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-Project Gutenberg's Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3), by Richard Dehmel
-
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-this ebook.
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-
-Title: Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)
-
-Author: Richard Dehmel
-
-Release Date: July 16, 2020 [EBook #62671]
-
-Language: German
-
-Character set encoding: UTF-8
-
-*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE WERKE IN DREI ***
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-
-Produced by the Online Distributed Proofreading Team at
-https://www.pgdp.net
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- Anmerkungen zur Transkription
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- Der vorliegende Text wurde anhand der 1913 erschienenen Buchausgabe
- so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische
- Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und
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- Unterstrichen: _Unterstriche_
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- Antiqua: ~Tilden~
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-[Illustration]
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-
-[Illustration: Dehmel.]
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- Richard Dehmel
-
- Gesammelte Werke
-
- in drei Bänden
-
- Erster Band
-
- S. Fischer, Verlag, Berlin
-
-
-
-
- +22. bis 24. Tausend+
-
- Alle Rechte vorbehalten, auch das der Übersetzung
- Copyright 1913 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin
-
-
-
-
-Übersicht
-
-(Die mit * bezeichneten Stücke sind neu aufgenommen)
-
- Seite
-
- +Erlösungen+
-
- Denkzettel 7
-
- *Freudenruf 9
-
- *Deutsches Lied 9
-
- An mein Volk 10
-
- Auf den Weg 11
-
- *Antrieb 11
-
- Welt und Zeit 11
-
- Bekenntnis 11
-
- Grundsatz 12
-
- Selbstzucht 12
-
- Wen’s trifft 13
-
- Die geflügelte Fackel 13
-
- *Die Glocke im Meer 14
-
- Der Pirat 15
-
- An die Ersehnte 19
-
- Im Fluge 19
-
- *Entzückung 20
-
- Durch die Blume 20
-
- Entbietung 21
-
- Ihr Wunsch 21
-
- Die Umworbene 22
-
- Der Rächer 23
-
- Die Tochter der Sonne 25
-
- Wollust 28
-
- Ein Brandbrief 29
-
- Die zwölf sittsamen Gastwirte 32
-
- Eine gantz neu Schelmweys 34
-
- Novemberfahrt 35
-
- Der brave Strubel 36
-
- Frecher Bengel 37
-
- Fräulein Leichtfuß 38
-
- Zuspruch 38
-
- Epitaph 38
-
- Ermutigung 39
-
- Nächtliche Frage 39
-
- Vorgefühl 39
-
- Mädchenfrühling 40
-
- Leises Lied 40
-
- *Ständchen 41
-
- Überraschung 41
-
- Herrliches Pärchen 43
-
- Empfang 44
-
- Nicht doch 44
-
- Das alte Lied 45
-
- Die Heimkehr 46
-
- Zuflucht 47
-
- Sommerabend 48
-
- Morgenandacht 48
-
- Im Regen 49
-
- Einkehr 50
-
- Lied Kaspar Hausers 50
-
- Heimat 51
-
-
- Tief von fern 52
-
- Der Herr der Liebe 52
-
- Läuterung 53
-
- Pfingstlied 53
-
- Jetzt und immer 54
-
- Allgegenwart 54
-
- Waldseligkeit 55
-
- Die Getrennten 56
-
- In Sehnsucht 56
-
- Deine Nähe 57
-
- Der Bräutigam 58
-
- Ansturm 58
-
- Nachtgebet der Braut 59
-
- Ballnacht 59
-
- Entweihung 60
-
- Landung 61
-
- Die Illusion 62
-
- Gebet an die Geliebte 62
-
- Der Wunschgeist 63
-
- Dante guidante 68
-
- Rückkehr 68
-
- Verheißung 69
-
- An meine Königin 70
-
- Wahrspruch 71
-
- Lobgesang 71
-
- Blick ins Licht 72
-
- Fernhin 73
-
- Erste Hoffnung 73
-
- Am Storchsee 74
-
- Wiegenlied für meinen Jungen 75
-
- Lied der Mutter 76
-
- Indianischer Wiegengesang 77
-
- Adlerschrei 80
-
- Eröffnung 81
-
-
- Weihspruch 82
-
- Nachruf an Nietzsche 82
-
- Glockenklänge an Bismarck 84
-
- Vor Sonnenaufgang 87
-
- Humane Epistel auf deutsche Art 88
-
- *Kampfspruch 90
-
- Werkspruch 90
-
- *Sprüche vom Glück 90
-
- Menschenrecht 90
-
- Machtsprüche 91
-
- Das Spiel der Welt 91
-
- In Summa 92
-
- Lohngesetz 93
-
- Ungleiche Schätzung 93
-
- *Reinertrag 93
-
- *Ewiges Ziel 93
-
- Zwecksprüche 94
-
- Allerlei Menschliches 94
-
- Quintessenz 95
-
- Heldentümliches 95
-
- Humaner Konflikt 96
-
- *Mann und Weib 96
-
- Sprüche der Liebe 96
-
- Spruch in die Ehe 97
-
- *Sprüche der Treue 97
-
- *Einziger Grund 98
-
- *Die ewige Sehnsucht 98
-
- Sprüche der Zeit 98
-
- Sprüche zur Kunst 99
-
- Inhalt der Kunst 99
-
- Maßstäbe 100
-
- *Gesichtspunkte 100
-
- Kunstgenuß 100
-
- Einem und jedem Schöpfer 100
-
- *Den Empfänglichen 101
-
- Den Querköpfen 101
-
- *Den Auslegern 101
-
- *Dichtersprache 102
-
- *Dichterschicksal 102
-
- *Der geduldige Dichter 103
-
- Guter Rat 103
-
- *Den Kennern 104
-
- Den Herren Kritikern 104
-
- Kumpaney 104
-
- Laufbahn 105
-
- *Der Hahnenkampf 105
-
- *Die neue Würde 106
-
- Die verunglückte Göttin 109
-
- *Der Feuergeist 115
-
- Das erlösende Wort 116
-
-
- +Aber die Liebe+
-
- Hieroglyphe 118
-
- Der befreite Prometheus 119
-
- Gethsemane 124
-
- Tragische Erscheinung 127
-
- Einsamkeiten 127
-
- Bergpsalm 129
-
- Lied an meinen Sohn 131
-
- Ausschau bei Nacht 132
-
- Weihnachtsglocken 133
-
- Jesus der Künstler 134
-
- Zu eng 137
-
- Vergißmeinnicht 142
-
- Die Magd 143
-
- Die Armen 144
-
- Vierter Klasse 145
-
- Auf einem Dorfweg 150
-
- Der tote Hund 151
-
- Ein Märtyrer 151
-
- Anno Domini 1812 154
-
- *Ballade vom Volk 156
-
- Drohende Aussicht 157
-
- Dichters Arbeitslied 158
-
- Die stille Stadt 158
-
- Der Arbeitsmann 159
-
- Predigt ans Großstadtvolk 160
-
- Ein Freiheitslied 160
-
- *Märzlied 161
-
- Maifeierlied 161
-
- *Bergarbeiterlied 162
-
- Erntelied 163
-
- *Sturmbild 163
-
- *Die Hafenfeier 164
-
- Drei Blicke 170
-
- Ein Heine-Denkmal 171
-
- Landstreichers Lobgesang 176
-
- Hohes Lied 178
-
- *Ruf an die Kühnsten 179
-
- *Vogel Greif 181
-
- *Die Musik des Mont Blanc 182
-
- *Gebet im Flugschiff 189
-
-
- Jesus und Psyche 190
-
- Bann 196
-
- Unsre Stunde 196
-
- Ohnmacht 197
-
- Büßende Liebe 198
-
- Stromüber 199
-
- Bitte 200
-
- Gastgeschenk 200
-
- Gottes Wille 200
-
- Übermacht 201
-
- Bestürmung 202
-
- Antwort 202
-
- Und dennoch 203
-
- Nur 204
-
- Nächtliche Scheu 205
-
- Menschliche Botschaft 205
-
- Entführung 206
-
- Der Brand 207
-
- Abschied ohn End 208
-
- Dann 209
-
- Bleiche Nacht 209
-
- Trübes Lied 211
-
- *Dahin 211
-
- Lebewohl 212
-
- Ein Stelldichein 213
-
- Chinesisches Trinklied 213
-
- Der Dritte im Bunde 215
-
- Frühlingsrausch 215
-
- Mein Trinklied 216
-
- *Erklärung 218
-
- *Äonische Stunde 218
-
- *Zechers Nachtfeier 218
-
- Fromme Wünsche 219
-
- Lied des vogelfreien Dichters 220
-
- Lied der Gehenkten 221
-
- Rettung zu Gott 222
-
- Mirakel 232
-
- *Stimme von oben 233
-
- Bach’sche Fuge 234
-
- Rembrandts Gebet 234
-
- *Die Schöpferhand 235
-
- *Der letzte Traum 235
-
- Ruhe 236
-
- Ecce Poeta 237
-
- Die ferne Laute 237
-
- Notturno 238
-
- Ein Ewiger 241
-
- Loke der Lästerer 242
-
- Um Ibsens Schatten 247
-
- *Götterhochzeit 249
-
- *Schöpfungsfeier 250
-
-
- +Die Verwandlungen der Venus+
-
- Das entschleierte Schwesternpaar 255
-
- Anfang der Verwandlungen 272
-
- Venus Anadyomene 274
-
- „ Primitiva 276
-
- „ Pandemos 278
-
- „ Socia 282
-
- „ Excelsior 283
-
- „ Creatrix 285
-
- „ Urania 287
-
- „ Religio 291
-
- „ Madonna 293
-
- „ Mater 294
-
- „ Mamma 295
-
- „ Natura 296
-
- „ Bestia 297
-
- Amor modernus domesticus 301
-
- Venus Adultera 304
-
- „ Maculata 306
-
- „ Perversa 307
-
- „ Mystica 309
-
- „ Idealis 311
-
- „ Metaphysica 315
-
- „ Occulta 323
-
- „ Vita 326
-
- „ Mors 328
-
- „ Homo 330
-
- „ Sapiens 332
-
- „ Fantasia 334
-
- „ Regina 335
-
- „ Consolatrix 343
-
- „ Universa 346
-
- „ Heroica 348
-
- „ Mea 350
-
- Schluß der Verwandlungen 351
-
-
-
-
- Erlösungen
-
- Gedichte und Sprüche
-
- Vierte Ausgabe
-
-
-
-
-Denkzettel für den verehrten Leser
-
-
- Verehrter Leser! Mensch! ich beschwör dich:
- lies mich richtig, Mensch, oder scher dich!
- Nämlich das Lesen von Gedichten
- ist zwar sehr einfach zu verrichten,
- aber gerade die einfachen Sachen
- pflegt bekanntlich der Mensch sich schwer zu machen.
- Vor allem: such keinen „Grundgedanken“!
- sonst kommen deine paar Sinne ins Wanken.
- Will ich dir meine Gedanken reichen,
- schreib ich Sprüche, Aufsätze und dergleichen.
- Gedichte sind keine Abhandlungen;
- meine Gedichte sind Seelenwandlungen.
- Selbe vollziehen sich aus Gefühlen,
- die den ganzen Menschen aufwühlen.
- Solch ein Gefühl, das steigt dann zu Kopfe,
- sträubt mir manchmal die Haare vom Schopfe,
- setzt mir meine paar Sinne in Schrecken,
- daß sie plötzliche Luftbilder hecken;
- die greifen einander in buntem Lauf,
- jagen wohl auch Gedanken mit auf,
- die dann über dem Grunde schaukeln,
- etwa wie Schmetterlinge gaukeln
- um eine große glühende Blume
- über dem Brodem der Ackerkrume,
- und so fang ich sie auf im Nu,
- weiß wohl wie, weiß nicht wozu,
- ist eine planvoll zwecklose Geschichte,
- kurz -- ich erlebe meine Gedichte.
- Und, merk dirs, kein Erleben geschieht aus Gedanken;
- ach, die Gedanken sind nur Ranken,
- die wir arabeskenhaft flechten
- um Manifeste von grundlosen Mächten.
- Denn das Leben hat kein Gehirn,
- verwirrt dir höchstens Dein Gehirn,
- wird dir nur mit Schmerz oder Lust
- als ein beseelender Wille bewußt,
- der dich unsinnig treibt und lockt,
- und den zu verdauen, Mensch, unverstockt,
- mit unsern paar Sinnen, für Heid wie Christ
- die wahre Seelenseligkeit ist.
- Drum, verehrter Leser, Mensch, ich beschwör dich:
- verdau mich ebenso! sonst scher dich!
- Und verwirrt dich doch mal mein Gewühl,
- so schieb’s nur, bitte, aufs Grund+gefühl+!
- Wie ich auch hier nur, möglichst hold,
- einem törichten Ingrimm Luft machen wollt.
-
-
-
-
- Erster Abschnitt
-
-
- *
-
-
-
-
-Freudenruf
-
-
- O freu dich, Mensch: Deine Welt erschallt!
- Überall ist Frühling, wo dein Herz nachtigallt!
- Menschenlieder, ihr schwanken
- Meer- und Himmels-Gedanken,
- Berg-, Fluß-, Fluren-Träume,
- Wolken- und Wellen-Schäume,
- Waldversunkenheiten,
- Sternentrunkenheiten,
- Wein- und Blumen-Gelüste,
- schwellende Lippen und Brüste
- bis hinauf zur Sonne --
- ja: ihr wiegt uns in Wonne!
-
-
-
-
-Deutsches Lied
-
-
- Mich drängt zu singen
- deutschen Geistes Kraft.
- Erde nimmt Himmelschwingen,
- wenn er dich, Volk, aufrafft.
-
- Über die Eichenkronen
- stürmt er zugvogeldreist
- in alle Zonen,
- wenns ihn zur Tat hinreißt.
-
- Welten schweben nieder,
- wenn er träumen will;
- Himmel nimmt Erdgefieder,
- heimatstill.
-
- Mag er zu schlafen scheinen,
- wenn er ruht:
- plötzlich durch all die Seinen
- zuckt Morgenglut.
-
- Mit einem Märchenlachen
- heller Verwegenheit
- hörst du, Volk, ihn erwachen.
- O Geist der Herrlichkeit!
-
-
-
-
-An mein Volk
-
-
- Ich möchte wohl geliebt von Vielen sein,
- und auch geehrt; ich weiß es wohl.
- Aber niemals soll
- mein Stolz und Wert mir drum gemein
- mit hunderttausend Andern sein.
-
- Ich hab ein großes Vaterland:
- zehn Völkern schuldet meine Stirn
- ihr bißchen Hirn.
- Ich habe nie das Volk gekannt,
- aus dem mein reinster Wert entstand.
-
- In meiner Heimat steht ein Baum,
- den liebe ich, der steht sehr stolz
- mitten im Mittelholz.
- Da träumt ich manchen jungen Traum;
- er wurzelt tief, der hohe Baum.
-
- Da träumt ich, daß der Mensch allein
- dem hunderttausendfachen Bann
- entwachsen kann:
- bis auch die Völker sich befrein
- zum Volk! -- mein Volk, wann wirst du sein?
-
-
-
-
-Auf den Weg
-
-
- Jugendsehnen, Jugendirren:
- ach, was mag sich draus entwirren!
- Nimmer ruht der Wünsche Spiel,
- jeder Tag entfernt das Ziel.
-
-
-
-
-Antrieb
-
-
- Jüngling, du bist frei zum Flug;
- sei nur immer Manns genug!
- Spring aufs Glücksrad, rolle, rolle
- durch die Welt, die wettlauftolle;
- nimm als Lohn die eigne Bahn,
- aller Ruhm ist fremder Wahn.
-
-
-
-
-Welt und Zeit
-
-
- Es klagt die Zeit: die Welt vergreist,
- wo ist der alte heilige Geist!
- Indeß liegt Seine Heiligkeit
- im Schooß der Jungfrau Sinnlichkeit,
- was zwar die Jungfernschaft befleckt,
- doch eine junge Welt ausheckt.
- Dann ruft die Zeit: Halleluja,
- der heilige Geist ist wieder da!
-
-
-
-
-Bekenntnis
-
-
- Ich will ergründen alle Lust,
- so tief ich dürsten kann;
- ich will sie aus der ganzen Welt
- schöpfen, und stürb’ ich dran.
-
- Ich wills mit all der Schöpferwut,
- die in uns lechzt und brennt;
- ich +will+ nicht zähmen meiner Glut
- heißhungrig Element.
-
- Ward ich durch frommer Lippen Macht,
- durch zahmer Küsse Tausch?
- Ich ward erzeugt in wilder Nacht
- und großem Wollustrausch!
-
- Und will nun leben so der Lust,
- wie mich die Lust erschuf.
- Schreit nur den Himmel an um mich,
- ihr Beter von Beruf!
-
-
-
-
-Grundsatz
-
-
- Nicht zum Guten, nicht vom Bösen
- wollen wir die Welt erlösen,
- nur zum Willen, der da schafft;
- Dichterkraft ist Gotteskraft.
-
-
-
-
-Selbstzucht
-
-
- Mensch, du sollst dich selbst erziehen.
- Und das wird dir mancher deuten:
- Mensch, du mußt dir selbst entfliehen.
- Hüte dich vor diesen Leuten!
-
- Rechne ab mit den Gewalten
- in dir, um dich. Sie ergeben
- zweierlei: wirst Du das Leben,
- wird das Leben dich gestalten?
-
- Mancher hat sich selbst erzogen;
- hat er auch ein Selbst gezüchtet?
- Noch hat Keiner Gott erflogen,
- der vor Gottes Teufeln flüchtet.
-
-
-
-
-Wen’s trifft
-
-
- Schicksal hämmert mit blinden Schlägen:
- Wachs bleibt Wachs, Gold läßt sich prägen,
- Eisen wird Stahl, Glas zerspringt --
- springt an hundert eiserne Türen,
- keine Klinke will sich rühren,
- die den Scherben Rettung bringt.
-
-
-
-
-Die geflügelte Fackel
-
-
- Du wünschtest dir und deinem Haus ein Zeichen,
- das euch für alle Zeit ein Glücksbild sei;
- doch welches Gleichnis ist so reich und frei,
- so vieler Seelen Wünsche auszugleichen?
-
- Wir möchten alle gern das Glück erreichen,
- das endlich eint dies ewige Zweierlei;
- doch fass ich meins, geht deins vielleicht entzwei.
- So lag und sann ich über solch ein Zeichen.
-
- Da träumte mir: Gewappnet mit zwei Schwingen
- kam eine Fackel durch die Nacht geweht.
- Sie loderte; die Sterne alle hingen
- wie Mücken nach der Flamme hingedreht.
- Und ihr Emporflug trieb mich aufzuspringen:
- dies Zeichen gilt für Jeden, der’s versteht!
-
-
-
-
-Die Glocke im Meer
-
-
- Ein Fischer hatte zwei kluge Jungen,
- hat ihnen oft ein Lied vorgesungen:
- Es treibt eine Wunderglocke im Meer,
- es freut ein gläubig Herze sehr,
- das Glockenspiel zu hören.
-
- Der eine sprach zu dem andern Sohn:
- Der alte Mann verkindet schon.
- Was singt er das dumme Lied immerfort;
- ich hab manchen Sturm gehört an Bord,
- noch nie eine Wunderglocke.
-
- Der andre sprach: Wir sind noch jung,
- er singt aus tiefer Erinnerung.
- Ich glaube, man muß viel Fahrten bestehn,
- um dem großen Meer auf den Grund zu sehn;
- dann hört man es auch wohl läuten.
-
- Und als der Vater gestorben war,
- fuhren sie weg mit braunblondem Haar.
- Und als sie sich grauhaarig wiedertrafen,
- dachten sie eines Abends im Hafen
- an die Wunderglocke.
-
- Der eine sprach, verdrossen und alt:
- Ich kenne das Meer und seine Gewalt.
- Ich hab mich zuschanden auf ihm geplagt,
- hab auch manchen Gewinn erjagt;
- läuten hört ich es niemals.
-
- Der andre sprach und lächelte jung:
- Ich gewann mir nichts als Erinnerung;
- es treibt eine Wunderglocke im Meer,
- es freut ein gläubig Herze sehr,
- das Glockenspiel zu hören.
-
-
-
-
-Der Pirat
-
-Nach José de Espronceda
-
-
- Mit zehn Kanonen, blank an Bord,
- mit vollen Segeln vor dem Wind,
- die flink wie Möwenflügel sind,
- streicht eine Barke durch die Flut:
- die Barke des Piratenherrn,
- auf allen Meeren ausgekannt
- von einem bis zum andern Strand,
- der „Hai“ getauft für seinen Mut.
-
- Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
- im Tauwerk rauft und pfeift der Wind;
- ein langer Silberstreifen rinnt
- breit durch die blaubewegte Flut.
- Und der Piratenkapitän
- sitzt singend hoch an Steuers Rand,
- links Asiens, rechts Europens Strand,
- und singt und singt und schwenkt den Hut:
-
- „Fliege, mein Segler, fliege,
- unverzagt;
- fliegst und segelst zum Siege!
- Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,
- der Himmelslaunen, der feindlichen Schiffe,
- weil dein Herr sein Leben wagt!
- Zwanzig Prisen
- haben wir gemacht,
- haben die Staatsmützen
- ausgelacht;
- hundert Nationen
- liegen und grüßen hier
- mit ihren Flaggen
- zu Füßen mir.
- Denn meine Barke ist mein Reichtum,
- denn mein Gesetz ist mein Begehr,
- mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,
- mein einzig Vaterland das Meer.
-
- „Könige streiten da drüben
- in blinder Gier
- um ein paar Äcker Rüben.
- Seht, ich lache! Meine Gefilde
- reichen, soweit das weite wilde
- Meer entrollt sein frei Panier.
- Da ist kein Wimpel,
- wie er auch glänze,
- da keine Küste,
- wo sie auch grenze,
- die nicht Salut getan
- meinem Geschlecht,
- die nicht erkannten
- mein Hoheitsrecht.
- Denn meine Barke ist mein Reichtum,
- denn mein Gesetz ist mein Begehr,
- mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,
- mein einzig Vaterland das Meer.
-
- „Kaum schrein vom Mars die Jungen:
- Schiff in Sicht!
- rennt’s schon mit vollen Lungen.
- Hoi, alle Segel breit, Fersengeldsegel,
- rennt es und rennt es; denn diese Flegel
- lieben den König der Meere nicht.
- Aber wie Brüder
- Ich und Ihr,
- meine Getreuen,
- teilen die Beute wir.
- Ein einzig Eigentum
- nehm ich für mich
- ohne Rivalen:
- dich, Schönheit, dich!
- Denn meine Barke ist mein Reichtum,
- denn mein Gesetz ist mein Begehr,
- mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,
- mein einzig Vaterland das Meer.
-
- „Verdammt zum Höllenfeuer,
- zum Tod am Strick,
- sitz ich und lache euer!
- Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange,
- den häng ich auf an der Segelstange,
- vielleicht von seiner eignen Brigg!
- Und wenn ich falle:
- was ist das Leben!
- Hab es schon damals
- verloren gegeben,
- als ich die Kette brach,
- als ich, ein Held,
- mir schuf mein eigen Recht,
- mir meine Welt.
- Denn meine Barke ist mein Reichtum,
- denn mein Gesetz ist mein Begehr,
- mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit,
- mein einzig Vaterland das Meer.
-
- „Melodieen wie brausend
- Orgelgewühl
- spielt mir im Nachtsturm, sausend,
- meiner geschüttelten Taue Gestöhne,
- meiner Kanonen Donnergedröhne
- und des schwarzen Meeres Gebrüll.
- Von ihren tobenden
- Liedern umschnoben,
- geh ich zur Ruhe,
- wogenumwoben,
- jubelnde Zungen
- rund um mich her,
- in Schlaf gesungen
- vom Meer, vom Meer.
- Denn meine Barke ist mein Reichtum,
- denn mein Gesetz ist mein Begehr,
- mein Gott der Wind, mein Reich die Freiheit,
- mein einzig Vaterland das Meer!“
-
- Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
- im Tauwerk rauft und pfeift der Wind;
- ein langer Silberstreifen rinnt
- breit durch die blaubewegte Flut.
- Und der Piratenkapitän
- lehnt schweigend hoch an Steuers Rand,
- links Asiens, rechts Europens Strand,
- tief in die Stirn gedrückt den Hut.
-
- Mit zehn Kanonen, blank an Bord,
- mit vollen Segeln vor dem Wind,
- die flink wie Möwenflügel sind,
- streicht seine Barke durch die Flut:
- die Barke des Piratenherrn,
- auf allen Meeren ausgekannt
- von einem bis zum andern Strand,
- der „Hai“ getauft für seinen Mut.
-
-
-
-
-An die Ersehnte
-
-
- Ich habe dich Gerte getauft, weil du so schlank bist
- und weil mich Gott mit dir züchtigen will,
- und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist
- wie in schmächtigen Pappeln im April.
-
- Ich kenne dich nicht -- aber eines Tages
- wirst du im Sturm an meine Türe klopfen,
- und ich werde öffnen auf dies Klopfen,
- und meine zuchtlose Brust wird gleichen Schlages
- an Deine zuchtlosen Brüste klopfen.
-
- Denn ich kenne dich -- deine Augen glänzen wie Knospen,
- und du willst blühen, blühen, blühen!
- und deine jungen Gedanken sprühen
- wie gepeitschte Sträucher an Sturzbächen;
- und du möchtest wie ich den Stürmen Gottes trotzen
- oder zerbrechen!
-
-
-
-
-Im Fluge
-
-
- Ganz in Eines flocht, o Gott, der Tanz
- unsre bang beseligten Gestalten;
- und ich sah, ihr schweres Haar war ganz
- von dem einen Silberpfeil gehalten.
-
- Und da hob sich schon ihr Mund und bog
- sich mir dar mit bittendem Gefühle;
- willenlos ein Blick, und im Gewühle
- blitzt der Pfeil auf, der zu Boden flog.
-
- Und sie senkte tief ihr heiß Genick,
- plötzlich ganz von ihrem Haar umflossen;
- und ich habe diesen Augenblick,
- den mir Gott gegeben hat, genossen.
-
-
-
-
-Entzückung
-
-
- Hab ich schon mit dir gespielt,
- als wir Kinder waren,
- scheu um Nachbars Ecke geschielt
- nach deinen flirrenden Haaren?
-
- Wenn mich nur dein Atem streift,
- fühl ich uns durchs Haidekraut springen;
- wenn mich deine Hand ergreift,
- möcht ich mit dir ringen.
-
- Bist du doch so schlank und schmeid,
- daß ich Tag für Tag sinne:
- Spielst du mit mir Engelsmaid
- oder Frau Teufelinne?
-
- Denn in Nächten, da schwing ich dich
- flügeltraumwild um hohe Feuer:
- O, umschling, umschlinge mich,
- glühendes Abenteuer!
-
-
-
-
-Durch die Blume
-
-
- Ich kann dir nicht die Blume nennen,
- der deine Seele gleicht.
- Sie müßte tief scharlachen brennen.
- Solche Blumen welken leicht.
-
- Und wen ihr roter Liebreiz bannt,
- der möchte sie verjüngen
- und muß tief herum den Sand
- mit seinem Blute düngen.
-
-
-
-
-Entbietung
-
-
- Schmück dir das Haar mit wildem Mohn,
- die Nacht ist da,
- all ihre Sterne glühen schon.
- All ihre Sterne glühn heut Dir!
- du weißt es ja:
- all ihre Sterne glühn in mir!
-
- Dein Haar ist schwarz, dein Haar ist wild
- und knistert unter meiner Glut;
- und wenn die schwillt,
- jagt sie mit Macht
- die roten Blüten und dein Blut
- hoch in die höchste Mitternacht.
-
- In deinen Augen glimmt ein Licht,
- so grau in grün,
- wie dort die Nacht den Stern umflicht.
- Wann kommst du?! -- Meine Fackeln lohn!
- laß glühn, laß glühn!
- schmück mir dein Haar mit wildem Mohn!
-
-
-
-
-Ihr Wunsch
-
-Nach Pierre Louys
-
-
- Manche hüllt sich in weiße Wolle.
- Manche ziert sich mit Seide und Gold.
- Manche schmückt sich mit Blumen,
- mit grünen Blättern und Früchten.
-
- Ich, ich möchte nur nackt leben.
- Nimm mich, Geliebter, wie ich bin:
- ohne Kleid, ohne Schmuck, ohne Schuhe:
- sieh, hier stehe ich, ganz nur ich!
-
- Meine Haare sind schwarz von ihrem Schwarz.
- Meine Lippen sind rot von ihrem Rot.
- Meine Haut schimmert reizender
- als eine offne Muschel im Mondschein.
-
- Nimm mich, wie meine Mutter mich machte
- in einer fernen Liebesnacht.
- Und wenn ich dir gefalle so,
- dann vergiß nicht, es mir zu sagen!
-
-
-
-
-Die Umworbene
-
-Nach Pierre Louys
-
-
- Der Erste hat mir einen Schmuck geschenkt,
- einen Schmuck aus Perlen, der eine kleine Stadt wert ist,
- samt den Denkmälern und der Kirche,
- dem Rathaus und der Steuerkasse.
-
- Der Zweite hat mir Verse gemacht.
- Er hat gesagt, ich sei viel holder
- als eine Seerose im Morgenrot
- und scheuer als der Abendwind.
-
- Der Dritte war so schön,
- daß seine Schwester sich umgebracht hat,
- weil er sie nicht mehr küssen wollte.
- Ich hätt ihm nur zu winken brauchen.
-
- Du, du hast mir nichts gesagt.
- Du hast mir nichts geschenkt, denn du bist arm.
- Und bist nicht schön.
- Aber dich liebe ich.
-
-
-
-
-Der Rächer
-
-
- Durch die schlafende Lagune
- zieht ein langer stiller Kahn
- seine Bahn;
- einsam zieht er durch das Dunkel,
- durch das sanfte Flutgefunkel,
- wie ein großer schwarzer Schwan.
-
- Aber nun: im Zelt der Gondel
- fallen Worte schwer voll Glut.
- Und die Flut
- ebnet sich in weiten Kreisen;
- drohend wird der Ton der leisen
- Laute, und das Ruder ruht.
-
- Donna Anna, deine Schwüre
- sind noch dunkler als die Nacht!
- Stolz verlacht
- hab ich Alle, die dich schalten,
- aber -- wenn sie Recht behalten:
- hüte dich! ein Rächer wacht!
-
- „Liebster, willst du mich betrüben?
- Sieh doch: hab ich denn von Lust
- je gewußt,
- eh du diesen Leib berührtest,
- dies gescholtne Herz verführtest?“
- sinkt sie ihm an Hals und Brust.
-
- Sag mir -- will er herrisch wehren,
- aber an ihm liegt sie dicht:
- „Fühlst du’s nicht?
- Wie der Vogel in die Weiten,
- sehn ich mich nach Seligkeiten!“
- hebt sie schmachtend ihr Gesicht.
-
- Und er sieht und fühlt bezwungen
- ihrer Augen dunkle Macht;
- schwer und sacht
- rauscht ihr Kleid im Ampelschimmer,
- rötlich schwankt das Gondelzimmer,
- Küsse stöhnen durch die Nacht.
-
- Und sie unterdrückt ein Lachen:
- wie er von ihr trunken ist,
- sich vergißt!
- Doch ihr Spott ist kaum verflogen:
- wütend über sie gebogen
- sieht er ihre Dirnenlist.
-
- Und ein Ringen. Und ein Keuchen.
- „Gott, Erbarmen“ -- bricht ein Schrei
- dumpf entzwei.
- Hohl ein Brodeln im Kanale.
- Stille wirds mit einem Male.
- Furchtsam flüstert er: Vorbei.
-
- Flüstert’s furchtsam wie im Traume,
- küßt im Traume ihren Mund
- weinend wund,
- hört sie um Erbarmen flehen,
- und als könnt er sie noch sehen,
- starrt er in den blauen Schlund.
-
- In der dunklen Wasserschale
- sieht er ruhn den weißen Mond,
- ruhn den Mond,
- sieht er winken die versunknen
- weißen Arme und die trunknen
- Lippen, oh so lieb gewohnt.
-
- Und nun öffnet sie die Augen,
- und von tiefer dunkler Macht
- schwer und sacht
- fühlt er sich hinabgezogen,
- sinkt er in die warmen Wogen,
- schließt sich über ihm die Nacht.
-
- Durch die schlafende Lagune
- wie ein großer schwarzer Schwan
- irrt ein Kahn.
- Willst du auf den Leuchtturm klimmen,
- siehst du fern ein Ruder schwimmen
- auf der glatten Wasserbahn.
-
-
-
-
-Die Tochter der Sonne
-
-
- Noch war Polen nicht verloren,
- Warschau schwirrte von Maskenfesten.
- Die Kavaliere klirrten mit silbernen Sporen
- um die Gunst der Damen in den Palästen.
- Oder sie tranken den edlen Wein
- gegen die edle Herzenspein
- unter den goldgestickten Westen.
- Nur ganz leise die Greise beim Spiel der Karten
- sprachen von Wettern, die Polen umstarrten --
- da erschien die Tochter der Sonne.
-
- Es war nicht Maria Lubmirska; wohl war die schön,
- als Aurora frisiert mit Brillanten.
- Wohl kam die Potocka mit Hörnergetön
- als Diana, in Brüsseler Kanten.
- Auch die Fürstin Sapieha im Luna-Korsett
- tanzte wieder wunderbar Menuett
- mit den andern Beautés und Charmanten.
- Aber Franziska Krasinska war schöner als sie;
- frei von Locken umströmt bis an die Knie
- kam die Tochter der Sonne.
-
- Sie hatte geträumt von dem weißen Aar,
- der Polens Schild retten würde;
- und der Schild wies ihr Bild mit gekröntem Haar,
- und der Vogel trug leicht die Bürde.
- Sie trat in den Saal wie gen Himmel entrückt,
- nur mit flimmerndem Flor wie mit Strahlen geschmückt
- und mit ihrer Jungfraunwürde.
- Und Prinz Karl sah nur sie, tanzte nur mit ihr,
- dem armen Fräulein von Sandomir --
- O, du Tochter der Sonne!
-
- Wenn ich eine Krone begehre, so ist es nur,
- deine keusche Stirne damit zu schmücken!
- Und sie hörte scheu den artigen Schwur
- und floh in den Park vor Entzücken.
- Sie hörte ihn ewige Treue lallen,
- nur die Bäume waren Zeugen, die Nachtigallen,
- und am Weiher tanzten die Mücken.
- Sie hörte, sie wehrte, sie ließ nicht nach,
- bis Prinz Karl ein Held zu werden versprach;
- o! wie strahlte die Tochter der Sonne.
-
- Sie strahlte den ganzen Sommer lang,
- schon fegte den Park der Regen,
- da ward Seine Hoheit liebeskrank
- und bedräute sich selbst mit dem Degen.
- Durch Warschaus Gassen jagte der Schnee,
- da raste ein nächtliches Mietcoupé
- dem Tempel Hymens entgegen.
- In geheimer Kapelle, so kalt sie war,
- kniete prinzliche Hoheit am Traualtar,
- kniete die Tochter der Sonne.
-
- Wie glühte des Königssohnes Gesicht
- im fröstelnden Schein der Kerzen!
- wie glänzten in dem spärlichen Licht
- die geweihten wächsernen Herzen!
- Doch als er am dritten Morgen erwachte
- und als sie noch immer an Polen dachte,
- begann er gnädigst zu scherzen.
- Er steckte den Trauring ins Gilet
- und erhob sich gähnend vom Kanapee --
- da erblich die Tochter der Sonne.
-
- Sie dachte noch manch verhärmtes Jahr,
- daß er Polens Schild retten würde.
- Denn Prinz Karl blieb der Königssohn, der er war,
- und trug wahrlich leicht seine Bürde.
- Er ließ sie, mit seinem Kind an der Hand,
- polnisch betteln gehn von Land zu Land
- um ihre Frauenwürde.
- Von Kloster zu Kloster, von Hofe zu Hofe,
- wie eine entlohnte Kammerzofe,
- irrte die Tochter der Sonne.
-
- Dreißig Jahre schleppte sie Schmach und Schmerz,
- Warschau klirrte von russischen Sporen,
- da schien ihr endlich die Sonne aufs Herz:
- wohl war Polen, Polen verloren,
- doch ihr Bett umstanden Hofärzte zuhauf
- und schnitten die todkranke Brust ihr auf,
- und zwischen den Herrn Doktoren
- stand ihr hoher Gemahl zu Tränen erweicht:
- ~pauvre cœur, pauvre cœur~ -- sei die Erde dir leicht --
- oh, du Tochter der Sonne.
-
-
-
-
-Wollust
-
-Nach Shakespear
-
-
- In wüster Schmach Vergeudung heiliger Glut
- ist Wollust, wenn sie praßt; und eh sie praßt,
- roh, schamlos, tierisch, aller Welt zur Last,
- meineidig, tückisch, voller Gier nach Blut.
-
- Gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt;
- sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht,
- sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht,
- als hätt ein Tollwurm die Vernunft zerfetzt.
-
- Wahnwitz im Rausch, Wahnwitz in Wunsch und Wahl,
- maßlos im Taumel vor, nach, in der Brunst,
- erdürstet Überglück, genossen Dunst,
- verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual --
- Ach! Jeder kennt und Jeder geht den Weg:
- zu dieser Hölle diesen Himmelssteg.
-
-
-
-
-Ein Brandbrief
-
-
- „Schöne und geliebte Dame“ --
- wenn die Kühnheit uns erlaubt ist;
- oder, wenn sie nicht erlaubt ist,
- „Gnädiges, verehrtes Fräulein“ --
- hehre Schwester in Apoll!
-
- Höchst prosaisch, aber desto
- mehr gelesen ist das Prachtwerk,
- höchstens noch der Bildungs-Meyer
- ist in Deutschland mehrgelesner
- als dies Prachtwerk, drin wir eben
- mit dem großen Blick der Freude
- und mit kleinen Lettern Euer
- holdes Dichterheim entdeckten,
- nämlich im Adreßkalender:
- Numro dreizehn, Blühmkes Hof.
-
- Ach, der Eine von den beiden
- höflichst Endesunterschriebnen
- kann den Sonntag nicht vergessen,
- jenen Sonntag, Donna Agnes,
- als wir unter den Akazien
- auf dem schmalen tiefen Sandweg,
- neben dem Kartoffelacker
- mit den vielen rosaroten
- abendlich beglänzten Blümlein,
- von den kleinen Kindern schwärmten,
- ganz besonders von den dicken,
- die Sie gern anbeißen möchten,
- ach, und dann auch von den großen,
- aber leider ziemlich magern
- Kindern, jenen unverblümten
- Liebesdichtern, die Sie, glaub’ich,
- auch am liebsten beißen möchten,
- ach, und von dem -- Herrn Major.
-
- Nein, er wird es nie vergessen,
- nie und nimmer, dieser Eine.
- Und der Andre von den beiden
- höflichst Endesunterschriebnen
- hat vor Neid kaum essen können
- (achtzig Pfennig ~à la carte~) --
- als ich einmal übers andre
- mein Erlebnis mit geschwenkter
- Gabel in die Lüfte malend
- „unvergeßlich, unvergeßlich“
- schwurbereiten Mundes rief.
- Ach, der Ärmste, dieser Andre:
- melancholisch vor dem leeren
- Teller saß er, saß und knurrte
- durch den dicken, herbstlaubblonden,
- mittaglich bewegten Schnurrbart:
- „Teufel, war der Braten hart!“
-
- Aber ich, ein Arzt für Seelen,
- die sich selbst nicht helfen können,
- winkte mit geschwungnem Messer
- einem schwarzgeschwänzten Bückling:
- „Kellner, bitte, das Rezeptbuch,
- nein, pardon, Adreßbuch mein’ich“ --
- und so fand ich und verschrieb ich
- jenem Andern und mir selber:
- Numro dreizehn, Blühmkes Hof.
-
- Donna Agnes, zwei Verlassne,
- die sich selbst nicht helfen können:
- denn des einen Liebesdichters
- Leib-und-Seelen-Zuflucht hat sich
- in ein Ostseebad verflüchtigt,
- und der andre mit dem dicken
- blonden Schnurrbart hat gar keine:
- zwei von Weib und Welt Verlassne
- flehen hier mit zwanzig Fingern
- um ein hilfbereites Herz.
-
- Donna Agnes, Eures Namens
- keusche Schutzpatronin wird Euch
- mit viel tausend deutschen Lesern
- und noch deutschern Leserinnen
- einst zum Lohne benedeien:
- Donna Agnes, bitte, bitte,
- pumpen Sie uns hundert ℳ!
-
- Wir verpflichten uns auch gerne,
- sie uns selber abzuholen,
- sie und Sie, und anstandshalber
- auch die Sonne mitzubringen,
- echte goldne Sonntagssonne,
- die auch Wochentags kann scheinen,
- einen ganzen halben Tag lang,
- in ein paradiesisches Gärtchen,
- wo es einen himmlischen Sekt gibt,
- wo wir Abends mit den Blättern
- um die Wette schwärmen können,
- mit den Blättern der Akazien
- oder auch der Roßkastanien
- oder des Kartoffelackers,
- von den kleinen dicken Kindern,
- +von+ den Kindern +wie+ die Kinder,
- nur nicht von dem -- Herrn Major.
-
- Item: Eures Winks gewärtig,
- jedem Stephansboten fluchend,
- der nicht Botschaft von Agnesen,
- Botschaft und Entbietung bringt:
- liegen wir (Straubinger Straße,
- Numro fünfzehn, fünfte Treppe)
- Donna Agnes, hehre Schwester,
- ehrerbietigst hier auf unsern
- unverblümten Dichterknieen
- Dir zu Füßen:
- +Richard Dehmel+,
- +Detlev Freiherr Liliencron+.
-
-
-
-
-Die zwölf sittsamen Gastwirte
-
-
- Ihr Alle kennt den Dichter Liliencron,
- den Freiherrn von Poggfred, den reichen armen Baron.
- Doch bevor er sein Luftschloß, sein ewiges, baute,
- war er Hardesvogt auf Pellworm und verdaute
- Akten auf dieser „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“
- in der windigsten Gegend der Nordsee.
-
- Im Amtskreis des Hardesvogts Liliencron
- hatten dreizehn Gastwirte abwechselnd Tanzkonzession.
- Und er ließ die Leute tanzen, soviel sie wollten,
- mit der dollste, wenn sie nach Noten dollten;
- weshalb er noch heute dort der Tanzbaron genannt wird,
- wenn der Wind mal leise seinen Dichternamen hinträgt.
-
- Da erhielt der Hardesvogt Liliencron
- eines Morgens eine Denunziazion:
- Gastwirt Nielsen untergrabe die guten Sitten,
- er habe wiederholt den „Turnus“ überschritten.
- Und verfaßt war das Skriptum nicht etwa vom Herrn Pfarrer,
- sondern von den andern zwölf Gastwirten dieser
- „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“.
-
- Der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron,
- kannte seine lieben guten Sittenwächter schon.
- Und nächsten Nachmittag mußten die zwölf Tugendreinen
- beim Gastwirt Nielsen, ihrem Konkurrenten, amtlich „erscheinen“ --
- und der Hardesvogt sprach vor Vernehmung des Tatbestandes:
- Nu laat uns mal fix ierst ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!
-
- Alsdann ließ leutselig der Herr Baron
- den Ersten sich äußern, ohn Ansehn der Person.
- Er ließ ihn weitschweifig immer weiter schweifen,
- er hörte wohl draußen die Möwen keifen,
- bis der nichts mehr wußte -- da sprach der Herr Hardesvogt:
- Denn laat uns man fix noch ’n lütt Runn’ Grogk kriegn!
-
- Und dann ließ der leutselige Herr Baron
- den Zweiten sich äußern, im nämlichen Ton.
- Er hörte wohl draußen über den Deichen
- die Schneegänse schnatternd durchs Abendrot streichen --
- bis er abermals sprach: Na denn, miene Herrn,
- denn laat uns man noch so’ne lütt Runn’ Grogk kriegn!
-
- Und dann lauschte dem dritten und vierten Sermon
- der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron.
- Er hörte derweil wohl draußen im Grauen
- einen wilden Schwan sich Bahn durch den Nebel hauen --
- bis Gastwirt Nielsen Licht machte und höflich meinte:
- Schall’t denn woll noch so’ne lütt Runn’ Grogk sien?
-
- Und so hörte der Hardesvogt Liliencron
- alle zwölf Konkurrenten, ohn Ansehn der Person.
- Und als der zwölfte seinen Sermon geschlossen,
- da war die siebente Runde Grogk genossen,
- und das machte pro Mann eine Mark und fünfundsiebzig
- oder zusammen zweiundzwanzig Mark fünfundsiebzig.
-
- Da erhob sich der deutsche Dichterbaron
- und sprach im königlich preußischen Regierungston:
- Der p. p. Nielsen hat sich fraglos als sittenlos erwiesen,
- und somit tu ich hiermit demselben zu wissen:
- er zahlt eine Ordnungsstrafe im Betrag von drei Reichsmark --
- Adjüs, miene Herrn! --
-
- Da erhielt der Hardesvogt Liliencron
- nie wieder eine Denunziazion.
- Aber leider trat die hohe Regierung
- mit seinem Tanzbein in zarte Berührung;
- item ist er auf Poggfred, sein ewiges Luftschloß, gezogen,
- denn da tanzen wir alle nach seinem Fidelbogen.
- Alle! --
-
-
-
-
-Eine gantz neu Schelmweys
-
-Zu singen im Tone des weilandt Magistri Pfefferfraß
-
-
- Wir Schelmbe sind ein feinen hauff,
- da kann kein HErrgott wider auf;
- die Welt ist voll von Unsern Preiß,
- seit Adam stahl im Paradeys.
- Hosianna!
-
- Uns bleibt kein geldt in vnsern sack,
- Wir synd ein fürnemb Lumpenpack,
- Wir han das Allergrößt gefolg,
- kein fuerst vnd Hertzog hat ein solch.
- Hurrra!
-
- Zu nie keyn diensten taugen Wir
- als für dem Edlen Malwesier.
- Dem tun wir fröhnden, nimmer faul:
- ein jede Flaschen findt jr maul.
- Hoppla!
-
- Wir han nit weib, wir han nit kindt,
- Wir sind die rechten Sausewind.
- Vnd läßt uns Eine Dirn nit ein,
- die ander wird so süsser seyn!
- Eia!
-
- Wir schieren umb kein pfaff uns nit,
- Wir han unß Eignen segen mit.
- Vnd pfeiffen wir am letzten loch:
- der TEuffel nimbt in Gnad vns doch!
- Sela!
-
-
-
-
-Novemberfahrt
-
-
- Ja lacht nur, lacht, am Straßenrand
- ihr pelzvermummten Gaffer!
- Uns hat aus härterm Lehm gebrannt
- der Wein- und Weiber-Schaffer.
- Und wenn wir etwas zittrig sind
- und etwas rot die Nase,
- so meint nur nicht, das sei vom Wind:
- das Wetter steckt im Glase!
-
- Wir fahren in die Welt hinein,
- wenns Uns gefällt und gut scheint;
- wir fahren in dem Sonnenschein,
- der unter unserm Hut scheint.
- Und wenn die olle Sonne sieht
- so junge Dreistewichte,
- dann wird sie gleich vor Angst verliebt
- und macht ihr schönst Gesichte.
-
- Hurrah, Novembersonnentag,
- du Wunderwanderwetter,
- derweil am Herd das Zimperpack
- sich wärmt den Katterletter.
- Hurrah, so herb dein Reiz und Duft,
- so würzig und voll Schwere!
- Hurrah, ich schlürfe deine Luft,
- als ob es Rheinwein wäre!
-
-
-
-
-Der brave Strubel
-
-
- Unser Hofhund, Strubel heißt er,
- ist gar lobesam;
- nur die Ruhestörer beißt er,
- denen ist er gram.
-
- Ach, er liefe gern den Katzen
- durch den Garten nach;
- bellt auch gerne nach den Spatzen
- auf dem Scheunendach.
-
- Doch er muß darauf verzichten,
- folgsam seinem Herrn;
- denn er ist ein Hund mit Pflichten
- und gehorcht wohl gern.
-
- Wenn dann Väterchen ihm schmeichelt
- „hast es brav gemacht“
- und das Kinn ihm gnädig streichelt,
- ists als ob er lacht.
-
- Und wie schön kann Strubel springen
- und kann aufrecht gehn,
- kann Verlornes wiederbringen
- und kann Schildwach stehn!
-
- Demut, Biedersinn und Treue
- sind in ihm vereint,
- und wir preisen stets aufs neue
- Strubel, unsern Freund.
-
-
-
-
-Frecher Bengel
-
-
- Ich bin ein kleiner Junge,
- ich bin ein großer Lump.
- Ich habe eine Zunge
- und keinen Strump.
-
- Ihr braucht mir keinen schenken,
- dann reiß ich mir kein Loch.
- Ihr könnt euch ruhig denken:
- Jottedoch!
-
- Ich denk von euch dasselbe.
- Ich kuck euch durch den Lack.
- Ich spuck euch aufs Gewölbe.
- Pack!
-
-
-
-
-Fräulein Leichtfuß
-
-
- Klein Fräulein Leichtfuß läßt sich gehn --
-
- Nur zu! Laß nur die Leute stehn,
- die fremd und finster dich besehn,
- und lach sie aus, die Lastkameele!
-
- Nur zu! Es kommt ein Tag, da blickst
- du fremd dich selbst an und erschrickst
- vor der Beladenheit der Menschenseele --
-
- Magst du den Anblick leicht bestehn!
-
-
-
-
-Zuspruch
-
-
- Du rennst nach eignem Ziel und Sinn,
- da kommt das Leben angefahren
- und nimmt dich mit an Hirn und Haaren;
- o nimm es hin.
-
- Noch stürmt dein Herz: ich will, ich will!
- und wilder blutet deine Wunde.
- O laß. Vielleicht noch eine Stunde,
- dann steht es still.
-
-
-
-
-Epitaph
-
-
- Eignes Leid und fremde Klage,
- einst ist alles schöne Sage.
-
-
-
-
-Ermutigung
-
-
- Nimm dein Schicksal ganz als deines!
- Hinter Sorge, Gram und Grauen
- wirst du dann ein ungemeines
- Glück entdecken: Selbstvertrauen.
-
-
-
-
-Nächtliche Frage
-
-
- Was bebt und bangt so wehe
- mein Herz empor,
- wenn ich dort oben sehe
- der Sterne Chor?
-
- Wie freie Seelen winken,
- so bannt den Blick
- ihr wandelbares Blinken:
- steig an zum Glück!
-
- Wie reine Geister glänzen,
- so mahnt ihr Licht:
- steig auf aus deinen Grenzen,
- sie wehren’s nicht!
-
- Und immer dann dies Beben,
- und immer mehr.
- O Stäubchen, Menschenleben,
- und doch zu schwer?
-
-
-
-
-Vorgefühl
-
-
- Es ist ein Schnee gefallen,
- hat alles Graue zugedeckt,
- die Bäume nur gen Himmel nicht;
- bald trinkt den Schnee das Sonnenlicht,
- dann wird das alles blühen,
- was in der harten Krume jetzt
- kaum Wurzeln streckt.
-
-
-
-
-Mädchenfrühling
-
-
- Aprilwind.
- Alle Knospen sind
- schon aufgesprossen;
- rings sprießt der Grund.
- Und +sein+ Mund
- bleibt verschlossen? --
-
- Maisonnenregen.
- Alle Blumen langen,
- heimlich aufgegangen,
- dem Licht entgegen,
- dem lieben Licht.
- +Fühlt+ ers nicht? --
-
-
-
-
-Leises Lied
-
-
- In einem stillen Garten,
- an eines Brunnens Schacht,
- wie wollt ich gerne warten
- die lange graue Nacht.
-
- Viel helle Lilien blühen
- um des Brunnens Schlund;
- drin schwimmen golden die Sterne,
- drin badet sich der Mond.
-
- Und wie in den Brunnen schimmern
- die lieben Sterne hinein,
- glänzt mir im Herzen immer
- deiner lieben Augen Schein.
-
- Die Sterne doch am Himmel,
- die stehn uns all so fern;
- in deinem stillen Garten
- stünd ich jetzt so gern.
-
-
-
-
-Ständchen
-
-
- Das Rosenstöcklein sieht in Flor;
- o Gärtnerin, wie blüht’s empor!
- Sie hat ihr Pförtlein zugemacht.
- Tiefe Nacht.
-
- Die schönste Rose in der Hand;
- ein Knösplein saß am Blütenrand.
- Es lugt sie an im Traum und lacht:
- Süße Nacht.
-
- Es lugt nach ihren Lippen hin;
- wie’s schwillt, wie’s schwillt, o Gärtnerin!
- Genieße doch die Blütenpracht!
- Gute Nacht!
-
-
-
-
-Überraschung
-
-
- Über die grauen Dächer weg,
- hoch hier oben,
- durch die langen roten Nelken,
- die vor meinem offnen Fenster
- leise zwischen mir
- und dem blauen Abendhimmel schwanken,
- will mein Herzschlag
- mit meiner Seele
- hinaus, hinauf.
-
- Um die höchste goldene Kirchturmkugel,
- im letzten fernen Lichte,
- mit hellen Flügeln,
- zieht ein Taubenschwarm
- eilende Kreise
- über dem Hause
- meiner Geliebten.
-
- Aus dem blassen Westen
- dringt der erste Stern und überflimmert
- scheu den lauten Dunst und trüben Lärm
- der großen Stadt hier unten,
- wie der erste blinkernde Traumgedanke
- aus dem grauen Schwarm der Lebensfragen
- in der Seele des Müden taucht --
- da klopft es.
-
- Klopft und ist auch schon im Stübchen,
- sitzt mir auf dem Diwan gegenüber,
- sagt kein Wort, es zittert nur ihr Atem,
- nur das lose Ringelhaar,
- nur die Lippen und die rote Bluse
- auf dem jungen, warmen, raschen Busen;
- und ich sage auch nichts.
-
- Ihre bangen Augensterne wagen
- in der stummen Dämmerung des Stübchens
- hoch hier oben
- einen süß beredten Evablick
- nach den langen roten Nelken hin:
- o, ihr Augen -- --
-
- Und ich angle nach ihr mit den Beinen,
- diesen Perpendikeln meines Herzens:
- Kleine, merkst du,
- was die Uhr geschlagen hat? --
-
-
-
-
-Herrliches Pärchen
-
-
- Nein, wie sind wir herrlich beide!
- ich mit meinem Räubersinn,
- du in deinem Jägerkleide!
- Sonntag gehn wir auf die Haide,
- süße Lüneburgerin!
-
- Zwanzigtausend Schafe schauen
- immer wieder nach dir hin.
- Huch! sie ließen gern sich krauen,
- und die Lerche juchzt im Blauen:
- süße Lüneburgerin!
-
- Bis sich Nacht und Nebel ballen;
- ach, dann senken wir das Kinn.
- Kaum ein Mäuschen rührt die Krallen;
- huh, dann wirst du überfallen,
- weil ich doch dein Räuber bin!
-
- Brav im Grabe schläft der Hüne;
- hussa, falln wir auf ihn hin.
- Denn du bist ja meine kühne
- süße Lüneburgerüne,
- meine wilde Jägerin!
-
-
-
-
-Empfang
-
-
- Aber komm mir nicht im langen Kleid!
- komm gelaufen, daß die Funken stieben,
- beide Arme offen und bereit!
- Auf mein Schloß führt keine Galatreppe;
- über Berge gehts, reiß ab die Schleppe,
- nur mit kurzen Röcken kann man lieben!
-
- Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß!
- Einsam ist die Nacht in meinem Walde,
- und am schönsten bist du blaß und bloß,
- nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne;
- trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne,
- und ein Kuckuck lacht in meinem Walde.
-
- Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt!
- rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde;
- o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt!
- Komm, ich trage dich, du wildes Wunder:
- wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder!
- und dein Brautbett ist die ganze Erde.
-
-
-
-
-Nicht doch
-
-
- Mädel, laß das Stricken, geh,
- tu den Strumpf bei Seite heute;
- das ist was für alte Leute,
- für die jungen blüht der Klee!
- Laß, mein Kind,
- komm, mein Schätzchen;
- siehst du nicht, der Abendwind
- schäkert mit den Weidenkätzchen! --
-
- Mädel liebes, sieh doch nicht
- immer so bei Seite heute;
- das ist was für alte Leute,
- junge sehn sich ins Gesicht!
- Komm, mein Kind,
- sieh doch, Schätzchen:
- über uns der Abendwind
- schäkert mit den Weidenkätzchen! --
-
- Siehst du, Mädel, wars nicht nett
- so an meiner Seite heute?
- Das ist was für junge Leute,
- alte gehn allein zu Bett.
- Was denn, Kind?
- weinen, Schätzchen?
- Nicht doch! sieh, der Abendwind
- schäkert mit den Weidenkätzchen! --
-
-
-
-
-Das alte Lied
-
-
- Die Rosenknospe gab sie mir,
- ein weh Lebwohl klang nach;
- ich wollte lächeln, als ich ihr
- dafür ein Lied versprach.
-
- Ihr stand ein Tränchen im Gesicht,
- und lächeln wollte sie auch;
- doch lächelten wir beide nicht,
- das ist so Abschiedsbrauch.
-
- Jetzt lächel ich in einem fort,
- und ihr ist nicht mehr weh;
- die Rosenknospe ist verdorrt,
- das Lied ist aus -- juchhee!
-
-
-
-
-Die Heimkehr
-
- Nach einem französischen Volkslied
-
-
- Der Seemann kommt vom Krieg zurück,
- so sacht;
- verbrannt so sehr, verstaubt so sehr --
- „Wo kommst du, armer Seemann, her?
- so sacht, so sacht?“
-
- Frau Wirtin, ich komme vom Krieg zurück,
- so sacht.
- Bringt Wein! vom weißen! Was bleibt Ihr stehn?
- Der Seemann muß bald weitergehn!
- so sacht, so sacht.
-
- Der wackre Seemann sitzt und trinkt,
- so sacht.
- Er sitzt und trinkt und schaut ins Glas;
- der Wirtin werden die Augen naß,
- so sacht, so sacht.
-
- Was habt Ihr, schöne Frau Wirtin, sagt!
- so sacht?
- Tut Euer weißer Wein Euch leid?
- Der Seemann ist zum Gehn bereit!
- so sacht, so sacht.
-
- „Mein weißer Wein tut mir nicht leid,
- so sacht;
- mein toter Mann kam mir in Sinn,
- Ihr ähnelt ihm an Mund und Kinn,
- so sacht, so sacht.“
-
- O sagt mir, schöne Frau Wirtin, sagt,
- so sacht:
- zwei Kinder, hört ich, hattet Ihr
- von Euerm Mann -- nun seh ich vier?!
- so sacht, so sacht?
-
- „Man hat mir manchen Brief geschickt,
- so sacht,
- und zeigte seinen Tod mir an,
- da nahm ich einen andern Mann,
- so sacht, so sacht.“
-
- Der wackre Seemann leert sein Glas,
- so sacht.
- Und ohne Dank, mit schwerem Blick,
- ging er zu seinem Schiff zurück,
- so sacht, so sacht.
-
-
-
-
-Zuflucht
-
-
- Hinterm Elternhaus am kleinen Weiher,
- dicht umdunkelt rings von Weidenruten,
- breitet eine Pappel ihre schwanken
- Zweige nickend über Schilf und Fluten.
-
- Seltsam heimlich ists an diesem Orte;
- schon als Knabe hab ich hier gesessen
- und mich ausgeweint im Schutz der hohen
- Binsen und mein junges Leid vergessen.
-
- Wieder starr’ich in das schwarze Wasser,
- aber keine Träne will mir kommen;
- nur die schwanken Pappelzweige seh ich
- dort sich spiegeln, winkend, bleich, verschwommen.
-
-
-
-
-Sommerabend
-
-
- Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur;
- fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert,
- im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur,
- ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.
-
- Vom Wiesengrunde kommt ein Glockenton,
- der Hirte sammelt seine satte Herde;
- im stillen Walde steht die Dämmrung schon,
- ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde.
-
- Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm,
- die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;
- nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.
- So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden!
-
-
-
-
-Morgenandacht
-
-
- Sehnsucht hat mich früh geweckt;
- wo die alten Eichen rauschen,
- hier am Waldrand hingestreckt,
- will ich Dich, Natur, belauschen.
-
- Jeder Halm steht wie erwacht;
- grüner scheint das Feld zu leben,
- wenn im kühlen Tau der Nacht
- warm die ersten Strahlen beben.
-
- Wie die Fülle mich beengt!
- so viel Großes! so viel Kleines!
- wie es sich zusammendrängt
- in ein übermächtig Eines!
-
- Wie der Wind im Hafer surrt,
- tief im Gras die Grillen klingen,
- hoch im Holz die Taube gurrt,
- wie die Blätter schauernd schwingen,
-
- wie die Bienen taumelnd sammeln
- und die Käfer lautlos schlüpfen --
- O Natur! was soll mein Stammeln,
- seh ich alldas +Dich+ verknüpfen:
-
- wie es mir ins Innre dringt,
- all das Große, all das Kleine,
- wie’s mit mir zusammenklingt
- in das übermächtig Eine!
-
-
-
-
-Im Regen
-
-
- Es stimmt zu mir, es ist ein sinnreich Wetter;
- mein Nacken trieft, denn Baum und Borke triefen.
- Die Tropfen klatschen durch die schlaffen Blätter;
- die nassen Vögel tun, als ob sie schliefen.
-
- Der Himmel brütet im verwaschnen Laube,
- als würde nie mehr Licht nach diesem Regen;
- nun kann er endlich, ungestört vom Staube,
- das Los der Erde gründlich überlegen.
-
- Die Welt fühlt grämlich ihres Alters Schwere:
- kein Fünkchen Freude, keine Spur von Trauer.
- Und immer steter schwemmt sie mich ins Leere:
- kein Staub, kein Licht mehr -- grau -- und immer grauer.
-
-
-
-
-Einkehr
-
- Nach Verlaine
-
-
- Das Glöckchen überm Dache da
- tönt heut so weise.
- Das Bäumchen überm Dache da
- bewegt sich leise.
-
- Der Himmel überm Dache da
- steht klar und stille.
- Die Lerche überm Dache da
- singt: es gescheh dein Wille.
-
- Mein Gott, wie liegt das Dasein da:
- wie Ruhebetten.
- Und da, die ferne Unruh da
- kommt aus Werkstätten.
-
- O Du, o Mensch -- Du da, Du da
- mit deinen Klagen!
- was hast du angefangen, Mensch,
- mit deinen Jugendtagen?!
-
-
-
-
-Lied Kaspar Hausers
-
- Nach Verlaine
-
-
- Ich kam so fromm, ein Waisenkind,
- das nichts als seine stillen Augen hat,
- zu den Leuten der großen Stadt;
- sie fanden mich zu blöd gesinnt.
-
- Mit zwanzig Jahren ward ich klug
- und fand die Frauen schön und gut;
- sie nennen das die Liebesglut.
- Ich war den Fraun nicht schön genug.
-
- Ohne Vaterland und Königshaus,
- und wohl auch kein sehr tapfrer Held,
- wollt ich den Tod im Ehrenfeld;
- der Hauptmann schickte mich nach Haus.
-
- Kam ich zu früh, kam ich zu spät
- in diese Welt? was soll ich hier!
- Ach Gott, ihr lieben Leute ihr,
- sprecht für den Kasper ein Gebet!
-
-
-
-
-Heimat
-
-
- Und auch im alten Elternhause
- und noch am Abend keine Ruh?
- Sehnsüchtig hör ich dem Gebrause
- der hohen Pappeln draußen zu.
-
- Und höre sacht die Türe klinken,
- Mutter tritt mit der Lampe ein;
- und alle Sehnsüchte versinken,
- o Mutter, in dein Licht hinein.
-
-
-
-
- Zweiter Abschnitt
-
-
- *
-
-
-
-
-Tief von fern
-
-
- Aus des Abends weißen Wogen
- taucht ein Stern;
- tief von fern
- kommt der junge Mond gezogen.
-
- Tief von fern,
- aus des Morgens grauen Wogen,
- langt der große blasse Bogen
- nach dem Stern.
-
-
-
-
-Der Herr der Liebe
-
- Nach Dante
-
-
- An Jeden, der mit edlem Geist dem Bunde
- der Himmelsmächte dient in Erdentalen
- und willig dartut, was sie anbefahlen,
- ergeht vom Geist der Liebe meine Kunde.
-
- Es war zur Nacht und schon die vierte Stunde,
- da sah ich plötzlich Alles um mich strahlen,
- und vor mir stand der Herr der Liebesqualen,
- sein Blick entsetzte mich bis tief zum Grunde.
-
- Erst schien er fröhlich. In der Hand, der einen,
- hielt er mein Herz; auf seinem Arm indessen
- schlief meine Herrin, blaß, in rotem Leinen.
-
- Er weckte sie, und ließ sie von dem kleinen
- und völlig glühenden Herzen schüchtern essen.
- Darauf entwich er mir mit lautem Weinen.
-
-
-
-
-Läuterung
-
-
- Wie mit zauberischen Händen
- greifen Träume in mein Leben,
- will ein altes sich vollenden,
- will ein neues sich begeben.
-
- Eine Flamme sah ich lodern
- hoch und rein aus goldner Schale,
- und die Flamme schien zu fodern:
- wirf dein Leid in diese Schale!
-
- Und anbetend hingezwungen,
- fühlt ich Gluten mich umfangen;
- rauschend küßten ihre Zungen
- mir die Augen, Stirn und Wangen.
-
- Und ich fühlte hell vergehen
- all mein Leid mit einem Male,
- rauschend mich als Flamme wehen
- selber in der goldnen Schale.
-
- Wie mit zauberischen Händen
- greifen Träume in mein Leben.
- Will ein altes sich vollenden?
- will ein neues sich begeben?
-
-
-
-
-Pfingstlied
-
-
- Die Akazien blühen jetzt
- wie gebenedeiete Jungfraun.
- Wieder hebt sich mein Gesicht
- ihrem reinen Geruche zu,
- ins Morgenlicht.
-
- Und auch Dich dort oben,
- weiße Taube du,
- die wie gestern
- zwischen ihren grauen Schwestern
- glänzt und kreist:
- Alles erfüllt
- mein heiliger Geist.
-
-
-
-
-Jetzt und immer
-
-
- Seit wann du mein -- ich weiß es nicht;
- was weiß das Herz von Zeit und Raum!
- Mir ist, als wärs seit gestern erst,
- daß du erfülltest meinen Traum,
-
- mir ist, als wärs seit immer schon,
- so eigen bist du mir vertraut:
- so ewig lange schon mein Weib,
- so immer wieder meine Braut.
-
-
-
-
-Allgegenwart
-
-
- Du gehst nie von mir,
- ich bleibe bei dir;
- denn du bist in mir
- fern wie nah.
-
- In jedem Herzschlag,
- der mich belebt,
- bist du’s, die mit mir
- durchs Leben strebt.
-
- Mit jedem Atemzug,
- der mir die Seele klärt,
- fühl ich, wie deine
- Seele mich nährt,
-
- die mir allinnerlich
- Seele der Welt ist,
- in Allem such ich dich,
- du Welt mit mir!
-
- In Allem find ich dich:
- dich in dem bangen
- Hinausverlangen
- des Winds im Wald,
-
- dich in dem Widerstreit
- der Blätter über mir,
- dich in der Innigkeit
- der Gräser hier,
-
- dich in der Wolke dort,
- aus der die Sonne quillt,
- wie du so lauter,
- so warm und mild,
-
- dich in der Träne,
- die jetzt von Herzen still
- aus meinen Augen
- zu dir will.
-
-
-
-
-Waldseligkeit
-
-
- Der Wald beginnt zu rauschen,
- den Bäumen naht die Nacht;
- als ob sie selig lauschen,
- berühren sie sich sacht.
-
- Und unter ihren Zweigen,
- da bin ich ganz allein,
- da bin ich ganz mein eigen,
- ganz nur dein.
-
-
-
-
-Die Getrennten
-
-
- Nie mehr bin ich allein,
- gleich bebt in mir deine Stimme:
- Du, wie ist dir ums Herz?
- Du, wie ist dir ums Herz?
-
- Wie dem Schwanenpaar damals,
- das wir beim Nestbau belauschten,
- Beide wie Ein Herz bewegt,
- Beide wie Ein Herz bewegt.
-
- Oh, jetzt bin ich allein,
- jetzt bebt in mir deine Stimme:
- Oh, wo bist du, mein Herz?
- Du, wo bist du, mein Herz!
-
-
-
-
-In Sehnsucht
-
-
-Jüngling:
-
- Möcht es hassen,
- dies Sehnen ohne Maßen.
- Weiß nicht, was ich tun will;
- weiß nicht, ob ich ruhn will.
- Jetzt alles tragen
- und stolz verzagen,
- jetzt alles wagen
- und zu ihr jagen.
- Ein träges Hasten
- selbst mein Gang,
- ein blödes Tasten
- von Drang zu Drang,
- ein Sehnen ohne Maßen.
- Möcht es hassen;
- ach, aber bin
- so glücklich drin.
-
-Mädchen:
-
- Möcht ein Lied dem Liebsten singen,
- daß er tief ins Herz mir sieht.
- Doch es will mir nicht gelingen,
- alles in mir stockt und flieht.
-
- Ob ich nur das Wort verfehle?
- ob zu Ihm gleich alles flieht?
- Aber meine ganze Seele
- ist ein einzig Sehnsuchtslied.
-
-
-
-
-Deine Nähe
-
-
- Zitternd bin ich aufgesprungen,
- glühend, mit dem Tageslichte,
- dir zu singen die Gedichte,
- die ich dir im Traum gesungen.
-
- Nie ertönte Innenklänge,
- zauberzarte, weiche, milde;
- nie vernommne, heiße, wilde,
- heilig brausende Gesänge.
-
- Und sie alle, alle rauschten
- Deinen, immer Deinen Namen,
- bis des Erdballs Völker kamen
- und auf deine Ankunft lauschten.
-
- Kamen aus den fernsten Landen,
- sprachen wohl in allen Zungen;
- doch von Dir, von Dir bezwungen,
- haben alle mich verstanden.
-
- Eines nur der tausend Lieder,
- eines nur noch einmal singen:
- ewig würd’es weiterklingen!
- Ach, ich finde keines wieder.
-
- Stumm im Herzen nur ein Schauern,
- nur ein brennendes Verzagen,
- ein Verlangen und ein Fragen:
- Komm! was läßt du mich so trauern?!
-
-
-
-
-Der Bräutigam
-
-
- Mein tolles Herz,
- ich leg auf dich die Hände.
- Nun träum dich an ein sonnig fern Gelände,
- da deckt man dich mit stillen Blumen zu.
- Da lauscht eine Mutter
- dem Ruf der Morgenglocken
- und glättet einer Braut die wirren Locken
- und bittet dich: gib Ruh, gib Ruh.
-
-
-
-
-Ansturm
-
-
- O zürne nicht, wenn mein Begehren
- brausend aus seinem Dunkel bricht.
- Soll es mich selber nicht verzehren,
- muß ich’s aussprühn! ans Licht, ans Licht!
-
- Fühlst ja, wie all mein Innres brandet.
- Und wenn herauf der Aufruhr bricht,
- jäh über deinen Frieden strandet,
- dann bebst du -- aber zürnst mir nicht.
-
-
-
-
-Nachtgebet der Braut
-
-
- O mein Geliebter -- in die Kissen
- bet ich nach dir, ins Firmament!
- O könnt ich sagen, dürft er wissen,
- wie meine Einsamkeit mich brennt!
-
- O Welt, wann darf ich ihn umschlingen!
- O laß ihn mir im Traume nahn,
- mich wie die Erde um ihn schwingen
- und seinen Sonnenkuß empfahn
-
- und seine Flammenkräfte trinken,
- ihm Flammen, Flammen wiedersprühn,
- oh Welt, bis wir zusammensinken
- in überirdischem Erglühn!
-
- O Welt des Lichtes, Welt der Wonne!
- O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual!
- O Traum der Erde: Sonne, Sonne!
- O mein Geliebter -- mein Gemahl --
-
-
-
-
-Ballnacht
-
-
- Prunkende Klänge,
- Tanz und Geflirre;
- stumm im Gedränge
- steh ich und irre.
- Steh ich und starre, suche nach dir,
- und weiß und weiß doch, du bist nicht hier.
-
- Alle die Blicke,
- was sie wohl plaudern,
- die Händedrücke,
- die Hast, das Zaudern.
- Immer verworrener, wie im Traum,
- fremder und fremder rauscht der Raum.
-
- Köpfe wiegen sich,
- Füße schweben,
- Arme biegen sich;
- sinnlos Leben.
- Sterbende Blumen, weh tuendes Licht,
- seltne Juwelen, nur Seelen nicht.
-
- Wie blaß die Sterne
- durchs Fenster blinken!
- O könnt ich ferne
- jetzt hinsinken
- mit ihren Strahlen zu Dir, zu Dir,
- die du im Traum noch fühlst mit mir!
-
-
-
-
-Entweihung
-
-
- Wage selber kaum verstohlen
- deinen Namen mir zu stammeln;
- ist mir immer doch, die Menschen
- müßten sich zur Andacht sammeln.
-
- Und ich muß es höflich leiden,
- muß mich wie ein Fant betragen,
- wenn die fremdesten ihn nennen
- und mich schamlos nach dir fragen,
-
- mit denselben Lippen fragen,
- die vor jedem Knecht sich blähen,
- die um jeden Wicht scharwenzen,
- die auf jeden Echten schmähen.
-
- Fort! still fort -- ich will dein Dulden
- nicht mit meinem Ekel kränken;
- will zu meiner Mutter flüchten,
- ganz in Reinheit an dich denken.
-
-
-
-
-Landung
-
-
- Mein weißer Schwan vor mir, noch ziehn wir leise
- auf dunkler Flut durch unser Morgengrauen,
- zur blassen Ferne, wo die Wellenkreise
- dem jungen Tage hoch entgegenblauen.
-
- So lassen wir uns tragen, weiter tragen,
- und golden wird der dunkle Wasserbogen,
- bis wir die seligen Inseln sehen ragen
- im Glanz der Frühe aus den stillen Wogen.
-
- Da wirst du losgeknüpft von meinen Zügeln,
- der Nachen säumt, wir sind am Heimatlande;
- da dehnst du dich mit ausgespannten Flügeln
- und steigst hinauf mit mir zum hellen Strande.
-
- Und von den Höhen wird ein Singen wehen,
- die Bahn zum Licht zu weisen auch den Brüdern,
- und durch die Tiefen wird ein Klingen gehen
- von großem Glück: aus meinen Schwanenliedern.
-
-
-
-
-Die Illusion
-
- Nach José Zorrilla
-
-
- Was ist die Freude, das Glück, das Leben
- ohne den Traum von Hoffnung und von Ruhm!
- Eine Straße, endlos, öd, uneben:
- immer müder wird dein Pilgertum.
-
- Gieb mir Melodieen -- oh, nur eine:
- wiege das Herz in Träume, wenn es schreit!
- und dir wachsen ewige Marmorsteine
- aus der Asche der Vergangenheit.
-
- Hoffnung! Ruhm! was soll ich mich beklagen;
- ein Diadem zieht strahlend vor mir her.
- Was tuts, ein Leben wie ein Bettler tragen,
- wenn man stirbt wie Pindar und Homer!
-
-
-
-
-Gebet an die Geliebte
-
-
- Meine Hoffnung du, nun hilf mir hoffen!
- Schleicht der Winter schon in unser Leben,
- das noch kaum ein Frühlingsstrahl getroffen?
- Sahn wir darum einen Himmel offen,
- nur um Grabesziele anzustreben?
-
- Hilf mir glauben! Nimm mir nicht den Segen,
- daß ich Ein Herz durch mich glücklich wisse!
- O, es geht sich schwer auf meinen Wegen:
- ewiges Eis starrt von den Höhn entgegen,
- und im Abgrund gähnen Finsternisse.
-
- Drum von Liebe still! Wer kann sie sagen.
- Laß mich fühlen, fühlen, daß die Gluten
- auch in Dir empor zu Flammen schlagen,
- in der Lohe uns gen Himmel tragen,
- und das Eis zerschmilzt in Lavafluten!
-
-
-
-
-Der Wunschgeist
-
-
- Und wieder saß ich spät mit mir allein,
- im Lichtkreis meiner Lampe, Ausgeburten
- sehnsüchtiger Not durchs Hirn vom Herzen wälzend,
- und wußte nichts von mir; ein krasser Wust
- von Wünschen, schwirrt ich vor mir selbst im Kreis
- und sah die Wunschgespenster sich verknäueln,
- sich würgen und sich fressen und in Qual
- und zuckender Wollust mit einander paaren,
- um neue Ausgeburten zu gebären.
- Bis mir auf einmal, im verrückten Rausch
- des Mitgefühls, die Nägel meiner Finger
- in meine heißen Augenhöhlen fuhren,
- daß ich aufwankte aus der Schwelgerei.
- Und taumelnd fühlt ich mich zum Fenster hin,
- und stand und atmete die sanfte Nacht.
-
- Da dehnte sich im Dunstlicht um mich her
- Berlin -- mit seinen Dächern, seinen Türmen,
- Schornsteinen, Schloten, Kuppeln, Ruhmessäulen
- heraufgebaut ins fahle Blau, als langte
- aus ihrem Grabe scheintot eine Riesin
- und reckte alle Finger bettelnd hoch:
- nur leben will ich, leben, atmen, essen!
-
- Und wimmeln hört ich die Milliarden Wünsche,
- die ungestillten, unter allen Mauern,
- wie Würmer einer schattenvollen Gruft;
- hörte den Hunger, der mit dürren Knöcheln
- ins Grab sich trommelte auf nackter Diele,
- die Not, die schamlos durch die Straßen strich,
- das Elend, das im Flitterputz sich narrte.
- Und ich erschrak, wie winzig +meine+ Not;
- und ein Erbarmen, graunvoll, grenzenlos,
- trieb mich zurück in meine Einsamkeit.
- Und trübe saß und starrt ich in die Lampe,
- und trüber noch auf meinen Schatten, der
- verschwimmend an der Wand hing, schwankend, nickend,
- und starrte -- und entsetzte mich: der Schatten
- bewegte, drehte sich, und kam und schwebte,
- und neigte sich vor mir, und winkte mir,
- und eine Stimme tönte tief und hohl:
- „Komm. Wunsch ist Lust, Erfüllung Tod. Komm, schaue.“
-
- Wir wandelten. Ein bleicher Mittag lag
- schwül auf dem gelben Sand der weiten Wüste.
- Nichts rührte sich, nur mein vermummter Führer,
- der stumm und schwarz vor mir die Glut durchschritt;
- in seine Spuren trat ich wie gebannt,
- da klaffte jäh ein Abgrund vor uns auf.
- Ich fuhr zurück. Doch ruhig stand der Düstre
- und wies zur Rechten, wo ein riesenhafter
- verworrner Kuppelbau am Abhang hochwuchs,
- und aus der Maske scholl es schwer und dumpf:
- „der Tempel der Erfüllung“ -- daß ich bebte,
- von ungewissen Schauern angefaßt.
-
- Da tönte wieder die vermummte Stimme:
- „drei Wünsche darf ich dir gewähren, wähle!“
- und rasselnd sprang die Pforte oben auf.
- Und grübelnd starrt’ich in die dunkle Öffnung;
- mir war, als wogten die Milliarden Wünsche
- des Erdballs drin, die ungestillten alle.
- Von Scham und Zorn erglüht ich, strafen wollt ich
- den höhnischen Versucher, selig rief ich:
- So soll denn jeder höchste Wunsch auf Erden
- erfüllt sein jedem Einzigen! -- „Jedem Einzigen“,
- gleichgiltig sprach es der im Mantel nach.
-
- Und rückwärts deutete der Ungerührte
- dem Saum der Wüste zu; der regte sich,
- und aus dem Staub erhob sich ein Getümmel,
- als schwärmten ferne Geier um ein Aas.
- Und fort vom Horizont her schob sichs schwärzlich
- wie Wolkenklumpen, ballte sich und schwoll,
- schwoll, löste sich, erbrauste, schwoll, und wälzte
- und wickelte sich tosend auseinander
- und auf uns zu, die Ebne überströmend
- wie Qualmgebrodel, sturmgepeitscht; und näher
- und immer näher schwolls und schüttete
- sich aus vor uns zu Haufen, Schaaren, Zügen
- von Leibern gelb und weiß und schwarz und braun.
- Die Erde dröhnte, wie sie rasend rannten
- und keuchend ritten; und da schossen schon
- die Ersten uns vorbei, vom Wettlauf triefend,
- hinauf den Abhang und hinauf die steilen
- Stufen der Tempeltreppe, ihnen nach
- der Unzählbaren brausendes Gewühl.
- Und schaudernd sah ich ihrer Augen Gier;
- doch unbewegt stand neben mir mein Führer.
-
- Und nun, da kamen aus dem dunkeln Tor
- mit dem errafften Gut, dem höchst erstrebten,
- dem tiefst ersehnten, Einige schon zurück;
- und zitternd, freudezitternd späht’ich hin.
- O Wahn! -- o wie sie kindisch um die Säulen
- tanzten und johlten, in den Händen Tand!
- Doch Andre kamen -- fiebernd späht’ich hin.
- Da schleppte unter beiden Armen Einer
- verstaubte Folianten. Einer kroch fast,
- so war er goldbepackt. Behutsam trug
- ein Greis ein Blumentöpfchen. Eine Schöne
- liebäugelte mit ihrem Perlenschmuck.
- Und jetzt: Halt suchend griff ich in die Luft:
- wild jauchzend stürmte aus dem Tor ein Häuptling,
- die blutige Kopfhaut eines Feindes schwang er,
- und oben auf den Stufen rangen Zwei
- zum Mord verknotet um ein nacktes Weib.
-
- Mitfühlend bog sich, krümmte sich mein Arm.
- Da ließ der Krampf mich los: ein Ekel fuhr mir,
- ein Strom von Ingrimm durch Genick und Kehle.
- Gen Himmel stieß ich die geballten Fäuste:
- O Allmacht, rott es aus, dies Wurmgezücht!
- vertilgt sei, wer nicht liebt! es lebe nur,
- wer in der einen Sehnsucht sich verzehrt,
- die Alle glücklich macht! es lebe nur,
- wer Alle, Alle will vom Schmerz erlösen!
-
- „Erlösen“ -- tönte die vermummte Stimme;
- „der zweite Wunsch!“ wie Drohung scholl es nach.
- Und plötzlich: vor mir, neben, über mir,
- herab die Stufen, schollernd, schlotternd kams
- herab den Abhang, dröhnend wie Geröll,
- hinab zum Abgrund, Leiber über Leiber,
- verrenkt im Todeskampf, und drüber weg
- hinauf den Abhang, immer dröhnender,
- hinauf die Stufen und ins dunkle Tor
- der Unzählbaren brausendes Gewühl.
- Und immer dröhnender, hinein, heraus,
- herab die Stufen, schollernd, schlotternd quolls
- hinab, hinunter, Sterbende und Leichen,
- vor meinen Augen; und die Sonne sank
- und sank und sank, und immer neue Haufen
- Verröchelnder verschlang der Schlund vor mir.
-
- Aufschreien wollt ich, flehen, daß nur Einer,
- nur Einer spräche das geweihte Wort --
- der Laut erstickte mir im offnen Mund:
- mein liebster Freund, da schlug er hin, zermalmt,
- zermalmt die Brüder beide, beide Schwestern,
- mit angstumklammertem Brautkranz die Geliebte,
- und da, da -- „Mutter!“ -- da stand meine Mutter
- und hörte nicht mein Schrein und stieg hinan
- und bat zu Gott, oh Gott, für mich, für mich,
- für ihren Sohn blos bat sie Gott um Glück,
- und starb für ihr Gebet -- stier sah ichs an.
-
- Stumpf glotzt ich in die Runde, sinnlos lächelnd;
- irrsinnig schien ich mir, erstarrt mein Herz.
- Wohin ich sah, verglaste Augenpaare;
- und all die Augenpaare sahn mich an.
- Und sahn mich an wie meine eignen Augen,
- aus allen Augen sah ich selbst mich an,
- verglast, sinnlos, zum Lächeln -- da:
- aufschluchzend fiel ich hin und weinte laut.
- Und fühlte eine große Stille werden,
- ein dunkler Sammet streifte meine Schläfen,
- wie schwere Dämmrung legten sich die Falten
- um meine Schultern, und wie Nachtwind hohl
- traf mich die Frager „Und dein dritter Wunsch?
- dein letzter, eigenster?“ Aufrüttelnd fuhr
- ein eisiger Atem durch mein heißes Haar.
-
- Und stammeln wollt ich. Doch die Worte kreisten
- in mir wie Staub im Sturm. In meinen Ohren
- war wieder das Gedröhn. Und eine Angst
- vor meiner eignen armen Gier und Blindheit
- hielt mir die Kehle würgend zu: zerknirscht
- lag ich und lag, nicht wagt’ich mehr zu wünschen,
- und endlich, röchelnd, bettelnd, stöhnt ich: Gnade!
- und schlug die Augen auf. Da dehnte sich,
- nickend, verschwimmend, an der Wand mein Schatten;
- verflammend stand die Lampe, schwälte, losch,
- ich saß allein im kalten Licht der Sterne.
-
-
-
-
-Dante guidante
-
-
- Wer sich durch eine Hölle hat gesungen,
- den fragt, welch Paradies ihm endlich tagte!
- Doch wer an seinem Leben nie verzagte,
- hat um das höchste Leben nie gerungen.
-
-
-
-
-Rückkehr
-
-
- Ich seh in deine Augen wieder,
- in diesen Frieden tief und bang;
- da schweigen all die Aufruhrlieder,
- die schrill in mir mein Unhold sang.
-
- Du darfst den trüben Wahnsinn wissen,
- der gräßlich lacht in mir und schreit,
- daß ich vom Mutterleib gerissen
- zu graunvoll freudelosem Streit,
-
- daß mich Natur mit allen Trieben
- im Schooß der Wonne schon verdammt,
- daß die verflucht sind, die mich lieben,
- daß meine Glut nur Unheil flammt.
-
- Du, Du, die Eine, hast ergründet
- mein innerst Sündenangesicht,
- hast mich entsühnt, zu Glut entzündet
- in mir der Reinheit schwaches Licht.
-
- Von deinen heiligen Seelenblicken
- glänzt meiner Sinne dumpfe Flur;
- mir löst ein menschliches Entzücken
- die rohen Ketten der Natur.
-
- In Tränen stirbt mein irres Bangen,
- ob ich berufen sei zum Glück;
- sieh mein verröchelndes Verlangen,
- die Klarheit gabst du mir zurück.
-
-
-
-
-Verheißung
-
-
- O weine nicht; die Wunden heilen bald,
- die dir mein Unmut schlug und dein Verzagen.
- Du wirst noch jubeln, daß dich mit Gewalt
- mein Mut aufstachelt aus den Alltagstagen.
-
- Denn sieh, dir ist ein Dornenkranz geweiht,
- herrlich genug, das schwächste Herz zu stählen;
- dran strahlt als Himmelsblume jedes Leid,
- mit dem uns Sehnsucht und Verlangen quälen.
-
- Schon hebt sich um mein Haupt das Morgenrot,
- das einst auch Deine Stirne wird bekränzen,
- wenn eine ferne Sage unsre Not,
- und wenn als Sterne deine Tränen glänzen.
-
-
-
-
-An meine Königin
-
-
- Bin ich ein König? -- Als ich Knabe war,
- da träumte mir von einem goldnen Throne,
- von einem Volk in heller Jubelschaar,
- von einem Purpurmantel, einer Krone.
-
- Ich wurde Jüngling, und der irdne Glanz
- verblich im Geisterlicht des Ewig Schönen;
- da träumte mir von einem Strahlenkranz,
- mit dem ein andres Volk mich sollte krönen.
-
- Jetzt träum ich nicht mehr Kronen, nicht mehr Kränze,
- kein Ziel der Sehnsucht, das der Stolz gebar;
- mich lockt kein Volk, kein Reich mehr, keine Grenze,
- nur meiner Kraft glühn muß ich immerdar.
-
- Nur immer schweben, wie der Adler schweben,
- den es hinauf ins Unbegrenzte reißt;
- ich +kann+ nicht wie die Lerche mich bestreben,
- die flatternd ihre Ackerfurche preist.
-
- Ich +weiß+ kein Ziel. Gestalten aus dem Vollen
- erheben sich, zerreißen die Umhüllung.
- Nun ihnen nach, die nichts als Dasein wollen!
- Mein Sehnen ging durch Dich mir in Erfüllung.
-
- Du gabst mir solch ein Reich voll Glanz zu eigen,
- daß meine ganze Sprache mir zu wenig,
- all dieses Reichtums Herrlichkeit zu zeigen,
- und dankbar knie ich hin: -- ich +bin+ ein König.
-
-
-
-
-Wahrspruch
-
-
- Ob wir verdienen, daß wir glücklich sind?
- Was zweifelst du? Verdienst du, gut zu sein?
- Durch Zweifel wird das wahrste Wesen Schein.
- Glück ist des Menschen schönste Tugend, Kind;
- wer glücklich ist, verdients zu sein.
-
-
-
-
-Lobgesang
-
-
- Wie das Meer
- ist die Liebe:
- unerschöpflich,
- unergründlich,
- unermeßlich:
- Woge zu Woge
- stürzend gehoben,
- Woge in Woge
- wachsend verschlungen,
- sturm-und-wetter-geberdig nun,
- sonneselig nun,
- willig nun dem Mond
- die unaufhaltsame Fläche --
- doch in der Tiefe
- stetes Walten ewiger Ruhe,
- ungestört,
- undurchdringbar dem irdischen Blick,
- starr verdämmernd in gläsernes Dunkel --
- und in der Weite
- stetes Wirken ewiger Regung,
- ungestillt,
- unentwirrbar dem irdischen Blick,
- wild verschwimmend im Licht der Lüfte:
- Aufrausch der Unendlichkeit
- ist das Meer,
- ist die Liebe.
-
-
-
-
-Blick ins Licht
-
-
- Still von Baum zu Bäumen schaukeln
- meinen Kahn die Uferwellen;
- märchenblütenblau umgaukeln
- meine Fahrt die Schilflibellen,
- Schatten küssen den Boden der Flut.
-
- Durch die dunkle Wölbung der Erlen
- -- welch ein funkelndes Verschwenden --
- streut die Sonne mit goldenen Händen
- silberne Perlen
- in die smaragdenen Wirbel der Flut.
-
- Durch die Flucht der Strahlen schweben
- bang nach oben meine Träume,
- wo die Bäume
- ihre krausen Häupter heben
- in des Himmels ruhige Flut.
-
- Und in leichtem, lichtem Kreise
- weht ein Blatt zu meinen Füßen
- nieder; und des Friedens leise
- weiße Taube seh ich grüßen,
- fernher grüßen
- meiner Seele dunkle Flut.
-
-
-
-
-Fernhin
-
-
- Durch Traum und Morgen-Unruh
- und jetzt noch seh ich dich:
- die lange Nachtfahrt,
- im Duft des Blumenstraußes,
- den ich dir mitgab.
-
- Jetzt nahst du dem Garten
- um dein Vaterhaus,
- drin deine Mutter dir
- einst Blumen gab.
-
- Jetzt stehst du am Eingang still,
- im Sonnenduft,
- drin unser Kind vielleicht schon keimt.
-
- Jetzt beugst du dich fernhin
- über den Strauß.
-
-
-
-
-Erste Hoffnung
-
-
- Mein Freund hat mir ein Bild gemalt:
- Maria weint vor Wonne
- und ist von lauter Sonne
- überstrahlt.
- Wer weiß die Melodie dazu?
-
- Mein Freund hat mir ein Wort gesagt;
- das klang so fern beglückend,
- mir schlug das Herz so drückend,
- so verzagt.
- Wer weiß die Melodie dazu?
-
- Mein Freund hat mir ein Lied gemacht;
- es ist ein Lied vom Leben,
- ich fühl es in mir beben
- Tag und Nacht.
- Wer weiß die Melodie dazu?
-
-
-
-
-Am Storchsee
-
-
- O Leben! o Liebe! wie geht sie verändert,
- die seligen Augen von Schatten umrändert,
- und lacht kaum.
- Und ist doch mein Mädel, mein sonniges, flottes;
- nun will ich sie malen als Mutter Gottes
- am Storchsee.
-
- Die Hände über den Schooß gebreitet,
- die seligen Augen ins Land geweitet,
- und Frühling:
- so soll sie zwischen den Binsenspitzen
- am Ufer im Kahn unterm Weidenbusch sitzen
- und warten.
-
- Nackt flimmern die Zweige, die Knospen platzen;
- links oben im Bilde schnäbeln zwei Spatzen,
- wie damals.
- Und hinter ihr wölbt sich der blankblaue See;
- da stecken vier fünf Enten die Stietze in die Höh,
- wie immer.
-
- Zehn rudernde Beine in emsiger Runde;
- die Hälse, die suchen was unten im Grunde
- der Wellen --
- der Wellen, die wimmelnd wie lauter Pfeilspitzen
- aus eitel Silber zum Himmel aufblitzen,
- rechts oben.
-
- Denn links stand ein Ahorn, mit knallgelben Blüten.
- Nun, Mädel, mein braunes, mag Gott dich behüten
- am Storchsee!
- Wie werd’ich mich blos so als Vater betragen,
- Frau Störchin? und was wird das Publikum sagen,
- oh Mutter Gottes! --
-
-
-
-
-Wiegenlied für meinen Jungen
-
-
- Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe!
- Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe,
- bläkt ein großes, mäkt ein kleines,
- und das kleine, das ist meines!
- Bengel, Bengel, brülle nicht,
- du verdammter Strampelwicht.
-
- Still, mein süßes Engelsfüllen:
- morgen regnets Zuckerpillen,
- übermorgen blanke Dreier,
- nächste Woche goldne Eier,
- und der liebe Gott, der lacht,
- daß der ganze Himmel kracht.
-
- Und du kommst und nimmst die Spenden,
- säst sie aus mit Sonntagshänden,
- und die Erde blüht von Farben,
- und die Menschen tun’s in Garben --
- Herr, den Bengel kümmert nischt,
- was man auch für Lügen drischt!
-
- Warte nur, du Satansrachen:
- heute Nacht, du kleiner Drachen,
- durch den roten Höllenbogen
- kommt ein Schmetterling geflogen,
- huscht dir auf die Nase, huh,
- deckt dir beide Augen zu --
-
- deckt die Flügel sacht zusammen,
- daß du träumst von stillen Flammen,
- von zwei Flammen, die sich fanden,
- Hölle Himmel still verbanden -- --
- So, nun schläft er; es gelang;
- Himmel Hölle, Gott sei Dank!
-
-
-
-
-Lied der Mutter
-
-
- Bienchen, Bienchen
- wiegt sich im Sonnenschein,
- spielt um mein Kindelein,
- summt dich in Schlummer ein,
- süßes Gesicht.
-
- Spinnchen, Spinnchen
- flimmert im Sonnenschein,
- schlummre, mein Kindelein,
- spinnt dich in Träume ein,
- rühre dich nicht.
-
- Tief-Edelinchen
- schlüpft aus dem Sonnenschein,
- träume, mein Kindelein,
- haucht dir ein Seelchen ein:
- Liebe zum Licht.
-
-
-
-
-Indianischer Wiegengesang
-
-
- Auf dem Flusse Jukon
- streift der Wind;
- und mein Hausherr jagt das Renntier
- auf den Bergen Boojukon.
- Xami, Xami: schlaf, mein Kind,
- schlaf, mein Kleiner, schlafe.
-
- Der Herd ist kalt,
- das Brennholz all verbrannt;
- zerbrochen ist mein Beil,
- mit meinem Hausherrn wandert
- das andre durch den Wald.
- Ach, und die Wärme der Sonne schläft
- in der Höhle des Großen Bibers,
- wo sie auf den Frühling wartet.
- Xami, schlaf doch, schlaf, mein Kind;
- schlaf, mein Kleiner, schlafe.
-
- Suche keine Fische, Alte,
- lange ist der Kasten leer;
- selbst der Rabe kommt nicht mehr,
- der sonst jeden Tag drauf hockte.
- Ach, seit wieviel Nächten
- bin ich schon allein!
- In die Berge ging mein Hausherr;
- könnt ich bei ihm sein!
- Xami, Xami, schlafe;
- nein, ich geh nicht; schlaf, mein Kind.
-
- Wo ist Der in diesem Augenblick,
- den ich über alles liebe?
- Schläft vielleicht und stürzt vom Bergabhange!
- Warum bleibt er so sehr lange,
- warum kehrt er nicht zurück?!
- Wenn er heut nicht kommt,
- werd’ ich doch noch gehen,
- in die Berge gehen,
- meinen lieben Herrn mir suchen gehen!
- Schlaf, mein Kleiner, schlafe;
- Xami, schlaf, mein Kind.
-
- Hh --! da kommt der Rabe.
- Wie er krächzt! So hohl.
- Wie er lacht! So höhnisch.
- Warum lacht er wohl?
- Und sein Schnabel glänzt
- naß und rot von Blut,
- und sein böses Auge
- funkelt Haß und Wut.
- Warum lachst du, Rabe?
- Xami, schlaf, mein Kind.
-
- „Mich freut noch, Frau, der frische Fraß,
- das saftige Fleisch, das prächtige Stück,
- das mir dein Herr zu schmecken gab.
- Schlafend lag er sanft im Gras,
- da kam der Rab,
- da nahm der Rab;
- ja, ganz sanft im Grase lag er!“
- Schlafe, Xami; schlaf, mein Kind;
- schlaf, mein Kleiner, schlafe.
-
- „Ja, zwanzig Renntierzungen
- trug er auf seiner Schulter;
- blos Er hat keine Zunge mehr im Munde,
- den Namen seiner jungen Frau zu rufen.
- Raben, Krähen und Füchse
- zanken um seine Beute;
- ja, ganz sanft im Grase schläft er,
- sanfter als das Kind, Frau,
- das an deinem Herzen schläft!“
- Xami! Xami! Ach --
-
- „Raben, Krähen und Füchse
- zanken um einen Fetzen
- von dem Leichnam deines Herrn.
- Ja, ganz sanft im Grase liegt er,
- und sehr hart, sehr zähe
- war er doch im Leben;
- wohl viel härter, zäher
- als des Kindes Leben, Frau,
- das an deinem Herzen liegt!“
- Xami! schläfst du? Xami?!
- Ach, mein Kind; o schlaf, mein Kind.
-
- Ach -- -- o da! da kommt er,
- kommt mein Herr, mein geliebter!
- ganz mit Beute beladen,
- müde kommt er den Berg herab.
- Hui, nun hurtig, Alte,
- hole Holz zum Spalten,
- sieh, mein Müder lacht!
- Und der Rabe, der Lügner,
- was für Augen der macht!
- Xami, aufgewacht!
- auf, du kleiner Schläfer,
- komm, dein Vater lacht!
-
- Sieh, er bringt uns Renntierfelle,
- bringt das schöne süße Markfett,
- bringt uns frisches Wildpret mit.
- Und für dich, mein Liebling,
- hat er gar geschnitzt ein Spielzeug
- aus den glatten Renntierknochen.
- Matt und abgehetzt
- lag er fern am Bergabhange
- gestern. Aber jetzt:
- sieh nur, wie der Rabe bange
- sich vor seinem Pfeil versteckt!
- Ja, wach auf, du Schläfer,
- komm und lache mit mir!
- Auf, mein kleiner Wildfang,
- jauchze, dein Vater ist hier!
-
-
-
-
-Adlerschrei
-
-
- Schwere Tage schwanden,
- seit ich zu dir stieß,
- all im Flug bestanden,
- von den Hügellanden
- her durch Stürme auf dies Bergverlies.
-
- Mit erprobten Schwingen
- hocken wir im Nest,
- sehn die Wolken ringen,
- fast zum Herzzerspringen
- warm an unsre junge Brut gepreßt.
-
- Und ich darf nicht fragen:
- ist dir das genug?
- darf nur Sehnsucht tragen
- nach den schweren Tagen:
- hin durch Stürme, Herz, zu kühnerem Flug!
-
-
-
-
-Eröffnung
-
-
- Jetzt sing ich dir das letzte Liebeslied.
- Ich fühls bei jedem unsrer trauten Spiele,
- daß mich ein Geist in seinen Dienst beschied,
- der Geist der alten und der neuen Ziele.
-
- Der duldet nicht in seinem weiten Bann
- die allzu häuslich eingeengten Klänge;
- und manchmal wandelt eine Pein mich an,
- als ob ich fehl von unsern Freuden sänge.
-
- Denn Meine Sprache ist für Alle da.
- Doch was wir kaum in Seufzern uns gestehen,
- was rein in Blicken zwischen uns geschah,
- ist eine Sprache, die nur wir verstehen.
-
-
-
-
- Dritter Abschnitt
-
-
- *
-
-
-
-
-Weihspruch
-
-
- Klage und juble, Dichter,
- wie du willst;
- das wirkt Seele ins All,
- du bist Gott.
- Aber beklage nicht!
- bejuble nicht!
- nichts!
- Du bist Gottes Werk;
- brüste dich nicht!
-
-
-
-
-Nachruf an Nietzsche
-
-
- Und es kam die Zeit,
- daß Zarathustra, auferstanden,
- aus seiner Höhle niederstieg vom Berge;
- und viel Volkes
- küßte seine Spuren.
- Der Jünger aber, der ihn liebte,
- stand von ferne,
- und der Meister kannte ihn nicht.
- Und der Jünger trat zu ihm und sprach:
- Meister, was soll ich tun,
- daß ich selig werde?
- Zarathustra aber wandte sich
- und schaute hinter sich,
- und seine Augen wurden fremd,
- und gab zur Antwort:
- folge mir nach!
- Da ward der Jünger sehend
- und verstand den Meister:
- folgte ihm
- +und verließ ihn+.
-
- Als er aber seines Weges wanderte,
- ging er in sich
- und sprach also zu seiner Sehnsucht:
-
- Wahrlich, Viele sind,
- deren Zunge trieft vom Namen Zarathustras,
- und im Herzen beten sie
- zum Gotte Tamtam;
- allzu früh erschien er diesem Volk.
- Seinen Adler sahen sie fliegen,
- der da heißt
- der Wille zur Macht
- über die Kleinen;
- und seine Schlange nährten sie an ihrer Brust,
- die Schlange Klugheit.
- Aber seiner Sonne ist ihr Auge blind,
- die da heißt
- der Wille zur Macht
- über den Einen: den Gott Ich.
- Wiedergeburten feiern sie
- und Wiedertaufen aller Götzen,
- aber Keiner wußte noch
- sich selber zu befruchten
- und seinem Samen jubelnd sich zu opfern.
- Der Du Deinen Opferwillen lehrtest,
- fahr denn wohl! gern hätt ich dir
- dein letztes Wort vom Mund geküßt,
- du lächelnder Priester des fruchtbaren Todes.
- +Aber wir leben+,
-
- und mancher Art sind
- die Sonnenpfeile und Blumengifte
- des fruchtbaren Todes.
- Ach, daß dein Jünger dir
- zu spät erschien! --
-
-
-
-
-Glockenklänge an Bismarck
-
- Am Tage seiner Amtsenthebung 20. März 1890
-
-
- Glocken, Glocken, wir
- Mund der Macht,
- oft wehklagten wir dem Donner,
- oft frohlockten wir dem Flammensturm;
- heut, Volk, frohlocken,
- heut, Bismarck, klagen wir
- dumpf Euch! aber
- immer, Glocken,
- dröhnt aus unserm
- Mund die Macht.
-
- Immer hungrig,
- tief auf nach Opfern
- stöhnt der Mund der Macht.
- Doch auch immer
- öffnet weit zu hohen Jubellauten
- dann den Mund die dunkle Mutter;
- denn noch immer
- zeugt sich, zeugt sich Opfer dann
- unerschöpflich jung die Kraft der Macht.
-
- Nur ein Hauch,
- kommt und rührt der Lockruf
- der erhabnen Mutter
- die Erkornen.
- Und empor, sturmgleich,
- ihrem Schooß zu,
- folgen sie gebannt und wachsen
- zu den Wolken,
- folgen sie und wankend
- bebt der Boden;
- und sie fallen.
-
- +Einem+ Schooß entsprungen,
- +einem+ Muttergrunde,
- rollt der Strom und
- quoll der Glutblock,
- der erkaltend -- seht! -- den Stromlauf staut.
- Hingetürmt, schroff,
- stolz im Wege der empörten Flut,
- starr thront das Lavahaupt,
- lagert die gewaltige Sohle:
- seht! starrer immer,
- nur gewaltiger noch
- von der Wucht der Brandung
- eingebohrt dem Grund, der beide schuf.
- Aber aufgebäumt nun:
- wuchtiger prallt, wühlt, kocht der junge Strom,
- seht, wuchtiger immer,
- und es wankt die Sohle, wankt das starre
- alte Haupt,
- das zur Macht die Kraft der Stromflut
- stauend hob.
-
- Horcht! Dumpfhin krachen,
- hochauf rauschen
- jäh verworrne Jubelklagelaute.
- Horcht in Ehrfurcht:
- heut gefallen,
- weicht der Macht ein Opferzeuge.
-
- Ruhe, ruhe,
- Bismarck, graue Klippe du!
- rolle, rolle,
- Volk, du aufgewühlte junge Stromflut!
- bald versprüht
- eurer keuchenden Umarmung
- dumpfe Wut,
- ausgerungner Opferkampf.
- Denn auch Er, der heute
- übers alte Haupt dir, du Gestürzter,
- hoch hinweg im Zollern-Stolz geschäumt ist:
- ja, ein Schaum nur sprüht er,
- der die Stromflut,
- die empörte junge Stromflut krönt.
-
- Doch wohin, wohin nun -- fragst du schwer --
- stürzt die Flut, die jäh verworrne Flut?
-
- Lausche, du Erlauchter,
- der du selbst mit Kronen spieltest,
- selbst dem Lockruf der erhabnen Mutter folgtest,
- der du mit umwölkter Stirne
- nun im abendstummen Park die dunkeln
- Lebensbäume siehst
- vom schwachesten Lufthauch schwanken:
- lausche nur den fernen Glocken,
- Sohn der dunkeln,
- immer jungen,
- nimmer satten Mutter Du:
- der Macht! --
-
-
-
-
-Vor Sonnenaufgang
-
-
- Propheten der Sonne, der Morgen graut!
- Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen
- und beklagt euch über die Nachtdünste?
- Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte,
- und ihre Flügel funkeln schon!
- Sie beschämen eure Menschengedanken,
- ihr Bettler um das ewige Licht;
- ich hasse eure Art Morgengrauen!
-
- Freilich, in einsamen Nächten,
- wenn der Gedanke ein Scherflein gilt
- und die schwärmende Seele Millionen verschenkt,
- wenn ich mit traumheißen Augen
- über die Dächer Berlins hin
- die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt
- in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe,
- wenn ich ein schmelzendes Erz bin
- im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst:
- ja, dann lieb’ich euch alle,
- möcht euch alle umarmen,
- helft ihr doch alle uns treiben,
- alle dem Licht entgegen drängen,
- dem immer lockenden Licht der Zukunft.
-
- Aber die Zukunft beginnt schon:
- mit jedem Tag, mit jedem Augenblick beginnt sie,
- und ist da, wenn ihr sie bringt!
- Propheten der Sonne, was säumt ihr? --
-
-
-
-
-Humane Epistel auf deutsche Art
-
-
- Lieber Freund! ich sitze verstimmt bei Schillern und Goethen,
- plötzlich reicht mir die Magd deine Bescherung aus Rom.
- Nämlich die hellen Gemächer und glänzenden Säle der Beiden
- hatt ich verlassen und saß zwischen dem Küchengerät,
- wo’s drin dampfte und schmorte, der Xenien salziges Frühstück
- wider den schlechten Geschmack ihrer gepriesenen Zeit.
- Da empfahl ich mich gern, und Goethe lächelte nickend,
- denn er witterte wohl etwas Italisches gleich.
- Und nun steh ich entzückt und atme den Duft der Orangen,
- will mit süßestem Reim, klingendstem Dank dich erfreun,
- aber da sitzt mir der Küchengeruch von Goethen und Schillern
- zäh in Nase und Mund, klassisch dampft mein Gehirn.
- Ja, sie haben so manchen auf ihrem olympschen Gewissen,
- seit sie ihr deutsches Gericht füllten in griechisch Geschirr.
- Oder liegt es dem Deutschen im Blut, mit trotzigem Willen
- immer auf Staffeln zu stehn, die er der Fremde geraubt?
- Mißt er nicht Freiheit und Recht sich zu nach Römischer Elle,
- gab nicht zum Bau seines Staats Gallien das Winkelmaß her!
- Will er den Bau der Natur, Dasein und Werden ergründen,
- nimmt er den Grundriß vor, den ihm der Britte entwarf;
- oder er möchte sich selber erbaun, dann strebt er zum Himmel
- gar auf der Leiter hinauf, die ihm der Jude gebaut.
- Doch nun heb’ich den Blick: da versinkt der Bestrebungen Fülle,
- und es entschwebt dem Gewirr stark ein vereinender Geist.
- Zwar der Tragwind, ja, der kam aus fremden Bezirken;
- aber die Flugkraft, Freund, +die+ doch ist eigen, ist deutsch.
- Ruhig jetzt, fast träg, so schwebt er im Völkerzenithe,
- zu noch höherem Flug sammelt er heimliche Kraft:
- schon verspürt er die Höhn, wo Volk und Völker verschwinden,
- wo ihn, das ewige Haupt hebend, die Menschheit begrüßt.
- Nein, kein Gallier wars, kein Römer, kein Britte, kein Jude:
- Mensch war Jeder, mein Volk, der dich zum Aufstieg erzog.
- Und, mein römischer Freund, so stieg auch ich auf des Griechen
- klappriges Schaukelpferd, hopp! reit es auf eigene Faust.
- Lächeln wirst du vielleicht: dazu die erhabenen Worte,
- daß sich das winzige Ich etwas gehobener fühlt?
- Aber so gehts wohl stets: nimm irgend etwas, es deutet
- immer vom Ganzen auf Uns, immer aufs Ganze zurück.
- Hier dein Dutzend Orangen: ich lasse die rundeste rollen,
- und sie werden im Nu Bild des Planetensystems.
- Stets enteignet der Mensch sich selbst, je eigner sein Wille;
- was sein innerster Trieb, äußert sich lehrhaft als Zweck.
- Drum quält Mancher sich ab mit Einer Erlösung für Alle,
- +wo doch Jedem das All tausend Erlösungen gönnt;
- was den Menschen entzückt, entsetzt, empört, das erlöst ihn,
- weil’s ihn außer sich bringt, weil’s ihn mit Leben erfüllt+.
- Und so lernte mein Geist die Zweifel der Zwecksucht belächeln,
- ob man lebt für sich selbst oder dem Ganzen zur Pflicht.
- Denn kein Zweck gibt Kraft, allein der Antrieb begeistert;
- Arbeit, unterste Pflicht, macht er zum obersten Recht.
- Unabweisbar treibt Natur jed Wesen zum Wirken,
- aber im Menschen der Trieb kennt sich als Wille und Wahl.
- Und beim Jupiter, Freund: nie wieder wähl ich des Griechen
- klappriges Schaukelpferd, brrr! hopp, aus poetischem Trieb.
- Nur als Mensch, mein Freund, laß diesen Brief dir gefallen,
- und mein Abschiedswort gelte der Menschheit in uns:
- Treibe Jeder den Andern auf immer eignere Wahlstatt,
- mag er erliegen im Kampf, mag er als Sieger bestehn!
- Dann, wie immer du wählst, dann lebst du dem Ganzen zu Liebe,
- lebst dir selber zur Lust -- Alles in Allem: leb wohl!
-
-
-
-
-Kampfspruch
-
-
- Siege oder Niederlagen:
- immer gilt es, neu zu wagen.
-
-
-
-
-Werkspruch
-
-
- Mensch, was dir leicht fällt, das nimm schwer!
- Natur gibt viel; entnimm ihr mehr!
-
-
-
-
-Sprüche vom Glück
-
-
-I
-
- Schaffenslust, das ist die Quelle,
- die den eignen Grund zerspellt;
- einen Trunk von dieser Welle,
- und du schmeckst das Glück der Welt.
-
-
-II
-
- Weltwille wirkte dich,
- du wirkst auf ihn zurück;
- tust du das williglich,
- so wird dein Werk dein Glück.
-
-
-III
-
- Glück ist Gabe;
- rechte nicht um fremde Habe,
- Richter mit dem Bettelstabe!
-
-
-
-
-Menschenrecht
-
-
- Dein Recht ist deine Kraft -- drum bläh dich nicht,
- du stehst mit deinem Recht vorm Weltgericht.
- „Was? Weltgericht? ein längst entkräftet Wort!“
- Doch setzt die Welt das Richten kräftig fort.
- „Und wenn mein Recht mit Macht dagegenrennt?“
- Kein Recht wird Macht, das seine Pflicht verkennt.
- „Und was ist meine Pflicht, o Weltgewalt?“
- Da siehe Du zu -- lacht das Scheusal kalt.
-
-
-
-
-Machtsprüche
-
-
-I
-
- Macht spornt den Wicht, Kraft den Braven;
- Kraft schuf den Herrn, Macht den Sklaven.
-
-
-II
-
- Wohin du blickst, ist Krieg auf Erden.
- Wohin du blickst, kann Friede werden.
-
-
-III
-
- Laßt uns gern einander lauschen,
- innerst grenzenlos gesellt,
- Sinn und Seele liebreich tauschen,
- so wird kleine große Welt.
-
-
-
-
-Das Spiel der Welt
-
- Philosophisches Scherzo
-
-
-1) Dialog
-
- Die Seele sprach zur Welt:
- Du machst dich viel zu wichtig.
- Dein Spiel ist ohne mich
- im Grunde null und nichtig.
-
- Zur Seele sprach die Welt:
- Das ist im Grunde richtig.
- Das Spiel machst du, nicht ich;
- drum ist es gründlich nichtig.
-
-
-2) Moral
-
- Die Seele macht sich gern
- mit ihrer Welt zu wichtig;
- Weltseele muß man sein,
- dann macht man Alles richtig.
-
-
-3) Kritik
-
- Das ist ein schlechter Spaß;
- du hältst die Welt zum Narren
- und rätst ihr obendrein
- zu deinem eignen Sparren.
-
-
-4) Antikritik
-
- Das ist kein schlechter Spaß,
- ich hab gar gut erfahren:
- wo Weisheit ratlos steht,
- ist Narrheit flugs im Klaren.
-
-
-5) Supermoral
-
- Die Seele mahnt sich stets:
- sei endlich ganz und tüchtig!
- So bleibt sie ewig halb
- weltsüchtig, halb weltflüchtig.
-
-
-
-
-In Summa
-
-
- Bin Mensch, All, Nichts,
- nach Wahl des Lichts.
-
-
-
-
-Lohngesetz
-
-
- Jeder will möglichst viel vom Leben
- und möglichst wenig dafür geben.
- Als bloßer Anblick scheint’s abscheulich,
- doch handle, Mensch, dann weicht der Schein;
- du wirst dir wert, das ist erfreulich,
- nun muß das Ganze wertvoll sein.
- Vergieb dir nichts, tu nichts vergebens,
- das ist das Lohngesetz des Lebens.
-
-
-
-
-Ungleiche Schätzung
-
-
- Schlauheit erwägt das Schlechte,
- Klugheit das Rechte,
- Weisheit die Mächte.
-
- Schlauheit fristet sich hin,
- Klugheit bringt Gewinn,
- Weisheit schenkt dem Leben Sinn.
-
-
-
-
-Reinertrag
-
-
- Was wir sammeln, was wir speichern,
- mag’s die Erben noch bereichern,
- einst vergeht’s.
- Nur der Schatz der Seelenspenden
- wächst, je mehr wir ihn verschwenden,
- jetzt und stets.
-
-
-
-
-Ewiges Ziel
-
-
- Zum verschloßnen Schrein
- eilt dein Lebenslauf;
- schließt er Liebe ein,
- schließt ihn Liebe auf.
-
-
-
-
-Zwecksprüche
-
-
-I
-
- Lebe mit Zweck,
- wirf dich nicht weg,
- gib dich den Andern hin
- mit eignem Sinn!
-
-
-II
-
- Wem Zweckbesinnung fehlt,
- den knechten seine Triebe;
- es sei denn, ihn beseelt
- die Herrscherin, die Liebe.
-
-
-III
-
- Mit Lust und Liebe sein Werk anpacken,
- macht frei von allem Zweckzwickzwacken.
-
-
-
-
-Allerlei Menschliches
-
-
-I
-
- Verdammte Liebe! schimpft Hans Aff,
- dem seine Liebschaft schlecht bekam.
- Verfluchte Lust! stöhnt Christian Pfaff,
- der sich in Wollust übernahm.
- Herr, schenke diesen beiden Armen
- mit Lust und Liebe dein Erbarmen!
-
-
-II
-
- Ein Spaß für Götter:
- Affen als Menschheitsretter.
-
-
-III
-
- X schreit: der Mensch ward ungesund!
- U will den Übermenschen züchten.
- V wills mit Unzucht, W mit Züchten.
- Z schreit: ihr bringt ihn auf den Hund!
- Sie greifen schließlich noch zum Messer,
- die -- idealen Menschenfresser.
-
-
-
-
-Quintessenz
-
-
- Was ist ein Ideal?
- Dem Weisen eine Not,
- dem Helden eine Qual,
- den Schwätzern Himmelsbrot.
-
-
-
-
-Heldentümliches
-
-
-I
-
- Die misera Plebs begreift es nie:
- wer für sie kämpft, ist wider sie.
-
-
-II
-
- Ihr meint, ihr hättet euch ermannt,
- weil ihr euch hart wie Brutus stellt?
- Jesus kam mit weichster Hand
- und brachte Schwerter in die Welt.
-
-
-III
-
- „Er hat als Gott sich aufgespielt!“
- Das sei mit Freuden ihm verziehn.
- Doch daß er +euch+ für Götter hielt,
- dafür, ihr Menschen, kreuzigt ihn!
-
-
-
-
-Humaner Konflikt
-
-
- „Du bester Mensch, den’s giebt,
- willst von der Menschheit lassen?“
- Ach, wer die Menschheit liebt,
- der lernt die Menschen hassen.
-
-
-
-
-Mann und Weib
-
-
-I
-
- Du haß-und-liebestarker Mann,
- der auch sich selber hassen kann:
- steht nicht ein freudig Weib dir bei,
- martert dein Zwiespalt dich entzwei.
-
-
-II
-
- Daß der Mann am Weib sich freut,
- daß die Freude Samen streut,
- das ists, was die Welt erneut.
-
-
-III
-
- Ihr eifert gegen Frauenrechte?
- ihr feigsten aller Weiberknechte!
- Komm nur, du neue Eva du:
- der alte Adam weiß, wozu.
-
-
-
-
-Sprüche der Liebe
-
-
-I
-
- Wo im wirren Weltgebrause
- zwei versprengte Funken sprühn,
- die aus reiner Lust sich mühn,
- klar einander zu durchglühn:
- Liebe, da bist Du zuhause.
-
-
-II
-
- Glut klärt,
- Glut verzehrt;
- hüte jeder seinen Herd!
-
-
-III
-
- Schwur der Liebe: ob gegeben,
- ob empfangen -- welch Verschulden!
- Schwellend wühlt sich Leben in Leben:
- was wird wachsen? -- Herz, lern dulden!
-
-
-
-
-Spruch in die Ehe
-
-
- Ehret einander,
- wehret einander!
-
-
-
-
-Sprüche der Treue
-
-
-I
-
- Wie läßt sich Alt und Neu,
- o Liebeslust, vereinen?
- Bleib dir nur selbst getreu,
- so bleibst du’s all den Deinen.
-
-
-II
-
- Treue mit Reue
- ist Feiglings Untreue.
-
-
-III
-
- Der Drache Leidenschaft
- speit Mut um sich wie Feuer;
- stählt dich nicht Liebeskraft,
- frißt dich das Ungeheuer.
-
-
-
-
-Einziger Grund
-
-
- Es ist zum Lachen wie zum Weinen,
- wir mögen lieben oder hassen,
- es wurzelt Alles in dem Einen:
- das Herz +will+ sich erschüttern lassen.
-
-
-
-
-Die ewige Sehnsucht
-
-
- Wir werden’s immer spüren
- und niemals weiterbringen:
- die Seele will sich rühren
- und dabei Ruh erringen.
-
-
-
-
-Sprüche der Zeit
-
-
-I
-
- Ich weiß ein Wort,
- das setzt mich über Alles fort,
- über Raum und Zeit
- und Traurigkeit:
- Ich und die Zukunft!
-
-
-II
-
- Daß du über der Zukunft
- nur nicht ihr stetes Dasein vergißt!
- Es gibt eine Gegenwart,
- die ewig ist.
-
-
-III
-
- Lern in der Zeit dein Urbild finden,
- Kunst geht dem Leben Hand in Hand,
- es gilt den Stoff zu überwinden,
- Tod ist des Lebens höchstes Unterpfand.
-
-
-
-
-Sprüche zur Kunst
-
-
-I
-
- Was in unser Leben fiel,
- schwer wird leichter, fremd wird eigen,
- rüstig will es wieder steigen,
- will zurück zum Lebensreigen,
- und so wird’s ein freudig Spiel.
-
-
-II
-
- Das Leben läßt sich stets nur stückweis fassen,
- Kunst will ein Ganzes ahnen lassen.
-
-
-III
-
- Nur ein bißchen Traum,
- und im dürrsten Blatt
- lebt dir der Baum,
- der’s geboren hat.
-
-
-
-
-Inhalt der Kunst
-
-
-I
-
- Suchst du im Bild nach allen Zügen
- des Lebens, wird dir keins genügen.
- Das eben ist es: weil’s nicht Leben,
- kann dein Gefühl ihm Leben geben.
-
-
-II
-
- Gefühl treibt eins das andre fort;
- o gieb uns, Geist, das Fassungswort!
-
-
-III
-
- Nimm, vernimm, und frag nicht viel,
- tiefster Ernst wird höchstes Spiel;
- sieh nur, mit dem Schmerz der Zeit
- spielt die ewige Seligkeit.
-
-
-
-
-Maßstäbe
-
-
- Das Unermessne ist
- der Kunst so eingemessen,
- daß du vermessen bist,
- willst du’s allein ermessen.
-
-
-
-
-Gesichtspunkte
-
-
- Manches Auge schwelgt im Grauen,
- manches wühlt sich bis zur Qual
- in ein Farbenbachanal,
- aber jedes will einmal
- hochgemut ins Blaue schauen.
-
-
-
-
-Kunstgenuß
-
-
- Schönheit wird wie Glück empfangen:
- Freude krönt dein bang Genießen,
- und die Freude ein Verlangen,
- sich als Liebe zu erschließen.
- Denn der Schöpfung schöne Hülle
- hält ihr Wesen wohlverwahrt,
- ist von Reiz so spröd wie zart
- und erschließt des Glückes Fülle
- +Dem nur, dessen eigne Art
- die Art des Schöpfers offenbart+.
-
-
-
-
-Einem und jedem Schöpfer
-
-
- Du hast uns mehr als Leben,
- du hast uns aus dem Geist,
- der das Leben speist,
- eine Welt gegeben.
-
-
-
-
-Den Empfänglichen
-
-
- Ein Wörtlein Dank -- o schönster Schall:
- des Schöpferwortes Widerhall.
- Uns allen ahnt kein höher Glück:
- nun tönt die Welt zu Gott zurück.
-
-
-
-
-Den Querköpfen
-
-
-I
-
- Komm und laß dich ganz gewinnen:
- sieh, der Schöpferbecher kreist,
- voller Lebensglanz den Sinnen,
- Voller Liebeslicht dem Geist.
-
-
-II
-
- Ich +bin+ dumm! sprach Hans Dummerjan
- und kuckte frech den Herrgott an.
- Da lachte Der
- und sprach: Ja, sehr!
-
-
-III
-
- Sie möchten Kunst genießen, ach,
- und kauen Schönheitsregeln nach.
- Es ist das alte Leid, daß Gott erbarm:
- stark ist der Hunger, schwach ist der Darm.
-
-
-
-
-Den Auslegern
-
-
- Man soll alles nehmen, wie es ist;
- das Licht legt wirklich Gold auf den Mist.
- Nimmt man es aber durch die Blume,
- dann natürlich bis in die Wurzelkrume!
- Da sitzt ein Kobold, der sich ins Fäustchen lacht
- und aus übeln Düften Wohlgeruch macht.
-
-
-
-
-Dichtersprache
-
-
-I
-
- Dichter kann man nicht ergründen;
- seid nur, Freunde, recht erhoben!
- Jede Flamme schlägt nach oben,
- jeder Geist wird weiterzünden.
- Durch den Rauch der Worte steigen
- alle auf ins blaue Schweigen.
-
-
-II
-
- Ist nur feuerecht dein Wort,
- flammt’s durch fernste Nächte fort.
- Sprachgrenzen hindern nicht den Geist,
- der übers Volk zur Menschheit reist.
-
-
-III
-
- Was sind Worte, was sind Töne,
- all dein Jubeln, all dein Klagen,
- all dies meereswogenschöne
- unstillbare laute Fragen --
- rauscht es nicht im Grunde leise,
- Seele, immer nur die Weise:
- still, o still, wer kann es sagen!
-
-
-
-
-Dichterschicksal
-
-
- Eine heilige Dichtung vernahm ich:
- war einst ein Diener, der opferte willig
- sein Gut, sein Blut, sich selbst, seinen Sohn
- der herrischen Zucht eines Heldengeschlechtes,
- wie der Urwaldbaum sich samt all seinen Früchten
- dem Boden hingibt, dem er entsproß.
- Ach, aber wo lebt das Volk, das dich hört,
- von Ahnengeistern begeisterter Dichter?
- Und dennoch atmet die Klage Jubel:
- von jeher säte der Dichtergeist
- seine Früchte aus in scheintotes Land,
- des Daseins opferwilliger Diener,
- künftigen Lebens erhabener Ahnherr,
- volkstreuer Held wie der Urwaldbaum.
-
-
-
-
-Der geduldige Dichter
-
-
-I
-
- Der Dichter steht am Herd und schürt
- und wartet, daß sein Volk sich rührt.
- Das Holz liegt da, der Funken auch;
- wann springt die Flamme aus dem Rauch?
-
-
-II
-
- Das Publikum hat gezischt und geklatscht,
- die Kritiker haben gequietscht und gequatscht.
- Der Dichter lächelt: Das verschallt,
- rings rauscht mein immergrüner Wald.
-
-
-III
-
- Was soll mir euer Lorbeer, Freunde;
- an jedem Blatt zupfen hundert Feinde.
- Bringt Blumen, edle Früchte, Wein:
- die Kunst will sich des Lebens freun.
- Den Lorbeer legt mir aufs Totenkissen;
- da wird er nicht mehr heruntergerissen.
-
-
-
-
-Guter Rat
-
-
- Nur kein törichtes Ereifern,
- wenn die Wichte dich begeifern.
- Diese Kautschukmännlein fliegen
- mannshoch, wenn sie Hiebe kriegen;
- laß sie lügen, laß sie liegen.
-
-
-
-
-Den Kennern
-
-
- Selbst der rarste Diamant,
- dem Verächter ist er Tand.
- Ach, wie arm wär jede Spende,
- wenn sie keine Gnade fände!
-
-
-
-
-Den Herren Kritikern
-
-
- Der Kritiker hat immer Recht,
- unfehlbar wie der Kletterspecht:
- die Eiche trotzt dem stärksten Sturm,
- der Specht entdeckt in ihr den Wurm.
-
-
-
-
-Kumpaney
-
-
- Ein Herr Laus, ein Floh und eine Wanze
- setzten sich an meinen Tisch.
- Sprach der Floh: Brüderchen, tanze!
- hoppla! frisch!
-
- Sprach ich bald: Ich kann nicht tanzen
- so wie Sie, Herr Floh!
- Sprach das Fräulein von den Wanzen:
- Klettern Sie mal Stroh!
-
- Sprach ich gleich: Wer kann strohklettern
- so wie Sie!
- Sprach der Lauserich: Entblättern
- Sie mal Schinn, hihi!
-
- Sprach ich: Ihre Kunst! wer könnte
- die wohl ebenso!
- sprach ich. Und die dreu Talönte
- waren seelensfroh.
-
-
-
-
-Laufbahn
-
-
- Als ich jung war, hab ich verwogen
- alle Zäune im Feld überflogen.
- Nun ich älter bin, will ich verwegen
- selber neue Felder einhegen.
- Und kommen, wenn ich alt bin, die Jungen
- auch auf die herübergesprungen,
- beflügel euch Gott, ihr wilden Fohlen!
- Aber könnt ihr nichts weiter vollbringen
- als dem alten Sturmfried dummdreist nachspringen,
- soll euch Kracken der Teufel holen!
-
-
-
-
-Der Hahnenkampf
-
- Parabel
-
-
- Liebe Leute! ihr kennt den Baum der Erkenntnis.
- Mit seiner Frucht hats ’ne eigne Bewendnis:
- seit Adam hat niemand sie mehr gesehn,
- also wird er wohl ewig in Blüte stehn.
- Unter dieser Blüte nistet ein Geist,
- in Gestalt eines Gockels, der Gigenius heißt,
- ein gewaltiger Kampfhahn bei seinen Lebzeiten,
- um den sich noch heut alle Federviecher streiten.
- Er ist zwar tot; doch wie ihr hört,
- kräht er noch immer ungestört --
- ucke-ru-uh! --
- Aber jetzt erscheint da ein zweiter Geist,
- ein lebendiger, der Gigigenius heißt
- und sich vor keinem toten grault,
- der kräht: pfi, Gi, du riechst verfault --
- ücke-rü-üh! --
- Drob schwillt allen Geistern der Kamm mit Macht;
- man merkt, es gibt eine Hahnenschlacht.
- Man sieht, wie Hals und Brust sich bläht;
- wohl dem, der nicht dazwischen gerät!
- Sie balgen sich, daß keiner weiß,
- wo ist der Kopf, wo ist der Steiß;
- und über ihrer Kraftverschwendnis
- hängt still die Blüte der Erkenntnis.
- Zuletzt ist jeder arg verprügelt,
- aber alle krähn sie siegbeflügelt:
- ucke-rü-üh!
- ücke-ru-uh! --
- Drauf gehts mit würdigem Gestapf
- an den gemeinsamen Futternapf,
- aus dem auch schon Gigenius schluckte,
- als Gigigenius noch nicht muckte.
- Da stehn sie sämtlich ruhmbedeckt,
- und jeder nimmt sich, was ihm schmeckt.
- Moral: Erkenne, edler Christ,
- wie unermeßlich der Futternapf ist!
- Vielleicht hielt Adams Unverständnis
- ihn für die Frucht vom Baum der Erkenntnis.
-
-
-
-
-Die neue Würde
-
- Parabel
-
-
- Ein Künstler war deutscher Professor geworden,
- mit der Aussicht auf weitere Ämter, Titel und Orden;
- und weil er von Natur ein Bildhauer war,
- erschien nun vor ihm die ganze Schaar
- von großen, größten und allergrößten Tieren,
- die er gewohnt war zu modellieren,
- um ihm huldvollst zu gratulieren.
- Ein Pavian schnarrte: Herr Professor,
- ich hoffe, Sie meißeln nun immer bessor!
- Ja, schrie ein Esel: man soll seine schweren Pflichten,
- Herr Professor, immer edler verrichten.
- Ein alter abgerackerter Gaul
- wieherte mit verzognem Maul:
- Li-ieber Herr Professor, es gilt des Daseins Leiden
- immer wahrer in Holz zu schneiden.
- Ein dressierter Hofhund maulte: Wau, wau --
- ein Kater jaulte dazwischen: au, au --
- Herr Professor, die Welt ist schon voller Grauen,
- man muß sie immer schöner aushauen.
- Pfui! grunzte ein Schwein: ich möchte bitten,
- Herr Professor, um immer reinere Sitten.
- Ein paar Kameele flehten demütigst:
- Werter Herr Professor, verzeihen Sie gütigst,
- wir empfehlen, des Lebens Malicen
- immer klarer in Bronce zu gießen.
- Ein Elefant blies in die Trompete:
- Hochgeehrter Herr Professor, ich vertrete
- die alte Weisheit der Brahmanen;
- lassen Sie immer Tieferes ahnen!
- I -- quiekte eins von zwei Karnickeln:
- wir wollen uns immer höher entwickeln!
- Vier vergnügte Hamster aber hockten im Kreise,
- die schnauften in ihrer verfutterten Weise:
- Teurer Herr Professor, die Not lehrt beten,
- lernen Sie immer zweckvoller kneten!
- Und -- mahnte ein Truthahn mit Gekoller:
- natürlich immer ordnungsvoller!
- Im Gegenteil! kreischte ein Lämmergeier:
- selbstverständlich immer freier!
- Ein Löwe brüllte: Professor, ich rate nur
- immer stolzere Positur!
- Ein spukhaft hopsendes Känguru
- walzte vorüber und pfiff dazu:
- Herr Professor, man will Sie blos vexieren,
- Sie müssen die Form immer feiner komplizieren.
- Ein kluger Storch hob sacht ein Bein
- und klapperte mit Bedacht: Nein, nein,
- bester Herr Professor, es gilt auf Erden
- nur immer einfältiger zu werden.
- So erteilten die Tiere, große und kleine,
- wilde und zahme im Vereine,
- dem Herrn Professor ihren huldvollen Rat,
- als plötzlich aus dem Gratulantenstaat
- eine goldschmucke Paradiesvogelhenne
- aufflog und gluckste: Wie ich dich kenne,
- Freund Künstler, wirst du dir nun vorspiegeln,
- du sollst unsre Göttin Natur verschniegeln,
- und wirst deiner neuen Würde grollen
- und immer rauhbeiniger werden wollen.
- Und der Herr Professor knurrte was in den Bart
- und sah wahrhaftig aus wie behaart
- und streckte verbiestert alle Viere.
- Da erschien zuletzt in seinem Quartiere
- das wildeste und zahmste der Tiere:
- ein Weib. Das sprach: Lieber Mann, deine Würde
- ist freilich eine künstliche Bürde.
- Aber wir Menschen treiben’s eigentlich nie
- so natürlich wie das übrige Vieh;
- selbst die nackte Braut trägt an der Hand
- ein Ringelein als züchtiges Pfand.
- Sieh, mit unsern Kleidern, Zierden und Ehrenzeichen
- will die alte Hexe Natur erschleichen,
- daß sich ihr irdisches Maskenfest
- nicht noch tierischer gehen läßt.
- Drum, Künstler, laß dich ruhig verhimmeln;
- und damit deine Anbeter nicht verlümmeln,
- lern dich als würdiges Vorbild geberden,
- denn der Mensch will -- immer noch menschlicher werden.
- Da hat der neue Herr Professor gelacht,
- hat seiner Frau einen himmlischen Bückling gemacht
- und sich sein göttliches Haupthaar geschoren.
- Seit der Zeit sind die Herren Professoren
- der deutschen Kunst-Akademien
- nicht mehr als Trampeltiere verschrien.
-
-
-
-
-Die verunglückte Göttin
-
- Prolog zur Eröffnung der ersten Freien Volksbühne
-
-
- Es war im Mai, ein Mittag wolkenschwül.
- Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
- der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen
- von Silberfelsen, fern ins stille Meer
- des Himmels hin, aus dumpfer Brandung schwollen:
- Berlin lag brausend um mich her.
- Am Horizont, im blassen Dunst, stand blendend
- auf ihrem Säulenklotz, wie Gold ausspendend,
- die Siegesgöttin. Um die steifen Glieder
- bog seltsam bauschig das Gewand sich nieder;
- zu flattern schien’s im lauen Wind.
-
- Die Sonne blinzelte, bald grell, bald blind.
- Ich wußte nicht: saß ich im Traum?
- Es war, als ob der blanke Saum
- am Fuß der Göttin immer mehr sich bauschte,
- als ob von fern ein ehern Klirren rauschte.
- Ich starrte: wahrlich, um die Spitze
- der Säule klirrten goldne Blitze:
- die Göttin schüttelte den Siegesspeer.
- Und plötzlich schleuderte sie weg die Wehr,
- zur Erde nieder schossen Strahlenstufen,
- sie schritt hinab, und hohl wie Glockentöne
- scholl durch die Stadt ein geisterhaftes Rufen:
-
- „Genug des eitlen Ruhms! Kommt her, ihr Söhne,
- ihr Töchter all des Volkes, kommt herbei!
- Ich will euch künden einen neuen Mai.
- Hin werf ich Heim und Waffen in den Kot;
- genug von Kampf und Schweiß! Aus reinern Sphären,
- vom Baum der Freiheit pflückt ich Himmelsbrot;
- mit Ätherhauch soll’s eure Seelen nähren.
- Die Frucht der Schönheit bring ich auf die Erde,
- die +Kunst+, die Seligkeit der Ewigkeiten;
- vergessen sollt ihr Mühsal und Beschwerde,
- wie Geister leicht ins Reich der Wahrheit gleiten.
- Ein trüber Traum nur ist des Daseins Not,
- ein Wahn der Schmerz, ein Augenblick der Tod;
- begeistert ob dem Dunst der Zeiten schweben,
- das ist die Wahrheit, das heißt Leben!“
-
- So stand sie preisend in der Sonne, winkte;
- hoch in der Rechten, weithin gleißend, blinkte
- die wundersame Frucht. Und ihr entgegen
- aus allen Toren stürmten Glückverlangende,
- auf allen Straßen drängten Sehnsuchtbangende,
- Millionen Augen dürsteten nach Segen.
- Und plötzlich keucht ich selber mit im Schwarm,
- mit immer drängender gestrecktem Arm;
- vorstürzend, stammelnd kniet ich in den Sand,
- umklammerte des Weibes Prachtgewand:
- „Gieb!“ fleht’ich ächzend -- „Gieb uns, gieb uns!“ ächzten
- die Abertausende, die mit mir lechzten.
-
- Doch hohl herab in unsre Nötigungen
- erscholl die Glockenstimme wie zersprungen:
- „Nicht dürft ihr nahn mit irdischer Begier,
- im Abglanz nur erscheint die Schönheit hier.“
- Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke
- lag schwer das Wort wie Nebeldunst und Wolke.
-
- Auf einmal aber, leise, heiser, wild,
- begann ein Flüstern um das Glanzgebild:
- „Sie log uns! Wir verschmachten! Fort! Sie log!“
- Und, wie die Windsbraut durch den Forst, so flog
- das Murren weiter, laut und lauter schwellend:
- „sie log, log, log“ -- toll, immer toller gellend,
- wutschreiend, hohnlachend, und Flüche schallten,
- und Fäuste fuhren drohend in die Falten
- des blendenden Kleides, und -- ein Schreck -- ein Graun:
- die wimmelnden Reihen starrten wie erstickt:
- ein Bild des Stolzes hatte sie berückt,
- da stand’s, ein Bild der Ohnmacht anzuschaun:
- ein Krampf erschütterte den Riesenleib,
- es war als schrumpfte Zoll um Zoll das Weib,
- matt nieder knickten Hand und Arm,
- die Himmelsfrucht fiel prasselnd in den Schwarm,
- zu Moderqualm zerstob sie im Gedränge,
- zu Flitterspreu der Schale Goldgepränge.
-
- Und vom Gesicht wie abgeschürfte Blattern
- sah ich des Weibes Götterhaut zerflattern.
- Aus ihren Augen stierte trüb ein Schein
- wie schaler Bodenrest aus leeren Bechern,
- die Lippen knifften dürr und schief sich ein,
- und aus dem Zahngelücke klang es blechern:
- „Ach ja -- ach je -- die Kunst wird alt so sachte.
- Ihr habt schon Recht -- na, seid man still -- ich dachte:
- ihr könnt noch +glauben+ an die ewige Jugend.
- Na schön, denn nich. Seht, Kinder, ich bin ehrlich;
- und ist das schwache Rückgrat auch beschwerlich,
- man macht dann eben aus der Not ’ne Tugend.
- Ja, alles Dasein ist ein mürber Plunder,
- der Menschengeist verpufft sich selbst wie Zunder,
- der Mitmensch kommt und schluckt den schlimmen Rauch
- und krigt davon das Grimmen in den Bauch;
- ein Kunststück ist es, sich davor zu hüten.
- Drum will ich euch, als Gegengift, die Blüten
- aus diesem Giftsumpf säuberlich sezieren;
- ein schwaches Auge liebt das Mikroskop
- und nicht das Sonnenfernglas zu regieren,
- und Unkraut wächst ja massenhaft, gottlob.
- Die Decke von der Fäulnis abzuheben,
- +das+ ist die Wahrheit, +das+ heißt leben.“
-
- Und wieder rings ein scheu beklommnes Schweigen,
- ein Nicken, und verzagte Seufzer wehten,
- wie Herbstlaub rieselt von gesenkten Zweigen;
- dann -- sah ich manchen grinsend näher treten.
- Da wars, als wüchse wieder hoch die Alte,
- die hohle Stimme blähte sich und hallte:
- „Am Schönheitswahnsinn mögen Narren klauben,
- heut braucht man blos der -- Wissenschaft zu glauben!
- Und da ihr reif seid, Alles zu verstehn,
- sollt ihr die Kunst in ganzer Nacktheit sehn!“
-
- Und mit den Spinnenfingern krallte
- ins schlotternde Prunkgewand die Alte,
- schon sah man durch des Kleides Spalten
- des greisen Leibes schlaffe Falten,
- da --: tausendstimmig hub ein Toben an,
- ein Schrei des Ekels brach den dumpfen Bann,
- und wie die Brandung von der morschen Klippe
- zurück ins freie Meergewoge schäumt,
- so stürmten, stießen, stürzten zorngebäumt
- die Schaaren weg, weg von dem Spottgerippe
- und rissen’s um und lachten, und laut lachte
- ich mit, aus vollem Halse, und -- erwachte.
-
- Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
- der Großstadt niederstaunend. Frisch und kühl,
- aus eines Hofes tristem Schattenloch,
- sproß zu mir auf ins schwüle Mittagsschweigen
- ein blühender Apfelbaum, als hinge noch
- schimmernd das Morgenrot an seinen Zweigen.
- Und wo er über die graue Mauer nickte,
- hockte ein Straßenkind und gab
- von seinem Brot einer Gespielin ab,
- die blaß aus einem Kellerfenster blickte.
- Das Brot war trocken, das Stück war klein,
- die Händchen schmutzig -- doch der Augen Leuchten
- so klar und lachend wie der Sonnenschein,
- der über ihnen rings die schwarzen feuchten
- Dächer der qualmenden Stadt blitzblank polierte
- und mit viel hundert Himmelsspiegeln zierte.
-
- Am Horizont verglomm jetzt in den Dünsten,
- fahl wie ein Irrlicht hinter Sumpfgespinsten,
- die plumpe Göttin. Aber an der Ecke
- dicht unter mir fiel hell der Frühlingsglanz
- auf eine andre Säule. Bunt Geflecke,
- grell, ein zerhackter Regenbogenkranz,
- so klebten prangend die Plakate dran.
- Und auf dem Pflaster drängte Mann an Mann;
- sie lauschten; einer las, gebückt und schief,
- ein rotes Blatt, das zur Versammlung rief.
- Verbissener Grimm sprach aus den knochigen Mienen,
- verschluckte Sorgen brüteten in ihnen;
- und als der Haufe aus einander wich
- und als sie sich die rußigen Hände drückten
- und kargen Gruß die storren Köpfe nickten,
- da, ja, da wußt ich wohl, dort schlich
- manch schlechter Wunsch aus haßgepreßter Kehle,
- doch aus den Blicken schimmerte echt und rein
- -- so sprüht der Funke aus dem harten Stein --
- die Kampfbegeisterung der wilden Seele.
- Und sprühte her zu mir mit jäher Wonne,
- und ward Gesang in mir, Gesang zur Sonne:
-
- Wir Alle, Sonne, sind von deinem Blut!
- Uns Alle, Volk, adelt ein Geist der Glut!
- Wie Er aus Licht und Dunkel Farben wirkt,
- im Schooß der Nacht die Saat des Tages birgt,
- wie Er vom kalten Ätherhauch umflossen
- sein Flammenblut hat in die Welt vergossen,
- das immer noch aus unsrer Staubgestalt
- vor Sonnenheimweh heiße Worte lallt:
- so kann ein Schattenspiel an leerer Wand,
- vom Flämmchen unsrer Sehnsucht hingebannt,
- uns samt der Zeit zur Ewigkeit erheben --
- und +Das+ ist Kunst, ist Schönheit, Wahrheit, Leben!
-
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-
-Der Feuergeist
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- Ein Jüngling, wortgewandt, und sehr fürs Volkswohl glühend,
- oder galt seine Glut mehr seinem Rednerruhm?
- wer weiß -- denn eines Tags nach einer Wahlversammlung
- sprach er zu einem Freund: welch grenzenloses Glück,
- so ganz entbrannt zu sein, daß alles mitentbrennt,
- so Flamme durch und durch, daß sich der Geist vesuvisch
- am eignen Wort entflammt und jeden andern Geist
- rings um sich her verzehrt! -- der wurde selbigen Nachts
- von einer Feuersbrunst jäh aus dem Schlaf geweckt.
- Er sah, noch halb im Traum, durch die verkohlte Tür
- den Brand nach seinem Bett mit riesiger Zunge lecken,
- wollte um Hilfe schrein, sprang auf, sah rings die Wände
- Rauch spein, die Dielen sprühn, schrie Gnade, stotternd Gnade,
- sah nichts mehr, schrie nur, sah: alles verzehrend fraß
- der glühende Atem um sich, vesuvisch. Und -- o Gnade --
- was war das? Luft! Er sah sich zusammenbrechen, fühlte
- sich hochgerissen plötzlich, getragen, weggetragen,
- durch klirrende Fenster, Wolken, Nachtwolken, Luft -- o Glück --
- o grenzenloses Glück -- durch frische Luft getragen,
- von Fäusten, Retterfäusten, hinab. So kam er zu sich,
- stand unten, sah hinauf, sah rings das Volksgetümmel
- vom Feuer geisterhaft beleuchtet, wollte sprechen,
- Dank sagen, Dank, o Dank -- und sprach, sprach nicht, schrie,
- schrie nur,
- stotternd und lallend: Gnade! Gnade! -- Die Zunge war
- für immer ihm gelähmt.
-
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-
-Das erlösende Wort
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- Er weinte, schwieg. Noch hör ich ihn stammeln,
- höre ihn leiden bei jedem Laut,
- und höre das Lied meiner Seele dazu,
- o selig Lied!
-
- „Ich b-b-b-bebe“ -- ich bebe mit,
- „wie kein M-M-Mensch sonst“ -- wie einst der Urmensch,
- „bei j-jedem W-Wort“ -- armer Sünder!
-
- „Jedes Wort“ -- einst Gestammel --
- „ist m-mir haha-heilig“ --
- ist Allen heiliger noch als dir;
- „sie aber lalala-lachen darüber!“
- sie lachen, und du leidest noch?
-
- „Ich k-kann nie s-sagen“ -- wer kann je sagen,
- „was meine S-Seele will“ -- Aller Seele!
- „ich b-bin so verlassen“ -- vom einigen Geist.
-
- „Nur m-manchmal, w-wenn ich mein Lalala-Leiden
- v-vergesse“ -- o lache, befreiter Geist --
- „dann glückt mir“ -- o Glück -- „das erlösende Wort“.
- Er weinte, schwieg.
-
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- Aber die Liebe
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- Zwei Folgen Gedichte
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- Dritte Ausgabe
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-Hieroglyphe
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- In allen Tiefen
- mußt du dich prüfen,
- zu Deinen Zielen
- dich klarzufühlen.
- Aber die Liebe
- ist das Trübe.
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- Jedweder Nachen,
- drin Sehnsucht singt,
- ist auch der Rachen,
- der sie verschlingt.
- Aber ob rings von Zähnen umgiert,
- das Leben sitzt und jubiliert:
-
- +Liebe!+ --
-
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-
- Erste Folge
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- *
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-Der befreite Prometheus
-
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- Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;
- er war erlöst, Zeus gab ihn frei.
- Der Riese durfte endlich von dem Gletscher
- herunter, drauf er büßend lag;
- er durfte nun hinab auf seine Erde,
- +hin+ zu den Menschen, die er so geliebt,
- daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,
- das Feuer des Olympos für sie stahl.
-
- Nicht dauerte den Götterkönig
- der Himmelsgünstling, der abtrünnige.
- Warum auch lockte die Versuchung ihn,
- den Menschen Göttergut hinabzutragen;
- er hatte seinen Lohn dahin,
- den Heilandslohn,
- nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.
- Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,
- und Laune wars und Gnade, daß sein Blitz
- vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,
- die lavastarr gehärteten.
-
- O lange Qual! o Leib, zerfleischt, entstellt!
- Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel;
- kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger
- das große Wundmal unterm Herzen schützen,
- das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen
- des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.
- O Tage voller Wut und Ohnmacht!
- o Tag der Bitternis, da ihm die Hand,
- die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
- zum ersten Male
- erlahmte vor der Übermacht des Neides,
- des weltbeschattenden, der Götter all!
- o Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!
-
- Doch nun war Alles überwunden.
- Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.
- Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft
- der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,
- als trüg’er in sich, wie ein Fremder kalt,
- nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.
- Um seine schmerzgeübte Stirne zauste
- der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.
- So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.
-
- Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.
- Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.
- Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.
- Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,
- seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
- seit er den unstät Irrenden
- den ersten warmen festen Herd gebaut.
- Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,
- die tierisch wild in Hader, Haß und Habgier
- einst um das nackte Leben markteten,
- die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.
-
- Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
- ins ebne Land; da sah er blühende Triften,
- bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
- und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
- und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
- Da lachte seine Seele: Sieh doch, Zeus,
- war Das nicht wert der tausendjährigen Pein?
- Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!
-
- Und in die Dörfer ging er, in die Städte,
- und sah die Menschen, sah sie leben, streben,
- und ging und ging, und suchte hin und her,
- und fand:
- weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor!
- Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen
- als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.
- Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid --
- den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,
- den Neid der Menschen um Besitz --
- und war genug doch da, genug für Alle.
- In Hütten sah er, in die Burgen sah er;
- doch es war Alles Eines,
- war alles wie zuvor -- und schlimmer noch.
-
- Zuletzt und matt betrat er eines Priesters
- entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,
- den er vergebens bei den Andern suchte;
- dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes
- heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,
- wollt er noch Einmal unter Menschen rasten
- und dann auf immer in die Einsamkeit.
- Zum Hausherrn, der die Flamme schütte, sprach er:
- „Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“
-
- Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
- dem großen Mann ins seltsame Gesicht,
- und schlich geduckt davon, und schloß sich ein,
- und durch die Tür quoll eine fette Stimme:
- „Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!
- Prometheus, der ist tot -- und kommt nicht wieder.
- Ja, damals waren bessre Zeiten noch
- als heute!“
- Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.
-
- Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und
- der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle
- schlug er lang hin, zum ersten Mal laut schluchzend,
- und wehklagte: „O Zeus! sehr furchtbar strafst du!
- so nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!
- das war das Letzte! ich will sterben gehn!“
- Und jäh und gellend riß sich
- ein Lachen los aus der vernarbten Brust,
- und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:
- „Weg von den Menschen! weg! zum Meer! ins Meer!
- im Meer, da find’ich Ruhe! endlich Ruhe!“
- Nun stand er oben, starr, auf steiler Klippe.
-
- Und wieder sah er im Gelände unten
- die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,
- bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
- und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
- und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
- Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,
- da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,
- brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und
- in rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend
- schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend
- flog übers Meer sein weinendes Gelächter:
- „O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,
- die mir mein Gut, mein göttliches, +veraast+!
- Hha, meine Menschen, hahahah“ --
-
- Da horch, was scholl da? drang da nicht ein Schrei,
- ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?
- Er stierte; dunkel rollend ging die See,
- von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,
- und aus dem Gischt trieb halbzerschellt ein Kahn,
- und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.
- Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut
- ein andres Boot heran, draus warf sich
- ein zweiter Fischer in die Brandung.
-
- Und oben auf der Klippe stand Prometheus
- und stierte, stierte, und erkannte sie:
- aus seiner Wandrung hatt’er sie gesehen,
- die ersten Menschen warens, die er traf:
- Todfeinde warens -- und jetzt kämpfte dort
- der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!
- Und endlich siegten sie den schweren Sieg,
- und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,
- sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,
- einander in die Arme.
-
- Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
- und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,
- und sah sie lachen -- und nun jauchzten sie.
- Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,
- da überfiel ihn nie erlebte Demut,
- und in die Kniee taumelte Prometheus
- und auf zum Himmel stammelte Prometheus:
- „O Zeus! ich danke dir! du armer Gott!
- Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!
- O laß mich leben, laß mich leiden!
- Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“
-
-
-
-
-Gethsemane
-
-
- Lautlos steht der starre Hain der Palmen,
- tiefe Schatten schaun aus Busch und Halmen,
- ihre blauen Tränen weint die Nacht.
- Nur von Menschenlauten tief durchtrauert,
- steht der stumme Hain und bebt und schauert;
- einsam seinen Gott anrufend kauert
- auf den Knien ein Mann in Bettlertracht.
-
- „Höre, höre, Geist der Wahrheit,
- meinen Zwiespalt, meine dunkle Schuld:
- der ich wandelte in Kampf und Starrheit,
- Liebe lehrt ich und Geduld.
- Ach! ein Baum, der Licht gab, wollt ich leben,
- übermächtig der Natur;
- nur mein Glaube war mir Leben.
- Ach, sie sahn nicht auf mein Streben,
- sahn die Tat, des Baumes Schatten nur.
-
- Übermenschlich hab ich mich vermessen,
- und sie haben fromm gemeint:
- Ich, ich lebte selbstvergessen.
- Einer, Er nur -- Judas! Freund!
- warum willst du mich verraten?!
- O, zertrennte mich doch mein Gebet,
- daß ich zwiefach lebte Wort und Taten,
- Menschen menschlich irrend zu beraten,
- auch dem Zweifel ein Prophet!“
-
- Und zum Mond die Arme wild gebreitet,
- und die Augen in die Nacht geweitet,
- läßt er seine dunkeln Blicke irrn.
- Und er sieht die Schaaren seiner Qualen,
- durch das Dickicht brechen bleiche Strahlen
- und berühren wie mit fahlen
- Dolchen marternd seine glühende Stirn.
-
- „Wehe, wehe, Geist der Liebe,
- voller Reinheit schwebst du, klar und hoch;
- doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe,
- und mich kettete die Erde doch!
- Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:
- Allen wollt ich liebend glühn,
- aber meiner Mutter mach ich Schmerzen
- und mit sehnsuchtwundem Herzen
- weint um mich die Magdalenerin.
-
- Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,
- wollt ich trösten all mein arm Geschlecht,
- doch im Mitleid glimmt die Rache schon;
- auch der Reichste hat auf Liebe Recht!
- Judas, Judas, kommst du mich zu richten?
- ist Entsagung, ist Gewalt mein Los?
- Muß denn diese Welt sich erst vernichten,
- um das Reich des Friedens aufzurichten?
- Freiheit, lebst du im Gewissen blos?“
-
- Und verzagt aufs Antlitz hingezwungen
- spürt er heftiger die Anfechtungen,
- seine zarte Stirne trieft von Schweiß.
- Und er fühlt sein Blut in großen Tropfen
- von den Schläfen in die Gräser tropfen;
- seine zuckenden Pulse klopfen
- an die Erde hart und laut und heiß.
-
- „Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!
- wird denn nur für Opfer Sieg gewährt?
- Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit:
- wähle, Freund! hier Todeskelch, hier Schwert!
- Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,
- eine Lebensleuchte wollt ich stehn,
- aber jetzt in Sterbensnöten
- sieh mich zittern, sieh mich beten:
- laß den Kelch an mir vorübergehn!
-
- Allzu willig war mein Fleisch dem Geist!
- weh: entbrächen meines Glaubens Gluten.
- Sollen Tausend um mich Einen bluten?
- Wer nach Meinem Wandel lebt, verwaist.
- Nein, ich fühl es: +nicht+ wie Ich will, Vater,
- Geist der Welt, der +alle+ Seelen speist,
- allen Fleisches Schöpfer und Berater,
- Du des Lebens, Du des Todes Vater,
- Deiner Hand befehl ich meinen Geist!“
-
- Und er horcht, er sieht die Nacht erglühen:
- starrer stehn die Bäume, Fackeln sprühen,
- wildverworrene Menschenlaute nahn.
- Und verzückt den Seherblick gehoben,
- steht und hört er seine Häscher toben,
- und ein Siegeslächeln schluchzt nach oben:
- „Judas, komm! ich schreite gern voran.“
-
-
-
-
-Tragische Erscheinung
-
-
- In einer Wüste lagen viele Menschen,
- die fast verschmachteten; sie wimmerten.
- Ein schönes Mädchen nur,
- mit hilflos braunen Augen,
- litt stumm den Durst; denn gieriger als der Durst
- brannte ihr seliges Mitleid.
- Da trat, vom glühenden Horizont herwachsend,
- ein fremder Mann vor dieses Volk;
- der hob den Zeigefinger ihnen dar.
- Aus der gereckten zitternden Spitze quoll
- ein großer Tropfen Blut, quoll, hing, und fiel,
- fiel in den Sand;
- verwundert sah das Volk den fremden Mann.
- Der stand und stand, Tropfen auf Tropfen fiel
- aus seinem Finger in den Sand;
- und immer, wenn die rote Quelle troff,
- erbleichte schauernd Er, sie aber staunten,
- und einige ächzten: er verhöhnt uns.
- Da schrie er laut mit seiner letzten Glut:
- so kommt doch, trinkt! für Euch verblut ich mich!
- Doch jenes Mädchen sprach, indeß er hinlosch:
- sie brauchen Wasser ...
-
-
-
-
-Einsamkeiten
-
-
- Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld;
- hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe,
- hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin.
- Kein Laut, kein Hauch; der bleiche Abend hält
- im dichten Mantel schwer die Luft gefangen.
- So tut es wohl dem unbewegten Sinn.
-
- Mein Herz nur hör ich noch; doch kein Verlangen
- nach Leben ist dies Klopfen. Lust und Schmerz
- ruhn hinter mir versunken, gleich zwei Stürmen,
- die sich umarmen und im Wirbel sterben.
- Was störst du mich, mein allzu lautes Herz!
-
- Sie haben alle nie wie du gefühlt,
- wie du allein; nicht Freund, nicht Weib noch Kind;
- sie sind +auch+ einsam. Sieh: dort drüben
- müht sich ein grüner Schein im Nebelmeer,
- ein Bahnlicht -- sieh: so glimmst auch du im Trüben.
- Hinaus, hinaus, wo keine Menschen sind!
-
- Was wollt ihr noch? Weiter! auf jenen Hügel,
- der grau ins Dunkel schwillt. Gesichter, weicht!
- Sie folgen mir; o hätt ich Flügel! --
- Und aus dem bleichen Feld tauchen die Sträucher,
- koboldig, und der Hügel raucht,
- bis feucht von Schweiß sich dick und breit
- der Dunstalb an die Brust der Erde saugt.
- Gesichter, weicht! weicht! Wie sie keuchen!
- Sie folgen mir. O Qual der Einsamkeit!
-
- Am Bahndamm nieder wank’ich in den Sand,
- die glühende Stirne auf die nasse Schiene:
- o käme jetzt das Eisenrad gerannt!
- Kalt frißt sich mir das Stahlgefühl ins Mark,
- die Hände pressen wild den starren Reifen;
- ich kann nicht mehr. Da: horch: sei stark:
- heulend am Horizont ein hohles Pfeifen,
- zwei Augen quellen blendend aus dem matten
- Dunstdunkel, und -- was will der Schatten,
- was regt sich da der Erlenbusch?
-
- Er löst sich, kommt; es reißt mich hoch,
- der Schatten naht, ich wills begreifen,
- er nimmt Gestalt an -- Wahnsinn? -- Und
- den Nebel teilt ein schwarzer Streifen,
- mein wühlender Blick wird still und weit:
- ein Gruß -- stumm stockt in mir ein Schrei:
- Jubel, ein +Mensch+! -- O Herz -- o Einsamkeit --
- und knatternd stampft der Dampfzug mir vorbei.
-
-
-
-
-Bergpsalm
-
-
- Der Sturm hat seine Schlangen losgelassen.
- In langen Windungen zischt Gras und Rohr
- und keucht der See ans Land; die silberblassen
- zerwühlten Weiden seufzen laut empor.
- Empor, empor! Dort, wo die Kiefern sausen,
- auf kahler Höhe will ich einsam stehn
- und meine ferne Heimat dämmern sehn
- und hören, was die dunkeln Wolken brausen.
-
- Ihr grauen Pilger über mir: wohin?!
- O könnt ich +mit+ euch, ziellos, ohne Stocken,
- dies dumpfe Sehnen ohne Maß und Sinn
- ausschütten in den Sturm wie Nebelflocken!
- O meine Heimat! Silbern grüßt der Fluß
- und glänzt zum Himmel aus dem Blau der Bäume,
- und aus dem Zauberwald der Kinderträume
- winkt klar der Mutter Blick und Kuß.
-
- Was weinst du, Sturm? -- Hinab, Erinnerungen!
- dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!
- Es grollt ein Aufschrei von Millionen Zungen
- nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!
- Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten
- wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;
- heut stöhnt ein +Volk+ nach Klarheit, wild und gell,
- und Du schwelgst noch in Wehmutslüsten?
-
- Siehst du den Qualm mit dicken Fäusten drohn
- dort überm Wald der Schlote und der Essen?
- Auf deine Reinheitsträume fällt der Hohn
- der Arbeit! fühl’s: sie ringt, von Schmutz zerfressen!
- Du hast mit deiner Sehnsucht blos gebuhlt,
- in trüber Glut dich selber nur genossen;
- schütte die Kraft aus, die dir zugeflossen,
- und du wirst frei vom Druck der Schuld!
-
- Und blutig glüht es um die zackigen Türme,
- ein Dornenkranz umflammt die Stirn der Stadt,
- ein goldner Fächer scheucht die Wolkenstürme,
- hernieder strahlt ein Sonnenpalmenblatt.
- O Herz der Weltstadt, du Millionenstimme,
- die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit:
- still quillts wie Heilandsblut durch diese Zeit,
- die Liebe quillt aus deinem Grimme!
-
- Den Kelch des Schweißes seh ich geistverklärt,
- das Kreuz der Mühsal blütenlaubumflattert!
- Was lachst du, Sturm?! -- Im Rohr der Nebel gährt,
- die Kiefer knarrt und ächzt, mein Mantel knattert:
- Empor aus deinem Rausch! Mitleid, glüh ab!
- Laß dir die Kraft nicht von Gefühlen beugen!
- Hinab! laß deine Sehnsucht Taten zeugen!
- Empor, Gehirn! Hinab, Herz! Auf! hinab!
-
-
-
-
-Lied an meinen Sohn
-
-
- Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
- mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
- laut; so erwacht ich vom Gebraus
- des Forstes schon als Kind.
- Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:
- in deine ferne Wiegenruh
- stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.
-
- Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,
- mein Sohn, und bin nicht aufgewacht
- vom Sturm; bis eine graue Nacht
- wie heute kam.
- Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,
- wie damals, als ich sein Getön
- vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.
-
- Horch, wie der knospige Wipfelsaum
- sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;
- mein Sohn, in deinen Wiegentraum
- zornlacht der Sturm -- hör zu, hör zu!
- Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!
- horch, wie er durch die Kronen keucht:
- sei +Du+! sei +Du+! --
-
- Und wenn dir einst von Sohnespflicht,
- mein Sohn, dein alter Vater spricht,
- gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:
- horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!
- Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,
- mein Herz tönt in die Nacht hinaus,
- laut -- --
-
-
-
-
-Ausschau bei Nacht
-
-
- Damals, Seele, ja: ich war ein Kind
- und das alte Forsthaus dumpf und eng.
- Und in hellen und in dunkeln Nächten,
- wenn ich bang am Kammerfenster stand
- und die düstern Eichen hoch erschauern hörte,
- wurde mir das Dach noch dumpfer.
- Denn immer sah ich,
- drüben, drüben fern,
- wo aus der Waldnacht um die Felder
- die eine hohe Kiefer in den Himmel horchte,
- immer ruhte dann darüber
- in den Wolken
- jener weitgewölbte Schimmerkreis.
- Und in bleichen Nächten
- war er blaß und flehend
- wie ein Heiligenschein,
- aber in den grauen
- tröstlich blau und schirmend
- wie der Glanz von einem klaren Stahlschild,
- oder mild und gelb wie Kronengold;
- und ich wollte König werden.
- Meine Mutter aber sagte mir’s:
- dort lag Berlin.
-
- Damals wußt ich nicht, warum mir bangte,
- als sie mir die Stirne küßte.
- Dort lag die Lichtstadt
- und strahlte! --
-
- Heute ist auch Nacht;
- der Mond stiert in mein Fenster,
- und ich sehe über tausend Dächer.
- Im schweren weichen Schnee
- ruhn und horchen mit verhaltnem Atem
- die Schatten der Stadt.
- Bis in den blauen Silberschein der Ferne
- schwillt in langen Falten
- weiß und zart die dichte Decke hin,
- wie über die Kissen
- eines Täuflings.
- Die aber, die darunter schlafen?
- und wachen?! --
- Schwarz und scharf
- stechen die Türme,
- Kirche neben Kirche,
- in den kühlen Himmel;
- stahlspitz flittert ein Glanz
- um die finsterhohe Kuppelkrone
- jenes Palastes,
- und über einem dicken Schlot
- stockt ein Schild von Qualm.
- Plötzlich:
- unten an der Ecke drüben,
- wo eine Gaslaterne
- trübgelb mit dem Mondlicht kämpft,
- schimpft ein frierender Schutzmann
- ein betrunknes Straßenmädchen aus.
- Seele, ja:
- da liegt Berlin.
-
-
-
-
-Weihnachtsglocken
-
-
- Weihnachtsglocken. Wieder, wieder
- sänftigt und bestürmt ihr mich.
- Kommt, o kommt, ihr hohen Lieder,
- nehmt mich, überwältigt mich!
-
- Daß ich in die Kniee fallen,
- daß ich wieder Kind sein kann,
- wie als Kind Herr-Jesus lallen
- und die Hände falten kann.
-
- Denn ich fühl’s, die Liebe lebt, lebt,
- die mit Ihm geboren worden,
- ob sie gleich von Tod zu Tod schwebt,
- ob gleich Er gekreuzigt worden.
-
- Fühl’s, wie Alle Brüder werden,
- wenn wir hilflos, Mensch zu Menschen,
- stammeln: Friede sei auf Erden
- und ein Wohlgefalln am Menschen!
-
-
-
-
-Jesus der Künstler
-
- Traum eines Armen
-
-
- So wars, so stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm:
- im roten Saal, im Traum, in dunkler Ecke:
- stumm, starr und fühlend: schwer: Stein unter Steinen:
- bang: starr es fühlend ...
- Die schlanken Alabastersäulen leuchten.
- Vom Saum der hohen Purpurkuppel hängen
- und breiten weit ihr silbern Licht herab
- im Doppelkreis die großen weißen Ampeln.
- Die roten Nischen bergen zarte Schatten
- und spiegeln sich im blanken Pfeilerwerk.
- Es ist ganz still ...
- Und stumm gleich mir und unbewegt, von Nische
- zu Nische, stehn Gestalten: Mann und Weib.
- In weißer Nacktheit stehn sie schimmernd da.
- Die glatten Sockelblenden werfen Strahlen.
- Die roten Wände legen lebensweiche
- geheime Schmelze um den Rand der Glieder.
- Von Kraft und Ruhe träumt der reine Stein.
- So sind sie schön ...
- Ich aber hocke in der dunklen Ecke
- und fühle meines Leibes Magerkeit
- und meiner Stirne graue Sorgenfurchen
- und meiner Hände rauhe Häßlichkeit.
- In meinem Staub, in meinen Arbeitslumpen,
- mißfarben angetüncht, so hocke ich
- auf kahlem Postamente, dumpf und bang,
- vor ihrer Nacktheit mich der Kleider schämend,
- Stein unter Steinen ...
- Nur Einer atmet in der stillen Halle.
- Dort in der Mitte, auf dem mattgestreiften
- eisblassen Marmor, liegt im Dornenkranz,
- blutstropfenübersät die bleiche Stirn,
- ein Mensch und schläft. Sein weißer Mantel regt sich
- in langen Falten leise auf und nieder.
- Im Silberlicht der Ampeln glänzen rötlich
- der schmale Bart, das schwere weiche Haar.
- Hinauf zur Kuppel bebt der milde Mund,
- lautlos und schön ...
- Nun kommt ein Seufzen durch den stummen Glanz.
- Die stillen Lippen haben sich geöffnet.
- Im blanken Alabaster spiegelt sich
- des blutbesprengten Hauptes leise Regung.
- Klar, langsam tun zwei große blaue Augen
- empor zur Purpurwölbung weit sich auf,
- sanft auf; und alles Rot und Weiß des großen
- Gemaches überleuchten diese großen
- verklärten Augensterne durch ihr tiefes,
- unsäglich tiefes, dunkles, sanftes Blau.
- So steht er auf ...
- Da scheinen sich die Steine rings zu rühren,
- die weißen Glieder eigner sich zu röten,
- und nur von Sehnsucht starr; Er aber wandelt.
- Die Dornenkrone bebt; und wie er sacht
- von Postament zu Postamente schreitet,
- und wen er ansieht mit den blauen Augen,
- der lebt und steigt in Schönheit zu ihm nieder,
- der lebt! der lebt! --
- Und steigend, wandelnd, aus den Purpurzellen,
- in warmer Nacktheit leuchtend Leib an Leib,
- folgt Paar auf Paar ihm von den Marmorschwellen,
- stolz, selig stolz, umschlungen Mann und Weib.
- Von ihren Stirnen, von den lichtbetauten
- sorglosen Lippen weicht ein Bann und flieht,
- der weite Saal erklingt von Menschenlauten,
- es schwebt ein Lied.
- Es schwebt und klingt: „So wandeln wir in Klarheit
- und wissen aller Sehnsucht Sinn und Ziel;
- in Unsrer Schönheit haben wir die Wahrheit,
- zur Freude reif, und frei zum kühnen Spiel!“
- So schwebt das Lied ...
- Ich aber hocke in der dunklen Ecke,
- und fühle meiner Glieder Häßlichkeit
- und meiner Stirne graue Sorgenfurchen,
- und fühle neidisch ihre warme Nacktheit
- und frierend ihren Jubel -- ich ein Stein.
- Von Pfeiler hell zu Pfeiler tönt der Zug,
- des stillen Wandlers Dornenkrone bebt,
- ich aber bebe mit in meinen Lumpen
- und warte, warte auf die blauen Augen
- und will +auch+ leben, +auch+ ein Freier wandeln,
- +nicht+ Stein, +nicht+ Stein! --
- Und näher glänzt und klingt es um die Säulen;
- vom letzten Sockel folgt ein Mädchen ihm;
- er kommt! er kommt! --
- Und vor mir steht er. Da verstummt der Zug;
- ich fühle ihre stolzen Augen staunen,
- und fühle seine, seine Augen ruhn
- in meinen -- ruhn -- und will mich an ihn werfen
- und will vergessen meinen frierenden Neid
- und will ihm küssen seinen rührenden Mund,
- da brechen perlend seine Wunden auf,
- die bleiche Stirn, die Lippe zuckt, er spricht
- -- ihm schießen Tränen durch den blutigen Bart --
- spricht: „Deine Stunde ist noch nicht gekommen!“
- Und ich erwachte. Weinend lag ich nackt;
- nackt wie die Armut.
-
-
-
-
-Zu eng
-
- Aus den Papieren eines Arztes
-
-
- Vier Treppen hoch, nach hinten hinaus;
- ein hundertfenstriges Vorstadthaus.
- Die Kammer schmal
- und niedrig und kahl;
- ein rissiger Spiegel, zerschlissen das Bette,
- ein Wassernapf, kein Stuhl, kein Tisch,
- und an den Wänden glänzte frisch
- der Armut schimmlige Tapete.
- Kaum konnt ich durch die Tür und kaum
- mich drinnen bewegen, so füllte den Raum
- ein plumper Sarg, schmucklos und roh,
- ein Armensarg. Und auf dem Stroh
- des Bettes saß ein magrer Mann,
- noch jung, aber mit jenen alten Zügen,
- mit denen Gram und Not die Zeit betrügen.
-
- Ich grüßte halb. Er sah mich an
- und nickte stumpf
- und seufzte dumpf,
- und stierte wieder vor sich hin,
- hohläugig, in den offnen Sarg.
- Noch kaum verändert lag sie drin,
- wie ich sie gestern mit ihm barg,
- die tote Kurbelstepperin:
- ins steife dürftige Leichenhemd
- einen Strauß Vergißmeinnicht geklemmt,
- ihr totes Kind im welken Arm.
- Mich peinigte sein starrer Harm;
- drum nahm ich ihn fast grob am Kragen
- und sprach ihm zu mit derber Geduld,
- er solle erzählen, mir alles sagen,
- nicht sitzen, als sei er selbst dran schuld.
- Bis er sich endlich zusammenrückte
- und langsam klagte, was ihn drückte.
-
- „Herr Doktor, da ist nicht viel zu erzählen;
- es war ein einziges langes Quälen.
- Es mag wohl bald zwei Jahr her sein,
- da zogen wir hier beide ein,
- das heißt, noch eh wir Bekanntschaft gemacht;
- Schlafstelle blos, in Aftermiete,
- ich für den Tag, sie für die Nacht.
- Sie steppte damals Trauerhüte
- in der Fabrik bis abends acht
- und kam erst gegen neun nach Haus;
- ich mußte auf den Droschkenbock
- für meinen Fuhrherrn nachts hinaus.
-
- So ging es wohl zwei Monat lang;
- wir sahn uns kaum. Da wurde sie krank.
- Herbst wars; in ihrem dünnen Rock
- und bei dem weiten nassen Gang
- -- sie war schon immer zart gewesen --
- da hat sie wohl was weggekrigt.
- Ja, Herr, da gabs kein Federlesen:
- Geld hatten wir alle beide nicht,
- ihr bißchen blos im Kassenbuch,
- fürs Krankenhaus war sie nicht krank genug,
- wir konnten kein ander Gelaß uns nehmen,
- wir mußten uns hier zusammen bequemen,
- bis sie wieder konnte auf Arbeit gehn.
-
- Ja, Herr, und da -- da ist es geschehn!
- Wir hieltens nicht aus so auf die Länge,
- so ledig; man ist ein Mensch doch blos,
- und unsre Sehnsucht war so groß.
- Wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!
-
- Seitdem ist sie mit mir gegangen;
- hats auch zur Heirat nicht gelangt,
- wir haben unserm Schöpfer gedankt,
- daß wir uns so durchs Gröbste zwangen.
- Wir halfen einander mit unserm Lohn
- und legten noch zurück davon.
- So haben wir unsern Weg genommen,
- ganz gut -- bis ihre Zeit gekommen.
-
- Da kam auch die Not. Da half uns kein Beten.
- Sie konnte nicht mehr die Maschine treten;
- was andres hatte sie nicht gelernt,
- die Eltern hatten sie früh entfernt.
- Ich gab ihr, soviel ich konnte, ab;
- es war fast schon für mich zu knapp.
- Was half uns da nun unser Plagen,
- was half uns da nun unser Sparen:
- wir mußten die Sachen zum Juden tragen.
- Ich habe bei Tag und bei Nacht gefahren,
- ich hab mich vor keiner Mühe geschämt,
- ich habe mir keinen Schluck mehr bezähmt:
- sie wurde doch schwächer und schwächer im Nu,
- sie hat sich zuschanden gedarbt und gegrämt.
-
- Und dann, dann kam das Kind dazu:
- ich sah sie weinen, ich hörte es wimmern,
- ich sah sie Beide verschmachten, verkümmern:
- Herr, da wars aus mit meiner Ruh,
- da hab ich zum ersten Mal betrogen,
- den ersten Fahrgast beim Fahrgeld belogen,
- und +noch+ einmal, und +noch+ einmal,
- mir schnitt zu sehr ins Herz die Qual,
- und mancher tut’s jahrein jahraus,
- um’s beim Budiker zu versaufen,
- und ich, ich wollte Essen kaufen,
- und, Herr, bei mir -- bei mir kam’s raus!
- Mir wurde noch von Glück gesagt,
- daß mich mein Herr blos weggejagt.
- Ihr und dem Wurm da gab’s den Rest;
- nach Arbeit bin ich in Ost und West
- seit vierzehn Tagen herumgelungert,
- und dabei, scheint’s, sind sie verhungert.“
-
- Er nickte stumpf
- und seufzte dumpf
- und glotzte mich hohläugig an,
- mit einem Blick so müdgehetzt,
- so jeder andern Regung bar,
- daß mirs den Rücken niederrann.
- Ich hatte zum Trösten mich hingesetzt
- und sah, daß Trösten Hohn hier war,
- wo so das stumme Elend schrie.
- Ich drückt ihm blos das spitze Knie,
- den dünnen Arm, und nahm den Hut
- und sagte: Kommen Sie zu mir morgen,
- ich werde Arbeit für Sie besorgen.
-
- Er dankte. „Herr Doktor, Sie meinen’s gut.
- Ich will auch kommen und ehrlich mich schinden,
- und werde auch wohl weiterfinden;
- blos sie, sie wird davon nicht wach!
- Ja, Herr: blos einen kleinen Verschlag,
- blos noch so nebenan ein Loch,
- daß wir nicht immer uns mußten sehen:
- dann wäre alldas nicht geschehen,
- sie lebten alle Beide noch.
- Wir hätten gewartet, wir hätten gespart;
- wir waren, weiß Gott, geduldiger Art.
- Wir hätten uns selber ’ne Droschke geschafft,
- dann hatt ich ja Verdienst die Menge.
- So aber gings uns über die Kraft;
- wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!“
-
- Und auf den Sarg hin stierte er wieder,
- da fuhr ein Zucken ihm durch die Lider:
- „O wenn ich doch wenigstens bei ihr wär,
- dadrin da in dem engen Kasten!
- Jetzt braucht sie ja nicht mehr zu fasten,
- und auch zu eng ists ihr nicht mehr!“
- Er stieß ihn heiser heraus, den Witz,
- er wollte lachen vor wühlendem Weh;
- da riß es ihn um, so stieg’s in die Höh,
- und niedertaumelnd von seinem Sitz
- schmiß er den kleinen Vergißmeinnichtstrauß
- mit wildem Fluch aus dem Sarg hinaus
- und warf sich weinend über die Leichen
- und küßte die Hälse, die magern, bleichen.
-
- Da bin ich stille weggegangen,
- mir graute vor der schmalen Kammer;
- und durch die Brust schlich mir ein Bangen,
- als sei ich +auch+ schuld an all dem Jammer.
-
-
-
-
-Vergißmeinnicht
-
-
- Vergißmeinnicht in einer Waffenschmiede --
- was haben die hier zu tun?
- Sollte heimlich der Friede
- hinterm Hause am Bache ruhn?
-
- Laut hallen die Hämmer in hartem Takt:
- Angepackt, angepackt,
- die Arbeit muß zu Ende!
- Und das Eisen glüht, und das Wasser zischt;
- und wenn der Schwalch die Flamme auffrischt,
- glänzen die schwarzen Hände.
-
- Aber manchmal blickt ein rußig Gesicht
- still nach dem himmelblau blühenden Strauß.
- Dann scheints, eine Stimme singt hinterm Haus:
- vergiß mein nicht! --
-
-
-
-
-Die Magd
-
-
- Maiblumen blühten überall;
- er sah mich an so trüb und müd.
- Im Faulbaum rief die Nachtigall:
- die Blüte flieht! die Blüte flieht!
- Von Düften war die Nacht so warm,
- wie Blut so warm, wie unser Blut;
- und wir so jung und freudenarm.
- Und über uns im Busch das Lied,
- das schluchzende Lied: die Glut verglüht!
- Und er so treu und mir so gut.
-
- In Knospen schoß der wilde Mohn,
- es sog die Sonne unsern Schweiß.
- Es wurden rot die Knospen schon,
- da wurden meine Wangen weiß.
- Ums liebe Brot, ums teure Brot
- floß doppelt heiß ins Korn sein Schweiß.
- Der wilde Mohn stand feuerrot;
- es war wohl fressendes Gift der Schweiß,
- auch seine Wangen wurden weiß,
- und die Sonne stach im Korn ihn tot.
-
- Die Astern schwankten blaß am Zaun
- im feuchten Wind; die Traube schwoll.
- Am Hoftor zischelten die Fraun;
- der Apfelbaum hing schwer und voll.
- Es war ein Tag so regensatt,
- wie einst sein Blick so trüb und matt;
- die Astern standen braun und naß,
- naß Strauch und Kraut, der Nebel troff,
- da stieß man sie voll Hohn und Haß,
- die sündige Magd, hinaus vom Hof.
-
- Nun blüht von Eis der kahle Hain,
- die Träne friert im schneidenden Wind.
- Aus flimmernden Scheiben glüht der Schein
- des Christbaums auf mein wimmernd Kind.
- Die hungernden Spatzen schrein und schrein,
- von Dach zu Dach; die Krähe krächzt.
- An meinen schlaffen Brüsten ächzt
- mein Kind, und Keiner läßt uns ein.
- Wie die Worte der Reichen so scharf und weh
- knirscht unter mir der harte Schnee.
-
- So weh, oh, bohrt es mir im Ohr:
- du Kind der Schmach! du Sündenlohn!
- Und dennoch beten sie empor
- zum Sohn der Magd, dem Jungfraunsohn?!
- Oh, brennt mein Blut. Was tat denn Ich?
- wars Sünde +nicht+, daß +sie+ gebar? --
- Mein Kind, mein Heiland, weine nicht:
- ein Bett für dich, dein Blut für mich,
- vom Himmel rieselt’s silberklar.
- Wie träumt es sich so süß im Schnee.
- Was tat ich denn? -- So süß. So weh.
- Wars Liebe nicht? -- Wars -- Liebe -- nicht --
-
-
-
-
-Die Armen
-
- Nach Verhaeren
-
-
- Sie sind so, diese armen Herzen,
- ganz ausgehöhlt von stummen Schmerzen,
- blaß und wie Teiche voll Geweine:
- rings Leichensteine.
-
- Sie sind so, diese armen Rücken,
- verkrümmt vom Tragen und vom Bücken,
- krummer als auf den Dünenhütten
- die Dachschütten.
-
- Sie sind so, diese armen Hände,
- zittrig wie Gräser im Gelände,
- wie dürre Gräser, die zittern
- vor nahen Gewittern.
-
- Sie sind so, diese armen Augen,
- die nur zu Dienst und Demut taugen,
- trauervoller als die von Tieren,
- wenn sie nach Freiheit stieren.
-
- So sind sie, diese armen Leute;
- dem Elend fallen sie zur Beute
- mit lammgeduldiger Geberde,
- rings auf der freien Flur der Erde.
-
-
-
-
-Vierter Klasse
-
-
- Es rollt und rüttelt und dröhnt und dampft
- und klirrt und rasselt und stürmt und stampft;
- an kreisenden Feldern vorüber im Flug
- durch Pommerns Ebne keucht der Zug.
-
- Ich schaue und horche und weiß es kaum;
- ich träume einen stolzen Traum,
- wie Form geworden der Menschengeist
- donnernd um Axe und Axe kreist ...
-
- Da schreit ein Kindchen neben mir
- und übertönt das Eisentier.
- Es klang so weh, mein Traum zerrinnt;
- so blaß, so mager ist das Kind.
-
- Im Wagen schwankt die Dämmerung,
- und Gaslicht schwankt und Schattensprung;
- aus rotgewürfeltem Bettzeug sticht
- so spitz heraus das kleine Gesicht.
-
- Von Kisten und Kasten eingezwängt,
- von Säcken und Päcken überdrängt,
- schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh
- und summt ein Wiegenlied dazu.
-
- Und rund herum, bedrückt und schwer,
- verworrene Worte, hin und her;
- Gesichter, furchig, knochig, stumpf,
- und Menschendünste, dick und dumpf.
-
- Zusammengeduckt mit Hab und Gut,
- mit ihrem letzten bißchen Mut,
- aus Polen und Preußen sitzen sie da
- und wollen nach Amerika.
-
- Nur wenn das Wörtchen „drüben“ fällt,
- grünt eine ferne Hoffnungswelt;
- und Alle atmen tiefer dann,
- und Alle sehn sich nickend an.
-
- Und durch ihr Munkeln, ihr Geschwärm,
- durch Rädergepolter und Eisenlärm,
- wie Stimmen der Erlösung, ziehn
- der Mutter leise Melodien.
-
- O heiliger Stall von Bethlehem,
- dein Wunder ist noch heut zu sehn,
- wenn eine Wöchnerin beglückt
- ihr Kind in Armut an sich drückt!
-
- Nun schläft’s; nun hüllt sie’s ein recht warm
- und legt’s behutsam aus dem Arm,
- und lehnt sich müd an ihren Mann
- und sieht ihn bang und liebreich an.
-
- Und er versteht den Mutterblick
- voll Sorge, Furcht und Mißgeschick,
- und mit der breiten Schwielenhand
- zeigt er hinaus ins finstre Land:
-
- „Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn,
- da drüben wird alles anders gehn.
- Da schaff ich uns eigen Feld und Vieh,
- da wirst du wieder gesund, Marie.
-
- Du brauchst nicht leben wie ein Hund,
- ihr werdet beide wieder gesund.
- Und unser Kind hat, wenn es groß,
- im neuen Land ein besser Los!“
-
- Und Sorge, Furcht und Mißgeschick
- vergehen in dem einen Blick,
- mit dem sich diese Bauernseelen
- von ihrem Kinde stumm erzählen ...
-
- Es rollt und rüttelt und stampft und staucht
- und dröhnt und rasselt und keucht und faucht;
- durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug
- stürmt weiter und weiter der eiserne Zug.
-
- Ich horche und horche und weiß es kaum;
- ich träume einen gläubigen Traum,
- wie Glück begehrend der Menschengeist
- empor zu neuen Formen kreist ...
-
- Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht,
- der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;
- die Bäuerin ist eingenickt,
- aufs Knie des Mannes hingebückt.
-
- Der sitzt noch wach mit mir allein;
- wir gucken uns sacht in die Augen hinein,
- bis uns der Blick die Zunge lüpft,
- bis hin und her das Flüstern schlüpft.
-
- Und er erklärt mir, wie es kam,
- daß sie verkauften ihren Kram,
- und wie sie der Agent gedingt,
- der in den Urwald nun sie bringt.
-
- Es war kein neues Wort dabei;
- es war die alte Litanei
- von saurem Schweiß und Hungerlohn,
- an der nur neu des Jammers Ton.
-
- „Und wie dann gar noch Weib und Kind
- mir schwach und krank geworden sind,
- da haben wir endlich das Schwerste gewagt,
- dem Dörfchen Lebewohl gesagt.
-
- Und hat sie auch zuerst geweint,
- so hat sie doch zuletzt gemeint:
- fällts +uns+ auch schwer, wenn nur das Kind
- ein ander Los als wir gewinnt!“
-
- So schwinden Stationen im Fluge vorbei
- und Glockensignale und Kellnergeschrei,
- und bleicher tanzen die Lichter schon:
- der Morgen steigt auf seinen Thron.
-
- Und um uns her bewegt es sich
- und reckt und dehnt und regt es sich,
- und langsam werden Alle wach
- und blinzeln in den jungen Tag.
-
- Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,
- an denen jeder Halm uns grüßt
- und jeder Sonnenstrahl das Herz
- zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz.
-
- Die Fenster auf! o Luft, o Licht!
- Und Alle drängen sich dicht bei dicht
- und zeigen hinaus, wo stromumblinkt
- mit Türmen und Masten Hamburg winkt.
-
- Die Mutter aber, still im Schwarm,
- nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm
- und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht
- und -- da --: was stiert sie und küßt es nicht?
-
- Was stiert und stiert sie, daß mir graut!
- Da löst sich ein erstickter Laut,
- da liegt’s im Schooß ihr starr und tot --
- der Vater stammelt: barmherziger Gott!
-
- Im Wagen, plötzlich, wird es stumm;
- die Bauern blicken scheu herum.
- Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert:
- mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert ...
-
- Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf,
- die Schaffner reißen die Türen auf.
- Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum;
- da stürmt das Leben, es gilt kein Traum.
-
- Es gilt, daß man sich ganz gesteh,
- wie unerschüttert von Glück und Weh,
- Zukunft formend der Menschengeist
- um seine ewige Axe kreist ...
-
-
-
-
-Auf einem Dorfweg
-
-
- Auf einem Dorfweg, der mir lieb ist:
- verkrüppelte Birkchen stehn beschirmt von mächtigen Linden,
- im Juli glüht der ganze Ackerrand
- von hohen roten wilden Nelken:
- da stieß ein Junge
- ein kleines Mädchen hin und schlug es sehr,
- und als es weinte, lachte er.
-
- Das sah ein Bettler, der betrunken vor mir ging.
- Es war zu sehn, wie sich sein Herz empörte,
- sein Rücken war verkrümmter als die Birke neben ihm;
- die Kinder glühten wie die Nelken schlank,
- er hob den Stock mit schwankem Schritt,
- da lachte auch das Mädchen mit.
-
- Dem Krüppel schossen Tränen in die Augen.
- Er stöhnte laut: o Welt, o Welt!
- und mußte sich an eine Linde lehnen
- und taumelte
- und fiel ins Nelkenfeld.
-
- Die roten Blüten schlugen über ihm zusammen,
- die beiden Kinder tanzten wie zwei Flammen
- um sein wie blutbespritztes Bett,
- und eine Stimme sprach in mir:
- da liegt Jesus von Nazareth.
-
-
-
-
-Der tote Hund
-
- Nach Nizami
-
-
- Der Herr Jesus, auf seiner Wanderschaft,
- betrat einen Markt, wurde sehr begafft.
- Nur ein toter Hund, schon halb verfault,
- wurde noch mehr begafft und bemault.
- Da lag er -- und rings um die üble Gestalt
- machten die Menschen wie Aasgeier Halt.
- Puh! sprach einer: mir wird ganz krank
- von dem entsetzlichen Gestank.
- Ein zweiter sprach: er stinkt zwar sehr,
- aber der Anblick entsetzt noch mehr.
- So gaffte jeder aus anderm Grund,
- doch alle schmähten den toten Hund.
- Da trat Jesus unter den Schwarm;
- hell hob sich über den Leichnam sein Arm.
- Seht! sprach er und stand voll Sonnenschein:
- seine Zähne sind wie Perlen rein!
- Und lächelte -- daß alle, die’s erlebten,
- durchglühten Schlacken gleich erbebten.
-
-
-
-
-Ein Märtyrer
-
-
- Jetzt sollt ihr hören ein +rauhes+ Lied,
- von Frieden und Erbarmen +leer+!
- Der Winternachtsturm schreit im Ried
- und peitscht das Schilf wie Heu umher;
- vor seinem Schnauben erstarrt das Moor,
- zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr.
-
- Ein Häuschen umheult er am Haiderand
- und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand
- und reißt an den Haspen und Sparren,
- daß sie kreischen vor Frost und knarren
- und drinnen am Ofen die Kinder erschauern
- und dichter zum Schooße der Mutter kauern.
-
- Die streckt, von Ängsten dumpf gerührt,
- zum Vater, der finster mit hastiger Faust
- Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt,
- die bittenden zitternden Hände:
- „Ach Mann, geh nicht durchs Moor! mir graust.“
- Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust,
- weist ihr die Worte am Ende:
-
- Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht,
- weil jeder nur immer sich selber bedacht.
- So habt ihr euch selber zu Knechten gemacht.
- Drum schaart euch, ihr Schwachen, zusammen!
- Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer,
- so schwellen die Wellen zum donnernden Meer,
- die Fünkchen zu sausenden Flammen!
-
- Die Backen zucken ihm, und er spricht:
- Drum bettle nicht! drum quäl mich nicht!
- ich habs den Genossen geschworen.
- Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf,
- sonst geht der Sieg uns verloren.
-
- „Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg
- dein Weib und die jammernden Kleinen!
- Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht
- erst steht das Eis; o Gott, es kracht,
- es bricht! o sieh mich weinen!
-
- Es schreit zum Himmel! dein Leben ist +mein+!“
- Da braust er auf vor Zorn und Pein:
- schrei lieber zu Teufel und Hölle!
- und hebt mit grimmiger Wucht die Last
- und fragt, schon tritt er die Schwelle:
-
- Hat’s etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht,
- daß ich tagtäglich in den Schacht
- meine Knochen für’n Hungerlohn trage!
- und sollte mein Leben nicht Eine Nacht
- für Glück und Gerechtigkeit wagen?!
-
- Leb wohl! -- Ins Schloß die Klinke knallt.
- Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot.
- Vom fahlen Horizont her droht
- des Mondes Stirne blank und kalt.
- Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß.
- Der Mond legt übers dunkle Eis
- eine bleiche Straße.
-
- Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht.
- Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht,
- schon schimmern -- da knistert’s, da biegt es sich sacht.
- Ein Hilfegestammel. Da knirscht es und kracht
- und schollert; ein Aufschrei verbrodelt im Moor.
- Schrill winselt’s im Schilf, hohl röchelt’s im Rohr.
- Hui! zischt es und pfeift’s in den Binsen.
-
- O rauher, o rauher, mein rauhes Lied!
- kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn!
- nach Opfern schreit der Sturm im Ried.
- Doch bald: dann kommt der Frühlingsföhn,
- dann schießt in Halme die junge Saat,
- der Tag der Auferstehung naht!
-
- Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis,
- dann wühlt er die Opfer empor vom Grund,
- die Helden alle, die niemand weiß;
- und jedes Toten vermoderter Mund
- wird klaffend nach Rache blecken
- und tausend Lebendige wecken!
-
-
-
-
-Anno Domini 1812
-
-
- Über Rußlands Leichenwüstenei
- faltet hoch die Nacht die blassen Hände;
- funkeläugig durch die weiße, weite,
- kalte Stille starrt die Nacht und lauscht.
- Schrill kommt ein Geläute.
-
- Dumpf ein Stampfen von Hufen, fahl flatternder Reif;
- ein Schlitten knirscht, die Kufe pflügt
- stiebende Furchen, die Peitsche pfeift,
- es dampfen die Pferde, Atem fliegt,
- flimmernd zittern die Birken.
-
- „Du -- was hörtest du von Bonaparte“ --
- Und der Bauer horcht und wills nicht glauben,
- daß da hinter ihm der steinern starre
- Fremdling mit den harten Lippen
- Worte so voll Trauer sprach.
-
- Antwort sucht der Alte, sucht und stockt,
- stockt und staunt mit frommer Furchtgeberde:
- aus dem Wolkensaum der Erde,
- brandrot aus dem schwarzen Saum,
- taucht das Horn des Mondes hoch.
-
- Düster wie von Blutschnee glimmt die lange Straße,
- wie von Blutfrost perlt es in den Birken,
- wie von Blut umtropft sitzt Der im Schlitten.
- „Mensch, was +sagt+ man von dem großen Kaiser?“
- Düster schrillt das Geläute.
-
- Die Glocken rasseln; es klingt, es klagt;
- der Bauer horcht, hohl rauscht’s im Schnee.
- Und schwer nun, feiervoll und sacht,
- wie uralt Lied so stark und weh
- tönt sein Wort ins Öde:
-
- „Groß am Himmel stand die schwarze Wolke,
- fressen wollte sie den heiligen Mond;
- doch der heilige Mond steht noch am Himmel,
- und zerstoben ist die schwarze Wolke.
- Volk, was weinst du?
-
- Trieb ein stolzer kalter Sturm die Wolke,
- fressen sollte sie die stillen Sterne.
- Aber ewig blühn die stillen Sterne;
- nur die Wolke hat der Sturm zerrissen,
- und den Sturm verschlingt die Ferne.
-
- Und es war ein großes schwarzes Heer,
- und es war ein stolzer kalter Kaiser.
- Aber unser Mütterchen, das heilige Rußland,
- hat viel tausend tausend stille warme Herzen;
- ewig, ewig blüht das Volk.“
-
- Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,
- dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocken wimmern;
- auf den kahlen Birken flimmert
- rot der Reif, der mondbetaute.
- Den Kaiser schauert.
-
- Durch die leere Ebne irrt sein Blick:
- über Rußlands Leichenwüstenei
- faltet hoch die Nacht die blassen Hände,
- glänzt der dunkelrot gekrümmte Mond,
- eine blutige Sichel Gottes.
-
-
-
-
-Ballade vom Volk
-
-
- Bahnhofsgewühl;
- am Sperrgitter staut sich’s.
- Schutzleute brüllen;
- und rings glotzen tausend
- Tiergesichter,
- Hundegesichter,
- Fuchsgesichter, ein Wolfsgesicht,
- Schafsgesichter, Gänsegesichter,
- ein kollernder Truthahn,
- grunzende Schweine --
- Volk.
-
- Der Zug fährt ein, hält.
- Das Gewühl wird still,
- einen Augenblick still.
- Am Fenster erscheint
- Bismarck
- und grüßt;
- und rings jubeln tausend
- leuchtende, glühende,
- funkelnde, strahlende,
- erzengelhelle Menschengesichter --
- Volk.
-
-
-
-
-Drohende Aussicht
-
-
- Der Himmel kreist, dir schwankt das Land,
- vom Schnellzug hin und her geschüttelt
- saust Ackerrand um Ackerrand,
- ein Frösteln hat dich wachgerüttelt:
- die Morgensonne kommt.
-
- Mühsam entstiebt dem Nebelzelt
- ein Krähnvolk, herbstlich abgemagert,
- indeß sich dick aufs Düngerfeld
- der Frührauch der Fabriken lagert;
- die Morgensonne kommt.
-
- Schwarz schiebt sich durch den grauen Flor
- ein langer Zug von Schlackenbergen,
- Schornstein an Schornstein schnellt empor,
- schreckhafte Hüter neben Särgen;
- die Morgensonne kommt.
-
- Vom Horizont her nahn mit Hast
- und einen sich zwei Straßendämme,
- von Apfelbäumen eingefaßt,
- schon blaß beglänzt die knorrigen Stämme;
- die Morgensonne kommt.
-
- Jach folgt zum andern Himmelssaum
- dein Blick den fruchtberaubten Zweigen,
- und plötzlich siehst du Baum an Baum
- sein brandrot glühendes Laub dir zeigen:
- der Tag ist da!
-
-
-
-
-Dichters Arbeitslied
-
-
- Geh hin, mein Blick, über die grünen Bäume!
- Da huscht ein Vogel, der nimmt dich mit,
- Märchenvogel Edelschwarz.
-
- Bleib nicht zu lange im Reich der blauen Träume!
- Hier rasten Menschen am Straßenrand,
- ihre Hände sind vom Alltag schwarz.
-
- Bring ihnen her den Abglanz der freien Räume!
- Sie möchten alle gern in ein Märchenland,
- ihr Sonntagskleid ist edelschwarz.
-
-
-
-
-Die stille Stadt
-
-
- Liegt eine Stadt im Tale,
- ein blasser Tag vergeht;
- es wird nicht lange dauern mehr,
- bis weder Mond noch Sterne,
- nur Nacht am Himmel steht.
-
- Von allen Bergen drücken
- Nebel auf die Stadt;
- es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
- kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
- kaum Türme noch und Brücken.
-
- Doch als den Wandrer graute,
- da ging ein Lichtlein auf im Grund;
- und durch den Rauch und Nebel
- begann ein leiser Lobgesang,
- aus Kindermund.
-
-
-
-
-Der Arbeitsmann
-
-
- Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,
- mein Weib!
- Wir haben auch Arbeit, und gar zu zweit,
- und haben die Sonne und Regen und Wind.
- Und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,
- um so frei zu sein, wie die Vögel sind:
- Nur Zeit.
-
- Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn,
- mein Kind,
- und über den Ähren weit und breit
- das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,
- oh, dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,
- um so schön zu sein, wie die Vögel sind:
- Nur Zeit.
-
- Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,
- wir Volk.
- Nur eine kleine Ewigkeit;
- uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,
- als all das, was durch uns gedeiht,
- um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.
- Nur Zeit!
-
-
-
-
-Predigt ans Großstadtvolk
-
-
- Ja, die Großstadt macht klein.
- Ich sehe mit erstickter Sehnsucht
- durch tausend Menschendünste zur Sonne auf;
- und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen
- seines Kiefern- und Eichen-Forstes
- wie ein Zaubermeister ausnimmt,
- ist zwischen diesen prahlenden Mauern
- nur ein verbauertes altes Männchen.
- O laßt euch rühren, ihr Tausende!
- Einst sah ich euch in sternklarer Winternacht
- zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen
- wie einen ungeheuren Heerwurm
- den Ausweg aus eurer Drangsal suchen;
- dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal
- und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen
- von Freiheit, Gleichheit und dergleichen.
- Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:
- sie wurzeln fest und lassen sich züchten,
- und jeder bäumt sich anders zum Licht.
- Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste,
- euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,
- ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern --
- so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch!
- vorwärts! rückt aus! --
-
-
-
-
-Ein Freiheitslied
-
-
- Es ist nun einmal so,
- seit wir geboren sind:
- die Blumen blühen wild und bunt,
- wir aber mauern Wände
- gegen den Wind.
-
- Es wird wohl einmal sein,
- wenn wir gestorben sind:
- dann blühen die Blumen noch immer so,
- und über unsre Mauern
- lacht der Wind.
-
-
-
-
-Märzlied
-
-
- Im März,
- da gruneln die Dornen am Zaun.
- Im März,
- da fängt der Fuchs an zu rauhn.
- Im März,
- über Deutschlands Äckern und Aun,
- da fliegt durch Wolken und Licht und Sturm
- eine erste Schwalbe von Turm zu Turm:
- wird Frühling? --
-
-
-
-
-Maifeierlied
-
-
- Es war wohl einst am ersten Mai,
- viel Kinder tanzten in Einer Reih,
- arme mit reichen,
- und hatten die gleichen
- vielen Stunden zur Freude frei.
-
- Es ist auch heute erster Mai,
- viel Männer schreiten in Einer Reih,
- dumpf schallt ihr Marschgestampf,
- heut hat man ohne Kampf
- keine Stunde zur Freude frei.
-
- Doch kommt wohl einst ein erster Mai,
- da tritt alles Volk in Eine Reih,
- mit Einem Schlage
- hat’s alle Tage
- ein paar Stunden zur Freude frei.
-
-
-
-
-Bergarbeiterlied
-
-
- Wir tragen alle ein Licht durch die Nacht,
- unter Tag.
- Wir träumen von unerschöpflicher Pracht,
- über Tag.
- Wir helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich;
- Glückauf!
- Wir machen das Erdreich zum Himmelreich;
- Glückauf!
-
- Einst fiel alles Leben vom Himmel herab,
- über Tag.
- Wir Bergleute schürfen’s aus dem Grab,
- unter Tag.
- Wir fördern’s herauf, das tote Gestein;
- Glückauf!
- Wir machen’s wieder zu Sonnenschein;
- Glückauf!
-
- Auf Erden ist immerfort jüngstes Gericht,
- unter Tag.
- Aus Schutt wird Feuer, wird Wärme, wird Licht,
- über Tag.
- Wir schlagen aus jeglicher Schlacke noch Glut;
- Glückauf!
- Wir ruhn erst, wenn Gottes Tagwerk ruht;
- Glückauf!
-
-
-
-
-Erntelied
-
-
- Es steht ein goldnes Garbenfeld,
- das geht bis an den Rand der Welt.
- Mahle, Mühle, mahle!
-
- Es stockt der Wind im weiten Land,
- viel Mühlen stehn am Himmelsrand.
- Mahle, Mühle, mahle!
-
- Es kommt ein dunkles Abendrot,
- viel arme Leute schrein nach Brot.
- Mahle, Mühle, mahle!
-
- Es hält die Nacht den Sturm im Schooß,
- und morgen geht die Arbeit +los+.
- Mahle, Mühle, mahle!
-
- Es fegt der Sturm die Felder rein,
- es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.
- Mahle, Mühle, mahle!
-
-
-
-
-Sturmbild
-
- Ferdinand Hodler zu Ehren
-
-
- Fergin im Sturm, kehr um! Weib, wie du wüst dich plackst!
- Du bist kein Mann! -- Sie hört nicht, sie stemmt sich langgestreckt
- gegens Gebrüll der Wellen, das übern Kahnrand bleckt;
- weiter und weiter stemmt sie, ruckt, rudert, ringt und rackst.
-
- Nach dem Holzfäller blickt sie, der mit geschwungener Axt
- jenseits des Stroms sich reckt, wieder und wieder reckt.
- Oder sieht sie ein Ziel gar, das ihr sein Aufgriff steckt,
- und fühlt nun hingerissen: Ich pack’s, da Du es packst!?
-
- So fragen sich im stillen mit hochgezognen Brauen
- in einem Ufergarten einige zarte Frauen
- von edlem Wuchs und edlerer Geberde.
-
- Sie denken an die Helden alter Zeiten
- und sinnen zwischen leichten Handarbeiten,
- wie das Gewaltsame -- gewaltig werde.
-
-
-
-
-Die Hafenfeier
-
-
-I
-
- Vom stillen Hafen singt manch kleines Lied;
- Hafen der Weltstadt, bist du jemals still?
- O großer Braus der Unruhe, wenn schrill
- werktags die Dampfbootschwärme, Fähren, Schlepper, Jollen
- Signale kreischend durchs Sprühwasser tollen,
- Rauchwolken durchs Gestarr der Maste rollen,
- durchs Möwengetümmel um Schlot und Spriet.
-
- Fremder, dann stehst du zuerst wie irr,
- spürst nicht das Werk, das da wachsen mag,
- nicht von den Werften herüber den Takt im Hammerschlag,
- nur das Gekrach und Gerassel, Geklirr, Geschwirr,
- und ziellos fragt dein Blick ins Gewirr:
- wird je auf Erden noch Feiertag?
-
- Bis du erschüttert vermeinst, daß eisenhart
- die ganze Menschheit im Arbeitskleid
- von allen Brückengeländern dir Antwort schreit;
- und vor dem starken Schall der Gegenwart
- verstummt dein Ruf nach ewiger Seligkeit.
-
-
-II
-
- Sieh dort: der schlichte Mann in der Barkasse,
- die unscheinbar vom wimmelnden Kai abschwenkt,
- der ordnet dir die lärmende Masse.
- Ihm dankt im stillen jede Speichergasse;
- ein Schiffsherr ists, der viele Schiffe lenkt.
-
- Vorbei an Docks, Hellingen, Höften, Leichtern, Kranen,
- deren Getriebe seinem Antrieb entsprang,
- rechnet sein Kopf wohl grad an neuen Bahnen
- für unsre Herrschaft auf den Ozeanen,
- doch durch die Brust wogt ihm wie dir ein Ahnen,
- ein Drang, ein Klang, ein Urgesang:
-
- Unruhe braust, wo sich der Geist aufrafft,
- wo flügelfrei sich Mut und Wille verschwören,
- Herzen und Hirne zur Tat zu empören.
- Unruhe ists, was sich Beruhigung schafft,
- was Freiheit und Gewalt zur Ordnung strafft,
- um immer kühneren Flugs die Ruhe zu stören.
- Unruhe heißt die Schöpferkraft.
-
-
-III
-
- Jetzt hüpft der emsige Herr von Bord; gewandt
- schlüpft er durch festschmuckbunte Zuschauerhaufen.
- Ein Riesenschiff soll heut von Stapel laufen.
- Flaggen und Wimpel flirrn; guirlandenumspannt
- harren zehntausendköpfig die Tribünen.
- Und über alldas ragt der Rumpf des Hünen
- wie vom exotischen Blick seines Gebieters gebannt.
-
- Der grüßt sich höflich durch, durch die Spaliere
- der Würdenträger, Damen, Kavaliere,
- Schutzleute, Kurtisanen p. p. -- und dann:
- ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann,
- der dieses Völkerfriedenswerk ersann,
- es neigen sich die Herren Offiziere.
-
- Der Fürst begibt sich an die Kanzelstufe,
- besteigt sie, spricht: Ich tauf dich Imperator.
- Willig rollt der Koloß von seiner Kufe,
- und auf der Strombahn im Sturm der Jubelrufe
- wiegt sich ein Echo: Triumphator.
-
-
-IV
-
- Was aber tönt noch immerfort wie Klagen?
- Was murrt und schluchzt, wenn die Anker tauchen?
- Was stöhnt, wenn die Frachtspillketten aufstauchen,
- während die Dampfersirenen wie brüllende Bestien fauchen,
- die Baggermaschinen ihr Hundegeheul anschlagen.
-
- Ist es der Grundton ewiger Grausamkeit,
- der qualvoll selbst aus unsern Werkzeugen ächzt?
- O Menschenkind, das nach Vergöttlichung lechzt,
- hör nur, wie deine Machtgier teuflisch gen Himmel krächzt,
- die dich und deinesgleichen im Namen der Menschlichkeit
- gesetzlich peinigt und sittlich maledeit!
-
- Dann starren die Häuserreihen rings um die Hafenbecken
- dich an wie Folterkammern, wo Angst, Wut, Jammer, Schrecken
- vom Keller bis zum Dachfirst gellt,
- wo jeder den andern martert, Verbrecher zugleich und Richter,
- höchstens daß mittendrunter einsam ein Denker, ein Dichter
- sich selbst abquält mit Allbeglückungszwecken;
- so büßt der Weltgeist seine Welt.
-
-
-V
-
- Ja, das erschüttert, das macht die Seelen hungern,
- das läßt uns stets nach besserer Zukunft lungern;
- was ist denn unser Arbeitsertrag?
- Sieh nur, wie alle Augen, die finstern und die grellen,
- Herren wie Knechte, Meister wie Gesellen,
- sich die Verzweiflungsfrage stellen:
- war je auf Erden schon Feiertag?
-
- Was fördern all die Fäuste, die sich schinden
- an Hämmern, Hebeln, Kolben, Kurbeln, Gewinden,
- an Ketten, Drähten, Tauen, Trossen?
- Hier diese Panzerfregatte, sie wird verrosten, verwittern,
- dort der zementne Leuchtturm zerbersten und zersplittern,
- rascher dann, als er hochgeschossen.
-
- Was hemmt die abgehärteten Lohnsklavenschaaren,
- die ihren Blutschweiß täglich zu Markte fahren,
- endlich zu meutern gegen die Zwingherrngilde?
- Ists, weil sie schärfer als andre Narren gewahren,
- daß Wahn uns alle bannt? -- Ihr Herrn, seid milde! --
-
-
-VI
-
- Gern sieht das Volk Machthaber über sich:
- herrliche Männer, liebliche Frauen.
- Ein Labsal bleibts dem Kärrner im Alltagsgrauen,
- ein lichtes Vorbild anzuschauen,
- sei’s königlich, sei’s bürgerlich.
-
- Die plumpesten Burschen, begrüßt sie eine Yacht,
- in der ein müßiges Mädchen wie eine Blume lacht,
- sie grüßen lachend wieder, Mann für Mann;
- sie fragen nicht, was solche Blumen nützen,
- sie schwenken ihre schweißgetränkten Mützen,
- sie freuen, freuen sich daran.
-
- Oder am Abend, wenn sie verrußt, verstaubt
- heimgehn vom Landungsplatz, wo rolandshoch
- des Staatsmanns Standbild sein felskahl Kuppelhaupt
- dem Strom zukehrt: jawohl, sie schaun dran hoch,
- als ob sein Schatten ihnen den Frieden raubt,
- ehrlich anknirschend gegen sein Kriegsrüstungsjoch,
- aber stolz auf ihn, stolz sind sie doch.
-
-
-VII
-
- Und keiner blickt mehr nach den Kirchturmspitzen,
- die grünspanschimmrig hinter dem Mastenwald
- vom Sonnenuntergang bestrahlt
- über den rauchgeschwärzten Dächern sitzen,
- und unter denen im Altarkerzenschein
- menschenklein
- der Gottessohn die Finger am Marterkreuz krallt.
-
- Und wenn noch mancher, den Not und Kummer kränkt,
- Ihm und der Mutter aller Schmerzen
- ein paar Minuten echter Andacht schenkt,
- so tut ers nur, indem er denkt,
- daß er mit seinem abgehetzten Herzen
- zeitlebens selber am Kreuzpfahl hängt.
-
- Die Besten aber beklagen nicht ihr Los,
- sie träumen auch kein künftiges Glücksland her;
- sie wissen, Kraft ist Lust, die aufschluchzt vor Begehr,
- opfergroß
- sich hinzugeben, wie der Strom dem Meer.
-
-
-VIII
-
- Denn über allen Wassern, die hier stranden,
- heller als alle Träume und Gesichte,
- die durch erhitzte Hirne im Glühdrahtlichte
- der schaukelnden Kajüten branden,
- glänzt eine Träne aus der Weltgeschichte.
-
- Die weinte Bismarck, als er, schon ein Greis,
- das größte Überseeschiff aus jenem Zeitwendkreis
- auf seinen Namen taufen sollte.
- Er hatte noch kein solches Schiff gesehn,
- nun sah er dies Gewaltwerk menschlicher Mühsal stehn,
- sah, wie’s auf seinen Wink ins schäumende Flutgrab rollte.
-
- Und sah im Geist sein Deutschland hinaus aufs Weltmeer rollen,
- sah Menschen, Helden, Sklaven, sturmschwalbenschaarendicht,
- hoch, niedrig, arm und reich, gleich sterblich, Schicht auf Schicht,
- wieder und wieder ihre hoffnungsvollen
- glückleeren Hände ruhlos nach neuem Schicksal strecken,
- und alldas sollte nun sein Name decken --
- da rann die Träne über sein Gesicht.
-
-
-IX
-
- Es wird noch manche Opferträne rinnen,
- die leuchtender von Seele zu Seele brennt
- als der erlauchteste Stern am Firmament;
- doch immer wieder, wenn Sturm ein Wrack berennt,
- wird Kapitän wie Trimmer erschüttert sinnen,
- warum sie durch den quälenden Aufruhr treiben,
- warum sie nicht im stillen Hafen bleiben.
-
- Denn manchmal ist er still. Wenn mitternächtig
- kein Hochbahnzug mehr über die Brücken fährt,
- wenn sich, vom dunkeln Wasser kühl verklärt,
- das Bordlaternenheer sternbilderprächtig
- im Abgrund spiegelt, Funken tief bei Funken,
- dann scheint das Himmelreich herabgesunken.
-
- Dann winkt dir aus der todesstillen Flut
- der Feiertag, seit jeher prophezeit:
- da sinkt der Menschensohn vom Kreuz, da ruht
- auf dem erstorbnen Erdball weit und breit
- der Hauch der ewigen Seligkeit.
-
-
-
-
-Drei Blicke
-
-
- Die Wolken rauchten immer dunkelroter,
- der Abendhimmel stand in Höllenfarben,
- und wenn die fernen Blitze lautlos zuckten,
- dann zuckte auch die lange Vorstadtstraße,
- durch die mein Herz der sinkenden Sonne zuzog,
- mit allen Fenstern hocherglühend mit,
- und jede Scheibe starrte dann noch toter.
-
- Und plötzlich schlug aus einem Trödelladen
- der Heiland seine Augen zu mir auf;
- er lag gekreuzigt mit ergebnem Blick
- in einem alten Rahmen zum Verkauf.
- Und neben ihm zwei neue Kinderpuppen;
- die lächelten so fühllos himmelauf,
- daß angesichts der drohenden Wolkenschwaden
- mein Herz erschrak vor diesem bunten Laden.
-
- Da zuckte wieder, und noch glasig trüber,
- durch den gebrochenen Heilandsblick die Röte,
- und an den Puppenaugen grell vorüber
- beleuchtete der Blitz im Hintergrunde
- ein Steingesicht mit stolzem Blick und Munde:
- +Goethe+ --
- O habe Dank, du Ewiger, jede Stunde:
- du hast uns Hoheit über Tod und Leben
- mit deiner selbstbewußten Stirn gegeben!
-
-
-
-
-Ein Heine-Denkmal
-
- Standrede eines träumenden Herrschers
-
-
- Ich danke dir, Bildhauer, daß du dich
- für deinen Fürsten noch bemühn willst; bitte,
- nimm Platz! -- Du weißt, ich bin der Krone müde,
- zu Neujahr geb ich sie dem Volk zurück;
- es mag versuchen, selbst sich zu beherrschen,
- mir ist es teils zu reif und teils zu schlecht.
- Mein Hingang aber soll mein Volk und mich
- noch einmal in beglückter Ehrfurcht einen
- und unsern Enkeln eine Ehrfurcht bleiben
- durch ein Geschenk fürstlicher Menschenliebe;
- dazu entbot ich dich.
-
- Ich weiß, dich drängt dein großes Lebenswerk:
- „der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“ --
- ich danke dir, daß Mein Gesuch dir vorgeht.
- So höre, was ich ausgesonnen habe,
- du bist der Einzige, der es schaffen kann:
- ein Denkmal für Herrn Heinrich Heine.
-
- Erlaube, daß ich uns das Fenster öffne;
- der Märzgeruch der Großstadt tut mir wohl.
- Dort auf dem Platze vor der Kathedrale
- möcht ich das Denkmal aufgerichtet sehn,
- mitten im Kranz der Linden.
-
- Da soll er sitzen, wie er innerst war,
- der kranke Jude und der große Künstler,
- der unsre Muttersprache mächtiger sprach
- als alle deutschen Müllers oder Schulzens.
- Verziere reich mit Gold den Krankenstuhl,
- bunt soll das Denkmal sein, ein Schmaus den Sinnen!
- Fußdecke, Rock, Symbole, alles Beiwerk
- soll sich in dunklen Tönen unterhalten,
- von ungewissen Lichtern überlacht;
- aus dem gedämpften Rot und Grün der Broncen,
- aus Porphyr, Syenit, Basalt und Lava
- soll marmorklar nur sein Gesicht herleuchten
- und seine blassen Dichterhände.
-
- Und rück ihn nicht zu hoch vom Boden weg,
- nicht in die Luft, damit ihm Volk und Erde
- nah bleiben, wie es großen Künstlern lieb ist.
- Nur eine einzige Stufe von Granit,
- in mächtigem Geviert, gib ihm als Sockel,
- daß man sein Lächeln deutlich sehen kann,
- dies müde Lächeln des getauften Juden,
- mit dem er sich nach neuer Liebe sehnt,
- dies bittre Lächeln, das zu sagen scheint:
- O Moses, du gefällst mir nicht,
- du bist mir überflüssig,
- und dein vergrämtes Angesicht
- ist längst mir überdrüssig.
-
- Zu seinen Füßen aber laß -- nein, so:
- in seine Linke gib ihm einen Stock
- und eine himmelblaue Schellenkappe!
- Und links zu Füßen des getauften Juden,
- den Stock beschnüffelnd und beblinzelnd, hockt
- -- ich schlage vor: aus rheinischem Eisenquarz --
- ein fettes Schwein, das echte deutsche Hausschwein.
- Mach mir dies Schwein ja wahrhaft wahr und schön,
- wie’s dieser große Künstler wert ist; und
- vergiß mir auch die Borsten nicht!
-
- Doch rechts zu Füßen dieses großen Künstlers
- laß einen flügelstolzen Greifen liegen,
- mager, die Geiernase möglichst krumm,
- den edeln Pantherleib zum Sprung gereckt.
- Ich sehe, wie des Dichters blasse Rechte
- liebkosend nach dem stählern hochgeschwungnen,
- dem nordseegrauen Flügelpaar hintastet.
- Ich sehe seinen meerblau stillen Blick,
- die dunkeln Amethysten der Pupillen,
- in sich gekehrt, heimkehrend aus der Ferne;
- er träumt ein Lied.
-
- Über die finstern Furchen der Nordsee,
- über die fliehenden Schäume her,
- sieht er ihn kommen,
- seinen Ahnherrn Ahasver:
- er sucht den Messias.
- Der Wind jagt seinen Bart,
- morgendlich funkelt ein Strand;
- seit Jahrtausenden so, der arme Alte,
- sucht er den Tod.
- Plötzlich sprühn ihm alle Wellen Licht:
- fern am Strand steht Einer, der reckt sich,
- jünglingskeck, und blickt und lacht,
- lacht in die Sonne:
- der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwacht.
- Und Ahasver schreit auf,
- daß sein Schrei die Möwen vor ihm herschreckt
- über das leuchtend spritzende Wasser,
- und ans Land stürzt er und bricht zusammen,
- und Jahrtausende schluchzen
- dem erstaunten Michel ins dumme Herz:
- Mein Heiland Du,
- mein heimlich erstandener
- Herr Israels!
- Hinten aber auf den Dünen sitzt
- mit verwunderten Mienen,
- den Sonnenaufgang nach der Uhr erwartend,
- das versammelte deutsche Publikum,
- Christen-und-Judenpöbel,
- und jemand sagt:
- Ja, Herr Geheimrat von Schultze,
- davon ahnten wir nichts! --
-
- So bilde mir, mein Freund, den Blick des Dichters.
- Laß, Meister, des Hellenen freie Kraft,
- laß auch des alten Inders freie Inbrunst,
- laß des Germanen freie Leidenschaft
- als sieche Sehnsucht drin entdeckbar sein,
- siech durch die lange Knechtschaft Israels.
- Und hinter seinen goldnen Krankenstuhl
- stell auf die rechte Seite einen Greis,
- ärmlich, ins Knie gesunken, arbeitskrüpplig,
- der einem Enkel eine Krone aufsetzt
- und seine marmorn blühende Nacktheit segnet;
- nimm Meine Krone als Modell!
-
- Links aber hinter seinen Krankenstuhl,
- das Schwein des Vordergrundes überragend,
- setz auf die Sockelstufe eine Jungfrau,
- im Myrtenkranz, im Silberschleier, bräutlich,
- so bräutlich, wie es nur der Deutsche träumt;
- die soll nachsichtig einem Affen wehren,
- der grinsend, mit unzüchtiger Geberde,
- dem Dichter in den Rücken glotzt.
-
- Mach mir den Affen ja schön wahr und schön,
- wie’s dieses großen Künstlers würdig ist!
- dann gib ihm braune Augen, wie dem Greise.
- Dem Knaben aber und der Jungfrau blaue,
- wie sie der große Künstler selber hatte,
- doch so von Dir, Bildhauer, deutsch verklärt,
- daß ich den kranken Dichter stammeln höre:
-
- O Venus, alte Frau Sünderin,
- verneige dich der Reinen!
- o könnt ich noch mit Kindersinn
- zu ihren Füßen weinen! --
-
- So, Freund und Herr, möcht ich das Denkmal haben.
- +So, Meister, bis ins Kleinste lebensgroß
- das Einzelne; das Ganze aber so,
- daß uns der Schauder ängstigt und beglückt
- vor unsrer menschlichen Tiergöttlichkeit.+
- Dann um das alles, wie um einen Friedhof,
- zieh mir ein schmiedeeisern Gitterwerk
- von hohen Lilien, deren Blütenköpfe
- ein Dornenkranzgewinde eint.
-
- Und eile dich mit deiner Arbeit, Freund!
- schon weil dein großes Lebenswerk dich drängt
- „der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“;
- sonst schilt mich noch das deutsche Publikum.
- Nimm dir Gehilfen nach Belieben! Horch,
- der Märzsturm braust vom Turm der Kathedrale;
- wenn der Dezemberreif die Linden schmückt,
- möcht ich das Werk vollendet sehn, ich will’s
- dem deutschen Volk zu Weihnachten bescheren.
- Leb wohl, mein Künstler! --
-
-
-
-
-Landstreichers Lobgesang
-
-
- Jetzt bin ich endlich mit der Welt allein;
- sing, Seele, sing dich von der Menschheit rein!
- Sie klagt in einem fort, still oder schrill,
- daß keine Seele sein kann, was sie will;
- das ist gemein.
-
- Ich will heut Nacht kein Bett noch Essen haben!
- ich will mich am Geruch des Frühlings laben!
- Die Knospen platzen all vor Trunkenheit;
- ihr in der Stadt, ihr platzt vor Futterneid.
- Das tat mir leid.
-
- Ich ging von Haus zu Haus: Sing, Seele, sing:
- erbarm dich, Mensch, und sei kein Kümmerling!
- Geh in den Wald, da lacht der Sternenschein:
- sing, freie Seele, sing! was kannst du sein?
- Herrin des Frühlings!
-
- Du kannst dir jeden Ast zum Szepter nehmen;
- der Tau beträufelt dich mit Diademen.
- Du trägst ein Schleppkleid von Milliarden Blüten;
- das brauchst du nicht vor Mottenfraß zu hüten,
- sie welken bald.
-
- Sie welken, Seele, um dich zu erfreuen:
- du darfst dein Reich in alle Lüfte streuen!
- Wenn dir das nicht gefällt, dann komm, schlag drein!
- sing, Seele, sing! was kannst du sonst noch sein?
- Magd des Sommers!
-
- Da darfst du Tag für Tag die Hippe zücken,
- siehst Schwad an Schwad vor dir zusammenknicken,
- stellst Korn in Garben, oder läßt es liegen,
- damit die Spatzen was zu fressen kriegen;
- freut dich das nicht?
-
- Nachts hörst du dann die jungen Mäuse pfeifen;
- fühlst, Schatz, wohl auch was unterm Schnürleib reifen?
- Wenn nicht, so geh und hör die Hengste schrein!
- sing, Seele, sing! du kannst auch männlich sein!
- sei Knecht des Herbstes!
-
- Geh in den Weinberg, pflück die vollen Trauben;
- kannst auch Kartoffeln aus dem Acker klauben.
- Kartoffeln geben Schnaps für arme Luder;
- Wein ist für Kenner, und die besten Fuder
- schluckt die Nachwelt.
-
- Dann gleichst du selbst den ausgepreßten Träbern
- und nährst die Nasenwurzeln auf den Gräbern.
- Wird dir das lästig, so zerspreng den Stein!
- sing, Seele, sing! du kannst noch freier sein!
- Herrgott des Winters!
-
- Herrgott, wie stärkst du da die schwachen Kräfte:
- da spannst und spornst du die erstarrten Säfte,
- bis dir die eisige Haut vom Körper birst,
- worauf du wieder Frühlingsgöttin wirst,
- du freie Seele!
-
- So zog ich durch die Stadt und sang euch an,
- bei Tag und Nacht, ihr Menschen, Weib wie Mann.
- Bei Nacht, da brannte immer künstlich Licht,
- doch auch bei Tag verstandet ihr mich nicht;
- euch rief die Pflicht.
-
- Mich ruft die Kraft; ich nahm den Stock und ging.
- O Menschheit, dich beschämt ein Schmetterling!
- Hier schwirrt er vor dir her im Sternenschein,
- erhabner Untertan der Welt allein;
- sing, Seele, sing! --
-
-
-
-
-Hohes Lied
-
-
- Fern dem Menschenschmerz,
- zwischen Eis und Stein:
- reines Herz, nun lausche,
- du bist nicht allein!
- Horch, die Gletscher-Adern rauschen,
- Quellen singen -- und ein Geist stimmt ein:
-
- Meine Kinder werden einst
- auf dem Regenbogen spielen.
- Folgt dem Vater denn, ihr vielen,
- bis ihr oben über den schwülen
- Schluchten der Berge, durch die er muß,
- schimmern dürft!
-
- In die Niederungen
- führ ich euch gezwungen,
- der ich mit dem Erdreich ringen muß.
- Seht, da giebt es Herzen,
- die das Reinste schwärzen;
- Gift und Geifer tropft in meinen Fluß.
-
- Aber weiter, weiter,
- Kinder, auf vom Grund!
- Seht, mein Herzschlag läutert
- jeden Tropfen -- und
- alle, alle werden einst
- oben auf dem Regenbogen spielen!
-
-
-
-
-Ruf an die Kühnsten
-
-
- Du junger Bergsteiger,
- der in den Sturm deine Arme streckst,
- dir Fichtenwipfel als Flügel nehmen,
- Wolken und Sterne herabfegen möchtest
- und sie mit Schweiß und Blut,
- Deinem Schweiß und Blut,
- in eine neue Welt umkneten,
- wie auch ich einst, auch ich:
- lern Kraft sammeln!
-
- Ruhig am Meerufer sitz ich jetzt,
- seh dich auf halber Höhe keuchen,
- höre den Seegang aus drangvoller Weite
- unablässig heranrollen
- und rufe dir zu:
- Keine menschliche Maßlosigkeit
- faßt den unermeßlichen Weltplan.
-
- Oft stand ich auf schwindelnder Gletscherkante,
- nur geklammert an meinen Eispickstock,
- ohne Führerseil,
- über Wolkenmeeren,
- über den Berghäuptern allen rings,
- selbst den Morgenstern mir zu Füßen,
- selbst die Sonne,
- und --
- mußte dennoch mein Haupt senken,
- mußte hinab wieder steigen
- unter die Sonne,
- unter die Wolken,
- zwischen die Schatten der kleinsten Klippen.
-
- Denn kein Weltschöpfer ist der Mensch,
- nur der Erdgeschöpfe gewaltsamstes.
- Nicht ein Sternchen vermagst du
- aus seiner Achse zu reißen,
- nur in deinem Fernrohr kannst du es drehen.
- Einen Turm kannst du bauen auf jeder Höhe,
- wo du Werkleute hinzuführen vermagst;
- kannst ein Schiff steuern in jede Weite,
- ein Flugschiff sogar, das Helden mitträgt,
- soweit du dich samt deinem Werkzeug
- in den windigen Bann der Erdschwere fügst.
- Das kann Menschengewalt, du junger Steiger,
- du Flieger, ihr jungen Vorstürmer alle:
- Tatkräfte sammeln!
-
-
-
-
-Vogel Greif
-
-
- Mein Flieger, mein kühner, wo gehts heut hin?
- „Hoch über die Wolken, schöne Gönnerin;
- höher als höchste Alpenspitzen
- soll mein Fahrzeug durchs Weltblau blitzen.“
- Vogel Greif heißt dein Fahrzeug? „Vogel Greif;
- heut soll er den Sieg mir greifen.“
-
- Du kühner, du stolzer, dann nimm mich mit!
- Und sie sprang in den Sitz mit straffem Schritt.
- Nur an ihrer Brust das Blumensträußchen
- zitterte wie ein gefangnes Mäuschen,
- als sie sich lachend den Wetterpelz
- um die schlanken Hüften legte.
-
- „Du kühne, du schöne, wirf weg den Strauß!
- leicht fliegt ein Blumenblättchen heraus;
- ein einziges Blättchen ins Flugwerk verschlagen
- kostet uns beiden Kopf und Kragen.“
- Und während der Vogel Greif knatternd stieg,
- kobolzte der Strauß in ein Kornfeld.
-
- Viertausend Meter stieg er und mehr,
- eisig kreiste das Weltblau um sie her;
- aus stürzenden Wolken in sausendem Bogen
- stiegen sie lachend, lachend, und flogen,
- bis die Erde ein fernes Fabelland war,
- Vogel Greif -- da stockte das Flugwerk.
-
- Da stockte das Lachen; nur’s Steuer noch klang,
- schrill das Steuer im Gleitflug-Sturmgesang.
- Durch sausende Wolken in stürzendem Bogen
- glitten sie keuchend, keuchend, und flogen,
- bis die Erde schon fast wieder Erde war:
- Vogel, greif! Da knackte das Steuer.
-
- Wie vor zwanzig Minuten der Blumenstrauß
- kobolzten sie aus dem Wrack hinaus,
- hinaus, umklammert in wirbelndem Kreise
- mit fliegenden Haaren zur letzten Reise;
- du kühner! du kühne! klangs geisterleise
- auf ins eisige Weltblau.
-
- Und als man sie fand, er atmete noch,
- im Todesfiebertraum sah er hoch,
- hoch über die Wolken und hauchte: siegen --
- morgen werden wir höher fliegen --
- morgen --
- höher -- --
-
-
-
-
-Die Musik des Mont Blanc
-
- (Den Bergfreunden Charles Simon, René Koenig, Paul Montandon zur
- Erinnerung)
-
- Leitwort
-
- Ob wir reden, ob wir schweigen,
- aus den Tiefen klingt ein Raunen:
- Laßt uns auf die Höhen steigen
- und in alle Welten staunen!
-
-
-Erster Satz
-
- Wenn du hoch im Flugschiff bei funkelnder Winternacht
- überm Schneefeld der Großstadtdächer hintreibst,
- untergetaucht ist alles unreine Stückwerk,
- in dem ruhevollen Lichtnetz der Straßenschluchten
- sind die Türme und Kuppeln nur flüchtige Knotenpunkte
- dir und deinen Gefährten zur Richtung,
- von eurer Brustwehr sinnt ihr mit Göttergefühlen
- auf die eingemauerte Menschheit hinab,
- das verkrochene Arbeitsgewürm,
- das sich müde plagte für eure Lustfahrt:
- wenn dann dennoch ein Anflug eisigen Schauders
- aus dem Hetzwutgeräusch der Treibschraubenflügel
- deinen Blick emporschnellt zwischen die stillen Sterne,
- weht ein Ton immer höheren Raumes dich an,
- und von Worten durchstürmt, die Gipfel und Abgründe bergen,
- ahnst du die Musik des Mont Blanc.
-
- Fliehst wohl gern die Stadt auch bei glühendem Sommertag,
- auch du arbeitsmüde, steigst aus dem Eilzug,
- schleppst deinen Dunst durch den Landstraßenstaub,
- findest ein dürftiges schattengrünes Fleckchen,
- wirfst dich matte Raupe ins Gras,
- schmachtest ins Blau nach einer Gewitterwolke,
- bis dir ein Schmetterling durch deine Schwermut taumelt,
- bis eine Schwalbe dich dem Taumel entreißt,
- bis du als Adler aus himmelgewiegter Weite
- auf dich herabträumst -- Da, o Erweckung:
- traf dich ein Anhauch immer leichterer Luft?
- schwebte ein Laut immer weiteren Raumes dir vor?
- da verwünschst du deine Versunkenheit,
- sehnst dich nach der Musik des Mont Blanc.
-
- Was will Sehnsucht? sich verlieren in Fernen!
- Was will Ahnung? sich der Tiefe entheben!
- Steig hinan, wo in eines Tages Spanne
- Sommer-und-Winterbrand deine Inbrunst entflammen,
- wo du vor herzhinreißender Mühsal
- am Seil der Gefährten dir selbst zum Spiel wirst!
- Und ob ihr im ewigen Schnee an blendender Wand hängt,
- durststumm, schweißblind, mit schwarzen Brillen,
- ob im Finstern um eure zusammengeschanzten
- froststarren Körperklumpen der Sturm heult,
- horch, ein Klang fernsten Raumes fliegt dir zu:
- nun beginnt die Musik des Mont Blanc.
-
-
-Zweiter Satz
-
- Auf dem Nacken des Riesen schreitest du;
- seit Jahrtausenden hockt er im weißen Mantel.
- Mit den vergletscherten Armen umschlingt er
- die unzähligen schweren steilzackigen Kronen,
- die er aufs Haupt sich stülpen wollte.
- Höher konnt er sie nicht mehr heben;
- nun hält er sie starr umklammert und lauscht
- durch die wetterwilden Jahrtausende hin,
- lauscht den Geistern der unerreichten Bezirke,
- wie sie posaunend und harfend und pfeifend
- und manchmal singend seine geliebten Kronen
- ihm wegwinden möchten. Und staunend spürst du
- mit hohlem Schritt, wie er heimlich knirscht,
- bis in dein Herz, der gebannte Riese.
- Aber das Staunen ist nur Vorspiel.
-
- Tritt auf seinen Scheitel! der trotzt dem Bann.
- Sieh, unsre Spuren verwehen schon.
- Leise lechzt sein Atem herauf aus dem Eisschlund,
- wo wir uns Stufen hackten im Nebel
- ans grelle Licht her. Die dünne Luft schwirrt.
- Dein Herz will fliegen und kann nicht. Graust dir?
- Hier, wo kein Adler mehr kreist, hier wagten
- Menschen ein Sternwartchen herzurichten.
- Leise saugt’s der Gletscher in seinen Schlund;
- kaum noch ein Balken stiert aus dem Grabloch.
- Und mit lächerlich offnem Mund gewahrst du,
- daß auf dem Kampfplatz um die Erhabenheit
- auch das Grausen nur Vorspiel ist.
-
- An dein Herz hallt ein Dröhnen. Lachte der Riese?
- O, er jauchzt! Von seinem Panzermantel
- prallt ein Wetterstoß ab. Mit orgelndem Echo
- jauchzt er dem Blitz nach. Aus seinem Triumphblick,
- hell über Wolken und Schluchten, Stromland und See hin,
- bäumt sich ein Regenbogenpaar.
- Und mitjauchzend denkst du der Menschlein wieder,
- die unten beben, indeß hier oben
- unser entzückter Herzruf schallt,
- schallt, verhallt -- ohne Echo -- still, Freunde:
- auch das Entzücken ist Vorspiel nur.
-
-
-Dritter Satz
-
- Ruhe aus, wilde Seele: Frieden herrscht
- auf gewaltigen Bergen im Mittagsglanz.
- Schmiegsam wie du wird der harte Schnee;
- es glüht ein Feuer im kalten Wind,
- dein trunknes Blut klingt hinan zur Sonne.
- Sternhell schwillt der Erdball mit dir ins Licht,
- dunkel rührt sich der Raum, er schwebt, er schwebt,
- ins Glockenblaue: nun fliegt dein Herz:
- ins Reine, ins Reine --
- du vernimmst die Melodie des Mont Blanc.
-
- Du träumst nicht, du wachst nicht, du bist nur da;
- ein Schimmer bist du im Brennpunkt der Welt.
- Da rauscht eine Stimme, Myriaden Stimmen:
- Wo seid ihr, Gefährten? Nicht jenseits, nicht diesseits,
- wir schimmern auf rauschendem Gipfel wie du.
- Du ruhst nicht einsam; du siehst, es ragen
- Myriaden Gipfel in gleicher Ruhe,
- ins Klare, ins Klare --
- du begreifst die Harmonie des Mont Blanc.
-
- Du richtest dich auf; wir richten uns auf.
- Du lächelst und schweigst; wir lächeln und schweigen.
- Es schweigt der leichenstarre Firn.
- Und wenn wir auf seiner zerfurchten Bahn uns
- von Abhang zu Abhang im Abendglanz
- heimsausen lassen, dann mögen die Berge
- einstürzen, du fliegst und fühlst wie wir:
- wohin wir auch fliegen, wir fliegen, fliegen,
- ins Freie, ins Freie --
- dich ergreift der Rhythmus des Mont Blanc.
-
-
-Vierter Satz
-
- Halt! was trommelt uns nach? wer tanzt da oben?
- stürzen Murmeltiere vom Himmel ab?
- Achtung, Steinfall! Und Rucksack übern Kopf,
- in die Schneewand gebohrt mit Füßen und Fäusten,
- hören wir’s hüpfen mit Sammetpfoten,
- mit Klumpsohlen hopsen, galopp: rechts, links
- purzeln die Tode an uns vorbei
- und liegen unten. Und ein Stück Kohle,
- wer weiß von welchem sturmverschleppten Scheit Brennholz,
- trollt hinterdrein und trällert und summt:
- das ist nur ein scherzhaftes Zwischenspiel.
-
- Wißt ihr noch? kennt ihr die Stelle wieder?
- dort vorm Jahr: die Eisbrücke unter mir.
- Ich stand, sah zurück: durchs Gewirr der Spalten
- stieg Jemand uns nach, uns immerfort nach,
- mit verhülltem Gesicht, dunkeln Augenlöchern,
- mit vielen Leuten am Seil: wer ist es?
- was will der fremde vermummte Führer,
- wo Jeder Führer ist und Geführter,
- was tappt er blos nach? Ich hebe den Pickstock
- und warne, da kracht’s, noch erraff ich im Sprung
- den Rand -- damals scholl mirs wie Abgrundgelächter
- durchs innerste Mark, jetzt lacht die Erinnrung:
- Es war nur ein spaßhaftes Zwischenspiel.
-
- Es werden noch viele Brücken zerkrachen;
- er braucht’s, der Bauherr des weißen Friedhofs,
- das Riesenkronen-Bröckelwerk.
- Rings aus Trümmern die Türme, verjährte Lawinen
- zu smaragdenen Labyrinthen gefroren,
- die nächste Laue zerschellt sie wieder,
- hohl verrollt ihr Paukenwirbel: gebt Raum!
- Raum, ihr lockern Gesellen! auch ihr da, Granitpack,
- du Großer Gendarm mit dem wackligen Helm,
- ihr Englischen Fräuleins: noch besteigen
- nur Waghälse eure glatten Hüften,
- einst liegt ihr alle zerbröckelt im Bett,
- der nächste Neuschnee verdeckt den Schutt,
- und Brocken auf Brocken wird wieder Brücke,
- wird alles ein lachhaftes Zwischenspiel.
-
-
-Fünfter Satz
-
- Wohl weint’s im Dunkeln, horch, Tropfen zu Tropfen,
- Milliarden Tropfen, die sich lautlos
- unter der aufgepreßten Last
- zusammenschlichen: o horch, nun auf einmal
- aus stahlblau dämmerndem Gletschertor
- durch den Schutt der Moräne, da sprudeln sie
- als milchheller Quell. Nun schöpfst du und trinkst
- von dem jubelnden Wasser, und schaust zurück,
- immer wieder zurück zu dem sternegekrönten Scheitel,
- wo kein Bleiben ist für dein staubhaftes Leben,
- und glaubst ihn immer noch rauschen zu hören,
- so entrückt dich die Musik des Mont Blanc.
-
- Dann zeigt sich ein Fleckchen, da sprießt wieder Gras.
- Dann erscheint eine Hütte, da stürzt Quell in Quell.
- Dann bäumt sich der Gießbach und springt dir voran
- durch blühende Wiesen ins nächtige Waldtal.
- Da hörst du im Schlaf rings die Haustierheerden
- geisterhaft läuten; und andern Tags
- bist du vielleicht schon fern, siehst die Bäche
- zum See gesammelt, der Schiffe trägt,
- klirrst mit schweren Schuhn durch die große Stadt,
- hörst den Menschenlärm brausen, hörst ihn nicht,
- hörst noch immer um deine hämmernden Schläfen
- mit unendlichen Flügeln von Schneefeld zu Schneefeld
- das Schweigen der Jahrtausende geistern,
- so verfolgt dich die Musik des Mont Blanc.
-
- Dann willst du wie sonst mit ergebenem Schritt
- an dein Tagwerk gehn, dein vergängliches Werk.
- Gehst wie sonst deinen Weg, gehst über die Brücke,
- wo du tausendmal wie Tausende gingst,
- blickst wie sonst hinab mit gesenkter Stirn,
- da wölbt sich ihr Bild, da spiegelt’s dich mit,
- spiegelt Tausende mit, da bäumt sich dein Herz,
- nicht wie sonst, nicht wie sonst: wie der Gießbach bäumt sich’s
- und kommt von der Höhe und will ins Weite
- und fühlt, wie Welle in Welle tief
- sich bindet, sich drängt, vieltausendwerkig
- voll Ahnung, voll Sehnsucht -- Das bleibt! das bleibt!
- das wird rauschender Strom und verrauscht ins Meer,
- in Stürme, in Wolken, ins Luftmeer, Lichtmeer,
- von Raum zu Räumen, ins Freie, ins Freie --
- so verschwebt, o Welt, die Musik des Mont Blanc.
-
-
-
-
-Gebet im Flugschiff
-
-
- Schöpfer Geist, unbegreiflicher,
- der du Wesen ersinnst, die Gestalt annehmen,
- grausig gütiger du,
- denn jedes lebt vom Tod vieler andern,
- Götter wie Menschen,
- Tiere, Pflanzen,
- Kristalle, Gase, Ätherdämonen,
- kann jedes übergehn in jedes,
- ins Meer, ins Luftmeer, in fernste Gestirne,
- bauen einander, zerstören einander,
- begehren auf wider sich und dich,
- lassen sich Krallen wachsen vor Gier,
- Flügel,
- und selbst Maschinen, die Vögeln gleichen,
- ächzen aus ihren Nöten zu dir
- um das letzte Quentchen Vollendung:
- Jetzt: hier schweb’ich in deinem Licht,
- wie ein Wasserstäubchen im Regenbogen
- mitdurchhaucht von all deinen Farben,
- ohne Bitte,
- nur voller Dank
- deines beseelenden Odems teilhaftig,
- deiner Inbrunst,
- die sich staunend in Menschenmund nennt:
- Phantasie! --
-
-
-
-
- Zweite Folge
-
-
- *
-
-
-
-
-Jesus und Psyche
-
- Phantasie bei Klinger
-
-
- Der Raum ist groß wie ein Bankettsaal,
- ist ganz voll Licht.
- Da zeichnet er, da meißelt er, da malt er.
- Du fühlst, er braucht so großen Raum:
- +Klinger+.
-
- Und wenn das Glück dich wie ein Schreck befällt,
- daß du kein Wort weißt, das von Herzen kommt,
- so stand ich.
- Allein. Doch neben mir saß Zeus,
- ein neuer Zeus, von Antlitz und Gestalt
- +Beethoven+ gleich; und in den Abgrund
- der Welt und Menschheit starrt sein Schöpferblick
- herab vom Thron der Sünde und Erlösung,
- daß sich der Adler ihm zu Füßen sträubt,
- erwartungsvoll.
-
- Still! atme kaum! Dort drüben schimmert noch
- im Abendschein der +alte+ Göttergarten.
- Der Gipfel des Olympos flammt von Farben;
- buntsäulig ruht im Glanz der fernen Luft
- ein Tempelhaus. Es ruht zerfallen; aber
- die Pinien und die Lorbeern und die Palmen
- drängen sich immergrün wie einst zu Tal,
- am Strand des blauen Meeres glühn und duften
- des Südens große wilde Blumenbüsche,
- die Götter alle sind versammelt, und --
- unter sie tritt +Jesus+.
-
- Sie sahn ihn kommen; immer größer kam er,
- der hagre Mann, den Blick zu Boden, langsam,
- als ob sein Fuß den Wiesenrasen schonte,
- im gelben Seidenkleid, das goldgestickt
- wie eines priesterlichen Königs Kleid schien
- und Spuren wie von Blut zeigt -- warum kommt er
- nicht nackt zu ihnen, wie sie selber sind?!
- Und streng verhüllt gleich ihm, tragen drei Frauen
- ein schweres schwarzes Kreuz ihm nach.
-
- Jetzt senken sie’s, ihr schwesterlicher Schritt
- stockt: Jesus sieht die Götter an.
-
- Weh uns! Der wilde Amor weicht empört,
- entsetzt zurück vor diesen Augen: Psyche,
- weh, Psyche, flieh! Doch seine Psyche fällt
- mit seligem Schrei dem Eindringling entgegen,
- weh, kniet vor ihm -- Psyche, der Götterliebling,
- vor Ihm! -- umklammert ihm die Rechte, küßt sie,
- küßt diese grauenhaft blutstriemige Narbe
- der magern Hand, stammelnd und schluchzend: Mein,
- mein Herr und Heiland!
-
- Verwundert lauscht mit zuckenden Flügelchen
- der aufgescheuchte Schwarm der Amoretten
- aus einer Uferpalme. Hermes hat
- sich abgewandt und neigt den weißen Stab.
- Nymphen und Satyrn wälzen sich im Gras,
- daß jene Frauen fraulich-tief erröten,
- indessen abseits die Olympierinnen
- kaum wissen, was geschieht, so stehn sie da:
- Juno in hoher Selbstzufriedenheit,
- Athene, selbstbewußt in sich versunken,
- und Venus, in sich selbst verliebt,
- Jede im Wohlgefühle ihrer Nacktheit,
- schamlos und lieblos, herrlich.
-
- Die Sonne taucht ins Meer, die Götter schweigen.
- Und Jesus, Psyche überschattend, heftet
- den Blick auf Zeus. Der sitzt, zu Tode stumm,
- auf seiner Marmorbank. Die greisen Glieder
- versagen ihm den Zorn. Die alten Augen
- erstarren vor der Nacht im Auge Jenes.
- Er hört nicht, wie der Knabe Ganymed
- sich an ihn schmiegt und ängstlich flüstert: Vater,
- was will der fremde Zaubrer hier? -- Zeus stirbt.
-
- Und hinter ihm, indeß er umsinkt, schleppt
- Elemosyne, die mitleidige
- Verachtetste der Göttinnen, mühselig
- den kranken Mars her und will +auch+ zu Jesus,
- so sehr der Kriegsgott sich im Fieber wehrt.
- Und wieder hör ich Psyches Inbrunst stammeln:
- mein Herr und Heiland!
- und fühle ihren keuschen Schmerz, und fühle
- ihr nacktes Warten, wie sie kniet und weint
- und aufstehn möchte; und es wundert mich,
- daß man das Gras nicht sieht durch ihren Körper,
- so fast verzehrt von langer Sehnsucht ist er,
- so abgehärmt die blassen jungen Brüste --
- +sah+ das der tote Göttervater nicht?!
-
- Sie zittert. Psyche! Weib, wer bist du? Sprich!
-
- Ich horche auf: aus einer Rosenhecke
- antwortet mir Gelächter, übermütig
- tritt auf den Plan Bakchos-Dionysos,
- Blüten im Haar, sein Pantherfell in Fetzen,
- hoch in der Hand den hellen Tafelkelch
- voll dunklen Weines, drin der Widerschein
- des letzten Sonnenfunkens blutrot schwankt,
- und nickt mir zu und hält ihn mir entgegen:
- trink, Jesus, trink!
-
- Und langsam streckt sich meine Linke vor
- und will ihm wehren. Aber Psyche küßt
- noch brennender die Narbe meiner Rechten.
- Und langsam muß sich meine Linke wenden,
- und nickend nehm ich meinem Bruder Bachus
- nun ab den Kelch und setz ihn an die Lippen,
- und ziehe meine Psyche an mir hoch,
- und setze nun den Kelch an +ihre+ Lippen:
- trinke, das ist mein Blut! -- Und Psyche trinkt.
-
- O! wie sich ihre bleiche Stirne rötet,
- sich ihre Brüste mir entgegenheben!
- doch weinend reicht sie mir zurück den Kelch.
- Da pack ich ihre Hand und schüttle sie:
- hoch fliegt das leere Glas: in blitzendem Bogen
- zerklirrt’s zu Scherben an der Marmorbank
- des toten Zeus.
-
- Ich aber ziehe meine Psyche an mich
- und schlage meinen Königsmantel um sie
- und spreche: weine nicht, mein Liebling, komm!
- So steig’ich mit ihr auf den Sitz des Zeus
- und lege meine Dornenkrone ab:
- heut feiert Jesus seine Hochzeitsnacht!
-
- Auf, Bruder Bachus, schwinge deinen Thyrsos!
- Ihr Fraun, legt +hin+ das Kreuz! Olympierinnen,
- nehmt eure blassen Schwestern bei der Hand:
- du, Juno, die im blau verblichnen Kleid,
- die mit dem Glaubensblick! Athene, du
- verbindest dich der Grünverschleierten,
- die so voll Hoffnung blickt! und du, Frau Venus,
- fasse den Purpur jener Blassesten,
- jungfräulich Blickenden, sie heißt „Die Liebe“ --
- dann jauchzt: der Bräutigam ist da!
-
- Auf, ihr Unsterblichen, zum Hochzeitsreigen!
- Elemosyne soll mit Amor tanzen!
- seht, wie das dunkle Meer von Sternen hüpft!
- Mars, stehe auf und wandle, +und sei mein+! --
- Und lasset auch die Kindlein zu mir kommen:
- geh, Ganymed! heißa! die Amoretten
- warten auf dich! tanzt euern Ringelreihn!
-
- Du aber, Hermes, nimm den toten Zeus
- und trag ihn sanft hinüber vor den Thron
- des neuen Zeus, der hier errichtet steht,
- und neige deinen weißen Stab vor Diesem
- und bitte ihn:
- Spiel uns, du Göttlicher, dein Hohes Lied,
- das hohe Lied der Sünde und Erlösung,
- das hohe Freudenlied der Welt und Menschheit,
- das hohe Lied der Neunten Symphonie!
-
- Dann wird sein Adler rauschend sich erheben,
- still spannt er über uns die Fittiche
- und lauscht herab auf uns, wie wir erschauern,
- Du, meine Psyche, und dein Jesus, Ich,
- in unsrer hellgestirnten Hochzeitsnacht.
- Auf, ihr Unsterblichen, auf, tanzt und singt!
- singt mir das Lied vom Tode und vom Leben!
- morgen ist wieder Tag, die Sonne lebt noch!
- komm, Psyche, komm! --
-
- Doch schaudernd lehnt sich Psyche von mir weg
- und starrt mich an mit Augen, daß mich friert,
- so rätselhaft voll Furcht, voll Sehnsucht -- Psyche!
- Geliebte! Psyche! Du, wer +bist+ du?! -- „+Du+“
- sprach laut mein Mund die Antwort meines Herzens,
- ein Echo huschte durch den großen Raum;
- so stand ich.
- Allein. Mit meiner Seele in dem Meister,
- der solches in mir schuf.
-
- Endlich ermannt ich mich von seinem Werk
- und suchte wegzusehn; da fiel mein Blick
- auf einen großen, graugetrockneten
- Stranddistelstrauß, um den sich ein vergilbtes,
- einst brennend rotes Seidenband herabschlang,
- das einzige Stück Erinnrung in dem Raum,
- wo alles Übrige von Zukunft zeugte.
- Die Sonne schien darauf und ließ noch Spuren
- des zart blaugrünen Purpurschmelzes ahnen,
- der einst die frischen Stacheln schmückte: fast
- als hab ihn einst verfärbt zu schwacher Glaube,
- als hab ihn einst berührt zu scheue Hoffnung,
- als hüte blaß ihn noch die Liebe ... Still:
- die Tür ging: Er trat ein: der Maler, Zeichner
- und Bildner Unsrer Psyche -- +Klinger+ -- und
- da mußt ich denken: Welche Frau ihm wohl
- einst diesen Strauß geschenkt hat? Denn es +giebt+
- Frauen, die solche Sträuße schenken ...
-
-
-
-
-Bann
-
-
- Wie aus dem Schilf die Wasserfee
- tauchtest du zaudernd aus der Schaar
- der Andern um uns zu mir her
- mit deinem langen schwarzen Haar
- und deinem grauen Augenpaar.
-
- Und standest nun und sahst mich an
- mit deinem blassen Übermut;
- und deiner Fragen perlende Flut
- und deiner Lippen springjunges Blut
- lachte mich an, lachte mich an.
-
- Nur in deinen Augen blieb so fern,
- so fern wie auf des Weihers Grund
- in schwimmender Nacht der schwanke Stern,
- ein Zittern und Leuchten stehen; und
- mir log dein Mund, dein kühler Mund.
-
- Denn in unsern Träumen -- o, ich weiß:
- auch Du, auch Du -- dann tauchen wir
- Hand in Hand hinunter: stumm und heiß
- sucht Mund den Mund: holen wir leis,
- vom grauen Grund, den Stern vom Grund.
-
-
-
-
-Unsre Stunde
-
-
- Es dunkelt schon. Komm, geh nach Haus.
- Komm! das Kastanien-Blattgewühl
- streckt sich wie Krallen nach uns aus.
- Es ist zu einsam hier, zu schwül
- für uns.
-
- Denn sieh: die Linien deiner Hand
- laufen den meinen viel zu gleich.
- Du schienst mir plötzlich so verwandt,
- so vorbekannt;
- vielleicht aus einem andern Reich.
-
- Ich hatt ’ne Schwester, die ist tot.
- Sei nicht so stumm, als wärst du taub!
- Die Abendwolke dampft so rot
- durchs junge Laub,
- als ob sie uns Blutschande droht.
-
- Horch! Ja, so wild und unverwandt,
- wie jetzt die Nachtigall da schlug,
- zittert dein Herz in meiner Hand.
- Wir wissen es; das ist genug
- für uns.
-
-
-
-
-Ohnmacht
-
-
- Doch als du dann gegangen,
- da hat sich mein Verlangen
- ganz aufgetan nach dir.
- Als sollt ich dich verlieren,
- schüttelte ich mit irren
- Fingern deine verschlossene Tür.
-
- Und durch die Nacht der Scheiben,
- ob du nicht würdest bleiben,
- bettelten meine Augen; und
- du gingst hinauf die Stufen
- und hast mich nicht gerufen,
- mich nicht zurück an deinen Mund.
-
- Vernahm nur noch mit stieren
- Sinnen dein Schlüsselklirren
- im schwarzen Flur, und dann
- stürzten auf mich die Schatten,
- die mir im Park schon nahten,
- als wir den Mond versinken sahn.
-
-
-
-
-Büßende Liebe
-
-
- Aus deinen grauen Augen droht,
- mir so vertraut
- wie ein verhaltner Klagelaut,
- mit bleicher Flamme ein Verbot;
- ich weiß, ich fühls -- du warst einst Braut.
-
- Das hat in deinen Blick gebracht
- dies fahle Licht,
- das durch die schwarzen Wimpern bricht;
- vor Zeiten, Seele, eh die Nacht
- dich neu gebar ans Tageslicht.
-
- O komm und gieb mir deine Hand;
- in dein schwarz Haar
- nimm diese rote Lilie dar,
- und um dein dunkelblau Gewand
- dies goldne Gürtelschlangenpaar.
-
- So führe mich, indeß du weinst,
- den langen Pfad.
- So kommen wir der Nacht genaht
- und beichten Beide: Mutter! einst,
- du weißt, wir übten einst Verrat.
-
- Dann legt, indeß wir niederknien,
- dann legt die Nacht
- auf deines Haares schwere Pracht
- die Hand und flüstert: liebe ihn,
- der sich und Andre friedlos macht!
-
- Dann hören deine Tränen auf,
- dann kommt ein Stern.
- Der tagt wie künftiger Frieden fern;
- dein graues Auge schaut hinauf,
- dein Auge, Seele -- hilf uns, Stern!
-
-
-
-
-Stromüber
-
-
- Der Abend war so dunkelschwer,
- und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn;
- die Andern lachten um uns her,
- als fühlten sie den Frühling nahn.
-
- Der weite Strom lag stumm und fahl,
- am Ufer floß ein schwankend Licht,
- die Weiden standen starr und kahl.
- Ich aber sah dir ins Gesicht
-
- und fühlte deinen Atem flehn
- und deine Augen nach mir schrein
- und -- eine Andre vor mir stehn
- und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!
-
- Das Licht erglänzte nah und mild;
- im grauen Wasser, schwarz, verschwand
- der starren Weiden zitternd Bild.
- Und knirschend stieß der Kahn ans Land.
-
-
-
-
-Bitte
-
-
- Nur sage „Du“ ... ich will ja nie,
- nie wieder deine Lippen küssen,
- nun wirs gefühlt, so Knie an Knie
- gefühlt, daß wir uns lieben müssen.
-
- Das Abendrot umarmte brennend
- der Eichen hohe Knospenkette;
- wir aber sahen nur, uns trennend,
- die schwarz aufragenden Skelette.
-
- Und nickten doch von vielen Bäumen
- schon Blüten unsrer Liebe zu,
- im keusch verträumten Grün; so träumen,
- so nicken Kinder ... sage „Du“.
-
-
-
-
-Gastgeschenk
-
-
- Dies blaß in Flammen gelb-und-grüne Mannskraut,
- knabenüppig, und dies zarte
- Schneeglöckchen, eben aufgeblüht,
- ganz furchtsam weiß, im irdnen Topf:
-
- die beiden Kinder wuchsen so allein
- und hatten niemals einen Kuß genossen,
- da pflanzt’ich sie zusammen
- und brachte sie zu Dir.
-
-
-
-
-Gottes Wille
-
-
- Du hungerst nach Glück, Eva,
- und fürchtest dich den Apfel zu pflücken,
- den dein Gott dir verboten hat
- vor dreitausend Jahren,
- du junges Geschöpf!
-
- Jeden Abend ahn’ich dich,
- wie du die magern Händchen
- in deinem einsamen Bette
- emporringst zu dem Gott der alten Leute:
- Gieb ihn, gieb ihn mir!
-
- Du arme Geduld!
- Er hat noch nie die Furchtsamen beglückt,
- der alte Gott.
- Er gab dir deinen Hunger, deine Hände:
- greif zu und iß -- dann dulde!
-
-
-
-
-Übermacht
-
-
- Wenn du fliehn willst, flieh! du kannst es noch;
- bald ist es auch für dich zu spät.
- Denn siehst du: Ich, ich brenne nach dir
- mit einer Kraft, die mich schwach macht,
- ich +zittre+ nach dir.
- Wie du nach mir! ja, Du! o Du:
- du bist noch schwächer,
- wehre dich nicht!
- Über die grüne Wiese wolln wir rennen,
- in den Wald,
- Hand in Hand,
- nackt,
- unsre brennenden Stirnen bekränzt
- mit den flatternden Blüten des wilden Mohns,
- der glühenden Blume des Leichtsinns!
-
-
-
-
-Bestürmung
-
-
- Was will in deinen Augen mir
- dies dunkelvolle, fremde Weh,
- so tief und sehr?
- so still und schwer
- wie Stürme, die Ruhe suchten
- im Schooß der grauen See.
-
- Versinken will, versinken mir
- in dieser Augen grauen Schooß
- mein Herz -- und will
- wie Du so still
- und schwer an Dein Herz schlagen,
- dann brechen die Stürme los!
-
- Und will dich wiegen so mit mir
- in rasender lachender Seligkeit
- auf freiem Meer!
- bis tief und sehr
- die Herzen wieder ruhen,
- ruhen von Sturm und Leid.
-
-
-
-
-Antwort
-
- „Lieber kein Glück, nur lauter sein.
- Nur keinen Schritt abseits vom Recht.
- Nur keine Schuld, lieber kein Glück!
- O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht!“
-
- +Hedwig Lachmann.+
-
-
- Ich +will+ ein Glück! Kennst du den Funken,
- der seine hellsten Gluten wagt?
- Er glüht. Und ob er feuertrunken
- verglüht zu Asche über Nacht:
- er glüht! sein +Wesen+ ist sein Schein --
- „Lieber kein Glück, nur lauter sein“ --
- nur lauter!
-
- Ich hab ein Recht! Kennst du die volle
- Woge, die zur Brandung schäumt?
- Kennst du den Sturmgeist, der die tolle
- springende Woge noch toller bäumt?
- Steil starrt die Klippe: brecht, Wogen, brecht --
- „Nur keinen Schritt abseits vom Recht“ --
- keinen Schritt!
-
- In meine tiefste Seelenstille
- horcht mein erstauntes Ohr hinab;
- da ringt ein Trieb, da wächst ein Wille,
- den eine heilige Macht mir gab!
- Ich bin kein Frevler am Geschick --
- „Nur keine Schuld, lieber kein Glück“ --
- nein: keine Schuld.
-
- Von Jugend auf droht uns im Rücken
- die flach erhobne Heuchlerhand;
- ich muß mich mit mir selbst beglücken,
- seit ich die Welt so feige fand!
- Du meine Inbrunst, du mein Recht --
- „O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht“ --
- +auch+ schlecht.
-
-
-
-
-Und dennoch
-
-
- Und du vom auserwählten Stamm,
- du liebst dein Volk und uralt Blut,
- und fast wie Haß ist deine Glut
- für deinen schwer gequälten Stamm;
-
- und träumst von euerm Sinai
- und der nur Euren Himmelsnäh,
- und stehst wie Mose vor Jahwäh
- und stehst und schwörst: ich wanke nie.
-
- Und dennoch kam in deinen Mund
- das Wort, das einst am Jordan klang;
- da rang ein Mensch mit sich -- und rang
- sich weinend los vom alten Bund
-
- und sprach, indeß sein liebreich Herz
- von Pein gehetzt gen Himmel stieg:
- Nur Selbstbewältigung ist Sieg,
- Sieg über allen Erdenschmerz.
-
- Wie kam es doch, dies Wort der Qual,
- erpreßt von heißer Opfernot,
- auf Deine Zunge als Gebot:
- „bezwinge deines Herzens Wahl!“
-
- und liebst ein auserwähltes Volk
- und fast wie Haß ist deine Glut?!
- Und um uns, Weib, rauscht laut Ein Blut:
- der Menschheit schwer gequältes Volk.
-
-
-
-
-Nur
-
-
- Und der Abschied war kein Ende,
- und mein Blick bewegte dich;
- und es war, als legte sich
- still dein Herz in meine Hände.
-
- Aber wenn du wiederkehrst,
- will ich deine Hand nicht küssen;
- will es nur empfinden müssen,
- wie du deinem Herzen wehrst.
-
-
-
-
-Nächtliche Scheu
-
-
- Zaghaft vom Gewölk ins Land
- fließt des Lichtes Flut
- aus des Mondes bleicher Hand,
- dämpft mir alle Glut.
-
- Ein verirrter Schimmer schwebt
- durch den Wald zum Fluß,
- und das dunkle Wasser bebt
- unter seinem Kuß.
-
- Hörst du, Herz? die Welle lallt:
- küsse, küsse mich!
- Und mit zaghafter Gewalt,
- Mädchen, küss ich dich.
-
-
-
-
-Menschliche Botschaft
-
-
- Und doch, und doch, du stolzes Kind:
- viel stolzer fühlt mein kleines Lied,
- das kindlich vor dir niederkniet
- und fromm beginnt:
- Wärst du im Ehrenkleide
- der Hohen höchste Zier,
- ich fühlte doch trotz Seide
- und Hoheit und Geschmeide
- als deiner Ehren erste Zier
- die Gleichheit zwischen dir und mir.
-
- Und doch, und doch: noch stolzer schwebt,
- du stolzes Kind, mein kleines Lied,
- das nun auf dich herniedersieht
- und scheu erbebt:
- Wärst du in Schmach gefallen,
- du die Gemeinste hier,
- und Mein Herz rein vor Allen,
- ich dächte Dein vor Allen,
- weil meiner Reinheit reinste Zier
- die Gleichheit zwischen dir und mir.
-
- Und doch, und doch, du stolzes Kind:
- viel stolzer fühlte wohl mein Lied,
- das stolz vor Deinem Stolze flieht,
- wenn stumm und blind
- nun ein Erbangen käme,
- stumm zwischen dir und mir
- nun ein Verlangen käme,
- dich blind gefangen nähme,
- daß wir vergäßen -- fühlst du? +wir+ --
- die Gleichheit zwischen dir und mir.
-
-
-
-
-Entführung
-
-
- Ach! aus Träumen fahr ich.
- In die graue Luft,
- in die kalte starr’ich.
- Ach, dein Samum war ich,
- du mein Ambraduft!
-
- Durch die helle Wüste
- glühtest du dahin,
- und dein Atem küßte
- und dein Kuß versüßte
- Seele mir und Sinn.
-
- Einsamkeiten hingen
- tief ins fliehende Land;
- sonnestill ein Ringen,
- und mit Allah-Schwingen
- hielt ich dich umspannt,
-
- riß ich dich nach oben,
- du mein Ambraduft,
- Glut in Glut verwoben,
- bist du mir zerstoben
- in die graue Luft.
-
-
-
-
-Der Brand
-
-
- Nur Zufall? -- Bleiern lag Berlin
- im Abendzwielicht Dach an Dach;
- trüb sah sie in das Feuer,
- das drüben aus dem Giebel brach.
- Die Flammen zuckten.
-
- Im Rahmen meines Fensters,
- so stand sie schwarz und stumm vor mir;
- und im Nebenzimmer spielte
- eine blasse Frau Klavier.
- Drüben wühlte die Glut.
-
- Die blasse Frau war meine;
- und Jene stand so nah und hold.
- Flimmernd säumte der rote Schein
- die lieben Locken mit dunklem Gold
- und Funkengestiebe.
-
- Es zog mich hoch: ich mußte,
- ich wollte sie an mich ziehn.
- Eine große trübe Wolke Rauch
- kroch über ganz Berlin;
- die Flammen erstickten.
-
- Ich stand mit scheuen Händen,
- das Spiel dort klang so seelenklar;
- und oben über der Wolke glomm
- und zitterte wie in Gefahr
- ein blasser Stern.
-
-
-
-
-Abschied ohn End
-
-
- Und so muß ich dich nun doch beschwören:
- flieh, o flieh mich -- mich!
- Ich -- o sieh mich: ich
- weiß, ich will und würde dich betören,
- und du darfst, du darfst mir nicht gehören.
- Flieh auch Dich!
-
- Kind mit deinen jetzt schon grauen Haaren,
- sehr lieb klingt es: „wir“ --
- sehr trüb klingt es mir.
- Deine Sehnsucht zählt noch nicht nach Jahren,
- aber Ich bin längst in mir erfahren
- und in dir.
-
- Alles will sich dir zu mir empören,
- dir! Du freilich, sieh,
- du glaubst heilig: nie!
- Und ich weiß, es würde dich zerstören,
- wenn wir diese Sehnsucht dann verlören.
- Flieh mich! Flieh!
-
-
-
-
-Dann
-
-
- Wenn der Regen durch die Gosse tropft,
- bei Nacht, du liegst und horchst hinaus,
- kein Mensch kann ins Haus,
- du liegst allein,
- allein: o käm er doch! Da klopft
- es, klopft, laut -- hörst du? -- leise, schwach
- tönt’s im Uhrgehäuse nach;
- dann tritt Totenstille ein.
-
-
-
-
-Bleiche Nacht
-
-
- Der Nebel staut sich,
- Hütten dunkeln,
- Dorfgiebel huschen über Lichtern hin,
- noch bleicher scheint die Nacht;
- die jagende Wagenkette,
- schwenkend, strafft sich,
- die Maschine heult Warnung,
- und vorbei.
- Ein entlaubter Kirchhof,
- und wieder kreisen
- um mein klirrendes Fenster
- die öden Wiesen,
- huschen Büsche,
- eilt der fahle Streifen Horizont
- auf den kriechenden Wäldern hin;
- mich fröstelt.
-
- Drei Monate:
- da war die Mondnacht anders hier.
- Wie auf Wolken
- trug der kleine Kahn des stummen Fischers
- uns den Fluß hinab;
- selbst die Schatten gaben Licht.
- An meiner Seite saß ein Freund,
- und ich sagte ihm
- all mein Herzensbangen für ihr Glück.
- Und über ihrem Giebel,
- unterm Baldachin der Königspappel,
- als wir durch die Brücke bogen,
- stand groß und strahlend
- wie in einem Tabernakel
- der goldne Mond
- und senkte flimmernd auf das Moos des Daches
- sein grünes Haar.
- Heute aber, als ich Abschied nahm,
- achselzuckt’ ich: mein Fräulein, Glück --??
- Und jener Freund
- dachte wohl schon damals:
- du Tropf und Schuft! --
-
- Mein Fenster schwitzt;
- das kühlt die Stirne;
- gleich und gleich gesellt sich gern.
- Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul
- bleich ins bleiche Feld;
- ein Dornbusch zerreißt ihn.
- Jetzt: dort starrt,
- wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf,
- der grelle Vollmond durch die kahlen Birken.
- Er springt durchs Astwerk;
- mit seinen langen blassen Füßen
- läuft er auf den blanken Schienen
- meinen rasenden Gedanken nach.
-
-
-
-
-Trübes Lied
-
-
- „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
- Ich will einen schwarzen Schleier tragen.
- „Ach! du! wozu denn schwarz?“
- Ich hab zu klagen. Hab zu klagen.
-
- „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
- Ich breche Blumen zu Trauerkränzen.
- „Ach! du! warum denn trauern?“
- Ich kanns nicht sagen. Kanns nicht sagen.
-
- „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
- Ich richte Kerzen zur Totenfeier.
- „Ach! du! wer ist denn tot?“
- Wie kannst du fragen? Kannst du fragen?
-
- „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
- Ja -- er ist ins Meer gefallen --
- „Ach! du! ins Meer gefallen?“
- Von seinen weißen Wolken oben!
- Von seinen weißen Wolken.
-
-
-
-
-Dahin
-
-
- Mit gesenkten Blicken
- durch die Menge hin,
- durch die fremde dunkle Menge,
- eine traumentstiegene Palme,
- kam die junge Priesterin.
-
- Mit geschlossenen Wimpern
- an den Altar hin,
- ruhig an den flammenden Altar,
- eine nachtgewiegte Zypresse,
- trat die junge Priesterin.
-
- Mit aufstrahlenden Augen
- in zwei andre Augen hin,
- Augen aus der Fremde,
- niegesehene Heimatsaugen,
- eine starre Mimose,
- stand die junge Priesterin.
-
- Mit hochzuckenden Händen
- vor die Flamme hin,
- vor die heilige Opferflamme,
- eine blitzgetroffene Zeder,
- sank die junge Priesterin.
-
- Mit weit offenen Armen
- in die Nacht dahin,
- wild hin in die fremde Nacht,
- eine sturmergriffne Liane,
- schwand die junge Priesterin.
-
-
-
-
-Lebewohl
-
-
- Eine dicke Tigerschlange liegt
- müde um mein Herz geringelt,
- ihre satten Augen tun sich zu.
- Einmal züngelt
- ihre dünne Zunge noch im Schlaf --
- lebe wohl, mein blutend Täubchen du ...
-
-
-
-
-Ein Stelldichein
-
-
- So wars auch damals schon. So lautlos
- verhing die dumpfe Luft das Land,
- und unterm Dach der Trauerbuche
- verfingen sich am Gartenrand
- die Blütendünste des Hollunders;
- stumm nahm sie meine schwüle Hand,
- stumm vor Glück.
-
- Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
- Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
- was stehst du wie ein Geist im Leichentuch --
- lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
- Was starrst du mich so gottesäugig an?
- Ich brach sie nicht: sie tat es selbst! Was quäle
- ich mich mit fremdem Unglück ab ...
-
- Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
- die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
- der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
- Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
- als hätten alle Blätter Gift getrunken;
- so still liegt sie nun auch.
- Ich wünsche mir den Tod.
-
-
-
-
-Chinesisches Trinklied
-
-Nach Li-Tai-Pe
-
-
- Der Herr Wirt hier -- Kinder, der Wirt hat Wein!
- Aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein:
- ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen!
- Wenn der Kummer kommt, wenn die Saiten klagen,
- wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen,
- wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt,
- dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist,
- dann wolln wir die Kannen schwingen --
- die Stunde der Verzweiflung naht.
-
- Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein,
- meine lange Laute, die ist mein,
- ich weiß zwei lustige Dinge:
- zwei Dinge, die sich gut vertragen:
- Wein trinken und die Laute schlagen!
- Eine Kanne Wein zu ihrer Zeit
- ist mehr wert als die Ewigkeit
- und tausend Silberlinge! --
- Die Stunde der Verzweiflung naht.
-
- Und wenn der Himmel auch ewig steht
- und die Erde noch lange nicht untergeht:
- wie lange, du, wirst Du’s machen?
- du mitsamt deinem Silber-und-Goldklingklange?
- kaum hundert Jahre! das ist schon lange!
- Ja, leben und dann mal sterben, wißt,
- ist Alles, was uns sicher ist;
- Mensch, ist es nicht zum Lachen?! --
- Die Stunde der Verzweiflung naht.
-
- Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint!
- Seht ihr den Affen? da hockt er und greint
- im Tamarindenhain -- hört ihr ihn plärren?
- über den Gräbern, ganz alleine,
- den armen Affen im Mondenscheine? --
- Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund!
- jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grund
- auf Einen Zug zu leeren --
- die Stunde der Verzweiflung naht.
-
-
-
-
-Der Dritte im Bunde
-
-Nach Li-Tai-Pe
-
-
- In der Blütenlaube sitz ich beim Wein,
- säße gern in guter Gesellen Mitte.
- Kommt der Mond, lädt sich leise ein,
- nimmt mein Gläschen in Augenschein,
- und mein Schatten tut, als wär er der Dritte;
- ist eine herrliche Tafelrunde!
-
- Bruder Mond kann nicht mit trinken;
- Schatten macht nur nach, was ich tu.
- Sei’s! Solange noch Tropfen blinken,
- will ich euch doch Willkommen winken,
- zechen, bis wir zu Boden sinken!
- Glas hoch, Freunde, auf Du und Du,
- noch schmeckts dem Munde, es lebe die Stunde!
-
- Noch! Wie lacht der Mond in mein Glas,
- wie tut mein Schatten tanzen und springen!
- Solang ich noch stehn kann, Freunde, was?
- so lange dauert der Freundschaftsspaß,
- Freut euch, Brüder, bald fall ich ins Gras!
- Dann ists aus! kein Lebwohl wird klingen,
- nur der Dritte im Bunde lacht im Grunde:
- wann feiern wir Wiedersehensrunde?!
-
-
-
-
-Frühlingsrausch
-
-Nach Li-Tai-Pe
-
-
- Wenn das Leben Traum ist, wie sie meinen,
- wozu dann ihre nüchterne Plage!
- Ich, ich berausche mich alle Tage;
- und wenn ich Nachts nichts mehr vertrage,
- leg ich mich schlafen auf den Pflastersteinen.
-
- Morgens erwach ich sehr bewußt;
- ein Vogel zwitschert zwischen blühenden Reben.
- Ich frage ihn, in welcher Zeit wir leben.
- Er sagt mir: in der Zeit der blühenden Reben!
- das ist die Zeit, in der die Frühlingslust
- die Vögel zwitschern lehrt und leben, leben!
-
- Ich bin erschüttert. Ich raff mich auf wie toll;
- wütende Seufzer pressen mir die Kehle.
- Und wieder gieß ich mir den Becher voll,
- bis in die Nacht, und pfeiff auf meine Fehle.
- Wenn dann mein Mund ausruht, ruht auch mein Groll,
- ruht Alles, was ich will und kann und soll,
- ruht rings die Welt -- o ruhte auch die Seele!
-
- Wer aber kann mit Wein den Gram verjagen?
- wer kann das Meer mit einem Schluck verschlingen?
- Der Mensch, in diesen Lebensrausch verschlagen,
- in dem sich Sehnsucht und Erfüllung jagen,
- kann nichts tun als in einen Nachen springen,
- mit flatterndem Haar im Wind die Mütze schwingen
- und, während ihn die Elemente tragen,
- sich ihrer Willkür stolz zum Opfer bringen!
-
-
-
-
-Mein Trinklied
-
-
- Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
- trinkt, bis die Seele überläuft,
- Wein her, trinkt!
- Seht doch, wie rot die Sonne lacht,
- die dort in ihrem Blut ersäuft;
- Glas hoch, singt!
- Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
- djagloni gleia glühlala!
- Klingklang, seht: schon welken die Reben.
- Aber sie haben uns Trauben gegeben!
- Hei! --
-
- Noch eine Stunde, dann ist Nacht.
- Im blassen Stromfall ruckt und blinzt
- ein Geglüh:
- der rote Mond ist aufgewacht,
- da kuckt er übern Berg und grinst:
- Sonne, hüh!
- Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben:
- Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich,
- klingklang, sündlich! Aber eben:
- trinken und lachen +kann+ man blos mündlich!
- Hüh! --
-
- Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
- wächst übern Strom ein Brückenjoch,
- hoch, o hoch.
- Ein Reiter kommt, die Brücke kracht;
- +saht+ ihr den schwarzen Reiter noch?
- Dreimal hoch!!!
- Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
- djagloni, Scherben, klirrlala!
- Klingklang: neues Glas! Trinkt, wir schweben
- +über+ dem Leben, an dem wir kleben!
- +Hoch!+ --
-
-
-
-
-Erklärung
-
-
- Ein Freund von mir, ein junger deutscher Dichter,
- keiner von dem schön lügenden Gelichter,
- bei seinem Wort sieht man in glühenden Schleiern
- die Wahrheit ihren nackten Liebreiz feiern --
- der schrieb einmal ein Trinklied, keins von Wasser:
- „vom Tode und vom Leben“ sagt der Herr Verfasser --
- drin jubiliert, um allen Sinn zu sammeln,
- ein halb berauschtes, halb bewußtes Stammeln --
- mir deucht, er meinte: über Tod und Leben
- bleibt alles Reden ein Gestammel eben.
-
-
-
-
-Äonische Stunde
-
-Alfred Mombert zu Ehren
-
-
- Du himmlischer Zecher!
- Noch einen Tropfen Schwermut in meinem Glase,
- noch eine Träne wild in meinem Herzen,
- glühte, glänzte,
- doch du sangst, du sangest --
- es rauschte ein Meer durch uferlose Weiten,
- in unsrer Nähe wogten gespiegelte Sterne,
- Geister tanzten über dem Erdball,
- hoch auf quoll der Tropfen in meinem Glase,
- eine Lichtflut --
- und hell in deine
- fiel die Träne aus meinem Herzen.
-
-
-
-
-Zechers Nachtfeier
-
-Auch das Weinblumenlied genannt
-
-
- Freunde, mein Glas ist leer.
- Nur noch ein goldner Tropfen am Grunde
- spiegelt schwank eure Tafelrunde,
- blank vom Glanz unsrer Feierstunde
- und vom Duft der Jahrhunderte schwer.
-
- Freunde, trinkt alle aus!
- Durch die Blume, o Wundernamen,
- schlagen die weißen Geisterflammen
- der edlen Züchter in uns zusammen;
- trinkt! ich habe noch rote im Haus!
-
- Freunde, schenkt ein, schenkt ein!
- Seelen von Huldinnen schlummern versunken
- in diesem Pfühl von rubinigen Funken;
- weckt sie, Lippen! und küßt euch trunken!
- trunken sein heißt seelenvoll sein!
-
- Freunde, stoßt mit mir an!
- Bald wird auch uns der Schlummer bezwingen,
- aber auch ihn soll ein Geist uns bringen:
- Freunde, ein Traumgeist, der knallen und springen
- und aus Eis Feuer speien kann!
-
- Ah, wie sein Hals sich bäumt!
- Schleppt ihn herbei, den gefesselten Wilden!
- Löst ihn, er sehnt sich nach Göttergefilden!
- Seht, wie er steigt und von Luftgebilden
- +überschäumt+! --
-
-
-
-
-Fromme Wünsche
-
-Nach Cecco Angiolieri
-
-
- Wär ich der Wind, ich risse die Welt in Fetzen.
- Wär ich das Feuer, zerfräß ich sie zu Funken.
- Wär ich das Meer, sie läge längst versunken.
- Wäre ich Gott: Spaß, gäb das ein Entsetzen!
-
- Wär ich der Papst, wie würd’es mich ergetzen,
- zu ärgern meine Christen, die Halunken!
- Wäre ich König, ließ ich wonnetrunken
- mein Volk mit Hunden an den Galgen hetzen!
-
- Wär ich der Tod, besucht ich auf der Stelle
- die lieben Eltern wieder mal; im Leben
- betret ich nun und nimmer ihre Schwelle!
-
- Wär ich der Cecco -- hm, der bin ich eben;
- drum wünsch ich Mir die schönsten Jungfernfelle
- und will die häßlichen gern Andern geben!
-
-
-
-
-Lied des vogelfreien Dichters
-
-Nach François Villon
-
-
- Ich sterbe dürstend an der vollen Quelle;
- ich, heiß wie Glut, mir zittert Zahn an Zahn.
- Frostklappernd sitz ich an der Feuerstelle,
- in meinem Vaterland ein fremder Mann.
- Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan,
- lach ich in Tränen, hoffe voller Leid
- und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit,
- ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann,
- und meine Not ist meine Seligkeit --
- ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
-
- Nichts ist mir sicher als das nie Gewisse,
- und dunkel nur, was allen Andern klar;
- und fraglich nichts als das für sie Gewisse,
- denn nur der Zufall meint es mit mir wahr.
- Gewinner stets, verspiel ich immerdar.
- Mein Frühgebet: Gott, mach den Abend gut!
- Im Liegen vor dem Fallen auf der Hut,
- bin reich ich, der ich nichts verlieren kann,
- und hoff auf Erbschaft, ich, ein rechtlos Blut --
- ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
-
- Nichts macht mir Sorge als mein bös Begehren
- nach Glück und Gut, doch pfeif ich drauf zumeist.
- Wer auf mich schimpft, tut mir die größten Ehren;
- der Wahrste ist, wer mich mit Lügen speist.
- Mein Freund ist, wer mir klipp und klar beweist:
- ein grauer Kater ist ein bunter Pfau.
- Und wer mir schadet, lehrt mich: Du, Dem trau!
- Wahrheit, Lug, Trug, mir Alles Eins fortan;
- begreif ich’s nicht, behalt ich’s doch genau --
- ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
-
-
-
-
-Lied der Gehenkten
-
-Villons Epitaph
-
-als er nebst Etlichen zum Galgen verurteilt war
-
-
- O Mensch, o Bruder, machst du hier einst Rast,
- verhärte nicht dein Herz vor unsrer Pein;
- denn wenn du Mitleid mit uns Armen hast,
- wird Gott der Herr dir einst gewogen sein.
- Hier hängen wir, so Stücker acht bis neun;
- ach, unser Fleisch, einst unser liebst Ergetzen,
- jetzt ist es längst verfault und hängt in Fetzen,
- samt unsern Knochen fast zu Staub zerfallen.
- Doch wolle Keiner seinen Witz dran wetzen --
- nein: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
-
- Mißachte, Bruder, nicht dies unser Flehn;
- du weißt ja, der +du+ unser Bruder bist,
- obgleich uns nach Gesetz und Recht geschehn,
- daß nicht ein jeder Mensch vernünftig ist.
- Verwende dich von Herzen als ein Christ
- beim Sohn der Jungfrau, daß er seine Gnade,
- da wir nun tot sind, auch auf uns entlade
- und uns behüte vor des Satans Krallen.
- Die Seele, Bruder, stirbt nicht mit am Rade --
- ja: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
-
- Sturzregen haben unsern Leib zerspült,
- die Sonne uns geschwärzt und ausgedörrt,
- Krähn, Raben uns die Augen ausgewühlt,
- uns Bart und Brauen aus der Haut gezerrt.
- Niemals, kein Stündchen Ruh am warmen Herd;
- nur wipp und wapp, und immer wippwapp wieder,
- umschwärmt von Krähn, die Winde um die Glieder,
- zerhackt, zerlöcherter als Hosenschnallen!
- Ja: vor Uns Brüdern seid ihr sicher, Brüder --
- doch: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
-
-
-
-
-Rettung zu Gott
-
-Nach Verlaine
-
-
-I
-
- Mein Gott hat mir gesagt:
- „Sohn, man muß Mein sein! Mein!
- Sieh meine durchbohrte Brust,
- mein strahlend, blutend Herz,
- und meine wunden Füße,
- die Magdalenens Schmerz
- mit Tränen wusch; und siehst,
- siehst die große Pein
- meiner Arm-und-Hände
- durch deine Sündenschuld,
- siehst das Kreuz, die Nägel,
- und spürst und fühlst und glühst,
- daß diese bittre Welt
- des Fleisches nichts versüßt
- als Mein Fleisch und mein Blut,
- mein Wort und meine Huld.
-
- War ich nicht Dein, mein Sohn,
- dein bis in den Tod?
- mein Bruder du im Vater,
- mein Kind, mein Sohn im Geist!
- Und hab ich nicht geduldet,
- wie die Schrift verheißt?
- Hab ich nicht geschluchzt
- für deine Angst und Not?
- Und war mein blutiger Schweiß nicht
- der Schweiß deiner Nächte,
- mein Freund, mein armer Freund du,
- der gern zu mir möchte!“
-
-
-II
-
- Und ich --: Herr! du sagtest
- meine ganze Seele.
- Ja, ich will zu dir, Herr,
- suche und finde nicht.
- Du, dessen Liebe lodert
- wie aller Sonnen Licht:
- ich Dein sein, Dein? ich Wurm
- im Staub und voller Fehle!
- Du Friedensborn, den alle
- Kreatur erlechzet,
- ach, Einen Blick nur träufle
- in meinen Gram und Wahn!
- Darf ich denn wagen, Herr,
- nur deinem Hauch zu nahn,
- ich, der auf eklen Knieen
- hier vor dir kriecht und ächzet!
-
- Und dennoch such ich dich,
- taste, tappe nach dir,
- daß auf mein Elend falle
- nur deines Schattens Zier.
- Doch +Du+ bist +ohne+ Schatten,
- Du, dessen Liebe +lodert+,
- du süßer Springquell, bitter
- nur dem, deß Herz noch modert
- im Rausch der Sündenlust;
- du Licht, ganz Licht, deß Glut
- und jäher Kuß den blöden
- Menschenaugen wehe tut!
-
-
-III
-
- „Man muß, muß Mein sein! Ja:
- ich bin, bin der Kuß
- der Allbrunst, bin der Odem,
- bin dieser Mund, du lieber
- Kranker, von dem du stammelst,
- der glühende; und dies Fieber,
- das deine Nächte schüttelt,
- bin Alles Ich! man muß
- nur +wagen+, mein zu sein!
- Ja: meine Liebe, die
- zu Höhen lodert, wo
- dein armes Ziegenseelchen
- nicht hinklimmt, wird dich, wie
- der Adler ein Rotkehlchen,
- empor zu Himmeln tragen,
- o Himmeln, die -- o sieh:
-
- sieh meine helle Nacht,
- du weinend Auge du
- im Schimmer Meines Mondes!
- sieh dieses Bett von Reinheit,
- all diese Unschuld sieh,
- all diese Ruh! --
- Sei Mein! +die+ zwei Worte
- sind meine höchste Einheit,
- denn dein allmächtiger Gott
- vermag zu wollen -- nein:
- nur erst vermögen will ich dich:
- sei, sei mein!“
-
-
-IV
-
- -- Herr, Herr, zuviel! ich wag’s nicht.
- Ich Dein? Wer? ich, und Dein?
- Nein, nein, nur zagen darf ich;
- doch wagen -- nein! ich bebe!
- ich will nicht, ich bin unwert!
- Ich Dein? Du Kelch und Rebe,
- du aller Heiligen Herz,
- du liebreich Brot und Wein,
- du aller Gnadenwinde
- ungeheure Rose,
- du Eifrer Israels,
- du lichter Falter, dem
- nur die junge Blume
- der Unschuld angenehm:
- und ich soll Dein zu sein
- vermögen? ich lichtlose
-
- Schlacke, ich Frevler, Dein?
- Herr, bist du rasend?! Ich
- Befleckter, dem die Sünde
- Beruf ist, der -- o Fluch --
- in allen seinen Sinnen,
- Gefühl, Geschmack, Geruch,
- Gehör, Gesicht, ja im
- Gewissen selbst nicht Dich,
- in seiner Buße selbst
- nur, ach, die Wollust fühlt,
- womit der alte Adam
- nach neuen Lüsten in ihm wühlt!
-
-
-V
-
- „Drum muß man Mein sein! Ich
- bins, der in dir rast,
- bin der neue Adam,
- der den alten frißt,
- dein Hunger und dein Mannah;
- und meine Liebe ist
- so strömender, je näher
- du der Quelle nahst.
- Ein strömend Feuer ist sie,
- drin all dein lüstern Blut
- auf immer sich verzehrt
- und wie ein Duft verdampft;
- und ist die Sintflut, deren
- schwangere Wut zerstampft
- jedweden schlimmen Keim
- und all die trübe Brut,
-
- die Ich gesät, daß einst
- mein Kreuz so reiner strahle,
- und daß auch Du dereinst
- durch ein furchtbar Mirakel
- der Gnade Mein sein müßtest,
- entsühnt all deiner Makel.
- +Sei+ mein! empor! sei Mein!
- Empor mit Einem Male
- aus deiner Nacht zu Mir,
- Mir, du verlassner armer
- Schelm, dem nichts blieb als Ich,
- dein ewiger Erbarmer!“
-
-
-VI
-
- -- Herr! Herr! ich fürchte mich.
- Mein Herz zittert und zagt.
- Ich seh, ich fühls: man muß,
- +muß+ Dein sein. Aber wie,
- wie, Gott mein Gott, dein +werden+?
- du Richter, dessen Knie
- selbst der Gerechte kaum
- anzurühren wagt.
- Ja, wie? Denn sieh, es wankt
- der Grund, darinnen hier
- mein Herz sein Grab sich grub,
- und rings auf meiner Flucht
- fühl ich herniederstürzen
- des Firmamentes Wucht
- und rufe: Herr, wo führt
- ein Weg von Dir zu mir?!
- Reich mir die Hand, mein Leben,
- daß dieses Fleisches Weh
- und dieser kranke Geist
- nur fühle deine Spur!
- Denn jemals zu empfangen
- und zu genießen je
- die himmlische Umarmung:
- Herr, ist das möglich nur?
- dein zu sein dereinst?
- selig in deinem Schooß
- wie Sankt Johannes, Herr, zu ruhn?
- selig, sündelos?!
-
-
-VII
-
- „So möglich wie gewiß.
- O komm, o siehe, welch
- Entzücken deiner harrt!
- Laß ab von deinem Harme
- und deinem Trotz! komm, sinke
- in meine offnen Arme,
- gleichwie der Glühwurm in den
- erblühten Lilienkelch.
- Komm und verdien es dir!
- Komm an mein Ohr, schütt aus
- all deine Niedrigkeit
- mit deinem höchsten Mute!
- sag Alles, Sohn: frei, schlicht
- und ohne Stolz im Blute!
- reich mir der Reue blassen,
- schmachtenden Blumenstrauß!
-
- Dann tritt an meinen Tisch,
- einfältiglich! da soll
- ein köstlich Mahl, dem selbst
- die Engel andachtvoll
- nur zusehn dürfen, dich
- erquicken und entsühnen;
- da sollst den Wein du trinken,
- den Wein des immergrünen
- Weinstocks, dessen Güte
- und Kraft und Süßigkeit
- dein Blut befeuern werden
- für die Unsterblichkeit.
-
- *
-
- „Dann geh und glaube fein
- demütig an das Urwort
- der Liebe, allwodurch ich
- dein Leib-und-Seel ich bin!
- Und kehre ja, mein Sohn,
- sehr oft von neuem in
- mein Haus ein, meinen Wein dort
- zu kosten und den Schwur dort
- zu leisten auf mein Brot,
- ohn welches all dein Streben
- nur ein Verrat vor mir!
- Und bitte mich, wie Brauch,
- mich, Vater, Sohn und Geist,
- und meine Mutter auch,
- daß du das Lämmlein werdest,
- das stumm versprützt sein Leben,
-
- daß du das Kindlein werdest,
- bekleidet mit dem Linnen
- der Unschuld, und dein eigen
- armselig Sein und Sinnen
- vergessest, um einst Mir
- ein wenig gleich zu werden,
- Mir, der zu Zeiten des
- Pilatus und Herodes,
- des Petrus und des Judas
- auch dir gleich ward auf Erden,
- für dich am Kreuz zu sterben
- eines verruchten Todes.
-
- *
-
- „Und um zu lohnen deinen
- Eifer in diesen Pflichten,
- die also süß, daß ihre
- Wonnen unsäglich sind,
- will ich dich schmecken lassen
- schon auf Erden, Kind,
- den Vorschmack Meines Friedens:
- meine dunkellichten
- geheimen Nächte, wo
- der Geist sich meinen Söhnen
- auftut und vom vollen
- Kelch der Verklärung trinkt,
- wo hoch am heiligen Himmel
- der Mond verheißend blinkt
- und aus der rosigen Finsternis
- die Engelchöre tönen,
-
- verkündend die Entrückung
- empor zu Meinem Lichte,
- die ewigen Küsse meiner
- Langmut und Erbarmung,
- die Psalmen meines Ruhms
- und ewigen Traumgesichte,
- die ewige Weisheit und
- die ewige Umarmung
- im Schauder deiner seligen
- Schmerzen, die auch mein:
- den Aufrausch der Verzückung,
- Mein zu sein!“
-
-
-VIII
-
- -- Ach! Herr! wie wird mir! Sieh mich:
- weinend vor Deine Füße
- stürz ich, schluchzend und jauchzend!
- deine Stimme macht
- mir wohl und weh! mein Auge
- weint, meine Seele lacht!
- und all das Weh, das Wohl
- hat all die selbe Süße.
- Aus Tränen jubl’ich, Herr!
- Aus meiner Inbrunst wecken
- mich Hörnerrufe; Waffen
- winken auf klirrender Au,
- funkelnde Schilde, und drüber
- Engel in Weiß und Blau,
- und dieser Hörnerruf
- füllt mich mit Wut und Schrecken.
-
- Den Taumel fühl ich, fühle
- das Graun der Auserwählten.
- Ja, ich bin unwert, aber:
- Herr, Deine Gnad ist groß.
- Sieh: voller Dank, voll Demut:
- hier, sieh mich Schweißgequälten,
- o sieh mich Glutbeglückten --
- obgleich ein namenlos
- Erschauern, Herr, den Trost mir
- deines Mundes schwächt,
- und zitternd geht mein Atem -- --
-
-
-IX
-
- „So, altes Herz, so recht!“
-
-
-
-
-Mirakel
-
-Nach Verlaine
-
-
- Da kam ein stiller Reiter
- mit Namen Unglück her;
- der stieß in mein alt Herz mir
- seinen dunkeln Speer.
-
- Mein alt Herz gab gar einen
- trüben Auswurf Blut;
- der ist auf der Haide vertrocknet
- in der Sonnenglut.
-
- Mein Auge losch in Schatten,
- ein Schrei ging aus mir aus,
- und mein alt Herz erstarb mir
- in einem wilden Graus.
-
- Drauf hat der Reiter Unglück
- seltsamlich gerastet,
- stieg vom Pferd hernieder sacht
- und hat mich angetastet.
-
- Seine Handschuhhand von Eisen
- fuhr in meine Wunde,
- indeß er einen Bannspruch sprach
- mit seinem harten Munde.
-
- Und als mich also eisig
- durchfuhr die Hand von Eisen,
- ward mir ein neues Herz geboren,
- da will ich Gott für preisen.
-
- Ein Herz, gar jung, gar rein und gut,
- das schlug wohl sonder Fehle,
- denn heller Gluten trunken
- genas mein Blut und Seele.
-
- Aber schier geblendet
- lag ich und glaubt es kaum;
- wie Einer, dem die Herrlichkeit
- des Herrn erscheint im Traum
-
- Da stieg der stille Reiter
- wieder auf sein Tier,
- und gab den Sporn, und jählings
- hob er sein schwarz Visier
-
- und schrie, und jetzt noch fährt mirs
- durch mein Ohr wie Stahl:
- Hüt dich! so gnädig komm ich
- +nur Ein Mal+! --
-
-
-
-
-Stimme von oben
-
-
- Willst du von Gott neue Wunderzeichen,
- arbeite!
- Willst du alten Göttern wunderlos gleichen,
- genieße!
- Willst du nichts Göttliches erreichen,
- verzweifle!
-
-
-
-
-Bach’sche Fuge
-
-
- Es steigt ein Geist vom Gnadenstuhl,
- tief unten raucht der Sündenpfuhl,
- und brodelts noch so lavaheiß,
- von oben nahts wie klares Eis,
- taucht strahlend in den Höllenschlund,
- bis der erstarrt zum Himmelsgrund,
- nun steigt auf Stufen von Kristall
- der Geist zurück ins blaue All,
- nun spiegelt sich im Sündenpfuhl
- wie lauter Licht sein Gnadenstuhl.
-
-
-
-
-Rembrandts Gebet
-
-
- Seele des Lebens,
- Licht hüllt dich ein.
- Kommt, Schatten, helft! schlagt drein! schlagt drein!
- reißt mir aus Schein und Widerschein
- das Geheimnis!
-
- Was starrst du stahlblank,
- männlicher Panzerhut,
- Augäpfel an
- voll weiblicher Dämmerglut?
- Was späht im Blitzstrahl hinter der Wolkenwand
- über dem Volksaufstand
- jenes Geisterantlitz?
-
- Schrei nicht nach Klarheit, Mensch:
- Verklärung soll sein!
- Komm, Lichtschein, hilf! schlag in die Schatten drein!
- Geheimnis, pack ich dich?
-
- O heiliger Mummenschanz:
- nicht hell, nicht dunkel: ganz
- in Offenbarungsglanz
- hüllst du auch mich,
- Seele des Lebens.
-
-
-
-
-Die Schöpferhand
-
-August Rodin zu Ehren
-
-
- Chaos bedrängte dich, du Geist: Sturzwelt:
- roh Erz, plumpes Gestein, wüst stiebender Sand:
- empörte dich in alle Fibern zum Widerstand,
- und durch die störrische Masse
- ordnungsbrünstig
- drang deine Schöpferhand.
- Da ward der Denker, der mit brütender Wut
- das Kinn auf die geballte Rechte preßt,
- da ward die Schöne, deren nackte Glut
- sich von der stürmischen Woge tragen läßt,
- da ward der Dichter, dem die Weltschrecken
- das Haupt recken,
- und wird ein Turm, wo Menschenarbeit kündet,
- welch Himmelreich der Erdgeist gründet.
-
-
-
-
-Der letzte Traum
-
-Zum Gedenken an Detlev v. Liliencron
-
-
- Es war am sechsten Abend, und Gott sprach:
- Alles ist gut geworden. Alles. Nur
- der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich.
- Er möchte ewig leben, ewig träumen.
- Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! --
-
- Es war am sechsten Abend, und ein Dichter
- sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch?
- Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert,
- er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen,
- sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen
- durch eine fremde, unerschöpflich fremde,
- traumvolle Welt -- er stammelte:
-
- Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du?
- Alles war gut. Nur Ich -- was ist mit mir?
- Ich seh da immer Menschenschaaren ziehn --
- da an der Wand -- Heerschaaren -- Kriegerschaaren --
- von Land zu Land mit mir -- Erobrerschaaren --
- von Stern zu Stern -- zur Schlacht -- Schlachtopferschaaren --
- im Traum -- sie opfern sich für Gott hin -- hörst du?
- die ganze Welt hin -- sich hin -- mich hin -- Gott! --
- Wenn ich nur endlich schlafen könnte -- schlafen -- --
-
-
-
-
-Ruhe
-
-Nach Verlaine
-
-Auf die Nachricht vom Tode des Dichters
-
-
- Ein großer schwarzer Traum
- legt sich auf mein Leben;
- Alles wird zu Raum,
- Alles will entschweben.
-
- Ich kann nichts mehr sehn,
- all das Gute, Schlimme;
- kann dich nicht verstehn,
- o du trübe Stimme.
-
- Eine dunkle Hand
- schaukelt meinen Willen,
- glättet mein Gewand,
- still im Stillen.
-
-
-
-
-Ecce Poeta
-
-
- Doch hör ich noch der Tausende Entzücken
- und Ihn von seinen goldnen Sternen sprechen,
- und sehe noch ihn seine Rosen brechen
- und noch den Kranz das Haupt ihm blutig drücken.
-
- Sie lagen jubelnd an den Silberbächen
- und ließen sich mit seinen Blumen schmücken,
- und sahn ihn Blüte nur um Blüte pflücken
- und nicht die Dornen ihm die Stirn zerstechen.
-
- Sie waren alle jammernd hergekrochen,
- und Jeder sprach von Plagen ohne Zahl.
- Er hatte Allen alle weggesprochen;
- verschmachtet sank er hin am Bachesrande.
- Da starrten sie, da sahn sie seine Qual.
- So träumte mir in unserm Vaterlande.
-
-
-
-
-Die ferne Laute
-
-
- Eines Abends hört ich im dunkeln Wind
- eine ferne Laute ins Herz mir singen.
- Und ich nahm die meine im dunkeln Wind,
- die sollte der andern Antwort bringen.
- Seitdem hören Nachts die Vögel im Wind
- manch Gespräch in ihrer Sprache erklingen.
- Ich bat auch die Menschen, sie möchten lauschen,
- aber die Menschen verstanden mich nicht.
- Da ließ ich mein Lied vom Himmel belauschen,
- und da saßen Nachts um mein Herzenslicht
- die Unsterblichen mit hellem Gesicht.
- Seitdem verstehn auch die Menschen zu lauschen
- und schweigen, wenn meine Laute spricht.
-
-
-
-
-Notturno
-
-
- So müd hin schwand es in die Nacht,
- sein flehendes Lied, sein Bogenstrich,
- und seufzend bin ich aufgewacht.
- Wie hat er mich so klar gemacht,
- so sanft und klar,
- der Traum -- und war
- doch bis ins Trübste feierlich.
-
- Hoch hing der Mond, das Schneegefild
- lag bleich und öde um uns her,
- wie meine Seele grauenschwer.
- Denn neben mir, so starr und wild,
- so starr und kalt wie meine Not,
- von mir gerufen voll Begehr,
- saß stumm und wartete der Tod.
-
- Da kam es her: wie einst so mild,
- so müd und sacht,
- aus ferner Nacht,
- so kummerschwer
- kam einer Geige Hauch daher,
- kam dämmernd her des Freundes Bild.
-
- Der mich umflochten wie ein Band,
- daß meine Jugend nicht zerfiel,
- und daß mein Herz die Sehnsucht fand,
- die große Sehnsucht ohne Ziel:
- da stand er nun im öden Land,
- ein Schatten trüb und feierlich,
- und sah nicht auf noch grüßte mich.
- Nur seine Töne ließ er irrn
- und weinen durch die kalte Flur;
- und mir entgegen starrte nur
- aus seiner Stirn,
- als wärs ein Auge hohl und fahl,
- der tiefen Wunde dunkles Mal.
-
- Und trüber quoll das trübe Lied,
- und quoll so heiß, und wuchs, und schwoll,
- so heiß und voll
- wie Leben, das nach Liebe glüht,
- wie Liebe, die nach Leben schreit,
- nach ungenossener Seligkeit,
- so wehevoll,
- so wühlend quoll
- das strömende Lied und flutete;
- und leise, leise blutete
- und strömte mit
- ins öde Schneefeld, rot und fahl,
- der tiefen Wunde dunkles Mal.
-
- Und müder glitt die müde Hand,
- und vor mir stand
- ein bleicher Tag,
- ein ferner bleicher Jugendtag,
- da starr im Sand
- er selber ein Zerfallner lag,
- da seine Sehnsucht sich vergaß
- in ihrer Schwermut Übermaß
- und ihrer Traurigkeiten müd
- zum Ziele schritt;
- und laut auf schrie das weinende Lied,
- wie Todesschrei, und flutete,
- und seiner Saiten Klage schnitt
- und seine Stirne blutete
- und weinte mit
- in meine starre Seelennot,
- als sollt ich hören ein Gebot,
- als müßt ich jubeln, daß ich litt,
- als möcht er fühlen, was ich litt,
- mitfühlen alles Leidens Schuld
- und alles Lebens warme Huld --
- und weinend, blutend wandt er sich
- ins bleiche Dunkel, und verblich.
-
- Und bebend hört ich mir entgehn,
- entfliehn sein Lied. Und wie es zart
- und zarter ward,
- der langen Töne fernes Flehn,
- da fühlt ich kalt ein Rauschen wehn
- und grauenschwer
- die Luft sich rühren um mich her,
- und wollte bebend nun ihn sehn,
- ihn lauschen sehn,
- der wartend saß bei meiner Not,
- und wandte mich --: da lag es kahl,
- das bleiche Feld, und fern und fahl
- entwich ins Dunkel auch der Tod.
- Hoch hing der Mond, und mild und müd
- hin schwand es in die leere Nacht,
- das flehende Lied,
- und schwand und schied,
- des toten Freundes flehendes Lied;
- und dankbar bin ich aufgewacht.
-
-
-
-
-Ein Ewiger
-
-
- Ich lag in einem dunkeln Taxushain
- und hatte Furcht.
- Im Schatten vor mir saß ein Mann,
- der war wie eine große
- nebelvolle Höhle,
- in der ein riesenhafter Dachs der Urzeit
- neue Welten träumte.
- Nur ab und zu
- schob er seine schweren Wühlerhände
- durch das Gitter,
- und mit grauen,
- grausam traurigen Augen
- griff er sich ein Menschenhirn zum Fraß.
- Und über ihn, im Hintergrund der Höhle,
- mit unendlich weichem,
- kleinem, stolzem Munde,
- lag eine schöne geistesirre Frau gebeugt,
- die weinte über den traurigen Dachs.
-
- Da hob der Mann
- die starre Gottesstirne zu mir her,
- darüber ihm die Haare
- seidenfein und blond
- in langen wirren Wellen lagen,
- als ob er eben aufgehört zu fliegen;
- und seine scheuen Frauenlippen zuckten.
- Ich aber sah hinauf,
- wo durch den dunklen Taxuswald
- der kalte blaue Himmel strahlte,
- klar, weit, hoch,
- und sah die Sonne um das Höhlengitter blitzen,
- und eine Freude wie im Winter
- zerbrannte meine Furcht zu Funken,
- die sprühten einen Namen in das Dunkel,
- sternhell:
- +Strindberg+.
-
-
-
-
-Loke der Lästerer
-
-Nach Strindberg
-
-
- Götter der Zeit, ich schmähte gestern,
- und schmähen will ich euch auch heut,
- Götter der Zeit, euch ewig lästern;
- hört mein lachendes Lästergeläut!
-
- Ihr führt die Macht, ich führe Klage,
- ich führe das Wort in meiner Macht.
- Dreizehn liegt ihr beim Gelage;
- das bedeutet Totenwacht,
- Unfall, Hinfall -- singt die Sage.
- Götter, nehmt euch gut in Acht:
- sehr schnell eilen die lustigen Tage,
- Götter, Götter, und Loke lacht!
-
- Ja, ich saß in jüngeren Stunden
- zu Gast in eurem Freudensaal:
- an dem Strick, den ihr gebunden,
- hingeschleift zu euerm Mahl.
- Darum: eure eiternden Wunden,
- Loke kennt, kennt ihre Zahl!
-
- Ekel fühlt ich vor den vollen Gefäßen,
- und euer Wein war ekler noch;
- euer Singsang verdarb mir das Essen,
- der fad wie dünne Brühe roch.
- Und das könnt ihr Loke nicht vergessen,
- daß er nicht lobkrähend vor euch kroch.
-
- Nein, ich will kein Loblied krähen,
- will nicht singen für euern Fraß;
- nein, ich will euch lieber schmähen
- mit meinem großen, schönen Haß!
-
- Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen,
- mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch,
- mir die Zähne ausgebrochen,
- aber meine Zunge lästert doch!
-
- Ja, ich habe eure Schmach verraten,
- Götter -- das war all mein Fehl;
- eure heiligen Greueltaten,
- eurer festen Schlösser Sündenhehl.
-
- Drum heißt Loke der Erste der Hasser,
- der Lästerer Erster in euerm Lied;
- ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß er
- Verräter verriet!
-
- Wenn den Gewaltigen straft der Schwache,
- dann heißt die Strafe Rachewut.
- Sei’s! Ja, Götter: ich übte Rache,
- hört es, Rache -- und rächte gut!
-
- Habe erbrochen die Bundeslade,
- habe den Moder ans Licht gescharrt,
- euch abgerissen die Maskerade
- und eure Nacktheit offenbart.
-
- Habe euern Götzendienst verachtet,
- von euern Bildern den Flitter geklopft;
- habe das goldne Kalb geschlachtet,
- +sah+ das Stroh, womit es ausgestopft.
-
- Habe gerächt, du alte Götterhure,
- gerächt all meiner Jugend Weh,
- als ich knien gemußt zum eklen Schwure
- und dir Weihrauch streun, du Lügenfee!
-
- Ja: mein Wahrheitswort, das lachte
- ins Gesicht dem Götterpack,
- daß ihr Schloß und Tempel krachte --
- hah, wie rannte das Köterpack:
-
- die Göttervetteln, die Götterpinsel:
- Der knöpfte die Hosen fest, Die nahm
- die Unterröcke mit Gewinsel
- vor die kranke verschrumpfte Scham.
-
- Aber die Lüge ging zum Pfuhle
- und fischte Nattern im dumpfen Hain;
- die ließ die tückische Götterbuhle
- Gifte in Lokes Antlitz spein.
-
- Und dann schlugen sie Loke in Ketten,
- Hundert gegen Einen war die Tat;
- doch -- in ihren Götterlotterbetten
- schrein sie doch von Hochverrat.
-
- Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe,
- aber seine Zunge ist noch frei,
- und die alten Göttergerippe
- zittern +noch+ von seinem Geschrei.
-
- In den langen Nächten seiner Qualen
- sitzt an seinem harten Bett sein Weib,
- schützt ihm liebreich mit kristallnen Schalen
- vor dem Nattern-Eiter seinen Leib.
-
- Wenn dann die tückischen Vipernrotten
- beißen wollen die treue Hand,
- dann hört Loke auf zu spotten:
- wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land.
-
- Wenn er seine Ketten schüttelt,
- dröhnen die Berge und das Feld;
- in Hütten und Burgen, wachgerüttelt,
- ahnt man bebend das Ende der Welt.
-
- Da hört Loke auf zu lästern,
- sondern aus den düstern Augen drohn
- sengende Blitze den Götternestern,
- und er ruft nach seinem Sohn.
-
- Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer,
- dann läßt er rasseln sein Schuppenfell
- und reckt den Schwanz, der Weltempörer,
- hinten am wilden Wolgaquell.
-
- Und es prasseln und knacken und splittern
- die Forsten im Wolkonskywald;
- und die Pyrenäen zittern,
- wo sein Bauch zuckend sich ballt.
-
- Und seine Brust zerpeitscht zu Schäumen
- des Seine-Stromes heilige Flut,
- dessen Ufer noch glühn und träumen
- von Erlösung und von Blut.
-
- Aber: wo der Drache das Haupt geborgen,
- fragen die feigen Götter und schrein.
- Ewig folgt auf heute morgen;
- mein Bescheid wird euer Gestern sein!
-
- Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache,
- Götter, +aus+ ist dann die Zeit!
- Wißt ihr: wenn erst zischt der Drache,
- wird euch +nie+ mehr Unheil prophezeit!
-
- Dann erliegt die Welt dem Brande,
- der verbrennt, was brennen soll,
- der das Gold befreit vom Schlackensande,
- der verschont, was lebensvoll.
-
- Und der alte dürre Norden,
- dann vom Feuer reingeglüht,
- fruchtbar Ascheland geworden,
- saamt sich neu, gebärt und blüht.
-
- Dann, in ewig grünen Hainen,
- neu geboren, lebt ein frei Geschlecht,
- nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen,
- Keiner mehr ein Götterknecht.
-
- Götter, wenn sich dann die Raben
- um eure Gräber tummeln auf der Flur,
- keine Träne wird dann Loke haben,
- seine ewig junge Hoffnung nur!
-
- Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinen
- schwer in eure Götterruh,
- denn er glaubt an jenen seinen Einen,
- nicht an euer Blindekuh.
-
- Doch euren Gräbern lacht sein Geläute
- wie Freundesnachruf: Götter der Zeit,
- ruht in Frieden, Götter! Heute
- lebt die Gottheit der Ewigkeit.
-
-
-
-
-Um Ibsens Schatten
-
-
- Als du, gewaltiger Schatten, noch des Körpers waltetest,
- der siebzigjährig beim Geburtstagsfestbankett
- uns jungen Männern unerschütterlich Bescheid tat,
- warf ich auf dich vom trotzig hochgeschwungenen Becherrand
- den trunknen Spruch:
- Skaal, Ibsen, Skaal,
- du Feind der Halbheit, Meister des Doppelsinns!
- ich schleudre dir ein Wort zu, das dich ganz beleuchtet:
- Skaal, du vom heiligen Geist Beschatteter! --
-
- Nun sitzen wir beim Todesfestbankett,
- trotzig auch heut, doch nicht von flüchtiger Trunkenheit,
- Jeder im Rücken seinen eigenen Schatten fühlend,
- ein Kranz von Schatten um den leeren Platz, Gewaltiger,
- der du im Lichtkreis über unsrer Tafel geisterhaft,
- noch unerschütterlicher als dein Körper einst,
- lastest.
-
- Warum entschwebst du nicht? willst du uns prüfen?
- O! mit noch höher geschwungenem Becherrand
- will ich dir dann Bescheid tun, schweigsamer Gast.
- Sieh, wie mein Schatten auffährt! und rings um mich
- an allen Wänden, allen Ecken des Saals empor
- heben sich Schatten-Arme, mitschwingende, heben
- Dich, Dich, du Unerschütterlicher, auch empor
- durchs düstre Flackerlicht des Trauerraums,
- durchs rauchgeschwärzte Schnitzwerk, Decke und Dach,
- empor durchs Sternenbildergewölb der Frühlingsnacht,
- bis dahin, wo kein irdisches Zwielicht mehr uns täuscht --
- nun schwebst du hoch genug für unsre Andacht.
-
- Da sehn wir dich im Strahlenschooß der Allmacht ruhn:
- tiefschwarz von Lichtquell zu Lichtquell dich dehnend
- schwebst du im Spiegel unsrer begeisterten Augen,
- schwebst, lebst, und waltest.
-
- Und so -- mit unsern begeisterten Augen -- siehst du,
- wie Männer kommen: einsam, einzelne nur,
- doch von Jahrhundert zu Jahrhundert kühnere,
- wortkarg wie Du, sinnstark wie Du:
- die kämpfen ihre Zweifel vor dir aus.
- Und Frauen siehst du kommen: mehr und mehr,
- und von Jahrtausend zu Jahrtausend stolzere,
- wortscheu wie Du, werktreu wie Du:
- die richten ihren Glauben an dir auf.
-
- Dann wird wohl Eine -- o! ich seh ihr Gesicht,
- braun ist’s von Sonne, so hart wie Erz kann’s scheinen
- und kann wie Honigwabenhaut so zart sein --
- wird dir in einer heilig strahlenden Nacht wie heut
- einst zulächeln:
- Dank, Ibsen, Dank,
- du Freund des Gradsinns, Seher des Widersinns!
- ich bring dir einen Blick dar, der dich voll beglänzt:
- Dank, du vom ewigen Licht bestärkter,
- gewaltiger, unerschütterlicher Schattengeist! --
-
-
-
-
-Götterhochzeit
-
-Ein Zwiegesang
-
-
- O ewig Gesuchte!
- „O endlich Gefundener!“
- Im Umsturz der Welten!
- „Am Quell der Gestirne!“
- Überm donnernden Absturz
- meiner verschütteten Geister.
- „Unterm sanften Aushauch
- unsrer verströmten Seelen.“
- Die Sphären weinen.
- „Der Äther lächelt.“
- Äonen waren.
- „Äonen werden sein“ --
- werden --
- „sein! --
- laß uns lachen, Geliebter!“
- Lachen?
- „Jubeln!“
- Geliebte, wem?
- „Äon dem Ungeborenen!“
- Äon dem Wiedergeborenen ...
-
-
-
-
-Schöpfungsfeier
-
-~Oratorium natale~
-
-
-Chor der Ahnen:
-
- Welch ein Festtag! Wieder reihn sich Flammen,
- wieder neigen Blumen sich zusammen,
- Kind, weil Du am Leben bist.
- Kind, noch immer Kind, trotz deinen Jahren,
- horch, ein Vatergeist will heut erfahren,
- ob dein Herz dem Leben dankbar ist.
-
-Der Vatergeist:
-
- Sieh, er fragt dich mit gebeugtem Rücken,
- den die Schatten seiner Taten drücken,
- doch mit ungebeugtem Sinn:
- Denkst du noch an meine Züchtigungen,
- harten Worte, strengen Forderungen?
- wozu nahmst du soviel Trübes hin?
-
- Und ich seh, du blickst auf deine Hände,
- auf dein Festgewand, auf Tisch und Wände,
- und du lächelst stolz und mild.
- Ja, du lerntest dich zum Schaffen zwingen,
- all das Wohlgefügte dir erringen,
- das dich heut entzückt als helles Bild.
-
- Aber dazu Jahre voller Plagen,
- um ein Augenblickchen zu erjagen,
- wo das Leben Glanz gewinnt?
- Aber schon ergreift mich dein Entzücken,
- dankbar hebt sich mein gebeugter Rücken:
- dieser Augenblick ist göttlich, Kind!
-
-Chor:
-
- Dieser Augenblick ist selbst dem Bangen
- einer Mutterseele Dank genug.
- Heut erscheint sie dir von Glanz umfangen,
- die dich einst mit dunklem Lichtverlangen
- unter ihrem Herzen trug.
-
-Die Mutterseele:
-
- Voll Entsetzen hörte sie dich wimmern,
- als man dir vom Körper wusch ihr Blut.
- Zaghaft sah sie in verhängten Zimmern
- dein klein Seelchen wie ein Flämmchen flimmern;
- heut ist’s eine große Glut.
-
- Saaten Lichtes treiben in dir Sprossen,
- überschwänglich flammt die Himmelsflur;
- Welten hält dein freier Blick umschlossen,
- strahlend zeigt er Freunden und Genossen
- unsers Daseins ewige Spur.
-
- Zwar im Nebel auf den irdischen Auen
- tönt bald fern bald nah des Todes Ruf.
- Doch Verklärung quillt aus seinem Grauen:
- unsern Kindern bleibt der Himmel blauen,
- den die Mutterseele schuf.
-
-Ein paar Kinderstimmen:
-
- Deine Kinder sehn den Himmel gerne,
- auch bei Nacht sein hohes helles Sieb;
- aber mehr als Sonne, Mond und Sterne
- sind uns deine Augen lieb.
-
- Und so lieb und solche hellen Wunder
- sind auch unsre Augen dir;
- Sonne, Mond und Sterne sind nur Zunder
- zwischen dir und uns, das fühlen wir.
-
-Die Mutterseele:
-
- Immer heller wird uns angezündet
- rings vom Vater Geist dies Flammenspiel.
- Jede Kerze flimmert ihm verbündet,
- jede Blume schimmert einbegründet
- in sein glanzverhülltes Ziel --
-
-Chor:
-
- in sein glanzverhülltes Ziel.
-
-Der Vatergeist:
-
- Immer wieder lockt es die Entzückten,
- bis die Mutter Seele den beglückten
- Schöpfungsaugenblick genießt.
- Weil wir’s nie und immerfort erreichen,
- tragen wir des Ringes heiliges Zeichen,
- das von Hand zu Hand die Welt umschließt --
-
-Chor:
-
- das die weltenvolle Welt umschließt.
-
-
-
-
- Die Verwandlungen der Venus
-
- Erotische Rhapsodie mit einer moralischen Ouvertüre
-
- Zweite Ausgabe
-
-
-
-
-Das entschleierte Schwesternpaar
-
-Moralische Burleske
-
- Sie war geflochten aus besten Stricken,
- aus bleiverknoteten, festen, dicken,
- meine Geißel nämlich -- und der Stil
- so grad recht handlich zum Prügelspiel.
- Doch nein: es sollte ja ernst zugehn:
- ich wollte das Schandweib blutig karbatschen,
- diese alte Prüde mal zappeln sehn.
- Also rasch in den Frack! in die Ecke die Latschen,
- die Lackschuh an, Glacés, Chapeau,
- damit nicht etwa, käm ich so
- als Mensch blos, ohne den Affenschniepel,
- Verdacht entstünde: hinaus, du Rüpel!
- Ich las noch einmal die Adresse:
- Frau Geheime Komm.-Rat J. von Kohn
- etcetera -- die „Kommission“
- verschwieg man, schien’s, aus Delikatesse.
- Eine Krone drüber, riesengroß,
- ersetzte das „geborne“ Schwänzchen.
- Da war ich geladen zum Lesekränzchen.
- Denn, verehrter Leser, ich träumte blos.
-
- Hm! dacht ich: wie wird sie mich begrüßen?
- Wahrhaftig, sie hatte Karriere gemacht,
- hatte mich immer schon ausgelacht --
- na warte, Kröte, heut sollst du’s büßen!
- Ich übte Probe; verdammt, das zog,
- wie die Knute um Wade und Schienbein flog!
- Ich knöpfte sie zärtlich unter die Weste,
- ich übte den Handgriff, es ging aufs beste.
- Noch ein Blick in den Spiegel! famos, famos,
- das wird ein lustiges Lesekränzchen:
- erst Faust von Goethe, und dann mein Tänzchen!
- Faust?? -- Wie gesagt, ich träumte blos.
-
- Wo hatt ich sie eigentlich kennen gelernt?
-
- Seltsam! ich sann und sann und sinnte,
- meine Gedanken waren wie Stinte:
- kaum da, schon wieder weit entfernt.
- Ich lief und lief, durch Zeit und Raum,
- von Straße zu Straße, in meinem Traum:
- ich wußte genau, ich kannte sie
- seit je, die Dame +Prüderie+ --
- und doch: wer war sie? -- Das war ja rein
- zum rasendwerden mit dieser Fratze:
- Doch immer die selbe! dies Blinzeln! Nein,
- doch nicht! bald lüstern, fast wie’n Schwein,
- bald wie’ne Schlange, nein wie’ne Katze.
- Und dennoch -- Teufel, ich irr mich nicht:
- um diese vielfältigen Blicke immer
- das selbe zahme Kaninchengesicht,
- nein Affengesicht, nein Hühnchengesicht,
- das selbe süßlederne Frauenzimmer.
-
- Ah -- ja natürlich! klar wie Butter:
- erst war sie die Tochter von unserm Paster.
- Die warnte mich stets vor dem Pfad der Laster;
- dann wurde sie heimlich Fräulein Mutter.
- Das heißt, nicht etwa von meiner Seite,
- ich wußte noch nicht, was der Vogel gepfiffen,
- ich nahm die Worte noch für die Leute;
- ein Andrer, der hatte sie -- besser begriffen.
-
- Und dann: weiß Gott, das war sie ja +auch+:
- die Frau Patin mit dem verschämten Bauch.
- Ihr seliger Gatte war sehr verderbt,
- er hatte ihr einen Apoll vererbt
- mit nichts als einem Blatt zum Kleide;
- drum band sie ihm, so geht die Fabel,
- aus himmelblauer chinesischer Seide
- ein christliches Mäntelchen vor den Nabel.
-
- Nein! Himmel! es war ja ihr Fräulein Base:
- das ethisch-ästhetische Fräulein Lucinde,
- die mit der Entenschnabelnase
- und dem Traktätchen „Die Kunst der Sünde“.
- Sie hatte sich züchtig nach einem Mann
- in den vornehmsten Zeitungen umgetan,
- doch wollte keiner die Tugend belohnen;
- nun schrieb sie poetische Rezensionen.
- Ganz Deutschland pries ihren edlen Stil
- ob seiner fließenden Reinlichkeit;
- besonders Dehmeln besprach sie viel
- und beklagte seine Peinlichkeit.
- In Höherem Auftrag ließ sie auch,
- der Staat bewilligte die Mittel,
- ein Werk erscheinen mit dem Titel:
- „Das verbesserte Volkslied zum Schulgebrauch“.
- An den Anfang war als Motto gestellt:
- „Hähnchen von Tharau ists, das mir gefällt“.
-
- Und immer neue! Verdammte Hexe,
- kaum bist du Eine, so sind es sechse --
- Herrgott, nun ist sie gar ein Mann:
- der Herr Seelenforscher von nebenan,
- Privatdozent und Licentiat,
- der den wunderschönen Vollbart hat,
- er schwingt fürs Frauenwohl die Feder.
- In Schriften spricht er und vom Katheder
- über die höhere Sinnlichkeit
- aller wahrhaft sittlich Emanzipierten
- und die sexuelle Verworfenheit
- und perversen Affekte der Prostituierten;
- er will ein kirchliches Zuchthaus gründen
- zur Korrektur der natürlichen Sünden.
- Die Termini technici liebt er nämlich,
- so ein Fremdwort finden die Damen charmant;
- deutsch klingt gleich alles so beschämlich
- und zehnmal weniger intressant.
- Drum ist er, nur aus besagtem Grunde,
- bei einem Spezialarzt ständiger Kunde.
-
- Ah, da geht er ja wieder; Herr, warten Sie doch!
- was machen Sie denn so breite Beine?!
- Nein, er ists ja garnicht -- ah: Frau von Knoch
- mit ihrem Möpschen an der Leine,
- seine verehrte Gönnerin.
- Ach nein: Frau Konsistorialrat Klooß,
- mit dem würdevoll wackelnden Doppelkinn,
- die „Witwen- und Waisen-Beschützerin“
- und Fünfmillionenbesitzerin,
- geborene Freiin von -- Kronensproß.
- Ihr Neffe, der war ein deutscher Dichter,
- so einer von dem verruchten Gelichter,
- die alles beim rechten Namen nennen
- und gar keine moralischen Rücksichten kennen;
- dem hat sie natürlich ihr Haus verschlossen.
- Und da hat der Mensch die Frechheit besessen,
- angeblich aus Mangel an Kleidung und Essen,
- und hat sich ’ne Kugel durchs Hirn geschossen.
-
- Und immer neue! Mein Schädel brannte,
- während ich so durch die Straßen rannte;
- ich lief und lief wie spukgeschreckt.
- Aus allen Mienen, aus allen Blicken,
- als hätte ein Teufel die Welt beleckt,
- schien mir dies Weibsbild entgegenzunicken.
- Seitdem ich die Nase ins Leben gesteckt,
- war sie mir über den Weg gekrochen
- mit ihrem frommen Kaninchengesicht,
- nein Katzengesicht, nein Hühnchengesicht,
- mit ihren schlangengeschmeidigen Knochen.
-
- Sie hatte so’was in den Augen,
- das schien sich einem ums Herz zu stricken,
- alle Liebe drin zu ersticken
- und jede Männlichkeit auszusaugen.
- Und wo man hinkam, war sie zu treffen,
- sie schien die reine Gesellschaftsklette;
- sie ließen sich alle geduldig äffen
- von dieser verzuckerten glatten Kokette
- mit ihren ahnungslosen Mienen,
- die -- seltsam -- nimmer zu altern schienen
- und die ich auch niemals jung gesehn;
- ihr schien die Natur aus dem Wege zu gehn.
- Zwar: sie auch ihr! denn sonderbar:
- kein Haus, in dem dies Rackervieh
- nicht irgendmal zu finden war,
- blos in den Hütten des Volkes nie.
-
- Und immer, waren wir mal zu Zwein
- und ich wollte der Hexe die Wahrheit geigen,
- so ein Lächeln und Lispeln: „lassen Sie sein,
- geliebter Freund! wie süß dies Schweigen!“
- und ein Seufzen, ein schmachtendes Fächerwiegen:
- „ich weiß ja, alles ist natürlich!“
- und ein lüstern lauerndes Hüftenbiegen:
- „im Wort nur ist es ungebührlich!“
- Dann aber, wie bei Leckerein
- die Eßbegierden rasch verfliegen,
- fing plötzlich so ein glasiger Schein
- ihre schwülen Blicke an zu lähmen;
- ich konnte den Ekel kaum bezähmen,
- ich fluchte, um nicht auszuspein.
- Das brachte sie jedesmal zum Lachen:
- „Sie wollen die Welt wohl besser machen?“
-
- Nur manchmal, wenn sie wie in Schauern,
- als ob sich ihr Gefühl ertappte,
- die Lider über die Augen klappte,
- empfand ich was wie ein Bedauern:
- vielleicht steckt doch in all dem Schleim
- ein kleiner verschimmelter Edelkeim.
- Ich spürte dann immer so ein Jucken
- in allen fünf Fingern, ihr die Mucken
- mal mit der Karbatsche auszuplätten;
- man weiß ja, Prügel und dann ein Kuß
- ist verrückten Weibern ein Hochgenuß --
- Das war das Letzte, das konnte sie retten.
-
- Herrjee, das wars ja, das wollt ich ja eben!
- und siehe da: schon bin ich zur Stelle.
- Sie thronte, von ihrem Stab umgeben,
- der kleine Herr Gatte stand dick daneben,
- grad gegenüber der Zimmerschwelle.
- Die persischen Polster und Teppiche strahlten
- im weißen Schimmer der Glühlichtblüten,
- die Teelöffel klirrten, Brillanten sprühten,
- die Seidenroben rauschten und prahlten;
- auch sprach man schon. Ich legte die Rechte
- verbindlich an mein Westenlätzchen
- und -- fühlte nach meiner Knutenflechte;
- sie steckte sicher; na warte, Schätzchen!
-
- Laut: Gnä’je Frau, ich habe das Glück.
- Sie schien mich garnicht wiederzukennen.
- Ich nahm die Ehre, mich zu nennen.
- „Ah, der neue Herr Lektor. Ein’n Augenblick.“
-
- Natürlich! sie hatte jetzt höhere Ziele,
- die Geheime Komm.-Rat J. von Kohn,
- als ihre plebejischen Kinderspiele;
- sie war ja bei Hofe Vertrauensperson.
- Sonst schien sie aber nicht verändert,
- nur sozusagen zart konserviert,
- die verschleierten Augen pikant umrändert,
- und das Haar im „Jugendstil“ frisiert.
- Dem Herrn Geheimen schien, wie Allen,
- seine Geheime sehr zu gefallen.
-
- Nun fing man an von Kunst zu sprechen.
- Der Herr Geheime sprach: Verzeihn Se,
- wenn ich so frei bin aufzubrechen;
- ich habe Geschäfte beim Hofrat Heinse.
- „Oh“ -- „leider“ -- „bitte“ -- bedauerndes Lächeln,
- Verbeugen und Neigen und Wangenfächeln.
- „Ja, leider dringende Kommission,“
- verschwand mit Würde Herr J. von Kohn;
- nun ging es hoffentlich bald los.
-
- Ich sah mich um -- i, Gott soll schützen,
- da schienen ja lauter Bekannte zu sitzen!
- Da rechts: Frau Konsistorialrat Klooß,
- geborene Freiin von Kronensproß.
- Da: Fräulein Lucinde von Entenschnabel.
- Da die Patin mit dem verbundenen Nabel,
- und Frau von Knoch mit ihrem Begleiter,
- und die Pastertochter -- na, und so weiter:
- das ganze verehrliche Lesekränzchen,
- wie sie da saßen und standen, die Biedern,
- auf ihren unaussprechlichen Gliedern,
- germanische wie semitische Pflänzchen:
- o Boccaccio, göttlicher Schmetterling,
- dies Häufchen Gemüse in Einer Schüssel,
- das wär was gewesen für Deinen Rüssel,
- wenn nicht auch Dir der Spaß verging!
- Ja, die Frau Geheime war unbestritten
- in den weitesten Kreisen wohlgelitten.
-
- Gott sei getrommelt und gepfiffen:
- jetzt winkte sie. Die ganze Herde
- schien plötzlich ehrfurchtsvoll ergriffen,
- und mit entsprechender Geberde
- sprach die Geheime: „Lieben Freunde,
- ich bin entzückt und hingerissen,
- daß meine treue Kunstgemeinde
- so fest zusammenhält. Sie wissen,
- daß wir uns heute dem unendlich
- von uns verehrten wundervollen
- Genie von Weimar widmen wollen;
- das heißt, mit Auswahl selbstverständlich.
- Ich darf wohl bitten -- hier, mein Lieber,“
- das ging an meine Wenigkeit,
- sie reichte mir den Faust herüber --
- „die gestrichenen Stellen abzuachten;
- wenns dann gefällig, wir sind bereit.“
-
- Ich sah in das Buch; zwei Diener brachten
- mir Lesepult und Wasserglas;
- ich sah in das Buch. Ei Teufel -- Das,
- das ging wahrhaftig über den Spaß:
- da war ja +Alles+, schien’s, gestrichen.
- Na, ich nahm Platz, die Diener schlichen
- lautlos hinaus, ich machte tief
- mein Kompliment, mein Auge lief
- die Blätter durch -- aha! hier oben
- ein ganz besonders fetter Strich --
- Und salbungsvoll das Kinn gehoben,
- begann ich ernst und feierlich:
-
- „Ein Jeder lernt nur, was er lernen kann,
- „Vergebens daß ihr wissenschaftlich schweift;
- „Doch wer den Augenblick ergreift“ --
- man horchte auf -- „das ist der rechte Mann.
- „Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut“,
- Fräulein Lucinde nickte zart;
- „An Kühnheit wirds euch auch nicht fehlen.
- „Und wenn ihr euch nur selbst vertraut“,
- ich griff mir schmachtend in den Bart,
- Fräulein Lucinde saß erstarrt,
- „Vertraun euch auch die andern Seelen.
- „Besonders lernt die Weiber führen“,
- der Pastertochter wurde schwach.
- „Es ist ihr ewig Weh und Ach“ --
- die Patin schien der Schlag zu rühren,
- „So tausendfach“ --
- Frau Klooß erkannte mit Gewimmer:
- Herr Gott, das wird ja immer schlimmer --
- „aus Einem Punkte zu kurieren.
- „Und wenn ihr halbweg ehrbar tut“,
- jetzt ging ein Ächzen durch das Zimmer,
- „Versteht das Pülslein wohl zu drücken“,
- die Frau Geheime schien zu sticken,
- „Habt ihr sie alle unterm Hut.
- „Und faßt ihr sie mit feurig schlauen Blicken“,
- schrie ich -- „verdammte Heuchlerbrut,
- „Wohl um die schlanke Hüfte frei,
- „Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei“ --
- da platzte die Bombe: ein Jammergeschrei:
- die Frau Geheime lag auf dem Rücken.
-
- Und krach! auf die Diele das Wasserglas
- und den Lesetisch, und heraus die Knute:
- „Hoppla! Achtung, Frau Zimperschnute!
- Karline, jetzt kommt der Kontrabaß!
- jetzt will ich dir zeigen, wie man streicht!“
- und knautsch, da hatt ich sie beim Wickel.
- Ei, alle Wetter: dies dicke Karnickel,
- das war ja wie’ne Puppe leicht!
- Und plötzlich: Himmel, was war denn +Das+:
- Fräulein Lucinde sank fassungslos
- dem Herrn vom Frauenwohl in den Schooß,
- die Patin schnappte leichenblaß
- nach Luft: in meinen Fingern saß
- -- die Frau Geheime bibberte nur --
- ihre ganze Jugendstilfrisur.
- Und auf der grau strupphaarigen Platte
- -- mir schauderte -- ein Schurf und Schinn,
- ein Schund und Schmiericht, als klebte drin
- die ganze abgekratzte Pomade
- von zehn Jahrhunderten festgefilzt,
- so eingeschimmelt und verpilzt.
-
- Die ganze Bande lag in Krämpfen;
- na wart’t, Kanaljen, es kommt noch besser,
- ich will euch schon die Ohnmacht dämpfen!
- Und schnipp schnapp flitz: mein Taschenmesser:
- herrjee, wie wurden sie plötzlich munter!
- Frau Klooß, geborene Freiin, schrie:
- „Allmächtiger Vater, er mordet sie“ --
- und holterdipolter, stuhlüber stuhlunter,
- als ob ein Satan zwischen sie führe,
- das ganze verehrliche Lesekränzchen,
- germanische wie semitische Pflänzchen,
- klabotter klabatter hinaus zur Türe.
-
- „So, Schatz!“ ich nahm sie sacht beim Ränzchen,
- zum Glück hatt ich noch Handschuh an --
- „jetzt wollen wir mal, wie zwischen Mann
- und Weib das manchmal soll passieren,
- uns etwas näher inspizieren!“
- Und rietsch raatsch runter die Brüsseler Spitzen
- und Seidenfranjen und Sammetlitzen,
- und schlitz -- an knöpfen war nicht zu denken,
- so war die Kracke verschnürt und verschnallt --:
- das Taschenmesser! und --: brrr, schnitts kalt
- und heiß mir selber in allen Gelenken,
- wie da aus Flunker und Flitter und Flatter,
- aus Fetzengeknitter und Fadengeknatter,
- aus Watte und Wolle und Fischbeinzacken
- und Gummi-Busen und -Hinterbacken
- mit Winseln und Betteln und Strampeln und Schelten
- sich diese vermickerten Knickknochen pellten.
-
- Ich stand -- na, wie klein Hans beim Drecke.
- Zum Henker! um diese verschrumpelte Schrippe,
- dies Bastardklümpchen von Spinne und Schnecke,
- dies dürre, lahme Altjungferngerippe,
- da hatte ich Narr mich so geplagt?
- Zwar: Jungfer -- Das zu untersuchen
- bei diesem verbrutzelten Hutzelkuchen,
- das hätte wohl kaum ein Arzt gewagt.
- Ich konnte mich immer noch nicht fassen;
- blos heimlich wünscht ich, hätt ich ihr doch
- das Hemde wenigstens angelassen!
- Pfui Teufel, wie sie da vor mir kroch
- mit ihren Faltenschlitzen und Runzeln,
- mit ihren Zottelzitzen und Zunzeln,
- mit ihren ausgetrockneten Waden
- und eingetrockneten Hinterfladen --
- fast entsank die Geißel meinen Armen,
- mein Ekel stieg bis zum Erbarmen.
-
- Lern aber einer die Weiber kennen!
- Noch eben mitten in Zappeln und Flennen:
- kaum merkte sie meine Männerschwäche,
- ich merkt’es selber erst durch sie,
- es war die reine Telepathie:
- da grinst und äugelt mich die freche
- Vettel mit ihrer geschminkten Fratze
- so von unten über die Achsel an,
- daß mirs durch beide Nieren rann.
- Ich weiß nicht, ob die alte Katze
- mich etwa zu -- beglücken dachte,
- ob sie sich über mich lustig machte,
- ob diese abgetakelte Ratze
- in ihrer kahlen Scheußlichkeit
- meinte, sie sei dadurch gefeit:
- ich fühlte nur plötzlich eine Wut,
- mir schien das ganze erbärmliche Blut
- unsrer verjammerlappten Zeit
- in dieser Hexe zusammengebreit,
- und -- „So! nu zappel, verwünschte Pute,
- jetzt bin ich mit meiner Geduld zu Rand“,
- hol ich zum Hieb aus mit der Knute,
- da -- -- legt sich sanft um meine Hand
- und rührt mich bis ins weheste Mark
- wie junge Liebe so still und stark
- und warm, um meinen Hals gebogen,
- ein Arm. Und mild, voll Stolz und Huld,
- tönt eines Atems leises Wogen:
- „Laß ab! sie büßt an ihrer Schuld.“
-
- Und wie sich nun mein Nacken wendet,
- von Schauern mächtig überwallt,
- da steh ich scheu und fast geblendet
- vor einer schimmernden Gestalt.
- Im bleichen Kreis der Glühlichtglocken
- ist ihre Nacktheit heller Tag,
- es spielt ein Schein um Stirn und Locken
- wie Blütenschmelz im Frühlingshag.
- Zur Hüfte nieder um die Brüste
- fließt mantelschwer ihr offnes Haar
- und wogt und flimmert dämmerklar,
- als ob ein Morgenwind es küßte.
- Weiß leuchtet aus der schlanken Rechten,
- zum Gruß geneigt und zum Gebot,
- ein Lilienstab, den dunkelrot
- zwei volle Rosen hoch umflechten;
- so steht sie wehrend, wundersam
- beglänzt. Und ich -- mich überkam
- ein Ahnen wie Erinnerung,
- ein Sehnen, neu und kinderjung:
- ich hatte sie nie noch nirgendwo
- gesehn, und wie mir dennoch so
- ihr freudig Auge, seelenweit,
- und ihres Mundes Zärtlichkeit
- jedwedes Faserchen tief innen
- zu lauter Andacht ließ gerinnen:
- ach, wars denn nicht, als sähe wieder
- meine liebe Mutter zu mir nieder?
-
- Und wie nun fromm und ganz befangen
- mein Blick an ihr zu Boden wollte
- und doch in bangem Hinverlangen,
- da doch ihr Haar an Ohr und Wangen
- und Brüsten schmeichelnd sie umrollte,
- mein Herz nach ihrer Schönheit schrie,
- als müßtest Du mir, Du, mit weiten
- Armen aus ihr entgegenschreiten,
- du Eine, Einzige, die mir nie
- ein Wort noch Winkchen vorenthalten,
- nicht Seel noch Leibs geheimste Falten,
- seit endlich dein an mein Herz schlug --
- Und wie’s so immer inniger drängte
- und wie mich süß und süßer tränkte
- der dunklen Rosen Wohlgeruch:
- es riß mich nieder ihr zu Füßen
- und machte meine Arme breit:
- „wer bist du, Weib, mit deiner süßen,
- mit deiner milden, herben, süßen,
- unsagbar süßen Herrlichkeit?“
-
- Und aus der Rechten sacht zur Linken
- läßt sie das Blumenszepter sinken,
- dann spricht sie, über mich geneigt,
- nimmt mir die Geißel aus der Hand nun,
- nimmt eines Teppichs bunten Rand nun,
- indem sie ihn der Andern reicht,
- und winkt ihr mit der Lilie: „Geh!
- bedecke dich! es tut mir weh,
- in deiner Blöße dich zu sehn.“
- Und wieder über mich geneigt nun,
- indeß die Andre scheu entweicht nun,
- tönt ihres Atems leises Wehn:
- „Was wars doch, was in liebsten Lüsten,
- wenn Lippen sich und Seelen küßten,
- den trunknen Blick dir ganz benahm,
- was dich im reinsten Rausch der Wonnen,
- tief in ein Andres einversponnen,
- wie willige Blindheit überkam?
- Dann warst du Mein! ich bin die +Scham+.
-
- „Mußt dich aber nicht gleich, mein Bester,“
- senkte sie lächelnd die Lilienblüten,
- „so um alles in Eifer wüten.
- Die da, meine mißratene Schwester,“
- nickte sie neckisch nach der Tür hin,
- während sie mir den Scheitel zauste
- und ihre zierlichen Nüstern krauste,
- „Die da ist schon über Gebühr hin
- durch die eigene Ohnmacht gestraft:
- fehlt ihr zur rechten Freude die Kraft.
- Hat ja viele Seelen zu Sklaven,
- alle die Biedern, alle die Braven
- vom werten Orden der Gleißnerschaft,
- alle die zahmen, ewig alten,
- sinnelahmen Halben und Kalten,
- scheint ein gar gewaltiger Bund,
- ist aber doch nur -- nun eben Schund.
- Haben die Welt nie aufgehalten;
- und alles, was sie zu Stande brachten,
- und ihrer Weisheit letzter Grund
- ist -- ihr gegenseitig Verachten.
- Können sich nicht gesund betrachten,
- weil ihrem armen dünnen Blut
- jedes freie Lüftchen wehe tut,
- und machen drum aus ihrer Not
- ein Gebot.
-
- „Und, Lieber,“ streicht sie zart mein Haar,
- „der Heuchler meint die Lüge wahr,
- der Wahre muß ihn nur verstehn!
- Wenn Kraft und Schönheit nackend gehn,
- man würde sich nicht sehr beklagen;
- doch etwas schwerer zu vertragen
- ist Häßliches, bei Licht besehn.“
-
- Und während silbern noch im Ohr mir
- ihr fröhlich stolz Gelächter klingt,
- winkt mit den Rosen sie empor mir
- und spricht: „Ein schlechter Boden bringt
- aus echter Wurzel schlechte Blüte.
- Und wer mit schwächlichem Gemüte
- sich schämt, der ist zur Scham verdorben;
- doch ist sie drum nit ausgestorben.
- Wer Löwe ist, der gönnt der Katze
- den Mäusefang in seiner Welt;
- sie will +auch+ leben. +Jede Fratze
- zeugt für den Gott, den sie entstellt.+“
-
- So beugt sie sich mit gnädigem Kusse
- in heller Anmut zu mir hin,
- und ich, ich fühle ihrem Gruße
- mein ganz Gefühl entgegenglühn --
- glühn, bis mich’s schauernd übermannte,
- ich wieder an ihr niedersank,
- mein Mund auf ihren Brüsten brannte,
- ich ihre Lenden schon umspannte,
- ihr Haar mir um die Finger schlang,
- die Stirn geschmiegt in ihren Schooß --
- Sie aber, hold und mütterlich,
- zupft mich am Ohr: „Ich bitte dich,
- mein lieber Mensch! was willst? laß los!
- ermuntre dich! du -- träumst ja blos.“
-
-
-
-
-Die Verwandlungen der Venus
-
-Nachtwache eines Sehers der Liebe
-
-
- Niemals sah ich die Nacht beglänzter!
- Diamantisch reizen die Fernen.
- Durch mein staubiges Kellerfenster
- schielt der Schein der Gaslaternen,
-
- schielt auf meine frierenden Hände,
- und mich quälen Wollustbilder.
- Grau sind diese nackten Wände;
- doch sie flimmern. Und mein wilder
-
- irrender Wille kann sich nicht mehr täuschen:
- unsre Lüste wollen fruchtbar sein.
- Mit den Schatten meiner keuschen
- Kammer spielt ein schwüler Schein:
-
- an den hohen Häusern drüben glühen
- aus der Finsternis die Fenster,
- wo die Freudenmädchen blühen --
- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
-
- Und die Sterne sind wie brennende Blicke;
- Welten sehnen sich nach mir!
- Ich verschmachte. Ich ersticke.
- Ja: ich frevelte an ihr --
-
- ihr, der ich entrinnen wollte
- und mich wie ein Mönch verkroch,
- der dem Licht der Sinne grollte,
- aber es entzückt ihn doch!
-
- Selbst in meiner kalten Zelle
- fühle ich das Leben toben,
- der ich wagte, dieses schnelle
- Herz zu dämpfen. Aber oben
-
- über meinem dunklen Tale,
- +Venus+, seh ich angebrannt
- Deine flammenden Fanale.
- Und den Blick hinaufgewandt,
-
- ruf ich aus dem tiefen Turme
- meiner Ängste zu dir hoch:
- Göttin, wandle dich zum Wurme,
- sei im Wurme Göttin noch!
-
- Sausend schaukelt eine Not mein Herz
- wie in erster süßer Knabenfrühe;
- ich verschmachte! ich verglühe!
- jeder Stern ist mir ein Schmerz!
-
- Ihre Strahlen sind wie stechende Ruten
- marternd, wenn du mich nicht kühlst,
- wenn nicht Du mit deinem gnädigen Blute
- meine dürstende Inbrunst stillst!
-
- Sieh, da lichtet sich ein neues Fenster,
- zuckt ein steiler Kerzenstreifen --
- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
- Ja, entzünde dich dem Reifen,
-
- +Ewige, lächle! Deine Kerzen bleiben+;
- alle andern sind verblichen.
- Hinter jenen schwarzen Scheiben
- schlafen alle Ordentlichen --
-
- schlafen, wie sie immer schliefen,
- wenn die Gottheit Ordnung +schuf+,
- während mir aus magischen Tiefen
- auftaucht mit melodischem Ruf
-
-
-Venus Anadyomene.
-
- Das ist die alte Stimme wieder,
- aus langen Träumen jung erwacht.
- Sie sang die allerersten Lieder,
- trunken und schüchtern. Sie singt und lacht:
-
- Über dem grünen Roggenmeere
- wiegte die Glut zwei Pfauenaugen.
- Blühend roch die brütende Leere.
- Tief im grünen Roggenmeere
- lag ein Knabe mit blauen Augen.
-
- Das war, als du noch Fehle hattest,
- noch alte Furcht und fremde Scham,
- als du noch keine Seele hattest,
- die nur aus +Deinem+ Blut dir kam.
-
- Aber du sahst die Falter leuchten,
- mit flackernden Flügeln bunt sich greifen;
- träumte dir von zwei dunkelfeuchten
- Augen, und die sahst du leuchten
- unter bunten flatternden Schleifen.
-
- Das war die Zeit des Schaums der Säfte,
- die Ähren stäubten gelben Seim;
- vieltausendjährige Sehnsuchtskräfte
- erregten schwellend einen Keim.
-
- Ahntest unterm andern Kleide
- andre nackte Glieder klopfen.
- Deine Hände flackerten beide.
- In die einsam heiße Haide
- quoll ein erster Samentropfen.
-
- Das tat die Sehnsucht dieser Erde,
- die opfernd um die Sonne schweift.
- Sie sprach das allererste Werde.
- Auf! Die Sprache der Mannheit reift.
-
- *
-
- Habe Dank, du dunkle Geisterstimme!
- Ja, du hilfst mir meine Not begreifen.
- Auf! ich fühls, wie trüb ich glimme;
- laß uns nach Erleuchtung schweifen!
-
- Mühsam von Enttäuschung zu Enttäuschung
- hab ich mich hierher gewunden,
- um in eisiger Verkeuschung
- starr zum Gleichmut zu gesunden.
-
- O! noch Einmal war mir aufgegangen
- zweier Augen lockende Hoffnungsmacht:
- eines Sommerglückes Prangen
- mitten in der Winternacht.
-
- Als mein Herz am allerinnigsten bebte
- -- Wundertäterin, hoffst du +noch+? --
- schloß ich’s ein in dies verspinnewebte
- kahle Vorstadtkellerloch.
-
- Wie’s mich anhöhnt! Hinter mir, ihr Geister,
- schnarcht die Mitwelt meiner Zelle:
- mein schwerhöriger Schustermeister,
- und sein närrischer Altgeselle.
-
- Wochendurch hat dieser ledige
- Fleischfeind christlich mich zerrauft,
- Schmachtriemsweisheit mir gepredigt;
- +Tolstoi+ hab ich ihn getauft.
-
- Nacht für Nacht versucht von Träumen
- dehn ich mich auf meinem harten Lager,
- immer zuchtloser mich bäumend,
- immer gieriger, immer magrer.
-
- Wie mich hungert! Wie die roten
- Freudenfenster drüben blinken:
- Blut, von dem die scheinbar toten
- Geister meines Innern trinken.
-
- Trinkt! Beleuchtet mir die Pfade,
- die wir trunken einst geirrt,
- daß mir endlich, endlich doch die Gnade
- glutgeläuterter Erkenntnis wird!
-
- Steig empor, du übersehr verschönte
- Jünglingslust mit deiner üppigen Zierde!
- Ja, ich hör mich, wie ich nach dir stöhnte,
- ferne Göttin meiner ersten Begierde,
-
-
-Venus Primitiva!
-
- O daß der Kuß doch ewig dauern möchte
- -- starr stand, wie Binsen starr, der Schwarm der Gäste --
- der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte,
- tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte!
-
- Nein, länger duld’ich nicht dies blöde Sehnen,
- ich +will+ nicht länger in verzücktem Harme
- die liebekranken Glieder Nächtens dehnen;
- o komm, du Weib! -- +Weib!+ betteln meine Arme.
-
- O komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn,
- vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide;
- noch wogt um mich, du Flammenkönigin,
- und glüht im Aschenflor die Kupferseide.
-
- Gieß aus in mich die Schale deiner Glut!
- Befrei mich von der Sünde: von dem Grauen
- vor dieses Feuerregens wilder Brut,
- von diesen Wehn, die wühlend in mir brauen!
-
- Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß,
- die lange schmachtend lag in spröder Hülle;
- ich will mich lauter blühn, lauter und los
- aus dieser Brünstigkeit zu Frucht und Fülle!
-
- Ja, komm! satt bin ich meiner Knabenlust.
- Komm, komm, du Weib! Nimm auf in deine Schale
- die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust!
- Noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale.
-
- Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen;
- o kämst auch Du so süß und so verstohlen,
- so mondesweiß! O sieh: auf Sammetwogen,
- auf Purpurflaum, auf schwärzeste Violen
-
- will ich dich betten -- oh -- dich an mich betten,
- daß alle meine Mächte an des Weibes
- blendenden Göttlichkeiten sich entketten,
- hinschwellend in den Teppich deines Leibes.
-
- Wunderlich, wie dies Erinnern
- plötzlich mein Erschauern kühlt.
- Ach! der Glutpokal war zinnern
- und zerschmolz mir, kaum gefüllt.
-
- Dämpfe, die den Himmel schänden,
- seh ich aus den Schlacken kriechen,
- widerlich wie diese Wände,
- die nach Pech und Moder riechen.
-
- Aus den hohen Häusern drüben dringen
- durch die Schattenmassen Gespenster,
- die den Glanz der Nacht verschlingen;
- schon verdunkelt sich ein Fenster.
-
- Kommt! ich will die Stirn euch bieten,
- Schatten meiner verpraßten Stunden,
- der ich Tausenden gleich an dir gelitten,
- Weib mit deinen Lasterwunden,
-
- bis ich auffuhr voll Entsetzen
- vor dem Gift, das ich genossen,
- aus dem Duftbann deiner seidnen Fetzen,
- Weib der Gassen und der Gossen,
-
-
-Venus Pandemos.
-
- Das war das letzte Mal. Im Nachtcafé
- der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch
- der schwülen Sofapolster und des Punsches,
- der vor mir glühte, und vom Frauendunst
- der feuchten Winterkleider; müde, lüstern.
-
- Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter
- und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen
- und derer, die drum warben. Das Gerassel
- der Alfenide-Löffel am Büffet
- ermunterte den Lärm des Liebesmarktes,
- ununterbrochen, wie ein Tamburin.
- Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend,
- und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters,
- der drüber hing, sich mühsam mit den Farben
- auf den Gesichtern um die Marmortische
- in seiner gelben Sprache unterhielt;
- wozu der schwarze Marmor blank auflachte.
-
- Ich war schon bei der Wahl -- da teilte sich
- die rote Türgardine neben mir:
- ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug
- schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte;
- die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm.
- Mir grade gegenüber, quer am Ende
- des Ganges, als beherrschten sie den Saal,
- nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter
- hing über ihnen wie ein schwerer alter
- Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen.
- Doch hört ich rechts von mir ein heisres Stimmchen:
- „Bejejent muß ik die woll schon wo sein.“
-
- Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft
- schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne,
- die wachsbleich an die schwachen Haare stieß.
- Die großen blassen Augenlider waren
- tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag
- ihr Schatten um die eingeknickte Nase;
- der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen.
- Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin
- ihm kichernd einen Satz zuzischelte,
- sah man sein eines schwarzes Auge halb
- und drehte sich sein langer dünner Hals,
- langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch,
- wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt.
-
- Es wurde immer stiller durch den Raum;
- sie blickten alle auf den stummen Mann
- und auf das sonderbar geduckte Weib.
- „Sie ist ganz jung“ -- war um mich her ein Flüstern;
- auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind.
- Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zunge
- durch eine Lücke ihrer trüben Zähne
- spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während
- ihr grauer Blick den Saal belauerte;
- das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün.
-
- Jetzt stand sie auf. Sein Glas war unberührt;
- ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor.
- Sie ging; er folgte automatisch nach.
- Die rote Türgardine tat sich zu,
- der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze,
- doch fluchte Keiner; und mir schauderte.
-
- Ich blieb für mich -- ich kannte sie auf einmal:
- es war die Wollustseuche und der Tod.
-
- *
-
- Weicht, ihr Schatten! -- Wie sie zucken,
- wie die Fensterhöhlen drohn!
- Ja, ihr mögt manch Opfer schlucken;
- aber ich, ich sprech euch Hohn!
-
- Die Laternen flackern greller,
- jäh erlosch das letzte Fenster;
- jeder Stern erscheint noch heller --
- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
-
- Ich! Denn ach --: ich kenne Einen,
- der sah nie zu gleicher Zeit
- Sterne, Fenster und Laternen scheinen --
- dieser Ärmste tut mir leid.
-
- Beim Geschmetter einer Blechkapelle
- kann er keine Nachtigall hören,
- ohne daß sich auf der Stelle
- seine zarten Ohren empören.
-
- Ich indessen -- o Mirakel --
- höre das Lied der Nachtigallen
- durch den ärgsten Höllenspektakel
- nur noch himmlischer erschallen.
-
- Ich Barbar! ich brauch mir meine
- Nerven nicht zu vergesundern;
- ich kann beim Laternenscheine
- manchen Stern erst recht bewundern.
-
- Mir wehrt keine Kunstscheuklappe
- meinen freien Blick durchs Fenster,
- weder Holz noch Blech noch Pappe --
- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
-
- Leucht auch du mit deinem reinsten
- Licht, du Spürkraft meiner Seele,
- die mitfühlend im gemeinsten
- Wicht noch scheut die eignen Fehle!
-
- Denn ich weiß, wie Du mich Einsamen
- einst zum edelsten Trotz anschürtest,
- als ich dich, du Allgemeinsame,
- selbst im schmutzigsten Elend spürte,
-
-
-Venus Socia.
-
- Da gabs Branntwein und Bier,
- im Spelunkenrevier,
- und ein Lied scholl rührend durch die Tür;
- und das sangen und spielten die traurigen Vier,
- ein Vater mit seinen drei Töchtern.
- Er stand am Ofen, die Geige am Kinn,
- schief neben ihm hockte die Harfnerin,
- und die Jüngste knixte und schloß ihr Lied,
- die Geige machte ti-flieti-fliet:
- „War Eine, die nur Einen lieben kunnt.“
-
- Die Dritte ging stumm
- mit dem Teller herum,
- ums polternde Biljard, blaß und krumm;
- und nun drehte der Alte die Fidel um
- und klappte darauf mit dem Bogen.
- Und auf einmal schwieg der Keller ganz,
- die Jüngste hob die Röcke zum Tanz;
- die Harfe machte ti-plinki-plunk,
- und die Jüngste war so kinderjung
- und sang zum Tanz ein wüstes Hurenlied.
-
- Sie sang’s mit Glut,
- das zarte Blut;
- und der schwarze zerknitterte Roßhaarhut
- stand zu der plumpen Harfe gut,
- mit den weißen papiernen Rosen.
- Laut schrillten die Saiten tiflieti-plunk,
- und Alle beklatschten den letzten Sprung,
- und vor mir stand die Tellermarie.
- „Spielt mir noch einmal“, bat ich sie,
- „War Eine, die nur +Einen+ lieben kunnt“! --
-
- *
-
- All mein dumpfes Glückverlangen
- schien dies eine Wort zu klären;
- meine guten Geister sprangen
- auf, als sei’s Musik der Sphären.
-
- Am Altar der Seele traten
- sie zusammen, flugbereit:
- Zartsinn, Ehrfurcht, Großmut, Lust zu Taten,
- Sehnsucht nach Unsterblichkeit.
-
- Aber während sie die Herrin feiern,
- übermannt mein sterbliches Herz ein Schaudern:
- wird sich je mein Glück entschleiern?
- Und ich seh mich vor dir zaudern,
-
-
-Venus Excelsior:
-
- Ich träume oft von einer bleichen Rose.
- Hell ragt ein Berg; sie blüht in seinem Schatten,
- zum fernen Licht aufschmachtend mit dem matten
- Traumblumenblick aus ihrem dunklen Loose.
-
- Dann bangt sie mich; tief stockt mein Schritt im Moose.
- Doch weiter muß ich, muß das Ziel erreichen,
- den Gipfel mit den immergrünen Eichen;
- so steh ich schwankend zwischen Berg und Rose.
-
- Denn wie sich auch mein Fuß bemüht zu kämpfen,
- ich kann die süße Sehnsucht nicht mehr dämpfen,
- aus ihrem Kelch den edlen Duft zu schlürfen.
-
- Da --: Flügel --: frei! -- und an der Brust die Blume!
- Schon naht der Hain mit seinem Heiligtume,
- wo auch die Rosen immergrünen dürfen.
-
- *
-
- Aller Wunder wundersamstes,
- wie ergründ’ich dich, du Macht,
- die du uns den Lichtweg bahntest,
- Seelenwelt, gehüllt in Nacht!
-
- Du, o Du, welch Flehn, welch Stammeln
- doppelter Bewältigung:
- Seel in Seele stürzt zusammen,
- Dämmerung in Dämmerung.
-
- Seele, Seele, wie entbrannten
- angstvoll dein und mein Gesicht,
- bis wir ahnten und erkannten:
- aus der Dämmerwelt wird Licht!
-
- Fremde Seele, mir erzitternde,
- mir aus all der Seelen Schaar,
- Welt, die meine Welt erschütterte,
- mich verwandelnd ganz und gar,
-
- bis aus unserm bangen Bunde
- auch das letzte Staunen wich --
- ja, noch lebst du mir im Grunde,
- lauschend, wie dein Blutgeist mich
-
- aus dem Körperbann der Erde
- los und in ein Lichtreich rang,
- wo wir stammelten: es werde!
- wo auch +mein+ Blut in dich drang,
-
-
-Venus Creatrix.
-
- O meine bleiche Braut! du blasse Wolke
- im Arm des Sturms! du bebend Haupt,
- an meine Brust geneigt aus deinen Schleiern:
- erbleichst, erbebst du +mir+?
- O nun erglühst du, heimlich Willige du,
- nun öffnest du die herzverklärten Augen!
- nun ringt sich von den Lippen dir mein Name,
- und inniger küss ich dich -- wir sind allein.
-
- Allein. O komm, das Licht der Ampel
- wirft Schatten; komm! heut soll kein Schatten sein,
- heut sollen alle, alle Lichter leuchten,
- in einer See von Licht sollst du mir schwimmen,
- du weiße Möwe meine! Flüchte nicht:
- sieh, selbst dem keuschen Himmel noch verwehr ich
- zu lauschen -- horch: der Vorhang rauscht, o komm!
- und jeden Spalt verschließ ich faltenschwer,
- daß nicht die Nacht, die silbern blauende,
- erröte, muß sie deine Schönheit dulden,
- daß nicht der Sterne reine Glut
- sich neidisch trübe, sehn sie Deine Reinheit.
-
- Tu ab die Myrtenkrone, den Gürtel, komm,
- du bist allein! Die jungen Rosen nur,
- schlaftrunken über unser Bett gebeugt,
- spinnen duftbange Träume
- von purpurner Entfaltung scheuer Knospen;
- die Rosen nur -- und ich.
-
- Und wie in Träumen, wie auf Düften leicht,
- von Licht zu Licht mit leuchtenden Händen gleit’ich
- und winke -- und du kommst.
- Da sinken und schwinden
- hell von uns weg die irdischen Hüllen alle:
- aus seidnen Wogen steigst du her zu mir,
- und Brust an Brust gedrängt von blendenden Schauern,
- von goldnen Dunkelheiten weit umwölkt,
- wiegen uns fernhintastende Schwingen
- Schooß an Schooß hinüber
- in die Gärten der Ewigkeit.
-
- Flammen der Sehnsucht wachsen da,
- glühende Bäche voller Erfüllung treiben
- da in Eins die einsam pulsenden Seelen,
- Puls in Puls in Glanz ergossen verbluten
- heimwehwild die zuckenden Wünsche,
- hoch auf strudelt todesselig der Wille,
- dürstend umsaust ihn der Odem der Allmacht,
- und den weltdurchfurchenden Fittig senkt die Inbrunst,
- auszuruhn vom Fluge am Herzen Gottes:
- still in matter Hand
- beut sie die flimmernden Tropfen
- seinem befruchtenden Anhauch dar: ich fühle
- -- fühlst du? Geliebte -- die Quellen des Lebens rinnen!
- Mund an Mund Ihm: trinke! Trunken
- stamml’ich nach
- das Schöpferwort.
-
- *
-
- O Geheimnis der Empfängnis:
- einen Schleier wollt ich lüften,
- und Verhängnis hangend um Verhängnis
- schwillt aus Auferstehungsgrüften.
-
- Wie erfass ich euch, Gewalten:
- Welt, die schicksalvolle Nebel ballt,
- bis sich Hirngespinnste draus entfalten,
- Mummenschanz der Allgewalt!
-
- Helft mir, Sterne! Hüter ihr des Zwanges,
- den ich einst als Freiheit pries,
- feurige Führer meines Überschwanges,
- ja, ihr schürt das Paradies
-
- himmelstürmenden Schöpferwahns mir wieder,
- und mein Haupt wie damals reckend
- -- Blitze stürzten um mich nieder --
- fühl ich, wie ich mich am Schrecken
-
- meiner glutgeblendeten Braut berauschte
- und mich selbst als Gott besang,
- der mit keinem andern tauschte,
- weil ihn +Deine+ Glut bezwang,
-
-
-Venus Urania.
-
-Psalm an den alten Gott
-
- Der du in Gewittern hausest,
- kommst du, Grollender?
- Tief von unten,
- über Berge und Wolken her:
- suchst du Mich, im dunkeln Mantel Du,
- schwarzgekrönter Wetterherr,
- mit der bleiernen Stirne?
-
- Höher doch! näher! herauf zu mir,
- mir und meiner Sonne,
- die ich aus Abgrundnacht an meinen
- Himmel setzte mit kettendem Blick,
- die mich erleuchtet, von mir durchglüht,
- aufgegangen in eine große
- einige einzige Strahlenwelt!
-
- Ja, du suchst uns,
- willst uns segnen,
- Du mit deiner Donnerglockenstimme,
- willst empor zu +unserm+
- Strahlenherd, Strahlender du!
- Sehnst dich, hell in unser helles
- lichtfrohlockendes Glück zu blicken,
- du +auch+ ein Lichtsproß,
- Lucifer, Lichtschleudrer,
- weltbelebender Erschüttrer -- komm!
-
- Denn wir kennen dich:
- du bist mein Bruder!
- Komm und sieh: hell
- schaun auch Wir dir
- durch die nachtgraue Maske
- in dein glühend blutendes Herz, das gute:
- Du wirfst Kraft,
- Liebe aufs schmachtende Feld herab,
- wenn du mit wuchtender Faust
- krachend zersprengst
- die dumpf drückende Dunstlast.
-
- Tobe nur, Kommender! nimm,
- hebe die splitternde Axt!
- Hebe die düstern, schönen,
- schattenumhangenen Lider!
- Grüßt mich, sprüht, ihr jähen,
- Ewigkeit aufschließenden Blicke:
- ja! ich will mich satt sehn, satt
- an dieser funkelnden Unendlichkeit.
- Auf, ihr stürmischen Lippen auch:
- aus eurem rollenden Lobgesang dröhnt mir
- das machtvolle Wort vom Samen der Sehnsucht,
- vom Keim der Kämpfe, der Atem der Lust!
-
- Sonne, meine Sonne,
- sieh: er hört uns!
- Weh: Er: stählerne
- Ströme sein Blick!
- Über dir -- rette dich --
- Sonne, wo +bist+ du --
- hilf -- o Sonne --
- lieg’ich umklammert,
- liege von blendenden,
- wilden, sausenden Wonnen durchbohrt.
-
- Sonne, mein zitterndes Licht:
- lache! -- nur den Baum,
- sieh, den Felsen nur
- traf sein zischendes Beil.
- Hörst du ihn jauchzen?
- über der klaffenden Buche,
- über den talab polternden Trümmern,
- im flatternden Bart ihn
- jauchzen sein schmetterndes Lied:
-
- Wecke den Tod,
- Echo! hell loht
- von Stamm zu Stamm der Strahl der Kraft;
- einer stürzt, der tausend drückte.
- Stürzt der Ragende, wachsen die Ringenden;
- tausend wachsen, Einer ragt.
- Tod zeugt Leben -- stammelt die Menschheit unten;
- hochher schweigt dazu die Ewigkeit.
-
- Auf, mein knieendes Glück!
- Grolle nur, Donner! Blitz,
- greller noch! triff, zerbrich,
- was furchtsam zitternde Kronen trägt!
- Uns segnest du,
- uns prüftest du,
- Blut von Deinem Blut, mit heißen
- Fingern in deiner Flammentaufe.
-
- Wir, mein Zitterndes, auf!
- wir sind fromm und heilig:
- mit gefeitem Diademe krönte
- uns die Liebe,
- unsre lichtfrohlockende Liebe,
- zitternd von Andacht und Inbrunst! Und --
- ja -- und trifft auch Uns er,
- will ein Bruderopfer Seine Liebe:
- nimm uns, Lucifer! herrlich
- stürzen wir hin ins Licht auf,
- vermählt verglühend in deiner reinen,
- in unsrer eignen reinen Glut.
-
- Nein, wir fürchten dich nicht,
- rasend liebender Bruder!
- Wir sind Welt wie Du,
- Lucifer, Lichtbringer:
- Ich und meine Sonne,
- die wir Eins mit allem Licht der Welt sind,
- wir +lieben+ Alles,
- alle Welt muß +Uns+ lieben!
-
- *
-
- Aber dann ward trunkne Stille;
- wars die Stille der Ermattung?
- Taumelnd stand mein junger Wille
- vor dem Zwiespalt der Begattung.
-
- Sollte nicht ein Sturm von Wonne
- aufsprühn, der zwei Welten einigte?
- Warum zagte meine Sonne
- vor dem Glutwind, der mich reinigte?
-
- Stumm vernimmt das längst entwichene
- Himmelreich mein wehes Fragen.
- O verzeih mir, du Verblichene!
- heut versteh ich dein Verzagen.
-
- Griechin solltest du mir werden,
- Jüdin bliebst du allerwärts;
- ach, mit Übermenschgeberden
- griff ich in dein menschlich Herz,
-
-
-Venus Religio.
-
- Karfreitagsruhe. Fühlst du’s +auch+:
- dies bange Grün, und diesen Hauch,
- der drüber träumt?
- Und fühlst du’s, wie der Fliederstrauch
- von Knospen perlt und überschäumt?
-
- Und sehnen deine Brüste sich
- dem Auferstehungsmorgen zu,
- wie’s Magdalenen innerlich
- nicht ließ in Ruh,
- bis sie zum offnen Grabe schlich?
-
- Denn übermorgen graut der Tag
- ins Frühlingsfeld,
- da unterwarf sich Der die Welt,
- den einst dein Volk dafür gequält,
- daß eine Sehnsucht in ihm lag.
-
- Viel Glocken läuten zu mir her,
- wie Grufthauch schwer, wie Lufthauch leer;
- wem läuten sie?
- Das waren Deine Glocken nie
- und sind nicht Meine Glocken mehr.
-
- Im Flieder hängt ein altes Laub;
- du willst nun mein sein ganz und gar.
- Noch liegt der Hain voll Moderstaub;
- ist dir auch klar,
- daß mir dein Gott nie heilig war?!
-
- An seinem Grabe dürstet mich
- nach einer neuen Menschheit, Du!
- Fühlst du’s wie ich?
- Sag: sehnen deine Brüste sich
- dieser Auferstehung zu? --
-
- *
-
- Ja, so spielt ich schier Gottvater,
- schwebend ob der Flucht der Zeiten.
- Barg mein Allgeist nicht das Riesentheater
- künftiger Menschenmöglichkeiten?
-
- Mit aufbrausendem Gefieder
- packt mich wie ein flammenbekränzter
- Phönix dieser Glaube wieder --
- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
-
- Barg des Weibes Schooß nicht Schicksalsspiele,
- mehr als alle Himmelsräume?
- Herrisch rief ich sie zum Schöpferziele,
- die Erfüllerin meiner Träume:
-
-
-Venus Madonna.
-
- Aus Mannesadel wächst des Weibes Tugend:
- Götter vermag sein Geist ihr zu gebären.
- Des Griechen Schönheitswille sah die Sphären
- beherrscht von Aphroditens Reiz und Jugend;
-
- dem Christen aber ward die Reinheit Wesen,
- selbst noch die Mutter will er sich verklären
- und beugt sich vor Marias Hochaltären,
- die keusch des Sohns, des keuscheren, genesen.
-
- Nun kommt die Zeit, daß Männer freier denken
- und ihren eignen Stamm von Gottessöhnen
- hell mit dem Huldbild ihrer Freiheit krönen,
-
- bis Alle Allen die Erleuchtung schenken,
- die Wir uns schenkten, Sonne meiner Wonne,
- du keusche Venus, reizende Madonne!
-
- *
-
- Doch da saß mit seligem Händefalten,
- saß mit einem Lächeln stillen Wehrens,
- wie befremdet von den Traumgestalten
- meines übersinnlichen Begehrens,
-
- saß als Eine, die Gott siegen sieht,
- wie er siegte schon zu Evas Zeit,
- saß und sang ein frommes Wiegenlied,
- ganz erfüllt vom Glück der Wirklichkeit,
-
-
-Venus Mater:
-
- Träume, träume, du mein süßes Leben,
- von dem Himmel, der die Blumen bringt;
- Blüten schimmern da, die beben
- von dem Lied, das deine Mutter singt.
-
- Träume, träume, Knospe meiner Sorgen,
- von dem Tage, da die Blume sproß;
- von dem hellen Blütenmorgen,
- da dein Seelchen sich der Welt erschloß.
-
- Träume, träume, Blüte meiner Liebe,
- von der stillen, von der heiligen Nacht,
- da die Blume Seiner Liebe
- diese Welt zum Himmel mir gemacht.
-
- *
-
- Und gleich ihr in Demut hingegeben
- sollt ich stolz mich Vater nennen.
- Vor mir lag dies Klümpchen Leben,
- kaum als Menschlein zu erkennen:
- eine Laune meiner Lenden --
- daran sollt ich Gottgeist mich ergetzen?
- damit sollt ich Weltumwälzender enden?
- Ich erkannte mit Entsetzen
-
-
-Venus Mamma.
-
- Aber nicht wieder! Nein, nie wieder!
- Ja, du wolltest mich beglücken:
- wie sie an dein Fleisch sich drücken,
- diese hilflos kleinen Glieder.
- Aber mir diese Lust beschauen,
- ist mir ein Grauen.
-
- Zu tief sah ich unsrer zahmen Katze
- in die mütterlichen Augen,
- sah die täppischen Jungen saugen
- unter der steifgezückten Tatze;
- und der zarten blinden Brut
- schmeckte das alte Raubtier gut.
-
- Decke die Brust zu, wenn die Lippen
- deines Sohnes dich berühren!
- laß ihn andere Wonnen spüren
- als den Blick der Ahnen und der Sippen!
- Nein, ich wollte dich nicht betrüben;
- nur -- nur anders laß uns lieben!
-
- Bebt’ich doch selber, als ich ihn küßte,
- und ich will die Wonnen der Ammen
- nicht verdammen;
- dunkel ist der Zweck der Lüste.
- Aber die Mütter -- nein, schweigen wir!
- wehe, der Mensch ist ein Säugetier.
-
- *
-
- Einsamer als je begann ich
- meine Seele zu belauern.
- Wozu sehnte, wozu sann ich?
- Nur um unsern Wollustschauern
-
- heilige Masken vorzustecken?
- War dann nicht im Hochzeitskleide
- das Getier der Frühlingshecken
- gottbegnadeter als wir beide?
-
- Welch ein Jubel der Erhörung,
- dies Geschwirr, Gegirr, Geraune!
- Mit Bestürzung, mit Empörung
- lernt ich deine Macht anstaunen,
-
-
-Venus Natura.
-
- Durch einen menschenleeren Garten irrend
- geriet ich an ein Pfauenpaar; der Pfau
- stand mit gespreiztem Rad vor seiner Frau,
- die Flügel tief gesträubt, von Lichtern flirrend.
-
- So stand er kreisend, sich die Henne kirrend,
- und bannte sie zu feierlicher Schau;
- starr federte das goldne Grün und Blau
- des steilen Schweifes, vor Erregung klirrend.
-
- Jetzt überfällt er sie, und seine Zier
- peitscht wild die Luft, die heiße; funkelnd spaltet
- der Radsaum seine Speichen, daß sich mir
- der Gartenkreis zum Paradies gestaltet --
-
- O Mensch, wie herrlich ist das Tier,
- wenn es sich ganz als Tier entfaltet! --
-
- *
-
- Denn der Mensch: der eignen Notdurft Spötter,
- ja, so war seit je ein Halbgott er.
- Schob er seinen Ursprung +drum+ auf Götter:
- Mensch noch nicht, und Tier nicht mehr?!
-
- Wo ich hinsah, äfften sich Begierden,
- die sich ihrer nackten Herkunft schämten,
- Brünste, die mit schlangenhäutigen Zierden
- ihre tückische Unvernunft verbrämten.
-
- Eine ungeheure Tollsuchtwildnis
- dünkte mir der ganze Schöpfungsplan,
- mittendrin der Menschheit tönern Bildnis
- mit dem Stempel: reif zum Größenwahn.
-
- O vermöchte jene Zeit der Schrecken
- meinen Dünkel immerfort zu dämpfen!
- Wieviel Ekel mußt ich schmecken,
- wie verbissen mit dir kämpfen,
-
-
-Venus Bestia!
-
- Ich und ein Freund, wir saßen einmal
- in einem menschenheißen Weinlokal;
- zwei Tisch weit neben uns saßen
- ein Herr und eine Dame, offenbar
- -- den Ringen nach -- ein jüngeres Ehepaar,
- deren Blicke sich manchmal vergaßen.
- Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen,
- wir schwiegen unser bestes Schweigen.
-
- Der Gatte nahm grad die Speisekarte,
- den kleinen Finger gespreizt -- dran saß
- ein Nagel langgefeilt und leichenblaß,
- der spitz wie eine Kralle starrte;
- der Zeigefinger war stumpf beschnitten.
- Die Frau saß weich zurückgesunken;
- aus ihren Augenhöhlenschatten glühten
- wie zwei Kohlenfunken
- Blicke hinüber auf seine Finger,
- dunkle, gleißende Blicke hin.
- Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger,
- der Zoologische Garten in Sinn;
- ja -- die Tigerin!
-
- So lag sie neulich hinter dem Gitter,
- glimmende Gier im schwarzen Blick,
- im gelben Fell ein leicht Gezitter,
- und wartete brütend auf das braune Stück
- Fleisch, das draußen der Wärter brachte,
- das tote Fleisch -- es roch so matt,
- nicht warm nach Blut -- sie lag so satt.
- Jetzt kam er; ihr purpurnes Auge lachte,
- es war doch Fleisch! Hoch griff sie zu,
- die triefenden Kiefer kniff sie zu;
- nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken,
- die Zunge gekrümmt, die Zähne stier,
- sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier,
- flackernd leckte der Schweif die Flanken,
- im Blick ein Grün von hohlem Hasse.
- Wie dieser Tigerin klaffender Rachenschlund
- war mir das Auge der Frau da -- und
- da sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse!
-
- Jetzt hob der Gatte das Genick;
- dem saß der gelbe Wolf im Blick.
- Zittrig über sein hart glatt Kinn
- strich sein Krallennagel hin;
- ein goldnes Münzenarmband hing
- ihm ums Handgelenk und machte kling.
- Seine breitroten Lippen glühten
- durch den magern Schnurrbart wie Dornstrauchblüten,
- die Backen schmeckten ein Gericht;
- dann senkte sich wieder sein Gesicht.
- Ich sah eine lautlos stürzende Meute,
- mit keuchenden Zungen, durch bleiche Nacht,
- steif die Ruten gesträubt, fern Schlittengeläute,
- die witternden Nüstern steil ins Weite,
- in wütender Jagd --
- und jeder aus der schäumenden Masse
- würde, den heißen Hunger zu kühlen,
- blind auch im Fleisch des eignen Geschlechtes wühlen --
- da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasse!
-
- Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig,
- sie trafen sich mit ihren Augen;
- die schienen sich ineinander zu saugen,
- fast durstig und fast überdrüssig,
- ganz langsam. Und plötzlich stand mir klar
- das große nackte Schneckenpaar
- in dem nassen Fliegenpilz vor Augen,
- das ich gestern traf im feuchten Park;
- ich sah die beiden schwarzen Schleime
- in dem weißen Fleische, dem giftigen Mark
- des roten Pilzes schmausen und saugen
- wie in einem Honigseime --
- und sah dort drüben den Gattenblick.
- Ich mußte: ich schob den Stuhl zurück:
- Komm! stieß ich mit dem Freunde an.
- Er wunderte sich: Warum denn, Mann?
- Komm, sagt’ich, bitte, tu mir die Liebe! --
- Wir gingen. Wir traten auf die Straße,
- ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe,
- und immerfort hört ich: Rasse! Rasse! Rasse! --
-
- *
-
- Immer fort -- selbst +sie+ bespähend,
- die Genossin meiner Wahl,
- o wie lieblos ihre Huld verschmähend
- unter meines Argwohns Qual:
-
- Bettle nicht vor mir mit deinen Brüsten,
- deinen Brüsten bin ich kalt!
- Tausend Jahre alt
- ist dein Blick mit seinen Lüsten.
-
- Sieh mich an, wie du als Braut getan:
- mit dem Blick des Grauens vor der Schlange!
- Viel zu lange
- war ich, Weib, dein Mann.
-
- Willst du Gift aus meinem Fruchtkern saugen?
- Unerreichbar ist er deinem Biß!
- Kaum erst keimt mein Paradies;
- such es! öffne deine Menschenaugen! --
-
- Und wir suchten. Aber auf dem Wege
- fanden wir uns seltsam aufgehalten,
- kam uns ein verirrter Geist entgegen,
- altbekannt, doch nicht der alte:
-
-
-Amor modernus domesticus.
-
- Er ritt ein dunkelgraues Eselchen,
- zwei bunte Tiere liefen vor ihm her,
- wir konnten sie von ferne nicht erkennen.
- Wir gingen still durch eine stille Flur,
- ich und die Frau, die mir aus Liebe treu blieb,
- wir gingen langsam eine lange Straße.
-
- Die Pappeln zeigten schon vergilbte Blätter,
- ein Dornbusch setzte neue Blüten an,
- der Himmel schien auf abgemähte Wiesen
- und streute Schatten auf die bunten Tiere;
- Dorfkinder trabten um das Wunder mit.
- Als nun aus ihrem Schwarm das Ohrenschütteln
- des Eselchens allmählich mehr hervortrat,
- erkannten wir: die Tiere hatten Hörner
- und ihre Farben waren nicht Natur:
- vor einem blaugetünchten Ziegenbock
- lief eine schwarz und rot gefleckte Ziege.
- Der Reiter aber auf dem Eselchen
- war ein entzückend wilder schwarzer Krauskopf,
- und lächelte mit jungen roten Lippen,
- und seine blauen Augen rührten mich.
-
- Vor ihm und hinter ihm auf seinem Grauchen
- hing allerlei unnützer Tändelkram,
- wie Liebesleute sich zu schenken pflegen:
- und jedes Stück war grell in Rot und Blau
- und Schwarz mit einem Heiligenbild bemalt,
- ich dacht an Hölle, Himmel und den Tod.
- Der schöne Junge aber nickte hold
- und rief uns beiden zu: „kauft, liebe Leute!“
- und hob glückselig seine Waare hoch.
-
- Auf einmal kam das bunte Ziegenpaar
- mit kläglichem Gemecker angesprungen,
- daß sich der Kinderschwarm beiseite drückte,
- und ich erschrak bis in die Eingeweide:
- ich sah, der schöne Junge war verkrüppelt.
- Die Beine hörten mit den Knieen auf,
- die linke Hand war nur ein spitzer Stumpf,
- der rechten mangelte der Zeigefinger.
- So saß er zügellos auf seinem Grauchen
- und schüttelte den schwarzen wilden Krauskopf
- und hob glückselig seinen Kram noch höher
- und sah uns rührend und entzückend an.
-
- Und während ich noch stand und schauderte,
- durch welch ein Unheil so entstellt sein mochte
- die Lieblichkeit und Leiblichkeit des Lebens,
- sagte die Frau, die mir aus Liebe treu blieb:
- „Der arme Bursche! wie er sich verstellt!“
- Der schöne Krüppel aber lächelte
- und sprach: „So wenig wie mein Eselchen!
- nur meine beiden Ziegen tun mir leid.“
- Sie fragte: „Warum dann bemalst du sie?
- das muß dir doch sehr große Mühe machen;
- durch welch ein Unheil bist du so entstellt?“
- Da wurden seine roten Lippen traurig,
- er blickte scheu auf seine Heiligenbilder
- und sagte leise vor sich hin: „+Geschäftspflicht+“ --
- die blauen Augen winkten uns Lebwohl.
-
- Noch lange sahn wir in der langen Straße
- zwischen den Pappeln die Dorfkinder traben,
- und sahn sein dunkelgraues Eselchen
- und ab und zu sein buntes Ziegenpaar;
- der Himmel schien auf abgemähte Wiesen.
-
- *
-
- „Pflicht“ -- o Schreckwort jeden Übermuts --
- spukhaft fuhr mir’s durch die Knochen.
- Stockte nicht vor lauter Pflicht mein Blut?
- Sollt ich selbst mich unterjochen?
-
- Treue -- ah! du Deckwort jeder Knechtschaft --
- wütend schlug ich’s in den Wind.
- Gab mir meine Qual nicht Rechenschaft,
- was für Übel alle Tugenden sind?!
-
- Noch auf meinem stillen Lager heute
- mahnt mich all mein reuiges Ringen
- an die Wüstheit jener Rittersleute,
- die vor Gottgier meist zum Teufel gingen.
-
- Wie entraff ich mich dem heiligen Greuel?
- Infernalisch wie ein blitzegeschwänzter
- Drache lockt mich meiner Zweifel Knäuel --
- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
-
- Gleißner ich! mit was für Reizen
- hab ich stets mein Bestienpack bedacht,
- vor mir selber mich als Priester spreizend,
- der gewaltige Sündenböcke schlachtet!
-
- Wie empfand ich mich als Sittenrächer,
- der den Dämon seines Bluts befriedigte,
- während ich, ein simpler Ehebrecher,
- mich zu dir erniedrigte,
-
-
-Venus Adultera.
-
- Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern!
- Nein, das darf dich nicht bekümmern,
- daß ich nicht „treu“ bin; rück nur her!
- Komm, ich hab ein Dutzend Seelen;
- wer kann all die Kammern zählen,
- sechse stehn mir grade leer.
-
- Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger!
- Hoh, mein Kind, ich bin viel jünger
- als mein narbigtes Gesicht.
- Weißt du, die Runzeln und die Hiebe
- tun erst die Würze zu Ehre und Liebe!
- Ja, das nannt ich als Student schon Pflicht:
-
- Viel geliebt! noch mehr getrunken!
- kuscht euch, Unken und Hallunken!
- heida, wie der Schläger pfiff!
- Soll das Leben dir was nützen,
- lerne brav dein Blut versprützen:
- nicht gezuckt! los! blick und triff! --
-
- Hast doch auch schon „Blut“ verspritzt,
- oft -- -- hui, wie dein Auge blitzt:
- zürnst wohl gar dem frechen Buben?
- Was denn: Tränen?? o nicht doch! oh!
- Herzchen, so’was lernt man so
- in der Luft der Ehestuben!
-
- Komm: sei gut, Kind! gib mir die Hand!
- Hast ja Mut, Kind -- und hast Verstand:
- nein, ich will dich nicht verführen.
- Aber gelt, du wärst gern Braut?
- Hier das Venushalsband deiner Haut
- läßt verhaltene Wünsche spüren.
-
- Sieh mich doch an, du: ich bin kein Dieb!
- habe das Halsband nur so lieb
- und deine dunkeln Augenringe.
- Sieh doch, mein Blick ist ein zündender Pfeil,
- sprühenden Fluges ein sausendes Seil:
- komm, durch Höllen und Himmel soll’s uns schwingen!
-
- *
-
- Ja -- so wird aus Sehnsucht Sünde;
- Hölle, die den Himmel stürmt.
- Seele öffnet alle Schlünde,
- die der Geist rings mühsam übertürmte.
-
- Und Natur schürt wieder alle Gluten,
- die der Mensch beherrschte in Gedanken;
- lüstern lecken ihre Lavafluten
- an dem Erzgerüst der heiligen Schranken.
-
- Wie es hinschmilzt! Wer kanns kalt beschauen?
- Nur der Mond in seiner Leichenpracht.
- Und die Seele badet sich im Grauen,
- und der Geist buhlt mit der Nacht.
-
- Bis er Frevel heckt wie Don Juan,
- der nur lüstern war aus Qualengier,
- ein vom Teufelswahn verlockter Gottesmann,
- freudeloser als ein Tier.
-
- Nein, nicht Lust wars, du Jungfräuliche,
- als ich deine Opferfreude schmeckte;
- ich genoß nur das Abscheuliche,
- zu entweihn dich Unbefleckte,
-
-
-Venus Maculata.
-
- Drum komm, o komm, noch einmal schweigt
- so voll ins Feld, so glanzbereit
- der Mond ins Feld; noch einmal zeigt
- die weite Nacht,
- die zweite Nacht,
- mir deine nackte Seligkeit.
-
- O komm, o komm, ich will dich sehn!
- rings rauscht der alte Eichenhain;
- die langen Wiesenhalme stehn
- so still, so weich
- am kleinen Teich,
- und schimmernd tauchen wir hinein.
-
- Und schimmernd, schimmernd heb’ich dich
- heraus ins dunkelgrüne Kraut;
- dein schwarzes Haar umrieselt mich,
- der Tau wird warm,
- und Arm um Arm
- erkennt den Bräutigam die Braut.
-
- Und dann -- o dann -- o flieh! -- denn dann:
- wir hatten Schooß in Schooß geruht:
- von einer weißen Blüte rann,
- du sahst es nicht,
- im bleichen Licht
- ein Tropfen Blut -- Dein Tropfen Blut ...
-
- *
-
- Eitle Rührung, frech Bedauern,
- Räubermitleid nach dem Raube.
- Oder wars ein echt Erschauern?
- Narr, was fragst du -- glaube! glaube!
-
- Selbst der Reinste muß erleben,
- von Verführungen umtobt,
- daß der Geist sein wahres Streben
- an Verirrungen erprobt.
-
- Und da lass ich mich von schalen
- Skrupeln bis aufs Blut zerquälen?
- hier, wo hochher Sterne strahlen,
- die zu frischem Mut mich stählen!
-
- Nein, ich will mirs kühn bekennen:
- auch die Lüste, die wir schuldbewußt
- Unnatur und Unzucht nennen,
- sind Natur und neue Züchtungslust --
-
- ich, der selber einst tiefinnen
- nur empor nach freierer Menschheit ächzte,
- während meine tierischen Sinne
- doch nach Dir tyrannisch lechzten,
-
-
-Venus Perversa.
-
- Dort sitz nieder! sieben Kreuze
- zwischen uns! und gönn mirs: sei nicht Tier!
- Sondern ich suche andere Reize:
- Dich: komm, liebe dich vor mir!
-
- Dich nur, Dich! nur deine verschmachtenden Blicke
- und deine zuckende Scham und deine scheuen
- Seufzer gönn mir -- ja, entzücke
- mich mit Deinen Rasereien!
-
- Oh du, wenn die Knospen deiner welken
- Brüste unter deinen tastenden Fingern
- wieder schwellen wie in jüngern
- Nächten -- oh, dies Schwelgen --
-
- gönn mir’s, gönn mir’s! Meine eigenen Freuden
- sind mir Schaum, der bitter ist --
- aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst,
- will ich mich an Deiner Wildheit weiden:
-
- wie du gleich enttäuschten Bräuten
- deine einsame Sehnsucht stilltest,
- deine heimlichen Seligkeiten
- mit berauschten Händen fühltest --
-
- fühlst -- stillst -- -- Seele, bricht dein Blick?
- Oh du, laß mich diesen Blick genießen!
- dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen!
- recke dich nicht so starr zurück --
-
- Ekelt dich? -- Ah --: witterst du nun den reifen
- +Menschen+? bist du satt der Kuhnatur?! --
- Und wir schaudern: wir begreifen
- den Triumph der Unnatur.
-
- *
-
- Wohin fliehn nach solchen Wonnen?
- Damals lernt ich die Ekstasen
- der entbehrungssüchtigen Nonnen
- würdigen, und das geistige Rasen
-
- derer, die vor lauter Brünsten
- nach der reinen Inbrunst schreien,
- während sie mit Marterkünsten
- bis zum Rausch ihr Fleisch kasteien.
-
- Wahrlich, wenn der Heiligen einer
- jetzt vor meinem Bett erschiene,
- brünstiger als ich rang keiner!
- Und mit eingeweihter Miene
-
- dürft ich ihm die Hände reichen:
- Komm, hier kannst du ruhig beten.
- Mußte doch selbst sie mir weichen,
- die Versucherin der Asketen,
-
-
-Venus Mystica.
-
- „Ich möchte die Flamme umarmen!“
- Aus schwerem Schlaf
- in stiller Nacht
- weckte mich dies Wort;
- ich weiß nicht, wer es sprach;
- Stimme, wer bist du?
-
- Nackt, mit bettelnden Fingern,
- weiten Armen,
- mit Weibesbrüsten,
- ein irrer Mund,
- flehst du aus der Nacht
- die große strahlende Flamme an?
- Weg! sie brennt!
-
- Trunken naht ein grauer Blick,
- schwelt:
- um die klare Glut
- mit beiden Knieen
- schlingt sich heiß ein hitziger Schooß.
- Weib: so nicht!
-
- Kalt, aufrecht seh ich
- in dein rauchschwarz flackerndes Haar
- die lichte Lohe fassen,
- dich verzehrend.
- Rein und ruhig
- steigt die feurige Säule
- aus der kurzen Beschattung
- mit dir auf.
- Stimme, so, nun darfst du
- -- jauchze! -- die Flamme umarmen.
-
- *
-
- Wohl, so hat mein Herz in Züchten
- mein unzüchtig Blut bekämpft,
- hat in Angst vor seinen Süchten
- seine Sehnsuchtsglut gedämpft,
-
- hat mir Sieg auf Sieg errungen,
- aber Frieden, Frieden -- nein!
- In gespenstischen Peinigungen
- lebt ich schreckhaft, bis selbst Dein
-
- reines Lichtgelüst mich reute,
- tief in einer trüben Nacht,
- die ich schlaflos so wie heute
- unter Geistern zugebracht,
-
-
-Venus Idealis.
-
- Ich lag in Zweifeln schon die halbe Nacht:
- Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm,
- doch +darf+ ich folgen? ists ein Geist der Wahrheit?
- ists Eitelkeit? so rang ich mit der Nacht.
- Und furchtsam dacht ich an das unverstandne
- Gebet der Kindheit: nicht wie Ich will, Vater,
- in Deine Hand befehl ich meinen Geist!
- Und heftiger rang ich, wie einst Jesus rang.
-
- Da bannte mich der Geist in Traum. Ich stand
- an eines Weltmeers aufgewühlter Fläche.
- Sehr finster war’s. Doch finstrer ragte noch,
- zackig ins Himmelsdunkel hochgetürmt,
- ein starr Gebilde wie ein Felseneiland.
- Dumpf um es schnob und brodelte die Flut;
- und ich erkannte, eine Sintflut wars,
- die ein verwittertes Stück Welt zerfraß.
-
- Auf einmal wurde Licht; grell quoll der Mond
- durchs wechselnde Gewölk, die Brandung glänzte,
- und hoch im Gischt in grauenhafter Ohnmacht
- rangen zwei letzte Menschen, Mann und Weib.
- Ich sah sie sinken. Doch noch einmal tauchte
- das Weib krampfhaft aus Sturz und Strudel auf:
- der nackte Körper bäumte sich im Schaum,
- und schimmernd, während ihn der Schwall verschlang,
- entwand sich ihrem zuckenden Schooß ein Kind.
-
- Da wars, als käm ein Staunen in den Aufruhr;
- der Mond besänftigte die wüste Flut,
- die Wellen hüpften um das kleine Leben
- und wuschen es und wiegten es und trugen
- es langsam durch die Klippen an das Eiland.
- Und nun gewahrt ich auf dem schroffen Gipfel
- ein andres Weib. Schwarz, ganz und gar verhüllt,
- in riesenhafter Starrheit saß sie da;
- es war, als ob ihr Haupt die Wolken streifte,
- +ein+äugig starrte sie aufs Meer hinab,
- und bis ins Mark verwirrte mich der Blick.
- Doch furchtlos langte nach ihr auf das Kind.
-
- Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe,
- und nahm es mit gelassner Hand ans Herz,
- und öffnete die Tücher ihrer Brust,
- und tränkte es, und küßte es, und schaute
- ihm traumhaft in die Augen; liebreich glomm
- ihr Blick hinüber in des Kindes Blick,
- als zündete sie drin das Seelchen an.
-
- Und in dem Arm der Riesin wuchs das Kind,
- und wuchs, und sprach das erste Wort, und wuchs.
- Da nahm es von der Brust die Rätselhafte
- und setzte mit gelassner Hand es wieder
- hinab ans Ufer, wo ein neues Land
- sich aus den Fluten hob, und hieß es gehen;
- ihr stummer Blick wies in die blasse Ferne,
- dann saß sie starr und dunkel wieder da.
- Auf stand der Knabe, Furcht befiel auch ihn,
- der erste Schmerz verstörte seine Stirne;
- und scheu gehorchte er, und ging, und wuchs,
- und immer wachsend ging er immer weiter,
- bis ich im Morgendunst des Horizonts
- ihn einem Schatten gleich verschwinden sah.
-
- Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr;
- weitäugig starrte sie hinaus aufs Wasser,
- als müßten immer neue Menschlein kommen,
- sich Leben holen hoch an ihrer Brust.
- Da konnt ich ihren Blick nicht länger dulden:
- nur Einmal wollt ich in dies Auge sehn,
- dies Geisterauge, das dort oben über
- der grauen Flut aus seiner schroffen Höhe
- so groß und bleich im Mondlicht flimmerte.
- Und bittend, bettelnd hob ich meine Hände:
- O komm! komm her zu mir und sieh mich an,
- wie du den Säugling ansahst! Einmal nur
- tu mir das Wunder deines Wesens auf!
- Gib mir Erkenntnis! gib mir Ruhe, Ruhe! --
-
- Da stieg sie dröhnend von dem Felsgrat nieder.
- Vor ihren Schritten teilte sich die See.
- Und näher, immer näher kam sie dröhnend.
- Vor Schreck und Jubel sank ich in die Kniee.
- Selige Tränen übermannten mich.
- In strudelnden Farben floß ein Lichtmeer um mich.
- Da stand sie vor mir, beugte sich herab.
- Mit bleierner Faust umspannte sie mein Kinn
- und bog es hoch. Aus meinen Tränen mußt ich
- sie ansehn: Aug in Auge -- oh Erkenntnis:
- Stein war es! Stein! ein glotzender Opal! --
- Laut schrie ich in die Nacht, und wachte auf;
- da sah ich weinend in den grellen Mond.
-
- *
-
- Ohnmacht, Scham, Verzweiflung, Selbstgefühl
- schrien mir zu: Spei deiner Qual ins Antlitz!
- Lachhaft, lachhaft ist dein Kampfgewühl,
- Gottnatur ist Menschenwahnwitz!
-
- Menschheit ist ein sehnsuchtstrübes Rühricht,
- überspannt von einem Regenbogen.
- Darauf steht die schillernde Inschrift:
- hier wird grenzenlos gelogen!
-
- Brauchst du Rausch, den hat dir echt und klar
- Noah nach der Sündflut schon erschlossen!
- Und ich brauchte ihn fürwahr.
- Wißt ihrs noch, ihr alten Zechgenossen?
-
- Strindberg, herrlichster der Hasser,
- Scheerbart, heiliges Riesenkänguru,
- und vor Allen Du, mein blasser,
- vampyrblasser Stachu du,
-
- der mit mir durch manche Hölle
- bis vor manchen Himmel kroch,
- Cancan tanzend auf der schwindelnden Schwelle --
- Przybyszewski, weißt du noch:
-
- wie wir, spielend mit der blöden
- Sucht nach unserm Seelenheile,
- aufgestachelt von der öden
- Wüstenluft der Langenweile
-
- und der Glut der Toddydünste,
- unser Meisterstück begingen
- in der schwierigsten der Künste:
- über unsern Schatten zu springen?!
-
- Wie wir jedes Weib verpönten,
- das nicht männlich mit uns tollte;
- wie wir selbst auf Nietzsche höhnten,
- der noch „Werte“ predigen wollte!
-
- Denn auch wir, wir waren jeder
- mehr als weiland Faust verschrien.
- Darum schrieb ich auf mein Dichterkatheder:
- Doctor sämtlicher Philosophieen!
-
- Und da sah ich endlich sie erscheinen,
- die noch niemals jemand sah,
- sie, die Schöpferin des All-Einen,
- sie, des Satans Großmama:
-
-
-Venus Metaphysica.
-
- Plötzlich sah ich draußen das Feld
- ganz von magischem Licht erhellt.
- Durch die äußersten Straßen von Berlin
- schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn,
- ich mußte nur immer gehn und gehn,
- schließlich blieb ich im Sande stehn;
- halbhoch in der Unendlichkeit
- stand der Vollmond, meilenweit.
- Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne,
- mir war so anders im Gehirne;
- ich fühlte, mir wollte was passieren,
- mir war so weltweit. Die Gaslaternen
- schienen sich förmlich zu entfernen.
- Hinter den schwarzen Vorstadtquartieren
- drüben am dunkleren Himmelsrand
- wurde ein Feuerwerk abgebrannt;
- der letzte Böller war kaum verkracht,
- da schlugs vom Rathaus Mitternacht.
-
- Mir lief schon wieder der Schweiß vom Hute,
- der Juli lag mir wohl im Blute;
- ich sah mich um. Kein Laut von Leben;
- bis hoch ins höchste Äthermeer
- kein Bein! Die Landschaft dito leer,
- ganz leer -- Berliner Landschaft eben,
- wo nur symbolisch hin und wieder
- ein borstiger Büschel Gras aufsprießt,
- als hätte der Sand ihn ausgeniest.
-
- Seltsam: was hat der Mensch für Glieder!
- Mich zwang ein geisterhaftes Regen,
- in diesen Sand mich hinzulegen,
- platt auf den Rücken. Der Mond stand grade
- senkrecht über dem Schornsteinschlund
- einer düstergrauen Fabrikfassade;
- da stand er blank und kugelrund
- wie aus der Kanone hochgeschossen.
- Ich wünschte, er möchte runterfallen
- und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen,
- und machte noch sonstige mystische Glossen,
- zum Beispiel über die Jakobsleiter,
- mir wurde immer weltenweiter.
-
- Auf einmal -- ich rieb mir die Augenlider,
- aber wahrhaftig: jetzt schon wieder:
- der Mond, kein Zweifel, er rührte sich.
- Die Kugel verschob ihre Flecken und Falten,
- sie schien mir beinah zwiegespalten;
- und was ich bisher für den Mond gehalten,
- die Geister überführten mich,
- das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke.
- Denn frei der blöden Sinnenschranke
- erkannt ich: es war die hintre blanke
- Lendenpartie und noch was Schlimmers
- eines überirdischen Frauenzimmers.
- Ihr Kopf war völlig unsichtbar,
- auch Arme und Beine und Zehenspitzen;
- sie mußte stark in Kniebeuge sitzen.
- Doch aus allem Übrigen sah ich klar:
- so’was, das gibts blos in höheren Zonen,
- sie hat, weiß Gott, vier Dimensionen.
-
- So lag ich und entzückte mich
- an ihrer wunderbar schwierigen Stellung,
- mein Blut kam immer mehr in Schwellung,
- und nur das Eine bedrückte mich:
- ob die Geister wohl Unheil sinnten
- mit dieser Offenbarung von hinten.
- Und kaum geahnt, da seh ich schon,
- daß diese maßlose Weibsperson
- nicht still sitzt. Himmel! sie kommt, mir graust,
- unaufhaltsam auf mich losgesaust,
- kommt immer näher, wird immer blanker,
- hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker,
- mir schwindelt, mir vergeht das Licht,
- mir will das Herz durch Haut und Hemd,
- zitternd erwart ich das Donnergewicht,
- und die Hände unter den Kopf geklemmt
- -- jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß,
- bumms! Schon will ich mich tot erklären
- aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß,
- wupp: wie etwa die Hemisphären
- eines Tragischen Heroinen-Popos.
-
- Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form
- seh ich ihn mir nun näher an:
- hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm --
- wie einen das Jenseits doch täuschen kann!
- Sonst sah ich nichts als um den Kopf
- einen dicken, grauen, gepuderten Zopf,
- und da sie keine Anstalt machte
- sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte:
- sie wird als Dame wohl Gründe haben,
- dich nicht mit ihrem Anblick zu laben.
- Die Beine hielt sie steif in der Mitte
- zwischen den meinen in den Sand;
- sie war wohl von dem luftigen Ritte
- noch echauffiert. So lag ich galant
- stille und fühlte durch die Hosen
- ihre unsterblichen Pulse tosen.
-
- Wupp! machte sie plötzlich wieder -- und
- ich muß gestehn, mir tat das wohl,
- ich schloß die Augen -- und wuppwup, hohl
- erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund:
- „Mein Name ist Meta“, wupp -- „genauer
- Frau +Meta Physika+“ wupp. „Ich bin
- Astralweib“ wupp -- „und von ewiger Dauer.“
- Mir wurde immer wohler zu Sinn,
- wie sie so jedes Komma und Zeichen
- nachdrücklich angab in meinen Weichen.
- Wupp: „Wem nämlich die krause Welt
- nicht mehr genug von Vorne gefällt,
- dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten,
- in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten.
- Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden
- auch bei Dir zu Gaste geladen,
- wupp!“ Das war mir nun sehr erbaulich,
- aber sie wuppte mir fast zu gut;
- mir wurde immer dunkler zu Mut,
- immer beklommner, mir wurde graulig.
- Ich wollte die Augen öffnen -- vergebens:
- ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens.
-
- Wupp, gings unten in meinem Schooß
- mit Himmelskräften von frischem los,
- während sie oben grollte: „Du kleines
- Menschlein willst dich gegen mich steifen?
- Was, ich bin dir zu dunkel gewesen?
- Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines
- der allgemeinsten weiblichen Wesen,
- wupp, die nächtlich im Freien schweifen:
- warte, du sollst es schon begreifen,
- wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar
- es ist haarsträubend, aber wahr!“
- Und wupp -- ich hörte noch was wie „schleifen“,
- mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille,
- alle Gefühle standen mir stille;
- denn immer eifriger wurde, oh,
- dieser fürchterliche Astralpopo.
-
- Endlich konnt ich mich wieder ermannen
- und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen
- ihre unbewußten Körperstellen
- mir entgegen wie zwei Riesenpfannen.
- Der Rücken ist -- in beiden Axen --
- um mindestens drei Systeme gewachsen,
- ich kann ihn garnicht zu Ende sehn;
- von Kopf nicht mehr die geringste Spur,
- ein dürftiger Zipfel vom Zopfe nur,
- und nicht ein Wort mehr zu verstehn.
- Doch gottseidank pausierte sie leise
- mit ihrer sitzenden Arbeitsweise.
-
- Ich überlege schon, ob ich sie bitte
- sich zu entfernen; da -- wupp, wup wupp --
- stampft’s wieder los in meiner Mitte,
- jetzt fast schon wie’ne Kanone von Krupp.
- Von oben hör ich wie Unkenstimmen
- dunkle Offenbarungen stöhnen,
- die immer übersinnlicher tönen
- und schon ins Transscendentale verschwimmen.
- Ich stöhne selber: wie komm ich los!
- Denn wupp, entsetzlich: mit jedem Stoß
- wächst ihre physische Proportion
- zurück in die vierte Dimension,
- und immer fetter schwoll und fetter
- ihr unermüdlicher Katterletter.[*]
-
- Zwar ihr Vergnügen, das gönnt ich ihr herzlich;
- aber mir wurde die Sitzung schmerzlich.
- Mein spiritistisches Fluidum
- spritzte schon literweise herum;
- ich hörte kaum noch ihr Gebrummsel,
- ich armes menschliches Medibumsel.
- Sie wuppte, wupp, immer wuppiger,
- mir wurde immer matter und matter,
- sozusagen immer schaluppiger.
- Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter
- und platter wurde, und mit den letzten
- Kräften schrie ich ins Äthermeer:
- „Madam! Sie werden mir zu schwer!“
- Aber ihre Bewegungen setzten
- sich mit unveränderter Miene
- nur noch kategorischer fort.
- Sie trieb mirs gradezu wie zum Tort,
- diese grenzenlose Buttermaschine;
- sie wollte mich vollends, schien’s, vergeistigen.
- Jetzt wurde ich wild. Ich schrie: „Madam!
- Heda! Wie können Sie sich erdreistigen,
- mich so zu quetschen! ich bin kein Schwamm!
- So hören Sie doch! Sie altes Kalb,
- Sie Mondkalb Sie!“ Da: hui, ein Kneifen,
- ich höre die Engel im Himmel pfeifen --
-
- „Herr, mit Verlaub, ich bin ein +Alb+“,
- brüllt sie, daß mir der Schädel gellt,
- „und bleibe auf eurer unglaublichen Welt
- gefälligst so lange, wie +Mir’s+ gefällt,
- verstanden?!“ Und +hui+, wupp, seh ich -- o Grausen,
- Erbarmen, Rettung -- ihren Zopf
- sich blähen und auf mich niedersausen:
- der ganze Himmel erscheint Ein Schopf,
- eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren,
- die immer spiraliger niederfahren:
- sie wickeln sich mir um alle Gelenke,
- um Hals und Arme und Brust und Weichen --
- Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren,
- vor meinen Augen tanzen verrenke
- riesige Paragraphenzeichen,
- die mir alle Sinne zuschnüren --
- Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens:
- sie umwickelt mich immer wilder,
- vor meinem Geiste erscheinen die Bilder
- meines aprioristischen Lebens,
- während sie meinen sterblichen Rest
- immer platter a posteriori preßt --
- und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben:
- ich fühle, wie sich die Seelenspitzen
- ihrer Behaarung in alle Ritzen
- und Poren meines Leibes schieben --
- ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach,
- es kriecht mir kribbelnd in Ohren und Mund,
- in Gaumen, Kehle, Nase, und
-
- hapschih, pschih! nies’ich -- und bin wach.
- Und liege im Sande mit der Nase,
- dicht bei einem borstigen Büschel Grase.
- Halbhoch in der Unendlichkeit
- stand der Vollmond, meilenweit.
-
- [*] +Anm. d. Setzers+:
-
- ~Quatre lettres~ = Vier Buchstaben scheint der Herr Doktor
- gemeint zu haben.
-
- *
-
- Und so hab ich mit Gelächter
- manchen Geisterrausch bestanden,
- trank als Raum- und Zeit-Verächter
- meinen Gottgeist fast zuschanden,
-
- trank mich frei von Menschheit, Welt und Weib,
- aber +war+ das, +war+ das Freiheit? Nein!
- Mitten in den knechtischen Zeitvertreib
- herzerkältender Spöttereien
-
- tratest Du, Du, die gleich mir gelitten
- unter Irrtum, Schuld und Sehnsuchtsleid
- und sich dennoch Lebenslust erstritten,
- herrlich in Liebseligkeit --
-
- Und ich sah die Wärme deiner Wangen,
- deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht:
- eines Sommerglückes Prangen
- mitten in der Winternacht!
-
- Und ich zeigte dir mein scheues Wehe;
- und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß.
- Aber wild erschrak’s vor neuer Ehe.
- Und ich rang mit dir -- und rang mich los --
-
- los -- und ließ mich vollends von der Schwere
- meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen;
- über Länder, über Meere
- trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen.
-
- Auf den blumigsten Inseln Griechenlands,
- an Italiens blauesten Uferborden
- saß ich echter deutscher Duselhans
- voller Heimweh nach dem Norden.
-
- Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten
- Pfühl in dieser fremden kalten Kammer
- und verwühl mich mit erstarrten
- Gliedern wieder in den alten Jammer.
-
- Wie auch Du wohl. Und ich seh und höre
- mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen
- und dein ruhlos Herz beschwören,
- prüfend, mit gedämpfter Stimme,
-
-
-Venus Occulta.
-
- Ist das noch die große Stadt,
- dies Geraune rings im Grauen?
- diese Männer, diese Frauen,
- kaum erschienen, schon verschwunden;
- und die Sonne steht so matt
- wie ein kleiner, rotgewordner Mond da.
-
- Drück dich dichter an mich an,
- wie der Nebel an die Mauern!
- Keiner stört den stillen Bann,
- wenn wir Blick in Blick erschauern.
- Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch;
- jeder wilde Laut wird stumm.
-
- Hebe deinen dunkeln Schleier,
- daß dein Atem mich erquickt!
- Keiner stört die stille Feier,
- wenn sich uns in diesem Dunste
- fester Hand in Hand verstrickt.
- Diese Straße mündet in den Himmel.
-
- Oder weißt du, wo wir sind?
- Küsse mir die Augenbrauen!
- küsse mir die Seele blind!
- Diese tote Stadt ist Babel,
- und ihr blasser Dampf umspinnt
- eine tausendjährig trübe Fabel.
-
- Alle Farben sind ertrunken.
- Nur auf deinem schwarzen Haare
- flimmern noch die Purpurfunken
- deines Hutes aus Paris,
- rot wie unsre Lippenpaare;
- und mein blauer Wettermantel raschelt.
-
- Du, was träumst du? Deine Augen
- waren eben wie zwei Kohlen,
- die sich von der Glut erholen;
- ja, du bist Semiramis!
- Und in seinem dunkelblauen Mantel
- führt dein Odhin dich ins Paradies.
-
- Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen,
- bis der Gott zu seiner Göttin kam;
- und du hast manch braven Mann,
- ich manch gutes Weib verlassen.
- Aber dies ist unsre letzte Irrfahrt;
- drück dich dichter an mich an!
-
- Sag mir -- Nein: horch! was für Töne?
- warum stehn wir so erschrocken?
- Dies verhaltene Gestöhne
- aus den Wolken, dies Gedröhne,
- kannst du diesen Lärm begreifen? --
- Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken.
-
- Vor verschiednen hundert Jahren
- herrschte hier ein Gott der Leiden
- über traurige Barbaren.
- Komm, wir wolln die Götter trösten,
- daß sie sich in Dunst auflösten,
- wir zwei seligen verirrten Heiden.
-
- *
-
- Aber +sind+ wir denn noch Heiden heut?
- +will+ ich denn ins alte Paradies?
- Hat nicht Er so Mann wie Weib erneut,
- der die Kindlein zu sich kommen ließ?
-
- Helft mir, Sterne! Hoch ob meiner Pein,
- hoch ob jener Häuser finsterm Graus,
- wie auf Bethlehem so mild und rein
- strahlt ihr fernhin auf mein Vaterhaus.
-
- Sprach er wahr, der klagende Lebenstraum,
- den mein Wille gestern Nacht durchschritt?
- Lautlos hing der dunkle Weltenraum;
- und im stillen schrittest du wohl mit,
-
-
-Venus Vita.
-
- Ein Feldweg, Herbstnacht, und um Morgengrauen;
- die kahlen Bäume stehen da wie tot,
- ich aber wandre, ohne aufzuschauen.
-
- Ich fühle eine Furcht; und Regen droht.
- Ich höre den gedüngten Acker schweigen;
- und heute wird kein Morgenrot.
-
- Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen
- sagt keine Tafel mir die rechte Spur:
- soll ich hinunter, soll ich steigen?
-
- Da deucht mir, in der tiefen Flur
- rief mich mein Name, aus ersticktem Munde.
- Ich horche; Nichts. Im Osten nur
-
- enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde.
- Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut,
- mir dämmert eine längst vergangne Stunde,
-
- und wieder hör ich fern und laut
- die bange Stimme meinen Namen rufen;
- und mir graut.
-
- Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen
- bekannt; ich bin so wandermatt.
- Und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen?
-
- Hinab! -- Schon wird der Abhang glatt;
- auf einmal, wie von einem Kinderwagen,
- springt mir ein Rad
-
- unter den Füßen auf. Ich seh es jagen,
- es springt und rollt den Kiesweg vor mir her,
- seh’s Funken schlagen;
-
- mein Schreck, mein Zittern wird Begehr,
- ich muß ihm nach, es haben! Bis zur Kehle
- hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr,
-
- und immer ruft mich klagend jene Seele
- und winkt das Licht,
- das Rad -- halt! -- Jetzt --: ich greife -- fehle --:
-
- es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh’s zerbricht!
- Ich fass es, stürze -- wach’ ich? -- meine matten
- Finger umklammern es -- -- Nein -- nicht:
-
- in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten.
-
- *
-
- Werd ich also stets ins Leere fassen?
- lebt nichts ewig vor mir her?
- Nein! ich will mir nicht vom Leben mehr
- meinen Blick verblenden lassen.
-
- Ihr selbst, ihr verführerischen Sterne,
- wozu schürt ihr meine Seelennot?
- Eisig haucht die gleißnerische Ferne:
- ewig lebt allein der Tod.
-
- Sei’s denn! Umso unfaßbarer, freier,
- umso weiter, unbegrenzter
- strahlt des Daseins Auferstehungsfeier --
- niemals sah ich die Nacht beglänzter!
-
- Stirb, du Sehnsucht meiner Jünglingsnächte:
- eine reifere Inbrunst lebt mir nun:
- Einst wird all dies tiefe Trachten ruhn,
- aber ihm entsteigt in höhere Prächte
-
-
-Venus Mors.
-
- Eine rote Feuerlilie schreitet
- riesig durch die Weltennacht.
- Von der Sonne bis zum Sirius breitet
- sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht
- des gezähnten Schlundes kocht von Gluten,
- düster flammt des Randes Zackenfirne;
- um die wirbelnden Gestirne
- schlingt sie hungrig ihre Samenruten.
-
- Grell aufzüngelnd schlürft sie die getrennten
- Welten gierig in den brünstigen Schooß;
- aus den schwarzen Firmamenten
- ringen Sonne, Sirius sich los.
- Lodernd sehn sie die Unendlichkeiten
- ihrer alten Sehnsucht überbrückt;
- aus den Angeln wanken sie verzückt,
- zu einander stürzen die befreiten.
-
- Taumelnd folgen, brodeln, glühen
- ringsum die Trabantenlüfte;
- aus der brennenden Lilie sprühen
- Lavastürme durch die Himmelsgrüfte.
- Auf der Erde rast ihr Licht als Mord;
- sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen,
- Asche trieft aus blendenden Wolkenhöllen,
- alle Kreatur verdorrt.
-
- Nur ein Brautpaar will noch fühlend enden,
- keuchend, schon erblindet beide;
- mit den heißen Liebeshänden
- tastet er an ihrem Kleide.
- Aber in der Nacht der Seele
- wird der wilde Durst zur Wut:
- tastend wittert er ihr Blut,
- beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle.
-
- Alles saugt der große Flammenschlund.
- Kreisend will er überschäumen.
- Rissig klafft der zuckende Muttermund,
- Dämpfe bersten, Feuerpollen säumen
- den zerfetzten Riesenblütenrand:
- eine neue Welt entrollt der toten --
- Strahlend quillt sie aus dem morgenroten
- furchtbarn Siriusliebestodesbrand.
-
- *
-
- Dahin also sehnt sich alles fort,
- was auf Erden glimmt und flammt und loht;
- selbst die flackernden Straßenlichter dort.
- Und ich denk zurück an Dein Gebot,
- als ich heut aus erstem Schlummer fuhr,
- aufgescheucht von deinem Traumgesicht,
- daß der Menschenwille von Natur
- Bastard bleibt aus Finsternis und Licht,
-
-
-Venus Homo.
-
- Nun weißt du, Herz, was immer so
- in deinen Wünschen bangt und glüht,
- wie nach dem ersten Sonnenschimmer
- die graue Nacht verlangt und glüht;
- und was in deinen Lüsten
- nach Seele dürstet wie nach Blut,
- und was dich jagt von Herz zu Herz
- aus dumpfer Sucht zu lichter Glut.
-
- In früher Morgenstunde
- hielt heut ein Alb mich schwer umstrickt:
- Aus meinem Herzen wuchs ein Baum,
- o wie er drückt! und schwankt! und nickt!
- Sein seltsam Laubwerk tut sich auf,
- und aus den düstern Zweigen rauscht
- mit großen heißen Augen
- ein junges Vampyrweib -- und lauscht.
-
- Da kam genaht und ist schon da
- Apoll im Sonnenwagen.
- Es flammt sein Blick den Baum hinan;
- die Vampyrbraut genießt den Bann
- mit dürstendem Behagen.
- Es sehnt sein Arm sich wild empor,
- vier Augen leuchten trunken;
- das Nachtweib und der Sonnenfürst,
- sie liegen hingesunken.
-
- Es preßt mein Herz die schwere Last
- der üppigen Sekunden.
- Es stampft auf mir der Rosse Hast;
- er hat sich ihr entwunden.
- Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht,
- hohl fleht ihr Auge: bleibe!
- Er stößt sie sich vom Leibe,
- von Ekel zuckt des Fußes Wucht,
- hin rast des Wagens goldne Flucht.
-
- Es windet sich im Krampfe
- und stöhnt das graue Mutterweib.
- Mit ihren Vampyrfingern gräbt
- sie sich den Lichtsohn aus dem Leib.
- Er ächzt -- ein Schrei -- Erbarmen --: Ich,
- +mich+ hält der dunkle Arm umkrallt!
- Da bin ich wach -- -- doch hör ich,
- wie noch ihr Fluch und Segen hallt:
-
- Drum sollst du dulden, Mensch, dein Herz,
- das so von Wünschen bangt und glüht,
- wie nach dem ersten Sonnenschimmer
- die graue Nacht verlangt und glüht;
- und sollst in deinen Lüsten
- nach Seele dürsten wie nach Blut,
- und sollst dich mühn von Herz zu Herz
- aus dumpfer Sucht zu lichter Glut!
-
- *
-
- Seltsam: plötzlich ist mein Keller,
- ist mein ganzes Bett verdunkelt,
- während jeder Stern noch heller
- über jenen Häusern funkelt.
-
- An der Straße stehn wie Schemen,
- stehn erloschen die Laternen.
- Soll ichs mir als Zeichen nehmen?
- Ja! als Zeichen von den Sternen!
-
- Wie nach wilder Flucht ein Höhlentier,
- wie einst David Nachts vor Saul verborgen,
- so voll Himmelshoffnung wart ich hier,
- so voll Bangen auf den Morgen.
-
- Denn ich fühls, ich muß sie wiedersehn --
- doch ein Zaudern, das ich kaum begreife,
- raunt in mir: dann muß sie vor dir stehn
- als die Wissende, die reife
-
-
-Venus Sapiens.
-
- Nun, du Eine, tritt heran,
- höre meine wahrsten Laute;
- höre zu wie Jonathan,
- als sich David ihm vertraute.
- Schwer vom Hohn und Übermute
- Goliaths herabgemächtigt,
- hat bis heut in meinem Blute
- noch der greise Saul genächtigt.
-
- Zwielicht. Sterbend hängt die scharfe
- Zunge aus dem Lästermaul.
- Sieh, nun weint dein König Saul,
- denn dein David singt zur Harfe.
- Alle Kleider sind zerrissen,
- die den alten König schmückten;
- brütend hört er den Entzückten
- nahen aus den Finsternissen.
-
- Goliath tot! den König schauert;
- seine Schwermut ahnt das Ende.
- Und dein Sänger steht und trauert:
- blutbefleckt sind seine Hände.
- Aber weiter muß er schreiten,
- seine Töne sind ein Bann,
- selig greift er in die Saiten:
- Komm, o komm, mein Jonathan!
-
- Traure nicht um den gebeugten
- Vater, dem vor morgen graut;
- denn die Trübsal ist die Braut
- aller nicht vom Geist Gezeugten.
- Jonathan, du sahst ihn sitzen,
- den Berater deiner Reife,
- nackt und schamlos, und das steife
- Haupt umstarrt von Lanzenspitzen.
-
- Und du sahst vor seinem Zelt
- sterben den Philisterfürsten;
- aber Leben braucht die Welt,
- laß uns nach dem Geiste dürsten!
- Denn es weht von allen Hügeln
- immer neu sein ewiger Segen;
- lerne nur dein Herz beflügeln,
- und er wird auch dich bewegen!
-
- Jonathan, zu jeder Frist
- sei nun meiner Liebe sicher;
- und sie ist viel sonderlicher,
- als mir Frauenliebe ist.
- Glutwind droht den jungen Saaten;
- nimm den Bogen in die Hände,
- daß dein Pfeil mir Warnung sende,
- sinnt der Vater Wahnsinnstaten.
-
- Jonathan, hier steh ich nackt;
- du mein Bruder, Freund, Berater,
- hilf mir, wenn die Glut mich packt!
- Jona! Weib! noch giert der Vater!
- Jona, Schwester! unsre Kinder --
- Gattin! weinen meine Saiten -- --
- „David, komm! du Überwinder
- unsrer Unwillkürlichkeiten!“ ...
-
- *
-
- Wird sie so mir Antwort blicken? --
- Ja! kein Argwohn soll mir mehr
- meine Glaubenslust ersticken --
- +ihre Seele atmet zu mir her+.
-
- Und in alle meine Finsternisse
- dringt auf einmal lichter Sinn:
- schimmernd wie durch Wolkenrisse
- schwebt ein Wesen ob mir hin:
-
- das beginnt mich anzulachen,
- jungvertraulich, altvertraut --
- O, komm her aus deinem Himmelsnachen,
- ja, seit ewig warst du meine Braut,
-
-
-Venus Fantasia!
-
- Leih mir noch Einmal die leichte Sandale;
- sage, wer bist du, holde Gestalt?
- Reich mir die volle, die funkelnde Schale,
- die du mir fülltest so viele Male!
- Bist du die Jugend? Werde ich alt?
-
- O! dann fülle die funkelnde Schale;
- warum entweichst du mit aller Gewalt?
- Leihe, o leih mir deine Sandale!
- Willst du enteilen mit einem Male,
- weil ich Tor dich einst Törin schalt?
-
- Jetzt, jetzt preis’ich die leichte Sandale;
- horch, o horch, wie mein Loblied schallt!
- Reich mir noch Einmal die volle Schale!
- Laß sie mich schlürfen zum letzten Male,
- eh du enteilt bist -- o halt!! halt! halt --
-
- *
-
- Ach -- muß jeder Traum so enden?
- Nüchtern lichtet bald der Tag
- meine dämmergrauen Wände.
- Und von Stern zu Stern hin sinn ich nach,
-
- wie doch jüngst dein flüchtiger Trost mich freute,
- hoch in einer hellen Nacht,
- die ich ruhelos wie heute
- unter Geistern zugebracht,
-
-
-Venus Regina.
-
- Ich träumte, und ich wußte, daß ich träume;
- ich träumte, eine Fürstin sei gestorben.
- Barhäuptig, nur ein spärliches Gefolge
- von Trauernden, so stehn wir auserwählt
- in einem grauen Raume, dumpf beengt
- vom düstern Kreis der alten Sandsteinsäulen,
- vom Balsamdufte, den die Tote atmet.
- Am Sarkophage, der von Eisen ist,
- steht der gebeugte Fürst; von oben stiebt
- ein fahles Licht in die Rotunde, streift
- sein jugendliches Haar, den Sarg, und flimmert
- zu seinen Füßen in der offnen Gruft.
- Der Fürst weint. Seine Tränen, einzeln, langsam,
- zerblitzen an dem Eisenrand der Truhe;
- der Stein des Bodens saugt die Tropfen ein.
- Und auf der Truhe les’ich wie im Traum,
- nein nicht, ich träume nicht, ich lese deutlich
- in großen, grauen, eisernen Buchstaben:
- ~REGINA SEMPITERNA MORTUA~ --
- seltsam: die Herrscherin, die ewig lebt,
- die liegt hier tot. Ich habe ein Gefühl:
- der Fürst hat seine Gattin sehr geliebt!
- Ich höre staunend, wie wir alle singen,
- ich selbst mitsingend:
-
- Selig trauern
- Edle um ein edles Leben.
- Nie verliert sich, was gewesen;
- wenn du deines Grams genesen,
- wird in Sehnsucht, wird in Schauern
- dir dein Wesen
- das Verlorne wiedergeben.
-
- Jetzt hat der junge Fürst sich aufgerichtet;
- er wendet sich. Es ist ein Kaiser. Ja:
- ich träume nicht: es ist ein Deutscher Kaiser,
- im Krönungskleide steht er. Nein: es ist:
- ich träume doch wohl? ja, du bist mein Freund,
- mein einst in Lumpen umgekommener Freund,
- in Schuld und Schande, jetzt ein Kaiser -- nein:
- ich träume nicht: ich selbst, Ich bin der Fürst.
- Ich winke. Meine Edeln nahn und heben
- und senken mir mein Liebstes in die Gruft.
- Ich höre die gestrafften Seile gleiten,
- ich stehe abgewandt, ich weine nicht;
- nur selbst mit Hand anlegen konnt ich nicht,
- nur nicht es sehn, nur diesen Balsamduft
- nicht riechen mehr -- o singt! singt mir das Lied,
- ich mag dies marternde Geräusch nicht hören,
- ich +will+ nicht schluchzen! Und im Chore schluchz’ich,
- schluchzt das Gewölbe:
-
- Selig preisen
- Freie ein befreites Wesen.
- Was lebendig ist, will leben;
- lerne mit den Geistern schweben!
- Wenn sie dich aus deinen Kreisen
- mit sich heben,
- bist du deines Grams genesen.
-
- Und ich beherrsche mich. Mein Herz verlangt
- nach Licht. Und während hinter mir gedämpft
- die dunkle Halle tönt, tret ich ins Freie --
- taumle --: der blaue Mittagshimmel drückt mir
- blendend die Augen zu, betäubend stürmt ein
- vieltausendstimmiger Jubel in mein Ohr,
- der Atem stockt mir, ich erinnre mich,
- ich kann jetzt sehn, es ist mein jubelnd Volk,
- ich habe gestern ein Edikt erlassen
- „Mein Volk soll +fröhlich+ seine Toten ehren“,
- so wollte sie’s -- und wieder stürmt der Jubel.
- Sie feiern Frühling. In Terrassen leuchtet,
- vom Glitzergrün der Wipfel überbrämt,
- ein weiter Park von Linden unter mir.
- Ich steige nieder. Durch das schwärzliche
- Gewirr der Äste glänzt das Festgewühl,
- flimmern die Wiesen her. Von weißen Tauben
- scheint alles Laub durchschwirrt; ein Maigeruch
- bewegt die warme Luft und macht sie köstlich.
- Doch Tauben fliegen nicht so wellenlinig --
- nein, Blütenquirle! Blüten weißen Flieders,
- ein Meer von weißen Fliederblüten quirlt
- zwischen dem Menschenjubel. Ich erkenne:
- sie fassen, sie verlassen sich im Reigen,
- im Reigen reichen sie die Blütenzweige
- sich dar, und dem Geruch zuschreitend seh ich:
- sie sind ganz nackt. Nein, ihre Glieder atmen
- ein Licht aus, das sie einhüllt wie ein Schleier
- durchsichtig dicht. Um Hals und Handgelenke
- schimmern Geschmeide. Ihre Schultern schmücken
- zartzarte Flügel wie von märchengroßen
- Tagschmetterlingen oder Blumenblättern;
- und wer in Blondhaar geht, hat blauen Schmelz,
- wer braun ist, feuerroten -- nirgends Schwarz.
- So tanzt mein Volk und schwingt die Fliederzweige
- und ehrt den Willen Meiner Lieben Frau
- und sieht mich schreiten, wie im Traume schreit ich,
- und Jeder jubelt. Und auf einem Rasen
- sprudelt ein Brunnen, den ein Schwarm von Mädchen
- singend umwandelt:
-
- Tröstliche Lüste
- halten im Tode Leben verborgen.
- Wissen macht Sorgen.
- Wenn er sich drückte an meine Brüste,
- wenn er mich küßte,
- wußten wir nichts von gestern und morgen.
-
- Mein Krönungskleid beengt mich; eine Wärme
- strahlt wärmer als der Himmel aus dem nackten
- Geleucht der Jünglinge und Mädchen. Seltsam:
- von Schaar zu Schaar beschau ich mir mein Volk:
- es sind nur jugendliche Menschen da.
- Von Plan zu Plan sucht mein besorgtes Herz:
- auch für die Alten ist doch Frühling! Aber
- die Alten, seh ich, sind zu Haus geblieben;
- sie murren wohl im Zwielicht ihrer Stuben,
- sie kennen nicht mein kaiserliches Herz.
- O, meine Jünglinge, singt lauter! ihr,
- ihr ehrt den Willen Unsrer Lieben Frau --
- o lauter! Und das Laub der Linden bebt
- vom Chor der Männer:
-
- Lust ist Verschwenden,
- leben heißt lachen mit blutenden Wunden,
- Jahre sind Stunden!
- Wenn sie an deinen beseligten Lenden
- schien zu verenden,
- hieltet ihr Höllen mit Himmeln verbunden!
-
- Und immer wärmender wird ihr Geleucht,
- und immer drückender mein Krönungskleid,
- es brennt mich schon, ich werde rasten müssen;
- ich will das Fest verlassen! Schon zerfließt
- das Spiel der bunten Flügel fern im Grünen;
- die Schultern schmerzen mir, der Park scheint endlos.
- Die Bäume werden dichter, werden Wald;
- ich komme in ein Tal voll alter Birken,
- ich atme auf. Hier dringt der helle Jubel
- nur noch wie heiliges Wipfelbrausen her,
- kaum lauter als der Quell, der meinen Fußpfad
- murmelnd begleitet. Tiefer sinkt das Tal
- und biegt um einen Vorsprung, und der Quell
- zerrieselt im Geröll zu Silberfäden,
- die wie ein Lied -- nein: eine Stimme klingt --
- das Tal wird Schlucht, ein Strudel blinkert unten,
- die Birken streun bewegte Schatten drauf,
- ein Brückensteg -- und am Geländer lehnen
- von Sonnenlichtern überdämmert zwei
- der nackten Mädchen. Singend läßt die Blonde
- ihr Haar vom Wasserstaub besprühn, ich horche,
- ich bebe -- träum ich denn? -- sie sieht mich, Beide
- sehn mich und singen:
-
- Warum beben?
- Nur im Herzen ist es dunkel.
- Was die Tiefen uns gegeben,
- auszuleben,
- mahnt des Baches Quellgefunkel.
-
- Nein, nicht Traum! nein: mein süßer Schreck ist Leben!
- und ihre Stimmen leben; Beide lebt ihr!
- Du aber, Du da mit den Himmelsfarben,
- du hast die Stimme Meiner Lieben Frau,
- du sollst mein Trost sein, wie sie mir verhieß! --
- Ja, sie erwartet mich: sie winkt, sie kommt.
- Ich sehe, wie der Schimmer ihrer Brüste
- zwischen den Birken auftaucht, klar und klarer.
- Schon hebt sich deutlich von den weißen Stämmen
- ihr Hals ab, ihr Türkisenschmuck und Arm,
- ihr Gang, und der Rubinenschmuck der Andern.
- Wie Atemzüge höht und senkt sich sacht
- der Flügel Himmelsblau und Höllenrot.
- Schon kann ich ihre Augenlichter sehn;
- und seh sie, sehe sie, und wieder schießt mir
- der süße Schreck vom Herzen in die Schläfen,
- denn Du da, Du da mit den +braunen+ Augen,
- du hast die Augen Unsrer Lieben Frau,
- du sollst der Trost sein, den sie mir verhieß! --
- Jetzt haben sie sich Hand in Hand gefaßt;
- sie bleiben stehn, sie winken mich heran;
- hinab! hin! ich! Sie fliehn; ich keuche schon.
- Sie schwimmen durch den Bach ans andre Ufer.
- In meinem Krönungskleide breit’ich ihnen
- die Arme nach; ihr helles Lachen klingt.
- Sie stehn und singen:
-
- Kannst du schweben?
- Aus dem Tal der Einsamkeiten,
- wo die Kräfte sich erheben,
- lockt das Leben
- heim zum Wettspiel die befreiten.
-
- Sie wenden sich, sie wollen mich verlassen,
- wieder hinauf die Schlucht, zurück zum Fest.
- Sie brechen Zweige vom Gebüsch, sie kränzen
- im Gehn ihr Haar damit -- o bleibt doch! wartet!
- ich kann nicht nach so schnell! der Wassersturz!
- die Brücke liegt zu weit! mein Krönungskleid,
- mein schweres Krönungskleid, o wartet doch,
- ich werf es ab! da liegt es! +O wie leicht
- atmet der nackte Mensch!+ -- Das Wasser schäumt mir
- um Brust und Schultern. Ich bin drüben; ich
- erreiche euch! Sie flüchten. Ich bin schneller.
-
- Ich höre hinter mir ein Schwirren: ich
- bin +auch+ beflügelt. Sausend, doppelfarbig,
- aus Himmelsblau und Höllenrot geflammt,
- treibt mich mein Schwingenpaar der Blonden zu:
- ich halte sie. Ich -- Beide muß ich haben:
- dich mit den braunen Augen will ich noch!
- Jetzt! -- Nein. Die Blonde ist entschlüpft. Sie jauchzen.
- Sie reichen sich die Hände. Jubelrufe
- begrüßen unsre Jagd; Gesang; ein Reigen
- tanzt blütenschwingend uns vom Fest entgegen.
- Jetzt: zwischen meinen Fingerspitzen -- ja:
- hier braun, hier blond, ihr fliegendes Haar -- und jetzt:
- ich halte +Beide+ ... ach ... ich bin erwacht.
-
- *
-
- Wie verschüchtert stehn die Sterne;
- manche sind schon fast verschwunden.
- In der zwielichtfahlen Ferne
- mahnen sie an schwache Stunden.
-
- Aus den hohen Häusern drüben gähnen
- alle Fenster dicht verhangen.
- Wieviel Lust mag da sich schämen
- unter den geschminkten Wangen.
-
- Wieviel Freiheit hockt da mißgestalt.
- Freude, Freude, laß mich nicht verzagen!
- Über jenes Dach wird bald,
- bald der Morgenstern sich wagen.
-
- Dunkle Allmacht, die ihn sendet,
- hilf mein suchendes Herz behüten,
- daß nicht neuer Trug es blendet!
- Nein, hilf +nicht+! ich will’s nicht hüten!
-
- Trotz dem Notschrei des Propheten,
- trotz der tausendjährigen Fleischverfluchung,
- will ich wieder und wieder beten:
- führe, führe uns in Versuchung!
-
- Sei gepriesen, ewige Leidenschaft!
- Wer Gefahr scheut, kann nicht siegen.
- Laß uns mit geprüfter Kraft
- aufstehn, wenn wir unterliegen!
-
- Herz, vertraue deinem Triebe!
- Seele, deine Weltbetrachtung
- wird nur durch den Mut der Liebe
- frei von Ekel, Reue und Verachtung.
-
- O, schon spürst du’s! Sieh, da steht sie wieder
- trostreich vor dir, wie sie damals stand,
- als sie innerst aus dem Äther nieder
- ihren Pfad in deine Kammer fand:
-
-
-Venus Consolatrix.
-
- Da kam Stern Lucifer; und meine Nacht
- erblaßte scheu vor seiner milden Pracht.
- Er schien auf meine dunkle Zimmerwand,
- und wie aus unerschöpflicher Phiole
- durchflossen Silberadern die Console,
- die schwarz, seit lange leer, im Winkel stand.
-
- Auf einmal fing die Säule an zu leben,
- und eine Frau erhob sich aus dem Glanz;
- die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz
- von hellen Rosen zwischen grünen Reben.
- Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte
- so sanft wie meine Heimatflur im Schnee,
- die Rüsche aber, die den Hals begrenzte,
- so blutrot wie die Blüte Aloe;
- und ihre Augen träumten braun ins Tiefe,
- als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe.
- Sie breitete mir beide Arme zu,
- ich sah erstaunt an ihren Handgelenken
- die starken Pulse springen und sich senken,
- da nickte sie und sagte zu mir: Du --
- du bist mühselig und beladen, komm:
- wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen.
- Du brauchst das große Leben nicht zu fliehen,
- durch das dein kleines lebt. O komm, sei fromm!
-
- Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche
- und nestelte an ihren seidnen Litzen
- und öffnete das Kleid von weißem Plüsche
- und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen,
- die zart das blanke Licht des Sternes küßte,
- die braunen Knospen ihrer bleichen Brüste,
- dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut,
- das einst den kleinen Heiland selig machte,
- bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte,
- Maria ich, die Nazarenerin --
- o sieh, es ist des selben Fleisches Blut,
- für das der große Heiland sich erregte,
- bevor ich in sein kleines Grab ihn legte,
- Maria ich, die Magdalenerin --
- komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden,
- und lerne dich erlösen und gesunden!
-
- Und lächelnd ließ sie alle Kleider fallen
- und dehnte sich in ihrer nackten Kraft;
- wie heilige Runen standen auf der prallen
- Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft,
- in Linien, die verliefen wundersam
- bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham.
- Da sprach sie wieder und trat her zu mir:
- Willst du mir nicht auch in die Augen sehn?!
- Und meine Blicke badeten in ihr.
-
- Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn,
- ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben,
- mich selig tiefer, immer tiefer streben,
- ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn --
- weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben,
- und ihren Kranz von Rosen und von Reben
- umklammernd, während wir verbeben,
- stamml’ich: o auf -- auf -- auferstehn! --
-
- *
-
- Auf! In solcher Tiefe kann
- ruhig nur die Urkraft strudeln.
- Furchtsam fühl ich reifer Mann
- wieder Kindheit in mir sprudeln.
-
- Aber diese Furcht ist herrlich kühn,
- ist die Ehrfurcht vor dem Übermächtigen.
- Mit Entzücken seh ich euch verblühn,
- bleiche Sterne! Sanft verdrängt die nächtlichen
-
- Einzellichter ein noch kaum Geleuchte,
- aber leuchtend wird es kühner:
- Wo mir nichts als Grauen deuchte,
- fängt ein Häuflein silbergrüner
-
- Morgenwölkchen an zu gaukeln,
- Hoffnungsinseln, goldgeränderte;
- an den weißen Ufern schaukeln
- Freiheitsgondeln, buntbebänderte.
-
- Wohl, sie werden bald zerfließen,
- aber ihre Farbenwellen
- wirbeln weiter und ergießen
- Trost in tausend Kerkerzellen.
-
- Dankbar staun ich in das Lichtgetriebe:
- all der Glanz ist mir durch Dich entglommen,
- Dich, du eine, einende Liebe,
- der die Lüste alle frommen,
-
-
-Venus Universa.
-
- Du sahst durch meine Seele in die Welt,
- es war auch Deine Seele: still versanken
- im Strom des Schauens zwischen uns die Schranken,
- es ruhten Welt und Du in Mir gesellt.
-
- Dein Auge sah ich grenzenlos erhellt:
- Erleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken
- zusammenströmend unsre Zwiegedanken,
- in Deiner Seele ruhte Meine Welt.
-
- Und ganz im Weltgrund, wo sonst blindgeballt
- entzweite Lüste hausen voller Fehle,
- enthüllten sich auf einmal unsre Hehle
- vereint als lauter Liebeslustgewalt.
-
- Denn Liebe ist die Freiheit der Gestalt
- vom Bann der Welt, vom Wahn der eignen Seele.
-
- *
-
- Das ist Liebe. Und mit leichtem Sinn
- gäb ich all mein ernstes Selbstbeschauen
- spielbereit für Dein Empfinden hin,
- du liebseligste der Frauen!
-
- Ja, solch Spiel das ganze Leben,
- Lieberes könnt ich nicht erwerben;
- Frohsinn hast du mir gegeben!
- Doch -- auch Du, auch Du wirst sterben.
-
- Wild und wehe und zum letzten Mal
- wird mein Herz an deinen Leichnam schlagen;
- still in unserm Freudensaal
- wird dein steinern Bildnis ragen.
-
- Einsam werd ich wieder dann erschauern
- vor den wirren Weltgewalten;
- oh Vernunft, sie überdauern
- unser menschliches Gestalten.
-
- Blaß im Leeren steht der Morgenstern,
- nur noch wie ein überflüssiges Pünktchen;
- und doch hängt sich immer wieder gern
- jede Seele an dies Fünkchen.
-
- Bis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn
- über tausend angstbefahrenen Gleisen,
- sieht’s in teilnahmloser Bahn sich drehn
- bis ans Ende aller Erdenreisen --
-
- sieht die Schaaren der vom Sturm Umbrandeten,
- die Myriaden der nach Rettung Winkenden,
- der Gescheiterten, Gestrandeten,
- der Verschmachtenden, Ertrinkenden --
-
- sieht sich mitgequält von all der Qual:
- Seele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?!
- Aber da vertreibt den trüben Schwall
- eine Stimme, sternhin ein Erbrausen:
-
-
-Venus Heroica:
-
-Psalm an den Geist
-
- Bleibe dir heilig, Geist,
- Herr deiner Seele!
- Ein fremder Schein beirrt dich noch:
- was spähst du nach Schiffen im Nebel,
- von Andern gelenkt?!
- Aus deinem Leuchtturm blickst du hinab,
- und Ströme, auf denen der Erdball durchs Weltdunkel rast,
- reißen an dir und reizen zum Sturz
- hinunter ans lauernde Ufer.
-
- Dort standest du schon als Jüngling;
- und während Woge auf Woge kam,
- schriebst du, den Krückstock tief einbohrend,
- Namen auf Namen in den feuchten Triebsand,
- geliebte Namen -- und keiner blieb.
-
- Manche taten schon so
- und wurden stolze Verzweifler.
- Aber mächtig macht nur der Glaube;
- und Niemand lebt, den sein Tiefstes
- nicht noch über die Sonne hinaufweist,
- über die Sterne, und weiter.
-
- Sahst du nicht gestern die Zimmerleute,
- wie sie die Leiche auf der Leiter trugen,
- vom Neubau weg:
- machte nicht jeden ihrer schweren Schritte
- die Kraft des Abgestürzten
- sichrer als je ihn selber?!
-
- Wahrlich, Keiner von Diesen
- wird sich zu Tode stürzen;
- und wenn sie einst den Geist aufgeben,
- wird jede dieser sechs Handwerkerseelen
- -- wir Alle sind Erben --
- hell triumphierend an den Schauder denken,
- als sie den Andern auf seinem Werkzeug trugen.
- Bleibe dir heilig, Geist:
- +Herr+ deiner Seele!
-
- *
-
- Auf denn, Seele! reck die Glieder!
- fast beschämt mich mein Geträume;
- draußen hör ich meinen biedern
- Schuster schon am Werktisch räumen.
-
- Und sein närrischer Altgeselle
- wird nun gleich nach Frühstück brüllen
- und mich dann mit Bibelstellen
- ganz wie Tolstoi mürbe knüllen.
-
- Warte nur, verehrter Schutzpatron:
- heut kommts anderst! Mit den Mucken
- deiner christlichen Passion
- kannst du dann den Pechdraht jucken.
-
- Ja, ihr würdigen deutschen Volks-Betbasen,
- faltet nur entsetzt die Hände!
- Ehre genug für eure jüdischen Phrasen,
- daß ich meinen Groll euch spende.
-
- Lachen sollt ich, daß der Himmel kracht,
- über euer Menetekel;
- wie mein gallischer Freund Charles Simon lacht,
- wenn ich fluche „fin de siècle!“
-
- Himmel! kaum begreif ich noch die Sorgen
- meiner düstern Selbstbetrachtung;
- fröstelnd wie der junge Morgen
- reiß ich mich aus der Umnachtung.
-
- Nur noch Einmal will ich rückwärts schaun
- auf die grimmigen Wochen meiner Haft;
- nein -- sie wehrt es mir mit letztem Grauen,
- sie, die Stimme unsrer Schaffenskraft,
-
-
-Venus Mea.
-
- Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden,
- ich habe nun genug geschaut nach Osten;
- die Seele will in ihren Abendlanden
- Vollendung kosten.
- An dem Tor des neuen Evagartens
- steht ein knöchernes Gerippe,
- mit dem Ausdruck des Erwartens,
- aber nicht mehr in der Faust die Hippe.
-
- Sein Scheitel schimmert; eine Phönixfeder
- ragt aus der Rechten steil zum Sonnenrand,
- die spiegelt flammenfarbig, was je Jeder
- sann und empfand.
- In der Stunde einer Liebesfrucht
- sprüht ein Strahl aus diesem Spiegel;
- dann erlischt die Wonnesucht,
- keusch empfängt der dunkle Keim sein Siegel.
-
- Schon dämmert Glanz; kristallne Ketten hängen
- klar her zu dir aus väterlichen Sphären.
- So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen
- und dich verklären,
- Seele, bis dein grau Gehirn sich lichtet,
- wie die Sonne scheint durch Eis,
- und dir deine Brunst beschwichtet
- und im Traum selbst deinen Willen weiß.
-
- Noch flimmerts erst; tief lockt die alte Nacht
- mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten.
- Doch du wirst weiterstrahlen! du bist Macht!
- sieh, rings sind Fluten:
- wenn zwei Liebende zusammensinken,
- durch dein Glanzbild einst begeistert,
- und im Rausch dann blind ertrinken,
- wird ihr Keim von Deinem Geist gemeistert.
-
- So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters
- sollst du dem alten Garten kalt entschreiten;
- dir weist die Phönixfeder unsres Wächters
- Unsterblichkeiten ...
-
- *
-
- Nun verblich der Stern der Frühe;
- meine Augenlider brennen.
- Und die Sonne kann mit Mühe
- die gefrornen Nebel trennen.
-
- Mich verdrießt mein nächtlich Brüten.
- Drüben an den Häuserwänden
- sprießen diamantne Blüten.
- Meine Prüfung kann nun enden.
-
- Dieser Keller: dumpfer Zwinger!
- Auf die dunstbelaufnen Scheiben
- will ich breit mit steifem Finger
- +Venus Rediviva+ schreiben!
-
- Denn ich weiß, du bist Astarte,
- deren wir in Ketten spotten,
- Du von Anbeginn, du harte
- Göttin, die nicht auszurotten.
-
- Ich jedoch war weich wie glühend Eisen;
- darum sollst du mich in Wasser tauchen,
- bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen
- und der Stahl wird, den wir brauchen.
-
- +Nicht+ mehr will ich meine Brunst kasteien,
- bis sie mit berauschter Durstgeberde
- wünscht, daß unsre +Lüste+ fruchtbar seien
- und ein Wurm zur Göttin werde.
-
- Nach der Nacht der blinden Süchte
- seh ich nun mit klaren bloßen
- Augen meine Willensfrüchte;
- denn ich bin wie jene großen
-
- Tagraubvögel, die zum Fliegen
- sich nur schwer vom Boden heben,
- aber, wenn sie aufgestiegen,
- frei und leicht und sicher schweben.
-
- Glitzernd harrt mein Horst. Du Eine,
- die ich liebe: Ja und Amen:
- heute komm ich! heut soll meine
- +Klarheit+ deinen Schooß besamen!
-
- Schon errötet dort ein Giebel;
- Sonne, mach ein bißchen schneller! --
- Tolstoi, bring mir meine Stiebel,
- heut verlass ich deinen Keller! --
-
-
-
-
- Druck der
- Spamerschen Buchdruckerei
- in Leipzig
-
-
-
-
-
-End of the Project Gutenberg EBook of Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3), by
-Richard Dehmel
-
-*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE WERKE IN DREI ***
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