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If you are not located in the United States, you'll -have to check the laws of the country where you are located before using -this ebook. - - - -Title: Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3) - -Author: Richard Dehmel - -Release Date: July 16, 2020 [EBook #62671] - -Language: German - -Character set encoding: UTF-8 - -*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE WERKE IN DREI *** - - - - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - - - - - - #################################################################### - Anmerkungen zur Transkription - - Der vorliegende Text wurde anhand der 1913 erschienenen Buchausgabe - so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische - Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und - altertümliche Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original - unverändert; fremdsprachliche Zitate wurden nicht korrigiert. Der - Autor verwendet Elisionen, die vom nächsten Wort nicht durch ein - Leerzeichen getrennt sind (z. B. ‚werd’ich‘, statt ‚werd’ ich‘). - - Das Inhaltsverzeichnis (‚Übersicht‘) wurde vom Bearbeiter an den - Anfang des Buches verschoben. - - Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere - Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden Sonderzeichen - gekennzeichnet: - - Unterstrichen: _Unterstriche_ - Fettdruck: =Gleichheitszeichen= - gesperrt: +Pluszeichen+ - Antiqua: ~Tilden~ - - #################################################################### - - - - -[Illustration] - - - - -[Illustration: Dehmel.] - - - - - Richard Dehmel - - Gesammelte Werke - - in drei Bänden - - Erster Band - - S. Fischer, Verlag, Berlin - - - - - +22. bis 24. Tausend+ - - Alle Rechte vorbehalten, auch das der Übersetzung - Copyright 1913 by S. Fischer Verlag A.-G., Berlin - - - - -Übersicht - -(Die mit * bezeichneten Stücke sind neu aufgenommen) - - Seite - - +Erlösungen+ - - Denkzettel 7 - - *Freudenruf 9 - - *Deutsches Lied 9 - - An mein Volk 10 - - Auf den Weg 11 - - *Antrieb 11 - - Welt und Zeit 11 - - Bekenntnis 11 - - Grundsatz 12 - - Selbstzucht 12 - - Wen’s trifft 13 - - Die geflügelte Fackel 13 - - *Die Glocke im Meer 14 - - Der Pirat 15 - - An die Ersehnte 19 - - Im Fluge 19 - - *Entzückung 20 - - Durch die Blume 20 - - Entbietung 21 - - Ihr Wunsch 21 - - Die Umworbene 22 - - Der Rächer 23 - - Die Tochter der Sonne 25 - - Wollust 28 - - Ein Brandbrief 29 - - Die zwölf sittsamen Gastwirte 32 - - Eine gantz neu Schelmweys 34 - - Novemberfahrt 35 - - Der brave Strubel 36 - - Frecher Bengel 37 - - Fräulein Leichtfuß 38 - - Zuspruch 38 - - Epitaph 38 - - Ermutigung 39 - - Nächtliche Frage 39 - - Vorgefühl 39 - - Mädchenfrühling 40 - - Leises Lied 40 - - *Ständchen 41 - - Überraschung 41 - - Herrliches Pärchen 43 - - Empfang 44 - - Nicht doch 44 - - Das alte Lied 45 - - Die Heimkehr 46 - - Zuflucht 47 - - Sommerabend 48 - - Morgenandacht 48 - - Im Regen 49 - - Einkehr 50 - - Lied Kaspar Hausers 50 - - Heimat 51 - - - Tief von fern 52 - - Der Herr der Liebe 52 - - Läuterung 53 - - Pfingstlied 53 - - Jetzt und immer 54 - - Allgegenwart 54 - - Waldseligkeit 55 - - Die Getrennten 56 - - In Sehnsucht 56 - - Deine Nähe 57 - - Der Bräutigam 58 - - Ansturm 58 - - Nachtgebet der Braut 59 - - Ballnacht 59 - - Entweihung 60 - - Landung 61 - - Die Illusion 62 - - Gebet an die Geliebte 62 - - Der Wunschgeist 63 - - Dante guidante 68 - - Rückkehr 68 - - Verheißung 69 - - An meine Königin 70 - - Wahrspruch 71 - - Lobgesang 71 - - Blick ins Licht 72 - - Fernhin 73 - - Erste Hoffnung 73 - - Am Storchsee 74 - - Wiegenlied für meinen Jungen 75 - - Lied der Mutter 76 - - Indianischer Wiegengesang 77 - - Adlerschrei 80 - - Eröffnung 81 - - - Weihspruch 82 - - Nachruf an Nietzsche 82 - - Glockenklänge an Bismarck 84 - - Vor Sonnenaufgang 87 - - Humane Epistel auf deutsche Art 88 - - *Kampfspruch 90 - - Werkspruch 90 - - *Sprüche vom Glück 90 - - Menschenrecht 90 - - Machtsprüche 91 - - Das Spiel der Welt 91 - - In Summa 92 - - Lohngesetz 93 - - Ungleiche Schätzung 93 - - *Reinertrag 93 - - *Ewiges Ziel 93 - - Zwecksprüche 94 - - Allerlei Menschliches 94 - - Quintessenz 95 - - Heldentümliches 95 - - Humaner Konflikt 96 - - *Mann und Weib 96 - - Sprüche der Liebe 96 - - Spruch in die Ehe 97 - - *Sprüche der Treue 97 - - *Einziger Grund 98 - - *Die ewige Sehnsucht 98 - - Sprüche der Zeit 98 - - Sprüche zur Kunst 99 - - Inhalt der Kunst 99 - - Maßstäbe 100 - - *Gesichtspunkte 100 - - Kunstgenuß 100 - - Einem und jedem Schöpfer 100 - - *Den Empfänglichen 101 - - Den Querköpfen 101 - - *Den Auslegern 101 - - *Dichtersprache 102 - - *Dichterschicksal 102 - - *Der geduldige Dichter 103 - - Guter Rat 103 - - *Den Kennern 104 - - Den Herren Kritikern 104 - - Kumpaney 104 - - Laufbahn 105 - - *Der Hahnenkampf 105 - - *Die neue Würde 106 - - Die verunglückte Göttin 109 - - *Der Feuergeist 115 - - Das erlösende Wort 116 - - - +Aber die Liebe+ - - Hieroglyphe 118 - - Der befreite Prometheus 119 - - Gethsemane 124 - - Tragische Erscheinung 127 - - Einsamkeiten 127 - - Bergpsalm 129 - - Lied an meinen Sohn 131 - - Ausschau bei Nacht 132 - - Weihnachtsglocken 133 - - Jesus der Künstler 134 - - Zu eng 137 - - Vergißmeinnicht 142 - - Die Magd 143 - - Die Armen 144 - - Vierter Klasse 145 - - Auf einem Dorfweg 150 - - Der tote Hund 151 - - Ein Märtyrer 151 - - Anno Domini 1812 154 - - *Ballade vom Volk 156 - - Drohende Aussicht 157 - - Dichters Arbeitslied 158 - - Die stille Stadt 158 - - Der Arbeitsmann 159 - - Predigt ans Großstadtvolk 160 - - Ein Freiheitslied 160 - - *Märzlied 161 - - Maifeierlied 161 - - *Bergarbeiterlied 162 - - Erntelied 163 - - *Sturmbild 163 - - *Die Hafenfeier 164 - - Drei Blicke 170 - - Ein Heine-Denkmal 171 - - Landstreichers Lobgesang 176 - - Hohes Lied 178 - - *Ruf an die Kühnsten 179 - - *Vogel Greif 181 - - *Die Musik des Mont Blanc 182 - - *Gebet im Flugschiff 189 - - - Jesus und Psyche 190 - - Bann 196 - - Unsre Stunde 196 - - Ohnmacht 197 - - Büßende Liebe 198 - - Stromüber 199 - - Bitte 200 - - Gastgeschenk 200 - - Gottes Wille 200 - - Übermacht 201 - - Bestürmung 202 - - Antwort 202 - - Und dennoch 203 - - Nur 204 - - Nächtliche Scheu 205 - - Menschliche Botschaft 205 - - Entführung 206 - - Der Brand 207 - - Abschied ohn End 208 - - Dann 209 - - Bleiche Nacht 209 - - Trübes Lied 211 - - *Dahin 211 - - Lebewohl 212 - - Ein Stelldichein 213 - - Chinesisches Trinklied 213 - - Der Dritte im Bunde 215 - - Frühlingsrausch 215 - - Mein Trinklied 216 - - *Erklärung 218 - - *Äonische Stunde 218 - - *Zechers Nachtfeier 218 - - Fromme Wünsche 219 - - Lied des vogelfreien Dichters 220 - - Lied der Gehenkten 221 - - Rettung zu Gott 222 - - Mirakel 232 - - *Stimme von oben 233 - - Bach’sche Fuge 234 - - Rembrandts Gebet 234 - - *Die Schöpferhand 235 - - *Der letzte Traum 235 - - Ruhe 236 - - Ecce Poeta 237 - - Die ferne Laute 237 - - Notturno 238 - - Ein Ewiger 241 - - Loke der Lästerer 242 - - Um Ibsens Schatten 247 - - *Götterhochzeit 249 - - *Schöpfungsfeier 250 - - - +Die Verwandlungen der Venus+ - - Das entschleierte Schwesternpaar 255 - - Anfang der Verwandlungen 272 - - Venus Anadyomene 274 - - „ Primitiva 276 - - „ Pandemos 278 - - „ Socia 282 - - „ Excelsior 283 - - „ Creatrix 285 - - „ Urania 287 - - „ Religio 291 - - „ Madonna 293 - - „ Mater 294 - - „ Mamma 295 - - „ Natura 296 - - „ Bestia 297 - - Amor modernus domesticus 301 - - Venus Adultera 304 - - „ Maculata 306 - - „ Perversa 307 - - „ Mystica 309 - - „ Idealis 311 - - „ Metaphysica 315 - - „ Occulta 323 - - „ Vita 326 - - „ Mors 328 - - „ Homo 330 - - „ Sapiens 332 - - „ Fantasia 334 - - „ Regina 335 - - „ Consolatrix 343 - - „ Universa 346 - - „ Heroica 348 - - „ Mea 350 - - Schluß der Verwandlungen 351 - - - - - Erlösungen - - Gedichte und Sprüche - - Vierte Ausgabe - - - - -Denkzettel für den verehrten Leser - - - Verehrter Leser! Mensch! ich beschwör dich: - lies mich richtig, Mensch, oder scher dich! - Nämlich das Lesen von Gedichten - ist zwar sehr einfach zu verrichten, - aber gerade die einfachen Sachen - pflegt bekanntlich der Mensch sich schwer zu machen. - Vor allem: such keinen „Grundgedanken“! - sonst kommen deine paar Sinne ins Wanken. - Will ich dir meine Gedanken reichen, - schreib ich Sprüche, Aufsätze und dergleichen. - Gedichte sind keine Abhandlungen; - meine Gedichte sind Seelenwandlungen. - Selbe vollziehen sich aus Gefühlen, - die den ganzen Menschen aufwühlen. - Solch ein Gefühl, das steigt dann zu Kopfe, - sträubt mir manchmal die Haare vom Schopfe, - setzt mir meine paar Sinne in Schrecken, - daß sie plötzliche Luftbilder hecken; - die greifen einander in buntem Lauf, - jagen wohl auch Gedanken mit auf, - die dann über dem Grunde schaukeln, - etwa wie Schmetterlinge gaukeln - um eine große glühende Blume - über dem Brodem der Ackerkrume, - und so fang ich sie auf im Nu, - weiß wohl wie, weiß nicht wozu, - ist eine planvoll zwecklose Geschichte, - kurz -- ich erlebe meine Gedichte. - Und, merk dirs, kein Erleben geschieht aus Gedanken; - ach, die Gedanken sind nur Ranken, - die wir arabeskenhaft flechten - um Manifeste von grundlosen Mächten. - Denn das Leben hat kein Gehirn, - verwirrt dir höchstens Dein Gehirn, - wird dir nur mit Schmerz oder Lust - als ein beseelender Wille bewußt, - der dich unsinnig treibt und lockt, - und den zu verdauen, Mensch, unverstockt, - mit unsern paar Sinnen, für Heid wie Christ - die wahre Seelenseligkeit ist. - Drum, verehrter Leser, Mensch, ich beschwör dich: - verdau mich ebenso! sonst scher dich! - Und verwirrt dich doch mal mein Gewühl, - so schieb’s nur, bitte, aufs Grund+gefühl+! - Wie ich auch hier nur, möglichst hold, - einem törichten Ingrimm Luft machen wollt. - - - - - Erster Abschnitt - - - * - - - - -Freudenruf - - - O freu dich, Mensch: Deine Welt erschallt! - Überall ist Frühling, wo dein Herz nachtigallt! - Menschenlieder, ihr schwanken - Meer- und Himmels-Gedanken, - Berg-, Fluß-, Fluren-Träume, - Wolken- und Wellen-Schäume, - Waldversunkenheiten, - Sternentrunkenheiten, - Wein- und Blumen-Gelüste, - schwellende Lippen und Brüste - bis hinauf zur Sonne -- - ja: ihr wiegt uns in Wonne! - - - - -Deutsches Lied - - - Mich drängt zu singen - deutschen Geistes Kraft. - Erde nimmt Himmelschwingen, - wenn er dich, Volk, aufrafft. - - Über die Eichenkronen - stürmt er zugvogeldreist - in alle Zonen, - wenns ihn zur Tat hinreißt. - - Welten schweben nieder, - wenn er träumen will; - Himmel nimmt Erdgefieder, - heimatstill. - - Mag er zu schlafen scheinen, - wenn er ruht: - plötzlich durch all die Seinen - zuckt Morgenglut. - - Mit einem Märchenlachen - heller Verwegenheit - hörst du, Volk, ihn erwachen. - O Geist der Herrlichkeit! - - - - -An mein Volk - - - Ich möchte wohl geliebt von Vielen sein, - und auch geehrt; ich weiß es wohl. - Aber niemals soll - mein Stolz und Wert mir drum gemein - mit hunderttausend Andern sein. - - Ich hab ein großes Vaterland: - zehn Völkern schuldet meine Stirn - ihr bißchen Hirn. - Ich habe nie das Volk gekannt, - aus dem mein reinster Wert entstand. - - In meiner Heimat steht ein Baum, - den liebe ich, der steht sehr stolz - mitten im Mittelholz. - Da träumt ich manchen jungen Traum; - er wurzelt tief, der hohe Baum. - - Da träumt ich, daß der Mensch allein - dem hunderttausendfachen Bann - entwachsen kann: - bis auch die Völker sich befrein - zum Volk! -- mein Volk, wann wirst du sein? - - - - -Auf den Weg - - - Jugendsehnen, Jugendirren: - ach, was mag sich draus entwirren! - Nimmer ruht der Wünsche Spiel, - jeder Tag entfernt das Ziel. - - - - -Antrieb - - - Jüngling, du bist frei zum Flug; - sei nur immer Manns genug! - Spring aufs Glücksrad, rolle, rolle - durch die Welt, die wettlauftolle; - nimm als Lohn die eigne Bahn, - aller Ruhm ist fremder Wahn. - - - - -Welt und Zeit - - - Es klagt die Zeit: die Welt vergreist, - wo ist der alte heilige Geist! - Indeß liegt Seine Heiligkeit - im Schooß der Jungfrau Sinnlichkeit, - was zwar die Jungfernschaft befleckt, - doch eine junge Welt ausheckt. - Dann ruft die Zeit: Halleluja, - der heilige Geist ist wieder da! - - - - -Bekenntnis - - - Ich will ergründen alle Lust, - so tief ich dürsten kann; - ich will sie aus der ganzen Welt - schöpfen, und stürb’ ich dran. - - Ich wills mit all der Schöpferwut, - die in uns lechzt und brennt; - ich +will+ nicht zähmen meiner Glut - heißhungrig Element. - - Ward ich durch frommer Lippen Macht, - durch zahmer Küsse Tausch? - Ich ward erzeugt in wilder Nacht - und großem Wollustrausch! - - Und will nun leben so der Lust, - wie mich die Lust erschuf. - Schreit nur den Himmel an um mich, - ihr Beter von Beruf! - - - - -Grundsatz - - - Nicht zum Guten, nicht vom Bösen - wollen wir die Welt erlösen, - nur zum Willen, der da schafft; - Dichterkraft ist Gotteskraft. - - - - -Selbstzucht - - - Mensch, du sollst dich selbst erziehen. - Und das wird dir mancher deuten: - Mensch, du mußt dir selbst entfliehen. - Hüte dich vor diesen Leuten! - - Rechne ab mit den Gewalten - in dir, um dich. Sie ergeben - zweierlei: wirst Du das Leben, - wird das Leben dich gestalten? - - Mancher hat sich selbst erzogen; - hat er auch ein Selbst gezüchtet? - Noch hat Keiner Gott erflogen, - der vor Gottes Teufeln flüchtet. - - - - -Wen’s trifft - - - Schicksal hämmert mit blinden Schlägen: - Wachs bleibt Wachs, Gold läßt sich prägen, - Eisen wird Stahl, Glas zerspringt -- - springt an hundert eiserne Türen, - keine Klinke will sich rühren, - die den Scherben Rettung bringt. - - - - -Die geflügelte Fackel - - - Du wünschtest dir und deinem Haus ein Zeichen, - das euch für alle Zeit ein Glücksbild sei; - doch welches Gleichnis ist so reich und frei, - so vieler Seelen Wünsche auszugleichen? - - Wir möchten alle gern das Glück erreichen, - das endlich eint dies ewige Zweierlei; - doch fass ich meins, geht deins vielleicht entzwei. - So lag und sann ich über solch ein Zeichen. - - Da träumte mir: Gewappnet mit zwei Schwingen - kam eine Fackel durch die Nacht geweht. - Sie loderte; die Sterne alle hingen - wie Mücken nach der Flamme hingedreht. - Und ihr Emporflug trieb mich aufzuspringen: - dies Zeichen gilt für Jeden, der’s versteht! - - - - -Die Glocke im Meer - - - Ein Fischer hatte zwei kluge Jungen, - hat ihnen oft ein Lied vorgesungen: - Es treibt eine Wunderglocke im Meer, - es freut ein gläubig Herze sehr, - das Glockenspiel zu hören. - - Der eine sprach zu dem andern Sohn: - Der alte Mann verkindet schon. - Was singt er das dumme Lied immerfort; - ich hab manchen Sturm gehört an Bord, - noch nie eine Wunderglocke. - - Der andre sprach: Wir sind noch jung, - er singt aus tiefer Erinnerung. - Ich glaube, man muß viel Fahrten bestehn, - um dem großen Meer auf den Grund zu sehn; - dann hört man es auch wohl läuten. - - Und als der Vater gestorben war, - fuhren sie weg mit braunblondem Haar. - Und als sie sich grauhaarig wiedertrafen, - dachten sie eines Abends im Hafen - an die Wunderglocke. - - Der eine sprach, verdrossen und alt: - Ich kenne das Meer und seine Gewalt. - Ich hab mich zuschanden auf ihm geplagt, - hab auch manchen Gewinn erjagt; - läuten hört ich es niemals. - - Der andre sprach und lächelte jung: - Ich gewann mir nichts als Erinnerung; - es treibt eine Wunderglocke im Meer, - es freut ein gläubig Herze sehr, - das Glockenspiel zu hören. - - - - -Der Pirat - -Nach José de Espronceda - - - Mit zehn Kanonen, blank an Bord, - mit vollen Segeln vor dem Wind, - die flink wie Möwenflügel sind, - streicht eine Barke durch die Flut: - die Barke des Piratenherrn, - auf allen Meeren ausgekannt - von einem bis zum andern Strand, - der „Hai“ getauft für seinen Mut. - - Im dunkeln Wasser hüpft der Mond, - im Tauwerk rauft und pfeift der Wind; - ein langer Silberstreifen rinnt - breit durch die blaubewegte Flut. - Und der Piratenkapitän - sitzt singend hoch an Steuers Rand, - links Asiens, rechts Europens Strand, - und singt und singt und schwenkt den Hut: - - „Fliege, mein Segler, fliege, - unverzagt; - fliegst und segelst zum Siege! - Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe, - der Himmelslaunen, der feindlichen Schiffe, - weil dein Herr sein Leben wagt! - Zwanzig Prisen - haben wir gemacht, - haben die Staatsmützen - ausgelacht; - hundert Nationen - liegen und grüßen hier - mit ihren Flaggen - zu Füßen mir. - Denn meine Barke ist mein Reichtum, - denn mein Gesetz ist mein Begehr, - mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit, - mein einzig Vaterland das Meer. - - „Könige streiten da drüben - in blinder Gier - um ein paar Äcker Rüben. - Seht, ich lache! Meine Gefilde - reichen, soweit das weite wilde - Meer entrollt sein frei Panier. - Da ist kein Wimpel, - wie er auch glänze, - da keine Küste, - wo sie auch grenze, - die nicht Salut getan - meinem Geschlecht, - die nicht erkannten - mein Hoheitsrecht. - Denn meine Barke ist mein Reichtum, - denn mein Gesetz ist mein Begehr, - mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit, - mein einzig Vaterland das Meer. - - „Kaum schrein vom Mars die Jungen: - Schiff in Sicht! - rennt’s schon mit vollen Lungen. - Hoi, alle Segel breit, Fersengeldsegel, - rennt es und rennt es; denn diese Flegel - lieben den König der Meere nicht. - Aber wie Brüder - Ich und Ihr, - meine Getreuen, - teilen die Beute wir. - Ein einzig Eigentum - nehm ich für mich - ohne Rivalen: - dich, Schönheit, dich! - Denn meine Barke ist mein Reichtum, - denn mein Gesetz ist mein Begehr, - mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit, - mein einzig Vaterland das Meer. - - „Verdammt zum Höllenfeuer, - zum Tod am Strick, - sitz ich und lache euer! - Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange, - den häng ich auf an der Segelstange, - vielleicht von seiner eignen Brigg! - Und wenn ich falle: - was ist das Leben! - Hab es schon damals - verloren gegeben, - als ich die Kette brach, - als ich, ein Held, - mir schuf mein eigen Recht, - mir meine Welt. - Denn meine Barke ist mein Reichtum, - denn mein Gesetz ist mein Begehr, - mein Gott der Wind, mein Recht die Freiheit, - mein einzig Vaterland das Meer. - - „Melodieen wie brausend - Orgelgewühl - spielt mir im Nachtsturm, sausend, - meiner geschüttelten Taue Gestöhne, - meiner Kanonen Donnergedröhne - und des schwarzen Meeres Gebrüll. - Von ihren tobenden - Liedern umschnoben, - geh ich zur Ruhe, - wogenumwoben, - jubelnde Zungen - rund um mich her, - in Schlaf gesungen - vom Meer, vom Meer. - Denn meine Barke ist mein Reichtum, - denn mein Gesetz ist mein Begehr, - mein Gott der Wind, mein Reich die Freiheit, - mein einzig Vaterland das Meer!“ - - Im dunkeln Wasser hüpft der Mond, - im Tauwerk rauft und pfeift der Wind; - ein langer Silberstreifen rinnt - breit durch die blaubewegte Flut. - Und der Piratenkapitän - lehnt schweigend hoch an Steuers Rand, - links Asiens, rechts Europens Strand, - tief in die Stirn gedrückt den Hut. - - Mit zehn Kanonen, blank an Bord, - mit vollen Segeln vor dem Wind, - die flink wie Möwenflügel sind, - streicht seine Barke durch die Flut: - die Barke des Piratenherrn, - auf allen Meeren ausgekannt - von einem bis zum andern Strand, - der „Hai“ getauft für seinen Mut. - - - - -An die Ersehnte - - - Ich habe dich Gerte getauft, weil du so schlank bist - und weil mich Gott mit dir züchtigen will, - und weil eine Sehnsucht in deinem Gang ist - wie in schmächtigen Pappeln im April. - - Ich kenne dich nicht -- aber eines Tages - wirst du im Sturm an meine Türe klopfen, - und ich werde öffnen auf dies Klopfen, - und meine zuchtlose Brust wird gleichen Schlages - an Deine zuchtlosen Brüste klopfen. - - Denn ich kenne dich -- deine Augen glänzen wie Knospen, - und du willst blühen, blühen, blühen! - und deine jungen Gedanken sprühen - wie gepeitschte Sträucher an Sturzbächen; - und du möchtest wie ich den Stürmen Gottes trotzen - oder zerbrechen! - - - - -Im Fluge - - - Ganz in Eines flocht, o Gott, der Tanz - unsre bang beseligten Gestalten; - und ich sah, ihr schweres Haar war ganz - von dem einen Silberpfeil gehalten. - - Und da hob sich schon ihr Mund und bog - sich mir dar mit bittendem Gefühle; - willenlos ein Blick, und im Gewühle - blitzt der Pfeil auf, der zu Boden flog. - - Und sie senkte tief ihr heiß Genick, - plötzlich ganz von ihrem Haar umflossen; - und ich habe diesen Augenblick, - den mir Gott gegeben hat, genossen. - - - - -Entzückung - - - Hab ich schon mit dir gespielt, - als wir Kinder waren, - scheu um Nachbars Ecke geschielt - nach deinen flirrenden Haaren? - - Wenn mich nur dein Atem streift, - fühl ich uns durchs Haidekraut springen; - wenn mich deine Hand ergreift, - möcht ich mit dir ringen. - - Bist du doch so schlank und schmeid, - daß ich Tag für Tag sinne: - Spielst du mit mir Engelsmaid - oder Frau Teufelinne? - - Denn in Nächten, da schwing ich dich - flügeltraumwild um hohe Feuer: - O, umschling, umschlinge mich, - glühendes Abenteuer! - - - - -Durch die Blume - - - Ich kann dir nicht die Blume nennen, - der deine Seele gleicht. - Sie müßte tief scharlachen brennen. - Solche Blumen welken leicht. - - Und wen ihr roter Liebreiz bannt, - der möchte sie verjüngen - und muß tief herum den Sand - mit seinem Blute düngen. - - - - -Entbietung - - - Schmück dir das Haar mit wildem Mohn, - die Nacht ist da, - all ihre Sterne glühen schon. - All ihre Sterne glühn heut Dir! - du weißt es ja: - all ihre Sterne glühn in mir! - - Dein Haar ist schwarz, dein Haar ist wild - und knistert unter meiner Glut; - und wenn die schwillt, - jagt sie mit Macht - die roten Blüten und dein Blut - hoch in die höchste Mitternacht. - - In deinen Augen glimmt ein Licht, - so grau in grün, - wie dort die Nacht den Stern umflicht. - Wann kommst du?! -- Meine Fackeln lohn! - laß glühn, laß glühn! - schmück mir dein Haar mit wildem Mohn! - - - - -Ihr Wunsch - -Nach Pierre Louys - - - Manche hüllt sich in weiße Wolle. - Manche ziert sich mit Seide und Gold. - Manche schmückt sich mit Blumen, - mit grünen Blättern und Früchten. - - Ich, ich möchte nur nackt leben. - Nimm mich, Geliebter, wie ich bin: - ohne Kleid, ohne Schmuck, ohne Schuhe: - sieh, hier stehe ich, ganz nur ich! - - Meine Haare sind schwarz von ihrem Schwarz. - Meine Lippen sind rot von ihrem Rot. - Meine Haut schimmert reizender - als eine offne Muschel im Mondschein. - - Nimm mich, wie meine Mutter mich machte - in einer fernen Liebesnacht. - Und wenn ich dir gefalle so, - dann vergiß nicht, es mir zu sagen! - - - - -Die Umworbene - -Nach Pierre Louys - - - Der Erste hat mir einen Schmuck geschenkt, - einen Schmuck aus Perlen, der eine kleine Stadt wert ist, - samt den Denkmälern und der Kirche, - dem Rathaus und der Steuerkasse. - - Der Zweite hat mir Verse gemacht. - Er hat gesagt, ich sei viel holder - als eine Seerose im Morgenrot - und scheuer als der Abendwind. - - Der Dritte war so schön, - daß seine Schwester sich umgebracht hat, - weil er sie nicht mehr küssen wollte. - Ich hätt ihm nur zu winken brauchen. - - Du, du hast mir nichts gesagt. - Du hast mir nichts geschenkt, denn du bist arm. - Und bist nicht schön. - Aber dich liebe ich. - - - - -Der Rächer - - - Durch die schlafende Lagune - zieht ein langer stiller Kahn - seine Bahn; - einsam zieht er durch das Dunkel, - durch das sanfte Flutgefunkel, - wie ein großer schwarzer Schwan. - - Aber nun: im Zelt der Gondel - fallen Worte schwer voll Glut. - Und die Flut - ebnet sich in weiten Kreisen; - drohend wird der Ton der leisen - Laute, und das Ruder ruht. - - Donna Anna, deine Schwüre - sind noch dunkler als die Nacht! - Stolz verlacht - hab ich Alle, die dich schalten, - aber -- wenn sie Recht behalten: - hüte dich! ein Rächer wacht! - - „Liebster, willst du mich betrüben? - Sieh doch: hab ich denn von Lust - je gewußt, - eh du diesen Leib berührtest, - dies gescholtne Herz verführtest?“ - sinkt sie ihm an Hals und Brust. - - Sag mir -- will er herrisch wehren, - aber an ihm liegt sie dicht: - „Fühlst du’s nicht? - Wie der Vogel in die Weiten, - sehn ich mich nach Seligkeiten!“ - hebt sie schmachtend ihr Gesicht. - - Und er sieht und fühlt bezwungen - ihrer Augen dunkle Macht; - schwer und sacht - rauscht ihr Kleid im Ampelschimmer, - rötlich schwankt das Gondelzimmer, - Küsse stöhnen durch die Nacht. - - Und sie unterdrückt ein Lachen: - wie er von ihr trunken ist, - sich vergißt! - Doch ihr Spott ist kaum verflogen: - wütend über sie gebogen - sieht er ihre Dirnenlist. - - Und ein Ringen. Und ein Keuchen. - „Gott, Erbarmen“ -- bricht ein Schrei - dumpf entzwei. - Hohl ein Brodeln im Kanale. - Stille wirds mit einem Male. - Furchtsam flüstert er: Vorbei. - - Flüstert’s furchtsam wie im Traume, - küßt im Traume ihren Mund - weinend wund, - hört sie um Erbarmen flehen, - und als könnt er sie noch sehen, - starrt er in den blauen Schlund. - - In der dunklen Wasserschale - sieht er ruhn den weißen Mond, - ruhn den Mond, - sieht er winken die versunknen - weißen Arme und die trunknen - Lippen, oh so lieb gewohnt. - - Und nun öffnet sie die Augen, - und von tiefer dunkler Macht - schwer und sacht - fühlt er sich hinabgezogen, - sinkt er in die warmen Wogen, - schließt sich über ihm die Nacht. - - Durch die schlafende Lagune - wie ein großer schwarzer Schwan - irrt ein Kahn. - Willst du auf den Leuchtturm klimmen, - siehst du fern ein Ruder schwimmen - auf der glatten Wasserbahn. - - - - -Die Tochter der Sonne - - - Noch war Polen nicht verloren, - Warschau schwirrte von Maskenfesten. - Die Kavaliere klirrten mit silbernen Sporen - um die Gunst der Damen in den Palästen. - Oder sie tranken den edlen Wein - gegen die edle Herzenspein - unter den goldgestickten Westen. - Nur ganz leise die Greise beim Spiel der Karten - sprachen von Wettern, die Polen umstarrten -- - da erschien die Tochter der Sonne. - - Es war nicht Maria Lubmirska; wohl war die schön, - als Aurora frisiert mit Brillanten. - Wohl kam die Potocka mit Hörnergetön - als Diana, in Brüsseler Kanten. - Auch die Fürstin Sapieha im Luna-Korsett - tanzte wieder wunderbar Menuett - mit den andern Beautés und Charmanten. - Aber Franziska Krasinska war schöner als sie; - frei von Locken umströmt bis an die Knie - kam die Tochter der Sonne. - - Sie hatte geträumt von dem weißen Aar, - der Polens Schild retten würde; - und der Schild wies ihr Bild mit gekröntem Haar, - und der Vogel trug leicht die Bürde. - Sie trat in den Saal wie gen Himmel entrückt, - nur mit flimmerndem Flor wie mit Strahlen geschmückt - und mit ihrer Jungfraunwürde. - Und Prinz Karl sah nur sie, tanzte nur mit ihr, - dem armen Fräulein von Sandomir -- - O, du Tochter der Sonne! - - Wenn ich eine Krone begehre, so ist es nur, - deine keusche Stirne damit zu schmücken! - Und sie hörte scheu den artigen Schwur - und floh in den Park vor Entzücken. - Sie hörte ihn ewige Treue lallen, - nur die Bäume waren Zeugen, die Nachtigallen, - und am Weiher tanzten die Mücken. - Sie hörte, sie wehrte, sie ließ nicht nach, - bis Prinz Karl ein Held zu werden versprach; - o! wie strahlte die Tochter der Sonne. - - Sie strahlte den ganzen Sommer lang, - schon fegte den Park der Regen, - da ward Seine Hoheit liebeskrank - und bedräute sich selbst mit dem Degen. - Durch Warschaus Gassen jagte der Schnee, - da raste ein nächtliches Mietcoupé - dem Tempel Hymens entgegen. - In geheimer Kapelle, so kalt sie war, - kniete prinzliche Hoheit am Traualtar, - kniete die Tochter der Sonne. - - Wie glühte des Königssohnes Gesicht - im fröstelnden Schein der Kerzen! - wie glänzten in dem spärlichen Licht - die geweihten wächsernen Herzen! - Doch als er am dritten Morgen erwachte - und als sie noch immer an Polen dachte, - begann er gnädigst zu scherzen. - Er steckte den Trauring ins Gilet - und erhob sich gähnend vom Kanapee -- - da erblich die Tochter der Sonne. - - Sie dachte noch manch verhärmtes Jahr, - daß er Polens Schild retten würde. - Denn Prinz Karl blieb der Königssohn, der er war, - und trug wahrlich leicht seine Bürde. - Er ließ sie, mit seinem Kind an der Hand, - polnisch betteln gehn von Land zu Land - um ihre Frauenwürde. - Von Kloster zu Kloster, von Hofe zu Hofe, - wie eine entlohnte Kammerzofe, - irrte die Tochter der Sonne. - - Dreißig Jahre schleppte sie Schmach und Schmerz, - Warschau klirrte von russischen Sporen, - da schien ihr endlich die Sonne aufs Herz: - wohl war Polen, Polen verloren, - doch ihr Bett umstanden Hofärzte zuhauf - und schnitten die todkranke Brust ihr auf, - und zwischen den Herrn Doktoren - stand ihr hoher Gemahl zu Tränen erweicht: - ~pauvre cœur, pauvre cœur~ -- sei die Erde dir leicht -- - oh, du Tochter der Sonne. - - - - -Wollust - -Nach Shakespear - - - In wüster Schmach Vergeudung heiliger Glut - ist Wollust, wenn sie praßt; und eh sie praßt, - roh, schamlos, tierisch, aller Welt zur Last, - meineidig, tückisch, voller Gier nach Blut. - - Gesättigt kaum, von Ekel schon gehetzt; - sinnlose Lüsternheit und, kaum verraucht, - sinnlose Düsterkeit, in Wut getaucht, - als hätt ein Tollwurm die Vernunft zerfetzt. - - Wahnwitz im Rausch, Wahnwitz in Wunsch und Wahl, - maßlos im Taumel vor, nach, in der Brunst, - erdürstet Überglück, genossen Dunst, - verzückt vor Wonne, dann erdrückt von Qual -- - Ach! Jeder kennt und Jeder geht den Weg: - zu dieser Hölle diesen Himmelssteg. - - - - -Ein Brandbrief - - - „Schöne und geliebte Dame“ -- - wenn die Kühnheit uns erlaubt ist; - oder, wenn sie nicht erlaubt ist, - „Gnädiges, verehrtes Fräulein“ -- - hehre Schwester in Apoll! - - Höchst prosaisch, aber desto - mehr gelesen ist das Prachtwerk, - höchstens noch der Bildungs-Meyer - ist in Deutschland mehrgelesner - als dies Prachtwerk, drin wir eben - mit dem großen Blick der Freude - und mit kleinen Lettern Euer - holdes Dichterheim entdeckten, - nämlich im Adreßkalender: - Numro dreizehn, Blühmkes Hof. - - Ach, der Eine von den beiden - höflichst Endesunterschriebnen - kann den Sonntag nicht vergessen, - jenen Sonntag, Donna Agnes, - als wir unter den Akazien - auf dem schmalen tiefen Sandweg, - neben dem Kartoffelacker - mit den vielen rosaroten - abendlich beglänzten Blümlein, - von den kleinen Kindern schwärmten, - ganz besonders von den dicken, - die Sie gern anbeißen möchten, - ach, und dann auch von den großen, - aber leider ziemlich magern - Kindern, jenen unverblümten - Liebesdichtern, die Sie, glaub’ich, - auch am liebsten beißen möchten, - ach, und von dem -- Herrn Major. - - Nein, er wird es nie vergessen, - nie und nimmer, dieser Eine. - Und der Andre von den beiden - höflichst Endesunterschriebnen - hat vor Neid kaum essen können - (achtzig Pfennig ~à la carte~) -- - als ich einmal übers andre - mein Erlebnis mit geschwenkter - Gabel in die Lüfte malend - „unvergeßlich, unvergeßlich“ - schwurbereiten Mundes rief. - Ach, der Ärmste, dieser Andre: - melancholisch vor dem leeren - Teller saß er, saß und knurrte - durch den dicken, herbstlaubblonden, - mittaglich bewegten Schnurrbart: - „Teufel, war der Braten hart!“ - - Aber ich, ein Arzt für Seelen, - die sich selbst nicht helfen können, - winkte mit geschwungnem Messer - einem schwarzgeschwänzten Bückling: - „Kellner, bitte, das Rezeptbuch, - nein, pardon, Adreßbuch mein’ich“ -- - und so fand ich und verschrieb ich - jenem Andern und mir selber: - Numro dreizehn, Blühmkes Hof. - - Donna Agnes, zwei Verlassne, - die sich selbst nicht helfen können: - denn des einen Liebesdichters - Leib-und-Seelen-Zuflucht hat sich - in ein Ostseebad verflüchtigt, - und der andre mit dem dicken - blonden Schnurrbart hat gar keine: - zwei von Weib und Welt Verlassne - flehen hier mit zwanzig Fingern - um ein hilfbereites Herz. - - Donna Agnes, Eures Namens - keusche Schutzpatronin wird Euch - mit viel tausend deutschen Lesern - und noch deutschern Leserinnen - einst zum Lohne benedeien: - Donna Agnes, bitte, bitte, - pumpen Sie uns hundert ℳ! - - Wir verpflichten uns auch gerne, - sie uns selber abzuholen, - sie und Sie, und anstandshalber - auch die Sonne mitzubringen, - echte goldne Sonntagssonne, - die auch Wochentags kann scheinen, - einen ganzen halben Tag lang, - in ein paradiesisches Gärtchen, - wo es einen himmlischen Sekt gibt, - wo wir Abends mit den Blättern - um die Wette schwärmen können, - mit den Blättern der Akazien - oder auch der Roßkastanien - oder des Kartoffelackers, - von den kleinen dicken Kindern, - +von+ den Kindern +wie+ die Kinder, - nur nicht von dem -- Herrn Major. - - Item: Eures Winks gewärtig, - jedem Stephansboten fluchend, - der nicht Botschaft von Agnesen, - Botschaft und Entbietung bringt: - liegen wir (Straubinger Straße, - Numro fünfzehn, fünfte Treppe) - Donna Agnes, hehre Schwester, - ehrerbietigst hier auf unsern - unverblümten Dichterknieen - Dir zu Füßen: - +Richard Dehmel+, - +Detlev Freiherr Liliencron+. - - - - -Die zwölf sittsamen Gastwirte - - - Ihr Alle kennt den Dichter Liliencron, - den Freiherrn von Poggfred, den reichen armen Baron. - Doch bevor er sein Luftschloß, sein ewiges, baute, - war er Hardesvogt auf Pellworm und verdaute - Akten auf dieser „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“ - in der windigsten Gegend der Nordsee. - - Im Amtskreis des Hardesvogts Liliencron - hatten dreizehn Gastwirte abwechselnd Tanzkonzession. - Und er ließ die Leute tanzen, soviel sie wollten, - mit der dollste, wenn sie nach Noten dollten; - weshalb er noch heute dort der Tanzbaron genannt wird, - wenn der Wind mal leise seinen Dichternamen hinträgt. - - Da erhielt der Hardesvogt Liliencron - eines Morgens eine Denunziazion: - Gastwirt Nielsen untergrabe die guten Sitten, - er habe wiederholt den „Turnus“ überschritten. - Und verfaßt war das Skriptum nicht etwa vom Herrn Pfarrer, - sondern von den andern zwölf Gastwirten dieser - „vermaledeiten einsamen kleinen Insel“. - - Der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron, - kannte seine lieben guten Sittenwächter schon. - Und nächsten Nachmittag mußten die zwölf Tugendreinen - beim Gastwirt Nielsen, ihrem Konkurrenten, amtlich „erscheinen“ -- - und der Hardesvogt sprach vor Vernehmung des Tatbestandes: - Nu laat uns mal fix ierst ’n lütt Runn’ Grogk kriegn! - - Alsdann ließ leutselig der Herr Baron - den Ersten sich äußern, ohn Ansehn der Person. - Er ließ ihn weitschweifig immer weiter schweifen, - er hörte wohl draußen die Möwen keifen, - bis der nichts mehr wußte -- da sprach der Herr Hardesvogt: - Denn laat uns man fix noch ’n lütt Runn’ Grogk kriegn! - - Und dann ließ der leutselige Herr Baron - den Zweiten sich äußern, im nämlichen Ton. - Er hörte wohl draußen über den Deichen - die Schneegänse schnatternd durchs Abendrot streichen -- - bis er abermals sprach: Na denn, miene Herrn, - denn laat uns man noch so’ne lütt Runn’ Grogk kriegn! - - Und dann lauschte dem dritten und vierten Sermon - der Herr Hardesvogt, der Dichterbaron. - Er hörte derweil wohl draußen im Grauen - einen wilden Schwan sich Bahn durch den Nebel hauen -- - bis Gastwirt Nielsen Licht machte und höflich meinte: - Schall’t denn woll noch so’ne lütt Runn’ Grogk sien? - - Und so hörte der Hardesvogt Liliencron - alle zwölf Konkurrenten, ohn Ansehn der Person. - Und als der zwölfte seinen Sermon geschlossen, - da war die siebente Runde Grogk genossen, - und das machte pro Mann eine Mark und fünfundsiebzig - oder zusammen zweiundzwanzig Mark fünfundsiebzig. - - Da erhob sich der deutsche Dichterbaron - und sprach im königlich preußischen Regierungston: - Der p. p. Nielsen hat sich fraglos als sittenlos erwiesen, - und somit tu ich hiermit demselben zu wissen: - er zahlt eine Ordnungsstrafe im Betrag von drei Reichsmark -- - Adjüs, miene Herrn! -- - - Da erhielt der Hardesvogt Liliencron - nie wieder eine Denunziazion. - Aber leider trat die hohe Regierung - mit seinem Tanzbein in zarte Berührung; - item ist er auf Poggfred, sein ewiges Luftschloß, gezogen, - denn da tanzen wir alle nach seinem Fidelbogen. - Alle! -- - - - - -Eine gantz neu Schelmweys - -Zu singen im Tone des weilandt Magistri Pfefferfraß - - - Wir Schelmbe sind ein feinen hauff, - da kann kein HErrgott wider auf; - die Welt ist voll von Unsern Preiß, - seit Adam stahl im Paradeys. - Hosianna! - - Uns bleibt kein geldt in vnsern sack, - Wir synd ein fürnemb Lumpenpack, - Wir han das Allergrößt gefolg, - kein fuerst vnd Hertzog hat ein solch. - Hurrra! - - Zu nie keyn diensten taugen Wir - als für dem Edlen Malwesier. - Dem tun wir fröhnden, nimmer faul: - ein jede Flaschen findt jr maul. - Hoppla! - - Wir han nit weib, wir han nit kindt, - Wir sind die rechten Sausewind. - Vnd läßt uns Eine Dirn nit ein, - die ander wird so süsser seyn! - Eia! - - Wir schieren umb kein pfaff uns nit, - Wir han unß Eignen segen mit. - Vnd pfeiffen wir am letzten loch: - der TEuffel nimbt in Gnad vns doch! - Sela! - - - - -Novemberfahrt - - - Ja lacht nur, lacht, am Straßenrand - ihr pelzvermummten Gaffer! - Uns hat aus härterm Lehm gebrannt - der Wein- und Weiber-Schaffer. - Und wenn wir etwas zittrig sind - und etwas rot die Nase, - so meint nur nicht, das sei vom Wind: - das Wetter steckt im Glase! - - Wir fahren in die Welt hinein, - wenns Uns gefällt und gut scheint; - wir fahren in dem Sonnenschein, - der unter unserm Hut scheint. - Und wenn die olle Sonne sieht - so junge Dreistewichte, - dann wird sie gleich vor Angst verliebt - und macht ihr schönst Gesichte. - - Hurrah, Novembersonnentag, - du Wunderwanderwetter, - derweil am Herd das Zimperpack - sich wärmt den Katterletter. - Hurrah, so herb dein Reiz und Duft, - so würzig und voll Schwere! - Hurrah, ich schlürfe deine Luft, - als ob es Rheinwein wäre! - - - - -Der brave Strubel - - - Unser Hofhund, Strubel heißt er, - ist gar lobesam; - nur die Ruhestörer beißt er, - denen ist er gram. - - Ach, er liefe gern den Katzen - durch den Garten nach; - bellt auch gerne nach den Spatzen - auf dem Scheunendach. - - Doch er muß darauf verzichten, - folgsam seinem Herrn; - denn er ist ein Hund mit Pflichten - und gehorcht wohl gern. - - Wenn dann Väterchen ihm schmeichelt - „hast es brav gemacht“ - und das Kinn ihm gnädig streichelt, - ists als ob er lacht. - - Und wie schön kann Strubel springen - und kann aufrecht gehn, - kann Verlornes wiederbringen - und kann Schildwach stehn! - - Demut, Biedersinn und Treue - sind in ihm vereint, - und wir preisen stets aufs neue - Strubel, unsern Freund. - - - - -Frecher Bengel - - - Ich bin ein kleiner Junge, - ich bin ein großer Lump. - Ich habe eine Zunge - und keinen Strump. - - Ihr braucht mir keinen schenken, - dann reiß ich mir kein Loch. - Ihr könnt euch ruhig denken: - Jottedoch! - - Ich denk von euch dasselbe. - Ich kuck euch durch den Lack. - Ich spuck euch aufs Gewölbe. - Pack! - - - - -Fräulein Leichtfuß - - - Klein Fräulein Leichtfuß läßt sich gehn -- - - Nur zu! Laß nur die Leute stehn, - die fremd und finster dich besehn, - und lach sie aus, die Lastkameele! - - Nur zu! Es kommt ein Tag, da blickst - du fremd dich selbst an und erschrickst - vor der Beladenheit der Menschenseele -- - - Magst du den Anblick leicht bestehn! - - - - -Zuspruch - - - Du rennst nach eignem Ziel und Sinn, - da kommt das Leben angefahren - und nimmt dich mit an Hirn und Haaren; - o nimm es hin. - - Noch stürmt dein Herz: ich will, ich will! - und wilder blutet deine Wunde. - O laß. Vielleicht noch eine Stunde, - dann steht es still. - - - - -Epitaph - - - Eignes Leid und fremde Klage, - einst ist alles schöne Sage. - - - - -Ermutigung - - - Nimm dein Schicksal ganz als deines! - Hinter Sorge, Gram und Grauen - wirst du dann ein ungemeines - Glück entdecken: Selbstvertrauen. - - - - -Nächtliche Frage - - - Was bebt und bangt so wehe - mein Herz empor, - wenn ich dort oben sehe - der Sterne Chor? - - Wie freie Seelen winken, - so bannt den Blick - ihr wandelbares Blinken: - steig an zum Glück! - - Wie reine Geister glänzen, - so mahnt ihr Licht: - steig auf aus deinen Grenzen, - sie wehren’s nicht! - - Und immer dann dies Beben, - und immer mehr. - O Stäubchen, Menschenleben, - und doch zu schwer? - - - - -Vorgefühl - - - Es ist ein Schnee gefallen, - hat alles Graue zugedeckt, - die Bäume nur gen Himmel nicht; - bald trinkt den Schnee das Sonnenlicht, - dann wird das alles blühen, - was in der harten Krume jetzt - kaum Wurzeln streckt. - - - - -Mädchenfrühling - - - Aprilwind. - Alle Knospen sind - schon aufgesprossen; - rings sprießt der Grund. - Und +sein+ Mund - bleibt verschlossen? -- - - Maisonnenregen. - Alle Blumen langen, - heimlich aufgegangen, - dem Licht entgegen, - dem lieben Licht. - +Fühlt+ ers nicht? -- - - - - -Leises Lied - - - In einem stillen Garten, - an eines Brunnens Schacht, - wie wollt ich gerne warten - die lange graue Nacht. - - Viel helle Lilien blühen - um des Brunnens Schlund; - drin schwimmen golden die Sterne, - drin badet sich der Mond. - - Und wie in den Brunnen schimmern - die lieben Sterne hinein, - glänzt mir im Herzen immer - deiner lieben Augen Schein. - - Die Sterne doch am Himmel, - die stehn uns all so fern; - in deinem stillen Garten - stünd ich jetzt so gern. - - - - -Ständchen - - - Das Rosenstöcklein sieht in Flor; - o Gärtnerin, wie blüht’s empor! - Sie hat ihr Pförtlein zugemacht. - Tiefe Nacht. - - Die schönste Rose in der Hand; - ein Knösplein saß am Blütenrand. - Es lugt sie an im Traum und lacht: - Süße Nacht. - - Es lugt nach ihren Lippen hin; - wie’s schwillt, wie’s schwillt, o Gärtnerin! - Genieße doch die Blütenpracht! - Gute Nacht! - - - - -Überraschung - - - Über die grauen Dächer weg, - hoch hier oben, - durch die langen roten Nelken, - die vor meinem offnen Fenster - leise zwischen mir - und dem blauen Abendhimmel schwanken, - will mein Herzschlag - mit meiner Seele - hinaus, hinauf. - - Um die höchste goldene Kirchturmkugel, - im letzten fernen Lichte, - mit hellen Flügeln, - zieht ein Taubenschwarm - eilende Kreise - über dem Hause - meiner Geliebten. - - Aus dem blassen Westen - dringt der erste Stern und überflimmert - scheu den lauten Dunst und trüben Lärm - der großen Stadt hier unten, - wie der erste blinkernde Traumgedanke - aus dem grauen Schwarm der Lebensfragen - in der Seele des Müden taucht -- - da klopft es. - - Klopft und ist auch schon im Stübchen, - sitzt mir auf dem Diwan gegenüber, - sagt kein Wort, es zittert nur ihr Atem, - nur das lose Ringelhaar, - nur die Lippen und die rote Bluse - auf dem jungen, warmen, raschen Busen; - und ich sage auch nichts. - - Ihre bangen Augensterne wagen - in der stummen Dämmerung des Stübchens - hoch hier oben - einen süß beredten Evablick - nach den langen roten Nelken hin: - o, ihr Augen -- -- - - Und ich angle nach ihr mit den Beinen, - diesen Perpendikeln meines Herzens: - Kleine, merkst du, - was die Uhr geschlagen hat? -- - - - - -Herrliches Pärchen - - - Nein, wie sind wir herrlich beide! - ich mit meinem Räubersinn, - du in deinem Jägerkleide! - Sonntag gehn wir auf die Haide, - süße Lüneburgerin! - - Zwanzigtausend Schafe schauen - immer wieder nach dir hin. - Huch! sie ließen gern sich krauen, - und die Lerche juchzt im Blauen: - süße Lüneburgerin! - - Bis sich Nacht und Nebel ballen; - ach, dann senken wir das Kinn. - Kaum ein Mäuschen rührt die Krallen; - huh, dann wirst du überfallen, - weil ich doch dein Räuber bin! - - Brav im Grabe schläft der Hüne; - hussa, falln wir auf ihn hin. - Denn du bist ja meine kühne - süße Lüneburgerüne, - meine wilde Jägerin! - - - - -Empfang - - - Aber komm mir nicht im langen Kleid! - komm gelaufen, daß die Funken stieben, - beide Arme offen und bereit! - Auf mein Schloß führt keine Galatreppe; - über Berge gehts, reiß ab die Schleppe, - nur mit kurzen Röcken kann man lieben! - - Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß! - Einsam ist die Nacht in meinem Walde, - und am schönsten bist du blaß und bloß, - nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne; - trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne, - und ein Kuckuck lacht in meinem Walde. - - Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt! - rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde; - o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt! - Komm, ich trage dich, du wildes Wunder: - wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder! - und dein Brautbett ist die ganze Erde. - - - - -Nicht doch - - - Mädel, laß das Stricken, geh, - tu den Strumpf bei Seite heute; - das ist was für alte Leute, - für die jungen blüht der Klee! - Laß, mein Kind, - komm, mein Schätzchen; - siehst du nicht, der Abendwind - schäkert mit den Weidenkätzchen! -- - - Mädel liebes, sieh doch nicht - immer so bei Seite heute; - das ist was für alte Leute, - junge sehn sich ins Gesicht! - Komm, mein Kind, - sieh doch, Schätzchen: - über uns der Abendwind - schäkert mit den Weidenkätzchen! -- - - Siehst du, Mädel, wars nicht nett - so an meiner Seite heute? - Das ist was für junge Leute, - alte gehn allein zu Bett. - Was denn, Kind? - weinen, Schätzchen? - Nicht doch! sieh, der Abendwind - schäkert mit den Weidenkätzchen! -- - - - - -Das alte Lied - - - Die Rosenknospe gab sie mir, - ein weh Lebwohl klang nach; - ich wollte lächeln, als ich ihr - dafür ein Lied versprach. - - Ihr stand ein Tränchen im Gesicht, - und lächeln wollte sie auch; - doch lächelten wir beide nicht, - das ist so Abschiedsbrauch. - - Jetzt lächel ich in einem fort, - und ihr ist nicht mehr weh; - die Rosenknospe ist verdorrt, - das Lied ist aus -- juchhee! - - - - -Die Heimkehr - - Nach einem französischen Volkslied - - - Der Seemann kommt vom Krieg zurück, - so sacht; - verbrannt so sehr, verstaubt so sehr -- - „Wo kommst du, armer Seemann, her? - so sacht, so sacht?“ - - Frau Wirtin, ich komme vom Krieg zurück, - so sacht. - Bringt Wein! vom weißen! Was bleibt Ihr stehn? - Der Seemann muß bald weitergehn! - so sacht, so sacht. - - Der wackre Seemann sitzt und trinkt, - so sacht. - Er sitzt und trinkt und schaut ins Glas; - der Wirtin werden die Augen naß, - so sacht, so sacht. - - Was habt Ihr, schöne Frau Wirtin, sagt! - so sacht? - Tut Euer weißer Wein Euch leid? - Der Seemann ist zum Gehn bereit! - so sacht, so sacht. - - „Mein weißer Wein tut mir nicht leid, - so sacht; - mein toter Mann kam mir in Sinn, - Ihr ähnelt ihm an Mund und Kinn, - so sacht, so sacht.“ - - O sagt mir, schöne Frau Wirtin, sagt, - so sacht: - zwei Kinder, hört ich, hattet Ihr - von Euerm Mann -- nun seh ich vier?! - so sacht, so sacht? - - „Man hat mir manchen Brief geschickt, - so sacht, - und zeigte seinen Tod mir an, - da nahm ich einen andern Mann, - so sacht, so sacht.“ - - Der wackre Seemann leert sein Glas, - so sacht. - Und ohne Dank, mit schwerem Blick, - ging er zu seinem Schiff zurück, - so sacht, so sacht. - - - - -Zuflucht - - - Hinterm Elternhaus am kleinen Weiher, - dicht umdunkelt rings von Weidenruten, - breitet eine Pappel ihre schwanken - Zweige nickend über Schilf und Fluten. - - Seltsam heimlich ists an diesem Orte; - schon als Knabe hab ich hier gesessen - und mich ausgeweint im Schutz der hohen - Binsen und mein junges Leid vergessen. - - Wieder starr’ich in das schwarze Wasser, - aber keine Träne will mir kommen; - nur die schwanken Pappelzweige seh ich - dort sich spiegeln, winkend, bleich, verschwommen. - - - - -Sommerabend - - - Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur; - fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert, - im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur, - ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert. - - Vom Wiesengrunde kommt ein Glockenton, - der Hirte sammelt seine satte Herde; - im stillen Walde steht die Dämmrung schon, - ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde. - - Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm, - die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden; - nur noch die Grillen geigen ihren Psalm. - So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden! - - - - -Morgenandacht - - - Sehnsucht hat mich früh geweckt; - wo die alten Eichen rauschen, - hier am Waldrand hingestreckt, - will ich Dich, Natur, belauschen. - - Jeder Halm steht wie erwacht; - grüner scheint das Feld zu leben, - wenn im kühlen Tau der Nacht - warm die ersten Strahlen beben. - - Wie die Fülle mich beengt! - so viel Großes! so viel Kleines! - wie es sich zusammendrängt - in ein übermächtig Eines! - - Wie der Wind im Hafer surrt, - tief im Gras die Grillen klingen, - hoch im Holz die Taube gurrt, - wie die Blätter schauernd schwingen, - - wie die Bienen taumelnd sammeln - und die Käfer lautlos schlüpfen -- - O Natur! was soll mein Stammeln, - seh ich alldas +Dich+ verknüpfen: - - wie es mir ins Innre dringt, - all das Große, all das Kleine, - wie’s mit mir zusammenklingt - in das übermächtig Eine! - - - - -Im Regen - - - Es stimmt zu mir, es ist ein sinnreich Wetter; - mein Nacken trieft, denn Baum und Borke triefen. - Die Tropfen klatschen durch die schlaffen Blätter; - die nassen Vögel tun, als ob sie schliefen. - - Der Himmel brütet im verwaschnen Laube, - als würde nie mehr Licht nach diesem Regen; - nun kann er endlich, ungestört vom Staube, - das Los der Erde gründlich überlegen. - - Die Welt fühlt grämlich ihres Alters Schwere: - kein Fünkchen Freude, keine Spur von Trauer. - Und immer steter schwemmt sie mich ins Leere: - kein Staub, kein Licht mehr -- grau -- und immer grauer. - - - - -Einkehr - - Nach Verlaine - - - Das Glöckchen überm Dache da - tönt heut so weise. - Das Bäumchen überm Dache da - bewegt sich leise. - - Der Himmel überm Dache da - steht klar und stille. - Die Lerche überm Dache da - singt: es gescheh dein Wille. - - Mein Gott, wie liegt das Dasein da: - wie Ruhebetten. - Und da, die ferne Unruh da - kommt aus Werkstätten. - - O Du, o Mensch -- Du da, Du da - mit deinen Klagen! - was hast du angefangen, Mensch, - mit deinen Jugendtagen?! - - - - -Lied Kaspar Hausers - - Nach Verlaine - - - Ich kam so fromm, ein Waisenkind, - das nichts als seine stillen Augen hat, - zu den Leuten der großen Stadt; - sie fanden mich zu blöd gesinnt. - - Mit zwanzig Jahren ward ich klug - und fand die Frauen schön und gut; - sie nennen das die Liebesglut. - Ich war den Fraun nicht schön genug. - - Ohne Vaterland und Königshaus, - und wohl auch kein sehr tapfrer Held, - wollt ich den Tod im Ehrenfeld; - der Hauptmann schickte mich nach Haus. - - Kam ich zu früh, kam ich zu spät - in diese Welt? was soll ich hier! - Ach Gott, ihr lieben Leute ihr, - sprecht für den Kasper ein Gebet! - - - - -Heimat - - - Und auch im alten Elternhause - und noch am Abend keine Ruh? - Sehnsüchtig hör ich dem Gebrause - der hohen Pappeln draußen zu. - - Und höre sacht die Türe klinken, - Mutter tritt mit der Lampe ein; - und alle Sehnsüchte versinken, - o Mutter, in dein Licht hinein. - - - - - Zweiter Abschnitt - - - * - - - - -Tief von fern - - - Aus des Abends weißen Wogen - taucht ein Stern; - tief von fern - kommt der junge Mond gezogen. - - Tief von fern, - aus des Morgens grauen Wogen, - langt der große blasse Bogen - nach dem Stern. - - - - -Der Herr der Liebe - - Nach Dante - - - An Jeden, der mit edlem Geist dem Bunde - der Himmelsmächte dient in Erdentalen - und willig dartut, was sie anbefahlen, - ergeht vom Geist der Liebe meine Kunde. - - Es war zur Nacht und schon die vierte Stunde, - da sah ich plötzlich Alles um mich strahlen, - und vor mir stand der Herr der Liebesqualen, - sein Blick entsetzte mich bis tief zum Grunde. - - Erst schien er fröhlich. In der Hand, der einen, - hielt er mein Herz; auf seinem Arm indessen - schlief meine Herrin, blaß, in rotem Leinen. - - Er weckte sie, und ließ sie von dem kleinen - und völlig glühenden Herzen schüchtern essen. - Darauf entwich er mir mit lautem Weinen. - - - - -Läuterung - - - Wie mit zauberischen Händen - greifen Träume in mein Leben, - will ein altes sich vollenden, - will ein neues sich begeben. - - Eine Flamme sah ich lodern - hoch und rein aus goldner Schale, - und die Flamme schien zu fodern: - wirf dein Leid in diese Schale! - - Und anbetend hingezwungen, - fühlt ich Gluten mich umfangen; - rauschend küßten ihre Zungen - mir die Augen, Stirn und Wangen. - - Und ich fühlte hell vergehen - all mein Leid mit einem Male, - rauschend mich als Flamme wehen - selber in der goldnen Schale. - - Wie mit zauberischen Händen - greifen Träume in mein Leben. - Will ein altes sich vollenden? - will ein neues sich begeben? - - - - -Pfingstlied - - - Die Akazien blühen jetzt - wie gebenedeiete Jungfraun. - Wieder hebt sich mein Gesicht - ihrem reinen Geruche zu, - ins Morgenlicht. - - Und auch Dich dort oben, - weiße Taube du, - die wie gestern - zwischen ihren grauen Schwestern - glänzt und kreist: - Alles erfüllt - mein heiliger Geist. - - - - -Jetzt und immer - - - Seit wann du mein -- ich weiß es nicht; - was weiß das Herz von Zeit und Raum! - Mir ist, als wärs seit gestern erst, - daß du erfülltest meinen Traum, - - mir ist, als wärs seit immer schon, - so eigen bist du mir vertraut: - so ewig lange schon mein Weib, - so immer wieder meine Braut. - - - - -Allgegenwart - - - Du gehst nie von mir, - ich bleibe bei dir; - denn du bist in mir - fern wie nah. - - In jedem Herzschlag, - der mich belebt, - bist du’s, die mit mir - durchs Leben strebt. - - Mit jedem Atemzug, - der mir die Seele klärt, - fühl ich, wie deine - Seele mich nährt, - - die mir allinnerlich - Seele der Welt ist, - in Allem such ich dich, - du Welt mit mir! - - In Allem find ich dich: - dich in dem bangen - Hinausverlangen - des Winds im Wald, - - dich in dem Widerstreit - der Blätter über mir, - dich in der Innigkeit - der Gräser hier, - - dich in der Wolke dort, - aus der die Sonne quillt, - wie du so lauter, - so warm und mild, - - dich in der Träne, - die jetzt von Herzen still - aus meinen Augen - zu dir will. - - - - -Waldseligkeit - - - Der Wald beginnt zu rauschen, - den Bäumen naht die Nacht; - als ob sie selig lauschen, - berühren sie sich sacht. - - Und unter ihren Zweigen, - da bin ich ganz allein, - da bin ich ganz mein eigen, - ganz nur dein. - - - - -Die Getrennten - - - Nie mehr bin ich allein, - gleich bebt in mir deine Stimme: - Du, wie ist dir ums Herz? - Du, wie ist dir ums Herz? - - Wie dem Schwanenpaar damals, - das wir beim Nestbau belauschten, - Beide wie Ein Herz bewegt, - Beide wie Ein Herz bewegt. - - Oh, jetzt bin ich allein, - jetzt bebt in mir deine Stimme: - Oh, wo bist du, mein Herz? - Du, wo bist du, mein Herz! - - - - -In Sehnsucht - - -Jüngling: - - Möcht es hassen, - dies Sehnen ohne Maßen. - Weiß nicht, was ich tun will; - weiß nicht, ob ich ruhn will. - Jetzt alles tragen - und stolz verzagen, - jetzt alles wagen - und zu ihr jagen. - Ein träges Hasten - selbst mein Gang, - ein blödes Tasten - von Drang zu Drang, - ein Sehnen ohne Maßen. - Möcht es hassen; - ach, aber bin - so glücklich drin. - -Mädchen: - - Möcht ein Lied dem Liebsten singen, - daß er tief ins Herz mir sieht. - Doch es will mir nicht gelingen, - alles in mir stockt und flieht. - - Ob ich nur das Wort verfehle? - ob zu Ihm gleich alles flieht? - Aber meine ganze Seele - ist ein einzig Sehnsuchtslied. - - - - -Deine Nähe - - - Zitternd bin ich aufgesprungen, - glühend, mit dem Tageslichte, - dir zu singen die Gedichte, - die ich dir im Traum gesungen. - - Nie ertönte Innenklänge, - zauberzarte, weiche, milde; - nie vernommne, heiße, wilde, - heilig brausende Gesänge. - - Und sie alle, alle rauschten - Deinen, immer Deinen Namen, - bis des Erdballs Völker kamen - und auf deine Ankunft lauschten. - - Kamen aus den fernsten Landen, - sprachen wohl in allen Zungen; - doch von Dir, von Dir bezwungen, - haben alle mich verstanden. - - Eines nur der tausend Lieder, - eines nur noch einmal singen: - ewig würd’es weiterklingen! - Ach, ich finde keines wieder. - - Stumm im Herzen nur ein Schauern, - nur ein brennendes Verzagen, - ein Verlangen und ein Fragen: - Komm! was läßt du mich so trauern?! - - - - -Der Bräutigam - - - Mein tolles Herz, - ich leg auf dich die Hände. - Nun träum dich an ein sonnig fern Gelände, - da deckt man dich mit stillen Blumen zu. - Da lauscht eine Mutter - dem Ruf der Morgenglocken - und glättet einer Braut die wirren Locken - und bittet dich: gib Ruh, gib Ruh. - - - - -Ansturm - - - O zürne nicht, wenn mein Begehren - brausend aus seinem Dunkel bricht. - Soll es mich selber nicht verzehren, - muß ich’s aussprühn! ans Licht, ans Licht! - - Fühlst ja, wie all mein Innres brandet. - Und wenn herauf der Aufruhr bricht, - jäh über deinen Frieden strandet, - dann bebst du -- aber zürnst mir nicht. - - - - -Nachtgebet der Braut - - - O mein Geliebter -- in die Kissen - bet ich nach dir, ins Firmament! - O könnt ich sagen, dürft er wissen, - wie meine Einsamkeit mich brennt! - - O Welt, wann darf ich ihn umschlingen! - O laß ihn mir im Traume nahn, - mich wie die Erde um ihn schwingen - und seinen Sonnenkuß empfahn - - und seine Flammenkräfte trinken, - ihm Flammen, Flammen wiedersprühn, - oh Welt, bis wir zusammensinken - in überirdischem Erglühn! - - O Welt des Lichtes, Welt der Wonne! - O Nacht der Sehnsucht, Welt der Qual! - O Traum der Erde: Sonne, Sonne! - O mein Geliebter -- mein Gemahl -- - - - - -Ballnacht - - - Prunkende Klänge, - Tanz und Geflirre; - stumm im Gedränge - steh ich und irre. - Steh ich und starre, suche nach dir, - und weiß und weiß doch, du bist nicht hier. - - Alle die Blicke, - was sie wohl plaudern, - die Händedrücke, - die Hast, das Zaudern. - Immer verworrener, wie im Traum, - fremder und fremder rauscht der Raum. - - Köpfe wiegen sich, - Füße schweben, - Arme biegen sich; - sinnlos Leben. - Sterbende Blumen, weh tuendes Licht, - seltne Juwelen, nur Seelen nicht. - - Wie blaß die Sterne - durchs Fenster blinken! - O könnt ich ferne - jetzt hinsinken - mit ihren Strahlen zu Dir, zu Dir, - die du im Traum noch fühlst mit mir! - - - - -Entweihung - - - Wage selber kaum verstohlen - deinen Namen mir zu stammeln; - ist mir immer doch, die Menschen - müßten sich zur Andacht sammeln. - - Und ich muß es höflich leiden, - muß mich wie ein Fant betragen, - wenn die fremdesten ihn nennen - und mich schamlos nach dir fragen, - - mit denselben Lippen fragen, - die vor jedem Knecht sich blähen, - die um jeden Wicht scharwenzen, - die auf jeden Echten schmähen. - - Fort! still fort -- ich will dein Dulden - nicht mit meinem Ekel kränken; - will zu meiner Mutter flüchten, - ganz in Reinheit an dich denken. - - - - -Landung - - - Mein weißer Schwan vor mir, noch ziehn wir leise - auf dunkler Flut durch unser Morgengrauen, - zur blassen Ferne, wo die Wellenkreise - dem jungen Tage hoch entgegenblauen. - - So lassen wir uns tragen, weiter tragen, - und golden wird der dunkle Wasserbogen, - bis wir die seligen Inseln sehen ragen - im Glanz der Frühe aus den stillen Wogen. - - Da wirst du losgeknüpft von meinen Zügeln, - der Nachen säumt, wir sind am Heimatlande; - da dehnst du dich mit ausgespannten Flügeln - und steigst hinauf mit mir zum hellen Strande. - - Und von den Höhen wird ein Singen wehen, - die Bahn zum Licht zu weisen auch den Brüdern, - und durch die Tiefen wird ein Klingen gehen - von großem Glück: aus meinen Schwanenliedern. - - - - -Die Illusion - - Nach José Zorrilla - - - Was ist die Freude, das Glück, das Leben - ohne den Traum von Hoffnung und von Ruhm! - Eine Straße, endlos, öd, uneben: - immer müder wird dein Pilgertum. - - Gieb mir Melodieen -- oh, nur eine: - wiege das Herz in Träume, wenn es schreit! - und dir wachsen ewige Marmorsteine - aus der Asche der Vergangenheit. - - Hoffnung! Ruhm! was soll ich mich beklagen; - ein Diadem zieht strahlend vor mir her. - Was tuts, ein Leben wie ein Bettler tragen, - wenn man stirbt wie Pindar und Homer! - - - - -Gebet an die Geliebte - - - Meine Hoffnung du, nun hilf mir hoffen! - Schleicht der Winter schon in unser Leben, - das noch kaum ein Frühlingsstrahl getroffen? - Sahn wir darum einen Himmel offen, - nur um Grabesziele anzustreben? - - Hilf mir glauben! Nimm mir nicht den Segen, - daß ich Ein Herz durch mich glücklich wisse! - O, es geht sich schwer auf meinen Wegen: - ewiges Eis starrt von den Höhn entgegen, - und im Abgrund gähnen Finsternisse. - - Drum von Liebe still! Wer kann sie sagen. - Laß mich fühlen, fühlen, daß die Gluten - auch in Dir empor zu Flammen schlagen, - in der Lohe uns gen Himmel tragen, - und das Eis zerschmilzt in Lavafluten! - - - - -Der Wunschgeist - - - Und wieder saß ich spät mit mir allein, - im Lichtkreis meiner Lampe, Ausgeburten - sehnsüchtiger Not durchs Hirn vom Herzen wälzend, - und wußte nichts von mir; ein krasser Wust - von Wünschen, schwirrt ich vor mir selbst im Kreis - und sah die Wunschgespenster sich verknäueln, - sich würgen und sich fressen und in Qual - und zuckender Wollust mit einander paaren, - um neue Ausgeburten zu gebären. - Bis mir auf einmal, im verrückten Rausch - des Mitgefühls, die Nägel meiner Finger - in meine heißen Augenhöhlen fuhren, - daß ich aufwankte aus der Schwelgerei. - Und taumelnd fühlt ich mich zum Fenster hin, - und stand und atmete die sanfte Nacht. - - Da dehnte sich im Dunstlicht um mich her - Berlin -- mit seinen Dächern, seinen Türmen, - Schornsteinen, Schloten, Kuppeln, Ruhmessäulen - heraufgebaut ins fahle Blau, als langte - aus ihrem Grabe scheintot eine Riesin - und reckte alle Finger bettelnd hoch: - nur leben will ich, leben, atmen, essen! - - Und wimmeln hört ich die Milliarden Wünsche, - die ungestillten, unter allen Mauern, - wie Würmer einer schattenvollen Gruft; - hörte den Hunger, der mit dürren Knöcheln - ins Grab sich trommelte auf nackter Diele, - die Not, die schamlos durch die Straßen strich, - das Elend, das im Flitterputz sich narrte. - Und ich erschrak, wie winzig +meine+ Not; - und ein Erbarmen, graunvoll, grenzenlos, - trieb mich zurück in meine Einsamkeit. - Und trübe saß und starrt ich in die Lampe, - und trüber noch auf meinen Schatten, der - verschwimmend an der Wand hing, schwankend, nickend, - und starrte -- und entsetzte mich: der Schatten - bewegte, drehte sich, und kam und schwebte, - und neigte sich vor mir, und winkte mir, - und eine Stimme tönte tief und hohl: - „Komm. Wunsch ist Lust, Erfüllung Tod. Komm, schaue.“ - - Wir wandelten. Ein bleicher Mittag lag - schwül auf dem gelben Sand der weiten Wüste. - Nichts rührte sich, nur mein vermummter Führer, - der stumm und schwarz vor mir die Glut durchschritt; - in seine Spuren trat ich wie gebannt, - da klaffte jäh ein Abgrund vor uns auf. - Ich fuhr zurück. Doch ruhig stand der Düstre - und wies zur Rechten, wo ein riesenhafter - verworrner Kuppelbau am Abhang hochwuchs, - und aus der Maske scholl es schwer und dumpf: - „der Tempel der Erfüllung“ -- daß ich bebte, - von ungewissen Schauern angefaßt. - - Da tönte wieder die vermummte Stimme: - „drei Wünsche darf ich dir gewähren, wähle!“ - und rasselnd sprang die Pforte oben auf. - Und grübelnd starrt’ich in die dunkle Öffnung; - mir war, als wogten die Milliarden Wünsche - des Erdballs drin, die ungestillten alle. - Von Scham und Zorn erglüht ich, strafen wollt ich - den höhnischen Versucher, selig rief ich: - So soll denn jeder höchste Wunsch auf Erden - erfüllt sein jedem Einzigen! -- „Jedem Einzigen“, - gleichgiltig sprach es der im Mantel nach. - - Und rückwärts deutete der Ungerührte - dem Saum der Wüste zu; der regte sich, - und aus dem Staub erhob sich ein Getümmel, - als schwärmten ferne Geier um ein Aas. - Und fort vom Horizont her schob sichs schwärzlich - wie Wolkenklumpen, ballte sich und schwoll, - schwoll, löste sich, erbrauste, schwoll, und wälzte - und wickelte sich tosend auseinander - und auf uns zu, die Ebne überströmend - wie Qualmgebrodel, sturmgepeitscht; und näher - und immer näher schwolls und schüttete - sich aus vor uns zu Haufen, Schaaren, Zügen - von Leibern gelb und weiß und schwarz und braun. - Die Erde dröhnte, wie sie rasend rannten - und keuchend ritten; und da schossen schon - die Ersten uns vorbei, vom Wettlauf triefend, - hinauf den Abhang und hinauf die steilen - Stufen der Tempeltreppe, ihnen nach - der Unzählbaren brausendes Gewühl. - Und schaudernd sah ich ihrer Augen Gier; - doch unbewegt stand neben mir mein Führer. - - Und nun, da kamen aus dem dunkeln Tor - mit dem errafften Gut, dem höchst erstrebten, - dem tiefst ersehnten, Einige schon zurück; - und zitternd, freudezitternd späht’ich hin. - O Wahn! -- o wie sie kindisch um die Säulen - tanzten und johlten, in den Händen Tand! - Doch Andre kamen -- fiebernd späht’ich hin. - Da schleppte unter beiden Armen Einer - verstaubte Folianten. Einer kroch fast, - so war er goldbepackt. Behutsam trug - ein Greis ein Blumentöpfchen. Eine Schöne - liebäugelte mit ihrem Perlenschmuck. - Und jetzt: Halt suchend griff ich in die Luft: - wild jauchzend stürmte aus dem Tor ein Häuptling, - die blutige Kopfhaut eines Feindes schwang er, - und oben auf den Stufen rangen Zwei - zum Mord verknotet um ein nacktes Weib. - - Mitfühlend bog sich, krümmte sich mein Arm. - Da ließ der Krampf mich los: ein Ekel fuhr mir, - ein Strom von Ingrimm durch Genick und Kehle. - Gen Himmel stieß ich die geballten Fäuste: - O Allmacht, rott es aus, dies Wurmgezücht! - vertilgt sei, wer nicht liebt! es lebe nur, - wer in der einen Sehnsucht sich verzehrt, - die Alle glücklich macht! es lebe nur, - wer Alle, Alle will vom Schmerz erlösen! - - „Erlösen“ -- tönte die vermummte Stimme; - „der zweite Wunsch!“ wie Drohung scholl es nach. - Und plötzlich: vor mir, neben, über mir, - herab die Stufen, schollernd, schlotternd kams - herab den Abhang, dröhnend wie Geröll, - hinab zum Abgrund, Leiber über Leiber, - verrenkt im Todeskampf, und drüber weg - hinauf den Abhang, immer dröhnender, - hinauf die Stufen und ins dunkle Tor - der Unzählbaren brausendes Gewühl. - Und immer dröhnender, hinein, heraus, - herab die Stufen, schollernd, schlotternd quolls - hinab, hinunter, Sterbende und Leichen, - vor meinen Augen; und die Sonne sank - und sank und sank, und immer neue Haufen - Verröchelnder verschlang der Schlund vor mir. - - Aufschreien wollt ich, flehen, daß nur Einer, - nur Einer spräche das geweihte Wort -- - der Laut erstickte mir im offnen Mund: - mein liebster Freund, da schlug er hin, zermalmt, - zermalmt die Brüder beide, beide Schwestern, - mit angstumklammertem Brautkranz die Geliebte, - und da, da -- „Mutter!“ -- da stand meine Mutter - und hörte nicht mein Schrein und stieg hinan - und bat zu Gott, oh Gott, für mich, für mich, - für ihren Sohn blos bat sie Gott um Glück, - und starb für ihr Gebet -- stier sah ichs an. - - Stumpf glotzt ich in die Runde, sinnlos lächelnd; - irrsinnig schien ich mir, erstarrt mein Herz. - Wohin ich sah, verglaste Augenpaare; - und all die Augenpaare sahn mich an. - Und sahn mich an wie meine eignen Augen, - aus allen Augen sah ich selbst mich an, - verglast, sinnlos, zum Lächeln -- da: - aufschluchzend fiel ich hin und weinte laut. - Und fühlte eine große Stille werden, - ein dunkler Sammet streifte meine Schläfen, - wie schwere Dämmrung legten sich die Falten - um meine Schultern, und wie Nachtwind hohl - traf mich die Frager „Und dein dritter Wunsch? - dein letzter, eigenster?“ Aufrüttelnd fuhr - ein eisiger Atem durch mein heißes Haar. - - Und stammeln wollt ich. Doch die Worte kreisten - in mir wie Staub im Sturm. In meinen Ohren - war wieder das Gedröhn. Und eine Angst - vor meiner eignen armen Gier und Blindheit - hielt mir die Kehle würgend zu: zerknirscht - lag ich und lag, nicht wagt’ich mehr zu wünschen, - und endlich, röchelnd, bettelnd, stöhnt ich: Gnade! - und schlug die Augen auf. Da dehnte sich, - nickend, verschwimmend, an der Wand mein Schatten; - verflammend stand die Lampe, schwälte, losch, - ich saß allein im kalten Licht der Sterne. - - - - -Dante guidante - - - Wer sich durch eine Hölle hat gesungen, - den fragt, welch Paradies ihm endlich tagte! - Doch wer an seinem Leben nie verzagte, - hat um das höchste Leben nie gerungen. - - - - -Rückkehr - - - Ich seh in deine Augen wieder, - in diesen Frieden tief und bang; - da schweigen all die Aufruhrlieder, - die schrill in mir mein Unhold sang. - - Du darfst den trüben Wahnsinn wissen, - der gräßlich lacht in mir und schreit, - daß ich vom Mutterleib gerissen - zu graunvoll freudelosem Streit, - - daß mich Natur mit allen Trieben - im Schooß der Wonne schon verdammt, - daß die verflucht sind, die mich lieben, - daß meine Glut nur Unheil flammt. - - Du, Du, die Eine, hast ergründet - mein innerst Sündenangesicht, - hast mich entsühnt, zu Glut entzündet - in mir der Reinheit schwaches Licht. - - Von deinen heiligen Seelenblicken - glänzt meiner Sinne dumpfe Flur; - mir löst ein menschliches Entzücken - die rohen Ketten der Natur. - - In Tränen stirbt mein irres Bangen, - ob ich berufen sei zum Glück; - sieh mein verröchelndes Verlangen, - die Klarheit gabst du mir zurück. - - - - -Verheißung - - - O weine nicht; die Wunden heilen bald, - die dir mein Unmut schlug und dein Verzagen. - Du wirst noch jubeln, daß dich mit Gewalt - mein Mut aufstachelt aus den Alltagstagen. - - Denn sieh, dir ist ein Dornenkranz geweiht, - herrlich genug, das schwächste Herz zu stählen; - dran strahlt als Himmelsblume jedes Leid, - mit dem uns Sehnsucht und Verlangen quälen. - - Schon hebt sich um mein Haupt das Morgenrot, - das einst auch Deine Stirne wird bekränzen, - wenn eine ferne Sage unsre Not, - und wenn als Sterne deine Tränen glänzen. - - - - -An meine Königin - - - Bin ich ein König? -- Als ich Knabe war, - da träumte mir von einem goldnen Throne, - von einem Volk in heller Jubelschaar, - von einem Purpurmantel, einer Krone. - - Ich wurde Jüngling, und der irdne Glanz - verblich im Geisterlicht des Ewig Schönen; - da träumte mir von einem Strahlenkranz, - mit dem ein andres Volk mich sollte krönen. - - Jetzt träum ich nicht mehr Kronen, nicht mehr Kränze, - kein Ziel der Sehnsucht, das der Stolz gebar; - mich lockt kein Volk, kein Reich mehr, keine Grenze, - nur meiner Kraft glühn muß ich immerdar. - - Nur immer schweben, wie der Adler schweben, - den es hinauf ins Unbegrenzte reißt; - ich +kann+ nicht wie die Lerche mich bestreben, - die flatternd ihre Ackerfurche preist. - - Ich +weiß+ kein Ziel. Gestalten aus dem Vollen - erheben sich, zerreißen die Umhüllung. - Nun ihnen nach, die nichts als Dasein wollen! - Mein Sehnen ging durch Dich mir in Erfüllung. - - Du gabst mir solch ein Reich voll Glanz zu eigen, - daß meine ganze Sprache mir zu wenig, - all dieses Reichtums Herrlichkeit zu zeigen, - und dankbar knie ich hin: -- ich +bin+ ein König. - - - - -Wahrspruch - - - Ob wir verdienen, daß wir glücklich sind? - Was zweifelst du? Verdienst du, gut zu sein? - Durch Zweifel wird das wahrste Wesen Schein. - Glück ist des Menschen schönste Tugend, Kind; - wer glücklich ist, verdients zu sein. - - - - -Lobgesang - - - Wie das Meer - ist die Liebe: - unerschöpflich, - unergründlich, - unermeßlich: - Woge zu Woge - stürzend gehoben, - Woge in Woge - wachsend verschlungen, - sturm-und-wetter-geberdig nun, - sonneselig nun, - willig nun dem Mond - die unaufhaltsame Fläche -- - doch in der Tiefe - stetes Walten ewiger Ruhe, - ungestört, - undurchdringbar dem irdischen Blick, - starr verdämmernd in gläsernes Dunkel -- - und in der Weite - stetes Wirken ewiger Regung, - ungestillt, - unentwirrbar dem irdischen Blick, - wild verschwimmend im Licht der Lüfte: - Aufrausch der Unendlichkeit - ist das Meer, - ist die Liebe. - - - - -Blick ins Licht - - - Still von Baum zu Bäumen schaukeln - meinen Kahn die Uferwellen; - märchenblütenblau umgaukeln - meine Fahrt die Schilflibellen, - Schatten küssen den Boden der Flut. - - Durch die dunkle Wölbung der Erlen - -- welch ein funkelndes Verschwenden -- - streut die Sonne mit goldenen Händen - silberne Perlen - in die smaragdenen Wirbel der Flut. - - Durch die Flucht der Strahlen schweben - bang nach oben meine Träume, - wo die Bäume - ihre krausen Häupter heben - in des Himmels ruhige Flut. - - Und in leichtem, lichtem Kreise - weht ein Blatt zu meinen Füßen - nieder; und des Friedens leise - weiße Taube seh ich grüßen, - fernher grüßen - meiner Seele dunkle Flut. - - - - -Fernhin - - - Durch Traum und Morgen-Unruh - und jetzt noch seh ich dich: - die lange Nachtfahrt, - im Duft des Blumenstraußes, - den ich dir mitgab. - - Jetzt nahst du dem Garten - um dein Vaterhaus, - drin deine Mutter dir - einst Blumen gab. - - Jetzt stehst du am Eingang still, - im Sonnenduft, - drin unser Kind vielleicht schon keimt. - - Jetzt beugst du dich fernhin - über den Strauß. - - - - -Erste Hoffnung - - - Mein Freund hat mir ein Bild gemalt: - Maria weint vor Wonne - und ist von lauter Sonne - überstrahlt. - Wer weiß die Melodie dazu? - - Mein Freund hat mir ein Wort gesagt; - das klang so fern beglückend, - mir schlug das Herz so drückend, - so verzagt. - Wer weiß die Melodie dazu? - - Mein Freund hat mir ein Lied gemacht; - es ist ein Lied vom Leben, - ich fühl es in mir beben - Tag und Nacht. - Wer weiß die Melodie dazu? - - - - -Am Storchsee - - - O Leben! o Liebe! wie geht sie verändert, - die seligen Augen von Schatten umrändert, - und lacht kaum. - Und ist doch mein Mädel, mein sonniges, flottes; - nun will ich sie malen als Mutter Gottes - am Storchsee. - - Die Hände über den Schooß gebreitet, - die seligen Augen ins Land geweitet, - und Frühling: - so soll sie zwischen den Binsenspitzen - am Ufer im Kahn unterm Weidenbusch sitzen - und warten. - - Nackt flimmern die Zweige, die Knospen platzen; - links oben im Bilde schnäbeln zwei Spatzen, - wie damals. - Und hinter ihr wölbt sich der blankblaue See; - da stecken vier fünf Enten die Stietze in die Höh, - wie immer. - - Zehn rudernde Beine in emsiger Runde; - die Hälse, die suchen was unten im Grunde - der Wellen -- - der Wellen, die wimmelnd wie lauter Pfeilspitzen - aus eitel Silber zum Himmel aufblitzen, - rechts oben. - - Denn links stand ein Ahorn, mit knallgelben Blüten. - Nun, Mädel, mein braunes, mag Gott dich behüten - am Storchsee! - Wie werd’ich mich blos so als Vater betragen, - Frau Störchin? und was wird das Publikum sagen, - oh Mutter Gottes! -- - - - - -Wiegenlied für meinen Jungen - - - Schlaf, mein Küken; Racker, schlafe! - Kuck: im Spiegel stehn zwei Schafe, - bläkt ein großes, mäkt ein kleines, - und das kleine, das ist meines! - Bengel, Bengel, brülle nicht, - du verdammter Strampelwicht. - - Still, mein süßes Engelsfüllen: - morgen regnets Zuckerpillen, - übermorgen blanke Dreier, - nächste Woche goldne Eier, - und der liebe Gott, der lacht, - daß der ganze Himmel kracht. - - Und du kommst und nimmst die Spenden, - säst sie aus mit Sonntagshänden, - und die Erde blüht von Farben, - und die Menschen tun’s in Garben -- - Herr, den Bengel kümmert nischt, - was man auch für Lügen drischt! - - Warte nur, du Satansrachen: - heute Nacht, du kleiner Drachen, - durch den roten Höllenbogen - kommt ein Schmetterling geflogen, - huscht dir auf die Nase, huh, - deckt dir beide Augen zu -- - - deckt die Flügel sacht zusammen, - daß du träumst von stillen Flammen, - von zwei Flammen, die sich fanden, - Hölle Himmel still verbanden -- -- - So, nun schläft er; es gelang; - Himmel Hölle, Gott sei Dank! - - - - -Lied der Mutter - - - Bienchen, Bienchen - wiegt sich im Sonnenschein, - spielt um mein Kindelein, - summt dich in Schlummer ein, - süßes Gesicht. - - Spinnchen, Spinnchen - flimmert im Sonnenschein, - schlummre, mein Kindelein, - spinnt dich in Träume ein, - rühre dich nicht. - - Tief-Edelinchen - schlüpft aus dem Sonnenschein, - träume, mein Kindelein, - haucht dir ein Seelchen ein: - Liebe zum Licht. - - - - -Indianischer Wiegengesang - - - Auf dem Flusse Jukon - streift der Wind; - und mein Hausherr jagt das Renntier - auf den Bergen Boojukon. - Xami, Xami: schlaf, mein Kind, - schlaf, mein Kleiner, schlafe. - - Der Herd ist kalt, - das Brennholz all verbrannt; - zerbrochen ist mein Beil, - mit meinem Hausherrn wandert - das andre durch den Wald. - Ach, und die Wärme der Sonne schläft - in der Höhle des Großen Bibers, - wo sie auf den Frühling wartet. - Xami, schlaf doch, schlaf, mein Kind; - schlaf, mein Kleiner, schlafe. - - Suche keine Fische, Alte, - lange ist der Kasten leer; - selbst der Rabe kommt nicht mehr, - der sonst jeden Tag drauf hockte. - Ach, seit wieviel Nächten - bin ich schon allein! - In die Berge ging mein Hausherr; - könnt ich bei ihm sein! - Xami, Xami, schlafe; - nein, ich geh nicht; schlaf, mein Kind. - - Wo ist Der in diesem Augenblick, - den ich über alles liebe? - Schläft vielleicht und stürzt vom Bergabhange! - Warum bleibt er so sehr lange, - warum kehrt er nicht zurück?! - Wenn er heut nicht kommt, - werd’ ich doch noch gehen, - in die Berge gehen, - meinen lieben Herrn mir suchen gehen! - Schlaf, mein Kleiner, schlafe; - Xami, schlaf, mein Kind. - - Hh --! da kommt der Rabe. - Wie er krächzt! So hohl. - Wie er lacht! So höhnisch. - Warum lacht er wohl? - Und sein Schnabel glänzt - naß und rot von Blut, - und sein böses Auge - funkelt Haß und Wut. - Warum lachst du, Rabe? - Xami, schlaf, mein Kind. - - „Mich freut noch, Frau, der frische Fraß, - das saftige Fleisch, das prächtige Stück, - das mir dein Herr zu schmecken gab. - Schlafend lag er sanft im Gras, - da kam der Rab, - da nahm der Rab; - ja, ganz sanft im Grase lag er!“ - Schlafe, Xami; schlaf, mein Kind; - schlaf, mein Kleiner, schlafe. - - „Ja, zwanzig Renntierzungen - trug er auf seiner Schulter; - blos Er hat keine Zunge mehr im Munde, - den Namen seiner jungen Frau zu rufen. - Raben, Krähen und Füchse - zanken um seine Beute; - ja, ganz sanft im Grase schläft er, - sanfter als das Kind, Frau, - das an deinem Herzen schläft!“ - Xami! Xami! Ach -- - - „Raben, Krähen und Füchse - zanken um einen Fetzen - von dem Leichnam deines Herrn. - Ja, ganz sanft im Grase liegt er, - und sehr hart, sehr zähe - war er doch im Leben; - wohl viel härter, zäher - als des Kindes Leben, Frau, - das an deinem Herzen liegt!“ - Xami! schläfst du? Xami?! - Ach, mein Kind; o schlaf, mein Kind. - - Ach -- -- o da! da kommt er, - kommt mein Herr, mein geliebter! - ganz mit Beute beladen, - müde kommt er den Berg herab. - Hui, nun hurtig, Alte, - hole Holz zum Spalten, - sieh, mein Müder lacht! - Und der Rabe, der Lügner, - was für Augen der macht! - Xami, aufgewacht! - auf, du kleiner Schläfer, - komm, dein Vater lacht! - - Sieh, er bringt uns Renntierfelle, - bringt das schöne süße Markfett, - bringt uns frisches Wildpret mit. - Und für dich, mein Liebling, - hat er gar geschnitzt ein Spielzeug - aus den glatten Renntierknochen. - Matt und abgehetzt - lag er fern am Bergabhange - gestern. Aber jetzt: - sieh nur, wie der Rabe bange - sich vor seinem Pfeil versteckt! - Ja, wach auf, du Schläfer, - komm und lache mit mir! - Auf, mein kleiner Wildfang, - jauchze, dein Vater ist hier! - - - - -Adlerschrei - - - Schwere Tage schwanden, - seit ich zu dir stieß, - all im Flug bestanden, - von den Hügellanden - her durch Stürme auf dies Bergverlies. - - Mit erprobten Schwingen - hocken wir im Nest, - sehn die Wolken ringen, - fast zum Herzzerspringen - warm an unsre junge Brut gepreßt. - - Und ich darf nicht fragen: - ist dir das genug? - darf nur Sehnsucht tragen - nach den schweren Tagen: - hin durch Stürme, Herz, zu kühnerem Flug! - - - - -Eröffnung - - - Jetzt sing ich dir das letzte Liebeslied. - Ich fühls bei jedem unsrer trauten Spiele, - daß mich ein Geist in seinen Dienst beschied, - der Geist der alten und der neuen Ziele. - - Der duldet nicht in seinem weiten Bann - die allzu häuslich eingeengten Klänge; - und manchmal wandelt eine Pein mich an, - als ob ich fehl von unsern Freuden sänge. - - Denn Meine Sprache ist für Alle da. - Doch was wir kaum in Seufzern uns gestehen, - was rein in Blicken zwischen uns geschah, - ist eine Sprache, die nur wir verstehen. - - - - - Dritter Abschnitt - - - * - - - - -Weihspruch - - - Klage und juble, Dichter, - wie du willst; - das wirkt Seele ins All, - du bist Gott. - Aber beklage nicht! - bejuble nicht! - nichts! - Du bist Gottes Werk; - brüste dich nicht! - - - - -Nachruf an Nietzsche - - - Und es kam die Zeit, - daß Zarathustra, auferstanden, - aus seiner Höhle niederstieg vom Berge; - und viel Volkes - küßte seine Spuren. - Der Jünger aber, der ihn liebte, - stand von ferne, - und der Meister kannte ihn nicht. - Und der Jünger trat zu ihm und sprach: - Meister, was soll ich tun, - daß ich selig werde? - Zarathustra aber wandte sich - und schaute hinter sich, - und seine Augen wurden fremd, - und gab zur Antwort: - folge mir nach! - Da ward der Jünger sehend - und verstand den Meister: - folgte ihm - +und verließ ihn+. - - Als er aber seines Weges wanderte, - ging er in sich - und sprach also zu seiner Sehnsucht: - - Wahrlich, Viele sind, - deren Zunge trieft vom Namen Zarathustras, - und im Herzen beten sie - zum Gotte Tamtam; - allzu früh erschien er diesem Volk. - Seinen Adler sahen sie fliegen, - der da heißt - der Wille zur Macht - über die Kleinen; - und seine Schlange nährten sie an ihrer Brust, - die Schlange Klugheit. - Aber seiner Sonne ist ihr Auge blind, - die da heißt - der Wille zur Macht - über den Einen: den Gott Ich. - Wiedergeburten feiern sie - und Wiedertaufen aller Götzen, - aber Keiner wußte noch - sich selber zu befruchten - und seinem Samen jubelnd sich zu opfern. - Der Du Deinen Opferwillen lehrtest, - fahr denn wohl! gern hätt ich dir - dein letztes Wort vom Mund geküßt, - du lächelnder Priester des fruchtbaren Todes. - +Aber wir leben+, - - und mancher Art sind - die Sonnenpfeile und Blumengifte - des fruchtbaren Todes. - Ach, daß dein Jünger dir - zu spät erschien! -- - - - - -Glockenklänge an Bismarck - - Am Tage seiner Amtsenthebung 20. März 1890 - - - Glocken, Glocken, wir - Mund der Macht, - oft wehklagten wir dem Donner, - oft frohlockten wir dem Flammensturm; - heut, Volk, frohlocken, - heut, Bismarck, klagen wir - dumpf Euch! aber - immer, Glocken, - dröhnt aus unserm - Mund die Macht. - - Immer hungrig, - tief auf nach Opfern - stöhnt der Mund der Macht. - Doch auch immer - öffnet weit zu hohen Jubellauten - dann den Mund die dunkle Mutter; - denn noch immer - zeugt sich, zeugt sich Opfer dann - unerschöpflich jung die Kraft der Macht. - - Nur ein Hauch, - kommt und rührt der Lockruf - der erhabnen Mutter - die Erkornen. - Und empor, sturmgleich, - ihrem Schooß zu, - folgen sie gebannt und wachsen - zu den Wolken, - folgen sie und wankend - bebt der Boden; - und sie fallen. - - +Einem+ Schooß entsprungen, - +einem+ Muttergrunde, - rollt der Strom und - quoll der Glutblock, - der erkaltend -- seht! -- den Stromlauf staut. - Hingetürmt, schroff, - stolz im Wege der empörten Flut, - starr thront das Lavahaupt, - lagert die gewaltige Sohle: - seht! starrer immer, - nur gewaltiger noch - von der Wucht der Brandung - eingebohrt dem Grund, der beide schuf. - Aber aufgebäumt nun: - wuchtiger prallt, wühlt, kocht der junge Strom, - seht, wuchtiger immer, - und es wankt die Sohle, wankt das starre - alte Haupt, - das zur Macht die Kraft der Stromflut - stauend hob. - - Horcht! Dumpfhin krachen, - hochauf rauschen - jäh verworrne Jubelklagelaute. - Horcht in Ehrfurcht: - heut gefallen, - weicht der Macht ein Opferzeuge. - - Ruhe, ruhe, - Bismarck, graue Klippe du! - rolle, rolle, - Volk, du aufgewühlte junge Stromflut! - bald versprüht - eurer keuchenden Umarmung - dumpfe Wut, - ausgerungner Opferkampf. - Denn auch Er, der heute - übers alte Haupt dir, du Gestürzter, - hoch hinweg im Zollern-Stolz geschäumt ist: - ja, ein Schaum nur sprüht er, - der die Stromflut, - die empörte junge Stromflut krönt. - - Doch wohin, wohin nun -- fragst du schwer -- - stürzt die Flut, die jäh verworrne Flut? - - Lausche, du Erlauchter, - der du selbst mit Kronen spieltest, - selbst dem Lockruf der erhabnen Mutter folgtest, - der du mit umwölkter Stirne - nun im abendstummen Park die dunkeln - Lebensbäume siehst - vom schwachesten Lufthauch schwanken: - lausche nur den fernen Glocken, - Sohn der dunkeln, - immer jungen, - nimmer satten Mutter Du: - der Macht! -- - - - - -Vor Sonnenaufgang - - - Propheten der Sonne, der Morgen graut! - Was säumt ihr den Erdrand wie Nebelscheuchen - und beklagt euch über die Nachtdünste? - Hört doch die Hähne: sie krähn in die Wolkenröte, - und ihre Flügel funkeln schon! - Sie beschämen eure Menschengedanken, - ihr Bettler um das ewige Licht; - ich hasse eure Art Morgengrauen! - - Freilich, in einsamen Nächten, - wenn der Gedanke ein Scherflein gilt - und die schwärmende Seele Millionen verschenkt, - wenn ich mit traumheißen Augen - über die Dächer Berlins hin - die tausend Schlote und Schlünde der dunkeln Stadt - in die glitzernde Ewigkeit aufstaunen sehe, - wenn ich ein schmelzendes Erz bin - im glühenden Ausbruch der unentrinnbaren Inbrunst: - ja, dann lieb’ich euch alle, - möcht euch alle umarmen, - helft ihr doch alle uns treiben, - alle dem Licht entgegen drängen, - dem immer lockenden Licht der Zukunft. - - Aber die Zukunft beginnt schon: - mit jedem Tag, mit jedem Augenblick beginnt sie, - und ist da, wenn ihr sie bringt! - Propheten der Sonne, was säumt ihr? -- - - - - -Humane Epistel auf deutsche Art - - - Lieber Freund! ich sitze verstimmt bei Schillern und Goethen, - plötzlich reicht mir die Magd deine Bescherung aus Rom. - Nämlich die hellen Gemächer und glänzenden Säle der Beiden - hatt ich verlassen und saß zwischen dem Küchengerät, - wo’s drin dampfte und schmorte, der Xenien salziges Frühstück - wider den schlechten Geschmack ihrer gepriesenen Zeit. - Da empfahl ich mich gern, und Goethe lächelte nickend, - denn er witterte wohl etwas Italisches gleich. - Und nun steh ich entzückt und atme den Duft der Orangen, - will mit süßestem Reim, klingendstem Dank dich erfreun, - aber da sitzt mir der Küchengeruch von Goethen und Schillern - zäh in Nase und Mund, klassisch dampft mein Gehirn. - Ja, sie haben so manchen auf ihrem olympschen Gewissen, - seit sie ihr deutsches Gericht füllten in griechisch Geschirr. - Oder liegt es dem Deutschen im Blut, mit trotzigem Willen - immer auf Staffeln zu stehn, die er der Fremde geraubt? - Mißt er nicht Freiheit und Recht sich zu nach Römischer Elle, - gab nicht zum Bau seines Staats Gallien das Winkelmaß her! - Will er den Bau der Natur, Dasein und Werden ergründen, - nimmt er den Grundriß vor, den ihm der Britte entwarf; - oder er möchte sich selber erbaun, dann strebt er zum Himmel - gar auf der Leiter hinauf, die ihm der Jude gebaut. - Doch nun heb’ich den Blick: da versinkt der Bestrebungen Fülle, - und es entschwebt dem Gewirr stark ein vereinender Geist. - Zwar der Tragwind, ja, der kam aus fremden Bezirken; - aber die Flugkraft, Freund, +die+ doch ist eigen, ist deutsch. - Ruhig jetzt, fast träg, so schwebt er im Völkerzenithe, - zu noch höherem Flug sammelt er heimliche Kraft: - schon verspürt er die Höhn, wo Volk und Völker verschwinden, - wo ihn, das ewige Haupt hebend, die Menschheit begrüßt. - Nein, kein Gallier wars, kein Römer, kein Britte, kein Jude: - Mensch war Jeder, mein Volk, der dich zum Aufstieg erzog. - Und, mein römischer Freund, so stieg auch ich auf des Griechen - klappriges Schaukelpferd, hopp! reit es auf eigene Faust. - Lächeln wirst du vielleicht: dazu die erhabenen Worte, - daß sich das winzige Ich etwas gehobener fühlt? - Aber so gehts wohl stets: nimm irgend etwas, es deutet - immer vom Ganzen auf Uns, immer aufs Ganze zurück. - Hier dein Dutzend Orangen: ich lasse die rundeste rollen, - und sie werden im Nu Bild des Planetensystems. - Stets enteignet der Mensch sich selbst, je eigner sein Wille; - was sein innerster Trieb, äußert sich lehrhaft als Zweck. - Drum quält Mancher sich ab mit Einer Erlösung für Alle, - +wo doch Jedem das All tausend Erlösungen gönnt; - was den Menschen entzückt, entsetzt, empört, das erlöst ihn, - weil’s ihn außer sich bringt, weil’s ihn mit Leben erfüllt+. - Und so lernte mein Geist die Zweifel der Zwecksucht belächeln, - ob man lebt für sich selbst oder dem Ganzen zur Pflicht. - Denn kein Zweck gibt Kraft, allein der Antrieb begeistert; - Arbeit, unterste Pflicht, macht er zum obersten Recht. - Unabweisbar treibt Natur jed Wesen zum Wirken, - aber im Menschen der Trieb kennt sich als Wille und Wahl. - Und beim Jupiter, Freund: nie wieder wähl ich des Griechen - klappriges Schaukelpferd, brrr! hopp, aus poetischem Trieb. - Nur als Mensch, mein Freund, laß diesen Brief dir gefallen, - und mein Abschiedswort gelte der Menschheit in uns: - Treibe Jeder den Andern auf immer eignere Wahlstatt, - mag er erliegen im Kampf, mag er als Sieger bestehn! - Dann, wie immer du wählst, dann lebst du dem Ganzen zu Liebe, - lebst dir selber zur Lust -- Alles in Allem: leb wohl! - - - - -Kampfspruch - - - Siege oder Niederlagen: - immer gilt es, neu zu wagen. - - - - -Werkspruch - - - Mensch, was dir leicht fällt, das nimm schwer! - Natur gibt viel; entnimm ihr mehr! - - - - -Sprüche vom Glück - - -I - - Schaffenslust, das ist die Quelle, - die den eignen Grund zerspellt; - einen Trunk von dieser Welle, - und du schmeckst das Glück der Welt. - - -II - - Weltwille wirkte dich, - du wirkst auf ihn zurück; - tust du das williglich, - so wird dein Werk dein Glück. - - -III - - Glück ist Gabe; - rechte nicht um fremde Habe, - Richter mit dem Bettelstabe! - - - - -Menschenrecht - - - Dein Recht ist deine Kraft -- drum bläh dich nicht, - du stehst mit deinem Recht vorm Weltgericht. - „Was? Weltgericht? ein längst entkräftet Wort!“ - Doch setzt die Welt das Richten kräftig fort. - „Und wenn mein Recht mit Macht dagegenrennt?“ - Kein Recht wird Macht, das seine Pflicht verkennt. - „Und was ist meine Pflicht, o Weltgewalt?“ - Da siehe Du zu -- lacht das Scheusal kalt. - - - - -Machtsprüche - - -I - - Macht spornt den Wicht, Kraft den Braven; - Kraft schuf den Herrn, Macht den Sklaven. - - -II - - Wohin du blickst, ist Krieg auf Erden. - Wohin du blickst, kann Friede werden. - - -III - - Laßt uns gern einander lauschen, - innerst grenzenlos gesellt, - Sinn und Seele liebreich tauschen, - so wird kleine große Welt. - - - - -Das Spiel der Welt - - Philosophisches Scherzo - - -1) Dialog - - Die Seele sprach zur Welt: - Du machst dich viel zu wichtig. - Dein Spiel ist ohne mich - im Grunde null und nichtig. - - Zur Seele sprach die Welt: - Das ist im Grunde richtig. - Das Spiel machst du, nicht ich; - drum ist es gründlich nichtig. - - -2) Moral - - Die Seele macht sich gern - mit ihrer Welt zu wichtig; - Weltseele muß man sein, - dann macht man Alles richtig. - - -3) Kritik - - Das ist ein schlechter Spaß; - du hältst die Welt zum Narren - und rätst ihr obendrein - zu deinem eignen Sparren. - - -4) Antikritik - - Das ist kein schlechter Spaß, - ich hab gar gut erfahren: - wo Weisheit ratlos steht, - ist Narrheit flugs im Klaren. - - -5) Supermoral - - Die Seele mahnt sich stets: - sei endlich ganz und tüchtig! - So bleibt sie ewig halb - weltsüchtig, halb weltflüchtig. - - - - -In Summa - - - Bin Mensch, All, Nichts, - nach Wahl des Lichts. - - - - -Lohngesetz - - - Jeder will möglichst viel vom Leben - und möglichst wenig dafür geben. - Als bloßer Anblick scheint’s abscheulich, - doch handle, Mensch, dann weicht der Schein; - du wirst dir wert, das ist erfreulich, - nun muß das Ganze wertvoll sein. - Vergieb dir nichts, tu nichts vergebens, - das ist das Lohngesetz des Lebens. - - - - -Ungleiche Schätzung - - - Schlauheit erwägt das Schlechte, - Klugheit das Rechte, - Weisheit die Mächte. - - Schlauheit fristet sich hin, - Klugheit bringt Gewinn, - Weisheit schenkt dem Leben Sinn. - - - - -Reinertrag - - - Was wir sammeln, was wir speichern, - mag’s die Erben noch bereichern, - einst vergeht’s. - Nur der Schatz der Seelenspenden - wächst, je mehr wir ihn verschwenden, - jetzt und stets. - - - - -Ewiges Ziel - - - Zum verschloßnen Schrein - eilt dein Lebenslauf; - schließt er Liebe ein, - schließt ihn Liebe auf. - - - - -Zwecksprüche - - -I - - Lebe mit Zweck, - wirf dich nicht weg, - gib dich den Andern hin - mit eignem Sinn! - - -II - - Wem Zweckbesinnung fehlt, - den knechten seine Triebe; - es sei denn, ihn beseelt - die Herrscherin, die Liebe. - - -III - - Mit Lust und Liebe sein Werk anpacken, - macht frei von allem Zweckzwickzwacken. - - - - -Allerlei Menschliches - - -I - - Verdammte Liebe! schimpft Hans Aff, - dem seine Liebschaft schlecht bekam. - Verfluchte Lust! stöhnt Christian Pfaff, - der sich in Wollust übernahm. - Herr, schenke diesen beiden Armen - mit Lust und Liebe dein Erbarmen! - - -II - - Ein Spaß für Götter: - Affen als Menschheitsretter. - - -III - - X schreit: der Mensch ward ungesund! - U will den Übermenschen züchten. - V wills mit Unzucht, W mit Züchten. - Z schreit: ihr bringt ihn auf den Hund! - Sie greifen schließlich noch zum Messer, - die -- idealen Menschenfresser. - - - - -Quintessenz - - - Was ist ein Ideal? - Dem Weisen eine Not, - dem Helden eine Qual, - den Schwätzern Himmelsbrot. - - - - -Heldentümliches - - -I - - Die misera Plebs begreift es nie: - wer für sie kämpft, ist wider sie. - - -II - - Ihr meint, ihr hättet euch ermannt, - weil ihr euch hart wie Brutus stellt? - Jesus kam mit weichster Hand - und brachte Schwerter in die Welt. - - -III - - „Er hat als Gott sich aufgespielt!“ - Das sei mit Freuden ihm verziehn. - Doch daß er +euch+ für Götter hielt, - dafür, ihr Menschen, kreuzigt ihn! - - - - -Humaner Konflikt - - - „Du bester Mensch, den’s giebt, - willst von der Menschheit lassen?“ - Ach, wer die Menschheit liebt, - der lernt die Menschen hassen. - - - - -Mann und Weib - - -I - - Du haß-und-liebestarker Mann, - der auch sich selber hassen kann: - steht nicht ein freudig Weib dir bei, - martert dein Zwiespalt dich entzwei. - - -II - - Daß der Mann am Weib sich freut, - daß die Freude Samen streut, - das ists, was die Welt erneut. - - -III - - Ihr eifert gegen Frauenrechte? - ihr feigsten aller Weiberknechte! - Komm nur, du neue Eva du: - der alte Adam weiß, wozu. - - - - -Sprüche der Liebe - - -I - - Wo im wirren Weltgebrause - zwei versprengte Funken sprühn, - die aus reiner Lust sich mühn, - klar einander zu durchglühn: - Liebe, da bist Du zuhause. - - -II - - Glut klärt, - Glut verzehrt; - hüte jeder seinen Herd! - - -III - - Schwur der Liebe: ob gegeben, - ob empfangen -- welch Verschulden! - Schwellend wühlt sich Leben in Leben: - was wird wachsen? -- Herz, lern dulden! - - - - -Spruch in die Ehe - - - Ehret einander, - wehret einander! - - - - -Sprüche der Treue - - -I - - Wie läßt sich Alt und Neu, - o Liebeslust, vereinen? - Bleib dir nur selbst getreu, - so bleibst du’s all den Deinen. - - -II - - Treue mit Reue - ist Feiglings Untreue. - - -III - - Der Drache Leidenschaft - speit Mut um sich wie Feuer; - stählt dich nicht Liebeskraft, - frißt dich das Ungeheuer. - - - - -Einziger Grund - - - Es ist zum Lachen wie zum Weinen, - wir mögen lieben oder hassen, - es wurzelt Alles in dem Einen: - das Herz +will+ sich erschüttern lassen. - - - - -Die ewige Sehnsucht - - - Wir werden’s immer spüren - und niemals weiterbringen: - die Seele will sich rühren - und dabei Ruh erringen. - - - - -Sprüche der Zeit - - -I - - Ich weiß ein Wort, - das setzt mich über Alles fort, - über Raum und Zeit - und Traurigkeit: - Ich und die Zukunft! - - -II - - Daß du über der Zukunft - nur nicht ihr stetes Dasein vergißt! - Es gibt eine Gegenwart, - die ewig ist. - - -III - - Lern in der Zeit dein Urbild finden, - Kunst geht dem Leben Hand in Hand, - es gilt den Stoff zu überwinden, - Tod ist des Lebens höchstes Unterpfand. - - - - -Sprüche zur Kunst - - -I - - Was in unser Leben fiel, - schwer wird leichter, fremd wird eigen, - rüstig will es wieder steigen, - will zurück zum Lebensreigen, - und so wird’s ein freudig Spiel. - - -II - - Das Leben läßt sich stets nur stückweis fassen, - Kunst will ein Ganzes ahnen lassen. - - -III - - Nur ein bißchen Traum, - und im dürrsten Blatt - lebt dir der Baum, - der’s geboren hat. - - - - -Inhalt der Kunst - - -I - - Suchst du im Bild nach allen Zügen - des Lebens, wird dir keins genügen. - Das eben ist es: weil’s nicht Leben, - kann dein Gefühl ihm Leben geben. - - -II - - Gefühl treibt eins das andre fort; - o gieb uns, Geist, das Fassungswort! - - -III - - Nimm, vernimm, und frag nicht viel, - tiefster Ernst wird höchstes Spiel; - sieh nur, mit dem Schmerz der Zeit - spielt die ewige Seligkeit. - - - - -Maßstäbe - - - Das Unermessne ist - der Kunst so eingemessen, - daß du vermessen bist, - willst du’s allein ermessen. - - - - -Gesichtspunkte - - - Manches Auge schwelgt im Grauen, - manches wühlt sich bis zur Qual - in ein Farbenbachanal, - aber jedes will einmal - hochgemut ins Blaue schauen. - - - - -Kunstgenuß - - - Schönheit wird wie Glück empfangen: - Freude krönt dein bang Genießen, - und die Freude ein Verlangen, - sich als Liebe zu erschließen. - Denn der Schöpfung schöne Hülle - hält ihr Wesen wohlverwahrt, - ist von Reiz so spröd wie zart - und erschließt des Glückes Fülle - +Dem nur, dessen eigne Art - die Art des Schöpfers offenbart+. - - - - -Einem und jedem Schöpfer - - - Du hast uns mehr als Leben, - du hast uns aus dem Geist, - der das Leben speist, - eine Welt gegeben. - - - - -Den Empfänglichen - - - Ein Wörtlein Dank -- o schönster Schall: - des Schöpferwortes Widerhall. - Uns allen ahnt kein höher Glück: - nun tönt die Welt zu Gott zurück. - - - - -Den Querköpfen - - -I - - Komm und laß dich ganz gewinnen: - sieh, der Schöpferbecher kreist, - voller Lebensglanz den Sinnen, - Voller Liebeslicht dem Geist. - - -II - - Ich +bin+ dumm! sprach Hans Dummerjan - und kuckte frech den Herrgott an. - Da lachte Der - und sprach: Ja, sehr! - - -III - - Sie möchten Kunst genießen, ach, - und kauen Schönheitsregeln nach. - Es ist das alte Leid, daß Gott erbarm: - stark ist der Hunger, schwach ist der Darm. - - - - -Den Auslegern - - - Man soll alles nehmen, wie es ist; - das Licht legt wirklich Gold auf den Mist. - Nimmt man es aber durch die Blume, - dann natürlich bis in die Wurzelkrume! - Da sitzt ein Kobold, der sich ins Fäustchen lacht - und aus übeln Düften Wohlgeruch macht. - - - - -Dichtersprache - - -I - - Dichter kann man nicht ergründen; - seid nur, Freunde, recht erhoben! - Jede Flamme schlägt nach oben, - jeder Geist wird weiterzünden. - Durch den Rauch der Worte steigen - alle auf ins blaue Schweigen. - - -II - - Ist nur feuerecht dein Wort, - flammt’s durch fernste Nächte fort. - Sprachgrenzen hindern nicht den Geist, - der übers Volk zur Menschheit reist. - - -III - - Was sind Worte, was sind Töne, - all dein Jubeln, all dein Klagen, - all dies meereswogenschöne - unstillbare laute Fragen -- - rauscht es nicht im Grunde leise, - Seele, immer nur die Weise: - still, o still, wer kann es sagen! - - - - -Dichterschicksal - - - Eine heilige Dichtung vernahm ich: - war einst ein Diener, der opferte willig - sein Gut, sein Blut, sich selbst, seinen Sohn - der herrischen Zucht eines Heldengeschlechtes, - wie der Urwaldbaum sich samt all seinen Früchten - dem Boden hingibt, dem er entsproß. - Ach, aber wo lebt das Volk, das dich hört, - von Ahnengeistern begeisterter Dichter? - Und dennoch atmet die Klage Jubel: - von jeher säte der Dichtergeist - seine Früchte aus in scheintotes Land, - des Daseins opferwilliger Diener, - künftigen Lebens erhabener Ahnherr, - volkstreuer Held wie der Urwaldbaum. - - - - -Der geduldige Dichter - - -I - - Der Dichter steht am Herd und schürt - und wartet, daß sein Volk sich rührt. - Das Holz liegt da, der Funken auch; - wann springt die Flamme aus dem Rauch? - - -II - - Das Publikum hat gezischt und geklatscht, - die Kritiker haben gequietscht und gequatscht. - Der Dichter lächelt: Das verschallt, - rings rauscht mein immergrüner Wald. - - -III - - Was soll mir euer Lorbeer, Freunde; - an jedem Blatt zupfen hundert Feinde. - Bringt Blumen, edle Früchte, Wein: - die Kunst will sich des Lebens freun. - Den Lorbeer legt mir aufs Totenkissen; - da wird er nicht mehr heruntergerissen. - - - - -Guter Rat - - - Nur kein törichtes Ereifern, - wenn die Wichte dich begeifern. - Diese Kautschukmännlein fliegen - mannshoch, wenn sie Hiebe kriegen; - laß sie lügen, laß sie liegen. - - - - -Den Kennern - - - Selbst der rarste Diamant, - dem Verächter ist er Tand. - Ach, wie arm wär jede Spende, - wenn sie keine Gnade fände! - - - - -Den Herren Kritikern - - - Der Kritiker hat immer Recht, - unfehlbar wie der Kletterspecht: - die Eiche trotzt dem stärksten Sturm, - der Specht entdeckt in ihr den Wurm. - - - - -Kumpaney - - - Ein Herr Laus, ein Floh und eine Wanze - setzten sich an meinen Tisch. - Sprach der Floh: Brüderchen, tanze! - hoppla! frisch! - - Sprach ich bald: Ich kann nicht tanzen - so wie Sie, Herr Floh! - Sprach das Fräulein von den Wanzen: - Klettern Sie mal Stroh! - - Sprach ich gleich: Wer kann strohklettern - so wie Sie! - Sprach der Lauserich: Entblättern - Sie mal Schinn, hihi! - - Sprach ich: Ihre Kunst! wer könnte - die wohl ebenso! - sprach ich. Und die dreu Talönte - waren seelensfroh. - - - - -Laufbahn - - - Als ich jung war, hab ich verwogen - alle Zäune im Feld überflogen. - Nun ich älter bin, will ich verwegen - selber neue Felder einhegen. - Und kommen, wenn ich alt bin, die Jungen - auch auf die herübergesprungen, - beflügel euch Gott, ihr wilden Fohlen! - Aber könnt ihr nichts weiter vollbringen - als dem alten Sturmfried dummdreist nachspringen, - soll euch Kracken der Teufel holen! - - - - -Der Hahnenkampf - - Parabel - - - Liebe Leute! ihr kennt den Baum der Erkenntnis. - Mit seiner Frucht hats ’ne eigne Bewendnis: - seit Adam hat niemand sie mehr gesehn, - also wird er wohl ewig in Blüte stehn. - Unter dieser Blüte nistet ein Geist, - in Gestalt eines Gockels, der Gigenius heißt, - ein gewaltiger Kampfhahn bei seinen Lebzeiten, - um den sich noch heut alle Federviecher streiten. - Er ist zwar tot; doch wie ihr hört, - kräht er noch immer ungestört -- - ucke-ru-uh! -- - Aber jetzt erscheint da ein zweiter Geist, - ein lebendiger, der Gigigenius heißt - und sich vor keinem toten grault, - der kräht: pfi, Gi, du riechst verfault -- - ücke-rü-üh! -- - Drob schwillt allen Geistern der Kamm mit Macht; - man merkt, es gibt eine Hahnenschlacht. - Man sieht, wie Hals und Brust sich bläht; - wohl dem, der nicht dazwischen gerät! - Sie balgen sich, daß keiner weiß, - wo ist der Kopf, wo ist der Steiß; - und über ihrer Kraftverschwendnis - hängt still die Blüte der Erkenntnis. - Zuletzt ist jeder arg verprügelt, - aber alle krähn sie siegbeflügelt: - ucke-rü-üh! - ücke-ru-uh! -- - Drauf gehts mit würdigem Gestapf - an den gemeinsamen Futternapf, - aus dem auch schon Gigenius schluckte, - als Gigigenius noch nicht muckte. - Da stehn sie sämtlich ruhmbedeckt, - und jeder nimmt sich, was ihm schmeckt. - Moral: Erkenne, edler Christ, - wie unermeßlich der Futternapf ist! - Vielleicht hielt Adams Unverständnis - ihn für die Frucht vom Baum der Erkenntnis. - - - - -Die neue Würde - - Parabel - - - Ein Künstler war deutscher Professor geworden, - mit der Aussicht auf weitere Ämter, Titel und Orden; - und weil er von Natur ein Bildhauer war, - erschien nun vor ihm die ganze Schaar - von großen, größten und allergrößten Tieren, - die er gewohnt war zu modellieren, - um ihm huldvollst zu gratulieren. - Ein Pavian schnarrte: Herr Professor, - ich hoffe, Sie meißeln nun immer bessor! - Ja, schrie ein Esel: man soll seine schweren Pflichten, - Herr Professor, immer edler verrichten. - Ein alter abgerackerter Gaul - wieherte mit verzognem Maul: - Li-ieber Herr Professor, es gilt des Daseins Leiden - immer wahrer in Holz zu schneiden. - Ein dressierter Hofhund maulte: Wau, wau -- - ein Kater jaulte dazwischen: au, au -- - Herr Professor, die Welt ist schon voller Grauen, - man muß sie immer schöner aushauen. - Pfui! grunzte ein Schwein: ich möchte bitten, - Herr Professor, um immer reinere Sitten. - Ein paar Kameele flehten demütigst: - Werter Herr Professor, verzeihen Sie gütigst, - wir empfehlen, des Lebens Malicen - immer klarer in Bronce zu gießen. - Ein Elefant blies in die Trompete: - Hochgeehrter Herr Professor, ich vertrete - die alte Weisheit der Brahmanen; - lassen Sie immer Tieferes ahnen! - I -- quiekte eins von zwei Karnickeln: - wir wollen uns immer höher entwickeln! - Vier vergnügte Hamster aber hockten im Kreise, - die schnauften in ihrer verfutterten Weise: - Teurer Herr Professor, die Not lehrt beten, - lernen Sie immer zweckvoller kneten! - Und -- mahnte ein Truthahn mit Gekoller: - natürlich immer ordnungsvoller! - Im Gegenteil! kreischte ein Lämmergeier: - selbstverständlich immer freier! - Ein Löwe brüllte: Professor, ich rate nur - immer stolzere Positur! - Ein spukhaft hopsendes Känguru - walzte vorüber und pfiff dazu: - Herr Professor, man will Sie blos vexieren, - Sie müssen die Form immer feiner komplizieren. - Ein kluger Storch hob sacht ein Bein - und klapperte mit Bedacht: Nein, nein, - bester Herr Professor, es gilt auf Erden - nur immer einfältiger zu werden. - So erteilten die Tiere, große und kleine, - wilde und zahme im Vereine, - dem Herrn Professor ihren huldvollen Rat, - als plötzlich aus dem Gratulantenstaat - eine goldschmucke Paradiesvogelhenne - aufflog und gluckste: Wie ich dich kenne, - Freund Künstler, wirst du dir nun vorspiegeln, - du sollst unsre Göttin Natur verschniegeln, - und wirst deiner neuen Würde grollen - und immer rauhbeiniger werden wollen. - Und der Herr Professor knurrte was in den Bart - und sah wahrhaftig aus wie behaart - und streckte verbiestert alle Viere. - Da erschien zuletzt in seinem Quartiere - das wildeste und zahmste der Tiere: - ein Weib. Das sprach: Lieber Mann, deine Würde - ist freilich eine künstliche Bürde. - Aber wir Menschen treiben’s eigentlich nie - so natürlich wie das übrige Vieh; - selbst die nackte Braut trägt an der Hand - ein Ringelein als züchtiges Pfand. - Sieh, mit unsern Kleidern, Zierden und Ehrenzeichen - will die alte Hexe Natur erschleichen, - daß sich ihr irdisches Maskenfest - nicht noch tierischer gehen läßt. - Drum, Künstler, laß dich ruhig verhimmeln; - und damit deine Anbeter nicht verlümmeln, - lern dich als würdiges Vorbild geberden, - denn der Mensch will -- immer noch menschlicher werden. - Da hat der neue Herr Professor gelacht, - hat seiner Frau einen himmlischen Bückling gemacht - und sich sein göttliches Haupthaar geschoren. - Seit der Zeit sind die Herren Professoren - der deutschen Kunst-Akademien - nicht mehr als Trampeltiere verschrien. - - - - -Die verunglückte Göttin - - Prolog zur Eröffnung der ersten Freien Volksbühne - - - Es war im Mai, ein Mittag wolkenschwül. - Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl - der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen - von Silberfelsen, fern ins stille Meer - des Himmels hin, aus dumpfer Brandung schwollen: - Berlin lag brausend um mich her. - Am Horizont, im blassen Dunst, stand blendend - auf ihrem Säulenklotz, wie Gold ausspendend, - die Siegesgöttin. Um die steifen Glieder - bog seltsam bauschig das Gewand sich nieder; - zu flattern schien’s im lauen Wind. - - Die Sonne blinzelte, bald grell, bald blind. - Ich wußte nicht: saß ich im Traum? - Es war, als ob der blanke Saum - am Fuß der Göttin immer mehr sich bauschte, - als ob von fern ein ehern Klirren rauschte. - Ich starrte: wahrlich, um die Spitze - der Säule klirrten goldne Blitze: - die Göttin schüttelte den Siegesspeer. - Und plötzlich schleuderte sie weg die Wehr, - zur Erde nieder schossen Strahlenstufen, - sie schritt hinab, und hohl wie Glockentöne - scholl durch die Stadt ein geisterhaftes Rufen: - - „Genug des eitlen Ruhms! Kommt her, ihr Söhne, - ihr Töchter all des Volkes, kommt herbei! - Ich will euch künden einen neuen Mai. - Hin werf ich Heim und Waffen in den Kot; - genug von Kampf und Schweiß! Aus reinern Sphären, - vom Baum der Freiheit pflückt ich Himmelsbrot; - mit Ätherhauch soll’s eure Seelen nähren. - Die Frucht der Schönheit bring ich auf die Erde, - die +Kunst+, die Seligkeit der Ewigkeiten; - vergessen sollt ihr Mühsal und Beschwerde, - wie Geister leicht ins Reich der Wahrheit gleiten. - Ein trüber Traum nur ist des Daseins Not, - ein Wahn der Schmerz, ein Augenblick der Tod; - begeistert ob dem Dunst der Zeiten schweben, - das ist die Wahrheit, das heißt Leben!“ - - So stand sie preisend in der Sonne, winkte; - hoch in der Rechten, weithin gleißend, blinkte - die wundersame Frucht. Und ihr entgegen - aus allen Toren stürmten Glückverlangende, - auf allen Straßen drängten Sehnsuchtbangende, - Millionen Augen dürsteten nach Segen. - Und plötzlich keucht ich selber mit im Schwarm, - mit immer drängender gestrecktem Arm; - vorstürzend, stammelnd kniet ich in den Sand, - umklammerte des Weibes Prachtgewand: - „Gieb!“ fleht’ich ächzend -- „Gieb uns, gieb uns!“ ächzten - die Abertausende, die mit mir lechzten. - - Doch hohl herab in unsre Nötigungen - erscholl die Glockenstimme wie zersprungen: - „Nicht dürft ihr nahn mit irdischer Begier, - im Abglanz nur erscheint die Schönheit hier.“ - Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke - lag schwer das Wort wie Nebeldunst und Wolke. - - Auf einmal aber, leise, heiser, wild, - begann ein Flüstern um das Glanzgebild: - „Sie log uns! Wir verschmachten! Fort! Sie log!“ - Und, wie die Windsbraut durch den Forst, so flog - das Murren weiter, laut und lauter schwellend: - „sie log, log, log“ -- toll, immer toller gellend, - wutschreiend, hohnlachend, und Flüche schallten, - und Fäuste fuhren drohend in die Falten - des blendenden Kleides, und -- ein Schreck -- ein Graun: - die wimmelnden Reihen starrten wie erstickt: - ein Bild des Stolzes hatte sie berückt, - da stand’s, ein Bild der Ohnmacht anzuschaun: - ein Krampf erschütterte den Riesenleib, - es war als schrumpfte Zoll um Zoll das Weib, - matt nieder knickten Hand und Arm, - die Himmelsfrucht fiel prasselnd in den Schwarm, - zu Moderqualm zerstob sie im Gedränge, - zu Flitterspreu der Schale Goldgepränge. - - Und vom Gesicht wie abgeschürfte Blattern - sah ich des Weibes Götterhaut zerflattern. - Aus ihren Augen stierte trüb ein Schein - wie schaler Bodenrest aus leeren Bechern, - die Lippen knifften dürr und schief sich ein, - und aus dem Zahngelücke klang es blechern: - „Ach ja -- ach je -- die Kunst wird alt so sachte. - Ihr habt schon Recht -- na, seid man still -- ich dachte: - ihr könnt noch +glauben+ an die ewige Jugend. - Na schön, denn nich. Seht, Kinder, ich bin ehrlich; - und ist das schwache Rückgrat auch beschwerlich, - man macht dann eben aus der Not ’ne Tugend. - Ja, alles Dasein ist ein mürber Plunder, - der Menschengeist verpufft sich selbst wie Zunder, - der Mitmensch kommt und schluckt den schlimmen Rauch - und krigt davon das Grimmen in den Bauch; - ein Kunststück ist es, sich davor zu hüten. - Drum will ich euch, als Gegengift, die Blüten - aus diesem Giftsumpf säuberlich sezieren; - ein schwaches Auge liebt das Mikroskop - und nicht das Sonnenfernglas zu regieren, - und Unkraut wächst ja massenhaft, gottlob. - Die Decke von der Fäulnis abzuheben, - +das+ ist die Wahrheit, +das+ heißt leben.“ - - Und wieder rings ein scheu beklommnes Schweigen, - ein Nicken, und verzagte Seufzer wehten, - wie Herbstlaub rieselt von gesenkten Zweigen; - dann -- sah ich manchen grinsend näher treten. - Da wars, als wüchse wieder hoch die Alte, - die hohle Stimme blähte sich und hallte: - „Am Schönheitswahnsinn mögen Narren klauben, - heut braucht man blos der -- Wissenschaft zu glauben! - Und da ihr reif seid, Alles zu verstehn, - sollt ihr die Kunst in ganzer Nacktheit sehn!“ - - Und mit den Spinnenfingern krallte - ins schlotternde Prunkgewand die Alte, - schon sah man durch des Kleides Spalten - des greisen Leibes schlaffe Falten, - da --: tausendstimmig hub ein Toben an, - ein Schrei des Ekels brach den dumpfen Bann, - und wie die Brandung von der morschen Klippe - zurück ins freie Meergewoge schäumt, - so stürmten, stießen, stürzten zorngebäumt - die Schaaren weg, weg von dem Spottgerippe - und rissen’s um und lachten, und laut lachte - ich mit, aus vollem Halse, und -- erwachte. - - Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl - der Großstadt niederstaunend. Frisch und kühl, - aus eines Hofes tristem Schattenloch, - sproß zu mir auf ins schwüle Mittagsschweigen - ein blühender Apfelbaum, als hinge noch - schimmernd das Morgenrot an seinen Zweigen. - Und wo er über die graue Mauer nickte, - hockte ein Straßenkind und gab - von seinem Brot einer Gespielin ab, - die blaß aus einem Kellerfenster blickte. - Das Brot war trocken, das Stück war klein, - die Händchen schmutzig -- doch der Augen Leuchten - so klar und lachend wie der Sonnenschein, - der über ihnen rings die schwarzen feuchten - Dächer der qualmenden Stadt blitzblank polierte - und mit viel hundert Himmelsspiegeln zierte. - - Am Horizont verglomm jetzt in den Dünsten, - fahl wie ein Irrlicht hinter Sumpfgespinsten, - die plumpe Göttin. Aber an der Ecke - dicht unter mir fiel hell der Frühlingsglanz - auf eine andre Säule. Bunt Geflecke, - grell, ein zerhackter Regenbogenkranz, - so klebten prangend die Plakate dran. - Und auf dem Pflaster drängte Mann an Mann; - sie lauschten; einer las, gebückt und schief, - ein rotes Blatt, das zur Versammlung rief. - Verbissener Grimm sprach aus den knochigen Mienen, - verschluckte Sorgen brüteten in ihnen; - und als der Haufe aus einander wich - und als sie sich die rußigen Hände drückten - und kargen Gruß die storren Köpfe nickten, - da, ja, da wußt ich wohl, dort schlich - manch schlechter Wunsch aus haßgepreßter Kehle, - doch aus den Blicken schimmerte echt und rein - -- so sprüht der Funke aus dem harten Stein -- - die Kampfbegeisterung der wilden Seele. - Und sprühte her zu mir mit jäher Wonne, - und ward Gesang in mir, Gesang zur Sonne: - - Wir Alle, Sonne, sind von deinem Blut! - Uns Alle, Volk, adelt ein Geist der Glut! - Wie Er aus Licht und Dunkel Farben wirkt, - im Schooß der Nacht die Saat des Tages birgt, - wie Er vom kalten Ätherhauch umflossen - sein Flammenblut hat in die Welt vergossen, - das immer noch aus unsrer Staubgestalt - vor Sonnenheimweh heiße Worte lallt: - so kann ein Schattenspiel an leerer Wand, - vom Flämmchen unsrer Sehnsucht hingebannt, - uns samt der Zeit zur Ewigkeit erheben -- - und +Das+ ist Kunst, ist Schönheit, Wahrheit, Leben! - - - - -Der Feuergeist - - - Ein Jüngling, wortgewandt, und sehr fürs Volkswohl glühend, - oder galt seine Glut mehr seinem Rednerruhm? - wer weiß -- denn eines Tags nach einer Wahlversammlung - sprach er zu einem Freund: welch grenzenloses Glück, - so ganz entbrannt zu sein, daß alles mitentbrennt, - so Flamme durch und durch, daß sich der Geist vesuvisch - am eignen Wort entflammt und jeden andern Geist - rings um sich her verzehrt! -- der wurde selbigen Nachts - von einer Feuersbrunst jäh aus dem Schlaf geweckt. - Er sah, noch halb im Traum, durch die verkohlte Tür - den Brand nach seinem Bett mit riesiger Zunge lecken, - wollte um Hilfe schrein, sprang auf, sah rings die Wände - Rauch spein, die Dielen sprühn, schrie Gnade, stotternd Gnade, - sah nichts mehr, schrie nur, sah: alles verzehrend fraß - der glühende Atem um sich, vesuvisch. Und -- o Gnade -- - was war das? Luft! Er sah sich zusammenbrechen, fühlte - sich hochgerissen plötzlich, getragen, weggetragen, - durch klirrende Fenster, Wolken, Nachtwolken, Luft -- o Glück -- - o grenzenloses Glück -- durch frische Luft getragen, - von Fäusten, Retterfäusten, hinab. So kam er zu sich, - stand unten, sah hinauf, sah rings das Volksgetümmel - vom Feuer geisterhaft beleuchtet, wollte sprechen, - Dank sagen, Dank, o Dank -- und sprach, sprach nicht, schrie, - schrie nur, - stotternd und lallend: Gnade! Gnade! -- Die Zunge war - für immer ihm gelähmt. - - - - -Das erlösende Wort - - - Er weinte, schwieg. Noch hör ich ihn stammeln, - höre ihn leiden bei jedem Laut, - und höre das Lied meiner Seele dazu, - o selig Lied! - - „Ich b-b-b-bebe“ -- ich bebe mit, - „wie kein M-M-Mensch sonst“ -- wie einst der Urmensch, - „bei j-jedem W-Wort“ -- armer Sünder! - - „Jedes Wort“ -- einst Gestammel -- - „ist m-mir haha-heilig“ -- - ist Allen heiliger noch als dir; - „sie aber lalala-lachen darüber!“ - sie lachen, und du leidest noch? - - „Ich k-kann nie s-sagen“ -- wer kann je sagen, - „was meine S-Seele will“ -- Aller Seele! - „ich b-bin so verlassen“ -- vom einigen Geist. - - „Nur m-manchmal, w-wenn ich mein Lalala-Leiden - v-vergesse“ -- o lache, befreiter Geist -- - „dann glückt mir“ -- o Glück -- „das erlösende Wort“. - Er weinte, schwieg. - - - - - Aber die Liebe - - Zwei Folgen Gedichte - - Dritte Ausgabe - - - - -Hieroglyphe - - - In allen Tiefen - mußt du dich prüfen, - zu Deinen Zielen - dich klarzufühlen. - Aber die Liebe - ist das Trübe. - - Jedweder Nachen, - drin Sehnsucht singt, - ist auch der Rachen, - der sie verschlingt. - Aber ob rings von Zähnen umgiert, - das Leben sitzt und jubiliert: - - +Liebe!+ -- - - - - - Erste Folge - - - * - - - - -Der befreite Prometheus - - - Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus; - er war erlöst, Zeus gab ihn frei. - Der Riese durfte endlich von dem Gletscher - herunter, drauf er büßend lag; - er durfte nun hinab auf seine Erde, - +hin+ zu den Menschen, die er so geliebt, - daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz, - das Feuer des Olympos für sie stahl. - - Nicht dauerte den Götterkönig - der Himmelsgünstling, der abtrünnige. - Warum auch lockte die Versuchung ihn, - den Menschen Göttergut hinabzutragen; - er hatte seinen Lohn dahin, - den Heilandslohn, - nach der Olympier unerbittlichem Gesetz. - Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus, - und Laune wars und Gnade, daß sein Blitz - vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte, - die lavastarr gehärteten. - - O lange Qual! o Leib, zerfleischt, entstellt! - Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel; - kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger - das große Wundmal unterm Herzen schützen, - das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen - des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars. - O Tage voller Wut und Ohnmacht! - o Tag der Bitternis, da ihm die Hand, - die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte, - zum ersten Male - erlahmte vor der Übermacht des Neides, - des weltbeschattenden, der Götter all! - o Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz! - - Doch nun war Alles überwunden. - Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen. - Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft - der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge, - als trüg’er in sich, wie ein Fremder kalt, - nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft. - Um seine schmerzgeübte Stirne zauste - der eisige Wind des Haars ergraute Büschel. - So schritt er abwärts, der gebeugte Riese. - - Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen. - Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder. - Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten. - Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen, - seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte, - seit er den unstät Irrenden - den ersten warmen festen Herd gebaut. - Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen, - die tierisch wild in Hader, Haß und Habgier - einst um das nackte Leben markteten, - die seine Tat ja erst zu Menschen schuf. - - Und nieder kam er in die mildern Lüfte, - ins ebne Land; da sah er blühende Triften, - bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten, - und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün, - und weither prangten Zinnen sichrer Städte. - Da lachte seine Seele: Sieh doch, Zeus, - war Das nicht wert der tausendjährigen Pein? - Ja, meine Menschen will ich wiedersehn! - - Und in die Dörfer ging er, in die Städte, - und sah die Menschen, sah sie leben, streben, - und ging und ging, und suchte hin und her, - und fand: - weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor! - Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen - als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß. - Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid -- - den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel, - den Neid der Menschen um Besitz -- - und war genug doch da, genug für Alle. - In Hütten sah er, in die Burgen sah er; - doch es war Alles Eines, - war alles wie zuvor -- und schlimmer noch. - - Zuletzt und matt betrat er eines Priesters - entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede, - den er vergebens bei den Andern suchte; - dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes - heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe, - wollt er noch Einmal unter Menschen rasten - und dann auf immer in die Einsamkeit. - Zum Hausherrn, der die Flamme schütte, sprach er: - „Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“ - - Der wandte sich erschrocken, blickte scheu - dem großen Mann ins seltsame Gesicht, - und schlich geduckt davon, und schloß sich ein, - und durch die Tür quoll eine fette Stimme: - „Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart! - Prometheus, der ist tot -- und kommt nicht wieder. - Ja, damals waren bessre Zeiten noch - als heute!“ - Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach. - - Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und - der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle - schlug er lang hin, zum ersten Mal laut schluchzend, - und wehklagte: „O Zeus! sehr furchtbar strafst du! - so nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen! - das war das Letzte! ich will sterben gehn!“ - Und jäh und gellend riß sich - ein Lachen los aus der vernarbten Brust, - und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese: - „Weg von den Menschen! weg! zum Meer! ins Meer! - im Meer, da find’ich Ruhe! endlich Ruhe!“ - Nun stand er oben, starr, auf steiler Klippe. - - Und wieder sah er im Gelände unten - die blühenden Fluren, die beglänzten Triften, - bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten, - und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün, - und weither prangten Zinnen sichrer Städte. - Da überfiel ihn totgeglaubter Gram, - da überfuhr ihn nie erlebter Grimm, - brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und - in rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend - schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend - flog übers Meer sein weinendes Gelächter: - „O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen, - die mir mein Gut, mein göttliches, +veraast+! - Hha, meine Menschen, hahahah“ -- - - Da horch, was scholl da? drang da nicht ein Schrei, - ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf? - Er stierte; dunkel rollend ging die See, - von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt, - und aus dem Gischt trieb halbzerschellt ein Kahn, - und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben. - Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut - ein andres Boot heran, draus warf sich - ein zweiter Fischer in die Brandung. - - Und oben auf der Klippe stand Prometheus - und stierte, stierte, und erkannte sie: - aus seiner Wandrung hatt’er sie gesehen, - die ersten Menschen warens, die er traf: - Todfeinde warens -- und jetzt kämpfte dort - der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben! - Und endlich siegten sie den schweren Sieg, - und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend, - sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter, - einander in die Arme. - - Und oben auf der Klippe stand Prometheus, - und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken, - und sah sie lachen -- und nun jauchzten sie. - Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut, - da überfiel ihn nie erlebte Demut, - und in die Kniee taumelte Prometheus - und auf zum Himmel stammelte Prometheus: - „O Zeus! ich danke dir! du armer Gott! - Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe! - O laß mich leben, laß mich leiden! - Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“ - - - - -Gethsemane - - - Lautlos steht der starre Hain der Palmen, - tiefe Schatten schaun aus Busch und Halmen, - ihre blauen Tränen weint die Nacht. - Nur von Menschenlauten tief durchtrauert, - steht der stumme Hain und bebt und schauert; - einsam seinen Gott anrufend kauert - auf den Knien ein Mann in Bettlertracht. - - „Höre, höre, Geist der Wahrheit, - meinen Zwiespalt, meine dunkle Schuld: - der ich wandelte in Kampf und Starrheit, - Liebe lehrt ich und Geduld. - Ach! ein Baum, der Licht gab, wollt ich leben, - übermächtig der Natur; - nur mein Glaube war mir Leben. - Ach, sie sahn nicht auf mein Streben, - sahn die Tat, des Baumes Schatten nur. - - Übermenschlich hab ich mich vermessen, - und sie haben fromm gemeint: - Ich, ich lebte selbstvergessen. - Einer, Er nur -- Judas! Freund! - warum willst du mich verraten?! - O, zertrennte mich doch mein Gebet, - daß ich zwiefach lebte Wort und Taten, - Menschen menschlich irrend zu beraten, - auch dem Zweifel ein Prophet!“ - - Und zum Mond die Arme wild gebreitet, - und die Augen in die Nacht geweitet, - läßt er seine dunkeln Blicke irrn. - Und er sieht die Schaaren seiner Qualen, - durch das Dickicht brechen bleiche Strahlen - und berühren wie mit fahlen - Dolchen marternd seine glühende Stirn. - - „Wehe, wehe, Geist der Liebe, - voller Reinheit schwebst du, klar und hoch; - doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe, - und mich kettete die Erde doch! - Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen: - Allen wollt ich liebend glühn, - aber meiner Mutter mach ich Schmerzen - und mit sehnsuchtwundem Herzen - weint um mich die Magdalenerin. - - Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn, - wollt ich trösten all mein arm Geschlecht, - doch im Mitleid glimmt die Rache schon; - auch der Reichste hat auf Liebe Recht! - Judas, Judas, kommst du mich zu richten? - ist Entsagung, ist Gewalt mein Los? - Muß denn diese Welt sich erst vernichten, - um das Reich des Friedens aufzurichten? - Freiheit, lebst du im Gewissen blos?“ - - Und verzagt aufs Antlitz hingezwungen - spürt er heftiger die Anfechtungen, - seine zarte Stirne trieft von Schweiß. - Und er fühlt sein Blut in großen Tropfen - von den Schläfen in die Gräser tropfen; - seine zuckenden Pulse klopfen - an die Erde hart und laut und heiß. - - „Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit! - wird denn nur für Opfer Sieg gewährt? - Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit: - wähle, Freund! hier Todeskelch, hier Schwert! - Selig, meiner Inbrunst mich zu töten, - eine Lebensleuchte wollt ich stehn, - aber jetzt in Sterbensnöten - sieh mich zittern, sieh mich beten: - laß den Kelch an mir vorübergehn! - - Allzu willig war mein Fleisch dem Geist! - weh: entbrächen meines Glaubens Gluten. - Sollen Tausend um mich Einen bluten? - Wer nach Meinem Wandel lebt, verwaist. - Nein, ich fühl es: +nicht+ wie Ich will, Vater, - Geist der Welt, der +alle+ Seelen speist, - allen Fleisches Schöpfer und Berater, - Du des Lebens, Du des Todes Vater, - Deiner Hand befehl ich meinen Geist!“ - - Und er horcht, er sieht die Nacht erglühen: - starrer stehn die Bäume, Fackeln sprühen, - wildverworrene Menschenlaute nahn. - Und verzückt den Seherblick gehoben, - steht und hört er seine Häscher toben, - und ein Siegeslächeln schluchzt nach oben: - „Judas, komm! ich schreite gern voran.“ - - - - -Tragische Erscheinung - - - In einer Wüste lagen viele Menschen, - die fast verschmachteten; sie wimmerten. - Ein schönes Mädchen nur, - mit hilflos braunen Augen, - litt stumm den Durst; denn gieriger als der Durst - brannte ihr seliges Mitleid. - Da trat, vom glühenden Horizont herwachsend, - ein fremder Mann vor dieses Volk; - der hob den Zeigefinger ihnen dar. - Aus der gereckten zitternden Spitze quoll - ein großer Tropfen Blut, quoll, hing, und fiel, - fiel in den Sand; - verwundert sah das Volk den fremden Mann. - Der stand und stand, Tropfen auf Tropfen fiel - aus seinem Finger in den Sand; - und immer, wenn die rote Quelle troff, - erbleichte schauernd Er, sie aber staunten, - und einige ächzten: er verhöhnt uns. - Da schrie er laut mit seiner letzten Glut: - so kommt doch, trinkt! für Euch verblut ich mich! - Doch jenes Mädchen sprach, indeß er hinlosch: - sie brauchen Wasser ... - - - - -Einsamkeiten - - - Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld; - hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe, - hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin. - Kein Laut, kein Hauch; der bleiche Abend hält - im dichten Mantel schwer die Luft gefangen. - So tut es wohl dem unbewegten Sinn. - - Mein Herz nur hör ich noch; doch kein Verlangen - nach Leben ist dies Klopfen. Lust und Schmerz - ruhn hinter mir versunken, gleich zwei Stürmen, - die sich umarmen und im Wirbel sterben. - Was störst du mich, mein allzu lautes Herz! - - Sie haben alle nie wie du gefühlt, - wie du allein; nicht Freund, nicht Weib noch Kind; - sie sind +auch+ einsam. Sieh: dort drüben - müht sich ein grüner Schein im Nebelmeer, - ein Bahnlicht -- sieh: so glimmst auch du im Trüben. - Hinaus, hinaus, wo keine Menschen sind! - - Was wollt ihr noch? Weiter! auf jenen Hügel, - der grau ins Dunkel schwillt. Gesichter, weicht! - Sie folgen mir; o hätt ich Flügel! -- - Und aus dem bleichen Feld tauchen die Sträucher, - koboldig, und der Hügel raucht, - bis feucht von Schweiß sich dick und breit - der Dunstalb an die Brust der Erde saugt. - Gesichter, weicht! weicht! Wie sie keuchen! - Sie folgen mir. O Qual der Einsamkeit! - - Am Bahndamm nieder wank’ich in den Sand, - die glühende Stirne auf die nasse Schiene: - o käme jetzt das Eisenrad gerannt! - Kalt frißt sich mir das Stahlgefühl ins Mark, - die Hände pressen wild den starren Reifen; - ich kann nicht mehr. Da: horch: sei stark: - heulend am Horizont ein hohles Pfeifen, - zwei Augen quellen blendend aus dem matten - Dunstdunkel, und -- was will der Schatten, - was regt sich da der Erlenbusch? - - Er löst sich, kommt; es reißt mich hoch, - der Schatten naht, ich wills begreifen, - er nimmt Gestalt an -- Wahnsinn? -- Und - den Nebel teilt ein schwarzer Streifen, - mein wühlender Blick wird still und weit: - ein Gruß -- stumm stockt in mir ein Schrei: - Jubel, ein +Mensch+! -- O Herz -- o Einsamkeit -- - und knatternd stampft der Dampfzug mir vorbei. - - - - -Bergpsalm - - - Der Sturm hat seine Schlangen losgelassen. - In langen Windungen zischt Gras und Rohr - und keucht der See ans Land; die silberblassen - zerwühlten Weiden seufzen laut empor. - Empor, empor! Dort, wo die Kiefern sausen, - auf kahler Höhe will ich einsam stehn - und meine ferne Heimat dämmern sehn - und hören, was die dunkeln Wolken brausen. - - Ihr grauen Pilger über mir: wohin?! - O könnt ich +mit+ euch, ziellos, ohne Stocken, - dies dumpfe Sehnen ohne Maß und Sinn - ausschütten in den Sturm wie Nebelflocken! - O meine Heimat! Silbern grüßt der Fluß - und glänzt zum Himmel aus dem Blau der Bäume, - und aus dem Zauberwald der Kinderträume - winkt klar der Mutter Blick und Kuß. - - Was weinst du, Sturm? -- Hinab, Erinnerungen! - dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz! - Es grollt ein Aufschrei von Millionen Zungen - nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz! - Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten - wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell; - heut stöhnt ein +Volk+ nach Klarheit, wild und gell, - und Du schwelgst noch in Wehmutslüsten? - - Siehst du den Qualm mit dicken Fäusten drohn - dort überm Wald der Schlote und der Essen? - Auf deine Reinheitsträume fällt der Hohn - der Arbeit! fühl’s: sie ringt, von Schmutz zerfressen! - Du hast mit deiner Sehnsucht blos gebuhlt, - in trüber Glut dich selber nur genossen; - schütte die Kraft aus, die dir zugeflossen, - und du wirst frei vom Druck der Schuld! - - Und blutig glüht es um die zackigen Türme, - ein Dornenkranz umflammt die Stirn der Stadt, - ein goldner Fächer scheucht die Wolkenstürme, - hernieder strahlt ein Sonnenpalmenblatt. - O Herz der Weltstadt, du Millionenstimme, - die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit: - still quillts wie Heilandsblut durch diese Zeit, - die Liebe quillt aus deinem Grimme! - - Den Kelch des Schweißes seh ich geistverklärt, - das Kreuz der Mühsal blütenlaubumflattert! - Was lachst du, Sturm?! -- Im Rohr der Nebel gährt, - die Kiefer knarrt und ächzt, mein Mantel knattert: - Empor aus deinem Rausch! Mitleid, glüh ab! - Laß dir die Kraft nicht von Gefühlen beugen! - Hinab! laß deine Sehnsucht Taten zeugen! - Empor, Gehirn! Hinab, Herz! Auf! hinab! - - - - -Lied an meinen Sohn - - - Der Sturm behorcht mein Vaterhaus, - mein Herz klopft in die Nacht hinaus, - laut; so erwacht ich vom Gebraus - des Forstes schon als Kind. - Mein junger Sohn, hör zu, hör zu: - in deine ferne Wiegenruh - stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind. - - Einst hab ich auch im Schlaf gelacht, - mein Sohn, und bin nicht aufgewacht - vom Sturm; bis eine graue Nacht - wie heute kam. - Dumpf brandet heut im Forst der Föhn, - wie damals, als ich sein Getön - vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm. - - Horch, wie der knospige Wipfelsaum - sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum; - mein Sohn, in deinen Wiegentraum - zornlacht der Sturm -- hör zu, hör zu! - Er hat sich nie vor Furcht gebeugt! - horch, wie er durch die Kronen keucht: - sei +Du+! sei +Du+! -- - - Und wenn dir einst von Sohnespflicht, - mein Sohn, dein alter Vater spricht, - gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht: - horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut! - Horch, er bestürmt mein Vaterhaus, - mein Herz tönt in die Nacht hinaus, - laut -- -- - - - - -Ausschau bei Nacht - - - Damals, Seele, ja: ich war ein Kind - und das alte Forsthaus dumpf und eng. - Und in hellen und in dunkeln Nächten, - wenn ich bang am Kammerfenster stand - und die düstern Eichen hoch erschauern hörte, - wurde mir das Dach noch dumpfer. - Denn immer sah ich, - drüben, drüben fern, - wo aus der Waldnacht um die Felder - die eine hohe Kiefer in den Himmel horchte, - immer ruhte dann darüber - in den Wolken - jener weitgewölbte Schimmerkreis. - Und in bleichen Nächten - war er blaß und flehend - wie ein Heiligenschein, - aber in den grauen - tröstlich blau und schirmend - wie der Glanz von einem klaren Stahlschild, - oder mild und gelb wie Kronengold; - und ich wollte König werden. - Meine Mutter aber sagte mir’s: - dort lag Berlin. - - Damals wußt ich nicht, warum mir bangte, - als sie mir die Stirne küßte. - Dort lag die Lichtstadt - und strahlte! -- - - Heute ist auch Nacht; - der Mond stiert in mein Fenster, - und ich sehe über tausend Dächer. - Im schweren weichen Schnee - ruhn und horchen mit verhaltnem Atem - die Schatten der Stadt. - Bis in den blauen Silberschein der Ferne - schwillt in langen Falten - weiß und zart die dichte Decke hin, - wie über die Kissen - eines Täuflings. - Die aber, die darunter schlafen? - und wachen?! -- - Schwarz und scharf - stechen die Türme, - Kirche neben Kirche, - in den kühlen Himmel; - stahlspitz flittert ein Glanz - um die finsterhohe Kuppelkrone - jenes Palastes, - und über einem dicken Schlot - stockt ein Schild von Qualm. - Plötzlich: - unten an der Ecke drüben, - wo eine Gaslaterne - trübgelb mit dem Mondlicht kämpft, - schimpft ein frierender Schutzmann - ein betrunknes Straßenmädchen aus. - Seele, ja: - da liegt Berlin. - - - - -Weihnachtsglocken - - - Weihnachtsglocken. Wieder, wieder - sänftigt und bestürmt ihr mich. - Kommt, o kommt, ihr hohen Lieder, - nehmt mich, überwältigt mich! - - Daß ich in die Kniee fallen, - daß ich wieder Kind sein kann, - wie als Kind Herr-Jesus lallen - und die Hände falten kann. - - Denn ich fühl’s, die Liebe lebt, lebt, - die mit Ihm geboren worden, - ob sie gleich von Tod zu Tod schwebt, - ob gleich Er gekreuzigt worden. - - Fühl’s, wie Alle Brüder werden, - wenn wir hilflos, Mensch zu Menschen, - stammeln: Friede sei auf Erden - und ein Wohlgefalln am Menschen! - - - - -Jesus der Künstler - - Traum eines Armen - - - So wars, so stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm: - im roten Saal, im Traum, in dunkler Ecke: - stumm, starr und fühlend: schwer: Stein unter Steinen: - bang: starr es fühlend ... - Die schlanken Alabastersäulen leuchten. - Vom Saum der hohen Purpurkuppel hängen - und breiten weit ihr silbern Licht herab - im Doppelkreis die großen weißen Ampeln. - Die roten Nischen bergen zarte Schatten - und spiegeln sich im blanken Pfeilerwerk. - Es ist ganz still ... - Und stumm gleich mir und unbewegt, von Nische - zu Nische, stehn Gestalten: Mann und Weib. - In weißer Nacktheit stehn sie schimmernd da. - Die glatten Sockelblenden werfen Strahlen. - Die roten Wände legen lebensweiche - geheime Schmelze um den Rand der Glieder. - Von Kraft und Ruhe träumt der reine Stein. - So sind sie schön ... - Ich aber hocke in der dunklen Ecke - und fühle meines Leibes Magerkeit - und meiner Stirne graue Sorgenfurchen - und meiner Hände rauhe Häßlichkeit. - In meinem Staub, in meinen Arbeitslumpen, - mißfarben angetüncht, so hocke ich - auf kahlem Postamente, dumpf und bang, - vor ihrer Nacktheit mich der Kleider schämend, - Stein unter Steinen ... - Nur Einer atmet in der stillen Halle. - Dort in der Mitte, auf dem mattgestreiften - eisblassen Marmor, liegt im Dornenkranz, - blutstropfenübersät die bleiche Stirn, - ein Mensch und schläft. Sein weißer Mantel regt sich - in langen Falten leise auf und nieder. - Im Silberlicht der Ampeln glänzen rötlich - der schmale Bart, das schwere weiche Haar. - Hinauf zur Kuppel bebt der milde Mund, - lautlos und schön ... - Nun kommt ein Seufzen durch den stummen Glanz. - Die stillen Lippen haben sich geöffnet. - Im blanken Alabaster spiegelt sich - des blutbesprengten Hauptes leise Regung. - Klar, langsam tun zwei große blaue Augen - empor zur Purpurwölbung weit sich auf, - sanft auf; und alles Rot und Weiß des großen - Gemaches überleuchten diese großen - verklärten Augensterne durch ihr tiefes, - unsäglich tiefes, dunkles, sanftes Blau. - So steht er auf ... - Da scheinen sich die Steine rings zu rühren, - die weißen Glieder eigner sich zu röten, - und nur von Sehnsucht starr; Er aber wandelt. - Die Dornenkrone bebt; und wie er sacht - von Postament zu Postamente schreitet, - und wen er ansieht mit den blauen Augen, - der lebt und steigt in Schönheit zu ihm nieder, - der lebt! der lebt! -- - Und steigend, wandelnd, aus den Purpurzellen, - in warmer Nacktheit leuchtend Leib an Leib, - folgt Paar auf Paar ihm von den Marmorschwellen, - stolz, selig stolz, umschlungen Mann und Weib. - Von ihren Stirnen, von den lichtbetauten - sorglosen Lippen weicht ein Bann und flieht, - der weite Saal erklingt von Menschenlauten, - es schwebt ein Lied. - Es schwebt und klingt: „So wandeln wir in Klarheit - und wissen aller Sehnsucht Sinn und Ziel; - in Unsrer Schönheit haben wir die Wahrheit, - zur Freude reif, und frei zum kühnen Spiel!“ - So schwebt das Lied ... - Ich aber hocke in der dunklen Ecke, - und fühle meiner Glieder Häßlichkeit - und meiner Stirne graue Sorgenfurchen, - und fühle neidisch ihre warme Nacktheit - und frierend ihren Jubel -- ich ein Stein. - Von Pfeiler hell zu Pfeiler tönt der Zug, - des stillen Wandlers Dornenkrone bebt, - ich aber bebe mit in meinen Lumpen - und warte, warte auf die blauen Augen - und will +auch+ leben, +auch+ ein Freier wandeln, - +nicht+ Stein, +nicht+ Stein! -- - Und näher glänzt und klingt es um die Säulen; - vom letzten Sockel folgt ein Mädchen ihm; - er kommt! er kommt! -- - Und vor mir steht er. Da verstummt der Zug; - ich fühle ihre stolzen Augen staunen, - und fühle seine, seine Augen ruhn - in meinen -- ruhn -- und will mich an ihn werfen - und will vergessen meinen frierenden Neid - und will ihm küssen seinen rührenden Mund, - da brechen perlend seine Wunden auf, - die bleiche Stirn, die Lippe zuckt, er spricht - -- ihm schießen Tränen durch den blutigen Bart -- - spricht: „Deine Stunde ist noch nicht gekommen!“ - Und ich erwachte. Weinend lag ich nackt; - nackt wie die Armut. - - - - -Zu eng - - Aus den Papieren eines Arztes - - - Vier Treppen hoch, nach hinten hinaus; - ein hundertfenstriges Vorstadthaus. - Die Kammer schmal - und niedrig und kahl; - ein rissiger Spiegel, zerschlissen das Bette, - ein Wassernapf, kein Stuhl, kein Tisch, - und an den Wänden glänzte frisch - der Armut schimmlige Tapete. - Kaum konnt ich durch die Tür und kaum - mich drinnen bewegen, so füllte den Raum - ein plumper Sarg, schmucklos und roh, - ein Armensarg. Und auf dem Stroh - des Bettes saß ein magrer Mann, - noch jung, aber mit jenen alten Zügen, - mit denen Gram und Not die Zeit betrügen. - - Ich grüßte halb. Er sah mich an - und nickte stumpf - und seufzte dumpf, - und stierte wieder vor sich hin, - hohläugig, in den offnen Sarg. - Noch kaum verändert lag sie drin, - wie ich sie gestern mit ihm barg, - die tote Kurbelstepperin: - ins steife dürftige Leichenhemd - einen Strauß Vergißmeinnicht geklemmt, - ihr totes Kind im welken Arm. - Mich peinigte sein starrer Harm; - drum nahm ich ihn fast grob am Kragen - und sprach ihm zu mit derber Geduld, - er solle erzählen, mir alles sagen, - nicht sitzen, als sei er selbst dran schuld. - Bis er sich endlich zusammenrückte - und langsam klagte, was ihn drückte. - - „Herr Doktor, da ist nicht viel zu erzählen; - es war ein einziges langes Quälen. - Es mag wohl bald zwei Jahr her sein, - da zogen wir hier beide ein, - das heißt, noch eh wir Bekanntschaft gemacht; - Schlafstelle blos, in Aftermiete, - ich für den Tag, sie für die Nacht. - Sie steppte damals Trauerhüte - in der Fabrik bis abends acht - und kam erst gegen neun nach Haus; - ich mußte auf den Droschkenbock - für meinen Fuhrherrn nachts hinaus. - - So ging es wohl zwei Monat lang; - wir sahn uns kaum. Da wurde sie krank. - Herbst wars; in ihrem dünnen Rock - und bei dem weiten nassen Gang - -- sie war schon immer zart gewesen -- - da hat sie wohl was weggekrigt. - Ja, Herr, da gabs kein Federlesen: - Geld hatten wir alle beide nicht, - ihr bißchen blos im Kassenbuch, - fürs Krankenhaus war sie nicht krank genug, - wir konnten kein ander Gelaß uns nehmen, - wir mußten uns hier zusammen bequemen, - bis sie wieder konnte auf Arbeit gehn. - - Ja, Herr, und da -- da ist es geschehn! - Wir hieltens nicht aus so auf die Länge, - so ledig; man ist ein Mensch doch blos, - und unsre Sehnsucht war so groß. - Wir wohnten zu eng zusammen, zu enge! - - Seitdem ist sie mit mir gegangen; - hats auch zur Heirat nicht gelangt, - wir haben unserm Schöpfer gedankt, - daß wir uns so durchs Gröbste zwangen. - Wir halfen einander mit unserm Lohn - und legten noch zurück davon. - So haben wir unsern Weg genommen, - ganz gut -- bis ihre Zeit gekommen. - - Da kam auch die Not. Da half uns kein Beten. - Sie konnte nicht mehr die Maschine treten; - was andres hatte sie nicht gelernt, - die Eltern hatten sie früh entfernt. - Ich gab ihr, soviel ich konnte, ab; - es war fast schon für mich zu knapp. - Was half uns da nun unser Plagen, - was half uns da nun unser Sparen: - wir mußten die Sachen zum Juden tragen. - Ich habe bei Tag und bei Nacht gefahren, - ich hab mich vor keiner Mühe geschämt, - ich habe mir keinen Schluck mehr bezähmt: - sie wurde doch schwächer und schwächer im Nu, - sie hat sich zuschanden gedarbt und gegrämt. - - Und dann, dann kam das Kind dazu: - ich sah sie weinen, ich hörte es wimmern, - ich sah sie Beide verschmachten, verkümmern: - Herr, da wars aus mit meiner Ruh, - da hab ich zum ersten Mal betrogen, - den ersten Fahrgast beim Fahrgeld belogen, - und +noch+ einmal, und +noch+ einmal, - mir schnitt zu sehr ins Herz die Qual, - und mancher tut’s jahrein jahraus, - um’s beim Budiker zu versaufen, - und ich, ich wollte Essen kaufen, - und, Herr, bei mir -- bei mir kam’s raus! - Mir wurde noch von Glück gesagt, - daß mich mein Herr blos weggejagt. - Ihr und dem Wurm da gab’s den Rest; - nach Arbeit bin ich in Ost und West - seit vierzehn Tagen herumgelungert, - und dabei, scheint’s, sind sie verhungert.“ - - Er nickte stumpf - und seufzte dumpf - und glotzte mich hohläugig an, - mit einem Blick so müdgehetzt, - so jeder andern Regung bar, - daß mirs den Rücken niederrann. - Ich hatte zum Trösten mich hingesetzt - und sah, daß Trösten Hohn hier war, - wo so das stumme Elend schrie. - Ich drückt ihm blos das spitze Knie, - den dünnen Arm, und nahm den Hut - und sagte: Kommen Sie zu mir morgen, - ich werde Arbeit für Sie besorgen. - - Er dankte. „Herr Doktor, Sie meinen’s gut. - Ich will auch kommen und ehrlich mich schinden, - und werde auch wohl weiterfinden; - blos sie, sie wird davon nicht wach! - Ja, Herr: blos einen kleinen Verschlag, - blos noch so nebenan ein Loch, - daß wir nicht immer uns mußten sehen: - dann wäre alldas nicht geschehen, - sie lebten alle Beide noch. - Wir hätten gewartet, wir hätten gespart; - wir waren, weiß Gott, geduldiger Art. - Wir hätten uns selber ’ne Droschke geschafft, - dann hatt ich ja Verdienst die Menge. - So aber gings uns über die Kraft; - wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!“ - - Und auf den Sarg hin stierte er wieder, - da fuhr ein Zucken ihm durch die Lider: - „O wenn ich doch wenigstens bei ihr wär, - dadrin da in dem engen Kasten! - Jetzt braucht sie ja nicht mehr zu fasten, - und auch zu eng ists ihr nicht mehr!“ - Er stieß ihn heiser heraus, den Witz, - er wollte lachen vor wühlendem Weh; - da riß es ihn um, so stieg’s in die Höh, - und niedertaumelnd von seinem Sitz - schmiß er den kleinen Vergißmeinnichtstrauß - mit wildem Fluch aus dem Sarg hinaus - und warf sich weinend über die Leichen - und küßte die Hälse, die magern, bleichen. - - Da bin ich stille weggegangen, - mir graute vor der schmalen Kammer; - und durch die Brust schlich mir ein Bangen, - als sei ich +auch+ schuld an all dem Jammer. - - - - -Vergißmeinnicht - - - Vergißmeinnicht in einer Waffenschmiede -- - was haben die hier zu tun? - Sollte heimlich der Friede - hinterm Hause am Bache ruhn? - - Laut hallen die Hämmer in hartem Takt: - Angepackt, angepackt, - die Arbeit muß zu Ende! - Und das Eisen glüht, und das Wasser zischt; - und wenn der Schwalch die Flamme auffrischt, - glänzen die schwarzen Hände. - - Aber manchmal blickt ein rußig Gesicht - still nach dem himmelblau blühenden Strauß. - Dann scheints, eine Stimme singt hinterm Haus: - vergiß mein nicht! -- - - - - -Die Magd - - - Maiblumen blühten überall; - er sah mich an so trüb und müd. - Im Faulbaum rief die Nachtigall: - die Blüte flieht! die Blüte flieht! - Von Düften war die Nacht so warm, - wie Blut so warm, wie unser Blut; - und wir so jung und freudenarm. - Und über uns im Busch das Lied, - das schluchzende Lied: die Glut verglüht! - Und er so treu und mir so gut. - - In Knospen schoß der wilde Mohn, - es sog die Sonne unsern Schweiß. - Es wurden rot die Knospen schon, - da wurden meine Wangen weiß. - Ums liebe Brot, ums teure Brot - floß doppelt heiß ins Korn sein Schweiß. - Der wilde Mohn stand feuerrot; - es war wohl fressendes Gift der Schweiß, - auch seine Wangen wurden weiß, - und die Sonne stach im Korn ihn tot. - - Die Astern schwankten blaß am Zaun - im feuchten Wind; die Traube schwoll. - Am Hoftor zischelten die Fraun; - der Apfelbaum hing schwer und voll. - Es war ein Tag so regensatt, - wie einst sein Blick so trüb und matt; - die Astern standen braun und naß, - naß Strauch und Kraut, der Nebel troff, - da stieß man sie voll Hohn und Haß, - die sündige Magd, hinaus vom Hof. - - Nun blüht von Eis der kahle Hain, - die Träne friert im schneidenden Wind. - Aus flimmernden Scheiben glüht der Schein - des Christbaums auf mein wimmernd Kind. - Die hungernden Spatzen schrein und schrein, - von Dach zu Dach; die Krähe krächzt. - An meinen schlaffen Brüsten ächzt - mein Kind, und Keiner läßt uns ein. - Wie die Worte der Reichen so scharf und weh - knirscht unter mir der harte Schnee. - - So weh, oh, bohrt es mir im Ohr: - du Kind der Schmach! du Sündenlohn! - Und dennoch beten sie empor - zum Sohn der Magd, dem Jungfraunsohn?! - Oh, brennt mein Blut. Was tat denn Ich? - wars Sünde +nicht+, daß +sie+ gebar? -- - Mein Kind, mein Heiland, weine nicht: - ein Bett für dich, dein Blut für mich, - vom Himmel rieselt’s silberklar. - Wie träumt es sich so süß im Schnee. - Was tat ich denn? -- So süß. So weh. - Wars Liebe nicht? -- Wars -- Liebe -- nicht -- - - - - -Die Armen - - Nach Verhaeren - - - Sie sind so, diese armen Herzen, - ganz ausgehöhlt von stummen Schmerzen, - blaß und wie Teiche voll Geweine: - rings Leichensteine. - - Sie sind so, diese armen Rücken, - verkrümmt vom Tragen und vom Bücken, - krummer als auf den Dünenhütten - die Dachschütten. - - Sie sind so, diese armen Hände, - zittrig wie Gräser im Gelände, - wie dürre Gräser, die zittern - vor nahen Gewittern. - - Sie sind so, diese armen Augen, - die nur zu Dienst und Demut taugen, - trauervoller als die von Tieren, - wenn sie nach Freiheit stieren. - - So sind sie, diese armen Leute; - dem Elend fallen sie zur Beute - mit lammgeduldiger Geberde, - rings auf der freien Flur der Erde. - - - - -Vierter Klasse - - - Es rollt und rüttelt und dröhnt und dampft - und klirrt und rasselt und stürmt und stampft; - an kreisenden Feldern vorüber im Flug - durch Pommerns Ebne keucht der Zug. - - Ich schaue und horche und weiß es kaum; - ich träume einen stolzen Traum, - wie Form geworden der Menschengeist - donnernd um Axe und Axe kreist ... - - Da schreit ein Kindchen neben mir - und übertönt das Eisentier. - Es klang so weh, mein Traum zerrinnt; - so blaß, so mager ist das Kind. - - Im Wagen schwankt die Dämmerung, - und Gaslicht schwankt und Schattensprung; - aus rotgewürfeltem Bettzeug sticht - so spitz heraus das kleine Gesicht. - - Von Kisten und Kasten eingezwängt, - von Säcken und Päcken überdrängt, - schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh - und summt ein Wiegenlied dazu. - - Und rund herum, bedrückt und schwer, - verworrene Worte, hin und her; - Gesichter, furchig, knochig, stumpf, - und Menschendünste, dick und dumpf. - - Zusammengeduckt mit Hab und Gut, - mit ihrem letzten bißchen Mut, - aus Polen und Preußen sitzen sie da - und wollen nach Amerika. - - Nur wenn das Wörtchen „drüben“ fällt, - grünt eine ferne Hoffnungswelt; - und Alle atmen tiefer dann, - und Alle sehn sich nickend an. - - Und durch ihr Munkeln, ihr Geschwärm, - durch Rädergepolter und Eisenlärm, - wie Stimmen der Erlösung, ziehn - der Mutter leise Melodien. - - O heiliger Stall von Bethlehem, - dein Wunder ist noch heut zu sehn, - wenn eine Wöchnerin beglückt - ihr Kind in Armut an sich drückt! - - Nun schläft’s; nun hüllt sie’s ein recht warm - und legt’s behutsam aus dem Arm, - und lehnt sich müd an ihren Mann - und sieht ihn bang und liebreich an. - - Und er versteht den Mutterblick - voll Sorge, Furcht und Mißgeschick, - und mit der breiten Schwielenhand - zeigt er hinaus ins finstre Land: - - „Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn, - da drüben wird alles anders gehn. - Da schaff ich uns eigen Feld und Vieh, - da wirst du wieder gesund, Marie. - - Du brauchst nicht leben wie ein Hund, - ihr werdet beide wieder gesund. - Und unser Kind hat, wenn es groß, - im neuen Land ein besser Los!“ - - Und Sorge, Furcht und Mißgeschick - vergehen in dem einen Blick, - mit dem sich diese Bauernseelen - von ihrem Kinde stumm erzählen ... - - Es rollt und rüttelt und stampft und staucht - und dröhnt und rasselt und keucht und faucht; - durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug - stürmt weiter und weiter der eiserne Zug. - - Ich horche und horche und weiß es kaum; - ich träume einen gläubigen Traum, - wie Glück begehrend der Menschengeist - empor zu neuen Formen kreist ... - - Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht, - der Schlaf schwingt seine Spindel sacht; - die Bäuerin ist eingenickt, - aufs Knie des Mannes hingebückt. - - Der sitzt noch wach mit mir allein; - wir gucken uns sacht in die Augen hinein, - bis uns der Blick die Zunge lüpft, - bis hin und her das Flüstern schlüpft. - - Und er erklärt mir, wie es kam, - daß sie verkauften ihren Kram, - und wie sie der Agent gedingt, - der in den Urwald nun sie bringt. - - Es war kein neues Wort dabei; - es war die alte Litanei - von saurem Schweiß und Hungerlohn, - an der nur neu des Jammers Ton. - - „Und wie dann gar noch Weib und Kind - mir schwach und krank geworden sind, - da haben wir endlich das Schwerste gewagt, - dem Dörfchen Lebewohl gesagt. - - Und hat sie auch zuerst geweint, - so hat sie doch zuletzt gemeint: - fällts +uns+ auch schwer, wenn nur das Kind - ein ander Los als wir gewinnt!“ - - So schwinden Stationen im Fluge vorbei - und Glockensignale und Kellnergeschrei, - und bleicher tanzen die Lichter schon: - der Morgen steigt auf seinen Thron. - - Und um uns her bewegt es sich - und reckt und dehnt und regt es sich, - und langsam werden Alle wach - und blinzeln in den jungen Tag. - - Ein Tag von jenen, glanzgeküßt, - an denen jeder Halm uns grüßt - und jeder Sonnenstrahl das Herz - zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz. - - Die Fenster auf! o Luft, o Licht! - Und Alle drängen sich dicht bei dicht - und zeigen hinaus, wo stromumblinkt - mit Türmen und Masten Hamburg winkt. - - Die Mutter aber, still im Schwarm, - nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm - und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht - und -- da --: was stiert sie und küßt es nicht? - - Was stiert und stiert sie, daß mir graut! - Da löst sich ein erstickter Laut, - da liegt’s im Schooß ihr starr und tot -- - der Vater stammelt: barmherziger Gott! - - Im Wagen, plötzlich, wird es stumm; - die Bauern blicken scheu herum. - Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert: - mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert ... - - Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf, - die Schaffner reißen die Türen auf. - Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum; - da stürmt das Leben, es gilt kein Traum. - - Es gilt, daß man sich ganz gesteh, - wie unerschüttert von Glück und Weh, - Zukunft formend der Menschengeist - um seine ewige Axe kreist ... - - - - -Auf einem Dorfweg - - - Auf einem Dorfweg, der mir lieb ist: - verkrüppelte Birkchen stehn beschirmt von mächtigen Linden, - im Juli glüht der ganze Ackerrand - von hohen roten wilden Nelken: - da stieß ein Junge - ein kleines Mädchen hin und schlug es sehr, - und als es weinte, lachte er. - - Das sah ein Bettler, der betrunken vor mir ging. - Es war zu sehn, wie sich sein Herz empörte, - sein Rücken war verkrümmter als die Birke neben ihm; - die Kinder glühten wie die Nelken schlank, - er hob den Stock mit schwankem Schritt, - da lachte auch das Mädchen mit. - - Dem Krüppel schossen Tränen in die Augen. - Er stöhnte laut: o Welt, o Welt! - und mußte sich an eine Linde lehnen - und taumelte - und fiel ins Nelkenfeld. - - Die roten Blüten schlugen über ihm zusammen, - die beiden Kinder tanzten wie zwei Flammen - um sein wie blutbespritztes Bett, - und eine Stimme sprach in mir: - da liegt Jesus von Nazareth. - - - - -Der tote Hund - - Nach Nizami - - - Der Herr Jesus, auf seiner Wanderschaft, - betrat einen Markt, wurde sehr begafft. - Nur ein toter Hund, schon halb verfault, - wurde noch mehr begafft und bemault. - Da lag er -- und rings um die üble Gestalt - machten die Menschen wie Aasgeier Halt. - Puh! sprach einer: mir wird ganz krank - von dem entsetzlichen Gestank. - Ein zweiter sprach: er stinkt zwar sehr, - aber der Anblick entsetzt noch mehr. - So gaffte jeder aus anderm Grund, - doch alle schmähten den toten Hund. - Da trat Jesus unter den Schwarm; - hell hob sich über den Leichnam sein Arm. - Seht! sprach er und stand voll Sonnenschein: - seine Zähne sind wie Perlen rein! - Und lächelte -- daß alle, die’s erlebten, - durchglühten Schlacken gleich erbebten. - - - - -Ein Märtyrer - - - Jetzt sollt ihr hören ein +rauhes+ Lied, - von Frieden und Erbarmen +leer+! - Der Winternachtsturm schreit im Ried - und peitscht das Schilf wie Heu umher; - vor seinem Schnauben erstarrt das Moor, - zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr. - - Ein Häuschen umheult er am Haiderand - und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand - und reißt an den Haspen und Sparren, - daß sie kreischen vor Frost und knarren - und drinnen am Ofen die Kinder erschauern - und dichter zum Schooße der Mutter kauern. - - Die streckt, von Ängsten dumpf gerührt, - zum Vater, der finster mit hastiger Faust - Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt, - die bittenden zitternden Hände: - „Ach Mann, geh nicht durchs Moor! mir graust.“ - Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust, - weist ihr die Worte am Ende: - - Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht, - weil jeder nur immer sich selber bedacht. - So habt ihr euch selber zu Knechten gemacht. - Drum schaart euch, ihr Schwachen, zusammen! - Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer, - so schwellen die Wellen zum donnernden Meer, - die Fünkchen zu sausenden Flammen! - - Die Backen zucken ihm, und er spricht: - Drum bettle nicht! drum quäl mich nicht! - ich habs den Genossen geschworen. - Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf, - sonst geht der Sieg uns verloren. - - „Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg - dein Weib und die jammernden Kleinen! - Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht - erst steht das Eis; o Gott, es kracht, - es bricht! o sieh mich weinen! - - Es schreit zum Himmel! dein Leben ist +mein+!“ - Da braust er auf vor Zorn und Pein: - schrei lieber zu Teufel und Hölle! - und hebt mit grimmiger Wucht die Last - und fragt, schon tritt er die Schwelle: - - Hat’s etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht, - daß ich tagtäglich in den Schacht - meine Knochen für’n Hungerlohn trage! - und sollte mein Leben nicht Eine Nacht - für Glück und Gerechtigkeit wagen?! - - Leb wohl! -- Ins Schloß die Klinke knallt. - Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot. - Vom fahlen Horizont her droht - des Mondes Stirne blank und kalt. - Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß. - Der Mond legt übers dunkle Eis - eine bleiche Straße. - - Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht. - Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht, - schon schimmern -- da knistert’s, da biegt es sich sacht. - Ein Hilfegestammel. Da knirscht es und kracht - und schollert; ein Aufschrei verbrodelt im Moor. - Schrill winselt’s im Schilf, hohl röchelt’s im Rohr. - Hui! zischt es und pfeift’s in den Binsen. - - O rauher, o rauher, mein rauhes Lied! - kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn! - nach Opfern schreit der Sturm im Ried. - Doch bald: dann kommt der Frühlingsföhn, - dann schießt in Halme die junge Saat, - der Tag der Auferstehung naht! - - Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis, - dann wühlt er die Opfer empor vom Grund, - die Helden alle, die niemand weiß; - und jedes Toten vermoderter Mund - wird klaffend nach Rache blecken - und tausend Lebendige wecken! - - - - -Anno Domini 1812 - - - Über Rußlands Leichenwüstenei - faltet hoch die Nacht die blassen Hände; - funkeläugig durch die weiße, weite, - kalte Stille starrt die Nacht und lauscht. - Schrill kommt ein Geläute. - - Dumpf ein Stampfen von Hufen, fahl flatternder Reif; - ein Schlitten knirscht, die Kufe pflügt - stiebende Furchen, die Peitsche pfeift, - es dampfen die Pferde, Atem fliegt, - flimmernd zittern die Birken. - - „Du -- was hörtest du von Bonaparte“ -- - Und der Bauer horcht und wills nicht glauben, - daß da hinter ihm der steinern starre - Fremdling mit den harten Lippen - Worte so voll Trauer sprach. - - Antwort sucht der Alte, sucht und stockt, - stockt und staunt mit frommer Furchtgeberde: - aus dem Wolkensaum der Erde, - brandrot aus dem schwarzen Saum, - taucht das Horn des Mondes hoch. - - Düster wie von Blutschnee glimmt die lange Straße, - wie von Blutfrost perlt es in den Birken, - wie von Blut umtropft sitzt Der im Schlitten. - „Mensch, was +sagt+ man von dem großen Kaiser?“ - Düster schrillt das Geläute. - - Die Glocken rasseln; es klingt, es klagt; - der Bauer horcht, hohl rauscht’s im Schnee. - Und schwer nun, feiervoll und sacht, - wie uralt Lied so stark und weh - tönt sein Wort ins Öde: - - „Groß am Himmel stand die schwarze Wolke, - fressen wollte sie den heiligen Mond; - doch der heilige Mond steht noch am Himmel, - und zerstoben ist die schwarze Wolke. - Volk, was weinst du? - - Trieb ein stolzer kalter Sturm die Wolke, - fressen sollte sie die stillen Sterne. - Aber ewig blühn die stillen Sterne; - nur die Wolke hat der Sturm zerrissen, - und den Sturm verschlingt die Ferne. - - Und es war ein großes schwarzes Heer, - und es war ein stolzer kalter Kaiser. - Aber unser Mütterchen, das heilige Rußland, - hat viel tausend tausend stille warme Herzen; - ewig, ewig blüht das Volk.“ - - Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute, - dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocken wimmern; - auf den kahlen Birken flimmert - rot der Reif, der mondbetaute. - Den Kaiser schauert. - - Durch die leere Ebne irrt sein Blick: - über Rußlands Leichenwüstenei - faltet hoch die Nacht die blassen Hände, - glänzt der dunkelrot gekrümmte Mond, - eine blutige Sichel Gottes. - - - - -Ballade vom Volk - - - Bahnhofsgewühl; - am Sperrgitter staut sich’s. - Schutzleute brüllen; - und rings glotzen tausend - Tiergesichter, - Hundegesichter, - Fuchsgesichter, ein Wolfsgesicht, - Schafsgesichter, Gänsegesichter, - ein kollernder Truthahn, - grunzende Schweine -- - Volk. - - Der Zug fährt ein, hält. - Das Gewühl wird still, - einen Augenblick still. - Am Fenster erscheint - Bismarck - und grüßt; - und rings jubeln tausend - leuchtende, glühende, - funkelnde, strahlende, - erzengelhelle Menschengesichter -- - Volk. - - - - -Drohende Aussicht - - - Der Himmel kreist, dir schwankt das Land, - vom Schnellzug hin und her geschüttelt - saust Ackerrand um Ackerrand, - ein Frösteln hat dich wachgerüttelt: - die Morgensonne kommt. - - Mühsam entstiebt dem Nebelzelt - ein Krähnvolk, herbstlich abgemagert, - indeß sich dick aufs Düngerfeld - der Frührauch der Fabriken lagert; - die Morgensonne kommt. - - Schwarz schiebt sich durch den grauen Flor - ein langer Zug von Schlackenbergen, - Schornstein an Schornstein schnellt empor, - schreckhafte Hüter neben Särgen; - die Morgensonne kommt. - - Vom Horizont her nahn mit Hast - und einen sich zwei Straßendämme, - von Apfelbäumen eingefaßt, - schon blaß beglänzt die knorrigen Stämme; - die Morgensonne kommt. - - Jach folgt zum andern Himmelssaum - dein Blick den fruchtberaubten Zweigen, - und plötzlich siehst du Baum an Baum - sein brandrot glühendes Laub dir zeigen: - der Tag ist da! - - - - -Dichters Arbeitslied - - - Geh hin, mein Blick, über die grünen Bäume! - Da huscht ein Vogel, der nimmt dich mit, - Märchenvogel Edelschwarz. - - Bleib nicht zu lange im Reich der blauen Träume! - Hier rasten Menschen am Straßenrand, - ihre Hände sind vom Alltag schwarz. - - Bring ihnen her den Abglanz der freien Räume! - Sie möchten alle gern in ein Märchenland, - ihr Sonntagskleid ist edelschwarz. - - - - -Die stille Stadt - - - Liegt eine Stadt im Tale, - ein blasser Tag vergeht; - es wird nicht lange dauern mehr, - bis weder Mond noch Sterne, - nur Nacht am Himmel steht. - - Von allen Bergen drücken - Nebel auf die Stadt; - es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus, - kein Laut aus ihrem Rauch heraus, - kaum Türme noch und Brücken. - - Doch als den Wandrer graute, - da ging ein Lichtlein auf im Grund; - und durch den Rauch und Nebel - begann ein leiser Lobgesang, - aus Kindermund. - - - - -Der Arbeitsmann - - - Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind, - mein Weib! - Wir haben auch Arbeit, und gar zu zweit, - und haben die Sonne und Regen und Wind. - Und uns fehlt nur eine Kleinigkeit, - um so frei zu sein, wie die Vögel sind: - Nur Zeit. - - Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn, - mein Kind, - und über den Ähren weit und breit - das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn, - oh, dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid, - um so schön zu sein, wie die Vögel sind: - Nur Zeit. - - Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind, - wir Volk. - Nur eine kleine Ewigkeit; - uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind, - als all das, was durch uns gedeiht, - um so kühn zu sein, wie die Vögel sind. - Nur Zeit! - - - - -Predigt ans Großstadtvolk - - - Ja, die Großstadt macht klein. - Ich sehe mit erstickter Sehnsucht - durch tausend Menschendünste zur Sonne auf; - und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen - seines Kiefern- und Eichen-Forstes - wie ein Zaubermeister ausnimmt, - ist zwischen diesen prahlenden Mauern - nur ein verbauertes altes Männchen. - O laßt euch rühren, ihr Tausende! - Einst sah ich euch in sternklarer Winternacht - zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen - wie einen ungeheuren Heerwurm - den Ausweg aus eurer Drangsal suchen; - dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal - und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen - von Freiheit, Gleichheit und dergleichen. - Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen: - sie wurzeln fest und lassen sich züchten, - und jeder bäumt sich anders zum Licht. - Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste, - euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen, - ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern -- - so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch! - vorwärts! rückt aus! -- - - - - -Ein Freiheitslied - - - Es ist nun einmal so, - seit wir geboren sind: - die Blumen blühen wild und bunt, - wir aber mauern Wände - gegen den Wind. - - Es wird wohl einmal sein, - wenn wir gestorben sind: - dann blühen die Blumen noch immer so, - und über unsre Mauern - lacht der Wind. - - - - -Märzlied - - - Im März, - da gruneln die Dornen am Zaun. - Im März, - da fängt der Fuchs an zu rauhn. - Im März, - über Deutschlands Äckern und Aun, - da fliegt durch Wolken und Licht und Sturm - eine erste Schwalbe von Turm zu Turm: - wird Frühling? -- - - - - -Maifeierlied - - - Es war wohl einst am ersten Mai, - viel Kinder tanzten in Einer Reih, - arme mit reichen, - und hatten die gleichen - vielen Stunden zur Freude frei. - - Es ist auch heute erster Mai, - viel Männer schreiten in Einer Reih, - dumpf schallt ihr Marschgestampf, - heut hat man ohne Kampf - keine Stunde zur Freude frei. - - Doch kommt wohl einst ein erster Mai, - da tritt alles Volk in Eine Reih, - mit Einem Schlage - hat’s alle Tage - ein paar Stunden zur Freude frei. - - - - -Bergarbeiterlied - - - Wir tragen alle ein Licht durch die Nacht, - unter Tag. - Wir träumen von unerschöpflicher Pracht, - über Tag. - Wir helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich; - Glückauf! - Wir machen das Erdreich zum Himmelreich; - Glückauf! - - Einst fiel alles Leben vom Himmel herab, - über Tag. - Wir Bergleute schürfen’s aus dem Grab, - unter Tag. - Wir fördern’s herauf, das tote Gestein; - Glückauf! - Wir machen’s wieder zu Sonnenschein; - Glückauf! - - Auf Erden ist immerfort jüngstes Gericht, - unter Tag. - Aus Schutt wird Feuer, wird Wärme, wird Licht, - über Tag. - Wir schlagen aus jeglicher Schlacke noch Glut; - Glückauf! - Wir ruhn erst, wenn Gottes Tagwerk ruht; - Glückauf! - - - - -Erntelied - - - Es steht ein goldnes Garbenfeld, - das geht bis an den Rand der Welt. - Mahle, Mühle, mahle! - - Es stockt der Wind im weiten Land, - viel Mühlen stehn am Himmelsrand. - Mahle, Mühle, mahle! - - Es kommt ein dunkles Abendrot, - viel arme Leute schrein nach Brot. - Mahle, Mühle, mahle! - - Es hält die Nacht den Sturm im Schooß, - und morgen geht die Arbeit +los+. - Mahle, Mühle, mahle! - - Es fegt der Sturm die Felder rein, - es wird kein Mensch mehr Hunger schrein. - Mahle, Mühle, mahle! - - - - -Sturmbild - - Ferdinand Hodler zu Ehren - - - Fergin im Sturm, kehr um! Weib, wie du wüst dich plackst! - Du bist kein Mann! -- Sie hört nicht, sie stemmt sich langgestreckt - gegens Gebrüll der Wellen, das übern Kahnrand bleckt; - weiter und weiter stemmt sie, ruckt, rudert, ringt und rackst. - - Nach dem Holzfäller blickt sie, der mit geschwungener Axt - jenseits des Stroms sich reckt, wieder und wieder reckt. - Oder sieht sie ein Ziel gar, das ihr sein Aufgriff steckt, - und fühlt nun hingerissen: Ich pack’s, da Du es packst!? - - So fragen sich im stillen mit hochgezognen Brauen - in einem Ufergarten einige zarte Frauen - von edlem Wuchs und edlerer Geberde. - - Sie denken an die Helden alter Zeiten - und sinnen zwischen leichten Handarbeiten, - wie das Gewaltsame -- gewaltig werde. - - - - -Die Hafenfeier - - -I - - Vom stillen Hafen singt manch kleines Lied; - Hafen der Weltstadt, bist du jemals still? - O großer Braus der Unruhe, wenn schrill - werktags die Dampfbootschwärme, Fähren, Schlepper, Jollen - Signale kreischend durchs Sprühwasser tollen, - Rauchwolken durchs Gestarr der Maste rollen, - durchs Möwengetümmel um Schlot und Spriet. - - Fremder, dann stehst du zuerst wie irr, - spürst nicht das Werk, das da wachsen mag, - nicht von den Werften herüber den Takt im Hammerschlag, - nur das Gekrach und Gerassel, Geklirr, Geschwirr, - und ziellos fragt dein Blick ins Gewirr: - wird je auf Erden noch Feiertag? - - Bis du erschüttert vermeinst, daß eisenhart - die ganze Menschheit im Arbeitskleid - von allen Brückengeländern dir Antwort schreit; - und vor dem starken Schall der Gegenwart - verstummt dein Ruf nach ewiger Seligkeit. - - -II - - Sieh dort: der schlichte Mann in der Barkasse, - die unscheinbar vom wimmelnden Kai abschwenkt, - der ordnet dir die lärmende Masse. - Ihm dankt im stillen jede Speichergasse; - ein Schiffsherr ists, der viele Schiffe lenkt. - - Vorbei an Docks, Hellingen, Höften, Leichtern, Kranen, - deren Getriebe seinem Antrieb entsprang, - rechnet sein Kopf wohl grad an neuen Bahnen - für unsre Herrschaft auf den Ozeanen, - doch durch die Brust wogt ihm wie dir ein Ahnen, - ein Drang, ein Klang, ein Urgesang: - - Unruhe braust, wo sich der Geist aufrafft, - wo flügelfrei sich Mut und Wille verschwören, - Herzen und Hirne zur Tat zu empören. - Unruhe ists, was sich Beruhigung schafft, - was Freiheit und Gewalt zur Ordnung strafft, - um immer kühneren Flugs die Ruhe zu stören. - Unruhe heißt die Schöpferkraft. - - -III - - Jetzt hüpft der emsige Herr von Bord; gewandt - schlüpft er durch festschmuckbunte Zuschauerhaufen. - Ein Riesenschiff soll heut von Stapel laufen. - Flaggen und Wimpel flirrn; guirlandenumspannt - harren zehntausendköpfig die Tribünen. - Und über alldas ragt der Rumpf des Hünen - wie vom exotischen Blick seines Gebieters gebannt. - - Der grüßt sich höflich durch, durch die Spaliere - der Würdenträger, Damen, Kavaliere, - Schutzleute, Kurtisanen p. p. -- und dann: - ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann, - der dieses Völkerfriedenswerk ersann, - es neigen sich die Herren Offiziere. - - Der Fürst begibt sich an die Kanzelstufe, - besteigt sie, spricht: Ich tauf dich Imperator. - Willig rollt der Koloß von seiner Kufe, - und auf der Strombahn im Sturm der Jubelrufe - wiegt sich ein Echo: Triumphator. - - -IV - - Was aber tönt noch immerfort wie Klagen? - Was murrt und schluchzt, wenn die Anker tauchen? - Was stöhnt, wenn die Frachtspillketten aufstauchen, - während die Dampfersirenen wie brüllende Bestien fauchen, - die Baggermaschinen ihr Hundegeheul anschlagen. - - Ist es der Grundton ewiger Grausamkeit, - der qualvoll selbst aus unsern Werkzeugen ächzt? - O Menschenkind, das nach Vergöttlichung lechzt, - hör nur, wie deine Machtgier teuflisch gen Himmel krächzt, - die dich und deinesgleichen im Namen der Menschlichkeit - gesetzlich peinigt und sittlich maledeit! - - Dann starren die Häuserreihen rings um die Hafenbecken - dich an wie Folterkammern, wo Angst, Wut, Jammer, Schrecken - vom Keller bis zum Dachfirst gellt, - wo jeder den andern martert, Verbrecher zugleich und Richter, - höchstens daß mittendrunter einsam ein Denker, ein Dichter - sich selbst abquält mit Allbeglückungszwecken; - so büßt der Weltgeist seine Welt. - - -V - - Ja, das erschüttert, das macht die Seelen hungern, - das läßt uns stets nach besserer Zukunft lungern; - was ist denn unser Arbeitsertrag? - Sieh nur, wie alle Augen, die finstern und die grellen, - Herren wie Knechte, Meister wie Gesellen, - sich die Verzweiflungsfrage stellen: - war je auf Erden schon Feiertag? - - Was fördern all die Fäuste, die sich schinden - an Hämmern, Hebeln, Kolben, Kurbeln, Gewinden, - an Ketten, Drähten, Tauen, Trossen? - Hier diese Panzerfregatte, sie wird verrosten, verwittern, - dort der zementne Leuchtturm zerbersten und zersplittern, - rascher dann, als er hochgeschossen. - - Was hemmt die abgehärteten Lohnsklavenschaaren, - die ihren Blutschweiß täglich zu Markte fahren, - endlich zu meutern gegen die Zwingherrngilde? - Ists, weil sie schärfer als andre Narren gewahren, - daß Wahn uns alle bannt? -- Ihr Herrn, seid milde! -- - - -VI - - Gern sieht das Volk Machthaber über sich: - herrliche Männer, liebliche Frauen. - Ein Labsal bleibts dem Kärrner im Alltagsgrauen, - ein lichtes Vorbild anzuschauen, - sei’s königlich, sei’s bürgerlich. - - Die plumpesten Burschen, begrüßt sie eine Yacht, - in der ein müßiges Mädchen wie eine Blume lacht, - sie grüßen lachend wieder, Mann für Mann; - sie fragen nicht, was solche Blumen nützen, - sie schwenken ihre schweißgetränkten Mützen, - sie freuen, freuen sich daran. - - Oder am Abend, wenn sie verrußt, verstaubt - heimgehn vom Landungsplatz, wo rolandshoch - des Staatsmanns Standbild sein felskahl Kuppelhaupt - dem Strom zukehrt: jawohl, sie schaun dran hoch, - als ob sein Schatten ihnen den Frieden raubt, - ehrlich anknirschend gegen sein Kriegsrüstungsjoch, - aber stolz auf ihn, stolz sind sie doch. - - -VII - - Und keiner blickt mehr nach den Kirchturmspitzen, - die grünspanschimmrig hinter dem Mastenwald - vom Sonnenuntergang bestrahlt - über den rauchgeschwärzten Dächern sitzen, - und unter denen im Altarkerzenschein - menschenklein - der Gottessohn die Finger am Marterkreuz krallt. - - Und wenn noch mancher, den Not und Kummer kränkt, - Ihm und der Mutter aller Schmerzen - ein paar Minuten echter Andacht schenkt, - so tut ers nur, indem er denkt, - daß er mit seinem abgehetzten Herzen - zeitlebens selber am Kreuzpfahl hängt. - - Die Besten aber beklagen nicht ihr Los, - sie träumen auch kein künftiges Glücksland her; - sie wissen, Kraft ist Lust, die aufschluchzt vor Begehr, - opfergroß - sich hinzugeben, wie der Strom dem Meer. - - -VIII - - Denn über allen Wassern, die hier stranden, - heller als alle Träume und Gesichte, - die durch erhitzte Hirne im Glühdrahtlichte - der schaukelnden Kajüten branden, - glänzt eine Träne aus der Weltgeschichte. - - Die weinte Bismarck, als er, schon ein Greis, - das größte Überseeschiff aus jenem Zeitwendkreis - auf seinen Namen taufen sollte. - Er hatte noch kein solches Schiff gesehn, - nun sah er dies Gewaltwerk menschlicher Mühsal stehn, - sah, wie’s auf seinen Wink ins schäumende Flutgrab rollte. - - Und sah im Geist sein Deutschland hinaus aufs Weltmeer rollen, - sah Menschen, Helden, Sklaven, sturmschwalbenschaarendicht, - hoch, niedrig, arm und reich, gleich sterblich, Schicht auf Schicht, - wieder und wieder ihre hoffnungsvollen - glückleeren Hände ruhlos nach neuem Schicksal strecken, - und alldas sollte nun sein Name decken -- - da rann die Träne über sein Gesicht. - - -IX - - Es wird noch manche Opferträne rinnen, - die leuchtender von Seele zu Seele brennt - als der erlauchteste Stern am Firmament; - doch immer wieder, wenn Sturm ein Wrack berennt, - wird Kapitän wie Trimmer erschüttert sinnen, - warum sie durch den quälenden Aufruhr treiben, - warum sie nicht im stillen Hafen bleiben. - - Denn manchmal ist er still. Wenn mitternächtig - kein Hochbahnzug mehr über die Brücken fährt, - wenn sich, vom dunkeln Wasser kühl verklärt, - das Bordlaternenheer sternbilderprächtig - im Abgrund spiegelt, Funken tief bei Funken, - dann scheint das Himmelreich herabgesunken. - - Dann winkt dir aus der todesstillen Flut - der Feiertag, seit jeher prophezeit: - da sinkt der Menschensohn vom Kreuz, da ruht - auf dem erstorbnen Erdball weit und breit - der Hauch der ewigen Seligkeit. - - - - -Drei Blicke - - - Die Wolken rauchten immer dunkelroter, - der Abendhimmel stand in Höllenfarben, - und wenn die fernen Blitze lautlos zuckten, - dann zuckte auch die lange Vorstadtstraße, - durch die mein Herz der sinkenden Sonne zuzog, - mit allen Fenstern hocherglühend mit, - und jede Scheibe starrte dann noch toter. - - Und plötzlich schlug aus einem Trödelladen - der Heiland seine Augen zu mir auf; - er lag gekreuzigt mit ergebnem Blick - in einem alten Rahmen zum Verkauf. - Und neben ihm zwei neue Kinderpuppen; - die lächelten so fühllos himmelauf, - daß angesichts der drohenden Wolkenschwaden - mein Herz erschrak vor diesem bunten Laden. - - Da zuckte wieder, und noch glasig trüber, - durch den gebrochenen Heilandsblick die Röte, - und an den Puppenaugen grell vorüber - beleuchtete der Blitz im Hintergrunde - ein Steingesicht mit stolzem Blick und Munde: - +Goethe+ -- - O habe Dank, du Ewiger, jede Stunde: - du hast uns Hoheit über Tod und Leben - mit deiner selbstbewußten Stirn gegeben! - - - - -Ein Heine-Denkmal - - Standrede eines träumenden Herrschers - - - Ich danke dir, Bildhauer, daß du dich - für deinen Fürsten noch bemühn willst; bitte, - nimm Platz! -- Du weißt, ich bin der Krone müde, - zu Neujahr geb ich sie dem Volk zurück; - es mag versuchen, selbst sich zu beherrschen, - mir ist es teils zu reif und teils zu schlecht. - Mein Hingang aber soll mein Volk und mich - noch einmal in beglückter Ehrfurcht einen - und unsern Enkeln eine Ehrfurcht bleiben - durch ein Geschenk fürstlicher Menschenliebe; - dazu entbot ich dich. - - Ich weiß, dich drängt dein großes Lebenswerk: - „der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“ -- - ich danke dir, daß Mein Gesuch dir vorgeht. - So höre, was ich ausgesonnen habe, - du bist der Einzige, der es schaffen kann: - ein Denkmal für Herrn Heinrich Heine. - - Erlaube, daß ich uns das Fenster öffne; - der Märzgeruch der Großstadt tut mir wohl. - Dort auf dem Platze vor der Kathedrale - möcht ich das Denkmal aufgerichtet sehn, - mitten im Kranz der Linden. - - Da soll er sitzen, wie er innerst war, - der kranke Jude und der große Künstler, - der unsre Muttersprache mächtiger sprach - als alle deutschen Müllers oder Schulzens. - Verziere reich mit Gold den Krankenstuhl, - bunt soll das Denkmal sein, ein Schmaus den Sinnen! - Fußdecke, Rock, Symbole, alles Beiwerk - soll sich in dunklen Tönen unterhalten, - von ungewissen Lichtern überlacht; - aus dem gedämpften Rot und Grün der Broncen, - aus Porphyr, Syenit, Basalt und Lava - soll marmorklar nur sein Gesicht herleuchten - und seine blassen Dichterhände. - - Und rück ihn nicht zu hoch vom Boden weg, - nicht in die Luft, damit ihm Volk und Erde - nah bleiben, wie es großen Künstlern lieb ist. - Nur eine einzige Stufe von Granit, - in mächtigem Geviert, gib ihm als Sockel, - daß man sein Lächeln deutlich sehen kann, - dies müde Lächeln des getauften Juden, - mit dem er sich nach neuer Liebe sehnt, - dies bittre Lächeln, das zu sagen scheint: - O Moses, du gefällst mir nicht, - du bist mir überflüssig, - und dein vergrämtes Angesicht - ist längst mir überdrüssig. - - Zu seinen Füßen aber laß -- nein, so: - in seine Linke gib ihm einen Stock - und eine himmelblaue Schellenkappe! - Und links zu Füßen des getauften Juden, - den Stock beschnüffelnd und beblinzelnd, hockt - -- ich schlage vor: aus rheinischem Eisenquarz -- - ein fettes Schwein, das echte deutsche Hausschwein. - Mach mir dies Schwein ja wahrhaft wahr und schön, - wie’s dieser große Künstler wert ist; und - vergiß mir auch die Borsten nicht! - - Doch rechts zu Füßen dieses großen Künstlers - laß einen flügelstolzen Greifen liegen, - mager, die Geiernase möglichst krumm, - den edeln Pantherleib zum Sprung gereckt. - Ich sehe, wie des Dichters blasse Rechte - liebkosend nach dem stählern hochgeschwungnen, - dem nordseegrauen Flügelpaar hintastet. - Ich sehe seinen meerblau stillen Blick, - die dunkeln Amethysten der Pupillen, - in sich gekehrt, heimkehrend aus der Ferne; - er träumt ein Lied. - - Über die finstern Furchen der Nordsee, - über die fliehenden Schäume her, - sieht er ihn kommen, - seinen Ahnherrn Ahasver: - er sucht den Messias. - Der Wind jagt seinen Bart, - morgendlich funkelt ein Strand; - seit Jahrtausenden so, der arme Alte, - sucht er den Tod. - Plötzlich sprühn ihm alle Wellen Licht: - fern am Strand steht Einer, der reckt sich, - jünglingskeck, und blickt und lacht, - lacht in die Sonne: - der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwacht. - Und Ahasver schreit auf, - daß sein Schrei die Möwen vor ihm herschreckt - über das leuchtend spritzende Wasser, - und ans Land stürzt er und bricht zusammen, - und Jahrtausende schluchzen - dem erstaunten Michel ins dumme Herz: - Mein Heiland Du, - mein heimlich erstandener - Herr Israels! - Hinten aber auf den Dünen sitzt - mit verwunderten Mienen, - den Sonnenaufgang nach der Uhr erwartend, - das versammelte deutsche Publikum, - Christen-und-Judenpöbel, - und jemand sagt: - Ja, Herr Geheimrat von Schultze, - davon ahnten wir nichts! -- - - So bilde mir, mein Freund, den Blick des Dichters. - Laß, Meister, des Hellenen freie Kraft, - laß auch des alten Inders freie Inbrunst, - laß des Germanen freie Leidenschaft - als sieche Sehnsucht drin entdeckbar sein, - siech durch die lange Knechtschaft Israels. - Und hinter seinen goldnen Krankenstuhl - stell auf die rechte Seite einen Greis, - ärmlich, ins Knie gesunken, arbeitskrüpplig, - der einem Enkel eine Krone aufsetzt - und seine marmorn blühende Nacktheit segnet; - nimm Meine Krone als Modell! - - Links aber hinter seinen Krankenstuhl, - das Schwein des Vordergrundes überragend, - setz auf die Sockelstufe eine Jungfrau, - im Myrtenkranz, im Silberschleier, bräutlich, - so bräutlich, wie es nur der Deutsche träumt; - die soll nachsichtig einem Affen wehren, - der grinsend, mit unzüchtiger Geberde, - dem Dichter in den Rücken glotzt. - - Mach mir den Affen ja schön wahr und schön, - wie’s dieses großen Künstlers würdig ist! - dann gib ihm braune Augen, wie dem Greise. - Dem Knaben aber und der Jungfrau blaue, - wie sie der große Künstler selber hatte, - doch so von Dir, Bildhauer, deutsch verklärt, - daß ich den kranken Dichter stammeln höre: - - O Venus, alte Frau Sünderin, - verneige dich der Reinen! - o könnt ich noch mit Kindersinn - zu ihren Füßen weinen! -- - - So, Freund und Herr, möcht ich das Denkmal haben. - +So, Meister, bis ins Kleinste lebensgroß - das Einzelne; das Ganze aber so, - daß uns der Schauder ängstigt und beglückt - vor unsrer menschlichen Tiergöttlichkeit.+ - Dann um das alles, wie um einen Friedhof, - zieh mir ein schmiedeeisern Gitterwerk - von hohen Lilien, deren Blütenköpfe - ein Dornenkranzgewinde eint. - - Und eile dich mit deiner Arbeit, Freund! - schon weil dein großes Lebenswerk dich drängt - „der deutsche Michel, aus dem Schlaf erwachend“; - sonst schilt mich noch das deutsche Publikum. - Nimm dir Gehilfen nach Belieben! Horch, - der Märzsturm braust vom Turm der Kathedrale; - wenn der Dezemberreif die Linden schmückt, - möcht ich das Werk vollendet sehn, ich will’s - dem deutschen Volk zu Weihnachten bescheren. - Leb wohl, mein Künstler! -- - - - - -Landstreichers Lobgesang - - - Jetzt bin ich endlich mit der Welt allein; - sing, Seele, sing dich von der Menschheit rein! - Sie klagt in einem fort, still oder schrill, - daß keine Seele sein kann, was sie will; - das ist gemein. - - Ich will heut Nacht kein Bett noch Essen haben! - ich will mich am Geruch des Frühlings laben! - Die Knospen platzen all vor Trunkenheit; - ihr in der Stadt, ihr platzt vor Futterneid. - Das tat mir leid. - - Ich ging von Haus zu Haus: Sing, Seele, sing: - erbarm dich, Mensch, und sei kein Kümmerling! - Geh in den Wald, da lacht der Sternenschein: - sing, freie Seele, sing! was kannst du sein? - Herrin des Frühlings! - - Du kannst dir jeden Ast zum Szepter nehmen; - der Tau beträufelt dich mit Diademen. - Du trägst ein Schleppkleid von Milliarden Blüten; - das brauchst du nicht vor Mottenfraß zu hüten, - sie welken bald. - - Sie welken, Seele, um dich zu erfreuen: - du darfst dein Reich in alle Lüfte streuen! - Wenn dir das nicht gefällt, dann komm, schlag drein! - sing, Seele, sing! was kannst du sonst noch sein? - Magd des Sommers! - - Da darfst du Tag für Tag die Hippe zücken, - siehst Schwad an Schwad vor dir zusammenknicken, - stellst Korn in Garben, oder läßt es liegen, - damit die Spatzen was zu fressen kriegen; - freut dich das nicht? - - Nachts hörst du dann die jungen Mäuse pfeifen; - fühlst, Schatz, wohl auch was unterm Schnürleib reifen? - Wenn nicht, so geh und hör die Hengste schrein! - sing, Seele, sing! du kannst auch männlich sein! - sei Knecht des Herbstes! - - Geh in den Weinberg, pflück die vollen Trauben; - kannst auch Kartoffeln aus dem Acker klauben. - Kartoffeln geben Schnaps für arme Luder; - Wein ist für Kenner, und die besten Fuder - schluckt die Nachwelt. - - Dann gleichst du selbst den ausgepreßten Träbern - und nährst die Nasenwurzeln auf den Gräbern. - Wird dir das lästig, so zerspreng den Stein! - sing, Seele, sing! du kannst noch freier sein! - Herrgott des Winters! - - Herrgott, wie stärkst du da die schwachen Kräfte: - da spannst und spornst du die erstarrten Säfte, - bis dir die eisige Haut vom Körper birst, - worauf du wieder Frühlingsgöttin wirst, - du freie Seele! - - So zog ich durch die Stadt und sang euch an, - bei Tag und Nacht, ihr Menschen, Weib wie Mann. - Bei Nacht, da brannte immer künstlich Licht, - doch auch bei Tag verstandet ihr mich nicht; - euch rief die Pflicht. - - Mich ruft die Kraft; ich nahm den Stock und ging. - O Menschheit, dich beschämt ein Schmetterling! - Hier schwirrt er vor dir her im Sternenschein, - erhabner Untertan der Welt allein; - sing, Seele, sing! -- - - - - -Hohes Lied - - - Fern dem Menschenschmerz, - zwischen Eis und Stein: - reines Herz, nun lausche, - du bist nicht allein! - Horch, die Gletscher-Adern rauschen, - Quellen singen -- und ein Geist stimmt ein: - - Meine Kinder werden einst - auf dem Regenbogen spielen. - Folgt dem Vater denn, ihr vielen, - bis ihr oben über den schwülen - Schluchten der Berge, durch die er muß, - schimmern dürft! - - In die Niederungen - führ ich euch gezwungen, - der ich mit dem Erdreich ringen muß. - Seht, da giebt es Herzen, - die das Reinste schwärzen; - Gift und Geifer tropft in meinen Fluß. - - Aber weiter, weiter, - Kinder, auf vom Grund! - Seht, mein Herzschlag läutert - jeden Tropfen -- und - alle, alle werden einst - oben auf dem Regenbogen spielen! - - - - -Ruf an die Kühnsten - - - Du junger Bergsteiger, - der in den Sturm deine Arme streckst, - dir Fichtenwipfel als Flügel nehmen, - Wolken und Sterne herabfegen möchtest - und sie mit Schweiß und Blut, - Deinem Schweiß und Blut, - in eine neue Welt umkneten, - wie auch ich einst, auch ich: - lern Kraft sammeln! - - Ruhig am Meerufer sitz ich jetzt, - seh dich auf halber Höhe keuchen, - höre den Seegang aus drangvoller Weite - unablässig heranrollen - und rufe dir zu: - Keine menschliche Maßlosigkeit - faßt den unermeßlichen Weltplan. - - Oft stand ich auf schwindelnder Gletscherkante, - nur geklammert an meinen Eispickstock, - ohne Führerseil, - über Wolkenmeeren, - über den Berghäuptern allen rings, - selbst den Morgenstern mir zu Füßen, - selbst die Sonne, - und -- - mußte dennoch mein Haupt senken, - mußte hinab wieder steigen - unter die Sonne, - unter die Wolken, - zwischen die Schatten der kleinsten Klippen. - - Denn kein Weltschöpfer ist der Mensch, - nur der Erdgeschöpfe gewaltsamstes. - Nicht ein Sternchen vermagst du - aus seiner Achse zu reißen, - nur in deinem Fernrohr kannst du es drehen. - Einen Turm kannst du bauen auf jeder Höhe, - wo du Werkleute hinzuführen vermagst; - kannst ein Schiff steuern in jede Weite, - ein Flugschiff sogar, das Helden mitträgt, - soweit du dich samt deinem Werkzeug - in den windigen Bann der Erdschwere fügst. - Das kann Menschengewalt, du junger Steiger, - du Flieger, ihr jungen Vorstürmer alle: - Tatkräfte sammeln! - - - - -Vogel Greif - - - Mein Flieger, mein kühner, wo gehts heut hin? - „Hoch über die Wolken, schöne Gönnerin; - höher als höchste Alpenspitzen - soll mein Fahrzeug durchs Weltblau blitzen.“ - Vogel Greif heißt dein Fahrzeug? „Vogel Greif; - heut soll er den Sieg mir greifen.“ - - Du kühner, du stolzer, dann nimm mich mit! - Und sie sprang in den Sitz mit straffem Schritt. - Nur an ihrer Brust das Blumensträußchen - zitterte wie ein gefangnes Mäuschen, - als sie sich lachend den Wetterpelz - um die schlanken Hüften legte. - - „Du kühne, du schöne, wirf weg den Strauß! - leicht fliegt ein Blumenblättchen heraus; - ein einziges Blättchen ins Flugwerk verschlagen - kostet uns beiden Kopf und Kragen.“ - Und während der Vogel Greif knatternd stieg, - kobolzte der Strauß in ein Kornfeld. - - Viertausend Meter stieg er und mehr, - eisig kreiste das Weltblau um sie her; - aus stürzenden Wolken in sausendem Bogen - stiegen sie lachend, lachend, und flogen, - bis die Erde ein fernes Fabelland war, - Vogel Greif -- da stockte das Flugwerk. - - Da stockte das Lachen; nur’s Steuer noch klang, - schrill das Steuer im Gleitflug-Sturmgesang. - Durch sausende Wolken in stürzendem Bogen - glitten sie keuchend, keuchend, und flogen, - bis die Erde schon fast wieder Erde war: - Vogel, greif! Da knackte das Steuer. - - Wie vor zwanzig Minuten der Blumenstrauß - kobolzten sie aus dem Wrack hinaus, - hinaus, umklammert in wirbelndem Kreise - mit fliegenden Haaren zur letzten Reise; - du kühner! du kühne! klangs geisterleise - auf ins eisige Weltblau. - - Und als man sie fand, er atmete noch, - im Todesfiebertraum sah er hoch, - hoch über die Wolken und hauchte: siegen -- - morgen werden wir höher fliegen -- - morgen -- - höher -- -- - - - - -Die Musik des Mont Blanc - - (Den Bergfreunden Charles Simon, René Koenig, Paul Montandon zur - Erinnerung) - - Leitwort - - Ob wir reden, ob wir schweigen, - aus den Tiefen klingt ein Raunen: - Laßt uns auf die Höhen steigen - und in alle Welten staunen! - - -Erster Satz - - Wenn du hoch im Flugschiff bei funkelnder Winternacht - überm Schneefeld der Großstadtdächer hintreibst, - untergetaucht ist alles unreine Stückwerk, - in dem ruhevollen Lichtnetz der Straßenschluchten - sind die Türme und Kuppeln nur flüchtige Knotenpunkte - dir und deinen Gefährten zur Richtung, - von eurer Brustwehr sinnt ihr mit Göttergefühlen - auf die eingemauerte Menschheit hinab, - das verkrochene Arbeitsgewürm, - das sich müde plagte für eure Lustfahrt: - wenn dann dennoch ein Anflug eisigen Schauders - aus dem Hetzwutgeräusch der Treibschraubenflügel - deinen Blick emporschnellt zwischen die stillen Sterne, - weht ein Ton immer höheren Raumes dich an, - und von Worten durchstürmt, die Gipfel und Abgründe bergen, - ahnst du die Musik des Mont Blanc. - - Fliehst wohl gern die Stadt auch bei glühendem Sommertag, - auch du arbeitsmüde, steigst aus dem Eilzug, - schleppst deinen Dunst durch den Landstraßenstaub, - findest ein dürftiges schattengrünes Fleckchen, - wirfst dich matte Raupe ins Gras, - schmachtest ins Blau nach einer Gewitterwolke, - bis dir ein Schmetterling durch deine Schwermut taumelt, - bis eine Schwalbe dich dem Taumel entreißt, - bis du als Adler aus himmelgewiegter Weite - auf dich herabträumst -- Da, o Erweckung: - traf dich ein Anhauch immer leichterer Luft? - schwebte ein Laut immer weiteren Raumes dir vor? - da verwünschst du deine Versunkenheit, - sehnst dich nach der Musik des Mont Blanc. - - Was will Sehnsucht? sich verlieren in Fernen! - Was will Ahnung? sich der Tiefe entheben! - Steig hinan, wo in eines Tages Spanne - Sommer-und-Winterbrand deine Inbrunst entflammen, - wo du vor herzhinreißender Mühsal - am Seil der Gefährten dir selbst zum Spiel wirst! - Und ob ihr im ewigen Schnee an blendender Wand hängt, - durststumm, schweißblind, mit schwarzen Brillen, - ob im Finstern um eure zusammengeschanzten - froststarren Körperklumpen der Sturm heult, - horch, ein Klang fernsten Raumes fliegt dir zu: - nun beginnt die Musik des Mont Blanc. - - -Zweiter Satz - - Auf dem Nacken des Riesen schreitest du; - seit Jahrtausenden hockt er im weißen Mantel. - Mit den vergletscherten Armen umschlingt er - die unzähligen schweren steilzackigen Kronen, - die er aufs Haupt sich stülpen wollte. - Höher konnt er sie nicht mehr heben; - nun hält er sie starr umklammert und lauscht - durch die wetterwilden Jahrtausende hin, - lauscht den Geistern der unerreichten Bezirke, - wie sie posaunend und harfend und pfeifend - und manchmal singend seine geliebten Kronen - ihm wegwinden möchten. Und staunend spürst du - mit hohlem Schritt, wie er heimlich knirscht, - bis in dein Herz, der gebannte Riese. - Aber das Staunen ist nur Vorspiel. - - Tritt auf seinen Scheitel! der trotzt dem Bann. - Sieh, unsre Spuren verwehen schon. - Leise lechzt sein Atem herauf aus dem Eisschlund, - wo wir uns Stufen hackten im Nebel - ans grelle Licht her. Die dünne Luft schwirrt. - Dein Herz will fliegen und kann nicht. Graust dir? - Hier, wo kein Adler mehr kreist, hier wagten - Menschen ein Sternwartchen herzurichten. - Leise saugt’s der Gletscher in seinen Schlund; - kaum noch ein Balken stiert aus dem Grabloch. - Und mit lächerlich offnem Mund gewahrst du, - daß auf dem Kampfplatz um die Erhabenheit - auch das Grausen nur Vorspiel ist. - - An dein Herz hallt ein Dröhnen. Lachte der Riese? - O, er jauchzt! Von seinem Panzermantel - prallt ein Wetterstoß ab. Mit orgelndem Echo - jauchzt er dem Blitz nach. Aus seinem Triumphblick, - hell über Wolken und Schluchten, Stromland und See hin, - bäumt sich ein Regenbogenpaar. - Und mitjauchzend denkst du der Menschlein wieder, - die unten beben, indeß hier oben - unser entzückter Herzruf schallt, - schallt, verhallt -- ohne Echo -- still, Freunde: - auch das Entzücken ist Vorspiel nur. - - -Dritter Satz - - Ruhe aus, wilde Seele: Frieden herrscht - auf gewaltigen Bergen im Mittagsglanz. - Schmiegsam wie du wird der harte Schnee; - es glüht ein Feuer im kalten Wind, - dein trunknes Blut klingt hinan zur Sonne. - Sternhell schwillt der Erdball mit dir ins Licht, - dunkel rührt sich der Raum, er schwebt, er schwebt, - ins Glockenblaue: nun fliegt dein Herz: - ins Reine, ins Reine -- - du vernimmst die Melodie des Mont Blanc. - - Du träumst nicht, du wachst nicht, du bist nur da; - ein Schimmer bist du im Brennpunkt der Welt. - Da rauscht eine Stimme, Myriaden Stimmen: - Wo seid ihr, Gefährten? Nicht jenseits, nicht diesseits, - wir schimmern auf rauschendem Gipfel wie du. - Du ruhst nicht einsam; du siehst, es ragen - Myriaden Gipfel in gleicher Ruhe, - ins Klare, ins Klare -- - du begreifst die Harmonie des Mont Blanc. - - Du richtest dich auf; wir richten uns auf. - Du lächelst und schweigst; wir lächeln und schweigen. - Es schweigt der leichenstarre Firn. - Und wenn wir auf seiner zerfurchten Bahn uns - von Abhang zu Abhang im Abendglanz - heimsausen lassen, dann mögen die Berge - einstürzen, du fliegst und fühlst wie wir: - wohin wir auch fliegen, wir fliegen, fliegen, - ins Freie, ins Freie -- - dich ergreift der Rhythmus des Mont Blanc. - - -Vierter Satz - - Halt! was trommelt uns nach? wer tanzt da oben? - stürzen Murmeltiere vom Himmel ab? - Achtung, Steinfall! Und Rucksack übern Kopf, - in die Schneewand gebohrt mit Füßen und Fäusten, - hören wir’s hüpfen mit Sammetpfoten, - mit Klumpsohlen hopsen, galopp: rechts, links - purzeln die Tode an uns vorbei - und liegen unten. Und ein Stück Kohle, - wer weiß von welchem sturmverschleppten Scheit Brennholz, - trollt hinterdrein und trällert und summt: - das ist nur ein scherzhaftes Zwischenspiel. - - Wißt ihr noch? kennt ihr die Stelle wieder? - dort vorm Jahr: die Eisbrücke unter mir. - Ich stand, sah zurück: durchs Gewirr der Spalten - stieg Jemand uns nach, uns immerfort nach, - mit verhülltem Gesicht, dunkeln Augenlöchern, - mit vielen Leuten am Seil: wer ist es? - was will der fremde vermummte Führer, - wo Jeder Führer ist und Geführter, - was tappt er blos nach? Ich hebe den Pickstock - und warne, da kracht’s, noch erraff ich im Sprung - den Rand -- damals scholl mirs wie Abgrundgelächter - durchs innerste Mark, jetzt lacht die Erinnrung: - Es war nur ein spaßhaftes Zwischenspiel. - - Es werden noch viele Brücken zerkrachen; - er braucht’s, der Bauherr des weißen Friedhofs, - das Riesenkronen-Bröckelwerk. - Rings aus Trümmern die Türme, verjährte Lawinen - zu smaragdenen Labyrinthen gefroren, - die nächste Laue zerschellt sie wieder, - hohl verrollt ihr Paukenwirbel: gebt Raum! - Raum, ihr lockern Gesellen! auch ihr da, Granitpack, - du Großer Gendarm mit dem wackligen Helm, - ihr Englischen Fräuleins: noch besteigen - nur Waghälse eure glatten Hüften, - einst liegt ihr alle zerbröckelt im Bett, - der nächste Neuschnee verdeckt den Schutt, - und Brocken auf Brocken wird wieder Brücke, - wird alles ein lachhaftes Zwischenspiel. - - -Fünfter Satz - - Wohl weint’s im Dunkeln, horch, Tropfen zu Tropfen, - Milliarden Tropfen, die sich lautlos - unter der aufgepreßten Last - zusammenschlichen: o horch, nun auf einmal - aus stahlblau dämmerndem Gletschertor - durch den Schutt der Moräne, da sprudeln sie - als milchheller Quell. Nun schöpfst du und trinkst - von dem jubelnden Wasser, und schaust zurück, - immer wieder zurück zu dem sternegekrönten Scheitel, - wo kein Bleiben ist für dein staubhaftes Leben, - und glaubst ihn immer noch rauschen zu hören, - so entrückt dich die Musik des Mont Blanc. - - Dann zeigt sich ein Fleckchen, da sprießt wieder Gras. - Dann erscheint eine Hütte, da stürzt Quell in Quell. - Dann bäumt sich der Gießbach und springt dir voran - durch blühende Wiesen ins nächtige Waldtal. - Da hörst du im Schlaf rings die Haustierheerden - geisterhaft läuten; und andern Tags - bist du vielleicht schon fern, siehst die Bäche - zum See gesammelt, der Schiffe trägt, - klirrst mit schweren Schuhn durch die große Stadt, - hörst den Menschenlärm brausen, hörst ihn nicht, - hörst noch immer um deine hämmernden Schläfen - mit unendlichen Flügeln von Schneefeld zu Schneefeld - das Schweigen der Jahrtausende geistern, - so verfolgt dich die Musik des Mont Blanc. - - Dann willst du wie sonst mit ergebenem Schritt - an dein Tagwerk gehn, dein vergängliches Werk. - Gehst wie sonst deinen Weg, gehst über die Brücke, - wo du tausendmal wie Tausende gingst, - blickst wie sonst hinab mit gesenkter Stirn, - da wölbt sich ihr Bild, da spiegelt’s dich mit, - spiegelt Tausende mit, da bäumt sich dein Herz, - nicht wie sonst, nicht wie sonst: wie der Gießbach bäumt sich’s - und kommt von der Höhe und will ins Weite - und fühlt, wie Welle in Welle tief - sich bindet, sich drängt, vieltausendwerkig - voll Ahnung, voll Sehnsucht -- Das bleibt! das bleibt! - das wird rauschender Strom und verrauscht ins Meer, - in Stürme, in Wolken, ins Luftmeer, Lichtmeer, - von Raum zu Räumen, ins Freie, ins Freie -- - so verschwebt, o Welt, die Musik des Mont Blanc. - - - - -Gebet im Flugschiff - - - Schöpfer Geist, unbegreiflicher, - der du Wesen ersinnst, die Gestalt annehmen, - grausig gütiger du, - denn jedes lebt vom Tod vieler andern, - Götter wie Menschen, - Tiere, Pflanzen, - Kristalle, Gase, Ätherdämonen, - kann jedes übergehn in jedes, - ins Meer, ins Luftmeer, in fernste Gestirne, - bauen einander, zerstören einander, - begehren auf wider sich und dich, - lassen sich Krallen wachsen vor Gier, - Flügel, - und selbst Maschinen, die Vögeln gleichen, - ächzen aus ihren Nöten zu dir - um das letzte Quentchen Vollendung: - Jetzt: hier schweb’ich in deinem Licht, - wie ein Wasserstäubchen im Regenbogen - mitdurchhaucht von all deinen Farben, - ohne Bitte, - nur voller Dank - deines beseelenden Odems teilhaftig, - deiner Inbrunst, - die sich staunend in Menschenmund nennt: - Phantasie! -- - - - - - Zweite Folge - - - * - - - - -Jesus und Psyche - - Phantasie bei Klinger - - - Der Raum ist groß wie ein Bankettsaal, - ist ganz voll Licht. - Da zeichnet er, da meißelt er, da malt er. - Du fühlst, er braucht so großen Raum: - +Klinger+. - - Und wenn das Glück dich wie ein Schreck befällt, - daß du kein Wort weißt, das von Herzen kommt, - so stand ich. - Allein. Doch neben mir saß Zeus, - ein neuer Zeus, von Antlitz und Gestalt - +Beethoven+ gleich; und in den Abgrund - der Welt und Menschheit starrt sein Schöpferblick - herab vom Thron der Sünde und Erlösung, - daß sich der Adler ihm zu Füßen sträubt, - erwartungsvoll. - - Still! atme kaum! Dort drüben schimmert noch - im Abendschein der +alte+ Göttergarten. - Der Gipfel des Olympos flammt von Farben; - buntsäulig ruht im Glanz der fernen Luft - ein Tempelhaus. Es ruht zerfallen; aber - die Pinien und die Lorbeern und die Palmen - drängen sich immergrün wie einst zu Tal, - am Strand des blauen Meeres glühn und duften - des Südens große wilde Blumenbüsche, - die Götter alle sind versammelt, und -- - unter sie tritt +Jesus+. - - Sie sahn ihn kommen; immer größer kam er, - der hagre Mann, den Blick zu Boden, langsam, - als ob sein Fuß den Wiesenrasen schonte, - im gelben Seidenkleid, das goldgestickt - wie eines priesterlichen Königs Kleid schien - und Spuren wie von Blut zeigt -- warum kommt er - nicht nackt zu ihnen, wie sie selber sind?! - Und streng verhüllt gleich ihm, tragen drei Frauen - ein schweres schwarzes Kreuz ihm nach. - - Jetzt senken sie’s, ihr schwesterlicher Schritt - stockt: Jesus sieht die Götter an. - - Weh uns! Der wilde Amor weicht empört, - entsetzt zurück vor diesen Augen: Psyche, - weh, Psyche, flieh! Doch seine Psyche fällt - mit seligem Schrei dem Eindringling entgegen, - weh, kniet vor ihm -- Psyche, der Götterliebling, - vor Ihm! -- umklammert ihm die Rechte, küßt sie, - küßt diese grauenhaft blutstriemige Narbe - der magern Hand, stammelnd und schluchzend: Mein, - mein Herr und Heiland! - - Verwundert lauscht mit zuckenden Flügelchen - der aufgescheuchte Schwarm der Amoretten - aus einer Uferpalme. Hermes hat - sich abgewandt und neigt den weißen Stab. - Nymphen und Satyrn wälzen sich im Gras, - daß jene Frauen fraulich-tief erröten, - indessen abseits die Olympierinnen - kaum wissen, was geschieht, so stehn sie da: - Juno in hoher Selbstzufriedenheit, - Athene, selbstbewußt in sich versunken, - und Venus, in sich selbst verliebt, - Jede im Wohlgefühle ihrer Nacktheit, - schamlos und lieblos, herrlich. - - Die Sonne taucht ins Meer, die Götter schweigen. - Und Jesus, Psyche überschattend, heftet - den Blick auf Zeus. Der sitzt, zu Tode stumm, - auf seiner Marmorbank. Die greisen Glieder - versagen ihm den Zorn. Die alten Augen - erstarren vor der Nacht im Auge Jenes. - Er hört nicht, wie der Knabe Ganymed - sich an ihn schmiegt und ängstlich flüstert: Vater, - was will der fremde Zaubrer hier? -- Zeus stirbt. - - Und hinter ihm, indeß er umsinkt, schleppt - Elemosyne, die mitleidige - Verachtetste der Göttinnen, mühselig - den kranken Mars her und will +auch+ zu Jesus, - so sehr der Kriegsgott sich im Fieber wehrt. - Und wieder hör ich Psyches Inbrunst stammeln: - mein Herr und Heiland! - und fühle ihren keuschen Schmerz, und fühle - ihr nacktes Warten, wie sie kniet und weint - und aufstehn möchte; und es wundert mich, - daß man das Gras nicht sieht durch ihren Körper, - so fast verzehrt von langer Sehnsucht ist er, - so abgehärmt die blassen jungen Brüste -- - +sah+ das der tote Göttervater nicht?! - - Sie zittert. Psyche! Weib, wer bist du? Sprich! - - Ich horche auf: aus einer Rosenhecke - antwortet mir Gelächter, übermütig - tritt auf den Plan Bakchos-Dionysos, - Blüten im Haar, sein Pantherfell in Fetzen, - hoch in der Hand den hellen Tafelkelch - voll dunklen Weines, drin der Widerschein - des letzten Sonnenfunkens blutrot schwankt, - und nickt mir zu und hält ihn mir entgegen: - trink, Jesus, trink! - - Und langsam streckt sich meine Linke vor - und will ihm wehren. Aber Psyche küßt - noch brennender die Narbe meiner Rechten. - Und langsam muß sich meine Linke wenden, - und nickend nehm ich meinem Bruder Bachus - nun ab den Kelch und setz ihn an die Lippen, - und ziehe meine Psyche an mir hoch, - und setze nun den Kelch an +ihre+ Lippen: - trinke, das ist mein Blut! -- Und Psyche trinkt. - - O! wie sich ihre bleiche Stirne rötet, - sich ihre Brüste mir entgegenheben! - doch weinend reicht sie mir zurück den Kelch. - Da pack ich ihre Hand und schüttle sie: - hoch fliegt das leere Glas: in blitzendem Bogen - zerklirrt’s zu Scherben an der Marmorbank - des toten Zeus. - - Ich aber ziehe meine Psyche an mich - und schlage meinen Königsmantel um sie - und spreche: weine nicht, mein Liebling, komm! - So steig’ich mit ihr auf den Sitz des Zeus - und lege meine Dornenkrone ab: - heut feiert Jesus seine Hochzeitsnacht! - - Auf, Bruder Bachus, schwinge deinen Thyrsos! - Ihr Fraun, legt +hin+ das Kreuz! Olympierinnen, - nehmt eure blassen Schwestern bei der Hand: - du, Juno, die im blau verblichnen Kleid, - die mit dem Glaubensblick! Athene, du - verbindest dich der Grünverschleierten, - die so voll Hoffnung blickt! und du, Frau Venus, - fasse den Purpur jener Blassesten, - jungfräulich Blickenden, sie heißt „Die Liebe“ -- - dann jauchzt: der Bräutigam ist da! - - Auf, ihr Unsterblichen, zum Hochzeitsreigen! - Elemosyne soll mit Amor tanzen! - seht, wie das dunkle Meer von Sternen hüpft! - Mars, stehe auf und wandle, +und sei mein+! -- - Und lasset auch die Kindlein zu mir kommen: - geh, Ganymed! heißa! die Amoretten - warten auf dich! tanzt euern Ringelreihn! - - Du aber, Hermes, nimm den toten Zeus - und trag ihn sanft hinüber vor den Thron - des neuen Zeus, der hier errichtet steht, - und neige deinen weißen Stab vor Diesem - und bitte ihn: - Spiel uns, du Göttlicher, dein Hohes Lied, - das hohe Lied der Sünde und Erlösung, - das hohe Freudenlied der Welt und Menschheit, - das hohe Lied der Neunten Symphonie! - - Dann wird sein Adler rauschend sich erheben, - still spannt er über uns die Fittiche - und lauscht herab auf uns, wie wir erschauern, - Du, meine Psyche, und dein Jesus, Ich, - in unsrer hellgestirnten Hochzeitsnacht. - Auf, ihr Unsterblichen, auf, tanzt und singt! - singt mir das Lied vom Tode und vom Leben! - morgen ist wieder Tag, die Sonne lebt noch! - komm, Psyche, komm! -- - - Doch schaudernd lehnt sich Psyche von mir weg - und starrt mich an mit Augen, daß mich friert, - so rätselhaft voll Furcht, voll Sehnsucht -- Psyche! - Geliebte! Psyche! Du, wer +bist+ du?! -- „+Du+“ - sprach laut mein Mund die Antwort meines Herzens, - ein Echo huschte durch den großen Raum; - so stand ich. - Allein. Mit meiner Seele in dem Meister, - der solches in mir schuf. - - Endlich ermannt ich mich von seinem Werk - und suchte wegzusehn; da fiel mein Blick - auf einen großen, graugetrockneten - Stranddistelstrauß, um den sich ein vergilbtes, - einst brennend rotes Seidenband herabschlang, - das einzige Stück Erinnrung in dem Raum, - wo alles Übrige von Zukunft zeugte. - Die Sonne schien darauf und ließ noch Spuren - des zart blaugrünen Purpurschmelzes ahnen, - der einst die frischen Stacheln schmückte: fast - als hab ihn einst verfärbt zu schwacher Glaube, - als hab ihn einst berührt zu scheue Hoffnung, - als hüte blaß ihn noch die Liebe ... Still: - die Tür ging: Er trat ein: der Maler, Zeichner - und Bildner Unsrer Psyche -- +Klinger+ -- und - da mußt ich denken: Welche Frau ihm wohl - einst diesen Strauß geschenkt hat? Denn es +giebt+ - Frauen, die solche Sträuße schenken ... - - - - -Bann - - - Wie aus dem Schilf die Wasserfee - tauchtest du zaudernd aus der Schaar - der Andern um uns zu mir her - mit deinem langen schwarzen Haar - und deinem grauen Augenpaar. - - Und standest nun und sahst mich an - mit deinem blassen Übermut; - und deiner Fragen perlende Flut - und deiner Lippen springjunges Blut - lachte mich an, lachte mich an. - - Nur in deinen Augen blieb so fern, - so fern wie auf des Weihers Grund - in schwimmender Nacht der schwanke Stern, - ein Zittern und Leuchten stehen; und - mir log dein Mund, dein kühler Mund. - - Denn in unsern Träumen -- o, ich weiß: - auch Du, auch Du -- dann tauchen wir - Hand in Hand hinunter: stumm und heiß - sucht Mund den Mund: holen wir leis, - vom grauen Grund, den Stern vom Grund. - - - - -Unsre Stunde - - - Es dunkelt schon. Komm, geh nach Haus. - Komm! das Kastanien-Blattgewühl - streckt sich wie Krallen nach uns aus. - Es ist zu einsam hier, zu schwül - für uns. - - Denn sieh: die Linien deiner Hand - laufen den meinen viel zu gleich. - Du schienst mir plötzlich so verwandt, - so vorbekannt; - vielleicht aus einem andern Reich. - - Ich hatt ’ne Schwester, die ist tot. - Sei nicht so stumm, als wärst du taub! - Die Abendwolke dampft so rot - durchs junge Laub, - als ob sie uns Blutschande droht. - - Horch! Ja, so wild und unverwandt, - wie jetzt die Nachtigall da schlug, - zittert dein Herz in meiner Hand. - Wir wissen es; das ist genug - für uns. - - - - -Ohnmacht - - - Doch als du dann gegangen, - da hat sich mein Verlangen - ganz aufgetan nach dir. - Als sollt ich dich verlieren, - schüttelte ich mit irren - Fingern deine verschlossene Tür. - - Und durch die Nacht der Scheiben, - ob du nicht würdest bleiben, - bettelten meine Augen; und - du gingst hinauf die Stufen - und hast mich nicht gerufen, - mich nicht zurück an deinen Mund. - - Vernahm nur noch mit stieren - Sinnen dein Schlüsselklirren - im schwarzen Flur, und dann - stürzten auf mich die Schatten, - die mir im Park schon nahten, - als wir den Mond versinken sahn. - - - - -Büßende Liebe - - - Aus deinen grauen Augen droht, - mir so vertraut - wie ein verhaltner Klagelaut, - mit bleicher Flamme ein Verbot; - ich weiß, ich fühls -- du warst einst Braut. - - Das hat in deinen Blick gebracht - dies fahle Licht, - das durch die schwarzen Wimpern bricht; - vor Zeiten, Seele, eh die Nacht - dich neu gebar ans Tageslicht. - - O komm und gieb mir deine Hand; - in dein schwarz Haar - nimm diese rote Lilie dar, - und um dein dunkelblau Gewand - dies goldne Gürtelschlangenpaar. - - So führe mich, indeß du weinst, - den langen Pfad. - So kommen wir der Nacht genaht - und beichten Beide: Mutter! einst, - du weißt, wir übten einst Verrat. - - Dann legt, indeß wir niederknien, - dann legt die Nacht - auf deines Haares schwere Pracht - die Hand und flüstert: liebe ihn, - der sich und Andre friedlos macht! - - Dann hören deine Tränen auf, - dann kommt ein Stern. - Der tagt wie künftiger Frieden fern; - dein graues Auge schaut hinauf, - dein Auge, Seele -- hilf uns, Stern! - - - - -Stromüber - - - Der Abend war so dunkelschwer, - und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn; - die Andern lachten um uns her, - als fühlten sie den Frühling nahn. - - Der weite Strom lag stumm und fahl, - am Ufer floß ein schwankend Licht, - die Weiden standen starr und kahl. - Ich aber sah dir ins Gesicht - - und fühlte deinen Atem flehn - und deine Augen nach mir schrein - und -- eine Andre vor mir stehn - und heiß aufschluchzen: Ich bin dein! - - Das Licht erglänzte nah und mild; - im grauen Wasser, schwarz, verschwand - der starren Weiden zitternd Bild. - Und knirschend stieß der Kahn ans Land. - - - - -Bitte - - - Nur sage „Du“ ... ich will ja nie, - nie wieder deine Lippen küssen, - nun wirs gefühlt, so Knie an Knie - gefühlt, daß wir uns lieben müssen. - - Das Abendrot umarmte brennend - der Eichen hohe Knospenkette; - wir aber sahen nur, uns trennend, - die schwarz aufragenden Skelette. - - Und nickten doch von vielen Bäumen - schon Blüten unsrer Liebe zu, - im keusch verträumten Grün; so träumen, - so nicken Kinder ... sage „Du“. - - - - -Gastgeschenk - - - Dies blaß in Flammen gelb-und-grüne Mannskraut, - knabenüppig, und dies zarte - Schneeglöckchen, eben aufgeblüht, - ganz furchtsam weiß, im irdnen Topf: - - die beiden Kinder wuchsen so allein - und hatten niemals einen Kuß genossen, - da pflanzt’ich sie zusammen - und brachte sie zu Dir. - - - - -Gottes Wille - - - Du hungerst nach Glück, Eva, - und fürchtest dich den Apfel zu pflücken, - den dein Gott dir verboten hat - vor dreitausend Jahren, - du junges Geschöpf! - - Jeden Abend ahn’ich dich, - wie du die magern Händchen - in deinem einsamen Bette - emporringst zu dem Gott der alten Leute: - Gieb ihn, gieb ihn mir! - - Du arme Geduld! - Er hat noch nie die Furchtsamen beglückt, - der alte Gott. - Er gab dir deinen Hunger, deine Hände: - greif zu und iß -- dann dulde! - - - - -Übermacht - - - Wenn du fliehn willst, flieh! du kannst es noch; - bald ist es auch für dich zu spät. - Denn siehst du: Ich, ich brenne nach dir - mit einer Kraft, die mich schwach macht, - ich +zittre+ nach dir. - Wie du nach mir! ja, Du! o Du: - du bist noch schwächer, - wehre dich nicht! - Über die grüne Wiese wolln wir rennen, - in den Wald, - Hand in Hand, - nackt, - unsre brennenden Stirnen bekränzt - mit den flatternden Blüten des wilden Mohns, - der glühenden Blume des Leichtsinns! - - - - -Bestürmung - - - Was will in deinen Augen mir - dies dunkelvolle, fremde Weh, - so tief und sehr? - so still und schwer - wie Stürme, die Ruhe suchten - im Schooß der grauen See. - - Versinken will, versinken mir - in dieser Augen grauen Schooß - mein Herz -- und will - wie Du so still - und schwer an Dein Herz schlagen, - dann brechen die Stürme los! - - Und will dich wiegen so mit mir - in rasender lachender Seligkeit - auf freiem Meer! - bis tief und sehr - die Herzen wieder ruhen, - ruhen von Sturm und Leid. - - - - -Antwort - - „Lieber kein Glück, nur lauter sein. - Nur keinen Schritt abseits vom Recht. - Nur keine Schuld, lieber kein Glück! - O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht!“ - - +Hedwig Lachmann.+ - - - Ich +will+ ein Glück! Kennst du den Funken, - der seine hellsten Gluten wagt? - Er glüht. Und ob er feuertrunken - verglüht zu Asche über Nacht: - er glüht! sein +Wesen+ ist sein Schein -- - „Lieber kein Glück, nur lauter sein“ -- - nur lauter! - - Ich hab ein Recht! Kennst du die volle - Woge, die zur Brandung schäumt? - Kennst du den Sturmgeist, der die tolle - springende Woge noch toller bäumt? - Steil starrt die Klippe: brecht, Wogen, brecht -- - „Nur keinen Schritt abseits vom Recht“ -- - keinen Schritt! - - In meine tiefste Seelenstille - horcht mein erstauntes Ohr hinab; - da ringt ein Trieb, da wächst ein Wille, - den eine heilige Macht mir gab! - Ich bin kein Frevler am Geschick -- - „Nur keine Schuld, lieber kein Glück“ -- - nein: keine Schuld. - - Von Jugend auf droht uns im Rücken - die flach erhobne Heuchlerhand; - ich muß mich mit mir selbst beglücken, - seit ich die Welt so feige fand! - Du meine Inbrunst, du mein Recht -- - „O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht“ -- - +auch+ schlecht. - - - - -Und dennoch - - - Und du vom auserwählten Stamm, - du liebst dein Volk und uralt Blut, - und fast wie Haß ist deine Glut - für deinen schwer gequälten Stamm; - - und träumst von euerm Sinai - und der nur Euren Himmelsnäh, - und stehst wie Mose vor Jahwäh - und stehst und schwörst: ich wanke nie. - - Und dennoch kam in deinen Mund - das Wort, das einst am Jordan klang; - da rang ein Mensch mit sich -- und rang - sich weinend los vom alten Bund - - und sprach, indeß sein liebreich Herz - von Pein gehetzt gen Himmel stieg: - Nur Selbstbewältigung ist Sieg, - Sieg über allen Erdenschmerz. - - Wie kam es doch, dies Wort der Qual, - erpreßt von heißer Opfernot, - auf Deine Zunge als Gebot: - „bezwinge deines Herzens Wahl!“ - - und liebst ein auserwähltes Volk - und fast wie Haß ist deine Glut?! - Und um uns, Weib, rauscht laut Ein Blut: - der Menschheit schwer gequältes Volk. - - - - -Nur - - - Und der Abschied war kein Ende, - und mein Blick bewegte dich; - und es war, als legte sich - still dein Herz in meine Hände. - - Aber wenn du wiederkehrst, - will ich deine Hand nicht küssen; - will es nur empfinden müssen, - wie du deinem Herzen wehrst. - - - - -Nächtliche Scheu - - - Zaghaft vom Gewölk ins Land - fließt des Lichtes Flut - aus des Mondes bleicher Hand, - dämpft mir alle Glut. - - Ein verirrter Schimmer schwebt - durch den Wald zum Fluß, - und das dunkle Wasser bebt - unter seinem Kuß. - - Hörst du, Herz? die Welle lallt: - küsse, küsse mich! - Und mit zaghafter Gewalt, - Mädchen, küss ich dich. - - - - -Menschliche Botschaft - - - Und doch, und doch, du stolzes Kind: - viel stolzer fühlt mein kleines Lied, - das kindlich vor dir niederkniet - und fromm beginnt: - Wärst du im Ehrenkleide - der Hohen höchste Zier, - ich fühlte doch trotz Seide - und Hoheit und Geschmeide - als deiner Ehren erste Zier - die Gleichheit zwischen dir und mir. - - Und doch, und doch: noch stolzer schwebt, - du stolzes Kind, mein kleines Lied, - das nun auf dich herniedersieht - und scheu erbebt: - Wärst du in Schmach gefallen, - du die Gemeinste hier, - und Mein Herz rein vor Allen, - ich dächte Dein vor Allen, - weil meiner Reinheit reinste Zier - die Gleichheit zwischen dir und mir. - - Und doch, und doch, du stolzes Kind: - viel stolzer fühlte wohl mein Lied, - das stolz vor Deinem Stolze flieht, - wenn stumm und blind - nun ein Erbangen käme, - stumm zwischen dir und mir - nun ein Verlangen käme, - dich blind gefangen nähme, - daß wir vergäßen -- fühlst du? +wir+ -- - die Gleichheit zwischen dir und mir. - - - - -Entführung - - - Ach! aus Träumen fahr ich. - In die graue Luft, - in die kalte starr’ich. - Ach, dein Samum war ich, - du mein Ambraduft! - - Durch die helle Wüste - glühtest du dahin, - und dein Atem küßte - und dein Kuß versüßte - Seele mir und Sinn. - - Einsamkeiten hingen - tief ins fliehende Land; - sonnestill ein Ringen, - und mit Allah-Schwingen - hielt ich dich umspannt, - - riß ich dich nach oben, - du mein Ambraduft, - Glut in Glut verwoben, - bist du mir zerstoben - in die graue Luft. - - - - -Der Brand - - - Nur Zufall? -- Bleiern lag Berlin - im Abendzwielicht Dach an Dach; - trüb sah sie in das Feuer, - das drüben aus dem Giebel brach. - Die Flammen zuckten. - - Im Rahmen meines Fensters, - so stand sie schwarz und stumm vor mir; - und im Nebenzimmer spielte - eine blasse Frau Klavier. - Drüben wühlte die Glut. - - Die blasse Frau war meine; - und Jene stand so nah und hold. - Flimmernd säumte der rote Schein - die lieben Locken mit dunklem Gold - und Funkengestiebe. - - Es zog mich hoch: ich mußte, - ich wollte sie an mich ziehn. - Eine große trübe Wolke Rauch - kroch über ganz Berlin; - die Flammen erstickten. - - Ich stand mit scheuen Händen, - das Spiel dort klang so seelenklar; - und oben über der Wolke glomm - und zitterte wie in Gefahr - ein blasser Stern. - - - - -Abschied ohn End - - - Und so muß ich dich nun doch beschwören: - flieh, o flieh mich -- mich! - Ich -- o sieh mich: ich - weiß, ich will und würde dich betören, - und du darfst, du darfst mir nicht gehören. - Flieh auch Dich! - - Kind mit deinen jetzt schon grauen Haaren, - sehr lieb klingt es: „wir“ -- - sehr trüb klingt es mir. - Deine Sehnsucht zählt noch nicht nach Jahren, - aber Ich bin längst in mir erfahren - und in dir. - - Alles will sich dir zu mir empören, - dir! Du freilich, sieh, - du glaubst heilig: nie! - Und ich weiß, es würde dich zerstören, - wenn wir diese Sehnsucht dann verlören. - Flieh mich! Flieh! - - - - -Dann - - - Wenn der Regen durch die Gosse tropft, - bei Nacht, du liegst und horchst hinaus, - kein Mensch kann ins Haus, - du liegst allein, - allein: o käm er doch! Da klopft - es, klopft, laut -- hörst du? -- leise, schwach - tönt’s im Uhrgehäuse nach; - dann tritt Totenstille ein. - - - - -Bleiche Nacht - - - Der Nebel staut sich, - Hütten dunkeln, - Dorfgiebel huschen über Lichtern hin, - noch bleicher scheint die Nacht; - die jagende Wagenkette, - schwenkend, strafft sich, - die Maschine heult Warnung, - und vorbei. - Ein entlaubter Kirchhof, - und wieder kreisen - um mein klirrendes Fenster - die öden Wiesen, - huschen Büsche, - eilt der fahle Streifen Horizont - auf den kriechenden Wäldern hin; - mich fröstelt. - - Drei Monate: - da war die Mondnacht anders hier. - Wie auf Wolken - trug der kleine Kahn des stummen Fischers - uns den Fluß hinab; - selbst die Schatten gaben Licht. - An meiner Seite saß ein Freund, - und ich sagte ihm - all mein Herzensbangen für ihr Glück. - Und über ihrem Giebel, - unterm Baldachin der Königspappel, - als wir durch die Brücke bogen, - stand groß und strahlend - wie in einem Tabernakel - der goldne Mond - und senkte flimmernd auf das Moos des Daches - sein grünes Haar. - Heute aber, als ich Abschied nahm, - achselzuckt’ ich: mein Fräulein, Glück --?? - Und jener Freund - dachte wohl schon damals: - du Tropf und Schuft! -- - - Mein Fenster schwitzt; - das kühlt die Stirne; - gleich und gleich gesellt sich gern. - Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul - bleich ins bleiche Feld; - ein Dornbusch zerreißt ihn. - Jetzt: dort starrt, - wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf, - der grelle Vollmond durch die kahlen Birken. - Er springt durchs Astwerk; - mit seinen langen blassen Füßen - läuft er auf den blanken Schienen - meinen rasenden Gedanken nach. - - - - -Trübes Lied - - - „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“ - Ich will einen schwarzen Schleier tragen. - „Ach! du! wozu denn schwarz?“ - Ich hab zu klagen. Hab zu klagen. - - „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“ - Ich breche Blumen zu Trauerkränzen. - „Ach! du! warum denn trauern?“ - Ich kanns nicht sagen. Kanns nicht sagen. - - „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“ - Ich richte Kerzen zur Totenfeier. - „Ach! du! wer ist denn tot?“ - Wie kannst du fragen? Kannst du fragen? - - „Schnuck-Schnecke, was machst du da?“ - Ja -- er ist ins Meer gefallen -- - „Ach! du! ins Meer gefallen?“ - Von seinen weißen Wolken oben! - Von seinen weißen Wolken. - - - - -Dahin - - - Mit gesenkten Blicken - durch die Menge hin, - durch die fremde dunkle Menge, - eine traumentstiegene Palme, - kam die junge Priesterin. - - Mit geschlossenen Wimpern - an den Altar hin, - ruhig an den flammenden Altar, - eine nachtgewiegte Zypresse, - trat die junge Priesterin. - - Mit aufstrahlenden Augen - in zwei andre Augen hin, - Augen aus der Fremde, - niegesehene Heimatsaugen, - eine starre Mimose, - stand die junge Priesterin. - - Mit hochzuckenden Händen - vor die Flamme hin, - vor die heilige Opferflamme, - eine blitzgetroffene Zeder, - sank die junge Priesterin. - - Mit weit offenen Armen - in die Nacht dahin, - wild hin in die fremde Nacht, - eine sturmergriffne Liane, - schwand die junge Priesterin. - - - - -Lebewohl - - - Eine dicke Tigerschlange liegt - müde um mein Herz geringelt, - ihre satten Augen tun sich zu. - Einmal züngelt - ihre dünne Zunge noch im Schlaf -- - lebe wohl, mein blutend Täubchen du ... - - - - -Ein Stelldichein - - - So wars auch damals schon. So lautlos - verhing die dumpfe Luft das Land, - und unterm Dach der Trauerbuche - verfingen sich am Gartenrand - die Blütendünste des Hollunders; - stumm nahm sie meine schwüle Hand, - stumm vor Glück. - - Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld! - Du blasses Licht da drüben im Geschwele, - was stehst du wie ein Geist im Leichentuch -- - lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele! - Was starrst du mich so gottesäugig an? - Ich brach sie nicht: sie tat es selbst! Was quäle - ich mich mit fremdem Unglück ab ... - - Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken, - die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch, - der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken. - Still hängt das Laub am feuchten Strauch, - als hätten alle Blätter Gift getrunken; - so still liegt sie nun auch. - Ich wünsche mir den Tod. - - - - -Chinesisches Trinklied - -Nach Li-Tai-Pe - - - Der Herr Wirt hier -- Kinder, der Wirt hat Wein! - Aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein: - ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen! - Wenn der Kummer kommt, wenn die Saiten klagen, - wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen, - wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt, - dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist, - dann wolln wir die Kannen schwingen -- - die Stunde der Verzweiflung naht. - - Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein, - meine lange Laute, die ist mein, - ich weiß zwei lustige Dinge: - zwei Dinge, die sich gut vertragen: - Wein trinken und die Laute schlagen! - Eine Kanne Wein zu ihrer Zeit - ist mehr wert als die Ewigkeit - und tausend Silberlinge! -- - Die Stunde der Verzweiflung naht. - - Und wenn der Himmel auch ewig steht - und die Erde noch lange nicht untergeht: - wie lange, du, wirst Du’s machen? - du mitsamt deinem Silber-und-Goldklingklange? - kaum hundert Jahre! das ist schon lange! - Ja, leben und dann mal sterben, wißt, - ist Alles, was uns sicher ist; - Mensch, ist es nicht zum Lachen?! -- - Die Stunde der Verzweiflung naht. - - Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint! - Seht ihr den Affen? da hockt er und greint - im Tamarindenhain -- hört ihr ihn plärren? - über den Gräbern, ganz alleine, - den armen Affen im Mondenscheine? -- - Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund! - jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grund - auf Einen Zug zu leeren -- - die Stunde der Verzweiflung naht. - - - - -Der Dritte im Bunde - -Nach Li-Tai-Pe - - - In der Blütenlaube sitz ich beim Wein, - säße gern in guter Gesellen Mitte. - Kommt der Mond, lädt sich leise ein, - nimmt mein Gläschen in Augenschein, - und mein Schatten tut, als wär er der Dritte; - ist eine herrliche Tafelrunde! - - Bruder Mond kann nicht mit trinken; - Schatten macht nur nach, was ich tu. - Sei’s! Solange noch Tropfen blinken, - will ich euch doch Willkommen winken, - zechen, bis wir zu Boden sinken! - Glas hoch, Freunde, auf Du und Du, - noch schmeckts dem Munde, es lebe die Stunde! - - Noch! Wie lacht der Mond in mein Glas, - wie tut mein Schatten tanzen und springen! - Solang ich noch stehn kann, Freunde, was? - so lange dauert der Freundschaftsspaß, - Freut euch, Brüder, bald fall ich ins Gras! - Dann ists aus! kein Lebwohl wird klingen, - nur der Dritte im Bunde lacht im Grunde: - wann feiern wir Wiedersehensrunde?! - - - - -Frühlingsrausch - -Nach Li-Tai-Pe - - - Wenn das Leben Traum ist, wie sie meinen, - wozu dann ihre nüchterne Plage! - Ich, ich berausche mich alle Tage; - und wenn ich Nachts nichts mehr vertrage, - leg ich mich schlafen auf den Pflastersteinen. - - Morgens erwach ich sehr bewußt; - ein Vogel zwitschert zwischen blühenden Reben. - Ich frage ihn, in welcher Zeit wir leben. - Er sagt mir: in der Zeit der blühenden Reben! - das ist die Zeit, in der die Frühlingslust - die Vögel zwitschern lehrt und leben, leben! - - Ich bin erschüttert. Ich raff mich auf wie toll; - wütende Seufzer pressen mir die Kehle. - Und wieder gieß ich mir den Becher voll, - bis in die Nacht, und pfeiff auf meine Fehle. - Wenn dann mein Mund ausruht, ruht auch mein Groll, - ruht Alles, was ich will und kann und soll, - ruht rings die Welt -- o ruhte auch die Seele! - - Wer aber kann mit Wein den Gram verjagen? - wer kann das Meer mit einem Schluck verschlingen? - Der Mensch, in diesen Lebensrausch verschlagen, - in dem sich Sehnsucht und Erfüllung jagen, - kann nichts tun als in einen Nachen springen, - mit flatterndem Haar im Wind die Mütze schwingen - und, während ihn die Elemente tragen, - sich ihrer Willkür stolz zum Opfer bringen! - - - - -Mein Trinklied - - - Noch eine Stunde, dann ist Nacht; - trinkt, bis die Seele überläuft, - Wein her, trinkt! - Seht doch, wie rot die Sonne lacht, - die dort in ihrem Blut ersäuft; - Glas hoch, singt! - Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben, - djagloni gleia glühlala! - Klingklang, seht: schon welken die Reben. - Aber sie haben uns Trauben gegeben! - Hei! -- - - Noch eine Stunde, dann ist Nacht. - Im blassen Stromfall ruckt und blinzt - ein Geglüh: - der rote Mond ist aufgewacht, - da kuckt er übern Berg und grinst: - Sonne, hüh! - Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben: - Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich, - klingklang, sündlich! Aber eben: - trinken und lachen +kann+ man blos mündlich! - Hüh! -- - - Noch eine Stunde, dann ist Nacht; - wächst übern Strom ein Brückenjoch, - hoch, o hoch. - Ein Reiter kommt, die Brücke kracht; - +saht+ ihr den schwarzen Reiter noch? - Dreimal hoch!!! - Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben, - djagloni, Scherben, klirrlala! - Klingklang: neues Glas! Trinkt, wir schweben - +über+ dem Leben, an dem wir kleben! - +Hoch!+ -- - - - - -Erklärung - - - Ein Freund von mir, ein junger deutscher Dichter, - keiner von dem schön lügenden Gelichter, - bei seinem Wort sieht man in glühenden Schleiern - die Wahrheit ihren nackten Liebreiz feiern -- - der schrieb einmal ein Trinklied, keins von Wasser: - „vom Tode und vom Leben“ sagt der Herr Verfasser -- - drin jubiliert, um allen Sinn zu sammeln, - ein halb berauschtes, halb bewußtes Stammeln -- - mir deucht, er meinte: über Tod und Leben - bleibt alles Reden ein Gestammel eben. - - - - -Äonische Stunde - -Alfred Mombert zu Ehren - - - Du himmlischer Zecher! - Noch einen Tropfen Schwermut in meinem Glase, - noch eine Träne wild in meinem Herzen, - glühte, glänzte, - doch du sangst, du sangest -- - es rauschte ein Meer durch uferlose Weiten, - in unsrer Nähe wogten gespiegelte Sterne, - Geister tanzten über dem Erdball, - hoch auf quoll der Tropfen in meinem Glase, - eine Lichtflut -- - und hell in deine - fiel die Träne aus meinem Herzen. - - - - -Zechers Nachtfeier - -Auch das Weinblumenlied genannt - - - Freunde, mein Glas ist leer. - Nur noch ein goldner Tropfen am Grunde - spiegelt schwank eure Tafelrunde, - blank vom Glanz unsrer Feierstunde - und vom Duft der Jahrhunderte schwer. - - Freunde, trinkt alle aus! - Durch die Blume, o Wundernamen, - schlagen die weißen Geisterflammen - der edlen Züchter in uns zusammen; - trinkt! ich habe noch rote im Haus! - - Freunde, schenkt ein, schenkt ein! - Seelen von Huldinnen schlummern versunken - in diesem Pfühl von rubinigen Funken; - weckt sie, Lippen! und küßt euch trunken! - trunken sein heißt seelenvoll sein! - - Freunde, stoßt mit mir an! - Bald wird auch uns der Schlummer bezwingen, - aber auch ihn soll ein Geist uns bringen: - Freunde, ein Traumgeist, der knallen und springen - und aus Eis Feuer speien kann! - - Ah, wie sein Hals sich bäumt! - Schleppt ihn herbei, den gefesselten Wilden! - Löst ihn, er sehnt sich nach Göttergefilden! - Seht, wie er steigt und von Luftgebilden - +überschäumt+! -- - - - - -Fromme Wünsche - -Nach Cecco Angiolieri - - - Wär ich der Wind, ich risse die Welt in Fetzen. - Wär ich das Feuer, zerfräß ich sie zu Funken. - Wär ich das Meer, sie läge längst versunken. - Wäre ich Gott: Spaß, gäb das ein Entsetzen! - - Wär ich der Papst, wie würd’es mich ergetzen, - zu ärgern meine Christen, die Halunken! - Wäre ich König, ließ ich wonnetrunken - mein Volk mit Hunden an den Galgen hetzen! - - Wär ich der Tod, besucht ich auf der Stelle - die lieben Eltern wieder mal; im Leben - betret ich nun und nimmer ihre Schwelle! - - Wär ich der Cecco -- hm, der bin ich eben; - drum wünsch ich Mir die schönsten Jungfernfelle - und will die häßlichen gern Andern geben! - - - - -Lied des vogelfreien Dichters - -Nach François Villon - - - Ich sterbe dürstend an der vollen Quelle; - ich, heiß wie Glut, mir zittert Zahn an Zahn. - Frostklappernd sitz ich an der Feuerstelle, - in meinem Vaterland ein fremder Mann. - Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan, - lach ich in Tränen, hoffe voller Leid - und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit, - ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann, - und meine Not ist meine Seligkeit -- - ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann. - - Nichts ist mir sicher als das nie Gewisse, - und dunkel nur, was allen Andern klar; - und fraglich nichts als das für sie Gewisse, - denn nur der Zufall meint es mit mir wahr. - Gewinner stets, verspiel ich immerdar. - Mein Frühgebet: Gott, mach den Abend gut! - Im Liegen vor dem Fallen auf der Hut, - bin reich ich, der ich nichts verlieren kann, - und hoff auf Erbschaft, ich, ein rechtlos Blut -- - ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann. - - Nichts macht mir Sorge als mein bös Begehren - nach Glück und Gut, doch pfeif ich drauf zumeist. - Wer auf mich schimpft, tut mir die größten Ehren; - der Wahrste ist, wer mich mit Lügen speist. - Mein Freund ist, wer mir klipp und klar beweist: - ein grauer Kater ist ein bunter Pfau. - Und wer mir schadet, lehrt mich: Du, Dem trau! - Wahrheit, Lug, Trug, mir Alles Eins fortan; - begreif ich’s nicht, behalt ich’s doch genau -- - ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann. - - - - -Lied der Gehenkten - -Villons Epitaph - -als er nebst Etlichen zum Galgen verurteilt war - - - O Mensch, o Bruder, machst du hier einst Rast, - verhärte nicht dein Herz vor unsrer Pein; - denn wenn du Mitleid mit uns Armen hast, - wird Gott der Herr dir einst gewogen sein. - Hier hängen wir, so Stücker acht bis neun; - ach, unser Fleisch, einst unser liebst Ergetzen, - jetzt ist es längst verfault und hängt in Fetzen, - samt unsern Knochen fast zu Staub zerfallen. - Doch wolle Keiner seinen Witz dran wetzen -- - nein: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen! - - Mißachte, Bruder, nicht dies unser Flehn; - du weißt ja, der +du+ unser Bruder bist, - obgleich uns nach Gesetz und Recht geschehn, - daß nicht ein jeder Mensch vernünftig ist. - Verwende dich von Herzen als ein Christ - beim Sohn der Jungfrau, daß er seine Gnade, - da wir nun tot sind, auch auf uns entlade - und uns behüte vor des Satans Krallen. - Die Seele, Bruder, stirbt nicht mit am Rade -- - ja: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen! - - Sturzregen haben unsern Leib zerspült, - die Sonne uns geschwärzt und ausgedörrt, - Krähn, Raben uns die Augen ausgewühlt, - uns Bart und Brauen aus der Haut gezerrt. - Niemals, kein Stündchen Ruh am warmen Herd; - nur wipp und wapp, und immer wippwapp wieder, - umschwärmt von Krähn, die Winde um die Glieder, - zerhackt, zerlöcherter als Hosenschnallen! - Ja: vor Uns Brüdern seid ihr sicher, Brüder -- - doch: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen! - - - - -Rettung zu Gott - -Nach Verlaine - - -I - - Mein Gott hat mir gesagt: - „Sohn, man muß Mein sein! Mein! - Sieh meine durchbohrte Brust, - mein strahlend, blutend Herz, - und meine wunden Füße, - die Magdalenens Schmerz - mit Tränen wusch; und siehst, - siehst die große Pein - meiner Arm-und-Hände - durch deine Sündenschuld, - siehst das Kreuz, die Nägel, - und spürst und fühlst und glühst, - daß diese bittre Welt - des Fleisches nichts versüßt - als Mein Fleisch und mein Blut, - mein Wort und meine Huld. - - War ich nicht Dein, mein Sohn, - dein bis in den Tod? - mein Bruder du im Vater, - mein Kind, mein Sohn im Geist! - Und hab ich nicht geduldet, - wie die Schrift verheißt? - Hab ich nicht geschluchzt - für deine Angst und Not? - Und war mein blutiger Schweiß nicht - der Schweiß deiner Nächte, - mein Freund, mein armer Freund du, - der gern zu mir möchte!“ - - -II - - Und ich --: Herr! du sagtest - meine ganze Seele. - Ja, ich will zu dir, Herr, - suche und finde nicht. - Du, dessen Liebe lodert - wie aller Sonnen Licht: - ich Dein sein, Dein? ich Wurm - im Staub und voller Fehle! - Du Friedensborn, den alle - Kreatur erlechzet, - ach, Einen Blick nur träufle - in meinen Gram und Wahn! - Darf ich denn wagen, Herr, - nur deinem Hauch zu nahn, - ich, der auf eklen Knieen - hier vor dir kriecht und ächzet! - - Und dennoch such ich dich, - taste, tappe nach dir, - daß auf mein Elend falle - nur deines Schattens Zier. - Doch +Du+ bist +ohne+ Schatten, - Du, dessen Liebe +lodert+, - du süßer Springquell, bitter - nur dem, deß Herz noch modert - im Rausch der Sündenlust; - du Licht, ganz Licht, deß Glut - und jäher Kuß den blöden - Menschenaugen wehe tut! - - -III - - „Man muß, muß Mein sein! Ja: - ich bin, bin der Kuß - der Allbrunst, bin der Odem, - bin dieser Mund, du lieber - Kranker, von dem du stammelst, - der glühende; und dies Fieber, - das deine Nächte schüttelt, - bin Alles Ich! man muß - nur +wagen+, mein zu sein! - Ja: meine Liebe, die - zu Höhen lodert, wo - dein armes Ziegenseelchen - nicht hinklimmt, wird dich, wie - der Adler ein Rotkehlchen, - empor zu Himmeln tragen, - o Himmeln, die -- o sieh: - - sieh meine helle Nacht, - du weinend Auge du - im Schimmer Meines Mondes! - sieh dieses Bett von Reinheit, - all diese Unschuld sieh, - all diese Ruh! -- - Sei Mein! +die+ zwei Worte - sind meine höchste Einheit, - denn dein allmächtiger Gott - vermag zu wollen -- nein: - nur erst vermögen will ich dich: - sei, sei mein!“ - - -IV - - -- Herr, Herr, zuviel! ich wag’s nicht. - Ich Dein? Wer? ich, und Dein? - Nein, nein, nur zagen darf ich; - doch wagen -- nein! ich bebe! - ich will nicht, ich bin unwert! - Ich Dein? Du Kelch und Rebe, - du aller Heiligen Herz, - du liebreich Brot und Wein, - du aller Gnadenwinde - ungeheure Rose, - du Eifrer Israels, - du lichter Falter, dem - nur die junge Blume - der Unschuld angenehm: - und ich soll Dein zu sein - vermögen? ich lichtlose - - Schlacke, ich Frevler, Dein? - Herr, bist du rasend?! Ich - Befleckter, dem die Sünde - Beruf ist, der -- o Fluch -- - in allen seinen Sinnen, - Gefühl, Geschmack, Geruch, - Gehör, Gesicht, ja im - Gewissen selbst nicht Dich, - in seiner Buße selbst - nur, ach, die Wollust fühlt, - womit der alte Adam - nach neuen Lüsten in ihm wühlt! - - -V - - „Drum muß man Mein sein! Ich - bins, der in dir rast, - bin der neue Adam, - der den alten frißt, - dein Hunger und dein Mannah; - und meine Liebe ist - so strömender, je näher - du der Quelle nahst. - Ein strömend Feuer ist sie, - drin all dein lüstern Blut - auf immer sich verzehrt - und wie ein Duft verdampft; - und ist die Sintflut, deren - schwangere Wut zerstampft - jedweden schlimmen Keim - und all die trübe Brut, - - die Ich gesät, daß einst - mein Kreuz so reiner strahle, - und daß auch Du dereinst - durch ein furchtbar Mirakel - der Gnade Mein sein müßtest, - entsühnt all deiner Makel. - +Sei+ mein! empor! sei Mein! - Empor mit Einem Male - aus deiner Nacht zu Mir, - Mir, du verlassner armer - Schelm, dem nichts blieb als Ich, - dein ewiger Erbarmer!“ - - -VI - - -- Herr! Herr! ich fürchte mich. - Mein Herz zittert und zagt. - Ich seh, ich fühls: man muß, - +muß+ Dein sein. Aber wie, - wie, Gott mein Gott, dein +werden+? - du Richter, dessen Knie - selbst der Gerechte kaum - anzurühren wagt. - Ja, wie? Denn sieh, es wankt - der Grund, darinnen hier - mein Herz sein Grab sich grub, - und rings auf meiner Flucht - fühl ich herniederstürzen - des Firmamentes Wucht - und rufe: Herr, wo führt - ein Weg von Dir zu mir?! - Reich mir die Hand, mein Leben, - daß dieses Fleisches Weh - und dieser kranke Geist - nur fühle deine Spur! - Denn jemals zu empfangen - und zu genießen je - die himmlische Umarmung: - Herr, ist das möglich nur? - dein zu sein dereinst? - selig in deinem Schooß - wie Sankt Johannes, Herr, zu ruhn? - selig, sündelos?! - - -VII - - „So möglich wie gewiß. - O komm, o siehe, welch - Entzücken deiner harrt! - Laß ab von deinem Harme - und deinem Trotz! komm, sinke - in meine offnen Arme, - gleichwie der Glühwurm in den - erblühten Lilienkelch. - Komm und verdien es dir! - Komm an mein Ohr, schütt aus - all deine Niedrigkeit - mit deinem höchsten Mute! - sag Alles, Sohn: frei, schlicht - und ohne Stolz im Blute! - reich mir der Reue blassen, - schmachtenden Blumenstrauß! - - Dann tritt an meinen Tisch, - einfältiglich! da soll - ein köstlich Mahl, dem selbst - die Engel andachtvoll - nur zusehn dürfen, dich - erquicken und entsühnen; - da sollst den Wein du trinken, - den Wein des immergrünen - Weinstocks, dessen Güte - und Kraft und Süßigkeit - dein Blut befeuern werden - für die Unsterblichkeit. - - * - - „Dann geh und glaube fein - demütig an das Urwort - der Liebe, allwodurch ich - dein Leib-und-Seel ich bin! - Und kehre ja, mein Sohn, - sehr oft von neuem in - mein Haus ein, meinen Wein dort - zu kosten und den Schwur dort - zu leisten auf mein Brot, - ohn welches all dein Streben - nur ein Verrat vor mir! - Und bitte mich, wie Brauch, - mich, Vater, Sohn und Geist, - und meine Mutter auch, - daß du das Lämmlein werdest, - das stumm versprützt sein Leben, - - daß du das Kindlein werdest, - bekleidet mit dem Linnen - der Unschuld, und dein eigen - armselig Sein und Sinnen - vergessest, um einst Mir - ein wenig gleich zu werden, - Mir, der zu Zeiten des - Pilatus und Herodes, - des Petrus und des Judas - auch dir gleich ward auf Erden, - für dich am Kreuz zu sterben - eines verruchten Todes. - - * - - „Und um zu lohnen deinen - Eifer in diesen Pflichten, - die also süß, daß ihre - Wonnen unsäglich sind, - will ich dich schmecken lassen - schon auf Erden, Kind, - den Vorschmack Meines Friedens: - meine dunkellichten - geheimen Nächte, wo - der Geist sich meinen Söhnen - auftut und vom vollen - Kelch der Verklärung trinkt, - wo hoch am heiligen Himmel - der Mond verheißend blinkt - und aus der rosigen Finsternis - die Engelchöre tönen, - - verkündend die Entrückung - empor zu Meinem Lichte, - die ewigen Küsse meiner - Langmut und Erbarmung, - die Psalmen meines Ruhms - und ewigen Traumgesichte, - die ewige Weisheit und - die ewige Umarmung - im Schauder deiner seligen - Schmerzen, die auch mein: - den Aufrausch der Verzückung, - Mein zu sein!“ - - -VIII - - -- Ach! Herr! wie wird mir! Sieh mich: - weinend vor Deine Füße - stürz ich, schluchzend und jauchzend! - deine Stimme macht - mir wohl und weh! mein Auge - weint, meine Seele lacht! - und all das Weh, das Wohl - hat all die selbe Süße. - Aus Tränen jubl’ich, Herr! - Aus meiner Inbrunst wecken - mich Hörnerrufe; Waffen - winken auf klirrender Au, - funkelnde Schilde, und drüber - Engel in Weiß und Blau, - und dieser Hörnerruf - füllt mich mit Wut und Schrecken. - - Den Taumel fühl ich, fühle - das Graun der Auserwählten. - Ja, ich bin unwert, aber: - Herr, Deine Gnad ist groß. - Sieh: voller Dank, voll Demut: - hier, sieh mich Schweißgequälten, - o sieh mich Glutbeglückten -- - obgleich ein namenlos - Erschauern, Herr, den Trost mir - deines Mundes schwächt, - und zitternd geht mein Atem -- -- - - -IX - - „So, altes Herz, so recht!“ - - - - -Mirakel - -Nach Verlaine - - - Da kam ein stiller Reiter - mit Namen Unglück her; - der stieß in mein alt Herz mir - seinen dunkeln Speer. - - Mein alt Herz gab gar einen - trüben Auswurf Blut; - der ist auf der Haide vertrocknet - in der Sonnenglut. - - Mein Auge losch in Schatten, - ein Schrei ging aus mir aus, - und mein alt Herz erstarb mir - in einem wilden Graus. - - Drauf hat der Reiter Unglück - seltsamlich gerastet, - stieg vom Pferd hernieder sacht - und hat mich angetastet. - - Seine Handschuhhand von Eisen - fuhr in meine Wunde, - indeß er einen Bannspruch sprach - mit seinem harten Munde. - - Und als mich also eisig - durchfuhr die Hand von Eisen, - ward mir ein neues Herz geboren, - da will ich Gott für preisen. - - Ein Herz, gar jung, gar rein und gut, - das schlug wohl sonder Fehle, - denn heller Gluten trunken - genas mein Blut und Seele. - - Aber schier geblendet - lag ich und glaubt es kaum; - wie Einer, dem die Herrlichkeit - des Herrn erscheint im Traum - - Da stieg der stille Reiter - wieder auf sein Tier, - und gab den Sporn, und jählings - hob er sein schwarz Visier - - und schrie, und jetzt noch fährt mirs - durch mein Ohr wie Stahl: - Hüt dich! so gnädig komm ich - +nur Ein Mal+! -- - - - - -Stimme von oben - - - Willst du von Gott neue Wunderzeichen, - arbeite! - Willst du alten Göttern wunderlos gleichen, - genieße! - Willst du nichts Göttliches erreichen, - verzweifle! - - - - -Bach’sche Fuge - - - Es steigt ein Geist vom Gnadenstuhl, - tief unten raucht der Sündenpfuhl, - und brodelts noch so lavaheiß, - von oben nahts wie klares Eis, - taucht strahlend in den Höllenschlund, - bis der erstarrt zum Himmelsgrund, - nun steigt auf Stufen von Kristall - der Geist zurück ins blaue All, - nun spiegelt sich im Sündenpfuhl - wie lauter Licht sein Gnadenstuhl. - - - - -Rembrandts Gebet - - - Seele des Lebens, - Licht hüllt dich ein. - Kommt, Schatten, helft! schlagt drein! schlagt drein! - reißt mir aus Schein und Widerschein - das Geheimnis! - - Was starrst du stahlblank, - männlicher Panzerhut, - Augäpfel an - voll weiblicher Dämmerglut? - Was späht im Blitzstrahl hinter der Wolkenwand - über dem Volksaufstand - jenes Geisterantlitz? - - Schrei nicht nach Klarheit, Mensch: - Verklärung soll sein! - Komm, Lichtschein, hilf! schlag in die Schatten drein! - Geheimnis, pack ich dich? - - O heiliger Mummenschanz: - nicht hell, nicht dunkel: ganz - in Offenbarungsglanz - hüllst du auch mich, - Seele des Lebens. - - - - -Die Schöpferhand - -August Rodin zu Ehren - - - Chaos bedrängte dich, du Geist: Sturzwelt: - roh Erz, plumpes Gestein, wüst stiebender Sand: - empörte dich in alle Fibern zum Widerstand, - und durch die störrische Masse - ordnungsbrünstig - drang deine Schöpferhand. - Da ward der Denker, der mit brütender Wut - das Kinn auf die geballte Rechte preßt, - da ward die Schöne, deren nackte Glut - sich von der stürmischen Woge tragen läßt, - da ward der Dichter, dem die Weltschrecken - das Haupt recken, - und wird ein Turm, wo Menschenarbeit kündet, - welch Himmelreich der Erdgeist gründet. - - - - -Der letzte Traum - -Zum Gedenken an Detlev v. Liliencron - - - Es war am sechsten Abend, und Gott sprach: - Alles ist gut geworden. Alles. Nur - der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich. - Er möchte ewig leben, ewig träumen. - Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! -- - - Es war am sechsten Abend, und ein Dichter - sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch? - Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert, - er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen, - sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen - durch eine fremde, unerschöpflich fremde, - traumvolle Welt -- er stammelte: - - Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du? - Alles war gut. Nur Ich -- was ist mit mir? - Ich seh da immer Menschenschaaren ziehn -- - da an der Wand -- Heerschaaren -- Kriegerschaaren -- - von Land zu Land mit mir -- Erobrerschaaren -- - von Stern zu Stern -- zur Schlacht -- Schlachtopferschaaren -- - im Traum -- sie opfern sich für Gott hin -- hörst du? - die ganze Welt hin -- sich hin -- mich hin -- Gott! -- - Wenn ich nur endlich schlafen könnte -- schlafen -- -- - - - - -Ruhe - -Nach Verlaine - -Auf die Nachricht vom Tode des Dichters - - - Ein großer schwarzer Traum - legt sich auf mein Leben; - Alles wird zu Raum, - Alles will entschweben. - - Ich kann nichts mehr sehn, - all das Gute, Schlimme; - kann dich nicht verstehn, - o du trübe Stimme. - - Eine dunkle Hand - schaukelt meinen Willen, - glättet mein Gewand, - still im Stillen. - - - - -Ecce Poeta - - - Doch hör ich noch der Tausende Entzücken - und Ihn von seinen goldnen Sternen sprechen, - und sehe noch ihn seine Rosen brechen - und noch den Kranz das Haupt ihm blutig drücken. - - Sie lagen jubelnd an den Silberbächen - und ließen sich mit seinen Blumen schmücken, - und sahn ihn Blüte nur um Blüte pflücken - und nicht die Dornen ihm die Stirn zerstechen. - - Sie waren alle jammernd hergekrochen, - und Jeder sprach von Plagen ohne Zahl. - Er hatte Allen alle weggesprochen; - verschmachtet sank er hin am Bachesrande. - Da starrten sie, da sahn sie seine Qual. - So träumte mir in unserm Vaterlande. - - - - -Die ferne Laute - - - Eines Abends hört ich im dunkeln Wind - eine ferne Laute ins Herz mir singen. - Und ich nahm die meine im dunkeln Wind, - die sollte der andern Antwort bringen. - Seitdem hören Nachts die Vögel im Wind - manch Gespräch in ihrer Sprache erklingen. - Ich bat auch die Menschen, sie möchten lauschen, - aber die Menschen verstanden mich nicht. - Da ließ ich mein Lied vom Himmel belauschen, - und da saßen Nachts um mein Herzenslicht - die Unsterblichen mit hellem Gesicht. - Seitdem verstehn auch die Menschen zu lauschen - und schweigen, wenn meine Laute spricht. - - - - -Notturno - - - So müd hin schwand es in die Nacht, - sein flehendes Lied, sein Bogenstrich, - und seufzend bin ich aufgewacht. - Wie hat er mich so klar gemacht, - so sanft und klar, - der Traum -- und war - doch bis ins Trübste feierlich. - - Hoch hing der Mond, das Schneegefild - lag bleich und öde um uns her, - wie meine Seele grauenschwer. - Denn neben mir, so starr und wild, - so starr und kalt wie meine Not, - von mir gerufen voll Begehr, - saß stumm und wartete der Tod. - - Da kam es her: wie einst so mild, - so müd und sacht, - aus ferner Nacht, - so kummerschwer - kam einer Geige Hauch daher, - kam dämmernd her des Freundes Bild. - - Der mich umflochten wie ein Band, - daß meine Jugend nicht zerfiel, - und daß mein Herz die Sehnsucht fand, - die große Sehnsucht ohne Ziel: - da stand er nun im öden Land, - ein Schatten trüb und feierlich, - und sah nicht auf noch grüßte mich. - Nur seine Töne ließ er irrn - und weinen durch die kalte Flur; - und mir entgegen starrte nur - aus seiner Stirn, - als wärs ein Auge hohl und fahl, - der tiefen Wunde dunkles Mal. - - Und trüber quoll das trübe Lied, - und quoll so heiß, und wuchs, und schwoll, - so heiß und voll - wie Leben, das nach Liebe glüht, - wie Liebe, die nach Leben schreit, - nach ungenossener Seligkeit, - so wehevoll, - so wühlend quoll - das strömende Lied und flutete; - und leise, leise blutete - und strömte mit - ins öde Schneefeld, rot und fahl, - der tiefen Wunde dunkles Mal. - - Und müder glitt die müde Hand, - und vor mir stand - ein bleicher Tag, - ein ferner bleicher Jugendtag, - da starr im Sand - er selber ein Zerfallner lag, - da seine Sehnsucht sich vergaß - in ihrer Schwermut Übermaß - und ihrer Traurigkeiten müd - zum Ziele schritt; - und laut auf schrie das weinende Lied, - wie Todesschrei, und flutete, - und seiner Saiten Klage schnitt - und seine Stirne blutete - und weinte mit - in meine starre Seelennot, - als sollt ich hören ein Gebot, - als müßt ich jubeln, daß ich litt, - als möcht er fühlen, was ich litt, - mitfühlen alles Leidens Schuld - und alles Lebens warme Huld -- - und weinend, blutend wandt er sich - ins bleiche Dunkel, und verblich. - - Und bebend hört ich mir entgehn, - entfliehn sein Lied. Und wie es zart - und zarter ward, - der langen Töne fernes Flehn, - da fühlt ich kalt ein Rauschen wehn - und grauenschwer - die Luft sich rühren um mich her, - und wollte bebend nun ihn sehn, - ihn lauschen sehn, - der wartend saß bei meiner Not, - und wandte mich --: da lag es kahl, - das bleiche Feld, und fern und fahl - entwich ins Dunkel auch der Tod. - Hoch hing der Mond, und mild und müd - hin schwand es in die leere Nacht, - das flehende Lied, - und schwand und schied, - des toten Freundes flehendes Lied; - und dankbar bin ich aufgewacht. - - - - -Ein Ewiger - - - Ich lag in einem dunkeln Taxushain - und hatte Furcht. - Im Schatten vor mir saß ein Mann, - der war wie eine große - nebelvolle Höhle, - in der ein riesenhafter Dachs der Urzeit - neue Welten träumte. - Nur ab und zu - schob er seine schweren Wühlerhände - durch das Gitter, - und mit grauen, - grausam traurigen Augen - griff er sich ein Menschenhirn zum Fraß. - Und über ihn, im Hintergrund der Höhle, - mit unendlich weichem, - kleinem, stolzem Munde, - lag eine schöne geistesirre Frau gebeugt, - die weinte über den traurigen Dachs. - - Da hob der Mann - die starre Gottesstirne zu mir her, - darüber ihm die Haare - seidenfein und blond - in langen wirren Wellen lagen, - als ob er eben aufgehört zu fliegen; - und seine scheuen Frauenlippen zuckten. - Ich aber sah hinauf, - wo durch den dunklen Taxuswald - der kalte blaue Himmel strahlte, - klar, weit, hoch, - und sah die Sonne um das Höhlengitter blitzen, - und eine Freude wie im Winter - zerbrannte meine Furcht zu Funken, - die sprühten einen Namen in das Dunkel, - sternhell: - +Strindberg+. - - - - -Loke der Lästerer - -Nach Strindberg - - - Götter der Zeit, ich schmähte gestern, - und schmähen will ich euch auch heut, - Götter der Zeit, euch ewig lästern; - hört mein lachendes Lästergeläut! - - Ihr führt die Macht, ich führe Klage, - ich führe das Wort in meiner Macht. - Dreizehn liegt ihr beim Gelage; - das bedeutet Totenwacht, - Unfall, Hinfall -- singt die Sage. - Götter, nehmt euch gut in Acht: - sehr schnell eilen die lustigen Tage, - Götter, Götter, und Loke lacht! - - Ja, ich saß in jüngeren Stunden - zu Gast in eurem Freudensaal: - an dem Strick, den ihr gebunden, - hingeschleift zu euerm Mahl. - Darum: eure eiternden Wunden, - Loke kennt, kennt ihre Zahl! - - Ekel fühlt ich vor den vollen Gefäßen, - und euer Wein war ekler noch; - euer Singsang verdarb mir das Essen, - der fad wie dünne Brühe roch. - Und das könnt ihr Loke nicht vergessen, - daß er nicht lobkrähend vor euch kroch. - - Nein, ich will kein Loblied krähen, - will nicht singen für euern Fraß; - nein, ich will euch lieber schmähen - mit meinem großen, schönen Haß! - - Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen, - mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch, - mir die Zähne ausgebrochen, - aber meine Zunge lästert doch! - - Ja, ich habe eure Schmach verraten, - Götter -- das war all mein Fehl; - eure heiligen Greueltaten, - eurer festen Schlösser Sündenhehl. - - Drum heißt Loke der Erste der Hasser, - der Lästerer Erster in euerm Lied; - ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß er - Verräter verriet! - - Wenn den Gewaltigen straft der Schwache, - dann heißt die Strafe Rachewut. - Sei’s! Ja, Götter: ich übte Rache, - hört es, Rache -- und rächte gut! - - Habe erbrochen die Bundeslade, - habe den Moder ans Licht gescharrt, - euch abgerissen die Maskerade - und eure Nacktheit offenbart. - - Habe euern Götzendienst verachtet, - von euern Bildern den Flitter geklopft; - habe das goldne Kalb geschlachtet, - +sah+ das Stroh, womit es ausgestopft. - - Habe gerächt, du alte Götterhure, - gerächt all meiner Jugend Weh, - als ich knien gemußt zum eklen Schwure - und dir Weihrauch streun, du Lügenfee! - - Ja: mein Wahrheitswort, das lachte - ins Gesicht dem Götterpack, - daß ihr Schloß und Tempel krachte -- - hah, wie rannte das Köterpack: - - die Göttervetteln, die Götterpinsel: - Der knöpfte die Hosen fest, Die nahm - die Unterröcke mit Gewinsel - vor die kranke verschrumpfte Scham. - - Aber die Lüge ging zum Pfuhle - und fischte Nattern im dumpfen Hain; - die ließ die tückische Götterbuhle - Gifte in Lokes Antlitz spein. - - Und dann schlugen sie Loke in Ketten, - Hundert gegen Einen war die Tat; - doch -- in ihren Götterlotterbetten - schrein sie doch von Hochverrat. - - Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe, - aber seine Zunge ist noch frei, - und die alten Göttergerippe - zittern +noch+ von seinem Geschrei. - - In den langen Nächten seiner Qualen - sitzt an seinem harten Bett sein Weib, - schützt ihm liebreich mit kristallnen Schalen - vor dem Nattern-Eiter seinen Leib. - - Wenn dann die tückischen Vipernrotten - beißen wollen die treue Hand, - dann hört Loke auf zu spotten: - wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land. - - Wenn er seine Ketten schüttelt, - dröhnen die Berge und das Feld; - in Hütten und Burgen, wachgerüttelt, - ahnt man bebend das Ende der Welt. - - Da hört Loke auf zu lästern, - sondern aus den düstern Augen drohn - sengende Blitze den Götternestern, - und er ruft nach seinem Sohn. - - Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer, - dann läßt er rasseln sein Schuppenfell - und reckt den Schwanz, der Weltempörer, - hinten am wilden Wolgaquell. - - Und es prasseln und knacken und splittern - die Forsten im Wolkonskywald; - und die Pyrenäen zittern, - wo sein Bauch zuckend sich ballt. - - Und seine Brust zerpeitscht zu Schäumen - des Seine-Stromes heilige Flut, - dessen Ufer noch glühn und träumen - von Erlösung und von Blut. - - Aber: wo der Drache das Haupt geborgen, - fragen die feigen Götter und schrein. - Ewig folgt auf heute morgen; - mein Bescheid wird euer Gestern sein! - - Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache, - Götter, +aus+ ist dann die Zeit! - Wißt ihr: wenn erst zischt der Drache, - wird euch +nie+ mehr Unheil prophezeit! - - Dann erliegt die Welt dem Brande, - der verbrennt, was brennen soll, - der das Gold befreit vom Schlackensande, - der verschont, was lebensvoll. - - Und der alte dürre Norden, - dann vom Feuer reingeglüht, - fruchtbar Ascheland geworden, - saamt sich neu, gebärt und blüht. - - Dann, in ewig grünen Hainen, - neu geboren, lebt ein frei Geschlecht, - nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen, - Keiner mehr ein Götterknecht. - - Götter, wenn sich dann die Raben - um eure Gräber tummeln auf der Flur, - keine Träne wird dann Loke haben, - seine ewig junge Hoffnung nur! - - Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinen - schwer in eure Götterruh, - denn er glaubt an jenen seinen Einen, - nicht an euer Blindekuh. - - Doch euren Gräbern lacht sein Geläute - wie Freundesnachruf: Götter der Zeit, - ruht in Frieden, Götter! Heute - lebt die Gottheit der Ewigkeit. - - - - -Um Ibsens Schatten - - - Als du, gewaltiger Schatten, noch des Körpers waltetest, - der siebzigjährig beim Geburtstagsfestbankett - uns jungen Männern unerschütterlich Bescheid tat, - warf ich auf dich vom trotzig hochgeschwungenen Becherrand - den trunknen Spruch: - Skaal, Ibsen, Skaal, - du Feind der Halbheit, Meister des Doppelsinns! - ich schleudre dir ein Wort zu, das dich ganz beleuchtet: - Skaal, du vom heiligen Geist Beschatteter! -- - - Nun sitzen wir beim Todesfestbankett, - trotzig auch heut, doch nicht von flüchtiger Trunkenheit, - Jeder im Rücken seinen eigenen Schatten fühlend, - ein Kranz von Schatten um den leeren Platz, Gewaltiger, - der du im Lichtkreis über unsrer Tafel geisterhaft, - noch unerschütterlicher als dein Körper einst, - lastest. - - Warum entschwebst du nicht? willst du uns prüfen? - O! mit noch höher geschwungenem Becherrand - will ich dir dann Bescheid tun, schweigsamer Gast. - Sieh, wie mein Schatten auffährt! und rings um mich - an allen Wänden, allen Ecken des Saals empor - heben sich Schatten-Arme, mitschwingende, heben - Dich, Dich, du Unerschütterlicher, auch empor - durchs düstre Flackerlicht des Trauerraums, - durchs rauchgeschwärzte Schnitzwerk, Decke und Dach, - empor durchs Sternenbildergewölb der Frühlingsnacht, - bis dahin, wo kein irdisches Zwielicht mehr uns täuscht -- - nun schwebst du hoch genug für unsre Andacht. - - Da sehn wir dich im Strahlenschooß der Allmacht ruhn: - tiefschwarz von Lichtquell zu Lichtquell dich dehnend - schwebst du im Spiegel unsrer begeisterten Augen, - schwebst, lebst, und waltest. - - Und so -- mit unsern begeisterten Augen -- siehst du, - wie Männer kommen: einsam, einzelne nur, - doch von Jahrhundert zu Jahrhundert kühnere, - wortkarg wie Du, sinnstark wie Du: - die kämpfen ihre Zweifel vor dir aus. - Und Frauen siehst du kommen: mehr und mehr, - und von Jahrtausend zu Jahrtausend stolzere, - wortscheu wie Du, werktreu wie Du: - die richten ihren Glauben an dir auf. - - Dann wird wohl Eine -- o! ich seh ihr Gesicht, - braun ist’s von Sonne, so hart wie Erz kann’s scheinen - und kann wie Honigwabenhaut so zart sein -- - wird dir in einer heilig strahlenden Nacht wie heut - einst zulächeln: - Dank, Ibsen, Dank, - du Freund des Gradsinns, Seher des Widersinns! - ich bring dir einen Blick dar, der dich voll beglänzt: - Dank, du vom ewigen Licht bestärkter, - gewaltiger, unerschütterlicher Schattengeist! -- - - - - -Götterhochzeit - -Ein Zwiegesang - - - O ewig Gesuchte! - „O endlich Gefundener!“ - Im Umsturz der Welten! - „Am Quell der Gestirne!“ - Überm donnernden Absturz - meiner verschütteten Geister. - „Unterm sanften Aushauch - unsrer verströmten Seelen.“ - Die Sphären weinen. - „Der Äther lächelt.“ - Äonen waren. - „Äonen werden sein“ -- - werden -- - „sein! -- - laß uns lachen, Geliebter!“ - Lachen? - „Jubeln!“ - Geliebte, wem? - „Äon dem Ungeborenen!“ - Äon dem Wiedergeborenen ... - - - - -Schöpfungsfeier - -~Oratorium natale~ - - -Chor der Ahnen: - - Welch ein Festtag! Wieder reihn sich Flammen, - wieder neigen Blumen sich zusammen, - Kind, weil Du am Leben bist. - Kind, noch immer Kind, trotz deinen Jahren, - horch, ein Vatergeist will heut erfahren, - ob dein Herz dem Leben dankbar ist. - -Der Vatergeist: - - Sieh, er fragt dich mit gebeugtem Rücken, - den die Schatten seiner Taten drücken, - doch mit ungebeugtem Sinn: - Denkst du noch an meine Züchtigungen, - harten Worte, strengen Forderungen? - wozu nahmst du soviel Trübes hin? - - Und ich seh, du blickst auf deine Hände, - auf dein Festgewand, auf Tisch und Wände, - und du lächelst stolz und mild. - Ja, du lerntest dich zum Schaffen zwingen, - all das Wohlgefügte dir erringen, - das dich heut entzückt als helles Bild. - - Aber dazu Jahre voller Plagen, - um ein Augenblickchen zu erjagen, - wo das Leben Glanz gewinnt? - Aber schon ergreift mich dein Entzücken, - dankbar hebt sich mein gebeugter Rücken: - dieser Augenblick ist göttlich, Kind! - -Chor: - - Dieser Augenblick ist selbst dem Bangen - einer Mutterseele Dank genug. - Heut erscheint sie dir von Glanz umfangen, - die dich einst mit dunklem Lichtverlangen - unter ihrem Herzen trug. - -Die Mutterseele: - - Voll Entsetzen hörte sie dich wimmern, - als man dir vom Körper wusch ihr Blut. - Zaghaft sah sie in verhängten Zimmern - dein klein Seelchen wie ein Flämmchen flimmern; - heut ist’s eine große Glut. - - Saaten Lichtes treiben in dir Sprossen, - überschwänglich flammt die Himmelsflur; - Welten hält dein freier Blick umschlossen, - strahlend zeigt er Freunden und Genossen - unsers Daseins ewige Spur. - - Zwar im Nebel auf den irdischen Auen - tönt bald fern bald nah des Todes Ruf. - Doch Verklärung quillt aus seinem Grauen: - unsern Kindern bleibt der Himmel blauen, - den die Mutterseele schuf. - -Ein paar Kinderstimmen: - - Deine Kinder sehn den Himmel gerne, - auch bei Nacht sein hohes helles Sieb; - aber mehr als Sonne, Mond und Sterne - sind uns deine Augen lieb. - - Und so lieb und solche hellen Wunder - sind auch unsre Augen dir; - Sonne, Mond und Sterne sind nur Zunder - zwischen dir und uns, das fühlen wir. - -Die Mutterseele: - - Immer heller wird uns angezündet - rings vom Vater Geist dies Flammenspiel. - Jede Kerze flimmert ihm verbündet, - jede Blume schimmert einbegründet - in sein glanzverhülltes Ziel -- - -Chor: - - in sein glanzverhülltes Ziel. - -Der Vatergeist: - - Immer wieder lockt es die Entzückten, - bis die Mutter Seele den beglückten - Schöpfungsaugenblick genießt. - Weil wir’s nie und immerfort erreichen, - tragen wir des Ringes heiliges Zeichen, - das von Hand zu Hand die Welt umschließt -- - -Chor: - - das die weltenvolle Welt umschließt. - - - - - Die Verwandlungen der Venus - - Erotische Rhapsodie mit einer moralischen Ouvertüre - - Zweite Ausgabe - - - - -Das entschleierte Schwesternpaar - -Moralische Burleske - - Sie war geflochten aus besten Stricken, - aus bleiverknoteten, festen, dicken, - meine Geißel nämlich -- und der Stil - so grad recht handlich zum Prügelspiel. - Doch nein: es sollte ja ernst zugehn: - ich wollte das Schandweib blutig karbatschen, - diese alte Prüde mal zappeln sehn. - Also rasch in den Frack! in die Ecke die Latschen, - die Lackschuh an, Glacés, Chapeau, - damit nicht etwa, käm ich so - als Mensch blos, ohne den Affenschniepel, - Verdacht entstünde: hinaus, du Rüpel! - Ich las noch einmal die Adresse: - Frau Geheime Komm.-Rat J. von Kohn - etcetera -- die „Kommission“ - verschwieg man, schien’s, aus Delikatesse. - Eine Krone drüber, riesengroß, - ersetzte das „geborne“ Schwänzchen. - Da war ich geladen zum Lesekränzchen. - Denn, verehrter Leser, ich träumte blos. - - Hm! dacht ich: wie wird sie mich begrüßen? - Wahrhaftig, sie hatte Karriere gemacht, - hatte mich immer schon ausgelacht -- - na warte, Kröte, heut sollst du’s büßen! - Ich übte Probe; verdammt, das zog, - wie die Knute um Wade und Schienbein flog! - Ich knöpfte sie zärtlich unter die Weste, - ich übte den Handgriff, es ging aufs beste. - Noch ein Blick in den Spiegel! famos, famos, - das wird ein lustiges Lesekränzchen: - erst Faust von Goethe, und dann mein Tänzchen! - Faust?? -- Wie gesagt, ich träumte blos. - - Wo hatt ich sie eigentlich kennen gelernt? - - Seltsam! ich sann und sann und sinnte, - meine Gedanken waren wie Stinte: - kaum da, schon wieder weit entfernt. - Ich lief und lief, durch Zeit und Raum, - von Straße zu Straße, in meinem Traum: - ich wußte genau, ich kannte sie - seit je, die Dame +Prüderie+ -- - und doch: wer war sie? -- Das war ja rein - zum rasendwerden mit dieser Fratze: - Doch immer die selbe! dies Blinzeln! Nein, - doch nicht! bald lüstern, fast wie’n Schwein, - bald wie’ne Schlange, nein wie’ne Katze. - Und dennoch -- Teufel, ich irr mich nicht: - um diese vielfältigen Blicke immer - das selbe zahme Kaninchengesicht, - nein Affengesicht, nein Hühnchengesicht, - das selbe süßlederne Frauenzimmer. - - Ah -- ja natürlich! klar wie Butter: - erst war sie die Tochter von unserm Paster. - Die warnte mich stets vor dem Pfad der Laster; - dann wurde sie heimlich Fräulein Mutter. - Das heißt, nicht etwa von meiner Seite, - ich wußte noch nicht, was der Vogel gepfiffen, - ich nahm die Worte noch für die Leute; - ein Andrer, der hatte sie -- besser begriffen. - - Und dann: weiß Gott, das war sie ja +auch+: - die Frau Patin mit dem verschämten Bauch. - Ihr seliger Gatte war sehr verderbt, - er hatte ihr einen Apoll vererbt - mit nichts als einem Blatt zum Kleide; - drum band sie ihm, so geht die Fabel, - aus himmelblauer chinesischer Seide - ein christliches Mäntelchen vor den Nabel. - - Nein! Himmel! es war ja ihr Fräulein Base: - das ethisch-ästhetische Fräulein Lucinde, - die mit der Entenschnabelnase - und dem Traktätchen „Die Kunst der Sünde“. - Sie hatte sich züchtig nach einem Mann - in den vornehmsten Zeitungen umgetan, - doch wollte keiner die Tugend belohnen; - nun schrieb sie poetische Rezensionen. - Ganz Deutschland pries ihren edlen Stil - ob seiner fließenden Reinlichkeit; - besonders Dehmeln besprach sie viel - und beklagte seine Peinlichkeit. - In Höherem Auftrag ließ sie auch, - der Staat bewilligte die Mittel, - ein Werk erscheinen mit dem Titel: - „Das verbesserte Volkslied zum Schulgebrauch“. - An den Anfang war als Motto gestellt: - „Hähnchen von Tharau ists, das mir gefällt“. - - Und immer neue! Verdammte Hexe, - kaum bist du Eine, so sind es sechse -- - Herrgott, nun ist sie gar ein Mann: - der Herr Seelenforscher von nebenan, - Privatdozent und Licentiat, - der den wunderschönen Vollbart hat, - er schwingt fürs Frauenwohl die Feder. - In Schriften spricht er und vom Katheder - über die höhere Sinnlichkeit - aller wahrhaft sittlich Emanzipierten - und die sexuelle Verworfenheit - und perversen Affekte der Prostituierten; - er will ein kirchliches Zuchthaus gründen - zur Korrektur der natürlichen Sünden. - Die Termini technici liebt er nämlich, - so ein Fremdwort finden die Damen charmant; - deutsch klingt gleich alles so beschämlich - und zehnmal weniger intressant. - Drum ist er, nur aus besagtem Grunde, - bei einem Spezialarzt ständiger Kunde. - - Ah, da geht er ja wieder; Herr, warten Sie doch! - was machen Sie denn so breite Beine?! - Nein, er ists ja garnicht -- ah: Frau von Knoch - mit ihrem Möpschen an der Leine, - seine verehrte Gönnerin. - Ach nein: Frau Konsistorialrat Klooß, - mit dem würdevoll wackelnden Doppelkinn, - die „Witwen- und Waisen-Beschützerin“ - und Fünfmillionenbesitzerin, - geborene Freiin von -- Kronensproß. - Ihr Neffe, der war ein deutscher Dichter, - so einer von dem verruchten Gelichter, - die alles beim rechten Namen nennen - und gar keine moralischen Rücksichten kennen; - dem hat sie natürlich ihr Haus verschlossen. - Und da hat der Mensch die Frechheit besessen, - angeblich aus Mangel an Kleidung und Essen, - und hat sich ’ne Kugel durchs Hirn geschossen. - - Und immer neue! Mein Schädel brannte, - während ich so durch die Straßen rannte; - ich lief und lief wie spukgeschreckt. - Aus allen Mienen, aus allen Blicken, - als hätte ein Teufel die Welt beleckt, - schien mir dies Weibsbild entgegenzunicken. - Seitdem ich die Nase ins Leben gesteckt, - war sie mir über den Weg gekrochen - mit ihrem frommen Kaninchengesicht, - nein Katzengesicht, nein Hühnchengesicht, - mit ihren schlangengeschmeidigen Knochen. - - Sie hatte so’was in den Augen, - das schien sich einem ums Herz zu stricken, - alle Liebe drin zu ersticken - und jede Männlichkeit auszusaugen. - Und wo man hinkam, war sie zu treffen, - sie schien die reine Gesellschaftsklette; - sie ließen sich alle geduldig äffen - von dieser verzuckerten glatten Kokette - mit ihren ahnungslosen Mienen, - die -- seltsam -- nimmer zu altern schienen - und die ich auch niemals jung gesehn; - ihr schien die Natur aus dem Wege zu gehn. - Zwar: sie auch ihr! denn sonderbar: - kein Haus, in dem dies Rackervieh - nicht irgendmal zu finden war, - blos in den Hütten des Volkes nie. - - Und immer, waren wir mal zu Zwein - und ich wollte der Hexe die Wahrheit geigen, - so ein Lächeln und Lispeln: „lassen Sie sein, - geliebter Freund! wie süß dies Schweigen!“ - und ein Seufzen, ein schmachtendes Fächerwiegen: - „ich weiß ja, alles ist natürlich!“ - und ein lüstern lauerndes Hüftenbiegen: - „im Wort nur ist es ungebührlich!“ - Dann aber, wie bei Leckerein - die Eßbegierden rasch verfliegen, - fing plötzlich so ein glasiger Schein - ihre schwülen Blicke an zu lähmen; - ich konnte den Ekel kaum bezähmen, - ich fluchte, um nicht auszuspein. - Das brachte sie jedesmal zum Lachen: - „Sie wollen die Welt wohl besser machen?“ - - Nur manchmal, wenn sie wie in Schauern, - als ob sich ihr Gefühl ertappte, - die Lider über die Augen klappte, - empfand ich was wie ein Bedauern: - vielleicht steckt doch in all dem Schleim - ein kleiner verschimmelter Edelkeim. - Ich spürte dann immer so ein Jucken - in allen fünf Fingern, ihr die Mucken - mal mit der Karbatsche auszuplätten; - man weiß ja, Prügel und dann ein Kuß - ist verrückten Weibern ein Hochgenuß -- - Das war das Letzte, das konnte sie retten. - - Herrjee, das wars ja, das wollt ich ja eben! - und siehe da: schon bin ich zur Stelle. - Sie thronte, von ihrem Stab umgeben, - der kleine Herr Gatte stand dick daneben, - grad gegenüber der Zimmerschwelle. - Die persischen Polster und Teppiche strahlten - im weißen Schimmer der Glühlichtblüten, - die Teelöffel klirrten, Brillanten sprühten, - die Seidenroben rauschten und prahlten; - auch sprach man schon. Ich legte die Rechte - verbindlich an mein Westenlätzchen - und -- fühlte nach meiner Knutenflechte; - sie steckte sicher; na warte, Schätzchen! - - Laut: Gnä’je Frau, ich habe das Glück. - Sie schien mich garnicht wiederzukennen. - Ich nahm die Ehre, mich zu nennen. - „Ah, der neue Herr Lektor. Ein’n Augenblick.“ - - Natürlich! sie hatte jetzt höhere Ziele, - die Geheime Komm.-Rat J. von Kohn, - als ihre plebejischen Kinderspiele; - sie war ja bei Hofe Vertrauensperson. - Sonst schien sie aber nicht verändert, - nur sozusagen zart konserviert, - die verschleierten Augen pikant umrändert, - und das Haar im „Jugendstil“ frisiert. - Dem Herrn Geheimen schien, wie Allen, - seine Geheime sehr zu gefallen. - - Nun fing man an von Kunst zu sprechen. - Der Herr Geheime sprach: Verzeihn Se, - wenn ich so frei bin aufzubrechen; - ich habe Geschäfte beim Hofrat Heinse. - „Oh“ -- „leider“ -- „bitte“ -- bedauerndes Lächeln, - Verbeugen und Neigen und Wangenfächeln. - „Ja, leider dringende Kommission,“ - verschwand mit Würde Herr J. von Kohn; - nun ging es hoffentlich bald los. - - Ich sah mich um -- i, Gott soll schützen, - da schienen ja lauter Bekannte zu sitzen! - Da rechts: Frau Konsistorialrat Klooß, - geborene Freiin von Kronensproß. - Da: Fräulein Lucinde von Entenschnabel. - Da die Patin mit dem verbundenen Nabel, - und Frau von Knoch mit ihrem Begleiter, - und die Pastertochter -- na, und so weiter: - das ganze verehrliche Lesekränzchen, - wie sie da saßen und standen, die Biedern, - auf ihren unaussprechlichen Gliedern, - germanische wie semitische Pflänzchen: - o Boccaccio, göttlicher Schmetterling, - dies Häufchen Gemüse in Einer Schüssel, - das wär was gewesen für Deinen Rüssel, - wenn nicht auch Dir der Spaß verging! - Ja, die Frau Geheime war unbestritten - in den weitesten Kreisen wohlgelitten. - - Gott sei getrommelt und gepfiffen: - jetzt winkte sie. Die ganze Herde - schien plötzlich ehrfurchtsvoll ergriffen, - und mit entsprechender Geberde - sprach die Geheime: „Lieben Freunde, - ich bin entzückt und hingerissen, - daß meine treue Kunstgemeinde - so fest zusammenhält. Sie wissen, - daß wir uns heute dem unendlich - von uns verehrten wundervollen - Genie von Weimar widmen wollen; - das heißt, mit Auswahl selbstverständlich. - Ich darf wohl bitten -- hier, mein Lieber,“ - das ging an meine Wenigkeit, - sie reichte mir den Faust herüber -- - „die gestrichenen Stellen abzuachten; - wenns dann gefällig, wir sind bereit.“ - - Ich sah in das Buch; zwei Diener brachten - mir Lesepult und Wasserglas; - ich sah in das Buch. Ei Teufel -- Das, - das ging wahrhaftig über den Spaß: - da war ja +Alles+, schien’s, gestrichen. - Na, ich nahm Platz, die Diener schlichen - lautlos hinaus, ich machte tief - mein Kompliment, mein Auge lief - die Blätter durch -- aha! hier oben - ein ganz besonders fetter Strich -- - Und salbungsvoll das Kinn gehoben, - begann ich ernst und feierlich: - - „Ein Jeder lernt nur, was er lernen kann, - „Vergebens daß ihr wissenschaftlich schweift; - „Doch wer den Augenblick ergreift“ -- - man horchte auf -- „das ist der rechte Mann. - „Ihr seid noch ziemlich wohlgebaut“, - Fräulein Lucinde nickte zart; - „An Kühnheit wirds euch auch nicht fehlen. - „Und wenn ihr euch nur selbst vertraut“, - ich griff mir schmachtend in den Bart, - Fräulein Lucinde saß erstarrt, - „Vertraun euch auch die andern Seelen. - „Besonders lernt die Weiber führen“, - der Pastertochter wurde schwach. - „Es ist ihr ewig Weh und Ach“ -- - die Patin schien der Schlag zu rühren, - „So tausendfach“ -- - Frau Klooß erkannte mit Gewimmer: - Herr Gott, das wird ja immer schlimmer -- - „aus Einem Punkte zu kurieren. - „Und wenn ihr halbweg ehrbar tut“, - jetzt ging ein Ächzen durch das Zimmer, - „Versteht das Pülslein wohl zu drücken“, - die Frau Geheime schien zu sticken, - „Habt ihr sie alle unterm Hut. - „Und faßt ihr sie mit feurig schlauen Blicken“, - schrie ich -- „verdammte Heuchlerbrut, - „Wohl um die schlanke Hüfte frei, - „Zu sehn, wie fest geschnürt sie sei“ -- - da platzte die Bombe: ein Jammergeschrei: - die Frau Geheime lag auf dem Rücken. - - Und krach! auf die Diele das Wasserglas - und den Lesetisch, und heraus die Knute: - „Hoppla! Achtung, Frau Zimperschnute! - Karline, jetzt kommt der Kontrabaß! - jetzt will ich dir zeigen, wie man streicht!“ - und knautsch, da hatt ich sie beim Wickel. - Ei, alle Wetter: dies dicke Karnickel, - das war ja wie’ne Puppe leicht! - Und plötzlich: Himmel, was war denn +Das+: - Fräulein Lucinde sank fassungslos - dem Herrn vom Frauenwohl in den Schooß, - die Patin schnappte leichenblaß - nach Luft: in meinen Fingern saß - -- die Frau Geheime bibberte nur -- - ihre ganze Jugendstilfrisur. - Und auf der grau strupphaarigen Platte - -- mir schauderte -- ein Schurf und Schinn, - ein Schund und Schmiericht, als klebte drin - die ganze abgekratzte Pomade - von zehn Jahrhunderten festgefilzt, - so eingeschimmelt und verpilzt. - - Die ganze Bande lag in Krämpfen; - na wart’t, Kanaljen, es kommt noch besser, - ich will euch schon die Ohnmacht dämpfen! - Und schnipp schnapp flitz: mein Taschenmesser: - herrjee, wie wurden sie plötzlich munter! - Frau Klooß, geborene Freiin, schrie: - „Allmächtiger Vater, er mordet sie“ -- - und holterdipolter, stuhlüber stuhlunter, - als ob ein Satan zwischen sie führe, - das ganze verehrliche Lesekränzchen, - germanische wie semitische Pflänzchen, - klabotter klabatter hinaus zur Türe. - - „So, Schatz!“ ich nahm sie sacht beim Ränzchen, - zum Glück hatt ich noch Handschuh an -- - „jetzt wollen wir mal, wie zwischen Mann - und Weib das manchmal soll passieren, - uns etwas näher inspizieren!“ - Und rietsch raatsch runter die Brüsseler Spitzen - und Seidenfranjen und Sammetlitzen, - und schlitz -- an knöpfen war nicht zu denken, - so war die Kracke verschnürt und verschnallt --: - das Taschenmesser! und --: brrr, schnitts kalt - und heiß mir selber in allen Gelenken, - wie da aus Flunker und Flitter und Flatter, - aus Fetzengeknitter und Fadengeknatter, - aus Watte und Wolle und Fischbeinzacken - und Gummi-Busen und -Hinterbacken - mit Winseln und Betteln und Strampeln und Schelten - sich diese vermickerten Knickknochen pellten. - - Ich stand -- na, wie klein Hans beim Drecke. - Zum Henker! um diese verschrumpelte Schrippe, - dies Bastardklümpchen von Spinne und Schnecke, - dies dürre, lahme Altjungferngerippe, - da hatte ich Narr mich so geplagt? - Zwar: Jungfer -- Das zu untersuchen - bei diesem verbrutzelten Hutzelkuchen, - das hätte wohl kaum ein Arzt gewagt. - Ich konnte mich immer noch nicht fassen; - blos heimlich wünscht ich, hätt ich ihr doch - das Hemde wenigstens angelassen! - Pfui Teufel, wie sie da vor mir kroch - mit ihren Faltenschlitzen und Runzeln, - mit ihren Zottelzitzen und Zunzeln, - mit ihren ausgetrockneten Waden - und eingetrockneten Hinterfladen -- - fast entsank die Geißel meinen Armen, - mein Ekel stieg bis zum Erbarmen. - - Lern aber einer die Weiber kennen! - Noch eben mitten in Zappeln und Flennen: - kaum merkte sie meine Männerschwäche, - ich merkt’es selber erst durch sie, - es war die reine Telepathie: - da grinst und äugelt mich die freche - Vettel mit ihrer geschminkten Fratze - so von unten über die Achsel an, - daß mirs durch beide Nieren rann. - Ich weiß nicht, ob die alte Katze - mich etwa zu -- beglücken dachte, - ob sie sich über mich lustig machte, - ob diese abgetakelte Ratze - in ihrer kahlen Scheußlichkeit - meinte, sie sei dadurch gefeit: - ich fühlte nur plötzlich eine Wut, - mir schien das ganze erbärmliche Blut - unsrer verjammerlappten Zeit - in dieser Hexe zusammengebreit, - und -- „So! nu zappel, verwünschte Pute, - jetzt bin ich mit meiner Geduld zu Rand“, - hol ich zum Hieb aus mit der Knute, - da -- -- legt sich sanft um meine Hand - und rührt mich bis ins weheste Mark - wie junge Liebe so still und stark - und warm, um meinen Hals gebogen, - ein Arm. Und mild, voll Stolz und Huld, - tönt eines Atems leises Wogen: - „Laß ab! sie büßt an ihrer Schuld.“ - - Und wie sich nun mein Nacken wendet, - von Schauern mächtig überwallt, - da steh ich scheu und fast geblendet - vor einer schimmernden Gestalt. - Im bleichen Kreis der Glühlichtglocken - ist ihre Nacktheit heller Tag, - es spielt ein Schein um Stirn und Locken - wie Blütenschmelz im Frühlingshag. - Zur Hüfte nieder um die Brüste - fließt mantelschwer ihr offnes Haar - und wogt und flimmert dämmerklar, - als ob ein Morgenwind es küßte. - Weiß leuchtet aus der schlanken Rechten, - zum Gruß geneigt und zum Gebot, - ein Lilienstab, den dunkelrot - zwei volle Rosen hoch umflechten; - so steht sie wehrend, wundersam - beglänzt. Und ich -- mich überkam - ein Ahnen wie Erinnerung, - ein Sehnen, neu und kinderjung: - ich hatte sie nie noch nirgendwo - gesehn, und wie mir dennoch so - ihr freudig Auge, seelenweit, - und ihres Mundes Zärtlichkeit - jedwedes Faserchen tief innen - zu lauter Andacht ließ gerinnen: - ach, wars denn nicht, als sähe wieder - meine liebe Mutter zu mir nieder? - - Und wie nun fromm und ganz befangen - mein Blick an ihr zu Boden wollte - und doch in bangem Hinverlangen, - da doch ihr Haar an Ohr und Wangen - und Brüsten schmeichelnd sie umrollte, - mein Herz nach ihrer Schönheit schrie, - als müßtest Du mir, Du, mit weiten - Armen aus ihr entgegenschreiten, - du Eine, Einzige, die mir nie - ein Wort noch Winkchen vorenthalten, - nicht Seel noch Leibs geheimste Falten, - seit endlich dein an mein Herz schlug -- - Und wie’s so immer inniger drängte - und wie mich süß und süßer tränkte - der dunklen Rosen Wohlgeruch: - es riß mich nieder ihr zu Füßen - und machte meine Arme breit: - „wer bist du, Weib, mit deiner süßen, - mit deiner milden, herben, süßen, - unsagbar süßen Herrlichkeit?“ - - Und aus der Rechten sacht zur Linken - läßt sie das Blumenszepter sinken, - dann spricht sie, über mich geneigt, - nimmt mir die Geißel aus der Hand nun, - nimmt eines Teppichs bunten Rand nun, - indem sie ihn der Andern reicht, - und winkt ihr mit der Lilie: „Geh! - bedecke dich! es tut mir weh, - in deiner Blöße dich zu sehn.“ - Und wieder über mich geneigt nun, - indeß die Andre scheu entweicht nun, - tönt ihres Atems leises Wehn: - „Was wars doch, was in liebsten Lüsten, - wenn Lippen sich und Seelen küßten, - den trunknen Blick dir ganz benahm, - was dich im reinsten Rausch der Wonnen, - tief in ein Andres einversponnen, - wie willige Blindheit überkam? - Dann warst du Mein! ich bin die +Scham+. - - „Mußt dich aber nicht gleich, mein Bester,“ - senkte sie lächelnd die Lilienblüten, - „so um alles in Eifer wüten. - Die da, meine mißratene Schwester,“ - nickte sie neckisch nach der Tür hin, - während sie mir den Scheitel zauste - und ihre zierlichen Nüstern krauste, - „Die da ist schon über Gebühr hin - durch die eigene Ohnmacht gestraft: - fehlt ihr zur rechten Freude die Kraft. - Hat ja viele Seelen zu Sklaven, - alle die Biedern, alle die Braven - vom werten Orden der Gleißnerschaft, - alle die zahmen, ewig alten, - sinnelahmen Halben und Kalten, - scheint ein gar gewaltiger Bund, - ist aber doch nur -- nun eben Schund. - Haben die Welt nie aufgehalten; - und alles, was sie zu Stande brachten, - und ihrer Weisheit letzter Grund - ist -- ihr gegenseitig Verachten. - Können sich nicht gesund betrachten, - weil ihrem armen dünnen Blut - jedes freie Lüftchen wehe tut, - und machen drum aus ihrer Not - ein Gebot. - - „Und, Lieber,“ streicht sie zart mein Haar, - „der Heuchler meint die Lüge wahr, - der Wahre muß ihn nur verstehn! - Wenn Kraft und Schönheit nackend gehn, - man würde sich nicht sehr beklagen; - doch etwas schwerer zu vertragen - ist Häßliches, bei Licht besehn.“ - - Und während silbern noch im Ohr mir - ihr fröhlich stolz Gelächter klingt, - winkt mit den Rosen sie empor mir - und spricht: „Ein schlechter Boden bringt - aus echter Wurzel schlechte Blüte. - Und wer mit schwächlichem Gemüte - sich schämt, der ist zur Scham verdorben; - doch ist sie drum nit ausgestorben. - Wer Löwe ist, der gönnt der Katze - den Mäusefang in seiner Welt; - sie will +auch+ leben. +Jede Fratze - zeugt für den Gott, den sie entstellt.+“ - - So beugt sie sich mit gnädigem Kusse - in heller Anmut zu mir hin, - und ich, ich fühle ihrem Gruße - mein ganz Gefühl entgegenglühn -- - glühn, bis mich’s schauernd übermannte, - ich wieder an ihr niedersank, - mein Mund auf ihren Brüsten brannte, - ich ihre Lenden schon umspannte, - ihr Haar mir um die Finger schlang, - die Stirn geschmiegt in ihren Schooß -- - Sie aber, hold und mütterlich, - zupft mich am Ohr: „Ich bitte dich, - mein lieber Mensch! was willst? laß los! - ermuntre dich! du -- träumst ja blos.“ - - - - -Die Verwandlungen der Venus - -Nachtwache eines Sehers der Liebe - - - Niemals sah ich die Nacht beglänzter! - Diamantisch reizen die Fernen. - Durch mein staubiges Kellerfenster - schielt der Schein der Gaslaternen, - - schielt auf meine frierenden Hände, - und mich quälen Wollustbilder. - Grau sind diese nackten Wände; - doch sie flimmern. Und mein wilder - - irrender Wille kann sich nicht mehr täuschen: - unsre Lüste wollen fruchtbar sein. - Mit den Schatten meiner keuschen - Kammer spielt ein schwüler Schein: - - an den hohen Häusern drüben glühen - aus der Finsternis die Fenster, - wo die Freudenmädchen blühen -- - niemals sah ich die Nacht beglänzter! - - Und die Sterne sind wie brennende Blicke; - Welten sehnen sich nach mir! - Ich verschmachte. Ich ersticke. - Ja: ich frevelte an ihr -- - - ihr, der ich entrinnen wollte - und mich wie ein Mönch verkroch, - der dem Licht der Sinne grollte, - aber es entzückt ihn doch! - - Selbst in meiner kalten Zelle - fühle ich das Leben toben, - der ich wagte, dieses schnelle - Herz zu dämpfen. Aber oben - - über meinem dunklen Tale, - +Venus+, seh ich angebrannt - Deine flammenden Fanale. - Und den Blick hinaufgewandt, - - ruf ich aus dem tiefen Turme - meiner Ängste zu dir hoch: - Göttin, wandle dich zum Wurme, - sei im Wurme Göttin noch! - - Sausend schaukelt eine Not mein Herz - wie in erster süßer Knabenfrühe; - ich verschmachte! ich verglühe! - jeder Stern ist mir ein Schmerz! - - Ihre Strahlen sind wie stechende Ruten - marternd, wenn du mich nicht kühlst, - wenn nicht Du mit deinem gnädigen Blute - meine dürstende Inbrunst stillst! - - Sieh, da lichtet sich ein neues Fenster, - zuckt ein steiler Kerzenstreifen -- - niemals sah ich die Nacht beglänzter! - Ja, entzünde dich dem Reifen, - - +Ewige, lächle! Deine Kerzen bleiben+; - alle andern sind verblichen. - Hinter jenen schwarzen Scheiben - schlafen alle Ordentlichen -- - - schlafen, wie sie immer schliefen, - wenn die Gottheit Ordnung +schuf+, - während mir aus magischen Tiefen - auftaucht mit melodischem Ruf - - -Venus Anadyomene. - - Das ist die alte Stimme wieder, - aus langen Träumen jung erwacht. - Sie sang die allerersten Lieder, - trunken und schüchtern. Sie singt und lacht: - - Über dem grünen Roggenmeere - wiegte die Glut zwei Pfauenaugen. - Blühend roch die brütende Leere. - Tief im grünen Roggenmeere - lag ein Knabe mit blauen Augen. - - Das war, als du noch Fehle hattest, - noch alte Furcht und fremde Scham, - als du noch keine Seele hattest, - die nur aus +Deinem+ Blut dir kam. - - Aber du sahst die Falter leuchten, - mit flackernden Flügeln bunt sich greifen; - träumte dir von zwei dunkelfeuchten - Augen, und die sahst du leuchten - unter bunten flatternden Schleifen. - - Das war die Zeit des Schaums der Säfte, - die Ähren stäubten gelben Seim; - vieltausendjährige Sehnsuchtskräfte - erregten schwellend einen Keim. - - Ahntest unterm andern Kleide - andre nackte Glieder klopfen. - Deine Hände flackerten beide. - In die einsam heiße Haide - quoll ein erster Samentropfen. - - Das tat die Sehnsucht dieser Erde, - die opfernd um die Sonne schweift. - Sie sprach das allererste Werde. - Auf! Die Sprache der Mannheit reift. - - * - - Habe Dank, du dunkle Geisterstimme! - Ja, du hilfst mir meine Not begreifen. - Auf! ich fühls, wie trüb ich glimme; - laß uns nach Erleuchtung schweifen! - - Mühsam von Enttäuschung zu Enttäuschung - hab ich mich hierher gewunden, - um in eisiger Verkeuschung - starr zum Gleichmut zu gesunden. - - O! noch Einmal war mir aufgegangen - zweier Augen lockende Hoffnungsmacht: - eines Sommerglückes Prangen - mitten in der Winternacht. - - Als mein Herz am allerinnigsten bebte - -- Wundertäterin, hoffst du +noch+? -- - schloß ich’s ein in dies verspinnewebte - kahle Vorstadtkellerloch. - - Wie’s mich anhöhnt! Hinter mir, ihr Geister, - schnarcht die Mitwelt meiner Zelle: - mein schwerhöriger Schustermeister, - und sein närrischer Altgeselle. - - Wochendurch hat dieser ledige - Fleischfeind christlich mich zerrauft, - Schmachtriemsweisheit mir gepredigt; - +Tolstoi+ hab ich ihn getauft. - - Nacht für Nacht versucht von Träumen - dehn ich mich auf meinem harten Lager, - immer zuchtloser mich bäumend, - immer gieriger, immer magrer. - - Wie mich hungert! Wie die roten - Freudenfenster drüben blinken: - Blut, von dem die scheinbar toten - Geister meines Innern trinken. - - Trinkt! Beleuchtet mir die Pfade, - die wir trunken einst geirrt, - daß mir endlich, endlich doch die Gnade - glutgeläuterter Erkenntnis wird! - - Steig empor, du übersehr verschönte - Jünglingslust mit deiner üppigen Zierde! - Ja, ich hör mich, wie ich nach dir stöhnte, - ferne Göttin meiner ersten Begierde, - - -Venus Primitiva! - - O daß der Kuß doch ewig dauern möchte - -- starr stand, wie Binsen starr, der Schwarm der Gäste -- - der Kuß doch ewig, den ich auf die Rechte, - tanztaumelnd dir auf Hals und Brüste preßte! - - Nein, länger duld’ich nicht dies blöde Sehnen, - ich +will+ nicht länger in verzücktem Harme - die liebekranken Glieder Nächtens dehnen; - o komm, du Weib! -- +Weib!+ betteln meine Arme. - - O komm! noch fühlt dich zitternd jeder Sinn, - vom heißen Duft berauscht aus deinem Kleide; - noch wogt um mich, du Flammenkönigin, - und glüht im Aschenflor die Kupferseide. - - Gieß aus in mich die Schale deiner Glut! - Befrei mich von der Sünde: von dem Grauen - vor dieses Feuerregens wilder Brut, - von diesen Wehn, die wühlend in mir brauen! - - Es schießt die Saat aus ihrem dunklen Schooß, - die lange schmachtend lag in spröder Hülle; - ich will mich lauter blühn, lauter und los - aus dieser Brünstigkeit zu Frucht und Fülle! - - Ja, komm! satt bin ich meiner Knabenlust. - Komm, komm, du Weib! Nimm auf in deine Schale - die Furcht, die Sehnsucht dieser jungen Brust! - Noch trank ich nie den Rausch eurer Pokale. - - Auf Nelkendüften kommt die Nacht gezogen; - o kämst auch Du so süß und so verstohlen, - so mondesweiß! O sieh: auf Sammetwogen, - auf Purpurflaum, auf schwärzeste Violen - - will ich dich betten -- oh -- dich an mich betten, - daß alle meine Mächte an des Weibes - blendenden Göttlichkeiten sich entketten, - hinschwellend in den Teppich deines Leibes. - - Wunderlich, wie dies Erinnern - plötzlich mein Erschauern kühlt. - Ach! der Glutpokal war zinnern - und zerschmolz mir, kaum gefüllt. - - Dämpfe, die den Himmel schänden, - seh ich aus den Schlacken kriechen, - widerlich wie diese Wände, - die nach Pech und Moder riechen. - - Aus den hohen Häusern drüben dringen - durch die Schattenmassen Gespenster, - die den Glanz der Nacht verschlingen; - schon verdunkelt sich ein Fenster. - - Kommt! ich will die Stirn euch bieten, - Schatten meiner verpraßten Stunden, - der ich Tausenden gleich an dir gelitten, - Weib mit deinen Lasterwunden, - - bis ich auffuhr voll Entsetzen - vor dem Gift, das ich genossen, - aus dem Duftbann deiner seidnen Fetzen, - Weib der Gassen und der Gossen, - - -Venus Pandemos. - - Das war das letzte Mal. Im Nachtcafé - der Vorstadt saß ich, müde vom Geruch - der schwülen Sofapolster und des Punsches, - der vor mir glühte, und vom Frauendunst - der feuchten Winterkleider; müde, lüstern. - - Die Tabakswolken schwankten vom Gelächter - und feilschenden Gekreisch der bunten Dirnen - und derer, die drum warben. Das Gerassel - der Alfenide-Löffel am Büffet - ermunterte den Lärm des Liebesmarktes, - ununterbrochen, wie ein Tamburin. - Ich saß, den langen Mittelgang betrachtend, - und lauschte, wie das Licht des Gaskronleuchters, - der drüber hing, sich mühsam mit den Farben - auf den Gesichtern um die Marmortische - in seiner gelben Sprache unterhielt; - wozu der schwarze Marmor blank auflachte. - - Ich war schon bei der Wahl -- da teilte sich - die rote Türgardine neben mir: - ein neues Paar trat ein. Ein kalter Zug - schnitt durch den heißen Raum, und Einer fluchte; - die Beiden schritten ruhig durch den Schwarm. - Mir grade gegenüber, quer am Ende - des Ganges, als beherrschten sie den Saal, - nahmen sie Platz. Der bronzene Kronleuchter - hing über ihnen wie ein schwerer alter - Thronhimmel. Keiner schien das Paar zu kennen. - Doch hört ich rechts von mir ein heisres Stimmchen: - „Bejejent muß ik die woll schon wo sein.“ - - Er saß ganz still. Das laute Grau der Luft - schrak fast zurück vor seiner krassen Stirne, - die wachsbleich an die schwachen Haare stieß. - Die großen blassen Augenlider waren - tief zugeklappt, auf beiden Seiten lag - ihr Schatten um die eingeknickte Nase; - der dürre Vollbart ließ die Haut durchscheinen. - Nur wenn die üppig kleinere Gefährtin - ihm kichernd einen Satz zuzischelte, - sah man sein eines schwarzes Auge halb - und drehte sich sein langer dünner Hals, - langsam, und kroch der nackte Kehlkopf hoch, - wie wenn ein Geier nach dem Aase ruckt. - - Es wurde immer stiller durch den Raum; - sie blickten alle auf den stummen Mann - und auf das sonderbar geduckte Weib. - „Sie ist ganz jung“ -- war um mich her ein Flüstern; - auch trank sie Milch, und gierig wie ein Kind. - Doch schien sie mir fast alt, so oft die Zunge - durch eine Lücke ihrer trüben Zähne - spitz aus dem zischelnden Munde zuckte, während - ihr grauer Blick den Saal belauerte; - das Gaslicht gleißte drin wie giftiges Grün. - - Jetzt stand sie auf. Sein Glas war unberührt; - ein großes Geldstück glänzte auf dem Marmor. - Sie ging; er folgte automatisch nach. - Die rote Türgardine tat sich zu, - der kalte Zug schnitt wieder durch die Hitze, - doch fluchte Keiner; und mir schauderte. - - Ich blieb für mich -- ich kannte sie auf einmal: - es war die Wollustseuche und der Tod. - - * - - Weicht, ihr Schatten! -- Wie sie zucken, - wie die Fensterhöhlen drohn! - Ja, ihr mögt manch Opfer schlucken; - aber ich, ich sprech euch Hohn! - - Die Laternen flackern greller, - jäh erlosch das letzte Fenster; - jeder Stern erscheint noch heller -- - niemals sah ich die Nacht beglänzter! - - Ich! Denn ach --: ich kenne Einen, - der sah nie zu gleicher Zeit - Sterne, Fenster und Laternen scheinen -- - dieser Ärmste tut mir leid. - - Beim Geschmetter einer Blechkapelle - kann er keine Nachtigall hören, - ohne daß sich auf der Stelle - seine zarten Ohren empören. - - Ich indessen -- o Mirakel -- - höre das Lied der Nachtigallen - durch den ärgsten Höllenspektakel - nur noch himmlischer erschallen. - - Ich Barbar! ich brauch mir meine - Nerven nicht zu vergesundern; - ich kann beim Laternenscheine - manchen Stern erst recht bewundern. - - Mir wehrt keine Kunstscheuklappe - meinen freien Blick durchs Fenster, - weder Holz noch Blech noch Pappe -- - niemals sah ich die Nacht beglänzter! - - Leucht auch du mit deinem reinsten - Licht, du Spürkraft meiner Seele, - die mitfühlend im gemeinsten - Wicht noch scheut die eignen Fehle! - - Denn ich weiß, wie Du mich Einsamen - einst zum edelsten Trotz anschürtest, - als ich dich, du Allgemeinsame, - selbst im schmutzigsten Elend spürte, - - -Venus Socia. - - Da gabs Branntwein und Bier, - im Spelunkenrevier, - und ein Lied scholl rührend durch die Tür; - und das sangen und spielten die traurigen Vier, - ein Vater mit seinen drei Töchtern. - Er stand am Ofen, die Geige am Kinn, - schief neben ihm hockte die Harfnerin, - und die Jüngste knixte und schloß ihr Lied, - die Geige machte ti-flieti-fliet: - „War Eine, die nur Einen lieben kunnt.“ - - Die Dritte ging stumm - mit dem Teller herum, - ums polternde Biljard, blaß und krumm; - und nun drehte der Alte die Fidel um - und klappte darauf mit dem Bogen. - Und auf einmal schwieg der Keller ganz, - die Jüngste hob die Röcke zum Tanz; - die Harfe machte ti-plinki-plunk, - und die Jüngste war so kinderjung - und sang zum Tanz ein wüstes Hurenlied. - - Sie sang’s mit Glut, - das zarte Blut; - und der schwarze zerknitterte Roßhaarhut - stand zu der plumpen Harfe gut, - mit den weißen papiernen Rosen. - Laut schrillten die Saiten tiflieti-plunk, - und Alle beklatschten den letzten Sprung, - und vor mir stand die Tellermarie. - „Spielt mir noch einmal“, bat ich sie, - „War Eine, die nur +Einen+ lieben kunnt“! -- - - * - - All mein dumpfes Glückverlangen - schien dies eine Wort zu klären; - meine guten Geister sprangen - auf, als sei’s Musik der Sphären. - - Am Altar der Seele traten - sie zusammen, flugbereit: - Zartsinn, Ehrfurcht, Großmut, Lust zu Taten, - Sehnsucht nach Unsterblichkeit. - - Aber während sie die Herrin feiern, - übermannt mein sterbliches Herz ein Schaudern: - wird sich je mein Glück entschleiern? - Und ich seh mich vor dir zaudern, - - -Venus Excelsior: - - Ich träume oft von einer bleichen Rose. - Hell ragt ein Berg; sie blüht in seinem Schatten, - zum fernen Licht aufschmachtend mit dem matten - Traumblumenblick aus ihrem dunklen Loose. - - Dann bangt sie mich; tief stockt mein Schritt im Moose. - Doch weiter muß ich, muß das Ziel erreichen, - den Gipfel mit den immergrünen Eichen; - so steh ich schwankend zwischen Berg und Rose. - - Denn wie sich auch mein Fuß bemüht zu kämpfen, - ich kann die süße Sehnsucht nicht mehr dämpfen, - aus ihrem Kelch den edlen Duft zu schlürfen. - - Da --: Flügel --: frei! -- und an der Brust die Blume! - Schon naht der Hain mit seinem Heiligtume, - wo auch die Rosen immergrünen dürfen. - - * - - Aller Wunder wundersamstes, - wie ergründ’ich dich, du Macht, - die du uns den Lichtweg bahntest, - Seelenwelt, gehüllt in Nacht! - - Du, o Du, welch Flehn, welch Stammeln - doppelter Bewältigung: - Seel in Seele stürzt zusammen, - Dämmerung in Dämmerung. - - Seele, Seele, wie entbrannten - angstvoll dein und mein Gesicht, - bis wir ahnten und erkannten: - aus der Dämmerwelt wird Licht! - - Fremde Seele, mir erzitternde, - mir aus all der Seelen Schaar, - Welt, die meine Welt erschütterte, - mich verwandelnd ganz und gar, - - bis aus unserm bangen Bunde - auch das letzte Staunen wich -- - ja, noch lebst du mir im Grunde, - lauschend, wie dein Blutgeist mich - - aus dem Körperbann der Erde - los und in ein Lichtreich rang, - wo wir stammelten: es werde! - wo auch +mein+ Blut in dich drang, - - -Venus Creatrix. - - O meine bleiche Braut! du blasse Wolke - im Arm des Sturms! du bebend Haupt, - an meine Brust geneigt aus deinen Schleiern: - erbleichst, erbebst du +mir+? - O nun erglühst du, heimlich Willige du, - nun öffnest du die herzverklärten Augen! - nun ringt sich von den Lippen dir mein Name, - und inniger küss ich dich -- wir sind allein. - - Allein. O komm, das Licht der Ampel - wirft Schatten; komm! heut soll kein Schatten sein, - heut sollen alle, alle Lichter leuchten, - in einer See von Licht sollst du mir schwimmen, - du weiße Möwe meine! Flüchte nicht: - sieh, selbst dem keuschen Himmel noch verwehr ich - zu lauschen -- horch: der Vorhang rauscht, o komm! - und jeden Spalt verschließ ich faltenschwer, - daß nicht die Nacht, die silbern blauende, - erröte, muß sie deine Schönheit dulden, - daß nicht der Sterne reine Glut - sich neidisch trübe, sehn sie Deine Reinheit. - - Tu ab die Myrtenkrone, den Gürtel, komm, - du bist allein! Die jungen Rosen nur, - schlaftrunken über unser Bett gebeugt, - spinnen duftbange Träume - von purpurner Entfaltung scheuer Knospen; - die Rosen nur -- und ich. - - Und wie in Träumen, wie auf Düften leicht, - von Licht zu Licht mit leuchtenden Händen gleit’ich - und winke -- und du kommst. - Da sinken und schwinden - hell von uns weg die irdischen Hüllen alle: - aus seidnen Wogen steigst du her zu mir, - und Brust an Brust gedrängt von blendenden Schauern, - von goldnen Dunkelheiten weit umwölkt, - wiegen uns fernhintastende Schwingen - Schooß an Schooß hinüber - in die Gärten der Ewigkeit. - - Flammen der Sehnsucht wachsen da, - glühende Bäche voller Erfüllung treiben - da in Eins die einsam pulsenden Seelen, - Puls in Puls in Glanz ergossen verbluten - heimwehwild die zuckenden Wünsche, - hoch auf strudelt todesselig der Wille, - dürstend umsaust ihn der Odem der Allmacht, - und den weltdurchfurchenden Fittig senkt die Inbrunst, - auszuruhn vom Fluge am Herzen Gottes: - still in matter Hand - beut sie die flimmernden Tropfen - seinem befruchtenden Anhauch dar: ich fühle - -- fühlst du? Geliebte -- die Quellen des Lebens rinnen! - Mund an Mund Ihm: trinke! Trunken - stamml’ich nach - das Schöpferwort. - - * - - O Geheimnis der Empfängnis: - einen Schleier wollt ich lüften, - und Verhängnis hangend um Verhängnis - schwillt aus Auferstehungsgrüften. - - Wie erfass ich euch, Gewalten: - Welt, die schicksalvolle Nebel ballt, - bis sich Hirngespinnste draus entfalten, - Mummenschanz der Allgewalt! - - Helft mir, Sterne! Hüter ihr des Zwanges, - den ich einst als Freiheit pries, - feurige Führer meines Überschwanges, - ja, ihr schürt das Paradies - - himmelstürmenden Schöpferwahns mir wieder, - und mein Haupt wie damals reckend - -- Blitze stürzten um mich nieder -- - fühl ich, wie ich mich am Schrecken - - meiner glutgeblendeten Braut berauschte - und mich selbst als Gott besang, - der mit keinem andern tauschte, - weil ihn +Deine+ Glut bezwang, - - -Venus Urania. - -Psalm an den alten Gott - - Der du in Gewittern hausest, - kommst du, Grollender? - Tief von unten, - über Berge und Wolken her: - suchst du Mich, im dunkeln Mantel Du, - schwarzgekrönter Wetterherr, - mit der bleiernen Stirne? - - Höher doch! näher! herauf zu mir, - mir und meiner Sonne, - die ich aus Abgrundnacht an meinen - Himmel setzte mit kettendem Blick, - die mich erleuchtet, von mir durchglüht, - aufgegangen in eine große - einige einzige Strahlenwelt! - - Ja, du suchst uns, - willst uns segnen, - Du mit deiner Donnerglockenstimme, - willst empor zu +unserm+ - Strahlenherd, Strahlender du! - Sehnst dich, hell in unser helles - lichtfrohlockendes Glück zu blicken, - du +auch+ ein Lichtsproß, - Lucifer, Lichtschleudrer, - weltbelebender Erschüttrer -- komm! - - Denn wir kennen dich: - du bist mein Bruder! - Komm und sieh: hell - schaun auch Wir dir - durch die nachtgraue Maske - in dein glühend blutendes Herz, das gute: - Du wirfst Kraft, - Liebe aufs schmachtende Feld herab, - wenn du mit wuchtender Faust - krachend zersprengst - die dumpf drückende Dunstlast. - - Tobe nur, Kommender! nimm, - hebe die splitternde Axt! - Hebe die düstern, schönen, - schattenumhangenen Lider! - Grüßt mich, sprüht, ihr jähen, - Ewigkeit aufschließenden Blicke: - ja! ich will mich satt sehn, satt - an dieser funkelnden Unendlichkeit. - Auf, ihr stürmischen Lippen auch: - aus eurem rollenden Lobgesang dröhnt mir - das machtvolle Wort vom Samen der Sehnsucht, - vom Keim der Kämpfe, der Atem der Lust! - - Sonne, meine Sonne, - sieh: er hört uns! - Weh: Er: stählerne - Ströme sein Blick! - Über dir -- rette dich -- - Sonne, wo +bist+ du -- - hilf -- o Sonne -- - lieg’ich umklammert, - liege von blendenden, - wilden, sausenden Wonnen durchbohrt. - - Sonne, mein zitterndes Licht: - lache! -- nur den Baum, - sieh, den Felsen nur - traf sein zischendes Beil. - Hörst du ihn jauchzen? - über der klaffenden Buche, - über den talab polternden Trümmern, - im flatternden Bart ihn - jauchzen sein schmetterndes Lied: - - Wecke den Tod, - Echo! hell loht - von Stamm zu Stamm der Strahl der Kraft; - einer stürzt, der tausend drückte. - Stürzt der Ragende, wachsen die Ringenden; - tausend wachsen, Einer ragt. - Tod zeugt Leben -- stammelt die Menschheit unten; - hochher schweigt dazu die Ewigkeit. - - Auf, mein knieendes Glück! - Grolle nur, Donner! Blitz, - greller noch! triff, zerbrich, - was furchtsam zitternde Kronen trägt! - Uns segnest du, - uns prüftest du, - Blut von Deinem Blut, mit heißen - Fingern in deiner Flammentaufe. - - Wir, mein Zitterndes, auf! - wir sind fromm und heilig: - mit gefeitem Diademe krönte - uns die Liebe, - unsre lichtfrohlockende Liebe, - zitternd von Andacht und Inbrunst! Und -- - ja -- und trifft auch Uns er, - will ein Bruderopfer Seine Liebe: - nimm uns, Lucifer! herrlich - stürzen wir hin ins Licht auf, - vermählt verglühend in deiner reinen, - in unsrer eignen reinen Glut. - - Nein, wir fürchten dich nicht, - rasend liebender Bruder! - Wir sind Welt wie Du, - Lucifer, Lichtbringer: - Ich und meine Sonne, - die wir Eins mit allem Licht der Welt sind, - wir +lieben+ Alles, - alle Welt muß +Uns+ lieben! - - * - - Aber dann ward trunkne Stille; - wars die Stille der Ermattung? - Taumelnd stand mein junger Wille - vor dem Zwiespalt der Begattung. - - Sollte nicht ein Sturm von Wonne - aufsprühn, der zwei Welten einigte? - Warum zagte meine Sonne - vor dem Glutwind, der mich reinigte? - - Stumm vernimmt das längst entwichene - Himmelreich mein wehes Fragen. - O verzeih mir, du Verblichene! - heut versteh ich dein Verzagen. - - Griechin solltest du mir werden, - Jüdin bliebst du allerwärts; - ach, mit Übermenschgeberden - griff ich in dein menschlich Herz, - - -Venus Religio. - - Karfreitagsruhe. Fühlst du’s +auch+: - dies bange Grün, und diesen Hauch, - der drüber träumt? - Und fühlst du’s, wie der Fliederstrauch - von Knospen perlt und überschäumt? - - Und sehnen deine Brüste sich - dem Auferstehungsmorgen zu, - wie’s Magdalenen innerlich - nicht ließ in Ruh, - bis sie zum offnen Grabe schlich? - - Denn übermorgen graut der Tag - ins Frühlingsfeld, - da unterwarf sich Der die Welt, - den einst dein Volk dafür gequält, - daß eine Sehnsucht in ihm lag. - - Viel Glocken läuten zu mir her, - wie Grufthauch schwer, wie Lufthauch leer; - wem läuten sie? - Das waren Deine Glocken nie - und sind nicht Meine Glocken mehr. - - Im Flieder hängt ein altes Laub; - du willst nun mein sein ganz und gar. - Noch liegt der Hain voll Moderstaub; - ist dir auch klar, - daß mir dein Gott nie heilig war?! - - An seinem Grabe dürstet mich - nach einer neuen Menschheit, Du! - Fühlst du’s wie ich? - Sag: sehnen deine Brüste sich - dieser Auferstehung zu? -- - - * - - Ja, so spielt ich schier Gottvater, - schwebend ob der Flucht der Zeiten. - Barg mein Allgeist nicht das Riesentheater - künftiger Menschenmöglichkeiten? - - Mit aufbrausendem Gefieder - packt mich wie ein flammenbekränzter - Phönix dieser Glaube wieder -- - niemals sah ich die Nacht beglänzter! - - Barg des Weibes Schooß nicht Schicksalsspiele, - mehr als alle Himmelsräume? - Herrisch rief ich sie zum Schöpferziele, - die Erfüllerin meiner Träume: - - -Venus Madonna. - - Aus Mannesadel wächst des Weibes Tugend: - Götter vermag sein Geist ihr zu gebären. - Des Griechen Schönheitswille sah die Sphären - beherrscht von Aphroditens Reiz und Jugend; - - dem Christen aber ward die Reinheit Wesen, - selbst noch die Mutter will er sich verklären - und beugt sich vor Marias Hochaltären, - die keusch des Sohns, des keuscheren, genesen. - - Nun kommt die Zeit, daß Männer freier denken - und ihren eignen Stamm von Gottessöhnen - hell mit dem Huldbild ihrer Freiheit krönen, - - bis Alle Allen die Erleuchtung schenken, - die Wir uns schenkten, Sonne meiner Wonne, - du keusche Venus, reizende Madonne! - - * - - Doch da saß mit seligem Händefalten, - saß mit einem Lächeln stillen Wehrens, - wie befremdet von den Traumgestalten - meines übersinnlichen Begehrens, - - saß als Eine, die Gott siegen sieht, - wie er siegte schon zu Evas Zeit, - saß und sang ein frommes Wiegenlied, - ganz erfüllt vom Glück der Wirklichkeit, - - -Venus Mater: - - Träume, träume, du mein süßes Leben, - von dem Himmel, der die Blumen bringt; - Blüten schimmern da, die beben - von dem Lied, das deine Mutter singt. - - Träume, träume, Knospe meiner Sorgen, - von dem Tage, da die Blume sproß; - von dem hellen Blütenmorgen, - da dein Seelchen sich der Welt erschloß. - - Träume, träume, Blüte meiner Liebe, - von der stillen, von der heiligen Nacht, - da die Blume Seiner Liebe - diese Welt zum Himmel mir gemacht. - - * - - Und gleich ihr in Demut hingegeben - sollt ich stolz mich Vater nennen. - Vor mir lag dies Klümpchen Leben, - kaum als Menschlein zu erkennen: - eine Laune meiner Lenden -- - daran sollt ich Gottgeist mich ergetzen? - damit sollt ich Weltumwälzender enden? - Ich erkannte mit Entsetzen - - -Venus Mamma. - - Aber nicht wieder! Nein, nie wieder! - Ja, du wolltest mich beglücken: - wie sie an dein Fleisch sich drücken, - diese hilflos kleinen Glieder. - Aber mir diese Lust beschauen, - ist mir ein Grauen. - - Zu tief sah ich unsrer zahmen Katze - in die mütterlichen Augen, - sah die täppischen Jungen saugen - unter der steifgezückten Tatze; - und der zarten blinden Brut - schmeckte das alte Raubtier gut. - - Decke die Brust zu, wenn die Lippen - deines Sohnes dich berühren! - laß ihn andere Wonnen spüren - als den Blick der Ahnen und der Sippen! - Nein, ich wollte dich nicht betrüben; - nur -- nur anders laß uns lieben! - - Bebt’ich doch selber, als ich ihn küßte, - und ich will die Wonnen der Ammen - nicht verdammen; - dunkel ist der Zweck der Lüste. - Aber die Mütter -- nein, schweigen wir! - wehe, der Mensch ist ein Säugetier. - - * - - Einsamer als je begann ich - meine Seele zu belauern. - Wozu sehnte, wozu sann ich? - Nur um unsern Wollustschauern - - heilige Masken vorzustecken? - War dann nicht im Hochzeitskleide - das Getier der Frühlingshecken - gottbegnadeter als wir beide? - - Welch ein Jubel der Erhörung, - dies Geschwirr, Gegirr, Geraune! - Mit Bestürzung, mit Empörung - lernt ich deine Macht anstaunen, - - -Venus Natura. - - Durch einen menschenleeren Garten irrend - geriet ich an ein Pfauenpaar; der Pfau - stand mit gespreiztem Rad vor seiner Frau, - die Flügel tief gesträubt, von Lichtern flirrend. - - So stand er kreisend, sich die Henne kirrend, - und bannte sie zu feierlicher Schau; - starr federte das goldne Grün und Blau - des steilen Schweifes, vor Erregung klirrend. - - Jetzt überfällt er sie, und seine Zier - peitscht wild die Luft, die heiße; funkelnd spaltet - der Radsaum seine Speichen, daß sich mir - der Gartenkreis zum Paradies gestaltet -- - - O Mensch, wie herrlich ist das Tier, - wenn es sich ganz als Tier entfaltet! -- - - * - - Denn der Mensch: der eignen Notdurft Spötter, - ja, so war seit je ein Halbgott er. - Schob er seinen Ursprung +drum+ auf Götter: - Mensch noch nicht, und Tier nicht mehr?! - - Wo ich hinsah, äfften sich Begierden, - die sich ihrer nackten Herkunft schämten, - Brünste, die mit schlangenhäutigen Zierden - ihre tückische Unvernunft verbrämten. - - Eine ungeheure Tollsuchtwildnis - dünkte mir der ganze Schöpfungsplan, - mittendrin der Menschheit tönern Bildnis - mit dem Stempel: reif zum Größenwahn. - - O vermöchte jene Zeit der Schrecken - meinen Dünkel immerfort zu dämpfen! - Wieviel Ekel mußt ich schmecken, - wie verbissen mit dir kämpfen, - - -Venus Bestia! - - Ich und ein Freund, wir saßen einmal - in einem menschenheißen Weinlokal; - zwei Tisch weit neben uns saßen - ein Herr und eine Dame, offenbar - -- den Ringen nach -- ein jüngeres Ehepaar, - deren Blicke sich manchmal vergaßen. - Mein Freund sah weg, wir lächelten eigen, - wir schwiegen unser bestes Schweigen. - - Der Gatte nahm grad die Speisekarte, - den kleinen Finger gespreizt -- dran saß - ein Nagel langgefeilt und leichenblaß, - der spitz wie eine Kralle starrte; - der Zeigefinger war stumpf beschnitten. - Die Frau saß weich zurückgesunken; - aus ihren Augenhöhlenschatten glühten - wie zwei Kohlenfunken - Blicke hinüber auf seine Finger, - dunkle, gleißende Blicke hin. - Ich weiß nicht, mir kam der Raubtierzwinger, - der Zoologische Garten in Sinn; - ja -- die Tigerin! - - So lag sie neulich hinter dem Gitter, - glimmende Gier im schwarzen Blick, - im gelben Fell ein leicht Gezitter, - und wartete brütend auf das braune Stück - Fleisch, das draußen der Wärter brachte, - das tote Fleisch -- es roch so matt, - nicht warm nach Blut -- sie lag so satt. - Jetzt kam er; ihr purpurnes Auge lachte, - es war doch Fleisch! Hoch griff sie zu, - die triefenden Kiefer kniff sie zu; - nun lag sie drüber mit brünstigen Pranken, - die Zunge gekrümmt, die Zähne stier, - sie konnte nicht fressen vor röchelnder Gier, - flackernd leckte der Schweif die Flanken, - im Blick ein Grün von hohlem Hasse. - Wie dieser Tigerin klaffender Rachenschlund - war mir das Auge der Frau da -- und - da sagte mein Freund: Du, das Weib hat Rasse! - - Jetzt hob der Gatte das Genick; - dem saß der gelbe Wolf im Blick. - Zittrig über sein hart glatt Kinn - strich sein Krallennagel hin; - ein goldnes Münzenarmband hing - ihm ums Handgelenk und machte kling. - Seine breitroten Lippen glühten - durch den magern Schnurrbart wie Dornstrauchblüten, - die Backen schmeckten ein Gericht; - dann senkte sich wieder sein Gesicht. - Ich sah eine lautlos stürzende Meute, - mit keuchenden Zungen, durch bleiche Nacht, - steif die Ruten gesträubt, fern Schlittengeläute, - die witternden Nüstern steil ins Weite, - in wütender Jagd -- - und jeder aus der schäumenden Masse - würde, den heißen Hunger zu kühlen, - blind auch im Fleisch des eignen Geschlechtes wühlen -- - da bemerkte mein Freund: Du, auch der Kerl hat Rasse! - - Jetzt wurden sich die Beiden schlüssig, - sie trafen sich mit ihren Augen; - die schienen sich ineinander zu saugen, - fast durstig und fast überdrüssig, - ganz langsam. Und plötzlich stand mir klar - das große nackte Schneckenpaar - in dem nassen Fliegenpilz vor Augen, - das ich gestern traf im feuchten Park; - ich sah die beiden schwarzen Schleime - in dem weißen Fleische, dem giftigen Mark - des roten Pilzes schmausen und saugen - wie in einem Honigseime -- - und sah dort drüben den Gattenblick. - Ich mußte: ich schob den Stuhl zurück: - Komm! stieß ich mit dem Freunde an. - Er wunderte sich: Warum denn, Mann? - Komm, sagt’ich, bitte, tu mir die Liebe! -- - Wir gingen. Wir traten auf die Straße, - ins Wagengerassel, ins Menschengeschiebe, - und immerfort hört ich: Rasse! Rasse! Rasse! -- - - * - - Immer fort -- selbst +sie+ bespähend, - die Genossin meiner Wahl, - o wie lieblos ihre Huld verschmähend - unter meines Argwohns Qual: - - Bettle nicht vor mir mit deinen Brüsten, - deinen Brüsten bin ich kalt! - Tausend Jahre alt - ist dein Blick mit seinen Lüsten. - - Sieh mich an, wie du als Braut getan: - mit dem Blick des Grauens vor der Schlange! - Viel zu lange - war ich, Weib, dein Mann. - - Willst du Gift aus meinem Fruchtkern saugen? - Unerreichbar ist er deinem Biß! - Kaum erst keimt mein Paradies; - such es! öffne deine Menschenaugen! -- - - Und wir suchten. Aber auf dem Wege - fanden wir uns seltsam aufgehalten, - kam uns ein verirrter Geist entgegen, - altbekannt, doch nicht der alte: - - -Amor modernus domesticus. - - Er ritt ein dunkelgraues Eselchen, - zwei bunte Tiere liefen vor ihm her, - wir konnten sie von ferne nicht erkennen. - Wir gingen still durch eine stille Flur, - ich und die Frau, die mir aus Liebe treu blieb, - wir gingen langsam eine lange Straße. - - Die Pappeln zeigten schon vergilbte Blätter, - ein Dornbusch setzte neue Blüten an, - der Himmel schien auf abgemähte Wiesen - und streute Schatten auf die bunten Tiere; - Dorfkinder trabten um das Wunder mit. - Als nun aus ihrem Schwarm das Ohrenschütteln - des Eselchens allmählich mehr hervortrat, - erkannten wir: die Tiere hatten Hörner - und ihre Farben waren nicht Natur: - vor einem blaugetünchten Ziegenbock - lief eine schwarz und rot gefleckte Ziege. - Der Reiter aber auf dem Eselchen - war ein entzückend wilder schwarzer Krauskopf, - und lächelte mit jungen roten Lippen, - und seine blauen Augen rührten mich. - - Vor ihm und hinter ihm auf seinem Grauchen - hing allerlei unnützer Tändelkram, - wie Liebesleute sich zu schenken pflegen: - und jedes Stück war grell in Rot und Blau - und Schwarz mit einem Heiligenbild bemalt, - ich dacht an Hölle, Himmel und den Tod. - Der schöne Junge aber nickte hold - und rief uns beiden zu: „kauft, liebe Leute!“ - und hob glückselig seine Waare hoch. - - Auf einmal kam das bunte Ziegenpaar - mit kläglichem Gemecker angesprungen, - daß sich der Kinderschwarm beiseite drückte, - und ich erschrak bis in die Eingeweide: - ich sah, der schöne Junge war verkrüppelt. - Die Beine hörten mit den Knieen auf, - die linke Hand war nur ein spitzer Stumpf, - der rechten mangelte der Zeigefinger. - So saß er zügellos auf seinem Grauchen - und schüttelte den schwarzen wilden Krauskopf - und hob glückselig seinen Kram noch höher - und sah uns rührend und entzückend an. - - Und während ich noch stand und schauderte, - durch welch ein Unheil so entstellt sein mochte - die Lieblichkeit und Leiblichkeit des Lebens, - sagte die Frau, die mir aus Liebe treu blieb: - „Der arme Bursche! wie er sich verstellt!“ - Der schöne Krüppel aber lächelte - und sprach: „So wenig wie mein Eselchen! - nur meine beiden Ziegen tun mir leid.“ - Sie fragte: „Warum dann bemalst du sie? - das muß dir doch sehr große Mühe machen; - durch welch ein Unheil bist du so entstellt?“ - Da wurden seine roten Lippen traurig, - er blickte scheu auf seine Heiligenbilder - und sagte leise vor sich hin: „+Geschäftspflicht+“ -- - die blauen Augen winkten uns Lebwohl. - - Noch lange sahn wir in der langen Straße - zwischen den Pappeln die Dorfkinder traben, - und sahn sein dunkelgraues Eselchen - und ab und zu sein buntes Ziegenpaar; - der Himmel schien auf abgemähte Wiesen. - - * - - „Pflicht“ -- o Schreckwort jeden Übermuts -- - spukhaft fuhr mir’s durch die Knochen. - Stockte nicht vor lauter Pflicht mein Blut? - Sollt ich selbst mich unterjochen? - - Treue -- ah! du Deckwort jeder Knechtschaft -- - wütend schlug ich’s in den Wind. - Gab mir meine Qual nicht Rechenschaft, - was für Übel alle Tugenden sind?! - - Noch auf meinem stillen Lager heute - mahnt mich all mein reuiges Ringen - an die Wüstheit jener Rittersleute, - die vor Gottgier meist zum Teufel gingen. - - Wie entraff ich mich dem heiligen Greuel? - Infernalisch wie ein blitzegeschwänzter - Drache lockt mich meiner Zweifel Knäuel -- - niemals sah ich die Nacht beglänzter! - - Gleißner ich! mit was für Reizen - hab ich stets mein Bestienpack bedacht, - vor mir selber mich als Priester spreizend, - der gewaltige Sündenböcke schlachtet! - - Wie empfand ich mich als Sittenrächer, - der den Dämon seines Bluts befriedigte, - während ich, ein simpler Ehebrecher, - mich zu dir erniedrigte, - - -Venus Adultera. - - Komm, Schatz; komm, Katz; laß das Wimmern! - Nein, das darf dich nicht bekümmern, - daß ich nicht „treu“ bin; rück nur her! - Komm, ich hab ein Dutzend Seelen; - wer kann all die Kammern zählen, - sechse stehn mir grade leer. - - Sieh nicht auf den Ring an meinem Finger! - Hoh, mein Kind, ich bin viel jünger - als mein narbigtes Gesicht. - Weißt du, die Runzeln und die Hiebe - tun erst die Würze zu Ehre und Liebe! - Ja, das nannt ich als Student schon Pflicht: - - Viel geliebt! noch mehr getrunken! - kuscht euch, Unken und Hallunken! - heida, wie der Schläger pfiff! - Soll das Leben dir was nützen, - lerne brav dein Blut versprützen: - nicht gezuckt! los! blick und triff! -- - - Hast doch auch schon „Blut“ verspritzt, - oft -- -- hui, wie dein Auge blitzt: - zürnst wohl gar dem frechen Buben? - Was denn: Tränen?? o nicht doch! oh! - Herzchen, so’was lernt man so - in der Luft der Ehestuben! - - Komm: sei gut, Kind! gib mir die Hand! - Hast ja Mut, Kind -- und hast Verstand: - nein, ich will dich nicht verführen. - Aber gelt, du wärst gern Braut? - Hier das Venushalsband deiner Haut - läßt verhaltene Wünsche spüren. - - Sieh mich doch an, du: ich bin kein Dieb! - habe das Halsband nur so lieb - und deine dunkeln Augenringe. - Sieh doch, mein Blick ist ein zündender Pfeil, - sprühenden Fluges ein sausendes Seil: - komm, durch Höllen und Himmel soll’s uns schwingen! - - * - - Ja -- so wird aus Sehnsucht Sünde; - Hölle, die den Himmel stürmt. - Seele öffnet alle Schlünde, - die der Geist rings mühsam übertürmte. - - Und Natur schürt wieder alle Gluten, - die der Mensch beherrschte in Gedanken; - lüstern lecken ihre Lavafluten - an dem Erzgerüst der heiligen Schranken. - - Wie es hinschmilzt! Wer kanns kalt beschauen? - Nur der Mond in seiner Leichenpracht. - Und die Seele badet sich im Grauen, - und der Geist buhlt mit der Nacht. - - Bis er Frevel heckt wie Don Juan, - der nur lüstern war aus Qualengier, - ein vom Teufelswahn verlockter Gottesmann, - freudeloser als ein Tier. - - Nein, nicht Lust wars, du Jungfräuliche, - als ich deine Opferfreude schmeckte; - ich genoß nur das Abscheuliche, - zu entweihn dich Unbefleckte, - - -Venus Maculata. - - Drum komm, o komm, noch einmal schweigt - so voll ins Feld, so glanzbereit - der Mond ins Feld; noch einmal zeigt - die weite Nacht, - die zweite Nacht, - mir deine nackte Seligkeit. - - O komm, o komm, ich will dich sehn! - rings rauscht der alte Eichenhain; - die langen Wiesenhalme stehn - so still, so weich - am kleinen Teich, - und schimmernd tauchen wir hinein. - - Und schimmernd, schimmernd heb’ich dich - heraus ins dunkelgrüne Kraut; - dein schwarzes Haar umrieselt mich, - der Tau wird warm, - und Arm um Arm - erkennt den Bräutigam die Braut. - - Und dann -- o dann -- o flieh! -- denn dann: - wir hatten Schooß in Schooß geruht: - von einer weißen Blüte rann, - du sahst es nicht, - im bleichen Licht - ein Tropfen Blut -- Dein Tropfen Blut ... - - * - - Eitle Rührung, frech Bedauern, - Räubermitleid nach dem Raube. - Oder wars ein echt Erschauern? - Narr, was fragst du -- glaube! glaube! - - Selbst der Reinste muß erleben, - von Verführungen umtobt, - daß der Geist sein wahres Streben - an Verirrungen erprobt. - - Und da lass ich mich von schalen - Skrupeln bis aufs Blut zerquälen? - hier, wo hochher Sterne strahlen, - die zu frischem Mut mich stählen! - - Nein, ich will mirs kühn bekennen: - auch die Lüste, die wir schuldbewußt - Unnatur und Unzucht nennen, - sind Natur und neue Züchtungslust -- - - ich, der selber einst tiefinnen - nur empor nach freierer Menschheit ächzte, - während meine tierischen Sinne - doch nach Dir tyrannisch lechzten, - - -Venus Perversa. - - Dort sitz nieder! sieben Kreuze - zwischen uns! und gönn mirs: sei nicht Tier! - Sondern ich suche andere Reize: - Dich: komm, liebe dich vor mir! - - Dich nur, Dich! nur deine verschmachtenden Blicke - und deine zuckende Scham und deine scheuen - Seufzer gönn mir -- ja, entzücke - mich mit Deinen Rasereien! - - Oh du, wenn die Knospen deiner welken - Brüste unter deinen tastenden Fingern - wieder schwellen wie in jüngern - Nächten -- oh, dies Schwelgen -- - - gönn mir’s, gönn mir’s! Meine eigenen Freuden - sind mir Schaum, der bitter ist -- - aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst, - will ich mich an Deiner Wildheit weiden: - - wie du gleich enttäuschten Bräuten - deine einsame Sehnsucht stilltest, - deine heimlichen Seligkeiten - mit berauschten Händen fühltest -- - - fühlst -- stillst -- -- Seele, bricht dein Blick? - Oh du, laß mich diesen Blick genießen! - dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen! - recke dich nicht so starr zurück -- - - Ekelt dich? -- Ah --: witterst du nun den reifen - +Menschen+? bist du satt der Kuhnatur?! -- - Und wir schaudern: wir begreifen - den Triumph der Unnatur. - - * - - Wohin fliehn nach solchen Wonnen? - Damals lernt ich die Ekstasen - der entbehrungssüchtigen Nonnen - würdigen, und das geistige Rasen - - derer, die vor lauter Brünsten - nach der reinen Inbrunst schreien, - während sie mit Marterkünsten - bis zum Rausch ihr Fleisch kasteien. - - Wahrlich, wenn der Heiligen einer - jetzt vor meinem Bett erschiene, - brünstiger als ich rang keiner! - Und mit eingeweihter Miene - - dürft ich ihm die Hände reichen: - Komm, hier kannst du ruhig beten. - Mußte doch selbst sie mir weichen, - die Versucherin der Asketen, - - -Venus Mystica. - - „Ich möchte die Flamme umarmen!“ - Aus schwerem Schlaf - in stiller Nacht - weckte mich dies Wort; - ich weiß nicht, wer es sprach; - Stimme, wer bist du? - - Nackt, mit bettelnden Fingern, - weiten Armen, - mit Weibesbrüsten, - ein irrer Mund, - flehst du aus der Nacht - die große strahlende Flamme an? - Weg! sie brennt! - - Trunken naht ein grauer Blick, - schwelt: - um die klare Glut - mit beiden Knieen - schlingt sich heiß ein hitziger Schooß. - Weib: so nicht! - - Kalt, aufrecht seh ich - in dein rauchschwarz flackerndes Haar - die lichte Lohe fassen, - dich verzehrend. - Rein und ruhig - steigt die feurige Säule - aus der kurzen Beschattung - mit dir auf. - Stimme, so, nun darfst du - -- jauchze! -- die Flamme umarmen. - - * - - Wohl, so hat mein Herz in Züchten - mein unzüchtig Blut bekämpft, - hat in Angst vor seinen Süchten - seine Sehnsuchtsglut gedämpft, - - hat mir Sieg auf Sieg errungen, - aber Frieden, Frieden -- nein! - In gespenstischen Peinigungen - lebt ich schreckhaft, bis selbst Dein - - reines Lichtgelüst mich reute, - tief in einer trüben Nacht, - die ich schlaflos so wie heute - unter Geistern zugebracht, - - -Venus Idealis. - - Ich lag in Zweifeln schon die halbe Nacht: - Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm, - doch +darf+ ich folgen? ists ein Geist der Wahrheit? - ists Eitelkeit? so rang ich mit der Nacht. - Und furchtsam dacht ich an das unverstandne - Gebet der Kindheit: nicht wie Ich will, Vater, - in Deine Hand befehl ich meinen Geist! - Und heftiger rang ich, wie einst Jesus rang. - - Da bannte mich der Geist in Traum. Ich stand - an eines Weltmeers aufgewühlter Fläche. - Sehr finster war’s. Doch finstrer ragte noch, - zackig ins Himmelsdunkel hochgetürmt, - ein starr Gebilde wie ein Felseneiland. - Dumpf um es schnob und brodelte die Flut; - und ich erkannte, eine Sintflut wars, - die ein verwittertes Stück Welt zerfraß. - - Auf einmal wurde Licht; grell quoll der Mond - durchs wechselnde Gewölk, die Brandung glänzte, - und hoch im Gischt in grauenhafter Ohnmacht - rangen zwei letzte Menschen, Mann und Weib. - Ich sah sie sinken. Doch noch einmal tauchte - das Weib krampfhaft aus Sturz und Strudel auf: - der nackte Körper bäumte sich im Schaum, - und schimmernd, während ihn der Schwall verschlang, - entwand sich ihrem zuckenden Schooß ein Kind. - - Da wars, als käm ein Staunen in den Aufruhr; - der Mond besänftigte die wüste Flut, - die Wellen hüpften um das kleine Leben - und wuschen es und wiegten es und trugen - es langsam durch die Klippen an das Eiland. - Und nun gewahrt ich auf dem schroffen Gipfel - ein andres Weib. Schwarz, ganz und gar verhüllt, - in riesenhafter Starrheit saß sie da; - es war, als ob ihr Haupt die Wolken streifte, - +ein+äugig starrte sie aufs Meer hinab, - und bis ins Mark verwirrte mich der Blick. - Doch furchtlos langte nach ihr auf das Kind. - - Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe, - und nahm es mit gelassner Hand ans Herz, - und öffnete die Tücher ihrer Brust, - und tränkte es, und küßte es, und schaute - ihm traumhaft in die Augen; liebreich glomm - ihr Blick hinüber in des Kindes Blick, - als zündete sie drin das Seelchen an. - - Und in dem Arm der Riesin wuchs das Kind, - und wuchs, und sprach das erste Wort, und wuchs. - Da nahm es von der Brust die Rätselhafte - und setzte mit gelassner Hand es wieder - hinab ans Ufer, wo ein neues Land - sich aus den Fluten hob, und hieß es gehen; - ihr stummer Blick wies in die blasse Ferne, - dann saß sie starr und dunkel wieder da. - Auf stand der Knabe, Furcht befiel auch ihn, - der erste Schmerz verstörte seine Stirne; - und scheu gehorchte er, und ging, und wuchs, - und immer wachsend ging er immer weiter, - bis ich im Morgendunst des Horizonts - ihn einem Schatten gleich verschwinden sah. - - Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr; - weitäugig starrte sie hinaus aufs Wasser, - als müßten immer neue Menschlein kommen, - sich Leben holen hoch an ihrer Brust. - Da konnt ich ihren Blick nicht länger dulden: - nur Einmal wollt ich in dies Auge sehn, - dies Geisterauge, das dort oben über - der grauen Flut aus seiner schroffen Höhe - so groß und bleich im Mondlicht flimmerte. - Und bittend, bettelnd hob ich meine Hände: - O komm! komm her zu mir und sieh mich an, - wie du den Säugling ansahst! Einmal nur - tu mir das Wunder deines Wesens auf! - Gib mir Erkenntnis! gib mir Ruhe, Ruhe! -- - - Da stieg sie dröhnend von dem Felsgrat nieder. - Vor ihren Schritten teilte sich die See. - Und näher, immer näher kam sie dröhnend. - Vor Schreck und Jubel sank ich in die Kniee. - Selige Tränen übermannten mich. - In strudelnden Farben floß ein Lichtmeer um mich. - Da stand sie vor mir, beugte sich herab. - Mit bleierner Faust umspannte sie mein Kinn - und bog es hoch. Aus meinen Tränen mußt ich - sie ansehn: Aug in Auge -- oh Erkenntnis: - Stein war es! Stein! ein glotzender Opal! -- - Laut schrie ich in die Nacht, und wachte auf; - da sah ich weinend in den grellen Mond. - - * - - Ohnmacht, Scham, Verzweiflung, Selbstgefühl - schrien mir zu: Spei deiner Qual ins Antlitz! - Lachhaft, lachhaft ist dein Kampfgewühl, - Gottnatur ist Menschenwahnwitz! - - Menschheit ist ein sehnsuchtstrübes Rühricht, - überspannt von einem Regenbogen. - Darauf steht die schillernde Inschrift: - hier wird grenzenlos gelogen! - - Brauchst du Rausch, den hat dir echt und klar - Noah nach der Sündflut schon erschlossen! - Und ich brauchte ihn fürwahr. - Wißt ihrs noch, ihr alten Zechgenossen? - - Strindberg, herrlichster der Hasser, - Scheerbart, heiliges Riesenkänguru, - und vor Allen Du, mein blasser, - vampyrblasser Stachu du, - - der mit mir durch manche Hölle - bis vor manchen Himmel kroch, - Cancan tanzend auf der schwindelnden Schwelle -- - Przybyszewski, weißt du noch: - - wie wir, spielend mit der blöden - Sucht nach unserm Seelenheile, - aufgestachelt von der öden - Wüstenluft der Langenweile - - und der Glut der Toddydünste, - unser Meisterstück begingen - in der schwierigsten der Künste: - über unsern Schatten zu springen?! - - Wie wir jedes Weib verpönten, - das nicht männlich mit uns tollte; - wie wir selbst auf Nietzsche höhnten, - der noch „Werte“ predigen wollte! - - Denn auch wir, wir waren jeder - mehr als weiland Faust verschrien. - Darum schrieb ich auf mein Dichterkatheder: - Doctor sämtlicher Philosophieen! - - Und da sah ich endlich sie erscheinen, - die noch niemals jemand sah, - sie, die Schöpferin des All-Einen, - sie, des Satans Großmama: - - -Venus Metaphysica. - - Plötzlich sah ich draußen das Feld - ganz von magischem Licht erhellt. - Durch die äußersten Straßen von Berlin - schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn, - ich mußte nur immer gehn und gehn, - schließlich blieb ich im Sande stehn; - halbhoch in der Unendlichkeit - stand der Vollmond, meilenweit. - Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne, - mir war so anders im Gehirne; - ich fühlte, mir wollte was passieren, - mir war so weltweit. Die Gaslaternen - schienen sich förmlich zu entfernen. - Hinter den schwarzen Vorstadtquartieren - drüben am dunkleren Himmelsrand - wurde ein Feuerwerk abgebrannt; - der letzte Böller war kaum verkracht, - da schlugs vom Rathaus Mitternacht. - - Mir lief schon wieder der Schweiß vom Hute, - der Juli lag mir wohl im Blute; - ich sah mich um. Kein Laut von Leben; - bis hoch ins höchste Äthermeer - kein Bein! Die Landschaft dito leer, - ganz leer -- Berliner Landschaft eben, - wo nur symbolisch hin und wieder - ein borstiger Büschel Gras aufsprießt, - als hätte der Sand ihn ausgeniest. - - Seltsam: was hat der Mensch für Glieder! - Mich zwang ein geisterhaftes Regen, - in diesen Sand mich hinzulegen, - platt auf den Rücken. Der Mond stand grade - senkrecht über dem Schornsteinschlund - einer düstergrauen Fabrikfassade; - da stand er blank und kugelrund - wie aus der Kanone hochgeschossen. - Ich wünschte, er möchte runterfallen - und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen, - und machte noch sonstige mystische Glossen, - zum Beispiel über die Jakobsleiter, - mir wurde immer weltenweiter. - - Auf einmal -- ich rieb mir die Augenlider, - aber wahrhaftig: jetzt schon wieder: - der Mond, kein Zweifel, er rührte sich. - Die Kugel verschob ihre Flecken und Falten, - sie schien mir beinah zwiegespalten; - und was ich bisher für den Mond gehalten, - die Geister überführten mich, - das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke. - Denn frei der blöden Sinnenschranke - erkannt ich: es war die hintre blanke - Lendenpartie und noch was Schlimmers - eines überirdischen Frauenzimmers. - Ihr Kopf war völlig unsichtbar, - auch Arme und Beine und Zehenspitzen; - sie mußte stark in Kniebeuge sitzen. - Doch aus allem Übrigen sah ich klar: - so’was, das gibts blos in höheren Zonen, - sie hat, weiß Gott, vier Dimensionen. - - So lag ich und entzückte mich - an ihrer wunderbar schwierigen Stellung, - mein Blut kam immer mehr in Schwellung, - und nur das Eine bedrückte mich: - ob die Geister wohl Unheil sinnten - mit dieser Offenbarung von hinten. - Und kaum geahnt, da seh ich schon, - daß diese maßlose Weibsperson - nicht still sitzt. Himmel! sie kommt, mir graust, - unaufhaltsam auf mich losgesaust, - kommt immer näher, wird immer blanker, - hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker, - mir schwindelt, mir vergeht das Licht, - mir will das Herz durch Haut und Hemd, - zitternd erwart ich das Donnergewicht, - und die Hände unter den Kopf geklemmt - -- jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß, - bumms! Schon will ich mich tot erklären - aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß, - wupp: wie etwa die Hemisphären - eines Tragischen Heroinen-Popos. - - Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form - seh ich ihn mir nun näher an: - hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm -- - wie einen das Jenseits doch täuschen kann! - Sonst sah ich nichts als um den Kopf - einen dicken, grauen, gepuderten Zopf, - und da sie keine Anstalt machte - sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte: - sie wird als Dame wohl Gründe haben, - dich nicht mit ihrem Anblick zu laben. - Die Beine hielt sie steif in der Mitte - zwischen den meinen in den Sand; - sie war wohl von dem luftigen Ritte - noch echauffiert. So lag ich galant - stille und fühlte durch die Hosen - ihre unsterblichen Pulse tosen. - - Wupp! machte sie plötzlich wieder -- und - ich muß gestehn, mir tat das wohl, - ich schloß die Augen -- und wuppwup, hohl - erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund: - „Mein Name ist Meta“, wupp -- „genauer - Frau +Meta Physika+“ wupp. „Ich bin - Astralweib“ wupp -- „und von ewiger Dauer.“ - Mir wurde immer wohler zu Sinn, - wie sie so jedes Komma und Zeichen - nachdrücklich angab in meinen Weichen. - Wupp: „Wem nämlich die krause Welt - nicht mehr genug von Vorne gefällt, - dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten, - in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten. - Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden - auch bei Dir zu Gaste geladen, - wupp!“ Das war mir nun sehr erbaulich, - aber sie wuppte mir fast zu gut; - mir wurde immer dunkler zu Mut, - immer beklommner, mir wurde graulig. - Ich wollte die Augen öffnen -- vergebens: - ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens. - - Wupp, gings unten in meinem Schooß - mit Himmelskräften von frischem los, - während sie oben grollte: „Du kleines - Menschlein willst dich gegen mich steifen? - Was, ich bin dir zu dunkel gewesen? - Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines - der allgemeinsten weiblichen Wesen, - wupp, die nächtlich im Freien schweifen: - warte, du sollst es schon begreifen, - wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar - es ist haarsträubend, aber wahr!“ - Und wupp -- ich hörte noch was wie „schleifen“, - mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille, - alle Gefühle standen mir stille; - denn immer eifriger wurde, oh, - dieser fürchterliche Astralpopo. - - Endlich konnt ich mich wieder ermannen - und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen - ihre unbewußten Körperstellen - mir entgegen wie zwei Riesenpfannen. - Der Rücken ist -- in beiden Axen -- - um mindestens drei Systeme gewachsen, - ich kann ihn garnicht zu Ende sehn; - von Kopf nicht mehr die geringste Spur, - ein dürftiger Zipfel vom Zopfe nur, - und nicht ein Wort mehr zu verstehn. - Doch gottseidank pausierte sie leise - mit ihrer sitzenden Arbeitsweise. - - Ich überlege schon, ob ich sie bitte - sich zu entfernen; da -- wupp, wup wupp -- - stampft’s wieder los in meiner Mitte, - jetzt fast schon wie’ne Kanone von Krupp. - Von oben hör ich wie Unkenstimmen - dunkle Offenbarungen stöhnen, - die immer übersinnlicher tönen - und schon ins Transscendentale verschwimmen. - Ich stöhne selber: wie komm ich los! - Denn wupp, entsetzlich: mit jedem Stoß - wächst ihre physische Proportion - zurück in die vierte Dimension, - und immer fetter schwoll und fetter - ihr unermüdlicher Katterletter.[*] - - Zwar ihr Vergnügen, das gönnt ich ihr herzlich; - aber mir wurde die Sitzung schmerzlich. - Mein spiritistisches Fluidum - spritzte schon literweise herum; - ich hörte kaum noch ihr Gebrummsel, - ich armes menschliches Medibumsel. - Sie wuppte, wupp, immer wuppiger, - mir wurde immer matter und matter, - sozusagen immer schaluppiger. - Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter - und platter wurde, und mit den letzten - Kräften schrie ich ins Äthermeer: - „Madam! Sie werden mir zu schwer!“ - Aber ihre Bewegungen setzten - sich mit unveränderter Miene - nur noch kategorischer fort. - Sie trieb mirs gradezu wie zum Tort, - diese grenzenlose Buttermaschine; - sie wollte mich vollends, schien’s, vergeistigen. - Jetzt wurde ich wild. Ich schrie: „Madam! - Heda! Wie können Sie sich erdreistigen, - mich so zu quetschen! ich bin kein Schwamm! - So hören Sie doch! Sie altes Kalb, - Sie Mondkalb Sie!“ Da: hui, ein Kneifen, - ich höre die Engel im Himmel pfeifen -- - - „Herr, mit Verlaub, ich bin ein +Alb+“, - brüllt sie, daß mir der Schädel gellt, - „und bleibe auf eurer unglaublichen Welt - gefälligst so lange, wie +Mir’s+ gefällt, - verstanden?!“ Und +hui+, wupp, seh ich -- o Grausen, - Erbarmen, Rettung -- ihren Zopf - sich blähen und auf mich niedersausen: - der ganze Himmel erscheint Ein Schopf, - eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren, - die immer spiraliger niederfahren: - sie wickeln sich mir um alle Gelenke, - um Hals und Arme und Brust und Weichen -- - Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren, - vor meinen Augen tanzen verrenke - riesige Paragraphenzeichen, - die mir alle Sinne zuschnüren -- - Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens: - sie umwickelt mich immer wilder, - vor meinem Geiste erscheinen die Bilder - meines aprioristischen Lebens, - während sie meinen sterblichen Rest - immer platter a posteriori preßt -- - und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben: - ich fühle, wie sich die Seelenspitzen - ihrer Behaarung in alle Ritzen - und Poren meines Leibes schieben -- - ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach, - es kriecht mir kribbelnd in Ohren und Mund, - in Gaumen, Kehle, Nase, und - - hapschih, pschih! nies’ich -- und bin wach. - Und liege im Sande mit der Nase, - dicht bei einem borstigen Büschel Grase. - Halbhoch in der Unendlichkeit - stand der Vollmond, meilenweit. - - [*] +Anm. d. Setzers+: - - ~Quatre lettres~ = Vier Buchstaben scheint der Herr Doktor - gemeint zu haben. - - * - - Und so hab ich mit Gelächter - manchen Geisterrausch bestanden, - trank als Raum- und Zeit-Verächter - meinen Gottgeist fast zuschanden, - - trank mich frei von Menschheit, Welt und Weib, - aber +war+ das, +war+ das Freiheit? Nein! - Mitten in den knechtischen Zeitvertreib - herzerkältender Spöttereien - - tratest Du, Du, die gleich mir gelitten - unter Irrtum, Schuld und Sehnsuchtsleid - und sich dennoch Lebenslust erstritten, - herrlich in Liebseligkeit -- - - Und ich sah die Wärme deiner Wangen, - deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht: - eines Sommerglückes Prangen - mitten in der Winternacht! - - Und ich zeigte dir mein scheues Wehe; - und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß. - Aber wild erschrak’s vor neuer Ehe. - Und ich rang mit dir -- und rang mich los -- - - los -- und ließ mich vollends von der Schwere - meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen; - über Länder, über Meere - trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen. - - Auf den blumigsten Inseln Griechenlands, - an Italiens blauesten Uferborden - saß ich echter deutscher Duselhans - voller Heimweh nach dem Norden. - - Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten - Pfühl in dieser fremden kalten Kammer - und verwühl mich mit erstarrten - Gliedern wieder in den alten Jammer. - - Wie auch Du wohl. Und ich seh und höre - mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen - und dein ruhlos Herz beschwören, - prüfend, mit gedämpfter Stimme, - - -Venus Occulta. - - Ist das noch die große Stadt, - dies Geraune rings im Grauen? - diese Männer, diese Frauen, - kaum erschienen, schon verschwunden; - und die Sonne steht so matt - wie ein kleiner, rotgewordner Mond da. - - Drück dich dichter an mich an, - wie der Nebel an die Mauern! - Keiner stört den stillen Bann, - wenn wir Blick in Blick erschauern. - Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch; - jeder wilde Laut wird stumm. - - Hebe deinen dunkeln Schleier, - daß dein Atem mich erquickt! - Keiner stört die stille Feier, - wenn sich uns in diesem Dunste - fester Hand in Hand verstrickt. - Diese Straße mündet in den Himmel. - - Oder weißt du, wo wir sind? - Küsse mir die Augenbrauen! - küsse mir die Seele blind! - Diese tote Stadt ist Babel, - und ihr blasser Dampf umspinnt - eine tausendjährig trübe Fabel. - - Alle Farben sind ertrunken. - Nur auf deinem schwarzen Haare - flimmern noch die Purpurfunken - deines Hutes aus Paris, - rot wie unsre Lippenpaare; - und mein blauer Wettermantel raschelt. - - Du, was träumst du? Deine Augen - waren eben wie zwei Kohlen, - die sich von der Glut erholen; - ja, du bist Semiramis! - Und in seinem dunkelblauen Mantel - führt dein Odhin dich ins Paradies. - - Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen, - bis der Gott zu seiner Göttin kam; - und du hast manch braven Mann, - ich manch gutes Weib verlassen. - Aber dies ist unsre letzte Irrfahrt; - drück dich dichter an mich an! - - Sag mir -- Nein: horch! was für Töne? - warum stehn wir so erschrocken? - Dies verhaltene Gestöhne - aus den Wolken, dies Gedröhne, - kannst du diesen Lärm begreifen? -- - Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken. - - Vor verschiednen hundert Jahren - herrschte hier ein Gott der Leiden - über traurige Barbaren. - Komm, wir wolln die Götter trösten, - daß sie sich in Dunst auflösten, - wir zwei seligen verirrten Heiden. - - * - - Aber +sind+ wir denn noch Heiden heut? - +will+ ich denn ins alte Paradies? - Hat nicht Er so Mann wie Weib erneut, - der die Kindlein zu sich kommen ließ? - - Helft mir, Sterne! Hoch ob meiner Pein, - hoch ob jener Häuser finsterm Graus, - wie auf Bethlehem so mild und rein - strahlt ihr fernhin auf mein Vaterhaus. - - Sprach er wahr, der klagende Lebenstraum, - den mein Wille gestern Nacht durchschritt? - Lautlos hing der dunkle Weltenraum; - und im stillen schrittest du wohl mit, - - -Venus Vita. - - Ein Feldweg, Herbstnacht, und um Morgengrauen; - die kahlen Bäume stehen da wie tot, - ich aber wandre, ohne aufzuschauen. - - Ich fühle eine Furcht; und Regen droht. - Ich höre den gedüngten Acker schweigen; - und heute wird kein Morgenrot. - - Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen - sagt keine Tafel mir die rechte Spur: - soll ich hinunter, soll ich steigen? - - Da deucht mir, in der tiefen Flur - rief mich mein Name, aus ersticktem Munde. - Ich horche; Nichts. Im Osten nur - - enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde. - Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut, - mir dämmert eine längst vergangne Stunde, - - und wieder hör ich fern und laut - die bange Stimme meinen Namen rufen; - und mir graut. - - Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen - bekannt; ich bin so wandermatt. - Und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen? - - Hinab! -- Schon wird der Abhang glatt; - auf einmal, wie von einem Kinderwagen, - springt mir ein Rad - - unter den Füßen auf. Ich seh es jagen, - es springt und rollt den Kiesweg vor mir her, - seh’s Funken schlagen; - - mein Schreck, mein Zittern wird Begehr, - ich muß ihm nach, es haben! Bis zur Kehle - hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr, - - und immer ruft mich klagend jene Seele - und winkt das Licht, - das Rad -- halt! -- Jetzt --: ich greife -- fehle --: - - es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh’s zerbricht! - Ich fass es, stürze -- wach’ ich? -- meine matten - Finger umklammern es -- -- Nein -- nicht: - - in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten. - - * - - Werd ich also stets ins Leere fassen? - lebt nichts ewig vor mir her? - Nein! ich will mir nicht vom Leben mehr - meinen Blick verblenden lassen. - - Ihr selbst, ihr verführerischen Sterne, - wozu schürt ihr meine Seelennot? - Eisig haucht die gleißnerische Ferne: - ewig lebt allein der Tod. - - Sei’s denn! Umso unfaßbarer, freier, - umso weiter, unbegrenzter - strahlt des Daseins Auferstehungsfeier -- - niemals sah ich die Nacht beglänzter! - - Stirb, du Sehnsucht meiner Jünglingsnächte: - eine reifere Inbrunst lebt mir nun: - Einst wird all dies tiefe Trachten ruhn, - aber ihm entsteigt in höhere Prächte - - -Venus Mors. - - Eine rote Feuerlilie schreitet - riesig durch die Weltennacht. - Von der Sonne bis zum Sirius breitet - sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht - des gezähnten Schlundes kocht von Gluten, - düster flammt des Randes Zackenfirne; - um die wirbelnden Gestirne - schlingt sie hungrig ihre Samenruten. - - Grell aufzüngelnd schlürft sie die getrennten - Welten gierig in den brünstigen Schooß; - aus den schwarzen Firmamenten - ringen Sonne, Sirius sich los. - Lodernd sehn sie die Unendlichkeiten - ihrer alten Sehnsucht überbrückt; - aus den Angeln wanken sie verzückt, - zu einander stürzen die befreiten. - - Taumelnd folgen, brodeln, glühen - ringsum die Trabantenlüfte; - aus der brennenden Lilie sprühen - Lavastürme durch die Himmelsgrüfte. - Auf der Erde rast ihr Licht als Mord; - sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen, - Asche trieft aus blendenden Wolkenhöllen, - alle Kreatur verdorrt. - - Nur ein Brautpaar will noch fühlend enden, - keuchend, schon erblindet beide; - mit den heißen Liebeshänden - tastet er an ihrem Kleide. - Aber in der Nacht der Seele - wird der wilde Durst zur Wut: - tastend wittert er ihr Blut, - beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle. - - Alles saugt der große Flammenschlund. - Kreisend will er überschäumen. - Rissig klafft der zuckende Muttermund, - Dämpfe bersten, Feuerpollen säumen - den zerfetzten Riesenblütenrand: - eine neue Welt entrollt der toten -- - Strahlend quillt sie aus dem morgenroten - furchtbarn Siriusliebestodesbrand. - - * - - Dahin also sehnt sich alles fort, - was auf Erden glimmt und flammt und loht; - selbst die flackernden Straßenlichter dort. - Und ich denk zurück an Dein Gebot, - als ich heut aus erstem Schlummer fuhr, - aufgescheucht von deinem Traumgesicht, - daß der Menschenwille von Natur - Bastard bleibt aus Finsternis und Licht, - - -Venus Homo. - - Nun weißt du, Herz, was immer so - in deinen Wünschen bangt und glüht, - wie nach dem ersten Sonnenschimmer - die graue Nacht verlangt und glüht; - und was in deinen Lüsten - nach Seele dürstet wie nach Blut, - und was dich jagt von Herz zu Herz - aus dumpfer Sucht zu lichter Glut. - - In früher Morgenstunde - hielt heut ein Alb mich schwer umstrickt: - Aus meinem Herzen wuchs ein Baum, - o wie er drückt! und schwankt! und nickt! - Sein seltsam Laubwerk tut sich auf, - und aus den düstern Zweigen rauscht - mit großen heißen Augen - ein junges Vampyrweib -- und lauscht. - - Da kam genaht und ist schon da - Apoll im Sonnenwagen. - Es flammt sein Blick den Baum hinan; - die Vampyrbraut genießt den Bann - mit dürstendem Behagen. - Es sehnt sein Arm sich wild empor, - vier Augen leuchten trunken; - das Nachtweib und der Sonnenfürst, - sie liegen hingesunken. - - Es preßt mein Herz die schwere Last - der üppigen Sekunden. - Es stampft auf mir der Rosse Hast; - er hat sich ihr entwunden. - Schon schwillt ihr Bauch von seiner Frucht, - hohl fleht ihr Auge: bleibe! - Er stößt sie sich vom Leibe, - von Ekel zuckt des Fußes Wucht, - hin rast des Wagens goldne Flucht. - - Es windet sich im Krampfe - und stöhnt das graue Mutterweib. - Mit ihren Vampyrfingern gräbt - sie sich den Lichtsohn aus dem Leib. - Er ächzt -- ein Schrei -- Erbarmen --: Ich, - +mich+ hält der dunkle Arm umkrallt! - Da bin ich wach -- -- doch hör ich, - wie noch ihr Fluch und Segen hallt: - - Drum sollst du dulden, Mensch, dein Herz, - das so von Wünschen bangt und glüht, - wie nach dem ersten Sonnenschimmer - die graue Nacht verlangt und glüht; - und sollst in deinen Lüsten - nach Seele dürsten wie nach Blut, - und sollst dich mühn von Herz zu Herz - aus dumpfer Sucht zu lichter Glut! - - * - - Seltsam: plötzlich ist mein Keller, - ist mein ganzes Bett verdunkelt, - während jeder Stern noch heller - über jenen Häusern funkelt. - - An der Straße stehn wie Schemen, - stehn erloschen die Laternen. - Soll ichs mir als Zeichen nehmen? - Ja! als Zeichen von den Sternen! - - Wie nach wilder Flucht ein Höhlentier, - wie einst David Nachts vor Saul verborgen, - so voll Himmelshoffnung wart ich hier, - so voll Bangen auf den Morgen. - - Denn ich fühls, ich muß sie wiedersehn -- - doch ein Zaudern, das ich kaum begreife, - raunt in mir: dann muß sie vor dir stehn - als die Wissende, die reife - - -Venus Sapiens. - - Nun, du Eine, tritt heran, - höre meine wahrsten Laute; - höre zu wie Jonathan, - als sich David ihm vertraute. - Schwer vom Hohn und Übermute - Goliaths herabgemächtigt, - hat bis heut in meinem Blute - noch der greise Saul genächtigt. - - Zwielicht. Sterbend hängt die scharfe - Zunge aus dem Lästermaul. - Sieh, nun weint dein König Saul, - denn dein David singt zur Harfe. - Alle Kleider sind zerrissen, - die den alten König schmückten; - brütend hört er den Entzückten - nahen aus den Finsternissen. - - Goliath tot! den König schauert; - seine Schwermut ahnt das Ende. - Und dein Sänger steht und trauert: - blutbefleckt sind seine Hände. - Aber weiter muß er schreiten, - seine Töne sind ein Bann, - selig greift er in die Saiten: - Komm, o komm, mein Jonathan! - - Traure nicht um den gebeugten - Vater, dem vor morgen graut; - denn die Trübsal ist die Braut - aller nicht vom Geist Gezeugten. - Jonathan, du sahst ihn sitzen, - den Berater deiner Reife, - nackt und schamlos, und das steife - Haupt umstarrt von Lanzenspitzen. - - Und du sahst vor seinem Zelt - sterben den Philisterfürsten; - aber Leben braucht die Welt, - laß uns nach dem Geiste dürsten! - Denn es weht von allen Hügeln - immer neu sein ewiger Segen; - lerne nur dein Herz beflügeln, - und er wird auch dich bewegen! - - Jonathan, zu jeder Frist - sei nun meiner Liebe sicher; - und sie ist viel sonderlicher, - als mir Frauenliebe ist. - Glutwind droht den jungen Saaten; - nimm den Bogen in die Hände, - daß dein Pfeil mir Warnung sende, - sinnt der Vater Wahnsinnstaten. - - Jonathan, hier steh ich nackt; - du mein Bruder, Freund, Berater, - hilf mir, wenn die Glut mich packt! - Jona! Weib! noch giert der Vater! - Jona, Schwester! unsre Kinder -- - Gattin! weinen meine Saiten -- -- - „David, komm! du Überwinder - unsrer Unwillkürlichkeiten!“ ... - - * - - Wird sie so mir Antwort blicken? -- - Ja! kein Argwohn soll mir mehr - meine Glaubenslust ersticken -- - +ihre Seele atmet zu mir her+. - - Und in alle meine Finsternisse - dringt auf einmal lichter Sinn: - schimmernd wie durch Wolkenrisse - schwebt ein Wesen ob mir hin: - - das beginnt mich anzulachen, - jungvertraulich, altvertraut -- - O, komm her aus deinem Himmelsnachen, - ja, seit ewig warst du meine Braut, - - -Venus Fantasia! - - Leih mir noch Einmal die leichte Sandale; - sage, wer bist du, holde Gestalt? - Reich mir die volle, die funkelnde Schale, - die du mir fülltest so viele Male! - Bist du die Jugend? Werde ich alt? - - O! dann fülle die funkelnde Schale; - warum entweichst du mit aller Gewalt? - Leihe, o leih mir deine Sandale! - Willst du enteilen mit einem Male, - weil ich Tor dich einst Törin schalt? - - Jetzt, jetzt preis’ich die leichte Sandale; - horch, o horch, wie mein Loblied schallt! - Reich mir noch Einmal die volle Schale! - Laß sie mich schlürfen zum letzten Male, - eh du enteilt bist -- o halt!! halt! halt -- - - * - - Ach -- muß jeder Traum so enden? - Nüchtern lichtet bald der Tag - meine dämmergrauen Wände. - Und von Stern zu Stern hin sinn ich nach, - - wie doch jüngst dein flüchtiger Trost mich freute, - hoch in einer hellen Nacht, - die ich ruhelos wie heute - unter Geistern zugebracht, - - -Venus Regina. - - Ich träumte, und ich wußte, daß ich träume; - ich träumte, eine Fürstin sei gestorben. - Barhäuptig, nur ein spärliches Gefolge - von Trauernden, so stehn wir auserwählt - in einem grauen Raume, dumpf beengt - vom düstern Kreis der alten Sandsteinsäulen, - vom Balsamdufte, den die Tote atmet. - Am Sarkophage, der von Eisen ist, - steht der gebeugte Fürst; von oben stiebt - ein fahles Licht in die Rotunde, streift - sein jugendliches Haar, den Sarg, und flimmert - zu seinen Füßen in der offnen Gruft. - Der Fürst weint. Seine Tränen, einzeln, langsam, - zerblitzen an dem Eisenrand der Truhe; - der Stein des Bodens saugt die Tropfen ein. - Und auf der Truhe les’ich wie im Traum, - nein nicht, ich träume nicht, ich lese deutlich - in großen, grauen, eisernen Buchstaben: - ~REGINA SEMPITERNA MORTUA~ -- - seltsam: die Herrscherin, die ewig lebt, - die liegt hier tot. Ich habe ein Gefühl: - der Fürst hat seine Gattin sehr geliebt! - Ich höre staunend, wie wir alle singen, - ich selbst mitsingend: - - Selig trauern - Edle um ein edles Leben. - Nie verliert sich, was gewesen; - wenn du deines Grams genesen, - wird in Sehnsucht, wird in Schauern - dir dein Wesen - das Verlorne wiedergeben. - - Jetzt hat der junge Fürst sich aufgerichtet; - er wendet sich. Es ist ein Kaiser. Ja: - ich träume nicht: es ist ein Deutscher Kaiser, - im Krönungskleide steht er. Nein: es ist: - ich träume doch wohl? ja, du bist mein Freund, - mein einst in Lumpen umgekommener Freund, - in Schuld und Schande, jetzt ein Kaiser -- nein: - ich träume nicht: ich selbst, Ich bin der Fürst. - Ich winke. Meine Edeln nahn und heben - und senken mir mein Liebstes in die Gruft. - Ich höre die gestrafften Seile gleiten, - ich stehe abgewandt, ich weine nicht; - nur selbst mit Hand anlegen konnt ich nicht, - nur nicht es sehn, nur diesen Balsamduft - nicht riechen mehr -- o singt! singt mir das Lied, - ich mag dies marternde Geräusch nicht hören, - ich +will+ nicht schluchzen! Und im Chore schluchz’ich, - schluchzt das Gewölbe: - - Selig preisen - Freie ein befreites Wesen. - Was lebendig ist, will leben; - lerne mit den Geistern schweben! - Wenn sie dich aus deinen Kreisen - mit sich heben, - bist du deines Grams genesen. - - Und ich beherrsche mich. Mein Herz verlangt - nach Licht. Und während hinter mir gedämpft - die dunkle Halle tönt, tret ich ins Freie -- - taumle --: der blaue Mittagshimmel drückt mir - blendend die Augen zu, betäubend stürmt ein - vieltausendstimmiger Jubel in mein Ohr, - der Atem stockt mir, ich erinnre mich, - ich kann jetzt sehn, es ist mein jubelnd Volk, - ich habe gestern ein Edikt erlassen - „Mein Volk soll +fröhlich+ seine Toten ehren“, - so wollte sie’s -- und wieder stürmt der Jubel. - Sie feiern Frühling. In Terrassen leuchtet, - vom Glitzergrün der Wipfel überbrämt, - ein weiter Park von Linden unter mir. - Ich steige nieder. Durch das schwärzliche - Gewirr der Äste glänzt das Festgewühl, - flimmern die Wiesen her. Von weißen Tauben - scheint alles Laub durchschwirrt; ein Maigeruch - bewegt die warme Luft und macht sie köstlich. - Doch Tauben fliegen nicht so wellenlinig -- - nein, Blütenquirle! Blüten weißen Flieders, - ein Meer von weißen Fliederblüten quirlt - zwischen dem Menschenjubel. Ich erkenne: - sie fassen, sie verlassen sich im Reigen, - im Reigen reichen sie die Blütenzweige - sich dar, und dem Geruch zuschreitend seh ich: - sie sind ganz nackt. Nein, ihre Glieder atmen - ein Licht aus, das sie einhüllt wie ein Schleier - durchsichtig dicht. Um Hals und Handgelenke - schimmern Geschmeide. Ihre Schultern schmücken - zartzarte Flügel wie von märchengroßen - Tagschmetterlingen oder Blumenblättern; - und wer in Blondhaar geht, hat blauen Schmelz, - wer braun ist, feuerroten -- nirgends Schwarz. - So tanzt mein Volk und schwingt die Fliederzweige - und ehrt den Willen Meiner Lieben Frau - und sieht mich schreiten, wie im Traume schreit ich, - und Jeder jubelt. Und auf einem Rasen - sprudelt ein Brunnen, den ein Schwarm von Mädchen - singend umwandelt: - - Tröstliche Lüste - halten im Tode Leben verborgen. - Wissen macht Sorgen. - Wenn er sich drückte an meine Brüste, - wenn er mich küßte, - wußten wir nichts von gestern und morgen. - - Mein Krönungskleid beengt mich; eine Wärme - strahlt wärmer als der Himmel aus dem nackten - Geleucht der Jünglinge und Mädchen. Seltsam: - von Schaar zu Schaar beschau ich mir mein Volk: - es sind nur jugendliche Menschen da. - Von Plan zu Plan sucht mein besorgtes Herz: - auch für die Alten ist doch Frühling! Aber - die Alten, seh ich, sind zu Haus geblieben; - sie murren wohl im Zwielicht ihrer Stuben, - sie kennen nicht mein kaiserliches Herz. - O, meine Jünglinge, singt lauter! ihr, - ihr ehrt den Willen Unsrer Lieben Frau -- - o lauter! Und das Laub der Linden bebt - vom Chor der Männer: - - Lust ist Verschwenden, - leben heißt lachen mit blutenden Wunden, - Jahre sind Stunden! - Wenn sie an deinen beseligten Lenden - schien zu verenden, - hieltet ihr Höllen mit Himmeln verbunden! - - Und immer wärmender wird ihr Geleucht, - und immer drückender mein Krönungskleid, - es brennt mich schon, ich werde rasten müssen; - ich will das Fest verlassen! Schon zerfließt - das Spiel der bunten Flügel fern im Grünen; - die Schultern schmerzen mir, der Park scheint endlos. - Die Bäume werden dichter, werden Wald; - ich komme in ein Tal voll alter Birken, - ich atme auf. Hier dringt der helle Jubel - nur noch wie heiliges Wipfelbrausen her, - kaum lauter als der Quell, der meinen Fußpfad - murmelnd begleitet. Tiefer sinkt das Tal - und biegt um einen Vorsprung, und der Quell - zerrieselt im Geröll zu Silberfäden, - die wie ein Lied -- nein: eine Stimme klingt -- - das Tal wird Schlucht, ein Strudel blinkert unten, - die Birken streun bewegte Schatten drauf, - ein Brückensteg -- und am Geländer lehnen - von Sonnenlichtern überdämmert zwei - der nackten Mädchen. Singend läßt die Blonde - ihr Haar vom Wasserstaub besprühn, ich horche, - ich bebe -- träum ich denn? -- sie sieht mich, Beide - sehn mich und singen: - - Warum beben? - Nur im Herzen ist es dunkel. - Was die Tiefen uns gegeben, - auszuleben, - mahnt des Baches Quellgefunkel. - - Nein, nicht Traum! nein: mein süßer Schreck ist Leben! - und ihre Stimmen leben; Beide lebt ihr! - Du aber, Du da mit den Himmelsfarben, - du hast die Stimme Meiner Lieben Frau, - du sollst mein Trost sein, wie sie mir verhieß! -- - Ja, sie erwartet mich: sie winkt, sie kommt. - Ich sehe, wie der Schimmer ihrer Brüste - zwischen den Birken auftaucht, klar und klarer. - Schon hebt sich deutlich von den weißen Stämmen - ihr Hals ab, ihr Türkisenschmuck und Arm, - ihr Gang, und der Rubinenschmuck der Andern. - Wie Atemzüge höht und senkt sich sacht - der Flügel Himmelsblau und Höllenrot. - Schon kann ich ihre Augenlichter sehn; - und seh sie, sehe sie, und wieder schießt mir - der süße Schreck vom Herzen in die Schläfen, - denn Du da, Du da mit den +braunen+ Augen, - du hast die Augen Unsrer Lieben Frau, - du sollst der Trost sein, den sie mir verhieß! -- - Jetzt haben sie sich Hand in Hand gefaßt; - sie bleiben stehn, sie winken mich heran; - hinab! hin! ich! Sie fliehn; ich keuche schon. - Sie schwimmen durch den Bach ans andre Ufer. - In meinem Krönungskleide breit’ich ihnen - die Arme nach; ihr helles Lachen klingt. - Sie stehn und singen: - - Kannst du schweben? - Aus dem Tal der Einsamkeiten, - wo die Kräfte sich erheben, - lockt das Leben - heim zum Wettspiel die befreiten. - - Sie wenden sich, sie wollen mich verlassen, - wieder hinauf die Schlucht, zurück zum Fest. - Sie brechen Zweige vom Gebüsch, sie kränzen - im Gehn ihr Haar damit -- o bleibt doch! wartet! - ich kann nicht nach so schnell! der Wassersturz! - die Brücke liegt zu weit! mein Krönungskleid, - mein schweres Krönungskleid, o wartet doch, - ich werf es ab! da liegt es! +O wie leicht - atmet der nackte Mensch!+ -- Das Wasser schäumt mir - um Brust und Schultern. Ich bin drüben; ich - erreiche euch! Sie flüchten. Ich bin schneller. - - Ich höre hinter mir ein Schwirren: ich - bin +auch+ beflügelt. Sausend, doppelfarbig, - aus Himmelsblau und Höllenrot geflammt, - treibt mich mein Schwingenpaar der Blonden zu: - ich halte sie. Ich -- Beide muß ich haben: - dich mit den braunen Augen will ich noch! - Jetzt! -- Nein. Die Blonde ist entschlüpft. Sie jauchzen. - Sie reichen sich die Hände. Jubelrufe - begrüßen unsre Jagd; Gesang; ein Reigen - tanzt blütenschwingend uns vom Fest entgegen. - Jetzt: zwischen meinen Fingerspitzen -- ja: - hier braun, hier blond, ihr fliegendes Haar -- und jetzt: - ich halte +Beide+ ... ach ... ich bin erwacht. - - * - - Wie verschüchtert stehn die Sterne; - manche sind schon fast verschwunden. - In der zwielichtfahlen Ferne - mahnen sie an schwache Stunden. - - Aus den hohen Häusern drüben gähnen - alle Fenster dicht verhangen. - Wieviel Lust mag da sich schämen - unter den geschminkten Wangen. - - Wieviel Freiheit hockt da mißgestalt. - Freude, Freude, laß mich nicht verzagen! - Über jenes Dach wird bald, - bald der Morgenstern sich wagen. - - Dunkle Allmacht, die ihn sendet, - hilf mein suchendes Herz behüten, - daß nicht neuer Trug es blendet! - Nein, hilf +nicht+! ich will’s nicht hüten! - - Trotz dem Notschrei des Propheten, - trotz der tausendjährigen Fleischverfluchung, - will ich wieder und wieder beten: - führe, führe uns in Versuchung! - - Sei gepriesen, ewige Leidenschaft! - Wer Gefahr scheut, kann nicht siegen. - Laß uns mit geprüfter Kraft - aufstehn, wenn wir unterliegen! - - Herz, vertraue deinem Triebe! - Seele, deine Weltbetrachtung - wird nur durch den Mut der Liebe - frei von Ekel, Reue und Verachtung. - - O, schon spürst du’s! Sieh, da steht sie wieder - trostreich vor dir, wie sie damals stand, - als sie innerst aus dem Äther nieder - ihren Pfad in deine Kammer fand: - - -Venus Consolatrix. - - Da kam Stern Lucifer; und meine Nacht - erblaßte scheu vor seiner milden Pracht. - Er schien auf meine dunkle Zimmerwand, - und wie aus unerschöpflicher Phiole - durchflossen Silberadern die Console, - die schwarz, seit lange leer, im Winkel stand. - - Auf einmal fing die Säule an zu leben, - und eine Frau erhob sich aus dem Glanz; - die trug im schwarzen Haupthaar einen Kranz - von hellen Rosen zwischen grünen Reben. - Ihr Morgenkleid von weißem Sammet glänzte - so sanft wie meine Heimatflur im Schnee, - die Rüsche aber, die den Hals begrenzte, - so blutrot wie die Blüte Aloe; - und ihre Augen träumten braun ins Tiefe, - als ob da Sehnsucht nach dem Südmeer schliefe. - Sie breitete mir beide Arme zu, - ich sah erstaunt an ihren Handgelenken - die starken Pulse springen und sich senken, - da nickte sie und sagte zu mir: Du -- - du bist mühselig und beladen, komm: - wer viel geliebt, dem wird auch viel verziehen. - Du brauchst das große Leben nicht zu fliehen, - durch das dein kleines lebt. O komm, sei fromm! - - Und schweigend lüpfte sie die rote Rüsche - und nestelte an ihren seidnen Litzen - und öffnete das Kleid von weißem Plüsche - und zeigte mir mit ihren Fingerspitzen, - die zart das blanke Licht des Sternes küßte, - die braunen Knospen ihrer bleichen Brüste, - dann sprach sie weiter: Sieh! dies Fleisch und Blut, - das einst den kleinen Heiland selig machte, - bevor ich an sein großes Kreuz ihn brachte, - Maria ich, die Nazarenerin -- - o sieh, es ist des selben Fleisches Blut, - für das der große Heiland sich erregte, - bevor ich in sein kleines Grab ihn legte, - Maria ich, die Magdalenerin -- - komm, stehe auf, und sieh auch Meine Wunden, - und lerne dich erlösen und gesunden! - - Und lächelnd ließ sie alle Kleider fallen - und dehnte sich in ihrer nackten Kraft; - wie heilige Runen standen auf der prallen - Bauchhaut die Narben ihrer Mutterschaft, - in Linien, die verliefen wundersam - bis tief ins schwarze Schleierhaar der Scham. - Da sprach sie wieder und trat her zu mir: - Willst du mir nicht auch in die Augen sehn?! - Und meine Blicke badeten in ihr. - - Und eine Sehnsucht: du mußt untergehn, - ließ mich umarmt durch tiefe Meere schweben, - mich selig tiefer, immer tiefer streben, - ich glaube auf den Grund der Welt zu sehn -- - weh schüttelt mich ein nie erlebtes Leben, - und ihren Kranz von Rosen und von Reben - umklammernd, während wir verbeben, - stamml’ich: o auf -- auf -- auferstehn! -- - - * - - Auf! In solcher Tiefe kann - ruhig nur die Urkraft strudeln. - Furchtsam fühl ich reifer Mann - wieder Kindheit in mir sprudeln. - - Aber diese Furcht ist herrlich kühn, - ist die Ehrfurcht vor dem Übermächtigen. - Mit Entzücken seh ich euch verblühn, - bleiche Sterne! Sanft verdrängt die nächtlichen - - Einzellichter ein noch kaum Geleuchte, - aber leuchtend wird es kühner: - Wo mir nichts als Grauen deuchte, - fängt ein Häuflein silbergrüner - - Morgenwölkchen an zu gaukeln, - Hoffnungsinseln, goldgeränderte; - an den weißen Ufern schaukeln - Freiheitsgondeln, buntbebänderte. - - Wohl, sie werden bald zerfließen, - aber ihre Farbenwellen - wirbeln weiter und ergießen - Trost in tausend Kerkerzellen. - - Dankbar staun ich in das Lichtgetriebe: - all der Glanz ist mir durch Dich entglommen, - Dich, du eine, einende Liebe, - der die Lüste alle frommen, - - -Venus Universa. - - Du sahst durch meine Seele in die Welt, - es war auch Deine Seele: still versanken - im Strom des Schauens zwischen uns die Schranken, - es ruhten Welt und Du in Mir gesellt. - - Dein Auge sah ich grenzenlos erhellt: - Erleuchtung fluteten, Erleuchtung tranken - zusammenströmend unsre Zwiegedanken, - in Deiner Seele ruhte Meine Welt. - - Und ganz im Weltgrund, wo sonst blindgeballt - entzweite Lüste hausen voller Fehle, - enthüllten sich auf einmal unsre Hehle - vereint als lauter Liebeslustgewalt. - - Denn Liebe ist die Freiheit der Gestalt - vom Bann der Welt, vom Wahn der eignen Seele. - - * - - Das ist Liebe. Und mit leichtem Sinn - gäb ich all mein ernstes Selbstbeschauen - spielbereit für Dein Empfinden hin, - du liebseligste der Frauen! - - Ja, solch Spiel das ganze Leben, - Lieberes könnt ich nicht erwerben; - Frohsinn hast du mir gegeben! - Doch -- auch Du, auch Du wirst sterben. - - Wild und wehe und zum letzten Mal - wird mein Herz an deinen Leichnam schlagen; - still in unserm Freudensaal - wird dein steinern Bildnis ragen. - - Einsam werd ich wieder dann erschauern - vor den wirren Weltgewalten; - oh Vernunft, sie überdauern - unser menschliches Gestalten. - - Blaß im Leeren steht der Morgenstern, - nur noch wie ein überflüssiges Pünktchen; - und doch hängt sich immer wieder gern - jede Seele an dies Fünkchen. - - Bis aufs Meer hin sieht mein Geist es stehn - über tausend angstbefahrenen Gleisen, - sieht’s in teilnahmloser Bahn sich drehn - bis ans Ende aller Erdenreisen -- - - sieht die Schaaren der vom Sturm Umbrandeten, - die Myriaden der nach Rettung Winkenden, - der Gescheiterten, Gestrandeten, - der Verschmachtenden, Ertrinkenden -- - - sieht sich mitgequält von all der Qual: - Seele, Seele, stirbst du nicht vor Grausen?! - Aber da vertreibt den trüben Schwall - eine Stimme, sternhin ein Erbrausen: - - -Venus Heroica: - -Psalm an den Geist - - Bleibe dir heilig, Geist, - Herr deiner Seele! - Ein fremder Schein beirrt dich noch: - was spähst du nach Schiffen im Nebel, - von Andern gelenkt?! - Aus deinem Leuchtturm blickst du hinab, - und Ströme, auf denen der Erdball durchs Weltdunkel rast, - reißen an dir und reizen zum Sturz - hinunter ans lauernde Ufer. - - Dort standest du schon als Jüngling; - und während Woge auf Woge kam, - schriebst du, den Krückstock tief einbohrend, - Namen auf Namen in den feuchten Triebsand, - geliebte Namen -- und keiner blieb. - - Manche taten schon so - und wurden stolze Verzweifler. - Aber mächtig macht nur der Glaube; - und Niemand lebt, den sein Tiefstes - nicht noch über die Sonne hinaufweist, - über die Sterne, und weiter. - - Sahst du nicht gestern die Zimmerleute, - wie sie die Leiche auf der Leiter trugen, - vom Neubau weg: - machte nicht jeden ihrer schweren Schritte - die Kraft des Abgestürzten - sichrer als je ihn selber?! - - Wahrlich, Keiner von Diesen - wird sich zu Tode stürzen; - und wenn sie einst den Geist aufgeben, - wird jede dieser sechs Handwerkerseelen - -- wir Alle sind Erben -- - hell triumphierend an den Schauder denken, - als sie den Andern auf seinem Werkzeug trugen. - Bleibe dir heilig, Geist: - +Herr+ deiner Seele! - - * - - Auf denn, Seele! reck die Glieder! - fast beschämt mich mein Geträume; - draußen hör ich meinen biedern - Schuster schon am Werktisch räumen. - - Und sein närrischer Altgeselle - wird nun gleich nach Frühstück brüllen - und mich dann mit Bibelstellen - ganz wie Tolstoi mürbe knüllen. - - Warte nur, verehrter Schutzpatron: - heut kommts anderst! Mit den Mucken - deiner christlichen Passion - kannst du dann den Pechdraht jucken. - - Ja, ihr würdigen deutschen Volks-Betbasen, - faltet nur entsetzt die Hände! - Ehre genug für eure jüdischen Phrasen, - daß ich meinen Groll euch spende. - - Lachen sollt ich, daß der Himmel kracht, - über euer Menetekel; - wie mein gallischer Freund Charles Simon lacht, - wenn ich fluche „fin de siècle!“ - - Himmel! kaum begreif ich noch die Sorgen - meiner düstern Selbstbetrachtung; - fröstelnd wie der junge Morgen - reiß ich mich aus der Umnachtung. - - Nur noch Einmal will ich rückwärts schaun - auf die grimmigen Wochen meiner Haft; - nein -- sie wehrt es mir mit letztem Grauen, - sie, die Stimme unsrer Schaffenskraft, - - -Venus Mea. - - Der Himmel gähnt, der Tag ist auferstanden, - ich habe nun genug geschaut nach Osten; - die Seele will in ihren Abendlanden - Vollendung kosten. - An dem Tor des neuen Evagartens - steht ein knöchernes Gerippe, - mit dem Ausdruck des Erwartens, - aber nicht mehr in der Faust die Hippe. - - Sein Scheitel schimmert; eine Phönixfeder - ragt aus der Rechten steil zum Sonnenrand, - die spiegelt flammenfarbig, was je Jeder - sann und empfand. - In der Stunde einer Liebesfrucht - sprüht ein Strahl aus diesem Spiegel; - dann erlischt die Wonnesucht, - keusch empfängt der dunkle Keim sein Siegel. - - Schon dämmert Glanz; kristallne Ketten hängen - klar her zu dir aus väterlichen Sphären. - So sollst auch Du dich aus der Dämmrung drängen - und dich verklären, - Seele, bis dein grau Gehirn sich lichtet, - wie die Sonne scheint durch Eis, - und dir deine Brunst beschwichtet - und im Traum selbst deinen Willen weiß. - - Noch flimmerts erst; tief lockt die alte Nacht - mit ihrer Schaar verworrner Muttergluten. - Doch du wirst weiterstrahlen! du bist Macht! - sieh, rings sind Fluten: - wenn zwei Liebende zusammensinken, - durch dein Glanzbild einst begeistert, - und im Rausch dann blind ertrinken, - wird ihr Keim von Deinem Geist gemeistert. - - So tagt es. Mit dem Ausdruck des Verächters - sollst du dem alten Garten kalt entschreiten; - dir weist die Phönixfeder unsres Wächters - Unsterblichkeiten ... - - * - - Nun verblich der Stern der Frühe; - meine Augenlider brennen. - Und die Sonne kann mit Mühe - die gefrornen Nebel trennen. - - Mich verdrießt mein nächtlich Brüten. - Drüben an den Häuserwänden - sprießen diamantne Blüten. - Meine Prüfung kann nun enden. - - Dieser Keller: dumpfer Zwinger! - Auf die dunstbelaufnen Scheiben - will ich breit mit steifem Finger - +Venus Rediviva+ schreiben! - - Denn ich weiß, du bist Astarte, - deren wir in Ketten spotten, - Du von Anbeginn, du harte - Göttin, die nicht auszurotten. - - Ich jedoch war weich wie glühend Eisen; - darum sollst du mich in Wasser tauchen, - bis mein Wille läßt sein siedendes Kreisen - und der Stahl wird, den wir brauchen. - - +Nicht+ mehr will ich meine Brunst kasteien, - bis sie mit berauschter Durstgeberde - wünscht, daß unsre +Lüste+ fruchtbar seien - und ein Wurm zur Göttin werde. - - Nach der Nacht der blinden Süchte - seh ich nun mit klaren bloßen - Augen meine Willensfrüchte; - denn ich bin wie jene großen - - Tagraubvögel, die zum Fliegen - sich nur schwer vom Boden heben, - aber, wenn sie aufgestiegen, - frei und leicht und sicher schweben. - - Glitzernd harrt mein Horst. Du Eine, - die ich liebe: Ja und Amen: - heute komm ich! heut soll meine - +Klarheit+ deinen Schooß besamen! - - Schon errötet dort ein Giebel; - Sonne, mach ein bißchen schneller! -- - Tolstoi, bring mir meine Stiebel, - heut verlass ich deinen Keller! -- - - - - - Druck der - Spamerschen Buchdruckerei - in Leipzig - - - - - -End of the Project Gutenberg EBook of Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3), by -Richard Dehmel - -*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESAMMELTE WERKE IN DREI *** - -***** This file should be named 62671-0.txt or 62671-0.zip ***** -This and all associated files of various formats will be found in: - http://www.gutenberg.org/6/2/6/7/62671/ - -Produced by the Online Distributed Proofreading Team at -https://www.pgdp.net - - -Updated editions will replace the previous one--the old editions will -be renamed. - -Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright -law means that no one owns a United States copyright in these works, -so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United -States without permission and without paying copyright -royalties. 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