertag -- -unvergleichlich schön!” - -„Nicht wahr?!” frohlockte der kerndeutsche Trotzendorff. „Scheltet auf -Scheffel, soviel ihr wollt, ihr Modernen, und verdammt den Tonsetzer -des ‚Trompeter von Säckingen’ in Grund und Boden! Schon recht! Aber -singt einmal, singt sein Alt-Heidelberg -- und er behält recht! Hol's -der Deuwel, da werde sogar ich ein Dichtersmann!” - -Und sofort klang es in Ingo, und er sang in den Morgen: - - „Alt-Heidelberg, du feine, - Du Stadt an Ehren reich! - Am Neckar und am Rheine - Kein' andre kommt dir gleich!” - -„Das kann man nämlich nicht zitieren, meine Herren, das muß man singen!” - -Man war wieder in Deutschland. - -Und nach und nach lenkte sich durch Trotzendorff das Gespräch vom -lyrischen Deutschland zum politischen hinüber. - -„Verfluchte Sackgasse, unsre Politik! Die sich in das Wort -zusammenfaßt: Feinde ringsum! Käm's doch endlich zum Krachen! Ich -fürchte, daß wir mit diesen diplomatischen Hinauszögerungen die rechte -Stunde des Losschlagens verpassen. Denn um den europäischen Krieg -kommen wir doch nicht herum. Und dabei fehlt in unsren deutschen -Rüstungen die Straffheit. Allgemeine Wehrpflicht? Auf dem Papier! Aus -siebzig Millionen ließe sich mehr herauspressen! Sehen Sie doch nach -Frankreich hinüber, wie das den letzten Mann heranholt und sogar die -farbige Armee aus Afrika! Auch Maschinengewehr-Kompagnien fehlen uns -noch; der Artillerie fehlt ein Einheitsgeschoß; zu wenig Einzelflieger --- und so wäre manches auszusetzen. Ich fürchte, der deutsche Michel -muß im nächsten Krieg erst nach Jena, ehe er nach Leipzig marschiert!” - -„Und im Innern?” warf Bruck herüber. - -„Die Sozialdemokratie? Je rascher und gründlicher die -Auseinandersetzung, um so besser!” klang es vom Major zurück, in -seinem etwas nasalen, doch festen Ton, den er sich auf dem Kasernenhof -angewöhnt hatte. - -„Vielleicht besinnt sich dann nach solchen Erschütterungen Deutschland -auf seine wahre Aufgabe”, meinte der Konsul. - -„Worin bestände diese Aufgabe? Doch wohl in der Heranzüchtung einer -strammen Menschenrasse?! Ich habe neulich wieder einmal eine größere -Parade mitgemacht -- Donnerwetter, es ist doch ein großartiges -Schauspiel! In Tausende von Menschen gesetzmäßige Bewegung zu bringen, -daß alles klappt wie ein Uhrwerk -- was für Arbeit! Und Drill! Und -Zucht! Großartig!” - -„Schon die alten Römer leisteten hierin Großartiges”, bemerkte der -Konsul bedenklich. „Ich meine aber mehr Deutschlands seelische Aufgaben -unter den Völkern Europas. Darin sind wir verarmt und bedeuten kein -führend Volk mehr.” - -„Sie meinen die Zersetzung der Religion?” - -„So ungefähr. Hier hat der nervöse moderne Intellekt unser Gemütsleben -tief geschädigt. Wenn man dieses Weimar so betrachtet -- sollte man -für wahr halten, daß es erst hundert Jahre her sind, seit sich hier so -schöne und große Wahrheiten dichterisch offenbart haben?” - -„Na, mein wertester Herr Konsul, in Deutschland haben wir unsren -Schiller und Goethe noch immer im Bücherschrank. Im übrigen sind wir -jetzt im Zeitalter Bismarcks und haben eiserne Aufgaben zu lösen.” - -„Auf Kosten der Seele?” - -„Was heißt Seele!” - -„Was Seele heißt?” - -„Die Seele braucht doch vor allen Dingen einen gesunden Körper, Zucht, -Strammheit.” - -„Nach meiner Ansicht ist die Nahrung der Seele vor allem andren die -Liebe”, erwiderte der Konsul. „Liebe und Weisheit und Schönheit. Bei -dem ungeheuren Wettrüsten zwischen Ständen und Nationen züchtet man -aber nicht die Liebe, sondern das Mißtrauen.” - -„Den Willen!” rief Trotzendorff. „In jeder Armee und in jedem -Staatswesen ist Willensschulung das oberste.” - -„Es kommt aber doch wohl darauf an, _was_ man will, nicht wahr? Der -Wille muß doch wohl ein Ziel haben? Und im Willen der modernen Völker -sehe ich das Ziel, den Nachbarn möglichst zu übervorteilen. Die -Nationen sind Konkurrenten; aber sie sollten Brüder sein.” - -„Nimmt sich auf dem Papier vortrefflich aus!” - -„Bitte, ist Hauptforderung der christlichen Religion. Und meines -Wissens wird diese Religion in Europa amtsmäßig gelehrt.” - -„Mein lieber Herr Konsul, alle Achtung vor Ihren persönlichen -Erfahrungen im Ausland! Aber aus Ihren Reden hör' ich die Schalmei der -Friedensfreunde. Und da pfeif' ich nicht mit. Sobald wir Deutschen -abrüsten, sind wir morgen zerdrückt. Feinde ringsum!” - -„Ja, so sagt jeder! Und so zwingt jeder den andren zum ewigen -Wettrüsten, statt daß man sich zum europäischen Staatenbund verbrüdert.” - -„Zukunftstraum!” - -„Mag sein! Doch wirft man Preußen vor, daß es nicht das Talent habe, -moralische Eroberungen zu machen. Wie wär's, wenn nun Reichsdeutschland -diese feine Kunst ausbilden würde? Sobald man aus dem Ausland gern in -unsren heiligen Hain kommen würde, um von uns Göttliches zu lernen, -würde sich jenes Wort, das Sie vorhin riefen, verwandeln in ein -‚Freunde ringsum!’” - -„Seien Sie froh, daß Preußen nicht weichlich ist! In die schlappe -deutsche Wirtschaft hat Preußen Zug gebracht. -- Na, schweigsamer Ingo, -und was sagst denn du dazu?” - -Ingo glaubte beide Freunde zu verstehen. Er hatte parteilos zugehört. -Aber dann war er ins Träumen geraten über seine persönliche ungelöste -Angelegenheit. Er hatte zum erstenmal wieder seit Wochen einen Brief -von Frau von Trotzendorff erhalten; und in diesem Schreiben war, zu -seiner freudigen Verwunderung, Elisabeths Besuch ausführlich und -liebevoll erzählt. - -„Prophete rechts, Prophete links!” antwortete er lächelnd. „Ich bin -noch nicht reif genug, um mitzureden. Wenn ich mich aber richtig -einschätze, so wird mein unermeßlich Reich der stille Gedanke werden, -nicht deine laute Politik, Richard. Mit andren Worten: die Reichsseele, -nicht der Reichskörper!” - -„Recht so!” bekräftigte Brucks Baß. „Grade darin sollten jetzt die -besten deutschen Geister ihre Hauptaufgabe erblicken.” Er strich den -breiten Graubart und fügte die rätselhaften Worte hinzu: „Ich habe -gehört, daß einige berufen sind, einen reineren Lebensbegriff zu -offenbaren.” - -„Erinnerst du dich jenes Gespräches an der Riviera, Richard?” fuhr -Ingo fort. „Wir sprachen vom Untergang der Titanic. Man mag heute das -grauenhafteste Unglück in der Zeitung lesen -- und schon nach wenigen -Tagen ist der Eindruck wieder verwischt. Neue Nachrichten rasseln -täglich über unser Gehirn und die feineren Organe hinweg. Wir haben -weder Kraft noch Zeit, diesen Massenandrang zu verarbeiten. Es bleibt -ein Nervenreiz, es bleibt Papier, wir lesen es nur, wir erleben es -nicht. Seelenlos rollt der Apparat des modernen gesellschaftlichen -Mechanismus über die einzelne Seele hinweg. Ob Tausende irgendwo -verunglücken oder Zehntausende, es ist ebenso belanglos; der Apparat -läuft weiter. Das ist es, Richard, wogegen ich als Ausreißer und -Flüchtling ankämpfe; ich will meine Seele nicht zermalmen lassen. Ich -muß oft an Schaller und Marx denken; sie sind wie jener Schatzgräber: -er gibt dem Teufel die Seele und erhält dafür Sachen. So hat unser -moderner Mechanismus eine Überfülle von gewiß schätzbaren Sachen -eingeheimst, auch Kunstsachen und Literaturwerke, aber die Seele -verloren.” - -Der Major schüttelte zu dieser Philosophie schweigend und mißbilligend -den Kopf. - -Bruck aber lenkte die Unterhaltung ab: - -„Da Sie von Marx sprechen: ich traf in München, in jener Gesellschaft -für Geistesforschung, die sich ja grade um das innere Wesen des -Menschen bemüht, Ihren englischen Freund Wallace. Sie entsinnen sich, -daß wir auf dem Montserrat von solchen großen Fragen gesprochen haben?” - -Der Montserrat! Wie sonor klang dieser Name des spanischen Felsenberges -in das idyllische Weimar! Der Montsalvat! Der heilige Gral, das -Rosenkreuz, der Ausblick in Kosmos und Erdendasein -- -- es war ihm, -dem dankbaren Schüler weimarischer Kultur, als wäre etwas in ihm dort -auf dem Montserrat über Weimar und Wartburg hinausgewachsen. - -„Ah, Wallace! Ein ruhiger und besonnener Mensch! Wir könnten von den -Engländern lernen.” - -„Und sie von uns”, brummte Trotzendorff. - -„Wir waren”, setzte der Konsul hinzu, „dort in München viel mit Doktor -Marx zusammen --” - -„Marx?!” - -Ingos Fuchs wurde unruhig und begann zu tänzeln. - -„Ebenfalls Mitglied”, bemerkte Bruck. - -„Der kleine Kommerzienrat?! Schallers Freund?” - -„O nein, der nicht!” lachte der alte Herr. „Sein Bruder, ein stiller -und sympathischer Gelehrter. Sie wissen ja, daß ich die modernen -Israeliten nach zwei Gesichtspunkten einteile: Spinozisten und -Mammonisten. Dieser jüngere Marx ist ungefähr das Gegenteil von jenem -Mammonisten.” - -„Na, auch über diese Rasse dürften unsre Ansichten auseinandergehen”, -warf der Major herüber. - -„Läßt sich wohl denken”, versetzte Bruck. „Aber mit preußischem -Kommando wird auch hier nichts entknotet werden.” - -Ingo suchte zu vermitteln. - -„Ich fürchte manchmal, daß unser allzu laut gewordenes Deutschland -durch Demütigungen hindurch muß, um sich wieder auf seine stille -europäische Aufgabe zu besinnen. Es ist etwas Nervöses und Überreiztes -in dieser ganzen Zivilisation. Und nun willst du mich auf die Wartburg -schleppen, Richard, willst mich dem höchsten Repräsentanten dieser -modern-deutschen Entwicklung vorstellen und in dieses jetzige Getriebe -einfangen --” - -„Ich zähle sogar bestimmt darauf, lieber Ingo! ‚Der Mann muß hinaus ins -feindliche Leben’ -- sagt Schiller.” - -„Er sagt aber auch, lieber Richard: ‚In des Herzens heilig stille Räume -mußt du fliehen aus des Lebens Drang’!” - -„Unsinn! Er sagt aber auch: ‚Rastlos vorwärts mußt du streben, nie -ermüdet stille stehen’ -- das hat mir mein alter Oberst unter sein Bild -geschrieben.” - -„Schon recht! Er sagt aber auch: ‚In die Tiefe mußt du steigen, soll -sich dir das Wesen zeigen’.” - -Die drei Reiter lachten über dieses schlagfertige Tennisspiel mit -Schillerworten. - -Der Soldat Trotzendorff war noch nicht geneigt, Frieden zu schließen, -obwohl das Schiller-Gelände seiner Generalstabskarte ziemlich dürftig -skizziert war. - -„Außerdem hat Schiller gesagt”, rief er schneidig: „‚Wer immer strebend -sich bemüht’ --” - -„Halt, Bataillon! Das sagt nun allerdings Goethe!” - -„Und fügt hinzu”, half Bruck: „‚den können wir erlösen’ -- _wir_! -Nämlich die ewigen Schicksalsmächte, Herr Major!” - -„Mystik, meine Herren! Sie wissen, da pfeif' ich nicht mit! Ich sage -nur so viel: Der Deuwel hole die Nation, die nur noch Halleluja singt -und nicht mehr die Wacht am Rhein!” - -Sie brachen lachend ab. Bruck war taktvoller Weltmann genug, von -seinen Geheimkammern nur dann eine Tür aufzuschließen, wenn er einen -Gralsucher in der Nähe witterte. - -„Herzensjunge,” schloß Trotzendorff in seiner frischen und freimütigen -Art, „dein Philosophieren nützt nun alles nichts. Auf die Wartburg -sollst du mir doch -- und wenn ich dich auf einem Wartburg-Esel -eigenhändig ans Burgtor führen muß!” - -„Nun, ich hoffe wieder heil herunterzukommen.” - -„Jawohl, einen Orden im Knopfloch und einen Hoftitel in der Tasche! Ein -gemachter Mann, auf den ganz Deutschland schaut!” - -Der Konsul hielt sein Pferd an. Er hatte, bei aller großartigen -Seelenruhe, ein natürliches Gesprächstalent: ging mit Aufmerksamkeit -auf einen Gegenstand ein, ließ höflich, aber schlagfertig eines Gegners -Einwand an sich herankommen und trachtete zuletzt nach Abrundung. Um -diese war es ihm auch jetzt zu tun. Er reichte dem Major mit einem -reizenden Muskelspiel seines verwetterten Gesichtes die Hand. - -„Lieber Herr Major, ich bekenne mich hiermit als geschlagen. Sie sind -doch von uns dreien der größte Idealist!” - - * * * * * - -... In Ingo spannen die Gedanken weiter. Er liebte beide brave Deutsche -rechts und links; und doch spürte er, daß er mit einem wesentlichen -Teil seines Herzens zur stilleren Partei gehöre: zu dem Gefährten vom -Gralsberg. - -Und er sah in plötzlicher Fernschau seinen eigenen Park der Zukunft, -belebt von Steinbildern großer Männer, verschönt durch goldene -Sprüche der Poesie und Weisheit. Die Möglichkeit, als Gutsbesitzer -an der Scholle haften zu müssen, erschien dem Weltwanderer nicht -mehr schreckhaft, vielmehr in neuem und schönem Lichte. Die weiße -Tempelsäule auf dem Sonnenhügel, wo er am Rande Europas bei unreifen -Mädchen Schönheit gesucht hatte, sah er aufgerichtet mitten in einem -deutschen Park. „Auch die Scholle läßt sich weihen, auch die Enge zur -Welt erweitern. Wenn nur -- wenn nur lebendige Liebe erwärmend und -verschönend mithilft -- lebendige Liebe!” Jetzt trat seine künftige -Freifrau aus dem Herrenhause, von der Dogge begleitet, schritt durch -den anmutvoll belebten Park und trug etwas von dem Reichtum ihrer Welt -hinab zu Kranken des Dorfes ... - -„Was träumst du, Ingo?” fragte Richard. - -„Was ich träume?” - -Ingo sah sich erwachend um. Die Parklandschaft von Tiefurt lag vor -ihnen ausgebreitet. Der Spieltrieb schöpferischer Geister hatte einst -diesem ganzen weimarischen Gebiet Frohsinn aufgeprägt. - -„Ich träume davon, wie dieses weltberühmte Weimar äußerlich so klein -ist und hat doch im kleinsten Punkte die höchste Kraft gesammelt. Ich -träume davon, daß auch das Herz nur ein kleiner Punkt ist: aber der -Mittelpunkt des Menschen.” - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Zehntes Kapitel - -Kaisergespräch auf der Wartburg - - Eins nach außen, schwertgewaltig - Um ein hoch Panier geschart, - Innen reich und vielgestaltig, - Jeder Stamm nach seiner Art! - - _Geibel_ - - -Die Fahnen der festlichen Stadt Eisenach und der Wartburg hingen ohne -die mindeste Bewegung schlaff an den Stangen herab. - -Die Luft war schwül und schwer. In abenteuerlicher Färbung stand -der dunstig heiße, einem Gewitter entgegenbangende Sommertag. Die -westlichen und nördlichen Horizonte drohten blauschwarz herüber. Von -der Rhön her funkelte Wetterleuchten; ein zweites Wetter ballte sich -über der goldenen Aue. - -Waren rings auf phantastischen Wolkenbergen Batterien aufgefahren? - -Bedrohten sie die Wartburg, den Herzpunkt deutschen Geistes? - -Malte sich in den Lüften ein Zukunftskrieg um die besten Güter der -Nation? - -Major von Trotzendorff sah schwarz genug in die Zukunft. Aber der -heutige Tag war für ihn ein Festtag. Denn er hatte es durchgesetzt: -sein Freund, der unseßhafte Weltfahrer, stellte sich zu einer höfischen -Audienz! - -„Was schwebt dir denn eigentlich dabei vor, mein alter Freund und -Gönner?” hatte der Spielmann gutmütig gefragt. - -Und den kräftigen Schnurrbart mit zwei Bürstchen bearbeitend, hatte der -Major vielsagend geantwortet: - -„Na, mein Junge, das wird sich schon alles finden. Ich denke, gewissen -Hoftheatern wird eine geistige Auffrischung nicht schaden. Was?” - -Ingo stand am Fenster des Hotels in Eisenach, wo er abzusteigen -pflegte. Hier, in diesem nämlichen Zimmer, hatte er vor fünf Jahren -gewohnt, als er mit Elisabeth und ihrer Mutter einige Tage in der -Wartburgstadt weilte. Es waren noch Tage der Liebe gewesen, einer -vornehm verschwiegenen Liebe. Inzwischen hatte ihn unklare Sehnsucht -durch die Lande gerissen; inzwischen hatte er in rascher Folge England -und Italien, dann Riviera, Lourdes, Montserrat, Genfer See erlebt und -war nun auf dem Wege zur Selbstbesinnung. - -Er hatte drei Briefe in der Tasche: von Elisabeth, von Frau Friederike, -von Schaller, der ihn kurz und launig zur Hochzeit einlud. - -Am leidenschaftlichsten und tiefsten empfunden war der Brief seiner -Elisabeth. Sie ging mit kurzer und stolzer Wendung über Leroux hinweg; -sie erzählte ihren Besuch bei der Kranken in München, die jetzt wieder -am Fenster saß; sie bat ihn, nie an ihrer einzigen, ersten und letzten -Liebe zu zweifeln. Und sie, die spröde, bat um seine genaue Adresse; -sie werde sofort zu ihm reisen und Auge in Auge Schmerz und Mißtrauen -zerstreuen, denen er ohne ihre Schuld zum Opfer gefallen. - -In ungewohnter ernster Kürze schrieb Frau Friederike: - -„Es ist Zeit, lieber Ingo, daß wir alle unsren festen Platz wählen. -Ich habe ein Vorgefühl, wenn ich Richards Briefe richtig deute, als -ob unsrem ganzen Europa eine Titanic-Katastrophe bevorstehe. Da -fällt alles Schwärmerische und Unechte ab, und es bleibt bestehen -Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich Güte und Treue ist. -Laß uns zusammenhalten wie bisher, lieber Freund, aber Elisabeth soll -mit in unsrem Bunde sein. Messe Dir Dein Land ab, richte Dein Haus -ein, Deine Lehr- und Wanderjahre sind vorüber. Und bleib gut Deinem -Kameraden Friedel!” - -Ingo schaute in die fahlen Horizonte, in die Heerscharen, die dort um -Deutschland gelagert schienen. - -Dann wandte sich sein Blick zu dem üppig-starken Baum- und Graswuchs, -der von allen Seiten Hainstein und Wartburg in schimmernder Schönheit -umgrünt. Wie weich und voll die Wipfel, wie anschmiegsam die Wiesen, -und schlank darüber der Bergfried mit dem Kreuz! - -Die Fenster des Pallas mit den edelgeschwungenen romanischen Bogen -standen offen. Die Burg war jetzt gefüllt mit Uniformen und hohen -Zivilisten. In jenem Mittelbau dort, vor dem Sängersaal, waren die -schön getäfelten, behaglich-vornehmen Gemächer des Kaisers und des -Großherzogs belebt. Unter den geladenen Gästen wandelte mit dem -weimarischen Burgherrn Seine Majestät der deutsche Kaiser. - -Major von Trotzendorff, ganz Uniform und geschwellte Mannesbrust, holte -den Freund ab. - -Eine halbe Stunde später bewegten sie sich selber im Farbenspiel des -festlichen Gewimmels. - - * * * * * - -Im zweiten Burghof, wo Waldgrün die Farbe der Landschaft bestimmt, -stand alles im Zeichen der Jagd. Fast jedermann trug Weidmannsuniform. -Der Verkehrston war bei aller Gehaltenheit ungezwungen, wenn auch -gedämpft durch die lästige Gewitterschwüle. - -Baron von Stein-Waldeck kannte einige von diesen Hofleuten. Als -erster schüttelte ihm sein alter Freund, der schlanke und hagere -Oberburghauptmann mit dem meist etwas ironischen Weltmannsgesicht, die -Hand. Eine weimarische Exzellenz stand in der Nähe, an Gestalt und -Schnurrbärtchen dem verstorbenen Karl Alexander nicht unähnlich. Dann -sah man den deutschen Kaiser neben des Großherzogs gedrungener Gestalt -zwanglos im inneren Hofe plaudernd wandeln, auch sie beide in der -prächtig sitzenden Gewandung der Jagd. - -Was mögen die beiden hohen Herren plaudern? - -Ingo wurde aufmerksam. - -Er schenkte den übrigen Gruppen nur wenig Beachtung, sondern -beobachtete unauffällig die beiden Fürsten, in deren Nähe sich der -schlanke Coburger mit einigen Jägern scherzend unterhielt. - -Ingo hatte Freude an dem malerischen Bilde. Er war keine unsoldatische -Natur; ein Kaisermanöver, das er seinerzeit mitgemacht, hatte er mit -der leidenschaftlichen Teilnahme eines Strategen verfolgt, zäh und -stramm auf seinem Artillerie-Pferd allen Strapazen gewachsen. Der -Verfasser des „Heroismus” hatte Instinkt für Männlichkeit. - -Die Fürsten schauten nach den nahenden Gewittern; sie mochten über -Jagd und Wetter gleichgültige Worte wechseln. Vielleicht aber quollen -auch tiefere Gedanken aus des Kaisers Seelengründen empor und -verlangten Aussprache und durch Aussprache Klärung und nach der Klärung -tatkräftige Überwindung? ... - -Des Spielmanns Phantasie begann zu arbeiten. Er sah vor sich Pallas, -Dirnitz und Bergfried aufragen; er empfand heimatlich nahe die -Hügelungen der thüringischen Tannenberge. Landgraf Hermann der -Freigebige war wiedergeboren: er lustwandelte dort im Hof als deutscher -Kaiser. Ingo selber fühlte sich als Walther von der Vogelweide; -vaterländische Treue und dichterisches Empfinden klangen in ihm -zusammen; wie jener Walther zog auch er ohne Lehen durch die offene -Welt. Und seine Phantasie hörte den Kaiser sprechen ... - -Der Kaiser -- so sann er -- knüpft in seiner Unterhaltung vielleicht -an sein bevorstehendes Regierungsjubiläum an. Er sieht sich -rückschauend auf den Bänken des Casseler Gymnasiums, wo er durch -gewissenhaften Fleiß Achtung und Liebe seiner Lehrer erringt; er -verlebt zwei unvergeßliche Jahre als Borusse; er empfängt als Soldat -in jeder Waffe eine gründliche Ausbildung; er tritt als Oberster des -Leibhusaren-Regiments der Üppigkeit im Offizierskorps entgegen; er -gibt als Familienvater an der Seite einer edelgestimmten Hausherrin -das beste Beispiel strenger Pflichterfüllung und harter, einfacher -Lebensweise; er sucht als Kaiser durch warmherzige soziale Fürsorge und -durch Betonung der sittlichen und religiösen Fundamente des Volkstums -gesunde Verhältnisse zu schaffen; die Marine empfängt durch ihn einen -ungemeinen Ansporn, denn er hat von der Mutter her „Seeblut” in den -Adern; ein spannkräftiges, schlagfertiges Heer soll seinem Volke vor -allem den Frieden erhalten, den Platz an der Sonne -- -- so schaute -Ingo, der Sohn aus königstreuem, altem Adelshause, auf das Leben des -Monarchen, der hier in seiner unmittelbaren Nähe stand. - -Und sprach der Kaiser in seiner raschen, elastischen Weise vielleicht -Folgendes? - -„Wir sind in besondrer Zeit. Die Völker sind durch die Schwingungen -eines ungeahnten Weltverkehrs wie nie zuvor miteinander in Fühlung und -Reibung gekommen. Da ist Gefahr für das Ererbte. Das Alte scheint in -diesem Andrang von heftigen Gegenwartseindrücken minderwertig -- die -Seele überhaupt. Nicht wahr: was ist denn etwa einem amerikanischen -Geldfürsten die ruhmreiche Geschichte dieser Wartburg? Sie ist Duft -und Höhendunst im Vergleich zu den soliden Massen und Maßstäben -seines lauten Neu-Amerika. In welchem Größenverhältnis mag ihm ein -Thüringer Landgraf erscheinen im Vergleich zu den Millionären des -Pelzhandels oder der Goldminen, der Kartelle, Reedereien, Lloyds? Ich -habe meine Vorliebe für Amerikas energischen Pulsschlag bekundet. -Ganz gewiß! ich liebe Tatkraft, aber ich bin bedenklich wider die -selbstbewußte Diesseitigkeit jener Zivilisation. Uns Deutschen fehlt -es wahrlich ebensowenig wie jenen an zugreifender Kraft; das hat -schon unsre Hansa samt Reichsstädten und das haben die Staufen- und -Sachsenkaiser glänzend bewiesen, und das beweisen wir heute abermals -auf allen Gebieten, vom Lloyd bis zum Zeppelin, Gott sei Dank! Aber -wir haben noch eine andere, eine feinere, eine tiefere Mission; wir -haben den bedeutenden Errungenschaften der Gegenwart die bedeutendste -hinzuzufügen: wir haben die neugestaltete Gegenwart zu _beseelen_. Das -ist es, was ich auf häufigen Reisen suche und noch nicht finde. Wir -müssen, wie wir unsre eisernen Kriegsschiffe mit gepanzerter Faust -hinaussenden, auch die weißen Tauben des Glaubens an das Göttliche im -Menschen über die verarmte Erde ausfliegen lassen. Manchem tüchtigen -Manne zu Weimar und auf der Wartburg hat Gott die Fahnenstange des -Idealismus in die Hand gedrückt. So soll's bleiben. Das Schwert werden -wir geschliffen behalten; die irdischen Verhältnisse zwingen uns dazu. -Beides miteinander zu verschwistern: weltweite Horizonte und Kraft -der inneren Beseelung, modernes Bewußtsein und historische Ehrfurcht, -Tatkraft und Gemüt, wissenschaftliche Unbefangenheit und religiöse -Tiefe -- sieh, darin erkenn' ich meine kaiserliche Aufgabe. Das scheint -mir die Aufgabe der Zeit.” - -Der Großherzog fühlte vielleicht -- so phantasierte Ingo weiter --- daß der Kaiser nur zu einem ungewöhnlichen Monolog, zu einer -Herzenserleichterung großen Stils diese Stunde gewünscht hatte. -Der junge Fürst beschränkte sich daher wohl auf leise und leichte -Bemerkungen über Dinge der nahen Außenwelt. Der Monarch ging darauf -ein, wie um auszuruhen und seine fernschweifenden Gedanken in die -Nähe zurückzurufen. Bald aber versandete dieses Zwischengespräch. -Und der Großherzog schaute stumm, die Hände auf dem Rücken, -über den wildreichen Wald hin, in welchem er so gern seiner -Lieblingsbeschäftigung oblag. - -Der Kaiser mochte, kraft jenes Fluidums, das sich zwischen zwei -Sprechenden nach und nach auszubilden pflegt, den stillen Wunsch des -fürstlichen Weidmannes erraten. - -Und in Ingos Phantasie fuhr er fort: - -„Auch ich kenne kein frischeres Vergnügen, abgesehen von einer -Segelregatta, als in der Rominter Heide vom Jagdwagen ins taunasse -Heidekraut zu springen oder im ‚Hiligen Forst’ der Westmark einem -balzenden Auerhahn sprungweis auf den Leib zu rücken. Herzhafter Kampf! -Ich hab' in meinem Jägerdasein mehr als siebzigtausend Stück aller -Arten von Wild geschossen; und es mag manchem vorkommen, als wäre -das der Weidmannslust fast zu viel. Aber ich arbeite rasch und stark -und brauche rasche, starke Entspannung. Man müßte freilich ein Genie -sein, um alles vom Kern aus zu überschauen: ein Genie der Sammlung -... Da steckt vielleicht das Geheimnis dessen, was wir brauchen ... -Sammlung, Verinnerlichung ... Wir verlieren uns zu sehr ins Detail; -wir müssen in der auflösenden Zweifelsucht der Gegenwart erst wieder -den Zentralpunkt finden und von dort aus neue Ideale schaffen, ohne -Untreue gegen die alten. Schweres Werk! Und von uns Zeitgenossen -ungelöst. Wahrlich, eine Massenattacke mit Kavallerie zu reiten, ist -leichter. Und wie macht man mir mein Amt schwer! Wie untergräbt man -Ehrfurcht und Autorität! Wie nörgelt man an meinen gradaus und ehrlich -gegebenen Anregungen herum! ... Hier ist meine tiefste Sorge: nicht nur -Meine Autorität, nein, Autorität überhaupt gilt diesem aufgeregten, -unstet-nervösen Geschlecht als ein unmodernes Gefühl. Adel jeder Art -ist hart in Bedrängnis.” - -Der Kaiser schritt lebhaft ein paar Schritte hin und her. Das ungeheure -Gewölk verdichtete sich in blauschwarze Ballen. Ein ferner Donner -rollte; ein Wind lief ihm voraus. - -„Manchen treuen Willen erkenn' ich. Aber auch mein Bürgertum ist zu -wenig großzügig. Sie sperren sich in zopfige Parteiworte ein. Macht -weit und unbefangen eure Herzen und Köpfe! Einigt euch zu großem -Kulturbegriff, positiv gestimmte Männer und Frauen jeder Konfession und -Partei! Es gilt einen Kampf um Deutschlands innerstes, heiligstes Gemüt -... Ich bin mit Bewußtsein evangelischer Kaiser; aber ich habe für -warmherzig religiöse und gut deutsche Katholiken denselben Handschlag -bereit. Es muß in die dumpfe, zaghafte Religiosität überhaupt mehr -durchwärmender Lebensodem kommen.” - -In voller Gemütsbewegung schritt der Kaiser auf den hallenden Steinen -hin und her und brach dann plötzlich ab. Er nahm des Großherzogs Hand. - -„Du weißt, ich stehe gern auf unsren schwimmenden Burgen, den -Kriegsschiffen, und halte Schiffsgottesdienst. Nun wohl, betrachte -diese programmatische Aussprache als einen Gottesdienst auf deiner -Landburg, deren Kapitän und Kommandant du bist. Nimm meine Worte als -den Grundriß eines Regierungsprogramms. Gott helfe uns! Deutschland hat -Feinde innen und außen.” ... - -So malte sich Ingo des Kaisers Unterhaltung aus. Er empfand Zuneigung -zu diesem Herrscher, dem das parlamentarische Gezänk entschieden -Unrecht tat, den es nicht schlichtmenschlich genug beurteilte, dessen -Übereilungsfehler eng verwachsen waren mit seinem hilfsbereiten -Naturell, mit seinen lebendigen Tugenden und Kräften ... - -„Wenn ich selber mit ihm spreche” -- -- -- - - * * * * * - -Jetzt wurde der phantasierende Spielmann, der zwischen belanglosem -Geplauder gestanden hatte, unterbrochen. Mächtige Stöße des -Gewitterwindes scheuchten die gesamten Gruppen der Hofgesellschaft in -das Innere des Gebäudes ... - -Sie schritten jene Steintreppe hinan, über die einst der Sänger -Heinrich von Ofterdingen, unterlegen im Sängerkrieg, knirschend -davongegangen war ... Dampfte nicht noch der Hof von der derben -Zecherlust des niedren Volkes, während drin im Wortekampf adlige Harfe -wider Harfe klang, ein Turnier des Geistes? Ja, damals Spielmann zu -sein! Da war alles Worteprägen noch von urwüchsiger, gebräunter Kraft, -denn die Sänger waren Freiluftmenschen, Höhenwanderer von Burg zu Burg, -umpfiffen vom Waldwind! ... Wie hatte sich Ingo, der thüringische -Freiherr, in jenes Staufenzeitalter eingelebt, in den Minnesang, -in die Gralsage, in die Geschichte der Troubadours! Er selber war -einst auf dem Rennstieg mit seinem Knecht geritten, hatte gestern -vor schönen Frauen auf der Burg gesungen, ehegestern unter einer -Dorflinde bei dörperlichem Tanz zur Laute gespielt, hingerissen vom -wilden Hoppaldei und Troialdei -- und war dann wieder im einsamen Wald -unter Tannenzapfen und Eichhörnchen weitergezogen, um in irgendeiner -rauchigen Gebirgsschenke zu übernachten ... - -Das ging dem Spielmann großzügig durch Herz und Kopf. Und jetzt trat -der Generalintendant der Königlichen Schauspiele heran. Trotzendorffs -große Stunde war gekommen: noch nicht der Monarch selber, aber dieser -hohe Beamte und Hofmann wünschte durch den Major nunmehr den Baron und -Schriftsteller Ingo von Stein-Waldeck kennen zu lernen. - -Auch diese Vorstellung vollzog sich in bequemen und unbefangenen -Gesellschaftsformen, gleichsam nebenbei und zufällig. Doch hatte Ingo -die fatale Empfindung, daß er auf seine etwaige Verwendbarkeit hin -ausgehorcht werden sollte; und das goß dem freien Wandersmann ein paar -Tropfen Ironie in seine Antworten. - -„Sie haben ja wohl einmal ein Drama geschrieben, mein lieber Herr -Baron? Nun, das ist ja in jungen Jahren eine -- wie soll man sich da -ausdrücken -- nicht ganz ungewöhnliche geistige Übung des gebildeten -Deutschen. Nicht wahr? Übrigens, man sprach bei Hofe von Ihrem Buch -über Friedrich den Großen. Sagen Sie mir einmal, wie ist denn das nun -eigentlich? Über Ihre dramatische Tätigkeit müßte mir doch seinerzeit -berichtet worden sein, wenn Sie das Stück bei uns eingereicht haben?” - -Der Generalintendant war eine stattliche und angenehme Erscheinung von -liebenswürdigen Umgangsformen. Er war den Hofton gewöhnt und zugleich -die Gebärde des Theaters; aus seiner Stimme klang edle Leutseligkeit; -was er anfaßte, wurde in seinen Händen wichtig und würdig, auch wenn es -für die deutsche oder europäische Kunst von keinerlei Bedeutung war, -sondern nur den Wert einer höfischen Unterhaltung hatte. - -„Jawohl, Exzellenz, ich hatte einmal die Schwäche, ein Drama -einzureichen, aber nicht unter meinem Namen.” - -„Nicht unter Ihrem Namen? Aber ich bitte Sie, mein lieber Baron, wozu -denn dieses gänzlich überflüssige Versteckspiel?” - -„Ich wollte mein Werk durch sich selber wirken lassen.” - -„Und Sie haben es uns vorgelegt? Aber ich entsinne mich doch nicht, daß -Ihr Name -- --” - -„Der Deckname war Franz Sturmegg.” - -„Ja so, richtig! Also Sturmegg! Hm! Sturmegg?” - -Der Intendant fuhr mit sinnender Gebärde über eine nicht unbedeutende -Stirne; er war ein gut repräsentierender Mann. - -„Die Sache ist längst erledigt, Exzellenz. Es war für mich eine -heilsame Lehre, den Bühnendichtern nicht mehr ins Handwerk zu -pfuschen.” - -Exzellenz erkundigte sich, immer die Hand in huldvollem Nachdenken an -der Stirn, nach Titel und Inhalt. - -„Richtig! So etwas mag mir ja wohl einmal, ich glaube sogar mit einer -Empfehlung unsres wackren Wildenbruch, durch die Hände gegangen -sein. Aber -- ja, ja -- ein sehr undankbarer Stoff! Sehr undankbar, -wirklich! Und bei der -- nicht wahr -- bei der ungeheuren Fülle von -künstlerischer Arbeit, die unsere Königlichen Bühnen zu bewältigen -haben -- --” - -„Ich reiste sogar”, fuhr Ingo fort, „nach brieflicher Anmeldung selber -nach Berlin. Aber ich bin telephonisch von irgendeinem Beamten wieder -nach Hause geschickt worden, ohne zur Audienz zu gelangen.” - -Stein lachte selber über diese überwundene Epoche. Der Intendant war -ein klein wenig betreten, beugte sich jedoch mit liebenswürdigstem -Lächeln zu dem Baron hinüber: - -„Aber als Sturmegg, nicht als Baron Stein?” - -„Nur als Sturmegg, Exzellenz!” - -Stein-Sturmegg verbeugte sich. Es zuckte unverhohlenes Lachen um seine -Mundwinkel; er nahm diese Dinge nicht mehr ernst. - -Der Generalintendant der Königlichen Schauspiele verbreitete sich -in fein gewählten Worten über die fabelhaften Aufgaben, die von den -Königlichen Theatern jährlich geleistet werden, um inmitten der -internationalen Zersetzung wahrhaft hohe Kunst durchzuführen und -vornehme deutsche Talente zu entdecken und hochzubringen. Dann empfahl -er dem Spielmann mit entschiedenem Wohlwollen Stoffe aus der Geschichte -der Befreiungskriege oder der Hohenzollern; und während er mit Geschick -plauderte, suchten seine Augen in der Umgebung, auf wen er die -Fortsetzung des allmählich unbequemen Gespräches abschieben könnte; er -winkte einen schriftstellernden Major a. D. heran, den er dem Spielmann -vorstellte und als Vorbild empfahl, worauf er sich selber zurückzog, -offenbar von Ingos freimütiger und ironischer Tonart nicht gar angenehm -berührt. - -Am Gespräch über Literatur beteiligten sich einige Herren mit -modern gestutzten Haaren auf den Oberlippen, so daß sie in dieser -Zahnbürstchenform der Schnurrbärtchen auffallend einander glichen. Man -sprach über die beträchtlichen Kosten einer Meyerbeer-Aufführung an -der Königlichen Oper, über die nicht minder bedeutenden Kosten eines -assyrischen Ballets, über reizende Lustspiele wie „Husarenfieber” und -„Wieselchen” -- oder war es „Lieselchen”? Der beschämte Troubadour -kannte nicht einmal die Namen. - -Dann ging man zu einem Gebiet über, auf dem man sich sicherer fühlte: -zu Einzelheiten der Jagd; gähnte auch verstohlen und spähte auf die -Uhr, ob denn wohl endlich das Festmahl beginnen mochte. Kurz, es war -zu irgendwelcher geistigen Vertiefung weder Ort noch Anlaß. Und der -Freiherr suchte vergeblich eine Einbruchsstelle, wo er mit Kanonen oder -Kavallerie des Geistes hätte wirken können. - -Jetzt kam der Augenblick, wo der Freiherr von Stein, vom -Oberburghauptmann vorgestellt, den festen Händedruck seines Kaisers -spürte und ihm in Audienz gegenüberstand. - -Trotzendorff strahlte. - - * * * * * - -Im Zimmer seines Gasthofes schritt Ingo wieder auf und ab, in leichter -grauer Litewka, wie er sie im Hause zu tragen pflegte. - -Über Thüringen donnerte noch immer das Gewitter. In Wasserfluten schien -Deutschland zu ertrinken. Man sah die Wartburg nicht mehr. Von West und -Nord und Ost krachten die flammenden Fluten. - -Automobile sausten im Unwetter nach der Bahn; die Wartburg hatte sich -rasch geleert; es war eine Flucht, ein zersprengtes Heer. - -Im stillen Zimmer schritt Ingo auf und ab. Er hatte sich unbeachtet -nach der Tafel zurückgezogen; ihm war leicht, frei und heiter zumute. -Die letzte Versuchung lag hinter ihm. - -Da hielt ein ratterndes Auto vor dem Hotel: Major von Trotzendorff -stürmte herauf. - -„Junge, wie war's? Mach' schnell, ich muß nach der Bahn! Wie war's? -Hab' dich ja gar nicht mehr erwischen können, war unausgesetzt in -Anspruch genommen!” - -„Treuer, unermüdlicher Richard, vor allen Dingen Dank!” - -„Unsinn! Sag', voran, wie war's da oben, alter Freund?” - -„Nun, was soll denn da oben Besondres gewesen sein?” - -„Was sagte der hohe Herr? Raus mit der Sprache! Ich hab' keine Zeit, -das Auto wartet mit zwei Herren vom Hofe!” - -„Aber das läßt sich doch so in der Geschwindigkeit --” - -„Na so mach' doch, guter Junge! Was sagte Seine Majestät zu deinem -Buch?” - -„Hat ihm famos gefallen, es sei gar nicht konventionell.” - -„Siehst du?! Ausgezeichnet! Was weiter?” - -„Ja, was denn weiter?” - -„Aber, Junge, so erzähl' doch!” - -„Was denn, liebster Richard, was denn?” - -„Aber, Mensch, zum Donnerwetter, euer Gespräch! Die Ideen, die du -entwickeln wolltest --” - -„Welche Ideen?” - -„Hast du mir nicht hundertmal auseinandergesetzt, was du tun würdest, -wenn du der Kaiser wärst oder sonstwie von Einfluß auf den Zeitgeist ---?!” - -„Ja, da hast du allerdings recht! Aber --” - -„Was denn aber? Du machst mich wild! Jetzt _hast_ du mit dem Kaiser -gesprochen, ich habe mit aller Mühe euch zwei zusammengebracht -- und -nun?” - -„Bester Richard, erst muß mich doch wohl Seine Majestät etwas fragen, -eh' ich etwas antworten kann, nicht wahr?” - -„Hat er dich denn nicht gefragt? Wie lange dauerte denn die -Unterredung?” - -„Nun, mindestens zwei Minuten.” - -Das Auto draußen tutete ungeduldig; der Gewitterregen rasselte an die -Fensterscheiben. - -„Hol' dich der Kuckuck, Junge! Entweder hab' ich zuviel getrunken bei -Tafel -- oder du bist nicht nüchtern und willst mich frozzeln -- oder --- Kurz, ich erwarte dich morgen in Erfurt! Oder kommst du gleich mit?” - -„I, fällt mir nicht ein! Ich bleibe gemächlich hier in Eisenach.” - -„Dann ade! Eines will ich dir sagen, du: ich hab' mich nun jahrelang -auf diesen großen Tag gefreut. Wenn's dir nicht gelingt, Fuß zu fassen --- hol's der Deuwel, so reich' ich meinen Abschied ein und widme mich -dem deutschen Volke und seinen zahllosen Vereinen. Gott befohlen -- -oder vielmehr: salz' dich ein, du Pechvogel!” - -Ingo begleitete den ärgerlich Davonstürmenden an die Türe. - -„Richard, nun hör' einmal zu, nun will ich dir ein sehr ernstes Wort -sagen! Ich habe seit geraumer Zeit mit dir und deiner Gattin, also mit -meinen nächsten Freunden, in einem Kampf gestanden: in einem Kampf um -Selbständigkeit. Verstehst du? Mit Friedel war die Auseinandersetzung -von besondrer Art; das haben wir schon in Lourdes abgetan. Nun merke -auch du dir, mein Bester: in irgendwelchen höfischen oder staatlichen -Mechanismus wirst du mich niemals einfangen! Niemals! Ich gehöre nicht -dahin. Das hab' ich heute da oben auf der Wartburg klar und deutlich -erkannt -- erkannt? Nein, erlebt!” - -„Aber, Junge, hat man dich denn irgendwie unliebenswürdig behandelt?” - -„Im Gegenteil! Ich werde immer mit Vergnügen an diesen Tag -zurückdenken.” - -„Also --?! Du bist selber strammer Soldat gewesen: willst du es etwa -dem hohen Herrn verargen, daß er ganz besonders auf Jagd, Armee, Marine -eingestellt ist?” - -„Wie sollt' ich denn! Es wird in Deutschland genug gekrittelt -- sollt' -ich mich auch noch zu den Nörglern und Hetzern gesellen?! Ich liebe und -achte meinen Kaiser. Aber” -- - -„Aber --?” - -„Aber die Stimmung, die jetzt für ein seelisches Deutschland -herausgearbeitet werden muß, läßt sich nur in der Stille gestalten. -Wir müssen uns auf Arbeitsteilung einigen. Von innen heraus, Richard, -von innen heraus muß die Erneuerung des Zeitgeistes versucht werden! -Weder von oben noch von unten! Weder Cäsaren noch Demokraten können das -Reich Gottes bauen. Denn sie haben es mit den Massen zu tun, nicht mit -der Seele. Erneuerung von innen heraus!” - -Er sprach mit eindringlichem Ernst. - -Aber Trotzendorff lief zornig davon. - -„Noch eins, Richard!” rief ihm Ingo übers Treppengeländer nach. „Weißt -du, daß der kleine Marx oben war -- Kommerzienrat Marx?” - -„Bitte: Geheimrat Marx! Sehr beliebt! Gibt unmenschlich Geld für große -Zwecke! Der fliegt rascher die Leiter hinauf als du deutscher Michel! -Ade!” - -Und mit dröhnenden Stiefeln war er fort. - -Und das Auto raste -- und das Gewitter raste -- und Ingo lag auf dem -Diwan, hatte die Hände hinter dem Kopf und starrte zur Decke empor. - -Er war ernst. - -Ja, er war ernst bis zur Schwermut. - -Diese Automobile waren davongefaucht und hatten den Spielmann Ingo von -Stein als unverwendbar und überflüssig irgendwo am Wege liegen lassen. - -Was hatte er denn eigentlich erwartet? Nichts. Doch hatte ihn -Trotzendorff und dessen brave, aber unklare patriotische Romantik, -Trotzendorff, der angebliche Tatsachenmensch, immerhin mit einer -gewissen Erwartung angesteckt. Diese Erwartung hatte sich freilich -rasch verflüchtigt, sobald er einige Minuten die Hofluft selber, den -Geist, den Duft, die Essenz dieser höfischen Welt auf sich hatte wirken -lassen. Es war von dort zu seiner eigenen Welt der heiligen Stille -keine Brücke zu finden. - -Man hatte in diesem übervollen Deutschland Leute genug, übergenug; -man hatte Kenntnis und Kunst übergenug. Was wollte sich da noch ein -einzelner Sonderling und Fremdling hinzudrängen? - -„Ich bin durch Nordland und Riviera, durch Lourdes und -Montserrat-Stimmung dankbar hindurchgegangen und nicht darin stecken -geblieben”, sprach er zu sich selber. „Ich habe Friedel viel zu -danken, bin Richard von Herzen gut und dem Sonderling Bruck zugetan. -Warum find' ich denn nur nicht den Zugang zum Herzen dieser deutschen -Gegenwart? Warum vergißt das moderne Deutschland seine besondre -europäische Sendung? Warum geht es nicht mehr führend voran in jener -durchgeistigten Gemütskraft, die man ehedem deutschen Idealismus -genannt hat?” - -Aufspringend schaute Ingo durch nasse Fenster nach den verdüsterten -Umrissen der Wartburg empor. Wie lieb war ihm diese Geistesburg! -Das Herz schwoll ihm vor Sehnsucht nach warmblütig mitpulsierendem -Menschentum, nach Liebe all dieser Zeitgenossen, die heute schattenhaft -und gleichgültig an ihm vorbeigewogt waren. So waren sie auch an seinen -Büchern vorübergegangen; so gingen sie an seiner Person vorüber; er war -überflüssig. - -Er sah im Geiste die ausgetretenen Steinfliesen der Vorderburg. Dort -hatten sie in einer Mainacht Luther hereingeführt und untergebracht. -Wie kommt es, daß mit den thüringischen Fürsten oder den Staufen große -Sänger und der Name des deutschen Reformators untrennbar verbunden -sind? Wie kommt es, daß sich um die Hohenzollern keine geistesgroßen -Dichter gesammelt haben? Ist es ein Gesetz deutscher Arbeitsteilung, -daß Potsdam militärische Aufgaben zu lösen hat? Daß sich aber das -deutsche Weimar immer wieder abseits in der Stille als ein heiliger -Hain erbauen muß? - -Diese Gedanken wurden in ihm angeregt durch eine harmlose Audienz, die -tausend anderen Audienzen glich. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Elftes Kapitel - -Elisabeth - - Auf einer Lilie zittern - Zwei Tropfen rein und rund, - Zerfließen in eins und rollen - Hinab in des Kelches Grund. - - _Hebbel_ - - - _Eisenach_, den ....... - - Liebe Elisabeth! - -Dein Brief hat mich hier in Eisenach gefunden, am Fuße der Wartburg, -wo sich gestern Wichtiges entschieden hat. Ich habe dem Drängen -Trotzendorffs nachgegeben und mich zu einer kurzen und konventionellen -Audienz gestellt. Die Sache ist abgetan. Nun weiß und fühl' ich in -scharfer Klarheit, wo ich fortan zu stehen habe: nicht im politischen, -sondern im seelischen Deutschland. - -Dein Brief klingt in Es-Dur, meine Elisabeth: feierlich und tief. Es -ist darin Böcklins Grundfarbe: ein heiliges Dunkelblau. Ich danke -Dir innig dafür, Du Gute! Zum erstenmal etwas wie ein Klang des -Verständnisses, etwas wie ein Widerhall. Und das beseligt mich tief, -denn ich bin unheimlich allein. Grade an Dir halte ich trotz alledem -mit zäher Beharrung fest, Du meine erste und hoffentlich letzte Liebe! -Du bist ein Glockenton meiner Jugend, Du bist meine Jugend selber, Du -süße Gespielin von einst! Dich aus dem Herzen reißen, heißt ein Stück -meines Herzens ausreißen. Dich umarmend hab' ich dort Wald und Seele -unsrer Heimat umarmt; in Deinen Küssen war Tannenduft; wenn ich den -Namen Elisabeth ausspreche, so sehe ich blühende wilde Rosen und mitten -darin ein ernstes Kreuz. - -Liebes Mädchen, ihr habt mich oft Spielmann genannt und mir sogar -vorgeworfen, daß ich mit dem Leben spiele. Ach, laßt mir doch ein -wenig Leicht-Sinn -- nicht Leichtsinn --, laßt mich doch das Leben als -ein sinnvoll Reigenspiel anschauen, wunderlich verschlungen und doch -im ganzen voller Harmonie und starkem, heitrem Rhythmus! Laßt mich -Spielmann bleiben im Unterschied von phantasielosem Philistertum! Nur -der Freie kann und darf spielen; der Knecht front. Der Hasenfuß wagt -nicht das schöne und kühne Spiel mit dem Abenteuer des Lebens. - -Kind, das ist es ja, was ich Dir so oft verweisen mußte: Du bist immer -viel zu sehr Fronerin gewesen, Du Gehorsame, und viel zu wenig frei -Schenkende. Du hast Deinen engen und ängstlichen Moralismus nicht -durch den Rhythmus mutiger Selbstbestimmung zu überwinden gewußt. Und -so hab' ich mich zuletzt auch von Dir leidvoll zurückgezogen und mich -abseits im heiligen Hain der großen Toten zu größerer Lebenserfassung -herangebildet. Denn wahrlich waren und sind mir Offenbarungen der -Weisheit und Schönheit unter allen Umständen wichtiger als das -kleinmenschliche Verweilen bei jedwedem körperlichen Mißbehagen dumpfer -unbedeutender Nebenmenschen, deren Sorglichkeiten Du so wichtig -nimmst. Darum bin ich auch für all die modernen Denkmalsfeiern oder -ähnliche Äußerlichkeiten des öffentlichen Lebens ebenso verloren wie -für die Spezial-Zerpflückungen unserer wissenschaftlichen Kleinkrämer. -Und solange dieser unmelodische Alexandrinismus meiner Zeitgenossen -andauert, solange sie nicht mit mir das Große suchen, das Eine, was -not ist, die Ideen und Urbilder -- so lange gehe ich eben allein. Und -solange Elisabeth in Ängstlichkeiten und Schicklichkeiten stecken -bleibt, statt zu dem Manne ihres Herzens zu fliegen und sich mit ihm -in große Geistes- und Herzenswelt emporzuheben -- so lange gehe ich -eben allein. Mein Fall ist kein Einzelfall: meine Not ist die Not der -deutschen Seele. - -Weib, wenn Du doch etwas von der verhaltenen, hochgestauten Kraft -spürtest, die sich in mir gesammelt hat, die oft über die Ränder sprüht -und Freunde sucht, Spielkameraden, Wandergenossen nach der Gralsburg! -Weib, sei kühn! Weib, sei doch genial! Fühle doch, daß die Liebe zu -dem Einen, der Dich wiederliebt, wertvoller und wichtiger ist als -alle Krankenschwesterlichkeit der Welt! Wie oft hab' ich Dich gerufen, -Elisabeth, meine deutsche Seele, und Du bist nicht gekommen! Sondern -Du bist stecken geblieben in den Kleinsorgen der Alltagsmenschen, in -der schicklichen Ordnung, in der biedern Mittelmäßigkeit, Du Brave, Du -Allzubrave! - -Siehst Du, Kind, und so vermag ich Deinem liebevollen und -ungewöhnlichen Briefe leider, leider, leider nicht mehr recht zu -vertrauen. Zürne mir nicht, daß ich Dir das ausspreche! Du hast mich zu -oft allein gelassen. - -Wenn ich aber ungerecht bin, wenn ich vergesse, wie oft auch ich Dir -wehgetan und Deine heilige Ruhe gestört habe, Du frommes Wesen, sobald -meine Ungeduld mit Deiner stillen und tiefen Geduld zusammengestoßen: -so vergib mir! Der tiefste Grund meines Wesens ist dennoch Liebe -- -Liebe zu allen guten Menschen und ganz besonders Liebe zu Dir, Du Beste -der Guten. Und so nimm das Ungeduldige in diesen raschen Worten nicht -übel: sie sind nur wie Wolken vor dem Mondlicht meiner Liebe. - -Gott behüte Dich, gute Elisabeth! - - Dein Ingo. - - * * * * * - -Am Tage nach dem Wartburggespräch schrieb Ingo diesen Brief in seinem -Hotelzimmer. - -Die Stille des warmen und wolkigen Tages tat ihm wundersam wohl. - -Als er nun aber das Schreiben noch einmal durchlas, schüttelte er den -Kopf und legte den Brief in seine Schreibmappe. - -„Nein, das kann ich nicht absenden”, sprach er zu sich selber. „Das -ist ja nur wieder der alte Ruf der Sehnsucht: Elisabeth, komm zu -mir! Ich fahre ja genau da fort, wo ich vor drei bis vier Jahren -abgebrochen habe. Ich wiederhole mich ja, das ist ja geschmacklos. -Sind wir wirklich in diesem blutarmen, kränkelnden, unheroischen -Liebesverhältnis nicht weitergekommen? Dann tut's mir leid. Ich werde -Elisabeths Brief überhaupt nicht beantworten. Hier fruchten keine -Briefe mehr.” - -Der Brief wurde nicht abgesandt. - -Er nahm seine Arbeit wieder auf. - -Seine Studien über den Gral hatten ihn zu Goethes Gedicht „Die -Geheimnisse” geführt. Hierbei, Goethes Dichtungen durchblätternd, -war ihm zum Bewußtsein gekommen, wie häufig der große Dichter das -Wander-Motiv behandelt und vergeistigt: von dem jugendlichen „Wandrers -Sturmlied” bis zu den reifen „Wanderjahren”. Er beschloß, diese Linie -zu verfolgen und mit dem Gralsuchen in Beziehung zu setzen. Eben las -er das edelschöne Gedicht vom Wanderer, der in Tempelruinen eine junge -Frau findet, mit den weich hingleitenden Schlußworten: - - „O leite meinen Gang, Natur - Den Fremdlings-Reisetritt, - Den über Gräber - Heil'ger Vergangenheit - Ich wandle. - Leit' ihn zum Schutzort - Vorm Nord gedeckt, - Und wo dem Mittagsstrahle - Ein Pappelwäldchen wehrt. - Und kehr' ich dann - Am Abend heim - Zur Hütte, - Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl, - Laß mich empfangen solch ein Weib, - Den Knaben auf dem Arm!” - -Er ließ das Buch sinken. - -„Solch ein Weib ... den Knaben auf dem Arm!” - -Sieh an, auch hier ein Wanderer, ein Hügel, ein Weib -- und in der Nähe -ein Säulenpaar! Natur und Religion und Poesie in eins zusammengeblüht! -Tod und Leben in eins verschlungen: zerfallener Tempel und nährende -Frau, die selber ein Tempel ist, ein Meistergebilde der Natur und -der Gottheit! Sind nicht wir Deutschen geboren über Resten heiliger -Vergangenheit? Daß ihr Geist auf uns ruhe und uns befruchte, Altes -zu ehren und Neues zu schaffen und Gegenwart zu genießen wie dieses -glückselig-gesunde Weib -- eine Madonna mit dem Knaben auf dem Arm! -„Das ist meine Hütte,” sagt sie, „eines Tempels Trümmer!” Ja, ein -Tempel, verwandelt in eine Hütte der Liebe und des heiligen Lebens -- -eine Hütte, entsprossen aus den heiligen Stimmungen eines Tempels! -Welche sinnige Verschlingung! Hier ist immer wieder das Ziel! - -Ingo lief in seiner jugendstarken Gesundheit im Zimmer auf und ab. -Er erlebte diese Zwiesprache mit dem Weib an der Tempelsäule; er war -selber dieser Wanderer. Seine Betrachtungsweise war niemals bläßlich, -immer warmblütig; denn er durchglühte auch geistige Stoffe mit der -Kraft persönlichen Erlebens, so daß der Spielmann oft unseßhaft vom -Buch aufsprang und laut mit sich selber sprach. - -Wieder zum Buch zurückkehrend, schlug er aufs Geratewohl auf. Und -- -leiteten Geister vom Montserrat seine sinnvoll zugreifenden Finger? -Er stieß auf die Randnoten, die Goethe selber zu seinem bedeutsamen -Gedicht „Die Geheimnisse” niedergeschrieben hat. „Durch eine Art von -ideellem Montserrat” sollte dort der Leser geführt werden -- das -waren die Worte, die ihn wie ein elektrischer Schlag berührten. Ihm, -dem Goethekenner, waren diese Bemerkungen ganz aus dem Gedächtnis -geschwunden. Nun sah er sein eigenes Suchen durch den Meister -bestätigt. Denn hier stand es ja, hier klang es ja in die Worte aus: -„ ... sich in den Gesinnungen befestigen, in welchen ganz allein der -Mensch, auf seinem eigenen Montserrat, Glück und Ruhe finden kann.” - -Auf seinem eigenen Montserrat! - -Nicht im fernen Land, unnahbar euren Schritten -- vielmehr hier und -heute und überall, wo der Mensch seines göttlichen Mittelpunktes inne -wird! - -Welch ein Kraftgefühl, dieser Besitz! - -Und doch -- einer allein wird nie zulänglich sein, das Leben bedeutend -und nutzwirkend zu einer Tempelburg zu gestalten, wenn er sich nicht -bei aller eigenen Selbständigkeit verflechten kann mit anderen. Zur -Monade trat schon bei Pythagoras, der selber seine Schülerin Theano -zur Gattin erhob, die Dyade, die Triade, die heilige Tetraktis, die -Vierzahl; und eins, zwei, drei und vier geben als Summe die Zehn, -die heilige Dekade. Saßen nicht auf dem Montserrat zwölf Eremiten um -den dreizehnten? Sind nicht zwölf Meister in diesem seltsamen Tempel -der „Geheimnisse” mit einem dreizehnten als Oberhaupt? Immer strebt -das Leben in eine Runde, eine Tafelrunde, eine kristallinische oder -organische Bildung hinaus, in harmonische Vielheit -- und wieder zurück -zur umfassenden Einheit. Sind nicht alle Sonnen und Planeten, alle -Lebewesen und alle Teile des Körpers aufeinander angewiesen und bilden -miteinander das rhythmische Ganze? - -So wogten seine Gedanken. - -Der Einsame war in seinem unbefriedigten Schaffensdrang nahe daran, -wehmütig zu werden. Aber in seinem gesunden Blutumlauf hatten weder -Zweifel noch Grübelei Raum. Eine halbe Stunde später lag der Goetheband -auf dem Teppich, und der glückliche Besitzer und Verehrer des Buches -lag auf dem Diwan und schlief mit gekreuzten Armen. - - * * * * * - -Es klopfte leise an Ingos Tür. - -Ingo schlief. - -Es klopfte abermals. - -Ingo schlief. - -Die Tür tat sich auf, und eine Dame stand im Zimmer, ohne Hut und -Handschuhe. - -Jetzt fuhr der Schlafende empor und sprang sofort auf die Füße, -verworren die Augen reibend. - -Das Glück stand an der Tür. - -Erst war er der Meinung, es hätte sich jemand in der Zimmernummer -geirrt. Dann aber, obschon bereits Dämmerung war, erkannte er jählings, -wer vor ihm stand. - -„Elisabeth!” - -Sie lehnte wortlos an der Wand. Sie konnte keine Silbe hervorbringen. - -„Aber, Kind, meine gute Elisabeth, wie kommst denn du hierher?! Bist du -hier abgestiegen? Hast du ein Zimmer hier im Hotel?” - -Sie nickte. Ihre Brust arbeitete mächtig. - -„Wohnst am Ende gar im Zimmer gegenüber, das Trotzendorff gestern -verlassen hat? Das ist ja ein entzückender Streich! Und ganz aus -eigenem Entschluß?” - -Sie nickte wieder, kurz und heftig. Aber dann hielt sie's nicht länger -aus -- mit einem jähen Laut „Ingo!” flog sie ihm um den Hals -- und -ihre Arme umschlangen ihn -- und Mund lag auf Mund. Aus ihrer Brust -kam ein Ton wie Jauchzen und Angst. Sie ließ ihn nicht los, sie trank -seine Küsse, sie suchte immer wieder seinen Mund und preßte ihn mit der -ganzen Stärke ihrer starken Arme an ihre wogende Brust. - -Und alle Gedanken, Programme, Ideen, die soeben diesen Raum erfüllt -hatten -- versunken! Nein, verwandelt! In Leben verwandelt! Verwandelt -in den einen großen Ton elementarer Liebe, in diese Flut ungestüm -andrängender Liebe, in diesen überwältigenden Duft blühenden Lebens -- -ganz verwandelt in dieses atmende, glühende, sinnenstarke und doch so -stolze und herbe Mädchen, das sich nur dem einen Manne auftat! - -Umwogt und umwunden von diesem langen Haar mit dem natürlichen Duft, -saßen sie wie einst im Wald und wurden nicht satt, sich Kosenamen zu -stammeln. Ihr Mund, ihre Augen, Ohren, Hals und immer wieder ihr Mund -wurden von Ingos Küssen überdeckt; und wenn er den Kopf an ihrem Halse -barg, war sie es, die seine Lippen wie in Angst aufsuchte und unzählige -Male immer nur das eine Wort wiederholte: „Mein, mein, mein!” - -Ingo hatte nie gewußt, wie ein Weib lieben kann, hatte nie gewußt, -wie dieses Weib lieben konnte. Mit dem ganzen, zarten, weichen, -vibrierenden Organismus liebt das Weib, ihr Körper ist Liebe, ihr -Körper ist Sprache ohne Worte. Mächtiger als der Mund allein spricht -und jauchzt das ganze Wunderwerk Weib dem Geliebten entgegen. Die Zeit -blieb stehen; sie achteten nicht, ob Sonne oder Mond am Himmel stand; -sie hatten ja ewig zusammengehört, von Anfang der Welt an, als noch -keine Zeit war. Sie hatten sich gesucht durch Jahrtausende seit der -alten Atlantis und jetzt gefunden, hier am Fuße der Wartburg, hier im -Herzen Europas. - -Allmählich stellten sich dann doch Worte ein, süßes Raunen, töricht -holde Melodie, innige Koseworte und Wort-Erfindungen, immer wiederholte -Fragen, die keine Fragen waren. - -„Du bist mein, nicht wahr, ganz allein mein? Ich hab's ja nicht mehr -aushalten können! Ach Ingo, sag's, nicht wahr, ich verliere dich nie -mehr, nie mehr, nie mehr?” - -„Bis in den Tod, Elisabeth!” - -„Bis in die Ewigkeit, Ingo! In alle, alle Ewigkeit! Ewig, ewig, ewig -dein!” - -Sie erzählte, daß sie keiner Menschenseele von dieser Fahrt nach -Eisenach gesagt habe, sondern nach Weimar gefahren sei, um Tante -Adelheid zu besuchen. Von dort kam sie her. Sie sprach von allem, -was bisher die Liebenden getrennt, sie sprach abgerissen, in Worte -zusammendrängend, ohne Satzbildung. Aber sie verstanden sich doch. Es -durchflutete die beiden Menschen, die sich so lange gesucht hatten, ein -Empfinden, das ihnen bisher unbekannt war: der Jubel der Erfüllung. - -Und er gedachte jenes Ringes, den er in Genf gekauft. Er tastete -danach, immer noch in ihre herrliche Haarflut gehüllt, und steckte -ihn an ihren Finger und zog ihren Schmuckring ab und steckte ihn sich -selber an. - -„Meine Braut! Mein Weib!” - -„Bin ich das? Bin ich dein Weib?” - -„Meine Frau halt' ich im Arm! Und was bin ich?” - -„Mein süßer Liebster, mein Bräutigam, mein lieber, lieber Mann!” - -Ihre Stimme war Herz und Seele; wie ein Kind lag sie an seinem Halse. -Die Qual und Spannung von Jahren löste sich in diesen heilig-seligen -Augenblicken mit erschütternder Gewalt. - -Draußen, weit wo im Westen, flammte ein spätes Abendrot: unter -schwarzen Wolkenmassen ein roter Feuerstreifen, als winkte dort, -jenseits der Wasser, ein leuchtendes Land. - -Zwei Menschen trieben auf einer Planke dem Lande der Liebe zu. - - * * * * * - - Meine gute Friedel! - -Ich habe mich soeben hier in Eisenach mit Elisabeth verlobt. Du -sollst die erste sein, die es erfährt, Du, der ich so Unvergängliches -verdanke. Ich bin glücklich, Friedel. Mein Herz ist bis obenan voll -Dank. Nebenbei war ich gestern auf der Wartburg und hatte die Ehre, -Seiner Majestät vorgestellt zu werden. Aber nicht dahin geht mein Weg, -sondern in die arbeitsame Stille -- mit Elisabeth. Bleibt gut, Du und -Richard, - - Eurem alten Ingo. - -_Nachschrift._ Liebe gnädige Frau! Ingo bittet mich, einen Gruß -darunter zu schreiben. Gern tue ich das. Ich bin Ihnen von Herzen gut -und bitte auch Sie um Ihre Freundschaft. Wie glückselig ich bin, das -vermag kein Mund auszusprechen. - - Ihre Elisabeth. - -[Illustration] - - - - -[Illustration] - - - - -Zwölftes Kapitel - -Der Gutsherr - - Sehnsucht ins Ferne, Künft'ge zu beschwichtigen, - Beschäftige dich heut' und hier im Tüchtigen! - - _Goethe_ - - -Zeitenwende bereitet sich vor. - -Einzelne Wandrer haben sich abgesondert vom Zeitgeist. Sie suchen -untereinander Fühlung. Sie bilden eine heimliche Gemeinde der Ernsten -und Stillen. Ihr heiliger Hain ist umschirmt von schwarzen Zypressen. -Im Innern aber tragen Fruchtbäume rote und goldne Gaben. - -Diese Abgesonderten formen langsam das neue Lebens- und Bildungsideal. - -Der Spielmann und Gralsucher Ingo von Stein hatte sich nach jenem -Wartburgtage dieser unsichtbaren Gemeinde angeschlossen. Sie ist nicht -geformt, diese Gemeinde; sie hat weder Satzung noch Rang und Titel. -Doch erkennen sich die Begegnenden daran, daß sie, ohne Hast und -Unrast, mit einem stillen und starken Herzen Welt und Ewigkeit erleben -und verarbeiten. Das kostbare Gut der Ruhe ist ihnen eigen: die Ruhe -der gesammelten Kraft. Und ihre Lebensformen sind edel und einfach. - -In ihren Tiefen ist Gebet. Sie glauben nicht mehr an den Verstand, -sondern an etwas Umfassenderes: an die Gottheit. Nicht sind sie -beherrscht vom Willen zur Macht, sondern von einer größeren Kraft: -vom Willen zur Liebe. Mit schöpferischer Liebeswärme erobern sie von -innen her. Und ihre Gangart ist still und stetig. Denn sie wissen, was -sie wollen: Selbstbesinnung. Aus der Selbstbesinnung aber auf edelste -Kräfte erwächst die neugestaltende Tat. Auch fehlt ihnen nicht das -Arbeitsfeld: denn sie fangen ihr Gestaltungswerk mit sich selber an. - -Aus diesen Saatschulen werden die Führer der Zukunft genommen. - -Draußen aber vollziehen sich unterdessen die harten Ereignisse, die dem -bisherigen Lebenston ein Ende bereiten. - -„So stand einst Oberlin als Zeder mitten in der Revolution”, sagte -sich Ingo von Stein, als er sich zu jenem Anschluß an die Gemeinde der -Stillen entschloß. „So will auch ich auf meinem Felsen stehen.” - - * * * * * - -Jäh war das Glück der Erfüllung über Ingo gekommen. Aus der verhaltenen -Kraft seiner Elisabeth war eine Liebe aufgeblüht, wie er sie nie für -möglich gehalten hätte. - -Fast unmittelbar hinter jenem Tag von Eisenach starb sein Bruder, der -Jäger und Sportsmann, als hätte das Schicksal nur auf diesen Augenblick -gewartet. - -Ingo war nun Herr über ausgedehnten Landbesitz und umfangreiche -Forste. Aber sein Herz hatte nie an äußeren Gütern gehangen; seelische -Erfüllung war ihm von Kind an als das Wesentliche erschienen, schon -als der Knabe Lieblingsgegenstände hergab, nur um dafür Freundschaft -einzutauschen und Freude zu machen. Doch war es ihm ein sinnreiches -Symbol, daß er nun auch äußerlich den Lehr- und Wanderjahren entnommen -und auf den festen Boden der jetzt anhebenden Mannes- und Meisterjahre -gesetzt war. Noch blieb seine eigentliche Kraft und Lebensbestimmung -verdeckt und wartend; seine Stunde war noch nicht gekommen; er fühlte -sich als Vorbereiter einer neuen Lebensstimmung für ein neues und -wieder mehr innerliches Geschlecht. - -Und in diesem wichtigen Punkte verstand er sich ausgezeichnet mit dem -Vertreter der älteren Generation, der bei Ingo im Hause lebte: mit -seinem alten Vater. Dieser Edelmann war von wunderbarer Geistesfrische, -wenn er auch durch seine Gicht an den Stock und durch leidige -Gewohnheit an die lange Pfeife gekettet war und in seinem Lederstuhl, -von den beiden Doggen umlagert, einem Invaliden ähnlich sah. Er -trug die Bartform des alten Kaisers, unter dem er die siebziger -Schlachten mitgefochten hatte und mit dessen vornehm zurückhaltender -edelmännischer Art er auch innerlich verwandt war. Unter Ingos -anregendem Geisteshauch lebte der Alte wieder auf; denn er hatte -immer eine stille Vorliebe für diesen jüngeren Sohn gehegt, dessen -unzeitgemäße Sehnsucht er recht wohl nachfühlen konnte. - -Elisabeth, in dem schwarzen Kleid der Trauer noch anziehender, hatte -ihre Mutter verloren und war in aller Stille Ingos Gattin geworden. -Über ihrem Wesen lag jener Schimmer von Wärme, den man mit dem Worte -Innigkeit bezeichnen könnte, einem Worte, das mit Innerlichkeit -verwandt ist. Kind, Jungfrau und reifes Weib schienen alle drei -in dieser stillen und feinen Gestalt erhalten zu sein, einander -ergänzend, nicht störend. Ihre stattliche äußere Erscheinung war von -gebietender Hoheit, die aber von der etwas gedämpften und guten Stimme -und von einem einfachen, kindlichen, ja fast schüchternen Lächeln -des Wohlwollens wieder ausgeglichen wurde. Es war in ihr etwas wie -seelische Leuchtkraft. Es gibt Menschen der Erfüllung, wie es Menschen -der unruhigen Sehnsucht gibt; Elisabeth war ein Mensch der Erfüllung. -Alles Unstete wird in solchen Naturen selige Gegenwart. Sie sind nicht -mehr Hitze, sondern Wärme, nicht mehr Kometen, sondern Planeten oder -gar Sonne. Dem Unerfüllten ist die Welt romantisch: aber die Erfüller -machen die Welt traulich und heilig. In ihnen ist etwas, was der -Romantiker leicht unterschätzt: die große Geduld. Sie haben es nicht -mehr nötig, Tempelsucher zu sein: sie sind bereits Tempelbauer und -Tempelhüter. - -Diese drei, mehr oder minder auf Innerlichkeit und Gehaltenheit -abgestimmten Menschen bildeten nun im Thüringer Herrenhause, im Herzen -Deutschlands, den Grundstock der neuen Familie. Und es war eigenartig, -daß gerade die einfachsten Menschen des Gutes, von der Waschfrau bis -zum Feldarbeiter und Waldgänger, dem anscheinend durch Klüfte hoher -Bildung von ihnen getrennten neuen Gutsherrn und seiner wahrhaft -herzensadligen Gattin Zutrauen entgegenbrachten. Denn sie spürten in -diesem jungen Ehepaar reines Menschentum. Auf den Höhen wahrer Bildung -wird der Mensch wieder einfach. - -Dabei legte Ingo großen Wert auf eine auserwählte und geschmackvolle -Bibliothek. Mit ebensolcher Sorgfalt wählte er seinen Wandschmuck, -wobei besonders sein Liebling Feuerbach neben alten Meistern in -guten Kopien vertreten war. Flügel und Meisterharmonium zierten den -großen Saal, der noch mit Jagdtrophäen und Waffen gefüllt war von der -andren, der sportsmäßig unruhigen Generation, für die das Tuten eines -Automobils wohllautender war als eine Sonate von Beethoven. - -In diesem Saale war an einem Winterabend, der etwas Neuschnee über die -Fichten gestreut hatte, das Ehepaar Trotzendorff zum ersten Male bei -den Jungvermählten zu Gast. Und seltsamerweise hatte sich noch ein -Bekannter eingefunden, den einst Ingo in Cette und Lourdes so gut wie -gar nicht beachtet hatte: der ernste, etwas trockene Fabrikant Muthner. - -Der Diener reichte Tee herum; der Vater hielt sich rauchend im -Hintergrunde. Auch Muthner, der ohne seine ägyptischen Zigaretten -unglücklich war, bat um die Erlaubnis, rauchen zu dürfen, was die Damen -gern gewährten. Und dennoch blieb, bei aller äußeren Gemütlichkeit und -bei aller Gedämpftheit auf diesen vielen Fellen und bequemen Polstern -des Salons, eine feine Trauer die eigentliche Stimmung. - -„Es ist noch kein ganzes Jahr verflossen seit der Riviera”, stellte der -Gutsherr fest. „Und was hat uns dieses eine Jahr gebracht! Als hätten -sich zehn Jahre in diese kurze Zeitspanne eingepreßt! Erinnert ihr euch -jenes Gespräches über die Titanic, Friedel und Richard? Und wer spricht -heut' noch von der Titanic! Alle Welt ist voll vom Balkankrieg.” - -„Die Geschäftslage ist drückend ernst”, warf der Fabrikant ein. - -„Auch in die Feier der Befreiungskriege will kein rechter Schwung -kommen”, bedauerte Trotzendorff. - -Der Major z. D. hatte sich den nach seiner Meinung schmachvoll -mißglückten Wartburgtag so zu Herzen genommen, daß ein Unmut in ihm -zurückgeblieben war. Und bei nächster Gelegenheit hatte er sich aus dem -Hofdienst zurückgezogen und sich als Offizier zur Disposition stellen -lassen. Vereinstätigkeit und statistische Arbeiten machten ihm nun -Freude. „Innere Arbeit am deutschen Volke” nannte er das mit seinem -etwas doktrinär betonten vaterländischen Bewußtsein. Friedel saß wieder -mit ihrem ganzen blühenden Künstler-Naturell neben dem anders gearteten -Gatten, so prächtig erholt, daß sie sogar ein wenig zur Fülle neigte, -was ihr keinen geringen Kummer verursachte. - -„Es geht mir mit diesen Feiern sonderbar”, bemerkte Ingo. „Ich bin doch -sonst ziemlich leicht in der Handhabung von Feder und Laute. Aber wenn -ich mit meinem Verwalter fertig bin und mich dann wieder zu diesem Stoß -von illustrierten Büchern über 1813 wende -- ich weiß nicht, wie es -kommt: ich vermag nicht recht mitzujubeln.” - -Der alte Vater nickte. - -„Wir von 1870 wußten noch, um was wir kämpften. Wir hatten ein Ideal. -Heute hat alle Welt Kriegsfurcht.” - -„Vielmehr Furcht vor wirtschaftlichen Schädigungen”, verbesserte der -Fabrikant. „Damals hatte man etwas zu gewinnen, heute fürchtet man nur -zu verlieren.” - -„Nämlich Geld und Gut!” rief der alte Baron aus seinem Sessel zurück. -„Und das ist ja wohl schließlich des modernen Menschen höchstes Ideal. -Ach, meine Herren, was weiß man heute noch von unsrer Stimmung von -1870? Ich hab' es oft erzählt, wie am Abend einer jener mörderischen -Schlachten vor Metz unser alter Kaiser an unser zusammengeschossenes -Regiment herangeritten kam. Wahrhaftig, es sah bei uns allerdings -kläglich aus, wir waren kaum noch ein Trüppchen. ‚Kinder, ihr habt ja -wohl heute schwer gelitten’, sagte der Kaiser mit seiner etwas hohen -Stimme, ich hör' ihn heute noch. ‚Ist das alles, was von euch geblieben -ist?’ Ich stand vor ihm -- was sollte ich melden? ‚Es werden sich ja -wohl noch etliche zusammenfinden, Majestät.’ Da warf er einen Blick -über uns hin -- den vergess' ich nie -- und die hellen Tränen liefen -ihm über die Wangen. Er sagte dann gar nichts weiter, winkte nur mit -der Hand -- so -- zu uns herüber -- Unaussprechliches lag in dieser -Handbewegung, etwa als wollt' er gute Kameraden grüßen: Haltet aus, -liebe Kameraden, seid bedankt, treue Kameraden, es gilt eine hohe -Sache! Oh, da war keiner von uns, der nicht gern sein Leben gelassen -hätte.” - -Der Alte schwieg bewegt. - -„Ja, Sie hatten noch Ideale, Herr Baron!” rief Trotzendorff. „Das -Deutsche Reich! Und so war's vor hundert Jahren, als sich Deutschland -vom Druck befreite. Aber heute?” - -„Ein Krieg von heute würde die europäische Luft reinigen”, führte -Ingo die angeschlagenen Gedanken fort. „Und dann wäre Raum und -Empfänglichkeit für eine neue Lebensstimmung.” - -„Was verstehen Sie eigentlich unter neuer Lebensstimmung?” fragte der -Fabrikant. - -„Nun, was hab' ich Ihnen neulich geraten, als ich Ihre Fabrik -besichtigte, Herr Nachbar? Erfinden Sie ein Entgiftungsmittel und -lassen Sie sich ein Patent darauf geben. Ein chemisches Mittel, das -unsrer gespannten und mißtrauischen sozialen, politischen und geistigen -Luft reinen Sauerstoff zuführt. In Oberitalien traf ich einmal -eine feine kleine Dame, ebenso praktisch wie anmutig, die mir die -Einrichtungen ihres Arbeiterdorfes zeigte: Milchanstalt, alkoholfreie -Wirtschaft, Bade- und Krankenhaus -- unpoetische Dinge, die ich aber -seither achten gelernt habe. Was ist die Triebfeder bei dieser guten -und klugen Witwe? Menschenliebe. Sie ist selber durch Leid gegangen. -Und nur so erobert man Herzen, nicht mit Polizei, Paragraphen und -Kanonen.” - -Dieser Grundanschauung versagten selbst die härteren Elemente der -Gesellschaft, Major und Fabrikant, nicht ihren Beifall, wollten aber -für Rekruten, Spitzbuben und Feinde unbedingt Polizei und Kanonen -geachtet wissen. - -„Nicht alles kann mit Menschenliebe erreicht werden”, sagte der -Fabrikant. „Das erfahren wir Arbeitgeber bitter genug. Schlagen wir -Arbeitsteilung vor! Mag Liebe und Strenge nebeneinandergehen!” - -„Der Troubadour hat sich also der sozialen Frage verschrieben?” neckte -Friedel. „Und auch die Gedenkfeiern locken dir kein Lied ab? Der -unheimliche Rückzug aus Rußland? Die Freiheitsschlachten?” - -„Doch, Friedel”, erwiderte Ingo. „Ich habe in der Tat einige Blätter -geschrieben. Habt ihr Geduld? So les' ich sie euch vor. Sie sind -zugleich Lebensprogramm für mich und mein Weib. Nicht wahr, Elisabeth?” - -Er lief in sein Schreibzimmer, kam mit drei Blättern zurück und las ... - - -~I.~ - -„Rückzug aus dem eisigen Rußland! ... Eines Titanen hochgespannte -Willensleistung ist von den Göttern zerbrochen worden! ... Durch die -weiße Wüste, deren Horizonte sich im Schneelicht verlieren, schlürfen -die zerlumpten Reihen der Franzosen, umstäubt von Schneewind und -Kosaken -- aufgelöste, dumpf marschierende, stumm dahinknirschende -Grenadiere ... Welch ein Geräusch! Das Zornweinen einer Armee! - -Und zwischen den vereisten Bärenmützen, zu Fuß, um sich wieder zu -erwärmen, der Kaiser selber. An toten Soldaten und an Pferdeleichen -vorüber. Hinter ihm, gleichfalls abgesessen, der Schwarm der -Generalität. Und stumpf über den Schnee schlürfend, schlürfend, -schlürfend die Reste der Regimenter ... - - -~II.~ - -Wo sind sie heute, die Enkel jener Massen von Hunderttausenden, die der -geniale Korse über die Schlachtfelder Europas gejagt hat? - -Wiederum bilden sie Massen: sie fronen in den Fabriken. - -Wieder um sie her Glut und Rauch, wie einst in den Schlachten um die -Großväter. Gespenstische Gestalten stehen mit langen Stangen, wie -Kanoniere, und stoßen in rotfließende Glutmasse. - -Aus den Schloten züngelt die Überkraft des Hochofenfeuers. Es -überflammt an diesem grauen Winterabend selbst die elektrischen -Lichtkugeln. - -Und aus diesen steilen schwarzen Kaminen wälzt und rollt und ringelt -sich, schwer und dick, ankämpfend gegen pressenden Winternebel, der -schwarze Rauch und dunkelt dämonisch den Himmel ein. - -Sind es die Geschütze von ehedem? Sind sie steil emporgerichtet und -beschießen den alten Himmel? Sind die Titanen wieder im Kampf gegen die -Götter? - -Ein unsichtbarer Herr lenkt den Willen dieser Hunderttausende, benützt -ihre Muskeln, zwingt ihre Kraft nach einem bestimmten Ziel. Denn sie -sind Elementarkraft, nicht Geist. - -Doch sie dienen. Sie dienen, wie sie einst dem Willen und dem Genie -Napoleons gedient haben. Und das Feuer, das in Hallen und Höfen -blendend flammt, legt einen verklärenden Goldrand um diese rußigen -Männer der Arbeit. - - -~III.~ - -Jedem aber ist ein Feierabend beschieden. - -Dann ist ein Tor offen, um sich zurückzuziehen aus der Fron und aus -der Gattung, seinen Geist wieder heimzurufen aus dem Dienst an der -irdischen Lebenspflicht -- und dann allein zu sein, sich wieder als -einen selbständigen Geist zu wissen, sich wieder als eine einzelne -persönliche Seele zu empfinden. - -Nun treten in die Gesellschaft dieses aufatmenden Feierabend-Menschen -die großen, guten und schönen Gedanken und Gebilde aus dem Reiche des -Geistes. - -Hier sind keine rauchenden Schlote; hier wirkt keine Erdenschwere. -Dahinten sind Spannung, Kampf, Haß und Verdruß; sie sind abgelegt wie -ein Panzer. Der Befreite geht im Festgewand seiner Phantasien und -Gedanken. - -Hier ist die Liebe Königin; ihre Prinzessinnen heißen Schönheit und -Weisheit. Die Edlen, die sich im Seelenland begegnen, sind freie -Freunde. - -Jetzt beginnt das Amt des Spielmanns und des Gralsuchers. - -Er spricht zu Menschen, die wieder ihre unsterbliche Würde empfinden. - -Und nun fühlst du plötzlich, daß auch Gedankensenden eine Tat ist. In -deinem Zimmer wandelnd, an deinem Ofen träumend, bist du mit Geist und -Herz nicht an die Enge gebunden. Dein Drang, Schönheit und Güte zu -suchen oder zu entzünden, läuft wie ein Strahlenwerk hinaus durch die -sternklare Nacht. - -Und wenn alsdann an dein eigenes Herz Gutes pocht, du bedrückter Mann -der Arbeit; wenn ein Harfenton der Liebe deine eigene Seele berührt, du -müde Freundin -- so wisse, daß auch andre Herzen liebevolle Gedanken -aussenden an alle sorgende, kämpfende, leidende Menschheit. - -Und du bist nie allein! ...” - - * * * * * - -So las Ingo. - -Die Gesellschaft gab einen behaglichen Beifall zu erkennen. Aber die -unruhig mit den Fingern trommelnde Friedel hatte einen Einwand bereit: - -„Lieber Spielmann, jetzt noch ein Schrittchen weiter -- und du steckst -mit beiden Füßen im sozialen Moralpredigen!” - -Man lachte. - -„Jawohl!” beharrte sie. „Und das ist heute die größte Gefahr des -Künstlers -- und alle tappen hinein, alle!” - -„Das will ich nicht hoffen, Friedel!” rief Ingo. „Ich hab' auch noch -ein paar andre Stimmungen und Geheimkammern. Und überhaupt: das müßte -denn doch ein geistverlassener Tropf sein, der das reizvoll-bunte -Lebensspiel bloß moralisch deuten wollte. Moralisch kann auch der -Philister sein. Die Türpfosten zu meinem Studierzimmer heißen Phantasie -und Güte. Und auf dem Querbalken steht der Spruch: Leben entzündet sich -nur am Lebendigen!” - -Es hatte dies einen leichten Beigeschmack von Zurechtweisung. Elisabeth -empfand es, beugte sich zu Frau Friederike hinüber und sagte: „Liebe -Friedel, es sind rings um Schloß Waldeck viele Singvögel: da wird er -gewiß das Singen nicht verlernen.” - -Elisabeth pflegte mit solchem Eingreifen in das Gespräch so sparsam -zu sein, daß diese ausgleichende Bemerkung in ihrer freundlichen -Sicherheit um so wirksamer war. Es wurde gelacht. Aber man hatte dabei -die eigenartige Empfindung: diese Beiden da wissen, was sie wollen! - -Als sich der Fabrikant verabschiedet hatte, blätterte die Sängerin -anspielenderweise im Klindworthschen Klavierauszug der „Meistersinger” -und lobte den prachtvollen roten Ledereinband, den Elisabeth um einige -Lieblingswerke ihres Gatten zum Geburtstag hatte besorgen lassen. Sie -schlug auf und stieß auf den Namen Hans Sachs. - - „Wie duftet doch der Flieder - So mild, so stark und voll!” - -Laut las sie die Worte, drehte den Kopf nach Ingo und schaute ihn -fragend an, indem sie den Flügel öffnete und die Partitur aufstellte. - -Es war seit vielen Wochen in dem Trauerhause fast gar nicht gespielt -worden. Jetzt setzte sich Ingo vor die Tasten und sang gedämpft, zum -Inhalt und der Stimmung des Hauses passend, jenen Monolog des Meisters -Sachs. Und bald stand die genesene Freundin hinter ihm und sang die -Rolle der Eva. Ein Zwiegesang entfaltete sich; sie hatten seit Lourdes -nicht mehr miteinander musiziert. Jetzt aber hatte Ingo die Führung, -wandte sich dazwischen um und rief mit Feuer: - -„Was für ein reifer Mann und Poet, nicht wahr, dieser Sachs! Dieses -innige Motiv, der Nachhall aus Stolzings Lenzlied, so biegsam, daß es -von Verträumtheit in Jubel übergehen kann: Lenzes Gebot, die süße Not, -die legt' es ihm in die Brust! Das ist wie ein Bach unter Winterschnee: -verhaltene, gesammelte Kraft, die noch in sich hat die Melodien vom -verflossenen Sommer und schon in sich die künftigen Frühlingslieder. -Gesammelte Kraft! Ja, so ist das Gemüt der besten Deutschen! Hans Sachs -in dieser Geklärtheit und männlichen Güte, ein Greis und doch jung und -mit Jungen fühlend -- das ist ein Spielmann! Das ist ein Edelmann!” - -Und als Eva bekannt hatte, daß sie nur ihn zum Gemahl genommen hätte, -wär' nicht der andre gekommen, nach jenem ganzen Dank der Eva -- „O -Sachs, mein Freund, du teurer Mann, wie ich dir Edlem lohnen kann?” -- -sang Elisabeths Gatte bedeutsam weiter: - - „Von Tristan und Isolde - Kenn' ich ein traurig Stück, - Hans Sachs war klug und wollte - Nichts von Herrn Markes Glück” ... - -Hier brach der Sänger ab und ging in ernstes Phantasieren über, -beginnend mit den Anfangsakkorden von Tristan und Isolde, die -ja hier im Orchester der Meistersinger ertönen, überleitend zum -Karfreitagszauber, dann Erinnerungen von Lourdes und vom Gralsberg -verwebend mit eigenen fremdartigen Phantasien, die zu einem -Lieblingswerk von Elisabeth hinüberführten, der Nänie von Brahms: „Auch -das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter bezwinget.” - -Hier sprang er auf. - -„Doch nicht diese wehmutvollen Chöre sind der rechte Abschluß! Jetzt -setzt meine Orgel ein.” - -Und mit feierlichen und großen Choralphantasien am Meisterharmonium -machte er den Beschluß. - -Trotzendorff lag im Polsterstuhl, nickte behaglich und war einem -gemächlichen Halbschlummer nahe. Der Abend mit seinem milden -Schneelicht fing sachte an, in lange Dämmerung überzugehen. Frau -Elisabeth saß in ihrer üblichen graden Haltung und verwandte kein Auge -von den Künstlern am Klavier, besonders von Frau Friedel. Und als -nun Ingo aufstand, erhob sich rasch auch seine Gattin, deren Geist -insgeheim gearbeitet hatte; sie kam heran, legte einen Arm um die -Freundin und den andren um Ingo und küßte beide mit einer wortlosen -Zartheit, denn sie hatte die Sprache der Musik verstanden. - -„Wenn ich doch nur die Hälfte deines Talentes hätte!” seufzte sie dann, -den Kopf an Frau Friederikens Wange legend. - -„Gutes Kind, wieviel hast du im Herzen!” erwiderte die Künstlerin. -„Darf ich manchmal zu dir kommen und Wärme holen, Elisabeth? Es gibt -Menschen, nach denen man Heimweh bekommt, wenn man mit ihnen zusammen -war -- du gehörst zu diesen seltenen Menschen.” - -Ingo brachte das Ehepaar persönlich im Wagen an den kleinen Bahnhof. - -„Ernste Zeiten, Ingo! Wartezeit! Aber ich denke, wir stehen unsren -Mann!” war Richards letztes Wort. - -„Auf Wiedersehen, Friedel!” - -„Ingo, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich für dich bin! Was ist -das für ein begnadetes Menschenkind! Sie wirkt durch ihr bloßes Dasein. -Wir andern -- müssen reden und singen, um uns wichtig und beliebt zu -machen.” - -„Nicht wahr?!” - -Sie sagten nicht einmal, wen sie meinten, denn das war ja -selbstverständlich. - -Als aber Ingo wieder sein Haus betrat, in dem Gefühl, daß doch nun erst -seine eigentliche Welt beginne, die heilige Stille, hatte er einen -rührenden Anblick. Er hörte Klavier spielen und vernahm dazu Elisabeths -feine und gute, doch keineswegs tonstarke Stimme. Leise trat er ein. -Die schlanke dunkle Gestalt mit der schweren Haarkrone saß und bemühte -sich, Evas Partie zu lernen, indem sie die Singstimme zunächst mit -den Fingern nachtupfte und mitsang. Aber sie war, obwohl sie leichte -Sonaten einwandfrei spielte, größeren Schwierigkeiten doch nicht -gewachsen. - -„Elisabeth!” rief Ingo erstaunt, die Türklinke in der Hand. - -Sie erschrak und flog empor. - -„Meine gute Elisabeth, komm einmal her zu deinem Mann! Sag' einmal, -meine süße Santa, was sind denn das für neue Bestrebungen?” - -Sie fiel ihm halb lachend, halb verschämt um den Hals. - -„Liebster, verzeih! Ich möchte so gern alles mit dir teilen, alles! -Auch mit dir singen. Ich möchte dir sein, was dir andre sind.” - -„Aber, aber -- spricht das meine großherzige Elisabeth? Möchtest du -das wirklich? Möchtest du mir etwa meinen lieben alten Konsul Bruck -ersetzen und Geister schauen? Oder Trotzendorff? Möchtest du das? Seit -wann will mir denn Elisabeth, die mir immer so viel Freiheit gelassen -hat, jetzt zu guter Letzt Frau Friedel überflüssig machen? Sind nicht -die Freunde da draußen der Stolz unsres Hauses? Die Guten, die zu uns -gehören?” - -„O ja, du hast recht! Das will ich nicht, wirklich nicht! Im Gegenteil! -Vergib, du hast mich da auf einer rechten Schwäche ertappt! Ich dachte -nicht, daß du schon so früh zurück wärest.” - -„Ich habe ja die Pferde gejagt, daß sie dampften, so sehnt' ich mich, -mit meiner Einzigen allein zu sein! Du, mit deiner Seele voll Musik! -Hast du nicht Verständnis für große Kunst von Bach bis Brahms -- genügt -das nicht? Will meine Hausfrau auch noch Sängerin sein? Und daß Meister -Wilhelm Raabe dein Lieblingsschriftsteller ist -- stellt das nicht -deinem literarischen Geschmack ein gutes Zeugnis aus, du Stille im -Lande? Komm, küsse mich! Dein Kuß ist Musik, du Süßeste der Süßen! Wir -sind wieder allein!” - -Und sie sagten sich innige Worte. - -Dann gingen sie Arm in Arm in Ingos Arbeitszimmer. - -„Hier ist etwas, was dich interessiert, Elisabeth. Da hat mir der -Architekt den Plan unsres künftigen Hauses geschickt, den er nach -meinen eigenen Angaben ausgearbeitet hat.” - -Er breitete den Grundriß über den Tisch aus; und die Gatten vertieften -sich in den groß und persönlich angelegten Zukunftsbau. - -„Es sieht aus wie ein großes lateinisches ~T~”, bemerkte Elisabeth, -„mit einem kleinen Kreis über der Mitte des oberen Querbalkens. Oder -wie ein Mensch mit ausgestreckten Armen.” - -„Sonderbar, nicht wahr?” versetzte er. „Am Fuße ist der Haupteingang; -ein Korridor läuft im Stamm entlang und in den Seitenarmen. Im -Kreuzungspunkt ist die Treppe nach oben; dort ist der Vorraum zur -Tempelrotunde, die durch diesen Kreis dargestellt wird.” - -„Ein Tempel?” - -„Ja, das sind nun einmal meine Besonderheiten. Doch dieser Tempel -ist noch Geheimnis. Er wird zuletzt gebaut. Und nicht jeder darf ihn -betreten.” - -„Wir beide betreten ihn gemeinsam, nicht wahr, Ingo?” - -„So ist es, Elisabeth. Wir reifen ihm gemeinsam entgegen, das ahnst du -ganz richtig. Diese hohen Dinge kann man nicht so ohne weiteres machen, -sie müssen wachsen, sie werden geschenkt, wenn die Zeit gekommen ist. -Den Tempel der Erfüllung kann man erst verstehen, wenn man durch -Erlebnis reif ist. Was würdest du hineinstellen, Elisabeth? Laß einmal -sehen!” - -Sie besann sich ein Weilchen, dann sagte sie: - -„In die Mitte, auf einem Postament und aus reinstem Marmor, den -segnenden Christus von Thorwaldsen. Und in die Nischen an den Wänden --- es sind doch Nischen drin? -- die großen Meister, die du besonders -verehrst, lauter weiße Marmorgestalten. Das müßte feierlich stimmen, -wenn man unter diese großen Menschen tritt, und es fällt nur von oben -Himmelslicht hinein, nicht wahr?” - -„Sieh mal an, sieh mal an, mein Weib wird ja schöpferisch! Beginnst -wohl schon gleich den Tempelbau?” - -Sie hatten die Arme umeinandergelegt, gingen im geräumigen -Arbeitszimmer langsam hin und her und plauderten von der Zukunft: er -in ernster Symbolik, sie von der weiblichen Freude erfüllt, mit dem -Geliebten beraten zu dürfen. - -Er sprach über seinen Lieblingsgedanken, drei europäische Grundkräfte -zur Harmonie zu bringen: Akropolis, Golgatha und Wartburg -- -Griechen-Schönheit, Christus-Güte, Germanen-Ernst. Er flocht im -Gespräch unsichtbare Rosen um ein unsichtbares Kreuz. Und er teilte -seine Gedanken in einer Sprache mit, die ihrer Fassungskraft zugänglich -war. - -„Diese künftige Einheit herzustellen, ist die Sendung künftiger -deutscher Meister”, sprach er. „Die Vorbereitungen dazu können jetzt -schon eines Mannes Leben ausfüllen. Deutschland ist das Herz Europas: -es hat den Tempel zu bauen. Auch ich will versuchen, vorbereitend in -meinem kleinen Bezirk mitzuwirken. Und Elisabeth soll dabei sein.” - -Dann wandte er sich wieder den Plänen zu. - -„Um das ganze Haus wird sich im Halbkreis oder in Eiform ein kleines -Gitter ziehen, das innerhalb des Parkes den Hausbezirk noch einmal -umfriedet. Sinnvolle Blumenanlagen und Statuen werden sich diese -Umfriedung entlangziehen. Am linken Flügel mündet der Fahrweg ein, -läuft vor den Haupteingang und dann am rechten Flügel wieder hinaus zu -den Wirtschaftsgebäuden, führt also ungefähr am inneren Gitter entlang, -wo die Statuen grüßen, die gleichsam das Ganze umwachen.” - -„Und was steht hier über der Eingangspforte?” - -„Dort ist in der höchsten Mitte des Steinbogens ein steinernes -Kreuz; darum ein Kranz von sieben Rosen, vier unterhalb, drei über -dem Querbalken; die mittlere dieser drei oberen Rosen ist angeheftet -am Stamm. Unter diesem Rosenkreuz ist eine Marmortafel, darauf in -Goldschrift folgende Worte: - - „Hier ragt in Stein das Zeichen edler Großen, - Und diesem Zeichen sei das Haus geweiht: - Haus Waldeck steht im Bann von Kreuz und Rosen, - Von heitrem Ernst, von ernster Heiterkeit. - Und wer des Zeichens tiefren Sinn erfaßt, - Der sei willkommen als erles'ner Gast.” - -Es war dunkel geworden. Aber das geheimnisvolle Schneelicht und ein -blauer Nachthimmel mit vielen Sternen ließen es nicht ganz finster -werden. - -Die glücklichen Liebenden kosteten so recht die traute Wärme dieser -Schummerstunde. Und es war schwer zu entscheiden, was ihnen inniger -am Herzen lag: diese Pläne selber oder die Wonne des gemeinsamen -Plänemachens, in dem sich ja symbolisch nur wieder ihr eigenes tiefstes -Lieben oder Sehnen aussprach. - -Er setzte sich in den Schaukelstuhl; sein Weib schmiegte sich auf seine -Kniee und in seine Arme. Warm und nahe gingen ihres Busens Atemzüge. -Man hörte nur das Ticken der Uhr. Und sie träumten in die erhabene -Winternacht. - -Um Park und Haus erhoben sich rechts und links Tannenberge; aber die -vordere Seite war weithin offen; und erst ganz fern schloß sich der -Horizont durch die zart geschwungene Linie bewaldeter Hügel. Man konnte -dort an hellen Tagen eine Lücke unterscheiden, und in der Lücke eine -Bergstraße, die hinausführte in neue Länder und Weiten. Dorthin schaute -der Gutsherr oft und gern. Denn nicht ganz verklungen war die Melodie -der Sehnsucht, die ihn einst hinausgetrieben hatte, der Ferndrang, -das Iphigenien-Heimweh am Ufer von Tauris. Aber ihn durchdrang die -männlich-sichere Empfindung: jene Schönheit auf dem Rivierahügel, jene -Geister vom Montserrat -- sie sind nicht draußen, sie sind nahe bei mir -und in mir; ich habe die weite Welt hereingeholt in die erweiterte Enge. - -„Kreuz und Rosen”, sagte Frau Elisabeth träumerisch, ihren Gatten -umrankend wie ein Rosenzweig. „Ist es nicht Verklärung des Lebens durch -die Liebe? Oder was ist des Zeichens tieferer Sinn?” - -„Das werden wir alles noch verstehen lernen, Elisabeth.” - -„Wir? Du verstehst es ja schon.” - -„Nicht ohne dich. Diese Geheimnisse offenbaren sich nur durch Liebe, -nicht durch Verstand. Darum verstehe ich sie nicht ohne dich -- und -du nicht ohne mich. Ich erlebe und erlerne in dir und du in mir. Und -unsere Liebe hat schon alle künftigen Erkenntnisse in sich -- wie eine -Rosenknospe die künftige Rose.” - -_Ende_ - -[Illustration] - - - - -Verlag von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart - - -Friedrich Lienhards Werke - - -Lyrik - - ·Lebensfrucht.· _Gesammelte Gedichte._ 4., auch die Sammlungen - „Lichtland” und „Kriegsgedichte” umfassende Gesamtausgabe. 6 Mk., - geb. 7 Mk. - - ·Die Schildbürger.· Frühlingsdichtung in zehn Gesängen. 2. Aufl. - 4 Mk., geb. 5 Mk. - - -Dramatik - - ·Till Eulenspiegel.· Narrenspiel in drei Teilen. 4. Auflage. - 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk. - - ·Münchhausen.· Lustspiel. 3. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk. - - ·König Arthur.· Trauerspiel. 3. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk. - - ·Gottfried von Straßburg.· Schauspiel. 3. Aufl. 2 Mk., geb. 3 Mk. - - ·Odilia.· Legende. 2. Auflage. 2 Mk., geb. 3 Mk. - - ·Wieland der Schmied.· Dramatische Dichtung. 4. Auflage. 2 Mk., - geb. 3 Mk. - - ·Wartburg.· Drei dramatische Dichtungen: „_Heinrich von - Ofterdingen_”, „_Die heilige Elisabeth_”, „_Luther auf der - Wartburg_”. 4. Auflage. Je 2 Mk., geb. 3 Mk.; in einem Band 5 Mk., - geb. 7.50 Mk. - - ·Odysseus auf Ithaka.· Dramatische Dichtung. 2. Aufl. 2 Mk., - geb. 3 Mk. - - ·Ahasver am Rhein.· Trauerspiel. 1.50 Mk., geb. 2.50 Mk. - - ·Phidias.· Schauspiel in drei Aufzügen. 2.50 Mk., geb. 3.50 Mk. - - -Epik und Prosa - - ·Helden.· Bilder und Gestalten. 3. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk. - - ·Oberlin.· Roman. 45. Auflage. 7.50 Mk., geb. 9 Mk. - - ·Der Spielmann.· Roman. 30. Auflage. 5 Mk., geb. 6 Mk. - - ·Der Einsiedler und sein Volk.· Novellen. 11. Auflage. 4 Mk., - geb. 5 Mk. - - ·Wasgaufahrten.· 12. Tausend. 4 Mk., geb. 5 Mk. - - ·Thüringer Tagebuch.· 23. Auflage. 4.50 Mk., geb. 5.50 Mk. - - ·Neue Ideale.· Gesammelte Aufsätze. 2. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk. - - ·Wege nach Weimar.· 6 Bde. 4. Aufl. Jeder Band einzeln geb. 6 Mk. - - ·Deutschlands europäische Sendung.· Kriegsgedanken. 18. Tausend. - 50 Pfennig. - - ·Deutsche Größe· (Schillers Gedichtentwurf). 50 Pfennig. - - ·Jugendjahre.· Erinnerungen. 6. Auflage. 4 Mk., geb. 5 Mk. - - ·Lesebuch aus Lienhards Werken·, herausgeg. von Kreuzberg. 1 Mk. - - - - -Friedrich Lienhard - - -Deutsche Dichtung - -160 Seiten. Gebunden Mk. 1.50 - -Wie eine fesselnde Erzählung packt das Büchlein und umspinnt uns -mit dem Zauber deutscher Dichtung. Von dem sagenhaften germanischen -Nationalepos und Minnegesang des Mittelalters bis zu den modernen -Schöpfungen unserer Zeitgenossen zeigt uns der Verfasser den Weg, die -tiefen Schönheiten unserer deutschen Literatur zu finden, das Wesen -wahrer Dichtung zu erleben und sie zarter und fester als bisher mit -unserem Herzblut und Seelenleben zu verbinden. Lienhard wählt für die -Gliederung der deutschen Literatur drei sinnbildlich vertiefte Namen -„Wartburg, Wittenberg, Weimar” und verbindet mit dieser Einteilung -Mittelalter, Reformation und Neuzeit. Ein prächtiges Büchlein, das -jeden Gebildeten die deutsche Dichtung als einen kostbaren Besitz -unserer Nation besser werten läßt, und das auch dem Fachmann Neues -sagen und Altes neu prägen wird. - - -Das klassische Weimar - -3. Auflage. 123 Seiten. Gebunden Mk. 1.50 - -„Als treuer Hüter steht Friedrich Lienhard am Tor des Graltempels der -idealistischen Weltanschauung unserer klassischen Kunst von Weimar. -Und _mit tiefen Begeisterungen, mit priesterlicher Weihe, mit echter -Wärme, ein wahrhaft Gläubiger_, weist er uns immer wieder hin auf das -einzig Eine, was uns not tut: daß wir die Seele, das Wesen dieser -Weimarer Kultur uns wahrhaft innerlich aneignen und das ganze tiefe -Empfinden, die Sicherlichkeit und Gewißheit von ihrer vollkommenen -und höchsten Schönheit und Wahrheit in uns erfahren. In großen Linien -zeichnet er den Entwicklungsgang, den Aufstieg von Friedrich dem Großen -und Klopstock bis zur Vollendung in Goethe, und legt den Wert und die -Bedeutung der Führer in ihren Besonderheiten dar.” - - _Julius Hart, Der Tag._ - - -Einführung in Goethes Faust - -3. Auflage. 116 Seiten. Gebunden Mk. 1.50 - -„Auf eigenem Wege bahnt Friedrich Lienhard seinen Hörern den Zugang -zum Innersten der Dichtung. Er erfaßt den Faust als Mysterium, -als Erlösungswerk, leitet ihn aus dem religiösen Untergrund der -Persönlichkeit Goethes ab, die er zuerst in ihrem Werden und Sein -mit großen Linien zeichnet, und nennt den „Faust” glücklich ein -Drama vom inneren Menschen ... Auch denen, die von der gewöhnlichen -Faustliteratur nichts wissen wollen (und ihre Zahl scheint mir immer -größer zu werden), kann ich Lienhards Buch warm empfehlen.” - - _Das literarische Echo._ - - -Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig - - - - - +----------------------------------------------------------------+ - | Anmerkungen zur Transkription | - | | - | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | - | gebräuchlich waren, wie: | - | | - | andere -- andre | - | benützt -- benutzt | - | Goethe-Band -- Goetheband | - | Grashupfer -- Grashüpfer | - | Helena-Tragödie -- Helenatragödie | - | Riviera-Hügel -- Rivierahügel | - | tapferen -- tapfren | - | unsere -- unsre | - | Wanderer -- Wandrer | - | | - | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | - | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | - | | - | Der Schmutztitel wurde entfernt. | - | S. 9 „Schaller & Ko.” in „Schaller & Co.” geändert. | - | S. 46 „Les Beaux” in „Les Baux” geändert. | - | S. 48 „Flotillen” in „Flottillen” geändert. | - | S. 71 „Scylla” in „Skylla” geändert. | - | S. 122 „Bhagavad Ghita” in „Bhagavad Gita” geändert. | - | S. 127 „Park Guell” in „Park Güell” geändert. | - | S. 141 „Kalvinistenstadt” in „Calvinistenstadt” geändert. | - | | - +----------------------------------------------------------------+ - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Spielmann, by Friedrich Lienhard - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPIELMANN *** - -***** This file should be named 62539-0.txt or 62539-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/5/3/62539/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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You may copy it, give it away or re-use it under the terms of -the Project Gutenberg License included with this eBook or online at -www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you'll have -to check the laws of the country where you are located before using this ebook. - -Title: Der Spielmann - -Author: Friedrich Lienhard - -Release Date: July 1, 2020 [EBook #62539] - -Language: German - -Character set encoding: ISO-8859-1 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPIELMANN *** - - - - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - - - - - - -</pre> - - - - -<h1>Der Spielmann</h1> - -<p class="center big160">Roman aus der Gegenwart<br /> -von <big>Friedrich Lienhard</big></p> - -<p class="center big120">Neununddreiigste Auflage</p> - -<div class="figcenter pad8" style="width: 160px;"> -<img src="images/signet.png" width="160" height="108" alt="" /> -</div> - -<p class="center big140 p4">Stuttgart</p> - -<p class="center">Druck und Verlag von Greiner & Pfeiffer</p> - - -<p class="pagebreak center p6"> -<span class="gesperrt">Erstausgabe dieses Buches:</span><br /> -<span class="gesperrt">Sommer 1913</span><br /> -</p> - - - - -<h2 class="pagebreak">Inhalt</h2> - - - - -<div class="center"> -<table border="0" cellpadding="4" cellspacing="0" summary="Inhalt"> -<tr><td align="center" colspan="2"><span class="gesperrt">Erster Teil: Ingos Irrfahrt</span></td></tr> -<tr><td /><td align="right"><small>Seite</small></td></tr> -<tr><td align="left">Erstes Kapitel: Der Wanderer</td><td align="right"> <a href="#Seite_1">1</a></td></tr> -<tr><td align="left">Zweites Kapitel: Titanic</td><td align="right"> <a href="#Seite_9">9</a></td></tr> -<tr><td align="left">Drittes Kapitel: Die Freundin</td><td align="right"> <a href="#Seite_25">25</a></td></tr> -<tr><td align="left">Viertes Kapitel: Der Troubadour</td><td align="right"> <a href="#Seite_33">33</a></td></tr> -<tr><td align="left">Fnftes Kapitel: Lourdes</td><td align="right"> <a href="#Seite_51">51</a></td></tr> -<tr><td align="left">Sechstes Kapitel: Die Verlobung</td><td align="right"> <a href="#Seite_76">76</a></td></tr> -<tr><td> </td></tr> -<tr><td align="center" colspan="2"><span class="gesperrt">Zweiter Teil: Ingos Einkehr</span></td></tr> -<tr><td align="left">Siebentes Kapitel: Der Gralsberg Montserrat</td><td align="right"> <a href="#Seite_95">95</a></td></tr> -<tr><td align="left">Achtes Kapitel: Am Genfer See</td><td align="right"><a href="#Seite_132">132</a></td></tr> -<tr><td align="left">Neuntes Kapitel: Weimar</td><td align="right"><a href="#Seite_161">161</a></td></tr> -<tr><td align="left">Zehntes Kapitel: Kaisergesprch auf der Wartburg</td><td align="right"><a href="#Seite_186">186</a></td></tr> -<tr><td align="left">Elftes Kapitel: Elisabeth</td><td align="right"><a href="#Seite_201">201</a></td></tr> -<tr><td align="left">Zwlftes Kapitel: Der Gutsherr</td><td align="right"><a href="#Seite_210">210</a></td></tr> -</table></div> - - -<div class="figcenter" style="width: 53px;"> -<img src="images/a005_deco.png" width="53" height="77" alt="" /> -</div> - - - - - -<h2 class="pagebreak padb8"><small>Erster Teil</small><br /> - -<big>Ingos Irrfahrt</big></h2> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_1" id="Seite_1">[S. 1]</a></span></p> - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p001_deco.png" width="600" height="48" alt="" /> -</div> - - -<h3><small>Erstes Kapitel</small><br /> - -<big>Der Wanderer</big></h3> - - -<div class="cite"> -<p> -„Sehne dich und wandre!”</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Heinrich von Stein</span></p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p001_cap.png" width="72" height="71" alt="A" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">A</span> -uf einem hellgrnen Riviera-Hgel, zwischen feierlicher -Zypresse und lustigem Kirschbaum, der mit halbreifen -Frchten betupft war, saen zwei liebliche junge Mdchen.</p> - -<p>Es war Verwandtschaft in ihren rosigen Gesichtern und in ihrer -geschmackvoll einfachen Kleidung mit dem weien Matrosenkragen, -aus dem dort und hier auf lnglichem Halse ein dunkelbraunes -Kpfchen wuchs.</p> - -<p>Die ltere, auf einem Feldstuhl sitzend und ber eine Stickerei -gebeugt, war von ganz besonders bestrickender Schnheit. Wenn sie -die enzianblauen Augen unter schweren Wimpern langsam aufschlug, -ging ein Leuchten ber die Umgebung. Alle Dinge wurden -in dieser Beleuchtung schner, alle Menschen gtiger. Es waren -groe, schchterne, vielleicht nicht sehr kluge Augen, vom weiten -Bogen der brunlichen Brauen madonnenhaft umrahmt. Das -Mdchen war hoch und schlank. Und schn waren auch die Nstern -des feinen Nschens, die bei gedmpftem Lachen mitzulcheln schienen; -schn das sanft gerundete Kinn; schn der schmale und doch -volle, kirschrote, meist ein wenig geffnete Mund. Sie glich in ihrer -gesunden und natrlichen Jungfrulichkeit den Madonnen Raffaels -und mochte Maler und Dichter entzcken. Denn ein Knstler sprte -in diesem Mdchen zwar weder Gelehrsamkeit noch gesellschaftliche -Gewandtheit, wohl aber das Lebensgeheimnis einer starken und -sittsamen Weiblichkeit, gesunde Kinder zu schaffen fhig, keine -Bcher.</p> - -<p>Unfern von den jungen Damen lag eine kannelierte Marmorsule -zwischen zerstreuten Blcken. Vermutlich hatte man dort bauen<span class="pagenum"><a name="Seite_2" id="Seite_2">[S. 2]</a></span> -wollen; aber der Baumeister hatte sich in die entzckende Landschaft -verliebt und das Bauen vergessen. Angesichts des blauen Meeres, -zwischen Zypressen und Oliven, htte sich ein weier Tempel -wirksam ausgenommen, der Sonne geweiht, der Schnheit heilig. -Jedoch der Tempel war noch unsichtbar, der Sonnenanbeter desgleichen; -und dem Baumeister drohte abermals Gefahr des Verliebens -durch diese beiden ungewhnlich schnen Mdchen.</p> - -<p>Sie plauderten franzsisch. Aus ihrem Gesprch ging hervor, -da die Mutter der lteren ihren Nachmittagsschlaf auszudehnen -pflegte, so da die beiden Schnheiten abseits von der gemieteten -Villa auf diesem Aussichtsplatz verweilen konnten.</p> - -<p>Der jngere Backfisch lag ausgestreckt im weichen Grase, sttzte -die braunen Wangen in die Hnde und las. Mdchenhte flimmerten -strohgelb aus grnem Rasen. Und es war anmutige Stille um die -beiden Gestalten; selbst der Mittagswind spielte nur lssig in Gras -und Laub. Von Zeit zu Zeit sprang die Kleine auf, griff in das -Bltterwerk empor und suchte sich frhreife Kirschen heraus; oft -auch hob sie lachend ihr spitzes Mulchen an den freundlich herabgeneigten -Baum und naschte die Frchte gleich vom Ast weg. Dann -hngte sie sich ein Kirschenpaar ber jede Ohrmuschel, kaute, spuckte -Kerne an die Marmorsule und las vergnglich weiter.</p> - -<p>Aus der Ferne funkelte in gleichmiger Ruhe das tiefblaue -Mittelmeer.</p> - -<p>Hufig lachte die Lesende hell hinaus und strampelte vor Vergngen -mit den gelben Schuhen.</p> - -<p>„Sag' doch, Martha, kann es etwas Lustigeres geben als diese -verrckten Briefe Mozarts?” rief sie. „Hr' einmal zu!”</p> - -<p>Und sie las in gelufigem Deutsch flink herunter: „Allerliebstes -Bsle, Hsle! Ich habe dero mir so wertes Schreiben richtig erhalten -— falten — und daraus ersehen — drehen — da der Herr -Vetter — Retter — und die Frau Bas — Has — und Sie — wie recht -wohl auf sind — Rind; wir sind auch Gott sei Dank recht gesund -— Hund” — — sie brach lachend ab.</p> - -<p>„So geht's nun immerzu weiter!” fuhr sie franzsisch fort.<span class="pagenum"><a name="Seite_3" id="Seite_3">[S. 3]</a></span> -„Jedem dritten Wort hngt er irgendeinen albernen Reim an, der -gar keinen Sinn hat, nur aus Necklust. Oh, ich liebe Mozart schrecklich! -Die Leute von damals waren lustiger, leichter, eleganter und -amsanter — verstehst du das, Martha? Sie schlugen Purzelbaum, -sie tanzten Menuett, sie liebten, kten sich und waren doch -nicht gemein, denn sie hatten mehr Poesie im Leibe! Verstehst du -das, Martha?”</p> - -<p>Martha lchelte, stickte und schwieg.</p> - -<p>„<span class="antiqua">Mais allons donc!</span>” zrnte die kleine Elssserin. „Do sitzt se -un sagt nix!”</p> - -<p>Sie sprang auf, hob das spitze Nschen in die Luft und witterte -die blhenden Riviera-Hgel hinunter, wo auf allen Hngen zwischen -weien Landhusern steile, dunkle Zypressen, silbergraue Olivenbume -und spitzblttrige Gartenpalmen die Landschaft festlich -stimmten. Ihre Augen leuchteten die Gegend ab.</p> - -<p>Und pltzlich klatschte sie in die Hnde.</p> - -<p>„Da kommt er wieder!”</p> - -<p>„Wahrhaftig!” besttigte die stille Base Martha, ward ein -wenig lebendiger und sandte ihre tiefblauen Augenstrahlen gleichfalls -den Abhang hinunter. „Was tut er denn?”</p> - -<p>„Er spielt auf einer Laute und summt vor sich hin! Hab' ich -dir's nicht gleich gesagt? Das ist ein deutscher Musiker!”</p> - -<p>„Er spricht brigens auch gut Franzsisch. Und warum kann -es nicht auch ein Maler sein? Er hatte ja neulich einen Malkasten -mit!”</p> - -<p>„Oder ein Dichter! Denn er hat uns ja ein Verschen gedichtet!”</p> - -<p>„Oder ein reicher Privatmann, der alles treibt und nichts.”</p> - -<p>„Mglich, denn Geld hat er gewi! Und dabei so die Geste -des Weltmannes! Und grundgelehrt! Er interessiert mich schrecklich. -Aber ich bin gewi, da er deinetwegen kommt. Und dabei -sitzt sie immer da wie ein Stockfisch! Ich kann die Unterhaltung -im Gang halten — und in dich verlieben sie sich! Alle! Auch wenn -du kein Wort sagst! Zu dumm! Ich hab's schrecklich schwer auf -der Welt.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_4" id="Seite_4">[S. 4]</a></span></p> - -<p>Sie seufzte, klappte Mozarts Briefe heftig wieder auf und setzte -sich mit sehr melancholischer Miene und schwermtig gesttztem Haupt -neben das lchelnde, stickende und schweigende Bschen. Aber es -zuckte um ihre Mundwinkel; ihre Blicke schielten vom Buch hinweg -nach dem Ankmmling, und mit einem Rippensto an Cousine -Martha flsterte sie, da sie vor Lachen berste.</p> - -<p>Der ankommende Herr war ein schmucker, mittelgroer Mann -von etwa dreiig Jahren. Er trug einen feinen Flanellanzug und -einen Panamahut ber kurzem dunkelblonden Haar.</p> - -<p>Schon von fern schwang er den Hut und die bnderumflatterte -Laute und rief in deutscher Sprache:</p> - -<p>„Das ist ja ausgezeichnet, da ich Sie wieder treffe! Bravissimo! -Die Freundin Mozarts und die groe Schweigerin! -Kirschbaum und Zypresse! Guten Tag!”</p> - -<p>Und trat heran, verbeugte sich und fuhr fort:</p> - -<p>„Der Tempel ist noch unerbaut, aber die Priesterinnen warten. -Seien Sie gegrt, allerholdeste Hterinnen dieses heiligen Hains!”</p> - -<p>Die beiden jungfrulichen Wesen nickten gemessen und kmpften -mit dem Lachen; er aber nahm ohne Verzug auf der Sule -Platz.</p> - -<p>„Verzeihen Sie, meine Damen,” sprach er, „da ich auch heute -so unsalonmig bin, mich nicht in konventionellen Formen vorzustellen. -Nehmen Sie an, ich sei irgendein Wanderer, der — -nun, der seine Bestimmung sucht. Nehmen Sie an, ich sei ein -Spielmann, ein Troubadour — mein Vorname ist brigens Ingo, -und das gengt —, und nehmen Sie an, Sie seien die zwei anmutigsten -Schloherrinnen der ganzen anmutigen Provence!”</p> - -<p>„Sehr liebenswrdig!” lachte die Kleine. Die Sachlage war -fremdartig, aber den Mdchen nicht mifllig. Die ltere richtete -ihr groes Augenpaar schchtern und fragend auf die Jngere; und -diese zappelte vor Vergngen, im Lustspiel mitzutun.</p> - -<p>„Sie haben recht,” sagte der Zappelkfer, „es ist heutzutage -viel weniger Poesie in der Welt als in den Zeiten Mozarts. Hab' -ich das nicht eben gesagt, Martha?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_5" id="Seite_5">[S. 5]</a></span></p> - -<p>„Aha! Darum tragen Sie also beide diese zierlichen braunen -Mozart-Zpfe, nicht wahr?”</p> - -<p>„Eben! Meine Cousine wollte nicht, aber sie mu!”</p> - -<p>Martha lchelte und stickte; schaute dann die Base an, nicht -den Fremden, und sprach mit ihrer leisen Stimme, um nur auch -etwas zu sagen:</p> - -<p>„Sie hat mir lustige Stellen aus Mozarts Briefen vorgelesen.”</p> - -<p>„Wollen Sie's hren?” setzte sofort das Backfischchen ein. Und -sie plapperte einiges herunter, bis sie vor Lachen aufhren mute. -Dann wurde sie gesetzter und bemerkte, es seien auch recht schmerzliche -Briefe in dieser Sammlung, etwa ber den Tod der Mutter -oder jene unglaubliche Behandlung beim Erzbischof von Salzburg.</p> - -<p>„Schndlich so etwas! Ganz abscheulich! Finden Sie nicht auch?”</p> - -<p>„Niedertrchtig!” bekrftigte der Fremde. „Aber das hat -Mozarts Lebenslaune nicht gebrochen. Ein rechter Kerl zerbricht -berhaupt nicht. Ein elastischer Geist ist aus berem Stoff als -der beste parische Marmor. brigens, Sie anbetungswrdiges -Mozart-Mgdlein, ich zerbreche mir schon drei Tage den Kopf, -warum diese Marmorsule so mutterseelenallein hier oben auf dem -Hgel liegt — grade nur die einzige! Als ob eine einzige Sule -irgend etwas in der Welt sttzen knnte! Als ob nicht mit der -Zweiheit berhaupt erst alles Leben begnne! Sind Sie nicht auch -dieser Meinung, gndiges Frulein?”</p> - -<p>„<span class="antiqua">Parfaitement!</span>” besttigte die Kleine und gab der lteren -einen Rippensto.</p> - -<p>Martha lchelte und stickte.</p> - -<p>„Sehen Sie, wir zwei verstehen uns ausgezeichnet!” rief der -junge Mann. „Deshalb haben Sie sich auch, als Symbol der Zweiheit, -je ein Paar Edelsteine an die Ohren gehngt, Mademoiselle!”</p> - -<p>Die Kleine hatte ganz vergessen, die hellroten Kirschen zu -entfernen, pflckte sie jetzt mit umstndlichen Gebrden aus Haar -und Ohrmuschel heraus und begann sie aufzuessen. Der Fremde -streckte zum Fangen die Hnde aus; sie lachte und warf ihm das -zweite Paar der unreifen Frchte zu.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_6" id="Seite_6">[S. 6]</a></span></p> - -<p>„Dafr spielen Sie uns aber auch etwas vor!” rief sie. „Denn -Sie sind doch offenbar ein Musiker?”</p> - -<p>„Offenbar!” erwiderte der Spielmann ernsthaft und griff Akkorde -aus Mozarts Figaro, womit er das folgende Geplauder -scherzend begleitete. „Aber ich male auch bisweilen; ich singe auch -ein wenig; ich komponiere mitunter. Und da zum Singen Worte -gehren, so dicht' ich auch.”</p> - -<p>„Ein Universalgenie!” rief der Backfisch entzckt.</p> - -<p>„Und wenn Sie hinzunehmen, da ich Dingen, die mich interessieren, -auch wissenschaftlich nachspre und sogar ein paar Bcher -geschrieben habe — —”</p> - -<p>„Oh, oh, oh, Martha, was sagst du nur dazu?!”</p> - -<p>„So werden Sie begreifen, da ich mich vor allem andren -nach etwas ganz Bestimmtem sehne — nach der Zweiheit, mit -der ich zusammen eine Einheit bilden knnte, fest, geschlossen, gesammelt -— ein Kunstwerk, ein Tempel, eine Gralsburg!”</p> - -<p>Die Mdchen schauten einander verwundert an.</p> - -<p>„Schrecklich gelehrt!” sagte die Jngere. „Erzhlten Sie nicht -gestern, da Sie an einem Duett komponieren?”</p> - -<p>„Auch das! Zwei Mdchenstimmen! Die eine von stiller -Schnheit, edel und einfach — Frieden ausstrahlend wie eine -Madonna oder ein Engel von Fra Angelico. Die andre ein Kobold, -der in allen Tonlagen herumgaukelt, ganz voll Koloraturen, eine -Nixe, eine Wasserfee. Soll ich Sie mal spielen, Frulein Nixe?”</p> - -<p>Er spielte nrrische Akkorde und sang zu den Kapriolen ein -Necklied.</p> - -<p>„Reizend! Von Mozart?”</p> - -<p>„Von mir, holder Schmetterling!”</p> - -<p>„<span class="antiqua">Mais c'est charmant!</span> Das mssen Sie mir aufschreiben! -Aber nun sollen Sie auch meine Cousine komponieren!”</p> - -<p>Er lie sich, nachdem er sich so lange nur mit der Jngeren -abgegeben hatte, im Grase nieder, zu den Fen der verlegenen -Stickerin; aber er griff nur einige ernst-schne Akkorde und sprach -dann mit zarter Hflichkeit:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_7" id="Seite_7">[S. 7]</a></span></p> - -<p>„Sie heien Martha, mein stilles, fleiiges Frulein. Mehr -wei ich nicht, will es auch vorerst gar nicht wissen. Aber gesehen -habe ich Sie schon irgendwo und habe Ihr Gesicht behalten. Nur -wei ich nicht mehr: war es jenseits dieses Sternes, ehe unsre -Seelen auf die Erde flogen, oder war es irgendwo in Europa? -Denn ich wandre viel. Ihnen mcht' ich nichts Neckisches, sondern -etwas sehr Liebes und Ernstes sagen oder singen. Denn Sie verdienen -es, Sie sind so gut, wie Sie schn sind.”</p> - -<p>Und ihre Hand ergreifend, an der noch der Fingerhut steckte, -kte er pltzlich die schlanken Finger der berraschten Schnen.</p> - -<p>Dann aber besann er sich, sprang auf und packte Hut und Laute.</p> - -<p>„Auf Wiedersehen! <span class="antiqua">A rivederci!</span>”</p> - -<p>Und sprang mit groen Schritten den Hgel hinunter.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Weitab von diesem Riviera-Hgel, vor einem der alten frnkisch-thringischen -Herrensitze mitten in Deutschland, steht eine -mchtige Tanne. Ein Vorfahre Ingos hatte sie gepflanzt, als er -in den Trkenkrieg zog. „Ihr sollt euch”, schrieb er, „bei ihrem -Anblick erinnern, da der Mann sein Erbe verlassen und sein -Lebensziel erobern mu.” Als aber sein Verwalter whrend -des Freiherrn Fernfahrt einen Schloteich in Ackerland verwandelte, -schrieb derselbe Trkenkrieger folgenden Brief: „So wir -nicht alles im alten Stand finden, schieen wir dir bei unsrer -Heimkehr eine Kugel durch den Kopf, denn der Mann soll sein -Erbe achten. Im brigen bleiben wir dir in Gnaden gewogen.”</p> - -<p>Noch andre Ahnen Ingos hatten die abenteuerliche Ferne -aufgesucht und sich doch zuletzt, gebrunt von Lebens-Erfahrung, -auf den geliebten heimischen Boden zurckgefunden.</p> - -<p>Der Enkel dieser freiheitlich-konservativen Mnner, die aus -Fernfahrt und Einkehr ihr Leben auferbauten, der Troubadour -Ingo, der am Rande der Mittelmeerkultur die Leuchtkraft der -Olivenhnge in sich einsog, war ein jngerer Sohn. Bei ihm -hatte sich der Adelsstolz ins Geistige umgesetzt. Und whrend sein -lterer Bruder Hochwild scho, sann er selbst im Gebirg' und auf<span class="pagenum"><a name="Seite_8" id="Seite_8">[S. 8]</a></span> -dem Weltmeer dem erhabenen Problem nach, wie sich germanischer -Ernst und griechische Schnheitsfreude und christliche Innerlichkeit -in einem heiter-ernsten Naturell vereinigen knnten ...</p> - -<p>Als Ingo jenen Hgel hinabschritt, sang und pulsierte sein Blut.</p> - -<p>Und das Blut sang und sprach zu dem leichtfig dahineilenden -Spielmann:</p> - -<p>„Einst hat dein Ahnherr Friedrich die schne Elssserin Octavie -von Birkheim in den harten, krftigen Herbst eurer Thringer -Waldung heimgefhrt. Greif zu, Spielmann! Trage die Schnheit -unter die Parkwipfel der arbeitsamen Stille! Denn deine -Munterkeit ist Maske, dein Herz ist reif und traubenschwer von -Heimweh nach Tempel und Htte mitten in Deutschland. Noch -braucht dich Deutschland nicht; noch spielst du das Leid deiner -Verbannung mit Melodien hinweg. Doch halt aus! Vollende dich -wandernd! Wandre, wandre! Es wandert der blhende Lenz -und verwandelt sich wandernd in goldenen Herbst. Es wandert -das Licht, den Tag verwandelnd in Nacht und die Nacht in Frhrot. -Es wandert und wchst der Mensch und verwandelt sich wandernd -aus Kindergestalt in die Reife des ruhigen Greises. Und so -wandern Geburt und Tod. So wandert die Zeit, so wandern die -Sonnen des Weltalls — und alles Lebendigen Wesen ist Wandel -und Wandrung. Wandre, mein Freund — nur wandre zu <em class="gesperrt">Ende</em>!”</p> - -<p>So sang das Blut.</p> - -<p>So sang es in einem schn gewachsenen, durch besonnenen -Sport krftig und ebenmig ausgebildeten Krper.</p> - -<p>Und so schritt er hinab, voll Spannkraft und Lebensmut, griff -in die Saiten und spielte sich ein Wanderlied.</p> - -<p>Pltzlich unterbrach er dieses Reigenspiel seiner Gedanken, strich -ber die Stirn, sah um sich und sagte gelassen:</p> - -<p>„Bursche, du bist verliebt! Mach', da du in dein Hotel kommst, -damit dir Friedel den Text liest!”</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 60px;"> -<img src="images/p008_deco.png" width="60" height="91" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_9" id="Seite_9">[S. 9]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p009_deco.png" width="600" height="50" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Zweites Kapitel</small><br /> - -<big>Titanic</big></h3> - - -<div class="cite"> -<p class="noindent"> -„Ich komme vom Gebirge her,<br /> -Es dampft das Tal, es braust das Meer ...<br /> -Wo bist du, mein geliebtes Land?<br /> -Gesucht, geahnt und nie gekannt?<br /> -O Land, wo bist du?” ...</p> -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Schmidt von Lbeck</span> -</p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p009_cap.png" alt="N" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">N</span> -acht hatte sich der Landschaft bemchtigt.</p> - -<p>Ein Gewitter krachte ber der Palmenkste. In -wuchtigen Massen troff der Regen.</p> - -<p>Im Hotel vernahm man das nahe Rauschen und Drohen des -gewaltig tosenden Meeres, dessen groer Ton sich mit den Stimmen -der Gewitternacht verband.</p> - -<p>Doch in den glnzenden Luxusrumen, die von Goldornamenten -und Kristallen strotzten, wurde die Sprache der Natur nicht -wichtig genommen. Ein internationales Sprachengemisch, ein -feinblauer Zigarettendampf, Schaumperlen der Sektglser stiegen -empor und schufen eine besondre Stimmung.</p> - -<p>Der kleine Kommerzienrat Otto S. Marx feierte Geburtstag. -Es war ein reichlich Dutzend seiner vielen guten Bekannten zu -einem Souper eingeladen. Seine Laune war vorzglich, denn der -Vormittag hatte ihm in den Spielslen eine betrchtliche Summe -in die Tasche geschoben. Und nun neckte er seinen stattlichen germanischen -Freund, den Grokaufmann Schaller aus Barcelona, -der eine Handvoll Goldstcke verloren hatte — fr Firma Schaller -& Co. zwar eine Kleinigkeit, aber immerhin des Verdrusses wert; -denn die bereits gewonnenen Tausende waren dem leidenschaftlichen -deutschen Spieler wieder durch die Finger getropft, da er -nicht die Besonnenheit hatte, beizeiten abzubrechen, wie der immer -kluge und immer nchterne Otto S. Marx.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_10" id="Seite_10">[S. 10]</a></span></p> - -<p>Unter den Gsten stachen hervor, durch helle und einnehmende -Gesichtszge, das deutsche Ehepaar Trotzendorff mit dem befreundeten -thringischen Freiherrn Ingo von Stein-Waldeck. Der -blonde englische Maler Wallace und sein angenehmer, nach allen -Seiten stets gleich liebenswrdiger franzsischer Freund Leroux -hatten sich mit diesen drei Deutschen angefreundet; und es strte -sie nicht, da der mnnliche Major von Trotzendorff gelegentlich -seinen nationalen Standpunkt im Gegensatz zu andren anwesenden -Deutschen unverschwommen betonte; denn seine leuchtend schne -Frau Friederike, genannt Friedel, glich alles wieder aus.</p> - -<p>Um diese lebenswarmen Menschen her saen allerlei belanglose -Damen und Herren, die sich durch Reichtum und Brillanten -von der arbeitenden Menschheit absonderten, nicht durch Seele. -Da war ein jovialer Theaterdirektor, der ebenso wie sein Nachbar, -ein blasierter Gesandtschafts-Attach, fr lsterne Anekdoten empfnglich -war und manchmal aus einem wiehernden Lachen gar -nicht mehr herauskam; da war eine sehr dekolletierte, sehr parfmierte, -sehr geschminkte Dame aus sterreichischen Adelskreisen, die -tglich mit khlster Geschftsmiene am Spieltisch sa. Und so Gesicht -an Gesicht, fahl, geisterhaft in den Rauch eingezeichnet, umblitzt von -den Zieraten des Salons, umdrhnt von Meer und Gewitter.</p> - -<p>Man sprach vom Untergang der „Titanic”.</p> - -<p>Dieser englische Riesendampfer, das grte Passagierschiff, das -je auf einem Ozean geschwommen, war auf seiner ersten Fahrt -von England nach Amerika an einem Eisberg zerschellt. Das ungeheure -Fahrzeug war mit mehr als tausendsechshundert Menschen -in die Tiefe gesunken.</p> - -<p>Ein Aufschrei scholl durch die Menschheit.</p> - -<p>„Wie kann denn eine solche schwimmende Luxusstadt berhaupt -untergehen?! Es waren ja Restaurants an Bord, Konzertsle, -Tennispltze, Blumenlden — ganze Straen! Es fuhren ja -Millionre und Milliardre mit!”</p> - -<p>„Der alte Atlantik kmmert sich den Teufel um alle Milliardre -der Welt!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_11" id="Seite_11">[S. 11]</a></span></p> - -<p>„Der Ozean ist dort dreihundertmal so tief als der Tiefgang -der Titanic!”</p> - -<p>„Der Eisberg, an dem das Schiff zerkrachte, ist schwerer als -alle Eisenflotten der Welt!” ...</p> - -<p>In einer eiskalten Aprilnacht war es — zwei Ste — und -das Riesenschiff stand fest! Von Tr zu Tr luft das Wort: Auf! -ein Unglck! Was, wo, wie? Menschen, mehr neugierig als erschrocken, -huschen im Schlafrock durch die Korridore — was, wo, wie? Und -abermals ein Befehl: Stecke jeder ein Dokument zu sich! Jetzt -summt es heraus aus allen Kabinen, jetzt fllt es tosend Verdeck -und Gnge, staut sich, fragt, ruft, schreit, kmpft — und um die -verngstete Menschenmasse eisige Nacht und das Pltschern, Nagen, -Zhneblecken des wartenden Ozeans! Da rufen Geistliche die volle -Wahrheit: In wenigen Minuten stehen wir alle vor Gottes Antlitz, -wer seine Seele erleichtern will, der mag es tun! Und die -Schiffskapelle, die im Salon bis zuletzt mit lustigen Weisen getuscht -hat, bricht ab und geht ber in den Choral: „Nher, mein Gott, -zu dir!” Furchtbare Panik! Das todgeweihte Gewhl drngt, -stt, beit sich zu den Booten, ber zertretene Kinderleichen hinber, -und alle Kommandorufe ersticken im mrderischen Gebrll. -Einzelne berladene Boote kmpfen sich los vom berandrang, -um sie her tropfen Menschen ins Wasser wie Krner von einem -bervollen Gef — und dann richtet sich der Schiffsrumpf in -seiner ganzen Lnge jh empor, in Kirchturmhhe aus den Wassern -starrend, und schttelt die wild aufschreiende Menschenmasse -ab, um dann selber in den schwarzen Strudel zu versinken ... -Einige Hundert haben sich auf allzu sprlichen Booten gerettet -und schwimmen nun in Nuschalen, die Fe im Eiswasser, durch -die kalte Nacht, Land suchend, berbleibsel einer Sintflut ... -Titanen wollten den Himmel strmen; Gtter schoben ihnen -lchelnd mit dem kleinen Finger einen Eisblock entgegen — und -die Titanen strzten ...</p> - -<p>Diese Schilderung wurde ausgesponnen und mit erschtternden -Einzelheiten umrankt. Gemter und Nerven erzitterten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_12" id="Seite_12">[S. 12]</a></span></p> - -<p>Aber sehr bald flutete neuer Unterhaltungsstoff ber den Eindruck -hinweg. Man sprach von Schiffsunfllen, von Lebensversicherung, -von Maregeln, die eine Katastrophe solcher Art knftig -verhten wrden; man verurteilte die Schnellfahrten ber den -Ozean, man stritt ber den Wert solcher Riesenschiffe. Bald war -man mitten in Zahlen und Maen der Dreadnoughts. Und hier -wurden einige Herren hitzig, darunter der fachmnnisch beschlagene -Major von Trotzendorff, als der Kaiserliche Jachtklub, der Meteorjachtklub -von Deutschland und der Deutsche Motorbootklub nicht -reinlich auseinandergehalten wurden. Von da sprang das Gesprch -auf den Kaiserlichen Aeroklub und den Berliner Verein fr Luftschiffahrt -ber. Man hatte vor wenigen Tagen einer Wettfahrt -von Motorbooten beigewohnt: mit aufgebumtem Kiel, in fabelhafter -Raserei, umschumt von zurckspritzenden Wellen, waren -die Boote am Felsen von Monte Carlo vorbergesprht. Und im -Hafen erhob sich, nach Anlauf auf dem Wasser, eines dieser surrenden -Wunderwerke jhlings in die Luft und flog mit seinen zwei -Insassen in groem Bogen khn hinaus bers Meer und wieder -genau zurck und herab an die Abfahrtstelle ... Welche Eroberungen -des Wassers und der Luft! Welche berwindungen der -Schwere! Sie strmen den Himmel, diese Titanen!</p> - -<p>Das Gesprch flatterte in Gruppen auseinander; die Titanic -schien vergessen. Diese modernen Menschen waren berauscht von -den unvergleichlichen technischen Errungenschaften der Gegenwart -...</p> - -<p>Ingo von Stein sa in tiefen Gedanken versunken. Er hatte -sich im Geiste mehr und mehr abgesondert vom Gesprche seiner -Zeitgenossen. Pltzlich, als eine Pause sein Eingreifen mglich -machte, sprach er in seiner ernst-liebenswrdigen Weise mit vollklingender -Mannesstimme:</p> - -<p>„Gestatten Sie mir eine Frage, meine Damen und Herren! -Ist niemandem von Ihnen bei diesen Gesprchen ber den Untergang -der Titanic etwas aufgefallen?”</p> - -<p>„Wieso? Was denn?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_13" id="Seite_13">[S. 13]</a></span></p> - -<p>„Verzeihen Sie, es ist unmodern, davon zu reden! Nehmen -Sie an, da es ein philosophisch gestimmter Mensch sei, den diese -Frage beschftigt! Als diese sechzehnhundert Menschen untergingen, -fuhr ebenso ein Entsetzen durch die Welt wie beim sizilischen Erdbeben. -Aber — binnen kurzem ist alles wieder vergessen! Die -Jagd saust weiter. Neue Eindrcke strmen ber die alten hinweg; -es kommt nicht zu seelischer Verarbeitung. Hat wohl eine -Frage nach Sinn und Wesen des Todes die materialistische Menschheit -durchschauert? Hat man ein Polarschiff ausgesandt in das unbekannte -Land jenseits des Todes? Hat man sich auf Sinn und -Wert des Lebens und Sterbens besonnen?”</p> - -<p>„Herr Baron, das is Religion — und Religion is Privatsache!” -rief Marx.</p> - -<p>„Wer hat denn heute zu solchen Spekulationen Zeit?” setzte -Schaller hinzu.</p> - -<p>„Wir sind doch nicht mehr im Mittelalter mit Hlle und Himmel -und solchen Popanzen!”</p> - -<p>„Aber darber kann ja jeder denken, wie er will! In Religionssachen -bin ich fr mein Part indifferent — und ich hoffe, mit mir -jeder moderne Mensch!”</p> - -<p>So ging es um den Tisch herum. Der Attach stemmte den -Kneifer ins Auge und betrachtete den Baron wie ein vorsintflutliches -Megatherion.</p> - -<p>„Sehen Sie! Sie besttigen, was ich sage!” fuhr Stein fort. -„Der Zusammenprall zwischen Titanic und Eisberg war umsonst. -Niemand hat die gigantische Frage verstanden. Denn eine Frage -ist in jener Aprilnacht ber den Ozean geschwommen und hat der -Titanic Halt geboten. Die moderne Titaniden-Menschheit hat die -Frage nicht einmal gehrt!”</p> - -<p>Ein Teil der Gesellschaft versuchte ernst zu werden. Man vernahm -drauen das Tosen des Gewitters; man vernahm das Donnern -der nchtlichen See.</p> - -<p>„Nehmen Sie einmal an,” fuhr der philosophische Sonderling -fort, „wir alle, wie wir hier sitzen, ganz Europa, die ganze moderne<span class="pagenum"><a name="Seite_14" id="Seite_14">[S. 14]</a></span> -Zivilisation, seien der Schiffskrper einer Titanic, umbraust von -den Gefahren des Chaos! Nehmen Sie an, eine Katastrophe bedrohe -uns, ein europischer Krieg, mit Hungersnot, Seuchen und -Revolution — was dann? Nehmen Sie einmal an, wir Zeitgenossen -seien dem Untergang geweiht und schauen auf die letzten -Jahrzehnte zurck, wie dort in den letzten Minuten die Todgeweihten -der Titanic auf ihre Fahrt — was ist das Ergebnis? Knnen wir -sagen, diese glnzende Anhufung materieller Gter, diese fieberhafte -Konkurrenz aller gegen alle, seien der wahre Sinn und Zweck -und Wert des Daseins?”</p> - -<p>Er hielt einen Augenblick inne, sah sich fragend um und -schlo:</p> - -<p>„Sie, meine Damen und Herren, sagen <em class="gesperrt">ja</em> — ich sage <em class="gesperrt">nein</em>! -Das ist unhflich, denn ich setze mich damit auf einen Nachen und -fahre von der Titanic fort. Oder vielmehr: ich fahre gleich nicht -mit. Ich lehne die Beteiligung an dieser rasenden Lebensfahrt -dankend ab. Wenn mir aber jemand von Ihnen einen Amundsen -oder Nansen namhaft zu machen wei, der ausfhrt, um den geistigen -Pol, den ruhenden Pol in der Erscheinungen Flucht zu entdecken, -jenseits der Sinnenwelt, jenseits des Todes — dieser Polarfahrt -wrd' ich mich sofort anschlieen.”</p> - -<p>Das war in liebenswrdigem Ton, lchelnd, aber energisch -und bestimmt herausgesprochen.</p> - -<p>Der Versammelten, die auf solche Gedankengnge nicht gestimmt -waren, hatte sich eine erstaunte oder gar beklemmende -Empfindung bemchtigt. Stein hatte eine Errterung erwartet; -aber man ging nicht darauf ein.</p> - -<p>Es war Herr Otto S. Marx, Buchdruckereibesitzer groen Stils, -der die sorglose Stimmung wieder herstellte. Er fuhr mit der Hand -ber Glatze, Stirn und leicht gebogene Nase zum modern gestutzten -rtlichen Schnurrbart herunter, als wische er etwas hinweg, und -rief mit Humor:</p> - -<p>„Ein entschieden philosophischer Kopf, unser Herr Baron von -Stein!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_15" id="Seite_15">[S. 15]</a></span></p> - -<p>Diese paar Worte waren mit so komischer, etwas nasaler und -nchterner Betonung gesagt, da man allgemein in befreiendes -Lachen ausbrach.</p> - -<p>„Aber einstweilen sitzt er mit auf der Titanic und schlrft -Sekt!” trumpfte der derber gestimmte Schaller und erhob mit -schallendem Lachen sein krftig unterbautes Kinnbacken-Gesicht mit -dem scharfen Monokel und dem Durchzieher auf der linken Wange. -Man konnte ihn fr einen Typus des deutschen Korpsstudenten -nehmen; seine ansehnliche Statur mit dem ganz kurzen Blondhaar -stach wirksam ab vom salopp hingelagerten Marx, der mit den -Hnden in den Hosentaschen im Plschfauteuil lehnte und spttisch-berlegen -den Baron anblinzelte.</p> - -<p>„Lieber Baron,” fuhr Schaller fort, „Marx und ich liegen uns -zwar immer in den Haaren, obwohl er meinen Rat in Bankpapieren -schtzt; aber in <em class="gesperrt">einem</em> modernen Glaubensartikel sind wir -einig: erst die Million — dann die Seele!”</p> - -<p>Erneutes Gelchter stimmte diesem massiven Grundsatz bei. -Auch der gutartige Stein lchelte mit; Trotzendorff mochte gleichfalls -kein Spielverderber sein; doch seine Frau sah betreten und bedauernd -zu Ingo hinber. Nur der Englnder Wallace trank seine -Limonade und rang sich kein Lcheln ab.</p> - -<p>Als das Gesprch dann wieder im Gang war und weitersummte, -beugte sich Frau von Trotzendorff zu ihrem Liebling -hinber.</p> - -<p>„Ingo,” raunte sie, die Hand am Munde, „denk' an das Gleichnis -von den Perlen!”</p> - -<p>„Stimmt, Friedel!” kam es zurck. „Aber ich sollte charaktervoll -sein und selber nicht unter den Suen sitzen!”</p> - -<p>„Unsinn! Willst du wohl —?! Bist schon Einsiedler genug!”</p> - -<p>Er zuckte die Achseln, schttelte den Kopf und lehnte sich wieder -zurck.</p> - -<p>Und nun lie er sein Auge wandern ber diese Frcke und -Toiletten. Was fr eine Gesellschaft war denn dies hier am Rande -Europas, unter die er da geraten war? Wo leuchtet denn hier,<span class="pagenum"><a name="Seite_16" id="Seite_16">[S. 16]</a></span> -aus diesen Gesichtern mit der Tcke des modernen Menschen, der -seine Mitmenschen zu berlisten trachtet, aus diesen scharfen oder -verlebten Zgen — wo leuchtet jenes freimtig-unbefangene -deutsche Gemt? Jenes Edelgemt, das die groe Musik, Philosophie -und Mystik geboren hat? ... Verstand, Pfiffigkeit, Lsternheit, -Tatkraft, Nervositt — diese Eigenschaften prgten sich zwar -deutlich in den Mienen aus. Aber Seele? Wo ist denn die deutsche -Seele? Er nahm nur Frau Friedels schne und phantasievolle -Zge aus neben Trotzendorffs offener Mnnlichkeit; der Englnder -neben ihm war sachlich, der hbsche Franzose kokett. Aber diese -beiden jungen Leute waren ihm noch weitaus die angenehmsten -unter der unangenehmen Gesellschaft. Unangenehm? Sind es nicht -deine deutschen Landsleute? Bist du nicht in Gefahr, deinem -Vaterlande fremd zu werden? ... Vaterland! ...</p> - -<p>Die Empfindung lie ihn nicht mehr los, da er sich auf einem -gefhrdeten Schiffe befand, selber in Gefahr und nur durch dnne -Wnde getrennt von den Wassern der Vernichtung.</p> - -<p>Der junge Englnder an seiner Seite unterbrach pltzlich seine -dstren Gedankengespinste und fragte den Baron, ob er wisse, da -Mr. Stead, der Vorkmpfer des Spiritismus und der Friedensbewegung, -mit der Titanic untergegangen sei? Ingo, der gut -Englisch verstand und sprach, verneinte. Und sachte ging Mr. Wallace -auf ein Gebiet ber, das abseits lag von diesem Kreise und von -Ingos knstlerischen Lebenspfaden, das ihn aber rasch fesselte. Der -kaltbltige Englnder, der fr die Alkoholstimmung dieses deutschen -Kreises unempfnglich schien, sprach von einer spiritualistisch-religisen -Bewegung der Neuzeit. Er war Maler aus Liebhaberei, -Sprachlehrer aus Beruf; und auf seiner Visitenkarte, die er im -Laufe des Gesprches mit dem Baron tauschte, stand ein <span class="antiqua">M. A.</span>: -„<span class="antiqua">Master of Arts</span>”, sein Universittsgrad. Er hatte seine Jugend in -Indien verbracht. Und es war fr den Deutschen eine Wohltat, -in dem flackrigen Rhythmus dieser Abendgesellschaft solche gelassene -Ruhe zu vernehmen, wie sie aus diesem etwas khlen, aber sehr -unterrichteten Manne zu ihm herberschwang. Es war ein Ton<span class="pagenum"><a name="Seite_17" id="Seite_17">[S. 17]</a></span> -aus einer weiteren Welt; und da es ein Auslnder war, von -dem dieser Ton kam, machte den Deutschen beschmt und nachdenksam.</p> - -<p>„Sie haben brigens”, sprach Wallace, „in Deutschland einen -Mann, der auf diesem Gebiete sehr bedeutend ist.”</p> - -<p>Und er nannte einen Namen, den Ingo nie vernommen hatte.</p> - -<p>Doch das beruhigende Zwischenspiel wurde durchbrochen. Stein, -mitunter zum Aufbrausen geneigt, schnaubte pltzlich empor und rief -einem Lebemann am Ende der Tafel kampflustig zu:</p> - -<p>„Wer verunglimpft da unten Schiller?! Lassen Sie unsren -Schiller in Ruhe! Htten wir nur etwas von seiner Mnnlichkeit!”</p> - -<p>„Aber Sie haben mich wohl nicht ganz verstanden, mein verehrtester -Herr Baron”, erwiderte Herr von Jedermann und berall. -„Ich habe nur ganz einfach festgestellt: Damals war der Wallenstein -modern — heute der Rosenkavalier; damals die Iphigenie — -heute die Salome. Na, und warum soll ich das nicht sagen?”</p> - -<p>Stein lachte und rief mit Schrfe zurck:</p> - -<p>„Sagen Sie das, Edler! Und fgen Sie hinzu: Damals war -das weimarische Hoftheater modern — heute das Kino!”</p> - -<p>Er warf sich wieder in seinen Sessel und machte eine segnende -Handbewegung gegen den Ritter des Geistes, der den linken Daumen -unter die linke Achselhhle eingeklemmt, die rechte Hand gespreizt -hatte und mit der Zigarette im Mundwinkel wiederholte: -„Na, warum nicht?”</p> - -<p>Da war nichts zu widerlegen.</p> - -<p>Jetzt tauschte Schaller seinen Platz mit Mr. Wallace und lie -sich neben dem thringischen Freiherrn nieder.</p> - -<p>„Herr Baron, nichts fr ungut, aber Sie philosophieren zu -viel! Sie mssen mich in Barcelona besuchen! In allem Ernst! -Ich habe Ihnen nachher auch etwas Amsantes zu erzhlen. Unter -uns: ein Restchen deutsches Gemt in mir beneidet Sie. Verstehen -Sie? Nein? So will ich's Ihnen erklren. Gestern warfen Sie -gesprchsweise die Bemerkung hin: als Sie die Wahl hatten zwischen -Staatskarriere und geistiger Vertiefung, haben Sie unbedingt das<span class="pagenum"><a name="Seite_18" id="Seite_18">[S. 18]</a></span> -letztere vorgezogen. Universalbildung im Sinne Wilhelm von Humboldts -— sagten Sie; moderne Fortsetzung des klassischen Idealismus -— sagten Sie. Sie sehen, ich hab' mir's gemerkt, bin also -gar kein so feister Materialist, wie es allerdings aussieht. Und darum -sag' ich: ein Rest in mir beneidet Sie um dieser freien Wahl willen, -die Sie getroffen haben. Hol's der Teufel! Etwas wie Sentimentalitt -sitzt immer in uns Deutschen.”</p> - -<p>„Das Deutschland von heute hat sich fr <em class="gesperrt">Ihren</em> Weg entschieden, -mein lieber Herr Schaller”, erwiderte Ingo gelassen. „Erst -die Million — dann die Seele! Beneiden Sie mich vielleicht um -das Martyrium der Heimatlosigkeit?”</p> - -<p>„Ach was, Unsinn! Sie sind jung, nicht lter als ich! <em class="gesperrt">Schaffen</em> -Sie sich eine Heimat, <em class="gesperrt">bauen</em> Sie sich ein Schlo! In der -Calle Muntaner zu Barcelona steht meine Burg; kommen Sie einmal -hin, sehen Sie sich an, was deutsche Energie im Ausland fertigbringt! -Bis dahin hab' ich ein hbsches junges Weib im Hause. -Schaffen auch Sie sich eine Frau an, Herr Baron, das bewahrt vor -philosophischen Hhnerleitern! Und kommen Sie! Ich bin manchmal -hungrig nach Geist — ausgehungert! Und <span class="antiqua"> propos</span>, wissen -Sie, was ich Ihnen jetzt Amsantes zu verzapfen habe, Sennor? -Wissen Sie, da Sie entdeckt sind?”</p> - -<p>„Wieso entdeckt?”</p> - -<p>„Als ein Troubadour namens Ingo, der meinen zwei jungen -Nichten den Hof macht!”</p> - -<p>„Potztausend noch einmal!” fuhr Ingo auf und htte vor Verblffung -fast sein Sektglas fallen lassen. „Die zwei jungen Mdchen -da oben auf dem Hgel sind Ihre Nichten?!”</p> - -<p>„Sind meine Nichten, ich kann nichts dafr!” besttigte der -lachende Kaufmann. „Niedliche Lrvchen, was? Beide haben's -nicht von mir, denn wir sind nicht blutsverwandt; die Mutter der -lteren, eine Witwe aus Straburg, ist die Schwester meiner -Stiefmutter; so sind wir in eine Art Onkelschaft geraten, und ich -versteh' mich mit den Mdels ganz famos. Die Jngste ist ja entzckt -von Ihnen, einfach aus dem Huschen!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_19" id="Seite_19">[S. 19]</a></span></p> - -<p>„Aber sagen Sie mir doch — wie hat sich denn das herausgestellt? -Aus Straburg? Jetzt begreif' ich! Dort war's, dort hab' -ich das Mdchen gesehen, in der Vogesenstrae, als ich im Herbst -ein paar Wochen dort wohnte! Aber wie hat man denn mich -entdeckt?”</p> - -<p>„Nichts einfacher als das! Durch Ihr Buch ‚Heroismus’, das -Sie mir geliehen haben! Da steht Ihr Name, Ingo von Stein. -Dies Ingo hat sie verraten. Ich habe das Buch meinen Nichten -hinaufgebracht, wir blttern drin, der kleine Grashpfer schwatzt -immerzu von dem Besuch des reizenden Unbekannten, der Ingo -heie. Ingo? Ingo heit euer romantischer Anbeter? Wie sieht er -denn aus? So und so! Famos, da haben wir ihn ja! <span class="antiqua">Voil! -Ecco!</span>”</p> - -<p>Er lachte herzhaft. Stein lachte mit.</p> - -<p>Aber in seinem Herzen schlo sich doch etwas zu; ein musikalischer -Zauber, ein poetischer Duft drohte zu entfliegen, der Reiz des -Magischen und Fremdartigen. Denn jene Welt Mozarts, jenes reine -Eiland der Schnheit, wurde berflutet von der breiten Alltagswelt -dieser knochigen Millionenmacher, dieser Geldmagnaten, dieses -modernen Amerikanismus.</p> - -<p>Daher ging Ingo recht bald und mit leichtem Scherz ber die -Sache hinweg, zumal Frau Friederike, zur Eifersucht geneigt, gespannt -herberfragte, von welchen reizenden jungen Mdchen denn -hier so angelegentlich die Rede sei. Nur eines merkte er sich: die -jungen Damen waren im Begriff, mit Frau Frank-Dubois, Marthas -Mutter, nach Barcelona zu reisen, um dort einige Wochen bei -Onkel Schaller zu wohnen.</p> - -<p>„Eine Reise nach Barcelona”, warf Ingo hin, „steht brigens -bei mir schon lngst auf dem Programm. Denn dort in der Nhe -ist der berhmte Montserrat, der Gralsberg, der Montsalvat der -Sage.”</p> - -<p>„Kenn' ich natrlich genau! Famoser Berg! Groartige Aussicht! -Also kommen Sie! In meinem Hause finden Sie etwas, -was Ihnen so leicht kein Privatmann bietet: zwei echte Velasquez!<span class="pagenum"><a name="Seite_20" id="Seite_20">[S. 20]</a></span> -Heh, was meinen Sie dazu? Raus aus dem Beamten- und Spiebrgernest -Deutschland! Nur der Mittelmige kommt dort vorwrts! -Fr geniale Kpfe ist kein Platz mehr im Reich. Grozgige -Naturen treiben sich im Ausland herum oder ersticken im -deutschen Winkel.”</p> - -<p>Die Damen und einige Herren zogen sich zurck.</p> - -<p>Trotzendorff trat zu Stein heran, der sich gleichfalls erhoben -hatte.</p> - -<p>„Weit du das Neueste, Ingo?”</p> - -<p>„Nun was denn, Richard?”</p> - -<p>„Meine Berufung ist Tatsache! Hoheit hat's besttigt!”</p> - -<p>„Also von jetzt ab Hofmann, lieber Richard? Na, mein herzliches -Beileid!”</p> - -<p>„Danke fr den Glckwunsch! Das wird auch fr dich entscheidend, -alter Flchtling! Ich habe meinen Plan. Und du weit, -ich bin in solchen Dingen zh. Auf dem Weg ber Seine Hoheit -komm' ich an den Kaiser heran, mache Majestt mit deinen Gedanken -bekannt, verschaffe dir eine persnliche Vorstellung, und du -wirst an den Platz gestellt, wo du wirken kannst!”</p> - -<p>Ingo legte den Arm um die Schulter des Freundes.</p> - -<p>„Du bist doch ein unverbesserlicher Utopist!”</p> - -<p>„Abwarten, Junge!” erwiderte der straffe Soldat und strich -seinen dicken grauen Schnurrbart. „Wenn du erst einmal mit dem -deutschen Kaiser auf der Wartburg ein richtiges Kaisergesprch gefhrt -hast, dann sprechen wir weiter!”</p> - -<p>Frau Friederike war herangekommen. Es war heute abend -in ihrem Wesen etwas wie nervses Fieber.</p> - -<p>„Richard hat recht”, sagte sie hastig. „Wir mssen dich unter -Aufsicht nehmen, lieber Ingo, wir mssen dich mit Gewalt an die -rechte Stelle schieben. Die Sache wird gemacht! Du kennst meinen -Alten, der lt nicht locker, wenn er etwas im Kopf hat!”</p> - -<p>„Hier steh' ich nun wie Buridans Esel zwischen den zwei bekannten -Heubndeln”, lchelte Stein. „Die Lockung dort heit -Barcelona — die Lockung hier heit Wartburg. Wohin?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_21" id="Seite_21">[S. 21]</a></span></p> - -<p>„Nach Deutschland, Ingo! An deine deutsche Aufgabe!”</p> - -<p>„Hat mich nicht gerade Friedel aus Deutschlands Enge herausgeschmeichelt?”</p> - -<p>Doch Frau Friederike schob ihren Arm unter den seinen und -entfhrte ihn samt ihrem Gatten aus der Riviera-Gesellschaft.</p> - -<p>Aber sie konnte sich oben, als sie einander Gute Nacht sagten, -nicht enthalten, noch einmal nach den hbschen jungen Mdchen -zu fragen, die ihn so lebhaft entflammt hatten. Er warf lachend -einige beschwichtigende Worte hin; doch ihr entging nicht, da er -errtet war, und sie schied mit langen, schweren Blicken ...</p> - -<p>Das Gewitter war vertost. Von den Stauden und Palmen -troff noch die himmlische Feuchtigkeit; das Meer rauschte bedeutend.</p> - -<p>Stein atmete auf seinem Balkon die wrzige Nachtluft ein -und verglich die muntren Mozart-Mdchen auf jenem offenen, -hellen Hgel mit diesem drckenden Salon-Parfm und Salon-Geschwtz -dieser Riviera-Hotels und Riviera-Spielhllen. Und in -der Ferne vernahm er ununterbrochen das ozeanische Brausen der -Titanic-Katastrophe.</p> - -<p>„O du Tiefstes meiner Seele, du kannst ja doch nicht hinauf! -Wenn meine Seele tost wie die schumende See und zitternd -solche machtvolle Schnheit aushlt, dann ist es in mir wie ein -schweres, langsames Glockenluten. Und das zu ertragen, dieses -Gewaltige, hilft mir nur eins: die Seelensprache der Poesie und -Musik. Sie segnet meine Herzensglut, und mit ihr ertrag' ich -die Schnheit der gewaltigen Erde ...”</p> - -<p>Lang noch sa er ber Bchern und Papieren, Schwermut -durch Arbeit bekmpfend. Spt entschlief er.</p> - -<p>Heitre Mozart-Melodien vermischten sich im Entschlummernden -mit der Notturno-Stimmung des „Don Juan” — der Anfang von -Beethovens <span class="antiqua">Sonate pathtique</span> brauste herein, wuchtig, zornig — und -die schwermtigen, harfenartigen Einleitungsakkorde des Brahmsschen -Liedes „Der Tag ging regenschwer und sturmbewegt”. Doch -in diesem Chaos von Tnen behauptete sich zuletzt Schuberts -„Wandrer”: „Wo bist du, mein geliebtes Land?” ...</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_22" id="Seite_22">[S. 22]</a></span> - -... Marx und Schaller, die Unzertrennlichen, saen noch beisammen, -lieen sich einen Mokka brauen und sprachen von Dividenden -und Prozenten.</p> - -<p>Pltzlich warf Marx mit zweifelhaftem Blinzeln hin:</p> - -<p>„Hm, sagen Se mal, was halten Sie von diesem Stein?”</p> - -<p>„Ein sympathischer Mensch!” beteuerte Schaller, der ziemlich -gezecht hatte. „Eine von jenen hochbegabten Naturen, die keinen -Platz finden im hundsgewhnlichen, miserablen, mittelmigen -Reichsdeutschland! Verstanden, Otto S.?!”</p> - -<p>„Na, na! Das glauben Sie ja selber nich!”</p> - -<p>„Selber nicht? War ich nicht Referendar, ehe ich Kaufmann -wurde? Warum bin ich ausgerissen? Weil mir der Atem ausging -zwischen euren Hinter- und Vordermnnern, die einander Hacken -und Zehen abtreten!”</p> - -<p>„Riesiger industrieller Aufschwung in Deutschland! So 'ne -Titanic — die bertrumpfen wir! Mittelmig? Steckt 'ne Masse -Genie im modernen Deutschland!”</p> - -<p>„I natrlich! In allen technischen Dingen, selbstverstndlich! -Zeppelin — bravo! Aber sonst? Genie? Wo denn? Was wissen Sie -denn, Samuel, in Ihrem Verstandeskasten, was Genie ist? Wo sind -denn die groen und ewigen Ideen in eurer Politik oder Literatur? -Reporter seid ihr, ganz schwunglose Reporter und Photographen!”</p> - -<p>„Na, und Richard Strau?! Und Reinhardt! Gehen Se mal -in den Berliner Zirkus und sehen Se so 'ne Auffhrung! Und -hat nicht Hauptmann den Nobelpreis gekriegt? Was wollen Se -denn noch? Wollen Se wieder Vergimeinnichts-Geschmack einfhren, -Sie?!”</p> - -<p>„Mann, Markuse, machen Sie mich nicht wild!” schrie der -Champagner aus Schaller. „Wo ist denn da Gre?! Gre, sag' -ich, Sie, Sie — Sie Mann mit dem zweckdienlichen Verstandes-Apparat! -Sie Nchterling! Sie Mensch ohne Seele! Kurzum, -Sie Geldbeutel!”</p> - -<p>„Schaller, Sie schallen wieder mal brutal, aber brillant!” Der -Kommerzienrat lachte sein meckerndes Lachen, ohne das geringste<span class="pagenum"><a name="Seite_23" id="Seite_23">[S. 23]</a></span> -belzunehmen. „Ihnen fehlt ein pikantes Weibchen — so wie da -die Trotzendorff. Unter uns — die und der Stein, h? Da ist auch -nicht alles geheuer. Hat brigens in Weibersachen Geschmack, -dieses Mineral — seine Freundin ist hbscher als seine Bcher!”</p> - -<p>Und Marx lachte und schlrfte zwinkernd seinen Mokka.</p> - -<p>„Was halten Sie denn von seinen Bchern?” fragte Schaller -unwirsch, denn er empfand fr Ingo entschiedene Zuneigung.</p> - -<p>„Nu, ich hab' se nich gelesen — aber was man so hrt — -Nee! Heroismus? Das Buch ist geschmacklos eingebunden. Und -der Inhalt — sliche Phrasen!”</p> - -<p>„Phrasen? Dieser grundehrliche Stein? Sehen Sie sich doch -dieses offene Gesicht an!”</p> - -<p>„Ich nenne das Phrasen.”</p> - -<p>„Beweis!”</p> - -<p>„Nu, ich sage Ihnen, ich nenne das Phrasen, und damit Punktum! -Was ist da zu beweisen?! Und sein Drama: ‚Der Sngerkrieg’! -Das hat ja schon der Wagner komponiert! Und was er -sonst verfat hat aus der Mythologie, das kann man hchstens noch -mit Musik goutieren! Fr mich Schwulst, ser Brei, Phrasen!”</p> - -<p>Er trank erbittert und nervs seinen Mokka leer, hatte sich in -Hitze geredet und schaute ergrimmt seinen Gegner an. „Nu, was -wollen Sie noch? Im brigen ein liberaler und honetter Mensch, -sag' ich selber! Alles, was recht ist! Und ohne Adelsdnkel! Ein -Charakter, aber ein sehr bescheidenes Talentchen!”</p> - -<p>„Was verstehen Sie denn eigentlich unter Talent?”</p> - -<p>„Nu, da einer was kann!”</p> - -<p>„Wer stellt denn fest, ob einer was kann oder nicht?”</p> - -<p>„Die ffentliche Meinung! Wir! Leute von Geschmack! Ganz -einfach!”</p> - -<p>„Wenn aber die ffentliche Meinung auf Irrwegen luft? Habt -ihr euch nicht hundertmal geirrt, ihr Deutschen, und lebende Talente -totgeschwiegen und totgeschwatzt?!”</p> - -<p>„Mit dieser Ausflucht kann sich jeder erfolglose Dilettant -decken”, bemerkte Marx nicht mit Unrecht. „Man hat denn doch<span class="pagenum"><a name="Seite_24" id="Seite_24">[S. 24]</a></span> -im allgemeinen eine sichere Witterung, was ein moderner Mensch -is und was nur so nachdichtet. Unsere Nerven brauchen ein Stimulans, -Neutner, Reizungen, pikante Probleme — verstehen Se? -Ich protegiere da einen Dramatiker — was wetten wir, da ich ihm -den Schillerpreis verschaffe? Wissen Se, wie so wat gemacht wird?”</p> - -<p>Marx rckte vertraulich nher; und Schaller starrte unbeholfen -in ein Paar pfiffige Augen.</p> - -<p>„Denn solche Talente <em class="gesperrt">kann</em> man machen, den Stein nicht. -Da wird in klugen Abstnden eine Notiz ins Tageblatt lanciert — -brigens auch Durchflle schaden nicht, wenn nur die ffentlichkeit -beschftigt bleibt! — also eine Notiz: der ringende, begabte, geniale -Dramatiker <span class="antiqua">etc., pp.</span> — merken Se wat? Dann gute Verbindungen -bei der Presse — nu, und nach und nach gewhnt sich die Welt an -den Namen. Aber pikant mu er dichten, pikant! Mit diesem biedren -Stein — nee, damit ist kein Haus zu bauen.”</p> - -<p>Schaller senkte den Kopf und betrachtete die Diamantknpfchen -seines zerknitterten Frack-Vorhemdes.</p> - -<p>„Ihr habt unbedingt die Herrschaft”, sprach er dumpf, wie -zu sich selber.</p> - -<p>Dann schaute er aus seiner halben Betrunkenheit auf, fate -seinen Freund Marx ins Auge und schnarrte pltzlich in schrfstem -Leutnantston:</p> - -<p>„Otto Samuel, Sie heien Markuse — und damit ist alles -gesagt! Schlu der Debatte!”</p> - -<p>Marx sprang rgerlich auf. Aber einige spt zurckkommende -amerikanische Dollarknige gaben dem Gesprch einen neuen Aufschwung. -Es war von Kartellen, Syndikaten, Trusts die Rede, -nchtern, kaufmnnisch, und die Stze waren gespickt mit Zahlen.</p> - -<p>Der kleine Marx und der groe Schaller waren wieder in -ihrem Element. Und sie schttelten sich beim Auseinandergehen -gemtlich die Hnde. Denn jeder schtzte des andren kaufmnnische -Begabung.</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 80px;"> -<img src="images/p024_deco.png" width="80" height="74" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_25" id="Seite_25">[S. 25]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p025_deco.png" width="600" height="50" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Drittes Kapitel</small><br /> - -<big>Die Freundin</big></h3> - -<div class="citel"> -<p class="noindent"> -Unruhig Glck im Stehn und Sphn und Warten!</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Nietzsche</span> -</p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p025_cap.png" alt="E" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">E</span> -in heies Herz und eine bewegliche Phantasie sind kein -unbeschwerliches Geschenk der Gottheit. Ingo entsann -sich, wie leidenschaftlich ihn einst in der Jugend die -Sonntagsspiele mit seinen Kameraden hingerissen hatten. Jene -Spieltage waren so voll, so glhend schn, da ihm am Abend -das Herz weh tat, wenn er sich von den Gespielen trennen sollte. -Noch oft im Leben mute er mit mnnlicher Besonnenheit Heimweh -nach dem Schnen und Guten ins rechte Ma zwingen.</p> - -<p>So war ihm Rhythmus ein Mittel der Bndigung allzu drangvoll -emporquellender Gefhle. Und wie fr das Schne, so war -er fr Gte empfnglich. Mit einem herzlichen Wort konnte man -alles von ihm erreichen; Hrte rief seine Vertrutzung wach. Er -war geschaffen zur Freundschaft, zur Brderlichkeit, zur Liebe. -Doch grade weil seine Natur so warmherzig und phantasievoll -allen Reizungen antwortete, brauchte er als Gegenkraft viel Kultur -und Bildung, um in sich jenes edle klassische Gleichma auszugestalten, -das dem Idealisten vorschwebte.</p> - -<p>Ein Dreibund liebender Freundschaft bestand zwischen Ingo -von Stein und dem Ehepaar Trotzendorff.</p> - -<p>Baron von Stein-Waldeck hatte Staatswissenschaft, Geschichte -und Literatur studiert und nach dem Doktor-Examen die Universitt -verlassen. Seinen soldatischen Pflichten hatte er als reitender -Artillerist gengt und war nun Leutnant der Reserve. Ihm stand -ein aussichtsvoller Staatsdienst offen; die Verbindungen des Freiherrn -aus altem Hause waren vorzglich. Eine edle Jugendfreundin -war ihm so zugetan, da Verlobung zu erwarten war. Doch<span class="pagenum"><a name="Seite_26" id="Seite_26">[S. 26]</a></span> -etwas in ihm zgerte, sich dem Staatsgefge und dem Familienleben -anzuvertrauen. Und als er Frau Friederike von Trotzendorff -kennen und lieben gelernt hatte, begann fr ihn eine neue Lebensepoche. -Er lebte fortan seinen musikalischen und literarischen Idealen. -Diese Frau, ehedem bedeutende Sngerin, war ganz Phantasie -und Gefhl. Und so befreite sich unter ihrer Besonnung auch in -ihm die fhlende Phantasie; und die beiden flogen miteinander -empor in alle Herrlichkeit und Flle der Kunst und der Natur. -Stein hoffte, unter Fhrung solcher Muse, Knstler zu werden.</p> - -<p>Aber die Muse kann nur begleiten, nicht geleiten. Frau Phantasie -kann fliegen, aber nicht schreiten; kann ein Leben verschnen, -aber nicht eines Lebens Fundamente bauen.</p> - -<p>Der wandernde und fliegende Spielmann sprte mehr und -mehr, da etwas in ihm unbefriedigt blieb.</p> - -<p>Seine edelgestimmten Bcher hatten an das Tor der deutschen -Seele gepocht; doch war keine Antwort gekommen. Ingo wurde -darob weder bitter noch sentimental; das lag nicht in seiner grozgigen -Natur; auch berschtzte er nicht das Buchmachen. Immerhin -legte er stutzend die Feder aus der Hand und horchte fragend hinaus.</p> - -<p>Wo war das Deutschland, das er suchte?</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Als Ingo von Stein am andren Morgen in den gemeinsamen -Salon trat, der sein Zimmer vom Trotzendorffschen Gemach trennte, -erwartete ihn Frau Friederike.</p> - -<p>Sie trug ihr helles Morgenkleid, das den Hals frei lie. Der -prchtig gebaute, nur etwas zu volle Krper dieser leicht in allen -Nerven vibrierenden Knstlerin mit den stahlblauen Augen, der -krftig vorspringenden Nase, den ppigen Lippen schien fr Bhne -und Salon geschaffen; ihre Bewegungen waren elastisch; ihre -Stimme weich, doch hufig belegt und zaghaft, denn ihr Herzschlag -geriet bei Schmerz und Freude allzuleicht in Unordnung.</p> - -<p>Er kte ihr mit ernstem und mdem Gesicht ehrerbietig die -Hand. Aber die nervs erregte Freundin hielt seine Hnde fest.</p> - -<p>„Ich hab' mich nach dir gebangt, Ingo, ich hab' in der Nacht<span class="pagenum"><a name="Seite_27" id="Seite_27">[S. 27]</a></span> -so viel an dich denken mssen. Denn ich war gestern abend kleinlich, -vergib, ich war eiferschtig!”</p> - -<p>„Eiferschtig?! Aber seit wann gibt es denn das zwischen freimtigen -Freunden?”</p> - -<p>Ingo sprte sofort, da ein ernstes Gesprch bevorstand. Er -wnschte und frchtete dieses Gesprch; denn in der letzten Zeit -war Frau Friederike von einer seltsam sorglichen Unrast, eine Lwin, -die um ihr Junges besorgt war.</p> - -<p>„Friedel,” sprach er weit ausholend, „mir sind in der Nacht -schwere Gedanken durch Kopf und Herz gegangen. Sieh, als ich -damals dem Beruf auswich, trennte ich mich auch von meiner -Jugendfreundin Elisabeth. Ich mu offen mit dir sprechen. Du -weit, wann es war, als ich dir mitteilte, ich htte meine heimliche -Verlobung stillschweigend aufgelst. Wir hatten den zweiten Teil -des Faust gesehen; wir waren entzckt von der Helenatragdie. -Dieser Faust — so setzt' ich dir nach dem Theater auseinander — -ist berauscht vom Drang nach Schnheit, fhrt durch die halbe Welt, -um eine Helena zu finden, irrt durch die blaue pharsalische Nacht -mit dem unentwegten Ruf: Wo ist sie? O Himmel, ich will's mit -diesem Schnheitsucher halten! Und du glhtest mit, und wir -erlebten miteinander tiefste seelische Offenbarung. Seit jener Stunde -such' ich das Ideal in der Fremde und habe mein deutsches Gretchen -vergessen. Ihr nennt mich ‚Spielmann’ — in der Tat, ich -frchte fast, ich spiele mit dem Leben. Und manchmal ist mir, als -wre Goethes Helena-Tragdie und mein jetziges Dasein nur galvanisiertes -Leben, und ich htte den Boden unter den Fen verloren.”</p> - -<p>Sie hatten beide Platz genommen und saen sich auf steifen -modernen Sthlen in dem weigrauen Salon gemessen gegenber, -mit groen Augen beide ins Unbestimmte schauend. Er hatte -von der Eifersuchtsfrage glcklich abgelenkt und das Gesprch ins -Bedeutende erhoben.</p> - -<p>„Du willst damit sagen,” erwiderte sie schwer, „da ich es bin, -die dich aus der Bahn geworfen hat.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_28" id="Seite_28">[S. 28]</a></span></p> - -<p>„Nein, Friedel, das will ich damit nicht sagen; denn ich bin -dir dankbar. Was ich in Bayreuth, auf Reisen, am Klavier und vor -Bchern oder in Gesprchen durch dich in mich aufgenommen habe, -ist unvergleichlich. Du hast mir eine neue Welt aufgetan. Du hast -meine Flaumfedern in Flgel verwandelt. Aber — —”</p> - -<p>„Aber?”</p> - -<p>„Du httest ganz recht, eiferschtig zu sein, wenn das Wort -nicht zu hlich wre”, sprach er pltzlich, stand auf und ging hin -und her. „Denn du fhlst richtig, da etwas in mir nicht befriedigt -ist. Und an jenen Mdchen da oben auf dem Hgel ist es mir zum -Bewutsein gekommen.”</p> - -<p>„Was ist dir zum Bewutsein gekommen?”</p> - -<p>„Mein Beruf und meine Braut, beides gehrte einst zusammen. -Und ich habe in mir die bis zum Eigensinn gesteigerte Empfindung: -wenn ich meine Lebensgefhrtin finde, ist auch mein Beruf -gefunden. Ein stilles, husliches Mdchen wie diese schne -Stickerin da oben auf dem Hgel erregt mir Heimweh.”</p> - -<p>„Und Helena? Und die freie Welt der Schnheit? Ingo, -willst du Philister werden?”</p> - -<p>„Aber, Friedel, bist nicht auch du Gattin und Mutter?!”</p> - -<p>Das wurde fast zornig herausgeschleudert. Er hatte sich wieder -gesetzt. Sie saen in den feierlichen Lehnsthlen und schauten sich -bei aller hflichen Haltung einen Augenblick wie Gegner an.</p> - -<p>Ruhiger fuhr er fort:</p> - -<p>„Und dennoch hast du deine Welt der Schnheit in dir, Friedel -— in deinem Innern, in deiner Kunst, in deiner Huslichkeit. -Ich aber suche sie drauen, ich laufe in der Welt herum und spiele -mich mit der Laute ber mein Heimweh hinweg. Ich habe Heimweh -nach festem Boden, Friedel. Das ist alles.”</p> - -<p>„Meine Freundschaft gengt dir nicht mehr,” erwiderte sie -dumpf und traurig, „du bist meiner mde.”</p> - -<p>Er war zornig, da sie immer wieder das Gesprch auf ihre -Person ablenkte, statt seinen Kmmernissen sachlich zu folgen.</p> - -<p>Doch er beherrschte sich.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_29" id="Seite_29">[S. 29]</a></span></p> - -<p>„Mit deiner Person hat meine Sorge nichts zu tun, Friedel. -Es wre mir lieber, du wrdest mit Richard und mir sachlich beraten. -Ich halt' es einfach nicht mehr aus, auf dieser Titanic mitzuschwimmen, -ohne Ziel, ohne Heim, ohne Beruf. Denn es ist -die Frage, ob ich zum Bchermachen berufen bin. Die allgemeinen -Sorgen der Deutschen sind mir wichtiger; die Ratlosigkeit dieser -modernen Menschen in den Fragen ber Tod und Leben macht mir -schlaflose Nchte. An dieser Lsung mcht' ich im Herzen Deutschlands -mitsinnen, dort, wohin ich durch Geburt gestellt bin. Statt -dessen lauf' ich im Ausland herum.”</p> - -<p>„Was hat denn das mit den Mdchen da oben zu tun?” fragte -mit unerwarteter Wendung die echte Frau, die ihm gegenbersa.</p> - -<p>Er schwieg. Auf diesen Seitenangriff war er nicht gefat gewesen. -Sie hatte recht: zwischen dem Philosophen, der sich gestern -in das Titanic-Gesprch gemischt hatte, und dem verliebten Lautensnger -war ein Unterschied. Jener suchte den festen Punkt; dieser -aber wanderte als Spielmann durch die schne Welt, durstig nach -Schnheit. Und in der Schnheit nach Frieden —? Und im Frieden -eben nach dem festen Punkt —?</p> - -<p>„Ingo, ich will dir etwas sagen, was einmal gesagt werden -mu, wenn wir nicht alle drei in Unnatur geraten sollen. Sieh, -ich habe schon mehrmals beobachtet, wie dein Auge hbschen jungen -Mdchen nachflog — und wie du dann zu erschrecken pflegtest, fast -wie ein ertappter Junge, wenn du meinem Blicke begegnetest. Ach, -ich sehe ja wohl, wie du suchst; und ich habe ja auch gar kein Recht, -dich festzuhalten. Lieber Junge, es hat mich aber immer gedemtigt, -wenn ich dich so vor mir zusammenfahren sah: er frchtet -meine Eifersucht, hab' ich mir sagen mssen. Also hab' ich dir Anla -gegeben, da du mich fr kleinlich halten mut? Und du hast -recht: ich bin kleinlich, bin eiferschtig, bin ein Hasenfu, ich habe -Angst um dich; ich frchte, da du einmal auf irgendein hbsches, -leeres Lrvchen hereinfllst, in das du dein eigenes Ideal einstrahlst. -Oh, Gott im Himmel wei es: dieser Schmerz um dich -ist grer als der Schmerz um meine seelische Vereinsamung!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_30" id="Seite_30">[S. 30]</a></span></p> - -<p>Frau Friederike, die ihrem Freund um mehrere Jahre an -Alter voraus war, stand rasch auf, hielt ihr Taschentuch an die -Augen und trat ans Fenster. Auch Ingo erhob sich, blieb aber am -Lehnstuhl stehen und bi sich in die Lippen. Schon einmal hatte -er eine solche Szene erlebt, wo die ruhige und frhliche Wrme -der Freundschaft in flammende Liebe bergeschlagen war. Er -sprte auch jetzt wieder die unheimliche Schwle vor dem Sturm. -Aber er hatte sich fest in der Hand und blieb hochaufgerichtet und -unnahbar hinter seinem Sessel stehen.</p> - -<p>„Einmal schon”, weinte es vom Fenster her, „hab' ich mich -zwischen dich und eine andre gestellt. Ich will es nicht wieder tun. -Ich will vielmehr die erste sein, die dich beglckwnscht. Nur sag' -es mir, sag' es mir gleich und offen, tu's nicht hinter meinem Rcken, -stell' mich nicht pltzlich vor die Tatsache — denn das erschttert -meine Nerven mehr, als ich ertragen kann.”</p> - -<p>Sie hatte sich die ganze Nacht mit dem Gedanken abzufinden -gesucht, da sie des Freundes Herz an ein junges Mdchen verloren -habe. Und diese Empfindung verallgemeinerte sich in ihr zur -erschtternden Erkenntnis, da sie eine alternde Frau sei, da sie -Jugend nicht festhalten knne, da alle Helena-Schnheit dahinschwinde -in die wesenlose Nacht der Zeit. Mit elementarer Kraft -war diese Empfindung ber sie gekommen. Und zwei Mchte -hatten nachtlang in ihr gekmpft und kmpften jetzt noch in dieser -Stunde: entweder leidenschaftlich festzuhalten, zu genieen, zu -sndigen, strmisch den Freund zu umfangen — oder durch rasche -Trennung sich wieder zu beruhigen und in Harmonie zurckzufinden.</p> - -<p>Frau Friederike war weder zu dem einen noch zu dem andren -stark genug.</p> - -<p>Als sie sich jetzt zu ihm umwandte und Ingo ihr trnenvolles -Gesicht sah, traten sie sich beide einige Schritte nher. Dann blieben -sie wieder stehen. Was an Gte in ihnen war, schlug vom -einen zum andren hinber. Wieder schritt sie vor — und pltzlich -lief sie hin, umschlang ihn heftig und weinte:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_31" id="Seite_31">[S. 31]</a></span></p> - -<p>„Ingo, verla mich nicht!”</p> - -<p>Wie ein Hilfeschrei, erschtternd, schlug es aus ihr empor. Doch -zugleich stie sie ihn zurck, lief mit dem Taschentuch vor den Augen -laut schluchzend nach der Nebentre, schmetterte sie hinter sich zu -und riegelte sich ein.</p> - -<p>Ingo wute aus frheren Anfllen hnlicher Art, da sie nun -stundenlang auf dem Diwan liegen und sich ausweinen wrde.</p> - -<p>Der Spielmann ging sorgenvoll im Zimmer auf und ab.</p> - -<p>Der gestrige Tag dort auf dem Hgel, zwischen Kirschbaum -und Zypresse, bei scheinbar so belanglosem Geplauder mit ein -paar unreifen Mdchen, war eine Lebenswende. Jetzt galt es klaren -Entschlu. Sollte er sofort hinaufgehen, diese brgerliche Frau -Frank-Dubois aus dem Elsa, die hier in Sommerfrische weilte, -aufsuchen und der jungen Schnheit schlankweg seine Hand anbieten? -Denn jenes wunderschne Gebilde hatte ihn berauscht. -Aber was war denn an ihr, was ihn entzckte? Sie hatte ja kaum -den Mund aufgetan. Warum verband er mit ihr die Empfindung -von griechischer Landschaft und griechischem Tempel? War es nicht -doch vielleicht nur ein allgemeiner Schnheitseindruck, der mit dem -Brgerkinde Martha menschlich nicht viel zu tun hatte? Sollte er -die erprobte Freundschaft mit Richard und Friedel zerbrechen, um -einem Helena-Phantom nachzujagen?</p> - -<p>Mchtig wallte in ihm das Gefhl der Dankbarkeit empor.</p> - -<p>„Sie haben mich gepflegt in meiner Krankheit”, sprach er zu -sich selber; „Friedels beide Knaben lieben mich wie einen lteren -Bruder. Sie selber nennt mich oft im Scherz ihren ltesten Jungen; -sie ist besorgt um mich, wie eine Mutter um ihr Kind. Wohl hat -sie sich damals zwischen mich und Elisabeth gestellt; aber es war -ein Segen, denn meine verfrhte Heirat wre Spiebrgerei geworden. -Was wei die Welt von den herrlichen Einzelheiten unsrer -romantischen Freundschaft! Und wie taktvoll, wie verstehend hat -sich Richard benommen!... Nein, ich will nicht glcklich sein ohne -diese beiden trefflichen Menschen.”</p> - -<p>Er pochte an Friedels Tr.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_32" id="Seite_32">[S. 32]</a></span></p> - -<p>„Friedel, nur ein Wort!”</p> - -<p>Es kam von drinnen keine Antwort.</p> - -<p>„ffne nur einen Finger breit!”</p> - -<p>Sie kam endlich, ffnete ein wenig und schaute mit verweinten -Augen heraus.</p> - -<p>Er kte ihre Hand und sagte innig und mit aufmunterndem -Humor:</p> - -<p>„Friedelchen, wollen wir zu guter Letzt sentimental werden? -Wollen wir nicht lieber heute noch abfahren und durch die Provence -wandern?”</p> - -<p>Ihr Taschentuch zuckte vom Gesicht hinweg.</p> - -<p>„Wirklich? Wollen wir fort?”</p> - -<p>„Aber achtest du mich denn noch, Ingo?” kam es verzagt -hinterher.</p> - -<p>„Wunderliches Friedelchen,” lachte er, „glaubst du denn, ich -knnte jemals wirklich vergessen, was du und Richard mir getan -habt? Das steht in der Chronik der Ewigkeit; dort wollen wir -einander hoffentlich hell und heiter begegnen. Nicht wahr?”</p> - -<p>„Ja, Ingo”, sagte sie kindlich und legte die Hnde in die seinen. -„Du bist gut, Ingo.”</p> - -<p>Und die Augen trocknend fgte sie hinzu:</p> - -<p>„Geh nun hinunter zu Richard, Lieber, und entschuldigt mich -bis zu Mittag! Und — und, Ingo, wenn wir wirklich fahren wrden, -ich wrde ja jubeln, von hier fortzukommen!”</p> - -<p>„Du hast recht!” sagte er frisch. „Aus den Sentimentalitten -'raus! Auch ich! Fort in die Welt!” ...</p> - -<p>Am Nachmittag packten sie ihre Koffer. Und am Abend saen -sie in der Eisenbahn nach Marseille und Avignon.</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 80px;"> -<img src="images/p032_deco.png" width="80" height="61" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_33" id="Seite_33">[S. 33]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p033_deco.png" width="600" height="51" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Viertes Kapitel</small><br /> - -<big>Der Troubadour</big></h3> - -<div class="citel"> -<p class="noindent"> -„Wer von der Schnen zu scheiden verdammt ist,<br /> -Fliehe mit abgewendetem Blick!”</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Goethe</span> -</p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p033_cap.png" alt="I" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">I</span> -n den Anlagen des Felsenvorsprungs <span class="antiqua">Rocher des Doms</span> -oberhalb der Papstburg zu Avignon lustwandelten das -Ehepaar Trotzendorff und der Troubadour Ingo von -Stein.</p> - -<p>Der Major studierte mit der ihm eigenen Grndlichkeit die -Einzelheiten des Baedeker; Friedel und Ingo umfaten hinausschauend -das ganze Bild der Abendlandschaft, die in leuchtender -Deutlichkeit um sie her ausgebreitet lag.</p> - -<p>Hundert Meter unter jener gelblichgrauen Felsmasse strmt die -Rhone, am Tag schlammgrau, doch in solcher Abendrte rosig und -blau. Ein purpurtiefer, von Wolken unterbrochener Sonnenuntergang, -in der heroischen Farbenstimmung eines Poussin, funkelte -ber Turm und Villen des gegenberliegenden Villeneuve-les-Avignons; -Luft und Berge waren dunkelblau; im Duft des Ostens, -gro und goldrot, stand schon wartend auf das Amt der Nacht die -Leuchtkugel des Mondes.</p> - -<p>Die drei Freunde hatten kurz zuvor mit dem lebensheitren -Wchter der Papstburg, Monsieur Vassel, der sich stolz <span class="antiqua">flibre</span> und -<span class="antiqua">chanteur</span> Mistrals nennt, ein muntres Zwiegesprch gehabt, das -angenehm in ihnen nachklang. Die hohen und stumpfen Trme -des ppstlichen Kastells schienen heute heiter und verklrt zu leuchten -in den Farben des Frhlings und der Abendrte.</p> - -<p>„Was fr heiter-natrliche Menschen wohnen in dieser Provence!” -bemerkte Ingo. „Man erholt sich in diesen alten Nestern -vom Luxusleben der Riviera-Hotels. Ich habe nicht bel Lust, den<span class="pagenum"><a name="Seite_34" id="Seite_34">[S. 34]</a></span> -provenzalischen Geistesknig, den alten Meister Frdric Mistral, -in seinem Drfchen Maillane selber zu besuchen.”</p> - -<p>Die goldene Madonna auf der Spitze des Doms, der noch -ber das starke Papstschlo hinausragt, breitete segnend die Hnde -ber die rings heraufblhende Landschaft und schaute dem Gold -der Sonne nach, von dem sie angeglht war. Der immergrne -Hain mit den schiefgewehten Pinienwipfeln war belebt von Vogelgesang -und wenigen Abendspaziergngern. Bedeutend grte vom -Norden her der weie Gipfel des Mont Ventoux. Doch war die -Lenzluft khl; das kleine, reizend ummauerte Avignon mit seinen -engen Gassen schien sich frierend um das steile Mauerwerk der -Papstburg zu drngen. Und die Gehfte der Provence freuten sich -der festen Zypressenwnde, durch die sie gegen den rauhen Nordwind -geschtzt werden. Es lag ein Frsteln in der Luft und in den -Seelen der beiden Menschen, die in das Abendgelnde hinaustrumten -und windgeschtzte Stellen suchten.</p> - -<p>„Die abgebrochene Brcke da unten”, erklrte Trotzendorff, der -mit seinem roten Buch herantrat, „ist die uralte Brcke St. Benezet.”</p> - -<p>„Steht nicht ein Kapellchen drauf?”</p> - -<p>„Ja, das Fest des Heiligen wird jhrlich mit Tnzen gefeiert. -Daher der alte Volksreim: <span class="antiqua">Sur le pont d'Avignon tout le monde -danse.</span>”</p> - -<p>„Eine Tanzbrcke also!” erwiderte Stein. „Sie geht nur bis -in die Mitte des Stromes: ich hoffe, da sie dann nicht ins Wasser -tanzten? Oder kletterten dort die Nixen herauf und tanzten mit? -Jedenfalls die Brcke des lustigen Lebens. Ein Gegenstck also zu -dieser schweren Papstburg!”</p> - -<p>Er setzte sich auf die Steinbrstung. Und whrend sich die -frstelnde Frau Friederike fest in den Mantel hllte und am Arm -ihres Gatten im Schnellschritt durch die Anlagen lief, um sich wieder -zu erwrmen, flossen dem Troubadour einige Verse ins Notizbuch. -Er trug sie nachher seiner Freundin vor; Richard sa derweil wieder -auf seiner windstillen Bank und las die Landschaft aus dem -Fremdenfhrer ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_35" id="Seite_35">[S. 35]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Leicht rauschte die Rhone vor alter Zeit,<br /></span> -<span class="i0">Schwer stand der Papst auf den Schanzen —<br /></span> -<span class="i0">Und sah auf der Brcke von Avignon<br /></span> -<span class="i0">Ein leichtes Vlkchen tanzen.<br /></span> -<span class="i0"><span class="antiqua">Sur le pont<br /></span></span> -<span class="i0"><span class="antiqua">d'Avignon<br /></span></span> -<span class="i0"><span class="antiqua">Tout le monde danse.</span><br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Da blhte sich sein Purpurkleid,<br /></span> -<span class="i0">Gewaltig schnauften die Nstern:<br /></span> -<span class="i0">Der schwere Mann des Kampfes ward<br /></span> -<span class="i0">Nach leichten Tnzen lstern.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Der Papst stand, ein Gebild aus Stein.<br /></span> -<span class="i0">So standhaft, stark und massig —<br /></span> -<span class="i0">Die Tnzer der Brcke von Avignon<br /></span> -<span class="i0">Tanzten geschmeidig und rassig.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">„Wir trmen Granit,” so sprach der Papst,<br /></span> -<span class="i0">„Wir stlpen Zinnen darber:<br /></span> -<span class="i0">Das Volk auf der Brcke von Avignon<br /></span> -<span class="i0">Tanzt an der Wucht vorber.”<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">„Wir trmen Satzung und Gesetz<br /></span> -<span class="i0">Zu burghaft-steinernem Ganzen —<br /></span> -<span class="i0">Was tut das Volk? Ich sehe das Volk<br /></span> -<span class="i0">Am Stein vorbertanzen!”<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Ein Schelm sang, eine Laute klang,<br /></span> -<span class="i0">Das sprang um den Lauscher der Zinne:<br /></span> -<span class="i0">„Da oben steht der Herr von Stein,<br /></span> -<span class="i0">Inzwischen tanzt im Abendschein<br /></span> -<span class="i0">Vorber die lustige Minne!”<br /></span> -<span class="i0"><span class="antiqua">Sur le pont<br /></span></span> -<span class="i0"><span class="antiqua">d'Avignon<br /></span></span> -<span class="i0"><span class="antiqua">Tout le monde danse!</span></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_36" id="Seite_36">[S. 36]</a></span></p> -<p>In Frau von Trotzendorff arbeitete sich ein Entschlu langsam -zutage. Sie schwieg zu diesen Versen; warf ein beiflliges „Hbsch!” -hin, kaum hrbar, und hllte sich in Schweigen. Sie war seit der -Abreise von der Mittelmeerkste sehr heiter und zrtlich gewesen. -Heute war sie schon den ganzen Tag schweigsam.</p> - -<p>Pltzlich blieb sie stehen, schaute den Freund aus ihrem hochgestlpten -Kragen heraus eindringlich an und sagte:</p> - -<p>„Gestattest du mir ein offenes Wort?”</p> - -<p>„Tausend offene Worte, Friedel!”</p> - -<p>„Bedauert Ingo, da er ohne Abschied abgereist ist?”</p> - -<p>„Von der Riviera? Aber Schaller hat uns ja an die Bahn gebracht.”</p> - -<p>„Du weit, wen ich meine.”</p> - -<p>„Die Mozart-Mdchen?”</p> - -<p>„Ja.”</p> - -<p>„Nun —? Und wieso denn soll ich das bedauern?”</p> - -<p>„Sag' mir offen: soll das Gedicht, das du mir soeben gelesen -hast, eine Anspielung darauf sein, da Jugend und Minne an dir -vorbertanzen?”</p> - -<p>„Friedel —!”</p> - -<p>„An dir vorbertanzen, whrend du hier oben bei mir aushalten -mut?”</p> - -<p>„Aber Friedel!”</p> - -<p>„Sei wahrhaftig, mein Lieber! Sieh, ich stehe immerzu unter -dem Eindruck: es ist etwas in dir unbefriedigt. Du suchst etwas, -was Richard und ich dir nicht geben knnen. Du trumst oft in -die Ferne, du besinnst dich dann pltzlich wieder auf mich und suchst -mit Zartheit das Versumte nachzuholen. Nein, leugne nicht! -Verla dich drauf, da eine Frau, wenn sie jemandem gut ist, -hierin ein sicheres Gefhl hat! Das bedrckt mich, Ingo. Es wre -sndhafter Egoismus von mir, wenn ich dich beschlagnahmen wollte. -Ist nicht unser Herzensbund auf Freiheit und Vertrauen gestellt?”</p> - -<p>Sie legte ihm die Hand auf die Brust.</p> - -<p>„Du, Ingo, ich will dir was sagen,” fuhr sie fort und stellte<span class="pagenum"><a name="Seite_37" id="Seite_37">[S. 37]</a></span> -sich, als wr' ihr ein jher Einfall gekommen, „du holst das Versumte -nach, du entschuldigst dich brieflich bei den Mdchen! Verstehst -du? Du schreibst ihnen in deiner liebenswrdigen Art einen -liebenswrdigen Brief! Ja? Meinetwegen zwei, meinetwegen -drei! Glaubst du mir dann, da ich nicht eiferschtig bin? Bist du -dann heiter und glcklich?”</p> - -<p>Der Spielmann verhehlte nicht sein angenehmes Erstaunen. -Ihre aufmerksame Beobachtung stellte fest, da ein Leuchten ber -sein Gesicht flog.</p> - -<p>„Wirklich, Friedel?” rief er berrascht. „Friedel, du sprichst da -eine Anregung aus, die mir selber schon ganz unbestimmt durch den -Kopf gegangen war, das will ich dir nur ruhig gestehen. Ja denn, -ich habe etwas wie Heimweh nach jenen harmlos-heitren, unbedeutenden -jungen Mdchen; und es kommt mir unartig vor, und -vor allem war es unntig, da ich so ohne Abschied davongelaufen -bin. Also, Liebste, wir wollen einen Vertrag machen: ich plaudre -brieflich mit jenen muntren Geschpfen ber unsre Fahrten und -gebe dir das Geschriebene, und du schreibst ein scherzhaft Nachwort -darunter und schickst die Briefe als meine Kanzlerin persnlich ab. -Nicht wahr? So geht der Weg zu Jugend und Minne durch dich -hindurch! So ist dieser Briefwechsel durch meine liebste Freundin -gesegnet! Bist du einverstanden?”</p> - -<p>„Ich danke dir, Ingo.”</p> - -<p>Sie machte die Hand frei und gab sie ihm mit ernstem, bleichem -Gesicht.</p> - -<p>„Ich fhle durch den Handschuh hindurch, da du eiskalte -Hnde hast”, sprach er lchelnd. „Komm einmal her, Richard, wir -reiben Friedels Finger warm!”</p> - -<p>Und er rieb ihre Hnde scherzend zwischen den seinen und -druckte zuletzt einen Ku darauf. Es entging ihr nicht dieser pltzliche -Ausbruch liebenswrdiger Heiterkeit.</p> - -<p>So schritten sie, als die Heereszge der Nacht von allen Seiten -ins Rhonetal hereindrangen, miteinander hinab in die Lichter von -Avignon.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_38" id="Seite_38">[S. 38]</a></span></p> - -<p>„Himmel,” sprach Ingo, als er auf seinem Zimmer allein war, -„was ist denn das mit mir? Ich freue mich ja kindisch, mit diesen -Mdchen zu plaudern!”</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Avignon</span>, im Lenz.</p> -<p class="center"> -Meine reizenden Mozart-Mdchen! -</p> - -<p>Neben mir sa heute abend eine der liebenswertesten Frauen -Europas und benachbarter Kontinente. Da ich mich bei Ihnen, -meine Holden, als Troubadour eingefhrt habe, so wollen wir -auch meine Nachbarin nach der provenzalischen Landschaft benennen: -sie heit Eleonore von Poitou.</p> - -<p>Frau Eleonore von Poitou empfindet es als unartig von -mir, da ich ohne Abschied von Ihnen geflohen bin. Sie erlaubt -mir — nein, sie bittet mich, Ihnen diesen Entschuldigungsbrief zu -schreiben. Denn sie merkt, da ich so etwas wie Heimweh in mir -herumtrage. Wonach? Nach Schnheit, Liebe, Glck, Frieden, -Frohsinn — was wei ich, wonach! Und nach wem? Ja was -fr ein innerstes Begehren ist denn eigentlich in unsren modernen -Herzen?</p> - -<p>So schreib' ich denn diese fliegenden Zeilen auf lose Bltter -berseeischen Papieres, leichten, luftigen Papieres; Eleonore, meines -Reiches Kanzlerin, wird das Geplauder genehmigen, in einer -Nachschrift die Richtigkeit besttigen und die Bltter nach Barcelona -senden, wie man Tauben ausfliegen lt, die aus dem Chaos -des Meeres das feste Land suchen. Unter solchem Schutze plaudere -ich nun mit Ihnen, wie wenn wir dort oben auf dem Hgel sen, -als meine Saiten von selber zu klingen begannen, weil sie berhrt -wurden von zwiefacher Anmut.</p> - -<p>Richtig, Kinder — fast htt' ich da nun zu jungen Damen -„Kinder” gesagt! —, und da fllt mir ein, da ich der Jngsten -jenes Liedchen aufzuschreiben versprochen habe! Das wird nun -schwer halten; dergleichen mu von Mensch zu Mensch aufglhen, -das kann man nicht aufs Papier festhexen. Der Gedanke war etwa -dieser:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_39" id="Seite_39">[S. 39]</a></span></p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Losgelst vom falschen Elemente,<br /></span> -<span class="i0">Liegt am Strand das munterste der Nixchen,<br /></span> -<span class="i0">Liegt wie Tang, heraufgeschwemmt vom Meer.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und sie klagt: „Ich suche Seele, Seele,<br /></span> -<span class="i0">Eines Mannes liebe Seele such' ich,<br /></span> -<span class="i0">Denn wir Nixen, ach, sind seelenlos!”<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Kommt ein Troubadour und neigt sich zrtlich,<br /></span> -<span class="i0">Auszustrmen seine ganze Seele —<br /></span> -<span class="i0">Doch da lacht sie auf und schnellt ins Meer!<br /></span> -</div></div> - -<p>Warum schnellten Sie ins Meer und schwammen an die Kste -von Katalonien?</p> - -<p>Ich war in Vaucluse, dem Lieblingsort eines liebenden Einsamen: -des Sngers Petrarka. Dieser Leidensgenosse hat Donna -Laura, die schnste Frau der Provence (auer Eleonore von Poitou) -in Sonetten von ferne besungen. Die lebenslustigen Nixen -lachten, als wir uns ber diese Art von Liebe unterhielten. Denn -es sind dort genufrohe Nixen im Quell der Sorgue, unsterbliche -Tchter der Elemente, die einst Petrarkas melodische Klagen belauscht -haben. Der Snger trug freilich die Kutte, war grundgelehrt, -ein Meister damaliger Bildung, ein Ratgeber der Knige -und Ppste; und die Dame, die er liebte, war eines Ritters Gattin -und Mutter zahlreicher Kinder. Seit er sie einmal in ihrer -Jugend in der Kirche Sancta Clara zu Avignon gesehen hatte, -war es um ihn geschehen; sie war fortan sein Stern, an dem er -sich orientierte, wenn er das Land der Schnheit betrat.</p> - -<p>Ich habe dabei an Dich gedacht, Du — — halt, da verschnappt -sich einer! Ich wollte sagen: ich habe an Euch <em class="gesperrt">beide</em> gedacht, -meine Holden, besonders an eine von Euch, doch ratet einmal, an -welche? Ach, ich schttle mich manchmal wie ein Baumwipfel, der -Blten oder Maikfer oder Kirschen abschtteln mchte — aber -Dein Bild sitzt in mir, se Schne, schne Se, und ich kann's -nimmer abschtteln! Wozu auch abschtteln, was so froh macht?<span class="pagenum"><a name="Seite_40" id="Seite_40">[S. 40]</a></span> -Wie sagt Meister Goethe? Der menschlichen Schnheit wohnt -Heilkraft inne: wer sie erblickt, den kann nichts bles anwehen, -er fhlt sich mit sich und der Welt in bereinstimmung.</p> - -<p>Heil also dem rztlich wohlberatenen Petrarka! Und Heil dem -Troubadour und Spielmann!</p> - -<p>Unvertrumte Wasser sind in Vaucluse. Die Quelle der grnen -Sorgue bildet zwar ein stillfunkelndes Becken am Fu einer berhangenden -gelben Felsmasse; doch diese Quelle wird augenblicks ein -Bach, ein donnernder Flu, heroisch, nicht idyllisch; nixenlebendig -kringeln sich die rosig vom Mittagslicht berhauchten Schaumwogen -in die grnen Wasser hinein und springen ber moosige Felsen den -Abhang hinunter ins nahe Tal, um dort sofort Papiermhlen zu -treiben — oder was sonst da unten geschftig rauchen mag. Rasch -ziehende, glnzend weie Wlkchen fliegen wie Schwne ber tiefblauen -Himmel — nach Sdwesten, nach Spanien. Es ist ringsum -ein Blhen, efeuumsponnene Bsche, wilde Feigen, Wacholder, -Zypressen; auch seltsam gezackte Felsen bringen bizarre Linien in -die Landschaft; und eine kahle Bergruine starrt fragend in den -Himmel.</p> - -<p>Hier hat Petrarka vom weiblichen Rtsel getrumt. Ich will -Ihnen eine Stelle aus seinem Brief an die Nachwelt abschreiben: -„Da ich den mir eingeborenen Widerwillen gegen Stdte berhaupt -und besonders gegen das mir verhate Avignon nicht berwinden -konnte, so suchte ich mir einen abgelegenen ruhigen Zufluchtsort, -um mich dahin wie in einen Hafen zu flchten. Ich -fand fnfzehn Millien von Avignon ein gar kleines, aber einsames -und anmutiges Tal, das geschlossene Tal genannt (<span class="antiqua">vallis clausa, -Vaucluse</span>), in welchem die Quelle der Sorgue, die Knigin aller -Quellen, aus dem Felsen springt. Gefesselt von dem Reiz dieses -Ortes, wanderte ich mit meinem kleinen Bcherschatz dahin aus. -Zehn Jahre bezeugen, wie teuer mir dieser Aufenthalt war. Im -Schatten dieses Tales hoffte ich auch die jugendliche Glut, die viele -Jahre in mir loderte, zu khlen. Oft verbarg ich mich dort wie ein -Flchtiger in einer uneinnehmbaren Burg. Ach, ich wute nicht,<span class="pagenum"><a name="Seite_41" id="Seite_41">[S. 41]</a></span> -was ich tat! Das Mittel selbst ward zum Verderben; die brennende -Sorge brachte ich mit; und in so groer Einsamkeit fand ich keine -Hilfe gegen den um so heftigeren Brand. So brachen denn die -Flammen des Herzens in Klagen aus und erfllten das Tal, von -manchem als wohllautend gepriesen. Dies ist der Ursprung jener -in der Volkssprache gedichteten jugendlichen Gesnge der Liebe” ...</p> - -<p>So entstehen Lieder und Klagen, meine Freundinnen — und -so entstehen Troubadour-Briefe ...</p> - -<p>In der Provence liegt ja Liebe in der Luft. Quellen und Nachtigallen -sind voll davon; die wilden Rosen klettern um alle Burgtrmmer -und suchen die Herrin. Sind doch von mehr als vierhundert -provenzalischen Dichtern des zwlften und dreizehnten -Jahrhunderts Lieder erhalten! Darunter waren fnf Knige, zwei -Frsten, zehn Grafen, fnf Markgrafen und fnf Vizgrafen — zum -Beispiel Bertran de Born —, sechs mchtige Barone und neunundzwanzig -Ritter! Ist es nicht eine rechte Herrenkunst, mit Anmut -zu lieben?!</p> - -<p>ber die Gegend ziehen hufige Wolkenschatten — und ebenso -ber das Antlitz der lebendigen Eleonore von Poitou ...</p> - -<p>Die historische Eleonore — erlaubt diese Belehrung! — war -Gemahlin Ludwigs des Siebenten von Frankreich und spter des -zweiten Heinrich von England und war die Mutter des berhmten -Richard Lwenherz. Vollmenschen! Wuten khn zu lieben und -zu leben! Wre doch mehr Genialitt in unserer Krmerwelt! -Die Luft war damals Musik von Waffenklang und Lautensang, von -Heroismus und Liebe. Ein Buch „Heroismus” hab' ich geschrieben -— nun mcht' ich der Minne gleichfalls ein freundlich Papier -widmen — Papier?! O se Mdchen, ihr habt so entzckend -schmale und doch volle kirschrote Lippen — und wie singt Klopstock?</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Ein beseelender Ku ist mehr als hundert Gesnge<br /></span> -<span class="i0">Mit ihrer ganzen langen Unsterblichkeit wert!”<br /></span> -</div></div> - -<p>Da liegen nun in den Bibliotheken die Papiere der Troubadourlieder, -deren Notenschrift einer vor ein paar Jahren mhsam ent<span class="pagenum"><a name="Seite_42" id="Seite_42">[S. 42]</a></span>ziffert -hat — aber das <em class="gesperrt">Leben</em>? Das blhende Leben?! Den -Troubadours und Jongleurs pulsierte Wanderblut in den Adern, -sie durchstreiften das ganze Kulturgebiet, waren auf dem Felde -der Politik zu Hause wie in Herzensrevieren; und viele ritten in -den Kreuzzug oder zogen sich am Ende der Umtriebe in ein Kloster -zurck, wie Bertran de Born. Und ihre besungenen Damen? Es -schickte sich, da sie verheiratet waren; es gehrte zum Schmuck -des Hofes oder der Burg, da die Herrin von einem Troubadour -gepriesen ward. Kurz, ihr Mozart-Mdchen, es war damals mehr -Poesie in der Welt, mehr Genie! Selten freilich hat der Gatte -die Gattin besungen — aber der hatte es ja nicht ntig, Poesie zu -dichten, denn er <em class="gesperrt">lebte</em> ja Poesie! Und das <em class="gesperrt">Erleben</em> ist doch -immer wieder das <em class="gesperrt">Kstlichste</em>! ...</p> - -<p>Seid Ihr nicht auch dieser Meinung? Gute Nacht!</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Der Troubadour.</span><br /> -</p> - -<p><span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Vergib, Liebster, ich <em class="gesperrt">kann</em> diesen Brief -nicht absenden.</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Eleonore.</span><br /> -</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Arles</span>, im Lenz.<br /> -</p> - -<p>Am letzten Sonntagvormittag, meine sen Mdchen, haben -wir den mehr als achtzigjhrigen Dichter der „Mirio” und andrer -Gesnge, Frdric Mistral, in seinem Drfchen Maillane bei Saint-Rmy -aufgesucht.</p> - -<p>„<span class="antiqua">Merci de votre bonne visite</span>” — das Schluwort des liebenswrdigen -Greises tnt mir noch immer im Ohr. Nur eine Viertelstunde -waren wir bei ihm, um diesem provenzalischen Meister zu -danken fr das, was er getan, fr das, was er ist. Wie artig war -er zu Eleonore von Poitou! Blumen gab er ihr aus seinem Garten. -Zwei drollige Hunde hngten sich neckisch an Frau Eleonorens -Mantel — „<span class="antiqua">Toutours</span>” hie der eine, der sie gar nicht mehr loslassen -wollte —, um uns her blhte der einfache Dorfgarten, zu -ebner Erde ist sein Arbeitszimmer. Er ist nur wenig gebeugt, kam -uns in seiner Samtjacke hohen Wuchses heiter entgegen, in seinem<span class="pagenum"><a name="Seite_43" id="Seite_43">[S. 43]</a></span> -bekannten weien Spitzbart, so da ich ihn gleich erkannte. Ich erzhlte -ihm von Thringen, dankte ihm, da er das Banner des -Idealismus und der Regeneration hochhalte in einer Zeit, die berflutet -ist von Literatur, nicht aber von Poesie. „Und Poesie ist -eine so einfache Sache”, bemerkte er lchelnd. „Man braucht nur -die Kinder anzusehen: ein Kind wei ganz von selber, was Poesie -ist. Es schaut in die Wolken und schaut Poesie. Man braucht nur -im Herzen Kind zu bleiben, und man hat Poesie in sich.” — „Das -ist es!” rief Frau Eleonore innig. „Wir lesen jetzt eben Ihre Lebenserinnnerungen -— wie kstlich war Ihre Jugend! Ein entzckendes -Buch!” — „Ich hrte, da man in Deutschland einen Auszug daraus -fr die Schule hergestellt hat.” — „Sie haben berhaupt viel -Freunde in Deutschland.” — „Ja, man beschftigt sich dort wissenschaftlich -mit dem Provenzalischen sehr eingehend; ein deutscher -Professor schreibt mir sogar gelufig und ohne Fehler Briefe in -provenzalischer Sprache.” — „Der Name Mistral ist bei uns untrennbar -mit der Provence verwachsen; die Provence ist Mistral, -Mistral ist die Provence. Sie haben in Ihren Bchern, in Ihrem -Lexikon, im Museum zu Arles Dauerndes fr dieses Land getan. -Wir wollten Ihnen also danken, nicht nur fr Ihre glnzenden -Verse, sondern dafr, da Sie uns andre ermutigt haben: Ihr -Name bedeutet ein Programm, ein Symbol, wie man seiner Heimat -treu bleiben und doch ins Groe wachsen kann. Dafr wollten -wir Ihnen danken” ...</p> - -<p>Meine Freundinnen — lassen Sie mich Sie beide so nennen, -denn in hohen Stunden bin ich allen guten Menschen gut! —, ich -wallfahrte gern zu Sttten, wo bedeutende Geister und Herzen -ihren Mitmenschen etwas zu knden wuten aus hheren Sphren. -So war ich in Stratford am Avon an einem wolkenlosen Sommertag; -die glhrote Sonnenscheibe ging unter, als ich von Warwick kam, -und die ebenso groe rote Mondscheibe stieg auf, als ich im Kahn -auf dem nchtlichen Avon hinter dem Kirchhof langsam einherfuhr, -zwischen Weiden und Wiesen und alten Ulmen; so war ich in Schottland -bei Walter Scott in Abbotsford und bei Robert Burns in<span class="pagenum"><a name="Seite_44" id="Seite_44">[S. 44]</a></span> -Alloway; so in Florenz bei Dante, Savonarola, Michelangelo und -in Assisi bei Sankt Franziskus — und so sind mir von Kindheit an -Weimar, Wartburg und Sanssouci vertraute Sttten. Und so war -ich nun in Vaucluse und Maillane — und war auf dem Hgel der -Mozart-Mdchen! Sagt einmal, Mozart-Mdchen, ist es nicht alles -ein und dasselbe? Seid nicht auch Ihr beide <em class="gesperrt">Offenbarungen -der Schnheit</em>?</p> - -<p>Mistral hat aus den den Rhonelandschaften Crau und Camargue -die dichterische Seele eingesogen; die Crau ist eine weite -steinige Steppe, die Camargue eine Sumpfwildnis voll Herden -und wildem Geflgel. Und doch hat er sie lebendig gemacht. Ein -schner Menschenschlag in dieser Provence! Schn sind die <span class="antiqua">Arlsiennes</span>, -aber ich habe schon schnere Mdchen gesehen ...</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Ach, von des Hgels fernherlachendem Zauber<br /></span> -<span class="i0">Will sich noch immer kein Bote des Himmels lsen<br /></span> -<span class="i0">Und mir sagen, ob ich die Eine minnen —<br /></span> -<span class="i0">Oder ob ich sie wieder vergessen soll?<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Seid mir gewogen, zierliche Strahlen der Mondnacht<br /></span> -<span class="i0">Webt aus Goldbrokat ein haltbar Brckchen,<br /></span> -<span class="i0">Da mein Bote, mein leichthintanzender Bote<br /></span> -<span class="i0">Bald und gewi die freundliche Botschaft bringe!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Auf ein Zeichen wart' ich des deutlichen Boten,<br /></span> -<span class="i0">Den die Heimlichen, die mich schon immer beraten,<br /></span> -<span class="i0">Senden mgen: soll ich die Eine minnen?<br /></span> -<span class="i0">Oder — —?<br /></span> -</div></div> - -<p>Dies schrieb ich, als wir am starken, viereckigen, nach auen -fast fensterlosen Schlo des Knigs „Ren des Guten” zu Tarascon -saen. <span class="antiqua">Le bon roi Ren</span> war ein poesievoller Knig der Provence; -er hatte <em class="gesperrt">Phantasie</em> und <em class="gesperrt">Gte</em> — kann es <em class="gesperrt">schneren -Bund</em> geben? Auch Frdric Mistral ist ein <span class="antiqua">bon roi Ren</span>, ein -guter Knig der Provence, aus dessen Wesen die einfache Gte -eines edelnatrlichen Menschen leuchtet. Wenn ich alt werden soll, -so will ich mir solch ein Abendrot um meine Welt wnschen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_45" id="Seite_45">[S. 45]</a></span> - -Aber auch dann werde ich nicht aufhren, alles Schne zu -verehren, berauscht zu stehen vor griechischen Statuen, schnen -Gemlden, groer Musik — und niedlichen Zpfen mit ganz entzckenden -Gesichtern dazu! ...</p> - -<p>Hier schaute mir Frau Eleonore in die Bltter; ich neckte sie -sofort, indem ich recht herzhaft fr ferne Schnheiten schwrmte. -Doch nun droht sie, mir den Stift aus der Hand zu winden! Kmpfend -schreib' ich nur noch eben hin: — bitte, liebste Mgdlein, -schreibt mir einen Gru nach Lourdes, postlagernd! Oder fliegt -selber zu eurem — von Heimweh nach dem Land der Schnheit -durchglhten</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Troubadour</span>.<br /> -</p> - -<p><span class="gesperrt">Nachschrift der Frau Eleonore.</span> Solche Liebesbriefe -vertraut mein Herzensfreund mir an?! Ich soll sie lesen, -soll sie absenden! O mein Ingo, was verstehen denn wohl diese -blutjungen Mdchen von deinen sehnenden Gedanken? Und was -wissen sie denn wohl von der Kraft und Tiefe, mit der eine reife -Frau einem Freunde gut ist? Wie kannst du solche Tndelbriefe -ins Unbekannte aussenden und mir vertrauend zumuten, da ich -deine Werbung segne? Willst du mir Eifersucht aberziehen? Willst -du mich auf eine Verlobung vorbereiten? Ein Ingo Freiherr von -Stein-Waldeck und irgendeine Dir nur wenig, mir gar nicht bekannte -brgerliche Frulein Frank-Dubois — soll das einen wrdigen -Bund geben? Nein, lieber Schwrmer, so darfst Du denn -doch nicht auf meinem Herzen tanzen. Ich sende auch diesen Brief -nicht ab, sondern verschliee ihn schweigend in meine Kassette.</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Eleonore von Poitou.</span><br /> -</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Cette</span> am Mittelmeer, auf dem Wege nach Lourdes.</p> -<p class="center"> -Liebe Freundinnen! -</p> - -<p>In einer toten Hafenstadt, deren nchtliche Laternenreihen -gespenstisch an den stummen Kanlen stehen, bernachten wir. -Meine letzten Briefe waren — Kirschbaum; dieser ist — Zypresse.<span class="pagenum"><a name="Seite_46" id="Seite_46">[S. 46]</a></span> -Zwischen Kirschbaum und Zypresse saen dort die zwei Schnheiten, -die mir das Herz ein bichen verwirrt haben: die zapplige -Jngste dem heitren Kirschbaum nher; Sie aber, meine Stille, -nahe an der Zypresse.</p> - -<p>Die weien Straen der Provence mit ihrem ziehenden Staub -schlafen dahinten; Orange, Nimes, Les Baux — all die Schnheiten -dieser stillen Stdte sind hinter uns verblichen; Regenwetter -frstelt auf den blhenden Hgeln; der Mond ist verhllt. Frau -Eleonore krnkelt und ist frh zu Bett gegangen; ihr Gatte sitzt -unten bei einem thringischen Fabrikanten, der sich uns angeschlossen -hat; ich habe mich zeitig auf mein Zimmer zurckgezogen.</p> - -<p>Wissen Sie, Frulein Martha, da ich mich auf Wandermdigkeit -ertappe? Wissen Sie, da ich anfange, Sie um den -Frieden zu beneiden, in dessen feinem, rosigem Gewlk sich Ihre -Seele immerzu behtet findet? Denn ob ich in einem alten, weitlufigen -Hotel der Provence, mit Steinfliesen und Kamin, bernachte -oder in einem Temperance-Hotel zu Edinburg oder zu -Christiania oder zu Rom oder gar hinter einem Moskitonetz auf -Ceylon — es ist dieselbe Welt der Gegenstndlichkeit. Ist es der -Mhe wert, so viel Maulwurfshgel dieser Erdkugel abzuklettern? -Lohnt es Zeit und Kraft, so viel Augenkost einzuschlrfen, auf die -Gefahr hin, sie seelisch nicht mehr verarbeiten zu knnen? Das -Reisen ist eine Stufe und mu berstiegen werden; so wie die -moderne Titanenschlacht, dieser Wettkampf aller gegen alle, enden -mu in einer Katastrophe, wonach dann entfieberte und entgiftete -Menschen als freie Freunde ruhig miteinander verkehren werden — -jenseits der Titanen, auf den Hgeln der Schnheit, wo meine -Mozart-Mdchen ein so lieblich Leuchten ausstrahlen.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Jenseits der Titanen<br /></span> -<span class="i0">Sind keine Waffen mehr,<br /></span> -<span class="i0">Sind nur noch Wunden<br /></span> -<span class="i0">Und heilende Hnde;<br /></span> -<span class="i0">Jenseits der Titanen<br /></span> -<span class="i0">Eroberst du nimmer;<br /></span><span class="pagenum"><a name="Seite_47" id="Seite_47">[S. 47]</a></span> -<span class="i0">Dort wirst du beschenkt.<br /></span> -<span class="i0">Jenseits der Titanen<br /></span> -<span class="i0">Wohnt auf den Hgeln der Gtter<br /></span> -<span class="i0">Die Schnheit, das Glck.<br /></span> -<span class="i0">Doch niemand wandelt ohne Narben<br /></span> -<span class="i0">Jenseits der Titanen ...<br /></span> -</div></div> - -<p>Ihnen, mein stilles Frulein Martha — ich will es bekennen: -an Sie besonders mu ich immerzu denken, die Sie so lieb und langsam -die langbewimperten Augen auftun, immer mit einem schchternen -Lcheln um den verlegen halb geffneten Mund — Ihnen -besonders gilt dieser nchtliche Gru. Es ist mir, als ob ich in einer -Kapelle se, obwohl Protestant, und schlicht und fromm zu einer -Madonna sprche. In meiner Wohnung in Thringen sind alle -Wnde voll von Bildern, denn ich mu Schnheit um mich haben. -Auch zu Marseille habe ich Ihrer gedacht, dort oben in der Kirche -<span class="antiqua">Notre Dame de la Garde</span>, wo die gnadenreiche Jungfrau Meer -und Hafen bewacht. ber dem Altar jener Kirche, die den ganzen -Hafen berleuchtet, steht eine silberne Madonna, darber der Gru -an die Gnadenbringerin: <span class="antiqua">Ave gratia plena!</span> Da sich das Heilige -und Reine so gern in ein Jungfrauenbild symbolisiert! Jungfrau -und Kind! Etwas Jungfruliches und Kindliches in unsren Seelentiefen -antwortet wie ein Echo im tiefen Walde, wie eine versunkene -Glocke aus den Vineta-Gewssern des Herzens. Die Wnde sind -dort bedeckt mit <span class="antiqua">Ex-voto</span>-Tafeln dankbarer Besucher; ich entsinne -mich einer Tafel: „<span class="antiqua">Retour du Dahomey et du Soudan d'un capitaine -pre de famille</span>”; und so drckten viele ihren Dank aus, ihre -„<span class="antiqua">reconnaissance Marie</span>” oder „<span class="antiqua"> notre honne mre</span>”. Die Luft -ist an jener schnen, steil gelegenen Kirche voll von Dank- und Bittgebeten. -Und das ist sinnig. So mgen schon in Urzeiten die Schiffer -des Mittelmeers ihre Heimat gegrt und mit erhobenen Hnden zu -ihren Gttern gebetet haben. Vielleicht stand eine sinnliche, schaumgeborene -Aphrodite, wo jetzt eine seelenvolle Madonna silbern -strahlt ...</p> - -<p>Wunderschn ist der Blick von jenem Steinhgel ber Mar<span class="pagenum"><a name="Seite_48" id="Seite_48">[S. 48]</a></span>seille, -die vorgelagerten Inseln, worunter die Trme des kleinen -Chteau d'If, die langen Hhenzge, die Flotillen der Segelschiffe -und einzelne groe Dampfer. Und wenn man sich aus dieser bunten -Vielheit umdreht, so glht hinter uns, im Dunkel der Kirche, die -immer gleich ruhige rote Ampel, das ewige Licht, wie der feste -Mittelpunkt einer unsterblichen Seele.</p> - -<p>Ich habe Sie zuerst auf einem Hgel gesehen, Frulein Martha. -Auf den Hgeln standen immer die Tempel und Kirchen und Leuchttrme -und Burgen der Menschheit — alles, was Wege weist und -Schutz gibt. Dort auf dem Riviera-Hgel liegt auch und wartet -der unerbaute Marmortempel ...</p> - -<p>Es raunt etwas in mir: Troubadour, du sprichst ja dies alles -gar nicht zu einer Erdenjungfrau, sondern deine eigene unerfllte -Sehnsucht nimmt Gestalt an — und Martha oder Madonna sind -nur Weckmittel, leuchten wie ein Grubenlicht in den Schacht deiner -Seele, und frdern aus deinen Tiefen dein eigenes Lebensziel zutage. -Aber es ist ungalant, Ihnen das zu sagen, liebes Frulein ...</p> - -<p>In Arles hatten wir den letzten sonnenhellen Tag; auch Frau -Eleonore war noch heiter. Da haben wir vor Mistrals bronzenem -Standbild verehrend Rckschau gehalten; die dankbare Provence -hat es ihm errichtet. Die Namen seiner Werke sind darauf eingegraben: -<span class="antiqua">Mirio</span>, <span class="antiqua">Calandau</span>, <span class="antiqua">Netto</span>, <span class="antiqua">Les isclo d'or</span>, <span class="antiqua">Lou trsor dou -flibrige</span> — und andre. Und wie reich ist sein Museum! Welch -schn gerundetes Lebenswerk! ... Ich aber — wie fahr' ich in -der Welt umher! ...</p> - -<p>brigens, meine reizende Elssserin, hab' ich hier in der Provence -entdeckt, woher der Name Elsa stammt. Es gibt in Arles -eine Sarkophagen-Allee, die „<span class="antiqua">Aliscamps</span>”, die „<span class="antiqua">Champs lyses</span>”. -Offenbar hngt Elsa mit Elysium zusammen, mit elysischen Gefilden. -Seit ich zwei so anmutige Elssserinnen kennen und lieben -zu lernen das Glck hatte, bin ich von dieser Abstammung des -Namens Elsa durchdrungen und berzeugt ...</p> - -<p>Wie tot die mitternchtige Stadt mit ihren stummen Kanlen! -Wie unbewegt diese Lichter an den nassen, menschenleeren Gassen!<span class="pagenum"><a name="Seite_49" id="Seite_49">[S. 49]</a></span> -Es ist ein schwermtiges Stadtgebilde ohne Mond und Sterne, -ohne Melodie ... Doch formt sich mir, indem ich auf zerrissenen -Teppichen des vernachlssigten Hotels schlaflos auf und ab schreite, -dieses Lied ...</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Im Lande der Trauer gedeiht keine Frucht,<br /></span> -<span class="i0">Da rieselt und seufzt in vertrockneter Schlucht<br /></span> -<span class="i0">Nur traurig ein Tropfen zum andern;<br /></span> -<span class="i0">Da starrt in glserne Luft das Laub,<br /></span> -<span class="i0">Kein Wind scheucht unter den Sohlen den Staub,<br /></span> -<span class="i0">Wenn es dich lstet, zu wandern.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Und sucht die Flte den Freudenton,<br /></span> -<span class="i0">So schleicht sich der Laut wie ein Dieb davon;<br /></span> -<span class="i0">Auch sind keine Mdchen zum Tanzen.<br /></span> -<span class="i0">Die Ritter reiten verdrossen vorbei,<br /></span> -<span class="i0">Sie fragen umsonst, wo Grotat sei;<br /></span> -<span class="i0">Der Rost sitzt an den Lanzen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Doch sprengt Frau Freude die Hgel hinan<br /></span> -<span class="i0">Auf weiem Ro, mit Schellen dran,<br /></span> -<span class="i0">So wei sie die Sonne zu geben!<br /></span> -<span class="i0">Schon jauchzte die Flte, das Mdchen sprang,<br /></span> -<span class="i0">Es reift die Tat und die Frucht am Hang —<br /></span> -<span class="i0">Und heilig wird wieder das Leben!<br /></span> -</div></div> - -<p>Wre mein Leben tatengro und heilig, liebes Frulein! Ich -habe mich leicht geschwatzt und heiter gereimt, holdes Mdchen! -Weltschmerz hat nie lange Raum in meiner Seele, ich ruchre und -reime und klimpre den Kerl wieder hinaus. Haben Sie Dank, -da Sie zugehrt haben! Ich beherberge in mir die phantastische -Hoffnung, da uns in Lourdes — wenn wir ber Carcassonne und -Toulouse ankommen — irgend etwas Wundervolles erwartet: — -ein Brief von Ihnen —?! Oder gar Sie selber?! ...</p> - -<p>Nrrische Welt! Ich lasse mich treiben und berraschen und -beschenken. Ist ja doch alles Glck und Gnade! Gute Nacht!</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Troubadour.</span><br /> -</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_50" id="Seite_50">[S. 50]</a></span> - -<span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Und kommst nicht mehr an meine Tr? Und -sagst mir nicht Gute Nacht? Bist aber so ehrlich, mir am andren -Morgen mit geknsteltem Lcheln auch diesen verschwrmten Brief -zu berreichen? Du hast ein bergroes Vertrauen zu mir, liebster -Freund, und hltst mich fr stark und hochherzig. Ich bin's -aber nicht. Mein Herz mchte dich glcklich sehen, aber mein Herz -weint. Ich kann auch diese immer unverhlltere Werbung nicht -gutheien. Ich lege den Brief zu den andern.</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Eleonore.</span><br /> -</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 90px;"> -<img src="images/p050_deco.png" width="90" height="68" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_51" id="Seite_51">[S. 51]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p051_deco.png" width="600" height="52" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Fnftes Kapitel</small><br /> - -<big>Lourdes</big></h3> - -<div class="cite"> -<p class="noindent"> -Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun<br /> -Und deinem Beistand fest vertraun,<br /> -So lse doch des Alters Binde<br /> -und mache mich zu deinem Kinde!</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Novalis</span> -</p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p051_cap.png" alt="W" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">W</span> -o war Friedels Feuerseele geblieben?</p> - -<p>War diese Frau, die da neben zwei frischen Mnnern -einherschlich, noch die einst entzckende Sngerin, -die den Spielmann Ingo von Stein hingerissen hatte als -Sieglinde und Isolde?</p> - -<p>Pegasus im Joch? Eine entmarkte, ungenial gewordene -Hausfrau?</p> - -<p>Doch nein — wo waren die glnzenden Hauskonzerte noch -vom vorigen Winter? Waren sie nicht ein Beweis, da sich die -siebenunddreiigjhrige Frau in zehnjhriger Ehe glnzend entfaltet -hatte? Und welche Stimmungen, wenn Richard und Ingo -als zwei einzige Zuhrer im Schatten des Hintergrundes saen und -die Frau am Klavier zwei und drei Stunden lang ihr loderndes -Temperament entladen lieen, da die Kmme und Nadeln aus -den goldenen Haaren flogen — die zahllosen Haarnadeln, die dann -der allezeit ritterliche Richard mit elegantester Gewandtheit, auf -den Zehen, unnachahmlich komisch auflas, auf einer silbernen Visitenschale -sammelte und zum Schlu mit gebeugtem Knie der -Knstlerin wieder verabreichte? Je nach der Zahl der herausgeschleuderten -Nadeln wurden Grad und Wucht des Spieles lachend -festgestellt. Doch nicht selten geschah es, da man ergriffen und -begeistert die Feststellung verga.</p> - -<p>Oder wenn Friedel und Ingo vierhndig Symphonien von -Brahms und Beethoven spielten, da die Wnde bebten beim<span class="pagenum"><a name="Seite_52" id="Seite_52">[S. 52]</a></span> -Fortissimo und die beneidende Nachtigall aus dem Park ans Fenster -flog beim Adagio — wo war das?</p> - -<p>Dann wieder sang sie mehrere Stunden lang Lieder von -Brahms, Schubert und Schumann, wandte sich in den Pausen -nach den lauschenden Freunden um und fragte: „Seid ihr noch -nicht mde, Kinder?” — „Wenn du nicht mde bist, Friedel —?” — -„Oh, jetzt fang' ich erst an!” Erst gegen Mitternacht wurde mit -Tee und Brtchen oder mit einer von Richard glnzend bereiteten -Bowle der musikalische Abend beschlossen. Und „ihr seid geniale -Zuhrer”, dankte die Sngerin, das Gesicht fchelnd, strahlend und -gesttigt. „Kinderchen, jetzt ist mir wieder wohl! Musik ist in -aller Qual des Lebens meine Gesundheit, meine Seligkeit!”</p> - -<p>Wo war das alles?</p> - -<p>Kann Geniefeuer versprhen, das bis vor kurzem in dieser -ungewhnlich lebensvollen Frau gesprht hatte? Nein, nein, es -kann sich veredeln, verinnigen, aber darf nicht verloren gehen ...</p> - -<p>„Spielmann,” sagte sie wehmutvoll zu Ingo, als sie in Lourdes -einfuhren, und zupfte ihn wie ein ungeduldiges und unglckliches -Kind am rmel, „lieber Spielmann mein, warum spielen wir denn -nicht mehr? Warum sind wir denn so suerlich ernst geworden? -Warum bin ich denn so schwer, so schwer? Ach, ich bin eine verrostete -Harfe, ich bin alt, alt, Kinderchen, ich bin ber Nacht alt geworden!”</p> - -<p>Mit keiner Silbe berhrten sie und Ingo die provenzalischen -Briefe an jene jungen Mdchen. Richard hatte von dem Dasein -dieser Briefe berhaupt nur ein flchtiges Wissen; bei guter Laune -htte er den Freund geneckt, und in seinem normalen sachlichen -Ernst langweilte ihn solche Romantik.</p> - -<p>„Du besuchst so gern katholische Kirchen”, scherzte der Gatte. -„Bete zur Madonna von Lourdes, sie soll dich wieder jung machen.”</p> - -<p>„Ach, spotte nicht, Liebster”, gab die Kranke zurck. „Was -wit ihr Mnner, wie einer alternden Frau zumute ist, die einst -als Knstlerin die Welt erobern wollte! Die Welt erobern!”</p> - -<p>„Aber, Friedel, alternde Frau — wenn man so was hrt!” -versuchte Ingo zu trsten. „In zwanzig Jahren la uns davon<span class="pagenum"><a name="Seite_53" id="Seite_53">[S. 53]</a></span> -sprechen! Und selbst dann — hast du nicht oft von deiner lustigen -Gromutter erzhlt, da sie noch mit mehr als siebzig Jahren die -Jngste war von allen? Etwas in uns wird immer jnger, lichter, -geistiger; ein Herz voll Gte und Poesie kennt kein Altern. Denk -an den greisen Mistral in Maillane, von dem du so entzckt -warst!”</p> - -<p>Als sie zu Lourdes kaum im Hotel abgestiegen waren, strzte -der Troubadour mit der Nachricht herbei: „Friedel, Richard, ich -hab' im ersten Stock einen Salon mit Klavier entdeckt! Der Wirt -gibt ihn mit Vergngen. Es sind wenig Gste im Hotel; rechts -und links nehmen wir unsere Zimmer und musizieren den ganzen -Abend. Friedel mu sich mal wieder austoben, das seh' ich ihr -schon lange an; was, Friedel?”</p> - -<p>„Ein Klavier? Gutes Klavier? Her damit!”</p> - -<p>Der Major, dem der Zustand seiner Gattin in den letzten -Wochen Sorgen gemacht hatte, war berglcklich. Sogleich nach -dem Nacht-Imbi ging man hinauf, ohne sich im dunkelnden -Lourdes viel umzusehen; und der Gatte lie eine Flasche Sekt -kaltstellen, Friedels Leibgetrnk.</p> - -<p>Nun sa sie vor den Tasten und strzte sich sofort mit Wucht -und Wonne in den zweiten Akt von Tristan und Isolde: „Nicht -Hrnerschall tnt so hold, des Quelles sanft rieselnde Welle rauscht -so wonnig daher” ... Sie spielte die Begleitung auswendig, sie -sang und begleitete sich selber. Und dazwischen, die Erwartungsszene -mit Brangne bei beginnender Nacht mit Glut spielend und -singend, rief und stie sie in allem Rausch der Darstellung manchmal -hervor: „Ja, das ist das Weib — Wagner kannte das Weib — seht, -wie kindlich jetzt — jetzt begehrend, zrtlich und wild — alles — -eine Naturkraft” — — So spielte sie hingerissen und hinreiend; -und stand doch als Mensch und Knstlerin immer wieder darber.</p> - -<p>Aber spter, mitten im Liebestod — „mild und leise, wie er -lchelt” — sprang sie auf und brach ab. Ihre Kmme waren herausgefallen, -ihr Goldhaar flutete ber den Rcken, ihre Wangen flammten -im Fieber. „Nein!” rief sie. „Nicht sterben! Auch nicht aus<span class="pagenum"><a name="Seite_54" id="Seite_54">[S. 54]</a></span> -Liebe sterben! Das ist zu gewaltig! Das darf man nicht am Klavier -im Salon singen, in engen Verhltnissen, als Gattin und -Mutter — das ist das Meer! Uferlos! So etwas kann man nur -erleben — einmal erleben und im Erleben vergehen!”</p> - -<p>Sie warf sich in einen Sessel.</p> - -<p>„Nein, nein, nein, ich will leben! La die Kmme liegen, -Richard, la meine Haare flieen und meine Seele uneingedmmt! -Komm, Ingo, lieber Freund, spiel' mir einen beruhigenden Satz -aus Bach! Nicht sterben, Kinder — berwinden!”</p> - -<p>Es war sonst nicht ihre Art, einen musikalischen Abend derart -zu zerreien. Ingo begab sich zgernd ans Klavier und holte aus -seinem umfassenden musikalischen Gedchtnis Tne der Beruhigung -hervor. Richard aber sa bei seiner Gattin auf der Lehne -des Fauteuils und streichelte besnftigend ihren angeschmiegten -Kopf. Ihr Herz hmmerte laut, ihre Pulse flogen, ihre Finger -zuckten; sie strzte rasch einige Glser Schaumwein hinunter, bis -sich ihr aufgestrter Knstler-Dmonismus langsam wieder beruhigte.</p> - -<p>Nachher sang sie einige Lieder. Und dann saen alle drei in -einer wohligen Plauderstimmung beisammen; und Friedel, in ihr -Tuch gehllt, kam in ein lebhaftes Erzhlen, durch das freilich -Nervositt hindurchzitterte.</p> - -<p>„Heut' gehen wir berhaupt nicht zu Bett, Kinder, was?” -schlug sie vor. „Oh, wie hat mir das Stndchen am Klavier wohlgetan! -Ich war so allein in diesen Wochen. Kinderchen, seid ihr -mir denn noch ein bichen gut? Ach, Richard, du glaubst nicht, wie -ich mich nach unsren Jungen sehne! Wollen wir nicht umkehren, -Richard, ja?”</p> - -<p>„Gewi, mein Herz, das hab' ich mir ohnedies vorgenommen. -In acht Tagen sind meine Ferien zu Ende. Aber du bist mir dann -hoffentlich hbsch gehorsam, wenn ich in Mnchen den Arzt deinetwegen -befrage?”</p> - -<p>Sie wollte nichts vom Arzt wissen, geriet vielmehr in ein -zungengelufiges Plaudern von tausend Dingen, besonders von -ihren Jugendtagen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_55" id="Seite_55">[S. 55]</a></span> - -„Schon als ich Kind war, flogen mir bei groer und schner -Musik Schauer ber den Rcken”, plauderte sie; „ich sprte Musik -krperlich. Und es geht mir heute noch so. Es ist ein elektrisches -Bad. Oh, ich kann euch sagen, ich war ein unbndiges Kind, der -Schrecken meiner Verwandten, und liebte die Natur leidenschaftlich. -Ich wei noch, so gegen das vierzehnte Jahr, als sich meine -Freundinnen immer mehr fr Jnglinge interessierten, konnte ich -das gar nicht verstehen, denn bei meinem wilden Springen und -Raufen fehlte mir jedes Gefhl fr sentimentalen Geschlechtsunterschied. -Ich stand vor einem Rtsel, meine Gespielinnen -wurden mir fremd, ich war zum erstenmal grenzenlos allein. Aber -ich hatte mein ideales Elternhaus, wo nichts Unreines an mein -Ohr drang. O Kinder, ich bin in einem wilden Park voll von -schnen Bltenbumen gro geworden! Oft war ich ganz mit -Blten berstreut, wenn ich bis Abendrot und Mondlicht im Grase -gelegen hatte und vor Heimweh nach den Abendrten zu sterben -vermeinte. Denn bergroe Schnheit macht mir krperlichen -Schmerz. Dort irgendwo, dort hinter den glhenden Wolken, -dort mute meine Heimat sein. Und meine Seele spannte — -halt, eins meiner Lieblingslieder schon damals!”</p> - -<p>Sie lief ans Klavier und sang mit hingebender Innigkeit -Schumanns seelenvolles Abendlied: „Es war, als htte der Himmel -die Erde still gekt”.</p> - -<p>„Wenn ich dann ins Haus zurckkam, hatte ich lange mit -einer Art von Betrunkenheit zu kmpfen, bis ich mich wieder in -der Erden-Wirklichkeit zurechtfand. In jenen Jahren wurde mein -Grovater krank und lag viele Monate in wunderbarem Seelenfrieden -zu Bett. Keiner ging ungesegnet von diesem Leidenslager -hinweg; sein Gesicht war von himmlischer Gte. Unsre lebhafte -Gromutter, die ihm allabendlich vorgespielt hatte, war kurz vorher -gestorben. Und so fiel mir dreizehnjhrigem Backfisch die reizende -Aufgabe zu, ihn abends durch Musik zu erfreuen. Ich sa mit -meinem dicken Zopf im riesengroen Saal am Flgel, glhend -vor Glck und Begeisterung; und der Grovater lag nebenan im<span class="pagenum"><a name="Seite_56" id="Seite_56">[S. 56]</a></span> -dunklen Zimmer, in das nur ein Strahl von meiner Klavierlampe -hineinfiel. Und nach jedem Stck rief er ein Wort des Dankes. -Oh, ich war selig vor Glck, jemandem Schnes geben zu drfen — -und und er sagte dann oft: ‚Kind, das ist der Himmel auf Erden.’ Meist -spielt' ich Mozart und Beethoven, dann smtliche Oratorien, die -ich von Gromutter kannte, wobei ich alle Stimmen ohne Ausnahme -sang. Und da dies dem Grovater sehr behagte und ihm -niemand zu widersprechen wagte, so spielt' ich oft zum Leidwesen -der Mutter bis um Mitternacht ... Ihr seht, Kinder, so frh hat -das begonnen! Und ich habe mir die Unart heute noch nicht abgewhnt.”</p> - -<p>So erzhlte die heute wieder von innen heraus leuchtende -Knstlerin. Und die verstndigen Mnner lieen sie lchelnd gewhren, -stimmten wohlgefllig bei und verallgemeinerten unmerklich -das Gesprch zu Bemerkungen ber die Opferkraft und Zhigkeit -der Frauen berhaupt.</p> - -<p>„Wir sind wunderliche Geschpfe”, sagte Friedel. „Ich frchte -mich, im Finstren allein zu sein, ich bebe tagelang vor jeder unangenehmen -Aussprache; aber in groen Gefahren — das wirst -du mir besttigen, Richard — kenn' ich keine Spur von Angst.”</p> - -<p>Langsam leitete sich die Unterhaltung in immer ruhigerem -Rhythmus zu der Mission der Frau hinber. Man knpfte an -Wagners Frauengestalten an: die Erlsungskraft der Senta im -Fliegenden Hollnder, Elisabeths heiligende Einwirkung auf -Tannhuser, Kundrys Entwicklung vom Dmonismus zum Dienen. -Dann erwhnte Ingo Pfitzners Armen Heinrich und die Aufgabe -der jungfrulichen Agnes, den kranken und verbitterten Ritter in -ein neues Leben zu fhren.</p> - -<p>„Es sind Walkren, solche Frauen,” sprach er, „sie fhren den -kmpfenden Helden in heilige Hallen.”</p> - -<p>„Man kann ebensogut sagen: es ist in ihnen die Madonna wirksam!” -rief Friedel. „Herrlich ist das Wesen der Madonna, dieses -groartige Symbol jungfrulicher Mtterlichkeit! Jungfrau und -Mutter zugleich! Wissende Reinheit! Der Protestantismus ist arm,<span class="pagenum"><a name="Seite_57" id="Seite_57">[S. 57]</a></span> -da er die Madonna nicht mehr hat; und wir knnen den Malern -nicht dankbar genug sein, da sie diesen Typus festgehalten haben. -ber meinem Bett hngt oben Raffaels Madonna Sixtina und -unten Giorgiones schlafende Venus. Von der Venus zur Madonna -— das ist unsre Entwicklung. Aber die Madonna ist das -Hchste.”</p> - -<p>So glitt das bedeutsam gewordene Reigenspiel des Gesprches -ganz von selber harmonisch hinber zum Hirtenmdchen von Lourdes -und zur Madonna der Wundergrotte.</p> - -<p>Da vernahmen sie drauen einen fernen, vielstimmigen Gesang. -Und als Richard Fenster und Laden ffnete, hatten sie, in -die Nacht hinausschauend, einen groartigen Anblick.</p> - -<p>Die Kirchengebude, die sich dort im Schatten der nchtlichen -Pyrenen erhoben, erglhten von oben bis unten in einem berwltigenden -Goldglanz. Den Rndern und den Portalen entlang -waren elektrische Lmpchen entzndet, und nun stand die schlanke -obere Kirche flammend mitten in der Nacht, und ebenso unter ihr -das groe rundliche Portal der Rosenkranzkirche. Ein feenhafter -Anblick! Als ob die Gottheit einen Tempel gebaut htte aus Funken -und Flammen, statt aus Steinen. Dazu wogte der Mnnergesang -einer Prozession herber, deren Kerzen nun durch die Frhlingsnacht -sichtbar wurden; und man unterschied den immer wiederholten -Kehrreim: „<span class="antiqua">Ave, ave, ave, Maria!</span>” Es war ein vielstimmiger -Gru an die Himmelsknigin, dargebracht mit Licht und Schall, -aus den Seelen von einigen tausend Gebirgsbewohnern.</p> - -<p>„Herrlich!” sprach Friedel ergriffen und legte den Arm um -ihres Gatten Schulter. „Man mchte fromm werden und mitsingen.”</p> - -<p>Und die andere Hand Ingo reichend fgte sie weich hinzu: -„Kinder, wir wollen einander gut bleiben, nicht wahr?”</p> - -<p>„Ungeheure Organisationskraft!” bemerkte der Major gleichmtig -und meinte damit die katholische Kirche.</p> - -<p>„Hier ist den Sinnen die Macht des Geistes eingeprgt und -eingezwungen”, fgte Ingo hinzu, der Friedels Hndedruck etwas<span class="pagenum"><a name="Seite_58" id="Seite_58">[S. 58]</a></span> -zerstreut erwiderte. „An diesem Schauspiel werden diese Gebirgsbauern -lange zehren.”</p> - -<p>Zum berflu drhnten noch irgendwo Bllerschsse; das alte -Schlo stand in bengalischer Beleuchtung; und vom Gipfel des Pic -du Jer glhte ein groes Kreuz gleichfalls in elektrischen Flmmchen -hernieder.</p> - -<p>„Was wollt ihr?” sprach Ingo duldsam, als der sehr protestantische -Major einige unwillige Bemerkungen fallen lie. „Die -Knige aus dem Morgenlande brachten dem Kind in der Krippe -Weihrauch, Myrrhen und Gold, die Engel ihre Lobgesnge, die -Hirten ihre Anbetung — und diese Pyrenenhirten Beleuchtungen, -Gesnge und Prozessionen. Das Leben bildet mannigfache Formen, -auch das religise Leben. Doch mich interessiert vor allem -die kleine Hirtin Bernadette Soubirou, die diesen Ort berhmt gemacht -hat.”</p> - -<p>So zogen sich die drei Freunde nach melodischem ersten Abend -zur Nachtruhe zurck.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Lourdes</span>, im Frhling. -</p> - -<p>Immer ernster wird meine Stimmung nach den Schwrmereien -der Provence. Ich bin in diesem Augenblick noch unentschlossen, -ob ich Ihnen, meine Damen, bei Ihrem gnzlichen Stillschweigen -diese weiteren Bltter senden darf und will. Frau Eleonorens -bewhrter Takt mag darber entscheiden.</p> - -<p>Mit Spannung bin ich hier in Lourdes auf das Postamt gelaufen; -hoffte bestimmt, ein Lebenszeichen, einen Gru, einen -Dank von Ihnen zu finden — fand aber nur eine Karte von -Schaller: „Meine Nichten sind hier in Barcelona — wann kommen -Sie?”</p> - -<p>Und kein Gru von Ihnen. Keine Unterschrift.</p> - -<p>Das ist alles.</p> - -<p>Das ist der ganze Widerhall. Meine Briefe haben nichts in -Ihnen geweckt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_59" id="Seite_59">[S. 59]</a></span></p> - -<p>Nun, hier in Lourdes ist nicht Zeit und Ort, einem Verdru -nachzugeben. Ich bin sogar ungalant genug, Ihnen zu bekennen, -da hier zwei andre Damen im Brennpunkt meiner Teilnahme -stehen: die kleine Seherin Bernadette Soubirou und die Madonna -der Grotte ...</p> - -<p class="center p1"><br /></p> - -<p>... Ich bin voll von diesem Abend in Lourdes. In mein -Zimmer herauf rauschen die Wasser der Gave — die Nacht ist -feierlich still — einzelne Sterne leuchten — und die groen grauen -Pyrenenberge umstehen das Tal in festlicher Hoheit.</p> - -<p>Bei beginnender Nacht betrat ich den Platz vor der Kirche. -Welche Raumbehandlung! Alles stumm, kaum ein Spaziergnger; -die Lichter zittern und funkeln, abgemessen verteilt; und von selbst -finde ich den Weg zur Grotte, nachdem ich erst vor dem gekrnten -Jungfrauenbild auf dem Platz haltgemacht.</p> - -<p>Vor der Grotte sind eine Anzahl nchtlicher Beter versammelt. -Alles schweigt, kniet, betet. Neben mir liegt auf dem Pflaster ein -Mnch, fern von den andren, hinter den andren; zum Schlu neigt -er sich und kt die Erde. Mehr als hundert Kerzen flammen in -der Grotte, eine Pyramide von Lichtern, zu dem Bild empor, -das dort oben rechts in weiem Gewand und blauem Grtel steht, -genau an der Stelle, wo die Gestalt durch Bernadette gesehen -worden.</p> - -<p>Welche Knstlerin, dieses arme vierzehnjhrige Hirtenmdchen! -Eine Dichterin! Wie kam das Kind dazu, eine Gestalt dieser Art -zu schauen, die ihr von keinem Altarbild her bekannt war? Denn -die Jungfrau Maria der Bernadette ist eine Neuschpfung. Das -ist das Wunderbare. Immer hat sie jene Gestalt in derselben Gewandung -gesehen und genau beschrieben: weies Gewand, Schleier -rechts und links am Gesicht herab, blauer Grtel, dessen zwei -Schleifen bis fast zu den Fen reichen, und auf jedem nackten -Fu eine goldne Rose. Welche Schnheit! Die Gestalt hlt den -Rosenkranz in Hnden, macht ihrer kleinen Besucherin das Zeichen -des Kreuzes in neuer und grozgiger Form — wie Bernadette<span class="pagenum"><a name="Seite_60" id="Seite_60">[S. 60]</a></span> -es vorher nicht pflegte —, lchelt oder ist traurig-ernst, spricht zu -ihr: — kurz, sie hat Leben, Bewegung, Natrlichkeit. Es ist nichts -Starres, es ist etwas Lebendiges. Und die Kleine ist traurig, wenn -sie ihr nicht erscheint, ist aber bei ihrem Anblick so entzckt, da sich -ihr Gesicht verklrt — derart verklrt und verschnt, da die eigene -Mutter kaum noch ihr Kind erkennt. Ja, whrend einer der Erscheinungszeiten -hlt das Kind versehentlich lange Zeit, wohl eine -Viertelstunde, die Hand in die brennende Kerze — und die Hand -der Verzckten bleibt unversehrt.</p> - -<p>Was soll man sagen? Hat sich hier die himmlische Welt aufgetan? -Hat diese Kleine durch eine Ritze in das jenseitige Reich -geschaut?</p> - -<p>Und mit welcher Kraft und Umsicht hat sich die Kirche dieser -Ereignisse bemchtigt! Einst war hier Wildnis, jetzt steht da -oben, gewaltig, im Sternendunkel der Nacht, die weie, schlanke -Kirche. All diese klug durchdachten Anlagen, all diese Kauflden -mit den Tausenden von Figuren, Bildwerken und Andenken, all -diese Hotels, diese Hunderttausende von Menschen, die schon hierher -gepilgert sind und noch hierher pilgern werden, all diese Gebete, -diese Kerzen, diese Gottesdienste: — alles veranlat durch ein armes -Hirtenmdchen!</p> - -<p>Ist dieses jungfruliche Kind vergleichbar der Jungfrau von -Orleans? Hat sie die Aufgabe erhalten, Frankreich und die Welt -von einem andren Feind zu erlsen — von niedren Leidenschaften -und Krankheiten des Leibes und der Seele?</p> - -<p>Hier ist der Punkt.</p> - -<p>Diese Madonna nennt sich „unbefleckte Empfngnis”. Was -heit das? Es heit das Reinigen der Beziehungen zwischen Mann -und Weib. Das mu die Erklrung sein, nichts andres. Es heit -Reinheit und Natrlichkeit an Stelle der Entartung; es heit Heiligung -der Natur statt der unsauberen Lstlings-Unnatur. Gerade -Frankreich mit seiner erotischen und Ehebruchsliteratur, seiner Verherrlichung -sinnlicher Kunst und sinnlich-eindringlichen Geschmacks -berhaupt — grade das sinnliche Frankreich mute der Ausgangs<span class="pagenum"><a name="Seite_61" id="Seite_61">[S. 61]</a></span>punkt -sein, wo die Gegenkraft einzusetzen versuchte, fern von Paris, -im uersten Winkel, in diesem Gebirgstal mit dem rauschend -reinen Wasser. Ein heiligender Quell entrieselte der Stelle, wo -Bernadette auf Befehl der Jungfrau mit den Fingern grub, und -wurde in wenigen Tagen ein starker Brunnen: eine symbolische -Handlung! Es ist das Wasser des Lebens, des wahren, durch reine -Natrlichkeit der menschlichen Beziehungen wieder geheiligten und -geadelten Lebens. Wasser! berreiztheiten des Alkohols entstellen -die moderne Zivilisation und dieses Weinland Sdfrankreich: -hier aber fliet das silberklare Bergwasser unentstellten Lebens, das -nicht reizt, das aber <em class="gesperrt">heilt</em>.</p> - -<p>Tiefsinnig! Unerklrliche Genialitt eines Kindes! Einer -reinen Jungfrau! Immer in Sagen und Mrchen, diesem Niederschlag -uralter Weisheit, ist es ja das Kind oder die Jungfrau, denen -Erlsungskraft aus den Banden der Unnatur innewohnt.</p> - -<p>Warum entzckt mich so, dort an der Riviera und hier in -Lourdes, immer wieder das Jungfruliche? Was such' ich darin -an symbolischem Lebensgehalt?</p> - -<p>Sie wei von Welt und Zivilisation nichts; sie wei nicht einmal, -was das Wort „unbefleckte Empfngnis” — mit dem sich die -Madonna zuletzt vorstellt (<span class="antiqua">je suis l'immacule conception</span>) — berhaupt -heit. Sie soll's dem Pfarrer sagen als dem natrlichen -geistigen Mittelpunkt des Ortes; schnell aus der Grotte ins Pfarrhaus -laufend, murmelt sie's immerzu vor sich hin, um das Wort -ja nicht zu vergessen! Welche menschliche Zge!</p> - -<p>Man geht hier im Frhling, wenn keine Pilgermassen Staub -aufwhlen, in andauernder Ergriffenheit einher. Es ist unmglich, -sich diesen einstrmenden, eindrngenden, wie Bergwasser in uns -einrauschenden Gedanken zu entziehen. Ich war heute abend nur -eine halbe Stunde drauen; die melodischen Kirchenglocken schlugen -an, als ich hinausging; sie schlugen wieder an, als ich den groen, -hchst bedeutend wirkenden Platz vor der Kirche verlie.</p> - -<p>Und die Wasser rauschen die ganze Nacht ...</p> - -<p>Ich habe noch nicht an der Quelle getrunken ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_62" id="Seite_62">[S. 62]</a></span> - -... Gibt es eine jenseitige Welt?</p> - -<p>Und wenn es eine solche Welt gibt: warum soll sie unter den -Mitteln, sich mit uns zu verbinden, nicht auch dieses benutzen?</p> - -<p>Gibt es aber eine jenseitige Welt voll von Krften und Lichtgestalten, -die das geistige Fluidum unserer Erde bilden, die unsre -geistige Lufthlle sind, aber ebenso den ganzen Kosmos durchdringen, -in den wir ja eingebettet sind: ist dann das Sprechen -mit ihnen so unsinnig? Ist Gebet Unsinn?</p> - -<p>Leben unsre Verstorbenen? Oder sind sie tot fr immer? -Ist nur das Sichtbare wirkliches Leben? Gibt es nicht viele andre -Daseinsformen? Kann man Augen und Organe ausbilden fr die -geistige Welt? Sind unsre groen Dichter, Knstler, Religionsstifter -die <em class="gesperrt">Seher</em> dieser geistigen Welt und kndigen von diesem -realen, den andren Sterblichen unsichtbaren, nur geahnten unbekannten -Lande?</p> - -<p>Das ist die eiserne Frage ...</p> - -<p class="center p1"><br /></p> - -<p>... „<span class="antiqua">Pnitence!</span>” ruft die Erscheinung von Lourdes. Bue! -Dreimal ruft sie es eindringlich und mit einem so tieftraurigen Gesicht, -da der mitfhlenden, magnetisch auf sie eingestellten Kleinen -die Trnen kommen. „Was soll ich tun?” ruft das Mdchen. — -„Bete fr die Snder!” Und viele Menschen will die Jungfrau -dort sehen, will sie dort beten sehen: sie will eine <em class="gesperrt">Gegenkraft</em> -entwickelt wissen.</p> - -<p>Wei und Blau sind darum die reinen Farben dieser Madonna. -Und auf den Fen blhen goldene Rosen.</p> - -<p>Indem man zu den Fen dieser Himmelsfrau von diesem -Wasser trinkt und sich die Augen wascht, drckt man den Wunsch -aus, mit dem Lebensstrom, der von dieser Erscheinung ausging, in -Verbindung zu treten. Es ist nicht das Wasser als solches, das hilft: -es ist der in uns selber erwachende heilkrftige Wunsch, jener himmlischen -Reinheit und Gesundheit teilhaftig zu werden. Wunsch in uns -und Wasser auer uns wirken zusammen. Das Ich mu lebendig -mitwirken, wenn Reinheit und Schnheit zum Ich kommen sollen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_63" id="Seite_63">[S. 63]</a></span> - -Die Best-Geheilten sind jene, die mit reinerem Herzen diese -Sttte verlassen ...</p> - -<p>Schwer freilich, an Wunderheilung zu glauben! Schwer — — -weil so <em class="gesperrt">einfach</em>? ...</p> - -<p>Doch ich will nicht von den wirklichen oder angeblichen Heilungen -sprechen, die hier geschehen mgen. Was etwa sich ereignen -mag an Wahn oder gar an frommem Betrug, wenn im Hochsommer -der stille Ort fast erstickt unter den Zehntausenden von Pilgern, -das ist eine Sache fr sich. Darber mgen andre streiten. Mich -fesselt dieses kleine Menschenkind ...</p> - -<p>In einer schimmernden Wolke pflegte ihr die Gestalt zu erscheinen, -die von sonst niemandem erblickt wurde; es war also -ein Lichteindruck; und eine schimmernde Wolke blieb noch ein Weilchen -zurck, wenn die Gestalt entschwunden war. Sie kam aus -dem Licht, sie war Licht. Es mag wohl eine elektromagnetische -Verbindung zwischen Seherin und Erscheinung bestanden haben. -Reines Herz nebst reinem magnetischen Organismus — das hat -wohl in diesem besonders veranlagten Kinde anziehend auf die -jenseitige Welt gewirkt. Alles Schne ist dem Licht verwandt und -wird am schnsten symbolisiert durch das Licht. Gemeine Sterbliche -wrden geblendet werden durch des Lichtes Flle.</p> - -<p>Marias Lieblingsblume, neben der Rose der Liebe, ist die -Lilie der Reinheit und des Glaubens. Die Lilie wchst hoch und -wei ber das gewhnliche Blumenma hinaus. Die Form ihrer -Blte ist ein Kelch, ein weier Kelch: geschaffen, um Licht und Tau -einzunehmen, die himmlischen Gaben. Ein Gralskelch! Die jungfruliche -Blume hlt den Kelch empor und fllt sich mit Licht von -oben.</p> - -<p>Gibt es doch noch etwas Hheres als die willensstarke Persnlichkeit? -Vielleicht — Gef zu sein? Rein, still, empfangend von -oben, weitergebend nach unten? Wie die Lilie?</p> - -<p>Ist das lilienhaft Jungfruliche in solchem Sinne hher und -himmlischer als das Nur-Mnnliche? Erlst uns Mnner immer -wieder die Jungfrau? ...</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_64" id="Seite_64">[S. 64]</a></span> - -Und wie schwer war Bernadettes ueres Leben! Sehr arm, -sehr einfach, doch gut erzogen, etwas zart als Kind, erlebte sie -dann die Flle ihres Glckes binnen wenigen Monaten in jenen -genialen Visionen. Dann aber, als ihr Werk gesichert war und eingeweiht -wurde, lag sie krank und konnte an den Festen nicht teilnehmen. -Als Klosterschwester starb sie fern in Nevers, hat ihr -mchtig anwachsendes Werk nie mehr gesehen. Mu wohl sterben, -wer die Gtter geschaut hat?</p> - -<p>Ihr Werk lebte, sie selber ging dahin.</p> - -<p>Gro! ...</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Ingo</span>. -</p> - -<p><span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Gro! Ja, mein Ingo, das ist gro. So -haben wir zwei es uns einst geschworen, einer edlen und groen -Lebens- und Kunstanschauung unser Dasein zu widmen. Und diese -Bltter lassen mich wieder an Dich glauben, mein Freund und -Bruder! Aber willst Du diese ernsten Gedanken wirklich an jenes -unbedeutende Mdchen senden? Will der Gralsucher wieder zum -tndelnden Spielmann werden? Lieber, merkst Du denn nicht, -da Du ber den Eindrcken hier in Lourdes sowohl sie als auch -mich vergessen hast? Denk' an das Gesprch ber die Titanic: -suchst Du des Lebens Sinn und Geheimnis, indem Du irgendeine -Braut suchst? Lieber Troubadour, unter Trnen will ich beten, -da Du ausziehen mgest wie Saul, der Sohn des Kis: er suchte -eine — Eselin und fand ein Knigreich. Ich werde diese Bltter -zu den unabgesandten Briefen legen und Dir heute alles bergeben. -Hier in Lourdes soll es sich zwischen uns entscheiden. Ich -bin krank; die Aufgabe, die ich an Dir hatte, geht zu Ende. Bald bist -Du auf trichter Brautschau — und ich eine Kranke unter Kranken.</p> - -<p>Ach ser Freund, die Sorge um Dich ist meine Krankheit!</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Friederike.</span> -</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Krankheit und Verdstrung der Frau von Trotzendorff rollten -wieder wie Wolken ber jenes kurze Aufflammen der alten Gesundheit.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_65" id="Seite_65">[S. 65]</a></span></p> - -<p>Sie stand in seelischen Kmpfen, von denen ihre Mitreisenden -nichts oder wenig ahnten. Oft sa sie allein an der Grotte und -setzte sich mit der Tatsache auseinander, da sie den Freund verloren -habe, da Anmut und Jugend ihn anziehe, da sie selber unrettbar -zu altern beginne. Und das Gesicht der leidenden Knstlerin -wurde bleich und verfallen. Aber sie hatte ein meisterhaftes -Talent, dergleichen nach auen hin zu verbergen; unter dem Schein -leichter Magenverstimmung, verursacht durch die lige sdfranzsische -Kost, wute sie ihren Seelenkampf scherzend ins Harmlose zu deuten.</p> - -<p>Fabrikant Muthner, der sich in Cette zu ihnen gesellt hatte und -spter nach Bayonne und Biarritz weiterwollte, war wieder aufgetaucht: -ein ernster, wohlbeschlagener Fachmann, der sich mit -Trotzendorff vorzglich verstand. Er machte der gndigen Frau -mit natrlichem Anstand den Hof. Und Frau Friederike, die fr -ehrliche Komplimente empfnglich war, hatte sogar den Versuch -gewagt, ihren Freund Ingo ein wenig zur Eifersucht zu reizen: -ein Zug, der dem erstaunten Troubadour neu war, wie berhaupt -das Verhalten der Freundin ihm ebenso Bedenken erregte wie -dem Gatten.</p> - -<p>An diesem Morgen, kurz vor dem Frhstck, das alle vier gemeinsam -einzunehmen pflegten, waren Ingo und Trotzendorff -zufllig allein und tauschten ihre Besorgnisse aus.</p> - -<p>„Sag' einmal, Richard,” begann Ingo, „die Krnkeleien unsrer -Friedel machen mich besorgt. Solltet ihr nicht einen Arzt befragen?”</p> - -<p>„Das hab' ich mir lngst vorgenommen”, erwiderte Richard -in seiner gesetzten, nchternen Weise. „Denn auf die Wunder -von Lourdes will ich mich denn doch als guter deutscher Protestant -nicht verlassen. Sie hatte schon einmal, nach der Geburt des zweiten -Jungen, solche unangenehme Geschichten — Frauenleiden — wo -sie auch wie jetzt zwischen bermut und Schwermut hin und her -pendelte. Zarte Geschpfe, diese Frauen, man kann gar nicht feinfhlig -genug sein.”</p> - -<p>„Das ist wahr”, versetzte treuherzig der Troubadour, der keine -Ahnung hatte, wie er der Freundin weh tat.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_66" id="Seite_66">[S. 66]</a></span> - -„Ich werde sie heute nicht mitwandern lassen”, fuhr der Major -fort. „Muthner und ich werden Cauterets und Umgegend besichtigen. -Du tust mir einen Gefallen, Ingo, wenn du dich ihrer annimmst, -soweit sie berhaupt ausgeht. Zu deinem beliebten Eigenbrdeln -und Notizenmachen wirst du ja dazwischen Zeit genug -finden. Einverstanden?”</p> - -<p>„Vollkommen! Es ist mir heut' berhaupt nicht um Geselligkeit -zu tun. Hab' da einen ernsten Brief aus Thringen erhalten.”</p> - -<p>„Nun? Unangenehmes?”</p> - -<p>„Mein Bruder hat einen Jagdunfall gehabt. Nheres schreibt -mir die Cousine nicht.”</p> - -<p>„Elisabeth? Ei was! Ist die wieder in Thringen?”</p> - -<p>„Merkwrdigerweise! Der erste Brief seit mindestens drei -Jahren.”</p> - -<p>„Ich dachte, sie wre in Pommern bei ihrem Schwager?”</p> - -<p>„Bis jetzt, ja. Ihre Mutter krnkelt. Nun ist sie zu Hause und -wechselt in der Krankenpflege zwischen ihrer Mutter und meinem -Bruder.”</p> - -<p>„Es wundert mich, da dein Bruder sie nicht genommen hat. -Zwei Nachbarsgter — das htte sich nicht bel gemacht! Ruhige -Naturen beide.”</p> - -<p>„Eben darum vielleicht. Das Gesetz der Ergnzung, verstehst -du!”</p> - -<p>„Na, dein Bruder hat ein rauhes Fell, die sanfte Elisabeth -htt' ihm gut getan! brigens — du standest ihr doch wohl auch -einmal ziemlich nahe?”</p> - -<p>„Sehr sogar.”</p> - -<p>„Ihr seid doch verrckte Kerls, ihr zwei Waldecker!” lachte -Richard. „Junggesellen alle zwei! Der eine tost auf der Jagd -oder auf landwirtschaftlichen Ausstellungen herum, der andre durchluft -die halbe Welt. Elisabeth htte ganz gut zu einem von euch -beiden gepat. Die entfernte Verwandtschaft ist doch kein Hinderungsgrund? -In Thringen vettert sich ja alles!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_67" id="Seite_67">[S. 67]</a></span> - -Er lachte, er war selber Thringer. Und als das Gesprch -nun auf die Wunder von Lourdes kam, betonte der breitschultrige, -wuchtige Mann so scharf und nchtern seinen protestantischen Standpunkt, -da Ingos Romantik sich rasch in blauen Duft verflchtigte:</p> - -<p>„Unser Reformationsgesang ‚Ein' feste Burg ist unser Gott’ -hat mehr Mark als diese ganzen slichen Litaneien.”</p> - -<p>Beim Frhstck wurde das Programm des Tages mit Vorsicht -besprochen und festgesetzt; denn man mute bei Frau Friedel -darauf gefat sein, da sie sich in ihrer gefhlsmigen Art auf -irgend einen Entschlu versteifte. Doch heute war sie nachgiebig -und lie die Mnner entscheiden.</p> - -<p>Major und Fabrikant zogen ab.</p> - -<p>Der Troubadour wandelte mit Frau Eleonore von Poitou -langsam hinaus nach der Grotte.</p> - -<p>„La uns einen dieser kleinen Becher kaufen, Ingo,” bat -sie, als sie aus dem Gasthof traten, der vorn eine Verkaufsstelle -fhrte, „wir wollen heute aus der Quelle trinken.”</p> - -<p>Ingo erfllte den Wunsch.</p> - -<p>An der Grotte waren wenig Besucher. Die weien Kerzen -entsandten ihr mildes Licht, das in der Tagesbeleuchtung seltsam -wirkte; die weie Marmorgestalt der Jungfrau stand still ber dem -kleinen Rosenstrauch. Fnf bis sieben blhende Rosen waren am -Strauch, rtlich-weie Blumen, die sich unter den Fen der Madonna -lieblich entlang rankten.</p> - -<p>Die beiden Deutschen setzten sich auf eine Bank, hrten hinter -sich das Rauschen der Gave und vor sich das leise Murmeln einer -betenden Nonne.</p> - -<p>So saen sie eine besinnliche Weile: Ingo in seinem ungeklrten -Drang, Frau Friederike in ihrem steten, starken Kampfe.</p> - -<p>Dann erhob sich die gefate und stille Frau, schritt an den -Brunnen neben dem Gitter der Grotte heran, fllte den Becher -und trank; fllte ihn nochmals und reichte ihn Ingo. Hernach -tauchte sie die Hand ein und fuhr sich waschend ber die Augen. -Alles geschah schweigend.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_68" id="Seite_68">[S. 68]</a></span> - -Und schweigend gingen sie dann miteinander den sanft ansteigenden -Fuweg hinauf, der hinter der Kirche unter Bumen -nach oben fhrt.</p> - -<p>Sie rang um Kraft. An ihrem Arm trug sie ihr Tschchen; -im Tschchen waren die unterschlagenen Briefe.</p> - -<p>„Wir wollen erst noch das Panorama sehen”, sagte sie mit -schwerer Stimme.</p> - -<p>Und so besuchten sie miteinander das Panorama.</p> - -<p>Ingo gab die ntigen Erklrungen.</p> - -<p>„Siehst du, so sah Lourdes ums Jahr 1858 aus, zur Zeit, -als die kleine Bernadette jene Erscheinungen erlebte. Damals -stand hier weit und breit noch kein Haus, alles war lndlich, eine -Mhle war ja wohl hier in der Nhe. Und dort kniet sie nun, inmitten -der zusammenlaufenden Leute; sie trgt das eigentmliche -Kopftuch dieser Gegend, gleicht fast einer kleinen Nonne. Mit der -linken Hand hlt sie die Kerze, mit der rechten berhrt sie die Flamme, -ohne sich zu verbrennen. Das Feuer-Element scheint ihr verwandt -zu sein in diesem Zustand. Sieh nur, wie ist sie entrckt und abgesondert -von den ratlosen Gruppen der Menschen! Entrckt ins -Land der Schnheit! Wie das Genie einsam! Nur durch Taten -der Gte mit den Mitmenschen verbunden!”</p> - -<p>„Das ist gro”, besttigte Frau Friederike leise.</p> - -<p>„Und sieh, welch ein blulicher, fast violetter Duft ber der -Landschaft! Wie eine Verklrung!”</p> - -<p>Sie verlieen das Gebude und gingen weiter, am Kalvarienberg -vorber und nach der Gegend der <span class="antiqua">grotte du loup</span>. Immer -einsamer und lndlich stiller wurde die Umgebung. Die Luft war -mild, voll weicher Frbung der Hgel und einfach-groen Gebirgskmme.</p> - -<p>An einer jungen Birke machten sie halt und setzten sich auf die -Decke, die Ingo trug. Die runden, hellgrnen Frhlingsblttchen -dieses sonst so leicht erzitternden zarten Baumes bewegten sich -kaum. Eine weie Strae lief ziemlich fern zu ihrer Rechten in -die Pyrenen hinein, hell und trocken wie die Straen der Provence,<span class="pagenum"><a name="Seite_69" id="Seite_69">[S. 69]</a></span> -doch ohne wandernden Staub. Die Dmonen des Windes -schliefen irgendwo auf Tempelstufen.</p> - -<p>Frau Friederike sa in ihrem mattblauen Kleide, hatte den -Hut abgesetzt und lie ihr Goldhaar leuchten. Aber ihr Gesicht war -wie Alabaster, ihre Lippen bla und stumm. Sie hatte das Tschchen -vor sich auf den Scho genommen und hielt beide Hnde darauf.</p> - -<p>Ingo legte kameradschaftlich den Arm um den ihrigen. Doch -lehnte sie den Kopf nicht an, sie sah nur starr in die Gegend.</p> - -<p>„Friedel ist auf Cis-Moll gestimmt”, begann er. „Hast auch du, -wie ich heute frh, einen Brief bekommen, der dir Sorge macht?”</p> - -<p>„Du hast einen Brief bekommen?”</p> - -<p>Er zog sein Taschenbuch und berreichte ihr den Brief seiner -Cousine Elisabeth.</p> - -<p>„Darf ich lesen?”</p> - -<p>„Aber, Friedel —! Seit wann haben wir denn Geheimnisse -voreinander?!”</p> - -<p>Sie las folgenden schlichten und sachlichen Brief:</p> - -<p class="center"> -„Lieber Ingo!<br /> -</p> - -<p>Du wirst erstaunt sein, von einer alten Freundin diesen Brief -zu erhalten, nachdem wir uns seit Jahren nicht mehr geschrieben -haben. Ich bitte Dich hiermit herzlich um Entschuldigung, wenn ich -Deine Frhlingsfahrt stren sollte. Dein alter Vater kommt ja -mit seiner Gicht nicht an den Schreibtisch; und so hat er mich gebeten, -Dir mitzuteilen, da Dein Bruder leider einen Jagdunfall -gehabt hat und an den Folgen daniederliegt. Das Gut war ja -bis jetzt in den Hnden deines Bruders; wenn die Sache bel -ausgeht, so knnte an Dich eine Aufgabe herantreten, die allerdings -zu Deiner romantischen Freiheitsliebe, wie sich Dein Vater -ausdrckt, nicht mehr stimmen wrde. Mir wrde es leid tun, -wenn Du Dir Dein Leben nicht so gestalten knntest, wie Deine -Natur es braucht, das weit Du, lieber Ingo. Zum Glck habt -Ihr ja einen guten Verwalter. Auch Dein Vater ist immer derselbe, -in allen Unplichkeiten geistesfrisch. Weniger freilich meine Mutter. -Ich fahre in eurem gelben Jagdwagen tglich zwischen den beiden<span class="pagenum"><a name="Seite_70" id="Seite_70">[S. 70]</a></span> -Gtern hin und her, von einem Krankenbett zum andren. Nun -kommen mir meine Erfahrungen vom Roten Kreuz zugute. Oft auch -lauf' ich zu Fu durch den Wald, wobei mich Harras, unsre unverwstliche -Dogge, begleitet. Ach, ich bin wieder jung geworden, -als ich nach harten Jahren meinen Thringer Wald wiedersah! Es -ist allerdings mglich, da ich von heut' auf morgen mit meiner -Mutter an den Genfer See fahre. Denn der Arzt wnscht es -dringend. Gib jedenfalls immer Deine genaue Adresse an, fr den -Fall, da man Dich hier brauchen sollte. Im brigen, lieber Ingo, -gedenke ich Deiner mit derselben Liebe, die mich von Kindheit an -mit Dir verbunden hat. Sei innig gegrt!</p> - -<p class="right"> -Elisabeth.” -</p> - -<p>Frau von Trotzendorff gab den Brief zurck und schaute lange -vor sich hin.</p> - -<p>„Ein Gru an mich oder meinen Mann ist nicht dabei”, dachte -sie. „Ich hab' ihr einst Schweres angetan — jetzt tut mir das Schicksal -das gleiche.”</p> - -<p>„Was sagst du dazu?” fragte Ingo.</p> - -<p>„Vielleicht wr's das beste, du wrdest sofort nach Hause -reisen.”</p> - -<p>„Unter keinen Umstnden!” rief er mit einigem Trotz.</p> - -<p>„Und dein Bruder?”</p> - -<p>„Ist robust genug, hat sich nie viel um mich gekmmert, wird -auch diesen Unfall durchbeien.”</p> - -<p>„Und dein Vater?”</p> - -<p>„Ein selbstndiger Charakter.”</p> - -<p>„Und das Gut?”</p> - -<p>„Davon kann man reden, wenn es mit meinem Bruder wirklich -schlimm wrde.”</p> - -<p>„Aber der Brief liest sich wie eine Vorbereitung.”</p> - -<p>„Oder auch wie ein Anknpfungsversuch der guten Elisabeth.”</p> - -<p>„Bei ihrem sprden Charakter? Schwerlich! Ich glaube, du -solltest den Gedanken an Heimkehr ernstlich ins Auge fassen.”</p> - -<p>„Aber wie kommt mir denn Friedel vor? Haben wir zwei<span class="pagenum"><a name="Seite_71" id="Seite_71">[S. 71]</a></span> -nicht hinlnglich mein Verhltnis zu Elisabeth durchgesprochen? -Vergit du, da wir so gut wie verlobt waren? Und sie schreibt -ja, da sie noch ebenso denkt. Wie kannst du mir da die Rckkehr -empfehlen? Bist du gar kein bichen mehr eiferschtig?”</p> - -<p>Sie ging auf seinen scherzenden Ton nicht ein. Es kmpfte -gewaltig in der unglcklichen Frau; sie neigte sich einen Augenblick -seitwrts ins Gras und sttzte laut seufzend den Kopf in beide -Hnde. Hier Thringen — dort Barcelona! Zwischen Skylla und -Charybdis sa sie und rang um den Freund, den sie doch festzuhalten -weder Macht noch Recht besa.</p> - -<p>Dann richtete sie sich auf, beachtete seine fragenden und beruhigenden -Worte nicht, sondern griff in ihr Tschchen und nahm -das Bndel Briefe zur Hand.</p> - -<p>„Da!” sagte sie dumpf und prete die Zhne zusammen.</p> - -<p>„Was ist das?”</p> - -<p>„Deine Briefe.”</p> - -<p>„Welche Briefe?”</p> - -<p>„An die Mdchen in Barcelona. Ich hab' sie nicht abgeschickt.”</p> - -<p>Er hatte das blaue Band gelst, lie aber nun jh die Hnde -sinken.</p> - -<p>„Nicht abgeschickt?”</p> - -<p>„Nein.”</p> - -<p>„Aber — weshalb nicht?!”</p> - -<p>„Du kannst es in den Nachschriften lesen.”</p> - -<p>Er durchbltterte die Papiere und las die Nachschriften. Dann -kam eine lange, unheimliche Stille.</p> - -<p>Sie atmete kaum; ihr schwaches Herz pochte zum Zerspringen. -Er legte schweigend die Bltter wieder zusammen, band sie schweigend -wieder zu und steckte sie schweigend in die Rocktasche.</p> - -<p>„Friedel,” sagte er endlich mit gepreter Stimme, „es ist nicht -das erstemal, da du dich zwischen mich und andre stellst. Fhlst -du nicht, wie du mich entwertest?”</p> - -<p>Er sa in einem Gemisch von Zorn und Wehmut auf dem -Rasen, rupfte sprieende Grser aus und warf sie wieder fort.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_72" id="Seite_72">[S. 72]</a></span> - -„Wrde dieses Lourdes nicht so beruhigend auf mich wirken,” -sprach er weiter, „ich frchte, wir wrden im Zorn voneinander -scheiden. Denn dieses Bevormunden ist gegen unsre Verabredung -einer unbedingt vertrauensvollen Kameradschaft. Meine Schwrmerei -fr jenes Mdchen mag seltsam sein, meinetwegen; deshalb -ist aber die Tatsache, da ich von jenem Hgel mit der stillen Stickerin -und dem unerbauten Tempel einen tiefen Eindruck mitgenommen -habe, dennoch vorhanden. Und ich werde dieser Sache auf -den Grund gehen — und werde die Briefe persnlich nach Barcelona -bringen.”</p> - -<p>Sie sa mit abgewendetem Gesicht, neigte das Haupt und -zuckte nur wenig zusammen. Sie kannte ihn und war nicht berrascht; -sie wute, da er strkeren Eindrcken und Erkenntnissen -unbeirrbar bis zu Ende nachsprte. Hier war nichts zu halten; -sie hatte ihn nicht mehr in der Gewalt.</p> - -<p>Er sah nicht, wie ihr die Trnen in die Augen stiegen, den -kristallenen Behlter fllten und dann langsam ber die Wangen -rollten. Ihr lag es pressend schwer auf dem Gewissen, da sie sich -einst zwischen ihn und Elisabeth gestellt hatte; dieses stille und herbe -Mdchen war nach allem, was man seitdem hrte, doch wohl wertvoller, -als sie beide damals angenommen hatten. Ingo von Stein, -zu Hause wenig verstanden, hatte in Friedels Familie ein neues -Heim gefunden; sie hatten sich beide beflgelt und gefrdert und -hatten einfach vergessen, da eine stille, etwas sprde Elisabeth -irgendwo Kranke pflegte. Oft aber stand jetzt die hohe Gestalt -dieser keusch verschlossenen, schwer zugnglichen Jungfrau, die -durch gesellschaftliche Beziehungen des thringischen Adels auch -mit Trotzendorffs bekannt war, mit schweigender Mahnung an -Frau Friederikens Lager. Sie trug die Tracht der Schwestern vom -Roten Kreuz, denen sie zwei Jahre angehrte; und sie schien ernsten -Blickes nach Ingo zu fragen. Bislang hatte Friedel wenigstens -Rechenschaft ber den Freund geben knnen; jetzt konnte sie auch -das nicht mehr; der unbefriedigte Spielmann fuhr weiter.</p> - -<p>Die liebende Frau tat, wie sie es manchmal in Zeiten der<span class="pagenum"><a name="Seite_73" id="Seite_73">[S. 73]</a></span> -Miverstndnisse zu tun pflegte: sie setzte stumm den Hut auf, nahm -ihr Tschchen und erhob sich, um sich schweigend zu entfernen. Er -wollte ihr folgen; aber sie winkte ab und sagte leise:</p> - -<p>„Bitte, la mich allein!”</p> - -<p>Jetzt erst sah er, da ihr Gesicht in Trnen gebadet war. Und -sofort loderte Beschmung in ihm empor, die jede Regung des Unwillens -verbrannte. Der letzte Satz der letzten Nachschrift stieg ihm -riesengro in Bewutsein und Empfindung: „Die Sorge um Dich -ist meine Krankheit.” Hatte sie nicht recht, um ihn besorgt zu sein? -War er nicht ein Phantast, der oft genug sich einfach auf die Bahn -gesetzt hatte und in die Welt hinaus gesaust war, wenn ihm irgendwelche -menschliche Verhltnisse nicht paten? War es nicht deutlich, -da er zwischen Wissenschaft, Poesie und Religion tatlos umherschwebte, -nippend an allem, von nichts aber sich wahrhaft durchdringend -und nichts in Kunst oder Leben prgekrftig gestaltend? -Wie unritterlich stand er vor der mtterlichen Sorge der weinenden -Freundin!</p> - -<p>„Vergib, Friedel!” rief er und wollte in berwallendem Mitgefhl -den Arm um ihre Schultern legen. Allein sie befreite sich -sanft und bestimmt. Sie wollte kein Mitleid; da ihr die Trnen -flossen, merkte sie kaum. Ihr Entschlu stand fest.</p> - -<p>„Gro!” rang sich endlich als erstes Wort aus ihr hervor. -„Das letzte Wort deiner Aufzeichnungen heit gro. Wir wollen -nicht kleinlich sein, Ingo.” Sie sprach mhsam und wischte sich -mit dem Taschentuch die Trnen fort. „Es spricht auch in mir so -viel Unerflltes mit. Aber gro sein, nicht wahr! Ich hab' mir's -an der Quelle da unten gelobt. Und darum bitte ich: La mich -fr heute allein. Ich will ins Hotel zurckgehen und mich niederlegen. -Denn ich bin krank.”</p> - -<p>Er machte abermals einen Versuch, sich um sie zu bemhen. -Aber sie wiederholte nur in ihrer bekannten Art, die jeden Widerspruch -ausschlo: „Bitte!”</p> - -<p>Dabei sahen sie sich einen Augenblick an. Nur einen Augenblick, -wie die Sonne am verschleierten Tage zaghaft hindurchbricht;<span class="pagenum"><a name="Seite_74" id="Seite_74">[S. 74]</a></span> -der Augenblick drohte ihren Entschlu umzuwerfen; doch sie wandte -sich rasch und ging den Pfad nach Lourdes hinunter, an einem -spt blhenden Apfelbumchen vorber, von dem eine Blte auf -ihren Hut fiel — ein Abschied von der Jugend.</p> - -<p>Ingo stand betubt.</p> - -<p>Er bersah, empfand und begriff mit einemmal den Schmerz, -den diese Frau von grozgiger Knstlerleidenschaft und zugleich -von frh gebter Gewissenhaftigkeit so lange schon durchkmpfte. -Mit jenem strmischen Isoldengesang hatten diese Tage von Lourdes -begonnen; mit offenem Haar, wie Wogen des offenen Ozeans, -war sie noch einmal einhergerast. Jetzt schlich sie weinend nach -Lourdes hinunter.</p> - -<p>„Das ist die zweite Frauen-Freundschaft, ber deren Trmmer -hinber ich mein Glck suche”, sprach er in knirschendem Kummer -zu sich selber. „Sollte wohl auf dieser Glcksjagd Segen ruhen? -Aber ich will sie wiedergewinnen, Friedel und Elisabeth, beide, -sobald ich — sobald — — ja, was denn nun wohl?”</p> - -<p>Da war wieder das Unerfllte. Und er sah wieder jene Mozart-Mdchen -auf einem Hgel der Freiheit und Schnheit winken und -warten — warten auf ihn?</p> - -<p>„Weltfahrer bin ich”, sprach er, indem er durch die Hgel -wanderte und schlielich zu einem kleinen Schilfsee gelangte, dessen -Stille beruhigend auf ihn wirkte. „Weltfahrer bin ich, immerzu von -Melodien durchsungen, und sehne mich nach dem festen Punkt, -von dem aus das Nahe und Ferne reich und tief sich erfassen lt. -Ich will Friedel nicht durch Mitleid beleidigen; sie ist tapfer und -wird das allein durchhauen. Aber ich will doch neben der Phantasie -fortan der Gte einen greren Raum in meinem Herzen gestatten -— wie diese Bernadette, wie meine vergessene Elisabeth.”</p> - -<p>Er ging an die Grotte von Lourdes zurck, sa dort lange und -sammelte sich zu einer Gebetsstimmung, seine Augen heftend auf -die Marmorstatue der weien Madonna mit der blauen Schrpe.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_75" id="Seite_75">[S. 75]</a></span> - -Am Abend, als die willensstarke Frau bleich und gefat wieder -am Tisch sa und ber ihre Schwchlichkeit zu scherzen versuchte, -wurde von dem Ehepaar beschlossen, ber Paris nach Mnchen zu -fahren und dort ein Sanatorium aufzusuchen.</p> - -<p>Ingo, der sehr zart zu Friedel war, hielt in mglichst unbefangenem -Ton an seinem Abstecher nach Barcelona fest.</p> - -<p>Richard schaute einen Augenblick vom Kursbuch auf, es zuckte -ironisch um seine Mundwinkel, und er fragte:</p> - -<p>„Suchst du Schallers Nichten oder den Gralsberg?”</p> - -<p>„Beides”, bemerkte Ingo trocken ...</p> - -<p>Am Bahnhof von Toulouse nahmen sie Abschied. Der Troubadour -und Frau Eleonore hielten sich lang an beiden Hnden und -schauten mit Wehmut einander an.</p> - -<p>Die Lippen der blassen Frau bebten. Sollte sie ihm sagen, -wie sehr sie krank war? Sollte sie ihm sagen, da hier vielleicht -auf Leben und Tod Abschied genommen wurde? Nein! Es war -einer ihrer heroischen Momente. Galt es zu sterben, so wollte -sie allein sterben. Die Heroine lchelte und zwang sich zu einigen -Worten von allgemeiner Herzlichkeit, das Weh in sich begrabend, -das tiefe Weh, auf den abirrenden Freund nicht mehr von Einflu -zu sein:</p> - -<p>„Gro bleiben, lieber Ingo! Es wird gewi alles gut werden, -wir wollen dir lauter gute Gedanken mitsenden. Madonnengedanken!”</p> - -<p>Er nickte schweigend.</p> - -<p>Und zu Richard sprach er mit bewegter Stimme:</p> - -<p>„Gib gut auf sie acht, Richard! Sie ist doch die Beste von -uns dreien!”</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 72px;"> -<img src="images/p075_deco.png" width="72" height="70" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_76" id="Seite_76">[S. 76]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p076_deco.png" width="600" height="48" alt="" /> -</div> - - - -<h3>Sechstes Kapitel<br /> - -Die Verlobung</h3> - -<div class="cite"> -<p class="noindent"> -O brich nicht, Steg! du zitterst sehr.<br /> -O strz nicht, Fels! du druest schwer.<br /> -Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,<br /> -Eh' ich mag bei der Liebsten sein!</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Uhland</span> -</p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p076_cap.png" alt="A" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">A</span> -us dem drhnenden Gerusch der spanischen Hafenstadt -Barcelona hebt sich das vornehme Villenviertel am Gebirgszug -Tibidabo empor und sucht reine Luft.</p> - -<p>Dort klettert die Strae, die nach einem katalonischen Dichter -den Namen fhrt, die Calle Muntaner, mit starker Steigung bergan.</p> - -<p>Auf der Terrasse eines prchtig unterhaltenen Gartens voll -immergrner Gewchse standen dort die beiden Mozart-Mdchen.</p> - -<p>Hier aber war die Stimmung anders als auf dem leichten -Riviera-Hgel. Die zwei jugendlichen und schnen Geschpfe -lachten nicht aus ungezwungenen Matrosenkleidchen in eine heiter-natrliche -Welt; sie waren vielmehr eingenht in nagelneue, steif -knisternde Festkleider. Und hinter ihnen ragte mit strengem Stolz -Schallers groe Villa, ein viereckiger Bau mit flachem Dach, einem -Kastell nicht unhnlich.</p> - -<p>Um sie her aber prangte der balsamisch duftende Garten, planvoll -gefllt mit Palmen, Orangenbumchen, Zitronen und andren -Stauden und Spalieren des halbtropischen Klimas. Zu ihren -Fen funkelte abendschn die laute, energische, menschenvolle -Stadt; in der Ferne glhte blendend das Meer; zur Rechten sahen -sie den schrg ansteigenden und steil abfallenden Festungsberg -Montjuich den Hafen bewachen. Hinter ihnen, auf den Hhen, -waren Pinien rtlich angeglht von der sinkenden Sonne, und wie -Minarets winkten dazwischen fremdartige Trmchen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_77" id="Seite_77">[S. 77]</a></span></p> - -<p>Man sprte wohl noch an diesen graugrnen Abhngen den -Pulsschlag der Arbeitsstadt, den Atem des Hafens, den Duft des -Mittelmeers. Aber man war zugleich diesen Regionen entrckt -und schlo sich durch eine hohe und weitlufige Gartenmauer vom -Arbeitstag ab.</p> - -<p>Hier also hatte Schaller seine Burg erbaut.</p> - -<p>Im Innern des Hauses hatten sich manche Kostbarkeiten und -manche wertvollen Gemlde angesammelt. Ein Innenhof war -von farbiger Kuppel berdacht; dort spielte ununterbrochen der -feine Strahl eines Springbrunnens und verbreitete zugleich Khle -und das Gefhl einer leichten Lebenslaune, einer berwindung -der Arbeitsschwere. Es stimmten dazu die heiter geschnitzten Gelnder -der Stockwerke, die diesen dmmernden Innenhof umrankten. -So war dort eine maurische Stimmung geschaffen, die -zum subtropischen Gartenbild pate und gegen den brennenden -spanischen Sommer schtzte.</p> - -<p>Die Mdchen, in Seidenkleidern und weien Schuhen, gingen -wie auf Stelzen und bemhten sich, gesetzt zu sein; aber sie konnten -ihre Erregung nicht verbergen. Denn es war keine gewhnliche -Abendgesellschaft, der sie entgegenfieberten.</p> - -<p>Die lebhafte Jngere entlud ihre Gespanntheit in fortwhrenden -Umarmungen und Kssen, die Frulein Martha ber sich ergehen -lassen mute, besorgt um die Falten und Bauschungen ihres -feierlichen Kleides.</p> - -<p>„Ich freue mich ja schrecklich, ganz schrecklich fr dich!” rief der -hbsche kleine Zappelkfer. „Freust du dich denn nicht auch? Hltst -du's berhaupt noch aus vor Ungeduld?”</p> - -<p>„Gewi, ja, nur wei ich nicht recht —”</p> - -<p>„Na, was denn nun wieder? Pfui, schm' dich! Etwa wegen -des Spanischredens heut' abend? Aber du bist ja schon einmal ein -ganzes Jahr hier gewesen!”</p> - -<p>„Ich hab' aber vieles vergessen. Nein, das nicht, ich meine -nur — ich wollte, es wre schon vorber. Ich bin ja viel zu jung — -und — mein Gott, wie sie mich alle ansehen werden!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_78" id="Seite_78">[S. 78]</a></span></p> - -<p>„La sie gaffen, du bist s, sie werden sich alle verlieben! -Zwei junge Spanier werden sich deinetwegen erdolchen, es wird -ein Duell geben mit zehnmaligem Kugelwechsel, heute nacht reien -die Katzen aus vor den vielen Serenaden — und ich giee den -Sngern Wasser ber den Kopf.”</p> - -<p>„Glaubst du, da sie Reden halten auf — auf ihn und mich?”</p> - -<p>„Natrlich! Dann sagst du ganz einfach <span class="antiqua">gracias</span> oder <span class="antiqua">merci -beaucoup</span> und nickst ein klein wenig mit dem Kopf — aber nur -ein wenig, vornehm — siehst du, ungefhr so!”</p> - -<p>Die Kleine gab ein vorbildliches, gndig herablassendes Kopfnicken -zum besten, wobei ihr der Augenaufschlag meisterlich gelang. -Aber die schwerbltige Martha schaute mit ihren wundervollen -Blau-Augen ratlos in die Welt und war nicht in Stimmung -zu bringen.</p> - -<p>Zu gleicher Zeit lustwandelte der Herr des Hauses, in Frack und -brasilianischem Orden, zwischen seiner bla-vornehmen Stiefmutter -und der brgerlich-ehrbaren Witwe Frank-Dubois, die immer in -schwarzer Kleidung ging. Sie schritten stattlich unter Fcherpalmen -auf und ab. Ein springender Strahl rieselte und raunte -auch dort; und im runden Becken flimmerten rote Fische. Es lag -hochzeitlicher Glanz in der abendlich rosigen Luft; die Welt war -voll Farben; auf Palmenkronen wiegten sich Genien mit Schmetterlingsflgeln -und gaukelten abwechselnd um die Gesprche der Alten -und das Zwitschern der Jungen. Selbst die kleinen brtigen Gnomen, -die Geister des Goldes, die sonst schwere Scke schleppten, -feierten heute, saen unter Tropfsteingebilden und kmmten sich -gegenseitig die Brte.</p> - -<p>In den Worten und Gebrden der hier wandelnden Erdenbrger -war satte Sicherheit. Sie fhlten sich nicht heimgesucht von -irgendwelchem Hunger nach Unendlichem. Das Rtsel des Daseins -hatte sie nie bekmmert. Eine erhebliche Rente in Gewahrsam zu -bringen, gengte als Lebensziel. Wobei sie Arbeitsamkeit, Ordnungssinn -und andere brgerliche Tugenden zu achtenswerter Entfaltung -brachten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_79" id="Seite_79">[S. 79]</a></span></p> - -<p>„Jetzt bin ich ber die Zukunft meiner Tochter doch einigermaen -beruhigt”, versicherte Frau Frank-Dubois. „Mit ihr selber -wird es sich schon ganz gut machen, denn sie ist ja sparsam und huslich -und versteht den Haushalt. Die Schule ist ihr halt schwer geworden; -aber sie hat, was sie an Schulbildung braucht. Es ist eine -stille Natur; mein seliger Mann war auch so ein Stiller, sie hat's -von ihm.”</p> - -<p>„Das Mdel wird's wie eine Prinzessin haben”, versetzte -Schaller und nahm die Dame fest zugreifend unter den Arm. „Das -glaube ich Ihnen versichern zu drfen. Also wenn ihr beide einverstanden -seid, so klopf' ich nach dem zweiten Gang ans Glas -und mache die Sache bekannt. Ich liebe immer berraschungen, -knappe, fertige Tatsachen. Punktum!”</p> - -<p>Er trat zu den Mdchen, legte der Jngsten von hinten her -seine groen Hnde ber die Augen und kte ihre Wange.</p> - -<p>„Na, Mausi, hast du dein Cousinchen aufgemuntert?”</p> - -<p>„Pah, Onkel Schaller, die hat Angst!”</p> - -<p>„Es schickt sich, da eine Braut schchtern tut”, erwiderte -Schaller und legte den Arm um das gazellenschlanke Mdchen, das -nur um eine Stirnbreite kleiner war als er selber. „Kinder, es soll -famos werden! Die Nacht wird durchgetanzt! Und auerdem -hab' ich eine Extra-berraschung, besonders fr die da, den kleinen -Grashupfer!”</p> - -<p>„Noch einen Brutigam? Her damit!”</p> - -<p>„Ruhig Blut, Sennorita! Es klingelt! Gste kommen!”</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Ingo von Stein hatte in Narbonne bernachtet. Er fuhr dann -ber Perpignan nach Barcelona. Der Schnellzug lief an der See -entlang, deren Wasser im Ostwind an die Klippen schumte und -das tiefe Blau des Mittelmeers in ein ebenso herrlich Wei verwandelte.</p> - -<p>Sprangen nicht mit glnzenden Schuppenschwnzen die Okeaniden -herauf, lachten den Fahrenden aus und schnellten im Purzel<span class="pagenum"><a name="Seite_80" id="Seite_80">[S. 80]</a></span>baum -wieder hinunter in die Arme aufpustender Wassermnner? -O Schaumtanz, o Schmeichelwelle, o Heimat der schaumgeborenen -Gttin Aphrodite! Herfunkelnd ans knochig-mnnliche Festland -— und dem Greifenden zwischen den Fingern zersprhend, ein -schillernder Schein!</p> - -<p>Am Bahnhof hatte ihn Schaller persnlich und ohne Chauffeur -im Automobil abgeholt. Bei ihm sa noch ein wrdiger -alter Herr, dessen Wesen und Aussehen dem Ankommenden sofort -angenehm und bedeutend ins Auge fiel. Es gibt Menschen, zu -denen man auf den ersten Blick ein seelisches Verhltnis findet, -als htte man sich schon irgendwo einmal gesehen. Dieser alte -Herr, gleichsam der erste Gru auf spanischem Boden, wirkte in -so merkwrdig anziehender Weise auf Ingo. Sie gaben sich mit -so gelassener Selbstverstndlichkeit die Hand, als wren sie gestern -erst auseinandergegangen.</p> - -<p>Der mehr als sechzigjhrige wrdige Herr war ein Freund des -Grokaufmanns und wurde als Konsul a. D. Ernst Bruck vorgestellt. -Es war ein Mann von Mittelgre mit schnem grauem Vollbart, -graublauen Augen und einer klaren, hohen Stirn. Htte er einen -Turban getragen, man htte ihn mit seinem tropisch gebrunten -Angesicht fr einen indischen Rajah halten knnen. Nur da sein -Wuchs nicht ragend genug und sein Benehmen bei aller ernsten -Ruhe einfach und ohne jede Pose war.</p> - -<p>„Also steigen wir ein, fahren wir ab! Gepck ist in Ordnung!”</p> - -<p>Frisch und hndereibend sprang der Spielmann in das Fahrzeug, -es war neuer Schwung ber ihn gekommen. Wieder im -Menschengewhl! Und Schaller hatte in seiner rauhen und lauten -Weise seiner aufrichtigen Freude Ausdruck gegeben, den durchgeistigten -Wanderer in seinem katalonischen Heim begren zu -drfen.</p> - -<p>„Leider sind einstweilen meine Fremdenzimmer besetzt,” entschuldigte -er sich, „und ich mu Sie ins Hotel bringen. Aber wenn -Sie sich ausgeruht haben, werfen Sie sich gleich in Frack und kommen -hinauf. Sie sollen eine festliche Versammlung finden. Es<span class="pagenum"><a name="Seite_81" id="Seite_81">[S. 81]</a></span> -gibt einen Knalleffekt, die Mdels werden an die Decke hpfen, -auer mir und Bruck ahnt niemand Ihre Nhe. Um sechs Uhr, -bitte! Bruck holt Sie im Auto ab. brigens fhrt er morgen mit -Frau und Tochter gleichfalls nach dem Montserrat, kann Ihnen -also Fhrer und Dolmetscher sein.”</p> - -<p>Whrend sich Schaller am Steuer durch das Menschengewimmel -der groen Stadt hindurcharbeitete, erzhlte der Konsul, -wie er seinen Freund vor einem Dutzend Jahren in Brasilien -kennen und als tatkrftigen Geschftsmann schtzen gelernt habe.</p> - -<p>„Ich baute damals eine Drahtseilbahn aus der Ebene nach -einem Bergwerk auf den Kordilleren”, sprach er mit seiner wohltnenden -Bastimme, in einer langsamen, sachlichen Bestimmtheit, -ohne jenes nervse Fieber, das dem modernen Menschen bis in -die tgliche Redeweise hinein das Geprge gibt. Er bildete einen -auffallend ruhevollen Gegensatz zu Schallers Temperament, bei -welchem man immer das Gefhl hatte, da er mit vorgerecktem -Kinn, Fusten und Ellenbogen um die Million kmpfe, unter der -berchtigten Losung, die seinen Angestellten nur allzu bekannt in -die Ohren klang: „Wer nicht pariert, der fliegt!”</p> - -<p>Der Konsul, gemchlich in die roten Lederpolster zurckgelehnt, -fate seinen Fahrtgenossen ins Auge und sprach:</p> - -<p>„Ich kenne Sie brigens schon. Meine Tochter, die viel liest, -hat mir aus Ihrem Buch ‚Heroismus’ vorgelesen. Und Schaller -erzhlte mir von Ihrem Gesprch ber die Titanic. Ich darf Ihnen -wohl gleich bekennen, da ich da ganz auf Ihrer Seite stehe.”</p> - -<p>„Die Titanic! Sie haben recht. Jene grauenhafte Katastrophe -hat mich an das tiefste Problem gemahnt, das ich schon -lange ungelst in mir herumtrage und neulich in Lourdes wieder -ernsthaft durchdacht habe: wie steht es um Tod und Jenseits? -Die moderne Menschheit wirft sich mit so viel Tatkraft auf so viele -Probleme — warum nicht auf dieses?”</p> - -<p>Der Konsul nickte.</p> - -<p>„Vielleicht grade weil die modernen Menschen zu tatkrftig, -zu unruhig sind. Man mte, um einen Zugang zu dieser Frage<span class="pagenum"><a name="Seite_82" id="Seite_82">[S. 82]</a></span> -zu finden, vor allem andren eine Entfieberung vornehmen, eine -Entgiftung. Nun, das mu man der hheren Fhrung berlassen. -In diesen Fragen stimme ich mit Freund Schaller nicht berein. -Ich selbst bin auch nicht unmodern, was Tatsachensinn anbelangt; -war Seemann, Ingenieur, Farmer, hielt mich als Konsul im Kaukasus, -dann in Indien und Brasilien auf und habe mich nun in -meiner Heimat Westfalen zur Ruhe gesetzt. Doch wir knnen ja -wohl ber diese Dinge noch in aller Ausfhrlichkeit auf dem Montserrat -hoffentlich recht ergiebige Gesprche fhren.”</p> - -<p>So waren sie die Rambla hinuntergefahren und hatten den -Gast im Hotel abgesetzt.</p> - -<p>Stein war durch Stand und Erziehung an die geselligen Formen -gewhnt, so da ihm der bergang von nachdenklicher Einsamkeit -zur geflligen Vielsamkeit nicht schwer fiel. Als er nun -vor Spiegel und Waschbecken den Eisenbahnru hinwegsplte, besah -er genauer als sonst seine uere Erscheinung. Eine grad und -gut gewachsene Statur, kurzes Blondhaar, milde mattblaue Augen, -ein ungestutzt voller Schnurrbart und von den Augenwinkeln zu den -Enden des etwas vortretenden Mundes zwei scharfe Linien, die -eine edle Nase flankierten und dem gesundfarbenen Gesicht im -Verein mit einer hohen und breiten Stirn geistige Strenge verliehen. -Doch sobald er nur wenig lchelte, verwandelte sich die -Strenge in sonnige, fast kindliche Gte; und gar sein lautes Lachen -war nach Tonfall und Aussehen von herzbezwingender Macht. -Neckerei wohnte gern in diesen Zgen und spielte oft um den -beweglichen Mund; aber Spott und Schrfe hatten darin keine -Wohnung; hchstens noch die Schwermut und eine gewisse vertrumte -Abwesenheit. Das zu kleine Kinn war der Gegensatz zu -Schallers Bulldoggenkiefer und zur modernen Menschheit berhaupt; -dieses Gesicht mit seinem hellen Leuchten, sobald es seelisch -und geistig belebt war, pate nicht in den Kampf aller wider alle. -So sah ein Sonnenbringer aus, ein Gtterbote aus dem Lande -des Vertrauens, kein pfiffiger Spher aus dem Lande der Konkurrenz.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_83" id="Seite_83">[S. 83]</a></span></p> - -<p>Er legte sich auf den Diwan, hatte noch ein Stndchen Zeit -bis zum Umkleiden und durchbltterte aufs Geratewohl die Gedichte -des Novalis, die er in der Tasche trug.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Darf nur ein Kind dein Antlitz schaun<br /></span> -<span class="i0">Und deinem Beistand fest vertraun,<br /></span> -<span class="i0">So lse doch des Alters Binde<br /></span> -<span class="i0">Und mache mich zu deinem Kinde!”<br /></span> -</div></div> - -<p>Wen meint der Dichter? Die Madonna meint er. „Ich sehe -dich in tausend Bildern, Maria, lieblich ausgedrckt” ... Da taucht -immer wieder die Jungfrau auf, das holde Urbild mtterlicher und -zugleich kindlicher Weiblichkeit, die der Welt das Genie schenkt: -denn aus den Augen des Kindes auf ihrem Arm leuchtet Geniefeuer. -Das Geheimnis des Lebens ist in den Augen dieses Kindes, -das den Tod berwunden und eine Bahn in den Kosmos zum -„Vater” erffnet hat. Ist die Jungfrau-Mutter Hterin des Lebensgeheimnisses? -Ist das Geheimnis der Geburt zugleich das Todesgeheimnis? -Warum ergreift mich so mchtig das Rtsel des Todes? -Warum ergreift mich so mchtig das Rtsel lebendiger Frauenschnheit? -Warum sehn' ich mich nach dem einen Weibe — und -nach dem einen Gral? Wo sind sie vereinigt? Wo sind Spielmann -und Gralsucher eins? Wo ist kein Zwiespalt mehr zwischen Leben -und Tod, zwischen Poesie und Religion, zwischen freudig erfatem -Diesseits und edel erkanntem Jenseits?</p> - -<p>Das Leichte und Frohe der Mozart-Mdchen hatte ihn, vor -seinen Augen herschwebend, mit magischer Gewalt nach Spanien -gelockt. In solchen Mdchen ist Glck, Wrme, Stille — waren es -vielleicht grade diese Eigenschaften, die er suchte, nicht die Mdchen -selber? War es das knospenhaft in sich Geschlossene der Jungfrau, -was so bezaubernd auf ihn gewirkt hatte?</p> - -<p>Jedenfalls war er entschlossen, heute abend eine Frage an -das Schicksal zu stellen und die Entscheidung zu erzwingen: er war -entschlossen, seine Briefe persnlich zu berreichen. Suberlich -waren die bedenklich warnenden Nachschriften der treuen Friedel<span class="pagenum"><a name="Seite_84" id="Seite_84">[S. 84]</a></span> -abgeschnitten und im Notizbuch verborgen. Er steckte die Briefe, -die noch vom blauen Band umflochten waren, behutsam in die -Tasche seines berziehers, dachte mit Dank und Teilnahme an die -ferne Freundin, fhlte sich aber unwiderstehlich vorwrtsgetrieben. -Sehenswert war gewi morgen der nun so nahe gerckte Gralsberg; -aber sein rauschhaftes Empfinden suchte zunchst einen andren -Gralsberg irgendwo da oben am Gebirgszug Tibidabo.</p> - -<p>Und rasch und neckisch vollzogen sich nun die Ereignisse.</p> - -<p>„Wissen Sie, woher der Name dieses Berges kommt?” fragte -Bruck, als sie miteinander in Schallers Automobil zum abendlichen -Fest hinauffuhren. „<span class="antiqua">Tibi dabo</span> ist lateinisch und heit ja wohl: -Ich werde dir geben. Nmlich alle Reiche und Herrlichkeiten der -Welt, wie der Versucher zum Heiland sagte, so du niederfllst und -mich anbetest. Aber der Heiland hat das freundliche Angebot dankend -abgelehnt. Es ist also der Berg der ahrimanischen Tuschung und -luziferischen Versuchung, wenn Sie wollen, der Berg irdischen Besitzes.”</p> - -<p>Der Konsul lachte sein sonores Lachen und schlo gelassen:</p> - -<p>„Unser weltkluger Materialist Schaller hat sich also seine Gralsburg -an einen recht passenden Ort gebaut.”</p> - -<p>Ingo, in Frack und Zylinderhut, eine Teerose im Knopfloch, -zwei Blumenstrue in Hnden, lachte mit und verga in diesem -Augenblick, da er selber ber den Schmerz einer kranken Freundin -hinber dem auf der Kugel schwebenden Glck nachjagte.</p> - -<p>„Ja ja,” sagte er, „ich erinnere mich seines handfesten Programms. -Erst die Million, dann die Seele!”</p> - -<p>„Stimmt!” lachte Brucks Bastimme. „Nmlich dem Teufel -die Seele, wenn der ihm dafr die Million gibt! Aber Schaller -ist gar nicht so schlimm, wie er manchmal tut. Auf die Zehen lt -er sich allerdings nicht treten. Teils durch Spekulation, teils durch -Arbeit und zuletzt durch Heirat zwingt er die Dmonen des Reichtums -in seinen Dienst.”</p> - -<p>Als Steins vornehme Erscheinung neben dem kleineren Bruck -die gewundenen Wege des Zaubergartens zu Schallers Burg<span class="pagenum"><a name="Seite_85" id="Seite_85">[S. 85]</a></span> -hinanstieg, war oben schon alles voll lustiger Gste. Deutsch, Franzsisch -und Spanisch klangen in allen Tonlagen durcheinander.</p> - -<p>Kaum in Sicht der Terrasse, wo sich die festlichen Menschen -in der Beleuchtung des Sonnenuntergangs bewegten, wurden die -Ankommenden vom Hausherrn selbst bemerkt.</p> - -<p>„Holla, die erste berraschung!” rief er. „Mdels, hierher! -Wen haben wir da? Den Troubadour!”</p> - -<p>Und er packte in seiner nervs-energischen Art die beiden -jungen Damen an den Armen und ri sie herum, dem Kommenden -entgegen, der den Zylinderhut zog, schon von weitem lachend -grte und dann seine Blumen berreichte.</p> - -<p>Martha wurde glutrot, die Jngste schlug in die Hnde.</p> - -<p>„Der Baron!” rief sie, denn er wurde gesprchsweise nur der -Baron genannt. „Martha, aber was sagst du nur! Hab' ich's -nicht gleich gesagt, den werden wir noch einmal sehen?! Danke -fr die schnen Blumen, aber warum haben Sie denn gar keine -Silbe mehr von sich hren lassen? Wir waren Ihnen schrecklich -bse! Martha war anfangs fast melancholisch. Ich auch!”</p> - -<p>„So mach' ich heute abend alles wieder gut,” lachte Ingo, -„ich werde grade zu Ihnen beiden verschwenderisch liebenswrdig -sein.”</p> - -<p>So begrte man sich, hell und vertraut. Ingo wurde mit -der Gesellschaft bekannt gemacht: da waren Brucks freundliche -Frau und krnkelnde Tochter; Schallers Teilhaber, ein knochiger -Geschftsmann, mit seiner Gattin, einer unendlich mageren und -unendlich grazisen Pariserin, ein Justizbeamter, ein Professor -der Musik, Kaufleute, Herren und Damen aus der Gesellschaft, -junge Deutsche, die in Barcelona geschftlich ttig waren und -sich an diesem Abend als Dolmetscher zwischen den zwei oder -drei Sprachen ntzlich machten. An wahren Schnheiten, das -bersah der gebte Ingo mit raschem Blick, war nur noch eine -echte Spanierin vorhanden, die den Namen Carmen trug und -ihre Rasse prchtig vertrat.</p> - -<p>Aber Martha, obschon verlegen und ungelenk, berstrahlte alle.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_86" id="Seite_86">[S. 86]</a></span></p> - -<p>Stein war gewohnt, sich rasch auf eine Gesellschaft einzustimmen -und den Ton zu treffen, der sich in das Menschenkonzert -einfgte. Als man bei einem Rundgang durch die Rume am -Flgel haltmachte und der Musiker einige Stze aus der Mondscheinsonate -zum besten gab, lie ihm Ingo durch den Dolmetscher -Komplimente machen ber seine romanische Umfrbung Beethovens, -und es entspann sich, mit Hilfe des geschickten Dolmetschers, -ein Gesprch ber Musik. Mit Carmens Eltern sprach er ber den -Unterschied zwischen Katalonien und dem brigen Spanien; man -stellte fest, da Provence und diese spanische Nordprovinz sprachverwandt -seien, und da beim Kongre der <span class="antiqua">flibres</span>, unter Mistrals -Fhrung, auch Kataloniens Dichtkunst vertreten war. Der vielgereiste -Ingo freute sich an den melodischen spanischen Lauten. -Und immer wieder, auch im Buschwerk des Kleingesprchs, wute -er durch irgendeine Lcke hindurch nach Martha zu sphen, die -aber den Blick nicht erwiderte.</p> - -<p>Er war ahnungslos.</p> - -<p>Er machte sich innerlich Vorwrfe, weil sein Geschmack feststellte, -da sie hier, auf dem Parkettboden der Gesellschaft, nicht -den gnstigen Eindruck besttigte, den er von ihr in Erinnerung trug. -Die Bewegungen der Elssserin waren — zumal neben der Pariserin -— von schwerflligem Rhythmus; sie glich einem zwar schlanken, -aber etwas tppisch laufenden russischen Windspiel; ihr Gesicht -war mehr treuherzig als geistvoll; auch unterhielt sie sich fast gar -nicht, sondern lie sich unterhalten. Er steuerte unauffllig durch -die belebten Gruppen und machte sich kundschaftend an Frau -Frank-Dubois heran, die ihm zur Tischdame bestimmt war.</p> - -<p>Die Herren boten den Damen den Arm; man zog zum Abendessen -unter die Arkaden, die unterhalb der Terrasse mit vielen -Sulen mrchenhaft angelegt waren, mit Lampions und Blumen -reizend verziert. Vier blinde Musiker aus Barcelona sorgten fr -Tafelmusik. Und nun ergossen sich, aus Silber, Porzellan und -Kristall, die Gensse der Tafel ber die sehr laute und heitere Gesellschaft, -wobei vor allem die Deutschen den sdlndischen Wein<span class="pagenum"><a name="Seite_87" id="Seite_87">[S. 87]</a></span>sorten, -vom dunkelsten Purpur bis zum edelsten Gold, mit Bewunderung -zusprachen.</p> - -<p>„Die lteste sitzt neben mir,” hatte ihm Schaller mitgeteilt, „dafr -hab' ich Sie zwischen Marthas Mutter und den Goldkfer gesetzt, -der fr Sie schwrmt! Auf der andren Seite haben Sie den Geisterseher -Bruck. Nehmen Sie sich also nach allen Windrichtungen in acht!”</p> - -<p>Und er hatte dem Baron zugeraunt, da er sich mit der elsssischen -Bourgeoisdame franzsisch unterhalten mge; sie halte das -fr vornehmer, und das Hochdeutsche falle ihr etwas schwer. Der -thringische Freiherr stutzte einen Augenblick; aber er war von -andren Dingen erfllt und sah in dieser wrdigen Dame vor allem -Marthas Mutter.</p> - -<p>„Madame,” sprach er, als sie bei Tisch saen, „gestatten Sie, -da ich Ihnen eine drollige Geschichte erzhle? Auch Sie, Mademoiselle, -meine muntere kleine Nachbarin, passen Sie auf! -Wissen Sie, Madame, da ich Sie und Ihre Tochter schon lange -kenne? Ich besuchte in Straburg im vorigen Herbst einen mir -befreundeten Schriftsteller; dieser Schriftsteller hat einen Roman -aus der Revolutionszeit geschrieben. In diesem Roman kommt -eine Leonie vor, die sich zuletzt mit einem etwas pedantischen Hauslehrer -verlobt. Als wir nun dort miteinander an einem groen -Platz — heit er nicht Broglieplatz? — vor einer Buchhandlung -standen, kam eine Dame in Pelz und schwarzem Kleid mit ihrer -schlanken Tochter vorber. ‚Sehen Sie sich die junge Dame an’, -bemerkte mein Freund: ‚so etwa sah Leonie aus.’ Das war in -Straburg. Und wen find' ich einige Monate spter an der Riviera? -Jene nmliche Leonie, die mir jetzt hier in Barcelona gegenbersitzt! -Ist das nicht eine nrrische Welt?”</p> - -<p>„<span class="antiqua">C'est charmant!</span>” rief die Junge. „Ich mu es gleich ber -den Tisch hinber Martha erzhlen.”</p> - -<p>Durch diese natrliche Art, sich zu geben, stellte Ingo rasch -einen vertraulichen Ton her.</p> - -<p>Aber mit Madame Frank-Dubois entspann sich nach und nach -ein immer khleres politisches Gesprch. Sie vertrat, mit mehr<span class="pagenum"><a name="Seite_88" id="Seite_88">[S. 88]</a></span> -Eigensinn als Begrndung, den Standpunkt eines Teils der elsssischen -Bourgeoisie, Anschauungen, die weder mit der Mehrheit des -elsssischen Volkes noch mit den deutschen Empfindungen des Thringers -harmonisch zusammenklangen. Er ahnte hier Klfte. Ihre -Tochter, uerte sie mit einem befremdlich anmutenden brgerlichen -Stolz, besuche nur franzsische Tennispltze und Gesellschaften.</p> - -<p>„Was hat sie denn davon?” fragte Stein trocken. „Sie schlieen -sich also vom deutschen Kulturgebiet ab?”</p> - -<p>„Wir sind Elssser.”</p> - -<p>„Gengt das? Mit diesem engen Grundsatz kommen ja die -Elssser in den Schmollwinkel.”</p> - -<p>„Fr einen Fabrikanten kann es ja wohl gleichgltig sein, wo -er sein Geld verdient.”</p> - -<p>„Ist der Mensch blo zum Geldverdienen auf der Welt? Hat -er nicht auch ein Vaterland?”</p> - -<p>„Bei uns Elsssern, die wir Verwandte in Frankreich haben -und morgen vielleicht wieder franzsisch werden — —”</p> - -<p>„Aha, <em class="gesperrt">damit</em> rechnen Sie also?! Glauben Sie denn wirklich, -Deutschland werde das mit so viel Blut erkaufte Elsa je wieder -herausgeben? Gestatten Sie mir einmal in allem Ernst die Frage: -Mchten Sie wieder franzsisch werden?”</p> - -<p>Madame Frank-Dubois zgerte; sie hatte sich nie viel mit -diesen Dingen beschftigt; sie machte eben mit, wie es in ihren -Kreisen guter Ton schien.</p> - -<p>„Franzsisch werden?” wiederholte sie gedehnt. „Das nun -grade nicht. Das wrde doch wohl wirtschaftliche Strungen mit -sich bringen. O nein, das eigentlich nicht! Nur — —”</p> - -<p>„Nur eben auch nicht deutsch, nicht wahr?” lachte Stein. „Also -weder Fisch noch Fleisch! Elssser — weiter nichts! O weh, wie -wrd' ich Ihr schnes Land bedauern, wenn es ein Zwitterding -wrde wie Luxemburg! Wissen Sie brigens, da auch ich elsssisches -Blut in den Adern habe? Eine meiner Urahnen war aus -dem oberelsssischen Adel und hat nach Thringen geheiratet. Sehen -Sie, damals sperrten sich die Elssser nicht ab!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_89" id="Seite_89">[S. 89]</a></span></p> - -<p>„Das sag' ich ja auch,” erwiderte Madame Frank-Dubois und -atmete auf, denn es war ihr bei diesem Gesprch nicht behaglich -gewesen, „drum geb' ich ja auch meine Tochter einem — —”</p> - -<p>Hier klopfte Herr Schaller, der besorgt in diese Politik herbergelauscht -hatte, hell und unternehmend ans Glas; und die erglhende -Martha senkte den Kopf. Er erhob sich in seiner ragenden -Gre und stemmte das Monokel ins Auge; sein khnes und festes -Herrengesicht glnzte wie die Rose in seinem Knopfloch; der studentische -Schmi glhte doppelt keck in der vielfarbigen Beleuchtung -der Lampions. Die Saitenmusik schwieg; das Tischgesprch ging -ber in erwartungsvolle Stille.</p> - -<p>„Meine Damen und Herren,” sprach er auf deutsch, bersetzte -aber sogleich jeden Satz mit eleganter Handbewegung ins Spanische, -„die erste berraschung des Abends bestand darin, da ich -Ihnen einen geistreichen Idealisten, den ich schtze und beneide, -heute abend zugefhrt habe.” Er winkte mit leichter Verneigung -dem Baron zu. „Ich fr mein Teil pflege offen meinen Realismus -zu bekennen, denn ich mache gar kein Hehl daraus, da mir -der Sperling in der Hand lieber ist als die Taube auf dem Dache. -Noch lieber ist mir <em class="gesperrt">die Taube</em> in der Hand als der Sperling -auf dem Dache. Und ich bin in der glcklichen Lage, Ihnen sagen -zu drfen, da ich ein Tubchen gefangen habe, eine schne weie -Taube, die fortan meine Arche Noah ber den Ozean des Lebens -geleiten wird. Meine Herrschaften, gestatten Sie mir, Ihnen meine -Braut vorzustellen, Frulein Martha Frank-Dubois!”</p> - -<p>Erstaunte Stille — dann ein brausendes Hoch in allen drei -Sprachen von allen Seiten des langen Tisches und der wunderlich -gemischten Gesellschaft! Es war ein Knalleffekt! Man hatte geahnt, -man hatte getuschelt; aber nur wenige waren auf die deutliche -Tatsache gefat gewesen. Alles drngte nun zu dem Brautpaar -heran, Glser klangen, Glckwnsche flogen, Umarmungen -fluteten ber die Braut herab; und mehr als ein Tropfen des kstlichen -Getrnkes spritzte auf Tisch und Teppich.</p> - -<p>Stein sa vom Donner gerhrt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_90" id="Seite_90">[S. 90]</a></span></p> - -<p>Der Trinkspruch hatte ihn einfach niedergeschmettert.</p> - -<p>Die Andeutungen der Jngsten whrend des Abends hatte -er nicht verstanden oder auf sich bezogen; da etwas in der Luft -lag, hatte er nur vorbergehend empfunden. Jetzt sa der Troubadour -mehrere Sekunden mit buchstblich offenem Munde und starrte -sein entzaubertes Ideal an, das sich mit der rosig verschnten Anstandsmiene -eines gut erzogenen Mdchens erhoben hatte und -Umarmungen ber sich ergehen lie.</p> - -<p>Dann aber kam ihm seine gesellschaftliche Schulung zu Hilfe. -Er sprang auf, schlug in die Hnde und rief immer wieder: „Groartig!”, -kte der Mutter die Hand, ri die Kleine bermtig ans -Herz und nahm sie mit hinber zur persnlichen Beglckwnschung. -Denn alle Tischordnung war auf eine Weile zerbrochen.</p> - -<p>„Htt' ich eine Ahnung gehabt!” rief er drben. „Ich htte -mir's nicht nehmen lassen, mit Reim und Lautenklang das festliche -Ereignis zu feiern.”</p> - -<p>„Es wre zu nett, wenn Sie Ihre Laute mitgebracht htten”, -versicherte die Braut mit schicklicher Hflichkeit.</p> - -<p>Und so lachten sie und plauderten inhaltlose Sachen und bedauerten -das Fehlen der Laute und schttelten Hnde und gingen -nachher, als Schallers Geschftsteilhaber ans Glas klopfte, um -kurz und korrekt zu beglckwnschen, wieder an ihre Pltze. Die -Woge der Festfreude legte sich einen Augenblick, schwoll aber immer -wieder an; einige Mtter seufzten, da ihnen der reiche Kandidat -entgangen war, Steins Herz hmmerte, die Jugend war elektrisiert -— und alle miteinander strahlten, schwatzten, lachten und -zechten um die Wette.</p> - -<p>Es wurde getanzt. Der Troubadour phantasierte spter, als -sich die Gesellschaft verteilte, so toll am Flgel, da der spanische -Professor vor Begeisterung aus dem Huschen geriet. Schaller -lie sich die „Rosenlieder” singen, sein Leiblied; denn er wurde -sentimental. Dann tanzte man wieder zur Musik der Blinden; -die jungen Leute fhrten ein harmlos Scherzspiel auf; man trank -smtliche Spirituosen durch — bis lange nach Mitternacht der Halb<span class="pagenum"><a name="Seite_91" id="Seite_91">[S. 91]</a></span>mond -ber Meer und Montjuich stand. Stein machte allen halbwegs -hbschen Damen ebenso unbedenklich wie liebenswrdig den -Hof; verliebte Paare lustwandelten im Garten; er glaubte sich zu -entsinnen, Hnde, Wangen und Lippen gekt zu haben, sogar die -leider nach spanischer Unart gepuderte und geschminkte Carmen.</p> - -<p>Gegen Morgen sa er schweren Hauptes in einem Automobil, -hatte jedoch Besinnung genug, nach dem berzieher zu tasten, ob -die provenzalischen Briefe noch darin wren. Ja, da waren sie noch -wohlbehalten an Ort und Stelle. Und so glitt er denn auf lautlosen -Gummireifen mit seinen Briefen und mit seinem Rausch ins -Hotel zurck, wo er lachend ankam und immer vor sich hinrief:</p> - -<p>„O Troubadour! o Troubadour!”</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 160px;"> -<img src="images/p091_deco.png" width="160" height="172" alt="" /> -</div> - - -<!-- p class=""><span class="pagenum"><a name="Seite_92" id="Seite_92">[S. 92]</a><br /><a name="Seite_93" id="Seite_93">[S. 93]</a></span></p --> - - - - -<h2 class="pagebreak padb8"><small>Zweiter Teil</small><br /> - -<big>Ingos Einkehr</big></h2> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_95" id="Seite_95">[S. 95]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p095_deco.png" width="600" height="49" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Siebentes Kapitel</small><br /> - -<big>Der Gralsberg Montserrat</big></h3> - -<div class="cite"> -<p class="noindent"> -Wer ist der Gral?</p> -<p class="right">Das sagt sich nicht.</p> -<p class="noindent">Doch bist du selbst zu ihm erkoren,<br /> -Bleibt dir die Kunde unverloren.</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Richard Wagner</span> -</p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p095_cap.png" alt="I" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">I</span> -n stiller Gre walten ber den wechselnden Schicksalen -der Menschheit die Genien der Gte und die Meister der -Innerlichkeit.</p> - -<p>Nicht ist es ihre Sache, sich um den Haushalt des Alltags oder -das Getriebe der Gattung zu kmmern; das besorgen andre Geister -und Dmonen, ruhelos den Erdball umdrngend.</p> - -<p>Aber die Meister warten. Die Meister warten auf einzelne -erwachende Seelen. Und wenn ein Gralsucher sich losringt von -den Trieben der Masse und fortan seinen persnlichen Weg sucht, -so senden sie ihm ermunternd und beratend einen Lichtboten.</p> - -<p>„Dort ist ein Suchender deiner Teilnahme wert, lieber Bote”, -sagen dann die Meister. „Geh hinab, werde sein Schutzgeist! Arbeite -an seinem Herzen, durchdring' ihn mit dem Bewutsein ewigen -Wertes! La ihn stolz sein, doch ohne Hoffart! Sag' ihm, da nicht -Titanenwille den Gttersitz erobert! Denn wir sind es, die den -durch uns hindurchrinnenden gttlichen Strom weiterschenken; aber -wir schenken nur dem, der zur Erkenntnis stiller Gre nach Kampf -und Irrfahrt reif geworden. Geh hin, lieber Bote, tue dein Werk!”</p> - -<p>Und die Lichtboten tauchen tatenfroh hinab in die Lebensfluten -der Erde.</p> - -<p>Wenn aber Boten des Lichtes vorberziehen an den Gestaden -der Dsternis und der Vernchterung und der Weichlinge, die an -des Lebens Wrde verzweifeln, so strahlt in doppelter Schnheit -der Gottesboten Gesicht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_96" id="Seite_96">[S. 96]</a></span> - -Sie drehen der flammenden Schwerter flache Klinge dem Gestade -zu, so da ein Widerstrahl von dem kraftvollen Silber hinberblitzt -in das Land der Dumpfheit.</p> - -<p>Da hebt dort einer oder der andre sein Haupt: „Wer zieht vorber? -Wer hofft noch? Wer wagt noch an Freiheit und Freude -zu glauben in diesem Rderwerk der Fronen?”</p> - -<p>„Ich, mein Bruder!” flammt es zurck. „Und sieh her, wie -meine Muskeln straff und meine Blicke voll Mut sind und mein -Atem den Busen schwellt! Sieh her, wie mir wonnig und wohl -ist, weil ich wandeln darf als Bote der Gottheit!”</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>„Bis jetzt haben Sie Laute gespielt oder Klavier, Herr Spielmann”, -sagte der Konsul. „Aber Sie kennen noch nicht die Macht -und Tiefe der Orgel. Wie die Orgel zur Laute, so verhlt sich der -Montserrat zur Wartburg. Was Sie mir soeben aus Ihren Blttern -ber Lourdes vorgelesen haben, lt mich annehmen, da Sie -dort eine erste Weihe empfangen durften: das heit, eine Ahnung -von den hheren Gesetzen, die hinter dem Sichtbaren walten. Vielleicht -gibt Ihnen dieser Berg eine zweite Weihe. Und das Leben -selber hernach die dritte und beste.”</p> - -<p>Sie saen bereits in der Bahn, als diese Worte gesprochen -wurden. Das Reiseziel der Familie Bruck und des Spielmanns -war nicht mehr fern.</p> - -<p>Der Felsenberg Montserrat erhebt sich einsam und majesttisch -aus den Hgeln der katalonischen Landschaft.</p> - -<p>Nhert man sich an duftigem Sonnentage von Barcelona her -dem Stdtchen Monistrol im vielgewundenen Tal des Llobregat, -so scheint sich pltzlich am Horizont ein Wolkengebirge zu trmen. -Man spht genauer — und man entdeckt mit erhabenem Staunen: -es sind keine Wolken, es sind Felsen!</p> - -<p>In abenteuerlichen Steinformen zackt sich der gewaltige Berg -wie eine Walhalla aus den Dnsten des Flachlandes empor. Sein -Name ist Montserrat, das heit Zackenberg, weil wie die Zhne -einer Sge diese Kammlinie zerrissen und zerschnitten ist. Und um<span class="pagenum"><a name="Seite_97" id="Seite_97">[S. 97]</a></span> -so wirksamer ist der langgestreckte und hohe Felsenbau, weil er sich -einsam mitten in wenig hohen, zerwaschenen Lagerungen der katalonischen -Lehmhgel erhebt.</p> - -<p>Die Phantasie gesellt sich hinzu und verbindet mit dieser Sttte -eine der tiefsinnigsten Legenden.</p> - -<p>An diese hohe Felsenburg heftet sich eine Sage, die aus keltischen -Bezirken stammt. Der Montserrat ist der mittelalterliche -Montsalvat oder Munsalvaesche der Gralsage.</p> - -<p>Dem Gralsucher Ingo von Stein war der Gral, dieses geheimnisvolle -Becher-Kleinod, das verjngende Kraft gibt, lange -schon anziehend und bedeutsam. Er fhlte lngst den unbestimmten -Drang, durch Klingsors Grten und Blumenmdchen hindurch diesen -schwer zu erreichenden Einsiedlerberg zu besuchen. Doch ohne -Kenntnis des Spanischen ist die Fahrt zum Montserrat beschwerlich. -Es ist oben, auf einer Felsenterrasse, eingenistet in eine Schlucht, -nur ein groes Benediktinerkloster mit allerlei umfangreichen wirtschaftlichen -Gebuden und Logierhusern. Ein Gasthaus nebst Kaufladen -ist zwar auch vorhanden, aber kein eigentlicher Hotelbetrieb, -nur einige Laienbrder, die das Gepck besorgen. Die Gste, -die familienweise kommen, erbitten sich je nach ihrer Kopfzahl in -irgendeinem der Logierhuser eine Wohnung und bereiten in der -dazu gehrigen Kche ihr Essen selber. Durch ein schickliches Trinkgeld -entschdigt man das Kloster fr die Gastfreundschaft. So sind -dem einzelnen Auslnder die Zugangsbedingungen erschwert; doch -um so ungehemmter kann er sich dann der Einsamkeit des Berges -berlassen.</p> - -<p>„Ich glaube gelesen zu haben,” uerte Stein, als er mit der -Familie Bruck auf der gewundenen Zahnradbahn im Schatten der -Felsenwnde hinauffuhr, „da schon Wilhelm von Humboldt begeistert -von diesem Berge gesagt hat, er habe nie einen hnlichen -Anblick genossen, denn an dieser Sttte vereinige sich alles, was -einer Landschaft Gre und Schnheit zu geben vermag.”</p> - -<p>„Sie werden staunen”, sagte der Konsul. „Ich war schon vor -Jahren oben.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_98" id="Seite_98">[S. 98]</a></span> - -„Im brigen mu ich Ihnen gestehen, da ich Spanien nicht -sehr liebe”, fuhr der Troubadour fort. „Es ist Grausamkeit in diesem -Volk der Stierkmpfe; sie haben Peru und Mexiko vernichtet, -waren mit Bluthunden hinter den Indianern her, haben Torquemada, -Alba und die Inquisition erzeugt — ein fanatisches Land, -kein Land der Liebe!”</p> - -<p>„Immerhin, sie hatten auch den Vorkampf gegen die Mauren”, -fgte Bruck ausgleichend hinzu und strich nachdenklich seinen Druidenbart. -„Sie haben in ihrer Art, unter dem Cid zum Beispiel, den -Gral des Christentums gegen die Araber behtet.”</p> - -<p>„Das ist wohl wahr”, rumte Ingo ein. „Aber es saen damals -Germanen in Spanien: Goten. Und erst im mittelalterlichen -Deutschland hat sich der Gralsgedanke vertieft. Es ist vielleicht eine -europische Mission der Germanen, solche Gedanken zu pflegen und -wachzuhalten. Wolfram von Eschenbach hat sie nach Deutschland -getragen, Richard Wagner hat die alte Burg neu erbaut im Herzen -moderner Kultur und Kunst.”</p> - -<p>„Wer ist der Gral?” zitierte Brucks belesene Tochter aus Wagners -Parsifal. „Das sagt sich nicht; doch bist du selbst zu ihm erkoren, -bleibt dir die Kunde unverloren.”</p> - -<p>„Waren Sie in Bayreuth?”</p> - -<p>„O ja! Und sahen den Gral und das Nibelungengold.”</p> - -<p>„Wunderbare Gegenstcke! Der Edelstein des Heils — und das -Gold des Unheils! Jener kommt aus der Hhe — dieses aus den -Tiefen. Dort eine Taube — hier ein Drache. Wunderbar!”</p> - -<p>„Ja, und dort Reinheit, hier Begierde. Man kann sagen, da -Parsifal ein geluterter und erlster Siegfried ist. Auch der Drachentter -hat einen Speer, ttet damit und wird gettet. Aber Parsifals -Speer heilt.”</p> - -<p>Ingo und Bruck verstanden sich erstaunlich in der Deutung -dieser tiefen Symbole; sie nahmen einander frmlich das Wort -von den Lippen und setzten sofort ein, wo der andre aufhrte. Im -hochgebildeten Freiherrn von Stein wurde die einfach-groe -Madonnen-Stimmung von Lourdes wieder lebendig; es arbeitete<span class="pagenum"><a name="Seite_99" id="Seite_99">[S. 99]</a></span> -etwas in seinem ganzen Organismus. Sein Zustand war kein -Denken, sondern mehr als dies, auch das Denken umfassend: sein -Zustand war einsaugendes Erleben. Und Bruck selber, einem alten -Barden an Gestalt nicht unhnlich, schien gefllt zu sein mit solchen -Gedanken, deren plastische Kraft durch sich selber und ohne Beweis -berzeugte.</p> - -<p>„Da nach der Sage so viele Ritter das Kleinod des Grals gesucht -haben,” sprach der Freiherr, „so mu es sehr schwer zu erringen, -sehr kostbar und sehr geheim sein.”</p> - -<p>„Das Einfachste ist meist das Schwerste”, warf Bruck ein.</p> - -<p>„Ja, denn diese grozgige Einfachheit ist eine Summe von -tiefsinnigen und verwickelten Dingen, aber ins Klare gebracht”, -fuhr Ingo fort. „In einem Tautropfen spiegelt sich eine ganze -Umwelt. Und so ist wohl der Gral gesammelte Kraft.”</p> - -<p>„Ganz gewi, und zugleich Heiligkeit, Lebensheiligung, denn -er hngt mit dem Karfreitag zusammen.”</p> - -<p>„Sehr wahr, er ist eine Mischung aus keltischer Sage und christlicher -Legende. Die Sage vom Wunschgef — vom Tischleindeckdich -— vereinigte sich mit der Kunde von jener heiligen Schale, -aus der das letzte Abendmahl gehalten worden und in die Joseph -von Arimathia Christi Blut aufgefangen hat. Die Sage ist also -ritterlich und religis zugleich. Welt und Himmel, Abenteuer und -Gebet, Phantasie und Ethik! Ja, bis ins alte Indien fhrt sie -zurck: das Wunschgef, das so viel Segen gibt, soll die Sonne -selber sein, aus den Drachenwolken herausgekmpft von Indras -Speer.”</p> - -<p>„Da dieses leuchtende Kleinod aus den geistigen Welten kommt, -hat man es sogar fr einen Meteorstein gehalten,” fgte Bruck -hier lchelnd ein.</p> - -<p>„Und Munsalvaesch mag man ja von <span class="antiqua">sauvage</span> ableiten und -als Wildenberg deuten”, meinte Ingo. „Doch sinniger deucht mir -die Ableitung von <span class="antiqua">salvus</span>: Heilsberg.”</p> - -<p>„Ein materialistisches Geschlecht hat das Geheimnis des Grals -verloren”, schlo der Konsul und schaute ernst an den Tempel<span class="pagenum"><a name="Seite_100" id="Seite_100">[S. 100]</a></span>mauern -dieses gigantischen Berges empor. „Denn sie haben heute -weder Ehrfurcht noch Heiligtum und mten in einer neuen -Mysterienschule erst wieder nachdenksame Einsamkeit lernen.”</p> - -<p>Als sie hinaufkamen vor die groen, vielstckigen und mehr -massiven als schnen Huserkasten aus rtlichem Stein, die sich unter -berhangenden grauen Felsen neben Kloster und Kirche ausbreiten, -verhandelte der Konsul mit den Angestellten und lie sich eine Wohnung -von zehn Zimmern ffnen, so da jede Person zwei Zimmer -zur Verfgung hatte. Ein Vorraum und ein Ezimmer in der -Mitte blieb dem gemeinsamen Gebrauch vorbehalten; die Betten -wurden berzogen; ein Glasschrank enthielt die ntigen Glser -und Geschirre.</p> - -<p>Und nun war man behaglich allein in dem fast noch unbewohnten, -groen, hallenden Hause, das nur im Hochsommer mit Flchtlingen -aus der Bruthitze der Ebene berfllt zu werden pflegt. -Frau Bruck hatte ihr Dienstmdchen mit; es knisterte bald in der -Kche; und Ingo sa, als Gast dieser ernstgestimmten Familie, -mitten in Spanien an einem deutschen Tisch.</p> - -<p>Die Frauen, von huslichem und unaufflligem Wesen, beide -mit warmen braunen Augen, deren Blick wohl tat, zogen sich frh -zurck. Die Tochter, eine junge Witwe, barg irgendeinen Lebenskummer, -auf den man aber nicht zu sprechen kam. Die beiden -Mnner packten ihre Lodenmntel aus und schritten dann miteinander -in den khlen Abend, eingehllt wie Mnche, um in der -Kirche dem berhmten Vespergesang zu lauschen.</p> - -<p>Denn die Mnche des Montserrat sind berhmt durch ihre -Musikschule. Sie unterrichten dreiunddreiig Knaben als Schler; -nur begabte Jugend wird dieser Ehre teilhaftig. So kann man -dort im Zauberdunkel der Kirche, besonders abends, eindrucksvolle -Kirchenmusik vernehmen; biegsamen und hellen Knabenstimmen -antworten mnnliche Gegenchre der Mnche; beide Gruppen bleiben -unsichtbar; und die Begleitung der Orgel wird verstrkt durch -ein kleines Orchester. So ist der ganze Raum, in dem nur wenige -Beter anwesend sind, erfllt von gregorianischer Kirchenmusik.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_101" id="Seite_101">[S. 101]</a></span></p> - -<p>Auch hier bildet die Statue einer Jungfrau den Herzpunkt der -Kirche: eine Madonna, angestrahlt von vielen Kerzen. Sie steht -ber dem Altar unter einem goldverzierten Bogenwerk, inmitten -eines maurisch-byzantinischen Chors, der von Gold funkelt. Die -Jungfrau ist bltenwei gekleidet, das Kleid bauscht sich nach unten, -viele Kerzen vereinigen ihre Leuchtkraft: aber ihr Gesicht ist schwarz. -Das Maurische des Chors und die Schwrze der Jungfrau wirken -fremdartig und orientalisch.</p> - -<p>Dieses hchste Heiligtum Kataloniens entstand vor einem Jahrtausend -im Grenzkampf zwischen arabischer und christlicher Kultur, -zwischen semitischen und christlichen Vorstellungen. War es das Erbe -vielleicht schon eines phnizischen oder vorarischen Heiligtums? Der -Berg ist ja ein riesenhafter Altar. Es saen zur Zeit der Maurenkmpfe -Goten in Spanien; Gundomar hie der Bischof, unter dem -vor tausend Jahren das Bild gefunden wurde. Die schwarze Holzfigur -soll aus Palstina stammen und war in einer Hhle des Berges -verborgen; noch heit die Grotte <span class="antiqua">cueva de la virgen</span>; Hirten sahen -dort jeden Sonnabend einen Glanz — man drang mhsam vor -und fand diesen heiligen Gegenstand. Eine Grotte und eine Madonna -auch hier — wie dort in Lourdes!</p> - -<p>Von einem Gral wei diese kirchliche Legende nichts. Man -mte denn dieses wohlbehtete, angeblich aus Palstina stammende -Jungfrauenbild als einen heiligen Gral ansprechen; wobei die ehemaligen -Einsiedler als Gralsritter zu betrachten wren.</p> - -<p>Der Konsul erzhlte dies alles.</p> - -<p>„Es waren einst”, fuhr er fort, „da oben auf dem weitgedehnten -Felsenberg, noch hher als das Kloster, zwlf Einsiedeleien ber -den Montserrat zerstreut, mit einer dreizehnten — Santa Anna — -in der Mitte, worin der lteste und wrdigste dieser Eremiten wohnte, -whrend immer der jngste die fernste und steilste Klause — San -Jeronimo — zugewiesen bekam. Nun ging damals ber den ganzen -Berg ein sogenanntes ewiges Gelute. Um zwei Uhr morgens -gab die Klosterglocke das Zeichen: die Mnche erhoben sich und -zogen zu Gebet und Gesang in die Kirche; nach bestimmter Zeit<span class="pagenum"><a name="Seite_102" id="Seite_102">[S. 102]</a></span> -nahm die nchste Einsiedelei Glockenzeichen und fromme bung auf; -und in genauer Reihe und Zeitfolge setzte sich das fort, bis um -Mitternacht San Jeronimo den Beschlu machte. An bestimmten -Tagen und Stunden vereinigten sich alle Eremiten bei Santa -Anna, im Mittelpunkte des Hochtales; von dort wanderten sie -nach einem Felsenvorsprung, von wo das Kloster sichtbar war, und -sangen das <span class="antiqua">salve regina</span> herunter. Viele bte und andre hohe -Geistliche haben sich nach arbeits- und studienreichem Leben hierher -zurckgezogen und sind Einsiedler geworden, oft von Knigen -und Frsten in ihrer Stille besucht und um Rat gefragt. So ist -die Luft dieses Berges magnetisiert von heiligen Gedanken. Und -Loyola folgte einer richtigen Ahnung, als er sich nach seiner Bekehrung -hierher begab und in dieser geweihten Luft seine berhmten -Exerzitien schrieb. Denn dieser Berg hat viel Magnetismus, -ich spre das.”</p> - -<p>Stein saugte mit erstaunten Sinnen diese absonderlichen Dinge -ein. Der Montserrat, dessen sich jetzt die Nacht bemchtigte, wurde -immer sprechender und merkwrdiger. Diese Felsengebilde da oben -waren Statuen; hatte ein Urvolk seine Gtter in Stein gehauen?</p> - -<p>Die beiden Wandrer fhlten sich erhaben gestimmt von der -ungewhnlichen Kirchenmusik und ergingen sich auf dem uersten -Vorsprung, wo ein Denkmal an jenen spanisch-franzsischen Kampf -aus der napoleonischen Kriegszeit erinnert, dem die Einsiedeleien -zum Opfer gefallen, nachdem ein franzsischer General von San -Dismas herab das damalige Kloster in Grund und Boden geschossen -hatte.</p> - -<p>Unter dem Schein des wachsenden Mondes erhhte sich noch -das Phantastische der Felsformationen. Und phantastisch antwortete -dem Berge das verschnrkelte Land mit dem Flulauf des -vielgekrmmten Llobregat. berall ausgeschwemmte Tonerde, -mit kahlgewaschenen Felsenzgen dazwischen, voll von Runzeln -und Schrunden, einer Mondlandschaft nicht unhnlich.</p> - -<p>„Abenteuerlich!” rief Stein. „Man ist in einer Mrchenstimmung, -ganz dem Gewhnlichen entrckt!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_103" id="Seite_103">[S. 103]</a></span> - -„Und eine abenteuerliche Situation!” fgte er fr sich selber -hinzu, als er sich nachher in der eisernen Bettstelle dehnte. Er -schaute sich noch einen Augenblick in dem schmucklosen weigetnchten -Zimmer um und lschte dann die Kerze.</p> - -<p>Grimmig zog er die Wolldecke um die Ohren und lachte grimmig -ber den Schabernack, den ihm das Schicksal da unten in Barcelona -gespielt hatte. Bitterkeit lag nicht in seiner Natur; aber -Wehmut wuchs im Laufe der lautlos ruhigen Nacht. Kein Gerusch -der Ebene drang an sein Ohr; nur in ferner Schlucht vernahm er -den Gesang einer Nachtigall. Die Steingiganten ber ihm hielten -ritterliche Wacht; der unvollkommen leuchtende Mond warf die -langen Schatten dieser Ritter den mitternchtigen Berg entlang. -Welche Wirkungen des Mondes!</p> - -<p>So lag er lange wach und horchte in die groe Nacht und glaubte -der Erde und seinem bisherigen Leben entrckt zu sein — auf -einen Felsen geschwemmt, wie ein Schiffbrchiger der Titanic.</p> - -<p>Nach und nach gestaltete sich diese erste Nacht auf dem Montserrat, -hoch ber den Eisenbahnpfiffen der unruhigen Erde, zu einer -stillen Rckschau.</p> - -<p>Er zog die Summe seines bisherigen Lebens.</p> - -<p>Vor fnf Jahren hatte sich Ingo von Stein in den Grten am -Horn zu Weimar eine Wohnung eingerichtet, hatte Bibliothek, Klavier, -Gemlde, Bsten, Fernrohr und andre Dinge geschmackvoll -untergebracht und gedachte nun seinem Ideal einer persnlichen -Universalbildung schaffend nachzuleben. Doch die Meister seines -Schicksals waren damit noch nicht einverstanden. Sie stellten Friederike -von Trotzendorff zwischen ihn und seine Braut. Und als Friedels -geniale Natur alle Register ihrer Phantasie- und Gefhlsromantik -zog, trat die herbe, gefhlskeusche, etwas menschenscheue -Elisabeth still zurck; der Briefwechsel mit ihr entschlief; sie wurde -Krankenschwester beim Roten Kreuz und begab sich spter zu ihrer -Schwester nach Pommern. Aber das Kleeblatt bereiste Italien und -England, ging allsommerlich nach Bayreuth und Tirol oder an die -See; und der Statistiker und Soldat Richard war glcklich, da<span class="pagenum"><a name="Seite_104" id="Seite_104">[S. 104]</a></span> -die gern fliegende Gattin einen Flugkameraden gefunden hatte. -Ingo selber tat tiefe Einblicke in den Reichtum, die Zartheiten, die -Wunderlichkeiten einer Frauenseele und wurde durch diesen Bund -im Innersten gefrdert, ja — wie sie oft scherzend sagte — mit -Genialitt angesteckt. Bis dann diese Kameradschaft, durch zwei -harmlose Mdchen, in der Provence und am Fue der Pyrenen, -in der bisherigen Form zerschellte. Und — seltsame Fgung! — -gleichzeitig trat Elisabeth wieder in Sicht! Und zwar dort in Lourdes, -inmitten der ernsten Krankenstimmung, die so viel stille Kraft entfaltet, -dort bei Bernadette und ihrer wundersamen Madonna! Die -heitre Schar der Troubadours — und dann die ernste Schar der -Kranken von Lourdes: — welch ein Gegensatz!</p> - -<p>„Seltsam das alles!” dachte der Gralsucher. „Elisabeth, die -Krankenpflegerin, hat sich immer dem Lebensernst gestellt und war -auf soziale Frsorge gestimmt — doch Friedel und ich? Wir sind -immer davongeflogen in heitre Gefilde. Kann es da keinen Ausgleich -geben? Damals wr' ich Spiebrger geworden, htt' ich -mich mit Elisabeth in jenes gemchliche Heim eingelullt — aber -jetzt? Sind heimliche Fhrer ber meinem Leben? Haben sie -Friedel benutzt, wie sie sich jetzt der Mozart-Mdchen bedienten? -Ach, ihr seid mchtiger als ich! Ihr fhrt mich im Zickzack durch -die Welt, foppt mich mit hbschen Gesichtern — und werft mich -zuletzt auf diesen einsamen spanischen Berg, nachdem ihr mir Elisabeth -und Friedel und diese kleine Martha genommen habt! Ist -das der Gral? Ist dies nun das unbekannte Land, das ich suche?”</p> - -<p>Immer wieder blitzte in seine beginnende Schwermut der Gedanke -hinein, es sei dennoch planmige Fhrung hherer Mchte, -die hinter dem Sichtbaren stehen.</p> - -<p>„Ist der Gral vielleicht gar keine fertige Sache — so wenig -wie jener Tempel? Kristallisiert er sich vielleicht in uns nach und -nach? Und leuchtet dann als ein Licht inmitten des Lebenstempels, -den wir selber nach und nach aufbauen?!”</p> - -<p>Er rollte sich qualvoll in seiner Wolldecke hin und her; Sinnenhunger, -Lebenshunger, Gestaltungsdrang glhte in dem gesunden<span class="pagenum"><a name="Seite_105" id="Seite_105">[S. 105]</a></span> -jungen Manne, der hier vereinsamt, von weiblicher Liebe verlassen, -auf dem weltfernen Montserrat lag. Denn nicht mit Bausteinen -der Romantik allein baut man die Gralsburg, sondern nur aus der -Flle wirklichen Erlebens ...</p> - -<p>In der gleichen Nacht schaute der wachsende Halbmond in das -Fenster eines Sanatoriums in Mnchen, wo eine schne Frau bei -elektrischem Licht schlaflos lag und unter Schmerzen der Seele und -des Krpers umsonst zu lesen versuchte.</p> - -<p>In der gleichen Nacht kauerte ein halbwchsiges Mdchen zu -Barcelona im Nachtgewand auf dem Bettrand der lteren Cousine -und unterhielt sich mit ihr darber, da der Baron eigentlich noch -netter wre als Onkel Schaller, und da ihn Martha gewi genommen -htte, wenn er ein wenig frher gekommen wre. Und -unten sa Madame Frank-Dubois mit Marthas Brutigam zusammen -und rechnete ihm vor, da sie ihrer einzigen Tochter vorlufig -rund hunderttausend Mark mitgeben knne.</p> - -<p>In der gleichen Nacht stand in Thringen die hohe Gestalt des -Frulein Elisabeth von Stein-Birkheim am Bett ihres schwerkranken -Vetters und gab der neuen Krankenschwester Anweisung, -wie der Kranke zu pflegen und zu bekstigen sei, da sie selbst am -andren Morgen mit der leidenden Mutter an den Genfer See -reisen mute. Dann fuhr sie spt in der Nacht im Wagen durch -den Mondschein nach Hause und empfand es in stillem Hintrumen -als ein groes Glck, Leidenden helfen zu drfen. „Es ist auch -eine Form von Liebe”, fgte sie leise hinzu, nistete sich in ihren -Pelz ein und schlo seufzend die Augen.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>„Wir zwei werden heut' allein den Gralsberg besteigen”, -sprach Konsul Bruck am andren Morgen. „Meine Damen lassen -sich entschuldigen, sie sind mde und mchten einstweilen ausruhen.”</p> - -<p>Also nahmen die beiden Herren Lebensmittel in den Rucksack, -Lodenmntel auf den Arm, Stock in die Rechte und stiegen durch<span class="pagenum"><a name="Seite_106" id="Seite_106">[S. 106]</a></span> -Morgennebel eine schmale Schlucht empor zu den Ruinen der -Einsiedeleien.</p> - -<p>Diese Schluchten sind ppig durchwachsen mit Efeu, Rosengebschen, -Buchsbaum und Steineichen nebst andren Bumen und -Bschen dieses pflanzenreichen Landes. Die Stufen sind neu zurechtgehauen, -enge Stellen zwischen den Felsen sind erweitert. So -kommt man, wenn man die letzte schmale Felsenpforte berschritten -hat, pltzlich in ein wildschnes Hochtal hinan, in dessen Mitte die -sprlichen Trmmer der Einsiedelei Santa Anna liegen, und das -aufs neue von gigantischen Felsen umstanden ist — ein doppelt -groartiger Anblick, wenn die mchtigen Steingebilde durch ziehende -Nebelwolken hindurch sichtbar sind.</p> - -<p>Diese Felsen sind rundbuchig und kegelfrmig, oft in dichten -Gruppen aneinandergebacken; sie sehen manchmal aus wie Donjons -und Bastionen; dann sitzt es wieder wie ein verzauberter -Kopf auf der unteren Sule; und oft scheint ein riesiges Profil -herberzudrohen aus diesen grauen, kieseldurchsetzten Monolithen, -aus diesen versteinten Termitenhaufen. In einzelnen Ballen wirbelt -der Nebelrauch vorber, als stnde jenseits des Montserrat -eine Welt in Brand. Grn und grau im Wechsel sind die Farben -dieses Hochlandes, das vor Winden geschtzt und nur nach Osten -offen ist, wo jetzt die Sonne durch die Nebel zu brechen sucht.</p> - -<p>Von einem Vorsprung zur Rechten aus entdeckt man noch -einmal unten die Klostergebude; hier war es, wo die dreizehn -Einsiedler das <span class="antiqua">salve regina</span> zum Heiligtum hinuntersangen. Und -hier, auf diesen sprlichen Mauerresten, standen Eremitage und -Kapellen von Santa Anna. Weiter oben sind die Trmmer von -San Benito; und ganz oben und hinten, ein wahrhaftiges Schwalbennest -an scheinbar unzugnglichem Felsen, hngt das Trmmergemuer -der Einsiedelei San Salvador.</p> - -<p>Deutlich vernahmen sie den Schall der Klosterglocken; denn -dieses Hochtal mit seinen Felsen ist ein Schallfnger. Amseln -schmetterten in der Ferne; kleinere Singvgel belebten mit leiseren -Stimmen die liebliche Nhe.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_107" id="Seite_107">[S. 107]</a></span> - -Einsiedlerstimmung! Karfreitagszauber!</p> - -<p>Eine Hummel hing am Thymian und summte dann mit tiefem -Ton von Blume zu Blume, so da es klang wie unterirdischer -Glockenhall, der dem Glockenton des Klosters Antwort gab. Alle -Gerusche, auch die Stimmen, erhalten zwischen jenen Felsen volleren -Hall und strkere Bedeutung. Die Einsiedler durften sich kein -Haustier halten; sie aen kein Fleisch; aber ihre Gefhrten waren -die wilden Vgel, die sich unscheu in der Htte niederlieen und -mit dem frommen Manne Freundschaft schlossen. Gebet, Gelut -und Vogelschlag klangen zusammen bei dieser <span class="antiqua">laudatio perennis</span>, -diesem ewigen Lobgesang, der ber den Berg ging.</p> - -<p>Auf den Trmmern von San Benitos Einsiedelei sitzend, wo -eine Steineiche aus den berbleibseln der Mauer dringt, vernahmen -die Wanderer vom tiefen und unsichtbaren Kloster her -Kirchengesnge. Zugleich wurde das stliche Land ein wenig nebelfrei -und gestattete einen Fernblick auf die spanische Ebene. Drben -aber, am scheinbar pfadlosen Felsensaum, schritt ein Mann mit -einem belasteten Maultier langsam zu Tal. Im brigen war das -ganze Gelnde von einer erhabenen Einsamkeit.</p> - -<p>„Wir wollen hher hinan,” schlug Ingo vor, „wir wollen uns -einen Weg nach San Salvador bahnen.”</p> - -<p>Der Fupfad nach dieser hohen Ruine ist kaum zu sehen und -durch Gestrpp versperrt. Doch oben ist ein geflliges Hhlengemach -in den Felsen eingehauen, ein prachtvoller Sitz, der die Mhe des -Aufstiegs lohnt. Die wohnliche Grotte ist durch eine Rhre mit -einer hher gelegenen Zisterne verbunden, so da der Siedler wie aus -einem Brunnenrohr Wasser auslassen konnte. Diese Eremiten lieen -es sich angelegen sein, zunchst eine Zisterne anzulegen auf diesem -nicht wasserreichen Bergland, indem sie durch eingegrabene Rillen -Wasser sammelten. Sie ummauerten den Behlter und schtzten -das wertvolle Na gegen die Sonnenglut. Auch Spuren eines -Grtchens sind bei San Salvador. Die Wanderer entdeckten blaue -Lilien und Goldlack und beschlossen, diese Gaben der hohen Wildnis -spter den Damen hinunterzubringen. Und welch ein uralt<span class="pagenum"><a name="Seite_108" id="Seite_108">[S. 108]</a></span> -Gemuer! Schon im Jahre 1272 starb hier oben ein Anachoret, der -fnfundvierzig Jahre diese hohe Siedelei bewohnt hatte. Der Blick -von hier nach Sden und Osten, ber die wechselnd beleuchtete -Ebene, fngt gewaltige Schnheit ein. Gegen den Nordwind -schtzen Felswnde. Und durch das Gestrpp tastete sich Ingo -zu einem Pfad, der nach einem neuen Hochtal Ausblick gewhrte: -nach San Antonio und jenem natrlichen Felsenturm, der Caball -Bernat heit. Ein Falkenpaar umkreiste die Fremdlinge; ein -Kuckuck rief aus dem neuen Frhlingstal herber; Felsen-Rundtrme -erhoben sich in unmittelbarer Nhe, Giganten der Urzeit, -verzauberte Gralsritter, die in dieser feierlichen Einsamkeit ein -Geheimnis hten.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Ist dies der ltesten Gtter<br /></span> -<span class="i0">Unheimlich erhabenes Haus?”<br /></span> -</div></div> - -<p>Stein sprach es vor sich hin, am Eingang der Hhle auf seinem -Mantel liegend, whrend Bruck Vorrte auspackte.</p> - -<p>Der Troubadour hatte die Laute zu Hause gelassen. Sie pate -mit ihrem idyllischen Geklimper nicht mehr in solche grozgige -Umgebung. Doch schrieb er sich einen poetischen Gedanken auf, -unter dessen Eindruck er stand.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Ist dies der ltesten Gtter<br /></span> -<span class="i0">Unheimlich erhabenes Haus?<br /></span> -<span class="i0">Groartige Steingestalten<br /></span> -<span class="i0">Schauen herab und hinaus.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Titanen der ltesten Rasse<br /></span> -<span class="i0">Belebten titanisch den Stein;<br /></span> -<span class="i0">Sie prgten die eigene Gre<br /></span> -<span class="i0">Dem groen Gebirge ein.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Sie gaben den Felsen Gesichter:<br /></span> -<span class="i0">Da ragten gespenstisch rings<br /></span> -<span class="i0">Die gralbehtenden Ritter,<br /></span> -<span class="i0">Die Memmonsule, die Sphinx ...”<br /></span> -</div></div> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_109" id="Seite_109">[S. 109]</a></span> -„Sie haben mich neulich”, begann Bruck nach einer Weile, -scheinbar ohne Anknpfung an Gral und Sphinx, „auf dem Festabend -in Barcelona verwundert ins Auge gefat, als Schaller die -Worte hinwarf, Sie mchten sich vor mir hten, denn ich sei ein -Geisterseher. Es war Scherz von Schaller; aber in Wahrheit verachtet -er meine Weltanschauung grndlich, was mich brigens weder -wundert noch rgert.”</p> - -<p>„Ich erinnere mich”, erwiderte Stein. „Wir sprachen ja wohl -an jenem Abend auch von Elfen und Nixen?”</p> - -<p>„Ganz recht! Sie sagten einmal: Wenn's Elfen gbe, worauf -ich erwiderte: Warum soll's denn die nicht geben?”</p> - -<p>„Ja, ich erinnere mich dessen deutlich.”</p> - -<p>„Nun gut,” fuhr der Konsul fort und strich mit der ihm eigenen -unerschtterlichen Gelassenheit seinen grauen Vollbart, „ich -habe meine Verteidigung oder Erklrung aufgeschoben bis zu dieser -ruhigen Stunde. Und da Sie mich gestern abend wiederum verwundert -anschauten, als ich vom Magnetismus dieses Berges sprach, -bin ich Ihnen nhere Mitteilungen schuldig. Sie sind zwar ein -philosophisch und literarisch gebildeter Mensch; aber mir wre das -wohl zu farblos. Ich brauche Tatsachen. Und so war ich zunchst -Materialist, bis mich vor etwa zehn Jahren allerlei Erlebnisse zu -spirituellen Einsichten zwangen. Heute such' ich keine Beweise -mehr fr die Unsterblichkeit der Seele, denn sie sind mir in berreicher -Flle gebracht worden.”</p> - -<p>„Experimentelle Beweise?” fragte Stein bedenklich.</p> - -<p>„Es ist schwer darber zu sprechen”, erwiderte der merkwrdige -Mann. „Um aus hheren Sphren Mitteilungen zu erhalten, mu -man sich vor allen Dingen selber zu hherer Wesensart reinigen -und erziehen. Anders ist eine Verbindung mit oberen Mchten -gar nicht mglich.”</p> - -<p>Der Konsul begann vorsichtig und taktvoll zu erzhlen; Stein -hrte mit vorurteilsloser Aufmerksamkeit dem lteren Gefhrten zu.</p> - -<p>„Tatsachen, wie ich sie Ihnen mitteilen kann, sind durch die -ihnen innewohnende natrliche Wrde und Schnheit erhaben ber<span class="pagenum"><a name="Seite_110" id="Seite_110">[S. 110]</a></span> -die sogenannte Debatte, wie ihr ja wohl in Deutschland das Zanken -einer greren Menge nennt, mit nachheriger Abstimmung und -Entscheidung durch die Mehrzahl von Kpfen, nmlich von Dummkpfen. -Aber mit der sogenannten ffentlichen Meinung oder mit -dem sogenannten allgemeinen, freien, gleichen und geheimen Wahlrecht, -das in Wirklichkeit eine grobe Vergewaltigung der Gebildeten -durch den Pbel ist, hat die hhere Wahrheit nichts zu schaffen. -Leben Sie einmal in Brasilien am Rande des Urwaldes oder in -Indien inmitten der Pest oder im Kaukasus unter einer meuchelmrderischen -Bevlkerung — und Sie wachsen nach und nach -ber europische Mittelmigkeit ein wenig hinaus.”</p> - -<p>Der Konsul machte eine Pause und fuhr dann fort:</p> - -<p>„Es gibt Menschen von einem feinen Magnetismus, die — wie -man es von den Dichtern sagt, welche ja wohl auch einst Seher gewesen -sind — mehr hren und sehen und fhlen als die grber eingekrperten -Mitmenschen. Diese gefhrliche Begabung will natrlich -Hand in Hand mit wachsender sittlicher und geistiger Reife ausgebildet -sein, sonst treiben solche sensitiven Menschen ins Chaos und -wissen sich unter ihren Stimmen und Gestalten nicht mehr zurechtzufinden. -Hellsehen und Hellhren, automatisches Schreiben, wobei -der Arm durch eine magnetische Gewalt gelenkt wird, Schreiben -mit einem sinnreichen kleinen Skriptoskop, welches die Buchstaben -bezeichnet, wobei gleichfalls magnetische Beeinflussung die -Schreibenden lenkt — von solchen Verbindungen mit der unsichtbaren -Welt werden Sie vielleicht schon gehrt haben.”</p> - -<p>Stein konnte nun denn doch ein unbehagliches Gefhl nicht -zurckdrngen; er murmelte nur einiges und verhielt sich abwartend.</p> - -<p>„Ich wei wohl,” fuhr Bruck in Ruhe fort, „die Dilettanten -und Querkpfe sorgen dafr, da dies alles verzerrt und verunreinigt -an die ffentlichkeit kommt. Und die ffentlichkeit verzerrt -das bereits Verzerrte vollends. Die wenigsten besitzen gengend -eiserne Zucht und Ruhe, um durch die Verwilderungen hindurchzudringen. -Und diese wenigen haben der Masse gegenber schweigen -gelernt.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_111" id="Seite_111">[S. 111]</a></span> - -Der Konsul fgte abermals eine Pause ein, entnahm dann -seinem Rucksack ein Schreibbuch und legte es neben sich. Dann -fuhr er fort:</p> - -<p>„Auch ich und meine Zugehrigen, einschlielich eines Vetters, -entdeckten in uns diese seltsame Veranlagung. Aber wir waren -als willensfeste Naturen und klare Kpfe nicht gewillt, uns diese -Dinge ber unsere Kraft wachsen zu lassen; wir schulten uns, wir -sichteten, wir waren im Umgang whlerisch auch in der Geisterwelt. -Hierbei wurden wir untersttzt durch Meister und Schutzgeister. -Dieser Weg ist keine Tndelei; der Neugierige kommt nicht -auf seine Rechnung, sondern wird gefoppt; fr uns war es ein -langsames Fortschreiten durch Prfungen zu Missionen, wobei wir -wuchsen an Geduld, Selbstlosigkeit und Erkenntnis. So bekamen -wir durch unsre gebten Organe hindurch Mitteilungen aus der -uns alle durchdringenden und umflutenden unsichtbaren Welt.”</p> - -<p>Ingo konnte als klassischer Humanist aus der Flle seiner Bildung -heraus ein Lcheln nicht unterdrcken. Der Konsul sah es -und sagte:</p> - -<p>„Lcheln Sie ruhig, mein lieber Herr Baron, ich erwarte das -gar nicht anders. Nehmen Sie ruhig an, meine Mitteilungen wren -meinem sogenannten Unterbewutsein entschlpft. In diesem -Kasten hat ja alles Platz, auch Gtter und Geister.”</p> - -<p>Und er sprach bedachtsam weiter:</p> - -<p>„Ich habe mir manches in dieses Buch geschrieben und will -Ihnen gleich zu Anfang etwas von Elementargeistern vorlesen. -Versuchen Sie einmal, von allem, was Sie als phantastisch hierbei -strt, abzusehen, und lassen Sie die Mitteilungen durch sich -selber wirken!”</p> - -<p>Sein braunes Buch mit den harten Deckeln war von Anfang -bis zu Ende vollgeschrieben; Brucks Handschrift war klar, gro -und fest.</p> - -<p>„Da kam einmal zu uns ein kleiner Blumengeist.”</p> - -<p>Er bltterte. Stein, dessen Lcheln wich und dessen Phantasie -sich zu entznden begann, stellte eine Frage.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_112" id="Seite_112">[S. 112]</a></span> - -„Nehmen Sie meine Zurckhaltung nicht bel, Herr Konsul: -Gibt es denn wirklich solche Naturgeister? Sind es nicht Einbildungen -der Dichter?”</p> - -<p>„Keineswegs! Diese Elfen, Sylphen, Gnomen und andre -Elementarwesen sind so lebendig und wirklich wie Sie und ich. -Nur sind sie aus so feiner Substanz, da sie von gewhnlichen -Augen nicht gesehen werden, so wenig wie die ultravioletten Strahlen. -Auch haben sie keine Seele wie wir, kennen weder Leid noch -Liebe, weder Tugend noch Snde. Ich knnte Ihnen in diesem -Augenblick sagen, da dort drben an der Felswand eine ganze -Reihe von Gnomen sitzt, aneinandergereiht wie ffchen auf der -Stange, uerst putzig und drollig uns Menschen betrachtend — -aber das wrde ja nicht viel ntzen, denn Sie sehen es ja doch nicht.”</p> - -<p>Mit verdutztem Lcheln schaute Stein sich nach allen Seiten um.</p> - -<p>„Aber ich bitte Sie, Herr Konsul, wo sitzt denn das Vlkchen? -Wollen Sie mich nicht den Herrschaften vorstellen? Knnen sich -denn aber solche Naturwesen mit uns Kulturmenschen verstndigen?”</p> - -<p>„In seltenen Fllen und mit bestimmten Menschen. Manchmal -lst sich ein einzelnes Wesen aus seiner Gattung, mchtig angezogen -von irgendeinem menschlichen Kreise, und sucht bei uns -etwas wie eine Seele.”</p> - -<p>„Undine! Aber wie kommen sie grade zu Ihnen?”</p> - -<p>„Unsre Ruhe zieht sie magnetisch an.”</p> - -<p>„Und was wollen sie von Ihnen?”</p> - -<p>„Liebe und Lehre.”</p> - -<p>Das klang alles ruhig und selbstverstndlich.</p> - -<p>Ingo hatte die sonderbare Empfindung, als wre sein brtiger -Nachbar, der neben ihm auf dem Lodenmantel lagerte, auf diesem -immer klarer aus den Nebeln sich enthllenden Gralsberge, ein -zeitloser Druidengeist, dem sich nichtige moderne Einwnde gar -nicht nahen knnen.</p> - -<p>„Einst kam also”, sprach der Konsul, in sein Schreibbuch schauend, -„ein allerliebster Blumengeist, der an der Grenze der Menschwerdung -stand — denn es kommt bisweilen vor, da ein Naturgeist<span class="pagenum"><a name="Seite_113" id="Seite_113">[S. 113]</a></span> -als Mensch geboren wird —, wovor sich aber dieses lichte und leichte -Wesen frchtete. Doch drngte es den Geist dennoch zu dem schweren -Pfade, denn er konnte ja dadurch hher steigen. ‚Oh, der Duft!’ -begann das Geistchen — wir hatten duftende Rosen auf dem Tische -stehen — ‚wie gemahnt er mich an das, was ich Heimat nannte! -Ich bin noch kein Mensch gewesen, das lange Leid hab' ich noch -vor mir; ein therzartes Wesen war ich und soll nun eine ble -Masse werden. Mein Dasein flo dahin zwischen Schnheit und -Seligkeit, gewiegt vom suselnden West. Des Himmels Diamanten -flocht ich in mein wehendes Haar, se Zwiesprache hielt ich mit -raunenden Bumen. Duftblaue Weiten umfate meines Auges -Blick, mein Leben flo dahin wie des Baches Welle, der ber -Blumen geht.’ — ‚Hast du keine Schwestern?’ fragte ich. — ‚Ich -hatte Schwestern, selig und glcklich gleich mir; wir tranken den -Tau, wir atmeten den Duft, wir badeten im Mondschein, und wir -jubelten der Sonne zu. Wir erzhlten uns tausend se Dinge, -wir tanzten im Winde, und waren wir mde, so betteten wir uns -in Blumen. Aber meine Schwestern sind noch nicht so weit wie ich. -Wohl sehe ich sie noch, erkenne sie wohl, aber sie denken nicht mehr -mein. Euch hab' ich liebgewonnen, euch beide Menschen im Silberhaar. -Nicht oft mehr werde ich auf Flgeln der Winde euch nahen, -nicht oft mehr im Sternenschein den Duft meiner Heimatrosenfelder -trinken, nicht oft mehr in Sehnsucht meiner Schwestern Stirnen -ungesehen umschmeicheln — bald trag' ich Not und Lasten, bald -geh' ich in Jammer und Weh, bald werde ich ein Mensch wie ihr!’”</p> - -<p>Stein schlug erstaunt und entzckt in die Hnde.</p> - -<p>„Das ist ja Poesie! Herr Konsul, Sie sind ja ein verkappter -Poet!”</p> - -<p>„Im Unterbewutsein?” lchelte der Konsul. „Was mein -Oberbewutsein anbetrifft, so hab' ich nie einen Vers geschrieben.”</p> - -<p>„Irgendwo in Ihrem Kreise mu doch das stecken!”</p> - -<p>„Das kommt auch, wenn ich einmal nicht dabei bin. Sie -meinen also hartnckig, wir erfinden diese Geistchen? Die Gnomen -da drben an der Felswand lachen und drehen Ihnen lange Nasen.<span class="pagenum"><a name="Seite_114" id="Seite_114">[S. 114]</a></span> -Nun also, lassen Sie sich in Ihrem Wahn nicht stren! Ich will -Ihnen nur noch sagen, wie dieses Geistchen ausgesehen hat: die -Gestalt war durchsichtig, das Gesicht ein feines Oval von mattem -Wei, die Haare silberhell wie Mondschein, und zwar selbstleuchtend, -die Augen von einem tiefen, fast grnlichen Blau. Oh, sie sind -herrlich, diese Gste aus dem Lande der Schnheit!”</p> - -<p>So erzhlte der Konsul.</p> - -<p>Er sprach von seinen Geisterfreunden wie von lebendigen -Menschen.</p> - -<p>Er fuhr dann fort und beschrieb andre Naturgeister, die sich -zu ihm herangedrngt hatten und um Frderung baten.</p> - -<p>„Ach ich kann Ihnen sagen, mein lieber Herr Baron,” sprach -der Konsul, und der ernste, khle Westfale wurde nach und nach -sichtlich weich und warm, „durch das ganze Reich der Geister und -der unerlsten Natur geht die Sehnsucht nach Erlsung durch Liebe. -Sehen Sie, da kam einmal der Geist eines armen Berliner Kindes -zu uns, das nach Hunger und Mihandlungen frh gestorben war. -Es erzhlte uns seine Geschichte, wie es auf den Stufen einer -Kirche vor Sehnsucht hinbergeschlummert sei, nachdem es in einer -Weihnachtspredigt zum erstenmal von Liebe hatte sprechen hren. -‚Da kam’, sagte der kleine Geist, ‚ein gtiges Wesen zu mir, und -ich fhlte etwas ganz Sonderbares von ihm ausgehen, was ich -auf Erden nie gekannt hatte. Auf meine Frage nach diesem so -unsagbar beseligenden Etwas sagte sie mir, es sei die Liebe; das -war so schn, da ich dafr keine Worte finden kann.’”</p> - -<p>„Wunderbar!” rief Stein, der in immer wrmere Schwingung -geriet. „In den Preis der Liebe, die Sonn' und Sterne bewegt, -klingen Goethes Faust und Dantes Commedia aus. Und Novalis -ruft in seiner berhmten Abendmahlshymne: Wenige wissen das -Geheimnis der Liebe.”</p> - -<p>„Ich bin kein studierter Mann”, erwiderte Bruck. „Aber ich -wei es aus meiner besondren Welt, da helfende und schaffende -Liebe die Sonne des Kosmos und die Sonne des Menschenherzens -ist. Mein Schutzgeist schrft mir das immer wieder ein.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_115" id="Seite_115">[S. 115]</a></span> - -„Ich fange an, Ihre Geisterfreunde lieb zu gewinnen.”</p> - -<p>„Meine Geisterfreunde sind auch die Ihrigen”, versetzte der -Konsul mit der ihm eigenen ernsthaften Ruhe. „Und es ist kein -Zufall, da wir zwei hier beieinander auf dem einsamen Gipfel -eines spanischen Berges sitzen. Die heitren Mozart-Elfen, die in -Ihnen wirkten, um Sie nach Barcelona zu locken, haben ihr Werk -rhmlich zustande gebracht und sitzen jetzt dort in den Blumen -und freuen sich ber unser Gesprch.”</p> - -<p>Der Alte lachte behaglich. Stein fuhr herum, von Schauer -durchrieselt. Er starrte in diese groe, fremde Welt, ohne etwas -andres zu sehen als einige schaukelnde Lilien. Fast erschrocken schaute -er dann einen Augenblick dem rtselhaften Mann ins Gesicht. -Sollte etwas von des Troubadours verliebter Schwrmerei fr -Martha ruchbar geworden sein?</p> - -<p>Doch der Konsul plauderte gelassen weiter.</p> - -<p>„Ich kann Ihnen nun auch ruhig anvertrauen, da wir in -unsrem kleinen Kreise jhrlich bestimmte Missionen auszuben -haben, die uns um die hohe Zeit des Weihnachtsfestes von unsren -leitenden Geisterfreunden erteilt werden. Und zwar Missionen an -bestimmten Gruppen von Geistern, die grade durch unsre Wesensart -gefrdert werden knnen. Sie werden erstaunen, wenn Sie -hren, da etwa eine Gruppe von Lgengeistern zur Wahrhaftigkeit -angeregt werden oder eine Gruppe verrohender Wesen einen -geistigen Impuls erhalten soll. Es ist oft schwer, mit solchem anfnglichen -Unflat zu verkehren, wir knnten es ablehnen; aber es -wre nicht unser Segen. So fhren wir diese Sitzungen zh und -regelmig jeden Sonntag und Mittwoch durch, bis diese Wesen -gelutert genug sind, reine Geister berhaupt wahrzunehmen. -Denn in ihrem traurigen Zustand sind sie blind.”</p> - -<p>„Merkwrdig! Merkwrdig!” murmelte Stein. „Sie lesen -also sozusagen den Toten vor? Wie jener schwbische Prlat mitternachts -in der Kirche Gottesdienst hielt fr die Geister?”</p> - -<p>„So ungefhr. Nur da der Ausdruck ‚Tote’ nicht pat, denn -die Bewohner der spirituellen Welt sind lebendig. Anfangs uern<span class="pagenum"><a name="Seite_116" id="Seite_116">[S. 116]</a></span> -sich manche hchst naiv. ‚Geisterfreund,’ sagte mir da einmal einer, -‚ich war sehr schlimm, bin es heute noch. Doch sagtest du neulich, -auch wir knnten besser werden. Solange ich noch in jener erstarrten -Wste lebte, kannte ich nichts anderes und hatte keine Sehnsucht -nach Besserem. Nun aber sehe ich den Unterschied zwischen -mir und euch. Dazu kam ein Hoffnungsfunke, der durch deine -Rede in meine Seele fiel. Nun frage ich dich: Ist es wahr, kann -aus mir noch etwas werden? Und sage mir noch eins: Was hast -du fr einen Grund, den Geistern, die dir doch nichts geben knnen, -zu helfen? Hilfst du Menschen auch? Hast du Vorteile, wenn -du Menschen hilfst? Hilfst du deiner Frau und sie dir? Liebst du -alle Menschen und wirst du auch mich die Liebe lehren? Sie scheint -mir das Hchste, doch fhle ich nichts von ihr.’”</p> - -<p>„Die Liebe!” warf Stein dazwischen. „Immer wieder suchen -diese Wesen Liebe! Sie ist offenbar der Magnet, zu dem sich alle -hingezogen fhlen!”</p> - -<p>„Sie ist der heilige <em class="gesperrt">Gral</em>”, sagte Bruck mit tiefem Ernst ...</p> - -<p>Jetzt hatte sich der Gralsberg aus den Nebeln herausgelst -und lag nun mit seinen Felsentempeln ruhevoll in der buntschimmernden -Ebene. Die Wandrer vor ihrer Grotte genossen weltweiten -Ausblick. Auf einer blauen Blume in der Nhe funkelte diamantener -Tau, als glhte dort das Auge eines Elfchens liebesuchend -herber.</p> - -<p>„Fahren Sie fort!” bat Stein. „Erweitern Sie meine Welt -zum Kosmos! Ich mchte ganz in diese Gralsburg eindringen.”</p> - -<p>„Gern!” erwiderte der Alte, um dessen weigraues Haar der -Morgenwind spielte. „Ich bin glcklich, da Sie mit Teilnahme -zuhren. Noch viel von Elementargeistern knnt' ich Ihnen erzhlen. -Doch mitten in diesen kleinen Dingen steht hier die ernste -Mission unsrer Geisterfreundin Santa. Sie hatte zwei Jahre lang -eine Sendung auf Erden zu erfllen.”</p> - -<p>„Ein Geist, der als Geist auf Erden eine Sendung hat?”</p> - -<p>„Warum nicht? Wie so mancher Mensch seine Sendung hat. -Hren Sie Santa selber!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_117" id="Seite_117">[S. 117]</a></span> - -Feierlich las er mit seiner tiefen, volltnenden Stimme, die -gelegentlich zu leisem Pathos neigte:</p> - -<p>„‚In heiligen Hallen ruhte zuletzt mein Fu, auf reine Liebe -blickte zuletzt mein Auge, in Sphrenharmonie schwelgte mein Ohr. -Aus Gottesgefilden bin ich zur Welt herabgesandt; trostloses Elend, -Ha, Neid und Roheit sind es, die mich hienieden erwarten. Gnnt -mir ein Pltzchen, wo ich mich erquicken kann! Bereitet eure -Herzen, da ich eine Freude habe! Meine Mission ist schwer, helft -sie mir tragen! Der Geisterfreunde nur eine einzige Runde auf -Erden darf ich mir zur Erholung whlen; ihr seid es, auf welche -meine Wahl gefallen ist. Seid gtig, selbstlos und liebreich, bt -euch in Geduld, und ihr bietet mir ein Labsal!’”</p> - -<p>„Wie mu man sich Santas Mission vorstellen?” fragte Stein.</p> - -<p>„Auch das will ich mit Santas eigenen Worten lesen; sie hat -sich in Umschreibung, gleichsam in Erzhlungsform, darber geuert. -Hren Sie und versuchen Sie mir zu glauben, da nicht -ich oder eine meiner Damen diese Mitteilung erfunden haben!”</p> - -<p>Er las. Und Ingo erging es eigen: er mute bei Santa immer -an Elisabeth denken, die stille Krankenpflegerin.</p> - -<p>„Es schweigt der Raum. Unendliche Erhabenheit, zeitlose Ruhe -atmet dies tiefe, friedevolle Schweigen. In diese heilige Stille -gleitet ein lichtschimmerndes Wesen, ein Gottesgedanke, zu Seele -geworden; sein Dasein ist Andacht, Anbetung, selige Ruhe. ‚Meister,’ -fragt es leise, ‚kann es Hheres geben als diesen Frieden?’ — ‚Es -gibt ein Hheres’, sagt die milde, gtige Stimme: ‚diesen Frieden -den Friedlosen bringen.’ — ‚Friedlose gibt es in Gottes Reich? O -Meister, warum hast du mich ihnen nicht lngst gesendet?’ — ‚Weil -deine Stunde noch nicht gekommen war.’ — ‚Ist sie jetzt gekommen?’ -— ‚Sie ist es. Ich sende dich hinab, Santa, zu den Geistern -der Abgeschiedenen, die noch an die Erde gebannt und elend sind. -Fhre sie mir zu! Gro und schwer ist die Aufgabe, grer die -Liebe, die sie vollbringt.’ — Der Lichtgeist schwebt aus der Stille, -aus dem Frieden hinab, schwebt durch Sphren, schn wie Trume, -und Wirklichkeit wie Gottes Liebe; fchelnde Winde wehen ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_118" id="Seite_118">[S. 118]</a></span> -zarte Klnge, leuchtende Bltenkelche hauchen ihr sen Duft. -Und Klang und Duft sind eins, entspringen demselben Born, werden -zu Worten, die von erbarmender Liebe reden — von der Liebe -Santas, die eine heilige Mission zu den Friedlosen fhrt. Der -Gottgesandten naht sich flehend ein Geist: ‚Santa, mein Bruder -wurde zum Vatermrder und starb von Henkershand. Erbarme dich, -bringe ihm Licht in seine Finsternis!’ — ‚Santa, mein Kind verdirbt, -o hilf meinem armen, mutterlosen Kinde, es kann sich nicht -trennen von Erdenlust, von lockender Snde!’ — ‚Weh, mein -alter Vater wurde zum Dieb und gab sich um der Schmach willen -selbst den Tod! Santa, hilf! Rette!’ — Ein dunkler Schatten -senkt sich schwer auf des lichten Geistes unbefleckte Reinheit, ein -Schatten, der nie war, der nun lange, lange auf ihr ruhen wird. -Schneller schwebt sie hinab, immer mehr der heischenden Geister -umgeben sie, lange verstummt ist des Windes leise Musik, der -Blumen se Sprache. Sie blickt jetzt auf die Erde: — Menschen -und Geister — widerliche, verzerrte Gesichter — wilde Schreie -der Getretenen — Flche vom Bruder gegen den Bruder — Raub -am Heiligsten — Elend und Jammer, wohin ihr angstvolles Auge -irrt! Der Lichtgeist verhllt sein Antlitz und weint ber die Erde. -‚Fhre sie mir zu!’ tnt es herab, die Stimme ihres Meisters. -Kraft und Mut scheint diese Stimme ihr zuzustrmen; Santa will -ihr Werk der Liebe beginnen. Und sieht ein Weib, unlngst gestorben, -noch an der Erde hangend, sieht es schmutzstarrend, mit -allen Lastern behaftet, sieht in jedem Zuge des Gesichtes Verworfenheit, -sieht in jeder Bewegung des viehischen Geschpfes -sinnlose Trunkenheit, sieht nichts mehr von einem Ebenbild Gottes! -Und Santa fhlt, wie kalt und lauernd die Reue naht und grer -werden will als die Liebe. Da hrt sie aus der Verworfenen einen -Schrei, halb Jammer, halb Jubel: ‚Mein Kind, mein kleines Kind, -hab' ich dich endlich wieder!’ — und sieht das Weib eine elende -Dirne an sich pressen mit heier Zrtlichkeit, sieht es frei von Trunkenheit, -sieht es aufgehen in Mutterliebe, durchleuchtet von dem -Gottesfunken, der auch in diesem Weibe nicht erstarb! Da beugt<span class="pagenum"><a name="Seite_119" id="Seite_119">[S. 119]</a></span> -der reine Geist sich zu dem elenden Weibe nieder: ‚Meine Schwester, -ich kann dich lieben.’ Dann wendet er sein Antlitz noch einmal dem -Reich des Lichtes zu, noch einmal gren seine leidverklrten Augen -das Friedensland: ‚Meister, ich danke dir, da du mir die Liebe -gabst!’ Und gleitet hinab — erdenwrts!”</p> - -<p>Der Konsul schlo das Buch. Stein war hingerissen und ergriffen.</p> - -<p>„Verstehen Sie jetzt Santas Mission?” fragte Bruck.</p> - -<p>„Das kann nicht erfunden sein!” rief der Troubadour begeistert. -„Das ist Poesie — aber Poesie der Wahrheit! So <em class="gesperrt">mu</em> es sein, -ich fhle das, ich erlebe das! Diese Santa lebt! Erzhlen Sie mir -doch Genaueres! Ist sie oft zu Ihnen gekommen?”</p> - -<p>„Mehrmals, meist gegen Weihnachten; und immer mit Worten -des Dankes und der Liebe. Als einmal eine Dissonanz in uns -war, anllich kummervoller Erlebnisse meiner Tochter, klagte sie -nachher, da sie die Pforte verschlossen gefunden habe. Ihr Abschied -hat uns tief bewegt, denn wir hatten sie liebgewonnen. -‚Ich komme heute zu euch,’ sprach sie, ‚um Abschied zu nehmen; -meine Mission ist beendet, ich kehre in Gottes hellen Tag zurck. -Ich werde wieder Licht und Reinheit atmen, mein Ohr wird wieder -jene wunderbare Musik vernehmen, die meine stete Sehnsucht -war in den Zeiten, da nur hliche und rohe Tne zu mir drangen. -Ich werde wieder von Frieden umgeben sein und die abgeklrte -Freude um mich sehen, die auf Erden niemand ahnen kann. Jubelt -mit mir, die ihr mich liebt, und denen ich danke fr das Heim, -das ihr mir geboten. Seid mir gegrt! Ich gehe in Tag und -Sonne!’”</p> - -<p>„In Tag und Sonne! Wunderbar, liebe Santa!” rief Stein, -sprang auf und schwang die Arme in einem elementaren Bedrfnis -nach Entlastung. „Das ist Wahrheit! Das ist die Welt der Seele! -Ich fhle diese Santa, die sich da um Leidende bemht und sich -nun wieder erhebt in Tag und Sonne!”</p> - -<p>Und wieder trat ihm Elisabeths hehre und entsagungsvolle -Gestalt voll in Empfindung und Bewutsein. War nicht auch sie<span class="pagenum"><a name="Seite_120" id="Seite_120">[S. 120]</a></span> -eine Santa? Jahraus, jahrein im engen Krankenzimmer, whrend -ihr Geliebter schnheitsdurstig durch die weite Welt flog!</p> - -<p>„Kommen Sie!” bat Ingo, in dem allerlei Gedanken aufgewhlt -waren. „Lassen Sie uns wandernd ber diese hohen Dinge -sprechen! Ich bin nicht zum Stillesitzen geschaffen. Wie machen -Sie mir die Welt gro! Ich fange an, die Enge nicht mehr zu frchten, -denn berall kann ja ein Fenster nach der Ewigkeit offen sein. -Wir wollen auf den hchsten Punkt dieses Berges klettern, nach San -Jeronimo, und von dort aus das Weltall umarmen!”</p> - -<p>Der Konsul lchelte ber seines jungen Freundes berschwang.</p> - -<p>„Dazu brauchen wir nicht nach San Jeronimo”, sprach er. -„Denn wir sind berall umflutet und durchstrmt von der Ewigkeit.”</p> - -<p>Doch brachen sie auf und wanderten.</p> - -<p>Der Nebel hatte sich in einzelne weie Wolken verdichtet, die -nun wie Schwne hoch oben im tiefblauen Himmel dahinzogen, -whrend ihre Schatten ber den Berg schwebten. Stein empfand -in sich ein brustweitendes Jauchzen, kein Eremitengelst. Er sang -mit feierlich hallendem Bariton Lohengrins Gesang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Im fernen Land, unnahbar euren Schritten,<br /></span> -<span class="i0">Liegt eine Burg, die Montsalvat genannt;<br /></span> -<span class="i0">Ein lichter Tempel stehet dort inmitten,<br /></span> -<span class="i0">So kostbar, wie auf Erden nichts bekannt” ...<br /></span> -</div></div> - -<p>Ihm war zumute, als htte er eine Einweihung durchgemacht -und ein neues Land betreten.</p> - -<p>„Dieser Gralsberg”, sprach er, „soll das Ende meiner Ausfahrt -bilden. Ja, nun kommt die Heimkehr und die Einkehr. Ich -habe Bausteine gesammelt zu einer Seelenburg. Kann man nicht -auf engstem Raum seelische Kraft entfalten? So will ich im Herzen -Deutschlands mein Gralsuchen endigen.”</p> - -<p>Bruck freute sich, da seine Mitteilungen so belebend wirkten. -Sie vertieften wandernd ihre Unterhaltung; sie blieben den ganzen -Tag im Freien, umgeben von einer mittglich leuchtenden Ebene, -an deren stlichem Rande schmal und silbern das Mittelmeer schim<span class="pagenum"><a name="Seite_121" id="Seite_121">[S. 121]</a></span>merte. -Erst um Sonnenuntergang stiegen sie wieder den Schluchtpfad -hinab ins Kloster, mit leichtem Rucksack, doch Herz und Haupt -schwer von Bildern und Gedanken.</p> - -<p>„Es ist ein Telegramm da.”</p> - -<p>„Fr mich?” fragte Stein erschrocken.</p> - -<p>„Fr uns alle: Schaller will mit seinen Damen, jung und alt, -morgen heraufkommen, wenn das Wetter gut bleibt.”</p> - -<p>„Ach, nur das! Wenn das Wetter gut bleibt? Das ist eine -ungewisse Sache; und ich wei nicht, ob ich so hflich sein werde, -hier im Kloster zu warten. Mich drngt es wieder auf den Berg.”</p> - -<p>Tatschlich zog der Spielmann und Gralsucher am andern -Morgen allein aus und hatte keine Lust, auf die Mozart-Mdchen -zu warten. Ja, mit einem gewissen Zorn schlo er sich ab; er -empfand sich von jener Welt als verschmht.</p> - -<p>Das Wetter war unsicher; und so beschlo der alte Herr zurckzubleiben. -Doch Ingo versah sich mit Proviant und Mineralwasser -und deutete an, da er am Ende gar in jener hohen Grotte bernachten -werde.</p> - -<p>Er kletterte einen andren Pfad empor zu den Trmmern der -sdstlichen Einsiedeleien San Juan, Santa Katharina und San -Onofrio, die in die Ritzen eines umfangreichen rundlichen Felskolosses -eingeklebt sind. Diese Felsen sehen aus wie Bastionen und -Rundtrme ohne Fenster und Nietungen. Es steht dort ein Kapellchen. -Gitter sind an den Tren dieser kleinen Kapellen; man pflegt -kleine Mnzen hindurchzuwerfen. Und so lagen viele Kupfermnzen, -aber auch etliche Peseten, drin auf dem Steinboden zerstreut, -ein kleiner Sternhimmel. Ingo warf ein Silberstck hinein -und bat den Heiligen — war es Sankt Johannes? —, mitzubauen -an des Pilgers knftigem Seelentempel. Er hatte in der Nacht -von Elisabeth getrumt; ihr Bild war immer wieder zusammengeflossen -mit der Geistergestalt Santas; und er blieb nun dauernd -unter diesem edlen Eindruck.</p> - -<p>Der Himmel deckte sich leise zu; es wurde geruschlos eine -Decke vor die Sonne gezogen. Die Luft war still und selbst hier<span class="pagenum"><a name="Seite_122" id="Seite_122">[S. 122]</a></span> -oben schwl. Auf dem Platz der Vgel, im grnen Haingebsch, -freundete sich eine nahe umherhpfende Nachtigall klugen Auges -mit dem Wanderer an. Doch Bruck hatte ihm sein geheimnisreiches -Buch mitgegeben — ein Zeichen groen Vertrauens, wie -die Damen lchelnd betonten; und so lebte er heute mehr nach -innen. Am spten Nachmittag drang er ber San Benito wieder -hinauf, besuchte noch San Dismas und die andren steil ber dem -Kloster dem Ostwind ausgesetzten Siedeleien und suchte dann wieder -die trockene Felsengrotte von San Salvador auf.</p> - -<p>In seinem Rucksack lag neben Taschenlaternchen und Taschenrevolver -die indische Bhagavad Gita; aber er brauchte heute -keines von den dreien. Ihn fesselte des Konsuls Geisterbuch: dieses -Fremdenbuch, worin sich seine Gste aus Geisterland eingezeichnet -hatten. Er lie Namen wie Simonides oder Zoroaster, -Mahatma Kut Humi oder Mahatma Morya auf sich beruhen und -vertiefte sich in Ton und Inhalt der Mitteilungen selber. Eine ganze -Welt jenseits der krperlichen Sinne und des wissenschaftlichen -Verstandes tat sich ihm auf. Und pltzlich entdeckte er lose Einzelbltter, -bedeckt mit uralter Schrift, die nach Art asiatischer Schriften -in krausen Strichen untereinander geschrieben war: eine Geisterschrift. -Daneben die bersetzung:</p> - -<p>„Hammar der Herrscher bin ich genannt. Gewaltig war das -Reich, das meine Hand regierte, fruchtbar und von wunderbarer -Schnheit; mchtig das Volk, das meinem Willen untertan. Dennoch -strzten wir in den Abgrund, der Herrscher, das Volk, das -Land, ja der Weltteil, der uns trug. Die Schuld war mein, die -Gier, die in meinem Herzen fra; nicht die Sucht nach rotem Gold: -meine Schatzkammern konnten den Reichtum nicht bergen; nicht -der Wunsch nach wonnigem Weibe: keine Frau meines weiten -Reiches wagte je mir nein zu sagen; nicht Rachegedanken der Vernichtung -meiner Feinde: ich hatte nur einen, dessen Macht mir unbekannt -war — brennenden Ehrgeiz nach einem Wissen, das kein -Mensch zu erlangen fhig wre auer mir, nach einem Wissen, das -mich in Menschenherzen lesen liee, das mir ermglichte zu strafen<span class="pagenum"><a name="Seite_123" id="Seite_123">[S. 123]</a></span>, -wie nie ein Kaiser gestraft, nicht Taten, nicht Worte, nein: Gedanken! -Das Volk war seines Herrschers wert: knechtisch sein Sinn, -mig seine Hnde, lstern nach allem Erdengenu seine Wnsche. -Da kam, was unausbleiblich war: die Rache eines, der grer war -als ich, durch sein Werkzeug, das ewige Meer. Wir strzten hinab. -Dir aber, niedrig geborenes Menschenkind, bekennt dies heute, den -stolzen Nacken beugend, Hammar der Herrscher.”</p> - -<p>Und daneben ein zweites Blatt in demselben granitenen Stil:</p> - -<p>„Auch ich bin aus frstlichem Geschlecht und habe in versunkenem -Glanz mein Menschenlos erduldet. Jetzt, nach Jahrtausenden, -klingt wohl nicht berhebung aus meinen Worten, wenn ich euch -sage: Ich war nicht schlecht, nicht mig, nicht lstern nach Erdengenssen. -Dennoch ereilte auch mich die Strafe, weil ich die irdische -Liebe der himmlischen voranstellte. Mit Leidenschaft liebte ich -Hammar, meinen Herrscher. Der Herr meines Herrn wollte mich -nicht verderben und sandte mir einen Lichtgeist, der berufen war, -mich zu retten vor dem Zusammensturz. Ich jedoch sagte ihm jauchzend: -Mit Hammar unterzugehen gilt mir mehr als eure Himmelsseligkeit! -Da brachen Nacht und Verderben ber mich herein. Gebt -ist nun die Schuld, und mit Hammar auf ewig vereint ist -Falosa, die nie die Treue brach.”</p> - -<p>Klang diese lapidare Kunde nicht wie ein Ton aus der versunkenen -Atlantis? Oder aus dem untergegangenen Lemurien? Was -fr Lebensbeichten in wenigen grozgigen Worten! Wie verschieden -von der weichen Santa und den zaghaften Blumengeistern -diese heroische Falosa, die nie die Treue brach! Steins -Verstand lehnte diese Botschaften ab, seine Phantasie stimmte zu.</p> - -<p>„Wenn die unsterbliche Menschenseele”, sprach er, „mehr als -einmal auf Erden verkrpert wird: haben wir vielleicht einst auf -jener Atlantis gelebt, Friedel und Elisabeth und ich? Haben wir -damals vielleicht <em class="gesperrt">nicht</em> gesiegt — und sollen diesmal siegen?”</p> - -<p>Die Dmmerung begann. Er schnitt mit seinem Messer Gras -und Buschwerk zu einem Lager zurecht, hielt pltzlich inne und -lachte hallend hinaus, als ihm der Gedanke in den Sinn scho:<span class="pagenum"><a name="Seite_124" id="Seite_124">[S. 124]</a></span> -Jetzt warten da unten die Mgdlein aus Barcelona! La sie warten! -berwunden! Er rollte sich in seinen langen Lodenmantel -und schlief in milder Nacht fest und unbehelligt.</p> - -<p>Gnomen saen drollig und treuherzig am Eingang der Hhle -und wunderten sich ber den Sonderling; es huschten Blumengeister -vorber, Luftgeister machten sich bemerkbar, wisperten, -sphten, lachten, tanzten. Dann kamen strker leuchtende Geistgestalten -ehemaliger Einsiedler, verscheuchten die Elementarwesen -und wandelten in bedchtigen Gesprchen vor der Grotte hin und -her. Die Luft erhellte sich in immer weiterer Strahlung; es sammelten -sich in lichten Gestalten bte, Frsten und Knige. Und ber -dem ganzen Berg begann es zu flimmern. In immer schrferen -Umrissen gestaltete sich dort ein kosmischer Kuppelbau aus Gold -und Edelstein und durchsichtigem Marmor, von Trmchen und -Kapellen umgeben, maurisch im Stil und zugleich romanisch und -gotisch, Licht auswerfend in einem ungeheuren Halbkreis; und auf -seiner Spitze funkelte rubinrot das Kreuz. Diese Tempelburg ragte -durch das Weltall hinauf, strahlend in den Farben aller edlen Gesteine. -Sonnen hingen darin wie Ampeln; durch die Kristallwnde -hindurch glhten viele flammende Pnktchen aus dem unermelichen, -bis in alle Einzelheiten planvoll genauen Wunderbau. Und -alle Geister der Natur staunten hinauf; und erlesene Geister der -Menschen machten sich auf und wanderten in unabsehbaren, lichtausstrahlenden -Zgen durch die Luft himmelan, zu des Tempels -mchtigen Bogentoren, wo weie Gestalten der Verklrten unter -Orgelklang und Chorgesang wartend standen. Je mehr Leuchtgestalten -einstrmten, um so heller strahlte die Tempelburg, um -so voller tnten daraus die kosmischen Harmonien.</p> - -<p>Dem noch ungereiften Trumer auf dem Gipfel des Montserrat -wurde das Bild zu gewaltig. Er strzte, er tastete nach irgendeiner -nahen, warmen Menschenhand. Da umflo ihn wohlig weies -Gewlk. Aus dem weien und weichen Gewlk lste sich eine Gestalt: -und lchelnd stand an seinem Lager seine Jugendfreundin Elisabeth.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_125" id="Seite_125">[S. 125]</a></span> - -Neben diesem Phantasieleben vernachlssigte der Gralsucher -nicht seine wissenschaftlichen Studien.</p> - -<p>Er hatte sich die neuesten Schriften ber die Gralsage beschafft, -kannte die Forschungen des Indologen Schrder und seines -Schlers Junk und deutete mit den Sprachforschern den Namen -Perceval als Becherfinder — sich selber und sein Suchen mit diesem -Parzival verbindend. Denn ihn fesselten auch wissenschaftliche -Sprungen nur so weit, als er sie in seelisches Erlebnis umwandeln -konnte. Diese Gralsmythe, wobei die Zahl zwlf von Bedeutung -scheint, fhrte den Spielmann zum Durchdenken des Zahlenspiels, -das sich in Mythus, Mrchen und Symbolik so gern und mit einer -gewissen Gesetzmigkeit wiederholt: die zwlf Jahresmonate, die -zwlf Tierkreiszeichen, die zwlf Apostel, die zwlf Stmme der -Israeliten; die sieben Rosen am Rosenkreuz, die sieben Wochentage, -die sieben Brder im Mrchen, die Siebenzahl im Rhythmus des -menschlichen Lebens, von der Pubertt mit zweimal sieben Jahren -bis zum biblischen Normalalter mit der zehnfachen Sieben. Hier -ahnte der Musiker Harmonien und geheime Gesetze. Der ganze -Kosmos mit seinen Sonnen, Planeten und Kometen schien ihm -ein gewaltiger Krper mit genau geordnetem Blutumlauf. Und -er landete schlielich, sonderbar genug, bei einer Betrachtung der -alten Cheopspyramide, ber die er sich einen Aufsatz in seine Gralsschriften -gelegt hatte, und ihrer unlsbaren grozgigen Zahlenrtsel.</p> - -<p>Das lie in ihm die Vermutung aufsteigen, da eine geheime -berlieferung groer Grundgesetze des Lebens durch die Menschheit -gehe, bald hier und bald dort in wechselnden Symbolen und -Denkformen auftauchend. Kaum war ihm dieser Gedanke wahrscheinlich -geworden, so blitzte in seinem rastlos schaffenden Geiste -ein Gefhl der Mglichkeit auf, in welcher Weise die vorchristliche -und die auerkirchliche Denkrichtung durch diesen Strom der Geheimlehre -mit dem Wesentlichen des Christentums vershnt werden -knnte. Ihn hatte das kirchliche Dogma von Snde, Bue und -dem leidigen Marterholz nie im Tiefsten zu erschttern vermocht;<span class="pagenum"><a name="Seite_126" id="Seite_126">[S. 126]</a></span> -ein Buetun in Sack und Asche und die breite Ausmalung der -Marterungen Christi schien ihm eine Verzerrung der Menschenwrde -und des Seelenadels. Nicht zwar die Tatsache der Reuestimmung -selber focht er an und noch weniger die Gre der Opfertat -auf Golgatha, jener geheimnisvollen Vermischung gttlichen -Blutes mit den Lebensfluten der Erde, wohl aber ihre plastische -Herausstellung auf allen Wegen und Stegen. Es gab vielleicht -eine derbsinnliche Zeit der Unreife, die das brauchte, wie das -Mittelalter seine derben Folterinstrumente; aber ihm schien, als -ob hier ein Schematismus die Herrschaft gewonnen habe, ihm schien, -als ob die ersten Christen viel mehr den auferstandenen, segnenden, -emporziehenden Christus liebeswarm und lebensvoll empfunden -htten. Hier nun, im leuchtenden Symbol des Grals und im anmutig-tiefen -Sinnbild des Rosenkreuzes, stellte sich ihm herzliche -Ergriffenheit her; sein Schnheitssinn wurde zugleich mit dem -ernsten Grundton seiner Seele in Schwingung versetzt. Und so -war er verstehend auch mit jenen Mystikern gegangen, die einst -gleichzeitig am Rhein entlang religise Grundgefhle neu belebt -hatten: Seuse, Tauler, Eckehart und Ruysbroeck. Es war poesievolle -Frommheit, die bereits in Franz von Assisi unmittelbar die -Malerei anregte und Religion mit Kunst vershnte.</p> - -<p>So fllte sich auf dem Gipfel des Montserrat sein Herz mit -groen Empfindungen und sein Notizbuch mit Gedanken und Gedichten. -So vershnten sich Spielmann und Gralsucher. Und der -Plan eines Buches zeichnete sich in Umrissen an den Horizont: die -Vershnung zwischen Kunst und Religion. Es war kein Aberglauben, -dem er anheimfiel, es war Mrchenglauben, dessen Bildersprache -Wahrheiten einhllte. Im brigen blieb der hochgebildete Idealist -seinen Meistern treu: Goethe und dem Johannes-Evangelium ...</p> - -<p>„Sie glauben nicht, wie es mir eine Wohltat ist, mich mit -Ihnen aussprechen zu drfen, Herr Baron”, sagte der Konsul, als -Ingo am folgenden Abend unter strmendem Regen und triefendem -Lodenmantel wieder in die Korridore des Fremdenhauses eintrat. -„Ich habe mich ordentlich nach Ihnen gesehnt. Schaller ist<span class="pagenum"><a name="Seite_127" id="Seite_127">[S. 127]</a></span> -glcklicherweise nicht aufgetaucht; der verschnrkelte Park Gell in -Barcelona gefalle ihm besser als der ganze Montserrat, schreibt er; -und ich kann auf das Geplauder jener unbedeutenden Frauen -und Mdchen, offen gestanden, hier oben gern verzichten. Aber -mit Ihnen kann ich mich aussprechen. Und das tut mir wohl, denn -ich bin ein einsamer Mann.”</p> - -<p>„Dieses Gefhl beruht auf Gegenseitigkeit, lieber Herr Konsul”, -erwiderte Ingo mit Wrme. „Und wenn's auf mich ankommt, -so bleiben wir hier oben nicht drei, sondern dreimal drei Tage.”</p> - -<p>Und so kam es auch. Die vier Menschen freundeten sich in -diesen stillen, groen und einfachen Verhltnissen herzlich untereinander -an. Das Gesprch war beseelt. Manchmal saen sie bis -weit in die Nacht hinein ohne Licht, in Unterhaltung ber hohe -oder einfache, aber vom Hohen aus verklrte Dinge, whrend -schwere Wolken ber die schweren Felsen zogen und die Gebirgspfade -in Giebche verwandelten.</p> - -<p>Auch jetzt noch fhlten sich die beiden wetterfesten Mnner zu -einfachen Spaziergngen angetrieben, wobei des Berges nasse de -gro um sie aufgetrmt lag. So wanderten sie zuletzt nach Santa -Cecilia, an der unheimlichen Nordwand des Berges entlang.</p> - -<p>Der Konsul erzhlte von seinen Fahrten.</p> - -<p>„Ich habe auf einem Dreimaster vom Schiffsjungen bis zum -Steuermann gedient. Sie machen sich keinen Begriff, wie groartig -fr mich das Gefhl war, als wir in einer Wolke von Segeln -ber die sdlichen Meere flogen, zumal nach einem Sturm, wenn -noch tagelang bei bedecktem Himmel schwere Wogen rollen, berflogen -vom Sturmvogel Albatro. Man lernt da gleichsam teleskopisch -die Welt betrachten.”</p> - -<p>„Hat sich Ihnen, Herr Konsul, vielleicht in den Einsamkeiten -des Ozeans Ihre Gabe des Geisterschauens ausgebildet?”</p> - -<p>„Das liegt mir doch wohl von meinem westflischen Vater -und meiner schottischen Mutter her im Blute. Ich spreche, wie Sie -sich denken knnen, nicht viel und nicht zu jedermann von dieser -Besonderheit. Sehen Sie, es ist ja oft so schmerzlich, wenn mit<span class="pagenum"><a name="Seite_128" id="Seite_128">[S. 128]</a></span> -dem Tode eines lieben Angehrigen die gemeinsame Sprache aufhrt. -Aber die Menschen, so gern sie vom Reich der Gestorbenen -hren mchten, frchten sich und empfinden es als ein Gespensterland. -Oder sie helfen sich mit der bekannten platten Wendung: -mit dem Tode sei alles aus. Und doch gibt es auch fr den nicht -hellschauenden berlebenden Menschen eine Sprache, die drben -verstanden wird: wenn er nmlich Gedanken edler Liebe dem -Verstorbenen zusendet. Das wirkt auf den Hinbergegangenen -wie eine wohltuende Kraft. Und sehen Sie, mein lieber Herr -Baron, hier ffnet sich nun eine Brcke, die jeder Mensch betreten -kann, sobald er einmal das Wesen wahrer Liebe erfat hat. Zwar -der fassungslos tobende Schmerz etwa einer Mutter um ihr Kind -frdert nicht, sondern beschwert eher den kleinen Geist. Und manche -Abgeschiedene sind drben anfangs ebenso verstrt und unglcklich -wie die Zurckgebliebenen, wenn sie unreif und unvorbereitet -hinberkommen. Aber die Wissenden und selbstlos Liebenden, die -schon im Erdendasein auf das bersinnliche eingestellt waren: -wie ruhig und einfach fahren sie an das andere Ufer! Sie winken -sich zu und sagen: Auf Wiedersehen! Der Tod ist ja nur ein Wechsel -der Daseinsform und der Wirkungsweise. Und wenn der berlebende -Freund hinberkommt, wird er empfangen von allen, mit -denen er hier schon durch Bande unvergnglicher Liebe magnetisch -verbunden war.”</p> - -<p>„Ist das also wirklich Tatsache? Kein von Menschen erfundener -Trost?”</p> - -<p>„Das ist Tatsache. Wer ins Geisterland schauen kann, der -wei das. Haben Sie mir nicht von jenem Oberlin erzhlt, der -sich mit seiner gestorbenen Gattin unterhielt? Zwiesprache solcher -Art kann ich aus Erfahrung besttigen. Im brigen ist die Kluft -zwischen Diesseits und Jenseits nicht zwecklos. Wir haben hier -unsre Aufgabe zu erfllen, und jene drben die ihrige. Es geschieht -dies alles nach groen Gesetzen. Aber in allem waltet als -oberstes Gesetz die gttliche Liebe und Weisheit. Das hat der -Sendbote von Golgatha verkndet, der von drben kam und es<span class="pagenum"><a name="Seite_129" id="Seite_129">[S. 129]</a></span> -wute. Und von der Wahrheit dieser Botschaft bin ich bis in das -Tiefste durchdrungen.”</p> - -<p>So sprach der ungewhnliche Mann.</p> - -<p>Und hier stellte nun Ingo eine bedeutsame Frage, die so -einfach klang und so oft schon die Menschheit aufgewhlt hat:</p> - -<p>„Was halten Sie von Christus?”</p> - -<p>Des Spielmanns Begleiter schaute, mit einem eigenen, tief -ernsten Blick, ins Weite. Der Ausdruck dieses wetterbraunen Gesichtes -wechselte. Offenbar wog er nun sorgsam ab, was er sagen -wollte.</p> - -<p>„Es ist das tiefste Lebens- und Liebesgeheimnis des Sonnensystems. -Wie die Sonne zu den Planeten, so verhlt sich dieses -hohe Lichtwesen zu den Seelen der Erschaffenen. Das Kreuz hat -die Gestalt eines Menschen mit ausgestreckten Armen; es ist das -Symbol jenes Lebens, das sich liebend opfert. Das Kreuz ragt -durch den Kosmos: es ist die Weltesche Yggdrasil. Und vor dem -Glanze des Herzens, das im Mittelpunkte dieses Kreuzes glht, -erbleichen die Gestirne.”</p> - -<p>Der Konsul hatte leise und mit Ergriffenheit gesprochen.</p> - -<p>„Verzeihen Sie,” fgte er wie entschuldigend hinzu, „man -darf von diesen Dingen nur in Andacht sprechen. Meine Mitteilungen -von Gnomen und andren Geistern sind Spielerei neben -der Gewalt und Gre des Kreuzes oder des Rosenkreuzes.”</p> - -<p>Der sonderbare Mann wuchs vor Ingos Augen und schien -ein andrer zu sein als zuvor.</p> - -<p>„Das Rosenkreuz?” fragte der Landsmann der heiligen Elisabeth. -„Knnen Sie mir Nheres darber sagen?”</p> - -<p>„Es ist ein Kreuz von dunklem Holz, aus dem im Kranze sieben -rote Rosen blhen. Sind Sie niemals Menschen begegnet, aus -deren reifem und gtigem Wesen Leuchtkraft ausging? In diesen -Menschen glht das Rosenkreuz. Denn die niedren Krfte -ihrer Natur haben sich verwandelt in die Rosen der Liebe. Die -glhenden Wunden sind blhende Blumen geworden.”</p> - -<p>„Das ist herrlich!” rief Ingo. „Demnach ist das Kreuz die<span class="pagenum"><a name="Seite_130" id="Seite_130">[S. 130]</a></span> -Materie oder die Natur — und die Rosen sind das Geistige oder -Ewige, was daraus erblht?”</p> - -<p>Nun blieb der Konsul stehen. Er war unbedeckten Hauptes, -da er fast immer ohne Hut ausging, auch bei khlem Wetter.</p> - -<p>„Und sehen Sie,” sprach er mit Kraft und Feuer, „das eben -ist der andre Weg zum Erfahren der Unsterblichkeit. Sie brauchen -nichts von meinen Geistern zu wissen, Sie brauchen nicht an sie -zu glauben. Aber wer einmal das Wesen wahrer <em class="gesperrt">Liebe</em> erlebt hat, -der sprt und wei, da diese Seelenkraft unvergnglich ist. Ihm -braucht die Ewigkeit der Menschenseele nicht bewiesen zu werden, -denn er <em class="gesperrt">erlebt</em> sie. Wir Seher besttigen ja nur, was schon als -Ahnung und Gefhl in jeder erwachten Menschenseele sicher verankert -ist. Oder glauben Sie, da durchleuchtete und liebende -Menschen noch nach Beweisen fr die Unsterblichkeit umhertasten?”</p> - -<p>„O nein!” erwiderte Ingo mit vollem Verstndnis. „Denn -das Unsterbliche ist ja in ihnen aufgeblht.”</p> - -<p>„Aufgeblht!” rief der Seher. „Das ist das Wort! Aufgeblht! -Und nun setzen Sie statt der leuchtenden Rosen den leuchtenden -<em class="gesperrt">Gral</em> — und Sie <em class="gesperrt">haben</em> das Geheimnis!”</p> - -<p>So war Ingo auf eine neue Hhe gefhrt worden.</p> - -<p>So verstanden sich Jungmann und Meister ...</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Der Einsiedlerberg Montserrat bedeutete fr den Wanderer -Luterung und Einkehr. Ingo rumte in seinem Herzen den -Platz frei fr einen Tempelbau.</p> - -<p>Nicht Zerknirschung in Sack und Asche lag seiner mnnlich-elastischen -Erscheinung, der ein Mozartzopf nebst Galanteriedegen -recht artig gestanden htte, wohl aber schlichte Erkenntnis und -reines Empfinden dessen, was bisher versumt und was knftig -aufzubauen war. Das Rtsel der Sphinx scheint ja so schwer -und furchtbar und ist doch nichts weiter als die klare, nahe, mutige -Einsicht in Wesen und Wrde unsrer unsterblichen Menschenseele.</p> - -<p>Ein tief empfundener Brief ging an Frau Friedel hinaus; -ein herzlicher Gru an Elisabeth; warme, gute Worte an Bruder<span class="pagenum"><a name="Seite_131" id="Seite_131">[S. 131]</a></span> -und Vater. Und als ihm sein Freund, der Schriftsteller, aus nordischen -Studien heraus eine Ansichtskarte sandte, ein Waldbild von -Birken und Tannen, ergriff den Pilger das Heimweh nach Orgelton -und Tempelstille des innig geliebten deutschen Waldes. Stand -noch die Tanne vor dem alten Thringer Herrenhause?</p> - -<p>Die vorletzte Nacht auf dem Montserrat war wieder voll -Schwermut. Wie viel gute Arbeit hatte der Wanderer auf all der -Irrfahrt versumt! Als er sich nach seiner Gewohnheit mit raschem -Schwung zu Bett warf und in die Wolldecke hllte, streifte er die -halbvergessene Laute. Es klang ein Ton in die schmucklose Zelle. -Da empfand er sein Leben wie ein wehmtig Mrchen, dessen -irrender Held immer im Zauberkreise umherwandert.</p> - -<p>„Es war einmal ein Dmmling, der lief von Heimat und -Jugendfreundin fort und rannte in wunderlichen Windungen hartnckig -einem verschleierten Frauenbild nach. Und als er endlich -die ersehnte Gestalt erreicht hatte und ihr den Schleier vom Angesicht -ri — wen sah er? Seine Jugendfreundin!” ...</p> - -<p>In unerwarteter Wendung wies ihm das Schicksal den Heimweg.</p> - -<p>Denn am neunten Tag kam eine Karte aus Genf.</p> - -<p>Dieser Kartengru erregte des Spielmanns Phantasie bedeutend.</p> - -<p>Wallace und Leroux, seine Bekannten von der Riviera, schickten -diese unvermutete und aufstrende Botschaft. Sie hatten sich in -Genf mit Freiin Elisabeth von Stein-Birkheim bekannt gemacht -und sandten nun gemeinsamen Gru.</p> - -<p>Jetzt war es mit Ingos Sammlung zu Ende. Mit einem Schlage -sah er seinen Pfad erhellt. Elisabeth in Genf?! Und bei Wallace -und diesem koketten Leroux?! Er wurde unruhig. Lebenshunger -durchglhte wieder den gesunden und krftigen jungen Mann.</p> - -<p>Schon am nchsten Nachmittag, immer rasch in seinen Entschlssen, -sa er auf der Bahn, nach einem herzlichen, ja innigen -Abschied von den Freunden, und fuhr ber Barcelona wieder -nach Norden.</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 96px;"> -<img src="images/p131_deco.png" width="96" height="70" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_132" id="Seite_132">[S. 132]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p132_deco.png" width="600" height="47" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Achtes Kapitel</small><br /> - -<big>Am Genfer See</big></h3> - -<div class="cite"> -<p class="noindent"> -O ihr seid stark und wit es nicht,<br /> -Denn stark ist nur der Liebe Band.</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Droste-Hlshoff</span> -</p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p025_cap.png" alt="E" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">E</span> -lisabeth von Stein-Birkheim sa mit ihrer Mutter am -Fenster eines Genfer Hotels.</p> - -<p>Die edlen Profile der aristokratischen Damen hoben -sich in der Beleuchtung des spten Nachmittags deutlich hervor. -Beide Langkpfe glichen einander in der graden Stirn und Nase -und ebenso in der Knotung der schweren Haare. Nur war die alte -Dame silberhaarig, die junge dagegen von einem matten Rotblond; -und dem bleichen, etwas gelblichen Antlitz der zurckgelehnten -Kranken entsprach auf der andren Seite die zartrosige Gesichtsfarbe -der immer grade sitzenden Elisabeth.</p> - -<p>Sie hatte aus einem Roman des Franzosen Romain Rolland -vorgelesen, der sich durch sonnige Stimmung abhebt von den -blichen Erzeugnissen dieser Art. Aber die Damen hatten dabei festgestellt, -da ihr Franzsisch ziemlich verblat war; Elisabeths lange -und feine Hand hatte mit strender Hufigkeit das Taschenlexikon -befragen mssen. Nun griff sie wieder zu ihrer Stickerei und gestand -ihrer Mutter, da sie sich jetzt erst wieder auf vertrautem Boden fhle.</p> - -<p>In llichem Geplauder gingen einige Minuten vorber. Dann -schlug Frau von Stein pltzlich ein Gesprch an, das scheinbar ohne -Zusammenhang mit dem Vorausgehenden in der Luft hing.</p> - -<p>„Ich mu mich immer wieder verwundern,” sprach sie in ihrer -vornehm gedmpften und ziemlich khlen Art, „wie es dieser Phantast -Ingo so lang im Ausland, in Frankreich oder wo er sich sonst -herumtreibt, aushalten mag. Er scheint doch von der hbschen -Trotzendorff mehr als schicklich engagiert zu sein.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_133" id="Seite_133">[S. 133]</a></span> - -Die betagte Dame sprach mit einer etwas dnnen, sprden, -vor Alter und Gebrechlichkeit leicht zitternden Stimme; und sie -sprach sehr langsam und bedchtig, fast ein wenig geziert.</p> - -<p>Elisabeth gab zunchst keine Antwort; denn da war eine wehe -Stelle, die bei der leisesten Berhrung empfindlich schmerzte.</p> - -<p>Dann aber uerte sie leichthin:</p> - -<p>„La du ihn nur ganz ruhig auf seinen Meeren fahren, Muttchen! -Er wird sich schon einmal wieder an Land finden.”</p> - -<p>Ihre Stimme war um manche Grade voller und herzlicher -als die ihrer eingefallenen, vertrockneten Mutter, obwohl sich im -zurckhaltenden Ton beide Damen glichen.</p> - -<p>Dann schwiegen sie wieder. Frau von Stein zog die Decke -fester um die Knie, faltete die Hnde und schlo ein wenig die -Augen. Auf der Strae fuhren die Wagen; jenseits des Hafens -schimmerten blulich die beglnzten Alpen. Doch der breite, weie -Montblanc, der sonst wie ein Weihnachtsland zwischen den Gipfeln -des Mle und des Petit-Salve herberschimmert, blieb heut' im -Duft verborgen.</p> - -<p>„Ich verstehe nicht,” spann die Mutter nach einem Weilchen -hartnckig den Faden weiter, „wie er sich so auffallend an die -Trotzendorffs anschlieen konnte. Ihnen zuliebe hat er sich in -Weimar die Wohnung eingerichtet und ist auf dem Gute berhaupt -nicht mehr zu sehen. Alle Welt spricht davon, und dieses -Verhltnis ist auch ganz und gar nicht zu billigen, das wirst du mir -nicht bestreiten, Elisabeth.”</p> - -<p>Elisabeth bestritt es nicht. Sie nahm sich zur Antwort Zeit -und sagte nach einer besinnlichen Pause:</p> - -<p>„Nun, Mama, es ist aber schlielich doch wohl zu begreifen. -Unter seinen Verwandten und frheren Freunden ist er mit seinen -poetischen und musikalischen Interessen so gut wie gar nicht verstanden -worden, das wirst du doch zugeben. Und dann — Frau -von Trotzendorff ist eben eine Knstlernatur, die ihn versteht. -Auch die beiden Knaben hngen sehr an ihm, und Richard ist von -Kopf zu Fu ein Edelmann.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_134" id="Seite_134">[S. 134]</a></span> - -„Das ist ja wohl wahr”, nickte die Freifrau. „Dieser Major -von Trotzendorff ist ein Gentleman, ein nobler Charakter, das mu -man gelten lassen. Aber es ist doch nicht schicklich, dieses ganze -Verhltnis; der Gatte sollte minder tolerant sein. Nein, nein, du -redest mir das nun einmal nicht aus! Dieser Ingo ist berhaupt -sonderbar; ich habe ihm nicht vergessen, wie er einmal ber den -preuischen und pommerschen Adel demokratisch abgeurteilt hat. -Das sind Anwandlungen, die in seine Familie ganz und gar nicht -passen. Ich bitte dich, am offenen Tisch zu behaupten, einem richtigen -ostelbischen Junker sei ein Kalb wichtiger als ein Dichter! -Wie kann ein Sohn aus altem Hause so unfair ber Standesgenossen -urteilen! Aber so ist er!”</p> - -<p>„Wenn er aber nun recht htte, Mama?”</p> - -<p>„Elisabeth!”</p> - -<p>„Im Ernst, Mutti: wofr hat zum Beispiel Ingos Bruder -Interesse? Fr Hunde, Jagd, Pferde, landwirtschaftliche Ausstellungen -— und was noch?”</p> - -<p>„Ja gewi — aber — er ist doch nun einmal Landwirt! Gewi, -ich gebe ja zu, Ingo ist ein intelligenter Mensch. Aber wie weit -hat er es denn gebracht mit all seiner Intelligenz? Und weil er -es zu nichts gebracht hat, droht er nun zu verbittern und zieht -sich von den natrlichen Lebensgewohnheiten seines Standes ins -Ausland zurck. <span class="antiqua">Voil, ma chre!</span> Das bestreite du mir einmal, -wenn du's vermagst! Er htte Offizier werden oder sich dem -Staatsdienst widmen sollen. Solche Talente gehren in die Nhe -Seiner Majestt, er wre da sicherlich ein groer Mann geworden.”</p> - -<p>„Hast du in der Nhe Seiner Majestt schon einmal groe -Mnner gesehen?”</p> - -<p>Es zuckte ironisch um Elisabeths Mundwinkel; sie war sonst -sehr gehalten, sehr hflich und herzlich, sehr konservativ. Aber mitunter -brach eine sinnlich-wohlige Laune aus diesem gesunden -Mdchen heraus, dessen Lebensgeister einst in verliebten Stunden -wachgekt worden und nun seit langem nur der Krankenpflege -zugekehrt waren. Und in solchen Stimmungen kamen, immer noch<span class="pagenum"><a name="Seite_135" id="Seite_135">[S. 135]</a></span> -fein und dezent, aber recht merklich, Kobolde und Neckgeister ber -die ehemalige Schwester vom Roten Kreuz. Es gelstete sie dann, -gerade ihre allzusehr auf das Schickliche bedachte Mutter in die -Enge zu treiben.</p> - -<p>„Elisabeth, ich wei wirklich nicht, wie du mir heute vorkommst”, -wehrte sich Frau Mathilde von Stein. „Du weit doch -ganz gut, was ich mit dieser Bemerkung sagen will. Ich habe ja -absichtlich dem Gesprch eine Wendung gegeben, die dir angenehm -sein mu. Stein ist begabt, er knnte ebensogut wie ein anderer -etwa Generalintendant der Kniglichen Schauspiele sein, das will -ich damit nur sagen.”</p> - -<p>„Hltst du die Generalintendanten der Kniglichen Schauspiele -fr groe Mnner?”</p> - -<p>„Aber es sind doch Leute von Titel und Rang! Stein hat doch -gewi ebensoviel Verstand!”</p> - -<p>„Glaubst du, da zum Generalintendanten Verstand gehrt?”</p> - -<p>„Ja aber — hr' mal, Kind, du willst mich heute rgern!”</p> - -<p>Elisabeth sprang lachend auf, legte den Arm um ihre Mutter -und kte sie in einem nrrischen Anfall ordentlich ab.</p> - -<p>„Muttichen, kleines, du hast ja keine Ahnung, wie es drauen -in der Welt zugeht! Aber auch gar keine Ahnung hat unser kleines, -dummes Muttichen!”</p> - -<p>Die Baronin rgerte sich, zupfte sich wieder zurecht, und die -Barone nahm ihre Stickerei wieder auf.</p> - -<p>„ber diesen Ingo von Stein werd' ich mich mit dir schwerlich -jemals verstndigen, Elisabeth”, schlo die alte Dame etwas -verdrielich die Unterhaltung ber diesen Gegenstand. „Du hast -ja schon als Kind immer zu ihm gehalten. Und heute noch stellst -du dich wie ein Engel mit dem Schwert neben ihn, sobald man -diesen absonderlichen Herrn ein wenig zu kritisieren wagt. Und -dabei hat er doch wahrlich nicht schn an dir gehandelt.”</p> - -<p>„La das, Muttchen!”</p> - -<p>Eine strkere Rte stieg in Elisabeths Schlfen empor. Sie -prete die Lippen aufeinander, entschlossen, auf das Gesprch nun<span class="pagenum"><a name="Seite_136" id="Seite_136">[S. 136]</a></span> -nicht mehr einzugehen. Die Mutter kannte diesen Zug und schwieg. -Und so hatte sie Zeit, an den Geliebten zu denken, den diese Unterhaltung -wieder heraufbeschworen hatte. Sie ertappte sich pltzlich -auf der sinnlich-sen Vorstellung, wie innig und nrrisch er -doch zu kssen und zu kosen verstand, nicht nur ihren Mund, auch -ihre Ohrlppchen und andre Lieblingsstellen, wenn er einmal so -recht in der Narrheit drin war. Ihr selbst war eine passive, aber -zhe Sinnlichkeit eigen; sie prete ihn in ihre starken Arme, als -wollte sie ihn nie mehr fortlassen, und lie mit Wonne seine phantasiereichen -Koseworte ber sich herabrieseln, als htte sich der -Himmel geffnet und Jupiter besuchte seine Geliebte in Form -eines Goldregens. Der Geliebte war oft strmisch, doch niemals -roh; aber oft auch zornig, weil „der Stein nur Stein umarme”!</p> - -<p>Und da wurden ihre Gedanken dster und wurden sehr beschattet. -Denn hier fing das Leid ihrer Trennung an. Sie war -gegenber seinen sturmhaft-nrrischen Einfllen und Zrtlichkeiten -zu schwerfllig, zu unerfinderisch, whrend ihm Genialitt aus allen -Poren sprhte und dann unbefriedigt und verdrossen wieder erlosch.</p> - -<p>Dies alles, oft schon durchdacht, zog wieder einmal durch Elisabeths -reifes und tiefes Gemt.</p> - -<p>In einem der letzten Briefe hatte er ihr damals geschrieben, -er sei in der umgekehrten Lage als jener griechische Bildhauer: -„whrend jener Glckliche die schne Statue lebendig gekt hat, -wirst Du unter meinen Kssen immer mehr zur schnen Statue”. -Oh, sie wute diese Briefstellen auswendig! „Hast Du je um Deinen -Geliebten gekmpft? Hast Du nicht immer bequem gewartet, -bis er zu Dir kam? Hast Du je eine khne, meinetwegen unschickliche -Fahrt gewagt, wenn Du ihn in seelischer Not wutest?” So -stand in jenen letzten Briefen. „Du bist reinlich und ruhig, hflich -und herzlich; aber Dir fehlt Phantasie und Philosophie, Du bist -schwer, statt schwungvoll.”</p> - -<p>„Ja, das ist alles wahr”, dachte Elisabeth in immer erneuter -Beschmung. „Und was ich ihm nicht geben konnte, das hat ihm -dann jene Frau gegeben.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_137" id="Seite_137">[S. 137]</a></span> - -Es stieg ihr siedend hei das herbste und letzte seiner Zornworte -in der Erinnerung empor; auf sein letztes Buch, das er ihr -mit langem Brief gesandt, hatte sie nur in der ihr eigenen konventionellen -Krze geantwortet: das Buch wre recht „nett”, und sie -danke schn dafr. Da brauste er aber heftig auf. „Ich sende -Dir mein Herzblut — und Du findest es nur nett?! Abscheulich -Wort! Pfui, schm' Dich!”</p> - -<p>Ja, sie schmte sich. Elisabeth schmte sich bitterlich. Das -war sein letzter Brief gewesen. So hatten sie sich verloren. Weil -sie zum Mitfliegen zu lssig und oberflchlich war. Aber inzwischen -hatte Elisabeth in Pommern drei aufrttelnde Lehrjahre durchgemacht. -Jetzt glaubte sie Ingos Bcher und Briefe zu verstehen; -und sie gab ihm recht in allem, sich selber die Schuld aufbrdend -und fr ihn betend jede Nacht ...</p> - -<p>Es pochte.</p> - -<p>Der Oberkellner trat ein, berreichte einen Blumenstrau -nebst Briefchen und entfernte sich wieder.</p> - -<p>„Gewi wieder von dem reizenden jungen Franzosen”, meinte -die Mutter. „Das ist ein wirklich charmanter Mensch.”</p> - -<p>„Ja, von Leroux. Er sendet dir die Blumen, Mama, und mich -ldt er zu einer Kahnfahrt ein.”</p> - -<p>„Tu das, Kind, geh ein wenig an die Luft! Du tust mir sogar -damit einen Gefallen, denn ich mchte recht gern ein klein wenig -ruhen, es war heute reichlich viel Lektre.”</p> - -<p>So machte sich denn Elisabeth zurecht und war Weib genug, -in ihrem Zimmer verhltnismig lang vor ihrem Spiegel zu -stehen. Sie war nach der Grbelei wieder in jene lebensheitre -Stimmung zurckgeschnellt und in ihrem kribbelnden Blut beinahe -zu Streichen aufgelegt.</p> - -<p>Der mattleuchtende Vollmond stand schon ber dem Gipfel -des Mle und wetteiferte vorerst machtlos gegen die stark hereinschimmernde, -das ganze Land beherrschende Abendrte. Der -junge Pariser war entzckt, da die Barone auf seinen Vorschlag -einging. Sie wanderten miteinander den Quai du Mont<span class="pagenum"><a name="Seite_138" id="Seite_138">[S. 138]</a></span>blanc -entlang, nahmen am Hafendamm ein Boot und fuhren -hinaus.</p> - -<p>Veilchenfarben glnzten Luft und See. Die lige Flche war -von zauberhafter Gltte; lange Furchen blieben hinter Schwnen -und Nachen weithin eingegraben in die schweren, stillen Wasser. -In diesen bezaubernden Farben ruderten die beiden jungen Menschen -durch die unbewegte Flut und sprten auch in sich den alles -belebenden Mai.</p> - -<p>Ren Leroux war eine eigenartige Mischung von Kindskopf -und kultiviertem Pariser. Er entbehrte bei aller muntren Treuherzigkeit -nicht ganz des koketten Raffinements. Da sich die beiden -sympathischen Herren als Freunde Ingos eingefhrt hatten, so -war rasch ein vertraut-hfliches Verhltnis zu den deutschen Damen -hergestellt, die ziemlich neugierig waren, Nheres ber den abenteuernden -Verwandten zu hren. Die krnkelnde Freifrau brauchte -viel Ruhe; Elisabeth war also dankbar fr diesen willkommenen -Anschlu, der sich in den besten Formen der Gesellschaft vollzog.</p> - -<p>Das groe deutsche Mdchen hatte auf den etwas jngeren -Franzosen sofort einen unwiderstehlichen Eindruck gemacht. Er war -elektrisiert. Wie reif! wie ruhig! wie edel in der Bewegung! wie -hbsch die Bste, das Haar, der ganze schlanke Bau, der an jene -herrlichen Statuen am Sdportal des Straburger Mnsters erinnerte: -Kirche und Synagoge! Er konnte seine schwarzen Augen -kaum von ihr abwenden. Es ist sogar zu vermuten, da er mit dem -Namen Stein erst dann auf Fischfang ausging, als ihm diese Trgerin -des Namens auch als Weib angenehm aufgefallen war; an sich -htte ihn eine Verwandte Ingos vermutlich kaum interessiert. -Doch blieb er bei aller Verliebtheit doppelt ehrerbietig; und besondere -Hflichkeiten verschwendete er klugerweise an die Mutter. -Er lauschte sich in die Interessen der Damen hinein; er war es, -der ihnen die Romanreihe „Jean Christophe” empfohlen hatte; -er fhlte sich belebter und vornehmer im Bannkreise Elisabeths. -Und es war bei ihm ein ehrliches Empfinden, kein Tuschungsversuch; -er war von der eher herben als eigentlich schnen, doch<span class="pagenum"><a name="Seite_139" id="Seite_139">[S. 139]</a></span> -uerst anziehenden und eindrucksvollen Erscheinung des thringischen -Edelfruleins hingerissen.</p> - -<p>Das Weib Elisabeth merkte dies. Und das Weib blieb nicht -gleichgltig, nicht unberhrt. Wieviel Lebenshunger war in ihr -angestaut! Und so antwortete irgend etwas in ihrem Organismus -den sinnlichen Strahlungen des heiverliebten Franzosen ganz -von selber. Denn die Sehnsucht nach Ingo brach immer wieder -aus geheimen Quellen empor, berflutete Adern und Nerven und -lie die volle Brust zu eng werden. Dann kam sie sich wie eine unbenutzte -Kraftflle, wie verschmhte Gesundheit vor; und der Verdru -des Wartens und Alleinseins bumte sich auf Augenblicke in -ihrer edlen Natur hochauf, ohne da sie sich dagegen wehren konnte. -Es waren Wallungen, die nicht dem Willen zugnglich waren, -Wallungen der rtselhaften weiblichen Natur.</p> - -<p>So war es auch heute.</p> - -<p>Leroux hatte das Herz voll von sinnlicher Schwrmerei fr -das vor ihm sitzende, mit Kraft geladene junge Weib, das er hier -ber den leuchtenden Genfer See ruderte; und es schien nur einer -Berhrung zu bedrfen, so sprhten elektromagnetische Funken -aus diesem Kraftbehlter weiblichen Reizes. Er schaute sie flammend -an, sie senkte den Blick; dann lachte er wieder unbefangen und -radebrechte das drolligste Deutsch, und sie lachte mit. Unauffllig -veranlate sie ihn, von seinem Zusammensein mit Ingo zu erzhlen. -Der helle Pariser wute darber wenig zu sagen, aber er erfand -nach Krften hinzu, um ihr Freude zu machen. Dann kam -er auf sich selber zu reden; und im Handumdrehen war er mitten -in der flssigsten franzsischen Liebeserklrung, die sich zu heien -Worten steigerte. Er trug ihr schlankweg seine Hand an. Er sei -ein Sohn aus reichem und gutem Hause, er wrde Deutsch lernen, -auswandern, nach Kanada, nach dem Monde, sogar nach Thringen, -wenn sie ihn wolle, denn er liebe sie leidenschaftlich. Und er warf -die Ruder in den Kahn und ergriff ihre Hnde, die in der lauen -Flut gespielt hatten.</p> - -<p>Jetzt erschrak Elisabeth denn doch ber diese andringende Glut;<span class="pagenum"><a name="Seite_140" id="Seite_140">[S. 140]</a></span> -aber sie entzog ihm die Hnde nicht. Sie verglich nur blitzhaft die -strmische Werbung dieses Auslnders mit der Teilnahmlosigkeit -ihres ehemaligen deutschen Geliebten. Solche Gefhle kannst du -erregen, dachte stolz das Weib in ihr, und Ingo hat dich verschmht! -Ach, das kurze Leben! Miachtet und verlassen am Wege liegen zu -bleiben, — o wie bitter! Und hier lockt berauschende Leidenschaft! -Hier lockt das Feuer eines hbschen jungen Mannes und will deine -Khle hinwegschmelzen und bietet dir seine Ksse und sein ganzes -Sein und Haben an! ... So sa Elisabeth mehrere Minuten in der -beginnenden Maienmondnacht, uerlich mit abweisendem Gesicht -ins Wasser schauend, aber die Hnde in ihres Bewerbers heien -Hnden und berschttet von den Liebesworten des lebhaften Kelten.</p> - -<p>In solchen Sekunden hngt eines Weibes Schicksal an einer -geringsten Bewegung, an einem Nichts. Aber Elisabeth strmte -auch in dieser bedenklichen Stunde, wo ihr Blut fr mnnliche Werbung -empfnglich war, eine natrliche Reinheit aus. Es war in -ihrem Antlitz so gar kein Zug schwchlichen Entgegenkommens, da -der Bedrngende nicht wagte, ber das Schickliche hinauszugehen. -Sie entzog ihm endlich die Hnde, strich ber die Stirne und schaute -ihn mit fernen Blicken an. Die Bezauberung wich.</p> - -<p>„Es ist eigentlich nicht liebenswrdig von Ihnen, Herr Leroux,” -sprach sie, und es war wieder der ruhige Ton ihrer Mutter, -„da Sie mich da ganz unvermutet auf einer Kahnfahrt mit so -ernsten Dingen berfallen. Das mssen Sie ber Nacht einmal -ruhig berlegen. Ich nehme an, da Ihr Wunsch, mir Angenehmes -zu sagen, Sie fortgerissen habe. Wir wollen nicht mehr hierber -sprechen. Es wre ja schade, wenn wir uns diesen schnen Abend -stren wrden. Nicht wahr?”</p> - -<p>Und sie hielt ihm lchelnd und nun wieder ganz berlegen die -Hand hin, die er sofort nervs und lachend schttelte; worauf er -elastisch zu den Rudern griff und ausrief: „Verzeihen Sie mir, aber -der Abend und Ihre Nhe berauschen mich!”</p> - -<p>„Der Abend? Es ist ja Nacht! Nun schnell zurck! Wir sind -ja da fast zu dem Park Monrepos hinbergetrieben und sicherlich<span class="pagenum"><a name="Seite_141" id="Seite_141">[S. 141]</a></span> -wohl schon halbwegs nach Coppet geraten! Flink! Oh, sehen Sie -nur, die Lichterreihe von Genf! Und sehen Sie dort: der Vollmond. -Und hier der feurige Drache, der Dampfer! Nur flink weiter, -sonst ngstigt sich meine Mutter!”</p> - -<p>So fuhren sie in die Lichter zurck, die in groem Halbkreis um -den Genfer Hafen stehen. Und der gewandte Franzose suchte unter -doppelt lauten und heitren Gesprchen seine Niederlage zu verbergen ...</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Ingo von Stein war von Barcelona, nach flchtigem Besuch -bei Schaller, direkt nach Avignon durchgefahren.</p> - -<p>In der wohlbekannten Papststadt wurde Rast gemacht; die -spanischen Eindrcke verlangten hier noch einmal Verarbeitung. Jetzt -stand er einsam auf dem <span class="antiqua">Rocher des Doms</span> oberhalb der Rhone, -wo er einst mit Friedel von jenem Mdchenphantom geplaudert. -Und ihm war, als wren Jahre, nicht Wochen, seit seinem letzten -Aufenthalt in Avignon an ihm vorbergerauscht und htten ihre -Spuren hinterlassen. Baumwipfel schienen vor der Aussicht hinweggerumt, -der Blick wurde frei, Jugendland tat sich abermals -auf; Cousine Elisabeth stand am Parktor und winkte dem gereiften -Pilger; und sie traten ein in das Freiland mavoll beruhigter -Schnheit und Weisheit und Liebe.</p> - -<p>Wunderlich war es, wie er sich nun nach Elisabeth sehnte! -Diesem Drange frischweg folgend, fuhr er vom reizvoll ummauerten -kleinen Avignon ber die offene groe Handelsstadt Lyon immerzu -das Rhonetal hinauf nach der ernsten Calvinistenstadt Genf und -stieg dort in demselben Gasthof ab, in dem die Damen und ihre -beiden jungen Begleiter wohnten.</p> - -<p>Gerade als Leroux und Elisabeth das Boot betraten, zog -Ingo im Hotel seine erste Erkundigung ein. Ja, diese Gste wren -hier, gab man ihm Bescheid, aber auer der leidenden alten Dame -alle ausgegangen. Wohlan, so wusch er sich denn auf seinem Zimmer -und trat dann gleichfalls hinaus in die Zauberfarben dieses -unvergleichlichen Maienabends. Allen Damen am rosig hellen Ufer -sphte er unter den Hut: ist sie dies? oder jene dort? Nach den<span class="pagenum"><a name="Seite_142" id="Seite_142">[S. 142]</a></span> -seltsamen Fahrten dieses Frhlings berwltigte ihn das Verlangen -nach deutschen Lauten, nach thringischen Gesichtern, nach -fester Erdenwirklichkeit. Und hier also, unter diesen Menschen, die -sich in verklrender Beleuchtung am Strand ergingen, irgendwo -unter diesen Menschen mute auch Elisabeth sein. Es gab also hier -eine lebendige Seele aus Fleisch und Blut, die er <em class="gesperrt">sein</em> nennen -durfte! <em class="gesperrt">Seine</em> Elisabeth! Die ihn heute noch liebte wie vor fnfzehn -Jahren, als sie ihm unter dem Herbstgold thringischer Buchen -den ersten Ku der Liebe gab!</p> - -<p>Er ging aufmerksam sphend am Strand entlang bis zum -Park Monrepos.</p> - -<p>Auch auf die Boote, die reinlich abgezeichnet auf silberner Flut -schwammen, richtete er sein scharfes Auge. Es bemchtigte sich -seiner ein feines Fieber besorgter Unruhe. Wo ist sie? Ausgegangen -mit Wallace und Leroux? Oder nur mit einem der Herren — -und mit wem?</p> - -<p>Die Boote beobachtend, blieb er mit pltzlichem Erschrecken -stehen: die hohe Dame dort im Nachen mit dem starken Haar und -dem graden Wuchs — war sie das nicht? Er sphte lang in die -sinkende Nacht hinein; sie hatten die Ruder eingezogen, sie hielten -sich an Hnden. Allein das war wohl schon die dritte oder vierte -Dame, die er heute abend fr Elisabeth gehalten hatte. Er lachte -sich selber aus und kehrte ins Hotel zurck.</p> - -<p>„Noch nicht zurckgekommen?”</p> - -<p>„Bedaure, nein.”</p> - -<p>„Aber es ist ja Nacht.”</p> - -<p>„Herr Wallace kommt immer spt zurck, denn er malt im -Gebirge. Herr Leroux und Frulein von Stein haben wahrscheinlich -wieder eine Kahnpartie gemacht.”</p> - -<p>„So, so!”</p> - -<p>Er schwieg einen Augenblick, bi sich auf die Lippen und warf -dann die Worte hin:</p> - -<p>„Sagen Sie weiter nichts, da sich jemand nach den Herrschaften -erkundigt hat. Es wird sich ja morgen alles finden. Schicken<span class="pagenum"><a name="Seite_143" id="Seite_143">[S. 143]</a></span> -Sie mir den Kellner auf mein Zimmer, ich werde oben eine Kleinigkeit -essen.”</p> - -<p>Der umhergetriebene Troubadour schlief in dieser Nacht keine -Stunde.</p> - -<p>Doch sein Tagebuch fllte sich mit peinvollen Gedanken.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - - -<p class="center"><span class="gesperrt">Aus Steins Tagebuch</span>:</p> - -<p>Von Lord Byrons grozgigem Pathos, von Shelleys Himmelsflug, -von Voltaires Diabolik und Rousseaus dumpf-ungestmem -Freiheits- und Liebesdrang sind an diesem Genfer See noch Strmungen -in der Luft ...</p> - -<p>Es ist Nacht: Zeit der Dmonen. Zeit der Sonnenferne, Zeit -der Mondherrschaft. Es ist Nacht: Gespenster- und Verrterstunde! -In der Nacht verriet Petrus den Herrn; als der Hahn krhte, als -die Sonne wieder alles Leben beleuchtete, erwachte sein hheres -Ich zum Bewutsein der niedrigen, sonnenfernen, gottfernen Tat ...</p> - -<p>Teile der Nacht sind in uns allen. Unbetretene Schluchten, -luziferische Mchte, Dmonen des Abgrundes. Und Diabolik oder -Koboldwesen und Nixentum steckt auch in jedem naturstarken -Weibe ... Elisabeth ist naturstark ... Freilich, das edle Weib -beherrscht die Dmonen; sie werden dann Freunde und dienen der -stolzen Herrin. Aber das schwache Weib? Das lliche und passive -Weib? ...</p> - -<p>Ich bin furchtbar allein! ...</p> - -<p>O mein Gott, wie grauenhaft bin ich allein! ...</p> - -<p>Zum erstenmal in meinem einsamen Leben wahrhaft mutterseelenallein! -...</p> - -<p>Klammre dich nicht an ein Weib, mein Herz! Ein Weib kann -nicht geleiten, kann nur begleiten, wenn du selber stark bist. Sie -kann den Lebenskampf erleichtern, aber nicht bedeuten, nicht dir -ersparen; sie kann Reizmittel sein, nicht Nahrung. Nahrung aber -mssen Mann und Weib aus bersinnlichen Sphren holen. Wenn -dir dahin der Pfad versperrt ist, wenn du nimmer glaubst an Sitte<span class="pagenum"><a name="Seite_144" id="Seite_144">[S. 144]</a></span> -und Gottheit — dann allerdings ist Geschlechtslust dein niedertrchtiger -Ersatz — und Zerrttung das Ende!</p> - -<p>Das ist des Lebens Tragik: bei innigster Liebe und reinster -Absicht in entscheidenden Stunden ganz allein zu sein! Es gibt -Stunden, die dir den Atem benehmen, wo du mit niemandem -sprechen kannst, auch nicht mit dem besten Freunde. Das mu -allein durchgekmpft werden. Bei Zhne zusammen! Kmpf' es -durch! Sprenge die Rinde! Neue Kraft formt neue Lebensrinde! -Und nicht bitter werden, nicht bitter! Es ist wie ein Sterben, denn -du mut dich von etwas Geliebtem trennen. Doch morgen bist du -hindurch — und die Wunde wird vernarben — und du bist strker -als zuvor ...</p> - -<p>Ich spre die Geisterfreunde vom Montserrat, ich spre die -Jungfrau von Lourdes. Habt Dank! Bald bin ich vollends in -eurem unbekannten Lande, wo es nur Liebe gibt, nur Treue ...</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Als der Vollmond ber den See hing,<br /></span> -<span class="i0">Als die tckisch bewegliche Welle<br /></span> -<span class="i0">Ruhigen Lichtes lag, nur leise blinzelnd —<br /></span> -<span class="i0">Dacht' ich, wie diese falsche Woge<br /></span> -<span class="i0">Tckischen Sturmes fhig sei,<br /></span> -<span class="i0">Schneeweie Fuste ballend,<br /></span> -<span class="i0">Ein zornig Weibchen — das gestern<br /></span> -<span class="i0">Zrtliche Geliebte war.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Traue der Welle nicht, Wandrer!<br /></span> -<span class="i0">Trau' nicht dem Weibe!<br /></span> -<span class="i0">Ach, mich qulen Wahnsinnsgedanken,<br /></span> -<span class="i0">Da ich der Sen mitraue,<br /></span> -<span class="i0">Die mir so lieb war!<br /></span> -<span class="i0">Denn keine Treue wohnt in der Welle,<br /></span> -<span class="i0">Ach, keine Treue im Weib! Denn im Kusse,<br /></span> -<span class="i0">Insgeheim, in dunklen Tiefen,<br /></span> -<span class="i0">Denkt sie des andren!<br /></span> -<span class="i0">Ach, wer will eines Weibes Gedanken gebieten!<br /></span> -<span class="i0">Wer den ewig beweglichen Wellen! ....<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_145" id="Seite_145">[S. 145]</a></span></p> -<p>Es ist Gift in meinem Blut! Es sind Dmonen in diesem -Zimmer! Dieses Genf ist voll von Dmonismus! Ward nicht da -drauen eine Kaiserin ermordet? Ja, das ist es! Bin ich nicht -vorhin ber die Stelle dieser schwarzen Tat gegangen? Sie ward -mitten ins Herz getroffen von jenes Mrders Stilett, es flo kein -Tropfen Blut, sie hat immer im Leben Reinlichkeit geliebt. Ruhelose, -du bist viel gewandert: wandernd stiegst du in Charons Nachen! -Ihr Lieblingsdichter war der zerrttete Heine, ein Verwandter des -greren Byron, der den Gefangenen von Chillon besungen hat — -Freiheitsucher, denen Europa und die Erde zu eng war! Weie -Schwne schwammen am Ufer, wo sie gettet ward; und die weien -Berge schauten machtlos dem schwarzen Frevel zu ...</p> - -<p>Leben, du bist erschtternd kurz! Elisabeth, die du jener Kaiserin -Namen trgst, wir wollen einander gut sein! Meine Elisabeth, -wir wollen uns treu sein! Vergib, Elisabeth, denn ich bin -dir selber zuerst untreu geworden! Und du hast recht, es mir zu -vergelten. Vergelten?! Du — und vergelten?! Du bist ja frei, -du bist durch nichts an mich gebunden! Es hat mich nur einen -Augenblick erschttert, da du nun doch einen andren liebst. Sei -glcklich — aber sei nicht unvornehm, meine Vornehme! Freunde -sollen aufeinander stolz sein knnen: ich will stolz sein auf meine -vornehme, keusche, stolze Freundin Elisabeth, auch wenn sie einem -andren gehrt. Wohl bin ich dem Glck nachgejagt, auch jetzt noch, -aber das Glck hat mich gefoppt auf allen Wegen ...</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Euer Plan ist verloren, ihr ewigen Gtter,<br /></span> -<span class="i0">Wenn ihr whntet, ich wrde als Heil'ger wandlen,<br /></span> -<span class="i0">Den harten Blick empor auf das Ewige richtend,<br /></span> -<span class="i0">Bupredigend wandlen durchs reinere Deutschland!<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Nein! Mich berwltigt der Drang nach Liebe!<br /></span> -<span class="i0">Jene, die mich in fernen Kindertagen<br /></span> -<span class="i0">Aufgeweckt und mein Blut zum Singen brachte —<br /></span> -<span class="i0">Wieder such' ich sie hei und suche Liebe!<br /></span> -</div></div> -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_146" id="Seite_146">[S. 146]</a></span></p> -<div class="poem"><div class="stanza"> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wieder mu ich hinab, hinab zu Menschen!<br /></span> -<span class="i0">Noch nicht bin ich zum Aufstieg auf den Gralsberg<br /></span> -<span class="i0">Reif genug — und werd' es im nchsten Dasein<br /></span> -<span class="i0">Redlich ben — doch heute — — Liebe! Liebe! ...<br /></span> -</div></div> - -<p>Die flchtige Auskunft eines Kellners, ein Blick auf einen Kahn, -eine dumpfe Angst und Ahnung — es gengt, mir eine Fiebernacht -zu schaffen! Ich glaubte mich im bequemen Besitz, ich ward -herausgeschreckt. Nun kannst du spren, mein Herz, wie zh und -fest meine Jugendfreundin mit mir verwachsen ist! Nun, da du -verlierst, nun weit du, was du besessen! ...</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">Bin gealtert, leidgeschttelt<br /></span> -<span class="i0">Und ergraut an beiden Schlfen —<br /></span> -<span class="i0">Liebste, doch noch einmal mcht' ich<br /></span> -<span class="i0">Da wir uns im Walde trfen.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">All die sen Liebesworte,<br /></span> -<span class="i0">Die ich dir vor sieben Jahren<br /></span> -<span class="i0">In dein schweres Haar geflstert,<br /></span> -<span class="i0">Solltest du aufs neu' erfahren.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Wenn der Knabe kt, so ist es<br /></span> -<span class="i0">Wie das Schilf im weichen Winde —<br /></span> -<span class="i0">Doch des Mannes Ku vergleich' ich<br /></span> -<span class="i0">Starkem Sturmgebraus der Linde.<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">Warst du dort die Honigblte,<br /></span> -<span class="i0">Dran ich wie ein Falter naschte,<br /></span> -<span class="i0">Oder warst du mir die Waldfee,<br /></span> -<span class="i0">Die ich leichten Sprungs erhaschte —<br /></span> -</div><div class="stanza"> -<span class="i0">So ersehnt jetzt Mannesvollkraft<br /></span> -<span class="i0">Eines starken Weibes Flle,<br /></span> -<span class="i0">Und es trennt die reifen Gatten<br /></span> -<span class="i0">Weder Bnglichkeit noch Hlle ....<br /></span> -</div></div> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_147" id="Seite_147">[S. 147]</a></span> - -Wunderlich wechselnd ist eines phantasiereichen Menschen -Empfindungsleben.</p> - -<p>Als Ingo von Stein nach geringem Schlafe am andren Morgen -auf roten Teppichen die Hoteltreppe hinunterstieg, war er ber -sich selber erstaunt, wie spannkrftig er dennoch dem neuen Tag -entgegenschritt, als wre der Gedankenspuk dieser eiferschtigen -Nacht gar nicht gewesen.</p> - -<p>Es war zwischen sieben und acht Uhr, als er ins Frhstckszimmer -trat.</p> - -<p>„Noch niemand unten?”</p> - -<p>„O nein! Erst gegen neun Uhr pflegen die Herren zu erscheinen; -und die Damen nehmen das Frhstck auf ihrem Zimmer.”</p> - -<p>Er trank seinen Kaffee und trat hinaus in den kstlichen Duft -eines wolkenlosen Morgens. Nach rechts, ber die Brcke, in den -englischen Garten. Auch dort irgendwo waren Boote zu vermieten; -er nahm sich einen schlanken Nachen und ruderte aus dem -Hafen hinaus in den glatten See, der flimmerte von Morgenduft -und Morgenlicht.</p> - -<p>Hatte des Nachts eine mittelalterliche Stimmung von Hexen -und Dmonen spukhaft ber ihn Macht gehabt, so ward er jetzt -umflutet vom taghellen Schnheitsrausch des alten Hellas. Wie -kraftvoll schn die Welt! Wie anstrahlend Luft und See! Ein -starkes Naturschauspiel entfaltete sich unmittelbar vor seinem -Nachen: ein groer Schwan, von Maienbrunst getrieben, verfolgte -strmisch ein Weibchen; mit den Flgeln klatschend, rauschend, -flog er dahin, fiel auf offenem See ber das flchtende -Weibchen her, schlug den Schnabel in Hals und Rcken des unter -ihm schwimmenden Vogels — und unter starkem Schreien kmpften -sie schwimmend den uralten Kampf der Geschlechter, so da -Federn flogen und der See aufrauschte. Mehrere andre Schwne -umkreisten mit erregt gestrubten Flgeln den immer wieder unterbrochenen -und immer wieder aufgenommenen Kampf. Leda und -der Schwan! Das sinnlos berauschte Mnnchen verfolgte das -weibliche Tier ber den halben See hinber; leicht schwimmende<span class="pagenum"><a name="Seite_148" id="Seite_148">[S. 148]</a></span> -Federn bezeichneten die Fluchtlinie. Das Bild pate in die Kraft, -den Farbenglanz und die Gre der Landschaft. Der See schimmerte -grn-blulich, fast violett; die Huserreihe von Genf warf -das Morgenlicht zurck; und dahinter erhob sich die ernste Schneelandschaft -der Juragipfel.</p> - -<p>Dem Troubadour verdichtete sich der wildschne Kampf des -Schwanes um sein Weib zum Sinnbild fr ihn selber. So gedachte -auch er um sein Ideal zu kmpfen — aus allen Irrfahrten heraus -um das ganz bestimmte einzige Weib, das ihn von Kind an geliebt -hatte.</p> - -<p>Er zog die Ruder ein, lie sich treiben und redete mit den -Nixen des Genfer Sees.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Nixen der Flut und der Forste, ich bitte, bleibt mir auch ferner<br /></span> -<span class="i0">Freundlich gesinnt, wie so oft in der Heimat, im Thringer Walde!<br /></span> -<span class="i0">Ja, verdoppelt die Gabe! Denn zwiefach will ich nun werden,<br /></span> -<span class="i0">Und es frchtet mein Weib ein wenig die Rache der Nixen,<br /></span> -<span class="i0">Die ich immer so herzlich geliebt wie die Wunder des Waldes.<br /></span> -<span class="i0">Doch ich erzhle der Bangen, wie gut ihr seid und wie hilfreich,<br /></span> -<span class="i0">Und bald wird sie euch lieben und wird sich freuen, zu schauen<br /></span> -<span class="i0">So viel schne Gesichtchen, so schne Gewnder und so viel<br /></span> -<span class="i0">Kstlich melodischen Lebensgesang, der nachts um das Haus weht<br /></span> -<span class="i0">Und des Schlfers Gedanken und Sorgen verwandelt in Wohllaut.<br /></span> -<span class="i0">Singt auch der Meinen! Singt meiner Gattin! Und was sie an Kummer<br /></span> -<span class="i0">Oder an Krankheit geschaut und gepflegt — verwandelt es, Geister,<br /></span> -<span class="i0">Singend in Tne der Freude! Und habt sie lieb, wie ihr mich liebt!”<br /></span> -</div></div> - -<p>Dann ruderte er hafenwrts, erstand die schnsten Blumen -und schritt in das Hotel zurck.</p> - -<p>Oben warf er sich in seinen dunkelgrauen Gehrock und schrieb -auf seine Visitenkarte, die er mit den Blumen hinberschickte, er -bitte um die Ehre, den Damen von Stein seine Aufwartung zu -machen. Nach Leroux und Wallace hatte er sich vorerst gar nicht -erkundigt.</p> - -<p>Vor den Zimmern der Damen im Korridor auf und ab gehend, -wartete er pochenden Herzens auf Antwort. Es war ihm vllig<span class="pagenum"><a name="Seite_149" id="Seite_149">[S. 149]</a></span> -ungewi, wie man ihn aufnehmen, ja ob man ihn berhaupt empfangen -wrde. Als er noch wartend stand und sich bereits mit der -Einbildung abzufinden suchte, da man seinen Besuch berhaupt -nicht annehmen wrde, kam von unten ein Kellner und brachte -ihm einen eben angekommenen Brief. Er erkannte Trotzendorffs -feste Handschrift. Doch hatte er eben nur Zeit, den Brief einzustecken. -Denn die Tr tat sich auf — und raschen Schrittes trat -Elisabeth heraus.</p> - -<p>„Ingo!”</p> - -<p>Sie lie die Visitenkarte fallen und strzte mit ausgestreckten -Hnden auf ihn zu, ber und ber erglhend und in diesem Augenblick -wahrhaft schn. Er ergriff ihre beiden Hnde mit den seinen, -und so standen sie sich einen Augenblick gegenber und schauten -sich mit bebenden Herzen an. Es war einer der schnsten Augenblicke -seines ganzen Lebens. Alles, was ihn geqult hatte, fiel von -ihm ab, als sie sich hier Auge in Auge gegenberstanden. Der -Gralsucher hatte die berwltigend beseligende Empfindung: Ich -bin am Ziel!</p> - -<p>Aber sie befanden sich auf offenem Korridor, fremden Blicken -ausgesetzt, und so beherrschten sie sich rasch.</p> - -<p>„Aber wie kommst du denn hierher?” rief Elisabeth.</p> - -<p>„Dich und deine Mutter zu begren; das ist doch ganz einfach!”</p> - -<p>„Mama ist sprachlos vor Staunen, sie macht sich eben im -Schlafzimmer fertig. Komm nur herein in unsren Salon!”</p> - -<p>Und sie traten ein.</p> - -<p>Das Stubenmdchen, ein niedlicher Racker, der den Vorgang -neugierig beobachtet hatte, hob Steins zu Boden gefallene Visitenkarte -auf und ging damit trllernd und schnalzend an das andre -Ende des Stockwerks. Dort lag Leroux noch immer in den Federn, -obwohl es ber zehn Uhr war; seine Schuhe standen vor der Tre. -Der Pariser pflegte das Mdchen gern zu necken, sie gab ihm die -Neckerei zurck: sie legte die Visitenkarte quer ber seine Schuhe -und erzhlte dann kichernd den Kolleginnen, wie zrtlich der neue<span class="pagenum"><a name="Seite_150" id="Seite_150">[S. 150]</a></span> -Herr von den Damen auf Nr. 10 empfangen worden sei. „Der -sticht den Pariser aus — wetten wir?”</p> - -<p>Frau Baronin Mathilde von Stein-Birkheim war mit der -ganzen Vornehmheit ihres Wesens, das Spitzentuch ber Kopf -und Schultern, die groe Brosche mit dem Bild der Groherzogin -am Halse, in den Salon getreten und hatte, auf ihren Krckstock -gesttzt, stehend den offiziellen Besuch ihres beraus hflichen -Neffen entgegengenommen. Dann nahm sie Platz und lud zum -Sitzen ein. Sie war sonst wenig entzckt von Ingo; es war fr -sie schwer, zu dem unberechenbaren Menschen ein Verhltnis zu -finden. Noch im Herausgehen wute sie nicht recht, ob sie den vermutlich -ganz verwilderten Troubadour nicht gleich wieder khl -entlassen solle. Jedoch die bejahrte Dame hatte eine Eigenschaft, -die in diesem Falle berwog: sie war ein wenig neugierig. Und -da Ingo mit wahrhaft ehrfurchtsvoller Hflichkeit ihre Hand kte -und in unverwilderten Formen eine ritterliche Begrungsrede -hielt, war sie zunchst beruhigt und begann ihm umstndlich ihre -Krankheit zu erzhlen. Dann sprach man vom Leidenslager seines -Bruders. Und dann geriet das Gesprch ins Stocken; denn -alle drei dachten an eine dritte Kranke, deren Namen aber niemand -nennen mochte.</p> - -<p>Whrend bei dieser gemessenen Unterredung Baronin und -Ingo einander gegenber saen, stand Elisabeths hohe Palmengestalt -am Lehnstuhl ihrer Mutter. Sie hatte den Arm um die Lehne -gelegt, leicht geneigt, und schaute, sofern sie sich nicht zur Mutter -herabbeugte, um eine Angabe zu besttigen, fast unverwandt den -Geliebten an, so strahlend von einem stummen Glck, da dem -Wandrer einmal ber das andre ein warmer Schauer ber das -Herz rann. Himmel, wie edel und reif dieses Gesicht, wie ebenmig -diese Gestalt! Wie gtig, warm und wonnig diese Augen! -Und wie hilflos-kindlich dieses Lcheln des Glckes, das sie offenbar -gar nicht zurckdrngen konnte! Nicht mit einem Wort beteiligte -sie sich unmittelbar an der Unterhaltung; darin war sie -sich treu geblieben. Und als sich Ingo erhob, um sich nach diesem<span class="pagenum"><a name="Seite_151" id="Seite_151">[S. 151]</a></span> -ersten Besuch wieder zu verabschieden, hatte sie buchstblich auer -den jubelnden Eingangsworten keinen einzigen Satz an ihn gerichtet.</p> - -<p>Ingo zog sich zurck und lief ein wenig durch die Stadt, nach -der Rousseau-Insel und hinauf nach dem inneren Genf. Und es -mu gesagt werden, da er vor jedem Schmuckladen stehen blieb -und die aufgereihten Trauringe liebugelnd betrachtete. Es gibt -in Genf viele Schmucklden. Er whlte lang, trat endlich ein und -erstand sich zwei Ringe. Er kannte den Umfang ihres Ringfingers: -er entsprach genau seinem eigenen kleinen Finger. Mit den gediegenen -Goldreifen in der Tasche setzte er beflgelt und entschieden -seine Wanderung fort, kreuz und quer durch die ehrwrdige -Stadt, doch blind fr die Auenwelt.</p> - -<p>Die Damen pflegten, wenn die Baronin sich besonders wohl -fhlte, unten zu essen, und zwar zusammen mit Ingos Freunden -Wallace und Leroux. Ersterer war wieder abwesend; Leroux begrte -den Baron mit auserlesenen Liebenswrdigkeiten; alle vier -setzten sich an einen besondren, blumengeschmckten Tisch. Elisabeth -war in weiem Kleide, trug am Grtel einige von Ingos -Maiglckchen und war in ihrer sen Verzauberung einer Braut -nicht unhnlich. Am Halse des, wie immer, hochgeschlossenen -Kleides hing ein Goldkreuz mit rubinrotem Herzen: ein Schmuck, -den Ingo immer geliebt hatte.</p> - -<p>Ren Leroux war aufgeregt; Ingo mit seinen gesunden Nerven -benahm sich gefllig, heiter und glcklich. Doch allmhlich fielen -ihm, whrend er von seinen Reisen erzhlte, die Blicke auf, womit -der Franzose, sobald er sich unbemerkt glaubte, beinahe bang und -flehend Elisabeths Augen suchte. Es lag etwas wie ein Werben, -ja wie eine geheime Verstndigung in diesem Augenspiel. Elisabeth -freilich, zchtig und brutlich und mit leuchtenden Glcksfarben -vor ihrem Teller sitzend oder am Weine nippend, schien -gar kein Auge fr ihn zu haben. Immerhin bemerkte Ingo, wie -sie einmal, Lerouxs zudringlichem Blick begegnend, unwillkrlich -errtete. Auch suchte der Pariser mehrmals eine gedmpfte Privat<span class="pagenum"><a name="Seite_152" id="Seite_152">[S. 152]</a></span>unterhaltung -mit Elisabeth anzuknpfen. Die alte Dame in ihrer -freundlichen und etwas steifen Wrde sprte nicht, was fr Fden -zwischen den drei brigen Tischgenossen hin und her spielten.</p> - -<p>„Ingo hat nach meinem Dafrhalten recht sehr gewonnen”, -bemerkte sie oben leutselig. „Er scheint mir rcksichtsvoller zu sein -als frher, wo er manchmal doch recht vorschnell war im Aburteilen. -Und klug! Ich mu schon sagen: wirklich klug! Aber der -andre, der unruhige junge Mann aus Frankreich, fngt an, mir -nachgerade auf die Nerven zu fallen. Es ist zwar ein wohlerzogener -Mensch von guter Kinderstube, aber es wre passender gewesen, -da er mir oder dem Baron zugehrt htte, statt immer dich in -eine Unterhaltung verflechten zu wollen. Es war korrekt, da du -ihm abgewinkt hast. Eine so zersplitterte Tischunterhaltung macht -mich nervs ... Wir werden um vier Uhr auf unsrem Balkon -Kaffee trinken, nicht wahr, Kind? Wenn ich noch schlafen sollte, -kannst du ja den Baron empfangen und so lange unterhalten.”</p> - -<p>Ingo hatte mit Leroux noch einige Zigaretten geraucht und -sich dann auf sein Zimmer zurckgezogen. Hier durchdachte er, -ziemlich gedmpft nach dem Freudenausbruch des Vormittags, -seine unangenehmen Beobachtungen.</p> - -<p>Dann las er Trotzendorffs mnnlichen Brief.</p> - -<p class="center"> -„Mein alter Ingo!<br /> -</p> - -<p>Nach einem langen ersten Empfang (Audienz) bei unsrer -Hoheit bin ich soeben nach Mnchen zurckgekommen, wo es meiner -lieben Frau nach schmerzlichen Tagen zum Glck besser geht, -und setze mich sofort hin, um dir zu schreiben. Deine hufigen -treuen Kartengre sind eingetroffen, ebenso zu unsrem Erstaunen -Deine Draht-Nachricht von Deiner Reise nach Genf. Du bist -doch immer der alte Sausewind, liebster Junge! Was Teufels -treibst Du denn nun pltzlich in Genf? Was berhaupt so lange -in romanischen Lndern? Mir ist das Herz wieder aufgegangen, -als ich deutsche Sprache um mich her vernahm. Na also, nun zur -Sache! Wir haben in jener frstlichen Unterredung auch ber Dich -gesprochen, Alter. Ich bin ins Zeug gegangen, da die Schwarten<span class="pagenum"><a name="Seite_153" id="Seite_153">[S. 153]</a></span> -krachten. Dein Buch Heroismus (Du httest es schlicht und deutsch -Heldentum nennen sollen) ist unter hoher Befrwortung (Protektion) -nach Berlin gegangen und soll an hchster Stelle gewrdigt -werden, besonders der Abschnitt ber Friedrich den Groen. -Und dann: in den nchsten Monaten kommt Seine Majestt nach -der Wartburg. Dort, an geschichtlich bedeutsamer Sttte, wirst -Du dem hohen Herrn vorgestellt. Ein Mann wie Du darf nicht -ziellos in der Welt herumlaufen, Du hast vaterlndische Pflichten, -Freiherr von Stein! Verstanden? Wir werden bis dahin berlegen, -wo wir Dich an den rechten Platz stellen: Kunstakademie, -Hoftheater, Staatsdienst, Gesandtschaftsposten — irgendwo mssen -wir Deine geistige Kraft verwerten. Du hast mich zwar oft gehnselt -wegen meiner angeblichen Vereinsmeierei: Sprachverein, -Flottenverein, Pfadfinder, Jugendwehr und so weiter — la gut -sein, Junge! Das sind rstige Dinge und eines rechten Mannes -wrdig. Und ich fhle mich nun einmal bis ins Mark als Mitglied -der vaterlndischen Gemeinschaft und unsres deutsch-vlkischen -Arbeitsgebietes. Also, lieber Freund, kurz und gut: im Herzen -Deutschlands ist Dein Platz! Und drum verdirb mir meine Bemhungen -nicht und stell' Dich zur Verfgung, wenn von hchster -Stelle ein Ruf an Dich ergeht. Deutschlands Weltlage im Herzen -Europas ist ernst. Wer wei, wie bald Angelsachsentum, Slawentum -und Romanentum sich ber uns herstrzen werden! Oder -wer wei, was von innen her gebraut wird! Da wird dann auch -viel Faules hinweggefegt werden, was dem Ernst und der Gre -der Zeit nicht mehr gewachsen sein kann. Du hast, wie der alte -Joseph in gypten, in aller Stille Vorratshuser gebaut; dann, -wenn die Nte kommen, sollst Du Deine Kornkammern auftun. -Drum halte Dich bereit!</p> - -<p>Deutschen Gru, lieber Freund!</p> - -<p class="right"> -Dein Richard.”<br /> -</p> - -<p>Ingo gedachte dieses treuen und tapferen Mannes mit warmer -Herzensbewegung. Er sah im Geist den breitschultrigen Verfasser -dieses Briefes am Schreibtisch sitzen, den angegrauten Schnurr<span class="pagenum"><a name="Seite_154" id="Seite_154">[S. 154]</a></span>bart -und das militrisch kurze Haupthaar ber das Papier gebeugt; -er sah ihn, wie er dann zufrieden ans Bett seiner Gattin trat und -mit markiger Stimme den Brief vorlas, denn zu all solchen Erzeugnissen -holte er ihren Segen ein; und er sah, wie sie lchelnd -und lobend beistimmte.</p> - -<p>„Er ist ein prchtiger Vertreter eines tatkrftigen Bismarckschen -Deutschtums”, dachte Ingo. „Aber ohne Romantik. Eine -Gralsburg zu bauen ohne Hilfe eines Vereins, wre fr Trotzendorff -ein Wahn (in Klammern: Chimre) oder eine Einbildung (in -Klammern: Ideologie oder Illusion). Und ein Mann von geistiger -Bedeutung hat nach Richards staatstreuem Empfinden das Hchste -erreicht, sobald er in amtlicher Stellung steht mit Titel und Orden. -Ihm ist der rmische Staatsbegriff in Fleisch und Blut bergegangen; -aber die freie Genialitt der Griechen, der Sinn fr -Schnheit, Anmut, Geschmack? Mystik ist ihm ebenfalls verdchtig, -Musik ein allerdings sehr angenehmes Gerusch, ohne da er -in ihre seelische Tiefe dringt. Kurz, Trotzendorff hat Stiefel, aber -keine Flgel.”</p> - -<p>Das ungefhr waren Ingos Gedanken ber diesen in seiner -Einseitigkeit tapfren und treuen Charakter, der aus altpreuischer -Zucht hervorgegangen war.</p> - -<p>Und doch mute er sich sagen, da dieser Soldat eine richtige -Empfindung gegenber Ingos Schwrmerei ehrlich aussprach.</p> - -<p>„Ich drohe mich in der Tat zu verflchtigen, ich gehre nach -Deutschland, in festes Wirken, wenn auch nicht in staatlich abgestempelten -Formen. Da hat er recht. Doch ob der realistische -Deutsche dem Idealisten Fhrer sein kann? Schwerlich! So -wenig wie der Krper dem Geist. Nur ein Mahner. Kein Kaiser -darf Dichter kommandieren. Sie sind beide gleichwertige Frsten. -Ich achte den Reichskrper: aber mein Gebiet ist die Reichsseele.”</p> - -<p>So wappnete sich hier, in aller Freundschaft, ein Deutscher -gegen den andren — echt und selbstndig beide, und doch erst in -Gemeinschaft und Ergnzung ein harmonisches Ganzes.</p> - -<p>Dann ging er hinauf zu den Damen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_155" id="Seite_155">[S. 155]</a></span> - -Er traf Elisabeth allein. Sie strahlte von innen einen eigenartigen -Zauber aus, sie war liebreizend und glckselig. Als er eintrat, -legte sie den Finger auf den Mund und deutete nach der -Nebentre.</p> - -<p>„Mutter schlft noch”, sagte sie leise.</p> - -<p>Er war beglckt, sie allein zu sprechen, behielt ihre Hand in -der seinen und setzte das Gesprch mit gedmpfter Stimme fort:</p> - -<p>„Sind wir wirklich wieder einmal allein nach so langen Jahren? -Es kommt mir noch immer wie ein Traum vor, da wir uns -gegenberstehen.”</p> - -<p>„Mir auch, Ingo.”</p> - -<p>„Und sag' mir, Elisabeth, denkst du noch genau so wie in der -Kindheit?”</p> - -<p>Sie wandte den Kopf, schaute befangen nach der Nebentre -und sah dann wieder ihn an, innig und seelenvoll, aber stumm, -als wollte sie sagen: Sprich hier nicht darber, aber lies in meinen -Augen, du lieber Mann!</p> - -<p>Sie setzten sich in die offene Balkontre und unterhielten sich -mit gedmpfter Stimme. Ingo erzhlte vom Montserrat und -konnte sich nicht enthalten, auch des Konsuls zu gedenken und von -des ungewhnlichen Mannes wunderbaren Enthllungen Andeutungen -zu geben.</p> - -<p>Doch hier sprte er bald ein feines Widerstreben.</p> - -<p>„Man hrt jetzt viel von solchen Ideen”, sagte sie. „Kommt -diese Bewegung nicht aus Amerika und England oder gar aus -Indien?”</p> - -<p>„Gewi, ja, aber Bruck ist ein unabhngiger Mann.”</p> - -<p>„Oh, es ist gewi sehr interessant. Aber gengt schlielich -nicht das Bibelwort: Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehrt, -das hat der Herr bereitet denen, die ihn lieben?”</p> - -<p>Ingo mute unwillkrlich lcheln. Das war sie noch immer, -seine gute Elisabeth!</p> - -<p>„Gewi gengt es! Es gengt ja auch, in Deutschland den -Acker zu bauen”, sprach er. „Wozu also Amerika entdecken? Wozu<span class="pagenum"><a name="Seite_156" id="Seite_156">[S. 156]</a></span> -den Nordpol suchen? Wozu gar mit Luftschiffen das hchst unsichere -Element der Luft befahren wollen? Man knnte ja am -Ende einmal herabfallen! Nicht wahr, Spiebrgerchen?”</p> - -<p>Sie lachten beide.</p> - -<p>„Da hast du recht, Ingo! Baue du nur Luftschiffe, aber flieg -uns nicht wieder fort! brigens auch ich interessiere mich lebhaft -fr Geister,” fgte sie schalkhaft hinzu, „aber fr verkrperte!”</p> - -<p>Hier wurde angeklopft, und das niedliche Stubenmdchen -brachte einen Blumenstrau mit einem Briefchen in geschlossenem -Kuvert, gab die Sachen an Frulein von Stein und verschwand.</p> - -<p>„Bei euch ist ja die reine Blumen-Ausstellung!” scherzte Ingo. -„Was hast du denn da fr einen Verehrer?”</p> - -<p>„Harmlos! Sieh selber nach!”</p> - -<p>„Darf ich wirklich? Kein Geheimnis?”</p> - -<p>„Vor dir hab' ich kein Geheimnis.”</p> - -<p>„Wirklich nicht, Elisabeth?”</p> - -<p>Er hatte das Briefchen in der Hand, das sie ihm ungeffnet -gereicht hatte; und als sie so, den Blumenstrau aus dem Papier -wickelnd, vor ihm stand und ihn mit ganzer Treue und Klarheit ansah, -konnte er nicht anders: er legte den Arm um ihre Schulter, -und sie sahen sich ganz nahe einige Sekunden innig in die Augen. -Ein Glcksstrom berrieselte ihn abermals: ich bin am Ziel!</p> - -<p>Dann tat sie die Blumen ins Wasser und trug die Vase auf -die Brstung des Balkons, wo bereits der Kaffeetisch wartete. -Er aber ffnete das Kuvert, das Lerouxs Visitenkarte enthielt — -und las folgendes:</p> - -<p>„Ich bin rasend vor Eifersucht. Gestern im Nachen war ich -zwar toll vor Liebe, doch auch Sie waren nicht gleichgltig. Auch -Sie lieben mich, sagen Sie mir deutlich, da Sie mich lieben! -Tragen Sie eine meiner Rosen als Antwort! Ich bete Sie an.”</p> - -<p>Ingo stand und starrte diese leidenschaftlichen Worte an. Dann -fluteten und brausten pltzlich wieder die Angstzustnde der Nacht -ber ihn herein. Also doch! Seine Elisabeth — dort im Kahn — -also doch!</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_157" id="Seite_157">[S. 157]</a></span> - -Auch Leroux whnte sich offenbar „am Ziel”! Denn sonst -htte er diese Sprache nicht gewagt!</p> - -<p>Er sagte keine Silbe.</p> - -<p>Mit unnatrlicher Ruhe steckte er die Karte in das Kuvert und -legte das Briefchen auf Elisabeths Schreibmappe.</p> - -<p>Die Mutter trat jetzt ein. Er bot ihr den Arm und fhrte sie -an den Kaffeetisch. Und es wurde eine unsglich einsilbige und unsglich -steife Kaffeestunde.</p> - -<p>Elisabeth, in ihrem stillen, groen Glck, merkte anfangs gar -nichts von des Freundes Verstimmung; sie schob seine Schweigsamkeit -denselben Gefhlen zu, von denen sie selber durchdrungen -war. Sie sprach heute reichlicher; sie zitierte Stellen aus seinen -Werken; und ihre Mutter machte lchelnd die Bemerkung:</p> - -<p>„Oh die, die kann deine Bcher auswendig, Ingo!”</p> - -<p>„Wirklich, liebe Tante? Was Sie sagen!”</p> - -<p>Er schaute in das strahlende, offene, durch kein Wlkchen getrbte -Gesicht seiner glcklichen Geliebten; und tiefes Weh wallte -in ihm empor. Der beklemmende Schmerz machte ihm fast jede -Unterhaltung unmglich. Auch sie nicht treu! In einem Winkel -ihres Wesens auch sie kokett! Trgt jenen artigen Burschen im -Herzen — und verbindet damit die wieder erwachten Jugendgefhle! -O Weib, Weib!</p> - -<p>Und er raffte sich auf und sprach von Trotzendorffs Brief und -da er wahrscheinlich recht bald nach Mnchen msse. Man hatte -den Namen Trotzendorff bisher vermieden; jetzt teilte er geflissentlich -mit, da die kranke Frau von Trotzendorff in einem Mnchener -Sanatorium liege.</p> - -<p>Elisabeth wurde schweigsam.</p> - -<p>„Ich hatte nur das Bedrfnis,” schlo er hflich und khl, -„Ihnen, liebe Tante, meine Aufwartung zu machen und mich nach -Ihrem Befinden zu erkundigen. Es war mir uerst angenehm, -da ich Sie beide getroffen habe. Weiter fesselt mich nichts mehr -hier in Genf; ich kenne den See schon; und Sie gehen ja wohl -auch bald nach Montreux. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich<span class="pagenum"><a name="Seite_158" id="Seite_158">[S. 158]</a></span> -pltzlich nach Mnchen und dann nach Thringen zu meinem -Bruder verschwunden bin.”</p> - -<p>Elisabeth blickte stumm in ihre Tasse. Ihr Herz krampfte sich -zusammen. Nach Mnchen! Also doch wieder zu jener Frau!</p> - -<p>„Du bist und bleibst ein rechter Zugvogel, lieber Ingo”, sagte -die Tante und war offenbar nicht wenig verlegen, wie sie das Gesprch -fortfhren sollte. Denn die beiden schweigsamen Menschen -untersttzten sie darin ganz und gar nicht.</p> - -<p>So hob sie denn dieses trbselige Kaffeestndchen auf, und -Ingo verabschiedete sich. Elisabeth suchte ratlos, ngstlich, bittend -seine Augen; sie suchte ihn mit der ganzen Innigkeit ihrer Blicke -noch einmal festzuhalten; er sprte, wie ihre Hand zitterte, als sie -die seine krampfhaft festhielt — aber er wich ihren Blicken aus. -Es war in ihm eine tiefe Trauer und ein schmerzlicher, fast bissiger -Entschlu. In der Form der grten Hflichkeit nahm er Abschied; -und die groe, weie, goldverzierte Salontre fiel hinter ihm zu.</p> - -<p>„Diese Waldecksche Linie der Familie Stein hat entschieden -einen Stich ins Verrckte”, grollte die sonst so gehaltene Edelfrau, -als sie mit ihrer todbleichen Tochter wieder allein war. „Wirst -du nun aus diesem Menschen klug? Da berfllt er uns, scheint -die alten Beziehungen wieder anknpfen zu wollen — und luft -sofort wieder davon! Ich mu doch einmal gleich an Tante Adelheid -nach Weimar schreiben, da sie ihm den Kopf waschen soll! -Auf sie gibt er wenigstens noch etwas, auf uns gar nichts. Auch -der franzsische Herr wird mir unangenehm; und der Englnder -nimmt berhaupt keine Rcksicht. Ich will dir etwas sagen, mein -liebes Kind: wir zwei bleiben wieder allein! Hrst du, Elisabeth? -Das alles regt mich auf.”</p> - -<p>„Ja, Mutter, wir zwei bleiben wieder allein ...”</p> - -<p>Der Duft und Dunst, am Morgen noch von der Sonne durchglht, -hatte sich jetzt immer mehr zu Gewitterwolken verdichtet. -Die Sonne war verschleiert. Es war eine fahle, schwle Stille. In -der Ferne, nach Lausanne zu, bildete sich ein schwarzes Gewitter -und schttete am Abend Regenmassen ber Berge, See und Stadt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_159" id="Seite_159">[S. 159]</a></span> - -Ingo, rasch und lebhaft in seinen Entschlssen, packte augenblicklich -seine Sachen. Whrend dieser Arbeit beruhigte er seine -leicht erregbare Phantasie. Und seine natrliche Herzenswrme -trat wieder hervor.</p> - -<p>Er setzte sich hin und schrieb der Geliebten einen kurzen Abschiedsbrief:</p> - -<p>„Meine gute, liebe Elisabeth! Wenn auch unser Bund zerbrochen -ist, so wollen wir doch versuchen, als Kameraden dankbar -aneinander zu denken. Ich will Dir also sagen, da ich Dir nicht -grolle. Denke auch Du gut von mir! Offen will ich Dir mitteilen, -da ich euch zufllig im Kahn beobachtet habe und auch whrend -des Mittagessens nicht blind war; das Briefchen gab dann den -Ausschlag. Elisabeth, werde glcklich! Doch bleibe unsre vornehme, -gtige, edle Elisabeth, die wir um dieser Eigenschaften -willen alle so sehr achten und lieben — und die ich, das darf ich -wohl sagen, auch in allem Wechsel immer geliebt habe. Leb' wohl, -liebes Mdchen! Ingo.”</p> - -<p>In der Nacht, whrend Elisabeth in ihre Kissen weinte und -vergeblich das Taschentuch zerbi, um ihre nahe schlafende Mutter -das Schluchzen nicht merken zu lassen, sa der ruhelose Ingo im -Schnellzug, um ber Zrich nach Mnchen zu fahren.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Am andren Morgen troff ein mchtiger Maienregen ber das -Genfer Gebiet.</p> - -<p>Elisabeth schritt im Regenmantel unter dem Schirm durch die -Stadt, um einige Besorgungen zu machen.</p> - -<p>Die Gewitternacht hatte in ihr einen Plan gereift. Nachdem -sie ihrer Mutter verhrmtes Gesicht gesehen, die ihres Kindes -Weinen recht wohl gehrt hatte; nachdem sie noch gestern Lerouxs -unseliges Briefchen gelesen und Ingos traurig-lieben Abschiedsgru -empfangen hatte; nachdem sie in der Nacht noch einmal alles -durchgelitten, was in ihren langen Herzensbund mit Ingo immer -wieder strend eingegriffen hatte: gab es fr ihre sonst so sprde<span class="pagenum"><a name="Seite_160" id="Seite_160">[S. 160]</a></span> -Natur kein Wanken mehr. Sie beschlo, um den Geliebten zu -kmpfen.</p> - -<p>Sie lie unter diesem trostlosen Regen, der auf ihren Schirm -klopfte, durch nasse, de Straen wandernd, im Geiste vorbeiziehen, -was ihren Bund mit Ingo hemmen knnte. Ihre eigene -passive Natur? Die war doch wohl ein wenig besser geworden. -Leroux? Ach, den hatte sie heute morgen kurz und khl abgewiesen. -Jene ferne Frau? Ja, da war es! Immer wieder jene Frau, die -ihr so berlegen war, so schn, so geistvoll, so musikalisch — — — -jene Frau Friederike — — —</p> - -<p>„Wenn sie ein Herz hat,” sagte sich Elisabeth und gab sich alle -Mhe, die Trnen zurckzupressen, „darf sie sich nicht mehr zwischen -uns beide stellen. Ich will zu ihr fahren und ihr alles sagen.”</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 100px;"> -<img src="images/p160_deco.png" width="100" height="67" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_161" id="Seite_161">[S. 161]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p161_deco.png" width="600" height="48" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Neuntes Kapitel</small><br /> - -<big>Weimar</big></h3> - -<div class="cite"> -<p class="noindent"> -Wer etwas Treffliches leisten will,<br /> -Htt' gern was Groes geboren,<br /> -Der sammle still und unerschlafft<br /> -Im kleinsten Punkte die hchste Kraft.</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Schiller</span> -</p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p161_cap.png" alt="F" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">F</span> -rulein Adelheid von Stein-Birkheim stand mitten in -ihrer huslichen Welt voll knstlerischer Schnheit, die -sie sich in ihren siebzig Lebensjahren aufzubauen verstanden -hatte. Sie stellte eben das grne Knnchen beiseite, aus -dem sie ihre vielen Blumen zu begieen pflegte. Die Wnde -ihrer Wohnung waren bis oben hin mit schnen Gemlden, -Familienportrts und Bildnissen befreundeter und wertvoller -Menschen, deren Dasein sich irgendwie mit dem ihrigen versponnen -hatte, ausgeziert. Und selbst auf den kleinen Tischen standen -Photographien zwischen den auserwhlten Bchern, die sie immer -im Handbereich hielt.</p> - -<p>Drauen leuchtete der jungkrftige Sommer bis in alle Winkel -und Hfe des geweihten Stdtchens. Rings um Weimar flossen -sanfte Hhen und mildes Himmelsblau reizvoll ineinander; es -war ein duftiger, die Konturen verwischender, traumhafter Tag. -Hinter Belvedere blhte der wilde Rosenstrauch, an dem einmal, -abseits von einer steifen Gesellschaft, Ingo seine geliebte -Elisabeth berstrmend gekt hatte. Und im Park von Tiefurt -stand noch immer auf einem weien Sockel das neckische Wort: -„Mozart und den Musen.”</p> - -<p>Die greise Dame pflegte auf ihrem Balkon Meisen, Finken -und andere Singvgel zu fttern. Sie schaute hinaus und dachte -lchelnd: „Ich bin auf den Singvogel neugierig, der mich heute -besuchen wird.” Dann ging sie ihren Hantierungen nach, in ge<span class="pagenum"><a name="Seite_162" id="Seite_162">[S. 162]</a></span>wohnter -klassischer Ruhe, nichts berhastend und doch frei von -Kleinlichkeit.</p> - -<p>Nicht lange darauf tnte die Klingel. Das Mdchen kam -herein und brachte eine Besuchskarte: Ingo Freiherr von Stein-Waldeck. -Der Spielmann hatte, die Treppe zu Tante Adelheid -heraufsteigend, seinen Zustand mit lchelnder Wehmut empfunden: -wie leicht bepackt, wie gelutert, wie gesubert von allen Beschwerungen -stieg er doch jetzt diese wohlbekannte Treppe wieder empor -zu der Greisin, die ihm in ganz Weimar am nchsten stand! Und -drinnen ereignete sich ein drolliger Zufall. Frulein Adelheid suchte -gerade ein Buch, als ihr die Karte berreicht wurde. Da fiel mit -Gerusch ein Goethe-Band herunter und blieb aufgeschlagen liegen. -Sie warf einen Blick auf die Seite und las die Worte aus der -„Pandora”:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Dort! er taucht in Flutenmitte<br /></span> -<span class="i0">Schon hervor, der starke Schwimmer;<br /></span> -<span class="i0">Denn ihn lt die Lust zu leben<br /></span> -<span class="i0">Nicht, den Jngling, untergehn.”<br /></span> -</div></div> - -<p>„Willkommen in Deutschland, lieber Ingo! Willkommen in -Weimar!” rief sie, als sich der Neffe ber ihre Hand beugte. Sie -zeigte ihm die Stelle, und beide deuteten des Altmeisters Wort -in guter Stimmung als ein freundlich Vorzeichen.</p> - -<p>„Sie waren ja immer der Meinung, Ingo, da Weimar und -Wartburg Deutschlands Herz bilden, geographisch und geistig. -Also willkommen im Herzen Deutschlands!”</p> - -<p>Tante Adelheid war eine hochgewachsene Frau von aufrechter -Gangart und pflegte weite, lliche Kleidung zu tragen. -Ein lngliches Gesicht, eine mehr hohe als breite Stirn und nach -den Schlfen etwas herabgezogene, oft prfend halbgeschlossene -Augen nebst schmalem Mund gaben ihr ein Geprge sachlicher -Klarheit. Es fehlte diesen Zgen nicht an Gte, doch auch nicht -an deutlichem Freimut.</p> - -<p>„Und jetzt sagen Sie mir einmal vor allem: wo stecken Sie -denn so lange Zeit, Sie Ausreier? Fast zwei Jahre waren Sie<span class="pagenum"><a name="Seite_163" id="Seite_163">[S. 163]</a></span> -nun nicht in Ihrer Weimarer Wohnung! Und Ihr gemtliches -Heim da oben am Horn geht in Spinnweben unter, wenn ich nicht -Frau Tellbach von Zeit zu Zeit Feuer unter die Sohlen mache.”</p> - -<p>„Nun, die gute Frau hat ja alles ganz ordentlich instand gehalten”, -erwiderte Ingo lchelnd. „Ich danke Ihnen fr Ihre -Aufmerksamkeit.”</p> - -<p>„Das wollt' ich ihr auch geraten haben”, versetzte Tante Adelheid. -„Und wo kommen Sie denn jetzt her? Aus dem Ausland -natrlich!”</p> - -<p>„Sie schwrmen ja wohl immer noch fr alte deutsche Nester -wie Rothenburg und Hildesheim, nicht wahr, Tante Adelheid?” -scherzte Ingo. „Und ich habe beide Stdte noch immer nicht gesehen, -entschuldigen Sie tausendmal!”</p> - -<p>„Natrlich! Echt deutsch! Luft in der Welt herum und kennt -sein eigen Vaterland nicht!”</p> - -<p>„Zunchst komm' ich brigens von einem Krankenlager”, erwiderte -er ernst.</p> - -<p>„Ihr Bruder, nicht wahr?” nickte sie bedenklich. „Ja, da steht -es allerdings nicht grade gut. Sie sind ja kein Kind mehr, Ingo, -und ich kann Ihnen also ruhig sagen, da ich einen der rzte gesprochen -habe, die Ihr Bruder konsultiert hat. Die Sache ist aussichtslos.”</p> - -<p>„Das hab' ich auf den ersten Blick gesehen”, seufzte Ingo. „Er -hat sich zum Erschrecken verndert. Dieser wilde, khne, rauhe -Bursche von ehedem — und jetzt ein Gerippe!”</p> - -<p>„Ihr alter Vater tut mir noch besonders leid. Er hat nur die -zwei Shne; und der eine luft in der Ferne herum, der andere -— er ist ja wohl nur ein Jahr lter als Sie? — stirbt als Junggeselle -hinweg. Wie soll das mit dem schnen Gut werden!”</p> - -<p>„Das mu natrlich ich bernehmen.”</p> - -<p>„Mu, sagt er! Und seufzt dazu, der Gutsbesitzer! Ja freilich -wr's notwendig, obschon Sie's ja schlielich verpachten und -als Sommersitz einrichten knnen. Aber das ist ja das Unglck, -da Sie vor praktischer Arbeit zurckscheuen. Fr Sie selber,<span class="pagenum"><a name="Seite_164" id="Seite_164">[S. 164]</a></span> -Ingo, wird es heilsam sein, wenn Sie sehaft werden. Nur sollte -man Ihnen keine Wirtschaft anvertrauen, ohne links einen guten -Verwalter und rechts eine gute Frau neben Sie zu setzen.”</p> - -<p>„Na, na, na, auch Sie unterschtzen also meine Energie, Tante -Adelheid!”</p> - -<p>„Wenigstens in wirtschaftlichen Dingen.”</p> - -<p>Ingo sprang auf.</p> - -<p>„Himmel noch einmal, wie falsch ihr mich alle beurteilt! An -einem einzigen Tage bin ich in diese Werktglichkeiten eingelebt — -jawohl — und am zweiten Tag luft der Apparat von selber — -und am dritten Tage lass' ich den Mechanismus laufen und widme -mich den wertvollen Gtern des Daseins: der Ideenwelt. Der -Unterschied zwischen meinem angeblich realistischen Bruder und -mir, dem angeblichen Romantiker und Sausewind, besteht nicht -darin, da ich diese uerlichen Dinge nicht beherrschen knnte — -spielend beherrsch' ich diese Banalitten, spielend, sobald ich nur -will! Unterschtzt doch nicht einen geistig raschen Menschen! Sondern -der Unterschied besteht darin, da er und seinesgleichen in -diesen wirtschaftlichen und sportlichen Durchschnittsfragen steckenbleiben, -ja da sie dies fr das Leben selber halten! Und so fllen -sie ihr Dasein mit nichtigem Geschwtz ber Dngersorten, ber -Zchtung von Pferden, Hunden und Klbern, ber Prmien bei -Geweihausstellungen und Preise bei Wettrennen — Dinge, die -mich mordsmig langweilen. Nein, Tante Adelheid, in diese -Mauern der Standesinteressen sperrt ihr mich nicht mehr ein! -Aus dieser Welt bin ich ausgerissen. Und Sie geben mir einen -Ehrentitel, wenn Sie mich als Ausreier begren.”</p> - -<p>„Potztausend!” lachte Tante Adelheid. „Da hab' ich ihn einmal -in eine allerliebste Ansprache hineingergert! Setzen Sie sich -ruhig wieder her, Ingo. Sie wissen, da ich ein offenes Wort -ganz gut vertrage, aber Aufregung und berspanntheit nicht -liebe.”</p> - -<p>Ingo setzte sich wieder und bat um Verzeihung; er habe, fuhr -er fort, auf dem Gut whrend der wenigen Tage so viel versteckte<span class="pagenum"><a name="Seite_165" id="Seite_165">[S. 165]</a></span> -Vorwrfe von Basen und Gevattern ausstehen mssen, da nun -sein angesammelter Unmut wider seinen Willen ausgebrochen sei.</p> - -<p>„Am verstndigsten war mein Vater”, schlo er. „Der klopfte -mir auf die Schulter und meinte nur kurz: ‚La sie reden, Junge, -ich glaube dich besser zu kennen!’ Whrend der ganzen Fahrt -von Waldeck nach Weimar sah ich diesen braven alten Herrn vor -mir in seinem weien Bart und seinem leider unentbehrlichen -Stock, wie er mich hinkend an den Wagen begleitete und mit seinem -schlichten ‚Mit Gott!’ entlie, aufrecht, ein alter Soldat und -doch von weichem Gemt, die beiden Doggen neben ihm — ein -Edelmann von altem Schrot und Korn!”</p> - -<p>„Bravo, Ingo! Geben Sie mir mal die Hand, lieber Junge! -Und nun sagen Sie mir: wie geht's Frau von Trotzendorff in -Mnchen?”</p> - -<p>„Ich mu Ihnen gestehen, Tante Adelheid, ich habe sie seit -einer Reihe von Wochen nicht mehr gesehen. Von Genf wollt' -ich nach Mnchen fahren, blieb aber in Zrich bei einem befreundeten -Schriftsteller und fuhr dann ber Heidelberg nach Thringen.”</p> - -<p>„Und das halten Sie aus?”</p> - -<p>„Warum nicht?” versetzte er und legte ziemliche Khle in -seinen Ton. „Ich erhalte ja durch Trotzendorff regelmige Nachricht.”</p> - -<p>„Durch Trotzendorff? Nicht durch sie?”</p> - -<p>„Sie liegt zu Bett. Es ist keine gefhrliche, aber langwierige -Sache.”</p> - -<p>„Na, man kann doch aber schlielich auch im Liegen Bleistiftbriefe -und Fllfedergre senden, das wei ich am besten, wenn -mich Herzschwche an den Diwan fesselt. Es fllt mir auf, da -Sie so die Fhlung mit Ihrer intimsten Freundin verloren haben.”</p> - -<p>Tante Adelheid schaute mit forschenden Augen in Ingos gleichmtig -ernstes Gesicht.</p> - -<p>„Freundschaft und Freiheit gehren zusammen”, bemerkte er -allgemein und schaute durchs Fenster. „Nur in Freiheit ist Freundschaft -mglich. Wenn der eine Teil den andren mit List oder Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_166" id="Seite_166">[S. 166]</a></span>walt -festzuhalten oder abzusperren sucht, so ist das bereits eine -verlorene Sache. Man kann weder Glck noch Freundschaft erobern -oder erzwingen: derlei hohe Dinge sind Gttergeschenke.”</p> - -<p>„Da haben Sie recht, Ingo”, erwiderte Tante Adelheid, und -ein weicherer Ton glitt in ihre Stimme. „Das kann ich Ihnen -aus eigener Erfahrung besttigen.”</p> - -<p>„Wie geht's denn unsrer Exzellenz?” fragte Ingo sofort. Die -Frage schlo sich leicht an das Vorausgegangene an. Denn auf -der andren Seite des Stockwerks wohnte der teuerste Freund dieser -durch viele hohe Freundschaften ausgezeichneten Greisin. Und -sie erzhlte von der Ttigkeit und Geistesfrische dieses harmonischen -Edelmannes, der gleichfalls schon dem siebzigsten Lebensjahre -zusteuerte, aber doch noch fleiig in seiner Kunst der Malerei -und Architektur ttig war, dankbar fr ein reiches Leben, den -Tod nicht frchtend, Schnheit in seinen Zimmern um sich ausbreitend -und durch stille Wohltaten manchen Mitmenschen frdernd. -Es war fr Ingo jedesmal eine Erhebung, wenn er bei diesen -abgeklrten Alten zu Gast war, die er scherzend Philemon und -Baucis zu nennen pflegte.</p> - -<p>„Lieber Ingo,” sagte Frulein Adelheid und nahm seine -Hand, „nun lassen Sie mich alte Frau einmal ein paar offene -Worte sagen. Ich habe da einen Brief bekommen von Mathilde -aus Genf. Nun sagen Sie mir: was haben Sie denn eigentlich -in der kurzen Zeit Ihres Aufenthaltes in Genf schon wieder mit -Elisabeth gehabt, da dieses durch und durch brave Mdchen aus -heimlichen Trnen nicht mehr herauskommt?”</p> - -<p>Ingo erbleichte.</p> - -<p>Dann scho eine jhe Blutwelle in sein Gesicht zurck, als er -nun so vor Tante Adelheids prfend ruhigen Blicken gefesselt auf -seinem Stuhle sa.</p> - -<p>„Wieso denn?” fragte er tonlos.</p> - -<p>„Sie haben in Ihrem Verhltnis zu Elisabeth immer vor -uns andren Versteck gespielt; und auch sie selber hat in ihrer verschwiegenen -Art nie ein Wort darber geuert. Es ist ein merk<span class="pagenum"><a name="Seite_167" id="Seite_167">[S. 167]</a></span>wrdiges -und im Grunde seelisch einsames Mdchen; sie hat in -tieferen Dingen keine einzige Vertraute — nicht einmal mich,” -setzte sie lchelnd hinzu, „die ich doch so gern Beichtmutter bin. -Uns schien damals zwischen Ihnen beiden ein heimliches Verlbnis -zu bestehen — nun, man hat so dies und jenes beobachtet. -Aber dann entferntet ihr euch wieder voneinander. Das mag ja -nun sein, wie es will, aber man kann doch in Gte aneinander -denken und auch nach aufgehobener Verlobtheit oder Verliebtheit -einander Freundlichkeiten erweisen, besonders einem so vortrefflichen -Menschenkinde wie dieser selbstlosen, viel zu viel nur fr -andre lebenden Elisabeth. Einem solchen Kindergemt Trnen -auszupressen — Ingo, darauf kann kein Segen ruhen!”</p> - -<p>Ingo war bestrzt.</p> - -<p>„Tante Adelheid,” sprach er endlich, „Sie sprechen nur von -Elisabeth und was ich ihr etwa angetan haben knnte. Fr mich -als Mann schickt es sich wohl nicht, von etwaigen eigenen Leiden -zu sprechen und von dem, was ich selber gelitten habe durch Elisabeths -sprdes, unergiebiges Naturell. Das ist eben Schicksal. Da -kann ein Dritter schwerlich hineinschauen.”</p> - -<p>„Danke!” erwiderte Frulein von Stein kaltbltig. „Sie -setzen mir also den Stuhl vor die Tre. Nun, immerhin habe ich -in den letzten Jahren tiefer in das Wesen dieser edlen Mdchenseele -hineingeschaut als wahrscheinlich ein gewisser anderer, der -im Ausland Studien machte. Sie haben zu viel an der Peripherie -gelebt, Ingo. Aber leidende und liebende Menschenherzen gibt -es auch in der Heimat; Heroismus und Gre gibt es auch im Inland. -Man braucht kein Spiebrger zu werden und kann doch -mit seinen Mitbrgern in Herzensfhlung bleiben — nmlich als -ein Schenkender, lieber Ingo. Ich appelliere also an Ihre Gromut, -wenn sonst andres Sie nicht bei uns festhalten kann, bei uns -hier in Ihrem deutschen Vaterland. Hier ist der Punkt, mein Herr -Neffe, auf den ich hinauswill. Reisen Sie, heimsen Sie Garben -in Ihre Scheunen — dann aber mu der Zeitpunkt kommen, wo -Sie Ihre Frucht dreschen und in die Mhle bringen. Eine Menge<span class="pagenum"><a name="Seite_168" id="Seite_168">[S. 168]</a></span> -Freunde haben Sie sich drauen erworben — aber Sie sind im -Begriff, alte Freunde zu verlieren, und darunter die wertvollste -von allen, diese innerliche Elisabeth!”</p> - -<p>Ingo sprang abermals auf. Wie immer, wenn ihn etwas -stark bewegte, schritt er im Zimmer auf und ab, die Hnde auf dem -Rcken, den Kopf gesenkt.</p> - -<p>„Sie haben recht! Tante Adelheid, Sie haben tausendmal -recht! Und doch — und doch — —”</p> - -<p>Tante Adelheid nahm inzwischen, mit der ihr eigenen Bedchtigkeit, -die Brille aus dem Futteral, setzte sie auf und suchte -unter einem Sto von Papieren einige zusammengebundene -Briefe hervor.</p> - -<p>„Whrend Sie im Ausland Forschungsreisen machten, haben -wir im Inland beinahe eine schwere Tragdie erlebt. Hier habe -ich neulich die Briefe geordnet, die mir Elisabeth vom pommerschen -Gut geschrieben hat, wo ihre Schwester Mela verheiratet ist. Sie -kennen diese Mela: genial und unberuhigt, das hitzige Gegenteil -der sanften und etwas apathischen Elisabeth. Nun, ich will keine -Einzelheiten ausplaudern. Nehmen Sie einmal an, eine solche -heiherzige Frauennatur — und Mela hat entschieden einen Zug -ins Groe, das mssen Sie zugeben — eine solche leidenschaftliche -Natur wird von ihrem Mann, der nur Jger, Landwirt und Politiker -ist, wenig verstanden, erhlt aber einen umwlzenden Eindruck -von einem andren, einem romantischen Nachbarn. Eine nervse, -reizbare Schwiegermutter macht die Situation noch schwieriger; -drei allerliebste Mdchen vermgen die schwle Lage nicht viel zu -bessern. Die Sache droht zur Katastrophe zu kommen, mit Duell, -Ehrengericht und Skandal — und da steht nun Elisabeth mitten -drin! Das Mdchen hat die Hlle durchgemacht. Aber, ich htt' -es ihr nicht zugetraut, sie hat es fertiggebracht! Sie hat wieder -Harmonie geschaffen. Der andre ist zur See gegangen — und der -Gatte wurde durch schwere Erkrankung seiner Frau, wo es auf Tod -und Leben ging, mit der Nase auf seine Pflicht gestoen, sich mehr -um Weib und Kinder zu kmmern. Das Beste hat Elisabeth ge<span class="pagenum"><a name="Seite_169" id="Seite_169">[S. 169]</a></span>tan, -diese nicht blendende, aber so willensstarke und taktvolle Elisabeth. -Sie war die Vertraute von allen zugleich; sie hat oft auf der -Schwelle ihrer Schwester gewacht, als das extravagante Frauenzimmer -drauf und dran war, Mann und Kinder zu verlassen. Bis -dann die Klrung kam und die Krankheit fr Mela eine Krisis zur -Selbstbesinnung wurde. Sehen Sie, Ingo, so wird zu Hause in -aller Stille gekmpft — und ich bitte auch Sie, dies alles diskret zu -behandeln — in aller Stille, Ingo. Und Sie sitzen inzwischen in -England oder Italien und schreiben ein Buch ber Heroismus.”</p> - -<p>So sprach Tante Adelheid und las dann in ihrem besinnlichen -und etwas trockenen Ton einige Stellen aus Elisabeths Briefen -vor. Ingo zog erstaunt und bewundernd die Brauen hoch und -hrte mit Ehrfurcht zu. Dann aber sttzte er das Kinn in die Hnde, -versank ins Brten und verweigerte weitere Gefolgschaft. Denn er -sah pltzlich die flimmernde Flche des Genfer Sees, einen Nachen -darin und zwei Menschen Hand in Hand.</p> - -<p>„Sie hat mit Anspannung aller Kraft dieses Vershnungswerk -zustande gebracht,” dachte er, „hat Kranke gepflegt und fr die -Mutter gesorgt. Da lief ihr ein hbscher junger Mann ber den -Weg — und die Natur des Weibes brach wieder heraus.”</p> - -<p>Er beschwor diese Bilder nicht weiter, sondern schttelte den -Kopf und erhob sich, um Abschied zu nehmen.</p> - -<p>„Liebe Tante,” sprach er, „Sie fragten vorhin, was ich denn -eigentlich mit Elisabeth gehabt habe. Uns hat immer nur das eine -getrennt: ihre passive Natur. Um diese Menschen hier kmpft sie -und lindert Not und Gefahr; ich habe jedoch nie bemerkt, weder -frher noch jetzt, da sie auch nur einen Finger gerhrt htte, um -fr den Geliebten oder den Freund zu kmpfen. Vielleicht ist das -nicht Weibes Art, werden Sie mir antworten? Nun, mag sein! -Aber ich bin des mnnlichen Titanenkampfes satt. Ihr alle fhlt -nicht, wie ich gerungen habe. Meine Studien sind mein Herzblut. -Sei's denn! Mgen mich die Gtter im Schlaf nach Ithaka -bringen! Ich bin am Ende meiner Glcksjagd.”</p> - -<p>So brachen sie dieses Gesprch ab.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_170" id="Seite_170">[S. 170]</a></span> - -„Steckt vielleicht ein bichen Egoismus in Ihrer Glcksjagd?” -sprach die Greisin beim Abschied. „Verstehen Sie mich brigens -nicht falsch, wenn ich einer Natur wie Ihnen den Ausgleich durch -die Ehe anrate. Ich warne sonst vor diesem Institut. Ich selbst -bin als Unvermhlte so glcklich gewesen, da ich mein Leben gleich -noch einmal von vorn anfangen mchte. Geschlechtsduselei neigt ja -dazu, das unvermhlte Frulein geringer zu achten. Du lieber -Himmel, wieviel versimpelte Ehefrauen sind mir ber den Weg -gelaufen! Da imponiert mir denn doch ganz anders die stolz und -still durchgefhrte Selbstndigkeit einer Einsamen. Anfangs ist es -nicht immer leicht; lchelt man freundlich, so vermutet Bosheit, -man lchle, um zu gefallen und einen Mann zu fangen; spter, -so nach und nach, glaubt man uns, da man aus selbstloser -Herzensfreundlichkeit lcheln kann, und dann beginnt man, uns -ohne alle Nebengedanken liebzugewinnen. Aber dieser Weg ist -nicht fr jeden. Einer Elisabeth mcht' ich einen Gatten — und -einem Ingo eine Gattin wnschen. Adieu, mein Lieber!”</p> - -<p>Ingrimmig fllte Ingo die nchsten Stunden mit Besuchemachen -aus. Er war in zorniger Stimmung und wute gar nicht, -weshalb. Schillerhaus, Goethemuseum, Bibliothek, Theaterintendantur -wurden aufgesucht. Das blhende Stdtchen bte jedoch -nach und nach seinen beruhigenden Zauber aus. Er empfand -mehr und mehr das seelische und geistige Eigenwesen der weimarischen -Kultur: nach Fernfahrten eine Hochschule der Verinnerlichung -zu sein.</p> - -<p>„Fort mit den egoistischen Sentimentalitten!” sprach er aufmunternd -zu sich selber, als er durch den klassischen Park schritt. -„Wieder an geistige Arbeit! Keine Glcksjagd mehr! Und so bleib' -ich eben allein, verzichte auf persnliches Glck und schaffe fr -andre!”</p> - -<p>Eine wonnige Erinnerung durchrieselte ihn, als er am rmischen -Hause hinunterschritt und am Felsen jene Bitte an die -„heilsamen Nymphen” las: „Und dem Liebenden gnnt, da ihm -begegne sein Glck!” ... Hier war er einmal im weien Mond<span class="pagenum"><a name="Seite_171" id="Seite_171">[S. 171]</a></span>schein -bis Mitternacht mit Elisabeth im Park spazieren gegangen, -in einer jener gesteigerten Lebensstimmungen, wo wandernde -Kameraden, gemeinsam Schnes genieend, in Eins zusammenzuflieen -scheinen. Er sprte wieder ihren atmend lebendigen -Krper. Sie hatten Weimars Schnheit, durch ihre eigene gegenseitige -Liebe verklrt, mit allen Poren in sich eingesogen. Ach, -und der Spielmann brauchte nun einmal lebenswarme Menschen -weit mehr als selbst das gelehrteste Papier!</p> - -<p>Der Park war erfllt von einem undeutlichen sommerlichen -Wipfelsausen, das gro und geheimnisvoll den schreitenden Gralsucher -umgab. Das Goethehuschen enthllte sich wei aus dem -dichten Grn. Wolkenschatten flogen ber Wiesen und Ilm. Anschwellend, -ihn berbrausend und wieder verwehend kamen Geisterstimmen, -bis sich endlich eine ruhig tiefe Stimme vom Gerusch -der andren lste und vernehmbar an sein Ohr klang:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Was zu wnschen ist, ihr unten fhlt es;<br /></span> -<span class="i0">Was zu geben sei, die wissen's droben.<br /></span> -<span class="i0">Gro beginnet ihr, Titanen! Aber leiten<br /></span> -<span class="i0">Zu dem ewig Guten, ewig Schnen,<br /></span> -<span class="i0">Ist der Gtter Werk: die lat gewhren!”<br /></span> -</div></div> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>In denselben Tagen erlebte Frau von Trotzendorff in Mnchen -eine Stunde der reinsten Glckseligkeit.</p> - -<p>Die Leidende hatte sich anfangs dem Tode nahe gefhlt. Da -ihr Seelenbau wesentlich aus Phantasie und Gefhl zusammengewoben -war, so empfand sie Glck und Schmerz eindringlicher -als andre Sterbliche. Jetzt ging ihre Lebenskurve wieder aufwrts.</p> - -<p>Die Stimmung eines genesenden Menschen, besonders nach -schmerzlichen Fiebernchten, ist von angenehmer Mattigkeit und -Milde. In dieser weichen Ruhe ist er fr Gte zwiefach empfnglich. -Er will nicht mehr titanisch erzwingen; er lt sich lchelnd -von Gesunden beschenken und hat als ganze Gegengabe nur Blick -und Hndedruck des Dankes. Der Wille hat seine Grenzen er<span class="pagenum"><a name="Seite_172" id="Seite_172">[S. 172]</a></span>kannt -gegenber der bermacht des Schicksals. Als Schiffbrchiger -treibt er aus den Strudeln der Krankheit zu Lande, seines nackten -Lebens froh und gewaltsam befreit von vielem Lebensballast. -Denn die Gtter sind mchtiger als die Titanen.</p> - -<p>Die genesende Mutter hatte auf ihrem Leidenslager die Freude -erlebt, nach langen Schmerzenswochen zum ersten Male wieder -ihre beiden Kinder sehen zu drfen. Sie sa in den hochgebauten -Kissen des Bettes und hatte rechts und links je einen der Knaben -im Arm, herzige Flachskpfe von sieben und neun Jahren, die in -ihren neuen Jckchen und verklrt vom Jubel entzckend aussahen -und die geliebte Mutter fast erdrckten vor Zrtlichkeit. Der Arzt -mit seiner zierlichen Frau und Trotzendorff waren selber bewegt -und hatten alle Mhe, Kurt und Helmut zur Besonnenheit -anzuhalten. Der Jngste hatte die Knie ins Federbett gestemmt -und wischte der Mutter mit seinem kleinen Taschentuch die Freudentrnen -ab; der andere zeigte ihr Hefte und selbstgefertigte Zeichnungen; -und sie selber ri immer wieder beide an sich: „Hab' ich -euch denn noch? Darf ich denn noch bei euch bleiben, meine sen -Jungen? Habt ihr denn eure Mutter noch lieb?!”</p> - -<p>Man mute die Erschpfte nachher allein lassen. Das Wiedersehen -hatte sie angegriffen.</p> - -<p>Sie lag wohl eine Stunde lang mit geschlossenen Augen und -gefalteten Hnden in der feinen, gedmpften Beleuchtung des -reinlich weien Krankenzimmers.</p> - -<p>Noch war ein Nachleuchten dieses langentbehrten Glckes in -den abgezehrten Zgen, als ein Besuch gemeldet wurde.</p> - -<p>„Ein Frulein von Stein lt fragen, ob die gndige Frau -zu sprechen sei”, meldete die Schwester.</p> - -<p>„Frulein von Stein? Am Ende gar — Elisabeth von Stein?!”</p> - -<p>Frau Friederike fuhr hastig empor. Sie bat die Pflegerin, -nachzusehen, ob an ihr und um sie her alles in Ordnung sei, lie -das Tageslicht noch mehr dmpfen und schaute mit Herzpochen nach -der Tre.</p> - -<p>Gleich darauf stand Elisabeth im Zimmer. Nach kurzem Zau<span class="pagenum"><a name="Seite_173" id="Seite_173">[S. 173]</a></span>dern -schlug sie den hellen Schleier zurck und trat mit raschen Schritten -und ausgestreckter Hand an das Bett heran.</p> - -<p>„Ich hrte von Ihrer Erkrankung,” sprach sie rasch herunter, -denn sie hatte diese Einfhrungsworte gradezu auswendig gelernt, -„und da ich mit meiner Mutter durch Mnchen zurckfahre, wollte -ich mir die Freiheit nehmen, mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen.”</p> - -<p>Da stand nun also das Edelfrulein, im silbergrauen Kleid -mit weien Handschuhen, die stattliche Haarkrone samt Hut vom -Schleier umwunden, Aug' in Auge mit ihrer Feindin — mit der -Frau, die ihr einst den Geliebten genommen hatte. Ihre Hand, -die sie nur zu leichtem Druck gereicht hatte, zitterte; das Herz des -sprden und herben Mdchens pochte heftig. Die beiden Frauen -sahen sich einige Augenblicke an; doch keine las zunchst, was im -Herzen der anderen vorging.</p> - -<p>„Das ist lieb von Ihnen, da Sie mich besuchen”, erwiderte die -Kranke mit Fassung. „Nehmen Sie Platz, liebes Frulein von Stein. -Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen. Sie finden mich heute -in einer ziemlich matten Stimmung — nein, bleiben Sie nur -sitzen, Ihr Besuch ist mir sehr willkommen! — aber ich bin trotz -aller Mattigkeit glcklich, sehr, sehr glcklich. Ich habe soeben -Besuch gehabt. Raten Sie, von wem!”</p> - -<p>Ihre Augen leuchteten. Sie war so voll von ihren Kindern; -und Elisabeth war so voll von Ingo. So senkte Letztere unwillkrlich -die Blicke und wandte den Kopf zur Seite, als sollte ein -Schlag gegen sie gefhrt werden. Es waren nur wenige Sekunden; -aber diese Gebrde nervser Angst war so ausdrucksvoll, so -sprechend, da die Leidende sofort das Miverstndnis erriet. Und -ein jhes Mitleid zuckte in der seelenvollen Frau empor.</p> - -<p>Statt zu sagen, wer hier gewesen, streckte Frau von Trotzendorff -in pltzlicher Herzlichkeit die Hand aus, ergriff Elisabeths Rechte, -nahm sie in beide Hnde und sagte innig, mit dem so gern bei ihr -berwallenden Gefhl: „Mein liebes, liebes Frulein Elisabeth!”</p> - -<p>Dann beeilte sie sich, von ihrem Besuch zu sprechen:</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_174" id="Seite_174">[S. 174]</a></span> - -„Meine Kinder sind hier gewesen! Meine sen Jungens -sind hier auf diesem Bett herumgekrabbelt! Denken Sie doch nur! -Zum ersten Male seit langen, langen Leidenswochen hab' ich Kurt -und Helmut wieder gesehen! Ach, ich bin fast gestorben vor Glck. -Bei mir — ich bin ja nun mal so ein weichselig Geschpf! — sitzen -ja die Trnen so locker, im Glck und im Schmerz.”</p> - -<p>Und sie tastete nach dem Taschentuch und betupfte sich die -wieder feuchten Augen.</p> - -<p>Elisabeth sagte aufatmend einige Worte, da sie das nachfhlen -knne.</p> - -<p>„Nicht wahr,” fuhr die Kranke fort, „Sie haben ja auch so -viel Freude an Kindern, obwohl nur eine Mutter ganz ermessen -kann, was es heit, auf Tod und Leben zu liegen und wochenlang -seine Kinder nicht sehen zu drfen — mit dem Gefhl, -da man vielleicht sterben mu, ohne dieses anvertraute Gut zum -Edlen erziehen zu drfen! Ach, meine liebe Elisabeth, das goldige -Lachen der Kleinen und ihre rhrenden Zrtlichkeiten! Spren -Sie nicht, wie noch berall hier in der Luft ein Lachen nachklingt? -Sehen Sie, da hat nun Helmutchen richtig sein ganz zerknlltes -kleines Taschentuch liegen lassen, womit er mir die Augen getrocknet -hat, der kleine Knirps. Ich habe nachher hier eine Stunde -lang still gelegen und gebetet — ich darf Ihnen das wohl sagen —, -so innig zu Gott gebetet, er mge meine Kinder zu braven Mnnern -erwachsen lassen und nicht an ihnen heimsuchen, was etwa — was -etwa die Mutter verfehlt hat.”</p> - -<p>Jetzt begann sie in ihrer groen Schwche wirklich zu weinen -und suchte sich mit Helmuts winzigem Taschentuch vergeblich die -rinnenden Trnen zu stillen.</p> - -<p>Elisabeth streichelte ihr die Hand und sprach einige beruhigende -Worte.</p> - -<p>„Ich war nmlich viel schwerer krank, als mein Mann und -Ingo ahnten — —”</p> - -<p>Da war der Name heraus. Sie hatte sich die Wortverbindung -„mein Mann und Ingo” derart angewhnt, da auch jetzt die<span class="pagenum"><a name="Seite_175" id="Seite_175">[S. 175]</a></span> -Namen gemeinsam von der Zunge glitten. Sogleich aber ward -es ihr bewut, wer an ihrem Bette sa. Sie zgerte einen Augenblick -und setzte dann hinzu: „Es hat nmlich niemand gewut -auer dem Doktor und seiner Frau Hermine, die eine Jugendfreundin -von mir ist, wie schwer krank ich war. Ich darf wohl sagen, -ich habe dem Tod ganz nahe ins Auge geschaut. Und das ist -heilsam. Ich lie mein ganzes Leben an mir vorberwandern und -gelobte Gott, fortan meiner Pflicht zu leben — und — und wenn -mglich niemandem mehr weh zu tun.”</p> - -<p>Sie brach ab und drckte Elisabeths Hand. Dann sprach sie -gefater weiter:</p> - -<p>„Sie waren in Genf? Und haben dort Ingo gesehen?”</p> - -<p>„Nur ganz kurz.”</p> - -<p>„Geht's ihm gut? Ist er heiter?”</p> - -<p>„Ich wollte Sie dasselbe fragen. Ist er nicht hierhergekommen?”</p> - -<p>„Nein.”</p> - -<p>„Nicht hierhergekommen? Er wollte von Genf hierher zu -Ihnen fahren.”</p> - -<p>„Nein, er ist in Thringen. Und es ist gut so. Ich wollte ihn -auch gar nicht hier haben. Selbst nicht Richard, niemanden, denn — -wissen Sie, manche Dinge mu man eben allein durchkmpfen. -Aber Sie — ja, grade Sie habe ich mir oft herbeigewnscht.”</p> - -<p>„Mich?”</p> - -<p>„Ja, Sie, liebe Elisabeth. Sehen Sie, wenn man so wie ich -dem Tode nahe war, da wird man einfach und wahrhaftig. Wieviel -Phantasterei hat mein Leben unstet gemacht! Und wie fest -und gtig sind Sie Ihren Weg gegangen, Sie Gute!”</p> - -<p>Elisabeth war verlegen. Sie kannte den Gefhlsberschwang -dieser knstlerischen Frau; sie wagte daher nicht zu entscheiden, wie -weit diese Gefhle echt und von Dauer waren. Diese Salondame -hatte so viel Talent, ihre Gefhle in Worte zu fassen; und sie selbst, -Elisabeth, war so wortarm. Sie war hierhergekommen in dem -dumpfen Drang, mit dieser Frau um Ingo zu ringen; es war das -erstemal in ihrem Leben, da sie einen Schritt fr sich selber tat.<span class="pagenum"><a name="Seite_176" id="Seite_176">[S. 176]</a></span> -Freilich war in ihr das Mitleid mit der Kranken gleich nach den -ersten Sekunden hochgestiegen, und sie wute nun gar nicht, wie -das Gesprch weiterfhren.</p> - -<p>„Es ist sehr gtig von Ihnen,” sagte sie, „in dieser Weise -zu mir zu sprechen. Ich mu allerdings gestehen — ich habe — -frher — —”</p> - -<p>Sie stockte.</p> - -<p>„Sie haben frher andere Urteile ber Sie aus meinem -Munde zugetragen bekommen, nicht wahr!” half ihr Frau von -Trotzendorff nach. „Ja, da haben Sie leider recht. Leider! Ich -habe oft vorschnell geurteilt und oft sehr rasch nach meinen Neigungen -gelebt; und Sie sammelten derweil Ihre Kraft in der -Stille. Doch inzwischen, hier auf dem Krankenlager, habe ich grade -ber Sie viel nachgedacht. Ach, was ist unser ganzes Salon- und -Konzert- und Gesellschaftswesen doch fr ein eitles Blendwerk ohne -Wrme! Aber Naturen wie Sie haben auch Musik — doch in den -Tiefen der Seele, liebes Kind. Und so bleibt etwas Behtetes, -etwas Keusches, eine jungfruliche Kraft in Ihnen. Und darum -sind — trotz alledem — grade Sie die einzige, die er jemals geliebt -hat!”</p> - -<p>Da war es heraus. Elisabeth senkte den Kopf. Diese Frau -berhrte ohne weiteres das Geheimnis von Elisabeths Liebe. -Noch kmpfte die Schchterne ein Weilchen, dann schlug sie die -Augen auf und schaute der Kranken voll ins Gesicht.</p> - -<p>„Da Sie so offen sprechen, Frau von Trotzendorff, will auch ich -Ihnen mit gleichem Vertrauen begegnen. Ich habe nie jemanden -gehat, das kann ich wohl sagen, denn solche Gefhle liegen nicht -in meiner Natur. Auch nicht Bitterkeit. Und doch — ich hab' in -den letzten Jahren — ich mu es Ihnen gestehen — die Empfindung -nicht loswerden knnen, da ich eine Feindin habe, die mir -unsglich weh tat. Nicht eigentlich Sie selbst, denn Sie konnten das -ja nicht so wissen — aber die Verhltnisse — es ist nun einmal so -gekommen. Und ich selber war schuld daran, ich habe nicht das -Talent besessen, ihn in wrdiger Weise festzuhalten. Aber wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_177" id="Seite_177">[S. 177]</a></span> -mich jemand untersttzt htte — jemand, der so viel mehr Geist -und Gewandtheit besitzt als ich — jemand wie Sie, statt sich zwischen -ihn und mich zu stellen — — ich sagte mir oft, Gott htte an -solchem guten Werk mehr Freude gehabt. Als ich dann spter in -eine hnliche Lage geriet, wo eine Ehe bedroht war, da habe ich -mit ganzer Kraft an der Ausshnung gearbeitet. Und es war -Segen auf meinen Bemhungen. Wenn wir alle einander helfen -wrden, es wre so schn zu leben! Statt dessen bereiten wir -einander Schmerzen.”</p> - -<p>Elisabeth senkte das Haupt, so da man ihre zusammengepreten -Lippen nicht sah. Sie hatte dieses Bekenntnis, das ihr schwer -fiel, mit ergreifender Schlichtheit gesagt. Und die Kranke nickte -und tastete dann wieder nach Elisabeths Hand, mit der Linken die -feuchten Augen trocknend.</p> - -<p>„Sie haben in allem recht, Kind. Ich gebe Ihnen Wort fr -Wort recht. Nur das <em class="gesperrt">eine</em> kann ich vielleicht zur Entschuldigung -anfhren: auch ich habe viel gelitten.”</p> - -<p>„Aber Sie hatten Mann und Kinder — ich hatte nur ihn!”</p> - -<p>Hart und trotzig flog das heraus. Es war das erstemal im -Leben, da Elisabeths scheuer Mund derart um ihr Recht auf -Ingo kmpfte. Es lie sich an, als sollte nun erst der eigentliche -Kampf beginnen. Doch wie es kam, wuten sie hernach selber -nicht: pltzlich hielten sich die beiden Frauen in den Armen, kten -sich und weinten beide.</p> - -<p>Und sagten dann kein Wort mehr von diesem Mann und -dieser Sache. Vielmehr erwachte jetzt in Elisabeth die zugreifende -Krankenschwester; sie machte ein Trinkwasser zurecht, reichte es -der Ermatteten liebevoll und ordnete ihre Kissen; streichelte ihr -dann zart ber die Wangen, als sie mit geschlossenen Augen lag, -und kte sie abermals.</p> - -<p>„Denken Sie gut von mir, liebe Frau von Trotzendorff!” -sagte sie innig. „Und sagen Sie Ingo, da er mir nicht grollen soll!”</p> - -<p>Elisabeth wollte sich entfernen, aber ihre Hand ward festgehalten.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_178" id="Seite_178">[S. 178]</a></span> - -„Und mir verzeihen Sie, Elisabeth! Und Ingo — Sie <em class="gesperrt">mssen</em> -ihn festhalten, recht innig fest! Denn Ihnen gehrt er, Ihnen -hat er immer gehrt, Ihnen ganz allein!”</p> - -<p>Elisabeth ging.</p> - -<p>Die Frau, die hinter ihr zurckblieb und sofort in wohlttigen -Schlummer sank, war sehr mde, aber auch sehr glcklich.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Trotzendorff, Bruck und Ingo, drei stattliche Mnner, ritten -von Weimar nach Tiefurt.</p> - -<p>Der Konsul war auf dem Heimweg in Weimar abgestiegen, -um seinen Freund und Genossen vom Montserrat zu besuchen.</p> - -<p>Der Sommermorgen umgab die drei Reiter mit lebendigen -Tnen und Farben. Der ther war klar. Durch die alten Bume -des Webicht funkelte die Sonne; aus den Grsern antwortete -funkelnder Tau. Ein Wandrer sang ein Schubertsches Mllerlied; -die Vgel in Grten und Waldung lrmten nach Herzenslust; und -fern zur Linken, am Ettersberg entlang, sauste die Eisenbahn.</p> - -<p>Wie sie auf ruhigen Pferden meist gemchlichen Schrittes, -manchmal in gelindem Trab dahinritten, boten die drei Mnner -ein krftiges Bild: rechts und links die breitgebauten lteren Herren -auf braunen Tieren mit weien Fesseln, in der Mitte der schlanke -Ingo auf schlankem Fuchs. Konsul Bruck, den Arm in die Seite -gestemmt, war nicht unhnlich einem Farmer, der mit Wrde und -Behagen durch seine Pflanzung ritt; der Major, mit vorschriftsmig -eingezogenen Ellenbogen und in straffer Haltung, war auch -zu Pferd und in Zivil vor allen Dingen Soldat.</p> - -<p>Zunchst hatte man von ueren Dingen gesprochen, von -deutscher Luft und Landschaft.</p> - -<p>„In Heidelberg ist mein Herz wieder warm und hell geworden”, -erzhlte der heimgekehrte Spielmann. „Ich kam in gedrckter -Stimmung an. Aber da oben auf dem Heidelberger Schlo, -um mich her den jungen Sommertag — unvergleichlich schn!”</p> - -<p>„Nicht wahr?!” frohlockte der kerndeutsche Trotzendorff. -„Scheltet auf Scheffel, soviel ihr wollt, ihr Modernen, und ver<span class="pagenum"><a name="Seite_179" id="Seite_179">[S. 179]</a></span>dammt -den Tonsetzer des ‚Trompeter von Sckingen’ in Grund -und Boden! Schon recht! Aber singt einmal, singt sein Alt-Heidelberg -— und er behlt recht! Hol's der Deuwel, da werde sogar -ich ein Dichtersmann!”</p> - -<p>Und sofort klang es in Ingo, und er sang in den Morgen:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Alt-Heidelberg, du feine,<br /></span> -<span class="i0">Du Stadt an Ehren reich!<br /></span> -<span class="i0">Am Neckar und am Rheine<br /></span> -<span class="i0">Kein' andre kommt dir gleich!”<br /></span> -</div></div> - -<p>„Das kann man nmlich nicht zitieren, meine Herren, das -mu man singen!”</p> - -<p>Man war wieder in Deutschland.</p> - -<p>Und nach und nach lenkte sich durch Trotzendorff das Gesprch -vom lyrischen Deutschland zum politischen hinber.</p> - -<p>„Verfluchte Sackgasse, unsre Politik! Die sich in das Wort -zusammenfat: Feinde ringsum! Km's doch endlich zum Krachen! -Ich frchte, da wir mit diesen diplomatischen Hinauszgerungen -die rechte Stunde des Losschlagens verpassen. Denn um den europischen -Krieg kommen wir doch nicht herum. Und dabei fehlt in -unsren deutschen Rstungen die Straffheit. Allgemeine Wehrpflicht? -Auf dem Papier! Aus siebzig Millionen liee sich mehr -herauspressen! Sehen Sie doch nach Frankreich hinber, wie -das den letzten Mann heranholt und sogar die farbige Armee aus -Afrika! Auch Maschinengewehr-Kompagnien fehlen uns noch; der -Artillerie fehlt ein Einheitsgescho; zu wenig Einzelflieger — und -so wre manches auszusetzen. Ich frchte, der deutsche Michel mu -im nchsten Krieg erst nach Jena, ehe er nach Leipzig marschiert!”</p> - -<p>„Und im Innern?” warf Bruck herber.</p> - -<p>„Die Sozialdemokratie? Je rascher und grndlicher die Auseinandersetzung, -um so besser!” klang es vom Major zurck, in -seinem etwas nasalen, doch festen Ton, den er sich auf dem Kasernenhof -angewhnt hatte.</p> - -<p>„Vielleicht besinnt sich dann nach solchen Erschtterungen -Deutschland auf seine wahre Aufgabe”, meinte der Konsul.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_180" id="Seite_180">[S. 180]</a></span> - -„Worin bestnde diese Aufgabe? Doch wohl in der Heranzchtung -einer strammen Menschenrasse?! Ich habe neulich wieder -einmal eine grere Parade mitgemacht — Donnerwetter, es -ist doch ein groartiges Schauspiel! In Tausende von Menschen -gesetzmige Bewegung zu bringen, da alles klappt wie ein Uhrwerk -— was fr Arbeit! Und Drill! Und Zucht! Groartig!”</p> - -<p>„Schon die alten Rmer leisteten hierin Groartiges”, bemerkte -der Konsul bedenklich. „Ich meine aber mehr Deutschlands -seelische Aufgaben unter den Vlkern Europas. Darin sind -wir verarmt und bedeuten kein fhrend Volk mehr.”</p> - -<p>„Sie meinen die Zersetzung der Religion?”</p> - -<p>„So ungefhr. Hier hat der nervse moderne Intellekt unser -Gemtsleben tief geschdigt. Wenn man dieses Weimar so betrachtet -— sollte man fr wahr halten, da es erst hundert Jahre -her sind, seit sich hier so schne und groe Wahrheiten dichterisch -offenbart haben?”</p> - -<p>„Na, mein wertester Herr Konsul, in Deutschland haben wir -unsren Schiller und Goethe noch immer im Bcherschrank. Im -brigen sind wir jetzt im Zeitalter Bismarcks und haben eiserne -Aufgaben zu lsen.”</p> - -<p>„Auf Kosten der Seele?”</p> - -<p>„Was heit Seele!”</p> - -<p>„Was Seele heit?”</p> - -<p>„Die Seele braucht doch vor allen Dingen einen gesunden -Krper, Zucht, Strammheit.”</p> - -<p>„Nach meiner Ansicht ist die Nahrung der Seele vor allem -andren die Liebe”, erwiderte der Konsul. „Liebe und Weisheit -und Schnheit. Bei dem ungeheuren Wettrsten zwischen Stnden -und Nationen zchtet man aber nicht die Liebe, sondern das -Mitrauen.”</p> - -<p>„Den Willen!” rief Trotzendorff. „In jeder Armee und in -jedem Staatswesen ist Willensschulung das oberste.”</p> - -<p>„Es kommt aber doch wohl darauf an, <em class="gesperrt">was</em> man will, nicht -wahr? Der Wille mu doch wohl ein Ziel haben? Und im Willen<span class="pagenum"><a name="Seite_181" id="Seite_181">[S. 181]</a></span> -der modernen Vlker sehe ich das Ziel, den Nachbarn mglichst zu -bervorteilen. Die Nationen sind Konkurrenten; aber sie sollten -Brder sein.”</p> - -<p>„Nimmt sich auf dem Papier vortrefflich aus!”</p> - -<p>„Bitte, ist Hauptforderung der christlichen Religion. Und meines -Wissens wird diese Religion in Europa amtsmig gelehrt.”</p> - -<p>„Mein lieber Herr Konsul, alle Achtung vor Ihren persnlichen -Erfahrungen im Ausland! Aber aus Ihren Reden hr' ich die Schalmei -der Friedensfreunde. Und da pfeif' ich nicht mit. Sobald wir -Deutschen abrsten, sind wir morgen zerdrckt. Feinde ringsum!”</p> - -<p>„Ja, so sagt jeder! Und so zwingt jeder den andren zum ewigen -Wettrsten, statt da man sich zum europischen Staatenbund -verbrdert.”</p> - -<p>„Zukunftstraum!”</p> - -<p>„Mag sein! Doch wirft man Preuen vor, da es nicht das -Talent habe, moralische Eroberungen zu machen. Wie wr's, wenn -nun Reichsdeutschland diese feine Kunst ausbilden wrde? Sobald -man aus dem Ausland gern in unsren heiligen Hain kommen -wrde, um von uns Gttliches zu lernen, wrde sich jenes Wort, -das Sie vorhin riefen, verwandeln in ein ‚Freunde ringsum!’”</p> - -<p>„Seien Sie froh, da Preuen nicht weichlich ist! In die -schlappe deutsche Wirtschaft hat Preuen Zug gebracht. — Na, -schweigsamer Ingo, und was sagst denn du dazu?”</p> - -<p>Ingo glaubte beide Freunde zu verstehen. Er hatte parteilos -zugehrt. Aber dann war er ins Trumen geraten ber seine -persnliche ungelste Angelegenheit. Er hatte zum erstenmal wieder -seit Wochen einen Brief von Frau von Trotzendorff erhalten; und -in diesem Schreiben war, zu seiner freudigen Verwunderung, -Elisabeths Besuch ausfhrlich und liebevoll erzhlt.</p> - -<p>„Prophete rechts, Prophete links!” antwortete er lchelnd. -„Ich bin noch nicht reif genug, um mitzureden. Wenn ich mich aber -richtig einschtze, so wird mein unermelich Reich der stille Gedanke -werden, nicht deine laute Politik, Richard. Mit andren Worten: -die Reichsseele, nicht der Reichskrper!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_182" id="Seite_182">[S. 182]</a></span> - -„Recht so!” bekrftigte Brucks Ba. „Grade darin sollten -jetzt die besten deutschen Geister ihre Hauptaufgabe erblicken.” Er -strich den breiten Graubart und fgte die rtselhaften Worte hinzu: -„Ich habe gehrt, da einige berufen sind, einen reineren Lebensbegriff -zu offenbaren.”</p> - -<p>„Erinnerst du dich jenes Gesprches an der Riviera, Richard?” -fuhr Ingo fort. „Wir sprachen vom Untergang der Titanic. Man -mag heute das grauenhafteste Unglck in der Zeitung lesen — und -schon nach wenigen Tagen ist der Eindruck wieder verwischt. Neue -Nachrichten rasseln tglich ber unser Gehirn und die feineren -Organe hinweg. Wir haben weder Kraft noch Zeit, diesen Massenandrang -zu verarbeiten. Es bleibt ein Nervenreiz, es bleibt Papier, -wir lesen es nur, wir erleben es nicht. Seelenlos rollt der Apparat -des modernen gesellschaftlichen Mechanismus ber die einzelne -Seele hinweg. Ob Tausende irgendwo verunglcken oder Zehntausende, -es ist ebenso belanglos; der Apparat luft weiter. Das -ist es, Richard, wogegen ich als Ausreier und Flchtling ankmpfe; -ich will meine Seele nicht zermalmen lassen. Ich mu oft an -Schaller und Marx denken; sie sind wie jener Schatzgrber: er -gibt dem Teufel die Seele und erhlt dafr Sachen. So hat unser -moderner Mechanismus eine berflle von gewi schtzbaren -Sachen eingeheimst, auch Kunstsachen und Literaturwerke, aber -die Seele verloren.”</p> - -<p>Der Major schttelte zu dieser Philosophie schweigend und -mibilligend den Kopf.</p> - -<p>Bruck aber lenkte die Unterhaltung ab:</p> - -<p>„Da Sie von Marx sprechen: ich traf in Mnchen, in jener -Gesellschaft fr Geistesforschung, die sich ja grade um das innere -Wesen des Menschen bemht, Ihren englischen Freund Wallace. -Sie entsinnen sich, da wir auf dem Montserrat von solchen groen -Fragen gesprochen haben?”</p> - -<p>Der Montserrat! Wie sonor klang dieser Name des spanischen -Felsenberges in das idyllische Weimar! Der Montsalvat! Der -heilige Gral, das Rosenkreuz, der Ausblick in Kosmos und Erden<span class="pagenum"><a name="Seite_183" id="Seite_183">[S. 183]</a></span>dasein -— — es war ihm, dem dankbaren Schler weimarischer -Kultur, als wre etwas in ihm dort auf dem Montserrat ber -Weimar und Wartburg hinausgewachsen.</p> - -<p>„Ah, Wallace! Ein ruhiger und besonnener Mensch! Wir -knnten von den Englndern lernen.”</p> - -<p>„Und sie von uns”, brummte Trotzendorff.</p> - -<p>„Wir waren”, setzte der Konsul hinzu, „dort in Mnchen viel -mit Doktor Marx zusammen —”</p> - -<p>„Marx?!”</p> - -<p>Ingos Fuchs wurde unruhig und begann zu tnzeln.</p> - -<p>„Ebenfalls Mitglied”, bemerkte Bruck.</p> - -<p>„Der kleine Kommerzienrat?! Schallers Freund?”</p> - -<p>„O nein, der nicht!” lachte der alte Herr. „Sein Bruder, -ein stiller und sympathischer Gelehrter. Sie wissen ja, da ich die -modernen Israeliten nach zwei Gesichtspunkten einteile: Spinozisten -und Mammonisten. Dieser jngere Marx ist ungefhr das -Gegenteil von jenem Mammonisten.”</p> - -<p>„Na, auch ber diese Rasse drften unsre Ansichten auseinandergehen”, -warf der Major herber.</p> - -<p>„Lt sich wohl denken”, versetzte Bruck. „Aber mit preuischem -Kommando wird auch hier nichts entknotet werden.”</p> - -<p>Ingo suchte zu vermitteln.</p> - -<p>„Ich frchte manchmal, da unser allzu laut gewordenes -Deutschland durch Demtigungen hindurch mu, um sich wieder -auf seine stille europische Aufgabe zu besinnen. Es ist etwas Nervses -und berreiztes in dieser ganzen Zivilisation. Und nun willst -du mich auf die Wartburg schleppen, Richard, willst mich dem -hchsten Reprsentanten dieser modern-deutschen Entwicklung vorstellen -und in dieses jetzige Getriebe einfangen —”</p> - -<p>„Ich zhle sogar bestimmt darauf, lieber Ingo! ‚Der Mann -mu hinaus ins feindliche Leben’ — sagt Schiller.”</p> - -<p>„Er sagt aber auch, lieber Richard: ‚In des Herzens heilig -stille Rume mut du fliehen aus des Lebens Drang’!”</p> - -<p>„Unsinn! Er sagt aber auch: ‚Rastlos vorwrts mut du<span class="pagenum"><a name="Seite_184" id="Seite_184">[S. 184]</a></span> -streben, nie ermdet stille stehen’ — das hat mir mein alter Oberst -unter sein Bild geschrieben.”</p> - -<p>„Schon recht! Er sagt aber auch: ‚In die Tiefe mut du -steigen, soll sich dir das Wesen zeigen’.”</p> - -<p>Die drei Reiter lachten ber dieses schlagfertige Tennisspiel -mit Schillerworten.</p> - -<p>Der Soldat Trotzendorff war noch nicht geneigt, Frieden zu -schlieen, obwohl das Schiller-Gelnde seiner Generalstabskarte -ziemlich drftig skizziert war.</p> - -<p>„Auerdem hat Schiller gesagt”, rief er schneidig: „‚Wer immer -strebend sich bemht’ —”</p> - -<p>„Halt, Bataillon! Das sagt nun allerdings Goethe!”</p> - -<p>„Und fgt hinzu”, half Bruck: „‚den knnen wir erlsen’ — -<em class="gesperrt">wir</em>! Nmlich die ewigen Schicksalsmchte, Herr Major!”</p> - -<p>„Mystik, meine Herren! Sie wissen, da pfeif' ich nicht mit! -Ich sage nur so viel: Der Deuwel hole die Nation, die nur noch -Halleluja singt und nicht mehr die Wacht am Rhein!”</p> - -<p>Sie brachen lachend ab. Bruck war taktvoller Weltmann genug, -von seinen Geheimkammern nur dann eine Tr aufzuschlieen, -wenn er einen Gralsucher in der Nhe witterte.</p> - -<p>„Herzensjunge,” schlo Trotzendorff in seiner frischen und freimtigen -Art, „dein Philosophieren ntzt nun alles nichts. Auf die -Wartburg sollst du mir doch — und wenn ich dich auf einem Wartburg-Esel -eigenhndig ans Burgtor fhren mu!”</p> - -<p>„Nun, ich hoffe wieder heil herunterzukommen.”</p> - -<p>„Jawohl, einen Orden im Knopfloch und einen Hoftitel in -der Tasche! Ein gemachter Mann, auf den ganz Deutschland schaut!”</p> - -<p>Der Konsul hielt sein Pferd an. Er hatte, bei aller groartigen -Seelenruhe, ein natrliches Gesprchstalent: ging mit Aufmerksamkeit -auf einen Gegenstand ein, lie hflich, aber schlagfertig -eines Gegners Einwand an sich herankommen und trachtete -zuletzt nach Abrundung. Um diese war es ihm auch jetzt zu tun. -Er reichte dem Major mit einem reizenden Muskelspiel seines -verwetterten Gesichtes die Hand.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_185" id="Seite_185">[S. 185]</a></span> - -„Lieber Herr Major, ich bekenne mich hiermit als geschlagen. -Sie sind doch von uns dreien der grte Idealist!”</p> - -<p class="center p1"><br /> -</p> - -<p>... In Ingo spannen die Gedanken weiter. Er liebte beide -brave Deutsche rechts und links; und doch sprte er, da er mit -einem wesentlichen Teil seines Herzens zur stilleren Partei gehre: -zu dem Gefhrten vom Gralsberg.</p> - -<p>Und er sah in pltzlicher Fernschau seinen eigenen Park der -Zukunft, belebt von Steinbildern groer Mnner, verschnt durch -goldene Sprche der Poesie und Weisheit. Die Mglichkeit, als -Gutsbesitzer an der Scholle haften zu mssen, erschien dem Weltwanderer -nicht mehr schreckhaft, vielmehr in neuem und schnem -Lichte. Die weie Tempelsule auf dem Sonnenhgel, wo er am -Rande Europas bei unreifen Mdchen Schnheit gesucht hatte, -sah er aufgerichtet mitten in einem deutschen Park. „Auch die Scholle -lt sich weihen, auch die Enge zur Welt erweitern. Wenn nur — -wenn nur lebendige Liebe erwrmend und verschnend mithilft — -lebendige Liebe!” Jetzt trat seine knftige Freifrau aus dem Herrenhause, -von der Dogge begleitet, schritt durch den anmutvoll belebten -Park und trug etwas von dem Reichtum ihrer Welt hinab zu -Kranken des Dorfes ...</p> - -<p>„Was trumst du, Ingo?” fragte Richard.</p> - -<p>„Was ich trume?”</p> - -<p>Ingo sah sich erwachend um. Die Parklandschaft von Tiefurt -lag vor ihnen ausgebreitet. Der Spieltrieb schpferischer Geister -hatte einst diesem ganzen weimarischen Gebiet Frohsinn aufgeprgt.</p> - -<p>„Ich trume davon, wie dieses weltberhmte Weimar uerlich -so klein ist und hat doch im kleinsten Punkte die hchste Kraft -gesammelt. Ich trume davon, da auch das Herz nur ein kleiner -Punkt ist: aber der Mittelpunkt des Menschen.”</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 100px;"> -<img src="images/p185_deco.png" width="100" height="76" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_186" id="Seite_186">[S. 186]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p186_deco.png" width="600" height="48" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Zehntes Kapitel</small><br /> - -<big>Kaisergesprch auf der Wartburg</big></h3> - -<div class="cite"> -<p class="noindent"> -Eins nach auen, schwertgewaltig<br /> -Um ein hoch Panier geschart,<br /> -Innen reich und vielgestaltig,<br /> -Jeder Stamm nach seiner Art!</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Geibel</span> -</p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p186_cap.png" alt="D" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">D</span> -ie Fahnen der festlichen Stadt Eisenach und der Wartburg -hingen ohne die mindeste Bewegung schlaff an -den Stangen herab.</p> - -<p>Die Luft war schwl und schwer. In abenteuerlicher Frbung -stand der dunstig heie, einem Gewitter entgegenbangende -Sommertag. Die westlichen und nrdlichen Horizonte drohten -blauschwarz herber. Von der Rhn her funkelte Wetterleuchten; -ein zweites Wetter ballte sich ber der goldenen Aue.</p> - -<p>Waren rings auf phantastischen Wolkenbergen Batterien aufgefahren?</p> - -<p>Bedrohten sie die Wartburg, den Herzpunkt deutschen Geistes?</p> - -<p>Malte sich in den Lften ein Zukunftskrieg um die besten -Gter der Nation?</p> - -<p>Major von Trotzendorff sah schwarz genug in die Zukunft. -Aber der heutige Tag war fr ihn ein Festtag. Denn er hatte -es durchgesetzt: sein Freund, der unsehafte Weltfahrer, stellte sich -zu einer hfischen Audienz!</p> - -<p>„Was schwebt dir denn eigentlich dabei vor, mein alter Freund -und Gnner?” hatte der Spielmann gutmtig gefragt.</p> - -<p>Und den krftigen Schnurrbart mit zwei Brstchen bearbeitend, -hatte der Major vielsagend geantwortet:</p> - -<p>„Na, mein Junge, das wird sich schon alles finden. Ich -denke, gewissen Hoftheatern wird eine geistige Auffrischung nicht -schaden. Was?”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_187" id="Seite_187">[S. 187]</a></span> - -Ingo stand am Fenster des Hotels in Eisenach, wo er abzusteigen -pflegte. Hier, in diesem nmlichen Zimmer, hatte er vor -fnf Jahren gewohnt, als er mit Elisabeth und ihrer Mutter einige -Tage in der Wartburgstadt weilte. Es waren noch Tage der Liebe -gewesen, einer vornehm verschwiegenen Liebe. Inzwischen hatte -ihn unklare Sehnsucht durch die Lande gerissen; inzwischen hatte -er in rascher Folge England und Italien, dann Riviera, Lourdes, -Montserrat, Genfer See erlebt und war nun auf dem Wege zur -Selbstbesinnung.</p> - -<p>Er hatte drei Briefe in der Tasche: von Elisabeth, von Frau -Friederike, von Schaller, der ihn kurz und launig zur Hochzeit -einlud.</p> - -<p>Am leidenschaftlichsten und tiefsten empfunden war der Brief -seiner Elisabeth. Sie ging mit kurzer und stolzer Wendung ber -Leroux hinweg; sie erzhlte ihren Besuch bei der Kranken in Mnchen, -die jetzt wieder am Fenster sa; sie bat ihn, nie an ihrer einzigen, -ersten und letzten Liebe zu zweifeln. Und sie, die sprde, -bat um seine genaue Adresse; sie werde sofort zu ihm reisen und -Auge in Auge Schmerz und Mitrauen zerstreuen, denen er ohne -ihre Schuld zum Opfer gefallen.</p> - -<p>In ungewohnter ernster Krze schrieb Frau Friederike:</p> - -<p>„Es ist Zeit, lieber Ingo, da wir alle unsren festen Platz -whlen. Ich habe ein Vorgefhl, wenn ich Richards Briefe richtig -deute, als ob unsrem ganzen Europa eine Titanic-Katastrophe -bevorstehe. Da fllt alles Schwrmerische und Unechte ab, und -es bleibt bestehen Wahrhaftigkeit und Liebe, jene Liebe, die zugleich -Gte und Treue ist. La uns zusammenhalten wie bisher, lieber -Freund, aber Elisabeth soll mit in unsrem Bunde sein. Messe Dir -Dein Land ab, richte Dein Haus ein, Deine Lehr- und Wanderjahre -sind vorber. Und bleib gut Deinem Kameraden Friedel!”</p> - -<p>Ingo schaute in die fahlen Horizonte, in die Heerscharen, die -dort um Deutschland gelagert schienen.</p> - -<p>Dann wandte sich sein Blick zu dem ppig-starken Baum- und -Graswuchs, der von allen Seiten Hainstein und Wartburg in<span class="pagenum"><a name="Seite_188" id="Seite_188">[S. 188]</a></span> -schimmernder Schnheit umgrnt. Wie weich und voll die Wipfel, -wie anschmiegsam die Wiesen, und schlank darber der Bergfried -mit dem Kreuz!</p> - -<p>Die Fenster des Pallas mit den edelgeschwungenen romanischen -Bogen standen offen. Die Burg war jetzt gefllt mit Uniformen -und hohen Zivilisten. In jenem Mittelbau dort, vor dem -Sngersaal, waren die schn getfelten, behaglich-vornehmen Gemcher -des Kaisers und des Groherzogs belebt. Unter den geladenen -Gsten wandelte mit dem weimarischen Burgherrn Seine -Majestt der deutsche Kaiser.</p> - -<p>Major von Trotzendorff, ganz Uniform und geschwellte Mannesbrust, -holte den Freund ab.</p> - -<p>Eine halbe Stunde spter bewegten sie sich selber im Farbenspiel -des festlichen Gewimmels.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Im zweiten Burghof, wo Waldgrn die Farbe der Landschaft -bestimmt, stand alles im Zeichen der Jagd. Fast jedermann -trug Weidmannsuniform. Der Verkehrston war bei aller Gehaltenheit -ungezwungen, wenn auch gedmpft durch die lstige -Gewitterschwle.</p> - -<p>Baron von Stein-Waldeck kannte einige von diesen Hofleuten. -Als erster schttelte ihm sein alter Freund, der schlanke und -hagere Oberburghauptmann mit dem meist etwas ironischen Weltmannsgesicht, -die Hand. Eine weimarische Exzellenz stand in der -Nhe, an Gestalt und Schnurrbrtchen dem verstorbenen Karl -Alexander nicht unhnlich. Dann sah man den deutschen Kaiser -neben des Groherzogs gedrungener Gestalt zwanglos im inneren -Hofe plaudernd wandeln, auch sie beide in der prchtig sitzenden -Gewandung der Jagd.</p> - -<p>Was mgen die beiden hohen Herren plaudern?</p> - -<p>Ingo wurde aufmerksam.</p> - -<p>Er schenkte den brigen Gruppen nur wenig Beachtung, sondern -beobachtete unauffllig die beiden Frsten, in deren Nhe -sich der schlanke Coburger mit einigen Jgern scherzend unterhielt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_189" id="Seite_189">[S. 189]</a></span> - -Ingo hatte Freude an dem malerischen Bilde. Er war keine -unsoldatische Natur; ein Kaisermanver, das er seinerzeit mitgemacht, -hatte er mit der leidenschaftlichen Teilnahme eines Strategen -verfolgt, zh und stramm auf seinem Artillerie-Pferd allen -Strapazen gewachsen. Der Verfasser des „Heroismus” hatte -Instinkt fr Mnnlichkeit.</p> - -<p>Die Frsten schauten nach den nahenden Gewittern; sie -mochten ber Jagd und Wetter gleichgltige Worte wechseln. Vielleicht -aber quollen auch tiefere Gedanken aus des Kaisers Seelengrnden -empor und verlangten Aussprache und durch Aussprache -Klrung und nach der Klrung tatkrftige berwindung? ...</p> - -<p>Des Spielmanns Phantasie begann zu arbeiten. Er sah vor -sich Pallas, Dirnitz und Bergfried aufragen; er empfand heimatlich -nahe die Hgelungen der thringischen Tannenberge. Landgraf -Hermann der Freigebige war wiedergeboren: er lustwandelte -dort im Hof als deutscher Kaiser. Ingo selber fhlte sich als Walther -von der Vogelweide; vaterlndische Treue und dichterisches Empfinden -klangen in ihm zusammen; wie jener Walther zog auch er -ohne Lehen durch die offene Welt. Und seine Phantasie hrte -den Kaiser sprechen ...</p> - -<p>Der Kaiser — so sann er — knpft in seiner Unterhaltung -vielleicht an sein bevorstehendes Regierungsjubilum an. Er sieht -sich rckschauend auf den Bnken des Casseler Gymnasiums, wo -er durch gewissenhaften Flei Achtung und Liebe seiner Lehrer -erringt; er verlebt zwei unvergeliche Jahre als Borusse; er -empfngt als Soldat in jeder Waffe eine grndliche Ausbildung; -er tritt als Oberster des Leibhusaren-Regiments der ppigkeit im -Offizierskorps entgegen; er gibt als Familienvater an der Seite -einer edelgestimmten Hausherrin das beste Beispiel strenger Pflichterfllung -und harter, einfacher Lebensweise; er sucht als Kaiser -durch warmherzige soziale Frsorge und durch Betonung der sittlichen -und religisen Fundamente des Volkstums gesunde Verhltnisse -zu schaffen; die Marine empfngt durch ihn einen ungemeinen -Ansporn, denn er hat von der Mutter her „Seeblut” in<span class="pagenum"><a name="Seite_190" id="Seite_190">[S. 190]</a></span> -den Adern; ein spannkrftiges, schlagfertiges Heer soll seinem Volke -vor allem den Frieden erhalten, den Platz an der Sonne — — -so schaute Ingo, der Sohn aus knigstreuem, altem Adelshause, -auf das Leben des Monarchen, der hier in seiner unmittelbaren -Nhe stand.</p> - -<p>Und sprach der Kaiser in seiner raschen, elastischen Weise -vielleicht Folgendes?</p> - -<p>„Wir sind in besondrer Zeit. Die Vlker sind durch die Schwingungen -eines ungeahnten Weltverkehrs wie nie zuvor miteinander -in Fhlung und Reibung gekommen. Da ist Gefahr fr das Ererbte. -Das Alte scheint in diesem Andrang von heftigen Gegenwartseindrcken -minderwertig — die Seele berhaupt. Nicht wahr: -was ist denn etwa einem amerikanischen Geldfrsten die ruhmreiche -Geschichte dieser Wartburg? Sie ist Duft und Hhendunst -im Vergleich zu den soliden Massen und Mastben seines lauten -Neu-Amerika. In welchem Grenverhltnis mag ihm ein Thringer -Landgraf erscheinen im Vergleich zu den Millionren des -Pelzhandels oder der Goldminen, der Kartelle, Reedereien, Lloyds? -Ich habe meine Vorliebe fr Amerikas energischen Pulsschlag bekundet. -Ganz gewi! ich liebe Tatkraft, aber ich bin bedenklich -wider die selbstbewute Diesseitigkeit jener Zivilisation. Uns Deutschen -fehlt es wahrlich ebensowenig wie jenen an zugreifender -Kraft; das hat schon unsre Hansa samt Reichsstdten und das -haben die Staufen- und Sachsenkaiser glnzend bewiesen, und das -beweisen wir heute abermals auf allen Gebieten, vom Lloyd bis -zum Zeppelin, Gott sei Dank! Aber wir haben noch eine andere, -eine feinere, eine tiefere Mission; wir haben den bedeutenden -Errungenschaften der Gegenwart die bedeutendste hinzuzufgen: -wir haben die neugestaltete Gegenwart zu <em class="gesperrt">beseelen</em>. Das ist -es, was ich auf hufigen Reisen suche und noch nicht finde. Wir -mssen, wie wir unsre eisernen Kriegsschiffe mit gepanzerter Faust -hinaussenden, auch die weien Tauben des Glaubens an das Gttliche -im Menschen ber die verarmte Erde ausfliegen lassen. Manchem -tchtigen Manne zu Weimar und auf der Wartburg hat Gott<span class="pagenum"><a name="Seite_191" id="Seite_191">[S. 191]</a></span> -die Fahnenstange des Idealismus in die Hand gedrckt. So soll's -bleiben. Das Schwert werden wir geschliffen behalten; die irdischen -Verhltnisse zwingen uns dazu. Beides miteinander zu verschwistern: -weltweite Horizonte und Kraft der inneren Beseelung, -modernes Bewutsein und historische Ehrfurcht, Tatkraft und Gemt, -wissenschaftliche Unbefangenheit und religise Tiefe — sieh, -darin erkenn' ich meine kaiserliche Aufgabe. Das scheint mir die -Aufgabe der Zeit.”</p> - -<p>Der Groherzog fhlte vielleicht — so phantasierte Ingo -weiter — da der Kaiser nur zu einem ungewhnlichen Monolog, -zu einer Herzenserleichterung groen Stils diese Stunde gewnscht -hatte. Der junge Frst beschrnkte sich daher wohl auf leise und -leichte Bemerkungen ber Dinge der nahen Auenwelt. Der -Monarch ging darauf ein, wie um auszuruhen und seine fernschweifenden -Gedanken in die Nhe zurckzurufen. Bald aber -versandete dieses Zwischengesprch. Und der Groherzog schaute -stumm, die Hnde auf dem Rcken, ber den wildreichen Wald -hin, in welchem er so gern seiner Lieblingsbeschftigung oblag.</p> - -<p>Der Kaiser mochte, kraft jenes Fluidums, das sich zwischen -zwei Sprechenden nach und nach auszubilden pflegt, den stillen -Wunsch des frstlichen Weidmannes erraten.</p> - -<p>Und in Ingos Phantasie fuhr er fort:</p> - -<p>„Auch ich kenne kein frischeres Vergngen, abgesehen von einer -Segelregatta, als in der Rominter Heide vom Jagdwagen ins -taunasse Heidekraut zu springen oder im ‚Hiligen Forst’ der Westmark -einem balzenden Auerhahn sprungweis auf den Leib zu -rcken. Herzhafter Kampf! Ich hab' in meinem Jgerdasein mehr -als siebzigtausend Stck aller Arten von Wild geschossen; und es -mag manchem vorkommen, als wre das der Weidmannslust fast -zu viel. Aber ich arbeite rasch und stark und brauche rasche, starke -Entspannung. Man mte freilich ein Genie sein, um alles vom -Kern aus zu berschauen: ein Genie der Sammlung ... Da steckt -vielleicht das Geheimnis dessen, was wir brauchen ... Sammlung, -Verinnerlichung ... Wir verlieren uns zu sehr ins Detail; wir<span class="pagenum"><a name="Seite_192" id="Seite_192">[S. 192]</a></span> -mssen in der auflsenden Zweifelsucht der Gegenwart erst wieder -den Zentralpunkt finden und von dort aus neue Ideale schaffen, -ohne Untreue gegen die alten. Schweres Werk! Und von uns -Zeitgenossen ungelst. Wahrlich, eine Massenattacke mit Kavallerie -zu reiten, ist leichter. Und wie macht man mir mein Amt schwer! -Wie untergrbt man Ehrfurcht und Autoritt! Wie nrgelt man -an meinen gradaus und ehrlich gegebenen Anregungen herum! ... -Hier ist meine tiefste Sorge: nicht nur Meine Autoritt, nein, Autoritt -berhaupt gilt diesem aufgeregten, unstet-nervsen Geschlecht -als ein unmodernes Gefhl. Adel jeder Art ist hart in Bedrngnis.”</p> - -<p>Der Kaiser schritt lebhaft ein paar Schritte hin und her. Das -ungeheure Gewlk verdichtete sich in blauschwarze Ballen. Ein -ferner Donner rollte; ein Wind lief ihm voraus.</p> - -<p>„Manchen treuen Willen erkenn' ich. Aber auch mein Brgertum -ist zu wenig grozgig. Sie sperren sich in zopfige Parteiworte -ein. Macht weit und unbefangen eure Herzen und Kpfe! -Einigt euch zu groem Kulturbegriff, positiv gestimmte Mnner -und Frauen jeder Konfession und Partei! Es gilt einen Kampf -um Deutschlands innerstes, heiligstes Gemt ... Ich bin mit Bewutsein -evangelischer Kaiser; aber ich habe fr warmherzig religise -und gut deutsche Katholiken denselben Handschlag bereit. Es -mu in die dumpfe, zaghafte Religiositt berhaupt mehr durchwrmender -Lebensodem kommen.”</p> - -<p>In voller Gemtsbewegung schritt der Kaiser auf den hallenden -Steinen hin und her und brach dann pltzlich ab. Er nahm -des Groherzogs Hand.</p> - -<p>„Du weit, ich stehe gern auf unsren schwimmenden Burgen, -den Kriegsschiffen, und halte Schiffsgottesdienst. Nun wohl, betrachte -diese programmatische Aussprache als einen Gottesdienst -auf deiner Landburg, deren Kapitn und Kommandant du bist. -Nimm meine Worte als den Grundri eines Regierungsprogramms. -Gott helfe uns! Deutschland hat Feinde innen und auen.” ...</p> - -<p>So malte sich Ingo des Kaisers Unterhaltung aus. Er empfand -Zuneigung zu diesem Herrscher, dem das parlamentarische<span class="pagenum"><a name="Seite_193" id="Seite_193">[S. 193]</a></span> -Geznk entschieden Unrecht tat, den es nicht schlichtmenschlich genug -beurteilte, dessen bereilungsfehler eng verwachsen waren mit -seinem hilfsbereiten Naturell, mit seinen lebendigen Tugenden und -Krften ...</p> - -<p>„Wenn ich selber mit ihm spreche” — — —</p> - -<p class="center p1"><br /></p> - -<p>Jetzt wurde der phantasierende Spielmann, der zwischen belanglosem -Geplauder gestanden hatte, unterbrochen. Mchtige Ste -des Gewitterwindes scheuchten die gesamten Gruppen der Hofgesellschaft -in das Innere des Gebudes ...</p> - -<p>Sie schritten jene Steintreppe hinan, ber die einst der Snger -Heinrich von Ofterdingen, unterlegen im Sngerkrieg, knirschend -davongegangen war ... Dampfte nicht noch der Hof von der -derben Zecherlust des niedren Volkes, whrend drin im Wortekampf -adlige Harfe wider Harfe klang, ein Turnier des Geistes? -Ja, damals Spielmann zu sein! Da war alles Worteprgen noch -von urwchsiger, gebrunter Kraft, denn die Snger waren Freiluftmenschen, -Hhenwanderer von Burg zu Burg, umpfiffen vom -Waldwind! ... Wie hatte sich Ingo, der thringische Freiherr, -in jenes Staufenzeitalter eingelebt, in den Minnesang, in die Gralsage, -in die Geschichte der Troubadours! Er selber war einst auf -dem Rennstieg mit seinem Knecht geritten, hatte gestern vor -schnen Frauen auf der Burg gesungen, ehegestern unter einer -Dorflinde bei drperlichem Tanz zur Laute gespielt, hingerissen -vom wilden Hoppaldei und Troialdei — und war dann wieder -im einsamen Wald unter Tannenzapfen und Eichhrnchen weitergezogen, -um in irgendeiner rauchigen Gebirgsschenke zu bernachten -...</p> - -<p>Das ging dem Spielmann grozgig durch Herz und Kopf. -Und jetzt trat der Generalintendant der Kniglichen Schauspiele -heran. Trotzendorffs groe Stunde war gekommen: noch nicht der -Monarch selber, aber dieser hohe Beamte und Hofmann wnschte -durch den Major nunmehr den Baron und Schriftsteller Ingo -von Stein-Waldeck kennen zu lernen.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_194" id="Seite_194">[S. 194]</a></span></p> - -<p>Auch diese Vorstellung vollzog sich in bequemen und unbefangenen -Gesellschaftsformen, gleichsam nebenbei und zufllig. -Doch hatte Ingo die fatale Empfindung, da er auf seine etwaige -Verwendbarkeit hin ausgehorcht werden sollte; und das go dem -freien Wandersmann ein paar Tropfen Ironie in seine Antworten.</p> - -<p>„Sie haben ja wohl einmal ein Drama geschrieben, mein -lieber Herr Baron? Nun, das ist ja in jungen Jahren eine — wie -soll man sich da ausdrcken — nicht ganz ungewhnliche geistige -bung des gebildeten Deutschen. Nicht wahr? brigens, man -sprach bei Hofe von Ihrem Buch ber Friedrich den Groen. -Sagen Sie mir einmal, wie ist denn das nun eigentlich? ber -Ihre dramatische Ttigkeit mte mir doch seinerzeit berichtet -worden sein, wenn Sie das Stck bei uns eingereicht haben?”</p> - -<p>Der Generalintendant war eine stattliche und angenehme Erscheinung -von liebenswrdigen Umgangsformen. Er war den Hofton -gewhnt und zugleich die Gebrde des Theaters; aus seiner -Stimme klang edle Leutseligkeit; was er anfate, wurde in seinen -Hnden wichtig und wrdig, auch wenn es fr die deutsche oder -europische Kunst von keinerlei Bedeutung war, sondern nur den -Wert einer hfischen Unterhaltung hatte.</p> - -<p>„Jawohl, Exzellenz, ich hatte einmal die Schwche, ein Drama -einzureichen, aber nicht unter meinem Namen.”</p> - -<p>„Nicht unter Ihrem Namen? Aber ich bitte Sie, mein lieber -Baron, wozu denn dieses gnzlich berflssige Versteckspiel?”</p> - -<p>„Ich wollte mein Werk durch sich selber wirken lassen.”</p> - -<p>„Und Sie haben es uns vorgelegt? Aber ich entsinne mich -doch nicht, da Ihr Name — —”</p> - -<p>„Der Deckname war Franz Sturmegg.”</p> - -<p>„Ja so, richtig! Also Sturmegg! Hm! Sturmegg?”</p> - -<p>Der Intendant fuhr mit sinnender Gebrde ber eine nicht -unbedeutende Stirne; er war ein gut reprsentierender Mann.</p> - -<p>„Die Sache ist lngst erledigt, Exzellenz. Es war fr mich -eine heilsame Lehre, den Bhnendichtern nicht mehr ins Handwerk -zu pfuschen.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_195" id="Seite_195">[S. 195]</a></span></p> - -<p>Exzellenz erkundigte sich, immer die Hand in huldvollem Nachdenken -an der Stirn, nach Titel und Inhalt.</p> - -<p>„Richtig! So etwas mag mir ja wohl einmal, ich glaube sogar -mit einer Empfehlung unsres wackren Wildenbruch, durch die -Hnde gegangen sein. Aber — ja, ja — ein sehr undankbarer Stoff! -Sehr undankbar, wirklich! Und bei der — nicht wahr — bei der ungeheuren -Flle von knstlerischer Arbeit, die unsere Kniglichen -Bhnen zu bewltigen haben — —”</p> - -<p>„Ich reiste sogar”, fuhr Ingo fort, „nach brieflicher Anmeldung -selber nach Berlin. Aber ich bin telephonisch von irgendeinem Beamten -wieder nach Hause geschickt worden, ohne zur Audienz zu -gelangen.”</p> - -<p>Stein lachte selber ber diese berwundene Epoche. Der Intendant -war ein klein wenig betreten, beugte sich jedoch mit liebenswrdigstem -Lcheln zu dem Baron hinber:</p> - -<p>„Aber als Sturmegg, nicht als Baron Stein?”</p> - -<p>„Nur als Sturmegg, Exzellenz!”</p> - -<p>Stein-Sturmegg verbeugte sich. Es zuckte unverhohlenes Lachen -um seine Mundwinkel; er nahm diese Dinge nicht mehr ernst.</p> - -<p>Der Generalintendant der Kniglichen Schauspiele verbreitete -sich in fein gewhlten Worten ber die fabelhaften Aufgaben, die -von den Kniglichen Theatern jhrlich geleistet werden, um inmitten -der internationalen Zersetzung wahrhaft hohe Kunst durchzufhren -und vornehme deutsche Talente zu entdecken und hochzubringen. -Dann empfahl er dem Spielmann mit entschiedenem -Wohlwollen Stoffe aus der Geschichte der Befreiungskriege oder -der Hohenzollern; und whrend er mit Geschick plauderte, suchten -seine Augen in der Umgebung, auf wen er die Fortsetzung des -allmhlich unbequemen Gesprches abschieben knnte; er winkte -einen schriftstellernden Major a. D. heran, den er dem Spielmann -vorstellte und als Vorbild empfahl, worauf er sich selber zurckzog, -offenbar von Ingos freimtiger und ironischer Tonart nicht -gar angenehm berhrt.</p> - -<p>Am Gesprch ber Literatur beteiligten sich einige Herren<span class="pagenum"><a name="Seite_196" id="Seite_196">[S. 196]</a></span> -mit modern gestutzten Haaren auf den Oberlippen, so da sie in -dieser Zahnbrstchenform der Schnurrbrtchen auffallend einander -glichen. Man sprach ber die betrchtlichen Kosten einer Meyerbeer-Auffhrung -an der Kniglichen Oper, ber die nicht minder -bedeutenden Kosten eines assyrischen Ballets, ber reizende Lustspiele -wie „Husarenfieber” und „Wieselchen” — oder war es „Lieselchen”? -Der beschmte Troubadour kannte nicht einmal die Namen.</p> - -<p>Dann ging man zu einem Gebiet ber, auf dem man sich -sicherer fhlte: zu Einzelheiten der Jagd; ghnte auch verstohlen -und sphte auf die Uhr, ob denn wohl endlich das Festmahl beginnen -mochte. Kurz, es war zu irgendwelcher geistigen Vertiefung -weder Ort noch Anla. Und der Freiherr suchte vergeblich -eine Einbruchsstelle, wo er mit Kanonen oder Kavallerie des -Geistes htte wirken knnen.</p> - -<p>Jetzt kam der Augenblick, wo der Freiherr von Stein, vom -Oberburghauptmann vorgestellt, den festen Hndedruck seines -Kaisers sprte und ihm in Audienz gegenberstand.</p> - -<p>Trotzendorff strahlte.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Im Zimmer seines Gasthofes schritt Ingo wieder auf und ab, -in leichter grauer Litewka, wie er sie im Hause zu tragen pflegte.</p> - -<p>ber Thringen donnerte noch immer das Gewitter. In -Wasserfluten schien Deutschland zu ertrinken. Man sah die Wartburg -nicht mehr. Von West und Nord und Ost krachten die flammenden -Fluten.</p> - -<p>Automobile sausten im Unwetter nach der Bahn; die Wartburg -hatte sich rasch geleert; es war eine Flucht, ein zersprengtes -Heer.</p> - -<p>Im stillen Zimmer schritt Ingo auf und ab. Er hatte sich unbeachtet -nach der Tafel zurckgezogen; ihm war leicht, frei und -heiter zumute. Die letzte Versuchung lag hinter ihm.</p> - -<p>Da hielt ein ratterndes Auto vor dem Hotel: Major von -Trotzendorff strmte herauf.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_197" id="Seite_197">[S. 197]</a></span></p> - -<p>„Junge, wie war's? Mach' schnell, ich mu nach der Bahn! -Wie war's? Hab' dich ja gar nicht mehr erwischen knnen, war unausgesetzt -in Anspruch genommen!”</p> - -<p>„Treuer, unermdlicher Richard, vor allen Dingen Dank!”</p> - -<p>„Unsinn! Sag', voran, wie war's da oben, alter Freund?”</p> - -<p>„Nun, was soll denn da oben Besondres gewesen sein?”</p> - -<p>„Was sagte der hohe Herr? Raus mit der Sprache! Ich hab' -keine Zeit, das Auto wartet mit zwei Herren vom Hofe!”</p> - -<p>„Aber das lt sich doch so in der Geschwindigkeit —”</p> - -<p>„Na so mach' doch, guter Junge! Was sagte Seine Majestt -zu deinem Buch?”</p> - -<p>„Hat ihm famos gefallen, es sei gar nicht konventionell.”</p> - -<p>„Siehst du?! Ausgezeichnet! Was weiter?”</p> - -<p>„Ja, was denn weiter?”</p> - -<p>„Aber, Junge, so erzhl' doch!”</p> - -<p>„Was denn, liebster Richard, was denn?”</p> - -<p>„Aber, Mensch, zum Donnerwetter, euer Gesprch! Die -Ideen, die du entwickeln wolltest —”</p> - -<p>„Welche Ideen?”</p> - -<p>„Hast du mir nicht hundertmal auseinandergesetzt, was du tun -wrdest, wenn du der Kaiser wrst oder sonstwie von Einflu auf -den Zeitgeist —?!”</p> - -<p>„Ja, da hast du allerdings recht! Aber —”</p> - -<p>„Was denn aber? Du machst mich wild! Jetzt <em class="gesperrt">hast</em> du mit -dem Kaiser gesprochen, ich habe mit aller Mhe euch zwei zusammengebracht -— und nun?”</p> - -<p>„Bester Richard, erst mu mich doch wohl Seine Majestt -etwas fragen, eh' ich etwas antworten kann, nicht wahr?”</p> - -<p>„Hat er dich denn nicht gefragt? Wie lange dauerte denn die -Unterredung?”</p> - -<p>„Nun, mindestens zwei Minuten.”</p> - -<p>Das Auto drauen tutete ungeduldig; der Gewitterregen -rasselte an die Fensterscheiben.</p> - -<p>„Hol' dich der Kuckuck, Junge! Entweder hab' ich zuviel ge<span class="pagenum"><a name="Seite_198" id="Seite_198">[S. 198]</a></span>trunken -bei Tafel — oder du bist nicht nchtern und willst mich -frozzeln — oder — Kurz, ich erwarte dich morgen in Erfurt! Oder -kommst du gleich mit?”</p> - -<p>„I, fllt mir nicht ein! Ich bleibe gemchlich hier in Eisenach.”</p> - -<p>„Dann ade! Eines will ich dir sagen, du: ich hab' mich nun -jahrelang auf diesen groen Tag gefreut. Wenn's dir nicht gelingt, -Fu zu fassen — hol's der Deuwel, so reich' ich meinen Abschied -ein und widme mich dem deutschen Volke und seinen zahllosen -Vereinen. Gott befohlen — oder vielmehr: salz' dich ein, du Pechvogel!”</p> - -<p>Ingo begleitete den rgerlich Davonstrmenden an die Tre.</p> - -<p>„Richard, nun hr' einmal zu, nun will ich dir ein sehr ernstes -Wort sagen! Ich habe seit geraumer Zeit mit dir und deiner -Gattin, also mit meinen nchsten Freunden, in einem Kampf -gestanden: in einem Kampf um Selbstndigkeit. Verstehst du? -Mit Friedel war die Auseinandersetzung von besondrer Art; das -haben wir schon in Lourdes abgetan. Nun merke auch du dir, -mein Bester: in irgendwelchen hfischen oder staatlichen Mechanismus -wirst du mich niemals einfangen! Niemals! Ich gehre -nicht dahin. Das hab' ich heute da oben auf der Wartburg klar -und deutlich erkannt — erkannt? Nein, erlebt!”</p> - -<p>„Aber, Junge, hat man dich denn irgendwie unliebenswrdig -behandelt?”</p> - -<p>„Im Gegenteil! Ich werde immer mit Vergngen an diesen -Tag zurckdenken.”</p> - -<p>„Also —?! Du bist selber strammer Soldat gewesen: willst -du es etwa dem hohen Herrn verargen, da er ganz besonders -auf Jagd, Armee, Marine eingestellt ist?”</p> - -<p>„Wie sollt' ich denn! Es wird in Deutschland genug gekrittelt -— sollt' ich mich auch noch zu den Nrglern und Hetzern -gesellen?! Ich liebe und achte meinen Kaiser. Aber” —</p> - -<p>„Aber —?”</p> - -<p>„Aber die Stimmung, die jetzt fr ein seelisches Deutschland -herausgearbeitet werden mu, lt sich nur in der Stille gestalten.<span class="pagenum"><a name="Seite_199" id="Seite_199">[S. 199]</a></span> -Wir mssen uns auf Arbeitsteilung einigen. Von innen heraus, -Richard, von innen heraus mu die Erneuerung des Zeitgeistes -versucht werden! Weder von oben noch von unten! Weder -Csaren noch Demokraten knnen das Reich Gottes bauen. Denn -sie haben es mit den Massen zu tun, nicht mit der Seele. Erneuerung -von innen heraus!”</p> - -<p>Er sprach mit eindringlichem Ernst.</p> - -<p>Aber Trotzendorff lief zornig davon.</p> - -<p>„Noch eins, Richard!” rief ihm Ingo bers Treppengelnder -nach. „Weit du, da der kleine Marx oben war — Kommerzienrat -Marx?”</p> - -<p>„Bitte: Geheimrat Marx! Sehr beliebt! Gibt unmenschlich -Geld fr groe Zwecke! Der fliegt rascher die Leiter hinauf als du -deutscher Michel! Ade!”</p> - -<p>Und mit drhnenden Stiefeln war er fort.</p> - -<p>Und das Auto raste — und das Gewitter raste — und Ingo -lag auf dem Diwan, hatte die Hnde hinter dem Kopf und starrte -zur Decke empor.</p> - -<p>Er war ernst.</p> - -<p>Ja, er war ernst bis zur Schwermut.</p> - -<p>Diese Automobile waren davongefaucht und hatten den Spielmann -Ingo von Stein als unverwendbar und berflssig irgendwo -am Wege liegen lassen.</p> - -<p>Was hatte er denn eigentlich erwartet? Nichts. Doch hatte -ihn Trotzendorff und dessen brave, aber unklare patriotische Romantik, -Trotzendorff, der angebliche Tatsachenmensch, immerhin mit -einer gewissen Erwartung angesteckt. Diese Erwartung hatte sich -freilich rasch verflchtigt, sobald er einige Minuten die Hofluft -selber, den Geist, den Duft, die Essenz dieser hfischen Welt auf -sich hatte wirken lassen. Es war von dort zu seiner eigenen Welt -der heiligen Stille keine Brcke zu finden.</p> - -<p>Man hatte in diesem bervollen Deutschland Leute genug, -bergenug; man hatte Kenntnis und Kunst bergenug. Was wollte -sich da noch ein einzelner Sonderling und Fremdling hinzudrngen?</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_200" id="Seite_200">[S. 200]</a></span></p> - -<p>„Ich bin durch Nordland und Riviera, durch Lourdes und -Montserrat-Stimmung dankbar hindurchgegangen und nicht darin -stecken geblieben”, sprach er zu sich selber. „Ich habe Friedel viel -zu danken, bin Richard von Herzen gut und dem Sonderling Bruck -zugetan. Warum find' ich denn nur nicht den Zugang zum Herzen -dieser deutschen Gegenwart? Warum vergit das moderne Deutschland -seine besondre europische Sendung? Warum geht es nicht -mehr fhrend voran in jener durchgeistigten Gemtskraft, die man -ehedem deutschen Idealismus genannt hat?”</p> - -<p>Aufspringend schaute Ingo durch nasse Fenster nach den verdsterten -Umrissen der Wartburg empor. Wie lieb war ihm diese -Geistesburg! Das Herz schwoll ihm vor Sehnsucht nach warmbltig -mitpulsierendem Menschentum, nach Liebe all dieser Zeitgenossen, -die heute schattenhaft und gleichgltig an ihm vorbeigewogt -waren. So waren sie auch an seinen Bchern vorbergegangen; -so gingen sie an seiner Person vorber; er war berflssig.</p> - -<p>Er sah im Geiste die ausgetretenen Steinfliesen der Vorderburg. -Dort hatten sie in einer Mainacht Luther hereingefhrt und -untergebracht. Wie kommt es, da mit den thringischen Frsten -oder den Staufen groe Snger und der Name des deutschen Reformators -untrennbar verbunden sind? Wie kommt es, da sich -um die Hohenzollern keine geistesgroen Dichter gesammelt haben? -Ist es ein Gesetz deutscher Arbeitsteilung, da Potsdam militrische -Aufgaben zu lsen hat? Da sich aber das deutsche Weimar immer -wieder abseits in der Stille als ein heiliger Hain erbauen mu?</p> - -<p>Diese Gedanken wurden in ihm angeregt durch eine harmlose -Audienz, die tausend anderen Audienzen glich.</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 120px;"> -<img src="images/p200_deco.png" width="120" height="73" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_201" id="Seite_201">[S. 201]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p201_deco.png" width="600" height="48" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Elftes Kapitel</small><br /> - -<big>Elisabeth</big></h3> - -<div class="cite"> -<p class="noindent"> -Auf einer Lilie zittern<br /> -Zwei Tropfen rein und rund,<br /> -Zerflieen in eins und rollen<br /> -Hinab in des Kelches Grund.</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Hebbel</span></p> -</div> - - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Eisenach</span>, den .......</p> -<p class="center"> -Liebe Elisabeth!</p> - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p186_cap.png" alt="D" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">D</span> -ein Brief hat mich hier in Eisenach gefunden, am Fue -der Wartburg, wo sich gestern Wichtiges entschieden hat. -Ich habe dem Drngen Trotzendorffs nachgegeben und -mich zu einer kurzen und konventionellen Audienz gestellt. Die -Sache ist abgetan. Nun wei und fhl' ich in scharfer Klarheit, wo -ich fortan zu stehen habe: nicht im politischen, sondern im seelischen -Deutschland.</p> - -<p>Dein Brief klingt in Es-Dur, meine Elisabeth: feierlich und -tief. Es ist darin Bcklins Grundfarbe: ein heiliges Dunkelblau. -Ich danke Dir innig dafr, Du Gute! Zum erstenmal etwas wie -ein Klang des Verstndnisses, etwas wie ein Widerhall. Und das -beseligt mich tief, denn ich bin unheimlich allein. Grade an Dir -halte ich trotz alledem mit zher Beharrung fest, Du meine erste -und hoffentlich letzte Liebe! Du bist ein Glockenton meiner Jugend, -Du bist meine Jugend selber, Du se Gespielin von einst! Dich -aus dem Herzen reien, heit ein Stck meines Herzens ausreien. -Dich umarmend hab' ich dort Wald und Seele unsrer Heimat umarmt; -in Deinen Kssen war Tannenduft; wenn ich den Namen -Elisabeth ausspreche, so sehe ich blhende wilde Rosen und mitten -darin ein ernstes Kreuz.</p> - -<p>Liebes Mdchen, ihr habt mich oft Spielmann genannt und -mir sogar vorgeworfen, da ich mit dem Leben spiele. Ach, lat<span class="pagenum"><a name="Seite_202" id="Seite_202">[S. 202]</a></span> -mir doch ein wenig Leicht-Sinn — nicht Leichtsinn —, lat mich -doch das Leben als ein sinnvoll Reigenspiel anschauen, wunderlich -verschlungen und doch im ganzen voller Harmonie und starkem, -heitrem Rhythmus! Lat mich Spielmann bleiben im Unterschied -von phantasielosem Philistertum! Nur der Freie kann und -darf spielen; der Knecht front. Der Hasenfu wagt nicht das schne -und khne Spiel mit dem Abenteuer des Lebens.</p> - -<p>Kind, das ist es ja, was ich Dir so oft verweisen mute: Du -bist immer viel zu sehr Fronerin gewesen, Du Gehorsame, und -viel zu wenig frei Schenkende. Du hast Deinen engen und ngstlichen -Moralismus nicht durch den Rhythmus mutiger Selbstbestimmung -zu berwinden gewut. Und so hab' ich mich zuletzt -auch von Dir leidvoll zurckgezogen und mich abseits im heiligen -Hain der groen Toten zu grerer Lebenserfassung herangebildet. -Denn wahrlich waren und sind mir Offenbarungen der Weisheit -und Schnheit unter allen Umstnden wichtiger als das kleinmenschliche -Verweilen bei jedwedem krperlichen Mibehagen -dumpfer unbedeutender Nebenmenschen, deren Sorglichkeiten Du so -wichtig nimmst. Darum bin ich auch fr all die modernen Denkmalsfeiern -oder hnliche uerlichkeiten des ffentlichen Lebens ebenso -verloren wie fr die Spezial-Zerpflckungen unserer wissenschaftlichen -Kleinkrmer. Und solange dieser unmelodische Alexandrinismus -meiner Zeitgenossen andauert, solange sie nicht mit mir das -Groe suchen, das Eine, was not ist, die Ideen und Urbilder — -so lange gehe ich eben allein. Und solange Elisabeth in ngstlichkeiten -und Schicklichkeiten stecken bleibt, statt zu dem Manne ihres -Herzens zu fliegen und sich mit ihm in groe Geistes- und Herzenswelt -emporzuheben — so lange gehe ich eben allein. Mein Fall -ist kein Einzelfall: meine Not ist die Not der deutschen Seele.</p> - -<p>Weib, wenn Du doch etwas von der verhaltenen, hochgestauten -Kraft sprtest, die sich in mir gesammelt hat, die oft ber die Rnder -sprht und Freunde sucht, Spielkameraden, Wandergenossen -nach der Gralsburg! Weib, sei khn! Weib, sei doch genial! Fhle -doch, da die Liebe zu dem Einen, der Dich wiederliebt, wertvoller<span class="pagenum"><a name="Seite_203" id="Seite_203">[S. 203]</a></span> -und wichtiger ist als alle Krankenschwesterlichkeit der Welt! Wie -oft hab' ich Dich gerufen, Elisabeth, meine deutsche Seele, und Du -bist nicht gekommen! Sondern Du bist stecken geblieben in den -Kleinsorgen der Alltagsmenschen, in der schicklichen Ordnung, in -der biedern Mittelmigkeit, Du Brave, Du Allzubrave!</p> - -<p>Siehst Du, Kind, und so vermag ich Deinem liebevollen und -ungewhnlichen Briefe leider, leider, leider nicht mehr recht zu -vertrauen. Zrne mir nicht, da ich Dir das ausspreche! Du hast -mich zu oft allein gelassen.</p> - -<p>Wenn ich aber ungerecht bin, wenn ich vergesse, wie oft auch -ich Dir wehgetan und Deine heilige Ruhe gestrt habe, Du frommes -Wesen, sobald meine Ungeduld mit Deiner stillen und tiefen -Geduld zusammengestoen: so vergib mir! Der tiefste Grund meines -Wesens ist dennoch Liebe — Liebe zu allen guten Menschen -und ganz besonders Liebe zu Dir, Du Beste der Guten. Und so -nimm das Ungeduldige in diesen raschen Worten nicht bel: sie -sind nur wie Wolken vor dem Mondlicht meiner Liebe.</p> - -<p>Gott behte Dich, gute Elisabeth!</p> - -<p class="right"> -Dein Ingo.<br /> -</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Am Tage nach dem Wartburggesprch schrieb Ingo diesen -Brief in seinem Hotelzimmer.</p> - -<p>Die Stille des warmen und wolkigen Tages tat ihm wundersam -wohl.</p> - -<p>Als er nun aber das Schreiben noch einmal durchlas, schttelte -er den Kopf und legte den Brief in seine Schreibmappe.</p> - -<p>„Nein, das kann ich nicht absenden”, sprach er zu sich selber. -„Das ist ja nur wieder der alte Ruf der Sehnsucht: Elisabeth, komm -zu mir! Ich fahre ja genau da fort, wo ich vor drei bis vier Jahren -abgebrochen habe. Ich wiederhole mich ja, das ist ja geschmacklos. -Sind wir wirklich in diesem blutarmen, krnkelnden, unheroischen -Liebesverhltnis nicht weitergekommen? Dann tut's mir leid. Ich -werde Elisabeths Brief berhaupt nicht beantworten. Hier fruchten -keine Briefe mehr.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_204" id="Seite_204">[S. 204]</a></span> - -Der Brief wurde nicht abgesandt.</p> - -<p>Er nahm seine Arbeit wieder auf.</p> - -<p>Seine Studien ber den Gral hatten ihn zu Goethes Gedicht -„Die Geheimnisse” gefhrt. Hierbei, Goethes Dichtungen durchbltternd, -war ihm zum Bewutsein gekommen, wie hufig der -groe Dichter das Wander-Motiv behandelt und vergeistigt: von -dem jugendlichen „Wandrers Sturmlied” bis zu den reifen „Wanderjahren”. -Er beschlo, diese Linie zu verfolgen und mit dem Gralsuchen -in Beziehung zu setzen. Eben las er das edelschne Gedicht -vom Wanderer, der in Tempelruinen eine junge Frau findet, mit -den weich hingleitenden Schluworten:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„O leite meinen Gang, Natur<br /></span> -<span class="i0">Den Fremdlings-Reisetritt,<br /></span> -<span class="i0">Den ber Grber<br /></span> -<span class="i0">Heil'ger Vergangenheit<br /></span> -<span class="i0">Ich wandle.<br /></span> -<span class="i0">Leit' ihn zum Schutzort<br /></span> -<span class="i0">Vorm Nord gedeckt,<br /></span> -<span class="i0">Und wo dem Mittagsstrahle<br /></span> -<span class="i0">Ein Pappelwldchen wehrt.<br /></span> -<span class="i0">Und kehr' ich dann<br /></span> -<span class="i0">Am Abend heim<br /></span> -<span class="i0">Zur Htte,<br /></span> -<span class="i0">Vergoldet vom letzten Sonnenstrahl,<br /></span> -<span class="i0">La mich empfangen solch ein Weib,<br /></span> -<span class="i0">Den Knaben auf dem Arm!”<br /></span> -</div></div> - -<p>Er lie das Buch sinken.</p> - -<p>„Solch ein Weib ... den Knaben auf dem Arm!”</p> - -<p>Sieh an, auch hier ein Wanderer, ein Hgel, ein Weib — und -in der Nhe ein Sulenpaar! Natur und Religion und Poesie -in eins zusammengeblht! Tod und Leben in eins verschlungen: -zerfallener Tempel und nhrende Frau, die selber ein Tempel ist, -ein Meistergebilde der Natur und der Gottheit! Sind nicht wir -Deutschen geboren ber Resten heiliger Vergangenheit? Da ihr<span class="pagenum"><a name="Seite_205" id="Seite_205">[S. 205]</a></span> -Geist auf uns ruhe und uns befruchte, Altes zu ehren und Neues -zu schaffen und Gegenwart zu genieen wie dieses glckselig-gesunde -Weib — eine Madonna mit dem Knaben auf dem Arm! „Das ist -meine Htte,” sagt sie, „eines Tempels Trmmer!” Ja, ein Tempel, -verwandelt in eine Htte der Liebe und des heiligen Lebens — -eine Htte, entsprossen aus den heiligen Stimmungen eines Tempels! -Welche sinnige Verschlingung! Hier ist immer wieder das -Ziel!</p> - -<p>Ingo lief in seiner jugendstarken Gesundheit im Zimmer auf -und ab. Er erlebte diese Zwiesprache mit dem Weib an der Tempelsule; -er war selber dieser Wanderer. Seine Betrachtungsweise war -niemals bllich, immer warmbltig; denn er durchglhte auch -geistige Stoffe mit der Kraft persnlichen Erlebens, so da der -Spielmann oft unsehaft vom Buch aufsprang und laut mit sich -selber sprach.</p> - -<p>Wieder zum Buch zurckkehrend, schlug er aufs Geratewohl -auf. Und — leiteten Geister vom Montserrat seine sinnvoll zugreifenden -Finger? Er stie auf die Randnoten, die Goethe selber -zu seinem bedeutsamen Gedicht „Die Geheimnisse” niedergeschrieben -hat. „Durch eine Art von ideellem Montserrat” sollte dort -der Leser gefhrt werden — das waren die Worte, die ihn wie -ein elektrischer Schlag berhrten. Ihm, dem Goethekenner, waren -diese Bemerkungen ganz aus dem Gedchtnis geschwunden. Nun -sah er sein eigenes Suchen durch den Meister besttigt. Denn hier -stand es ja, hier klang es ja in die Worte aus: „ ... sich in den Gesinnungen -befestigen, in welchen ganz allein der Mensch, auf seinem -eigenen Montserrat, Glck und Ruhe finden kann.”</p> - -<p>Auf seinem eigenen Montserrat!</p> - -<p>Nicht im fernen Land, unnahbar euren Schritten — vielmehr -hier und heute und berall, wo der Mensch seines gttlichen Mittelpunktes -inne wird!</p> - -<p>Welch ein Kraftgefhl, dieser Besitz!</p> - -<p>Und doch — einer allein wird nie zulnglich sein, das Leben -bedeutend und nutzwirkend zu einer Tempelburg zu gestalten, wenn<span class="pagenum"><a name="Seite_206" id="Seite_206">[S. 206]</a></span> -er sich nicht bei aller eigenen Selbstndigkeit verflechten kann mit -anderen. Zur Monade trat schon bei Pythagoras, der selber seine -Schlerin Theano zur Gattin erhob, die Dyade, die Triade, die -heilige Tetraktis, die Vierzahl; und eins, zwei, drei und vier geben -als Summe die Zehn, die heilige Dekade. Saen nicht auf dem -Montserrat zwlf Eremiten um den dreizehnten? Sind nicht zwlf -Meister in diesem seltsamen Tempel der „Geheimnisse” mit einem -dreizehnten als Oberhaupt? Immer strebt das Leben in eine -Runde, eine Tafelrunde, eine kristallinische oder organische Bildung -hinaus, in harmonische Vielheit — und wieder zurck zur -umfassenden Einheit. Sind nicht alle Sonnen und Planeten, alle -Lebewesen und alle Teile des Krpers aufeinander angewiesen -und bilden miteinander das rhythmische Ganze?</p> - -<p>So wogten seine Gedanken.</p> - -<p>Der Einsame war in seinem unbefriedigten Schaffensdrang -nahe daran, wehmtig zu werden. Aber in seinem gesunden Blutumlauf -hatten weder Zweifel noch Grbelei Raum. Eine halbe -Stunde spter lag der Goetheband auf dem Teppich, und der glckliche -Besitzer und Verehrer des Buches lag auf dem Diwan und -schlief mit gekreuzten Armen.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Es klopfte leise an Ingos Tr.</p> - -<p>Ingo schlief.</p> - -<p>Es klopfte abermals.</p> - -<p>Ingo schlief.</p> - -<p>Die Tr tat sich auf, und eine Dame stand im Zimmer, ohne -Hut und Handschuhe.</p> - -<p>Jetzt fuhr der Schlafende empor und sprang sofort auf die -Fe, verworren die Augen reibend.</p> - -<p>Das Glck stand an der Tr.</p> - -<p>Erst war er der Meinung, es htte sich jemand in der Zimmernummer -geirrt. Dann aber, obschon bereits Dmmerung war, erkannte -er jhlings, wer vor ihm stand.</p> - -<p>„Elisabeth!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_207" id="Seite_207">[S. 207]</a></span> - -Sie lehnte wortlos an der Wand. Sie konnte keine Silbe -hervorbringen.</p> - -<p>„Aber, Kind, meine gute Elisabeth, wie kommst denn du hierher?! -Bist du hier abgestiegen? Hast du ein Zimmer hier im Hotel?”</p> - -<p>Sie nickte. Ihre Brust arbeitete mchtig.</p> - -<p>„Wohnst am Ende gar im Zimmer gegenber, das Trotzendorff -gestern verlassen hat? Das ist ja ein entzckender Streich! -Und ganz aus eigenem Entschlu?”</p> - -<p>Sie nickte wieder, kurz und heftig. Aber dann hielt sie's nicht -lnger aus — mit einem jhen Laut „Ingo!” flog sie ihm um -den Hals — und ihre Arme umschlangen ihn — und Mund lag auf -Mund. Aus ihrer Brust kam ein Ton wie Jauchzen und Angst. -Sie lie ihn nicht los, sie trank seine Ksse, sie suchte immer wieder -seinen Mund und prete ihn mit der ganzen Strke ihrer starken -Arme an ihre wogende Brust.</p> - -<p>Und alle Gedanken, Programme, Ideen, die soeben diesen -Raum erfllt hatten — versunken! Nein, verwandelt! In Leben -verwandelt! Verwandelt in den einen groen Ton elementarer -Liebe, in diese Flut ungestm andrngender Liebe, in diesen berwltigenden -Duft blhenden Lebens — ganz verwandelt in dieses -atmende, glhende, sinnenstarke und doch so stolze und herbe Mdchen, -das sich nur dem einen Manne auftat!</p> - -<p>Umwogt und umwunden von diesem langen Haar mit dem -natrlichen Duft, saen sie wie einst im Wald und wurden nicht satt, -sich Kosenamen zu stammeln. Ihr Mund, ihre Augen, Ohren, Hals -und immer wieder ihr Mund wurden von Ingos Kssen berdeckt; -und wenn er den Kopf an ihrem Halse barg, war sie es, die -seine Lippen wie in Angst aufsuchte und unzhlige Male immer -nur das eine Wort wiederholte: „Mein, mein, mein!”</p> - -<p>Ingo hatte nie gewut, wie ein Weib lieben kann, hatte nie -gewut, wie dieses Weib lieben konnte. Mit dem ganzen, zarten, -weichen, vibrierenden Organismus liebt das Weib, ihr Krper ist -Liebe, ihr Krper ist Sprache ohne Worte. Mchtiger als der Mund -allein spricht und jauchzt das ganze Wunderwerk Weib dem Ge<span class="pagenum"><a name="Seite_208" id="Seite_208">[S. 208]</a></span>liebten -entgegen. Die Zeit blieb stehen; sie achteten nicht, ob Sonne -oder Mond am Himmel stand; sie hatten ja ewig zusammengehrt, -von Anfang der Welt an, als noch keine Zeit war. Sie hatten sich -gesucht durch Jahrtausende seit der alten Atlantis und jetzt gefunden, -hier am Fue der Wartburg, hier im Herzen Europas.</p> - -<p>Allmhlich stellten sich dann doch Worte ein, ses Raunen, -tricht holde Melodie, innige Koseworte und Wort-Erfindungen, -immer wiederholte Fragen, die keine Fragen waren.</p> - -<p>„Du bist mein, nicht wahr, ganz allein mein? Ich hab's ja -nicht mehr aushalten knnen! Ach Ingo, sag's, nicht wahr, ich -verliere dich nie mehr, nie mehr, nie mehr?”</p> - -<p>„Bis in den Tod, Elisabeth!”</p> - -<p>„Bis in die Ewigkeit, Ingo! In alle, alle Ewigkeit! Ewig, -ewig, ewig dein!”</p> - -<p>Sie erzhlte, da sie keiner Menschenseele von dieser Fahrt -nach Eisenach gesagt habe, sondern nach Weimar gefahren sei, um -Tante Adelheid zu besuchen. Von dort kam sie her. Sie sprach -von allem, was bisher die Liebenden getrennt, sie sprach abgerissen, -in Worte zusammendrngend, ohne Satzbildung. Aber sie -verstanden sich doch. Es durchflutete die beiden Menschen, die sich -so lange gesucht hatten, ein Empfinden, das ihnen bisher unbekannt -war: der Jubel der Erfllung.</p> - -<p>Und er gedachte jenes Ringes, den er in Genf gekauft. Er -tastete danach, immer noch in ihre herrliche Haarflut gehllt, und -steckte ihn an ihren Finger und zog ihren Schmuckring ab und -steckte ihn sich selber an.</p> - -<p>„Meine Braut! Mein Weib!”</p> - -<p>„Bin ich das? Bin ich dein Weib?”</p> - -<p>„Meine Frau halt' ich im Arm! Und was bin ich?”</p> - -<p>„Mein ser Liebster, mein Brutigam, mein lieber, lieber -Mann!”</p> - -<p>Ihre Stimme war Herz und Seele; wie ein Kind lag sie an -seinem Halse. Die Qual und Spannung von Jahren lste sich in -diesen heilig-seligen Augenblicken mit erschtternder Gewalt.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_209" id="Seite_209">[S. 209]</a></span> - -Drauen, weit wo im Westen, flammte ein sptes Abendrot: -unter schwarzen Wolkenmassen ein roter Feuerstreifen, als -winkte dort, jenseits der Wasser, ein leuchtendes Land.</p> - -<p>Zwei Menschen trieben auf einer Planke dem Lande der -Liebe zu.</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p class="center"> -Meine gute Friedel!<br /> -</p> - -<p>Ich habe mich soeben hier in Eisenach mit Elisabeth verlobt. -Du sollst die erste sein, die es erfhrt, Du, der ich so Unvergngliches -verdanke. Ich bin glcklich, Friedel. Mein Herz ist bis obenan -voll Dank. Nebenbei war ich gestern auf der Wartburg und hatte -die Ehre, Seiner Majestt vorgestellt zu werden. Aber nicht dahin -geht mein Weg, sondern in die arbeitsame Stille — mit Elisabeth. -Bleibt gut, Du und Richard,</p> - -<p class="right"> -Eurem alten Ingo.<br /> -</p> - -<p><span class="gesperrt">Nachschrift.</span> Liebe gndige Frau! Ingo bittet mich, einen -Gru darunter zu schreiben. Gern tue ich das. Ich bin Ihnen von -Herzen gut und bitte auch Sie um Ihre Freundschaft. Wie glckselig -ich bin, das vermag kein Mund auszusprechen.</p> - -<p class="right"> -Ihre Elisabeth.<br /> -</p> - -<div class="figcenter nopagebreak" style="width: 100px;"> -<img src="images/p209_deco.png" width="100" height="61" alt="" /> -</div> - - -<p class="pagebreak"><span class="pagenum"><a name="Seite_210" id="Seite_210">[S. 210]</a></span></p> - - - - -<div class="figcenter" style="width: 600px;"> -<img src="images/p210_deco.png" width="600" height="49" alt="" /> -</div> - - - -<h3><small>Zwlftes Kapitel</small><br /> - -<big>Der Gutsherr</big></h3> - -<div class="cite"> -<p class="noindent"> -Sehnsucht ins Ferne, Knft'ge zu beschwichtigen,<br /> -Beschftige dich heut' und hier im Tchtigen!</p> - -<p class="right"><span class="gesperrt">Goethe</span></p> -</div> - - -<div class="dc"> - <img class="w4em" src="images/p210_cap.png" alt="Z" /> -</div> - -<p class="p_1"><span class="invis">Z</span> -eitenwende bereitet sich vor.</p> - -<p>Einzelne Wandrer haben sich abgesondert vom Zeitgeist. -Sie suchen untereinander Fhlung. Sie bilden -eine heimliche Gemeinde der Ernsten und Stillen. Ihr heiliger -Hain ist umschirmt von schwarzen Zypressen. Im Innern aber -tragen Fruchtbume rote und goldne Gaben.</p> - -<p>Diese Abgesonderten formen langsam das neue Lebens- und -Bildungsideal.</p> - -<p>Der Spielmann und Gralsucher Ingo von Stein hatte sich -nach jenem Wartburgtage dieser unsichtbaren Gemeinde angeschlossen. -Sie ist nicht geformt, diese Gemeinde; sie hat weder Satzung -noch Rang und Titel. Doch erkennen sich die Begegnenden daran, -da sie, ohne Hast und Unrast, mit einem stillen und starken Herzen -Welt und Ewigkeit erleben und verarbeiten. Das kostbare Gut -der Ruhe ist ihnen eigen: die Ruhe der gesammelten Kraft. Und -ihre Lebensformen sind edel und einfach.</p> - -<p>In ihren Tiefen ist Gebet. Sie glauben nicht mehr an den -Verstand, sondern an etwas Umfassenderes: an die Gottheit. -Nicht sind sie beherrscht vom Willen zur Macht, sondern von einer -greren Kraft: vom Willen zur Liebe. Mit schpferischer Liebeswrme -erobern sie von innen her. Und ihre Gangart ist still und -stetig. Denn sie wissen, was sie wollen: Selbstbesinnung. Aus der -Selbstbesinnung aber auf edelste Krfte erwchst die neugestaltende -Tat. Auch fehlt ihnen nicht das Arbeitsfeld: denn sie fangen ihr -Gestaltungswerk mit sich selber an.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_211" id="Seite_211">[S. 211]</a></span> - -Aus diesen Saatschulen werden die Fhrer der Zukunft genommen.</p> - -<p>Drauen aber vollziehen sich unterdessen die harten Ereignisse, -die dem bisherigen Lebenston ein Ende bereiten.</p> - -<p>„So stand einst Oberlin als Zeder mitten in der Revolution”, -sagte sich Ingo von Stein, als er sich zu jenem Anschlu an die Gemeinde -der Stillen entschlo. „So will auch ich auf meinem Felsen -stehen.”</p> - -<p class="center p1">*<span class="mleft7">*</span><br /> -*</p> - -<p>Jh war das Glck der Erfllung ber Ingo gekommen. Aus -der verhaltenen Kraft seiner Elisabeth war eine Liebe aufgeblht, -wie er sie nie fr mglich gehalten htte.</p> - -<p>Fast unmittelbar hinter jenem Tag von Eisenach starb sein -Bruder, der Jger und Sportsmann, als htte das Schicksal nur -auf diesen Augenblick gewartet.</p> - -<p>Ingo war nun Herr ber ausgedehnten Landbesitz und umfangreiche -Forste. Aber sein Herz hatte nie an ueren Gtern -gehangen; seelische Erfllung war ihm von Kind an als das Wesentliche -erschienen, schon als der Knabe Lieblingsgegenstnde hergab, -nur um dafr Freundschaft einzutauschen und Freude zu machen. -Doch war es ihm ein sinnreiches Symbol, da er nun auch uerlich -den Lehr- und Wanderjahren entnommen und auf den festen -Boden der jetzt anhebenden Mannes- und Meisterjahre gesetzt war. -Noch blieb seine eigentliche Kraft und Lebensbestimmung verdeckt -und wartend; seine Stunde war noch nicht gekommen; er fhlte -sich als Vorbereiter einer neuen Lebensstimmung fr ein neues und -wieder mehr innerliches Geschlecht.</p> - -<p>Und in diesem wichtigen Punkte verstand er sich ausgezeichnet -mit dem Vertreter der lteren Generation, der bei Ingo im Hause -lebte: mit seinem alten Vater. Dieser Edelmann war von wunderbarer -Geistesfrische, wenn er auch durch seine Gicht an den Stock -und durch leidige Gewohnheit an die lange Pfeife gekettet war -und in seinem Lederstuhl, von den beiden Doggen umlagert, einem -Invaliden hnlich sah. Er trug die Bartform des alten Kaisers,<span class="pagenum"><a name="Seite_212" id="Seite_212">[S. 212]</a></span> -unter dem er die siebziger Schlachten mitgefochten hatte und mit -dessen vornehm zurckhaltender edelmnnischer Art er auch innerlich -verwandt war. Unter Ingos anregendem Geisteshauch lebte -der Alte wieder auf; denn er hatte immer eine stille Vorliebe fr -diesen jngeren Sohn gehegt, dessen unzeitgeme Sehnsucht er -recht wohl nachfhlen konnte.</p> - -<p>Elisabeth, in dem schwarzen Kleid der Trauer noch anziehender, -hatte ihre Mutter verloren und war in aller Stille Ingos -Gattin geworden. ber ihrem Wesen lag jener Schimmer von -Wrme, den man mit dem Worte Innigkeit bezeichnen knnte, -einem Worte, das mit Innerlichkeit verwandt ist. Kind, Jungfrau -und reifes Weib schienen alle drei in dieser stillen und feinen Gestalt -erhalten zu sein, einander ergnzend, nicht strend. Ihre -stattliche uere Erscheinung war von gebietender Hoheit, die aber -von der etwas gedmpften und guten Stimme und von einem -einfachen, kindlichen, ja fast schchternen Lcheln des Wohlwollens -wieder ausgeglichen wurde. Es war in ihr etwas wie seelische -Leuchtkraft. Es gibt Menschen der Erfllung, wie es Menschen -der unruhigen Sehnsucht gibt; Elisabeth war ein Mensch der -Erfllung. Alles Unstete wird in solchen Naturen selige Gegenwart. -Sie sind nicht mehr Hitze, sondern Wrme, nicht mehr -Kometen, sondern Planeten oder gar Sonne. Dem Unerfllten -ist die Welt romantisch: aber die Erfller machen die Welt traulich -und heilig. In ihnen ist etwas, was der Romantiker leicht unterschtzt: -die groe Geduld. Sie haben es nicht mehr ntig, Tempelsucher -zu sein: sie sind bereits Tempelbauer und Tempelhter.</p> - -<p>Diese drei, mehr oder minder auf Innerlichkeit und Gehaltenheit -abgestimmten Menschen bildeten nun im Thringer Herrenhause, -im Herzen Deutschlands, den Grundstock der neuen Familie. -Und es war eigenartig, da gerade die einfachsten Menschen des -Gutes, von der Waschfrau bis zum Feldarbeiter und Waldgnger, -dem anscheinend durch Klfte hoher Bildung von ihnen getrennten -neuen Gutsherrn und seiner wahrhaft herzensadligen Gattin -Zutrauen entgegenbrachten. Denn sie sprten in diesem jungen<span class="pagenum"><a name="Seite_213" id="Seite_213">[S. 213]</a></span> -Ehepaar reines Menschentum. Auf den Hhen wahrer Bildung -wird der Mensch wieder einfach.</p> - -<p>Dabei legte Ingo groen Wert auf eine auserwhlte und -geschmackvolle Bibliothek. Mit ebensolcher Sorgfalt whlte er seinen -Wandschmuck, wobei besonders sein Liebling Feuerbach neben -alten Meistern in guten Kopien vertreten war. Flgel und Meisterharmonium -zierten den groen Saal, der noch mit Jagdtrophen -und Waffen gefllt war von der andren, der sportsmig unruhigen -Generation, fr die das Tuten eines Automobils wohllautender -war als eine Sonate von Beethoven.</p> - -<p>In diesem Saale war an einem Winterabend, der etwas Neuschnee -ber die Fichten gestreut hatte, das Ehepaar Trotzendorff -zum ersten Male bei den Jungvermhlten zu Gast. Und seltsamerweise -hatte sich noch ein Bekannter eingefunden, den einst Ingo -in Cette und Lourdes so gut wie gar nicht beachtet hatte: der ernste, -etwas trockene Fabrikant Muthner.</p> - -<p>Der Diener reichte Tee herum; der Vater hielt sich rauchend -im Hintergrunde. Auch Muthner, der ohne seine gyptischen -Zigaretten unglcklich war, bat um die Erlaubnis, rauchen zu -drfen, was die Damen gern gewhrten. Und dennoch blieb, bei -aller ueren Gemtlichkeit und bei aller Gedmpftheit auf diesen -vielen Fellen und bequemen Polstern des Salons, eine feine Trauer -die eigentliche Stimmung.</p> - -<p>„Es ist noch kein ganzes Jahr verflossen seit der Riviera”, -stellte der Gutsherr fest. „Und was hat uns dieses eine Jahr gebracht! -Als htten sich zehn Jahre in diese kurze Zeitspanne eingepret! -Erinnert ihr euch jenes Gesprches ber die Titanic, -Friedel und Richard? Und wer spricht heut' noch von der Titanic! -Alle Welt ist voll vom Balkankrieg.”</p> - -<p>„Die Geschftslage ist drckend ernst”, warf der Fabrikant ein.</p> - -<p>„Auch in die Feier der Befreiungskriege will kein rechter -Schwung kommen”, bedauerte Trotzendorff.</p> - -<p>Der Major z. D. hatte sich den nach seiner Meinung schmachvoll -miglckten Wartburgtag so zu Herzen genommen, da ein<span class="pagenum"><a name="Seite_214" id="Seite_214">[S. 214]</a></span> -Unmut in ihm zurckgeblieben war. Und bei nchster Gelegenheit -hatte er sich aus dem Hofdienst zurckgezogen und sich als Offizier -zur Disposition stellen lassen. Vereinsttigkeit und statistische -Arbeiten machten ihm nun Freude. „Innere Arbeit am deutschen -Volke” nannte er das mit seinem etwas doktrinr betonten vaterlndischen -Bewutsein. Friedel sa wieder mit ihrem ganzen -blhenden Knstler-Naturell neben dem anders gearteten Gatten, -so prchtig erholt, da sie sogar ein wenig zur Flle neigte, was -ihr keinen geringen Kummer verursachte.</p> - -<p>„Es geht mir mit diesen Feiern sonderbar”, bemerkte Ingo. -„Ich bin doch sonst ziemlich leicht in der Handhabung von Feder -und Laute. Aber wenn ich mit meinem Verwalter fertig bin und -mich dann wieder zu diesem Sto von illustrierten Bchern ber -1813 wende — ich wei nicht, wie es kommt: ich vermag nicht recht -mitzujubeln.”</p> - -<p>Der alte Vater nickte.</p> - -<p>„Wir von 1870 wuten noch, um was wir kmpften. Wir -hatten ein Ideal. Heute hat alle Welt Kriegsfurcht.”</p> - -<p>„Vielmehr Furcht vor wirtschaftlichen Schdigungen”, verbesserte -der Fabrikant. „Damals hatte man etwas zu gewinnen, -heute frchtet man nur zu verlieren.”</p> - -<p>„Nmlich Geld und Gut!” rief der alte Baron aus seinem -Sessel zurck. „Und das ist ja wohl schlielich des modernen Menschen -hchstes Ideal. Ach, meine Herren, was wei man heute -noch von unsrer Stimmung von 1870? Ich hab' es oft erzhlt, -wie am Abend einer jener mrderischen Schlachten vor Metz unser -alter Kaiser an unser zusammengeschossenes Regiment herangeritten -kam. Wahrhaftig, es sah bei uns allerdings klglich aus, wir -waren kaum noch ein Trppchen. ‚Kinder, ihr habt ja wohl heute -schwer gelitten’, sagte der Kaiser mit seiner etwas hohen Stimme, -ich hr' ihn heute noch. ‚Ist das alles, was von euch geblieben ist?’ -Ich stand vor ihm — was sollte ich melden? ‚Es werden sich ja -wohl noch etliche zusammenfinden, Majestt.’ Da warf er einen -Blick ber uns hin — den vergess' ich nie — und die hellen Trnen<span class="pagenum"><a name="Seite_215" id="Seite_215">[S. 215]</a></span> -liefen ihm ber die Wangen. Er sagte dann gar nichts weiter, -winkte nur mit der Hand — so — zu uns herber — Unaussprechliches -lag in dieser Handbewegung, etwa als wollt' er gute Kameraden -gren: Haltet aus, liebe Kameraden, seid bedankt, treue -Kameraden, es gilt eine hohe Sache! Oh, da war keiner von uns, -der nicht gern sein Leben gelassen htte.”</p> - -<p>Der Alte schwieg bewegt.</p> - -<p>„Ja, Sie hatten noch Ideale, Herr Baron!” rief Trotzendorff. -„Das Deutsche Reich! Und so war's vor hundert Jahren, als sich -Deutschland vom Druck befreite. Aber heute?”</p> - -<p>„Ein Krieg von heute wrde die europische Luft reinigen”, -fhrte Ingo die angeschlagenen Gedanken fort. „Und dann wre -Raum und Empfnglichkeit fr eine neue Lebensstimmung.”</p> - -<p>„Was verstehen Sie eigentlich unter neuer Lebensstimmung?” -fragte der Fabrikant.</p> - -<p>„Nun, was hab' ich Ihnen neulich geraten, als ich Ihre Fabrik -besichtigte, Herr Nachbar? Erfinden Sie ein Entgiftungsmittel und -lassen Sie sich ein Patent darauf geben. Ein chemisches Mittel, -das unsrer gespannten und mitrauischen sozialen, politischen und -geistigen Luft reinen Sauerstoff zufhrt. In Oberitalien traf ich -einmal eine feine kleine Dame, ebenso praktisch wie anmutig, die -mir die Einrichtungen ihres Arbeiterdorfes zeigte: Milchanstalt, -alkoholfreie Wirtschaft, Bade- und Krankenhaus — unpoetische -Dinge, die ich aber seither achten gelernt habe. Was ist die Triebfeder -bei dieser guten und klugen Witwe? Menschenliebe. Sie ist -selber durch Leid gegangen. Und nur so erobert man Herzen, nicht -mit Polizei, Paragraphen und Kanonen.”</p> - -<p>Dieser Grundanschauung versagten selbst die hrteren Elemente -der Gesellschaft, Major und Fabrikant, nicht ihren Beifall, -wollten aber fr Rekruten, Spitzbuben und Feinde unbedingt Polizei -und Kanonen geachtet wissen.</p> - -<p>„Nicht alles kann mit Menschenliebe erreicht werden”, sagte der -Fabrikant. „Das erfahren wir Arbeitgeber bitter genug. Schlagen wir -Arbeitsteilung vor! Mag Liebe und Strenge nebeneinandergehen!”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_216" id="Seite_216">[S. 216]</a></span> - -„Der Troubadour hat sich also der sozialen Frage verschrieben?” -neckte Friedel. „Und auch die Gedenkfeiern locken dir kein Lied ab? -Der unheimliche Rckzug aus Ruland? Die Freiheitsschlachten?”</p> - -<p>„Doch, Friedel”, erwiderte Ingo. „Ich habe in der Tat einige -Bltter geschrieben. Habt ihr Geduld? So les' ich sie euch vor. Sie -sind zugleich Lebensprogramm fr mich und mein Weib. Nicht -wahr, Elisabeth?”</p> - -<p>Er lief in sein Schreibzimmer, kam mit drei Blttern zurck -und las ...</p> - - -<p class="center"><span class="antiqua">I.</span></p> - -<p>„Rckzug aus dem eisigen Ruland! ... Eines Titanen hochgespannte -Willensleistung ist von den Gttern zerbrochen worden! -... Durch die weie Wste, deren Horizonte sich im Schneelicht -verlieren, schlrfen die zerlumpten Reihen der Franzosen, umstubt -von Schneewind und Kosaken — aufgelste, dumpf marschierende, -stumm dahinknirschende Grenadiere ... Welch ein Gerusch! -Das Zornweinen einer Armee!</p> - -<p>Und zwischen den vereisten Brenmtzen, zu Fu, um sich -wieder zu erwrmen, der Kaiser selber. An toten Soldaten und -an Pferdeleichen vorber. Hinter ihm, gleichfalls abgesessen, der -Schwarm der Generalitt. Und stumpf ber den Schnee schlrfend, -schlrfend, schlrfend die Reste der Regimenter ...</p> - - -<p class="center"><span class="antiqua">II.</span></p> - -<p>Wo sind sie heute, die Enkel jener Massen von Hunderttausenden, -die der geniale Korse ber die Schlachtfelder Europas gejagt -hat?</p> - -<p>Wiederum bilden sie Massen: sie fronen in den Fabriken.</p> - -<p>Wieder um sie her Glut und Rauch, wie einst in den Schlachten -um die Grovter. Gespenstische Gestalten stehen mit langen -Stangen, wie Kanoniere, und stoen in rotflieende Glutmasse.</p> - -<p>Aus den Schloten zngelt die berkraft des Hochofenfeuers. -Es berflammt an diesem grauen Winterabend selbst die elektrischen -Lichtkugeln.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_217" id="Seite_217">[S. 217]</a></span></p> - -<p>Und aus diesen steilen schwarzen Kaminen wlzt und rollt und -ringelt sich, schwer und dick, ankmpfend gegen pressenden Winternebel, -der schwarze Rauch und dunkelt dmonisch den Himmel ein.</p> - -<p>Sind es die Geschtze von ehedem? Sind sie steil emporgerichtet -und beschieen den alten Himmel? Sind die Titanen -wieder im Kampf gegen die Gtter?</p> - -<p>Ein unsichtbarer Herr lenkt den Willen dieser Hunderttausende, -bentzt ihre Muskeln, zwingt ihre Kraft nach einem bestimmten -Ziel. Denn sie sind Elementarkraft, nicht Geist.</p> - -<p>Doch sie dienen. Sie dienen, wie sie einst dem Willen und dem -Genie Napoleons gedient haben. Und das Feuer, das in Hallen -und Hfen blendend flammt, legt einen verklrenden Goldrand -um diese ruigen Mnner der Arbeit.</p> - - -<p class="center"><span class="antiqua">III.</span></p> - -<p>Jedem aber ist ein Feierabend beschieden.</p> - -<p>Dann ist ein Tor offen, um sich zurckzuziehen aus der Fron -und aus der Gattung, seinen Geist wieder heimzurufen aus dem -Dienst an der irdischen Lebenspflicht — und dann allein zu sein, -sich wieder als einen selbstndigen Geist zu wissen, sich wieder als -eine einzelne persnliche Seele zu empfinden.</p> - -<p>Nun treten in die Gesellschaft dieses aufatmenden Feierabend-Menschen -die groen, guten und schnen Gedanken und Gebilde -aus dem Reiche des Geistes.</p> - -<p>Hier sind keine rauchenden Schlote; hier wirkt keine Erdenschwere. -Dahinten sind Spannung, Kampf, Ha und Verdru; -sie sind abgelegt wie ein Panzer. Der Befreite geht im Festgewand -seiner Phantasien und Gedanken.</p> - -<p>Hier ist die Liebe Knigin; ihre Prinzessinnen heien Schnheit -und Weisheit. Die Edlen, die sich im Seelenland begegnen, sind freie Freunde.</p> - -<p>Jetzt beginnt das Amt des Spielmanns und des Gralsuchers.</p> - -<p>Er spricht zu Menschen, die wieder ihre unsterbliche Wrde -empfinden.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_218" id="Seite_218">[S. 218]</a></span> - -Und nun fhlst du pltzlich, da auch Gedankensenden eine -Tat ist. In deinem Zimmer wandelnd, an deinem Ofen trumend, -bist du mit Geist und Herz nicht an die Enge gebunden. Dein Drang, -Schnheit und Gte zu suchen oder zu entznden, luft wie ein -Strahlenwerk hinaus durch die sternklare Nacht.</p> - -<p>Und wenn alsdann an dein eigenes Herz Gutes pocht, du bedrckter -Mann der Arbeit; wenn ein Harfenton der Liebe deine -eigene Seele berhrt, du mde Freundin — so wisse, da auch -andre Herzen liebevolle Gedanken aussenden an alle sorgende, -kmpfende, leidende Menschheit.</p> - -<p>Und du bist nie allein! ...”</p> - -<p class="center p1"><br /></p> - -<p>So las Ingo.</p> - -<p>Die Gesellschaft gab einen behaglichen Beifall zu erkennen. -Aber die unruhig mit den Fingern trommelnde Friedel hatte -einen Einwand bereit:</p> - -<p>„Lieber Spielmann, jetzt noch ein Schrittchen weiter — und -du steckst mit beiden Fen im sozialen Moralpredigen!”</p> - -<p>Man lachte.</p> - -<p>„Jawohl!” beharrte sie. „Und das ist heute die grte Gefahr -des Knstlers — und alle tappen hinein, alle!”</p> - -<p>„Das will ich nicht hoffen, Friedel!” rief Ingo. „Ich hab' -auch noch ein paar andre Stimmungen und Geheimkammern. Und -berhaupt: das mte denn doch ein geistverlassener Tropf sein, -der das reizvoll-bunte Lebensspiel blo moralisch deuten wollte. -Moralisch kann auch der Philister sein. Die Trpfosten zu meinem -Studierzimmer heien Phantasie und Gte. Und auf dem Querbalken -steht der Spruch: Leben entzndet sich nur am Lebendigen!”</p> - -<p>Es hatte dies einen leichten Beigeschmack von Zurechtweisung. -Elisabeth empfand es, beugte sich zu Frau Friederike hinber und -sagte: „Liebe Friedel, es sind rings um Schlo Waldeck viele -Singvgel: da wird er gewi das Singen nicht verlernen.”</p> - -<p>Elisabeth pflegte mit solchem Eingreifen in das Gesprch so -sparsam zu sein, da diese ausgleichende Bemerkung in ihrer<span class="pagenum"><a name="Seite_219" id="Seite_219">[S. 219]</a></span> -freundlichen Sicherheit um so wirksamer war. Es wurde gelacht. -Aber man hatte dabei die eigenartige Empfindung: diese Beiden -da wissen, was sie wollen!</p> - -<p>Als sich der Fabrikant verabschiedet hatte, bltterte die Sngerin -anspielenderweise im Klindworthschen Klavierauszug der „Meistersinger” -und lobte den prachtvollen roten Ledereinband, den Elisabeth -um einige Lieblingswerke ihres Gatten zum Geburtstag hatte -besorgen lassen. Sie schlug auf und stie auf den Namen Hans Sachs.</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Wie duftet doch der Flieder<br /></span> -<span class="i0">So mild, so stark und voll!”<br /></span> -</div></div> - -<p>Laut las sie die Worte, drehte den Kopf nach Ingo und schaute -ihn fragend an, indem sie den Flgel ffnete und die Partitur -aufstellte.</p> - -<p>Es war seit vielen Wochen in dem Trauerhause fast gar nicht -gespielt worden. Jetzt setzte sich Ingo vor die Tasten und sang -gedmpft, zum Inhalt und der Stimmung des Hauses passend, -jenen Monolog des Meisters Sachs. Und bald stand die genesene -Freundin hinter ihm und sang die Rolle der Eva. Ein Zwiegesang -entfaltete sich; sie hatten seit Lourdes nicht mehr miteinander musiziert. -Jetzt aber hatte Ingo die Fhrung, wandte sich dazwischen -um und rief mit Feuer:</p> - -<p>„Was fr ein reifer Mann und Poet, nicht wahr, dieser Sachs! -Dieses innige Motiv, der Nachhall aus Stolzings Lenzlied, so biegsam, -da es von Vertrumtheit in Jubel bergehen kann: Lenzes -Gebot, die se Not, die legt' es ihm in die Brust! Das ist wie -ein Bach unter Winterschnee: verhaltene, gesammelte Kraft, die -noch in sich hat die Melodien vom verflossenen Sommer und schon -in sich die knftigen Frhlingslieder. Gesammelte Kraft! Ja, so -ist das Gemt der besten Deutschen! Hans Sachs in dieser Geklrtheit -und mnnlichen Gte, ein Greis und doch jung und mit Jungen -fhlend — das ist ein Spielmann! Das ist ein Edelmann!”</p> - -<p>Und als Eva bekannt hatte, da sie nur ihn zum Gemahl genommen -htte, wr' nicht der andre gekommen, nach jenem ganzen<span class="pagenum"><a name="Seite_220" id="Seite_220">[S. 220]</a></span> -Dank der Eva — „O Sachs, mein Freund, du teurer Mann, wie -ich dir Edlem lohnen kann?” — sang Elisabeths Gatte bedeutsam -weiter:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Von Tristan und Isolde<br /></span> -<span class="i0">Kenn' ich ein traurig Stck,<br /></span> -<span class="i0">Hans Sachs war klug und wollte<br /></span> -<span class="i0">Nichts von Herrn Markes Glck” ...<br /></span> -</div></div> - -<p>Hier brach der Snger ab und ging in ernstes Phantasieren -ber, beginnend mit den Anfangsakkorden von Tristan und Isolde, -die ja hier im Orchester der Meistersinger ertnen, berleitend zum -Karfreitagszauber, dann Erinnerungen von Lourdes und vom -Gralsberg verwebend mit eigenen fremdartigen Phantasien, die -zu einem Lieblingswerk von Elisabeth hinberfhrten, der Nnie -von Brahms: „Auch das Schne mu sterben, das Menschen und -Gtter bezwinget.”</p> - -<p>Hier sprang er auf.</p> - -<p>„Doch nicht diese wehmutvollen Chre sind der rechte Abschlu! -Jetzt setzt meine Orgel ein.”</p> - -<p>Und mit feierlichen und groen Choralphantasien am Meisterharmonium -machte er den Beschlu.</p> - -<p>Trotzendorff lag im Polsterstuhl, nickte behaglich und war -einem gemchlichen Halbschlummer nahe. Der Abend mit seinem -milden Schneelicht fing sachte an, in lange Dmmerung berzugehen. -Frau Elisabeth sa in ihrer blichen graden Haltung und -verwandte kein Auge von den Knstlern am Klavier, besonders -von Frau Friedel. Und als nun Ingo aufstand, erhob sich rasch -auch seine Gattin, deren Geist insgeheim gearbeitet hatte; sie kam -heran, legte einen Arm um die Freundin und den andren um Ingo -und kte beide mit einer wortlosen Zartheit, denn sie hatte die -Sprache der Musik verstanden.</p> - -<p>„Wenn ich doch nur die Hlfte deines Talentes htte!” seufzte -sie dann, den Kopf an Frau Friederikens Wange legend.</p> - -<p>„Gutes Kind, wieviel hast du im Herzen!” erwiderte die Knstlerin. -„Darf ich manchmal zu dir kommen und Wrme holen,<span class="pagenum"><a name="Seite_221" id="Seite_221">[S. 221]</a></span> -Elisabeth? Es gibt Menschen, nach denen man Heimweh bekommt, -wenn man mit ihnen zusammen war — du gehrst zu diesen seltenen -Menschen.”</p> - -<p>Ingo brachte das Ehepaar persnlich im Wagen an den kleinen -Bahnhof.</p> - -<p>„Ernste Zeiten, Ingo! Wartezeit! Aber ich denke, wir stehen -unsren Mann!” war Richards letztes Wort.</p> - -<p>„Auf Wiedersehen, Friedel!”</p> - -<p>„Ingo, ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich fr dich bin! -Was ist das fr ein begnadetes Menschenkind! Sie wirkt durch -ihr bloes Dasein. Wir andern — mssen reden und singen, um -uns wichtig und beliebt zu machen.”</p> - -<p>„Nicht wahr?!”</p> - -<p>Sie sagten nicht einmal, wen sie meinten, denn das war ja -selbstverstndlich.</p> - -<p>Als aber Ingo wieder sein Haus betrat, in dem Gefhl, da -doch nun erst seine eigentliche Welt beginne, die heilige Stille, -hatte er einen rhrenden Anblick. Er hrte Klavier spielen und -vernahm dazu Elisabeths feine und gute, doch keineswegs tonstarke -Stimme. Leise trat er ein. Die schlanke dunkle Gestalt mit der -schweren Haarkrone sa und bemhte sich, Evas Partie zu lernen, -indem sie die Singstimme zunchst mit den Fingern nachtupfte und -mitsang. Aber sie war, obwohl sie leichte Sonaten einwandfrei -spielte, greren Schwierigkeiten doch nicht gewachsen.</p> - -<p>„Elisabeth!” rief Ingo erstaunt, die Trklinke in der Hand.</p> - -<p>Sie erschrak und flog empor.</p> - -<p>„Meine gute Elisabeth, komm einmal her zu deinem Mann! -Sag' einmal, meine se Santa, was sind denn das fr neue Bestrebungen?”</p> - -<p>Sie fiel ihm halb lachend, halb verschmt um den Hals.</p> - -<p>„Liebster, verzeih! Ich mchte so gern alles mit dir teilen, alles! -Auch mit dir singen. Ich mchte dir sein, was dir andre sind.”</p> - -<p>„Aber, aber — spricht das meine groherzige Elisabeth? Mchtest -du das wirklich? Mchtest du mir etwa meinen lieben alten<span class="pagenum"><a name="Seite_222" id="Seite_222">[S. 222]</a></span> -Konsul Bruck ersetzen und Geister schauen? Oder Trotzendorff? -Mchtest du das? Seit wann will mir denn Elisabeth, die mir -immer so viel Freiheit gelassen hat, jetzt zu guter Letzt Frau Friedel -berflssig machen? Sind nicht die Freunde da drauen der -Stolz unsres Hauses? Die Guten, die zu uns gehren?”</p> - -<p>„O ja, du hast recht! Das will ich nicht, wirklich nicht! Im -Gegenteil! Vergib, du hast mich da auf einer rechten Schwche -ertappt! Ich dachte nicht, da du schon so frh zurck wrest.”</p> - -<p>„Ich habe ja die Pferde gejagt, da sie dampften, so sehnt' -ich mich, mit meiner Einzigen allein zu sein! Du, mit deiner -Seele voll Musik! Hast du nicht Verstndnis fr groe Kunst -von Bach bis Brahms — gengt das nicht? Will meine Hausfrau -auch noch Sngerin sein? Und da Meister Wilhelm Raabe dein -Lieblingsschriftsteller ist — stellt das nicht deinem literarischen -Geschmack ein gutes Zeugnis aus, du Stille im Lande? Komm, -ksse mich! Dein Ku ist Musik, du Seste der Sen! Wir -sind wieder allein!”</p> - -<p>Und sie sagten sich innige Worte.</p> - -<p>Dann gingen sie Arm in Arm in Ingos Arbeitszimmer.</p> - -<p>„Hier ist etwas, was dich interessiert, Elisabeth. Da hat mir -der Architekt den Plan unsres knftigen Hauses geschickt, den er -nach meinen eigenen Angaben ausgearbeitet hat.”</p> - -<p>Er breitete den Grundri ber den Tisch aus; und die Gatten -vertieften sich in den gro und persnlich angelegten Zukunftsbau.</p> - -<p>„Es sieht aus wie ein groes lateinisches <span class="antiqua">T</span>”, bemerkte Elisabeth, -„mit einem kleinen Kreis ber der Mitte des oberen Querbalkens. -Oder wie ein Mensch mit ausgestreckten Armen.”</p> - -<p>„Sonderbar, nicht wahr?” versetzte er. „Am Fue ist der -Haupteingang; ein Korridor luft im Stamm entlang und in den -Seitenarmen. Im Kreuzungspunkt ist die Treppe nach oben; dort -ist der Vorraum zur Tempelrotunde, die durch diesen Kreis dargestellt -wird.”</p> - -<p>„Ein Tempel?”</p> - -<p>„Ja, das sind nun einmal meine Besonderheiten. Doch dieser<span class="pagenum"><a name="Seite_223" id="Seite_223">[S. 223]</a></span> -Tempel ist noch Geheimnis. Er wird zuletzt gebaut. Und nicht -jeder darf ihn betreten.”</p> - -<p>„Wir beide betreten ihn gemeinsam, nicht wahr, Ingo?”</p> - -<p>„So ist es, Elisabeth. Wir reifen ihm gemeinsam entgegen, -das ahnst du ganz richtig. Diese hohen Dinge kann man nicht so -ohne weiteres machen, sie mssen wachsen, sie werden geschenkt, -wenn die Zeit gekommen ist. Den Tempel der Erfllung kann -man erst verstehen, wenn man durch Erlebnis reif ist. Was wrdest -du hineinstellen, Elisabeth? La einmal sehen!”</p> - -<p>Sie besann sich ein Weilchen, dann sagte sie:</p> - -<p>„In die Mitte, auf einem Postament und aus reinstem Marmor, -den segnenden Christus von Thorwaldsen. Und in die Nischen -an den Wnden — es sind doch Nischen drin? — die groen Meister, -die du besonders verehrst, lauter weie Marmorgestalten. Das -mte feierlich stimmen, wenn man unter diese groen Menschen -tritt, und es fllt nur von oben Himmelslicht hinein, nicht wahr?”</p> - -<p>„Sieh mal an, sieh mal an, mein Weib wird ja schpferisch! -Beginnst wohl schon gleich den Tempelbau?”</p> - -<p>Sie hatten die Arme umeinandergelegt, gingen im gerumigen -Arbeitszimmer langsam hin und her und plauderten von der -Zukunft: er in ernster Symbolik, sie von der weiblichen Freude -erfllt, mit dem Geliebten beraten zu drfen.</p> - -<p>Er sprach ber seinen Lieblingsgedanken, drei europische -Grundkrfte zur Harmonie zu bringen: Akropolis, Golgatha und -Wartburg — Griechen-Schnheit, Christus-Gte, Germanen-Ernst. -Er flocht im Gesprch unsichtbare Rosen um ein unsichtbares Kreuz. -Und er teilte seine Gedanken in einer Sprache mit, die ihrer Fassungskraft -zugnglich war.</p> - -<p>„Diese knftige Einheit herzustellen, ist die Sendung knftiger -deutscher Meister”, sprach er. „Die Vorbereitungen dazu knnen -jetzt schon eines Mannes Leben ausfllen. Deutschland ist -das Herz Europas: es hat den Tempel zu bauen. Auch ich will -versuchen, vorbereitend in meinem kleinen Bezirk mitzuwirken. -Und Elisabeth soll dabei sein.”</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_224" id="Seite_224">[S. 224]</a></span> - -Dann wandte er sich wieder den Plnen zu.</p> - -<p>„Um das ganze Haus wird sich im Halbkreis oder in Eiform -ein kleines Gitter ziehen, das innerhalb des Parkes den Hausbezirk -noch einmal umfriedet. Sinnvolle Blumenanlagen und -Statuen werden sich diese Umfriedung entlangziehen. Am linken -Flgel mndet der Fahrweg ein, luft vor den Haupteingang -und dann am rechten Flgel wieder hinaus zu den Wirtschaftsgebuden, -fhrt also ungefhr am inneren Gitter entlang, wo die -Statuen gren, die gleichsam das Ganze umwachen.”</p> - -<p>„Und was steht hier ber der Eingangspforte?”</p> - -<p>„Dort ist in der hchsten Mitte des Steinbogens ein steinernes -Kreuz; darum ein Kranz von sieben Rosen, vier unterhalb, -drei ber dem Querbalken; die mittlere dieser drei oberen Rosen -ist angeheftet am Stamm. Unter diesem Rosenkreuz ist eine Marmortafel, -darauf in Goldschrift folgende Worte:</p> - -<div class="poem"><div class="stanza"> -<span class="i0">„Hier ragt in Stein das Zeichen edler Groen,<br /></span> -<span class="i0">Und diesem Zeichen sei das Haus geweiht:<br /></span> -<span class="i0">Haus Waldeck steht im Bann von Kreuz und Rosen,<br /></span> -<span class="i0">Von heitrem Ernst, von ernster Heiterkeit.<br /></span> -<span class="i0">Und wer des Zeichens tiefren Sinn erfat,<br /></span> -<span class="i0">Der sei willkommen als erles'ner Gast.”<br /></span> -</div></div> - -<p>Es war dunkel geworden. Aber das geheimnisvolle Schneelicht -und ein blauer Nachthimmel mit vielen Sternen lieen es nicht -ganz finster werden.</p> - -<p>Die glcklichen Liebenden kosteten so recht die traute Wrme -dieser Schummerstunde. Und es war schwer zu entscheiden, was -ihnen inniger am Herzen lag: diese Plne selber oder die Wonne -des gemeinsamen Plnemachens, in dem sich ja symbolisch nur -wieder ihr eigenes tiefstes Lieben oder Sehnen aussprach.</p> - -<p>Er setzte sich in den Schaukelstuhl; sein Weib schmiegte sich auf -seine Kniee und in seine Arme. Warm und nahe gingen ihres -Busens Atemzge. Man hrte nur das Ticken der Uhr. Und sie -trumten in die erhabene Winternacht.</p> - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_225" id="Seite_225">[S. 225]</a></span> - -Um Park und Haus erhoben sich rechts und links Tannenberge; -aber die vordere Seite war weithin offen; und erst ganz -fern schlo sich der Horizont durch die zart geschwungene Linie -bewaldeter Hgel. Man konnte dort an hellen Tagen eine Lcke -unterscheiden, und in der Lcke eine Bergstrae, die hinausfhrte -in neue Lnder und Weiten. Dorthin schaute der Gutsherr oft -und gern. Denn nicht ganz verklungen war die Melodie der -Sehnsucht, die ihn einst hinausgetrieben hatte, der Ferndrang, das -Iphigenien-Heimweh am Ufer von Tauris. Aber ihn durchdrang -die mnnlich-sichere Empfindung: jene Schnheit auf dem Rivierahgel, -jene Geister vom Montserrat — sie sind nicht drauen, sie -sind nahe bei mir und in mir; ich habe die weite Welt hereingeholt -in die erweiterte Enge.</p> - -<p>„Kreuz und Rosen”, sagte Frau Elisabeth trumerisch, ihren -Gatten umrankend wie ein Rosenzweig. „Ist es nicht Verklrung des -Lebens durch die Liebe? Oder was ist des Zeichens tieferer Sinn?”</p> - -<p>„Das werden wir alles noch verstehen lernen, Elisabeth.”</p> - -<p>„Wir? Du verstehst es ja schon.”</p> - -<p>„Nicht ohne dich. Diese Geheimnisse offenbaren sich nur durch -Liebe, nicht durch Verstand. Darum verstehe ich sie nicht ohne -dich — und du nicht ohne mich. Ich erlebe und erlerne in dir und -du in mir. Und unsere Liebe hat schon alle knftigen Erkenntnisse -in sich — wie eine Rosenknospe die knftige Rose.”</p> - -<p class="center"><em class="gesperrt">Ende</em></p> - -<div class="figcenter" style="width: 160px;"> -<img src="images/p091_deco.png" width="160" height="172" alt="" /> -</div> - - - - -<h2 class="pagebreak" title="Werbung">Verlag von Greiner & Pfeiffer, Stuttgart</h2> - - -<p class="center big200">Friedrich Lienhards Werke</p> - - -<p class="center big120">Lyrik</p> - - -<p class="hanging"><b>Lebensfrucht.</b> <em class="gesperrt">Gesammelte Gedichte.</em> 4., auch die Sammlungen -„Lichtland” und „Kriegsgedichte” umfassende Gesamtausgabe. -6 Mk., geb. 7 Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Die Schildbrger.</b> Frhlingsdichtung in zehn Gesngen. 2. Aufl. -4Mk., geb. 5Mk.</p> - - -<p class="center big120">Dramatik</p> - - -<p class="hanging"><b>Till Eulenspiegel.</b> Narrenspiel in drei Teilen. 4. Auflage. 2.50Mk., -geb. 3.50Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Mnchhausen.</b> Lustspiel. 3. Auflage. 2Mk., geb. 3Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Knig Arthur.</b> Trauerspiel. 3. Auflage. 2Mk., geb. 3Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Gottfried von Straburg.</b> Schauspiel. 3. Aufl. 2Mk., geb. 3Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Odilia.</b> Legende. 2. Auflage. 2Mk., geb. 3Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Wieland der Schmied.</b> Dramatische Dichtung. 4. Auflage. 2Mk., -geb. 3Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Wartburg.</b> Drei dramatische Dichtungen: „<em class="gesperrt">Heinrich von Ofterdingen</em>”, -„<em class="gesperrt">Die heilige Elisabeth</em>”, „<em class="gesperrt">Luther auf der -Wartburg</em>”. 4. Auflage. Je 2Mk., geb. 3Mk.; in einem -Band 5Mk., geb. 7.50Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Odysseus auf Ithaka.</b> Dramatische Dichtung. 2. Aufl. 2Mk., -geb. 3Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Ahasver am Rhein.</b> Trauerspiel. 1.50Mk., geb. 2.50Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Phidias.</b> Schauspiel in drei Aufzgen. 2.50Mk., geb. 3.50Mk.</p> - - -<p class="center big120">Epik und Prosa</p> - - -<p class="hanging"><b>Helden.</b> Bilder und Gestalten. 3. Auflage. 4Mk., geb. 5Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Oberlin.</b> Roman. 45. Auflage. 7.50Mk., geb. 9Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Der Spielmann.</b> Roman. 30. Auflage. 5Mk., geb. 6Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Der Einsiedler und sein Volk.</b> Novellen. 11. Auflage. 4Mk., -geb. 5Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Wasgaufahrten.</b> 12. Tausend. 4Mk., geb. 5Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Thringer Tagebuch.</b> 23. Auflage. 4.50Mk., geb. 5.50Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Neue Ideale.</b> Gesammelte Aufstze. 2. Auflage. 4Mk., geb. 5Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Wege nach Weimar.</b> 6 Bde. 4. Aufl. Jeder Band einzeln geb. 6Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Deutschlands europische Sendung.</b> Kriegsgedanken. 18. Tausend. -50 Pfennig.</p> - -<p class="hanging"><b>Deutsche Gre</b> (Schillers Gedichtentwurf). 50 Pfennig.</p> - -<p class="hanging"><b>Jugendjahre.</b> Erinnerungen. 6. Auflage. 4Mk., geb. 5Mk.</p> - -<p class="hanging"><b>Lesebuch aus Lienhards Werken</b>, herausgeg. von Kreuzberg. 1Mk.</p> - - -<p><span class="pagenum"><a name="Seite_228" id="Seite_228">[S. 228]</a></span></p> - - - - -<p class="pagebreak center big160"><span class="gesperrt">Friedrich Lienhard</span></p> - - -<p class="center big160">Deutsche Dichtung</p> - -<p class="center">160 Seiten. Gebunden Mk. 1.50</p> - -<p>Wie eine fesselnde Erzhlung packt das Bchlein und umspinnt uns mit dem -Zauber deutscher Dichtung. Von dem sagenhaften germanischen Nationalepos -und Minnegesang des Mittelalters bis zu den modernen Schpfungen unserer -Zeitgenossen zeigt uns der Verfasser den Weg, die tiefen Schnheiten unserer -deutschen Literatur zu finden, das Wesen wahrer Dichtung zu erleben und sie -zarter und fester als bisher mit unserem Herzblut und Seelenleben zu verbinden. -Lienhard whlt fr die Gliederung der deutschen Literatur drei sinnbildlich vertiefte -Namen „Wartburg, Wittenberg, Weimar” und verbindet mit dieser Einteilung -Mittelalter, Reformation und Neuzeit. Ein prchtiges Bchlein, das -jeden Gebildeten die deutsche Dichtung als einen kostbaren Besitz unserer Nation -besser werten lt, und das auch dem Fachmann Neues sagen und Altes neu -prgen wird.</p> - - -<p class="center big160">Das klassische Weimar</p> - -<p class="center">3. Auflage. 123 Seiten. Gebunden Mk. 1.50</p> - -<p>„Als treuer Hter steht Friedrich Lienhard am Tor des Graltempels der -idealistischen Weltanschauung unserer klassischen Kunst von Weimar. Und <em class="gesperrt">mit -tiefen Begeisterungen, mit priesterlicher Weihe, mit echter -Wrme, ein wahrhaft Glubiger</em>, weist er uns immer wieder hin auf -das einzig Eine, was uns not tut: da wir die Seele, das Wesen dieser Weimarer -Kultur uns wahrhaft innerlich aneignen und das ganze tiefe Empfinden, die -Sicherlichkeit und Gewiheit von ihrer vollkommenen und hchsten Schnheit und -Wahrheit in uns erfahren. In groen Linien zeichnet er den Entwicklungsgang, -den Aufstieg von Friedrich dem Groen und Klopstock bis zur Vollendung in -Goethe, und legt den Wert und die Bedeutung der Fhrer in ihren Besonderheiten -dar.”</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Julius Hart, Der Tag.</span><br /> -</p> - - -<p class="center big160">Einfhrung in Goethes Faust</p> - -<p class="center">3. Auflage. 116 Seiten. Gebunden Mk. 1.50</p> - -<p>„Auf eigenem Wege bahnt Friedrich Lienhard seinen Hrern den Zugang -zum Innersten der Dichtung. Er erfat den Faust als Mysterium, als Erlsungswerk, -leitet ihn aus dem religisen Untergrund der Persnlichkeit Goethes ab, -die er zuerst in ihrem Werden und Sein mit groen Linien zeichnet, und -nennt den „Faust” glcklich ein Drama vom inneren Menschen ... Auch denen, -die von der gewhnlichen Faustliteratur nichts wissen wollen (und ihre Zahl -scheint mir immer grer zu werden), kann ich Lienhards Buch warm empfehlen.”</p> - -<p class="right"> -<span class="gesperrt">Das literarische Echo.</span><br /> -</p> - - -<p class="center big140">Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig</p> - - -<div class="transnote pagebreak"> -<h2><a name="Anmerkungen_zur_Transkription" id="Anmerkungen_zur_Transkription">Anmerkungen zur Transkription</a></h2> - -Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen gebruchlich waren, wie: - -<ul class="index"> -<li>andere -- andre</li> -<li>bentzt -- benutzt</li> -<li>Goethe-Band -- Goetheband</li> -<li>Grashupfer -- Grashpfer</li> -<li>Helena-Tragdie -- Helenatragdie</li> -<li>Riviera-Hgel -- Rivierahgel</li> -<li>tapferen -- tapfren</li> -<li>unsere -- unsre</li> -<li>Wanderer -- Wandrer</li> -</ul> - -Interpunktion wurde ohne Erwhnung korrigiert.<br /> - -Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen: - -<ul class="index"> -<li>Der Schmutztitel wurde entfernt.</li> -<li>S. 9 „Schaller & Ko.” in „Schaller & Co.” gendert.</li> -<li>S. 46 „Les Beaux” in „Les Baux” gendert.</li> -<li>S. 48 „Flotillen” in „Flottillen” gendert.</li> -<li>S. 71 „Scylla” in „Skylla” gendert.</li> -<li>S. 122 „Bhagavad Ghita” in „Bhagavad Gita” gendert.</li> -<li>S. 127 „Park Guell” in „Park Gell” gendert.</li> -<li>S. 141 „Kalvinistenstadt” in „Calvinistenstadt” gendert.</li> -</ul> - -</div> - - - - - - - - -<pre> - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Der Spielmann, by Friedrich Lienhard - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER SPIELMANN *** - -***** This file should be named 62539-h.htm or 62539-h.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/5/3/62539/ - -Produced by Peter Becker and the Online Distributed -Proofreading Team at https://www.pgdp.net (This file was -produced from images generously made available by The -Internet Archive) - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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Redistribution is subject to the -trademark license, especially commercial redistribution. - -START: FULL LICENSE - -THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE -PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK - -To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free -distribution of electronic works, by using or distributing this work -(or any other work associated in any way with the phrase "Project -Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full -Project Gutenberg-tm License available with this file or online at -www.gutenberg.org/license. - -Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project -Gutenberg-tm electronic works - -1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm -electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to -and accept all the terms of this license and intellectual property -(trademark/copyright) agreement. 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